1796_Jean_Paul_050 Topic 3

Jean Paul

Leben des Quintus Fixlein

aus funfzehn Zettelkasten gezogen;

nebst einem Mussteil und einigen

Jus de tablette

Billett an meine Freunde

anstatt der Vorrede

Kaufleute, Autoren, Madchen und Quaker nennen alle Leute, mit denen sie verkehren, Freunde; und meine Leser sind also meine Gast- und Universitatsfreunde. Nun beschenk' ich zwar so viele hundert Freunde mit ebenso vielen hundert Freiexemplaren und die Buchhandlung hat den Auftrag, jedem nach der Messe seines auf Verlangen auszuliefern gegen ein elendes Gratial und don gratuit fur Setzer, Drucker und andere Leute ; aber da ich die ganze Auflage nicht wie die franzosischen Autoren zum Buchbinder schicken konnte: so fehlt naturlich vornen das leere Buchbinderblatt, und ich konnte also dem Empfanger des Geschenks nichts Schmeichelhaftes daraufschreiben. Ich liess deswegen nach dem Titel einige leere Blatter einziehen; auf diese wird hier gedruckt.

Mein Buch zerfallt, wie die Busse, in drei Teile.

Den ersten oder sogenannten Mussteil, der aus zwei Erzahlungen besteht und den die Reichserbkuchenmeisterin der Phantasie mit Blumenwerk und Blumenmehl (wenigstens bestellt' ichs so) garnieren sollte, bescher' ich, lieben Freunde, bloss lieben Freundinnen: wahrhaftig mit beiden Erzahlungen werd' ich ihnen eine ebenso grosse Freude machen, als bracht' ich ihnen von Leipzig anstatt dieses Messprasentes ein ganzes Ohrrosen-Bouquet oder Visitenbilletts auf hollandischem Papier silbern gerandelt mit oder ein Trauerneglige oder doch einen Facher von Sandelholz mit einem Medaillon. Sie sind geborne Blumistinnen und selber gut gezeichnete Blumenstucke und lieben mithin auch in Buchern, was sie so oft begiessen, stikken und brechen, Blumchen. Das Schicksal, als Weginspektor, bestecke damit auch euere staubige Lebens-Kunststrasse, und Freudenrosen sollen euere Wegmesser und Werstenzeiger sein: ich wusste keinen bessern Einhaucher oder inhalery gegen tiefere Brustschmerzen, als der Wundarzt Mudge mit der Maschine jenes Namens lindert, keinen bessern Einhaucher, sag' ich, als eueren trostenden Mund; und eben darum schenke euch der Himmel, indes unsere Fusssohlen im heissen Sand an dem Krater des burgerlichen Lebens waten, tiefer unten die stille fruchtbare blumige Region an diesem Vesuv und setze besonders euern Mannern oder Vatern, wie die Kalendermacher der Sonne, ein menschliches Antlitz an, das auf eine schone Weise das mannliche wie das solarische Blenden mildert.

Der zweite und grosste Teil des Buches enthalt das Leben eines Schulmanns, das neun oder zehn Kapitel ausgenommen schon weniger fur Madchen passet: desto besser fur sie und fur mich, wenn ich mich uber die sechs oder funf andern Kapitel betruge. Mit dieser Biographie will nun der Verfasser euch, lieben Freunde, nicht sowohl ein Vergnugen machen als euch lehren, eines zu geniessen. Wahrlich Xerxes hatte nicht auf die Erfindung neuer Freuden, sondern auf eine gute Methodologie und Haustafel, die alten zu geniessen, Preismedaillen bieten sollen.

Ich konnte nie mehr als drei Wege, glucklicher (nicht glucklich) zu werden, auskundschaften. Der erste, der in die Hohe geht, ist so weit uber das Gewolke des Lebens hinauszudringen, dass man die ganze aussere Welt mit ihren Wolfsgruben, Beinhausern und Gewitterableitern von weitem unter seinen Fussen nur wie ein eingeschrumpftes Kindergartchen liegen sieht. Der zweite ist; gerade herabzufallen ins Gartchen und da sich so einheimisch in eine Furche einzunisten, dass, wenn man aus seinem warmen Lerchennest heraussieht, man ebenfalls keine Wolfsgruben, Beinhauser und Stangen, sondern nur Ahren erblickt, deren jede fur den Nestvogel ein Baum und ein Sonnen- und Regenschirm ist. Der dritte endlich den ich fur den schwersten und klugsten halte ist der, mit den beiden andern zu wechseln.

Das will ich jetzt den Menschen recht gut erklaren.

Der Held der Reformator Brutus Howard der Republikaner, den burgerliche Sturme, das Genie, das artistische bewegen kurz jeder Mensch mit einem grossen Entschluss oder auch nur mit einer perennierenden Leidenschaft (und war' es die, den grossten Folianten zu schreiben), alle diese bauen sich mit ihrer inneren Welt gegen die Kalte und Glut der aussern ein, wie der Wahnsinnige im schlimmern Sinn: jede fixe Idee, die jedes Genie und jeden Enthusiasten wenigstens periodisch regiert, scheidet den Menschen erhaben von Tisch und Bett der Erde, von ihren Hundsgrotten und Stechdornen und Teufelsmauern gleich dem Paradiesvogel schlaft er fliegend, und auf den ausgebreiteten Flugeln verschlummert er blind in seiner Hohe die untern Erdstosse und Brandungen des Lebens im langen schonen Traume von seinem idealischen Mutterland.... Ach! wenigen ist dieser Traum beschert, und diese wenigen werden so oft von fliegenden Hunden1 geweckt!

Diese Himmelfahrt ist aber nur fur den geflugelten Teil des Menschengeschlechts, fur den kleinsten. Was kann sie die armen Kanzleiverwandten angehen, deren Seele oft nicht einmal Flugeldecken hat, geschweige etwas darunter oder die gebundnen Menschen mit den besten Bauch-, Rucken- und Ohrenflossfedern, die im Fischkasten des Staates stille stehen und nicht schwimmen sollen, weil schon der ans Ufer lang gekettete Kasten oder Staat im Namen der Fische schwimmt? Was soll ich dem stehenden und schreibenden Heere beladener Staats-Hausknechte, Kornschreiber, Kanzelisten aller Departements und allen im Krebskober der Staats-Schreibstube aufeinandergesetzten Krebsen, die zur Labung mit einigen Brennesseln uberlegt sind, was soll ich solchen fur einen Weg, hier selig zu werden, zeigen?

Bloss meinen zweiten; und das ist der: ein zusammengesetztes Mikroskop zu nehmen und damit zu ersehen, dass ihr Tropfe Burgunder eigentlich ein rotes Meer, der Schmetterlingsstaub Pfauengefieder, der Schimmel ein bluhendes Feld und der Sand ein Juwelenhaufe ist. Diese mikroskopischen Belustigungen sind dauerhafter als alle teuern Brunnenbelustigungen.... Ich muss aber diese Metaphern erklaren durch neue. Die Absicht, warum ich Fixleins Leben in die Lubecksche Buchhandlung geschickt, ist eben, in diesem Leben daher ichs in diesem Billett wenig brauche der ganzen Welt zu entdecken, dass man kleine sinnliche Freuden hoher achten musse als grosse, den Schlafrock hoher als den Bratenrock, dass man Plutos Quinterne seinen Auszugen nachstehen lassen musse, einen NNd'or dem Notpfennig, und dass uns nicht grosse, sondern nur kleine Gluckszufalle beglukken. Gelingt mir das: so erzieh' ich durch mein Buch der Nachwelt Manner, die sich an allem erquikken, an der Warme ihrer Stuben und ihrer Schlafmutzen an ihrem Kopfkissen an den heiligen drei Festen an blossen Aposteltagen an den abendlichen moralischen Erzahlungen ihrer Weiber, wenn sie nachmittags als Ambassadricen einen Besuch auf irgendeinem Witwensitz, wohin der Mann nicht zu bringen war, gemacht hatten am Aderlasstage dieser ihrer Novellistinnen an dem Tage, wo eingeschlachtet, eingemacht, eingepokelt wird gegen den grimmigen Winter und so fort. Man sieht, ich dringe darauf, dass der Mensch ein Schneidervogel werde, der nicht zwischen den schlagenden Asten des brausenden, von Sturmen hin- und hergebognen unermesslichen Lebensbaumes, sondern auf eines seiner Blatter sich ein Nest aufnahet und sich darin warm macht. Die notigste Predigt, die man unserm Jahrhundert halten kann, ist die, zu Hause zu bleiben.

Der dritte Himmelsweg ist der Wechsel mit dem ersten und zweiten. Der vorige zweite ist nicht gut genug fur den Menschen, der hier auf der Erde nicht bloss den Obstbrecher, sondern auch die Pflugschar in die Hande nehmen soll. Der erste ist zu gut fur ihn. Er hat nicht immer die Kraft, wie Rugendas mitten in einer Schlacht nichts zu machen als Schlachtstucke und wie Bakhuisen im Schiffbruche kein Brett zu ergreifen als ein Zeichenbrett, um ihn zu malen. Und dann halten seine Schmerzen so lange an als seine Ermattungen. Noch ofter fehlet der Spielraum der Kraft: nur der kleinste Teil des Lebens gibt einer arbeitenden Seele Alpen Revolutionen Rheinfalle Wormser Reichstage und Kriege mit Xerxes, und es ist so furs Ganze auch besser; der langere Teil des Lebens ist ein wie eine Tenne platt geschlagener Anger ohne erhabene Gotthardsberge, oft ein langweiliges Eisfeld ohne einen einzigen Gletscher voll Morgenrot.

Eben aber durch Gehen ruhet und holet der Mensch zum Steigen aus, durch kleine Freuden und Pflichten zu grossen. Der siegende Diktator muss das SchlachtMarzfeld zu einem Flachs- und Rubenfeld umzuakkern, das Kriegstheater zu einem Haustheater umzustellen wissen, worauf seine Kinder einige gute Stukke aus dem Kinderfreund auffuhren. Kann er das, kann er so schon aus dem Weg des genialischen Glucks in den des hauslichen einbeugen: so ist er wenig verschieden von mir selber, der ich jetzt wiewohl mir die Bescheidenheit verbieten sollte, es merken zu lassen der ich jetzt, sag' ich, mitten unter der Schopfung dieses Billetts doch imstande war, daran zu denken, dass, wenn es fertig ist, die gebacknen Rosen und Holundertrauben auch fertig werden, die man fur den Verfasser dieses in Butter siedet.

Da ich zu diesem Billett noch ein Postskript (am Ende des Buchs) anstossen will: so spar' ich einiges, was ich noch uber den dritten, halb satirischen, halb philosophischen Teil des Werks zu sagen hatte, absichtlich fur die Nachschrift auf. Hier lasset der Verfasser, aus Achtung fur die Rechte eines Billetts, seine halbe Anonymitat fahren und unterschreibt sich zum ersten Male mit seinem ganzen wahren Namen. Hof im Voigtland, den 29. Jun. 1795.

Jean Paul Friedrich Richter

Geschichte der Vorrede

zur zweiten Auflage

Ein Schweizer voltigierte (nach dem Berichte Stolbergs) einst so heftig als er konnte von der Stube auf den Sessel und von diesem wieder herunter da man ihn daruber befragte, gab er an: "er mache sich lebhaft". Aber Normanner wie ich brauchen schon halbe Tagreisen, wenn sie so feurig werden wollen, dass sie den Plan eines Kapitels glucklich entwerfen. Schon Erasmus arbeitete sein Lob der Narrheit auf dem Sattel aus (da er nach Italien ritt), und der englische Dichter Savage sein Trauerspiel Overbury auf den Londner Gassen wiewohl sein Leben selber eines war, kein burgerliches, sondern ein adeliges, da er sich von seiner naturlichen Mutter, der Grafin von Macclesfield, jahrlich 200 Pf. auszahlen liess, damit er kein Pasquill auf sie machte, sondern eben dadurch nur eines auf sie ware ; von mir aber ist gar bekannt, dass ich vor einigen Jahren die grosse Tour machte, bis ich gleich einem jungen Herrn mit dem Risse oder Knochengebaude der "Mumien" wiederkommen konnte; ja sollt' ich mich einmal zu einem epischen Werke wie die Odyssee entschliessen, so musste sich wohl der Sanger so lange auf seiner pittoresken Entdeckungsreise aufhalten als der Held selber.

Hingegen zur Zeugung einer Vorrede zur zweiten Auflage hab' ich nie mehr notig erachtet als eine Fussreise von Hof nach Baireuth, einen Katzensprung uber drei Poststationen. Ich such' aber etwas darin, wenn ich das Erstaunen der Nachwelt und ihrer Vorfahren dadurch erregen kann, dass ich beide auf die baireuthische Kunststrasse mitnehme, auf der ich hinlaufe im Webstuhl der Vorrede eingesperrt und mit dem Weberschiffchen werfend , ohne doch etwas Rechtes herauszubringen. Ich trug namlich die offne Schreibtafel vor mir her, um die Vorrede, wie sie mir Satz fur Satz entfiel, darin aufzufangen; aber wenige Autoren wurden noch so in ihren Vorreden gestort. Ich will es ausfuhrlich erzahlen.

Der moralische Gang des Menschen gleicht seinem physischen, der nichts ist als ein fortgesetzter Fall.

Schon der Hofer Schlagbaum, unter dem man den Chausseezoll erlegt und der hinter dem Vis-a-vis einer Dame niedersank, die ihn abgetragen, fiel hart wie ein Stossvogel und Eierbrecher auf den Kopf des Vorberichts: denn ich wollte der Dame durchaus vorlaufen, um ihr ins Gesicht zu sehen; und mithin wurde unter dem Nachdringen wenig an die Weberei der Vorrede gedacht, wiewohl ich dem Vis-a-vis fruchtlos nachsetzte. Mit unbekannten Frauenzimmern ists ganz anders wie mit unbekannten Buchern. Ich nehme nie ein Buch, das ich noch nicht gelesen, in die Hande, ohne wie ein Rezensent vorauszusetzen, es sei elend. Hingegen bei einer unbekannten Frau nimmt jeder Mann, gesetzt er hatte schon 30 000 Abgottinnen2 kennen und vergessen gelernt, von neuem an, diese 30 001ste sei erst die echte unverfalschte heilige Jungfrau die Gottesgebarerin die Gottin selber. Das nahm ich gleichfalls an auf dem Strassendamm; wenigstens konnt' ich doch eine Frau, an deren gepuderten und aufgelockten Hinterkopf die Morgenrote so deutlich anfiel, zu den gebildeten weiblichen Kopfen zahlen, welche da nach Rousseau Eisen und Getreide die Europaer kultivieret haben den feinern Fabrikaten aus beiden, den Haarnadeln und dem Puder, jene Bildung verdanken, die nun, hoff' ich, unter den weiblichen Kopfen burgerlichen Standes schon etwas Gemeines ist. Gegen diese aussere Kultur einer Frau sollte sich kein Ehemann sperren, der an der seinigen eine gutgemachte papinianische Kochmaschine eine Schaferische Waschmaschine eine englische Spinnmaschine und eine Girtannerische Respirationsmaschine besitzen will: er zeigt sonst, dass er eine unschuldige Ausbildung mit der innern, von der uberhaupt Honoratiorinnen im ganzen frei sind, verwechsele. Kultur ist, gleich dem Arsenik, den Blei-Solutionen und den Wundarzten, bloss ausserlich gebraucht etwas Herrliches und Heilsames: innen im weiblichen Kopf, der so leicht brennend wird, schneuzet oder blaset der Ehemann das Licht aus Vorsicht aus, so wie man aus derselben Vorsorge nachts nie ein physisches in die kaiserliche Bibliothek in Wien einlasset.

Nun schlang gar der Wald die Dame hinein, und ich stand leer auf der offnen Chaussee. Mein Verlust brachte mich auf die Vorrede zur zweiten Auflage zuruck. Ich fing sie in der Schreibtafel an; und hier folgt sie, so viel als ich davon nahe bei Hof fertigbrachte.

Vorrede zur zweiten Auflage

"Der Poet tragt sehr oft wie ein gebratener Kapaun unter seinen Flugeln, womit er vor allen besetzten Fenstern der gelehrten Welt aufsteigt, rechts seinen Magen, links seine Leber. Uberhaupt denkt der Mensch hundertmal, er habe den alten Adam ausgezogen, indes er ihn nur zuruckgeschlagen, wie man die Negerschwarte des Schinkens zwar unterhohlet und aufrollet, aber doch mit aufsetzt und noch dazu mit Blumen garniert."... Allein jetzt ging hinter mir die Sonne auf. Wie werden vor dieser Erleuchtung des ewigen, sich selber aus- und ineinander schiebenden Theaters voll Orchester und Galerien die Vorreden und das Krebsleuchten der Rezensenten und die phosphoreszierenden Tiere, die Autoren, so blass und so matt und so gelb! Ich hab' es oft versucht, vor der jahrlichen Gemalde-Ausstellung der langen unabsehlichen Bildergalerie der Natur an Buchdruckerstocke, an Finalstocke, an Schmutzblatter und an Spatia der Buchdrucker zu denken aber es ging nicht an, ausgenommen mittags, hingegen abends und morgens nie. Denn gerade am Morgen und am Abende und noch mehr in der Jugend und im Alter richtet der Mensch sein erdiges Haupt voll Traum- und Sternbilder gegen den stillen Himmel auf und schauet ihn lange an und sehnet sich bewegt; hingegen in der schwulen Mitte des Lebens und des Tages buckt er die Stirn voll Schweisstropfen gegen die Erde und gegen ihre Truffeln und Knollengewachse. So ist die mittlere Lage einer Spielkarte aus Makulatur gemacht, nur die zwei aussersten Lagen aber aus feinem Druckpapier; oder so richtet sich der Regenbogen nur in Morgen und Abend, nie in Suden auf.

Als mich die Strasse immer hoher uber die Taler hob, wurd' ich zweifelhaft, wem ich treu bleiben sollte ob der erhabenen Allee und Kolonnade von Bergen, die ich linker Hand, oder dem magischen Vis-avis mit dem gebildeten Kopfe, das ich geradeaus vor mir hatte ich sah ein, auf der linken Tabor-BergKette verklare sich der Geist und stehe in ausgehauenen Fusstritten weggeflatterter Engel fest, aber im Visa-vis sass ja der herabgeflogene Engel selber.

An Vorberichte war nicht zu denken. Zum Gluck nahm ich unweit Munchberg neben den grossen Gerusten der Natur, welche die Seele wie Reben stengeln, noch eines wahr, das sie zur Kriech- und Zwergbohne eindruckt, namlich den Rabenstein und einen wohlgekleideten Herrn, der darauf botanisierte. Beilaufig! kein Gras auf Rasenbanken oder in Festungen oder auf Wouvermans Leinwand ist ein so schones bowling-green als das auf Rabensteinen, das gleichsam ein Ernte- und Belagerungkranz (corona obsidionalis) der siegenden Menschheit ist. Ach es stehen ohnehin so viele rote Wolken voll Blutregen uber der Erde und tropfen! Ich fassete mich jetzt als Vorredner und stellte mir vor: "Es ist nicht zu verhehlen, dass du vor der ersten Station, vor Munchberg, stehest und noch wenig mehr von dem Vorbericht herausgetrieben hast als den ersten Schuss: auf diese Art wirst du durch Gefrees, durch Berneck und Bindloch kommen ohne den geringsten Zuwachs der Vorrede, besonders wenn du darin kein Wort sagen willst, als was zu einem vorigen und kunftigen wie ein Zwickstein passet. Steht es dir denn nicht frei, wie Herr von Moser zu arbeiten (der Gevatter und Vorlaufer deiner Zettelkasten), der in seinem Leben keinen zusammenhangenden Bogen geschrieben, sondern nur Aphorismen, Gnomen, Sinnspruche, kurz nichts mit Flechtwerk?" Ich musste mir recht geben; und fuhr demnach bandfrei wie gute Klaviere und in thesibus magistralibus, ohne andere Verbindungen und Bastpflanzen als denen auf dem Rabenstein, so fort in der

Vorrede zur zweiten Auflage

"Es ist eine ewige Unart der Menschen, dass sie alle Schrammen und Pockengruben ausgestandener Jahrhunderte, alle Nachwehen und Feuermaler der vorigen Barbarei nie anders wegschaffen lassen als zweimal erstlich durch die Zeit, dann zweitens (obgleich bald darauf, oft im nachsten Jahrhundert) durch Edikte, Kreisschlusse, Reichsabschiede, Landtagabschiede, pragmaticas sanctiones und Vikariatkonklusa dergestalt, dass unsere verdammten skorbutischen, rostigen, kanigen Narrheiten und Gebrauche ganzlich den furstlichen Leibern gleichen, die ebenfalls zweimal begraben werden, das erstemal heimlich, wenn sie stinken, das zweitemal offentlich in einem leeren zweigehausigen Paradesarg, dem Trauerfahnen, Trauermantel, Trauerstuten niedergeschlagen folgen."

Die Fortsetzung der Vorrede folgt.

Der Botaniker der Galgen-Flora hatte mich unter dem Schreiben eingeholt und gestort. Ich erstaunte, den Herrn Kunstrat Fraischdorfer aus Haarhaar3vor mir zu haben, der nach Bamberg ging, um von einem Dache oder Berge irgendeiner zu hoffenden Hauptschlacht zuzusehen, die er als Galerieinspektor so vieler Schlachtstucke, ja selber als Kritiker der homerischen nicht gut entbehren kann. Mein Gesicht hingegen war ihm ein unbekanntes inneres Afrika. Ein Mann muss sich wenig in der literarischen Weltgeschichte umgesehen haben, dem man es erst zu sagen braucht, dass der Kunstrat sowohl in der neuen allgemeinen deutschen bibliothekarischen als in der haarhaarischen, scheerauischen und flachsenfingischen Rezensier-Faktorei mitarbeite als einer der besten Handlungdiener. Wie man einen Kurbis in einen Karpfenteich als Karpfenfutter einsetzt: so senkt er seinen nahrhaften Kopf in manches ausgehungerte Journalistikum ein als Bouillonkugel. Da nun der Kunstrat, dem ich doch nie etwas zuleide getan, schon an mehren Orten deutliche Winke fallen lassen, er wolle mich in kurzem rezensieren: so war mir fatal zumute; denn es gibt zwischen nichts eine grossere Ahnlichkeit und Antipathie zugleich als zwischen einem Rezensenten und Autor, wiewohl derselbe Fall auch beim Wolf und Hunde ist. Ich munzte daher meinen Namen als mein eigner Falschmunzer um und sagte mich als einen ganz andern Menschen an: "Sie sehen hier" sagt' ich zum Kunstrat, "den bekannten Egidius Zebedaus Fixlein vor sich, von dessen Leben mein Herr Gevatter Jean Paul der Welt eine zweite Auflage zu schenken gesonnen wiewohl ich taglich noch fortlebe und mithin immer neues Leben, das man beschreiben kann, nachschiesse."- Die Seele des Kunstrates war jetzt nicht wie die nachgestochene im orbis pictus aus Punkten zusammengesetzt, sondern aus Ausrufungzeichen; andere Seelen bestehen aus Parenthesen, aus Gansefussen, die meinige aus Gedankenstrichen. Er forschte mich, da er mich fur den Quintus hielt, nun aus, ob mein Charakter und mein Haushalten zu dem gedruckten passten. Ich teilte ihm viele neue Zuge von Fixlein mit, die aber in der zweiten Auflage stehen, weil er mir sonst offentlich vorwirft, ich hatte mein Original mager portratiert. Er brachte alle meine Strassenreden sogleich zu Pergament, weil er nichts behalten konnte; daher hatt' er einige hauptstarkende Krauter zu einer Krautermutze auf dem Rabensteine gesammelt. Fraischdorfer gestand mir, steckte einer seine Studierstube mit den Exzerpten und Buchern in Brand, so waren ihm auf einmal alle seine Kenntnisse und Meinungen geraubt, weil er beide in jenen aufbewahre; daher sei er auf der Strasse ordentlich unwissend und dumm, gleichsam nur ein schwacher Schattenriss und Nachstich seines eignen Ichs, ein Figurant und curator absentis desselben.

Uberhaupt ist der Tempel des deutschen Ruhms eine schone Nachahmung des athenischen Tempels der Minerva, worin ein grosser Altar fur die Vergessenheit stand.4 Ja wie die Florentiner sich ihren Pandekten nur ehrerbietig in einem Staatkleide und mit Fackeln nahern, so nehmen wir aus derselben Ehrfurcht die Werke unserer Dichter nur in Bratenrocken in Gesellschaft zur Hand und nahern solche selber den Kerzen und fachen damit das Feuer in allen guten Kopfen aus Meerschaum an. Ich bin oft gefragt worden, woher es komme, dass der alternden Welt, in deren Gedachtnis sich doch die altesten Werke von tausend Messen her, die eines Plato, Cicero, sogar Sanchuniathons, erhalten, gleichwohl die allerneuesten, z.B. die Ritterromane von den letzten Messen, kantianische, wolffianische, theologische Streitschriften, Bunkels Leben, die besten Inauguraldisputationen und pieces du jour, Hirtenbriefe und gelehrte Zeitungen, oft in dem Monate entfallen, worin sie davon hort. Meine Antwort war gut und hiess: da es wohl keine mystische Person von einem solchen Alter gibt als die Welt, die ein wahrer alter eingerunzelter Kopf von Denner ist und die nun anfangt (wie es wohl kein Wunder ist), vor Marasmus schwach und fast kindisch zu werden: so ist sie naturlicherweise von dem Ubel alter Personen nicht frei, die alles, was sie in ihrer Jugend gehort und gelesen, trefflich festhalten, hingegen was sie in ihren alten Tagen erfahren, in einer Stunde vergessen. Daher denn unsere Bucher den Lumpen in der Papiermuhle gleichen, von denen sie genommen sind, unter welchen der Papiermuller die frischen allzeit fruher zur Faulnis bringt als die alten.

Im Grunde hatt' ich das als einen abgesonderten Satz in der Vorrede zur zweiten Auflage aufstellen konnen.

Uber Munchberg erbosete sich der Kunstrat ungemein: entweder die Hauser oben auf dem Berge oder die unten sollten weg; er fragte mich, ob Gebaude etwas anders als architektonische Kunstwerke waren, die mehr zum Beschauen als zum Bewohnen gehorten und in die man nur missbrauchsweise zoge, weil sie gerade wie Floten und Kanonen hohl gebohret waren, wie die Bienen sich im hohlen Baum ansetzen, anstatt um dessen Bluten zu spielen. Er zeigte das Lacherliche, sich in einem Kunstwerk einzuquartieren, und sagte, es sei so viel, als wollte man Heems5Gefasse zu Kasenapfen und Federtopfen verbrauchen, oder den Laokoon zum Bassgeigenfutteral und die mediceische Venus zur Haubenschachtel aushohlen. Er wunderte sich uberhaupt, wie der Konig Dorfer leiden konnte; und gestand frei, es mach' ihm als Artisten eben kein Missvergnugen, wenn eine ganze Stadt in Rauch aufginge, weil er alsdann doch die Hoffnung einer neuen schonern fasse.

Er war nicht von mir wegzubringen: jetzt griff er, ausserhalb Munchberg, statt der Munchberger mich selber an und staupte meine opera. Ach die Vorrede zur zweiten Auflage sowohl als das fliehende Vis-avis liessen mich und meine Wunsche immer weiter hinter sich, und ich hatte von der ganzen Dame wie von einer gestorbnen nichts mehr im Auge als den fernen nachfliegenden Staub, den ich indes fur viel Marzenstaub und Punsch- und Demantpulver nicht weggegeben hatte. Der Kunstrat und Fraisherr kielholte und sackte jetzt meinen Gevatter Jean Paul, denn mich hielt er, wie gesagt, fur den Quintus und verdacht' es jenem, dass er seinen biographischen Brei nicht wie Landleute recht glatt auftrage, und dass er sich uberhaupt nicht vor dem Spiegel der Kritik anputze. Ich nahm mich des gekrankten abwesenden Mannes an und sagte, so viel ich aus seinem Munde wisse, so heb' er sich gerade auf den Schwungbrettern und an den Springstaben und Steigeisen der Kritik mehr als mit den Oberflugeln seiner Psyche auf, ja er habe kritische Briefe unter der Feder, worin er die Kritik auf Kosten der Kritiker preise und ube eben diese kritische Manipulation schwelle seine Werke so sehr auf, wie die Nasen grosser und langer werden durch haufiges Schneuzen. Und wahrhaftig so ist es: ich begreif' es nicht, wie ein Mensch ein Werkchen schreiben kann, das kaum ein halbes Alphabet stark ist; ein Bogen in der Ferne breitet sich ja notwendig in der Nahe zu einem Buche aus, und ein Buch zum Ries: ein opus, das, wenn ich es eben hinwerfe, gleich einem neugebornen Baren nicht grosser ist als eine Ratze, leck' ich mit der Zeit zu einem breiten Landbaren auf. Der Kritiker sieht freilich nur, wie viel der Autor behalten hat, aber nicht, wie viel er weggeworfen; daher zu wunschen ware, die Autoren hingen ihren Werken hinten fur die Rezensenten die vollstandige Sammlung aller der elenden dummen Gedanken an, die sie vornen ohne Schonen ausgestrichen, um so mehr, da sie es ja, wie z.B. Voltaire, bei der letzten Herausgabe ihrer opera wirklich tun und hinten fur feinere Leser einen Lumpenboden des Auskehrigs der ersten Editionen anstossen und aufsparen, wie etwan einige preussische Regimenter den Pferdestaub zurucklegen und vorratig halten mussen, zum Beweise, dass sie gestriegelt haben.

Jetzt sauerte er allmahlich aus Bieressig zu Weinessig: er sagte mir geradeheraus: "Sie wissen nicht, fur wen Sie fechten: Ihr Herr Gevatter hat Dero Kniestuck selber zu einer Bambocchiade gemacht und Sie nicht mit den intellektuellen Vorzugen ausgesteuert und ausgestellt, die Sie doch, wie ich jetzt hore, wirklich haben. Ich konnte auf dem Druckpapier wenigen Anteil an Ihro Hochehrwurden nehmen, erst auf der Chaussee." Ich wunschte, er zoge auch diesen zuruck, und fiel absichtlich aus meinem Fixleinischen Charakter heraus, indem ich pikiert sagte: "Wenn Leser, zumal Leserinnen meinen komischen Charakter oder uberhaupt einen unvollkommen nicht goutieren, so erklar' ich mir es gut: sie haben keinen Geschmack an schreibenden Humoristen, geschweige an handelnden; auch wird es einer engen Phantasie schwerer, sich in unvollkommne Charaktere zu denken als in vollkommne und sich fur sie zu interessieren endlich hat der Leser einen Helden lieber, der ihm ahnlich ist, als einen unahnlichen; unter einem ahnlichen meint er aber allzeit einen herrlichen Menschen." Gewiss! Denn wie Plutarch in seinen Biographien jeden grossen Mann gegen einen zweiten grossen wiegt und vergleicht, so halt der Leser jeden grossen Charakter einer Biographie leise mit einem zweiten grossen zusammen (welches seiner ist) und gibt acht, was dabei herauskommt. Aus diesem Grunde schatzen Madchen eine vollkommene weibliche Schonheit und Grazie ungemein hoch in der Schilderei des Romans (so sehr verschonert der Dichter das Fatalste), und sehnen sich wenig danach in der Plastik und Skulptur der Wirklichkeit so wie hassliche Dinge, Eidechsen und Furien, nur von der Malerei, aber nicht von der Bildhauerkunst gefallend darzustellen sind ; fur das Madchen ist namlich der Roman ein treuer Spiegel, und es kann darin die Heldin sehen.

Der Kunstrat tat jetzt vor dem Dorf, "die drei Bratwurste" genannt, den Wunsch, Ziegenmilch darin zu trinken. Ich fragte ihn, ob ers wie die vornehmen Leute mache, die weil Huart einen achttagigen Trank von Ziegenmilch als ein Hausmittel vorschlagt, ein Genie zu zeugen sich eben deshalb zum GeissKordial entschliessen und dann sehen, wozu es fuhrt. Dass sie, wenigstens die Fursten, ihn nicht der Schwindsucht halber trinken, beweisen wohl die Versuche, die sie nachher machen. Aber der Kunstrat wurde nur darum der Milchbruder Jupiters, weil die Parzen den Lebensfaden vollig von den Spindeln seiner Beine abgeweifet hatten: er stand gleichsam schon als ein ausgebalgter, gutgetrockneter, mit Ather gefullter Vogel im Naturalien-Glasschrank da. Er sagte, man musste entweder sich und die Bucher oder die Kinder aufopfern, so wie der Landwirt, setzt' ich hinzu, eines von beiden schlecht annehmen muss, entweder den Leindotter oder den Flachs.

Wahrend der Milchkur wurden wir beide einander noch verhasster, als wirs schon waren, und das eingeschluckte Krotenlaich unserer Antipathie wurde durch die gelinge Warme der edeln Teile zu ordentlichen Kroten ausgebrutet. Ich wurde ihm gram, weil ich hier in den drei Bratwursten stehen musste und allem Anschein nach in Gefrees ankam, ohne irgend etwas Schones gesehen oder geschrieben zu haben (ich rede von dem Vis-a-vis und der Vorrede), und uberhaupt weil Fraischdorfer zugleich Mattgold, Katzengold und Platzgold war. Eine elendere Mixtur gibt es nicht. Zog er nicht sogar unter dem Kauen sich wie ein Dentist seine Schneidezahne aus, weil bloss die Hundzahne echt waren und genuin? Konnt' ich nicht, als er den Rock aufknopfte, deutlich sehen, dass der Bauch seiner Weste seiden und marmoriert, hingegen der Rucken derselben weiss und leinen war, als war' er ein Dachs, der, wie Buffon bemerkt, als Widerspiel aller Tiere lichtere Haare auf dem Rucken hat und die dunklern unter dem Bauch? Und was seinen Zopf anlangt, so ist wohl gewiss, dass seiner nur an der Spitze eignes Haar aufzeigt und ubrigens lang und falsch ist, meiner aber klein und echt, gerade als hatte uns die Natur und Linnaus wie zwei bekannte Tiere unterscheiden wollen.6

Er fur seine Person setzte gleichfalls den Lavendelessig des Ingrimms auf einer guten Essigmutter an und wollte mich damit wie einen Pestkranken besprengen: er bildete sich namlich ein, ich belog' ihn oder hatt' ihn zum Narren und ware gar der Quintus nicht, wofur ich mich gab, sondern etwan wohl mein Gevatter selber. Er schloss das aus meinem Scharfsinn. Um hinter mich zu kommen, so liess er den Lumpenhacker seiner Muhle los und stiess damit unter alle meine Werke auf einmal. Ich werde sogleich seine eignen Worte hersetzen. Ich habe zwar oft den Himmel gebeten, mir einen Hahn in die gelehrten Anzeigen zu schicken, der krahete, wenn ich als literarischer Petrus falle, und der uber den Fall mich zu Tranen brachte oder doch einen blossen Kapaun, der, wie andere Kapaunen, meine Kuchlein aussasse und herumfuhrte; aber um diesen Greifgeier derselben hab' ich ihn nie ersucht, und ich seh' es ein, ich wurde erhitzt. Er fing denn schon bei den drei Bratwursten an und hielt damit aus bis nach Gefrees wobei er doch mich immer Se. Hochehrwurden und Jean Paul meinen Herrn Gevatter hiess und behauptete, "es gebe weiter keine schone Form als die griechische, die man durch Verzicht auf die Materie am leichtesten erreiche .7 (Daher bewegt man sich jetzt nach der griechischen Choreographie am besten, wenn man das wissenschaftliche Gepack der spatern Jahrhunderte abwirft und sich es sozusagen leicht macht.) Auf den Kubikinhalt komm' es der Form so wenig an, dass sie kaum einen brauche, wie denn schon der reine Wille eine Form ohne alle Materie sei (und sozusagen im Wollen des Wollens besteht, so wie der unreine im Wollen des Nichtwollens, so dass die asthetische und die moralische Form sich zu ihrer Materie verhalt wie die geometrische Flache zu jeder gegebenen wirklichen). Daher lasse sich der Ausspruch Schlegels erklaren, dass, so wie es ein reines Denken ohne allen Stoff gebe (dergleichen ist volliger Unsinn), es auch vortreffliche poetische Darstellungen ohne Stoff geben konne (die sozusagen bloss sich selber tauschend darstellen). Uberhaupt musse man aus der Form immer mehr alle Fulle auskernen und ausspelzen, wenn anders ein Kunstwerk jene Vollkommenheit erreichen solle, die Schiller fordere, dass es namlich den Menschen zum Spiele und zum Ernste gleich frei und tauglich nachlasse (welchen hohen Grad die erhabenen Gattungen der Dichtung z.B. die Epopoe, die Ode, wegen der Einrichtung der menschlichen Natur unmoglich anders ersteigen als entweder durch einen unbedeutenden leeren Stoff oder durch die leere unbedeutende Behandlung eines wichtigen. Da aber gerade diese nur bei platten Kunstwerken anzutreffen ist: so haben die schlechten demnach mit den vollkommensten das Unterscheidungzeichen von mittelmassigen gemein)8. Vollends Humor, dieser sei ebenso verwerflich als ungeniessbar, da er bei keinem Alten eigentlich anzutreffen sei"...

Fraischdorfer soll sogleich fortfahren, wenn ich nur dieses eingeschoben habe: ich werde einmal in einem kritischen Werkchen geschickt dartun, dass alle deutsche Kunstrichter (den neuesten ausgenommen) den Humor nicht bloss jammerlich zergliedern, sondern auch (was ich nicht vermutet hatte, da das Vergnugen an der Schonheit durch die Unwissenheit in ihrer Anatomie sosehr gewinnt) noch erbarmlicher geniessen, wiewohl sie als Richter in der Finsternis den Areopagiten gleichen, denen verboten war, uber einen Spass zu lachen (Aschin. in Timarch.) oder einen zu schreiben (Plut. de glor. Athen.) ferner dass die krumme Linie des Humors zwar schwerer zu rektifizieren sei, dass er aber nichts Regelloses und Willkurliches vornehme, weil er sonst niemand ergotzen konnte als seinen Inhaber dass er mit dem Tragischen die Form und die Kunstgriffe, obwohl nicht die Materie teile dass der Humor (namlich der asthetische, der vom praktischen so verschieden und zertrennlich ist wie jede Darstellung von ihrer dargestellten oder darstellenden Empfindung) nur die Frucht einer langen Vernunft-Kultur sei und dass er mit dem Alter der Welt so wie mit dem Alter eines Individuums wachsen musse. Fraischdorfer fuhr fort: "halte man an diesen Probierstein die Werke meines Herrn Gevatters, in denen fast nur auf Materie gesehen werde: so begreife man nicht, wie der Rezensent der Literaturzeitung ihn noch dazu wegen der Wahl solcher zweideutiger Materien wie z.B. Gottheit, Unsterblichkeit der Seele, Verachtung des Lebens usw. preisen konnen."

Bei diesen Worten wanderten wir gerade in Gefrees ein, und ich sah die mir halb bekannte Dame wie eine Netzmelone sich wieder in ihren Schleier wickeln und abfahren: hatte also der Ungluckvogel, der Kunstrat, nicht seinen Geiss-Scherbet in den drei Bratwursten eingenommen, so wurd' ich das Gluck errungen haben, sie gerade bei Herrn Lochmuller zu ertappen, als sie dem Kutscher und den Pferden etwas geben liess. So aber hatt' ich nichts. Ich fuhr entsetzlich auf in meinem Herzen und tat innerlich folgenden Ausfall gegen den Kunstrat: "Du elende frostige Lothssalzsaule! Du ausgehohlter Hohlbohrer voller Herzen! Ausgeblasenes Lerchen-Ei, aus dem nie das Schicksal ein vollschlagendes' auffliegendes, freudentrunknes Herz ausbruten kann! Sage, was du willst, denn ich schreibe, was ich will. Du sollst weder meine Reissfeder noch mein Auge von dem Eisgebirge der Ewigkeit abwenden, an dem die Flammen der verhullten Sonne spielen, noch vom Nebelstern der zweiten Welt, die so weit zuruckliegt und nur die Parallaxe einer Sekunde hat, und von allem, was die fliegende Hitze des fliegenden Lebens mildert und was den in der Puppe zusammengekrummten Flugel offnet und was uns warmt und tragt!"

Da jetzt gar der griechenzende Formschneider den schonen Tag und die blaue Glasglocke der atherischen Halbkugel lobpries und sagte: er rede hier nicht als Maler, weil dieser nicht gern unbewolkte Himmel male, sondern als Poet, dem schone Tage sehr zustatten kommen in seinen Versen: so bracht' ich mich mit Fleiss immer mehr in Harnisch gegen ihn, besonders da nach Platner Ingrimm dem Unterleibe augenscheinlich zupasse kommt daher sollten Gelehrte, die immer auf den elendesten Unterleibern wohnen, einander wechselseitig auf antikritischen Intelligenzblattern noch starker erbittern ; und ich bewegte ohne Bedenken die Lippen und liess ihn etwas hart mit folgenden leisen Invektiven an, die ich, wiewohl innerlich, heraussagte: "Der formlose Former vor mir achtet am ganzen Universum nichts, als dass es ihm sitzen kann er wurde wie Parrhasius und jener Italiener Menschen foltern, um nach den Studien und Vorrissen ihres Schmerzes einen Prometheus und eine Kreuzigung zu malen der Tod eines Sohnchens ist ihm nicht unerwunscht, weil die Asche des Kleinen in der Rolle einer Elektra einem Polus weiter hilft als drei Komodienproben das unzahlige Landvolk ist doch von einigem Nutzen in landlichen Gedichten und selber in komischen Opern, wie die Schafereien genug abwerfen fur Idyllenmacher der Eustathius Nero illustriert mit dem flammenden Rom schone homerische Schildereien, und der General Orlow hilft den Bataillen- und Seemalern mit den notigen Akademien aus, mit Schlachtfeldern und aufgesprengten Schiffen."

Das hole der Teufel.

Laut indessen sagt' ich aus Verachtung wenig mehr zum Kunstrat. Ich eilte Berneck zu, wo die fliegende Bienenkonigin im Vis-a-vis wenigstens vor der Suppenschussel halten musste. Ich wunschte von Herzen, ein oder zwei Wagenrader fingen an zu rauchen und sie musste halten, um schwarze Waldschnecken einzufangen und damit in Ermangelung alles Teers die Nabe einzuolen. Mein kunftiger Rezensent wurde sehr matt und hungrig und wollte, da es ihm mehr an Gelenkschmiere als an Magensaft fehlt, die peripatetischen Bewegungen mit peristaltischen vertauschen; aber ich war nicht still zu halten, und er folgte mit seinem Hunger hintennach: "Sein Sie froh," sagt' ich, "dass Sie jetzt zwei Zustande, die der Maler und der Dichter schwer oder gar nicht aus sich mitzuteilen wissen, lebendig fuhlen Hunger und Mudigkeit. Sooft ich einen Bauermann mit einem ganzen Hemde sehe (dort felget einer), so ist er mir ein Anstoss; ich berechne, wie lang es noch dauert, bis das Hemd unter den Hadernschneider taugt und zu Konzeptpapier, an das ein Gelehrter den Laich seiner Ideen streicht." Da er meine Satire verstand, so ging sie gar nicht auf ihn: denn Satiren und Todesanzeichen gehen nur auf den, der nichts von beiden innen wird. mich in den Stand, vor ihm herzugehen und ausser der Reise die Vorrede zur zweiten Auflage in meiner Schreibtafel fortzusetzen und einzuschreiben.

Fortgesetzte Vorrede zur zweiten Auflage9

"Und allerdings hat Kant das seltne Gluck, auf einer Buhne zu agieren, der es nicht an einer Einfassung und Mauer von Kopfen fehlt, aus denen seine Laute heller und resonierend zuruckschlagen, so wie die Alten in ihre Theater leere Topfe versteckten, die der Stimme der Schauspieler mit Resonanzen nachhalfen.10Ein Autor, der Gedanken hat, verfalschet haufig damit fremde, die er verbreiten soll, und gesetzt, er schwure, wie in den altern Zeiten die Bucherabschreiber wirklich schworen mussten, rein und redlich abzuschreiben: so wurde er doch immer sehr vom leeren Kopfe verschieden bleiben, dessen obere toricellische Leere wie in der Physik der beste Leiter der Funken ist. Hingegen im System selbst muss man die Lukken, worin keine Wahrheiten sind, durch die Gewander derselben, durch lange neue Termen, abwenden, wie denkende Maler durch Draperie ihren leeren Raum.

Etwas anders ist es mit der Moral, worin wie in der Medizin der Theorist sich ganz vom Empiriker trennt. Wie in dem alten Theater der eine Akteur den Gesang hatte und der andere die korperliche Aktion dazu machte und wie die Kunst eben durch diese Teilung hoher stieg, so kann es in der schweren Kunst der Tugend nicht eher zu etwas getrieben werden, als bis (wie jetzt haufiger geschieht) die Theorie und die Praxis gesondert werden, und der eine sich auf das Reden uber die Tugend einschrankt, indes der andere die dazu gehorigen Handlungen versucht."

Die Fortsetzung der Vorrede folgt.

Denn nun sanken wir in das grunende Tempe von Berneck hinein, und ich sperrte die Schreibtafel zu: sonst hatt' ich ohne Grobheit weiter darin schreiben konnen, weil es ja so viel war, als sprach' ich mit dem Kunstrat selber, da ich ihn darin meinte. Der Kron-, der Elias- und der Sonnenwagen hielt vor der Post, und die Direktrice meines Wegs stieg heraus. Ich sprang an wer hatt' es gedacht (ich wohl am wenigsten), dass es nichts geringers war als eine Primadonna, die schon einmal in einer von meinen Vorreden11 agierend aufgetreten war, namlich die gute, die liebe, bekannte Pauline, des sel. Hauptmanns und Kaufherrns Oehrmann nachgelassene Tochter. Ich ward ordentlich ein Kind vor Freuden, wie alle Bernecker wissen. "Herr Jean Paul, wie kommen wir da zusammen?" sagte die Miss, deren Angesicht jetzt im Brautstand ein hoheres Rot als im Laden hatte, gleichsam die rote Soldatenbinde des nahen Ehedienstes, die Band- und Vorsteckrose auf dem ehelichen Bande.

Fraischdorfer sott sich gleichfalls rot zu einem warmen Krebs: er horte nun, ich sei wirklich der Autor selber, den er auf dem Strassendamm rezensiert hatte. Er sagte, es sei nur ein Gluck fur die Kunst, dass ich bloss in der Wirklichkeit, und in keinem Druck gelogen hatte, wo mehr daran gelegen ware, den Charakter des wahrhaften Mannes durchzusetzen und zu halten. In drei Terzien war er weg wie Mai-Schnee. Er wird mirs aber gedenken und sich wenigstens in den Busch und Jagerschirm der allgemeinen deutschen Bibliothek stellen und daraus mit Windbuchsen nach seinem Reisegefahrten schiessen. Ich hielt es daher fur notig, dem Publikum schon vorher davon Nachricht zu geben: es ist nun auf jeden Pfeil seiner Armbrust (wie nach Montesquieu die Tatarn tun mussten) der Name geschrieben, der Schutze heisset Fraischdorfer. Es ist im ganzen ein Mann von Betracht und gut genug, er besieht die bambergischen Kriegstroublen und macht sich, wie ich an seinen Fingern12 sah, seine notigen deutlichen Begriffe und noch spitzige Einfalle dabei, und wir schatzen einander. Ich will einen davon hereinsetzen, der zugleich ein Beweis sein mag, wie gern ich seinen Lorbeer aussae: "Die Feile," sagte der lose Kunstrat, "welche die Autoren ihren Werken zu geben unterlassen, brauchen ihre Verleger fleissig an den Goldstucken, die sie ihnen dafur zahlen." Recht gut turniert!

Ich dinierte froh mit der Jungfer Braut, deren kunftiger Ehemann und Ehe-Peischwa oder Ehe-Bey und maitre des plaisirs niemand wird als der uns allen recht gut bekannte Herr Gerichthalter Weyerman.13Ich lass' es zu, ich suchte die Braut mehr, als dass ich sie floh, und glich mehr dem weisen Ulysses, der sich mit offnen Ohren an den Mastbaum schnuren liess und sie dem Sirenengesange gelassen schenkte, als seinen Begleitern, die ihre mit Wachs wie hohle Stockzahne plombierten. Aber sie war auch das leuchtende Christuskind, das die fatale Correggios-Nacht, die der Kunstrat in mein Herz gemalet hatte, mit dem schonsten Widerschein versilberte: sie war doch unschuldig und gut und weich und ohne die poetischen Harten der Empfindelei, und die vielen scharfen zweischneidigen Leiden bei ihrem Vater hatten ihrem Herzen mehr gegeben als ihrem Kopfe genommen; sie duftete gleich dem Rosenholz auf der scharfen Drechselbank des Unglucks so suss wie Rosen selber. Ihr knausernder Vater hatt' ihr freilich nur die VorgrundsKultur, die aussere oder korperliche, namlich vornehme Kleidung, aber nicht vornehme Bildung verstattet (die gute Gerichthalter abends gratis in biographischen Berichten anboten), und sie glich den meisten Madchen um mich her, an denen wie in Wien die Vorstadte modern sind, die innere Stadt selber aber mit allen ihren Vierteln verdammt altvaterisch. Indes hatten ich und sie doch wie alle Freunde und wie alle zusammengewachsene Menschen nach Haller nur ein Herz, obwohl zwei Kopfe. Das tut denn vieles.

Wir fuhren spat ab, und ich sass ihr im Vis-a-vis vis-a-vis. Hinter unsern grunen Bergen lag die Wuste der Kinder Israel und vor uns das gelobte Land der sanften Baireuther Ebene. Ich und die Sonne sahen Paulinen immerfort ins Angesicht und mit gleicher Warme, und mich ruhrte endlich die kleine stille Gestalt. Woher kam das? Nicht bloss daher, weil ich uber das gewohnliche herrnhutische Ehe-Loseziehen der Madchen nachsann, die in gewissen Jahren grossere Gefuhle als Kenntnisse und im leeren Herzen ein anonymes Opfer-Feuer ohne Gegenstand haben wie im jungfraulichen Tempel der Vesta kein Gotterbild, sondern nur Feuer war und die dann an die erste beste Erscheinung von Maschinengott ihren Altar hinschieben; auch nicht davon bloss kam meine Ruhrung, dass sie nun, wie ihre meisten Schwestern, gleich weichen Beeren, von der harten Manneshand zugleich abgerissen und zerdrucket werde; oder dass ihr weiblicher Fruhling so viele Wolken und so wenige Tage und Blumen hatte und dass ich sie wie mehre Braute mit dem schlafenden Kinde verglich, das Garofalo mit einem Engel, der eine Dornenkrone daruberhalt, gemalet, auf das aber, wenn es die Ehe weckt, der Engel die Krone herunterdruckt; Sondern das machte meine Seele weich, dass ich, sooft ich dieses freundliche rot- und weissbluhende zufriedene Gesicht ansah, es gleichsam innerlich anreden musste: "O sei nicht so frohlich, armes Opfer! Du weisst nicht, dass dein schones Herz etwas Besseres und Warmeres braucht als Blut und dein Kopf hohere Traume, als die das Kopfkissen beschert dass die duftenden Blumenblatter deiner Jugend sich nun zu geruchlosen Kelchblattern14zusammenziehen, zum Honiggefasse fur den Mann, der jetzt bald von dir weder ein weiches Herz noch einen lichten Kopf, sondern nur rohe Arbeitfinger, Lauferfusse, Schweisstropfen, wunde Arme und bloss eine ruhende paralytische Zunge fordern wird. Dieses ganze weite Sprachgewolbe des Ewigen, die blaue Rotunda des Universums verschrumpft zu deinem Wirtschaftgebaude, zur Speckund Holzkammer und zum Spinnhaus, und an glucklichern Tagen zur Visitenstube die Sonne wird fur dich ein herunterhangender Ballonofen und Stubenheizer der Welt, und der Mond eine Schusters-Nachtkugel auf dem Lichthalter einer Wolke der Rhein trocknet in dir zur Schwemme und zum Schwenkkessel deines Weisszeugs ein und der Ozean zum Herings-Teich du haltst in der grossen Lese-Gesellschaft aller Zeitschriften den jahrlichen Kalender mit und kannst wegen deines kosmologischen Nexus kaum vor Neugier die politische Zeitung erwarten, um in ihrem angebognen Intelligenzblatt den Torzettel unbekannter Herren nachzulesen, die in den drei Perucken logieret haben, und ein Universalgenie stellest du dir um nicht viel, aber um etwas gescheuter vor als deinen Eheherrn. Du bist zu etwas Besserem geschaffen, aber du wirst es nicht werden (wofur dein armer Weyermann nichts kann, dem es der Staat selber nicht besser macht). Und so wird der Tod deine von den Jahren entblatterte Seele voll eingedorrter Knospen antreffen, und er erst wird sie unter einen gunstigern Himmelstrich verpflanzen."15 Warum sollte mich das nicht betruben? Seh' ichs nicht jede Woche, wie man Seelen opfert, sobald sie nur einen weiblichen Korper umhaben? Wenn dann nun die reichste beste Seele unter der Morgenrote des Lebens mit dem unerwiderten Herzen, mit versagten Wunschen, mit den ungesattigten verschmahten Anlagen eingesenket wird ins ubermauerte Burgverlies der Ehe wobei sie freilich besonders von Gluck zu sagen hat, wenn das Verlies keine tausendschneidige Oubliette oder wenn gar der Mann ein sanfter Kanker ist, den die Bastille-Gefangne zahmen kann : so fuhlt sich die Arme ungemein wohl dabei die goldnen Luft und Zauberschlosser der fruhern Jahre erblassen bald und zerfallen unvermerkt ihre Sonne schleicht ungesehen uber ihren bewolkten und unterirdischen Lebenstag von einem Grade zum andern, und unter Schmerzen und Pflichten kommt die Dunkle an dem Abend ihres kleinen Daseins an und sie hat es nie erfahren, wessen sie wurdig war, und im Alter hat sie alles vergessen, was sie sonst in der Morgenrote etwan haben wollte: nur zuweilen in einer Stunde, wo ein ausgegrabenes altes Gotterbild eines sonst angebeteten Herzens oder eine wehmutige Musik oder ein Buch auf den Winterschlaf des Herzens einigen warmen Sonnenschein werfen, da regt sie sich und blickt beklommen und schlaftrunken umher und sagt: "Sonst war es ja anders um mich her es ist aber wohl schon lange, und ich glaub' auch, ich habe mich damals geirrt." Und dann schlaft sie ruhig wieder ein....

Wahrlich, ihr Eltern und Manner, ich stelle dieses qualende Gemalde nicht auf, damit es der wunden Seele, der es gleicht, eine Trane mehr abpresse, sondern euch zeig' ich die gemalten Wunden, damit ihr die wahren heilt und euere Marterinstrumente wegwerft.

Wie mir jetzt ist, und aus demselben Grunde, so war mir auch im Vis-a-vis die hinabziehende Sonne und die schone geduldige Gestalt vor mir und am meisten meine vorigen Dissonanzen, mit denen ich mich vor dem Kunstrat horen lassen, loseten mich und sich in diesen Mollton auf. Kurz nach der Lykanthropie16 ist man ein wahres Gottes-Lamm; nach einer Sunde (sagt Lavater) ist man am frommsten; daher solche Heiligen, denen um eine ausgezeichnete Frommigkeit in jenem Leben zu tun ist, sich auf rechte Sunden in diesem legen. Ich schlug vor der Braut ganz in Zitronenbluten der Dichtkunst aus so wie ich vorher eine Salzsaule aus satirischem Zitronensalz gewesen war, welches beilaufig ein neuer Beweis ist, dass Rezensenten nie ihren Namen sagen und nie anders als im Dunkeln hantieren sollten, weil man sonst keinen Respekt fur sie zeigt, so wie auch Minervens Wappentier, die Nachteule, in der Nacht ohne Schande wurgt und fliegt, am Tage aber als ein seltsamer narrischer Abortus der Natur unter das zufliegende neckende Gevogel einruckt. Um wieder zuruckzukommen: der Mensch auf seiner Reise zum uberirdischen Paradies und ich auf meiner ins baireuthische und die Menschheit auf ihrer langen zum Jungsten Tage werden wie die braunschweigische Mumme unter dem Verfahren mehr als einmal sauer; aber herrlich und suss kommen wir alle und die Mumme an: ich meine, ich erzahlte schon nach einer halben Stunde hinter Berneck Paulinen das Mussteil im Quintus Fixlein.

Mir war, als ob es gar keine Vorberichte zu zweiten Auflagen mehr gabe in der Welt.... Ach du weiche Braut! ich wollte dich sehr ruhren durch Erzahlen, aber du ruhrtest mich noch mehr durch Zuhoren. Es muss uberhaupt noch mehre Paulinen und Jean Pauls in Deutschland geben: sonst ware gegenwartige zweite Auflage gar nicht zu machen gewesen, wofur ich bei dieser Gelegenheit meinen warmsten Dank abstatte aber gar nicht den paulinischen Lesern, denn meinetwegen haben sie nichts getan, und ich hatte wenig davon? vielmehr war ich, indem sie alle vor mir meine Sachen auf dem Schosse hatten und lasen, der einzige, der nichts darauf hatte, wie in Nordamerika unter den Gasten eines Schmauses bloss der Gastgeber keinen Bissen anruhrt, sondern ich statte den besagten Dank dem Schicksal ab, und zwar dafur, dass es die Menschen nicht einander gleich gemacht (sonst sturben wir alle vor Langweile) noch unahnlich (sonst konnte keiner den andern ertragen und fassen), sondern recht ahnlich, so dass ich gleichsam fur den einen runden Stock der spartischen Skytale zu nehmen bin, um den der grosse Genius beschriebene Blatter wickelt, und der Leser fur den zweiten, an dem die Blatter, weil er ebenso gehobelt ist, geradeso aufzuwickeln und abzulesen sind wie an mir selber.

Ich war jetzt, da ich und die Braut eben nicht so gar weit gen Bindloch hatten, wo ich absteigen wollte, weil ichs fur unschicklich hielt, mit der Verlobten starr und aufrecht unter das Baireuther Tor zu fahren und noch obendrein mich als einpassierend in das Intelligenzblatt gedruckt niederzulassen, ich war jetzt, sag' ich, eben deswegen viel zu betrubt, besonders vor dem wehenden Rauschgolde des Abends und unter den Abendliedern der freien Volieren uber mir und so nahe am Verlust der weinenden Braut, zu betrubt, sagt' ich, um bis Bindloch etwan den Quintus Fixlein nach der ersten oder zweiten Auflage zu referieren: ich konnte unmoglich.

Ich holte aber meine Schreibtafel heraus und setzte etwas auf. Man sehe etwan keiner fortgesetzten Vorrede zur zweiten Auflage entgegen: "Ich beschaftige mich hier mit einer Grabschrift, Gute!" sagt' ich zu ihr. Sie hatte von ihrem sel. Vater und dessen mannlichen Gasten Langweile und Vernachlassigung schon gewohnt: also vergab sie leicht mein Schreiben; allein es war ja eben etwas Ruhrendes fur sie, und ich wollt' ihrs in Bindloch vorlesen. Auch dem Leser wird die Grabschrift am Schlusse dieser Geschichte, um ihn fur den entzognen, nun unmoglichen Schluss der Vorrede zu entschadigen, mit geringen und passenden Anderungen zugewandt. Ich schrieb und schrieb, und meine Augen wurden dunkel, weil ich die tiefe Sonne auf dem Rucken und uberhaupt weniger Licht als Wasser in den Augen hatte. Du gute Seele! du wusstest nicht, warum meine tropften, und doch gingen dir auch deine uber! Als wir den ausgestreckten Bindlocher Berg hinunterfuhren: nahm die Vertiefung uns die vor Freude wallende Sonne; aber wie bei einer Versteigerung in Bremen oder Lauenburg wurde uns durch das Ausloschen des Lichts gleichsam der ganze von Silber-Sonnen starrende Nachthimmel zugeschlagen mit dem Auktion- und Glockenhammer von 7 Uhr.

Die Welt ruhte auf dem Berg sprosste der Mond wie eine geschlossene Lilienglocke heraus mein Aufsatz war fertig wir waren den schnellen Berg herab und ich sagte zur Braut, ich sprange herab und wurd' ihr draussen etwas vorlesen, wenn sie mit abstiege, weil ich drinnen erst das Wagengerolle uberschreien musste.

Wir stiegen beide unten aus unweit einer alten Saule, vor der ich nie ohne einen Seufzer uber den rauhen Druck, womit die harten Riesenhande des Schicksals uns weiche Raupen und Gulliver ergreifen und tragen, vorbeigegangen bin; diese Riesenhande schienen heute die Saule wie eine Hermes- und Gedachtnissaule hingestellt zu haben fur das schwache Gedachtnis des Menschenherzens. Pauline wusste von nichts; aber ich fuhrte sie an den unscheinbaren Pilaster und erklarte ihr- indem ich ihrs vorher zeigte , was die verwitterte bruchige weibliche Gestalt, uber die ein Wagen geht, auf der elenden erhobenen Arbeit des Pilasters bedeute. Die umliegenden Dorfschaften berichten namlich, dass einmal eine Braut, die auf dem Kammerwagen von dem sonst steilern Bindlocher Berg den Armen ihres Brautigams unter einem Gewitter mit scheugewordenen Pferden entgegenfuhr, unter die Rader gesturzt und vor seinen gemarterten Augen den getauschten hoffenden Geist aufgegeben habe. Pauline konnte schwerlich, zumal da der Mond hinter dem Abendrauche dammerte, die verwaschene Skulptur dieses veralteten Jammers mehr lesen; aber ihr getroffnes weiches Herz goss, besonders so nahe an der ahnlichen Lage, gern das Abendopfer einer fortrinnenden Trane uber die unbekannte zerstorte Schwester nieder, deren gebrochenes Gebein nun schon als Staub vielleicht aus dem Staubbeutel einer Blume umherirret, indes der Geist, der es sonst bewegte, auf der ewigen Bergstrasse durch die Zeit den auffliegenden Staub, den er einmal machte und zuruckliess, kaum mehr, wenn er sich umsieht, wird bemerken konnen. Und hier neben der Siegessaule der Marter und unter dem grossen Himmel der Nacht gab ich Paulinen die kleine Dichtung, die ich hier den Herzen aller ihrer Schwestern bringe.

Die Mondfinsternis

Auf den Lilienfluren des Mondes wohnet die Mutter der Menschen mit allen ihren zahllosen Tochtern in stiller ewiger Liebe. Das Himmelblau, das nur fern uber der Erde flattert, ruht dort hereingesunken auf dem Auenschnee aus Blumenstaub keine frostige Wolke tragt einen verkleinerten Abend durch den klaren Ather kein Hass zerfrisset die milden Seelen wie sich die Regenbogen eines Wasserfalls durchschlingen, so windet die Liebe und die Ruhe alle Umarmungen in eine zusammen und wenn in ihrer stillen Nacht die Erde ausgebreitet und glanzend unter den Sternen hangt, so blicken die Seelen, die auf ihr gelitten und genossen haben, nur mit sussem Sehnen und Erinnern auf die verlassene Insel hin, wo noch Geliebte wohnen und die weggelegten Korper ruhen, und wenn dann die einschlafernde schwere Erde blendend naher an die zusinkenden Augen tritt, so ziehen die vorigen Fruhlinge der Erde in glanzenden Traumen voruber, und wenn das Auge erwacht, hangt es voll Morgentau der Freuden-Tranen. Aber dann, wenn der Schattenzeiger der Ewigkeit auf ein neues Jahrhundert zeigt, dann schlagt der Blitz eines heissen Schmerzes durch die Brust der Mutter der Menschen: denn die geliebten Tochter, die noch nicht auf der bald die Erde sie mit ihrem kalten Erdschatten beruhrt und betaubt, und die Mutter der Menschen sieht sie weinend gehen, weil nicht alle, nur die unbefleckten zu ihr aus der Erde wiederkehren in den reinen Mond. So nimmt ein Jahrhundert um das andere der verarmenden Mutter die Kinder, und sie zittert, wenn sie am Tage unsere raubende Kugel als eine breite feste Wolke nahe an der Sonne erblickt.

Der Zeiger der Ewigkeit nahete dem achtzehnten Jahrhundert und die Erde voll Nacht zog gegen die Sonne die Mutter druckte schon heiss und beklommen alle Tochter ans Herz, die noch nicht den Flor des Korpers getragen hatten, und flehte weinend: "O sinket nicht, ihr Teuern, bleibet engelrein und kehret wieder!" Jetzt stand der Riesen-Schatte am Jahrhundert und die dunkle Erde uber der ganzen Sonne ein Donner schlug die Stunde am finstern Himmel hing ein durchgluhtes Kometenschwert herab die Milchstrasse wurde erschuttert, und eine Stimme rief aus ihr: "Erscheine, Versucher der Menschen!"

Jedem Jahrhundert sendet der Unendliche einen bosen Genius zu, der es versuche. Fern vom kleinen Auge steht der gestirnte, die Ewigkeiten umziehende Plan des Unendlichen im Himmel als ein unaufloslicher Nebelfleck.17

Als der Versucher gerufen wurde, bebte die Mutter mit allen ihren Kindern, und die weichen Seelen weinten alle, auch die verklarten, die hienieden schon gewesen waren. Nun baumte sich ungeheuer mit dem Erdschatten eine Riesenschlange auf der Erde auf und reichte an den Mond und sagte: "Ich will euch verfuhren." Es war der bose Genius des achtzehnten Jahrhunderts. Die Lilienglocken des Mondes buckten sich welk und zusammenfallend das Kometenschwert schwankte hin und her, wie ein Richtschwert sich selber bewegt, zum Zeichen, dass es richten werde die Schlange bog sich mit spielenden seelenmorderischen Augen, mit blutrotem Kamm, mit beleckten durchbissenen Lippen und mit gezuckter Zunge ins sanfte Eden herein, der Schweif zuckte hungrig und schadenfroh in einem Grabe der Erde, und eine Erderschutterung auf unserer Kugel wirbelte die laufenden Ringe und die bunten giftigen Safte wie ein flussiges schillerndes Gewitter herauf. O, es war der schwarze Genius, der langst die jammernde Mutter verfuhret hatte. Sie konnte ihn nicht anschauen; aber die Schlange fing an: "Kennst du die Schlange nicht, Eva? Ich will deine Tochter verfuhren, deine weissen Schmetterlinge will ich auf dem Morast versammeln. Sehet, Schwestern, damit koder' ich euch alle." (Und hier spiegelten die Vipernaugen mannliche Gestalten nach, die bunten Ringe Eheringe und die gelben Schuppen Goldstucke.) "Und dafur nehm' ich euch den Mond und die Tugend ab. In der Schlinge von seidnen Bandern und im Spiegelgarn von Stoffen fang' ich euch; mit meiner roten Krone lock' ich euch, und ihr wollt sie tragen; in euerer Brust fang' ich an zu reden und euch zu loben, und dann kriech' ich in eine mannliche Kehle und fahre fort und bestatige es, und in euere Zunge schieb' ich meine und mache sie scharf und giftig. Erst wenn es euch ubel geht oder kurz vor dem Tode tu' ich den unnutzen Gewissensbiss recht scharf und warm ins Herz. Nimm ewigen Abschied, Eva; was ich ihnen hier sage, das vergessen sie zum Gluck, ehe sie geboren werden."

Die ungebornen Seelen verbargen sich zitternd ineinander vor dem so nahen kalten dampfenden Giftbaum, und die Seelen, die rein wie Blumendufte wieder aus der Erde aufgestiegen waren, umfasseten sich weinend in furchtsamer Freude, in sussem Zittern vor einer uberwundenen Vergangenheit. Die geliebteste Tochter, Maria, und die Mutter aller Menschen hielten einander an ihrem Herzen, und sie knieten in der Umarmung nieder und hoben die betenden Augen auf, und die Tranen, die aus ihnen rannen, flehten: "O, Alliebender, nimm dich ihrer an!" Und siehe, als das Ungeheuer die dunne lange, wie eine Hummerschere gespaltene Zunge uber den Mond hinschoss und die Lilien entzweischnitt und, wenn es einen schwarzen Mondfleck gemacht hatte, sagte: "Ich will sie verfuhren": siehe, da schlug spruhend hinter der Erde der erste Strahl der Sonne herauf, und das goldne Licht beschien die Stirn eines hohen schonen Junglings, der ungesehen unter den zitternden Seelen gewesen war. Eine Lilie deckte sein Herz, und ein Lorbeerkranz voll Rosenknospen grunte an seiner Stirn, und blau wie der Himmel war sein Gewand. Er blickte im milden Weinen und warm in Liebe strahlend auf die truben Seelen nieder wie die Sonne auf einen Regenbogen und sagte: "Ich will euch beschutzen." Es war der Genius der Religion. Die wallende Riesenschlange gerann vor ihm, und versteinert stand sie auf der Erde und am Mond, ein Pulverturm mit stillem schwarzem Tod gefullt.

Und die Sonne warf einen grossern Morgen in des Junglings Angesicht, und er hob sein Auge gross zu den Sternen und sagte zu dem Unendlichen: "Vater, ich gehe mit meinen Schwestern hinab ins Leben und beschirme alle, die mich dulden. Bedecke die atherische Flamme mit einem schonen Tempel: sie soll ihn nicht entstellen und verwusten. Schmucke die schone Seele mit dem Laube aus Erdenreizen, es soll ihre Fruchte nur beschirmen, nicht verschatten. Gib ihr ein schones Auge, ich will es bewegen und begiessen; und leg in die Brust ein weiches Herz: es soll nicht auseinanderfallen, eh' es fur dich und die Tugend geschlagen. Und unbefleckt und unzerruttet will ich die Blume, in eine Frucht verwandelt, aus der Erde wiederbringen. Denn auf die Berge und auf die Sonne und unter die Sterne will ich fliegen und sie an dich erinnern und an die Welt uber der Erde. In das weisse Licht dieses Monds will ich die Lilie meiner Brust verwandeln und in das Abendrot der Fruhlingnacht die Rosenknospen in meinem Kranz und sie an ihren Bruder erinnern in den Tonen der Musik will ich sie rufen und von deinem Himmel mit ihr reden und ihn auftun vor dem harmonischen Herzen mit den Armen ihrer Eltern will ich sie an mich schliessen, und in die Stimme der Dichtkunst will ich meine verbergen und mit der Gestalt ihres Geliebten meine verschonern Ja mit dem Gewitter der Leiden will ich uber sie ziehen und den leuchtenden Regen in ihre Augen werfen und ihre Augen nach den Hohen und nach den Verwandten richten, von denen sie kommt. O ihr Geliebten, die ihr eueren Bruder nicht verstosset, wenn euch nach einer schonen Tat, nach einem harten Sieg ein susses Sehnen euer Herz ausdehnt, wenn in der Sternennacht und vor dem Abendrot euer Auge an einer unaussprechlichen Wonne zergeht, und euer ganzes Wesen sich hebt und sich aufwarts drangt und liebend und ruhig und unruhig und weinend und schmachtend die Arme ausbreitet: dann bin ich in euern Herzen und geb' euch das Zeichen, dass ich euch umarme und dass ihr meine Schwestern seid. Und dann nach einem kurzen Traume und Schlafe brech' ich dem Diamant die Rinde ab und lass' ihn als lichten Tau in die Lilien des Mondes fallen. O zartliche Mutter der Menschen, blicke deine geliebten Kinder nicht so schmerzlich an und scheide froher, du verlierst nur wenige!"

