Ludwig Tieck
William Lovell
Erstes Buch
1
Karl Wilmont an seinen Freund Mortimer in London
Bondly in Yorkshire, am 17. Mai
Wie kommt es denn in aller Welt, dass Du nicht schreibst? Hundert Mutmassungen sind mir schon durch den Kopf geflogen, aber auch nicht eine hat eine bleibende Stelle finden konnen. Bald halt ich Dich fur tot, bald fur verreist, bald glaub ich Dich irgendwodurch erzurnt zu haben, bald Deine Briefe auf der Post verloren. Doch, wie gesagt, von allem kann ich nichts glauben. Oder bist Du etwa auch ein Uberlaufer geworden, und hast zur schwarzen Fahne der traurigen, langweiligen Ernsthaftigkeit geschworen? Es sollte mir leid um Dich tun; aber wenn Du mir nicht launige Briefe schreiben willst, so schicke mir wenigstens ernsthafte: doch, wie gesagt, ich will es nicht von Dir hoffen, denn Du bist wie dazu geboren, aus Deinem ganzen Leben einen Scherz zu machen, und in der Laune, wie in Deinem Elemente zu leben. Ich habe noch bei niemand diese gluckliche Mischung des Temperaments gefunden, die ihn mit vollen Segeln uber die tanzenden Wellen hinfuhrt, indes ihm die zeitlichen Sorgen schwer, unbeholfen jemals einzuholen. Ich schreibe Dir diesen Brief als eine Bittschrift, oder als eine Kriegserklarung, antworte mir freundschaftlich oder ergrimmt nur schreib! Sei traurig, wehmutig, grossherzig, kriegerisch, lustig, ernsthaft; lobe, tadle verachte, schimpfe mich nur schreib!
Nach dieser pathetischen Anrufung bleibt mir nun nichts weiter ubrig, als meinen eigentlichen Brief anzufangen, der Dir also vors erste sagen mag, dass ich hier in dem angenehmen Bondly noch gesund und wohl bin, dass ich an Dich denke, dass ich Dich zu sehn wunsche, dass London nicht Bondly und Bondly nicht London ist, und dass, wenn ich diesen Brief in dieser Manier zu schreiben fortfahre, Du ihn schwerlich zu Ende lesen wirst.
Nicht wahr, Du siehst mir das langweilige Leben hier auf dem Lande schon an? So abgetrieben war mein Witz nicht, als ich in euren lustigen Gesellschaften in London war, wo Wein, Gesang, Tanz und Kusse von den reizendsten Lippen uns begeisterten, wo unsre Laune mit sechs muntern Pferden uber die ebne Chaussee des Leichtsinns und der Vergessenheit aller Wichtigkeiten und Armseligkeiten dieses Lebens dahinrollte nun, wir werden uns wiedersehn! Hier komm ich mir vor wie eine Schnecke, die nur immer furchtsam mit halbem Leibe ihre Behausung verlasst, und langsam und schwerfallig von einem Grashalme zum andern kriecht; zwar ist die Gegend sehr schon, der Garten angenehm, auch veranstaltet uns der Himmel manchen prachtigen Sonnenuntergang- aber was ist eine Gegend, sei sie noch so schon, ohne Freunde, die unsre Freuden mit geniessen? nichts als ein Rahm ohne Gemalde: wir sehen nur die Veranlassung, die uns vergnugen konnte. So leb ich hier einen Tag fort, wie den andern, zuweilen bekommen wir Besuche und erwidern sie und so leben wir im ganzen nicht unangenehm. Wenn nur das ewige Einerlei nicht ware!
Mein bestandiger Gesellschafter ist William Lovell, der lebhafte, muntre Jungling, den Du im vorigen Jahre einigemal in London sahst, er ist zum Besuche seines Busenfreundes Eduard Burton hier. William ist ein vortrefflicher junger Mann, der mir noch viel teurer sein wurde, wenn er nur einmal erst neben mir festen Fuss fassen wollte; aber er gedeiht in keinem Boden. Kein Adler steht mit dem Ather und allen himmlischen Luften in so gutem Vernehmen, als er; oft fliegt er mir so weit aus den Augen, dass ich ganz im Ernste an den armen Ikarus denke mit einem Wort: er ist ein Schwarmer. Wenn ein solches Wesen einst fuhlt, wie die Kraft seiner Fittige erlahmt, wie die Luft unter ihm nachgibt, der er sich vertraute so lasst er sich blindlings herunterfallen, seine Flugel werden zerknickt, und er muss nachher in Ewigkeit kriechen.
Es mag an feuchten Abenden, besonders fur einen Mann im Amte, recht angenehm sein, einen weiten warmen Mantel zu tragen aber wenn man ihn nie ablegen sollte, wenn man ihn zum Schlafrocke und zum Jagdkleide brauchen musste, so mocht ich dafur lieber bestandig in meinem schlichten Fracke gehn. Der Trank der Hippokrene mag ein ganz gutes Wasser sein, aber sich damit den Magen zu erkalten und ein Fieber zu bekommen, kann doch so etwas besonders Angenehmes nicht sein. Es gibt aber Leute, die sich fur die entgegengesetzte Meinung totschiessen liessen; und unter diesen steht William wahrhaftig nicht im letzten Gliede. Wir haben sehr oft unsre kleinen Disputen daruber, und was das schlimmste ist, so werd ich jedesmal aus dem Felde geschlagen; aber ganz naturlich, denn wenn ich etwa nur Lust habe, mit leichter Reiterei zu scharmutzieren, so schiesst er mir mit Vierundzwanzigpfundern unter meine besten Truppen: wenn sich zuweilen nur ein paar Husaren von witzigen Einfallen an ihn machen wollen, so schleppt er mit einem Male einen ganzen Train schwerer Allgemeinsatze herbei, als: Lachen sei nicht der Zweck des Lebens, unaufhorliche Lustigkeit setze einen Mangel aller feinern Empfindung voraus, u.s.w. Oder er zieht sich unter die Kanonen seiner Festung, seufzt und antwortet gar nicht.
Du wirst gewiss fragen: was den unbefangenen, leichtherzigen William zu einem so schwermutigen Traumer gemacht habe? Ich will Dir die Ursache entdecken, ob er gleich gegen sich selbst geheim damit tut er ist verliebt! Liebe, die den Menschen froher, glucklicher machen, die seinen Ellenbogen einen Zentner Kraft zusetzen sollte, um alle Sorgen aus dem Wege auf die Seite zu stossen: die Liebe o Himmel! was hat die Liebe nicht schon in der Welt Boses getan?
Wenn noch irgendein Stuck von dem ehemaligen Mortimer an Dir ist, so wett ich, Du wirst wissen wollen, wer denn die allmachtige Sonne sei, die mit ihren brennenden Strahlen das Herz des armen William niemand anders, als meine Schwester. Sie hat gewiss seine Liebe bemerkt, aber er scheint es nicht bemerkt zu haben, dass ihr diese Bemerkung nicht missfallen hat, denn es fehlt nur wenig, so liebt sie ihn wieder. Es gibt die lacherlichsten Szenen, wie er ihr oft im Garten ausweicht und sie emsig in der nachsten Allee wieder sucht, wie sie Stunden lang miteinander zubringen, ohne fast nur eine Silbe zu sprechen; wie er seufzt und sich wunder wie unglucklich fuhlt, dass sie sich ihm nicht freiwillig in die Arme wirft; um kurz zu sein: er ist unglucklich, weil er glucklich ist aber auch wieder glucklich, weil er an Ungluck Uberfluss hat, denn glaube mir nur, er wurde seine poetischen Leiden um vieles Geld nicht verkaufen.
Plotzlich kam die Nachricht: meine Schwester solle von hier abreisen. Ihr Besuch bei mir und beim alten Burton war so immer schon von einer Woche zur andern verlangert; der Barometer stieg um viele Grade und immer mehr, je naher es dem Tage der Abreise kam. Fast jedermann bemerkte seine Schwermut, er behauptete aber jedem mit einer kecken, verdrossenen Traurigkeit ins Gesicht: er ware noch nie so aufgeraumt gewesen. Er machte sich itzt zuweilen an mich, und ging auf den Spaziergangen lange neben mir auf und ab; ich furchtete immer, plotzlich in die Rolle eines Vertrauten geworfen zu werden, und unter Bedrohung des Totschlages, des Untergangs der Welt, oder einer ahnlichen Kleinigkeit, ein offentliches Geheimnis zu erfahren; aber nein, ich hatte geirrt, dazu hatt ich wenigstens vorher mein Probestuck in Seufzen und Weinen ablegen mussen. Mit einer so erzwungenen Kalte, dass ihm fast die Tranen in den Augen standen, fragte er mich: ob ich meine Schwester nicht zu Pferde begleiten wurde? nun merkte ich, wo er hinauswollte. Er wunschte, ich mochte meine Schwester einige Meilen begleiten, damit er einen Vorwand haben konnte, mitzureiten. Es hat mich wirklich geruhrt, dass ihm an dieser Kleinigkeit so viel lag, er ist ein sehr guter Junge ich sagte sogleich ja, und bat ihn selbst um seine Gesellschaft. Morgen reiten wir also.
Sind die Menschen nicht narrische Geschopfe? Wie manches Ungluck in der Welt wurde sich nicht ganz aus dem Staube machen und sein Monument bis auf die letzte Spur vertilgt werden wenn nicht jeder sorgsam selbst ein Steinchen oder einen Stein auf die grosse Felsenmasse wurfe bloss um sagen zu konnen: er sei doch auch nicht mussig gewesen, er habe doch das Seinige auch dazu beigetragen? Gingen wir stets mit uns selbst gerade und ehrlich zu Werke, liessen wir uns nicht so gern von kranklichen Einbildungen hintergehn, glaube mir, die Welt ware viel glucklicher und ihre Bewohner viel besser. Aber denkst Du, dass ich es wage, ihm so etwas zu sagen? Nie. Sonderbar, dass ein Mensch vorsatzlich einschlafen kann, und sich nachher nicht aus seinen Traumen will wekken lassen, weil er sich schon wachend glaubt und ihn mit kaltem Wasser zu begiessen, halt ich fur grausam.
Du siehst, wie mir die Landluft bekommt, ich, ich fange an zu moralisieren doch, auch das gehort unter die menschlichen Schwachen, und irgend eine Abgabe zur allgemeinen Kasse der Menschlichkeit muss doch jeder brave Erdenburger einreichen.
Gott schenke Dir ein recht langes Leben, damit ich mir keinen Vorwurf daraus zu machen brauche, dass ich Dir durch einen langen Brief so viel von Deiner Zeit genommen habe; doch willst Du mein Freund bleiben, so soll es mich eben nicht sehr gereuen, noch hinzuzusetzen, dass ich bin
Der Deinige.
Nachschrift. Soeben lese ich meinen Brief noch einmal durch und bemerke mit Schrecken, dass ich Dir einen Bundel Stroh schicke, in welchem Du, mit Shakespeare zu reden, auch nicht ein einziges Korn finden wirst. Ich setzte mich namlich nieder, Dir zu schreiben, dass meine Schwester nach London zuruckgeht und dass Du sie nun also kannst kennenlernen; dass ich nicht nach London reise, weil es der alte Burton ebenso ungern als sein Sohn sehen wurde der alte Mann scheint an meiner Gesellschaft Geschmack zu finden und wer weiss, ob ich es auch ausserdem getan haben wurde.
Wieso? hor ich Dich fragen. Konnt ich nun den Brief nicht schliessen, und Dich mit Deiner Frage im offnen Munde stehnlassen und das Petschaft besehn? Hattest Du nicht Gelegenheit, in einem Briefe an mich Deinen Scharfsinn zu zeigen und mir tausend Erklarungen zu schicken, ohne auch nur der wahren mit einer Silbe zu erwahnen?
Der junge Burton (der wirklich ein vortrefflicher Jungling ist; schade, dass ich zeitlebens nicht so sein die zugleich die Tochter des Alten ist
Sei nur ruhig, ich werde nie in die Grube fallen, die sich Lovell gegraben hat!
Ich habe mir ernsthaft vorgenommen, dass es keine Liebe werden soll denn sieh, wie schon das zusammenhangt! denn mein Vermogen ist gegen das ihrige viel zu geringe.
Du lachst? Und wurde die Welt nicht uber Dich lachen, wenn Du den Zusammenhang hier vermisstest?
Auch William Lovell kommt nachstens nach London, und darum bilde Dir ein, dass ich so viel von ihm geschrieben haben konnte
Ich bin noch einmal (denn so etwas kann man nicht zu oft sein) Dein zartlichster Freund.
Karl Wilmont.
2
William Lovell an Eduard Burton
am 18. Mai
Ich schreibe Dir, Eduard, aus einem Wirtshause hinter York, es ist Nacht und Karl schlaft im Nebenzimmer alles umher ist feierlich und still, die Glocke eines entfernten Dorfes tont manchmal wie Grabgelaute zu mir heruber.
Einsam sitz ich hier, wie ein Elender, der aus einem goldenen Traume in seiner engen Hutte erwacht. Die schmelzenden Akkorde der Symphonie sind geschlossen, das Theater ist zugefallen, ein Licht nach dem andern erlischt. In diesem Gefuhle schreib ich Dir, Freund, Bruder, meine Seele sucht Teilnahme und findet sie bei Dir am reinsten und warmsten.
Ich bin nie so aufmerksam, als in diesen Augenblicken, darauf gewesen, wie von einem kleinen Zufalle, von einer unbedeutenden Kleinigkeit oft die Wendung unsers Charakters abhangt. Ein unmerklicher Schlag richtet und formt unsern Geist oft anders; wer kennt die Regeln, nach denen unser schutzender Genius umgewechselt wird? Eduard, eine dunkle, ungewisse Ahnung hat mich befallen, als sei hier, in mir ist, als sah ich meinen guten Engel weinend von mir Abschied nehmen, der mich nun unbewacht dem Spiel des Verhangnisses uberlasst als sei ich in eine dunkle Wuste hinausgestossen, wo ich unter den dammernden Schatten hin und wider schwankende feindselige Damonen entdecke.
Ja, Eduard, spotte nicht meiner Schwache, ich bin in diesen Augenblicken aberglaubig wie ein Kind, Nacht und Einsamkeit haben meine Phantasie gespannt, ich blicke wie ein Seher in den tiefen Brunnen der Zukunft hinab, ich nehme Gestalten wahr, die zu mir emporsteigen, freundliche und ernste, aber ein ganzes Heer furchtbarer Gebilde. Der ebne Faden meines Lebens fangt an, sich in unauflosliche Knoten zu verschlingen, uber deren Auflosung ich vielleicht vergebens meine Existenz verliere.
Bis itzt ist mein Leben ein ununterbrochner Freudentanz gewesen, kindlich habe ich meine Jahre verscherzt und mich lachend der fluchtigen Zeit uberlassen, in der hellen Gegenwart genoss ich und weidete mich an Traumen einer goldenen Zukunft, in der glucklichsten Beschranktheit liebt ich Gott wie einen Vater, die Menschen wie Bruder und mich selbst als den Mittelpunkt der Schopfung, auf den die Natur mit allen ihren Wohltaten ziele. Itzt steh ich vielleicht auf der Stufe, von wo ich in die Schule des Elends mit ernster Grausamkeit verwiesen werde, um mich vom Kinde zum Manne zu bilden: und werd ich glucklicher sein, als ich war, wenn ich vom harten Unterrichte zuruckkehre?
Und hab ich denn ein Recht uber mein Ungluck zu klagen? und bin ich wirklich unglucklich? Liebt mich denn Amalie, ist sie mein, dass mich ihre Entfernung traurig machen darf? Bin ich nicht der Sohn eines zartlichen Vaters, der Freund eines edlen Freundes? und ich spreche von Elend? Wozu dieser Eigensinn, dass ich mir einbilde, nur sie sei meine Seligkeit? Ja, Eduard, ich will meiner Schwache widerstehn, aber Sehnsucht und Wunsche sind nicht Verbrechen. Ich will nicht mit dem Schicksal rechten, aber Klagen sind der Schwache des Menschen vergonnt; wer noch nie seufzte, hat noch nie verloren.
Wie ein Gewicht druckt eine angstliche Beklemmung meine Brust, wenn ich an die wenigen glucklichen Tage in Bondly zuruckdenke, und damit die lange, lange freudenleere Zukunft vergleiche. Die Liebe zeigte mir das Licht, das Morgenrot schwang durch den Himmel seine purpurrote Fahne, alle Berge umher gluhten und flammten im freudenreichen Scheine itzt ist die Sonne wieder untergesunken, eine ode Nacht umfangt mich. Ich habe meinen lieben Gefahrten verloren und rufe durch den dunkeln Wald vergeblich seinen Namen, ein hohles Echo wirft mir ihn ohne Trost zuruck, die weite einsame Leere kummert sich nicht um meinen Jammer. Ein schneidender Wind blast schadenfroh uber mein Haupt dahin und schuttelt das letzte Laub von den Baumen. Schwarz war die Nacht und dunkle Sterne brannten, Durch Wolkenschleier matt und bleich, Die Flur durchstrich das Geisterreich, Als feindlich sich die Parzen abwarts wandten Und zornge Gotter mich ins Leben sandten. Die Eule sang mir grause Wiegenlieder Und schrie mir durch die stille Ruh Ein grassliches: Willkommen! zu. Der bleiche Gram und Jammer sanken nieder Und grussten mich als langst gekannte Bruder. Da sprach der Gram in banger Geisterstunde: Du bist zu Qualen eingeweiht, Ein Ziel des Schicksals Grausamkeit, Die Bogen sind gespannt und jede Stunde Schlagt grausam dir stets neue blutge Wunde. Dich werden alle Menschenfreuden fliehen, Dich spricht kein Wesen freundlich an, Du gehst die wuste Felsenbahn, Wo Klippen drohn, wo keine Blumen bluhen, Der Sonne Strahlen heiss und heisser gluhen. Die Liebe, die der Schopfung All durchklingt, Der Schirm in Jammer und in Leiden, Die Blute aller Erdenfreuden, Die unser Herz zum hochsten Himmel schwingt, Wo Durst aus selgem Born Erquicken trinkt, Die Liebe sei auf ewig dir versagt. Das Tor ist hinter dir geschlossen, Auf der Verzweiflung wilden Rossen Wirst du durchs ode Leben hingejagt, Wo keine Freude dir zu folgen wagt. Dann sinkst du in die ewge Nacht zuruck!
Sieh tausend Elend auf dich zielen,
Im Schmerz dein Dasein nur zu fuhlen! Ja erst im ausgeloschten Todesblick Begrusst voll Mitleid dich das erste Gluck. Ich komme mir in vielen Momenten wie ein Kind vor, welches jammert, ohne selbst zu wissen, woruber. Ich komme soeben von einem kleinen Spaziergange aus dem Felde zuruck: der Mond zittert in wunderbaren Gestalten durch die Baume, der Schatten flieht uber das Feld und jagt sich hin und her mit dem Scheine des Mondes; die nachtliche Einsamkeit hat meine Gefuhle in Ruhe gewiegt, ich sehe mich und die Welt gemassigter an und kann itzt mein Ungluck nur in mir selber finden. Ich ahne eine Zeit, in welcher mir meine jetzigen Empfindungen wie leere Traume vorschweben werden, wo ich mitleidig uber diesen Drang des Herzens lachle, der itzt meine Qual und Seligkeit ist und soll ich es Dir gestehen, Eduard? Diese Ahnung macht mich traurig. Wenn dieses gluhende Herz nach und nach erkaltet, dieser Funke der Gottheit in mir zur Asche ausbrennt und die Welt mich vielleicht verstandiger nennt was wird mir die innige Liebe ersetzen, mit der ich jetzt die Welt umfangen mochte? Die Vernunft wird die Schonheiten anatomieren, deren holder Einklang mich itzt berauscht: ich werde die Welt und die Menschen mehr kennen, aber ich werde sie weniger lieben sobald man die Auflosung zum sinnreichsten Ratsel gefunden hat, erscheint es abgeschmackt.
Mein Brief scheint mir itzt ubertrieben, ich mochte ihn zerreissen, ich bin unwillig auf mich selbst aber nein, ich will mir meine Beschamung vor Dir nicht ersparen. Ich will Dir daher auch gestehen, dass, indem ich schrieb, eine Art von Trost fur mich in dem Bewusstsein lag, dass ich auch Dich nun bald verlassen musse; dadurch schien mir meine Bitterkeit gegen mein Schicksal gerechtfertigt. Doch itzt sind alle diese Traume verschwunden, itzt fuhl ich es innig, dass Du meiner Existenz unentbehrlich bist, aber ebenso tief empfind ich es auch, dass mir das Andenken an Amalien nie wie ein truber Traum erscheinen wird, in einem Momente nur konnte mich diese Ahnung hintergehn ihre Gegenliebe wurde mich unaussprechlich glucklich machen. Nie werde ich den Blick vergessen, mit dem sie mich so oft betrachtet hat, die holdselige Gute, mit der sie zu mir sprach, alles, alles hat sich so in alle meine Empfindungen verflochten, so innig bis an meine fruhesten Erinnerungen gereiht, dass ich nichts davon verlieren kann, ohne an Gluck zu verlieren. Ach, Eduard wenn sie mich liebte! Mein volles Herz will vor Wehmut bei dem Gedanken zerspringen wenn sie mich liebte warum bin ich dann nicht an ihren Busen gesunken warum sitz ich dann hier und schreibe nieder, was ich empfinde und empfinden konnte? Als der freie Platz im Walde kam, wo wir Abschied nehmen wollten alle Baume und Hugel schwankten um mich her eine unbeschreibliche Angst drangte und wuhlte in meinem Busen der Wagen wollte halten, ich liess ihn weiterfahren und so immer in Gedanken von einem Baume zum andern fort immer noch eine kurze Frist gewonnen, in der ich sie sah, in der ich den Klang ihrer Stimme horte endlich stand der Wagen. Wir stiegen ab. Sie umarmte ihren Bruder lange Zeit, ich nahte mich zitternd, ich wunschte diesen Augenblick im Innersten meines Herzens voruber, sie neigte sich mir entgegen, ich schwankte und sahe sie an ich war im Begriffe in ihre Arme zu sturzen ich bog mich ihr entgegen und kusste ihre Wange eine eisige Kalte uberflog mich der Wagen rollte fort.
Da wurzelte mein Auge in das Gras, es schwarmte in dem Laub der Baume, und alles schien mir gruner und glanzender, von den Strahlen ihrer letzten Blicke beleuchtet. Ich atmete tief auf, und hatte von Baumen und Gras diesen Geist, der mich anglanzte, in mich ziehen mogen.
Bei einer Waldecke sah sie noch einmal mit dem holden gottlichen Blicke zuruck o mir war's, als wurd ich in ein tiefes unterirdisches Gefangnis geschleppt.
Warum hab ich ihr nicht gesagt, wie viel sie meiner Seele sei? Wenn ich ihren letzten Blick nicht missverstand war es nicht Schmerz, Traurigkeit, die daraus sprachen? aber vielleicht fur ihren Bruder? Doch die Innigkeit, mit der sie mich betrachtete? Oh, eine schreckliche Unruhe jagt das Blut ungestumer durch meine Adern!
Itzt schlaft sie vielleicht. Ich muss ihr im Traume erscheinen, da ich so innig nur sie, nur sie einzig und allein denken kann. Bald kommt sie nun in London an, macht Bekanntschaften und erneuert alte, man schwatzt, man lobt, man vergottert sie, schmeichlerische Lugner schleichen sich in ihr Herz und ich bin vergessen! Kein freundlicher Blick wendet sich zu mir in die Einsamkeit zuruck, ich stehe dann da in der freudenleeren Welt, einer Uhr gleich, auf welcher der Schmerz unaufhorlich denselben langsamen, einformigen Kreis beschreibt.
Ihr Bruder Karl lachelte als wir zuruckritten. Ich hatte weinen mogen. Oh, warum mussen denn Menschen so gern uber die Schmerzen ihrer Bruder spotten? Wenn es nun auch Leiden sind, von denen sie keine Vorstellung haben, oder die sie fur unvernunftig halten, sie drucken darum das Herz nicht minder schwer. Ich bedurfte Mitleid, ein empfindendes Herz und ein spottendes Lacheln, eine kalte Verachtung oh, Eduard, mir war, als klopft ich, im Walde verirrt, an eine Hutte, und nichts antwortete mir aus dem verlassenen Hause, als ein leiser, oder Widerhall.
Lebe wohl. Ich will itzt gleich auf einige Tage meine Tante Buttler in Waterhall besuchen grusse Deine liebe Schwester und verzeih mir meine Schwache: doch ich kenne ja Dein Herz, das alle Leiden der Menschheit mitempfindet, uber nichts spottet, was den Mut des schwachern Bruders erschuttert, das sich mit den Frohlichen freut und mit den Weinenden weint.
3
Der alte Willy an seinen Bruder Thomas, Gartner in
Waterhall
Bondly.
So wie ich's vernommen, so halt sich ja jetzt mein lieber junger Herr auf Deinem Gute auf. Bewirte ihn recht ordentlich und ich will es ansehen, als ware es dem alten Willy geschehn. Er ist also, wie gesagt, entweder schon da, oder er wird noch hinkommen, zu Pferde sass er wenigstens schon vorgestern, und das so hubsch und geschickt, als nur ein Mensch in den drei Konigreichen zu Pferde sitzen kann, der ein Frauenzimmer begleiten will, das in einer Chaise nach London fuhr. Wie gesagt, Fraulein Malchen ist vorgestern also auch abgereist. So wird's nun nach und nach bei uns leer, aber der lustige Herr Wilmont ist gestern schon mit seinem Schimmel zuruckgekommen, er war ordentlich etwas mude und hatte nebenher ein Eisen verloren.
Der alte Toby hier im Dorfe ist nun endlich wirklich gestorben, von dem wir es immer schon vor 20 Jahren zusammen prophezeiten, und ich dachte dabei an Dich, guter Tom, denn Du bist fast ebenso alt, als noch einmal einen kleinen Vorschuss tun, wie vor zehn Jahren, als Du die grosse Krankheit hattest und ich immer des Nachts so viel fur Dich beten musste. Dafur rechne ich nun aber auch auf Dich, was das Beten anbetrifft, vollends da ich nun bald in fremde Lander komme, wo man meine Sprache nicht mehr versteht.
Ja, lieber Tom, Du kannst Dich immer wundern, ging es mir doch um kein Haar besser und ich hatt es doch schon vorher gewusst. Ich soll mit meinen alten Augen noch fremde Lander sehn Italien, Frankreich je nun, wenn's nur nicht in die Turkei geht, solange ich noch Religionsverwandte antreffe, denk ich immer noch unter guten Freunden zu sein, wo aber die Turken angehn, da ist es mit der Freundschaft aus, denn wer nicht meinen Gott liebt, der kann auch mich nicht lieben; sie sollen apart einen Gott ganz fur sich haben, und des Brot ich esse, des Lied ich singe.
Wenn ich aber meinen lieben Bruder nicht wiedersehn sollte? Denn der Herr William sprach da so etwas von ein paar Jahren, die die Reise kosten wurde (das Geld abgerechnet); ja, wollt ich nur sagen, wenn ich nun so wiederkame und hatte die ganze Welt gesehn, was half es mir, wenn ich meinen Bruder Tom nicht mehr sehen konnte? Mir war schon immer, als sah ich ein schwarzes Kreuz auf einem grunen Hugelchen da in der Ecke des Kirchhofs stehn, wo der grosse Nussbaum gewachsen ist, und Deinen Namen, Thomas, mit grossen Buchstaben darauf, so recht als mir zur Krankung; oh, lieber Bruder, ich wurde lieber wunschen, mit Dir hinterm Ofen gesessen zu haben, um uns von Krieg und Frieden und vom Schottischen Kriege zu erzahlen. Darum besuche mich. Ich hatte gestern fast geweint, und das schickt sich doch nicht, Thomas, fur so einen alten Mann.
Vom Gelde sprich nicht wieder. Du bist ja mein Bruder, wir sind ja alte Manner; konnt ich Dir mit aller meiner Armseligkeit noch Leben ankaufen, frage nicht, ob ich's tate. Komm nach Bondly, oder lass Dich herfahren, denn Deine Fusse sind in dem Alter nicht mehr zum Gehn geboren. Das Geld ist Dein, Du bist lange krank gewesen, und mein Herr gibt mir immer mehr als ich brauche. Wie kann ein Bruder dem andern etwas schuldig sein? Gott sind wir alles schuldig, und der behute Dich deswegen.
Willy, Dein Bruder bis ewig.
4
Eduard Burton an William Lovell
Bondly.
Ich vermute, dass Du einige Tage in Waterhall bleiben wirst, und darum schick ich Dir diesen Brief, der gestern angekommen ist. Wie sehr ich Dich liebe, habe ich bei Lesung Deines Briefes empfunden. Stets hab ich Dich um die Lebhaftigkeit Deiner Phantasie, um die Reizbarkeit Deines Gemutes beneidet, aber ich fange auch an, sie zu furchten. Liebe, Vertrauen, Freundschaft, Glaube, sie sind Leben und Gluck, aber sie gedeihen nur in gesunden Herzen, sie verlangen Mut und Ruhe. Oh, Lieber, gewiss gibt es Damonen, sie sind jene Zweifelsucht, jene dunkle Angst, jene Lust an Ungluck und traurigen Vorstellungen, der sich unsre Seele nur zu gern ergibt. Ist das Leben erst so dunkel geworden, dass kein Strahl wahrer Freude hereinbrechen kann, da regieren sie in der Finsternis und fuhren auch wohl jene Verhangnisse herbei, die wir fruher aus der Ferne mit stummer Angst wahrgenommen haben. Wirf Dich in die Arme der Freundschaft und Liebe, und lass dann die Zeit gewahren, es geht und wandelt sich alles ebenso oft in das Bessere, Schlimmern lenkt. Je inniger Du liebst, je starker soll Dein Vertrauen sein.
Eduard Burton.
5
Der alte Lovell an seinen Sohn (Einlage des
vorigen)
London.
Du hast lange nicht geschrieben, lieber William, und daraus schliesse ich, dass es Dir noch immer in den Armen Deines Freundes und der schonen Natur gefalle. Diese Jahre, in denen Du lebst, sind die Jahre des reizendsten Genusses, darum geniesse, wenn Du auch etwas von dem vergessen solltest, was Du ehemals wusstest: wenn Dein Geist in der stillen Betrachtung der Natur und ihrer Schatze bereichert wird, so kannst Du gewisse Gedachtnissachen indes als ein Kapital irgendwo unterbringen, und Du bekommst sie nachher mit reichen Zinsen zuruck. Vielleicht wird dadurch auch Deine Gesundheit so sehr befestiget, dass Du nicht, wie ich, von tausend Unfallen zu leiden hast, und ungehindert alle Deine Krafte in der glucklichsten Tatigkeit wirken konnen, wenn der Schwachere erst von tausend umgebenden Kleinigkeiten die Erlaubnis dazu erbitten muss.
Seit einigen Tagen bewohne ich ein Landbaus, ganz nahe bei London, dasselbe, von dem ich Dir kaufen wurde. Meine Unpasslichkeiten scheinen zuruckgeblieben zu sein, ich halte die Luft hier in der Ebene fur reiner und gesunder, als dort auf den Bergen. Meine neuliche Krankheit hat mich aber wieder auf die Zerbrechlichkeit des Lebens aufmerksam gemacht; ich komme in ein Alter, in welchem man sich mehr von der Welt zuruckzuziehen wunscht, und einen kleinen lieben Zirkel zu bilden, in dem ein jeder Gedanke und jedes Gefuhl bekannt ist. Oh, lieber William, ich hab es mir so schon ausgemalt, was fur ein Leben ich fuhren will, wenn Du nun als gebildeter Mann von Deinen Reisen zuruckgekehrt sein wirst, wie mir dann meine letzten Tage in vollem, frohem, unbefangenem Genuss hinfliessen sollen: ja ich will von allen Sturmen ausruhn, die so oft den Horizont meines Lebens trubten. Nur muss ich mich huten, diesen Genuss zu weit hinauszuschieben, ich muss anfangen mit meinen Stunden zu sparen; ein Jahr ist schon eine grosse Summe fur mich, welches der verschwendende, im Uberflusse frohlockende Jungling oft so gleichgultig vergeudet. Mein Haar wird grau, meine Kraft zerbricht, darum wunscht ich sehnlich, dass Du Deine Reise sobald als moglich antreten mogest, noch fruher, als wir neulich ausgemacht hatten. Antworte mir doch hierauf sogleich, oder besuche uns lieber selbst. Fur einen altern Freund zu Deiner Begleitung will ich indessen Sorge tragen. Lebe wohl, bis ich Dich wieder an mein Herz drucken kann.
Dein Vater, Walter Lovell.
6
William Lovell an Eduard Burton
Waterhall.
In einigen Tagen komme ich zu Dir zuruck, um auf lange Abschied zu nehmen. Mein Vater wunscht meine Abreise aus England fruher; er ist fast immer krank und ich furchte fur sein Leben, daher ich jedem seiner Wunsche zuvorkomme. Es mochte sonst eine Zeit eintreten, wo es mich sehr reuen wurde, nicht ganz seine Zartlichkeit gegen mich erwidert zu haben. Mein Vater wohnt itzt nahe bei London und Eduard, ich werde sie wiedersehn! Meine traurigen Ahndungen sind itzt nichts als Traume gewesen, uber deren Schrecken man beim Aufgange der Sonne lacht. Hoffnungen wachen in meinem Busen auf, ich vertraue der Liebe meines Vaters. Wenn ich es nun wagte, ihm ein Gemalde von dem Glucke zu entwerfen, wie ich es in ihren Armen geniessen werde, wenn ich ihn in das innerste Heiligtum meines Herzens fuhrte und ihm jenes reine und ewige Feuer zeigte, welches der holden Gottheit lodert? Wurde er so hart sein, mich von dem Bilde zuruckzureissen, mir meine schonsten Empfindungen zu nehmen, die Hallen des lige Hutte zu erbauen? Aber ich furchte, mein Vater betrachtet mein Gluck aus einem ganz verschiedenen Standpunkte; er ist alter und jenes schone Morgenrot der Phantasie ist von der Gegend verflogen, er misst mit dem Massstabe der Vernunft die Verhaltnisse des Palastes, wo der jungere Enthusiast in einer trunkenen Begeisterung anstaunt ach Eduard, er berechnet vielleicht mein Gluck, indem ich wunsche dass er es fuhlen mochte, er sucht mir vielleicht eine frohe Zukunft vorzubereiten und schiebt mir seine Empfindungen unter; er knupft Verbindungen, um mir Ansehn zu verschaffen, um mich in der grossen Welt emporzuheben, ohne daran zu denken, dass ich den landlichen Schatten des Waldes vorziehe und in jener grossen Welt nur ein unendliches Chaos von Armseligkeiten erblicke.
Ich habe hier einige Tage in einer sussen Schwermut verlebt, mir selbst und meinen Empfindungen uberlassen, ich behorchte in mir leise die wehmutige Melodie meiner wechselnden Gefuhle. Der Wald sprach mir mit seinem ernsten Rauschen freundlichen Trost zu, die Quellen weinten mit mir. Man kann nirgend verlassen wandeln; dem leidenden Herzen tritt die Natur mutterlich nach, Liebe und Wohlwollen spricht uns in jedem Klange an, Freundschaft streckt uns aus jedem Zweige einen Arm entgegen.
Itzt lacht der Himmel mit mir in seinem hellsten Sonnenscheine, die Blumen und Baume stehn frischer und lieblicher da, das Gras nickt mir am See freundlich entgegen, die Wellen tanzen ans Ufer zu mir heran. Nein, ich will nicht verzweifeln, nie wird mein Schmerz mich so unedel machen konnen, dass ich in wilder Verzerrung Liebe und Freundschaft von mir stosse. Auch das grosste Leid soll der edle Geist mit Anstand tragen.
Lovell.
7
Eduard Burton an William Lovell
Bondly.
Ich freue mich innig, dass Du heitrer bist, komm bald nach Bondly, und ich will noch einige frohe Tage mit Dir geniessen. Dann wirst Du mir entrissen, um jenen Traum als Wirklichkeit zu begrussen, den wir so oft miteinander getraumt haben; Natur und Kunst, Menschen und herrliche Stadte empfangen Dich und nur meine herzlichsten Wunsche, meine Gebete konnen Dich begleiten.
Ja konnt ich selbst Dein Begleiter sein! Aber ich habe diese, einst meine liebste Hoffnung, schon seit lange aufgegeben; mein Vater wurde die Zeit, die ich auf diese Art anwendete, fur verloren ansehn, und abtrotzen mochte ich ihm seine Einwilligung nicht. Er hasst die Begeisterung, mit der ich zuweilen von den Heroen des Altertums, oder der Gottlichkeit eines Kunstlers spreche, er sieht mit Verachtung auf diese kindischen Aufwallungen des Bluts hinab, wie er jeden Enthusiasmus nennt; an die hohen Gefuhle der Freundschaft glaubt er nicht, alles, was in Dir so gut und heftig ist, belachelt er, und prophezeit aus seinem sogenannte Freundschaft nur betrubt fur uns beide endigen konne. Er liebt Menschen, die sich nie aus den Gegenstanden, von denen sie umgeben werden, verlieren konnen, er spottet uber alles, was man Erhabenheit der Gedanken und Gefuhle nennt. Es gibt vielleicht wenig Menschen, welche die Vorurteile und Begriffe der Konvention so tief in ihr ganzes Dasein haben verwachsen lassen. Ist dies Menschenkenntnis, die aus ihm spricht, o so beneide ich sie ihm nicht, doch muss er sie teuer erkauft haben, da er sie fur so richtig halt Aber wir glauben so oft einen Blick in die Seele anderer getan zu haben, wenn wir bloss das Flustern unsers eignen Geistes vernommen hatten.
Er verzeihe mir die Bitterkeit, die zuweilen und itzt eben in mir aufsteigt, aber ich muss zu oft von seiner Kalte leiden. Er ist alter als ich, er kann oft betrogen sein, die schonsten Gefuhle sind vielleicht an ihm meineidig geworden, er hat wohl mit Muhe alles aus seinem Busen vertilgt, was ehemals so schon und herrlich bluhte; aber er soll nicht verlangen, dass ich seinen Erfahrungen ungepruft glaube, oder wenn ich sie bestatigt finde, dass ich darum ein Hartherziger werde und den Glauben an jeden harmonischen Klang verliere, weil alle Tangenten, die ich anschlage, auf zersprungene Saiten treffen nein, er soll in mir einen Sohn erziehen, der einst die Schuld bezahlt, die er mir zum Erbteile lasst es tut mir weh, denn er ist mein Vater aber glaube mir, William, ich werde manchen Armen zu trosten und mancher Waise zu erstatten haben.
Zu Dir und zu niemand anders darf ich also sprechen. Wie beneid ich Dich Glucklichen! Du gehst Raffaels und Michelangelos Gebilden entgegen, allen grossen Erinnerungen aus der Geschichte indes ich eingekerkert hier in Bondly sitze.
8
Amalie Wilmont an ihren Bruder Karl Wilmont
London.
Ich bin gestern in London angekommen, das Gewuhl der Stadt, das Gerausch der Wagen und die larmende Munterkeit kontrastierte sehr mit der Ruhe des Landes, die ich soeben verliess. Es war traurig, wieder in die Strassen hineinzufahren, die ich so freudig verlassen hatte, mir war es, als waren es die Mauern eines grossen Gefangnisses.
Seitdem hab ich oft an Dich und an meinen schonen Aufenthalt in Bondly gedacht. Die Gegend war so reizend, die kleine Gesellschaft so traulich, alle machten gleichsam nur eine Seele und alles das im Glanze der Fruhlingssonne ach, ich bin vielleicht in sehr langer Zeit nicht wieder so glucklich.
Grusse Lovell und danke ihm fur seine freundliche Begleitung.
London kommt mir, ohngeachtet der vielen Menschen, sehr einsam vor, meine Zimmer sind mir ganz fremd geworden, alles ist so eng und duster, man sieht kein Feld, keinen Baum; und wenn ich dagegen die reizenden Hugel und schonen Gebirge denke, an jene und an das mannigfaltige Leben der Natur, so mochte ich gleich wieder umkehren, um dieses vielfach bewegte, aber tote Chaos wieder hinter mir zu haben.
Unsre Eltern sind wohl, sie freuten sich recht herzlich, mich wiederzusehn.
Lieber Bruder, weiter hatt ich Dir nun nichts mehr zu sagen, ausser dass Du Lovell grussen sollst doch das hab ich ja schon einmal gesagt, das widerwartige Larmen auf den Strassen hat mich verwirrt gemacht.
9
Mortimer an Karl Wilmont
London.
Warum ich Dir so lange nicht geschrieben habe? Du solltest Dich doch schon daran gewohnt haben, dass es in dieser Sterblichkeit eine Menge von Vorfallen, Wirkungen, Handlungen, und Unterlassungen ohne Ursache gibt. Es gibt Leute, die bei einem Allegro weinen konnen, oder die beim schmelzendsten Adagio einen unwiderstehlichen Beruf zum Tanzen fuhlen, wer wird hier nach den Ursachen fragen? Ebenso habe ich zu gewissen Zeiten Perioden von Tragheit, wo mir jede Feder zuwider ist, wo mich ein Billet, was ich schreiben soll, in Schrecken setzen kann; ich bin aber noch nie darauf gefallen, tiefsinnige philosophische Betrachtungen daruber anzustellen, ob die Seele oder der Korper daran schuld sei, von welchen Mittelideen und Kombinationen diese Sache abhangen moge.
Wir wollen also ganz davon abbrechen, erwarte keine Entschuldigungen, denn ich habe keine, ich kann Dich auch nicht um Verzeihung bitten, denn ich weiss, Du hast es nicht ubelgenommen; nur soviel will ich Dir zur Entschadigung sagen, dass diese Tragheit Zeit abgewohnen will.
Deine Mutmassung ist ubrigens nicht ganz unrichtig, dass ich, wenn Du es durchaus so nennen willst, ernsthafter geworden bin. Mit Dir verliess uns der Geist unsrer lustigen Gesellschaften, und man darf nur etwas aufrichtig gegen sich selbst sein, so liegt so etwas Oberflachliches in dieser sogenannten genussreichen Art zu leben, eine Nuchternheit, in der ich mir oft die Langeweile des Tantalus recht lebhaft habe denken konnen. Ich habe mich itzt darum aus dieser Gesellschaft mehr zuruckgezogen, ich bin mehr allein und Du wirst vielleicht lachen ich habe oft wieder angefangen zu studieren und mich dessen zu erinnern, was ich auf meinen Reisen gelernt habe.
Halte mich aber nicht fur einen so schwachen Menschen, der aus einer Anwandlung von Langeweile sich gleich uber Hals und Kopf in eine so steinharte Ernsthaftigkeit wirft, dass ihn die Hunde auf der Strasse anbellen; denke nur etwa nicht, dass ich itzt mit einem essigherben Gesichte dasitze und wunder wie sehr meinen Geist zu beschaftigen glaube, indem ich mit philosophischem Anstande gahne und grubelnd eine Prise Tabak zwischen den Fingern zerreibe. Halte mich nicht fur ein Wesen, das sich seine Zeit verdirbt, indem es sich tausend unnutze Geschafte macht und sich selbst zur Bewunderung uber die Menge seiner Arbeiten zwingt nein Karl, ich bin noch immer der unbefangene Mortimer, der noch ebenso gern lacht, als zuvor, und der nichts sehnlicher wunscht, als einmal mit Dir ein herzliches Duett lachen zu konnen. O ich mochte meine Dinte in schwarze Klagelieder ergiessen, oder die erste beste Stelle aus Youngs Nachtgedanken abschreiben, um es Dir recht fuhlbar zu machen, wie sehr Du mir fehlst.
Wenn das alles wahr ist, was Du mir von William Lovell schreibst, so steht es schlimm mit ihm; es tut mir jedesmal weh, wenn ich einen jungen Menschen sehe, der sich selbst um die Freuden seines Daseins bringt. Gibt es etwas Abgeschmackteres, als zu seufzen, zu weinen und alle Freuden der Welt aus einer Metapher in die andere zu jagen und zwar, wie ausserst sinnreich und vernunftig! weil ein andres Wesen nicht auch jammert und klagt und zwar daruber, weil ich es tue. Denn wahrlich, ich habe schon Liebhaber gesehn, die so geliebt wurden, dass nur noch ein Gran gefehlt hatte, und es ware ihnen selber zur Last gefallen die aber bestandig die unglucklichsten Geschopfe in der Welt waren; denn ihr Madchen war ihnen lachend entgegengekommen, und sie hatten sie sich gerade weinend gedacht, weil sie einen Abschied auf zwei ewig lange Stunden nehmen sollten, um eine grosse Reise in die nachste Gasse zu ihrem Onkel zu tun, der ihnen einen Wechsel auszahlen wollte. Es sind Schauspieler, die sich einen ellenhohen Kothurn angeschnallt haben, der nur dazu dient, sie in jedem Augenblicke fallen zu machen; sie sind unendlich uber alle fade Sinnlichkeit erhaben, und sitzen da und konnen sich tagelang von ihrer Geliebten uber die Farbe eines Bandes unterrichten lassen; der Schosshund ihres Madchens ist ihnen mehr wert, als ein halbes Menschengeschlecht, sie schwarmen in allen Regionen der Phantasie umher, um endlich doch dahin zuruckzukommen, wo sie sich wieder in die Reihe der ubrigen sterblichen Menschen finden; denn, ich hoff es zur Ehre der Menschheit, dass von diesen Mondsuchtigen noch keiner die Anspruche gemacht hat, seine Geliebte ohne Augen zu sehn und ohne Ohren zu horen, wenn sie auch vergessen haben, dass die Sinne zu dem Hause, das sie bewohnen, die erste Etage ausmachen am Ende sind sie oben dem Winde ausgesetzt, und sie ziehen wieder herunter.
Merkutio hat recht, wenn er sagt, das fadeste Gesprach hatte mehr Sinn, als das Selbstpeinigen dieser verlornen Sohne der Natur, die sich von Trebern nahren, und diese in einem beklagenswurdigen Wahnsinne fur Ambrosia halten.
Deine Schwester hab ich heut schon besucht, sie ist schon und scheint ebenso verstandig, ausser dass sie traurig war und gewiss um Lovell es tut mir leid um sie.
Es ware ubrigens wohl moglich, dass Du Dich in Deiner Einsamkeit ganz ernsthaft verliebtest. Dein Auge sieht keinen andern Gegenstand, der Dich zerstreuen konnte, und die Gewohnheit ist auch hierin die zweite Natur. Diese allmachtige Gottheit macht ja sogar, dass so mancher mit seiner Frau zufrieden ist, die er ausserdem gegen einen Star austauschen wurde. Dazu ist Emilie, die Schwester Deines Freundes Burton, schon und liebenswurdig, und liebt, wie alle jungen Madchen, die hohen Spannungen des Gemutes, es ist daher keinem Zweifel unterworfen, dass Deine Stimmung die ihrige erschaffen kann, oder umgekehrt.
Ich erwarte also nachstens einen Brief voller Seufzer und mit einer Trane gesiegelt; bis dahin bin ich Dein treuer Freund
Mortimer.
10
William Lovell an Eduard Burton
London.
Ich bin auf dem Landhause meines Vaters, nahe bei London, ich sehe die Turme der Stadt, die Amalie bewohnt, ich hore ihre Glocken aus der Ferne oh, das Herz schlagt mir angstlich und ungestum, dass ich sie so nahe bei mir weiss und sie noch nicht gesehen habe ja, ich muss sie heut noch sprechen.
Mein Vater war ungemein frohlich, da er mich wiedersah, seine Freude hatte einen Anstrich von Melancholie, die mich geruhrt hat, er sah bleich und krank aus, er umarmte mich mit einer Herzlichkeit, in der ich ihn noch nie gesehn habe, er findet uberhaupt sein Gluck in dem meinigen und in der Zukunft, die er mir ebnen will; er sprach so manches von Verbindungen, die er meinetwegen suchen wurde; er schien mir ankundigen zu wollen, wie sehr er einst meine Verheiratung mit der einzigen Tochter und Erbin des Lord Bentink wunschen wurde wer weiss, wie viel Ungluck mir noch die trube Zukunft aufbewahrt. Ich uberlasse mich zuweilen mit einer unbegreiflichen Tragheit der Zeit, dass sie den Knauel auseinander
Von Dir hab ich also nun auf lange Abschied genommen? Bald werden sich Stadte und Meere zwischen uns werfen, bald wird ein Brief von Dir zu mir Wochen auf seiner Reise brauchen. Den Abend vor meiner Abreise von Bondly ging ich noch einmal durch die mir so bekannten Garten, ich nahm von jedem Orte Abschied, der mir durch die Zeit, oder irgendeine Erinnerung wert geworden war. Aus den Wipfeln fiel eine schwere Ahndung auf mich herab, dass ich nie dort wieder wandeln wurde, oder im Verluste aller dieser grossen Gefuhle, die den Geist in die Unendlichkeit drangen und uns aus unsrer eigenen Natur herausheben.
Wenn ich nun einst wiederkehrte, den Busen mit den schonsten Gefuhlen angefullt, mein Geist genahrt mit den Erfahrungen der Vorwelt und eigenen Beobachtungen, wenn ich nun bemuht gewesen ware, die Schonheiten der ganzen Natur in mich zu saugen, um dann ein fades, alltagliches Leben zu fuhren, von der Langeweile gequalt, von allen meinen grossen Ahndungen verlassen; wie ein Gefangener, der seinen Ketten entspringt, im hohen Taumel durch den sonnbeglanzten Wald schwarmt und dann zuruckgefuhrt, von neuem an die kalte gefuhllose Mauer geschmiedet wird.
Doch, ich sehe Dich lacheln nun wohl, ich gebiete meiner Phantasie, und diese schwarzen Gestalten sinken mit ihrem nachtlichen Dunkel vom Tuche herab, und ein liebliches Morgenrot dammert empor da hebt sich nun die ganze Landschaft majestatisch und schon aus dem chaotischen Nebel empor, wie von der Hand eines Gottes angeruhrt steht die Natur in ihrer reizendsten Schone da und die Phantasie verliert sich in den Gebirgen, den Grenzen des Horizontes. Schon ist die Natur geschaftig, in fernen Landen alle meine Ideale zu realisieren, schon seh ich jede Landschaft wirklich, die ich einst als Gemalde bewunderte oder von der ich in einer Beschreibung entzuckt ward, die Kunstwerke des grossen Menschenalters stehn vor mir, die die grausame Hand der unerbittlichen Zeit selbst nicht zu zernichten wagte, um nicht die glanzendste Periode der Weltgeschichte auszuloschen.
Oh, wenn Amalie mich liebte! Eduard, ja, ich werde sie heut noch sehn!
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William Lovell an Eduard Burton
London.
Eduard, o freue Dich mit mir, Freund mit Deiner bruderlichen Seele, alle Zweifel sind gehoben, alle Ratsel aufgelost Amalie liebt mich! Dieses neue Bewusstsein hat mich aus allen kleinen armseligen Gefuhlen zum hohen Genusse eines Gottes emporgerissen, ich bin zu Empfindungen gereift, von denen mir auch keine Ahndung etwas sagte, ich stehe in einer Welt, wo der gutige Schopfer Freude und Wonne aus jedem Zweige bluhen und uber jeden Hugel glanzen lasst. Alles was ich sehe, was ich hore, alles was lebt ist vom Hauche der Liebe vom Hauche Gottes beseelt.
Wie unter mir alles zusammenschrumpft, was ich einst fur gross und wichtig hielt! Ich nehme es mit der Zukunft und allen ihren Begebenheiten auf.
Wie gleichgultig und ode kam noch gestern die ganze Welt meinem Blicke entgegen; alles ist heut mein Freund, alles lachelt mich liebevoll an. Eduard wie soll ich Dir die Empfindung beschreiben, als ich nun die Strasse betrat, in der sie wohnt als ich vor ihrem Hause stand es war schon Abend, ein Wolken mein Herz klopfte horbar, als ich dem Bedienten meinen Namen sagte und die Treppen hinaufstieg. Sie war allein, ich trat in das Zimmer. Himmel! war es nicht, als kame mir ein Engel entgegen, um mich im Paradiese zu bewillkommnen, wie ein heiliger Duft wehte mich die Luft an, in der sie atmete ich weiss nicht, was ich ihr sagte, ich weiss nicht, was sie antwortete, aber meinen Namen sprach sie einigemal mit einer unaussprechlichen Sussigkeit. Wir setzten uns, ich war in einer wehmutigen freudigen Stimmung sie sprach von der glucklichen Aussicht einer so schonen Reise ich hatte Muhe, meine Tranen zuruckzuhalten o Himmel, wie gutig sie zu mir sprach, wie jeder Ton im Innersten meiner Seele widerklang, jede Silbe foderte mich auf, mich dieser holdseligen Gute zu entdecken ich sank an ihren Busen und stammelte ihr das Bekenntnis meiner Liebe.
Ich war auf alles gefasst, aber nicht auf diese Milde eines glanzenden Engels, mit der sie mich schweigend noch fester an ihren Busen druckte. Ich zweifelte in diesem Augenblicke an meinem Dasein, an meinem Bewusstsein an allem. Meine Freude hatte mich einer Ohnmacht nahe gebracht.
Unsre Lippen begegneten sich, ihr Mund brannte auf dem meinigen mein Herz ging auf vom ersten Sonnenstrahle getroffen wie Blumen taten sich alle meine Sinne auf, den Glanz in sich zu saugen, der so freundlich auf sie herabstrahlte. Ich druckte sie inniger an meine Brust, ich fuhlte im Klopfen ihres Herzens das Unendliche, Unaussprechliche, das sich in diesem Moment mit meinem ewigen Geiste vermahlte, und das wir Menschen stammelnd Liebe nennen.
Eduard! ich soll ihr schreiben, sie will mir antworten! Oh sie ist ein Engel! Sie wurde ihr Leben opfern, mich glucklich zu machen!
Ich bleibe noch langer als eine Woche bei meinen Eltern. Ich werde sie noch oft sehn; mir ist seit gestern, als durfte nur dies das Geschaft meines Lebens sein. Ich habe auch den Mann kennen lernen, der mich auf meinen Reisen begleiten soll, er heisst Mortimer. Mein Freund wird er schwerlich werden konnen, er hat eine gewisse kalte beissende Laune, die mich von ihm gestossen hat. Er soll viel wissen er hat diese Reise schon einmal gemacht, er ist alter als ich; alles dies zusammengenommen hat meinen Vater bewogen, ihn zu meinem Begleiter auszuwahlen. Er scheint sehr unterhaltend zu sein aber ich liebe nicht diese Art von Charakteren, das Satirische in ihm gefallt mir nicht, diese Erhebung uber die andern Menschen, diese Bitterkeit fuhrt leicht zur Menschenfeindschaft ich liebe die meisten, mochte sie gern alle lieben und mag uber keinen spotten; jeder bewache seine eigne Schwache.
12
Mortimer an Karl Wilmont
London 4. Jun.
Wenn ich gerade aufgelegt ware, uber die wunderbaren Wege der Vorsehung Betrachtungen anzustellen, so hatt ich heute dazu die schonste Gelegenheit. Denn wahrlich, nichts ist so seltsam, keine Linie lauft in den wunderbarsten Verschrankungen so schief und krumm, um in sich selbst zuruckzukehren, als es so oft die Begebenheiten und Vorfalle in dieser Welt tun. Den Schilling den ich heut meinem Bedienten gebe, erhalt ich morgen vielleicht vom Lord Parton zuruck, um ihn einem Bettler zu schenken. Du bist begierig, welch Resultat endlich aus diesem Wirwarr folgen soll; nun so hore denn und erstaune. (Erstaunst Du nicht, so gesteh ich, dass Du selbst ein erstaunenswurdiges Wesen bist.)
Wer hatte Dir wohl damals ins Ohr geraunt, als Du Deinen neulichen Brief an mich schriebst, in welchem von William Lovell die Rede war, dass Du an den achtbaren Gouverneur dieses hoffnungsvollen Eleven schriebest? Um ernsthaft zu sprechen: ich reise mit William nach Italien und Frankreich und kehre dann volles Vaterland zuruck, um auch hier mein Licht glanzen zu lassen. Ich sehe die Gegenden noch einmal, die mich schon einst entzuckten. Ich habe hier nichts zu tun, ich versaume nichts, Lovell ist leidlicher, ja angenehmer, als ich ihn mir vorgestellt hatte, und darum hab ich das Anerbieten seines Vaters angenommen.
William ist, soviel ich gleich bei unsrer ersten Zusammenkunft bemerken konnte, nicht ganz mit mir zufrieden, ich bin ihm zu froh, zu wenig das, was er ernsthaft nennt. Wer von uns beiden nun den andern aus seinen Verschanzungen zuerst treiben wird, ist die grosse Frage. In einer Woche ungefahr reisen wir. Ich will mir alle mogliche Muhe geben, meinen Freund aus ihm zu machen.
Mein alter Onkel hatte beinahe geweint, als ich ihm die Nachricht meiner Abreise brachte; er ist mir mehr gewogen als ich dachte, er hat es mir so gut wie versprochen, mich zum Erben einzusetzen, wenn er wahrend meiner Abwesenheit sterben sollte.
Konnt ich uber Bondly reisen, so wurde die Reise noch eine Annehmlichkeit mehr fur mich haben, aber einige Leute, die Fait von der Geographie machen, wollen behaupten, es lage ganz auf der entgegengesetzten Seite.
Deine Schwester ist allerdings ein vortreffliches Madchen, ausgenommen darin, dass sie gewiss Lovell liebt doch vielleicht wird er unter der Anfuhrung eines gescheiten Mannes anders, das heisst, nach meiner Uberzeugung: besser.
Woruber ich mich verwundre, ist, dass man mich fur so gelehrt halt, um mit Nutzen der Begleiter eines jungen Mannes zu sein, der nicht ohne Kenntnisse ist der alte Lovell aber ist ein vernunftiger Mann, der weiss, was meistenteils hinter der gewohnlichen Ernsthaftigkeit steckt; vielleicht hat auch eben meine Heiterkeit seine Wahl auf mich fallen lassen, da er mit der zu reizbaren Empfindsamkeit und Schwarmerei seines Sohnes nicht ganz zufrieden ist.
Und wenn nun auch bald viele Meilen zwischen uns liegen, so bin ich auch im warmeren Klima, zwar nicht warmer, aber ebenso warm als itzt, Dein Freund, und wenn ich nicht auf dem Kanal untergehe, so erhaltst Du aus Frankreich einen Brief von
Deinem Mortimer.
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Willy an seinen Bruder Thomas in Waterhall
Weiss nicht, lieber Bruder, von wo aus ich Dir schreiben soll, aber ohne dass die Schuld davon an mir liegt: denn ich bin hier ganz nahe bei London, aber doch nicht in London, so dass ich lieber gar kein Datum dabeischreiben will, um Dich nicht konfus zu machen, weil ich weiss, dass Du Dich nicht gut aus den Ortschaften und Landereien herausfinden kannst, wenn sie eine Meile von dem Garten in Waterhall liegen und London, oder das Landhaus hier nahe bei London, ist nicht so nahe an Waterhall, als Du glaubst, ob es freilich wohl ganz nahe an London liegt, so dass man die Glocken kann schlagen horen, wenn sie gerade nicht unrichtig gehn, wie denn das wohl in so einer grossen Stadt bisweilen der Fall ist, wo selten alles ganz richtig geht: es macht die Menge.
Der Herr William ist so ein guter Herr, als nur ein Bedienter verlangen kann, wenn er nicht selbst der Herr werden will. Er sagte, er hatte mich mehr aus alter Freundschaft mitgenommen, als wie einen Bedienten; nun ist er freilich nicht ganz so alt, als ich, aber so alt er auch immer sein mag, so bin ich doch wirklich von der Geburt an sein Freund gewesen. Du weisst, Tom, was ich meinen will, dass ich ihn namlich schon vor der Geburt gekannt habe, als ich schon lange vorher beim alten Herrn Lovell als ein Bedienter gestanden habe.
Du glaubst ubrigens nicht, Thomas, wie viel Menschen es auf der Welt gibt; den Mann wollt ich sehn, der die Leute so zahlen konnte, die ich unterwegs alle Augenblicke gefunden habe. Der Vikar Winter hat doch recht, so wie in allen Sachen, die er in der Kirche ausruft, es sind viele Menschen auf der Welt. Dafur ist die Welt aber auch so ziemlich gross, das hab ich nun auch gesehn, denn wie wollten sie sonst auch alle Platz darauf finden, wenn nicht neue Einrichtungen gemacht wurden. Bis dahin bin ich
Dein getreuer Bruder Willy.
Weil sich hier gerade das so vortrefflich passte: bis dahin bin ich u.s.w. so hatte ich mich dadurch verfuhren lassen, dass der Brief hier aufhoren sollte, ich hatte Dir aber noch manches sagen wollen, unter andern, dass wir nachstens abreisen; es komme, wie es geh, ich schreibe Dir manchmal, der gute Herr William hat mir erlaubt, sooft ich Dir etwas zu sagen habe, meine Sachen in seinen Brief mit einzulegen, so kostet es mir und Dir nichts und ich habe nicht die Muhe, Deine Aufschrift zu machen, und Du brauchst sie auswendig, dass jeder Brief, den Du von mir geschickt kriegst, an Dich gerichtet ist. Ferner Dein ewiger Bruder
Willy
14
William Lovell an Eduard Burton
Dover.
London liegt hinter mir mit allem seinem Glucke, Frankreich vor mir! Ich komme soeben von den erhabenen Klippen zuruck, deren Schilderung wir beide so oft in dem gigantesken Werke des unsterblichen Shakespeare bewundert haben. Mir war's, als konnt ich in die Zukunft hineinsehn, als waren die Schleier eben im Begriffe herunterzufallen, die sonst vor diesem Schauplatze hangen die See rauschte tief unter mir und wogte und schlug ohnmachtig an die unerschutterlichen Klippengestade, Wolken standen aus dem Meere auf und schritten durch das ruhige Blau der unubersehbaren Wolbung ohne frohlich zu sein, ohne Traurigkeit sah ich in die unendliche Natur hinaus der Wind blies uber die See hin, die Dornblumen am Felsen zitterten, ich stand ruhig. Das Wogen der Flut rauschte leise herauf tausend Sonnen tanzten in dem wiegenden Meeresspiegel ja Freund, der Mensch halt gewiss selbst die Zugel seines Schicksals, er regiere sie weise, und er ist glucklich; lasst er sie aber mutlos fahren, so ergreift sie ein ergrimmter schwarze Tal hinab wo alle Geburten des Unglucks auf ihn lauern. Darum wollen wir Manner sein, Eduard, und ohne Zagen unser Schicksal regieren, auch wenn tausendfaches Ungluck den Wagen in den Abgrund zu schleudern droht.
15
William Lovell an Amalie Wilmont
Dover.
Mit Tranen sieht mein Auge ruckwarts, das Ihrige blickt mir weinend nach. Aber nein, kein Zweifel, kein Zagen soll in unsrer Brust entstehn, ich will mutig hoffen. O ja, Amalie, Ordnung, Harmonie ist das grosse Grundgesetz aller unendlichen Naturen, sie ist das Wesen, der Urstoff des Glucks, die erste bewegende Kraft auch wir werden von den Speichen des grossen Rades ergriffen, wir sind Kinder der Natur und haben Anspruch an ihre Gesetze. Und gab es fur mich ein Gluck ohne Amalien? Leben Sie wohl die Segel schwellen, die Winde rufen zur Abfahrt leben Sie wohl! Ihr Bild soll der Schutzgeist sein, der mich begleitet, in dem Augenblicke, da Sie mich vergessen, bin ich allen Gefahren preisgegeben, bis dahin fuhle ich die Starke eines Gottes in meinem Herzen.
Zweites Buch
1
Mortimer an Karl Wilmont
Paris.
Ich bin nun wieder in der Stadt, die die Franzosen die Hauptstadt von Europa nennen, wo man in einer bestandigen Verwirrung von Besuchen und Vergnugungen lebt, wo man sehr lange leben kann, ohne zu sich selbst zu kommen, und wo man sich, wie William Lovell taglich behauptet, zu Tode langeweilt und argert, wenn die gesunde Vernunft nur auf einen einzigen Tag aus ihrer Betaubung erwacht. Sonst sind wir alle wohl und gesund, und die Reise hieher war recht angenehm; auch William gewohnt sich an meine Gesellschaft; wir kommen uns naher, so wie ich es vorhergesehn habe, ich muss mich nur huten, dass ich nicht auf einen gewissen Eigensinn gerate, ihm zuviel zu widersprechen, so paradox er auch manchmal aus seinen dunkeln Gefuhlen philosophieren will, dies wurde uns von neuem entfernen und bei ihm die Sucht veranlassen, mir in keiner meiner Behauptungen recht zu geben: so wurden alle unsre Gesprache Gezanke werden, und dies fuhrt zu einer Bitterkeit, die am Ende in eine vollige Unvertraglichkeit ausartet. uber den Menschen und seine Schwache! ich fuhle in manchen Stunden eine Art von unbegreiflicher Eifersucht. Er ist trunken im Glucke der ersten Liebe, dies Gefuhl hat ihm Paradiese aufgeschlossen, und wahrlich, erst jetzt, beim Anblick so mannigfaltiger Schonheiten, weiss ich, wie schon Deine Schwester ist, von ihrem Geist, von ihrer Liebenswurdigkeit will ich nicht einmal sprechen, die ich hier nur zu sehr vermisse in dieser Uberfulle von Witz und glanzend kalter Koketterie. Dann tut es mir aber wieder weh, ihn oft so tief in Traumen verloren zu sehn mir dunkt dann wieder, er segelt uber einen Strom, der ihm eine gottliche Aussicht bietet, er fuhlt sich selig, indem er sein Auge an der Schonheit der Landschaft weidet; aber das Fahrgeld hinuber ist zu teuer, und er wird es gewiss selbst bemerken, wenn die Fahrt geendigt ist und er den Fuss ans Ufer setzt.
Der alte Willy ist gegen ihn der seltsamste Kontrast, er ist mehr unser Freund, als Diener, und William hat ihn nur aus Vorliebe mitgenommen. Ein Wesen, so naturlich und ungekunstelt, als wenn es die mutterliche Natur nur so eben hatte in die Welt hineinlaufen lassen. Er gafft und staunt alles an, und teilt mir dann oft in langen Gesprachen seine Bemerkungen mit.
William will sich mit dem Eigensinne seiner Empfindung durchaus nicht in den schnell wandelbaren Charakter des Volks finden, auf den Gassen ist er betaubt, in Gesellschaft wird er zu Tode geschwatzt, im Trauerspiel argert er sich, im Lustspiel gahnt er, in der Oper hat er einigemal sogar geschlafen. Er ist unvorsichtig genug, seine Bemerkungen Franzosen mitzuteilen, und diese finden dann, dass er den Sonderling spielt, dass sein Geschmack noch nicht gebildet ist mit einem Worte: dass er kein Franzose ist. Diese Disputen sind mir immer sehr langweilig, ein jeder halt die Grunde des andern fur trivial und keiner versteht den andern ganz, und beide haben recht und beide unrecht.
Unter der Menge von Bekanntschaften haben wir einige sehr interessante gemacht, einige habe ich von meiner vorigen Reise aufgefrischt. Es ist oft unendlich leichter, in einer ganz fremden Familie zu einer Art von Vertraulichkeit zu kommen, als in einem Zirkel, in welchem man ehemals sehr bekannt war, wenn die Zeit die Erinnerung daran und ihre Farben ausgebleicht hat. Alles ist verwittert, die neu aufgetragenen Farben wollen nicht stehn, nichts ist in einem gewissen notwendigen Gleichmass: man furchtet in jedem Augenblicke zu sehr den Vertrauten, oder den kalt gewordenen Fremden zu spielen, man hat die Fugen der Seele indes vergessen und greift auf dem Instrumente unaufhorlich falsch. Den alten Grafen Melun hab ich wieder aufgesucht, seine Nichte, die damals ein hubsches Kind war, ist ein sehr schones Weib geworden, ihr Verstand hat sich nicht weniger ausgebildet. Sie hat im vorigen Jahre einen gewissen Grafen Blainville geheiratet, der seit einigen Monaten gestorben ist; sie hat als Witwe das Ansehn des liebenswurdigsten Madchens, und sie wurde noch gefahrlicher sein, wenn sich die Kokette in ihr nicht bald verriete. Der alte Graf ist noch ganz der Mann, der er ehedem war, er gehort zu denen Leuten, die, wenn sie sich andern sollen, notwendig verlieren mussen, das heisst: sie sind auf einen gewissen Punkt der Ausbildung gekommen, uber den sie ihre ganze Lebenszeit hindurch nicht wegschreiten, sie sind mit ihrem Verstande und allen ihren Begriffen glucklich in den Hafen eingelaufen und wagen nun um alles keine zweite Fahrt. Sein Haus ist noch immer so angenehm, wie vormals, er versammelt gern witzige Kopfe, schone Geister, Gelehrte und Politiker um sich her: aus mehreren Strahlen wird doch endlich ein Schein, und dadurch wurde ihn mancher von unsern Doktoren auf ein ganzes Vierteljahr fur einen sehr gescheiten Mann halten. Dort hab ich auch einen Italiener, Rosa, kennen lernen, dessen genauere Bekanntschaft ich suchen werde. Ich habe noch wenige so feine Gesichter gesehn, in welchem mir vorzuglich die sprechenden Lippen auffallen, die sich ebenso willig in das freundlichste Lacheln, wie in die Falten des bittersten Spotts legen ich habe nur noch wenig mit ihm gesprochen, aber alles, was er sagte, hat mich zu ihm gezogen; ohne es zu wollen, hat er meine Aufmerksamkeit ganz auf sich geheftet. Er ist kein Enthusiast, aber auch kein kalter, verschlossener Mensch, er ist sehr empfindlich fur das Schone, ohne zum Deklamator zu werden. Es freut mich, dass er sich an William schliesst, von solchen Menschen kann dieser viel lernen, wenn er erst den geheimen Hass abgelegt hat, den er gegen Wesen fuhlt, die ihm uberlegen sind.
Wir sind mit einem jungen, aufbrausenden, sonderbaren Deutschen bekannt geworden, dem sich William ganz und gar hingibt; er heisst Balder und ist auch nur seit kurzem in Paris. Zwei harmonierendere Tone konnen nicht so leicht ineinanderschmelzen, als diese beiden Seelen: beide sind Enthusiasten, beide poetisch gestimmt, beide begegnen sich mit gleicher Liebe. Ich mag noch itzt nichts davon merken lassen, dass eine solche Freundschaft, von zweien so ganz gleichgestimmten Wesen geschlossen, sich selbst bald aufzehren muss: es ist ein schnelles aufloderndes Feuer, das aber keine Hitze hat und ohne Dauer ist, denn wo man nicht fremde Fehler und fremde Vorzuge entdeckt, kann man nicht verehren und nicht lieben. Aber William wurde mir doch davon nichts glauben und darum schweig ich lieber, und wenn er selbst mit der Zeit diese Erfahrung macht, so bietet er gewiss seinem eigenen Gefuhle Trotz, um sich diese unvermutete Erscheinung abzuleugnen.
Lebe wohl und antworte mir bald.
2
William Lovell an Eduard Burton
Paris.
Paris, liebster Freund, missfallt mir hochlich; ich denke oft an Dich und an das einsame Bondly zuruck, wenn ich mich hier in den glanzenden Zirkeln herumtreibe; dort war meine Seele in einer steten lieblichen Schwingung, hier bin ich verlassen in Felsenmauern eingekerkert, ein wuster Mussiggang ist mein Geschaft, vom Geschwatze betaubt, von keiner Seele verstanden. Doch nein, ich will mich nicht an dem Schicksal versundigen, ich habe hier einen Menschen gefunden, wie ihn mein Herz bedarf, ich habe auch hier einen Freund, der mich fur so viele verlorne Stunden entschadigt. Ich habe die Bekanntschaft eines jungen Deutschen gemacht, er heisst Balder, ein Jungling, dessen Seele fast allen Forderungen entspricht, die meine ubertreibende Empfindung an einen Freund macht; er ist sanft und gefuhlvoll, sein Herz wird leicht von der Schonheit und Erhabenheit erwarmt, fast allenthalben treffen sich unsre verwandten Geister in einem Mittelpunkte, ohne dass doch unsrer Natur jene Nuancen mangeln, die, wie man behauptet, in der dauerhaft zu machen. Ich habe nicht, wie er, diesen tiefen Hang zur dustern Schwarmerei, diese Kindlichkeit, mit der er sich an jeden Charakter schmiegt, den er liebt; ich bin kalter und zuruckgezogener, meine Phantasie ist mehr in sussen, lieblichen Traumen zu Hause, er ist mit der Unterwelt und ihren Schrecknissen vertrauter. Alles macht auf ihn einen tiefen bleibenden Eindruck, sobald er nur eine schwermutige Seite auffinden kann, die Freude kann ihn nur aus der Ferne beleuchten, wie ein sanfter untergehender Abendschimmer. Sein Ausseres hat daher beim ersten Anblicke etwas Zuruckscheuchendes, aber kaum kam ich ihm einen Schritt entgegen, als er sogleich die ganze zwischenstehende Wand niederwarf, die so oft auch die innigsten Freunde noch in manchen Stunden trennt. Mortimer ist mir um so fremder, er kann kein empfindendes Herz haben, er lacht bestandig, oder lachelt in seiner Kalte uber meinen Enthusiasmus, auch Balder scheint ihm nicht zu gefallen. Ich zweifle nicht an seinem Edelmute, er spricht, so scheint es mir, oft mit vielem Verstande, er ist alter als ich und kennt die Welt mehr aber ich zweifle, dass er den holden Einklang jener zarten Gefuhle versteht, die sich nur den feinern Seelen offenbaren. Zuweilen qualt er mich wirklich, wenn ich eben unter goldenen Traumen der Zukunft und Vergangenheit wandle, von Deinem Bilde, und der holdseligen Gestalt Amaliens angelachelt; mit ihm zugleich ein andres feindseliges Wesen, das sich zu mir hinandrangt: ein Italiener, ein sogenannter feiner und ausgebildeter Mann mein Herz kann ihm nicht vertraulich entgegenschlagen, mir ist in seiner Gegenwart angstlich und beklemmt; ich mag lieber viele Stunden mit dem alten ehrlichen Willy zubringen, sein gutmutiges Geschwatz kommt aus seinem Herzen, ich weiss, dass er nicht uber mich spottet, dass er mich nicht studiert, um seine Menschenkenntnis zu vermehren.
Du wirst mir vielleicht wieder Bitterkeit und Ubertreibung vorwerfen mag's! aber ich wunsche nichts so sehnlich, als den Tag, an welchem ich Paris verlasse. Ich finde hier nichts von allem, was mich interessiert. Die Stadt ist ein wuster, unregelmassiger Steinhaufen, in ganz Paris hat man das Gefuhl eines Gefangnisses, die Pracht des Hofes und der Vornehmen kontrastiert auf eine widrige Art mit der Armseligkeit der gemeineren Klassen; alles erinnert an Sklaverei und Unterdruckung. Die Gebaude sind mit kleinlichen Zieraten uberladen, man stosst auf kein Kunstwerk, in welchem sich ein erhabener Geist abspiegelte, die Gottin der Laune und des lachenden Witzes hat alles Grosse zum Reizenden herabgewurdigt, und so sind aus den mannlichen, kraftvollen Urbildern Roms und Griechenlands gezierte und unnaturliche Hermaphroditen geworden. Von dem grossen Zwecke, von der erhabenen Bestimmung der Kunste, von jenem Gefuhle, aus welchem die Griechen ihren Homer und Phidias an die Halbgotter richten davon ist auch hier die letzte Ahndung verlorengegangen; man lacht, man tanzt und hat gelebt. Ach, die goldenen Zeiten der Musen sind uberhaupt auf ewig verschwunden! Als sich noch die Gotter voll Milde auf die Erde herabliessen, als die Schonheit und Furchtbarkeit noch in gleichgefalligen Gewandern auf den bunten Wiesen verschlungen tanzten, als die Horen noch mit goldenem Schlussel Auroren ihre Bahn aufschlossen und segnende Gottheiten mit dem wohltatigen Fullhorne durch ihre lachende Schopfung wandelten ach damals war das Grosse und Schone noch nicht zum Reizenden herabgewurdiget. Versinnlicht stand die erhabene Weisheit unter den fuhlenden Menschenkindern, an mitfuhlende Gotterherzen gelangte das Gebet des Flehenden, Gotter hielten Wacht an dem Lager des schlafenden Elenden, keine Wuste war unbewohnt, seine Gotter landeten mit dem Verirrten an fremde Gestade, Sturmwinde und Quellen sprachen in verstandlichen Tonen, in der schonen Natur stand der Mensch unbefangen da, wie ein geliebtes Kind im Kreise seiner zartlichen Familie aber itzt, o Eduard, schon oft hab ich es gewunscht und ich sag es Dir ungescheut ich bedaure es, dass man den entzuckten Menschen so nahe an das schone Gemalde gefuhrt hat, dass die tauschenden Perspektiven verfliegen: wir lachen itzt uber die, die sich einst von diesen grobaufgetragenen Farben, von diesen verwirrten Strichen und Schatten hintergehn liessen und Leben auf der toten Leinwand fanden wir haben den Betrug mit einem dreisten Schritte entratselt aber was haben wir damit gewonnen? Die Gestalten sind verschwunden, aber unser Blick dringt doch nicht durch den Vorhang und wenn er es konnte, wurden wir mit diesen korperlichen Augen etwas wahrnehmen? Ist der Mensch nicht zur Tauschung mit seinen Sinnen geschaffen wie ist es moglich, dass sie jemals aufhore? Ich liebe den Regenbogen, wenn man mir gleich beweist, dass er nur in meinem Auge existiere ist mein Auge nicht ein wirkliches Wesen und darum fur mich auch die Erscheinung wirklich? Ich hasse die Menschen, die mit ihrer nachgemachten kleinen Sonne in jede trauliche Dammerung hineinleuchten und die lieblichen Schattenphantome verjagen, die so sicher unter der gewolbten Laube wohnten. In unserm Zeitalter ist eine Art von Tag geworden, aber die romantische Nacht- und Morgenbeleuchtung war schoner, als dieses graue Licht des wolkigen Himmels; den Durchbruch der Sonne und das reine Atherblau mussen wir erst von der Zukunft erwarten.
Wie mich alles hier anekelt! Man spricht und schwatzt ganze Tage, ohne auch nur ein einzigmal zu sagen, was man denkt; man geht ins Konzert, ohne die Absicht zu haben, Musik zu horen; man umarmt und kusst sich, und wunscht diese Kusse vergiftet. Es ist eine Welt voller Schauspieler und wo man uberdies noch die meisten Rollen armselig darstellen sieht, wo man die fremdartigen Maschinerien der Eitelkeit, Nachahmungssucht oder des Neides so deutlich durchblicken lasst, dass bei manchen keine Tauschung moglich ist.
Ich bin aus Langeweile einige Male ins Theater gegangen. Tragodien voller Epigrammen, ohne Handlung und Empfindung, Tiraden, die mir gerade so vorkommen, wie auf alten Gemalden Worte den Personen aus dem Munde gehn, um sich deutlich zu machen diese hertragiert, auf eine Art, dass man oft in Versuchung kommt, zu lachen; je mehr sich der Schauspieler von der Natur entfernt, je mehr wird er fur einen grossen Kunstler gehalten, Konige und Koniginnen, Helden und Liebhaber sind mir noch nie in einem so armseligen Lichte erschienen, als auf der Pariser Buhne kein Herz wird geruhrt, keine Empfindung angeschlagen, genug, man hort Reime klingeln, und der Vorhang sagt einem am Ende doch, dass nun das Stuck geschlossen sei, und so hat man, ohne zu wissen wie, ein chef d'oeuvre des grossten tragischen Genies gesehn. Oh, Sophokles! und gottlicher Shakespeare! Wenn man den Busen mit euren Empfindungen gefullt, von eurem Geiste angeweht diese Marionettenschauspiele betrachtet!
Und dann die frostigen, langweiligen Lustspiele! wo ein sogenannter witziger Einfall das ganze Parterre wie mit einem elektrischen Schlage trifft, wo nicht Menschen, sondern ausgehohlte Bilder auftreten, in welche sich der Dichter mit seinem Witze verkriecht! Ein schales, leeres Wortgeschwatz, alles ein Wesen, alles eine wiederkehrende, alltagliche Idee; doch ist fur diese Possen das Schellengeklingel ihrer Reime etwas angemessener.
In der grossen, weltberuhmten Pariser Oper bin ich eingeschlafen. Arme und Fusse eines Giganten an den Korper eines Zwerges gesetzt, machen doch wirklich ein vortreffliches Ganzes aus! Musiker, Maler, Tanzer, Dichter arbeiten sich ausser Atem, um ein armseliges Ungeheuer zustande zu bringen, das nicht einmal das Verdienst der Unterhaltung hat.
Doch hinweg von diesen Kleinigkeiten! Seit ich Frankreich kennenlerne, fang ich an, mein Vaterland um so hoher zu achten dort wohnen Freundschaft und Liebe, dort schamen sich die Menschen nicht, ein Herz zu haben und ihre Gefuhle zu bekennen oh, Amalie! unaufhorlich denk ich an dich! An diesen Namen knupfen sich tausend susse und bittre, schwermutige und frohe Empfindungen: diese Hoffnung ist eine Sonne, die meine neblichten Tage vergoldet, in Amaliens Busen liegt der Schatz, der mich einst glucklich machen muss.
Ich habe indes schon manche schonere Gestalt gesehn, als Amalie ist, aber ich habe immer selbst in meinem Herzen daruber triumphiert, wie sie in meiner Phantasie uber alle ubrigen hinwegragt. Sie gehort nicht zu jenen Schonheiten, die das Auge augenblicklich fesseln und die Seele kalt und erstorben lassen. So ist die Nichte eines Grafen Melun hier, vielleicht das reizendste weibliche Geschopf, das ich je gesehen habe, aber das Imponierende ihrer feurigen Lebhaftigkeit ist sehr von jener holdseligen Herrschaft verschieden, die aus Amaliens Augen uber die Seele gebietet. Alle Vergleichungen, die meine Gedanken vornehmen, dienen nur, sie mit neuen unwiderstehlichern Reizen als Siegerin in meine Arme zu fuhren.
Dein ewiger Freund.
3
Willy an seinen Bruder Thomas
Paris.
Da ich Dir nun einmal schreibe, so weiss ich doch wahrhaftig nicht, wo ich anfangen soll, so voll ist mir der Kopf von merkwurdigen Schreibereien, und ich mochte die Feder in beide Hande nehmen, um Dich nur recht viel erfahren zu lassen. Dass der Herr William ein guter Mann ist, das wirst Du Dir wohl schon mit Deinem bisschen Verstande zusammenreimen konnen, aber dass er so gut mit mir umgeht, wie ein Vater mit seinem Kinde, das die Pocken hat, das wirst Du vielleicht nimmermehr glauben wollen.
Hast Du wohl schon ein ordentliches Puppenspiel mit lebendigen Personen gesehn? Solche sind hier viele und man hat besondre Hauser dazu fur die Leute gebaut, die es auch mit ansehn wollen. Man sollte nicht glauben, dass so viele Leute eine solche Neugier in sich hatten. Es ist immer sehr hell bei solchen Gelegenheiten, von den vielen Lichtern namlich, Thomas, musst Du verstehn, die ringsum in dem ganzen Hause brennen, denn sonst wurden die Leute, die es gern sehn wollen, wenig sehn, und bei Tage mussen ihre Sachen vorzuspielen, ich wenigstens wurde auch ebenfalls am Abende nicht mitspielen, und wenn sie mir selbst die vornehmste Rolle geben wollten. Eine Art von Stucken gibt es, wo man immer weinen muss, ich habe es aber, bei aller Muhe, noch nicht dahin bringen konnen; die vornehmen Damen sind darin mehr geubt, aber der gute Herr William nimmt mich manchmal doch wieder mit: er hat auch noch kein einziges Mal darin geweint: ich denke, es macht, weil wir hier nur Fremde sind.
In einem andern grossen Hause lachen die Leute immer aus vollem Halse: es ist doch wirklich viel, dass das die Komodiantenleute nicht ubelnehmen. Ich kann hier den jungen Italiener nicht leiden, der meinen Herrn manchmal besucht, er hat ein paarmal angefangen zu lachen, als ich mit meinem Herrn William eine ernsthafte Rede anfing; das Auslachen kann ich gar nicht leiden, Thomas, Du weisst noch, dass wir uns schon in einigen der ehemaligen Jugendjahre tuchtig ausschlugen, weil Du mich etlichemal hattest auslachen wollen, doch, das ist itzt vorbei, und ich hab es Dir vergeben.
Wie ich Dir sagen wollte, so gefallt mir das Ding am besten, was sie hierzulande die Oper nennen, da braucht man nicht zu tun, als wenn man es verstunde, denn da wird einem jeden alles weitlauftig vorgesungen, und es ist ein recht vernunftiger Gedanke, dass wenn sie uberdrussig sind zu singen, so springen sie etliche Satze herum. Die Musik ist Dir immer unter sehr viel Instrumente abgeteilt, damit der Larm desto grosser wird und die Komodiantensanger nicht die Herzhaftigkeit verlieren, denn das ist nicht ein geringer Spass, wenn auf etliche darunter geschossen wird, oder manchmal werden sie auch ordentlich gestochen und sterben. Herrlich sind dabei die Bilder, welche Hauser, oder Garten, oder so etwas vorstellen, man mochte manchmal hineingehn, so naturlich scheint es in der Ferne auszusehn. Neulich war eine grosse Prugelei hier, ich glaube, es war eine Schlacht, die der beruhmte Alexander machte. Sie war gut.
In Paris gibt es auch sehr viel arme Leute; Thomas, ich denke doch immer, dass die armen Franzosen auch meine Bruder sind, wenn ich auch im Grunde ein Englander bin, ich habe manchem schon etwas von meinem Uberflusse gegeben, und die bedanken sich dann immer so sehr, als wenn ich wunder was! getan hatte. Wozu doch der liebe Gott wohl die so ganz armen Menschen in der Welt geschaffen haben mag? Wenn ich erst einem etwas gebe, so kommen gleich eine Menge um mich herum, die mich so mit barmherzigen Augen ansehn, dass ich es gar nicht lassen kann, ihnen auch was zu geben; der eine druckt mir dann die Hand, der andre sieht nach dem Himmel, der dritte weint oh, da hab ich oft mitgeweint und mich nicht dazu gezwungen, es kamen mir die Tranen ganz unverhofft ach, es sind recht gute Leute, wenn sie nur ihr gehoriges Brot in der Welt hatten.
Die vornehmen Leute fahren hier in der Stadt sehr geschwinde, viel zu geschwinde, wie ein Jagdpferd. Es werden auch manchmal Leute ubergefahren, und da machen sie sich nicht viel daraus, sie fahren uber die Menschen ganz geruhig weg. Thomas, auch daruber hab ich neulich geweint, wie sie so einen armen alten Mann uberfuhren, der eben seinen kleinen Kindern Brot eingekauft hatte: es war gerade ein Fest, und er hatte sich weiss Brot gekauft, um sich doch auch eine Freude zu machen, und nun fuhren sie ihn gerade so unbarmherzig uber, dass er schon am Abende starb. Es ist nicht recht, Thomas, ich konnte nicht wieder recht ruhig schlafen, aber das ist hier nicht anders. Wir beide haben noch niemand ubergefahren, denn wir sind immer zu Fusse gegangen, ausser seit ich mit meinem Herrn auf Reisen bin. Ubrigens bleibe mein Bruder, so wie ich bin
Dein guter Bruder Willy.
4
Thomas an seinen Bruder Willy
Bondly.
Ich habe Deinen Brief bekommen, Willy, und es freut mich, dass Du auch immer noch in der grossen weiten Welt an Deinen Bruder denkst, das ist sehr brav von Dir. Ich habe schon von solchem narrischen Zeuge und auch von solchen Greueltaten gehort, wie Du mir da schreiben willst, es ist in der Welt einmal nicht anders. Ich weiss nicht, ob Du schon davon gehort hast dass ich itzt in Bondly wohne und in Diensten beim alten Lord Burton bin. Die Lady Buttler ist gestorben und da bin ich nun hierhergekommen. Der alte Lord ist bei weitem nicht der Mann, der er sein konnte, wenn er ein recht guter Christ ware nun, Du wirst ihn ja kennen, aber der junge Herr ist auch ein desto lieberer Herr, wenn der erst einmal die Herrschaft kriegen wird, da werden sich die Untertanen recht freuen, zu denen ich doch itzt auch gehore. Ich wunschte wohl, dass ich's noch erlebte, und dass Du, Willy, mich dann in Bondly besuchtest, oder gar hierbliebest, der junge Herr Burton nahme Dich gewiss gleich in Dienste, dann wollten wir unsre letzten Tage Deinen Herrn von mir und sage ihm, er mochte mein guter Freund bleiben, so wie ich
der seinige. Thomas.
Nachschrift. Schreibe mir sooft Du kannst, Willy; nur muss ich Dir noch sagen, dass Deine Art zu schreiben gerade nicht die schonste ist, alles ist immer so dunkel, wenn man nicht selbst etwas Verstand hatte, so wurde man Dich nimmermehr verstehn. Demohnerachtet bin ich
Dein zartlicher Bruder, Thomas.
5
Eduard Burton an William Lovell
Bondly.
Deine Briefe erfreuen mich um so mehr, um so heiterer und lebensmutiger sie sind. Ich teile Deine Sehnsucht nach einer entflohenen schonen alten Zeit; aber soll in dieser Sehnsucht nicht selbst ein Gewinn fur uns liegen? Jener Lebensmut des Altertums ist uns wohl entwichen, aber es ist uns vielleicht vergonnt, Natur und Kunst mit mehr Inbrunst zu lieben und zu erfassen; denn gewiss muss der Geist der Menschheit, das Verstandnis der Dinge, ebenfalls eine Geschichte haben, und in keiner Geschichte ist ein ununterbrochenes Ruckschreiten moglich: jene Volker, die uns als Beispiel dienen konnten, haben eben auch ihre Geschichte verloren. Der Zustand tierischer Wildheit ist kein menschlicher Zustand mehr. Darum sind uns alle grossen Erinnerungen alter Zeiten so wert, weil sie an sich selbst schon unser Gemut erheben, und zugleich in uns den Vor- und Ruckblick, die Ahndung einer wundersamen aber notwendigen Verkettung der Dinge, kurz, eine wahre Geistergeschichte zum Licht erheben. Darum wirst Du auch, wie die meisten Reigenannten Mittel-Alters nicht gleichgultig aus dem Wege gehen, denn alles was die Neueren echte Kunst und Poesie nennen durfen, scheint mir doch nur als die letzte Verwandelung dieser noch ziemlich unbekannten und unerkannten Jahrhunderte uns anzuglanzen. Den Griechen und Romern haben die Kunste schwerlich so viel zu danken, als sie sich selbst immer schmeicheln mochten, und vielleicht ist in diese mehr Missverstandnis als Verstandnis aus den klassischen Autoren gekommen. Mit der Philosophie und Wissenschaft ist es freilich ein ganz anderer Fall, und insoferne keine Zeit eine Kunst besitzen kann, die von der Wissenschaft keinen Einfluss erfuhre, haben Poesie und ihre Geschwister auch gewiss viel Gutes, aber aus der zweiten Hand, von jenen Alten bekommen.
Ich lebe hier im einsamen Bondly einformig und ohne Freund. Am schlimmsten ist es, dass ich mich oft innerlich harme und quale, wenn ich die menschenfeindliche Stimmung meines Vaters und jene traurige Verzweiflung in ihm wahrnehme, welche er Menschenkenntnis nennt.
Deine Tante in Waterhall ist gestorben, ihr Gut ist an Dich gefallen William darf ich mir eine schone Zukunft denken, in welcher Du dort wohnst, so nahe bei mir? Ich verweise alle meine Wunsche in jene Zeit, aber eine boshafte Ahndung will es mir manchmal ableugnen, dass sie sich je erfullen werden.
6
William Lovell an Amalie Wilmont
Paris.
Oh, Amalie, durft ich mit diesem Briefe zugleich nach meinem Vaterlande eilen, in Ihre Arme fliegen, o konnt ich Tage zuruckzaubern und alle Seligkeiten von der Vergangenheit wiederfordern! Ich sitze nun hier und wunsche und sinne, und fuhle so innig die Schmerzen der Trennung. Oh, wie dank ich dir, glucklicher Genius, der du zuerst das Mittel erfandest, Gedanken und Gefuhle einer toten Masse mitzuteilen und so bis in ferne Lander zu sprechen; gewiss war es ein Liebender, ein Geliebter, der zuerst diese Zeichen zusammensetzte und so die Trennung hinterging. Aber doch, was kann ich Ihnen sagen? dass nur Sie mein Gedanke im Wachen, meine Traumgestalt im Schlafe sind? Dass sich meine Phantasie oft so sehr tauscht, dass ich Sie in fremden Gestalten wahrzunehmen glaube? dass ich zittre, wenn auch das fremdeste Wesen von ohngefahr den Namen: "Amalie" nennt? Mit welchen Worten soll ich die Gefuhle ausdrucken, die mein Herz erweitern und zusammenziehn? Kein Zeichen entspricht der lebendigen Glut in meinem Insuchte und Worte fand ich kann, ich mag Ihnen nichts vorschwatzen nur ein Wunsch, nur eine Bitte: vergessen Sie nicht Ihren aufrichtigen, zartlichen William, der Sie ewig nicht vergessen kann.
7
Amalie Wilmont an William Lovell
London.
Mit einer innigen Wehmut setz ich mich nieder, um Ihnen zu schreiben; ich hatte Ihnen so manches zu sagen, so manche Antwort von Ihnen zu erbitten, und doch bin ich in Verlegenheit, wie ich es Ihnen sagen soll. So unerwartet ich Sie in London wiedersah, ebenso plotzlich sind Sie nun wieder abgereist; alle meine Empfindungen, frohe und traurige, wiegen mich in einen Traum, in welchem ich keinen Begriff, kein Gefuhl fesseln, nachdenken und empfinden kann. Ach, William, in der kurzen Zeit, in welcher ich Sie kannte, hatt ich mich so frei, so kuhn, und (ich weiss nicht, wie ich es nennen soll) so gross gefuhlt, dass ich der Zukunft froh und ohne Scheu entgegensah aber itzt beklemmt eine unnennbare Bangigkeit meine Brust, mein Mut verlasst mich, ich fuhle mich einsam und verlassen, ich bin wieder ein Kind, wie ich vorher war. Ich weiss selbst nicht, was ich von mir will, die Zukunft und die ganze Welt liegt in einer finstern Ausdehnung vor mir, ich ahnde, dass die Freuden dieses Lebens vielleicht die zartesten Blumen sind; wehe ein einziger wiederkehrender Wintertag lasst alle Bluten ersterben, dann ruft sie kein Sonnenschein ins Leben zuruck, keine herabfallende Trane erquickt sie wieder. William, wenn dieser ewige Winter meiner wartete? Doch, lassen Sie uns abbrechen, wir konnen dem Schicksale nicht gebieten, aber Wunsche sind verzeihlich.
Ihr Vater ist von neuem unpasslich geworden, er sieht sehr bleich aus, ich habe ihn neulich in London gesehn; doch sein Sie nicht betrubt daruber, etwas ist er indes schon besser geworden. Mit welcher Freude sprach er von Ihnen! Oh, wie liebt ich ihn um dieser Liebe willen! Ich fuhlte mich in Ihrem Lobe so geehrt und ich weiss nicht, ob ich weiterschreiben soll ach, William und da sprach er von seinen Planen mit Ihnen, von gewissen Verbindungen, die so gut wie geschlossen waren, er nannte mehrmals den Namen der jungen Bentink ich konnt ihn nicht mehr lieben, alle Freundlichkeit seines Gesichts ward fur mich plotzlich ein furchtbarer Ernst.
Leben Sie wohl. Weiss ich doch, dass ich in Bondly mein schonstes Leben gefuhlt und gelebt habe; diese Erinnerung bleibt mir ewig, und sie wird mein Gluck sein, wenn ich in Zukunft vielleicht einmal alles verloren habe.
8
Der alte Lovell an seinen Sohn
London.
Ich schreibe Dir, indem ich mich eben von einer neuen Krankheit erholt habe, die nicht ohne Gefahren war. Itzt ist mir besser, nur leid ich von einer Schwermut, in welcher ich oft den truben Gedanken nicht loswerden kann, dass ich Dich bei Deiner Abreise zum letzten Male gesehn habe. Ich rufe mir dann lebhaft Dein Bild zuruck, und gabe alles hin, um Dich in einem solchen Augenblicke zu sehn; ich bin schon oft im Begriffe gewesen, Dir zu schreiben, dass Du in der moglichsten Eile zuruckkommen mochtest; aber nein, bleibe dort, wo Du Dich vergnugst und unterrichtest, lerne Menschen kennen und bilde Dich aus; ich will meine ganze Kraft aufbieten, dem Tode zu trotzen, dann will ich den geliebten Sohn desto inniger an mein Herz drucken, dann will ich mich am Anblicke seines Gluckes laben und ruhig sterben. Alle Freuden sind mir abtrunnig geworden, aber die Vaterfreuden werden bei mir aushalten. Dein Gluck ist itzt die einzige Hoffnung, die mich an diese Welt fesselt, in ihrer Erfullung will ich am Abende meiner Tage von ruhen. Ich habe viel erlitten, oh, William; lerne die Menschen kennen, wenn sie Dich nicht elend machen sollen: begegne nicht jedem mit Deiner heissesten Liebe, um nicht einst das ganze Geschlecht zu hassen; sei sparsam mit Deinem Vertrauen, um nicht einst in einem ewigen Misstrauen zu verschmachten. Solltest Du in der itzigen Glut Deiner Phantasie solche Erfahrungen machen, wie ich aushalten musste wo wolltest Du itzt die Starke hernehmen, um Deine Moralitat, Deine Menschheit nicht untergehn zu lassen? Das Auflodernde in Deinen Gefuhlen hat mich oft um Dich besorgt gemacht; ohne zu untersuchen, traust Du jedem Wesen, das Dir nicht missfallt, alle Deine Gefuhle zu, und findest sie auch in fremden Seelen wieder; aber wenn Du Dich nun in drei Freunden irrst, so wirst Du allen Glauben an Freundschaft verlieren; den edelsten Menschen kannst Du leicht missverstehn, wenn jene aufleuchtende Flamme, an welcher Du itzt den fuhlenden Menschen vom kalten, den Guten vom Unwurdigen unterscheiden willst, zu einer stillen innern Glut zuruckgesunken ist: unbesonnen vertraust Du Dich dem nichtigen Enthusiasmus eines andern, und findest Dich endlich in einer dunkeln, einsamen Gruft verirrt, in der Du angstlich nach der Offnung tappst. Charaktere wie Du konnen am leichtesten um die Freuden ihres Lebens betrogen werden, sie sind Maschinen in der Hand eines jeden Menschenkenners. In meiner Krankheit hab ich mich in manche Szenen meines Lebens zuruckgetraumt: vielleicht schick ich Dir nachstens kleine Bruchstucke aus meiner Geschichte, vielleicht lernst Du aus Beispielen mehr, als aus den bloss hingestellten Resultaten meiner teuer erkauften Erfahrungen. Ich war oft einem allgemeinen Menschenhasse nahe, allenthalben ward meine Liebe verraten; Menschen, die ich fur hohe Seelen gehalten hatte, eroffneten mir plotzlich einen Blick in ihr Innres, und ich sahe mit Schrecken elenden, verachtlichen Eigennutz auf demselben Throne sitzen, auf welchem ich Wohlwollen und Liebe erwartete: ich war schon im Begriffe, an meinem eignen Werte zu verzweifeln, aber ich rettete noch die Verehrung der Menschheit und die Achtung meiner selbst.
Was mir itzt noch mehr als meine Krankheit unangenehm wird, ist, dass ich in einen weitlaufigen Prozess mit dem Baron Burton geraten werde. Du weisst, dass einer meiner Vorfahren die Guter von einem Ahnen Burtons kaufte; er zweifelt itzt, dass die Summen ausgezahlt und die Kontrakte vollzogen sind, so wie sie damals geschlossen wurden; der Prozess ist schon eingeleitet und er wird mir vielleicht viele Sorge, wenigstens viele Muhe machen. Ich habe schon Advokaten angenommen, welche behaupten, kein vernunftiger Mensch konne an der Rechtmassigkeit meiner Sache zweifeln. Es tut mir weh, mich auch noch itzt von ihm verfolgt zu sehn, da er einst, in den glucklichsten Tagen meiner Jugend, mein Freund war; es ist eine traurige Empfindung, wenn ich mit meinem Gedachtnisse jene Zeiten zuruckrufe, und sie mit den gegenwartigen vergleiche. Die Aussicht Deiner kunftigen, gewiss festen Freundschaft mit Eduard Burton trostet mich etwas. Eduard ist ein edler Jungling, er hangt fest an Dir, ihm darfst Du Dich ungescheut vertrauen, oder ich kenne auch noch itzt die Menschen nicht.
9
Louise Blainville an Rosa
Paris.
Welche Ursache in der Welt kann es geben, dass ich Sie so lange nicht gesehn habe? Sie fangen ja an, so kalt gegen mich zu werden, wie es sich mein verstorbener Mann kaum erlaubte; wenn ich nun zur Strafe meine Neigung auf den jungen reizenden Englander wurfe und Sie vollig verabschiedete? Oder sind Sie vielleicht gar schon eifersuchtig auf ihn? Wenn dies der Fall ware, so wurden Sie sich unnotige Muhe machen, denn es scheint mir, als hielte eine langweilige Duegna von erster Liebe unerbittliche Wache vor seinem Herzen. Der alte Graf Melun muss irgendeinen Anschlag im Schilde fuhren, er hat vielleicht gar die Idee, mich von neuem zu einer Heirat zu bereden und zwar so glaub ich wenigstens, und Sie werden gewiss mit mir lachen zu einer Verbindung mit ihm selbst! Doch davon mundlich, nur machen Sie, dass ich Sie bald sehe, sonst sollen Sie zur Strafe von diesen Vorfallen nichts erfahren. Adieu.
10
Rosa an die Comtesse Blainville
Paris.
Wenn ich einen Hang zur Eifersucht hatte, so wurde ihn Ihr Brief wahrlich nicht vermindern; ich bemerkte schon neulich, dass Ihnen Lovell nicht missfiel. Doch warum ich Sie so lange nicht besucht habe? Eine Unpasslichkeit eine Bekanntschaft sehen Sie, wie ich mich zu rachen weiss doch, auch davon mundlich.
Wenn Sie den seltsamen Lovell bekehren konnen, so wunsch ich Ihnen und ihm Gluck; mir scheint es fast unmoglich, denn seine Vorurteile sind zu tief mit ihm verwachsen doch, was ist den Weibern unmoglich? Sie losen die schwersten Probleme, und auf die leichteste und einfachste Art von der Welt. Ich werde mich freuen, mit dem jungen Englander an einem Siegeswagen zu ziehen; dulden Sie es nicht, dass er ein so schwerer Verbrecher an Ihrer Schonheit wird, strafen Sie seine Kalte, sie mag nun erzwungen oder naturlich sein, auf eine exemplarische Art, und ich werde noch mehr sein der innige Verehrer Ihres Verstandes und Ihrer Reize.
11
William Lovell an Eduard Burton
Paris.
Ja Eduard, auch in meiner Seele haben sich nun schon so manche Traume entwickelt, wie ich einst glucklich, mit Dir glucklich leben will. So nahe bei Dir vielleicht an Amaliens Seite, im Schosse einer landlichen Einsamkeit ich verliere mich seit Deinem lieben Briefe so oft in diesen Traum und tausend Vorsatze spinnen sich dann leise in meiner Seele aus. Mit einem kindischen Wohlbehagen verweil ich bei meinen Planen und wunsche die Zukunft schon herbei, um sie wirklich zu machen.
Es angstigt mich, Eduard: mein Vater ist krank und hat mir einen sehr melancholischen Brief geschrieben; er liebt mich gewiss mit der innigsten Zartlichkeit, aber ich kann nicht an Amalien denken, ohne mich mit Wehmut meines Vaters zu erinnern: sooft mir sein Bild voruberschwebt, werf ich einen schwermutigen Blick auf Amaliens schnell nachfolgendes; diese nebeneinandergestellten Ideen zerschneiden meine Seele. Ich hasse mich, Eduard, wenn ich daran denke, dass durch Amaliens Besitz meines Vaters Tod wenies wird nicht sein. Zu diesem unedlen Eigennutze wird Dein Freund nie hinabsinken.
Ein boser Damon verfolgt mich in der Gestalt eines Engels, um Amaliens Bild aus meinem Herzen zu reissen; aber dieser Versuch wird in Ewigkeit nicht gelingen, ich bleibe ihr und meinen ersten, meinen schonern Gefuhlen treu. Ich spreche von der Comtesse Blainville, der Nichte des Grafen Melun; sie ist das Modell einer griechischen Grazie, ein Zauberreiz begleitet jede ihrer Bewegungen, sie darf nur lacheln, um die Gottin der Liebe zu sein ein sanfter Blick ihres Auges und sie ist das schonste Bild der Schwermut. Ich kann sie nicht betrachten, ohne zu erroten, und sooft ihr Blick dem meinigen begegnet, schlagt sie ihn sogleich furchtsam nieder, sie sucht meine Gesellschaft und scheint sie doch vermeiden zu wollen; so viel Herzensgute, Sanftmut und Verstand hab ich noch bei keinem Madchen gefunden. Ihre Schonheit ist auffallender, ihr Auge grosser und sprechender, und ihr ganzes Wesen hat, mocht ich sagen, einen gewissen Zauber durch Bizarrerie und Pracht, wogegen Amaliens stille Schonheit fur die Phantasie gleichsam in den Schatten tritt. Nie wird sie aber in meinem Herzen auch nur den kleinsten Sieg uber jene himmlische Erscheinung davontragen; aber darum kann ich mir ja doch gestehn, dass sie liebenswurdig ist, dass sie zu den Ersten ihres Geschlechts gehort. Auch empfindet sie wirklich tief, ihre zarte Seele ist nicht durch jenen witzigen Weltton der Franzosen verdorben; sie ist ein einfaches Kind der Natur, ohne alle Pratension und Verstellung, ich habe sie beim Anblicke des Elends geruhrt gesehn.
Ich schliesse; Mortimer bringt mir soeben einen Brief. O Eduard, er ist von Amalien! Nein, ich bin ein Elender, wenn ich sie vergessen konnte! Welche Freude hat dann noch der Garten aufzuweisen, wenn dieser schonste Baum in mir verdorrt? Ich bleibe ewig der ihrige, so wie der Deinige.
12
Karl Wilmont an Mortimer
Bondly.
Ich muss Dir endlich schreiben und sollte auch mein ganzer Brief nichts als die Wiederholung der Phrase enthalten, dass ich Dir nichts zu schreiben weiss. Ich schame mich meiner Nachlassigkeit und meine ungelenkigen Finger haben das Schreiben indes verlernt; oratorische Wendungen, Tropen, Metaphern und alle Arten von Figuren hab ich rein vergessen, und ich selber spiele hier an meinem Schreibpulte eine hochst armselige Figur, indem ich die Feder beisse und mir mit der linken Hand in den Kopf kratze, um mich zu besinnen, was ich Dir wohl zu sagen haben konnte. Ich mochte den Brief gar gern ins Feuer werfen, aber es reut mich dann, dass ich ihn einmal angefangen habe, und einen Brief musst Du doch irgendeinmal von mir bekommen, daher will ich nur einen dreisten Trott fortreiten, ohne mich um die Kunste eines Schulpferdes zu bekummern. Wenn es nur Worte sind, so hab ich die Rechnung bezahlt, und ich habe mir einmal vorgenommen, dass das, was ich hier angefangen habe, ein Brief werden soll, und nun soll er genotigt sehn, einige ruhrende Betrachtungen uber die Entfernung zweier Freunde mit einfliessen zu lassen.
Ich fange an, mir hier in Bondly zum Teil weniger, zum Teil besser als ehedem zu gefallen. Der ganzliche Mussiggang behagt mir nicht recht, und doch wurd es mir schwer werden, ihn aufzuheben. Der Mensch ist ein wahres Kind, er weiss nie recht, was er eigentlich will, er schreit und heult, und eine blecherne Klapper kann ihn zufrieden und glucklich machen; im folgenden Augenblicke wird sie wieder weggeworfen, und er sieht sich um, was er denn nun wohl wunschen konne. Glucklich ist dabei noch immer der, der einer Klapper oder einer Rosine habhaft werden kann: mischt sich aber die liebe Langeweile ins Spiel und ein gewisses nuchternes Gefuhl, das einem im Leben so oft zur Last fallt, kann man keine Hoffnung und keinen Wunsch in seinem Gedachtnisse auftreiben; ist das Steckenpferd lahm, oder gar zu Tode geritten o wehe dir dann, armer Sterblicher! entweder musst du dann ein Philosoph werden, oder dich aufhangen. Diese Langeweile hat schon mehr Ungluck in die Welt gebracht, als alle Leidenschaften zusammengenommen. Die Seele schrumpft dabei wie eine gedorrte Pflaume zusammen, der Verstand wachst nach und nach zu, und ist so unbrauchbar wie eine vernagelte Kanone; alles Spirituose verfliegt da sitzt man denn nun hinter dem Ofen und zahlt an den Fingern ab, wann das Abendessen erscheinen wird; die Stunden sind einem solchen Manne langer, als dem, den man am Pranger mir Apfeln wirft; man mag nichts denken, denn man weiss vorher, dass nur dummes Zeug daraus wird; man mag nicht aufstehn, man weiss, dass man sich gleich wieder niedersetzt, das druckende Gefuhl geht mit, wie das Haus mit der Schnecke. O Mortimer, Linsen durch ein Nadelohr zu werfen, ist dagegen eine geistreiche Beschaftigung und wie viele Menschen vergahnen auf dieser Erde nicht so ihr Leben? Die magnetische Anziehungskraft erlahmt ohne Ubung, ungeschlagen springt kein Funke aus dem Stahle, ungerieben zeigt sich keine Elektrizitat an der Glasscheibe kein Verstand, kein Gefuhl am Menschen ohne Tatigkeit, Mitteilung und Freunde. Diese sind der Konduktor, welche einen Funken nach dem andern in die Flasche leiten, bis dann endlich ein grosser leuchtender Funken schreiend herausspringt dann kommt Don Quixote oder ein verlornes Paradies zum Vorschein, u.s.w. ad libitum.
Weil ich aber in so klaglichen Tonen wimmre, so glaube darum von mir noch nicht, dass ich schmachtend und hungernd in einer solchen Lowengrube sitze, oder dass ich ganz und gar an Freuden bankerott gemacht habe dass ich zu jenen dumm unbefangenen Menschen gehore, die es selber nicht ergrunden konnen, wie ihnen zumute ist, oder die so uber und uber mit einer bleiernen Unbehaglichkeit behangen sind, dass man sie auf den ersten Blick nicht vom Elefanten mit dem Turm unterscheiden kann; die sich mit dem kaltesten Blute ersaufen konnten, weil es gerade Donnerstag ist: nein, lieber Mortimer, halt mich meines Geschwatzes ohngeachtet immer noch fur einen Menschen, der seine funf Sinne, im ganzen genommen, behalten hat; der zur Not, wenn ihn die Langeweile plagt, auf die Jagd geht, oder nach der nachsten Stadt reitet, oder Whist spielt, oder Romane liest, oder Dir einen Brief schreibt, wie das zum Beispiel itzt eben der Fall ist; dann freilich bin ich etwas verdrusslich und ubelgelaunt.
Ach, lieber Freund, was fur herrliche Sachen liessen sich nicht uber die Allmacht der Liebe sagen, uber jenen kleinen Jungen, der mit verbundenen Augen durch die Welt stolpert und mit seinen goldenen Pfeilen alle Leute wie Hasen zusammenschiesst. Ja Freund, hier oder nirgends in meinem Leben ist es angebracht, Dir zu zeigen, dass ich meinen Ovid und Horaz mit Nutzen gelesen habe; hier ware es die schonste Gelegenheit, mich durch ein hoch lyrisches Gedicht bei Dir in eine Art von Achtung zu setzen. Aber, Mortimer, genau betrachtet wurde nichts weiter herauskommen, als dass ich ein Narr bin, und da ich Dir das in Prosa fast ebenso deutlich machen kann, so wollen wir's auch dabei nur bewenden lassen.
Du lachst schon im voraus. Du freust Dich, dass Deine neuliche Prophezeiung so genau eingetroffen ist; aber doch nicht so sehr, als Du nun vielleicht glaubst. Ja, die Einsamkeit, der Mangel an Beschaftigung, o hundert Ursachen, nach denen man gar nicht fragen sollte, denn die Erscheinung ist so naturlich, als der Tag wenn die Sonne am Himmel steht alle diese machen es, dass ich itzt nach und nach verliebt werde. Ich bemerke es recht gut, und das eben krankt mich und doch kann ich's nicht andern. Meine Lustigkeit hat abgenommen und steht itzt sogar im letzten Viertel; ich fange an so gesetzt zu werden, wie ein Mann, der zum Parlamentsgliede gewahlt ist; ich werde so empfindsam, wie ein Madchen, das den ersten Roman mit Verstand liest. Wenn man nun alle diese herrlichen Progressen an sich selber bemerkt, sollen einem da nicht die Haare zu Berge stehn? Doch, man muss sich in den Willen des Schicksals ergeben, und ich bin itzt uberzeugt, dass man das Verlieben mit vollem Rechte inevitabile fatum nennen kann.
Ich muss ihr oft vorlesen, namlich der Emilie Burton (das ist unter uns Liebhabern nun einmal Sprachgebrauch, dass wir die Namen weglassen) und das Vorlesen, besonders empfindsamer und ruhrender Sachen, ist gewiss die gefahrlichste Angel, die nach einem Menschen ausgeworfen werden kann. Ich habe dabei einigemal mit einem Pathos deklamiert, dass ich nachher selber erschrocken bin. Dass ich aber zur Fahne jener seufzeraushauchenden und traneneintrinkenden Toren schworen werde, die nur zu leben scheinen, um uber ihr Leben zu klagen das wirst Du nicht von mir glauben. Ich werde mich nie auf lange aus dem gemassigten Klima entfernen. Emilie selbst ist ein liebes sanftes Geschopf, die mit ungekunsteltem Gefuhle sich freut und trauert, so wie es gerade die Umstande fordern; ich mag weder eine Arria, noch eine Ninon, noch eine Clementine lieben. Doch, damit ich Dir nicht ein Gemalde von ihr entwerfe, muss ich nur von etwas anderm sprechen, denn ich merke; dass ich eben in Versuchung war, Dir damit Langeweile zu machen.
Ich werde also vielleicht meine Liebe bald aufgeben mussen; hintergehn mag ich den Vater nicht; sie von ihm geschenkt haben, ebensowenig ja, ich wurde mich selbst bedenken, sie von ihm auf irgendeine Art zu verdienen. Er ist ein gemeiner Mensch. Ich mache mir oft einen Vorwurf daraus, dass ich noch hier und noch so oft in seiner Gesellschaft bin. Manche Menschen, die alles entweder aus einem guten oder schlechten Gesichtspunkte ansehn mussen, konnten es gar fur die niedrigste, schleichendste Art von Schmeichelei halten; doch, diese Insekten mussen einen im Leben nie viel bekummern, am wenigsten muss man sich ihretwegen genieren. Der Sohn, der der edelste junge Mann ist, kennt mich, er ist mein inniger Freund geworden und er ist itzt die grosste von allen Ursachen, die mich noch hier in Bondly zuruckhalten. Ich glaube, dass Emilie mich nicht hasst.
Du wirst vielleicht schon wissen, dass der alte Burton auch mit dem Vater Deines jungen Freundes einen Prozess angefangen hat; es tut mir weh, die Sachen scheinen nicht zum besten zu stehn. Sein Sohn ist selbst daruber sehr betrubt.
Itzt lebe wohl, denn in der Eil wusst ich Dir nun nichts mehr zu sagen, so wenig ich Dir auch Uberhaupt gesagt haben mag.
13
William Lovell an seinen Vater
Paris.
Ihr Brief hat mich sehr betrubt, zartlichster Vater o ich mochte zuruckeilen, um Sie zu sehn, wenn ich nicht Ihr Verbot und Ihren Unwillen furchtete. Sie sind krank, und ich soll Sie nicht verpflegen? Traurig, und ich soll Sie nicht trosten? Sie selbst verlangen, dass ich die Pflichten des Sohnes nicht erfullen soll? Sie wunschen mir Gluck, und ich kann mir itzt kein anderes Gluck denken. Sie in Gefahr und ich fern von Ihnen! Bis ich wieder einen Brief von Ihnen, mit der Nachricht Ihrer Besserung erhalte, gibt es keine Freude, ja keine andre Vorstellung fur mich; ich sehe Sie nur schmachtend auf Ihrem Krankenlager, ich hore Ihre Seufzer, und ein Verbrecher wurd ich mir scheinen, wenn ich jetzt frohlich sein konnte. O ich beschwore Sie; mir sogleich, mit jeder Post, wieder Nachrichten zukommen zu lassen. Mit zitternden Handen werde ich den nachsten Brief von Ihnen, noch eher als den meines Freundes, erbrechen.
Neuigkeiten werden Sie von mir nicht erwarten; ich bin wohl, soweit man es beim Bewusstsein sein kann, werd ich Paris verlassen; ich habe hier einen Freund gefunden, einen Jungling von vortrefflichem Herzen, Balder, einen Deutschen. Er wird mit mir die Reise nach Italien machen. Sein Sie unbesorgt, diesem darf ich trauen, auch Mortimer schatzt ihn. Ein Italiener, Rosa, wird uns auch begleiten; seine Bekanntschaft wird mir in Italien manche Vorteile verschaffen, er hat viel Verstand und feine Welt, aber mein Freund wird er nicht leicht werden konnen. Ich hoffe in Ihrem nachsten Briefe zu erfahren, dass Sie ganzlich wiederhergestellt sind; bis dahin werde ich in bestandiger Furcht leben.
Nachschrift. Der alte Willy ist uber Ihre Krankheit sehr traurig, er hat durchaus ein Blatt an Sie einlegen wollen, und ich habe es dem alten ehrlichen Manne nicht abschlagen mogen.
14
Willy an den Herrn Walter Lovell
Paris.
Dass Sie noch auf Ihre alten Tage Krankheiten auszustehen haben, hat mich wahrlich herzlich gejammert; doch freilich kommen sie dann am liebsten, denn dann hat der Mensch nicht mehr so viele Krafte sich gesund zu machen. Ich mochte Sie gar gerne trosten und Ihnen noch viel lieber helfen; aber wenn Gott bei solchen Gelegenheiten nicht das Beste tut, so will die menschliche Hulfe wenig sagen. Es ist aber schade, dass ein so guter christlicher Herr, wie Ihre Gnaden doch in dem vollsten Masse sind; was auch Ihre Feinde nicht von Ihnen ableugnen konnen, so viel Ungluck und Leiden in dieser Welt erdulden soll; wenn das nicht nachher, wenn das Leben hier ausgegangen ist, wieder gutgemacht wird, so ist das nicht ganz recht und billig. Ich wollte, ich konnte Ihnen nur etwas von meiner uberflussigen Gesundheit abgeben, denn ich bin hier immer, seit ich auf die Reisen gehe, ganz frisch und gesund, und das ist mein Herr William, Ihren Sohn mein ich, auch immer. Trosten Sie sich aber nur, es wird gewiss bald besser werden; so don gehn, um Sie einmal wiederzusehn; nur sind mir die Fusse schwach, und es ist der See dazwischen, den die Franzosen aus Spass, (wie sie denn bei allen Sachen dummes Zeug machen) einen Kanal nennen; wenn viel solche Kanale bei uns in England waren, so wurde von dem Lande eben nicht ausserordentlich viel ubrigbleiben. Bleiben Sie ja gesund, mein liebster, gnadiger Herr, dass ich Sie mit meinen alten, schwachen Augen noch einmal wiedersehn kann. Ich wurde viel weinen, wenn ich einmal wieder die Turme von London sahe und Sie waren dann in der ganzen weiten Gegend umher nicht zu finden, als auf dem Kirchhofe, und auch da nur tot es ware ein Jammer fur mich und jeden andern ehrlichen Mann, besonders aber auch ausserdem fur meinen Herrn; wenn Sie konnen, so bleiben Sie gesund, wie ich.
Ihr Willy.
15
Die Comtesse Blainville an Rosa
Paris.
Da Sie mich itzt nur so selten besuchen, so seh ich mich genotigt, mich schriftlich mit Ihnen zu unterhalten, so ungern ich es auch tue, denn ganz Ihrem Umgange zu entsagen, ware eine zu harte Busse fur mich.
Seit Ihrem neulichen Besuche haben sich einige nicht unwichtige Vorfalle ereignet. Der Graf wird immer freundlicher und hoflicher, er ist schon zehnmal im Begriffe gewesen, mir durch Umwege einen Heiratsvorschlag zu tun, aber immer ist ihm noch sein boser Genius wieder in den Zugel gefallen. Solche Leute werden sehr langweilig, wenn sie nachher in einer Art von Verlegenheit einen andern Weg einlenken; sie sind gestolpert und haben im Schrecken die Steigbugel verloren.
Doch, Sie kennen ja den Grafen, dass er sich pikiert gerade dann am geistreichsten zu sein, wenn er die Gegenwart des Geistes am meisten vermisst. Ein Hinkender wird aber erst am meisten lacherlich, wenn er seinen Fehler verbergen will; dies Stottern, dies Jagen nach Wortspielen und Verdrehungen des Sinnes oh, Vernunftiges gesprochen hat.
Lovell ist mit seiner Naivitat allerliebst, der Galimathias, den er zuweilen spricht, kleidet ihn recht gut, und ich habe itzt die Manier gefunden, ihn zu attachieren. Er ist eigensinnig genug, nicht durch gewohnliche Aufmerksamkeit gefesselt zu werden; ein Franzose wurde uber die Art der Rolle lachen, die ich itzt spiele. Freilich sind die Weiber verdammt, immer nur Rollen auswendig herzusagen, vielleicht auch viele Manner; aber meine itzige liegt mir so entfernt, dass ich auf meine Merkworte sehr aufmerksam sein muss, wenn ich nicht zuweilen das ganze Stuck verderben will. Ich bin so empfindsam, wie Rousseaus Julie, ein wenig melancholisch, eine kleine Teinture aus Young und eine so langweilige Vernunft- und Moralschwatzerin, als die Heldinnen der englischen Romane. Sie wurden mich hassen, wenn Sie mich in dieser Tragodienlaune sahen; aber Lovell ist davon bezaubert; er halt mich in Gedanken fur ein Ideal Richardsons, fur ein himmlisches und uberirdisches Geschopf. Wir empfinden so sehr ins Feine hinein, dass mir schon oft ein Gahnen angewandelt ist, das ich nur mit Muhe verbissen habe; durch hundert Vorfalle ist es nun endlich dahin gekommen, dass er wirklich verliebt ist; er will sich zwar dies Gefuhl selbst nicht gestehn, aber ich mache mich jeden Tag auf eine sehr pathetische Erklarung gefasst; er ist schon oft auf dem Wege gewesen, aber jedesmal muss ihn noch das Bild seiner Geliebten zuruckgehalten haben.
Gestern ging er melancholisch im Garten auf und nieder, ich begegnete ihm, wie von ohngefahr. Er freute sich und erschrak zu gleicher Zeit, meine Gegenwart war ihm lieb, aber es war ihm unangenehm, selbst durch mich in seinen Traumen gestort zu werden; er geriet in eine Art von Verlegenheit. Es war ein schoner Abend, wir waren allein, ich horte wenig von dem, was er sagte, seine Bildung, sein schoner Wuchs, sein feuriges Auge zerstreuten meine Aufmerksamkeit: er ist einer der schonsten Manner, die ich bis itzt gesehn habe. Wir kamen zu einer Laube und setzten uns. Der Abend und die Einsamkeit luden zu mancherlei Traumen ein; ich sah es, wie Lovell schwer seufzte und ein Geheimnis auf dem Herzen hatte.
"An diese Abende", fing er endlich an, "ich ahnde es, werd ich in der Zukunft oft mit Schmerzen zuruckdenken."
"Mit Schmerzen? Sie verlassen uns also ungern?"
"Und Sie konnen noch fragen?"
"Sie werden neue Freunde und schonere Gegenden finden, und uber die letzteren die ersteren vergessen."
"Sie qualen mich", rief er nach einer kleinen Pause etwas unwillig.
"Ich habe Ursache zu klagen"; fuhr ich leise fort, um nicht in eine Art von Zank zu fallen, der so leicht langweilig und widrig, selbst fur beide Parteien, werden kann, wenn man einer sehr zartlichen Aussohnung nicht ausserst gewiss ist; und dies war hier nicht der Fall: "Ich habe Ursache zu klagen", sagt ich, "denn ich bleibe hier in dieser oden langweiligen Welt zuruck, ich verliere einen Freund, der mir in so kurzer Zeit sehr viel wert geworden ist."
Er kusste mir sehr feurig die Hand. "Comtesse!" rief er aus "wollen Sie mich nicht vergessen?"
"Vergessen?" seufzt ich ganz leise. Meine Rolle ward mir hier ausserst naturlich, und ich spielte sie mit einer tauschenden Leichtigkeit. Er ruhrte mich, denn, wahrlich, er ist mir nicht gleichgultig. Meine Hand lag in der seinigen, ich druckte sie ganz leise, er erwiderte es mit Heftigkeit, unsre Lippen begegneten sich
Ich stand auf, wie erzurnt, er suchte mich zu versohnen. Wir fingen bald wieder ein melancholisch empfindsames Gesprach an, und so ward der Streit daruber vergessen. Als wir zur Gesellschaft zuruckkamen, stand er oft in Gedanken.
Beim Abschiede druckte er auf meine Hand einen sehr feurigen Kuss. Itzt ist in seinem Herzen die entscheidende Epoche; indes versprech ich mir uber meine unbekannte Nebenbuhlerin den Sieg.
16
William Lovell an Balder
Paris.
Ich bin die ganze Stadt durchstrichen, ohne Dich zu finden, der Abend ist so schon, ich hatte Dir so gern alles gesagt, was ich auf dem Herzen habe; ich schreibe Dir daher, weil ich Dich doch wahrscheinlich heut nicht mehr sehn werde. Antworte mir noch heut, wenigstens morgen fruh, wenn Du mich nicht selbst besuchen solltest.
O Balder, konnte doch meine Seele ohne Worte zu der Deinigen reden und so alles, alles Dir ganz gluhend hingeben, was in meinem Busen brennt, und mich mit Martern und Seligkeiten qualt.
Ja, Freund, itzt fuhl ich es, wie sehr Rosa recht behalt, wenn er sagt: Der Busen des fuhlenden Menschen hat fur tausend Empfindungen Raum, warum will der Mensch seiner eigenen Wonne zu enge Schranken setzen? Des Toren, der da schwort, dass er nie wieder lieben wolle! Kann er seine Seele zurucklassen?
Du weisst von Amalien. Soll ich Dir sagen, dass ich ihr treulos bin? Treulos? das Wort hat keinen Sinn, kann ich denn diesem namlichen Herzen widerstehn, welches mich zur Blainville reisst. Soll ich blind sein, und ihre Schonheit nicht sehen? Welche Macht ist es, die uns zueinander fuhrt?
Es war ein schoner Abend, ich war mit ihr im Garten des Grafen Melun, wir gingen lange einsam auf und ab. Balder, sie ist das edelste weibliche Geschopf, das ich bis itzt gekannt habe! so viel Natur und Herzensgute! Ich sass im stummen Entzucken in einer dammernden Laube neben ihr; die Blumen dufteten Liebe, die Vogel sangen der Gottin Lieder, sie wandelte im Hauche des Zephirs durch den Garten und gaukelte in den Lindenbluten: mir war's, als konnt ich unter den goldenen Schimmern des Firmaments den rosengekranzten Engel sehn, der den tausendfachen Segen uber die Natur ausgiesst; wie sich die ganze lebende und leblose Natur kindlich zu ihm drangt, um zu empfangen und sich zu freuen o es war eine der wonnevollsten Stunden meines Lebens.
Ich war hundertmal im Begriffe, ihr meine Empfindungen zu gestehn, sie in einer blinden Begeisterung an mein Herz zu drucken, mich kuhn zu ihrer Hoheit emporzureissen aber Amaliens Andenken hielt mich grausam ernst zuruck. Aber ich will, ich muss ihr gestehn, was ich empfinde, ohne Mitteilung zersprengt dies Gefuhl meinen Busen.
Begeh ich dadurch eine Sunde an Amalien? Antworte mir hierauf, ich glaub es nicht, ich liebe sie, ich werde sie lieben; aber soll mir diese Liebe ein Gesetz sein, gegen jede Vortrefflichkeit unempfindlich zu sein? Liebe erhoht die Empfindungen, veredelt sie, sonst wurd ich wunschen, nie geliebt zu haben.
17
Balder an William Lovell
Paris.
Ich mochte Dir so gern nicht antworten da komm ich mit hundert schwermutigen Traumen, mit tausend lastigen Gefuhlen aus der nuchternen Welt nach Hause und finde nun noch Dein Billet; ich will noch einige Zeit anwenden, Dir zu antworten, besuchen mag ich Dich in meiner itzigen Stimmung nicht, wir wurden nur streiten und morgen hab ich eine Menge lastiger Geschafte: kurz, ich will Dir schreiben, nur lass mich nachher nicht ofter daruber sprechen, denn wir werden nie einig werden.
Die ganze Welt erscheint mir oft als ein nichtswurdiges, fades Marionettenspiel, der Haufe tauscht sich beim anscheinenden Leben und freut sich; sieht man aber den Draht, der die holzernen Figuren in Bewegung setzt, so wird man oft so betrubt, dass man uber die Menge, die hintergangen wird und sich gern hintergehen lasst, weinen mochte. Wir adeln aus einem torichten Stolze alle unsre Gefuhle, wir bewundern die Seele und den erhabenen Geist unsrer Empfindungen und wollen durchaus nicht hinter den Vorhang Spiel der Maschinen entratseln wurde. Ich sehe in Deiner neuen Liebe nichts, als Sinnlichkeit, Deine Phantasie bedarf bestandig eines reizenden Spiels und Du wirst es auch allenthalben sehr bald finden; jenes hohe, einzige Gefuhl der Liebe, das sich weder beschreiben noch zum zweiten Male empfinden lasst, hat Deine irdische Brust nie besucht, bei Dir stirbt die Liebe mit der Gegenwart der Geliebten. Warum willst Du das hohe Wort entweihen?
Ich erinnere mich lebhaft aus den wenigen goldenen Tagen meines Lebens, wie meine ganze Seele nur ein einziges Gefuhl der Liebe ward, wie jeder andre Gedanke, jede andre Empfindung fur mich in der Welt abgestorben war; in die finstern Gewolbe eines romantischen Haines war ich so tief verirrt, dass nur noch Dammerung mich umschwebte, dass kein Ton der ubrigen Welt an mein Ohr gelangte. Die ganze Natur wies auf meine Liebe hin, aus jedem Klange sprang mir der Geliebten holder Gruss entgegen. Sie starb und wie Meteore gingen alle meine Seligkeiten auf ewig unter, sie versanken wie hinter einem finstern fernen Walde, kein Schimmer aus jener Zeit hat mir seitdem zuruckgeleuchtet.
Und auch nie wird ein Strahl zu mir zuruckkehren! Ich sitze auf dem Grabmale meiner Freuden und mag selbst kein Almosen aus der Hand des Vorubergehenden nehmen, mein Elend ist mein Trost.
Ich furchte, William, Du verstehst mich nicht, unser Gefuhl widerspricht sich hier. Aber wenn Amalie Dich liebt, so ist sie durch Deine Liebe elend, denn Du wirst ihr dann nie zuruckgeben, was sie Dir im vollen Masse ihrer Empfindungen schenkt. Sie seufzt um Dich, und Du vergissest sie, sie leidet, und Dich bewillkommnen neue Freuden taufe Deinen Sinnenrausch nicht mit dem Namen Liebe, Du beleidigst diese hohe Gottheit: denn ist nicht Liebe eben dadurch Liebe, dass sie ganzlich unsern Busen fullt? Unsre Seele ist zu eng, um zwei Wesen mit demselben starken Gefuhl zu umfangen, und wer es kann, der ist an Herzensgefuhl arm geworden.
18
Die Comtesse Blainville an Rosa
Paris.
Seit meinem neulichen Briefe hat sich manche sehr wichtige Begebenheit ereignet, und gestern hielt mich Lovell so belagert, dass ich Ihnen unmoglich etwas davon sagen konnte, ich muss daher wieder zum Schreiben meine Zuflucht nehmen.
Mit meinem teuersten Onkel bin ich so gut wie versprochen, endlich ist das Gestandnis uber seine Lippen gekommen.
Der Graf besuchte mich neulich, so wie er oft tut. Ich war gerade mit einer Stickerei beschaftigt. Naturlich bewunderte er, was gar nicht zu bewundern war, und lobte, wo nur irgendein Faden lag; man wird an so etwas gewohnt und ich gab daher gar nicht besonders darauf acht. Das Kammermadchen ging von ohngefahr hinaus und nun nahm das Gesprach eine andere Wendung.
"Sie sind so oft allein, liebe Nichte, wird Ihnen denn nicht zuweilen die Zeit lang?"
"Nie da Sie mir uberdies den Gebrauch Ihrer Bibliothek erlaubt haben." dem Tische lagen, und sah sie ganz gleichgultig durch.
"Rosa?" fing er an "wie kommt's, dass ich ihn so lange nicht gesehn habe?"
"Ich weiss nicht, welche Geschafte ihn abhalten mussen "
"Wenn er seine Unart nicht wieder gutmacht, so wird er sich Ihren Unwillen zuziehn."
"Er hat uber seine Zeit zu gebieten."
"Ich glaube gar, Sie sind schon itzt bose auf ihn", fuhr er lachend fort.
"Wie kommen Sie zu dieser Meinung?"
"Je nun" er legte die Karten wieder auf den Tisch und tat, als betrachtete er die Stickerei, indem er mich verstohlen aufmerksam und fest beobachtete. "Sie haben ihn von je ausgezeichnet, und er erwidert Ihre Hoflichkeit mit Undank "
"Ausgezeichnet?" indem ich mit der grossten Kalte etwas ausbesserte. "Sie wollen sagen, dass er mich auszuzeichnen schien, und oft zu meinem grossten Verdruss."
"Verdruss?"
"Bin ich denn nicht seitdem auf einem hohen Tone mit meiner kleinen Freundin Cacilie? hat denn der narrische Belfort nicht seitdem ganzlich mit mir gebrochen, der mich so oft zu lachen machte? Ich bin froh, dass dieser Rosa mir nicht mehr soviel Langeweile macht. "
"Wenn Rosa Ihnen Langeweile macht, so muss dies mit Ihren ubrigen Gesellschaftern noch mehr der Fall sein."
"Leider!"
"Und Sie nehmen gar keinen aus?" Er sah mich mit einem leichten Lacheln an.
"Ein Besuch ist mir jederzeit angenehm."
Ein plotzlicher Schreck zuckte wie ein Blitz durch seine lachelnden Lippen, er sah mit einem Male sehr ernsthaft aus. "Und dieser eine?" fragte er, indem er sich in ein Lachen aufs Geratewohl hineinwarf, das noch so ziemlich naturlich ward "darf ich ihn nicht wissen?"
"O ja", antwortete ich ihm munter. "Sollten Sie im Ernste nicht gemerkt haben, dass ich Sie meine?"
"Mich? auf dieses Kompliment war ich freilich nicht vorbereitet."
"Es soll auch kein Kompliment sein."
"Also Ernst?"
"Was sonst?"
"Sie wurden diese Versicherung vielleicht bald bereuen, wenn ich in Versuchung kame, Sie ofter zu sehn?"
"Sie werden sehn, wie gross mein Vergnugen sein wird."
"Wenn ich Ihnen ganz glauben durfte?"
"Und warum wollen Sie zweifeln?"
"Louise, liegt Ihnen wirklich nichts an jenen jungen, witzigen, artigen Gesellschaftern?"
"Sie sind mir lastig."
"Sie lieben uberhaupt nicht die grosse Welt und ihre Freuden."
"Sie macht mir Langeweile."
"Sie sind fur ein stilles, hausliches Gluck geboren."
"Ich wunsche mir kein andres und werde nichts darin entbehren."
"Glucklich ist der Mann, den Sie einst Ihren Gatten nennen." Er stand auf und ging schweigend auf und ab; ich war stumm und arbeitete an der Stickerei weiter.
"Man gewinnt nichts in jener sogenannten grossen Welt", fuhr er endlich ernsthaft fort, "man verliert sein Leben in einem langweiligen Spiele, man lernt keine Freude des Herzens kennen, man findet im Entbehren seinen Stolz und ein eingebildetes konventionelles Gluck. Ich habe nun lange in dieser Welt gelebt, Louise, und kein Gluck gekannt."
"Weil Sie es vielleicht nicht suchten."
"Eine elende Eitelkeit hintergeht uns mit betrugerischen Versprechungen, wir schamen uns taglich, besser als andre zu sein; wir vergehn alle in einer Langenweile, weil es die strenge Mode so fordert aber ich will mich itzt von diesem Vorurteile losmachen. Wenn ich ein Herz fande, das so wie das meinige fuhlte, das eine Ahndung vom wahren Glucke hatte und an einem langweiligen Traume nichts verlore "
"Sollten diese Herzen so selten sein?"
"Sie sind es, Louise. Man wagt es nicht, der Natur und ihrer Lockung zu folgen wenn ich eine Seele fande, die mich liebte, der es nicht schwer wurde, fade Vorurteile von sich zuruckzuweisen o Louise, wenn Sie diese waren!"
Ich konnte nicht antworten.
"Wenn Sie diese waren!" fuhr er feuriger, aber immer sehr ernsthaft fort. "Antworten Sie mir."
"Und wenn "
"Ich will Sie nicht ubereilen, ich will Sie nicht uberreden, fragen Sie Ihr Herz und antworten Sie mir nach einigen Tagen. Ich bin der bisherigen Art zu leben uberdrussig. Ich habe Sie erzogen, ich kenne Sie, Sie haben mir schon viele Freuden gewahrt, meine Vorsorge hat die schonsten Fruchte hervorgebracht, ich gefalle mir in Ihnen, wie in einem verschonernden Spiegel."
So weit schreibe ich Ihnen ungescheut alle diese Lobeserhebungen, weil mehr als die Halfte auf ihn selber zuruckfiel, aber die ubrigen verschweig ich, weil sie mich nur allein trafen. Er verliess mich endlich.
Soll ich Ihnen gestehn, Rosa, dass ich in einer Art von sonderbaren Stimmung war, als er mich verlassen hatte? Er war so ernsthaft gewesen, wie ich ihn noch nie gesehn hatte, er hatte mit Ruhrung gesprochen. Sein itziges ganzes Leben ist ihm flach und uninteressant erschienen, ein Herbstwind hat die Blatter von den Baumen geschuttelt, die Gegend ist durr und ode geworden, und er ubersieht mit einem Durchblicke die lichten Stellen des Gartens, wo einst die versteckten Partieen den hochsten Reiz ausmachten. Er will ein genussreicheres Dasein suchen, er appelliert an mein Herz und will sich von mir eine neue, freudenreichere Existenz erkaufen und soll ich ihn hintergehn?
Ich war wirklich weichherzig geworden, meine Schwache hatte mich so sehr uberrascht, dass ich mir vornahm, (Rosa, ich schame mich, es niederzuschreiben,) zu jenen kindischen Gefuhlen und Ideen meiner fruhesten Jahre meine Zuflucht zu nehmen, mir selbst alle meine Erfahrungen und reiferen Gedanken abzuleugnen und sie Lugner zu schelten. Kurz, ich war auf dem Wege, eine vortreffliche Matrone aus der Provinz zu werden, die ihren Tochtern einen grundlichen Unterricht im Katechismus gibt oder uber eine Stelle in der Bibel ihre frommen Tranen vergiesst; oh, die Schwachheit ist der weiblichen Natur so eigen, dass wir ohne diese vielleicht aufhoren wurden, Weiber zu sein: der eine Liebhaber ruhrt uns durch seine Schonheit, der andre durch Geschenke, der dritte durch Zartlichkeit, ein vierter durch Aufwand von moralischen Maximen und beweglichen Bitten, und sollt er selbst unser Onkel sein.
