1795_Jean_Paul_049 Topic 3

Jean Paul

Hesperus oder 45 Hundposttage

Eine Lebensbeschreibung

Motto

Die Erde ist das Sackgasschen in der grossen Stadt Gottes die dunkle Kammer voll umgekehrter und zusammengezogner Bilder aus einer schonern Welt die Kuste zur Schopfung Gottes ein dunstvoller Hof um eine bessere Sonne der Zahler zu einem noch unsichtbaren Nenner wahrhaftig, sie ist fast gar nichts

Auswahl aus des Teufels Papieren

Erstes Heftlein

Vorrede zur dritten Auflage

Zwei lange Vorreden folgen dieser dritten auf dem Fusse nach, die zweite zur zweiten Auflage und die erste zur ersten. Mach' ich nun diese dritte wieder lang; und wohl auch gar die ubrigen vielen zu den kunftigen Auflagen: so seh' ich nicht ab, wie ein Leser der letzten nur je durch die Gasse von Vorzimmern zum historischen Bildersaale gelangen soll; er stirbt auf dem Wege zum Buch.

Ich berichte denn kurz: in dieser Auflage wurde das Notigste und Leichteste verbessert. Zuerst hab' ich mich haufig ins Deutsche ubersetzt aus dem Griechischen, Lateinischen, Franzosischen und Italienischen; und zwar uberall, wo es der Sprachreiniger mit der gehorigen Achtung fur die Sachen selber verlangte. Einmal mussen wir Schreiber alle uns der WorterAlien-Bill oder Fremdenvertreibung von Campe, Kolbe und andern bequemen, und selber unser geliebter Goethe wird, so sehr er auch "emergiert und eminiert", am Ende in irgendeiner kunftigen Auflage z.B. eben beide Worter, die er in der letzten1 auf einer Zeile zum Worte kommen lasst, zum Buche hinauswerfen mussen. Ist es nicht Zeit, den fremden, lange genug in Deutschland eingelagert gewesenen Volkern endlich auch ihre noch langer dageblieben Echo oder Worter nachzuschicken?

Nur sei Kolbe oder jeder Purist ein billiger Mann und mute uns nicht zu, gemeinschaftliche Kunstworter des gebildeten Europa, z.B. der Musik, der Philosophie, in unbekannte inlandische, zumal in Fallen umzusetzen, wo die verdolmetschende Hand den ganzen Schmetterlingstaub bunter Anspielungen abgreifen und abpflucken wurde. Zum Beispiel der Name Purist selber sei ein Beispiel. Gesetzt, man hiesse Arndt einen politischen Deutschlands Puristen, und Kolbe setzte dafur politischen Sprachreiniger oder Sprachreinen: so gabe der kleine Einfall an der Ubertragung das bisschen Geist auf, das er etwa besessen. Indes wenn der Verfasser dies auch nicht so wie einige Spracheinsiedler ausraumte, welche gleich der Luftrohre alles Fremdartige mit unangenehmem Husten und Spucken ausstossen und nur die vaterlandische Luft behalten: so suchte er wenigstens den Gletschern nachzuahmen, welche fremde Korper, als Stein und Holz, von Jahr zu Jahr allmahlich aus sich herausschieben. Wie sehr ich dies in der Ausgabe dieses Hesperus auf jeder Seite getan, beweiset das mit den neuen eingeschriebnen Verbesserungen durchschossne alte Druckexemplar; und ich wunschte wohl, Herr Kolbe reisete einmal nach Berlin und besahe das Exemplar. Wenigstens will ich die deutsche Gesellschaft allda, die vor einigen Jahren mich in sich aufgenommen, ersuchen, in die Verlagshandlung zu gehen, um selber zu sehen, was ihr Mitglied gemacht, welche Durchstriche und welche Ersatzworter. Wer sich eigentlich an der deutschen Sprache und an denen, welche keine andere verstehen, am starksten versundigt, dies sind die Naturgeschichtschreiber, welche, wie z.B. Alexander von Humboldt, den ganzen lateinischen Linne mitten in unsere Sprache hineinstellen ohne andere deutsche Abzeichen als hinten die Aufschwanzung in deutsche Endigungen oder Schwanzfedern, womit sie aber dem blossen Deutschsprecher so wenig kenntlich werden als ein Mann einem Fremden hinten durch den blossen Zopf Hat unsere unerschopfliche Sprache nicht ihre Krafte zur Schopfung eines deutschen Linne schon gezeigt, wenn wir einen Wilhelmi und noch mehr den herzdeutschen und sprachdeutschen Oken lesen? Sonst ubrigens wird die deutsche Sprache sogar durch die grosste Gastfreiheit gegen Fremdlinge niemals verarmen und einkriechen. Denn stets zeugt sie (wie alle Worterbucher beweisen) aus ihren immer frischen Stammbaumen hundertmal mehre Kinder und Enkel und Urenkel, als sie fremde Geburten an Kindes Statt annimmt; so dass nach Jahrhunderten die aus unsern forttreibenden Wurzelwortern aufgegangne Waldung die nur als Flugsame aufgekeimten Fremd-Worter ersticken und verschatten muss, zuletzt als ein wahrer Lianenwald aufgebaumt, dessen Zweige zu Wurzeln niederwachsen und dessen aufwarts gepflanzte Wurzeln zu Gipfeln ausschlagen. Wie fremd-durchwachsen und verwildert wird dagegen nach einigen Jahrhunderten z.B. die englische Sprache dastehen, mit dem vaterlandischen, aber kraftlosen Stammvolleingeimpften Wortgebusches, keines Schaffens, nur des Impfens fahig und aus dem doppelten Amerika mehr neue Worter als Waren abholend!