Die Sonne loderte unbedeckt vor dem Mond, und die ungebornen Seelen zogen auf die Erde, und der Genius der Tugend ging mit ihnen und wie sie der Erde entgegenflogen, dehnte sich ein melodisches Floten durch das Blau, wie wenn Schwanen uber Winternachte fliegen und in den Luften Tone statt der Wellen lassen.

Die Riesenschlange senkte sich im weiten Bogen einer gluhenden fliegenden Bombe und endlich gekrummt zum zundenden Pechkranz auf die Erde zuruck, und wie eine hereingebogene Wasserhose uber einem Schiffe zerbricht, so fiel sie uber die Erde und flocht sich, in tausend Schlingen und Knoten gerunzelt, erwurgend und fangend durch alle Volker der Welt. Und das Richtschwert zuckte wieder, aber das Nachtonen des durchflognen Athers wahrte langer.

*

Als ich geschlossen hatte, trocknete Pauline die sanften Augen, die sich unwillkurlich gegen den hellern Mond und seine weiten Flecken aufhoben. Ich schied von ihr und der Wunsch, den ich hier fur alle liebende Schwestern des guten Genius tue, war mein letztes Wort an sie: "Es gehe dir nie anders als wohl, und die kleine Fruhlingnacht des Lebens verfliesse dir ruhig und hell der uberirdische Verhullte schenke dir darin einige Sternbilder uber dir Nachtviolen unter dir einige Nachtgedanken in dir und nicht mehr Gewolk, als zu einem schonen Abendrot vonnoten ist, und nicht mehr Regen, als etwan ein Regenbogen im Mondschein braucht!"

Hof im Voigtland, den 22. August 1796.

Jean Paul Fr. Richter.

Mussteil fur Madchen

1. Der Tod eines Engels18

Zum Engel der letzten Stunde, den wir so hart den Tod nennen, wird uns der weichste, gutigste Engel zugeschickt, damit er gelinde und sanft das niedersinkende Herz des Menschen vom Leben abpflucke und es in warmen Handen und ungedruckt aus der kalten Brust in das hohe warmende Eden trage. Sein Bruder ist der Engel der ersten Stunde, der den Menschen zweimal kusset, das erstemal, damit er dieses Leben anfange, das zweitemal, damit er droben ohne Wunden aufwache und in das andere lachelnd komme, wie in dieses Leben weinend.

Da die Schlachtfelder voll Blut und Tranen standen und da der Engel der letzten Stunde zitternde Seelen aus ihnen zog: so zerfloss sein mildes Auge, und er sagte: "Ach, ich will einmal sterben wie ein Mensch, damit ich seinen letzten Schmerz erforsche und ihn stille, wenn ich sein Leben auflose." Der unermessliche Kreis von Engeln, die sich droben lieben, trat um den mitleidigen Engel und verhiess dem Geliebten, ihn nach dem Augenblick seines Todes mit ihrem Strahlenhimmel zu umringen, damit er wusste, dass es der Tod gewesen; und sein Bruder, dessen Kuss unsere er starrten Lippen wie der Morgenstrahl kalte Blumen offnet, legte sich zartlich an sein Angesicht und sagte: "Wenn ich dich wieder kusse, mein Bruder, so bist du gestorben auf der Erde und schon wieder bei uns."

Geruhrt und liebend sank der Engel auf ein Schlachtfeld nieder, wo nur ein einziger schoner feuriger Jungling noch zuckte und die zerschmetterte Brust noch regte: um den Helden war nichts mehr als seine Braut, ihre heissen Zahren konnt' er nicht mehr fuhlen, und ihr Jammer zog unkenntlich als ein fernes Schlachtgeschrei um ihn. O da bedeckte ihn der Engel schnell und ruhte in der Gestalt der Geliebten an ihm und sog mit einem heissen Kusse die wunde Seele aus der zerspaltenen Brust und er gab die Seele seinem Bruder, der Bruder kusste sie droben zum zweitenmal, und dann lachelte sie schon.

Der Engel der letzten Stunde zuckte wie ein Blitzstrahl in die ode Hulle hinein, durchloderte den Leichnam und trieb mit dem gestarkten Herzen die erwarmten Lebensstrome wieder um. Aber wie ergriff ihn die neue Verkorperung! Sein Lichtauge wurde im Strudel des neuen Nervengeistes untergetaucht seine sonst fliegenden Gedanken wateten jetzt trage durch den Dunstkreis des Gehirns an allen Gegenstanden vertrocknete der feuchte, weiche Farbenduft, der bisher herbstlich uber ihnen wogend gehangen, und sie stachen auf ihn aus der heissen Luft mit einbrennenden, schmerzlichen Farbenflecken alle Empfindungen traten dunkler, aber sturmischer und naher an sein Ich und dunkten ihm Instinkt zu sein, wie uns die der Tiere der Hunger riss an ihm, der Durst brannte an ihm, der Schmerz schnitt an ihm. O seine zertrennte Brust hob sich blutend auf, und sein erster Atemzug war sein erster Seufzer nach dem verlassenen Himmel! "Ist dieses das Sterben der Menschen?" dacht' er; aber da er das versprochene Zeichen des Todes nicht sah, keinen Engel und keinen umflammenden Himmel: so merkt' er wohl, dass dieses nur das Leben derselben sei.

Abends vergingen dem Engel die irdischen Krafte, und ein quetschender Erdball schien sich uber sein Haupt zu walzen; denn der Schlaf schickte seine Boten. Die innern Bilder ruckten aus ihrem Sonnenschein in ein dampfendes Feuer, die ins Gehirn geworfnen Schatten des Tages fuhren verwirrt und kolossalisch durcheinander, und eine sich aufbaumende unbandige Sinnenwelt sturzte sich uber ihn; denn der Traum schickte seine Boten. Endlich faltete sich der Leichenschleier des Schlafes doppelt um ihn, und in die Gruft der Nacht eingesunken, lag er einsam und starr, wie wir armen Menschen, dort. Aber dann flogest du, himmlischer Traum, mit deinen tausend Spiegeln vor seine Seele und zeigtest ihm in allen Spiegeln einen Engelskreis und einen Strahlenhimmel; und der erdige Leib schien mit allen Stacheln von ihm loszufallen. "Ach," sagt' er in vergeblicher Entzuckung, "mein Entschlafen war also mein Verscheiden!" Aber da er wieder mit dem eingeklemmten Herzen voll schwerem Menschenblut aufwachte und die Erde und die Nacht erblickte, so sagt' er: "Das war nicht der Tod, sondern bloss das Bild desselben, ob ich gleich den Sternhimmel und die Engel gesehen."

Die Braut des emporgetragenen Helden merkte nicht, dass in der Brust ihres Geliebten nur ein Engel wohne: sie liebte noch die aufgerichtete Bildsaule der verschwundnen Seele und hielt noch frohlich die Hand dessen, der so weit von ihr gezogen war. Aber der Engel liebte ihr getauschtes Herz mit einem Menschenherzen wieder, eifersuchtig auf seine eigne Gestalt er wunschte, nicht fruher als sie zu sterben, um sie so lange zu lieben, bis sie ihm es einmal im Himmel vergabe, dass sie an einer Brust zugleich einen Engel und einen Geliebten umfangen. Aber sie starb fruher: der vorige Kummer hatte das Haupt dieser Blume zu tief niedergebogen, und es blieb gebrochen auf dem Grabe liegen. O sie ging unter vor dem weinenden Engel, nicht wie die Sonne, die sich prachtig vor der zuschauenden Natur ins Meer wirft, dass seine roten Wellen am Himmel hinaufschlagen, sondern wie der stille Mond, der um Mitternacht einen Duft versilbert und mit dem bleichen Dufte ungesehen niedersinkt Der Tod schickte seine sanftere Schwester, die Ohnmacht, voraus sie beruhrte das Herz der Braut, und das warme Angesicht gefror die Wangenblumen krochen ein der bleiche Schnee des Winters, unter dem der Fruhling der Ewigkeit grunet, deckte ihre Stirn und Hande zu Da zerriss das schwellende Auge des Engels in eine brennende Trane; und als er dachte, sein Herz mache sich in Gestalt einer Trane wie eine Perle aus der murben Muschel los: so bewegte die Braut, die zum letzten Wahnsinn erwachte, noch einmal die Augen und zog ihn an ihr Herz und starb, als sie ihn kusste und sagte: "Nun bin ich bei dir, mein Bruder"- Da wahnte der Engel, sein Himmelsbruder hab' ihm das Zeichen des Kusses und Todes gegeben; aber ihn umzog kein Strahlenhimmel, sondern ein Trauerdunkel, und er seufzete, dass das nicht sein Tod, sondern nur die Menschenqual uber einen fremden sei.

"O ihr gedruckten Menschen," rief er, "wie uberlebt ihr Muden es, o wie konnt ihr denn alt werden, wenn der Kreis der Jugendgestalten zerbricht und endlich ganz umliegt, wenn die Graber eurer Freunde wie Stufen zu euerem eignen hinuntergehen, und wenn das Alter die stumme leere Abendstunde eines erkalteten Schlachtfeldes ist, o ihr armen Menschen, wie kann es euer Herz ertragen?"

Der Korper der aufgeflogenen Heldenseele stellte den sanften Engel unter die harten Menschen unter ihre Ungerechtigkeiten unter die Verzerrungen des Lasters und der Leidenschaften auch seiner Gestalt wurde der Stachelgurtel von verbundnen Zeptern angelegt, der Weltteile mit Stichen zusammendruckt und den die Grossen immer enger schnuren er sah die Krallen gekronter Wappentiere am entfiederten Raube hacken und horte diesen mit matten Flugelschlagen zucken er erblickte den ganzen Erdball von der Riesenschlange des Lasters in durchkreuzenden, schwarzbunten Ringen umwickelt, die ihren giftigen Kopf tief in die menschliche Brust hineinschiebt und versteckt Ach, da musste durch sein weiches Herz, das eine Ewigkeit lang nur an liebevollen warmen Engeln gelegen war, der heisse Stich der Feindschaft schiessen, und die heilige Seele voll Liebe musste uber eine innere Zertrennung erschrecken: "Ach," sagt' er "der menschliche Tod tut wehe." Aber es war keiner: denn kein Engel erschien.

Nun wurd' er eines Lebens, das wir ein halbes Jahrhundert tragen, in wenig Tagen mude und sehnte sich zuruck. Die Abendsonne zog seine verwandte Seele. Die Splitter seiner verletzten Brust matteten ihn durch Schmerzen ab. Er ging, mit der Abendglut auf den blassen Wangen, hinaus auf den Gottesacker, den grunen Hintergrund des Lebens, wo die Hullen aller schonen Seelen, die er sonst ausgekleidet hatte, auseinandergenommen wurden. Er stellte sich mit wehmutiger Sehnsucht auf das nackte Grab der unaussprechlich geliebten, eingesunkenen Braut und sah in die verbluhende Abendsonne. Auf diesem geliebten Hugel schauete er seinen schmerzenden Korper an und dachte: "Du wurdest auch schon hier dich auseinanderlegen, lockere Brust, und keine Schmerzen mehr geben, wenn ich dich nicht aufrecht erhielte." Da uberdachte er sanft das schwere Menschenleben, und die Zuckungen der Brustwunde zeigten ihm die Schmerzen, mit denen die Menschen ihre Tugend und ihren Tod erkaufen und die er freudig der edeln entflohnen Seele dieses Korpers ersparte Tief ruhrte ihn die menschliche Tugend, und er weinte aus unendlicher Liebe gegen die Menschen, die unter dem Anbellen ihrer eignen Bedurfnisse, unter herabgesunknen Wolken, hinter langen Nebeln auf der einschneidenden Lebensstrasse dennoch vom hohen Sonnenstern der Pflicht nicht wegblicken, sondern die liebenden Arme in ihrer Finsternis aufbreiten fur jeden gequalten Busen, der ihnen begegnet, und um die nichts schimmert als die Hoffnung, gleich der Sonne in der alten Welt unterzugehen, um in der neuen aufzugehen Da offnete die Entzuckung seine Wunde, und das Blut, die Trane der Seele, floss aus dem Herzen auf den geliebten Hugel der zergehende Korper sank sussverblutend der Geliebten nach Wonne-Tranen brachen die fallende Sonne in ein rosenrotes schwimmendes Meer fernes EchoGetone, als wenn die Erde von weitem im klingenden Ather voruberzoge, spielte durch den nassen Glanz Dann schoss eine dunkle Wolke oder eine kleine Nacht vor dem Engel vorbei und war voll Schlaf Und nun war ein Strahlenhimmel aufgetan und uberwallete ihn, und tausend Engel flammten; "bist du schon wieder da, du spielender Traum?" sagte er. Aber der Engel der ersten Stunde trat durch die Strahlen zu ihm und gab ihm das Zeichen des Kusses und sagte: "Das war der Tod, du ewiger Bruder und Himmelsfreund!" Und der Jungling und seine Geliebte sagten es leise nach.

2. Der Mond

Phantasierende Geschichte

Dedikation an meine Pflegeschwester Philippine

Ich habe mich noch in keinem Buche daruber aufgehalten, gute Pflegeschwester, dass ihr Madchen aus dem Monde so viel macht, dass er der Joujou eueres Herzens ist und das Nestei, um das ihr die andern Sterne herumlegt, wenn ihr Phantasien aus ihnen aussitzt. Er soll auch ferner das Zifferblattsrad der Ideen bleiben, auf die euer Gesicht als eine Monduhr zeigt (denn unseres ist eine Sonnenuhr), da er wie ein blinkendes Stahlschild im schwarzen Atlasgurtel des Himmels steht da er nichts schwarzt da er vielmehr ein Licht wirft, gegen das man keinen Schleier uberhangen muss, weil es selber wie einer auf dem Gesichte liegt da er uberhaupt die Sanftmut und Liebe selber ist. Aber uber etwas anders konnte man zanken daruber, dass ihr den guten Mond und seinen da ansassigen Mann mehr lieben und sehen als kennen lernen wollt, wie ihrs auch bei Mannern unter dem Monde tut. Es ist leider kein Geheimnis, beste Schwester, dass schon tausend Madchen kopulieret und beerdigt worden, die jene silberne Welt droben wirklich fur nichts anders gehalten haben als fur einen recht hubschen Suppenteller von himmlischen Zinn, das mit dem Monds-Mann, wie das englische mit einem Engel, gestempelt ist. Beste, es ist sogar die Frage, ob du es selber noch weisst, dass der Mond um wenige Meilen kleiner ist als Asien. Wie oft musst' ich dirs am Fensterstocke vorsingen, ehe du es behieltest, dass nicht nur sein Tag einen halben Monat wahrt, sondern auch was sich noch eher horen lasset seine Nacht, so dass also da ein lustiges Madchen, das von der Mutter schon um Mitternacht vom Balle nach Haus gezerret wurde, doch wenigstens seine guten anderthalbhundert Stunden gewalzt und geschliffen hatte! Sage mir einmal, Philippine, ob du es noch im Kopfe hast, dass der Mond oder vielmehr seine Leute in einer so langen Nacht so gut wie wir sehen und promenieren wollen und dass sie also einen grossern Mond bedurfen als wir, wenigstens keinen schmalern, als ein massiges Kutschenrad ist! Ich hab' es von guter Hand, dass du es nicht mehr weisst, was der Mond fur einen Mond uber sich sehe Unsere Erde ist seiner, Flatterhafte, und kommt ihnen droben nicht grosser vor als ein Brautkuchen. Ich setze hier wegen meiner folgenden Erzahlung noch das hinzu, dass wir ihnen kein Licht (Mond- oder Erdschein) hinaufwerfen konnen, wenn wir hier unten selber keines haben, welches der Fall bei der Sonnenfinsternis ist; daher konnen die Mondsohne bei unserer Sonnenfinsternis nicht anders sagen als: "Wir haben heute eine Erdfinsternis."

Ich bitte dich recht sehr, Philippine, lies diese Personalien des Mondes, auf die die ganze phantasierende Erzahlung fusset, deinen Zuhorerinnen einige zwanzig Male vor: sonst ist euch alles entfallen, eh' ich nur angefangen.

Uberhaupt verdenk' ichs euern Eltern ungemein, dass sie euch statt des Franzosischen, das euch wie ein Bund Titularkammerherrn-Schlussel nur zum Klingeln des seelenverderbenden Parlierens und nie zum Aufsperren eines einzigen franzosischen Buches nutzt, weil euch Ritterromane lieber sind, dass sie euch, sag' ich, nicht lieber haben Sternkunde lernen lassen, sie, die dem Menschen ein erhabenes Herz gibt und ein Auge, das uber die Erde hinausreicht, und Flugel, die in die Unermesslichkeit heben, und einen Gott, der nicht endlich, sondern unendlich ist.

Man darf uber alles unter dem Monde und uber ihn selber Phantasien haben, wenn man nur nicht die Phantasien fur Wahrheiten nimmt oder das Schattenspiel fur ein Bilderkabinett oder das Bilderkabinett fur ein Naturalienkabinett. Der Astronom inventiert und taxiert den Himmel und fehlet um wenige Pfunde; der Dichter moblieret und bereichert ihn; jener fasset das Flurbuch von Auen ab, worein dieser Perlenbache leitet samt einigen Goldfischchen; jener legt Messschnure, dieser Girlanden um den Mond auch um die Erde. Also kannst du recht gut, Liebe, dich mit deinen Nah-Schulkameradinnen auf einen Lindenaltan begeben und ihnen Phantasien wie meine geruhrt vorlesen, wenns nur nicht am hellen lichten Tage geschieht und wenn nur nicht der Gottesdienst der Mutterkirche der Erde uber das Mondsfilial vergessen wird.

Du aber, du milde, blasse Gestalt, an die ich so oft blicke, um mein Herz zu mildern die so bescheiden schimmert und so bescheiden macht die ihren Wert nur dem stillen Himmel zeigt, nicht der lauten Erde und zu der ich das Auge gern aufhebe, wenn ein paar Tropfen zu viel darin stehen, die in den auf der Erinnerung bluhenden Herbstflor der Freuden niederfallen, und vor der ich am liebsten an das uber die Wolken geruckte Mutterland unserer verpflanzten Wunsche denke, du gute Gestalt!.... Philippine, es tut dem Herzen deines Bruders wohl, dass es zweifelhaft ist, wen er hier angeredet habe, ob den Mond oder dich. Einen solchen Zweifel zu verdienen, Schwester, ist so schon, dass ich nur noch etwas Schoners kenne: namlich, ihn gar zu benehmen, indem man sich vom Monde in nichts unterscheidet als in den Flecken und in der Veranderlichkeit.

Ich bin, wiewohl bloss mit dem letzteren Unterschiede,

dein Bruder

*

Die Erzahlung

Als ich zum ersten Male, Eugenius und Rosamunde, denen ich den wahren Namen nicht mehr geben darf, eure kleine Geschichte erzahlen wollte, gingen meine Freunde und ich in einen englischen Garten. Wir kamen vor einem neubemalten Sarg vorbei, auf dessen Fussbrett stand: "Ich gehe voruber." Uber den grunenden Garten ragte ein weisser Obelisk hervor, womit zwei verschwisterte Furstinnen die Stelle ihrer Wiedervereinigung und Umarmung bezeichneten und an dem die Inschrift war: "Hier fanden wir uns wieder." Die Spitze des Obeliskus blinkte schon im Vollmond; und hier erzahlte ich die einfache Geschichte. Du aber, lieber Leser, ziehe welches so viel als Sarg und Obeliskus ist die Unterschrift des Sarges in die Asche der Vergangenheit, und die Buchstaben des Obeliskus zeichne mit warmem edelm Herzensblute in dein Inneres.

Manche Seelen entfallen dem Himmel wie Bluten; aber mit den weissen Knospen werden sie in den Erdenschmutz getreten und liegen oft besudelt und zerdruckt in den Fussstapfen eines Hufs. Auch ihr wurdet zerdruckt, Eugenius und Rosamunde! Zarte Seelen wie euere werden von drei Raubern ihrer Freuden angefallen: vom Volke, dessen rohe Griffe ihrem weichen Herzen nichts als Narben geben vom Schicksal, das an einer schonen Seele voll Glanz die Trane nicht wegnimmt, weil sonst der Glanz verginge, wie man den feuchten Demant nicht abwischt, damit er nicht erbleiche vom eignen Herzen, das zu viel bedarf, zu wenig geniesset, zu viel hofft, zu wenig ertragt. Rosamunde war eine vom Schmerz durchbohrte helle Perle abgetrennt von den Ihrigen, zuckte sie nur noch bei Leiden fort, wie ein abgeschnittener Zweig der Sensitive bei Einbruch der Nacht ihr Leben war ein stiller warmer Regen, so wie das ihres Gatten ein heller heisser Sonnenschein sie kehrte vor ihm ihre Augen weg, wenn sie gerade auf ihrem zweijahrigen siechen Kinde gewesen waren, das in diesem Leben ein dunngeflugelter wankender Schmetterling unter einem Schlagregen war. Eugenius' Phantasie zerschlug mit ihren zu grossen Flugeln das zu weiche dunne Korpergewebe; die Lilienglocke des zarten Leibes fasste seine machtige Seele nicht; der Ort, wo die Seufzer entstehen, seine Brust, war zerstort wie sein Gluck; er hatte nichts mehr in der Welt als sein liebendes Herz und nur noch zwei Menschen fur dieses Herz.

Diese Menschen wollten im Fruhling aus dem Strudel der Menschen gehen, der so hart und kalt an ihre Herzen anschlug: sie liessen sich eine stille Sennenhutte auf einer hohen Alpe, die der Silberkette des Staubbachs gegenuberlag, bereiten. Am ersten schonen Fruhlingsmorgen traten sie den langen Weg zur hohen Alpe an. Es gibt eine Heiligkeit, die nur die Leiden geben und lautern; der Strom des Lebens wird schneeweiss, wenn ihn Klippen zersplittern. Es gibt eine Hohe, wo zwischen die erhabenen Gedanken nicht einmal mehr kleine treten, wie man auf einer Alpe die Berggipfel nebeneinander stehen sieht ohne ihre Verknupfung durch Tiefen. Du hattest jene Heiligkeit, Rosamunde, und du diese Hohe, Eugenius! Um den Fuss der Alpe zog ein Morgennebel, in dem drei flatternde Gestalten hingen: die Spiegelbilder der drei Reisenden waren es, und die scheue Rosamunde erschrak und dachte, sie sehe sich selber. Eugenius dachte: was der unsterbliche Geist umhat, ist nur ein dickerer Nebel. Und das Kind griff nach der Wolke und wollte spielen mit seinem kleinen Bruder aus Nebel. Ein einziger unsichtbarer Engel der Zukunft ging mit ihnen durch das Leben und auf den Berg: sie waren so gut und einander so ahnlich, dass sie nur einen Engel brauchten.

Unter dem Steigen schlug der Engel das Buch des Schicksals auf, worin ein Blatt der Abriss eines dreifachen Lebens war jede Zeile war ein Tag und als der Engel die heutige Zeile gelesen hatte, so weinte er und schloss das Buch auf ewig.

Die Schwachen bedurften beinahe einen Tag zur Ankunft. Die Erde kroch zuruck in die Taler, der Himmel lagerte sich auf die Berge. Die mude, nur blinkende Sonne wurde unserem Eugenius der Spiegel des Mondes; er sagte, als schon die Eisgeburge Flammen uber die Erde warfen, zu seiner Geliebten: "Ich bin so mude und doch so wohl. Ist es uns so, wenn wir aus zwei Traumen gehen, aus dem Traum des Lebens und aus dem Traum des Todes, wenn wir einmal in den wolkenlosen Mond als die erste Kuste hinter den Orkanen des Lebens treten?"- Rosamunde antwortete: "Noch besser wird uns sein; denn im Monde wohnen ja, wie du mich lehrest, die kleinen Kinder dieser Erde, und ihre Eltern bleiben so lange unter ihnen, bis sie selber so mild und ruhig sind wie die Kinder, und dann ziehen sie weiter." "Von Himmel zu Himmel, von Welt zu Welt!" sagte erhoben Eugenius.

Sie stiegen, wie die Sonne sank: wenn sie trager klimmten, so schlugen Berggipfel wie losgebundene auffahrende Zweige verhullend vor die Sonne. Dann eilten sie in den hinaufruckenden Abendschimmer nach; aber als sie auf der Sennenalpe waren, traten die ewigen Berge vor die Sonne dann verhullte die Erde ihre Graber und Stadte anbetend vor dem Himmel, eh' er sie mit allen Sternenaugen ansah, und die Wasserfalle legten ihre Regenbogen ab und hoher breitete die Erde dem Himmel, der sich uber sie hereinbog mit ausgestreckten Wolkenarmen, einen Flor aus Goldduft unter und hing ihn von einem Geburge zum andern und die Eisberge waren angezundet, damit sie bis in die Mitternacht gluhten, und ihnen gegenuber war auf dem Grabe der Sonne ein Scheiterhaufen von Gewolk aus Abend-Glut und Abendasche aufgeturmt. Durch den glimmenden Flor aber liess der gute Himmel seine Abendtranen tief in die Erde hinunterfallen, bis auf das niedrigste Grab, bis auf die kleinste Blume darauf.

O Eugenius, wie gross musste jetzt deine Seele werden! Das Erdenleben lag entfernt und in der Tiefe vor dir ohne alle die Verzerrungen, die wir daran sehen, weil wir zu nahe davor stehen, so wie die Dekorationen kurzerer Szenen in der Nahe aus Landschaften zu ungestalten Strichen werden.

Die zwei Liebenden umarmten sich sanft und lange vor der Hutte, und Eugenius sagte: "O stiller, ewiger Himmel, jetzt nimm uns nichts mehr!" Aber sein blasses Kind stand mit dem geknickten Lilienhaupte vor ihm, er sah die Mutter an, und diese lag mit dem weiten feuchten Auge im Himmel und sagte leise: "Oder nimm uns alle auf einmal!"

Der Engel der Zukunft, den ich den Engel der Ruhe nennen will, weinte lachelnd, und sein Flugel verwehte mit einem Abendluftchen die Seufzer der Eltern, damit sie einander nicht traurig machten.

Der transparente Abend floss um die rote Alpe wie ein heller See und spulte sie mit den Zirkeln kuhler Abendwogen an. Je mehr sich der Abend und die Erde stillte, desto mehr fuhlten die zwei Seelen, dass sie am rechten Orte waren: sie hatten keine Trane zu viel, keine zu wenig, und ihr Gluck hatte keine andere Vermehrung vonnoten als seine Wiederholung. Eugenius liess in den reinen Alpenhimmel die ersten Harmonikatone wie Schwanen fliessen. Das mude Kind spielte, in einem Ringe von Blumen eingefasset, an eine Sonnenuhr gelehnt, mit den Blumen, die es um sich auszog, um sie in seinen Zirkel einzuschlichten. Endlich wurde die Mutter aus der harmonischen Entzuckung wach ihr Auge fiel in die grossen, weit auf sie gerichteten Augen ihres Kindes , singend und anlachelnd und mit uberschwellender Mutterliebe tritt sie zum kleinen Engel, der kalt war und gestorben. Denn sein vom Himmel herabgesenktes Leben war im Dunstkreis der Erde auseinandergeflossen wie andere Tone der Tod hatte den Schmetterling angehaucht, und dieser stieg aus den reissenden Luftstromen in den ewigen ruhenden Ather auf, von den Blumen der Erde zu den Blumen des Paradieses.

O flattert immer davon, selige Kinder! Euch wiegt der Engel der Ruhe in der Morgenstunde des Lebens mit Wiegenliedern ein zwei Arme tragen euch und euern kleinen Sarg, und an einer Blumenkette gleitet euer Leib mit zwei Rosenwangen, mit einer Stirn ohne Gram-Einschnitte und mit weissen Handen in die zweite Wiege herab, und ihr habt die Paradiese nur getauscht. Aber wir, ach wir brechen zusammen unter den Sturmwinden des Lebens, und unser Herz ist mude, unser Angesicht zerschnitten von irdischem Kummer und irdischer Muh', und unsere Seele klammert sich noch erstarret an den Erdenkloss!

Du wende dein Auge weg von Rosamundens durchstechendem Schrei, starrendem Blick und versteinernden Zugen, du, wenn du eine Mutter bist und diesen Schmerz schon gehabt hast schaue nicht auf die Mutter, die mit sinnloser Liebe die Leiche hart an sich quetschet, die sie nicht mehr erdrucken kann, sondern auf den Vater, der seine Brust uber sein kampfendes Herz schweigend deckt, ob es gleich der schwarze Kummer mit Otterringen umzog und mit Otterzahnen vollgoss. Ach als er den Schmerz davon endlich weggehoben hatte, war das Herz vergiftet und aufgelost. Der Mann verbeisset die Wunde und erliegt an der Narbe das Weib bekampft den Kummer selten und uberlebt ihn doch. "Bleibe hier" (sagt' er mit uberwaltigter Stimme) "ich will es zur Ruhe legen, eh der Mond aufgeht." Sie sagte nichts, kusste es stumm, zerbrockelte seinen Blumenring, sank an die Sonnenuhr und legte das kalte Angesicht auf den Arm, um das Wegtragen des Kindes nicht zu sehen.

Unterweges erhellete das Morgenrot des Mondes den wankenden Saugling; der Vater sagte: "Brich herauf, Mond, damit ich das Land sehe, wo Er wohnet. Steig empor, Elysium, damit ich mir darin die Seele der Leiche denke o Kind, Kind, kennst du mich, horst du mich ach hast du droben ein so schones Angesicht wie deines da, einen so schonen Mund o du himmlischer Mund, du himmlisches Auge, kein Geist zieht mehr in dich."- Er bettete dem Kinde statt alles dessen, worauf man uns zum letzten Male legt, Blumen unter; aber sein Herz brach, als er die blassen Lippen, die offnen Augen mit Blumen und mit Erde uberdeckte, und ein Strom von Tranen fiel zuerst ins Grab. Als er mit der grunenden Rinde der Erdschollen die kleine Erhebung uberbauet hatte: fuhlte er, dass er von der Reise und dem Leben mude sei und dass in der dunnen Bergluft seine kranke Brust einfalle; und das Eis des Todes setzte sich in seinem Herzen an. Er blickte sich sehnend nach der verarmten Mutter um diese hatte schon lange hinter ihm gezittert , und sie fielen einander schweigend in die Arme, und ihre Augen konnten kaum mehr weinen.

Endlich quoll hinter einem ausglimmenden Gletscher der verklarte Mond einsam uber die zwei stummen Unglucklichen herauf und zeigte ihnen seine weissen unbesturmten Auen und sein Dammerlicht, womit er den Menschen besanftigt. "Mutter! blick auf," (sagte Eugenius) "dort ist dein Sohn sieh, dort uber den Mond gehen die weissen Blutenhaine hin, in denen unser Kind spielen wird." Jetzt fullete ein brennendes Feuer verzehrend sein Inneres sein Auge erblindete am Monde gegen alles, was kein Licht war, und im Lichtstrome walleten erhabene Gestalten vor ihm voruber, und neue Gedanken, die im Menschen nicht einheimisch sind und die fur die Erinnerung zu gross sind, horte er in seiner Seele, wie im Traume oft Melodien vor den Menschen kommen, der im Wachen keine schaffen kann. Der Tod und die Wonne druckten seine schwere Zunge: "Rosamunde, warum sagst du nichts? Siehst du dein Kind? Ich schaue hinuber uber die lange Erde, bis dahin, wo der Mond angeht: da flieget mein Sohn zwischen Engeln. Hohe Blumen wiegen ihn der Erden -Fruhling weht uber ihn Kinder fuhren ihn Engel lehren ihn Gott liebt ihn O du Guter, du lachelst ja, das Silberlicht des Paradieses fliesset ja himmlisch um deinen kleinen Mund, und du kennst niemand und rufest deine Eltern Rosamunde, gib mir deine Hand, wir wollen kommen und sterben."

Die dunnen Korperfesseln wurden langer. Sein ziehender Geist flatterte hoher an den Grenzen des Lebens. Er fassete die Betaubte mit zuckender Kraft und lallete erblindend und sinkend: "Rosamunde, wo bist du? Ich fliege ich sterbe wir bleiben beisammen."

Sein Herz zerriss, sein Geist entflog. Aber Rosamunde blieb nicht bei ihm, sondern das Schicksal riss sie aus der sterbenden Hand und warf sie lebendig auf die Erde zuruck. Sie fuhlte seine Hand an, ob sie totenkalt sei: und da sie es war, so legte sie sie sanft auf ihr Herz, fiel langsam auf ihre brechenden Knie, hob ihr Angesicht unaussprechlich ausgeheitert gegen die Sternennacht hinauf, ihre Augen drangen aus den tranenleeren Hohlen trocken, gross und selig in den Himmel und schaueten darin ruhig nach einer uberirdischen Gestalt umher, die herunterfliegen und sie emportragen werde. Sie wahnte fest, sie sterbe sogleich, und betete: "Komm nun, Engel der Ruhe, komm und nimm mein Herz und bring es meinen Geliebten hinauf Engel der Ruhe, lass mich nicht so lange allein unter den Leichen o Gott! ist denn nichts Unsichtbares um mich? Engel des Todes, du musst hier sein, du hast ja erst neben mir zwei Seelen abgerissen und steigen lassen. Ich bin auch gestorben, ziehe nur meine gluhende Seele aus ihrem knienden kalten Leichnam!"

Sie blickte mit einer wahnsinnigen Unruhe im leeren Himmel herum. Plotzlich entbrannte in seiner stillen Wuste ein Stern und schlangelte sich gegen die Erde zu. Sie breitete ihre entzuckten Arme aus und glaubte, der Engel der Ruhe schwinge sich hinein. Ach der Stern verging, aber sie nicht. "Noch nicht? Sterb' ich noch nicht, Allgutiger?" seufzete die Arme.

In Osten richtete sich eine Wolke empor fuhr uber den Mond hinauf und zog einsam am heitern Himmel heran und stand uber der gequaltesten Brust der Erde. Diese bog das Haupt zuruck und zu ihr hinauf und bat flehend den Blitz: "Schlag ein in diese Brust und erlose mein Herz!" Aber als die Wolke finster uber das zuruckgedruckte Haupt hinuberging und den Himmel hinunterfloh und hinter den Gebirgen versank: so rief sie mit tausend Tranen: "Sterb' ich nicht, sterb' ich nicht?"...

Du Arme, nun rollte sich der Schmerz zusammen und tat den erzurnten Schlangensprung an deine Brust und druckte alle seine Giftzahne hinein. Aber ein weinender Geist goss das Opium der Ohnmacht uber dein Herz, und die Krampfe der Pein zerflossen in ein sanftes Zucken.

Ach sie erwachte am Morgen, aber zerruttet; sie sah noch die Sonne und den Toten, aber ihr Auge hatte alle Tranen, ihr zersprungenes Herz gleich einer zerborstenen Glocke alle Tone verloren: sie murmelte bloss: "Warum darf ich nicht sterben?" Sie ging kalt in die Hutte zuruck und sagte nichts weiter als diese Worte. Jede Nacht ging sie eine halbe Stunde spater zum Leichnam und traf jedesmal mit dem aufgehenden zerstuckten Monde zusammen und sagte, indem sie ohne Tranen das Trauerauge an seine Dammerungsauen andruckte: "Warum darf ich nicht sterben?"

Jawohl! warum darfst du es nicht, gute Seele, da die kalte Erde aus allen deinen Wunden den heissen Gift ausgesogen hatte, womit das Menschenherz unter sie geleget wird, wie die Hand in der Erde vom Bienenstich geneset? Aber ich wende mein Auge weg von diesem Schmerz und sehe hinauf auf den schimmernden Mond, wo Eugenius die Augen aufschlagt unter lachelnden Kindern, und sein eignes fallet geflugelt auf sein Herz.... Wie ist alles so still im dammernden Vorhof der zweiten Welt ein Nebelregen von Licht ubersilbert die hellen Gefilde des ersten Himmels, und Lichtkugelchen hangen statt des funkelnden Taues um Bluten und Gipfel das Blau des Himmels19 blahet sich dunkler uber die Lilien-Ebenen, alle Melodien sind in den dunnern Luften nur zerflossene Echo nur Nachtblumen duften und gaukeln wankend um ruhige Blicke die schwankenden Ebenen wiegen die hier zerstossenen Seelen, und die hohen Lebenswogen fallen gleitend auseinander da ruht das Herz, da trocknet das Auge, da verstummet der Wunsch Kinder flattern wie Bienengetone um die noch pochende, in Blumen eingesenkte Brust, und der Traum nach dem Tode spielet das Erdenleben, wie ein hiesiger Traum die hiesige Kindheit, magisch, stillend, kummerfrei und gemildert nach....

Eugenius blickte aus dem Monde nach der Erde, die an dem langen Mondstag aus zwei Erdenwochen wie eine weisse dunne Wolke im blauen Himmel schwebte; aber er erkannte sein altes Mutterland nicht. Endlich ging auf dem Monde die Sonne unter, und unsere Erde ruhte unbeweglich, gross und schimmernd am reinen Horizont des Elysiums und ubergoss wie das Wasserrad einer Aue den wehenden elysischen Garten mit fliessendem Schimmer. Da erkannte er die Erde, auf der er in einer so geliebten Brust, ein so bekummertes Herz zuruckgelassen, und seine in Wonne ruhende Seele wurde voll Wehmut und voll unendlicher Sehnsucht nach der Geliebten des alten Lebens, die noch drunten litt. "O, meine Rosamunde! warum ziehest du nicht aus einer Kugel fort, wo dich nichts mehr liebt?" und er blickte bittend den Engel der Ruhe an und sagte: "Geliebter! nimm mich aus dem Lande der Ruhe und fuhre mich hinab zu der treuen Seele, damit ich sie sehe und wieder Schmerzen habe, damit sie nicht allein sich quale."

Da fing plotzlich sein Herz gleichsam ohne Banden zu schwimmen an Lufte flatterten um ihn, als wenn sie ihn im Fliehen hoben und ihn schwellend verwehten und in Fluten verhullten er sank durch Abendroten wie durch Blumen, und durch Nachte wie durch Lauben, und durch einen nassen Dunstkreis, und sein Auge wurde darin voll Tropfen dann lispelte es um ihn, als kamen alte Traume aus der Kindheit wieder dann zog eine Klage aus der Ferne naher, die alle seine geschlossenen Wunden aufschnitt die Klage wurde Rosamundens Stimme endlich stand sie selber vor ihm, unkenntlich, allein, ohne Trost, ohne Trane, ohne Farbe....

Und Rosamunde traumte auf der Erde, und ihr war, als wenn die Sonne sich beflugle und ein Engel werde und der Engel, traumte ihr, ziehe den Mond hernieder, der ein sanftes Angesicht werde und unter dem annahernden Angesicht bilde sich endlich ein Herz Es war Eugenius; und seine Geliebte hob sich entgegen, und als sie entzuckt ausrief: "Nun bin ich gestorben!" verschwanden die zwei Traume, der ihrige und der seinige, und die zwei Menschen waren wieder getrennt.

Eugenius erwachte droben, die schimmernde Erde stand noch am Himmel, sein Herz war beklommen, sein Auge erhitzt von einer Trane, die nicht auf den Mond gefallen war. Rosamunde erwachte unten, und ein grosser warmer Tautropfen hing in einer Blume ihres Busens da fiel der heisse Nebel ihrer Seele in einem leisen Tranenregen nieder, ihr Inneres wurde leicht und sonnenhell, ihr Auge hing sanft am tagenden Himmel, die Erde war ihr fremd, aber nicht verhasst, und ihre beiden Hande bewegten sich, als fuhrten sie die, die ihr gestorben waren....

Der Engel der Ruhe sah auf den Mond, er sah auf die Erde und wurde weich uber die Seufzer der Menschen. Er sah auf der Morgenerde eine Sonnenfinsternis und eine Verlassene, er sah Rosamunden in der voruberfliegenden Nacht auf die Blumen, die unter der Verfinsterung einschliefen, und in den kalten Abendtau, der in den Morgentau fiel, umsinken und die Hande ausstrecken gegen den eingeschatteten Himmel voll ziehender Nachtvogel und mit unendlichem Sehnen aufblicken zum Monde, der bebend in der Sonne schwebte. Der Engel sah auf den Mond, und neben ihm weinte der Selige, der die Erde tief unter einer Schattenflut schwimmend und in einen Feuerring geschmiedet erblickte, und dem die wimmernde Gestalt, die noch auf ihr wohnte, die ganze Seligkeit des Himmels nahm. Da brach dem Engel des Friedens das himmlische Herz er ergriff Eugenius' Hand und des Kindes seine riss beide durch die zweite Welt und trug sie auf die finstere Erde herab. Rosamunde sah im Dunkel drei Gestalten wandeln, deren Schimmer an den Sternenhimmel anschlug und oben mit ihnen ging ihr Geliebter und ihr Kind flogen wie Fruhlinge an ihr Herz und sagten eilend: "O Teuere, geh mit uns!" Ihr Mutterherz zersprang vor Mutterliebe das Erdenblut stockte ihr Leben war aus selig, selig stammelte sie an den zwei geliebten Herzen: "Darf ich denn noch nicht sterben?" "Du bist schon gestorben," sagte der freudig weinende Engel der drei Liebenden, "und dort steht die Erdkugel, aus der du kommest, noch im Schatten"... Und die Wellen der Wonne schlugen hoch uber die selige Welt zusammen, und alle Gluckliche und alle Kinder sahen unsere Kugel an, die noch im Schatten zitterte.

*

Ja wohl ist sie im Schatten. Aber der Mensch ist hoher als sein Ort: er sieht empor und schlagt die Flugel seiner Seele auf, und wenn die sechzig Minuten, die wir sechzig Jahre nennen, ausgeschlagen haben: so erhebt er sich und entzundet sich steigend, und die Asche seines Gefieders fallet zuruck, und die enthullte Seele kommt allein, ohne Erde und rein wie ein Ton, in der Hohe an Hier aber sieht er mitten im verdunkelten Leben die Gebirge der kunftigen Welt im Morgengolde einer Sonne stehen, die hienieden nicht aufgeht: so erblickt der Einwohner am Nordpol in der langen Nacht, wo keine Sonne mehr aufsteigt, doch um zwolf Uhr ein verguldendes Morgenrot an den hochsten Bergen, und er denkt an seinen langen Sommer, wo niemals untergeht.

Des Quintus Fixlein Leben bis auf unsere

Zeiten;

in funfzehn Zettelkasten

Erster Zettelkasten

Hundstagsferien Visiten eine Hausarme von Adel Egidius Zebedaus Fixlein war gerade acht Tage wirklicher Quintus gewesen und hatte sich warm dozieret, als das Gluck ihm vier erquickende, mit Blumen und Streuzucker uberschuttete Kollationen und Gange auf den Esstisch setzte: es waren die vier Kanikularwochen. Ich mochte noch den Totenkopf des guten Mannes streicheln, der die Hundsferien erfand; ich kann nie in ihnen spazieren gehen, ohne zu denken: jetzt richten sich im Freien tausend gekrummte Schulleute empor, und der harte Ranzen liegt abgeschnallet zu ihren Fussen, und sie konnen doch suchen, was ihre Seele lieb hat, Schmetterlinge oder Wurzeln von Zahlen oder die von Worten oder Krauter oder ihre Geburtsdorfer.

Seines suchte unser Fixlein. Er ruckte aber erst am Sonntage denn man will auch wissen, wie Ferien in der Stadt schmecken mit seinem Pudel und einem Quintaner, der seinen grunen Schlafrock trug, aus dem Stadttor aus: es tauete noch, und als er schon hinter den Garten lief, stiessen erst die Waisenhauskinder mit einem Morgenliede in die Kehlen aus Trompetentextur. Die Stadt hiess Flachsenfingen, das Dorf Hukelum, der Hund Schill und die Jahrszahl 1791.

"Mannlein,". (sagt' er zum Quintaner; denn er redete gern wie die Liebe, die Kinder und die Wiener in Diminutiven) "Mannlein, gib mir den Bundel her bis ans Dorf lauf dich aus und suche dir einen kleinen Vogel, wie du bist, damit du was zu atzen hast unter den Ferien."- Denn das Mannlein war zugleich sein Edelknabe Zimmerfrotteur Stubenkamerad Gesellschaftkavalier und Laufmadchen; und der Pudel war zugleich sein Mannlein.

Er schritt langsam fort durch die mit kouleurten Tau-Glaskugelchen vollgehangenen, gekrauselten Kohlbeete und sah den Gebuschen zu, aus denen, wenn sie der Morgenwind auseinanderzob, ein Flug Juwelenkolibri aufzusteigen schien, so funkelten sie. Er zog von Zeit zu Zeit die Klingschnur des Pfeifens, damit sich der Kleine nicht versprange, und kurzte sich seine anderthalbe Stunden dadurch ab, dass er den Weg nicht nach ihnen, sondern nach Dorfern ausmass. Es ist angenehmer fur den Fussganger fur den Geographen gar nicht , nach Wersten als nach Meilen zu rechnen. Unterweges lernte der Quintus die wenigen Felder auswendig, worauf schon geschnitten war.

Aber jetzt streife noch langsamer, Fixlein, durch den Herrschaftsgarten von Hukelum, nicht etwa deswegen, damit du mit deinem Rocke keine Tulpenstaubfaden abburstest, sondern damit deine gute Mutter nur so viel Zeit gewinne, um ihre Amorsbinde von schwarzem Taft um die glatte Stirn zu legen. Es argert mich, dass es der guten Frau die Leserinnen ubelnehmen, dass sie die Binde erst platten will: sie mussen nicht wissen, dass sie keine Magd hat und dass sie heute das ganze Meisteressen die Geldprastationen dazu hatte der Gast drei Tage vorher ubermacht allein, ohne eine Erbkuchenmeisterin beschicken musste. Und uberhaupt tragt der dritte Stand (sie war eine Kunstgartnerin) allemal wie ein Rebhuhn die Schalen des Werkeltags-Eies, aus dem er sich hackt, noch unter der Vormittagskirche am Steisse herum.

Man kann sich denken, wie die herzensgute Mutter den ganzen Morgen auf ihren Schulherrn mag gelauert haben, den sie liebte wie ihren Augapfel, da sie auf der ganzen vollen Erde niemand weiter Mann und erster Sohn waren gestorben fur ihre in Liebe uberquellende Seele hatte, niemand weiter als ihren Zebedaus. Konnte sie jemals irgend etwas von ihm erzahlen, ich meine nur etwas Freudiges, ohne zehnmal die Augen abzuwischen? Verschnitt sie nicht einmal ihren einzigen Kirmeskuchen an zwei Bettelstudenten, weil sie dachte, Gott strafe sie, dass sie so schmause, indes ihr Kind in Leipzig nichts zu beissen habe und an den Kuchengarten nur wie an andere Garten rieche?

"Tausend! Du bists schon, Zebedaus!" sagte die Mutter und lachelte verlegen, um nicht zu weinen, als der Sohn, der sich unter dem Fenster weggeduckt und an die mit Grummet gepolsterte Tur nicht angeklopft hatte, plotzlich eingetreten war. Sie konnte vor Vergnugen den Plattstein nicht in die Platte schutteln, da der vornehme Schulmann sie unter dem lauten Sieden des Bratens zartlich auf die nackte Stirn kusste und gar Mama sagte welcher Name sich an sie so weich anlegte wie ein Herzkissen. Alle Fenster waren offen, und der Garten war mit seinem Blumenrauche und Vogelgeschrei und Schmetterlingssammlungen fast halb in der Stube: ich werde aber noch nicht berichtet haben, dass das kleine Gartnerhauschen, das mehr eine Stube als ein Haus war, in der westlichen Landspitze des Schlossgartens belegen war. Der Edelmann liess die Witwe aus Gnaden diesen Witwensitz behalten, weil der Sitz ohnehin leer gestanden ware, da er keinen Gartner mehr hielt.

Fixlein konnt' aber trotz der Freude nicht lange bleiben, weil er in die Kirche musste, die fur seinen geistigen Magen eine Hofkuche, eine mutterliche war. Ihm gefiel eine Predigt, bloss weil sie eine Predigt war und weil er schon eine gehalten hatte. Der Mutter wars recht: die guten Weiber glauben schon die Gaste zu geniessen, wenn sie ihnen nur zu geniessen geben.

Er lachelte im Chore, diesem Freihafen und Heidenvorhof auslandischer Kirchenganger, alle imparochierte an und schauete wie in seiner Kindheit unter dem Holzfittich eines Erzengels herab auf das gehaubte Parterre. Seine Kinderjahre schlossen ihn jetzt wie Kinder in ihren lachelnden Kreis, und eine lange Girlande durchflocht sie ringelnd, und sie rupften zuweilen Blumen daraus, um sie ihm ins Gesicht zu werfen: stand nicht auf dem Kanzel-Parnass der alte Senior Astmann, der ihn so oft geprugelt hatte, weil er bei ihm das Griechische aus einer lateinisch edierten Grammatik schopfen musste, die er nicht exponieren, obwohl merken konnte? Stand nicht hinter der Kanzeltreppe die Sakristei-Kajute, worin eine Kirchenbibliothek von Bedeutung ein Schulknabe hatte sie gar nicht in seinen Bucherriemen schnallen konnen unter dem Grauwerk von Pastell-Staub eigentlich lag? und bestand sie nicht noch aus der Polyglotta in Folio, die er angefrischt durch Pfeiffers critica sacra in fruhern Jahren Blatt fur Blatt umgeschlagen hatte, um daraus die litteras inversas, majusculas, minusculas etc. mit der grossten Muhe zu exzerpieren? Er hatt' aber heute lieber als morgen dieses Buchstaben-Rauchfutter in einen hebraischen Schriftkasten werfen sollen, an den die orientalischen Rhizophagen gehangen sind, da sie ohnehin fast ohne alles Vokalen-Hartfutter erhalten werden. Stand nicht neben ihm der Orgelstuhl als der Thron, auf den ihn allemal an Aposteltagen der Schulmeister durch drei Winke gesetzt hatte, damit er durch ein platscherndes Murki den Kirchensprengel tanzend die Treppen niederfuhrte?

Die Leser werden selber immer lustiger werden, wenn sie jetzt horen, dass unser Quintus vom Senior, dem geistlichen Ortskurfursten, unter dem Ausschutten des Klingelbeutels invitiert wird auf Nachmittag; und es wird ihnen so lieb sein, als invitierte der Senior sie selber. Was werden sie aber erst sagen, wenn sie mit dem Quintus zur Mutter und zum Esstisch, die beide schon den weissen gewurfelten Sonntagsanzug umhaben, nach Hause kommen und den grossen Kuchen erblicken, den Fraulein Thiennette (Stephanie) von der Backscheibe laufen lassen? Sie werden aber freilich zuallererst wissen wollen, wer die ist.

Sie ist denn wenn man (nach Lessing) eben uber die Vortrefflichkeit der Iliade die Personalien ihres Verfassers vernachlassigte: so mag das wohl auf das Schicksal mehrerer Verfasser, z.B. auf mein eignes passen; aber die Verfasserin des Kuchens soll uber ihr Backwerk nicht vergessen werden Thiennette ist ein hausarmes, insolventes Fraulein hat nicht viel, ausgenommen Jahre, deren sie funfundzwanzig hat besitzt keine nahen Anverwandten mehr hat keine Kenntnisse (da sie nicht einmal den Werther aus Buchern kennt) als okonomische lieset keine Bucher, meine gar nicht bewohnt, d.h. bewacht als Schlosshauptmannin ganz allein die dreizehn oden erledigten Zimmer des Schlosses zu Hukelum, das dem im Filial Schadeck sesshaften Dragonerrittmeister Aufhammer zugehoret kommandieret und bekostigt seine Froner und Magde und kann sich von Gottes Gnaden welches im dreizehnten Jahrhunderte die landsassigen Edelleute so gut wie die Fursten taten schreiben, weil sie von menschlicher Gnade lebt, wenigstens von der adeligen der Rittmeisterin, die allemal die Untertanen segnet, denen ihr Mann flucht. Aber in der Brust der verwaiseten Thiennette hing ein verzuckertes Marzipanherz, das man vor Liebe hatte fressen mogen ihr Schicksal war hart, aber ihre Seele weich sie war bescheiden, hoflich und furchtsam, aber zu sehr sie nahm schneidende Demutigungen gern und kalt in Schadeck auf und fuhlte keinen Schmerz, aber einige Tage darauf sann sie sich erst alles aus, und die Einschnitte fingen heiss an zu bluten, wie Verwundungen in der Starrsucht erst nach dem Vorubergang der letztern schmerzen, und sie weinte dann ganz allein uber ihr Los....

Es wird mir schwer, wieder einen hellen Klang zu geben nach diesem tiefen und hinzuzufugen, dass Fixlein fast mit ihr auferzogen wurde und dass sie, als seine Schul-Moitistin druben beim Senior, da er ihn fur die Stadtebank der Tertianer stimmfahig machte, mit ihm die verba anomala erlernte.

Das Achilles-Schild des Kuchens, den ein erhobnes Bildwerk von braunen Schuppen auszackte, ging im Quintus als ein Schwungrad hungriger und dankbarer Ideen um: er hatte von jener Philosophie, die das Essen verachtet, und von jener grossen Welt, die es verschleudert, nicht so viel bei sich, als zur Undankbarkeit der Weltweisen und Weltleute gehort, sondern er konnte sich fur eine Schlachtschussel, fur ein Linsengericht gar nicht satt bedanken.

Unschuldig und zufrieden beging jetzt die viersitzige Tischgenossenschaft denn der Hund kann mit seinem Couvert unter dem Ofen nicht ausgelassen werden das Fest der sussen Brote, das Dankfest gegen Thiennette, das Laubhuttenfest im Garten. Man sollte sich freilich wundern, wie ein Mensch mit einigem Vergnugen essen konne, ohne wie der Konig in Frankreich 448 Menschen (161 garcons de la Maison-bouche zahl' ich gar nicht) in der Kuche, ohne eine Fruiterie 31 von Kerls, oder eine Mundbackerei von Ditos und ohne den taglichen Aufwand von 387 Livres 21 Sous zu haben. Inzwischen ist mir eine kochende Mutter so lieb wie ein ganzer mich mehr fressender als futternder Kuchen-Hofstaat. Der kostliche Abhub, den der Biograph und die Welt von einer solchen Tafel nehmen durfen, ist eine und die andere Tischrede von Erheblichkeit. Die Mutter erzahlte vieles. Thiennette ziehet heute abends hinterbringt sie zum ersten Male einen Morgenpromenadehabit von weisser Mousseline an, desgleichen einen Atlasgurtel und Stahlschild; es wird ihr aber sagt sie nicht lassen, da die Rittmeisterin (denn diese hing an Thiennetten ihre abgeworfnen Kleider, wie Katholiken an Schutzheilige abgelegte Krucken und Schaden) dicker sei. Gute Weiber gonnen einander alles, ausgenommen Kleider, Manner und Flachs. In der Phantasie des Quintus wuchsen Thiennetten jetzt durch die Kleidung Engelsschwingen aus den Schulterblattern: ihm war ein Kleid ein halber ausgebalgter Mensch, dem bloss die edlern Teile und die ersten Wege fehlten; er verehrte diese Duten und Hulsen um unsern Kern, nicht als Elegant oder als Schonheitszensor, sondern weil er unmoglich etwas verachten konnte, was andere verehrten. Ferner las sie ihm gleichsam aus dem Grabstein seines Vaters vor, der im zweiunddreissigsten Jahre seines Alters dem Tode aus einer Ursache in die Arme gesunken war, die ich erst in einem spatern Zettelkasten bringe, weil ichs zu gut mit dem Leser meine. Man konnte dem Quintus nicht genug von seinem Vater erzahlen.

Die schonste Nachricht war, dass ihr Fraulein Thiennette heute sagen lassen: "morgen konn' er bei der gnadigen Frau vorkommen, denn sein gnadiger Herr Pat fahre in die Stadt." Das muss ich freilich erst klarmachen. Der alte Aufhammer hiess Egidius und war Fixleins Pate; aber er hatte ihm obwohl die Rittmeisterin die Wiege des Kindes mit nachtlichen Brotspenden, Fleisch- und Sackzehenden bedeckte sparsam mit nichts anderem ein Patengeschenk gemacht als bloss mit seinem Namen, welches gerade das Fatalste war. Unser Egidius Fixlein war namlich mit seinem Pudel, der wegen der franzosischen Unruhen mit andern Emigranten aus Nantes fortgelaufen war, nicht lange von Akademien zuruck, als er und der Hund miteinander unglucklicherweise im Hukelumer Waldchen spazieren gingen. Denn da der Quintus immer zu seinem Begleiter sagte: "Kusch, Schill (couche Gilles)", so wirds wahrscheinlich der Teufel gewesen sein, der den von Aufhammer so wie Unkraut zwischen die Baume eingesaet hatte, dass ihm die ganze Travestierung und Wipperei seines Namens denn Gilles heisst Egidius leichtlich in die Ohren fallen konnte. Fixlein konnte weder parlieren noch injuriieren, er wusste nicht ein Wort davon, was couche bedeute, das jetzt in Paris burgerliche Hunde selber zu ihren Valets de chiens sagen; aber von Aufhammer nahm drei Dinge nie zuruck, seinen Irrtum, seinen Groll und sein Wort. Der Provokat setzte sich jetzt vor, den burgerlichen Provokanten und Ehrendieb nicht mehr zu sehen und zu beschenken.

Ich komme zuruck. Nach dem Diner guckte er zum Fensterchen hinaus in den Garten und sah seinen Lebensweg sich in vier Steige spalten zu ebenso vielen Himmelfahrten: zur Himmelfahrt in den Pfarrhof und in das Schloss zu Thiennetten auf heute und zur dritten nach Schadeck auf morgen und in alle hukelumische Hauser zur vierten. Als nun die Mutter lange genug frohlich auf gespitzten Fussen herumgeschlichen war, um ihn nicht im Studieren seiner lateinischen Bibel (vulgata) zu storen, namlich im Lesen der Literaturzeitung: so macht' er sich endlich auf seine eignen, und die demutige Freude der Mutter lief dem herzhaften ohne lange hinterdrein, der sich getrauete, mit einem Senior ganz wohlgemutet zu sprechen. Gleichwohl trat er mit Ehrfurcht in das Haus seines alten, mehr grau- als kahlkopfigen Lehrers, der nicht nur die Tugend selber war, sondern auch der Hunger: denn er ass mehr als der hochstselige Konig. Ein Schulmann, der ein Professor werden will, sieht einen Pastor kaum an; einer aber, der selber ein Pfarrhaus zu seinem Werk- und Gebarhaus verlangt, weiss den Inwohner zu schatzen. Die neue Pfarrwohnung gleichsam als ware sie wie eine casa santa aus der Friederichsstrasse oder aus Erlang aufgeflogen und in Hukelum niedergefallen war fur den Quintus ein Sonnentempel und der Senior der Sonnenpriester. Pfarrer da zu werden, war ein mit Lindenhonig uberstrichner Gedanke, der in der Geschichte nur noch einmal vorkommt, namlich in Hannibals Kopf, als er den hatte, uber die Alpen zu schreiten, d.h. uber Roms Turschwelle.

Der Wirt und der Gast formierten ein vortreffliches bureau d'esprit: Leute in Amtern, zumal in ahnlichen, haben einander mehr zu sagen namlich ihre eigne Geschichte als die mussigen Wonnemonds-Kafer und Hof-Seligen, die nur eine fremde dozieren durfen. Der Senior kam dann von seinen eisernen Stukken (im Stalle) auf die Aktenstucke seines akademischen Lebens, dessen sich solche Leute so gern wie Dichter der Kindheit erinnern. So gut er war, so dacht' er doch halb freudig daran, dass ers einmal weniger gewesen; aber frohe Erinnerungen fehlerhafter Handlungen sind ihre halbe Wiederholung, so wie reuige Erinnerungen der guten ihre halbe Aufhebung.

Freundlich und hoflich horchte Zebedaus, der nicht einmal in seine Schreibtafel den Namen eines vornehmen Herrns ohne ein H. eintrug, den akademischen Flegeljahren des alten Mannes zu, der in Wittenberg ebensooft eingeschenkt als eingetunkt und gleich sehr nach der Hippokrene und nach Guckguck20 gedurstet hatte.

Jerusalem bemerkt schon, dass die Barberei, die oft hart hinter dem buntesten Flor der Wissenschaften aufsteigt, eine Art von starkendem Schlammbad sei und die Uberverfeinerung abwende, mit der jener Flor bedrohe. Ich glaube, dass einer, der erwagt, wie weit die Wissenschaften bei dem Primaner steigen vollends bei einem Patriziers-Sohn aus Nurnberg, dem die Stadt 1000 fl. zum Studieren schenken muss , ich glaube, dass ein solcher dem Musensohne ein gewisses barbarisches Mittelalter (das sogenannte Burschenleben) gonnen werde, das ihn wieder so stahlet, dass seine Verfeinerung nicht uber die Grenzen geht. Der Senior hatte in Wittenberg 180 akademische Freiheiten so viel hat deren Petrus Rebuffus aufsummiert21 gegen Verjahrung geschutzt und keine verloren als seine moralische, aus der ein Mensch, sogar im Konvente, nicht viel macht. Dieses gab dem Quintus Mut, seine lustigen Reisesprunge zu referieren, die er in Leipzig unter dem Alpdrucken der Durftigkeit machte. Man hore: sein Hauswirt, der zugleich Professor und Geizhalz war, bekostigte in dem ummauerten Hofe eine ganze Fasanerie von Huhnern. Fixlein samt einer Mitbelehnschaft von drei Stubengenossen bestritten den Mietzins einer Stube leicht; sie hatten uberhaupt wichtige Dinge wie Phonixe nur einmal: ein Bette, worin allemal das eine Paar Vormitternacht, das andere Nachmitternacht gleich Nachtwachtern schlief einen Rock, in dem einer um den andern ausging und der wie ein Wachtrock die Nationalkleidung der Kompagnie war und mehrere Einheiten des Interesse und des Orts. Nirgends sammelt man die Not- und Belagerungsmunzen der Armut lustiger und philosophischer als auf der Universitat: der akademische Burger tut dar, wie viel Humoristen und Diogenesse Deutschland habe. Unsere Unitarier hatten nur eine Sache viermal, den Hunger. Der Quintus erzahlte es vielleicht mit einem zu freudigen Genuss der Erinnerung, dass einer aus diesem darben den coro ein Mittel ersann, die Huhner des ordentlichen Professors wie Abgaben oder Steuern zu erheben. Er sagte (er war ein Jurist), sie sollten einmal die juristische Fiktion aus dem Lehnrechte entlehnen, dass sie den Professor fur den Erbzinsbauer, dem ganz die Nutzniessung des Huhnerhofes und Hauses zustehe, sich aber fur die Zinsherren ansahen, denen er seine Zinshuhner ordentlich entrichten musste. Damit nun die Fiktion der Natur folgte, fuhr er fort fictio sequitur naturam : so mussten sie solche Fasnachtshuhner ihm wirklich abfangen. Aber in den Hof war nicht zu kommen. Der Feudalist machte sich daher eine Angel, klebte eine Brotpille an den Angelhaken und hielt fischend seine Angelrute in den Hof hinab. In wenig Terzien griff der Haken in einen Huhnerschlund, und die angeohrte Henne, die nun mit dem zinsherrlichen Feudalisten kommunizierte, konnte still, wie vom Archimedes Schiffe, in die Hohe gezogen werden zur hungrigen Luftfischerei-Sozietat, wo ihrer nach Massgabe der Umstande der rechte Feudal-Name und Besitz-Titel wartete: denn die resorbierten Huhner mussten bald Rauchhuhner, bald Wald-, Forst-, Vogtei-, Pfingst-, Sommerhennen benannt werden. "Ich fange damit an," sagte der angelnde Majoratsherr, "dass ich Rutscherzinsen erhebe; denn so nennt man das Tripel und Quintupel des Zinses, wenn ihn der Zinshauer, wie hier der Fall ist, lange zu erlegen versaumet hat." Der Professor bemerkte, wie ein Furst, traurig die verminderte Volksmenge der Huhner, die wie Juden am Zahlen starben. Endlich hatt' er das Gluck, als er sein Kollegium las er stand gerade beim Forst-, Salzund Munzregal , durch das Fenster des Auditoriums eine wie der betende Ignazius Loyola oder wie die gestrafte Juno mitten in die Luft fixierte Zinshenne wahrzunehmen; er ging der unbegreiflichen geraden Aszension des aronautischen Tiers nach und sah endlich -oben den Hebungsbedienten mit seinem tierischen Magnetismus stehen, der aus dem Huhnerhofe die Lose zum Essen zog.... Er machte aber der Huhnerbeize wider alles Erwarten noch fruher ein Ende als dem Regal-Kollegio.

Fixlein schritt nach Hause unter dem Abend-Trompeterstuckchen der Turm-Schallocher und nahm unterweges hoflich vor den leeren Fenstern des Schlosses den Hut ab: vornehme Hauser waren ihm so viel wie vornehme Leute, wie in Indien die Pagode zugleich den Tempel und den Gott bedeutet. Der Mutter brachte er erlogene Grusse mit, die ihm authentische zuruckgab, weil sie nachmittags mit ihrer historischen Zunge und mit ihren naturforschenden Augen bei der weissmousselinenen Thiennette gewesen war. Die Mutter wies ihr jeden Notpfennig, den der Sohn in ihre grosse leere Geldtasche fallen liess, und setzte ihn in Gunst beim Fraulein: denn Weiber neigen einem Sohn, der seiner Mutter zartlich einige ihrer Wohltaten zuruckzahlt, mehr und warmer ihre Seele zu als wie einer den Vater versorgenden Tochter, vielleicht aus hundert Grunden und auch aus dem, weil sie von Sohnen und Mannern mehr gewohnt sind, dass diese bloss funf Fuss lange Donnerwetter, behoste Wasserhosen oder doch ausruhende Orkane sind.

Seliger Quintus! an dessen Leben noch der Vorzug wie ein Adlerorden schimmert, dass du es deiner Mutter erzahlen kannst, wie z.B. den heutigen Nachmittag im Seniorat. Deine Freude fliesset in ein fremdes Herz und stromet daraus verdoppelt in deines zuruck. Es gibt eine grossere Nahe der Herzen, so wie des Schalles, als die des Echos; die hochste Nahe schmilzt Ton und Echo in die Resonanz zusammen.

Es ist historisch-gewiss, dass beide abends assen und statt des Abhubs vom Diner, der morgen selber eines vorstellen konnte, bloss den Opferkuchen oder Matzen auf den Brand-Opferaltardes Tisches legten. Die Mutter, die fur ihr leibliches Kind nicht bloss sich, sondern auch die ubrigen Menschen willig hingegeben hatte, tat ihm den Vorschlag, dem Quintaner, der draussen spielte und einen Vogel statt sich aufatzte, keine Krume vom kostbaren Backwerk zu geben, sondern nur Hausbrot ohne Rinde. Aber der Schulmann dachte christlich und sagte, es sei Sonntag und der junge Mensch esse so gern etwas Delikates wie er. Fixlein gastierte, dotierte und schonte als Gegenfussler der Grossen und Genies lieber den dienenden Hausgenossen als einen Menschen, der das erstemal durchs Tor passieret und auf der nachsten Station seinen Gastfreund und den letzten Postmeister vergisset. Uberhaupt hatte der Quintus Ehre im Leibe, und ungeachtet seiner Schonung und Latrie des Geldes, gab ers doch gern hin in Fallen der Ehre, und ungern in Fallen eines siegenden Mitleidens, das zu schmerzlich seinen Herzbeutel auffullte und seinen Geldbeutel ausleerte. Als der Quintaner das jus compascui auf dem Matzen exerzierte und als sechs Amme auf Thiennettens Freitisch ruhig lagen: las Fixlein sich und der Gesellschaft den flachsenfingischen Adresskalender vor; etwas Hoheres konnt' er sich ausser Meusels gelehrtes Deutschland nicht gedenken die Kammerherrn und geheime Rate des Kalenders liefen ihm, wie die Rosinen des Kuchens, kitzelnd uber die Zunge, und von den reichem Pastoraten erhob er gleichsam durch Vorlesen den Sackzehend.

Er blieb absichtlich seine eigne Ausgabe auf sonntagigem Velinpapier; ich meine, er zog den Sonntagsrock sogar unter dem Gebetlauten nicht aus: denn er hatte noch viel vor.

Nach dem Essen wollt' er zum Fraulein, als er sie wie eine Lilie in die rote Dammerung getaucht zu sehen bekam, im Schlossgarten, dessen westliche Grenzen sein Haus formierte, wie dessen sudliche die sinesische Mauer des Schlosses.... Beilaufig, wie ich zu allem diesen gekommen bin, was Zettelkasten sind, ob ich selber dort war etc. etc. das soll, so wahr ich lebe, dem Leser bald und getreulich uberliefert werden, und das noch in diesem Buche.

Fixlein hupfte wie ein Irrlicht in den Garten, dessen Blumendampf an seinen Suppendampf anstiess. Niemand buckte sich tiefer vor einem Edelmann als er, nicht aus pobelhafter Demut, noch aus gewinnsuchtiger Selbsterniedrigung, sondern weil er dachte: "Ein Edelmann bleibt doch immer das, was er ist" Aber sein Buckling fiel (anstatt vorwarts) in die Quere rechts hinaus, gleichsam dem Hute nach: denn er hatte nicht gewagt, einen Stock mitzunehmen; Hut und Stock aber waren das Druckwerk und die Balancierstange, kurz das Bucklingsgetriebe, ohne das er sich in keine hofliche Bewegung zu setzen vermochte, und hatte man ihn dafur in das Hamburger Hauptpastorat voziert. Thiennettens Lustigkeit spannte seine zusammengerollte Seele bald wieder gerade und in den rechten Ton. Er hielt an sie eine lange nette Dank und Erntepredigt fur den schuppigen Kuchen, die ihr gut und langweilig zugleich vorkam. Madchen ohne grosse Welt rechnen langweilige Pedanterie bloss wie das Schnupfen zu den notwendigen Ingredienzien eines Mannes; sie verehren uns unendlich, und wie Lambert den Konig in Preussen wegen seiner Sonnenaugen nur im Finstern zu sprechen vermogend war, so ists ihnen oft, glaub' ich, lieber eben wegen unsers erhabnen Airs , wenn sie uns im Finstern erwischen konnen. Ihn erbauete Thiennettens Reichsgeschichte und Kaiserhistorie vom Herrn von Aufhammer und der gnadigen Frau, die ihn ins Testament setzen will; sie erbauete seine Gelehrtenhistorie, die ihn und den Subrektor betraf, wie er selber z.B. in der Sekunda vikariere und uber Schuler regiere, so lang gewachsen wie er. Und so gingen beide zufrieden zwischen roten Bohnenbluten, roten Maikafern, vor der immer tiefer am Horizonte niederbrennenden Abendrote den Garten auf und ab und kehrten allemal lachelnd vor dem Kopfe der Gartnerin um, der wie ein Scheibenbild in das kleine Schiebfenster eingesetzet stand, das wieder in ein grosseres gefasset war.