Ich kam wieder aus meiner Zerstreuung zuruck, meine Eitelkeit, mein Stolz erwachte; ich schamte mich vor mir selber. So leicht, sagt ich zu mir, bin ich also zu bewegen, dem angenehmsten Liebhaber den unangenehmern vorzuziehn? Wie wenig Wert muss mein Verstand haben, da es so wenig kostet, mich dahin zu bringen, die Gedanken eines glanzenden Lebens so leicht aufzuopfern? Es fiel mir ein, wie es vielleicht mehr Eitelkeit als Liebe sei, die den Grafen zu diesem Schritte treibe.
Der letzte Gedanke tat meiner eigenen Eitelkeit wehe, es schien mir am Ende doch, dass er mich wirklich liebe. Ich wurde vielleicht noch einmal den Kampf mit mir selber angefangen haben, als sich Mortimer und Lovell melden liessen: da ich also jetzt keine Zeit hatte, schob ich mein Nachdenken und alle Empfindungen daruber bis zu einer bequemern Zeit auf.
Lovell war sehr ernsthaft und zuruckhaltend, ich weiss nicht welche Gedanken ihn mit ganz neuer Kraft uberrascht haben mussten, er war still und selbst kalt. Wir waren auf einige Augenblicke allein, und diese benutzte ich so, dass ich ihn aus allen seinen Verschanzungen trieb. Er wurde verwirrt, wollte sprechen und konnte nicht; bald nachher verliess er mich sehr unruhig.
Schon gestern am Morgen liess er sich anmelden: gleich beim Eintritte bemerkt ich, dass er heut einen grossen Coup machen wollte, und ich hatte mich nicht geirrt. Er war in einer bestandigen Verlegenheit, er hatte mir immer etwas zu sagen und wagte es doch nicht, er ward rot und blass.
Endlich als er mich verliess, fasste er den grossen Entschluss, er kusste mir ausserordentlich feurig die Hand, gab mir ein Papier und eilte aus dem Zimmer. Dieses Blatt will ich Ihnen beilegen.
Zwei solche aufeinanderfolgende Triumphe mussen meiner Eitelkeit schmeicheln, nicht wahr?
Ich sehe, dass mein Brief sehr lang geworden ist, das Schreiben fangt an mich zu ennuyieren, leben Sie wohl.
19
William Lovell an die Comtesse Blainville (Einlage)
Paris.
Nicht langer will ich, kann ich schweigen. Uberraschen Sie diese Worte, so bin ich verloren; aber nein, auch ohne Worte mussen Sie langst gefuhlt haben, was Sie mir sind, und warum soll ich nicht gestehn, was ich nicht Kraft zu verschweigen habe: erfahren Sie es also durch einen irdischen Laut, dass ich Sie liebe und unaussprechlich liebe. Zurnen Sie mir, so habe ich Sie zum letzten Male gesehn.
20
Andrea Cosimo an Rosa
Rom.
Wie kommt es, dass Du uns gar keine Nachrichten von Dir und Deinem Auftrage gibst? Hast Du mich und Deine ubrigen Freunde vergessen? Lege unsern Entwurfen nicht selbst durch Verzogerung Hindernisse in den Weg und vergiss nie, dass bei uns vom Argwohne zur Verfolgung und Strafe nur ein Schritt ist.
21
Willy an seinen Bruder Thomas
Paris.
Ich glaube Dir darin, lieber Bruder, was Du mir von wegen meiner Briefe sagst, ich weiss es auch, dass sie bei weitem nicht die schonsten sind, die einem der Brieftrager bringen kann; aber das kannst Du mir doch auf mein Wort glauben, dass sie aus dem allerbesten Herzen kommen. Und dann weiss ich ja auch, dass Du Deinen guten redlichen Verstand hast, der immer gleich weiss, was man sagen will, sonst wurd ich wahrhaftig mit meinem Briefschreiben ubel ankommen; aber einem Gelehrten ist gut predigen. Was ich Dir in dem nachsten Briefe geschrieben hatte, ist hier immer noch wahr und ich kann Dir keine andern besondern Neuigkeiten schreiben, ausser dass wir nun bald von Paris abreisen werden. Der Italiener, von dem ich Dir neulich ein paar Worte schrieb, reist mit uns, und das ist mir gar nicht ganz lieb; der Mann ist mir sehr fatal, aber ich weiss selber nicht, warum. Du wirst es auch wohl wissen, Thomas, dass einem manchmal Menschen zuwider sind, aber man kann es nicht herauskriegen, wie es in aller Welt zugeht; so burtig ist. Wir haben noch eine neue Gesellschaft an dem Herrn Balder, der aus der Gegend von Deutschland ist, den mag ich viel lieber leiden: wenn er auch oft etwas verdrusslich aussieht, so ist ihm doch immer recht freundschaftlich zumute; er ist ein sehr guter Freund von meinem Herrn William, der Dich auch bei der Gelegenheit herzlich wieder grussen lasst. Wir bedauern beide die gute Tante, die in Waterhall gestorben ist, aus allen Kraften, aber es kann ihr doch nichts mehr helfen; allein es ist unsre Schuldigkeit und Deine auch, Thomas, und ich traue Dir auch so viel christliche Nachstenliebe zu, dass Du im stillen dies Bedauern fur Dich treibst, wenn Du mir auch in Deinem Briefe nichts davon geschrieben hast.
Was mich wundern soll, ist, wie das Italien aussehen wird, die Landkarte davon kommt mir narrisch genug vor, an einigen Orten ist es so enge, dass sich schwerlich zwei Wagen ausweichen konnen; ich will Dir doch manches daruber schreiben, so weisst Du es doch von einem Manne, der alles mit Augen gesehn hat, und noch dazu von einem Bruder, der Dir also nichts vorlugen wird. Viel Kunste sollen sie in Italien konnen, aber ich glaube doch, dass nichts uber das englische Wettrennen geht, wenigstens hab ich bis jetzt gar nichts Schoneres gefunden.
Mir ist hier in Paris die Zeit oft herzlich lang geworden; die Leute, die Pariser, und die Franzosen uberhaupt, wollen mir nicht ganz gefallen, sie konnten besser sein. In England sehn die Leute viel gesunder und starker aus; wir haben auch Kruppel, die sich gewiss gegen jeden franzosischen durfen sehen lassen, aber sie sind nicht so ausgehungert und demutig.
Antworte mir, wenn Du Zeit hast; wenigstens bleibe mein treuer Bruder.
Willy
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Die Comtesse Blainville an Rosa
Paris.
Sie zweifelten neulich an meinem Siege, ich schreibe Ihnen, nachdem er errungen ist.
Ich hatte Lovell gestern abends zu einem Tete-atete zu mir bestellt. Er stellte sich punktlich ein, der Graf ist auf mehrere Tage verreist, mein Kammermadchen hatte ihre gemessene Ordre. Sein Gesicht hatte sehr etwas anziehend Schwermutiges, worunter eine sanfte Freude hervorleuchtete; er hatte mir so viel zu sagen, aber wir sprachen nur wenig, Kusse, Umarmungen, zartliche Seufzer ersetzten die Sprache. Ich musste ihm mehrere Sachen auf dem Fortepiano spielen, der Mond goss durch die roten Vorhange ein romantisches Licht um uns her, die Tone zerschmolzen im Zimmer in leisen Akzenten. Sie kennen ja das Gefuhl, wenn die hochgespannte Empfindung uns in atherische und Uberirdische Entzuckungen versetzt, die doch so nahe mit der Sinnlichkeit verwandt sind; der erhabenste Mensch glaubt sich zu veredeln, indem er sinkt, und kniet wonnetrunken vor dem Altare der irdischen Venus nieder. Durch alle jene geheimen in meinen Armen seine Kalte und Unempfindlichkeit ab; ich freue mich, ihn bekehrt zu haben.
Leben Sie wohl, ich bin mude und schlafrig.
Louise Blainville.
Nachschrift. Apropos! Was macht die kleine Blondine, von der Sie mir neulich erzahlten? Sind Sie noch gesonnen, sie als Jockei mit auf die Reise zu nehmen?
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William Lovell an Balder
Paris.
Balder, ich schreibe Dir noch einmal, ich darf Dir schreiben, denn Du selber wirst meinen Gefuhlen recht geben. O Freund, ich bin aus einer dustern Grabnacht entstanden, ein flammendes Morgenrot zieht am Himmel herauf und spiegelt mir feurig ins Angesicht. Louise ist mein, ewig mein, sie hat sich mir mit dem heissesten Kusse der Liebe versichert. Ich trotze Deiner Verachtung, der Verachtung einer Welt; unaufloslich mit glanzenden Fesseln an die Liebe gekettet, wagt sich kein kleinliches Gefuhl der Sterblichkeit in den Umkreis meines Paradieses, mit einem flammenden Schwerte steht mein Schutzgeist an der Grenze und geisselt jede unheilige Empfindung hinweg, der siegjauchzende Gesang der Liebe ubertont im hohen Rauschen des Triumphs jeden Klang des irdischen Getummels.
Ich furchte, dass ich Dir Wahnsinn spreche, aber ich muss mein Gefuhl mitteilen; sei blosser Freund, wenn Du mir zuhorst nachher magst Du mich tadeln; aber ich bedaure den, der mich tadelt, ohne mich zu beneilichkeit der Sinnlichkeit schwatzen, in einer klaglichen Blindheit opfern sie einer ohnmachtigen Gottheit, deren Gaben kein Herz befriedigen; sie klettern muhsam uber durre Felsen, um Blumen zu suchen, und gehen betort der bluhenden Wiese voruber. Nein, ich habe zum Dienste jener hoheren Gottheit geschworen, vor der sich ehrerbietig die ganze lebende Natur neigt, die in sich jede abgesonderte Empfindung des Herzens vereinigt, die alles ist, Wollust, Liebe, fur die die Sprache keine Worte, die Zunge keine Tone findet. Erst in Louisens Armen hab ich die Liebe kennen lernen, die Erinnerung an Amalien erscheint mir wie in einer nachtlichen neblichten Ferne; ich habe sie nie geliebt.
Ich hatt ihr Liebe zugeschworen,
Ich Tor, mit Liebe unbekannt
Zu keiner Seligkeit erkoren,
In irdscher Nichtigkeit verloren,
Am schwarzgebrannten Felsenstrand.
In schwerer Dumpfheit tief versunken
Lag um mich her die leere Nacht:
Da grusste mich ein goldner Funken
Ha! rief ich toricht wonnetrunken,
Dort flammt mir Phobus' Gotterpracht.
Doch alle Ketten sind gesprungen
Aus Osten spruht ein Feuerglanz;
Der grosse Kampf ist ausgerungen,
Mir ist der schonste Sieg gelungen
Herakles tragt den Gotterkranz!
Ha, mogen nun mit Feuerschwingen
Sich Blitze dicht an Blitze reihn,
Mag Donner hinter Donner springen,
Ich will mit Tod und Schicksal ringen,
Bleibt sie, bleibt sie nur ewig mein!
Am folgenden Morgen
Ich erwache und erschrecke, Balder, indem ich dies noch einmal uberlese. Wie ein Schwindel befallt mich die Erinnerung an gestern Amaliens Andenken kommt in der ganzen Heiligkeit der Unschuld auf mich zu, mit herzdurchschneidender Wehmut o Balder, ich mochte vor mir selber entfliehen. Was ist die Starke des Menschen? Ich bin ein Elender, troste mich, wenn Du kannst.
O ich muss fort, fort von Paris ich muss! Mir ist, als wollten die Hauser uber mich zusammensturzen, der Himmel hangt tief und trube auf mich herab. Wir wollen aufbrechen und nicht mehr saumen. O Balder, Du hast recht, ich bin ein Nichtswurdiger, mein Herz ist zu klein fur jene Gotterempfindungen verachte, verlass mich nicht und zerreiss dies Papier nicht, bewahr es, und wenn Du mich im Begriffe siehst, Amalien und meine Schwure zu vergessen, dann reiche mir es heimlich und schweigend, und mir wird sein, als wenn ein Donnerkeil vor mir niederfiele.
24
Amalie Wilmont an William Lovell
London.
Warum hab ich seit so langer Zeit keinen Brief von Ihnen erhalten? Ich bin darin wie ein Kind, dass mir immer gleich tausend Ubel beifallen, die Ihnen zugestossen sein konnten; reissen Sie mich bald aus meiner Unruhe. Ich bin oft einsam und beschaftige mich in meinen Traumereien mit Ihrem Andenken oft durchbohrt der Gedanke mein Herz: er hat dich vielleicht schon vergessen! und dann wein ich und werfe mir dann wieder das Unrecht vor, das ich Ihnen tue, und bitte Ihrem kleinen Gemalde, das Sie mir hiergelassen haben, meine Ubereilung ab. O schreiben Sie mir, selbst wenn Sie krank sein sollten; seitdem ich keinen Brief von Ihnen erhalten habe, seh ich nichts als Rauber und Banditen, die Sie uberfallen und ermorden, ich sehe Sie ohnmachtig gegen die Wellen kampfen oder hore Sie in einem brennenden Hause vergebens nach Rettung rufen o schreiben Sie mir ja sogleich, mir treten oft kalte Tranen des Entsetzens in die Augen. Ihr Vater ist itzt wieder besser, aber er ist mit dem Baron Burton in einen Prozess verwickelt, der scheint, es gibt mehr schlimme Menschen in der Welt, als ich glauben konnte. Doch Sie sind ja mein Freund, mein Wunsch; nur zu Ihnen will ich alle meine zagenden Gedanken senden. Nur bald wieder einige Worte von Ihnen und ich bin froh und glucklich.
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William Lovell an Amalie Wilmont
Paris.
Wie wohl und wehe Ihre zartlichen Besorgnisse meinem Herzen tun! ich sollte Sie vergessen? Nimmermehr! Nein, halten Sie mein Herz nicht fur so armselig, dass es je die Gefuhle verlieren konnte, die es Ihnen zu danken hat, nein, im Innersten meiner Seele liegen sie aufbewahrt, als ein Unterpfand meines Wertes. O Amalie, ich hoffe mit Sehnsucht auf die Zeit meiner Ruckkehr, mit Sehnsucht auf den Augenblick, in dem ich Sie wiedersehe; dies Gluck nach einer so langen Trennung wird mich berauschen, der lange leere Zwischenraum wird mich dann diese Freude desto lebhafter empfinden lassen. Ich denke oft mit Traurigkeit an meinen grausam zartlichen Vater oh, die Liebe mag mir diesen Frevel verzeihen Ihretwegen wunsch ich oft, dass er mich weniger liebte, dann hatt ich ein grosseres Recht, ein ungehorsamer Sohn zu sein. Aber itzt! Doch wer weiss, welche Freuden mir noch die karge Zukunft aufbewahrt, um mich durch ihre allmaligen Wohltaten glucklich zu machen! Die Hoffnung soll meine Freundin sein; eben jede Freude des Lebens, er wird mir die nicht missgonnen, die die Grundlage meiner Existenz ist, an die sich jedes andre Gluck nur reihen kann; sehn Sie, wie ich mir aus meinem Leiden selbst eine Freude heraussuche; denn bei der Gewissheit meines Glucks, ohne diese Hoffnung, wurde mich die Trennung noch langer dunken. Sein Sie heiter, auch ich will es sein, verzeihen Sie dem Freunde eine Nachlassigkeit, durch die er Ihren Zorn verdient hat. Ich wollte stets meine schonsten Stunden wahlen, Ihnen zu schreiben; bald aber machte mir diese, bald eine andre Ursache bose Laune und so ward alles Schreiben aufgeschoben. O teuerste, teuerste Amalie es gereuen mich die Worte, die ich niedergeschrieben habe; tote Zeichen konnen nie die Empfindungen meines Herzens ausdrucken, alles ist kalt und ohne Sinn; lassen Sie die Liebe diesen Brief lesen, lesen Sie ihn mit der Sehnsucht, mit der truben frohlichen Melancholie, mit der ich ihn schrieb, dann werden Sie fuhlen, wie Ihr Herz klopft, wie eine unerklarbare Bangigkeit Ihren Busen zusammenpresst, wie die Pulse rascher schlagen, wie der Geist die Hulle des Korpers zu durchbrechen strebt, um in die Umarmung des verwandten Genius zu fliegen o dann werden Sie empfinden, wie ich dann zerreissen Sie das Papier und unsre Geister besprechen sich unmittelbar in einer hohen entzuckenden Begeisterung.
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William Lovell an Eduard Burton
Lyon.
Wir haben endlich Paris verlassen und mir ist besser. Die Reise hieher hat mich wieder heiter gemacht, die schone Natur hat die finstern Phantasieen verscheucht, die mich marterten, ich denke wieder freudig an Dich und an Amalien, ich habe mit meiner Seele einen Frieden geschlossen. Ach, Eduard, es ist eine traurige Bemerkung fur mich, dass die gepriesene Starke des Menschen so wenig Konsistenz hat; ohne Versuchung traut man sich die Krafte eines Herkules zu aber wie bald erliegt der Held im Kampfe. In Louisens Armen vergass ich Dich und Amalien; errotend schreibt es der Freund dem Freunde nieder, ja ich schamte mich des Andenkens an euch, weil es mich peinigte, ich suchte ihm zu entfliehen; aber vergebens. Doch kamen meine schonern Gefuhle bald zu mir zuruck, ich sohnte mich bald mit meinen teuersten Schatzen aus, der Rausch der Sinne sank itzt zu jener Verachtlichkeit hinab, in welche er meine reinern Empfindungen des Herzens warf. Und so, Eduard, reich ich Dir nun, wie zu einem neuen Bunde, die mich der aussere Schein und eine elende Heuchelei nicht wieder so leicht hintergehn; in Louise Blainville hab ich mich geirrt, aber mir wird kein zweiter Irrtum begegnen; es lebt nur eine Amalie, es gibt nur ein Gluck fur mich. Ich muss der Aussenseite der Menschen weniger trauen, ihr Betrug wird ihnen sonst zu leicht gemacht, ich will Vorsicht lernen, ohne sie wieder zu erkaufen.
Balder und Rosa, von denen ich Dir geschrieben habe, begleiten mich nach Italien. Rosa ist mir itzt schon viel lieber als vorher; man muss manche Menschen nur erst so genau kennenlernen, dass das Fremde bei ihnen verschwindet, und man findet sie ganz anders, als anfangs; eben diese Erfahrung hab ich auch bei Mortimer gemacht, dessen Laune mich itzt sehr oft unterhalt. Ja, Eduard, ich verspreche Dir kluger zu werden, mich nicht so oft von dunkeln Gefuhlen uberraschen zu lassen, sondern mehr zu denken und mit freiem Willen zu handeln. Balder ist ein sehr liebenswurdiger Jungling; nur macht ihn seine Melancholie sehr unglucklich. Lebe wohl, Du erhaltst nachstens noch einen Brief von mir, ehe ich von Dir eine Antwort haben kann.
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Walter Lovell an seinen Sohn
London.
Der Onkel Deines Freundes Mortimer liegt auf dem Sterbebette und wunscht nichts sehnlicher, als seinen Neffen vor seinem Tode zu sehn: Du wirst Dich also wahrscheinlich von ihm trennen mussen und Deine Reise ohne ihn fortsetzen. Ich weiss, dass Du keinen Aufseher brauchst, und da Dich zwei andere Freunde nach Italien begleiten werden, so wirst Du ihn weniger vermissen. Ich wunsche nicht, dass er sich durch Gewissenhaftigkeit, oder eine Idee von Verbindlichkeit gegen Dich zuruckhalten liesse, denn ihn scheint hier in London ein Prozess zu erwarten, der ihm vielleicht, wenn er nicht selbst gegenwartig ware, in Ansehung der Erbschaft manche Schwierigkeit machen konnte; darum sage ihm nur, dass er sich selbst keine eingebildeten Hindernisse in den Weg legen soll, abzureisen.
Meine Gesundheit scheint itzt fester zu stehn, als jemals, aber mein Prozess mit Burton macht mir viele Unruhe. Er leugnet, dass die Summe fur die beiden Guter Orfield und Bosring jemals bezahlt sei, er prosen scheinen: mein ungluckliches Gedachtnis, die Reise hieher und meine neuen Einrichtungen machen, dass ich jene Dokumente nicht finden kann, die ihn des Gegenteils uberfuhren wurden; sein Advokat ist der verschlagenste in London. Ich hoffe aber, dass ich dennoch die Sache gut durchfuhren werde, denn viele Umstande vereinigen sich gegen Burton.
Um alle Bedenklichkeiten Mortimers zu heben, hab ich einen Brief an ihn beigelegt.
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Mortimer an Karl Wilmont
Lyon.
Mein Onkel will durchaus sterben und ich soll durchaus nach England zuruckkommen. Der arme alte Mann hat mich in einem Briefe sehr geruhrt, er wunscht mich noch zu sehen, er kann durchaus nicht eher ruhig sein. Itzt reut mich der Leichtsinn sehr, mit welchem ich ihn oft behandelt habe, er liess mich aber auch nie von seiner Liebe gegen mich etwas merken, wenigstens nicht mehr, als man von jedem, nur mittelmassigem Onkel mit Recht verlangen kann. Ich grusse also bald wieder meinen vaterlandischen Boden, und dann, Karl, will ich ganz das wilde, unstete Leben aufgeben, das ich bis itzt gefuhrt habe. Ich habe mir schon einen sehr schonen Plan ersonnen, ich will mich in einer reizenden Gegend anbauen, dort mir selber und meiner Phantasie leben, Du bleibst dann bei mir, solange es Dir in meiner Gesellschaft gefallt; wir lesen, schwatzen, reiten, jagen miteinander. Die Einsamkeit hat sehr viel Reizendes, wenn man vorher die Welt gesehn und genossen hat, man zieht sich dann einen engen Kreis um die Existenz, kann, man lernt alles umher in seinen genauesten Verhaltnissen kennen. Um mich in dieser Lebensart einzurichten, muss ich aber erst vorher ein Madchen finden, das diesen Genuss mit mir teilen will. Ob ich sie finden werde, ist die grosse Frage, denn bis itzt hab ich noch keine kennen lernen, bei der mir nicht jeder Gedanke an Verheiratung einen Schrecken verursacht hatte.
Suche es doch so zu veranstalten, dass ich Dich in London treffe, auch Deine Eltern wurden sich sehr freuen, Dich wiederzusehn. Wenn Dich also nicht Burtons Schwester zuruckhalt, so eile nach London; bist Du aber verliebt, so will ich Dich nicht einladen, denn das hiesse einen Kirchenraub begehn.
William Lovell lasse ich nun in der Gesellschaft Rosas und Balders weiterreisen. Er ist weit munterer und menschlicher als ehedem, er fangt etwas mehr an, aus den unnaturlichen Regionen der Phantasie herauszutreten und sich zu den Menschen herabzulassen; ich hoffe ihn einst als einen recht gescheiten Mann in England wiederzusehn, und Rosa ist gerade der Gesellschafter, der ihn dazu machen kann.
Der alte Willy ist uber meine Abreise am meisten betrubt, er ist uberhaupt auf der Reise melancholisch geworden, und hat mir aus einem Traume beweisen wollen, dass fur mich und Lovell ein Ungluck daraus entstehn wurde, dass ich ihn jetzt verlasse. Lebe wohl, entweder ich sehe Dich in London, oder Du erhaltst von dort einen Brief von mir.
29
William Lovell an Eduard Burton
Chambery.
Ich gehe itzt schon den Ortern entgegen, wo mich so hohe Entzuckungen erwarten. Mortimer hat mich in Lyon verlassen und ist nach England zuruckgegangen, sein Onkel ruft ihn dahin, Rosa und Balder sind meine Gefahrten. So ungleich sich auch ihre Charaktere sind, so liebe ich sie doch itzt beide fast gleich stark; ich fange an, mich mit Empfindungen und ihren Ausserungen zu versohnen, die ich sonst hasste, ich schatze am Menschen die Talente, ohne seine Fehler zu ubersehn, es uberrascht mich nur selten mein ehemaliges Vorurteil, dass ein einziger Fehler mir einen Menschen durchaus verhasst macht.
Die Reise bis hieher hat mir ausserordentlich viel Vergnugen gemacht, so viele frohe Gesichter, so viele Feste in den Dorfern, ich habe mit Innigkeit an die Jahre meiner Kindheit bei manchen landlichen Spielen der Dorfjugend zuruckgedacht. Allenthalben die schonste Natur, die keine trube oder menschenfeindliche Empfindung duldet; schones Klima, Sonnenschein alles hatte mich in eine wollustige Trunkenein Kind der Natur bloss die frohe Empfindung eines erquickenden
Wie oft hab ich Dich an meine Seite gewunscht! Allein zu geniessen und einsam zu trauern ist gleich lastig; Balder ist zu melancholisch, zu stumpf fur den Eindruck der Freude, Rosas Empfindung zu fluchtig und keiner eigentlichen Begeisterung fahig; o Eduard, Du fehlst mir sehr oft, diese bruderliche Seele hat mich noch nirgends wieder begrusst, ich werde sie vergebens suchen. Konnt ich doch Dich und Amalien an mein schlagendes Herz drucken; in einer unaufhorlichen Erinnerung an eure Liebe habe ich mein Verbrechen gegen Amalien abgebusst, ich bin itzt wieder ihrer wurdig.
Dein nachster Brief wird mich in Genua treffen. Lebe wohl.
Drittes Buch
1
Mortimer an Karl Wilmont
London.
Ich habe Dich nicht in London getroffen, ich schliesse daraus, dass Du noch in Bondly bist.
Ich bin so schnell hiehergereist, als es nur moglich war, aber dennoch vergebens er war schon tot, schon begraben, als ich in das Haus trat. Ich habe nur sein Grab besuchen konnen. Bis itzt hat mich noch kein Vorfall in meinem Leben so tief geschmerzt, als dass ich dem guten Manne nicht seine letzte Freude, seine letzte Hoffnung habe erfullen konnen; er hat vielleicht in seinem Bette so oft nach mir geseufzt, so oft nach der Ture gesehn, in die ich hereintreten sollte, und immer ist sein Erwarten umsonst gewesen. Karl, wir fuhlen es nie so lebhaft, wie viel uns ein Mensch ist, als von dem Augenblicke seines Todes an. Wenn wir auch ein Wesen nicht ganz mit unsrer innigsten Liebe umfangen, so erregt doch der Gedanke, er war und ist nicht mehr, einen bangen Schauder in unsrer Seele, eine seltsame trube Empfindung, die unser Herz zusammenzieht.
Doch, genug davon, so viel ich Dir auch noch uber auf einige Wochen alle Freuden verbittert. Ich hatte gegen diesen Oheim von Jugend auf dankbarer sein konnen; erst itzt fallen mir die mannigfaltigen Beweise seiner Liebe gegen mich ein, ich nahm seine murrische Laune stets von einer zu ernsthaften Seite, mit einer kindischen Empfindlichkeit sucht ich oft muhsam manchen seiner Ausserungen die schlimmste Bedeutung zu geben: Ach Karl! der Mensch ist ein schwaches Geschopf, wie manche Streiche spielt ihm seine Eitelkeit und seine Selbstliebe trotz allen philosophischen Vorsatzen!
Meine und seine Verwandten scheinen durch meine Ankunft in eine Art von Schrecken versetzt, wir stehn auf einem fast freundschaftlichen Fusse miteinander, und da er ihnen gewiss Legate ausgesetzt hat, so hoff ich, dass sich bei der Eroffnung des Testaments alles ohne Prozess entwickeln werde.
Wenn meine Bitten etwas uber Dich vermogen, so komm nach London und leiste mir wenigstens einige Wochen hindurch Gesellschaft. Ich bin so trubsinnig, dass Du mich kaum wiedererkennen wirst; meine gute Laune kann nur durch einen Freund wieder geweckt werden, der mich so genau kennt, wie Du. Verlass einmal Bondly und erbarme Dich einer armen, verlassenen Seele, die Deiner so sehr bedarf; ich mochte oft zu Lovell zuruckreisen, um mich in Italien zu zerstreuen: aber ich bin auch des Herumwanderns so mude, dass es mir ordentlich wohltut, die Turme und Hauser meiner Geburtsstadt einmal wieder so dicht vor mir zu haben.
Der alte Lovell, den ich itzt mehrmals besucht habe, gehort zu den schatzbarsten Leuten, die ich je habe kennen lernen. Ohne die Pratension, die bei vielen Gelehrten von Profession ebenso lastig als lacherlich ist, verbindet er eine grosse Menge von Kenntnissen mit ebenso vielen Erfahrungen und einem sehr ausgebildeten Verstande. Er empfindet ebenso fein als tief und steht von den kalten Menschen ebenso weit als von denen mit gluhenden Gefuhlen entfernt! aber vorzuglich wert ist er mir durch diese innige Menschenliebe geworden, mit der er jedem Unglucklichen entgegenkommt, durch diese Bereitwilligkeit, mit der sein Mitleid so schnell als seine Hulfe dem Elenden zugesichert wird. Fur sich selbst empfindet er weniger, als fur andre, denn er verbirgt ganzlich den Gram, den ihm der Prozess mit Burton notwendig machen muss, besonders da die Umstande fur ihn nichts weniger als gunstig sein sollen. Ich nehme, seit ich ihn mehr kenne, den warmsten Anteil an allem, was ihn betrifft: so wie ich, sind alle seine Bekannte seine Freunde.
Auch Deine Schwester habe ich mehrmals gesehn, sie gramt sich uber Lovells Abwesenheit, der sie wahrscheinlich ofter vergisst, als sie ihn, wie es denn uberhaupt wohl gewiss ist, dass das Herz eines zarten weiblichen Geschopfs fester und inniger an dem Gegenstande seiner Liebe hangt, ihm mit weit schonern und bleibendern Gefuhlen entgegenkommt, als ihr der Mann jemals zuruckgeben kann. Es ist mir hundertmal, ihr gegenuber eingefallen, dass ich glucklich sein wurde, wenn sie diese Anhanglichkeit und Liebe zu mir herubertragen konnte; ich habe oft lange und aufmerksam die zarte und geistreiche Bildung ihres Gesichtes studiert. Die Physiognomie Deiner Schwester gehort zu den interessantesten, zu denen, die im fluchtigen Voruberstreifen das Auge nicht fesseln, die aber im stillen den Blick auf sich locken, unvermerkt das Herz in Bewegung setzen und ein bleibendes Bild in der Phantasie zurucklassen. Ich habe hundertmal getraumt doch, lebe wohl, wer wird alle seine Traume erzahlen? Ich bin jedesmal aufgewacht- und wenn ich auch niemals Dein Schwager sein werde, so sei doch uberzeugt, dass ich unaufhorlich bleibe
Dein Freund Mortimer.
2
Karl Wilmont an Mortimer
Bondly.
Ja, Freund, bald, vielleicht in wenigen Tagen, seh ich Dich wieder, es ist endlich Zeit, dass ich Bondly verlasse. Oder ich hatte es vielmehr fruher verlassen sollen, denn um meine ganze Ruhe wieder mitzubringen, ist es itzt zu spat. Wie viele Lacherlichkeiten und Widerspruche im menschlichen Leben! Seit Monaten trag ich mich nun mit einer Wunde, deren Verschlimmerung ich recht gut wahrnahm, die ich aber nicht zu heilen suchte, ausser itzt, wo sie vielleicht unheilbar ist. Manche Moralisten mogen dagegen sagen, was sie wollen, ich wenigstens finde gerade darin einen Trost, dass ich an meinem Schaden selber schuld bin; ich weiss, wie er nach und nach durch meine eigne Nachlassigkeit entstanden ist, und indem ich der Geschichte dieser Entstehung nachgehe, und fur jede Wirkung eine hinreichende Ursache entdecke, falle ich unvermerkt in eine Art von Philosophie, und gebe mich so uber das Unabanderliche zufrieden. Ein Ungluck wurde mich im Gegenteil toll machen konnen, das so mit einem Male, wie aus den Wolken auf mich die Ursache davon aufzufinden ein Rippenstoss, den mir eine unsichtbare Hand beibringt: nein, diese Ergebung in das Schicksal, Vorsehung, Zufall, oder Notwendigkeit, wie man es nennen mag, ist mir vollig undenkbar. Ich fuhle gar keine Anlage in mir zu dieser Art von christlicher Geduld. Der Himmel gebe daher nur, dass ich so, wie bis itzt geschehn ist, an allem, was ich leide, selber schuld sein moge, weil ich sonst wahrscheinlich ein grosses Larmen und Geschrei anfangen wurde, um mich wenigstens selbst zu betauben.
Ich weiss nicht, ob ich es ein Gluck oder Ungluck nennen soll, dass Emilie gegen meine Liebe nicht gleichgultig ist. Mich wundert, dass noch kein Franzose diese Idee zum Sujet einer Tragodie gewahlt hat, denn sie ist wirklich so tragisch, als nur irgendeine im franzosischen Trauerspiele sein kann. Es ist eine Tantalusqual, die zu den ausgesuchtesten und raffiniertesten gehort, etwas recht lebhaft zu wunschen, und doch die Erfullung seines Wunsches nicht gern sehn zu durfen. Denn wenn Emilie mich liebt, muss sie sich notwendig unglucklich fuhlen; ich reise nun bald fort, ihr Vater projektiert wahrscheinlich eine reiche Heirat ach, was weiss ich alles, wie viele hundert Umstande sich miteinander verschworen konnen, um einem guten frohen Menschen die Freuden seines Lebens zu verbittern?
Wenn man etwas mit sich selber vertraut ist, so muss man sehr oft uber sich lacheln. Man nimmt sich manchmal sehr ernsthaft zusammen; mit aller Gravitat setzt sich der Verstand in seinen Grossvaterstuhl und versammelt alle Leidenschaften und Launen um sich her und halt ihnen eine gesetzte und ernsthafte Rede, ohngefahr folgendermassen: "Hort, meine Kinder, ihr werdet es wahrscheinlich alle wissen, wie das Wesen, welches Mensch heisst, von uns in Gesellschaft bewohnt und abwechselnd regiert wird: ihr werdet es ebenfalls wissen, (oder wenn es nicht der Fall sein sollte, so bitt ich euch instandig, diesen Umstand wohl in Uberlegung zu ziehn,) wie mir, als dem Gescheitesten unter euch allen, die Oberherrschaft unter euch anvertraut worden ist. Einige unter euch aber sind widerspenstig und ungehorsam, du zum Beispiele" (er wendet sich hier an einen von ihnen, an die Liebe, oder den Zorn, oder die Eifersucht, usw.) "drohst mir bestandig uber den Kopf zu wachsen. Aber lieben Freunde, alles dies erzeugt nichts als innerliche Zerruttung und Verderben; bedenkt, dass ihr den sogenannten Menschen dadurch ins Ungluck sturzt, der euch am Ende selbst deswegen verwunschen wird, wie man denn davon mehrere Beispiele hat. Um das innere Gluck und die Ruhe zu erhalten, musst ihr also notwendig meine Oberherrschaft anerkennen und euch willig unter meinem Szepter schmiegen, denn sonst scheine ich hier ganz entbehrlich zu sein. Wir wollen darum von nun an ein neues Regiment anfangen, und ich lebe der Zuversicht, dass ihr in Zukunft artiger und bescheidener sein werdet. Nicht wahr?" Dann neigen sich alle, und sagen ein demutiges "Ja", obgleich einige heimlich unter der Hand lachen, oder nur etwas in den Bart brummen, was ebensogut "Nein", als "Ja" heissen kann. Sie treten in aller Demut ab, und der Verstand fangt an in seinem Grossvaterstuhle zu uberlegen, was er doch eigentlich fur ein herrlicher Mann sei, der alles so hubsch unter dem Pantoffel halte; er macht Entwurfe, wie er kunftig immer mehr seine Herrschaft ausbreiten wolle, dass auch am Ende nicht die kleinste Neigung, der leiseste Wunsch, ohne seine Einwilligung aus ihren Schlupfwinkeln hervortreten sollten. Seine grossen Plane wiegen ihn nach und nach in einen sussen Mittagsschlummer, bis ihn ein taubes Gelarme, Getobe, Gekreische, gar unsanft wieder erwecken. "Was ist denn schon wieder vorgefallen?" fahrt er auf. "Ach! da hat die verdammte Liebe wieder tausend Streiche gemacht da hat sich die Eifersucht den Kopf blutig gestossen und in drei andre Kopfe gar Locher geschlagen da ist der Zorn mit einem durchgegangen ach, es lasst sich nicht erzahlen, wie viele Unglucksfalle sich indes ereignet haben." Der Verstand schlagt die Hande uber den Kopf zusammen und muss nun muhsam wieder alles ins Geleise bringen; oft aber legt er, wie ein Regent, der kein Mittel sich zu helfen sieht, plotzlich die Regierung nieder, entwischt aus seinem eigenen Lande- und dann ist alles verloren, in einer ewigen Anarchie zerruttet sich der Staat selbst. Der letzte Fall wird hoffentlich nie bei mir eintreten, aber der erste wahrscheinlich noch oft.
So hatt ich mir gestern fest vorgenommen, gegen Emilien kalter und zuruckgezogener zu sein, ich hatte mir alle Grunde dazu so dicht vor die Augen gestellt, dass es mir nicht anders moglich war, sie nicht zu sehn, als gradezu die Augen zuzudrucken. Ich hatte mir ein ordentliches Schema gemacht, wonach ich handeln wollte, und mir bestimmt alle Linien vorgezeichnet, um in keinem Umstande zu fehlen. Aber mir geht es oft wie einem ungeschickten Billardspieler, der der Kugel seines Gegners eine ganz andre Richtung gibt, als er wollte, oder sich gar selber verlauft. Denn kaum hatte ich meinem festen, unwandelbaren Vorsatze noch die letzte Kraft gegeben, als mir Emilie im Garten, als geschahe es mir zum Possen, begegnete. Nun hast du ja die schonste Gelegenheit, dacht ich bei mir, zu zeigen, wieviel deine Vernunft uber dich vermag, widerstehe der Versuchung wie ein Mann. Ich wich ihr daher nicht aus, sondern wir gingen unter gleichgultigen Gesprachen auf und ab. Meine Kalte schien Emilien selbst zu befremden, sie ausserte dies einigemal im Gesprache; aber ich hielt mich standhaft und freute mich innerlich uber meine wundergrosse Seelenstarke. Wir gingen an einem Strauche vorbei und Emilie brach mit der unnachahmlichen liebenswurdigen Unschuld eine verspatete Rose ab, und reichte sie mir mit jener zartlichen Unbefangenheit, die sich durch keine Worte ausdrucken lasst. Ich kam mir in diesem Augenblicke mit meinen Vorsatzen so albern und abgeschmackt vor, so nuchtern und armselig, dass dass ich ihr hatte zu Fussen sinken und Abbitte tun mogen. Ich weiss nicht, wie es geschah, aber plotzlich kam der Geist Lovells uber mich ich druckte mit Entzucken die Rose an meine Lippen. Unser Gesprach nahm itzt eine andre und empfindsamere Wendung, ich hatte Abreise und alles vergessen, und sprach mich mit der grossten Unbesonnenheit in eine Warme und Vertraulichkeit hinein, die sich nachher mit einer volligen Erklarung meiner Liebe endigte.
Emilie stand verwirrt, erfreut und betrubt zugleich, wie mir es schien; sie wagte es nicht, mir zu antworten, sie hatte meine Hand gefasst und druckte sie schweigend, aber herzlich; o lieber Mortimer, ich hatte einige Jahre meines Lebens darum gegeben, wenn ich diesen Moment der Seligkeit hatte fesseln, und nur auf einige Stunden festhalten konnen. Der Vater traf uns in dieser Stellung; wir waren beide etwas verlegen und Burton warf einen Blick auf mich o konnt ich Dir doch diese totende Kalte, diesen Argwohn, Menschenhass und diese Bitterkeit beschreiben, die in diesem einzigen streifenden Blicke lagen. Dies hat mich vollends bestimmt; ich reise, ich komme zu Dir.
Emilie ist indes in meiner Gegenwart in einer bestandigen liebenswurdigen Verwirrung gewesen, so heimlich vertraulich und dann wieder so plotzlich zuruckgezogen, so entgegenkommend und freundlich aber ich reise dennoch, ich reise eben deswegen. Arme Emilie! und armer Karl!
Doch, was helfen alle Klagen? die Welt wird darum doch nicht anders, unsre Verhaltnisse werden von dem Wehen unsrer Seufzer nicht umgeworfen. So wenig Laune mir auch ubriggeblieben sein mag, so wollen wir doch beide versuchen, uns gegenseitig zu trosten; die Freundschaft hat uber das Gemut eine sehr grosse Gewalt; in Gesprachen, in hundert kleinen Zerstreuungen verlieren sich endlich jene truben Empfindungen, eine Freude wascht nach der andern den Gram aus unserm Herzen ja, wir wollen dennoch froh miteinander sein. Man kann sich gegenseitig tausendfaches Vergnugen erschaffen und die gewohnlichen Freuden erhohen; in des Freundes Gesellschaft spriessen auch Blumen aus dem durrsten Boden, man lacht und freut sich uber tausend Kleinigkeiten, die man in der Einsamkeit kaum bemerken wurde. Oh, ich fange wieder an, aufzuleben, wenn ich mir alles dies in einem schonen Lichte und recht lebendig denke. Vielleicht machen wir auch beide eine kleine Reise nach Schottland, ein Verwandter hat mich schon seit langer Zeit dorthin eingeladen.
Ich wundre mich, dass ich mir die Muhe gebe, Dir so vieles zu schreiben, da wir uns nun bald mundlich sprechen konnen darum werfe ich die langsame und langweilige Feder aus der Hand und drucke Dich dafur um einige Minuten eher in meine Arme.
3
Der alte Burton an den Advokaten Jackson
Bondly.
Sie werden sich vielleicht wundern, hochgeehrter Herr, von einem Manne einen Brief zu erhalten, gegen den Sie itzt fur den Herrn Lovell arbeiten. Da mir Ihre Gelehrsamkeit und gluckliche Praxis schon seit lange bekannt war, so hatt ich den Entschluss gefasst, Sie um Ihre Bemuhungen zu meinem Besten zu ersuchen: als mir Lovell hierin zu meiner grossten Unzufriedenheit zuvorkam. Ich bin uberzeugt, dass er durch diesen einzigen Schritt den grossten Vorteil uber mich gewonnen hat, da es mir zu gleicher Zeit leid tut, die Summen, die ich Ihnen bestimmt hatte, an geringere Talente zu verschleudern, und ich uberdies weiss, dass Lovell nie Ihren Fleiss und Ihre Verdienste hoch genug anschlagen wird. Da Sie Ihr Genie nun gar fur eine ungerechte Sache aufwenden, so geht Ihre Bemuhung in jeder Rucksicht verloren. Ob Sie mir selbst nun zwar nicht mehr dienen konnen, wollte ich Sie wenigstens darum bitten, sich von Ihrem Eifer nicht zu einer eigentlichen Erbitterung gegen mich verleiten zu lassen. Indem Sie auf die Seite der einen Partei treten, nicht der Feind der andern werden; diese Erinnerung entsteht bloss aus Achtung, die ich fur Ihre uberwiegenden Fahigkeiten habe, die selbst einer ungerechten Sache den Schein des Rechts geben konnten. Sie wurden mich sehr verbinden, wenn Sie mir in einer kleinen Antwort deutlich machten, wie weit meine Besorgnisse gegrundet oder ungegrundet sind.
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Der Advokat Jackson an Burton
London.
Hochgeborner Herr,
Meine Bemuhungen gegen Ew. Gnaden aufzuwenden, ward mir schon seit einigen Wochen eine unangenehme Pflicht, da ich von der Rechtmassigkeit der Sache, fur die ich streite, nicht uberzeugt werden kann; seit ich aber durch Ew. Gnaden Neuliches mit der Vortrefflichkeit und dem Edelmute der Gesinnungen meines hochgebornen Herrn bekannt bin, so fuhlt Ihr untertanigster Diener seitdem die Last seines Geschaftes doppelt. Es wird daher stets unmoglich sein, niedrig genug zu denken, gegen eine nicht unrechtmassige Sache mit Erbitterung zu streiten, oder einen Herrn zu beleidigen, fur den ich die tiefste und innigste Verehrung empfinde, und Ew. Gnaden konnen versichert sein, dass ich nichts eifriger wunsche, als dass meine itzigen Verhaltnisse mich nicht zuruckhielten, um ganz zu zeigen, wie sehr ich bin
Meines Hochgebornen Herrn
ergebenster und untertanigster Knecht
Jackson.
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Burton an den Advokaten Jackson
Bondly.
Ihre Antwort hat mir viele Freude gemacht, denn ich sehe daraus, dass ich nun dem Gange des Prozesses etwas ruhiger zusehn kann. Ich wunsche nur, dass Sie zu meiner Freundschaft ein ebenso grosses Vertrauen hatten, als ich zu Ihren Talenten habe, dann konnte ich mich noch dreister meiner gerechten Sache und der Entscheidung des Gerichtes uberlassen; dann konnte ich glauben, dass die Absicht meiner Feinde gewiss nicht gelingen werde. Ich kann und darf Sie itzt auf keine Weise uberreden, Lovell zu verlassen und auf meine Seite uberzutreten; aber da Sie von der Unrechtmassigkeit der Sache, fur die Sie streiten, uberzeugt zu sein scheinen, und da ich sehe, dass ich mit einem verstandigen Manne spreche, so konnten wir uns vielleicht auf einem andern Wege begegnen. Wenn es unsre Pflicht ist, nach unsrer Uberzeugung zu handeln, und das Gute zu befordern, soviel wir konnen: warum wollen wir uns denn angstlich an die aussere Form der Sache halten und nicht mehr auf unsern Endzweck selber sehn? Wer kann es mir verbiedas reichlichste zu belohnen, selbst wenn Sie auch in einem Prozesse mein Gegner sind, und welche vernunftige Ursache kann Sie zuruckhalten, zu meinem Vorteile zu handeln, da dieser mit Ihrer Uberzeugung zusammentrifft? Warum sollte man hier den gunstigen Zufall unbenutzt lassen, der Sie grade an einen Ort gestellt hat, wo Sie mehr fur mich tun konnen, als mein eigner Advokat? Etwa darum, weil es nur Zufall ist? Als wenn der Lebenslauf des Weisen und des Toren sich nicht eben dadurch am meisten unterschiede, dass dieser hin und her schweift, hier die gunstige Gelegenheit rechts, dort eine andre links liegen lasst; der Verstandigere aber jede Kleinigkeit in seinen Plan und Nutzen verbindet und es eben dadurch bewirkt, dass es fur ihn keinen Zufall gibt! Ich bin uberzeugt, dass ein so vernunftiger Mann, wie Sie, hier nicht lange voller unnutzen Zweifel wahlen wird. In dieser Hoffnung bin ich
Ihr Freund und Beschutzer Baron Burton.
Nachschrift: Ich mache es, weil dies allenthalben meine Gewohnheit ist, zur Bedingung unsrer Korrespondenz, dass Sie mir diesen, wie meinen ersten Brief und alle etwanigen kunftigen Briefe zuruckschicken; wenn Sie es verlangen, will ich mit den Ihrigen ebenso verfahren.
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Willy an seinen Bruder Thomas
Florenz.
Wir sind nun, lieber Bruder, schon mitten in dem sogenannten Italien, wo mir alles hier herum so ziemlich gut gefallt. Was mir immer narrisch vorkommt, ist, dass in jedem Lande so eine eigne Sprache Mode ist, so dass mein gutes Englisch hier kein Mensch versteht, und ich verstehe wieder oft gar nicht, was die Leute von mir wollen. Wir sind uber Savoyen und Genua gereist, aber allenthalben wird Italienisch gesprochen, ob wohl gleich die narrischen Savoyarden nicht zu gut dazu waren, auch einmal Englisch zu reden; aber es ist, als wenn sich alle Leute hier meiner Muttersprache schamten.
Wir sind uber hohe Gebirgsgegenden einigemal weggegangen. Wie einem doch von da Gottes Welt so gross und herrlich aussieht! Ich kann Dir nicht sagen, Thomas, wie sehr ich mich manchmal gefreut habe; aber die Tranen traten mir doch oft in die Augen, wie ich denn uberhaupt manchmal etwas wie ein altes Weib bin, wie Du wohl auch ehemals zu sagen pflegtest. Aber ich kann's nicht andern, wenn sich mir das ge so viele Meilen ins Land hineinsehe, Acker, Wiesen und Flusse und Berge gegenuber und die Sonne mit den roten Strahlen dazwischen und dabei gesund und froh! O Thomas, es ist ums Reisen eine herrliche Sache, ich wollt es Dir zeitlebens nicht abraten, wenn Du jemals zu einer Reise Gelegenheit hast. Was mir ganz ein Ratsel werden konnte, ist, wie man unter Gottes schonem Himmel so betrubt und verdrusslich sein konnte, als mir der Herr Balder zu sein scheint. Er tut wahrhaftig unrecht daran. Aber er sieht manchmal aus, wie ein armer Sunder, der am folgenden Morgen gehangt werden soll, so verloren und kummerlich; dem guten Manne muss doch irgend etwas fehlen, denn sonst, Thomas, wurde ich ihn fur eine Art von Narren halten, wie es wohl zuweilen etliche bei uns in England gibt, die sich freventlich und vorwissentlich totschiessen konnen, ohne dass sie selber eigentlich wissen, was sie wollen. Beim Totschiessen fallt mir doch auch etwas ein, was ich Dir noch zu erzahlen vergessen hatte, denn das Gedachtnis fangt bei mir an in Verfall zu geraten, und man sieht und erlebt so viele Dinge und mancherlei, Bruder, dass mir manchmal ist, als wenn ich in einem Traume lage und alle Sachen umher gar nicht da waren. Wir fuhren einmal sehr langsam einen steilen Berg herunter, mein Herr William aber ritt zu Pferde, um die Gegend etwas genauer sehn zu konnen, und neben ihm ritt ein gewisser kleiner Bedienter des Herrn Rose, den er sich noch aus Frankreich mitgenommen hat, weil er ihn so gern leiden mag, wie es denn auch wirklich ein sehr artiger und flinker junger Bursche ist. Wir alle bekummerten uns nicht viel um den Herrn William und er blieb eine gute Strecke hinter uns zuruck; dieser Ferdinand, von dem ich eben geredet habe, ritt auch zu Pferde neben ihm her. Mit einem Male horten wir hinter uns etliche Schusse und nun, Thomas, hattest Du sehen sollen, wie alles so geschwind aus dem Wagen sprang und wie schnell ich von meinem Bocke herunter war es war, als hatten wir alle auf Pulver gesessen, das eben anbrennen wollte. Wer geschossen hatte, das war niemand anders als mein Herr William, funf Spitzbuben und der junge Ferdinand gewesen; einer lag schon davon tot auf dem Boden, das war aber zum Glucke nichts weiter, als einer von den Spitzbuben. Der Herr William sagte uns, er ware in grosser Gefahr gewesen, aber Ferdinand hatte ihm meistenteils durch seine Courage sein Leben errettet, woruber wir uns denn alle gar gewaltig wunderten, besonders aber der Herr Rose, denn man sieht es wirklich dem jungen Burschen gar nicht an; aber so geht es oft in der Welt, Thomas, der Schein betrugt und aus einem Kalbe kann mit Gottes Hulfe bald ein Ochs werden, und darauf hoffen wir auch alle itzt bei dem jungen Ferdinand, aus dem gewiss noch mit der Zeit ein ganzer Kerl wird, da er schon so fruh anfangt, sich tapfer zu halten. Er eben hatte den einen Spitzbuben totgeschossen und war einem andern mit seinem Hirschfanger nachgejagt, als sich mein Herr indes mit den andern beiden herumbalgte. So waren sie endlich Sieger geworden. Mir tut es leid, dass ich dabei nichts weiter habe tun konnen, als zusehn, und auch das nicht einmal recht, denn wir kamen erst hin, als alles schon vorbei war. Ich hatte mich mit Herzenslust auf meine alten Tage noch gern einmal mit jemand durchgeschlagen und war's auch nur ein Spitzbube gewesen, denn sie sind im Grunde doch auch Menschen, und wenn sie anfangen zu schiessen und stechen, so treffen ihre Kugeln oft besser, als die von ehrlichen Leuten: wie denn die ehrlichen Leute uberhaupt selten so viel Gluck haben, als die Spitzbuben; ich denke immer, dass es eine kleine Genugtuung fur sie sein soll, dass sie nicht ehrlich sind; doch, das weiss Gott allein am besten, und darum will ich mir den Kopf daruber nicht zerbrechen.
Wir sind itzt in Florenz, aber schade, dass wir etwas zu spat angekommen sind. Da hab ich namlich mit Wunder und Erstaunen gehort, wie hier mitten im Sommer viele Pferde ein grosses Wettrennen halten mussen, ganz allein namlich und nach ihrem eignen Kopfe; ich meine namlich, dass keiner darauf reitet. Das muss herrlich anzusehen sein, und es sollen auch dann immer eine grosse Menge von Menschen hieherkommen, um es zu sehn. Das ist nun auch gewiss der Muhe wert. Was das lustigste dabei ist, ist, dass den Pferden bei der Gelegenheit eiserne Kugeln mit Sporen uber den Buckel gelegt werden; wenn sie nun anfangen zu laufen, so stechen sie sich damit selbst und ganz freiwillig, weil die Kugeln immer hin und her gehn. Wenn die Pferde nur etwas mehr Verstand hatten, so konnte man sie auf die herrlichste Art ganz allein Kurier reiten lassen, aber dazu fehlt ihnen noch bis jetzt die Einsicht, ob ich freilich wohl in England ein paar Pferde gesehn habe, die so viele Kunststucke machten, dass sie gewiss mehr Verstand haben mussen, als etliche von meinen besten Freunden; ja manches darunter hatte ich selber nicht nachmachen konnen. Aber die Gaben sind oft wunderlich verteilt.
Von den Gemalden und vielen andern Sachen, die wir hier alle Tage besehen, kann ich nicht viel halten, ich weiss freilich nicht warum, aber sie gefallen mir doch nicht recht. Mitunter sind einige freilich wohl recht schon, manchmal ist das Obst so naturlich, dass man es essen mochte, von diesen halt mein Herr und Herr Rose aber gar nicht viel. Aber wenn ein Gemalde gut sein soll, so muss es doch die Sache, die es nachmachen will, so naturlich nachmachen, dass man sie selber zu sehn glaubt; aber das ist bei den ubrigen grossen Gemalden gar nicht moglich. So glaub ich immer, dass die Maler aus der romischen Schule, (so heissen die Gemalde, die mir nicht gefallen wollen) keinen recht guten Schulmeister gehabt haben, der nicht strenge genug mit ihnen umgegangen ist, oder er hat selber seine Sachen nicht recht verstanden, denn sonst wurden sie wohl vieles besser und naturlicher gemacht haben. Herr William halt aber diese Gemalde gerade fur die schonsten; ich glaube aber, dass Herr Rose daran schuld ist, weil der aus Rom geburtig ist.
An den Statuen finde ich auch nichts Besonders; die, welche sich als Antiken ausgeben, wollen mir gar nicht gefallen, diese sollen viele tausend Jahr alt sein, aber das Alter ist vielleicht das Beste an ihnen; manche sehn auch schon ganz verfallen und ungesund aus. An allen diesen Arten von Kunsten ist nicht viel, es sind mit einem Worte brotlose Kunste.
Lebe wohl, lieber Bruder Thomas, und denke oft an mich; ich denke sehr oft an Dich, und wunsche Dich oft her, besonders wenn mir die Zeit lang wird, und das ist doch manchmal der Fall. Bleibe mein Freund, wie ich
Dein Bruder.
7
William Lovell an Eduard Burton
Florenz.
Mein Eduard, ich schreibe Dir nun schon aus dem Mittelpunkte von Italien, aus der freundlichsten Stadt, die ich bis jetzt gesehn habe, die in der fruchtbarsten Ebne und unter den anmutigsten Hugeln und Bergen liegt. Hier, wo die Kunstwerke der grossten Genien um mich versammlet sind, bespreche ich mich im stillen Anschauen mit den erhabenen Geistern der Kunstler, die Natur erquickt meine Seele mit ihrer unendlichen Schonheit. Ich fuhle mein Herz oft hoch anschwellen, wenn mich die tausendfaltigen Reize der Natur und Kunst begeistern; o wie sehr wunsche ich Dich dann an meine Seite, um mit Dir zu geniessen, um in Deinen trunkenen Augen den Spiegel meiner eigenen Freude zu sehn. Ich vermisse Dich so oft und gerade dann am meisten, wenn ich die ubrige Welt umher vergesse. So wird denn nun endlich mein Trieb zu Reisen, zu wunderbaren Fernen befriedigt. Schon als Kind, wenn ich vor dem Landhause meines Vaters stand und uber die fernen Berge hinwegsah und ganz am Ende des blauen Horizonts eine Windmuhle entwegung zu sich winkte, das Blut stromte mir schneller zum Herzen, mein Geist flog zur fernen Gegend hin, eine fremde Sehnsucht fullte oft mein Auge mit Tranen. Wie schlug mir dann das Herz, wenn ein Posthorn uber den Wald ertonte und ein Wagen vom Abhange des Berges fuhr! Am Abend ging ich traurig und mit truber Seele in mein Zimmer zuruck; meine Gedanken kehrten ungern aus den fernen, fremden Gegenden wieder, die bekannte Heimat umher druckte meinen Geist zu Boden. Wenn ich an jene Empfindungen meiner Kindheit zuruckdenke, so empfind ich meine itzige gluckliche Lage um so lebhafter.
Ich muss Dir einen kleinen Vorfall erzahlen, der wenigstens in meiner Reise, die bisher an Begebenheiten so leer gewesen ist, einem Abenteuer noch am meisten ahnlich sieht. Rosa hat aus Paris einen kleinen Bedienten mitgenommen, einen jungen Burschen, der sich fast seit dem ersten Tage unsrer Reise an mich vorzuglich attachiert hat; er ist sehr freundlich, willig und gutgeartet, so dass ich ihn sehr gern um mich leiden mag. Von Champery habe ich den grossten Teil der Reise zu Pferde gemacht, und der muntre Ferdinand war sehr oft mein Begleiter, vorzuglich, als wir die piemontesischen Alpen passierten, wo ihn die rauhe Gegend und die so plotzlich abwechselnden Aussichten ebensosehr als mich entzuckten. Wir verliessen an einem truben neblichten Morgen ein Dorf, das tief im Grunde lag; Rosa und Balder fuhren langsam die Anhohe hinauf, und ich und Ferdinand folgten zu Pferde. Oben auf dem Berge gab uns die Natur einen wunderbaren Anblick. Wie ein Chaos lag die Gegend, so weit wir sie erkennen konnten, vor uns, ein dichter Nebel hatte sich um die Berge gewickelt, und durch die Taler schlich ein finstrer Dampf; Wolken und Felsen, die das Auge nicht voneinander unterscheiden konnte, standen in verworrenen Haufen durcheinander; ein finstrer Himmel brutete uber den grauen, ineinanderfliessenden Gestalten. Itzt brach vom Morgen her durch die dammernde Verwirrung ein schrager roter Strahl, hundertfarbige Scheine zuckten durch die Nebel und flimmerten in mannigfaltigen Regenbogen, die Berge erhielten Umrisse und wie Feuerkugeln standen ihre Gipfel uber dem sinkenden Nebel. Ich hielt, und betrachtete lange die wunderbaren Veranderungen der Natur, die hier schnell aufeinander folgten; ich hatte es nicht bemerkt, dass der Wagen indes vorangefahren war: als ich wieder aufsahe, erblickte ich funf Menschen, die aus dem nahen Walde auf uns zueilten. Ferdinand machte mich zuerst auf ihr zweideutiges Aussere aufmerksam, und als wir noch daruber sprachen und eben im Begriffe waren, unsre Freunde wieder einzuholen, ergriff der eine von diesen Kerlen plotzlich den Zugel meines Pferdes, indem ein anderer in eben dem Augenblicke nach Ferdinand schoss, ihn aber glucklicherweise verfehlte. Ich fuhlte mich kalt und wenig verlegen, doch meine beiden Pistolen versagten; Ferdinand aber erschoss sogleich den einen dieser Rauber und sturzte auf die beiden andern mit einem Mute mit seinem Hirschfanger zu, den ich ihm nie zugetraut hatte. Ich verwundete itzt einen zweiten, der sogleich die Flucht ergriff: kaum sahen die beiden ubrigen, dass die Kampfenden nun gleich und wir zu Pferde ihnen selbst uberlegen waren, als sie sich schnell in den Wald zuruckzogen. Rosa und Balder, die die Schusse hatten fallen horen, kamen itzt herbeigeeilt und bewunderten den Mut Ferdinands, vorzuglich Rosa; Ferdinand schien sich darin sehr glucklich zu fuhlen, dass er mich gerettet habe; er sagte, fur sich selbst sei er nicht besorgt gewesen, aber die Gefahr, in welcher er mich gesehn, habe ihn anfangs erschreckt. Auch der alte Willy keuchte itzt den Berg wieder herauf und bedauerte nichts herzlicher, als dass die Spitzbuben schon davongelaufen waren, er hatte sich sonst mit ihnen herumschlagen wollen. Der Tote ward in das Dorf geschafft, das wir erst kurzlich verlassen hatten; und so endigte sich dieser Unfall mit einer allgemeinen Freude uber unsre Rettung.
Der fruchtbare und heitre Herbst gibt den Gegenden hier eine eigentumliche Schonheit; die uppige Natur prangt mit allen ihren Schatzen; das frische Grun, der blaue Himmel, erquicken das Auge und die Seele. Ich habe schon Vall' ombrosa gesehn, die reizendste Einsamkeit, ich bin oft oben auf Fiesola, und gehe uber die Gebirge hinweg und zur lachenden Stadt hernieder; ich besuche die anmutigen Haine, oder ich durchwandle die Tempel und ergotze mich an den Denkmalen alter Kunst. Taglich fuhl ich mich entzuckt, alles ist mir schon bekannt und der Reiz des Fremdartigen verbindet sich mit dem Gefuhl des Heimischen.
Aber was ist es, (o konntest Du es mir erklaren!) dass ein Genuss nie unser Herz ganz ausfullt? Welche unnennbare, wehmutige Sehnsucht ist es, die mich zu neuen ungekannten Freuden drangt? Im vollen Gefuhle meines Glucks, auf der hochsten Stufe meiner Begeisterung ergreift mich kalt und gewaltsam eine Nuchternheit, eine dunkle Ahndung wie soll ich es Dir beschreiben? wie ein feuchter nuchterner Morgenwind auf der Spitze des Berges nach einer durchwachten Nacht, wie das Auffahren aus einem schonen Traume in einem engen truben Zimmer. Ehedem glaubt ich, dieses beklemmende Gefuhl sei Sehnsucht nach Liebe, Drang der Seele, sich in Gegenliebe zu verjungen aber es ist nicht das, auch neben Amalien qualte mich diese tyrannische Empfindung, die, wenn sie Herrscherin in meiner Seele wurde, mich in einer ewigen Herzensleerheit von Pol zu Pol jagen konnte. Ein solches Wesen musste das elendeste unter Gottes Himmel sein: jede Freude flieht heimtuckisch zuruck, indem er darnach greift, er steht, wie ein vom Schicksale verhohnter Tantalus in der Natur da, wie Ixion wird er in einem unaufhorlichen martervollen Wirbel herumgejagt: auf einen solchen kann man den orientalischen Ausdruck anwenden, dass er vom bosen Feinde verfolgt wird. Man fuhlt sich gewissermassen in eine solche Lage versetzt, wenn man seiner Phantasie erlaubt, zu weit auszuschweifen, wenn man alle Regionen der schwarmenden Begeisterung durchfliegt wir geraten endlich in ein Gebiet so exzentrischer Gefuhle indem wir gleichsam an die letzte Grenze alles Empfindbaren gekommen sind, und die Phantasie sich durch hundertmalige Exaltationen erschopft hat dass die Seele endlich ermudet zuruckfallt: alles umher erscheint uns nun in einer schalen Trubheit, unsre schonsten Hoffnungen und Wunsche stehn da, von einem Nebel dunkel und verworren gemacht, wir suchen missvergnugt den Ruckweg nach jenen Extremen, aber die Bahn ist zugefallen, und so befallt uns endlich jene Leerheit der Seele, jene dumpfe Tragheit, die alle Federn unsers Wesens lahm macht. Man hute sich daher vor jener Trunkenheit des Geistes, die uns zu lange von der Erde entruckt; wir kommen endlich als Fremdlinge wieder herab, die sich in eine unbekannte Welt versetzt glauben, und die doch die Schwingkraft verloren haben, sich wieder uber die Wolken hinauszuheben. Auch bei den poetischen Genussen scheint mir eine gewisse Hauslichkeit notwendig; man muss nicht verschwenden, um nachher nicht zu darben sonderbar! dass ich alles dies vor wenigen Monaten von Mortimer schon horte und es doch damals nicht glauben wollte! Seit ich es aber selbst erfunden zu haben glaube, bin ich vollkommen davon uberzeugt. Ist dies nicht ein ziemlich kleinlicher Eigensinn?
Doch ich vermeide itzt jene hohen Spannungen der Einbildungskraft, und sie sind auch nicht immer die Ursache, die jenes niederschlagende Gefuhl in mir erzeugen, das mich zuweilen wider meinen Willen verfolgt. Keiner, als Du Eduard, kennt so gut den seltsamen Hang meiner Seele, bei frohlichen Gegenstanden irgendeinen traurigen, melancholischen Zug aufzusuchen und ihn unvermerkt in das lachende Gemalde zu schieben; dies wurzt die Wollust durch den Kontrast noch feiner, die Freude wird gemildert, aber ihre Warme durchdringt uns um so inniger; es sind die Ruinen, die der Maler in seine muntre Landschaft wirft, um den Effekt zu erhohen. Dieser Art von feinstem Epikureismus habe ich manche Stunden zu danken, die zu den schonsten meines Lebens gehoren aber itzt gewinnen die traurigen Vorstellungen zuweilen so sehr die Ubermacht in meiner Seele, dass sich ein dustrer Flor uber alle andere Gegenstande verbreitet. Die Reise von Lyon durch Frankreich war die reizendste; allenthalben frohe und singende Winzer, die ihre Schatze einsammelten aber viele Meilen beschaftigte meine Phantasie ein weinender Bettler, den ich am Wege hatte sitzen sehn und dem ich im schnellen Voruberfahren nichts hatte geben konnen. Mit welchen Gefuhlen muss er den Frohsinn seiner glucklichen Bruder angesehn haben, da er gerade sein Elend so tief empfand! Mit welchem Herzen muss er dem schnell dahinrollenden Wagen nachgeseufzt haben! Dann so manche kleine Szenen der Feindschaft und Verfolgung, einer klaglichen Eitelkeit, in der so viele Menschen den kleinen Winkel, in dem sie vegetieren, fur den Mittelpunkt der Welt halten ach, hundert so unbedeutende Sachen, die den meisten Reisenden gar nicht in die Augen fallen, haben mir in sehr vielen Stunden meine frohe Laune geraubt.
Wohl mag dies ubertriebne Reizbarkeit sein, die Abspannung notwendig macht und wohl in Hypochondrie ausarten kann. So qualte mich in manchen Stunden auf der Reise eine andre seltsame Vorstellung. Es war mir namlich oft, als hatte ich eine Gegend oder eine Stadt schon einmal und zwar mit ganz anderen Empfindungen und unter ganz verschiedenen Umstanden gesehn; ich uberliess mich dann dieser wunderlichen Traumerei und suchte die Erinnerungen deutlicher und haltbarer zu machen und mir jene Gefuhle zuruckzurufen, die ich ehemals in denselben Gegenden gehabt hatte. Oft wehte mich wohl auch aus einem stillen Walde, oder aus einem Tale herauf das schreckliche Gefuhl an: "dass ich eben hier wieder wandeln wurde, aber elend und von der ganzen Welt verlassen, das Abendrot wurde uber die Berge ziehn, ohne dass ich auf die Umarmung eines Freundes hoffen durfte das Morgenrot wurde wieder aufdammern, ohne dass meine Tranen getrocknet wurden." Ich betrachtete dann die Gegend genauer, um sie in diesem unglucklichen Zustande wiederzuerkennen und oft trat mir unwillkurlich eine Zahre ins Auge.
Aber wie komme ich zu diesen Vorstellungen? Du hast recht, die Melancholie ist ein ansteckendes Ubel und ich glaube, dass sie bei mir nur eine fremdartige Krankheit sei, die mir Balder mitgeteilt hat. Er macht mich itzt sehr besorgt, denn er ist verschlossener und trauriger als je; zuweilen begegne ich einem seiner verirrten Blicke und ich erschrecke vor ihm. Ich habe schon einigemal in ihn gedrungen, mir deutlicher von der Ursache seines tiefen Grams zu sprechen, aber vergebens. Sollte die Freundschaft keinen Trost fur seine Leiden haben?
Lebe wohl, Du erhaltst meinen nachsten Brief aus Rom.
8
William Lovell an Eduard Burton
Rom.
Lieber Eduard, ich bin heut noch zu voll von den mannigfaltigen Eindrucken, die alles umher auf mich macht, um Dir einen langen Brief schreiben zu konnen. Die Asche eines Heldenalters liegt unter meinen Fussen, mit ernster Grosse sprechen mich die erhabenen Ruinen der Vorzeit an, die Kunstwerke der neuern Welt erzwingen meine Anbetung. Ich lebe hier wie in einem unendlich grossen Tempel, der heilige Schauer auf mich herabgiesst; bei jedem Schritte betret ich eine Stelle, wo einst ein verehrungswurdiger Romer ging, oder wo eine grosse Handlung vorfiel. Ein Drang zu Taten weht mich aus jeder Bildsaule an, begeisternde Schauder wohnen in den Trummern aus der grossen Heroenzeit; in der Abenddammerung denk ich oft, es musse hinter dem Bogen des Janus, oder bei der Quelle der Egeria mir der Geist eines alten Romers erscheinen, und ich vertiefe mich dann so sehr in meinen Gedanken und den Erinnerungen der alten Zeit, dass es mir oft schwer wird, mich nachher wieder zurechtzufinden. den Vatikan und die Peterskirche gesehn hatte, war meine Empfindung so hoch gespannt, dass mir der erste Anblick des Platzes Popolo und der drei grossen Strassen, samt dem Obelisk nicht den Eindruck machten, den ich erwartet hatte. Ich stieg in meinem Quartiere auf dem Spanischen Platze ab, und verirrte mich auf meinem Spaziergange in der unbekannten Stadt, indem die Sonne unterging. So geriet ich an das Pantheon, ich ging hinein und ein heiliger Schauer umfing mich, ich wartete bis der volle Mond uber der Offnung der Kuppel stand und sah nun das herrliche Rund vom wunderbarsten Glanze erleuchtet.
Wie kann man sich in Rom allen seinen truben und krankelnden Empfindungen so uberlassen, wie Balder tut? Wie ist es moglich, dass nicht ein verzehrend Feuer durch alle Adern brennt und den Lebensgeistern zehnfache Kraft gibt? Rosa ist ein vortrefflicher Mensch, er ist ein geborner Romer und stolz auf seine Vaterstadt; erst seit wir hier sind, fangt sich an, seine Seele in ihrer ganzen Herrlichkeit zu entwickeln, er ist hier wie neubelebt, ich entdecke in ihm taglich neue Vorzuge und Talente, die ich vorher nicht erwartet hatte. Er scheint mir ein Muster zu sein, nach dem man sich bilden kann; dieser allesumfangende Geist mit diesem zarten Gefuhle und diesem richtigen Verstande, verbunden mit einem grossen Reichtume von Kenntnissen alles dies kann gewiss nur das Eigentum einer grossen Seele werden.
Die Sonne geht unter, ich eile die grosse Treppe hier am Platze hinauf, um die Kuppel der Peterskirche, des Vatikan und die ganze Stadt unter mir in Gold und Purpur brennen zu sehn.
9
Walter Lovell an seinen Sohn William
London.
Meine Zeit wird itzt durch den unangenehmen Prozess mit Burton beschrankt, ich kann Dir daher nur selten schreiben. Doch will ich ein Versprechen erfullen, das ich Dir in einem neulichen Briefe tat, Dir namlich kurz einige Szenen meines Lebens zu erzahlen, wo meine Standhaftigkeit auf eine harte Probe gesetzt ward und wo ich Misstrauen und Menschenkenntnis zu einem ziemlich hohen Preis einkaufen musste.
Mein Vater wohnte in Yorkshire; sein Landgut lag in der Nahe von Bondly. Ich war sein einziger Sohn, nachdem ihm zwei Tochter und ein Knabe gestorben waren, und er erzog mich daher mit der zartlichsten Sorgfalt; er versaumte nichts in der Ausbildung meiner Fahigkeiten und suchte mir schon fruh ein zartes und bleibendes Gefuhl fur alles Edle und Schone einzupflanzen. Da er aber einen ubertriebenen Hang fur die landliche Einsamkeit hatte, so waren wir beide selten in Gesellschaft andrer Menschen; Bondly ward von uns noch am haufigsten besucht. So wuchs ich gleichsam in seinen Armen auf und lernte nur aus eiMenschen kennen; ich war mehr in der kindlichen, unbefangenen Zeit Homers zu Hause, als in der gegenwartigen; alle Menschen mass ich nach meinen eigenen Empfindungen, alles was ausser mir lag, war mir ein unbekanntes Land. Auf diese Art war es naturlich, dass tausend Vorurteile in mir aufwuchsen und feste Wurzel schlugen, die ganze Welt umher war nur ein Spiegel, in dem ich meine eigne Gestalt wiederfand. Unter allen meinen Bekannten zog mich keiner so an, als der junge Burton, der damals zwanzig Jahr alt war, nur wenig alter als ich selbst; unsre Bekanntschaft ward bald die vertrauteste Freundschaft: eine Freundschaft, wie gewohnlich die erste unter fuhlenden Junglingen geknupft zu werden pflegt, nach meiner Meinung fur die Ewigkeit. Damon und Pylades waren mir noch zu geringe Ideale, meine erhitzte Phantasie versprach fur den Freund alles zu tun, so wie sie jedes Opfer von ihm verlangte. In diesen Jahren gibt man sich nicht die Muhe, den Charakter des Freundes zu beobachten, oder man hat vielmehr nicht die Fahigkeit, dies zu tun; man glaubt sich selbst zu kennen und folglich auch den Freund, man tragt alles aus sich in ihn hinuber und das geblendete Auge findet auch in den beiden Charakteren die tauschendste Ahnlichkeit. Eine solche Freundschaft dauert selten uber die ersten Junglingsjahre hinaus; es kommt bei den meisten Menschen doch bald eine Zeit, wo sie durch tausend Umstande gezwungen werden, aus ihrem poetischen Traume zu erwachen, dann finden sich beide, wenigstens einer von ihnen, getauscht; dieser Moment, wo die rosichte Dammerung der betrogenen Phantasie nach und nach verschwindet, gehort zu den unglucklichsten des Lebens.
Mein Vater, so wie jeder andere Unbefangene sah auf den ersten Augenblick, dass Burton mir vollig unahnlich sei; er war kalt und verschlossen, verschlagen und listig: ich kam ihm offenherzig, mit einer erhitzten Phantasie, mit einer ubertriebenen Empfindsamkeit entgegen. Aber ich glaubte, Burton besser zu kennen, als ihn jeder andre kannte, ich war uberzeugt, dass die Augen der ubrigen Menschen fur seine Vorzuge blind waren, und so hielt ich meine Menschenkenntnis fur richtiger und uber der meines Vaters erhaben. So wie der Barbar einen sinnlich dargestellten Gott braucht, und sich irgendeinen Klotz dazu behaut, so braucht der schwarmende Jungling ein Wesen, dem er sich mitteilt; er druckt das erste, das ihm begegnet, an seine Brust, unbekummert, ob ihn jener willkommen heisse, oder nicht.
So lebte ich manches Jahr hindurch, ohne dass mein Geist eine andere Wendung nahm; die fast ununterbrochene Einsamkeit mochte wohl die vorzuglichste Ursache davon sein. Als ich kaum mundig geworden war, starb mein Vater und ich war mir nun ganz selber uberlassen. Mein Schmerz uber meines Vaters Verlust war heftig und anhaltend, aber Burtons Liebe trostete mich. Doch bald lernt ich in der Nachbarschaft ein schones weibliches Wesen kennen, die nach wenigen Wochen so mein ganzes Herz gewann, dass ich wie im Zustande einer Bezauberung mein ganzes voriges Leben vergass und endlich innewurde, dass ich liebte, da ich bis dahin die Liebe nur Torheit gescholten, und das hochste Gluck in der Freundschaft hatte finden wollen. Maria Milford war aus der reichsten Familie in der Nachbarschaft, und obgleich mein Vermogen selbst ansehnlich war, so war ich doch zu furchtsam, ihrem rauhen Vater einen Antrag zu tun; meine Erziehung hatte mir eine Menschenscheu eingeflosst, die ich nur erst sehr spat abgelegt habe, auch wollte ich uberdies erst ihre personliche Neigung zu gewinnen suchen; ein Wunsch, der auch in kurzer Zeit erfullt wurde. Burton ward der Vertraute meiner Liebe, er war mein Ratgeber und zuweilen auch der Teilnehmer meines Kummers. Ich zogerte noch immer, mich dem Vater meiner Geliebten zu entdekken, als ein Oheim meines Freundes, Waterloo, von seinen Reisen aus Italien zuruckkam. Er war ein Mann von ohngefahr vierzig Jahren; seine Reisen hatten seinen Verstand ausgebildet und seine Sitten verfeinert. Er war hoflich und zuvorkommend, ohne fade, und gegen jedermann freundschaftlich, ohne abgeschmackt zu sein; sein Gesicht und vorzuglich sein Blick hatten etwas Imponierendes, das anfangs zuruckschreckte, bei einer nahern Bekanntschaft sich aber in Liebenswurdigkeit verwandelte, kurz, er schien mir das vollendete Ideal eines Mannes, der mich bald vollig bezauberte. Er interessierte sich vorzuglich fur mich und ich ubergab mich ihm ganzlich mit einer vollkommnen kindlichen Resignation; ich glaubte in ihm einen zweiten Vater gewonnen zu haben, er leitete alle meine Schritte, er war bald der Mitwisser aller meiner Geheimnisse, der Vertraute meiner Liebe, die ich ganz seiner Fuhrung uberliess.
Waterloos Witz, so wie seine ubrigen Talente machten ihn nach kurzer Zeit zu einem gesuchten Gesellschafter in der Nachbarschaft umher, er ward allenthalben eingeladen, und war nach dem ersten Besuche jedermanns Freund; so gewann er auch bald das nahere Vertrauen des alten Milford, den er vorzuglich oft besuchte. Er ward in wenigen Wochen dort der Freund des Hauses und er kam mir selbst mit dem Antrag entgegen, den Vater auf eine Verbindung zwischen mir und seiner Tochter vorzubereiten. Ich umarmte ihn tausendmal, ich dankte ihm fur seine Freundschaft, ich sah dreister einer glucklichen Zukunft entgegen. Als ich nach einiger Zeit Milford und seine Tochter besuchte, bemerkte ich mit Vergnugen, dass Waterloo schon sein Versprechen gehalten haben musse; man empfing mich freundschaftlicher als je, Marie war weniger zuruckgezogen, und als man uns im Garten einige Minuten allein liess, sagte sie mir, dass mein Freund zuerst ihren Vater auf mich aufmerksamer gemacht habe, und sehr oft von mir mit vielen Lobeserhebungen spreche. Ich glaubte meines Glucks schon gewiss zu sein, ich machte hundert Entwurfe, ich dankte Waterloo wie ein entzuckter Liebhaber, ich schwur, dass ich ihn mehr als meinen Vater, oder jeden andern Menschen liebe. Meine Zuneigung fur Marie Milford fing sich itzt an offentlicher zu zeigen, ich war weniger scheu und zuruckhaltend, meine Liebe ward erwidert, ich war der glucklichste Mensch unter der Sonne.
Plotzlich ward meine Freude durch einen Schlag unterbrochen, der fur mich desto schrecklicher war, je weniger ich ihn erwartet hatte. Ich erhielt an einem Morgen ein Billet vom Vater meiner Geliebten, worin er mich in wenigen Worten bat, ich mochte kunftig aus Ursachen, die er mir itzt nicht deutlich machen konne, sein Haus vermeiden. Ich stand lange wie betaubt, ich konnte mich kaum von der Wirklichkeit dessen, was ich las, uberzeugen. Ich suchte hundert Ursachen zu entdecken, die diesen emporenden Brief konnten veranlasst haben, aber ich fand keine, um dies Ratsel aufzulosen; ich ritt eiligst nach dem Landgute Milfords, um mit ihm selber zu sprechen und sein Betragen mir erklaren zu lassen, aber ich ward nicht vorgelassen. Zornig eilte ich nach Hause und uberliess mich meinen trubsinnigen Untersuchungen von neuem, aber meine Gedanken fanden keinen Ausweg aus diesem Labyrinthe, ich entdeckte Waterloo meine seltsame Lage, der mich auf jede Art zu trosten suchte; er versprach mir zu ergrunden, was diesen Vorfall veranlasst habe. Er hatte es durch die Kunst seiner Uberredung und durch die freundschaftliche Art, mit der er mich zu zerstreuen suchte, dahin gebracht, dass ich etwas zufriedener von ihm ging. Meine peinliche Lage dauerte einige Wochen hindurch, in welcher Zeit mir Waterloo bald trostende, bald niederschlagende Nachrichten brachte; ich ritt einigemal an Milfords Hause vorbei und sah Marien weinend am Fenster stehn. Waterloo tat alles, meinen Schmerz zu erleichtern, er war itzt mein einziger Freund, denn Burton war schon seit einigen Wochen nach London gereist. Wir machten mannigfaltige Plane, die wir alle wieder verwarfen. Endlich schlug mir Waterloo eine Reise nach London vor, die mich zerstreuen sollte, er wollte indes als mein Anwalt meine Sache unermudet beim alten Milford fortfuhren; einige Verleumdungen und Missverstandnisse mussten mir bei diesem Schaden getan haben, die sich gewiss binnen kurzem von selbst widerlegen und aufklaren wurden. Nach langem Streiten hin und her liess ich mich endlich uberreden. Wir nahmen zartlich Abschied, das Herz blutete mir, mich auch von meinem Freunde zu trennen; doch trostete mich der Gedanke, dass ich Burton in London antreffen wurde.
Ich reiste zu Pferde und ohne Begleitung; niemand sollte mich in meinen Traumen storen. Meine Reise ging nur langsam fort. Ich kam daher erst spat in London an. Burton empfing mich mit grosser Freude, er zog mich wider meinen Willen zu tausend Ergotzlichkeiten: Briefe von Waterloo nahrten mich indes mit Hoffnung und besanftigten oft meinen wieder aufwachenden Schmerz. So ging nach und nach eine langere Zeit voruber, als ich anfangs fur meine Abwesenheit bestimmt hatte, denn ich war itzt schon seit zwei Monaten in London gewesen.
Ich erschien mir wie ein Tor, der sein Ungluck fast verdiene; und so qualt ich mich schlaflos in einer sturmischen Nacht auf meinem Lager; mit neuem Glanz trat Mariens Bild vor meine Seele, das Benehmen ihres Vaters war mir noch immer unerklarbar. Was konnte er von mir wollen? Was hatte er mir vorzuwerfen? Ich bereute es, dass ich entfernt von ihr die Zeit vertraumte und kaum den Gang meines Schicksals kannte. London war mir mit seinem larmenden Getummel verhasst, der Wunsch in mir lebendig, dass ich wieder in ihrer Nahe leben wollte, auf meinem einsamen Landsitze, dass es mir itzt vielleicht gelange, ihren Vater mit mir auszusohnen.
Als ich aufstand, war ich wie berauscht, es war als wenn mich mein Genius aus London forttriebe. Ich liess mir nicht Zeit einzupacken, nicht einmal Burton meine Reise zu melden; ich nahm mit dem Anbruche des Tages die Post, und fuhr im schnellsten Trabe meiner Heimat zu. Ich verweilte nirgend, die grosste Eile war mir noch zu langsam, ich fuhr auch in der Nacht, um desto fruher mein Landhaus wiederzusehn. Ich mochte etwa nur noch wenige Meilen von dem Schlosse Milfords entfernt sein, als mir ein Zug geputzter und frohlicher Bauerinnen in die Augen fiel. Ich erschrak, ich fragte sie, welches Fest sie heute feierten. Die Alteste unter ihnen trat hervor, und sagte mir mit einem naiven Lacheln, sie wollten dort nach dem Schlosse, (indem sie auf den Landsitz Milfords in der Ferne zeigte) um die Verlobung des Frauleins und des Herrn Waterloo feiern zu helfen. Ich verstummte, ich war wie vom Blitze getroffen, ich liess mir diese Nachricht wohl zehnmal wiederholen, ohne sie zu horen; ich glaubte, alles dies sei ein Traum, der mich noch in London angstige, ich verlor alle Besinnung und liess endlich mit der grossten Geschwindigkeit vor das Schloss Milfords fahren.
Schon in einiger Entfernung weckten mich Trompeten und larmende Musik aus meiner Betaubung. Ich sprang aus dem Wagen, die beschaftigten Bedienten bemerkten mich kaum; ich sturze wie wahnsinnig die Treppen hinauf, reisse die Tur auf und stehe im Saale, unter einer Menge von bekannten und unbekannten Menschen; Marie stosst einen Schrei aus, und fliegt unwillkurlich in meine Arme.
Alle waren erstaunt, Waterloo und der alte Milford werfen sich zwischen uns, sie trennen uns mit Gewalt. Marie wird fast ohnmachtig auf ihr Zimmer gefuhrt, Waterloo folgt ihr, endlich bin ich mit dem Vater allein.
"Sie wagen es", fahrt er auf, "hier zu erscheinen? So zu erscheinen? Haben Sie mein strenges Verbot vergessen?"
"Ja, ich wage es", rief ich aus, "ich wage dies und noch mehr. Waterloo ist ein Verrater, er soll mir seine Niedertrachtigkeit mit seinem Leben bussen!"
Ich weiss nicht mehr, was ich alles sagte, aber eine heftige Wut hatte sich meiner bemeistert, ich fuhlte Konvulsionen durch meinen Korper zucken, mein Blut siedete und meine Zahne knirschten. Milford war gelassen genug, mich austoben zu lassen; dann nahm er das Wort:
"Sie sehn", sagte er kalt, "wie ich Ihren wahnsinnigen Ungestum erdulde, und meine Nachgiebigkeit macht Sie vielleicht so frech. Sie sind mir uberhaupt ein Ratsel. Welches Recht haben Sie auf meine Tochter? Sie lieben sie, wie Sie sagen, aber dieses Wort reicht nicht hin, meine Einwilligung zu erzwingen: und dennoch kommen Sie mit der Wildheit eines Verruckten zuruck, ob Sie gleich recht gut wissen, dass Sie sich durch hundert Niedertrachtigkeiten einer Verbindung mit meiner Familie unwurdig gemacht haben."
"Niedertrachtigkeiten?" schrie ich auf und riss den Degen aus der Scheide.
"Nicht also!" rief Milford mit einem kalten Grimme, "lassen wir diese Spiegelfechterei; ich kann Ihnen Beweise geben."
Und nun fing er an, mir ein Register von Bosheiten, die ich verubt haben sollte, vorzulegen. Das meiste war ganzlich erdichtet, oder einige ganz unbedeutende Kleinigkeiten und Zufalle in ein verhasstes Licht gestellt; alles zeugte von der schandlichsten Erfindungsgabe, ich errotete oft uber die Frevel, die man mir zur Last legen wollte. "Und diesem", schloss Milford endlich, "soll ich mein Kind, die einzige Freude meines Lebens, uberantworten? Sie lieber hinrichten!"
Ich zwang mich gemassigt zu sein. "Wer", fragt ich kalt, "ist der Erfinder dieser, wenigstens sinnreichen Luge?"
"Einer, den Ihr Charakter am meisten krankt Ihr Freund Waterloo! Ihr ehemaliger Lobredner."
Itzt wunderte ich mich, dass ich nicht langst das ganze Gewebe der Bosheit durchgesehn hatte; der Schleier fiel itzt ganz von meinen Augen. Grosse Tranen sturzten uber meine Wangen herab, ich verlor in diesem Augenblicke einen Freund, den ich unaussprechlich geliebt hatte; mein Herz wollte zerspringen. Ich warf mich in einen Sessel, um die mannigfaltigen Empfindungen, die in meinem Innern wuhlten, erst austoben zu lassen; Milford sah kalt und gelassen auf mich herab, er war ungewiss, ob er diesen Schmerz fur Reue, oder fur tiefe Krankung halten sollte. Endlich gewann ich die Sprache wieder, und nachdem ich mich vollig gesammelt hatte, war es mir ein leichtes, den Vater vom Ungrunde aller Beschuldigungen zu uberzeugen. Er wutete itzt gegen Waterloo, der ihn auf die boshafteste und schandlichste Art hintergangen, der ihn durch alle Kunste der Verstellung zu seinem warmen Freunde gemacht hatte. Er hatte anfangs meinen Freund und Bewunderer gespielt, und auf eine Verbindung zwischen mir und Marien eingelenkt, nach und nach war er zuruckhaltender, endlich kalt geworden. Man hatte um den Grund dieses Betragens in ihn gedrungen; nach langen Umschweifen, nach vielen Klagen war er endlich mit der Entdeckung vorgeruckt, dass er sich ganzlich in mir geirrt habe, dass er auf diese schmerzliche Weise einen werten Freund in mir verliere, nebst andern Ausbeugungen und moralischen Gemeinspruchen. Itzt ward eine Erdichtung nach der andern ausgesponnen, und als er mich bei Milford verhasst genug gemacht, suchte er in eben dem Verhaltnisse dessen Liebe auf sich zu lenken. Dies gelang ihm auch endlich; aber Marie hasste ihn bestandig, sie hatte niemals seinen Worten geglaubt. Unsre Aussohnung von allen Seiten war bald gemacht, die Verlobung mit Marien nach einigen Tagen gefeiert; ich forderte Waterloo, der aber nicht erschien, sondern dafur ein sicheres Mittel fand, sich an mir zu rachen.
Ich ward bald nachher krank, ein anhaltender Schwindel mit Krampfen und Ohnmachten verbunden, peinigte mich; der Arzt entdeckte noch zur rechten Zeit, dass ich Gift bekommen hatte, und nur die grosste Aufmerksamkeit konnte mein Leben retten; ich entging aber darum nicht einer langen und qualvollen Krankheit, die auch die Ursache aller meiner nachherigen Unfalle gewesen ist. Alles dies tat ein Mensch, der mein Freund war, den ich mit der grossten Zartlichkeit liebte, um mit Marien eine ansehnliche Aussteuer zu erhalten.
Waterloo hatte sich schon vorher entfernt, man wusste nicht, wo er geblieben war; nach einigen Monaten kam die Nachricht seines Todes. Ich ward, als ich genas, mit Marien verbunden, die mir aber nach einem kurzen Jahre wieder entrissen ward, indem Du mir geschenkt wurdest. Ich weinte meinen Schmerz am Busen meines Freundes Burton aus, der uber meinen Kummer Tranen vergoss; bald nachher fiel mir ein Brief in die Hande, woraus ich sah, dass Burton mit Waterloo einverstanden gewesen war, dass eine ansehnliche Belohnung, die man ihm aus Mariens Vermogen hatte zusichern wollen, ihn verfuhrt hatte, ebenfalls Teilnehmer an diesem Komplott zu werden.
Seit der Zeit hat mich Burton unablassig verfolgt. So wurde mein offnes Herz hintergangen, auf diese Art meine zartliche Freundschaft belohnt!
Dies ist aber nur eine Szene meines Lebens, ich habe mehrere Sturme ausgehalten, wo meine Liebe auf eine ahnliche Art verraten ward ich suchte Dich darum schon fruh mit Menschen bekannt zu machen, und jenen jugendlichen Enthusiasmus zu mildern; bis itzt ist diese Bemuhung vergebens gewesen, aber Du siehst wenigstens aus meiner Geschichte, wie notwendig es ist. Lebe wohl, ich hoffe, dass Du die Anwendung auf Dich selbst am besten daraus wirst machen konnen.
10
William Lovell an Eduard Burton
Rom.
Der italienische Winter kundigt sich schon durch haufige Regenschauer an. Ich verspare auf unser Wiedersehn alle meine Bemerkungen uber die Kunstschatze und verweise Dich auf mein Tagebuch hieruber. Wie will ich mich freuen, wenn ich alle meine Papiere vor Dir in dem geliebten Bondly ausbreiten kann, und Du mich belehrst, und ich mit Dir streite. Ich will Dir lieber dafur von meinem Umgange und meinen Freunden erzahlen. Rosa interessiert mich mit jedem Tage mehr; ohne dass er es selbst will, macht er mich auf manche Lucken in meinem Wesen aufmerksam, auf so viele Dinge, uber die ich bisher nie nachgedacht habe und die doch vielleicht des Denkens am wurdigsten sind, aber mein Verstand hatte sich bis itzt nie uber eine gewisse Grenze hinausgewagt. Rosa ermuntert mich, meine Schuchternheit fahrenzulassen, und er selber ist mein Steuermann in manchen dunkeln Regionen. Balder zieht sich oft ganz von uns zuruck, er traumt gern fur sich in der Einsamkeit, meine Besorgnis fur ihn nimmt mit jedem Tage zu, denn er ist schoner, als es gewohnlich um diese Jahrszeit zu sein pflegt, wir gingen im Felde spazieren und ich suchte ihn auf die Schonheiten der Natur aufmerksam zu machen, aber er brutete duster in sich selber gekehrt. "Woruber denkst du", fragte ich ihn dringend; "du bist seit einiger Zeit verschlossen, du hast Geheimnisse vor deinem Freunde, gegen den du sonst immer so offenherzig warst. Was fehlt dir?"
"Nichts", antwortete er kalt und ging in seinem Tiefsinne weiter.
"Sieh die reizende Schopfung umher", redete ich ihn wieder an, "sieh wie sich die ganze Natur freut und glucklich ist!"
Balder: "Und alles stirbt und verwest; vergissest du, dass wir uber Leichen von Millionen mannigfaltiger Geschopfe gehn dass die Pracht der Natur ihren Stoff aus dem Moder nimmt dass sie nichts als eine verkleidete Verwesung ist?"
"Du hast eine schreckliche Fahigkeit, allenthalben unter den lachendsten Farben ein trubes Bild zu finden."
"Freude und Lachen?" fuhr er auf, "was sind sie? Dies Grauen vor der Schonheit, ja vor mir selbst ist es, was mich verfolgt; vertilge dies in mir und ich werde dich und die ubrigen Menschen nicht mehr abgeschmackt finden."
"Warum aber", fuhr ich fort, "willst du diese Art die Dinge zu sehn, die doch wahrlich nur eine Verwohnung und kranke Willkur ist, nicht wieder fahrenlassen, und mit frohem Mut die wahre Gestalt der Welt wieder suchen?"
"Um so zu sehn, wie du siehst", antwortete er, "ist aber dieser Anblick der wahre? Wer von uns hat recht? Oder werden wir alle getauscht?"
"Mag es sein, aber so lass uns doch wenigstens den Betrug fur wahr anerkennen, der uns glucklich macht."
Balder: "Deine Tauschung macht mich nicht glucklich, die Farben sind fur mich verbleicht, das verhullende Gewand von der Natur abgefallen, ich sehe das weisse Gerippe in seiner furchterlichen Nacktheit. Was nennst du Freude, was nennst du Genuss? Konnten wir der Natur ihre Verkleidung wieder abreissen o wir wurden weinen, wir wurden ein Entsetzen finden, statt Freude und Lust."
"Und warum? Mogen wir doch zwischen Ratsel und Unbegreiflichkeiten einhergehn, ich will die frohe Empfindung meines Daseins geniessen, dann wieder verschwinden, wie ich entstand genug, im Leben liegt meine Freude. Deine Gedanken konnen dich zum Wahnsinn fuhren."
Balder: "Vielleicht."
"Vielleicht? Und das sagst du mit dieser schrecklichen Kalte?"
Balder: "Warum nicht? Der Mensch und sein Wesen sind mir in sich selbst so unbegreiflich, dass mir jene Zufalligkeiten, unter welchen er so, oder anders erscheint, sehr gleichgultig sind."
"Gleichgultig? Du bist mir furchterlich Balder."
Balder: "Dieses Gedankens wegen? Es ist immer noch die Frage, ob ich beim Wahnsinne gewinnen oder verlieren wurde."
"Diese dumpfe Unempfindlichkeit, jenes Dasein, das unter der Existenz des Wurmes steht, diese wilde Zwittergattung zwischen Leben und Nichtsein wirst du doch fur kein Gluck ausgeben wollen?"
Balder: "Wenn du dich glucklich fuhlst, warum soll es der Wahnsinnige nicht sein durfen? Er empfindet ebensowenig die Leiden der Natur, sein Sinn ist ebenso fur das, was mich betrubt, verschlossen, als der deinige; warum soll er elend sein? und sein Verstand "
"Und dieses gottliche Kennzeichen des Menschen ist in ihm ausgeloscht? Oder findest du auch in der Sinnlosigkeit seine Wollust?"
Balder: "Seine Vernunft! O William, was nennen wir Vernunft? Schon viele wurden wahnsinnig, weil sie ihre Vernunft anbeteten und sich unermudet ihren Forschungen uberliessen. Unsre Vernunft, die vom Himmel stammt, darf nur auf der Erde wandeln; noch keinem ist es gelungen, uber Ewigkeit, Gott und Bestimmung der Welt eine feste Wahrheit aufzufinden wir irren in einem grossen Gefangnisse umher, wir winseln nach Freiheit und schreien nach Tageslicht, unsre Hand klopft an hundert eherne Tore, aber alle sind verschlossen und ein hohler Widerhall antwortet uns. Wie wenn nun der, den wir wahnsinnig nennen "
"Ich verstehe dich, Balder: weil unsre Vernunft nicht das Unmogliche erschwingen kann, so sollen wir sie geringschatzen und ganz aufgeben durfen."
Balder: "Nein, William, du verstehst mich nicht. Statt einer weitlauftigen Auseinandersetzung meiner Meinung will ich dir eine kurze Geschichte erzahlen. Ich hatte einen Freund in Deutschland, einen Offizier, einen Mann von gesetzten Jahren und kaltblutigem Temperamente; er hatte nie viel gelesen oder viel gedacht, sondern hatte vierzig Jahre so verlebt, wie sie die meisten Menschen verleben; die wenigen Bucher, die er kannte, hatten seinen Verstand gerade so weit ausgebildet, dass er eine grosse Abneigung gegen jede Art des Aberglaubens hatte; er sprach oft mit Hitze gegen die Gespensterfurcht und andre ahnliche Schwachheiten des Menschen. Diese Aufklarungssucht ward nach und nach sein herrschender Fehler, und seine Kameraden, die ihn von dieser Seite kannten, neckten ihn oft mit einem verstellten Wunderglauben, und so entstanden haufig hitzige und hartnackige Streitigkeiten; in diesen zeichnete sich gewohnlich ein Herr von Friedheim durch seinen Widerspruch am meisten aus; er war ein Freund von Wildberg (so hiess der andre Offizier), aber er suchte ihm auf diese Art seinen lacherlichen Fehler am auffallendsten zu machen. Ein Fall, der oft bei Disputen eintritt, die gewohnlich mit einem Gelachter endigen, ereignete sich auch hier. Friedheim sagte einst nach vielen Debatten, und wenn seinem Freunde auch kein andrer Geist erschiene, so wunsche er selbst bald zu sterben, um bei ihm die Rolle eines Gespenstes zu spielen. Das Gelachter ward allgemein und der Streit in eben dem Augenblicke hitziger und empfindlicher. Wildberg fuhlte sich bald aufs heftigste beleidigt, Friedheim war zornig geworden, die Gesellschaft trennte sich, und Friedheim ward von dem erhitzten Wildberg gefordert. Die Sache ward sehr in der Stille getrieben, ich war der Sekundant Wildbergs, ein anderer Freund begleitete seinen Gegner, wir taten alles, um eine Aussohnung zu bewirken, aber die beleidigte Ehre machte unsre Versuche vergebens. Der Platz ward ausgemessen, die Pistolen geladen, Friedheim fehlte, Wildberg schoss, Friedheim fiel nieder, eine Kugel durch den Kopf hatte ihm das Leben geraubt. Mehrere gunstige Umstande trafen zusammen, so dass der Vorfall halb verheimlicht blieb; Wildberg hatte nicht notig zu entfliehen. Alle seine Freunde waren uber die gluckliche Wendung seines Schicksals vergnugt, nur er selber versank in eine tiefe Melancholie. Alle schoben dies naturlich auf den Tod seines Freundes, den er selber auf eine gewaltsame Art verursacht hatte; da sich aber sein Gram nicht wieder zerstreute, da jeder Versuch, ihn wieder frohlich zu machen, vergeblich war, da er endlich manche unverstandliche Winke fallenliess, so drang man in ihn, die Ursache seines Tiefsinns zu entdecken. Itzt gestand er nun, erst einem, dann mehreren, dass sein Freund Friedheim allerdings Wort halte, ihn nach seinem Tode zu besuchen; er komme zwar nicht selbst, aber in jeder Mitternacht rolle ein Totenkopf, von einer Kugel durchbohrt, durch die Mitte seines Schlafzimmers, stehe vor seinem Bette stille, als wenn er ihn mahnend mit den leeren Augenhohlen ansehen wolle, und verschwinde dann wieder; diese schreckliche Erscheinung raube ihm den Schlaf und die Munterkeit, er konne seitdem keinen frohen Gedanken fassen. Von den meisten ward diese Erzahlung fur eine ungluckliche Phantasie, von wenigen nur, und gerade von den einfaltigsten, fur Wahrheit gehalten. Wildbergs Krankheit aber nahm indessen zu; er fing itzt an, haufiger und offentlicher seine Vision zu erzahlen, er bestritt den Aberglauben nicht mehr, sondern liess sich im Gegenteile gern von Gespenstern vorsprechen, und so kam es bald dahin, dass man ihm den Namen eines Geistersehers beilegte und ihn fur einen sonst ziemlich vernunftigen Mann hielt, der nur eine ungluckliche Verruckung habe. Wildberg bat itzt zuweilen einige seiner Freunde zu sich, um in der Nacht mit ihm zu wachen, weil seine Angst und sein Schauder bei jeder Erscheinung hoher stieg; auch ich leistete ihm einigemal Gesellschaft. Gegen Mitternacht ward er jedesmal unruhig wenn es zwolfe schlug, fuhr er auf und rief: 'Horch! itzt rasselt es an der Tur!' Wir horten nichts. Dann richtete Wildberg seine Augen starr auf den Boden: 'Sieh', sprach er leise; 'wie er zu mir heranschleicht! O vergib, vergib mir, mein lieber Freund, angstige mich nicht ofter, ich habe genug gelitten.' Nachher ward er ruhiger und sagte uns, der Kopf sei verschwunden; wir hatten nichts gesehn. Es ward allen seinen Freunden stets wahrscheinlicher, dass alles dies nichts weiter, als eine ungluckliche hypochondrische Einbildung sei, heftige Reue uber den Tod seines Freundes, die in eine Art von Wahnsinn ausgeartet sei; wir suchten ein Mittel, ihn von der Nichtigkeit seiner Vorstellung zu uberfuhren und ihm so seine Ruhe wiederzugeben. Viele Hypochondristen sind schon dadurch geheilt, dass man ihre Einbildung ihnen wirklich dargestellt und sie nachher auf irgendeine Art vom Betruge unterrichtet hat; auf eben diese Art beschlossen wir, sollte Wildberg geheilt werden. Wir verschafften uns also einen Totenkopf, durch dessen Stirn wir ein Loch bohrten, wo den unglucklichen Friedheim die Kugel seines Freundes getroffen hatte, wir befestigten ihn an einen Faden, um ihn in der Mitternacht durch das Zimmer zu schleifen, Wildberg dann zu beobachten und ihn nachher zu unterrichten, wie er von uns hintergangen sei. Wir versprachen uns von diesem Betruge die glucklichste Wirkung; alle Anstalten waren getroffen und wir erwarteten mit Ungeduld den Augenblick, in welchem es vom Kirchturme zwolf Uhr schlagen wurde. Itzt verhallte der letzte Schlag und Wildberg rief wieder: 'Horch! da rasselt er an der Tur!' In eben dem Augenblicke ward von einem in der Gesellschaft unser Totenkopf hineingezogen, und bis in die Mitte des Zimmers geschleift. Wildberg hatte bis itzt die Augen geschlossen, er schlug sie auf, und bleich, zitternd, und fast in ein Gespenst verwandelt sprang er aus dem Bette; mit einem entsetzlichen Tone rief er aus: 'Heiliger Gott, Zwei Totenkopfe! Was wollt ihr von mir?'"
Balder hielt hier inne. Ich muss gestehn, der unerwartete Schluss der Erzahlung hatte mich frappiert, und beschaftigte itzt meine Phantasie; ich war nur noch begierig, welche Anwendung er daraus auf seine vorigen Gedanken ziehen wollte; nach einigem Stillschweigen fuhr er fort:
"Jeder Denker, der uber jene grossen Gegenstande forschen will, die ihm am wichtigsten sind, uber Unsterblichkeit, Gott und Ewigkeit, uber Geister und den Stoff und Endzweck der Welt, fuhlt sich wie mit eisernen Banden von seinem Ziele zuruckgerissen, die menschliche Seele zittert scheu vor der schwarzen Tafel zuruck, auf der die ewigen Wahrheiten daruber geschrieben stehn. Wenn die Vernunft alle ihre Krafte aufbietet, so fuhlt sie endlich, wie sie furchterlich auf einer schmalen Spitze schwankt und im Begriffe ist, in das Gebiet des Wahnsinns zu sturzen. Um sich zu retten, wirft sich der erschrockene Mensch wieder zur Erde aber wenige haben den raschen frechen Schritt vorwarts getan, mit einem lauten Klang zerspringen die Ketten hinter ihnen, sie sturzen unaufhaltsam vorwarts, sie sind dem Blicke der Sterblichen entruckt. Das Geisterreich tut sich ihnen auf, sie durchschauen die geheimen Gesetze der Natur, ihr Sinn fasst das Ungedachte, in flammenden Ozeanen wuhlt ihr nimmermuder Geist sie stehn jenseit der sterblichen Natur, sie sind im Menschengeschlechte untergegangen sie sind der Gottheit naher geruckt, sie vergessen der Ruckkehr zur Erde und der verschlossene Sinn brandmarkt mit kuhner Willkur ihre Weisheit Wahnsinn, ihre Entzuckung Raserei!"
Balder sahe mich hier mit einem verwegenen Blikke an. Er fuhr fort:
"Mein Freund Wildberg sah, trotz aller Tauschung, etwas, was wir nicht sahen konnen wir wissen, was jene erblicken? Die Geschichte ist wahr, aber ware sie auch nichts als ein guterfundenes Marchen, so wurde sie mir doch sehr wert sein, da sie fur mich einen so tiefen Sinn enthalt."
"Und wo steht denn", fragte ich, "bei dir die Grenze zwischen Wahrheit und Irrtum?"
"Lass das": indem er abbrach; "ich bin heute wider meinen Willen ein Schwatzer gewesen; da wir aber einmal davon sprachen, wollt ich dir diese seltsame Idee nicht zuruckhalten."
Wir gingen itzt wieder zur Stadt zuruck und Balder war wieder tief in sich gekehrt.
Ich habe Dir, mein Eduard, dies Gesprach, so gut ich konnte, niedergeschrieben, Du kannst daraus die wunderbare Wendung kennenlernen, die der Geist meines Freundes genommen hat. Ich will itzt schliessen. Lebe wohl.
Und doch, lieber Freund, ergreif ich die Feder noch einmal, um Dir einen Vorfall zu melden, der seltsam genug ist, so geringfugig er auch sein mag. Vielleicht dass mich heut das oben niedergeschriebene Gesprach sonderbar gestimmt hat, oder dass es eine Schwachheit ist, weil ich seit einigen Nachten fast nicht geschlafen habe, genug, ich will Dir die Sache erzahlen, wie sie ist, Du wirst uber Deinen Freund lacheln aber, was ist es denn mehr? der Fall wird noch oft vorkommen. Damit Du mich aber ganz verstehst, muss ich etwas weit ausholen.
Mein Vater hat eine kleine Gemaldesammlung, die nur sehr wenige historische Stucke und Landschaften enthalt, sondern meistenteils aus Portraten seiner Verwandten, oder andern, ihm merkwurdigen Personen besteht. Ich ging als Knabe nie gern in dieses Zimmer, weil mir immer war, als wenn die Menge von fremden Gesichtern mit einem Male lebendig wurde: vorzuglich aber fiel mir ein Bild darunter stets auf eine unangenehme Art auf. Der Kamin des Zimmers ist in einem Winkel angebracht, wo ein starker Schatten fiel und ein Gemalde, das daruber hing, fast ganz verdunkelte. Es war ein Kopf, Eduard, ich weiss nicht, wie ich ihn Dir beschreiben soll ich mochte sagen, mit eisernen Zugen. Ein Mann von einigen vierzig Jahren, blass und hager, sein Auge vorwarts stierend, indem das eine in einer kleinen Richtung nach dem andern schielt, ein Mund, der zu lacheln scheint, der aber, wenn man ihn genauer betrachtet, soeben die Zahne fletschen will; eine bestandige Dammerung schwebte um dieses Gemalde und ein heimliches Grauen befiel mich, sooft ich es betrachtete, und doch heftete sich mein Blick jedesmal unwillkurlich darauf, sooft ich durch dies Zimmer ging, daher hat meine Phantasie bis itzt dies Bild so treu und fest aufbewahrt. Ich habe auch nie jene kindische Furcht vor diesem Kopfe ganz ablegen konnen: mein Vater sagte mir, es ware kein Portrat, sondern die Idee eines sehr geschickten Malers.
Ich hatte den Brief an Dich geendigt; ich gehe durch die Stadt, die Sonne war schon untergegangen und ein roter Dammerschein flimmerte nur noch um die Dacher und auf den freien Platzen. So will ich mich nach Hause wenden, eile vor den einsamen Weinbergen und dem alten Tempel des heiligen Theodor voruber, gehe dann weiter nach dem Bogen des Janus, um in die belebte Stadt zuruckzukehren, als ich hinter der Mauer ein Wesen auf mich zuwanken sehe; als es etwas mehr auf mich zukam, zweifelte ich, ob es ein Mensch sei, ich hielt es fur einen Geist, so alt, zerfallen, bleich und unkenntlich schlich es einher itzt stand es mir gegenuber und Eduard, Du erratst es vielleicht es war jenes grauenhafte Bild meines Vaters! Alle Gefuhle meiner fruhesten Kindheit kamen mir plotzlich zuruck, ich glaubte in Ohnmacht zu sinken. Es war ganz derselbe, nur itzt um dreissig Jahre alter, aber alle jene schrecklichen Grundlinien, jenes unerklarliche Furchtbare, jenes verdammnisvolle Schreckliche. Er hatte mein Erschrecken bemerkt er sah mich an und lachelte und ging fort! Eduard, ich kann keine Worte finden, Dir diesen Blick und dieses Lacheln zu beschreiben. Mir war's, als stande mein boser Engel in sichtbarlicher Gestalt vor mir, als hort ich in diesem Augenblicke alle glucklichen Blatter aus dem Buche meines Lebens reissen, wie ein Prolog zu einem langen ungluckseligen Lebenslauf fiel dieser Blick, dieses Lacheln auf mich o Eduard, es hat mich erschuttert, darum verzeih mir, wenn ich zu ernsthaft davon spreche.
Wer mag es sein? frag ich mich itzt unaufhorlich und wie hat mein Vater ein ihm so ahnliches Bild erhalten?
11
Karl Wilmont an Mortimer
Glasgow.
Ich bin nun ganz Schottland durchstrichen und ich glaube, ich konnte ebensogut noch nach Irland und Abyssinien reisen, ohne gescheiter zuruckzukommen. Alle meine Onkeln, Vettern, Basen, Muhmen, Tanten und Geschwisterkinder haben mich gar nicht wiedergekannt, sie hatten darauf geschworen, ich ware ausgetauscht, so ubel hat mir die Liebe mitgespielt; ich fange an in der ganzen Welt meinen Ruf als Lustigmacher zu verlieren, die Empfindsamkeit hat alle meine Spasse gar armselig zugerichtet. Ach, Freund, itzt bin ich in der niedlichsten Stadt, die ich bis itzt auf dem weiten Erdboden habe kennen lernen, die Schotten sind so herrliche und gastfreie Leuteaber ihr Gast taugt wirklich gar zu wenig, und darum werd ich wohl mit der Zeit wieder zuruckreisen mussen. Hast Du mir aber irgend etwas zu schreiben, so tue es ja, denn einige Wochen denk ich noch hierzubleiben.
Mortimer, mir ist eingefallen, dass wir uns beide den Spass machen konnen, einander Elegieen zu dedigen, in der Poesie soll ja uberdies ein Trost fur alle moglichen Leiden liegen; statt uns die Haare auszuraufen, wollen wir dann Federn zerkauen, statt an unsre Brust zu schlagen und zu seufzen, Verse an den Fingern abzahlen; ich habe schon einige herrliche Gedanken dazu im Kopfe, wenn mir nicht ein Hagelschlag daruntergerat, kann das eine vortreffliche Ernte werden.
Sonst bin ich gesund, aber das Wetter wird unangenehm, ich wollte es ware Fruhling, und ich sahe Emilien wieder. Sieh doch! und ware mit ihr verheiratet und Vater von zehn Kindern und und ich versichere Dich, dass ich jeden Satz, den ich anfange, mit Emilien endigen mochte. Das weiss Gott, wie das mit mir werden soll. Mit dem neuen Jahre hoff ich, soll es besser werden, das haben wir ja nun bald, und ich wunsche Dir und mir und allen Menschen, die vom neuen Jahre etwas wissen, alles mogliche Gute.
Ob sie wohl zuweilen an mich denkt? Ich hoffe wohl. Wie lebst Du in London, und fahrst Du noch immer mehr fort, Dich in meine Schwester zu verlieben? Ich mochte oft herzlich uber uns beide lachen, ich fange auch wohl zuweilen an, aber es will nicht recht gelingen. Bald komm ich zu Dir zuruck, dann wollen wir wechselseitig unseren kranken Herzen Erleichterung schaffen.
12
Mortimer an Karl Wilmont
London.
Mich freut es, dass der Ton in Deinem Briefe noch so ziemlich munter klingt; dies beweist, dass Deine Lage noch nicht so gefahrlich ist, als Du sie gerne machen mochtest. Ich bin heut in grosser Versuchung, sehr ernsthaft mit Dir zu sprechen; solltest Du also vielleicht bei gar zu frohlicher Laune sein, so lege meinen Brief so lange beiseite, bis sie voruber ist. Doch ich weiss, dass bei Dir Lachen und Ernst seine Zeit hat, dass Du nicht zu jenen Humoristen gehorst, die nichts lieber, als den Ton ihrer eigenen Zunge horen und sich mit ihrem eigenen Geschwatze betauben. Das Wetter wird sehr sturmisch, mir scheint es daher am vernunftigsten, Du kommst bald nach London zuruck, denn welches Vergnugen kannst Du itzt bei Deinem Herumstreifen haben?
Lovell fangt an ein nachlassiger Briefschreiber zu werden, er hat sehr lange nicht an Amalien geschrieben. Sie hat mir ihren Kummer daruber mit ihrer liebenswurdigen Offenherzigkeit geklagt, und ist es Leichtsinn, der Lovell abhalt, so verdient er wirklich
Karl, ich mache mir unendlich oft Vorwurfe, dass ich sie so oft sehe, ich mache mir einen Vorwurf daraus, dass ich durch meine Zuneigung Lovell beleidige, und dann wieder darf er je die Einwilligung seines Vaters zu dieser Verbindung hoffen? und liebt er sie auch wirklich? Hat er sie nicht vielleicht schon vergessen? Wenn dies der Fall ware, vielleicht dass sie dann ihre Liebe nach und nach zu mir ubertruge. Dann, Karl, hab ich mir einen schonen Plan ausgedacht: glaube mir, dass man erst als Hausvater ein eigentlicher Burger dieser Erde wird. Sie wurde dann mein Weib; ich habe mir schon einen stillen reizenden Ort ausgesucht, wo ich mich anbauen will. Ich habe mir keinen poetischen und empfindsamen Plan entworfen, ich habe alles genau gegeneinander berechnet, ich weiss so ziemlich, welche Freuden man von dieser Welt zu erwarten hat, und meine Foderungen sind also nicht zu hoch gespannt; ich habe mir das Vergnugen gemacht, mir meine Einrichtung bis auf die kleinsten Umstande auszudenken, nur schade, dass ich noch auf die Hauptsache so wenig rechnen darf. Die Freuden des Herzens sind gewiss die reinsten und edelsten in dieser Welt, und jeder kann sie geniessen, wenn er sie nur nicht selbst verachtet. Ich erwarte Dich also nachstens wieder in London. Lebe wohl.
13
Der Graf Melun an Mortimer
Paris.
Sie verliessen, lieber Freund, Paris, als ich eben Anstalten zur Hochzeit mit der Comtesse Blainville traf; da Sie sich stets fur mein Schicksal interessiert haben, so halte ich es fur meine Pflicht, Ihnen einige nahere Nachrichten von dem Erfolge dieser Narrheit zu geben.
Sie wurden itzt mein Haus in Paris nicht wiederkennen, so sehr ist alles durcheinandergeworfen und verandert und modernisiert; ich bin so eingeschrankt, dass ich weniger Freiheiten habe, als meine Bedienten; alle meine vormaligen Freunde fliehen mein Haus und eine Schar von Zugvogeln gewohnt sich nach und nach herein, die von der Freigebigkeit, oder vielmehr von der Verschwendung meiner Gebieterin leben; ach Mortimer, ich sehe noch in meinem Alter einer druckenden Armut entgegen. So hart ist die Torheit eines alten Mannes bestraft, der nach so vielen Jahren von Erfahrung noch die narrische Foderung machte, ein Herz zu finden, das ihn um sein selbstwillen liebte. Ich wollte die letzte Periode meines Lebens recht ches verlorne Jahr zuruckerkaufen, und ich habe eine Holle um mich her versammelt. Die Comtesse hat mich durch ihre Verstellung betrogen, ich traute ihr ein Herz zu, aber sie lacht uber diesen altfrankischen Galimathias, sie freut sich meines Kummers und wunscht meinen Untergang. Schon nach einigen Wochen meiner Heirat resignierte ich auf eine eigentlich gluckliche Ehe, aber ich glaubte doch nicht so vielen Kummer erdulden zu mussen. Es gibt keine Krankung, die ich nicht erleide, ja man macht sich ein Vergnugen daraus, recht offentlich zu verfahren; mein Vermogen wird auf die unsinnigste Art verschwendet, sie hat ihren erklarten Liebhaber, einen Elenden, den sie bereichert, und der weder Witz noch Verstand hat, um andern zu gefallen. Eine Auszehrung scheint meinem Leiden ein Ende machen zu wollen, denn mit jedem Tage fuhle ich mich matter. Dies ist nun der trube Beschluss eines meist langweiligen Lebens, das ich fast ganz einer albernen Konvenienz zum Opfer brachte. Bedauern Sie ihren Freund und geraten Sie nie in ein Ungluck, das dem meinigen ahnlich ist.
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Walter Lovell an Eduard Burton
London.
Ich schreibe Ihnen in einer grossen Verlegenheit, selbst Traurigkeit, in welche mich das lange Stillschweigen meines Sohnes versetzt. Ich kann mir die Ursache nicht erklaren, wenn er nicht gefahrlich krank ist, und diese Erklarung vermehrt nur meinen Kummer. Sollte er Ihnen etwa in dieser Zeit Nachrichten von sich gegeben haben, so ersuche ich Sie um die Gefalligkeit, mir diese mitzuteilen; Sie werden dadurch den Kummer eines Vaters lindern, dem tausend Bilder, eins truber und schrecklicher als das vorige, vor der Seele schweben. Ich bitte Sie also, mir bald zu antworten, denn ich weiss, dass Sie stets mit meinem Sohne korrespondiert haben; er hat vielleicht den Freund weniger als den Vater vernachlassigt.
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Amalie Wilmont an Emilie Burton
London.
Was ich mache, meine liebste Freundin? Ich weiss es selbst nicht genau, ich bin nicht krank, und doch auch nicht wohl. Wenn ich zu Ihnen nach Bondly kommen konnte, wurde ich einmal wieder recht vergnugt sein, so vergnugt, wie damals, als Lovell bei Ihnen war. Ich weiss nicht, wie der bose Mensch seinen Vater und uns alle so angstigen kann, er hat seit langer Zeit nicht geschrieben, und man furchtet nun, er sei tot. Sollte es blosse Nachlassigkeit sein, so ware sie unverzeihlich. Sagen Sie mir, was Sie denken, ich wollte lieber, wir konnten so freundschaftlich und vertraut wie ehemals daruber sprechen. Sie waren stets so gutig gegen mich, wir waren immer so froh miteinander, vielleicht konnten Sie mich itzt etwas erheitern; die Munterkeit ist mir wirklich notig, ich fuhle es, wie ein bestandiger Schmerz an meinem Herzen nagt. Mortimer tut alles mogliche, um mich vergnugt zu machen, aber wenn ich auch zuweilen lache, so denke ich doch indes an Lovell, und weine innerlich, und Lovell Gott! wenn er tot ware oder o meine ten mir vom Schicksale so grosse Leiden zugedacht sein, da ich nichts verbrochen habe? oder war mein Gluck, waren meine Hoffnungen Sunde?
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William Lovell an Rosa
Tivoli.
Sie haben recht, Rosa, ich fange erst itzt an, Sie zu verstehn. Was mir seit unsrer Bekanntschaft dunkel und ratselhaft war, tritt nun wie aus einem Nebel allgemach hervor; die Taler, die zwischen den Bergen liegen, werden sichtbar, mein Blick umfangt die ganze Landschaft. Ihr Geist zieht den meinigen zu sich hinuber; eben da, wo ich mich einst mit einer zu jugendlichen Voreiligkeit (ich darf es Ihnen nun wohl gestehn) uber Ihnen erhaben fuhlte, seh ich mich itzt um so mehr gedemutigt.
Was machen Sie und Balder in Neapel? Seit Ihrer Abreise fuhl ich mich hier einsam und verlassen; es scheint, als wenn mir stets ein Freund zur Unterstutzung notwendig ware. Kommen Sie bald zuruck!
Aber dennoch hab ich Ihnen, nur Ihnen allein jene Selbststandigkeit zu danken, die mir noch vor kurzem so fremd war. Sie haben mich aus jenen Wesen hervorgehoben, die in einer bejammernswurdigen Feigheit ihr Leben nicht zu geniessen wagen, die sich von unaufhorlichen Zweifeln tyrannisieren lassen und wie sich von den Schatzen der lebendigen Natur mit Verachtung hinwegwenden, um eine durre Klippe zu besteigen, wo sie sich dem Himmel naher dunken. Aber dort oben stehn sie verlassen; Felsenwande, die kein sterblicher Arm hinwegrucken wird, begrenzen ihre Aussicht; um den Gottern ahnlich zu werden, sterben sie, ohne gelebt zu haben. Nein, Rosa, hinweg mit diesem trostlosen Stolze! Ich begnuge mich mit der Empfindung, ein Mensch zu sein; rasch entflieht das Leben, wehe dem, der vom irdischen Schlafe erwacht, ohne angenehm getraumt zu haben, denn wuste und dunkel ist die Zukunft.
Seit ich an diesem Glauben hange, lacht mir der Himmel freundlicher, jede Blume duftet mir susser, jeder Ton klingt melodischer; die ganze Welt betrachte ich als mein Eigentum, jede Schonheit gehort mir, indem ich sie verstehe. So muss der freie Mensch durch die Natur wandeln, ein Konig der Schopfung, das edelste geschaffene Wesen, indem er am edelsten zu geniessen weiss. Ich hore auf, nach Weisheit zu ringen, der sich kein Sterblicher nahern kann warum lasst Sisyphus seinen boshaften Stein nicht endlich liegen? Warum werden die Danaiden ihrer ungluckseligen Arbeit nicht uberdrussig? Warum schaffen sich Tausende aus dieser schonen Welt freiwillig eine Holle?
Gonnen Sie mir diesen poetischen Enthusiasmus, denn in einer schonen Stunde schreibe ich Ihnen, in dem Garten, der schon oft die Szene unsrer Freuden war. Die Luft ist durch ein Gewitter abgekuhlt, und die schwarzen Wolken ziehn itzt hinweg, ein schmaler Strahl bricht aus der Dunkelheit hervor und wirft einen roten Streif uber die grune Wiese, golden stehn die Spitzen der Hugel da, wie elysaische Inseln in einem truben Ozean, in der Ferne wandelt ein Regenbogen durch den grunen Wald, die Natur ist wieder frisch, die Wiesen duften; nur Ihre Freundschaft fehlt dem glucklichen Lovell.
17
Rosa an William Lovell
Neapel.
Seitdem ich Ihren Brief erhalten habe, tut es mir mehr leid als je, dass ich mit dem melancholischen Balder hiehergereist bin; ich werde so schnell als moglich zuruckkommen. Er wird mit jedem Tage finsterer und verschlossener, eine seltsame Art von Schwarmerei scheint seinen Geist in einer unaufhorlichen Spannung zu erhalten. Sie werden wissen, dass bei ihm die gewohnlichen Zerstreuungen und Freuden des Lebens ubel angebracht sind, sie dienen nur, seiner Laune einen noch finstrern Anstrich zu geben. Ist es nicht kindisch, sich selbst und der ganzen Natur deswegen zu fluchen, weil nicht alles so ist, wie wir es mit unsern beschrankten Sinnen fordern? Aber ich kenne auch die Reize, die diese Schwarmerei uns anfangs gewahrt, wir ahnden eine Vertraulichkeit mit Geistern, die uns entzuckt, die Seele badet sich im reinsten Glanze des Athers und vergisst zur Erde zuruckzukehren; aber die Kraft, die die Welt nach dem innern Bilde der erhitzten Phantasie umwandelt, stirbt bald, die Sinnlichkeit, (denn was ist ein solcher Zudass sie die wirkliche Welt leer und nuchtern findet; je weniger Nahrung sie von aussen erhalt, je mehr ergluht sie in sich selbst; sie erschafft sich neue Welten und lasst sie wieder untergehn: bis endlich der zu sehr gespannte Bogen bricht und eine vollige Schlaffheit den Geist lahmt und uns fur alle Freuden unempfanglich macht; alles verdorrt, ein ewiger Winter umgibt uns. Welche Gottheit soll dann den Fruhling zuruckbringen?
Wohl Ihnen, dass Sie diesem Zustande entflohen sind! Sie wissen es itzt, welche Forderungen Sie an das Leben zu machen haben. Der Schwarmer kennt sich selbst und seine dunkeln Wunsche nicht, er verlangt Genusse aus einer fremden Welt, Gefuhle, fur die er keine Sinne hat, Sonne und Mond sind ihm zu irdisch: wir, William, wollen hier unten bleiben, nicht nach Wolken und Nebeldunsten haschen, Mond und Sterne hoch uber uns sollen uns nicht kummern und so rasch mit dem Wagen ins Leben hinein, fort uber die Berge und durch die Taler mit den unermudeten Rossen, bis wir endlich angehalten werden und aussteigen mussen. Bald bin ich wieder in Rom; leben Sie wohl.
Rosa.
18
Balder an William Lovell
Neapel.
Ich versprach mir manche Freuden von dieser Reise und itzt bin ich verdrusslich, dass ich Rom verlassen habe: ja fast bin ich unzufrieden, dass ich mich je uber den kleinen unbekannten Winkel meines Vaterlandes hinauswunschte. Der Geist durstet nach Neuem, ein Gegenstand soll den andern drangen wie suss traumt man sich die Reise durch das schone Italien ach und was ist es nun am Ende weiter, als das langweilige Wiederholen einer und eben der Sache? was war es nun, dass ich zwischen Rom und Neapel, Berge, Meere und blauen Himmel sah? Alles gleitet vor meiner Seele kalt und freudenleer voruber.
Warum ist doch der Mensch dazu bestimmt, keine Ruhe in sich selber zu finden? Itzt denke ich es mir so erquickend, in einer kleinen Hutte am Saume eines einsamen Waldes zu leben, die ganze Welt vergessend und auf ewig von ihr vergessen, nur mit der Erde bekannt, so weit mein Auge sieht, von keinem Menschen aufgefunden, nur vom Morgenwinde und dem Sauseln der Gestrauche begrusst eine kleine Herde, Glucke weiter? Und doch, wenn mich eine Gottheit nun plotzlich dorthin versetzte, wurd ich nicht wieder nach der Ferne jammern? Wurde sich mein Blick nicht wieder wie ehemals an des Abends goldenes Gewolk hangen, um mit ihm unterzusinken und zauberreiche, mir unbekannte Fluren zu besuchen? Wurd ich nicht unter der Last einer dumpfen Einsamkeit erliegen und nach Mitteilung, nach Liebe, nach dem Handedruck eines Freundes schmachten? Das Leben liegt wie ein langer verwickelter Faden vor mir, den auseinanderzuknupfen mich ein boshaftes Schicksal zwingt; hundertmal werf ich die lastige Arbeit aus der Hand, hundertmal beginn ich sie von neuem, ohne weiterzukommen; o wenn mich doch ein mitleidiger Schlaf uberraschte!
Ein Fieber hat mir die Reise hieher vollig verdorben, Rosa ist mir zur Last, ich selber bin mir unertraglich. In der Einsamkeit, unter abenteuerlichen Phantomen, schrecklichen Gemalden meiner Phantasie und trubseligen Ideen ist mir noch am besten aber wenn ich an einen Ort komme, wo Menschen stehn und sich freuen! wo vielleicht Musik ist und getanzt wird! o William, es will mir die Seele zerschneiden. Ich darf nur einen verlornen Blick unter den jauchzenden Haufen fallen lassen, und er findet in allen sogleich die nackten Gerippe heraus, die Beute der Vernichtung. Ich komme mir vor wie ein verlarvtes Gespenst, das ungekannt und duster, still und verschlossen durch die Menschen hingeht: sie sind mir ein fremdes Geschlecht.
Antworte mir, wenn Du mich noch nicht ganz vergessen hast, wenn Du nicht zu jenen Menschen gehorst, die sich wie die Schnecke ganz in sich selber zuruckziehn, unbekummert um das Wohl oder Weh ihres Bruders. Doch weiss ich nicht, dass ihr alle Egoisten seid und sein musst?
19
William Lovell an Balder
Rom.
Der Schluss Deines Briefes zwingt mich zu dieser Antwort, ob ich Dir gleich dadurch unmoglich beweisen kann, dass ich nicht zu jenen Egoisten gehore, von denen Du sprichst. Dieser Beweis durfte bei Dir schwer zu fuhren sein, so wie der, dass Du alles in der Welt aus einem unrichtigen Gesichtspunkte betrachtest und daher nichts als Elend und Jammer findest. Deinetwegen wunscht ich ein tiefsinniger Philosoph zu sein, um Dich zu uberzeugen. Ich kann Dir freilich nichts sagen, was Du nicht schon ebensogut wusstest aber lieber Balder, lass doch jene Grubeleien fahren, die Deinen Korper und Geist verderben; geniesse und sei froh. Das heisst, wirst Du antworten, so viel, als wenn Du zum Blinden sagen wolltest: tue die Augen auf und sieh! Aber Du hast mich noch nie uberfuhrt, dass der Wille uber diesen Zustand nicht alles vermochte; ich halte ihn fur keine physische Krankheit allein, und selbst diese ware gewiss zu heilen. Wenn Du aufrichtig sein willst, so wirst Du eingestehn, dass es jene unbegreifliche heimliche Wolfreundlich grusst; jene wilde Freude, jene Entzuckungen des Wahnsinns, die Dich in Deinen unterirdischen Wohnungen so fest halten. Wenn Du dies zugibst, so sind wir beide wenigstens gleich grosse Egoisten. Aber lass diese Genusse der abenteuerlichen Phantasie fahren, die Dich zugrunde richten, kehre zur Welt und zu den Menschen zuruck, vereinige Dich mit dem bruderlichen Kreise und nimm die Blumen, die Dir die mutterliche Natur mit freundlichem Lacheln hinreicht. O konnt ich den bosen Geist beschworen, der in Dir wohnt, damit nach wenigen Wochen der gluckliche Lovell den glucklichen Balder wieder in seine Arme schliessen konnte.
20
Balder an William Lovell
Neapel.
Meine Lage hat sich seit meinem neulichen Briefe sehr geandert. Mein Fieber nimmt mit jedem Tage zu, so wie mein Widerwille gegen die ganze Welt. Unter allen Menschen, die ich bisher habe kennen lernen, hat noch keiner meine Erwartungen befriedigt; auch uber Dich, William, kann ich mich mit Recht beklagen, aber doch entsprichst Du noch dem, was ich von einem Menschen und meinem Freunde fordre, am meisten: darum hore itzt die Bitte Deines kranken Freundes, und erfulle Dein halb im Scherze gegebenes Versprechen, mich hier in Neapel zu besuchen. Auf eine wunderbare Weise fuhl ich mich einsam, ein Schatten, ein Laut kann mich erschrecken, die Fibern meines Korpers erzittern bei jedem Anstosse auf eine schmerzhafte Art; ich weiss nicht, welches seltsame Grausen mich umgibt, meine Brust ist beklemmt, wie von fremden unsichtbaren Wesen umgeben fuhl ich mich furchterlich beschrankt; komm, vielleicht kannst Du mich trosten. Wenn ich nach und nach der Welt wie ein verdorrter Baum absterbe, so mocht ich gern der bist, so lass mich nicht zu lange nach Deiner Gegenwart schmachten.
Shakespeares Hamlet ist meine tagliche Lekture; hier finde ich mich wieder, hier ist es gesagt, wie nuchtern, arm und unerspriesslich das Leben sei, wie Wahnsinn und Vernunft ineinandergehn und sich einander vernichten, wie der nackte Schadel endlich uber sich selber grinset und hohnlacht, und von aller Schonheit und Lust, von allem Ernst und aller Affektation nichts mehr als diese weisse widerwartige Kugel ubrigbleibt. O meine Phantasie sieht Gestalten!
Oder war es mehr als Phantasie, was mich in der gestrigen Mitternacht so sehr erschreckte? Wenn es etwas mehr ware! Und doch kann es nicht sein. Doch welcher Sterbliche wagt es, die Grenze zu ziehn, wo die Wirklichkeit aufhoren soll? Wir vertrauen unserm aus Staube gebildeten Gehirne zu viel, wenn wir nach eben den Massen, die wir hier unten gebrauchen, auch eine Welt messen wollen, die mit der hiesigen keine Ahnlichkeit hat voll Scham uber seine Anmassung sinkt einst der Geist vielleicht zu Boden, wenn die korperliche Hulle von ihm genommen wird.
Es war gegen Mitternacht, mein Bedienter schlief und das Nachtlicht warf nur matte Strahlen durch das Zimmer; alles war still, eine Grille zirpte im Kamine ihre einformige Melodie ununterbrochen fort. Ein wunderbares Ideenspiel begann in meinem Kopfe als ich zu lesen anfing.
Ich sah die abenteuerliche Nacht, den Stern oben, der durch den Wipfel eines Baumes flimmerte, grosse Schatten vom Palaste her, und Lichter in der Ferne, Horatio in der Spannung, der der seltsamen Erzahlung seines Freundes zuhort und nun tritt plotzlich der Geist auf, langsam und leise schwebt er her, ein schwarzer Schatten, um den ein bleicher Schimmer fliesst, matt wie das blaue Licht einer ausloschenden Lampe. Ich fuhlte, wie mir ein Grauen mit kalter Hand uber den Nacken hinab zum Rucken fuhr, die Stille um mich her ward immer toter, ich selber ging immer weiter in meinem Innern zuruck, und betrachtete in meiner innersten Phantasie mit grauendem Wohlbehagen die Erscheinung, aus der umgebenden Welt verloren.
Plotzlich hort ich einen langen, leise gezogenen Schritt durch das Zimmer, ich blickte wieder auf und ein Mann ging hinter mir, nach der Tur meines Schlafzimmers zu, sein Auge begegnete mir, als ich mich umsah; ein unwillkurlicher Ausruf entfuhr mir er ging unbefangen in mein Schlafzimmer, ich sah ganz deutlich die weissen Haare auf seinem Kopfe; der Schatten an der Wand folgte ihm nach, auf eine furchterliche Art verzogen.
Es ist mir selber unbegreiflich, warum ich im ganzen so kalt und fast ruhig blieb, da ich doch einen Schauder in meinen innersten Gebeinen fuhlte; in dem Entsetzen lag eine Art von wutender Freude, ein Genuss, der vielleicht ausserhalb den Grenzen des Menschen liegt. Ich kann mir nichts Furchterlicheres denken, als diese Erscheinung zum zweiten Male zu sehn; und doch wiederhol ich mir vorsatzlich den Schreck, das starrende Grausen dieses Augenblicks.
Ich rief meinen Bedienten; er hatte nichts gehort, in der Kammer war keine Spur, ich hatte sogar den Schlussel noch auf dem Tische liegen, und sie war verschlossen. Ich liess Rosa kommen, er kannte mich nicht wieder, er blieb bei mir, ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, stets sah ich den fremden Mann mit dem leisen bedachtlichen Schritte durch das Zimmer schleichen.
Wenn es nicht Phantasie war und mein Bewusstsein kampft gegen diese Meinung was war es denn? War dies keine Wirklichkeit, so steh ich im Begriffe, alle Erscheinungen der Dinge ausser mir fur Tauschung meiner Sinne zu erklaren; und fallt dann nicht alles zusammen? Wunder und Alltaglichkeit? und wer bin ich dann?
Dann sitz ich hier in einer weiten milden ausgestorbenen Leere, bilde mir ein, einen Brief zu schreiben, an ein Wesen, das sich nur meine Phantasie erschaffen hat o ich muss aufhoren, auf diesem Wege kann man wahnsinnig werden; und wenn ich es wurde? Vielleicht ware dann die Schranke durchbrochen, die meinen Geist jetzt noch von allem trennt, was ihm unbegreiflich ist.
21
William Lovell an Rosa
Rom.
Balder hat mir geschrieben und ein merkwurdiges Beispiel gegeben, wie weit ein Mensch sich verirren konne, wenn er einer kranken Phantasie die Zugel seiner selbst uberlasst. Von Phantomen seiner Einbildungskraft erschreckt, von einer Krankheit gelahmt, ist er jetzt im Begriffe, an seiner eigenen Existenz zu zweifeln; der sonderbarste und widersinnigste Widerspruch, den sich ein moralisches Wesen nur erlauben darf.
Aber ich kenne den Gang, den die Phantasie bei Balder genommen hat; auch ich war einst dieser ungluckseligen Stimmung nahe. Wenn es noch irgend moglich ist, Rosa, so suchen Sie ihn zu heilen, sohnen Sie ihn mit dem Leben wieder aus und schieben Sie ihm statt des ernsten Shakespeare den jugendlichen mutwilligen Boccaz unter; die Farben sind von dem Gemalde abgesprungen, darum sieht es so finster und widrig aus; machen Sie die Probe, neue aufzutragen, und es wird so hell und frisch werden, wie ehedem. Wenn er erwacht ist, wird er die Zeit bedau
Freilich kann ich mich nicht verburgen, ob die aussern Dinge wirklich so sind, wie sie meinen Augen erscheinen: aber genug, dass ich selbst bin; mag alles umher dasein, auf welche Art es will, tausend Schatze sind uber die Natur ausgestreut uns zu vergnugen, wir konnen nicht die wahre Gestalt der Dinge erkennen, oder konnten wir es, so ginge vielleicht das Vergnugen der Sinne daruber verloren ich gebe also diese Wahrheit auf, denn die Tauschung ist mir erfreulicher. Was ich selbst fur ein Wesen sei, kann und will ich nicht untersuchen, meine Existenz ist die einzige Uberzeugung, die mir notwendig ist, und diese kann mir durch nichts genommen werden. An dies Leben hange ich alle meine Freuden und Hoffnungen jenseits mag es sein, wie es will, ich mag fur keinen Traum gewisse Guter verloren geben.