Das zweite, aber leichtere, was fur diese dritte verbesserte Auflage des Hesperus geschehen, war naturlich, dass ich durch den ganzen Abendstern langsam hinging mit dem Jatemesser in der Hand und alles Genitiv- oder Es-Schmarotzer-Unkraut der Doppelworter, wo ichs nur fand und dies war leider schon auf dem Titelblatte der Hundposttage der Fall , aufmerksam herausstach. Ich stand aber viel dabei aus; der alten Prozesse der uberreichen Sprache mit sich selber haften zu viele auf ihren Gutern, und ich musste daher manches eingenistete Es-Gesindel da lassen, wo es sich zu lange angesiedelt hatte und sich auf Zeugen und Ohren berief. Noch bis auf die Stunde dieser Vorrede wartet der Verfasser der Morgenblatt-Briefe uber die Doppelworter nicht etwan auf eine durchgreifende Prufung (was wohl zu fruh ware), sondern vor allen Dingen auf eine umfassende Lesung derselben, welche freilich der zerteilende Archipelagus von auseinander liegenden Inselblattern so lange erschwert, als die Zeitschrift ihren Lesekreis noch nicht durchlaufen. Dann aber hoff' ich vom Sprachforscher, wenn er sie vollstandig im Hause vor seinem Richterstuhle hat, grundliche Widerlegung und Zustimmung. Endlich drittens wurde nach dem zweimaligen Verbessern von zwei Auflagen (denn die erste erhielt grosse Verbesserungen, und zwar vor ihrem Drucke) ein drittes vorgenommen, das gegen Harten, Dunkelheiten? Missverstand und andere Uberlangen und Uberkurzen der Einkleidung loszugehen hatte. Aber Himmel, wie oft muss nicht ein Schreibmensch an sich bessern, der kaum uber ein halbes Jahrhundert alt ist! Lebte er sich vollends in ein Methusalems-Jahrtausend hinein und schriebe dabei: der Methusalem bekame so viele Bande von Verbesserungen nachzuschiessen, dass das Werk selber ihnen nur als Vorwerk, Anhangsel oder Erganzblatt beizugeben ware. Seit mehren Jahren hasst der Verfasser in seinen altern Werken einen Fehler in hohem Grade, den er bei Ernst Wagner, Fouque und andern haufig wiederholt oder nachgeahmt angetroffen, namlich den Fehler der eignen schriftstellerischen Austrommelsucht oder Vorsprecherei der Empfindungen, welche der Gegenstand haben und zeigen soll, aber nicht der Dichter. Z.B. "erhaben ruhig antwortete Dahore." Wozu erhaben beifugen, da es uberflussig, anmassend und vorausnehmend ist, sobald die Antwort wirklich erhebt, oder, wenn sie es nicht tut, alles noch erbarmlicher ausfallt? Der Dichter, der auf diese Weise das Vor-Echo seiner Personen ist, nimmt sich einige neuere Trauerspieldichter wie Werner, Mullner u.a. zum Muster, welche fur den Schauspieler bei jeder Rede die Buchbinder-Nachrichten vorsetzen: "mit ruhrendem Schmerze mit einem Seufzer schmerzlicher Erinnerung aus der Tiefe des Schmerzes herauf" lauter Macht- oder Unmachtspruche, die nur ein pantomimischer Tanz notig hat und befolgen kann, die aber kein Stuck von Shakespeare, von Schiller und Goethe braucht, weil ja die Rede selber reden lehrt.