Mir ists unbegreiflich, dass er sich nicht verliebte. Ich weiss zwar seine Grunde: erstlich hatte sie nichts; zweitens er nichts und Schuldenlast dazu; drittens war ihr Stammbaum ein Grenzbaum und Verwahrungsstock; viertens band ihm noch ein edlerer Gedanke die Hande, der aus guten Grunden dem Leser noch verhalten wird. Gleichwohl Fixlein! hatt' ich nicht an deinem Platze sein durfen! Ich hatte sie angesehen und mich an ihre Tugenden und an unsere Schuljahre erinnert und dann mein weichflussiges Herz hervorgezogen und es ihr wie einen Wechselbrief prasentieret oder wie ein Ratsdekret insinuieret. Denn ich hatte erwogen, dass sie es einer Nonne in zweierlei nachtue, im guten Herz und im guten Backwerk dass sie trotz ihres Umganges mit mannlichen Fronern doch keine Karl Genofeva Louise Auguste Timothee Eon von Beaumont sei, sondern eine glatte, blonde, gehaubte Taube dass sie mehr ihrem Geschlechte als unserem zu gefallen suche dass sie ein zerfliessendes Herz, das nicht erst vom Bucherverleiher abgeholet ist, in Tranen zeige, deren sie sich aus Unschuld mehr schamt als ruhmt Schon vor der dritten Rabatte war' ich bei solchen Grunden dagewesen mit der Spende meines Herzens.

Hatt' ich vollends bedacht, Quinte! dass ich sie kenne wie mich selber, dass ihr und mir (war' ich namlich du gewesen) von demselben Senior die lateinischen Hande zum Schreiben gefuhret worden sind dass wir uns als unschuldige Kinder vor dem Spiegel gekusset, um zu sehen, ob es die beiden Vexierkinder im Spiegel nachmachen dass wir oft die Hande beiderlei Geschlechts in einen Muff geschoben und sie darin Versteckens spielen lassen; hatt' ich endlich uberdacht, dass wir ja gerade vor dem in der Schmelzmalerei des Abends glimmenden Glashause standen, an dessen kalten Scheiben wir beide (sie innen, ich aussen) die heissen Wangen, bloss durch den glasernen Ofenschirm gespalten, einander entgegengepresset hatten: so hatt' ich die arme, vom Schicksal auseinandergedruckte Seele, die gegen ihr Wettergewolk keine grossere Erhohung zur Wetterscheide vor sich sieht als das Grab, an meine gezogen und sie an meinem Herzen erwarmt und mit meinen Augen umgurtet....

Wahrlich der Quintus hatt' es auch getan, hatt' es der oben gedachte edlere Gedanke, den ich verhalte, erlaubt! Weich, ohne die Ursache zu wissen daher er seine Mutter kusste , und selig, ohne ein gelehrtes Gesprach gefuhret zu haben, und mit einer Fracht von untertanigen Empfehlungen entlassen, die er morgen vor der Dragonerrittmeisterin abzuladen hat, kam er im kleinen Hauschen an und sah noch so lange aus seinen dunkeln Fenstern an die leuchtenden des Schlosses. Und noch als schon das erste Viertel des Mondes im Untergehen war, um 12 Uhr, schloss er vor dem kuhlen Anwehen eines milden, duftenden, feuchten und das Herz beim Namen rufenden Nachtluftchens noch einmal die Augenlider eines schon traumenden Blickes auf....

Schlafe, denn du hast heute noch nichts Boses getan! Ich will, wahrend die hangende geschlossene Blumenglocke deines Geistes sich auf das Kopfkissen senkt, hinausschauen in die wehende Nacht auf deinen morgendlichen Fusssteig, der dich durch transparente Waldchen nach Schadeck zu deiner Gonnerin fuhrt. Der Rittmeister bricht schon um ein Uhr auf. Du und deine Schutzpatronin sitzen also morgen allein beisammen. Es gelinge dir alles, narrischer Quintus!

Zweiter Zettelkasten

Frau von Aufhammer Kindheits-Resonanz

Schriftstellerei

Das fruhe Gepiepe nach Atzung, das die gestern vom Quintaner aus dem Neste adoptierte Drossel schon um zwei Uhr anfing, trieb den Quintus bald in die Kleider, deren Glanzpresse und Parallellineal die Hande der besorgten Mutter waren, die ihn zur Rittmeisterin nicht wie einen "luderlichen Hund" lassen wollte. Der Pudel wurde inkarzeriert, der Quintaner mitgenommen, desgleichen gute Reglements von der Fixleinin, wie er sich gegen die Rittmeisterin aufzufuhren habe. Aber der Sohn versetzte "Mama, wenn man mit der grossen Welt umgeht wie ich, mit einer Fraulein von Thiennette: so muss man doch wissen, wen man vor sich hat und was feine Sitten und Sawer di Wiwer (savoir vivre) fodern." Er langte mit dem Quintaner und grunen Fingern (von den Saftfarben des zerdruckten Laubes am Steige) und mit einer abgefressenen Rose zwischen den Zahnen vor den dicken Lakaien in Schadeck an.... Wenn die Weiber Blumen sind wiewohl eben so oft seidene und italienische und Kupferblumen als botanische : so war die Frau von Aufhammer eine gefullte, mit ihrem Fett-Bauchkissen und Speck-Kubus. Durch die Apoplexie schon mit dem halben Korper vom Leben abgeschnitten, lag sie auf ihrem Fettpolster nur wie in ihrem weicheren Grab; gleichwohl war das, was noch von ihr ubrig war, zugleich lebhaft, fromm und stolz. Ihr Herz war ein giessendes Fruchthorn gegen alle Menschen, aber nicht aus Menschenliebe, sondern aus strenger Andacht; sie begluckte, beschenkte und verschmahte die Burgerlichen und achtete an ihnen nichts als hochstens Frommigkeit. Sie nahm den nickenden Quintus mit dem zurucknickenden Air einer Patronatsherrin auf und erheiterte sich menschenfreundlich bei der Ausschiffung der Grusse von Thiennetten.

Sie fing das Gesprach an und setzte es lange allein fort und sagte ohne dass deswegen die Trommelsucht des Stolzes ihr Gesicht verliess "sie werde bald sterben, aber sie werde die Pate ihres Gemahls (den Endes-Untergestellten) schon in ihrem letzten Willen bedenken." Ferner sagte sie ihm gerade ins Gesicht, das ganz mit der vierten Bitte vollgeschrieben vor ihr stand: "auf eine Versorgung in Hukelum soll' er nicht bauen; aber zum Flachsenfinger Konrektorat (das Burgermeister und Rat besetzt) hoffe sie ihm zu verhelfen, da sie bei dem regierenden Burgermeister ihren Kaffee und beim Stadtsyndikus die Lichter (er trieb einigen Grossohandel mit Hamburger Lichtern) kaufe."

Nun kam er zum untertanigen Wort, da sie von ihm Kranken berichte uber ihren Senior Astmann abforderte, der sich mehr von Luthers Katechismus als vom Gesundheitskatechismus raten liess. Sie war weniger Astmanns Patronatsherrin als Patronin und gestand sogar, sie wurde einem so treuen Seelenhirten bald nachfolgen, wenn sie auf ihrem Gute hier sein Sterbegelaute vernahme. So sonderbare chymische Verwandtschaften sind zwischen unsern Schlacken und unsern Silberadern, z.B. hier zwischen Stolz und Liebe; und ich wunschte, wir verziehen diese hypostatische Union allen so gern wie den Schonen, die von uns mit allen ihren Fehlern, wie nach Du Fay vom Magnet das mit andern Metallen vermengte Eisen, gleichwohl angezogen werden.

Gesetzt auch, der Teufel hatte in irgendeiner mussigen Minute eine oder zwei Hande voll Samenkorner des Neides in die Seele des Quintus gesaet: sie waren doch nicht aufgeschossen; und heute vollends nicht, da ihm ein Mann gepriesen wurde, der sein Lehrer und was er fur einen Titulado der Erde hielt, nicht aus Eitelkeit, sondern aus Frommigkeit ein Geistlicher war. So viel ist freilich nach der Geschichte auch nicht zu leugnen, dass er bei der Edelfrau geradezu mit der Supplik nachkam: "er wolle zwar gern noch einige Jahre sich in der Schule gedulden, aber dann sehn' er sich wohl in ein geruhiges Pfarr-Amtchen." Auf ihre Frage, ob er aber orthodox sei, versetzte er: "er hoff' es, er habe in Leipzig nicht nur alle publica des Doktor Burschers gehoret, sondern auch bei einigen rechtglaubigen Magistern hospitieret, weil er wohl gewusst, dass das Konsistorium jetzt strenger wie sonst auf reine Lehre examiniere."

Die Kranke ersuchte ihn, einen Probeschuss zu tun, ihr namlich eine Vermahnung am Krankenbette zu halten. Beim Himmel! er hielt eine der besten. Ihr Adelsstolz kroch jetzt vor seinem Amts und Priesterstolz zuruck: denn ob er gleich nicht mit dem Dominikanermonch Alanus de Rupe glauben konnte, dass ein Priester grosser sei als Gott, da dieser nur eine Welt, jener aber einen Gott (in der Messe) erschaffen konne: so musste er doch einem Hostiensis beifallen, welcher gezeigt, dass die priesterliche Wurde 7644 mal grosser sei als die konigliche, weil die Sonne so vielmal grosser sei als der Mond. Vollends aber eine Edelfrau diese verschrumpfet ganz vor einem Pfarrer.

In der Domestikenstube hielt er bei dem Lakaien um den vorigen Jahrgang des Hamburger politischen Journals an, weil er sah, dass man mit diesen historischen Belegen der Zeit sundlich die Knopfe der Reisekleider papillotierte. In verdrusslichen Herbstabenden konnt' er sich doch hinsetzen und nachlesen, was sich etwan gutes Neues in der politischen Welt zutrage im vorigen Jahr.

Auf einem ganz mit Lorbeer vollgeladenen Triumphwagen, an den lauter Hoffnungen gespannt waren, fuhr er abends nach Hause und riet unterwegs dem Quintaner, sich keiner Sache ruhmredig zu uberheben, sondern still Gott zu danken, wie er da tue.

Die nebeneinander aufbluhenden Lusthaine seiner vier Kanikularwochen und das fliegende Gewimmel von Bluten darin sind bald auf drei Seiten gemalt. Ich will blindlings in seine Tage greifen und einen herausfangen: einer lachelt und duftet wie der andere.

Man nehme z.B. den Namenstag seiner Mutter Clara, den 12. August. Am Morgen hatt' er perennierende, feuerbestandige Freuden, d.h. Geschafte. Denn er schrieb, wie ich; wahrlich, wenn Xerxes einen Preis auf die Erfindung eines neuen Vergnugens aussetzte: so hatte der, der nur uber die Preisfrage seine Gedanken niederschrieb, das neue Vergnugen schon wirklich auf der Zunge. Ich kenne nur eine Sache, die susser ist, als ein Buch zu machen, namlich eines zu entwerfen. Fixlein schrieb kleine Werklein von 1/12 Alphabet, die er im Manuskript, vom Buchbinder in goldne Flugeldecken geschnurt und auf dem Rucken mit gedruckten Lettern betitelt, in die literarische Stufensammlung seines Bucherbrettes mit einstellte. Jedermann dachte, es waren Novitaten, mit Schreiblettern gedruckt. Er arbeitete ich will die unerheblichen Werke auslassen an einer Sammlung der Druckfehler in deutschen Schriften; er verglich die Errata untereinander, zeigte, welche am meisten vorkamen, bemerkte, dass daraus wichtige Resultate zu ziehen waren, und riet dem Leser, sie zu ziehen.

Ferner trat er unter den deutschen Masorethen auf. Er bemerkte ganz richtig in der Vorrede: "Die Juden hatten ihre Masora aufzuweisen, die ihnen sagte, wie oft jeder Buchstabe in ihrer Bibel vorkomme, z.B. das Aleph (das A) 43 277 mal wie viel Verse darin stehen, wo alle Konsonanten auftreten (26 Verse sinds) oder nur achtzig (3 sinds) wie viele Verse man habe, worin gar 42 Worter und 160 Konsonanten erscheinen (nur einer ist da, Jerem. XXI. 7) welches der mittelste Buchstabe in einzelnen Buchern sei (im Pentateuch 3. B. Mos. XI. 42 ists22 das adelige V) oder gar in der ganzen Bibel. Wo haben aber wir Christen einen ahnlichen Masorethen fur Luthers Bibel aufzuzeigen? Ist es genau untersucht, welches in ihr das mittelste Wort oder der mittelste Buchstabe sei, welcher Vokal am wenigsten vorkomme, und wie oft jeder? Tausend Bibelfreunde gehen aus der Welt, ohne zu erfahren, dass das deutsche A 323 015 mal (also uber 7 mal ofter als das hebraische) in ihrer Bibel stehe."

Ich wunschte, dass Bibelforscher unter den Rezensenten es offentlich anzeigten, wenn sie diese Zahl nach einer genauern Nachzahlung unrichtig befanden.23

Auch sammelte der Quintus vieles: er hatte eine schone Kalender und Katechismus- und Sedezbuchersammlung auch eine Sammlung von Avertissements, die er angefangen, ist nicht so unvollstandig, als man sie meistens antrifft. Er schatzet sehr sein alphabetisches Lexikon von deutschen Bucherpranumeranten, wo mein Name auch mit vorkommt unter dem J.

Am liebsten gebar er Entwurfe zu Buchern. Daher nahete er ein starkes Werk, worin er bloss den Gelehrten riet, was sie zu schreiben hatten in der Gelehrtengeschichte, die er einige Zolle hoher setzte als die Welt- und Kaiserhistorie. Er hielt im Prodrom der gelehrten Republik fluchtig vor, dass Hommel ein Register von Juristen gegeben, die Hurenkinder gewesen, von andern, die Heilige geworden Bernhard von Gelehrten, deren Fata und Lebenslauf im Mutterleibe erheblich waren dass Bailet die Gelehrten zusammengezahlt, die etwas hatten schreiben wollen und Ancillon die, die gar nichts geschrieben und der Lubecksche Superintend Gotze die, die Schuster waren, die, die ersoffen usw. Das (konnt' er jetzt fortfahren) sollte, wie es scheint, uns zu ahnlichen Matrikeln und Musterrollen von andern Gelehrten ermuntert haben, deren er einige vorschlage z.B. von Gelehrten, die ungelehrt waren von ganz boshaften von solchen, die ihr eignes Haar getragen von Zopfpredigern, Zopf-Psalmisten, Zopfannalisten etc. von Gelehrten, die schwarzlederne Hosen, von andern, die Stossdegen getragen von Gelehrten, die im eilften Jahre starben im zwanzigsten einundzwanzigsten etc. im hundertundfunfzigsten, wovon er gar kein Beispiel kenne, wenn nicht der Bettler Thomas Parre hergezogen werden solle von Gelehrten, die eine noch abscheulichere Hand als andere Gelehrte schrieben (wovon man nur Rolfinken und seine Lettern kenne, die so lang waren wie seine Hande24) oder von Gelehrten, die einander in keine Haare gerieten als in die am Kinn (wovon keine als nur Philelphus und Timotheus bekannt sind).25

Solche Nebenstudien trieb er neben seinen Amtsarbeiten; aber ich glaube, ein Staat ist uber so etwas toll: er vergleicht den, der in Philosophie und Belletrie gross ist auf Kosten des Amts-Schlendrians, mit den Konzertuhren, die ihre Stunden ob sie sie gleich mit Flotenmelodien einfassen schlechter schlagen als dumme plumpe Turmuhren.

Um auf den Namenstag zuruckzukommen: so lief Fixlein nach solchen Anstrengungen hinaus unter die Sang-Stauden und Rausch-Baume und kehrte nicht eher aus der warmen Natur zuruck, als bis Schussel und Stuhle schon an den Tisch gestellet waren. Unter dem Essen fiel etwas vor, das ein Biograph nicht entbehren kann: seine Mutter musst' ihm namlich die Landkarte seiner kindlichen Welt unter dem Kauen mappieren und ihm alle Zuge erzahlen, woraus von ihm auf seine jetzige Jahre etwas zu schliessen war. Diesen perspektivischen Aufriss seiner kindlichen Vergangenheit trug er dann auf kleine Blatter auf, die alle unsere Aufmerksamkeit verdienen. Denn lauter solche Blatter, welche Szenen, Akte, Schauspiele seiner Kinderjahre enthielten, schlichtete er chronologisch in besondere Schubladen einer Kinderkommode und teilte seine Lebensbeschreibung, wie Moser seine publizistischen Materialien, in besondere Zettelkasten ein. Er hatte Kasten fur Erinnerungszettel aus dem zwolften, dreizehnten, vierzehnten etc., aus dem einundzwanzigsten Jahre und so fort. Wollt' er sich nach einem padagogischen Baufron-Tag einen Rastabend machen: so riss er bloss ein Zettelfach, einen Registerzug seiner Lebensorgel, heraus und besann sich auf alles.

Ich muss die rezensierenden Stummen, die mir den kurzen Prozess des Strangulierens an den Hals werfen wollen, ganz besonders bitten, doch nur vorher, ehe sie es darum tun, weil ich meine Kapitel Zettelkasten nenne, nachzusehen, wer daran schuld ist, und nachzudenken, ob ich anders konnte, da der Quintus selber seine Biographie in solche Kasten abteilt: sie sind ja sonst billig.

Nur uber seinen altern Bruder tat er an seine Mutter keine krankende Frage: denn diesen hatte das Schicksal auf eine eigne Art mit allen seinen genialischen Anlagen am Eisberg des Todes zertrummert. Er sprang namlich auf eine Eisscholle, die zwischen andern Schollen stockte diese wichen aber zuruck, und seine schoss mit ihm fort, schmolz schwimmend unter ihm ein und liess also das Feuerherz zwischen Eis und Wogen untersinken. Es tat der Mutter wehe, dass er nicht gefunden, dass sie nicht erschuttert wurde mit dem Anstarren der geschwollenen Leiche o gute Mutter, danke lieber Gott dafur!

Nach dem Essen ging er, um sich mit neuen Kraften fur den Schreibtisch zu rusten, bloss mussig im Hause herum und durchzog wie eine Feuerschau der Polizei alle Ecken seiner Hutte, um aus ihnen irgendeine Kohle der ausgeglommenen Freudenfeuer seiner Kindheit aufzulesen. Er stieg unter das Dach zu den leeren Vogelhausern seines Vaters, der im Winter ein Vogler war, und musterte fluchtig die Rumpelkammer seiner alten Spielwaren, die im grossen Gebarhaus einer Kanarienhecke lag. In Kinderseelen drucken sich regelmassige kleine Gestalten, besonders Kugel und Wurfel, am tiefsten ein und ab. Daraus erklare sich der Leser Fixleins Wohlgefallen am roten Eichhornchen-Stockhaus, an dem aus Kartoffelnsamenkapseln und weissen Spanen zusammengesteckten Sparrwerk, an dem heitern Glashaus einer wurfelformigen Laterne. Aber ganz anders erklar' ich mir folgendes: er wagte sich ohne Baubegnadigung an die Baute eines Lehmhauses, nicht fur Bauern, sondern fur Fliegen; daher man es gut in die Tasche stecken konnte. Dieses Muckenhospital hatte seine Glasscheiben und einen roten Anstrich und besonders viele Alkoven und drei Erker: denn Erker liebte er als ein Haus am Hause von jeher so sehr, dass es ihm in Jerusalem schlecht gefallen hatte, wo (nach Lightfoot) keine gebaut werden durften. Aus den blitzenden Augen, womit der Baudirektor seine Mietsleute an den Fenstern herumkriechen oder aus dem Zuckertroge naschen sah denn sie frassen, wie der Graf St. Germain, nichts wie Zucker-, aus dieser Freude hatte ein Erziehungsrat leicht seinen Hang zur hauslichen Einengung prophezeien konnen: fur seine Phantasie waren damals noch Gartnerhutten zu wuste Archen und Hallen, und nur ein solches Mucken-Louvre war gerade ein nettes Burgerhaus. Er befuhlte seinen alten hohen Kinderstuhl, der der sedes exploratoria des Papstes glich; er ruckte seine Kinderkutsche, aber er begriff nicht, welche Salbung und Heiligkeit sie so sehr von andern Kinderkutschen unterscheide. Er wunderte sich, dass ihm Kinderspiele an Kindern nicht so gefielen als die Schilderungen derselben, wenn das Kind, das sie getrieben, schon aufgeschossen vor ihm stand.

Vor einer einzigen Sache im Hause stand er sehnsuchtig und wehmutig, vor einem winzigen Kleiderschrank, der nicht hoher war als mein Tisch und der seinem armen ertrunkenen Bruder angehoret hatte. Da dieser mit dem Schlussel dazu von den Fluten verschlungen worden: so tat die zerknirschte Mutter das Gelubde, seinen Spielschrank nie gewalttatig aufzubrechen. Wahrscheinlich sind nur die Spielwaren des Armen darin. Lasset uns wegsehen von dieser blutigen Urne!

Da Baco die Erinnerungen aus der Kindheit unter die gesunden, offizinellen Dinge rechnet: so waren sie ganz naturlich ein Digestivpulver fur den Quintus. Nun konnt' er sich wieder an den Arbeitstisch begeben und etwas ganz Besonders machen Suppliken um Pfarrdienste. Er nahm den Adresskalender vor und machte fur jedes Pfarrdorf, das er darin fand, eine Bittschrift vorratig, die er so lange beiseite legte, bis sein Antezessor verstarb. Bloss um Hukelum hielt er nicht an. Es ist eine schone Observanz in Flachsenfingen, dass man sich um alle Amter melden muss, die offen stehen. So wie der hohere Nutzen des Gebets nicht in seiner Erfullung besteht, sondern darin, dass man sich im Beten ubt: so sollen Bittschreiben aufgesetzet werden, nicht damit man Amter erhalte das muss durch Geld geschehen , sondern damit man eine Supplik schreiben lerne. Freilich wird, wenn schon bei den Kalmucken das Drehen einer Kapsel26 die Stelle des Gebetes vertritt, eine geringe Bewegung des Beutels so viel sein, als suppliziere man wortlich.

Gegen Abend Sonntags gar schweifte er im Dorfe herum, wallfahrtete zu seinen Spielplatzen und auf den Gemeindeanger, auf den er sonst seine Schnecken zur Weide getrieben suchte den Bauer auf, der ihn von der Schule her zum Erstaunen der andern duzen durfte ging als akademischer Lehrer zum Schulmeister, dann zum Senior dann in die Episkopalscheune oder Kirche. Das letztere versteht kein Mensch: es brannten namlich vor dreiundvierzig Jahren die Kirche (der Turm nicht), das Pfarrhaus und was nicht wieder herzustellen war die Kirchenbucher ab. Daher wussten in Hukelum die wenigsten Leute, wie alt sie waren, und des Quintus Gedechtnisfibern selber schwankten zwischen dem zwei- und dreiunddreissigsten Jahre. Folglich musste da geprediget werden, wo sonst gedroschen wird, und der Same des gottlichen Worts wurde mit dem physischen auf einer Tenne geworfelt: der Kantor und die Schuljugend besetzten die Tenne, die weiblichen Mutterkirchleute standen in der einen Panse, die Schadecker Filial-Weiber in der andern, und ihre Manner hockten pyramidenweise, wie Groschen- und Hellergalerien, an den Scheun-Leitern hinauf, und oben vom Strohboden horchten vermischte Seelen herunter. Eine kleine Flote war das Orgelwerk und eine umgesturzte Bierkufe der Altar, um den man gehen musste. Ich 30 gestehe, ich selber wurde da nicht ohne Laune gepredigt haben. Der Senior (damals war er noch Junior) wohnte und dozierte unter dem Pfarrbau im Schlosse; daher Fixlein daselbst mit dem Fraulein die Anomala trieb.

Waren diese Entdeckungsreisen zuruckgelegt: so konnte unser Hukelumsfahrer noch nach dem Abendgebet mit Thiennetten Blattlause von den Rosen, Regenwurmer von den Beeten nehmen und einen Freudenhimmel von jeder Minute jeder Abendtautropfen war mit Freuden- und Nelkenol gefarbt jeder Stern war ein Sonnenblick der Gluckssonne und im zugeschnurten Herzen des Madchens lag nahe an ihm hinter einer kleinen Scheidewand (wie nahe am Heiligen hinter dem dunnen Leben) ein ausgedehntes Blutenparadies.... Ich meine, sie liebte ihn ein wenig.

Er sollt' es wissen. Aber seine beklommene Wonne verdunnte er, wenn er zu Bette ging, durch kindische Erinnerungen auf der Treppe. Als Kind betete er namlich wie einen Rosenkranz unter dem Bett-Zudeck als Abendgebet vierzehn biblische Spruche, den ersten Vers "Nun danket alle Gott", das Zehnte Gebot und noch einen langen Segen. Um nun eher fertig zu werden, fing er seine Gebete nicht bloss unten auf der Treppe, sondern schon an dem Orte an, wo Alexander den Menschen und Semler dumme Skribenten studierte. Lief er am Hafen der Flaumwogen ein: so war er mit seiner Abendandacht fertig, und er konnte nun ohne eine weitere Anstrengung mit zugedruckten Augen gerade in die Federn und in den Schlummer plumpen. So steckt im kleinsten homunculus schon der Bauriss zur katholischen Kirche.

So weit die Hundstage des Quintus Zebedaus Egidius Fixlein. Ich schliesse schon zum zweitenmal die Kapitel dieser Lebensbeschreibung, wie ein Leben, mit einem Schlaf.

Dritter Zettelkasten

Weihnachts-Chiliasmus neuer Zufall

Uns alle zieht eine Garnitur von faden flachen Tagen wie von Glasperlen ins Grab, die nur zuweilen eine orientalische wie ein Knoten abteilt. Aber man stirbt murrend, wenn man nicht wie der Quintus sein Leben fur eine Trommel ansieht: diese hat nur einen einzigen Ton, aber die Verschiedenheit des Zeitmasses gibt diesem Tone Belustigung genug. Der Quintus dozierte in quarta, vikarierte in secunda, schrieb am Pulte in der gewohnlichen Monotonie des Lebens fort von den Ferien an bis zu dem heiligen Weihnachtsabend 1791, und nichts war denkwurdig als bloss dieser Abend, den ich nun malen will.

Aber ich werde diesen Abend allezeit noch malen konnen, wenn ich vorher mit wenigem berichtet habe, wie er sich gleich Zugvogeln uber den dustern nebelnden Herbst wegschwang. Er machte sich namlich uber das Hamburger politische Journal, womit der Bediente Knopfe kouvertieren wollen. Er konnte ruhig und mit dem Rucken am Ofen die Winterkampagnen des vorigen Jahrs mitmachen und jeder Schlacht, wie die Aasgeier der pharsalischen, nachfliegen er konnte auf dem Druckpapier froh und wundernd um die deutschen Triumphbogen und Geruste zu Freudenfeuerwerken herumgehen, indes die Leute in der Stadt, die nur die neuesten Zeitungen hielten, kaum die Trummer der von den Frankreichern boshaft niedergerissenen Trophaen behielten ja er konnte schon mit alten Planen die Feinde zurucktreiben, indes neuere Leser sich vergeblich mit neuen wehrten.

Aber nicht bloss die Leichtigkeit, die Gallier zu ubermeistern, bestach ihn fur das Journal, sondern auch der Umstand, dass letzteres gratis war. Er war auffallend auf frankierte Lekture ersessen. Ist es nicht daraus zu erklaren, dass er sich, wie Morhof rat, die einzelnen Hefte von Makulaturbogen, wie sie der Kramladen ausgab, fleissig sammelte und in solchen wie Virgil im Ennius scharrte? Ja fur ihn war der Kramer ein Fortius (der Gelehrte) oder ein Friedrich (der Konig), weil beide letztere sich aus kompletten Buchern nur die Blatter schnitten, an denen etwas war. Eben diese Achtung fur alle Makulatur nahm ihn fur die Vorschurzen gallischer Koche ein, welche bekanntlich aus vollgedrucktem Papier bestehen; und er wunschte oft, ein Deutscher ubersetzte die Schurzen: ich berede mich gern, dass eine gute Version von mehr als einem solchen papiernen Burzel und Schurz unsere Literatur (diese Muse a belles fesses) emporbringen und ihr statt eines Geifertuches dienen konnte. Der Mensch legt auf viele Sachen ein pretium affectionis, bloss weil er sie halb gestohlen zu haben hofft: aus diesem mit dem vorigen zusammenhangenden Grunde fing der Quintus alles glaubig auf, was er entweder in einem collegio publico oder als hospes wegschnappte; nur Meinungen, fur die er den Professor bezahlen musste, pruft' er streng. Ich komme wieder auf den verschobenen Weihnachtsabend zuruck.

Eben da war Egidius froh, dass draussen Muller und Backer ein ander schlugen wie man das wehende Schneien in grossen Flocken nennt und dass die Eisblumen der Fenster aufbluhten denn er hatte aussern Frost bei Stubenhitze gern : er konnte nun Pechholz in den Ofen und Mohrenkaffee in den Magen nachlegen und den rechten Fuss (statt in den Pantoffel) in die warme Hufte des Pudels schieben und doch noch auf dem linken den Starmatz schaukeln, der die Nase des alten Schilles abraupte, indes er mit der rechten Hand mit der linken hielt er die Pfeife so ungestort, eingemummt, umnebelt und ohne ein frostiges Luftchen das Wichtigste anfing, was ein Quintus machen kann den Lektionskatalog des flachsenfingischen Gymnasiums, namlich das Achtel davon. Ich halte den ersten Druck in der Geschichte eines Gelehrten fur wichtiger als die ersten Drucke in der Geschichte der Buchdrucker: Fixlein konnt' es gar nicht satt kriegen, das zu spezifizieren, was er kunftiges Jahr g. G. traktieren wollte, und reihete deshalb, mehr Drucks als Nutzens wegen, noch drei bis vier padagogische Fingerzeige dem Operationsplane samtlicher Schulherren an.

Er trug nur noch einige Gedankenstriche als Faden der Rede nach und sah dann das Opus nicht mehr an, weil er es vergessen wollte, damit er nach dem Abdrucke uber seine eignen Gedanken erstaunte. Nun konnt' er den Messkatalog, den er jahrlich statt der Bucher desselben kaufte, ohne Seufzer aufschlagen: er war auch gedruckt wie ich.

Der freudige Narr hatte unter dem Schreiben den Kopf geschaukelt, die Hande gerieben, mit dem Steisse gehupfet, das Gesicht gebohnt und an dem Zopfe gesogen. Jetzt konnt' er abends um funf Uhr aufspringen, um sich zu erholen, und durch den magischen Dampf der Pfeife in seinem Bauer wie ein frischgefangener Vogel auf- und niederfahren. In den warmen Rauch leuchtete die lange Milchstrasse der Strassenlaternen, und an seinem Bettvorhang hinauf lag rotend der bewegliche Widerschein der brennenden Fenster und illuminierten Baume in der Nachbarschaft. Nun nahm er den Schnee der Zeit von dem Wintergrun der Erinnerung hinweg und sah die schonen Jahre seiner Kindheit aufgedeckt, frisch, grun und duftend vor sich darunter stehen. O es ist schon, dass der Rauch, der uber unserem verpuffenden Leben aufsteigt, sich wie bei dem vergehenden Spiessglas in neuen, obwohl poetischen Freuden-Blumen anlegt! Er schauete aus seiner Ferne von zwanzig Jahren in die stille Stube seiner Eltern hinein, wo sein Vater und sein Bruder noch nicht auf dem Weltboden und Darrofen des Todes einschwanden. Er sagte: "Ich will den heiligen Weihnachts-Abend gleich von fruh an durchnehmen." Schon beim Aufstehen traf er auf dem Tische heilige Flitter von der Gold- und Silberfolie an, mit der das Christuskind seine Apfel und Nusse des Nachts blasonieret und beschlagen hatte. Auf der Munzprobationswaage der Freude ziehet dieser metallische Schaum mehr als die goldnen Kalber, die goldnen Pythagoras-Huften und die guldnen PhilisterArse der Kapitalisten. Dann brachte ihm seine Mutter zugleich das Christentum und die Kleider bei: indem sie ihm die Hosen anzog, rekapitulierte sie leicht die Gebote, und unter dem Binden der Strumpfe die Hauptstucke. Wenn man kein Talglicht mehr brauchte: so mass er, auf dem Arm des Grossvaterstuhles stehend, den nachtlichen Schuss des gelben klebrigen Laubes der Weihnachtsbirke ab und wandte viel weniger Aufmerksamkeit als sonst auf den kleinen weissen Winterflor, den die Hanfkorner, die die oben hangende Voliere verzettelte, aus den nassen Fensterfugen auftrieben. Ich verdenke dem J. J. Rousseau seine flora petrinsularis27 gar nicht; aber er nehme auch dem Quintus seine Fenster-Flora nicht ubel. Da den ganzen Tag keine Schule war: so war Zeit genug ubrig, den Metzger (seinen Bruder) zu bestellen und das Hausschlachten (wenn war besseres Frostwetter dazu?) vorzunehmen. Der Bruder hatte einige Tage vorher mit Lebens- und Prugelgefahr das Maststuck in dem Luftloch eines Schlossfensters gefangen, indem er, auf der Fensterbrustung stehend, die hinausgebogene Hand auf das Nachtlager des darin hockenden Mastochsen so nennten sie den Spatzen deckte. Es fehlte der Schlachterei weder an einem holzernen Beile, noch an Wursten, Pokelfleisch u. dgl. Um drei Uhr setzte sich der alte Gartner, den die Leute den Kunstgartner nennen mussten, mit einer kolnischen Pfeife in seinen grossen Stuhl, und dann durfte kein Mensch mehr arbeiten. Er erzahlte bloss Lugen vom aronautischen Christuskind und vom rauschenden Ruprecht mit Schellen. In der Dammerung nahm der kleine Quintus einen Apfel, zerfallte ihn in alle Figuren der Stereometrie und breitete sie in zwei Abteilungen auf dem Tische auf; wurde nachher das Licht eingetragen: so fing er an zu erstaunen uber den Fund und sagte zum Bruder: "Sieh nur, wie das fromme Christkindlein mir und dir bescheret hat, und ich habe einen Flugel von ihm schimmern sehen." Und auf dieses Schimmern lauerte er selber den ganzen Abend auf.

Schon um acht Uhr er steifet sich hier meistens auf die Chronik seiner Zettel-Kommode wurden beide mit wundgeriebenem Halse und in frischer Wasche und der allgemeinen Besorgnis, dass der heilige Christ sie noch ausser den Betten erblicke, in diese geschafft. Welche lange Zaubernacht! Welches Getummel der traumenden Hoffnungen! Die gestaltenvolle, schimmernde Baumannshohle der Phantasie zieht sich in der Lange der Nacht und in der Ermattung des traumerischen Abarbeitens immer dunkler und voller und grotesker hin aber das Erwachen gibt dem durstenden Herzen seine Hoffnungen wieder. Alle Tone des Zufalls, der Tiere, des Nachtwachters sind der furchtsam-andachtigen Phantasie Klange aus dem Himmel, Singstimmen der Engel in den Luften, Kirchenmusik des morgendlichen Gottesdienstes.

Ach das blosse Schlaraffenland von Ess- und Spielwaren war es nicht, was damals mit seiner Perspektive wie ein Freudenstrom gegen die Kammern unsers Herzens sturmte und was ja noch jetzt im Mondlicht der Erinnerung mit seinen dammernden Landschaften unsere Herzen suss aufloset. Ach das war es, das ists, dass es damals fur unsere grenzenlosen Wunsche noch grenzenlose Hoffnungen gab; aber jetzt hat uns die Wirklichkeit nichts gelassen als die Wunsche!

Endlich liefen schnelle Lichter der Nachbarschaft uber die Wand, und das Weihnachts-Trommeten und Hahnengeschrei vom Turm riss beide Kinder aus den Betten. Mit den Kleidern in den Handen ohne Bangigkeit vor dem Dunkel ohne Gefuhl des Morgenfrostes rauschend trunken schreiend sturzen sie von der Treppe in die dunkle Stube. Die Phantasie wuhlet im Back- und Obstgeruche der verfinsterten Schatze und malet ihre Luftschlosser beim Glimmen der Hesperidenfruchte am Baume. Unter dem Feuerschlagen der Mutter decken die fallenden Funken das Lustlager auf dem Tisch und den bunten Lusthain an der Wand spielend auf und zu, und ein einziger GlutAtom tragt den hangenden Garten von Eden.

Plotzlich wurd' es licht, und der Quintus bekam das Konrektorat und eine Stutzuhr....

Vierter Zettelkasten

Amter-Verschleiss Entdeckung des versprochenen

Geheimnisses Hans von Fuchslein

Indem namlich der gewesene Quintus in seiner dampfenden Stube, dem Resonanzboden seiner Kinderjahre, auf- und ablief: kam der Ratsdiener mit einer Laterne und mit der Vokation, hinter ihm der Jager der Frau von Aufhammer mit einem Briefchen und mit einer Stutzuhr. Die Rittmeisterin hatte den Ehrensold fur seine Kanikularvermahnung am Krankenbette in ein Weihnachtsgeschenk verwandelt, das bestand 1) aus einer Stutzuhr, an der ein holzerner Affe mit dem Glockenschlage vortrat und es nachtrommelte, wie viel Uhr es sei 2) aus dem Konrektorat, das sie ihm ausgewirkt.

Da man auswarts uber diese Vokation des Flachsenfinger innern Rats gar nicht so geurteilt hat, wie man hatte sollen: so halt' ichs fur meine Pflicht, fur den gesamten Rat lieber hier eine Defension zu fuhren als im Reichsanzeiger. Ich habe schon oben im zweiten Zettelkasten erwahnt, dass der Stadtsyndikus mit Hamburger Lichtern und der regierende Burgermeister mit Kaffeebohnen handelte, sowohl mit halben als mit gemahlnen. Der Kompagnie-Stichhandel aber, den sie gemeinschaftlich betrieben, war mit den acht Schulamtern; die andern Ratsglieder sassen nur als Ballenbinder, Ladendiener und Kontoristen in der Ratsschreibstube. Das ganze Rathaus ist uberhaupt ein ostindisches Haus, wo nicht bloss Dekrete oder Vokationen, sondern auch Schuhe und Tucher feilgehalten werden. Eigentlich fuhret der Rat seine Amterhandels Freiheit aus dem Grundsatze des romischen Rechtes her: cui jus est donandi, eidem et vendendi jus est, d.h. wer das Recht hat, eine Sache zu verschenken, der darf sie auch kauflich erlassen, wenn er mag. Da nun den Ratsgliedern offenbar das Recht zusteht, Amter gratis zu erteilen: so muss sich wohl das, sie zu verkaufen, von selber verstehen.

Nur ein Extrawort uber die Volationen-Agioteurs

uberhaupt

Ich sorge im ganzen, die Akademien-Produkten-Verschleiss Kommission28 des Staats betreibe den Amterhandel schlaff. Wer aber anders als das gemeine Wesen muss am Ende leiden, wenn wichtige Posten nicht nach dem Kaufschilling, der fur sie erleget wird, sondern nach Konnexionen, Verwandtschaften, parteiischen Empfehlungen und Bucklingen weggegeben werden? Ists nicht ein Widerspruch, Titularamter teuerer abzustehen als wirkliche? Sollte man nicht eher hoffen, dass der wirkliche Hofrat ums alterum tantum im Verhaltnis des Titularhofrats versteigert werde? Das Geld ist nun bei den europaischen Nationen das Aquivalent und der Reprasentant des Wertes aller Dinge und folglich des Verstandes, um so mehr, da ein Kopf darauf steht; die Kaufsumme des Amtes aufzahlen, ist also nichts als ein examen rigorosum aushalten, das nach einem guten Schema examinandi gehalten wird. Es umkehren und seine Geschicklichkeit statt deren Surrogate und Assignate und Munzen de confiance zeigen wollen, heisset nichts als den narrischen Philosophen in Gullivers Reisen gleich werden, die statt der Namen der Dinge die Dinge selber in Sacken getragen brachten zum gesellschaftlichen Verkehr; und das heisset doch klar in die Zeiten des Tauschhandels zuruckfallen wollen, wo die Romer, anstatt des abgebildeten Ochsen auf ihren Ledermunzen, das Rindvieh selber vorfuhrten.

Ich bin von allen solchen unrichtigen Massregeln so weit entfernt, dass ich oft, wenn ich las, dass der Konig in Frankreich neue Amter ersinne, um mit ihnen unter der Bude seines Baldachins feilzustehen, auf etwas Ahnliches dachte. Ich will es ruhig wenigstens vorschlagen und mich nicht daruber abharmen, ob es die Staaten annehmen oder nicht. Da der Landesherr uns nicht vergonnt, die Amter bloss zum Verkaufe zu vervielfaltigen, weil er vielmehr Tag und Nacht (wie Regisseurs der wandernden Truppen) einem Staats-Akteur mehrere Rollen zudenkt, um zu den drei theatralischen Einheiten die vierte der Spieler zu setzen; da also das obige nicht geht: konnten wir nicht wenigstens einige Tugenden, die mit den Amtern harmonieren, als Titel zugleich mit diesen verkaufen? Konnte man nicht z.B. mit dem Amte eines Referendars zugleich Titular-Unbestechlichkeit verkauflich losschlagen, so aber, dass diese Tugend, als nicht zum Amte gehorig, besonders vom Kandidaten bezahlet wurde? Ein solcher Kauftitel und Briefadel konnte keinen Referendarius verunzieren. Man bedenkt nicht, dass ahnliche schone Titel sonst alle Posten schmuckten: der scholastische Professor schrieb sich damals (noch ausser seinem Amtstitel) "der seraphische der unwiderlegliche der scharfsinnige"- der Konig schrieb sich "der grosse der kahle der kuhne der einfaltige" und so auch der Rabbiner. Wurd' es den Mannern in den hohern Justizstellen unangenehm sein, wenn ihnen die Titel der Unparteilichkeit, der Schnelligkeit etc. so gut kauflich erlassen wurden als die Posten selber? So konnte mit einer Kammerratsstelle die Tugend der Untertanenliebe schon als Titel verknupfet werden; und ich glaube, wenige Advokaten wurden sich bedenken, sich den Titel der Rechtschaffenheit- so gut wie den gewohnlichen der Regierungsadvokatie anzuschaffen, war' er anders zu haben. Wollt' indes ein Kandidat seinen Posten ohne die Tugenden haben: so stand' es bei ihm, und der Staat durft' ihn zu dieser Vexier-Moralitat nicht zwingen.

Es kann sein, dass, wie nach Tristram Shandy Kleider, nach Walther Shandy und Lavater nomina propria auf den Menschen zuruckwirken, appellativa es noch mehr tun, da ohnehin an uns, wie an den Schaltieren, sich der Schaum so oft zur Schale versteinert; aber diese Moralitat ists nicht, worauf ein Staat sehen kann: wie bei den schonen Kunsten ist nicht sie, sondern Darstellung sein wahrer Zweck.

Es wurde mir oben ordentlich sauer, fur die verschiedenen Amter mir verschiedene Verbaltugenden zu erdenken; aber ich sollte glauben, es waren noch viele dergleichen Abteilungen der Tugend (jetzt fallt mir selber noch der Freiheitsgeist, die Aufrichtigkeit und der gerade Sinn ein) auszukundschaften, wollte nur ein moralischer Staatsminister eine ordentliche Tugenddivisions-Kammer oder ein moralisches Adress-Departement mit einigen Kanzelisten anstellen, die gegen geringen Gehalt die verschiedenen Tugenden fur die verschiedenen Amter ersannen. Ich wurde an ihrem Platze ein gutes Prisma vor den weissen Strahl der Tugend halten, das ihn gehorig zersetzte. Zu wunschen war' es, es betrafe Verbrechen deren Subsubdivision namlich : so konnten Gerichtshalter dazu genommen werden. Denn in den Gerichtsstellen, wo nur niedere Gerichtsbarkeit und keine Strafe uber 5 fl. frankischer Wahrung stattfindet, haben sie ein tagliches Exerzitium, wie sie aus jedem Unfug mehrere kleinere machen wollen, wovon sie jeden niemals uber 5 fl. bestrafen. Es ist dieses ein gutes moralisches Rolfinken, das die Juristen glucklich dem Sunden-Prosektor, dem heiligen Augustin, und seiner Sorbonne absahen, die beide in Adams Sundenapfel mehr Sunden einschnitten, als jener in einen Kirschkern Gesichter. Wie verschieden ist der Gerichtshalter vom papstlichen Kasuisten, der die beste Todsunde durch Seitenschnitte in eine lassliche zu verdunnen weiss!

Schulamter (um auf diese zu kommen) sind zwar ein kleiner Handelsartikel; sie sind aber doch allemal Monarchien Schulmonarchien namlich , die der polnischen Krone gleichen, die nach Popes Verse zweimal in einem Jahrhundert feilsteht, welches arithmetisch falsch ist, weil Newton die Regiments-Jahre im Durchschnitt auf zweiundzwanzig Jahre ansetzt. Ob ubrigens der innere Rat die Stadtjugend einem Hamelschen Ratten- und Kinderfanger oder einem Weisseschen Kinderfreunde zufuhre das kann fur den Rat keinen Unterschied machen, da der Schulmann kein Gaul ist, fur dessen unsichtbare Mangel der Rosstauscher zu haften hat. Es ist genug, wenn Stadtsyndikus et Compagnie sich nicht vorwerfen konnen, dass sie ein Genie ausgeklaubet haben; denn ein Genie wurde, da es nur zur Zierde und Belustigung des Staates zu verbrauchen ist, allerdings den schlechtern, kaltern Kopf verdrangen, der eigentlich der wahre Nutzen und Kuxe des Staates ist, so wie gute Lot und Zahlperlen bloss zum Putze, schlechte Samenperlen aber zum Medizinieren dienen. Wenn uberhaupt ein Schullehrer vermogend ist, seinen Scholaren auszuwichsen: so kann er im ganzen genug; und ich tadle es, dass die Oberexaminationskommission keinen Schulmann vor ihren Augen einige oder mehrere junge Leute aus seiner Klasse zur Probe prugeln lasset, um zu sehen, was an ihm ist.

Ende des Extrawortes uber Vokationen-Agioteurs

uberhaupt

Nun wieder zur Geschichte! Die Rats-Bewindheber erkannten meinem Helden das Konrektorat nicht bloss des grossern Lichte rund Bohnen-Absatzes wegen zu, sondern wegen einer ganz tollen Vermutung: sie glaubten namlich, der Quintus verfahre bald Todes.

Und hier steh' ich vor einem wichtigen Platze dieser Geschichte, in den ich bis jetzt niemand sehen lassen; jetzt aber kommts nicht mehr auf meinen Willen an, die bisherige spanische Wand wegzuschieben oder nicht, sondern ich muss sogar Reverberierlaternen daruber aufhangen. Es ist namlich in der medizinischen Geschichte etwas ganz Bekanntes, dass man in gewissen Familien gerade in einem Alter stirbt, wie man darin auch in einem Alter (namlich von neun Monaten) geboren wird; ja aus Voltaire entsinn' ich mich einer Familie, worin die Verwandten sich immer in demselben Alter entleibten. In der Fixleinischen Verwandtschaft war nun die Gewohnheit, dass die mannlichen Aszendenten immer im zweiunddreissigsten Jahre am Kantatesonntag sich hinlegten und starben: es muss sichs jeder in sein Exemplar vom dreissigjahrigen Kriege, weils Schiller ganzlich weggelassen, nachtragen, dass darin ein Fixlein an der Pest, einer am Hunger und einer an einer Flintenkugel starb, alle im zweiunddreissigsten Jahre. Wahre Philosophie erklart sich das Faktum so: "Die ersten paar Male traf sichs nur zufalligerweise so; und die ubrigen Male verstarben die Leute an der blossen Angst: widrigenfalls musste man das ganze Faktum lieber in Zweifel ziehen."

Was machte aber Fixlein aus der Sache? Wenig oder nichts: das einzige, was er tat, war, dass er sich wenig oder nicht befliss, sich in Thiennette zu verlieben, damit kein anderer seinetwegen in Angst geriete. Er selber aber schor sich aus funf Grunden so wenig darum, dass er alter als der Senior Astmann zu werden verhoffte: erstlich, weil drei Zigeunerinnen in verschiedenen Orts und Zeitraumen, und ohne etwas voneinander zu wissen, darin zusammengetroffen hatten, dass sie ihn dieselbe Hauptallee langer Jahre in ihren Zauberspiegeln erblicken liessen zweitens, weil er kerngesund war drittens, weil sein eigner Bruder eine Ausnahme gemacht hatte und vor den Dreissigern ersoffen war viertens darum: als kleiner Knabe wurd' er gerade an dem Kantatesonntage, wo man seinen Vater aufs Leichenbrett band, vor Kummer krank und nur durch sein Spielzeug geheilt; mit diesem Kantate-Siechtum aber glaubte er den morderischen Genius seines Stamms recht gut abgefunden zu haben. Funftens konnt' er, weil die Kirchenbucher und mithin die Gewissheit seines Alters zusammengebrennt waren, niemals in eine bestimmte todliche Angst geraten: "Ich kann heimlich.", sagt' er, "schon uber das Schelmjahr weggewischet sein, ohne dass es ein Henker gemerkt hat." Ich verhehl' es nicht, schon im vorigen Jahre dacht' er, er sei ein Zweiunddreissiger: "Sollt' ichs dennoch" (sagte er) "erst im kunftigen (1792) g. G. werden: so kanns so gut ablaufen wie im vorigen, und der Herr kann mich ja uberall finden. Und war' es denn unrecht, wenn die hubschen Jahre, die dem Leben meines Bruders abgebrochen wurden, meinem zugeschlagen wurden?"- So sucht sich der Mensch unter dem kalten Schnee der Gegenwart zu erwarmen oder sich aus ihm einen schonen Schneemann zu kneten.

Hingegen die ratsherrliche Oligarchie fussete aufs Widerspiel und hob eben wie eine Gottheit den Quintus plotzlich aus der Quintei ins Konrektorat, weil sie darauf schwur, er erledig' es bald. Eigentlich hatte nach der Schul-Anciennete dieser heilige Stuhl dem Subrektor Hans von Fuchslein gebuhrt; aber er mocht' ihn nicht, weil er Hukelumer Pfarrer werden wollte, zumal da Astmanns Todesengel nach sichern Nachrichten die Ture zu diesem Schafstall immer weiter aufschloss. "Treibts der Kerl noch hochstens ein Jahr, so ists viel", sagte Hans.

Dieser Hans war so grob, dass es schade ist, dass er nicht ein kurhannoverischer Postbediente war, weil er dann durch das Mandat der hannoverischen Regierung, das alle Postamter zu feinen Sitten verwies, sich mit hatte umbessern konnen. Er war unserem armen Quintus, den kein Mensch anfocht und der wieder keinen Menschen hasste, allein aufsatzig, bloss weil Fixlein sich nicht Fuchslein schrieb und sich nicht mit ihm hatte adeln wollen lassen. Der Subrektor musste auf seinem adeligen Triumphwagen, den die Vorspann von vier vorausgegebenen Ahnen zog, den Quintus, der mit ihm verwandt war, hinten in den Lakaienriemen des Wagens greifen sehen und ihn mit dem jammerlichsten Aufzuge von der Welt zu dem Gefolge sagen horen: "Der da fahrt, ist mein Vetter und ein Mensch, und ich erinnere ihn immer daran." Der milde nachgiebige Quintus wurde die grosse Wespen-Giftblase im Subrektor gar nicht gewahr und nahm sie fur den Honigmagen; ja durch seine bruderliche Warme, die der Edelmann fur Schein ansah, kochte er dessen giftigen Safte nur noch dicker. Der Quintus sah aus Einfalt die Verachtung fur Neid uber seine padagogischen Talente an.

Einen Katharinenhof einen Annenhof einen Elisabeth-, Strahlen- und Petershof, alle diese russische Lustschlosser kann einer entraten (wenn nicht verachten), der eine Stube hat, worin er am heiligen Weihnachtsabend mit einer Vokation herumstreift. Der neue Konrektor wunschte sich nun nichts als hellen Tag: Freuden (Sorgen nie) frassen ihm wie Spatzen die Schlummerkorner weg, und heute trommelte ihm noch dazu der Rechnungsfuhrer seiner frohen Zeit, der UhrAffe, alle Stunden vor, die er freudig vertraumte, anstatt verschnarchte.

Am Weihnachtsmorgen erblickt' er seinen Lektionskatalog und machte nicht viel daraus: er wusste kaum, was er von seinem gestrigen narrischen Aufblahen uber seine Quintur nun denken sollte: "Die Quintus-Stelle", sagt' er zu sich, "kommt gegen ein Konrektorat in gar keine Betrachtung mich wunderts, wie ich gestern damit stolzieren konnte vor meiner Veranderung heute hatte ich doch eher Fug dazu." Heute speisete er, wie an allen Sonn- und Festtagen, beim Metzgermeister Steinberger, seinem vormaligen Vormund. Fixlein war gegen ihn das, was gemeine Leute immer, was aber vornehme und philosophische und gefuhlvolle selten sind dankbar: der Mensch dankt desto weniger fur fremde Geschenke, je geneigter er ist, eigne zu machen, und der Freigebige ist selten ein Dankbarer. Meister Steinberger hatte als Proviantmeister an den Drahtkafig der Dachstube, worin Fixlein als Student in Leipzig hing, vollgedruckte Fressnapfchen mit Kanarienfutter von Gerauchertem, von Hausbrot und Sauerkraut angesteckt. Geld aber war ihm niemals abzubetteln: es ist bekannt, dass er oft die besten Kalbshaute zu Stiefelleder fur den Quintus zum Gerber gratis schickte; aber die GerbKosten musste der Mundel tragen. Als Fixlein kam, wurd' ihm wie allemal ein kleineres gemodeltes Tischtuch aufs grobe gedeckt der Grossvaterstuhl, ein silbernes Besteck und eine Weinsuppe gereicht; lauter Aufwand, der sich, wie der Vormund sagte, nur fur einen Gelehrten schickte, aber fur keinen Fleischer. Fixlein ass erst, eh' er entdeckte, dass er Konrektor geworden. "Mundel, wenn Er" (sagte Steinberger) "das geworden ist: so ists recht gut. Siehst du, Eva, jetzt kauf' ich keinen Schwanz von deinen Kuhen ich muss es gerochen haben." Er sagte seiner Tochter damit, dass er den fur die Schweizerei bestimmten Kaufschilling fur das Konrektorat verwenden musse: er streckte namlich dem Mundel allezeit die AmterSpesen vor, zu 4;12 Prozent. Funfzig Gulden hatt' er dem Quintus schon zur Quintus-Werdung geliehen, die richtig verzinset werden mussten; an dem Zinstage aber bekam Fixlein allemal noch Geld heraus, weil er die Tochter des Vormundes alle Sonntage nach dem Essen im Rechnen, Schreiben und in der Landerkunde vornehmen musste. Steinberger foderte mit Recht von seiner leiblichen achtzehnjahrigen Tochter, dass sie alle Stadte wissen sollte, worin er auf seiner Wanderschaft geschlachtet hatte; und wenn sie nicht aufpasste, oder krumm schrieb, oder falsch subtrahierte: so stand er als akademischer Senat und Freischoppe hinter ihrem Stuhl und zackte sozusagen mit dem Zainhammer seiner Faust das im Ruckgrat fortgesetzte Gehirn zur Kultur mit wenig Schlagen aus. Der sanfte Quintus hatte sie ohnehin nie geprugelt. Deswegen hatte sie ihm vielleicht mit einigen Blicken ihr Herz legiert und testiert. Der alte Fleischer hatte eben weil seine Frau gestorben war immer mit Grubenlichtern und Storstangen den Inhalt aller Winkel, die nur im Herzen einer Tochter liegen, ausgeforscht; und hatte daher langst das gemerkt was der Quintus niemals merkte , dass sie letztern haben wolle. Madchen verstecken ihren Kummer leichter als ihre Freuden: heute war Eva uber das Konrektorat ungewohnlich rot geworden.

Als sie heute nach dem Essen den Kaffee holte, den der Mundel bis auf den Bodensatz austrinken musste "ich schlage meine Eva tot, wenn sie ihn nur anleckt", sagte er : so sagt' er zu Fixlein: "Hor' Er, Herr Mundel, hat Er niemals ein Auge auf meine Eva geworfen? Sie kann Ihn leiden, und wenn Er sie will, kriegt Er sie, aber wir sind geschiedene Leute: denn ein gelehrter Herr braucht eine ganz andere."

"Herr Regimentsquartiermeister", sagte Fixlein (denn diesen Posten bekleidete Steinberger bei der Landmiliz), "eine solche Partie ware ohnehin viel zu reich fur einen Schulmann", Der Quartiermeister nickte mit dem Kopfe siebenzigmal und sagte zur wiederkehrenden Eva, indem er ein Krummholz, woran er Kalber aufspreizte und aufhing, vom Gesimse nahm: "Bleib stehen! Hore, willst du gegenwartigen Herrn Konrektor zu deinem Ehegemahl haben?""Ach du grosser Gott!" sagte Eva. "Du magst ihn nun wollen oder nicht," fuhr der Metzger fort, "so schlagt dir dein Vater mit dem Krummholz das Gehirn ein, wenn du nur an einen gelehrten Herrn denkst mach jetzt seinen Kaffee." So war durch das Trennmesser des Krummholzes leicht eine Liebe zerschlagen, die in einem hohern Stande durch dieses Dazwischenschlagen mit dem Schwerte nur desto mehr geschaumet und gegischet hatte.

Fixlein konnte nun zu jeder Stunde 50 fl. frankisch erheben und den padagogischen Reichsapfel ergreifen und Koadjutor des Rektors, d.h. Konrektor werden. Man kann annehmen, dass es mit den Schulden wie mit den Verhaltnissen in der Baukunst ist, von denen Wolf erwies, dass die die schonsten sind, die sich mit den kleinsten Zahlen ausdrucken lassen. Inzwischen griff der Quartiermeister Gelehrten willig unter die Arme: denn die Meinung, dass der Schuldner im zweiunddreissigsten Jahre sterben und dass so dem Tod als Glaubiger in der ersten Klasse die Schuld der Natur eher bezahlet werde als andern Kreditoren die ihrigen, o diese Meinung nannt' er Viehdummheit und Narretei; er war weder aber- noch rechtglaubig und handelte nach festen Grundsatzen, die der gemeine Mann weit ofter hat als der prahlende Literatus und der ode weiche Grosse.

Da ich nur einzelne helle Marientage warme Walpurgisnachte hochstens bunte Rosenwochen aus dem in Alltagsschlacken vererzten Leben Fixleins wie Silberadern scheide und sie fur den Leser poche, schmelze und glatte: so muss ich jetzt mit dem Bache seines Lebens gehen bis an den Kantatesonntag 1792, bevor ich einige Handvoll Goldkorner zur Wasche in diese biographische Goldhutte tragen kann. Dieser Sonntag hingegen ist sehr goldhaltig: man denke nur daran, dass Fixlein doch nicht weiss (weil die Asche der Kirchenbucher unleserlich ist), ob er da nicht ins zweiunddreissigste Jahr einlaufe.

Von Weihnachten bis dahin tat er weiter nichts, als dass er Konrektor wurde. Der neue Katheder war ein Sonnenaltar, auf dem sich aus der Quintus-Asche ein junger Phonix zusammenzog. Grosse Veranderungen verjungen in Amtern, Ehen, Reisen , weil man das Leben allezeit von der letzten Revolution an datiert, wie die Franzosen von der ihrigen an. Ein Obrist, der in die Wesenleiter der Anciennete den Fuss als Korporal eingesetzet hatte, ist funfmal junger als ein Konig, der in seinem Leben nichts weiter war als ein Kronprinz.

Funfter Zettelkasten

Der Kantatesonntag zwei Testamente Pontak

Blut Liebe

Die Fruhlingsmonate kleiden die Erde neu und bunt, aber den Menschen meistens schwarz. Gerade wenn unsere Eisregionen zu fruchtbaren werden und die Blumenwellen der Auen uber unsern Weltteil zusammenschlagen: so stossen uns uberall Menschen in Floren auf, deren Fruhlingsanfang voll Tranen ist. Aber auf der andern Seite ist ja das Aufbluhen der verjungten Erde die beste Kurzeit gegen den Schmerz uber die, die in ihr liegen, und Blumen verhullen uns Graber besser als Schnee. Der alte Lehrer des Konrektors, Astmann, begegnete im April, der weniger veranderlich als todlich ist, dem Tode, der ihm das am Magen siechende Gehirn eindruckte. Man wollte seinen Abschied der Rittmeisterin verdecken; aber das ungewohnliche Leichengelaute trug ihr seinen Schwanengesang ans Herz und setzte die Abendglocke ihres Lebens allmahlich in ahnlichen Schwung. Alter und Leiden hatten an ihr schon dem Tode die ersten Einschnitte vorgezeichnet, dass er wenig Muhe brauchte, sie ganz zu fallen; denn den Menschen geht es wie den Baumen, die lange vor dem Umsagen eingekerbet werden, damit ihnen der Lebenssaft entfliesse. Der zweite Schlagfluss traf sie in geringer Entfernung vom letzten: es ist sonderbar, dass der Tod, wie Gerichte, die Schlagflussigen dreimal zitieret.

Die Menschen schieben ihren letzten Willen gern so lange hinaus wie ihren bessern: die Rittmeisterin hatte vielleicht alle ihre Stunden bis auf die sprachlose und taube ohne Testament verrollen lassen, hatte nicht Thiennette in der letzten Nacht, ehe sie aus der Krankenwarterin die Leichenfrau wurde, die Sieche auf den armen Konrektor gebracht und auf sein darbendes Leben und auf die schmalen Lebensdiaten und Alimentengelder, die ihm das Gluck ausgeworfen, und auf seine leere Zukunft, wo er als gelbes mattes Gewachs in den trockenen Dielen-Fugen der Schulstube zwischen Schulern und Glaubigern welken werde. Ihre Durftigkeit war ihr das Modell zur seinigen, und ihre innern Tranen waren die flussigen Tuschen ihres Gemaldes. Da die Rittmeisterin nur fur Domestiken testierte und bei den mannlichen anfing: so stand Fixlein obenan und der Tod, der ein besonderer Hausfreund des Konrektors sein muss, hob nicht eher seine Sense auf und tat den letzten Schnitt, als bis sein Muttersohnchen mit vernehmlicher Stimme zum Testamentserben erklaret war: dann schnitt er alles ab, Leben, Testament und Hoffnungen.

Als der Konrektor auf einem Waschezettel seiner Mutter diese zwei Todes- und Hiobsposten in seiner Sekunda erfuhr: so war das erste, was er tat, dass er die Sekundaner entliess und in Tranen ausbrach, ehe er im Konrektorat angekommen war. Ob ihm gleich die Mutter mit geschrieben hatte, dass er im Testament bedacht geworden ich wunschte aber, der Gerichtshalter hatte ausgeplaudert, wie viel es gewesen : so fielen ihm fast mit jedem O, das er masorethisch in der deutschen Bibel assortierte und eintrug, grosse Tropfen in die Feder und machten die Dinte zu blass. Ihn zerfrass nicht der poetische Schmerz des Dichters, der die klaffenden Wunden in Leichenschleier hullet und den Schrei durch sanftes Trauergetone bricht, noch der Schmerz des Philosophen, den ein offnes Grab in das ganze Katakomben-Geklufte der Vergangenheit einschauen lasset und vor dem sich der Todesschatten eines Freundes zum Schattenkegel der ganzen Erde aufrichtet sondern ihn presste das Weh eines Kindes, einer Mutter, die schon der Gedanke ohne Nebenbetrachtungen bitter zerknirscht: "So soll ich dich nicht mehr sehen, so sollst du verwesen, und ich sehe dich, du gute Seele, niemals, niemals mehr." Eben weil er weder den poetischen noch philosophischen Kummer hatte, machte jede Kleinigkeit einen Absatz, eine Lucke in dem seinigen; und er war wie ein Weib noch denselben Abend fahig, sich einige kunftige Gebrauchszettel seiner angekundigten Erbschaftsmasse zu entwerfen.

Vier Wochen darauf, d.h. den 5. Mai, wurden die Testamentssiegel aufgebrochen; aber er ging erst den 6. (am Kantatesonntag) nach Hukelum ab. Seine Mutter lief seinen Grussen mit Tranen entgegen, die sie uber die Leiche vergoss vor Trauer und uber das Testament vor Freude. Dem zeitigen Konrektor Egidius Zebedaus war verehrt: erstlich ein adeliges grosses Bette mit einer Spiegeldecke, in dem der Riese Goliath sich hatte umwenden konnen und an das nachher ich und die Leserin naher treten wollen, um es zu prufen zweitens wurde ihm als ruckstandiges Osterpatengeld fur jedes Jahr, das er zuruckgelegt, ein Zopfdukaten legiert drittens sollen ihm alle Rezeptions- und Stationsgelder, die ihn die Kreuzeserhohung in das Quintat und Konrektorat gekostet, bei Heller und Pfennig erstattet werden. -"Und weisst du denn" fuhr die Mutter fort, "was die arme Frohlen kriegt? Ach Gott! nichts! nicht den roten Heller da!" Denn der Tod hatte die Hand starr gemacht, die sich gerade ausstrecken und der armen Thiennette einen kleinen Regenschirm gegen die Strichgewitter und Blutregen ihres Lebens reichen wollte. Die Mutter berichtete diesen Fussstoss des Glucks mit wahrem Mitleid, das bei den Weibern den Neid abloset und das ihnen leichter wird als die Mitfreude, die mehr mannlich ist. In manchen weiblichen Herzenskammern sind Mitleiden und Neid so nahe Wandnachbarn, dass sie nirgends tugendhaft waren als in der Holle, wo die Menschen so erschrecklich viel ausstehen, und nirgends fehlerhaft als im Himmel, wo die Leute des Guten zu viel haben.

Der Konrektor hatte nun auf Erden den Himmel, in den seine Wohltaterin aufgeflohen war. Zuallererst sprang er ohne sein Schnupftuch einzustecken, in dem seine Ruhrung war die Treppe hinauf, um das grosse testierte Bette aufgeschlagen zu sehen: denn er hatte eine weibliche Vorliebe fur Moblen. Ich weiss nicht, ob der Leser schon in alte Ritterbetten geschauet hat oder gestiegen ist, in die man durch eine kleine Treppe ohne Gelander, die daran hangt, leichtlich kommen kann und in denen man im Grunde allemal eine Treppe hoch schlaft. Nazianzen berichtet (Orat. XVI), dass schon die Juden hohe Betten mit solchen Huhnerleitern gehabt, aber bloss des Ungeziefers wegen. Die legierte Bette-Arche war gerade so gross und ein Floh hatte sie nicht mit Erddiametern, sondern mit Siriusweiten gemessen. Als Fixlein von diesem kolossalischen Dormitorium die Vorhange zuruckgeschoben und den Bettehimmel in einem grossen Spiegel offen gesehen hatte: war' er gern darin gewesen; und wenn er aus dem Nachtkegel in Amerika einen Kegelschnitt hatte nehmen konnen, er hatte sich damit eingebauet, um nur eine halbe Stunde mit seiner dunnen Rutentaille im Flaum-Weiher herumzuschwimmen. Die Mutter hatte ihn durch langere Kettenschlusse und Kettenrechnungen, als das Bette war, nicht dahin lenken konnen, den breiten Spiegel oben ausbrechen zu lassen, obgleich sein grosser Spiegeltisch sich in nichts besehen konnte als in einem Rasierspiegel; er liess den Spiegel oben daran: "Sollt' ich einmal g. G. heuraten," sagt' er, "so kann ich doch gegen Morgen meine schlafende Frau ansehen, ohne dass ich mich im Bette aufsetze."

Was den zweiten Artikel anlangt, namlich die legierten Patenpfennige: so macht' es gestern seine Mutter recht gut. Der Gerichtshalter horte sie uber die Jahre des Erben ab, und sie legte diesem geradezu die Dental-Zahl zweiunddreissig bei. Sie hatte gern gelogen und den Sohn wie eine Inschrift fur alter verkauft; aber gegen diese veniam aetatis wurden, sah sie, die Rechte mit Rechten exzipieret haben: "es sei erlogen und erstunken; ware der Sohn zweiunddreissig alt: so war' er ja langst Todes verfahren, wie nun wohl nicht anders zu prasumieren."

Und gerade unter der Erzahlung sprach ein Aufhammerischer Bedienter ein und reichte gegen Revers und gegen Ratifikation des von der Mutter ausgestellten Geburtsscheines die Goldstange von zweiunddreissig Rechen-Pfennigen des Alters dem Konrektor wie eine Lebens-Ruderstange zu: Herr von Aufhammer war zu einem knauserischen Hader uber einen burgerlichen Geburtsschein zu stolz.

Und so ging durch eine stolze Freigebigkeit einer der besten Prozesse vor die Hunde, da man die Goldstange auf der Ziehbank der Richtersbanke zu dem feinsten Golddraht hatte ausziehen konnen. Aus der Flocke, die nicht auszuwirren war denn erstlich konnte Fixleins Alter mit nichts dokumentiert werden, zweitens musste man, so lange als er lebte, prasumieren, dass er noch nicht zweiunddreissig Jahre alt geworden29-, aus dieser Flocke waren nicht bloss Seide und Strangulier-Schmachtriemen, sondern ganze Prellgarne zu spinnen und zu zwirnen gewesen. Die Klienten uberhaupt hatten sich weniger uber Prozesse zu beklagen, wenn diese langer dauerten: die Philosophen streiten jahrtausendelang uber philosophische Fragen, und es fallt daher auf, dass Advokaten die juristischen in ihren Akten schon in sechzig, achtzig Jahren von der Hand schlagen wollen. Aber das ist nicht die Schuld der Rechtsfreunde: vielmehr wie Lessing von der Wahrheit behauptet, dass nicht das Finden, sondern das Suchen derselben den Menschen beglukke und dass er selber dem Geschenke aller Wahrheiten fur die susse Muhe des Forschens entsagen wurde, so wird der Rechtsfreund nicht glucklich durch das Finden und Entscheiden, sondern durch das Untersuchen einer juristischen Wahrheit welches man eben prozessieren und praktizieren nennt , und er wurde sich gern ewig der Wahrheit, wie die Hyperbel der Asymptote, nahern wollen, ohne sie zu erreichen, da er mit Weib und Kind als ein ehrlicher Mann bei dieser ewigen Approximation bestehen konnte.

Der abgeschickte Bediente hatte ausser dem GoldLegat noch ein Dekret vom Gerichtshalter, worin dem Testamentserben auferleget war, von den Pragekosten, die er zahlen mussen, da er als Quintus und Konrektor unter der Randelmaschine seiner Vorgesetzten lag, Belege und Scheine beizubringen, worauf er sein Geld wiederbekommen sollte.

Der Konrektor, der sich gegenwartig an die Reihe der Millionare anschloss, hielt die kurze Geldrolle wie einen Zepter in der Hand, wie eine herausgezogene Teichdocke des Meeres der Zukunft, das nun ablaufen und ihm alle Besetzfische langgewachsen, trocken und festliegend anbieten muss.

Ich kann nicht alles auf einmal erzahlen, sonst hatt' ichs dem Leser, der schon lange darauf passen wird, eher gesagt, dass dem bemittelten Konrektor die zweiunddreissig Patenpfennige mehr als zu sehr die zweiunddreissig Jahre vormalten, an die noch dazu heute der Kantatesonntag, diese Bartholomausnacht und dieser zweite September seiner Familie, anstiess. Die Mutter, die das Alter ihres Kindes hatte wissen sollen, sagte, es war' ihr entfallen, sie woll' aber wetten, schon vor einem Jahre war' er zweiunddreissig gewesen, und der Gerichtshalter hatte nur nicht mit sich reden lassen. "Ich wollte selber schworen" sagte der Kapitalist, "ich weiss, wie dumm mir vorm Jahre am Kantatesonntag war." Er sah uberhaupt den Tod nicht, wie der Dichter, im aufturmenden, auseinandertreibenden Hohlspiegel der Phantasie, sondern wie das Kind, wie der Wilde, wie der Landmann und wie das Weib sah er ihn im planen Oktav-Spiegel vorn an der Schale eines Gesangbuches, und er kam ihm wie der gesunkne, in einem Gitterstuhl der Kirche schlafende Greisen-Kopf vor.