Ihr zartlicher Freund.
22
Rosa an William Lovell
Neapel.
Wie sehr haben Sie in Ihrem Briefe aus meinem Herzen gesprochen! Ach Freund, wie wenig Menschen verstehen es zu leben, sie ziehn an ihrem Dasein wie an einer Kette, und zahlen muhsam und gahnend die Ringe bis zum letzten. Wir, William, wollen an Blumen ziehen und auch noch bei der letzten lacheln und uns von ihrem Dufte erquicken lassen.
Mogen die Dinge ausser mir sein, wie sie wollen; ein buntes Gewuhl wird mir vorubergezogen, ich greife mit dreister Hand hinein und behalte mir, was mir gefallt, ehe der gluckliche Augenblick voruber ist.
Ja, Lovell, lassen Sie uns das Leben so geniessen, wie man die letzten schonen Tage des Herbstes geniesst; keiner kommt zuruck, man darf keinem folgenden vertrauen. Ist der nicht ein Tor, der in seinem dunkeln Zimmer sitzen bleibt und Wahrscheinlichkeit und Moglichkeit berechnet? Der Sonnenschein spielt mutwillig vor seinem Fenster, die Lerche singt durch den blauen Himmel aber er hort nur seine Philosophie, er sieht nur die kahlen Wande seiner engen Be
Wer ist die Gestalt, die in dem frohen Taumel uns in die Zugel des fliehenden Rosses fallt? die Wahrheit die Tugend; ein Schatten, ein Nebelphantom, dessen Schimmer mit der Sonne untergehn. Aus dem Wege mit dem jammerlichen Bilde! Es gehort keine Kraft, nur ein gesunder Blick gehort dazu, um dieses Marchen zu verachten.
Ja, Lovell, ich folge diesem Gedanken weiter nach. Wohin wird er mich fuhren? Zur grossten, schonsten Freiheit, zur uneingeschrankten Willkur eines Gottes.
Alle unsre Gedanken und Vorstellungen haben einen gemeinschaftlichen Quell die Erfahrung. In den Wahrnehmungen der Sinnenwelt liegen zugleich die Regeln meines Verstandes und die Gesetze des moralischen Menschen, die er sich durch die Vernunft gibt. Alles aber, was die Sprache des Menschen Ordnung und Harmonie, den Widerschein des ewigen Geistes nennt, alles was sie von der leblosen Natur auf den geistigen Menschen ubertragt; was sind diese Worte mehr als Worte? Unser Verstand findet allenthalben in der Natur die Spuren des gottlichen Fingers, allenthalben Ordnung, und die Elemente freundlich nebeneinander er versuche es doch einmal, die Unordnung und das Chaos zu denken, oder in der Zerstorung nur den Ruin zu finden! Es ist ihm unmoglich. Unser Geist ist an diese Bedingung geknupft; in unserm Gehirne regiert der Gedanke der Ordnung, und wir finden sie auch ausser uns allenthalben: ein Licht, das durch die Laterne den Kerzenschimmer in die finstere Nacht hineinwirft.
Es ist Mitternacht und vom Turme her schlagt es
zwolfe. Wenn ich mir diese Uhr beseelt und verstandig vorstelle, so musste sie notwendig in der Zeit, die sie nach willkurlichen Abteilungen misst, diese Abteilungen wiederfinden, und nicht ahnden, dass es ein grosser, gottlicher, ungemessener Strom ist, der vorubersaust, kuhn und herrlich und auch nicht eine Spur der klaglichen Einteilung tragt.
Willkommen denn wustes, wildes, erfreuliches
Chaos! Du machst mich gross und frei, wenn ich in der geordneten Welt nur als ein Sklave einherschreite.
Sie sehn, Lovell, ich fange an, mit Ihnen zu phanta
sieren: ich hoffe aber nicht, dass meine Phantasieen so wild und ungeordnet sind, dass sie der Freund nicht verstehen sollte. O wenn mich nur Balder verstande oder verstehen wollte!
23
William Lovell an Rosa
Rom.
Nein, Rosa, Ihre Ideen sind dem Freunde nicht unverstandlich. Ist es nicht endlich einmal Zeit, dass ich Sie und Ihre Meinung ganz fasse?
Freilich kann alles, was ich ausser mir wahrzunehmen glaube, nur in mir selber existieren. Meine aussern Sinne modifizieren die Erscheinungen, und mein innerer Sinn ordnet sie, und gibt ihnen Zusammenhang. Dieser innere Sinn gleicht einem kunstlich geschliffenen Spiegel, der zerstreute und unkenntliche Formen in ein geordnetes Gemalde zusammenzieht.
Geh ich nicht wie ein Nachtwandler, der mit offenen Augen blind ist, durch dies Leben? Alles, was mir entgegenkommt, ist nur ein Phantom meiner innern Einbildung, meines innersten Geistes, der durch undurchdringliche Schranken von der aussern Welt zuruckgehalten wird. Wust und chaotisch liegt alles umher, unkenntlich und ohne Form fur ein Wesen, dessen Korper und Seele anders, als die meinigen organisiert waren: aber mein Verstand, dessen erstes Prinzip der Gedanke von Ordnung, Ursach und Wirweil er seinem Wesen nach das Chaos nicht bemerken kann. Wie mit einem Zauberstabe schlagt der Mensch in die Wuste hinein und plotzlich springen die feindseligen Elemente zusammen, alles fliesst zu einem hellen Bilde ineinander er geht hindurch und sein Blick, der nicht zurucke kann, nimmt nicht wahr, wie sich hinter ihm alles von neuem trennt und auseinanderfliegt.
Willkommen, erhabenster Gedanke,
Der hoch zum Gotte mich erhebt!
Es offnet sich die dustre Schranke,
Vom Tod genest der matte Kranke
Und sieht, da er zum ersten Male lebt,
Was das Gewebe seines Schicksals webt.
Die Wesen sind, weil wir sie dachten,
In truber Ferne liegt die Welt,
Es fallt in ihre dunkeln Schachten
Ein Schimmer, den wir mit uns brachten:
Warum sie nicht in wilde Trummer fallt?
Wir sind das Schicksal, das sie aufrecht halt!
Ich komme mir nur selbst entgegen
In einer leeren Wustenei.
Ich lasse Welten sich bewegen,
Die Element' in Ordnung legen,
Der Wechsel kommt auf meinen Ruf herbei
Und wandelt stets die alten Dinge neu.
Den bangen Ketten froh entronnen,
Geh ich nun kuhn durchs Leben hin,
Den harten Pflichten abgewonnen,
Von feigen Toren nur ersonnen.
Die Tugend ist nur, weil ich selber bin,
Ein Widerschein in meinem innern Sinn.
Was kummern mich Gestalten, deren matten
Lichtglanz ich selbst hervorgebracht?
Mag Tugend sich und Laster gatten!
Sie sind nur Dunst und Nebelschatten!
Das Licht aus mir fallt in die finstre Nacht,
Die Tugend ist nur, weil ich sie gedacht.
So beherrscht mein aussrer Sinn die physische, mein innerer Sinn die moralische Welt. Alles unterwirft sich meiner Willkur, jede Erscheinung, jede Handlung kann ich nennen, wie es mir gefallt; die lebendige und leblose Welt hangt an den Ketten, die mein Geist regiert, mein ganzes Leben ist nur ein Traum, dessen mancherlei Gestalten sich nach meinem Willen formen. Ich selbst bin das einzige Gesetz in der ganzen Natur, diesem Gesetz gehorcht alles. Ich verliere mich in eine weite, unendliche Wuste ich breche ab.
24
Willy an seinen Bruder Thomas
Rom.
Du hast lange keinen Brief von mir bekommen, lieber Bruder, und das macht, weil ich Dir gar nichts zu schreiben hatte. Uns allen hier, ich meine, mir, meinem Herrn und seinen Freunden, uns allen geht es hier recht wohl, ausser dem Herrn Balder, der in Neapel krank liegt, weil er einen Anstoss vom Fieber bekommen hat. Man erzahlt sich allerhand von ihm; so sagt man unter andern, er habe in manchen Stunden den Verstand ganz verloren und sei gar nicht bei sich, da rede er denn wunderlich Zeug durcheinander. Wenn ich so etwas hore, Thomas, so danke ich Gott oft recht herzinniglich, dass mir so etwas noch nicht begegnet ist: vielleicht aber auch, Thomas, dass, um verruckt zu werden, mehr Verstand dazu gehort, als wir beide haben; ich meine namlich, wenn man nur immer so viel Versrand hat, als man zur hochsten Notdurft braucht, so kann man ihn ohne sonderliche Muhe in Ordnung halten. Wer aber zu viel hat, dem wird das Regiment saurer, und da geht dann manchmal alles bunt ubereck. Ich denke, es muss ohngefahr so sein, Tasche bei sich tragt, ist meistenteils ein guter Wirt; wer aber so viel Geld hat, dass er es nicht gleich im Kopfe zusammenrechnen kann, der gibt oft so viel aus, dass er noch Schulden obendrein macht.
Der Herr Rosa will mir immer noch nicht gefallen. Er kommt mir vor, wie ein Religionsspotter, von denen ich schon manchmal in unserm Vaterlande habe erzahlen horen; solche Leute konnen kein gutes Herz haben, weil sie nicht auf die Seligkeit hoffen, und wer darauf nicht hofft, Thomas, der hat keinen festen Grund, worauf er seinen Fuss setzen kann, und das hiesige Leben kommt mir doch immer nur als eine Probearbeit vom kunftigen vor; sie machen also ihre Probe sehr fluchtig und nachlassig, und tun Gott und allen Menschen so vielen Schabernack, als sie nur immer konnen. Ich weiss nicht, Thomas, wie es diesen Leuten kunftig ergehen wird; im Himmel wurden sie doch nur die Ruhe und Einigkeit storen; mag's sein, wie es will, ich will nichts mit ihnen zu tun haben.
Aber der Herr William lasst sich jetzt viel mit diesem gefahrlichen Menschen ein. Sie sind jetzt recht vertraut und der Herr William kommt mir manchmal ganz kuriose vor, es ist manchmal gar nicht mehr derselbe gute Herr, der er wohl vor Zeiten war. Wenn der Italiener ihn nur nicht verfuhrt! Ich konnte mich daruber zu Tode gramen. Der ganze Himmel mit aller seiner Seligkeit wurde mir kunftig nicht gefallen, wenn ich meinen lieben Herrn anderswo (Du weisst wohl, Thomas, wo ich meine) wissen sollte.
Du siehst, lieber Bruder, dass ich jetzt viel an den Tod und uber die Unsterblichkeit der Seele denke: das macht, weil ich jetzt fast bestandig so betrubte Gedanken habe, dass ich mich nicht zu lassen weiss. An allem ist mein Herr William schuld; er ist nicht mehr so freundlich gegen mich, wie sonst, er bekummert sich wenig um mich, ja, Thomas, er lacht mich sogar manchmal aus, ob ich doch gleich um viele Jahre alter bin, als er. Du wirst gewiss nicht sagen konnen, dass er daran recht tut. Neulich kam mir das Weinen in die Augen, dass ich es nicht verstecken konnte, und da lachte er noch weit mehr. Mag ihm das Gott vergeben, so wie ich es ihm vergeben habe. Auch ist hier keine rechte Kirche fur unsereinen, das ist schlimm, mein Herr geht oft in die Messe, doch hoffe ich immer noch, er tut es mehr der Weiber wegen, denn wenn er gar Andacht da hatte und katholisch wurde, nein, Thomas, das konnt ich nimmermehr verwinden. Und es ist ein verfuhrerisches Wesen mit dem Singsang und den prachtigen Kleidern; ja, lieber Bruder, ich habe mich wohl auch hinein verleiten lassen, und habe ein oder zweimal (erschrick nur nicht), selbst eine Art von Andacht gespurt. Das darf nicht wieder kommen. Ei, wenn ich meine rechtglaubige, englische Gottesfurcht nicht wieder ganz heil und gesund mit mir zuruckbrachte, was wurdest Du oder jeder Christ von mir denken mussen?
Ich will nur zu schreiben aufhoren, um Dir nur nicht noch mehr vorzuklagen. Aber ich wunschte, ich sasse bei Dir in unserm frommen England; wenn es anginge, mochte ich wohl zuruckreisen: wie froh wollt ich Dich in meine alten Arme nehmen und mit einer Freude, wie ein kleines Kind, ausrufen: Gottlob, dass ich wieder da bin, dass ich Dich wiederhabe! Nun so lebe wohl, gebe der Himmel nur, dass wir uns noch einmal wiedersehn!
25
Balder an William Lovell
Neapel.
Rosa will nach Rom zuruckreisen; wenn Du noch einiges Mitleids fahig bist, so leiste mir einige Tage uber Gesellschaft. Ich bin in einer furchterlichen Lage, meine Krankheit, (wenn ich es so nennen kann) nimmt mit jedem Tage zu, alle Freuden und Hoffnungen verlassen mich, in einem kalten Trubsinne sehe ich der Leere jedes folgenden Tages entgegen. Mein Gehirn ist wust, eine heisse Trockenheit brennt in meinem Kopfe, alles flieht, ich kann keinen Gedanken festhalten: alles saust mir voruber, kein Ton dringt mehr in meine Seele.
Mir ist zuweilen, als stehe ich auf dem Scheidewege, um vom Leben Abschied zu nehmen, oft ist mir sogar zumute, als wenn schon alles in einer weiten, weiten Ferne lage, wie von der Spitze eines Turmes seh ich mit trubem Auge in die Welt hinunter und vermag keinen Gegenstand deutlich zu unterscheiden. Zuweilen aber werde ich wieder zuruckgerissen, meine Sinne tun sich den Eindrucken wieder auf, und die Seele kommt zu ihrem Korper zuruck. Komm ich vielleicht eine bestimmtere Existenz, entweder ich komme ganz wieder zu den Menschen hinuber, oder ich werde jenseits in ein dunkles, chaotisches Gebiet geschleudert, das sich dann vielleicht meinem Geiste entwickelt: dass ich dann mit der Seele einheimisch bin, wohin mir kein Gedanke der ubrigen Sterblichen folgt.
Ja, Lovell, ich bin immer noch in Zweifel daruber, was aus mir werden wurde, wenn die Leute mich wahnsinnig nennen; o ich fuhle es, dass ich in vielen Augenblicken diesem Zustande so nahe bin, dass ich nur noch einen einzigen kleinen Schritt vorwarts zu tun brauche, um nicht wieder zuruckzukehren. Ich brute oft mit anhaltendem Nachdenken uber mir selber; zuweilen ist's, als risse sich eine Spalte auf, dass ich mit meinem Blicke in mein innerstes Wesen und in die Zukunft dringen konnte; aber sie fallt wieder zu, und alles, was ich fesseln wollte, entflieht treulos meinen Handen. Als Kind stand ich oft mit Ehrfurcht und ahnender Seele vor dem Klavier meiner Eltern und betrachtete stumm und unverwandt den kunstlich ausgeschnitzten Stern des Resonanzbodens; ich sahe scheu durch ihn in die Dunkelheit hinein, weil ich wahnte, dort unten wohne der Genius des Gesanges, der leise mit den Flugeln rausche, wenn die Tasten angeschlagen wurden. Ich sah ihn oft in meinen Gedanken emporsteigen, wie er leise schwebend von seinen sussen Tonen getragen wird und immer hoher und hoher steigt und ein glanzendes Gewimmel von Harmonieen sich um ihn versammelt, dann wieder still und langsam in seine Tiefe hinabsinkt und schweigend unten wohnt. Als ich alter ward, dachte ich oft mit Lacheln an diese seltsame Idee meiner Kindheit und fuhlte mich, wunder wie klug! Aber verstand ich darum die Entstehung und seltsame Wirkung der Tone?
So kommen mir itzt mehr Ideen aus meinen fruhesten Jahren wieder; ich sehe ein, dass ich itzt ebenso mit ahndender, ungewisser Seele vor dem Ratsel meiner Bestimmung und der Beschaffenheit meines Wesens stehe. Vielleicht, dass das Kind, das im ersten Augenblicke den Lichtstrahl des Tages erblickte, kluger ist als wir alle. Die Seele weiss noch nicht die ihr aufgeladenen Sinne und Organe zu gebrauchen, die Erinnerung ihres vorigen Zustandes steht ihr noch ganz nahe, sie tritt in eine Welt, die sie nicht kennt und die ihrer Kenntnis unwurdig ist; sie muss ihren hohern eigentumlichen Verstand vergessen, um sich muhsam in vielen Jahren in die bunte Vermischung von Irrtumern einzulernen, die die Menschen Vernunft nennen. Vielleicht, dass ich wieder dahin zuruckkommen kann, wo ich war, als ich geboren ward.
Vergib mir mein Geschwatz, das Dir vielleicht uberdies unverstandlich ist; aber komm zu mir, komm! o lass mich nicht vergebens bitten.
Ich habe schreckliche Traume, die mir alle Krafte rauben, und furchterlich ist es, dass ich auch im Wachen traume. Heere von Ungeheuern ziehn mir voruber und grinsen mich an, wie ein heulender Wassersturz fallen Grasslichkeiten auf mich herab und zermalmen mich. Ich schlafe nicht und kann nicht wachen; wenn ich schlafe, angstigt mich meine boshafte Phantasie, ich wache dann auf und kann nicht erwachen, sondern setze meine Traume fort. Heulende Orkane jagen hinter mir her, und betauben mich mit ihrem Brausen; ich fahre erbleichend zusammen, wenn ich meine Hand aufhebe: wer ist der Fremdling, frage ich erschrocken, der mir den Arm zum Grusse entgegenstreckt? Ich greife angstlich darnach und ergreife schaudernd meine eigne, leichenkalte Hand, wie ein fremdartiges Stuck, das mir nicht zugehort. Phantome jagen sich mir voruber, die all mein Blut in Eis verwandeln. Furchterliche Gesichter drangen sich aus der Mauer, und wenn ich hinter mich sehe, streckt sich mir ein schneebleiches Antlitz entgegen, und begrusst mich mit wehmutig entsetzlichem Lacheln. Komm, William, und rette mich je nun, so komm, komm doch! horst Du nicht das angstliche Geschrei Deines armen Freundes? Du lachst? O wehe Dir und mir, wenn Du mich verspottest; dann schicke ich Dir einst alle Gespenster zu, dass sie Dir auch den Schlaf und die Ruhe wegqualen. Vergib mir, aber komm.
Eine blinde Wut konnte mich ergreifen, wenn ich das armselige Geschwatz der Arzte von Fieberhitze und Paroxysmus hore. Die Narren! weil ihre Sinnen erblindet und betaubt sind, so halten sie den fur toricht, der mehr sieht, als sie. O ich hore recht gut das leise schauerliche Rauschen, von den Flugeln meines Schutzgeistes, ich sehe recht gut die Hand, die mich ernst hinuberwinkt. Lebe wohl, William! Ich folge, und werde nie zu Dir zuruckkehren.
26
William Lovell an Eduard Burton
Rom.
Du klagst daruber, dass ich Dir und meinem Vater in so langer Zeit nicht geschrieben habe? Du siehst, dass ich in diesem Briefe meinen Fehler wieder gutzumachen suche; besorge die Einlage an meinen Vater.
O ja, teurer Freund, ich furchte selbst es ist schon lange, dass ich Dir nicht geschrieben habe. Alles hier hat mich verwickelt und verstrickt, eine Gesellschaft, eine Zerstreuung hat mich der andern aus dem Arme genommen; ich bin in ein Labyrinth hineingeraten, in welchem ich mich nur an Deiner Hand, durch Deine Hulfe wieder ans Tageslicht finden kann. O mir ist, als sass ich in eisernen Banden und traumte vergebens von Befreiung; alles umher, was ich ansehe, wird mir zu einem Geheimnisse, ganz Italien kommt mir wie ein Kerker vor, in welchem mich ein boser Damon gefangenhalt: darum will ich zu Dir, zu Dir und Amalien zuruck.
Amalie! o dass ich diesen sussen Namen wieder nennen kann! Wie geht es ihr? Denkt sie noch an mich? Erinnerst Du Dich noch so oft, wie sonst, Augenblick die Feder niederlegen; meine Seele ist zu voll, meine Hand zittert.
Ich fange wieder an zu schreiben, nur muss Dir bis hieher dieser Brief wie ein Ratsel vorkommen. Ach, Eduard, Deiner Freundschaft muss ich von neuem das Bekenntnis meiner Schwache ablegen, verzeihe mir wiederum, denn nach jeder Probe komme ich mit erneuerter Liebe zu Dir zuruck.
Seit Mortimers Abreise ward Rosa mein vertrauter Freund, diese Freundschaft wuchs mit jedem Tage. Unsre Seelen wurden immer inniger aneinandergefesselt, hundert neue Gedanken und Vorstellungen gingen aus ihm in meinen Geist uber; in kurzer Zeit war ich sein Schuler, der Schuler einer egoistischen, sinnlichen Philosophie. Er war itzt meine liebste und haufigste Gesellschaft; allenthalben wo ich war, traf ich auch ihn, und allenthalben wunschte ich ihn zu treffen.
Balder war indes in Neapel krank geworden; seine Melancholie, die durch ein Fieber verstarkt worden, artete zuweilen in vollige Verruckung aus. In dringenden Briefen bat er mich, ihn zu besuchen: ich reiste endlich ab.
Ich fand ihn entstellt, bleich, mit tiefeingesunkenen Augen, einem irren Blicke und allen Spuren einer gefahrlichen Seelenkrankheit. Als ich in sein Zimmer trat, war sein Geist abwesend, und er erkannte mich nicht, er kampfte mit Phantomen seiner Einbildungskraft, die ihn angstigten, er sah Gespenster um sein Bette stehn, seine scheuen Augen funkelten auf eine entsetzliche Art, er sprach einen zusammenhangenden Unsinn, dessen seltsame und furchterliche Bilder mich oft erschreckten. Eduard, er beschrieb in seiner Phantasie einen Alten, der vor seinem Bette stehe, und o denke Dir mein Entsetzen! seine Beschreibung passte Zug fur Zug auf den furchterlichen Greis, von dem ich Dir neulich erzahlt habe, der einem Portrat in unserm Hause so ahnlich ist. Ich sah mich angstlich im Zimmer um, es war niemand zugegen, aber er muss ihn kennen, Eduard o wer weiss, wie wunderbar sich die Faden meines Schicksals ineinanderfugen!
Lachle nicht uber mich, Eduard; noch ehe Du diesen Brief zu Ende gelesen hast, wirst Du einsehn, dass Du keine Ursache hast. Du wirst mir recht geben und das Grauen des Freundes mitempfinden.
Balder erregte mein tiefes Mitleid; ich betrachtete ihn, wie einen, der ohne es zu wissen, mit meinen innersten Gedanken zusammenhinge; ich konnte in der Nacht nicht schlafen, seine Beschreibung hatte das Bild jenes seltsam schrecklichen Greises wieder gar zu lebhaft in meiner Phantasie erweckt.
Ich fuhlte, dass Balders Krankheit fur mich anstekkend sein konnte; ich reiste also schon gestern nach Rom zuruck. Es war gegen Abend, als ich in die Nahe der Stadt kam, die Sonne ging sehr schon unter, und ich liess den Wagen fahren, um durch einen Umweg nach dem Tore zu kommen. Ich gehe seitwarts, und entferne mich immer mehr von der grossen Strasse; plotzlich seh ich in einiger Entfernung von mir zwei Gestalten in einem tiefen Gesprache vorubergehn o Eduard! und ich wunschte, der Boden mochte unter mir brechen es war Rosa, Rosa am Arme jenes furchterlichen Ungeheuers! jenes entsetzlichen Gespenstes, das hohl und leise hinter mir geht und sich der Faden bemeistert hat, an denen es mein Schicksal lenkt. Es ist kein Mensch, Eduard, denn so hat noch nie ein Mensen ausgesehn und Rosa, Rosa der Vertraute meines Herzens, dem ich meine Seele aufzubewahren gegeben hatte an seinem Arme! im vertrauten freundlichen Gesprache mit ihm! Meine Liebe und mein Abscheu gehn mir Arm in Arm voruber und die Zukunft offnet sich mir, wie mit einem gewaltigen Risse, und ich sehe tief, tief hinunter nichts als Ungluck und Grasslichkeiten.
O Eduard! wer konnte dabei kalt und gelassen bleiben? Von diesem Augenblicke ist mir Rosa ein fremdes Wesen geworden, Rom ist mir seitdem verhasst, der Himmel uber Italien trube und verderbenschwanger; wie ein verirrtes Kind sehn ich mich nach meiner Heimat zuruck.
Ja, Eduard, nun will ich, nun muss ich nach meinem lieben Englande zuruckkehren! Ich muss mich von den Fesseln losmachen, die man mir anlegte, indes ich schlief. O wie schmachte ich nach der Freude des Wiedersehens an Deiner Brust! Eine wehmutige Wonne macht meine Hand erzittern, wenn ich an Amalien und ihre Liebe denke. Mit einem frischen Glanze ubergossen, kommt mir mein kunftiges Leben entgegen, ich atme froh und frei, und mein Herz fuhlt sich leicht bei dieser Aussicht. Schicke die Einlage an meinen Vater und schreibe ihm selbst einige Worte, denn er hat viel Vertrauen zu Dir; er muss mir seine Einwilligung zu meinem Glucke geben, er muss Amaliens Hand in die meinige legen, ach und er tut es gewiss. Bange seh ich der Antwort entgegen, furchtsam schleicht bis dahin die Zeit: ode und finster, verworren und lastig ist mir die Gegenwart. Wenn aber jener Sonnenstrahl, auf den ich hoffe, durch die Verwustung bricht wenn ich nun das Siegel von dem erwunschten Briefe lose, wenn ich keinen Freund hier habe, dem ich mein Entzucken mitteilen kann o so will ich weinend auf die Kniee fallen, und jenem unbekannten fernen Freunde meine kindische Freude, meine Wonnetranen zum Opfer bringen, dass er es verstattet, dass ich wieder zu meinen fruhern frommen Empfindungen zuruckwandeln darf. Beneide mich, Freund, um diesen gluckseligen Augenblick meines Lebens!
Und wenn er nicht kommt! Wenn kalte Worte meine Verzweiflung und mein Entzucken gleich stark zu Boden schlagen. Kalte Tranen treten mir bei dem Gedanken in die Augen. Ach, Freund, es mag immerhin etwas Kindisches sein, manche abenteuerliche Gespenstergeschichten, die man mir in meiner Jugend erzahlte, fallen mir itzt taglich ein, und ich finde immer Anwendungen darin auf mich. Kennst Du das Marchen, in welchem ein Knabe unaufhorlich von einem grasslichen Unholde verfolgt wird? ihm immer entflieht und von neuem in die Arme lauft?
Du hast kein Gefuhl dafur, wie seltsam mir alles vorkommt; seit gestern betrachte ich jeden Gegenstand mit starren Augen, als wenn ich allenthalben ein Wunder erwartete: mir ist itzt nichts unwahrscheinlich. Ich bin eingeschlossen, um nicht von Rosa uberrascht zu werden, ich konnte bei seinem Eintritte wie beim Anblicke eines Basilisken erschrecken.
Ich denke jetzt daran, wie Ferdinand, Rosas Bedienter, seit einiger Zeit ein so geheimnisreiches Wesen hat, dass ich schon oft uber ihn nachgedacht habe. Er drangt sich bei allen Gelegenheiten an mich, es scheint, als wollte er mir etwas eroffnen, wobei er doch seinen Herrn furchte. Wohin ich sehe, reckt sich mir aus der Dunkelheit etwas entgegen: ich stehe vor einem Ratsel, dessen Sinn sich mir gewiss mit Schrecken auftun wird.
Es klopft jemand. Es ist gewiss Rosa. Ich kann nicht aufmachen, ich denke recht lebhaft an Dich, um des Grauens loszuwerden, das sich zu mir hinanschleicht. O Freund, er ging an seinem Arme!
Er ist fortgegangen und ich bin wieder frei. O wenn ich doch erst wieder die Kuste meines Vaterlandes begrusste! Ich hoffe bald.
27
William Lovell an seinen Vater (Einlage des vorigen
Briefes)
Rom.
Das lange Stillschweigen des Sohnes hat dem zartlichsten Vater Kummer gemacht? das muss nicht ofter kommen; Ihr Sohn muss nicht neuen Gram zu jenen Sorgen hinzufugen, von denen Sie gedruckt werden. Sie haben gefurchtet, ich hatte irgendein Ungluck erlitten? O lieber Vater, lassen Sie sich von diesem Briefe beruhigen und beruhigen Sie dafur Ihren Sohn, der Ihnen eine Bitte vorzutragen hat, an deren Erfullung das Gluck seines Lebens hangt.
Der Gedanke, dass mein Wohl Sie unaufhorlich bekummert, macht mich heute zu einem Gestandnisse dreist genug, das ich bis itzt nie gewagt habe: aber Ihr zartlicher Brief hat mein Herz ganz eroffnet: auch keinen Wunsch, nicht einen Gedanken will ich vor Ihnen verborgen halten.
Ich wunsche nach England zuruckzukommen und Sie wieder in meine Arme zu schliessen: ich wunsche meine Reise geendigt, von Ihren teuren Lippen wunsche ich die Einwilligung zu meinem Glucke zu
Ich liebe, mein Vater! O wenn ich es doch vermochte, Ihnen alles das zu sagen, was ich Ihnen sagen musste, um Sie von meiner Liebe zu uberzeugen! Lassen Sie Ihr Herz fur mich sprechen und ersparen Sie mir Worte, die doch nur Dunst und Nebel gegen das Feuer sind, das rein und hell in meiner Seele brennt. Amalie Wilmont heisst meine Geliebte, itzt beruht mein Gluck auf dem Ausspruche Ihres Mundes. O lassen Sie mich glucklich werden!
Mein Genius angstigt mich fort aus Italien, er treibt mich nach meiner Heimat zuruck; o um aller vaterlichen Liebe willen, nehmen Sie mich gutig auf! Ich weiss alles, was Sie gegen diese Verbindung sagen konnten, ich habe alles lange und reiflich uberlegt. Sie wunschen und suchen vielleicht mein Gluck auf einem andern, auf einem glanzenderen Wege; aber kehren Sie zuruck, wenn sie Ihren einzigen Sohn lieben.
O Gott, mein Vater, welch ein armseliges, durftiges Gewebe ist unser Leben! Grob und ungeschickt sind alle Farben aufgetragen: alle Freuden sind nur Langeweile, die etwas weniger druckt, alles verrinnt und verfliegt; wie Bettler stehn wir am Ende unsrer Wanderschaft, die unterwegs schon alle die durftigen Almosen verzehrt haben, die sie gesammelt hatten, sie sind ebenso arm, als indem sie ihren Weg antraten. Ach nur ein Gluck geleitet uns uber den durren Pfad und bestreut ihn mit Blumen; alle Erscheinungen, die uns entgegenkommen, grussen uns und gehn fluchtig voruber; nur die Liebe allein ergreift herzlich unsre Hand, und begleitet uns treulich durch das Leben. Um dieser Liebe willen, um der Liebe willen, mit der Sie einst meine Mutter liebten, geben Sie Ihre vaterliche Einwilligung in mein Gluck. Glauben Sie nicht, dass es eine vorubergehende Torheit ist, die mich zu dieser Bitte bewegt; an Amaliens Seele ist die Kette meines Lebens und meiner Tugend befestigt, das fuhle ich unwidersprechlich im Innersten meines Herzens; wenn Sie uns auseinanderreissen, so zerschneiden Sie mein Gluck, mein Leben, meine Tugend. Nur in diesem Kreise sind alle meine Wunsche und Gluckseligkeiten gelagert; o mein Vater, erwarmen Sie Ihr vaterliches Herz so, dass es die Vorteile der Welt und ihre Glucksguter vergisst: ich beschwore Sie, schlagen Sie mir meine Bitte nicht ab. Konnten Sie sich in meinen Geist versetzen, wahrlich, Sie wurden mit zitternder Hand eilen, den Brief zu schreiben, der mich meiner Seligkeit versichert; Sie wurden keinen Augenblick anstehn und sich bedenken denn rasch rennen die Stunden voruber, die Bluten der Freude verwelken schnell. O nein, mein Vater, ich furchte Ihre Antwort nicht, ich habe keine Ursache, sie zu furchten. Sie sind bekummert und haben schlaflose Nachte, weil Sie mich krank glauben; o Sie werden nicht mit einem harten Federzuge mein Ungluck entscheiden. Leben Sie wohl und glucklich! Ich wunsche diesem Briefe Flugel und dem Ihrigen die Schnelligkeit des Windes.
28
Walter Lovell an seinen Sohn William
London.
Ich habe Deinen Brief, William, zugleich mit einem andern Deines Freundes Burton erhalten. Ich bin froh daruber, dass ich ohne Ursache bekummert gewesen bin; doch, was sag ich ohne Ursach? Soll der Leichtsinn eines Sohnes dem Vater nicht ebensoviel Gram machen, als es eine Krankheit tun wurde? Und Leichtsinn, William, war es denn doch wohl, was Dich so lange vom Schreiben zuruckhielt, und Leichtsinn, jugendlicher Leichtsinn, was Dich Deinen letzten Brief schreiben hiess. Ich kann mir denken, dass Du itzt den Erstaunten spielst, dass Du Dich in Deiner Leidenschaft so weit vergissest, Deinen Vater, dessen zartliche Liebe gegen Dich ohne Grenzen ist, herabzusetzen und seine Liebe Eigennutz zu schimpfen; aber ich vergebe Dir im voraus, William, eben weil ich Dich liebe. Aber meine Liebe macht mich nicht blind fur Dein wahres Gluck, darum schreib ich mit vaterlichem wohlwollenden Herzen eine abschlagige Antwort nieder.
Wenn Du Dir nur nicht anmassen wolltest, zu beohngefahr gegen Deinen Antrag einzuwenden haben mochte. Dass ihr jungen Leute doch so gar leicht glaubt, die Ideen eines alten erfahrnen Mannes zu erschopfen: ihr seht nur mit einem Blicke der Phantasie in die Verhaltnisse der Welt hinein, wenn ihr glaubt, mit dem Verstande alles reiflich und von allen Seiten uberlegt zu haben. Du weisst nicht, was ich fur Dich tun will und zum Teil schon getan habe; Du siehst nicht die Umstande, die sich gunstig vereinigen, um Dir die Bahn zum Glucke zu ebnen: was Dein Vater seit Jahren muhsam zusammentragt, darfst Du nicht wie ein mutwilliger Knabe mit einem einzigen Steinwurfe vernichten. Nein, mein Sohn, ich kann Dir zu Deiner vorgeschlagenen Verbindung nie meine Einwilligung geben. Glaube nicht durch eine Menge von Briefen uber diesen Gegenstand meine Einwilligung zu erbitten, oder zu ertrotzen, ich durfte hierin mehr Standhaftigkeit besitzen, als Du mir vielleicht zutraust.
Fuhre nicht meine Liebe zu Deiner Mutter an; ich liebte nicht toricht, wie Du; unsre Familien waren sich gleich, an Ansehn und Vermogen; mogen diese Hindernisse Zufall sein; meinetwegen, aber der weise Mann geht dem undurchdringlichen Zufalle aus dem Wege, da im Gegenteile das Leben des Toren nichts als ein rastloser ohnmachtiger Kampf gegen Zufall und Notwendigkeit ist. Glaube mir, dass ich meine Liebe wurde zu bekampfen gewusst haben, wenn sich diese Schwierigkeiten unsrer Verbindung in den Weg gestellt hatten. Darum folge dem Rate und dem Beispiele Deines Vaters.
Es scheint mir uberhaupt, als durftest Du etwas die Vergleichung mit mir in Ansehung unsrer Liebe scheuen. Deine Mutter war die verehrungswurdigste Frau, sanft und verstandig, gefuhlvoll ohne Empfindelei, ein Herz schlug in ihrer Brust, wie sie nur selten auf dieser Erde gefunden werden: und Du wagst es, mit ihr Amalie Wilmont zu vergleichen? Ein Wesen, dessen Gutmutigkeit und Weichheit sie vielleicht etwas aus den ganz gewohnlichen Frauenzimmern herausheben. Und dann liebst Du sie auch nicht einmal wirklich! Diese sogenannte Liebe ist eine leichte Nahrung Deiner Phantasie, eine sanfte Empfindsamkeit, die sich Deines Herzens bemeistert hat und deren Ursprung Du nun in einer Liebe gegen dieses Madchen suchst. Glaubst Du denn wirklich, dass Du mit einem Herzen voll Liebe hattest nach Italien reisen konnen? bis itzt froh und unbefangen leben und die Luft da einziehn, wo sie nicht atmet? Du siehst wenigstens, dass ich nicht die Kalte von Dir verlange, die unbesonnene Junglinge gewohnlich ihren Vatern vorwerfen; um desto mehr aber uberzeuge Dich auch, dass ich in diesem Verhaltnisse richtiger und weiter sehe, als Du. Schon im ersten Monate Eurer Ehe wurdet Ihr Euch beide getauscht finden; man wurde erstaunen, dass die Warme so schnell verflogen ware; es wurde eine von den gewohnlichen Ehen werden, deren trauriges Gemalde ich nur zu oft sehe, um zu wunschen, dass es durch meinen Sohn noch einmal wiederholt wurde.
Willst Du nach England zuruckkommen, so wirst Du mir viel Freude machen: ich strecke Dir die Arme entgegen, meine Kraft nimmt mit jedem Tage ab, ich werde dem Grabe zugebeugt, lass mich in Deinen Armen sterben! Viele neue Freunde erwarten Dich sehnsuchtsvoll in London; du sollst die Lady Bentink kennenlernen, ein Frauenzimmer, deren Vortrefflichkeit allen Foderungen eines Mannes von Kopf und Herz entspricht; in ihrer Gesellschaft wirst Du die Bedeutung des Wortes Liebe verstehen lernen.
Ich traue Deinem guten, edlen Herzen zu, dass Du dieses Briefes wegen nicht lange auf Deinen Vater zurnen wirst.
29
William Lovell an Amalie Wilmont
Rom.
Es ist entschieden, und ich kann nun nichts weiter sagen, als: leben Sie wohl! leben Sie ewig wohl! Im Vertrauen zu der Liebe meines Vaters hab ich um seine Einwilligung gebeten aber o ich mochte seiner scharfsinnigen, uberweisen Antwort lachen aber, o nicht wahr, Sie raten es gewiss schon, was er geantwortet hat? O Amalie, ich will nicht mehr von meiner Liebe, meinen Hoffnungen mit Ihnen sprechen, alle diese Traume sind nun ausgetraumt, und erwacht stehn wir nun da und lacheln uber die verflogenen, bunten Gemalde. Vergessen Sie mich, denn ich selbst arbeite schon daran, mich zu vergessen. Ich bin ausgerottet aus der Reihe der Glucklichen, aus dem Paradiese mit dem Worte der Willkur hinausgestossen, und nun will ich auch das Mass meines Elendes bis oben anfullen! Wenn wir dem Verhangnisse zum grausamen Spiele dienen, nun so wollen wir dem Zuchtmeister, der uns in das eherne Joch spannt, wenigstens ein verachtliches Lacheln entgegengrinsen. Leben Sie wohl! derung, glucklich zu sein? Wunderbar! Gahnend durchs Leben hinzuschlendern, mit einer Gefahrtin, deren Vater genauso viele Goldstucke aufweisen kann, als der meinige, so recht gleich und gleich gesellt, dem Tode entgegenzukriechen, dies ist unsre grosse, ehrenvolle Bestimmung! Sie denken, ich bin erhitzt und bitter. O ich bin so kalt, dass ich meinem Vater eine Abhandlung schreiben konnte, um zu beweisen, wie sehr er recht hat. O Amalie! Soll ich denn ganz Ihren Namen aus meinem armen, blutenden Herzen reissen? Soll ich auch die Wurzel meiner Seligkeit ausrotten, damit mich nie der grune Schimmer einer jungen Pflanze wieder erquickt? Ich kann es nicht, und will es nicht.
Uber die weite Entfernung hinuber reiche ich Ihnen meine zitternde Hand zum ewigen, schrecklichen Abschiede. Mein Vater mag es mir verzeihen, o seine Furcht ist unnutz, dass ich ihn mit bettelnden Briefen belagern werde, kein Wort mehr soll er daruber horen, wie ein Diener seinem Herrn will ich ihm schreiben: ich schwore, dass er dann meine Briefe vernunftig findet.
Rasen mocht ich dann wieder, wenn ich mir Ihr Bild recht lebhaft in die Seele zuruckrufe! Nun gut, gut, er mag es haben! Schon seh ich die wilden Pferde die Zugel zerreissen, rasselnd springen sie mit dem Wagen den schroffen Felsenweg hinunter, an den Klippen zerschmettert liegt das Fuhrwerk da, und er steht und beweint den Verlust. Er hat es gewollt, es sei!
Lebe wohl, teure Seele, unsre Wege nehmen von itzt eine verschiedene Richtung: der meinige in das wildverwachsene Dickicht des Waldes hinein, wo der Wind aus unterirdischen Kluften pfeift, und der Deine? Ich wunsche Dir Gluck, mag er fuhren wohin er will!
30
Amalie Wilmont an Emilie Burton
London.
Mein Schicksal ist entschieden! William hat dem Vater seine Liebe entdeckt, und ach, Emilie, Tranen sind auf diese Stelle hinabgefallen, die deutlich genug sprechen. Ein kalter Schauder uberfallt mich, wenn ich daran denke, dass es nun entschieden ist; entschieden, was ich immer furchtete, aber das Endurteil immer noch weit, weit, von einem Monate zum andern hinausschob. Nun ist endlich so plotzlich die Stunde hereingebrochen, die unbarmherzig alles zu Boden schlagt und auch keiner einzigen Hoffnung Raum zum Wachsen ubriglasst. Ach Emilie, Freundin! Keinen Trost, denn ich verstehe ihn nicht, da Sie nicht meinen Schmerz verstehn, schenken Sie mir eine Trane und mehr will ich nicht. Sehn Sie, dass Sie unrecht taten, mir zuweilen meine schwarzen Ahndungen abzuleugnen! O meine Liebe sah uber die Zukunft hinweg und zitterte schon im voraus vor dem furchterlichen Schlage. Mortimer will mich trosten; ich sehe sein gutes Herz und seinen guten Willen, aber ich muss doch weinen, wenn es mir einfallt, dass geweint; aber was ist das nun mehr? Fodre ich denn Ihr Mitleid fur meine Tranen? Ach mein wundes Herz wie es langsam und krampfhaft emporzuckt, wenn ich daran denke! Ach, was kann mir Mitleid helfen?
31
William Lovell an Rosa
Rom.
Ich bin kalter geworden, seit einiger Zeit? Wahrlich, lieber Freund, wenn dies war, so war es nur, um desto gluhender zu Ihnen zuruckzukommen. Nein, Ihre Freundschaft ist mir noch immer ebenso teuer, ja teurer als ehemals, lassen Sie uns nicht den Bund zerreissen, den wir geschlossen hatten.
Hoch triumphierend steh ich oben, uber dem Leben und seinen Freuden und Leiden erhaben, ich sehe mit stolzer Verachtung in das Gewuhl der Welt hinab. Wer sind jene armseligen Geschopfe, die so schwer und keuchend an den Burden der Pflichten und der Tugenden tragen? Meine Bruder? Nimmermehr! Die Willkur stempelt den freien Menschen; von allen Banden losgelassen, rausch ich wie ein Sturmwind dahin, Walder niederreissend und mit lautem und wildem Geheul uber die steilen Gebirge hinfahrend. Mag's hinter mir sturzen und vor mir wanken, was sind mir die Ruinen, die mich in meinem Laufe aufhalten sollten?
Fliege mit mir, Ikarus, durch die Wolken, bruderunser Verlangen nach Genuss nur ersattigt wird! Wir sind unsre Gesetzgeber und unsre Untertanen: im jugendlichen Rausche wollen wir der Abendrote entgegentaumeln und in ihrem Schimmer untersinken.
32
William Lovell an Eduard Burton
Rom.
Ich muss Dir schreiben, Eduard, und war es auch nur der lieben Gewohnheit wegen. Sollte man doch fast schworen, das Leben ware bei den meisten Menschen nichts weiter, als eine Gewohnheit, so nuchtern unbefangen, so jammerlich und phlegmatisch schleppen sie sich durch die spannenlange Zeit, die ihnen vom kargen Verhangnisse gegonnt ist.
Dass mein Vater mir meine Bitte abgeschlagen hat, wirst Du wissen; eine Sache, die mir jetzt ganz gleichgultig ist. Es kommt mir manchmal vor, als wurde mir uberhaupt das sehr gleichgultig werden, was man im gemeinen Leben Ungluck nennt. Da ich auf dieser Seite nicht mein Gluck habe finden konnen, muss ich es naturlicherweise auf der andern suchen. Ich will von Stufe zu Stufe klettern, um die oberste und schonste Spitze der Freude zu finden und hoch herab auf alle Trubsale und Demutigungen blicken, womit die Sterblichen in diesem Leben verfolgt werden. Sturz ich schwindelnd von oben hinunter, was ist es denn mehr? Gehirn zum Schwindeln bringen konnte, aber ich bin fast gleichgultig geblieben. Ich fange uberhaupt an, wie es mein Vater will, kalt und vernunftig zu werden; ich hoffe es am Ende wohl noch dahin zu bringen, den Enthusiasmus in meiner Brust auszuloschen, den er und auch Du so oft an mir getadelt habt. Doch, ich wollte Dir einen sonderbaren Vorfall erzahlen, der sich seltsam genug an die ubrigen reiht.
Vorgestern erhielt ich von einem Unbekannten folgendes Billet:
Folgen Sie dem Uberbringer, wenn Sie etwas er
fahren wollen, was Ihnen ausserordentlich wichtig
sein muss.
Ich ging mit dem Unbekannten, der mich jenseits Maria Maggiore in die Einsamkeit nach Santa Cruce zu fuhrte; in einem abgelegenen Garten trete ich in ein kleines Hauschen, das an einen alten Tempel gebaut ist; alles war still und einsam; ich offne die Tur eines Zimmers, und ein Madchen kommt mir entgegen. Ich dachte ein lustiges Abenteuer zu finden und erschrak etwas, als ich in dem Madchen den blonden Ferdinand, den Bedienten Rosas erkannte.
Wir setzten uns, ich war betreten und in Verlegenheit.
"Um Gottes willen", fing sie an sehr angstlich zu sprechen, "ich kann es Ihnen nicht langer bergen, es druckt mir sonst das Herz ab: seit dem ersten Tage, da ich Sie kennenlernte, ward ich unwillkurlich zu Ihnen hingezogen; ich weiss manches, was Sie nahe angeht huten Sie sich vor Rosa!"
Sie sagte die letzten Worte mit einer sonderbaren Bedeutung; der furchterliche Alte ging meiner Seele wieder voruber, ein kalter Schauer schlich uber meinen Rucken hinab. In demselben Augenblicke trat Rosa herein, der eben von Neapel kam. Er war anfangs verlegen, mich hier zu finden, und entdeckte mir endlich das Geheimnis, das er mir schon lange habe eroffnen wollen, dass namlich sein Bedienter Ferdinand ein artiges Madchen sei, das er schon aus Paris mitgenommen habe.
Seitdem habe ich das Madchen nicht wiedergesehn; die Szene hat meiner Vertraulichkeit gegen ihn Schaden getan, und er bemerkt es recht gut. Wir suchen oft beide zu einer Erklarung zu kommen, und brechen wieder ab.
Huten Sie sich vor Rosa! Was hat man mit mir vor? Diese Frage wurde manchen an meiner Stelle sehr beschaftigen. Je nun, es ist ja das Spielwerk des Lebens, dass sich die Menschen betrugen; alles ist maskiert, um die ubrige Welt zu hintergehn, wer ohne Maske erscheint, wird ausgezischt: was ist es denn nun mehr?
Viertes Buch
1
Willy an seinen Bruder Thomas
Rom.
Gottes Segen moge zu Dir kommen, lieber Bruder, so wie er mich nun ganz verlassen hat. Wenn Du in Deinem Herzen noch an den armen Willy denkst, so bete fur mich, dass ich bald unser gutes englisches Ufer wiedersehe, und Dich mitten drin im schonen gottesfurchtigen Lande, wo alle Menschen meinen frommen, einfaltigen Glauben haben, und die ganze Christenheit einen stillen, eintrachtigen Wandel fuhrt. Hier scheint zwar die Sonne schoner und warmer, weil es Gottes gnadiger Wille ist, dass sie auch uber die Gottlosen scheinen soll: aber nach meiner Einsicht tut er daran gar nicht ganz recht.
Du bist noch immer beim alten Herrn Burton, nicht wahr, Thomas? Der Garten in Bondly ist noch schon und frisch, und der Fischer Peter spielt noch jeden Abend auf der Schalmei? Ach mir ist, als konnt ich Dich itzt so mit Deinen ubereinandergeschlagenen, krummen Beinen vor dem Tor des Hofes sitzen sehn, wo ich sonst immer ehemals sass, und den lustigen Schalmeiklang anhorte, der alle Bauern und der Weide zuruckkam: hier sitz ich jetzt in meinem kleinen, dunkeln Kammerchen, und weine, dass ich nicht bei Dir bin. Nun, Gott wird alles zum Besten lenken.
Du wirst mir abmerken, dass ich in der Fremde gar nicht mehr so vergnugt bin, wie ehemals; Lachen hat seine Zeit und Weinen hat seine Zeit. Freilich wohl! Aber es ist doch nicht recht, dass man einen alten Mann so zur Betrubnis zwingt, der sich wegen der Seelen anderer Menschen abharmt, dass ihm kein Bissen Brot und kein Tropfen Wein mehr schmeckt. Wir sind hier jetzt so lustig, Bruder, dass wir sogar auf dem Rande von Felsen tanzen und springen; ich sah einmal einen Jungen, der aus purem lieben Mutwillen in einen tiefen Brunnen fiel und elendiglich ersaufen musste. Ich kann nicht schwimmen, Thomas, ich bin zu alt, um jemand wieder aus dem Wasser ans Tageslicht zu ziehn. Was Herr William denkt, kann ich nicht wissen, aber Gott mag ihm beistehn, wenn er ganz verlassen ist.
Du wirst aus meinen Jammerliedern nicht recht klug werden konnen, lieber Bruder! Ach, wohl dem Manne, dem das Elend eine wallisische Mundart spricht, und der nicht sitzet, wo die Spotter sitzen, noch wandelt den Weg der Gottlosen, den ich jetzt alle Tage mit meinem Herrn gehn muss. Er ist nicht mehr derselbe, er ist vollig ausgetauscht, er bringt sein Geld durch, als wenn er die Schatzkammer hatte; aber das Geld ist doch am Ende immer nur ein irdisches Gut, an dem Gott keinen Wohlgefallen hat; aber seine Seele, Tom, seine Seele, die er von Gott geliehen bekommen hat, und die er ihm dereinst wieder bezahlen sollte, verschwendet er auch, als wenn Seelen nur so auf allen Jahrmarkten zum Kaufe standen. Wenn er sich nicht bald wieder andert, wird es mit seiner Rechnung an dem grossen Wechseltage ubel aussehen. Doch richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet.
Ja, Bruder, unsre Heilige Schrift ist jetzt noch mein einziger Trost in meinen truben Jammerstunden; Du glaubst gar nicht, was fur Kraft in dem Buche steckt. Ich packte es so sorgfaltig mit in meinen Koffer ein, und ich sitze nun oft ganze Stunden und lese so andachtig, als wenn ich bald vor Gott gefuhrt und ein Engel aus mir gemacht werden sollte. Man kann nicht wissen, wie schnell sich manchmal etwas fugt; es ist noch nicht aller Tage Abend, und sollte ich den grossen Schritt tun mussen, so denke ich in meinem Examen nicht ganz schlecht zu bestehen.
Sage mir einmal, lieber Bruder, warum manche Menschen so dumm, und bei allem ihrem eingebildeten Verstande vor Dummheit ordentlich wie vor den Kopf geschlagen sind? dass sie die grosse breite Heerstrasse des gottlichen Worts durchaus nicht sehn wollen, die ihnen vor den Fussen steht, und sich lieber durch einen dichten wildverwachsenen Wald einen Weg hauen, sich immer in dem Gestrauche reissen und stechen, und sich weismachen, sie haben die schonste Chaussee von der Welt vor sich! Mein Herr und Herr Rosa bilden sich immer ein, ich verstehe ihre hohen freigeisterischen Reden gar nicht, die sie manchmal fuhren, wenn ich dabei bin, Ach, ich verstehe alles recht gut, wie sie es gerne meinen wollen; wenn man in seinem dummen einfaltigen Herzen den Gedanken an Gott, und den Glauben an ihn so recht warm und kraftiglich fuhlt, so fasst man auch recht gut den Sinn von all den irdischen Irrlehrern, die in der Finsternis wandeln, und da aus den Handen ihre Augen machen mussen. Aber wir sind besser dran, Thomas, die wir vom Herrn erleuchtet sind; wir sehn mit unsern eigenen Augen, wir fuhlen mit unserm eigenen Herzen, die Gott uns mit auf die Welt gab und seinen Stempel dreinsetzte: sie haben nachgemachte Herzen, die im Sturm und Ungewitter nicht ausdauern, die in der Hitze zergehen und in der Kalte zusammenschrumpfen; Gott hat mir einen Glauben gegeben, der fur alle Tage in der Woche aushalt, und des Sonntags schenkt er mir zuweilen noch eine fromme christliche Erleuchtung, dass es mir wie ein Morgenrot durch meine Seele geht, und sie wieder jung und frisch macht: nicht solche Erscheinungen, Thomas, die bei uns manche narrische Leute haben; so eine sanfte stille Warme, wie das erste Tauwetter im Fruhjahr. Darum konnt ich mich auch immer noch trosten, wenn das ganze Ungluck nicht grade meinen Herrn betrafe, den ich so ausserordentlich von ganzer Seele liebhabe, dass ich fur ihn sterben konnte, wenn es sein musste: aber er macht sich aus dieser Liebe gar nichts mehr: ich wurde gegen einen Hund, der aus meiner Hand lieber als von einem andern sein Stuckchen Brot asse, mehr Anhanglichkeit haben. Die Madchen und Weiber hier mit ihrem gezierten und hochfahrenden Wesen sind ihm lieber, so ein Herr Rosa, der nicht an Gott und Ewigkeit glaubt, ist sein Herzensfreund, solche Leute, die ihren Verstand fur turmgross halten, wenn sie den Himmel mit allen seinen Sternen nicht sehen wollen, und sich einbilden, sie konnten dies alles auch so und noch besser machen, wenn sie nur Zeit und Handwerkszeug hatten. Gott mag ihnen vergeben und ein Einsehn in ihre Narrheit haben; die Hunde bellen den Mond an, und wenn der Mond so denkt wie ich, so nimmt er es ihnen gewiss nicht ubel.
Ein Traum, sagt man freilich wohl, ist nur ein Schaum; aber ein Schiffer hat mir doch einmal erzahlt, dass es auf dem Meere einen gewissen kuriosen Schaum gebe, der ordentlich Sturm und Schiffbruch voraus prophezeie! Konnt es denn nicht auch mit manchen Traumen dieselbe Bewandtnis haben? So hatt ich schon in Frankreich einen gar bedenklichen Traum, damals als der gute Herr Mortimer von uns wieder nach England zuruckreiste. Wir alle standen namlich unten an einem hohen, hohen Berge, ich, mein Herr, Herr Mortimer, Herr Balder und der Italiener Rosa; oben wollten sie alle gerne hinauf, aber Herr Mortimer wurde mude und setzte sich unten an einer schonen grunen Stelle nieder. Mit einem Male war ich weg und ich konnte gar nicht klug daraus werden, wo ich geblieben ware; die drei ubrigen gingen den Berg hinauf, und Herr Balder hatte einen sehr wunderlichen Gang; als sie fast oben waren, fiel Herr Balder herunter, und aus dem Italiener ward ein ganz fremder, unbekannter Mensch. Jetzt ging nun ein schwarzer, alter Pudel dicht hinter meinem Herrn, hielt immer den Kopf nahe uber der Erde, und ging so recht aufmerksam und liebreich; Du kennst wohl die narrische Art an den Pudeln, Thomas, wenn sie so zutraulich und gesetzt hinter einem hergehen. Oben stand Herr William und sah so recht dreist in den tiefen furchterlichen Abgrund hinein, als wenn er da in den Steinklippen zu Hause gehorte: ich kann es nicht leiden, Thomas, wenn ein Mensch so recht oben auf einer Felsenklippe nicht etwas schwindlicht wird, denn es liegt in der Natur und es ist eine Art von Frechheit, sich nicht da oben ein bisschen zu furchten. Nun, wie gesagt, Herr William tat das gar nicht, sondern grade umgekehrt, er buckte sich noch so recht mutwillig uber. Der Hund, der mein Gemut haben musste, fasste ihn beim Rockschoss, um ihn festzuhalten; Herr William sah sich so mit seinen grossen Augen um, und gab dem redlichen Pudel einen tuchtigen Stoss mit dem Fusse, dass der Hund sich zusammenkrummte, umkehrte und mit einem recht klaglichen Gewinsel den Berg hinuntertrabte, so langsam, als wenn er zur Leiche ginge. In der Mitte sah sich der Hund noch einmal um, und so, wie ich es vorausgedacht hatte, fiel der Herr William jetzt plotzlich in das Felsental hinunter.
Nun, Thomas, mocht ich wohl ein gross Stuck Geld darauf wetten, dass niemand anders als ich der Pudel gewesen ist. Herr Mortimer wollte auf diesen Traum damals gar nicht achten; aber er ist mir heute wieder recht lebhaft eingefallen.
Wie gesagt, ich wollte, ich konnte nach England zuruckreisen; gebe Gott, dass sich bald dazu eine Gelegenheit findet, denn es gefallt mir nun in den fremden Landern hier gar nicht mehr. Vielleicht geht aber noch alles wieder gut: lebe recht wohl, lieber Bruder, und bleibe Du mein guter Freund, ich bin gewiss zeitlebens
der Deinige.
2
William Lovell an Eduard Burton
Rom.
Dein Brief, lieber Freund, der mich trosten, der mir den Zusammenhang der Dinge im wahren Gesichtspunkte zeigen sollte, ist zu spat gekommen. Ich war vielleicht schon ruhig, als Du die Feder ansetztest, um mich zu beruhigen. Es ist so etwas Jammerliches in allen Bekummernissen dieser Sterblichkeit, dass der Gram schon von selbst verschwindet, wenn man ihn nur genauer ins Auge fasst. Sollt ich jammern und klagen, weil nicht jeder meiner ubereilten Wunsche in Erfullung geht? Da musst ich mein ganzes Leben verklagen und ich ware ein Tor. Das Flehen der Sterblichen schlagt gegen die tauben Gewolbe des Himmels, weil alles sich in einem nichtigen schwindelnden Zirkeltanz dreht, nach Genussen greift, die nur der Widerschein von wirklichen Gutern sind, und so jeder fuhlt, wie ihm sein getraumtes Gluck aus den Handen entschwindet. Wer aber vorher weiss, welche Gerichte er an dieser Tafel findet, der wahlt klug aus, und kostet von jedem, wenn die Nachbarn hungrig vom Tische gehn, indem sie auf eine Lieblingsspeise warteleicht, den Kuchenzettel von diesem Leben zu erhalten?
Du wirst mir schon nach diesem Tone meines Briefes glauben, dass ich vollig getrostet bin; ich glaube jetzt, oder bilde mir es ein, alle Partien dieses Lebens uberblicken zu konnen, dass mich keine Anlage dieses seltsam geordneten Parks uberrascht, dass ich es weiss, wenn ich durch krumme Labyrinthe auf meine Fussstapfen zuruckgekehrt bin, und den Zaun recht gut bemerke, der sich hinter Gebusche verstecken soll. Ich bin sogar seitdem in eine mutwillige Laune gefallen, in einen gewissen humoristischen Rausch, in welchem mir die Freuden und Leiden dieses Lebens weder wunschenswurdig noch verabscheuungswert erscheinen; es ist alles um mich her ein breiter, muhsam erfundener Scherz, der, wenn man ihn zu genau beobachtet und anatomiert, nuchtern erscheint: aber wenn man sich auf dieser Maskerade dem Lachen und der guten Laune gutwillig hingibt, so verfliegt der Spleen, und wir fuhlen es, dass wir auch im Lachen weise sein konnen.
Ist denn uberhaupt nicht alles auf dieser Erde ein und ebendasselbe? Wir drucken uns selbst die Augen fest zu, um nur nicht diese Wahrheit zu bemerken, weil dadurch die Schranken einfallen, die Menschen von Menschen trennen. Ich konnte hier viel wiedererzahlen, was ich vordem meinem guten Mortimer nicht glauben wollte, denn bloss durch diesen Eigensinn unterscheiden sich die Charaktere der Menschen; wir wurden alle einen Glauben haben, wenn wir uns nicht von Jugend auf ein Schema machten, in das wir uns nach und nach muhsam hineintragen, das Gerust und Sparrwerk eines Systems, und daraus unsere eingebildete Wahrheit herausschreien, und dem Nachbar gegenuber nicht glauben wollen, der in einem andern Kafig steckt und eine andre Lehre predigt. Frei stehe der kuhnere Mensch, ohne Stangen und Latten, die ihn umgeben, in der hohen Natur da, aus Baumwipfeln und Morgenrot ziehe er seine Philosophie, und schreite wie ein Riese uber die Zwerge hinweg, die gleich Ameisen zwischen seinen Fussen kriechen und sich mit klaglicher Emsigkeit mit Sandkornern schleppen, um den gewaltigen Bau aufzufuhren, den ein einziger Fusstritt aus seinen Wurzeln hebt.
Was wollt ich nur mit mir selber, als ich jene Briefe an Dich und an meinen Vater schrieb, in welchen ich so flehentlich um Amalien bat? Bin ich denn in diesem Namen, in diesem Laut eingekerkert, dass meine Seele nach ihrem Besitz und nach Freiheit schmachtet? Weiss ich doch nicht, ob ich sie durch den Besitz nicht mehr verloren hatte, als jetzt, denn meine schonsten Gefuhle konnen sich mit den Erinnerungen dieses Namens vermahlen, ewig reich und klar kann sie mir im Herzen wohnen, da ich im Gegenteil oft genug wahrgenommen habe, dass die meisten Ehen nur eine Entweihung der Liebe sind.
Freilich ist Wollust das grosse Geheimnis unsers Wesens, freilich will auch die reinste inbrunstigste Liebe sich in diesem Brunnen kuhlen; sie soll eben sterben, damit wir fuhlen, dass wir Menschen sind, dass wir von tauschenden Phantomen erlost werden, die uns als Engelsgestalten besuchen, und doch Furien werden, wenn sie das glanzende Gewand fallen lassen. Denn schlaft nicht die wildeste Verzweiflung, die grasslichste Angst, der blutigste Hass, Selbstmord und alle Greuel im Innern dieses Gefuhls? Erwachen, treten sie nicht hervor aus ihrem Dunkel diese entsetzlichen Gestalten, wenn ewig unbefriedigt dieser Trieb des bewegten Herzens in sich selber kreiset, wenn die glutaugige Eifersucht mit dem Schlangenhaar dazwischenheult? Nur Leichtsinn, nur das Erkennen der Tauschung kann uns retten, und darum ist mir in diesem Sinne, in welchem ich sonst nach der Geliebten strebte, Amalie verlorengegangen, seit ich weiss, dass Poesie, Kunst, und selbst die Andacht nur verkleidete, verhullte Wollust ist, die von innen heraus ihren Glanz ausstrahlt und ungekannt der Menschensinn in allen seinen Kraften zu sich ruft.
Ich muss uber mich und meinen Zustand lachen, wenn ich langer fortfahre, mir ihn deutlich zu entwikkeln. Dass wir Sinnlichkeit haben, ist keineswegs verachtlich und kann es nicht sein und doch streben wir unaufhorlich, sie uns selber abzuleugnen und sie mit unserer Vernunft in eins zu schmelzen, um nur in jedem der voruberfliegenden Gefuhle uns selbst achten zu konnen. Denn freilich ist nichts als Sinnlichkeit das erste bewegende Rad in unserer Maschine, sie walzt unser Dasein von der Stelle, und macht es froh und lebendig; ein Hebel, der in uns hineinreicht, und mit kleinen Gewichten grosse Lasten zieht. Alles, was wir als schon und edel traumen, greift hier hinein. Sinnlichkeit und Wollust sind der Geist der Musik, der Malerei und aller Kunste, alle Wunsche der Menschen fliegen um diesen Pol, wie Mucken um das brennende Licht. Schonheitssinn und Kunstgefuhl sind nur andere Dialekte und Aussprachen, sie bezeichnen nichts weiter, als den Trieb des Menschen zur Wollust; an jeder reizenden Form, an jedem Bilde des Dichters weidet sich das trunkene Auge, die Gemalde, vor denen der Entzuckte niederkniet, sind nichts als Einleitungen zum Sinnengenuss, jeder Klang, jedes schongeworfene Gewand winkt ihn dorthin; daher sind Boccaz und Ariost die grossten Dichter, und Tizian und der mutwillige Correggio stehen weit uber Dominichino und den frommen Raffael.
Ich halte selbst die Andacht nur fur einen abgeleiteten Kanal des rohen Sinnentriebes, der sich in tausend mannigfaltigen Farben bricht, und auf jede Stunde unsers Lebens einen Funken wirft. Da mir die Augen nun daruber geoffnet sind, will ich mich geduldig in mein Schicksal ergeben, ich darf kein Engel sein, aber ungestort will ich als Mensch dahinwandeln, ich will mich huten, mir selbst um mein Dasein angstigende Schranken zu ziehn. So ist mir der Name Amalie fremd geworden; war meine hohe, taumelnde, hingegebene Liebe, etwas anders, als das rohe Streben nach ihrem Besitze? ein Gefuhl, das wir uns von Jugend auf verkunsteln, und uns das simple Gemalde unsers Lebens mit unsinnigen Arabesken verderben. Darum eben verachtet der Greis diese jugendlichen Aufwallungen und wilden Sprunge des Gefuhls, weil er zu gut erfahren hat, wohin sich alle diese glanzende Meteore am Ende senken; sie fallen wieder wie Raketen zur Erde und verloschen. Aber diese Greise sind zugleich fur Kunste und Enthusiasmus tot, weil die Blute der Sinnlichkeit fur sie abgebluht ist, die Seele ist in ihnen ausgeloschen, und sie sind nur noch die matte Abbildung eines Lebendigen.
Ich will dem Pfade folgen, der sich vor mir ausstreckt, die Freuden begegnen uns, solange die Spitzen in unsern Sinnen noch scharf sind. Das ganze Leben ist ein taumelnder Tanz; schwenkt wild den Reigen herum, und lasst alle Instrumente noch lauter durcheinanderklingen! Lasst das bunte Gewuhl nicht ermuden, damit uns nicht die Nuchternheit entgegenkommt, die hinter den Freuden lauert, und so immer wilder und wilder im jauchzenden Schwunge, bis uns Sinne und Atem stocken, die Welt sich vor unsern Augen in Millionen flimmernde Regenbogen zerspaltet, und wir wie verbannte Geister auf sie von einem fernen Planeten herunterblicken. Eine hohe bacchantische Wut entzunde den frechen Geist, dass er nie wieder in den Armseligkeiten der gewohnlichen Welt einheimisch werde!
3
William Lovell an Rosa
Rom.
Warum schwarmen Sie schon wieder in Neapel herum, und verlassen Ihren Freund? Ich mag nicht Ihr Begleiter sein, weil ich Baldern furchte, sein Anblick und seine Art des Wahnsinns schneiden durch mein Herz. Ich fuhle mich hier in manchen Stunden ausserordentlich einsam, ich gehe aus, um Sie zu sehen und vergesse, dass Sie nicht in Rom sind. Ich habe soeben einen Brief an meinen Freund Eduard gesiegelt und die Tranen stehen mir noch heiss in den Augen; alles, was ich je empfand, kam ungestum, wie ein Waldstrom in meine Seele zuruck; ich unterdruckte dies Gefuhl, das immer heftiger in mir emporquoll, und schrieb endlich in einer Angst, in der ich mir selber trotzte, mich einer blinden Sucht zu ubertreiben ergab, musste aber den Brief plotzlich abbrechen, weil die Tranen endlich ihrer Fesseln ledig wurden und ich laut schluchzend und klagend in meinen Sessel sank. Wie aus den Wolken schwindelte ich herunter, alles, was mich aufrecht erhielt, verliess mich treulos; der Mensch ist ein elendes Geschopf! jetzt von meinen Augen genommen, ich habe mich uber meine Empfindungen belehrt, und verachte mich jetzt eben da, wo ich mir einst als ein Gott erschien aber ach, Rosa, ich wunsche mir jetzt in manchen Stunden dies kindische Blendwerk zuruck. Was ist aller Genuss der Welt am Ende, und warum wollen wir die Tauschung nicht beibehalten, die uns auf jedem Felsen einen Garten finden lasst?
Und ist denn meine jetzige Meinung nicht vielleicht ebensowohl Tauschung, als meine vorhergehende? Mir fallt es erst jetzt ein, dass beide Ansichten der Welt und ihrer Schatze einseitig sind, und es sein mussen alles liegt dunkel und ratselhaft vor unsern Fussen; wer steht mir dafur ein, dass ich nicht einen weit grosseren Irrtum gegen einen kleineren eingetauscht habe?
Als ich mich so meiner vorigen Existenz erinnerte, als ich alle Szenen, die mich sonst entzuckten, meinen Augen vorubergehen liess, als ich an die Aussichten des Lebens dachte, wie sie damals vor mir lagen o Rosa, wie eine untergehende Sonne beschien mich der blasse Strahl, ohne mich zu erwarmen; es fiel eine seltsame, ratselhafte Ahndung meine schwankende Seele an ich kann Ihnen meinen Zustand unmoglich deutlich machen. Mir war's, als kame es wie eine gottliche Offenbarung auf mich herab, es gingen die verschlossenen Turen in meinem Innersten auf, und ich schaute in die seltsame verworrene Werkstatt meiner Seele. Wie wust und ungeordnet lag alles umher, was ich so schon und zierlich aufgepackt glaubte, in allen Gedanken fand ich ungeheure Klufte, die ich aus trunknem Leichtsinn vorher ubersehen hatte, das ganze Gebaude meiner Ideen fiel zusammen und ich erschrak vor der leeren Ebene, die sich durch mein Gehirn ausstreckte. Nun stiegen alle Erinnerungen noch schoner und goldener in mir auf, die Vergangenheit stand noch frischer und lebendiger vor mir, und ich sah nur, wie viel ich verloren hatte, und konnte keinen Gewinn entdecken.
Ist in jeglichem Lebenslaufe nicht vielleicht eine schone blumenreiche Stelle, aus der sich ein Bach ergiesst, und dem Wanderer durch sein ganzes Dasein frisch und erquickend nachfolgt? Hier muss er dann anfangen, sein Gluck zu grunden; Liebe, Freundschaft und Wohlwollen wandeln in dieser schonen Gegend, und warten nur darauf, dass er ihre Hand ergreife, um ihn zu begleiten. Wenn nun der Mensch hindurchgeht und nicht auf den Gesang der Vogel horcht, die ihn anrufen, dass er hier verweilen solle wenn er wie ein nuchterner Traumer einen oden Pfad sucht, und der Quelle vorubergeht wenn ihm Liebe und Freundschaft, alle zarten Empfindungen vergebens nachwinken, und er lieber nach dem Gekrachze des heisern Raben hinhorcht ach, so verliert er sich endlich in Wusten von Sand, in verdorrte Gegenden des Waldes; alles hinter ihm ist zugefallen, und er kann den Ruckweg nicht entdecken; er erwacht endlich, und fuhlt die Einsamkeit um sich her.
Lieber Rosa, was sagen Sie zu diesem Briefe und zu Ihrem Freunde? so weit hatte ich geschrieben, als ich unwillig die Feder niederwarf, und im roten Abendschein durch die Strassen ging. Bald floss mein Blut schneller durch meine Adern, als mir so manche von den bekannten Gesichtern begegneten, als ich unsre Donna Bianca an ihrem Fenster sah. Die Einsamkeit, die engen Wande sind es, die uns verdrusslich und melancholisch machen; mit der freieren Luft atmet der Mensch eine freiere Seele ein, und fuhlt sich wie der Adler, der sich mit regerem Flugelschlag uber die finstern Wolken hinaushebt. Ich komme jetzt eben von der schonen Bianca zuruck, und mein Brief ist mir unverstandlich. Ich bin oft darauf gefallen, dass man nur immer suchen sollte, recht viele Menschen und ihre Gemutsart und Ansicht der Dinge kennenzulernen, wir verlieren uns sonst gar zu leicht in klagliche Traumereien: aber jedes neue Gesicht und jedes fremde Wort eroffnet uns die Augen uber unsre Irrtumer. Ich kann oft einem einfaltigen Menschen wie einem Orakel zuhoren, weil er mich durch seine Reden in einen ganz neuen Gesichtspunkt stellt, weil ich mich so in ihn hineindenken kann, und dabei zugleich meine eigene Gemutsstimmung vergleiche, dass ich selbst in seinem einfaltigsten Geschwatz einen tiefen gedankenreichen Sinn entdecke. Bei Weibern vorzuglich habe ich aus jedem gesprochenen Worte, selbst aus dem unbedeutendsten, etwas gelernt.
Bianca lasst grussen; sie ist ein liebenswurdiges Geschopf. Wir sprachen heute lange daruber, wie ich sie zuerst durch Sie hatte kennen lernen; ich finde sie jetzt noch schoner als damals, ihr grosses feuriges Auge hat einen Strahl in seiner Gewalt, der bis ins Innerste des Herzens dringt, sie hat alle meine Sinne in Aufruhr gesetzt, und ich habe sie verlassen, auf die schonste glucklichste Art beruhigt.
Ich werde von ihr und von Ihnen traumen antworten Sie mir bald.
4
Rosa an William Lovell
Neapel.
Ihr Brief hat mich sehr amusiert, lieber Freund; er macht so ein wahres Gemalde des Menschen aus, dass ich ihn oft gelesen habe. Vorzuglich lustig ist die Schwermut, mit der er anhebt; und der Ubergang aus diesem Adagio in das gesetzte und feste Andante ist so uberraschend und doch so naturlich, dass mir alles so deutlich war, als hatte ich es selbst geschrieben. Ich denke, Sie werden noch ofter ahnliche Erfahrungen an sich machen, und die Klagen werden sich, wenn Sie sonst wollen, ebenso kalt und philosophisch schliessen, wie dieser Brief es tut. Es ist leider ebenso demutigend als wahr, dass bei Ihrer Melancholie nicht die philosophische, sondern die medizinische Untersuchung die richtigere war. Bianca hat Sie von einer Krankheit geheilt, die kein Weiser, kein Dichter, kein Spaziergang, kein Gemalde, keine Musik heilen konnte.
Die klemmende unbekannte Sehnsucht, die so oft
den Busen des Junglings und des aufkeimenden Madchens zusammenzieht, was ist sie anders, als das Vorihren frohlichen Qualen und ihren peinigenden Freuden weiter, als das Drangen nach dem Genusse, dem Ziele, nach welchem jeder rennt, ohne es zu glauben? Meinen Sie nicht, dass wenn man den Petrarka in seine Muttersprache ubersetzte, seine langweiligen Gedichte die lustigste Lekture von der Welt sein mussten?
Grussen Sie Bianca von mir und weihen Sie ihr eine Ihrer feurigsten Oden, denn sie hat es um Sie verdient. Diese Madchen verdienen nicht nur mit dem Rosenkranze der Liebe, sondern auch mit der eichenlaubigen Burgerkrone geschmuckt zu werden. Dante war gewiss ebenso enthaltsam, als Sie, sonst hatte er sein finsteres Gedicht nicht geschrieben, an dessen Existenz wir nichts gewonnen haben: folgen Sie meinem Rate, denn nur der Phlegmatische wird nicht bei einer ahnlichen Art zu leben duster und melancholisch.
Ich sehe die Gegenden um Neapel und die Madchen der Stadt mehr, als den finstern Balder, der wie eine Mumie in einer Katakombe in seinem Zimmer liegt, und selbst das Licht der Sonne verachtet, weil es ihm ein Bild der Frohlichkeit ist. Ich mochte, wenn ich ein Dichter ware, nichts als lachende Satiren schreiben, ohne Bitterkeit und schiefe Spitzen; wenn man die Menschen genauer ansieht, so gibt es keinen, den man bemitleiden kann, sie erschuttern nur das Zwerchfell und die Tranen sind bei den Menschen nur eine andre Art zu lachen, ebenso wollustig, ohne traurig zu machen. Beides Schwache, aber liebenswurdige Schwache der Muskeln, ein Krampf, ohne den die Gesichter ganz ihre Mannigfaltigkeit verlieren wurden. Ihr Shakespeare hat nie so etwas Wahres gesagt, als wenn er den Puck zum Oberon sagen lasst:
Lord, what fools these mortals be!
Lesen Sie die Stelle und den ganzen Zusammenhang im Midsummernight's dream, sie ist der beste Kommentar uber meine Meinung.
5
Balder an William Lovell
Neapel.
Ich will Worte schreiben, William, Worte das, was die Menschen sagen und denken, Freundschaft und Hass, Unsterblichkeit und Tod sind auch nur Worte. Wir leben jeder einsam fur sich, und keiner vernimmt den andern, antwortet aber wieder Zeichen aus sich heraus, die der Fragende ebensowenig versteht; aber so wie unser ganzes Leben ein unnutzes Treiben und Drangen ist, das elendeste und verachtlichste Possenspiel, ohne Sinn und Bedeutung, so will ich Dir in einer schwermutig lustigen Stimmung einen Brief schreiben, uber den Du lachen sollst.
Ich weiss selbst nicht, warum ich schreibe aber ebensowenig weiss ich, warum ich Atem schopfe. Es ist alles nur um die Zeit auszufullen und etwas zu tun, die elende Sucht, das Leben mit sogenannten Geschaften auszufullen Lander erobern, Menschen bekehren, oder Seifenblasen machen, eine Sucht, die bei der Geburt unserer Seele eingeimpft ist denn sonst wurde schon der Knabe die Augen zumachen, sich vom langweiligen Schauspiel entfernen und sterben; und Feder nehme, und Gedanken schreiben will das Unsinnigste, was der Mensch sich vorsetzen kann.
Ich wette, Du lachst schon jetzt, so wie ich uber den Anfang meines Briefes gelacht habe, dass mich die Brust schmerzt. Du liesest den ganzen Brief namlich nur aus Dir heraus, und ich schreibe Dir im Grunde keinen Buchstaben. Aber mag's sein. Bin ich doch auch wohl ehedem ein Tor gewesen, ganze Bucher mit Vergnugen durchzulesen, und mir einzubilden, dass ich den Geist des Verfassers dicht vor meinen Augen habe. Mein Bedienter ist gutwillig genug und so geschaftig, mir Papier, Dinte, Feder und alles ubrige zu besorgen, als wenn von diesem meinem Schreiben das Heil ganzer Lander abhinge. Dass es noch Menschen gibt, die das, was man Geschafte nennt, ernsthaft treiben konnen, ist das Wunderbarste in der Welt: oder, ob sie noch gar nicht darauf gefallen sind, sich selbst und andre naher zu betrachten, wie lacherlich, possenhaft und weinerlich alles, alles, selbst Sterben und Verwesen ist?
Manche von den Menschen, die mich besuchen, geben sich viele Muhe, sich zu meinem kranken Verstande herabzulassen, wenn sie von ihren wichtigen Armseligkeiten sprechen. Sie glauben, ich verstehe sie nicht, wenn ich uber dem dustern Abgrunde meiner Seele brute, und setzen mir dann auf eine ekelhafte Art ihre Zwerggedanken auseinander. Ich hore sie in meiner Spannung zuweilen wie aus einer tiefen Ferne in meine Seele hineinreden, wie ein unartikulierter Wasserfall, der gegen die Ufer schlagt, ich antworte ihnen mit Worten, ohne sie zu uberlegen, und sie verlassen mich mit tiefem Bedauern und halten mich fur hochst ungluckselig, weil ich ihre tiefe Ideen nicht verstehe.
Neulich war ich in einer Gesellschaft von einigen Menschen, die sich untereinander Freunde nannten. Es waren Kunstler, und zwei darunter hielten sich fur Dichter. Man hatte mich aus Mitleid gebeten, um mich zu zerstreuen und meinen truben Geist aufzuheitern. Ich sass wie eine Statue unter ihnen, und horte dabei jedes Wort, das sie sprachen. Man machte sich gegenseitige Komplimente, einer sprach von den ungeheuern Talenten des andern, liess aber dabei doch seinen Neid ziemlich deutlich hervorblicken. Der eine sprach von seinen Idyllen, die einer seiner Feinde in einer gelehrten Schrift heruntergesetzt habe, weil er ihm seinen grossen Ruhm beneide; er bat den andern Dichter, eine Satire auf diese Zurucksetzung zu schreiben, und man sprach mit einem Eifer und Feuer von der ganzen Kinderei, als wenn das Wohl der Welt darauf beruhe. Der Dichter sprach immer langsam und akzentuierte jedes Wort hart und feierlich; der andere bildete sich wieder ein, lebhafter zu sein, und schrie und sprach schneller, jeder hielt es fur notwendig, irgend etwas Charakteristisches an sich zu haben, damit nicht die grossen Seelen so leicht miteinander verwechselt wurden. Ach das Brausen von Muhlradern ist verstandiger und angenehmer als das Klappern der menschlichen Kinnbacken; der Mensch steht unter dem Affen, eben deswegen, weil er die Sprache hat, denn sie ist die klaglichste und unsinnigste Spielerei: mir gingen hundert wilde Gedanken mit harten Tritten durch den Kopf, alle diese Menschen wurden plotzlich so weit von mir weggeruckt, dass ich sie nur noch wie Larven in einem fernen Nebel dammern sah, dass ich ihr Gekreisch wie Sumsen von Grillen horte; ich stand in einer fernen Welt und gebot herrschend uber die niedrigen Schwatztiere, tief unter mir. Ich ward begeistert und stand prophetisch auf, und rief den Fleischmassen zu: "O ihr Armseligen! ihr Verblendeten! Merkt ihr denn nicht auf eure Nichtigkeit und bedenkt nicht, was ihr seid? Klumpen von toter Erde, die uber kurzem wieder in Staub verwehen; deren Andenken wie Schatten von Wolken voruberfliegen euer Leben fahrt wie ein Rauch dahin und euer Ruhm ist eine halbe Stunde, in der ein mussiger Schwatzer von euch spricht und euch verachtet. Und ihr steht, als wenn ihr Erde und Himmel beherrschtet; du haltst dich fur Gott und betest dich selber an, weil du jammerliche Verse gezimmert hast! Ihr werdet sterben: sterben; die Verwesung empfangt euch und fragt nicht nach eurem uberirdischen Genie! die Hunde wuhlen einst eure Gebeine aus, und fragen nicht darnach, ob das derselbe Kopf war, der einst Stanzen schrieb! O Eitelkeit, du nichtswurdigster Teil des Menschen! Tiere und Baume sind in ihrer Unschuld verehrungswurdiger, als die verachtliche Sammlung von Staub, die wir Mensch nennen!"
Ich kann mich nicht erinnern, was ich ohngefahr weiter gesagt haben mag; aber ich verachtete sie so tief, dass ich sie mit den Fussen hatte zertreten konnen, dass ich es fur eine Wohltat an ihnen selbst hielt, sie zu vernichten. Als ich zum gewohnlichen Leben zuruckkehrte, fand ich mich von ihren Armen festgehalten, man hatte meine Wut gefurchtet, und man schaffte den uberlastigen Redner nach Hause.
Konnt ich nur Worte finden, um die Verachtung zu bezeichnen, in der mir alles erscheint, was Mensch heisst! mein Arzt ist sehr fur meine Gesundheit besorgt, weil es sein Gewerbe mit sich bringt. Wenn ich nicht gern vom Wetter mit ihm spreche, findet er meine Umstande bedenklicher, will es mich aber nie merken lassen, dass er mich fur wahnsinnig erklart. Er gibt mir viele kuhlende Mittel und behandelt mich wie eine tote Maschine, ob er mir gleich selber so erscheint. Er schuttelt zu allen meinen verwirrten Gedanken den Kopf, weil er sie nicht in seinen Buchern gefunden hat, und im Grunde bin ich wahnsinnig, weil ich nicht dumm und phlegmatisch bin. Dass Gewohnheit und Dummheit die Menschen so wie ein dicker Nebel umgeben kann, aus dem sie nie herauszuschreiten vermogen! Lag es nicht von Jugend auf wie eine Gewitterwolke in mir, die ich mir selbst mit Armseligkeiten verdeckte, und mir log, ich sei froh? Kundigte sich nicht oft der innerste dunkle Genius durch einen Ton an, dem ich eigensinnig mein Ohr verstopfte? Ich verstelle mich nicht mehr und bin wahnsinnig! Wie vernunftig die Menschen doch sind!
O ich muss fort, fort, ich will in wilden Waldern die Seelen suchen, die mich mehr verstehn, ich will Kinder erziehn, die mit mir sympathisieren: es ist nur nicht Mode so zu denken, wie ich, weil es nicht eintraglich ist.
Ich spiele mit den Menschen, die zu mir kommen, wie mit bunten Bildern. Ich gab mir neulich die Muhe, mich zu dem dummen Geschwatze meines Arztes herunterzulassen; wir sprachen uber Stadtneuigkeiten, uber Anekdoten, die er ungemein lacherlich fand; ich lieh ihm meine Zunge zum Dreinklingen und er fand, dass ich mich ungemein bessere. Mit Selbstzufriedenheit verliess er mich, und ich konnt es nicht unterlassen, ihm nach unsrer feierlichen Unterhaltung ein so lautes Gelachter nachzuschicken, dass er sich erblassend umsah, und wieder alle Hoffnung verloren gab.
Ich habe ehedem einen Menschen gekannt, der taub, stumm und blind war. Keine Seele schien sich in ihm zu offenbaren, und er war vielleicht der Weiseste unter den Sterblichen.
Rosa halt sich fur sehr klug, und sieht mich immer mit Mitleid an, und ich mochte nicht er sein; ein Narr, den jeder Blick eines Madchens entzuckt, der immer, wenn er spricht, Epigramme drechselt und seine Worte nur fur ein dankbares Lacheln verkauft; dessen Lebenslauf kleine Zirkel sind, die er unaufhorlich von neuem durchlauft. Wenn er stirbt, wird ihm die Scham gewiss am meisten weh tun, dass er ordentlich verwesen muss.
Ich wohne jetzt in einem Garten vor dem Tore. Wie auf der See treiben meine Gedanken ungestum hin und wider, ich furchte mich vor dem blauen gewolbten Himmel uber mir, der dort gebogen wie ein Schild uber der Erde steht, unter welchem wir Gewurme wie gefangene Mucken sumsen, und nichts sehen und nichts kennen und fuhlen. Ich mag auch gar nichts mehr denken und ersinnen. Es geht ein Sturm durch die Wolbung und die fernen Walder zittern rauschend, die See furchtet sich und murmelt leise und verdrossen, es donnert fernab im Himmel, als wenn ein Gewitter zurechtgelegt wird, und der Werkmeister unachtsam den Donner zu fruh aus der Hand fallen lasst.
Ich schreibe beim heftigsten Gewitter. Es braust mit Hagel und Regengussen und der Sturmwind und Donner stimmen sich, und einer singt dem andern den tobenden Wechselgesang nach. Wie fliehende Heere jagen Wolken Wolken, und die Sonne flimmert bleich auf fernen Inseln, die ganz weit weg wie goldene Kinderjahre in der Sturmfinsternis dastehen; das Meer schlagt hohe Wogen und donnert in seinem eigentumlichen Ton. Ich lache und wunsche das Wetter immer lauter und lauter, und schreie dazwischen und schelte den Donner furchtsam: brause du und sturme wirbelnd, und reisse die Erde und ihre Gebilde zusammen, damit ein andres Geschlecht aus ihren Ruinen hervorgehe!!
Die Alltaglichkeit kommt wieder, und das Wetter fliegt weiter. Wie eine reisende Komodiantentruppe spielen die Wolken in einer andern Gegend nun dasselbe Schauspiel; dort zittern andre Menschen jetzt, wie vor kurzem hier viele bebten und alles verfliegt und verschwindet und kehrt wieder, ohne Absicht und Zusammenhang
Ich furchte mich des Nachts nicht mehr. Als ich neulich allein um Mitternacht in meinem Zimmer stand und aus dem Fenster den Zug der truben Wolken sah, und mir alles wie Menschengedanken und Empfindungen am Himmel dahinzog, als ich sichtbarlich in Dunstgestalt manche Erinnerung vor mir fliegen sah und ich zu ruhen und zu sterben wunschte da drehte ich mich plotzlich leise um, wie wenn mich ein Wind anders stellte. Und alle meine Vorfahren sassen still und in Manteln eingehullt an meinem Tische, sie bemerkten mich nicht und assen mit den nackten Gebissen von den Speisen, heimlich reckten sie die durren Totenarme aus den schwarzen Gewandern hervor, um kein Gerausch zu machen, und nickten gegenseitig mit den Schadeln. Ich kannte sie alle, aber ich weiss nicht woran. Als ich meinen Vater bemerkte und daran dachte, wie vielen Kummer, wie vielen Verdruss ich ihm gemacht hatte, musste ich weinen, dass er jetzt so abgeharmt und jammerlich aussah, und verschamt das nackte Gerippe mehr verdeckte als die andern. Sie horten mich schluchzen und gingen still, wie mit bosem Gewissen zur Tur hinaus, aber doch so langsam und gesetzt, dass sie glauben mussten, ich hatte sie nicht bemerkt. Wenn wir ohne Schauder unter unsern Mobeln sitzen, warum wollen wir uns denn vor Totengerippen furchten? Aus den Knochen der Tiere arbeiten sich die Menschen Putz heraus, und entsetzen sich vor den naher verwandten Gebeinen.
Ich durchstrich noch in derselben Mitternacht das tote Gefilde, und rief alle Gespenster herbei und gab ihnen Gewalt uber mich. Ich rief es in alle Winde, aber ich ward nicht gehort. Die Glocken schlugen aus der Ferne, und sprachen so langsam und feierlich wie betende Priester; Walder und Winde sangen Grabgesang, und prophezeiten allem, was da lebt, den unausbleiblichen Tod, aber alle Geschopfe schliefen fest und horten nichts davon, der Mond sah weinend in die verschleierte Welt hinein; es gibt nichts mehr, das mich entsetzt; und das macht mich betrubt. Der menschliche Geist kann alle Ideen sehr schnell erschopfen, weil er nur wenige fassen kann. Er hat wie ein Monochord nur sehr wenige Tone.
Lebe wohl, wenn es in dieser Welt moglich ist; sei recht glucklich, mag ich nicht hinzufugen, weil es kein Gluck gibt, als zu sterben, und ich weiss, dass Du den Tod furchtest. Ich habe schon oft heimliche Verwunschungen ausgestossen und grassliche Spruche versucht, um die Gegenstande um mich her in andre zu verwandeln. Aber noch hat sich mir kein Geheimnis enthullt, noch hat die Natur nicht meinen Bezauberungen geantwortet: es ist grasslich, nichts mehr zu lernen, und keine neue Erfahrung zu machen, ich muss fort in die Wildnisse der Apenninen und Pyrenaen hinein oder einen noch kurzern Weg in das kalte wurmervolle Grab.
6
William Lovell an Rosa
Rom.
Die kleinen Bitterkeiten in Ihrem Briefe habe ich recht gut verstanden, und ich gebe zu, dass Sie im ganzen recht haben mogen. Der Scherz eines Freundes kann auf keine Weise beleidigen.
Balder hat mitten in den Ausbruchen seines Wahnsinns einen Brief an mich geschrieben, in dem mir manche Ideen dunkel sind; er ist entweder seiner Heilung nahe, oder gefahrlicher krank als je. Was ich in seinem Briefe verstanden habe, hat mich betrubt. Lassen Sie doch ja etwas Acht auf ihn geben, er scheint die Idee zu haben, sich von Neapel zu entfernen. Er gewinnt freilich wenig, wenn man ihm das Leben erhalt, aber es sollte mir leid um ihn tun, wenn er ganz zugrunde ginge.
7
Rosa an William Lovell
Neapel.
Balder ist fort, niemand weiss wohin. Ob er entflohen ist, ob er sich ermordet hat, alles ist ungewiss. Er ist in den letzten Tagen zuweilen bis auf die hochste Stufe der Raserei gekommen; in einer Gesellschaft von Fremden hat er neulich alle mit den verachtlichsten Reden beschimpft, geschmaht und endlich bewusstlos mit dem Messer nach ihnen gestochen. Er ist zu beklagen, sein Tod ware Gewinn fur ihn. Grussen Sie Bianca und Ihre ubrigen schonen Freundinnen von mir, nur keine von den sproden Tugendhaften, die uns so oft zur Last gefallen sind. Leben Sie recht wohl, und suchen Sie den Unglucklichen zu vergessen.
8
Karl Wilmont an Mortimer
Bondly.
Du wunderst Dich gewiss uber diesen Brief, besonders wenn Du bemerkst, von wo er datiert ist. Wundre ich mich doch selbst daruber, ich kann es Dir also nicht ubelnehmen. Du hast mich nun gewiss spatestens in diesen Tagen in London vermutet; auch ich selbst war fest uberzeugt, dass ich morgen dort sein wurde, und nun sitz ich plotzlich hier auf Burtons Gut und fange einen Brief an Dich an, der eine Entschuldigung, Erzahlung, wie es gekommen, und das Versprechen, dass Du mich nun ehestens sehen wirst, enthalten soll.
Die Entschuldigung, Mortimer, magst Du mir erlassen. In Glasgow sass ich wochenlang in dem Hause eines alten Onkels, ohne zu wissen, wie ich die Zeit hinbringen sollte. Wie wir uns verandert haben! Ich dachte unaufhorlich an Emilien und an die Zukunft. Man wollte mich gern lustig haben, aber ich hatte alle Elektrizitat verloren, und war dumm und gefuhllos; selbst der Wein konnte nur auf einzelne Minuten meine frohe Laune zuruckbringen.
Langeweile ist gewiss die Qual der Holle, denn bis Schmerzen des Korpers und der Seele beschaftigen doch den Geist, der Ungluckliche bringt doch die Zeit mit Klagen hinweg, und unter dem Gewuhl sturmender Ideen verfliegen die Stunden schnell und unbemerkt: aber so wie ich dasitzen und die Nagel betrachten, im Zimmer auf und nieder gehn, um sich wieder hinzusetzen, die Augenbraunen reiben, um sich auf irgend etwas zu besinnen, man weiss selbst nicht worauf; dann wieder einmal aus dem Fenster zu sehen, um sich nachher zur Abwechselung aufs Sofa werfen zu konnen ach, Mortimer, nenne mir eine Pein, die diesem Krebse gleichkame, der nach und nach die Zeit verzehrt, und wo man Minute vor Minute misst, wo die Tage so lang und der Stunden so viel sind, und man dann noch nach einem Monate uberrascht ausruft: "Mein Gott, wie fluchtig ist die Zeit! Wo sind denn diese vier Wochen geblieben?"
Oft argerte ich mich, dass ich noch in Schottland war, und machte doch nicht die kleinsten Anstalten zur Abreise; ich fuhrte mit meinen Verwandten das elendeste und platteste Leben von der Welt; ein Viehverkaufer geniesst es auf eine gesundere Art; ja ein Mensch, der mit einem armseligen Schattenspiel von einem Dorfe zum andern wandert und in jedem seine elenden Spasse wiederholt, beschaftigt sich geistreicher, als ich in dieser ganzen unermesslich langen Zeit getan habe. Mein Blut war so trage und phlegmatisch, dass ich manchmal meine Finger gegen die Tischecke schlug, um mir nur Schmerz zu machen, mich zu argern und zu erhitzen, denn nichts ist widriger, als wenn in der Sanduhr unsers Korpers so recht gemach ein Tropfen nach dem andern langsam und zogernd unser Leben abmisst, je mehr die Strome des Bluts durcheinanderrauschen, und freilich die Maschine etwas mehr abnutzen, um so heller und deutlicher lebt der Mensch Ich wunschte oft in Glasgow mit Sehnsucht, dass ein Gezank oder Schlagerei auf der Gasse vorfallen mochte, damit ich nur etwas hatte, wofur ich mich interessieren konnte; es ward mir am Ende wichtig, wenn der dicke Mann im benachbarten Hause einen andern Rock als gewohnlich trug. Ich schame mich noch jetzt dieses Lebens, so qualvoll und langsam, so schleichend und doch so ohne Ruhe, wie eine Schnecke leben muss, die bei ihren Wanderungen ihr Schalenhaus verloren hat, und es im heissen Sonnenschein wieder sucht.
Endlich dacht ich an Dich und an London, an die Zerstreuungen dort, an alle die philosophischen Gesprache, die wir miteinander fuhren konnten: ich unterdruckte es gewaltsam, wenn mir auch diese Aussicht manchmal langweilig vorkommen wollte. Ich entschloss mich kurz, nahm von allen meinen Freunden und Bekannten zartlichen Abschied, setzte mich zu Pferde, und ritt mit frischem Leben erfullt davon.
Mein Herz schlug immer gewaltiger, je mehr Meilen ich auf englischem Boden zurucklegte. Ei! dacht ich, ein paar Tage mehr oder weniger! und beschloss dicht vor Bondly voruberzureiten, aber ja niemand da zu besuchen; es konne doch von ohngefahr sein, dass ich Emilien durch das Gartentor erblickte. Ich machte gar keinen Plan, wie ich mich nehmen wurde, wenn dies der Fall sein sollte, denn ich handle sehr gern aus dem Stegreif, und habe mich von jeher besser dabei befunden; denn meine dummsten Streiche waren immer die, die aus einem weitlauftigen, recht vernunftigen Plan entstanden.
Ich ritt so in Gedanken vertieft hin und naherte mich dem Landhause Burtons fruher als ich geglaubt hatte. Ein junger Mensch zu Fuss fragt mich plotzlich, wo der Weg nach Bondly gehe, er sei bis zur nachsten Stadt gefahren und habe sich nun verirrt. Ich fuhrte ihn auf den Weg und ritt gedankenvoll neben ihm hin. Warum sollt ich nicht den jungen Burton auf einen halben Tag besuchen durfen? sagt ich zu mir selbst. Am Ende sieht mich selbst der Vater gern. Und konnte mich nicht jemand von ohngefahr durch das Dorf reiten sehn, Emilie es erfahren und fur die grosste Gleichgultigkeit auslegen? Ich konnte uberdies zum Alten sagen, dass ich deswegen einen kleinen Umweg genommen hatte, um den Boten, der ihn sprechen wollte, gewiss und sicher nach Bondly zu bringen. Ach ich hatte noch hundert andre Vorstellungen, tausend Stimmen in mir, die alle laut riefen: ich solle und musse im Schlosse absteigen! Ich gehorchte, denn was tut man nicht alles, um nur eines solchen Larmens loszuwerden?
Ich sprach den jungen Burton, den Vater und Emilien. Sie ist doch sehr schon, und so gut, so liebenswurdig! Ist es hier Sunde, wenn man wunscht? Alle Federn meines Wesens haben neue Spannkraft erhalten, ich denke mit Schrecken an meinen Aufenthalt in Schottland. Hier leb ich doch, noch hab ich nicht ein einzigmal gegahnt; die Stunden verfliegen mir wie Minuten, und ich erobre ein Lacheln, einen freundlichen Blick nach dem andern von Emilien! Eduard hat mir seltsame Sachen von Lovell erzahlt, er muss sich sehr geandert haben; indes ich gebe auf diese Anderungen nicht viel; je mehr er auf der andern Seite ubertreibt, um so eher kann er zu seiner vorigen Torheit zuruckkommen. Und ist er denn uberhaupt ein Tor gewesen? Damals glaubt ich es; jetzt glaub ich, dass ich ihn verkannt habe.
Emilie scheint sehr auf sich achtzugeben; ich kann manchmal nicht klug daraus werden, ob diese Kalte und Zuruckgezogenheit erzwungen oder naturlich ist.
Schreibe mir ja, denn sonst habe ich noch einen Vorwand langer hierzubleiben, als ich sollte, weil ich dann noch auf Deinen Brief warten wurde. Eduard lasst Dich grussen; er ist ein vortrefflicher, herzensguter Mensch, und der Vater ist wieder ganz freundlich gegen mich, aber dann wieder plotzlich fremde, abwechselnd wie Herbstwetter; ich habe schon diese Gesichter bei mehreren reichen Leuten gefunden, sie setzen mich leicht in Verlegenheit. Lebe wohl und antworte bald.
9
Mortimer an Karl Wilmont
London.
Wenn Du noch nicht bald des seltsamen Herumtreibens uberdrussig bist, so weiss ich nicht, was ich von Dir denken soll. Manches stimmt mich melancholisch; der alte Melun ist in Paris an einer Auszehrung gestorben, die Comtesse mit ihrem Liebhaber entlaufen, niemand weiss wohin. Dass so viele von den Leuten, die ich gekannt habe, schon begraben sind! dass sich schon so manche dem Verderben in die Arme geworfen haben! Was ist es uberhaupt fur ein armseliges Ding um das, was man gewohnlich Ausbildung nennt. In den meisten Fallen ist es nur Veranderung. Wie weise habe ich mich so oft in meinem zwanzigsten Jahre gefuhlt, dass ich mich uber manche Narrheiten des Menschengeschlechts erhaben fuhlte: und jetzt rucken mir manche der Torheiten so nahe, dass sie sich, wenn das Verhaltnis so fortschreitet, bald mit meinem innersten Selbst vereinigen werden. Du wirst bemerken, dass ich hier vorzuglich von meiner Liebe zu Amalien spreche. Eine Liebe, die sie einst begluckte. Er hat sie vergessen, und fuhlt sich grosser; ich habe meine Unempfindlichkeit abgelegt, und fuhle mich edler. Sie ist mir weit ergebener als ehemals, aber es tut mir sehr leid, dass sie fur meinen Verstand Achtung, eine viel zu ubertriebene Achtung empfindet. Alle Gefuhle, die ich ihr zeige, halt sie nur fur Spiele meines Witzes, und sie behalt sich daher bestandig in ihrer Gewalt. Auch sie hat den leichtsinnigen William etwas mehr vergessen; nur seh ich, wie zuweilen die alten Erinnerungen in ihrer Seele wieder aufwachen, und sie dann meinen Umgang plotzlich fade und abgeschmackt findet.
Die Seelen sind viel wert, die sich noch nicht ganz der Mode und der sogenannten Lebensart zum Opfer gebracht haben. Sie sind sehr selten, und man sollte sie darum kostlich achten.
Grusse Eduard Burton, und komme bald nach London.
10
Der Baron Burton an den Advokaten Jackson
Bondly.
Ich bin Ew. Wohledlen fur die Nachrichten, die mir Dieselben durch den jungen Fenton haben zukommen lassen, ausserordentlich verbunden. Ich freue mich sehr uber den Eifer und uber die Tatigkeit, womit Sie unaufhorlich zu meinem Besten beschaftigt sind; ich gebe Ihnen von neuem die Versicherung meiner ewigen unveranderlichen Dankbarkeit. Ich bin uberzeugt, dass Ihre Bemuhungen nun bald sichtbarere Folgen haben werden, die bis jetzt ein ungunstiger Zufall immer noch zuruckgehalten hat. Eilen Sie aber, damit meine Hoffnungen nicht immer nur Hoffnungen bleiben, damit ich endlich aufhore, mit jedem Tage wieder meinen Genuss auf viele Tage aufzuschieben. Ich bin alt, und nicht mehr so fur Hoffnungen gemacht, wie der jungere Mann; die Unentschiedenheit angstigt mich, und je gewisser ich meiner Sache zu sein glaube, um so mehr Einwurfe und Zweifel fallen mir wieder ein: alles dies beschaftigt meine Seele zu sehr, und macht sie unruhig. Das Alter kann diese Wogen nicht so leicht in Ruhe legen, als der Jungling. Vor und zugleich unterhalten haben; aber jetzt kann ich nur in dem entscheidenden Moment einen freudigen Moment erblicken. Sie sehen, wie fest ich darauf vertraue, dass sich alles zu meinem Vorteile entscheiden wird, aber Sie sehn auch zugleich, wie notig es ist, dass Sie meinen Besorgnissen so fruh als moglich ein Ziel setzen. Denn ich finde es sehr naturlich und billig, dass Sie in Ihrer Lage durch Aufschub und Verlangerung meine Dankbarkeit verlangern und meine Verbindlichkeit vermehren wollen. Sie glauben, dass ich jetzt in einer gewissen Abhangigkeit von Ihnen existiere, bei der Sie unvermerkt einen Teil meiner Schwachen nach dem andern fur sich erobern konnen. Ich finde an dieser Klugheit nichts zu tadeln, sondern sie ist lobenswurdig, und der ist ein Tor, der in dem verworrenen Wechsel des Lebens nicht die wiederkehrende Flut geschickt benutzt, um sein Fahrzeug flottzumachen. Sie sehen, wie sehr ich Ihren Verstand schatze; nur muss ich Ihnen sagen, dass Ihre Klugheit bei mir unnutz ist, der ich mich Ihnen ausserordentlich verbunden erkenne, wenn der Prozess auch morgen geendigt ist, und der ich Sie grade ebenso belohnen wurde, als wenn das Endurteil noch einige Jahre hindurch von einem Tage zum andern aufgeschoben wurde. Sie konnen auf die Art alle Interessen, die Sie gewinnen wollen, auf eine weit schnellere und entschiedenere Art zusammenziehn, als wenn Sie auf ein langweiliges Sparen ausgingen, das am Ende denn doch ungewiss sein durfte. Fur Ihre Sorgfalt mir den jungen Fenton zu schicken, muss ich Ihnen Dank sagen; nur gestehe ich Ihnen zugleich, dass ich die Notwendigkeit dieser Abgesandtschaft nicht eingesehen habe. Durften Sie alle diese nicht ausserordentlich bedeutenden Nachrichten keiner Post vertrauen? In diesem Falle treiben Sie die Besorglichkeit zu weit, und kein Mann handelt gut und richtig, wenn er angstlich handelt. Sie durfen also nur kunftig dreister verfahren, und nicht einen Mitwisser unsers Geheimnisses erschaffen, der uns beiden auf jeden Fall zur Last fallt. Wenigstens kommt es meinem Verstande so vor, und ich denke, auch Sie werden mir darin vollkommen recht geben, denn jeder andre, als ich, wurde dadurch in Ihrer Hand stehn, und einem so billigen Manne, wie Sie, muss es weh tun, wenn man auch nur auf einen Augenblick einen solchen Gedanken von ihm hegen konnte. Ich wurde mich aber auf keinen Fall abhalten lassen, so zu handeln, wie ich mir zu handeln vorgesetzt habe. Ich habe schon oft mit meinen Freunden uber den Satz gestritten, dass es so gut wie unmoglich sei, einem Manne, dem seine Plane ernst sind, das Kleinste oder das Grosste in den Weg zu legen, das er nicht wieder fortschaffen, oder selbst zu seinem Vorteile brauchen konnte. Ich habe schon manchen meiner Verfolger mit seinen eigenen Waffen geschlagen; denn nichts ist dem Manne von Kopf unertraglicher, als zu sehn, wie jeder nach den Faden greifen will, an denen er regiert wird; ich halte es nicht fur unmoglich, sie alle durchzuschneiden, so dass dann der Mensch frei und ungehindert seinen Weg fortgeht. Ew. Wohledlen sind mir auch noch den letzten meiner Briefe schuldig, den Sie mir nach unserm Ubereinkommen sogleich hatten zuruckschicken sollen. Sie verzeihen, dass ich Sie an diese Zerstreuung erinnert habe, ebenso, dass ich Ihnen mit einem so weitlauftigen Briefe zur Last gefallen bin. Die Zeit eines jeden Geschaftsmannes ist edel und fast unbezahlbar; ich bitte um Vergebung, wenn ich Ihre bessere Gedanken mit meinen schlechten unterbrochen habe; sollte ich aber so glucklich gewesen sein, Ihren Eifer von neuem zur Beschleunigung des Prozesses etwas anzufeuren, so haben wir beide bei diesem kleinen Stillstande gewonnen, und in dieser Hoffnung bin ich
Ihr Gonner und Freund Burton.
11
Rosa an Andrea Cosimo
Rom.
Deine Meinung ist auch vollkommen die meinige. Ich finde es so wahr, was Du in Deinem neulichen Briefe sagst, es ist so schwer und wieder so leicht, die Seelen der Menschen zu beherrschen, wenn man nur etwas die Fahigkeit besitzt, sich in die Gesinnungen anderer zu versetzen, ihre Verschiedenheiten zu bemerken, und dann Fassung und Gleichmutigkeit genug zu behalten, um in keinem Augenblicke ihnen sein eignes Selbst darzustellen. So wie die Sprache nur in konventionellen Zeichen besteht, und jedermann doch mit dem andern spricht, ob er gleich recht gut weiss, dass jener durch seine Worte vielleicht keinen Begriff so bekommt, wie er es wunscht: ebenso sollte aller unser Umgang beschaffen sein. Ich spreche mit dem Franzosen franzosisch und mit dem Italiener seine Muttersprache; ebenso rede ich mit jedermann nur die Meinungen, die er versteht, das heisst, die ich ihm zutraue; ich suche mich selbst ihm niemals aufzudrangen, sondern ich locke seine Seele allgemach uber seine Lippen, und gebe ihm seine eigne Worte anders gewandt uns so fest und hell, um sie fremden Gemutern aufzudrangen? Und wenn es der Fall sein konnte, wo finde ich Brucken, um sie nach fremden Ufern hinuberzuschlagen?
So ging ich lange Zeit mit Lovell um, ich sprach mich ganz in ihn hinuber, und er erstaunte nicht wenig uber die Sympathie unsrer Seelen, und traute mir nun jeden seiner fluchtigsten Gedanken, jede seiner seltsamen Empfindungen zu. Diejenigen, die er nicht bei mir wahrzunehmen glaubte, hielt er bald von selbst fur unreif und toricht, dagegen fing er emsig einen hingeworfenen Wink von mir auf, und dachte lange uber den darin liegenden Sinn. In kurzer Zeit tauschte er sich selbst so, dass er unsre Seelen fur verschwistert hielt, nur dass ihm die meinige einige Jahre voraus sei.
Nichts ist dem Menschen so naturlich, als Nachahmungssucht. Lovell ward in einigen Monaten eine blosse Kopie nach mir. Jeder Ausspruch, jedes Wort, das wir fur klug nehmen, ruckt an der Form unsrer Seele. Er verachtet jetzt tief alle Meinungen, die seinen jetzigen widersprechen.
Die Eitelkeit ist gewiss das Seil, an welchem die Menschen am leichtesten zu regieren sind; sobald man es nur dahin bringen kann, dass sie sich ihrer gestrigen Empfindung schamen, handeln sie morgen gewiss anders; ein Freund oder Bekannter darf ihnen nur zu verstehen geben, was er fur gross halt, und morgen suchen sie sich ihm in dieser Grosse unvermerkt zu prasentieren. Die Sucht, sich auszubilden, ist im Grunde nur die Sucht zu gefallen, und zuerst denen, die uns umgeben; so formt sich der Mensch wider seinen Willen, und steht am Ende seiner Wanderschaft schwer behangen mit einem Trodelkram erlogner Meinungen und Gefuhle.
Ich habe Dir meine Auslegung uber Deine Ideen zu geben gesucht, und uberreiche Dir errotend meine Ubung; eine Verbesserung von Dir wird mehr wert sein, als mein ganzer Brief; nur lass mich es wissen, wo ich Dich vielleicht missverstanden habe.
12
Andrea Cosimo an Rosa
Neapel.
Dein Brief hat mir gefallen, weiter kann ich Dir nichts sagen. Nicht eben deswegen, weil ich so ganz Deiner Meinung beitrate, oder weil ich glaubte, dass Du alles, was ich Dir neulich schrieb, ganz so, wie ich es wunschte, gefasst habest, sondern weil ich in diesem Briefe Dich so ganz wiederfinde. O ihr Menschenkenner! die ihr aus der Seele der Menschen ein Exempel macht, und dann mit euren armseligen funf Spezien hineinaddiert und dividiert! Ihr wollt einen Aufriss von einem Gebaude machen, das ihr nicht kennt. Ich habe von je die freche Hand bewundert, die mit dem Ratselhaftesten und Unbegreiflichsten gewohnlich so umgeht, wie ein Bildhauer mit seinem Marmor; er wird geschlagen und geschliffen, als wenn alle die heruntergerissenen Stucke nun wirklich von dem Wesen getrennt waren, und am Ende ein Bild daraus entstunde, wie man es zu seinem Wohlgefallen, oder zu seiner Bequemlichkeit haben wollte. Wenn nun plotzlich eine lange zuruckgehaltene Empfindung wie ein Waldstrom in die Seele zuruckschiesst? O biete denn kunste auf, suche die Schleuse, die ihn wieder zuruckdrangt! Dankt Gott, dass der Mensch die Konsequenz nicht hat, auf die ihr eure Berechnungen grundet, denn dadurch allein trifft er oft zufalligerweise mit euern Exempeln zusammen.
Du sprichst uber die Eitelkeit gut und richtig, weil Du uber Dich selbst sprichst. Es ist gar nicht notig, dass die Menschen aufrichtig sind, man findet ihre Meinung doch unter dem Wust von Lugen heraus. Aber glaube mir, dass bei Dir nur ein paar Zufalle notig waren, um Dich aus Deiner Philosophie, oder Uberzeugung oder Stimmung (nenn es wie Du willst) herauszuwerfen. Die meisten Menschen gehoren gern zu irgendeiner Schule, alle Vorzuge und Vortrefflichkeiten ihrer Vorganger ziehn sie dann stillschweigend auf sich, weil sie den Namen ihrer Anhanger tragen: sie haben es gern, wenn sie alle Meinungen und Empfindungen wie in einem Schema vor Augen haben, dass sie in vorkommenden Fallen nur unter den gemachten Linien und Einteilungen nachsuchen durfen, um nicht im Zweifel zu bleiben, daher sind sie aber auch meistenteils so leicht aus ihren Uberzeugungen herauszuschrecken.
Bei Lovell magst Du ubrigens im ganzen recht haben, aber er ist auch unter den Menschen einer von denen, die ich die Scheidemunze nennen mochte. Er gehort nicht zu den freien Geistern, die jede Einschrankung der Seele verachten, er verachtet nur die, die ihm grade unbequem ist, und seine Verachtung ist dann Hass. Er findet sich und alles was er denkt, viel zu wichtig, als dass es nicht sehr leicht sein sollte, auch seine innersten Gedanken von ihrem Throne zu stossen. Wenn er die Menschen aber wie vorubergehende Bilder, und ihre Gesinnungen, wie das zufallige Kolorit ansahe, dann sollte es Dir gewiss unmoglich werden, irgend etwas auf ihn zu wirken.
Jeder Mensch ist im Grunde gescheiter wie der andere, nur will dies keiner von ihnen glauben. Die Ecke des einen greift in die Fuge des andern, und so entsteht die seltsame Maschinerie, die wir das menschliche Leben nennen. Verachtung und Verehrung, Stolz und Eitelkeit, Demut und Eigensinn: alles eine blinde, von Notwendigkeiten umgetriebene Muhle, deren Gesause in der Ferne wie artikulierte Tone klingt. Vielleicht ist es keinem Menschen gegeben, alles aus dem wahren Standpunkte zu betrachten, weil er selbst irgendwo als umgetriebenes und treibendes Rad steckt.
13
Amalie Wilmont an Emilie Burton
London.
Liebe Freundin, wenn ich doch bei Ihnen ware, oder Sie bei mir sein konnten! Das ist die wiederholte Klage in allen meinen Briefen; ich sehne mich, wenn ich allein bin, mit einem unbeschreiblichen Gefuhle nach Ihrem Garten hin, ich gehe in Gedanken durch alle Gange spazieren, und hore Ihr angenehmes und unterrichtendes Gesprach. Ach, in Ihrer Gesellschaft wurde ich gewiss frohlicher sein, denn Sie wurden mir zeigen, wie ungereimt mein Schmerz ist, es wurde mir manches gleichgultiger werden, was mir jetzt so ausserordentlich wichtig vorkommt. An Ihrer Seite habe ich im vorigen Jahre so viel gelernt; ich wurde gewiss ruhig werden, und Sie wurden viele meiner Zweifel auflosen, die mich jetzt angstigen.
Lovell hat mich vergessen, ich muss es mit jedem Tage mehr glauben, und alle Nachrichten von ihm bestatigen es. Und es ist auch recht gut, dass ich nicht eine Ursache mehr werde, seinem kranken Vater Kummer zu machen. Er kommt mir jetzt nur vor, wie ein Bild aus einem Traume der Kindheit, schon und
Mortimer spricht oft uber alle diese Gegenstande sehr klug, und uberredet mich manchmal auf ganze Tage; nur sagt er denn zuweilen wieder etwas, das meiner Seele ganz fremd und zuwider ist. In den recht verstandigen Menschen liegt zuweilen eine zuruckstossende Kalte. Man schamt sich oft etwas zu sagen, was man fur wahr halt, weil man nicht gleich die passendsten Worte dazu findet. Ich glaube, dass Mortimer mir nur in manchen Sachen recht gibt, um mir nicht zu widersprechen, weil er mich fur zu einfaltig halt, ihn ganz zu verstehen. Sein Herz ist nicht warm genug, er hat zu sehr die Welt und die Menschen kennengelernet. Und doch fuhl ich mich ihm zuweilen so geneigt, dass ich meine, ich habe ihm mit diesem Gedanken das grosste Unrecht getan. Wenn mir nur nicht immer wieder so manches von meinen vorigen Empfindungen zuruckkame! dann ist mir, wie wenn man von grossen Schatzen traumt, und plotzlich in der stillen durftigen Nacht aufwacht: man sucht mit den Handen nach den Perlen und Diamanten, und stosst sich an der harten Wand.
Bin ich nicht toricht? Was sagen Sie dazu, liebe, nachsichtige Freundin? Ich bin ein Kind, nicht wahr, das ist Ihre ganze Meinung?
14
William Lovell an Rosa
Rom.
Ich lebe hier in einem Taumel von einem Tage zum andern, ohne Ruhepunkt oder Stillstand fort. Mein Gemut ist in einer ewigen Emporung, und alles vor meinen Augen hat eine tanzende Bewegung. Man urteilt nur dann uber das Leben am richtigsten, wenn man im eigentlichen Sinne recht viel lebt, nicht nur den Becher einer jeden Freude kostet, sondern ihn bis auf die Hefen leert, und so durch alle Empfindungen geht, deren der Mensch fahig ist. Mein Blut fliesst unbegreiflich leicht, und meine Imagination ist frischer.
Mit der ersten Gelegenheit denke ich meinen Willy nach England zuruckzuschicken; mit seinem altvaterschen Wesen und seiner gutgemeinten Uberklugheit fallt er mir zur Last. Er will mit aller Gewalt mein Freund sein, und es mochte hingehn, wenn er nur nicht den Bedienten ganz daruber vergasse. Als ich neulich spat in der Nacht, oder vielmehr schon gegen Morgen mit dem frohlichsten Rausche nach Hause kam, hielt er mir eine pathetische Rede, und verdarb soll geschehn.
Sie munterten mich ehedem auf, das Leben zu geniessen, und jetzt sind Sie zuruckgezogener als ich. Kommen Sie her, damit ich den verworrenen Rausch in Ihrer Gesellschaft geniesse, und meine Sinne noch trunkener werden. Ich bin eben bei unsrer Signora Bianca gewesen, die das Muster der Zartlichkeit ist, sie kann den teuren Rosa immer noch nicht vergessen, und spricht mit Enthusiasmus von ihm; Sie tun unrecht, das zartliche Geschopf so ganz zu vernachlassigen, ich habe noch viele andre Grusse zu bestellen, die Sie mir erlassen mogen, genug, Sie stehn bei allen unsern schonen Bekanntschaften im besten Angedenken. Ich bin auf heut abend zur schwarzaugigen Laura hinbestellt, die jetzt schon meine ganze Phantasie beschaftigt.
Wer kann die unbegreiflichen Launen zahlen und beschreiben, die im Menschen wohnen? Die seit einigen Wochen in mir erwacht sind, und aus meinem Leben das bunteste und wunderlichste Gemalde bilden? Frohsinn und Melancholie, seltsame Ideen in der ungeheuersten Verbindung, schweben und gaukeln vor meinen Augen, ohne sich meinem Kopfe oder Herzen zu nahern. Man nenne doch die schone Erwekkung der innersten Gefuhle nicht Rausch! man sehe nicht mit Verachtung auf den Menschen hinab, dem sich plotzlich in der glucklichsten Erhitzung neue Tore der Erfahrungen auftun, dem neue Gedanken und Gefuhle wie schiessende Sterne durch die Seele fliegen, und einen blaugoldnen Pfad hinter sich machen.
O Wein! du herrliche Gabe des Himmels! fliesst nicht mit dir ein Gottergefuhl durch alle unsre Adern? Flieht nicht dann alles zuruck, was uns in so manchen unsrer kalten Stunden demutigt? Nie stehn wir in uns selbst auf einer so hoch erhabnen Stufe, als wenn die Augen wie Sterne funkeln, und der Geist wie eine Manade wild durch alle Regionen der frechsten und wildesten Gedanken schwarmt. Dann pochen wir auf unsre Grosse, und sind unserer Seele und Unsterblichkeit gewiss, kein lahmkriechender Zweifel holt den fliegenden Geist ein; wir durchschauen wie mit Seherblicken die Welt, wir bemerken die Klufte in unsern Gedanken und Meinungen, und fuhlen mit lachendem Wohlbehagen, wie Denken und Fuhlen, Traumen und Philosophieren, wie alle unsre Krafte und Neigungen, alle Triebe, Wunsche und Genusse nur eine, eine glanzende Sonne ausmachen, die nur in uns selbst zuweilen so tief hinuntersinkt, dass wir ihre verschiedene Strahlenbrechung fur unterschiedene getrennte Wesen halten.
Spotten Sie nicht, Rosa, wenn ich Ihnen sage, dass jetzt eben diese Glut des Weins aus mir spricht: oder spotten Sie vielmehr, so viel Sie wollen, denn auch das gehort zu den Vortrefflichkeiten des Menschen. Ha! welche Wesen sind es, die das Tor Der dunkeln Ahndungen entriegeln? Was hebt den Geist auf goldbeschwingten Flugeln Zum sternbesaten Himmelsplan empor? Es schlagt der schwarze Vorhang sich zurucke, Und wundervolle Szenen tun sich auf, Seltsame Gruppen meinem starren Blicke: Gleich Traumerinnerung! mit frischem Glucke Beginn ich froh den neuen Lebenslauf! Ich fuhle mich von jeder Schmach entbunden, Die uns vom schonen Taumel ruckwarts halt, Die jammerlichen Ketten sind verschwunden, Mit Freudejauchzen sturzen goldne Stunden Rasch auf mich ein, und ziehn mich tanzend durch,
die Welt.
Es sammlen sich aus den verborgnen Kluften Die Freuden wie Manaden um mich her, Es klingen ungesehne Lieder in den Luften, Es wogt um mich ein ungestumes Meer, Und Tone, Jauchzen, Wonne schwebt auf
Blumenduften,
Und alles sturmt um mich, ein wildes Heer. Ich steh im glanzgewebten Feenlande, Und sehe nicht zur durren Welt zuruck, Es fesseln mich nicht irdischschwere Bande, Entsprungen bin ich kuhn dem meisternden
Verstande,
Und taumelnd von dem neugefundnen Gluck! Hinweg mit allen leeren Idealen, Mit Kunstgefuhl und Schonheitssinn, Die Stumper qualen sich zumalen, Und nagen an den durren Schalen Und stolpern uber alle Freuden hin. Hinweg mit Kunstgeschwatz und allen Musen, Mit Bilderwerk, leblosem Puppentand Hinweg! ich greife nach der warmen Lebenshand, Mich labt der schon geformt lebendge Busen. Ach, alles flieht wie trube Nebelschatten, Was ihr mit kargem Sinne schenken wollt: Nur der besucht Elysiums schone Matten, Nur dem ist jede Gottheit hold, Der keinem Sinnentrug sein Leben zollt. Der nicht in Lustgefilden schweift, Und sich an Dunstphantomen weidet, Durch kranke Wehmut und Begeistrung streift Nein, der die schlanke Nymphe rasch ergreift, Die sich zum kuhlen Bad entkleidet. Ihm ist's vergonnt zum Himmel sich zu schwingen. Es sinkt auf ihn der Gotter Flammenschein, Er hort das Chor von tausend Spharen klingen, Er wagt es zum Olymp hinaufzudringen, Und wagt es nur ein Mensch zu sein. Sie haben schon oft uber meine Verse gespottet, und hier gebe ich Ihnen eine neue und noch bessere Gelegenheit, denn ich habe die Silben und ihre Langen und Kurzen nicht nachzahlen mogen; ein so korrekter Kritiker, wie Sie, findet also fur seine Bemerkungen Stoff genug.
Ich durchschweife oft in meinen abenteuerlichen Stimmungen die Stadt, und labe mich in der magischen Nacht an den wunderbaren und ratselhaften Bildern der aussern Gegenstande. Oft schwebt die Welt mit ihren Menschen und Zufalligkeiten wie ein bestandloses Schattenspiel vor meinen Augen. Oft erschein ich mir dann selbst wie ein mitspielender Schatten, der kommt und geht, und sich wunderlich gebardet, ohne zu wissen warum. Die Strassen kommen mir dann nur vor, wie Reihen von nachgemachten Hausern mit ihren narrischen Bewohnern, die Menschen vorstellen; und der Mondschein, der sich mit seinem wehmutigen Schimmer uber die Gassen ausstreckt, ist wie ein Licht, das fur andere Gegenstande glanzt, und durch einen Zufall auch in diese elende lacherliche Welt hineinfallt.
Dann schweif ich im wundervollsten Genuss der Phantasie auf den freien Platzen und zwischen den Ruinen umher, und ergotze mich an den Gestalten, die vorubergehn und mein Gefuhl nicht kennen, und von mir nichts wissen. Am liebsten aber begleite ich irgendeines der voruberstreifenden Madchen, oder besuchte eine meiner Bekanntinnen und traume mir, wenn mich ihre wollustigen Arme umfangen, ich liege und schweige an Amaliens Busen. Nichts macht mir dann meine eingebildete, alte schwarmerische Liebe so abgeschmackt und lacherlich, als dieser vorsatzliche Betrug.
Wie seltsam wird mir oft, wenn ich einem Madchen nachfolge, die mich in ihre finstre enge Wohnung fuhrt, wo ein Kruzifix uber dem Bette hangt, und die Bilder der Madonne und von Martyrern neben Schminktopfen und schmutzigen Glasern mit Schonheitswassern; oder wenn ich im Gedrange von Lazzaronis und Handarbeitern in einer Herberge hinter einer andern stehe, und mit ebenso vieler Andacht den pobelhaften Spassen eines Pulicinello zuhore, mit der ich ehedem den Shakespeare sah. Das Leben ist nichts, wenn man es nicht auf die sinnlichroheste Art geniesst; der Widerschein der Wollust fallt auf alle Gegenstande, und farbt auch die uninteressantesten mit einem goldenen Schimmer. Amalie ist auch nur einer von den wandelnden Schatten, die Zeit ergreift sie ebenso, wie mich, und wirft das abgenutzte, veraltete Bild in ihre dunkeln Tiefen, in die kein Auge dringt, und wo die Marionetten von tausend Jahrhunderten in bunter Vermischung aufgehauft ubereinanderliegen.
Leben Sie wohl, und kommen Sie nach Rom, es ist endlich Zeit, kommen Sie gleich nach Empfang dieses Briefes; ein wiederkehrender Freund erregt eben die Empfindung in uns, wie dem Kinde der wiederkehrende Fruhling.
15
Willy an seinen Bruder Thomas
Rom
Jetzt muss ich fort, Thomas, ich muss nach England, oder der Gram macht, dass ich mich hier in dem fremden, fatalen Lande muss begraben lassen. Ach, wer hatte das wohl noch vor einem Jahre gedacht! Wer mir es gesagt hatte, den hatte ich fur einen Lugner gescholten, oder ihn wohl gar geschlagen, wenn es sich sonst hatte tun lassen. Aber kein Mensch kann auf solche Sachen fallen, das ist gewiss, weil bei der ganzen Geschichte der bose Feind sein Spiel haben muss, das glaube ich nunmehr gewiss und ganz festiglich. Ach Thomas, wenn man jetzt noch nach Dir schlagen und stossen wollte, Leute, die Du hast gross werden sehn, es wurde mir wie kalt Wasser durch die ganze Seele gehn, ja, und so muss Dir nun auch als einem redlichen Bruder zumute werden, wenn Du so was von mir horst, da ich noch alter bin, als Du bist. Mein Herr denke Dir, letzt kam er ganz betrunken nach Hause, wie er fast alle Tage oder Nachte tut, und ich hatte die ganze lange kalte Nacht auf ihn warten mussen; ich dachte an seinen alten kranken Vater, und Augen. Ich stellte ihm also seinen ganzen Lebenswandel vor, und dass er sich bessern und andern solle, ich sagte ihm so alles recht aus meinem alten ehrlichen Herzen heraus, und da, Thomas, lachte er mich aus, wie ein wahrer Heide. Da wurde ich denn auch hitzig, denn ich bin auch nur ein Mensch, lieber Bruder, und jetzt schon alt und schwachlich, gebrechlich und baufallig, ich fuhr mit so etlichen gottselichen Redensarten und Kernspruchen heraus, und da lieber Bruder, seit der Zeit ist mir, wie einem armen Sunder zumute, da schlug er mit dem kleinen Stocke nach mir, den er noch aus unserm lieben England mitgenommen hat, mit demselben Stocke, den ich ihm noch in London gekauft habe; hatt ich das wohl damals denken konnen!
Nun lasst es mir hier keine Ruhe mehr, ich habe viel geweint, denn ich bin einmal etwas weibisch, ich kann es immer nicht vergessen, und der junge Lovell kommt mir nun ganz anders vor; ich kann ihn nicht mehr mit derselben Liebe ansehn, ich bin so kleinmutig und so gedemutigt, als wenn ich jemand ermordet hatte, welches Gott zeit meines Lebens verhuten moge.
Und sollt ich zu Fuss nach England gehn, so muss ich jetzt fort, und sollt ich heimlich wie ein Schelm fortlaufen, so kann ich nicht hierbleiben. Ach Bruder, stirb mir ja nicht vorher, denn sonst hatt ich gar keine Freunde auf dieser Erde mehr, sondern lebe im Gegenteil recht wohl, bis Dich mundlich wiedersieht
Dein armer Bruder Willy.
16
Eduard Burton an William Lovell
Bondly.
Deine Briefe, so wie der Gedanke an Dich betruben mich seit einiger Zeit ausserordentlich. Ach William, ich mochte Dir alles schicken, was Du mir ehemals geschrieben hast, dann solltest Du Dich selbst wie in einem Gemalde betrachten, und Dich fragen: Bin ich diesem Bilde noch ahnlich? Aber ich furchte, Du wirfst alles ungelesen ins Feuer, obgleich die Tat wahrlich ein Mord an der Liebe zu nennen ware.
Durch Deine Abtrunnigkeit von unserm Bunde bin ich gedemutigt, ich fuhle mich verstossen und enterbt, und seh, indem ich schreibe, uber die Wiese nach der mittagigen fernen Gegend, als wenn Du dort vom Hugel herunterkommen musstest, als wenn dann die ganze ehemalige Zeit wieder da ware.
Sollten wir denn aber wirklich ganz voneinandergerissen sein? Ach ja, es ist, denn ich erkenne in Deinem Briefe den Lovell nicht wieder, den ich ehemals liebte. Damals war Dein Leben und Deine Art zu fuhlen, wie ein sanfter Bach, den meine Wellen mit einer stillern und unmusikalischern Melodie begleiteten schrocken aus dem Wege trete.
Eine schwarze Ahndung geht mir durch die Seele, dass Du vielleicht den altvaterischen lahmen Ton in meinem Briefe belachst, und mir mit einer neuen, noch frechern Dithyrambe antwortest. Aber wenn Du es nun deutlich bemerkt hast, wie vieles, was man wahr und gross nennt, in sich selbst zusammenfallt, wenn man den Grund des Gebaudes untersuchen will; so wage es nun auch, Dich selbst wie ein Mann anzuruhren, und den Stoff Deiner eigenen Gedanken naher zu betrachten. Sei aufrichtig gegen Dich selbst, und Du findest dann vielleicht, dass Du in denselben Fehler gefallen bist, den Du so hitzig vermeiden wolltest, dass Du ein eifriger Systematiker bist, indem Du auf alle Systeme schmalst.
Hast Du wohl den wahren Gesichtspunkt, wenn Du jetzt mit so vielem Mutwillen, mit solcher verachtenden Ereiferung uber Dein voriges Leben sprichst? Wir sollten doch immer daran denken, dass jede unsrer jetzigen Meinungen mit einer fruheren zusammenhangen muss, dass die vorhergehende die spatere erzeugt, und dass aus unsern jetzigen Ideen wieder neue hervorgehen werden und mussen, und dass wir uns so durch unmerkliche Abstufungen endlich wieder einer langst veralteten Vorstellungsart nahern konnen: alles dies sollte uns bewegen, nicht immer aus den vorigen Wohnungen unsrer Seelen Ruinen zu schlagen, um aus dem jetzigen Palaste mit lachendem Spotte auf sie hindeuten zu konnen. Wie den Aufenthalt meiner Kindheit, wie meine alten Bilderbucher liebe ich alles, was ich einst dachte und empfand, und oft drangt sich eine Vorstellung aus den fruhsten Knabenjahren auf mich ein, und belehrt mich uber meine jetzigen Ideen. Der Mensch ist so stolz, sich fur vollendet zu halten, wenn er sein ganzes voriges Leben fur verworfen ansieht und wie ungluckselig musste der sein, der nicht mit jedem Tage etwas Neues an sich auszubessern fande, der das schonste und interessanteste Kunstwerk ganzlich aufgeben musste, mit dem sich die menschliche Seele nur immer beschaftigen kann: die allmahlige hochstmogliche Vollendung ihrer selbst.
Was soll ich Dir sagen, William? Ich fuhl es, dass alle Worte vergebens sind, wenn sich der Gegner einer eigensinnigen, rechthaberischen Sophisterei ergeben hat, die doch nur einseitig ist. Diese mit der Leidenschaft verbunden, ist der Sirenengesang, dem vielleicht kein Sterblicher widerstehen kann, wenn er nicht wie der griechische Held von der Unmoglichkeit zuruckgehalten wird. Und es kann sein, dass auch dann die giftigen Tone durch das ganze Leben nachklingen, dass die Seele bestandig wie eine versengte Ahre, selbst im Wachstume, die Spur davon behalt. Dein Vater ist sehr krank, und ich fuhle, dass ich es auch werden kann, wenn ich recht lebhaft an Dich denke; wir gewohnen uns so leicht daran, das Ungluck, das wir nicht wirklich vor uns sehen, als eine poetische Fiktion zu betrachten, dass alle Jammertone gleichsam unbefiedert in uns anschlagen. Aber wenn ich mich dann zu Dir hinversetze, wenn mir die Bucher in die Hand fallen, die wir ehemals zusammen lasen, und ich noch einzelne Papierzeichen finde, oder angestrichne Stellen von Dir entdecke O komm zuruck, komm zuruck, William! Gedenke der sussen Harmonieen, die Dich sonst umschwebten, ein frommer kindlicher Sinn wohnte Dir im Busen, Du machtest Dir das Kleinste gross, und vergassest daruber das Grosse; ach vergib, dass ich Dich damals so oft dieses zarten Kunstsinns wegen schalt, ich sehe jetzt mit Bedauern ein, dass die Seelen feinere Fuhlfaden haben, die sich um Tautropfen und Lilien mit Wohlbehagen legen, als die sich an Felsen ansaugen mussen, um mit einer ungeheuren Masse ein Wesen zu werden, damit sie sich selber interessieren. Ich dachte Dich dahin zu lenken, wo ich zu stehen glaubte, und Du bist nun, wie mit zu stark gewachsenen Flugeln, unwissend uber das Ziel hinausgeflogen, das ich Dir setzen wollte.
Wenn Dir jetzt Deine ehemalige Liebe so abgeschmackt erscheint, in welchem Lichte muss dann unsre Freundschaft vor Dir stehn? War sie nicht auch ein Werk jugendlicher Begeisterung, das Bedurfnis einer schonen Eingeschranktheit des Gemutes? War ich nicht etwas eifersuchtig, als ich zuerst Deine Neigung zu Amalien bemerkte? Ach Lieber, untersuche doch ums Himmels willen nicht die kleinen Widerspruche, die so oft in unsern edelsten Neigungen und Gefuhlen liegen. Es ist der grune duftlose Stengel der Blume, aber beide konnen nur zusammen existieren. Was ist der Mensch nach Deinen Ideen, die sich doch in sich selber widersprechen? Die nichtswurdigste Verbindung seelenloser Glieder was gibt Dir denn nun diesen feurigen Enthusiasmus fur Deine Meinung, wenn Du nichts mehr, als diese verworfene Maschine bist? Und konntest Du ihn ohne jene edlere Gefuhle haben; so warst Du eben durch diese trunkene Schwarmerei das verachtlichste unter allen denkbaren Wesen.
Uberlege, dass das Leben eines so reizbaren Geistes, als der Deinige ist, nur einer magischen Laterne gleicht, die an der Wand die bunten Gegenstande abspiegelt, die ihr vorgehalten werden; dass es nur Sinnenreiz ist, was aus Dir spricht, nicht die innere, durch Gefuhl und Nachdenken gereifte Uberzeugung. Gib mir wenigstens zu, dass dies moglich sein kann, und untersuche Dich genauer, und kehre zuruck, wenn Du es so findest. Ach es sind vielleicht nur die wiederholten Spruche eines kalten, verschlossenen Freundes, der mich aus Deinem Herzen verdrangt hat, dessen Philosophie nichts als ein blendendes Feuerwerk sein soll, das seine Eitelkeit seinen Freunden gibt, und die Du, torichter Jungling, aus ubelverstandener Anhanglichkeit in Dein Herz aufnimmst. Oh, vergib mir, William, es ist wahrlich nicht Harte, die aus mir spricht, nur mein herzliches Gefuhl, das ich mir und Dir unmoglich verbergen kann.
Gib Deiner Seele einmal das traurige Fest, lass die wehmutigen tragischen Empfindungen ungehindert zu Dir kommen, und denke recht lebhaft mich, Deinen Vater und Amalien! denke sie mit der Fruhlingsempfindung wieder, wenn Du jemals fur sie empfunden hast, und Deine ganze Liebe nicht Affektation war. Mir schien es, als wurde Dir in einem Deiner letzten Briefe die Entsagung Amaliens gar zu leicht, weil Du nun um so erlaubter Deine neue Lebensbahn antreten konntest. Wie komme ich zu diesem Argwohn gegen meinen William? Ja, in manchen Augenblikken tritt es, wie der bose Feind, zwischen uns, und will mein Herz ganz dem Deinigen abwendig machen; aber es soll gewiss nicht geschehn.
Warest Du mir nicht zu wichtig; so konnte ich Dir noch von meinem und Deinem Vater manche Umstande schreiben, Dich auf manches vorbereiten, Dir zeigen, wie oft mit dem Unglucke das Gluck des Menschen zusammenhangen konne: aber ich will lieber schliessen. Findest Du noch einiges Interesse fur Deine ehemaligen Wunsche, so soll Dich der nachste Brief von mir weitlauftig daruber unterrichten.
Lebe wohl, lebe wohl, teurer William! antworte mir bald, und zeige mir, dass Du noch etwas von Deinem ehemaligen Gefuhle fur Deinen Eduard ubrig hast. Es ist mir angstlich den Brief zu schliessen, weil ich nicht weiss, ob ich Dich im mindesten uberzeugt habe, aber ich kann kein Wort mehr hinzusetzen. In manchen Rechtshandeln des Lebens kann nur das Gefuhl allein das Wort fuhren, ein Handedruck, eine Trane ersetzt eine ganze Abhandlung ach und meine Tranen kannst Du ja nicht sehn, die Seufzer hab ich nicht niedergeschrieben.