Ubrigens hab' ich jetzo, um ein Viertel-Jahrhundert alter und gealtert, nicht den Mut, dem ersten jugendlichen Ausstromen des Herzens ein anderes Bette und einen schwachern Fall und Zug zu geben. Der spatere Mensch halt zu leicht das Andern am jungern fur ein Bessern desselben; aber wie kein Mensch den andern ersetzen kann, so kann auch nicht einmal derselbe Mensch sich in seinen verschiedenen Alterstufen vertreten, am wenigsten der Dichter. Die beste eheliche Liebe ist nicht das, was die jungfrauliche war; und so gibt es auch in der Begeisterung und in der Darstellung eine jungfrauliche Muse. Ach alles erste im Dichten wie Leben ist, was ihm auch sonst abgehe, so unschuldig und gut; und alle Bluten kommen so rein weiss auf die Welt, worin nachher "die Sonne", wie Goethe schon von korperlichen Farben sagt, "kein Weisses duldet". Darum sollen alle heisse Worte meiner Begeisterung fur Emanuels Sterben und Viktors Lieben und Weinen und fur Klotildens Schweigen und Leiden stets im Hesperus ungekuhlt und unverandert stehen bleiben. Sogar das Jetzo soll dem Sonst nichts nehmen. Denn ob ich gleich seit 25 Jahren durch einige Nachahmungen und Nachspiele des Buchs ordentlich mich selber satt bekommen: so uberwind' ich doch den Uberdruss an dieser Selbersattheit durch die Hoffnung, dass der schreibende Jungling spater wieder auf lesende Junglinge und Jungfrauen treffen und dass kunftig auch fur altere Leser mehr vom Nachgeahmten als von den Nachahmungen ubrig bleiben wird. Und so lege denn dieser Abendstern der fruher der Morgenstern meiner ganzen Seele gewesen seinen dritten Umlauf um die Lesewelt in dem vollern Lichte eines bessern Standes gegen Sonne und Erde zuruck! Baireuth den 1. Jenn. 1819.

Jean Paul Fr. Richter.

Vorrede zur zweiten Auflage

Noch hab' ich von dieser Vorrede weiter nichts zustande gebracht als einen leidlichen Entwurf, den hier der Leser ungeschminkt bekommen soll. Vielleicht heb' ich durch das Geschenk dieses Entwurfs auch den Vorhang auf, der noch immer an meiner literarischen Arbeitloge herunterhangt, und ders der Nachwelt versteckt, wie ich darin arbeite als mein eigner dienender Bruder und als Meister vom schottischen Stuhl. Ein Entwurf ist aber bei mir kein Predigtentwurf in Hamburg, den der Hauptpastor am Sonnabend ausgibt und am Sonntag ausfuhrt er ist kein Gliedermann, keine Akademie, kein Kanon, wornach ich schaffe er ist kein Knochenskelett fur kunftiges Fleisch; sondern ein Entwurf ist ein Blatt oder ein Bogen, auf welchem ich mirs bequemer mache und mich gehen lasse, indem ich darauf meinen ganzen Kopf ausschuttele, um nachher das Fallobst zu sichten und zu saen, und das Papier mit organischen Kugelchen und mit Lagen von Phonixasche bedecke, damit ganze schimmernde Fasanereien daraus aufsteigen. In einem solchen Entwurfe halt' ich die unahnlichsten und feindlichsten Dinge bloss durch Gedankenstriche auseinander. Ich rede mich in dergleichen Entwurfen selber an und duze mich wie ein Quaker und befehle mir viel; ja ich bringe darin haufig Einfalle vor, die ich gar nicht drucken lasse, weil entweder kein Zusammenhang fur sie auszumitteln ist, oder weil sie an sich nichts taugen. Und nun wird es Zeit sein, dass ich dem Leser einen solchen Entwurf wirklich darbiete, welches diesesmal der Entwurf der gegenwartigen Vorrede selber ist. Er ist uberschrieben:

Architektonik und Bauholz fur die Vorrede zur

zweiten Auflage des Hesperus

"Mache sie aber kurz, da der Welt der Gang durch zwei Vorzimmer in die Passagierstube des Buchs ohnehin lang wird Scherz' anfangs Selten schiebt einer auf der literarischen Kegelbahn alle neun Musen Der Schluss aus der Reflexion Bringe viele Ahnlichkeiten zwischen dem Titel Hesperus und dem Abendsterne oder der Venus heraus, dergleichen etwa sein mussen, dass meiner wie diese voll spitzer hoher Berge ist, und dass beide ihrer Unebenheit ihren grossern Glanz verdanken, ferner dass der eine wie die andere im Durchgang durch die Sonne (des Apollo) nur wie schwarze Flecke erscheinen (In deinem Briefkopierbuch musst du mehre solche Anspielungen gemacht haben) Die Welt erwartet, dass der Abendstern bei der zweiten Auflage unten als Luzifer oder Morgenstern heraufkomme, und dass der verklarte Leib des Papiers eine verklarte Seele behause; lass es passieren und orientiere die Welt. Finde Pedanten, die sich von Worten, nicht von Sachen erhalten und futtern, den Aftermotten ahnlich, die Wachskuchen fressen und verdauen, aber keine Honigfladen. Niemand gleicht so sehr als die Pedanten den Dohlen, die zugleich diebisch und geschwatzig sind; sie verwassern und kapern. In die kritische Holle werden gerade Leute nicht geworfen, die der Talmud auch von der judischen losspricht, namlich die Armen, die Zahlunfahigen und die, welche am Durchfalle umkommen. Sei ein Fuchs und streichle die kritischen BillardMarkors, welche Verlust und Gewinn ansagen."

Letztes versteh' ich selber nicht, weil der Entwurf schon im Winter geschrieben wurde. Ich kann vielmehr ohne Ironie bekennen, dass mich die kritischen Quartal- oder Landrichter beim Leben gelassen und mir weder einen spanischen Mantel, noch ein Demutkleid, noch ein Blut- und Harenhemd umgeworfen haben. Diese Nachsicht der Kritiker fur einen Bucherschreiber, der wie ein Katholik mehr gute Werke verubt, als er zur Seligkeit braucht, ist gewiss nicht ihre schlechteste Eigenschaft, da sie damit so wohltatig auf unsere leeren Tage wirken. Denn man muss jetzt froh sein, wenn nur vier oder funf neue Gleichnisse auf die Ostermesse abfahren, und wenn zur Michaelismesse nur einige Blumen, welche Novitaten sind, feil stehen. Unser literarisches Kuchenpersonale weiss uns dasselbe goutee unter dem Scheine sechs verschiedner Schusseln auf das Tischtuch und in den Mund zu spielen und belustigt uns zweimal im Jahr mit einer Nachahmung des beruhmten Kartoffel-Gastmahls in Paris: anfangs kam bloss eine Kartoffelsuppe dann schon mit anderer Zubereitung wieder Kartoffeln das dritte Gericht hingegen bestand aus umgearbeiteten Kartoffeln auch das vierte als funftes konnte man nun wieder Kartoffeln servieren, sobald man nur zum sechsten neu brillantierte Kartoffeln bestimmte und so ging es durch 14 Gerichte hindurch, wobei man noch von Gluck zu sagen hatte, dass wenigstens Brot, Konfekt und Likor den Magen aufrichteten und aus Kartoffeln bestanden.

Tadel ist eine angenehme Zitronensaure am Lob; daher werden beide von der Welt nur miteinander gleichsam in einem Sauerhonig verteilt; so wie nach dem Talmud auf den Rauchopferaltar einige Finger voll Teufelsdreck mit geworfen wurden. Das einzige folglich, was ich an den Rezensenten nach dem vorigen Lobe aussetzen will, und womit sie wirklich anstossen, ist dieses, dass sie selten (ihr Herz ist gut) viel von der Sache oder Schrift verstehen, woruber sie richten; und selbst dieser Tadel passet nur auf den grossern Teil.