Und doch dacht' er heute ofter an ihn wie vorm Jahre: denn die Freude schmilzet gern zur Wehmut ein, und das lackierte Glucksrad ist das Schopfrad, das sich in die Augen ergiesset.... Aber der freundliche Genius dieser Erd- oder vielmehr Wasserkugel denn in der physischen und in der moralischen Welt sind mehr Tranenseen als festes Land hat den armen Wasserinsekten, die darauf herumschiessen, uns namlich, eine ganz besondere Schweersche Essenz fur die Bleikoliken unserer Seele aufgehoben: ich behaupte, der Genius muss die ganze Pathologie der Menschheit mit Fleiss studieret haben; denn er hat fur den armen Teufel, welcher keinen Stoiker und keinen Seelensorger bezahlen kann, der fur die Fissuren seiner Hirnschale und seiner Brust kostbare Rezepte und Krauter zusammensetzte, ein herrliches Wundwasser in alle Kellereien fasserweise eingeleget, das der Patient nur nehmen und auf die Knochensplitterung und Schmarren giessen darf- Fusel namlich, oder Bier, oder etwas Wein... Beim Himmel! es ist entweder dummer Undank gegen den medizinischen Genius auf der einen Seite oder theologische Verwechslung erlaubter Betrunkenheit mit verbotner Besoffenheit auf der andern, wenn die Menschen nicht Gott danken, dass sie in der Geschwindigkeit etwas haben, was in der Nervenschwindsucht des Lebens Philosophie, Christentum, Judentum, Heidentum und Zeit ersetzt Getrank, wie gesagt.

Der Konrektor hatte lange vor Sonnenuntergang dem Gemeinboten drei ggr. Botenlohn gegeben und liess sich denn er hatte ja ein ganzes Dukaten-Kabinett in der Tasche, das er den ganzen Tag im Finstern mit der Hand durchblatterte fur drei Taler Pontak aus der Stadt abholen. "Ich muss mir heute", sagt' er, "eine Kantates-Lust machen; ists mein letzter Tag, wohl! nun so ists auch mein lustigster." Ich wunscht', er hatte eine grossere Bestellung gemacht; aber er hatte uberall den Zaum der Massigkeit zwischen den Zahnen, sogar vor einer gedrohten Vexier-Todesnacht und mitten im Jubel. Es ist die Frage, ob er nicht auf eine Bouteille sich eingeschranket hatte, wenn er nicht mit den zwei andern die Mutter und das Fraulein hatte freihalten wollen. Hatt' er in dem zehnten Sakulum gelebt, wo man den Jungsten Tag, oder in andern Sakuln, wo man Sundfluten erwartete und wo man deswegen, wie Matrosen im Schiffbruch, alles versoff: er hatte darum nicht einen Kreuzer mehr verzehrt. Seine Freude war, dass er mit dem Legat seinen Hauptkreditor Steinberger abfinden und als ein ehrlicher Mann aus der Welt gehen konnte: gerade Leute, die sich viel aus dem Gelde machen, zahlen ihre Schulden am ehrlichsten.

Der purpurne Pontak kam an zu einer Zeit, da Fixlein die Rotelzeichnungen und roten Titelbuchstaben der Freude, die jener auf die Wangen seines Trinkers und seiner Trinkerinnen ziehen wird, mit dem AbendInkarnat der letzten Wolken um die Sonne zusammenhalten konnte....

Wahrlich unter allen Zuschauern dieser Geschichte kann keiner mehr an die arme Thiennette denken als ich; aber ich kann sie doch wahrlich nicht vor der Zeit aus ihrer Anzugsstube auf meinen historischen Schauplatz jagen. Die Arme! der Konrektor kann nicht heisser wunschen als sein Biograph, dass am Tempel der Natur wie am jerusalemitischen eine besondere Pforte ausser der des Todes offen sei, durch die blosse Bedrangte gehen, damit sie ein Priester aufrichte. Aber Thiennettens Brustschmerzen uber alle ihre versunknen Aussichten, uber die eingesargte Wohltaterin, uber ein ganzes mit dem Leichenflor zugesponnenes Leben hatten ihr bisher in einem Jammer, den der steinichte Rittmeister mehr blutig als gelinder machte, alles verwehrt, Geschafte ausgenommen, alle Schritte gelahmt, die nicht zu einer Arbeit geschahen, und ihren Augen nichts gegeben, was sie trocknen oder freuen konnte, als ein niederfallendes Augenlid voll Traume und Schlaf.

Aller Kummer erhebt uber die burgerlichen Zeremonialgesetze und macht den Prosaisten zum Psalmisten: bloss im Kummer wagen die Weiber. Thiennette ging nur abends und nur im Garten aus.

Der Konrektor konnt' es kaum abwarten, seiner Hausfreundin zu erscheinen, ihr seinen Dank und heute seinen Pontak zu bringen. Drei Pontakkelche und drei Kelchglaser waren aussen auf die Fensterkuste seiner Hutte gestellet, und sooft er von dem dunkeln Hohlwege zwischen Bluten-Waldungen zuruckkam, nippte er aus seinem Glase und die Mutter trank in der Stube hinein durch das Schubfenster.

Ich habe schon gesagt, sein Lebens-Laboratorium lag im sudwestlichen Winkel des Gartens, gegenuber dem ins Dorf hineinreichenden Schloss-Eskurial. Im nordwestlichen Winkel bluhte eine Akazien-Laube, gleichsam die Blumenkrone des Gartens. Fixlein trat auch dahin seine Lustfahrt an, um etwan aus der weit gegitterten Laube einen glucklichen Blick in die langen Wiesen nach Thiennetten auszuwerfen. Er fuhr ein wenig zuruck vor zwei steinernen Staffeln, die in den Weiher, der auf seinem Gang zur Laube lag, mit frischem Blute betropfet hinuntergingen. Auch an den nahen Binsen hing Blut. Den Menschen schauert vor diesem Ole unseres Lebens-Dochtes, wo er es vergossen findet: es ist ihm die rote Todesunterschrift des Wurgengels. Fixlein eilte sorgend in die Laube und fand hier seine bleichere Wohltaterin an Blutenbuschen angelehnt, ihre Hande waren mit dem Strickzeug in den Schoss gesunken, ihre Augen lagen in den Augenlidern gleichsam im Verbande des Schlummers, so wie ihr linker Arm im wirklichen Verbande der Aderlass, und mit Wangen, denen die Abendrote so viel gab, als ihnen die bisherigen Verwundungen die heutige dazugerechnet genommen hatten. Fixlein fing nach dem ersten Schrecken nicht uber diesen Blumenschlaf, sondern uber sein lautes Hereintraben an, die Schmetterlingsspiralsauglinie seines Auges auseinanderzurollen und sie auf die stillstehenden Blatter dieser Blume hinzulegen. Im Grunde, darf ich behaupten, wars heute das erstemal, dass er sie ansah: er war in die Dreissig gekommen und glaubte noch fort, an einem Fraulein durf' er nur die Kleider, nicht den Korper bemerken, und er habe ihr nur mit den Ohren, nicht mit den Augen aufzuwarten.

Ich mess' es dem hebenden Flaschenzuge der elektrischen Verstarkungsflasche des Pontaks bei, dass der Konrektor den Mut fasste, umzu- -kehren, um wiederzukommen und die erweckenden Mittel des Hustens, Niesens, Trabens und Rufens nach dem Pudel in starkern Dosen an der Schlaferin zu brauchen. Sie etwan bei der Hand zu nehmen und unter einer medizinischen Entschuldigung aus dem Schlafe zu ziehen, das ware ein Wagstuck gewesen, dessen der Konrektor, solang' er noch vor Pontak stehen konnte und seinen Verstand hatte, niemals fahig war. Kurz, er weckte sie anders auch auf. Mude, Bedrangte! wie langsam geht dein Auge auf! Das warmste Heilpflaster der Erde, der Schlaf, hat sich verschoben, und die Nachtluft der Erinnerung wehet wieder deine nackte Wunde an! Und doch war dein lachelnder Jugendfreund noch das Schonste, auf was dein Auge fallen konnte, wenn es aus dem hangenden Garten des Traums in den niedrigen um dich sank.

Sie wusste selber wenig davon und der Konrektor gar nichts , dass sie ihre Blumenblatter unvermerkt nach dem Stande dieses Weltkorpers beuge, namlich nach Fixlein: sie glich einer italienischen Blume, die einen fein versteckten Neujahrwunsch aufbewahrt, den der Empfanger nicht sogleich herauszuziehen weiss. Jetzt schloss die goldne Pansterkette ihrer Wohltat sie ebensogut an ihn als ihn an sie. Sie gab sogleich ihrem Auge und Tone eine freudige Maske: denn sie stellte ihre Tranen nicht, wie Katholiken Christus seine, in Reliquien-Phiolen auf Altaren zur Anbetung aus. Er konnte die Einladung zu seiner Pontaks-Krankenkommunion recht schicklich mit einem langen Dank fur die Vermittlung anfangen, die ihm die Hulfsquellen dazu geoffnet hatte. Sie stand langsam auf und ging mit zum Weinlager; aber er war nicht so gescheut, dass er sie anfangs gefuhret hatte, oder vielmehr so herzhaft; er hatte leichter einem Madchen seine Hand (namlich mit Eheringen) als seinen Arm angeboten. Ein einziges Mal in seinem Leben hatte er eine mailandische Grafin aus dem Schauspielhause heimgefuhret welches freilich nicht zu glauben ware, wenn es nicht die Bewandtnis hatte, dass er musste, weil sie, als eine Fremde, nach der Verirrung von allen ihren Leuten, in einer kotigen Nacht ihn als einen schwarzen Abbate beim Arme ergriffen und sie in ihren Gasthof zu bringen befehligt hatte. Er aber wusste zu leben und geleitete sie bloss bis an das Portal seiner Quintei und wies ihr mit dem Finger den Gasthof, der aus einer andern Gasse mit dreissig lichten Fenstern vorschauete.

Dafur kann er nichts. Aber heute war er kaum mit der Muden bis ans Ufer des Teichs, worein die aberglaubische Furcht vor dem hexenden Missbrauch das reine Blut ihres linken Arms gegossen hatte, gekommen: als er in der Angst, sie falle mit ihrem ubrigen Blute die Kuste hinunter, sich des siechen Armes ganz kuhn bemachtigte. So setzen viel Pontak und ein wenig Mut einen Konrektor allzeit instand, ein Fraulein zu fassen. Ich beteuere, noch vor dem Lagerbaum des Weins, vor dem Fenster, verharrte er in der fuhrenden Stellung. Welche sanfte Gruppe im Halbschatten der Erde, da das dunkle Gewasser der Nacht immer tiefer fiel, weil das Silberlicht des Mondes schon am kupfernen Turmknopf widerprallte! Ich nenne die Gruppe sanft, weil sie aus einem doppelt verbluteten Madchen, aus einer Mutter, die ihr den Dank fur das Gluck ihres Kindes noch einmal mit Tranen bringt, und aus einem frommen, bescheidnen Menschen besteht, der beiden einschenkt und zutrinkt, und der in seinem Geader einen brennenden Lavastrom verspurt, der durch sein Herz kochend zieht und der es endlich Stuck vor Stuck zu zerschmelzen und mitzutreiben droht. Ein Talglicht stand aussen zwischen den drei Bouteillen und den drei Glasern, wie die Vernunft zwischen den Leidenschaften deswegen schauete der Konrektor in einem fort an die Fensterscheiben: denn auf ihnen farbte sich (die Finsternis der Stube diente zur Spiegelfolie) unter andern Gesichtern, die Fixlein gern hatte, auch das liebste ab, das er nur im Widerschein anzublicken wagte, das von Thiennette.

Jede Minute wurde ein Foderationsfest, und jede Sekunde wurde der Vorsabbat dazu. Der Mond schimmerte schon aus dem Abendtau und der Pontak aus den Augen, und die Bohnenstangen warfen kurzeres Schattengegitter. Die Quecksilberkugelchen der Sterne hingen, immer mehr zusammenfliessend, im Flor der Nacht. Der heisse Dunst des Weines setzte beide wieder wie Dampfmaschinen in Gang.

Nichts macht das Herz voller und kuhner als Aufund Abgehen in der Nacht. Fixlein fuhrte jetzt das Fraulein ohne Bedenken. Des zerritzten Armes wegen konnte Thiennette nur die Hand umklammernd in seinen legen, und er, um ihr das Fest halten durch seines halb abzunehmen, druckte ihre Finger, so gut er konnte, mit seinem Arme an seine Brust. Man musste keine Lebensart haben, um seine zu meistern. Inzwischen sind Geringfugigkeiten die Proviantbackerei der Liebe; die Finger sind die elektrischen Auslader eines an allen Fibern glimmenden Feuers; Seufzer sind Leittone konvergierender Herzen, und das Allerschlimmste und Starkste dabei ist ein Ungluck: denn die Flamme der Liebe schwimmt, wie die von Naphtha, gern auf Tranenwasser. Zwei Tranentropfen, einer im fremden, einer im eignen Auge, setzten aus zwei konvexen Linsenglasern ein Mikroskop zusammen, das alles vergrosserte und alle Leiden zu Reizen machte. Gutes Geschlecht! Auch ich halte jede Ungluckliche fur schon, und vielleicht bist du schon darum den Namen des schonen wert, weil du das leidende bist!

Und wenn der Professor Hunczovsky in Wien die Wunden aller Glieder in Wachs nachbildete, um seinen Schulern ihre Heilung zu lehren: so stell' ich, du gutes Geschlecht, die Risse und Narben deiner Seele in kleinen Bildern dar, wiewohl nur um rohe Hande abzuwehren, damit sie dir keine neuen machen.

Thiennette empfand nicht den Verlust der Erbschaft, sondern der Erblasserin so tief; und das eines Zuges wegen, den sie schon seiner Mutter so erzahlet hatte wie jetzt ihm. Wenn sie namlich in den zwei letzten Krankennachten der Rittmeisterin, in denen ihr das fieberhafte Wachen nichts zeigte als die Nachtleiche und die Trauerkutschen ihrer Gonnerin, am Fusse des Bettes den starren Augen gegenuber sass: so glitten ihr oft, aber ohne es zu merken, schnelle Tropfen uber die Wangen, weil sie in Gedanken sich das schwere unbehulfliche Ankleiden der Wohltaterin fur den Sarg vormalte. Einmal nach Mitternacht wies die Kranke mit dem Zeigefinger auf ihre eignen Lippen. Thiennette verstand sie nicht stand auf und bog sich uber ihr Angesicht. Die Schwache wollt' es entgegenheben und vermocht' es nicht und rundete bloss die Lippen. Endlich durchfuhr Thiennetten die Mutmassung, dass sie die Gelahmte, deren erstorbene Arme kein geliebtes Herz mehr an ihres ziehen konnten, selber umarmen sollte. O da druckte sie plotzlich heiss und tranend ihren heissen Mund an den kaltern und sie schwieg auch wie die Sprachlose und umarmte allein, ohne umarmt zu werden. Gegen vier Uhr zuckte der Finger wieder; sie sank wieder auf den starren Mund aber es war kein Zeichen gewesen: denn der Mund ihrer Freundin war unter dem langen Kusse starr und kalt geworden....

Wie tief ging jetzt nicht vor dem unendlichen Ewigkeits-Antlitz der Nacht die Schneide des Gedankens in Fixleins warme Seele: "O du Arme neben mir! Keinen Gluckszufall, kein Abendrot hast du, wie jetzt am Himmel nachglimmt, etwan zu einer Aussicht auf einen Sonnentag; ohne Eltern bist du, ohne Bruder, ohne Freunde, nur so allein auf einem ausbluhenden ausgeleerten Platze der Erde, und du zuruckgelassene Herbstblume schwankest einsam und erfroren uber den Grummetstoppeln der Vergangenheit." Das war der Sinn seiner Gedanken, deren innere Worte waren: "Das arme Fraulein! nicht einmal einen Lehnsvetter hat sie, es nimmt sie keiner von Adel, und sie altert so vergessen, und sie ist doch so herzensgut mich hat sie glucklich gemacht ach hatt' ich die Vokation zur hukelumischen Pfarrei in der Tasche, ich machte einen Versuch.".... Ihr beiderseitiges Leben, das ein enges schneidendes Bindwerk des Schicksals so nahe ineinanderknupfte, trat jetzt mit Flor behangen vor ihn, und er lenkte geradezu denn ein bloder Mann ist in anderthalben Stunden in den kuhnsten umgesetzt und verbleibt es nachher seine Freundin zur letzten Flasche zuruck, um damit alle aufschiessende Disteln und Passionsblumen der Traurigkeit zu ersaufen. Ich merke im Vorbeigehen an, dass das dumm ist: die zerritzte Rebe ist voll Wasseradern wie voll Trauben, und ein sanft beklommenes Herz weichen die Getranke der Freude nur zu Tranen auf.

Wer mir nicht beipflichtet, den bitt' ich jetzt nur den Konrektor anzusehen, der meinen Erfahrungssatz wie ein Syllogismus beweiset. Man konnte auf philosophische Aussichten kommen, wenn man den Ursachen nachginge, warum gerade Getranke d.h. am Ende reichlichere Sekretion des Nervengeistes den Menschen zugleich fromm, weich und dichterisch machen. Der Dichter ist, wie sein Musenvater, ein ewiger Jungling und ist das, was andere Menschen nur einmal sind namlich verliebt oder nur nach dem Pontak namlich berauscht-, den ganzen Tag, das ganze Leben hindurch. Fixlein, der kein Dichter am Morgen war, wurde jetzt in der Nacht einer: Wein machte ihn fromm und weich; die Harmonikaglokken im Menschen, die der hohern Welt nachtonen, mussen, wie die glasernen, um hier zu gehen, nass erhalten werden.

Jetzt stand er mit ihr wieder vor dem wogenden Teiche, in dem die zweite blaue Halbkugel des Himmels mit wankenden Sternen und flatternden Baumen zitterte; uber die grunen Hugel liefen die weissen gekrummten Strassen dunkel hinauf; auf dem einen Berg sank die Abendrote zusammen, auf dem andern richtete sich der Nebel der Nacht auf und uber alle diese ringenden Dunste des Lebens hing unbeweglich und flammend der tausendarmige Kronleuchter des Sternenhimmels herab, und jeder Arm hielt eine brennende Milchstrasse....

Jetzt schlug es 11 Uhr... Bei solchen Szenen streckt sich im Menschen eine unbekannte Hand aus und schreibet mit fremder Sprache an sein Herz jenes furchterliche Mene, Tekel etc. "Vielleicht bin ich gestorben um 12 Uhr", dachte unser Freund, in dessen Seele jetzt der Kantatesonntag mit allen seinen schwarzgefarbten Blutgerusten aufstieg.

Der ganze kunftige Lebens-Kreuzgang seiner Freundin lag gestachelt und bedornet vor ihm, und er sah jede blutige Spur, aus der sie ihren Fuss gezogen sie, die seinen eignen Weg mit Blumen und Blattern weich gemacht. Da konnt' er sich nicht mehr enthalten, zu zittern mit Korper und Stimme und zu ihr feierlich zu sagen: "Und sollte der Herr heute noch uber mich gebieten, so sei Ihnen mein ganzes halbes Vermogen vermacht: denn Ihrer unbeschreiblichen Gute hab' ich es ja zu danken, dass ich schuldenfrei bin wie wenige Schulmanner."

Thiennette, unbekannt mit unserem Geschlecht, musste dieses irrig fur einen Antrag der Ehe nehmen und druckte dem einzigen lebendigen Menschen, durch dessen Arm sich noch die Freude, die Liebe und die Erde mit ihrer Brust verband, heute zum erstenmal mit den Fingern des wunden Armes bebend seinen, worin sie lagen. Der Konrektor, freudig-erschrocken uber den ersten Andruck einer weiblichen Hand, suchte mit seiner herubergebognen rechten ihre linke zu erfassen, und Thiennette hob, da sie seine vergebliche Krummung merkte, die Finger auf vom Arm und legte den verbundnen in seinen und ihre ganze linke Hand in seine rechte. Zwei Liebende wohnen in der Flispergalerie30, wo der dunneste Hauch sich zu einem Laute beseelet. Der gute Konrektor empfing und verdoppelte den seligen Druck der Liebe, womit die arme unmachtige Seele stammelnd, eingesperrt, lechzend und wahnsinnig eine heisse Sprache sucht, die es nicht gibt; er wurde ubermannt er hatte nicht den Mut, sie anzublicken, sondern sah geradeaus in die Abendrote und sagte (und hier rannen vor unaussprechlicher Liebe die Tranen heiss uber seine Wangen): "Ach ich will Ihnen alles geben, Gut und Blut und alles, was ich habe, mein Herz und meine Hand." Sie wollte antworten, aber sie tat nach einem Seitenblicke den Schrei des Schreckens: "Ach Gott!" Er fuhr gegen sie und sah den weiss-mousselinenen Armel mit ihrem Blute vollgequollen, weil sie die Aderlassbinde durch das Hineinrucken des Armes abgeschoben hatte. Blitzschnell riss er sie in die Akazienlaube, wo sie sich setzen konnte. Das nachdringende Blut tropfte schon vom Kleide, und er wurde bleicher als sie, denn jeder Tropfe wurde aus seinem Herzensblut geschopft. Der blau-weisse postpapierne Arm wurde enthullt die Binde wurde aufgewunden er riss aus der Tasche ein Goldstuck heraus deckte es, wie man bei offnen Arterien tut, auf die sprudelnde Quelle und verschloss mit diesem goldnen Gesperre und mit der Binde daruber die Pforte, aus der ihr gequaltes Leben drang.

Als es voruber war, sah sie auf zu ihm, erblasset, aber ihre Augen waren zwei schimmernde Quellen einer unbeschreiblichen Liebe voll Schmerz und voll Dank. Die ermattende Verblutung legte ihre Seele in Seufzer auseinander. Thiennette war unaussprechlich weich, und das von so vielen Jahren, von so vielen Pfeilen aufgerissene Herz tauchte sich mit allen seinen Wunden in warme Tranenstrome unter, um zuzuheilen, wie sich zersprungene Floten durch das Liegen im Wasser schliessen und darin ihre Tone wiederfinden. Vor einer solchen magischen Gestalt, vor einer solchen verklarten Liebe zerschmolz ihr mitleidender Freund zwischen den Flammen der Freuden und Schmerzen und versank, mit erstickten Lauten und von Liebe und Wonne niedergezogen, auf das gute blasse himmlische Angesicht, dessen Lippen er blode druckte, ohne sie zu kussen, bis die allmachtige Liebe alle ihre Gurtel um sie wand und beide enger und enger zusammenzog, und bis die zwei Seelen, in vier Arme verstrickt, wie Tranen ineinanderrannen. O da es jetzt zwolf Uhr wie zum Sterben schlug, so musste ja der Gluckliche denken, ihre Lippen sogen seine Seele weg, und alle Fibern und alle Nerven seines Lebens krummten sich zuckend und fest um das letzte Herz der Erde, um seine letzte Wonne Ja, Glucklicher, du drucktest deine Liebe aus, denn du dachtest, an deiner Liebe zu vergehen....

Er verging aber nicht. Nach zwolf Uhr schwamm ein lebendiger Morgenwind durch die erschutterten Bluten, und der ganze Fruhling atmete voll. Der Selige, der sogar einem Freudenmeere Damme setzte, erinnerte die Verblutete, die nun seine Braut war, an die Gefahr der Nachtkalte, und sich an die Gefahr der langern Nachtkalte des Todes, die nun auf lange Jahre uberstanden war. Unschuldig und selig traten sie aus der mit weissen Akazienbluten und Mondsflittern durchbrochnen Verlobungs-Dammerung. Und draussen war ihnen, als ware eine ganze weite Vergangenheit wie durch einen Erdfall vor ihnen eingesunken: alles war neu, licht und jung. Der Himmel stand voll blinkender Tautropfen des ewigen Morgens, und die Sterne zitterten freudig auseinander und sanken, in Strahlen aufgeloset, in das Herz der Menschen herunter. Der Mond hatte mit seiner Lichtquelle den ganzen Garten uberdeckt und angezundet und hing oben in einem ungestirnten Blau, als wenn er sich von den nachsten Sternen nahrte, und schien ein entruckter kleinerer Fruhling zu sein und ein aus Menschenliebe lachelnder Christuskopf.

Unter diesem Lichte sahen sie sich an zum ersten Male nach dem ersten Worte der Liebe, und der Himmel schimmerte zauberisch in die mild zerflossenen Zuge, mit denen die erste Entzuckung der Liebe noch auf ihren Angesichtern stand...

Traumet, ihr Lieben, wie ihr wachtet, so glucklich wie im Paradies, so schuldlos wie im Paradies!

Sechster Zettelkasten

Amter-Impost eine der wichtigsten Suppliken

Das Herrlichste war sein Erwachen in seiner europaischen Niederlassung im Ritterbette! Mit dem inflammatorischen kitzelndnagenden Fieber der Liebe in der Brust, mit dem Frohlocken, so dass er nun das Antrittsprogramm der Liebeserklarung glucklich hinter sich hatte, und mit der sussen Auferstehung aus der lebendigen prophetischen Begrabung und mit der Freude, dass er nun in seinen Dreissigern zum ersten Male die Hoffnung zu einem langern Leben und ist das nicht wenigstens zu einem siebzigjahrigen? hatte als vor zehn Jahren, mit allem diesen garenden Lebensbalsam, in dem das lebendige Feuerrad seines Herzens spruhend umlief, lag er da und lachte zu seinem blitzenden Portrat im gespiegelten Betthimmel hinauf; aber er vermocht' es nicht lange, er musste sich bewegen. Einem minder Glucklichen war' es hinreichend gewesen, den Flacheninhalt des Bettes wie es manche Pilger mit der Lange ihrer Wallfahrt taten nicht sowohl durch Schritte als durch Korperlangen wie durch Erddiameter herauszumessen. Aber Fixlein musste mir nichts, dir nichts aus dem Bette setzen gleichsam mitten ins warme flutende Leben hinein er hatte nun seine liebe gute Erde wieder beim Flugel und das Konrektorat darauf und obendrein eine Braut. Noch dazu bekannte ihm unten die Mutter, dass er heute nacht wirklich dem Freund Hein unter der Sichel durchgeschlupfet sei wie biegsames Gras, und dass sie es ihm nur gestern aus Furcht vor seiner Furcht nicht habe sagen wollen. Noch jetzt uberliefs ihn kalt zumal da er heute nuchtern war , wenn er zu dem nun vier Stunden abgelegenen hohen tarpejischen Felsen hinaufsah, auf dessen Zinne er gestern mit dem Tode beisammen gestanden war.

Das einzige, was ihn argerte, war, dass es Montag war und er zuruck ins Gymnasium musste. Eine solche Uberfracht von Freuden hatt' er nie auf seiner Strasse zur Stadt. Jetzt nach vier Uhr tritt er aus dem Hause voll Kaffee (den er in Hukelum nur der Mutter wegen trank, die diesen weiblichen Wein noch zwei Tage darauf uber die Hefen des Bodensatzes abzog) in den kuhlenden dammernden Maimorgen hinein (denn die Freude braucht Kuhle, der Kummer Sonne) seine Verlobte kommt ihm (zwar nicht entgegen, aber doch) zu Ohren durch ihr fernes Morgenlied er macht nur einen augenblicklichen Abstecher in den Gluckshafen der blutetrunknen Akazienlaube, die noch wie der Bund, der darin geschlossen wurde, keine Stacheln hat er taucht seine heisse Hand in das Kuhlbad des betaueten Laubes er watet mit Lust durch das uber die Fluren gesprengte Schonheitswasser des Taues, das den Stiefeln die Farbe wegfrisset, die es den Gesichtern erteilt ("denn nun mit 30 Dukaten kann sich ein Konrektor schon zwei Paar Stiefel auf der Streu halten")- Jetzt taucht sich der Mond (gleichsam das hangende Siegel an seiner gestrigen Wonne) in Abend ein als ein ausgeleerter Eimer des Lichts, und in Morgen ging der zweite ubervollgeschopfte Eimer, die Sonne, in die Hohe, und die Gusse des Lichtes flatterten immer breiter.

Die Stadt stand in himmlischen Morgenflammen: hier fing seine Wunschelrute (die Goldstange, die er bis auf den abgebrochenen 1/16 Zoll bei sich trug) uber allen Stellen zu schlagen an, wo sich Ausbeuten und Silberadern der Lust versteckten, und unser Rutenganger entdeckte leicht, dass die Stadt und die Zukunft ein wahres ganzes Freuden-Potosi waren.

In seinem Konrektorats-Stubchen fiel er auf die Knie und dankte Gott nicht sowohl fur Erbschaft und Braut als fur sein Leben: denn er war mit Zweifeln Sonntags fruh fortgegangen, ob er wiederkommen werde, und ich habe nur aus Liebe zum Leser, weil ich dachte, er angstige sich, Fixleins Reise mehr seiner Begierde, das Testament zu wissen, als dem Wunsche, sein eignes bloss bei seiner Mutter zu machen, oben listig zugeschrieben. Jede Genesung ist eine Wiederbringung und Palingenesie unserer Jugend: man liebt die Erde und die, die darauf sind, mit einem neuen Herzen. Der Konrektor hatte die ganze Sekunda beim Kopfe nehmen und abherzen mogen; aber er tats nur seinem Adjutanten, dem Quartaner, der im ersten Zettelkasten noch als Quintaner sass...

Sein erster Gang aus der Nachmittagsschule war ins Haus des Meister Steinbergers, worin er, ohne ein Wort zu sagen, 50 fl. in Dukaten bar auf den Tisch zahlte: "Endlich stoss' ich", sagte Fixlein, "doch die Halbscheid meiner Schuld ab mit vielem Danke." "Ei, Herr Konrektor," (sagte der Regimentsquartiermeister und wurstete ungestort fort) "in meiner Obligation steht: 'heimzuzahlen nach vierteljahriger beiderseitiger Aufkundigung.' Wie wollte unsereiner sonst bestehen? Aber auswechseln will ich Ihm die Goldstucke." Darauf riet er ihm, es ware gescheuter, wenn er ein paar Gulden davon nahme und sich einen bessern Hut und ganze Schuhe bestellte: "Wenn Er sich", setzte er hinzu, "die Kalbshaut und sechs Hasenfelle zurichten lassen will: droben liegen sie." Ich sollte doch denken, meinen Lesern sei es ebensowenig gleichgultig als dem Metzger, ob der Held einer solchen Geschichte ihm mit einem abgegriffenen Pfanndeckel von Hut und mit einem Pumpenstiefel und Beinharnisch von Stiefel entgegenkomme oder nicht. Kurz der Mann trug sich noch vor Johannistag mit Geschmack und Pracht.

Jetzt aber waren zwei ausserst wichtige Aufsatze im Grunde nur einer, die Supplik um die Hukelumer Pfarrei auszuarbeiten, wobei mir ist, als musst' ich selber mithelfen.... Es ware einfaltig, wenn gerade jetzt das gesamte Publikum nicht achtgabe.

Zuvorderst suchte und schlichtete der Konrektor alle Konsistorial- und Ratsquittungen oder vielmehr die Zollscheine des Weggeldes zusammen, das er geben mussen, eh' ihm die Schlagbaume am Quintat und Konrektorat aufgezogen wurden: denn der Exekutor des rittmeisterlichen Testamentes musste ihm alles, wie Quittung besagen wurde, bei Heller und Pfennig gut tun. Ein anderer hatte diese ganze Amts-Akzise leichter zusammensummiert, indem er bloss nachgesehen hatte, was er schuldig ware, weil diese Schuld und jene Zollscheine wie Parallelstellen einander gegenseitig erklaren und vidimieren. Aber bei Fixlein waltete ein Nebenumstand vor, den ich nicht eher referieren kann als nach dem folgenden.

Es verdross ihn ein wenig, dass er fur seine zwei Amter nicht mehr als 135 fl. 41 kr. 1/2 Pf. hatte zahlen und borgen mussen. Die Erbschaft ging zwar sogleich aus des testamentlichen Vollstreckers Handen in des Regimentsquartiermeisters seine; er hatt' es aber doch gern gesehen, er hatte denn ein Mensch ist ein Narr von Haus aus mehr zu zahlen und also zu erben gehabt. Das ganze Konrektorat hatte er durch einen Einsatz von wenigen 90 fl. gleichsam aus dem Glucksrade gezogen; und eine so kleine Debetsumme wird den Leser wunder nehmen; was wird er aber erst denken, wenn ich ihm sage, dass es Lander gibt, wo die Entreegelder in Schulstuben noch massiger sind? Im Scheerauischen kostet ein Konrektor nur 88 fl., und er hat vielleicht noch das Triplum dieser Summe einzunehmen. Ohne an Sachsen zu denken was freilich von der Wiege der Reformation in der Religion und in der schonen Literatur nicht anders zu erwarten ist , wo ein Schul- und Pfarrherr namlich gar nichts zahlt: so ist es schon im Baireuthischen, z.B. in Hof; mit der Aufklarung so weit, dass ein Quartus was sag' ich ein Quartus ein Tertius! was sag' ich ein Tertius ein Konrektor vor Antritt seines Postens nicht mehr zu erlegen braucht als:

fl. rhein. kr. rhein.

30 49 fur Verpflichtung bei demKonsistorio.

04 dem Stadtsyndikus fur die Vokation.

02 dem regierenden Burgermeister.

45 712 fur das Regierungsdekret.

Summa 81 5612 Laufen auch die Druckkosten eines Rektors in einigen Artikeln hoher auf: so kommt hingegen ein Tertius, Quartus etc. noch wohlfeiler aus der Presse als selber mann auskommen, da er schon im ersten Jahr einen Uberschuss uber dieses Schwanzgeld seines Amtes ein nimmt. Es muss ein Schullehrer schon wie seine Schuler von einer Klasse zur andern avancieret sein, ehe seine Staatsanleihen samt den Verzogerungszinsen so viel betragen, als er in der hochsten einnimmt. Noch dazu sind unsere Einrichtungen nicht dagegen welches doch die athenischen taten , dass man die Amter verschuldet antritt, sondern jeder ersteigt mit dem Ranzen seiner Schuldenlast unangefochten eine Stufe nach der andern. Der Papst erhebt bei grossen Pfrunden die Einkunfte des ersten Jahres unter dem Titel Annaten, und er schenkt daher eine grosse allzeit dem Inhaber einer kleinern, um fremde und eigne Intraden zu gleich zu mehren; es zeigt aber, dunkt mich, einen schonen Unterschied zwischen Papst- und Luthertum, dass die Konsistorien des letztern den Schulund Kirchendienern vielleicht kaum zwei Drittel der ersten jahrlichen Amtes-Einkunfte abnehmen, ob sie gleich sonst wie der Papst auf die Erledigungen der Stellen aus sind.

Es kann sein, dass ich hier mit Kur-Mainz zerfalle, wenn ich gestehe, dass ich in Schmaussens Corp. jur. pupl. germ. die Kur-Mainzische-Reichs-Hof-KanzleiTaxordnung von 1659 den 6. Jan. nachgeschlagen und daraus ersehen habe, wie viel die Reichs-HofKanzlei haben will, mit einem Konsistorium kollationieret. Z.B. wer zu einem gekronten Poeten (poeta laureatus) ausgesotten oder ausgebrannt sein will, hat 50 fl. Tax und 20 fl. Kanzlei Jura zu erlegen, da er doch mit 20 fl. mehr ein Konrektor hatte werden konnen, der ein dergleichen Poet nebenbei und ex officio ist. Die Errichtung eines Gymnasiums wird fur 1000 fl. verstattet; eine ungemeine Summe, mit der samtliche Lehrer des errichteten Gymnasiums die Einlassgelder ihrer Schulstuben zu bestreiten vermogen. Ein Freiherr, der ohnehin oft alt wird, ohne zu wissen wie, muss die venia aetatis mit 200 baren Gulden kaufen, indes er mit der Halfte davon ein Schulmann hatte werden konnen, worauf ihm das Alter von selber zugefallen ware. Und tausend solche Dinge! Sie beweisen aber, dass es nicht ubel um Staaten und Reichskreise stehen musse, wo der Torheit Standeserhohungen teurer gegeben werden als dem Fleisse, und wo es mehr kostet, eine Schule zu errichten als zu bedienen.

Was ich hieruber zu einem Fursten gesagt habe, ist, so wie das, was mir hieruber ein Stadtsyndikus gesagt, zu merkwurdig, um aus blosser Furcht vor Ausschweifungen hier ubergangen zu werden.

Der Stadtsyndikus ein Mann von Einsichten und von feurigem Patriotismus, der desto wohltatiger warmte, da er dessen Strahlen in einem Fokus sammelte und auf sich und seine Familie richtete gab mir (ich mochte damals vielleicht jede Schulbank und jede Schultreppe fur eine Bank und Leiter halten, auf die man Leute zum Torquieren legt) die beste Antwort auf vieles: "Wenn ein Schulmann nichts vertut als 30 rtl.31; wenn er nicht mehr Fabrikwaren jahrlich kauft, als die Politiker fur jedes Individuum berechnet haben, namlich fur 5 rtl., und nicht mehr Zentner Nahrung, als diese annehmen, namlich 10; kurz, wenn er wie ein wohlhabender Holzhacker lebt: so musste der Teufel sein Spiel haben, wenn er nicht jahrlich soviel reinen Profit zurucklegen wollte, als die Zinsen seiner Amtsschulden am Ende betragen."

Der Syndikus muss mich doch damals nicht uberredet haben, weil ich nachher zum flachsenfingischen Fursten 32sagte: "Gnadigster Herr, Sie wissen es nicht, aber ich kein Akteur unter Ihrer Truppe wurde den Schulmeister in Engels verlornen Sohn um das Geld drei Abende lang machen, um das ihn jeder wirkliche Schulmeister alle ganze Tage des Jahres hindurch machen muss. Im Brandenburgischen werden die Invaliden Schullehrer; bei uns werden die Schullehrer Invaliden."....

Aber zur Geschichte! Fixlein setzte das Register seiner Kronschulden auf, aber aus einer ganz andern Absicht, als der Leser denken wird, dem immer das Testament im Kopfe steckt. Kurz, er wollte Pfarrer in Hukelum werden. Ach an dem Orte es zu werden, wo seine Wiege stand und alle Gartchen seiner Kindheit ferner seine Mutter und die Verlobungslaube: das war ein offnes Tor in ein neues Jerusalem, gesetzt auch die Stelle ware eine hagere Ponitenzpfarre gewesen. Die Hauptsache war, er konnte heiraten, wenn er voziert wurde. Denn als dunner Konrektor im Schmachtriemen seiner Weste, mit Intraden, womit kaum der Kaufschilling des Geldbeutels zu bestreiten ist, da konnt' er eher den Docht und Talg zur Leichen- als zur Brautfackel zusammenbringen.

Denn die Schuldienerschaft darf uberhaupt in guten Staaten so wenig heiraten wie die Soldateska. Im Conringio de antiquitatibus academicis, wo auf allen Blattern bewiesen wird, dass die Kloster ursprunglich Schulen waren, kam ich darhinter, warum. Jetzt sind die Schulen Kloster, und folglich sucht man die Lehrer wenigstens zu einigen Nachahmungen der drei Klostergelubde anzuhalten. Das Gelubde des Gehorsams ist vielleicht am ersten durch Scholarchen zu erzwingen; aber das zweite Gelubde der Ehelosigkeit wurde schwerer erfullet werden, wenn nicht durch eine der besten Staats-Verfugungen fur das dritte, ich meine fur eine schone Gleichheit der Armut, so gesorget ware, dass kein Mann mehrere testimonia paupertatis braucht als einer, der sie macht dann greife dieser Mann nur zu einer ehelichen Halfte, wenn von den zwei Halften jede einen ganzen Magen hat, und nichts dazu als Halbmetalle und Halbbier....

Ich weiss, Millionen meiner Leser setzten dem Konrektor selber das Bittschreiben auf und ritten damit nach Schadeck zum Herrn, damit nur der arme Schelm den Schafstall bekame, samt dem angebaueten Hochzeithaus, weil ihnen wohl einleuchtet, dass nachher einer der besten Zettelkasten wurde geschrieben werden, der je aus einem Letternkasten ausgehoben wurde.

Fixleins Bittschrift war ausserordentlich gut und auffallend: sie stellte dem Rittmeister vier Grunde vor: 1) "Er ware ein Dorfkind, seine Eltern und Voreltern hatten sich schon um Hukelum verdient gemacht, also bat' er etc."

2) "Er konne leicht die hier dokumentierten Passivschulden von 15 fl. fr. 41 kr. und 1/2 Pf., deren Tilgungsfond ihm ein unvergessliches Testament anbiete, selber abfuhren, falls er die Pfarrei bekame, und entsage hiemit dem Legat etc."

Freie Note von mir. Man sieht, er will seinen Herrn Paten bestechen, den das Testament der Frau in Harnisch gebracht. Aber halte, lieber Leser, einem armen, bedrangten, schwertragenden Schulmann und Schulpferd eine undelikate Wendung, die freilich niemals die unsere ware, zugute. Bedenke: Fixlein wusste, dass der Rittmeister ein Filz war gegen Burgerliche, so wie ein wegschenkender Rupfhase fur Adelige. Auch kann der Konrektor ein oder ein paarmal von Patronatsherren auf der Ritterbank gehoret haben, die wirklich nicht sowohl Kirchen und Gottesacker womit man doch in England Handel treibt als deren treue Bestellung verkaufet oder vielmehr verpachtet haben an die Pachtkandidaten. Ich weiss aus Lange33, dass die Kirche ihren Patron bekostigen muss, wenn er gar nichts mehr zu leben hat: konnte nun nicht ein Edelmann, noch eh' er bettelte, etwas auf Abschlag, eine Vorausbezahlung von seinen Alimentengeldern annehmen aus den Handen des Kanzel-Pachters?

3) "Er habe sich seit kurzem mit dem gnadigen Fraulein von Thiennette verlobt und ihr ein Goldstuck auf die Ehe gegeben und konnte also solche heiraten, wenn er versorgt wurde etc."

Freie Note von mir. Ich halte diesen Grund fur den starksten in der ganzen Supplik. In Herrn von Aufhammers Augen war Thiennettens Stammbaum langst gestutzt, entblattert, wurmstichig und voll Bohrkafer; sie war ja seine Okonoma, Schlossintendantin und a latere-Legatin fur das Schlossgesinde, die ihm mit ihren Anspruchen auf seine Almosenkasse in die Lange eine Burde wurde. Sein erzurnter Wunsch, dass sie mit Fixleins Erbschaft hatte abgefunden werden mogen, wurde jetzt durch diesen erfullt. Kurz, wenn Fix]ein Pfarrer wird, so hat ers dem dritten Grunde zu danken, weit weniger dem tollen vierten....

4) "Er habe betrubt vernommen, dass der Name seines Pudels, den er in Leipzig einem Emigranten abgekauft, auf deutsch Egidius bedeute, und dass der Hund ihm die Ungnade seines gnadigen Herrn zugezogen. Es sei ferne von ihm, den Pudel kunftighin also zu benamsen; er werd' es aber fur eine grosse Gnade erkennen, wenn sein gnadiger Herr Pat' fur den Hund, den er jetzt ohne Namen riefe, selber einen resolvierten."

Meine freie Note. Der Hund, bei dem bisher der Edelmann zu Gevatter gestanden war, soll also seinen Namen zum zweitenmal von ihm empfangen.... Wie soll aber der darbende Gartners Sohn, dessen Laufbahn nie hoher stieg als von der Schulbank zur Schulkanzel, und der mit den Frauenzimmern nie gesprochen hatte als singend, namlich in der Kirche, wie soll der bei einem solchen Saitenbezuge einen feinern als den pedantischen Ton anschlagen? Und doch liegt der Grund tiefer: nicht die eingeschrankte Lage, sondern der eingeschrankte Blick, nicht eine Lieblingswissenschaft, sondern eine enge burgerliche Seele macht pedantisch, die die konzentrischen Zirkel des menschlichen Wissens und Tuns nicht messen und trennen kann, die den Fokus des ganzen Menschenlebens wegen des Fokalabstandes mit jedem Paar konvergierender Strahlen vermengt, und die nicht alles sieht und alles duldet.... Kurz, der wahre Pedant ist der Intolerante.

Der Konrektor schrieb die Supplik prachtig ab in funf glucklichen Abenden setzte eine besondere Dinte dazu an arbeitete zwar nicht so lange an ihr wie der dumme Manutius an einem lateinischen Briefe, namlich etliche Monate wenn dem Scioppius zu glauben ist , noch weniger so lange wie ein anderer Gelehrter an einer lateinischen Epistel, der freilich mussen wirs bloss dem Morhof glauben vier volle Monate daran heckte, Variationen, Adjektiven, Pedes samt den Autoritaten seiner Phrases genau zwischen den Zeilen anmerkte. Er hatte ein flinkeres Genie und war mit dem ganzen Gesuch in sechzehn Tagen ins reine. Als ers petschierte, dacht' er daran, gleich uns allen: wie dieses Couvert das Samengehause einer ganzen grossen Zukunft, die Hulse vieler sussen oder herben Fruchte, die Windel seines restierenden Lebens sei.

Der Himmel segne sein Couvert; aber ich lasse mich vom babylonischen Turm hinunterwerfen, wenn er die Pfarre kriegt: will denn niemand einsehen, dass Aufhammer nicht kann? Trotz seiner andern Fehler oder eben darum halt er eisenfest sein Wort, das er so lange dem Subrektor gegeben. Ein anderes war' es, war' er am Hofe sesshaft: denn da, wo noch alte deutsche Sitten sind, wird kein Versprechen gehalten; denn weil nach Moser die alten Deutschen nur Versprechungen hielten, die sie Vormittags gegeben nachmittags waren sie schon besoffen : so halten Hofdeutsche auch keine nachmittagigen; vormittagige wurden sie halten, wenn sie sie gaben, welches aber der Fall nie sein kann, weil sie da noch schlafen.

Siebenter Zettelkasten

Predigt Schulaktus prachtiger Irrtum

Der Konrektor bekam seine 135 fl. 4 T kr. 1/2 Pf. frankisch, aber keine Antwort: der Hund blieb ohne Namen, sein Herr ohne Pfarre. Inzwischen verlief der Sommer, und der Dragonerrittmeister hatte noch immer keinen geistlichen Hecht mit einem Kopf voll Passionsknochen aus dem Kandidaten-Besetzteiche ausgezogen und in den Streckteich der Hukelumer Pfarre geworfen: es tat ihm wohl, mit Suppliken behangen zu werden wie ein spanischer Schutzheiliger, und er zauderte (ob er gleich den Subrektor vozieren wollte) mit der Erhorung einer Supplik so lange, bis er siebenunddreissig Farbers-, Knopfmachers-, Zinngiesserssohnen die ihrigen auf einmal abschlagen konnte. Denn die jetzigen Lehrer des Christentums werden gern den ersten oder diesem selber ahnlich gewahlt, das wie Venedig und Petersburg sich anfangs an Fischerhutten anbauete. Gonnet dem von Aufhammer die Verlangerung seiner Stimmfahigkeit zur geistlichen Parlamentswahl! Er weiss, dass ein Edelmann dem Timoleon gleicht, der seine grossten Siege an seinem Geburtstage gewann, dass namlich das Wichtigste, was er zu tun hatte, war, eine Freiherrin, Semperfreiin usw. zur Mutter zu nehmen. Man kann einen, der schon als Fotus in den Adelstand erhoben wird, noch besser mit der Spinnfliege vergleichen, die wider die Weise aller Insekten sich schon im Mutterleibe entpuppt und verwandelt.

Aber weiter! Fixlein war jetzt doch nicht ohne Geld. Es wird so viel sein, als wenn ichs dem Leser schenkte, wenn ich ihm hinterbringe, dass er vom Legate, das den Gemeinschuldner abspeisete, noch 35 fl. ubrig behielt als Allodium und Schatull-Geld, womit er sich kaufen konnte, was er wollte. Und wie kam er zu einer so bedeutenden Summe, zu einem solchen Kompetenzstuck? Bloss dadurch, dass er, sooft er ein grosses Stuck Geld in kleinere zersetzte, und uberhaupt bei jeder Einnahme zwei, drei, vier Petermannchen unbesehen und blind unter die Papiere seines Koffers warf. Seine Absicht war, einmal zu erstaunen, wenn ers endlich aufsummierte und das Kapital erhobe. Und beim Himmel! die erreichte er auch, als er bei der Thronbesteigung seiner Quintur diese Sparpfennige aus den Papieren zog und sie zu den Kronungskosten schlug. Jetzt saete er sie wieder unter die Verbriefungen. Narrisch! Ich meine, hatt' er nicht glucklicherweise sein Legat blossgestellt, da ers als positive Belohnung und Kuppelpelz fur den Patronatsherrn ausbot: so hatt' ihn der Fehlgriff nach dem Klopfer der hukelumischen Kirchenture verdrossen; so aber erwischt' er doch, da er den Klopfer verfehlte, den Pelz wieder und konnte froh sein.

Jetzt schreite ich in seiner Geschichte weiter und stosse im Gestein seines Lebens auf eine so schone Silberader, ich meine auf einen so schonen Tag, dass ich (glaub' ich) sogar den dreiundzwanzigsten Posttrinitatis, wo er doch seinem geliebten Vaterdorfe eine Vakanzpredigt vorhielt, hier nur leicht bestreifen werde.

An sich war die Predigt gut und herrlich und der Tag ein rechter Wonnetag; aber ich musste uberhaupt mehr Stunden ubrig haben, als ich dem Mai abstehle, worin ich jetzt lebe und schreibe, und mehr Krafte, als mir die Lustfahrten durch schone Tage zu den Landschaftsgemalden derselben frei lassen, wenn ich mit einiger Hoffnung es versuchen wollte, von der Lange und Dicke der Saiten und ihren Vibrationen und den konsonen Verhaltnissen derselben untereinander, die insgesamt an jenem Posttrinitatis seinen Herzohren eine Spharenmusik machten, einen mathematischen Bericht abzustatten, der mir so sehr gefiele wie andern... Man verlang' es nicht! Ich denke, wenn ein Mann an einem Sonntage vor allen Fronern, die ihn sonst als den Kunstgartners-Buben auf dem Arm hatten, ferner vor seiner Mutter, die ihre selige Zerfliessung in die Gosse des Samt-Muffs ableitet, ferner vor seinem gnadigen Herrn, dem er geradezu befehlen kann, selig zu werden, und endlich vor seiner mousselinenen Braut, die schon selig ist, weil sie fast zu Stein daruber wird, dass dieselben Lippen kussen und predigen konnen, ich denke, sagt' ich, wenn ein Mann das leistet: so hat er wohl einiges Recht, vom Biographen, der seinen Zustand schildern will, zu begehren, dass er das Maul halte, und vom Leser, der solchen nachempfinden will, dass er seines aufmache und selber predige.

Aber was ich ex officio malen muss, ist der Tag, wozu der Sonntag nur der Vorschabbes, die Vigilie und das Voressen war namlich der Vorschabbes, die Vigilie und das Voressen vor dem Martirzi-Aktus. Am Sonntag hielt er die Predigt, am Mittwoch den Aktus und am Dienstag die Probe.

Der Dienstag soll jetzt der Welt beschrieben werden.

Ich zahle darauf, dass ich nicht bloss von lauter Weltleuten gelesen werde, denen freilich ein Schulaktus nicht viel anders und besser als eine bischofliche Investitur oder eine Frankfurter Kronungs-opera seria vorkommt, sondern dass ich auch Leute vor mir habe, die auf Schulen waren, und die wissen, was sie vom Schuldrama eines Aktus und vom Maschinenmeister und von dem Komodienzettel (dem Programm) zu denken haben, ohne darum dessen Vorzuge zu ubertreiben.

Eh' ich die Probekomodie des Martini-Aktus gebe, leg' ich mir selber als Dramaturg des Schauspiels auf, die Einladungsschrift des Konrektors, wenn nicht zu exzerpieren, doch zu registrieren. Er sagte darin manches und machte (welches einem Verfasser so wohltut) Vorschlage statt Vorwurfe und erinnerte, ob nicht bei den bekannten Donatschnitzern der Magnaten in Pest und Polen die Schulgebaude am besten als Kontumazhauser gegen infizierende Barbarismen schirmten. Auch verteidigte er an Schulen, was zu verteidigen war (und nichts in der Welt ist susser oder leichter als eine Defension), und sagte, Schulleute, die nicht ohne Unrecht gleich gewissen Hofen nur lateinisch mit sich sprechen liessen und selber sprachen, konnten die Romer vorschutzen, deren Untertanen und deren Konige samt den Briefen und Verhandlungen der letztern sich des Lateins befleissigen mussten. Er verwunderte sich, warum nur die griechischen und nicht auch die lateinischen Grammatiken lateinisch abgefasset waren, und tat die auffallende Frage: ob denn die Romer, wenn sie ihre kleinen Kinder die lateinische Sprache lehrten, es in einer andern taten als in eben dieser? Darauf ging er auf den Aktus uber und sagte folgendes mit seinen eignen Worten: "Ich bin willens, es in einer andern Einladungsschrift zu beweisen, dass alles, was uber den grossen Stifter unserer Reformation, den Gegenstand unserer heutigen Martini-Redeubungen, zu wissen und zu sagen ist, schon langst erschopft worden, sowohl durch Seckendorf als andere. In der Tat kann von Luthers Personalien, von seinen Tischreden, Einkunften, Reisen, Kleidern usw. nichts Neues mehr vorgebracht werden, zumal wenn es zugleich etwas Wahres sein soll. Indessen ist doch das Feld der Reformationsgeschichte, bildlich zu reden, bei weitem nicht ganz angebauet; und es will mir vorkommen, als musste sich der Gelehrte noch heutiges Tages vergeblich nach echten, bis an unsere Zeiten reichenden Nachrichten von den Kindern, Enkeln, Kindskindern etc. dieses grossen Reformators umsehen, die doch alle entfernter in die Reformationsgeschichte einschlagen, so wie er naher. Du drischest vielleicht nicht ganz, sagt' ich zu mir, leeres Stroh, wenn du nach deinen geringen Kraften diesen versaumten historischen Zweig hervorziehest und bearbeitest. Und so wagte ich es denn, mit dem letzten mannlichen Nachkommen Luthers, namlich mit dem Advokaten Martin Gottlob Luther, der in Dresden praktizierte und 1759 da verstarb, den Anfang einer speziellern Reformationshistorie zu machen. Mein schwacher Versuch uber diesen zur Reformation gehorigen Advokaten wird belohnet genug sein, wenn er zu bessern Werken daruber ermuntert; das wenige aber, was ich von ihm aufgetrieben und gesammelt habe, ersuch' ich untertanig, gehorsamst und gehorsam alle Gonner und Freunde des flachsenfingischen Gymnasiums den vierzehnten November aus dem Munde sechs gutgearteter Peroranten anzuhoren. Anfangs wird

Gottlieb Spiesglas, ein Flachsenfinger, in lateinischer Rede zu zeigen suchen, dass Martin Gottlob Luther uberhaupt ein Schwertmagen des Doktor Luther gewesen. Nach ihm bemuhet sich

Friedrich Christian Krabler aus Hukelum in deutscher Prosa den Einfluss zu bestimmen, den Martin Gottlob Luther noch auf die schon daseiende Reformation gehabt; worauf hinter ihm

Daniel Lorenz Stenzinger in lateinische Verse die Nachrichten von Martin Gottlob Luthers Prozessen und uberhaupt die wahrscheinlichen der Advokaten um die Kirchenverbesserung zusammenfassen will; welches sodann einem

Nikol Tobias Pfizmann Gelegenheit geben wird, franzosisch aufzutreten und das Wissenswurdigste aus Martin Gottlob Luthers Schuljahren, Universitatenleben und mannlichen Jahren auszuheben. Und wenn nun

Andreas Eintarm in deutschen Versen die etwaigen Fehltritte dieses Stammhalters des grossen Luthers wird zu entschuldigen gesucht haben: so wird

Justus Strobel in lateinischen seine Rechtschaffenheit und Ehrlichkeit im Advokatenstande nach seinen Kraften besingen; worauf ich selber den Katheder besteigen und allen Patronen der Flachsenfinger Schule gehorsamst danken und diejenigen Stucke aus dem Leben dieses merkwurdigen Dresdners noch anfuhren werde, von denen wir noch gar nichts wissen, weil sie sich fur die Redner des nachsten Martini-Aktus g. G. aufsparen."

*

Der Tag vor dem Aktus lieferte gleichsam die Probeschusse und Aushangebogen des Mittwochs. Leute, die des Anzugs wegen vom grossen Schulfest wegbleiben mussten, besonders Damen, erschienen Dienstags in den sechs Probereden. Niemand ordnet zwar bereitwilliger als ich den Probeaktus dem Mittwochsaktus unter, und mich braucht man am wenigsten erst aufzufodern, das Trommetenfest einer Schule gehorig zu wurdigen; aber auf der andern Seite bin ich ebenso gewiss Uberzeugt, dass einer, der Mittwochs nicht in den echten Aktus gegangen ist, sich etwas Glanzenderes als den Probetag vorher gar nicht gedenken konnte, weil er nichts hatte, womit er die Pracht vergleichen konnte, in der der Primas des Festes vor Damen und Ratsherren das an seinen Triumphwagen vorgelegte Gespann von Sechsen um die sechs Gebruder Redner Gaule zu nennen einfuhr auf morgen. Lachle immer, Fixlein, Uber das Anstaunen deiner heutigen Ovation, die dem morgendlichen Triumph entgegenfahrt: auf deinem auseinanderfliessenden Gesichte zuckt das gluckliche, sich und den Weihrauch wiederkauende Ich aber eine Eitelkeit wie deine, und nur diese, die geniesset, ohne zu vergleichen oder zu verschmahen, kann man erdulden, will man ernahren. Was aber uber sein ganzes wachsernes Herz wie ein schmelzender Sonnenschein fiel, war seine Mutter, die es auf vieles Zureden gewagt hatte, sich in Busstagskleidern ganz unten an die Prima-Flugelture demutig anzulegen. Es ware schwer zu sagen, wer begluckter ist, ob die Mutter, die zusieht, wie der, den sie unter ihrem Herzen getragen, die vornehmsten jungen Herren in halbseidenen Westen beordern und regieren kann, und die zuhoret, wie er samt ihnen lauter hohe Sachen sagt und auch versteht oder ob der Sohn glucklicher ist, der, wie einige Helden des Altertums, das Gluck hat, noch bei Lebzeiten seiner Mutter zu triumphieren. Ich habe niemals in meinen Schriften und Taten einen Stein aufgehoben gegen den sel. Burchardt Grossmann, der in die Initialbuchstaben der Stanzen im Liede: "Brich an, du liebe Morgenrote." seine Namenslettern verteilte, und noch weniger bewarf ich arme Krauterweiber, die schon bei Lebzeiten ihren Leichenkattun ausplatten und 1/12 Dutzend Totenhemden fur sich ausnahen. Ich halte auch den Mann nicht fur weise obwohl fur recht klug und pedantisch , der sich die Gallenblase voll argern kann, dass jeder von uns Blattminierern das Herzblatt, worauf er sich nagend herumschiebt, fur einen Augarten, fur einen funften Weltteil ansieht wegen der Nahe und Weide, die Blattporen fur Tempe-Taler, das Blatterskelett fur einen Freiheits-, Brot- und Lebensbaum und den Tautropfen fur die Flut. Wir Tag-, Abendund Nachtraupen fallen samtlich in den namlichen Irrtum, aber nur auf andern Blattern, und wer (welches ich tue) uber die wichtige Miene lacht, mit der der Rektor Landesprogrammen, der Dramaturg Komodienzettel, ein Kennikottischer Varianten-Almosensammler Buchstaben aufkauft: der tut es, wenn er weise ist wie hier der Fall ist , mit dem Bewusstsein seiner ahnlichen Narrheit und lacht an seinem Nachsten nichts aus als die Menschheit und sich.

Die Mutter war nicht zu halten: sie musste diesen Abend noch fort nach Hukelum und Thiennetten nur wenigstens etwas berichten von dieser Herrlichkeit.

Jetzt wird die Welt hundert gegen eins wetten, dass ich nun biographisches Wachs nehmen und ein Wachsfigurenkabinett von dem Aktus selber bossieren werde, das einzig in seiner Art sei.

Aber Mittwoch morgens, als sich der hoffnungstrunkene Konrektor eben anzukleiden dachte: klopfte etwas an

Es war der bekannte Bediente des Rittmeisters, der die Vokation an den Subrektor Fuchslein hatte. Zum letztern sollte der gute Mensch diesen Wildruf ins Pfarramt tragen; aber er distinguierte elend zwischen Sub und Kon-Rektor und hatte uberhaupt seine guten Grunde, warum er zu diesem kam: denn er dachte: "Wer wills weiter kriegen, als der den vorigen Sonntag predigte und aus dem Dorfe her ist, und der ja mit unserer Fraulein Thiennette im Gerede ist und dem ich ja schon eine Uhr und die Zopfdukaten habe bringen mussen." Er stellte sich gar nicht vor, dass sein gnadiger Herr den leiblichen Paten ubergehen konnte.

Fixlein las die Adresse der Bestallung: "An des Pfarrer Fixlein zu Hukelum Wohl-Ehrwurden." Er musste notwendig den Fehlgriff des Lakaien tun und die fremde Bestallung erbrechen als eigene; und da er noch dazu in der Vokation nur von einem Schul-Unterbefehlshaber (statt Subrektor) etwas fand, so musst' er in seinem Irrtum verharren. Eh' ichs gut erklare, warum der Gerichtshalter, der Former der Vokation, diese so dumm aufsetzte: wollen wir zwei, ich und der Leser, d.h. mehr Menschen, als je in einen Kirchensprengel gehen, uns bei Fixleins freudigen Springfussen aufhalten bei seinen dankbar-nassen Augen bei seiner hammernden Brust bei seinen bringenden Handen, diesen Handhaben eines verschenkten Mussteils beim Gratial von zwei Zopfdukaten, die er an den Infultrager so gern fahren lasset als den padagogischen Zopf, der ihm nachstens auf der Kanzel abfallet. Wusst' er wohl, was er denken sollte (vom Rittmeister) oder schreiben (an eben diesen) oder auftischen (fur den Lakai)? Zog er nicht Erkundigungen von dem gnadigen Befinden seines Wohltaters zu wiederholten Malen ein, ob ihm gleich der Bediente schon recht gut auf die erste geantwortet hatte? Und wurde nicht dieser Mensch, der zum spottsuchtigen, achselzuckenden und achseltragerischen MenschenSortiment gehorte, durch die Freude, die er mitgebracht, endlich so geruhrt, dass er sich auf der Stelle vornahm, dem Aktus des neuen Herrn Pfarrers. obgleich kein einziger vom Adel darin war, seine Gegenwart zu schenken? Fixlein siegelte vorher die Dankadresse ein und hielt hoflich beim AdelsbriefTrager an, ihn oft in der Pfarre zu besuchen und heute bei seiner Mutter vorbeizugehen und ihr den Text zu lesen, warum sie gestern nicht geblieben sei, da sie heute bei der Vokation durch seine gnadige Patronatsherrschaft hatte mit sein konnen.

Als der fort war, fing er vor Freude ordentlich an, skeptisch zu werden und angstlich, daher er das Vokations-Instrument, der Mauserei wegen, gut in den Koffer mit zwei Vorlegschlossern einsperrte (- und andachtig und weich, weil er Gott ohne Scheu fur alles dankte, dessen ewigen Namen er sogar nie anders schrieb als mit Kanzleischrift und mit bunter Dinte, wie der judische Abschreiber diesen namenlosen Namen nur im Ornat und frischgewaschen schrieb34 und taub wurde der Pfarrer), dass er kaum die Aktus-Schaferstunde schlagen horte und zerstreuet, weil eine schonere bei Thiennetten mit ihren Rosenstauden und ihrem Rosenhonig nicht aus seiner Seele wollte. Er, der schon das Gluck, wenn es ihm ein schiefes Maul schnitt, so lange, wie Kinder einander, anlachte, bis er wirklich selber anfangen musste zu lacheln er flog jetzt gleichsam immer hoher geschnellet auf einem Schwungbrette empor...

Aber vor dem Aktus wollen wir den Gerichtshalter verhoren. Fixlein statt Fuchslein schrieb er aus einer Unwissenheit in der Namen-Orthographie, die durch die Rechtschreibung des Testaments noch grosser und naturlicher geworden war. "Von" diesen Ehrenbogen, durft' er nicht vor Fuchsleins neuen Namen stellen, weils Aufhammer untersagte, der dessen ahnen-reine Abkunft anfiel und nicht bedachte, was uberhaupt ein Edelmann sich zu getrosten habe, da schon Christus in seinem von Matthaus gefertigten Stammbaum vier bekannte Huren zahlt, die Thamar, Rahab, Bathseba und Ruth. Endlich hatte der Bestallungs-Macher die Unart Campens an sich, dass er alles verdeutschen wollte, was man erst nach der Verdeutschung nicht mehr verstand, als wenn ein Wort sich um eine bessere Naturalisationsakte zu bewerben hatte, als die ihm seine allgemeine Verstandlichkeit erteilt. An und fur sich ists doch einerlei um so mehr, da alle Sprachen wie alle Menschen miteinander verschwistert und verschwagert sind , ob ein Wilder oder ein Auslander ein Wort erfand, ob es wie Moos unter den deutschen Waldern aufwuchs oder wie Festungsgras in den Pflastersteinen des romischen Forums. Der Gerichtshalter hingegen verfocht, es ist zweierlei, und liess es seinen Parteien unverhohlen, dass Tagefahrt Termin bedeute und Appellieren Berufen. Daher zog er dem Wort Subrektor die fremde Livree Unterbefehlshaber an. Und diese Version vertierte auch den Schulherrn in einen Pfarrherrn: so sehr wachset unser burgerliches Gluck nicht unser menschliches, sich auf unserem inneren Grund und Boden nahrendes Wohlsein bloss auf der Flugerde von Zufalligkeiten, Konnexionen, Bekanntschaften und der Henker oder der Himmel weiss von was.

Bei Gelegenheit! Von einem Gerichtshalter wurd' ich mehr Verstand erwarten, ich wurde (ich kann mich irren) voraussetzen, er wisse, dass die Akten, die sonst (s. Hofmanns deutsche oder undeutsche Reichspraxis 766) lateinisch ausgefertigt wurden, wie vor Joseph die ungarischen, heutzutage, wenn man es ohne Beleidigung sagen darf, vielleicht mehr deutsch als lateinisch geschrieben werden; und ich darf mich hierin auf ganze deutsche Zeilen steifen, die in den ReichsKammergerichts-Erkenntnissen stehen. Ich will aber nicht glauben, dass der Jurist darum, weil Inchhofer die romische Sprache fur die Muttersprache des zweiten Lebens erklart, sich von einem Dialekte loszumachen suche, durch den er so viel wie der romische Adler oder spater der romische Fischreiger (der romische Stuhl) in seinen Adlers-Fangen entfuhrte.

Man laute immerhin den Aktus ein, man strome immer hinein: wer fragt darnach? Weder ich noch der Ex-Konrektor. Die sechs pygmaischen Ciceros wollen sich vergeblich vor uns in prachtiger Einkleidung ihrer Gedanken und Leiber vortun. Der Zugwind des Zufalls hat vom Aktus den Strahlen- und Pudernimbus weggeblasen, und der gewesene Konrektor hat eingesehen, wie wenig man sich mit einem Katheder brusten konne (der nicht voll Schiffs-, sondern voll Gelbschnabel ist), und wie viel im Gegenteil mit einer Kanzel: "Ich hatte nicht gedacht," (dachte er jetzt) "da ich Konrektor wurde, dass es noch etwas Grosseres geben konne, ich meine einen Pfarrer." Der Mensch hinter seiner ewigen Augen-Binde, die er nur anders farbt, und nicht dunner legt, tragt seinen Stolz von einer Stufe zur andern und tadelt auf jeder hohern nur den Stolz auf der tiefern.

Das Beste am Aktus war, dass ihm der Regimentsquartier- und Metzgermeister Steinberger beiwohnte, emballiert in einen langen Schafspelz. Unter der Feierlichkeit warf der Subrektor Hans von Fuchslein mehrere vergnugte und fragende Blicke auf den Schadecker Bedienten, der ihn gar nicht ansah: Hans hatte sich darauf totschlagen lassen, nach dem Aktus beruf' ihn der Kerl. Als endlich die sechs-halsige kleine Hahnen-Voliere auf ihrem Miste abgekrahet hatte, d.h. peroriert: bestieg der amtierende Schuldiener, uber den nun eine hohere Dienstfahne flatterte, selber die Buhne und stattete dem Scholarchat, dem Subrektorat, der Vormundschaft und der Herrndienerschaft seinen gehorsamen Dank fur ihre Gegenwart ab, meldete ihnen aber mit wenigem dabei:

"Gott hab' ihn indes von seinem Posten zu einem andern abgerufen und ihm die Seelsorge uber die Hukelumer Pfarrgemeinde so wie uber das Schadecker imparochierte Filial unwurdigermassen anvertrauet."

Diese kleine Anrede schoss dem Ansehen nach den zeitigen Subrektor Hans von Fuchslein beinahe vom Sessel herab, und sein Gesicht sah vermengt aus wie roter Bolus, grune Kreide, Rauschgelb und vomissement de la reine.

Der lange Quartiermeister richtete sich in seinem Pelze ziemlich auf und sumsete, in glucklichem Selbstvergessen, laut genug: "Der Daus! Pfarrer??"

Der Subrektor fuhr wie ein Schwanzstern vor dem Bedienten vorbei, befahl ihm, er sollte bei ihm ein Billett an seinen Herrn mitnehmen, sprang nach Haus und setzte da an den Patronatsherrn, der daheim auf einen langen Dankpsalm aufsah, so gut er in der Eile konnte, eine kurze satirische Epistel auf und untermengte sie mit einigen Verbalinjurien.

Der Staatsdiener uberreichte seinem Herrn miteinander Fixleins Dankgesange und Fuchsleins Invektiven. Der Dragonerrittmeister, aufgebracht uber den Grobian und gebunden an sein Wort, das der Konrektor offentlich im Aktus abgelesen, schrieb dem neuen Pfarrer zugleich die Verwechslung und die Ratifikation derselben zuruck und Fixlein ist und bleibt nun zu unserer aller Freude ordentlicher wohlbestallter Pfarrer zu Hukelum.

Sein zuruckgesetzter Nebenbuhler Fuchslein hat noch den Trost, dass er im Wespenneste der Neuen allgemeinen deutschen Bibliothek mitsitzet. Sollte einmal der Pfarrer sich in einen Autor verpuppen: so kann die Schlupfwespe herausfliegen und ihren Stachel in die Puppe drucken und ihre Brut an die Stelle des erstochenen Schmetterlings setzen. Da der Subrektor uberall herumschlich und frei drohte, seinen Kollegen zu rezensieren: so wundere sich das Publikum nicht, dass es Fixleins errata und seine masorethischen exercitationes noch bis diese Stunde nicht in Handen hat.