17
William Lovell an Eduard Burton
Rom.
Ja, Freund, Geliebter, Einziger, ich will, ich muss Dir antworten. Welchen Eindruck hat Dein Brief auf mich gemacht! O wie ein Gewitter ist jedes Wort durch meinen Busen gegangen, und die Fruhlingssonne ist auf einzelne Momente zwischen den Regenschauern zuruckgekehrt. Ich wollte Dir so vieles sagen, und weiss nun keine Worte zu finden. Ich bin beklemmt, die Angst drangt mein Blut nach der Kehle ach, ein Blutsturz wurde mir Linderung schaffen, und meinem Herzen ein Labsal sein. Und doch konnt ich nicht froh sein, ich mochte mein ganzes Dasein in sturzenden Tranengussen dahinweinen, um nur der druckenden Burde des Lebens loszuwerden. Wenn ich an mein voriges Gluck denke, und der gestrige Taumel noch wie ein Dampf voll ungeheurer Gestalten vor meinen truben Augen zittert Du hast gewaltig an die Kette gerissen, die unsre Seelen aneinanderbindet; die Wunde, die sich gespaltet hat, ist schmerzhafter, als jene, die Du hast heilen wollen.
Ach Eduard, wenn ich nicht meinen Vater furchteals reuiger und beschamter Sunder vor Amaliens Fussen nieder, dass sie mir vergabe, oder ich den Tod von ihrer Hand empfinge.
Es ist wie Wetterleuchten am Horizont meines Lebens wie Glocken, die aus der Ferne den Gotteslasterer zur Kirche und zur Strafe rufen. Vergib Du mir zuerst, mein Eduard ach, weiss ich denn nicht, dass, wenn mein Schicksal in Deiner Hand stande, ich der Glucklichste der Menschen ware!
Mocht ich wenigstens nicht wieder von diesem Taumel der Angst erwachen, die mich allmachtig ergriffen hat ach ich fuhle schon jetzt die dustere entsetzliche Leere, die ihr folgen wird. Lebe wohl, Teurester meiner Seele, und erquicke mich durch Deine Briefe, so wie Du mir durch diesen den letzten Mut entrissen hast.
Ich kann nicht weiter.
18
Der Advokat Jackson an den Baron Burton
London.
Hochwohlgeborner Herr!
Ich bin den Befehlen, die mir Ew. Gnaden neulich zukommen liessen, auf das treulichste gefolgt. Soviel es von mir abhangen konnte, habe ich den Gang des Prozesses beschleunigt, und ich bin fest uberzeugt, dass ich jetzt so viel getan habe, als nur in meinen Kraften stand. Dieselben werden auch Ihre neulichen Briefe allbereits zuruckerhalten haben, so dass ich den Befehlen, die Sie mir erteilten, die genauste Folge geleistet habe.
Jetzt hat sich nun ein Vorfall ereignet, der den ganzen Prozess in kurzer Zeit vollig beendigen konnte, aber leider zu Ew. Gnaden Nachteil. Neulich sass ich noch spat in der Nacht in einem Zimmer auf dem Lovellschen Landgute, das mir der Besitzer eingeraumt hat, um dort zu arbeiten. Man hat mir die Erlaubnis gegeben, alles zu durchsuchen, wo ich irgend nur Belege und Papiere zur Aufklarung der Sache zu finden hoffte. Ich hatte schon ganz, so wie mein Patron, die Hoffnung aufgegeben, die bewussten Dokuten, jemals aufzufinden, ich hatte schon alles durchforscht, was mir zu meinem Endzwecke nur irgend merkwurdig schien. Jetzt geriet ich in der Nacht uber eine Schublade, die ich schon oft aufgezogen habe, und entdecke in dieser einen verborgenen Kasten, ich offne ihn mit zitternder Hand, und finde, dass mich meine Ahndung nicht betrogen hatte. Die bewussten wichtigen Dokumente sind nunmehr in meiner Hand.
Ich wurde es fur Ungerechtigkeit halten, wenn ich nunmehr sogleich den Prozess zu Lovells Vorteil beendigte, wie es jetzt allerdings nur eine Kleinigkeit ware. Ich glaubte, ich sei es Ew. Hochwohlgeboren schuldig, Denenselben zuvor wenigstens von dieser Begebenheit Nachricht zu erteilen, um zu erfahren, ob Sie nicht noch vielleicht neue und wichtige Grunde vorzubringen hatten, die nachher etwas von ihrer Kraft verlieren mochten: oder ob Dieselben nicht uberhaupt zuvor die Dokumente in Augenschein nehmen wollten, um ihre Rechtmassigkeit zu prufen. Ich darf sie aber auf keinen Fall der Post anvertrauen, und Ew. Gnaden haben mir, einen Boten zu senden, ausdrucklich untersagt: es bleibt mir also kein andrer Weg ubrig, als Ew. Gnaden zu ersuchen, die Reise hieher selber zu machen, oder mich nach Bondly kommen zu lassen; oder ich konnte Ihnen auch auf dem halben Wege bis Nottingham entgegenkommen. Ganz, wie Sie es befehlen.
Bis ich das Gluck gehabt habe, Ew. Gnaden personlich zu sprechen, bleibt dieser ganze Vorfall ubrigens ein Geheimnis.
Dass ich es nicht am Diensteifer habe fehlen lassen, wird ein so scharfsichtiger Beobachter, als Ew. Gnaden sind, gewiss nicht zu bemerken unterlassen haben; wie sehr ihn Dieselben werden zu schatzen wissen, dies zu erfahren, hangt von der ersten mundlichen Unterredung ab, der ich mit grossen Erwartungen entgegensehe. In der tiefsten Verehrung habe ich die Ehre mich zu nennen
Ew. Gnaden treuergebenster Diener
Jackson.
19
William Lovell an Rosa
Rom.
Sie fragten mich gestern, was mir fehle. Was hilft es mir, wenn ich nicht ganz aufrichtig bin? Ich will es Ihnen gestehen, dass ein Brief des jungen Burton mir allen Mut und alle Laune genommen hatte. Die Vergangenheit kam so freundlich auf mich zu, und war so glanzend, wie mit einem Heiligenschein umgeben. Sie werden sagen: Das ist sie immer, und zwar aus keinem andern Grunde, als weil sie Vergangenheit ist. Aber nein, es lag noch etwas anders darin, ein Etwas, das ich nicht beschreiben kann, und das ich um alles nicht noch einmal fuhlen mochte.
Sie werden vielleicht die Erfahrung an sich gemacht haben, dass nichts uns so sehr demutigt, als wenn uns plotzlich uber irgendeine Sache oder Person die Augen aufgetan werden, die wir bis dahin mit Enthusiasmus verehrt, ja fast angebetet haben. Der nuchterne Schwindel, der dann durch unsern Kopf fahrt, die Nichtswurdigkeit, in der wir uns selbst erscheinen, alles dies und Reue und Missbehagen, alle uble Launen in einem truben Strome, alles sturzte auf mich Alles, was ich empfunden und gedacht hatte, ging wie in einem alles verschlingenden Chaos unter; alle Kennzeichen, an denen ich mich unter den gewohnlichen Menschen heraushob, gingen wie Lichter aus, und plotzlich verarmt, plotzlich zur Selbstverachtung hinabgesunken, war ich mir selbst zur Last, und Himmel und Erde lagen, wie die Mauern eines engen Gefangnisses, um mich.
Ich erinnerte mich jetzt der trubseligen Augenblikke, die mich so oft im heftigsten Taumel der Sinne ergriffen hatten; der widrigen Empfindungen, die so oft schon mein Herz zusammenzogen, so vieler Vorstellungen, die mich unablassig wie Gespenster verfolgt hatten. Wozu bin ich so umstandlich? Bloss um Ihnen zu zeigen, wie aufrichtig ich bin; ich weiss, Sie werden meine Schwache verachten, aber dem Freunde muss man keine Torheit verbergen. Heilen Sie mich von meinen Albernheiten, und beweisen Sie dadurch, dass ich Ihnen nicht gleichgultig bin.
Doch ich eile zu einer Begebenheit, die wichtiger ist, und die mich im Grunde schon alles hat vergessen lassen. Ich durchstreifte in der Dammerung die Stadt; mir fiel ein, wie sehr ich mich in meiner Kindheit und Jugend hiehergesehnt hatte; mit diesen Empfindungen begrusste ich die Kirchen und Platze, und verlor mich aus der belebten Stadt in die einsamen unangebauten Gegenden. So ging ich durch die stille Flur und geriet endlich an die Porta Capena, oder Sebastiana. Ich ging hindurch.
Traumend verfolgte ich meinen Weg. Da stand ich vor dem runden Grabmal der Cacilia Metella, das schauerlich im Dunkel leuchtete; dahinter die vielfachen Ruinen, wie eine zerstorte Stadt, wo durch die Straucher, die zwischen Fenster und Turen gewachsen waren, Wolken von Feuerwurmchen schwarmten. Hinter Hugeln versteckt lag eine kleine Hutte, in welcher die Fenster hell und freundlich brannten. Ich hatte einen unwiderstehlichen Trieb nach diesem Hause hin, und fand einen kleinen Fusssteig. Die Tone einer Laute kamen mir silbern durch die stille Nacht entgegen, und ich wagte nicht, den Fuss horbar aufzusetzen. Baume flusterten geheimnisvoll dazwischen, und vor dem Hause goss sich ein goldner Lichtstreif durch das kleine Fenster auf den grunen Rasen. Jetzt stand ich dicht vor dem Fenster, und sah in eine kleine, nett aufgeputzte Stube hinein. Eine alte Frau sass in einem abgenutzten Lehnstuhle, und schien zu schlummern; ihr Kopf, mit einem reinen weissen Tuche umwickelt, nickte von einer Seite zur andern. Auf einem niedrigen Fussschemmel sass ein Madchen mit einer Laute; ich konnte nur das freundliche Gesicht sehen, die kastanienbraunen Locken, die unter einer Kopfbinde zuruckgepresst waren, die freundlichen hellen Augen, die frische Rote der Lippen
Ich stand wie bezaubert, und vergass ganz, wo ich war. Mein Ohr folgte den Tonen, und mein Auge jeder Bewegung des Madchens. Ich sah wie in eine neue Welt hinein, und alles kam mir so schon und reizend vor, es schien mir das hochste Gluck in dieser Hutte zu leben, und dem Saitenspiele des Madchens zuzuhoren, dem Geschwatze der Alten und den kleinen Grillen in den Wanden. Das Madchen stand auf, das Licht zu putzen, das heruntergebrannt war, und ich ging scheu zuruck, denn sie trat dicht ans Fenster. Der schlankeste Wuchs, die Umrisse, wie von dem Busen der Grazien entlehnt, sogar den weissesten Arm konnte ich noch auf meinem schnellen Ruckzuge bemerken. Ich wagte es nicht, naher zu kommen, und sah nur Schatten hin und her fahren und uber den Rasen hinzittern.
Die Lautentone waren jetzt verstummt, und als ich endlich wieder naher trat, sah ich eben die Alte durch eine kleine Tur in die angrenzende Kammer wanken. Das Madchen stand mit herabrollenden Locken in der Mitte des Zimmers, und loste halbschlafrig das Busentuch auf. O Rosa, ich habe bis jetzt noch gar kein Weib gesehn, ich habe nicht gewusst, was Schonheit ist; gehen Sie mit Ihren Antiken und Gemalden; diese lebendigen, schongeschlungenen zarten Umrisse hat noch kein Maler darzustellen gewagt. Plotzlich sah sie auf, wie aus einer Zerstreuung erwachend, und trat ans Fenster. In demselben Augenblicke taten sich Fensterladen vor, und das Licht und die herrliche Szene, die es beleuchtet hatte, verschwand.
Ich fuhr wie aus einem Traume auf; wie man im Bette nach dem Gegenstande fasst, von dem man getraumet hat, so sah ich mich betaubt nach allen Seiten um, sie zu entdecken. Ich taumelte in die Stadt zuruck, und traumte die ganze Nacht nur von dem schonen unbekannten Madchen.
Heute am Morgen war mein erster Weg durch die Porta Capena. Es war mir schwer, die Hauser zu entdecken, so in Traumen verloren war ich gestern. Endlich fand ich sie auf. Aber es war mir doch alles anders. Ein kleiner Garten, fast nicht grosser, als mein Zimmer, ist neben dem Hause mit einem bauerischen Staket umgeben, darin stand das Madchen; ich kannte sie gleich wieder, und mein Herz schlug schon, noch ehe sie mein Auge sah. Aber aller Verstand und alle Uberlegung verliess mich, ich wagte es kaum, das gottliche Geschopf zu grussen; sie dankte fremd warum lachelte sie mich nicht an? Ihr Lacheln muss wohltun, wie die Fruhlingssonne. Sie war fort, als ich wieder umkehrte. Ich habe keine Ruhe, ich werde heut am Abend wieder dort sein; wenn ich in der Gegend stehe, ist mir zumut, wie in meiner Kindheit, wenn ich die schonen und abenteuerlichen Marchen horte, die die jugendliche Phantasie ganzlich aus dieser Welt entrucken.
20
Emilie Burton an Amalie Wilmont
Bondly.
Meine Meinung, geliebte Freundin, meinen Rat wollen Sie haben? Wissen Sie auch, welche gefahrliche Rolle Sie mir da zuteilen? Denn ohne Zweifel ist es gefahrlich, beim wichtigsten Schritt des Lebens den Ratgeber spielen zu wollen, und wenn ich recht aus dem Herzen Ihnen schreiben soll, wie ich denke, so muss ich furchten, Ihnen Schmerz zu erregen. Aber wahre Freunde sollen nur einen Busen und ein Herz haben, und darum will ich es wagen, zu Ihnen ganz wie zu mir selbst zu sprechen.
Liebste, ich habe langst fur Sie dem Himmel im stillen gedankt, dass der charakterlose Lovell sich von Ihnen zuruckgezogen, dass er Sie vergessen hat. Ihre Jugend, Ihre Unerfahrenheit und Wohlwollen hat Sie uber ihn und Ihre Empfindungen getauscht. Er ist ein Elender, der keine Liebe verdient, am wenigsten meiner Freundin zartes und treues Herz. Ja, Geliebte, sehn Sie Ihre Verblendung fur ihn als Krankheit an, und tun Sie zu Ihrer willigen Genesung die letzten Schritte, wenn auch Ihr Herz noch etwas dabei leiden wahrhaft liebt. Gehn Sie dreist einem sichern ruhigen Gluck entgegen, und nach einiger Zeit werden Sie sich wundern, dass Sie jetzt nur irgend zweifeln konnten. Sehn wir doch auf das Spielzeug unserer Kindheit mit Lacheln hinab. Ja, Geliebte, nicht Ihre Empfindungen, aber den Gegenstand Ihrer Empfindungen werden Sie verachten lernen: wenigstens weiss ich gewiss, dass ich in Ihrer Lage so fuhlen und handeln wurde. Nun vergeben Sie mir aber auch aus vollem Herzen, wenn ich Sie irgend kranke, so wie ich aus vollem Herzen gesprochen habe.
21
Mortimer an Karl Wilmont
London.
Mit Erstaunen hab ich von Deiner Schwester gehort, dass Du schon wieder, und zwar von neuem nach Bondly gereist bist! O Du unsteter Landstreicher! Mochtest Du doch auch erst einen Ort gefunden haben, wo Du Lust bekamest, Dich anzusiedeln. So bist Du mir nun schon wieder entlaufen, ehe ich noch angefangen habe, Dich recht zu geniessen.
Wunsche mir Gluck, Karl, denn alles was ich wunschte, ist nun in Erfullung gegangen. Deine Schwester hat sich plotzlich entschlossen, sie will die Meinige werden. Ich danke Gott, dass es endlich so weit gekommen ist. Die Verlobung ist bei Deinen Eltern gestern gefeiert, und in einem Monate ohngefahr zieh ich nach dem kleinen Landgute in der Nahe von Southampton, und feire dann meine Hochzeit mit Amalien. Ich versetze mich schon ganz in die stillen hauslichen Szenen, und ertraume mir nicht das Gluck aus einem Feenlande, sondern rechne nur auf ein kleines, irdisches Gluck, und das wird mir nun gewiss nicht fehlen. reizendsten Spaziergange; ich will nun dort nach meinem Herumstreifen den landlichen Freuden leben.
Was Deine Schwester so plotzlich bestimmt hat, weiss ich nicht. Meine ausdauernde Liebe, mein Gefuhl, das sich immer gleich blieb, scheint sie endlich uberzeugt zu haben, dass nur dies die wahre Liebe sei. Ich habe Dir heute nichts mehr zu sagen. Lebe wohl.
22
Karl Wilmont an Mortimer
Bondly.
Ja wohl bin ich wieder Dir und der Stadt entlaufen. Aber ich verdiente auch wahrhaftig nicht den unbedeutendsten Blick von Emilien, wenn ich eine so schone Gelegenheit ungenutzt gelassen hatte. Du weisst, dass der alte Burton seines Prozesses wegen in London war: da er gerade einige Hauser in der Nachbarschaft besuchte, kam er auch zu uns. Er war ausserordentlich vergnugt, und dann sind die Menschen gewohnlich hoflich und freundlich; er liess sich mit mir in ein weitlauftiges Gesprach ein, und da ich ihm unter andern erzahlte, ich hatte schon langst die schonen Seen in Northumberland besuchen wollen; so schlug er mir vor, es jetzt beim schonsten Fruhlingswetter zu tun, und ihn bis Bondly zu begleiten. Ich versprach es, ohne mich zu bedenken, und musste Wort halten; und so rollte ich schon am folgenden Morgen mit leichtem Herzen durch die Vorstadt von London. Und wie vergnugt bin ich daruber, dass ich nicht ein so grosser Narr gewesen bin, zuruckzubleiben. Emilie Wir haben viel miteinander gesprochen, wir sind sehr zartlich gewesen, und es kommt mir nun ganz narrisch vor, dass ich ordentlich wieder abreisen soll. Indessen darf ich doch nicht zu lange hierbleiben, um mir kein Dementi zu geben; ich muss sogar nach Northumberland reisen, um dem Vater und allen Menschen nicht wie ein Narr vorzukommen.
Wie manches in der Welt muss man nicht bloss andern Leuten zu Gefallen tun! Indes mag auch dies unangenehme Geschaft noch vorubergehn, wie so viele andere; es ist hier schon, ich will die paar Tage, die ich hier zubringe, recht geizig geniessen, und fur die Zukunft den Himmel sorgen lassen. Denn wie es am Ende noch mit meiner Liebschaft ablaufen soll, kann ich wahrhaftig nicht einsehn.
Wer weiss aber, wie wunderbar sich manchmal alles fugt! Ich habe Leute gekannt, die auf einen Gewinst, den sie im Lotto hofften, Schulden machten; sie waren weise, und ich will ihnen nachahmen. Und Du bist also mit meiner Schwester jetzt wirklich verheiratet? Ich wunsche Dir Gluck aus vollem Herzen, und werde Euch nachstens auf Eurem angenehmen Landhause besuchen. Lebe wohl, Du gesetzter Mann, aus den Bergen in Northumberland erhaltst Du wieder einen Brief von mir.
23
Amalie Wilmont an Emilie Burton
London.
Ich bin Ihrem Rate gefolgt, liebste Freundin, um nur endlich der marternden Unruhe loszuwerden. Ich bin mit Mortimer verlobt, und fuhle mich recht froh und leicht. Sie haben recht, es sind meistenteils nur krankliche Einbildungen, mit denen wir uns angstigen, Sorgen, deren zehnter Teil nur aus Wirklichkeit besteht, das ubrige ist Traumgestalt. Ich denke mir jetzt mein zukunftiges Leben recht schon und froh. Mortimer ist weit herzlicher, als ich je von ihm geglaubt hatte, denn er freute sich uber meine Einwilligung so sehr, dass es mich bei einem so gescheiten Manne ordentlich uberraschte. Er findet mich gewiss viel zu gut und verstandig; ich weiss es zu gut, dass ich kindisch und voller Torheiten bin: ach, wenn er sich nur nicht so mit mir betrogen findet, wie ich mich an Lovell geirrt habe.
Wir werden beide kunftig recht einsam wohnen, in keiner grossen Stadt, selbst von einer grossen Heerstrasse abgelegen. Ach, so wird ja nun endlich doch mein Lieblingswunsch erfullt, in der freien Natur zu leben. keiner grossen Gesellschaften; ich wunsche, dass uns niemand besuche, als gute Freunde, so wie Sie und Ihr Bruder, dann wollten wir dort einmal das schone Leben von neuem fuhren, das ich bei Ihnen im vorigen Fruhjahre genoss, als ich zuerst Lovell kennenlernte.
Doch, ich wollte ja nicht mehr an ihn denken. Ich soll mich ja mehr in meiner Gewalt haben, wie Sie mir selbst geraten haben. Ich finde auch, dass ich es so ziemlich gelernt habe: nur manchmal widerstreben mir torichte Erinnerungen. O ich werde gewiss, auch wenn ich zuweilen an Lovell denke, an Mortimers Seite glucklich sein. Er kommt mir jetzt immer vor, wie ein gestorbener Bruder, und ich muss noch manchmal weinen, aber es sind nicht mehr die brennenden Tranen, die ich ehemals vergoss.
Sie sehen, dass ich immer bleibe, wie ich war. Ich habe Sie schon oft um diesen schonen graden Sinn beneidet, den ich nie erlangen werde.
Mein Bruder hat Ihren Vater nach Bondly begleitet, und mich dunkt, ich habe die Ursache erraten. Sind Sie gar nicht begierig, sie zu wissen? Doch still, ich darf wohl uber meine, aber nicht uber die Geheimnisse andrer Leute schwatzen. Das letztere ist unerlaubt, wenn das erste nur kindisch ist.
24
Rosa an William Lovell
Tivoli.
Sie dauern mich mit Ihrer neuen Liebschaft. Rosaline mag nach Ihrer Beschreibung ein ganz hubsches Madchen sein, aber Sie sind und bleiben doch wahrhaftig ein Schwarmer. Und die Not, bekannt mit ihr, und von ihr erhort zu werden! Lieber Lovell, haben Sie denn Ihren ganzen Cursum mit so geringem Nutzen gemacht? Es ist hochst unrecht, dass Sie noch von irgendeinem Madchen konnen in Verlegenheit gesetzt werden.
Wenn Sie einmal so sehr von ihr entzuckt sind, so mussen Sie alles versuchen, ihr naherzukommen. Es gibt nichts Verdriesslichers, als Leute zu sehn, die ein Gut uber alles wunschen, und nicht die kleinsten Mittel anwenden, seiner habhaft zu werden. Ich wollte, ich konnte Pandarus sein, um meinen armen Troclus zu beruhigen. Wenn gar nichts helfen sollte (woran ich zweifle), mussen Sie ihr die Ehe versprechen; am dritten Tage glaubt sie das Marchen, und am vierten ist sie die Ihrige. Am zehnten spatestens wird sie Ihnen denn doch nicht mehr wie eine Gottheit erschei
Nehmen Sie meinen Brief nicht ubel; ich bin hier durch einen Zufall in eine Stimmung versetzt, in welcher mir Ihre Anbetung eines kleinen unbedeutenden Madchens notwendig kindisch erscheinen muss.
Wenn mancher von unsern armseligen Bekannten dies Billet sahe, wurde er mich mit hochweiser Miene Ihren Verfuhrer nennen, und wunder meinen, wie viel er dabei dachte. Ich hore von so manchen Menschen dies unschuldige Wort auf so unschuldige Leute anwenden, dass ich jetzt immer daruber lachen muss. Es gibt keinen grossern Unsinn, als zu glauben, dass der Verstand auf unsre Gefuhle und Handlungen Einfluss habe, und nun gar, dass eine fremde Idee jemals die meinige werden konne, wenn ich sie nicht schon vorher gehabt habe.
Leben Sie wohl, und geben Sie mir von Ihren Progressen Nachricht. Ich werde dieses Abenteuer als den guten oder schlechten Plan einer Komodie ansehn; zeigen Sie sich daher im dramatischen Fache, wenigstens als ein ebenso guter, wo moglich noch besserer Dichter, als Sie bis jetzt im Lyrischen getan haben.
25
William Lovell an Rosa
Rom.
Es ist alles vergebens. Ich bin mir in meinem Leben noch nicht so einfaltig vorgekommen, als seit einigen Tagen. Oder sollte das seltsame Ding, was in einem Lande Schande, im andern Ehre bringt, woran keiner glaubt, und wogegen die ganze Natur sich emport sollte die sogenannte weibliche Tugend hier wirklich einmal kein Vorurteil sein? Und doch ist es nicht moglich, mein Benehmen ist nur linkisch und ungeschickt. Das Madchen mit diesen glanzenden Augen muss Temperament haben, nur versteh ich nicht die Kunst, Sinnlichkeit, Eigenliebe und Eigennutz bei ihr auf die wahre Art in Bewegung zu setzen.
Spotten Sie ubrigens, wie Sie wollen, es ist gewiss ein himmlisches Geschopf!
26
William Lovell an Eduard Burton
Rom.
Ich bin Dir noch die Nachricht schuldig, dass ich mich jetzt besser befinde, und dass ich nunmehr bei kalterem Blute Deinen Brief grundlicher zu verstehen glaube. Was Du gegen meine Ideen sagst, ist sehr wahr und gegrundet; allein jeder Mensch hat seine eigene Philosophie, und die langsamere oder schnellere Zirkulation des Blutes macht im Grunde die Verschiedenheit in den Gesinnungen der Menschen aus. Daher hast Du in Deiner Person vollig recht, und ich in der meinigen nicht unrecht. Das ist eben das Hohe in der menschlichen Seele, dass sich ihr einfacher Strahl in so unendlich mannigfaltige Farben brechen kann; ich gebe Dir zu, dass keine von allen die wahre sei, aber ebensowenig kannst Du behaupten, jene ist ganz verwerflich, weil jedes Auge jede Farbe anders sieht, und Du das vielleicht blau nennst, was mir als rot erscheint.
Doch wir wollen daruber nicht weiter disputieren. Du irrst aber darin vollig, wenn Du meinst, dass meine Gedanken nur Wiederholungen von fremden sind. verachtet, die nur das Echo andrer sind, denn ihnen fehlt das Kennzeichen der Menschen; in die Klasse dieser klaglichen Geschopfe wirst Du mich hoffentlich niemals geworfen haben; und dann liesse sich wohl immer noch die Frage aufwerfen, ob es bei einem Menschen von einigem Verstande moglich sei, ihn zu einer andern Denkungs- oder Handelsweise zu verleiten, bei der seine sogenannte Moralitat litte.
Schilt mich nicht wieder einen Sophisten, denn ich will nun einmal recht kalt und gemassigt sprechen. Denke Dir den Fall, dass man einen guten unbefangenen Menschen nach und nach so betaubt, dass er unvermerkt in irgendeine Handlung hineintaumelt, die unsere strengere Moral nicht gutheissen kann; bei diesem Umstande ist nur zweierlei moglich. Entweder er ist nach begangener Tat ebenso unschuldig, als vorher, er hat sie, ohne den Vorsatz Boses tun zu wollen, ausgefuhrt: nun so ist er zwar im Angesichte des buchstablichen Gesetzes schuldig, aber wahrlich nicht in den Augen der Vernunft, die nicht bloss die grobe aussere, meistenteils nur zufallige Erscheinung, sondern den innern boshaften Sinn bestraft, selbst wenn dieser keine Handlungen hervorbringt. Der zweite Fall ist also nun dieser: dass schandliche Handlungen aus einem schandlichen Vorhaben entstehen. Wie kann aber meine Seele fremde Uberzeugung wirklich als die ihrige annehmen? Wo willst Du den Punkt, den Moment auffinden, in welchem eine reine Seele zu einer schlechten wird? Geschieht es durch einen Zufall: wie ist es moglich, dass sich dadurch ein Flekken im Geiste erzeugt, da er nur immer gute Gedanken und Vorsatze fassen kann? Durch die Meinung eines andern? Er wird mit reinem Sinne den fremden nicht begreifen, und wenn er ihn begreift, so setzt dies schon voraus, dass er selbst verdorben sei. Du wirst Dich aus diesem Labyrinthe von Widerspruchen nicht herausfinden konnen; nimm also meine Meinung an, und gib mir zu, dass Deine Furcht ganzlich ungegrundet ist.
Aber unmoglich kann mein verstandiger Eduard zu den Toren gehoren, die nur ihresgleichen lieben konnen; ich weiss, wie entfernt er von diesem Sektierergeiste ist, daher brauch ich nicht zu heucheln, wenn ich von seiner Meinung abweiche, um nur seine Freundschaft nicht zu verlieren. Ich darf mich daher ebenso dreist wie sonst unterschreiben, meines geliebten
Freundes zartlicher Freund William Lovell.
27
Walter Lovell an seinen Sohn
London.
Lieber Sohn!
Ich weiss nicht, ob Du noch immer auf Deinen unglucklichen Vater zurnest, Deine sparsamen und wortkargen Briefe lassen es mich befurchten. Ich habe Dir bis jetzt unausgesetzt das verlangte Geld geschickt, ohne bisher ein Wort daruber zu verlieren, ob Du gleich in jedem Vierteljahre mehr als im vorigen gebraucht hast. Du findest hierbei auch den Wechsel, den Du so ungestum gefordert hast; nur zwingen mich diesmal die aussern Umstande, einige Worte hinzuzufugen, die Dir und mir gleich unangenehm sein mussen.
Ich habe seit mehrern Jahren nur in Dir und in der Aussicht einer schonen Zukunft gelebt: aber seit einem halben Jahre hat sich Dein Herz von Deinem Vater abgewandt; ich wusste kaum, dass Du noch lebtest, wenn Deine Briefe, in denen Du mich, wie ein ungestumer Glaubiger um Geld mahnest, mich nicht mittelbar davon benachrichtigt hatten. Ich gab Dir alles gern, denn ich habe mein Vermogen von je als war dabei uberzeugt, dass sich das Herz meines William wieder erweichen wurde, und so liess ich Deinen Torheiten freien Lauf.
Wenn Du aus diesem Briefe schliessest, dass ich wieder krank bin, so irrst Du nicht, ich bin es, und vielleicht gefahrlicher, als je. Ich fuhle die Lebenskraft gleichsam nur noch tropfenweise durch meinen Korper rinnen, darum kehre bald nach England zuruck, teurer Sohn damit ich Dich noch wiedersehe, und mir wenigstens noch ein Gluck auf dieser Erde ubrigbleibt.
Ich kann nicht umhin, meine anfangliche Drohung zu erfullen, denn Du musst ja doch einmal alles erfahren. Meine schone ertraumte Zukunft, der Glanz unsers Hauses, Deine Grosse alle meine Hoffnungen sind dahin, und auf ewig zernichtet! Ich habe meinen Prozess verloren, und Burton ist jetzt Herr meiner Landereien. Wie es moglich geworden, auf welchen Wegen er dahin gekommen ist, das alles kann ich nicht begreifen: aber genug, dass es geschehen ist! Mir bleibt nun nichts weiter ubrig, als die kleinen beiden Guter in Hampshire, wo ich in dem alten verfallenen Hause freilich noch zum Sterben Raum genug finde. Ich sehe es schon voraus, wie sich alle meine Bekannten, die mir bisher schmeichelten, zuruckziehen werden. Man kummert sich so wenig um den Unglucklichen, der sich aus der grossen Welt verliert, alles ist kalt und empfindungslos, wie die Lichter am Firmamente, wenn ein Stern heruntersinkt. Dies ist das passendste Bild meines Unglucks.
Burton besuchte mich schadenfroh einige Tage vorher, ehe das Urteil meines Prozesses gesprochen ward. Er war ungewohnlich freundlich, er betrachtete das Haus und den Garten aufmerksam, schon als sein Eigentum und ich will ihm auch mein hiesiges Gut verkaufen, um nicht in der Nahe von London zu leben.
Troste Dich, mein Sohn, und wenn Du vielleicht von diesem Schlage weniger getroffen sein solltest, als ich, so versuche Deinen Vater zu trosten. Ich ziehe in zwei Wochen von hier fort; Du weisst also, wohin Du Deinen Brief zu adressieren hast.
Dass Du jetzt weniger Aufwand machen musst; dass es das letztemal ist, dass ich Dir einen so ansehnlichen Wechsel schicke, brauche ich wohl nicht erst hinzuzufugen. Ach, mein Sohn! stande Dein Gluck in meiner Hand! Doch ich will abbrechen. Lebe wohl.
28
William Lovell an Rosa
Rom.
Ich habe mancherlei Nachrichten aus England, die mich interessieren sollten, allein ich kann einzig an die schone Rosaline denken. Himmel! welch ein Madchen. Ich sehe unaufhorlich die hellen braunen Augen vor mir, ich kann nichts anders denken, als ihren Gang und ihren schlanken Wuchs. Ich habe sie seitdem mehr als einmal gesprochen; aber alles ist vergebens. Sie hat eine Menschenscheu, die unuberwindlich ist, sie geht mir aus dem Wege, und wenn ich vor ihr stehe, schlagt sie die Augen zur Erde, und sieht mich nicht einmal an. Es ist, als wenn ich zu dem Madchen hingezaubert ware, ich habe noch nie ein Geschopf mit dieser Heftigkeit, ich mochte sagen, mit diesem Wahnsinne geliebt. Sowie ich nur die Augen schliesse, steht sie vor mir; ich bin seit einigen Tagen wie verruckt.
Ich mag weder Bianca noch Laura sehen; jedes andre Madchen erscheint mir langweilig und abgeschmackt. Ach, Rosaline! Ich mochte nach ihrem Hause hinuberfliegen, oder unsichtbar neben ihr weil Sie sie nicht kennen.
O wie lebt man anders, wenn man ein Wesen kennt, fur das man lebt! Alles steht mir in Bezug mit Rosalinen. Die menschliche Seele ist doch ein kleines, armseliges Ding: denn ganz dasselbe sagt der Dichter und der religiose Schwarmer auch von seiner Kunst. Der Philosoph findet allenthalben seine Systeme wieder, der Gelehrte zieht alles nach seinem Mittelpunkte Oh, so will ich denn einzig fur sie leben! Sie soll die Sonne sein, um die wie Planeten meine Gedanken und Gefuhle laufen.
29
Willy an seinen Bruder Thomas
Rom.
Ich bin jetzt hier, Thomas, so Gott will, etwas besser dran, darum werde ich auch wohl noch eine Zeitlang hierbleiben. Mit meinem Herrn steh ich wieder auf einem recht guten Fuss, er hat mir alles ganz ordentlich abgebeten, und er ist seit etlichen Tagen weit freundlicher mit mir, als er zeit seines Lebens gewesen ist. Es ist gar nicht moglich, Thomas, dass man auf ihn recht bose sein kann, ich habe sogleich alles vergessen und vergeben. Mir ist wieder ganz wohl und leicht, aber doch gar nicht so, wie im vorigen Jahre; ich reise doch sobald als moglich fort, ich kann nicht hierbleiben.
Sieh Thomas, die ganze Geschichte hat, so wie man zu sagen pflegt, ihren Haken. Mein Herr ist da vor dem Tore einem Madchen gut, da wohn ich jetzt ach, nein Thomas, glaube nichts Boses von mir. Ich kann wahrhaftig nicht dafur, dass ich es meinem Herrn versprochen habe, dass ich mich so sehr weit eingelassen habe. Ich stellte ihm alles ganz ordentlich und christlich vor, aber da half kein Reden und Ermahnen, scheid zu geben, so dass ich am Ende gar nicht mehr wusste, was ich sagen sollte, und wie ein alter Narre vor ihm stand, so weichherzig hatte er mich gemacht. Er sagte, dass er dem Madchen so ganz wunderer gut sei, dass er sterben wurde, wenn ich ihm nicht den Gefallen tate, und, da konnt ich's denn nicht ubers Herz bringen. Nun war mir die Freude auch noch etwas Neues, dass ich wieder gut Freund mit ihm war; das hat denn auch viel dabei getan.
Nun wohn ich hier vor dem einen Tore recht hubsch, aber zwischen lauter eingefallenen Hausern und alten Steindenkmalen, da hat man die vergangliche menschliche Eitelkeit und die Nichtigkeit aller Dinge recht vor Augen, und kann so ernsthafte Betrachtungen wie auf einem Kirchhofe anstellen. Aber ich weiss doch auch recht gut, dass es nicht ganz recht ist, und ich grame mich in manchen Stunden recht sehr daruber, dass ich den Schritt getan habe; aber der Mensch ist doch ein gar zu schwaches Geschopf, und denn bin ich meinem Herrn Lovell gar zu gut, als dass ich ihm was abschlagen konnte, wenn er mich so recht herzbrechend darum bittet. Je nun, Gott muss ja bei so vielen Sachen ein wenig durch die Finger sehn, so mag er mir denn auch einmal von seiner Gnade etwas zukommen lassen.
Lebe wohl, lieber Bruder. Du hast mir lange nicht geschrieben, tu es doch nachstens einmal wieder, und sage mir Deine Bedenklichkeiten daruber, und wie man es andern musste. Bis dahin lebe wohl.
30
William Lovell an Rosa
Rom.
Ich habe Ihnen seit einigen Tagen keine Nachrichten gegeben, weil ich so vielerlei einzurichten und zu besorgen hatte, dass mir wirklich keine Zeit ubrigblieb.
Ich habe nach vielen Umstanden meinen alten Willy beredet, in die benachbarte leerstehende Hutte neben Rosalinen einzuziehen; dort gilt er fur meinen Vater, einen alten Venezianer, der hiehergekommen ist, um in Rom sein durftiges Auskommen zu finden. Ich heisse Antonio. Ich bin nun den grossten Teil des Tages in einer gemeinen Tracht, die mich recht gut verstellt, bei Willy. Wir haben schon mit unsern Nachbarinnen Bekanntschaft gemacht, die gegen Leute, die so arm wie sie scheinen, ausserordentlich zuvorkommend sind. So ist alles im schonsten Zuge, und ich verspreche mir den glucklichsten Fortgang.
Was das Madchen narrisch ist! Sie hat nun schon viel mit mir gesprochen, und ist ausserordentlich zutraulich und redselig. Sie ist von einer bezaubernden lebhaften Laune, und bat mich, wenn ich nicht sehr irre, gern. Doch ich zweifle noch, denn in nichts in
Wenn ich ein Maler ware, schickt ich Ihnen ihr Bild, und Sie sollten dann selbst entscheiden, ob ich wohl zu viel von ihr spreche. Wie versteinert betracht ich oft die reizendste Form, die je aus den Handen der schaffenden Natur ging, den sanften, zartgewolbten Busen, der sich manchmal bei einer hauslichen Beschaftigung halb enthullt, den schonsten kleinen Fuss, der kaum im Gange die Erde beruhrt.
So leb ich denn hier zwischen den Ruinen, entfernt von der Stadt und allen Menschen ein sonderbares, traumahnliches Leben. Einen grossen Teil des Tages bin ich in der Hutte, und sehe Rosalinen im kleinen Garten arbeiten; ich sehe in der Ferne Leute, die stolz voruberfahren und reiten, und ich bedaure sie, denn sie kennen Rosalinen nicht; sie jagen muhsam nach Vergnugen, und denken nicht daran, dass die hochste Seligkeit hier in einer seitwarts gelegenen Hutte wohnt. Mittags und abends ess ich bei Rosalinen, das haben wir gleich am zweiten Tage miteinander richtig gemacht; wir sparen, wie die Alte bemerkte, beide dabei. Ach, Rosa, wie wenig braucht der Mensch, um glucklich zu sein! Ich gebe, seitdem ich hier wohne, nicht den hundertsten Teil von meinem Gelde aus, und bin froh. Daran denkt man so selten in jenem Taumel; aber wie viel gehort auch wieder zum Glucke! Wurd ich diese dumpfe Eingeschranktheit ertragen, wenn mir Rosaline nicht diese Hutte zum Palaste machte? O jetzt versteh ich erst diesen so oft gebrauchten und gemissbrauchten Ausdruck.
Es tut mir leid, wenn ich fortgehen muss, um zu tun, als wenn ich irgendwo arbeitete. Einmal habe ich schon auf den einsamen Spaziergangen, die ich dann mache, die Alte getroffen, die in einem Korbe durre Reiser sammelte. Ich muss mich also in acht nehmen, und ich kleide mich daher oft bei Willy um, und schleiche nach der Stadt.
Warum liebt sie mich nicht so, wie ich sie anbete? Mein Leben ist ein rastloses Treiben ungestumer Wunsche, wie ein Wasserrad vom heftigen Strome umgewalzt, jetzt ist das unten, was eben noch oben war, und der Schaum der Wogen rauscht und wirbelt durcheinander, und macht den Blick des Betrachtenden schwindlicht.
31
Rosa an William Lovell
Tivoli.
Sie fangen an mit Ihrer Geschichte recht amusant zu werden. Es ist ja alles so schon, wie man es nur im besten Romane verlangen kann. Ich wunsche Ihnen Gluck, denn es ist gewiss, dass nichts uns unser trocknes, prosaisches Leben so poetisch macht, als irgendeine seltsame Situation, in die wir uns selber versetzen. Im Grunde besteht unser ganzes Leben nur aus solchen Situationen, und ich tadle Sie daher gar nicht, wenn Sie sich Ihre Empfindungen so lebhaft als moglich machen. Fahren Sie nur fort, ebenso aufrichtig gegen mich zu sein, als bisher, so werden mir Ihre Nachrichten viel Vergnugen machen. Sein Sie aber auch, wenn es irgend moglich ist, aufrichtig gegen sich selbst: denn sonst entsteht am Ende eine gewisse fade Leere, die man sich mit Enthusiasmus auszufullen zwingt; dies sind die widrigsten Epochen des Lebens. Man qualt sich dann, das Interesse noch an denselben Gegenstanden zu finden, weil es uns scheint, als machten sie unsern Wert aus. Jede Illusion aber, die kein Vergnugen macht, muss man emsig vermeigewohnen, die aussern Gegenstande um sich nur als Spiegel zu betrachten, in denen man sich selber wahrnimmt, um in keinem Augenblicke des Lebens von ihnen abzuhangen. Je mehr alles um uns her von uns abhangt, um so sklavischer es uns gehorcht, um so hoher steht unser Verstand. Denn darin kann die Vernunft des Menschen unmoglich bestehen, seltsame Dinge zu erfinden, oder zu begreifen, sondern damit er durch sie ihm gleichgeschaffne Wesen nach seiner Willkur lenke. Auf die Art kann der kluge Mensch allen gebieten, mit denen er nahe oder fern in Verbindung steht. Die Herrschaft des Verstandes ist die unumschrankteste, und Rosaline wird gewiss bald unter dem Gebote meines verstandigen Freundes stehn, wenn er sich nicht von ihr beherrschen lasst, und selbst seine Vernunft unterdruckt. Ich wunsche Ihnen Gluck, um nie in diesen Fall zu kommen.
32
William Lovell an Rosa
Rom.
Es ist gewiss, dass man unter unschuldigen Menschen selbst wieder unschuldig wird. Jetzt kommen mir manche meiner Ideen zu gewagt vor, die mir sonst so naturlich schienen; ich bin hier in der kleinen Hutte demutiger, ja ich fuhl es, dass ich ganz einer von den Menschen werden konnte, die ich mir bisher gar nicht deutlich denken konnte; die in einer engen dunkeln Stube geboren, nur so weit ihre Wunsche richten, als sie um sich sehen konnen; die mit einem Gebete erwachen und schlafen gehen, Marchen horen und im stillen uberdenken, mit einem dumpfen, langsamen Fleisse eine Handarbeit lernen, und nichts so sehnlich als den Abend und die Schlafstunde erwarten. O Rosa, wenn man dies Leben naher kennenlernt, so verliert es sehr viel von seiner druckenden Beklemmung. Wir machen aus unserm Leben so gern ein ununterbrochnes Vergnugen, und suchen Unannehmlichkeiten muhsam auf, um die Freude durch den Kontrast zu wurzen: bei diesen Menschen aber ist jedes unerwartete Vergnugen ein Weihnachtsfest, wie ein plotzes hell und frisch in ihre Seele hinein. Ich werde mich kunftig huten, die Menschen mit dumpferem Sinne so sehr zu verachten.
Wenn ich in meinem kleinen Besitztume jetzt auf und ab gehe, uber das Feld und nach der Stadt hinubersehe, Rosalinens Stimme von nebenan hore, und ich mich so recht ruhig und glucklich fuhle, der Tag ohne Verdruss und Widerwillen sich schliesst; so komme ich manchmal auf den Gedanken, in dieser Lage zu bleiben, hier ein Bauer zu werden, und das reinste, frischeste Gluck des Lebens zu geniessen. Vielleicht bliebe ich hier immer froh und zufrieden vielleicht! ach, die Wunsche, die Neigungen des Menschen! Welcher bose Genius hat diesem Bilde, als es vollendet war, so viel der widersprechenden Triebe beigemischt!
Doch hinweg davon. O Rosa, nennen Sie mir ein Schauspiel, das dem an Reiz gleichkame, wenn sich eine schone, unbefangne Seele mit jeder Stunde mehr entwickelt. Wir sind jetzt bekannter miteinander, ich und Rosaline, ich habe sie taglich gesehn und gesprochen, mein anscheinendes Ungluck hat sie geruhrt. Sie ist so das reine Bild einer Madchenseele, ohne die feinere Ausbildung, die die Erscheinung zugleich verschonert und entstellt. Da uns die Verschiedenheit des Standes kein Hindernis in den Weg gelegt hat, so sind wir auf einem recht vertrauten Fusse miteinander. Wir sitzen oft im finstern Winkel, und sprechen uber unser Schicksal, sie erzahlt mir Familiengeschichten, oder wunderbare Marchen, die sie mit ausserordentlicher Lebhaftigkeit vortragt; dann singt sie wieder ein kleines Volkslied, und begleitet es mit den Tonen der Laute. Es gibt keine Musik weiter, als diese kleinen, tandelnden, fast kindischen Lieder, die so gleichsam im simpeln Gang des Gesanges das Herz auf der Zunge tragen, und wo nicht Tone, wie ungeheure Wogen steigen und fallen, und sich in einen wilden Zug mischen, der kreischend sich durch alle Tonarten schleppt, und dann in ein Chor aller sturmenden Instrumente versinkt. Das Herz bleibt um so leerer, je voller das Ohr ist; die Seele kann nur diesen stillen Gesang so recht aus dem Grunde geniessen, hier schwimmt sie mit dem silbernen Strome in ferne dunkle Gegenden hinunter, die leisesten Ahndungen erwachen in den Winkeln, und gehn still durch das Herz, und Ruckerinnerung eines fruheren Daseins, wunderbares Vorgefuhl der Unsterblichkeit ruhrt die Seele an.
Wenn ich ihr gegenubersitze o wie Feuer weht mich ihr Atem an! Ich habe ihr schon an den Busen sturzen wollen, und diese Reize mit unzahligen Kussen bedecken; ich traume oft so lebhaft vor mir hin, dass ich nachher ungewiss bin, ob ich es nicht schon getan habe. Es reisst mich eine unbekannte Kraft zu ihr hinuber, die Tone ihrer Laute klingen mir oft schmerzhaft im Kopfe nach und bald, bald muss es sich andern, oder ich verliere den Verstand.
Als ihre Mutter neulich schlafen gegangen war, und ich mit ihr vor der Ture sass, entdeckt ich ihr meine Liebe. Sie war geruhrt und zartlich, und sagte mir sehr naiv, dass sie schon einen Brautigam habe, und mich daher nicht lieben durfe, wenn sie auch herzlich gern wolle. Es ist ein armer Fischer, der jetzt einer kleinen Erbschaft wegen zu Fusse nach Kalabrien gegangen ist; sie beschrieb ihn mir sogleich, und gestand mir ganz unverhohlen, dass er so hubsch nicht sei, als ich.
Sie ruhrte mich, als sie mir die Einrichtung ihrer kunftigen kleinen Wirtschaft beschrieb. Wie beschrankt sind die Wunsche dieser Menschen! Wenn ich an meine Verschwendung denke, wie ein weggeworfner oder verspielter Teil meines Vermogens dies herrliche Geschopf glucklich machen wurde! Ich lerne viel in diesen Hutten, Rosa, ich glaube, ich lerne hier mehr ein Mensch sein, und mich fur das Ungluck der Menschen interessieren. Und sie sollte hier fur einen armseligen Schiffer aufgebluht sein? Fur einen Verworfenen, der sich vielleicht glucklich schatzen wurde, wenn er mein Bedienter werden konnte? Nimmermehr! Dagegen muss ich Vorkehrungen treffen, und ich denke, das Beste ist schon geschehen. Wir nennen uns du. Gestern sass sie auf einem niedrigen Schemel, und schaukelte sich wahrend dem Erzahlen; plotzlich wollte sie fallen, ich fing sie auf, und fuhlte die schone Last in meinen Armen. Ich druckte sie an mich und sie wand sich verlegen und errotend von meinem ungestumen Busen.
Sie ist sich mit ihren dunkeln Trieben selbst ein Ratsel: sie kommt mir in manchen Augenblicken mit ihrer Unschuld wie eine heilige Priesterin, oder wie eine unverletzliche Gottheit vor; und dann wieder die feurigen Augen! Der mutwillige Zug um den Mund!
Ich habe neulich in der Ferne fur mich ein paar schalkhafte italienische Liedchen gesungen, und ich ertappte sie gestern, wie sie eben, wie unwillkurlich, die ersten Takte griff, und den Anfang sang. Plotzlich hielt sie inne, ward ohne zu lachen, rot, und legte die Laute fort, gleichsam wie eine gefahrliche, nicht genug verschwiegene Freundin. Ich kenne nichts Schoners, als diese ungeschminkte Natur zu studieren; o sie wird, sie muss die Meinige werden! Stammelnd hab ich ihr die Ehe versprochen, und, das weiss Gott! wenigstens halb im Ernst.
Soeben seh ich sie vor die Ture treten, ich gehe zu ihr; leben Sie wohl.
33
Rosaline an Antonio
Du bist schon wieder fort, Lieber, und ich glaubte Dich so gewiss zu treffen. Ich liess Dich gestern gern die Laute mitnehmen, und tat, als merkt ich es nicht, weil ich sie heut wieder abholen wollte. Du boser Mensch! mich vergebens kommen zu lassen! Dein Vater sieht immer so verdriesslich aus, ich glaube, es will ihm noch gar nicht bei uns gefallen: ich scheue mich vor ihm, weil er mich immer so ernsthaft ansieht. Komm doch ja heut abend, ich will Dir ein neues Lied spielen, das ganz wie auf Dich gemacht ist. Komm ja und bleib hubsch lange. Die Abende sind jetzt so schon, und wir wollen denn noch miteinander singen. Aber Du musst nicht wieder bose werden, ich will ja auch kein Wort wieder vom armen Pietro sprechen.
34
Antonio an Rosaline
Nein, Liebe, sprich nicht wieder von ihm, denn sein Name geht mir immer wie ein Dolchstoss durchs Herz. Ich hoffe immer noch, dass er nie wieder zuruckkommen wird; wer weiss, was ihm begegnet ist, da er gar keine Nachrichten von sich gibt. Tut es mir nicht selber weh, dass ich so oft von Deiner Seite muss? Du hattest mich aber gewiss getroffen, wenn ich daran gedacht hatte, dass Du kommen konntest.
O Rosaline, lass die Gesange, die den kranken Rest meines Herzens zerschmelzen, und meine Seele ganz mit sich nehmen. Leb ich nicht schon ganz bei Dir, nur allein in Deiner Gegenwart? Keine Arbeit will mir jetzt von der Hand gehn, da ich immer nach der Gegend hinsehe, in welcher Dein Haus steht. Ach, wenn Du mich doch so lieben konntest, wie ich Dich liebe! o Rosaline, welche Aussicht wurde sich mir eroffnen! O ja, ja, singe das Liedchen, wenn es so wie auf mich gemacht ist, und wenn von einem weichherzigen Madchen und einem erhorten Liebhaber darin die Rede ist, o so lass es auch denn noch auf mich passend werden. Ich sehe Dich gewiss heut abend, ich bleibe mit Dir vor der Ture sitzen ach, konnt ich zeitlebens nur um Dich sein, konnt ich ewig den sussen Ton Deiner Stimme horen! Alles, was ich vernehme, klingt mir wie Dein Gesang, so tief bin ich in Traume versunken, ich fahre auf, wenn man meinen Namen nennt, wenn jemand mich ruft. O glaub es, glaub es, teures Madchen, dass ich nie ohne Dich wurde leben konnen: dass ich fur Dich alles, selbst das Gewagteste und Schrecklichste ausfuhren konnte.
35
Rosaline an Antonio
Und warum wurdest Du denn nun doch so verdriesslich, als ich gestern das Liedchen sang? Was willst Du von mir? Seh ich Dich nicht gern kommen und ungern fortgehen? Denk ich nicht fleissig an Dich? Hab ich nicht gestern die versprochenen Kusse gewissenhaft abbezahlt, und sogar noch einige, ich weiss nicht wie viel, mehr gegeben? Was kannst Du denn noch verlangen? Aber Du machst mich immer mit traurig, und ich weiss gar nicht, was ich Dir zu Gefallen tun kann; Dir ist nichts recht, und Du weisst gewiss selbst nicht, was Du willst. Siehst Du, ich kann auch einmal bose werden, aber gewiss nur jetzt, nicht, wenn ich Dich vor mir sehe, dann hab ich alles vergessen, woruber ich klagen konnte.
Meine Mutter hat heute schon ein ernsthaftes Gesprach mit mir gehabt, ich soll nicht so viel bei Dir sein, hat sie gesagt. Ich seh aber nicht, warum. Sie ist alt und ein wenig eigensinnig, fast so ein Gemut, wie Dein Vater; Du gefallst ihr nicht recht, denn Du bist ihr etwas zu leichtsinnig. Du musst daruber nicht bose werden, sie ist schon alt, und das macht es, denn wer mochte Dich wohl sonst nicht gern leiden? Jeder Mensch, der Dich sieht, muss Dein Freund sein. Nur das ernsthafte, finstre Wesen kleidet Dich gar nicht, das kann ich Dich versichern, Du kommst mir dann mit einemmal ganz fremd vor; schaff es ab.
Auch mit Deinem Vater bist Du nicht recht gut, der meint es mit seinen Ermahnungen doch gewiss sehr rechtschaffen. Mach es, wie ich, ich lasse meine Mutter oft lange reden, und tu, als hor ich ihr zu, und denke unterdessen an Dich.
Aber wie viel hab ich nun an Dir getadelt! Ach glaube nur nichts davon, das ist grade so, als wenn ich ein Lied von bosen Menschen singe, ich kann immer nicht daran glauben. Ich habe meine Altklugheit nur vom Horensagen. Noch eins, sei heut abend etwas artiger, als gestern, denn sonst werd ich noch den Hund abrichten, dass er Dich beissen soll. Adieu, und komm hubsch fruh. Wie schon, dass kluge Menschen die Erfindung gemacht haben, dass Du durch ein stummes Papier mit mir reden kannst, dass ich Dir kann Antwort geben. O ja, ein liebendes Herz ist der Zauberkunst nahe.
36
William Lovell an Rosa
Rom.
O Rosa, warum bin ich nicht zufrieden und glucklich? Warum bleibt ein Wunsch nur so lange Wunsch, bis er erfullt ist? Hab ich nicht alles, was ich verlangte? und dennoch werd ich immer weiter vorgedrangt, und auch im hochsten Genusse lauert gewiss schon eine neue Begierde, die sich selbst nicht kennt. Welcher bose Geist ist es, der uns so durch alle Freuden anwinkt? Er lockt uns von einem Tage zum andern hinuber, wir folgen betaubt, ohne zu wissen, wohin wir treten, und sinken so in einer verachtlichen Trunkenheit in unser Grab. Ich schwore Ihnen, dass mir in manchen Momenten aller Genuss der Sinne verabscheuungswurdig erscheint, dass ich mich vor mir selber schame, wenn ich diese holden Zuge betrachte, diese Unschuld, die sich auf der weissen reinen Stirn abspiegelt; es ist mir manchmal, als wenn mich eine Gottheit durch ihre hellen Augen anschaute, und ich errote dann wie ein Knabe.
Gestern war ich in der hochsten Verwirrung; sie wollte mir ein Lied singen, das, wie sie sagte, auf ward, wie gedemutigt. Es war wirklich das Lied, welches mich zuerst auf die Idee meiner Verkleidung fuhrte, und aus dem ich sogar meinen Namen Antonio entlehnt habe. Kann die bitterste Satire mich tiefer erniedrigen, als dieses kindliche, fromme, unschuldige Wesen? Nie hab ich vor einem Menschen so in aller Nacktheit gestanden, nie bin ich so durch und durch beschamt worden. Bei jedem andern Madchen wurd ich uberzeugt sein, sie habe mich vollkommen erraten; allein ich schwore Ihnen, dass es hier nicht der Fall ist.
Und was ist denn nun von einer andern Seite mein ganzes angstliches Gefuhl? Wozu alle diese seltsamen Windungen? Ich liebe sie, und sie liebt mich.
Sie haben nie ein Wesen, wie diese Rosaline, gekannt, und Sie kennen daher auch die schonste Blute des Vergnugens nicht. Sie sollten sie sehn, wie sie mir entgegenlauft, und denn wieder stillesteht, und plotzlich tut, als habe sie nur irgendwas gesucht; die List, die sie bei aller frommen Unschuld hat, und die jedem Madchen mit auf die Welt gegeben wird, und die, wenn ich so sagen darf, die Unschuldigen noch unschuldiger macht. Die Mutter schlief neulich in ihrem Lehnstuhle, und ich kusste sie, indem sie neben mir sass; von ohngefahr schallte der Kuss etwas starker, und die Mutter wachte auf; in demselben Augenblicke aber hatte sie ihren kleinen Hund schon ein wenig gezwickt, so dass er schreien musste, und die Mutter keinen Argwohn schopfte.
Ja, ich mache sie selbst glucklich, wenn ich sie uber ihr eignes Wesen aufklare, sie wird sich selbst im Kelche der Wonne berauschen, und mir noch fur mein hochstes Gluck Dank sagen.
Werden Sie nicht bald nach Rom zuruckkehren? Ich vermisse taglich Ihre Gesellschaft, vorzuglich, wenn ich nicht bei Rosalinen bin. In Rom fang ich an, allen Leuten fremd zu werden, ich mag niemand besuchen, ich mag nichts tun: schon seit lange angstigt mich ein Brief, den ich an meinen Vater schreiben muss, ich kann nichts anders denken und sprechen.
37
Walter Lovell an seinen Sohn William
Kensea in Hampshire.
Ich bekomme keine Antwort auf meinen Brief, und ich werde mit jedem Tage schwacher. Der Arzt findet es jetzt bedenklich, und ich fuhl es, dass die Uhr meines Lebens zu Ende gelaufen ist. Alles wird mir gleichgultig, was mir sonst wichtig war, meine ehemaligen Plane habe ich vollig vergessen, komm also ohne alle Scheu nach England zuruck, lieber Sohn, heirate, wenn Du durchaus willst, Amalien, ich will und kann nichts weiter dagegen einwenden, nur brich Dein Schweigen und komm. Ach, wenn Du willst, muss ich Dich freilich auch noch wegen einer meiner Briefe um Vergebung bitten, ich meinte es gut mit Dir, und damals war auch die Lage der Sachen anders.
Wenn der Wind hier durch den Wald blast, und die losgegangenen Tapeten im Nebenzimmer rauschen und klatschen, o dann, lieber William, fuhl ich mich so einsam, so heimatlos. Ich sehe trostlos dem truben Beschluss eines truben Lebens entgegen. Ich sehe keine Freunde, keine andre Gesichter, als die meiner und ich befinde mich wohl dabei. Nur Dich wunsch ich bei Tage und in der Nacht zu mir her; ich war ein Tor, dass ich muhsam erst ein Gebaude meines Glukkes auffuhren wollte, und nicht die Freuden annahm, die mir das Schicksal an der Brust meines Sohnes, in den Armen einer guten Tochter, vielleicht in einem Zirkel von frohlichen Enkeln anbot. Jetzt ist mir die Binde gelost, und es ist vielleicht zu spat. Doch nein, mein William gibt mir gewiss Freude und Trost zuruck; wer weiss, welche einsamen Gegenden er schon durcheilt, um seinen alten kranken Vater noch wiederzusehn! Wo Du auch seist, Gott sei mit Dir!
38
Rosaline an Antonio
Die ganze, ganze lange Nacht hab ich nicht schlafen konnen. Und daran bist bloss Du schuld! Immer war mir, als schliefest Du neben mir, ich hatte Dich in meinen Armen, und wachte von Deinen Kussen auf. Als der Mond durch eine Ritze der Fensterladen in meine Stube schien, und der Strahl sich so uber den Boden goss und an der Decke schimmerte, hab ich recht herzlich geweint, weil ich mich zum erstenmal im Leben so einsam fuhlte. O Du boser Mensch kannst die Not gar nicht verantworten, die Du mir machst. Mein Vater ist tot und meine Mutter stirbt auch vielleicht bald; wenn nun Pietro nicht zuruckkommt, so bist Du der einzige Mensch auf der Welt, der mir noch beistehn kann. Aber wenn Du alle meine Liebe nicht verdientest! Ach Antonio, Du hast Dich so oft uber meine Lustigkeit gefreut, ich bin nur frohlich, wenn ich Dich sehe, Du siehst, wie betrubt ich werde, wenn ich allein bin. Drum sollten wir uns gar nicht trennen, dann wurden wir beide immer recht vergnugt sein.
Du bleibst jetzt oft viel langer weg, als anfangs. Du freust Dich nicht mehr wie sonst daruber, wenn ich Dir einen Kuss gebe; sage mir, was habe ich Dir getan, Du Unzufriedner? Oder ist es die Sitte in eurem Lande, dass man immer so ernst und verdriesslich ist?
39
Antonio an Rosaline
Was Du mir getan hast, liebstes, bestes Madchen? Nichts, als dass Du mich nicht ebensosehr liebst, wie ich Dich liebe. Warum verlasst Du mich oft so plotzlich? Warum darf ich nicht in der Nacht bei Dir bleiben, wenn Du Dich ohne mich so einsam fuhlst? Die wahre Liebe ist mit diesem Eigensinne unbekannt. Wenn Du mich nur hier sahest, wie oft ich in der Nacht nach Deinem Hause hinuberblicke, wie ich nicht schlafen kann, und mir schweigend Deine Lieder wiederhole, um mich nur etwas zu beruhigen, wie ich Dein Bild tausend und tausendmal kusse, das ich neulich bei Dir zeichnete! Das Papier ist von meinen Tranen nass; das Haus wird mir zu enge, und ich schweife im truben Mondlichte dann zwischen den Ruinen umher, und Deine Gestalt begleitet mich allenthalben. O Rosaline, dieses Zagen, diese Angst kennst Du nicht, denn sonst wurdest Du meinen Zustand mehr bemitleiden. Nein, Hartherzige! Du kennst die Liebe nicht, denn Du verhohnst meine Empfindung. Undankbare! Du weidest Deine Eitelkeit an meinem Gram, und wirst Dich uber meine Verzweiflung freuen! Stand ich nicht gestern noch eine Stunde langer vor Deiner Ture, und Du kamst nicht wieder, wie Du mir versprochen hattest? Spieltest Du nicht, um mich zu kranken, dies verhasste Lied von dem Antonio? Nein, Du betrugst mich nur mit einem Schein von Liebe, Du freust Dich daruber, dass Du mich gedemutigt hast, und alle Deine Kusse, Deine Umarmungen sind Heuchelei. Labe Dich an meinem Anblicke, wenn Du mich wahnsinnig gemacht hast!
O vergib mir, Teure, wenn ich Dir Unrecht tue! Betruben mocht ich Dich nicht.
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Rosaline an Antonio
Du kannst das Lied vom Antonio nicht leiden? Mein liebstes Lied, weil es Deinen Namen fuhrt? Ach, Lieber, wie unrecht tust Du mir! Dir zum Possen soll ich es singen, und ich will mich dadurch trosten, weil ich nicht wieder herausgehen konnte. Die Mutter war bose und hatte mir es streng verboten, und ich muss ihr doch gehorchen. Sie will nicht gern, dass ich so viel bei Dir bin. Nein, wenn es Dir nicht gefallt, will ich das Lied nie mehr spielen, sosehr ich es auch liebe. Ich Dich kranken! Ach, Antonio, wie sollt ich das konnen? Wenn Du da bist, scham ich mich nur immer zu sagen, wie gut ich Dir bin: man hat keine Worte dazu, ich musste neue ausdenken. Aber wenn Du so weggegangen bist, und ich Dir nun nachsehe, oder wenn ich einen Deiner Briefe lese, sieh, so kehrt sich mir das ganze Herz um, und ich mochte Dir nachrennen, Dich vor der ganzen Welt in meine Arme drucken, Dein liebes Gesicht kussen, und in Tranen vergehn und rufen: Ja, Menschen seht es, Baume und Berge hort es, so, so lieb ich ihn; was kummert ihr mich alle, wenn er mir nur, der einzig Teure in der Welt, ubrigbleibt? Sieh, wenn Du nichts nach mir fragtest; so konnt ich zu Deinen Fussen niederknien, und um Deine Liebe bitten; ich konnte meine Religion verlassen und nicht mehr zur gottlichen Madonne beten, wenn Du es wolltest: ich konnte mit Dir in fremde, wuste Lander ziehn, wo man andre Sprachen spricht, wo, wie man mir einst erzahlt hat, Eis und Winter fast immer die Luft zusammenzieht; o ich konnte fur Dich sterben alles, alles, nur Dich nicht vergessen, nur nicht Deinen Tod, oder Deine Verachtung uberleben. Ach, kannst Du mich noch unempfindlich und undankbar schelten? Kannst Du noch auf mein liebes Lied bose sein?
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Antonio an Rosaline
Nein, ich will Dein Lied nicht mehr schelten, liebe Rosaline. Ich habe Dir und ihm Unrecht getan, und ich will es ihm abbitten: Schicke mir zur Versohnung die Abschrift, die Du davon hast, ich will es zu Deinen Briefen, zu Deinem Bilde, zu Deiner Locke legen; mehr kann ich ihm zur Ehre doch nicht tun. Wie hat mich Dein lieber Brief geruhrt! Oh, ich habe ihn um Vergebung gebeten, und will es mundlich bei Dir wiederholen. Bin ich Dir wirklich so teuer, als Du da schreibst? Ich kann es nicht glauben, und glaub es doch so gern. Deine Stimme klingt mir, wie ein Ton aus einem Traume, der mir die Schatze der Erde verspricht, und dem die wirkliche Natur nicht Wort halten kann. Ach nein! die Liebe macht das Unmogliche leicht. Sie ersetzt uns jedes Gluck der Erde.
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Rosaline an Antonio
Siehst Du nun wohl, dass ich recht habe? Dafur will ich Dir nun auch das Lied so zierlich und schon abschreiben, als es mir nur immer moglich ist.
Der Arme und die Liebe
Es kam an einem Pilgerstab
Wohl ubers graue Meer
Ein Wandersmann ins Tal herab,
Von fremden Landen her.
Erbarmt euch meiner, rief er aus,
Ich komm aus fernem Land,
Verloren hab ich Gut und Haus,
Antonio genannt.
Die Eltern starben mir schon lang,
Ich war noch schwach und klein,
War ohne Gut, war ohne Rang,
Und niemand dachte mein.
Da nahm ich diesen Wanderstab
Und trat die Reise an,
Stieg hier ins frische Tal herab,
Fleh euer Mitleid an.
Da ging er wohl von Tur zu Tur,
Ging hier und wieder dort,
Ward abgewiesen dort und hier,
Und schlich sich weinend fort.
"Was suchst du in der Fremde Gluck?
Wir sind dir nicht verwandt!
Geh, wo du herkommst, nur zuruck,
Bist nicht aus unserm Land.
Genug der Freunde leiden Not,
Der Landsmann sucht hier Trost,
Fur sie wachst unser schones Brot,
Fur sie der susse Most."
Still und beschamt mit Ach und Oh!
Schlich er die Strasse hin,
Da ruft es sanft: Antonio!
Ein Madchen winkt ihn hin.
O nimm von meiner Armut an,
Spricht sie mit frommen Sinn,
Ich gebe, was ich geben kann,
Nimm alles, alles hin.
Lucindens grosses Auge weint,
Er dankt mit heissem Kuss,
Und sieh! die Liebenden vereint
Ein rascher Tranenguss.
Ach nein, du bist mir nicht verwandt,
Dennoch erbarm ich mich,
Und bist du gleich aus fremden Land,
So lieb ich dennoch dich.
Die Liebe kennt nicht Vaterland,
Sie macht uns alle gleich.
Ein jedes Herz ist ihr verwandt,
Sie macht den Bettler reich!
Ich habe schon oft versucht, statt Lucinde Rosaline zu singen, allein es will nicht in den Takt passen. Wir wollen heut abend einmal versuchen, ob wir das Lied nicht noch ein wenig abandern konnen. Du musst mir helfen, denn Du weisst ja damit Bescheid. Ich lese Deine Verse alle Tage, und versteh sie jedesmal etwas besser. O ich bin in manchen Stunden ordentlich stolz auf Dich, und dass Du unter den tausend, tausend Madchen grade mich nur einzig und allein liebst. Und doch wieder nicht stolz, nur so froh, dass ich dann dem Himmel mit weinenden Augen danke, dass er es so gelenkt hat, dass Du mich aufgefunden hast. Warum meine Mutter nicht ganz so denken will, wie ich? Ich kann gar nicht begreifen, wie man etwas gegen Dich haben kann. Alle Menschen sollten so sein, wie Du, so ware das die schonste Welt. Adieu, und bleibe ja heut langer.
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Antonio an Rosaline
Also heut, wirklich nun heut! So ist denn doch endlich die zogernde Stunde herangeschlichen, die mich vollkommen glucklich machen soll. O wie dank ich Dir! Aber Du wirst doch Wort halten?
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William Lovell an Rosa
Rom.
Es ist wunderbar, wie lange ich in dem Vorhofe der Seligkeit aufgehalten werde; tausend Zufalle vereinigen sich, um mich immer wieder von der hochsten Wonne zu entfernen. Rosaline ist mein, unbedingt mein. Sie hatte sich neulich fur meine Bitten erweicht, und mir versprochen, mich in der Nacht heimlich zu sich kommen zu lassen, aber die Mutter wurde krank, und sie musste bei ihrem Bette wachen. Welche Nacht hatt ich! Die Sehnsucht regte sich mit allen ihren Gefuhlen in mir, ich konnte nicht eine Minute schlafen, und doch auch nicht wachen. Ich lag in einer Art von Betaubung, in der sich Bilder auf Bilder drangten, und mein kleines Zimmer zum Tummelplatze der verworrensten Szenen machten. Es war eine Art von Fieberzustand, in welchem mir hundert Sachen einfielen, uber die ich noch lange werde denken und traumen konnen.
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William Lovell an Rosa
Rom.
Es ist um rasend zu werden! Alles ist dahin! Alle meine Ruhe, alle meine Liebe ist ganzlich, durchaus verloren! Ich kenne mich kaum wieder, ich verachte und hasse mich selbst, ob ich gleich nur auf den Zufall fluchen sollte. Denken Sie nur selbst, alles war bestimmt und fest gemacht, Rosaline war so zartlich gegen mich, wie sie noch nie gewesen ist, sie war vollig davon uberzeugt, dass ich sie heiraten wollte, und bei Gott, ich hatt es auch getan; sie hatte mir die gestrige Nacht zugesagt, und ich erwartete mit Ungeduld die Abendrote; ich konnte mir meine Phantasieen und Hoffnungen gar nicht als wirklich denken o und sie sind es auch nun nicht geworden! Ich stehe hier wie ein Schulknabe, der seinen Lehrer furchtet, ich bin beschamt und verworfen: gestern kam noch bei Tische ein alter Mann als Bote, der Pietros, des armseligen Fischers, des Brautigams Zuruckkunft ansagte. In wenigen Tagen wird er hiersein. Ich war wie vom Schlage getroffen, alle meine Sinne waren gelahmt, bleich, und wie aus der Ferne hort ich nur die genaueren verdammte Gesicht des Kerls, als er zur Ture hereintrat, kundigte mir nichts Gutes an. Es war eine von den Physiognomieen, die dazu gemacht sind, Unglucksbotschaften zu bringen.
Und dann die Freude der Mutter! Die stille Beschamung Rosalinens, die mir plotzlich durch die blosse Nachricht ganz abgewandt wurde! O mich wundert, dass ich nicht den Verstand verloren habe! Sie weicht mir seitdem angstlich aus, sie ist kalt und fremde, und ich stehe auf demselben Punkte, auf dem ich mich am ersten Tage unsrer Bekanntschaft befand. Ich konnte den Kerl ermorden, der sich so ungerufen zwischen uns drangt, und all mein Gluck und meine schonen Traume vernichtet. Warum hangen wir so oft von nichtswurdigen Zufalligkeiten ab! Und nun jetzt, jetzt, da sich soeben alle meine Wunsche kronen wollten. Wenn ich sie sehe, mit all ihren Reizen, und die Phantasie mir die heiligen, von keinem Blicke entweihten vor die Augen zaubert! Wenn ich mir das alles so ganz hingegeben denke, und nun geht sie mir voruber, und kennt mich nicht, und heut abend war das letzte Ziel meines Glucks! Ich konnte sie ergreifen, und im Gefuhle der Begierde erwurgen, und wutend an ihrem Busen sterben. Raten Sie mir, Rosa, was ist zu tun? Ich habe allen Verstand, alle Besinnung vollig verloren.
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William Lovell an Rosa
Rom.
Ich bin noch wie im Traume, es ist Nacht, indem ich Ihnen schreibe, und ich weiss noch immer nicht, was morgen geschehen wird. Seit einer Stunde bin ich von einer Reise zuruckgekommen, ich bin mude und kann doch nicht schlafen. Die Ankunft Pietros hatte mir mein Leben geraubt; ich, wusste den Weg, den er kommen, und wann er anlangen wurde. Ich ritt auf die Strasse nach Neapel: bei Rosalinen schutzte ich eine notwendige Arbeit vor, die ich in der Stadt zu Ende bringen musste. Hinter Sezza liegt ein einzelnes einsames Haus, dort erwartete ich den Bosewicht, den ich schon im innersten Herzen hasste, noch ehe ich ihn gesehn hatte. Er wollte gestern abend dort ankommen, und kam nicht. Endlich tat sich nach Mitternacht die Tur auf, und er trat herein; er hatte noch gegenuber ein kleines Dorf besucht, und hatte sich jetzt bei unruhigem Wetter uber den Fluss setzen lassen; dadurch war er so lange aufgehalten. Nun ich ihn vor mir sah, erwachte mein Hass noch grimmiger. Ein ganz gemeiner Mensch, der kaum sprechen kann, verdriessErbschaft nicht so ansehnlich ist, als er erwartet hatte. Das widrigste Gemisch von baurischem und schurkischem Wesen, schmutzig und gefrassig; dieses Tier ging jetzt dem Besitze der gottlichen Rosaline entgegen, von der er in seinem ganzen Leben nicht die kleinste ihrer Vortrefflichkeiten verstehen wird.
Er brach auf, weil er gern bald nach Rom wollte; es war Mondschein, und er fuhlte sich noch frisch. Ich ritt dieselbe Strasse, und stieg vom Pferde, um mit ihm zu sprechen. Der Schandliche sprach von Rosalinen, wie er von einem Mittagsessen sprach, ohne alle Teilnahme, er wolle sie bloss des ganz kleinen Vermogens wegen heiraten, das ihre Mutter besitze. Ich fragte, ob sie schon sei, und der Niedertrachtige, dem meine Gesellschaft nicht gelegen sein mochte, brach in die gemeinsten und ekelhaftesten Zweideutigkeiten aus. Ich konnte mich nicht langer halten. Er schimpfte in pobelhaften Ausdrucken und da ich ihm drohte, fuhlte ich plotzlich die Faust des Nichtswurdigen an meiner Brust, indem er mit der andern Hand ein Messer zuckte. Da bewaltigte ich mich nicht mehr, ich riss ihm den Dolch weg, verfehlte ihn aber und streifte ihn den Hals damit hinunter.
Die Nacht und der heutige Tag sind mir in einem ununterbrochenen Schwindel verflossen. Ich erwarte den Schurken in jeder Minute. Ich hatte vielleicht einen Handel mit ihm treffen konnen, dass er weiter keine Anspruche auf Rosalinen machen solle, wenn ich bei kaltem Blute gewesen ware: ich weiss nun nicht, wie alles sich endigen wird. Warum hab ich den tuckischen Bosewicht nicht ermordet, der meinem Leben drohte? Ich begreife diese Schwache nicht, und dann ist es mir wieder lieber, dass es nicht geschehen ist.
Ware Pietro nicht dazwischengekommen, so hatt ich Rosalinen geheiratet, ware mit ihr nach England gezogen, und hatte ihr und der Natur gelebt.
Wenn ich es noch tun konnte! Was hindert mich, mich der Mutter zu entdecken? Aber der Brautigam: er wird nun vielleicht etwas langer bleiben, da ihn die Wunde wahrscheinlich am Gehen hindert, und diese paar Tage will ich noch in Rosalinens Gesellschaft geniessen. Ich bin zu mude, leben Sie wohl.
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William Lovell an Rosa
Rom.
Ich habe mehrere Tage hindurch in einer Verworrenheit aller Begriffe und Empfindungen gelebt; ich mochte Ihnen nicht schreiben, weil ich zu trage war. Jetzt aber will ich Ihnen den Verfolg meiner Liebe melden, und ich bin auf Ihre Antwort ausserst begierig.
Ich habe soeben eine Flasche Cyperwein getrunken, und meine Hand zittert, indem ich schreibe; ich bin ausserst froh und zufrieden, und mir ist so leicht, dass ich bei jedem Absatze aus vollem Halse lachen muss. Willy sieht mich von der Seite mit misstrauischen Augen an, und scheint dabei halb eingeschlafen. Das Leben ist das Allerlustigste und Lacherlichste, was man sich denken kann; alle Menschen tummeln sich wie klappernde Marionetten durcheinander, und werden an plumpen Drahten regiert, und sprechen von ihrem freien Willen. Heut am Morgen kam die Nachricht von Pietros Tode; man hatte den Leichnam an der Landstrasse gefunden, und ein Vorubergehender hatte ihn zufalligerweise erkannt. Sagen Sie, was seinem Tode sein sollte, wenigstens kann ich es nicht glauben. An jener unbedeutenden Streifwunde kann unmoglich ein so rauher, eisenfester Mensch verbluten: und wenn es der Fall sein konnte, so hatte es der Schurke reichlich an mir verdient.
Es war ein gross Geheul im Hause, vorzuglich von der Alten; Rosaline gramte sich auch, aber ich bemerkte deutlich, wie sie sich im stillen von leisen Gedanken trosten liess. Ich ging fort, weil mir die Szene zur Last fiel, und fand Nachmittag Rosalinen allein in Tranen gebadet. Die Alte war ausgegangen, und kam vor dem Abende nicht wieder. O wie sie schon war, als sie auf dem Fussschemel sass, und den Kopf auf den weissen Arm auf dem Sessel stutzte! Wie sich die Umrisse aller Glieder aneinanderschmiegten, und das reizendste Bild, wie hingegossen, dalag! Ich vergass alles, und verschlang die vereinigte Schonheit mit gierigen Blicken. Sie sank weinend in meine Arme, und ihre Tranen lockten die meinigen hervor. Ich fuhlte ihr Herz klopfen, ich kusste sie, sie war ganz Schmerz, und liess mich alles tun, was ich wollte. Meine Augen verschlangen die Reize, und sie sah mich seufzend an. O Rosa, ich werde von neuem trunken, wenn ich mich nur dieser Szene erinnre. Wir sprachen von ihrem Unglucke, durch die Tranen war sie weicher geworden. Bald wurden ihr meine Scherze zu dreist, sie stand auf und lief in ihre Kammer, ich folgte ihr nach. Sie bat, sie weinte von neuem, und druckte mich dann heftig in ihre Arme, indes ich mich damit beschaftigte, sie auszukleiden. Welche himmlische Reize entwickelten sich nach und nach unter meinen geschaftigen Handen! Die letzte Hulle sank, und sie stand nun nackt mit schamhafter Rote und brennendem Auge vor mir in einer grunen Dammerung die mediceische Venus, indem vor dem Fenster das grune Weinlaub zitterte, und einen Flimmerschein durch das Gemach warf. Wir sanken auf das Lager und ich war der Glucklichste der Menschen.
O mag alles um mich dunkel und ungewiss liegen, kein ander Gefuhl gibt uns Befriedigung, kein Genuss des Geistes erquickt uns. Nur hier, hier versammlet sich alles, was durch unser ganzes Leben an Freuden und seligen Empfindungen zerstreut liegt. Nur dies ist der einzige Genuss, in welchem wir die kalte, wuste Leere in unserm Innern nicht bemerken; wir versinken in Wollust, und die hohen rauschenden Wogen schlagen uber uns zusammen, dann liegen wir im Abgrunde der Seligkeit, von dieser Welt und von uns selber abgerissen. Nein, nur fur sie, fur Rosalinen allein will ich jetzt leben; Pietro ist ausgeblieben, und ich nehme sie mit mir, ich hab es versprochen, nur ihr zu leben, und ich will ihr und mir mein Versprechen halten.
Alles dammert vor meinen Augen, und ich sehe sie immer noch vor mir stehen, halb in sich geschmiegt, halb an mich gedruckt. Nein, keine andre Erinnerung verdient seit diesem Augenblicke einen Platz in meiner Seele ich mochte zu ihr hinubersturzen, aber die Mutter ist jetzt dort. Uber die elende Narrheit! dass es unsre sogenannte Tugend, unsre Lebensweise mit sich bringt, dass wir nicht so glucklich sein durfen, als wir sein konnten! Die Menschen haben ordentlich darauf studiert, alle ihre Freuden schon in der Geburt zu ersticken; da muss erst Hochzeit, Trauung gehalten werden, tausend unangenehme und widrige Sachen um sich her versammlet, Gluckwunsche von alten Narren und Muhmen, damit ja das Allerhochste, der himmlischste Genuss im Menschen zum niedrigsten und langweiligsten Spasse herabgewurdigt werde, damit wir uns ja auf keinen Augenblick von dieser jammerlichen Erde entfernen, und aus ihrem Dunstkreise von Armseligkeiten mit den Flugeln der Wonne hinuberheben.
Sie hatten sie sehn sollen, Rosa, wie Scham und Wonne in den hellen Augen kampften: wie sich mich zuruckstossen wollte, und doch nur fester an sich druckte; wie sie klagen wollte, und doch ihren Mund meinen wollustigen Kussen darbot. Nein, bis jetzt hab ich noch nie diesen Genuss empfunden; das Vergnugen an anderen Weibern ist nur wie ein Vorgefuhl, eine Ahndung dieser Seligkeit. In den Armen der Blainville fuhlt ich nur den Anfang des Rausches, und log mir eine Entzuckung der Gotter; Reue und Uberdruss bemeisterten sich meiner sehr bald. Laura, Bianca und alle ubrigen dieser Zunft sind verworfene Geschopfe, die ihre Entzuckungen heucheln, und nach dem Preise erhohn. Rosaline, Rosaline ist das einzige Weib in der Welt, die ubrigen sind ihr nur gleichsam nachgebildet.
Ich fange jetzt wirklich an, schlafrig zu werden; die Traumbilder, die mich begrussen wollen, tanzen schon jetzt um mich herum, und necken mich. Alle haben die entkleidete Rosaline in ihrer Mitte. Ich werfe mich aufs Lager. Willy, seh ich, ist schon zu Bette gegangen; in Rom schlagt es drei Uhr. Leben Sie recht wohl, lieber Rosa; ich beneide jetzt keinen Menschen, sondern bedaure sie alle. Noch nie hab ich mich so daruber gefreut, dass ich Lovell bin.
48
Rosaline an Antonio
Ach, Antonio, Antonio! Komm doch so bald, als moglich. Ich getraue mir gar nicht, meinte Mutter anzusehen; alles was ich sonst gern tat, ist mir jetzt zur Last, mir ist, als gehort ich gar nicht mehr in dieses Haus. Ich mochte einsam und unbemerkt im Winkel sitzen, und den ganzen Tag uber weinen. Ach, Antonio! was hast Du aus mir gemacht? Ich lebte so still vor mich hin, und war mit allem zufrieden, und jetzt ist mir das ganze Haus zu enge, ich denke unaufhorlich an Dich und an gestern, und mit einer qualenden Unruhe; mein Herz schlagt schwer und gewaltsam. O komm heut recht fruh, damit ich nur wieder ein Paar Augen finde, die ich ansehn darf, und die ich, ach! so gern betrachte.
49
Rosaline an Antonio
Ach, Antonio, Du geisst es war zu gut, dass ich Dir nichts abschlagen kann, und das macht Dich so stark und dreist, weil ich nur zu schwach bin. Aber habe Mitleid mit mir. Ach, was kann mir nun alles noch helfen? Meine Laute macht mir keine Freude mehr, meine Mutter ist mir oft in der Seele zuwider; und doch mocht ich ihr manchmal um den Hals fallen, und ihr alles, alles sagen. Aber es halt mir die Zunge fest, es drangt mir in der Kehle, dass mir die Sprache versagt. Ich weine viel, und sie meint, es sei um den armen Pietro. Ach, Antonio, halte nur Dein Versprechen, ich beschwore Dich bei der Muttergottes, denn sonst bin ich ganzlich verloren.
50
William Lovell an Rosa
Rom.
Wenn man recht froh und zufrieden lebt, in einer schonen Einformigkeit, den einen Tag, so wie den andern, so schreibt man ungern, weil man nichts zu schreiben hat. Ich habe mich mit Rosalinen nun ganz gut eingerichtet, und ich fuhle nach langer Zeit die schone Behaglichkeit wieder, die Erfullung aller Wunsche zu sehn, ohne jenen Sturm des Bluts, ohne jenes angstliche Herzklopfen, das aus unserm Leben unangenehme Abschnitte macht. Ich ware ganz glucklich, wenn mich der Eigensinn und die Launen Rosalinens nicht zuweilen storten. Dass sich doch keine von den Schwachheiten ihres Geschlechtes losmachen kann! Sie ist unzufrieden mit der Art, mit der ich Willy behandle, taglich wird sie dringender, dass ich sie heiraten soll, und, was das Traurigste ist, alle ihre Munterkeit, ihre Laune ist hin, und mit ihr jener unaussprechliche Zauberreiz. Soll ich es mir gestehn, dass sie mich nicht liebt? Denn sonst konnte sie das nicht beweinen, was mich glucklich gemacht hat.
Willy hatte jetzt Gelegenheit, nach England zu reistorte.
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Rosa an William Lovell
Tivoli.
Ja ich will nur endlich kommen, denn es scheint mir selbst, als wenn Sie meiner bedurften. Lieber Freund, Sie sind in Ihren Briefen nicht mehr so aufrichtig, als Sie es anfangs waren; Sie fangen an, sich zu maskieren, aber ich sehe gar nicht warum. Schamen Sie sich zu gestehen, dass Ihre Leidenschaft nun nach dem Genusse nicht mehr jenes sturmende, drangende Gefuhl ist, voller Ahndung und Ungewissheit? Sagen Sie es nur dreist heraus, denn die Schuld davon liegt nicht an Ihnen, sondern an der Einrichtung unsrer Natur, der wir uns unbedingt unterwerfen mussen. Erinnern Sie sich, was ich Ihnen mit prophetischem Geiste schon in einem meiner fruhern Briefe sagte, dass man sich nie zwingen musse, mit Enthusiasmus die Leere auszufullen, die sich oft plotzlich in alle unsre Gefuhle reisst, denn dies ist die hochste Qual des Lebens, die wahre Tortur der Seele. Geben Sie sich und Ihren Empfindungen nach, denn alle Ihre Schwure, alle Ihre poetischen Beteurungen haben Sie im Grunde gar nicht getan, sondern es sind nur notwendige Ausserunnicht gesprochen, sondern Ihre Leidenschaft; diese ist jetzt fort, und mit ihr das Wesen, das Sie so sprechen liess. Doch mundlich ein mehreres. In wenigen Tagen bin ich selbst in Rom; dann will ich doch auch Ihre Gottheit sehn und sprechen.
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Willy an seinen Bruder Thomas
Rom.
Gottlob, Bruder, der Tag der Erlosung ist nun endlich da. Ach, mir ist recht froh und leicht, fast so, wie wenn ich manchmal von einem recht schlimmen Traume aufwache, und mich im warmen sichern Bette wiederfinde; ich kann nun doch endlich nach England zuruckreisen. Ein Franzose, ein Bekannter meines Herrn, auch so einer von den Herzensfreunden, reist nach England; je nun, er ist immer noch gut genug, dass ich mit ihm reisen kann, und doch nun meinen lieben Bruder wiedersehe. Ich hatte auch hier das gotteslasterliche Leben nicht mehr aushalten konnen, das kannst Du mir glauben, lieber Thomas; ich war hier ganz, wie unter Heiden und Turken geraten, und hatte keinen einzigen frohen Augenblick. Mein Herr ist verloren, der bose Feind hat ihn ganzlich und ganz und gar eingenommen; lauter Ungluck hat er angestiftet. Da ist hier ein armes, blutarmes und unschuldiges Kind, ein hubsches Madchen, das hat er verfuhrt, das merk ich so aus ihrem stillen, jammernden Wesen. Ich mag Dir nur nicht alles schreiben, wie ich es denke, kann nicht dafur, lieber Bruder, die Gedanken kann man sich nicht geben und nicht nehmen, sie kommen ganz ungerufen, und qualen uns oft ebenso, wie Mukken und Stechfliegen. Die sind hier sehr haufig, und auch so bei mir die schlimmen Gedanken. Nun ich denke, Gott wird mich schon wieder zurechtbringen, sobald ich nur wieder auf unserm frommen, vaterlichen Boden stehe. O wie freue ich mich, Dich und meinen alten Herrn, den guten Herrn Lovell wiederzusehn! Grade, wie sich ein Kind auf den Heiligen Christ freut, so ist mir zumute. Lebe wohl bis dahin, bester Bruder.
53
Rosaline an Antonio
Wo bleibst Du doch, Antonio, dass ich Dich gestern gar nicht gesehn habe? Willst Du mich denn ganz allein lassen? Ach, ich habe viel zu Gott und seinen Engeln gebetet, aber mir ist keine Erhorung geworden, recht ohne Trost bin ich vom Himmel, wie eine Sunderin, abgewiesen. Die Saiten auf meiner Laute sind gesprungen, und ich mag keine neue aufziehn: meine Laute, die ich von Kindheit auf kenne, die ich sonst so innig liebte. Siehst Du, so weit ist es schon mit mir gekommen. Die Tranen sind eine Gabe des Himmels, ich kann manchmal ordentlich gar nicht weinen, wenn ich es auch so gerne mochte. O komm, komm, Antonio, ich bin sonst wie ein Kind, das sich im Walde verirrt hat. Alles erschreckt mich, aber wenn Du da bist, ist es wieder wie ein Fruhlingsschein um mich her. Wenn ich Dich heut nicht sehe, kann ich wieder die ganze Nacht nicht schlafen; mir fallt so mancherlei ein, wovor mir graut. Ach, wohl dem armen Pietro, dass er tot ist!
54
Rosaline an Antonio
Ja wohl mocht ich sterben, sterben, Antonio. Du kommst also nicht und siehst nach der kranken Rosaline, der Du sonst so viel von Deiner innigen Liebe vorgesprochen hast? Ach, bleib noch ein paar Tage langer, und Du kommst dann vergebens, um sie zu suchen. Wer ist nun treulos? Hab ich es nicht immer gefurchtet, dass Du so sein wurdest? Wenn ich erst tot bin, so will ich Dir erscheinen, Dich gewiss auffinden, und Deine Seele martern. Dein Vater ist auch fort; Gott, wie mag das alles zusammenhangen? Ich will den Brief zu Dir hinubertragen, ich weiss nicht, ob Du ihn erhalten wirst. Ach, was kann es mir auch helfen? Mein Bild, das Du gezeichnet hattest, lag bei Dir auf dem Boden, man hatte schon daraufgetreten, es war ganz unkenntlich, ach, und es sieht mir jetzt gewiss sehr ahnlich. Siehst Du, so ist Deine Liebe! Ach, Antonio, wenn Du schon so bist, welche Ungeheuer mussen dann die ubrigen Manner sein! Ich habe Dein Halstuch mitgenommen, und bewahr es wie ein Heiligtum. Ach Du geliebter Bosewicht, wohl versteh ich es jetzt, was ich sonst nicht begreifen konnte, wenn Menschen sich vom Bosen versuchen liessen; Deine Gestalt, Dein Wesen hat er dann angenommen. Ich kann nicht weiter, ich muss laut schluchzen; sollt ich Dich denn auch heut nicht wiedersehn?
55
Rosaline an William Lovell
Ja, ja, nun ist mein Ungluck gewiss. Gott, ich werd es nicht uberleben. Welche Ostern hab ich gefeiert! es sind die letzten, das fuhl ich. Du bist also nicht der, fur den Du Dich, ausgibst? O Himmel! Mein Antonio ist ein Betruger! Mein Antonio? Nein, Du bist nicht mein; Du bist mir fremd, Du bist vornehm, Du kannst nie der meinige werden. Und jetzt konnt ich Dich auch nicht mehr lieben. Ach, wo ist alles, alles so plotzlich hingekommen, was ich fur Dich empfand? Hast Du mich denn wirklich nicht auf dem Platze der Peterskirche gesehn? O gewiss, denn Deine Augen waren immer nach mir hingerichtet. Aber Du schamst Dich jetzt meiner Du ich sollte Dich nicht so nennen, denn Du bist nicht meinesgleichen, Du liebst mich nicht. Mein Herz klopfte angstlich ich kannte Dich gleich am Ziehen der rechten Augenbraune, an der Art zu lacheln an dem kleinen Flecke am Munde, ich wollte mich zu Dir drangen, ich konnte nicht; ich dachte in Ohnmacht zu sinken. Ich konnte nicht den Heiligen Vater ansehn, als er den Segen sprach, denn ich sahe nur Dich, Dich einzig und allein in der ungeheuren Volksversammlung; meine Mutter stand hinter mir, und blieb zuruck, als ich mich vordrangte. Ach wohin wollt ich mich drangen? Lebe wohl, ich sterbe bald, der Segen des Heiligen Vaters ist meine Einsegnung zum Grabe gewesen. Und Du warst so froh ach, Antonio vergib, dass ich Dich immer noch bei diesem schonen Namen nenne Antonio o was kann ich sagen! Mein Kopf schwindelt. Soeben sang meine Mutter still vor sich hin eins von unsern alten Liedern. Ach, diese Lieder kennen mich nicht mehr, sie wollen mich nicht mehr trosten. Nein, ich will auch nicht getrostet sein, ich will verzweifeln, ich will wahnsinnig werden, und so zu Dir rennen, so Dir mit fliegenden Haaren wild vor die Augen treten, und Dich verlachen, wenn Du mich dann nicht mehr kennst. Ich glaube, mir ist im Kopfe eine Ader gesprungen, ich blute heftig, und bin wie betaubt. O Ungetreuer, mit diesem Blatte empfangst Du zugleich meine Blutstropfen; bald soll man meine Leiche vor Dir vorubertragen; freue Dich dann Deines Werks!
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Rosaline an William Lovell
Verwunschungen, Fluche hinter Dir her! Sie werden Dich ereilen und ergreifen. Nein, ich kann nicht langer im Hause bei meiner Mutter bleiben, ich kann nicht langer in dieser Welt bleiben, wo jeder Baum, jeder Grashalm mich an Dich erinnert. Mir ist seltsam, ich will durch die Welt wandern, und Dich suchen, und wenn ich sterbe, sieh! dann treff ich Dich doch jenseits; denn Du musst auch sterben, da kannst Du meinen Vorwurfen nicht entlaufen. O weh Dir, Antonio, dass Du sterben musst; dann wird Dir das Verzeichnis Deiner Sunden, aller, von der kleinsten, bis zur grossten, verlesen. Mir ist der Tod ein Trost, Dir wird er wehe tun. Ich hab es schon lange heimlich geglaubt, aber keinem Menschen und auch Dir nicht sagen mogen, dass Du an Pietros Tode schuld bist. O wehe Dir, wenn es so ist! Ich werde hingejagt vom unbekannten Geiste in Tod und Grab, es brennt in meinen Eingeweiden, und die Fluten der Tiber sollen diese Flammen loschen. Aber ich muss Dich noch sehn vorher, ich will Dir Deine Briefe zuruckbringen; ich will ach, ich weiss selbst nicht, was ich will sterben gewiss.
57
Leonore Silva an William Lovell
Ach, gnadiger Herr! Sie verzeihen es wohl einer alten Frau, wenn sie sich untersteht, Ihnen zur Last zu fallen. Meine Tochter, die letzte Stutze meines Alters, ist tot; Gott mag ihrer Seele gnadig sein! Sie ist in die Tiber gesprungen, gestern am Abend; vorher ist sie die ganze Stadt durchlaufen, und hat immer nach Ihnen gefragt. Dann haben sie einzelne Leute in den Garten vor der Porta St. Angelo gesehn, sie hatte die Haare los, und schrie und sang, man hielt sie fur verruckt, konnte sie aber nicht einholen. Mit der Dammerung und dem aufgehenden Monde ist sie in die Stadt zuruckgekommen. Auf der Brucke St. Angelo stand sie endlich still, und sah ins Wasser, sie deutete auf den Mondschein, und sagte: sie wolle jetzt in das goldene Paradies; ein Mann, der dort stand, hat es ganz deutlich gehort: so sturzte sie sich vom Gelander hinunter. Man zog sie tot ans Land. Ach, lieber gnadiger Herr, nun bin ich ganz verlassen, erzeigen Sie mir doch die Ehre, mich noch einmal zu besuchen, und eine arme, alte, verlassne Frau etwas zu unterstutzen. Gott sei Rosalinens Seele gnadig: ich bete fleissig einen Rosenkranz zu ihrem Heil, und auch fur Sie, dem Gott gnadig sein wolle, wenn Sie mir gnadig sind. Helfen Sie mir die wenigen traurigen Tage leben. Meinen Gram, meine Klagen will ich Ihnen nicht vorschwatzen. Gott ist uber uns alle.
Funftes Buch
1
William Lovell an Rosa
Rom.
Wenn man sich noch einige Zeit nach dem geendigten Schauspiele verweilt, dann der Vorhang wieder in die Hohe geht, und einzelne Stucke von Dekorationen an den kahlen Wanden hangen, Waffen und Rustungen zerstreut auf dem Boden liegen, die emsigen Aufseher die Lichter ausloschen und sammeln, hin und wieder ein schlechter Schauspieler noch mit tragischem Schritte auf und nieder geht, und seine Rolle nicht vergessen kann: so, Rosa, in diesem armseligen Lichte erscheint mir jetzt das Leben. Die Menschen sind mir nichts als schlechte Komodianten, Tugendhelden oder witzige Kopfe, Liebhaber oder zartliche Vater, nachdem es ihre Rolle mit sich bringt, die sie so schlecht, wie es nur immer eine wandernde Truppe tun kann, zu Ende spielen. Auch ich bin unter dem Haufen einer der Mitspieler, und so wie ich die andern verachte, werde ich wieder von ihnen verachtet.
Warum schlagen so oft die hochsten Wogen in unsrer Seele, und dann so plotzlich ein trager dumpfer Stillstand? So wie das moosige, schlammige Gestade diese trage Blutmasse wunschen, Gefuhle, die die Tranen aus ihren tiefen Kerkern reissen, Seufzer und Schmerz, Qual und Wollust, um wieder in den Kreis der ubrigen Menschen zu treten, den ich jetzt aus der Ferne anschaue und verachte.
Willy und sein altes, gutmutiges Gesicht fehlt mir in jeder Stunde, er war sehr froh, dass er sein Vaterland wiedersehen sollte. Wie gern sich der Mensch doch an Erinnerungen und leblose Gegenstande fesselt, und jeden Berg und einheimischen Baum fur einen Freund und Wohltater ansieht!
Rosalinens Mutter ist befriedigt, und alles mit ihr abgetan; ich glaube, sie wird nicht lange leben, und also auch meiner Unterstutzung nicht auf lange bedurfen, sie war sehr schwach, als ich sie sah. Wie die Faden eines Weberstuhls flimmert und zittert das menschliche Leben vor meinen Augen, ein ewiges Wechseln und Durcheinanderschiessen, und dabei doch das langweilige, ewige Einerlei!
2
Eduard Burton an William Lovell
Bondly.
Mein geliebter Freund, noch immer muss ich Dich so nennen, sosehr Du Dich auch von mir wendest. Ich kann mein fruheres Leben nicht so wie Du aufgeben, um ein neues in der Wuste zu suchen, ich bin nur Mann, weil ich Kind war, und alle meine Erinnerungen und Gemutsstimmungen wie ein Ganzes zusammengehoren. O William, kehre zu uns zuruck, sei wieder kindlich, heiter und unschuldig, wirf jene glanzenden Sophismen von Dir, die nur Deine Ketten verkleiden.
Ach ich sollte in einem ernstern Tone, mit tiefer Trauer sprechen, denn welche Nachricht hab ich Dir zu hinterbringen! Dein Vater ist nicht mehr, Gram und Krankheit haben endlich seinem murben Leben ein Ende gemacht, das gleichsam nur noch an einem Faden hing. Ach, William, ich kann Dir unmoglich alles sagen, was ich denke. Mit weinenden Augen habe ich die Papiere gesiegelt, die ich Dir hierbei uberschicke, halte sie in Ehren, denn es sind die letzten Federzuge Deines Vaters, er muss oft in seinen sich hingesehnt haben. Auch mein Vater ist jetzt krank, und ich habe viel mit seiner Pflege zu tun; o Freund, wenn man furchtet, dass jemand, den wir so wohl kannten, nun von uns scheiden will, nach einem unbekannten Lande hin, und er selbst uns dann fremde wird o dann verdoppeln wir unsre Liebe und Sorgfalt, wir vergessen uns selbst, und eben deswegen vieles, was wir ehedem an ihm tadelten.
Amalie Wilmont ist mit Deinem Freunde Mortimer verheiratet. Ich weiss nicht, wie Du diese Nachricht aufnehmen wirst; mir ist oft wie einem melancholischen Zuschauer zumute, der im Schauspiele mit Widerwillen den Schluss des Stucks herannahen sieht, wie sich alles verlauft, die Hauptpersonen ausbleiben, die muntern Scherze schon erstorben sind endlich fallt der Vorhang, und unsre Freuden, unsre Teilnahme, unser Leben, alles, was wir hatten, ist dahin!
3
Einlage des vorigen Briefes
Die grosste Schwachheit des Menschen ist, Plane fur die Zukunft zu machen, und doch besteht darin das Leben: auf nichts sollte man vertrauen, denn nie entspricht die Zukunft unsern Erwartungen, wenn sie zur Gegenwart wird, und wir selbst und unsre innersten Empfindungen sind ebensogut dem Wechsel unterworfen, wie alles, was uns umgibt. Reut mich nicht jetzt, was mir vordem Freude machte? Ach, mein Sohn, konnt ich Dich nur in meine Arme schliessen, wie froh wollt ich sein, dass ich von meinem Traume erwacht bin! Wie alles von mir zuruckweicht, was mich sonst aufrecht erhielt! Meine Hande zittern, mein Gedachtnis wird schwach, und alle schonen Vorstellungen verfliegen, wie die Dunste eines Rausches. Mein ganzes Leben liegt wie ein dunkler Abgrund da, in den ich hineintaumelte, ohne Besinnung dalag, und mich jetzt muhsam an den feuchten Wanden zum Lichte emporarbeite. Nein, ich kann den Tod nicht furchten, der mir in jeder Stunde naher tritt, ich sehe ihm mit festen Augen, ja mit einer Art von Sehnsucht entgegen. Jeder Klang ist versunken, nur eine innige Wehmut schlagt unermudet ihre Tone in mir an, so wie sich jedes frohliche Gerausch in den ziehenden ernsten Kirchengesang verliert. Alle Gedanken sind nach dem Grabe hingerichtet, Sonnenaufgang und Untergang, alle Erscheinungen der Natur sind mir Boten, die mich dorthin rufen. Ich begreife die Veranderung nicht, die in mir vorgegangen ist; vieles steht verjungt, wie in der Kindheit vor mir, ja ich bin wieder zum Kinde geworden, und gehe nun durch dasselbe rosenrote Tor wieder aus dem Leben hinaus, durch welches ich eintrat. So ist mein ganzer Lebenslauf nur ein Kreis gewesen, indem ich immer glaubte, in grader Richtung fortzugehen. Die Welt mit allen Freuden und Leiden liegt hinter mir, wie ein weites Gebirge, das der Nebel unkenntlich macht, nur das Tal, in welchem ich Ruhe finden soll, seh ich deutlich vor mir. Schwarze, im Winde flatternde Totengewander mit tiefen steifen Falten, Graber und Totengerippe stehn vor meinen Augen, ohne dass ich mich, wie sonst, davor entsetze: ist nicht alles um uns her Tand und Spiel, womit wir uns so ernsthaft beschaftigen? Wie wir die Trummer alter Palaste besuchen und ausmessen, so sollten wir mit Kunstleraugen das Knochengebaude des Menschen betrachten, und das erhabene Kunstwerk bewundern, von dem uns dort in nackter Entblossung gleichsam die Latten und Grundlinien hingelegt sind, wie die Contoure einer Zeichnung neben dem Menschen, dem vollendeten Gemalde. Wie ein veraltetes Kleid legen wir den Korper ab, Blumen, Graser und Insekten nahren sich von unserm Stoff, so wie wir von der Pflanzennatur unser Dasein erbetteln, aber der Geist schwingt sich aufwarts, und sieht mit Ruhe auf die Verwesung seines Korpers hinab. O konnt ich den raschen Jungling, konnt ich Dich, lieber Sohn, nur einen Blick so in die Welt und ihren durchheinandergezogenen verwirrten Wirbel hineinwerfen lassen, wie ich jetzt alles sehe. Der Kunstler wirft oft eine wunderbare Erleuchtung in unsre Seele, indem er langst bekannte und oft gesehene Gegenstande in seinem Gemalde so ordnet und zusammenstellt, ein eignes Kolorit und seltsame Zufalligkeiten hinzufugt, dass seine Darstellung eine neue und wundersame Bedeutung erhalt. Aber fur meine Gefuhle und Ideen hat die gewohnliche Sprache, das fuhl ich, keine Worte, ich musste eine Art von Gedicht schreiben, um Dich etwas naher in meine Atmosphare zu ziehn, so wie vielleicht alles recht Gute und Verstandige immer ein Gedicht sein musste, weil das, was den Menschen ganz befriedigen soll, sein Gefuhl und seinen Verstand zugleich ausfullen muss. Reine Satze der Vernunft auf die grundlichste Weise hintereinandergestellt, lassen die grossere Halfte im Menschen leer, und noch niemand ist auf diese Weise geandert oder gebessert worden. Konnt ich Dir doch, wie durch tausend Hohlspiegel, das Bild so zuwerfen, wie ich es vor mir sehe, o William, Du wurdest es nicht der Muhe wert finden, zu leben, alles das tief verachten, was die gewohnlichen Menschen Frohlichkeit und Lebensgenuss nennen. Nichts macht mich ernsthafter, als ein lachendes Gesicht, als jene hohe Festtage im menschlichen Leben, wo man recht darauf sinnt, und sich zwingt, alles Gewohnliche abzulegen; aber die neuen Kleider veralten ebenfalls, und werden verachtlich in einen Winkel hingeworfen. Die Zeit rinnt Tropfen fur Tropfen unmerklich und unaufhaltsam fort, und alles ist dann leer und voruber, in den Wind zerstreut und verflogen, dass der Mensch sich wie berauscht umsieht, und nicht begreifen kann, wo alles ihm unter den Handen fortgekommen ist, was er innig an sein Herz geheftet glaubte. Ein Bauer hat heute hier in meinem Dorfe Hochzeit gemacht, der Zug ging vor meinem Hause voruber, und ich musste ihnen aus dem Fenster Gluck wunschen, ja die freudetrunkenen Menschen liessen mir nicht eher Ruhe, bis ich mich in ihre Wohnung tragen liess, um an dem Getummel, an den Anstalten, die schon seit Wochen gemacht waren, und nun endlich, endlich gebraucht und verbraucht wurden, teilzunehmen. Fur die beiden Neuvermahlten war dieser Tag nun der wichtigste, seit die Welt steht; sie meinen, dass von diesem Tage ein Abschnitt durch die Zeit in ganz Europa gehe, dass alles um ihre Hochzeit wisse, und jede Seele sie beneide: sie geben sich der sturmenden Freude und dem lauten Lachen preis, ach! und bedenken nicht, dass sich alle Empfindungen, frohe und traurige, in uns nur, wie in einem Behaltnisse sammeln, dass dies Vermogen ihrer Frohlichkeit in einigen Stunden verschwendet wird, und dass sie dann in einer nuchternen Leerheit darben, und frohliche Minuten erbetteln, die sie jetzt wegwerfen. Wenn ihr bei der Feldarbeit schwitzt, und unter dem Joche der Durftigkeit seufzt, ach so werdet ihr sehr bald den heutigen Tag vergessen, eure Kinder werden euch nicht so entzucken, als an dem Tage ihrer Geburt, wenn sich nach und nach die Leiden entwickeln, die ihr um ihrentwillen duldet; die seidnen schongeschurzten Quaste auf eurem Bette werden alt und unkenntlich, und den Kindern zum Spiele heruntergerissen werden, die die Braut gestern mit so emsiger Zierlichkeit aufsteckte, die neugeweisste Stube wird von der Lampe und vom Feuer schwarzgerauchert, eure glatten Gesichter legen sich in Falten, Zwietracht und Zank, Krankheit und Gram hemmen den Strom eures Lebens, der euch jetzt so eben und glanzend erscheint. Ach, William, ich dachte an den frohen Tag zuruck, der mich mit Deiner Mutter verband; wie alles sich verwandelt hat, und nichts in mir dem Lovell ahnlich sieht, der ich an jenem Tage war. Ein rauher Wind blast uber den Wald her, die halb abgelosten Tapeten rauschen und klatschen im Nebenzimmer, der Regen schlagt gegen die Fenster. Und doch, William, wenn ich Dir nur die Anstalten zu Deiner Hochzeit hatte besorgen helfen, ach ich ware gewiss schwach genug gewesen, alles zu vergessen, und in der Einfalt des menschlichen Herzens zu glauben, die Natur schliesse uns von ihren harten Gesetzen aus, und alles werde so golden und freundlich bleiben. Und ist dies auf der andern Seite nicht vielleicht die hochste Weisheit des Menschen? Muss ich nicht alle Zirkel um mich her aus meinem Mittelpunkte ziehen? Ich will immer anfangen einen Brief an Dich zu schreiben, und nehme die Feder und schreibe mancherlei nieder, und vergesse Dich dabei. Dann fallst Du mir plotzlich wieder ein, und der ganze Brief wird dann durch einen Zufall abgebrochen, und es ist mir unmoglich, den Faden wiederzufinden. So habe ich schon einige Blatter vollgeschrieben, aber ich habe sie vergebens gesucht. Wenn ich die Augen zumache, unterrede ich mich mit Dir und trage Dir allen Gram und alle Sorgen vor. Ich finde dabei nichts zu lachen, denn was tun unsre Briefe denn anders? Vielleicht dass sich in einem andern Leben die entfernten Gedanken schneller und edler zusammenfinden, als durch Sprache und tote Zeichen; vielleicht dass wir dann erst besitzen, was wir jetzt nur zum Lehn erhalten haben; vielleicht tut sich uns dann das Verstandnis auf, dass alle, alle Menschen das Gute wollten und hatten, aber dass die grobe unbeholfene Aussenseite nicht gelenk genug war; und so finde ich denn, William, dass Du mir auch jetzt nicht entfremdet bist. Der Gedanke beruhigt mich, und macht mich heiter. Keine Antwort von Dir! Kein Laut aus der fernen Gegend heruber! Wie ich mich hinsehne, wie sich oft mein Geist in mir ausstreckt, als wenn er zu Dir hinuberreichen wollte. Ich erinnre mich mancher Kindermarchen, und kann stundenlang an das Wunschhutchen denken, das einen plotzlich von einem Orte zum andern versetzt; dann konnt ich Dich sehn und an Deinen Hals fliegen. Aber es ist unrecht, dass Du mir nicht schreibst, wodurch hab ich das um Dich verdient? Kannst Du noch immer jenes Briefes wegen auf Deinen Vater zurnen? Ich habe Dich schon um Verzeihung gebeten, und will es noch einmal tun. Mir sind die Schilderungen der Schlachten nicht furchterlich, die sonst so leicht unsre Phantasie erschrecken. Hier fallt ein Mann zur Rechten, dort zur Linken, streifende Kugeln quetschen ganze Glieder nieder, Kopfe und blutbesprutzte Arme liegen umher, und der Soldat marschiert mit geradem Sinn den Gefahren entgegen, sieht nicht nach seinem Kameraden links, nicht nach seinem gefallenen Bruder zur Rechten, tritt auf den Leichnam, der vor ihm liegt. Ich kann diesen Mut nicht bewundern, denn tun wir alle etwas anders im gewohnlichen Leben? Freunde sterben zur Rechten und zur Linken, und wir gehn dreist und grade fort, als wurde uns der Tod niemals ereilen: wir erschrecken nicht vor dem Gifte, das diesen und jenen wohl von uns Gekannten hinrichtete. Wir haben nur unsre Plane und Entwurfe im Auge, ach und bemerken es nicht, dass die Zeit hinter uns schleicht, und uns unvermerkt in Staub und Asche verwandelt. O wehe der menschlichen Eitelkeit! Wohl dem, der sich aus dem Strudel rettet, der uns alle mit sich fortwalzt! Die hochste einzige Weisheit des Menschen ist: nicht diesem elenden Gotzen zu opfern, dem, wie dem Moloch, alle unsre Kinder in die gluhenden Arme gelegt werden. Ach William, es gibt kein einziges ernsthaftes Geschaft in dieser Zeitlichkeit, als zu sterben. Ach ja wohl konnte der Mensch viel besser sein, wenn er immer in sich den kurzen Raum des Lebens bedachte. Wie wurden wir alles mit Liebe umfangen, wie warm jedem Gegenstande, dem wir nahe sind, die Hand drucken, wenn wir immer bedachten: Ach, auch dieses Gebild zerfallt in kurzem, und du weisst dann nicht, wohin es gekommen ist; es sehnt sich nach deiner Liebe, o gib sie ihm, solange du es noch, vor dir siehst. Mein Vater steht jetzt vor mir, und mahnt mich an allen Gram den ich ihm so oft ohne Ursache machte, wie wenig ihm mein Herz in so manchen Stunden entgegenkam. Auf seinem Sarge und jetzt hab ich es recht lebhaft gefuhlt, wie viel ich ihm hatte sein konnen. Auch Du, William, wirst einst nach mir in den Wind seufzen, und meinen Grabhugel fragen, ob ich Dir denn auch ganz und aus vollem Herzen vergeben habe; ja, ja, geliebter Sohn, lass keinen Seufzer der Reue dann in Deinem Busen aufsteigen; ach freilich habe ich in manchen Stunden sehr auf Dich gezurnt, aber alles, alles ist jetzt fort, und mein Herz ist nur mit reiner Liebe angefullt. Ich habe einen Blick hinab ins Tal des Todes getan, und nun taumeln alle Wesen dieser Welt nuchtern und leer meinen Augen voruber. Alles sind nur Larven, die sich einander selbst nicht kennen, wo einer dem andern vorubergeht, und ihm ein hohles Wort gibt, das jener durch ein unverstandliches Zeichen beantwortet. Wie wust ist mir seitdem, und wie alles durcheinander verworren! alles wie trube und unkenntliche Schatten eines veralteten Gemaldes. Ich weiss mich kaum noch des gestrigen Tages zu erinnern, in der Zukunft wandelt mein Geist, wie einen Fremden betrachte ich mich selbst, und wunsche den Augenblick meines Todes. Nur Dich, William, vermiss ich noch, sonst nichts in der Welt, ich ubersehe mein Leben und alle meine Erfahrungen gleichsam in einem Register. Unsre heftigen Begierden, unsre Entzuckung und Verzweiflung entsteht nur daher, weil wir uns selbst und den kleinen Punkt unsers Lebens, auf dem wir grade stehen, zu sehr vor Augen haben, uber unser kleines Ungluck denken wir nicht daran, dass in demselben Momente viele Tausende unendlich elender sind, als wir, dass sich der Nachbar indessen freut, und in dieser Frohlichkeit vielleicht schon unbemerkt die Quelle kunftiger Trubsale sprudelt. Alles ist mir jetzt gleich, nur nach Dir sehnt sich noch mein schwaches, vaterliches Herz Du bist krank, mein Sohn, es leidet keinen Zweifel, sonst wurdest Du schon vor mir stehen. Mein Herz arbeitet schwer in mir nur unwillig tut es die letzten muhseligen Schlage, der Tod hat es mit seiner kalten Hand beruhrt, und die Lebenskraft hinweggenommen das Licht des Tages flieht. Lebe wohl.
4
William Lovell an Eduard Burton
Rom.
Ja wohl verfliegt alles und geht hinweg, und ich bin der betrubte Zuschauer des Possenspiels. Mein Vater ist also tot, und Amalie verheiratet? O moge es beiden gut gehen, das ist alles, was ich zu dieser Nachricht sagen kann. Was ist es denn nun mehr? Ist es nicht so, und muss es nicht so sein? Der Toren, die sich die Haare ausraufen, wenn ein Vorfall eintrifft, der notwendig ist, und der in der Natur der Dinge gegrundet liegt! Tod konnte nicht ohne Leben und Leben nicht ohne Tod sein. Mag es dahingehn, was mir einst so wert und teuer war, denn was konnen wir in dieser Welt unsern Besitz nennen?
O ihr Menschen mit euren gepriesenen Grundsatzen! den Pfeilern, an denen ihr euch lehnt, und die sogenannten schwacheren Menschen um euch her verachtet! Was ist denn diese eure gepriesene Vernunft? Diese Seelenstarke, mit der ihr euch brustet? Alles ist nur Feigheit, weil ihr euch selbst und euren Gefuhlen nicht vertraut; oder vielmehr ihr habt kein Gefuhl, aller menschliche Instinkt ist in euch untergemeln, die ihr muhsam erfunden habt, um eure Blosse zu decken!
Welcher Mensch ist denn der edlere derjenige, der stets nach dem Gefuhle handelt, das ihn gerade in diesem Momente beseelt und ergreift, das ihn wie ein Gott im Busen vorwarts treibt, und er nun geht, ohne mit feiger Angstlichkeit hinter sich zu blicken? Oder der, der nur als ein Sklave nach einem Gesetze sucht, nach dem er handeln musse, weil es ihm lastig fallt, frei zu sein, und er also auch die Freiheit nicht verdient? Der Mensch ist nur denn geadelt, wenn er aus stillen unbewussten Gefuhlen auf die Art gut ist, wie das Tier durch Instinkt, Nahrung und Gesundheit erwirbt, wie die Pflanze von innen herauswachst, ohne ihren Willen.
Die Grundsatze werden von den Menschen nur erfunden, um in einer tragen Bequemlichkeit ihr Leben so vor sich hin zu treiben, und in jedem Moment das Ganze ubersehn zu konnen. Sie haben es in irgendeinem Augenblicke ihres Daseins recht lebendig gefuhlt, dass kein Gedanke und keine Vorstellung fest und unerschutterlich in uns stehen, dass eine stromende Empfindung, die oft plotzlich hereinbricht, das niederreisst und hinwegfuhrt, was oft seit Jahren muhsam aufgebaut wurde; darum haben sie etwas ersinnen wollen, was die Gefuhle wie mit eisernen Klammern aneinanderhalt, sie haben die meisten Saiten der Laute zerrissen, um alle Tone im Gedachtnisse zu behalten, und sich durch keinen Klang uberraschen und verwirren zu lassen. Aber wohl dem Menschen, der diese durre Bahn verlasst, auf der er sich erniedrigt fuhlen muss, der sich vor keinem Gefuhl und Gedanken in sich selber entsetzt, der alle Segel seines Geistes anspannt, und alle Flaggen im Winde fliegen lasst, ihm allein ist es vergonnt, sich selber und seine geheimen Wunder in der Brust kennenzulernen; er findet tausend Widerspruche in sich selber, alle Tone schlagen in ihm an, und er bildet aus allen eine reiche Harmonie, die freilich dem groberen Ohre unverstandlich ist; er sammlet alle die Tausend der seltsamen Erfahrungen, um sich endlich uber sein eigenes Wesen zu beruhigen.
Ich habe mit Andacht die Blatter von der Hand meines Vaters gelesen; seine Stimme tont wie die Stimme eines unsichtbaren Geistes jenseit eines breiten Stromes zu mir heruber; er sagt in seiner Verklarung mit andern Worten eben das, was ich soeben behauptet habe.
Ihr Edlen und Vollendeten! die ihr aus dem verklarten Himmel mit Hohn auf die Welt hinunterseht, und doch so sehr den gefallenen Engeln ahnlich seid! Warum hast Du mir keine Silbe von dem verlornen Prozesse meines Vaters geschrieben? Er ist verloren, und mein Vater und Amalie sind mir auch verloren! Du konntest es aber nicht unterlassen, mir die Krankheit Deines Vaters zu melden, weil Dir die Hoffnung Deiner baldigen unumschrankten Freiheit zu sehr im Sinne lag; eine heimliche Freude fuhrte bei dieser Stelle Deine Feder, das wirst Du mir nie ableugnen konnen, wenn Du aufrichtig bist. Um Dich aber vor Dir selbst zu rechtfertigen, gebieten Dir Deine Grundsatze die Wartung des Kranken, die Liebe eines Sohnes fur ihn o mehr kannst Du ja gar nicht tun, Du beweinst dann noch seinen Tod und welch ein vortrefflicher Mensch bist Du! O hinweg mit diesen Grundsatzen, mit allem ahnlich klingenden Galimathias! Larven, die den Eigennutz verbergen sollen, die der Dunkel erfunden hat, um sich zu verschonern. O glaube mir, man kennt die Menschen, wenn man sich selbst kennt. Und ich kann Dir auch diesen Eigennutz, diese heimliche Freude nicht verubeln, nur bin ich verdrusslich, dass Du alles so absichtlich zu verstecken suchst, und mit glanzendem Firnis anzustreichen. Du ziehst Dich von mir zuruck, seit unsre Meinungen sich getrennt haben, und Deine Freundschaft fur mich entstand vielleicht bloss, weil ich Deine Eitelkeit nahrte.
Ach, wenn ich den truben Strom meiner Erfahrungen hinuntergehe, und daran denke, aus wie seltsamen Vorfallen sich so oft mein Leben zusammenfugte! Wie gedemutigt stehe ich dann an denselben Platzen, an denen ich mich ehemals so gross und edel fuhlte, bloss weil ich mir selber meine innern Empfindungen abstritt. Eitelkeit, sagt ich, verband uns vielleicht, und ich mochte jetzt hinzusetzen, dass ich nicht mehr daran zweifle.
Erinnerst Du Dich noch des Tages, an welchem zuerst aus einer Bekanntschaft unsre sogenannte Freundschaft entstand? Wir waren auf einem Spaziergange, es war ein schoner Tag, und wir bestiegen den Berg, auf welchem schauerlich und wild die Ruinen eines alten Schlosses liegen. Du klettertest mir mit jugendlichem Mute voran, um mich in der Kuhnheit zu ubertreffen, und mein Wetteifer vermehrte sich mit Deiner Geschicklichkeit. Wir standen oben, und sahen mit Entzucken in die romantische Gegend hinab; ich hatte Dich bewundert, aber Dir war es noch nicht genug, Du stelltest Dir jetzt auf den aussersten Punkt eines hervorragenden, zerbrockelten Gesteins, so dass mir hinter Dir schwindelte. Ich sah Dich frei in der Luft schweben, und eine unbegreifliche Lust ergriff mich, Dich von der Spitze des Felsen in die Tiefe hinunterzustossen; je mehr ich mich dieser Begierde erwehren wollte, desto heftiger ward sie in mir; endlich um mich selbst zu uberwaltigen, riss ich Dich mit gewaltigen Armen zuruck, und schloss Dich an meine Brust, und weinte laut; Du weintest mit mir, denn Du glaubtest, meine Tranen waren nur Zeugen meiner Liebe, meiner Besorglichkeit fur Dich; und so band Dich ein blosser, schrecklicher Irrtum an mich. Hatte ich Dir mein Gefuhl gestanden; so hattest Du mich mit Abscheu zuruckgestossen, und einen verworfenen Menschen genannt: Du warest von dem Augenblicke an mein Feind geworden. Aber jetzt gesteh ich Dir dies Gefuhl, weil Du doch immer so strenge Wahrheit verlangst. Wie sich dieser ganze Brief in dem verkleinernden Glase Deiner Seele abspiegeln wird, kann ich nicht berechnen. Wer sich selbst etwas naher kennt, wird die Menschen fur Ungeheuer halten.
5
Mortimer an Eduard Burton
Roger Place in Hampshire.
Ich vereinige meine mit Amaliens Bitten, um Sie zu bewegen, uns mit Ihrer Schwester hier auf einige Tage zu besuchen. Ich finde mich hier ausserordentlich glucklich und froh. Ach, lieber Freund, folgen Sie meinem Beispiele, verlieben Sie sich, und heiraten Sie dann, dies ist die schonste Epoche, das fuhl ich jetzt innig, die der Mensch erleben kann. Mag man doch vom Genusse der Philosophie und von den wunderbaren Empfindungen, die uns das Studium der schonen Wissenschaften gewahren soll, sprechen, was man will, es gibt immer Augenblicke im Leben, in denen der Mensch die Leere fuhlt, die ihn dabei umgibt wie wenig alle seine Beschaftigungen mit ihm selbst zusammenhangen. Aber wenn zwei Seelen miteinander verbunden sind, und der eine den andern mit jedem Tage mehr versteht, und sich ihr Band immer fester schlingt, wenn man selbst neue Schwachheiten entdeckt, und dabei doch sieht, wie innig diese mit den Vortrefflichkeiten zusammenhangen o so fuhlt man sich fest an diese Erde gekettet, auf der man vorher verdorren will, und den der Gartner nun plotzlich in andere fruchtbare Erde setzt, so dass sich seine Wurzeln mit neuer Kraft ausstrecken und durch den Boden schlagen, diesem Baume muss ohngefahr so zumute sein, wie mir jetzt gegen ehedem in meinem freien Stande war, als ich mich noch fur nichts, als fur mich selbst interessierte.
Lacheln Sie immerhin uber mich was tut es mir? Nennen Sie mich einen Schwarmer, und ich will Ihnen danken. Zeigen Sie mir den Menschen, der im Grunde nicht schwarmt, wenn er sich froh und glucklich fuhlt.
Ich weiss es selbst recht gut, dass, sowenig ich auch eigentlicher enthusiastischer Verliebter bin, ich doch selbst nach einigen Monaten noch etwas kalter sprechen werde als jetzt; aber wahrlich bloss darum, weil ich mich dann an mein Gluck schon etwas gewohnt habe, nicht, weil ich es weniger innig fuhlen werde. Ach, wir wollen lieber die ganze Untersuchung fahrenlassen, sosehr der Mensch auch dahin neigt, alle seine Empfindungen zu zergliedern, ob sie es gleich nicht vertragen wollen.
Dass die meisten Leute in einem bejammernswurdigen Irrtume ihre Sinnlichkeit fur rohe Liebe und fur das Ebenbild der Gottheit halten, ist gewiss, und hat mir selbst ehedem zu manchen witzigen Einfallen Gelegenheit gegeben: aber die Zeit ist jetzt voruber, wo mir der hohere Mensch nicht denkbar war, der beide Empfindungen in eine verbindet, und eben dadurch beide veredelt. Wenn der Mensch sich in keiner Stunde durch diese Verbindung gestort fuhlt, dann glaub ich hat er seine schonste Vollendung als Mann erhalten, er ist uber niedriger Wollust und uber schaler, fein ausgesponnener und langweiliger Zartlichkeit gleich weit erhaben.
Mein Landsitz begrusste uns mit einem der schonsten Tage, als wir hieherzogen, und das Wetter ist sich seitdem fast gleichgeblieben. Ich lerne mich jetzt in die Reize des Landlebens und einer schonen Einformigkeit ein, die in der Ferne oft so langweilig aussieht, aber nur deswegen, weil sie nicht wie eine Weihnachtspyramide mit Freuden ausgeputzt ist, die ins Auge fallen; aber der stille, leise Genuss, der unser Herz ausfullt, ohne dass es selbst der Gegenstand unserer Liebe weiss, dies ist eigentlich die reinste Freude dieser Erde, durch keine Worte und durch kein Klapperwerk entweiht. Kandaules fuhlte sich gewiss nicht glucklich, als er durchaus einen Zeugen seines Glukkes haben wollte: in den meisten Fallen ist eine solche sturmende Prunkgluckseligkeit nur Eitelkeit; wir sind nur glucklich, damit uns andere beneiden sollen. Hinweg damit, und hinweg mit aller Deklamation daruber!
Kommen Sie und sehn Sie mich selbst und mein kleines Paradies um mich her; Neid, mehr zu besitzen, Widerstreben gegen eine Eingeschranktheit, die uns doch so wohltatig und notig ist, diese Laster sind es, die jeden Menschen aus seinem Paradiese vertreiben, das er sonst ungestort geniessen konnte: ach, und wer einmal uber die gluckliche Grenze gekommen ist, dem stellt sich auch ein Engel mit einem feurigen Schwerte entgegen, dass er nicht zuruckkann. Unsere vorige Seligkeit sieht dann in der Ferne so durftig aus, wie mit entblatterten Baumen und verdorrten Gebuschen. Leben Sie wohl, Sie sehn schon, dass ich zum Poeten geworden bin.
6
Amalie Wilmont an Emilie Burton
Roger Place.
Teure Freundin, ich bin hier ausserordentlich froh und gesund; ich wunsche, dass Sie uns hier besuchten, und mit uns die frische Luft und angenehme Gegend genossen. Kommen Sie, sobald Sie konnen. Ich bin in grosse Versuchung gekommen, Ihnen meinen hiesigen Aufenthalt zu beschreiben, weil ich gern schwatze, wenn ich mich so recht glucklich fuhle.
Vor unserm Hause ist eine grosse Allee von schonen Baumen, die weit hinunter gehn, bis sie sich in ein angenehmes Waldchen verlieren; unter den Baumen trinken wir des Morgens Tee, und gehn dann spazieren. Auf der andern Seite des Hauses hat man eine schone weite Aussicht uber Wiesen und Ebenen, die alle so frisch, wie hingegossen daliegen: ich kenne schon alle Dorfer in der Nahe, und so weit mein Auge sieht, bin ich wie zu Hause. Bei unsrer Wohnung ist zugleich ein sehr schoner Garten mit Teichen und niedlichen Brucken, alles so hubsch hell und naturlich, nicht mit Felsen vollgepackt, oder voll angstlicher dunkler Alleen bergauf und ab, die einen nur gar nicht wieder herausfinden kann; nein, dieser Garten sieht recht aus wie das Leben eines glucklichen Menschen; dunkle Alleen mit hohen Baumen, die sich oben wie das Dach einer Kirche wolben, die wie seine ernsten schonen Tage dastehn, in denen er sich und die Zukunft jenseits des Grabes denkt; Blumenstucke, in denen sich die Winde jagen, und blaue und rote Schmetterlinge mit ihren breiten Flugeln sich herumtreiben, das Bild seiner launigen Stunden, in denen ohne Zusammenhang eine frohe Empfindung die andre drangt; kleine Gebusche, die zerstreut wie die heitern Tage umher stehen, wo man sich schon im voraus auf einen andern freut, der so nahe ist, dass man ihn und viele andre bequem mit den Augen abreichen kann.
Und dann die Menschen hier! Ich gehe sonntags mit grosser Andacht in die Kirche, was ich in der dumpfen Stadt niemals konnte. Dort war mir, als wenn ich von einem Gefangnisse in das andre wanderte. Aber hier ist alles, selbst die Art, wie man zu Gott betet und ihm dankt, weit naturlicher; man kann sich hier die alten Erzahlungen von der grossen Frommigkeit, von der hohen Liebe der Menschen zu Gott und untereinander recht lebhaft denken. O liebe Freundin! ich fuhle, dass ich hier nach und nach weit besser werde, als ich sonst war, ich lerne die Menschen mehr kennen, und liebe sie mehr. In den ersten Tagen war mir alles hier freilich so einsam, von Eltern und vom Bruder entfernt, alles kam mir, wie eine Wildnis vor. Mortimer, der viel gereist ist, und sich nicht mehr erinnern kann, wie lieb man das Haus hat, wo man geboren ist, lachelte uber mich, und dies trubselige Gefuhl verlor sich auch sehr bald.
Was mich am meisten froh macht, ist, dass ich nun doch oft Gelegenheit habe, manchen Armen zu trosten, und auf Tage glucklich zu machen. Ach, wie viel hab ich oft in London gelitten, wenn ich aus dem Fenster, aus dem warmen Zimmer das Elend der Menschen sah, und gern helfen wollte und nicht konnte. Ich verschenkte oft alles, was ich hatte, und schamte mich innerlich, wenn ich berechnete, wie viel mir mein unnutzer Putz, Tapeten, Spitzen und dergleichen Kindereien kosteten, die ich noch alle hatte entbehren konnen. Ich weinte oft, wenn ich nichts mehr wegzugeben hatte, und gelobte kindisch, wie viel ich einst tun wollte, wenn ich einmal durch einen Zufall reicher wurde. Jetzt sind mir die Gemalde des Jammers aus den Augen geruckt, und ich bilde mir ein, dass plotzlich alle getrostet sind, und im Uberflusse leben, weil ich sie nicht mehr vor mir sehe. Hier hab ich freiere Hand, weil ich mehr dazu anwenden darf, und weniger Gegenstande meines Mitleids finde. Es ist das schonste Gefuhl, einen Armen wieder auf einen Tag beruhigt zu haben, der wie eine lange Wuste vor ihm lag, durch die er noch wandern musste. Die Manner sind doch seltsame Wesen! Mein Mortimer gehort nicht zu den hartesten, und doch scheint er in manchen Stunden fur dergleichen ganz gefuhllos. Ich hatte neulich einen ordentlichen Streit mit ihm. Schon seit einigen Wochen trieb sich hier eine arme Franzosin herum, sie schien aus einem guten burgerlichen Hause, und erzahlte viel von ihren Eltern, die ihr fruh in der Jugend gestorben waren, und von mancherlei Unglucksfallen, die sie seitdem erduldet hatte. Ich will gerne glauben, dass manches davon erdichtet war; aber verdient ein Unglucklicher darum weniger unser Mitleid, weil er es nicht jedem Fremden vertrauen will, durch welche Schwachen er so unglucklich ward? Ich dachte mich in die Lage der Frau hinein, und wollte sie in meine Dienste nehmen, aber Mortimer setzte sich dagegen, und zwar aus keinem bessern Grunde, als weil sie ausgezeichnet hasslich und dabei einaugig sei, er sagte, dass er einem solchen Wesen nie trauen konne. Bedenken Sie, liebe Emilie, bloss weil sie hasslich war! Aber ich gab mich nicht eher zufrieden, bis mein kleiner Eigensinn die Oberhand behalten hatte; und so ist jetzt die Dupuis, oder Charlotte, wie wir sie auch nennen, Aufwarterin in meinem Hause. Wollten wir alle Physiognomien, die uns nicht anziehen, als fremde, widerwartige Wesen betrachten, wie oft wurden wir ungerecht sein! Aber ich muss aufhoren zu schwatzen; leben Sie wohl, teure Freundin.
7
Eduard Burton an Mortimer
Bondly.
Ich beneide Ihnen Ihr ruhiges, anspruchloses Gluck, und wunschte, ich konnte ein Zeuge davon sein, aber die Krankheit meines Vaters, die mit jedem Tage bedenklicher wird, vernichtet alle ahnliche Plane und Entwurfe. Sein murrisches Wesen, mit seiner Schwachheit verbunden, der Groll, den er auf die ganze Welt geworfen hat, verderben mir alle Laune; indessen trag ich diese Schwache des Alters gern, und sehe alles nur als eine notwendige Ausserung seiner Krankheit an. Aber dann hat mir noch ein Brief von Lovell so alle Munterkeit, alle Energie des Herzens genommen, dass ich mich recht innig bedrangt fuhle, von tausend Empfindungen angefallen, die ich bisher gar nicht kannte. Ich bemerke jetzt zuerst einen ungeheuren Irrtum, der mich durch mein ganzes Leben begleitet hat, der jetzt zum ersten Male in seiner ganzen Grasslichkeit auf mich zutritt; ich fuhle es, dass ich bisher einsam gelebt habe, und meinen Schatten fur meinen Freund hielt, und ihn liebte; sind wir denn alle nicht vor dieser Selbsttauschung gesichert, dass wir nur selbst aus ihnen herauslesen? Ich lege Ihnen Lovells Brief bei; bis jetzt konnte ich mir ihn bei jedem Briefe recht lebhaft vorstellen, ich sah im Geiste alle den jugendlichen Leichtsinn, gepaart mit der Reue und einer innern Langeweile, wie er dann von neuem noch lauter in seine Harfe schlug, und mir noch poetischer schrieb, um sich selbst zu betauben; ich sah jede Miene und Gebarde, und nahm darum nicht alles ganz so ernsthaft, wie es auf dem Papiere stand. Aber plotzlich ist mir Lovell ganz fremd geworden, er hat gleichsam die ganze Larve abgenommen und erscheint nun in seiner naturlichen Gestalt: dieser Menschenhass, diese Verachtung seiner selbst, o sagen Sie, wurden Sie zu einem solchen Menschen je einen freundschaftlichen Zug empfinden konnen? Diesen Brief kann ich unmoglich beantworten, und wozu auch die Antwort, da ich es innig fuhle, dass er mich ganz und auf ewig von William getrennt hat? Eine Frau, die ihren Mann geliebt hat, kann den Scheidebrief nicht mit einer tiefern Ruhrung betrachten, als mit der ich diesen Brief ansehe. Ich bin voller Schmerzen und Unruhe; leben Sie recht wohl; den besten Gruss an Ihre Gattin.
8
William Lovell an Rosa
Rom.