"Web es ein," (fahrt der Entwurf fort) "dass du nicht daraus kommen kannst, was die jetzige Enthullung und Enthulsung der weiblichen Arme2, Busen und Rucken bedeuten soll, so wie sonst die Pfauen gerade mit ahnlichen glanzenden Teilen, mit Halsen, Flugeln und Kopfen, die nicht abgerupfet waren, in der Bratenschussel auftraten. Es wird daher gut sein, wenn du vermutest dass die schalenlosen Damen heimliche Jesuitinnen und Freimaurerinnen sind, weil in beiden Orden die Mysterien und Verhullungen mit Entblossung anfangen; oder gib auch diese unbefiederten Glieder irgendeinem Darben schuld, wie ein Kuchlein aus einem Ei, woraus man nur einige Tropfen Eiweiss wegschopfte, mit federlosen Stellen auskriecht Drohe wenigstens, dass Damen und Krebse am liebsten in der Mause gefangen und gesotten werden."

Das ist einer von den Fallen, wovon ich oben sagte, dass ich darin Einfalle des Entwurfs, aus Mangel an Zusammenhang mit der ganzen Sache, aufgeben und wegwerfen musste; denn wirklich hat die ganze Gliedermause nichts mit der Vorrede gemein als das Jahr der Geburt.

"Von andern Autoren" (fahrt deren Entwurf fort) "muss abgegangen und uber den Beifall, den du erbeutet, nur stumm weggeschlichen werden, damit die Welt sieht, wie du bist. Man erwartet von einer Vorrede zur zweiten Auflage eine kleine Produktenkarte oder ein Ernteregister alles des Nachflors, der die zweite uber die erste erhebt: gib ihnen das Register!"

Gern! Erstlich hab' ich verbessert alle Druckfehler dann alle Schreibfehler dann viele Dissonanzen der Sprache auch Wort- und Sachschnitzer genug; die Einfalle aber und die poetischen Tulpen hab' ich selten ausgerissen. Ich sah, wenn ichs tate, so bliebe vom Buche (weil ich die ganze Manier ausstriche) nicht viel mehr in der Welt als der Einband und das Druckfehler-Verzeichnis. Der Theolog hasset juristische Anspielungen der Jurist theologische der Arzt beide der Mathematiker alle vorigen ich liebe sie alle; was soll man da lassen oder nehmen? Der Frau missfallt Satire, dem Manne erweichende Warme (denn Kalte halt er an Buchern wie an Schokoladentafeln fur Proben des Werts) und das Publikum selber hat uber ein Kapitel 45 Meinungen, wie Cromwell vier widersprechende Briefe an denselben Korrespondenten diktierte, bloss um seinen Schreibern den wahren zu verhehlen, den er fortschickte; welcher Meinung hangt in solchem Streit ein Autor an? Am schicklichsten seiner eignen, wie die Welt der ihrigen.

Ubrigens erlebt mein Werklein schwerlich so viele gedruckte Auflagen, als ich davon in meiner Stube geschriebene verbesserte veranstalte und darum sind grosse Anderungen daran, wenn nicht entbehrlicher, doch schwieriger. Am Plane der Geschichte selber war gesetzt auch, ich hatte vergessen wollen, dass es eine wahre ist darum wenig umzubessern, weil das Werk ist wie meine Hose, die kein Schneider, sondern ein Strumpfwirkerstuhl gemacht, und woran eine einzige aufgehende Masche des rechten Schenkels das ganze Gestrick des linken aufknopft. Denn es ist ein wesentlicher, aber unleugbarer Fehler des Buchs den ich leicht aus dem Mangel an Episoden erklare , dass, sobald ich aus dem ersten Stockwerk (oder Heftlein) nur irgendeinen bruchigen Quader ausziehe, sofort im dritten alles wackelt und zuletzt nachfallt. Allerdings steh' ich dadurch noch weit von den bessern neuen Romanen zuruck, denen man ohne den geringsten Schaden der Komposition und Feuerfestigkeit betrachtliche Stucke ausbrechen und einbauen kann, bloss weil sie nicht, wie mein Buch, einem blossen Hause, sondern einer ganzen Spielstadt aus Nurnberg gleichen, deren lose abgehenkte Hauser das Kind in seinem Spielschrank aufschichtet, und deren Musaik aus Hutten das liebe Kleine leicht zu seiner Lust gassatim zusammenstellt, wie es nur mag. Einer wahren Historie klebt immer das Verdriessliche an, dass dergleichen nicht zu machen ist.