Im Fruhling macht das Gnadenjahr der Witwe seinen Sabbatsjahren Platz und wie es da zugehen wird, wenn er unter einem Thronhimmel von Blutenbaumen die Braut Christi (die christliche Kirche) in die eine Hand nimmt, und seine eigne in die andere, das wurde ohne einen achten Zettelkasten, der in diesem Falle ein wahres Schmuckkastchen und eine Regenbogenschussel35 werden kann, sich niemand denken konnen als der Sponsus allein.

Achter Zettelkasten

Einzug in die Pfarre

Den 15ten April 1793 kann der Leser tief im Hohlweg drei Bagagewagen sehen. Die Guterwagen fahren den Hausrat des neuen Pfarrers nach Hukelum: der Eigentumer marschieret selber mit den Beichtkindern, damit an seinem Ton-Service und Ameublement nichts im achtzehnten Sakulum zerstossen werde, da es aus dem siebzehnten ganz heruberkam. Fixlein horet hinter sich die Schulglocke lauten; aber dieses Glockenspiel orgelt ihm wie eine Abendglocke die Lieder kunftiger Ruhe vor: er ist nun aus dem Jammertal des Gymnasiums erloset und in den Sitz der Seligen aufgenommen. Hier wohnet kein Neid, kein Kollege, kein Subrektor hier im Himmelreich arbeitet niemand an der Neuen allgemeinen deutschen Bibliothek mit hier im himmlischen hukelumischen Jerusalem tut man nichts als Gott preisen in der Kirche, und hier hat der Vollendete keinen Zuwachs an Kenntnis mehr notig... Auch hat man hier keinen Kummer mehr daruber, dass oft Sonntag und Aposteltag in einen Tag zusammenfallen.

Die Wahrheit zu sagen, geht der Pfarrer zu weit; es war aber von jeher seine Art, sich die ganzen und halben Schatten einer Lage erst auszumalen, wenn er schon in einer neuen war und also diese durch die Kontraste der alten heben konnte. Denn man braucht nicht viel Nachdenken, um einzusehen, dass die Hollenleiden eines Schulmanns nicht so ausserordentlich, sondern vielmehr, da er am Gymnasium von einer Stufe zur andern steigt, den wahren Hollenstrafen ahnlich sind, die trotz ihrer Ewigkeit von Sakulum zu Sakulum schwacher werden. Da noch dazu nach dem Ausspruch eines Franzosen deux afflictions mises ensemble peuvent devenir une consolation: so hat man in einer Schule Leiden genug zum Troste, da aus acht zusammengegossenen Affliktionen ich rechne nur auf jeden Lehrer eine gewiss mehr Trost zu schopfen ist als aus zweien. Nur schlimm ists, dass sich Schulleute nie so vertragen wollen wie Hofleute: nur polierte Menschen und polierte Glaser koharieren leicht. Noch dazu wird man in Schulen und uberhaupt in Amtern allemal belohnt; denn wie im zweiten Leben eine grossere Tugend der Lohn der hiesigen ist: so werden dem Schulmann seine Verdienste durch immer mehrere Gelegenheiten zu neuen bezahlt, und er wird oft gar nicht aus seinem Amte fortgelassen.

Acht Gymnasiasten trabten im Pfarrhause herum, stellten auf, 30 nagelten an, schleppten zu: ich denke, als ein Schuler Plutarchs durft' ich solche Kleinigkeiten einmischen. Wen Erwachsene lieben, den lieben Kinder noch starker. Die ganze Schule hatte dem lachelnden Fixlein nachgelachelt und ihn gern gehabt, weil er nicht donnerte, sondern spielte mit ihnen weil er Sie zu den Sekundanern sagte, und der Subrektor Ihr weil sein sich aufbaumender Zeigefinger sein einziger Zepter und Bakel war weil er in der Sekunda mit seinen Schulern lateinische Briefe wechselte und in der Quinta mit Zuckerstengeln statt mit Neperischen Staben (oder statt mit noch langern) die vier Spezies eingeflosst hatte. Sein Kirchdorf kam ihm heute so feierlich und festlich vor, dass er sich ob es gleich Montag war wunderte, warum die Pfarrkinder und die Eingepfarrten nicht in der Festtags- Draperie steckten, sondern im Alltags-Balg. Unter der Pfarrture stand eine weinende Frau: denn sie war zu glucklich, und er war ihr Sohn. Die Mutter vermochte es in der grossten Zerschmelzung ganz leicht, die Fuhrleute unter dem Abladen anzumahnen, nicht die vier Globen aus der altfrankischen Kommode auszudrehen. Ihr Sohn erschien ihr jetzt so ehrwurdig, als stellete er in ihrer Bilderbibel einen in Kupfer gestochnen Figuranten vor und das darum, weil er den padagogischen Zopf, wie der reifende Frosch den Schwanz, abgeworfen hatte und nun in einer kanonischen Perucke dastand: er war jetzt ein Komet, der sich von der profanen Erde entfernet, und der mithin wie jeder himmlische aus einem Schwanzstern zu einem Haarstern wird.

Auch seine Braut hatte tags vorher recht viel an einer verbesserten prachtigen Edition seines Hauses mitgearbeitet, unter andern Dekorateurs und Dekrotteurs desselben. Aber heute blieb sie weg; denn sie war zu gut, um uber die Braut das Madchen zu vergessen. Die Liebe stirbt wie die Menschen ofter am Ubermass als am Hunger; sie lebt von Liebe, aber sie gleicht den Alpenpflanzen, die sich vom Einsaugen der nassen Wolken ernahren, und die zugrunde gehen, wenn man sie besprengt.

Jetzt ist der Pfarrer eingezogen, und er wird auf der Stelle denn ich kenne die Leserinnen, die darauf erpicht sind, als waren sie Kranzeljungfern heiraten sollen. Aber er mag nicht: vor Himmelfahrt wird nichts daraus, und dahin sind vierthalb Wochen gut. Die Sache ist die: er wollte nur erst den Brandsonntag, namlich den Kantatesonntag, ubersteigen; nicht etwan, weil er an seiner Erden-Fortdauer zweifelte, aber er wollte (schon der Braut wegen) auch nicht die kleinste Todesangst in seine Flitterwochen bringen.

Die Hauptsache war, er wollte sich nicht gern verheiraten vor der Verlobung, die samt der Anzugspredigt auf den nachsten Sonntag verlegt wird. Es ist der Kantate-Sonntag. Der Leser lasse sich nur keine Angst einjagen. Ich hatte uberhaupt mit diesem phantastischen Sonntags-Wauwau eines der aufgeklartesten Jahrhunderte nicht behelligt, zeichnete ich nicht so ausserst treu. Fixlein wurde zumal da ihn der Quartiermeister fragte, ob er denn ein Kind ware endlich selber so gescheut, dass er die Narrheit einsah; ja er ging so weit, dass er eine grossere beging: da namlich ein Traum, dass man sterbe, nach der exegetischen regula falsi nichts bedeutet als langes Leben und Wohlergehen: so zog er sich leicht den Schluss ab, sein Todes-Wahn sei ein solcher guter Traum, um so mehr, da gerade an den Kantate-Sonntagen die Fortuna ihr Fruchthorn uber ihn gehalten und umgesturzet hatte, um ihn mit einer Braut, einer Vokation und mit Zopfdukaten zu beschutten. So wachsen dem Aberglauben die Federn, der Zufall mag ihm dienen oder schaden.

Ein Staatssekretar, ein Friedens-Instrumentenmacher, ein Notarius, ein solcher Baugefangener am Pulte fuhlt es recht gut, wie weit er unter einem Pfarrer sitze, der seine Anzugspredigt fertigt dieser (man sehe nur meinen Fixlein an) hockt dort sprutzet das Geader seines Predigt-Praparats mit bunter Dinte aus hat eine Spruchkonkordanz auf der rechten Seite, eine Liederkonkordanz auf der linken, kernet dort Kernspruche aus, schneidet hier Lieder-Blumen ab, um mit beiden sein homiletisches Backwerk zu garnieren zeichnet den feinsten Operationsplan hin, um nicht etwa, wie ein Weltmann, das Herz einer Frau, sondern die Herzen aller zuhorenden Weiber und der Manner ihre dazu zu gewinnen ziehet jeden vor dem Fenster vorbeifahrenden Bauer mit in seinen Plan und sticht letztlich die Butter der weichen glatten Haupt- und Kanzellieder aus dem Gesangbuch aus und fettet damit bestens die schwarze Suppe der Predigt bei der Speisung der 5000 Mann.

Endlich kann er abends mit einem Herzen ohne Schuld aufstehen und abbrechen, weil die rote Sonne auf dem Schreibtisch blendet, und kann zwischen schreienden Spatzen und Finken so lange uber die um die Pfarre gezognen Kirschenbaume nach Abend schauen, bis nichts mehr am Himmel ist als ein mattes Nachglimmen des Gewolkes. Und wenn dann Fixlein die Treppe unter dem Gebetlauten langsam hinuntergeht zur kochenden Mutter: so musst' es nicht naturlich zugehen, wenn er nicht alles recht und gut finden wollte, was drunten getan oder gebacken oder aufgetragen wurde.

Ein Sprung nach dem Abendessen ins Schloss ein Blick in ein gutes zartliches Auge ein Wort ohne Falsch gegen eine Braut ohne Falsch und eine sanft atmende Brust unter dem Deckbette, in der nichts ist als das Paradies, eine Predigt und ein Abendgebet.... beim Himmel! damit will ich einen mythischen Gott zufriedenstellen, der seinen Himmel verlassen hat, um einen neuen hier unter uns zu finden.

Kann ein Sterblicher, kann ein Ich im feuchten Erdenklosse, den der Tod bald zu Staub austrocknet, mehr in einer Woche fodern, als Fixlein in sein Herz einschopfte? Ich sehe nicht ein, wienach: ich sollte wenigstens glauben, wenn ein solches eingestaubtes Wesen nach einer solchen Quaterne aus dem Lotto des Zufalls noch etwas verlangen konnte, so war's hochstens die Quinterne, namlich die Ein- oder Anzugspredigt selber.

Und diesen Gewinnst zog unser Zebedaus denn wirklich am Sonntage: er predigte er predigte einziehend er tats vor drangenden knisternden Emporen, vor dem Vormund und vor dem Herrn von Aufhammer, dem Namensvetter vom Pfarrer und Hund er weidete Beichtkinder, mit denen er sonst als Kind das Schlossvieh auf die Weide klatschte, jetzt selber als Seelen-Schmierschafer er stand mit seinen Fussen bis an die Knorren in Kandidaten und Schulleuten wie in Gras, weil er heute (was sie alle nicht durfen) auf dem Altar mit der Atznadel des Fingers ein grosses Kreuz in die Luft einsagen durfte, Taufen und Kopulieren nicht einmal gerechnet.... Ich glaube, ich sollte mich weniger bedenken, als ich tue, uber diese sonnenhelle Esplanade den schmalen Grabesschatten ziehen zu lassen, den der Pfarrer darauf warf, da er in der Nutzanwendung mit schweren nassen Blicken in der stummen lauschenden Kirche umhersah, als wollt' er gleichsam in irgendeinem Kirchenstuhl oder in dem Beichtstuhl den verstaubenden Lehrer seiner Jugend und dieser Gemeinde suchen, der draussen unter dem weissen Grabesstein, der Kehrseite des Lebens, die Hulle seines frommen Herzens ablegte. Und als er, selber fortgeschwemmt von innern Stromen, unaussprechlich erweicht durch die vierfache Erinnerung an seine Todesfurcht an eben diesem Tage, an sein mit Blumen und Wohltaten durchbrochenes Leben, an seine unter seiner Kanzel ruhende eingesargte Wohltaterin, als er da vor dem zerflossenen Angesicht ihrer Freundin, seiner Thiennette, hingerissen und starr und tranend von der Kanzel auf die Ture zur rittmeisterlichen Familiengruft hinuntersah und sagte: "Habe Dank, du fromme Seele, fur alles, was du Gutes an dieser Gemeinde und an ihrem neuen Lehrer getan, und der Staub deiner gottesfurchtigen und menschenfreundlichen Brust lege sich einmal verklaret wie Goldstaub um dein auferwecktes himmlisches Herz!" war da wohl ein Auge in der Gemeinde noch trocken? Ihr Gatte schluchzete laut, und ihre Geliebte, Thiennette, buckte das von trostlosen Erinnerungen niederfallende Haupt auf das Pult des Kirchenstuhls wie Verwandte eines Trauergefolges.

Kein schonerer Vormittag als dieser konnte einem Nachmittag vorarbeiten, wo man sich auf ewig verlobt, und wo man die gewechselten Ringe mit dem Ringe der Ewigkeit zusammenkettet. Ausser dem Brautpaar war niemand dabei als ein altes Paar, die Mutter und der lange Vormund. Der Brautigam setzte selber eigenhandig den Ehekontrakt oder Ehezarter auf, worin er ihr seine ganze fahrende Habe nicht etwan seine Handbibliothek, sondern seine ganze Bibliothek, anstatt dass man im Mittelalter den Edeltochtern nur einige Bucher zum Brautschatz gab von heute an verhiess, wogegen sie freilich genug zubrachte, namlich einen ganzen Braut- oder Kammerwagen oder doch Kammer- oder Brautkarren. Auf diesen Eliaswagen, mit dem Madchen in den Bette-Himmel hinauffahren, waren geschlichtet: neun Pfund Federn, nicht gelehrte, historische oder poetische Federn, noch solche, die man tragt, sondern die kleinern, die uns selber tragen ein prachtiges Dutzend Patenteller und Patenloffel samt einem Fischloffel von Seide nicht nur Strumpfe (wiewohl selber ein Konig Heinrich II. von Frankreich nichts in Seide kleiden konnte als sein Bein), sondern ganze Rocke und Kleinodien und Moblen von kleinerem Wert. Gute Thiennette! auf dem Wagen deiner Psyche liegt der wahre Brautschatz, namlich dein edles, sanftes, bescheidenes Herz, die Morgengabe der Natur!

Der Pfarrer, der nicht aus Misstrauen, sondern "Lebens und Sterbens wegen" auf alle Dinge gern ein Notariatssiegel gehabt hatte, dem keine Versicherung zuverlassig schien als eine hypothekarische, und der uber jedes Staubchen Belege, Quittungen und Kontrakte abverlangte, hatte nun, als der Ehezarter zustande war, ein leichteres Herz; und fur das Eingebrachte dankte der gute Mann den ganzen Abend der Braut. Aber fur mich ware ein Ehekontrakt etwas so Peinliches und Widersinniges ich gesteh' es aufrichtig, und ruckte man immerhin mir deswegen meine grosse Jugend vor , als wenn ich meine Liebesbriefe erst von einem kaiserlichen Notarius musste vidimieren und kontrasignieren lassen: beim Himmel! die leichte Blume der Liebe, deren Duft den Waagbalken nicht zieht, wie Tulpenzwiebeln, so auf der Heuwaage der Justiz zu sehen, zwei Herzen auf der kalten Ratsund Fleischwaage der Eltern und Advokaten, die in die Schalen bloss Hauser, Felder und Zinn aufturmen.... das mag den Interessenten so wohltun wie dem trunknen Saugling und Zogling einer Muse und der Philosophie, wenn er die Abend und Morgenandachten vor seiner Gottin in den Buchladen tragen und nun die Andachten ins Geld setzen und an sie Kontrakte und Ellenmass applizieren muss.

Vom Kantate-Sonntag bis zur Himmelfahrt, d.h. zur Heimfahrt oder Hochzeit, sind anderthalb Wochen oder anderthalb selige Ewigkeiten. Wenn es schon ist, dass Nachte oder Winter die Tags- oder Jahreszeiten der Freude ziemlich weit auseinanderhalten, wenn es z.B. schon ist, dass man nicht den Geburts-, Namens-, Verlobungs-, Hochzeit- und Tauftag auf einem Tage erlebt denn bei den wenigsten fallt z.B. Hochzeit- und Tauftag wie Fest- und Aposteltag zusammen : so ists noch schoner, den Zwischenraum, die Blumenrabatte zwischen Verlobung und Hochzeit ausserordentlich weit zu machen. Vor dem Hochzeittag sind die wahren Honigwochen dann kommen die Wachswochen dann die Honigessigwochen.

Im neunten Zettelkasten schlagt der Pfarrer schon sein Brautbette auf und ich will hier im achten nur kurz daruber wegfahren, wie es ihm bis dahin erging: naturlicherweise himmlisch genug. Es gluckt wenigen so wie ihm, schon vor der Hochzeit so grosse Flugel und so grosse Blumen (auf die er fliegen kann) zu haben, es gluckt wenigen, denk' ich, Mehl und Geflugel selber einzukaufen auf den besagten Tag, wie Fixlein tat den Vermahlungs-Truthahn mit Henkersmahlzeiten zu stopfen alle Abende in den Stall zu gehen, um nachzusehen, ob das hochzeitliche Schwein, womit der Vormund das Hochzeitgeschenk gemacht, noch steht und frisset der kunftigen Frau die Flachskammern und Kleiderschrank-Nischen auszusuchen im Hause neue Lagerbaume (nicht Lagerbier) im Pfarrkeller einzulegen Winters wegen vom Konsistorium sogleich und fur weniges Sundengeld die Dispensationsbulle, namlich den Nachlass der dreimaligen Proklamation, in die Tasche zu bekommen in keiner Stadt zu wohnen, wo man zu jedem Narren (weil man selber einer ist) schicken muss, um ihm zu eroffnen, man lasse sich kopulieren, sondern in einem winzigen Dorfchen, wo man niemand etwas zu berichten hat als dem Schulmeister, damit er spater laute und einen Kniepolster ans Altargelander breite.

O wenn der Ritter Michaelis behauptet hat, das Paradies ware klein gewesen, damit sich die Menschen nicht auseinander verliefen: so ist ja ein Dorf und seine Freude klein und eng, damit doch ein etwaiger Nachriss von Eden noch auf unserer Kugel stehe.

Ich habe es nicht einmal angefuhret, dass tags vor der Hochzeit der Regimentsquartiermeister ungerufen kam und das Schwein abstach und gratis Wurste machte, wie man noch an keinem Hofe ass.

Und doch, lieber Fixlein, schwamm auf diesem lindernden fetten Freudenol obenauf noch umsonst eine Fruhlingssonne und Abendroten und Blumenketten und eine halbe berstende Knospen-Welt! ... Wie benahmst du dich in diesen heissen Strudeln der Lust? Du bewegtest deinen Fischschwanz (die Vernunft) und schriebest dir damit eine rechtlaufige Bahn durch die Wogen vor. Denn schon halb so viel wurde einen andern Pfarrer aus seiner Studierstube fortgerissen haben; aber eben was unsern so begluckte, war der Grenzhugel der Massigkeit, auf dem er wie eingewurzelt verblieb und von da herab erblickte, was tausend andere verscherzen. Er war, den Schlossfenstern gegenuber, doch imstande, es auszuzahlen, dass Amen in der Bibel hundertunddreissigmal vorkomme.

Ja er stiess an sein altes gelehrtes Laboratorium noch einen neuen chemischen Ofen an: er wollte nach Nurnberg und nach Baireuth an die Senftischen Gebruder schreiben und ihnen seine Feder antragen, sowohl fur die Kalender-Praktika hinten als fur einzelne Aufsatze vornen unter jedes Monatskupfer, weil er in die Denkungsweise des gemeinen Mannes reformierend einzugreifen willens war.... Und da er jetzt als Pfarrer weniger zu tun hatte und an den heiligen Ruhetag der Gemeinde sechs literarische Schopfungstage schliessen konnte: so wollt' er (schon in diesen Faschingswochen) in die noch ganz brach liegende Landesgeschichte von Hukelum seinen Pflug einsetzen und mit der Saemaschine nachkommen....

So rollen seine Minuten auf lauter Glucksradern uber die zwolf Tage, die der blinkende, mit kleinen Gluckssternen (statt Gluckssonnen) musivisch ausgelegte Himmelsweg zum dritten Himmel des dreizehnten sind, d.h. zum

Neunten Zettelkasten

oder zur Hochzeit

Geh auf, schoner Himmelfahrts- und Hochzeittag, und erfreue auch Leser! Schmucke dich mit dem reinsten Juwel, mit der Braut, deren Seele so rein und glanzend ist wie ihre Hulle, so wie zugleich die Perle und die Perlenmuschel schimmern und putzen! Und so dringt jeder Leser uber das bluhende Spalier, dessen Fruchthecke bisher unsern Liebling von seinem Eden trennte, hinter ihm nach!

Den 9ten Mai 1793 morgens um drei Uhr fuhr wie ein Lichtstrahl ein helles Posthorn-Geschmetter durch die graue und dunkelrote Maien-Nacht: zwei gewundene Horner starreten zwischen einer steifen Trompete, wie Fragezeichen zwischen Ausrufungszeichen, aus einem Hause heraus, worin nur ein Beichtsohn (nicht der Beichtvater) wohnte und anblies: das Beichtkind hatte namlich die Hochzeit, die der Seelenhirt heute vorhatte, gestern gehalten. Der freudige Wildruf trieb den Pfarrer aus dem breiten Bette und den Pudel unten hervor, der schon seit einigen Wochen aus dem gleissend-gewaschenen Deckbette vertrieben war , und zwar so fruhe, dass er im abspiegelnden Betthimmel, in dem er bisher jeden Morgen sein rotes Gesichtchen und sein Bett-Weisszeug observierte, alles nur dunkel und getuscht sehen konnte.

Ich gesteh' es, die neu-getunchte Stube und ein Abfarben des Morgenrots an der Wand machten es hell genug, dass er seine Beinkleiderschnallen konnte schimmern sehen. Er weckte darauf seine Mutter leise die Gaste sollten eben noch lange in ihren Federn bleiben , und diese hatte die Stadtkochin zu wecken, die, wie mehrere Hochzeitmoblen, der Stadt auf wenige Tage abgeliehen war. Er pochte vergeblich an zwei Turen ohne Antwort: denn alles stand schon unten am Herde und kochte und schurte und ordnete.

O wie erquickend legt allmahlich der Fruhlingstag den Nonnenflor zuruck, und die Erde hellet sich auf, als war' es der Morgen einer Auferstehung. Die Quecksilber-Saule des Barometers, die fuhrende Feuer-Saule der Wetter-Propheten, ruhet fest uber Fixleins Bundeslade. Die Sonne hebt sich rein und kuhl ins Morgenblau, statt ins Morgenrot. Die Zugschwalben schiessen kreuzend statt der Wolken durch die klingende Luft.... O der gute Genius des schonen Wetters, der mehrere Tempel und Festtage verdient (weil wir ohne ihn keine Feste haben), hob einen atherreinen himmelblauen Tag gleichsam aus der quellenklaren Atmosphare des Mondes aus und liess ihn mit blauen Schmetterlingsschwingen als war's ein blauer Montag unter der Sonne schillernd im Zickzack des wollustigen Niederzitterns auf den engen Raum der Erde niedersinken, den jetzt unsere feurigen Phantasien beschauen.... Und auf dem fruhlingshellen Raum stehen in Blumen, auf die die Baume Bluten statt der Blatter niederschutteln, eine Braut und ein Brautigam.... Glucklicher! wie will ich dich malen, ohne die Seufzer der Sehnsucht in den schonsten Seelen zu vermehren?

Aber gemach! wir wollen den Zauberkelch der Phantasie nicht schon um sechs Uhr austrinken, sondern nuchtern bleiben bis gegen Abend!

In der Fruhe des Gebetlautens ging der Brautigam, weil das Getose der Zurustungen sein stilles Beten aufhielt, in den Gottesacker hinaus, der (wie an mehrern Orten) samt der Kirche gleichsam als Pfarrhof um sein Pfarrhaus lag. Hier auf dem nassen Grun, uber dessen geschlossene Blumen die Kirchhofsmauer noch breite Schatten deckte, kuhlte sich seine Seele von den heissen Traumen der Erde ab: hier, wo ihm die weisse Leichenplatte seines Lehrers wie das zugefallene Tor am Janustempel des Lebens vorkam, oder wie die nach der sturmischen Erde gekehrte Wetterseite der letzten Behausung, hier, wo ihm das aufgesprungene metallene Turchen am gegitterten Kreuze seines Vaters die Inschriften des Todes und das Sterbejahr seines Vaters aufdeckte und alle darunter ins Blech geatzten Ermahnungen zu ernsthaften Gedanken da, sag' ich, wurde er weicher und ernster, als andere an diesem Tage werden, und verrichtete seine Morgenandacht, die er sonst las, auswendig und bat Gott, ihn zu segnen in seinem Amte und seiner Mutter das Leben zu fristen und zu seinem heutigen Vorhaben sein Gedeihen zu geben. Dann ging er uber die Graber hinauf in sein zaunloses Winkel-Blumengartchen und druckte, beruhigt und auf die gottliche Obhut vertrauend, die Stabe seiner Tulpen tiefer in die murbe Erde ein.

Aber als er ins Haus kam: traf er alles im Schellengelaute und in der Janitscharenmusik der hochzeitlichen Freude an alle Hochzeitgaste hatten die Nachtmutzen heruntergetan und tranken sehr es wurde geplappert, gekocht, frisiert Tee-Servicen, Kaffee-Servicen und warme Bier-Servicen zogen hintereinander, und Suppenteller voll Brautkuchen gingen wie Topfers-Scheiben und Schopfrader um. Der Schulmeister probierte aus seinem Hause mit drei Jungen ein Arioso heruber und wollte nach dem Ende der Singstunde seinen Vorgesetzten damit uberraschen. Aber dann fielen alle Arme der schaumenden Freudenstrome ineinander, als die mit Herzen und Vexierblumen behangene Himmelskonigin, die Braut, auf die Erde niederkam voll zaghafter Freude, voll zitternder demutiger Liebe als die Glocken anfingen als die Marschsaule ausruckte als sich das Dorf noch eher zusammenstellte als die Orgel, die Gemeinde, der Konfrater und die Spatzen an den Baumen der Kirchenfenster die Wirbel auf der Heerpauke des Jubelfestes immer langer schlugen.... Das Herz wollte dem singenden Brautigam vor Freude aus der Weste hupfen, "dass es bei seinem Brauttage so ordentlich und prachtig hergehe." Bloss unter dem Kopulieren konnt' er ein wenig beten.

Noch arger und lauter wurde alles unter dem Essen, als Pasteten und Marzipandevisen aufgemacht wurden als Glaser und krepierte Fische (unter der Serviette, um die Gaste zu erschrecken) herumgingen und als die Gaste aufstanden und selber herumgingen und endlich herumtanzten: denn es war Instrumentalmusik aus der Stadt da.

Eine Minute ubergab der andern die Zucker-Streubuchse und das Flaschenfutter der Lust die Gaste horten und sahen immer weniger, und die Beichtkinder fingen immer mehr an zu horen und zu sehen und trieben sich gegen Abend wie einen Keil in die offne Pfarrture ja zwei Jungen wagten es sogar, mitten im Pfarrhofe auf einem Brette, das quer uber einem Zimmerbalken lag, sich auf- und niederzuschaukeln. Der glimmende Nebel der zergangnen Sonne umrang draussen die Erde, der Abendstern blinkte uber dem Pfarrund Kirchhofe, niemand bemerkte es.

Inzwischen gegen neun Uhr hin als schon die Hochzeitleute die Brautleute vergassen und allein forttranken oder forttanzten, als die armen Menschen in diesem Sonnenschein des Schicksals, wie die Fische im andern, aus ihrem nasskalten Elemente aufschnalzten, und als der Brautigam unter dem Stern des Glucks und der Liebe, der wie ein Komet einen langen Schweif durch seinen Himmel warf, insgeheim seine mit ausgetrunknen Freudenbechern angefullte Brust an seine Braut und an seine Mutter angedrucket hatte da riegelte er einen Schnitt Hochzeitbrot verstohlens in einen Wandschrank ein, in der alten aberglaubigen Hoffnung, dass dieses Uberbleibsel fur die ganze Ehe Brot verburge. Da er zuruckkam mit grosserer Liebe fur die ewige Genossin seines Lebens: so begegnete ihm diese mit seiner Mutter, um ihm allein den Brautigamsschlafrock und das Brautigamshemde nach alter Sitte zu schenken. Manche Gesichter erblassen in heftigen Ruhrungen, selber in freudigen: Thiennettens Wachsgesicht lag auf dieser Wachsbleiche unter der Sonne des Glucks. O falle niemals ab, du Lilie des Himmels, und vier Fruhlinge statt der vier Jahrszeiten schliessen deine Blutenglocken der Sonne auf und zu! Alle Polypenarme seiner Seele zuckten schwimmend auf dem Freudenmeer und wollten das zarte warme Herz der Geliebten umringen und es fest und weich umstrickt in seines ziehen....

Er fuhrte sie aus dem schwulen Tanzsaal in den kuhlenden Abend. Warum legt der Abend, warum die Nacht heissere Liebe in unser Herz? Ists der nachtliche Druck der Hulflosigkeit, oder ists die erhebende Absonderung aus dem Lebensgewuhle, die Verhullung der Welt, worin der Seele nichts mehr bleibt als Seelen, ists darum, weswegen die Buchstaben, womit der geliebte Name in unserem Innern steht, gleich als waren sie Phosphorschrift, zu nachts brennend erscheinen, indes sie am Tage nur im bewolkten Umriss rauchen?

Er ging mit seiner Braut in den Schlossgarten: sie eilte schnell durch das Schloss und vor dessen Gesindstube voruber, wo die schonen Blumen des Jugendlebens unter einem langen Druckwerk breit und trocken gepresset wurden, und ihre Seele tat sich gross und atmend im freien offnen Garten auf, in dessen Blumenerde das Schicksal den ersten Blumensamen ihres heutigen Lebensflores ausgeworfen hatte. Stilles Eden! Grunes, mit Bluten zitterndes Helldunkel! Der Mond ruht unter der Erde wie ein Toter; aber jenseits des Gartens sind der Sonne helle rote Abendwolken wie Rosenblatter abgefallen, und der Abendstern, der Brautfuhrer der Sonne, schwebt wie ein glanzender Schmetterling uber dem Rosenrot und nimmt, bescheiden wie eine Braut, keinem einzigen Sternchen sein Licht.

Die zwei Menschen kamen an die alte GartnersHutte, die zugeschlossen und stumm mit finstern Stuben im lichten Garten stand, wie eine Vergangenheit in der Gegenwart. Entblosstes Gezweig der Baume verschrankte sich mit fetten halben Blattern uber dem dichten, sich durchgreifenden Laubwerk der Stauden. Der Fruhling stand als Sieger neben dem zu Fussen liegenden Winter. Im blauen Teiche ohne Blut war ein dunkler Abendhimmel ausgegraben, und sein Abfluss wasserte rauschend die Beete. Die Silberfunken der Sternbilder sprangen auf dem Altare des Morgens auf und fielen erloschen in das rote Meer des Abends nieder.

Der Wind schwirrte wie ein Nachtvogel lauter durch die Baume und gab der Akazienlaube Tone, und die Tone riefen den Menschen, die in ihr einstmals glucklich wurden, zu: "Trete herein, neues Menschenpaar, und denk an das, was vergangen ist, und an mein Verwelken und an deines, und sei heilig wie die Ewigkeit, und weine nicht bloss vor Freude, sondern auch vor Dankbarkeit!"- Und der Weinende zog die Weinende unter die Bluten und legte seine Seele wie eine Blume an ihr Herz und sagte: "Beste Thiennette, ich bin unaussprechlich glucklich und mochte viel reden und kann doch nicht ach, du Teuere, wir wollen wie Engel, wie Kinder zusammenleben. Wahrlich alles will ich tun, was dich freuet; vor zwei Jahren hatt' ich ja nichts, gar nichts, ach durch dich, du Liebe, bin ich so glucklich. Ich sage nun du, du, du liebe Seele!" Sie zog ihn enger an sich und sagte, wiewohl ohne ihn zu kussen: "Sagen Sie nur du, Teuerster!"

Und als sie wieder aus der heiligen Laube in den magisch-dunkeln Garten traten, nahm er den Hut ab, erstlich um innerlich Gott zu danken, und zweitens weil er in den unaussprechlich schonen Himmel schauen wollte.

Sie kamen vor dem rauschenden leuchtenden Hochzeithause an; aber ihre erweichten Herzen suchten Stille auf, und fremdes Anstreifen storte, wie am bluhenden Wein, die Blumen-Vermahlung der Seelen: sie kehrten lieber wieder um und wandten sich in den Gottesacker hinauf, um ihre Ruhrungen zu bewahren. Gross stand auf Grabern und Bergen die Nacht vor dem Herzen und machte es gross. Uber dem weissen Turm-Obeliskus ruhte der Himmel blauer und dunkler, und hinter ihm flatterte der abgedorrte Gipfel des niedrigern Maienbaums mit entfarbter Fahne. Da erblickte der Sohn das Grab seines Vaters, auf dem der Wind die kleine Ture des metallenen Kreuzes knarrend auf- und zuschlug, um das auf Messing eingeatzte Jahr seines Todes lesen zu lassen. Eine heisse Wehmut ergriff mit heftigen Tranenstromen sein losgerissenes Herz und trieb ihn an den verfallenen Hugel, und er fuhrte seine Braut an das Grab und sagte: "Hier schlaft er, mein guter Vater schon im zweiunddreissigsten Jahre ging er hier ein zur ewigen Ruhe. O du guter, teuerer Vater, konntest du doch heute die Freude deines Sohnes sehen wie meine Mutter! Ach du bester Vater, deine Augenhohle ist leer und deine Brust voll Asche, und du siehst uns nicht." Er verstummte. Die bedrangte Braut weinte laut, sie sah die morschen Sarge ihrer Eltern aufgehen und die zwei Toten sich aufrichten und sich umschauen nach ihrer Tochter, die so lange von ihnen verlassen auf der Erde blieb. Sie sturzte an sein Herz und stammelte: "O Teuerer, ich habe weder Vater noch Mutter, verlass mich niemals."

O du, der du noch einen Vater oder eine Mutter hast, danke Gott an dem Tage dafur, wo deine Seele voll Freudentranen ist und eine Brust bedarf, an der sie sie vergiessen kann....

Und mit dieser edeln Umarmung am Grabe eines Vaters schliesse sich heilig dieser Freudentag!

Zehnter Zettelkasten

Der Thomas- und Geburtstag

Der Autor ist eine Art Bienenwirt fur den LeserSchwarm, dem zu Gefallen er die Flora, die er fur ihn halt, in verschiedene Zeiten verteilt und die Aufblute mancher Blumen hier beschleunigt, dort verschiebt, damit es in allen Kapiteln bluhe.

Die Gottin der Liebe und der Engel des Friedens fuhrten das Ehepaar auf Steigen, die uber volle Auen liefen, durch den Fruhling und auf Fusspfaden, die in hohen Kornfeldern verborgen waren, durch den Sommer und der Herbst streuete ihnen, als sie auf den Winter losgingen, seine marmorierten Blatter unter. Und so kamen sie an vor der niedrigen dunkeln Pforte des Winters, voll Leben, voll Liebe, zuversichtlich, zufrieden, gesund und rot.

Am Thomastag hatte Thiennette wie der Winter ihren Geburtstag. Wir wollen gerade, wenn in der nahen Kirche das Singen aufhort, um 9 1/4 in das Pfarrhaus durch die Fenster gucken. Es ist nichts darin ausser die alte Mutter, die den ganzen Tag, weil sie der Sohn ausser Arbeit und zur Ruhe gesetzt, herumschleicht und bohnt und bugelt und scheuert und wischt; jedes gelockte Stuhlbein und jeder Messingnagel des in Wachstuch gekleideten Tisches gleisset; alles hangt, wie bei allen Eheleuten ohne Kinder, am rechten Platze, Burste und Fliegenklatsche und Kalender; die Sessel sind von der Stuben-Polizei in ihre verjahrten Winkel verteilt; ein mit dem Diadem oder der Scharpe eines himmelblauen Bandes umwikkelter Flachsrocken steht am Ritterbette, weil heute am halben Feiertage gesponnen werden kann; die banderbreiten Papierabschnitzel, worauf Predigtdispositionen kommen, liegen weiss neben den zugeschnittenen Predigten selber, namlich neben den Oktav-Heften dazu, denn der Pfarrer und sein Arbeitstisch sind der Kalte wegen aus der Studier- in die Wohnstube heruntergezogen; seine grosse MuffWamme hangt neben dem reinen Brautigamsschlafrock was wir in der Stube vermissen, ist bloss er und sie. Denn er predigte sie heute in die blosse Aposteltagskirche hinein, damit ihre Mutter ohne Zeugen ausser die paar tausend Leser, die mit mir ins Fenster sehen die Proviantbackerei und den ganzen Kuchenwagen des Geburtsfestes beschicken und das beste Tischzeug und Eingemachte ungesehen auftragen konnte.

Der Seelensorger hielt es fur keine Sunde, die Kirchleute so lange zu ermahnen und aufzurichten und zu bedrohen, bis er dachte, die Suppe dampfe uber die Teller. Dann fuhrte er die Neugeborne nach Hause und stellte sie plotzlich vor den Altar mit Speisopfer, vor einen sussen Buchdruckerstock aus Brottorte, worauf ihr Name mit echter Monchsschrift aus Gaumbuchstaben von Mandeln eingebacken war. Im Hintergrunde der Zeit und der Stube verberg' ich gleichwohl noch zwei Flaschen Pontak. Wie schnell werden am Strahle der Freuden deine Wangen reif, Thiennette, als dein Eheherr feierlich sagte: "Es ist heute dein Geburtstag, und der Herr segne dich und behute dich und lasse sein Angesicht uber dich leuchten und schenke dir zur Freude deiner Schwiegermutter und deines Mannes insbesondere ein gluckliches frohliches Kindbette, Amen!" Und da Thiennette sah, dass die alte Frau alles dieses selber gekocht und aufgetragen hatte: so fiel sie ihr um den Hals, als wenn es ihre Mutter gewesen ware.

Ruhrung besiegt den Appetit. Aber Fixleins Magen war so stark wie sein Herz, und keine Art Bewegung wurde uber seine peristaltische Herr. Getrank ist der Gelenksaft der Zunge, wie Essen ihr Hemmschuh. Aber fruher, als bis er manches gegessen und gesagt hatte, schenkt' er nicht ein. Dann hob er die TeichDocke von Kork aus der Bouteille und liess den geistreichen Weiher ab. Die sieche Mutter eines noch in ihr Leben gehullten Menschen heftete in der verlegnen Ruhrung ihre dankbaren Augen bloss auf die alte Frau und konnte kaum zanken, dass er ihrentwegen in die Stadt zum Weinhandler geschickt hatte. Er nahm in jede Hand fur jede, die er liebte, ein Glas und reichte es der Mutter und der Frau und sagte: "Auf dein langes, langes Leben, Thiennette! Und auf Ihr Wohlergehen, Mama! Und auf eine recht gluckliche Geburt unsers Kleinen' wenn mir Gott einen schenkt!" "Mein Sohn," sagte die Kunst-Gartnerin, "aber auf dein langes Leben mussen wir hauptsachlich trinken, weil wir von dir erhalten werden. Gott mache dich ja alt!" fugte sie beklommen hinzu, und ihre Augen verrieten ihr Herz.

Ich habe nie von dem schrankenlosen Flattersinne des weiblichen Geschlechtes eine lebhaftere Vorstellung als zur Zeit, wo eine Frau den Engel des Todes unter ihrem Herzen tragt, und doch in den neun Monaten voll Todesanzeigen keinen grossern Gedanken hat als den an ihre Gevattern und an das, was bei der Taufe gekocht werden soll. Aber du, Thiennette, hattest edlere Gedanken, obwohl jene auch mit. Der noch eingehullte Liebling deines Herzens ruhte vor deinen Augen wie ein kleiner, auf einen Grabstein gebildeter Engel, der mit seiner kleinen Hand immer auf dein Sterbejahr hinzeigte, und jeden Morgen und jeden Abend dachtest du mit einer Gewissheit des Todes, von der ich die Grunde noch nicht weiss, daran, dass die Erde eine dunkle Baumannshohle ist, wo das Menschenblut wie Tropfstein, indem es tropft, Gestalten aufrichtet, die so fluchtig blinken, und so fruh zerfliessen! Und das wars eben, warum deine Tranen unaufhaltsam aus deinen sanften Augen quollen und alle deine angstlichen Gedanken an dein Kind verrieten; aber du machtest den traurigen Erguss deines Herzens durch die Umarmung wieder gut, worin du mit neuer entzundeter Liebe an deinen Gatten fielest und sagtest: "Es gehe, wie es will, Gottes Wille geschehe, wenn nur du und mein Kind am Leben bleiben aber ich weiss wohl, dass du mich, Bester, so sehr liebest wie ich dich."... Lege deine Hand, Mutter, voll Segen auf sie; und du, gutes Schicksal, ziehe deine niemals ab von ihnen!

Ich stehe zwar voll Ruhrung und voll Gluckwunsche neben dem Kusse zweier Freundinnen und neben der Umarmung von zwei tugendhaften Liebenden, und aus dem Feuer ihrer Altare fliegen Funken in mich; aber was ist diese Erwarmung gegen die sympathetische Erhebung, wenn ich zwei Menschen, gebuckt unter einerlei Burden, verknupft zu einerlei Pflichten, angefeuert von derselben Sorge fur einerlei kleine Lieblinge, einander in einer schonen Stunde an die uberwallenden Herzen fallen sehe! Und wenn es vollends zwei Menschen tun, die schon die Trauerschleppe des Lebens, namlich das Alter, tragen, deren Haare und Wangen schon ohne Farbe, deren Augen ohne Feuer sind und deren Angesicht tausend Dornen zu Bildern der Leiden ausgestochen haben, wenn diese sich umfangen mit so muden alten Armen und so nahe am Abhange ihrer Graber, und wenn sie sagen oder denken: "Es ist an uns alles abgestorben, aber doch unsere Liebe nicht o wir haben lange miteinander gelebt und gelitten, nun wollen wir auch zugleich dem Tode die Hande geben und uns miteinander wegfuhren lassen"; so rufet alles in uns aus: o Liebe, dein Funke ist uber der Zeit, er glimmt weder an der Freude noch an der Rosenwange, er erlischt nicht, weder unter tausend Tranen noch unter dem Schnee des Alters noch unter der Asche deines Geliebten. Er erlischt nie; und du Allgutiger, wenn es keine ewige Liebe gabe, so gab' es ja gar keine!...

Dem Pfarrer ward es leichter als mir, sich einen Ubergang vom Herzen zum Magen zu bahnen. Er trug jetzt Thiennetten, deren Stimme sich sogleich erheiterte indes ihr Auge einmal ums andere zu glanzen anfing , sein Vorhaben vor, das Frostwetter zu benutzen und so viel ins Haus einzuschlachten, als sie haben: "Das Schwein kann kaum mehr aufstehen", sagt' er und bestimmte den Entschluss der Weiber, ferner den Metzger und den Tag und die Zahl der Schlachtschusseln: er besprach alles mit einer Punktlichkeit, mit der die Kriegsinnung (welche den Trokar der uberfullten Menschheit, namlich das Marsschwert ansetzt) einen Tag vorher zu Werke geht, ehe sie eine Provinz ins Hatz- und Schlachthaus treibt.

Darauf fing er an, ganz froh uber Winters-Anfang, der heute um acht Uhr zweiundzwanzig Minuten morgens eingetreten war, zu tun und zu reden, "weil es doch wieder", sagt' er, "stark aufs Fruhjahr losgehe, und man morgen nicht so viel Licht verbrennen durfe als heute." Die Mutter fiel ihn zwar mit dem Gewehr ihrer funf Sinne an; aber er hielt ihr die astronomischen Tabellen entgegen und bewies, die Zunahme des Tages sei ebenso unleugbar als unmerkbar. Letzlich fragte er wie die meisten Amt- und Eheleute nichts darnach, ob ihn seine Weiber fasseten oder nicht, und benachrichtigte sie in juristisch-theologischer Einkleidung: "heute nachmittags schieb' ers nicht mehr auf, sondern halte beim hochpreislichen Konsistorium, welches jus circa sacra habe, um einen neuen Knopf fur den Kirchturm an, um so mehr, da er bis auf das Fruhjahr eine reichliche milde Beisteuer von der Parochie herausgebettelt zu haben verhoffe." "Wenn uns Gott den Fruhling erleben lasset" (setzte er ausserst frohlich hinzu) "und du glucklich niederkommst: so konnt' ich alles so disponieren, dass der Knopf gerade aufgesetzet wurde, wenn du deinen Kirchgang hieltest, Alte!"

Darauf ruckte er den Stuhl leicht vom Schenk- und Nachtisch an den Arbeitstisch und versass den halben Nachmittag an der Supplik um den Turmknauf. Da er noch ein wenig Zeit bis zur Dammerung hatte, so setzte er das Arbeitszeug an sein neues gelehrtes Opus an. Es stand namlich bei Hukelum im Schnee draussen ein Zehntel von einem alten Raubschloss, das er im Herbste alle Tage wie ein revenant besucht hatte, um es auszuklaftern, ichnographisch zu silhouettieren, jeden Fensterstab und jeden restierenden Anwurf desselben genau zu Papier zu bringen. Er glaubte, er hoffe nicht zu viel, wenn er dadurch und durch einige Zeichnungen der weniger steil- als waagrechten Mauern seinem "Architektonischen Briefwechsel zweier Freunde uber das Hukelumische Raubschloss" jene letzte Hand und Reife zu erteilen meine, die Rezensenten zufriedenstellet. Denn er hatte gegen die kritischen Reichsgerichte der Rezensenten nichts von derjenigen Verachtung, die einige Schriftsteller wirklich besitzen oder nur affektieren wie z.B. ich. Aus dem umgefallenen Raub-Louvre wuchsen fur ihn mehr Freudenblumen als sonst vielleicht aus dem aufrechtstehenden fur den Eigner.

Es ist meines Wissens noch eine unbekannte Anekdote, dass alles dieses niemand zu verantworten hat als Busching. Fixlein stoberte unlangst in dem Kirchenbriefgewolbe ein Handschreiben auf, worin der Geograph sich Spezialberichte vom Dorfe ausbat. Busching erwischte freilich nichts daher mangelt wirklich das ganze Hukelum noch seiner Erdbeschreibung ; aber dieser verpestete Brief steckte Fixleins Herz mit dem anhaltenden Fruhlingsfieber der Ruhmsucht an, so dass sein pulsierendes Herz nur mit dem Lukaszettel einer Rezension zu stillen und zu halten war. Mit der Schriftstellerei ists wie mit der Liebe: man kann beide jahrzehentelang zugleich begehren und entraten; ist aber einmal der erste Funke von ihnen in dein Pulverlager gefallen: dann brennts fort bis ans Ende.

Bloss Winters-Anfang wegen musste heute eine besonders warme Stube gemacht werden, die er wie grosse Muffe und Barenmutzen mehr liebte, als man dachte. Die Dammerung, dieses schone Chiaroscuro des Tages, diesen farbigen Vorgrund der Nacht, dehnte er so lang wie moglich aus, um darin auf Weihnachten zu studieren; und doch konnt' es seine Frau ohne Bedenken wagen, ihm gerade, wenn er mit dem umgehangenen Saetuch voll gottlichen Worts-Samen die Stube auf- und abging, einen Loffel voll Bieressig vorzuhalten, damit er ihn dem Gaumen anprobierte, ob er abzugiessen sei von der Essigmutter. Liess er denn nicht sogar, ob er gleich Rogner lieber speiste, allemal einen Milchner aus der Heringstonne ziehen, nur der geliebten Frau wegen?

Jetzt kam Licht; und da gerade der Winter seine Glasmalerei auf den Scheiben anfing, seine Eis-Blumenstucke und seinen Schnee-Baumschlag: so sah der Pfarrer, es sei Zeit, etwas Kaltes zu lesen, was er seine kalte Kuche nennte, namlich die Beschreibung eines entsetzlich-frostigen Landes. Dasmal wars die Wintergeschichte der vier russischen Matrosen auf Nova Zembla. Ich meines Orts hefte im Sommer, wenn der wuhlende Zephyr Blutenglocken aufblaht, die Landkarten und Aufrisse von Welsch- und Morgenland noch als neue Landschaften an die, worin ich sitze. Und doch nahm er heute noch die Stadtchronik von Flachsenfingen zur Hand, um mitten unter den Schussen, Pestilenzen, Hungersnoten, Kometen mit langen Scharpen und dem Rauschen aller Hollenflusse des dreissigjahrigen Kriegs mit einem Ohre nach der Gesindestube hinzuhoren, wo man den Krautsalat fur seinen Entenbraten zerschneidet.

Gute Nacht, Alter! ich bin matt. Der gute Himmel schicke dir im Fruhjahr 1794, wenn die Erde ihre Menschen wie kostbare 30 Nachtraupen auf Blattern und Blumen herumtragt, den neuen Turmknopf und einen dicken wohlgestalteten Buben dazu!

Eilfter Zettelkasten

Fruhling Investitur und Niederkunft

Ich stehe von einem wunderbaren Traume auf; aber der vorige Kasten macht ihn naturlich. Mir traumte: alles grune alles dufte ich schaue nach einem unter der Sonne blitzenden Turmknopf hinaus, ruhend im Fenster eines weissen Gartenhauschens, die Augenlider voll Blumenstaub, die Achseln voll dunne Kirschenbluten, die Ohren voll Gesumse des benachbarten Bienenstandes. Darauf trete langsam zwischen die Rabatten der hukelumische Pfarrer und steige ins Gartenhaus und sage feierlich zu mir: "Wohlgeborner Herr, eben ist meine Frau von einem Knablein entbunden worden, und ich unterfange mich, Dieselben zu bitten, an solchem das heilige Werk zu verrichten, wenn es in den Schoss der Kirche aufgenommen wird."

Ich fuhr ganz naturlich auf, und der Pfarrer Fixlein stand noch leibhaftig neben meinem Bette und bat mich zu Gevatter: denn Thiennette war heute nachts um 1 Uhr niedergekommen. Die Geburt war darum so glucklich als wie in einem Gebarhause vorubergegangen, weil der Vater schon etliche Monate darauf gedacht hatte, den sogenannten Klapperstein, der im Horste des Adlers gefunden wird, beizuschaffen und Geburtshulfe damit zu leisten: denn dieser Stein verrichtet in seiner Art alles, was die Mutze eines alten Minoriten in Neapel, von dem Gorani erzahlt, an solchen Kreissenden erzwingt, die sie aufsetzen.....

Ich konnte den Leser noch langer kranken; aber ich lasse willig nach und decke ihm die Sachen auf.

Einen solchen Mai wie den diesjahrigen (von 1794) hat die Natur bei Menschengedenken nicht angefangen: denn wir haben erst den funfzehnten. Leute von Einsichten mussten sich seit Jahrhunderten jedes Jahr einmal argern, dass die deutschen Sanger Mailieder machten, da andere Monate eine poetische Nachtmusik weit eher verdienen; und ich bin oft so weit gegangen, dass ich den Sprachgebrauch der Marktweiber angriff und statt Maibutter Juniusbutter sagte, desgleichen nur Junius-, Marz-, Aprillieder. Aber du, diesjahriger Mai! verdienest alle Lieder auf deine rauhen Namensvettern auf einmal! Beim Himmel! wenn ich jetzt aus der gaukelnden helldunkeln Akazienlaube des Schlossgartens, in der ich dieses Kapitel schreibe, heraustrete in den weiten lebendigen Tag und zum warmenden Himmel aufsehe und uber seine unter ihm aufquellende Erde: so tut sich vor mir der Fruhling wie ein volles kraftiges Gewitter mit einem blauen und grunen Glanze auf. Ich sehe die Sonne am Abendhimmel in Rosen stehen, in die sie ihren Strahlenpinsel, womit sie heute die Erde ausgemalet, hineinwirft und wenn ich mich ein wenig umsehe in ihrer Gemaldeausstellung: so ist ihre Schmelzmalerei auf den Bergen noch heiss auf dem nassen Kalk der nassen Erde trocknen die Blumen mit Saftfarben gefullt, und an den Bachen die Vergissmeinnicht mit Miniaturfarben unter die Glasur der Strome hat die Malerin ihr eignes Auge gefasset, und die Wolken hat sie wie ein Dekorationsmaler nur mit wilden Umrissen und einfachen Farben gezeichnet; und so steht sie am Rande der Erde und blickt ihren grossen, vor ihr stehenden Fruhling an, dessen Faltenwurf Taler sind, dessen Brustbouquet Garten und dessen Erroten ein Fruhlingsabend ist und der, wenn er sich aufrichtet, der Sommer wird.

Aber weiter! In jedem Fruhling und in einem solchen gar geh' ich zu Fusse den Zugvogeln entgegen und verreise den hypochondrischen Bodensatz des Winters. Ich glaube aber nicht, dass ich nur den Turmknopf von Hukelum, der in einigen Tagen abgehoben wird, geschweige die Pfarrleute gesehen hatte, war' ich nicht beim flachsenfingischen Superintendenten und Konsistorialrat gewesen. Bei diesem kundschaftete ich Fixleins Lebenslauf- jeder Kandidat muss seinen an das Konsistorium liefern und sein noch tolleres Bittschreiben um den Turmgiebel aus. Ich ersah mit Vergnugen, wie lustig der Kauz in seinem Entenpfuhl und Milchbad von Leben schnalze und platschere und nahm mir die Reise zu seinem Ufer vor. Es ist sonderbar, d.h. menschlich, dass wir originelle Menschen und originelle Bucher das ganze Jahr lang wunschen und preisen: haben und sehen wir sie aber, so erzurnen sie uns sie sollen uns ganz anstehen und schmecken, als ob das eine andere Originalitat konnte als unsere eigene.

Es war Sonnabends, den dritten Mai, dass ich, der Superintendent, der Senior capituli und einige weltliche Rate aufbrachen und einstiegen und uns in zwei Wagen vor die Hausture des Pfarrers bringen liessen. Die Sache war: er war noch nicht investieret, und morgen sollt' ers werden. Ich dachte nicht, als wir am weissen Spalier des Schlossgartens vorbeifuhren, dass ich darin ein neues Werkchen schreiben wurde.

Ich sehe den Pfarrer noch in seinem PeruckenGrauwerk und Kopfgehause an die Wagenture anspringen und uns herausziehen so lachelnd so verbindlich so eitel als aufmerksam auf die herausgezogne Fracht. Es schien, als hatt' er den Reiseflor des Schmerzes auf der Lebensreise gar niemals umgenommen und Thiennette schien ihren niemals zuruckgeschlagen zu haben. Wie war alles im Hause so nett, aufgeschmuckt und poliert! Und doch so still, ohne das verdammte Sturmlauten der Bedientenglocken und ohne die faulen Trommelbasse des Treppen-Pedalierens! Indes die Herren im obern Zimmer anstandig sassen, zog ich nach meiner Art wie ein Geruch im ganzen Hause herum, und mein Weg fuhrte mich durch die Wohnstube, uber die Kuche und endlich in den Kirchhof am Hause. Guter Sonnabend, ich will deine Stunden, so gut ich kann, mit schwarzem Judenpech von Dinte in die Uhrblatter fremder Seelen zeichnen! In der Wohnstube hob ich vom Schreibtisch einen an Rucken und Ecken vergoldeten Band mit dem Ruckendekret: "Heilige Reden von Fixlein, erste Sammlung" auf und da ich nach dem Druckort sehen wollte, war die heilige Sammlung geschrieben. Ich fuhlte die Schreitspulen an und tunkte in die Negerschwarze der Dinte ein und ich befand, dass alles ganz gut war: bei herumfliegenden Gelehrten, die nur ein Departement der auswartigen Angelegenheiten haben und keines der innern, ist ausser einigen andern Dingen nichts schlechter als Dinte und Federn. Auch fand ich eine Kupferplatte, auf die ich wieder zuruckkommen werde.

In der Kuche, die man zum Schreiben eines englischen Romans nicht notiger hat wie zum Spielen eines deutschen, konnt' ich mich neben Thiennetten stellen und mit schuren helfen und in ihr Gesicht und in ihr Kochfeuer zugleich sehen. Ob sie gleich in der Ehe war, wo weisse Rosen auf den Wangen zu roten werden worin die Madchen einem Gleichnis in der Note36 gleichen , und obgleich das Bratenholz eine erlogene Schminke auf sie warf: so erriet ich doch, wie blass sie ungefahr sonst gewesen war, und meine Ruhrung uber ihre Farbe stieg durch den Gedanken an ihre Burde noch hoher, die ihr heute nachts das Schicksal nicht sowohl abgenommen als bloss in ihre Arme und naher an ihr Herz geleget hat. Wahrlich ein Mann muss nie uber die mit einer Ewigkeit bedeckte Schopfungsminute der Welt nachgesonnen haben, der nicht eine Frau, deren Lebensfaden eine verhullte unendliche Hand zu einem zweiten spinnt, und die den Ubergang vom Nichts zum Sein, von der Ewigkeit in die Zeit verhullt, mit philosophischer Verehrung anblickt; aber noch weniger muss ein Mann je empfunden haben, dessen Seele vor einer Frau in einem Zustande, wo sie einem unbekannten ungesehenen Wesen noch mehr aufopfert als wir den bekannten, namlich Nachte, Freuden und oft das Leben, sich nicht tiefer und mit grosserer Ruhrung buckt als vor einem ganzen singenden Nonnen-Orchester auf ihrer Sarawuste; und schlimmer als beide ist einer, dem nicht seine Mutter alle andere Mutter verehrungswurdig macht.

"Es ist dir weiter nicht dienlich, arme Thiennette," (dacht' ich) "dass sich jetzt unter dem Vollgiessen deines bittern Krankenkelches die larmenden Feste haufen." Die Investitur und die Knopf-Erhohung meint' ich. Mein Rang, dessen Diplom der Leser in den "Hundsposttagen" eingeheftet findet und der sonst der ihrige war, hetzte mir ein Heer zuruckhaltender, verlegner und schwankender Ausserungen von ihr auf den Hals, die ich mit Muhe zerstreuete, und womit allemal die Leute vor Hohern oder Niedern aufziehen, zu denen sie sonst gehort hatten. Ich konnte weder mit ihr noch mit ihm den Sonnabend und Sonntag recht ins Geleise kommen, bis die andern Herren fort waren. Die alte Mutter wirkte, wie dunkle Ideen, stark und fortdauernd, aber ohne sich zu zeigen: das wird durch ihre abgottische Scheu vor uns erklart und zum Teil durch einen stillen Kummer, der sich wie eine Wolke in ihr (wahrscheinlich uber die Niederkunft ihrer Schwiegertochter) aufzog.

Ich kreuzte, solange das Mond-Achtel noch flimmerte, auf dem Gottesacker herum und milderte meine Phantasien, die zu leicht mit dem Braun zerbrockelter Mumien malen, nicht nur durch das Abendrot, sondern auch durch die Erwagung, wie leicht unser Aug und Herz sich sogar mit den Trummern des Todes versohne, eine Erwagung, zu der mir der pfeifende Schulmeister, der das Gebeinhaus auf morgen ordnete, und die singende Pfarrmagd verhalf, die Graber abgrasete. Warum wollen wir uns diese Angewohnung an alle Gestalten des Schicksals nicht auch auf die andere Welt von unserer Natur und von unserem Erhalter versprechen? Ich blatterte die Leichensteine durch und denke noch jetzt, der Aberglaubige37 hat recht, der dem Lesen derselben Verlieren des Gelachtnisse beilegt: allerdings vergisset man tausend Dinge dieser Erde.....

Die Investitur am Sonntage, dessen Evangelium vom guten Hirten auf den Aktus passte, muss ich kurz abfertigen, weil alles Erhabene die Redseligkeit nicht leiden kann. Ich werde aber doch das Wichtigste mitgeteilet haben, wenn ich berichte, dass dabei getrunken wurde im Pfarrhaus , gepauket im Chor , vorgelesen vom Senior die Vokation, vom weltlichen Rate das Ratifikationsreskript und gepredigt vom Konsistorialrate, der den Seelsorger nahm und ihn der Gemeinde und diese jenem prasentierte, gab und zusicherte. Fixlein fuhlte, er gehe als ein Hoherpriester aus der Kirche, in die er als ein Landpfarrer gekommen war, und hatte den ganzen Tag nicht das Herz, einmal zu fluchen. Wenn der Mensch feierlich behandelt wird, so sieht er sich selber fur ein hoheres Wesen an und begeht sein Namensfest mit Andacht.

Dieses Aufdingen, diesen Klosterprofess ordnen die geistlichen Oberrabbi und Logemeister die Superintendenten sonst gerne an, wenn der Pfarrer schon einige Jahre der Gemeinde vorgestanden ist, der sie ihn vorzustellen haben, wie die ersten Christen die Einweihung und Investitur zum Christentum, die Taufe, gern in den Tag ihres Todes verlegten; ja ich glaube nicht einmal, dass die Investitur etwas von ihrem Nutzen verlore, wenn sie und das Amtsjubilaum auf einen Tag aufgesparet wurden, um so mehr, da dieser Nutzen ganz in dem besteht, was Superintendent und Rate teils schmausen, teils kriegen.

Erst gegen Abend lernten wir beide uns kennen. Die Investitur-Offizianten und Hebungsbedienten hatten namlich den ganzen Abend sehr geatmet. Ich meine so: da die Herren aus den altesten Meinungen und neuesten Versuchen wissen mussten, Luft sei nichts als verdunntes, auseinandergeschlagenes Wasser: so konnten sie doch leicht erraten, dass umgekehrt Wasser nichts sei als eine dickere Luft. Und Weintrinken ist nichts als das Atmen einer zusammengekelterten, mit einigen Wohlgeruchen bestreueten Luft. Nun kann in unsern Tagen nicht genug (flussiger) Atem von geistlichen Personen geholet werden durch den Mund, da ihre Verhaltnisse ihnen das Atmen durch die kleinern Poren untersagen, das Abernethy unter dem Namen Luftbad so anempfiehlt: soll denn der Speiseschlund bei ihnen etwas anders sein als der Wand- und Turnachbar der Luftrohre, der Mitlauter, der Nebenschossling der letztern? Ich verlaufe mich: ich wollte berichten, dass ich abends der namlichen Meinung zugetan war, dass ich aber diese Luft oder diesen Ather nicht wie jene zum lauten Gelachter verbrauchte, sondern zum stillern Beschauen des Lebens. Ich liess sogar gegen meinen Gevatter einige Reden schiessen, die Gottesfurcht verrieten, welches er anfangs fur Spass nehmen wollte, weil er wusste, ich ware von Hofe und Rang. Aber der Hohlspiegel des Weinnebels hing mir endlich die Bilder meiner Seele vergrossert und verkorpert als Geister-Gestalten mitten in die Luft hin. Das Leben schattete sich mir zu einer eiligen Johannisnacht ein, die wir schiessende Johanniswurmchen glimmend durchschneiden ich sagte zu ihm, der Mensch musste sich, wie die Blatter der grossen Malve, in den verschiedenen Tagszeiten seines Lebens bald nach Morgen, bald nach Abend richten, bald in der Nacht gegen die Erde und gegen ihre Graber zu ich sagte, die Allmacht des Guten trieb' uns und die Jahrhunderte den Toren der Stadt Gottes zu, wie der Widerstand des Athers nach Euler die umkreisende Erde der Sonne zufuhrt usw.

Er hielt mich dieses Einschiebessens wegen fur den ersten Theologen seiner Zeit und hatte von mir, wenn er Kriege hatte anfangen mussen, vorher Gutachten eingeholt, wie sonst kriegfuhrende Machte von den Reformationstheologen. Ich verhalte mir aber doch nicht, das, was die Pfarrer Eitelkeit der Erde nennen, ist etwas ganz anders, als was die Philosophie so nennt. Als ich ihm vollends eroffnete, ich schamte mich nicht, ein Autor zu sein, sondern beschriebe dieses und jenes Leben, und ich hatte seine eigne Biographie beim Herrn Superintendenten zu Gesichte bekommen und ware imstande, daraus eine gedruckte zu fertigen, falls er mir mit einer und der andern Fleischfarbe zu Hulfe kommen wollte: so war bloss meine Seide, die leider nicht bloss gegen das elektrische Feuer, sondern auch gegen ein besseres isoliert, das Gitter, das sich zwischen mich und seine Arme stellte: denn er war wie die meisten armen Landpastoren nicht imstande, irgendeinen Rang zu vergessen oder seinen mit dem hohern zu verquicken. Er sagte: "er wurd' es venerierlich erkennen, wenn ich seiner im Drucke gedachte; aber er befahre zu sehr, sein Leben sei zu einer Beschreibung zu gemein und zu schlecht." Gleichwohl machte er mir die Schublade seiner Zettelkasten auf und sagte, er glaube mir damit vorgearbeitet zu haben.

Die Hauptsache aber war, er hoffte, seine errata, seine exercitationes und seine Briefe uber das Raubschloss wurden, wenn ich vorher ihnen den Lebenslauf ihres Verfassers vorausschickte, besser aufgenommen, und es ware so viel, als begleitete ich sie mit einer Vorrede.

Kurz ich blieb, als den Montag die andern Herren mit ihrem Nimbus wegdampften, allein bei ihm als Niederschlag sitzen und sitze noch fest, d.h. vom funften Mai an bis (das Publikum sollte den Kalender von 1794 neben sich aufgeschlagen hinlegen) zum funfzehnten heute ist Donnerstag, morgen ist der sechzehnte und Freitag und die sogenannte Spinatkirmes und die Aufziehung des Turmknopfes, die ich nur abzuwarten vorhatte, eh' ich ginge. Jetzt geh' ich aber nicht, weil ich Sonntags den Taufbund als Tauf-Agent fur mein Patchen schliessen muss. Wer mir gehorcht und den Kalender aufgeschlagen hat, der kann sich leicht vorstellen, warum mans auf den Sonntag verschiebt: es fallet da jener denkwurdige Kantatesonntag ein, der einmal in unserer Geschichte wegen seiner narrischen, narkotischen Schierlings-Krafte- jetzt aber nur wegen der schonen Verlobung richtig ist, die man nach zwei Jahren mit einer Taufe zelebrieren will. Ich bin zwar nicht imstande aus Armut an Farben und Pressen , die weiche duftende Blumenkette von vierzehn Tagen, die sich hier um mein krankes Leben ringelt, aufs Papier abzufarben oder abzupressen; aber mit einem einzigen Tage kann ichs versuchen. Ich weiss wohl, der Mensch kann weder seine Freuden noch Leiden erraten, noch weniger kann er sie wiederholen, im Leben oder Schreiben.

Die schwarze Stunde des Koffees hat Gold im Munde fur uns und Honig: hier in der Morgenkuhle sind wir alle beisammen, wir halten populare Gesprache, damit die Pfarrerin und die Kunstgartnerin sich darein mischen konnen. Der Fruhgottesdienst in der Kirche, worin oft das ganze Volk 38sitzt und singt, wirft uns auseinander. Ich marschiere unter dem Glokkengelaute mit meinem Stachel-Schreibzeug in den singenden Schlossgarten und setze mich in der frischen Akazienlaube an den betaueten zweibeinigen Tisch. Fixleins Zettelkasten hab' ich schon in der Tasche bei mir, und ich darf nur nachschauen und aus seinen nehmen, was in meine taugt. Sonderbar! so leicht vergisset der Mensch eine Sache uber ihre Beschreibung: ich dachte jetzt wahrlich nicht ein wenig daran, dass ich ja eben auf dem zweibeinigen Laubentische, von dem ich rede, jetzt alles dieses schreibe.

Mein Gevatter arbeitet unterdessen auch fur die Welt. Seine Studierstube ist die Sakristei, und der Pressbengel ist die Kanzel, die er braucht, um die ganze Welt anzupredigen: denn ein Autor ist der Stadtpfarrer des Universums. Ein Mensch, der ein Buch macht, hangt sich schwerlich; daher sollten alle reiche Lords-Sohne fur die Presse arbeiten: denn man hat doch, wenn man zu fruh im Bette erwacht, einen Plan, ein Ziel und also eine Ursache vor sich, warum man daraus steigen soll. Am besten fahret dabei ein Autor, der mehr sammelt als erfindet weil das letztere mit einem angstlichen Feuer das Herz kalzinieret ; ich lobe den Antiquar, Heraldiker, Notenmacher, Sammler, ich preise den Titelbarsch (ein Fisch, namens perca diagramma, wegen seiner Buchstaben auf den Schuppen) und den Buchdrucker (ein Speckkafer, namens scarabaeus typographus, der in die Rinde der Kienbaume Lettern wuhlt) beide brauchen keinen grossern oder schonern Schauplatz der Welt als den auf dem Lumpenpapier und keinen andern Legestachel als einen spitzigen Kiel, um damit ihre vierundzwanzig Lettern-Eier zu legen. In Rucksicht des rasonierenden Katalogs, den der Gevatter von deutschen Druckfehlern machen will, sagt' ich ihm einige Male: "er ware gut und grunde sich auf die Regel, nach der man ausgezahlet hat, dass z.B. zu einem Zentner Cicero-Fraktur vierhundertundfunfzig Punkte, dreihundert Schliessquadratchen etc. notig sind; aber er sollte doch in politischen Schriften und in Dedikationen nachrechnen, ob fur einen Zentner Cicero-Fraktur nicht funfzig Ausrufungszeichen viel zu wenig waren, so wie sechstausend Spatia in philosophischen Werken und in Romanen."

An manchen Tagen schrieb er nichts; sondern steckte sich in den Schlauch und Rauchfang seines Priesterrocks und liess im Ornate druben beim Schulmeister die wenigen Abc-Schutzen, die nicht wie andere Schutzen des Fruhlings wegen auf Urlaub waren, in der Fibel exerzieren. Er tat nie mehr als seine Pflicht, aber auch nie weniger. Es uberlief sein Herz mit einer gelinden Warme, dass er, der sonst unter einem Scholarchat sich duckte, jetzt selber eines war.

Um zehn Uhr begegnen wir uns aus unsern verschiedenen Museen und besichtigen das Dorf und besonders die biographischen Moblen und heiligen Orter, die ich gerade diesen Morgen unter meiner Feder oder meinem Storchschnabel gehabt, weil ich sie mit mehr Interesse nach meiner Beschreibung betrachte als vor ihr.

Dann wird gespeiset.

Nach dem Tischgebet, das zu lang ist, tragen wir beide die Karitativsubsidien oder Kammerzieler und milden Spenden, womit die Eingepfarrten dem Religions- und Tilgungsfond des Gotteskastens beispringen wollen zum Kauf des neuen Turmglobus, in doppelte Handelsbucher ein: das eine davon wird mit dem Namen der Kollatoren oder hat einer auch fur seine Kinder dotiert mit der letztern ihrem in eine bleierne Kapsel eingesargt und in den Turmknopf aufgebahrt; das andere bleibt unten, bei der Registratur. Es ist nicht zu beschreiben, welche Lieferungen die Ehrbegierde, in den Knopf hinaufzukommen, macht ich beteure, Bauern, die schon gut gegeben hatten, steuerten noch einmal, wenn sie taufen liessen: der Junge sollte auch in den Knopf.

Nach dieser Buchhaltung stach der Gevatter in Kupfer. Er war so glucklich gewesen, herauszubringen, dass aus einem Zuge, der einem umgekehrten lateinischen S gleichsieht, alle Anfangsbuchstaben der Kanzleischrift so schon und so verschlungen, als sie in Lehr- und Adelsbriefen stehen, herauszuspinnen sind. "Bis Sie sechzig zahlen," sagt' er zu mir "hab' ich aus meinem Stammzuge einen Buchstaben gemacht." Ich kehrte es bloss um und zahlte so lange sechzig, bis er ihn hin hatte. Diese Schonheitslinie, in alle Buchstaben verzogen, will er durch Kupferplatten, die er selber sticht, fur die Kanzleien gemeiner machen, und ich darf dem russischen, dem preussischen Hofe und auch einigen kleinern in seinem Namen Hoffnung zu den ersten Abdrucken machen: fur expedierende Sekretare sind sie unentbehrlich.