Sie haben recht, Rosa, dass uns das Ungewohnliche und Seltsame sehr oft naher liegt, als wir gemeiniglich glauben, ja, dass es oft mit dem Gewohnlichen ganz dasselbe ist, nur dass es sich hier in einer andern Beziehung zeigt, als dort. Ich habe soeben den Brief Balders vor mir, und vergleiche ihn mit einigen Ideen meines Vaters, die er kurz vor seinem Tode niederschrieb, und ich finde, dass beide dasselbe nur mit andern Worten sagen, dass ich alles selbst schon ausserordentlich oft gedacht, nur niemals ausgedruckt habe. Die verschiedenartigsten Meinungen der Menschen, zwischen denen ungeheure Klufte befestigt scheinen, vereinigen sich wieder im Gefuhle, die Worte, die aussern Kleider der Seele, sind es nur, die sie verschieden erscheinen lassen. Unsre kuhnsten Gedanken, unsre frechsten Zweifel, die alles vertilgen, und gleichsam durch eine ungeheure Leere streifen, durch ein Land, das sie selbst entvolkert haben, beugen sich wieder unter einem Gefuhle, das die verlassne Wuste anbaut. Die verschiedenen Gedankensysteme der sich so oder so aufbaut, und mit diesen oder jenen Zieraten aufputzt, je nachdem es ihm gutdunkt. So wie dieser die Tragodie, jener die Komodie liebt, ein andrer das lyrische, ein andrer das didaktische Gedicht; so macht sich der eine die stoische, der andre die epikurische Philosophie zu eigen: aber alles sind nur die Aussenwerke des Menschen, das Gefuhl ist er selbst, das Gefuhl ist die Seele, der Geist, die Philosophie der Buchstabe dieses Geistes; tote Zeichenschrift, wenn der Mensch sich nicht am Ende uber alle Philosophie und Systeme, selbst uber das System der Systemlosigkeit erhebt. Dieses Gefuhl stosst so Zweifel als Gewissheit um, es sucht und bedarf keiner Worte, sondern befriedigt sich in sich selbst, und der Mensch, der auf diesen Punkt gekommen ist, kehrt zu irgendeinem Glauben zuruck, denn Glaube und Gefuhl ist eins: so wird selbst der wildeste Freigeist am Ende religios, ja er kann selbst das werden, was die Menschen gewohnlich einen Schwarmer nennen, und wobei sich die meisten, die das Wort aussprechen, nichts denken. Irgendein Glaube drangt sich der Seele auf, bei allen Menschen ein und ebenderselbe, nur erscheint er verschieden, weil ihn die grobe, unbeholfene Sprache entstellt. Und wenn es kein Gefuhl in uns geben kann, das uns nicht auf Wirklichkeit hinweist, das nicht mit dem wirklichen Dinge gleichsam korrespondiert, so lasst sich aus dem Hange zum Wunderbaren gewiss weit mehr folgern, als man bisher getan hat. Das Bewusstsein unsrer Seele und der tiefe innige Wunsch nach Unsterblichkeit, das Gefuhl, das uns in ferne unbekannte Regionen hinuberdrangt, so dass wir uns eine Nichtexistenz gar nicht denken konnen, diese Gefuhle sprechen am lautesten und innigsten fur das Dasein der Seele, so wie fur ihre Fortdauer. Aber wenn ich nun diesen uberzeugendsten von allen Beweisen auch auf die Existenz der Gespenster, auf das Dasein von ungeheuren Wundern und Schrecklichkeiten anwenden wollte? Und lasse ich ihn hier fallen, so fallt er dort von selbst. Und was nennen wir denn Wunder? Die Menschen bezeichnen damit bloss das Ungewohnliche, nicht das an sich Wunderbare, denn in manchen Stunden konnt ich mich vor einem Baume, einem Tiere, ja vor mir selbst innerlich entsetzen. Wer sind die fremden Gestalten, die mich umgeben und so bekannt mit mir tun? Mein Auge hat sich von meiner Kindheit an sie gewohnt, und mein Sinn sich vertraulich an ihre Formen geschmiegt; aber wenn ich diese Bekanntschaft aufhebe, und sie mir als neu und zum ersten Male gefunden vorstelle? O und wer bin ich selbst? Wer ist das Wesen, das aus mir heraus spricht? Wer das Unbegreifliche, das die Glieder meines Korpers regiert? Oft kommt mir mein Arm, wie der eines Fremden entgegen; ich erschrak neulich heftig, als ich uber eine Sache denken wollte, und plotzlich meine kalte Hand an meiner heissen Stirn fuhlte. Ich erinnre mich aus meiner Kindheit, dass uns die weite Natur mit ihren Bergen in der Ferne, mit dem hohen gewolbten blauen Himmel, mit den tausend belebten Gegenstanden wie mit einem gewaltigen Entsetzen ergreifen kann; dann streift der Geist der Natur unserm Geiste voruber, und ruhrt ihn mit seltsamen Gefuhlen an, die wankenden Baume sprechen in verstandlichen Tonen zu uns, und es ist als wollte sich das ganze Gemalde plotzlich zusammenrollen, und das Wesen unverkleidet hervortreten und sich zeigen, das unter der Masse liegt und sie belebt; wir wagen es nicht den grossen Moment abzuwarten, sondern entfliehn ohne hinter uns zu sehen, und halten uns an einer von den tausend Kindereien fest, die uns in den gewohnlichen Stunden interessieren. Oft ist mir jetzt, als wollte das Gewand der Gegenstande entfliehen wie von einem Sturmwinde ergriffen und ohnmachtig fallt mein Geist zu Boden, und die Gewohnlichkeit kehrt an ihre Stelle zuruck. In uns selber sind wir gefangen und mit Ketten zuruckgehalten; der Tod zerreisst vielleicht die Fesseln, und die Seele des Menschen wird geboren.
Aber sagen Sie mir, Rosa, warum mir sonst diese Gedanken fernblieben, ob sie gleich in mir lagen? Warum ich Balders Worte damals nicht verstand, ob sie ihm gleich im stillen mein Geist nachsprach, so wie er sie schon lange vor ihm so gesprochen hatte? Warum sind wir uns selbst oft so fremd, und das Nachste in uns so fern? Wir sehn oft in uns hinein, wie durch ein kunstlich verkleinerndes Glas, das die Hand, die ich mir vorhalte, tausendmal kleiner macht, und wie auf hundert Fuss von mir entruckt.
9
Rosa an William Lovell
Rom.
Ich kann Ihre Frage nicht so beantworten, lieber Freund, dass Sie mit meiner Antwort zufrieden sein werden. Die Gedanken und Empfindungen drehen sich im Menschen wie zwei Zirkel herum, die sich in einem Punkte beruhren, an diesem wissen wir nicht zu unterscheiden, was Idee und Gefuhl ist, und wir halten uns dann fur vollendet. Die Zirkel drehn sich weiter, und wir glauben uns dann wieder verstandiger, weil wir beides zu sondern wissen. Der Mensch ist sich selbst so ratselhaft, dass er entweder gar nicht uber sich nachdenken, oder aus diesem Nachdenken sein Hauptstudium machen muss: wer in der Mitte stehenbleibt, fuhlt sich unbefriedigt und unglucklich. Ich sinne oft dem Gange meiner Ideen nach, und verwickele mich nur um so tiefer in diese Labyrinthe, je mehr ich nachsinne. So viel ist gewiss, dass wir gewohnlich viel zu sehr den gegenwartigen Moment vor Augen haben, und daruber unser ganzes voriges Leben ausser acht lassen; die gegenwartige Empfindung verschlingt alle fruheren, und die jetzige Idee Ideen, sondern als kindische ungeschickt entworfene Skizzen erscheinen. Daher leugnen wir uns so oft unsre innerste Uberzeugung ab; und so wie der Morder den noch halbbelebten Leichnam angstlich mit Erde bedeckt, so verscharren wir mutwillig Empfindungen, die sich in uns zum Bewusstsein emporarbeiten wollen. Oh, wenn wir doch Teleskope erfinden konnten, um in das tiefe Firmament unsrer Seele zu schauen, die Milchstrasse der Ahndungen zu beobachten, die nie unserm eigentlichen Geiste naherrucken, sondern wie Nebelflor die Sonne in uns verdunkeln, ohne dass man sagen kann: jetzt geschieht es!
Die Traume sind vielleicht unsre hochste Philosophie, die Schlusse der Schwarmer sind fur uns deswegen vielleicht unverstandlich und luckenvoll, weil wir es nicht begreifen, wie in ihnen Vernunft und Gefuhl vereinigt ist. So kommt mir das jetzt ehrwurdig vor, was ich noch vor einem halben Jahre belachte, und ich mochte jetzt manchmal uber das lacheln, was mir damals so wichtig erschien. Es ist nichts in uns Festes, lieber William, mit unsrer veranderten Nahrung werden wir andere Menschen; je nachdem unser Blut schnell oder langsam fliesst, sind wir ernsthaft oder lustig; sollten alle diese Erscheinungen von gar keinem Gesetze in oder ausser uns abhangen, wie wenig Wert hatten dann die jedesmaligen Resultate! Doch oft scheint das ausserlich Zufall, was eine lange berechnete innerliche Notwendigkeit war; und so gleicht der Mensch vielleicht den Trauerspielen Ihres Shakespeare, wo, wie Sie mir selber gesagt haben, der Schluss so oft von einem plotzlich eintretenden Vorfalle abzuhangen scheint, da er doch schon in den ersten Versen des Stucks, in allen Kombinationen gegrundet liegt, und daher notwendig war.
Wir ubersehn immer nur die Stelle unsers Lebens, auf der wir stehn, und alle unsre Gedanken, Empfindungen und Handlungen sind nur auf dieser Stelle einheimisch, jeder steht anders, alle Gesinnungen brechen sich in verschiedenen Richtungen, und laufen nur fur den geradeaus, in dem sie sind; daher wollen wir, wenn wir nichts anders sein konnen, nachsichtig sein, und nicht den Nachbar beurteilen und tadeln, der uns von unserm Standpunkte vielleicht in einer seltsamen Verkurzung erscheint.
10
William Lovell an Rosa
Rom.
Es musste nichts Schoners sein, als sich selbst recht genau kennenzulernen, und, lieber Freund, wenn man sich recht fleissig beobachtet, warum sollte es der Mensch nicht auch hierin zu einer gewissen mechanischen Fertigkeit bringen konnen, wie in so manchen andern Sachen, die uns doch so durchaus geistig vorkommen? so dass wir am Ende eine Festigkeit des Blickes erhalten, der die ungewissen, flatternden Gestalten fest und stehend werden lasst? Mir sind wenigstens seit einiger Zeit tausend Sachen aus den fernsten Jahren, aus den verworrensten Gemutsstimmungen eingefallen, an die ich bisher entweder gar nicht dachte, oder sie mir doch nicht so deutlich auseinandersetzen konnte. Man steigt vielleicht immer hoher, alles erscheint dann immer mehr als Zufalligkeit, was wir jetzt als unser Wesen betrachten, bis wir uns unserm eigentlichen Selbst immer mehr nahern, je mehr wir unser jetziges Selbst aus den Augen verlieren. Wenn ich manchmal in der Abenddammerung sitze und sinne, da ist es manchmal, als schwingt sich mir rascht und erschreckt und dabei doch so still und selig befriedigt: ich greife dann mit dem Gedachtnis, wie mit einer Hand darnach, um es mir selber aufzubewahren. Aber sonderbar, Rosa, es ist in mir, und verschwindet mir dann doch ganzlich wieder, so dass ich seiner nicht habhaft werden kann. Alle meine Gedanken stehn mir zu Gebot, alle meine Erinnerungen und Anschauungen, aber dies ist ein Gefuhl, das feiner und geistiger ist, als alles ubrige; aber was ist es, und woher kommt es und wohin geht es wenn es nicht mehr in mir bleibt? Sollten diese Zustande vielleicht ebenso in uns sein, wie das Sonnenlicht in einer glasernen Flasche, das kommt und geht, so wie die Wolken ziehn?
Wie mag es uberhaupt wohl um unsre Willkur stehen? Wer weiss, was es ist, was uns regelt und regiert, welcher Geist, der ausser uns wohnt, und nur allmachtig und unwiderstehlich in uns hineingreift. Aus meinen Kinderjahren fallen mir manche Tage ein, wo ich unaufhorlich etwas Greuliches und Entsetzliches denken musste, wo ich statt meinem stillen Gebete Gott mit den grasslichsten Fluchen lasterte und daruber weinte, und es doch nicht unterlassen konnte, wo es mich unwiderstehlich drangte, meine Gespielen zu ermorden, und ich mich oft schlafen legte, bloss um es nicht zu tun nun Rosa, damals war ich gewiss unschuldig und unverdorben, und doch war diese Entsetzlichkeit in mir einheimisch was war es denn nun, das mich trieb, und mit grasslicher Hand in meinem Herzen wuhlte? Mein Wille und meine Empfindung straubten sich dagegen, und doch gewahrte mir dieser Zustand wieder innige Wollust.
O wir sollten uberhaupt zu unsern Kinderjahren in die Schule gehn, und das lernen, was wir so gern verlernen, und es dann mit nichtiger Eitelkeit die Ausbildung unserer Seele nennen. Es ist, als wenn noch ein fluchtiger Schein einer fruheren Existenz in die zarten Kinderjahre hineinspiegelte, wie der Widerschein eines Glanzes, bedeutend und doch ratselhaft; wie Tone klingt es heruber, durch die der Wind fahrt, die einzeln schallen, und in denen man doch Zusammenhang wahrnimmt.
Als Kind traumt ich einst, die ganze Welt ginge unter, und aus allen den ungeheuren Massen schmolzen einzelne Tone heraus, die sich nun durch den leeren Raum spielend bewegten und umeinandergaukelten, und sich verschlangen, und bunt durcheinanderwuhlten. Bald versank der helle Ton in den tiefern, und dann erklang ein wunderbares Gemisch; bald spaltete sich ein dumpfer tiefer Klang, wie ein Farbenstrahl in viele helle Streifen, die wie Sonnenblitze hochklingend ausfuhren, und wieder in den mutterlichen Ton zuruckfielen. Ich horte das wunderbarste Konzert, das mich in der ungeheuren Leere mit Schwindel erfullte, so dass ich bald nichts mehr horte, und in einen tiefen bewusstlosen Schlaf versank.
Ich weiss, dass dies fur die meisten Menschen Unsinn ist, aber vielleicht liesse sich in dieser Ahndung der Wahrheit (denn das sind gewiss immer diese Spiele der Phantasie) ein sehr tiefer Sinn erforschen, wenn meine Beobachtung ebenso fein ware, als der Sinn, der diese Erscheinung hervorbrachte, wenn ich nicht von den Armen des Irdischen zu fest gehalten wurde, und sich immer wieder neue Bilder zwischen mein Auge und den beobachtenden Gegenstand schoben: kurz, wenn ich mich in einer ebenso glucklichen Himmelsverklarung, in einem ahnlichen Traume kommentieren konnte.
11
Karl Wilmont an Emilie Burton
Roger Place.
Erschrecken Sie nicht, ums Himmels willen nicht, teuerste Freundin, wenn Sie diesen Brief eroffnen und die Unterschrift gewahr werden; lesen Sie ihn lieber zu Ende, und tun Sie, als wussten Sie nicht von wem er kame; o erstaunen Sie wenigstens so sehr, dass Sie in Gedanken immer weiterlesen, und sich nur beim Schlusse von Ihrer Verwunderung erholen konnen. Horen Sie mich wider Ihren Willen, so wie ich wider meinen Willen unaufhorlich an Sie denken muss. Und doch was werde ich Ihnen nun sagen? Meine Feder und mein Kopf stockt; ich hatte keine Ruhe, ich wurde hin- und hergetrieben, und eine unbekannte Gewalt mahnte mich, an Sie zu schreiben nun gut, und hier sitze ich, und weiss wahrhaftig nicht eine Silbe, nachdem ich den Anfang niedergeschrieben habe.
Meine Gedanken wandern von Osten nach Westen und von Suden nach Norden, und gehn nach allen Richtungen, und kommen aus allen Richtungen, wie die Ameisen in den Stock meines Kopfes zuruck, und wunder welche neue Systeme und Erfindungen, welche unendliche Rechnungen und Auflosungen von algebraischen Ratseln sie mit sich fuhren und wenn ich sie nun am Eingange mustere, so schleppt sich dieser mit Ihrem Bilde, dieser mit einem lahmen Sonette, jener mit einem kunstlichen Seufzer, dieser mit einer Anekdote, die Sie irgendeinmal erzahlt haben ach, und konnen Sie mir etwas Schoners bringen? Ich lege alles auf den Winter und die teure Zeit hin, und denke mich in der Einsamkeit daran zu erquicken. Ach, eine bittersusse Erquickung!
Ich mochte manchmal alle Leute, die das Ungluck und unsre verdammten Verhaltnisse erfunden haben, zum Henker wunschen! Mussen wir denn in dieser oden lumpigen Welt noch so tun, als wenn wir wunder wie viel gewonnen hatten, wenn man uns die schwarzen Brandstellen zeigt, an denen vorher so herrliche Baume standen? Es ist jetzt in der ganzen Welt ein ungluckliches Jahr, ein Misswachs an Gluck, das Unkraut, das zwar auch Bluten hat, hat den Weizen verdrangt und keiner von den Arbeitern will es merken, und wenn einer hie und da uber die herrliche Ernte die Achseln zuckt, so wird er noch obendrein fur einen Felddieb erklart, und mit Hunden gehetzt und mit Verwunschungen verfolgt.
Ich reiste von London hieher, um ruhiger zu werden, und ich bin nun unzufriedener, als je. O Emilie, verzeihen Sie den rauhen Ton meines Briefes, verzeihen Sie den ganzen Brief, ach verzeihen Sie mir, dass ich so unbeschreiblich an Ihnen hange.
Wir sprechen taglich von Ihnen und von Ihrem lieben Bruder, wir ersetzen uns durch haufige Erzahlungen von Ihnen Ihre Gegenwart, so gut wir es konnen: aber ich denke leider nur desto ofter an Sie, je mehr von Ihnen gesprochen wird, um so mehr fuhl ich Ihre Entfernung.
Wir pflanzen und saen im Garten, und haben alle eine gluckliche Hand. Meine Schwester wird hier ganz zur Bauerin, und lebt in ihren Stauden und Blumen, und pflegt jede mit einer mutterlichen Sorgfalt; ich suche indes von einem Ende des Gartens zum andern, im Felde und im benachbarten Walde ein Etwas, das ich selbst nicht kenne; ich strebe Sie zu vergessen, und mich Ihrer recht lebhaft zu erinnern.
Es wird Abend, und mein Trubsinn nimmt zu, je mehr die Sonne hinuntergeht: o noch eine Bitte, teuerste Freundin, wenn Sie diesen Brief zu Ende gelesen haben, so wurdigen Sie mich einer kleinen Antwort, wenn es auch nur einige Worte sind, die Sie meiner Schwester einlegen, damit ich doch so stolz sein kann, dass ich etwas von Ihrer Hand besitze, das einzig und allein an mich gerichtet ist.
Ich siegle schnell und schicke den Brief fort.
12
Emilie Burton an Karl Wilmont
Bondly.
Ich fuhle es zwar recht gut, dass ich nicht schreiben sollte, allein es ist derselbe Fall, wie mit Ihnen, ich tu es wider meinen Willen. Lieber, seltsamer Freund, warum machen Sie sich mutwillig Ihr Leben so unruhig und freudenleer? Wenn ich Sie uberfuhren konnte, dass Sie unrecht haben, so sollte mich ein sehr langer Brief gar nicht gereuen, aber ich glaube, dass Sie sich selbst alles ebenso gut und noch besser sagen, was ich Ihnen sagen konnte, daher ist meine Weisheit uberflussig. Es ist zwar schon eine alte Bemerkung, dass die Menschen nie so sind, wie sie sein sollten und konnten; allein versuchen Sie es einmal, diese Bemerkung durch Ihre Handlungen zu widerlegen, und Sie werden finden, dass es weit leichter ist, als man gemeiniglich glaubt. Wenn ich mundlich mit ihnen sprach, waren Sie oft gutmutig genug, mir recht zu geben und zu tun, als hielten Sie sich fur uberzeugt, aber ich wette, dass Sie jetzt, indem ich Sie nicht sehe, die Achseln uber mich zucken. So sind die Manner, ihre Freundschaft ist Galanterie, und diese Galanterie vertoricht und schwach halten, dass wir nur Schmeicheleien und Komplimente ertragen konnen.
Mein Vater ist sehr schwach, und ich bin sehr um ihn besorgt: dieser Kummer hat mir alle gute Laune geraubt.
Sehn Sie, wie freigebig ich bin! Sie verlangten nur einige Worte, und ich schicke Ihnen einen ganzen Brief, der noch uberdies moralischen Inhalts ist. Grussen Sie Ihre liebe Schwester, und leben Sie recht wohl.
13
Willy an seinen Bruder Thomas
Paris.
Lieber Bruder, mir kommt nun unser liebes England schon ganz nahe vor, so weit es mir auch bei meiner ersten Reise war. Ich bin jetzt schon wieder in Paris, und meine ubrige Reise ist mir nur noch wie ein Traum. Ach, lieber Bruder, es war mir alles recht sonderbar, als ich wieder durch dieselben Gegenden und Steingebirge reiste, durch die ich mit meinem Herrn Lovell gefahren bin; oft war ich so in Gedanken, dass ich meinte, ich reise noch mit ihm, und dann war ich so zutraulich und behende mit dem Franzosen, wie mit meinesgleichen. Ich wurde recht betrubt, wenn ich dann beim hellen Scheine der Lichter das fremde Gesicht sah, und ich hatte dann ein ordentliches Heimweh nach meinem Herrn, wenn er mich auch nicht mehr liebt.
Sei nicht bose uber mich, lieber Bruder, wenn ich mich so gar sehr darauf freue, Dich wiederzusehn; ich kann es ebensowenig leiden, wie Du, wenn alte Leute sich wie die Kinder gebarden, es ist auch gar nicht mein Fall, und ich mache immer nur so viel unnutzes sagen will, die Worte nicht finden kann. Es ist doch mit dem Menschen eine kuriose Einrichtung! Ich kann uberhaupt mit dem Sprechen und Schreiben noch immer nicht recht ins reine kommen, es laufen mir immer tausend Worte aus dem Munde heraus, die ich nicht haben wollte, und das sind die unnutzen Worte, die ich so wenig wie ein andrer Mensch gebrauchen kann, die echten und gediegenen aber sitzen mir inwendig fest, und wollen sich nicht losarbeiten. Noch narrischer ist es, dass ich manchmal wohl auch so einen recht vernunftigen Brocken herausbringen konnte, aber dann ist mir, als wenn ich mich ordentlich schamte, so gescheit wie andre Menschen zu sein, und ich rede denn lieber dumm, um nur die Last wieder loszuwerden. Ich glaube, Thomas, es gibt mehr solche Leute, wie ich bin, und die Anzahl der Dummen ist nicht so gross, als man gewohnlich glaubt; drum hab ich auch immer einen ordentlichen Respekt vor jedem einfaltigen Menschen, weil ich immer meine, er tragt unter seinem schlechten Uberrocke ein kostbares Unterfutter.
Wenn ich erst zu Hause bin, und Dich besuche, will ich Dir sehr viel von meiner Reise erzahlen. Das ist denn doch am Ende meine ganze Freude, die ich in der langen Zeit gehabt habe.
Hier in Paris bin ich ordentlich wie zu Hause, so bekannt ist mir noch alles, und alles ist noch gerade so, wie damals, als ich hier war. Es ist eine narrische Gotteswelt, in der wir leben, und sie konnte gewiss besser sein, wenn alle Menschen sich nur fur Arbeiter in dem Weinberge hielten; aber alle wollen essen, und viele tun doch gar nichts, sondern verderben noch im Gegenteile die Reben, und storen andre Menschen in der Arbeit; und das soll denn heissen, dass sie den ganzen Weinberg regieren und in Ordnung halten.
Je mehr die Menschen nach obenhin klettern, je mehr vergessen sie, dass sie auch nur Menschen sind, sie kennen dann ihre armen Bruder nicht mehr, und Gott nicht mehr. Die Gottesfurcht wohnt uberhaupt nur bei den armen und geringen Leuten, die haben sie als ein ordentliches Privilegium und wie ein Schmerzengeld, weil sie viel irdische Ubel zu leiden haben; sie durfen sich auch in ihrem Stande der Furcht des Herrn nicht schamen; sie ist ihr einziger Hausrat und bestes Einkommen. Ich denke an alle die Sachen, weil ich Dir schon damals schrieb, lieber Bruder, dass es mir hier nicht gefalle. Jetzt geh ich nun in keine Komodie, aber es tut mir auch gar nicht leid. Wenn die Leute, die da so mit Bequemlichkeit uber eine Prinzessin weinen, die ihren Galan nicht heiraten soll, nur wussten, wie viel und grosseres Elend es in der Welt gibt. Aber darum wollen sie sich nicht bekummern, und es ruhrt keinen, weil die armen Menschen nicht so geputzt sind, und sich nicht mit so schonen Reden aussteuern konnen.
Gott segne Dich und erhalte Dich gesund, denn in einigen Wochen bin ich bei Dir!
Willy, Dein Bruder.
Sechstes Buch
1
William Lovell an Rosa
Rom.
Ich war durch unser gestriges Gesprach ausserordentlich erhitzt, und ging wie berauscht nach Hause. Es waren so viele der fernsten Erinnerungen in mir geweckt, die noch immer in wiederholten Gangen durch meinen Busen zogen. Es ist manchmal, als wollte sich das Ratsel in uns selber aufschliessen, als sollten wir plotzlich die Anwendung aller unsrer Empfindungen und seltsamen Erfahrungen kennenlernen. Die Nacht umgab mich mit hundertfachen Schauern, der monderhellte durchsichtige Himmel wolbte sich wie ein Kristall uber mir, und spiegelte die seltsamsten Empfindungen wie Schatten in diese Welt hinein. Rosalinens wehmutige Gestalt war mit unter den bunten Schatten, sie ging neben mir, und verlor sich im krausen Dunkel jedes Baums, und stand im hellen Mondscheine wieder da: wie Tapeten voll seltsamer Geschichten gewirkt, hing die ganze Natur um mich her. Vergangenheit und Zukunft waren auf eine wunderbare Weise dargestellt, ich ahndete eine Menge von truben und frohlichen Empfindungen gleichsam im
Es fallt mir oft ein, warum ich gerade so und nicht anders empfinde, und warum ich vorzuglich auf diese Frage gefuhrt bin, die mir gewiss in keiner andern Seelenstimmung beifallen wurde. Die Vorstellung unserer Individualitat ist die seltsamste, die uns uberraschen kann.
Ich bin ausserst begierig, um endlich den wunderbaren Mann kennenzulernen, von dem wir fast taglich gesprochen haben. Ich kann mir sehr gut einen Menschen vorstellen, der eine unumschrankte Gewalt uber alle Gemuter hat, die ihn umgeben; aber es muss das interessanteste Studium sein, einen solchen naher kennenzulernen, selbst zu fuhlen, auf welche Art er an unsern Ideen und Gefuhlen reisst, und sich so gleichsam zu ihm hinaufzuheben, indem wir lernen, wie er auf uns wirkt, und er begreift, wie er auf uns wirken kann. Ich wunsche seine Bekanntschaft, und furchte mich doch vor unsrer ersten Unterredung. Sie haben gewiss viel zu freundschaftlich das Wort gefuhrt, und er findet mich vielleicht einfaltig und abgeschmackt, denn sosehr ich auch eine Zeitlang die hohere Achtung vor allen Menschen hatte, so war es mir doch leichter, mit ihnen umzugehn, und mein Benehmen freier, als jetzt, da ich die meisten verachte. Wenn ich einen Mann von Verstand zum ersten Male sehe, bin ich leicht in Verlegenheit, ich fuhle mich so entfernt von ihm, die fremde Art, dieselben Gedanken, die ich habe, zwar auch zu denken, aber in seinen Begriffen anders zu ordnen, macht mich verwirrt, und durch die Bemuhung, mich ihm recht verstandlich zu machen und naherzubringen, werd ich immer weiter von ihm entfernt, vorzuglich aber, wenn ich noch obenein bemerke, dass er sich nach mir bequemen will. Ich wollte, man konnte sich immer erst nach einigen Vorreden kennenlernen, so wie man manche Schriftsteller nur nach einigen vorausgeschickten, allgemeinen Ideen verstehen kann.
2
Rosa an William Lovell
Ihre Besorgnisse, lieber Freund, sind ungegrundet; der Mann, von dem wir gesprochen haben, gehort nicht zu jenen verstandigen Leuten, die mit dem Fragmente ihrer Vernunft so ungeschickt umgehn, es so linkisch handhaben und widerwartig regieren, dass man von ihrer Aufklarung keinen Genuss empfangt, sondern nur Verworrenheit der Begriffe, und Resultate, die fremd und unpassend unter den eigenen Mobilien unsers Gehirnes stehen. Diesem Manne wird es leicht, sich alle Gedanken, selbst die entferntesten, zu vergegenwartigen, und sie zu seinen eigenen zu machen; fur ihn gibt es keine fremde Seele, und darum behandelt er keine mit der Verachtung, die wir so oft an andern sogenannten verstandigen Menschen, mit so tiefem innerlichen Widerstreben gewahr werden. Wenn ich Ihnen sage, dass er Sie vielleicht schon besser kennt, als Sie glauben, so ist dadurch wahrscheinlich alle Ihre Furcht gehoben, und damit Ihre Bekanntschaft nicht beim ersten Male jene steife, widerwartige Art erhalte, mit der man nach hergebrachten Formeln, wie in einem Spiele, sich seltsam genug die gegenseitige Vertraulichkeit abgewinnen will, so sollen Sie ihn auf einem Spaziergange treffen, wenn Sie heut abend nach Sonnenuntergange die Ruinen vor dem Kapenischen Tore besuchen.
3
William Lovell an Rosa
O Freund, welche seltsame Nacht hab ich gehabt! Wie verhullte Spiegel hing es in meinem Innern; heut ist der Vorhang hinuntergezogen, und ich erblicke mich selbst in veranderter Gestalt, und tausend sonderbare Gegenstande um mich her.
Ich kann immer noch nicht zur Ruhe und zur Besinnung kommen; ich weiss noch immer nicht, was ich denke oder schreibe; ich liege noch wie in einem Traume, und hefte mein Auge auf das Papier und die hingeschriebenen Worte, um zu erwachen.
Ein andermal, morgen, will ich Ihnen erzahlen, wenn ich etwas beruhigter bin. Ich werfe mich ins Bette, um mich vor dem Grauen zu verbergen, das mir nachschleicht.
4
William Lovell an Rosa
Rom.
Ich habe zu Ihnen geschickt, und vom Boten leider vernehmen mussen, dass Sie schon wieder nach Tivoli abgereist sind, ich hatte Sie so gern gesprochen und Ihren Rat und Beistand erbeten.
Ich habe in dieser Nacht nur wenig geschlafen, und bin im Schlafe von unangenehmen Traumen verfolgt. Ach Freund, ich kann Ihnen unmoglich sagen, was ich alles empfunden und gelitten habe, mir ist, als wenn sich vom gestrigen Abende eine Epoche durch mein ganzes kunftiges Leben ausstrecken wurde; viele Ahndungen sind mir nahergetreten, und tausend ungewisse Zweifel haben sich inniger mit meiner Natur verbunden.
Ich ging vor das Kapenische Tor. Der letzte Schimmer der Abendrote glanzte in dem durchsichtigen Moose, das zwischen den Gebauden hangt, alles umher vereinigte sich zu grossen Massen, und die Schatten kamen immer grosser von Osten her; ich wandelte mit stillem Erstaunen und vorbereitender Furcht unter den Ruinen, und dachte an meinen Vater hier stattliche Landhauser waren. O ich bin heut ruhig genug, um Ihnen alles weitlauftig zu beschreiben, das helle Morgenlicht glanzt uber mein Papier, und ich schildere Ihnen meine gestrige Empfindung nur wie eine poetische Fiktion.
Ach ist nicht alles nur Erfindung und Gedicht, was vergangen ist? Die Gegenwart ist nur ein Traum, die Vergangenheit dunkle Erinnerungen aus dem Traume, die Zukunft eine Schattenwelt, deren wir uns einst auch nur mit Muhe erinnern werden.
In Rosalinens Fenstern brannte kein Licht, keine Lautentone erklangen durch die Nacht, keine Schatten bewegten sich auf dem grunen Rasen. Ich konnte es nicht unterlassen, dicht zum verlassenen Hause hinzugehn, und meine Arme, wie in Gedanken nach dem verodeten Gebaude auszustrecken: ich konnte es nicht begreifen, warum die Hutte jetzt unbewohnt war; alles in meinen Erinnerungen war so ungewiss und doch so qualend, ich trat schnell vom Hause hinweg, und die Welt lag so durr und ausgestorben da, ich horte Menschenschritte, die dumpf und unerquicklich in der Einsamkeit widerhallten, Vogel mit ziehenden Gesangen und rauschende Baume, alles, alles umher, wie muhsam zusammengebracht, um die Totenstille zu unterbrechen. Jeder Ton hatte seinen Klang verloren, der uns entzuckt und begeistert, jeder Gegenstand die Bedeutung, die ihm unsre erhitzte Phantasie beilegt. Die Berge standen fern hinauf wie Totenhugel, das ganze Menschengeschlecht kam mir arm und bejammernswurdig vor, wie sie alle mit den Fussen schon in ihren Grabern wandeln, und immer tiefer und tiefer untersinken, nach Hulfe schreien, und klaglich die Hande ausstrecken, aber kein Vorubergehender sie hort und keiner sich der armen Verlassenen erbarmt. Keine Dammerung und Morgenrote wollte sich an meinem Horizonte emporringen, unermudet lag die melancholische Nacht mit ihren Flugeln uber mir; ach und ich konnte nicht weinen und schluchzen, ich konnte meinen heissen durren Jammer nicht in Tranen und Tone auflosen, kein Mitleid mit mir selbst stieg wie eine Blume in meinem Herzen auf, um mich mit ihrem poetischen Dufte zu laben, keine goldene Tauschung kam meinen muden Sinnen zu Hulfe; ich fuhlte mich wie in einem Gefangnisse unter Millionen Elenden verriegelt, durr und kalt die Mauern um uns her, ach ich glaubte nicht der einzig Verstossene zu sein, und konnte mich darum nicht trosten.
Ich hatte vergessen, wen ich erwartete, als mir eine schreckliche, ach nur zu bekannte Gestalt naher trat. Die Furchtbarkeit meiner Empfindung kam in sichtbarer Bildung auf mich zu, und ich entsetzte mich innig. Was soll ich hier von kindischen Traumereien reden, an die ich selbst nicht glauben kann, warum soll ich mich wie ein Knabe gebarden, wenn mich ein seltsamer oder auch nicht seltsamer Zufall uberrascht? Aber es mag sein, mir ist als habe mein Vater schon diesen wundervollen Andrea gekannt, den ich nun zum dritten Male mit innigem Entsetzen und in immer nahern Beziehungen auf mich gesehen habe.
Ich weiss nicht, was ich gesprochen haben mag, ich weiss ebensowenig, was jener sagte, und was mich umgab. Wie wenn alle meine seltsamsten Traume wirklich wurden, wie wenn ich jetzt zum eigentlichsten Leben erwachen wollte, wie wenn die ganze Natur mich plotzlich festhielte, und jeder Baum und jeder Stern mit geheimnisvollen Winken auf mich hindeutete; wie wenn sich jedes Ratsel von der Kette, die es lange zuruckhielt, losreissen wollte so Rosa o ich habe keine Worte fur dies Gefuhl so wie einem Verbrecher, der sich plotzlich in seinen widersprechenden Lugen gefangen fuhlt, und dem nun das Wort im Munde erstarrt so war mir in meinem Innern.
Im innersten Grausen sprach ich beherzt, ja frech, so wie im Rausche; der Alte schien verwundert. Ich sagte tausend Dinge, die ich nie gedacht habe, und die ich auch nur in diesen Augenblicken zur Halfte dachte; ich war mir meiner selbst nur dunkel und ungewiss bewusst, und es stand kein fremder Mann vor mir; ich sprach nur zu mir selber, und wie Wolken, Lichter und Schatten flatterten Gedanken durch meinen Kopf, wie wunderbare Tone von fremden ziehenden Vogeln erscholl es in meinem Innern, wie Mondschein, mit dem der Glanz der Morgenrote kampft, und beide ihre strahlenden Gewebe durcheinanderspinnen, so seltsam erleuchtet war mein Gemut.
Wir gingen auf und ab, und ich horte ihn sprechen wie einen fernen Wasserfall, wie ratselhafte Donner, die beim Sonnenschein aus der Ferne den gewolbten Himmel hinaufklimmen. Wir verliessen die Ruinen und ich folgte ihm schweigend nach seiner Wohnung.
Ein blasses Licht erhellte sein altes, abgezehrtes Gesicht, in dem jede Falte und jeder Zug eine andere Sprache redeten. Wie wenn sich plotzlich der wohlbekannte Bruder an der Seite des Bruders in einen alten Mann umwandelt, so musste jener die Empfindungen haben, die mich peinigten. Er ward mir so bekannt und blieb mir doch so fremd, ich musste ihn lieben und hassen, o ich hatt ihn erwurgen mogen, um nur des Kampfes, um nur der Zweifel loszuwerden. Und ich kannte ihn dennoch, und sein Bild war von Jugend auf tief meiner Phantasie eingepragt!
Es ist ein muhsames Geschaft zu leben, unaufhorliche Zweifel und Furcht, Pein und Angst, das ganze Heer der Erinnerungen, alle jagen uns durch furchtbare Waldlabyrinthe, wo wir in jedem dunklen Gange, in jeder neuen Krummung ein seltsames und grauenvolles Unding erwarten; wir haben nicht Zeit zu uberlegen, nicht Zeit, vor uns zu sehn, nicht Atem, um zu klagen bis wir niedersturzen, und alle Furchtbarkeiten zugleich uber uns herfallen, und das ereilte Wild zerfleischen. Bis man erwacht, heissen unsre Phantasieen Traume, bis dahin unser Dasein Leben.
Ich trat ans Fenster. Ein kleiner Rasenplatz und Rosalinens Hutte gerade vor mir; ich sah in dem kleinen Garten deutlich die wankenden Malven stehn, und der Mond stieg jetzt dunkelrot herauf, und sah zuerst in ihr Fenster hinein, und fand sie nicht. Der Alte muss mich hier oft gesehn haben, wie ein Geist hat er mich umgeben, ich schamte mich nicht vor ihm, sondern sah ihm nur um so unbefangener ins Auge. Dann flog ich mit meinen Gedanken zu Rosalinen hinuber, und ich sah sie sitzen, und stumm und zwecklos in die Saiten der Laute schlagen, ich trostete sie uber ihren Tod, und sah ein bitteres Lacheln auf ihrem Gesichte; dann hort ich mich von meinem Vater rufen, mit denselben Tonen, mit denen er mich in der Kindheit zu sich lockte, ich horte den grossen Hund, den treusten Freund meiner Knabenjahre, bellen und alles verschwand dann, und ich sass dem alten freundlich melancholischen Andrea und seinem grubelnden Auge gegenuber.
Und jetzt sitz ich hier und bin einsam, und sehe ihn doch im nebenstehenden Stuhle sitzen. Ich werde ihn wiedersehn und werde anders fuhlen, und er wird vergehen, so wie ich, und keiner wird unsrer denken.
5
Bianca an Lovell
Rom.
Ist es Dir denn moglich, mich so ganz zu vergessen? Unsere munteren Gesellschaften haben an Dir ihre Seele verloren, und jede Freude ist stumm und sitzt verlassen im Winkel. Denkst Du gar nicht mehr an unsere heiligen Bacchanale zuruck und an die sturmende Frohlichkeit, die uns so wild und gottergleich begeistert? Sind Dir Deine schwermutige Traumereien und Dein leeres Nachsinnen lieber als das Madchen, das Dich so innig liebt. Schenke uns wenigstens den heutigen Abend, den wir allen Scherzen gewidmet haben und lass mich durch ein paar Worte, die Du mit dem Boten zuruckschicken kannst, Deinen Entschluss erfahren.
Bianca.
Ich komme.
W. Lovell.
6
Rosa an Andrea Cosimo
Tivoli.
Dass meine Reise hieher eine Art von Verbannung ist, fallt mir immer schwerer auf das Herz, je mehrere Tage ich von Rom entfernt bin. Dass ich gerade in diesem Zeitpunkte Deinen Umgang entbehren muss! Zu einer Zeit, wo ich mich immer mehr zu Dir hingedrangt fuhle, wo sich gleichsam die Flugel meiner Seele voneinanderfalten, um mich desto inniger an Dein Herz zu schliessen. Du hast mich seit einiger Zeit mit neuen Ideen und Gefuhlen uberschuttet und eine neue Welt hat sich in mir eroffnet, eine Schaubuhne, die unaufhorlich mit den wunderbarsten Szenen wechselt. Ich betrachtete mein Leben seit jenem merkwurdigen Abende als ein neues, es hat sich mir ein Weg zu Deiner Seele gebahnt, den ich weiter zu verfolgen brenne. Aber warum verwirfst Du mich und wurdigst mich nicht Deines fernern Vertrauens? Darf ich den Argwohn schopfen, dass Du Dich dem jugendlichen Lovell inniger hingibst? Was kannst Du jetzt noch ferner mit ihm wollen, da sein Vater tot ist? Ist es mir uberhaupt erlaubt, zuweilen uber Deine Plane im stilEigensinn und weitlauftige, mir unnutz scheinende Maschinerie anzutreffen? Doch ich will schweigen, um mir nicht Dein Missfallen zuzuziehn.
7
Andrea Cosimo an Rosa
Rom.
Es kann und soll nicht anders sein als es ist, uberlass es mir, meine Plane zu ersinnen und zu regieren, wenn sie Dir gleich noch wunderlicher erscheinen sollten. Was kummert es Dich, wenn ich mir ein seltsames Spielwerk erlese, das mir die Zeit ausfullt und auf meine eigene Art meinen Geist beschaftigt? Wenn ich bemerke, auf welche sonderbare Art die eine Seele auf die andere wirken kann? Du hast wohl mehrere Nachte unter Karten und Wurfeln hingebracht; so vergonne mir, dass ich mir aus Menschen ein Glucksspiel und ernsthaft lacherliches Lotto bilde, dass ich ihre Seelen gleichsam entkorpert vor mir spielen lasse, und ihre Vernunft und ihr Gefuhl wie Affen an Ketten hinter mir fuhre, und danke dann mir, dass ich Dich als Freund und nicht als Spielzeug gebrauche.
8
William Lovell an Rosa
Rom.
Sie fragen mich: wie ich lebe. Ich bin seit langer Zeit in einer Verfassung, dass ich nicht ohne Sie leben kann. Ich habe Sie immer notig, um jeden Gedanken und jedes Gefuhl in Ihren Busen auszuschutten. Mir ist jetzt oft zumute, als waren Flugel an meine Brust gewachsen, die mich immer hoher und hoher heben, und durch die ich bald die Erde mit ihren Armseligkeiten aus den Augen verlieren werde.
Ich sehe jetzt den alten Andrea taglich; ich habe noch nie einen Menschen mit dieser hohen Bewunderung betrachtet, ich habe aber auch noch nie eine Seele angetroffen, die alles, was sonst schon einzeln die Menschen vortrefflich macht, so in sich vereinigte. Die Erinnerung macht mir jetzt eine seltsame Empfindung, dass ich ehedem vor seiner Gestalt zuruckschauderte; und doch will sich noch zuweilen ein qualendes dunkles Andenken in mir emporarbeiten. O Rosa, konnte man sich doch in manchen Stunden vor sich selber verbergen! Ach was kann uns nicht betruben, und uns mit scharfen Empfindungen anfallen, da wir schen lieben mochte, um so mehr wird man misstrauisch sein, ob sie es auch verdienen; keiner kennt den andern, jede Gesinnung geht verlarvt durch unsern eigenen Busen: wer vermag es, das Edle vom Unedlen zu sondern?
Schon seit lange hatte mir Andrea versprochen, mich in eine Gesellschaft von Mannern zu fuhren, die sich um ihn, wie um einen Mittelpunkt versammelt haben, und so gleichsam eine Schule bilden; ich brannte, um sie kennenzulernen. Gestern wurde ich dort eingefuhrt.
Mir war wahrend der Zeit manches durch den Sinn gegangen; der Argwohn, als wenn Andrea das Haupt irgendeiner geheimen Gesellschaft sei, da man sagt, dass unser Zeitalter von der Wut besessen sei, auf diese Art seltsam und geheimnisvoll zu wirken. Ich hatte so manches von abenteuerlichen und unsinnigen Zeremonien sogar in Buchern gelesen, und alles war mir immer als ausserst abgeschmackt erschienen; ich machte mich daher gegen Gebrauche und Einweihungsfeierlichkeiten gleichsam fest, und als ich Andrea hinbegleitete, war mir das Gefuhl sehr gegenwartig, dass nichts auf mich wirken wurde, was sonst unsre Phantasie so leicht in Aufruhr setzt. Ich erstaunte und schamte mich zu gleicher Zeit, als ich ohne weitere Umstande in ein Haus und dann in einen geraumigen Saal gefuhrt ward, in welchem sich die Gesellschaft schon versammelt hatte. Ich hatte mich gegen Abenteuerlichkeiten gewaffnet und doch uberlief mich nun ein feierliches Grauen, als mir jeder von ihnen auf eine einfache Art die Hand gab und mich als Freund und Bruder begrusste. Ich stand versteinert unter ihnen wie damals, als ich das erste grosse Raffaelsche Gemalde betrachtete, denn noch nie habe ich so viele charaktervolle Kopfe nebeneinander gesehn, noch nie hab ich in einer grossen Gesellschaft ein so ruhiges und gedankenreiches Gesprach gehort.
Als ich mich etwas genauer umsah, entdeckte ich bald mehrere Bekannte, die mit mir Nachte durchschwarmt, oder beim Spiele durchwacht hatten. Sie kennen ja auch den launigen Francesco, der uns mit seinen Einfallen so oft unterhalten hat, aber in dieser Gesellschaft war es mir nicht moglich, uber ihn zu lachen, oder einen Spass von ihm zu fordern, so ernst und ehrwurdig sass er unter den ubrigen, von denen manche ihm aufmerksam zuhorten. Adriano, an dessen Einfalt wir uns so oft belustigt haben, hatte einen grossen Zirkel um sich her versammelt und sprach mit grossem Enthusiasmus und ebenso vielem Verstande; ich konnte nicht mude werden ihn anzuhoren, und mich uber meinen bisherigen Irrtum zu verwundern. Es war mir, als ware ich plotzlich in die Gesellschaft von abgeschiedenen Geistern entruckt, die im Tode alles Irdische von sich werfen, und selbst ihren Brudern unkenntlich sind. Alle begegneten dem alten Andrea mit der ausgezeichnetsten Achtung, alle beugten sich vor ihm, wie vor einem hoheren Wesen, und meine Ehrfurcht vor meinem alten Freunde ward dadurch nur um so grosser.
Es ist, als wenn uns in der stillen Nacht tiefere Gedanken und ernstere Betrachtungen begrussten, denn mit jeder Stunde ward die Gesellschaft feierlicher, der Gegenstand ihres Gesprachs erhabener. Ich habe nie mit dieser Andacht in einem Tempel gestanden, noch in keinem Buche habe ich diese Gedanken gefunden, die mich hier durchdrangen. In solchen Stunden vergisst man seine vorige Existenz ganzlich, und nur die Gegenwart ist deutlich in unserer Seele. Ich werde diese Nacht nie vergessen.
Wir gingen erst am Morgen auseinander. Ein gluhendes Rot streckte sich am Horizont empor und farbte Dacher und Baumwipfel; die freie Morgenluft und der helle Himmel kontrastierten seltsam mit dem dunklen nachtlichen Zimmer. Scharen von Vogeln durchflatterten die Luft mit muntern Tonen, die Bewohner der Stadt schliefen fast noch alle und unsre Schritte hallten die Strassen hinab. Der frische Morgen ist mir immer das Bild eines frohen und tatigen Lebens, die Luft ist gestarkt und teilt uns ihre Starke mit, das wunderbare Morgenrot stromt eine Erinnerung der fruhesten Kindheit herauf und fallt in unser Leben und unsere gewohnlichen Empfindungen hinein, wie wenn ein roter Strahl an den eisernen Staben eines Kerkers zittert, in dem ein Gefangener nach Freiheit seufzt.
9
William Lovell an Rosa
Rom.
Wenn ich Andrea oft betrachte und mich stumm in Gedanken verliere, so mocht ich ihn in manchen Stunden fur ein fremdes, ubermenschliches Wesen halten; ich habe mir im stillen manche wunderbare Traume ausgesponnen, die ich mich schamen wurde, Ihnen mit so kaltem Blute niederzuschreiben, sosehr sie auch meine Phantasie gefangenhalten. Er begegnet oft auf eine unbegreifliche Weise meinen Schwarmereien mit einem einzigen Worte, das sie mir deutlicher macht, und in ein helleres Licht stellt.
Neulich war ich durch seine Reden in eine ungewohnlich feierliche Stimmung versetzt, er sprach von meinem gestorbenen Vater und schilderte ihn genau nach seiner Gesichtsbildung und Sprache. Ich war geruhrt und er fuhr fort, ja er sprach endlich ganz mit seinem Tone und sagte einige Worte, die sich mein Vater angewohnt hatte, und die ich unendlich oft von ihm gehort habe. Ich fuhr auf, weil ich dachte, mein Vater sei wirklich zugegen, ich fragte ihn, ob er ihn gekannt habe und er beteuerte das Gegenteil; ich war auf die Wand, um nicht in meiner Tauschung gestort zu werden. Plotzlich fuhr wie ein Blitz ein Schatten uber die Wand hinweg, der ganz die Bildung meines Vaters hatte, ich erkannte ihn und er war verschwunden; seltsame Tone, wie ich sie nie gehort habe, klangen ihm nach, das ganze Gemach ward finster und der alte Andrea sass gleichgultig neben mir, als wenn er nichts bemerkt hatte.
Ein gewaltiger Schauder zog meine Seele heftig zusammen, alle meine Nerven zuckten machtig, und mein ganzes Wesen krummte sich erschrocken, als wenn ich unvorsichtig an die Tore einer fremden Welt geklopft hatte, und sich zu meiner Vernichtung die Flugel offneten und tausend Gefuhle auf mich einsturzten, die der gewohnliche Mensch zu tragen zu schwach ist. Andrea erscheint mir jetzt als ein Turhuter zu jenem unbekannten Hause, als ein Ubergang alles Begreiflichen zum Unbegreiflichen. Vielleicht lost ein Aufschluss alle Ratsel in und ausser uns, unser Gefuhl und unsre Phantasie reichen vielleicht mit unendlichen Hebeln da hinein, wo unsre Vernunft scheu zuruckzittert; am Ende verschwindet alle Tauschung, wenn wir auf einen Gipfel gelangen, der der ubrigen Welt die hochste und unsinnigste Tauschung scheint. Balder kommt mit seinen Erscheinungen in meine Seele zuruck o Rosa, was ist Unsinn und was Vernunft? Alles Sichtbare hangt wie Teppiche mit gaukelnden Farben und nachgeahmten Figuren um uns her; was dahinter liegt, wissen wir nicht, und wir nennen den Raum, den wir fur leer halten, das Gebiet der Traume und der Schwarmerei, keiner wagt den dreisten Schritt naher, um die Tapeten wegzuheben, hinter die Kulissen zu blicken und das Kunstwerk der aussern Sinne so zu zerstoren aber wenn o Rosa, nein ich schwindele, es ist mir innerlich alles so deutlich und ich kann keine Worte finden; aber ich mag sie auch nicht suchen. Sie werden ebenfalls diese Gefuhle kennen und mir alles ubrige erlassen.
10
Rosa an William Lovell
Tivoli.
Manche Ihrer Gedanken uber Andrea sind mir aus der Seele geschrieben, in seiner Gegenwart fuhle ich mich immer wie in der Nahe eines Uberirdischen. Auch manches ist mir begegnet, was ich mir auf keine Art zu erklaren weiss. Als ich neulich mit ihm hier in Tivoli war, waren wir fast taglich zusammen und unser Gesprach fiel vorzuglich auf den Aberglauben und die wunderbare Welt, vor der unser Geist so oft steht, und dringend Einlass begehrt. Meine Phantasie ward mit jedem Tage mehr erhitzt, alle meine bisherigen Zweifel verloren immer mehr von ihrem Gewicht; Sie konnen sich vorstellen, welchen seltsamen Eindruck Ihre Briefe damals auf mich machen mussten, in denen Sie immer mit so vielem Eifer von Rosalinen sprachen. An einem schonen Abende schweiften wir vor den Toren umher, unsre Gesprache wurden immer ernsthafter und ich vergass es daruber ganz, zur engen unangenehmen Stadt zuruckzukehren. Es war indes dunkle Nacht geworden und wir trennten uns. Alle meine Begriffe waren verwirrt, die Finsternis ward immer noch nicht der Stadt. Ich versuchte einen neuen Weg, weil ich glaubte, ich habe mich verirrt, und so ward ich immer ungewisser. Die Einsamkeit und die Totenstille umher erregte mir eine gewisse Bangigkeit; ich strengte mein Auge noch mehr an, um ein Licht von der Stadt her zu entdecken, aber vergebens. Endlich bemerkt ich, dass ich einen Hugel hinanstiege und nach einiger Zeit befand ich mich oben, neben der Kirche des heiligen Georgs. Der Wind zitterte in den Fenstern und pfiff durch die gegenuberliegenden Ruinen, ich glaubte in der Kirche gehn zu horen und ich irrte mich nicht; mit hallenden Tritten kamen zwei unbekannte Manner aus dem Gewolbe und fragten mich, was ich suche. Ihre unbekannte Gestalt, der feierliche Ton ihrer Stimme und eine kleine Blendlaterne, die nur mich und den einen von ihnen beleuchtete, machte mich schaudern. Ich fragte furchtsam nach dem Wege zur Stadt, und der eine von ihnen erbot sich, mich bis an das Tor zu bringen, der andere versprach so lange bei der Kirche zu warten.
Die kleine Laterne erhellte sparsam unsern Weg und Baume und Stauden glitten uns, mit einem durchsichtigen Grun bekleidet, voruber, mein Begleiter war stumm und ich ging wie im Traume hinter ihm. Jetzt waren wir nahe am Tore und der Mann mit der Laterne stand still; wir nahmen mit wenigen Worten Abschied und ein breiter Schimmer fiel auf sein Gesicht. Ich fuhr zusammen, denn es war ganz das bleiche Antlitz einer Leiche, die Augen waren wie weit hervorgetrieben, die Lippen blass und wie in einem Totenkrampfe verzerrt: ich glaubte ein Gespenst zu sehn, und erschrak nur noch inniger, als ich nach einigen Augenblicken die Zuge Andreas erkannte. Jetzt wandte er sich um, und ging zuruck, ich stand noch wie versteinert, und rief endlich laut und halb wahnsinnig: "Andrea!" In demselben Augenblicke verschwand die Gestalt und das Licht, und betaubt und zitternd ging ich in die Stadt.
Aber wie fuhr ich zusammen, als mir Andrea vor meiner Wohnung entgegentrat und mich fragte, wo ich so lange geblieben sei. Ich konnte ihm nur wenige Worte sagen und die ganze Nacht hindurch lag ich in einem abwechselnden Fieber.
Und war es nicht eben die Gestalt unsers Andrea, mit Schrecken denke ich daran, die der ungluckliche Balder so oft in den Exaltationen seiner Phantasie beschrieb? Und doch hatte er ihn niemals gesehen. Wer weiss, ob er mich nicht jetzt umgibt, indem ich diesen Brief schrieb, und jeden Gedanken kennt, den ich denke!
11
William Lovell an Rosa
Rom.
Mein Herz ist die Hohle des Aeolus geworden, in dem alle Sturme durcheinandermurren und sich mit wildem Grimme von ihren Ketten losreissen wollen. Oh, lassen Sie mich diesen Andrea begreifen, und ich will mich zufriedengeben und ich will alles ubrige vergessen.
Ist die Welt nicht ein grosses Gefangnis, in dem wir alle wie elende Missetater sitzen, und angstlich auf unser Todesurteil warten? O wohl den Verworfenen, die bei Karten oder Wein, bei einer Dirne oder einem langweiligen Buche sich und ihr Schicksal vergessen konnen!
Doch der schwarze Tag bricht endlich, endlich herein. Er kann nicht ausbleiben. Alle vorhergehenden Tage waren nur Vorbereitungen zum letzten schrecklichen. Die finstre Parze findet endlich die Stelle, wo sie den Faden zerreisst. O wehe uns, Rosa, dass wir geboren wurden!
O des klagenden Toren! mit ohnmachtiger Kraft sperrt sich das arme Tier, in den Stall zu gehn, wo das unbarmherzige Henkersknecht, schleppt dich hinein, das Tor schlagt hinter dir zu und du stehst einsam unter deinen Mordern.
Was kann der Mensch wollen und vollbringen? Was ist sein Tun und Streben?
O dass wir wandern konnten in ein fremdes, andres Land; ausziehn aus der Knechtschaft, in der uns unsre Menschheit gefangenhalt!
Grasslich werden wir zuruckgehalten, und die Kette wird immer kurzer und kurzer. Alle tauschenden Freuden schlagen rauschend die Flugel auseinander und sind im Umsehn entflogen. Der Putz des Lebens veraltet und zerfallt in Lumpen; alle Gebrechen werden sichtbar.
Einsam steh ich, mir selbst meine Qual und mein Henker, in der Ferne hor ich die Ketten der andern rasseln. Schauder stehn vor unserm Gefangnisse zur Wacht. Da lasst sich keiner bestechen eisenfest und unwandelbar stehn sie da.
Ich habe den Ruf vom jenseitigen Ufer gehort; ich habe den seltsamen Wink verstanden, und das Boot eilt schon heruber, mich abzuholen; ich trage meine Sunden in meiner Hand und gebe sie als Fahrgeld ab. Die Wogen rauschen, es schwankt das Boot, das Steuer achzt, und bald tret ich an das dustre fremde Gestade, und in doppelter Vereinigung kommen mir alle meine Schmerzen entgegen.
Gestern war ich bei Andrea und seiner Gesellschaft. Sie sprachen viel durcheinander und sassen in Reihen hinab, wie gefullte Bilder aus Erde. Alle waren mir fremd und armselig, mit allen, selbst mit dem wunderbaren Andrea hatt ich ein inniges Mitleiden. Sie waren ernst und feierlich, und mir war, als musst ich lachen. Dass Gedanken und Vorstellungen den sogenannten Frohsinn aus unserm Gesichte verjagen konnen, ist bejammernswurdig.
Ich streckte meine Hand aus und beruhrte den Nachstsitzenden, und wie ins Reich der Vernichtung griff ich hinein und war ein Glied der zerbrockelnden Kette. Ich gehorte nun mit zum Haufen, und war mir selber fremd und armselig, so wie die ubrigen.
Aller Augen waren starr auf die Wand geheftet, in allen spiegelte sich der Widerschein des Todes. Die Kerzen brannten dunkler, die Vorhange rauschten geheimnisvoll, das Blut in meinen Adern wollte aufsieden und erstarrte.
Tone schlugen das Ohr mit seltsamer Bedeutung, wie Arabeskengebilde fuhr es durch meinen Sinn; ich erwartete etwas Fremdgestaltetes und lechzte nach etwas Ungeheuerm. Und ich vergass hinter mir zu sehn und stand unter meinen Freunden einsam, wie in einem Walde von verdorrten Baumen.
Schatten fielen von oben herunter und sanken in den Boden. Dampfe standen wie Saulen im Gemache, Dammerung wankte hin und wider wie ein Vorhang. Die Seele vergass sich selbst und ward ein Bild von dem, was sie umgab.
Es kreiste und wogte gewaltig durcheinander; wie ein Unding, das zum Entstehen reif wird, so kampfte die Masse gegen sich selbst. Es schritt naher und glich einer Nebelgestalt; vor mir voruber wie ein pfeifender Wind und oh Rosaline!
Sie war es, ganz, wie sie lebte. Sie warf einen Blick auf mich und wie ein Messer traf er meine Augen, wie ein Berg mein Herz. Ich straubte mich gegen meine innerliche Empfindung und es zog mich ihr nach; ich sturzte laut schreiend nach ihrem Gewande und stiess mit dem Kopfe an die Mauer.
Ich erschrak nicht, verwunderte mich nicht und erwachte auch nicht. Wie andre Elemente umgab mich alles, ich sah die Freunde wieder, ich horte wieder die Baume und Wasser, die ganze Muhle der gewohnlichen Welt, mit allen ihren Gangen.
Andrea und die ubrigen waren stumm und kalt, aber sie standen fern, fern von mir hinunter, ich kannte sie alle und verstand sie nicht, ich kam zuruck und war nicht unter ihnen.
Man offnete die Fenster; die Morgenluft brach herein, der Himmel war wie eine Platte buntgestreifter Marmor, die Wande der Welt waren wie immer mit ihren seltsamen Gewachsen ausgelegt, und wie ein wildes Tier, so fiel eine nuchterne Empfindung mein Herz an.
Wo steht die letzte Empfindung, dass ich zu ihr gehe? Wo wandeln die seltsamsten Gefuhle, dass ich mich unter sie mische? Dass ich von diesem Traume erwache und einen andern noch fester traume!
Wolken fliehn und kommen wieder, das seltsamste Morgenrot wird Tagesschein. So wird es mit diesem Herzen gehn. Leider, dass ich das schon jetzt empfinde!
12
William Lovell an Rosa
Rom.
Wie alles mich immer bestimmter zu jenen Schrecken hinwinkt, denen ich entfliehen wollte! Wie es mich verfolgt und drangt, und doch die grassliche Leere in mir nicht ausfullt! Wie in einem Ozean schwimm ich mit unnutzer Anstrengung umher; kein Schiff, kein Gestade, so weit das Auge reicht! unerbittlich streckt sich das wilde Meer vor mir aus, und Nebel streichen verspottend wie Ufer herum, und verschwinden.
Nebelbanke sind unser Wissen und alles, was unsere Seele zu besitzen glaubt; der Zweifel rauft das Unkraut zusamt dem Getreide aus, und in der leeren Wuste schiessen andre Pflanzen mit frischer Kraft hervor, deren Farben noch schoner und glanzender spielen. Der Mensch muss denken und eben darum glauben, schlafen und also traumen.
Der Wechsel der Jahreszeiten zerstort die Berge und Felsen, die ewigen Pfeiler der Erde zerbrockeln sich durch Regengusse, der Mensch durch den Lauf seines Bluts, ein Totenwurm in ihm, der ihn von bild zugleich, es erklart sich selbst und man sollte nie fragen: Wie hangt diese Erscheinung mit jener zusammen? Der Geist des Forschens ist die Erbsunde, die uns von unsern ersten gefallenen Eltern angestammt ist.
Alles, was ich sonst meine Gefuhle nannte, liegt tot und geschlachtet um mich her, zerpflucktes Spielzeug meiner unreifen Jugend, die zerschlagene magische Laterne, mit der ich meine Zeit vertandelte.
Ich nenne mir manchmal den Namen Amalie oder Rosaline, um alles, wie mit einem Zauberspruche, wieder zum Leben zu erwecken, aber auch die Erinnerung ist abgebluht, und wenn ich mein ganzes Leben hinuntersehe, so ist mir, als wenn ich uber ein abgemahtes Stoppelfeld blicke; ein truber Herbst wandelt naher, der Nebel wird dichter, und der letzte Sonnenschein erlischt auf den fernen Bergen.
Ich mochte in manchen Stunden von hier reisen und eine seltsame Natur mit ihren Wundern aufsuchen, steile Felsen erklettern, und in schwindelnde Abgrunde hinunterkriechen, mich in Hohlen verirren, und das dumpfe Rauschen unterirdischer Wasser vernehmen, ich mochte Indiens seltsame Gestrauche besehen, und aus den Flussen Wasser schopfen, deren Name mich schon in den Kindermarchen erquickte; Sturme mocht ich auf dem Meere erleben, und die agyptischen Pyramiden besuchen; o Rosa, wohin mit dieser Ungenugsamkeit? und wurde sie mir nicht selbst zum Orkus und in Elysium folgen?
Und lern und erfahr ich denn nicht hier in Rom genug? Genugt mir nicht dies tiefe wunderbare Leben, in dem die Wunder mit den Stunden wechseln? Wohin von hier? Das Gewand der ganzen Erde ist kahl und durftig o Balder, ich mochte Dich in den tiefen Gebirgen aufsuchen, um von Dir zu lernen und mit Dir zu leben.
Mein Geist knupfet sich immer vertrauter an Andrea; ich verstehe ihn, soviel sich zwei Menschen verstehen konnen, die immer das namliche meinen und ganz etwas anders sprechen; in jedem Korper liegt die Seele, wie ein armer Gequalter in dem Stiere des Phalaris, sie will ihren Jammer und ihre Schmerzen ausdrucken, und die Tone verwandeln sich und dienen zur Belustigung der umgebenden Menge.
Doch ich vergesse ganz, was ich erzahlen wollte. Man vergisst uber Worte sich und alles ubrige, wir sprechen selten von uns selbst, sondern meist nur daruber, wie wir von uns sprechen konnten; jeder Brief ist eine Abhandlung voll erlogener Satze mit einem falschen Titel uberschrieben, und so mocht ich denn gern fortfahren zu schwatzen, wenn mich mein Gefuhl nicht zu sehr angstigte und zur Erzahlung einer seltsamen Begebenheit hinrisse.
Es war vorgestern, als ich mich im Korso unter dem Gedrange des Karnevals umtrieb; das Gerausch der Menschen und Wagen, das Geschrei, die tausendfaltigen Verunstaltungen des menschlichen Korpers und endlich der Glanz der Lichter versetzten mich in einen angenehmen Rausch: am Abend fuhr ich nach dem Festino, in welchem viele der Masken, mit neuen vermehrt, sich wiederfanden.
Eine weibliche Gestalt strich zu wiederholten Malen bei mir voruber. Ich hatte schon oft das Rauschen ihres seidnen Gewandes gehort und ward jetzt erst aufmerksamer. Mir war, als wenn sie mich recht geflissentlich vor allen ubrigen Masken auszeichnete und eine Bekanntschaft mit mir suchte. Wir naherten uns mit den gewohnlichen Formeln, und mir ward es wunderbar leicht, recht abgeschmackt zu sein; es sammleten sich daher bald mehrere Karikaturmasken, die mich ungemein witzig fanden.
Ich verfolgte die unbekannte Maske bald durch das dickste Gedrange, ich begleitete sie, als sie in eins der Zimmer ging, um sich mit Gefrornem zu erquicken.
Hier sah ich den schonen Wuchs genauer und die zarten Arme; ich bat und flehte, aber sie wollte um keinen Preis die Maske abnehmen.
Ich verlor sie im Saale wieder aus den Augen, dessen Geton und Gebrause mir jetzt nach der augenblicklichen Ruhe, nach der stillen Erleuchtung des Zimmers innig zuwider war. Ich ging daher fort, um in meinen Wagen zu steigen. Zu meinem Erstaunen finde ich dieselbe Maske vor der Tur, sie vermisst ihren Wagen, ich biete ihr den meinigen an, und sie schlagt das Anerbieten nicht aus.
Nun waren wir allein im Wagen, und ich wandte alle meine Beredsamkeit an, um sie zu bewegen, die entstellende Maske abzunehmen. Sie tut es endlich mit einer kaltblutigen Bewegung und oh die Haare richten sich mir noch empor Rosaline sitzt neben mir!
Sie warf mir einen drohenden Blick zu, und wie ein lauter Donnerschlag warf es sich in den Wagen hinein. Nun hort ich bloss das Rasseln der Rader, wie eine ferne Kaskade ich fand mich am Morgen in meinem Zimmer wieder.
Meine Hande zittern noch, wenn ich daran denke, und doch ist es voruber und ich zweifle jetzt selbst daran, dass es war. Weiss ich doch kaum, was ich jetzt tue und denke.
13
Andrea Cosimo an William Lovell
Rom.
Freilich, lieber William, tauscht uns alles in und ausser uns, aber eben deswegen sollte uns auch nichts hintergehen konnen. Wo sind denn nun die Qualen, von denen ich so oft muss reden horen, die unsre Irrtumer, unsre Zweifelsucht, der erste Sonnenstrahl unserer Vernunft uns erschaffen? Es ist die Zeit, die auf ihrem Wege durch die grosse weite Welt auch durch unser Inneres zieht, und dort alles auf eine wunderbare Weise verandert. Veranderung ist die einzige Art, wie wir die Zeit bemerken, und weil wir die Fahigkeit haben zu denken, haben wir auch zugleich die Fertigkeit verschiedenartige Gedanken hervorzubringen. Weil eine Gedankenfolge uns ermudet und am Ende nicht mehr beschaftigt, so macht eben dies eine andere notwendig; und dies nennen die Menschen gewohnlich eine Veranderung ihres Charakters und ihrer Seele, weil sie sich immer viel zu wichtig finden, und sich gern uber und uber so mit Lichtern bestecken mochten, dass man sie aus dem Glanze nicht herausfinden kann. Kann sich denn aber das Wesen veranvon ihm losgerissen, oder die ihm angesetzt werden? Wechselt es sich mit einem andern aus? O Freund, wir wechseln mit den Federn, mit denen wir schreiben, die Seele mit ihrem Spielzeuge, den Gedanken, die von ihr selbst ganz unabhangig und nur ein feineres Spiel der Sinne sind.
Alles, was wir in uns kennen, ist Sinnlichkeit, dorthin fuhren alle Fussstapfen, die wir in der einsamen Wuste entdecken; zu dieser einzigen Hohle werden wir immer wieder zuruckgefuhrt, so seltsam sich der Weg auch krummen mag. Nur in der Sinnlichkeit konnen wir uns begreifen, und sie regiert und ordnet das Gewebe, das wir immer von unserm Geiste getrieben glauben. Bloss hierauf konnen sich alle Plane und Entwurfe, Wunsche und stille Ahndungen grunden; in dieser Korperwelt bin ich mir selbst nur mein erstes und letztes Ziel, denn der Korper ordnet alles nur fur seinen Korper an, er findet bloss Korper in seinem Wege, und eine Verbindung zwischen ihm und dem Geiste ist fur unser Fassungsvermogen unbegreiflich. Die Seele stehet tief hinab in einem dunkeln Hintergrunde und lebt im weiten Gebaude fur sich, wie ein eingekerkerter Engel: sie hangt mit dem Korper und seinen vielfachen Teilen ebensowenig zusammen, wie der Verbrecher mit der Stadt, in der er gefangen sitzt; wie man ebensowenig glauben wurde, dass alle Strassen mit den Toren und Turmen umher bloss fur den Gefangenen angelegt waren.
Was kann ich also fur meine Seele tun, die wie ein unaufgelostes Ratsel in mir wohnt? die dem sichtbaren Menschen die grosste Willkur lasst, weil sie ihn auf keine Weise beherrschen kann? Er ist, das ist sein Verbrechen und seine Tugend, sein Dasein ist seine Strafe und seine Wohltat, und wer hat dies nicht schon in sich selber empfunden? Ich mag keinen verdammen und keinen vergottern, es ist alles ein Gefolge, in dieselben Gewander eingehullt, mir alle gleich unkenntlich und gleich gut, ein Trauerzug, der auf Bergeswegen dahin geht, und hinter einem dunkeln Walde verschwindet.
Damit die verachtlichen Maschinen sich brusten konnen, haben sie Namen und Unterschiede wie bunte, klagliche Ordenszeichen erfunden; nur der Pobel hat die tiefe Achtung vor diesen.
Was bleibt uns ubrig, William, wenn wir alle leere Namen verbannen wollen? Freilich nichts zu philosophieren und mit Enthusiasmus fur die Tugend und gegen das Laster zu reden, kein Stolz, kein Geprange mit Redensarten, aber immer noch eben so viel Raum, um zu leben.
Die Empfindung geht daher einen kurzern und richtigern Weg, als der grubelnde Verstand; denn das Gefuhl ist der Haushofmeister unserer Maschine, der erste Oberaufseher, der dem alten pedantischen Verstande alles uberliefert, der es weitlauftig und auf seine ihm eigene Art bearbeitet. Gefuhl und Verstand sind zwei nebeneinanderlaufende Seiltanzer, die sich ewig ihre Kunststucke nachahmen, einer verachtet den andern und will ihn ubertreffen.
Wenn wir nicht blosse Maschinen sind, so reisst sich die Seele einst gewiss von allem los, was sie so lastig gefangenhalt, sie wird nicht schliessen und unterscheiden, nicht ahnden und glauben, sondern im raschen, reissenden Fluge nach ihrem ungekannten Vaterlande eilen, wo sie wirken und ungefesselt dauern kann.
Wenigen wundervollen Menschen war es vielleicht gegonnt, sich schon hier, von den Gauklern, ihren Sinnen, noch umgeben, kennenzulernen, und in ihre innerste, verborgenste Tiefe zu schauen. Aber die Natur widerstrebt mit allen ihren Kraften, sie sind seltsame Wunderdinge, die sich vor sich selber entsetzen; die Fugen sind gerissen, der Geist sieht unmittelbar, ohne Sinne und ohne das Mittelglas des Verstandes, in das Dasein und die Gegenstande hinein, und der Korper schaudert unter heftigen Zuckungen.
14
Balder an William Lovell
Heut scheint die Sonne freundlich und ich denke an Deinen Namen, denn er ist wie blauer Himmel. Da war mir, als hort ich Deinen Gang hinter mir in den Gebuschen und ich sah mich um. Aber der Wind kletterte nur in den Baumen umher, und pfluckte einige reife Blatter, die er der Erde, seiner Mutter, zum Verzehren hinlegte. Nun hab ich noch in meiner Schreibtafel ein Blatt Papier und ich will es nehmen, und jetzt mit Dir sprechen: vielleicht findet sich einst ein Mann, der es zu Dir hinubertragt.
Wechselnd gehn des Baches Wogen
Und er fliesset immerzu,
Ohne Rast und ohne Ruh,
Fuhlt er sich hinabgezogen,
Seinem dunkeln Abgrund zu.
Also auch des Menschen Leben,
Liebe, Tanz und Saft der Reben,
Sind die Wellenmelodie,
Sie verstummt spat oder fruh.
Ewig gehn die Sterne unter,
Ewig geht die Sonne auf,
Taucht sich rot ins Meer herunter,
Rot beginnt ihr Tageslauf.
Nicht also des Menschen Leben,
Seine Freuden bleiben aus,
Denn dem Tode ubergeben
Bleibt er dort im dunkeln Haus.
So werd ich jetzt gezwungen, nach einem gewissen Klange zu reden, der wie ein Wasserfall in meiner Seele auf- und niedersteigt. Mich besuchen oft Leute in meiner einsamen Waldwohnung, und sagen es ganz laut, so dass ich es hore, ich sei ein Prophet von Gott gesandt. Die guten Leute meinen es aber in ihrem Sinne recht gut, nur schieben sie das meiste auf meinen Bart, der mir wider meinen Willen so lang gewachsen ist.
Die Sonne spielt frohlich zwischen den dunkelgrunen Zweigen herab und ich sehe, wie jedes Tier sich in ihr goldnes Netz so gern und willig fangt. Die ganze Natur ist begeistert und die Waldvogel singen lange und schone Lieder, und die Baume stimmen drein mit lautem ehrwurdigem Rauschen und wie Harfensaiten zittert und klingt alles um mich her, und ich singe innerlich Gesange, ohne dass ich es weiss.
Alte graue Helden treten
So vertraulich zu mir her,
Ehrfurchtsvolle Priester beten,
Und es rauscht das griechsche Meer.
Circes Weberstuhle sausen,
Die Charybdis strudelt wild,
Pan erwacht, die Walder brausen,
Jager fliehn zusamt dem Wild.
Lanzenkampfer tummeln rustig
Sich auf Rossen hin und her,
Und Ariost ersinnet listig
Seine wundervolle Mar,
Singt Orland' und Rodomant;
Wie er sich in Liedern sonnt,
Bricht verstummend plotzlich ab,
Ihn verschlingt das offne Grab.
Ach und keine Reime sprechen
Sanften Trost dem Armen zu,
Alle Harfensaiten brechen,
Um ihn furchtbar dumpfe Ruh.
Ich denke noch daran, dass wir oft uber alles sprachen, was ich jetzt immer wirklich vor mir sehe.
Alle diese Leute sind nicht tot, sondern nur verdunkelt; sie kommen, wenn ich sie rufe, und vertragen sich bruderlich mit mir.
Denkst Du noch zuweilen an mich, wie ich an Dich und Deine Torheiten denke? Es ist mir jetzt ein neues ruhiges Leben aufgegangen, ich weiss es nicht zu sagen, wie sehr ich innerlich froh bin. Eine andere stillere Seele ist in mich eingezogen, und die hat uber mich eine bessere Herrschaft gewonnen.
Ich weiss nicht, in welchem Waldgebirge ich wohne, denn ich erkundige mich nie mehr nach Namen. Es sieht um meine Wohnung wunderlich und doch schon aus. Felsen stehn hoch und ernsthaft da, und Ulmen und Pappeln, und an den senkrechten Wanden hangt der Efeu dick wie Riesenlocken herunter. Es ist alles hier um mich lebendig und voll Freundschaft; die Baume grussen mich, wenn ich aufwache, der Himmel zieht purpurrot uber meinen Kopf weg und seine bunten Lichter spielen um mich herum und necken mich. Ach Freund, wenn man die Blumen und Pflanzen naher kennenlernt, was sie dann anders sind, als man gewohnlich glaubt, sie sind kluger als die Leute denken, und haben auch mehr Gewalt, als man meint. Die Menschenwissenschaft kennt nur einen Teil ihrer geheimen Kraft.
Blumen sind uns nah befreundet,
Pflanzen unserm Blut verwandt,
Und sie werden angefeindet,
Und wir tun so unbekannt.
Unser Kopf lenkt sich zum Denken
Und die Blume nach dem Licht,
Und wenn Nacht und Tau einbricht
Sieht man sich die Blatter senken.
Wie der Mensch zum Schlaf einnickt,
Schlummert sie in sich gebuckt.
Schmetterlinge fahren nieder,
Summen hier und summen dort,
Summen ihre trage Lieder,
Kommen her und schwirren fort.
Und wenn Morgenrot den Himmel saumt,
Wacht die Blum und sagt, sie hat getraumt,
Weiss es nicht, dass voll von Schmetterlingen,
Alle Blatter ihres Kopfes hingen.
O was wurden die Menschen in der Nacht erblicken, wenn sie plotzlich in ihren Traumen aufwachen konnten. Der Traum steht vor ihnen und weiss, wenn der Mensch nicht mehr schlaft, der gewohnliche Betrug gibt auf den ersten Wink acht und rennt wieder an seine Stelle. Aber ich war einmal krank und sah alles mit Augen, und griff es mit diesen Handen, mit denen ich jetzt schreibe, ich weiss selbst nicht, warum; da hielt ein jedes Wunder ordentlich stand und ich lachte uber die andern Menschen.
Auch die Vogel und die Tiere, die Berge und die Felsen sind anders, als die Menschen sich einbilden wollen, es zu wissen. Es ist nur zu weitlauftig, sonst konnt ich hier viel davon schreiben und es wurde doch weder Dir noch einem andern Menschen nutzen, denn wer's nicht schon vorher weiss, kann mich doch nicht verstehn. So geht es mit allem Guten.
Da hab ich hier in einem Felsen einen Menschen gefunden, der alles so sehn kann, wie ich. Dass sich die Klugen doch so gern aus der Welt zuruckziehn! Aber in der Einsamkeit denkt und fuhlt die Seele anders, sie wird nicht durch das unordentliche Gezwitscher und Gepolter unterbrochen. In der freien Natur ist alles mit der Seele verwandt und auf einen Ton gestimmt, in jedes Lied stimmt sie freiwillig ein und ist das Echo und ebensooft der Vorsanger von allem, was ich denke: ein kleiner Vogel kann mir vielen Verstand in meinen Kopf hereinlocken. Der Mensch ist taub und kann mich nicht reden horen; aber wozu brauchen Menschen die Sprache? Sie ist unnutz und eine seltsame Erfindung. Sie ist erfunden, um zu lugen, nicht um die Wahrheit zu reden, denn sonst ware sie besser und verstandlicher; ein boshafter Lugner weiss alles damit zu machen, dem Verstandigen fallt sie zur Last.
Wir leben wie Bruder beieinander und er hat gar kluge Einfalle. Uns beiden kommt die Welt anders vor, wie den ubrigen Leuten, und doch ist die Kunst nur so klein und einfach.
Ich halte mir auch Tauben, die ganz zahm geworden sind und doch ihren naturlichen Mut und Verstand behalten haben. Ich habe sehr viel von ihnen gelernt, wenn sie manchmal so unter sich mit dem Kopfe nickten und girrten und sich ihre Zeichen machten, mit denen sie manchmal uber den Menschen spotten. Diese und die Lammer, die mit mir essen, sind die unschuldigsten und besten Geschopfe von der Welt, und wenn sie Dich kennten, wurden sie Dich grussen lassen. Es ist nur um die Reise zu tun, so konntest Du hier mit mir leben.
Von den grossen Dingen, die ich weiss, kann und darf ich Dir nichts schreiben. Es ist bloss darum ein Geheimnis, weil Du es nicht verstehen wurdest.
Den Namen Gottes denen nennen,
Die ihn nicht mit dem Herzen kennen,
Ist Missetat.
Es hangen um mich Geisterchore,
Und sprechen laut, dass ich es hore;
Sie halten Rat.
"Lass Mensch jetzt deine Zunge schweigen,
Bis sich die runden Jahre neigen",
So tont's herab;
"Was willst du vor der Zeit enthullen?
Den Durst nach dieser Weisheit stillen
Ja Tod und Grab!"
Und so will ich denn lieber enden, um mir kein Missfallen zuzuziehn.
Lebe wohl, William, so schreibe ich hier in meinen Bergen. Die Stauden winken mir, zu ihnen zu kommen, und ein Wort mit ihnen zu sprechen, denn sie halten alle viel von mir; meinen Rosen muss ich noch Wasser zu trinken geben, und dann muss ich die kranke Pappel besuchen, die der Wind eingeknickt hat. Es ist ganz mein freier Wille, aber ich habe es mir selbst zum Gesetze gemacht; ich helfe ihnen in vielen Sachen, und die Blumen und Baume hier wurden sich sehr gramen, wenn ich einmal fortzoge.
Die Lammer wundern sich weil ich schreibe, was sie von mir noch nicht gesehn haben. Die unschuldigen Tiere konnen nur auf ihre Art sprechen, und es ist auch eben so gut.
Lebe recht wohl, ich will das Blatt einem fremden Manne geben.
15
William Lovell an Rosa
Rom.
Wohin soll ich mich mit meinen Gedanken und Empfindungen wenden? Uberall bin ich mir fremd, und uberall find ich mit meinen Ideen einen wundervollen Zusammenhang. Der hochste Klang des Schmerzes und der Qual fliesst wieder in den sanften Wohllaut der Freude ein, das Verachtliche steht erhaben und die Erhabenheit fallt zu Boden, wie im Abgrunde der See Geschmeide und Kostbarkeiten unter Schlamm und neben verweseten Gerippen glanzen.
Es funkelt Gold in wilden Trummern,
Tief im verborgenen Gestein,
Ich sehe ferne Schatze schimmern,
Mich lockt der ratselhafte Schein.
Und hinter mir fallt es zusammen,
Ha! um mich her ein enges Grab,
Die Welt, der Tag entflieht, die Flammen
Der Kerzen sinken, sterben ab.
Der unterirdsche Wandrer schaut
Nach Licht und Rettung, ohne Ende
Das Dunkel! Ihn erquickt kein Laut.
Er hammert in den Felsgemachern
Mit einer dumpfen Lebensgier,
Gefangen von den dunkeln Rachern,
Zur Strafe seiner Wissbegier.
Da augelt aus der fernsten Ritze
Ein blaues Lichtchen nach mir hin,
Ich krieche zu der schroffen Spitze,
Und taste mit entzucktem Sinn.
Und ach, es ist das Goldgestein,
Das mich zuerst hieher versucht,
Nun labt mich nicht der Flimmerschein,
Der boshaft mich zuerst versucht.
Es sehnt der Geist sich nach dem Bande,
Das ihn mit zarter Fessel hielt,
Als er sich wie im Vaterlande
In seiner stillen Brust gefuhlt.
Fern liegt das heimische Gestade,
Am wilden Taurien verirrt,
Kniet er umsonst und flehet Gnade,
Das blutge Opfermesser klirrt!
Doch Blumen bluhn in diesem Schrecken,
Die hell mit rotem Purpur gluhn,
Die Todesschatten, die ihn decken,
Sie lassen prachtge Funken spruhn.
Liegt alles nur im Sinnenglucke?
Vereint sich jeder Ton zum Chor?
Fur tausend Strome eine Brucke?
Gehn alle Pilger durch dies Tor?
So offnet mir die dunkeln Reiche,
Dass ich ein Wandrer drinnen geh,
Dass ich nur einst das Ziel erreiche
Und jedes Wunder schnell versteh.
Eroffnet mir die finstern Pforten,
An denen schwarze Wachter stehn,
Lasst alle grasslichen Kohorten,
Mit mir durch jene Pfade gehn!
Je wildre Schrecken mich ergreifen,
Je hoher mich der Wahnsinn hebt,
So lauter alle Sturme pfeifen,
Je angstlicher mein Busen bebt,
So inniger heiss ich willkommen,
Was grasslich sich mir naher schleift,
Dem irdschen Leben abgenommen,
Zum Geisterumgang nun gereift.
Alles Wilde, was ich je gedacht,
Alle Schrecken, die ich je empfunden,
Ruckerinnrung aus der trubsten Nacht,
Grauen meiner schwarzsten Stunden,
O vereinigt euch mit meinen Freuden,
Sturmet alle um mich her,
Schlinget euch an alle meine Leiden,
Flutet um mich gleich dem wilden Meer,
Dass das Morgenrot sich in dem Abgrund spiegle,
Graun und Schrecken meine Heimat sei,
Dass der Wahnsinn immer rascher mich beflugle,
Und zum dunkeln Tor der Holle zugle,
Nur Erinnyen! gebt mich von den Zweifeln frei!
Lesen Sie doch aufmerksam Balders wunderbaren Brief, der wie der Gesang eines fremden, verirrten Vogels zu uns herubertont.
16
Willy an seinen Bruder Thomas
Kensea.
Lieber Bruder! Ich habe Dich also doch nun wirklich endlich gesehen, und ich bin nun wieder umgekehrt, und sitze und denke hier in Kensea wieder an Dich, wo ich nach dem Willen meines lieben verstorbenen Herrn als ein Verwalter bleiben soll, bis mein Herr William aus Italien zuruckkommt. Wie ist die Zeit und das menschliche Leben doch so gar fluchtig! Es ist nicht anders, als wenn wir nur solche Bilder waren, die auf den Schiessplatzen den Schutzen oft vorbeigezogen werden, man sieht sie kaum, so sind sie auch schon wieder weg.
Hier leb ich nun recht ruhig und von der ganzen Welt abgesondert. Ich denke oft an den guten alten Herrn Lovell, der nun auch gestorben ist, und an alles, was ich so zeit meines Lebens erfahren habe. Ich bin innerlich recht zur Ruhe gekommen und es ist mir, als wenn ich mich immerfort im stillen gramte. Das ist nun hier dasselbe Haus, in das ich als ein junger Bursche so munter und flink eintrat und mir alles in der Welt so herrlich und wie angeputzt vorkam;ich Gluck kann Dir noch begegnen, nur frisch und munter! Ich schrieb Dir damals auch einen langen und recht ubermutigen Brief, denn ich bildete mir auf die blanken Tressen auf meinem Rocke nicht wenig ein; es war mir mein Blut so warm, dass ich ordentlich glaubte, die ganze Welt sei nur mir zu Gefallen erschaffen. Und nun, lieber Bruder, wenn ich daran denke, wie manche schwere Krankheit ich seitdem uberstanden habe, wie oft es Dir so recht schlecht gegangen ist, dass ich herzlich weinen musste, was alles der gute Herr Lovell gelitten hat, wie wir uns beide nur im Grunde wenig gesehn haben, wie ich mit der Herrschaft bald hier und bald da gewohnt habe, und wie ich nun als ein alter abgelebter Mann wieder uber dieselbe Schwelle schritt, uber die ich als ein junger Bursche sprang o lieber Bruder, so kann ich Dir gar nicht sagen, wie seltsam mir dabei zumute wird. Ich mochte sagen, ich hatte mich damals bloss in einen jungen Menschen verkleidet, oder mich nur jung angestellt, so unnaturlich kommt es mir von damals vor. Herr Mortimer und seine Frau ist einmal hier durchgefahren und er hat mich bei der Gelegenheit besucht. Er ist munter und gesund und dabei recht freundlich gegen mich.
Ich gehe fleissig in die Kirche und halte mich jetzt mit meinen Gedanken mehr zu Gott, als jemals. Alles ubrige ist doch nur eitel und verganglich.
Der Garten hier ist gegen ehemals recht verwildert und ich kann ihn mit dem Gartner unmoglich wieder recht in Ordnung bringen; das liebe Unkraut hat sich allenthalben eingeschlichen und tiefe Wurzel gefasst; wir tun beide, was wir konnen, aber es will immer nichts fruchten.
Bleib ja gesund, lieber Bruder, dass wir uns vor unserm Tode noch einmal sehn konnen; endlich muss es doch ans Sterben gehn, da hilft kein Widerstreben, und dann wollen wir sanft und geruhig in dem Herrn entschlafen.
17
Thomas an seinen Bruder Willy
Bondly.
Deine Briefe, lieber Willy, sind mir jetzt immer gar zu fromm. Es ist freilich wohl wahr, dass man sich in Deinem Alter von dem Irdischen etwas abziehen kann, und man tut ganz recht und wohl daran, aber alles Ding, Willy, hat auch sein Mass und Ziel. Wir sind in der Welt, um zu arbeiten, und etwas zu tun, und dazu mochte man alle Courage verlieren, wenn man immer nur an die Verganglichkeit der Dinge denken wollte; darum bilde ich mir manchmal ein, dass manches, was ich tue und verfertige, ewig dauern wurde, und mir ist ganz wohl dabei zumute.
Was Du mir von Deinem Garten schreibst, will ich gar gern glauben, weil Du und der Gartner vielleicht nicht mit dem Dinge umzugehen wissen. Auch gehoren zu solchem Werke viele Arbeiter und Gartenknechte, wie Du wohl auch hier an meinem Garten in Bondly wirst gesehn haben; die Natur hangt einmal nach dem Verwildern hin, und darum muss man Tag und Nacht dagegen arbeiten.
Der alte Herr Burton ist recht gefahrlich krank und tertanen sind alle vergnugt, und seine Kinder sind die einzigen, die ich weinen sehe. Es ist ihre Pflicht als Kinder, sonst hat er von den andern nicht leicht eine Trane verdient; er bekehrt sich vielleicht noch in seinen letzten Stunden, welches ich von Herzen wunschen will. Auf den Sohn hoffen wir aber alle recht mit Sehnsucht, und ich denke, es soll denn auch mit meinem Garten hier ein ander Ansehn gewinnen. Ich habe mit allen meinen Herrschaften bisher immer Ungluck gehabt; die alte Dame in Waterhall liess den Garten fast ganz verwildern, und der alte Herr Burton hat gar keinen recht guten Geschmack, und man darf ihm nichts einmal dagegen sagen, sonst wird er noch obendrein bose. So alt ich bin, so hore ich es doch gerne, wenn fremde Herrschaften den Garten und den Fleiss des Gartners loben, und der Sohn, der junge Herr, hat auch schon manchmal mit mir daruber gesprochen. Man soll den hiesigen Garten gewiss weit und breit loben, die Leute sollen weit hieher reisen, um ihn zu sehn. Siehst Du, Willy, noch in meinen alten Tagen denke ich Ehre einzulegen, ich tue nicht so verzagt wie Du. Lebe wohl und bleibe nur gesund.
18
Andrea Cosimo an William Lovell
Rom.
Ist denn Dein umherschweifendes, unruhiges Gemut nun endlich zur Ruhe gebracht? Deine wilden Zweifel sind aufgelost und Du wirst Dich und die Welt wieder unbefangener betrachten konnen. Ich habe alles fur Dich getan, was ich tun konnte.
19
William Lovell an Andrea Cosimo
Ich danke Dir, dass Du mich endlich aus den verworrenen Labyrinthen wieder zum Lichte des Tages gefuhrt hast, denn meine Seele erlag. Aber jetzt ordnet sich alles Unstete und Umherschweifende in meinem Gemute wie an Faden, die alle in einem Mittelpunkte zusammentreffen. Du hast mich von der Wirklichkeit einer wunderbaren Welt uberzeugt und alles hat sich in mir zufriedengegeben, alle Ideen und Empfindungen nehmen wieder ihre naturliche Stelle ein und die Harmonie mit mir selbst ist hergestellt.
20
Mortimer an Eduard Burton
Roger Place.
Ich habe seit lange, teurer Freund, keine Nachrichten von Ihnen erhalten, und ich gerate fast in die Besorgnis, dass Sie ebenfalls krank sind. Mit Ihrem Vater hat es sich wahrscheinlich nicht gebessert, denn sonst wurden Sie mir wohl einige Nachricht davon gegeben haben.
Ich fuhle mich in der Einformigkeit des Landlebens noch immer sehr glucklich; es scheinen mir lauter Missverstandnisse zu sein, wenn die Menschen so emsig nach ihrem Glucke suchen; selten denkt man sich bei dem Worte Gluck etwas Deutliches, und die Wandrer gehn nun oft auf wunderbaren Wegen um das Ziel herum. Amalia ist ebenso froh und gesund, als ich bin, und ich mochte sagen, dass sie mit jedem Tage heiterer wird.
Ich habe mich jetzt daran gewohnt, eine eigene Haushaltung zu fuhren, und ich und meine Frau haben uns noch nie gestritten, ein paar recht freundschaftliche Zankereien abgerechnet, die uber ein hassliches Weib entstanden, die Amalia aus zu grosser Gutherhat ganz das Ansehen einer verzauberten Fee, wenigstens habe ich noch in keinem Marchen eine Beschreibung von einer hasslichern gefunden; ihre Physiognomie ist mir im hochsten Grade zuwider, es ist nicht meine Schuld, wenn ich sie zugleich fur boshaft halten muss.
Leben Sie recht wohl und antworten Sie mir bald.
21
Eduard Burton an Mortimer
Bondly.
Ich konnte Ihnen bisher nicht schreiben, teurer Freund, weil die Krankheit meines Vaters, die mit jedem Tage zunahm, mich zu sehr beschaftigte und zerstreute. Sie ahnden es vielleicht aus diesem Anfange, dass er nicht mehr ist, und diese Nachricht war es, die der Inhalt meines Briefes werden sollte. Ja, Mortimer, er hat endlich alle Schmerzen, die ihn folterten, uberstanden, und auch ich bin nun ruhiger. Seine Seele schied schwer von ihrem Korper, der sie doch nicht mehr zuruckhalten konnte; ich kann es nicht unterlassen, ihn stets von neuem zu beweinen, wenn es mir wieder lebhaft einfallt, dass er nicht mehr ist. Er war in seinen letzten Stunden sehr freundlich und zartlich gegen mich; er hatte sich mit der ganzen Welt so gern versohnt, und sprach oft mit vieler Ruhrung von Lovell, seinem gestorbenen Feinde. Vor seinem Tode hat er noch viele Papiere verbrannt, die er mit nassen Augen betrachtete.
Leben Sie recht wohl und glucklich; ich werde Sie auf einige Tage besuchen, um mich zu zerstreuen.
Siebentes Buch
1
Karl Wilmont an Mortimer
London.
Du vermutest mich vielleicht noch in Bondly und wunderst Dich, den Brief von London datiert zu sehn? Nein, Mortimer, ich wunschte nicht, dass Du lange in Deinem Erstaunen bleiben mogest, denn ich fuhle es, dass ich hiersein muss.
Ich habe vier gluckliche Tage in Bondly an Emiliens Seite verlebt, und bei Gott, es hat mich noch nicht einen Augenblick gereuet, dass ich wieder so schnell abgereist bin. Ich sollte unwurdig genug sein, sie sogleich mit ihrer reichen Aussteuer zu heiraten und dann gemachlich von ihrem Vermogen zu leben? Es kam bloss auf mich an, aber bei der ersten Nachricht von Burtons Tode ging mir der Gedanke durch den Kopf, dass ich ein unwurdiger Mensch ware, wenn ich es tate. Du weisst, dass ich mehrere gute Empfehlungen an den Minister hatte, und er nahm mich freundlicher auf als ich erwarten konnte: bei ihm arbeite ich jetzt. Ich teilte Emilien sogleich, als ich in Bondly ankam, meinen Plan mit, und sie konnte ihn auf keine Weise missbilligen. Das Bewusstsein ihrer Liebe begleitet schafte lacheln mich an; wir sind beide jung, und so mag unsere Vereinigung noch immer ein Jahr oder etwas langer aufgeschoben bleiben; in dieser Zeit denke ich befordert zu werden und ihr dann doch mit einem kleinen Glucke entgegenzukommen.
Ich lachle uber mich selber, wie ich bisher alles ernstere, festere Leben verabsaumt habe, sie nur so oft als moglich zu sehn suchte, und dass ich jetzt hier sitze, freiwillig von ihr verbannt und mir noch aus meinem kaltern Sinn ein grosses Verdienst mache. Aber bisher war sie mir ungewiss.
Zuweilen mache ich mir Vorwurfe daruber, dass ich innerlich so froh bin. Die Menschen, (und ich mit eingerechnet,) sind ausgemachte Narren. Einen truben, verkehrten Sinn, in dem sich alle Gegenstande dunkel und unkenntlich abspiegeln, halten sie viel leichter fur den Rahmen der Tugend, als die frohe Gemutsstimmung. Ich freue mich ja nicht uber Burtons Tod, nicht dass er mir aus dem Wege gegangen ist o nein, nur uber die Ebene, die plotzlich, ohne mein Zutun, vor meinen Fussen liegt. Die Menschen sind darin ganz gute Geschopfe, und wohl mir, dass auch ich mir jetzt so recht wichtig und bedeutend vorkomme, dass ich alle Vorstellungen auf mich und mein kunftiges Gluck beziehe! Man lasse doch alle grosse kosmopolitische Plane, allen Kummer uber Weltbegebenheiten fahren, und liebe sich und die Menschen recht innig, die der gutige Himmel dicht um uns angepflanzt hat! Dieser Empfindung, diesem Vorsatze will ich folgen, und Du, mein lieber Mortimer, bist mit unter meine Geliebten eingeschlossen; aber auch meine Schwester, die Du grussen sollst, und jeden, der sonst im Hause nach mir fragt, selbst die hassliche Charlotte nicht abgerechnet, die Dir so zuwider ist.
2
Mortimer an Karl Wilmont
Roger Place.
Deinen Gruss an Charlotten magst Du bei der ersten Gelegenheit selbst bestellen, denn ich spreche nur ungern mit ihr, die ubrigen sind besorgt und alle sagen von Herzen Dank, dass Du Dich ihrer mit einem so frohlichen Wohlwollen erinnerst. Dein Brief, Karl, hat mir sehr gefallen, denn eine liebenswurdige Menschlichkeit fuhrt darin das Wort; wir sollten alle so empfinden, und die Menschen wurden sich aus dieser durren Erde einen Garten machen.
Nein, Du brauchst Dir keine Vorwurfe zu machen, lieber, unbefangener Mensch. Liegt es denn nicht in unserer Natur, dass wir das Gluck willkommen heissen, wo wir es finden? Deine Seele hat ihre Unschuld behalten und Du wirst nie schlecht empfinden, und wenn auch bei der Betrubnis andrer Dein Mund sich zum frohsten Lachen zieht.
Mit Deinem Plane bin ich ebenfalls sehr zufrieden, die Tatigkeit wird Dich zum Manne machen, denn das ist der grosse Vorteil der Beschaftigung, dass sie unsern Geist reift, wenn sie gleich in sich selbst oft keiimmer nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen, wenn sie nicht von einer geordneten Tatigkeit mitgenommen werden; sie werden dann nur gar zu leicht auch im Geiste mussig und faul und sind nachher fur jede Arbeit unbrauchbar, wenn sie auch gerne arbeiten wollten, ihr Dasein wird dann durch ewige unbedeutende Zerstreuungen zerschnitten und sie werden sich selbst zur Last. Du wirst bald fuhlen, wie Dein Geist durch eine nicht ubertriebene und verworrene Tatigkeit elastischer wird und Emilie wird mehr als einen Gewinn davon haben.
Alle Deine Wunsche mogen in Erfullung gehn, nur erliege nicht unter Deinen Vorsatzen.
3
Bianca an William Lovell
Rom.
Ich sehe Dich jetzt nur so selten, Du eigensinniger Traumer! und dann nur auf einzelne fluchtige Augenblicke! Umsonst werden alle Scherze und jeder Mutwille wach, wenn Du bei mir bist; Du bleibst in Deiner Verschlossenheit, und lachelst nur zuweilen halb mitleidig, halb erzwungen, um mich nur nicht rasend zu machen. Ist das derselbe Lovell, den sich vor einem Jahre mein lusternes Auge wunschte?
Laura ist bei mir und wir haben eben von Deiner unertraglichen Laune gesprochen. Dass wir uns so an Dich gewohnt haben, ja dass wir Dich so lieben, ist um zu verzweifeln! Es fehlt nicht viel, dass wir Sonette auf Dich machten; aber nimm Dich in acht, dass es nicht Satiren werden!
O ihr Manner! seid ihr nicht unbegreifliche Toren, dass ihr erst mit so vielen Erniedrigungen um unsre Gunst bettelt, und sie verachtet, wenn ihr endlich erhort seid! Musstest Du Dich nicht hoch glucklich schatzen, dass zwei romische Madchen, ich und meine Freundin, Dich so lieben? nicht fur Dein Geld, sonnordlicher Teufel, der mich martert und mich mit meiner innigen Liebe verachtlich stehnlasst und vorubergeht! Ich will auch nicht mehr an Dich denken!
Hast Du Verdruss, Handel und Prozesse vielleicht in Deinem Vaterlande? O lass alles fahren und freue Dich des Lebens und der Liebe! Was ist alles ubrige? Nicht der Muhe wert, um davon zu reden. O das habe ich Dich so oft an meinem Busen beschworen horen, Du Ungetreuer! Komm und sei jetzt nicht meineidig, sondern wiederhole Deinen Schwur.
Sehr narrisch macht sich die Feder in meinen zum Schreiben ungelenken Fingern, aber mochten die ungeschickten verwirrten Striche doch Zaubercharaktere sein, die Dich unaufhaltsam herbannten!
4
Francesco an William Lovell
Rom.
Sie waren gestern ganz ohne Zweifel bose auf mich, weil ich Sie mit Adriano bei Ihrer Bianca storte, aber ich hoffe, ich habe mich doch schnell genug wieder entfernt, dass Sie nicht unversohnlich sein werden. Ich reiche Ihnen mit aller meiner Gutmutigkeit die Hand zum Frieden, denn es ware unverzeihlich, wenn wir beide noch vor Ihrer Abreise Feinde werden sollten.
Wenn ich nicht etwas zu fett ware, so wurde ich Sie begleiten und bei der Gelegenheit auch einmal andre Lander, als Italien zu sehn bekommen; aber so bin ich in mir selber gefangen, denn das Reisen bekommt mir nie. Sonderbar, dass wenn man es sich gut schmecken lasst, man es nachher muhsam findet, einen Berg zu erklettern. Indessen es lassen sich nicht alle Genusse und alle Vortrefflichkeiten verbinden.
Wenn ich mir meine neugierige Seele denke, die so in schweren unbeholfenen Fesseln sitzt, und doch gern manches Neue lernen und erfahren mochte, so bekomme ich ein wahres Mitleiden mit mir selber. Als ich noch zuweilen weit zu Fusse ging, nahm ich trachten, und jetzt habe ich nun alles im verjungten Massstabe, in Kupferstichen vor mir und muss mich daran begnugen. Doch, was hat man von einer ganzen Reise, wenn man wiederkommt?
Trinken Sie ja nicht gleich kalt Wasser, wenn Sie aus dem Wagen oder vom Pferde steigen, denn ich habe es aus eigner Erfahrung, dass das sehr schadlich ist.
Bleiben Sie einem Frauenzimmer zu Gefallen nie einen Tag langer an einem Orte; man hat nur Undank davon.
Lassen Sie fleissig nachsehn, ob keine Linse am Wagen fehlt, damit Ihnen nicht plotzlich ein Rad ablauft und Sie einen gewaltigen Stoss bekommen.
Nehmen Sie auf jeden Fall einige Flaschen vorzuglich guten Wein mit, man weiss sonst manchmal nicht, was man in den schlechten Wirtshausern anfangen soll, wo man oft in den miserabelsten Speisen die Zahne bewegt, um nur mit dem Wirte keine Handel zu bekommen.
Die Postillione sind am besten, wenn sie halb betrunken sind.
Wenn Sie Ihren Freunden Naturseltenheiten mitbringen sollen, so ist es am bequemsten, dass Sie diese auf der letzten Station kaufen, und dann schworen, Sie hatten sie mit eigenen Handen aus dem oder dem Berge gebrochen; man kann manchen Leuten damit eine sehr frohliche Stunde machen.
Nehmen Sie sich besonders vor dem Morgentau in acht; es ist widerwartig, auf einer Reise krank zu werden.
Unterlassen Sie es nie, an die Aufwarterinnen einige Liebkosungen wegzuwerfen, Sie bekommen durch dieses Hausmittel allenthalben weit bessere Suppen.
Die Rechnungen der Wirte braucht man nie zu uberrechnen, denn richtig addiert werden sie selbst vom Einfaltigsten; man spart beim Einsteigen in den Wagen damit einige Zeit.
Ihren Bedienten behandeln Sie ja recht schlecht, sonst ist er auf der Reise Ihr Herr. In einem fremden Lande konnen Sie ihm am meisten bieten, weil er schon Gott dafur danken wird, wenn Sie ihn nur wieder zuruckbringen.
Ich halte Sie fur meinen wahren Freund, denn ich bin wenigstens der Ihrige, und darum habe ich Ihnen einige Kenntnisse mitgeteilt, die ich mir ehemals auf meinen Reisen abstrahiert habe. Der ganze Brief macht wenigstens, dass Sie auf der Reise vielleicht an mich zuweilen denken; damit habe ich schon genug und ubergenug gewonnen, und gegen unsern Andrea will ich recht damit prahlen, dass ich Ihnen manchen vortrefflichen Rat auf den Weg gegeben habe.
Besuchen Sie mich aber noch morgen abend, Sie werden eine Gesellschaft von lustigen Freunden finden.
5
William Lovell an Rosa
Chambery.
Ich habe mich nirgend aufgehalten, und darum haben Sie bis jetzt noch keinen Brief von mir erhalten; hier aber will ich einige Tage von den Beschwerlichkeiten der Reise ruhn.
Ich hatte nicht noch jenen lustigen Abend bei unserm Francesco geniessen sollen, denn die Einsamkeit, die Entfernung von Ihnen und allen unsern Freunden druckt mich nun um so schmerzhafter. Schon unter der Munterkeit, unter dem lauten Lachen sah ich in Gedanken meinen einsamen Wagen zwischen dustern Bergen fahren, und nun sitz ich hier in einer fremden Stadt, so ganz abgesondert, tief in Betrachtungen und Erinnerungen mancherlei Art versenkt.
Nichts ist fur mich widriger und betrubter als jeder Abend vor einer Abreise, man ist ermudet und verwirrt vom Einpacken und Anordnen, wobei endlich die Finsternis hereinbricht, und man mit dem Lichte bald in dieses, bald in jenes Zimmer wandert, um nur nichts zu vergessen; Koffer und Mantelsacke werden dann zugeschlossen, und wir werden so recht darauf elenden Bedurfnissen zusammengeflickt ist, wie wir mit einem Prass von unnutzen Notwendigkeiten beladen, wie wir an uns selbst so wenig, ja fast nichts sind. Das angstliche Herumtreiben der Aufwarter, die grossere Leere der Zimmer, der Gedanke der Reise alles gibt dann eine dunkle Allegorie von der widrigen Maschinerie des menschlichen Lebens, wo alle Rader und alle Getriebe so kreischend hervorschrein, wo das Bedurfnis die erste bewegende Kraft ist. Dann gehn Berge und Taler wie Schatten meinem Sinn voruber, ich erwarte den Anbruch des Tages mit einer Angstlichkeit, als wenn ich sterben sollte.
Mit dem ersten Ruck des Wagens horen gewohnlich meine Beklemmungen auf, ich vergesse dann, dass ich den Ort, den ich verlasse, vielleicht nie, oder mit ganz umgeanderten Gefuhlen wiedersehe.
In den wildesten Gegenden der Piemontesischen Gebirge fuhlte ich mich oft auf eine seltsame Art glucklich, ich dachte an den Vorfall mit den Raubern, der mir vor mehr als zwei Jahren hier begegnete. Ich glaubte oft, dass Balder jetzt aus einem dunkeln Gebirgpfad heraustreten musste, oder dass niemand anders als Amalie in der Kutsche vor mir fahren konne; oft hatten auch die Gesichter, denen ich begegnete, eine auffallende Ahnlichkeit mit jenen, die ich suchte.
Mit trubem Auge
In finstrer Nacht,
Geht durch das Leben
Das Kind, geleitet
Vom ernsten Fuhrer,
Den es nicht kennt.
Im Tal, am lauten Wasserfall,
Stehn beide Wandrer still,
Der Fuhrer spricht zum Horchenden:
Sieh, hier bluhen alle Blumen,
Alle Wunsche, alle Freuden,
Pflucke, denn wie fliessend Wasser
Rauscht das Leben dir voruber.
Fort weicht die Gestalt
Und tiefbekummert
Sieht ihr mit langem Blicke
Der einsam Verlassene schmachtend nach.
Wind sauselt in den Blumen,
Wellen murmeln wie zum frohlichen Tanz,
Da beugt sich der Fremdling
Und maht mit raschen zitternden Handen
Die kleine Stelle,
Auf der er steht.
Und Blumen und Graser
Und giftiges Unkraut
Und stachlicht Gewurme
Fuhlt zitternd die Hand.
Und halb erschrocken
Und halb entschlossen
Wirft Graser und Unkraut,
Gewurme und Blumen
Das Kind mit Gewinsel
In die Fluten des lauten abrollenden Stroms.
"Wo sind die Freuden?
Wo sind meine Wunsche?
Du hast mich betrogen,
Und einsam, verlassen,
Zittr' ich noch einmal
Die Hand nach den tauschenden Blumen zu
strecken."
Da fliesst des Mondes goldnes Licht
Durch Tal und Wies und uber den Strom
Und ratselhaft steht rings die Gegend
Im Glanz des Abends.
"Wo find ich die Heimat?
Wo find ich Gefahrten?
Ich sehe nur Schatten,
Die dunkel und dunkler
Vom Strom heruber,
Bald hierhin, bald dorthin
Wie Wolken gehn.
Liegt alles jenseits,
Was ich mir wunsche
Und herzlich suche?
Ich hore Tone
Sind's ferne Wasser?
Sind's tonende Walder?
Sind's Menschenstimmen?
So fremd und vertraulich,
So ernst und so freundlich
Klingt's fern heruber.
Ach wie trotzig braust der Strom sein Lied fort,
Ziehende Vogel spotten meiner in der Ferne,
Wolken sammeln sich um den Mond und nehmen
ihn mit sich,
Ach kein Wesen, das meiner sich erbarmte."
"Ist dies das Leben,
Voll Lieb und Freude?
Wo find ich die schone,
Verlassene Heimat?"
Wie mag sich in meinem Vaterlande jetzt alles verandert haben? Wie habe ich mich selbst verandert!
Das Wetter ist sehr trube und ich will mich niederlegen, um zu schlafen.
6
Eduard Burton an Mortimer
Bondly.
Ich schicke Ihnen hier einige Papiere, die Sie, wie ich glaube, mit Interesse lesen werden. Unsre neulichen herzlichen Gesprache geben mir ein Recht, nicht geheimnisvoll gegen Sie zu sein, ob ich Sie gleich ersuche, diese Blatter in keine andre Hande zu geben, denn sie sind von meinem Vater.
Vorn habe ich mehrere Bogen weggeschnitten, die, wie es scheint, zu Exerzitien in der Sprache gedient haben; zufallig hat er in diesem Buche dann fur sich weitergeschrieben und so sind diese Gestandnisse entstanden.
Auch in seiner Krankheit hat er noch daran geschrieben, er suchte das Buch selbst und liess es sehr emsig suchen, weil er mir es geben wollte, aber es war nirgends zu finden. Jetzt hab ich es bei dem Aufraumen der Zimmer von ohngefahr unter dem Bette entdeckt, in welchem er starb.
Schicken Sie es mir zuruck, sobald Sie es geendigt haben.
7
Einlage des vorigen Briefes
In meinem sechszehnten Jahre geschrieben.
Ja, ja, Herr Wilkens, ich habe Ihre Regeln recht gut verstanden, und vielleicht besser als Sie es glauben. Ihr ganzer Unterricht bezieht sich am Ende dahin, dass ich die Sprache zu meinem Nutzen gebrauchen lerne, und dann ist der Mensch gebildet. Habe ich mich nicht noch gestern an einem schwierigen Briefe uben mussen, in welchem eine gut angebrachte captatio benevolentiae gleich im Anfange mein Hauptaugenmerk sein musste?
Ich bin seit gestern gegen jedermann, besonders gegen die Bedienten sehr auf meiner Hut, denn ich sehe in jedem freundlichen Gesichte, in jedem ehrerbietigen Gruss nur eine captatio benevolentiae; und gegen meinen Vater habe ich sie selbst auf die glucklichste Art benutzt, denn ich habe nun endlich die schone goldene Uhr, nach der so lange mein Sinn trachtete. Nur muss ich dafur sorgen, dass niemanden diese Betrachtungen uber meine Lehrstunden in die Hande fallen.
Es ist aber, als wenn der Unterricht aller meiner ich lugen und mit den Worten spielen lernte, wenigstens ist die kluge Schmeichelei gewiss die Poesie, die am unmittelbarsten auf die Seele wirkt. Ich glaube, alle Komplimente, die meinem Vater gemacht werden, und die er zuruckgibt, sind nur Repetitionen aus einem fruheren Unterrichte.
Ich muss selbst die Probe an den Menschen machen, die mich umgeben, vorzuglich am Koch und am Gartner. Wenn der Satz richtig ist, so hat vielleicht jedermann eine schwache Seite, die man ihm abgewinnen muss, um ihn nach Gefallen zu benutzen. Das ware wenigstens ein sehr lustiges Leben, wenn mir plotzlich alle Trauben des Gartens, alle Leckerbissen der Kuche, ja selbst alle Goldstucke meines Vaters zu Gebote standen.
Der Schlussel zur ganzen Welt konnte wohl gar nichts anders, als die gepriesene captatio benevolentiae sein.
Es muss aber doch Menschen geben, die auf dieselben Gedanken gefallen sind, und ich furchte, mein Vater, und die mehresten alten Herren, die ihn besuchen, gehoren zu diesen. Gegen diese musste man denn wie gegen einen ausgelernten Schachspieler, sein Spiel maskieren, sich als unbefangen und dumm gutmutig ankundigen, und so ihre Aufmerksamkeit einschlafern. Ich will wenigstens gegen meinen Vater sehr auf meiner Hut sein, denn wenn man einmal die Spur eines Menschen entdeckt hat, so muss es leicht sein, ihm zu seinem versteckten Lager zu folgen.
Wenn Herr Wilkens nur nicht wieder darauf fallt, dass ich Verse machen soll, eine andre Art Lugen zu bauen, die ich verabscheue, weil sie zu gar nichts fuhrt. Man sage mir doch ja nicht vor, dass Empfindungen diese trostlosen abgezirkelten Zeilen hervorbringen; ich habe schon manchen weinen sehen, aber nie auf eine ahnliche Art sprechen gehort. Ich begreife auch nicht, wie ich oder irgend jemand durch ein fingiertes Trauerspiel geruhrt werden kann. Diejenigen, die Tranen vergiessen konnen, sind wohl wieder eine andere Art von Lugnern vor sich selber, so wie jene, die die herzbrechenden Verse niederschreiben konnten. So leben wir vielleicht auf einer unterhaltenden abwechselnden Maskerade, auf der sich der am besten gefallt, der am unkenntlichsten bleibt, und lustig ist es, wenn selbst die Maskenhandler, unsere Geistlichen und unsere Lehrer, von ihren eigenen Larven hintergangen werden.
Zwei Jahre nachher.
Gottlob! dass ich endlich von meinen lastigen Lehrern befreiet bin! Nichts als Worte und Phrasen! Ich habe bei diesem Unterricht nur die Menschen kennengelernt, die ihn mir erteilten, die so schwach und blode und meinem Eigensinne abhingen. Nichts kann mich so sehr aufbringen, als die Unbeholfenheit im Menschen, jene Blindheit, in der sie nicht sehen, welche Talente zu ihrem Gebote stehen, und wie Fremde ihnen plotzlich Zugel und Gebiss anlegen, und aus einem freien Tiere ein dienstbares machen. Durch ein paar unbesonnene Streiche ist der Kammerdiener meines Vaters, der sonst ein gescheiter Mensch ist, so in mein Interesse verwickelt, dass er es jetzt gar nicht wagt, ehrlich oder gegen mich zu handeln. Der Verwalter ist der gutherzigste Narr von der Welt, aber er halt mich fur einen noch grossern, und dadurch habe ich sein unbedingtes Zutrauen gewonnen.
In der Sprache muss man sich gewisse Worte und Redensarten merken, die wie Zaubergesange dazu dienen, eine gewisse Gattung von Leuten einzuschlafern. Auf jeden Menschen wirken Worte, nur muss man ihn etwas kennen, damit man die rechten nimmt, um sein Ohr zu bezaubern. Der Verwalter hort gern von Ehrlichkeit der Menschen reden, er liebt es, wenn man auf die Niedertrachtigen schimpft; wenn ich dies tue, und die Worte mit einer gewissen Hitze ausspreche, so weiss er sich vor Freuden nicht zu lassen, und druckt mir in seinem Entzucken die Hande. Auf diese Art muss man den Schatz unserer Sprache studieren, um die wahre Art zu sprechen zu finden. Es fallt mir immer ein, dass die Menschen offenbar Narren sind, die so reden wollen, wie sie denken, die ganze Welt dadurch beleidigen, und sich nur Schaden stiften. Ich denke fur mich und spreche fur die andern, folglich muss ich nur sagen, was diese gern horen. Es wird auch niemand erwarten, dass ich die sogenannte Wahrheit rede, so wenig wie ich es von einem andern fordere, denn sonst musste ich nie jemanden etwas Schmeichelhaftes sagen, so wenig wie ich von irgendeinem ein Kompliment bekommen wurde. Die Sprache ist nur dazu erfunden, um etwas zu sagen, was man nicht denkt; und wie selten denkt man selbst ohne zu lugen!
Die sogenannten Wahrheitsfreunde sind daher Menschen, die ausgemachte Toren sind, die selbst nicht wissen, was sie wollen, oder sie sind eine andere Art von Lugnern. Sie haben sich in den Kopf gesetzt, dass in ihrer Wahrheitssagerei ihr Charakter bestehet, und sie sagen daher von sich und andern Leuten eine Menge Sachen, die sie wirklich nicht denken, sie wollen sich nur auf diese Art auszeichnen, und sich freiwillig verhasst machen. Sie sehen nicht ein, dass unsere ganze Sprache schon fur die Begriffe und Dinge, die sie bezeichnen soll, ausserst unpassend ist, dass schon diese die Unwahrheit sagt, und dass es daher unsere Pflicht ist, ihr nachzuhelfen.
Der Grund von allen unsern Kunsten, von allen unsern Vergnugungen, von allem, was wir denken und traumen was ist er anders als Unwahrheit? Plane und Entwurfe, Tragodien und Lustspiele, Liebe und Hass, alles, alles ist nur eine Tauschung, die wir in uns selber erzeugen; unsere Sinne und unsere Phantasie hintergehen uns, unsere Vernunft muss daher falsche Schlusse machen; alle Bucher, die geschrieben sind, sind nur Lugen, wovon die letzteren die ersteren in ihrer Blosse darstellen sollen; und doch soll ich den kleinen Teil meines Korpers, die Zunge, der Wahrheit widmen? Und wenn ich es wollte, wie kann ich es?
Ein Jahr nachher.
Mein Vater ist gestorben, und die ganze Welt wunscht mir Gluck, mit Worten, die wie Kondolenzen gestellt sind. Viele suchen sich mir zu empfehlen, und manche darunter meine schwache Seite ausfindig zu machen. Die Menschen, die meinem Vater viel zu danken haben, ziehen sich ganz zuruck, und tun, als wenn er nie auf der Erde gewesen ware. Alle Weiber, die mich als Kind manchmal auf ihren Schoss genommen haben, prasentieren mir ihre Tochter, die sich mit allen Reizen aussteuern. Die Bedienten haben Pensionen und sind froh, selbst der Verwalter, dem etwas an seinem Gehalte zugelegt ist. Wo sind denn nun die Menschen, die so viel fuhlen wollten? Wer kann denn Bettler geht unten vorbei, den ich weinen sehe, weil mein Vater ihm wochentlich etwas gab. Er weint, weil er furchtet, dass er jetzt sein Einkommen einbussen wird. Ich habe ihm etwas heruntergeschickt, und er geht mit einem frohen Gesichte fort; er weinte vielleicht bloss, um mein Mitleiden zu erregen.
Die Menschen sind gewiss nicht wert, dass man sie achtet, aber doch muss man sich die Muhe geben, mit ihnen zu leben. Ich will sie kennenlernen, um nicht von ihnen betrogen zu werden, denn wie kann ich dafur stehen, dass nicht irgendeinmal meine Eitelkeit, oder eine andre meiner Schwachen meine Vernunft verblendet?
Alles schmeichelt mir jetzt, selbst die Menschen, von denen ich weiss, dass sie mich nicht leiden konnen und mich verachten. Alle denken, wenn sie mich erblicken, an mein Vermogen, und alle Bucklinge und Erniedrigungen gelten diesem Begriff, der nur auf eine zufallige Weise mit mir selber zusammengefallen ist. Diese Vorstellung von meinem Reichtum beherrscht alle die Menschen, die in meine Atmosphare geraten, und wohin ich trete, folgt mir diese Vortrefflichkeit nach. Ich kann es also niemand verargen, wenn er sein Vermogen und seine Herrschaft uber die Gemuter zu vergrossern sucht, denn dadurch wird er im eigentlichsten Verstande Regent der Welt. Ein goldner Zauberstab bewaffnet seine Hand, der allen gebeut. Dies ist das einzige, was noch mehr wirkt, als alle moglichen Captationes benevolentiae.
Solange man bei recht vielen Leuten den Gedanken erzeugen kann, dass man ihnen wohl nutzlich sein konnte, hat man viele Freunde. Alle sprechen von Aufopferung und hohen Tugenden, bloss um uns in eine solche heroische Stimmung zu versetzen. Diese Situation aber gibt zugleich Gelegenheit, sie auf mancherlei Art zu nutzen, und sie so zu verwickeln, dass sie am Ende schon froh sind, wenn sie nur aus den Netzen freigelassen werden.
Man lebt in der Gesellschaft wie ein Fremdling, der an eine wilde barbarische Kuste verschlagen ist; er muss seine ganze Bedachtsamkeit, alle seine List zusammennehmen, um nicht der Rotte zu erliegen, die ihn mit tausendfachen Kunsten besturmt. Wenn man es vermeiden kann, dass das Leben ein Hasardspiel wird, so hat man schon gewonnen. Seltsam, dass alle zu gewinnen trachten, und manche doch die Karten nicht zu ihrem Vorteile mischen wollen! Fur den Klugern muss es keinen Zufall geben.
Im zwanzigsten Jahre.
Der junge Lovell ist ein Narr, recht so, wie man sie immer in den Buchern findet. Ich habe das wunderbare Gluck gehabt, ihn zu meinem Freunde zu mafleissig liest, und ich mochte wetten, er macht selber Verse. Er hat mir schon in den ersten Tagen alles anvertraut, und es ist schade, dass seine Geheimnisse so unbedeutend und kindisch sind. Sein Vater ist ebenfalls ein einfaltiger Mensch, aber er scheint mir doch nicht ganz zu trauen; es mag wohl irgend etwas in meinen Mienen oder Gebarden liegen, was ich noch wegzuschaffen suchen muss. Unser Korper soll in allen unsern Wendungen mit unserer Sprache korrespondieren, und das ist dann die eigentliche Lebensart.
Freundschaft ist eines von den Worten, die im Leben am haufigsten genannt werden, und man muss ebensowohl Freunde als Kleider haben, und von ebenso verschiedener Art. Freunde, die mit uns spazierengehn, und uns Neuigkeiten erzahlen; Freunde, die uns mit Leuten bekannt machen, mit denen wir gern in Konnexion kommen mochten; Freunde, die uns gegen andere loben, und uns Zutrauen erwerben; andere Freunde, von denen wir im gesellschaftlichen Gesprache manches lernen, was zu wissen nicht unnutz ist; Freunde, die fur uns schworen; Freunde, die, wenn wir es so weit bringen konnen, und die Gelegenheit es erfordert, sich fur uns totschlagen lassen. Aus dem Lovell konnte vielleicht einer von den letzten gemacht werden, denn er gibt mir selbst freiwillig alle die Faden in die Hand, an denen er gelenkt werden kann. Ich halte es fur eine Notwendigkeit, dass ich mich hute, mich irgendeinem Menschen zu vertrauen, weil er in demselben Augenblicke uber mir steht.
Lovell ist etwas junger als ich, und er macht vielleicht noch dieselben Erfahrungen, die ich schon jetzt gesammelt habe. Das Alter ist bei gleich jungen Menschen oft sehr verschieden, und ich bin mir durch einen Zufall vielleicht selbst um viele Jahre vorausgeeilt; ich fuhle wenigstens von dem Jugendlichen und Kindischen nichts in mir, das ich an den meisten Junglingen und an Lovell so vorzuglich bemerke. Mich verleitet die Hitze nie, mich selbst zu vergessen; ich werde durch keine Erzahlung in einen Enthusiasmus versetzt, der mir schaden konnte. Mein Blick richtet sich immer auf das grosse Gemalde des verworrenen menschlichen Lebens, und ich fuhle, dass ich mich selbst zum Mittelpunkte machen, dass ich das Auge wieder auf mich selbst zuruckwenden muss, um nicht zu schwindeln.
Jeder redet im Grunde eine Sprache, die von der des andern vollig verschieden ist. Ich kann also mich, meine Lage, und meinen Vorteil nur zur Regel meiner Denk- und Handelsweise machen, und alle Menschen treffen zusammen, und gehen einen Weg, weil alle von demselben Grundsatze ausgehn. Ein buntes Gewebe ist ausgespannt, an dem ein jeder nach seinen Kraften und Einsichten arbeitet, ein jeder halt das, was er darin tut, fur das Notwendigste, und doch ware der eine ohne den andern unnutz. Inwiefern mein Nachbar wirkt, kann ich nur erraten, und ich muss daher auf meine eigene Beschaftigung achtgeben.
Viele Menschen wissen gar nicht, was sie von den ubrigen fordern sollen, und zu diesen gehort Lovell. In Gedanken macht er sehr grosse Pratensionen an meine Freundschaft. Ich fordre von den Menschen nicht mehr, als was sie mir leisten; und dies vorher zu wissen, ist der Kalkul meines Umgangs; je gewisser ich diesen rechne, je mehr kenne ich die Menschen, und das ganze ubrige Wesen von Zuneigung und Wohlwollen, uneigennutziger Freundschaft, und reiner Liebe, ist nichts als poetische Fiktion, die mir gerade so vorkommt, wie die Gedichte an die Diana und den Apollo in unsern Dichtern. Wer sich daran erlustigen kann, dem gonne ich es recht gern, aber allen diesen Menschen, die im Ernste davon sprechen konnen, ist die Binde der Kindheit noch nicht von den Augen genommen. Diese sind nutzliche Mobilien fur den altern und klugern, der sie auf eine gute Art anzustellen weiss.
Bald nachher geschrieben.
Immer ist es mir zuwider gewesen, wenn ich den Namen Cromwell nennen hore, oder ihn lese, um das aufzustellen, denn es wird mir fast bei keinem Charakter so leicht und naturlich, mich in ihn hineinzudenken, und so fur mich alle seine seltsamen Widerspruche aufzulosen. Alle die Laster, die man ihm gewohnlich vorwirft, sind es nur deswegen, weil die Menschen nicht die Fahigkeit besitzen, ihre Seele in Gedanken mit einem andern Charakter zu bekleiden; sie sind zu sehr in sich selbst eingesperrt, und dies macht ihren Blick beschrankt. Vielleicht dass die Unterschiede uberhaupt aufhorten, wenn sich die Menschen die Muhe gaben, den Erscheinungen naherzutreten, die ihnen in der Ferne ganz anders geformt zu sein scheinen.
Cromwell war vielleicht der reinste und eifrigste Schwarmer, als er sich im Anfange zur Partei der Puritaner schlug. Wider sein Erwarten fand er, dass es leichter sei, die Menschen unter seinen Geist zu beugen, als er im Anfange gedacht hatte. Er durchdrang mit seinem scharfen Blicke die Gemuter aller derer, die ihn umgaben, er bemerkte es, auf welchen Armseligkeiten meistenteils das Ansehen beruhte, das er unter seinen Freunden hatte, und er schamte sich vor sich selber, und verachtete die Menschen. Seine Schwarmerei und sein Enthusiasmus waren es vorzuglich, die die Menge an ihn band, denn der Schwarmer zieht einen weiten Feuerkreis um sich her, und selbst in die kalteren Menschen gehen Funken uber, dass sie sich unwillkurlich mit Liebe und Wohlwollen zu ihrem Anfuhrer drangen. Er sah ein, dass er in einzelnen Stunden, wenn ihn jener gluckliche Enthusiasmus verliess, diesen auf eine erzwungene und halb gewaltsame Art ersetzen musse, und er erstaunte, da er fand, dass die Begeisterung sich auf die Art, sogar wider ihren Willen, vom Himmel ziehen lasse. Denn im Menschen liegt ein seltsamer und fast unbegreiflicher Vorrat von Gefuhlen, dicht neben der Ahndung liegt die Empfindung und die Idee, die wir ahndeten; der Lugner kann auf seine eigene Erfindungen schworen, ohne einen Meineid zu tun, denn er kann in diesem Augenblicke vollig davon uberzeugt sein. Die wunderbarste Geistererscheinung kann vor mir stehen, und doch nur von meiner Phantasie hervorgebracht sein. Auf die Art musste der grosse Mann bald zweifelhaft werden, was in ihm wahr, was falsch, was Erdichtung, was Uberzeugung sei; er musste sich in manchen Stunden fur nichts als einen gemeinen Betruger, in andern wieder fur ein auserwahltes Rustzeug des Himmels halten. Wie durcheinander musste sich bei ihm alles das verwirren, was die gewohnlichen Menschen ihre Moralitat nennen! Kann man nun wohl dieselben Forderungen an ihn machen, die man an jene tut?
Das Gluck folgte ihm auf seinen Fussstapfen, und welcher Sterbliche kann sich wohl von der Schwachheit losreissen, den glucklichsten Erfolg seiner kuhnsten Plane nicht fur den wahren Orakelspruch der Natur und der Gottheit zu halten? Fast jeder Ungluckliche zweifelt an seinem Werte, er halt nur gar zu oft sein Ungluck fur seine Strafe. So glaubt der Sieger im Gluck seinen Lohn zu finden, seine Bestatigung von oben her. Vom Erfolge begunstiget, schrieb er neue Zirkel in seine Plane, und alles erfullte sich immer auf die wunderbarste Weise. Durch ein unruhiges tatenreiches und gluckgekrontes Leben, sah er sich plotzlich wie durch einen muntern Traum an die Spitze des Staats gestellt, und sein ganzes voriges Leben war nur Zubereitung und Gerust zu diesem grossen Momente.
An ihm war die Wohlfahrt seiner Partei gekettet; und was war naturlicher und einem Menschen verzeihlicher, als dass er jetzt seine Personlichkeit mit seiner Sache verwechselte? Er glaubte fur seine Partei zu kampfen, wenn er nur noch fur seine eigene Sicherheit stritt, und aus dem Wege raumte, was ihn in seinem Gange hindern konnte. Er musste sich gleich gross und gleich wunderbar vorkommen, er mochte sich nun als einen Liebling des Himmels betrachten, oder als einen Helden, der alles durch seine eigene Kraft gewonnen und in Besitz genommen hatte, ja, diese beiden Gedanken mussten sich in seinem Kopfe beinahe begegnen. Er vertraute sich jetzt mehr als jemals, und trauete den Menschen, die ihn umgaben, noch weniger als vordem. Fortuna hatte ihre volle Urne gleichsam in seinen Schoss geschuttet, und er glaubte nun das Gluck selbst zu sein; sein Stolz und seine Eigenliebe, die Bewundrung seiner selbst ist daher ebenso denkbar als verzeihlich.
Er konnte gegen seine Freunde nicht dankbar sein, denn er glaubte durch eigne Kraft alles errungen zu haben, er konnte sie nicht achten, da er sie nicht kannte. Ihre Verehrung seiner aber, so wenig Autoritat sie auch fur ihn hatte haben sollen, trug er doch gern und ganz zu seinen Verdiensten uber, denn denen Menschen, die uns loben, ubertragen wir gern die Beurteilung unsers Werts; ja wir glauben oft, dass diejenigen ihn am besten zu schatzen wissen, die selbst am meisten ohne Verdienste sind. Die grosste Inkonsequenz der Menschen, die Gegend, in der vielleicht in jeder Seele die meisten Verachtlichkeiten liegen, ist das Gebiet der Eitelkeit. Jede andre Schwache ist unzuganglich, oder man muss wenigstens fein und behutsam die Brucke hinuberschlagen, um das Ufer nicht selbst einzureissen; aber die Eitelkeit vertragt selbst die Behandlung der rauhesten Hande.
Ich will mir heute ernsthaft vornehmen, nie daran zu glauben, wenn man meinen Gang, meine Hauser, meinen Scharfsinn, oder meine Gesichtsbildung lobt, und wer weiss, ob ich nicht darauf falle, mir einzubilden, dass in meinem Garten die besten Blumen stehen, und dass hier dann ein elender Schmeichler seine volle Ernte findet! Der Himmel ist vielleicht so grausam mir in den Kopf zu setzen, ich hatte mehr Geschmack als andere Menschen. Oh! statt memento mori sollte man in seine Taschenuhr setzen lassen: Hute dich vor der Eitelkeit!
Cromwell war so glucklich viele wirkliche Freunde zu finden, ob er gleich keinen liebte; er konnte sie zu Aufopferungen auffordern, und keiner wagte es, ihn um ahnliche Opfer zu mahnen, da ihn keiner in seiner Gewalt hatte. Alle furchteten ihn, und er wusste, wie weit er jene nicht zu furchten hatte; er war daher nicht tollkuhn. Er hatte es empfunden, wie fein die Grenzen im Menschen zwischen Empfindungen sind, die wir Extreme nennen, weil wir sie uns wie den Nord- und Sudpol gegenuber denken: aber zwischen gut und bose, zwischen Freund und Feind, dem Pietisten und Gotteslasterer, dem Patrioten und dem Landesverrater liegt nur eine Sekunde. Cromwell wusste dies, und setzte seine Freunde daher in keine Spannung gegen sich.
Je mehr ich seinen Charakter uberdenke, je menschlicher finde ich ihn; nur dass er ein grosser Mensch, ein leuchtendes Meteor war. Wer ihn ein Ungeheuer nennt, hat nie uber ihn, oder uber sich selber nachgedacht.
Er hatte das Ungluck, einen einfaltigen Sohn zu haben.
Drei Jahre nachher.
Die Menschen sind Narren, denn obgleich einer den andern betrugt, so nehmen sie doch nichts so sehr ubel, als dass sie betrogen werden, besonders wenn man sie auf eine andre Art hintergeht, als sie die ubrigen Menschen tauschen. Lovell ist mein unversohnlicher Feind, wenn er erfahrt dass ich mit daran arbeiten half, ihm seine zartliche Braut zu entfuhren, und er wurde es nie zur Entschuldigung dienen lassen, dass Waterloo auch mein Freund und sogar mein Oheim sei. Aber da der ganze Plan doch verungluckt ist, so denke ich mich auf jeden Fall wieder mit ihm zu versohnen.
Aber Waterloo, ob er gleich mein Oheim ist, ob er gleich alter ist als vierzig Jahre, ob er gleich schon grosse Reisen gemacht hat, ist dennoch ein weit grosserer Narr, als der jugendliche Lovell. Er glaubt alles zu haben, indem er Witz hat, er meint die Menschen genug zu kennen, wenn er nur weiss, wodurch er sie zum Lachen bewegen kann, er ware vielleicht ein guter Komodiendichter geworden, aber zum Umgange mit Menschen ist er verdorben. Er beklagt sich uber mich, dass ich ihn hintergangen habe, ob ich gleich mit ihm an demselben Plane gearbeitet habe. Aber die ganz unterbleiben, wenn es nicht erlaubt sein sollte, dass ein Schelm den andern hintergeht. Er macht mir Vorwurfe, dass ich nun der einzige bin, der bei dem ganzen Handel etwas gewonnen hat; aber das war ja eben der Bewegungsgrund, warum ich mich einmengte, weil ich die Gewissheit hatte, dass ich auf jeden Fall gewinnen musse. Wenn ich hintergangen ware, ich wurde mich nie beklagen, sondern mich nur zu rachen suchen.
Waterloo ist abgereist, und wie ich eben hore, gestorben. Er ist vielleicht toricht genug gewesen, sich selbst umzubringen.
In meinem vierundzwanzigsten Jahre.
Ich hoffe, es soll mir gelingen, die Tochter der reichen Lady Sackville zur Frau zu bekommen. Die Mutter spielt die Aufgeklarte und die Tochter ist ziemlich empfindsam und pietistisch. Die Mutter spottet uber die Tochter, die Tochter zuckt die Achseln uber ihre irreligiose Mutter. Beiden muss ich beitreten, um ihr Vertrauen zu gewinnen.
Wie platt sind doch alle die Komodien, in denen eine ahnliche Situation dargestellt wird! Eine Karikatur treibt sich zwischen allen mit schlecht erfundenen Lugen herum, um am Ende an allen seinen Spottern zu scheitern. Ich finde es ebenso leicht als sicher, sich tere einzuschieben, denn man muss sich jedem nur unter gewissen Bedingungen nahern, die so gestellt sind, dass jener glaubt, es komme nur auf eine nahere Bekanntschaft, auf ein vertraulicheres Gesprach an, um auch diese Bedingungen wegzuschaffen. Die Mutter glaubt, ich spiele nur aus Liebe zu ihrer Tochter den Religiosen und um diese nachher von ihren Irrtumern zuruckzubringen; die Tochter ist uberzeugt, nur aus grosser Liebe zu ihr finde ich die Mutter ertraglich. Man darf nur ernsthaft vor sich selber heucheln, so ist die Heuchelei das leichteste Handwerk auf der Erde. Alle unsere Gesprache in der Welt, unser Umgang, unsre Freundschaftsbezeugungen, unsre Vergnugungen, alles ist nur Heuchelei, folglich kommt es mir als gar nichts Schwieriges, ja nicht einmal als etwas Neues vor, hier eine Art von Rolle zu spielen, um eine reiche Frau zu bekommen.
Ich bin schon so glucklich gewesen, einige Liebhaber zu verdrangen, und wenn ich an den Tod oder an andere betrubte Gegenstande in der Gesellschaft meiner Geliebten denke, so wird es mir ganz leicht, eine melancholische Miene zu machen, und empfindsame Sachen zu sagen. Oft verschiebe ich viele ernsthafte Betrachtungen, die sich mir aufdrangen, bis ich dorthin komme, und Tochter und Mutter sind immer mit mir zufrieden, und ich kann auf die Art noch Zeit in meinen Geschaften sparen. Diese Sparsamkeit kommt mir jetzt selber lacherlich vor, aber genug, dass es mir bequem ist.
Ich will dieses Buch aufbewahren, um mir im Alter das Vergnugen zu machen, es wieder durchzulesen. Man kann dann nur eine richtige Vorstellung von sich selber haben, wenn man solche Proben von den ehemaligen Kleidern zuruckbehalt. Aus diesem Grunde wurde ich fast in jeder Woche etwas niederschreiben, wenn ich nicht zu trage ware.
Warum sollt ich nicht auf eine recht gute Art den empfindsamen Verliebten spielen konnen, da es viele Dichter gibt, die sich poetisch irgendeine Liebschaft ersinnen, um poetische und herzruhrende Verse daruber zu machen? Meine Rolle ist bei weitem leichter, da ich doch einen wirklichen Gegenstand, und noch uberdies mit einem reichen Vermogen ausgestattet, vor mir habe.
In meinem funfundvierzigsten Jahre geschrieben.
Eine sonderbare Empfindung befallt mich, da ich dies alte, staubige Buch wieder in die Hande nehme und durchblattere. Ich kehre aus der Welt und zur Ruhe zuruck, und finde hier die skizzierte Geschichte meiner Jugendideen. Manches finde ich noch wahr, und ohne dass ich es wusste, habe ich mir wahrend meines geschaftigen Lebens den hier beschriebenen Charakter Charakter, weil verwandte Zuge in mir lagen; oder entwickelten sich diese, weil ich das Bildnis dieses Menschen immer mit Wohlgefallen betrachtet hatte? Doch diese Spitzfindigkeit zerfallt in sich selber.