Gleichwohl entschadige ich mein Werk fur kunstlerische Anderungen und Verbesserungen hinlanglich durch wahre Vergrosserungen desselben, durch historische Zusatze. Da ich zum Glucke seit einigen Jahren unter den Personen selber lebe und hause, die ich abgeschildert: so bin ich als Zirkelgrad dieses schonen Familienzirkels ganz instand gesetzt, aus lebendigen Zeugen-Rotuln tausend Berichtigungen und Erlauterungen nachzutragen, die sonst kein Mensch erfuhre, und die gleichwohl die etwas dunkle Geschichte gewaltig erhellen. Der Kunstrichter schlage nur die zwei nachsten Kapitel des Buchs, oder die fernsten, oder andere auf.

Man will mich gefallig bereden, ich hatte in den Zusatzen den Uberzahligen-Witz vermieden und den leuchtenden Naphthaboden meines Abendgestirnes, der weder auszugiessen noch zu versenken war, geschickt gewassert durch frische Historie. Der Himmel geb' es! Ich habe schlechte Hoffnung; aber lieb sollte es mir sein, wenn die Rezensenten mich versichern wollten, ich hatte in meinem PantheonPandamonium meine dichten Bilder, obwohl nicht versteigert oder verdeckt, doch aber weiter auseinander gehenkt.

"Uberhaupt" (verfolgt der Entwurf) "nimm lieber das historische Okuliermesser als das kritische Jatemesser in die Hand!"

Eben sagt' ich, dass ichs getan.

"Was aber jene verdorrten falben Menschen anlangt, vor denen nichts gross ist als ihr Bild, und deren Magen vor jeder schonern Bewegung des erhobnen Herzens in eine umgekehrte gerat, kurz die alles anekelt (ausgenommen das Ekelhafte), so stelle dich an, als merktest du sie gar nicht einmal, um so mehr, da sie den Patienten gleichen, die der Bandwurm benagt, und welche nach medizinischen Beobachtungen sich vor jeder Musik, besonders Orgeln, erbrechen und ekeln Denke lieber an die guten Menschen, die du kennst und liebst, und an die guten, die du nur liebst und daher werde am Ende der Vorrede ernsthaft und dankbar und freue dich!"

Wahrlich, das hatt' ich getan schon ohne den Entwurf! Wie konnt' ich gegen die Schonung unempfindlich bleiben, womit man im ganzen die aphroditographischen Fragmente von meinem Abendstern abfassete, der mit so merklichen Aberrationen oder Abweichungen und in einer so wenig planetarischen Ellipse um seine Sonne lauft, dass er leicht, wie es oft dem Hesperus am Himmel geschieht, fur einen Haar-, Bart- und Schwanzstern zu nehmen ist? Und wie hart und kalt musste die Seele sein, welche ohne Ruhrung und ohne Freude uber den kurzesten frohen Tag, ja nur uber eine frohe Sekunde und Terzie bliebe, in die sie die leidenden Menschen fuhren konnte und uber die ausgebreitete Verwandtschaft hoher Wunsche und heiliger Hoffnungen und freundlicher Gefuhle und uber den holden Friedenschluss, worin die Zanker und Krieger auf der ersten Welt des prosaischen Lebens einander auf der zweiten Welt der Dichtkunst in gemeinsamen Erkennungen die Hande geben und zu Brudern werden?

Ich gebe dir, guter Asteriskus und Nebenplanet des sanften Abendsternes uber mir, wieder die Wunsche vor drei Jahren fur jede Seele auf den Weg, die du erfreuen kannst! Nur gehe fur kein Auge als ein Regengestirn auf, nur mache keines irre, dass es den Mondschein der Dichtkunst fur den Morgen der Wahrheit nimmt und die Morgen-Traume zu fruh abdankt! Aber in die Marterkammer und durch das Gefangnisgitter der verlassenen Seelen wirf einen erfreulichen Schein und wem seine gluckliche Insel auf den Meerboden der Ewigkeit entfiel, dem verklare die dunkle tiefe Gegend und wer vergeblich in einem entblatterten Paradiese umher- und hinaufsieht, dem zeige ein kleiner Strahl aus dir unten auf dem Boden unter dem gelben Laube irgendeine bedeckte susse Frucht der vorigen Zeit und das Auge, dem du gar nichts zeigen kannst, dieses ziehe sanft hinauf zu deinem Bruder und zum Himmel, worin er glanzt. Ja wenn ich einmal zu alt bin, so troste mich auch!