Nun wird es Abend, und es ist Zeit, vom gelehrten Baum des Erkenntnisses, auf dem wir beide mit Obstbrechern halsbrechend herumgabeln, wieder hinabzurutschen in die Feld-Blumen und Grasereien der landlichen Freude. Wir warteten aber doch, bis die emsige Thiennette, die wir nun als eine Mutter Gottes in unser Wesen zogen, keine andere Gange mehr hatte als die zwischen uns. Wir schritten dann langsam die Kranke war matt durch die Wirtschaftsgebaude, d.h. durch Stalle und deren Inventariums-massige Schweizerei und vor einer abscheulichen Lache voll Enten voruber und vor einem Milchkeller voll Karpfen, denen beiden wir, ich und die andern, wie Fursten Brot gaben, weil wir sie am Sonntage nach der Taufe zum Brote selber verspeisen wollten.

Dann wurde der Himmel immer freundlicher und roter, die Schwalben und die Blutenbaume immer lauter, die Hauserschatten breiter und der Mensch vergnugter. Die Blutentrauben der Akazienlaube hingen in unsere kalte Kuche, und die Schinken waren nicht welches mich allemal argert mit Blumen besteckt, sondern damit von weitem beschattet....

Dann macht mich der tiefere Abend und die Nachtigall weicher; und ich erweiche wieder die sanften Menschen um mich, besonders die blasse Thiennette, der oder deren Herzen die heftigen Freudenschlage nach den apoplektischen Lahmungen einer gedruckten Jugend schwerer werden als die Regungen der Wehmut. Und so rinnt unser transparentes reines Leben schon unter dem Bluten-Uberhang des Maies hinweg, und wir schauen im bescheidenen Genusse scheu weder voraus noch zuruck, wie Leute, die Schatze heben, sich auf dem Hin- und Herwege nicht umblikken.

So gehen unsere Tage voruber. Nur der heutige war anders: sonst sind wir um diese Zeit schon mit dem Nachtmahl fertig, und der Pudel hat schon die Knochen-Praparate unsers Soupers zwischen den Kinnbacken; aber heute sitz' ich noch allein im Garten hier und schreibe den eilften Kasten und gucke jeden Augenblick auf die Wiesen hinaus, ob mein Gevatter nicht kommt.

Er ist namlich in die Stadt gegangen, um ein ganzes Warenlager von Gewurzen zu holen: er hat weite Rocktaschen. Ja er macht kein Geheimnis daraus, dass er manchen Fleischzehenten bloss in der Rocktasche vom Vormund, bei dem sein Absteigquartier ist, heimtrage, wiewohl freilich Umgang mit der feinern Welt und Stadt und die daraus fliessende Sittenbildung denn er geht zum Buchhandler, zu Schulkollegen und zu geringern Stadtleuten weit mehr als das Fleischholen die Absicht seiner Stadtreisen ist. Er machte mich heute am Morgen zum regierenden Haupt des Hauses und gab mir die Faszes und den Thronhimmel. Ich sass den ganzen Tag bei der Wochnerin und hatte ordentlich, bloss weil mich der Mann als seinen Ehe-Figuranten dagelassen, die schone Seele lieber. Sie musste dunkle Farben nehmen und mir die Winterlandschaft und Eisregion ihrer verjammerten Jugend zeichnen; aber ich machte oft ihr stilles Auge durch ein leichtes elegisches Wort wider mein Vermuten nass, weil das noch von keiner empfindsamen Druckpresse ausgekelterte ubervolle Herz beim geringsten Andruck uberfloss. Hundertmal wollt' ich unter ihrem Berichte sagen: o ja eben deswegen fing Ihr Leben zugleich mit dem Winter an, weil es so viele Ahnlichkeiten mit ihm erhalten sollte. Du windstiller, wolkenloser Tag! noch drei Worte uber dich wird mir doch die Welt nicht ubelnehmen?

Ich kam immer naher ans Herzens-Zentralfeuer der Weiber zu stehen; und sie zogen letzlich milde uber den Pfarrer los: die besten Weiber verklagen oft gegen einen Fremden ihre Manner, ohne sie darum im geringsten minder zu lieben. Mutter und Frau meisterten es unter dem Essen, dass er aus jeder Bucherauktion Opera erstehe; und in der Tat haschte und rang er nicht sowohl nach guten oder schlechten Buchern oder nach alten oder neuen oder solchen, die er las oder nach Lieblingsbuchern sondern bloss nach Buchern. Die Mutter schalt es hauptsachlich, dass er so viel in Kupferplatten verschleudere: einige Stunden darauf machte sie den fur den Turmknopf Geldprastationen leistenden Schultheiss, der eine herrliche Hand schrieb, darauf aufmerksam, wie gut ihr Sohn steche, und es lohne der Muhe, bei solchen Anfangsbuchstaben einen Groschen nicht anzusehen.

Sie trugen mir darauf denn wenn die Weiber einmal im offenherzigen Ergiessen sind, so schutten sie (nur muss man nicht den Zapfhahn der Fragen umdrehen) gern alles aus ein Ringkastchen hin, worin er einen gefundnen Kammerherrnschlussel konservierte, und fragten mich, ob ich nicht wusste, wer ihn verloren. Wer will das wissen, da es beinahe mehr Kammerherren als Dieteriche gibt?

Endlich fassete ich Herz, auch nach dem Schrankchen des Ertrunknen zu fragen, das ich bisher im ganzen Hause vergeblich gesucht. Fixlein selber inquirierte fruchtlos darnach. Thiennette gab der Alten einen zuredenden Wink voll Liebe, und ich wurde von dieser zu einem ausgespreizten Reifrock hinaufgefuhrt, der das Schrankchen uberbauete. Unterweges sagte die Mutter, sie hielten es vor ihrem Sohne versteckt, weil ihn das Angedenken an seinen Bruder schmerzen wurde. Als wir diese Depositenkasse der Zeit, woran das Schloss abgerissen war, geoffnet hatten, und als ich in dieses Gebeinhauschen voll Trummer einer kindlichen spielenden Vorzeit geschauet hatte: setzt' ich mir, ohn' ein Wort zu sagen, vor, diese Spielwaren der Gebruder Fixlein noch vor meiner Abreise vor dem lebenden auszupacken: konnt' es denn etwas Schoners geben, als die uberschutteten eingesunknen herkulaneischen Ruinen der Kindheit ausgegraben zu erblicken und frei an der Luft?

Die Wochnerin liess schon zweimal bei mir fragen, ob er zuruckgekommen. Er und sie haben gegeneinander, eben weil sie ihrer Liebe nicht den schwachenden Ausdruck durch Phrasen, sondern den starkenden durch Taten geben, eine unaussprechliche. Andere Brautleute nagen einander die Lippen und das Herz und die Liebe durch Kussen ab, wie von Christi Statue in Rom (von Angelo) der Fuss durch Kussen abgegangen, den man deswegen mit Blech versehen; bei andern Brautleuten kann man die Zahl ihrer Entzundungen und Ausbruche, wie beim Vesuv die der seinigen, deren noch dreiundvierzig sind, voraus ansagen; aber in diesen Menschen stieg das griechische Feuer einer massigen und ewigen Liebe auf, warmte, ohne Funken zu versprengen, und loderte aufrecht, ohne zu knistern. Jetzt schlaget magischer die Abendlohe aus den Fenstern der Gartnershutte in meine Laube, und mir ist, als musst' ich zum Schicksal sagen: "Hast du einen scharfen Schmerz, so wirf ihn nur lieber in meine Brust und verschone damit drei gute Menschen, die zu glucklich sind, um nicht daran zu verbluten, und zu eingeschrankt auf ihr kleines dunkles Dorf, um nicht zuruckzufahren vor dem Wetterstrahl, der ein erschuttertes Ich aus der Erde uber die Wolken reisset."

Du guter Mann! jetzt kommt er eilig uber die Pfarrwiesen. Welche schmachtende Blicke voll Liebe ruhen schon im Auge deiner Thiennette! Was wirst du uns heute Neues aus der Stadt mitbringen! Wie wird dich morgen der aufsteigende Turmknopf laben!

Zwolfter Zettelkasten

Turmknopfs-Aszension das Schrankchen

Wie heute, den sechzehnten Mai, der alte Knopf vom Hukelumer Turm abgedrehet und ein neuer ihm aufgesetzet worden, das will ich jetzt bestens beschreiben, aber in jenem einfachen historischen Stile der Alten, der vielleicht grossen Begebenheiten am besten zusagt.

Sehr fruh kamen in einem Wagen der Herr Hofvergolder Zeddel und der Schlossermeister Wachser und die neue Peters-Kuppel des Turmes an. Gegen acht Uhr lief die Gemeinde zusehends zusammen, die aus Nutritoren des Knopfes bestand. Ein wenig spater trafen Herr Dragonerrittmeister von Aufhammer als Patronatsherr der Kirche und des Turms und der Gotteshausvorsteher Streichert ein. Hierauf begaben ich und mein Herr Gevatter Fixlein uns samt den Personen, die ich schon genannt habe, in die Kirche und hielten da vor unzahligen Zuhorern eine Wochen-Betstunde. Sodann erschien mein Herr Gevatter oben auf der Kanzel und suchte eine Rede zu halten, die der feierlichen Handlung angemessen war; er verlas nach ihr sofort die Namen der Gonner und guten Seelen, durch deren Gratiale der Knopf zusammengebracht worden, und zeigte der ganzen Gemeinde die bleierne Buchse vor, worin sie namentlich war, und bemerkte, das Buch, woraus er sie abgelesen, werde bloss in die Pfarregistratur beigelegt. Darauf hielt ers fur notig, ihr und Gott zu danken, dass er zum Entrepreneur eines solchen Werks wider sein Verdienst ausersehen worden. Das Ganze beschloss er mit einem kurzen Gebet fur den Schieferdecker Stechmann, der schon aussen am Turm hing und den alten Schaft ablosete, und bat, dass er nicht den Hals oder sonst ein Gliedmass brechen moge. Nun wurde ein geistliches Liedchen gesungen, das die meisten aussen vor der Kirche mitsangen, weil sie schon zum Turm hinaufsahen.

Nun kamen wir auch alle heraus, und der abgedankte Knopf, gleichsam der abgeschnittene Hahnenkamm des Turmes, wurde niedergesenkt und abgebunden. Der Gotteshausvorsteher Streichert zog ein bleiernes Besteck aus dem murben Knopf, das mein Herr Gevatter zu sich steckte, um es gelegentlich durchzulesen; ich aber sagte zu einigen Bauern: "Sehet, so werden sich euere Namen auch erhalten im neuen Knopfe, und wenn er nach spaten Jahren heruntergezogen wird: so ist die Buchse darin, und der damalige Pfarrer lernt euch alle kennen."- Und nun wurde der neue Turmglobus mit dem Blei-Napf, worin sich die Namen der Umstehenden aufhielten, sozusagen voll geladen und saturieret und ans Zugseil geheftet und jetzt machte sich der bisher der Pfarrgemeinde aufgesetzte Schropfkopf in die Hohe....

Beim Himmel! jetzt ist der ungeschmuckte Stil eine Sache ausser meinem Vermogen denn als der Knopf ruckte, schwebte, stieg: trommelte es mitten im Turm, und der Schulmeister, der vorher aus dem gegen die Gemeinde gerichteten Schalloch herniedergesehen hatte, stiess jetzt mit einer Trompete zu einem einsamen Seiten-Schalloch heraus, vor dem der steigende Knopf nicht vorbeizog. Aber als der ganze Kirchsprengel zappelte und jubelte, je hoher das Kapitell seinem Halse kam und als es der Schieferdecker empfing und herumdrehte und der Spitze glucklich inkorporierte und als er eine Baurede, an den Knopf sich lehnend, zwischen Himmel und Erde, auf diese und auf uns alle herunterhielt und als meinem Gevatter vor Wonne, der zeitige Pfarrer zu sein, die Tranen in den Priesterornat herabliefen: so war ich der einzige wie seine Mutter die einzige , in deren Seelen ein gemeinschaftlicher Kummer eingriff, um sie zu pressen bis aufs Bluten: denn ich und die Mutter hatten, was ich nachher weitlauftiger sagen werde, gestern im Kastchen des Ertrunknen von seines Vaters Hand gefunden, dass er ubermorgen, am Kantate- und Taufsonntag, zweiunddreissig Jahre alt werde. O (dacht' ich, indem ich den blauen Himmel, die grunen Graber, den glimmenden Knopf, den weinenden Pfarrer anschauete), so steht der arme Mensch allemal mit zugebundenen Augen vor deinem scharfen Schwerte, unbegreifliches Schicksal! Und wenn du es aufziehest und schwingest, ergotzet ihn das Pfeifen und Wehen desselben kurz vor dem Schlage!

Schon gestern wusst' ichs; aber ich wollte dem Leser, den ich von weitem darauf bereitete, nichts von der traurigen Nachricht sagen, dass ich im Schrankchen des untergegangnen Bruders eine alte Hausbibel, worin die Jungen buchstabieren lernten, mit einem weissen Buchbinderblatte gefunden, auf das der Vater die Geburtsjahre seiner Kinder geschrieben hatte. Und eben dieses gab dir, du arme Mutter, zeither den Kummer, den wir kleinern Ursachen beimassen, und dein Herz stand bisher mitten in dem Regen, der uns schon vorubergezogen und in einen Regenbogen verwandelt zu sein schien! Nur aus Liebe zu ihm hatte sie jahrlich einmal gelogen und sein Alter verdeckt. Recht glucklicherweise machten wir den Schrank ohne sein Beisein auf. Ich habe noch immer die Absicht, ihm nach dem fatalen Sonntage mit dem bunten Nachlasse seiner Kindheit und mit alten Christgeschenken neue zu machen. Indes wenn wir nur, ich und die Mutter, ihm morgen und ubermorgen unablassig wie Angelschwimmfedern und Fussblocke nachrucken, damit kein morderischer Zufall den Vorhang vor seinem Geburtsschein lufte: so ist es schon zu machen. Denn jetzt wurde freilich das Geburtsdatum seinen Augen im metamorphotischen Spiegel seiner aberglaubigen Phantasie und hinter dem vergrossernden Zauberdunst seiner jetzigen Freuden wie eine rote Todes-Unterschrift entgegenbrennen.... Aber noch dazu sitzt das Blatt aus der Bibel schon hoher als wir alle, namlich im neuen Turmknopf, in den ichs heute vorsichtig eingeschoben habe. Eigentlich hats gar keine Not.

Dreizehnter Zettelkasten

Tauftag

Heute ist der einfaltige Kantatesonntag; aber es ist nichts mehr von ihm noch da als eine Stunde. Beim Himmel! vergnugt waren wir heute sehr. Ich glaube, ich habe so gut getrunken wie ein anderer. Man sollte sich aber freilich in allem massigen, im Schreiben, Trinken und Freuen; und wie man den Bienen Strohhalme in den Honig legt, damit sie nicht in ihrem Zucker ertrinken, so sollte man allezeit einige feste Grundsatze und Zweige vom Baume des Erkenntnisses in seinen Lebenssirup statt jener Strohhalme werfen, damit man sich darauf erhielte und nicht darin wie eine Ratte ersoffe. Ich will aber jetzt im Ernste ordentlich schreiben (und auch leben) und daher, um kalter den Taufaktus zu referieren, mein Feuer mit Nachttau ausgiessen und noch eine Stunde hinauslaufen in die mit Bluten und Wellen gestickte Nacht, wo ein lauer Morgenwind sich duftetrunken aus Blutengipfeln auf gebogne Blumen herunterwirft und uber Wiesen streicht und endlich auf eine Woge fliegt und auf ihr den schimmernden Bach herunterfahrt. O draussen unter den Sternen, unter den Tonen der Nachtigall, die nicht am Echo, sondern an den fernen herabschimmernden Welten zuruckzuschlagen scheinen, neben dem Monde, den der sprudelnde Bach am gestickten gewasserten Bande fortzieht und der unter die kleinen Schatten des Ufers wie unter Wolken einkriecht, o unter solchen Gestalten und Tonen wird der Mensch ernst, und wie das Abendlauten sonst erklang, um den Wanderer durch die grossen Waldungen in die Nachtheimat zuruckzuweisen, so sind in der Nacht solche Stimmen in uns und um uns, die uns aus unsern Irrgangen rufen und die uns stiller machen, damit wir unsere Freuden massigen und fremde malen konnen...

*

Ich komme ruhig und kuhl genug zuruck zur Erzahlung. Gestern liess ich meinen Gevatter, wie eine alte Nurnbergerin ihren Juden, keine Stunde aus den Augen, damit ich ihn vor der Brunnenvergiftung seines eignen Lebens beschutzte. Er gab voll Vaterfreude und mit dem Skelett der Predigt in der Hand, die er auf heute memorierte, alles her, Fischhamen, Zinnschrankschusseln und Gewurzbuchsen, und machte mich auf die Fruchtkorbchen voll Freuden aufmerksam, die der Kantatesonntag allemal fur ihn pfluckte und fullte. Er zahlte mir, weil ich nicht wegging, seine Kindtaufsgerichte vor, seine Amtsfalle, seine Verwandten und benahm mir meine Unwissenheit in den offentlichen Einkunften seiner Pfarre, in der Volksmenge der Beichtkinder und der kunftigen Katechumenen. Hier aber bin ich in der Angst, dass mancher Leser sich vergeblich hinsetzen und es doch nicht herausbringen werde, warum ich zu Fixlein sagte: "Herr Gevatter, besser wird sichs wohl kein Mensch wunschen." Ich log nicht; denn es ist so.... Man lese aber die Note.39

Endlich ging der Sonntag auf, der heutige, und es wurde an diesem heiligen Tage, bloss weil mein Patchen zum Christentum, obwohl ohne eine grossere nurnbergische Konvertitenbibliothek als die Taufagende, ubertreten wollte, ein grosser Larm gemacht: sooft sich jemand bekehrt, zumal Volker, so wird gelarmt und geschossen; ich berufe mich auf zwei dreissigjahrige Kriege, auf den neuern und auf den, den Karl ebensolange mit den heidnischen Sachsen fuhrte; so schiesset die Sonne im Palais royal bei ihrem Durchgang durch den Mittagszirkel eine Kanone los. Aber gerade nach dem kleinen Unchristen, nach meinem Patchen, wurde am Morgen am wenigsten gefragt; weil man wegen der Taufe keine Zeit hatte, an den Taufling zu denken. Daher setzte ich allein mit ihm den halben Vormittag herum und erteilte ihm unterweges im Fluge die Nottaufe, indem ich ihn fruher Jean Paul nannte als der Taufer. Mittags liessen wir das Rindfleisch wegtragen, wie es gekommen war: die Gluckssonne hatte allen Magensaft aufgetrocknet. Nun sahen wir uns nach Pracht um, ich nach kunstlichen Verkropfungen an meiner Haar-Baute, das Patchen nach dem Taufhemde und die Kindbetterin nach einer Visitenhaube. Noch ehe man die Kinderklapper des Taufglockchens schuttelte, stellten ich und die Hebamme neben dem Bette der Mutter auf dem Gesichte des kleinen Nichtchristen physiognomische Reisen an und brachten davon die Entdeckung mit, dass einige Zuge der Mutter und viele feste Teile mir nachgebosselt waren, welche doppelte Ahnlichkeit den Leser nicht interessieren soll. Jean Paul sieht nach seinen Jahren schon ausserordentlich gescheut aus, oder vielmehr nach seinen Minuten, denn ich rede vom kleinen.

Jetzt mocht' ich aber fragen: welcher deutsche Schriftsteller getrauete sich wohl, ein grosses historisches Blatt aufzuspannen und vollzumalen, auf dem wir alle standen, wie wir in die Kirche zogen? Musst' er nicht den Kindesvater entwerfen, mit ausgeburstetem Priesterornate, langsam, andachtig und geruhrt einhergehend? Hatt' er nicht den Gevatter zu skizzieren, der heute seinen Namen ausleihen will, welchen er von zwei Aposteln her hat (von Johannes und Paulus), wie Julius Casar den seinigen zweien noch bis auf den heutigen Tag lebenden Dingen verlieh (einem Monat und einem Throne)? Und musst' er nicht das Patchen aufs Blatt setzen, mit dem sogar der Kaiser Joseph Milchbruderschaft in seinen alten Tagen trinken wurde, wenn er noch darin ware?

Ich habe mir hundertmal in der Stube uber Feierlichkeiten zu lacheln vorgenommen, bei denen ich nachher, wenn ich ihnen beiwohnte, unwillkurlich ein petrifiziertes Gesicht hatte voll Anstand und Ernst. Denn als der Schulmeister vor dem Aktus zu orgeln anfing welches wohl noch keinem Kinde in Hukelum widerfuhr und als der holzerne Taufengel, wie ein Genius niedergeflogen, seine angemalten HolzArme der Taufschussel unterbreitete und als ich am nachsten an seinem ubergoldeten Fittich stand: so zog mein Blut langsam-feierlich, warm und dicht durch meinen pulsierenden Kopf und durch meine Lunge voll Seufzer; und ich wunschte trauriger, als ich mir tue, dem stillen, in meine Arme gesenkten Liebling, dem die Natur noch die unreifen Augen vor der vollen Perspektive der Erde zuhielt, fur die Zukunft einen so sanften Schlaf wie heute, einen so guten Engel wie heute, nur aber einen lebendigern, damit er ihn in eine lebendigere Religion geleite und ihn mit seiner unsichtbaren Hand durch die Waldung des Lebens und durch ihre fallenden Baume und wilde Jager und Sturme unverloren bringe.... Sollt' ich mich nicht vor der Welt daruber entschuldigen konnen, dass ich, als ich seitwarts auf dem vaterlichen Gesichte Gebete fur den Sohn und Freudentranen sah, die in die Gebete tropften, und als ich auf dem Gesichte der Grossmutter weit dunklere, schnell verwischte Tropfen erblickte, die sie nicht bezwingen konnte, weil ich, nach der alten Frage, fur das Kind bei Ableben der Eltern zu sorgen verhiess, bin ich nicht zu entschuldigen, dass ich dann die Augen tief auf das Patchen niederschlug, bloss um es zu verbergen, dass sie mir ubergingen? Denn ich dachte ja daran, dass sein Vater vielleicht heute vor einer vorspringenden Larve des Todes erstarren kann; ich dachte ja daran, dass der arme Kleine die zusammengebogene Lage im Mutterleib mit einer freiern nur vertauschet habe, um sich bald noch heftiger im engen Spielraum des Lebens einzukrummen; ich dachte an seine notwendigen Narrheiten und Irrtumer und Sunden, an diese beschmutzten Stufen zum griechischen Tempel unserer Vervollkommung; ich dachte daran, dass einmal sein eignes Feuer des Genies ihm einaschern konne, wie einer, der sich elektrisieren lasset, sich mit seinem eignen Blitze erschlagen kann.... Alle theologische Wunsche, die ich ihm auf dem damit bedruckten Patenzettel an seinen jungen Busen steckte, gluhten in meinem noch einmal geschrieben.... Aber die weisse Federnelke meiner Freude hatte dann wieder wie allemal einen blutigen Punkt ich trug gleich einem Spechte wieder wie allemal in einen Totenschadel zu Nest.... Und da ichs leider jetzt auch wieder tue: so soll die Schilderung des Tauftages heute aus sein und morgen fortschreiten....

Vierzehnter Zettelkasten

O so ists immer! So zundet das Schicksal das Theater unserer kleinen Lustspiele an und den schon gemalten Vorhang der Zukunft! So windet sich die Schlange der Ewigkeit um uns und unsere Freuden und zerdruckt wie die Konigsschlange durch ihre Ringe, was sie nicht vergiftet! Du guter Fixlein! Ach ich konnte gestern nachts mir nicht vorstellen, dass du Armer, indem ich neben dir schrieb, schon in den giftigen Erdschatten des Todes rucktest.

Er machte gestern noch so spat die im alten Turmknopf gefundne Bleibuchse auf das Verzeichnis derer, die zum vorigen Turmbau gegeben hatten, war darin, und er las es erst jetzt, weil ihn bisher meine Gegenwart und seine Geschafte darin gestoret hatten. O wie soll ichs nennen, dass er gerade sein Geburtsjahr, das ich in den neuen Knopf verhehlet, in dem alten finden musste, dass im Register der Leute, die den Bau unterstutzet hatten, gerade der Name seines Vaters mit dem Zusatz eingeschrieben stand: "er schenk' es fur seinen neugebornen Sohn Egidius etc."?

Dieser Schlag ging tief in seine Brust bis zum Spalten in dieser warmen Stunde voll Vaterfreude, nach so schonen Tagen, nach so schonen Einrichtungen, nach so oft uberlebter Todesangst steigt in das helle glatte Meer, das ihn wiegend fuhrte, schnaubend das Seeungeheuer des Todes aus dem vermoderten Abgrund herauf und des Untiers Rachen klafft, und das stille Meer zieht in Wirbeln in den Rachen und nimmt ihn mit.

Aber der Geduldige legte still und langsam und mit einem, obwohl todlich-erkalteten, doch schweigenden Herzen die Blatter zusammen blickte sanft und fest uber den Gottesacker, auf dem er im Mondschein den Hugel seines Vaters unterscheiden konnte schauete furchtsam auf zum Himmel voll Sterne, uber den sich ein weisser Wetterbaum ausstreckte und ob er sich gleich ins Bette sehnte, um sich einzubauen und alles zu verschlafen, so betete er doch vorher am Fenster fur Weib und Kind, im Falle diese Nacht die letzte ware.

Hier schlug es auf dem Turm zwolf Uhr; aber eine ausgebrochene Eisenzacke liess die Gewichter in einem fort rollen und den Glockenhammer fortschlagen und er horte schauerlich die Drahte und die Rader rasseln, und ihm war, als liesse jetzt der Tod alle langere Stunden, die er noch zu leben gehabt, hintereinander ausschlagen und nun wurd' ihm der Gottesacker beweglich und zitternd, das Mondslicht flakkerte an den Kirchfenstern, und in der Kirche schossen Lichter herum, und im Gebeinhause fings an, sich zu regen.

Da schauerte ihn, und er legte sich ins Bette und schloss die Augen, um nichts zu sehen; aber die Phantasie blies jetzt im Dunkel den Staub der Toten auf und trieb ihn zu aufgerichteten Riesen zusammen und jagte die hohlen aufgerissenen Larven wechselnd in Blitze und Schatten hinein. Dann wurden endlich farbige Traume aus den durchsichtigen Gedanken, und es traumte ihn: er sehe aus seinem Fenster in den Gottesacker, und der Tod krieche klein wie ein Skorpion darauf herum und suche sich seine Glieder. Darauf fand der Tod Armrohren und Schienbeine auf den Grabern und sagte: "Es sind meine Gebeine", und er nahm ein Ruckgrat und die Knochen und stand damit, und die zwei Armrohren und griff damit, und fand am Grabe des Vaters von Fixlein einen Totenschadel und setzte ihn auf Alsdann hob er eine Grassichel neben dem Blumengartchen auf und rief: "Fixlein, wo bist du? Mein Finger ist ein Eiszapfen und kein Finger, und ich will damit an dein Herz tippen." Jetzt suchte das zusammengestoppelte Gerippe den, der am Fenster stand und nicht weg konnte, und trug statt der Sanduhr die ewig ausschlagende Turmuhr in der andern Hand und hielt den Finger aus Eis weit in die Luft wie einen Dolch....

Da sah er den Sohn oben am Fenster und richtete sich so hoch bis an den Wetterbaum auf, um ihm den Finger gerade in die Brust zu stossen und schritt wider ihn. Aber so wie er weiterschritt, wurden seine gebleichten Knochen roter, und Dufte flossen wollicht um seine stechende Gestalt. Blumen schlugen schnellend auf, und er blieb, verklart und ohne Knochenerde, uber ihnen schweben, und der Balsamatem aus den Blumenkelchen hauchte ihn wiegend weiter und als er naherkam, war Uhr und Sichel weggeflossen, und er hatte im Brust-Gerippe ein Herz und auf dem Knochenschadel einen roten Mund und noch naher fing ein weichendes, durchsichtiges, in Rosenduft getauchtes Fleisch gleichsam den Widerschein eines hinter dem Sternenblau fliegenden Engels auf und am nachsten wars ein Engel mit geschlossenen schneeweissen Augenlidern....

Das wie eine Harmonikaglocke zitternde Herz meines Freundes zerfloss selig in die weite Brust und als der Engel die himmlischen Augen aufschlug: so wurden seine von der schweren Himmelswonne zugedruckt, und sein Traum zerrann.

Aber sein Leben nicht: er offnete die heissen Augen, und sein gutes Weib hatte seine fieberhafte Hand und stand am Platze des Engels.

Das Fieber setzte am Morgen ab; aber der Glaube ans Sterben pulsierte im ganzen Geader des Armen. Er liess sich sein schones Kind in das Krankenbette reichen und druckte es schweigend, ob es gleich zu schreien anfing, zu hart an seine vaterlich beklommene Brust. Dann gegen Mittag wurde seine Seele ganz kuhl, und das schwule Gewolk zog in ihr zuruck. Und hier erzahlt' er uns eben die bisherigen (gleichsam arsenikalischen) Phantasien seines sonst beruhigten Kopfes. Aber eben die straffen Nerven, die sich nicht so wie die eines Dichters unter den Griffen und Rissen einer poetischen, den Schmerz abspielenden Hand gezogen haben, springen und reissen unter der gewaltsamen Faust des Schicksals leichter, die den Misston heftig in die angespannten Saiten greift.

Aber gegen Abend rannten seine Ideen wieder in einem Fackeltanz wie Feuersaulen um seine Seele: jede Ader wurde eine Zundrute, und das Herz trieb brennende Naphthaquellen in das Gehirn. Jetzt wurde alles in seiner Seele blutig; das Blut seines ertrunknen Bruders floss mit dem Blute, das aus Thiennettens Aderlasswunde langst gedrungen war, in einen Blutregen zusammen ihm kam immer vor, er sei in der Verlobungsnacht in dem Garten, und er begehrte immer Schrauben zum Blutstillen und wollte sein Haupt in den Turmknopf verstecken. Nichts tut weher, als einen massigen vernunftigen Menschen, ders sogar in Leidenschaften blieb, im poetischen Unsinn des Fiebers toben zu sehen. Und doch, wenn nur die kuhle Verwesung das heisse Gehirn besanftigt und wenn, wahrend der Qualm und Schwaden eines aufbrausenden Nervengeistes und wahrend die zischenden Wasserhosen der Adern die erstickte Seele umfassen und verfinstern, wenn ein hoherer Finger in den Nebel dringt und den armen betaubten Geist plotzlich aus dem Brodem auf eine Sonne hebt: wollen wir denn lieber klagen als bedenken, dass das Schicksal dem Augen-Wundarzte gleicht, der gerade in der Minute, eh' er dem einen blinden Auge die Lichtwelt aufschliesset, auch das andere sehende zubindet und verdunkelt?

Aber der Schmerz tut mir zu wehe, den ich von Thiennettens blassen Lippen lese, wiewohl nicht hore. Es ist nicht das Verziehen eines Marter-Krampfes, noch das Entzunden eines versiegten Auges, noch das laute Jammern oder das heftige Bewegen eines geangstigten Korpers, was ich an ihr sehe: sondern das, was ich an ihr sehen muss und was das mitleidende Herz zu heftig zerreisset, das ist ein bleiches, stilles, unbewegliches, nicht verzognes Angesicht, ein blasses blutloses Haupt, das der Schmerz nach dem Schlage gleichsam wie das Haupt einer Gekopften leichenweiss in die Luft hinhalt; denn o! auf dieser Gestalt sind alle Wunden, aus denen sich der dreischneidige Dolch gezogen, fest wieder zugefallen, und das Blut quillet verdeckt unter der Wunde in das erstickende Herz. O Thiennette, gehe vom Kranken weg und verbirg das Angesicht, das uns sagt: "Nun weiss ich doch, dass ich niemals auf der Erde glucklich sein soll nun hoff' ich nicht mehr mocht' es nur bald voruber sein mit diesem Leben!"

Man begreifet meine Betrubnis nicht, wenn man das nicht weiss, was mir vor einigen Stunden die zu laut klagende Mutter gestanden. Thiennette, die langst und immer vor seinem zweiunddreissigsten Jahre gezittert hatte, war diesem Aberglauben mit einem andern edlern entgegengegangen: sie war namlich absichtlich am Traualtar weiter zuruckgestanden und in der Brautnacht fruher eingeschlafen als er, um dadurch wie es der Volks-Wahn ist zuwege zu bringen, dass sie auch fruher sterbe. Ja, sie ist entschlossen, wenn er stirbt, seiner Leiche eines ihrer Kleidungsstucke mitzugeben, um fruher in die Nachbarschaft seiner kalten Hohle hinabzukommen. Du gute, du treue Gattin, aber du ungluckliche.

Letztes Kapitel

Ich bin aus Hukelum und mein Gevatter aus dem Bette, und einer ist so gesund wie der andere. Die Kur war so narrisch wie die Krankheit.

Ich fiel zuerst darauf, ob nicht, wie Boerhaave Konvulsionen durch Konvulsionen heilte, bei ihm Einbildung durch Einbildung zu kurieren ware, durch die namlich, er sei noch kein Zweiunddreissiger, sondern etwan ein Sechser, ein Neuner. Phantasien sind Traume, die kein Schlaf umgibt, und alle Traume tragen uns in die Jugend zuruck: warum nicht auch Phantasien? Ich befahl also allen die Entfernung vom Patienten: bloss die Mutter sollte, wahrend die feurigsten Meteoren vor seiner fieberhaften Seele flogen und zischten, allein bei ihm sitzen und ihn anreden, als wenn er ein Kind von acht Jahren ware. Auch sollte sie den Bettspiegel verhangen. Sie tats machte ihm weis, er habe das Ausbruchsfieber der Blattern und als er sagte: "Der Tod steht mit zweiunddreissig spitzigen Zahnen vor mir und will damit mein Herz zerkauen" so sagte sie: "Kleiner, ich gebe dir deinen Fallhut und dein Schreibbuch und dein Besteck und deinen Husarenpelz wieder und noch mehr, wenn du fromm bist." Etwas Vernunftiges hatt' er weniger aufgefasset und begriffen als dieses Narrische.

Endlich sagte sie denn im grossten Schmerze werden einer Frau Rollen der Verstellung leicht : "Ich wills nur noch einmal probieren und dir deine Spielwaren geben; aber komme mir wieder, Schelm, und werfe dich so im Bette herum mit deinen Blattern!" Und nun schuttete sie aus der gefullten Schurze alle Spiel und Kleidungswaren, die ich in dem Schranklein des ertrunknen Bruders gefunden, in das Bette hinein. Zuallererst sein Schreibbuch, worauf er selber damals seinen achtjahrigen Namen geschrieben, den er fur seine Hand rekognoszieren musste dann den schwarz-samtnen Fallhut dann die rot-weissen Laufbander sein Kindermesser-Besteck mit einem Heft von Zinnblattchen seinen grunen Husarenpelz, dessen Aufschlage sich harten und einen ganzen orbis pictus oder fictus der Nurnberger figurierten Marionetten-Welt....

Der Kranke erkannte den Augenblick diese vorragenden Spitzen einer im Strome der Zeit untergegangnen Fruhlingswelt diesen Halbschatten, diese Dammerung versunkner Tage diese Brand- und Schadelstatte einer himmlischen Zeit, die wir nie vergessen, die wir ewig lieben und nach der wir noch auf dem Grabe zurucksehen.... Und als er das sah, drehte er langsam den Kopf umher, wie wenn ein langer truber Traum aufgehoret hatte, und sein ganzes Herz floss in warmen Tranenregen herab, und er sagte, indem sich seine vollen Augen an die Augen der Mutter anschlossen: "Lebet denn aber mein Vater und mein Bruder noch?" "Sie sind nicht langst gestorben", sagte die wunde Mutter; aber ihr Herz war uberwaltigt, und sie kehrte das Auge weg, und bittere Tranen fielen aus dem niedergebuckten Haupte ungesehen. Und hier ubergoss auf einmal jener Abend, wo er durch den Tod seines Vaters bettlagerig und durch seine Spielwaren genesen war, seine Seele mit Glanz und Lichtern und Vergangenheit.

Nun farbte sich der Wahnsinn Rosenflugel in der Aurora unsers Lebens und fachelte die schwule Seele er schuttelte Schmetterlings-Goldstaub von seinem Gefieder auf den Steig, auf das Blumenwerk des Leidenden in der Ferne gingen schone Tone, in der Ferne flogen schone Wolken o das Herz wollte sich zerlegen, aber bloss in flatternde Staubfaden, in weiche fassende Nerven; das Auge wollte zerfliessen, aber bloss in Tautropfen fur die Kelche der Freudenblumen, in Blutstropfen fur fremde Herzen; die Seele wallete, zuckte, stohnte, sog und schwamm im heissen, losenden Rosenduft des schonsten Wahns....

Die Wonne zugelte sein fieberhaftes Herz, und seine tobenden Pulse stillten sich. Am Morgen darauf wollte die Mutter, als sie sah, es gelinge alles, gar zur Kirche lauten lassen, um ihm weiszumachen, er sei schon beim zweiten Sonntag. Aber die Frau verwarf (vielleicht aus Scham vor mir) das Belugen und sagte, man konne ja, es sei dasselbe, den Datumszeiger an seiner Stutzuhr (aber anders wie Hiskias Sonnenuhr) um acht Tage vorwartsrucken, um so mehr, da er bisher lieber aufstand und nach der Uhr schauete, "den wievielten er habe", als hinlangte und im Kalender nachsah. Ich meines Orts ging bloss hinauf zu ihm und befragte ihn: "ob er toll ware was er denn mit seiner narrischen Todesfurcht noch haben wolle, da er so lange liege und sehe, dass er den Kantatesonntag schon hinter sich habe, und doch an der blossen Angst verdorre zu einer Dachschindel."

Eine herrliche Verstarkung stiess zu mir, der Fleischer oder Quartiermeister. Er brach angstlich, ohne die Weiber zu salutieren, herein, und ich nahm sofort das laute Wort: "Mein Gevatter geht mir nahe genug, Herr Regimentsquartiermeister; gestern liess er sich einreden, er sei wenig alter als sein leiblicher Sohn, und hier ist noch der Fallhut, den er aufsetzen wollte." Der Vormund sakramentierte und sagte: "Mundel! ist Er denn ein Pfarrer oder ein Narr? Hab' Ihms doch so oft vorgehalten, dass es hierin mit Ihm hapert!"

Endlich sah er selber, er sei nicht recht gescheut, und wurde gesund; ausser den vormundschaftlichen Invektiven trugen viel meine Eide dazu bei, ich wurd' ihn fur keinen rechtschaffenen Gevatter erkennen und kein Wort von seiner Biographie edieren, wenn er nicht nachstens aufstande und genase....

Kurz, er hatte gegen mich so viel Lebensart und Welt, dass er sich aufsetzte und genas. Er krankelte wohl noch am Sonnabend und konnte am Sonntage noch keine Predigt halten (etwas Ahnliches las der Schulmeister ab), aber doch eine Beicht am Sonnabend, und auf dem Altar teilte der Rekonvaleszent das Nachtmahl aus. Nach Endigung des Gottesdienstes wurde das Dankfest seiner Genesung begangen, in das noch mein Valetschmaus fiel, weil ich nachmittags gehen wollte.

Ich will diesen letzten Nachmittag so weitlauftig als moglich entwerfen und nachher den Riss doch noch mit dem Storchschnabel angenehmer Hommelscher Plapperei ins Grosse auszeichnen.

Unter dem Gedachtnismahle kamen Personensteuern von den Katechumenen ein und Messprasente als Freudenfeuer bei seiner Genesung, welche bewiesen, wie sehr ihn die Gemeinde liebte und wie sehr ers verdiente: denn man wird von der Menge ofter ohne Grund gehasset als ohne Grund geliebt. Er war aber auch freundlich gegen jedes Kind, war keiner von den Geistlichen, die ihren Feinden nie anders vergeben als an Gottes Statt, und lobte zugleich die ganze Welt, seine eigne Frau und sich.

Ich wohnte sodann seiner nachmittagigen Kinderlehre bei und sah wie er im ersten Zettelkasten im Chore hinter dem Flugel des holzernen Cherubims hinunter. Hinter diesem Engel zog ich meine Schreibtafel heraus und stellete mich mehr hinter das schwarze Brett voll weisser Lieder-Ziffern und schrieb auf, was ich jetzt dachte. Ich wusste, wenn ich heute, am funfundzwanzigsten Mai, aus dieser salernitanischen Spinn-Schule, wo man den Lebensfaden auf eine schonere Weise ohne das Anfeuchten mit Mixturen langer ziehen lernt, ich wusste (sag' ich), wenn ich fortginge, ich wurde mehrere Elementarkenntnisse der Gluckseligkeitslehre hinwegbringen, als das ganze Kammerherrn Piquet im Kopfe fuhret. Ich notierte den ersten Eindruck in folgende Lebensregeln fur mich und die Presse auf:

Kleine Freuden laben wie Hausbrot immer ohne Ekel, grosse wie Zuckerbrot zeitig mit Ekel. Wir sollten uns von den Kleinigkeiten nicht bloss plagen, sondern auch erfreuen lassen, nicht bloss ihre Gift-, sondern auch ihre Honigblase auffangen; und wenn uns oft die Mucke an der Wand irren kann, so sollten uns auch die Mucken wie den Domitian belustigen, oder wie einen noch lebenden Kurfursten bekostigen. Man muss dem burgerlichen Leben und seinen Mikrologien, wofur der Pfarrer einen angebornen Geschmack hat, einen kunstlichen abgewinnen, indem man es liebt, ohne es zu achten, indem man dasselbe, so tief es auch unter dem menschlichen stehe, doch als eine andere Verastung des menschlichen so poetisch geniesset, als man bei dessen Darstellungen in Romanen tut. Der erhabenste Mensch liebt und sucht mit dem am tiefsten gestellten Menschen einerlei Dinge, nur aus hohern Grunden, nur auf hohern Wegen. Jede Minute, Mensch, sei dir ein volles Leben! Verachte die Angst und den Wunsch, die Zukunft und die Vergangenheit! Wenn der Sekundenweiser dir kein Wegweiser in ein Eden deiner Seele wird, so wirds der Monatsweiser noch minder, denn du lebst nicht von Monat zu Monat, sondern von Sekunde zu Sekunde! Geniesse dein Sein mehr als deine Art zu sein, und der liebste Gegenstand deines Bewusstseins sei dieses Bewusstsein selber! Mache deine Gegenwart zu keinem Mittel der Zukunft, denn diese ist ja nichts als eine kommende Gegenwart, und jede verachtete Gegenwart war ja eine begehrte Zukunft! Setze in keine Lotterien bleibe zu Hause gib und besuche keine grossen Gastmahle verreise nicht zu halben Jahren! Verdecke dir nicht durch lange Plane dein Hauswesen, deine Stube, deine Bekannten! Verachte das Leben, um es zu geniessen! Besichtige die Nachbarschaft deines Lebens, jedes Stubenbrett, jede Ecke, und quartiere dich, zusammenkriechend, in die letzte und hauslichste Windung deines Schneckenhauses ein! Halte eine Residenzstadt nur fur eine Kollekte von Dorfern, und ein Dorf fur die Sackgasse aus einer Stadt, den Ruhm fur das nachbarliche Gesprach unter der Hausture, eine Bibliothek fur eine gelehrte Unterredung, die Freude fur eine Sekunde, den Schmerz fur eine Minute, das Leben fur einen Tag und drei Dinge fur alles: Gott, die Schopfung, die Tugend!

Und wenn ich mir selber und diesen Regeln folgen will: so muss ich auch nicht so viel aus dieser Lebensbeschreibung machen, sondern sie einmal wie ein massiger Mensch ausklingen lassen.

Nach der Kinderlehre stieg ich herab zum weit- und schwarzrockigen Gevatter. Wir trabten nach Abfluss der Pfarrgemeinde alle Emporen hinauf lasen die Bleche der Kirchenstuhle ich blatterte am Altare in der mit dem Sediment der Zeit inkrustierten Agende (ich rede nicht metaphorisch) ich orgelte, der Gevatter trat den Balg ich erstieg die Kanzel und war so glucklich, da einen Rosenstock zu treffen, den ich in der Valetminute noch in den Rosengarten meines Fixleins setzen konnte. Ich nahm namlich droben an einem holzernen Apostel den Namen Lavater wahr, den der Zurcher eigenhandig als eine Votivtafel am heiligen Torso hatte lassen wollen im Durchmarsch. Fixlein kannte die Hand nicht, aber ich; denn ich hatte sie ofters in Flachsenfingen nicht nur auf der Wandtapete einer Hofdame, sondern auch auf seiner Handbibliothek40 und in vielen Landeskirchen angetroffen, die gleichsam der Adresskalender und Vokabelnsaal dieses wandernden Namens waren, weil Lavater in Kanzeln, wie eine Schaferin in Baume, gern den Namen des Geliebten schreibt. Ich konnte also meinem Gevatter wohl raten, aus dem Apostel den Namen samt dem Hobelspan, worauf er sitzt, vorsichtig herauszuschneiden und die Handschrift gut zu verwahren.

Beim Eintritte ins Pfarrhaus wollt' ich Hut und Stock nehmen, aber das Dessein, gleichsam die Projektion und der Kontur eines Abendessens in der Akazienlaube war schon von Thiennetten entworfen. Ich beteuerte, ich bliebe bis abends, falls nur die Wochnerin auch mit zum dekretierten Souper hinaufginge... und wahrhaftig der Biograph behielt endlich uber das Kindbetterin-Marschreglement die Oberhand.

Ich notigte darauf den Pfarrer, seine Krautermutze, die er sich zur Roboration seiner Memorie ausfuttern lassen, aufzusetzen: "Wollte Gott," sagt' ich, "die Fursten taten statt der Furstenhute, die Doktores und Kardinale statt der ihrigen, die Heiligen statt der Martyrerkronen solche Gedachtnis-Mutzen auf den Kopf!" Alsdann marschierten wir allein, unter dem Braten und Kochen, auf die Pfarrfelder hinaus und sprachen gelehrt. Wir verfugten uns ins ruinierte Raubschloss hinein, von dem mein Gevatter das bekannte Werk unter der Feder hat. Ich billigte es sehr zumal da das Kaper-Schloss einmal einem von Aufhammer eigentumlich zugehoret hatte , dass er die Beschreibung dem Dragonerrittmeister zueignen wollte: dieser lasset lieber, denk' ich, der Schrift als dem Pudel seinen Namen vorsetzen. Ich sprach auch meinem Handwerksgenossen uberhaupt literarischen Trost ein und sagte: "Herr Gevatter, keck geschrieben! Sei auch der Subrektor Hans von Fuchslein der apokalyptische Drache, der auf die Entbindung des fluchtigen Weibes auflauert, um die Geburt zu verschlucken: so bin ich auch da und habe meinen Freund, den Redakteur der Literaturzeitung, zur Seite, der mir gern verstattet, eine Antikritik gegen Inseratgebuhren einzuschicken." Besonders munterte ich ihn zu neuen Inseraten und Retourladungen seiner Zettelkasten auf: ich habe es nicht verschworen, in diese biographische Kommode noch nach Jahren einen neuen Kasten einzuschieben. "Und meinem Patchen, Herr Gevatter, wird es eben auch nichts verschlagen, dass man das Kind der Lesewelt schon prasentieret, wenn das liebe nicht mehrere Monate hat, als Horaz Jahre zu einem literarischen fordert, namlich neun."

Unter dem Nachhausegehen pries ich seine Frau. "Wenn die Ehe", sagt' ich zu ihm, "der Krapp ist, der an Madchen wie an Kattunen die Farben sichtbar macht: so verfecht' ich, Thiennette war als Madchen schwerlich so gut wie jetzt als Frau. Beim Himmel! in einer solchen Ehe wollt' ich Bucher schreiben namlich ganz andere, gottliche in einer Ehe mein' ich, wo neben dem Schreibetisch (wie neben den grossen Votiertafeln des Regensburger Reichstages kleine Konfekttischchen sind) wenn auch dergleichen, sag' ich, auch eine Ingwermarmelade neben mir stande, namlich ein abgesussetes, herrliches, in den Zettelkastenskribenten vernarrtes Gesichtchen, Gevattersmann! Ihre Ehe wird gerade der Akazienlaube gleichen, auf die wir zugehen, an der sich das Laub eben in der Hitze und im Sommer verdichtet, wo andere Gewachse nur durre porose Schatten werfen."

Da wir durch die obere Gartenture in diese Laube traten, war wahrhaftig schon das Essen und das gute Weib darin. Nichts ist moralischer und zarter als die Achtung, womit eine gute Ehefrau den Wohltater oder Spiessgesellen ihres Mannes behandelt und glucklicherweise war eben der Biograph dieser Spiessgesell und das Objekt dieser Achtung. Unsere Gesprache waren frohlich, aber mein Inneres beklommen. Die Fesseln, die den blossen Leser an meine Helden binden, werden dreifach bei mir, indem ich zugleich ihr Gast und ihr Portratmaler bin. Ich sagte zum Pfarrer, er werde alter als ich, weil sein temperiertes Temperament gleichsam von einem Arzte gleich zwischen Nervenschwache der Kultur und zwischen dem feurigen dichten Blute des Landmanns abgewogen sei. Fixlein sagte, wenn er nur noch einmal so lange lebe als bisher, namlich zweiunddreissig Jahre: so betrage es ohne die Schalttage doch 280 320 Stunden, welches etwas Ansehnliches sei; und er Uberzahle oft mit Vergnugen die vielen Tausend Zweiunddreissiger, die mit ihm gehen mussten.

Endlich musst' ich doch aufbrechen, da die roten Lichter der fallenden Sonne an der Laube aufstiegen und uns immer tiefer in den Nachtschatten eintauchten: der Abendtau hatte die Wochnerin erkaltet. Ich ersuchte verwirrt den Pfarrer, bald in die Stadt zu kommen, wo ich ihm nicht bloss alle Zimmer des Schlosses zeigen wollte, sondern auch den Fursten. Frohers gab es heute auf der alten Welt nichts als das Gesicht, dem ichs sagte, und als das andere, das der milde Widerschein von jenem war. Der Biograph hatte zu viel eingebusset, wenn ihm jetzt in der Minute, wo ihm seine Phantasie wie die Spiegelteleskopen alle Gegenstande nur zitternd vorstellt, hatte davonlaufen mussen, ich will sagen, wenn ihm nicht beigefallen ware, dass es der Kindbetterin wenig schaden (aber viel nutzen) wurde, wenn sie zu einer kleinen Motion kame und noch uber den Garten hinaus den Verfasser und Bauherrn gegenwartiger Zettelkasten begleiten halfe.

Kurz ich nahm in jede Hand statt unter jedem Arm eine vom Ehepaar und zog mit ihnen zum Garten hinaus auf den Flachsenfinger Steig. Ich drehte oft gewaltsam zwischen ihnen meinen Kopf zuruck, als ob ich jemand uns nachschreiten horte; aber in der Tat wollt' ich nur noch einmal, obwohl wehmutig, ins gluckliche Dorfchen zuruckschauen, das aus lauter Wohnungen einer stillen satten Sabbatsfreude bestand und das glucklich genug ist, obgleich uber seine weit auseinandergelegten Pflastersteine nur alle Wochen ein Raseur, alle Festtage ein Friseur und alle Jahre ein Parasol-Ausrufer zieht. Dann musst' ich freilich den Kopf wieder umwenden und die zwei Begluckten mit Augen anblicken, die bald ubergingen. Mein sonst guter Gevatter konnte sich nicht recht in diese Trauerzeichen schicken; aber in deinem Herzen, du gutes, so oft gequaltes Geschlecht, trifft jede Trauerglocke leicht ihren Einklang an, und die mit dem dunnen zitternden Resonanz*boden einer nachtonenden Brust veredelte Thiennette gab mir alle Tone mit den Schonheiten eines Echo wieder. Endlich standen wir auf dem Grenzhugel, uber den man Thiennetten nicht lassen durfte, und ich musste nun von dem Gevatter, mit dem ich alle Morgen so lustig zusammen gesprochen jeder aus seinem Bette heraus , und aus dem stillen Kreise bescheidener Hoffnung weichen, um in den garenden bellenden Hof-Cercle zuruckzutreten, wo man dem Schicksal ein Lebens-Sussholz abtrotzt und abfordert, so armsdick wie das botanische an der Wolga, weniger um die sussen Balken selber auszukauen als um andere damit totzuschlagen.

Als ich mir dachte, ich wurde zu ihnen sagen: lebet wohl! so traten alle kunftige Plagen, alle Leichen und alle Wunsche dieses geliebten Gespanns vor mein Herz, und ich dachte daran, dass nichts als einschlummernde Freudenblumen ihren (wie meinen und jeden) Lebenstag abmarken. Und doch ists schoner, wenn sie ihre Jahre nicht nach der Wasseruhr fallender Tranen, sondern nach der Blumenuhr41einschlafender Blumen ausmessen, deren Kelche, ach! vor uns Armen von Stunde zu Stunde zufallen.

Ich wollte eben jetzt weil ich mich noch daran erinnere, wie ich mit einem stromenden Auge uber den zwei Geliebten wie uber Leichen hing mich anreden und sagen: viel zu weicher Jean Paul, dessen Kreide immer auf dem Flor der Melancholie die Modelle der Natur nachzeichnet, harte dein Herz ab wie deinen Leib, um nicht dich und andere aufzureiben. Aber warum soll ichs tun, warum soll ichs nicht geradezu bekennen, was ich in der weichsten Ruhrung zu den zwei Menschen sagte? "Es gehe euch recht wohl, ihr sanften Menschen" sagt' ich, denn ich dachte an keine Hoflichkeit mehr "die Vorsehung trage wiegend euere zerritzten Herzen der gute Gott uber allen den Sonnen, die zu uns jetzt herunterblicken, lasse euch immer verknupft und heb' euch nur verbunden an sein Herz und an seinen Mund." "Sein Sie nur auch recht glucklich und froh", sagte Thiennette. "Und Ihnen, Thiennette," (fuhr ich fort) "ach Ihrer bleichen Wange, Ihrem gedruckten Herzen, o Ihrer langen kalten gemisshandelten Jugend kann ich niemals, niemals genug wunschen. Nein! Aber alles, was eine wunde Seele laben, was einer schonen wohlgefallen, was den verborgenen Seufzer stillen kann, ach alles, was Sie verdienen, das falle Ihnen zu, und wenn Sie mich wieder sehen, so sagen Sie: ich bin jetzt viel glucklicher!"

Wir wurden alle zu sehr bewegt. Wir rissen uns endlich aus wiederholten Umarmungen, und mein Freund entwich mit der Seele, die er liebt ich blieb allein zuruck bei der Nacht. Und ich ging ohne Ziel durch Walder, durch Taler und uber Bache und durch schlafende Dorfer, um die grosse Nacht zu geniessen wie einen Tag. Ich ging und sah, gleich dem Magnet, immer auf die Mitternachtsgegend hin, um das Herz an der nachglimmenden Abendrote zu starken, an dieser heraufreichenden Aurora eines Morgens unter unsern Fussen. Weisse Nachtschmetterlinge zogen, weisse Bluten flatterten, weisse Sterne fielen, und das lichte Schneegestober staubte silbern in dem hohen Schatten der Erde, der uber den Mond steigt und der unsere Nacht ist. Da fing die Aols-Harfe der Schopfung an zu zittern und zu klingen, von oben herunter angeweht, und meine unsterbliche Seele war eine Saite auf dieser Laute. Das Herz des verwandten ewigen Menschen schwoll unter dem ewigen Himmel, wie die Meere schwellen unter der Sonne und unter dem Mond. Die fernen Dorfglocken schlugen um Mitternacht gleichsam in das fortsummende Gelaute der alten Ewigkeit. Die Glieder meiner Toten beruhrten kalt meine Seele und vertrieben ihre Flecken, wie tote Hande Hautausschlage heilen. Ich ging still durch kleine Dorfer hindurch und nahe an ihren aussern Kirchhofen vorbei, auf denen morsche herausgeworfene Sargbretter glimmten, indes die funkelnden Augen, die in ihnen gewesen waren, als graue Asche staubten. Kalter Gedanke! greife nicht wie ein kaltes Gespenst an mein Herz: ich schaue auf zum Sternenhimmel, und eine ewige Reihe zieht sich hinauf und hinuber und hinunter, und alles ist Leben und Glut und Licht, und alles ist gottlich oder Gott...

Gegen Morgen sah' ich deine spaten Lichter, kleine Wohnstadt, in die ich gehore diesseits des Sarges; ich kam auf die Erde zuruck, und in deinen Turmen schlug es, hinter der voruber

gezogenen grossen Mitternacht, halb drei Uhr: da ging um diese Stunde 1794 der Mars in Westen unter und der Mond in Morgen auf; und meine Seele wunschte, beklommen vom Bedauern des edlen kriegerischen Bluts, das noch auf die Fruhlingsblumen stromt: "Ach, blutiger Krieg, weiche wie der rotliche Mars, und, stiller Friede, komme wie der milde zerteilte Mond!"

Einige Jus de tablette fur

Mannspersonen

1. Uber die naturliche Magie der

Einbildungskraft

Gedachtnis ist nur eine eingeschranktere Phantasie. Erinnerung ist nicht die blosse Wahrnehmung der Identitat zweier Bilder, sondern sie ist die Wahrnehmung der Verschiedenheit des raumlichen und zeitlichen Verhaltnisses gleicher Bilder. Folglich breitet sich die Erinnerung uber die Verhaltnisse der Zeit und des Orts und also uber Reih und Folge aus; aber blosses Ein- und Vorbilden stellet einen Gegenstand nur abgerissen dar.

Die funf Sinne heben mir ausserhalb, die Phantasie innerhalb meines Kopfes einen Blumengarten vor die Seele; jene gestalten und malen, diese tut es auch; jene drucken die Natur mit funf verschiedenen Platten ab, diese als sensorium commune liefert sie alle mit einer. Die Phantasie ist zwar nicht der matte Nachklang der Sinne, wie Helvetius meint, aber doch das Unisono derselben. Wie die Fuhlfaden der Sinnennerven zu den Empfindungen, so verhalten sich die Gehirnkugelchen (oder welches korperliche adjuvans wir gleich nur diese zu erzeugen, und jene zu empfangen glauben: so ists doch bei den Empfindungen falsch, die wir, wie Kant genug erwiesen, ebensogut (nach und mit einer unbegreiflichen plastischen Form in uns) erzeugen als innere Bilder. Da der Spielraum der Sinne enger ist als der Phantasie: so entsteht die Tauschung, dass wir uns jene nur in den Ketten des Korpers und diese nur in den Zugeln des Willens denken, da wir doch ebensowohl in einem fort phantasieren als empfinden mussen. Die Empfindung stellet mit dem Kolorit der Schmelz- oder Musivmalerei z.B. einen Menschen vor mich, die Phantasie tuts mit der Blasse der schwarzen Kunst oder (in einem Dichter) mit aqua tinta. Dass beide sich bloss im Kolorit unterscheiden, sieht man am meisten dann, wenn die Lebhaftigkeit der Phantasie diesen Unterschied der Farbengebung aufhebt ich meine im hitzigen Fieber, wo der bleiche Leichnam (ich meine die Vorstellung von einem Menschen) in dem Kopfe mit so viel Lebensgeistern und Blut ausgesprutzet wird, dass ihn der Fieberkranke wirklich als einen Lebendigen ausser seinem Kopfe zu erblicken meint; und dann sieht die Vorstellung so lebhaft und ganz so aus wie eine Empfindung.

Allerdings ist noch ein Unterschied und ein grosserer denn ich suche mit jenen Ahnlichkeiten nicht die Phantasie zu verkorpern, sondern bloss die Sinne zu vergeistigen ; es ist namlich der, dass unser bekanntes Ich die Sukzession in der Phantasie (wie das Simultaneum in der Empfindung) ordnet und regelt, sogar im Chaos des Traums, da die drei Gesetze der Ideenassoziation bloss vom Korper auf keine Weise beobachtet werden konnten.

Zufolge jener Ahnlichkeit ist also Starke der (funfsinnigen) Empfindung immer um und neben der Starke der Phantasie (dieser transzendenten und verpflanzten Empfindung). Daher sind beide in Wilden, Landleuten und Weibern kraftiger und feiner: denn Schauspiele, Erzahlungen, Tone und Traume ziehen tiefere Furchen in ihren Seelen. Auch der Rausch macht zugleich die Phantasie und die Sinne scharfer. Freilich sind oft am dichterischen Genie alle aussere Sinnen-Nerven verdorret und abgewelkt; aber der Wuchs des einen Zweiges hatte nur die andern ausgesogen, so wie ja auch die Sinne z.B. Aug und Ohr einander gegenseitig berauben und erstatten. Unter den Wilden wird bloss das Genie die scharfsten Sinne haben.

Jetzt hab' ich zweierlei zu tun. Ich muss erweisen, wie diesem allen ungeachtet die Phantasie uns in ihren Landereien mit Zauberspiegeln und Zauberfloten so suss betoren und so magisch blenden konne; zweitens muss ich vorher die meisten dieser magischen Kunststucke aufzahlen.

Alle Personen, die bloss auf dem Zauberboden der Phantasie stehen, verklaren sich unbeschreiblich vor uns, z.B. Tote Abwesende Unbekannte. Der Held einer Biographie sei uns noch so treu vorgezeichnet: gleichwohl fangt ihn unsere metamorphotische Einbildung grosser auf, als unsere plane Netzhaut ihn malen wurde, wie in der Malerei ein treu abgemalter Menschenkopf grosser scheint als sein Urbild von gleichem Quadratinhalt. Daher stehet der Landmann auf dem elektrischen Isolatorium des Idyllendichters strahlend und mit einem Heiligenschein umzogen; ebenso steht auch der Wilde in Rousseaus Kopf und die Kinder in jedem dichterischen.

So zieht das Fernrohr der Phantasie einen bunten Diffusionsraum um die glucklichen Inseln der Vergangenheit, um das geliebte Land der Zukunft.

Die Personen aller dramatischen Gedichte, selber die bosen, empfangen in ihrem Dunst- und Zauberkreise Reize, die ihnen alle im kahlen lichten gemeinen Leben abfallen wurden, wenn sie darin erschienen.

Der Traum ist das Tempe-Tal und Mutterland der Phantasie: die Konzerte, die in diesem dammernden Arkadien ertonen, die elysischen Felder, die es bedekken, die himmlischen Gestalten, die es bewohnen, leiden keine Vergleichung mit irgend etwas, das die Erde gibt, und ich habe oft gedacht: "Da der Mensch aus mancherlei schonen Traumen erwacht, aus denen der Jugend, der Hoffnung, des Glucks, der Liebe: ach konnt' er nur sie waren ihm dann alle wiedergegeben in den schonen Traumen des Schlummers langer bleiben!"

Noch grosser ist die phantasierende Kraft, wenn sie auswarts reicht und die Gegenwart selber zum Marmorblock oder Teige ihrer Gebilde macht. Ich will mehr als ein Beispiel geben. Das erste ist nicht das deutlichste: bei rauschenden Freudenfesten, auf Ballen, auf nachtlichen Freudengelagen schmuckt sich jeder Augenblick mit dem Widerschein des nachsten kunftigen; und solange dieses dauert, vermengen wir den sussen Durst des Herzens mit dem Trank; denn der Mensch hat so wenig, dass er nur froh ist, wenn er stark begehren kann, und dass er die Starke seiner Wunsche zu ihren Befriedigungen rechnet. Aber es kommt eine trunknere Stunde, wo im langen Freudengelage unsere Phantasien unsere Sinnen ubertonen, wo die Gegenwart mehr zum Traume, die Musik mehr zum Echo ermattet und wo wir im wirbelnden bunten Rauche um uns schwindeln und dann im Schwindel unsere Umkreisungen fur fremde nehmen; dann sind wir gesattigt und voll, ach! fast vor Ermudung!

Im Rausche dringen die Wolken der innen brennenden Raucherkerzen hinaus und legen sich aussen an den Gegenstanden an und geben ihnen eine vergrosserte, abgerundete, zitternde Gestalt.

In der Liebe ist das Amalgama der Gegenwart mit der Phantasie noch inniger. Schaue die Gestalt an, die du einmal geliebt hattest und die nun mit allen ihren Reizen nicht einmal den idealischen Zauber einer Bildsaule fur dich hat! Warum sonst ist sie jetzt ein lackierter Blumenstab fur dich, als bloss weil alle Rosen, die deine Phantasie an diesem Stabe hinaufgezogen, nun ausgerissen sind? Ich wunschte, der Leser liebte eine Schwester, die besondere Familienahnlichkeit mit ihrem Bruder hatte, den er nicht leiden konnte: er wurde dann am leichtesten das geliebte Gesicht von dem Brautschmuck, womit seine Phantasie als Folienschlagerin es blasoniert und ubergoldet, trennen konnen. Kurz eine geliebte Person hat den Nimbus einer abwesenden einer gestorbenen einer dramatischen.

Noch mehr. Leute, deren Kopf voll poetischer Kreaturen ist finden auch ausserhalb desselben keine geringern. Dem echten Dichter ist das ganze Leben dramatisch, alle Nachbarn sind ihm Charaktere, alle fremde Schmerzen sind ihm susse der Illusion, alles erscheint ihm beweglich, erhoben, arkadisch, fliehend und froh, und er kommt nie darhinter, wie burgerlicheng einem armen Archivsekretar mit sechs Kindern gesetzt er ware das selber zumute ist. Denn ist er selber burgerlich unglucklich, z.B. ein Trager des Lazarus-Orden: so kommt es ihm vor, als mach' er eine Gastrolle in Gays Bettleroper; das Schicksal ist der Theaterdichter, und Frau und Kind sind die stehende Truppe.

Und wahrlich, der Philosoph und der Mensch durfen hier nicht anders denken als der Dichter; und der, fur den das aussere (burgerliche, physische) Leben mehr ist als eine Rolle: der ist ein Komodiantenkind, das seine Rolle mit seinem Leben verwirrt und das auf dem Theater zu weinen anfangt. Dieser Gesichtspunkt, der metaphorischer scheint, als er ist, erhebt zu einer Standhaftigkeit, die erhabener, seltener und susser ist als die stoische Apathie und die uns an der Freude alles empfinden lasset, ausgenommen ihren Verlust.

Belesene Madchen, die im Sommer aufs Land gehen, machen aus den Landleuten wandelnde Gessnerische Idyllen-Ideale. Die Landleute idealisieren ihrerseits wieder die Madchen zu Prinzessinnen der Marionetten und der Historienbucher hinauf. Und ebenso hab' ich im dreizehnten Kapitel der vorigen Biographie den Pfarrer und den mir sonst verhassten Zwinger und Schuldturm des burgerlichen Lebens gepriesen, weil ich an ihm und an seinem Notstall schon den biographischen und idealischen Mondschein glimmen sah, den ich nachher auf ihn warf Auch im Komischen kann man wirkliche Toren, die man handeln sieht, insgeheim zu komischen Akteurs und zu gut durchgefuhrten komischen Charakteren idealisieren.

Woher kommt nun, da die Phantasie nur der goldene Abendwiderschein der Sinne ist, dieser Reiz eigner Art, der an Traumen, Abwesenden, Geliebten, entruckten Zeiten und Landern, an Kinderjahren und was ich kaum zu nennen brauchte an den von den Dichtern in die Welt geschickten Blumengottinnen und Blumenparterren haftet? Wenn wir heraushaben, warum uns die Dichter gefallen: so wissen wir das ubrige auch.

Davon konnte man mehrere Ursachen angeben, die richtig waren, ohne zureichend zu sein. Z.B. Wir denken das ganze Jahr weniger mit Bildern als mit Zeichen, d.h. zwar mit Bildern, aber nur mit dunklern kleinern, mit Klangen und Lettern: der Dichter aber rucket nicht nur in unserem Kopfe alle Bilder und Farben zu einem einzigen Altarblatte zusammen, sondern er frischet uns auch jedes einzelne Bild und Farbenkorn durch folgenden Kunstgriff auf. Indem er durch die Metapher einen Korper zur Hulle von etwas Geistigen macht (z.B. Blute einer Wissenschaft): so zwingt er uns, dieses Korperliche, also hier "Blute", heller zu sehen, als in einer Botanik geschahe. Und wieder umgekehrt gibt er, wie vermittelst der Metapher dem Korperlichen durch das Geistige, ebenso vermittelst der Personifikation dem Geistigen durch das Korperliche hohere Farben.

Ferner konnte man und kann auch sagen: der dramatische Dichter uberwaltigt uns durch die Verwandlung der Wochen in Minuten und erweckt, indem er die tragische, vielleicht uber Jahre hingesponnene Geschichte in wenige Stunden zusammenzieht, unsere Leidenschaften bloss darum, weil er ihnen gleicht, da sie auch wie Taschenspieler und Heerfuhrer uns durch Geschwindigkeit berucken.

Aber ich eile zu dem, was mich befriedigt. Die Arme des Menschen strecken sich nach der Unendlichkeit aus: alle unsere Begierden sind nur Abteilungen eines grossen unendlichen Wunsches. Es ist sonderbar, dass man von der Phantasie, deren Flugel einen unendlichen Raum und eine unendliche Zeit bedecken wollen, weil sie uber jede endliche reichen, und von der Vernunft, die keine endliche Kausalreihe denken kann, nicht weiter fortgeschlossen hat auf den Willen. Alle unsere Affekten fuhren ein unvertilgbares Gefuhl ihrer Ewigkeit und Uberschwenglichkeit bei sich jede Liebe und jeder Hass, jeder Schmerz und jede Freude fuhlen sich ewig und unendlich. So gibt es auch eine Furcht vor etwas Unendlichen, wovon die Gespensterfurcht, wie ich anderswo42 bewiesen, eine Ausserung ist. Wir sind unvermogend, uns nur eine Gluckseligkeit vorzutraumen, die uns ausfullte und ewig befriedigte. Dein Genius entfuhre dich und lege dich in der schonsten Pappelinsel dieser Erde nieder er ziehe Lusthaine durch die Insel, und Garten um die Haine, und Blumen um die Garten er offne dein Auge und zeige dir alles, was du hast: einen stillen Himmel und zwei Menschen, die du liebst er fliege in dein Herz zuruck und wohne darin unter dem Namen der Tugend und Weisheit; Glucklicher! wirst du niemals seufzen? Und steigt dein erster Seufzer als Ubersattigung auf, mit der sich ja kein Wunsch, kein Hunger gesellen konnte? All unser Ringen nach Freude soll nur unser Schmachten ubertauben: wir liegen brutend auf der kalten Erde wie die Vogel auf Kreide, nicht um etwas auszubruten, sondern um die Bruthitze der siechen Brust zu lindern.