In der Welt hat mir der Zufall den verhassten Lovell stets gegenubergestellt, er kreuzte durch alle meine Plane und unaufhorlich musst ich mit ihm kampfen. Er war gleichsam das aufgestellte Ziel, an dem ich meinen Verstand und Scharfsinn uben musste.
Meine Gemahlin ist tot und nur in den letzten Jahren war ich so glucklich, einen Sohn und eine Tochter von ihr zu bekommen. Ihr ist jetzt wohl, denn sie fuhlte sich immer unglucklich. Sie gehorte zu den Menschen, die sich durch abgeschmackte Erwartungen den Genuss ihres Lebens selber verbittern. Man sollte es schon in den Schulen lernen, was man von der Welt und den Menschen fordern kann, um sich und andre nachher nicht zu peinigen. Ich war keiner von den Menschen, wie sie ihr einige Dichter geschildert hatten; diese luftigen, bestandlosen Wesen hatte sie ihrer Phantasie fest imprimiert, und an diese Schimaren mass sie alle wirkliche Menschen, die ihr aufstiessen. Dass sich die Menschen aus diesem wirklichen prosaischen Leben so gern einen bunten, schon illuminierten Traum machen wollen, und sich dann wundern, wenn es unter den Rosen Dornen gibt, wenn die Gebilde umher ihnen nicht so antworten, wie sie es mit ihrem traumenden Sinne vermutet hatten! Wer kann es mit diesen Narren aushalten? Man gebe mir den abgefeimtesten Schurken, den Menschen, der in einem Atem zehn Lugen sagt, den Eiteln, der hoch von seinem eigenen Werte aufgeblasen ist, den rohen, ungebildeten Menschen, dem die gemeinste Lebensart fehlt, und ich will mit allen fertig werden, nur nicht mit dem, der allenthalben die reine Bruderliebe erwartet, der mit den Menschen, wie mit Blumen oder Nachtigallen, umgehen will.
Nach einem Jahre.
Mein Sohn Eduard fangt an, mir in einem hohen Grade zu missfallen. Er wird altklug, ehe er noch Verstand genug hat, um listig zu sein. Solche fruhreife Tugend ist gewohnlich nichts, als ein Gefuhl des Unvermogens, eine Empfindsamkeit, die spaterhin zur volligen Schwachheit wird.
Emilie ist halb das Bild ihrer Mutter, und halb eine Kopie nach ihrem Bruder. Ich hoffe, beide werden noch richtigere Ideen uber das Leben gewinnen. Stolz darf man nicht auf sich sein, denn das erzeugt eine Menge empfindsamer Torheiten, aber man muss sich schatzen, um sich nicht unter die ubrigen Menschen zu erniedrigen, um ihnen nicht dadurch unmittelbar Gelegenheit zu geben, dass sie Vorteile uber uns ge
Nach mehrern Jahren.
Mein Sohn wird mit jedem Tage ein grosserer Tor und er lasst es mich sogar merken, dass er mich und meine Grundsatze nicht achtet. Er schliesst sich mit Innigkeit an jedes ubertriebene und unnaturliche Gefuhl. Es schmerzt ihn nicht, dass er sich dadurch von meinem Herzen entfernt, denn er ist unter Luftgestalten einheimisch.
Die Erfahrungen, die mir aus dem Gewuhle der Welt hiehergefolgt sind, haben mich nun vollig beruhigt. Ich habe es deutlich erfahren, in wie hohem Grade die Menschen verachtlich sind. Alle meine jugendlichen Vermutungen haben sich erfullt, und es war heilsam, dass ich so ausgerustet unter die boshafte Schar trat. Argwohn ist die Wunschelrute, die allenthalben richtig zeigt, man irrt sich in keinem Menschen, wenn man gegen jeden misstrauisch ist, denn selbst die Einfaltigsten haben Minuten der Erleuchtung, in denen sie uns Schaden zufugen.
Wenn man mit Leuten umgeht, die aus Unwissenheit, oder weil sie selbst keinen Grund davon anzugeben wissen, rechtschaffen sind, so muss man ihre Tugend nie auf die Probe stellen, wenn sie uns dadurch nutzlich bleiben sollen; denn in dem Augenblicke, in welchem sie daruber nachdenken, werden sie verwangegenwartigen Gedrange bringen, so kann man sich im nachstfolgenden zweifelhaften Falle niemals auf sie verlassen. Wie viel ist aber die Ehrlichkeit wert, wenn sie nur darin besteht, dass der Mensch gar nicht weiss, dass man ihm diesen Vorzug beilegt? Selbst der Pobel hat diese Armseligkeit der Tugend bemerkt und ein Sprichwort daruber gemacht, dass der ein Dieb bleibt, der nur einmal gestohlen hat. Scheint es nicht, als wenn es vollig etwas Physisches ware, was wir im Menschen immer zum Geistigen erheben wollen, dass sich die Erscheinung durch eine einzige Umwalzung in einem einzigen Momente verlieren kann?
Ich bin darum nur wenig hintergangen, weil ich den Betrug immer als moglich voraussetzte. Ich fuhle mich sehr matt, und meine Gedanken werden schwach und unstet. Dies unnutze Buch ist mit mir alt geworden, es lauft zu Ende, so wie vielleicht mein Leben. Alles hat fur mich heut dunkle und melancholische Umrisse; Lovell ist vor einem Monate gestorben und ich bin nicht viel alter, als er.
Ich habe nur schlecht geschlafen, und ihn bleich und abgefallen bestandig in meinen abgerissenen Traumen gesehn. Sein Andenken verfolgt mich noch nach seinem Tode und mattet meine Krafte ab. Ich bin wieder gesund gewesen und dachte, es wurde nun jahrelang so bleiben, und doch bin ich von neuem krank geworden. Eine seltsame Wehmutigkeit hat mich ergriffen. Der Mensch hangt mit allen seinen Empfindungen bloss von seinem Korper ab.
Sollte ich Dir doch vielleicht Unrecht getan haben, alter Lovell? Warum richtet sich mein Gedanke so unaufhorlich nach Dir hin, wie die Magnetnadel nach Norden? Ich habe Dir vergeben, vergib Du mir auch, unsre Spiele und Kampfe sind jetzt geendigt. Ich fuhle mich freundlicher nach meinem Sohne und nach allen Menschen hingezogen. Wer weiss, in welchem gesundern Teile meines Korpers meine vorige Empfindung lag, wer weiss, aus welchem umgeanderten meine jetzige entspringt. Das Leben und alles darin ist nichts, alles ist verachtlich, und selbst, dass man die Verachtlichkeit bemerkt
8
William Lovell an Rosa
Paris.
Ich bin nun wieder in Paris, das zuerst die Buhne meiner Irrtumer war.
Ob Amalie noch lebt, und wie sie leben mag! Mir kommt alles frisch und neu in die Erinnerung, was ich ehemals fur sie empfand.
Die Blainville ist mit einem Chevalier de Valois von hier fortgegangen, der sich nach einigen Erzahlungen in England erschossen hat. Was aus ihr geworden ist, weiss man nicht.
In wenigen Tagen reise ich von hier ab. Alle Strassen und alle Gesellschaften sind mir zuwider.
Ich wunsche und furchte das englische Ufer. Doch kalt und phlegmatisch dehnt sich die Zeit weiter und kummert sich nicht um unser geangstigtes, pochendes Herz es muss doch endlich alles und selbst das Leben voruber sein.
9
Willy an seinen Bruder Thomas
Kensea.
Lieber Bruder, ich schreibe Dir heute einen Brief und in wenigen Tagen mache ich mich auf, um zu Dir zu kommen; denn ich habe keine Ruhe, ich habe keine Rast, es treibt mich weg und ruft mir in die Ohren, dass ich Dich vor meinem Tode noch einmal sehen soll, dass ich unter Deinen Augen sterben soll.
Schon seit einigen Tagen ist mir so gar heimlich und einsam zumute, die Fahne des Kirchturms knarrt so betrubt, und wenn ich am Abend am Fenster stehe, ist es, als wenn ich auf dem Kirchhofe schwarze Manner stehen sehe, die mit den Fingern nach mir hinweisen. Ich habe im stillen geweint und gebetet, und bin mir dabei hier so verlassen vorgekommen, und so auch alle Menschen um mich her, sie waren mir alle fremd. Der Tod treibt sich hier im Hause herum; das ist nicht anders, lieber Bruder, und nach mir sucht er, das ist gewiss, und darum will ich fort von hier und zu Dir hin.
Sieh, ich habe so an Dein altes freundliches Gesicht gedacht und an Deine Art zu reden, und an alles, das Dein Name Thomas so recht ausdruckt und beschreibt. Und da hab ich geweint und mir die weite Reise von neuem vorgenommen. Diese Nacht ist es aber erst recht gewiss geworden.
Sieh, mir traumte, als stunde ich in einer wusten, schwarzen Gegend, rund mit Bergen eingefasst. Und oben von den Bergen guckte ein Kopf heruber, und das war mein Herr Lovell, ich kannte gleich das alte, blasse Gesicht. Da fing ich vor Freude laut an zu schreien, und ich glaubte, mir hatte nur immer getraumt, dass er gestorben sei, und jetzt kame es nun heraus, dass es nur eine Einbildung von mir ware. Er sagte ganz freundlich: Guten Tag, lieber Willy! Ich wollte gleich munter die Berge hinaufklettern und ich nahm mir vor, mich nicht zu schamen, sondern ihm dreist um den Hals zu fallen. Er musste es merken, denn er sagte: Bleib nur, Willy, wir sehn uns bald. Und in demselben Augenblicke wurde sein Gesicht ganz jammerlich, noch eingefallener und beinahe wie ein Totenkopf. Ich fing an zu weinen, als ich das sah, und streckte die Arme nach ihm aus, aber er schuttelte stillschweigend mit dem Kopfe, und es war nun, als wurd er ordentlich recht mit Gewalt heruntergezogen. Da konnt ich's nicht lassen, sondern ich wollte nachsehn, was aus ihm geworden ware; ich fing an zu laufen, um die Berge hinaufzuklettern; aber sieh, da liefen sie vor mir weg, und ich wurde ungeduldig und rannte immer schneller, und die Berge fuhren weg vor mir, geschwinder wie das beste Pferd im Wettrennen. Jetzt standen sie ganz weit weg, so dass sie nur noch so gross aussahen, wie Kinderkopfe, das war mir bedenklich; ich kehrte mich um, und hinter mir waren die ubrigen Berge ebenso weit weggelaufen. Es war alles um mich her so weit, eben und schwarz, wie die See. Da kam mir ein grosser Schwindel in den Kopf, und ein schreckliches Grausen auf den ganzen Korper, denn ich merkte nun, dass ich den Herrn Lovell als einen Geist gesehen hatte. Es war mir immer, als wollte ein schwarzes Ungeheuer aus dem Himmel herunterschiessen, um mich zu verschlingen, oder als wenn der Himmel selber brechen wollte. Ich vergass alles Vorhergehende beinahe und furchtete mich doch noch immer fort; meine ganze unsterbliche Seele krummte sich in mir zusammen und ich rief den allmachtigen Gott um Hulfe an.
Da wacht ich mitten in der dunkeln Nacht mude und ermattet auf, und es war mir noch immer, als stunde ich noch in der schwarzen Wuste.
Siehst Du, Bruder, der verstorbene Herr hat mich gerufen, ich muss kommen und nun will ich nur noch von Dir Abschied nehmen. Es ist ja so nur noch so wenige Zeit ubrig, in der wir uns lieben und gut sein konnen, wir wollen also das wenige noch mitnehmen.
Gott segne meinen Herrn William, ich wunschte, ich konnte auch von dem noch Abschied nehmen, und dass er mir noch zur volligen Versohnung die Hand druckte, dass ich doch ganz als ein guter Freund von ihm zu seinem Herrn Vater in den Himmel ankommen konnte und einen Gruss von ihm bestellen.
Wie gesagt, in etlichen Tagen bin ich bei Dir, und wenn Du mich auch wieder fur etwas narrisch haltst, lieber Bruder, so mache mir doch ein freundliches Gesicht, wenn ich komme.
Achtes Buch
1
William Lovell an Rosa
Dover.
Es ist nicht anders, ich stehe wirklich hier, und sehe nach den weissen, schroffen Klippen hinauf. Ich bin endlich wieder zuruckgekommen, und alles vorige liegt hinter mir; es ist nicht anders, und konnte vielleicht nicht anders werden.
Ich danke dem Andrea unaufhorlich, dass ich jetzt in den widerwartigsten Situationen mit einer grossen Kalte in das Leben sehen kann. Die Verachtlichkeit der Welt liegt in ihrer grossten Betrubnis vor mir; ich stosse sie nur um so geringschatzender von mir, je wunderbarer ich mir selbst erscheine. Durch meine Ahndungen und seltsamen Gefuhle, hat er mich vom Dasein einer fremden Geisterwelt uberzeugt, ich habe eigenmachtig meinen Zweifeln ein Ziel gesetzt, und ich freue mich jetzt innig, dass ich auf irgendeine Art mit unbegreiflichen Wesen zusammenhange, und kunftig mit ihnen in eine noch vertrautere Bekanntschaft treten werde. Unaufhorlich begleitet mich diese Uberzeugung, und alle Gegenstande umher erscheinen mir nur als leere Formen, als wesenlose Dinge. Ich ermir, in der Nacht, oder in der Einsamkeit, jene seltsamen schauernden Ahndungen, die uns unwiderstehlich wunderbaren Machten entgegendrangen.
Alle betrubten Stunden, die ich hier in England erleben werde stehen gleichsam noch hinter den Kulissen und warten nur auf ihr Stichwort, um schnell hervorzutreten, ich muss in meiner Rolle fortfahren, und vor keinem plotzlichen Auftritt erschrecken
Der nordliche Himmel hier, mit seinen grossen und tiefhangenden Wolken, macht einen seltsamen Eindruck auf mich, nachdem ich mich in so langer Zeit in Italien verwohnt habe. Die Umrisse der Berge und Walder bilden sich so hart und widrig in dieser rauhen Luft, ich fuhle schon jetzt ein Heimweh nach Italiens lauem Himmel, nach Ihnen und Andrea und meinen ubrigen Freunden.
2
Eduard Burton an Mortimer
Bondly.
Wir haben nun endlich unser gewohnliches Leben wieder angefangen, nachdem wir von Ihrem schonen Landsitze zuruckgekehrt sind, und die Zeit fliesst uns eben und ohne widrige Abschnitte voruber. Viele Menschen irren darinnen sehr, wenn sie streben, recht viele frohe und glanzende Epochen in ihren Lebenslauf zu bringen, denn jede dieser Epochen zieht mehrere Tage nach sich, die durch ihre Nuchternheit unsere Seele leer und melancholisch machen; je einformiger und ruhiger die Zeit voruberfliesst, um so mehr geniesst man seines Lebens. Wir beide, lieber Freund, haben uns in diesen Genuss eingelernt, und ich hasse jetzt das Planmachen, wodurch man immer in einer fernen Zukunft lebt, unsinnigerweise die Gegenwart verschleudert, und sich im Leben gleichsam ubereilt, um nur desto fruher zu jenem Ziele zu kommen, das man sich aufgesteckt hat.
Gestern kam der alte Willy matt und atemlos hier an, um seinen Bruder Thomas zu besuchen. Er war die letzten Meilen, so alt er auch ist, zu Fuss gelaufen, Mann hat sich eingebildet, er musse jetzt sterben, und darum will er noch vorher von Thomas Abschied nehmen. Die Ermudung, so wie sein Aberglaube haben es wirklich dahin gebracht, dass er krank geworden ist. Er hat mich innig durch seine Liebe gegen seinen Bruder geruhrt, den seine eingebildete Klugheit hindert, dieselbe Liebe zuruckzugeben. Willy spricht viel vom Lovell, und mit einer ausserordentlichen Inbrunst; mir standen die Tranen in den Augen, als ich ihm zuhorte. Meine ganze Seele streckt sich in mir aus, sooft ich diesen Namen nennen hore, es ist jedesmal, als wollte man mir einen Vorwurf damit machen, weil er nicht mehr mein Freund ist. Und konnt ich anders handeln? Tat ich nicht alles, um mir seine Liebe aufzubewahren? Aber er hat sein Herz verspielt, und kann mich nicht mehr lieben.
Leben Sie wohl, und ersetzen Sie mir durch Ihre Freundschaft den Verlust der seinigen.
3
Thomas an den Herrn Fenton, Gartner in Kensea
Bondly.
Sie werden es verzeihen, wertgeschatzter Herr und Kollege, wenn mein Bruder vielleicht einige Tage langer ausbleibt, als er sich anfangs vorgesetzt hatte, und Sie indessen die Aufsicht des ganzen Gutes besorgen mussen, denn er ist hier krank geworden, so dass er wohl so bald noch nicht wird zuruckreisen konnen. Er ist ein klein wenig narrisch der alte Mann, und das werden Sie ebensogut wissen als ich. Alte Leute haben, wie man zu sagen pflegt, ihre wunderlichen Launen, und mein Bruder hat sie gewissermassen im vollsten Grade.
Er hat mir viel von Ihrem Garten erzahlt, und es tut mir recht sehr leid, dass Sie mit dem wilden Werke so viele Muhwaltung vorzunehmen haben. Ich habe jetzt Gottlob! einen Gonner an meinem Herrn, der die Kunst schatzt und viel an die Vortrefflichkeit des Gartens wendet. Ein solcher Gonner fehlt Ihnen freilich, und doch ist er gewissermassen unentbehrlich, um etwas Grosses zustande zu bringen, denn ohne Geld, und ohne die notigen Arbeiten lasst sich in die
Mein Bruder glaubt, dass er hier wird sterben mussen, denn er ist noch so sehr von der alten Welt, und wenn ihm etwas traumt, so glaubt er auch immer, dass es eintreffen muss, was denn die vernunftigen Leute mit Recht einen Aberglauben nennen konnen, denn er weiss wirklich nicht viel von einer bessern Aufklarung, wie man zu sagen pflegt. Ich denke aber wohl, dass er in einigen Tagen sowohl gesunder, als auch vernunftiger werden wird. Gott gebe seinen Segen dazu, damit er bald wieder an seine Geschafte gehen konne!
Verzeihen Sie ubrigens, wertgeschatzter Herr und Kollege, dass ich mir die Freiheit genommen habe, Ihnen mit meinem schlechten Briefe beschwerlich zu fallen; da aber mein Bruder noch bis dato die Feder nicht fuhren kann, so habe ich solches fur meine Pflicht gehalten. Ich wunsche eine fortdauernde Gesundheit und langes Leben, und nenne mich Ihr wertschatzender Freund Thomas, Gartner in Bon
dly.
4
William Lovell an Rosa
London.
Ich treibe mich jetzt wie ein abgerissener Zweig in den Fluten und Wirbeln des wuhlenden Lebens auf und ab. Ohne Ruhe bin ich bald hier, bald dort, bald in einem gemeinen Wirtshause, unter den niedrigsten, aber originellsten Menschen, bald in einer Gesellschaft von Spielern, bald auf den offentlichen Spaziergangen, bald in den vollgedrangten Theatern.
In manchen Stunden verlier ich mich selber. Sagen Sie mir, Rosa, ob meine innere Ahndungen recht haben. Mein Vater, Pietro und Rosaline starben durch mich, Amalie ist durch mich vielleicht unglucklich geworden; wer weiss, wie manches Auge meinetwegen nass ist, von dem ich nichts weiss, und dem ich mittelbar und unbekannt Schmerzen ubersendet habe. Ich kann manchmal alles vergessen, was ich vormals daruber dachte, und eine heisse Rote breitet sich dann von innen heraus uber meine Wangen. Und doch wie wenig sind alle diese Menschen wert! Wen unter ihnen kann man bedauern? Von wem sollen wir uns in unserm Wege zuruckhalten lassen? Ich richte Gefuhle wieder auf, deren die ubrigen Menschen entbehren mussen.
So wenige Menschen mich hier auch kennen, so hute ich mich doch sehr, erkannt zu werden. Neulich sprach ich einen Bekannten des jungen Valois, der mit der Blainville hierhergereist war; dieser Valois hat sich erschossen, aber von der Komtesse wusste er mir keine Nachricht zu geben.
Manche Strassen hier reden mich mit einer wunderbaren Sprache an, vorzuglich die, in denen Amalie wohnt. Ich bin schon mehrmals ihrem Hause vorubergegangen; aber weder am Fenster noch auf irgendeiner Promenade habe ich sie gesehen. Auch noch keine Nachrichten habe ich von ihr erhalten konnen, aber sie muss hier in London sein. Gestern war ich im Theater. Es wurde Macbeth gegeben, und ich war mit einer echten Jugendempfindung in die Darstellung vertieft. Im letzten Akte zog ein Gesicht in einer Loge meine ganze Aufmerksamkeit auf sich, denn es glich Amalien vollkommen. Ich vergass das Stuck, und suchte mir nur die Erinnerung ihrer recht gegenwartig zu machen, um sie mit diesem Bilde zu vergleichen.
Ich war noch immer verwirrt und in tiefen Gedanken, als das Stuck schon geschlossen war. Ich drangte mich mit den andern hinaus, und erwartete an der Treppe die Herunterkommenden. Viele Gesichter liefen durcheinander, und meine Augen wurden mude sie zu bemerken, um dasjenige, was ich erwartete, herauszufinden. Endlich erschien die Dame, die ich fur Amalien hielt, und in einem Augenblicke schoss mir die Uberzeugung durch den Kopf, dass sie es auch wirklich sei. Und bei Gott sie war es! Hundert Menschen liefen mir vor und wieder zuruck, es war mir unmoglich, naher zu kommen. Man stiess und drangte mich, und ich stiess und drangte ebenfalls, und die Gestalt war verschwunden. Meine Augen fanden sie nachher nicht wieder.
Es muss Amalia gewesen sein, es ist nicht anders moglich. Ihre Schleppe und der Saum ihres Kleides war mir in dem Momente heilig, als ich ihm nachzufolgen strebte. Ich hasste die Menschen recht innig, die mich durch ihr wildes widriges Gedrange hinderten, ihr zu folgen.
5
William Lovell an Rosa
Bondly.
So bin ich denn endlich wieder hier, hier, wo der Fruhling meines Lebens zu bluhen anfing. Jede Hecke und jeder Teich erinnert mich an meine damaligen Empfindungen.
Hier war's, wo Melodieen aus jedem Baumwipfel sumseten; hier hing der Morgenhimmel voll goldener Hoffnungen; jeder Ton in der Natur klang mir Gesang, und ich ging unter einem ewigen lautrauschenden Konzerte. Und was ist nun aus allem dem geworden? Und was war es auch, das ich hoffte? Jugendlich und unbesonnen kannt ich mich selbst nicht, und wusste nicht, was ich von mir und der Welt verlangte.
Ich sass wieder in demselben Zimmer des Wirtshauses, in dem ich damals einen traurigen Brief an Eduard Burton schrieb, wohl gar, wenn ich nicht irre, Verse machte. Es ist eine niedrige unangenehme Stube, und mir wurde jetzt kein poetischer Gedanke dort einfallen. Die Gegend umher, die mir im Mondschein damals so romantisch vorkam, ist nichts als ein Ferne sieht man Wald.
Auch die Stelle im Walde habe ich wiedergekannt, auf der ich damals von Amalien Abschied nahm, als sie von Bondly nach London reiste. Alle diese Platze sind stumm geworden, ich finde sie widerwartig und armselig, da sie mir damals so teuer, so uberaus teuer waren. Manchmal ist es, als liefe noch durch die Gebusche sauselnd eine der lieblichen Erinnerungen, aber sie konnen nicht zu mir, sie treten scheu vor mir zuruck.
Verkleidet bin ich schon einigemal im Garten hier in Bondly auf und ab gegangen. Hier hatten alle Empfindungen, alle Erinnerungen in den grunen Lauben, auf den schonen Rasenstellen, unter den dichten Zweigen der Alleen geschlafen; sie wachten auf, als mein Fuss den Garten betrat, und kamen mir alle sturmend entgegen. Alle haben mich begrusst, und jeder Baum scheint mich zu fragen: wo ich so lange geblieben sei? Ach Rosa! die Tranen stiegen mir in die Augen, und ich konnte keine Antwort geben.
Ach! ich bin ein Traumer ich mochte sagen: Die leblose Natur hat inniger an mir gehangen, als je die Menschen.
Lange stand ich vor der Linde still, in der ich meinen und Amaliens Namen eingrub. Nur wenig haben sich die Zuge durch den Wachstum des Baumes verandert. Wie vieles nahm ich mir damals vor, als ich diese Zuge langsam und bedachtlich dem Baume einschnitt!
Vieles im Garten ist geandert, und seit dem Tode des alten Burton mit mehrerem Geschmacke angelegt. Aber alle Veranderungen hier haben mir wehe getan. Ich wollte manche der alten Anlagen besuchen, und fand eine neuere, bessere. Der Gartner ist ein Bruder von meinem Willy.
Willy selbst ist hier zum Besuche, und ich erschrak, als ich ihm gestern plotzlich begegnete, aber er hat mich nicht erkannt.
Ich habe mich nach allen Sachen genau erkundiget, und darauf einen Plan gegrundet, um in das Haus zu kommen. Dass ich nicht erkannt werde, dafur will ich schon sorgen, und diese Schwierigkeit ist im Grunde die unbedeutendste.
Wie schwach ist der Mensch! Seit wie lange glaubte ich nun schon, uber alle diese Eindrucke erhaben zu sein, und doch haben sie mich nun mit neuer Gewalt angefallen, und dann lach ich wieder uber mich, und finde mich selbst kindisch.
6
Mortimer an Eduard Burton
Roger Place.
Ich schicke Ihnen hier das Manuskript Ihres Vaters zuruck, das ich mit grosser Aufmerksamkeit gelesen habe. Wie viele Wege gibt es in unserm Verstande, die den Menschen so leicht auf eine falsche Bahn bringen konnen! Die Sucht uber uns selbst zu grubeln, liegt in uns, und doch lernen wir beim aufmerksamsten Studium nichts, und alles Einfache und Gute verliert sich aus uns bei diesen Betrachtungen. Der Mensch gewohnt sich dabei gar zu leicht, sich nur als ein spekulierendes Wesen anzusehen, und mit eben den Augen die ubrigen Geschopfe zu betrachten. Ich sage Ihnen fur Ihr Zutrauen vielen Dank; solche Aufsatze sind Wegweiser und Leuchtturme fur andere Menschen.
In mir ist wieder die Sucht aufgewacht, eine kleine Reise zu machen, und wenn ich durch nichts gehindert werde, will ich auch diese Neigung nachstens befriedigen. Dann besuche ich zugleich Sie und Ihre liebenswurdige Schwester. Amalia ist auf ein paar Tage in der Stadt gewesen, um ihre Eltern und ihren hoffe ich Vater zu sein, und ich bin neugierig, wie mich diese neue Wurde kleiden wird.
7
Emilie Burton an Amalie
Bondly.
Liebe Freundin, ich fuhle mich zum Schreibtische ordentlich mit Gewalt hingezogen, um mich mit Ihnen zu unterhalten. Sie haben so oft Ihren Kummer in Briefen gegen mich ausgeschuttet, und ich denke eben daruber nach, ob jetzt vielleicht an mich die Reihe ist. Ich habe oft von Ruhrung reden horen und selbst gesprochen, aber bis jetzt ist es nur ein Wort fur mich gewesen, dessen eigentliche Bedeutung ich erst heute habe kennen lernen.
Schon seit einigen Tagen halt sich ein kranker armer Mensch in unserm Hause auf, dem mein Bruder aus Mitleid ein kleines Zimmer hat einraumen lassen, weil der Gartner fur ihn bat. Die Bedienten haben ihn bis jetzt verpflegt, und wir bekamen ihn fast gar nicht zu sehn, denn er hielt sich immer ausserordentlich still und eingezogen, und jedermann im Hause glaubte, dass seine Krankheit vorzuglich in einer tiefen Melancholie bestehe.
Mein Bruder war gestern ausgeritten und ich sass allein im Garten. Sie kennen die Laube, in der ich am hinuntersehn kann und allenthalben von dichten Hekken eingeschlossen ist. Ich las und arbeitete, und bemerkte nach einiger Zeit den Kranken, der tiefsinnig im Gange auf und ab ging, bald mit verschrankten Armen stille stand und den Blick starr auf den Boden heftete, bald Blumen abriss und sie mit seinen Tranen benetzte. Ich war auf alle seine Bewegungen aufmerksam, denn aus jeder schien ein tiefer Kummer zu sprechen. Ich weiss selbst nicht, auf welche wunderbare Weise mein Herz in mir bewegt ward, es war mir ganz wie bei einer guten Tragodie zumute, wo ein unbekannter Elender unsre ganze Teilnahme an sich reisst.
Ich konnte es nicht unterlassen, ich musste aufstehn und ihm naher treten. Er schien bewegt und erschreckt, als er mich erblickte, er wusste nicht, ob er gehen sollte, oder bleiben. Ich redete ihn freundlich an, um ihn uber seinen Kummer zu trosten. Er antwortete und jedes Wort war ein tiefes Gefuhl seines Unglucks, mit jeder Antwort ward meine Ruhrung grosser und ich konnte am Ende meine Tranen nicht verbergen.
Was ist es doch, was unser Herz oft so gewaltsam zusammenzieht? Wer kann jene Gefuhle beschreiben, die wir Ruhrung nennen, und wer kann ihre Entstehung begreifen? Wenn das Mitleid in unser Herz eintritt, o Freundin, dann breitet es sich gewaltsam wie mit Engelschwingen darin aus, dass unser armes irdisches Herz erzittert und sich zu klein fur den gottlichen Fremdling fuhlt, dann mochten wir in diesem schonen Augenblicke sterben, weil wir empfinden, dass unser voriges Leben kalt und durr dagegen war, weil wir es wissen, dass die Zukunft nach diesem schonen Augenblicke nur leer und nuchtern sein wird: wir mochten ganz in wollustigen Tranen zerfliessen, wir konnen uns nicht daruber zufriedengeben, dass wir nach dieser Seligkeit noch leben sollen. Das Herz begehrt zu brechen, und die Seele den Flug aufwarts zu nehmen nein, ich kann keine Worte fur diese Gefuhle finden, ob mir gleich auch jetzt die Augen voll von grossen Tranen sind. Kann es denn wirklich Menschen geben, die nie das Mitleid empfunden haben, die nie Tranen vergossen? O denen sei es erlaubt, die Unsterblichkeit ihrer Seele zu bezweifeln, ihnen sei es vergonnt, die Menschen zu hassen, denn sie mussen es nicht begreifen konnen warum man sie liebt.
Ich kann nicht dafur, liebe Freundin, dass ich hier deklamiert habe, denn meine ganze Seele hat sich in mir aufgetan. Sie kennen ja auch diese zarten Regungen des Herzens, Sie werden mich verstehen, und mich keine Schwarmerin nennen. Mit Mannern kann man uberhaupt nicht so sprechen, sie sind viel zu sehr in die Geschafte des Lebens verwickelt, um ihre Gefuhle rein und hell in ihrem Busen zu behalten, sie handeln und denken und eben dadurch wird alles ubrige in ihnen verdunkelt. Nur der Mann, von dem ich Ihnen erzahlen wollte, nur er, vielleicht unter seinem Geschlechte der einzige, ist fahig mich ganz zu verstehn, aber er kommt aus der Schule des Unglucks und der Leiden, die dem Herzen die verlorne Menschlichkeit wiedergeben.
Zeigen Sie niemanden diesen Brief, liebste Freundin, denn er ist nur fur Sie allein geschrieben, jedes andre Auge wurde ihn entweihen und nur uber meine Schwachheit spotten. So wenige Menschen verstehen es, frohlich zu sein, und noch weit wenigere zu trauern, der Schmerz redet sie in einer himmlischen Sprache an und sie konnen nur mit ihren unbeholfenen, irdischen Tonen antworten. Wer sich freuen oder wer weinen will, ziehe sich ja zu Blumen und zu Baumen zuruck.
Der Unbekannte redete sehr herzlich und bald schien mir seine Sprache so bekannt. Es kamen wunderbare Erinnerungen in meine Seele; ich betrachtete ihn genauer, und auch seine Gesichtszuge schienen mir nun nicht mehr fremd. O Amalie, welche Empfindung ergriff mich, als ich in dem armen Verstossenen, in dem kranken Bettler einen alten, wohlbekannten Freund von mir entdeckte und wie er sich mir nun selbst zu erkennen gab und viel von den Menschen und ihrer Grausamkeit sprach wie Tranengusse aus seinen Augen sturzten und er zu meinen Fussen sank und um Vergebung flehte o Freundin, ich wusste nicht, ob ich lebte, oder tot sei ob ich mich nicht plotzlich im Lande der wunderbarsten Traume befande ach, ich kann immer noch nicht zu mir selber kommen.
Seinen Namen darf ich Ihnen noch nicht nennen, so wie er auch unserm ganzen Hause ein Geheimnis ist, aber bald, bald will ich Ihnen alles auflosen, und Sie werden ebensosehr erstaunen. Alle Gegenstande flimmern mir seit diesem Augenblicke vor den Augen, ich kann nichts recht fest angreifen, und mein Gemut ist zu den seltsamsten Vorfallen und Verwandlungen vorbereitet. Meine Augen wollen unaufhorlich weinen und jeder freundlich lachende Mund ruhrt mich innig: eine grosse Wehmut hat mir alle Gegenstande der Welt in die Ferne geruckt und der Schreck beim Erkennen zittert immer noch in mir fort.
Wunderbar gehn die Schicksale und Leiden der Welt und noch nie ist mir dieser furchterliche Gang so deutlich vor die Augen getreten. Ich habe noch wenig gelitten, und ich mochte nun furchten, dass ich noch viel zu leiden habe.
Sehn Sie, liebe Amalia, so melancholisch hat jener Ungluckliche Ihre Freundin gemacht; der ganze Brief ist ein Beweis von der Spannung meiner Phantasie. Leben Sie recht wohl und glucklich.
8
Karl Wilmont an Mortimer
London.
Ich habe doch hier, bei aller meiner Philosophie manche ungeduldige Stunde, und ich glaube, ich habe so gut wie jeder andre Verliebte ein Recht dazu.
In den ersten Tagen kam es mir so ausserordentlich leicht vor, von Emilien entfernt zu sein, dass ich wohl gar im stillen wunschte, man mochte mir eine schwerere Probe auflegen. Es ging mir grade wie dem Kranken, der eine gefahrliche Krisis uberstanden hat, sich in den ersten Tagen nach dieser schon fur genesen halt, und sich nicht genug daruber wundern kann, wie ihn die ubrigen Menschen noch bedauern: aber bald fuhlt er die Krankheit und Mattigkeit in allen seinen Gliedern von neuem, er wird von neuem ungeduldig und vergisst die schmerzhaften Tage ganzlich, die jetzt hinter ihm liegen. Du wirst mir wenigstens zugeben, dass der Mensch immer bei dieser kuriosen Einrichtung seiner Natur die herrlichsten Ursachen hat, unzufrieden zu sein.
Wie unermesslich lang kommt mir jetzt oft bei meinen Arbeiten ein Bogen vor, den ich vollschreiben ziergang war. Alle dummen und klugen Streiche laufen in der Welt doch wahrhaftig auf eins hinaus. Du nennst es nun selbst einen vernunftigen Plan, dass ich beim Minister angestellt bin, und wie wenig hab ich daran gedacht, als ich mich anstellen liess? Wahrlich, ich liess mich eben mit der phlegmatischen Unbefangenheit zu ihm schleppen, als ware die Reise nach einem Weinhause gegangen; meine allerdummsten Streiche haben mir weit mehr Kopfbrechens gekostet. Ich glaube, ich konnte der edelste und tugendhafteste Mann von der Welt werden, ohne dass ich ein Wortchen davon wusste. Lieber Mortimer, wenn das irgendeinmal der Fall sein sollte, so mache mich doch um des Himmels willen aufmerksam darauf, damit ich nicht so in meiner Dummheit hin ausserordentlich edel bin und selbst gar keine Freude daran habe.
Du bist mir zum ersten Male in Deinem Leben mit Deinem neulichen, so uberaus ernsthaften Briefe ein wenig narrisch vorgekommen. Seit Du ein Ehemann bist, fuhrst Du einen gewissen altklugen Ton und ubst Dich an mir zum kunftigen Erzieher Deiner Kinder. Du bist bei weitem nicht mehr so launicht als ehedem, ich wette, dass Du jetzt nie einen Perioden anfangst, ohne zu wissen, wie Du ihn endigen willst; und doch gefiel mir eben das sonst so sehr an Dir, dass Du selbst einen weisen Spruch zuweilen anhubst, ohne zu wissen, wie er schliessen solle. Du verlierst vielleicht nach und nach das wahre Leben und wirst am Ende nur eine Ruine vom ehemaligen Mortimer. Wenn ich Dich denn besuche und Du hinter Deinem Tische mit dem ernsthaften Gesichte sitzest; so muss ich in Gedanken alle Deine ehemaligen Vortrefflichkeiten in Dich hineinlegen, um nicht auf die Meinung zu geraten, dass ich den leibhaftigen Grandison vor mir sehe.
Aber lass uns einmal ernsthaft sprechen. Dein neulicher Brief kann Dir unmoglich ganz Ernst gewesen sein, denn was Du da von den Geschaften und der Elastizitat sagst, ist so altfrankisch, so philosophisch und so unwahr, dass ich beinahe Lust hatte, Dir alle meine Geschafte zu ubertragen, damit Du es selber mit Handen griffest, wie sehr Du gelogen hast. Du hast in Deiner landlichen Ruhe gut sprechen, aber wenn Du nur die langweiligsten, unbedeutendsten Sachen mit einer Emsigkeit und Genauigkeit abschreiben musstest, als wenn daran die Seligkeit von zehn Martyrern hinge, wenn Du es nur selber fuhltest, wie bei einer solchen Arbeit die Wande umher immer enger zusammenrucken, und das Herz angstlich klopft und Du nach dem letzten Worte mit der fliegenden Feder hinrennst, als wenn das Haus einfallen wollte, ei, wie anders sprachest Du! Dann holt man Atem, um es von neuem durchzulesen, und kaum ist man eine halbe Stunde ausgegangen, so findest Du schon neue Stosse, die auf Deine Abfertigung warten. Wo da die Elastizitat herkommen soll, kann ich gar nicht einsehn. Die Gedanken im Kopfe werden immer dunner, und gehn am Ende gar aus; statt dass ich sonst Stellen aus dem Tristram Shandy auswendig wusste, ube ich meine Memoire jetzt an den mancherlei Titulaturen.
Ich bin mir in manchen Stunden schon ungemein abgeschmackt vorgekommen, dass ich mir so viele edelmutige Bedenklichkeiten ausgedacht und Emilien nicht auf der Stelle geheiratet habe. Gluck! ist das nicht das hochste Wort im Leben, unsre erste Pflicht, ein Wort, gegen das jede Delikatesse albern erscheint? Doch ich bin einmal eingespannt, und so werde ich denn auch wohl aushalten mussen.
9
Emilie Burton an Amalie
Bondly.
Ich bin auf Ihre Antwort begierig, da Ihr Herz mit dem meinigen immer sympathisiert hat. Ach liebe Freundin, ich kann Ihnen nicht alles so sagen, wie ich es gern mochte, ich spare dies Vertrauen noch fur eine andre Zeit auf.
Welch ein Mensch ist jener Unbekannte, von dem ich Ihnen neulich schrieb! Er ist ganz uber das kleinliche Leben hinuber, in dem sich die gewohnlichen Menschen so angstlich abarbeiten. Sein Geist ist durch und durch gelautert und gereinigt und er gehort nicht mehr der Erde an. Ich kann es nicht unterlassen, ihn zu bewundern, sooft ich ihn sehe oder spreche, er hat eine andre als die gewohnliche Menschensprache. Wenn ich an ihn denke, geht eine innige Ruhrung durch meine Brust, ich mochte bestandig in seiner Gesellschaft sein, sein tiefes Urteil uber das und uber jenes horen, und ihm mit meinem Troste den Gram etwas aus seinem dustern Angesichte schmeicheln.
Niemand kennt ihn hier und niemand weiss, dass ich ihn kenne, ich muss Ihnen seinen Namen auch noch grundete Ursache dazu hat.
Es ist so etwas Wunderbares um ihn her, dass man sich in seiner Gegenwart wie in eine andre Welt entruckt fuhlt. Alle, selbst die alltaglichsten Sachen, erhebt er zur hochsten Poesie, so dass er wie ein fremder Geist auf dieser Erde wandelt. Wenn ich dabei an sein Ungluck denke, so kann ich nicht mude werden, von ihm zu sprechen; mich freut es, dass er mich seine Freundin nennt, da ihn kein Wesen auf dieser Erde weiter liebt. Denken Sie sich den schrecklichen Gedanken: ich bin das einzige Geschopf, das sich fur ihn interessiert!
Wozu sind die Millionen Menschen auf dieser Erde, da so wenige nur einen finden, der sie liebt! Ach, sie kommt mir wust und entvolkert vor, sie ist nur eine grosse Masse, voller stummen Leichen, die in und auf ihr sind. Sind sich alle die Armseligen selber genug? Haben Sie kein Bedurfnis nach Liebe und Mitempfindung? Sie sterben alle, ohne gelebt zu haben, sie sind Leichen, die sich bewegen, und denn auch diese Fahigkeit an die Natur abgeben und sich hinlegen und verwesen.
Nennen Sie mich nicht trubsinnig, liebe Amalie, denn es ist so: Der ganze Lebenslauf des Unbekannten enthalt nur diese Wahrheit.
10
William Lovell an Emilie Burton
Hier sitz ich nun, teureste Emilie, in meinem engen einsamen Zimmer und denke und traume nur Sie. Mein Fenster stosst auf den Gang, in welchem ich schon damals mit Amalien so oft an Ihrer Seite sass. Amalie, die mich vergessen, die mich niemals geliebt hat. Ach, Unglucklicher! und du darfst noch klagen? Hat sich der huldreichste Engel nicht deiner mit einem himmlischen Mitleid angenommen? Kannst du von dieser irdischen Erde noch mehr Gluck, noch eine hohere Wonne erwarten?
Ach, Emilie, immer, immer mocht ich bei Ihnen sein und den sussen Ton Ihrer trostenden Stimme horen, immer den sanften Augen begegnen, die dem Verstossenen, dem Elenden so kostbare Tranen schenkten. Die ganze Welt verkennt und verlasst mich. Ihr harter Bruder hat mir seine Freundschaft aufgekundigt. Oh, mag er sie zurucknehmen, wenn ich nur das Herz seiner gottlichen Schwester behalte. Was kummern mich die Augen der ubrigen Welt, wenn mich nur die Ihrigen bemerken und nicht zurnend auf mich blicken!
Sie kennen, Sie dulden und lieben den Menschen, o das hab ich daran erfahren, dass Sie mich nicht verstiessen, als ich die freche Erklarung wagte, als ich Ihnen entdeckte, warum ich verkleidet dieses Haus betreten habe. Was kann ich denn auch fur die heissen Empfindungen meines Herzens? Ist es ein Verbrechen, Sie zu lieben? O ja, so bin ich ein Verbrecher, verachten und hassen Sie mich und mit dem Ende dieses unertraglich schweren Lebens ist meine Sunde abgebusst. Aber nein, Sie haben mir verziehen, Sie haben sich meines Elendes mit der Gutigkeit eines Engels erbarmt, Sie wollen mich gegen meine wilde Verzweiflung schutzen, Sie haben es mir zugesagt warum bin ich denn nicht froh und glucklich? Weil ich immer noch an diesem Glucke zweifle, weil ich in diesem Leben gelernt habe, dass uns alle Hoffnungen hintergehn, weil ich es nur fur eine schuldlose Verstellung halte, um mich auf einige Tage zu trosten. O Emilie! bedenken Sie, wie ich denn zu meinem gewohnlichen Leben wieder erwachen werde!
Warum sollte aber nicht ein Unglucklicher in seinem durren Lebenslaufe, unter den unzahligen leeren Larven, die ihm begegnen, auch einmal einen Boten des Himmels antreffen, der ihm von oben her Frieden verkundigt? Ach, mein ganzes verschlossenes, verwelktes Herz wurde sich wieder wie eine Blume aufrichten, die ein warmer Fruhlingsregen trifft. Ein schoner Regenbogen wurde den Horizont meines dunklen Daseins umarmen, und Hoffnung, Liebe, Gluck und Seligkeit wurde aus jedem Sterne der Nacht, wie aus einem goldnen Auge auf mich herniederblicken. Wenn ich leben soll, so mussen Sie mir diese Hoffnung nicht nehmen; wenn ich lacheln soll, o so mussen Sie sie erfullen.
11
Emilie Burton an William Lovell
Ich halte es fur meine Pflicht, Sie zu beruhigen; doch nein, das Wort ist zu kalt und angstlich. Ich bin es meinem klopfenden Herzen schuldig: ich kann nicht anders, wenn ich auch wollte. Aber ich will nun so und nicht anders. Konnen Sie einen grossern Beweis fordern, als dass ich Ihnen schreibe, dass ich Ihr Geheimnis verschweige, dass ich gern und geheim mit Ihnen spreche? Ach, konnten Sie alle die Tranen sehn, die ich Ihrentwillen vergiesse, Sie wurden nicht langer zweifeln.
Und darf ich denn mehr tun? Hab ich nicht schon zu viel getan? O unglucklicher Lovell, Sie haben Ihre Emilie vielleicht mit unglucklich gemacht; Sie haben vielleicht den schwarzen Samen in diesem friedlichen Hause ausgestreut und dann was soll ich dann tun? Was soll ich dann sagen?
O beruhigen Sie sich und lesen Sie nicht alle Worte zu ernsthaft und aufmerksam. Mir ist, als wenn mein Herz in mir springen wollte, ich kann kaum mehr Atem schopfen.
12
William Lovell an Emilie Burton
Und ich soll nicht seufzen und klagen? Nicht trauern und verzweifeln? Mehr hat Emilie getan als sie durfte? O dann wird es sie auch gereuen, dann o dreimal unglucklicher Lovell dann ist auch kein Herz auf der weiten Erde, das fur dich schluge! Ach nein, denn das einzige, das ubrig war, bereut es, dass es gewagt hat, dich zu bemitleiden!
13
Emilie Burton an William Lovell
Ich furchtete Ihre Klagen und Ihren betranten Blick, das war's, warum ich Sie heute gern vermeiden wollte. Gott! Und nun Ihr Gesprach im Garten! O ich fuhle noch das Erstarren in allen meinen Adern. O Lovell, Sie haben mich heut viel dulden lassen, ich sagte es, Sie machen mich zur Gefahrtin Ihres Unglucks.
14
William Lovell an Emilie Burton
O wurden Sie die Gefahrtin meines Unglucks! Wie schnell wurde der arme Lovell der frohste und glucklichste unter den Menschen werden! Aber nein, Sie haben sich ganz deutlich von mir zuruckgezogen; o warum hofft ich denn auch noch auf Freuden? Bin ich nicht langsam zum hochsten Elende gereift, und nun sollte sich plotzlich alles umwandeln? Nein, ich will fort, fort ohne Trost und Abschied, uber niemand soll mein Elend kommen; besser dass ich vergehe!
O dass ich nie hiehergekommen ware! Dass ich nie die letzte Blume gefunden hatte, die ein hohnischer Fuss zertritt! Leben Sie wohl! Wohin soll ich mich wenden? Wohin? Der Tod wohnt in allen Weltgegenden, fur ein Grab ist die Erde noch allenthalben gut genug!
15
William Lovell an Rosa
Bondly.
O Rosa! was, was sind die Menschen? Eduard besitzt ganz ruhig meine Guter, ohne dass ihm sein zartes Gewissen einen Vorwurf daruber macht. Hat er sie doch in einem rechtmassigen Prozesse gewonnen. Um diese Menschen sollte man sich harmen? Man sollte furchten ihnen Unrecht zu tun?
Doch ich wollte Ihnen meine Lage schildern, ich wollte Ihnen von Emilien erzahlen.
Ich stellte mich als ein verarmter Kranker, der Gartner sprach von mir mit Burton, und dieser liess mich in das Schloss bringen, mir ein Zimmer anweisen, und mich mit Essen und Trinken versorgen. Emilie kannte ich schon etwas aus vorigen Zeiten, und ich beschloss mit ihr einen Versuch zu machen. Ich konnte darauf rechnen, dass sie vorzuglich neugierig war, wer ich sein mochte, ich suchte daher ihre Aufmerksamkeit noch mehr auf mein stilles, melancholisches Wesen zu richten. Es gelang mir. Ihr Bruder war an einem Tage abwesend, und ich sehe sie allein nach dem Garten gehen und sich in ihre Lieblingslaube setich sie nicht gesehen habe; ihr Wuchs ist sehr grazios, und ihr Auge klug und sanft.
Sie hat einen gewissen Verstand, den sie besonders an sich schatzt; sie hat viele Bucher gelesen, und manches daruber gedacht, daher ist sie im Leben ihrer Sache immer sehr gewiss, sie meinet, dass es keine kritische Falle gebe, in denen man zweifeln konne, wie man sich zu betragen habe. Ich brauche Ihnen, Rosa, wohl nicht zu sagen, dass diese Geschopfe grade am leichtesten zu gewinnen sind, dass sie selber jedem Plane entgegenlaufen, und eben durch ihre Weisheit einfaltiger sind als die Dummeren.
Ich ging trubsinnig in dem Gange auf und ab, der an ihre Laube stiess, und sie bemerkte mich sehr bald. Sie konnte ihre Neugierde nicht unterdrucken, sondern stand auf und trat mir naher. Unser Gesprach nahm eine sehr schwermutige Wendung, und ich sagte vieles uber die Welt und uber die Menschen, was ich wirklich so meinte: meine Rolle ward mir also dadurch um vieles leichter. Ich bemerkte, dass sie weinen musste, und als sie auf die starkste Art geruhrt war, entdeckte ich ihr, wer ich sei.
Ich konnte auf ihrem Gesichte bemerken, dass die wunderbarsten Empfindungen schnell in ihrem Innern wechselten. Sie war auf eine solche Uberraschung, auf den Schmerz, der darin lag, nicht vorbereitet; um sie vollig zu verwirren, suchte ich sie daher noch einmal, und am kraftigsten zu uberraschen.
Ich warf mich plotzlich zu ihren Fussen nieder, und gestand ihr, dass zu dieser Verkleidung, zu meinem Aufenthalt im Schlosse, mich allein eine heftige Liebe zu ihr vermocht habe; dies solle mein letzter Versuch sein, ob es irgendein menschliches Herz gebe, das sich meiner noch annehme, um mich mit dem Leben und dem Schicksale wieder auszusohnen. Sie war schon, und wie in einem Schauspiele spielte ich meine Rolle, auf eine wunderbare Weise begeistert, fort; es gelang mir alles, was ich sagte, ich sprach mit Feuer und doch ohne Affektation. Sie stand unbeweglich vor mir, und wusste immer noch nicht, wie sie alles in ihrem Kopfe reimen sollte.
Haben Sie mich nicht gehort, schonste Emilie? rief ich aus.
Sie fuhr auf, und gab eine unverstandliche Antwort; ich erhob mich, und setzte meine Klagen fort. Sie erweichte sich sehr fur mich und mein Ungluck traf ihr Herz. Ich klagte uber Amalien und ihren Bruder, uber die ganze Welt, die mich von sich gestossen habe; ich nahm meine Zuflucht zu ihrem weichen und zartlichen Herzen, und schwur, dass sie mich nicht verwerfen konne, sondern dass sie mitleidiger sein wurde als die ubrige Welt.
Nie, Rosa, habe ich so gut gesprochen, und nie so tief empfunden. Es war als wenn sich mein ganzes Herz in mir eroffnete, und ich musste uber mich selbst erstaunen. Ach was ist Wahrheit und Uberzeugung im Menschen! Ich war jetzt von allem uberzeugt, was ich da sagte, ich war schwermutig und in sie verliebt, ich hatte mich wirklich in diesem Augenblicke ermorden konnen. Oh! man rede mir doch kunftig nicht von Menschen, die sich verstellen. Was ist die Aufrichtigkeit in uns?
Emiliens Ruhrung ward immer heftiger, und sie legte am Ende ihre Hand in die meinige; sie hatte meinen Worten geglaubt, und ihr Herz neigte sich mir unwiderstehlich entgegen. Sie sagte mir: dass sie mich trosten wolle, wenn sie mich trosten konne, dass sie mich gern fur mein Ungluck entschadigen wolle, wenn es in ihrer Gewalt stehe. Die ganze Szene schloss sich in der Manier, wie sie angefangen hatte.
Jetzt suchte ich sie nun immer mit den Augen: wenn es moglich war, sprach ich sie allein im Garten, da wir aber oft gehindert wurden, suchte ich ihr ein kleines Billet zuzustecken. Es ward beantwortet, wie ich gar nicht gehofft hatte; nun hatte ich die deutlichsten Proben ihrer Liebe. Das Briefschreiben ging fort, und meine Schwermut machte, dass ich ihr nie weniger interessant erschien.
Gestern war sie ganz allein im Garten, ihr Bruder war ausgeritten, um jemand in der Nachbarschaft zu besuchen. Es war gegen Abend, und ich suchte sie auf. Wir gingen auf und ab, und unser Gesprach ward immer hitziger und verwickelter; wir kamen zur Laube zuruck, der Mond schien, und wir setzten uns auf die Rasenbank nieder.
Sie war sehr weich gestimmt, und ich bemerkte die Tranen deutlich, die heimlich aus ihren Augen tropfelten; rasch umarmte ich sie, und kusste ihre Tranen weg, dann fielen meine Lippen auf ihren zarten Mund. Sie wusste nicht, was sie antworten sollte, sie war vollig in meiner Gewalt, davon war ich innig uberzeugt. Sie lehnte ihren Kopf an meine Schulter, und fing laut an zu weinen, dann umarmte sie mich freiwillig, und druckte einen herzlichen Kuss auf meine Lippen. Ich liebte sie heftig in dieser Minute, ich druckte sie an meine Brust, und unsere Seufzer begegneten sich. Ungewiss war alles umher und in mir, ich wusste nicht, ob ich Amalien, oder sie, oder Rosalinen in den Armen hielt; der ganze Sturm meiner Sinnlichkeit wachte in mir auf, und entzundete sie zugleich.
Als sie wieder ihrer Sinne machtig wurde, wusste sie nicht, ob sie mir Vorwurfe machen, oder ob sie weinen sollte. Ich trostete sie durch Kusse, wir gingen stumm Hand in Hand aus dem Garten, am Eingange kusste ich sie noch einmal, dann ging sie fort.
Ich ging im Mondlicht durch die dichtbelaubten Gange; jetzt fiel mir ein, dass sie mit dem jungen Wilmont so gut wie verlobt sei. Ich wusste nicht, sollte ich lachen, oder heisse, brennende Tranen vergiessen: mein Mund zog sich zum hohnischen Lacheln, und grosse Tranen fielen aus meinen Augen.
Ist das der Mensch, und der edlere Mensch? Was mag sie jetzt denken, wenn sie uberlegt, wohin sie von ihrer regen Empfindsamkeit gefuhrt ist?
Ich konnte meine Eitelkeit sehr nahren und mir einbilden, sie liebe mich ganz unbeschreiblich, und nur diese grenzenlose Liebe habe den Fall ihrer Tugend verursacht. Aber die Schwache des Menschen allein hat sie dorthin getrieben. Und wenn sie mich auch liebte, wie konnt ich eitel darauf werden? Denn was ist Liebe? Ein vorubergehendes dunkles Gefuhl, und ein Wort. Sie liebt vielleicht auf einige Tage den Begriff des Unglucklichen in mir, und hasst mich, wenn sie mich naher kennenlernt.
Burton bringt mich auf, sooft ich ihn nur sehe; schon mehr als einmal war ich im Begriffe, mich ihm zu entdecken, um meiner Hitze nur freien Lauf zu lassen, aber bald, bald muss ich ihn fur das strafen, was er gegen mich verbrochen hat.
Leben Sie wohl! Da ich diesen Brief jetzt nicht gut fortschicken kann, so will ich ihn so lange liegen lassen, bis Sie ihn zugleich mit einem zweiten erhalten.
16
Eduard Burton an Mortimer
Bondly.
Wie soll ich diesen Brief anfangen, mein Freund, wie soll ich ihn endigen? Noch nie bin ich auf diese Art erschuttert gewesen, noch nie so sehr aller meiner Besinnung beraubt. Ich sitze hier einsam auf meinem Zimmer und weine, und bin noch immer erstarrt. Dass ich das erleben musste! Haben Sie Geduld mit mir, ich kann mich noch immer nicht trosten.
Seit einigen Tagen hatte ich einen armen Kranken in meinem Hause aufgenommen, der mich durch einen meiner Leute um eine Freistatte auf einige Tage bitten liess. Man beschrieb ihn mir als so schwermutig und unglucklich, dass ich mich lebhaft fur ihn interessierte.
Ich liess mir heute am Morgen wie gewohnlich, ein Glas Wein vom Bedienten bringen, er stellte es hin, und ich wollte eben zu fruhstucken anfangen als der alte Willy plotzlich bleich und mit weinenden Augen hereinsturzte und mich beschwur, den Wein nicht anzuruhren; ich wusste nicht, was ich sagen sollte; und Willy stand immer noch wie in einer Begeisterung vor mir. er sei wahnsinnig geworden: er wollte nicht bestimmter antworten, er zitterte am ganzen Korper, er stammelte und vermochte nicht ein Wort deutlich hervorzubringen. In den Wein ist etwas hineingeschuttet! rief er endlich laut. Ich weiss selbst nicht, wie mich die Verwirrung darauf brachte, dass ich ihn fragte: ob er es getan habe? Aber sein Zittern, seine Angst, seine bleiche Gestalt schienen mir ein solches Gestandnis vorzubereiten. Da weinte der alte Mann, und schluchzte laut, sein Gemut ward durch diesen Argwohn noch verwirrter; ehe ich es bemerkte, fasste er zitternd das Glas, und trank es aus.
Seine Krafte verliessen ihn, er sank in einen Stuhl; ich rief um Hulfe, und es wahrte nicht lange, so offenbarten sich die Wirkungen des Giftes. Er war fast ohne Besinnung, und wollte doch noch immer nicht sprechen; sein Bruder warf sich auf ihn, und bedeckte ihn mit Tranen und Kussen, alle weinten und drangen in ihn, dass er reden sollte. Ich konnte bei diesem Anblicke meine Tranen nicht zuruckhalten, ich konnte nicht begreifen, wie sich das Ratsel auflosen wurde. Wie von einer hohen Angst gedruckt, rief er nun plotzlich den Namen Lovell aus. Ach! und der Ton schnitt durch mein Herz, er sagte seinem Bruder ein paar Worte heimlich alle erstarrten jener fremde verstellte Kranke niemand anders als Lovell war es er hatte den Wein vergiftet.
Was ich in dieser Minute empfand, kann ich nicht beschreiben. Wie durftig ich mich plotzlich fuhlte, dass ich ein Mensch war! Ach, Mortimer, es gibt Stunden im Leben, deren Hefen selbst das hochste Gluck nicht aus dem Herzen wieder wegspulen kann, das fuhle ich jetzt innig. Mein ganzes kunftiges Leben ist durch diesen Augenblick krank geworden; ein Pfeil ist in meine Brust gedrungen, den ich nicht wieder werde herausziehen konnen, ohne zu verbluten.
Es war schrecklich, wie dem alten Willy jetzt seine zu rasche Tat gereute, wie er dann weinte und schluchzte, weil er den Namen seines Herrn genannt hatte, und wie er wieder nicht leben wollte, wie er sich freuete, dass er sterben musste, weil sein Lovell die Bahn der Tugend so ganz verlassen habe. Dann phantasierte er wieder und war mit seinen Gedanken weit weg, und kam nur wieder zu sich, um uber Lovell von neuem zu weinen.
Wie wenn ich aus einem Traume erwacht ware, so stand ich unter ihnen, ich konnte jetzt nicht an die Menschheit, nicht an die Freundschaft glauben. Ach! und mein Kopf schwindelt noch jetzt.
Endlich verlangte der sterbende Willy seinen Herrn noch einmal zu sprechen. Man holte ihn. Alles im Zimmer ging mit mir herum. Ich sah wie Willy niedersank, sich auf seine Hand beugte und sie kusste er war es ich erkannte ihn und taumelte aus dem Zimmer.
Wie schwer mein Herz in mir pochte! Mir ward leichter, als die Tranen endlich ausbrachen. Aber ganz leicht wird mir nie wieder werden.
Willy ist gestorben.
Ich habe die Vorhange heruntergelassen, denn das Licht beleidigt meine Augen. Mein Kopf schmerzt heftig. Ich fuhle ein inniges Mitleiden mit mir selber und doch mochte ich mich hassen und verabscheuen.
Ist es denn moglich: dass dies aus dem Menschen werden kann? O Freund! ich mochte sterben. In einzelnen Sekunden fuhle ich eine selige Ruhe durch mein Herz gehen, und dies habe ich schon einigemal fur den Anfang des Todesschlafes gehalten.
Aber ich muss mich ermannen. Ich muss den ganzen Vorfall meiner schwachen reizbaren Schwester zu verbergen suchen; ich muss fur Lovells Sicherheit bedacht sein! Wo werde ich den Mut hernehmen, nur die Augen aufzuschlagen? Aber es muss sein.
Leben Sie recht wohl, lieber Freund. Was ist so plotzlich aus mir und meinem Hause geworden!
Ach! die arme Amalia! Es ist wohl am besten, Sie verschweigen ihr alles; wie soll ihr Herz das ertragen, da schon das meinige bricht?
17
Eduard Burton an Mortimer
Bondly.
Mein Brief hat Sie gewiss recht sehr erschreckt; auch Sie mussen trube und melancholisch sein, da auch Sie sein Freund waren. Jetzt bin ich etwas mehr gesammelt, ich habe ihn gesprochen, und ich zwinge mich ruhiger zu sein.
Ich ging auf sein Zimmer, er war finster und in sich verschlossen, er wollte mich nicht ansehen. So musst ich ihn nach so langer Zeit wiederfinden!
Lovell! rief ich unwillkurlich aus.
Was verlangen Sie, sagte er schwer und mit einem unterdruckten Tone.
Es fiel eine dichte Scheidemauer zwischen uns. Ich hatte ihn nicht so erwartet. Er war mir plotzlich ganz fremd geworden, und ich konnte unmoglich darauf kommen, ihn um seine Absichten zu fragen, und um die Grunde seiner Verkleidung oder Niedertrachtigkeit.
Dies ist also der Mensch, in welchem mein Geist den Bruder ehemals zu entdecken glaubte; diesem wollt ich mein ganzes Leben widmen? und entstellt, sein Auge unruhig, sein Blick starr, ganz das Bild eines Menschen, der mit sich selber zerfallen ist.
Willys Tod ist ruchtbar geworden, und ich muss ihn noch in dieser Nacht fortzuschaffen suchen, um ihn den Gerichten und dem Gefangnisse zu entziehen.
War es zu verwundern, wenn ich in dieser Situation alle Besinnung verlore? Ach, ich sagte Ihnen, ich ware ruhiger, ich bin bloss noch verwirrter, und das hat meinen scharfen Schmerz etwas abgestumpft.
So ist meine Jugend wiedergekehrt so sind meine Traume in Erfullung gegangen! Er sollte hier nahe bei mir in Waterhall wohnen, wir wollten uns taglich sehen, wir wollten nur ein Leben geniessen, und gleichsam mit einer Seele haushalten, und nun! Warum hat das Schicksal alles so umgeandert, und mir nichts, gar nichts ubriggelassen? Wenn meine Augen noch weinen konnten, wurd ich unaufhorlich weinen.
18
Eduard Burton an Mortimer
Bondly.
Er ist fort; es ist Nacht, und ich will Ihnen noch schreiben, weil ich doch nicht schlafen kann.
Die Erde kommt mir vor wie ein dunkles Reich von Schatten, wie ein Traumland, worin nichts wesentlich, nichts bestandig ist; der Schein des Tages ist ein betrugerisches Licht, nur das Dunkel der Nacht ist die wahre Farbe dieser dustern Kugel. Wir sehen dunkle Schatten in der Ferne stehen, und nennen sie Freundschaft und Liebe, als Fremdlinge ziehen sie voruber, und ein schwarzeres Dunkel folgt ihnen nach. Die Menschen sehen in dieser schwarzen Nacht nur aus wie eine dichtere Finsternis, kein Strahl in ihrem Herzen, ach! kein Funke in ihrer Brust. Dies Gefuhl, das mich jetzt durchdringt, hatten gewiss die Einsiedler, die sich in schwarzen einsamen Waldern anbauten, und mit Felsen und Baumen die Gesellschaft der Menschen vertauschten. Die stillste Einsamkeit ist mir jetzt erwunscht, der ferne Gesang der Nachtigall stort mein Gemut, das Rauschen der Baume tont mir zu froh und heiter. Ich glaube nicht, noch einmal uberlese, so scheint es wie ein goldener Traum in meine Seele hinein. Alles Schone und Poetische in der Natur ist plotzlich fur mich untergesunken, ich sehe nur Tod und Verwesung, ich kann an keinen Edelsinn mehr glauben, ja ich kann meinem eigenen Herzen nicht vertrauen. Die Blumen und Krauter, die Pflanzen, von denen sich der Mensch nahrt, kommen mir vor wie verfuhrerische Winke, wie bunte Nichtswurdigkeiten, die aus der finstern kalten Erde ein boshafter Damon emporstreckt, um uns wie Kinder zutraulich zu machen; wir folgen nach, argwohnen nichts, und werden so in unser schwarzes, enges Grab gelockt.
Um Mitternacht eroffnete ich Lovells verschlossenes Zimmer. Es war alles still im Hause, die Bedienten schliefen, ich hatte die Schlussel zu mir gesteckt, und eine Laterne angezundet. Ich sagte ihm, er solle mir folgen, weil er in meinem Hause nicht mehr sicher sei. Er antwortete nichts, sondern betrachtete mich mit einem dustern Blicke und stand auf.
Wir gingen uber die schallenden Gange, und ich sah mich zuweilen nach ihm um; ein bleicher Schein meines Lichtes fiel auf sein Gesicht, und entstellte es auf eine wunderbare Weise. Ich schloss das Haus auf, und wieder hinter mir zu. Der Himmel war dick und schwarz rundumher bezogen.
Wie im Traume ging ich mit ihm fort, keiner von uns liess einen Laut vernehmen, wie zwei Gespenster schlichen wir durch den Garten. Es war mir wunderbar, als wir den Lauben und den Banken vorubergingen, wo ich so oft mit ihm gesessen hatte; die Baume neigten sich wehmutig, als wir unter ihren Wipfeln hinweggingen. Arm in Arm war ich sonst hier mit Lovell auf und ab gegangen, hier hatte sich uns mit Entzucken die Welt Shakespeares aufgeschlossen, hier hatte ich ihn am Morgen zuerst gesucht, und noch der Abend traf uns in diesen Gebuschen, wenn die ubrigen schon langst zu den Zimmern zuruckgekehrt waren hier hatte er mir sein ganzes Herz enthullt, und ich ihm das meinige; oh! und nun gingen wir mit dicht verschleierten Seelen nebeneinander; kein Mund offnete sich, keine Hand streckte sich nach einem Drucke aus.
Wir kamen an das Gartentor, und ich benutzte diesen Stillstand, um ihm einige Wechsel in die Hand zu geben. Ich hatte zum Gluck eine grosse Summe in meinem Besitz; ich hoffe, sie betragt mehr als der Wert seiner Guter. Er sagte nichts, sondern steckte die Brieftasche mechanisch ein. Stillschweigend gingen wir nun wieder den Fusssteig im Walde hinab, die Laterne schoss nur einzelne bleiche Strahlen durch die schwarze Nacht des Forstes, alle Baume sahen seltsam aus. In einzelnen Momenten grauste mir vor der Einsamkeit, mein Herz zitterte, wenn ich mir wiederholte, dass die Gestalt, die neben mir gehe, Lovell sei.
So waren wir an die Grenze von Bondly gekommen. Ich stand still, er ebenfalls. Ich konnte ihn nicht ansehen und nicht sprechen; und doch schien er es zu erwarten, dass ich ihm etwas sagen sollte. Im Herzen arbeiteten tausend Empfindungen durcheinander, und ich wartete nur auf einen Laut von ihm, ach! um ihm um den Hals zu fallen, um zu weinen und ihm alles zu vergeben. Aber er blieb stumm, und jedes Wort blieb in meiner Brust zuruckgedrangt. Wir standen immer noch still, und die Zeit schien mit uns stillzustehen, und nur auf den ersten Ausbruch der Angst zu warten, um alles in einem rascheren Laufe wieder einzuholen.
Hier muss ich zuruckgehen, sagte ich endlich mit schwacher Stimme, und wandte mich um. Es war als wenn sich die ganze Welt und mein eignes Herz von mir abwendete, und ich stand wieder und sah nach dem stummen, tief in sich versunkenen Lovell hin. Der Bruder des Missetaters kann in der Stunde der Hinrichtung nicht mehr empfinden als ich jetzt fuhlte.
Er redete immer nicht, und es ging plotzlich wie ein eiskalter Wind durch das Innerste meines Herzens; ich hasste ihn jetzt nicht, aber ich wendete mich gleichgultig um, und ging einige Schritte in den Wald zuruck. Das Licht war heruntergebrannt, und die Laterne erlosch; ich horte seinen Fusstritt, der sich von mir entfernte. Dickes Dunkel war umher und der glimmende Docht beleuchtete nur auf einen Augenblick noch eine kleine grune Stelle auf dem Boden.
Oh! jetzt hatt ich ihn gegenuber haben mogen! ich hatte ihn mit Tranen und Kussen erstickt. Sein Schritt tonte schon viel schwacher ach! ich sehe ihn nicht wieder, sagte ich zu mir selber, und die Tranen rannen heiss und dichtgedrangt uber meine Wangen. Ich sehe ihn nicht wieder, und es ist Lovell! Ich wollte ihm nach und stiess an einen Baum, ich sank zur Erde, und rief so laut als ich konnte, von gewaltigem Schluchzen unterbrochen: Lebe wohl, recht wohl! Ich weiss nicht, ob er mich gehort, ob er es verstanden hat.
Ich lag auf der feuchten Erde und streckte mich ganz aus, ich verbarg mein heisses Gesicht in dem nassen Grase.
Kalt und ohne Besinnung suchte ich dann den Ruckweg. Wie ein grosses eisernes Gefangnis hing der dunkle Himmel um mich her.
In meinem Zimmer sitze ich nun hier, und die Morgenrote bricht schon hervor. Lovell sieht sie jetzt auch, und unsere truben Gedanken begegnen sich vielleicht.
Ach Freund, mich qualt eine gewaltige Unruhe; habe ich nicht dem Armen zu viel getan? Bin ich nicht verfuhrt worden, schon seinen letzten Brief an mich zu ernsthaft zu nehmen? Warum habe ich ihn nicht so wie die vorigen beantwortet? Alles ware dann vielleicht anders geworden. Oh! es war unrecht, es war schlecht, Mortimer, wenn Sie aufrichtig sind. Ich bin nun schuld an Lovells Verzweiflung und an seinem Unglucke; ich verdiene seinen Hass und seine Verachtung, und das war es auch, warum er nicht mit mir sprechen wollte. Oh! wenn ich nur einen Handedruck von ihm mitgenommen hatte: so konnte ich mich doch zufriedengeben.
Jetzt geht er nun einsam auf dem kalten Felde, und weicht den Menschengesichtern aus, und ich bin die Ursache, dass er sich vor ihnen furchtet! Sein Eduard, der Freund seiner Kindheit, ist von ihm abgefallen, jedes Menschen Auge kundiget ihm nun Krieg an. Wohin soll ich mich vor mir selbst verbergen?
Wenn er nur gesagt hatte: Eduard, lebe wohl, oh! so hatt ich doch die Hoffnung, dass er mir vielleicht vergeben habe. Aber ich scheuchte ihn mit meiner Hartherzigkeit zuruck.
Wie soll ich kunftig einem fuhlenden Menschen unter die Augen treten? Ach wie sehr bin ich in mir selber gedemutiget! Ich kann nicht weiter, mein Korper zittert ich will mich schlafen legen. Leben Sie recht wohl, lieber Mortimer, verachten Sie mich nicht, und stossen Sie mich nicht zuruck; ich will besser werden, ich verspreche es Ihnen.
19
Eduard Burton an Mortimer
Bondly.
Sie werden von meinen Briefen besturmt, lieber Mortimer. Man weckt mich eben mit einer schrecklichen Nachricht auf: Emilie wird vermisst!
Ein Schlag trifft nach dem andern mein Herz. Wo kann sie sein? Sie wird allenthalben gesucht, und ich sitze hier und zittre in banger Erwartung.
Noch keine Nachricht! noch keine Spur! Man geht auf dem Gange. Nein! Sie ist es nicht. Gott! wo kann sie sein! Sie kann nicht fort sein, und doch ist sie nicht da, und es ist schon spat nach Mittag.
Ich will sie selbst suchen. Aber vielleicht ist sie nur im Garten spazierengegangen; vielleicht hat sie im Dorfe eine arme Familie besucht.
Willy wird soeben begraben; wenn sie nur von dem ganzen Vorfalle nichts erfahren hat!
Wie mein Herz klopft! Mein Blut drangt sich gewaltig nach meinen Augen.
Noch keine Nachricht! Sie ist nicht im Garten, sie ist nicht im Dorfe.
Ich bin auf ihrem Zimmer gewesen, und das Ratsel eben dieser Nacht, in der ich um Lovell klagte, ist sie entflohn und mit ihm entflohn. Konnen Sie es glauben, konnen Sie's nur denken? Alle Begriffe in meinem Kopfe verwirren sich. Beide waren einverstanden. O Lovell! Nun hast du meinem Herzen den letzten Stoss gegeben.
Ich lege Ihnen den unvollendeten Brief bei, den sie an ihre Freundin geschrieben hat. Sie tun wohl am besten, ihn Ihrer Gattin nicht in die Hande zu geben. Hatt ich ihn selber nicht gelesen!
Oh! ich beschwore Sie, eilen Sie, wenn sie irgend etwas von meiner unglucklichen Schwester horen; eilen Sie, sie zu retten.
Nun bin ich ganz einsam, nun ist mir nichts ubriggeblieben, und ich habe nun wenigstens den Trost, dass ich nichts mehr verlieren kann.
20
Einlage des vorigen Briefes (Emilie Burton an
Amalie)
Bondly.
Endlich, endlich muss ich es Ihnen bekennen, dass jener Unbekannte, von dem ich sprach, Lovell ist. Sie werden erschrecken, Sie werden bei dem Namen zittern. Oh! Amalie, Sie haben ihn nie gekannt, Sie haben sein Herz nie genug gewurdiget.
Wie ware es moglich gewesen, dass ich seinen Tranen, seinen Klagen hatte widerstehen konnen? Sein Jammer hat mein Herz getroffen, und, nein, Amalie, ich kann mir keine Vorwurfe daruber machen.
Ach der Arme! er ist von der ganzen Welt verstossen und hohnisch von jedem Herzen zuruckgewiesen, er sieht sich um, ob sich nicht noch irgendwo ihm eine Seele wohlwollend entgegenneigt, und nirgends, nirgends. Ohne Freunde, ohne Liebe muss er seinen Kummer tragen; ja, ich habe mein Gluck dem seinigen aufgeopfert, ich will ihm folgen, und seine harten Schicksale mit ihm teilen. Mein Bruder hat kein Herz, da er ihn so unbarmherzig verstossen kann; ich bin die einzige in der Welt, die ihn liebt, die einzige, sohnen wird. Ist mein ganzes Leben nicht verdienstlich genug, wenn ich diese eine Seele von der Verzweiflung gerettet habe?
In dieser Nacht fliehe ich mit ihm fort, ich folge ihm, wohin er mich fuhrt. Der Wagen halt eine Meile von hier im Walde, um ein Uhr bin ich dort. Ich kann von meinem Bruder nicht Abschied nehmen.
Meinetwegen war er hier in Bondly ungekannt, gleich am zweiten Tage entdeckte er sich mir. Er gehort mir nur einzig an, und niemand weiter in der Welt, so wie ich allein die Seinige bin.
Und wenn ich ihn auch nicht liebte, so wurd ich ihm doch folgen, so innig hat er mich erschuttert, so sehr bin ich von seinen schweren Leiden durchdrungen. Ich wurde ihm meine Gegenliebe heucheln, bloss um ihn wieder zu trosten, mit Freuden wurde ich mein eigenes Herz aufopfern, bloss um das seinige zu retten.
Sie werden mich eine Schwarmerin nennen, aber glauben Sie mir, ich kann nicht anders. Wenn er fort ist, was sollt ich dann noch hier bei meinem Bruder im einsamen Schlosse? Nein, ich muss ihm folgen, auch wenn ich nicht wollte.
Grussen Sie Ihren Bruder. Ich weiss nicht, was er sagen wird, aber ich kann meinem Schicksale nicht entgegenhandeln. Jeder muss nach seiner Uberzeugung leben, und ich fuhle in mir, dass ich recht tue. Ich furchte Karls Hitze, suchen Sie ihn daher zu beruhigen, wenn es irgend moglich ist. Er hat mich nie recht herzlich geliebt, das habe ich immer sehr deutlich empfunden, so wenig wie ich ihn lieben konnte.
Wie in der Zukunft alles werden wird, kann ich jetzt nicht wissen, aber in diesem Augenblicke kummert es mich wenig.
Ich hatte Ihnen noch mehr zu sagen, aber die Zeit wird zu kurz; grussen Sie Mortimer- entschuldigen Sie mich bei den harten Menschen, die mich verdammen, und bleiben Sie immer meine Freundin.
Ihrem Bruder sagen Sie: er soll mich vergessen und es wird auch geschehen. Sie selbst, liebste Freundin
21
William Lovell an Rosa
Nottingham.
Wie mogen Sie in Rom und Tivoli leben? Ich denke kaum noch an meine Existenz, so bunt und verworren wirft sich alles ubereinander. Ich fange Zufalle und Begebenheiten auf, ohne zu wissen, was ich mit ihnen tun soll.
Wenn ich aus meinem Herzen nur den innigen Widerwillen fortschaffen konnte, mit dem ich jede menschliche Gestalt betrachte, wenn ich den Neid unterdrucken konnte, gegen jedermann, der lachelt und froh ist! Warum mussen sich Tausende unter den nichtswurdigen Menschen glucklich fuhlen, und nur ich allein bin in mir selbst zu Boden getreten?
Sie sehn aus der Uberschrift, dass ich nicht mehr in Bondly bin, alles ist misslungen, ich bin in Verzweiflung. Eduard hat triumphiert und ich bin besiegt. Doch nein, ich habe mich wenigstens an ihm geracht.
Als ich in Bondly war, erwachte alles in mir, wie er die Guter meines Vaters gewiss auf eine unrechtmassige Weise besitze, wie mir nun nichts ubrig sei, als das unbedeutende Waterhall und das armselige Kensea. ich bedachte, dass dies derselbe Mensch sei, der immer so viel uber Edelmut und Tugend geschwatzt habe. Es kam mir von neuem in den Sinn, wie mir von je alle Plane misslangen, wie der heimtuckische Mortimer mir nun Amalien entrissen hat, wie sie selbst mich so schnell vergessen konnte, der Eigensinn meines Vaters, die Niedertrachtigkeit des alten Burton o alles kam so frisch und neu in meine Seele, dass ich mit den Zahnen knirschte, dass ich wutend daran dachte, wie armselig es um mein eignes Herz aussehe, dass ich mir zurnend vornahm, mich endlich zu rachen, Bosheit gegen Bosheit zu setzen und durch einen grossen Streich dem Kriege ein Ende zu machen. Wir konnen nichts anders tun, als siegen oder besiegt werden; die sogenannte Tugend ist nur Geschwatz und besteht meistenteils in Tragheit oder Einfalt, bei den andern ist sie erzwungen, oder hangt mit ihrem Vorteile zusammen; sie ist ebensogut ein Gewerbe, wie irgendein anderes.
Meine Liebschaft mit der abgeschmackten Emilie ging indessen immer ihren Gang fort. Durch meine zerstorte Zufriedenheit bin ich nun wenigstens manchem aberwitzigen Madchen interessant; wahrlich, bei jedem Verlust ist doch immer noch irgendein Gewinn.
Nach jenem Abend, von dem ich Ihnen neulich erzahlte, wusste sie nicht recht wie sie sich mit mir nehmen solle, ihre Empfindsamkeit war etwas gestort, und ihr eigentliches Gefuhl mehr in Bewegung gebracht. Aber sie empfand es jetzt, dass sie mir einzig angehore, sie war leicht dahin zu bereden, dass sie mit mir entfliehen wolle, ja sie war auf dem Wege, es mir selber anzutragen, wenn ich es nicht getan hatte. Tag und Stunde ward festgesetzt, und sie war mit ihrem Plane und ihrer hohen Aufopferung ausserordentlich zufrieden.
Ich glaubte schon in jeder Rucksicht sicher zu sein, und dennoch hatte mich ein Mensch im Schlosse erkannt, mein alter Bedienter Willy. Ohne dass ich es merkte, war er auf alle meine Bewegungen sehr aufmerksam, er beobachtete mich bestandig und seine Blicke waren mir oft angstlich. Die Liebe dieses Menschen hat mich von je verfolgt, und jetzt hat sie mich elend, ja unsinnig gemacht. Ich hasste Eduard aus dem tiefsten Herzen und dachte dabei unaufhorlich an meine Auftrage; unbemerkt, wie ich glaubte, schuttete ich an einem Morgen ein feines Gift in ein Glas mit Wein, um mich so zu rachen und alles wieder gutzumachen.
Bald darauf entsteht ein gewaltig Gelaufe im Hause, Turen werden zugeschlagen, man schreit laut nach Hulfe, ich werde endlich mit Gewalt von meinem Zimmer heruntergeschleppt und Willy hat mich bemerkt, Eduard gewarnt, und endlich in einer Art von Verruckung und um zu beweisen, dass er recht habe, selbst den Wein getrunken. Er war schon halb ohne Bewusstsein, das Gift wirkte auf den alten schwachen Korper unmittelbar, das in dem starkern, jugendlichern erst nach einigen Wochen seine Folgen gezeigt hatte. Willy kusste meine Hande, weinte und klagte, ich war vollig betaubt. Er sank zu meinen Fussen nieder, und beschwur mich auf meine Seligkeit bedacht zu sein. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte und ward endlich geruhrt. Ich weinte laut, und mir war zumute, wie einem Kinde. Willys Bruder konnte sich uber dessen Tod gar nicht zufriedengeben, er heulte laut und die Bedienten weinten mit ihm. Das ganze Zimmer ertonte vom Klaggeschrei, Eduard war nicht zugegen.
Aber bald versiegten meine Tranen, ein kalter Hass ging durch mein Herz und durch meine ganze Brust, ich sah mich mit gleichgultigem Auge um, ob nicht in jedem Winkel eine Furie stande, mit Schlangen in den Haaren. Ich wunschte sie alle herbei, und ich hatte mich vor keiner entsetzt. Ich berechnete jetzt, wie lange der Schmerz wohl noch in allen diesen Menschen kampfen wurde, und es war interessant zu beobachten, wie nach und nach die gewohnliche Tragheit zu jedem zuruckkehrte. Sie erschienen mir nun wie unbeholfene Maschinen, die an groben Faden bewegt werden, sie drehen die verschiedenen Gliedmassen nach vorgeschriebenen Regeln, und setzen sich dann wieder in Ruhe. Keiner schien mir lebendig und ich ging kalt auf mein Zimmer zuruck und konnte mich gar nicht davon uberzeugen, dass Willy gestorben sei.
Und was ist denn das Leben, und was ist es denn mehr, wenn einer von ihnen sich um einige Tage fruher in die Erde legt? Rafft Krieg und Pest nicht Tausende hinweg? Werden nicht Tausende Schlachtopfer ihrer Leidenschaften? Und wenn ich unversehends die Hand ausstrecke und plotzlich einer zu Boden sturzt, das sollte mich kummern und mir Ruhe und Schlaf rauben? Man sollte gar nichts in der Welt ernsthaft nehmen. Eine schreckliche Seuche kommt mir vor wie ein ungeschickter Spieler, der unter dem Spiele die Schachfiguren mit dem Armel durcheinanderwirft. Man kann nur daruber lachen.
Am andern Tage kam Eduard auf mein Zimmer. O wie verhasst war mir seine kalte, philosophische Miene, der mitleidige Blick, mit dem er mich von oben herab betrachtete! Wie zerreissen die Menschen unser Herz, die sich fur edel und vollendet halten und nie etwas erfahren und gelitten haben! die in ihrer sichern Landheimat von den Wogen und Sturmen des Meers, von Schiffbruch und schrecklichen Gefahren, wie von Fabeln reden horen und lachelnd den Kopf schutteln! Welche Geduld ist hier eisern genug, um nicht zu brechen? Man mochte bei einem solchen Anblicke rasend werden!
O ihr Sichern und Uberzeugten! ihr richtet und wisset nicht, was ihr tut. Ihr wurfelt mit plumpen Handen darum, was ihr gut und was ihr bose nennen wollt, ihr seid kalte und alberne Zuschauer, die eine Tragodie in einer Sprache spielen sehen, die sie nicht verstehen, und die sich nur zunicken und bedeutende Winke geben, um einer vor dem andern seine Unwissenheit zu verbergen.
Eduard sprach nur wenig mit mir, er spielte den gnadigen Herrn; es war mir lieb, dass er bald ging. Er verdiente nicht, dass ich ihm antwortete, und er bemerkte es recht gut, wie sehr ich ihn verachtete.
Es nahte sich die Nacht, in der ich mit Emilien entfliehen wollte. Ich war eben im Begriffe aus dem Fenster zu klettern, als sich die Ture eroffnete und Burton mit einer kleinen Laterne hereintrat. Er sagte mir, ich solle ihm folgen, weil ich in seinem Hause nicht mehr sicher sei. Wir gingen stillschweigend durch den Garten und er gab mir Papiere, die, wie ich nachher gesehen habe, viele sehr ansehnliche Wechsel waren. Hinter dem Garten liegt ein Wald und wir gingen auf einem schmalen gewundenen Fusssteige. Ich wartete immer darauf, dass Burton sprechen solle, aber er war heimtuckisch und still. In meinem Innern war ich durr und ausgestorben, und aus einer gewissen Furcht hatt ich ein paarmal die Stille beinahe durch ein lautes Gelachter unterbrochen.
Wir standen endlich still. Wir schwiegen und wie druckende Gewitterluft angstigten mich diese Minuten. Ich suchte nach Gedanken, um das Grassliche, das darin lag, zu verscheuchen ich wollte fort, und verzogerte dann gern wieder den Moment der Trennung es war eine von jenen seltsamen Pausen, in denen die Seele unschlussig ist, ob sie uber den Korper gebieten soll, in denen sie an ihrem Willen zweifelt und sich an der tragen Maschine nicht auf eine bedenkliche Probe stellen will.
Durch ein paar Worte unterbrach Eduard das Stillschweigen und ging zuruck; er kehrte wieder um, als wenn er etwas vergessen hatte; dann ging er wieder, und eine grosse Trane presste sich in mein Auge, eine Angst drangte furchterlich aus der Brust zur Kehle hinauf; mir war, als wenn ich ersticken sollte. Ich ging einige Schritte und suchte durch meinen lauten Gang mein Schluchzen zu ubertonen. Ich sah zuruck, er hatte die Laterne schon ausgeloscht, damit ich ihn nur desto fruher aus dem Gesichte verlieren mochte.
Was empfand ich in diesem Augenblicke! Rosa, Sie konnen es nicht begreifen. Ich habe ihn noch vor einigen Jahren so innig geliebt, ich glaubte damals, dass es ihm eine Kleinigkeit sei, sein Leben fur mich zu versprutzen und jetzt, in dieser Stunde meines Lebens, in der er wusste, dass er mich nie wiedersehen wurde, jetzt liess er mich gehen, ohne ein Wort zum Abschiede zu sagen, ohne meine Hand zu nehmen, ohne ein Lebewohl! Ich habe ihm so oft die Hand gedruckt, ohne dass er es verdiente, er hatte es ja wohl auch jetzt tun konnen, und wenn es auch nur Verstellung gewesen ware.
Doch besser, dass es nicht geschehen ist. Ich war zu weich; hatt er nur ein gutes Wort gesagt, so war ich ihm an die Brust gesturzt, und hatte ihm alles bekannt, ich ware wieder in meine Kindheit zuruckgesunken, ich hatte alle meine Erfahrungen abgeschworen; ich hatte ihm die Flucht Emiliens, und alles entdeckt, ich ware in der gewaltigen Ruhrung vielleicht zugrunde gegangen. Er verdiente es nicht, wie sehr ich ihn liebte; alles kam mir zuruck, was er mir einst gewesen war, und was ich von ihm gehofft hatte; es war mir als wenn er mich riefe, und ich stand stille und wollte umkehren, aber es war nur der Schall des Windes im Forste.
Ich wusste immer noch nicht, ob ich nicht dennoch zuruckgehen sollte; je weiter ich fortschritt, je angstlicher klopfte mein Herz ach und er hat sich nicht nach mir umgesehen, er hat nicht weiter an mich gedacht.
Ich war zweifelhaft, ob ich nach dem Orte hingehen sollte, wo Emilie auf mich wartete. Alles war mir jetzt zuwider. Ich hatte mich niederwerfen mogen, und weinen und sterben. Aber mein Hass kehrte endlich zuruck. Sonderbar! dass er mich selbst auf den Weg nach Emilien hatte bringen mussen, den ich ohne ihn in der finstern Nacht vielleicht verfehlt hatte! Sie hatte schon seit einer halben Stunde angstlich auf mich gewartet, ich setzte mich in den Wagen, und wir fuhren davon.
Emilie hielt mich fest in ihren Armen; der Wind ging scharf, und ein feiner Regen trieb in den halboffenen Wagen hinein. Meine Lebensgeister waren erschopft; ich schlief ein, und erwachte nur, als sich ein blasses Morgenrot am Himmel heraufzog.
Wie nuchtern kam mir die ganze Welt mit ihren Bergen, Waldern und Menschen entgegen! Ich hatte angenehm getraumt, und die wirkliche Natur stand schroff und unbeholfen vor mir da; Emilie neben mir, mit ihrer affektierten hochbetrubten Miene. Wie ein bettelhaftes Winkeltheater kam mir die ganze Welt vor, oh! ich hatte aus ihr entlaufen mogen. Und was wurde mich noch auf dieser truben Dunstkugel zuruckhalten, wenn es nicht die Hoffnung ware, Sie, Andrea und meine ubrigen Freunde bald wiederzusehen? mich der unbekannten, geheimnisvollen Welt noch mehr zu nahern, und als der Schuler einer hohern Weisheit mit Recht jede irdische verachten zu konnen?
Ich bin mit Burtons Schwester unter fremden Namen hiehergereiset, und ich merke es sehr deutlich, dass sie es sich selber nicht gestehen will, dass sie sich nicht mehr so sehr fur mich interessieret. Naturlicherweise! weil es wahrscheinlich, ja gewiss ist, dass ich gegen sie kalter geworden bin.
Leben Sie wohl. Sie werden diesen Brief mit einem fruhern zu gleicher Zeit erhalten.
22
Eduard Burton an Mortimer
Bondly.
Wie ich mich jetzt hier einsam fuhle, lieber Mortimer, kann ich Ihnen nicht beschreiben. Ich gehe oft noch in Gedanken nach dem Zimmer meiner Schwester, um sie dort anzutreffen; ich suche sie im Garten auf und weine. Ich fuhle jetzt nicht mehr recht deutlich, warum ich lebe, denn alle Wesen, die mit mir in so naher Beziehung standen, sind mir entrissen. Sollte ich auch meine Schwester niemals wiedersehen? Wenn ich nur wusste, wo ich sie suchen sollte, wenn nur nicht ein Fieber meinen Korper erschopft hatte. Und dann ist es ja ihr Wille gewesen, mich zu verlassen.
Oh! wie vielen Menschen habe ich Unrecht getan! War ich durch ein krankendes, menschenfeindliches Misstrauen nicht Ursache, dass der arme, geangstete Willy nach dem Gifte griff, um mich von seiner Unschuld zu uberzeugen? Ich habe seitdem oft an den alten frommen Mann gedacht, und ich kann mich recht in seine Seele versetzen: halb wahnsinnig, aus Gram uber Lovell, den er so innig liebte, in der doch seinen Herrn nicht zu verraten, uberrascht und erschreckt durch meinen Argwohn von allen Seiten gedrangt, greift er zerstreut und unwillkurlich nach dem Tode, um nur seinem Leben ein Ende, und seine Unschuld deutlich zu machen. Hatt ich ihm nicht mit Liebe entgegengehen sollen, um seinen Jammer zu lindern? Ach Mortimer, ich war es, der ihm die schrecklichste Minute seines Daseins erleben liess; ich war schuld an seinem Tode.
Hab ich nicht durch eigne Schuld Lovells Seele verloren? Konnt ich ihn nicht vielleicht mir und sich selber wiedergeben? Ich war gespannt, und mein Schmerz hatte mich so weit uberwaltigt, dass ich unmenschlich war. Durch meine Kalte habe ich meine Schwester von hier vertrieben; kein Mensch liebt mich, keiner fragt nach mir, alle fliehen weit von mir weg, um mich nur aus dem Gesichte zu verlieren.
Nein, Mortimer! ich will mich nie wieder so uberraschen lassen. Ich will alle Menschen, ohne irgendeine Ausnahme, lieben, und mir so ihre Gegenliebe verdienen. Ach! wenn auch Schwachen und Gebrechen an ihnen sichtbar sind, sie sollen mich dadurch nicht wieder zuruckstossen, denn eben das sind ihre Kennzeichen, dass sie Menschen und meine Bruder sind. Warum wollen wir denn auch immer die Bessern und die Schlechtern voneinander sondern? Konnen wir es mit diesen schwachen irdischen Augen? Wenn wir sie alle lieben, so tun wir keinem Unrecht. Mussen sie nicht alle in einer kurzen Zeit sterben und in Staub zerfallen? Wir sollten uns bestandig in acht nehmen, keines dieser gebrechlichen Gebilde zu verletzen. Mogen sie doch lachen und uns hassen und verfolgen; oh! ich will lieber von Tausenden betrogen werden, als einem Unrecht tun.
Konnt ich nur alles wieder gutmachen! Aber Lovell ist fort, und es ist zu spat. Wir konnen unsere Ubereilungen gewohnlich nur bereuen; und eben das sollte uns bewegen, uns mehr vor ihnen in acht zu nehmen.
23
William Lovell an Rosa
London.
Ich bin wieder hier auf dem grossen Tummelplatze einer dichtgedrangten, gerauschvollen Welt. Ich konnte unmoglich langer in Emiliens Gesellschaft bleiben, die mir mit ihrer aufdringlichen Liebe alle Laune verdarb. Sie ist noch in Nottingham, und ich habe bei ihr eine notwendige Reise nach einer der nachsten Stadte vorgegeben. Wenn sie erfahrt, dass ich nicht dort bin, mag sie zu ihrem Bruder zuruckkehren.
Der Hass und die Liebe der Menschen ist mir jetzt in einem gleich hohen Grade zuwider, es soll sich keiner um mich kummern, so wie ich nach keinem zurucksehe, um ihn mit einem freundlichen oder verdriesslichen Gesichte zu betrachten. Fur mich gibt es nichts Widrigers als das Aufdringen der Menschen, um mir ihre Freundschaft, ihre Liebe zu schenken; es sind Narren, die nicht wissen, was sie mit sich selber machen sollen, und daher andere Narren notig haben, um mit ihnen aus Langeweile zu sympathisieren. Wie verachtlich ist die kindische Empfindsamkeit einer Emilie, die gleichsam seit Jahren darauf gewartet hat, gen. Sollte ich nun ein so grosser Tor sein, und ihre theatralische Affektation fur Ernst nehmen, und mich wunder! wie sehr geruhrt fuhlen? Man kann wirklich etwas Besseres tun, als jede Narrheit der Menschen mitmachen, und der ist der verachtlichste Tor, der diese Narrheiten abgeschmackt findet, und sich dennoch scheut sie als Kindereien zu behandeln. Sie weint jetzt vielleicht, und bald trocknet sie aus Langeweile ihre Tranen, dann ist sie bose auf mich, dann schamt sie sich vor sich selber, und dann hat sie mich vergessen.
Dass sie sich selbst auf einige Zeit ihr hausliches Gluck zerstort hat, ist ihre eigene Schuld; dass sie sich nach dem Ubereinkommen jetzt vor manchen Menschen schamen muss, kann mir zu keinem Vorwurfe gereichen. Ich ubte eine Rolle an ihr, und sie kam mir mit einer andern entgegen, wir spielten mit vielem Ernste die Komposition eines schlechten Dichters, und jetzt tut es uns wieder leid, dass wir die Zeit so verdorben haben.
Ich bin indessen durch Kensea gereist, den Ort, wo ich jetzt eigentlich wohnen sollte. Ein altes gotisches Gebaude steht hier in einer wusten waldigen Gegend, der Garten ist verwildert, alle Bedienten sehen aus wie Barbaren, das ganze Haus hat ein kaltes unbequemes Ansehen, viele Fenster sind zerschlagen, die eine Mauer hat Risse. Oh! mit welchem Widerwillen habe ich alles betrachtet! Hier sollt ich leben, in einer dunkeln, langweiligen druckenden Einsamkeit? Von der ganzen Welt abgerissen, wie ein vertriebener Bettler? einer scheuen Eule gleich, die vor dem lastigen Tageslichte endlich einen dustern Schlupfwinkel findet? Nein, die ganze weite Welt steht mir freundlich offen, und ich kehre dem einsiedlerischen Schlosse verachtlich den Rucken. So wie ich hier leben wurde, kann ich es allenthalben; und in einem fremden Lande, unter einem andern Klima wurde mich selbst Sklaverei so hart nicht drucken, als das Leben hier.
Ich bin hier in London unter dem bunten Gewuhle; ich spiele und mache ansehnliche Gewinste. Dies rasche und doch ungewisse Leben, in dem die Leidenschaften unaufhorlich in Bewegung gesetzt sind, hat einen grossen Reiz fur mich. Und welche lehrreiche Schule, um hier die Menschen erst vollig verachten zu lernen! Wie der niedrigste Eigennutz, die kleinsten Begierden sich in den Gesichtern so hart und widrig abspiegeln! Wie jeder nur alles fur sich hinraffen mochte, und dem Verlust und der Verzweiflung seines Nachbars gelassen zusieht. Ich bin schon einigemal schwach genug gewesen, meinen Gewinst wieder zuruckzugeben, um nur die Mienen der Niedertrachtigen, die mir so unausstehlich waren, wieder aufzuheitern. Dann nennt man mich grossmutig und edel. Oh, es ist um toll zu werden!
Lange werde ich es unter diesen Menschen nicht mehr aushalten, ich muss zu Ihnen zuruck. Ich sehe Italien jetzt als mein Vaterland an, denn Andrea ist dort. Ich erstaune oft, mich hier unter diesen gemeinen Menschen zu finden, wenn ich an die wunderbare Welt denke, mit der er mich vertraut machte. Ich kann Ihnen die Empfindung nicht beschreiben, die mich zuweilen schon mitten in einem Gesprache befallen hat, wenn ich plotzlich daran dachte, dass ich sonst mit Andrea gesprochen hatte. In diesen Augenblicken fuhle ich mich hier ganz am unrechten Orte, ich fuhle eine Sehnsucht fortzugehn, dass ich mich dann nicht zu lassen weiss. Ich mochte oft alle wunderbaren Phantome herbeirufen, die mir dort vorubergingen; ich mochte mich in die grauenvolle Nacht hinuntertauchen, aus der die Schauder emporsteigen, die so gewaltig das schwache menschliche Herz ergreifen und es beinahe zerdrucken. Oh! wenn doch die Zeit erst wieder da ware, in der meine ungeduldige Brust vollig mit Wundern gesattiget wurde, in der ich vollig die Erde und ihre Menschen und auch mich selbst vergessen konnte!
24
Emilie Burton an William Lovell
Nottingham.
Lieber Lovell, Sie halten nicht Wort, Sie sind nun schon sechs Tage langer ausgeblieben, als Sie mir bei Ihrer Abreise versprochen hatten. O sechs ewig lange Tage und heute ist es schon der siebente. Gott! wenn Sie nicht gezahlt hatten, wenn Ihnen die Tage nicht so lang wie mir erschienen waren!
Ach nein, William, so lang konnen sie Ihnen nicht geworden sein, aber das kann und will ich auch nicht verlangen; denn mir war, als wenn die Zeit indessen stillstande und mir langsam und bedachtig einen Tropfen ihres Schmerzes nach dem andern auf das Herz fallen liesse. Ich habe viel unterdes gelitten, und ich furchte, dass ich krank werde. Mein Kopf ist in Verwirrung und alle meine Glieder zittern.
Ach Lovell, kehre schnell, schnell zuruck. Ich weiss mich in der Einsamkeit nicht zu lassen: ach, ich bedarf Deiner Hulfe in mehr als einer Rucksicht. Du weisst, dass ich kein Vermogen mitnehmen konnte, und das wenige, das ich hatte, ist fort. Was soll ich anfangen, wenn Du noch langer ausbleibst? Aber nein, Du sinnig; und beides musstest Du sein, wenn Dich meine Bitte nicht ruhrte.
Ich werde hier auf das benachbarte Dorf ziehn, das uns beiden auf der Reise hieher so sehr gefiel, dort wirst Du mich antreffen.
Mein Brief wird Dich doch finden? Es ware ein Ungluck, wenn Du nicht grade da warest, und er musste einen Tag oder noch langer liegenbleiben. Lovell, ich wurde untrostlich sein.
Ich habe schlimm getraumet, denn es war mir im Schlafe als habest Du mich verlassen, und ich horte Dich ganz deutlich uber meine Schwache und meine Liebe lachen. Da tat sich die ganze Welt wie ein Gefangnis eng und immer enger uber mir zusammen, alles Helle wurde dunkel, die ganze Zukunft war schwarz und ohne Morgenrot. Aber nein, Du liebst mich? nicht wahr Lovell? Oh, die Traume werden uns nur geschickt, um unser armes Leben zu angstigen; schon von Kindheit auf haben sie mich dadurch gequalt, dass sie mir alles als nichtig und verachtlich zeigten, was ich so innig liebte. Ich will mich dadurch nicht irremachen lassen.
Aber warum bist Du noch nicht gekommen? O Lovell, wenn Dir meine Liebe zur Last gefallen ware! Mir fallt jetzt so manches ein, was ich wohl ehedem in Buchern gelesen, und nachher wieder vergessen habe. Oh, es ware schrecklich! Aber wie konnte Liebe und Wohlwollen Dich angstigen, wie konntest Du es vergessen, dass ich Dir alles aufgeopfert habe? Ach nein war es moglich, o so wurd ich wunschen, dass ich dann auch alles vergessen konnte.
Du siehst, wie schwermutig ich geworden bin; das macht bloss die Einsamkeit und weil ich Dich nicht sprechen hore. Du hast mir Deine Liebe aufgedrungen, und jetzt solltest Du mich vergessen? Ich habe um Dich Tage und Nachte hindurch geweint, und Du solltest jetzt nicht kommen, um meine Tranen zu trocknen? Nein, es ist nicht moglich; wenn ich daran glauben konnte, o so ware mir besser, ich ware nie geboren worden.
Meine Schwachheit nimmt zu, ich fuhle mich sehr krank; glaube ja nicht, William, dass ich ubertreibe, komm ja sogleich; und findest Du mich denn vielleicht etwas besser, als Du glaubtest; so sei nur, ohne dass ich es sage, uberzeugt, dass mich die Hoffnung, Dich wiederzusehn, starker machte.
25
Karl Wilmont an Mortimer
Bondly.
Himmel! was habe ich hier erfahren mussen! Unbefangen reist ich von London hieher, weil es mir dort keine Ruhe mehr liess, und nun bin ich hier, o Mortimer, nicht wie im Traum und doch nicht wie wachend, mit kochendem Herzen und ohne Besinnung, entschlossen etwas zu tun, und doch nicht wissend, was. O der schonen Reise! meiner Aussichten, meines Glucks!
Kann ich Worte finden, um Dir zu sagen, was ich denke und fuhle? Ich bin bis jetzt wie ein Kind durch die Welt gegangen, und ich nehme nun mit Entsetzen wahr, dass sie weit seltsamer, weit abgeschmackter und weit ungluckseliger ist, als ich geglaubt hatte. O ich mochte mir den Kopf an einen Baum zerstossen, ich mochte mich selbst zerreissen, dass es so und nicht anders ist. Wer konnte nun diesen Schlag erwarten? Hab ich hierbei irgend etwas verschuldet? Eine unsichtbare Gewalt greift nach meinem Herzen und zerquetscht es, und ich kann nichts weiter tun, als an der Wunde sterben. Ende, mit meinem Glucke, vielleicht mit meinem Leben. Emilie hat mich also nie geliebt? Oh, was ist doch der Mensch! Wer kann ihn verstehn, wer darf uber ihn urteilen? Und ich hatte sie nicht geliebt? Das ist eine schreckliche Luge! Ich konnte nicht weinen und ich schamte mich, die Empfindungen meines heissen Herzens bei jeder Gelegenheit zu aussern; o ich war zu gut, um Emilien zu gefallen, ich putzte meine Empfindungen zu wenig auf, ich konnte nicht lugen, so wie der niedertrachtige Lovell o Emilie! so warst Du denn auch nur eins der gewohnlichen Weiber, die es nicht unterlassen konnen, sogar ihre Empfindungen zu schminken, die die naturlichen guten Menschen verachten, und ihre Zuneigung den Elenden schenken, die sie durch Grimassen und studierte Seufzer, durch theatralische Stellungen und auswendig gelernte Worte unterhalten!
Nie hab ich einen Menschen so wie diesen Lovell gehasst! Sein Name brennt schmerzhaft in meiner Brust, wenn ich ihn nur nennen hore. Es flimmert mir alles vor den Augen, wenn ich an ihn denke; ich konnte ihn mit den Zahnen zerreissen, den nichtswurdigen Komodianten! Aber ich werde ihn irgendeinmal finden und dann soll er mir standhalten und Rechenschaft ablegen: dann soll er mir nicht entfliehen, und er soll mir alles doppelt bezahlen.
Dass uns der Gedanke der Rache im Unglucke nicht erquicken kann! O ich Tor! dass ich in London sass und mit dem Fleisse einer Ameise arbeitete! Dies ist mein Lohn. Sie hat mich nie geliebt o wenn ich mich nur davon uberzeugen konnte! Aber ich werde von meinen unsteten Gedanken hiehin und dorthin geworfen, kein Gedanke wird in meinem Kopfe einheimisch. Ach, Emilie! Wo bist Du jetzt vielleicht und sprichst reuig meinen Namen aus? Konnt ich Dich finden und dann mich rachen!
Ich mochte so lange Wein trinken, bis ich alle Besinnung verlore und mich dann zum festen Schlafe hinwerfen, denn mir ist wie einem Morder, der von allen Seiten verfolgt wird. Ich kann mir selber nicht entfliehn.
Ich muss sie suchen, ich muss ihn finden, ich will das ganze Land nach ihnen durchstreichen; irgendwo mussen sie sein. Lebe wohl, bis ich Dich selbst auf meinem Zuge besuche.
26
William Lovell an Rosa
Roger Place.
Ich habe ansehnliche Summen gewonnen, und ich denke bald damit England zu verlassen. Es ist nichts leichter, als eine Rolle in der Welt zu spielen und es gibt tausend Arten sich interessant zu machen. Man riss sich nach mir, weil ich mir in London einen sonderbaren italienischen Namen gegeben hatte und immer viele Seltsamkeiten von mir vermuten liess; ich erzahlte zuweilen einigen Freunden abenteuerliche Bruchstucke aus einer erdichteten Geschichte, die es dann nicht unterliessen, sie andern wieder unter dem Siegel der Verschwiegenheit anzuvertrauen. Man war in allen Familien neugierig, mich kennenzulernen, in vielen Gesellschaften gab ich den Ton an und entschied, wenn streitige Falle vorkamen. Man fand mich ungemein klug, weil ich ein paarmal etwas gesagt hatte, was ich selbst nicht verstand, man dachte daruber nach, und es gab mir selbst Stoff zum Spekulieren. Es lasst sich fur und gegen jede Idee in der Welt sprechen, und es ist daher gar keine Kunst, mit jedermann zu streiten, und da ich nach meiner Uberzeumal noch mehr spiele, als ich es bin, so wird es mir leicht, selbst den Gescheitesten scheinbar zu besiegen. Frauenzimmern besonders gefiel ich ungemein, erstlich, weil ich blass und krank aussahe, dann weil sie mich fur einen Fremden und fur eine Art von Atheisten hielten. Sie mogen nichts in der Welt so gern bewundern, als wovor sie sich furchten, ja Furcht und Bewunderung ist bei ihnen einerlei. Sie boten immer ihren ganzen Verstand auf, um eben die Gedanken zu aussern, die ich meinte, und stets trafen sie auf ganz verschiedene. Ihr Verstand besteht uberhaupt mehr in Schlauheit als Uberlegung; sie uberlegen, nachdem sie einen Schluss gemacht haben, und ihre Philosophie ist aus Eigensinn entstanden, und wird daher immer mit Hartnackigkeit verteidigt. Sie kennen die Menschen nie, die sie lieben, weil sie sich keine der Bemerkungen, die sie uber diese gemacht haben, eingestehn, und kein Wesen ist daher so leicht zu hintergehn, als ein verliebtes Weib. Wen sie hassen, kennen sie bis auf seine verstecktesten Zuge, ja sie kennen ihn besser, als er sich selbst, sie finden seine vorzuglichsten Schwachheiten heraus und beweisen daraus augenscheinlich, dass aus ihnen zugleich das fliesse, was die ubrigen Menschen an einem solchen gut und lobenswurdig nennen. Wenn sie neue Gedanken in ihren Kopf aufnehmen, so besteht ihr Denken darin, dass sie selbst ihre vorigen Gedanken uberlisten und sie dann despotisch vertreiben, ohne sie nachher auch nur der Muhe wert zu halten, daruber zu sprechen, und wer das Ungluck hat, diese Ideen grade zu aussern, den halten sie unter allen Einfaltigen fur den Einfaltigsten. In jedem Lustrum wechseln sie mit einigen Hauptgedanken, die sich ganz verschieden organisieren, je nachdem sie heiraten, oder ledig bleiben; je alter sie werden, je mehr beleidigt man sie durch Nachlassigkeiten und um so weniger durch wirkliche Beleidigungen: aber selbst in der hochsten Vertraulichkeit, selbst in der aufrichtigsten Stimmung kann man es nie dahin bringen, dass ein Weib gegen einen Mann ganz aufrichtig sei, denn das Gefuhl verlasst sie nie, dass die Manner ein fremdartiges Tiergeschlecht sind, und diese verletzen durch ihre Unbeholfenheit ihren feinern Sinn auch unaufhorlich. Wer bis in sein zwanzigstes Jahr nur untern Weibern lebte, musste nachher alle Manner betrugen konnen.
Wie komme ich aber zu dieser weitlauftigen Charakteristik? Nichts kam mir in den Gesellschaften so abgeschmackt vor, als das Drangen der jungen und alten Manner, um bei Tische neben irgendeinem weiblichen Geschopfe zu sitzen, wie sie sich dann glucklich priesen und affektierten, als wenn dies ihnen mehr als alles galte. Wenn man dies Geschlecht erst gekannt und genossen hat, so kann man durch diese Ziererei ganz schwermutig werden. Aber unser Leben lauft in einer ewigen Affektation fort, und wer sie nicht mitmacht, den nennen die ubrigen einen affektierten Narren.
Manche unter den vorzuglichsten Schonheiten hatten mich vielleicht gar geheiratet, wenn ich hatte darauf schworen wollen, dass ich entweder bald sterben oder zeitlebens so narrisch bleiben wurde. Keins von beiden war mein Wille, und ich liess mich daher gar nicht in nahere Traktaten ein.
Ich war endlich des Gewuhls mude und reiste ab. Ich konnte es nicht unterlassen, Roger Place zu besuchen, den Ort, wo Mortimer mit Amalien wohnt: von hier erhalten Sie diesen Brief. Es trieb mich fast wider meinen Willen hieher, und nun will ich Amalien noch einigemal sehn und dann abreisen.
Sie geht alle Morgen mit Mortimer spazieren, denn es ist eine angenehme Allee vor ihrem Hause, die sich in einen schonen Wald verliert; dann trinken sie Tee. Amalie ist recht heiter und Mortimer hat sich ganz umgeandert, er kommt mir weit menschlicher oder vielmehr weiblicher vor. Amalie sieht alter und verstandiger aus. Ich habe einigemal des Abends unter den rauschenden Baumen gelegen und nach ihren Fenstern hinaufgesehn. Ich war gestern in Versuchung, hineinzusteigen. Mein Herz kocht Hass und Wut gegen Mortimer, und doch wusst ich jetzt grade nicht warum. Aber ich hatte Amalien nicht vergessen, ich log es nur mir und andern, und Mortimer, der meine Liebe gegen sie so tief verachtete, hatte sie mir nicht entreissen sollen! O und was ist es denn mehr? Wurde ich ihrer nicht ebenso wie Emiliens uberdrussig werden? Doch nein, denn diese habe ich nie geliebt.
Es ist eine sehr hassliche Aufwarterin im Hause, diese will ich zu sprechen suchen; es musste sonderbar kommen, wenn ich sie nicht auf meine Seite brachte. Wenn ich erst die genauern Umstande weiss; so lasst sich auf diese vielleicht ein kluger Plan grunden.
Ob Amalie auch zu den Weibern gehort, von denen ich vorher sprach? Ich habe sie damals zu sehr geliebt, um sie zu beobachten und damals hasst und liebt ich die Menschen uberhaupt noch, ohne sie vorher zu kennen. Jeder Mensch hat eine Periode im Leben, in der Liebe und Freundschaft mit der Selbstliebe zusammenfallen; von beiden weiss er sich dann keine Grunde anzugeben.
Leben Sie wohl und grussen Sie Andrea.
27
William Lovell an Rosa
Roger Place.
Es gibt Stunden im Leben, Rosa, in denen Zufalle zusammentreten, so kindisch wunderbar aneinandergereiht, dass wir die Welt umher auf einzelne Augenblikke fur ein Hirngespinst halten mussen. Ich bin noch immer in dieser Stimmung, wenn ich an alles zuruckdenke; es kommt mir oft in der Welt nichts so seltsam vor, als dass irgendein Zufall mit einem fruheren zusammenhangt, so dass wir oft wirklich auf die Idee von dem gefuhrt werden, was die Menschen gewohnlich Schicksal nennen.
Ich habe namlich in jener hasslichen Aufwarterin, von der ich Ihnen sagte, eine alte Bekannte wiedergefunden. Ich suchte sie auf, und wir waren bald miteinander vertraut, sie nannte meinen wahren Namen, und ich erschrak. Es war, als wenn ein boser Genius aus ihr sprach, der mich nun meinen Feinden verraten wurde. Ich betrachtete sie genauer, und konnte mich doch durchaus nicht erinnern, sie irgendwo gesehn zu haben. Endlich entdeckte sie sich mir, und o Himmel! es war niemand anders, als die Comtesse
Lange wollte ich es nicht glauben. Die Blainville, jenes junge, lebhafte, reizende Weib und hier stand ein Ungeheuer vor mir, von Pockengruben entstellt, einaugig, mit allen moglichen Widrigkeiten reichlich ausgestattet und dennoch war sie es, selbst unter der groben Hulle lagen einige ihrer ehemaligen Zuge, wie fern, verborgen.
Ihre Geschichte kann ich Ihnen mit wenigen Worten sagen. Der Graf Melun starb bald, nachdem er sie geheiratet hatte, sie liess sich durch ihren Liebhaber, den Chevalier Valois, zu jeder Verschwendung verleiten; sie verliess mit ihm Paris und ging nach England, ihr Vermogen war bald vom Valois verspielt, sie ward krank, denn die Blattern offenbarten sich an ihr, der Chevalier erschoss sich, sie genas, aber ihre Schonheit, ihre Jugend war jetzt zugleich mit ihrem Vermogen dahin. Sie suchte Hulfe bei den Menschen, weil sie diese nicht kannte, und diese stiessen sie verachtlich von sich, wie sie es auch in ihrer Stelle getan haben wurde; zur druckendsten Armut erniedrigt, suchte sie endlich Dienste, und Amalie, hier in Roger Place, nahm sich ihrer an. Und hier muss ich sie nun treffen; meine beiden Geliebten in einem seltsamen Kontraste nebeneinander.
Ich habe ihr das strengste Stillschweigen gelobt, so wie sie mir: Mortimer, der sie einst so schon fand, weiss es nun nicht, dass sie in seinem Hause wohnt.
Es ist schauderhaft, wenn ich uberlege, dass dies Ungeheuer doch schon damals verlarvt in dem schonen Weibe lag, das ich umarmte bei jedem Weibe und Madchen fallt mir jetzt der Gedanke ein: Die Alte, die mit grauen Haaren, abgefallen, mit roten Augen und auf einer Krucke voruberhinkt, war auch einmal jung und hatte ihre Anbeter, sie dachte damals nicht daran, dass sie sich andern konne; ihrem begeisterten Liebhaber fiel es nicht ein, uber sich selbst zu lachen, denn er kannte die Gestalt nicht, gegen die er seine Deklamationen richtete. O hinweg davon! Aber was sind alle Freuden dieser Welt? Es ist mir ein widriger Anblick, wenn ich ein Paar gehn sehe, das zartlich gegeneinander tut. In der Kindheit wunschen wir uns Glasperlen, dann Liebe, dann Reichtum, dann Gesundheit, dann nur noch das Leben; auf jeder Station glauben wir weitergekommen zu sein und fahren doch im Kreise herum, so dass wir nie sagen konnen: jene Gegend liegt jetzt fern von mir.
28
William Lovell an Rosa
Southampton.
Ich muss zuruckkehren, denn ich weiss mich hier in England nicht mehr zu lassen. O es gibt Menschen, die noch unendlich tiefer stehen, als ich, die Schandtaten mit einer Kalte begehn, als wenn sie gar nicht anders konnten und mussten.
Ich zittre noch, wenn ich daran denke, wie tief ich hatte sinken konnen, wie nahe ich dem Versuche war, der mich ganz aus der Reihe der Menschen ausgerottet hatte. Ich fuhle es, dass ich bisher in meiner Frechheit zu weit ging, ich war meiner selbst zu sehr versichert, und dachte nicht daran, wie nahe jedes Verbrechen, wie dicht es mir vor den Fussen lag. Meine Empfindung verabscheut das Laster, ob mir gleich die Sophismen des Verstandes beweisen wollen, dass es kein Laster gibt, und auch Sie, Rosa, und auch Andrea es ist unmoglich, Sie konnen nicht davon uberzeugt sein.
Ich will England verlassen, um wieder zu mir selbst zu kommen. Oh, lieber Rosa, ertragen Sie heute noch einmal meine Stimmung, so wie Sie es schon so Mute verlassen, der gewohnlich aus mir spricht. Alles ist noch die Folge einer Begebenheit, die mich in Roger Place zu Boden geworfen hat.
Ich kann Ihnen die Empfindungen nicht beschreiben, mit denen ich dort umherging; bald im Hass gegen Mortimer, der mir unausloschlich schien und doch bald wieder von einer tiefen Selbstverachtung verdrangt ward, dann war mir alles gleichgultig und ich stand wie ein mussiger Zuschauer in der Welt da, der an ihren mannigfaltigen Rollen keinen Anteil bekommen hatte. Wenn ich denn Amalien wieder sah, o so ergriff mich eine so heisse, so inbrunstige Sehnsucht, sie in meine Arme zu schliessen, an meinen Mund, an mein schlagendes Herz zu drucken, sie nur in einem armseligen Augenblicke mein nennen zu konnen, dass mich ein Zittern und eine Fieberhitze ergriff. Es war, als gehorte es zu meinem Leben, als sei es der letzte und einzige Zweck, weswegen ich bisher gelebt hatte, ihr nur noch einmal zu sagen, dass ich noch lebe, dass ich sie noch, wie ehemals, liebe. Ich glaubte, dass ich nach diesem Augenblicke ruhig und zufrieden sein wurde, dass ich dann Tod und Leben mit gleich festem Auge betrachten konnte. Alle Empfindungen meiner fruheren Jugend kamen zuruck, ich wunschte im Momente der Erkennung an ihrem Halse zu sterben, kein Gefuhl und keinen Gedanken weiter nach diesem Stillstande meiner Seele zu erleben. O war ich, war ich gestorben! Tod und Grab sind das einzige Asyl der verfolgten Elenden. Durft ich diese Wohnung der Ruhe besuchen, losgeschuttelt vom wilden Getummel der lebendigen Welt: aber alles, worauf ich mich freute, kommt mir kalt und freudenleer naher, und geht so voruber, ich bleibe einsam zuruck, und sehe dem Zuge nach, der sich nicht weiter um mich kummert. Ich will auch auf keine Freude weiter hoffen, ich will die kalte Luft als meinen Freund umfangen, ich will tot sein, in der toten Masse, die mich umgibt, kein Gefuhl soll mir nahertreten, ich will alle Sehnsucht, alles Schmachten nach Liebe in diesem Busen vertilgen und mir wie ein frecher, hohnsprechender Bettler selber genugen ach, meine Sehnsucht ist jetzt nach der Verwesung hingerichtet, nach der kalten Erde, die endlich dies klopfende Herz zur Ruhe bringen wird. Mir ist, als sollt ich mit dem Messer dem siedenden Blute einen freien Ausweg machen, das in meinem Hals drangt und nach dem Gehirne stromt.
Was werden Sie zur Blainville sagen? Was empfinden, wenn Sie es horen, wie tief der Mensch sinken kann? Seit sie mich erkannt hatte, verfolgte sie mich unaufhorlich mit ihren freundschaftlichen Liebkosungen, sie erinnerte mich an unsere Vertraulichkeit in Paris und auf welche Art sie mich damals hintergangen habe; ich spottete uber mich selbst, und wunschte doch innerlich die Unschuld und Unbefangenheit jener Zeit zuruck. Ich entdeckte ihr meinen Wunsch, Amalien nur einmal zu sehn und zu sprechen, und sie versprach mir ein Mittel auszufinden, wenn ich mich dazu verstehen wollte, ihr eine Nacht hindurch Gesellschaft zu leisten. O Freund, wie kamen mir in dieser Nacht Liebe, Wollust und alle Freuden dieser Welt vor!
"Ein ungesauberter Garten, wo alles in Samen schiesst und mit Unkraut und Disteln uberwachsen ist; o pfui, pfui der Welt!"
Ich errote noch jetzt, wenn ich daran zuruckdenke; es ist, als wenn ich von je alle Gelegenheiten begierig ergriffen hatte, um mich selbst zu erniedrigen. In dieser Nacht versprach mir die Blainville, eine Gelegenheit zu verschaffen, Amalien im Garten hinter dem Hause allein zu sprechen. Mortimer reise am folgenden Morgen fort, und sie wolle dann auf den Abend einen gewaltigen Rauch und ein unschadliches Feuer erregen, ein lautes Geschrei erheben, alle Bedienten wurden mit den Anstalten beschaftigt sein und Amalie wurde sich auf ihren Rat nach dem Garten retten; dann wolle sie mir das Haus eroffnen und mich zu Amalien fuhren.
Schon fruh am Morgen sah ich Mortimer zu Pferde steigen und wegreiten. Mit welcher Unruhe erwartete ich den Untergang der Sonne! Amalie liess sich nicht blicken, und ich konnte auch die Blainville nicht wieder sprechen. Endlich ward es Abend; ich ging in der Allee vor dem Hause auf und ab, die Baume rauschten gewaltig und verkundigten ein herannaherndes Gewitter, ich sah ein Licht in Amaliens Zimmer brennen und mein Herz klopfte angstlich und ungestum. Die letzte Blume meines Glucks sollte jetzt gewaltsam hervorgetrieben werden, und meine ganze Seele war nach diesem Augenblicke hingespannt.
Der Himmel war dunkler, der Wind sauste starker und ich sah bange und unverwandt nach dem Hause hin. Kein Laut von innen, vom Dorfe aus der Ferne hort ich den Nachtwachter und das Bellen der Hunde.
Endlich sah ich einen starken Rauch aus dem Fenster von der Seite dringen. Es blieb noch immer ruhig. O wie beklommen ward mir, als jetzt eine Nachtigall uber mir in den Baumen laut zu schlagen anfing. Sie konnen es nicht fassen und nicht begreifen, Rosa, kein Mensch kann mir dies Gefuhl nachempfinden.
Die Bedienten mussten schon schlafen gegangen sein, denn es regte sich nichts im ganzen Hause und doch stieg schon eine helle Flamme aus dem Fenster zum Dache hinauf, der Rauch stieg in grossern Wolken zum Himmel und walzte sich nach der Vorderseite hin. Es entstand noch immer kein Geschrei, die Blainville eroffnete mir auch nicht die Tur; das Licht in Amaliens Zimmer blieb ruhig an seiner Stelle. Ich zitterte vor Ungeduld, vor Angst und Vergnugen. Wie man im Traume zuweilen auf einer schwindelnden Hohe steht, sich vor dem Abgrunde entsetzt und dennoch weiss, dass man hinuntersturzen wird, wie man denn in unbeschreiblicher Angst den Augenblick des Hinabfallens wunscht, so, grade so kamen mir diese Sekunden vor. Ich konnte nicht begreifen, wo die Blainville so lange zogerte: ich ging heftig auf und ab und stand dann wieder still, ich traute meinen Augen und meinen Ohren nicht, dass alles, gegen die Abrede, noch still blieb und sich die Tur noch immer nicht eroffnete, und dennoch ruckte die Zeit unaufhaltsam und furchterlich weiter. Die Flammen brannten hell zum Dache hinauf, Ziegel sturzten herunter, der Widerschein zitterte in den grunen Baumen, das ganze Haus war mit Rauch umgeben und jetzt glaubte ich eine schwache Stimme zu horen, die nach Hulfe rief. Als ich noch ungewiss war, was ich tun sollte, eroffnete sich Amaliens Fenster, sie sah heraus und fuhr mit einem Schrei des Entsetzens wieder zuruck: lauter und geangstigter rief sie dann um Hulfe; das Zimmer war voller Rauch, ich sah es deutlich. Da fiel mir plotzlich eine Stelle aus einem ihrer Briefe ein, den sie mir Unwurdigen noch nach Paris schickte, und in dem sie mit liebenswurdiger Besorglichkeit schrieb, weil sie seit lange keine Nachrichten von mir erhalten hatte:
Ich sehe Sie ohnmachtig gegen die Wellen kampfen oder in einem brennenden Hause vergebens nach Rettung rufen.
Das schrieb sie mir damals, als ich sie uber die elende Blainville vergessen hatte, dieselbe Blainville, die jetzt die verzehrenden Flammen gegen ihre Wohltaterin ausschickte. Wie ein Wirbelwind fasste es mich nun an, es war das Schicksal selbst, das mich allmachtig ergriff; ich nahm eine grosse Leiter und legte sie an das Fenster ich wusste nicht, was ich tat. Ich stand in Amaliens Zimmer, sie lag ohne Besinnung auf einem Sofa. Ich druckte sie an meine Brust, meine Arme umschlossen ihren zarten Korper und so trug ich sie die Leiter hinab und legte sie auf eine Rasenstelle unter den Baumen nieder. Sie sah mich mit einem matten Blicke an, ich kniete neben ihr nieder. Alle meine Sinne wandten sich um, ich dachte nichts, und sah sie nur vor mir liegen, und die holden blauen Augen und den sanften, menschenfreundlichen Mund, der sonst meinen Namen so oft getont hatte. Sie zitterte und ich stammelte einige Worte, ich weiss selbst nicht was, dann druckt ich mein Gesicht an ihren Busen, ich wunschte zu sterben meine heisse Wange ruhte dann an der ihrigen, und sie war kalt ich hielt sie fur tot und umarmte sie noch einmal ein verworrenes Getummel umgab das brennende Haus dann stand ich auf und eilte fort sie rief mir etwas nach, ich habe es nicht verstanden. Ich wollte umkehren, aber mir selbst zum Trotze ging ich weiter.
Im Walde sank ich unter einem alten Baume nieder. Ich horte ein Geschrei aus der Ferne und grosse Funken stiegen zum Himmel und erloschen dann: ich sah ihnen kalt nach, und weinte endlich laut und heftig. Die Winde rauschten durch den Wald und wie Millionen scheltender und verhohnender Zungen bewegten sich die Blatter tonend umher. Verlassen von allem was lebt, verlassen von der leblosen Natur stiess ich meinen Kopf verzweifelnd gegen den Stamm des Baumes: eine wuste Dunkelheit erfullte mein Inneres, ich war von mir selbst abgetrennt, und betrachtete und bemitleidete mich als ein fremdartiges Wesen. O ich hatte nur einen Hund haben mogen, der sich winselnd an mich gedruckt hatte, er hatte mich getrostet, ich hatte ihn fur meinen Freund gehalten.
Das Gewitter brach jetzt herein. Laute Donnerschlage hallten den Wald hinab und Regengusse rauschten durch die Baume. Die ganze Natur schien zu erwachen und sich zu entsetzen. Blitze flogen durch das Dunkel und schienen mich zu suchen, Tiere winselten aus der Ferne, Eulen flogen scheu umher, und die grossen Wolken arbeiteten sich muhsam durch den Himmel. Vom Regen durchnasst schlief ich endlich ein, als sich das Getose vermindert hatte.
Der Morgen grauete als ich erwachte, der Traum verflog und ubergab mich meiner eigenen Existenz wieder. Ich wandte keinen Blick zuruck, sondern ging in gerader Richtung fort; jedem Menschen ging ich aus dem Wege, ich schlich um die Dorfer herum.
Ich freue mich jetzt daruber, dass ich Amalien gerettet habe; aber fur Mortimer! Doch ich will fort; sie soll mich weiter nicht kummern, ich will sie und alles vergessen.
Sie sehn mich bald wieder.
29
Mortimer an Eduard Burton
Roger Place.
Ich schreibe, um Ihnen einen sonderbaren Vorfall zu melden. Ich bin innig erschuttert und ich wunsche nur, dass diese Begebenheit fur Amalien keine ublen Folgen haben moge.
Vorgestern ritt ich nach einem Dorfe, ohngefahr dreissig Meilen von hier, weil ich gehort hatte, dass sich dort seit einiger Zeit ein Frauenzimmer aufhalte, von der man nicht genau wisse, wer sie sei. Manches in der Beschreibung passte auf Ihre ungluckliche Schwester, so dass ich sogleich hineilte, sie selbst zu sehen. Es war aber die Tochter eines armen Edelmanns, die sich nach vielen erlittenen Unglucksfallen mit ihrem armen Vater in das Dorf niedergelassen hatte. Ich war von ihrer Erzahlung geruhrt, und kehrte schon gestern wieder zuruck. Wie erstaunt ich aber, als ich naher kam und mein Wohnhaus so ganz verwustet fand! Allenthalben die deutlichsten Spuren eines Brandes und ein Nebengebaude rauchte noch. Amalie war krank.
Ich erfuhr, dass an dem Abend meiner Abwesenheit Anstalten und durch einen einfallenden Regenguss geloscht worden sei. Amalie war als noch niemand weiter das Feuer bemerkt hatte, von einem Fremden gerettet, den niemand weiter nachher gesehn hatte.
Das Ganze erhielt aber noch ein weit abenteuerlicheres Ansehn, als man jetzt die erstickte Charlotte fand, die sich in der Angst aus einer verschlossenen Ture nicht hatte retten konnen, ob sie gleich den Schlussel in der Tasche hatte. Man fand zugleich eine Brieftasche bei ihr, die ich untersuchte, und zu meinem Erstaunen aus einigen Papieren sah, dass eben diese hassliche Charlotte die Comtesse Blainville war, die ich in Paris gekannt hatte. Seit dieser Entdekkung habe ich allerhand seltsame Vermutungen, die auf der einen Seite aber so unwahrscheinlich sind, dass ich sie Ihnen nicht einmal mitteilen mag. Ich danke Gott, dass der Vorfall sich noch so glucklich geendigt hat.
Amalie weiss noch immer nicht das ungluckliche Schicksal Ihrer Schwester, sie will daher durchaus einen Brief an diese einlegen; ich kann ihr ihr Verlangen nicht abschlagen, ohne Verdacht bei ihr zu erregen, ihr aber noch weniger die Geschichte ihrer Freundin entdecken, weil es sie jetzt zu sehr erschuttern wurde. Sie erhalten also in diesem Briefe zugleich einen andern an Ihre Schwester.
30
Einlage des vorigen Briefes (Amalie an Emilie
Burton)
Roger Place.
Schon seit lange, liebe Emilie, habe ich auf Briefe von Ihnen gehofft, ich wollte Ihnen nicht eher antworten, bis Sie mir Ihrem Versprechen gemass den Namen des interessanten Unbekannten genannt hatten. Ihr Stillschweigen aber und ein Vorfall, den Sie schon durch Mortimers Brief werden erfahren haben, macht, dass ich Ihnen fruher schreibe. Ach, Emilie, ich habe die Furcht des Todes auf eine recht furchterliche Art empfunden. Ich las am Abend, weil ich allein und Mortimer auf einige Tage verreist war; ich war mude und wollte schon schlafen gehen, als ich in meinem Zimmer einen Rauch bemerkte. Ich konnte nicht begreifen, wo er herkomme; ich ging umher, der Dampf verstarkte sich, ich musste husten, in einem Augenblicke aber ward er so stark, dass ich zu ersticken furchtete; ich wollte das Zimmer verlassen, allein ich hatte die Tur schon verschlossen, und konnte jetzt in der Dunkelheit, in der Verwirrung den Schlussel nirgends finden. Das Atmen ward mir schwer, und ich verliess. Ich rief nach Hulfe, aber meine Stimme war nur schwach. In der grossten Angst offnete ich endlich das Fenster und Dampf und Feuerflammen fuhren mir entgegen. Niemand war in der Nahe, ich sah einen unvermeidlichen furchtbaren Tod vor und neben mir: ich sank ohnmachtig nieder. Wie in einem Wagen fuhlte ich mich nun fortgefuhrt, eine kalte Luft wehte mich an, ich erwachte und lag unter den Baumen vor meinem Hause. Es war finster, die Flammen erhellten die Nacht; Getummel von Bedienten in der Ferne, und ein Unbekannter kniete neben mir. Ich wusste nicht, ob ich traumte oder wachte; der Fremde, der mich gerettet hatte, schloss mich in seine Arme ich bin Lovell! keuchte er mir mit erstickter Stimme entgegen. Mein Bewusstsein verliess mich wieder; die seltsamsten Bilder, die fernsten Erinnerungen gingen durch meinen Kopf o Lovell Unglucklicher lieber Lovell: rief ich ihm laut nach, denn er war schon davongeeilt
O was empfand ich nun, liebste Emilie! Ich habe so oft gewunscht, ihn nur noch einmal zu sehen, und nun kommt er und verschwindet in demselben Augenblicke wieder. Warum hab ich ihm nicht manches sagen konnen, was ich schon seit so langer Zeit auf dem Herzen habe? Warum ist er hiehergekommen, und durch welchen Zufall muss er es gerade sein, der mich rettet? Ich habe ihm nicht einmal danken konnen ach! ich habe viel deswegen geweint, dass ich ihn nicht gesprochen habe.
Die Bedienten trugen mich ins Gartenhaus; ein schreckliches Gewitter tobte jetzt in der Luft; alles vereinigte sich, mich zu betruben.
Die arme Charlotte hat man in einem Zimmer tot gefunden; o wie bemitleide ich sie, da ich selbst das Schreckliche ihrer Lage empfunden habe! Sie hat sich gewiss nicht retten konnen; auch daruber habe ich geweint. Ach wie viel Ungluck, liebe Freundin, gibt es im menschlichen Leben!
31
Eduard Burton an Mortimer
Bondly.
Wie hat mich die Einlage Ihres Briefes von neuem geruhrt! Es ist keine Emilie mehr hier, an die ich sie, wie wohl sonst geschah, hatte abgeben konnen. Und noch immer keine Nachrichten von meiner Schwester? Wilmont ist umhergestrichen und wiedergekommen; er hat nichts von ihr erfahren konnen. Er will jetzt von neuem umherreisen; ich furchte fur seine Gesundheit. Sie haben eine Ungluckliche getroffen, die Sie anfangs fur meine Schwester gehalten haben, und auch Wilmont hat mir von mehrern erzahlt, die ihn oft auf die Vermutung brachten, dass es wohl die arme Emilie sein konnte. Sehn Sie, Mortimer, wie viele Menschen noch ausser uns leiden. Wenn ich doch nur in diesem Gedanken einigen Trost finden konnte!
Das Gefuhl der Einsamkeit qualt mich fast zu Tode, alle Zimmer sind mir zu eng, die Luft im Garten ist mir nicht frei genug. Unaufhorlich traume ich von Emilien; es gibt nichts Schrecklichers, als geliebte Menschen unglucklich zu wissen, der Zweifel nur vernichtet dies doppelte Gefuhl.
Ich wunsche es oft innig, krank zu werden, und so zu sterben, denn es ist ja doch niemand, der uber mich weinen wurde. Ich suche den Armen wohlzutun, aber was ist das dagegen, wenn ich Emilien wohltun, wenn ich den unglucklichen Lovell wieder zu meinem Freunde machen konnte? Jedes Almosen, das ich gebe, jede Linderung, die ich verschaffe, ist nur ein kleiner Abtrag von meiner grossen Schuld.
Ich war vor einiger Zeit schwach genug, dass ich Emilien und Lovelln an dunkeln Stellen meines Gartens Denkmaler errichten wollte; ich vergass uber diese kindische Spielerei meinen Schmerz wahrend eines halben Tages, aber da ich wieder einige ihrer Kleidungsstucke sah, da ich meinen Schreibtisch offnete, und mir etwas Geschriebenes von ihr in die Hande fiel, o da kam der Jammer von neuem uber meine Seele, und ich empfand es, dass mein armes, zerrissenes Herz keiner Denkmaler brauche, um zu trauern. Es ist betrubt, dass wir alles gern putzen und verschonern mogen und oft uber den Putz und die Zufalligkeiten die Sache selbst vergessen. Dein blosser Name, Emilie, ruft alles in meine Seele zuruck; alle Erinnerungen ehemaliger Freude, jede Liebkosung von Dir, jeden Scherz, die Spiele der Kinderjahre- ach Mortimer, ich mochte manchmal verzweifeln, wenn es mir so ganz frisch wieder einfallt, dass alles nun wirklich voruber ist, dass es nicht angstliche Einbildung von mir, sondern dass es wirklich ist. O ich glaube, dass ich nicht genug leiden, dass ich nicht laut genug klagen kann.
Konnt ich doch die Vergangenheit zuruckrufen! O ihre zartlichste Liebe sollte mir nun gewiss nicht entgehen, sie sollte jetzt gewiss nicht vor mir fliehen! Aus ubelverstandener Mannlichkeit, mit einem schlecht angebrachten Ernste war ich von je zu kalt gegen sie: ich fuhlte oft die schonste bruderliche Liebe, die warmste Zuneigung gegen sie, dass ich hatte an ihre Brust sinken mogen und sie umarmen und kussen, als ware sie eben von einer schweren Krankheit genesen, oder als ware sie von einer langen Reise zuruckgekommen. Aber dann uberraschte mich wieder die kleinliche Furcht, fur affektiert oder sonderbar zu gelten, und ich blieb in dem gewohnlichen Tone des Umgangs; ich war oft gegen ihre herzlichen Ausserungen zuruckstossend, und das hat sie mir am Ende fremd gemacht; sie hat mir ihre Gefuhle nicht zugetraut und aus Verdruss und Schmerz hat sie ein naher verwandtes Herz suchen wollen. Auch gegen Lovell war ich immer zu kalt, ich fuhlte seine Ubertreibung in der Freundschaft, und um nicht in denselben Fehler zu fallen, war ich frostig. O die Menschen wissen es gar nicht, sie konnen es nicht wissen, wie sehr ich sie liebe und darum mocht ich sie wieder hier haben, um ihnen alles zu sagen und mich zu erkennen zu geben, um wie ein Verirrter die Heimat wiederzufinden. Aber, ach! der Ruckweg ist mir verschlossen; ich bin in meinen gegenwartigen Gefuhlen eingekerkert und sie werden meine Heimat bleiben.