Was nun unserem Sinne des Grenzenlosen so will ich immer der Kurze wegen sagen die scharfabgeteilten Felder der Natur verweigern, das vergonnen ihm die schwimmenden nebligen elysischen der Phantasie. Kant setzet schon das Erhabene der Dichtkunst und der Natur in ein angeschauetes Unendliche. Die Natur zwar selber als Sinnengegenstand ist nicht erhaben, d.h. unendlich, weil sie alle ihre Massen wenigstens mit optischen Grenzen scharf abschneidet, das unabsehliche Meer mit Nebel oder Morgenrot, den unergrundlichen Himmel mit Blau, die Abgrunde mit Schwarz. Gleichwohl sind das Meer, der Himmel, der Abgrund erhaben; aber nicht durch die Gabe der Sinn der Phantasie, die sich an die optischen Grenzen, an jene scheinbare Grenzenlosigkeit hinstellet, um in eine wahre hinuberzuschauen. Man konnte fragen: warum tut sie es nicht bei jedem Blau, bei jedem Schwarz? Man konnte antworten: weil nicht jedes Blau einen so grossen Gegenstand umschliesset. Man konnte wieder fragen: warum denn eine dem Meere an Grosse gleiche Blumenebene sich mit Nebeln schliesse, ohne so erhaben zu sein wie das Meer. Die letzte Antwort aber bleibt: weil alles Grosse einfarbig sein muss, da jede neue Farbe einen neuen Gegenstand anfangt. Im einfachen Blau des Himmels wiegt die Seele ihre Flugel auf und nieder und aus dem letzten Stern sturzt sie sich mit ausgebreiteten Schwingen in die Unermesslichkeit.

Stelle dir ein Arkadien vor: in dem, worauf du trittst, halten uberall Herkules-Saulen deine Genusse auf und lassen bloss deine Wunsche uber die Saulen fliegen; aber in einem dichterischen kann ja dein Wunsch nicht grosser sein als dein Bezirk, und das, was du wunschest, hast du ja eben vorher erschaffen.

Der Steig der Wirklichkeit ist nicht bloss steiniger, sondern auch langer als der der Phantasie, die uber ihm schweifet; aber wenn du einen Dichter liesest, so hast du noch dazu die Freude, den blumigen Irrgang einer fremden Phantasie mit deiner eignen zu durchkreuzen. Wie wird die Phantasie, die schon die Wirklichkeit aufschmuckt, erst Traume verzieren!

Wenn ich oft meiner Phantasie in schonen Landschaften erlaubte, Landschaftsmalereien zu machen fur mich, nicht fur das Publikum: so fand ich und auch sonst , dass die aus mir aufsteigenden Fluren nur Inseln und Erdstriche aus der langst versunknen Kindheit waren. Der Traum fuhret auch (wie schon Herder bemerkt) die langst weggeschobenen bunten Glasmalereien der Kindheit wieder in die dunkle Kammer des Schlafes zuruck. Die Kindheits-Erinnerungen konnen aber nicht als Erinnerungen, deren uns ja aus jedem Alter bleiben, so sehr laben: sondern es muss darum sein, weil ihre magische Dunkelheit und das Andenken an unsere damalige kindliche Erwartung eines unendlichen Genusses, mit der uns die vollen jungen Krafte und die Unbekanntschaft mit dem Leben belogen, unserem Sinne des Grenzenlosen mehr schmeicheln.

Das Idealische in der Poesie ist nichts anders als diese vorgespiegelte Unendlichkeit; ohne diese Unendlichkeit gibt die Poesie nur platte abgefarbte Schieferabdrucke, aber keine Blumenstucke der hohen Natur. Folglich muss alle Poesie idealisieren: die Teile mussen wirklich, aber das Ganze idealisch sein. Die richtigste Beschreibung einer Gegend gehoret darum noch in keinen Musenalmanach, sondern mehr in ein Flurbuch ein Protokoll ist darum noch keine Szene aus einem Lustspiel die Nachahmung der Natur ist noch keine Dichtkunst, weil die Kopie nicht mehr enthalten kann als das Urbild.

Die Poesie ist eigentlich dramatisch und malt Empfindungen, fremde oder eigene: das ubrige die Bilder, der Flug, der Wohlklang, die Nachahmung der Natur diese Dinge sind nur die Reisskohlen, Malerschatullen und Geruste zu jener Malerei. Diese Werkzeuge verhalten sich zur Poesie wie der Generalbass oder die Harmonie zur Melodie, wie das Kolorit zur Zeichnung. Dazu setz' ich nun weiter: alle Quantitaten sind fur uns endlich, alle Qualitaten sind unendlich. Von jenen konnen wir durch die aussern Sinne Kenntnis haben, von diesen nur durch den innern. Folglich ist jede Qualitat fur uns eine geistige Eigenschaft. Geister und ihre Ausserungen stellen sich unserem Innern ebenso grenzenlos als dunkel dar. Mithin muss das in uns geworfene Sonnenbild, das wir uns vom Dichter machen, vergrossert, vervielfaltigt und schimmernd in den Wellen zittern, die er selber in uns zusammentrieb.43

Aber das wars nicht, worauf ich kommen wollte, sondern darauf, wodurch und womit die schonen Kunste auf uns wirken. Durchaus nur mit und durch Phantasie: das, was die Gebilde der Malerei und Plastik von andern Korpern absondert, muss ein besonderes Verhaltnis zu unserer Phantasie sein. Dieses Verhaltnis kann nicht auf die blosse kahle Vergleichung hinauslaufen, die wir zwischen dem Ur- und Abbilde anstellen und aus der wir nur das matte Vergnugen besiegter Schwierigkeiten schopfen konnten. Sulzer sagt: ein Gemalde gefallet uns, aber nicht das treuere Bild im Spiegel, eine Statue entzuckt uns, aber nicht die treuere Wachsfigur: denn die Ahnlichkeit muss ihre Grenzen haben. Ich frage aber: warum? Weswegen soll die vollendete Ahnlichkeit (die Gleichheit) weniger vermogen als die unvollendete? Es ist in diesem Sinne nicht einmal wahr, und ein Portrat, dem zum Spiegelbilde nichts abginge als die Beweglichkeit, wurde uns um so mehr bezaubern.

Aber in einem andern Sinne ist allerdings eine Unahnlichkeit vonnoten: diejenige, die in die Materie die Pantomine eines Geistes eindruckt, kurz das Idealische. Wir stellen uns am Christuskopfe nicht den gemalten, sondern den gedachten vor, der vor der Seele des Kunstlers ruhte, kurz die Seele des Kunstlers, eine Qualitat, eine Kraft, etwas Unendliches. Wie die Schauspieler nur die Lettern, nur die trocknen Tuschen sind, womit der Theaterdichter seine Ideale auf das Theater malet daher wird jedes Trauerspiel mit grosserem Vorteil seines Idealischen im Kopfe als auf dem Schauplatz aufgefuhret : so sind die Farben und Linien nur die Lettern des Malers. Die typographische Pracht dieser Lettern vermenge man nicht mit dem erhabenen Sinn, dessen unwillkurliche Zeichen sie sind.

Ich sagte unwillkurliche. Unsere Seele schreibt mit vierundzwanzig Zeichen der Zeichen (d.h. mit vierundzwanzig Buchstaben der Worter) an Seelen; die Natur mit Millionen. Sie zwingt uns, an fremde Ichs neben unserem zu glauben, da wir ewig nur Korper sehen also unsere Seele in fremde Augen, Nasen, Lippen uberzutragen. Kurz, durch Physiognomik und Pathognomik beseelen wir erstlich alle Leiber spater alle unorganisierte Korper. Dem Baume, dem Kirchturme, dem Milchtopfe teilen wir eine ferne Menschenbildung zu und mit dieser den Geist. Die Schonheit des Gesichts putzet sich nicht mit der Schonheit der Linien an, sondern umgekehrt ist alle Linien- und Farbenschonheit nur ein ubertragener Widerschein der menschlichen. Unser Unvermogen, uns etwas Lebloses existierend, d.h. lebend zu denken, verknupft mit unserer Angewohnung an ein ewiges Personifizieren der ganzen Schopfung, macht, dass eine schone Gegend uns ein malerischer oder poetischer Gedanke ist dass grosse Massen uns anreden, als wohnte ein grosser Geist in ihnen oder ein unendlicher und dass ein gebildeter Apollos und ein gemalter Johanneskopf nichts sind als die schone echte Physiognomie der grossen Seelen, die beide geschaffen, um in homogenern Korpern zu wohnen, als die eignen sind.

Als Tithon sich vom Jupiter die Unsterblichkeit erflehte, hatte er in seine Bitte nicht die Jugend eingeschlossen, und er schwand zuletzt ein zu einer unsterblichen Stimme: So verfallet, erbleichet das Leben hinter uns, und unserer einschwindenden vertrocknenden Vergangenheit bleibt nur etwas Unsterbliches eine Stimme: die Musik. Dass nun die Tone, die in einem dunkeln Mondlicht mit Kraften ohne Korper unser Herz umfliessen, die unsere Seele so verdoppeln, dass sie sich selber zuhort, und mit denen unsere tief heraufgewuhlten unendlichen exaltierten Hoffnungen und Erinnerungen gleichsam im Schlafe reden, dass nun die Tone ihre Allmacht von dem Sinne des Grenzenlosen uberkommen, das brauch' ich nicht weiter zu sagen. Die Harmonie fullet uns zum Teil durch ihre arithmetischen Verhaltnisse; aber die Melodie, der Lebensgeist der Musik, erklaret sich aus nichts als etwan aus der poetischen reinen Nachahmung der rohern Tone, die unsere Freuden und unsere Schmerzen von sich geben. Die aussere Musik erzeugt also im eigentlichen Sinn innere; daher auch alle Tone uns einen Reiz zum Singen geben.

Aber genug! Ich schliesse, wie ein Schauspiel, mit der geliebten Tonkunst. Ich hatte noch viel einzuschranken, zu beantworten und nachzuholen, z.B. das, dass es eine geniessende und eine schaffende Phantasie gebe und dass jenes die poetische Seele sei, die den Sinn des Unendlichen feiner hat, und dieses die schopferische, die ihn versorgt und nahrt, oft ohne ihn zu haben; ich konnte noch mit den Kraften des Mondscheins, der Nacht, der bunten Farbenwogen in Tautropfen meinen Satz befestigen; aber einer, der bei Tageslicht blind ware, wurde auch bei wolkenlosem Sonnenlicht nichts sehen. Es ist mir so sehr personifizieret der Mensch sogar seine eignen Teile , als musst' ich jetzt der Phantasie, uber die ich zu lange geschrieben und unter deren heissen Linie wie unter der andern ein ewiger Morgenwind der Jugend weht, als musst' ich ihr dankbare Empfindungen fur die Stunden, fur die Garten, fur die Blumen, selber fur die Wunsche bringen, die sie wie Girlanden um das einfarbige Leben flicht. Aber hier will wieder der Mensch, wie so oft, lieber der Gabe als dem Geber danken. Und was soll unser Dank sein? Zufriedenheit! Abscheu vor der Unart, den kostlichen Ersatz der Wirklichkeit und die Wirklichkeit zugleich zu begehren, zu den unverwelkichen Blumenstucken der Phantasie noch die dunnen Blumen der irdischen Freude dazu zu fordern und uberhaupt das zu vergessen, dass der dichterische Regenbogen (wie der optische) sich gerade beim niedrigsten Stande der Sonne (im Abend und Winter) am hochsten wolbe. Wohl gleichen wir hier mit unserer lechzenden Brust Schlafenden, die so lange dursten, als sie den Mund offnen: sie sind gestillet, wenn sie ihn schliessen, und wir auch, wenn unsern die letzte Hand zudruckt. Aber wir sind voll himmlischer Traume, die uns tranken und wenn dann die Wonne oder die Erwartung der traumerischen Labung zu gross wird, dann werden wir etwas Bessers als satt wach.

2. Des Amts-Vogts Josuah Freudel Klaglibell

gegen seinen verfluchten Damon

Dieses zierliche Klaglibell, worin ein zerstreueter Gelehrter ohne sein Wissen seine Zerstreuung schildert, kam durch die Gute des Herrn Pfarrers Fixlein in meine Hande, der in der Kirchenagende seiner Sakristei gefunden hatte. Ich glaube, ich kann das Libell ohne Diebstahl zu meinen Aufsatzen und Effekten schlagen, da Freudel hinten eine Arbeit von mir in seine einfugt; denn ich mache, da commixtio und confusio ein modus adquirendi ist, aus rechtlichen Grunden aufs Ganze Anspruch. Wenigstens gehoren, da er das Papier dazu aus der Sakristei erhob, meinem Gevatter als Herrn des Prinzipale die darauf gesetzten Gedanken des Vogts als accessorium. Der Konzipient hatte sich aus Versehen am Busstage in die Hukelumer Kirche sperren lassen; um nun die Langweile sich so lange vom Leibe zu halten, bis ihn beim Gebetlauten jemand hinausliess, verschrieb er die Zeit bis dahin in diesen Klagen:

*

Gewisser ist wohl nichts, als dass manchen Menschen ein tukischer Damon verfolgt und ihm lange Sperrhaken ins Getriebe seines Lebens steckt, wenn es gerade am besten umlauft und eben ausschlagen will. Jeder muss Menschen kennen, die lauter Ungluck im Spielen Kriegen Heiraten in allem haben, so wie andere wieder lauter Gluck. Bei mir wird gar Gluck und Ungluck mutschierungsweise neben und auf einander verpackt in eine Tonne, anstatt dass es Jupiter in zwei verfullte. Ist vollends das Vergnugen, die Ehrenbezeugung, die ruhrende Empfindung, die ich habe, gross, sehr gross: so verlass' ich mich darauf, dass es nun der Damon gewahr werden und mir alles hinterdrein gesegnen werde. So versalzet er mir gern schone Lustfahrten durch einen hauslichen Hader; und ein Ehrenbogen ist fur mich ein Regenbogen, der drei elende Tage ankundigt. So hat er mir heute in diese Kirche nachgesetzt, weil er voraussah, die bluhende Predigt werde mir einiges Vergnugen reichen; und nun seh' ich mich seit der Vesperpredigt in das Gotteshaus inhaftiert, und das Schicksal weiss, wenn ich hinausgelassen werde. Denn ich kann weder Tur noch Fenster ausbrechen, und das grosste Ungluck ist, dass gerade heute Busstag ist, wo keine Magd auf den Gottesacker geht; unter allen meinen dummen Schreibern hat ohnehin keiner so viel Verstand, dass er mich in der Sakristei aufsuchte. Diese Kirche ist mir uberhaupt aufsatzig; ich habe darin schon ein Ungluck gehabt, und es war heute nichts als der Widerschein eines alten, dass ich unter der Hand der ganzen Gemeinde abgefangen wurde, indem ich still und vergnugt in meinem Kirchenstuhle sass und meine ungedruckte Anweisung zu einem gerichtlich-bluhenden Stil in Gedanken prufte. Denn ich bin leider in viele Sattel gerecht, eben weil mich der Damon immer aus jedem hebt.

Ich habe mich sonst mit Versen abgegeben welches jetzt wenigstens meinem Stile zuschlagt und nachher umgesattelt: denn ich wollte ein Pfarrer werden, und kein Amtsvogt. Die Geschichte ist im Grunde unterhaltend, obwohl auf meine Kosten. Ich wollte namlich als Student in meinem Geburts-Dorfe (eben hier in der Kirche) mit einer Gastpredigt ausstehen und hatte deshalb eine grosse Perucke mit einem hohen Toupet-Gemauer meiner Mutter zuliebe aufgesetzt. Gleich im Exordio stiess ich auf ein Abenteuer, indem ich die Nutzanwendung, die sich auch wie jenes mit: "teuerste etc. Zuhorer" anhebt, unglucklich mit dem Eingange verwechselte; aber ich hielt leicht und mit zweckmassigen Veranderungen den Zuhorern den Schwanz so in meiner Hand hin wie ein Endchen Kopf. Tausend andere hatten von der Kanzel gemusst; ich hingegen kam wohlbehalten vor dem Kanzelliede an und sagte: "Nun wollen wir ein andachtiges Lied miteinander singen" und das war mein Ungluck. Denn da ich mich wie es auf den meisten Kanzeln Sitte ist so mit dem Kopfe aufs Pult hinlegte und niederkrempte, dass ich nichts mehr sehen konnte als den Kanzel-Frack so wie von mir auch nichts zu sehen war als mein Knauf, die Perucke mit dem Wall : so musst' ich (wollt' ich nicht dumm sein und ins Kanzeltuch hineinsingen) aus Mangel an Gesichtsempfindungen wahrend dem Singen denken. Ich suchte also auf dem Pulte den Eingang, womit ich schliessen wollte, zur Nutzanwendung umzufarben ich wurde von einer Subdivision auf die andere verschlagen ich hatte mich wie ein Nachtwandler unter meine Gedanken verstiegen, als ich plotzlich mit Erstarren vermerkte, dass schon langst nichts mehr sange und dass ich nachdachte, wahrend die samtliche Kirche auflauerte. Je langer ich erstaunte in meiner Perucke, desto mehr Zeit verlief, und ich uberlegte, ob es noch schicklich sei, so spat das Toupet-Fallgatter aufzuheben und darunter den Kirchleuten wieder zu erscheinen. Jetzt war denn der Kanzel-Uhrsand lief in einem fort noch mehr Zeit verstrichen; die ausserordentliche Windstille der Gemeinde lag ganz schwul auf meiner Brust, und ich konnte, so lacherlich mir zuletzt der ganze, Ohr und Fuss spitzende Kirchenhaufe vorkam und so sicher ich hinter meinem HaarStechhelm lag, doch leicht einsehen, dass ich weder ewig niedergestulpet bleiben noch mit Ehren in die Hohe kommen konnte. Ich hielts also fur das Anstandigste, mich zu haren und mit dem Kopfe langsam aus der Perucke wie aus einem Ei auszukriechen und mich heimlich mit blossem Haupte in die an die Kanzeltreppe stossende Sakristei hinunterzumachen. Ich tats und liess die ausgekernte ausgeblasene Perucke droben vikarieren. Ich verhalt' es nicht: indes ich in der Sakristei mit dem unbefiederten Kopfe auf- und abging: so passete jetzt (denn mein brachliegender Adjunktus und Geschaftstrager schauete in einem fort schweigend auf die Seelen herunter als An- fang eines Seelenhirten), so passete, gesteh' ich, jetzt Gross und Klein, Mann und Weib darauf, dass der Kopf-Socken anfinge sich aufzurichten und ihnen vorzulesen und jeden so zu erbauen, wie ja homiletische Kollegien uns alle, hoff' ich, abrichten. Ich brauche den Lesern nicht zu sagen, dass die erledigte Perucke nicht aufstand, beraubt aller Inlage und ihres Einsatzes. Zum Gluck stellte sich der Kantor auf die Fusszehen und sah in die Kanzel herein er stieg sans facon herab und hinauf und zog meine Kapuze beim Schwanze in die Hohe und zeigte der Parochie, dass wenig oder nichts drinnen ware, was erbauen konnte, kein Seelensorger "die Fulle ist schon aus der Pastete heraus", bemerkt' er offentlich bei diesem Kopf-Hiatus und steckte meinen Vikarius zu sich. Und seitdem hab' ich diese Kanzel nicht mehr gesehen, geschweige betreten....

Wahrlich ich schreib' ihr jetzt gerade gegenuber, und ich sah heute hinauf; ich wollt' aber, ich konnte hinaus, und ich muss schon lange geschrieben haben. Beilaufig! gerade diese Historie, die ich ausschweifungsweise beigebracht, dient mehr als eine, das Dasein eines Damons, der den mit den besten Projekten schwangern Menschen in Retten-Form unter die Fusse schiesset, zu beglaubigen aber Muttermale sind die Nachwehen davon.

Ich schwamm wohl niemals mehr im Wonnemeer als einmal, da der hiesige regierende Burgermeister zur Erde bestattet wurde dennoch wusste mir mein Damon Unrat in meine Leichensuppe zu schmeissen. Ich wurde abkommen von dem Leichenbegangnis, wenn ich weitlauftig berichten wollte, wie wenig dieser Hausteufel darnach fragt, wenn er mich um eine Hinrichtung um eine Kronung um eine Sonnenfinsternis zu bringen vermag. Da diese Dinge leider keine Palingenesie, kein Ancora und keinen Refrain verstatten: so hab' ich dieses Trio von Dingen, das sonst wohl wenig Ahnlichkeit miteinander hat, niemals beschauen konnen es war vorbei, eh' ich daran dachte, dass es komme.

Ich sollte Leichenmarschall beim Begrabnis sein und fing es auch an: der Burgermeister, dem der Tod die Sanduhr in die Augen geschuttet hatte, war ein Mann, der verdiente, einen guten Leichenmarschall zu haben, einen gestabten Leichen-Turnier-Vogt; denn er war in der ganzen Gegend selber bei allen Leichen von Stand der allgemeine Undertaker, der Grosskreuz des memento mori-Ordens gewesen, der maitre de plaisirs des Totentanzes. Er hatte so gut fand er sich in die Charge Leichen Obermarschall in London bei der Beerdigung der magna charta sein konnen, ware sie kein blosser Spass gewesen; und falls man den alten Publizisten Reichsherkommen in den Residenzstadten einmal im Ernste begrube, so konnte der Burgermeister den Sarg unterstutzen, lag' er nicht selber darin.

Ich muss noch vorher erzahlen, dass ich abends vor der Bestattung, weil ich mit dem Burgermeister einerlei Natur hatte, mir an ihm ein Beispiel nahm und meine Fruhlingskur, namlich 1 1/2 Loffel echte Rhabarber gebrauchte. Ich wollte, ich hatte etwas von jenen Gelehrten an mir, die aus Zerstreuung eines uber das andere vergessen: eine kleine Zerstreuung, worin ich uber die Leiche die Kur vergessen hatte, wurde mir den andern Tag zupasse gekommen sein. Ich sollte fast mich schamen, etwas so viele lesen zu lassen, was ich ohnehin so viele sehen liess. Im Grunde wars wohl unvermeidlich und wahres splanchnologisches Fatum: denn ich trank im Trauerhause viel nach musste langsam neben der schleichenden Bahre waten und noch dazu einem luftenden Wind entgegen, der den ehrwurdigsten Mannern den Leichenmantel zu einem Fettschwanz aufflocht (den faltigen Bettzopf und Troddel steckt' er ihnen dann wie ein Stichblatt an die rechte Seite), und ich fuhrte noch dazu die satanische Fruhlingspurganz im Magen bei mir. Inzwischen musste einer, der mir nachsah, wenn er nicht horndumm war, sogleich bemerken, dass ich lange genug meine physiologischen Verhaltnisse zum Besten meiner Pflicht verbiss und verwand und hinter dem schwarzen fliegenden Sommer und Flor-Labarum des Huts und mit dem eingewindelten hohen Marschalls-Taktstock das samtliche Leichenkondukt gut genug kommandierte und begleitete, obwohl ich im Wasser der Tranen und der Laxanz als ein gebrochener Stab erschien. Denn mir tat es wehe, so viel (am Burgermeister) verloren und so viel eingenommen zu haben. Meinetwegen! Unser Land kommt doch darhinter: kurz der mitsingende Wind mochte uns kaum bis an zehn Schritte vor die Kirchture geschoben haben, als ich wirklich und ohne freien Willen, gleich dem Kaiser Vespasian und auch am namlichen Orte , meinen verbitterten Zepter fallen liess....

Viele lachten wohl.

In andern Fallen weiss ich mir gegen Arzneien zu helfen. Da ich z.B. einmal dem vorigen Obristforstmeister, mit dem ichs nicht verderben durfte, auf seinem Jagdhause am Martinitag zu essen brieflich versprochen hatte: so traf sichs zum Gluck, dass ich an dem namlichen Tage beim hiesigen Pfarrer zu speisen mundlich zugesagt hatte. Nun war ich vor Nachteil verwahret, da es am Martinitag nicht bloss in der Pfarre drunter und druber ging, sondern auch in meinem Magen; bloss weil ich mich mit einem hubschen Brechmittel ausburstete. Denn als mir um zwolf Uhr der Pfarrer sagen liess, "es wurde alles kalt": so wusst' ich recht gut, wie viel Uhr es geschlagen hatte, und nahm in der Stadt, in die ich in einer Viertelstunde lief, auf der Post ein Kurierpferd und kam beim Forstmeister gerade angesprengt, als die Suppe noch heisser rauchte wie mein Gaul.

Ich weiss gewiss, ich wollte dem Leser noch einen recht frappanten Kasus auftischen; aber er will mir jetzt durchaus nicht beifallen. Andern Leuten muss es noch ofter so gehen: denn ich habe eine ganze ausgewahlte Bibliothek durch Diebstahl gewonnen und eine verloren, weil die einen, die mir jene liehen, und die andern, die mir diese abborgten, vergessen hatten, mit wem sie zu tun gehabt und dann kamen mir die Leute auch aus dem Kopfe.

Jetzt fallet mir alles bei: es war so. Fatalien waren mir, da ich noch Advokat war, in jedem Prozesse Misspickel und Rattenpulver, und meine Appellationen wollten (wie alle lang lebende Gewachse) nie schon in zehn Tagen zeitigen; dennoch erwiderte ich einen gut ausgedachten Streich des bosen Damons mit einem bessern. Uberhaupt sollten die Kollegien so gut Fatalien zu furchten haben wie die Advokaten: ist nicht oft das Beste, was die Parteien verlieren konnen, Zeit? Und warum soll diese der schuldige und der unschuldige Teil zugleich verlieren? Was helfen alle Lauferschuhe der Advokaten (und die Hetzpeitschen der Prozessordnung dazu), wenn die hohern Kollegien, an die alle Akten indossieret werden, in Hemmschuhen und Hemmketten einherwaten? Kurz die Advokaten und die hohern Instanzen (denn uns niedrigen zugelt man schon, und ich darf kaum mehr sprechen, so verlangen die Leute die Apostel) siechen an demselben Marasmus der Dilation, an derselben Frakturschrift der Schreiber, an derselben Geld- und Gesichterschneiderei.... Ich schweife hier vielleicht ab; aber ich bekenne, ich fass' es niemals, wie ich im Schreiben von einem aufs andre komme, da ichs doch im Denken nicht tue.

Aber wie gesagt, es war an meinem Hochzeittag; er war schon ganz vorbei bis auf eine Viertelstunde. Die finstere Hochzeitnacht war hereingebrochen ich hatte meine Repetieruhr und mein Zopfband schon unter den Spiegel gehangen und das vor letzte Licht ausgetan und beim letzten drei Viertel auf zwolf Uhr gelesen und so feurig als wenige an meine liebe Braut, als Tur- und Wandnachbarin meiner Seele, gedacht, als ich im sogenannten Ehekalender, der neuerer Zeiten das Kirchenbuch und den Geburtsschein um dreiviertel Jahr antizipieret, nachschauete, um das heutige Datum zu unterlinieren: nun kam ich im Kalender, worin zugleich meine juristischen Fatalien und Termine stehen, zum Glucke mit darhinter, dass ich innerhalb zwei Tagen appellieren musste, und dass der letzte Viertelhammer der zwolften Stunde den achten gar erschluge. Ich raffte mich zusammen, beschnitt Papier (in Baiern war's unnotig) und legte stehendes Fusses die Appellation ein, die einzulegen war, und petschierte sie zusammen. "Ich habe nur" meldete ich ausgefroren der Braut "vom Judex ad quo zum Judex ad quem appelliert; und du kannst dir denken, ob man es appellatischerseits werde erwartet haben."

Da der Teufel eine eigne Liebhaberei fur Zwiespalt hat: so sucht er mir gerade, wenn ich durch einen Ehrenbogen gehe, den Grimm meiner Freunde zuzuwenden. Ich erinnere mich, dass ich oft vermischten Gesellschaften mit der grossten Deutlichkeit Lavaters Tierstucke aus seinem physiognomischen Schwabenspiegel repetierte und ihnen die Anwendung der Viehund Insektenkopfe auf die menschlichen so leicht machte, als ohne Kupferstiche moglich ist, ich erinnere mich, sag' ich, dass ich mich, wenn ich mich dann nach einiger Beistimmung umschauete, in einem Zirkel oder Trapezium von fatalen verdrusslichen Gesichtern mit gekrauselten Nasen, faltigen Lippen, gestirnten uberschriebnen Stirnen stehen sah und wer mir aus der Gesellschaft die nachsten Wochen darauf ein Bein unterstellen konnte, der tats. Wenn ich nicht zuweilen in Gesellschaft einschliefe, so konnten alle nichts aufbringen, womit ich ihnen zu nahe trate: alles, was ich darin wage, ist, dass ich vor ihnen im Kopfe einige juristische Opuscula ausarbeite, anstatt dass Zimmermann ihnen im Kopfe gar seine philosophischen vorlieset. Newton sah den Finger einer Dame fur einen Zwerghirschchen-Fuss an, den man zum Pfeifenstopfer nimmt; ich aber habe nichts auf mir, als dass ich einmal, da ich meine Pfeife ausklopfte, aus Hoflichkeit einigemal rief: herein! weil ich dachte, man klopfe draussen an.

So werf' ichs mehr einem bosen Damon als mir selber vor, dass ich in einem Jahre meinen Gevatter und meinen Beichtvater zugleich geargert. Ich war sehr krank und liess auf drei Sonntage eine Kirchenvorbitte fur meine Genesung bestellen. Am dritten Sonntag sass ich wahrend der Vorbitte selber mit unter den Leuten und schauete wahrend der Pfarrer oben an meiner Rekonvaleszenz arbeitete unten aus meinem Gitterstuhl mit einem narrischen Gesichte genesen heraus. Ich wusst' aber am besten, warum ich mich als Rekonvaleszent offentlich vorstelle: die Gemeinde sollte sehen, wie ihre Vorbitte angeschlagen, und zweitens sollte sie ermuntert werden zu Vorbitten gegen das Rezidiv.

Was meinen Gevatter, den Marschkommissar, anlangt, so ritt ich zu ihm bei der ersten Niederkunft meiner Frau und wollt' ihn, da er mein alter Universitats-Jonathan und Orest ist und in der Nahe wohnt, zu Gevatter bitten, als er gerade reisefertig im Stalle auf den Durchmarsch der Ungarn passte. Da sein erstes Wort war, ich mochte auf dem Pferde mit ihm reden und mitreiten: so verritt ich einen halben Tag, und erst vier Meilen vom Taufling macht' ich ihn bei einem Setzteiche zu meinem Gevatter in Beisein der Kompagnie. Den andern Tag erreichten ich und er mit zwei solchen Jagdpferden, wie wir reiten, leicht den Taufstein beizeiten.

Ich kann nicht erzahlen, wie ich meinen Gevatter grimmig und zwietrachtig gemacht, wenn man mich nicht vorher uber die Tucke meines Damons abhort, der mir, solang' ich Geburtstage in meinem Leben antraf, noch keinen einzigen zu begehen erlaubte. Kurz vor, kurz nach den Geburtstagen veranstalt' ich viel und schaffe Vorreiter und Voressen an; ist aber einer von den Geburtstagen da, so merk' ich nichts von ihm, und ich kann ihn also nicht durchfeiern. Endlich dacht' ich, es wurde zu etwas fuhren und gescheut sein, wenn ich satteln liesse und schon vier Wochen vorher meinen Gevatter auf Barnabas-Tag da fiel meine Geburt samt den sieben lieben Kleinen invitierte, mit mir vorlieb zu nehmen. Ich sass auf und uberraschte und uberredete den Marschkommissar, ohne ihm jedoch etwas vom Geburtsfeste zu entdekken: ich setzte nicht eher einen Fuss in den Steigbugel, als bis er weil er kaum aus den Reisekleidern wegen der Durchmarsche kam, die halb-frankieret waren und nicht viel anderes Geld gaben als Fersengeld doch in meinem Beisein ein viersitziges Fuhrwerk auf Barnabas bestanden hatte. Nun hatt' ich alles abgetan und brauchte nicht weiter daran zu denken: ich wusste, der Kommissar vergesse nichts. Unter dieser Zeit liess ich das schone Bau-Wetter nicht wieder verstreichen, sondern machte mich einmal im Ernste uber die Hauptreparatur und Reproduktion meines bruchigen Hauses her. Als nun am Barnabastermin bei fruher Tageszeit der alte Marschkommissar samt seiner jungen Frau und sieben lebendigen, meinetwegen in Putz gesetzten, vergnugten Kindern wirklich unten vor meinem Hause gleich ihrem Fahr- und Fuhrmann, der schon vom Bocke war, freudig auszusteigen gesonnen waren: wars eine platte Unmoglichkeit, weil um das Haus mehrere Schutt-Kettengebirge umhersassen und weil besonders die Beine und Pfahlwerke des Gerustes die ganze Anfurt verschrankten. Ich selber spazierte oben auf letzterem mit einem abgekurzten strangulierten gummierten Schlafrock herum, reine Luft zu schopfen, und guckte staunend auf den grossen Kutschkasten herunter, ungemein neugierig, was wohl aus dem Kasten springe. Aber der Fuhrmann schwang sich wieder uber das Rad hinauf und fuhr die Familie vor einen wohlfeilen Gasthof, an dem ich erst, weil er meinem Geruste gegenuber stand, beim Aussteigen und Hineinziehen meinen guten Gevatter und seine geputzte Familie leicht wie Dokumente rekognoszierte. Ich liess sie erst druben allein essen, weil ich nicht gern schmarutziere, und dann kam ich schleunig nach. Ich trat mit dem Scherze vor ihr Tischtuch, ich konne sie heute nicht in meinen vier Pfahlen, sondern in meinen zwanzig Pfahlen aufs Geruste wird angespielet empfangen; "aber bei uns zu Hause", setzt' ich hinzu, "kann sich kaum der Mauermeister mit dem Borstpinsel umkehren." Ich bekenne mit Dank so sehr mich jetzt mein Gevatter anfeindet , dieser letzte Nachmittag, den ich bei ihm versass, war einer meiner heitersten. Ich notigte ihn, die Nacht dazubleiben; und ich hielt mich beim Kommissar von Vormitternacht bis ein wenig gegen den Morgen auf, weil er, ob er gleich so schlafrig war wie seine von der Apoplexie des Schlafes um ihn hingestreckten Kinder, doch aus Zerstreuung nicht merken musste, welche Zeit es sei: denn der Mann hat einen ausserordentlich zerstreueten Kopf, und seine Gehirnkammern sind bis an die Decke mit Marschreglements vollgeschlichtet.... Ich hatte an so einem vergnugten Tage noch gar wissen sollen, dass es der meiner Geburt ist.

Uberhaupt aber war ich nie fur ordentliche FressGelage und erschien ungern darauf. Ich war ein einziges Mal bei einer Ratsmahlzeit, die ich als Amtsvogt mitessen musste nach der Ratswahl: denn ich habe ja schon erzahlt, dass der Vorfahrer des neuen Burgermeisters begraben worden, als ich Leichenmarschall war. Ich wurde mich von allem ausgeschlossen haben, ware nicht in einem Marktflecken wie unserem, der Stadtgerechtigkeit begehrt, Burgermeister und Rat viel: in Rom vertauschte der Diktator den Pflug gegen das Staatsruder; hier bei uns halt man beide leicht in einer Hand, und wir besitzen Ratsherren, denen es einerlei ist, ob sie votieren oder gerben, mahen oder strafen, an- oder unterschreiben und also die Kreide oder die Feder fuhren.

Bloss der narrische Ratsherr und Lohgerber Ranz bringt dem Kollegio Nachteil, weil er bei den Mahlzeiten solcher Parlamentswahlen so entsetzlich isset. Es zirkuliert uber die ganze Ratsmahlzeit, zu der ich mich ex officio mit setzen musste, und besonders uber diesen Lohgerber eine hubsche Satire, die ein Unbekannter im Manuskript herumschickt und die ich hier unkastriert einrucken kann:

"Zuerst muss die Phantasie des Lesers die konsularische Tischgenossenschaft nehmen und ihr alle menschliche Glieder abschneiden, abbeissen und wegstreifen, nur Schlund und Magen ausgenommen, die wir bei der Sache keine Minute entraten konnen. Hierauf mussen wir, ich und der Leser, die Magen samt ihren angeschraubten Stechhebern von Schlunden um den Tisch, auf dem die Ratsmahlzeit raucht, die der jungste zum Ratsherrn erwahlte Magen kochen lassen, titularisch auf den Stuhlen herumlegen und dann zuschauen und aufschreiben, wie diese einsaugende Gefasse sich einbeissen wie sie eintunken wie sie austrinken wie sie schneiden wie sie stechen und was sie forttragen im Magen, Darmkanal und auf dem Teller. Aber der Gerber-Meister Ranz wirft einen langen Schatten uber die ganze Tafel und ubermannt und uberfrisset jeden, sich ausgenommen. Eh' ich protokolliere: so will ich vorher sechs Bierhahne wie Quellen gegen diesen Streckteich richten und den Weiher voll lassen und die Hechte unter Bier setzen. Nun schwimmt!

Was uns ausserst frappieret und ausserst interessieret, ist bloss der Ratsherr und Lohgerber Ranz, der gleich der Natur voll Wunder ist und sie nun anfangt zu tun... Er bringt, als Widerspiel eines Wasserscheuen, nichts Festes in seinen Leib, aber nicht weil sein Leib selber fest ist, und geniesset, als Widerspiel eines Katholiken, dieses Abendmahl unter einerlei Gestalt, namlich unter der flussigen, aber nicht weil er glaubt, die feste stecke schon mit darin er schopfet mit dem Pumpenstiefel seiner Hand alles Feuchte auf und ziehet mit den Punschloffeln seines Wasserrades alle Suppenschusseln in seine Schlund-Gosse und ins Magenbassin ab, nicht weil er ein Abfuhrungsmittel damit abfuhren will, womit er erst morgen das heutige abzufuhren gedenkt er wischet mit seinem Brotschwamm alle Bruhen weg und halt seinen GabelSaugstachel uber jede Senf- und Meerrettich-Lache, nicht um seine Magenhaut mit dieser Gerberslohe erst gar zu machen er setzt sich wie Schimmel auf Brot und schlagt darauf mit seinem Gebisse Wurzel, nicht weil er ein Franzos oder sein Pferd ist und Brot liebt er macht seinen inkommensurablen Magen zum zweiten Einmachglas eines jeden Eingemachten, zur Grummetpanse eines jeden Gemuses, zum Treibscherben eines jeden Salats, nicht weil er einen Bissen Fleisch dazu absagt er mauert das Zorngefass und den Schmelztiegel seines Magens mit Breien aus, aber nicht weil dieser Sprunge hat und die Velutierung braucht

Sondern er vollfuhrt diese schopferische Scheidung der Wasser vom Festen, er befestiget diese Kluft zwischen seinem Teller und seinem Magen, bloss um in beiden eine gleiche Masse aufzuschutten und wegzubringen, bloss um auf dem Zimmerplatz des Tellers mit dem Esshandwerkszeug ein Fruchtmagazin und Speisegewolbe aus Fleisch-Quadern aufzufuhren fur sich und seine Kinder.... Beim Himmel! er sollte noch sitzen und mauern hinter seinem Viktualien-Verhau aus Beinen, Graten und Rinden, er sollte noch schweben wie ein durres Jahr uber der Tafel und jede nasse Stelle austrocknen: so waren wir imstande, mit ihm nach Hause zu gehen, wo sich das Messer dieses Schwertfisches gerade umgekehrt nur ans Fleischige ansetzt, sobald das aus den verlaufnen Wassern abgesetzte Viktualien-Flozgebirge nur anlangt. Der Meister und der Gesell und die Gerberin und die Gerbersbuben und der Dachshund bohren sich jetzt in den gebrachten Berg bis an die Fersen hinein, und wir konnen sie nagen horen. Fresset zu! Hat sich euer armer Ranz, dieses atzende fressende Mittel, nicht genug gequalt, um nicht wie Knochenfrass alles anzugreifen? Hat er nicht mit allen peristaltischen Bewegungen seines Schlundes den Magen-Luftballon bloss mit Windsbrauten aufgefullet und gehoben und mit einer Wasserhose die Blase? Aber sollt' ich einmal eines ausserordentlichen Typus vonnoten haben, um damit ein ausserordentliches Chaos zu erlautern und anzuleuchten, das Chaos und den Zank eines Nonnenklosters oder einer Theatertruppe oder eines heiligen deutschen romischen Reichs so bring' ich bloss deinen aufgesteiften gespannten Magenglobus mit seinen Bruhen und Luftarten getragen als Typus, Ranz!"...

Ei, ganz herrlich lieblich und recht erwunscht und verdammt! Ich will mir aber den Schreib-Arm absagen lassen, wenn ich hier noch einen Buchstaben schreibe. Wahrlich der Kirchner ist dagewesen, und ich hab' ihn uber den entsetzlichen Vielfrass verpasset...

Concep. z. Amtsvogt Freudel.

3. Es gibt weder eine eigennutzige Liebe noch

eine Selbstliebe, sondern nur eigennutzige

Handlungen

I. Ich habe meinen ersten Satz erwiesen, wenn ich dargetan, dass die Liebe, die ein geiziger Universalerbe gegen seinen Erblasser nach der Publikation des Testamentes empfindet, ebenso rein und uneigennutzig sei der Art, nicht dem Grade nach als die, die uns sanft das Herz erwarmt fur die grossen Wohltater der Menschheit im Plutarch und fur den Onkel Toby im Tristram, obgleich jene nicht mehr sind und dieser niemals war.

Wenn der Universalerbe ebensoviel Gold, als die Erbschaftsmasse betragt, im hohlen Kopfe einer Statue fande: so empfand' er darum nicht einmal so viel Liebe gegen sie, als ein schwarmerischer Artist vielleicht fur sie hat. Wenn der Erbe dieselbe Summe im Sarge des Erblassers antrafe: so hatt' er wieder keine Liebe fur ihn. Ja wenn der Erblasser wahnsinnig ware und ihn mit dieser Summe beschenkte: so fuhlte er dennoch keine angemessene Liebe gegen den Verruckten, trotz der Aussicht zu wiederkommenden Geschenken; denn ich rechne eine kleine Regung der Liebe ab, die dem Menschen durch eine Tauschung der Personifikation gegen das rettende Brett im Schiffbruch, gegen ein altes Hausgerate und gegen Menschen, die ihm ohne ihren Willen nutzten, eingeflosset wird. Folglich liebt der Erbe am Wohltater nicht seine metallische Nutzlichkeit diese hatt' er schon vor dem Geben lieb , sondern seine Gesinnung gegen ihn, d.h. seine Liebe, also den fremden Seelenzustand, und die Befriedigung des Eigennutzes war nur das notwendige Mittel, jene Liebe aufzudekken und vor die Seele des andern zu bringen.

Jetzt behaupt' ich aber weiter: die Liebe des Erben gegen den Testator ist von unserer gegen den milden Onkel Toby nicht in der Art verschieden, sondern im Grade. Ich sage: nicht in der Art. Alle Liebe liebt nur Liebe, sie ist ihr eigner Gegenstand. Unsere Affekten sind uberhaupt gleichsam Verkorperungen des sittlichen Triebes, und in ihnen ist die Gestalt des letztern, wie in den Tieren die menschliche, ausgedruckt, aber nur anagrammatisch, in- und auseinander geschoben und ohne Eurhythmie. Der Zorn ist gleichsam ein plethorisches Gefuhl der moralischen Hasslichkeit, der Neid ist das Gefuhl des Missverhaltnisses zwischen unserem oder fremdem Schicksal und Wert, und so der Ehrgeiz, die Liebe usw. So ist sogar die Liebe gegen weibliche Schonheit abgesondert vom asthetischen Gefallen daran, das am Ende nur eine kuriere Liebe ist nichts als die Liebe gegen die durch Farben- und Linien-Reize hieroglyphisch abgemalte und in Menschen-Wachs bossierte Liebe oder moralische Schonheit.

Wir ahmen den fremden Zustand der Menschenliebe nach, wir oder andere mogen der Gegenstand der letztern sein; ich meine, unsere Liebe gegen den Wohltater ist gleich rein, obwohl nicht gleich stark, er mag es gegen andere oder gegen uns sein. Da unsere Liebe ihr Objekt hat im Zustand eines fremden Ichs: so kann wenigstens sie nicht als Empfindung oder Trieb die reflektierende Berechnung anstellen, ob jener Zustand mich oder andere zum Ziele habe.

Allerdings reget die Menschenliebe des andern in mir eine grossere Liebe an, wenn ich ihr Gegenstand bin, als wenn andere es sind. Aber der Grund benimmt der Liebe des Universalerbens von ihrer Reinheit nichts. Von meinen Vorzugen, von meiner Wurdigkeit, geliebt zu werden, hab' ich eine tausendmal lebendigere Vorstellung als von fremden Vorzugen. Zweitens hab' ich von der fremden Liebe und ihrer Einwirkung, sobald ich sie erfahre, einen lebhaftern Begriff. Drittens verstarkt meine Eigenliebe meine Menschenliebe, ohne sie zu verfalschen: kein Trieb kann den andern unmittelbar erzeugen oder erhohen, sondern nur sein Gegenstand; aber der schlimme Trieb kann unsere Phantasie befeuern, den bessern mit helleren und mehreren Gegenstanden zu umringen und anzufachen. Die eigensuchtige Phantasie steigert also die uneigennutzige Liebe. Hatten wir nicht nur vom Werte jenes Galeerensklavens, den ein gottlicher Monch loskettete, um sich selber in seine Banden zu begeben, sondern auch von seinem Wohlbehagen nach der Rettung einen so hellen Begriff, wie er selber von beiden hatte: so mussten wir den Monch, ohne die Schuldner seines schonen Herzens zu sein wie der Sklave, doch fast ebenso lieben wie der Sklave. Ja eine feinere Seele stellet die Liebe, die ihr Liebhaber fur sie hat, so weit von ihrem Selbste weg, dass sie ihn so zart und verdienstlich lieben kann, als war' er der Liebhaber eines fremden Ichs.

II. Es kann keine Selbstliebe geben so wie keinen Selbsthass. Ich musste zweimal da sein, damit das liebende Ich nicht ins geliebte zerflosse. Da Liebe nur gegen Liebe entbrennt: so musste die Selbstliebe sich lieben, eh' sie sich liebte, und die Wirkung brachte die Ursache hervor, welches so viel ware, als sahe das Auge sein Sehen. Freilich steht in unserem Kopfe ein Zwillingsbruder unsers Ichs, d.h. ein Bild von diesem Ich; und diesen Schieferabdruck unsers Ichs lieben wir freilich; aber das ist so wenig Selbstliebe, als es eine ware, wenn wir eine fremde, uns bis auf alle Punkte und Striche nachgestochene Person lieb hatten. Nur Eigenschaften werden geliebt, allein Substanzen lieben. Aber unsere sogenannte Selbstliebe wachset ja nicht mit unsern Vorzugen hochstens mit unsern Fehlern ; und sie ist ebenso warm, wenn wir uns selber verachten denn sonst wurden wir uns im Sunden-Sumpfe lassen , als wenn wir einen Teil unserer eignen Natur verehren mussen.

Es ist noch mehr meiner Meinung gemass, den obigen Satz umgekehrt auszudrucken und zu sagen: nur Substanzen werden geliebt. Die nackte federlose luftige Eigenschaft ist an und fur sich kein warmerer Gegenstand meiner Liebe als das ihr zusagende Wort im Vokabelnsaal oder Kompendium. Jede Eigenschaft muss an einem Ich das wieder fur uns, obwohl unbegreiflich, etwas Bessers ist als eine andere Eigenschaft glanzen, um geliebt zu werden. Dieses lebendige Ich, diese Bedingung aller geistigen Eigenschaften, lieben wir allein in diesen. Nach dieser Definition ist Selbstliebe noch unmoglicher, d.h. Liebe vom Ich gegen das Ich. Unsere Selbstverachtung kann sich nicht auf unser ganzes Wesen richten, weil der Teil, worin sie ist, doch keine verdienen kann; und so wurde die Selbstliebe nur immer bloss Eigenschaften, nie das Wesen selber, weil sie ja von diesem selber etwas einnimmt, umfassen konnen. Ich besorge, dieses scheinet spitzfundiger, als es ist. Aber in den truben Abgrund der Selbstliebe mussen mehrere Kantische Sonnen fallen, um ihn licht zu machen.

Die Liebe, womit uns der gute andere umfangt, ist so etwas Mystisches, dass wir uns gar nicht in seine Seele denken mogen, weil wir seinen guten Begriff von unserem Ich nicht teilen konnen wir begreifen (trotz dem Bewusstsein unsers Wertes) nicht, wie man uns lieben konne; aber wir finden uns darein, wenn wir bedenken, dass der andere seinerseits ebensowenig unsere Liebe gegen ihn musse fassen konnen.

Man erlaube mir, noch eine clausula salutaris oder ein zierliches Kodizill zu machen; um so mehr, da niemand schuld ist als Platner. Dieser behauptet, die Empfindung sei eigennutzig, weil sie als diese nur unsern eignen Zustand darstelle; und nichts sei uneigennutzig als unsere Vernunft. Aber erstlich muss der Begriff von Uneigennutzigkeit, wenn er kein ausgehohltes Vexier-Wort sein soll, ja bloss der Abdruck irgendeines uneigennutzigen Zustandes in uns sein. Zweitens setzet das Gefuhl des Eigennutzes das seines Gegenteils voraus. Wie der Blinde nicht nur kein Licht, sondern auch kein Dunkel kennt: so wussten wir ohne Uneigennutz nichts vom Eigennutz, ohne Freiheit nichts von Sklaverei, so wie vielleicht eine Menge Dinge aus Mangel ihres Wechsels mit dem Gegenteil fur uns auf dieser Welt im Dunkeln bleiben. Drittens frag' ich: wenn z.B. das Mitleid bloss darum eigennutzig heissen soll, weil ein fremder Zustand voll Schmerzen zu unserem eigenen artet: welche hohere Uneigennutzigkeit denn nur denkbar sei? Ich kenne nur die eine denkbare, dass man das fremde Ich noch heisser wie seines versorge, dass man seines vergesse, verschmahe, verstosse. Aber dann ware ja im eigentlichen Sinne das fremde Selbst in meines verkehrt der Trieb ware nur verpflanzet, nicht veredelt und ich hatte bloss die Ichs getauscht. Denn eben darin beruhet der Nicht-Eigennutz, dass meine Natur trotz ihrer Selbststandigkeit in den Zustand einer fremden eingeht und dass ein Ich mehreren Ichs nachfuhlt. Wie gesagt, war's moglich, ein fremde Gluckseligkeit durchaus ohne Wunsch einer eigenen zu begehren und ein fremdes Ich mit etwas anderem zu lieben als mit dem eignen eine Unmoglichkeit selber bei Gott : so ware nichts erbeutet, denn ich besasse ja nur den fremden Trieb, und mein Eigennutz ware bloss in ein fremdes Ich gezogen aus meinem....

*

Da ich diesen Aufsatz zweimal umgeschrieben: so hab' ich zweimal jenes starkende Vergnugen gekostet, das uns erfrischet, wenn der Kopf die Wunsche des Herzens vidimieret und assekurieret. Indessen war ich doch nie so unglucklich, dass ich jemals selber in den fruhern Jahren, wo die junge Seele die Seelenwanderung durch die Philosophen wie durch Tiere anstellt und bald in jenen Kopf, bald in diesen fahrt in den Korper des Helvetius gefahren ware und mit ihm mich im schmutzigen Glauben an einen allgemeinen Eigennutz aller Menschen und zuletzt der ganzen Schopfung, weil die Beweise dieselben sind gewalzet hatte. Wahrlich ich wusste nicht, was man an sich noch zu lieben hatte ausser jener Liebe fur andere, und ob uns irgendein Eigennutz unausstehlicher sein konnte als eigner. Glucklich ist der Mann, dem ein reifendes Herz und gute Menschen wie er und ein Horizont ohne Gewitter endlich die Uberzeugung bescheret haben, dass so wie die magnetische und elektrische Materie derselbe Universalgeist ist, der die Wolken, die Zitterfische und die Magneten zieht, der im Nordschein als milder Schimmer, im Gewitter als Wetterstrahl, im Menschen als Heiligenschein, in den Fischen44 als Zug und Schlag und in den Nerven als Lebensgeist wirkt glucklich ist der, sag' ich, der immer mehr glaubt, dass die Liebe, dieser menschliche Magnetismus, immer dieselbe geistige Elektrizitat und Desorganisation verbleibe, sie mag als Blitz in der Geschlechter-Liebe oder als sanfter Nord- und Heiligenschein in der Menschenliebe oder als Lichtmagnet in der Freundschaft oder als Nervengeist in der Mutterliebe erscheinen. Ich preise diesen Mann darum glucklich, weil er dann nicht nur Menschen wie Bruder, sondern auch Bruder wie Menschen lieben wird; ich meine, weil er, auf den Stufen der Blutsfreundschaft zu dem Gipfel der Geisterfreundschaft getragen, dann wieder jene durch diese veredeln und im Vater, Sohne, Geliebten, Freunde noch etwas Hoheres ausser dem Genannten lieben wird den Menschen. Es gibt hinter diesem hohen Namen noch etwas Hoheres, das wir an der ganzen Geisterwelt lieben konnen: Gott.

*

Physische Note uber den Zitteraal

Der Zitterfisch war gleichsam der erste Paragraph45, der magnetische und elektrische Materie verband, da er (nach Hunter) zugleich positiv und negativ elektrisch ist und ordentliche Batterien an sich hat, und da er, wie die Aale, Neunaugen, Quappen, Schleien, Karauschen, am Magnet erlahmt. Vielleicht wird der Fisch auf eine bessere Art als der Fisch Oannes der, nach einem Fragment des Berosus, alle Wissenschaften den Menschen gab der Lehrer der Physik, da an ihm in dieser Materie wegen der Einfachheit der Kombinationen leichter etwas zu lernen ist als am magnetisierten Menschen, so wie ich eben darum glaube, dass die Pflanzen uns mehr Fensterladen und Fenstervorhange am Lehrgebaude der Erzeugung offnen konnen als die niedern Tiere, und diese mehr als wir. So wird die tierische Elektrizitat der Fackeltrager des tierischen Magnetismus werden.

Ich habe mich oft geargert, dass die Physiker meistens nur sehen und lesen, anstatt das Gelesene und Gesehene zu kombinieren; noch mehr aber uber die Naturgeschichtsschreiber, um deren Kopfe oft mehr Heiligenschein ist als wissenschaftlicher innen, weil sie, bei ihrer Einschrankung auf einen Ast und Blattstiel ihrer Wissenschaft, so leicht ihrem optischen und mikroskopischen Fleisse den Schein des Scharfsinns zu erteilen wissen. Ich wurde mich schamen, wenn ich vor Franklin ein grosser Physiker gewesen ware; denn ich wurde dann so gut wie andere zu meiner Schande die Witterung und die Gewitter beleuchtet und erklaret haben ohne das Licht der elektrischen Materie. Und so steht jetzt ein Montblanc von aufgehauften elektrischen Erfahrungen vor allen Kathedern, und allen fehlet noch das Senfkorn des Glaubens zum Heben des Bergs.

Ich habe zuweilen gewunscht, man sollte nach nichts fragen, sondern die physikalischen Data ordentlich zusammenwurfeln und kombinieren wie Lessing die philosophischen oder andere die Musiknoten. Man wurde doch sehen, was herauskame, wenn man z.B. den Zitterfisch an desorganisierte Menschen, an Gewitterstangen, an Magnetnadeln vor- und nachmittags (weil sie nach den Tagszeiten verschieden deklinieren) hielte oder wenn man in Hinsicht der elektrischen Fische bedachte, dass das Wasser ein Leiter und ein Leidenscher Kondensator ist, dass die Fische in einem vom Blitz getroffnen Teiche sterben und also sich so kalt anfuhlen wie ein isolierter Mensch, den einer ausser Rapport beruhrt. Kurz ein Physiker sollte wie der Arzt wenig schreiben, wenn er nicht so viel wissenschaftlichen Witz zu physikalischen Kombinationen hatte als Lichtenberg, und dieser sollte seines Orts wieder mehr schreiben.

4. Des Rektors Florian Falbels und seiner

Primaner Reise nach dem Fichtelberg

Ich lese nichts lieber als Bucher von einigen Seiten. Jene alten Folianten-Goldbarren, die man nur auf zwei Sesseln offnen kann, sollten in mehrere Goldkorner zerlegt, ich meine, jedes Blatt sollte in ein Bandchen eingebunden werden: jeder kame dann leicht mit ihnen durch. Jetzt aber muss der Gelehrte die Quartanten aus Ratsbibliotheken entsetzlich lange behalten, weil er sie nicht heftweise zurucktragen kann. Ja, da der anomalische Fortius auf seinen Reisen nichts von Buchern bei sich fuhrte als die besten Stellen, die er vorher herausschnitt, eh' er die kastrierte Ausgabe verkaufte: so schlag' ich mit Vorbedacht akademischen Senaten ordentliche Universitatsbibliotheken aus solchen ausgerissenen Blattern vor.

Den Vorzug der Kleinheit, der den grossten Werken fehlet, besitzt nun das Programm des Herrn Rektors, das ich hier der Welt einhandige. Es teilt gut geschriebene Nachrichten von einer Reise mit, die ein Muster sein kann, wie Schulleute mit den Sauglingen und Fechsern ihrer Seele zu reisen haben; auch sind verstandige Schulmanner von jeher so gereiset. Ich wollte anfangs das Programm aus dem Deutschen ins Deutsche vertieren; aber ich glaubte, es hiesse den Schwanengesang und den letzten Akt der Schulgelehrsamkeit gar absichtlich beschleunigen, wenn man den lateinischen und ciceronianischen Stil vollends aus dem deutschen wurfe, da er ohnehin aus lateinischen Werken langst entwichen ist.

Vorher nur ein Wort uber die Reisenden selber.

Da ich die Hunde nie mit zahlen werde sie bestanden aus zwei Spitz-, drei Wachtelhunden der Primaner und einem Saufinder des Rektors , so setz' ich die Marschsaule nur vierzehn Mann stark an, namlich einen Dozenten, zwolf Eleven und eine Tochter des Schul-Doge. Letztere fuhr, wie eine Athenerin, allein in einem Kabriolett: auf beiden Seiten fasste das mitschreitende Fussvolk das Fahrzeug ein, wie eine Wache den an den Leiterwagen befestigten Arrestanten, und auf dem Bocke sass die Primanerbank, wie die regensburgische Kurfurstenbank, alternierend, wie etwan beim Bauertanze die Pursche einander im Streichen und Raspeln der Bassgeige ablosen. Im Kabriolett war hinter dem Futterkasten fur den Gaul einer fur den Reise-Kongress; der Lehrer kannte die Bosheit vieler Wirte zu gut; daher wurden auf seinen Rat von der Prima (plana), die ihn horte und begleitete, mehrere Stecken geraucherter Wurste zusammengeschossen, und er gab noch dazu die Tochter her, die alles samt der Beikost kochte.

An jeder linken Hufte so leicht ist Krieg mit Wissenschaft zu paaren lag eine Harpune, ein accentus acutus; und die zwolf Schwert-Fische hatten damit den alten Weisel boshaft niederstechen konnen, wenns ware begehret worden. Der Schul-Maire selber hatte nichts an den Huften als eine geschmackvolle robe de fantaisie: in ihnen hatt' er weniger.

Vom Rektor sag' ich nichts: sein Programm selber sagt es, wie er lehrte, lernte und schrieb: im Wirtshaus resorbierte er mit den lymphatischen Milchgefassen des Papiers allen gelehrten Milchsaft, den eine Reise kocht, und unterweges hielt er seine Schreibtafel den wichtigsten Exkrementen des Zufalls und Bleistifts unter und fing auf, was kam. Aber das sei mir erlaubt, die zwolf Musensohne zu betrachten, die ebenfalls zwolf pergamentene Rezipienten und Behalter alles Merkwurdigen hinhalten und alles nicht sowohl wie Hogarth auf den Daumen-Nagel skizzieren als mit solchem; ists denn gar zu ubertrieben, wenn ich denke: in zwolf solchen ausgespannten Prell- und Zuggarnen musste sich wahrlich ja alles, was nur gelehrten Zungen und Gaumen vorzulegen ist, bis auf jede Spitzmaus und jeden Hotel-Floh verfangen, und es verblieb, wars auch durch eilf Garne hindurch, doch im zwolften sesshaft? Sogar die sechs Hunde reiseten nicht vollig ohne Beobachtungsgeist, sondern strichen und merkten uberall, wo sie auf etwas Erhebliches stiessen, es sofort mit wenigem an und hoben beteuerungsweise das Hinterbein auf. Nein, eine so gescheute Reise kann gar nicht mehr gemacht werden, solange die Erde auf ihrer ist. Und hier ist sie selber: nur werd' ich zuweilen personlich aus dem Parterre unter die Spieler steigen und dareinsprechen, weil mir sonst das Abschreiben des Programms zu langweilig ist und weil auch der Programmenmacher eines und das andere sagt, das ich besser weiss. Ein armer Teufel, den ich studieren lasse und der mitlief, ist meine Quelle.

Michaelis-Programm etc.

"Mein lateinisches Osterprogramm, das erweisen sollte, dass schon die altesten Volker und Menschen, besonders die Patriarchen und klassischen Autoren, sich auf Reisen gemacht von welchen letztern ich nur den Xenophon und Casar, die zwei tapfersten Stilisten, mit ihren Armeen wieder zitiere , fuhret vielleicht einige Autoritaten auf, die den Schulmann dekken, der mit seinen Untergebenen kurze Ausfluge in deutsche Kreise tut. Ich hielt es fur schicklich, in einem vorhergehenden Programm meine Schulreise im voraus zu rechtfertigen, bevor ich ans jetzige ginge, das ich fur ein kleines Inventarium mancher aufgelesenen Schatze zu nehmen bitte.

Inzwischen da in den engen Flacheninhalt eines Michaelis Programma wichtigerer topographischer, statistischer etc. Kubikinhalt unmoglich zu bringen war, und da ich uberhaupt meinen stereometrischen und sonstigen Fund einem geraumigern Werke aufspare: so suche der Leser auf diesen Blattern mehr die Geschichte als die Entdeckungen der Pilger es lassen wohl beide sich lesen.

Die Herren Salzmann und Weisse anderer zu geschweigen haben der Welt (ich entscheide nicht, mit welchem Gluck) zu zeigen gesucht, wie ein Lehrer halbwuchsige Zoglinge gleichsam auf die Weide einer Reise treiben musse; aber sie haben immer andern Schulmannern das Recht nicht benommen, ihre Wallfahrten mit einer bejahrten Schuljugend, die im Gangelwagen weniger steht als zieht, ans Licht zu bringen.

Ganz mutig durft' ich den Herren Scholarchen und Nutritoren unserer Schule uber Zeit- und Geldaufwand zur Rede stehen, sobald ich meine Bleifeder vorwiese, die ich auf dem ganzen Marsche nicht in die Tasche brachte, sondern wie eine Leimrute aufsteckte, an die sich, was sehenswurdig war, leicht ansetzte. Ebenso schoss der Salpeter des Merkwurdigen an den zwolf Salpeterwanden meiner Schuler an, wenn ich die zwolf protokollierenden Schreibtafeln so nennen darf, womit sie ausgerustet waren; und wurde ihnen denn nicht einige Apharesis, Synkope und Apokope der Lust reichlich genug durch wahre Prothesis, Epenthesis und Paragoge des Wissens erstattet? Ich unterwinde mich nicht, zu bestimmen, inwiefern wir uns von einem und dem andern jungen Edelmanne46 abtrennen, der bloss fur sein Vergnugen durch Europa fahrt und oft auf seinem Reisewagen aus einer Ballei in die andere rollet, ohne eine Schreibtafel einzustekken, geschweige herauszubringen. Sollt' er aber mit seinen funf Sinnen betrachtliche Kenntnisse aus allen Grenz- und Hauptstadten einfassen und einsargen, sie aber samtlich im Fahren rein wieder durchsickern und durchfallen lassen: so mocht' er der menschlichen Seele gleichen, die (nach dem pythagoreischen System) die grande tour durch Tiere und Menschen macht und die doch, wenn sie sich im letzten Menschen einsetzt, nur gerade so viel von allen ihren Schulreisen noch im Kopfe mitbringt, als sie in der Minute besass, da sie ins erste Tier einstieg, namlich platterdings nichts.

Wenn ein grosser Casar in seinen Kommentarien oder Friedrich II. in den seinigen bescheiden das Ich mit der dritten Person vertauschten: so geziemet es mir noch mehr, an die Stelle meines Ichs nur meinen Amtsnamen zu setzen.

Den zwanzigsten Juli brach der Rektor (der Verfasser dieses) mit seinen Nomaden auf, nachdem er ihnen vorher eine leichte Rede vorgelesen, worin er ihnen die Anmut der Reisen uberhaupt dartat und von den Schulreisen insbesondere foderte, dass sie sich vom Lukubrieren in nichts unterschieden als im Sitzen. Auf dieses Marschreglement und Missiv wies er nachher auf dem ganzen Wege absichtlich zuruck. Es ist mehr stadt- als landkundig, dass eine hubsche acerra nicht philologica, sondern culinaria, namlich ein vierradiges Proviantschiff samt dem darauf fahrenden Kuchen-Personale, welches die Tochter des Rektors war, und die Strafkasse von 12 fl. frank. als Diatengelder gleichsam die frohliche Morgenrote waren, zu der die Reisegesellschaft auf ihrer Turschwelle hoffend aufsah. Jeder Primaner fuhrte statt einer elenden Badinen-Gerte oder statt der Narrenkolbe eines Geniepfahls einen nutzlichen Messstab denn Messtisch und schnure lagen samt einigen Autoren schon im Kabriolett , weil ja der Fichtelberg und die Strasse dahin von den herrlichsten Gegenstanden zum Messen wimmeln.

Am ersten Morgen hatte man zwei Reisen auf einmal zu tun, die auf dem Wege und die auf der Karte davon, welches ungemein beschwerlich und lehrreich ist. Der Exkurrens47 trug eine aufgeschlagene Spezialkarte vor sich hin, auf der Falbel allen leicht das Dorf zeigte, wo sie jedesmal waren; und da man auf diese Weise allemal den Fussen mit den Fingern (wiewohl vier Schuhe hoher auf der Karte) nachreisete: so war vielleicht Motion mit Geographie nicht ungeschickt verkettet. Gegenden, Merkwurdigkeiten, Gebaude, die naturlich nicht auf der Karte vorzuweisen waren und vor denen man doch eben vorbeipassierte, mussten aus dem Busching geschopft und gelehret werden, den der vife Pflegsohn des Herrn **48, Monsieur Fechser, der Gesellschaft allezeit uber die Ortschaften vorlas, wodurch sie eben zog. Der Rektor wurde von Herzen gern von den meisten Dorfern neben der neuern Geographie auch die mittlere und alte mitgenommen haben: waren beide letztere Geographien von ihnen zu haben gewesen; aber leider zeigen nur wenige europaische Lander, wie etwan die Turkei, Ortschaften mit doppelten Namen auf. Ubrigens ist der Rektor seitdem vollkommen uberzeugt, dass die homannischen Karten nichts taugen in der Tat, wenn auf ihnen (nicht auf der Gegend) ganze Einoden, Wasenmeisterhutten, ausspringende Winkel der Ufer entweder ganz mangeln (wie z.B. ein Pulvermagazin nahe bei Hof und ein etwas weiter abgelegenes Spinnhaus) oder doch dasitzen in ganz falschen Entfernungen: so kann man wohl fragen: ob, wenn man von diesen Gegenden mit der camera obscura einen Aufriss nahme und dann die Karte uber den Aufriss legte, ob da wohl beide einander decken wurden wie zwei gleiche ?

Abends wanderte die padagogische Knappschaft und ihr Ladenvater im adeligen Pfarrdorfe Topen in Voigtland ein. Das allgemeine Logement war im Wirtshaus, das der Vatikan oder das Louvre des adeligen Rittergutsbesitzers stets anschauet ich sage Louvre, nicht in Vergleichung mit dem Palast des Nero, der ein kleines Rom im grossen war, eine Stadt in der Stadt (conf Voss. var. observat.), sondern in Vergleichung mit den zellulosen Kartausen und vier Pfahlen und Hattonischen Mauseturmen eines und des andern Schulmannes. Sapienti sat!

Als der Rektor hinter seiner Tochter und seinen Sohnen eintrat: stiess ihm das Ungluck zu, dass er seinen Wirt nicht grussen konnte. Die samtlichen Hunde der Reisenden hatten zwei Topener (es war der Spitz des Hauswirts und der Huhnerhund des Jagers) bei den Haaren und Ohren. Die Tierhatze wurde allgemein, und kein Hund kannte mehr den andern. Der Wirt, ein Mann von Mut und Kopf, legte sich zuerst zwischen die beissenden Machte als Mediateur und suchte sich zuvoderst den Schwanz seines Hundes herauszufangen und wollte ihn an diesem Hefte aus der verdrusslichen Affare ziehen. Mehrere folgten nach, und jeder ergriff den Schwanz des seinigen. Und in diesem Wirrwarr, als die Tochter des Rektors dareinschrie als der Jager dareinschlug mit einer Reichsexekutionspeitsche auf Menschen und Vieh als die Eigner dastanden und gleichsam die sechs Schwanzregister herausgezogen hatten und als daher sozusagen das Schnarrwerk des Orgelwerks ging und die Tumultuanten bollen und als der Rektor selber bei diesem Friedenskongress ein Friedensinstrument, namlich den Schwanz seines Saufinders, in Handen hatte: so war er mit Not imstande, das Salutieren nachzuholen und zum Wirte zu sagen: 'Guten Abend!' Plutarch, der durch Kleinigkeiten seine Helden am besten malet, und die Odyssee und das Buch Tobias, die beide Hunde haben, mussen hinreichen, gegenwartige Aufnahme einer kleinen scherzhaften Gato- und Onoskia-Machie zu decken."

Herr Falbel triffts. Ich argere mich, wenn die Menschen mit dem Namen "Kleinigkeiten" schelten. Was habt ihr denn anders? Ist denn nicht das ganze Leben bloss seine erste und seine letzte Minute ausgenommen daraus gesponnen, und kann man nicht alles Wichtige in einen zusammengedrehten Strang von mehrerern Bagatellen zerzausen? Unsere Gedanken ausgenommen, aber nicht unsere Handlungen, kriecht alles uber Sekunden, jede grosse Tat, jedes grosse Leben zerspringt in den Staub der Zeitteile; aber eben deswegen, da alles Grosse nichts ist als eine grossere Zahl von Kleinigkeiten, da also die Vorsehung entweder Kleinigkeiten und Individuen oder gar nichts auf unserem Rund besorgen muss, weil diese nur das Ganze unter einem langern Namen sind: so kommt die Gewissheit zu uns, dass der uberirdische Genius nicht bloss die Schwungrader des Universums und die Strome dazu schuf, sondern auch jeden einzelnen Zahn der Rader.... "Abends wollten einige Schuler auf die Berge gehen, andere im Dorfe herum, zwei gar zu den allergemeinsten Leuten; aber der Rektor setzte sich dagegen: er stellete denen, die abends die Natur beschauen wollten, vor, dass morgen ohnehin (nach seinem Operations- und Reiseplan) naturliche Theologie und Vergnugen an der Natur dozieret und rekapitulieret werden musste. Der Rektor, welcher gerne glaubt, ein Schulherr musse seine Scholaren auf Reisen zu belustigen trachten, wie sogar der Neger-Handelsherr die Sklaven zu tanzen, zu singen, zu lachen notigt, dieser gab ihnen Befehle zum Lachen, setzte sie um sich herum und scherzte ihnen an einem ovalen Tische nach Vermogen vor. Ich gestehe, Scherz ist statthaft, und wenn der selber scherzhafte Cicero richtig bemerkt, dass gerade ernste Manner gern und glucklich spassen: so mochte wohl mancher bestaubte Schulmann mehr echten Ansatz zu lachenden Saturen49 verschliessen als viele gepuderte Possenreisser; auf ahnliche Weise bemerkte auch der Graf von Buffon, dass die meisten Nachtvogel, besonders die SchubutEule (Minervens und Athens Vogel), trotz ihrer altvaterischen Aussenseite uberstromen von Schnurren, Schnacken und Charakterzugen.