32
William Lovell an Rosa
Southampton.
Sie erhalten jetzt aus England meinen letzten Brief, denn in einigen Tagen will ich abreisen. Ich habe meinen Mut wieder, den ich neulich ganz verloren hatte; ich bin wandelbarer wie Proteus oder ein Chamaleon, das gebe ich Ihnen gern zu. Die Nichtswurdigkeit des ganzen Menschengeschlechts hat mich von neuem getrostet, ich gebe mich uber mich selbst zufrieden, weil ich so sein muss und nicht anders sein kann.
Die Betrubnis ist so gut eine Trunkenheit, wie die Freude, beide verfliegen, und um so fruher, je heftiger sie sind: im Augenblicke des Affekts aber will man nur schwer daran glauben, und dies ist auch sehr gut, denn sonst wurden wir nur immer ein trages phlegmatisches Dasein schleppen, das nicht aus der Stelle will; alle Leidenschaften werden wie muntre Pferde angespannt, um die schwerfallige Masse uber Hugel und Berge, durch Taler und Strome, immerzu und unaufhaltsam fortzureissen: wohin? daran denkt man nur, wenn man wieder Schritt vor Schritt weiterschleicht. ich bin mit den Menschen zu bekannt, als dass sie noch Interesse fur mich haben konnten. Sie tauschen mich nicht mehr, und alles Vergnugen an diesem Schauspiele ist dahin, es erscheint mir fade und abgeschmackt. Die Menschen sind weit besser dran, die sich und ihre sogenannten Bruder noch gar nicht kennen, denn ihnen sieht das Leben bunt und angenehm aus, sie trauen jedem und werden von jedem betrogen; eine Uberraschung folgt dicht auf die andere, und sie bleiben in einer bestandigen Verwickelung, in einem unaufhorlichen Erstaunen. Aber jetzt lachle ich und drucke die Hand, ich mache Gebarden, wie man es verlangt, und sammle andre von andern ein und doch bin ich dabei nicht beschaftigt. Ich schwore, wie die ubrigen, auf tausend Sachen, und weiss nicht, wovon die Rede ist, ich bejahe und verneine und bin dieser und dann wieder jener, eine Kugel, die sich nach allen Seiten wenden kann aber wie langweilig, wie zuwider ist mir nun auch jedes Gesicht! Keiner erreget meine Aufmerksamkeit, weil ich ihn bis auf seinen kleinsten Gedanken auswendig weiss.
Ich sprach in einem meiner Briefe uber die Weiber aber o Himmel! was sind denn die Manner? Wenn ich die Menschen achten musste, so wurde ich mir doch nur die Weiber auswahlen, denn dies unbeholfene, linkische, aufgeblasene und kriechende Tier, das wir Mann nennen o ich kenne nichts Verachtlichers, als diese widersprechende Mischung von Verstand und Narrheit, Festigkeit und veranderlichem Wesen. In der Jugend hangen die Manner von den Blicken, von dem Lacheln der Weiber ab: sie suchen zu gefallen und formen sich nach hingeworfenen Winken, sie halten sich fur die Herren der Welt und lassen sich einer Nichtswurdigkeit wegen tyrannisieren. Ihre kuhnsten Wunsche, ihre frechsten Plane sind nur Lakaien und nachtretendes Gefolge der sinnlichen Begierde. Der stupide Bauer schatzt sich glucklich, wenn der vorbeifahrende Minister seinem Grusse dankt, er glaubt einfaltig, es sei ihm nur allein geschehn, und er unterlasst nicht, es der ganzen Dorfschaft zu erzahlen: und der Minister sieht dreimal ofter in den Spiegel, wenn ihn ein Madchen angelachelt hat, das ihn bis dahin kalt betrachtete. Nach jedem Betruge glaubt der Mann, das sei nun auch das letzte Weib, das ihn hintergangen habe: er halt am folgenden Tage eine andere fur vollstandig tugendhaft, er schwort darauf, alle ubrigen waren nichts wert gewesen, aber diese nur, diese sei ordentlich fur ihn geboren, dann ist er auf jeden Blick eifersuchtig, dann fangt er jedes ausgesprochene Wort auf, damit es ja kein anders Ohr, als das seinige, beglucke. Ein ewiger, rastloser Kampf, bestandige Disharmonie, alle Krafte und Anlagen widersprechen sich, er will herrschen, und ist Sklave, er will lieben und hasst, Blicke lenken ihn gegen seinen Willen, er verachtet die Eitelkeit und ist selbst eitel er o er verdient wahrlich am Ende nicht, dass man sich die Muhe gibt, uber ihn zu sprechen!
Wenn nun das Blut langsamer durch die Adern fliesst, dann treten die Leidenschaften nach und nach in den Hintergrund zuruck. Das Hirngespinst des Stolzes besetzt den Thron allein. Vorher konnte der Mann nur von Weibern regiert werden, jetzt aber von jedermann. Kinder haben ihn in den Handen und werfen sich ihn abwechselnd, wie ein Spielzeug, zu. Wer ihm schmeichelt, ist sein Freund, und selbst wenn er das Grobe, das Unzusammenhangende in der Schmeichelei bemerkt, so beleidigt sie ihn doch nicht, er lasst sich freiwillig fangen, er glaubt selbst an alle Vortrefflichkeiten, die ihm der unverschamteste Poet in einem Geburtstagsgedichte beilegt. Er ist eine Blume, die von allen Insekten ausgesogen wird, er denkt uber sich selbst nie mehr nach, sondern hat sich vollig unter fremden Urteilen gebeugt, er kennt sich selbst nur vom Horensagen, und meint, andre Leute hatten fur unsre Vorzuge und Fehler ein scharferes Auge, als wir selbst. Der grosste Dummkopf kann dann diese Maschine zu seinem Vorteile regieren, und der klugere Mensch wird die ganze Welt nur fur eine grosse Fabrik ansehn, in der diese Maschinen hingestellt sind, und die er zu seinem Vorteile in den Gang bringen muss.
Ich will fort, und zu Ihnen zuruckkehren, ich brenne vor Begierde, von Andrea mehr zu erfahren und zu lernen; je mehr ich diese Welt hasse und verachte, je mehr fuhle ich mich zu jener uberirdischen hingezogen, die mir Andrea aufschliessen will. Diese Bekanntschaft ist die letzte frohe Aussicht, die ich habe.
33
Emilie Burton an Mortimer
C.... bei Nottingham.
Sie werden erstaunen, indem Sie diesen Brief eroffnen; Sie werden vielleicht unwillig, wenn Sie die Unterschrift sehen, aber der Freundschaft wegen, die Sie fur meinen Bruder haben, wurdigen Sie mich, meine Worte anzuhoren. Mein unglucklicher Irrtum wird Ihnen schon bekannt sein, verschonen Sie mich mit der Erzahlung, wie ich elend ward. O teurer Freund, (wenn ich Sie so nennen darf) wussten Sie, wieviel ich gelitten habe, Sie wurden mir gern vergeben.
Ich scheue mich an meinen Bruder zu schreiben, ich schame und furchte mich ihn zu sehn; ich habe ihn zu sehr beleidigt. Seine Liebe wurde mir weh tun. Ich verliess ihn in einer Trunkenheit, in einer Raserei, ich gen, dem ich mein ganzes Herz gegeben hatte. Ich bildete mir mancherlei ein; ach, schon auf dem Wege, schon eine Stunde nachher, als ich das Haus verlassen hatte, erwacht ich; der glanzende Irrtum, die Tauschung, die Eigenliebe, alles verschwand; ich sah ein, dass Lovell mich nicht liebte, ach! und ich entdeckte in meinem eigenen Herzen, dass es ihn nie geliebt hatte. Ich sah meine Verachtlichkeit ein, die erzwungene Spannung einer hochfliegenden Phantasie, die Sucht etwas Eigenes und Besonderes zu empfinden oh, wie ich mich seit der Zeit verachtet und gehasst habe! Aber ich habe hinlanglich dafur gelitten. O teureste, teureste Amalie, vergib mir, dass ich mich immer uber Dich erhaben fuhlte, dass ich Dein Betragen und Deine Gefuhle unaufhorlich meisterte. O Gott! wie gross, wie heilig erscheinst Du mir jetzt in Deinem einfaltigen Wandel!
Ich kann die Feder kaum halten ich fuhle mich sehr schwach. Er hat mich verlassen, unter fremden Menschen lieg ich hier ohne Hulfe, krank auf dem Totenbette, das fuhl ich; der Gram, die Verzweiflung, sie haben die Kraft meines Lebens hinweggenommen. Oh, er hatte mich doch nicht so verlassen sollen, das hatt ich doch nicht um ihn verdient!
Warum verliess ich jenes ruhige, schone Gluck, das bei mir wohnte? Liebe und Wohlwollen, die mich von allen Seiten umgaben? Ach! mein Bruder! wenn er mir nur vergeben hat! wenn er nur keine Trane um seine unwurdige Schwester vergiesst! Doch wunscht ich ihn zu sehn, ihn um Vergebung zu bitten: ach, ich wurde seinen Anblick nicht aushalten konnen.
Erbarmen Sie sich meiner und besuchen Sie mich; helfen Sie mir; vergelten Sie den armen Leuten hier, was sie an mir getan haben.
O Amalie! liebste Freundin! wenn ich Ihr Angesicht noch einmal sehen konnte!
Ich kann nicht weiter.
34
Mortimer an Eduard Burton
Nottingham.
O Freund, sein Sie ein Mann, bezahmen Sie Ihren Gram. Ihre Schwester ist nicht mehr. Ich fand sie bloss, um sie sterben zu sehn.
Meine Augen sind noch immer von Tranen nass, ob ich gleich fast nie geweint habe; aber diese Szenen haben mich durch und durch erschuttert und alle Standhaftigkeit in mir umgeworfen. Sie nannte Ihren Namen oft, sie wunschte Sie herbei, sie lasst Sie durch mich um Verzeihung bitten. Wilmont war gerade bei mir, als der Brief ankam, er ritt mit mir hieher. Als sie ihn sah, wandte sie mit der grossten Betrubnis ihr Gesicht abwarts. Karl sah furchterlich aus. Er starrte mit seinen Augen immer gerade vorwarts sie schluchzte ein grosser Krampf druckte an ihrem matten Herzen.
Trosten Sie sich; und doch kann ich Ihnen nichts zu Ihrem Troste sagen: ich bedarf selbst eines trostenden Freundes.
O Lovell! wie viele Seufzer und Tranen brennen auf Deiner Seele! gen.
35
Karl Wilmont an Eduard Burton
Nottingham.
So ist es denn aus, vollig aus! Alle Hoffnungen sind tot! Ach Emilie! Emilie! O konnt ich Dir folgen! Aber bald; erst muss ich aber den Niedertrachtigen aufsuchen und strafen. Er kann nicht mehr in England sein, ich will fort und ihn finden. Dann, Emilie, sehn wir uns wieder. Sie nannte seinen Namen, noch ehe sie starb; es war ein Feldgeschrei zur Rache!
Leben Sie wohl, Freund! Trosten Sie sich, ich will nicht getrostet sein. Mortimer nannte meinen neulichen Brief unmenschlich und er hat recht, ich bin kein Mensch mehr, ich mag es nicht sein; ein Damon der Rache bin ich, der jetzt durch die Welt zieht, die Strafe, die den Verbrecher aufsucht.
36
Eduard Burton an Mortimer
Bondly.
Ich kann mich kaum uberwinden, Ihnen einige Worte zu schreiben. Meine Hande zittern, Tranengusse haben meine Augen verdunkelt. O Gott! ich habe sie nicht noch einmal gesehn! Sie hat sich in der Stunde des Todes nicht an mich gewandt. Siehst du, Eduard, so wirst du geliebt! Ach, was kann ich sagen? Ich kann nur schluchzen und jammern! Musste es so mit Emilien endigen? Und durch Lovell, durch Lovell musste mir dieser Jammer zubereitet werden? O Emilie! hattest Du mir vertraut, fruher vertraut, so hatte ja noch alles konnen gut werden! Aber nun wust und tot ist alles; keine Aussicht, keine Hoffnung!
Der Kirchhof sieht mir so schon und freundlich aus; ich wunschte dort zu ruhen.
Ach Willy! Du tatest recht, dass Du starbest. Was gibt es hier fur Freuden?
Neuntes Buch
1
Adriano an Francesco
Florenz.
Schon seit ich von Rom entfernt bin, wollte ich Ihnen schreiben, ja ich wollte Sie schon vor meiner Abreise einmal mundlich sprechen, allein eine gewisse Blodigkeit hielt mich immer davon zuruck. Ich bin wirklich darin unglucklich, dass ich meinem Verstande den ubrigen Menschen gegenuber zu wenig zutraue, ich muss erst in einen gewissen Enthusiasmus gebracht werden, und dann traue ich meinen Uberzeugungen vielleicht wieder zu viel: wenn ich also bis jetzt gegen Sie zuruckhaltend war, so schieben Sie es allein auf diese Unentschlossenheit, auf kein Misstrauen, das ich wahrlich gegen Sie am wenigsten kenne.
Andrea hat mir geschrieben, und sein Brief ist ein Beweis seines Unwillens daruber, dass ich Rom verlassen habe; und dennoch, was kann ihm an mir liegen, da er andre Freunde hat, mit denen er ofter und lieber umgeht?
Seit einem Jahre kenne ich Sie und Andrea, und ich hielt im Anfange Andreas Bekanntschaft fur das hochste Gluck meines Lebens. Er gab meinem Geiste dahin noch nicht gekannt hatte. Meine Seele ward durch ihn fur mundig erklart, und sie erschrak im ersten Augenblicke uber das grosse Vermogen, das ihr jetzt plotzlich zu Gebote stand, und eben dieses Erschrecken war die Ursache, dass ich es viel zu hoch anschlug; ich hatte viel gewonnen, aber doch noch nicht die Kunst, mich selbst zu beobachten und richtig zu schatzen. Andrea nahm mir Vorurteile und Irrtumer; ich hatte vieles bis dahin angenommen, ohne je daruber gedacht zu haben, meine eigene Seele war mir gleichsam fremd geblieben, ich hatte das grosse Feld des Denkens nicht gekannt, und auch keine Sehnsucht nach dieser Bekanntschaft gefuhlt. Andrea lehrte mich die grosse Kunst, alles auf mich selbst zu beziehn und so die ganze Natur meinem Innern naherzurucken. Wie hab ich diesen Mann damals verehrt! mit welcher Liebe habe ich in der ersten Zeit an ihm gehangen!
Nicht, dass ich ihn nicht noch jetzt achtete, aber meine ehemalige Liebe hat er verloren. Er hat oft uber mich gespottet, dass ich mit meinem Verstande immer nur gradeaus will, und alle Gedanken rechts und links am Wege liegenlasse, er hat mir immer eine gewisse Einfalt zugesprochen, und ich weiss, dass mich sein Scherz nie erbittert hat, denn er hatte vollkommen recht: es fehlt meinem Geiste jene Fahigkeit ganzlich, durch das ganze Gebiet verwandter Gedanken zu streifen, eine Uberzeugung zu finden, und gegenuber den Zweifel dazu zu suchen, alle Kombinationen zu ahnden und sie dann mit dem Scharfsinne wirklich zu entdecken, mit den Analogien zu spielen, und die entfernteste kuhn mit der ersten zu verbinden; mein Blick ist beschrankt, die Natur hat mir wie einem Zugpferde die Augen zu beiden Seiten bedeckt, und ich kann immer nur die gebahnte Strasse vor mir sehen. Drange mein Blick in die ungeheuren Abgrunde der Zweifelsucht, die neben meinem Wege liegen, und sahe er seitwarts die unubersteiglichen Gebirge, so wurde ich vielleicht scheu werden, und mein wilder Geist uber unebene Wege mit mir davonrennen, um sich in die Abgrunde zu sturzen.
Ich fand daher die Zweifelsucht, als die erste Veranlassung des Denkens sehr ehrwurdig, aber ich erschrak vor dem Gedanken immer nur zweifeln zu konnen, keine Wahrheit, keine Uberzeugung aus dem grossen Chaos der kampfenden Gedanken zu erringen. Wenn der Geist zweifeln muss und sich auf dieses Bedurfnis die wahre Verehrung des Skeptizismus grundet, so verlangt eben dieser Geist auch endlich einen Ruhepunkt, eine Uberzeugung, und ich kann also darauf auch die Notwendigkeit der Uberzeugungen grunden.
Sollten wir denn auch die trostvolle Aussicht haben, unser Leben hindurch zu denken, Gedanken gegen Gedanken und Zweifel gegen Zweifel unaufhorlich abzuwagen, indes die Waage ewig in einem ermudenden Gleichgewichte steht? Sollte unser Geist nur immer die Reihe von Gedanken wie bunte Bilder mustern, ohne sich selbst in einem einzigen zu erkennen?
Als die Zeit voruber war, in der mich meine Eitelkeit vorzuglich an Andrea knupfte, glaubte ich doch in ihm selbst eine gewisse Unvollendung zu entdekken, die Sucht, mehr durch seine Gedanken zu glanzen und zu erschrecken, als die Wahrheit und das letzte Bedurfnis der Seele zu suchen. Er verachtet die ubrigen Menschen so wie sich selbst, ihm ist daher nichts in seinem Innern ehrwurdig, er spielt mit den Menschen nur so wie mit seinen Gedanken, er ist nichts als ein gefahrlicher philosophischer Scharlatan, bei dem ein witziger Einfall und ein scharfsinniger und grosser Gedanke einerlei ist, der sich selbst bis auf den Grund zu kennen glaubt, indem er nur seine Fahigkeiten und Anlagen bemerkt hat. Er ist, wenn ich mich so ausdrucken darf, die Skizze zu einer kolossalischen Figur, aber die Vollendung, die Verteilung des Lichtes und Schattens fehlt ihm ganzlich.
Ich glaube, dass Sie mich kennen und dass Sie es mir zutrauen, wie gern ich mich unter den grossern Fahigkeiten einer hohern Seele beuge; ich werde mich nie daruber wundern, wenn ein Freund eine Gefalligkeit von mir und Nachsicht gegen seine Meinungen verlangt, denn es werden sich Gelegenheiten finden, wo ich von ihm dasselbe fordre; aber welcher Freund wird den andern tyrannisieren wollen, wie es Andrea unaufhorlich tat? Hielt er uns nicht alle wie ein Heer von Dienern, die auf alles schworen mussten, was er sagte, die bestimmt waren, ihm in den wunderlichsten und seltsamsten Grillen nachzugeben? Ja, ist es Ihnen nie eingefallen, dass er uns nicht vielleicht zu noch schlimmeren Absichten gemissbraucht hat? O gewiss, nur waren Sie zu gutmutig, den Argwohn in sich deutlich werden zu lassen und meine Zuruckhaltung veranlasste die Ihrige.
Wozu waren jene seltsamen nachtlichen Versammlungen, in denen er uns in eine gewaltsame Spannung zu versetzen suchte? Ich war Tor genug, einigemal dort mit Heftigkeit zu deklamieren, um von einer Schar von Dummkopfen bewundert zu werden, die bei Andrea in der verachtlichsten Knechtschaft stehen. Aus welchen Ursachen kettete Andrea den jungen Lovell so fest an sich? Wozu jene Gaukeleien und Erscheinungen, von denen Sie doch so wenig wie ich werden hintergangen sein, und die den jungen Englander fast wahnsinnig machten? Ich stand seitwarts und zum ersten Male schlich ein verachtender Widerwille gegen Andrea in mein Herz. Wozu Lovells geheimnisvolle Abreise? Was will er mit diesem jungen Menschen, und warum muss er uns als mittelbare Maschinen brauchen, seine Plane, seien sie auch welche sie wollen, durchzusetzen?
Alle diese Gedanken fielen mir schon seit lange ein, aber ich traute mir selber nicht. Ich hatte Andrea sonst so sehr verehrt, dass ich es fur wahrscheinlicher hielt, dass ich seine Grosse nicht begreifen konne, als dass er nicht ganz gross sein sollte: aber seit ich hier in einem ruhigern Leben und unter einfachern und einfaltigern Menschen bin, kommt mir alles von Rom aus so seltsam wie ein Traum vor. Andrea erscheint mir in einem andern Lichte und alles, was sonst in mir nur ferne, leise Ahndung war, ist nun zur Gewissheit geworden. Aus diesem Grunde werde ich nicht nach Rom zuruckkehren, um mich nach und nach dem Andrea und seinen Gesellschaftern fremd zu machen; denn mogen Sie es Einfalt nennen oder wie Sie wollen, ich habe jetzt vor ihm und seinen Meinungen eine gewisse Scheu; ich mochte mein Herz und meinen Verstand beruhigen, und er wurde alles anwenden, um beides zu zerstoren. Ich konnte leicht durch neue Wendungen zu einer vielleicht noch schlimmern Verehrung hingerissen werden, wer weiss, welche Schwachen er noch in mir entdeckte, die er zu seinem Vorteile nutzen konnte! Freilich ist es etwas Torichtes, sich vor sich selber und vor etwas, das man noch nicht kennt, zu furchten, aber vieles Torichte ist sehr menschlich, das fuhl ich und vielleicht eben darum gut, und deswegen will ich nach diesem Gefuhle handeln. Ich bin nicht leichtsinnig genug, um ein Rosa, und nicht Enthusiast genug, um ein Lovell zu werden, und beide sind vielleicht schon sehr unglucklich. Sagen Sie mir uber meinen Brief Ihre aufrichtige Meinung.
2
Francesco an Adriano
Rom.
Mich freut das Zutrauen, das Sie in Ihrem Briefe zeigen, ich kann Ihnen nichts weiter darauf antworten, als dass ich glaube, Sie haben recht, und dass ich sogar darauf schworen wollte, dass Sie recht haben. Sie kennen mich sehr gut, wenn Sie meinen, dass ich im stillen ebenso wie Sie uber Andrea gedacht habe, aber ich gestand mir selbst nicht, wie ich dachte, es war mir grade so wie einem, der sich selbst gern eine Krankheit ableugnen mochte, um sich nur eine langweilige, muhselige Kur zu ersparen. Nun ich aber die erste Medizin genommen habe, kann ich unmoglich wieder zurucktreten, ohne alles zu verderben.
So wie man sich an alles in der Welt gewohnt, so hatte ich mich auch daran gewohnt, unsern Andrea zu bewundern; ich schob dabei immer die Schuld auf mich, wenn mir mancherlei an ihm seltsam und abenteuerlich vorkam. Man kann wirklich annehmen, dass wir, so wie Andrea und alle Menschen, in einem gewissen Grade wahnsinnig oder toll sind, wir glauben es aber nur von denen, bei denen diese Tollheit baren Einheit wird und dass man sie als ein seltsames Kunstwerk betrachten kann. Aber jedermann hat irgend etwas an sich, das wahrhaftig nicht im mindesten mit seinem ordinaren, sogenannten Verstande zusammenhangt. Ich habe Leute gesehen, die Geschmack hatten und die abgeschmacktesten verschimmelten Scharteken mit einem solchen Eifer zusammenkauften, als wenn es ihre Lieblingsschriftsteller gewesen waren; andere, die philosophische Schriften uber alles ruhmten und von einigen behaupteten, dass man sie nicht oft genug lesen konne, die sie aber nie lasen; Freigeister gibt es, die vor ihrem Schatten zittern, Aberglaubische, die so handeln, als wenn kein Gott ware. Es ist als wenn dieser Kampf von ungleichartigem Wesen in uns das hervorbrachte, was wir einen gewohnlichen Menschen nennen; wer von dieser Komposition abweicht, auf der einen oder andern Seite ausschweift und alle Tollheit oder allen Verstand in sich erstickt, der ist einer von jenen ungewohnlichen Menschen, die wir wohl anstaunen, aber nicht begreifen konnen, einer von jenen schrecklichen Magiern, die wir in Felsenschluften, oder in Tollhausern besuchen; wir ubrigen stehn am Kreuzwege zwischen einem Heiligen und einem Wahnsinnigen. So macht ich mir im Andrea jenes Narrische zum Menschlichen, und fand ihn darum nur um so liebenswurdiger, es war das, was seine Glorie verdunkelte, die wahre Narrenkappe, an der man den Menschen von den Tieren und den Engeln unterscheiden kann.
Andrea gab dem kalten, einfachen Menschen sehr viele Blossen. Er geht mit seinen sogenannten Freunden auf eine seltsame Art um, er scheint selbst mutwillig das von sich zu entfernen, was man Zutrauen und Wohlwollen nennt, um es dann doch auf einem andern muhseligern Wege wiederzusuchen; er liess uns in Zweifel, ob wir seine Geistererscheinungen fur Spass oder Ernst nehmen sollten, aber alles dies schrieb ich auf die Rechnung der schon oft erwahnten Tollheit, die mich nach und nach ansteckte, so dass sie mir am Ende gar nicht mehr seltsam vorkam, sosehr sie mir auch im Anfange aufgefallen war. Jetzt aber bin ich ganz und gar Ihrer Meinung, ich ahnde Plane und Maschinerien, und dies wird mich bewegen, mich ebenfalls von Andrea zuruckzuziehn. Wenn es nur moglich ist! Ich bin zu bequem, um grosse Schritte zu tun und die kleinen dienen bei einem solchen Menschen nur dazu, uns ihm wieder naherzubringen. Wir sollten an Rosa schreiben, vielleicht dass er uns die besten Winke geben konnte, da er immer mit Andrea am vertrautesten gewesen ist.
Lovell ist mir immer als ein Narr vorgekommen, aber seine Narrheit ist eine tragische, und das tut mir um so mehr leid, da ich ihm gut bin.
3
Francesco an Adriano
Rom.
Ich bin Ihrem Rate gefolgt und ich finde, dass selbst Unbequemlichkeiten bei weitem nicht so unbequem sind, als man sich im Anfange vorstellt. Andrea hat mein verandertes Betragen bemerkt, aber er scheint keine besondre Teilnahme daruber zu aussern. Es ist wirklich gut, dass Sie mich in Ihrem neulichen Briefe auf alles aufmerksam gemacht haben. Warum sollen wir denn nicht auf unsre eigne Hand vernunftig sein durfen, und immer nur auf die Bestatigung dieses Andrea warten? Darf er denn nur unserm Kopfe das Privilegium erteilen, zu denken? Ich konnte es niemals ubers Herz bringen, irgendeinen Menschen auf eine ahnliche Art zu beherrschen; ich wurde mich vor mir selber schamen.
Hat denn nicht jede Schule und jede Sekte etwas sehr Verachtliches? Muss jeder Stifter und jedes Oberhaupt einem Barenfuhrer gleichen, der seine Untergebenen zu gewissen Kunsten abrichtet, die sie nach seinem Belieben wiederholen? Warum soll ich nun nicht so denken durfen, wie mir der Kopf gewachsen Ich habe an Rosa geschrieben und ich bin auf die Antwort begierig.
4
Rosa an Francesco
Tivoli.
Sie haben mir durch Ihren Brief sehr weh getan, lieber Francesco. Soll ich Ihnen sagen, dass Sie recht haben, soll ich den Versuch machen, Ihnen das Gegenteil zu beweisen? Beides wag ich nicht. Schon seit lange bin ich von allen Seiten mit Irrtumern und Zweifeln umgeben; ich kann keinen Schritt vor und keinen zuruck tun, ohne zu straucheln. Wie glucklich sind Sie und Adriano, da Sie sich so ungebunden fuhlen, da Sie uberzeugt zu sein glauben!
Sie konnen sich meine Lage vielleicht gar nicht vorstellen. In einer Ungewissheit, dass ich daruber wurfeln mochte, wie ich von Andrea denken soll, bald zu einer tiefen Verehrung hingerissen, bald von einem niedrigen Argwohn angelockt mir bewusst, wie sehr ich gegen mich selbst geheuchelt und wie viel ich ihm zu danken habe o Francesco, es ware um wahnsinnig zu werden, wenn man diesen Gedanken nachhangen wollte. Was habe ich je gedacht, was nicht ursprunglich aus Andreas Kopfe gekommen ware? Ich fuhle und bekenne meine Schwache. Sollte ich ihn mich zusammenhalt, ich habe so vieles getan, um ihm nahezukommen, und alles sollte nun vergeblich sein!
Und dann ist es unmoglich! Ich kann Ihnen nicht sagen, warum, aber glauben Sie mir, es ist unmoglich. Wenn der Mensch wusste, zu welchen Folgen ihn ein ganz gleichgultig scheinender Schritt fuhren konnte, er wurde es nicht wagen, den Fuss aus der Stelle zu setzen.
Am wenigsten kann ich mir jene Lugen vergeben, die ich mir selber vorsagte; in einer gewissen Spannung sucht man das Wunderbare und stellt selbst das Gewohnliche auf eine seltsame Weise. Diese Ubertreibung druckt mein Herz schwer nieder, ob ich gleich nicht ganz Ihrer Meinung sein kann, dass Andrea nicht in einem hohen Grade Verehrung verdiene; wenn wir ihn auch nicht begreifen konnen, so berechtigt uns das noch gar nicht, ihn ganzlich zu verwerfen.
Ich habe oft abgesetzt und war sehr oft ungewiss, ob ich den Brief abschicken sollte. Mogen Sie ihn indes nehmen, wie Sie wollen, bei einem billigdenkenden Manne wird er mich entschuldigen.
5
William Lovell an Rosa
Paris.
Ich bin auf der Ruckreise nach Italien, ich schreibe Ihnen diesen Brief aus Paris. Hier befinde ich mich besser, als auf der Reise hieher; wenn man die Menschen in einem dicht gedrangten Gewuhle sieht, so sind sie weit ertraglicher. Man sieht sie dann so einzeln und abgerissen, und jede Armseligkeit an ihnen erscheint dann vergrossert. Wie sie alles nur auf sich, einzig auf sich beziehn! Wie der armseligste Bauer meint, dass man ihm sein Haus und seinen wusten Garten beneide wie jeder von der Narrheit und von den Schwachen des andern spricht, ihn mustert und sich so unendlich uber ihn erhaben fuhlt! Wie keiner daran denkt, dass er einst mit den Wurmern und den wilden Blumen des Kirchhofs verwandt werden wird ach! wie sie den ekelhaften Korper, jeglicher auf seine eigene Art, ausputzen und verherrlichen!
Hier in den betaubenden Zirkeln, in denen sich alle Maschinen auf die lebendigste Weise bewegen, und jeder den andern durch witzige Einfalle, oder durch Reichtum, oder Gluck, oder Schonheit verdrangt, hier vieles besser. Man ruhrt sich mit unter den beweglichen Puppen, man lacht, trinkt und spielt, und vergisst dabei, dass man ein Mensch ist; eben je mehr man unter ihnen ist, je mehr vergisst man, dass man zu ihnen gehort.
Ich spiele viel und ich habe bei weitem nicht so viel Gluck, als in England. Tadeln Sie mich nicht, denn ist nicht alles, was wir Genuss der Seele nennen, etwas, das darauf hinauslauft? Ob ich mit Worten oder Karten, Definitionen, Wurfeln oder Versen spiele, gilt das nicht alles gleich? An die Karten und ihre wunderbaren, unerwarteten Abwechselungen kann man alle Empfindungen knupfen; das Gluck steigt und fallt, wie Ebbe und Flut, mit jedem Spiele beginnt ein neues Schicksal und unser Innres bewegt sich harmonisch mit den Abwechselungen der bunten Bilder. Die Seele interessiert sich fur diese gefarbten Zeichen und wird vertraut mit ihnen, und das Leben bleibt in einem unaufhorlichen muntern Schwunge, die Leidenschaften sinken nie unter, Freude und Schreck wechseln und jagen immer schneller und schneller das Blut durch die Adern was kommt gegen diese Empfindungen das unbeholfene Geld in Rechnung? Jeder Mensch braucht eine Erschutterung; der eine sucht sie im Theater, der andere in irgendeinem Steckenpferde, dem er sich mit der innigsten Liebe hingibt; ein andrer macht Plane, ein vierter ist verliebt das Spiel ersetzt mir alles, es entfernt mich vom Bewusstsein meiner selbst und taucht mich in dunkle Gefuhle und wunderbare Traumereien unter. Es ist oft, als kame man dem eigensinnigen Gange des Zufalls auf die Spur, als ahndete man die Regel, nach der sich die durcheinandergezogenen Kreise bewegen.
Auf der Fahrt von Southampton nach Guernsey hatten wir einen heftigen Sturm. Der Blitz zersplitterte den einen Mast und die Wogen donnerten und brausten furchterlich. Wir alle kampften mit der Furcht des Todes und dicke Nacht lag um uns her. Die Winde strichen pfeifend uber das emporte einsame Meer hin, und beim Leuchten des Blitzes sahn wir den Aufruhr der Flut; das Geschrei der Matrosen dazwischen, das Wehklagen der Geangstigten es waren furchterliche Stunden! Nie hab ich mich so verlassen gefuhlt und dem blinden Ohngefahr so ganzlich preisgegeben. Mit der Kalte der Verzweiflung erwartete ich riesengrosse Wogen, die das Schiff verschlangen, krachende Blitze, die es zerschmetterten, den Orkan, der es auf eine Klippe schleuderte. Eine fremde, bis dahin unbekannte Gewalt, die Liebe zum Leben, der Instinkt alles Lebendigen stand in meiner Brust auf und beherrschte mich und mein Bewusstsein. Ich lernte zum ersten Male die Furcht, die Angst vor dem Tode kennen; ich klammerte mich an den Mast so fest, als wenn ich das Schiff durch meine eigne Kraft uber den Fluten emporhalten wollte. Ich wunschte nur zu leben, und vergass jedes andere Gluck und Elend der Erde; der Tod war mir jetzt ein grassliches, riesenmassiges Ungeheuer, das seine Hand kalt und unerbittlich nach mir ausstreckte; von allen Seiten hatten mich seine Wachter eingesperrt und das Entrinnen war unmoglich! Wie lieb gewann ich in diesen Augenblicken den Arm, der mich an den gefuhllosen Mast kettete, wie sehr liebt ich mich selbst!
Das Wetter ward endlich ruhiger und alle erwachten wie aus einem schweren Traume; das Land, das wir erreichten, kam uns so neu und doch wie ein alter Freund vor.
Ich mag nicht noch eine solche Stunde erleben, und wie leicht ist es moglich, dass sie mich plotzlich uberrascht. Ach, noch weit entsetzlicher ist das einsame Krankenbette, in das der Tod nach und nach mit hineinkriecht, sich mit uns unter einer Decke verbirgt und so vertraulich tut. Ich entsetze mich in manchen Stunden davor, dass ich irgendeinmal sterben muss; man denkt daran nur so selten ernsthaft, und doch ist es wahr. Wie zittert der Sunder vor dem Tage seiner Hinrichtung und kann einer von uns diesem Schicksale entgehn? Ach, das Leben ist verachtlich und furchterlich, aber der Tod ist entsetzlich und abscheulich; der arme, geangstigte Mensch steht in der Mitte und weiss nicht, wonach er greifen soll. Wie kaltblutig uns die Dichter immer Sterbliche! anreden, und wie wenig wir selbst meistenteils dabei empfinden!
6
Eduard Burton an Mortimer
Bondly.
Wie geht es Ihnen, lieber Mortimer? Ich habe lange keine Nachrichten von Ihnen bekommen. Der alte Sir Ralph mit seiner Tochter, von denen Sie mir neulich schrieben, in der Sie Emilien zu finden hofften, wohnt jetzt in meiner Gegend, und er scheint sich in seinem einsamen Hause recht wohlzubefinden. Es ist eine Erquickung meines Herzens, es ist eine Schuld, die ich abbezahle, wenn ich diesen Leuten wohltue. Ich besuche sie oft, und ich muss Ihnen gestehn, dass ihr Umgang mich fast am meisten getrostet hat.
Der alte Mann, der gut erzogen war, und nun am Rande des Grabes in die schrecklichste Armut versinkt, halb blind, mit allen Bequemlichkeiten des Lebens vertraut, und nun plotzlich von allem entblosst, der gern ein Stoiker sein mochte, wenn er nur konnte, der sein Elend so innig fuhlt und sich doch, sosehr er Hulfe wunscht, davon zu sprechen schamt: er ist mir nach und nach so interessant geworden, dass es mir vorkommt, als fehle mir irgend etwas, wenn ich ihn an einem Tage nicht gesehn habe. ohne alle Pratension. Sie wundert sich uber Gluck und Ungluck gleich wenig in der Welt, und nicht aus Standhaftigkeit, sondern weil sie so unbefangen ist, dass sie glaubt, es muss so sein. Sie ist ein erwachsenes Kind, das mit allen Gegenstanden spielt, die es erreichen kann. O wohl dir, gluckliches Wesen! Wie bunt und lustig sieht dir selbst in deinem Elende die Welt aus, du gehst mit neugierigem Auge hindurch, und betrachtest eifrig jede Nichtswurdigkeit als etwas sehr Merkwurdiges. Sie geniesst das Leben, wie man sonst nur ein Kunstwerk geniesst, es ist ihr ein grosser Jahrmarkt, mit nett ausgeputzten Seltenheiten.
Ach ich denke an Emilien zuruck. Alle meine Sorgen, alle schlaflosen Nachte fallen mir ein, wenn ich ein liebenswurdiges Gesicht sehe. Wo ich mich freuen will, tritt mir eine schwarze Erinnerung entgegen, und wenn ich mich zuweilen vergesse, so mache ich mir nachher uber meinen Leichtsinn nur desto schmerzhaftere Vorwurfe. Als nun ihr Rausch nach und nach entfloh, was muss sie gelitten haben! als sie sich die Entdeckungen in dem Innern ihrer Seele gestand und alles wie nichtiges schales Spielzeug dalag, das sie in der Entfernung mit so vieler Ehrerbietung betrachtet hatte. Ihre hohe Empfindung hatte sie fur etwas Einziges gehalten, sie hatte unvollendete schone Eigenschaften darin geahndet, und sich selbst als ein Wesen betrachtet, das mit seinen grossen und mannigfaltigen Fahigkeiten unbekannt sei. Dies ist der gefahrlichste Stolz im Menschen, er macht ihn frech und zuversichtlich auf Gaben, die er nicht besitzt, und unglucklich, wenn die Seele endlich selbst jene eingebildeten Schwingen versuchen will. Wenn das Sterben ein Erwachen vom Leben ist, so war sie schon vor dem Tode auf eine ahnliche Art erwacht, das beweiset ihr letzter Brief. Sie muss es innig gefuhlt haben, dass sie nur getraumt und nicht gelebt habe; wie muss sie erschrocken gewesen sein, als sie sich beim Erwachen an einem so fernen und fremden Orte wiederfand?
Ach Emilie! Dein Name tont in meinen Ohren so suss, meine ganze Kindheit liegt in dem Laute. Ich schwarme oft und bilde mir ein, dass sie mich hort, dass sie es sieht, wenn ich ihre Papiere kusse und mit meinen Tranen benetze. Ich habe aus dem Gedachtnis ihr Bildnis gezeichnet, und es ist, nach meiner Meinung, sehr ahnlich; bei jedem Zuge, der mir gelang, entsturzten Tranenstrome meinen Augen, es war als wenn sie selbst plotzlich wieder aus dem Papiere hervorbrechen wurde, und mir sagen, alles, alles sei nur eine unnutze Angst gewesen, dass sie mir dann, wie in der Kindheit, den Kopf herumdrehen wurde, und ich uber den grausamen Schelmstreich lachen musste.
Was mich in meinen Schmerzen am meisten niederschlug, war, dass die Natur und alle Gegenstande umher so kalt und empfindungslos schienen. In mir selbst war der Mittelpunkt aller Empfindungen, und je mehr ich aus mir hinausging, je weiter lagen die Empfindungen auseinander, die in meinem Herzen dicht nebeneinander wohnten. Aus dieser Ursache fuhlt sich der Ungluckliche in der Welt unter allen Geschopfen so fremd, denn man nimmt auf seinen Schmerz nie Rucksicht genug, man achtet ihn nie so, wie er es wunscht. Die Menschen, die mich umgaben, trockneten bald ihre Augen, andre hatten nie geweint, noch entferntere Emilien nie gekannt. Ich schalt auf alle und war ungerecht. Dieses mannigfaltige und widersprechende Interesse der grossen Menschheit sollte uns im Gegenteile im Unglucke trosten.
7
Mortimer an Eduard Burton
Roger Place.
Es ist im Leben nicht anders, es wechselt alles wie Sonne und Mond, wie Licht und Finsternis. Hoffnung und Furcht ist die Lebenskraft, die unser Herz in Bewegung erhalt und in jedem Moment der Leidenschaft sollten wir schon auf diese Abwechslung rechnen. Das Leben ist nichts weiter, als ein ewiges Lavieren zwischen Klippen und Sandbanken, die Freude verdirbt unser Herz ebensosehr als die Qual, und eine feste Ruhe und gleichformige Heiterkeit ist unmoglich. Ungluck macht menschenfeindlich, misstrauisch, verschlossen, der Mensch wird dadurch ein finstrer Egoist, und indem er auf alles resigniert, hat er den Stolz sich selbst zu genugen. Das Gluck ist die Mutter der Eitelkeit, selbst der Vernunftigste wird sich im stillen fur wichtiger halten, als er ist; Eitelkeit und Selbstsucht lassen den Menschen vielleicht nie ganz los, im ewigen Kampfe mit ihnen besteht am Ende sein Verdienst.
Ich spreche aus dem Herzen, lieber Burton. Ich bin noch einer von den kaltern Menschen, und doch bin Wenn ich einmal melancholisch wurde, so konnte ich mit Hamlet sagen:
"Ich bin noch keiner der Schlimmsten, und doch konnt ich mich solcher Verbrechen anklagen, dass es besser ware, man hatte mich nicht geboren."
Im Glucke war ich stolz und eigensinnig, beim kleinsten Unglucke glaubt ich, dass dergleichen mir nur allein begegne, jedermann hatt ich dann im Verdachte, dass er mich verfolge und hasse, ich hielt die Menschen sogleich fur viel besser und schlechter, als ich war; ich ubertrieb alles auf eine kindische Art, um mir nur recht unglucklich, zuweilen, um mir selbst nur recht schlecht vorzukommen. Ich unterschied mich von andern nur dadurch, dass ich weniger sprach und mich mehr verstellte, dass ich einige Philosopheme hersagte, die mir immer zu Gebote standen und die die Augen der Menschen verblendeten. Wahrlich, wir sind am Ende alle Bruder einer Mutter.
Trauen Sie es mir wohl zu, dass ich lange fur mich glaubte, Lovell habe mein Haus angezundet, weil er mir meinen Frieden beneide? Ich hatte eben keine Grunde zu diesem Argwohne, als mein misstrauisches Herz. Aber ich habe es ihm auch mit diesem Herzen wieder abgebeten.
Ach, ich muss die Feder niederlegen, denn ist nicht auch das, dass ich so uber mich spreche, vielleicht wieder Eitelkeit? Es gibt gewisse Gedanken, die man zu den Kuriositaten der Seele rechnen sollte.
Ich bete alle Nachte fur Amaliens Niederkunft und ist es nicht wieder die Hoffnung, die mir diese Laune gibt, die vielleicht unbarmherzig genug gegen Ihre Melancholie anrennt? Aber verzeihen Sie mir und dem Menschen, und leben Sie wohl.
8
Eduard Burton an Mortimer
Bondly.
Ihr Brief hat mich nicht beleidigt, sondern getrostet. Warum verstand ich jenen, der mich zuerst gegen Lovell aufbrachte, nicht ebenso gut? Bin ich denn nicht aller derselben Schwachen schuldig, ach! und noch vieler andern. Eben unser Herz, das uns von innen veredelt und bessert, indem Empfindungen auf- und niedersteigen, um es zu erwarmen und zu reinigen, eben dies bewegt uns am Ende wieder, diese Empfindungen fur ganz etwas Einziges zu halten, sie viel zu hoch uns selber anzurechnen, und dadurch eine Scheidemauer zwischen uns und den ubrigen Menschen zu ziehn. In Lovells Bekenntnissen finde ich jetzt mich selbst wieder, nur dass er ubertreibt, wie denn alles ubertrieben ist, was man absondert, um es einzeln hinzustellen, damit es andre fassen und begreifen. Unser Sprechen besteht darin, dass wir ganze Massen von Gedanken und Bildern als einen Begriff hinstellen, wir nehmen die Phantasie zu Hulfe, um der fremden Seele zu erlautern, was uns selbst nur halb deutlich ist; und auf diese Art entstehn Gemalde, die dem scheinen. Es ist ein Fluch, der auf der Sprache des Menschen liegt, dass keiner den andern verstehn kann, und dies ist die Quelle alles Haders und aller Verfolgung: die Sprache ist ein todliches Werkzeug, das uns wie unvorsichtigen Kindern gegeben ist, um einer den andern zu verletzen. Ach, habe ich nicht dadurch Lovell und Emilien verloren?
Ich sehe Ralph und seine Tochter taglich. Sie ist in ihrer Unschuld verehrungswurdig, und diese Menschen sohnen mich nach und nach mit der Welt und ihren Bewohnern wieder aus. Ich wunsche Sie bald als einen glucklichen Vater begrussen zu konnen. Es ist doch recht erfreulich, wenn jeder die kleine Stelle, auf der er steht, fur die vornehmste auf der Erde halt.
9
Mortimer an Eduard Burton
Roger Place.
Es ist endlich entschieden, lieber Freund, Amalie ist ausser Gefahr, und ich bin der Vater eines jungen hoffnungsvollen Sohnes. Man kann nicht in die Zukunft sehn, sonst wurde ich mich vielleicht noch mehr freuen, als es geschieht; Amalie ist sehr glucklich.
Ob denn auch bei mir jene Eitelkeit eintreten wird, die mir an andern Vatern oft so sehr missfallen hat? Man kann freilich fur nichts stehn, am wenigsten fur irgendeine menschliche Schwache, allein ich glaube es doch nicht. Ich habe schon sehr genau auf mich achtgegeben, aber ich muss Ihnen gestehn, dass mir das Schreien meines Kindes ebenso unharmonisch vorkommt, als das aller ubrigen; dass ich es nicht schon finde, so wie es bis jetzt ist, dass ich auch noch keinen Funken von Verstand oder Genie an ihm entdeckt habe; ich habe Vater gekannt, die darin unendlich scharfsichtiger waren, die es ubelnahmen, wenn sich jemand beim Gekreisch ihres Sohnes die Ohren zuhielt, oder meinte, dass er die Fragen, die man an ihn tat, wohl noch nicht verstehn mochte. lich zu sein pflegen; der Anblick des Kindes macht mich sehr ernsthaft. Kann ich wissen, von welchen Zufalligkeiten, die schon jetzt eintreten und die ich nicht einmal bemerke, sein kunftiges Schicksal abhangt? Die ganze unendliche Schar der Gefuhle und Erfahrungen wartet auf ihn, um ihn nach und nach in Empfang zu nehmen. Gluck und Ungluck wechselt, er wird in alle Torheiten eingeweiht und glaubt sich in jeder verstandig. So treibt er den Strom des Lebens hinunter, um endlich wieder, wie wir alle, unterzugehn.
Nein, das Leben kann nicht das Letzte und Hochste sein, da wir so oft das Leere und Unzusammenhangende darin empfinden. Jedesmal, wenn wir ernsthaft werden, ohne zu wissen warum, erinnern wir uns vielleicht dunkel eines besseren ehemaligen Zustandes. Dem Schwarmer ist es vielleicht gegonnt, diese fluchtigen Erinnerungen festzuhalten, und er entfernt sich daher mit jedem Tage mehr vom gewohnlichen Leben.
Auf diesem Wege konnte man aber auf eine recht vernunftige Art verruckt werden, und dieser Zustand mag nun in sich selbst so vortrefflich sein, als er will, so sieht er doch in der Entfernung zu abschreckend aus, als dass ich ihm sollte naherkommen wollen.
10
Adriano an Rosa
Florenz.
Sie irren, Rosa, wenn Sie vielleicht glaubten, dass Ihre Spotterei mich aufbringen wurde, noch mehr aber, wenn Sie der Meinung waren, mich dadurch zu uberzeugen. Ich mag und kann Ihnen hier meine Grunde nicht weitlauftig auseinandersetzen, warum ich jetzt noch nicht nach Rom zuruckkehren werde. Ich wunschte durch mein ganzes Leben einen geraden Weg vor mir zu haben, den ich ubersehn kann, von dem ich weiss, wohin er mich fuhrt. Ich mag lieber nicht weit kommen, als mich aufs Ungewisse einem unbekannten Fusssteige vertrauen.
Das Gleichnis wird Ihnen vielleicht lacherlich dunken aber mag's! Es ist vielleicht notwendig, dass manche Menschen uns verachten, damit uns andre wieder schatzen. Ich besitze freilich nicht jene Fahigkeit, jede Meinung sogleich zu verstehn und in ihr zu Hause zu sein, ich bin ungelenk genug, manches fur Unsinn zu halten, weil ich es nicht begreifen kann, aber verzeihen Sie mir meine Schwache so wie ich Ihre Grosse bewundre. Ich spotte jetzt nicht, Rosa, selbst nachgedacht und gefunden, dass alle meine Schwachen mit meinen bessern Seiten zusammenhangen, wie es vielleicht bei jedem Menschen ist: die gewaltsamen Anderungen sind auf jeden Fall immer ein sehr missliches Unternehmen, es gibt keine so geschickte Hand, die mit dem Unkraute nicht zugleich die guten Pflanzen ausraufte. Lassen Sie mich darum lieber so, wie ich bin, Sie mochten mich sonst ganz verderben.
Auch dass ich dies furchte, ist eins von den Vorurteilen, die Sie verlachen. Aber, lieber Freund, entkleiden Sie den Menschen von allen Vorurteilen, und sehn Sie dann, was Ihnen ubrigbleibt. Die Sucht, ganz als freier Mensch zu handeln, fuhrt am Ende wieder den schlimmsten Vorurteilen, oder dem Wahnsinne entgegen. Ich will lieber manches glauben, um nur mit mir selbst zur Ruhe zu kommen. Sagen Sie mir aufrichtig, ob es auf Ihrem Wege moglich ist?
Doch lassen Sie mich lieber die ganze Untersuchung abbrechen, denn sie fuhrt doch zu nichts.
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Bianca an Laura
Rom.
Besuchen Sie mich doch, liebste Freundin, ich habe den ganzen Tag geweint. Der Arzt hat mir heute morgen endlich angekundigt, dass ich die Schwindsucht habe. Ich weiss vor Betrubnis nicht zu bleiben. Ich habe gebeichtet, allein ich bin nur wenig getrostet; kommen Sie und heitern Sie mich durch einige lustige Erzahlungen auf. Wen haben Sie denn jetzt zum erklarten Liebhaber? O erzahlen Sie mir doch von ihm recht viele Torheiten, damit mir die Welt nur wieder etwas lustig vorkommt. Ob denn die Schwindsucht immer so gefahrlich sein mag, als man sagt? Ach, liebe Freundin, der Gedanke an den Tod ist sehr bitter. Wenn Sie nicht kommen, weiss ich nicht, wie ich den Abend zubringen soll. Ich werde dann wieder weinen und beten. Aber kommen Sie ja, ich beschwore Sie.
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Laura an Bianca
Ich kann Sie heute unmoglich besuchen, aber morgen. Alle unsre Bekanntschaften haben mich verlassen und ich habe eine Zeitlang recht einsam gelebt; aber seit gestern habe ich wieder einen guten Freund angetroffen. Mit Ihrer Krankheit wird es mit der Zeit wohl besser werden, Sie mussen nur nicht die Hoffnung verlieren, denn die Hoffnung ist die beste Arznei. Wenn Sie aber wirklich die Schwindsucht hatten, so konnte diese Krankheit fur andre leicht ansteckend sein: wenigstens sagt man es so. Aber ich will doch morgen zu Ihnen kommen, nur mussen Sie auch hubsch heiter und lustig sein, denn wenn ich jemand sehe, der weint, so werde ich gleich mit betrubt, und nichts in der Welt fallt mir so zur Last, als die Betrubnis. Man sollte nie betrubt sein, wenn man es moglich machen konnte, es ist so nicht viel an dieser Welt, und wir mussen sie uns also nicht noch mutwillig verbittern. Der junge Lovell hat mir sonst mit seinem sauren Gesichte manche bose Stunde gemacht und ich weiss nicht, warum mir an einem Manne die Ernsthaftigkeit noch fataler ist als an einem Frauenzimmer. Schicken Sie mir doch etwas von Ihrer Schminke, die meinige ist zu Ende und ich kann noch keine neue bekommen. Es ist doch wirklich unangenehm, dass die Haut davon so gelb wird, ich bemerke das seit drei Wochen: auf jedem Topfe steht, dass die Schminke unschadlich sei, und doch ist es dann nicht wahr, wenn man es untersucht. Was haben Sie fur einen Arzt? Armes Kind, ich kann mir Ihre Betrubnis recht denken und Sie haben auch Ursache dazu; aber Sie mussen sich dennoch trosten, denn das Klagen und Weinen macht es nur schlimmer. Wenn Sie ausgehn durfen, so kommen Sie heute vor abends zu mir.
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William Lovell an Rosa
Paris.
Ich weiss nicht, warum ich immer noch hier bin. Ich sollte endlich zuruckkehren. Es ist unbegreifliche Tragheit von mir, dass ich noch nicht in Rom bin. Wie kann man so ganz von aller Kraft, von aller innern Starke verlassen sein!
Mein Gluck im Spiele hat aufgehort und doch bin ich an den Tisch wie festgezaubert. Wenn ich Karten sehe, lauft mein Blut lebendiger, und ich traume nur von glucklichen oder unglucklichen Spielen. Ich verstehe jetzt, was man unter der Leidenschaft des Spiels sagen will. Ich habe schon ansehnlich verloren, das Geld, was ich aus England mitbrachte und einen grossen Teil von Burtons Wechseln: ich argre mich daruber nicht, aber uber die platte Freude der jammerlichen Menschen, die von mir gewinnen. Sie halten das blinde Gluck fur einen Vorzug, der ihnen eigentumlich ist, sie verachten mich, indem ich verliere. Ich lerne jetzt zuerst den Wert des Geldes empfinden, und kann doch nicht zuruck, wenn ich die verdammten Bilder sehe. Raten Sie mir, was ich tun soll. Und Oh, es ist um toll zu werden, dass man so narrisch ist!
Der Begriff von Zeit ist mir jetzt furchterlich. Wenn ich einen Tag vor mir habe, ohne zu wissen, was ich mit ihm anfangen soll oh, und dann den Blick uber die leere Wuste von langweiligen Wochen hinaus! Und wieder eine Stunde nach der andern von der Zeit zu betteln, sich vor dem Gedanken des Todes zu entsetzen! Wie elend ist der Mensch, dass er sterben muss, und wie hochst ungluckselig musste er sein, wenn er ewig lebte! Wie toll und unsinnig ist unser Leben durch diese unaufhorlichen Widerspruche!
Wie verachtlich ist alles um mich her, durch unsre Sinnlichkeit, die uns unerbittlich an Nichtswurdigkeiten fesselt. Alles, was Freude, Schonheit, Genuss und Witz heisst, bezieht sich unmittelbar auf die grobste Sinnlichkeit; das Menschengeschlecht ermudet nicht bei denselben frostigen Spassen, die Phantasie bekommt keinen Ekel vor sich selber. Oh, mir zittert oft das Herz, wenn ich die Menschen um mich her lachen sehe, wenn ich junge Leute betrachte, die sich in ihrer Verachtlichkeit so glucklich fuhlen. Kein Gedanke hebt dies Geschlecht uber seine jammerliche Eingeschranktheit hinaus. Ach, wenn ich dann aus ihrer Gesellschaft unter den freien Himmel trete, und die ewige Schar der unendlichen Welten uber meinem Haupte funkeln, wenn ich mich mit Schwindeln in die Millionen dieser Erden verliere und andre und noch hohere ahnde, wenn ich den Mond betrachte und Stadte, Berge und Walder auf seiner Scheibe entdekken mochte und ich komme dann zu mir und zur gewohnlichen Heimat meiner Gedanken zuruck! Karten, Wurfel und unzuchtige Gesprache. Die Seele leugnet sich selbst ihre Schwingen ab und wohnt mit Wohlbehagen in einem schmutzigen Kerker, weil der Ather und die Sonne und jede freie und glanzende Bahn eine strenge Rechenschaft von ihr fordert.
O Rosa! Wie oft erwachen jetzt kindliche Gefuhle in meiner Brust, die wie unvermutete, langstvergessene Freunde bei mir einkehren und den Hauch des ehemaligen Fruhlings mit sich bringen. Bilder von Gegenden, die mich sonst schwermutig entzuckten, kommen in mein Gemut und machen mich von neuem melancholisch: es reichen susse Stimmen uber alle Abgrunde zu mir heruber und nennen sehnsuchtsvoll und anlockend meinen Namen. Ach, wie unaussprechlich unglucklich macht mich alles! Und dann kehre ich zu den Karten und zu meinen gemeinen Gesellschaftern zuruck.
Oft, wenn ich mich in wuste Traume verliere und die Erde mit allen ihren Schatzen wie ausgebrannte Schlacken vor mir lieget, geht Amaliens Name wie die erste Blume nach dem Winter in meinem Herzen auf. Wie von voruberfliegenden Engeln werd ich dann begrusst, wie Morgenrot umgibt es mich, das muhsam nach mir hinuberklimmt. Dann mocht ich die unendlichen Gefilde des Himmels vergessen und zur Erde, wie zu einer lieben Hutte zuruckkehren. Ach, meine Traume sind mehr wert, als die Wirklichkeit! Und musst ich erst die Wirklichkeit so kennenlernen, um auf diese Art traumen zu konnen?
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Karl Wilmont an Mortimer
Paris.
Ich habe keine Ruhe und kann ihn auch nicht finden. Es ist mir oft, als triebe es mich in ein Haus hinein, dass er dort sein musse, und wenn ich hineintrete, ist er doch nicht da. Eine unbeschreibliche Ungeduld qualt mich Tag und Nacht, ich traume nur von ihm, und oft glaub ich am Morgen, dass er zu mir in das Zimmer trete. Ich laufe an offentlichen Ortern herum, ohne zu sehn und zu horen. Dann emport sich meine Wut in mir von neuem und eine ganzliche Erschlaffung aller Krafte folgt dieser Anspannung.
Ach, wie kommt mir das Leben vor? Von Torheiten wird es zusammengehalten, damit es nicht zerfallt; je alter und schwacher der Mensch wird, je mehrere dieser Narrheiten fallen ihm aus, und der Tod besteht am Ende darin, dass die letzte Torheit aus dem Menschen springt und so dem Geiste Platz macht; und so sterbe ich vielleicht, wenn ich meine Rache ganz aufgebe. Denn was will ich denn damit, oder was kann sie mir helfen? Man mochte zuweilen alles nur fur Scherz halten. klagliche Leben ware erst zu Ende, damit mir besser und ruhiger wurde. Und doch muss ich ihn suchen und finden, dann werde ich sterben!
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Eduard Burton an Mortimer
Bondly.
Was sagen Sie, lieber Freund, wenn ich ganz offenherzig gegen Sie werde? Doch weiss ich nicht schon Ihre Meinung im voraus? Und es kann sein, dass eben dies die Ursache ist, warum ich noch frage.
Ich sehe den alten Ralph und seine Tochter taglich; Betty hat sich meines Herzens bemachtigt, ich kann es mir selber nicht ableugnen, mein Blut fliesst wieder froher durch die Adern, die Welt und das Leben sind mir wieder lieb. Wenn ich ihr nun meine Hand gebe, und ich dann ein stilles und gluckliches Leben mit ihr fuhre; kann ich mehr und anders wunschen? Das Bild Ihres hauslichen Glucks hat mich zuerst auf diesen Wunsch gefuhrt. Ich mag nichts weiter hinzusetzen; leben Sie wohl!
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Mortimer an Eduard Burton
Roger Place.
Was kann ich Ihnen sagen? Erwarten Sie keine langweiligen Spasse von mir, denn ich betrachte jetzt manche Dinge in der Welt recht ernsthaft; ich liess es mir wohl ehedem zuschulden kommen, uber manche Arten des menschlichen Glucks zu spotten, aber die Zeiten sind jetzt voruber. Heiraten Sie das Madchen und kummern Sie sich um die ganze ubrige Welt nicht; so lautet mein Rat. Es freut mich, dass die Menschen dadurch glucklich werden, die ich damals so innig bemitleidete, als ich sie zum ersten Male sah.
Mein kleiner Georg ist frisch und gesund. Amalie lasst grussen.
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Ralph Blackstone an Eduard Burton
Paris.
Dieselben haben mir gestern Ihre gutige Meinung eroffnet, und ich will nun nach der bewilligten Bedenkzeit meine Antwort auf Dero gutigen Antrag sagen. Sie erhalten sie hiemit schriftlich, wie wir ausgemacht hatten. Ich kann uber die Ehre und uber den gutigen Vorschlag nichts sagen, ich kann nichts dagegen einwenden, mein Herr Baron, als dass wir es nicht verdienen. Doch das Gluck verdient der Mensch nie, und habe ich doch auch mein bisheriges Ungluck nicht verdient. Ich bin, indem ich schreibe, geruhrt bis zu Tranen, meine Augen tun mir weh und das Schreiben wird mir ungemein sauer, denn ich habe seit lange keine Feder in die Hand genommen. Mag es denn also geschehn wie der Himmel will; meine Tochter betet Sie an, noch aber weiss sie keine Silbe von dem Plane. Sie wird vor Freude aus den Wolken fallen, sie wird sich in ihrem Glucke nicht zu finden wissen. Doch, das lernt sich bald, leichter als Elend, die menschliche Natur neigt mehr zum Glucke hin, und das ist auch naturlich. Ich bin aber selbst wie im Traume, denn ich Elends, aber doch nicht um so viel Freude und Ehre; dergleichen freche Gedanken sind mir nie in den Sinn gekommen. Ich glaube, dass manche Menschen schon auf dieser Welt zu Engeln werden, und zu solchen Menschen gehoren Sie ganz gewiss und ohne Zweifel: solche Menschen muss es geben, damit man an Gott und an seine Barmherzigkeit glaubt. Nehmen Sie meine Schreiberei nicht ubel, mein Herr, in der Jugend wusste ich eine Buchse gut loszuschiessen, aber mich nicht in Worten gut auszudrucken, und Sie wissen, wie es geht, im Alter holt man so etwas nur selten nach: aber Sie nehmen wohl den guten Willen fur die Tat, und ich wunschte wirklich von Herzen, es stunde hier eine recht feine und zierliche Antwort, die Hand und Fuss hatte, wie man zu sagen pflegt, und Lebensart verriete und in lauter ehrerbietigen Ausdrucken abgefasst ware. Es ist mir aber nicht gegeben, und ich nenne mich auf meine einfaltige Art Ihren ergebensten Freund und Diener, Ralph Black
stone.
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William Lovell an Rosa
Paris.
Und sollt ich den letzten Pfennig wagen und verlieren, so muss ich weiterspielen, und entweder nichts ubrigbehalten, oder meinen Verlust wiedergewinnen! Rund ist das Rad der Glucksgottin, und sie ist blind. Ich will es mit dem Zufalle und mit allen Teufeln aufnehmen; bleiben Sie mir doch, bleibt mir doch Andrea ubrig. Was ist Furcht und Vorsicht? Schwache Stutzen des Schwachen! Ich kann auch ohne ihre Hulfe auskommen, und es ist bis jetzt geschehn. Trinken, trinken will ich, bis sich alle Zufalle nach meinem tollen Willen bequemen, und wenn alles schiefgeht, je nun, so darf ich ja nur an Sie schreiben, und die Summen Goldes kommen auf meinen Wink zu mir herubergeflogen. Nicht wahr, da kann ich der ubrigen jammerlichen Menschen lachen?
Tod und Holle! Ich habe von je im stillen vermutet, dass Andrea grosse Schatze besitzt, und ich bin ja doch, wie Sie wissen werden, sein bester Freund! Mir wird er's ja nicht fehlen lassen, wenn es so weit kommen sollte, oder ich wurde ihn offentlich fur einen wohl, das will viel sagen.
Ich bin schon darauf aus gewesen, die dunkeln heimlichen Regeln in den Hasardspielen ausfindig zu machen, es liegt gewiss alles nur an Kleinigkeiten, allein ich kann es nicht deutlich herauskriegen. Je nun, mag's laufen! Ich will einmal mit Andrea daruber sprechen.
Ich freue mich darauf, dass ich ihn wiedersehe. Er soll mir Geister zitieren, bis mir der Verstand vergeht; das soll ein lustiges Leben werden. Mit einer Wette habe ich zwei Bouteillen Champagner gewonnen und die sind nun fast leer; ich muss jetzt so armselig wetten, sehn Sie, weil ich, unter uns gesagt, nicht mehr viel Geld ubrighabe. So geht's in der Welt!
Was machen Sie jetzt? Ich habe seit lange nichts von Ihnen gehort. Wie kommt das? Sie sind im Briefschreiben noch saumseliger als ich, das ist ein grosser Fehler von einem Menschen, der ein guter Freund sein will. Apropos von guten Freunden! Ich glaube, ich habe keinen einzigen mehr in Paris, seit die Leute merken, dass ich kein Geld mehr habe: das ist eine magnetische Kraft des Metalls, die man bis jetzt noch nicht bemerkt hat; die Naturgeschichte konnte dadurch eine grosse Verbesserung erleiden. Denn was die Leute oft Liebe, Instinkt, Sympathie, hausliches Gluck nennen was ist es oft anders, als die Attraktion des gemunzten Metalles?
Ich muss fort. Man wartet beim Spieltische auf mich. Es ware doch viel, wenn man das Gluck nicht zwingen konnte. Sterben will ich eher, als verlieren: die Leute nennen es Aberglauben, wenn man manches beim Spiele beobachtet, aber ich habe mir eine Menge von Sachen ausgedacht, die gewiss helfen, und die kein Aberglaube sind. Was nennen wir denn Aberglauben? Haben wir eine andre Weisheit? Eine ohne Aberglauben? Am Ende ist es ein Aberglaube, dass ich existiere; ein Satz, den ich so auf gut Gluck annehme, weil es mir so vorkommt. Aber wer ist jenes Ich, dem es so vorkommt? Die Frage kann mir keiner beantworten, und das ware doch wahrhaftig ausserst notwendig.
Leben Sie wohl, Rosa, und schicken Sie mir bei Gelegenheit etwas Geld; denn wenn ich auch gewinne, es kann nie schaden, wenn man Geld hat, das werden Sie hoffentlich auch zugeben. Was machen unsre ubrigen Freunde? Ich kann mir denken, wie sich Andrea nach mir sehnt; trosten Sie ihn, denn ich werde bald zuruckkommen.
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Betty an Amalie
Bondly.
O liebste, liebste Freundin! Ich kann Ihnen noch immer nicht beschreiben, wie mir zumute ist. Wir haben Sie recht hieher gewunscht und Ihre Kranklichkeit recht bedauert; bei der Hochzeit namlich. Mein Vater hat mir freilich wohl gesagt, ich soll mich in meinem Glucke nicht ubernehmen, aber das lasst sich leicht sagen und schwer tun. Ich weiss immer noch nicht, wie mir zumute ist, ich ziehe mich manchmal am Arme, um zu erwachen. Wenn ich im Garten oder im Dorfe spazierengehe, so grussen mich alle Leute sehr freundlich, und betrachten mich als ihre Herrschaft; Eduard darf ich bei seinem Vornamen und ihn Du nennen, denselben Menschen, den ich bis jetzt nur aus der Ferne, wie eine Gottheit, angebetet habe. Mein Vater ist frohlich und hat einigemal vor Ruhrung geweint, mit seinen schwachen Augen kannte er mich gestern in den neuen Kleidern selbst nicht ach, liebste Freundin, kann man wohl dem Himmel fur eine solche Veranderung genug danken? Gewiss nicht. Wenn doch meine Mutter noch lebte und alle diese Elend gestorben, und jetzt konnte ich sie so schon trosten. Aber es hat nicht sein sollen, und es ist, so wie es ist, schon Gluck genug. Wer hatte das damals gedacht, als Sie mich und meinen Vater mit so himmlischer Gute in unsrer Armut unterstutzten? Oh, und Eduard ist ein himmlischer Mensch; er lasst es mich gar nicht fuhlen, dass ich ohne ihn nichts war, er spricht mit mir, als wenn ich sein Gluck gemacht hatte. So gute Menschen, wie ihn, gibt es gewiss nicht viele. Sie hatten nur hier den Aufwand bei der Hochzeit sehen sollen; nun, Herr Mortimer kann Ihnen ja erzahlen, ob es nicht kostbar war. Besuchen Sie uns doch sobald Sie konnen.
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Betty an Amalie
Bondly.
Wie freue ich mich, Sie wiederzusehn und Ihnen hier alles zu zeigen! Ich getraue mich oft noch gar nicht, zu tun, als wenn ich hier zu Hause ware. Geben Sie mir einen Rat, wie ich mir immer die Liebe Eduards erhalten kann, auf welche Art ich sein Wohlwollen und seine Zuneigung verdienen soll. Er tut mir alles zu Gefallen, wenn er nur irgend glaubt, dass es mir Vergnugen machen konnte, er ist so gut, dass ich mich immer schame, dass ich nicht besser bin: aber ich will das zusammengezogen von ihm lernen. Mein Vater lasst sich Ihnen recht sehr empfehlen; der alte Mann beschaftigt sich jetzt vorzuglich mit dem Gartenbau und mit der Jagd; die Jagd ist ihm etwas recht Neues, und er trifft ordentlich noch, so schwach auch seine Augen sind. Es wird jetzt uberhaupt vielleicht mit seinen Augen besser, da er frohlicher lebt und sich nicht mehr so zu gramen braucht, wie sonst. Leben Sie wohl, liebste Freundin, und spotten Sie nicht uber meine Briefe.
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William Lovell an Rosa
Paris.
Lieber Rosa, ich habe nun mein Vermogen vollig, durchaus verloren. Ich erinnere mich dunkel meines neulichen Briefes und seines Inhalts; verzeihen Sie mir, er mag enthalten, was er will, denn ich schrieb ihn in einer Stimmung, in der ich mich selbst nicht kannte. Es geschieht zuweilen, dass wir gegen unsern Willen etwas sagen oder tun, was der Freund immer als vollig ungeschehen ansehn muss. Ich weiss nicht, wie ich zu Ihnen nach Italien kommen soll: ich bereue jetzt meinen Wahnsinn, und verachte mich eben dieser Reue wegen. Hatt ich jetzt nur die Halfte, nur das Viertel von jenen Summen zuruck, die ich in England als Dummkopf an Dummkopfe verschenkte! Gegen mich ist keiner so grossmutig gewesen, die ubrigen Menschen sind kluger, und halten ihren Gewinst fur ihr formliches Eigentum. Oh, in welcher Welt ist man gezwungen zu leben! Alles zieht sich von mir zuruck, meine vertrautesten Freunde kennen mich nicht mehr, wenn sie mir auf der Strasse begegnen, und noch vor kurzem waren sie lauter Hoflichkeit, lauter Demut. Im der kultivierte Teil desselben eine grosse Herde von Kannibalen. Im gewohnlichen Umgange sieht man Verbeugungen gegeneinander, die hochste Aufmerksamkeit, dass keiner den andern verletze, oder auf irgendeine Art beleidige, man tut als wurde man durch Hochachtung, durch Blicke und Komplimente begluckt oh, und wenn diese Menschen dadurch reich werden konnten, sie zerrissen denselben Gegenstand lebendig mit den Handen, ja mit den Zahnen. Es hat hier Kerls gegeben, die mir eine entfallene Feder, eine kleine Munze mit der grossten Ehrerbietung wieder reichten, zehn beeiferten sich um die Wette, mir den Dienst zu tun, und jetzt wurden alle zehn mir keinen Taler geben, und wenn sie mich dadurch von dem Verhungern retten konnten. Noch nie, als jetzt, habe ich den Druck der Armut gefuhlt und ihre Leiden sind furchterlich; man kann leicht die Menschen verachten, wenn sie sich mit ihrer Verehrung zu uns drangen, aber jetzt wird es mir schwer. Ich wage es kaum, den Reichen ins Gesicht zu sehn, ich habe eine sklavische Ehrfurcht vor den Vornehmen, und es ist mir, als gehorte ich gar nicht in die Welt hinein, als ware es nur eine vergonnte Gnade, dass ich die Luft einatme und lebe; ich fuhle mich in der niedrigsten Abhangigkeit. Dulden Sie es nicht, lieber Rosa, dass Ihr Freund auf diese Art leidet, machen Sie es mir moglich, dass ich Sie und Italien wiedersehe. Sollte es notig sein, so entdecken Sie Andrea meine Lage, und er wird keinen Augenblick zaudern oder sich bedenken. Sollt ich hier noch langer bleiben mussen? Schon leb ich unter den niedern Volksklassen und esse in den Wirtshausern in der Gesellschaft von gemeinen Leuten, die jetzt auf ihre Art ebenso hoflich gegen mich sind, wie noch vor kurzem die Reichen; wenn ich nun auch das wenige Geld ausgegeben habe, so werden sie mich ebenfalls verachten und laufen lassen. Jede Bezeugung der Hoflichkeit krankt mich jetzt innig, weil sie mich an meine Lage erinnert. Retten Sie mich, Freund, und ohne Zogern, ich beschwore Sie! Sie haben von meiner Verlegenheit keinen Begriff. Jene Summen, die wir ehedem der armseligen Bianca und Laura gaben, waren jetzt grosse Schatze fur mich; ich beneide manchem Bettler das, was ich ihm in bessern Zeiten gab, ich habe noch nie eine solche Ehrfurcht vor dem Gelde empfunden. Denken Sie sich das hinzu, was Ihnen ein Freund sagen konnte, um Sie zu bewegen: doch, ich vergesse, mit wem ich spreche; ich weiss ja, dass ich zu Rosa rede, alle meine Besorgnisse sind unnutz; die gemeinen Menschen leben nur hier. Es reut mich jetzt lebhaft, dass ich nicht schon fruher abgereist bin, allein bin ich darum um so besser dran? Leben Sie wohl, ich sehe mit Sehnsucht einer Antwort entgegen.
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Rosa an William Lovell
Rom.
Ihre Briefe, lieber William, haben die lebhafteste Teilnahme bei mir erregt. Ich halte es fur den betrubtesten Anblick, wenn ein Freund, der unser Herz so nahe angeht, sich und seine Vorsatze so sehr aus den Augen verliert. Ihre Briefe sind alle ein Beweis eines gewissen zerrutteten Zustandes, der Sie verhindert, sich selbst in Ihrer Gewalt zu haben. Mit Freuden wurde ich Sie aus Ihrer unangenehmen Lage ziehn, wenn es auf irgendeine Art in meiner Gewalt stande, aber ich weiss nicht, ob Sie es nie bemerkt haben, als Sie hier waren, (wenn es nicht ist, so muss ich es Ihnen jetzt offenherzig gestehn) dass ich in der allergrossten Abhangigkeit von Andrea lebe. Er sucht mich selbst immer in einer gewissen Verlegenheit zu erhalten, aus Ursachen, die ich freilich nicht begreifen kann. Er ist eigensinnig, sosehr er mir auch meistenteils gewogen scheint, und ich darf nicht leicht irgend etwas Wichtiges, oder nur Auffallendes gegen seine Einwilligung tun. Ich habe ihn seit lange nicht gesehn, sosehr ich ihn auch seit einiger Zeit aufgesucht entdecken, und ich kann mich auch nicht verburgen, ob er etwas oder viel fur Sie zu tun imstande ware, da ich ihm schon zur Last falle, da er Sie immer fur reich gehalten hat, und da es vielleicht der Fall ist, dass Sie seine Auftrage nicht auf die glucklichste Art ausgerichtet haben. Doch wie ich Ihnen sage, alles dies kann ich nicht beurteilen, und ich hoffe, dass er sich ganz zu Ihrem Besten erklaren wird, sobald ich ihn spreche.
Mich wundert nur, und es ist mir unbegreiflich, wie Sie so ganzlich unvorsichtig handeln konnten. Die Art Ihrer Verschwendung scheint Sie gar nicht belustigt zu haben, und dennoch konnten Sie diesem Hange nicht widerstehn. Sie verachten die Menschen, und dennoch haben Sie recht darnach gestrebt, sich von ihnen abhangig zu machen, weil Sie das Druckende der Abhangigkeit noch nie empfunden haben. Warum rissen Sie sich nicht aus Ihren langweiligen Zirkeln los und kamen fruher zuruck? Sie hatten mir, Ihrem Freunde, dadurch die Unannehmlichkeit erspart, Ihnen eine so dringende Bitte abschlagen zu mussen. Uberhaupt, um aufrichtig zu reden, wie konnte der verstandige Lovell in den Irrtum jener gemeinen Menschen verfallen, die morgen auf mein Eigentum Anspruch machen, weil ich gestern mit ihnen in Gesellschaft lustig gewesen bin. Das ist eben das Kennzeichen der rohern Menschen, die nicht eine Stunde vertraulich sein konnen, ohne auf den Gedanken zu kommen, zu borgen, sie setzen dadurch sich und den andern in eine fatale Situation. Die feinern Menschen werden immer suchen nebeneinander, statt einer durch den andern, zu leben; sie werden jeden andern Dienst eher als die Unterstutzung durch das Eigentum verlangen, denn auf jeden Fall muss der andre sich derangieren, er muss sich Bequemlichkeiten versagen, die ihm vielleicht zu Bedurfnissen geworden sind. Doch alles das, lieber Lovell, sagt ich nicht im Bezuge auf Sie, denn konnt ich Ihnen helfen, so wurde ich es sogleich, ohne weitere Einleitung, tun, denn es ist mir eben ein Beweis von der Grosse Ihrer Verlegenheit, dass Sie alle diese Vorstellungen beiseite gesetzt haben; aber um so mehr bedaure ich es auch, dass ich nicht imstande bin, Ihnen zu helfen. Leben Sie recht wohl indes, und suchen Sie bald zu uns zu kommen; ich will mit
Andrea Ihretwegen sprechen, sobald ich ihn finde.
23
William Lovell an Rosa
Paris.
Es ist gut, Rosa, alles was Sie mir da schreiben, und doch auch wieder nicht gut. Sie haben recht, und doch kann ich es nicht glauben; am Ende ist alles einerlei. Nur Vorwurfe hatten Sie mir nicht machen sollen. In der Gesellschaft muss man vergessen, dass man unter Menschen lebt; und ich will es auch vergessen. O der schonen, der teuren Freundschaft! Doch lassen Sie es gut sein, Rosa, ich will nicht weiter daran denken. Ich war ein Tor, auf Hulfe zu hoffen, das sehe ich jetzt sehr deutlich ein, vergessen Sie es auch, und rechnen Sie es zu meinen ubrigen Torheiten, die Sie so oft bemitleidet haben.
Und was will ich denn auch mehr? Lebe ich nicht hier noch ebenso, wie sonst? Was kann man mehr verlangen, als zu leben? Ich bin jetzt mit dem Elende der unglucklichsten Geschopfe vertraut, keine Menschenklasse ist mir nun mehr fremd; ich habe viel erfahren und gelernt. Ich wohne jetzt unter Bettlern und lebe in ihrer Gesellschaft, ich sehe es, wie sich die Menschheit im niedrigsten Auswurfe zeigt, wie schonsten Blute prangen: es zerreisst mir oft das Herz, wenn ich den Anblick des Jammers genau betrachte, wie sie von allen Bedurfnissen entblosst sind und ihre Sinnlichkeit sie beherrscht, wie sie gierig verschlingen, was sie zusammengebettelt haben, und ohne Tranen fur ihr eignes Elend sind; wie sie sich verleumden und gegenseitig verachten, wie es unter ihnen selbst Prahler und Verschwender gibt.
Neulich lag ich im Sonnenschein in der Ecke eines freien Platzes. Ein altes zerlumptes Weib kam und fuhrte ihren blinden Sohn an der Hand; sie setzten sich nicht weit von mir nieder. Mutter, fing der Blinde an, es brennt mir so auf den Augen, die Sonne scheint gewiss, wie du immer sagst. Ja, sagte die Mutter, liebes Kind, setze dich hier nieder und ruhe aus. Er hob langsam den Kopf in die Hohe, als wenn er den Himmel und seinen Sonnenschein suchen wollte.
Die Alte kramte nun jetzt ihre Beute aus. Brot mit Stucken rohen Fleisches, einige kleine Wurste, Kuchen, alles lag vermischt in einem schmutzigen leinenen Sacke; sie biss oft von den einzelnen Stucken mit grosser Gier etwas ab; dann gab sie dem Sohne einen Kuchen, und befahl ihm, hierzubleiben und ihre Ruckkehr abzuwarten.
Der Junge betastete den Kuchen mit allen Zeichen der Freude und des Wohlbehagens: er drehte den Kopf oft nach der Sonne, als wenn er sich gewaltig anstrengte, um endlich einmal zu sehn. Ein anderer Bettelbube schlich sich indessen naher, hob plotzlich den Kuchen von der Erde auf, und lief schnell davon. Der Blinde suchte nun seine Nahrung, auf die er sich gefreuet hatte, und fand sie nicht; schwermutig senkte er den Kopf nieder, und wie an alle Leiden gewohnt und auf alle mogliche Unglucksfalle vorbereitet, legte er sich hin und schlief ein. Sein Schlaf war wie ein Ausruhn in einer bessern Welt. Ich schlich mich davon, um nicht, wenn die Mutter zuruckkame, fur den Dieb angesehn zu werden.
Dies ist das Bild der Menschheit! Oh, wie ist meine Phantasie mit Schmutz und ekelhaften Bildern angefullt! Wie oft leid ich hier in der grossten Versammlung der Menschen heimlichen Hunger, und keiner weiss es und keiner fragt darnach. O Amalie, wenn Du es wusstest, gewiss, Du wurdest mir helfen. Doch nein, nein, auch Du gehorst den Menschen an; Du wurdest Dir eine Bequemlichkeit versagen mussen, die Dir vielleicht zum Bedurfnisse geworden ist. Ich wurde Dich nicht darum bitten, wenn ich Dich auch vor dem Lager meines Elends vorubergehen sahe. Es soll aber anders werden! Es muss sich andern! Es gibt keine Liebe und ich kann bei dieser keine Hulfe suchen; ich muss mir durch mich selber helfen. Ist es nicht schandlich, dass ich hier liege und in meiner Tragheit jede Gelegenheit vorbeischlupfen lasse? Es ist endlich Zeit, dass ich mich zusammenraffe. Sie werden mich nicht tadeln, Rosa, und Sie haben auch kein Recht dazu. Leben Sie wohl, bis Sie einen bessern Brief von mir erhalten.
24
William Lovell an Rosa
Chambery.
Es ist gelungen, Rosa, es ist gelungen, und ich bin wieder mutiger. Ich Tor! dass ich nun schon seit lange die Menschen kenne, und diese Kenntnis doch noch nicht benutzte! Nein, ich will nicht mehr ruhig neben ihnen, sondern durch sie leben; Sie haben unrecht, Rosa, offenbar unrecht, denn unser Verstand, die Notwendigkeit, alles fordert uns dazu auf. Sie haben mir mussen standhalten, das Gluck hat mir gehorchen mussen, und alles ist nun wieder gut.
Schon seit lange waren mir durch eine zufallige Bekanntschaft einige Spielerkniffe gelaufig geworden, die ich albern genug war, niemals anzuwenden. Ich Narr sass immer mit meinen ehrlichen Handen da, und hob tolpisch und unbeholfen die Karten ab, indes mein Geld und mit ihm die Achtung der Menschen, aller Lebensgenuss, jede Freude von meiner Seite schwanden. Wenn ich mir jetzt nicht als der grosste Dummkopf vorkomme, Rosa, so sollen Sie mich nie wieder Ihren Freund nennen: ich tat in meiner Einfalt mehr, als je die beruhmtesten Philosophen, zusamschlimmsten Situation meines Lebens, ich verschenkte mein Geld, wenn ich gewonnen hatte, und war die Grossmut selbst, ich ubte die grosste Selbstverleugnung aus, indem ich beim verdrusslichsten Verluste, der mich elend machte, kalt blieb, und ganz vergass, dass ich ein Betruger sein konnte. O der dummen, ungehirnten Ehrlichkeit! Nachher lag ich mit meiner Ehrlichkeit auf den Marktplatzen und bettelte, statt zu morden, ich flehte das Wohlwollen der Menschen an, statt ihnen ihr Eigentum mit Gewalt zu entreissen; o Himmel! es waren oft dieselben Menschen, die durch mich waren reich geworden und die nun so kalt und mit so vieler Verachtung an mir vorubergingen, als wenn ich der unbekannteste und verworfenste Gegenstand ware! Und doch hatten sie mich wahrscheinlich, ja gewiss, um mein Geld betrogen, und sie fuhren jetzt durch ihren Diebstahl in Kutschen, und ich lag mit meiner Ehrlichkeit am Wege und bettelte! Das emport jeden Menschen, und auch mein Blut ward endlich erhitzt. Ich schwur mir selbst, dass es anders werden sollte, und wahrhaftig, es ist nun auch anders geworden. Ich tat nichts weiter, als dass auch ich meinen Beitrag zum allgemeinen Betruge lieferte, dass ich die Kunste spielen liess, die in meiner Gewalt waren. Warum gab es Narren, die sich mit mir einliessen? Sie haben mir nur meine verlorne Zeit und die Niedertrachtigkeit ihrer Bruder bezahlt: jetzt ist nun alles wieder von allen Seiten richtig; ich bin sogar mit den Menschen auf eine gewisse Art wieder ausgesohnt, soviel man sich mit ihnen wieder aussohnen kann, wenn man sie einmal gekannt hat, und war es auch nur in dem kleinen Raume einer Stunde.
Ich spielte anfangs nur niedrig, und nach und nach hoher und immer hoher. Sie hatten sehn sollen, Rosa, wie alle die Menschen sich wieder um mich versammelten, und mir schmeichelten, und herzlich gegen mich waren, die mich noch vor wenigen Tagen auf der Strasse hatten liegen und hungern lassen. Ihrer aller Leben, aller Vermogen stand mir zu Gebote; man bewunderte die seltsame Laune des kuhnen Englanders, der sich so gut habe verstellen konnen, um sich auf einige Zeit mit dem Elende der menschlichen Natur recht bekannt zu machen. Ich hatte jedem ein Pistol vor den Kopf schiessen mogen, wenn ich nicht gehofft hatte, von ihnen zu gewinnen und mich so zu rachen. Es geschah; mein eignes schones Geld floss in meine Borse zuruck, und je reicher ich wurde, je mehr Freunde bekam ich wieder. Die ganze Welt mit allen ihren Freuden war mir nun wieder aufgeschlossen. O Gold! allmachtiges Gold! Ich will deinen Besitz kunftig nicht wieder so gutmutig fahrenlassen, ich habe dich nun erst kennen und schatzen gelernt, ich verehre deine Allmacht!
Ich mochte in manchen Stunden anfangen, meine eigne Geschichte und meine Empfindungen uber mich und die Menschen niederzuschreiben. Wenn ich mich so mancher Bucher erinnere, die ich ehedem gelesen habe, und in denen uns die tugendhaften Menschen so viele Langeweile machen, indes die Lasterhaften wie Vogelscheuchen dastehn, um die Leser scharenweise, wie Sperlinge, von der Bahn des Bosen zuruckzuschrecken und mir dann einfallt, dass irgendein eingebildeter Dummkopf sich hinsetzen konnte, um meine Geschichte, die er stuckweise durch die dritte oder vierte Hand erfahren hat, bedachtig aufzuschreiben: so mochte ich lachen, und selbst die Feder nehmen, nicht zu meiner Rechtfertigung, denn diese brauche ich nicht, sondern bloss um zu zeigen, wie ich bin und wie ich denke. Meilenweit stehn jene Armseligen, die in drei Buchern die Menschen studiert haben und die sie nun schildern wollen, von der Menschheit zuruck. Sie haben nichts erfahren und nichts geduldet, sie sind nur von den kleinlichsten Leidenschaften gestreift, kein Sturm ist an ihrem Herzen vorubergefahren, und voll Vertrauen setzen sie sich nieder und massen sich an, die Herzen der Menschen zu richten und ihre Gefuhle darzustellen. Wie jammerlich wurde ich mich in einem solchen Buche ausnehmen! Wie wurde der Verfasser unaufhorlich meine guten Anlagen bedauern und uber die Verderbtheit meiner Natur jammern, und gar nicht ahnden, dass alles ein und eben dasselbe ist, dass ich von je so war, wie ich bin, dass von je alles berechnet war, dass ich so sein musste.
Jetzt will und kann ich zu Ihnen zuruckkehren; ich bin schon auf dem Wege. Ich habe alles vergessen, Rosa, und Sie durfen mir ohne Scheu oder Zuruckhaltung naherkommen; ich hoffe, auch Sie haben alles das von mir vergessen, was mich in Ihrer Gesellschaft in Verlegenheit setzen konnte: fur vernunftige Menschen muss nie eine Verlegenheit entstehen konnen, denn das Hochste, was sie tun konnen, ist, dass sie gestehn, dass sie irgendeinmal Narren waren, und das versteht sich ja immer von selbst, und sie sind von neuem Narren, indem sie es gestehen, Also konnen wir beide daruber ganz ruhig sein. Grussen Sie vor allen Dingen Andrea; er wird doch nicht krank sein, da Sie ihn damals so lange nicht gesehn hatten? Leben Sie wohl, bald seh ich Sie wieder.
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Ralph Blackstone an Mortimer
Bondly.
Wie befinden Sie sich, lieber Freund, wenn ich Sie so nennen darf? Doch, warum sollte ich es nicht durfen? Sie sind ja mein bester und mein aufrichtiger Freund; ohne Ihre Hulfe ware ich ja damals schon mit meiner Tochter Todes verblichen. Ach, ich glaubte damals nicht, unter den Menschen noch Hulfe und Erbarmen anzutreffen, und da kamen Sie gerade und fanden mich durch einen glucklichen Zufall. Was ware aus mir geworden, wenn Sie mich nicht angetroffen hatten? Ich kann es immer noch nicht vergessen. Manche Menschen wissen gar nicht, was Elend heisst, sie konnen sich daher die grosse menschliche Not, aber auch die menschliche Dankbarkeit nicht vorstellen, und es ist ihnen nicht zu verargen, wenn sie glauben, es gabe gar keine dankbare Menschen. Es gibt auch viele undankbare Leute in der Welt, aber ich denke, dass ich nicht zu diesen gehore; nachher gibt es solche, die, wenn sie aus der Armut in einen gewissen Wohlstand versetzt sind, sich nachher ihrer ehemaligen Armut schamen, und wunschen, dass alle sen mochten, die sie ihnen in schlimmern Zeiten erwiesen haben, ja sie suchen sie sogar selbst zu vergessen, und daraus entsteht wieder eine andre Art von Undankbarkeit, die aus einer falschen Scham herruhrt; man kann nicht sagen, dass die Ursache ganz schlecht sei, aber der Erfolg davon wird oft recht niedertrachtig. Ich glaube, dass der Mensch auf recht verschiedenen Wegen schlimm werden kann, aber dafur hat der Mensch auch seinen Verstand, um sich vor solchen Abwegen zu huten. Nehmen Sie mir mein weitlauftiges Geschwatz nicht ubel, denn es kommt wirklich aus dem Herzen. Ich lebe hier sehr froh und vergnugt, wie ein Vogel in den Luften und in den grunen Baumzweigen. Ich suche, soviel es mir in meinem Alter noch moglich ist, meinem Schwiegersohne auf irgendeine Art nutzlich zu sein, ich fuhre daher eine fleissige Aufsicht uber den Garten, und mit meinen Augen bessert es sich taglich und zusehends, so dass ich diesem Geschafte mit Bequemlichkeit vorstehen kann. Mit dem Gartner, der ein etwas eigensinniger, aber sonst ganz guter Mann ist, habe ich manchen Streit, er bildet sich ein, einen gewissen guten Geschmack zu haben, und will mir den Garten immer viel zu kunstlich machen. Man muss aber bei einem Manne eine Schwache ubersehn, wenn er sonst gute und lobenswurdige Eigenschaften hat, und die kann man wirklich dem alten Thomas nicht so ganz und geradezu abstreiten: nur hat er ein Ungluck, welches vielen altern Leuten begegnet, dass er sich fur kluger halt, als er wirklich ist, er macht mir daher oft mit seinen langwierigen Gesprachen eine ziemliche Langeweile. Er wurde neulich sehr bose, als er manches, was er eingerichtet hatte, wieder einreissen musste, aber die Ordnung machte es notig. Die Jagd hatte mein Schwiegersohn und sein seliger Vater fast ganz eingehn lassen, aber ich denke sie noch mit Gottes Hulfe wieder in Flor zu bringen. Es ware sonst wirklich um das schone und herrliche Revier schade.
Meine Tochter ist immer munter und vergnugt, dabei ist sie ausserordentlich gesund, und liebt ihren Mann ungemein; und wie sollte es auch moglich sein, dass sie ihn nicht liebte? Jedes Kind muss ihm gut sein, und ich habe hier auch noch keinen Menschen getroffen, der ihn nicht leiden mochte; selbst die schlechten Menschen mogen ihn gern. Nur von einem gewissen Lovell habe ich hier unter der Hand manches gehort, der sein unversohnlicher Feind sein soll, dieser muss dann gewiss ein ausserst schlechter Mensch sein. Er ist aus Italien hiehergekommen, und hat hier die italienische Mode mit Vergiften einfuhren wollen, aber das geht in unserm England nicht so, wie er vielleicht gedacht hat, und darum hat er auch heimlich wieder abreisen mussen. Man sagt, er sei in der Fremde gestorben, und ein solcher Mensch verdient auch nicht, dass er lebt, denn er wendet sein Leben nur zum Schaden und zur Argernis seiner Nebenchristen an, und das ist auf keinen Fall recht und loblich. Ich habe diesen ganzen Brief meiner Tochter diktiert, weil sie schneller und fertiger schreibt, als ich. Leben Sie recht wohl und glucklich; ich nenne mich
Ihren aufrichtigen Freund Ralph Blackstone.
26
Betty an Amalie
Bondly.
Wie befinden Sie sich, teuerste Amalie? Wenn Sie ebensoviel an mich denken, wie ich an Sie, so denken Sie recht oft an mich; doch das darf ich nicht hoffen. Sie sind immer so gut und Ihre Briefe sind so gut, dass ich glaube, ich konnte auf Erden keine bessere Freundin finden. Nach Eduard liebe ich Sie und meinen alten lieben Vater am meisten, der zwar zuweilen etwas viel spricht, es aber doch immer herzlich gut meint. Manche Leute haben ihm daraus zuweilen einen Vorwurf gemacht, aber man lasse doch den alten Mann, wenn es ihm nur Vergnugen macht. Sehn Sie, in seinem Elende konnte er sich manchmal recht gut trosten, wenn er selbst lange Reden uber das Ungluck, oder uber seine Standhaftigkeit hielt; er sagte selbst, dass im Sprechen eine grosse Erleichterung stekke. Freilich wird mein Vater keinem andern Menschen so liebenswurdig vorkommen, wie ich ihn sehe, indessen wird ihn doch gewiss jeder fur einen guten und rechtschaffenen Mann halten, und das ist fur mich weit mehr, als die Liebenswurdigkeit. Mich freut es da er wieder Bedienten befehlen und ausreiten, und Anordnungen uber die Jagd treffen kann, und Eduard tut ihm alles Ersinnliche zu Gefallen.
Mir ist oft recht sonderbar zumute, wenn ich jetzt unter Eduards Buchern manche wiederfinde, die ich in meiner unglucklichen Lage las, und die mich oft trosteten; ich habe sie von neuem und mit einer unbeschreiblichen Sehnsucht durchgelesen, sie haben mich wieder geruhrt und ich halte sie in grossen Ehren. Von je hab ich unsern armen Otway recht innig bemitleidet, der so grossen Mangel litt, um den sich niemand kummerte, und aus dem doch so oft ein recht himmlischer Engel schreibt: wie konnten die Menschen so wenig fur ihn sorgen! Sie verdienen es gar nicht, dass sie ihn lesen durfen. Ich mochte alle jene Bucher wieder zuruckhaben, mit denen ich im truben Wetter so vertraut ward, die ich mit verweinten Augen und mit einem mattklopfenden Herzen las: ich kann mich in manchen Stunden so in jene Zeit zuruckfuhlen, dass ich noch jetzt uber manche Vorfalle von neuem weinen muss, und wenn ich dann meine Tranen auf den Wangen fuhle, so ist mir oft plotzlich, als ware alles noch ebenso, als waren alle bisherigen Freuden nur ein leichter Schlummer gewesen. Wenn man erst uber das Ungluck hinuber ist, so erinnert man sich seiner mit einer gewissen stillen und unbeschreiblichen Freude.
27
William Lovell an Rosa
Aus den piemontesischen Bergen.
"Ich bin wohl recht der Narr des Schicksals." Hierhin und dorthin werd ich gestossen; wie eine wunderbare Seltenheit gehe ich durch alle Hande. Ich weiss noch nicht, wie Sie diesen Brief erhalten werden, aber ich muss mich zerstreuen, ich muss mich beschaftigen, und darum schreibe ich Ihnen. Ich bin nun hier in einer ganz neuen Situation, ich kann nicht fort und mochte doch nicht gerne bleiben: doch, ich will Ihnen ruhig erzahlen, wie ich hiehergekommen bin.
Ich reisete mit meinem neuerworbenen Gelde von Chambery aus; mein Herz war ziemlich leicht, mein Gemut zuweilen heiter gestimmt, die ganze Welt kam mir vor wie eine grosse Rauberhohle, in der alles gemeinschaftliches Gut ist, und wo jedermann so viel an sich reisst, als er bekommen kann; kaum besitzt er es, so wird es ihm von neuem entrissen, um auch dem neuen Eroberer nicht zum Genusse zu dienen. Ich vergab Burton, ich vergab mir selbst, denn jedermann tut nur, was er vermoge seiner Bestimmung tun muss; wir sind von Natur eigennutzig, und durch diese Einrichgelustet, mit Gewalt oder mit Schlauheit zu bemachtigen suchen. Dies ist der Grundsatz der Politik im Grossen und Kleinen, es gibt keine andre Philosophie wie diese, und es kann keine andre geben, denn jedes System nahert sich dieser Klugheit mehr oder weniger, sie ist mehr oder weniger darin versteckt, alle Spitzfindigkeiten des Verstandes ruhen am Ende auf dem Egoismus. Warum sollen wir also nicht gleich lieber den einfachen Satz annehmen, vor dem jedermann zuruckzuschrecken affektiert, und an den doch jeder glaubt?
Ich bin seit kurzer Zeit mehr mit mir einig geworden, das heisst eigentlich, ich betrachte die Ideen kalter, die ich bis jetzt nur ahndete, und deren dunkles Vorgefuhl mich in eine Art von Erschutterung setzte. Ich habe jene Gutmutigkeit abgelegt, die mich vor andern oft so lacherlich und mich selbst so unruhig machte. Ich ertrug sonst die Affektation der Menschen mit einer unglaublichen Geduld. Stundenlang konnte ich einem zuhoren, der sich fur einen unglucklichen oder verfolgten Tugendhaften hielt, ohne eine Miene zu verziehen. Welche Unverschamtheit besitzen diese Menschen, alle ihre Lehrsatze, alle ihre niedrige Heuchelei einem Wesen vorzutragen, das vor ihnen steht und an dem sie doch einen Kopf gewahr werden! Kann man sie besser bestrafen, als wenn man ihnen zeigt, wie sehr man sie verachtet, wenn man sie dadurch bewegt, sich selbst auf eine Stunde zu verachten? Ich tat es jetzt, und ward in der ganzen Welt als ein Boshafter verschrieen: jene jammerlichen Wesen sprachen mir das menschliche Gefuhl ab, weil ich mit ihren klaglichen, zusammengeflickten Leiden nicht sympathisieren wollte. Bosheit ist nichts, als ein Wort; es gibt keine Bosheit; diesen Satz will ich gegen die ganze Welt verteidigen.
Aber ich wollte Ihnen ja meine Geschichte erzahlen. Von Chambery machte ich die Reise zu Pferde. Es war ein wunderbarer Weg, und ich verirrte mich, ich hatte die grosse Strasse ganz verlassen und befand mich nun auf Nebenwegen, die bald ausgingen, bald dahin zuruckzukehren schienen, woher ich kam. Ich fand nur einzelne Hutten, in denen ich einkehren konnte, und die Kohlenbrenner oder Holzhauer, die ich dort traf, wussten den Weg selber nicht, den ich suchte. An einem Morgen, als ich einen steilen Hugel hinaufritt, befiel mich eine seltsame Beklemmung so gewaltig, als wenn sie mein Herz zerdrucken wollte; alles um mich her war mir plotzlich so bekannt, keine dunkle, sondern eine ganz deutliche Erinnerung trat mir entgegen, dass ich an diesem Platze schon gewesen sei. Ein wuster Rauch lag auf den fernen Bergen, und eine grauenvolle Dammerung machte die tiefen Abgrunde noch furchtbarer. Mit gewaltigem Schrekken ergriff mich das Gefuhl der Einsamkeit, es war, als wenn mich die Gebirge umher mit entsetzlichen Tonen anredeten; ich ward scheu, als ich die grossen und wilden Wolkenmassen so frech am Himmel uber mir hangen sah. Ich hielt mein Pferd an, um uber meinen eigenen Zustand nachzusinnen: jetzt brach ein Sonnenstrahl herein und ich erkannte plotzlich mich und die Gegend. Es war dieselbe, Rosa, Sie werden sich ihrer noch erinnern, in der ich von Raubern angefallen wurde, als ich mit Ihnen zuerst nach Italien reiste: es war derselbe Ort, an welchem mich Ihre verkleidete Geliebte so tapfer verteidigte. Die Spitzen der fernen Bergen hoben sich wieder, wie damals, golden aus dem Nebel heraus, das tiefe Tal flimmerte in tausend bunten Sonnenstreifen: ein Wagen fuhr den grossen Weg muhsam den Berg herauf. Ich bildete mir ein, dass Sie mit Balder darin sassen, Willy vorne auf dem Bock: ich sah genauer hin und es war mir sogar, als konnte ich die Gesichtszuge des alten Willy erkennen. Ich folgte dem Wagen mit den Augen und konnte mich immer noch nicht von meinen Traumereien losreissen, als ein Schuss, der mein Pferd zu Boden streckte, mich aus meiner Betaubung aufriss. Vier Menschen sturzten aus dem Gebusche auf mich zu: alles war mir wie ein wiederholtes Possenspiel und ich sah mich kalt nach dem blonden Ferdinand um, dass er mir mit seinem Hirschfanger zu Hulfe eilen solle. Aber er kam nicht, er war nicht da, und ich gab mich ohne Gegenwehr gefangen; ich ubergab den Raubern selbst alles Geld, das ich bei mir hatte: sie schienen uber meine Kaltblutigkeit erstaunt. Man schleppte mich auf geheimen Wegen zu ihrer Wohnung. Ich wusste immer noch nichts von mir selbst, nicht aus Verzweiflung, sondern weil ich ungewiss war, ob ich schliefe, oder wachte; ich glaubte, ich durfte mir nur recht ernsthaft Muhe geben, aufzuwachen, und es wurde auch geschehen, das heisst, ich wurde sterben.
Als ich einige Stunden so zugebracht hatte, schlug mir ein ansehnlicher Mann vor, ein Mitglied ihrer Gesellschaft zu werden. Sie erraten es vielleicht, Rosa, dass ich ohne alles Bedenken diesen Vorschlag annahm. Dieser lacherlich wunderbare Umstand fehlte meinem Leben noch bis jetzt, er schloss sich so herrlich an alles Vorhergehende, er bestarkte mich so in meinem Traume, ich war so uberzeugt, dass ich hier sein musse und nicht anderswo sein konne, dass ich den Raubern, als sie mich kaum gefragt hatten, schon mein Jawort gab. Und sagen Sie selbst, was kann unser Leben anders sein, als ein leeres groteskes Traumbild? Wir halten es immer fur etwas so Ernsthaftes, und es ist eine plumpe, unzusammenhangende Farce, der nuchterne, verdorbene Abhub einer alten, bessern Existenz, eine Kinderkomodie ex tempore, eine schlechte Nachaffung eines eigentlichen Lebens.
Jetzt sitze ich nun hier in einer tiefen Einsamkeit, denn alle meine Gefahrten sind ausgegangen. Der Wind pfeift durch die gewundenen Felsen, die Zweige knarren laut, und die tote Stille wiederholt jeden Schall. Nichts als Felsen, Baume und ferne Gebirge sieht mein Auge, das Geschrei des Wildes tont durch die feierliche Ruhe. Einzelne Wolken ziehn schwer durch die Gebirge; der Sonnenschein geht und kommt wieder. Warum sitz ich nun hier und denke und schreibe an Sie? Was soll ich hier? Und doch kann ich nicht fort: die Rauber haben aus meinem Aussern geschlossen, ich konnte ein tuchtiges Mitglied ihrer Bande werden, und darum wollen sie mich behalten. Aus einem verdorbenen Menschen wird vielleicht noch ein ganz guter Rauber. Zum Menschen bin ich verdorben, das heisst, dass ich fur einen Menschen jetzt viel zu gut bin: man muss seinen Verstand und seine Gefuhle nur bis auf einen gewissen Punkt aufklaren, tausend Dinge muss man blindlings und auf gut Gluck annehmen, um ein Mensch zu bleiben. Leben Sie wohl, ich will in diesem Briefe bei Gelegenheit fortfahren, ob ich gleich noch nicht einsehe, auf welche Art Sie ihn bekommen sollen. Es ist Nacht, und ich muss jetzt schreiben, weil ich meine Gesellschafter nicht gerne diesen Brief sehen lassen mochte. Ich habe eigentlich nichts zu schreiben, aber ich bin nicht ruhig genug, um einzuschlafen. Es liegen einige erbeutete franzosische Tragodien da, die mich aber anekeln: ich argre mich, dass ich nichts von Shakespeare hier habe, der mein Gefuhl vielleicht noch mehr emporte, um es zu beruhigen.
Ich komme mir hier in der dunkeln einsamen Hutte wie ein vertriebener Weiser vor, der die Welt und ihre Albernheiten verlassen hat. Wenn ich mir einen solchen Eremiten recht lebendig vorstelle, so wird mir gleich recht verstandig zumute. Balder sollte jetzt mit mir diese Wuste bewohnen, ich wurde jetzt recht leicht mit ihm sympathisieren.
Ich mochte scherzen, um die Schauer von mir zu entfernen, die mich umgeben. Der Wind rauscht einsam uber die Walder daher, und die Sterne stehn wehmutig uber Baumen und Felsen: Mondschein schimmert heruber und dichte Schatten fallen von den Bergen herunter. Ich strecke in Gedanken die Hand aus, um der Hand eines Freundes zu begegnen, vorzuglich sehn ich mich nach dem alten ehrlichen Willy: ich bilde mir ein, er sitzt neben mir und ich fuhre ein tiefsinniges Gesprach mit ihm. Es ist, als wollten wohlbekannte Stimmen aus der Wand herausreden, und ich entsetze mich vor jedem Schalle. Wirft das Licht nicht seltsame Schatten gegen die Mauer? Wer kann wissen, was ein Schatten ist und was er zu bedeuten hat? Schlafrige Nachtschmetterlinge sind zum offnen Fenster hereingeschlupft, und wust und trage summen sie jetzt durch das Gemach: in immer engeren Kreisen treiben sie sich um die Flamme des Lichtes, um sich zu versengen und zu sterben. Ein Zweig des Baumes klatscht gegen mein Fenster, er fahrt auf und nieder und verdeckt mir bald die Sterne, bald zeigt er sie mir im blaulicht grunen Luftraume. Ich weiss nicht, warum mich alles erschreckt, warum der Himmel mit seinen Sternen so wehmutig uber mir steht. In der Einsamkeit liegt eine Bangigkeit, die unsre ganze Seele zusammenzieht; wir entsetzen uns vor der grossen, ungeheuren Natur, wenn kein Sonnenschein die grosse Szene beleuchtet und unsern Blick und unsre Aufmerksamkeit auf die einzelnen Partien richtet, sondern die Finsternis alles zu einem unubersehlichen Chaos vereinigt. Dann gehen wir vollig im wilden, ungeheuern Meere unter, wo Wogen sich auf Wogen walzen und alles gestaltlos und ohne Regel durcheinanderflutet. Nirgends kann man sich festhalten; unsre Welt sieht dann aus wie eine ehemalige Erde, die soeben in der Zertrummerung begriffen ist und wir werden unbemerkt mit verschlungen.
Ich wunsche in Rom zu sein und Andrea zu sehn und zu sprechen. Das Leben hier missfallt mir seiner Einformigkeit wegen, mein Geist muss jetzt einen andern Schwung nehmen, oder ich gebe mich selbst verloren. Eine grossere Seele muss mich jetzt beschutzen, oder ein Elend, wie es vielleicht noch keinem Menschen zuteil ward, ist mein Los.
Wer ist das, der unter unsern Wipfeln hinweggeht? so scheinen mir die Baume nachzurufen: jede Wolke und jeder Berg macht eine drohende Gebarde ach, und die Menschen um mich her! sie demutigen mich am meisten. Auf eine betrubte Art sind sie sich selbst genug, ihre Tragheit und einen jammerlichen Leichtsinn halten sie fur Starke der Seele; sie bemerken die Leere in ihrem Geiste nicht, die Anlage im Verstande, die ohne die mindeste Vollendung liegenblieb. Sie sind nichts als redende Bilder, die den Menschen und mich verachten, weil sie sich selbst nicht achten konnen.
Sie sprechen oft viel von einem Rudolpho und Pietro, die sich immer durch ihre Bravheit ausgezeichnet hatten, und die bei einem Uberfalle umgekommen waren. Sie wissen es nicht, Rosa, dass sie durch mich und durch Ihren Ferdinand umkamen; sie wurden mich sogleich ermorden; wenn ich es ihnen entdeckte. Ich habe ihre Leichensteine besuchen mussen, die ihnen die ganze Gesellschaft gesetzt hat; sie dienen diesen Menschen zur Kirche.
Warum konnt ich nicht nachstens Rosalinen, oder meinen Vater wiederfinden? In dieser seltsamen Welt ist nichts unmoglich.
Der Morgen bricht an, der Mondschein wird bleicher, ich will mich niederlegen, um noch einige Stunden zu schlafen. Jetzt habe ich vor dem Schaudern Ruhe: die Gespensterzeit ist voruber. Sie lachen vielleicht, Rosa leben Sie wohl.
Ich durchsuche heute meine Brieftasche und finde noch ein altes, uraltes Blatt darin; es ist ein Gedicht, das ich einst auf Amaliens Geburtstag machte. Das Papier ist schon gelb und abgerieben, die Worte kaum noch zu lesen: darin lag ihre Silhouette, die ich im Garten in Bondly an einem schonen Nachmittage schnitt. Mein ganzes Herz hat sich bei diesen Entdekkungen umgewandt. Alles Ehemalige, Langstverflossene und Langstvergessene kommt mir zuruck, ich sehe sie vor mir stehn, ich hore die Baume im Garten von Bondly rauschen, die ganze Landschaft zaubert sich vor meine Augen hin. Ich will Ihnen die Phantasie hiehersetzen, die mich so innig geruhrt hat.
Erster Genius
Wo find ich wohl den Bruder?
Schwarmt er im Regenbogen?
Schwebt er auf jener Wolke?
Bald mussen wir uns finden,
Die Sonne sinkt schon unter.
Zweiter Genius
Hier bring ich Tau von Blumen,
Den Duft von jungen Rosen,
Und aus der Abendrote
Die kleinen goldnen Punkte;
Nun lass uns furder eilen
Und holden Abendschimmer
Ihr auf die Wangen streuen,
Den Mund ihr roter farben,
Mit lichter Atherblaue
Die sanften Augen tranken,
Und in die blonden Locken
Die goldnen Lichter streuen,
Die wir vom Regenbogen,
Vom Abendschein erbeutet.
Beide
Wir schweben auf Blumen,
Wir tanzen auf Wolken
Voruber dem Mond.
Es leuchten uns freundlich
Zum nachtlichen Tanze
Die Stern' und der Mond.
Dann sammeln wir Blumen,
Dann suchen wir Krauter,
Von uns nur gekannt,
Und kehren zum Schutze
Der glucklichsten Menschen
Vom Wandern zuruck.
Der Dichter
Schutzende Genien, wenn ihr zu ihr flieget
Und die Schonste mit neuer Schonheit schmucket,
O so hort noch, horet die fromme Bitte:
Nehmet die Seufzer, nehmt die schonsten Tranen,
Tragt das treueste Herz als Gabe zu ihr,
Dann ach! wird sie meiner gewiss gedenken!
Diese Verse sind schlecht und die ganze Idee ist gesucht, aber ich schrieb es damals mit der warmsten Empfindung nieder; meine Spannung erlaubte mir es nicht, mich in die Schranken einer naturlichen und einfachen Empfindung zu halten. Jedes Wort dieses Gedichts bringt mir tausend susse und schmerzliche Erinnerungen zuruck, die Vergangenheit zieht mir schadenfroh durch das Herz, noch schoner vielleicht, als sie damals war.
Seid mir gegrusst, ihr frohen goldnen Jahre,
Sosehr ihr auch mein Herz mit Wehmut fullt!
Ach! damals! damals! immer strebt mein Geist
zuruck
In jenes schone Land, das einst die Heimat war.
Das goldne, tiefgesenkte Abendrot,
Des Mondes zarter Schimmer, der Gesang
Der Nachtigallen, jede Schonheit gab
Mir freundlich stillen Gruss, es labte sich
Mein Geist an allen wechselnden Gestalten
Und sah im Spiegel frischer Phantasie
Die Schonheit schoner: Willig fand die Anmut
Zum Ungeheuren sich, und alles band sich stets
In reine Harmonie zusammen. Doch
Entschwunden ist die Zeit, das ehrne Alter
Des Mannes trat in alle seine Rechte.
Mich kennt kein zartes, kindliches Gefuhl,
Zerrissen alle Harmonie, das Chaos
Verwirrter Zweifel streckt sich vor mir aus.
Von jaher Felsenspitze schau ich schwindelnd
In schwarze, wuste, wildzerrissne Klufte.
Ein wilder Reigen dreht sich grasslich unten,
Ein freches Hohngelachter schallt herauf,
Und bleiche Fackeln zittern hin und her.
Damonen, furchterliche Larven feiern
Mit raschem Schwung ein nachtlich Lustgelage.
Wer ist der schwarze Riese unter ihnen?
Er nennt sich Tod und streckt den bleichen Arm
Nach mir herauf! Hinweg du Grasslicher!
Was ruhrt sich in den Baumen? Ist's mein Vater?
Er will zu mir! er kommt mit Rosalinen
Und langsam geht Pietro hinter ihm,
Auch Willys Kopf streckt sich aus feuchtem
Grabe!
Hinweg! ich kenn euch nicht! zur Holl
hinab!!
Doch laut und immer lauter rauscht die Waldung,
Es braust das Meer und schilt mit allen Wogen
Und in mir klopft ein angstlich feiges Herz.
Ihr alle richtet mich? verdammt mich alle?
Du selbst bist gegen dich? O Tor, lass ja
Den Geist in dir, den frechen Damon nie
Gebandigt werden! Lass das Schicksal zurnen,
Lass Lieb und Freundschaft zu Verratern werden,
Lass alles treulos von dir fallen: ha! was kummern
Dich Luftgestalten? sei dir selbst genug!
Was meinen Sie? Wenn ich uber mich selbst ein Trauerspiel machte, musste sich da diese Tirade nicht am Schlusse des vierten Akts ganz gut ausnehmen? Die Rauber verachten mich von Herzen, weil sie sehen, dass ich zu ihrem Gewerbe ganz unbrauchbar bin. Sie gehen aus und lassen mich meistenteils zuruck, um die Wohnungen zu bewachen. Einer von ihnen ist erschossen. Ich bin zuweilen der Zeuge der niederschlagendsten Szenen, ich mochte mir oft selber entfliehen. Ich bin wieder allein und schwarze Gewitterwolken bedecken den ganzen Horizont. Wie wuste und verlassen ist alles um mich her! Der Blitz zuckt durch den schwarzen Wolkenvorhang und ein Donnerschlag lauft krachend durch die Geburge. Ein wildes Gebrause von Regen und Hagel sturzt herab, alle Baume wanken bis in ihre Wurzeln
Ich erinnere mich meines Aufenthaltes in Paris. Wie ist es moglich, dass manche Menschen, die ich dort kannte, noch den Wunsch nach dem Leben haben konnen? Von allem, was das Leben teuer und angenehm macht, waren sie entblosst, sie mussten sich unter Schimpf und Verfolgung von einem Tage zum andern hinuberbetteln, sie wurden von Not und Mangel erdruckt, und dennoch sahen sie dem naherschreitenden Tode mit einer bleichen Wange entgegen. Ich kann es nicht begreifen und wurde es in einer Erzahlung nicht glauben. Nein, ich muss mir vor mir selber endlich Ruhe schaffen. Soll mir alles nur drauen und kein Wesen liebevoll die Hand nach mir ausstrecken? Ist fur mich der Name Freundschaft und Wohlwollen tot? Und wenn der Himmel noch lauter zurnte, so will ich mich dennoch nicht entsetzen. In einer noch hohern Wildheit, im sturmendsten Wahnsinne will ich einen Zufluchtsort suchen und mich dort gegen alles verschanzen! Ich will so lange trinken, bis mir Sinne, Atem und Bewusstsein entgehn, und so als ein taumelnder Schatten zum Orkus wandern, damit mir dort alles noch seltsamer und unbegreiflicher erscheine.
Hoch mocht ich mit den Sturmen durch des Himmels Wolbung fahren, mich in das schaumende Meer werfen und gegen die donnernden Wogen kampfen, mit den Abgrunden, mit den tiefen, undurchdringlichen Schachten der Erde will ich mich vertraut machen, und endlich, endlich irgendwo die Ruhe entdekken.
Und warum will ich ruhig sein? Warum dies lacherliche Streben nach einer Empfindung, die an sich nichts ist? die nur aus einer Abwesenheit von Gefuhlen entsteht? Nein, ich will anfangen, in den Folterschmerzen, im Kampfe des Gewissens meine Freuden zu finden! Alle Verbrecher, alle Bosewichter sollen leben! Der Tugend, der Gottheit zum Trotz sollen sie sich nicht elend fuhlen! ich will es so, und ich hab es mir selber zugeschworen.
Mit meinen jammerlichen Gesellen ist nichts anzufangen, sie trinken und spielen nicht. Raub und Mord und Mord und Raub ist ihr einziges Beginnen, und wenn sie spielen, ist man in Gefahr, von ihnen umgebracht zu werden.
Wie mir der Kopf, wie mir alle Sinne schwindeln. Es gibt nichts Hoheres im Menschen, als den Zustand der Bewusstlosigkeit; dann ist er glucklich, dann kann er sagen, er sei zufrieden. Und so wird er im Tode sein. Dumpfe Nacht liegt dann uber mir, kein Stern leuchtet zu mir in den finstern Abgrund hinein, kein Schall aus der Oberwelt findet den Weg dahin, unaufloslich an ganzliche Vergessenheit gebunden, lieg ich dann da und bin nicht mehr ich selbst, ich kenne mich nicht mehr und die Steine umher sind meine Bruder nun, warum sollt ich mich denn also vor dem Tode furchten? Er ist nichts, er hebt die Furcht auf, er ist die letzte Spitze, in der alle menschliche Gefuhle und Besorgnisse zusammenlaufen und in nichts zerschmelzen.
Wohl mir, wenn der Tod erst mein Gehirn und Herz zertreten hat, wenn Steine uber mir liegen und Gewurme von meinem Leichname zehren!
Der Mensch ist nichts als ein alberner Possenreisser, der den Kopf hervorsteckt, um Fratzen zu ziehn, dann druckt er sich wieder zuruck in eine schwarze Offnung der Erde, und man hort nichts weiter von ihm.
Mein Blut lauft schmerzhaft schnell durch meine Adern. Aber es wird einst stillestehn, kein Wein wird es dann schneller herumtreiben und nach dem Gehirne jagen, es wird stehn und verwesen.
Wo die Menschen bleiben! Wenigstens mag ich noch jetzt nicht allein sein, dazu habe ich im Tode noch Zeit genug.
Reisen Sie ja nicht hieher, Rosa, glauben Sie mir, wir wurden Sie ohne alle Barmherzigkeit rechtschaffen plundern, denn hier gilt keine Freundschaft, keine Ausnahme der Person. Ja, wir schonen nicht einmal andrer Diebe, so strenge halten wir auf Gerechtigkeit.
O Freund, was kann der Mensch denken und niederschreiben, wenn er ohne Besinnung ist! Jetzt, da ich nuchtern bin, schame ich mich vor mir selber, ich wache in mir selbst auf, und alles wird zunichte, was schon in sich selbst so nichtig war. Seit ich hier bin, ist mein Herz mehr zerrissen als je, ich habe mich nie vorher mit diesen Augen betrachtet. In der dustern Einsamkeit reissen sich alle Sophismen, alle Truggestalten mit Gewalt von mir los, ich fuhle mich von allen jenen Kraften verlassen, die mir sonst so willig zu Gebote standen. Eine schreckliche Nuchternheit befallt mich, wenn ich an mich selbst denke, ich fuhle meine ganze Nichtswurdigkeit, wie jetzt nichts in mir zusammenhangt, wie ich so gar nichts bin, nichts, wenn ich aufrichtig mit mir verfahre. O es ist schrecklich, Rosa! sich selbst in seinem Innern nicht beherbergen zu konnen, leer an jenen Stellen, auf denen man sonst mit vorzuglicher Liebe verweilte, alles wust durcheinandergeworfen, was ich sonst nach einer schonen und zwanglosen Regel dachte und empfand: von den niedrigsten Leidenschaften hingerissen, die ich verachte und die mich dennoch auf ewig zu ihrem Sklaven gemacht haben. Ohne Genuss umhergetrieben, rastlos von diesem Gegenstand zu jenem geworfen, in einer unaufhorlichen Spannung, stets ohne Befriedigung, lustern mit einer verdorbenen, in sich selbst verwesten Phantasie, ohne frische Lebenskraft, von einem zerstorten Korper zu einer druckenden Melancholie gezwungen, die mir unaufhorlich die grosse Rechnung meiner Sunden vorhalt: nein, Rosa, ich kann mich selber nicht mehr ertragen. Ware Andrea nicht, so wurde ich wunschen, ewig ein Kind geblieben zu sein, der Dummste zu sein, den Sie nicht eines Wortes, nicht Ihres Anblicks wurdigen, ach, ich ware zufrieden auch mit Ihrer Verachtung, ich wurde von keiner andern Heimat wissen und mich in der dunkeln, beschrankten Hutte glucklich fuhlen. Aber ich weiss, dass noch nicht alles verloren ist, die grossere und bessere Halfte meines Lebens ist noch zuruck. Andrea hat den Schlussel zu meiner Existenz, und er wird mir wieder ein freieres Dasein aufschliessen: er wird mich in eine hohere Welt hinuberziehn und ich werde dann die Harmonie in meinem Innern wieder antreffen. So muss es sein, oder es gibt fur mich keinen Trost auf dieser weiten Erde, keinen Trost im Grabe, vielleicht keinen Trost in einer Unsterblichkeit. Glauben Sie nicht, Rosa, dass ich in einer truben Laune ubertreibe, dass ich mich mit Beschuldigungen uberlade, um mir nur die Entschuldigung wieder desto leichter zu machen: nein, ich habe dies in allen Stimmungen empfunden, selbst im Wahnsinne der Trunkenheit schwebte diese Uberzeugung furchterlich deutlich vor meinen Augen, nur habe ich sie mir selber abgeleugnet; ich kann jetzt mit diesen Lugen nicht weiterkommen, ein unbestechlicher, unsichtbarer Genius verdammt mich von innen heraus, und was mich am meisten zu Boden wirft, ist, dass ich mir nicht als ein Ungeheuer, sondern als ein verachtlicher, gemeiner Mensch erscheine. Ware das erstere der Fall, so lage in der Vorstellung selbst ein Stolz und also auch ein Trost. Oh, Sie glauben es nicht, wie abgeschmackt ich mir vorkomme, wenn ich irgendeinen Schluss machen, oder etwas Gescheites sagen will; alles erscheint mir dann so ohne Zusammenhang mit mir selber, so aus der Luft gerissen, so im Widerspruche mit dem jammerlichen Lovell, dass ich wie ein Schulknabe erroten mochte.
Sie sehn, Rosa, ich muss zuruck und Andrea muss mich von mir selbst erlosen.
28
Ralph Blackstone an Mortimer
Bondly.
Es geht alles glucklich und uber die Massen wohl mit den Verbesserungen: ich halte es fur meine Schuldigkeit, Ihnen einige summarische Nachrichten davon zu geben, weil Sie sich fur den hiesigen Garten vorzuglich interessierten. Die alten Linden, die vertrocknet waren, sind abgehauen und ausgegraben, es fand sich der Name Ihrer Gemahlin in der einen, neben ihr stand Lovell eingeschnitten; man hat junge Birken dort gesetzt; der Teich ist ausgetrocknet, weil der Garten doch an Wasser Uberfluss hat: einiges Nadelholz am Abhange des Berges ist fortgeschafft, weil es oben die schone, herrliche Aussicht einschrankte. Manche kleine Verbesserungen werden Sie noch antreffen, wenn Sie sich wieder selbst einmal herbemuhen wollen; der Garten kann sich nun bald vor jedem Kenner sehen lassen; manches freilich konnte besser sein, aber man muss nicht alles in der Welt auf die beste Art haben wollen, sonst bleibt es am Ende ganz schlecht. An mir liegt freilich nicht die Schuld, sondern immer nur an dem Gartner Thomas, von dem ich ihm hatte; ein Mensch, der seinen wahren und echten Geschmack gar nicht ausgebildet hat, und der nun doch immer in allen Sachen recht haben will. Nun ist das eine sehr grosse und fast unausstehliche Pratension, selbst von einem sehr gescheiten Menschen, und nun vollends von einem Manne, der nicht drei vernunftige Garten zeit seines ganzen Lebens gesehn hat. Aber es ist ein schlimmer Umstand bei diesem Manne, er wird sehr gekrankt, wenn man ihm zu sehr widerspricht, oder ganz gegen seinen Willen handelt, er hat eine Art von empfindsamem Eigensinn, den man gar nicht brechen kann, ohne ihm selber das Herz zu brechen. Er war neulich heftig geruhrt, als ich ein Blumenbeet angebracht hatte, von dem er nichts wusste. Er hielt mir das Unrecht, das ich ihm, als einem so alten Manne, tue, dass ich seinen Respekt bei den Gartenknechten vermindre, recht beweglich vor, und ich alter Narr liess mich ubertolpeln und wurde ordentlich mit geruhrt. Seit der Zeit sind wir nun sehr gute Freunde, ich tue ihm sehr vieles zu Gefallen und er tut mir auch dagegen manches zu Gefallen: ich habe es mir uberlegt, dass ich lieber den Garten und den guten Geschmack, als einen lebendigen Menschen etwas kranken will, und darum sehe ich jetzt durch die Finger, und lasse manchmal funfe gerade sein.
Von der Jagd sind Sie ebensowenig, wie mein Schwiegersohn, ein grosser Liebhaber, und darum will ich Ihnen von ihren Fortschritten lieber nichts erzahlen. Mein Schwiegersohn ist willens, das benachbarte Gut Waterhall zu kaufen, und ich glaube, dass er vernunftig daran tut, denn es ist zu einem sehr billigen Preise zu haben. Ich empfehle mich Ihrer fernern Gewogenheit und nenne mich
Ihren ergebensten Freund Ralph Blackstone.
29
William Lovell an Rosa
Nizza.
Wohin soll ich mich wenden? Ein entsetzlicher Schreck hat mich bis hieher gejagt, und nun weiss ich nicht, ob ich hierbleiben, ob ich ruckwarts oder vorwarts gehen soll.
Die Rauber waren endlich meines mussigen Lebens uberdrussig, sie forderten, dass auch ich ein nutzliches Mitglied der Gesellschaft werden sollte. Man gab mir ein Pferd, und ich musste an einem Morgen mit zwei andern ausreiten.
Wir lagen noch nicht lange am Wege, als ein Reiter in grosser Eile vorubertrabte; wir lenkten auf einen verborgenen Fusssteg ein, so dass wir ihm entgegenkamen. Er schien uns nicht zu furchten, denn er suchte nicht auszuweichen, wir stiessen aufeinander und o Himmel! nie werd ich diesen Augenblick vergessen Karl Wilmonts Gesicht stand vor mir, bleich und entstellt. Kaum erkannte er mich, als in seinen Augen ein hoheres Feuer aufloderte. Ich sah es, wie er nach meinem Blute lechzte, er sprach den Namen Emilie aus und sturzte wie ein wildes Tier auf mich ein. Ich unwiderstehlich zu entfliehn; ich horte ihn hinter mir, indem er grassliche Fluche ausstiess: mein Haar stand empor, das Pferd lief mir immer noch nicht schnell genug, eine unbeschreibliche Angst drangte mich vorwarts. Meine beiden Gefahrten waren weit zuruck, und als ich mich nachher noch einmal umsah, war auch Wilmont verschwunden. Wo ist er geblieben? Soll ich nun nach Rom kommen, soll ich nach Frankreich zuruckkehren? Wo bin ich vor diesem Verzweifelten sicher? Aller Mut, der mir sonst zu Gebote steht, verlasst mich, wenn ich an ihn denke. Er kommt, um mich zu suchen; und wenn er mich findet? Wie vermag ich's, ihm standzuhalten?
30
Karl Wilmont an Mortimer
Pisa.
Ich hatte ihn, bei meiner Seele, ich hatte ihn schon! Aber er ist mir wieder entkommen, der schandliche Bosewicht. Von Raubern ward ich in den piemontesischen Alpen angefallen, und denke Dir, Mortimer, er war unter ihnen. Ich erkannte ihn sogleich, und er erkannte mich und flohe. Mein lahmer Gaul kam nicht nach. Schon gegen mir uber, dass ich ihn erreichen konnte, hatt ich ihn gehabt. Mein Pferd sturzte an einem hervorragenden Stein und brach den Schenkel, ich lag eine Weile ohne Besinnung; als ich wieder zu mir selbst kam, sah ich ihn nirgend. Aber ich muss ihn finden! Wusst ich nur, wohin ich mich wenden sollte! In welchen Schlupfwinkel hat sich der Elende jetzt vor meiner Wut verkrochen? Aber daruber bin ich unbesorgt; endlich muss ich ihn treffen, Emiliens Geist wird meine ungewissen Schritte leiten: fand ich ihn doch da, wo ich ihn am wenigsten vermutet hatte.
Zehntes Buch
1
Mortimer an Eduard Burton
Roger Place.
In einigen Wochen komme ich zu Ihnen, und dann will ich mit eigenen Augen die Verwandlungen in Bondly betrachten, die ich bis jetzt nur aus Beschreibungen kenne. Ihr Schwiegervater hat mir in mehreren Briefen davon geschrieben, und alles hat meine Neugierde ausserst rege gemacht. Durch gewisse Torheiten kann mich ein Mensch sehr zu seinem Vorteile einnehmen. Ich mag die Eitelkeit nicht so grimmig anfeinden, die den Menschen oft aufrecht halt, wenn ihn alles ubrige verlasst; sie ist eine gutmutige Torheit, die ihn uber alle seine ubrigen Torheiten trostet, sie ist der Wundarzt in der Welt des Menschen, und der Mensch leidet gewiss am meisten, wenn dieser sein Chirurgus krank darniederliegt; wenn ihn die Eitelkeit verlasst, oder er seine Eitelkeit verachtet, so durchlebt er die unglucklichsten Stunden seiner Existenz. Wenn sich nun ein Mann irgendein Spielzeug aussucht und sehr ernsthaft damit umgeht, soll man ihn denn deswegen tadeln? Im Grunde sind uberhaupt die Menschen gut, man sollte sich nicht anmassen, uber die chen, denn indem mir die eine Torheit anklebt, muss ich notwendig eine andre falsch beurteilen, und durch Torheit sind doch Menschen den Menschen verwandt, man sollte daher nicht immer selbst so viel von den Familienfehlern sprechen.
2
Thomas an den Herrn Ralph Blackstone
Waterhall.
Wohlgeborner Herr! Ich habe die Ehre Ihnen zu melden, dass ich mit den Einrichtungen des hiesigen Gartens, so zu sagen, uber Hals und Kopf beschaftigt bin. Es bringt mir viele Muhe, aber ich denke immer, es soll mir auch einige Ehre bringen, und damit gebe ich mich denn uber die Muhe zufrieden. Dieselben werden wissen, dass wir in dieser Welt fast gar nichts ohne Muhe haben, und obgleich die gemeinen Leute immer zu behaupten pflegen, umsonst sei der Tod, so mussen sich doch die meisten ganz ausserordentlich bemuhen, ja fast qualen, ehe sie nur ans eigentliche Sterben kommen; ich meine namlich die letzten Zuge, in denen man immer zu liegen pflegt; mit dem letzten Atemholen mussen wir das bequeme Luftholen fur unser ganzes Leben bezahlen.
Der Garten hier ist in einige Unordnung geraten; ich muss Ew. Wohlgeboren die Ehre haben zu versichern, dass ich hier sonst schon einmal Gartner gewesen bin und noch jeden Busch und jeden Steg kenne; aber damals hatte ich keine freie Hand, denn die gnageben soll, nicht sehr viel Geschmack, es war ihr nur darum zu tun, dass der Garten grun sei, und damit war dann alles gut und fertig. Dieselben aber werden wohl einsehn, dass das noch lange keinen Garten ausmacht, und wir beide wissen es am besten, was wir in Bondly fur Arbeit gehabt haben, und gewiss noch haben werden. Seit unsere Eltern aus dem Paradiese getrieben sind und auf die Erde ein Fluch gelegt wurde, hangt sie ganz ausserordentlich nach dem Verwildern hin; nun muss der Mensch immer dagegen streiten und arbeiten, um nur alles in der gehorigen Ordnung zu halten; und so sind die Garten entstanden. Die Gartenkunst ist gewiss eine grosse Kunst, und ich hore, dass man jetzt auch ordentliche gedruckte Bucher daruber hat, und das verdient sie auch ganz ohne Zweifel. Ew. Gnaden schatzen auch die Kunst nach ihren Wurden und lassen sich sogar selbst mit der Arbeit ein, das muntert denn unsereinen auf, alle seine Krafte daran zu wagen. Ich wunschte nur, ich ware erst hier mit allem fertig, um nach unserm Bondly zuruckkommen zu konnen. Ich empfehle mich Ihrer fernern gnadigen Freundschaft und habe die Ehre mich zu nennen
Ew. Wohlgeboren ergebenster Freund und Diener
Thomas.
3
Bianca an Laura
Es wird mit jedem Tage schlimmer, liebe Laura; es will mir nichts mehr einen rechten Zeitvertreib machen, sondern alles kommt mir ganz gemein und verachtlich vor. Ist es nicht genug, dass ich krank bin? Muss mir auch das noch zustossen? Und kein Mensch bekummert sich um mich, ich bin mir selber ganz uberlassen; war es ein Wunder, wenn ich jetzt melancholisch wurde? Sie besuchen mich auch fast gar nicht; ist Ihre Freundschaft nur fur die frohen und gesunden Tage? Ach, wenn sie mich erst werden begraben haben, werden Sie es gewiss bereuen, und dann ist es zu spat; bedenken Sie das, liebe Laura. Sie sind freilich jetzt gesund und noch ziemlich jung, aber die Zeit wird auch vorubergehn, und dann werden Sie sich ebenso wie ich nach einer Freundin umsehn. Glauben Sie mir, liebes Kind, die Einsamkeit ist unsereinem furchterlich, man erinnert sich an tausend Sachen, die man schon langst vergessen zu haben glaubte. Genau genommen, Laura, haben wir nicht recht gelebt; doch, das steht nun nicht mehr zu andern.
4
Laura an Bianca
Wie ich es gleich befurchtete, liebste Freundin, Sie sind viel zu angstlich, das verdirbt jedermann die Laune, der Sie besucht, und ich muss Ihnen aufrichtig gestehn, dass man Sie eben darum ungern besucht, denn die menschliche Natur hat einen Widerwillen gegen alle Traurigkeit und Finsternis; alles in der Welt kommt einem dann gleich so klein und unbedeutend vor, und auf diese Art nutzt sich am Ende das Leben so wie ein Kleid ab. Sie nehmen auch alles gar zu genau, liebe Bianca; wer wollte es im Leben genau nehmen? Sind nicht Priester und Pralaten bei uns gewesen und haben sich mit uns gefreut? Auf sie fallt grossere Schuld, als auf uns selbst, denn sie haben uns in unserm Lebenswandel bestarkt. Beichten Sie, liebste Freundin, und sein Sie dann ausser Sorgen; gegen alles ist Hulfe, nur nicht gegen den Tod, und diesen werden Sie durch Ihre Traurigkeit beschleunigen. Wenn ich Sie ofter besuchen soll, mussen Sie durchaus lustig sein. Sie sagen mir, ich werde alt werden. Ich fange wirklich selbst an, so etwas zu merken. Es ist eine schlimme Sache mit der Zeit, die immer so unmerklich weiterruckt, und die, wenn man sich dann umsieht, einen ungeheuern Weg zuruckgelegt hat. Man muss aber an so etwas gar nicht denken, das ist mein Grundsatz, Bianca; es gibt ja noch tausend andre Dinge in der Welt, die unsern Verstand und unsre Phantasie beschaftigen konnen. Leben Sie recht wohl, und vergessen Sie nicht wieder, was ich Ihnen gesagt habe.
5
William Lovell an Rosa
Padua.
Ich komme bald, Rosa, sehr bald, ich brauche nur noch eine kleine Frist, um auf dem Wege manches zu erfahren, was ich schon seit lange gerne wissen mochte. Ich sagte es schon neulich, dass es nichts Wunderbares gibt und dass sich alles um mich her vereinigt, um mich an Seltsamkeiten zu gewohnen.
Ich streifte gestern abends durch die Gassen der Stadt, der Mondschein und die kuhle Luft lockten mich heraus. Ich wollte mich einmal wieder im Taumel der Phantasie vergessen, wie ich mich denn jetzt zuweilen mit Vorsatz in einen gewissen poetischen Rausch versetze, um alle Gegenstande anders zu sehn und zu fuhlen. Einzelne Madchen streiften in den einsamen Gassen umher, und es wahrte nicht lange, so folgte ich einer nach ihrer abgelegenen Wohnung. Warum mich diese gerade und keine andre anzog, weiss ich nicht zu sagen.
Als in der Stube ein Licht angezundet war, sah ich ein entstelltes schmutziges Geschopf vor mir, mit triefenden Augen, von mittlerer Grosse, und, wie alle wir uns genauer betrachteten, schrie sie laut auf, und ich erinnerte mich ihrer Zuge dunkel. Sie befreite mich bald von meiner Ungewissheit und nannte mir ihren Namen. Denken Sie sich mein Erstaunen, als ich erfuhr, dass es niemand anders, als die kleine Blondine war, die Sie von Paris mitgenommen hatten, die unter dem Namen Ferdinand Sie begleitete.
Sie wusste jetzt nicht recht, wie sie sich mit mir nehmen sollte; sie fing an, auf die unverschamteste Weise in der Stube umherzuschwarmen, freche Lieder zu singen und mich dann in ihre Arme zu schliessen; ich blieb ernsthaft, und plotzlich brachen ihre Tranen, wie ein lange zuruckgehaltener Strom, hervor, sie warf sich in einer Ecke des Zimmers auf den Boden und schluchzte laut. Ich war ungewiss, ob ich bleiben sollte; ihre Stellung ruhrte mich, sie hatte das Gesicht mit den Handen verdeckt, es schien, als wollte sie sich aus Scham in die Mauern hineindrangen. Ich ging endlich zu ihr und richtete sie auf; sie wandte ihr Gesicht ab, sie konnte vor Zittern und heftigem Weinen sich nicht aufrecht erhalten und sank in einen kleinen Sessel. Wie von gewaltigen Krampfen ward sie hin und her geworfen; nach diesem heftigen Sturme erlebte sie endlich einen Stillstand aller Empfindungen, und sie sah mich nun mit einem unbeschreiblich beruhigten Gesichte an.