Der Abend verlief ungestort: bloss uber den vollen Stecken geschwarzter Leberwurste, den Falbel hereinzuholen befahl und auf den sich die Kirwane gleichsam wie auf einen Fruchtast setzte zum soupierenden Abpflucken, ringelte und falbelte der Wirt sein Gesicht selber zu einem Wurst-Endchen zusammen (wenns nicht uber etwas anders war) genug Falbel bekummerte sich wenig um das Gesicht und liess es falbeln. Er bestellte lieber fur sich und seine Gesellschaftskavaliere den ganzen Fussboden zum Nachtlager; bloss ein Merseburger Fuhrmann lag neben seiner Tochter, als Strohnachbar.

Dennoch ubersetzte uns samtlich am Morgen darauf der Wirt in seiner Liquidation um zwei bis drei Kreuzer leicht Geld, und zwar an demselben Morgen, wo der Rektor das Vergnugen an der Natur vorzutragen hatte. Aber Falbel glaubte seinen Schulern das Muster einer erlaubten Sparsamkeit dadurch zu geben, dass er anfing, mit dem Traiteur zu fechten und ihm seinen Abstand von den Herrnhuter und Londner Kramern, die nichts daruberschlagen, so lange unter die Augen zu halten, dass er wirklich einen Groschen herunterhandelte und dass der mude Wirt giftig fluchte und schwor, er wollte den Rektor und seinen Rudel trotz ihren Bratspiessen, wenn sie wieder Gerauchertes bei ihm zehren wollten, mit Heugabeln und Dreschflegeln empfangen. Ein lacherlicher Mann!

Falbels Methode auf lehrreichen Schulreisen ist, jeden Tag eine andere Wissenschaft kursorisch vorzunehmen: heute sollte die Gesellschaft vier Ackerlangen vom fluchenden Garkoch die schone Natur betrachten unter Anleitung von Sturms Betrachtungen der Natur den ersten Band. Sturm wurde ausgepackt und aufgeschlagen, und jetzt war erforderlich, dass man die Augen vergnugt in der ganzen Gegend herumwarf; aber ganz fatal liefs ab. Nicht etwa darum, weil Regenwolken mit der Sonne aufgingen und weil der Rektor die Sturmische Betrachtung uber den dritten Juni und uber die Sonne plotzlich wieder zumachen musste, da er kaum die schonen Worte abgelesen: 'Ich selbst fuhle die belebende Kraft der Sonne. Sobald sie uber meinen Scheitel aufgeht, breitet sich neue Heiterkeit in meiner Seele aus.' Denn das verschlug wenig, da ja zum Gluck in den namlichen Band auch eine Betrachtung auf den siebenzehnten April und uber den Regen eingebunden war, die man denn augenblicklich aufsuchte und verlas; sondern das eigentliche Ungluck dabei war, dass, da (es wird wegen der Kurze eines so langen Programmes der Rektor kunftig sagen ich) ich folgendes hatte vorbetrachten lassen: 'In dem eigentlichsten Verstand verdient der Regen ein Geschenk des Himmels genannt zu werden. Wer ist imstande, alle Vorteile des Regens zu beschreiben? Lasset uns, meine Bruder, nur einige derselben betrachten!' dass ich dann abschnappte, weil ich musste und wahrlich, wenn vor einem Prazeptor, der mit den Seinigen Sturmische und eigne Betrachtungen uber den Regen auf der Kunststrasse anzustellen vorhat, jede Minute kreischende Fuhrmannswagen mit stinkendem Kabljau voruberziehen, unter denen ein keifender Hund unversehrt mit hinspringt wenn ferner taumelnde Kohorten von Rekruten, die den Schulmann noch starker ansingen und auslachen als feinere Werbeoffiziere selber, und wenn Extraposten, die er grussen soll, ihm uber den Strassendamm entgegentanzen: so muss er wohl den Pastor Sturm einstecken, es mag regnen oder nicht.

Unverrichteter Sachen kamen wir nach Zedwitz herab. Eine schone englische Pappelinsel dem Gutsherrn angehorig suchte uns uber eine kouleurte Holzbrucke in sich zu ziehen; aber der Rektor wurde sich diesen Eintritt in ein fremdes Gebiet nicht herausgenommen haben, wenn nicht der erorterte Monsieur Fechser versichert hatte, 'er verantworte es, er kenne den Koch'. In der Insel wurde so viel auslandische Botanik, als da sozusagen wuchs, getrieben, und ich ging mit meinen Schulern um die Baume herum und klassifizierte sie meistens: die botanische Lektion hielt vielleicht fur die Sturmische schadlos." Unter der Klassifikation konnte Kordula, seine Tochter, hingehen, wohin sie wollte. Der grosse Edukationsrat oder Edukationsprasident fragte niemals viel nach ihr oder nach Weibern: "Weiber", sagte er, "sind wahre Solozismen der Natur, deren peccata splendida und Patavinitat, oder geborne Kolumbinen und schlafende Monaden." Die arme Kordula hatte langst ihre Mutter, die zugleich ihr Vater war, durch den Todesengel von ihrem Herzen wegfuhren sehen: der alte Sturmische Betrachter hatte sie in die letzte Hutte gleichsam die Stiftshutte eines kunftigen Tempels hinuntergezankt. Kordula wusste wenig, las nichts, als was sie Sonntags sang, und schrieb keinen Buchstaben als den, womit sie schwarze Wasche signierte, und sie war weiter nichts als schuldlos und hulflos. Ihr Vater liess wie die meisten Schulleute durch die Romer verwohnt nichts einer Frau zu, als dass der Korper ein Koch wurde und die Seele eine Kochin. Sie schlich sich heute mit ihrem zusammengedruckten Herzen, in dem noch keine Leiden gewesen als wahre, und das noch nicht von artistischer Empfindsamkeit bis zum Lahm- und Schlaffwerden auf- und zugezogen worden, von der gelehrten Menge ab und setzte sich an das Ufer des Wasser-Ringes, der die schone Insel, wie ein dunstvoller Hof den Mond, umfasset, und sah eine Pyramide jenseits des Wassers fur ein Grabmal an, weil sie keine andere Pyramiden kannte als die uber Sargen und weil ihr heute getraumet hatte, ihre Mutter habe wieder mit unverwesten Lippen gelachelt und ihren Arm liebend nach ihr ausgestreckt, aber er sei zu kurz gewesen, weil die Hand davon weggefallen war. Die kunstlose Kordula wusste nicht, welches Druckwerk ihr Herz auseinanderpresse sie erriet es nicht, dass der mit einer blutigen Morgenrote uberspritzte Himmel und dass die zusammenfliessende Grasmucken-Kirchenmusik im Tempel der Natur, dass das ruhige Wiegen und Taumeln der Pappeln und die Regentropfen, die ihr Schwanken gleichsam vergoss, dass alles dieses ihre einsame Seele truber machte und das ode Herz schwerer und das kalte Auge heisser. Sie hielt die Schurze, mit deren Frisur die Mutter ihre Naharbeiten beschlossen hatte, aufmerksam und nah an die Augen und begriff nicht, warum sie heute die Naht daran nicht deutlich sehe, und dachte, als sie die Tropfen aus den Augen wegstreifte, sie waren von den Pappeln gefallen.... Aber der Alte, der befahren musste, sie werde zu nass, pfiff die Beklommene von ihrer Schurze weg ins Zelt unter die Primaner zuruck. O es ist mir jetzt, als sah' und hort' ich in alle eure Hauser hinein, wo ihr, Vater und Ehemanner mit vierschrotigem Herzen und dickstammiger Seele, beherrschet, ausscheltet, abhartet und einquetschet die weiche Seele, die euch lieben will und hassen soll das zerrinnende Herz, das eure kotigen schwulichten Fauste handhaben das bittende Auge, das ihr anbohrt, vielleicht zu ewigen Tranen o ihr milden, weichen, unter schweren finstern Schnee gebuckten Blumen, was will ich euch wunschen, als dass der Gram, eh' ihr mit besudelten, entfarbten, zerdruckten Blattern verweset, euch mit den Knospen umbeuge und abbreche fur den Fruhling einer andern Erde? Und ihr seid schuld, dass ich mich nicht so freuen kann, wenn ich zuweilen eine zartfuhlende, unter einer ewigen Sonne bluhende Schwester von euch finde, eine hauchende Blume im Wonnemond: denn ich muss denken an diejenigen von euch, deren odes Leben eine in einer dustern Obstkammer durchfrorne Dezembernacht ist. Und doch kann euer Herz etwas Schoners tun als sterben; sich ergeben. Ich wunschte, ich ware mit neben dem Kabriolett hergegangen und hatte die stille Kordula in einem fort angeschauet. "Auf der Strasse nach Hof sagt' ich meinen Primanern, sie sollten die Bemerkung machen, dass das baireuthische Voigtland mit mehrerern Produkten ausgesteuert sei, mit Korn, Hafer, Kartoffeln, einigem Obst (frischem und getrocknetem) und so weiter; aber man konnte nicht angeben, wie viel.

Auf dem Turm blies man gerade herab, als man mich und meine Genossenschaft die Gassensteine Hofs betreten sah. Ich werd' es darum niemals wie andere aus affektierter Furcht vor Eigenlobe unterdrukken denn eben dadurch verrat man das grosste; und es mussen ja nicht gerade schmeichelhafte Ursachen gewesen sein , dass bei unserem Einmarsch alle Fenster auf- und alle Kopfe darhinter herausfuhren: deutsche Schul- und lateinische Gymnasiumsjugend sah uns nach, Ladenjungen standen barhaupt unter den Ladenturen, und wer in ein Haus wollte, stockte unter dem Portal. Ich erfragte muhsam einen Gasthof fur Fuhrleute, weil ich, wie Swift, da am liebsten logiere. Es hatte mich in Verlegenheit setzen sollen, dass, da ich vor der sachsischen Post das Kabriolett und dessen Kronwache halten liess, weil ich einen frankierten Brief da abzugeben hatte, den ich selber so weit getragen, um ein massigeres Porto zu erschwingen, dass alsdann, sag' ich, ein schoner angenehmer Mensch mit einer grun-taftenen Schurze unter uns trat, der weil er uns leider fur frische Einkehr ansah; denn das Posthaus ist zugleich im grossen brandenburgischen Gasthof- meine Tochter herabheben und uns alle empfangen wollte. Ich kam aber nicht sehr ausser mir und repetierte gleichgultig meine Nachfrage nach einem gemeinern Gasthof; und es war schon, dass der junge Menschuns mit einem freundlichen Lachen zum Tore wieder hinauswies was wir denn taten.

Ich liess meinen Bart mitten in der weiten Wirtsstube und unter kauenden Fuhrmanns-Gekluften von einem Primaner abnehmen und mein Haar vom Exkurrens auflocken, indes unsere Erbkuchenmeisterin unser gerauchertes Gedarm ans Feuer stellte. Mochte der Himmel es fugen, dass ich das arbeitsame Kind bald in einem guten adeligen Hause als Zofe anbrachte!

Ein Reisediener aus einem Handelshause in Pontak diablierte und sakredieurte am Fenster ungefragt uber die besten deutschen politischen Zeitungen und beschmitzte besonders die Herrn S. T. Girtanner und Hofmann mit solchen Ekelnamen und Verbalinjurien wovon ich mir keine nachzusprechen getraue als die geringern von Narren, von Falsariern der Zeit und von geistigen Myrmidonen , dass ich unter dem Einseifen wunschte, statt meiner wurde der Reichsfiskal barbiert oder exzitiert und nahme einen solchen Fratzen beim Flugel. Der gallikanische Tropf gab sich Muhe, sich anzustellen, als wenn er mich und mein reisendes Schnepfenthal gar nicht sahe oder wurdigte, obgleich der Geringste unter meinen Leuten mehr von Rebellionen und Regierungsformen zumal alten wissen muss als dieser Frankreicher. Ich konnte nur leider unter dem Rasiermesser die Kinnbacken nicht bewegen, um seinem Unsinn entgegenzuarbeiten; aber kaum war ich unter dem Messer hervor, so naherte ich mich dem Menschen hoflich und war willens, ihm seinen Irrweg und seinen demokratischen Augenstar zu nehmen und ihn aufzuhellen. Ich verbarg es ihm nicht, ich hatte nie etwas aus der Nationalversammlung gemacht, und die Begriffe, die ich meinen Untergebenen von der jetzigen franzosischen Vergatterung beigebracht hatte, waren ganz von seinen verschieden. 'Ich gebe indessen doch zu', (sagt' ich und ging mit dem Schlucker wider meinen Willen wie mit einem Gelehrten um) 'dass die franzosische Rottierung weniger diesen Namen als den eines formlichen Aufstandes verdiene, da sie nicht nur so viele Menschen, als die Gesetze zu einer Rebellion oder turba erfordern, namlich funfzehn Mann (L. 4. . 3. de vi bon. rapt.), wirklich aufzeigt, sondern noch mehrere. Aber Sie mussen mir auch wieder die Strafe einraumen, die die alten, obwohl republikanischen Romer auf Aufstande legten, Kreuzestod, Deportation, Vorschmeissen vor Tiere; ja wenn Sie auch als Christ es mildern und wie Kaiser Justinian, unser Gesetzgeber, sich nur des Galgens bedienen wollen und das mussen Sie, da sogar die Deutschen, die sonst Morder und Strassenrauber leben liessen, dennoch Tumultuanten henkten sehen Sie nur Hellfelden nach : so sind Sie immer nicht so mild als die alliierten Machte, die die Nation, weil sie sich in eine Soldateska verkehret hat, auch bloss nach dem Kriegsrecht strafen und nur arkebusieren wollen.' Da ich sah, dass ich dem Reisediener zu schwer ward: so bewarb ich mich um Deutlichkeit auf Kosten der Grundlichkeit und wies ihn darauf hin, dass Deszendenten ihren Vater (oder primum adquirentem), Gymnasiasten ihren Rektor und folglich Landeskinder ihren Landesvater unmoglich beherrschen, geschweige absetzen konnten. Ich legte ihm die Frage vor, ob denn wohl das frankreichische Hysteronproteron moglich gewesen ware, wenn jeder statt der franzosischen Philosophen die alten Autores edieret und mit Anmerkungen versehen hatte; und ich ersuchte ihn, mir es doch einigermassen aufzulosen, warum denn gerade mir noch nie ein insurgierender Gedanke gegen meinen gnadigsten Landesherrn eingekommen ware. 'Der Grund davon ist', sagt' ich selber, 'ich treibe meine Klassiker und verachte Painen und seines Gelichters obwohl ich sie alle gelesen ganz.' Mich argerts, dass ich dem Haselanten noch vorhalten wollte, dass schon die Konige der Tiere, z.B. der Geierkonig, der Adler, der Lowe, ihre eigne Untertanen aufzehrten dass ein Furst, wenn er auch nicht einem ganzen Volke wohlwolle, doch einige Individuen daraus versorge und also immer gerade das Umgekehrte jener von franzosischen Philosophen ersonnenen gottlichen Vorsehung sei, die nur Gattung, nicht Individuen beglucke und dass uberhaupt gerade unter einer donnernden und blitzenden Regierung sich ein treues und geduldiges Landeskind am meisten erprobe, so wie sich der Christ gerade in Noten zeige. Kurz ich wollte den Menschen eines offentlichen Zeitungskollegiums werthalten; aber der republikanische Hase sang pfeifend in meine Belehrung hinein und ging, ohne ein prosaisches Wort zu sagen, so zur Ture hinaus, dass mir fast vorkam, als verachtete er meine Reden und mich. Indessen bracht' ich diese Belehrung bei meiner Jugend an, wo sie mehr verfing; ich habe sogar vor, wenn wir die Rede gegen den Katilina zu exponieren bekommen, ihnen deutlicher zu zeigen, dass die Pariser Katilinen, Casars und Pisistraten sind, die ins alte Staatsgebaude ihre Mauerbrecher setzen....

Man verstatte mir folgende Digression: ich forschte einen halben Tag in meiner Bibliothek und unter den Nachrichten von den offentlichen Lehrern des hiesigen Gymnasiums nach, wervon ihnen gegen seinen Landesfursten rebellieret habe. Ich kann aber zu meiner unbeschreiblichen Freude melden, dass sowohl die grossten Philologen und Humanisten ein Camerarius, Minellius, Danz, Ernesti, der ciceronianische Sprachwerkzeuge und romische Sprachwellen besass, Herr Heyne, die Chrestomathen Stroth und andere etc. als auch besonders die verstorbne Session hiesiger Schuldienerschaft von den Rektoren bis zu den Quintussen (inclus.) niemals tumultuieret haben. Manner spielen oder defendieren nie Insurgenten gegen Landesvater und -mutter, Manner, die samtlich fleissig und kranklich in ihren verschiedenen Klassen von acht Uhr bis elf Uhr dozieren und die zwar Republiken erheben, aber offenbar nur die zwei bekannten auf klassischem Grund und Boden, und das nur wegen der lateinischen und griechischen Sprache.

Das Dozieren und Speisen war vorbei; und wir hatten gut die Hute nehmen und Hofs offentliche Gebaude besehen konnen: ware mir nicht die Sorge fur ein primum mobile obgelegen fur Gestus. Ich sprach den Wirt um seine obere Stube nur borgsweise an (das Bezahlen verlohnten wohl die wenigen Minuten nicht), weil wir droben nichts zu machen hatten als wenige leise elegante Bewegungen.

Ich liess es namlich schon lange durch einen meiner Schuler (des grossern Eindrucks wegen) in einer offentlichen Redeubung feststellen, dass der aussere Anstand nicht ganz ohne sei. Fremde Menschen sind gleichsam das Pedal und Manual, welches gelenk zu bearbeiten ohne eine Bachische Finger- und Fussesetzung nicht moglich ist. Ich merke am allerersten, wie sehr ich dadurch von sonst gelehrten Mannern abweiche, die solche poetische Figuren des aussern Korpers nicht einmal anempfehlen, geschweige damit selber vorzuleuchten wissen. Es sagt aber Seneka c. 3. de tranquill. ganz gut: 'Niemals ist die Bemuhung eines guten Burgers ganz unnutz; denn er kann durch blosses Anhoren, Ansehen, Aussehen, Winken, durch stumme Hartnackigkeit, sogar durch den Einhergang selber fruchten (prodest).'50 Und sollte so etwas denn nicht zuweilen einen Schullehrer erwecken, immer seinen Kopf, Hut, Stock, Leib und Handschuh so zu halten, dass seine Klasse nichts einbusset, wenn sie sich nach dieser Antike modelt? 'Wir werden heute', sagt' ich in der obern Stube zu den Mimikern, 'Menschen von dem vornehmsten Stande sehen mussen, wir werden uns ins Schulgebaude und in das Billard verfugen uberhaupt werden wir in einer Stadt auf- und abschreiten, die den Ruhm ausserer Politur schon lange behauptet und in der ich am wenigsten wollte, dass ihr den eurigen verspieltet zum Beispiel: wie wurdet ihr lacheln, wenn ihr auf Ansuchen in Gesellschaft etwas zu belacheln hattet? Monsieur Fechser, lachl' Er saturisch!' Er trafs nicht ganz ich linierte ihnen also auf meinen Lippen jenes feine, wohl auseinandergewundne Normal-Lacheln vor, das stets passet; darauf wies ich ihnen das beccierende Lachen, erstlich das bleirechte, wo der Spass den Mund, wie ein Pflock den Eber-Russel auf dem Purschwagen, aufstulpt, zweitens das waagrechte, das insofern schnitzerhaft werden kann, wenn es den Mund bis zu den Ohrlappen aufschneidet.

Mein Auditorium kopierte mein Lacheln nach, und ich fand solches zwar richtig, aber zu laut. Nun wurden Verbeugungen rekapituliert, und ich nahm alle gymnastische Ubungen der Hoflichkeit bis auf die kleinste Schwenkung durch. Ich zeigte ihnen, dass ein Mann von echter Lebensart selten den Hintern vorweise, welches ihm freilich entsetzliche Muhe macht. Ich ging daher zur Ture hinaus und kam wieder herein und zog sie mit der leeren Hand so nach der Anstands-Syntaxis zu, dass ich nichts zeigte 'man soll', sagt' ich, 'da man das Ende des Menschen wie das eines Garten durchaus verstecket halten muss, lieber mit dem Ende selber die Ture zudrucken oder gar sie offen lassen, welches viele tun.' Jetzt musste ein Detachement so hinausrucken, dass es mir immer ins Gesicht guckte, und so wieder herein. 'In meiner Jugend' (sagt' ich) 'hab' ich mich oft Viertelstunden lange herumgeschoben und ruckwarts getrieben, um nur diese Ruckpas in meine Gewalt und Fusse zu bringen.'

Der eitle Gallier trauet uns nicht zu, dass wir Generalverbeugungen an ein ganzes Zimmer leicht und zierlich zutage fordern; ich aber schwenkte wenigstens eine allgemeine Verbeugung als Paradigma fluchtig vor und war schon beruhigt, dass meine Leute nur die Spezial-Verbeugung an jeden dasigen Sessel, die fasslicher ist, leidlich nachbrachten. Nach diesen syntaktischen Figuren trabte man eiligst die Treppe hinab, und meine Mimiker repetierten und probierten (zum Spasse) beim Eintritte vor dem Wirte die obige Gestikulation.

Unten in der Stube hatten die zwei Kinder des Wirts eine Brezel angefasset und zerrten spielend daran, wer unter dem Abreissen den grossten Bogen behielte. Das Madchen hatte schon vor dem Essen die linke Hand auf eine rechte Fingerspitze gelegt und andern gewiesen, 'so lang nur hatte sie den Mann (mich) lieb; hingegen die Frau (Kordula) hatte sie so lang lieb', wobei sie die linke Hand oben an den Ellenbogen einsetzte. Ich verbargs als Erzieher dem Wirte nicht, dass es seinen Kindern an allgemeiner Menschenliebe fehle, und das Brezelreissen verdurbe sie vollends und nahrte Zerstreuung, Eigennutz und Hang zu lappischen Dingen. 'Wo habt ihr euere Schreiboder Schmierbucher? Setzt euch und schreibt euer Pensum!' sagt' ich gebieterisch." Erwachsene, zumal Weiber, haben sich ordentlich angewohnt, den Kindern immerfort zu verbieten wenigstens vorher, eh sie es ihnen erlauben und alle ihre kleinen Unternehmungen zu schelten, zumal ihre Freuden.

Aber seid doch froh, dass sie sich noch selber keine vergallen! Konnt ihr ihnen denn eine einzige vom Munde weggerissene spaterhin wiederholen? Und war's auch: konnt ihr ihnen denn den jungen durstigen Mund und Gaumen wiederbringen, womit sie sonst jeder sussen Frucht einwuchsen und sich ansogen an sie? Der ewig sparende Mensch, der jedes spatere Vergnugen fur ein grosseres und weiseres halt, der im Fruhling nur wie im Vorzimmer des Sommers lauert und dem an der Gegenwart nichts gefallet als die Nachbarschaft der Zukunft, dieser verrenkt den Kopf des springenden Kindes, das, ob es gleich weder vornoch ruckwarts blicken kann, doch bloss vor- und ruckwarts geniessen soll. Wann mir Eltern durch Gesetzeshammer und Ruten das Laubhuttenfest der goldnen Kindheit in einen Aschermittwoch verkehret haben und den freien Augarten in einen bangen Gethsemane-Garten: wer reibt mir denn die Farben und malet mir, sobald nur hektische Jugenderinnerungen wie Martyrologien vor mir sitzen, meinen dustern Kopf mit frischen erquickenden Landschaftsstucken des Jugend-Otaheitis in jenen trocknen mannlichen Stunden aus, wo man ein amtierendes geschatztes Ding und ein gesetzter ordentlicher Mann ist und ausser seinem Brotstudium noch sein hubsches Stuckchen Brot und auch sein bisschen Ehre dabei hat und so vor lauter Fort- und Auskommen in der Welt nun nichts weiter in der Welt werden will als des Teufels? "Ich fuhrte um ein Uhr meine Leute durch die Hauptstrassen ins Hofische Gymnasium, und wir konnten um so leichter und genauer die ganze Bauart aller Klassen, der Banke und eines Katheders besichtigen, da glucklicherweise wegen der Ferien keine Seele darin war als der Alumnus, der uns herumfuhrte. Ich vergeude vom grossen Kapital meines statistischen Reisejournals noch immer wenig, wenn ich in diesem biographischen im allgemeinen mitteile, dass die Stadt ein Rathaus und vier Kirchen hat. Um diese funf corpora pia gingen wir bloss prozessionsweise herum, und sie sind ganz gut. Vom letzten offentlichen Gebaude, in das wir wollten, vermisst' ich sogar die Ruinen, vom Pranger mein' ich.

Ich harte gern junge Leute gegen den Eindruck, den grosse Zirkel auf sie machen, durch Ubung ab. Nach diesem Prinzip fuhrte ich ohne Bedenken meine kleine gelehrte, aber verlegene Sozietat aufs Billard; auch weiss ich nicht, ob einem Schulmann gerade jene facon aisee gebrechen musse, womit man Assembleen besticht. Ich traf zu meiner grossten Freude einen alten Leser meiner unbedeutenden Programmen an, namlich den vorigen Setzer der hiesigen Offizin. Einige griechische Handelsleute hatten Billard-Queues und zahlten neu-griechisch; da ich spater auf mein Gesuch mit von der Partie sein durfte: so zahlt' ich so gut wie die Griechen meine Balle neu-griechisch, weil es doch wenigstens vernunftiger ist als franzosisch mitten in Deutschland.

Ehe wir von Hof abschieden, musst' ich mit dem Wirte noch einen kleinen Exekutiv- und Injurienprozess uber die Stube fuhren, wo wir uns verbeugt und gelachelt hatten, weil er sie anschreiben wollte. Ich warf ihm aber nichts hin als den Fehdehandschuh. In solchen Umstanden ists Beste, hinter dem nachgeschrienen Pereat und dem Nachstossen in Famas zweite Trompete gelassen davonzumarschieren und sich nach Ekelnamen, wie der grosse Themistokles nach Schlagen, aus hohern Absichten nicht umzusehen.

Eine niederfallende Sundflut, die mit uns bis nach Schwarzenbach an der Saale zog, wasserte den Pastor Sturm aus Versehen wie einen Stockfisch ein, und dieser ganze Weg wurde verdrusslich unter wenigen Lehren zuruckgelegt. Ich beruhigte meine Armee uber ihre Fatiquen mit den weit grosseren der Xenophontischen. Gleichwohl schickte ich im Marktflecken Schwarzenbach, wo wir pernoktierten, einige Primaner herum, die sich uberall erkundigen mussten, ob im Flecken kein Insass oder Fremder wohnhaft ware, der ein lahmes elendes Bein hatte, woran er spurte, obs fortregnete oder nicht. Denn Huhneraugen sind gleichsam die Fuhlhorner und erfrorne Fusszehen die Zeigefinger kunftigen Wetters. Dem ganzen Ort aber gebrach es an einem solchen weissagenden Fuss. Ich ware vermutlich gar umgekehret, wenn mir nicht Mr. Fechser eroffnet hatte, wir konnten seinem vom Fichtelberg zuruckmussenden Herrn Pflegevater entgegengehen, der mehr vom Wetter voraussage als ein Sturmvogel: in Hoffnung eines meteorologischen Responsums beschloss ich den Fortsatz der Schulreise.

Abends reichten bei mir einige fleissige Primaner die Bittschrift um Dispensation zum Kartenspielen ein; ich erteilte sie, aber unter der Einschrankung, ich verstatte so etwas nur auf Reisen (wie geringe Lehrer zu Fastnacht), etwa so wie den Branntewein. Solche, die gar keine Karte kannten, wurdigte ich mehr und mahnte sie zum Beharren an; ja um sie gleichsam zu belohnen, setzte ich mich mit ihnen an einen Tisch und gab ihnen weil hier theoretische Kenntnis ebenso erspriesslich ist, als praktische Ubung verderblich in den gewohnlichsten Spielarten Unterricht, im Farbeln, im Kauflabeten, Sticheln, im Saufaus und Kuhschwanz. Darauf musst' ich mir von der Wirtsmagd den rechten nassen Stiefel, indem ich mich mit dem linken auf ihr Ruckgrat aufstemmte, herunterreiten lassen, so arg hatte uns das Wetter zugesetzt.

Morgens wartete ich, nachdem ich eine Falbelmutze um geringes Geld erstanden der Winter uberteuert alle Mutzen , dem da sesshaften Adel auf, um meine Tochter gleichsam im Hafen einer Domestikenstube abzusetzen. Ich brachte sie nirgends unter; um so reiner ist das Lob, das ich dem dasigen Landadel fur die Herablassung erteile, womit er einen Schulmann empfing. Ich wurde ich kann es nie vergessen in die Wohnzimmer selber gezogen, uber die Zahl meiner Dienstjahre, Intraden und Kinder aufmerksamst ausgefragt und nicht immer ungern (obwohl unwurdig) angehort, wenn ich zuweilen in jener saturischen Manier repartierte, von der ich im Valerius Maximus schone attische Salzscheiben gekostet und geleckt. In der Tat, ein hoher und niederer Adel ist stets gesonnen, Gelehrte mit ehrenhafter Auszeichnung zu empfangen, nur mussen weder die Korper der Gelehrten (verlangt er) in adeligen Salons Pillorys und Schandpfahle daran gebundener Seelen vorstellen, noch muss der Anzug den Panzern in der Bastille gleichen, die jedes Gliedmass starr und unbeweglich machten. Und ich lehne mich gar nicht dagegen auf, wenn der Adel noch ausser dem Savoir vivre, das aus Buchern geschopfet werden kann, von burgerlichen Gasten begehrt, dass sie das weiche Wachs der Biegsamkeit und der Lobspruche (so wie die Bienen Wachsscheiben aus allen Fugen ihres Unterleibes drucken) in Mienen und Worten nicht knauserisch von sich geben. Jetzt ist uberhaupt die Zeit, wo der hofliche Deutsche den frankreichischen Grobian, der sonst den Vorsprung hatte, uberflugeln kann.

Wir liessen unter abscheulichem windigen Wetter den Marktflecken hinter uns; dennoch hielt uns da heute lateinischer Dialog getrieben werden sollte, wozu ich ihnen abends vorher den Terenz und Plautus zum Praparieren hergegeben nichts ab, durch den ganzen Kirchenlamitzer Wald Lateinisch zu sprechen. Es ist aber wenig durch blosse Kollegien fur den Humanisten erbeutet, wenn man nicht wie ich die Materien der Diskurse eigensinnig aushebt und absondert, wie die Grammatiken neuerer Sprachen wirklich tun. Ein Lehrer muss, wenn er das Fruchthorn sachdienlicher Phrasesbucher bis an die Spitze ausschutten will, heute z.B. bloss uber die Verehrung der Gottheit oder Gottheiten morgen bloss uber Kleider ubermorgen uber Haustiere in der herrlichen Staatsund Hofsprache der Alten reden und jeden andern, fur die heutigen Phrases fremden Gedanken verweisen. Nach diesem Normal hatten wir heute als eines der gewohnlichsten Entrevuen-Kapitel im gemeinen Leben lateinisch das Fluchen und Schworen vorzunehmen und abzutun, womit ich noch das Schimpfen verband. Mr. Fechser tat schone Fluche, die wohl zeigten, dass er den Plautus nicht bestauben lassen; wieder andere stachen durch Schwure und mehrere durch Schimpfreden hervor, je nachdem die Memorie glucklich war oder der Fleiss anhaltend oder beide eisern.

In Kirchenlamitz trieb uns ein Guss ins Wirtshaus, wo wir das Fluchen fortsetzten. Ich beobachtete mit einiger Belustigung das Erstaunen so pobelhafter Menschen, als Wirtsleute sind, das sie befiel, da ich meinen Schulern an einem solchen Schimpffeste, als die Alten wirklich am Bachusfeste und die Ephesier am 22. Januar begingen und jetzt noch die Neuern an Weinlesen und auf der Themse schwere Schimpfreden und Fluche aus Sachsenhausen zum Vertieren vorlegte, als: 'Der Teufel soll dich zerreissen, das Donnerwetter soll dich neun Millionen Meilen in den Erdboden schlagen'; wobei der Lehrer immer mit Phrasen dem Lehrling unter die Arme greifen muss. Ich zog meinen Vorteil davon, als zwei Schuler sich uber ihr scherzhaftes Schimpfen im Ernste entzweiten, und verstattete ihnen gern, aufeinander loszuziehen, aber nur in toter Sprache.

Der Himmel durchstach ordentlich seine Damme, und das Regenwasser hielt uns wie belagerte Hollander im Wirtshause, wo anfangs kein Heller verzehret werden sollte, auf achtzehn Stunden fest. Ich schreibe mit Bedacht nur achtzehn Stunden. Wir wurden nach und nach dem Wirte verdachtig durch mein Fluchen sowohl als durch unser 'Rotwelsch und Judendeutsch', um so mehr da ich meiner Tochter sie hat einige Latinitat alles in lateinischer Mundart anbefahl, was sie als lebende versio interlinearis vom Garkoche in deutscher fordern sollte. Dieser Mensch zweifelte, ob es richtig mit uns sei. O dreimal selig ist der Mann, der in einer lateinischen Stadt, die Maupertuis zu bauen angeraten, das Burgerrecht hat und ein Haus! Dreimal elend ists in Deutschland, wo der gelehrte Mann neben dem allerdummsten in einer Gasse wohnen muss, indes den Leviten im Alten Testament vierzig eigne Stadte zu ihrer Behausung ausgeworfen waren! Da die Zwecke meiner Herodotschen Reise auch statistisch waren: so wollt' ich ganz naturlich auch hinter die Volks- oder Pobelmenge in Kirchenlamitz kommen, befragte aber nicht den Restaurateur darum ich wunsche mir jetzt selber Gluck zu dieser und der andern Vorsicht , sondern schickte meine Kompagnie (aber in Piketts zerstuckt, um keinem aufzufallen) im Flecken hausieren herum, um das Personale jeder Familie von weitem auszukundschaften. Dennoch wurde man aufmerksam: abends rottierten sich die Bauern in der Wirtsstube zusammen schopften Verdacht aus unserm fahrenden Hundestall und aus unsern geometrischen Sturm- und Laternenpfahlen und sahen sie an spitzten vollends die Ohren, da ich sie (zum Schein) mit schmeichelnden Nachrichten von der Gluckssonne der sich auf gleiche Weise rottierenden Franzosen bestach und gingen (ich wartete es vergeblich ab und blieb auf) nicht von der Stelle. Ich liess uns eine Stube geben und berichtete leise meinen Leuten: 'ich ware nur heraufgegangen, um ihnen zu sagen, dass hier unsers Bleibens nicht ware, sondern dass wir, wenn wir nicht totgeschlagen sein wollten, im ersten Schlafe uns noch mitten in der Nacht aufmachen mussten.' Kurz wir wagten es und brachen nach Mitternacht samtlich kuhn genug auf, ohne dass sich die Biergaste es sei nun wegen unseres mathematischen Gewehrs, oder weil ich wie der grosse Marius aussah, der bloss mit Mienen seinen Morder von sich hielt getraueten, uns im geringsten anzupacken.

Als wir in Marktleuthen eintrafen, wusst' ich im Finstern, dass die Brucke, woruber wir gingen, auf sechs Bogen liegen musste nach Busching; es freuet aber ungemein, gedruckte Sachen nachher als wirkliche vor sich zu sehen. Wir schliefen in einem anstandigen Wirtshaus bis um neun Uhr auf dem Stroh, weil der Regen auf den Dachern forttrommelte, bis uns ein anderes Trommeln aufstorte. Es sollte namlich ein Hungar erschossen werden, der von seinem nach den schismatischen Niederlanden gehenden Regimente mehrere Male deserteuret war. Als ich und mein Kollegium hinauskamen, war schon ein Kreis oder ein Stachelgurtel aus Sabeln um den Inquisiten geschlossen. Ich machte gegen einen vornehmen Offizier die scherzhafte Bemerkung, der Kerl ziehe aus der Festung seines Lebens, die man jetzt erobere, ganz ehrenhaft ab, namlich mit klingendem Spiel, brennender Lunte und einer Kugel im Munde, wenn man ihn anders dahin treffe. Darauf hielt der Malefikant in lateinischer Sprache an: man mochte ihm verstatten, einige Kleidungsstucke, eh' er angefasset und ausgezogen wurde, selber herunterzutun, weil er sie gern der alten Waschfrau beim Regimente an Zahlungsstatt fur Wascherlohn vermachen wollte. Ich bekenn' es, einen Mann, der fur klassischen Purismus ist, kranken Donatschnitzer, die er nicht korrigieren darf, auf eine eigne Art; so dass ich, als der Delinquent sein militarisches Testament im schnitzerhaftesten Hungarlateine verfertigte, aufgebracht zu meiner Prima sagte: 'Schon fur sein Kauderwelsch verdient er das Arkebusieren; auf syntaxin figuratam und Idiotismen dring' ich nicht einmal, aber die Felonien gegen den Priszian muss jeder vermeiden.' Gleich darauf warfen ihn drei Kugeln nieder, deren ich mich gleichsam als Saatkorner des Unterrichts oder als Zwirnsterne bediente, um eine und die andere archaologische Bemerkung uber die alten Kriegsstrafen daran zu knupfen und aufzuwickeln. Ich zerstreuete damit glucklich jenes Mitleiden mit dem Malefikanten, gegen das sich schon die Stoiker so deutlich erklarten und das ich nur dem schwachern Geschlechte zugute halte; daher wird es der Billige mit dem Augen-Tauwetter meiner Tochter wegen des Inkulpaten nicht so genau nehmen." Als ich damals vom Fichtelberg zuruckkam: fragt' ich in Marktleuthen selbst das kurze Martyrologium des armen Ungars bei einem Metzger aus, der vor funf Jahren in Klein-Rom oder Tirnau (der Vaterstadt des Unglucklichen) geschlachtet hatte: der Ungluckliche zog mich schon durch das Arkebusieren an, das fur meine Phantasie die grausendste Todesart ist, und ich mag einen solchen knienden Armen kaum gemalt sehen. Der grosste Verstoss des arkebusierten Warlimini war, dass er dreimal davonlaufen wollte nicht vor den Feinden, sondern vor seinen Kameraden, die ihn eben deswegen erlegen mussten. Ein Gemeiner sollte meines Bedunkens den Bruch seines militarischen Taufbundes wenigstens versparen, bis er Generalissimus oder so etwas wurde. Einem Fursten, einem Generalfeldmarschall bringt es keinen Vorteil, wenn er die Kapitulation halt, weil das so viel ist, als reduziert' er die Regimenter; hingegen dem Fuselier, Grenadier etc. bringt das Halten der seinigen wahren Nutzen: er tritt dadurch mit seinen edlern Teilen einer exekutierenden Kugel-Terne aus dem Weg und sparet mithin allezeit seine Brust und sein Kranium einer feindlichen und ehrenvollen Kugel auf, die ihn ins Bette der Ehren herabschiesset.

Warlimini war ein guter Narr. Ich und der Fleischer haben nichts davon, dass wir ihn loben und seinem zersplitterten schlaffen Kopfe noch einige LorbeerStreu unterbetten; aber warum sollen wir es dem Gelehrten- und Militarstande verbergen, dass der gute Kerl wochentlich von seinem Madchen ein oder zwei Schustaks zu Lausewenzel uberkam denn das ganze Mobiliarvermogen bestand in einem warmund ehrlichschlagenden Herzen dass sein Wirt, bei dem er sein Traktament vertrank, ihm keinen Heller zu viel anschrieb dass der Regimentsfeldscher ihm bei jedem Verbande seiner Hiebwunde eine Pfote voll recht gutem Tabak zusteckte und dass er in seinem ganzen Leben uber niemand einen Fluch ausstiess als uber sich? Es tat jedem weh, sagte der Fleischer, der eine Flinte auf ihn halten musste. "Druben" (sagt'er; denn er ging ein wenig mit mir aus Marktleuthen heraus) "sitzt ein Schafjunge auf seinem Grabe, der pfeift: gleich darneben haben sie ihn nun erschossen. Als wir den Abend vorher ihn bedauerten, sagt' er, es gehor' ihm nichts Bessers als eine Kugel vor den Kopf, aber er hatte doch, schwur er, fur tausend Gulden nicht langer beim Regimente bleiben konnen." Ich wollte, ich ware dazugekommen; ich hatte dem armen Teufel durch die hereinhangende, stinkende Pestwolke auf der letzten Lebensstrecke statt des elenden Lausewenzels oder statt des noch elendern hier gedruckten Weihrauchs echten Knaster hineingelangt, ob ich gleich nicht rauche. Aber den andern Tag hatt' ich nicht abwarten und es etwan von meiner Anhohe herunter ansehen mogen, wie der arme Kerl in seinem blinkenden Kreise so allein seine Kleider fur seine Wascherin auszog, eine Viertelstunde vor der Ewigkeit wie man ihm die weisse Binde um die Augen legte, die nun die ganze grune Erde und den leuchtenden Himmel gleichsam in sein tief ausgehohltes Grab vor ihm vorauswarf und alles mit einer festen Nacht wie mit einem Grabstein zudeckte Und wenn sie nun vollends uber sein tobendes, von qualendem Blute steigendes Herz das papierne kalte gehangen hatten, um das warme gewisser hinter diesem zu durchlochern: so ware ja jeder weiche Mensch wankend den Hugel auf der andern Seite hinuntergegangen, um den Umsturz des Zerrissenen nicht zu erblicken, und hatte sich die Ohren verstopft, um den fallenden Donnerschlag nicht zu horen Aber die Phantasie wurde mir dann den Armen desto dusterer gezeigt haben, wie er dakniet in seiner weiten Nacht, abgerissen von den Lebendigen, entfernt von den Toten, von niemand in der Finsternis umgeben als vom witternden Tod, der unsichtbar die eisernen Hande aufzieht und sie zusammenschlagt und zwischen ihnen das blutige Herz zerdruckt nach Aonen musste, wenn der Mensch uber das Grab hinauslitte, diese bange Minute noch wie eine dustre Wolke allein am ausgehellten Eden hangen und nie zerfliessen!

Alle diese dunkeln Phantasien kommen mir wieder, wenn ich draussen gehe und hore: hier haben sie den erschossen, dort jene Schlacht geliefert; und es ist ein Gluck, dass die Zeit die Graberhaufen der Erde abtragt und die Kirchhofe der Schlachtfelder eindruckt und unter Blumen versenkt; weil wir sonst alle von unsern Spaziergangen mit einer Brust voll Seufzer zuruckkamen.

Ich uberlass' es dem Leser, sich den Halbschatten selber hineinzumalen, uber den sein Auge leichter den Weg von meinem Erdschatten zu Falbels Lichtern nimmt. In unserem Leben ist die Zeit der Halbschatten zwischen Lust und Schmerz, der Zwischenwind zwischen Orkan und Zephyr. "Da der Himmel noch immer voll Regen war, erachtete ich es fur notig, aufzubrechen und dem Herrn Pflegevater des Mr. Fechsers bis nach Thiersheim, wo er eintreffen musste, entgegenzureisen, um es lieber einen Tag fruher als spater zu erfahren, was er vom Wetter halte. Auch wollt' ich da noch ausserdem einen allda gehenkten Postrauber in Augenschein nehmen, weil ich einige Moralen aus ihm fur die Meinigen ziehen wollte. Aber wir taten uns vor Thiersheim vergeblich nach einem Galgen um: der Spitzbube sass noch und hing noch an nichts als an Ketten.

Hier mussten wir nun zu meinem grossten Schaden funfzehn volle Tage mit Hunden und Pferden liegen bleiben und kostbar zehren, im fruchtlosen Lauern auf durres Wetter und auf den Herrn Pflegevater des Mr. Fechsers. Und doch soll ich, gleichsam zum Danke fur meine Einbusse, hier vor dem Publikum die Handlungsbucher dessen, was ich da mit meiner Klasse getrieben, aufschlagen und extrahieren, weil einige (zu meiner grossten Befremdung) sich, wie ich hore, daruber aufgehalten haben, dass ich fur jene funfzehn Tage, die in meine Hundsferien einfielen und in denen ich doch dozieren musste wie in der Klasse, mich durch eine funfzehntagige Erweiterung der Kanikularferien meines Schadens hab' erholen mussen: solche Zungen-Kritikaster sollen hier beschamt werden durch den funfzehntagigen Lektionskatalog eines Mannes, dem man gern die Halfte seines Hundstags-Sabbats verkurzte.

Am ersten Hundstag musste die Klasse schriftlichen Rapport von den Personalien und Realien unserer Reise erstatten. Am zweiten korrigiert' ich den Rapport setzte die Korrektur am dritten fort und schloss die Zensur am vierten.

Den funften liess ich an einer Thiersheimer Flora arbeiten, den sechsten an einer dergleichen Fauna. Der siebente Tag ist uberall frei und des Herrn Ruhetag. Den achten wurde der Plan, gleichsam die DidosKuhhaut, zu einem neuen Idiotikon der Sechsamter auseinandergebreitet, und der geringste Bauer wurde durch die Lieferung eines einzigen Provinzialismus zum Mitarbeiter daran angenommen. Ein solcher Idiot hilft sich nur durch einen Idiotismus, den er Gelehrten zinset, wieder ein wenig aus seiner Verachtlichkeit auf. Da ich vor der ganzen Gemeinde unsern verreckten Wachtelhund ungescheuet anfasste, hinaustrug und einscharrte wie Prosektores gekopfte Kadaver handhaben , so nahm ich das allgemeine Erstarren uber meine Kuhnheit wahr und zugleich die allgemeine Verblendung; ein solcher Abstand aber zwischen dem Vorurteil und der Aufklarung macht es oft einem Gelehrten, der ihn fuhlet, sauerer, als man denkt, bescheiden zu sein.

Den neunten setzt' ich bloss aus Liebe zum Gymnasium mein Leben aufs Spiel oder auf den Spielteller. Der Mond setzte nachmittags, als er im Nadir stand, den Gussen einen kleinen Damm, und ich zog daher eilends mit meinem peripatetischen Auditorium, armieret mit geometrischem Heergerate, aus Thiersheim hinaus, des Vorhabens, Felder zu messen. Draussen war nun noch auf keinem geschnitten; und Boshafte sahen mir uberhaupt mit einer so langen anfeindenden Aufmerksamkeit nach welches mich auf Platos Diktum brachte, gegen einen Rechtschaffenen verschwure sich am Ende die ganze Welt , dass ich es nicht probieren wollte, einen Pfahl einzustecken. Zum Gluck lagen zwei Fleischersknechte unter entfernten Baumen auf Rainen im Schlafe. Ich sagte zu meinen Geometern (und zeigte auf die Metzger): 'Wir wollen leise die Weite zweier Orter oder Schlucker messen, zu deren keinem man kommen kann.' Wir nahmen auf dem Gemeindeanger alles in der grossten Sonnenferne von den zwei Schliffeln vor (man verzeihe: denn indignatio facit versus). Von fernen und still bohrt' ich selber den Messstab ein und setzte die Mensul in den zweiten Standort. Ich visierte nach dem Stabe und nach dem schlafenden groben Bloch A und nach dem andern Bloch B, liess den Abstand zwischen dem Stabe und Tische messen und verjungte ihn richtig auf letzterem. Kurz (denn Nichtfeldmessern wurd' ich doch nicht fasslich) wir kamen Wolfen, Kastnern und allen grossen Messern punktlich nach; und hatten endlich wirklich den zwei schnarchenden Grobianen A und B die Ehre angetan, die Schuss- und Brennweite zwischen ihnen akkurat (war nicht Kastner unser Flugelmann?) herauszumessen. Unglucklicherweise wollt' ich meinen Zoglingen die sinnliche Proba uber das Exempel vormachen und befahl Monsieur Fechsern, mit der Messschnur zum Fleischer A zu schleichen, indess ich mich mit dem Ende der Schnur zum Fleischer B hinaufmachte. Mein Fechser mochte (der Mensch kann nichts dafur) etwan, indem er sich mit der Schnur an den groben Knopf und Kopf A niederkauerte, mit dem Degen dessen Nase leicht uberfahren: kurz der Kerl fuhr wie ein Flintenschuss auf und schrie, da er mich uber seinen Schlafgesellen mit der Messschnur hereingeneiget erblickte, die ich an sein Gesicht applizieren wollte, seinem Raubergenossen zu: 'Michel! es verschnurt dir einer den Hals!' Urplotzlich erwacht der Wuterich B schnellet den Faust-Fallbock gegen mein zu tief hereinsehendes Angesicht fangt mich mit der andern Klaue wie mit einer Fussangel bei meinem Stiefel und wirft mich durch seinen Wurzelheber notwendig aus dem Gleichgewicht auf den Rain hin und wurde mich vermutlich maustot gemacht haben, waren mir nicht redliche Zoglinge gegen den Meuchelmorder beigesprungen.

Dem Unmenschen (ich meine seiner Moralitat) schaden meine passiven Prugel mehr als mir selber, da ich, als Martyrer der Geometrie, wie der altere Plinius als einer der Physik, nichts davon habe als Ehre; auch sauberte ich unterweges die Denkungsart meiner Leute uber die Ohrfeigen, indem ich ihnen bewies, dass diese nur bei den grossten Feierlichkeiten und Standeserhebungen bei Zeugschaften, Manumissionen, Freisprechungen der technischen Kornuten, bei Erhebungen aus dem Pagenstand im Schwange gewesen und noch sind.

Inzwischen mag die gelehrte Welt es diesem ZerFleischer (nicht mir) beimessen, wenn ich nachher aus naturlichem Scheu vor ahnlichen Misshandlungen Bedenken trug, von Haus zu Haus zu gehen und zum Vorteil der Landeshistorie (der wichtigsten Resultate zu geschweigen, die daraus zu ziehen waren) die Speichen der Weifen und Wagenrader und die Zacken der Querl zu zahlen, ferner die Zylinder der Dreschflegel und der Sonntagsstocke stereometrisch zu bestimmen man konnte dadurch freilich hinter die Krafte derer, die sie bewegen, kommen und die Gabelweite der Stiefelknechte durch die Longimetrie und die Untiefe der Essloffel und Suppenschusseln mit Visierstaben aus zu forschen, um aus der erstern auf die Grosse der Fusse, aus der letztern auf die Grosse der Magen die leichtesten Schlusse zu ziehen. Ohne die Schlage wurd' ich mich, ich gesteh' es, ganz gewiss dieser Muhe unterzogen haben; aber Behandlungen der vorigen Art und kleinere, wie die folgende, frischen wahrlich einen Gelehrten schlecht zur Landesgeschichte an. Ich teilte dem Wirte, als ich auf den Flachsrocken seiner Tochter hinsah, den guten Rat mit, von der Achse des Spinnrades ein dem Wegmesser ahnliches Rad treiben zu lassen, das die Umwalzungen des grossen Rades richtig auf einer Scheibe summierte. 'Er kann', setzt' ich hinzu, 'leicht wissen, wenn Er wieder nach Hause kommt, wie viel seine Tochter gesponnen und ob sie nicht gefaulenzet hat.' Darauf lachte mir das junge Ding ins Gesicht und sagte: 'Gimpel! das sieht ja der Vater schon am Garne.' Aber Gelehrten leg' ich obiges Projekt zum Beurteilen vor. Uberhaupt schrankte der Faustschlag des Fleischers meinen Eifer fur die Wissenschaften sehr ein. Ich hatte aus wichtigen Grunden vor, den inhaftierten Postdieb Mergenthal zu besuchen; aber ich versagt' es mir. Ich mache namlich nach meinen Kraften schon seit einigen Jahren ein ganz verwachsenes Feld der Landesgeschichte urbar: die Gerichtsplatze und Rabensteine; ich meine, ich werfe auf die Landesspitzbuben und Landesmorder die notigsten historischen Blicke und liefere aus dem peinlichen Potosi von Kriminalakten und Diebslisten einen und den andern Ausbeutetaler, weil ich mich uberhaupt uberrede, jeder Schulmann musse sich schamen, der nichts uber sein Land oder seine Stadt herausgibt. Sollte nicht jede Schuldienerschaft sich in die Aste der SpezialGeschichte teilen? Konnte nicht der Rektor die Spitzbuben bearbeiten und liefern, die Dekollierten, die Gehenkten? Konnte nicht jeder Unterlehrer seine besondere Landplage nehmen? Der Konrektor die Pestilenzen oder blossen Epidemien der Tertius die Viehseuchen der Kantor die Wassers der Quartus die Hungersnoten der Quintus die Feuersbrunste?

Mir also, als Malefikanten-Plutarch, wurd' es sehr wohl angestanden haben, ein historisches Subjekt, noch eh' es gehenkt wird, zu besichtigen; ich stellte aber denen, die mirs rieten, vor, ich fuhrte in den peinlichen Memoires, die ich unter der Feder hatte, die Geschichte eines armen Hofer Schullehrers auf, den ein Dieb, dem er einmal ein Almosen scheltend gereicht, in Leipzig als seinen Komplizen falschlicherweise angegeben, worauf der ehrliche Schulmann abgeholt, in Leipzig torquiert und mit Not dem Sprenkel des Galgens entrissen worden. Das konnte nun mehrerern rechtschaffenen Leuten begegnen es konnte mich z.B. der Delinquent Mergenthal, wenn ich ihn besuchte und ihn entweder durch mein Trinkund Saufgeld oder durch mein Gesicht aufbrachte, aus Bosheit denunzieren und aussagen, ich hatte gestohlen mit ihm. Wer haftete mir fur das Gegenteil, und wer nahme sich eines unschuldigen Rektors an, wenn ihn ein solcher Post und Ehrenrauber auf die Folter und Galgenleiter versetzet hatte?

Nachmittags kam endlich der sehnlich erlauerte Herr Pflegevater des Monsieur Fechsers vom Fichtelberge herab und konnte mir sagen, ob ich hinauf konnte, Wetters halber. Er hielt anfangs an sich, und dieser gelehrte Herr ausserte sich zuletzt (viel zu bescheiden) nur dahin: 'er sei wider Willen ein (Wetter-) Prophet in seinem Vaterlande: er konne weissagen, aber mehr auf ganze Quatember voraus als auf den nachsten Tag, so wie die vier grossen Propheten leichter eine fremde, erst in Jahrhunderten einfallende Hinrichtung erblickten als ihre eigne, die sich noch bei ihren Lebzeiten begab, oder so wie (eigne Ausdrucke dieses Gelehrten) der Mensch richtiger den Weg der Vorsehung auf Jahrtausende als auf Jahrzehente voraussagt. Uberdies; da wir (nach Kant) der Natur die Gesetze geben: so sei ihm wie dem Moralisten mehr daran gelegen, zu bestimmen, wie das Wetter (nach den einfachsten Prinzipien) sein sollte, als wie es wirklich sei, und er habe wohl nicht die Schuld, wenn es die besten Regeln ubertrete, die er feststelle.' Indessen verhielt mirs dieser meteorologische Augur doch nicht, dass es jetzt sich aufhelle. Auch trafs bis auf die kleinste Wolke ein: es will etwas sagen.

Inzwischen kam mirs nicht zustatten: der Herr Pflegevater des Monsieur Fechser eroffnete mir, dass ein anderer Gelehrter, Herr Konrektor Helfrecht aus Hof, das Fichtelgebirge, das ich bereisen und beschreiben wollen, schon vollig wortlich abgeschildert und in Kupfer gestochen habe. Da nun niemand weniger als ich irgendeinem Menschen ein Rad aus seinem Triumphwagen aushebt: so war ich auf der Stelle bereit, auf den Fichtelberg, den ich nun doch nicht mehr beschreiben kann, keinen Fuss zu setzen; vielleicht sticht mir das Schicksal irgendeinen andern Berg zum Postament und Pindus meiner Feder aus." Seit Herr Rektor Falbel jenes geschrieben, hat der gelehrte und rechtschaffene Mann, von dem ich mit ihm sprach, den Anfang zu seinem Werke geliefert; aber ich wunschte, er mochte seine mit einer so fleissigen, wahrheitsliebenden, kenntnisreichen und uneigennutzigen Punktlichkeit entworfene Ichnographie des erhabnen Natur-Festungswerkes, die einen wichtigern Beifall als meinen verdient, endlich ganz unter die Augen des Publikums bringen, damit ihn wenigstens der Unterschied zwischen dem Publikum und einer Stadt aufmunterte, wo man dem eignen individuellen Wohl nicht mehr schaden kann als durch (besonders padagogische) Verdienste ums allgemeine... Ich konnte ebensogut jede andere deutsche Stadt dafur setzen; denn nur vom Verdienste wird das Verdienst erkannt, und es gehoret oft mehr Patriotismus dazu, Verdienste zu belohnen, als sie zu haben. "Was mich ferner vom Fichtelberg herabgezogen hielt, war, dass unser metallenes Schwungrader-Werk zu stocken anfing, das Geld; um aber Fersen-Geld zu geben, muss man vorher Hand Geld haben, wie alle Regimenter wissen. Ja wir konnten nicht nur nicht vorwarts, sondern auch nicht einmal ruckwarts. Und als ich dem Wirte fruchtlos meinen Handschlag als ein Faustpfand und mein Ehrenwort als ein Expektanzdekret ehrlicher Bezahlung offerieret hatte: musst' ich nur froh sein, dass er meine Tochter als eine Pfandschaft und ein Grundstuck zum Versatz annahm und behielt, und ich hatte das Gluck, den Agyptern (den heutigen Kopten) zu ahnlichen, bei denen einer gegen Verpfandung seiner einbalsamierten Blutsverwandten schone Privatanleihen machen konnte. Ich fuhr daher auf dem leeren Kabriolett, so schnell als meine Klasse und mein Pferd laufen konnten, nach Hause und konnte sowohl der Eile als des Rasselns wegen nicht so viel dozieren, als man wunschen mochte. Hier hatte der Herr Pflegevater des Monsieur Fechsers die ungemeine Gute, mir fur eine schwache Beschreibung unserer muhsamen und lehrreichen Klassen-Reise einen Platz in seinen herrlichen Werken auszuleeren und einzuraumen und mir den Ehrensold dafur schon vor der Messe vorzuschiessen, damit ich mit dem Gratial meine versetzte Tochter beim Thiersheimer Wirte auslosete. Curate ut valeatis!"

5. Postskript

Wahrhaftig ich wollte mich anfanglich, so nahe an der Schlussvignette und dem Retraiteschuss des Buchs, noch mit den Lesern uberwerfen: man wird durch hundert Dinge aufgebracht, wovon ich nur zwei nenne. Erstlich dadurch, dass sie alle Bucher wie die Gebetbucher nur in der Not ergreifen, wie der Gasthof in Dover eine schone Bibliothek bloss fur Leute dotiert, die darin so lange lesen, als ungunstiger Wind blaset. Zweitens dadurch, dass sie schlecht lachen: ich weiss, der Nordpol verderbt den meisten Spass51, und die physische Kalte schadet dem Lachen so viel, als ihm die moralische nutzt. Aber mich krankt hier etwas im Namen des deutschen Reichs. Ich weiss besser als ein andrer, welches reiche Warenlager von schonen Materialien zum Lacherlichen dieses Reich ohne sein Wissen aufbehalt und welche Frachten von diesem satirischen Stoff ganz roh gegen alle Staatswirtschaft ins Ausland gehen, das uns nachher unsre eigne rohen Produkte, in Satiren verarbeitet, fur Sundengeld wieder verkaufet. Konnten wir denn nicht diese Satiren auf uns hier in Deutschland selber verfertigen, um doch den Schlagschatz einzustecken? Aber satirische Munzmeister werden schlecht aufgemuntert: wie die Fabriken auf die Gefasse von Semilor ein "s" einzeichnen mussen, um dasselbe vom wahren Golde zu unterscheiden: so muss ein solcher Munzer den Anfangsbuchstaben der Satire (auch ein, "s") uberall einhauen, weil das Publikum alles in der Welt eher versteht (sogar seinen Kant) als Spass, und dieses buchstabliche Signieren (damit das Publikum nicht aus Spass Ernst mache) verdirbt jedes Subjekt, es sei Schafwolle, oder Satire, oder eine Menschenstirne. Daruber wurde ich mit dem Ensoph der Lesewelt, dessen Hirnschale wie (nach dem R. Ismael im Talmud) die des rabbinischen Gottes dreissigtausend Meilen lang und breit ist, da die Beinchen der Schale wieder ganze Kopfe sind, daruber wurd' ich, sag' ich, mit diesem mystischen Riesen-Korper hier im Postskript unerschrocken angebunden haben, hatt' es meine Weichheit erlaubt...

Diese verbot es: hier unter der Schwelle, indem die Abendglocke meines Buches lautet, wurd' es mir wie eine zersplitternde Bleikugel im Herzen sitzen bleiben, wenn ich etwas anders etwan: leset wohl! zu den Lesern sagte als: lebet wohl! Beim Himmel! ich mag nicht: schon ein Mensch, der mit Sack und Pack aus einer Stadt in die andere zieht, machet fast mit allen Gassen Friede, eh' er in den Postwagen steigt; und drinnen denkt er noch dazu, indem er die offentlichen Zisternen und ihre Danaiden ansieht: hatt' ichs eher bedacht, ich ware geblieben.

Lebt also wohl! Vergebet mir, wenn ich, da an den Wagen meiner Psyche so verschiedene Pferde angeschirret sind, Englander, Polacken, Rosinanten, sogar Steckenpferde, wenn ich im Bundel so vieler Zugel fur einen ganzen Marstall zuweilen fehlgreife oder ermatte. Kommt recht frohlich wieder vor mein kunftiges Titelblatt! Ertragt Bucher, Menschen und euch! Und da der Stachel des lang vergangnen Unglucks noch in der Erinnerung sticht, wie der ausgerissene Stachel einer zerquetschten Wespe: so behaltet nichts im Gedachtnis als Autoren! Und ubrigens wunsch' ich euch einen kalten, aber blauen Morgen des Lebens, worin keine Blume zugeschlossen bleibt gegen zehn Uhr hin eine Wolke voll warmer Regentropfen in der Mittagshitze einen Seewind nachmittags die Sieste des Lebens und abends, und abends kein Gewitter, sondern eine sanfte Sonne und ein langes Abendrot hinter Nachtviolen und irgend jemand in der Finsternis....

Aber dich, du Geliebter, den ich am Ende jedes Buchs anrede, wie konnt' ich dich am jetzigen in dieser Stimmung anreden oder der Stimme antworten, die mich fragte: was wunschest du ihm?

Fussnoten

1 So heissen die Vampyren. 2 Varro bringt eine Zahl von 30 000 heidnischen Gottern zusammen. 3 So heisset bekanntlich das Furstentum, in welchem die Geschichte, die ich nun bald unter dem Namen Titan ediere, vorfallt. Daher kenn' ich den Kunstrat Fraischdorfer recht gut, er aber mich gar nicht. 4 Plutarch Sympos. 1. 9. qu. 6. 5 Der beste Maler in Topf-Stucken. 6 Ich equus cauda undique setosa er equus cauda extremo setosa. Linn. Syst. Nat. Cl. 1. Ord. 4. 7 Alle Parenthesen sind meine Zusatze und erlautern den Kunstrat. 8 Den Mangel an Wirkung teilen die niedrigsten Kunstwerke mit den vollkommensten, so wie die Unempfindlichkeit nach Montaigne oder die Unwissenheit nach Pascal gerade an zweierlei Menschen ist, an den niedrigsten und an den edelsten, angeboren bei jenen, muhsam erworben bei diesen. 9 Man schlage allemal zur fruhern Fortsetzung zuruck, um den Zusammenhang zu finden. 10 Winkelmanns Anmerk. uber d. Baukunst. K. 1. S. 10. 11 in der zum Siebenkas. 12 Nach Buffon geben die zerteilten Zehen uns deutliche Begriffe, und daher ist der ungegliederte Fisch so dumm. 13 Siebenkas, Tl. 1. 14 Wie verschiedene Blumen tun, z.B. die Ahrennelke. 15 Unter der Bildung, die man den Tochtern "burgerlicher Herkunft" so grausam entzieht und bei der Hermes und Campe nicht einsehen, wie sie nachher noch die Heloten fur uns Sparter bleiben konnen, versteh' ich nicht elende franzosische oder musikalische Klimperei, sondern alles, was aus der Naturgeschichte, Physik, Philosophie, Geschichte aus den schonen Kunsten und Wissenschaften und aus der Sternkunde fur den ewigen Menschen und nicht fur den Virtuosen gehort. Ich lasse uber diese Materie ein Werk aus meiner Feder hoffen. 16 Lykanthropen sind Menschen, die sich in Wolfe umzaubern. 17 Ein unaufloslicher Nebelfleck ist ein ganzer in unendliche Fernen zuruckgeworfener Sternenhimmel, worin alle Glaser die Sonnen nicht mehr zeigen. 18 Diese Erzahlung steht schon im Dezemberstuck des deutschen Museums von 1788; aber seit dieser Zeit hab' ich sie so verandert wie mich selber. 19 Die blaue Farbe der Luft muss im Monde dunkler sein, weil diese dunner ist, so wie beides auf Bergen zutrifft. 20 Ein Universitatsbier. 21 Ich will nur einige diesem Peter nachschreiben, die sonst beim Aufkeimen der Universitaten alle galten: z.B. ein Student kann den Burger zwingen, ihm Haus und Pferd zu vermieten, ein sogar seinen Verwandten zugefugter Schade wird vierfach ersetzt; er braucht keine schriftlichen Befehle des Papstes zu vollziehen, die Nachbarschaft muss ihm fur das haften, was ihm gestohlen worden; wenn er und zugleich ein Nichtstudent anstossig lebten, so konnte nur der letztere aus dem Miethause gewiesen werden; ein Doktor muss einen armen Studenten nahren; wenn sein Morder nicht entdeckt wird, so bleiben die nachsten zehn Hauser unter dem Interdikt; seine Legaten werden durch die falcidia nicht verkurzt etc. 22 wie im Staate. 23 Dieser Bitte gab man in Erlang Gehor. Die dasige Bibelanstalt fand statt der 116301 A, die der Quintus anfangs mit solcher Gewissheit im Bibelwerke gefunden haben wollte (daher auch diese falsche Angabe in die erste Edition dieses Buchs p. 81 wirklich kam), die besagten 323015 welches (ungemein sonderbar) gerade die Summe aller Buchstaben im Koran uberhaupt ist. S. Ludekes Beschr. des turk. Reichs. Neue Auflage 1780. 24 Paravicini singularia de viris claris. Cent. 1. 2. 25 Ejusd. Cent. II. 18. Philelphus zerfiel mit dem Griechen uber das Mass einer Silbe, der Preis oder die Wette war der Bart des Besiegten Timotheus bussete seinen ein. 26 Ihr Gebetradlein, Kurudu, ist eine hohle Kapsel voll aufgerollter Betformeln, die geschwenkt wird und dann wirkt. Philosophischer genommen, ists, da beim Gebet nur die Gesinnung in Anschlag kommt, einerlei, ob sie sich durch Bewegung des Mundes oder der Kapsel aussert. 27 Die er von seiner Petersinsel im Bielersee liefern wollte. 28 Entlehnt von der k. k. Bergwerks-Produkten-Verschleiss-Kommission in Wien; sogar in Namen zeigt der Wiener Geschmack. 29 Da wir jetzt nach den vorliegenden Akten auf keine andere Prasumtion bauen konnen als auf die, dass er im zweiunddreissigsten Jahre abstirbt: so konnte ihm, im Falle er zweiunddreissig Jahre nach dem Tode der Erblasserin sturbe, gar kein Heller abgereicht werden, weil er nach unserer Fiktion bei Abfassung des Testamentes nicht einmal ein Jahr alt gewesen ware. 30 In der Paulskirche zu London, wo der kleinste Laut uber einen Raum von 143 Fuss hinubertont. 31 So viel braucht man nach den Politikern jahrlich in Deutschland. 32 Dieser sonderbare Ton, aus dem ich mit einem Fursten spreche, wird nur durch ein ebenso sonderbares Verhaltnis entschuldigt, in dem der Biograph mit dem Flachsenfinger Fursten steht, und das er hier gern entdecken wurde, wenn ich der Welt nicht alles schon in meinem Buche, das ich ihr unter dem Titel Hundsposttage 1795 zu Ostern schenken werde, deutlich genug zu enthullen hoffte. 33 dessen geistliches Recht p. 551. 34 Eichhorns Einleit. ins A. T. 2. T. 35 Der Aberglaube nimmt an, auf der Stelle, wo der Regenbogen aufstehet, sei eine goldne Schussel. 36 Dem Fruhling namlich, der mit weissen Schneeblumen anfangt, und mit Rosen und Nelken schliesset. 37 Dieser christliche Aberglaube ist nicht bloss ein rabbinischer, sondern auch ein romischer. Cicero de Senectute. 38 Denn funfzehn Personen machen nach den Juristen schon eines. 39 Hier ist eine lange philosophische Erlauterung unentbehrlich, die man unter dem Titel Naturliche Magie der Einbildungskraft in diesem Buche antrifft. 40 Ein kleines, mit Drucklettern gesetztes Manuskript, womit er wenig andere als Fursten beschenkt. Diese Druckschrift flosset er vorsichtig als eine Handschrift den Grossen ein, weil diese mehr und lieber Geschriebenes als Gedrucktes lesen. 41 Linne legte in Upsal eine Blumenuhr an, deren Blumen durch ihre verschiedenen Zeiten, einzuschlafen, die Stunden sagen. 42 Mumien. 1. T. S. 278. 279. 43 Ohne die Erwagung des Geistes, der schuf, war' es nur halb gefiele, wenn wir wussten, er hatte sie von Wort zu Wort aus irgendeinem wirklichen Zufall, Protokoll, Dialoge ausgeschrieben. 44 Die hiezu gehorige Note will ich, weil der Mensch glaubt, er musse Noten schneller und kalter lesen, nachher in den Text versetzen. 45 Der zweite oder zwanzigste ware der Demant, den der Magnet zieht und der, gerieben, selber den Mastix zieht und der aus dem Orient ein Nichtleiter ist, und aus Brasilien ein Leiter. 46 Die Troglodyten und Schaltiere der Museen, wie Falbel, teilen alle Menschen in geraumige Logen ab z.B. den hohen, niedern, Land-, Stadt-Adel, den Adel im Dienst, bei Hofe, in Amtern teilen sie in lauter Edelleute ein. 47 Ist unter den Schulern jeder Klasse der frere servant. 48 Es ist mein Pflegsohn, ich losche aber hier mit Recht Lobspruche weg die der Herr Rektor wohl nur meinem Stande und dem Zufalle entrichtet, das ich fur das Gymnasium einen Schuler mehr dotiere und apanagiere. Auf allen kunftigen Blattern des Programms, wo ich vorkomme, will ich Falbels Titulaturen wegstreichen und dafur in den Text setzen: Herr Pflegva49 So schreib' ich Satire, weil diese nach Casaubon vom Wort Satura herkommt, d.h. eine Schrift von buntscheckigem Inhalt; daher lanx satura eine Kompotiere mit allerlei Obst. 50 Doch hier ist das bessere Original: nunquam inutilis est opera civis boni; auditu enim, visu, vultu, nutu, obstinatione tacita incessuque ipso prodest. 51 Nach Flogels Bemerkung nimmt das Lachen immer mehr ab, je naher die Menschen den Polen wohnen. Auf den zwei Polen konnten also zwei Kato, der altere und der jungere, sitzen. Aber die Skurrilitat der Gronlander und Kamtschadalen entkraftet jenen Satz.