Ich musste weinen, alle Erinnerungen, alle Empfindungen drangen so lange auf mich ein, bis ich meiner Schwache freien Lauf liess. Dadurch schien sie getrostet und aufgerichtet zu werden. Wir sprachen nun miteinander, die Erhitzung hatte ihr Gesicht angenehmer gemacht, sie sah nicht mehr so verzerrt aus.
Ich glaube, ich habe Ihnen schon ehemals erzahlt, dass sie mich einst in Rom in einem Billette vor Ihrer Gesellschaft gewarnt habe, sie sagte mir jetzt die Ursache davon, sie habe einst durch einen Zufall gehort, dass Sie irgendeinen Plan auf mich hatten, der mir schadlich sein konnte. Doch diese Kinderei ist langst vergessen und ich horte kaum darnach hin, als sie mir von neuem davon erzahlte. Es kommt mir jetzt lacherlich vor, dass mich jenes kleine Billett und jener Argwohn damals so sehr erschreckten. Es ist im Laufe des Lebens etwas Lappisches, sich immer fur verfolgt zu halten, die Menschen nicht zu verstehn, und sich auch keine Muhe zu geben, sie kennenzulernen, sondern statt dessen sie bloss zu furchten. Sie hatten den Plan mich kluger zu machen, und es ist nachher auch geschehn; freilich mag das wohl etwas Unerlaubtes sein, etwas, das die meisten Menschen furchten, und dem sie aus dem Wege gehn. Kluger zu werden ist das grosste Verbrechen, das man sich in der Welt nur immer erlauben kann, dadurch emport man alle Menschen gegen sich, es heisst die Ordnung der Dinge umstossen und sich gegen die Gesetze der Natur auflehnen, nach denen der Mensch mit jedem Jahre mehr zusammenschrumpfen und in eine immer engere Einfalt hineinkriechen muss. Die sich von dieser Notwendigkeit losmachen, werden daher von allen ubrigen Burgern dieser Erde verfolgt, die auf Recht und Ordnung halten.
Als wir uns beide etwas getrostet und beruhigt hatten, fragte ich sie um ihre Geschichte, die mir in diesem Augenblick unendlich interessant war. Es waren ihr aus einem ehemaligen Leben so viele schone Fragmente von Unschuld ubriggeblieben, dass ich mich innig sehnte zu horen, wie sie gerade so tief und immer tiefer gesunken sei. Sie sah mich lange mit einem aufmerksamen Blicke an, dann sagte sie, dass sie meine Neugier befriedigen wolle.
Ich bin noch jetzt geruhrt, und ich will versuchen, Ihnen die eigenen Worte des Madchens herzusetzen, soviel ich mich noch ihrer erinnern kann.
Ich bin, fing sie an, in einer Vorstadt von Paris geboren. Das erste, was ich von der menschlichen Sprache verstand, war, dass ich keine Mutter mehr hatte; die erste Empfindung, die ich kennenlernte, war der Hunger. Mein alter Vater sass, das ist meine fruhste Erinnerung, vor meinem Bette und weinte, indem er eine Laute in den Handen hielt, auf der er ein wunderbares Lied spielte. Als ich nur sprechen konnte, suchte er mich mit diesem Instrumente bekannt zu machen und mir die Kunst, es zu spielen und mit Gesang zu begleiten, beizubringen, soviel es in seiner Gewalt stand. Alle meine Erinnerungen aus der Kindheit ruhen auf Lautentonen aus, alle meine Empfindungen, mein ganzes Leben ist aus diesen Tonen herausgeflossen; sie umschliessen wie ein unubersehliches, melodisches Meer die Grenze meiner Erinnerung und meiner Kindheit. Fromme Ahndungen und Gefuhle schweben leise von dort heruber und ziehn langsam meinem Herzen vorbei, es ist, als wenn mich einer ruft, dessen Stimme ich nicht kenne, den ich nicht verstehe. Ach! wenn ich jetzt manchmal in der tiefen einsamen Nacht Lautentone hore zuweilen dieselben Lieder, die ich sonst spielte o Lovell, mein Herz wollen diese Tone aus mir herausreissen.
Als ich etwas grosser geworden war, musste ich meinen Vater auf seinen Wanderungen durch die Stadt und in den nahgelegenen Garten begleiten. Noch oft spat in der Nacht zogen wir durch die Strassen, indem mein Vater die Laute spielte und ich dazu sang, und bei manchen Stellen eine kleine Handpauke schlug. Wir erhielten auf die Art ein mageres Almosen, das wir am folgenden Tage verzehrten. Mein Vater furchtete sich vor Gespenstern, und sah oft in den Ecken etwas stehn, vor dem er sich innig entsetzte; er teilte mir diese unbekannte und unbegreifliche Furcht mit. Bei Tage sassen wir oft unter einer grossen und larmenden Gesellschaft von gemeinen Leuten, und liessen unsre Lieder horen; das Getummel, die Verschwendung, Unmassigkeit und die wenige Aufmerksamkeit auf uns ruhrte mich ausserordentlich; mein Vater trostete mich dann und sagte mir, dass dies so die Weise der Menschen sei, dass daraus das menschliche Leben bestehe. O wie lebhaft und schmerzlich fallt mir heute alles, alles wieder ein, was ich immer zu vergessen suchte.
Ein paar arme Madchen gesellten sich zu mir und manchmal waren wir jugendlich lustig, und es kam mir dann ordentlich vor, als gehorte ich auch mit zur Welt, ich war dann in mir selber dreister. Wenn ich aber wieder unter die andern Menschen trat, so schlug mich jeder gute Anzug nieder, jede vorbeifahrende Kutsche beschamte mich, und ich verachtete mich selbst ebenso, wie mich alle ubrigen Menschen verachteten. Die mutwilligen Gesprache der Madchen versetzten mich dann wieder in einen gewissen Rausch, den ich selbst in der Freude nur als eine Trunkenheit ansah und in denselben Augenblicken recht gut wusste, dass ich zu einer nuchternen Selbstverachtung, zu einer elenden, kriechenden Geistesdemutigung wieder erwachen wurde. Ich verachtete aber meine Freundinnen ganz von Herzen, ja ich weinte uber sie, als ich bald nachher von meinem Vater horte, dass sie sich in ein schlechtes Haus als gemeine Dirnen hingegeben hatten. Wer hatte mir damals sagen konnen oh, und doch ist es gar nicht wunderbar, es ist so begreiflich ach! Lovell, der Mensch ist in sich nichts wert.
Unser Ungluck wurde noch vergrossert; von innigem Grame, von vielen vergossenen Tranen ward mein Vater blind. Ich war ihm jetzt ganz unentbehrlich; ich war jetzt sein einziger Trost. Ich tat ihm alle Dienste gern und willig, ich liebte ihn nur um so mehr, je unglucklicher er war. Meine Phantasie hatte jetzt, bei der ganzlichen Unterdruckung von aussen, einen hohen Schwung genommen, ich war innerlich zufrieden, und ersetzte mir durch erhabene Traume den Verlust der wirklichen Welt.
Spat in der Nacht las ich oft noch die Schilderung grosser Menschen, in den Erzahlungen von Richardson; mich erquickte die Welt voll erhabener Geister, die mich dann umgab, und ich war uberzeugt, dass die Menschen mich nur nicht genug kennten, um sich mit mir auszusohnen. Dann war ich uber alles Ungemach getrostet, dann war ich uber alle Leiden beruhigt, die mich einst noch treffen konnten. Welchen Eindruck machten aber dann wieder die gemeinen Gesichter auf mich, von denen ich durch meinen Gesang ein Almosen erbetteln musste: ihre plumpen Spasse, ihre groben Zweideutigkeiten, die ich ertragen musste. Ich war gezwungen, einer kleinen Munze wegen jede Demutigung zu erleiden.
Ach, Lovell, was mogen Sie von mir denken, dass ich jetzt noch so sprechen kann? Nicht wahr, Sie mochten lacheln? Die Zeit geht grausam mit dem armen Menschen um; erst stellt sie ihn als ein schones und liebenswurdiges Kunstwerk hin, und dann arbeitet sie so lange an ihm, bis er endlich selbst eine Satire auf seinen ehemaligen Zustand wird.
Jetzt kam eine Zeit, die ich nie vergessen werde, die mir immer ein Ratsel bleiben wird. So widrig mir anfangs die elenden Witzeleien, die unausstehlichen Liebkosungen dieser gemeinen Menschen gewesen waren, so gewohnte ich mich doch am Ende daran, ja sie gefielen mir sogar. Ich horchte wahrend dem Singen auf ihren unzuchtigen Witz, und wiederholte mir in Gedanken die Einfalle, die ich gehort hatte. Mein Blut war in einer bestandigen Erhitzung, ich lebte wie in einer unaufhorlichen Trunkenheit. Meine Bucher waren mir jetzt zuwider, sie kamen mir lacherlich vor: die schone Natur zog meine Blicke und meine Aufmerksamkeit nicht mehr auf sich, sie kam mir vor wie eine strenge, langweilige Sittenpredigerin. Meine Phantasie ward in gemeinen und unangenehmen Bildern einheimisch, alle meine ehemaligen Vorstellungen erschienen mir albern und unwurdig. Zuweilen war es dann wieder, als wenn ich aus meinem Schlafe erwachte; dann erinnerte ich mich meiner vorigen schonen Empfindungen, ich bekam dann einen Abscheu vor mir selber, mein Leben kam mir in diesen Augenblicken wuste und dunkel vor, ich beschloss, mich zu meinem sonstigen Zustande zuruckzuretten aber dann trat es mir wieder wie ein steiler Berg entgegen, mein gemeiner Sinn ergotzte sich wider meinen Willen an schandlichen Vorstellungen, und das schone Land der kindlichen Unschuld lag wieder weit zuruck und wie von einem schwarzen Nebel verfinstert. Um diese Zeit sah mich Rosa, ich gefiel ihm, er kam mir entgegen und ich machte die andre Halfte des Weges, er lehrte mich das Laster kennen, und ohne Besinnung, ohne einen Gedanken verliess ich meinen armen, unglucklichen, blinden Vater, und folgte ihm. Ach, er wird nun wohl schon gestorben sein; aber ich bin bestraft, sein Fluch ist mir nachgefolgt.
Sie hielt hier ein und weinte von neuem. Ich erinnerte mich jetzt eines alten blinden Bettlers, den ich in Paris gekannt und der mir selbst einmal von einer undankbaren, entlaufenen Tochter erzahlt hatte. Er ist ganz ohne Zweifel derselbe. An manchen Tagen war er wahnsinnig und sang wilde und prophetische Lieder, indem er dazu auf seiner Laute phantasierte: dann liefen ihm die Jungen in den Gassen nach, um ihn zu verspotten.
Sie hatte sich jetzt wieder erholt und fuhr in ihrer Erzahlung fort:
Es erwachte jetzt ein ganz neues Leben in mir, ich sah mich zum ersten Male geschatzt und geliebt, in guten Kleidern, vertraut mit einem Menschen, den ich noch vor wenigen Tagen als ein fremdartiges Wesen, als einen Gott verehrt hatte. Ich kaufte jetzt alle Zuversicht, allen Genuss zuruck, die ich bis dahin entbehrt hatte. Meine Munterkeit wurde zur Frechheit, denn ich hielt mich fur eines der vorzuglichsten Geschopfe in der Welt, ich hatte den Unterschied unter den Menschen nie gelernt, ich kannte jetzt nur die reichern und armern, mir fehlte jetzt zu einem angenehmen Leben nichts, und ich verachtete alle Menschen, die nicht so gut leben konnten wie ich. In diesem Zustande sah ich Sie, Lovell, und ein Gefuhl, wie ich noch nie gekannt hatte, bemachtigte sich meiner. Es war die Liebe, die mir bis dahin fremd geblieben war. Ohne zu wissen, was ich tat, rettete ich Ihr Leben bei jenem Uberfalle der Rauber. Meine Zuneigung wuchs mit jedem Tage, aber ich bemerkte, dass Rosa eifersuchtig wurde. Von jetzt lebt ich ein schweres Leben, denn alle meine Empfindungen lagen im Kampfe miteinander, meine Gefuhle waren so rein und schon, und eben durch sie erhielt ich einen Aufschluss uber meine eigene Verachtlichkeit. Sie wissen, wie ich Sie bat, zu mir zu kommen; Rosa uberraschte uns. Seit der Zeit war ich ihm zuwider, ja er hasste mich endlich und uberliess mich meinem Schicksale. Ich konnte von Ihnen damals nichts weiter erfahren, als dass Sie mit einer gewissen Rosaline lebten: als ich dies horte, wagte ich es nicht, zu Ihnen zu kommen, ich furchtete mich auch vor Rosa. Es fanden sich einige Menschen, die mich einer nach dem andern unterhielten, denn ich war einmal an diese Lebensart gewohnt und hatte viele Bedurfnisse. Ich sank immer tiefer, ich verliess Rom und zog von einer Stadt zur andern und nun, Lovell Reue im Herzen, ohne Geld, mit den gemeinsten Geschopfen verschwistert, krank
Sie konnte nicht weitersprechen. Ich war erschuttert, ich gab ihr alles Geld, das ich bei mir hatte, und verliess sie. Ich will sie heute besuchen und sie mit mehrerem Gelde versorgen, damit sie wenigstens ihre Gesundheit wiederherstellen kann.
Sie hatten sie nicht so ganz verlassen sollen, Sie haben nicht recht getan. Doch, habe ich an Rosalinen nicht noch schlimmer gefrevelt?
6
Ralph Blackstone an Thomas
Bondly.
Es ist hier noch immer alles beim alten, mein lieber Thomas, ausser dass im Garten wieder manche kleine Veranderungen vorgefallen sind. Ich finde doch, dass Er bei allen den Anlagen unentbehrlich ist, denn die ubrigen Menschen sind dumm und es ist nichts mit ihnen anzufangen. Ich habe noch allerhand neue Projekte im Kopfe, die sich vielleicht mit der Zeit ausfuhren lassen. Er muss nur den Garten in Waterhall bald zustande zu bringen suchen, denn im Grunde gehoren wir beide zusammen, wenn wir uns auch manchmal ein wenig gestritten haben. Vier Augen sehn immer weiter, als zwei, das ist mein Wahlspruch und ich finde es immer bestatigt, dass ich daran nicht unrecht habe. Man muss nur immer suchen, in der Welt irgend etwas zustande zu bringen, es mag auch dann sein, was es will; es ist zwar nichts Merkwurdiges eben, wenn wir den hiesigen Garten beide verschonern, es wird immer noch keinen Einfluss auf die Weltgeschichte haben, aber es ist doch immer sehr angenehm und sehr loblich. Wenn man im Kleinen weit es sich erstreckt, und das ist sehr viel wert; von dem Guten aber, das im Grossen geschieht, oder geschehn soll, kann man nie wissen, wie weit es gehn wird, es geht oft gar zu weit und ist nachher nicht mehr zu andern, eben weil es gleich in der Anlage zu gross war. Er tut mir daher einen sehr grossen Gefallen, lieber Thomas, wenn Er so bald als moglich wieder zuruckkommt, mit Ihm kann man reden, und Er ist ein Mann, der den Verstand da hat, wo er hingehort; das kann man nicht von allen Leuten sagen, Thomas, denn manche haben ihn in den Fusssohlen, andre im Rucken, andre auf der Zunge; das sind solche Leute, die man zu gar nichts brauchen kann. Er sieht, wie hoch ich Ihn schatze, und Er wird darum machen, dass Er bald zuruckkommt. Ich nenne mich
Seinen Freund Ralph Blackstone.
7
William Lovell an Rosa
Florenz.
Es neigt sich alles zum Ende, mein Leben kommt mir vor, wie eine Tragodie, von der der funfte Akt schon seinen Anfang genommen hat. Alle Personen treten nach und nach von der Buhne und ich bleibe allein ubrig.
Ich besuchte in Padua das Madchen am folgenden Morgen wieder. Meine Ruhrung hatte den ganzen Tag uber fortgedauert; ich stellte mir recht lebhaft vor, wie sehr sie mir danken wurde, und als ich nun hinkam, fand ich sie im hitzigen Fieber, so dass sie mich nicht wiedererkannte. Ich liess das Geschenk zuruck, das ich fur sie bestimmt hatte. Ich reiste ab, und ein Zufall, oder eine seltsame Laune, verschlug mich nach Genua.
Ich labte mich hier am Anblicke des grossen allmachtigen Meeres. Mein Geist ward in mir grosser, und ich fuhlte mich einmal wieder uber die Menschen und uber die Natur hinausragen. Die unubersehliche Flache redete mich erhaben an, und ich antwortete ihr innerlich mit bestimmter Kuhnheit. Alle meine Sorweggeflogen, und ich war frei und unbeangstigt. Aber Wolken stiegen am fernen Horizonte auf und mit ihnen trube Zweifel in meiner Seele, alles stand wieder still, die Uhr zeigte wieder jene traurige, schwarze Stunde ich ward mir selbst wie ein entsprungener Gefangener zuruckgegeben. O uber den verhassten Wechsel in unserm Innern!
Ich ging an einem Morgen durch eine einsame Strasse, und hinter einem vergitterten Fenster glaubte ich Balders Gesicht zu sehn. Ich erstaunte, ich erkundigte mich unten im Hause nach ihm, man bestatigte, dass er dort wohne, und wies mir mit einem Lacheln, das ich nicht verstand, die Treppe nach seinem Zimmer. Ich trat hinein, er war es wirklich, er erkannte mich sogleich und umarmte mich mit grosser Herzlichkeit. Er war gut gekleidet, seine Miene war ganz geandert, sein Auge schien heiter und ungetrubt. Er war ganz zu den gewohnlichen Menschen wieder zuruckgekehrt, er war froher und menschlicher, als er selbst damals war, als ich ihn in Paris zuerst kennenlernte. Mein Erstaunen war ohne Grenzen und ich konnte mich immer noch nicht uberzeugen, dass jener ungluckliche, wahnsinnige Balder wirklich vor mir stehe.
Wir fruhstuckten miteinander, und ich konnte nicht mude werden, ihn aufmerksam zu betrachten. Sein Gesicht war voller und gesunder, in seinen tiefliegenden Augen waren einige Spuren des Wahnsinns zuruckgeblieben, ob sie gleich ziemlich hell und lebhaft waren. Alle seine Bewegungen waren lebendiger, er war durchaus korperlicher geworden, und deswegen kam er mir in einzelnen Momenten ganz fremd vor. Das Zimmer war ordentlich und aufgeraumt, nur an der hintern Wand lag ein grosser roter Mantel uber den Boden und uber Stuhlen ausgebreitet.
Balder war sehr gesprachig, und wir unterhielten uns von manchen Vorfallen aus der Vergangenheit. Ich bat ihn endlich, mir zu erzahlen, durch welche Zufalle er sich plotzlich so sehr verandert habe; sein Gesicht ward trauriger, indem er daruber zu reden anfing; ich will es versuchen, Rosa, Ihnen seine eigenen Worte niederzuschreiben.
Du wirst vielleicht, fing er an, meinen seltsamen Brief aus den Apenninen erhalten haben, denn dass ich dort gewohnt hatte, erfuhr ich nachher. Ich kann mich jenes Zustandes nur noch dunkel und mit Muhe erinnern. Ich weiss, dass mich ein unaufhorlicher, wunderbarer Traum umgab. Mein Bewusstsein lag gleichsam fernab in mir verborgen, die aussere Natur schimmerte nur dunkel in mich hinein, mein Auge starrte vorwarts und die Gegenstande veranderten sich dem stieren, angestrengten Blicke. Zu allen meinen Empfindungen und Ideen fuhrten gleichsam keine Tasten mehr, die sie anschlagen konnten, sondern eine unbekannte Hand fuhr uber den Resonanzboden auf den gespannten Saiten umher und gab nur dunkle, verworrene und einsilbige Tone an. Wie in Bergwerken eine Leuchte oft hin und wider geht und das Licht an den Quarzwanden und dem nassen Gestein wundersam zuruckschimmert, so erschien mir der Gang meiner Vorstellungen in mir selber.
Plotzlich ergriff mich wieder, so wie in meinen gesunden Tagen, das Gefuhl einer heftigen Unruhe, ich fand mich in mir selber unzufrieden. Das fernstehende prosaische Leben kam wieder naher auf mich zu und eine unbeschreibliche Sehnsucht zog mich nach sich. Ich kam zu mir selbst zuruck und fand mich wie sonst eingeengt und gepresst, ich wunschte und wusste nicht was: in der Ferne, in einer andern Heimat schien alles zu liegen, und ich verliess endlich den Ort, wo ich so lange gewohnt hatte.
Andre Gegenden begrussten mich wieder mit denselben Empfindungen, die ich sonst gehabt hatte, die Zirkel und das Getummel des menschlichen Lebens ergriffen mich von neuem, ich legte meine seltsame Kleidung ab und beschloss nach Deutschland, nach meiner Heimat, zuruckzureisen. Es war als wenn sich die verschlungenen Gegenstande mehr voneinander absonderten; was zusammengehorte, flog zusammen, und ich stand in der Mitte der Natur. Die Posthorner nahmen nun wieder uber Berge und Seen nach fernen Gegenden meine Seele mit sich, der Trieb zur Tatigkeit erwachte wieder und das dumpfe, unverstandliche Gerausch, das mich bisher innerlich betaubt hatte, verlor sich immer ferner und ferner.
Ich hatte noch einiges Geld ubrigbehalten und mit diesem kam ich in Genua an. O Freund, ich wusste nicht, dass ich hier meine fruhste Jugend wiederfinden sollte, ein neues Leben, um es nachher noch einmal zu verlieren. Ich lernte hier ein Madchen kennen o Lovell, du lachelst und verachtest mich nein, ich kann dir nicht sagen, wer sie war, du kannst es nicht begreifen. Ich hatte schon einst vor langer Zeit meine Henriette begraben, ich hatte viel auf ihrem Grabe geweint, und hier fand ich sie nun ganz und gar wieder und sie hiess Leonore. Ach, wie glucklich war ich, als sie mich wiederliebte, als sie meine Gottin ward.
Ich weiss nicht, wie es geschah, aber jetzt verliess mich alle meine Schwermut, ich konnte selbst nicht mehr an meinen ehemaligen Zustand glauben. Mein Leben war ein gluckliches, gewohnliches Menschenleben, und keiner meiner Gedanken verlor sich auf jener wusten Heide, auf der bis dahin meine Seele rastlos umhergestreift war. Ich liess mir mein Vermogen aus Deutschland uberschicken, die Familie meiner Gattin war reich, es fehlte meinem Glucke nichts weiter, als dass mich das Schicksal in Ruhe liess.
Er hielt hier ein und fing an zu weinen. Ist dies derselbe Mensch, sagte ich zu mir, der sonst das Leben mit allen seinen Menschen so innig verachtete? der von jeder Menschenfreude auf ewig losgerissen war? Ein Weib also konnte jene entsetzlichen Phantasieen verscheuchen, die ihn belagert hielten? Dabei ergriff mich ein Schauder, dass eben der Balder, den ich im heftigsten Wahnsinne gesehn hatte, jetzt als ein ganz gewohnlicher Mensch vor mir stand.
Er fiel in meine Arme und fing von neuem an zu sprechen: Ach Lovell! rief er aus, auch diese hat mir der Tod entrissen. Und ich darf den Kirchhof, ich darf ihr Grab nicht besuchen! Wie sehn ich mich oft nach meiner einsamen Wohnung in den Apenninen zuruck!
Ich wollte ihn trosten; ich liess einige Worte uber den gewohnlichen Gang des menschlichen Lebens fallen.
Recht! rief er mit grosser Bitterkeit, das Leben wurde kein Leben sein, wenn es nicht nach dieser tyrannischen Vorschrift gefuhrt wurde. Wir sind nur darum auf kleine armselige Augenblicke glucklich, um unser Ungluck nachher desto scharfer zu fuhlen. Es ist der alte Fluch, Gluck muss mit Ungluck wechseln, und eben darin besteht unser Leben und unser Elend.
Er war heftig erschuttert und ich ging im Zimmer auf und ab; ich naherte mich dem Mantel und wollte ihn in Gedanken aufheben. Halt! rief mir Balder plotzlich zu, um Gottes willen halt ein! Seine Stimme war ganz unkenntlich, ich stand erschrocken still und sah ihn befremdet an. Da unten, sagte er mit zitterndem Tone, liegen die Denkmaler, die man Henrietten gesetzt hat. Neugierig hob ich den Mantel auf und wie entsetzte ich mich, als ich einen dicken Pfahl und starke Ketten erblickte. Einige Glieder der Kette fielen rasselnd herunter und Balder tobte nun wie ein wildes Gespenst im Zimmer auf und ab, er rannte mit dem Kopfe gegen die Wande, er schrie und zerfleischte sich das Gesicht, er warf sich laut lachend auf den Boden nieder.
Bosewichter! schrie er mit einer grasslichen Stimme, so geht ihr mit mir um? Das ist also der Mensch? Gebt sie mir zuruck und nehmt diese Ketten wieder!
Die Raserei erstickte bald seine Sprache. Sein Gesicht war jetzt blau und aufgetrieben, alle Glieder seines Korpers bewegten sich mit einer unglaublichen Schnelligkeit, in seinen grasslichen Bewegungen lag etwas Niedriges und Komisches, das mein Entsetzen noch vermehrte. Jetzt sprang er auf mich zu und warf mich mit einem gewaltigen Stosse gegen die Wand, er grinste mich mit einem hohnischen Lacheln an und druckte seine Faust gegen meine Brust; es war mir unmoglich mich von ihm loszumachen. Noch nie hab ich ein so inniges Entsetzen gefuhlt, als in diesem Augenblicke: ich wusste nicht mehr, welche verzerrte Gestalt vor mir stand, ich war in Versuchung, laut aufzuschreien und zu singen, und aus einem fast unwiderstehlichen Triebe Balders grassliche Possen nachzuahmen. Schon fuhlt ich, wie mir Sinne und Bewusstsein vergingen, ich musste mich ganz sammeln, um imstande zu sein, nach Hulfe zu rufen.
Mehrere Menschen mit grossen Ruten und Knutteln traten herein. Balder liess von mir ab. Man schleppte ihn nach dem Winkel des Zimmers und schloss ihn an den Block. Er liess alles ruhig geschehn und lachelte nur dazu; als er sich aber festgeschlossen fuhlte, brach seine Wut von neuem aus, er schleuderte sich wie ein wildes Tier in den Ketten hin und wider, alle seine Sehnen waren angespannt, sein Gesicht gluhte, seine Augen waren keine menschlichen. Er stemmte sich mit den Ketten, um sich vom Blocke loszureissen, so dass die Ringe laut erklangen: seine Warter schlugen jetzt ohne Erbarmen auf ihn zu, aber er schien keine Empfindung zu haben. Unter der Anstrengung aller Krafte schien er grosser zu werden, sein Gesicht war rund und gluhend wie der Vollmond: ich konnte den Anblick nicht langer aushalten, ich verliess schnell das Zimmer. Noch unten, noch auf der Strasse hort ich ihn schreien; Tranen kamen in meine Augen.
So hab ich ihn wiedergefunden; doch beruhigen Sie sich, Rosa, er ist schon nach zweien Tagen in dieser Raserei gestorben. Alles, was er mir erzahlt hatte, ist wahr, gleich nach dem Tode seiner Frau ist er wieder rasend geworden, in Zwischenzeiten kalt und vernunftig gewesen. Die Verwandten seiner Frau haben fur seinen Unterhalt gesorgt.
Scheint diesem Unglucklichen der Wahnsinn nicht von der Geburt an schon mitgegeben zu sein? Zuerst ging er langsam alle Grade desselben durch, bis er durch eine neue Liebe schneller und rascher zum letzten Extreme hingetrieben ward. In einigen Tagen sehn Sie mich in Rom.
8
Adriano an Francesco
Florenz.
Je langer ich uber Andrea nachdenke, je seltsamer, ich mochte sagen, je alberner kommt er mir vor. Es fugen sich in meinem Gedachtnisse erst jetzt so manche Zuge zusammen, die mir bedeutender als damals erscheinen. Ich kann es nicht unterlassen, die Menschen jetzt zu verachten, die sich so ernsthaft in die Mitte der Welt hinstellen; jeder simple Bauer, der auf dem Felde arbeitet und nachher ein Weib nimmt, ist mir bei weitem ehrwurdiger. Muss denn alles am Menschen schwulstig und aufgedunsen sein? Will keiner den Weg zu jener Simplizitat gehn, die den Menschen zum wahren Menschen macht, und zwar aus keiner andern Ursache, als weil uns dieser Weg zu sehr vor den Fussen liegt? Es ist sehr schlimm, dass der feinere Verstand gewohnlich nur dazu dient, die Einfalt zu verachten, statt dass wir lieber den Versuch machen sollten, ob wir nicht auf einem bessern Wege zu denselben Resultaten kommen konnten. Es ist ein ewiger Streit im ganzen menschlichen Geschlechte, und keiner weiss genau, was er von dem andern verlangt; die genuber, die sich einander bekampfen, ohne dass einer den andern kennt. Mag mein Leben doch recht prosaisch weiterlaufen, dieser Zweifel soll mich nun nicht mehr kummern, denn ich werde es dann nur um so hoher achten; mein Vater wunscht, dass ich heirate, damit er noch Enkel sieht, und ich will das auch bei der ersten Gelegenheit tun. Jene seltsamen Stimmungen, jene sonderbaren Exaltationen, mit denen uns Andrea bekannt machen wollte, sind der verbotene Baum im Garten des menschlichen Lebens. Was meinen Sie, Francesco, wollen wir uns nicht unter jene verachteten Spiessburger einschreiben lassen? Wir laufen wenigstens mit der Menge, und konnen uns darum um so sicherer halten.
9
Francesco an Adriano
Rom.
Recht so, Adriano! Sie glauben nicht, in welche lustige Stimmung mich Ihr Brief versetzt hat. Es ist, als seh ich uns beide schon verheiratet, die Brautigamswochen uberstanden, und dann als gesetzte und wohlkonditionierte Ehemanner. Wir schliessen den Roman unsers Lebens mit dieser alltaglichen, aber stets interessanten Entwickelung. Ich glaube, Sie haben bei Ihrem Briefe eine Ahndung von meinem Zustande gehabt. Ich habe hier namlich ein Frauenzimmer kennengelernt ein Frauenzimmer verlangen Sie keine Beschreibung von mir, denn die ist mir viel zu umstandlich, aber wenn ich Ihnen sage, dass ich sie interessant finde, so hoffe ich, ich habe Ihnen damit alles gesagt. Man kann mir von einem Frauenzimmer alles mogliche erzahlen, ein guter Freund kann mir ihre Schonheit, ihren Verstand, ihren Witz, ja sogar ihren Reichtum loben, ohne dass ich auf den Gedanken fallen werde, der gute Freund mochte sich vielleicht verheiraten: sobald er mir aber von einem Frauenzimmer sagt, es sei interessant, so fass ich ihn genauer ins in welcher Rucksicht er sich nachher als Ehemann verandern wird.
Hab ich mir nun nicht schon seit meinem sechszehnten Jahre eine Menge von vortrefflichen Bemerkungen uber die Frauenzimmer gemacht? Ich versichre Sie, wenn ich in irgendeiner Sache scharfsinnig bin, so ist es in den Beobachtungen, die ich Ihnen uber die Weiber mitteilen konnte. Wenn ich manchmal alles fur mich allein uberlegte, so war ich hinlanglich uberzeugt, nicht nur, dass mich keine mehr hintergehn wurde, sondern dass auch nie irgendein weibliches Geschopf eine grosse Gewalt uber mich haben konnte. Die Probe nachher hat aber nie mit dem ausgerechneten Exempel zusammenstimmen wollen. Ich habe schon tausend Ausnahmen von meinen Regeln gemacht, ja mehr Ausnahmen als Regeln gefunden und nachher wieder eingesehn, dass meine Regel doch dauerhafter sei, als ich vermutet hatte. Lieber Adriano, ich habe wunderbare Erfahrungen uber meine Erfahrungen gemacht, ich habe endlich nach einem muhseligen Studium eingesehn, dass ich ein Narr bin. Das Wort ist leicht ausgesprochen, aber Sie werden es nicht glauben wollen, wenn ich Ihnen sage, dass ich zwanzig Jahre daran studiert habe, um die ganze tiefe Bedeutung dieses kleinen einsilbigen Wortes einzusehn.
10
William Lovell an Rosa
Rom.
So bin ich denn wieder in Rom! Es ist Nacht; mit dem Untergange der Sonne kam ich an. Ich stieg die breite Treppe hinauf, und sahe noch in der letzten Glut die Peterskirche und das Vatikan brennen, dann war unter mir in der Strasse Dampf und Nebel, Schatten wandelnd und wustes Getose. Ich konnte es nicht unterlassen, ich ging hinab zu den mir so bekannten Platzen, uber die Strada de' Condotti zum Korso. Da kamen mir die alten Gesichter entgegen, dieselben Bettler, dasselbe Geschrei. So naherte ich mich durch die Kreuzstrassen dem Pantheon. Auch hier das Getose der Kaufer und Verkaufer, und im Hintergrund der erhaben ruhige Schatten, die edle Halle. Ich trete hinein unter wenige Betende. Die Dammerung des Rundes, die hohe Grosse redeten erhabene Sprache. Ich weile, und der Vollmond tritt uber die Offnung der Kuppel, so wie damals, als ich in Rom angekommen war. Mein Herz war voll, weinend eile ich zum Coliseum, ich werfe mich nieder und versuche zu beten. Umsonst, aller Spott voriger Zeit kommt mir aus Alder Hand in Hand. Ja, meine Jugend, mein Leben ist verloren. Das rief mir auch mit den donnernden Wogen in der Mitternacht die Fontana Trevi zu. So mocht ich mich in Tranen ergiessen konnen, wie diese Brunnen weinen und schluchzen. Ich mochte fast noch Andrea besuchen. Wie harr ich auf den ersten Klang seiner Worte! wie wohl wird sein ernstes Gesicht meinem wunden Herzen tun! O Andrea! er kann es nicht wissen, wie sehr ich ihn liebe, er wurde mir's nicht glauben, wenn ich's ihm sagte. In ihm liegt jetzt alles versammelt, was mir sonst teuer und schatzenswurdig war. Wie ungeduldig werd ich den morgenden Tag erwarten! Kommen Sie, Rosa, eilen Sie, ich beschwore Sie, noch nie hat ein Freund den Freund mit der Ungeduld erwartet, mit der ich Sie hieherwunsche.
11
William Lovell an Rosa
Rom.
Ich weiss nicht, was ich denken, ich weiss nicht, was ich sagen soll. Sie kommen nicht, Rosa, und seit drei Tagen wunsch ich Andrea zu sprechen und er lasst mich immer zuruckweisen. Er sei krank, lasst er mir sagen. Was soll ich beginnen? Oh, schreckliche Gedanken, vernichtende Gedanken steigen in meiner Seele auf. Warum muss er mich zuruckweisen?
Bianca habe ich gesehn, sie ist bleich und abgefallen, die Schwindsucht nimmt ihre Krafte hinweg. Ihr Anblick hat mich erschreckt, denn er brachte ein sonderbares Bild in meinen Kopf, ich kann mich aber nicht erinnern, welches. Francesco ist kalt und zuruckgezogen. Alle ubrigen, die ich sonst haufig bei Andrea sah, tun, als kennten sie mich nicht. O Himmel! welche Ursache kann es geben, dass Andrea mich nicht sprechen will! Soll dies der Schlussstein meines truben Lebens werden? So schal und nuchtern sollte sich nun alles endigen? O nein, es ist nicht moglich, er wird mich endlich vor sich lassen, und geschahe es auch nur, um meines Andringens loszuwerden. Ich fast ohne Bewusstsein geh ich umher. Erbarmen Sie sich, Rosa, und kommen Sie zu mir nach Rom, dann wird alles gut werden, dann wollen wir beide Andrea mit Bitten besturmen: kommen Sie ja.
12
William Lovell an Rosa
Rom.
Ich kann Ihnen kaum schreiben. Warum sind Sie nicht gekommen, oder warum haben Sie mir wenigstens nicht geantwortet? Ach, wozu diese Fragen?
Ich habe Andrea gesprochen. Mit Zittern ging ich gestern wieder hin; man sagte mir, ich konne hineintreten. Nur in wenigen Momenten meines Lebens bin ich von einer Freude so ganz und gar durchdrungen gewesen, so sehr durch ein plotzliches, unerwartetes Entzucken uberrascht. O wie teuer, wie unaussprechlich teuer hab ich die kurze Freude bezahlen mussen!
Ich trat in Andreas Zimmer. Er lag auf einem Ruhebette und schrieb; er hob die Augen bei meinem Eintritte nicht empor. Er war sehr eingefallen, sein ganzes Gesicht war nur ein Skelett von seinem ehemaligen, die Augen brannten heftiger als je. Ich wagte es nicht, mich zu regen, ich vergass, dass ich sonst vertraut mit ihm gewesen war, ich stand in ehrerbietiger Entfernung. Endlich bemerkte er mich, oder er horte vielmehr nur auf zu schreiben. O Rosa, mit welsich meine Seele in mir furchtsam zusammenkrummte, so entsetzlich ward ich von diesem durchschneidenden Blicke getroffen.
"Nun, Lovell?" fragte er mit einer matten Stimme.
Ich wusste nichts zu antworten; ich fing an zu zittern. Alles, was ich je gedacht hatte, ging in raschen verwirrten Zugen durch meinen Kopf. Ich wusste mich nicht zu fassen.
"Was willst du?" fragte er mit einer eisigen Winterkalte, mit einem verdammlichen, schandlichen Tone, als wenn er mich necken und unsrer ehemaligen Vertraulichkeit spotten wollte.
Ich konnte mich nicht langer halten: ich musste laut weinen. "Andrea!" rief ich, aber er konnte nur mein Schluchzen horen, so sehr erstickte der Ton in sich selber.
"Du weinst?" fragte er lachelnd.
"Soll ich das nicht?" rief ich aus; "bin ich nicht ganz elend?"
"Elend?" Und o Rosa! horen Sie's, fuhlen Sie's, wenn es eine andre Menschenbrust, so wie ich, fuhlen kann o Rosa, nun fing er an so laut und so grasslich zu lachen, dass es mir durch Mark und Bein drang, dass sich mir die Haare aufrichteten. Hab ich mich wohl schon je in der Welt so fremd gefuhlt, als in diesem Augenblicke? Ich wusste nicht, ob ich rasete, ob Andrea wahnsinnig sei; er lachte noch immer fort, und so eifrig, als wenn er mit diesem Lachen der Menschheit den Kauf aufkundigen wollte. Mein Entsetzen war ihm ein Spass, meine todliche Todesblasse ein lustiges Spiel.
Wie ich zur Ture wieder hinausgekommen bin, weiss ich jetzt nicht, aber ich stand plotzlich draussen, dann war ich auf der Strasse und fremde Menschengesichter rannten vor mir voruber, und alle waren mir lieber und verwandter, als Andreas Blick.
Wo ist nun alles hin, was ich hoffte und wunschte? Zukunft und Vergangenheit sind erloschen und die Spuren von beiden gleich unsichtbar. Kann ich jetzt etwas anders tun, als sterben? Doch, auch dazu gehort Ruhe.
13
Mortimer an Eduard Burton
Roger Place.
Dass Sie glucklich, dass Sie zufrieden sind, erfahre ich aus jedem Ihrer Briefe; dasselbe muss ich Ihnen antworten, wenn ich aufrichtig sein will, und dass nur der glucklich sein kann, der vom Leben nicht zu grosse Erwartungen hegt, und in seinen Forderungen davon und in seinen Vorstellungen von sich bescheiden ist. Dies letztere werden Sie mir vielleicht nur zum Teil zugeben wollen, aber wer hat doch schon etwas Rechtes gefunden, der recht weit ausholte? Nur der arme Sunder soll recht in sich gehn, um sich zu bessern: der Stolze, auf sein Genie Vermessene, der sich recht in sein Gemut vertiefen will, um die Grosse seiner Schatze kennenzulernen, kommt immer verungluckt und bettelarm zuruck. Also, mein Freund, bekenne ich mich hiermit zu dem grossen, vielfach verachteten Orden der Mittelmassigen, der Ruhigen, der Durftigen. Im Massigsein, im Resignieren liegt jenes, was die Enthusiasten nicht Gluck nennen wollen, und dem ich doch keinen andern Namen zu geben weiss. Das Schwelgen an den Kraften des Gemutes ist die unerVerderbtheiten. Freilich wohl ist nun alles was ich erlebt und erfahren habe, ein Negatives; und wenn ich mich manchmal vor den Spiegel stelle und zu mir sage: da siehst du nun den vortrefflichen Herrn Mortimer, der so viele Lander gesehn und Menschen gekannt, der so manches Kluge gedacht und gelernt hat so muss ich uber mein Bild im Spiegel und uber mich selber lachen. Ich erinnere mich dann der unzahlichen Entwurfe und Vorsatze, der so schon berechneten Plane fur mein Leben, der mannigfachen Bemerkungen, die ich uber den Menschen in meiner Seele niedergeschrieben und wieder ausgestrichen habe. Unser Leben ist nichts, als ein ewiger Kampf der neuen Eindrucke mit der eigentumlichen Bildung unsers Geistes: wir glauben oft, dass unser Charakter auf immer eine neue Wendung nimmt, und plotzlich sind wir dann wieder ebenso, wie wir ehedem waren. Ich habe mich uber alle Heiraten lustig gemacht, bis ich selbst heiratete; nun glaubte ich, gabe es nichts Ernsthafteres in der Welt, und jetzt ware es mir doch wieder moglich, in die unschuldigen Scherze mit einzustimmen. Es gibt eine Urverfassung in uns selbst, die nichts zerstoren kann, sie wird plotzlich wieder dasein, ohne dass wir es selbst begreifen konnen, wie wir uns so schnell in einen alten fast vergessenen Menschen wieder haben umandern konnen. Dass wir aber mit einem gewissen neuen und bessern Verstande zu dieser alten Verfassung zuruckkehren, glaube ich selbst, denn sonst musste man bei diesem zirkelmassigen Leben in Verzweiflung fallen; aber so liegt in diesem Wiederkehren ein grosser Trost, der, dass wir uns innerlich nie aus den Augen verlieren konnen, soviel wir uns auch manchmal ausserlich bemuhen, es zu tun.
14
William Lovell an Rosa
Rom.
So ist es denn nun aus? vollig aus? Ich weiss mich noch immer nicht zu fassen. Ich mochte laut schreien und klagen, ich mochte es in die ganze weite Natur hineinheulen, wie elend ich bin. O wie unbeschreiblich nuchtern und armselig endigt sich alles, was mich einst in so hohe Begeisterung setzte, was mir eine so selige Zukunft aufschloss. O eine wilde, blinde Wut ergreift mich, wenn ich daran denke, wenn ich mir alles und jeden Umstand von neuem in die Seele zuruckrufe: eine Raserei erschopft nicht alles, was ich fuhle, es gibt keine Ausserung dafur, die menschliche Natur konnte sie nicht aushalten, so wie ich meinen Schmerz und Verlust darstellen musste.
Und warum das? werden Sie fragen. Ach, Rosa, bei Ihnen ist es blosse Neugier, die so fragt. Sie sind ein glucklicher Mensch. Ich kann mein Ungluck an den Gefuhlen keines andern Wesens ermessen. So horen Sie dann: Andrea ist tot.
Ich sah ihn sterben. Nie habe ich einen Menschen in seiner letzten Stunde so gesehn. Er lachte und verTod und seine Zuckungen als ein lacherliches Possenspiel anzusehn, das keine Aufmerksamkeit verdiente: er verbarg und unterdruckte sein Zittern, er schien die Angst des Todes zu besiegen. Uber mein zerrissnes Herz, uber meine zermalmte Gluckseligkeit lachte er immer wieder von neuem und sagte, das alles kame mir nur so vor, weil ich ein Narr sei. Dann stohnte er wieder dazwischen, und nannte den Namen Gottes mit bebenden Lippen, und schlug dann wieder ein helles Gelachter auf. Ich konnte mich am Ende nicht mehr finden, wo ich war, in einem Wahnsinnstaumel war ich von der Erde und aus mir selber hinausgeruckt, ich konnte zuletzt mit kaltem, starrem Auge die Todeszuckungen Andreas betrachten, sein pochendes Herz, seine schwer arbeitende Brust. Als wenn ein fremdes, unbekanntes Wesen in ihm hammerte und zum Tageslichte herauswollte, so lag er mit seinen Krampfen vor mir da, und ich lachte am Ende selbst uber die seltsamen Verzerrungen seines alten Gesichts. Und nun war er tot. Kein Atemzug, kein Pulsschlag mehr in ihm: es graute mir nicht, ich entsetzte mich nicht vor dem Leichnam, und doch sturzte ich mit bebendem Knie zum Zimmer hinaus.
Und nun fuhlte ich's mit aller Gewalt des ganzen schrecklichen Gefuhls dass nun alles aus sei keine Wiederkehr einer Empfindung, kein Zittern und Zagen, sondern alles eine dumpfe, nuchterne Gewissheit; alles in ein jammerliches Grab hineingesunken, was einst mein war und mein werden sollte. Fuhlen Sie's, Rosa? Nein, es ist nicht moglich.
O ich konnte ach, was? wahnsinnig werden! sterben! sonst seh ich nichts. Ich drohe mir selber, um vor mir selber zu zittern, ich fuhle mich bis in mein innerstes Wesen hinein vernichtet, bis in die letzte Tiefe meiner Gedanken zerstort.
Wollen Sie mich besuchen? Sie werden es nicht tun, weil ich Sie nicht unterhalten kann. Ich weiss nicht mehr, was ich empfinden soll: alles in der Welt kommt mir gleich armselig vor, und so ist es auch. Aber warum es gerade so kommen musste? So, wie ich es am wenigsten erwartete?
O Rosa, wie herzerhebend musste jetzt das Gefuhl sein, sich als einen recht grossen Bosewicht zu kennen; sich selbst zu furchten und zu achten: dies Gluck war mir nicht gegonnt.
Wollen wir in Gesellschaft sterben?
15
Eduard Burton an Mortimer
Bondly.
Meine Betty hat mir eine Tochter geboren, die wir Amalie genannt haben. Das Leben tut sich bei mir immer enger zusammen, ich habe alle Reisen und alle meine jugendlichen Plane aufgegeben, jedem glanzenden Glucke entsagt, aber eben dadurch eroffnet sich mir eine immer hellere Ebene, die Aussicht der Zukunft wird lichter und erfreulicher. Ungluck und Schmerz sind wie ein heftiger Regen, der zwar die Pflanzen niederschlagt, sie aber nachher nur desto frischer wieder aufrichtet: so ist es auch vielleicht mit mir und mit meinen Empfindungen gewesen. Lovells Schicksal wird mir immer wie ein Gewicht in meiner Seele liegen und so die Spannung derselben erhalten. Ich habe von ihm viel gelernt, ich habe gesehn, wie leicht blosser Eigensinn und die Sucht, etwas Besonderes zu sein, den Menschen viel weiter locken konnen, als er anfangs gedacht hat, ich bin dadurch gegen die Unglucklichen toleranter geworden, die wir oft zu schnell und zu strenge Bosewichter nennen, da wir ihnen nur den Namen der Toren beilegen sollten. Mortimer, um uns ofter zu sehn; wie war es, wenn Sie das nahgelegene Waterhall von mir zu einem billigen Preise kauften und Ihr Roger Place einem andern uberliessen? Dann waren wir ganz nahe Nachbarn, dann konnte ich Sie recht geniessen. Je mehr ich daruber nachdenke, je fester wird der Gedanke bei mir, so dass es mir sehr wehe tun wurde, wenn er Ihnen missfiele. Ich habe das Gut in einen bessern Stand setzen lassen, der Garten, der sonst ganz verwildert war, ist wieder eingerichtet, die Gegend um Waterhall ist bei weitem schoner und interessanter, als die um Roger Place: kurz, Sie sehn wohl ein, ich mochte Sie gerne uberreden. Antworten Sie, lieber Freund, was Sie uber meinen Vorschlag denken.
16
Mortimer an Eduard Burton
Roger Place.
Ich wunsche Ihnen Gluck und zwar recht von Herzen. Wir konnen jetzt ein recht schones Parallelleben fuhren, und so langsam und unvermerkt in das Alter hineinkriechen. Es gibt eine Periode im Leben, in der der Mensch plotzlich alt und reif wird; bei manchen Menschen bleibt diese Periode freilich ganz aus, sie bleiben immer nur Subalternen in der grossen Armee, ihnen ist es nie vergonnt, den Plan und die Absicht des Ganzen zu ubersehn, sondern sie mussen sich unter elenden Mutmassungen und lacherlichen Hypothesen abqualen; sie werden immer fortgetrieben, ohne dass sie wissen, wohin sie kommen: ich glaube, dass wir beide uns freier umsehn konnen und jetzt in den Zufallen selbst das Notwendige entdecken, die Rechenschaft von ihnen zu fordern verstehn, warum sie so und nicht anders eintreten. Insofern die Kunst, glucklich zu sein, die Kunst ist, zu leben, insofern besitzen wir diese Kunst.
Sie haben doch auch den Vorsatz, sich bei Ihrem Kinde nicht auf eine sogenannte gute oder feine Erziezumachen, die schon die Kinderseelen im achten Jahre mit Eitelkeit fullen und sie durch diese verderben. Ich habe beschlossen, meinen Georg ganz einfach aufwachsen zu lassen, ich hoffe, er soll auf die Art am ersten ein guter und einfacher Mensch werden; Kinder merken nichts leichter, als wenn sie mit einer gewissen Wichtigkeit behandelt werden; dies ist die Ursache, warum viele sich schon fruh selbst sehr wichtig vorkommen, jede Art von Affektation wird dadurch bei ihnen erzeugt, sie halten sich fur Genies und ausserordentliche Menschen, und denken nie daran, sich und der Welt Beweise davon zu geben. Ich bin uberzeugt, dass Lovell von seinem Vater mit zu vieler Sorgfalt erzogen wurde, und dass dies die erste Quelle seiner Torheit und seines Unglucks war. Die Liebe der Eltern artet gar zu leicht in etwas aus, das keine Liebe mehr ist, sondern an lacherliche Ziererei und Weichlichkeit grenzt, besonders wenn sie nur ein einziges Kind haben: dies soll dann mit allen Vortrefflichkeiten uberladen werden, es darf sich nicht der kleinsten Zugluft des gemeineren Lebens aussetzen, die doch so oft dazu dient, unsern Geist abzuharten und ihn mannlich zu machen, und daher kommt es denn, dass wir an diesen Sonntagsgeschopfen meistenteils so wenig Energie und Kraft bemerken; ein Mensch, der Geschwister hat, ist schon deswegen glucklicher. Ich wurde offenbar nur deswegen besser als meine gestorbenen Bruder, weil mich meine Eltern vernachlassigten, ja fast verachteten; sie glaubten, ihre Sorgfalt sei an mir doch verloren, und daher gaben sie mir die Erlaubnis, mich selbst erziehn zu durfen: ich erzog mich freilich durch Ungezogenheiten, aber immer noch besser, als ganz verzogen zu werden. Ich ward haufiger gedemutigt, als meine Bruder, und eben dadurch stolzer; ein gewisser Stolz ist die Feder, die den Menschen in den Gang bringt, die den Wunsch in ihm erzeugt, von keinen fremden Meinungen und Gesichtern abzuhangen, und die ihm die Kraft gibt, diesen Wunsch sich selber zu erfullen.
Wenn wir nun alt sind, erleben wir vielleicht die Freude, dass unsre Kinder sich verheiraten. Doch, ich will mir das nicht in den Kopf setzen, wenn diese Kinder nicht selbst auf den Gedanken kommen sollten, wenn sie namlich die Zeit erleben, in der der Mensch sich verlieben muss. Man sollte uberhaupt keine Plane fur die Zukunft machen, am wenigsten solche, deren Ausfuhrung nicht von uns selber abhangt. Ich bemerke aber, dass ich, seit ich Vater geworden bin, unaufhorlich in Sentenzen spreche; eine Sache, die ich sonst nie an einem andern Menschen leiden konnte, denn es ist im Grunde nichts weiter, als die Sucht, sich selbst immer in kleine Stucke zu zersagen und bestandig Proben von unsrer Vortrefflichkeit herumzureichen: unsern Geist in vielen Silhouetten abzuzeichnen und diese dann aus dem Fenster an die Vorubergehenden auszuteilen. Dies ist die Schwache, wodurch manche Menschen so unausstehlich werden, als ein moralischer Schriftsteller im Umgange nur sein kann, der uns immer seine langstvergessenen Bucher repetiert.
Jetzt will ich auf Ihren Vorschlag kommen. Der Gedanke ist mir gewiss ebenso erfreulich, als er Ihnen nur immer sein kann; denn ich ware beinahe schon bei dem Verkaufe von Waterhall so unverschamt gewesen, Sie zu uberbieten, doch es ist besser, dass es nicht geschehn ist, denn ich kann es jetzt auf eine ehrlichere Art bekommen. Roger Place kann ich gerade jetzt unter sehr vorteilhaften Bedingungen verkaufen, und alles vereinigt sich, um mich zu bewegen, nach Waterhall zu ziehn. Amalie hat sich zwar an den hiesigen Aufenthalt sehr gewohnt und sie liebt ihn gewiss ausserordentlich, indessen hat sie mir doch schon ihre Einwilligung gegeben: sie freut sich ebenfalls sehr, Ihrer liebenswurdigen Gattin naher zu kommen. Kurz, ich reise morgen ab, um Sie zu besuchen, Waterhall zu sehn, und mich mit Ihnen uber die Bedingungen zu vereinigen: ich denke aber daran, dass ich eben deswegen diesen Brief hier abbrechen kann.
17
Thomas an den Herrn Ralph Blackstone
Waterhall.
Gnadiger Herr, Der Garten ware nun hier in so weit fertig und es fehlt im Grunde nichts weiter, als dass ich noch auf den Befehl warte, nach Bondly zuruckzureisen. Ich hatte selbst im Anfange nicht gedacht, dass man aus der hiesigen Wildnis noch so viel zu machen imstande sei: doch Gottes Segen und fleissige Arbeit kann beinahe Wunderwerke hervorbringen, das bin ich hier gewahr geworden. Wie wurde sich die alte gnadige verstorbene Frau wundern, wenn sie jetzt wieder aus dem Grabe auferstehn sollte! Sie wurde gar nicht glauben wollen, dass es dasselbe Gut sei, und sie wurde es sogar schlechter finden als vorher, denn darin kenne ich sie, sie war, wenn ich der Wahrheit die Ehre geben soll, ein wenig eigensinnig, wie es denn im Grunde alle alten Frauen sind, besonders aber die vornehmen: sie haben dann nur noch an dem Befehlen in der Welt ihre Freude.
Ich bin ordentlich neugierig, Ew. Gnaden und den Garten in Bondly wiederzusehn. Es mag sich unterdessen manches auf Ew. Gnaden Befehl verandert ser, als auf unserm Gute, weil es tiefer liegt, das Wasser in der Nahe macht es frischer. Das Obst, das hier gezogen wird, ist offenbar schoner, als das unsrige, ich habe es selber gegessen, und kann daher recht gut daruber urteilen. Ich empfehle mich Ihnen, gnadiger Herr, mit der ergebensten Bitte, mich nun bald nach Hause kommen zu lassen.
Thomas.
18
Ralph Blackstone an Thomas
Bondly.
Es ist mir sehr lieb zu horen, lieber Thomas, dass Er in Waterhall fertig ist, Er kann sich also aus diesem Grunde zur Abreise nur immer fertigmachen. Hier hat sich indessen mancherlei zugetragen, was wohl grosse und betrachtliche Veranderungen nach sich ziehen durfte. Vor allen Dingen muss ich Ihm nur melden, dass ich jetzt Grossvater bin, und mein Kopf mit allerhand wichtigen Gedanken angefullt ist. Es ist eine junge Tochter, die meine Betty zur Welt gebracht hat, und ich uberlege eben jetzt immer, wie man sie wohl am besten erziehn konnte. Das wendet meine Gedanken nun von dem Garten und von den Baumschulen ganzlich ab, denn eine junge menschliche Seele ist ein zarterer und besserer Baum, der den Menschen naher angeht. Ich habe meine Tochter, wie die ganze Welt sagt, sehr gut erzogen, ich werde daher auch wohl noch imstande sein, einen kleinen Enkel zu erziehn. Alles dies hat mich bewogen, einen Entschluss zu fassen, der Ihm, Thomas, gewiss sehr lieb sein wird: ich will Ihm namlich kunftig ganz allein die Einrichtung mir nur die Jagd vor, um dort so zu schalten und zu walten, so wie es mir gutdunkt. Auch habe ich noch einen andern Plan entworfen, namlich den, die hiesigen Fischteiche zu verbessern: wir mussen oft Fische aus fernen Gegenden kommen lassen, und das ist sehr unangenehm, sie haben dann bei weitem nicht ihren guten und naturlichen Geschmack; dem Ubel muss auf irgendeine Art abgeholfen werden, und ich weiss es auch schon, wie ich mich dazu anstellen will. Vielleicht weiss Er mir einen tuchtigen Mann vorzuschlagen, der unter meiner Aufsicht die Besorgung uber sich nehmen konnte. Komm Er jetzt ubrigens nur nach Bondly, oder vielmehr bleibe Er nur da, bis wir Ihn abholen, denn wir alle werden hinreisen und Herr Mortimer noch obendrein mit uns, denn unter uns gesagt, ich habe ein Vogelchen singen horen, dass Herr Mortimer das ganze Gut Waterhall gekauft hat; doch, das bleibt in den ersten drei Tagen noch unter uns, bis es ihm abgetreten wird, welches sehr bald geschehen soll. Es ist uns um eine gute Gesellschaft in der Nahe zu tun, und dazu ist Herr Mortimer ganz ohne Zweifel ein sehr tuchtiger Mann. Wegen Seiner Verdienste, lieber Thomas, soll Er auch Zulage bekommen, und wenn Er es wunscht, eine ganze stille und ruhige Pension geniessen, denn Er ist schon alt, muss Er wissen, und wenn Ihm der Garten nicht gar zu sehr am Herzen liegt, so mag Er nun nur die ganze Arbeit wegwerfen. Lebe Er recht wohl, bis wir uns personlich wiedersehn; mein Schwiegersohn lasst grussen.
19
William Lovell an Rosa
Rom.
Nun ist es entschieden. Es fehlt nichts weiter. Ich kann mich nun hinlegen und sterben, denn alles, alles ist voruber. Lesen Sie das beigelegte Paket, es ist von Andrea, es ist sein Testament, in dem er mich unbarmherzig verstosst, in dem er nichts von mir wissen will. Es ist wahrscheinlich dasselbe, woran er noch in seiner Krankheit schrieb, als ich ihn besuchte.
Kann ich noch etwas sagen, oder auch nur denken? O Gott, ich bin aus dem Reiche der Schopfung hinausgeworfen. Lesen Sie und fuhlen Sie dann, wenn es moglich ist, wie jedes Wort mich zermalmt hat. Ach, Rosa! Es ist, als wenn ich zuweilen uber mich selber lachen und spotten konnte. Weinen kann ich nicht, und doch wurde es mir wohltun: ach, jetzt ist alles einerlei.
20
Einlage des vorigen Briefes
Ich erwarte Deine Zuruckkunft, Lovell, und bis dahin will ich fur Dich diese Aufsatze schreiben, damit Du endlich die so sehnlich gewunschte Erklarung erhaltst. Du hast recht, wenn Du glaubst, dass es nicht moglich sei, immer unter Traumen umherzugehn, dass der Geist endlich nach einer trocknen Uberzeugung schmachtet, und diese soll Dir auch jetzt werden. Ich habe alle Deine Briefe an Rosa gelesen und alles hat mich in meiner Meinung von Dir bestatigt; ich habe Dich jetzt kennen lernen und Du sollst nun auch erfahren, soviel es moglich ist, wie ich beschaffen bin.
Du wirst aber alle meine Gedanken vielleicht zu ernsthaft nehmen und sie eben darum weniger verstehn: es ist sehr Deine Sache, aus allzugrosser Heftigkeit in einem Gedanken etwas ganz anders zu finden, als der andere gemeint hat. Du gehorst zu jenen Lesern, die in allen Buchern nur sich selber suchen, und nicht die Fahigkeit besitzen, sich in fremde Wesen hineinzudenken. Ich hoffe, Du sollst durch einige Nachrichten erschuttert, durch manche Gedanken sollst Du kluger werden, und wenn beides geschieht, will ich meine Zeit und Muhe nicht bereuen. Meine Krankheit zwingt mich zu irgendeiner Beschaftigung; ich will Dir also diese Papiere als ein Denkmal von mir zurucklassen, als ein Testament, als die Erbschaft selbst, die Du von mir erwarten kannst.
Meine Jugend
So wisse denn, dass ich Waterloo heisse und ein Englander bin. Ich bin mit Deinem Freunde Burton nahe verwandt, denn ich bin der Oheim seines Vaters, Du kennst durch Deinen Vater vielleicht schon meinen Namen, ja Du musst sogar oft mein Gemalde gesehn haben, welches in einem von euern Zimmern hangt.
Ich habe schon seit lange darauf gedacht, meine Geschichte kurz niederzuschreiben, nur habe ich noch nie eine gelegene Zeit dazu finden konnen: jetzt, da ich nichts zu tun habe, da alle meine Bekannten mich verlassen, will ich mir die Vergangenheit zuruckrufen, um mit ihr und mit mir selber zu tandeln, so wie ich bisher mit den Menschen spielte.
Mein Vater war ein rauher und strenger Mann, ich war sein einziges Kind. Er hatte sein Vermogen in der englischen Revolution verloren, er lebte daher auf dem Lande ausserst sparsam und eingezogen, die Eitelkeit und die Pracht der Welt kannte ich nur vom Horensagen. In einem einsamen Tale wuchs ich auf, und fast immer mir selbst uberlassen, entwickelten sich in meiner Seele wunderbare Traume, die ich fur die Wirklichkeit ansah. Frommigkeit erfullte mein Herz, ich war in einem bestandigen andachtigen Taumel, es verging alles vor meinen Sinnen und Gedanken, wenn ich mir Gott und die Unsterblichkeit vorzustellen suchte. Heilige Stimmen liefen oft durch den Wald, wenn ich allein dort lag, alle Wipfel vereinigten sich dann zu einem leise brausenden Chor, und der Gesang der Vogel erschallte munter dazwischen, wie ein Weltgesang der weltlichen Freuden mit dem Segen des Himmels. Ich schlummerte oft ein und fasste dann die grossten und frommsten Entschliessungen: dann hob ich meine Hande kindlich zum Himmel empor, und alle Gefuhle zerrannen in meinem Herzen und vereinigten sich in einen Punkt. Tranen sturzten dann aus meinen Augen und endigten so meinen hohen Taumel. Ich hatte von der grossen Liebe Gottes zu den Menschen gehort, und dies Gefuhl hielt ich fur diese Liebe, denn es war, als wenn mein Herz ein magnetischer Mittelpunkt ware, der vom Himmel unwiderstehlich angezogen wurde und den die korperliche Hulle kaum noch auf der Erde zuruckhielte. Mein Vater war selbst im Alter fromm geworden, und seine Gesprache dienten sehr dazu, meine Phantasie noch mehr zu erhitzen. Ich kann sagen, dass ich in den uberirdischen Regionen so einheimisch wurde, wie in unserm Garten, dass mir die seltsamsten Traumereien so gelaufig wurden, wie meine Kinderspiele, und dass ich mich mit der ruhigsten Sicherheit fur die frommste und auserwahlte Seele hielt, die dem hochsten Engel nur die Hand bieten durfte, um gleich mit ihm in Bruderschaft zu treten.
Enthusiasmus
Ich hielt mich in meinem Sinne, wenn ich die Geschichte, oder andre Bucher uber Menschen las, fur einen ganz vorzuglichen Geist. Ich traute keiner andern Brust die Empfindungen zu, die wie eine sanftwechselnde Musik in meinem Herzen auf- und niederstiegen. Diese Vorstellungen hoben mich uber die ganze Welt hinaus, ich vergass alle Durftigkeiten des Lebens und war nur in reinen Strahlen einheimisch.
Fast jeden Menschen beherrscht in der Zeit, wenn er vom Kinde zum Junglinge ubergeht, ein hoher Enthusiasmus; der ist glucklich, der sehr schnell den Zirkel aller tauschenden Empfindungen durchlauft, um endlich, wenn er die Runde gemacht hat, sich selber anzutreffen. Die hohe Reizbarkeit dient dazu, uns in tausend Torheiten zu verwickeln, aber auch, uns uber diese Torheiten zu belehren; je feinere Sinnlichkeit ein Mensch besitzt, um so eher ist es ihm moglich, recht fruh klug zu werden.
Ich mochte den jugendlichen Enthusiasmus, so wie manches andre im Menschen, nichts als eine Anlage nennen, die sich zur Geschicklichkeit ausbilden lasst. Es ist eine Kunst, die man sich durch Ubung erwirbt, keine von den Armseligkeiten zu erblicken, die uns in der spatern Zeit oft zuruck und auf der Erde festhalten, wenn uns eben ein fliegender Taumel ergreifen will; wir stellen in der Jugend alles in einen dunkeln Hintergrund, was vor uns hin die schone Aussicht verdecken konnte. Man nimmt sich nur vor, ein grosser Mensch zu werden, solange man die Menschen und sich selber nicht kennt: es ist ein Spiel, das uns erhaben vorkommt, weil wir uns so lange zwingen, bis wir es so finden. Dem kalteren Menschen erscheint der Enthusiasmus gerade so, wie derjenige, der kein Spiel versteht, denen zusieht, die sich mit vieler Aufmerksamkeit mit einem scharfsinnigen Kartenspiele beschaftigen.
Der Enthusiast meint, die ganze Welt sei nur darum da, um seine Entwurfe darin auszufuhren, die Welt sei nur darum so sonderbar aus Ubeln und Vortrefflichkeiten zusammengesetzt, damit er durch die Uberwindung der Schwierigkeiten ein desto grosseres Verdienst erringe. Er wurde nicht mehr gut sein wollen, wenn es leicht ware, gut zu sein, und wenn es alle Menschen mit ihm zugleich waren.
Liebe
Bei den meisten Menschen ist der Enthusiasmus fur das Grosse und die Tugend nur eine Vorbereitung zur Liebe, es ist derselbe Trieb, der sich in die Allgemeinheit verliert und Ideen sucht, weil er keinen Gegenstand vor sich hat: die Liebe verarbeitet die Menschen eine Zeitlang und fuhrt sie nachher zur Sinnlichkeit, einem Wege, auf dem sie verstandiger, aber auch weit grossere Toren als vorher werden konnen. Es ist der Kreuzweg, auf dem die meisten sich in verwickelten Irrgangen verlieren und umzukehren glauben, wenn sie immer tiefer in die Wildnis hineinrennen.
Mein Vater starb, als ich sechszehn Jahr alt war, ein tauber Schmerz erdruckte und verfinsterte meinen Geist, ich glaubte alles verloren zu haben; ein Irrtum, den jeder Mensch beim ersten Verluste begeht, weil er noch nicht in den Wechsel des Lebens eingelernt ist. Ich trieb mich lange in der Einsamkeit herum, um meinem Schmerze nachzuhangen und aus ihm nach der ersten Betaubung eine Art von Kunstwerk zu bilden, in welchem ich mir wieder gefiel. Ich zog nach und nach meine vorigen Ideen in meinen jetzigen Zustand hinein, und so war es, als wenn sich ein sanfter Mondschimmer uber mir bildete, in dessen melancholischer Dammerung ich gerne wandelte.
Ich lernte eine Familie in der Nachbarschaft kennen, oder vielmehr, ich besuchte sie nur fleissig, weil mein Vormund mich dort eingefuhrt hatte. Antonie, die einzige Tochter des Hauses, lenkte nach kurzer Zeit alle meine Aufmerksamkeit auf sich; die Dammerung um mich her ward immer traulicher, und ich hatte am Ende meinen Schmerz vergessen, indem ich immer noch sehr unglucklich zu sein glaubte.
Mein ganzes Leben bekam einen neuen Schwung und es ward mir auf eine andere Art lieb. Alle meine grossen Entwurfe fielen zusammen, meine grosse heroische Biographie kroch in einen Seufzer ein, ein einziger holdseliger Blick erfullte alle meine Wunsche.
In dieser Zeit ist man von allen Frauenzimmern gern gesehn, weil man sie verehrt und fur gottliche Wesen halt; sie sind immer in der Gesellschaft eines jungen unerfahrnen Menschen glucklich und unbefangen; je bloder, je verlegener er sich nimmt, je lieber ist er ihnen, wenn sie ihn offentlich auch noch so sehr verspotten. Als ich in mehrern Familien bekannt ward, war ich bei allen Frauenzimmern eine ordentliche Modeware; alle bildeten sich ein, dass sie mich erziehn wollten, um mich zu einem ganz vorzuglichen Menschen zu machen, jede entdeckte in mir Talente, die sich unter ihrem hohen Schutze gewiss vortrefflich in mir entwickeln wurden. Es ward nun an mir so fein erzogen, dass ich es sogar in meiner damaligen Verstandesblodigkeit bemerkte, man wandte alles an, um mich eitel und verkehrt zu machen, meine Erzieher arbeiteten recht muhsam dahin, dass ich sie verachten musste, weil sie eine noch hohere Verehrung von mir erzwingen wollten.
Antonie war das einzige Madchen, das sich nicht um mich zu kummern schien. Ich horte so oft mit Verachtung von ihr sprechen, dass ich mir selbst am Ende einbildete, sie ware mir verachtlich; man sagte von ihr, dass sie keinen Verstand besitze, und so schien es auch, denn sie sprach nur selten und sehr furchtsam mit, wenn die ubrigen ihre feinen Gedanken auf eine glanzende Art entwickelten. Wenn ich allein bei ihr war, fuhlte ich mich aber auf eine unbegreifliche Art zu ihr hingezogen, im einfaltigen, fast kindischen Gesprache wurde mir dann der Verstand aller ubrigen weit zuruckgeruckt, sie interessierten mich dann nicht, ich konnte sie selbst in der Erinnerung nicht achten. Ich wunderte mich oft uber diese seltsamen Widerspruche, ich uberlegte in der Einsamkeit, wodurch ich so wunderbar gestimmt werden konne, dass ich immer die entgegengesetzte Seite fande und sie jedesmal fur die wahre hielte. In kurzer Zeit ward dieser Widerspruch in mir gehoben, denn ich gab mich gegen meine Uberzeugung Antonien ganz hin, die Gesellschaft aller ubrigen Menschen war mir schal und ermudend, ich lebte nur fur sie, ich dachte nur sie, ich traumte nur von ihr. Selbst jetzt in der Erinnerung konnt ich mir, ein achtzigjahriger Greis, jene schone Zeit zuruckwunschen.
Meinem Ohre gab die ganze Natur jetzt nur einen einzigen Ton an, es war als wenn die Poesie mit himmelbreiten Flugeln uber die Welt hinrauschte, und Sonne, Mond und Sterne anruhrte, dass sie tonten: alles Volk stand unten und staunte aufwarts, vom neuen Glanz, von der nie gehorten Harmonie betaubt und verzaubert.
Ohne dass ich oft vernahm, was sie sagte, konnte mich der blosse Ton ihrer Stimme in Entzucken versetzen, alle meine Gedanken schliefen gleichsam in Blumen und in sussen Tonen, meine Seele ruhte in der ihrigen aus, und in einem Elemente, das fur den Menschen zu fein ist, schwamm und spielte ich umher.
Meine ubrigen Freundinnen sahen nun mit Hohngelachter auf mich hinab; sie gaben mich verloren und meinten, ich werde nun ebenso einfaltig bleiben, als es meine Geliebte sei.
Ich wunschte tausendmal, fur Antonien sterben zu konnen, fur sie irgendein Verdienst zu erringen. Ich wunschte sie arm und in Ungluck, um sie zu retten, in Todesgefahr, ich flehte, dass wenn sie mich nicht lieben konne, so wie ich sie liebte, der Himmel sie mochte sterben lassen, damit ich dann Ruhe hatte, damit ich auf ihrem Grabhugel so lange weinen konnte, bis ich ihr nachsturbe. Der Mensch kann nie in irgend etwas gross sein, ohne zugleich ein Tor zu sein.
Ich bemerkte nur zu bald, dass sie mich nicht liebte; sie war zwar immer freundlich gegen mich und mehr, wie gegen manchen andern, allein sie war mit mir nie in Verlegenheit: sie erriet mich und doch kam sie mir nicht entgegen, in jedem Worte, das sie sprach, fuhlte ich es innig, dass sie mich nicht liebe. Alle meine Empfindungen peinigten mich mit Folterschmerzen, ich wusste nicht, was ich wollte, ich begriff nicht, was ich dachte, alles war im Widerspruche mit sich selber, die Natur umher ward wieder stumm, die durre Wirklichkeit kroch wieder langsam und trage aus ihrem Winkel hervor, in den sie sich versteckt hatte: es war, als wurde das Instrument mit allen seinen klingenden Saiten in tausend Stucken geschlagen.
In einer recht vertraulichen Stunde gestand sie mir nun selbst, dass sie mich nicht lieben konne, weil sie schon an einen reichen jungen Menschen versprochen sei, dem sie ihr ganzes Herz hingegeben habe.
Alles in mir loste sich auf. Ein tauber Schmerz sass in meinem Herzen und dehnte sich immer weiter und weiter aus, als wenn er das Herz und die Brust zersprengen wollte, und doch kam ich mir zugleich albern und abgeschmackt vor. Ich verachtete meine Tranen und Seufzer, ich hielt alles in mir fur Affektation, alle lebendige Poesie flog weit von mir weg, alle Empfindungen zogen voruber wie etwas Fremdes, das mir nicht zugehorte.
Der Liebhaber kam, um sie abzuholen. Sie reiste ab, und dachte nicht daran, in welcher Einsamkeit sie mich zuruckliess: ich hatte ihr noch selber alles zur Reise einpacken helfen. Die Zimmer waren ausgeleert, und in der Mitternachtstunde ging ich dem oden Hause voruber, und horte nur noch drinnen eine Wanduhr, die ewig und langweilig ihre wiederkehrenden Schwingungen abmass. Es war mir, als horte ich den Takt, der kalt und empfindungslos das menschliche Leben abmisst: ich ahndete im voraus den Gang der Zeit und alle die truben Veranderungen, die sich trage in der Einformigkeit ablosen und gahnend wiederkehren.
Melancholie
Es ist, als wenn die Liebe wie ein Fruhlingsschein in den Vorhof unsers Lebens hingelegt ware, damit wir diese schone Empfindung in uns recht lange nahren und fortsetzen, damit uns der schonste Genuss der Seele durch unser ganzes Leben begleite, und durch die blosse Erinnerung uns dies Leben teuer mache. Wenige nur wagen es, nachdem sie durch dies goldene Tor gegangen sind, das Leben und seine Freuden zu verachten. Begrusste uns nicht die Liebe am Eingange des Lebens, so wurden sich alle Menschen ohne Muhe von ihren Vorurteilen losmachen konnen, keiner wurde sich um die Tugend kummern und keiner uber den Verlust seiner jugendlichen Gefuhle Reue empfinden. Aber so wird uns ein Talisman mitgegeben, der uns beherrscht, ohne dass wir es wissen.
Ich fuhlte mich jetzt von der ganzen Welt losgerissen, ohne allen Zusammenhang mit irgend etwas, das in ihr war. Oft lag ich ganze Tage hindurch im Walde und weinte, mit unsichtbaren Wesen fuhrte ich Gesprache und klagte ihnen mein Leid. Oft war es, als wenn die Natur und die rauschenden Baume meinem Herzen plotzlich naherruckten, und ich streckte dann meine Arme aus, um sie mit einer unnennbaren Liebe zu umfangen, aber dann fiel es wieder vor meine Seele nieder, ich war in meinem Schmerze mit mir selber nicht befreundet, und alles ubrige erschien mir kalt und ohne Interesse. Menschen, die dann in der Ferne vorubergingen, beneidete ich, indem ich sie verachtete: ein verworrenes Gewuhl von tausend Gestalten lag druckend in meiner Phantasie; keine konnte sich losarbeiten, um als ein einzelnes, anschauliches Bild dazustehn. Dies sind die Empfindungen eines jungen unentwickelten Menschen, der nach etwas greift, das er selbst nicht kennt.
Das hohe Ideal der Tugend und der Vortrefflichkeit des Menschen kam jetzt in meine Seele zuruck. Ich nahm mir vor, alle meine Gefuhle in dieser Vorstellung zu verbinden, ich sah jetzt meine ungluckliche Liebe als ein Opfer an, das ich der Tugend und der Notwendigkeit gebracht hatte. Ich fand in vielen Stunden Trost in diesem Gedanken, und ich nahm mir von neuem vor, ein recht edler und vollendeter Mensch zu werden, alle die gewohnlichen Armseligkeiten wegzuwerfen und mich ganz der hohen Vorstellung zu weihen, die mein Herz erweiterte. Dieser Vorsatz ist es eigentlich nur, der den Menschen so oft uber diese Welt hinuberhebt, denn in der langsamen und weitschweifigen Ausubung geht bald aller Enthusiasmus verloren. Mir ging es aber bei weitem ubler. Die Menschen witterten etwas von meinen Ideen, die sie Schwarmerei nannten; um mich zu bessern, verfolgten sie mich mit falschem Witze auf die gemeinste Weise. Alles, was ich tat und sagte, war ihnen nicht recht und zu jugendlich; sie liessen mir nicht die Zeit, selbst Erfahrungen zu machen, um meine Torheiten einzusehn, sondern ich sollte in einem Treibhause kluger werden.
Es ist gewiss leicht, ein grosser Mensch zu werden und zu bleiben, wenn sich uns sogleich grosse Ungluckfalle in den Weg werfen, die die Bahn zu versperren drohen. Dann nimmt der Mann alle seine Krafte zusammen, um keinen Schritt zuruckzutun. Gefangnis und Ketten, Todesgefahr und allgemeiner Hass sind nur Mittel, die seine Seele starken und verharten, er lebt in einem ewigen Kampfe gegen die wilden Massen, die ihn umgeben, und dieser Kampf erhalt ihn munter und lebendig. Eigensinn wird endlich seine Haupttugend werden, an dem sich seine ubrigen Tugenden nur lehnen, er wird sich selbst verachten, wenn er fuhlt, dass er innerlich nachzugeben im Begriff ist, und auf die Art wird die Spannung seiner Seele niemals nachlassen. Das Bild eines solchen Mannes ist gross, wenn man will, aber noch grosser ware der, der seinen Vorsatz durchfuhrt, wenn er gleich nicht bemerkt wird, dem nichts Grosses entgegengeht, sondern der in einer schalen Unbedeutenheit lebt und von allen verachtet wird; vor dem der eine Tag so wie der andere voruberzieht, und um den sich die Zeit und das Ungluck gar nicht zu kummern scheint. Ein solcher Mensch wird seinen Wert bald aufgeben, alles wird ihm nur ein Hirngespinst scheinen, und er wird entweder zu den ganz gewohnlichen Menschen hinabsinken, oder sich an diesen zu rachen suchen.
Wie oft ward mein guter Wille verkannt und das Beste in mir verhohnt: wem ich mit meiner Freundschaft entgegenging, der wies mich kalt zuruck, meine jugendliche Empfindung nannte man sich gemein machen. Alle Menschen waren kluger, verstandiger und besser, als ich, und ich glaubte es am Ende selbst; ich verachtete mich jetzt ohne Grund, so wie ich mich vorher ohne alle Ursache verehrt hatte; ich hielt es am Ende nicht der Muhe wert, an mich selbst zu denken, es war mir lacherlich, dass ich mich verbessern wollte, die Welt und ich selber ward mir gleichgultig, und so schlief ich von einem Tage zum andern hinuber, ohne Wunsche und ohne Reue, in mir selber ausgestorben und ohne Lebenskraft, neue Bluten zu treiben.
Denn Bluten sind gewohnlich nur das, was wir schon Fruchte nennen, und die Fruchte selbst sind fur uns nur deswegen ein Bild der Vollendung, weil sie unsern Bedurfnissen zustatten kommen: in ihnen liegt der Stamm, der in der Zukunft wieder Bluten und Fruchte bringen wurde.
Plotzlich erwachten in mir ganz alte und vergessene Traume. Bilder von Landern, Landkarten, die ich in meiner Kindheit betrachtet hatte, gingen meiner Phantasie voruber, ich horte entfernte Strome rauschen und sah einen fremden Himmel uber mir. Eine unbeschreibliche Lust, die Menschen und die wohlbekannten Gegenden zu verlassen, ergriff mich, ich ahndete so viel Neues, und in dem Neuen so viel Mannigfaltigkeit, dass ich plotzlich mein Vermogen zusammenraffte, und in der grossten Eile England verliess.
Sinnlichkeit
Es war alles nicht so, wie ich es mir gedacht hatte. Ich traf allenthalben dieselben Menschen wieder an, eben das flache, abgegriffene Geprage, das mich in meiner Heimat innerlich so oft emport hatte. Ich glaubte endlich, es sei Narrheit, anders sein zu wollen, ich zwang mich in diese Form hinein, und nun war ich allen lieb.
Schon vorher hatte ich von einigen sogenannten Vertrauten gehort, dass in meinem Gesichte etwas liege, das die Menschen im Anfange von mir zuruckstosse; eine verborgene Widrigkeit, die man nicht genau zu beschreiben wisse, die mich aber bald lacherlich, bald wieder zu einem Gegenstande der Furcht mache. Nun wusst ich doch, warum die Menschen mich hassten und verfolgten; weil meine Nase etwas anders stand als sie es wunschten, fanden sie mich verwerflich.
Ich uberliess mich jetzt dem frohern Genuss des Lebens, alle meine dunkeln Empfindungen losten sich in Sinnlichkeit auf, ich glaubte, alles fruhere sei nur ein Weg hierher gewesen, eine Vorbereitung zu dieser Vollkommenheit.
Ich verachtete jetzt alles in mir selbst, was mir als gross und erhaben erschienen war; mir selbst zum Trotz zeichnete ich mir meine Liebe als das Lacherlichste vor, ich machte mich mit den widrigsten Vorstellungen vertraut, und galt nun bald allenthalben fur einen witzigen Kopf, weil ich im Grunde den Verstand verloren hatte.
So durchschwarmte ich ohne Genuss Italien und Frankreich. Man sah mich allenthalben gern, und allenthalben war ich mir selbst zur Last: ich bemerkte endlich mit Schrecken, dass mein kleines Vermogen fast ganzlich verloren sei, ich war meinem Vaterlande ganz fremd geworden, weil ich schon sechszehn Jahre entfernt gewesen war; ein Zeitraum, der mich jetzt ausserordentlich kurz dunkte. Mit dem Gelde, das mir ubrigblieb, beschloss ich nach England zuruckzukehren, weil mir indes das Alte etwas Neues geworden war. Ich betrat das englische Ufer, um hier neue Erfahrungen zu machen.
Klugheit
Ich kam mit der festen Uberzeugung zuruck, die Menschen zu kennen. Ich hatte im Laufe meines wilden Lebens nicht unterlassen, sie zu beobachten, aber ich war mir dieser Beobachtungen viel zu sehr bewusst, als dass sie hatten richtig sein konnen. Es ist schwer, die Menschen in der Gegenwart zu kennen, weit richtiger beurteilt man sie in der Entfernung, wenn wir nach und nach die wahrgenommenen Merkmale sammeln. Uber meine Freunde in Italien fing ich daher an, ganz richtig zu denken, und doch brachten mich die Menschen, die ich in England traf, von neuem in Verwirrung: ich suchte mich in jede Gestalt, die mir aufstiess, hineinzustudieren, und daruber geschah es denn unvermerkt, dass ich selbst manches von dem Menschen annahm, den ich mir nur verstandlich machen wollte; es ist dieselbe Erfahrung, die jeder Ubersetzer macht, der wahrend der Arbeit sein Original zu hoch anschlagt.
Meine ehemalige Geliebte traf ich als eine zankische, eigensinnige Hausfrau wieder, selbst in ihrer Gestalt waren nur wenige Spuren ihrer sonstigen Liebenswurdigkeit zuruckgeblieben. Wir gingen miteinander um, wie alle ubrigen Menschen miteinander sprachen, und alle meine jugendlichen Empfindungen fur sie erschienen mir schal und abgestanden, alle Festtage waren fur mich im menschlichen Leben ausgestrichen, und mein Blick verlor sich in der unabsehlichen Folge der alltaglichen Stunden und Vorfalle, von keinem Gefuhle aufgeputzt, von keiner Schwarmerei beglanzt. Wie albern erschien mir jetzt die Erinnerung meines ehemaligen Lebens und meiner jugendlichen Gefuhle! Ich trat unter den Haufen der Menschen, und betrachtete jedes Gesicht mit einem kalten Blicke: keiner ging mein Herz naher an, als der andre.
Ich erhielt bald in vielen Hausern Zutritt, weil ich, ich weiss nicht durch welchen Zufall, den Namen eines witzigen Kopfes bekommen hatte. Man ist sehr oft in der Welt witzig, wenn man auf eine gewisse Art einfaltig ist, wenn man jeden Einfall und Gedanken wagt, ohne an alle die Rucksichten zu denken, die der klugere Mensch nie aus den Augen verlieren wird. Ich sprach alles, was mir in den Sinn kam, und machte mich besonders durch abgeschmackte Anekdoten sehr beliebt; der wahre Witz wird in Gesellschaften selten geachtet und verstanden, die meisten Leute haben immer nur die Vorstadte des Verstandes und des Witzes kennengelernt, sie behalten daher zeitlebens ihre kleinstadtischen, entfernten Begriffe von diesen Vortrefflichkeiten. Durch den allgemeinen Beifall, dessen ich genoss, liess ich mich verleiten, immer witziger zu werden, ich fand Behagen an mir selbst, und setzte am Ende in meine Armseligkeiten einen ebenso hohen Wert, als es die ubrigen Menschen taten. Man wird meistenteils durch den Umgang einfaltiger und eitler, selten kluger und besser. Ich hatte damals uberhaupt gerade so viel Verstand und Erfahrung, um mich sehr dumm zu betragen, der ganz Einfaltige geht einen weit bessern und sicherern Weg, als der Mensch, dessen Klugheit im Wachstume ist; die einzig schadliche Dummheit ist jene halbe Klugheit, die sich allenthalben zurechtfinden will, alles zu ihrem Vorteile benutzen, das Widerspenstige auf eine sinnige Art verbinden und so durch einen feinen, unbemerkten Despotismus die ganze Welt regieren. Diese Klugheit war eben bei mir grun in die Hohe geschossen, so dass ich sie zwar bemerken, aber noch keine Fruchte davon einernten konnte: diese unreife Klugheit kann hochstens einem Schriftsteller zugute kommen, der in seinen Buchern mit den Menschen machen kann, was er will, ohne dass sie sich eben zu sehr widersetzen; aber in der wirklichen Welt ist sie eben der Angelhaken, mit dem diese Goldfische von klugern Fischern gefangen werden. Man sollte daher entweder zeitlebens einfaltig bleiben, oder schnell jene gefahrliche Periode der Entwickelung zu uberstehen suchen.
Damals lernte ich einen jungen Menschen, Deinen Vater, kennen. Er stand noch in der empfindenden Periode, und ich war ihm mit meiner Ausbildung so sehr gewachsen, dass er mich bald fur das Muster eines Mannes hielt. Er wunschte nichts so sehr, als meine Freundschaft, und es traf sich, dass wir in kurzer Zeit recht vertraut miteinander wurden. Er entdeckte mir seine Liebe zur Lady Milford, und bat mich um meine Vermittelung, weil ich in ihrem Hause oft war, und viel beim Vater galt. Ich nahm mich seiner redlich an, und es kam so weit, dass die Verlobung in kurzem gefeiert werden sollte. Marie Milford war ein treffliches Madchen, die mir mit jedem Tage mehr gefiel; ohne dass ich sagen konnte, wie es geschah, war ich selbst in sie verliebt, noch ehe ich glaubte, dass es moglich ware. Ich dachte jetzt darauf, Lovell von ihr zu entfernen, ich tat vieles, ohne genau zu uberlegen, was und wie es sei, und so gelang es mir am Ende wirklich, dass ihm der Vater das Haus verbot. Der junge Burton, der Lovells Freund war, ward jetzt heimlich mein Vertrauter, wir errichteten einen ordentlichen Vertrag. So jung dieser Mensch damals auch war, so war er mir dennoch uberlegen; ob ich gleich sein Oheim war, so konnte ich es doch nicht unterlassen, im stillen eine grosse Achtung vor ihm zu empfinden. Es zeigte sich auch in der Folge, dass ich hierin recht hatte, ob ich mich gleich im ganzen in ihm irrte.
Marie war unglucklich, und alle meine Bemuhungen, ihr Wohlwollen auf mich zu lenken, waren vergebens. Je mehr sie mir widerstand, um so heftiger wurde meine Begierde. Ich glaubte daher, dass diese Liebe noch starker sei, als meine erste jugendliche zu Antonien. Der Vater ward immer mehr fur mich eingenommen, und er wunschte nichts so sehnlich, als mich zum Schwiegersohne zu bekommen.
Ich hatte Lovell nach und nach und mit einigem Scharfsinne beim Vater verleumdet, ich hatte allen meinen Aussagen den Anstrich der Wahrheit zu geben gewusst, aber doch war die ganze Intrige ohne einen eigentlichen Plan angelegt, ich verliess mich mehr auf den Zufall und auf die Leichtglaubigkeit der Menschen, als auf mich selbst. Ich dachte eigentlich nur selten an den Erfolg, sondern liess sich die Maschine selber umtreiben, so wie es die meisten Menschen machen, die wahrlich mehr ihre Plane ausbessern und den ublen Folgen derselben aus dem Wege treten, als dass sie diese Plane selbst durchsetzen. Diese Schlafrigkeit in der Bosheit macht, dass die Menschen noch so ziemlich miteinander fertig werden, dass es dem einen nicht sauer wird, den andern zu uberlisten, und dass dieser sich wieder nicht sehr widerspenstig erzeigt, uberlistet zu werden.
Die Tochter schien mir immer abgeneigter zu werden, aber sie war bei Tage und in der Nacht mein einziger Gedanke. Ich gab mein ganzes voriges Leben verloren, und beschloss, durch ihren Besitz gleichsam von neuem geboren zu werden, mich und mein Gluck in jeder Stunde recht bedachtlich zu geniessen und mit mir selber ernsthafter umzugehen. Es schien mir jetzt, als habe ich alle meine Jahre in einem wilden, drukkenden Rausche verschleudert, ich erschrak vor dem Gedanken, leer durch das Leben zu gehen und dann so hinzusterben. Und doch uberfiel mich oft die Uberzeugung, dass es so kommen wurde und musse, denn ich fuhlte es in allen Stunden innig, dass sich Mariens Seele ganzlich von mir zuruckneigte, wie eine Blume von dem kalten Schatten. Ich war verzweifelt. Ich gewann mir selber die Uberzeugung ab, dass jetzt die Tauschungen aller Art im Begriff seien, von mir abzufallen, mein Herz erwachte aus seinem Taumel, was in meiner Jugend Traum war, wollte sich jetzt zur Wahrheit emporarbeiten, und ich fuhlte durch mein ganzes Wesen den Glanz der Liebe schlagen, die sich mir jetzt in allen ihren Kraften offenbaren wollte. O welche selige Wirklichkeit konnte die Stelle fruherer glanzender Phantome einnehmen! Marie ward in einer Stunde offenherzig und gestand mir ihr Gefuhl, wie alles sie von mir zuruckstosse, mein Wesen, ein Etwas, das sie nicht beschreiben konne, das ihr aber in manchen Stunden sogar furchterlich sei. In demselben Augenblicke zog ein grimmiger, ein entsetzlicher Hass durch meine Brust, ein Hass gegen die ganze Welt und gegen mich selbst. Alle Bluten meines Geistes, alle Selbstachtung, jede Heiligkeit erstarben in meinem Innern. Aber ich nahm mir nun um so fester vor, sie unter jeder Bedingung zu besitzen, ihr und mir zum Trotze; sie von Lovell loszureissen, war jetzt schon meine Gluckseligkeit.
Der bestimmte Tag, an dem ich mit ihr verheiratet werden sollte, nahte sich wirklich; alle Gaste waren zugegen, Musik ertonte, Marie war traurig und der Vater froh, als Lovell plotzlich hineinsturzte, der bis dahin in London gewesen war, und nun sich alles zu meinem Schimpfe entwickelte, indes ich kaum ein einziges Wort erwidern konnte.
Alles verliess mich, ich musste Burton nach meinem Versprechen einige hundert Pfund geben, die gerade den Rest meines Vermogens ausmachten; er hatte mich wider meinen Willen in seiner Gewalt.
Hass
Ich stand einsam da. Ich hatte nur eine Empfindung in meiner Brust, die mein Herz zu zerreissen drohte; ein tiefer, unversohnlicher, brennender Hass gegen Lovell. Mein ganzes Leben hatte ich daransetzen mogen, um das seinige zu verbittern. Ich konnte nicht an seinen Namen denken, ohne vor Wut zu zittern: mein Innres bewegte sich auf die gewaltsamste Weise, wenn ich an alle Vorfalle dachte, und ich dann sein Vorhaben gekront, ihn glucklich sah. Ich schwur es mir, ihn ewig nicht zu vergessen, mich nie im Herzen mit ihm auszusohnen. Mein Leben hatte nun einen Faden gefunden, an dem es sich hinunterspinnen konnte.
Ich wusste es zu bewerkstelligen, dass er Gift bekam, allein er wurde wiederhergestellt. Ich erstaunte, als ich inneward, dass mein Hass einen noch hohern Grad erreichen konne. Marie starb im ersten Wochenbette, und nun fuhlte ich erst ganz, wie ich sie geliebt hatte, wie ich sie hatte lieben konnen. Ihr Kind, an welchem der Vater sich freute, war mir der Morder alles meines Gluckes, mein Herz brannte an diesem Rache zu nehmen. In diesem Gefuhl zehrte ich fort, es erhielt mich, alle mein Sinnen war darauf gerichtet, diese Rache einmal zu schmecken, mich in ihr zu sattigen.
Elend
Es war jetzt die Zeit gekommen, dass ich die Menschen wirklich sollte kennenlernen. Der Mensch ist nichts, wenn ihm seine Nebengeschopfe fremd bleiben, und indem er sie kennenlernt, verliert er alles, was ihm Wert gab: es ist ein klagliches und wieder lacherliches Ratsel.
Alle Menschen entfernten sich nun von mir, ich war von allen Gesellschaften ausgeschlossen, ich suchte Hulfe oder nur Mitleid, aber ich ward kalt und hohnisch zuruckgewiesen. Man hatte mich gesucht und an sich gezogen, und jetzt verachtete mich jeder Dummkopf, ohne dass er sich einen auch nur halbklugen Grund anzugeben wusste. Ich argerte mich innig uber diese Menschen, die mich vorher ohne alle Ursache geschatzt hatten, und mich nun so plotzlich fallenliessen, und sich dabei so hoch uber mir erhaben dunkten. Ich war gebrandmarkt, und jedermann vermied mich als einen Angesteckten; sie hatten sonst einmal etwas von Tugend und Rechtschaffenheit gehort, und nun meinten sie, die Leute konnten wohl gar denken, sie hielten nicht viel von diesen hohen Dingen, wenn sie sich mit mir abgaben. Es waren Menschen darunter, die nicht ihre einfaltigsten Gedanken mit der Sprache von sich zu geben wussten.
Die weite Welt lag jetzt vor mir, aber ich begriff nicht, wie ich darin leben wollte. Mein ganzes Vermogen war verloren, ich hatte keine Freunde und keine Aussichten, keinen Mut, mir selber zu vertrauen, um das Verlorne wiederzugewinnen. Ich hatte in London eine Zeitlang bleiben konnen, aber ich war es mude, Anekdoten zu erzahlen, oder hin und her zu schwatzen, und mich abzuqualen, um einen witzigen Einfall zusammenzubringen. Die Menschen hatten mir selbst den Mut genommen, zu schmeicheln, um damit ein kummerliches Dasein durchzuschleppen.
So tief war ich gesunken. Ich sah zuruck, wer ich war, wer ich in Mariens Armen geworden ware. Besser zuruckgekehrt zu allem Hohen, mein Herz ware dann aufgebluht, mein Geist erschlossen. Ewig hinter mir war dies Paradies verriegelt, und mir selber und der leeren Welt preisgegeben, ich sah einem ewigen Schmachten, einer unendlichen Durre entgegen, in der der einzige arme Trost keimte, dass ich mich vielleicht zerstreuen, mich vergessen, mich mir selbst entfremden konne.
Ich reiste wieder nach Frankreich, und vermied die Gesellschaft der Menschen soviel als moglich. Im Schatten von rauschenden Waldern uberlas ich oft alle die Erfahrungen, die ich in meinem Gedachtnisse aufbewahrt hatte, es taten sich viele Lichter da hervor, wo bis jetzt in meiner Seele dickes Dunkel, oder verworrene Dammerung geherrscht hatte. Nichts lehrt uns so sehr die Menschen verachten, als die Einsamkeit, jede Armseligkeit dieses Geschlechts erscheint noch armer, wenn man sich im einsamen Forste ihrer erinnert, indem ein Gewitter rabenschwarze Schatten hinunterwirft, und der Donner ungewiss uber die zitternden Baumwipfel geht.
Ich suchte endlich Hulfe bei Menschen, die sonst meine vertrauten Freunde gewesen waren, und denen ich aus schlecht angebrachter Gutherzigkeit sonst tausend Dienste, selbst mit meinem Schaden, geleistet hatte. Keiner kannte mich wieder, einige wurden sogar auf meine Unkosten witzig; ich sah jetzt ein, dass Achtung und Freundschaft nur so lange dauern konnen, als jeder der sogenannten Freunde ohngefahr gleich viel Geld in der Tasche hat; sie verhalten sich wie Waageschalen, die nur im Gleichgewichte stehn, wenn in jeder ein gleiches Gewicht liegt.
Eine Krankheit uberfiel mich. Ich musste zum Schmahlichsten meine Zuflucht nehmen; auf mein instandiges, wiederholtes Bitten nahm man mich in einem Hospitale auf. Ich kann nicht sagen, dass man fur mich sorgte, denn selbst der tragste Gartner behandelt die Blumen, die schon verwelken wollen, liebreicher und mit mehr Aufmerksamkeit, als hier die kranken, mit dem Tode ringenden Menschen gehandhabt wurden. Manche werden dennoch wieder gesund, und zu diesen gehorte auch ich. Man entliess mich, ein Geistlicher gab mir sogar fromme Wunsche mit, und die Sonne schien mir nun wieder auf der freien Strasse entgegen. Ich war noch sehr schwach, abgefallen und bleich, aber dennoch ward niemand zum Mitleiden bewegt. Es gibt gar zu viele Elende! rief man mir von allen Seiten entgegen, weil selten ein Mensch so gewissenhaft ist, es aufrichtig zu gestehn, dass er sich nicht berufen fuhle, die Not der Menschen zu erleichtern. Ich bettelte gleich dem Verworfensten, aber mein Anzug war noch zu gut, um das fluchtige Mitleid gefangenzunehmen: wer mir einen Sous gab, hielt sich zugleich fur berufen, mir tausend Bitterkeiten zu sagen, die mich noch mehr schmerzten, als Hunger und Krankheit, ja manche taten es gewiss nur, um eine Gelegenheit zu haben, ihre guten Lehren an den Mann zu bringen.
Ich ward meines Lebens uberdrussig, das wie eine Kette um mich lag. Ich sass auf Pont neuf, und hatte schon seit Sonnenaufgang das Mitleid der Vorubergehenden angefleht. Hunger und Durst zehrten mich auf, ich erinnerte mich der Marchen von wohltatigen Zauberern und Kobolden, und sah jedem Vorubergehenden ins Gesicht, aber alle sahen zu sehr den Menschen ahnlich, als dass ich etwas hatte hoffen konnen. Die Sonne ging unter, und die roten Wellen winkten mir, der Fluss schien mir ein goldenes Bette, in dem ich endlich alle Sorgen und allen Verdruss verschlafen konne. Immer gingen noch Menschen voruber, und keiner von allen warf mir nur auch die kleinste Munze zu. Ich beschloss noch zwolf Vorubergehende abzuwarten, und mich dann, wenn mir von diesen keiner etwas mitteile, in den Strom zu sturzen.
Da es schon spat war, gingen die Leute schon seltner, ich verdoppelte mein Flehn, aber man horte nun in der Dammerung noch weniger auf mich. Schon waren eilf Unbarmherzige vorubergegangen, und auch der zwolfte kam und sah sich nicht nach meinen Bitten um: schon war ich aufgestanden, um mich kopflings uber das Gelander der Brucke zu sturzen, als ich einen singenden Menschen horte, der sich naherte. Ich hielt ein, um auch noch mit diesem einen Versuch zu machen, von dem ich schon im voraus uberzeugt war, dass er vergeblich sein wurde, denn der Spazierganger war froh und guter Dinge. Er kam naher. Es war ein Trunkener, der sich kaum mehr aufrecht zu erhalten wusste, sein Bewusstsein hatte ihn fast ganzlich verlassen, und er brummte ein unverstandliches Lied zwischen den Zahnen. Es kam mir vor wie eine Satire auf mich selbst und auf die Menschheit, als ich mit demutigen Bitten sein Wohlwollen und sein christliches Herz in Anspruch nahm. Er stand still, betrachtete mich und lachte dann uber mein kummerliches Aussehen aus vollem Halse. Ich hatte beinahe mit eingestimmt. Mit einem widrigen Gesichte griff er jetzt in die Tasche, und zog gahnend eine schwere Borse hervor, er machte sie auf und gab mir ein Goldstuck: ich dankte und er ging fort. Kaum war er einige Schritte gegangen, als er aus Nachlassigkeit die Borse verlor und es nicht bemerkte. So schnell ich konnte, lief ich hinzu, und hob sie auf, neben ihr lag ein Taschenbuch, das er ebenfalls verloren hatte: er hatte mich nicht gesehen, und ich war schon jenseits der Brucke, als er hinter mir drein keuchte und mich fragte, ob ich seine Borse nicht gesehn habe. Ich verneinte es fest, und er fing nun an zu suchen, er kroch die Brucke auf und ab, und ich musste ihm helfen, wobei ich sein Ungluck sehr beklagte. Er bog sich endlich uber das Gelander, stieg hinuber, um auch dort nachzusehn, er kam aus dem Gleichgewichte und sturzte in das Wasser. Da ich ihn nicht schreien horte, ging auch ich stillschweigends fort. Ich weiss nicht, ob man ihn wieder ans Land gezogen hat.
Das Geld machte mich bald wieder angesehen; ausserdem fand ich noch bedeutende Banknoten und Wechsel in dem Taschenbuch; ich verliess die Stadt, und setzte bei der ersten gunstigen Gelegenheit alles in bares Geld um; mit einem nicht unbetrachtlichen Vermogen ging ich unter einem erborgten Namen nach Italien.
Verstand
Ich kam nun mit dem festen Vorsatze aus der Schule, besonnener zu leben. Ich verglich mich mit den ubrigen Menschen, und fand, dass sie haufig, ja meistenteils einfaltiger waren, als ich; es gereute mich doppelt, dass ich mich so von ihnen hatte beherrschen lassen. Ich sah ein, dass wenn ich versteckter und feiner handelte, als sie, ich sie alle um desto eher wurde beherrschen konnen. Denn soviel ist gewiss, dass man die Gesellschaft entweder verlassen, oder sich zum Beherrscher aufwerfen, oder sich beherrschen lassen muss.
Ich hatte es an allen Menschen mit so vielem Unwillen bemerkt, dass sie sich zuweilen recht kluge Regeln aus ihren Lebenserfahrungen abstrahiert hatten, dass diese ihnen aber immer nur dazu dienten, in Gesellschaften angenehm und sinnreich zu sprechen; sie dachten alle nur, um uber ihr Denken zu reden, nicht aber um ihre Resultate in Ausubung zu bringen. Daher kommt es denn auch, dass sie im Denken, so wie in einem Hasardspiele, wagen, dass sie oft ohne alle Uberzeugung uberzeugt tun, damit sie nur Gelegenheit finden, scharfsinnig zu sein. Diese klaglichste von allen Schwachen hatte ich schon seit lange verachtet; ich nahm mir vor, jeden Gedanken uber die Welt und den Menschen recht genau zu nehmen, ihn treu aufzubewahren, damit er mir nutzen konne. So legte ich es freilich wenig darauf an, uber Menschen gut zu sprechen, aber desto mehr, sie von ihrer wahren Seite zu begreifen.
Jeder Mensch sucht aus seinem Leben etwas recht Bedeutendes zu machen, und jeder glaubt, er sei der Mittelpunkt des grossen Zirkels. Keiner lebt im Allgemeinen, keiner kummert sich um das grosse Intresse des Ganzen, sondern jeder weiss in diesem unendlichen Stucke nur seine kleine armselige Rolle auswendig, die oft nur so wenig zum Ganzen beitragt. Man kann sich daher nicht besser gegen die verachtlichen Schwachen der Menschen, gegen blinde Eitelkeit und kurzsichtigen Stolz waffnen, als wenn man sich das bunte Leben immer unter dem Bilde eines Schauspiels vorstellt; es ist ein wirkliches Drama, weil jedermann es dazu zu machen strebt, denn keiner kommt auf den Gedanken, so in den Tag, oder ins Blaue hineinzuleben, sondern selbst zum kurzesten Auftritte burstet ein unbemerkter Bediente seinen Hut ab, und will durch die Tressen auf dem Rocke blenden. Nie muss man sich ganz in einzelne Menschen verlieren, sondern immer daran denken, dass diese von andern wieder anders betrachtet werden, als wir sie betrachten; denn sobald jemand Einfluss auf uns hat, so ist unser Blick auch schon bestochen.
Vorsatze
Wie jedermann Vorsatze fasst, war es auch nur am Geburts- oder Neujahrstage, so fasste ich auch die meinigen. Wer nicht konsequent handeln kann, sollte lieber gleich unbesehen alle Handlungen aufgeben, weil er sich sonst bestandig selber etwas in den Weg legen wird, und zwar eben durch den Versuch, sich manches aus dem Wege zu raumen. Ich hatte nun einmal eine gewisse Art zu leben und zu denken angenommen, und ich musste so fortfahren, oder von neuem ins Hospital oder Narrenhaus geschickt werden. Ich uberlegte aber, was man mir entgegensetzen konne, und fand es alles abgeschmackt. Dass die Welt nicht bestehen konne, wenn alle Menschen so dachten und handelten, dieser Gedanke ist es ja eben, der einzelne Kopfe aufrufen muss, von der gewohnlichen Art abzuweichen, weil sie durch die Gewohnlichkeit der andern Menschen imstande sind, ihr falsches Geld fur echtes auszugeben. Sie sind in dem wilden Kampfe des menschlichen Lebens die Heerfuhrer, die es wissen, wovon die Rede ist, die ubrigen sind ihre Untergebenen, und die echt Tugendhaften die ewige schone Ursache, dass dieser Krieg nie zu Ende kommt, sie giessen die Kugeln und teilen sie gratis beiden Parteien aus. Der wichtigste Einwurf ist nun, dass etwas in uns wohne, das in uns schlagt und zittert, wenn wir von dem Wege abweichen, von dem man sagt, dass ihn die Natur vorgezeichnet habe. Aber eben von diesem unsichtbaren Dinge, oder sogenanntem Gewissen konnt ich mich nie uberzeugen. Es gibt mehrere dergleichen fabelhafte Traditionen beim Menschengeschlechte, wodurch der grosste Teil desselben wirklich in einer gewissen Furcht gehalten wird, die manchen in mussigen Stunden, wenn er nicht zu sehr gedrangt und getrieben wird, tugendhaft machen; es sind die philosophischen Nebenstunden, auf Schreibpapier gedruckt und mit Vignetten verziert. Ich beschloss, es mit dieser unsichtbaren Gewalt aufzunehmen, und ihr nicht minder, als dem gewohnlichen Gerede, das man unter dem Namen Grundsatze so oft ablesen hort, Trotz zu bieten, und bis jetzt habe ich keinen Anstoss, keinen innern Ruf bemerkt, ob ich gleich jeden Fehler, der mir im Wege lag, mitnahm; es sind mannigfaltige Sunden von mir begangen worden, aber bis jetzt bin ich immer noch ruhig geblieben. So hatte sich nach und nach das Ideal eines Menschen verandert, das ich mit ungeubtem Finger in der Kindheit entworfen hatte. Ich habe oft jene bekannten tugendhaften Bucher gelesen, um mir die Sache recht nahezubringen, aber weder Poesie noch Prosa haben in mir etwas angeschlagen, ob ich mir gleich jene armseligen gequalten Menschen ziemlich deutlich vorstellen kann. Doch ich werde zu weitlauftig, und Du verstehst mich doch nicht ganz; ich will daher hier mehrere Jahre ubergehen, um mich dem Schlusse meiner Erzahlung zu nahern.
Geheime Gesellschaft
Als ich etwas alter geworden war, fand ich mich damit nicht beruhigt, dass mich die Menschen nicht betrugen konnten. Jeder Mensch hat irgendein Spielwerk, ein Steckenpferd, dem er sich mit ganzer Seele hingibt, und da jetzt bei mir der Trieb zur Tatigkeit erwachte, so wunschte ich mir auch irgend etwas einzurichten, worin ich mit Vergnugen arbeiten konnte. Ich hatte von je einen grossen Hang zu Seltsamkeiten in mir verspurt, und so war es auch jetzt die Idee eines geheimen Ordens, die mich vorzuglich anlockte. Man hatte mir so viel davon erzahlt, ich hatte so oft behaupten horen, dass es ein ausserordentlicher Mann sein musse, der an der Spitze einer solchen Gesellschaft stehe, dass ich den Wunsch nicht unterdrucken konnte, mich selbst zu einem ahnlichen Oberhaupte aufzuwerfen. Die Menschen erschienen mir in einem so verachtlichen Lichte, dass ich es fur die leichteste Sache von der Welt hielt, sie zu beherrschen, kurz, ich nahm mir vor, den Versuch anzustellen, mochte er gleich ausfallen, wie er wollte.
Ich hielt mich in Rom auf, und man hielt mich fur einen eingebornen Italiener. Mein seltsames, eingezogenes Wesen hatte schon die Aufmerksamkeit mancher Leute auf sich gezogen, man konnte aus mir nicht recht klug werden, und es geschah daher sehr bald, dass ich fur einen interessanten, ja fur einen ausserst interessanten Menschen ausgeschrien wurde, im Grunde nur, weil man nicht ausfindig machen konnte, in welcher Gegend ich geboren war und wovon ich lebte. Ich ward nach und nach mit manchen jungern und altern Leuten bekannter, und es ward mir nicht schwer, sie um mich zu versammeln. Ich sah jetzt erst ein, wie leicht man die Menschen in einer gewissen Ehrfurcht erhalten konne, alles was sie nicht recht verstehen, halten sie fur etwas ganz Ausserordentliches, eben deswegen, weil selbst sie es nicht begreifen konnen.
Ich liess nur einige, die ich fur die Klugeren hielt, mit mir vertrauter werden, die ubrigen blieben stets in einer demutigen Abhangigkeit. Unsere Gesellschaft breitete sich bald in mehrern Stadten aus, und bekam entfernte Mitglieder, und jetzt war es die Zeit, etwas durchzusetzen, denn sonst ware sie immer nur ein albernes Possenspiel geblieben. Es war mein Zweck, das Vermogen andrer Leute auf ein oder die andre Art in den Schatz der Gesellschaft zu leiten, und es gluckte mir mit manchem. Derjenige, der mehrere Grade bekommen und viel zum Vorteile der Gesellschaft gewirkt hatte, konnte dann auf die Teilnahme an dieser allgemeinen Kasse Anspruche machen. So wurden alle mit Hoffnungen hingehalten, und jeder einzelne war zufrieden; nur wenige wussten um den Zweck des Meisters, und selbst diese durften nur mehr ahnden, als sie uberzeugt sein konnten.
Ich furchtete anfangs, dass klugere Menschen meinem Plane auf den Grund sehn mochten, allein diese Besorgnis fand ich in der Folge sehr ungegrundet. Sobald man sich nur selbst fur gescheiter halt, als die ubrigen Menschen, sind diese auch derselben Meinung. Man muss sich nur nicht hingeben, sondern sich kostbar machen, nie ganz vertraut werden, sondern immer noch mit tausend Gedanken zuruckzuhalten scheinen, so gerat jeder Beobachter in eine gewisse Verwirrung, sein Urteil ist wenigstens nicht sicher, und damit ist schon alles gewonnen. Jeder wird suchen, einem solchen wunderbaren Menschen naherzukommen, und um ihn zu studieren wird man es unterlassen, ihn zu beobachten: selbst der scharfsinnigste Kopf wird besorgt sein, dass jener schon alle seine Ideen habe, und jede Widerlegung bei ihm in Bereitschaft stehe. Alle werden auf die Art die Eigenschaften zu besitzen streben, die sie jenem zutrauen, und so werden sie am Ende selbst die Fahigkeiten verlieren, eine vernunftige Beobachtung anzustellen. Den meisten Menschen tut es ordentlich wohl, wenn man ihnen imponiert, und sie kommen selbst auf dem halben Wege entgegen. Es waren auch gar nicht die scharfsinnigen Kopfe, die mir auf die Spur kamen, sie bemerkten die Blossen gar nicht, die ich gab, als ich mich etwas zu sehr gehnliess, als mich Dein einfaltiges Benehmen in England aufbrachte und eine Krankheit mich verdrusslich machte; sondern die Einfaltigsten reichten mit ihrem kurzen Sinne gerade so weit, um auf meine Schwache zu treffen.
Hang zum Wunderbaren
Dieser war es vorzuglich, der die Menschen an mich fesselte, weil alle etwas Ausserordentliches von mir erwarteten. Die meisten Leute glauben uber den Aberglauben erhaben zu sein, und doch ist nichts leichter, als sie von neuem darein zu verwickeln. Es liegt etwas Dunkles in jeder Brust, eine Ahndung, die das Herz nach fremden unbekannten Regionen hinzieht. Diesen Instinkt darf man nur benutzen, um den Menschen aus sich selbst und uber diese Erde zu entrukken. Ich fand, dass ich gar nicht notig hatte, feine Sophistereien, oder seltsam schwarmerische und doch vernunftig scheinende Ideen zu gebrauchen, die den gesunderen Verstand nach und nach untergruben: der Sprung, den diese Menschen immer zu tun scheinen, ist wirklich nur scheinbar. Deswegen, weil nichts die Unmoglichkeit der Wunder beweisen kann, glaubt jedes Herz in manchen Stunden fest an diese Wunder.
So ist dieses seltsame Gefuhl eine Handhabe, bei der man bequem die Menschen ergreifen kann. Ich habe dadurch mehr wirken konnen, als durch das klugste Betragen. Es war mein Grundsatz, dass wenn man die Menschen betrugen wolle, man ja nicht darauf ausgehn musse, sie recht fein zu betrugen. Viel Feinheit wurde voraussetzen, dass die andern auch einen feinen Sinn haben, dann ware sie angewandt: aber eben darum verderben recht viele gute Plane, weil sie viel zu sehr kalkuliert waren; die nahe, unbeholfene Einfalt tritt dazwischen und zerreisst alle Faden, die zum leisen Gefangennehmen dienen sollten. Wer recht vorsichtig und vernunftig ist, dem wird auch bei der feinsten Machination der Gedanke naheliegen, dass man wohl darauf ausgehn konne, ihn zu tauschen, und so ist diese Feinheit in jedem Falle verlorne Muhe. Das Unwahrscheinliche und Grobe glauben die Menschen eben darum am ersten, weil es unwahrscheinlich ist, sie meinen, es musse denn doch wohl irgend etwas Wahres dahinterstecken, weil sich ja sonst kein Kind dadurch wurde hintergehn lassen.
Haben die Menschen in die Wissenschaft des Glaubens erst einen Schritt hineingetan, so ist nachher kein Aufhalten mehr; sie fuhlen sich nun uber die aufgeklarten Menschen erhaben, sie glauben uber den Verstand hinweggekommen zu sein, und jedes Kindermarchen, jede tolle Fiktion hat sie jetzt in der Gewalt.
Rosa
Schon fruh suchte ich einen Schildknappen zu bekommen, der mir meine Waffen nachtruge, damit ich es um so bequemer hatte. Jedermann wird, wenn er sich einige Muhe gibt, einen Menschen antreffen, der es uber sich nimmt, auf die Worte seines Meisters zu schworen, ihm jeden Gedanken auf seine eigene Weise nachzudenken, diese dann wie Scheidemunze auszugeben, und so den Ruf seines Herrn mit seinem eigenen zugleich zu verherrlichen. Man trifft allenthalben Menschen, die nichts so gern tun, als sich an einen andern hangen, den sie fur kluger halten. Ich fand bald einen jungen Menschen, der bei seinen armen Eltern in einer sehr druckenden Lage lebte; er schien nicht ohne Kopf, er konnte schnell etwas auffassen, dachte aber nie weiter, als es ihm vorgeschrieben war. Diese schnelle Langsamkeit schien mir gerade zu meinem Endzwecke am dienlichsten. Ich nahm ihn zu mir, und lehrte ihn den Genuss eines freieren Lebens kennen; er ward nach und nach meine hauptsachlichste Maschine, denn man darf solchen leichtsinnigen lebhaften Menschen nur die Aussicht auf ein angenehmes, untatiges Leben geben, so kann man sie zu allem bewegen. Rosa ist ein ganz ertraglicher Mensch, sein grosster Fehler ist, dass er seinen Leichtsinn fur Verstand halt; er hat gerade so viel Scharfsinn, um einzusehn, dass er eine Stutze bedarf, an der er sich festhalten kann. Ich konnte ihn recht gut gebrauchen, nur war er toricht genug, dass er zuweilen seine Auftrage zu gut besorgen wollte. So hatte er den Gedanken, den jungen Valois in unsre Gesellschaft zu ziehn, um das Vermogen der Blainville hieherzubekommen; er hatte sich mit einem Narren eingelassen, der mit sich selbst nicht fertig werden konnte, noch weniger mit der Welt, und der sich am Ende erschiessen musste, um nur irgendeinen Schluss, eine Art von vollendeter Handlung in seinen Lebenslauf zu bringen.
Das Gefuhl hat dieser Rosa nie gekannt, ebensowenig die eigentliche Denkkraft, er hat immer nur gesprochen, und sich dabei ganz wohl befunden. Fur seine treuen Dienste habe ich ihm das Gut in Tivoli geschenkt. Ich hatte ihn leicht betrugen konnen, aber irgendeinem Menschen muss ich ja doch mein Vermogen hinterlassen; ich hoffe immer noch, er soll es sehr bald verschwenden.
Balder
Mit Dir kam dieses seltsame Geschopf nach Italien, an das Du anfangs sehr attachiert warst. Er war mir wegen seiner Originalitat interessant. Es war eine schone Anlage zur Verrucktheit in ihm, um die es sehr schade gewesen ware, wenn sie sich nicht entwickelt hatte. Da aber die meisten Menschen selber nicht wissen, was in ihnen steckt, so nahm ich mir vor, den Funken aus diesem seltsamen Steine herauszuschlagen. So unterhielt es mich denn, dass ich ein paarmal als ein Gespenst durch seine Stube ging, und er nachher nicht begreifen konnte, wo ich geblieben sei. Ich habe ihn nachher fleissig beobachtet, und ich fand zugleich, dass diese Vorfalle meine kunftige Bekanntschaft mit Dir sehr gut praparierten. Nachher wurde mir dieser Mensch gleichgultig und langweilig, weil er sich immer zu ahnlich blieb, und er tat recht wohl daran, fortzulaufen.
Herr William Lovell
Ich muss fast lachen, indem ich Deinen Namen niederschreibe und nun von Dir die Rede sein soll. Soll ich weitlauftig von Dir sprechen, der Du fast nichts bist? Ich hatte Nachrichten von Dir und wusste um Deine Reise nach Italien. Rosa kam Dir bis Paris entgegen. Mein alter Hass gegen Deinen Vater, gegen Dich, eine Erinnerung an Marie, eine Wut, die sich immer gleichgeblieben, wachte jetzt gewaltig in mir auf, ich glaubte jetzt die beste Gelegenheit gefunden zu haben, mich an ihm und an Dir zu rachen. Dich selbst wollt ich gegen den Vater emporen; Du solltest von ihm und von Dir selber abfallen, dann wollt ich Dich zuruckschicken. So liess ich Dich durch alle Grade gehen, um Dich zu einer seltsamen Missgeburt umzuschaffen. Du kranktest Deinen Vater, und er starb nun weit fruher, als ich es geglaubt hatte. Ich fuhr indessen mit meinen Kunsten fort, weil die Maschinen einmal in den Gang gebracht waren und ich mich daran gewohnt hatte, Dich als mein gehegtes Wild zu betrachten. Du wirst hier nicht von mir verlangen, dass ich Dir weitlauftig auseinandersetze, auf welche plumpe Art Du Dich hintergehen liessest, es wurde Deiner Eitelkeit nur zu wehe tun. Es gelang mir, Dich immer in Spannung zu erhalten; ein Zustand, der am leichtesten die Vernunft verdunkelt. Jetzt horte ich, dass der alte Burton gestorben sei, und ich schickte Dich mit Auftragen nach England, die Du so ungeschickt wie ein unwissender Knabe ausrichtetest. Wenn Eduard nicht mehr lebte, und seine Schwester auch aus dem Wege geschafft war, so hatte ich die nachsten Anspruche auf das ansehnliche Vermogen dieser Familie, Du hattest dann Deine verlornen Guter wieder zuruckbekommen, und alles ware in einem ganz guten Zustande gewesen. Weil ich Dir aber damals noch nicht sagen mochte, dass ich Waterloo sei, so hast Du Dich wie ein wilder, unsinniger Mensch in Frankreich und England herumgetrieben, hast da manches fuhlen und seltsame Dinge denken wollen, die fur Dich gar nicht gehoren. Nun wirst Du zuruckkommen und Dich selbst daruber wundern, dass es nicht so gegangen ist, wie Du es Dir vorgenommen hattest.
Du hast Dich bis jetzt uberhaupt fur ein ausserst wunderbares und seltenes Wesen gehalten, und bist doch nichts weniger; Du verachtest jetzt die Menschen mit einer gewissen Grosssprecherei, die Dich sehr schlecht kleidet, weil Du nie imstande sein wirst, sie zu kennen, und wenn Du sie auch kennst, sie zu beurteilen und in das wahre Verhaltnis gegen Dich selbst zu stellen. Du hast Dir seit lange eine unbeschreibliche Muhe gegeben, Dich zu andern, und Du bildest Dir auch ein, gewaltsame Revolutionen in Deinem Innern erlitten zu haben, und doch ist dies alles nur Einbildung. Du bist immer noch derselbe Mensch, der Du warst; Du hast gar nicht die Fahigkeit, Dich zu verandern, sondern Du hast aus Tragheit, Eitelkeit und Nachahmungssucht manches getan und gesagt, was Dir nicht aus dem Herzen kam. Deine Philosophie war Eigensinn, alle Deine Gefuhle nichts weiter, als ein ewiger Kampf mit Dir selber. Du hattest ein recht ordentlicher, gewohnlicher, einfaltiger Mensch werden konnen; auf einem Kupferstich in einer Waldgegend, neben einer jungen Frau sitzend, wurdest Du Dich ganz gut ausgenommen haben, aber nun hast Du alles darangewandt, um ein unzusammenhangender philosophischer Narr zu werden. Ich bin neugierig, Dich zu sehn, und so magst Du denn hereinkommen. Wahrhaftig, ich kann aufhoren, Dich zu beschreiben, denn da stehst Du ja nun leibhaftig vor mir.
Zum Schluss
Einige Worte uber mich selbst
Und wer bin ich denn? Wer ist das Wesen, das hier so ernsthaft die Feder halt, und nicht mude werden kann, Worte niederzuschreiben? Bin ich denn ein so grosser Tor, dass ich alles fur wahr halte, was ich gesagt habe? Ich kann es von mir selbst nicht glauben. Ich setze mich hin, Wahrheit zu predigen, und weiss am Ende auch nicht, was ich tue. Ich habe mich auch in manchen Stunden fur etwas recht Besonderes gehalten und was bin ich denn wirklich? War es nicht sehr narrisch, mich unaufhorlich mit abenteuerlichen Spielwerken zu beschaftigen, indes ich in guter Ruhe hatte essen und trinken konnen? Ich freute mich sehr, das Haupt einer geheimen, unsichtbaren Rauberbande zu sein, ein Gespenst zu spielen, und andre Gespenster herbeizurufen, die ganze Welt zum Narren zu haben, und jetzt fallt mir die Frage ein, ob ich mich bei dieser Bemuhung nicht selber zum grossten Narren gemacht habe. Ich bin vielleicht jetzt ernsthafter als je, und doch mochte ich uber mich selber lachen.
Und dass ich mit solcher Gutmutigkeit hier sitze, und noch kurz vor meinem Tode mich mit Schreiben abquale, um eine jammerliche Eitelkeit zu befriedigen, ist gar unbegreiflich und unglaublich. Wer ist das seltsame Ich, das sich so mit mir selber herumzankt? Oh, ich will die Feder niederlegen, und bei Gelegenheit sterben.
21
William Lovell an Rosa
Rom.
Was sagen Sie nun zu Andreas grausamen Erklarungen? Ich kann manche Stellen gar nicht aus dem Gedachtnisse verlieren. Wie freute ich mich, als mir eine Woche nach seinem Tode diese Papiere uberreicht wurden! Ich hoffte nun noch eine Art von Beruhigung zu finden, und eben nun war alles voruber.
Hab ich mein ganzes Leben nicht verschleudert, um diesem entsetzlichen Menschen zu gefallen, um ihm naherzukommen? War sein Umgang, die Hoffnung auf seinen Betrug nicht die letzte meines Lebens? Doch, das habe ich Ihnen ja oft genug in meinen Briefen gesagt.
Ich mag gar nicht mehr klagen, denn selbst dazu ist die Kraft in mir erloschen. Bianca ist gestorben, ich besuchte sie einige Tage vor ihrem Tode. Sie gestand mir, dass sie schon seit lange etwas auf dem Herzen habe, das sie mir entdecken musse. Sie sagte mir, dass sie durch Andrea, oder eigentlich Waterloo, bewegt worden sei, auf einer Maskerade mich zu erschrecken, und die Rolle der Rosaline zu spielen. Ich betrachtete lende Ahnlichkeit entdeckte; ich konnte es aber immer noch nicht begreifen, dass ich mich so hatte konnen hintergehen lassen; um mich vollig zu uberzeugen, schminkte sie sich daher etwas, farbte die Augenbraunen dunkler, kammte die Haare in die Stirn hinein, und schlug um den Kopf ein lockeres seidnes Tuch. Ich schrie laut auf, als sie so wieder zu mir hineintrat; geradeso trug sich Rosaline, und ich weiss jetzt, warum ich mich neulich so innerlich entsetzte, als ich Bianca besuchte. Biancas matter Blick machte, dass ich sie in einzelnen Sekunden fur Rosalinens Geist hielt: in der Finsternis und im Wagen war mein Erschrecken damals noch viel heftiger, weil mich die Gestalt noch mehr uberraschte. Bianca sagte mir nun, dass sie mich schon vor meiner Abreise aus Italien gern gesprochen hatte, aber ich sei auf ihre dringende Bitte nicht zu ihr gekommen, sonst hatte sie mir wahrscheinlich schon damals den ganzen Vorfall erzahlt. An manchen Zufalligkeiten hangt oft ein wichtiger Teil unsers Lebens! Ich erinnere mich jetzt dieses Billetts, und auch, dass ich aus Tragheit nicht zu ihr ging.
Ich habe mir oft im stillen eingebildet, dass Rosaline noch lebe, und dass ich sie gewiss einmal wiedersehen wurde. Dieser Gedanke, so seltsam es auch klingen mag, hat mich heimlich in manchen Stunden beruhigt; ich glaubte selbst, dass das Wesen, das im Wagen neben mir gesessen hatte, die wirkliche Rosaline gewesen sei und nun ist mir auch diese Hoffnung genommen.
Ich darf wohl kaum noch fragen, wie es denn eigentlich mit der Erscheinung zusammenhangt, von der Sie mir einmal schrieben?
Bianca wird heute begraben. Ich habe sie gesehn. Laura hat sie mit Blumen aufgeputzt, und die Leiche sieht wieder Rosalinen so ahnlich, dass mir ein Schauder durch alle Gebeine ging. Ich habe schon oft in den Kirchen vor den mit Gold, Blumen und Bandern geschmuckten Reliquien gezittert: die Skelette mit den Kranzen und ihren entblossten Schadeln, das flimmernde Gold und die einzelnen Blumen, die um die leeren Augenhohlen wanken, der glaserne Schrank, alles schien mir dann so seltsam und ratselhaft zusammengestellt, mich erschreckte hernach auch in den vollen blonden Locken der Blumenkranz. Und so lag Bianca vor mir.
Laura sass daneben und weinte. Sie nennt die Gestorbene unaufhorlich ein gutes, liebes Madchen, und putzt sich so ihren Schmerz auf, und idealisiert sich selbst und ihren Zustand. Es ist gut, wenn es die Menschen noch konnen, denn es ist notig, sich selber etwas vorzulugen; in mir ist die Kraft und der Wille dazu erloschen.
22
Rosa an William Lovell
Tivoli.
Lieber Freund, Andreas Papiere haben mich vielleicht ebenso gedemutigt, wie Sie dadurch niedergeschlagen sind. Ich kann mir Ihren Zustand denken, ich fuhle mit Ihnen.
Sie sollten mich nicht an jenen Brief erinnern, in dem ich Ihnen von Andreas wunderbaren Doppelheit sagte; ich schame mich, sooft ich daran denke. Nicht, dass die ganze Sache eine zu Andreas Besten erfundene Luge gewesen ware, sondern weil ich mich damals von diesem Menschen ganz wie ein Kind behandeln liess, so dass ich mir gleichsam auf seinen Befehl tausend Dinge einbildete und sie fest glaubte. Er fand es fur gut, mich noch fruher als Sie zu verblenden, weil er allen Menschen nur bis auf einen gewissen Punkt traute; er wollte mich nicht ganz zu seinem eigentlichen Vertrauten machen, weil es denn doch immer in meiner Willkur stand, ihn zu verraten: dies machte er mir unmoglich, denn es war ihm nicht genug, dass ich ihm verbunden war. Ich war zwar uber seinen Charakter ungewiss, er kam mir aber doch nie hatte bekommen konnen: seine Klugheit bestand hauptsachlich darin, dass er alle Gelegenheiten vermied, um naher gekannt zu werden, er verlor sich darum so gern in allgemeine Gedanken und grosse Tiraden, um die Aufmerksamkeit zuweilen von sich selber abzulenken.
Er erhielt mich hier in Tivoli, als er mich besuchte, in einer steten Spannung, alle unsre Gesprache drehten sich um die wunderbare Welt, und es kostete ihm wenig, meine Phantasie zu erhitzen, denn Sie wissen es selbst, in welchem hohen Grade er die Gabe der Darstellung besass. Ich konnte den Wunsch in mir nicht unterdrucken, recht wunderbare Erfahrungen zu machen, und wenn man diesen Wunsch lebhaft hat, so kommt man in Gefahr, diese seltsamen Erfahrungen auch wirklich anzutreffen. Die Phantasie ist fur jeden Eindruck empfanglicher, und der Verstand ist bereit, sich unterdrucken zu lassen. Das Schlimmste dabei aber ist eine gewisse dunkle, gefahrliche Eitelkeit, die uns mit der Phantasie im Bunde leicht fur das Gewohnliche etwas Abenteuerliches unterschiebt, damit wir nur nicht vergebens hoffen durfen. So erging es mir in jener Nacht. Andrea ging zur Stadt zuruck, und ich war immer noch voll von den seltsamen Geschichten und Gedanken, die er mir mitgeteilt hatte, ich verirrte mich, und meine Bangigkeit nahm mit der Finsternis zu. Endlich traf ich auf jene Menschen. Der eine, der mich bis ans Tor brachte, hatte ein etwas seltsames Gesicht, allein erst nachher, als ich Andrea schon wiedergefunden hatte, fiel es mir ein, dass jener ihm entfernt ahnlich sehe, ja vielleicht dacht ich nur, dass es interessant ware, wenn er ihm ahnlich gesehn hatte. So stellte meine Phantasie das Bild zusammen, und nach einer halben Stunde glaubte ich es selbst, und entsetzte mich davor. Auf die Art entstand jener Brief, und ich war dabei selbst von allem uberzeugt, was ich niederschrieb. Die Phantasie hintergeht uns im gewohnlichen Leben oft auf eine ahnliche Art, indem sie uns ihre Gedichte fur Wahrheit unterschiebt, am ersten aber dann, wenn wir in einer wunderbaren Spannung leben. Die Lugen, die wir uns selbst vorsagen, sind ebenso unverzeihlich, als die, womit wir andre hintergehen.
23
William Lovell an Rosa
Rom.
Wie wahr ist Ihr Brief, und wie schlimm ist's, dass es mit dem Menschen so bestellt ist, dass er wahr ist! O wenn ich doch meine verlornen Jahre von der Zeit zuruckkaufen konnte! Ich sehe jetzt erst ein, was ich bin und was ich sein konnte. Seit langer Zeit hab ich mich bestrebt, das Fremdartige, Fernliegende zu meinem Eigentume zu machen, und uber dieser Bemuhung habe ich mich selbst verloren. Es war nicht meine Bestimmung, die Menschen kennenzulernen und sie zu meistern, ich ging uber ein Studium zugrunde, das die hoheren Geister nur noch mehr erhebt. Ich hatte mich daran gewohnen sollen, auch in Torheiten und Albernheiten das Gute zu finden, nicht scharf zu tadeln und zu verachten, sondern mich selbst zu bessern.
War es mir wohl in meiner Verworfenheit vergonnt, so uber die Menschen zu sprechen? O Amalie! dein heiliger Name macht, dass ich Tranen vergiesse. Hatte mich Dein schutzender Genius nie verlassen! Wie glucklich hatt ich werden konnen!
Was ist alles Grubeln und Traumen, was alle Freiarme menschliche Geist am Ende darben muss. Ich konnte jetzt in ein Kloster gehn, ich konnte mich in eine Einsiedelei vergraben.
24
Rosa an William Lovell
Tivoli.
Lieber Lovell, Sie sollen einsehn, dass sowohl Andrea als Sie sich in mir geirrt haben. Ich denke mein Vermogen nicht zu verschwenden, sondern auf eine angenehme Weise zu geniessen, und zwar in Ihrer Gesellschaft. Sie stehn jetzt einsam und verlassen in der Welt; kommen Sie zu mir nach Tivoli, hier ist Raum fur uns beide, und in einer schonen Einsamkeit wird Ihr kranker Geist vielleicht etwas wiederhergestellt. Denken Sie nicht mehr an meinen unmenschlichen Brief, den Sie in Paris erhielten, damals war ich gezwungen, so zu schreiben, weil Andrea noch lebte, jetzt aber kann ich nach meinem eignen, bessern Willen handeln.
Wir sind durch Andrea kluger gemacht, und so mag denn seine trube, hyperphysische Weisheit fahren! Wir wollen das Leben sanft geniessen. Ich habe eine rechte Sehnsucht nach Ihnen, kommen Sie ja recht bald. Ich habe hier schon alles fur Ihren Aufenthalt eingerichtet. Sie sollen jetzt erfahren, wie sehr ich Ihr Freund gewesen bin, seit ich Sie kenne, und wie Ihrer Seite spielen musste.
25
William Lovell an Rosa
Rom.
Ja, Rosa, ich nehme Ihren Vorschlag an, ich komme zu Ihnen, aber nicht um von neuem ein wildes und unstetes Leben zu beginnen, sondern mich ganz einer dunkeln, traumevollen Einsamkeit zu uberlassen. Was ich an den Menschen verbrochen habe, will ich durch Sorgfalt an Blumen und Baumen wieder abbussen. Wie ein schwacher Regenbogen in Gewitterwolken, so steigt die Aussicht meines kunftigen Lebens empor: ich glaube, ich konnte dort manches vergessen, und in einem tiefern Traume meine vorigen unruhigen Traume begraben. Es ist mir, als konnte ich mich freuen, als wurde ich wieder wohl und gesund werden.
Ja, ich komme bald zu Dir, lieber Rosa. Warum sollt es nicht moglich sein, dass die qualenden Geister endlich wieder von mir wichen und ich freier atmete?
Mein ganzes Leben habe ich wie einen Toten zur Erde bestattet, und auf dem Grabmal will ich meine heissesten Tranen, meine innigste Reue, eine susse und schmerzliche Busse zum Opfer bringen. Schwer hab Erinnerung, in der Suhne, in der Vergangenheit will ich leben, und so geht vielleicht in meinem Herzen ein wehmutiger Nachsommer mit scheinender Freundlichkeit auf. Fuhl ich es ja doch, dass ich noch lieben kann, mein erstorbenes Innre beherbergt noch Strahlen der Ewigkeit, die wieder durchbrechen wollen; so will ich mich aus der Ferne mit Eduard, mit Amalien, Rosalinen und mir selbst zu versohnen suchen. Bin ich reiner geworden, darf ich auch zum Ewigen selbst, zur unverganglichen Liebe meine Hoffnung wieder erheben. Stiesse er mich in den tiefsten Abgrund, so soll doch mein Sehnen, mein Liebeverlangen zu ihm hinaufreichen; diese Wurzel meiner Seele kann und wird er mir nicht nehmen, und so werden meine Schmerzen selber einen Blumenkelch von Gluck ausbluhen. So will ich sterben, und Du auch wirst mich lieben, und ich werde Dein Freund sein. Gebessert, geweiht, gereinigt treten wir dann vor den Thron des Richters.
O ich muss eilen, zu Ihnen zu kommen, sonst ist alles vergebens. Karl Wilmont ist hier in Rom; ich glaube, er hat mich gesehn. Ich komme so schnell als moglich.
25
Karl Wilmont an Mortimer
Neapel.
Es ist geschehen: wir sind beide zur Ruhe, er und ich. Von Lovell ist die Rede. Ich fand ihn in Rom; er erschrak, als er mich erblickte, und suchte sich seit der Zeit vor mir zu verbergen. Ich gab acht auf ihn, und traf ihn am folgenden Morgen ganz fruh auf der Strasse. Er konnte mir nun nicht entrinnen; er musste mir folgen.
Ich hatte zwei Pistolen bei mir; er war still und in sich verschlossen. Wir gingen durch die Porta Capena und von da durch die Ruinen. Er schien fast ausser sich zu sein, denn er sprach fur sich verwirrte Reden. Wir kamen vor einem kleinen Hause vorbei, er stand lange still und sah in das Fenster hinein, bis ich ungeduldig wurde und ihn weitertrieb. Er sah auf, brach aus einem kleinen nebenliegenden Garten eine Malve ab, und rief mit Verwunderung aus: die Malven bluhen schon wieder! Dann heftete er die Blume auf seine Brust und sagte, dass ich nun sein Herz nicht verfehlen konne.
Wir waren jetzt von der Landstrasse entfernt genug. er sich noch einigemal umgesehen hatte, druckte er los und verfehlte mich: ich schoss, und die Blume und seine Brust waren zerschmettert. Ich eilte nach Neapel.
Und jetzt bin ich mit mir unzufrieden. Es ist mir unbegreiflich, wie das rohe Gefuhl der Rache mich so bezaubern konnte, dass er mich nicht ruhrte. Konnt ich ihm nicht dies armliche Leben lassen, da er ausser diesem vielleicht nichts besessen hat? Was ist mir und Emilien damit geholfen, dass er die Luft nicht mehr einatmet?
Adieu! Ich fahre von hier nach Amerika. Der Krieg lockt mich dahin; es wird in der englischen Armee wohl eine Stelle fur einen Lebenssatten ubrig sein, der sich dann wenigstens noch einbilden kann, zum Besten seines Vaterlandes zu sterben. Grusse meine Schwester und Eduard.