Hof, den 16ten Mai 1797.

Jean Paul Fr. Richter.

Vorrede, sieben Bitten und Beschluss

Vorrede

Ich wollte mich anfangs ereifern uber einige Heere von Lesern, mit denen ich in diesem Buche nichts anzufangen weiss; und wollte mich vorn an den Hesperus als Pfortner stellen und vorzuglich Leute mit der grossten Unhoflichkeit fortschicken, die nichts taugen fur welche, wie fur einen Prosektor, das Herz nichts ist als der dickeste Muskel, und welche Gehirn und Herz und alles Innere, wie Formen der Gipsstatuen ihr eingefulltes Gemengsel von Scherwolle, Heu und Ton, nur darum tragen, um hohl gegossen auszufallen. Ich wollte sogar mit ehrlichen Geschaftleuten keifen, die, wie der grosse Antonin, den Gottern danken, dass sie die Dichtkunst nicht weit getrieben und mit solchen, vor denen sich der Kapellmeister Apollo auf einer Strohfiedel horen lassen soll, und seine neun Diskantistinnen mit dem Bier- und Strohbass ja sogar mit der lesenden Schwesterschaft der Ritterromane, die so lieset, wie sie heiratet, und die sich unter den Buchern, wie unter den Gesichtern der Herren, nicht die schonen weiblichen, sondern die wilden mannlichen ausklaubt.

Aber ein Autor sollte kein Kind sein und sich seine Vorrede versalzen, da er nicht alle Tage eine zu machen hat. Warum habe ich nicht lieber in der ersten Zeile die Leser angeredet und bei der Hand genommen, denen ich den Hesperus freudig gehe, und die ich mit einem Freiexemplar davon beschenken wollte, wenn ich wusste, wo sie wohnten? Komm, liebe mude Seele, die du etwas zu vergessen hast, entweder einen truben Tag oder ein uberwolktes Jahr, oder einen Menschen, der dich krankt, oder einen, der dich liebt, oder eine entlaubte Jugend, oder ein ganzes schweres Leben; und du, gedruckter Geist, fur den die Gegenwart eine Wunde und die Vergangenheit eine Narbe ist, komm in meinen Abendstern und erquicke dich mit seinem kleinen Schimmer, aber schliesse, wenn dir die poetische Tauschung fluchtige susse Schmerzen gibt, daraus: "Vielleicht ist das auch eine, was mir die langern tiefern macht." Und dich, hoherer Mensch, der unser Leben, das nur in einem Spiegel gefuhret wird, kleiner findet als sich und den Tod, und dessen Herz ein verhullter grosser Geist in dem Totenstaube anderer zerfallener Menschenherzen heller und reiner schleift, wie man den Demant im Staube des Demants poliert, darf ich dich auch in meinen Abend- und Nachtstern auf eine Anhohe, so wie ich sie aufzuwerfen vermag, herniederrufen, damit du, wenn du um sie, wie um den Vesuv, morganische Feen und Nebel-Gruppierungen und Traum-Welten und Schatten-Lander in der Tiefe ziehen siehest, vielleicht zu dir sagest: "Und so ist alles Traum und Schatten um mich her, aber Traume setzen Geister voraus, und Nebel Lander, und der Erdschatten eine Sonne und eine Welt"?

Aber zu dir habe ich nicht den Mut, zu dir, edler Geist, der des Jahrhunderts mude ist und des Nachwinters der Menschheit, dem zuweilen, aber nicht immer, das Menschengeschlecht wie der Mond zuruckzuwandeln scheint, weil er den Zug der Wolke, die darunter hinfliegt, fur den Gang des himmlischen Korpers selber ansieht, und der voll erhabner Seufzer, voll erhabner Wunsche und mit schweigendem Ergeben zwar neben sich eine wurgende Hand und das Fallen seiner Bruder hort, aber doch das aufgerichtete, auf dem ewig heitern Sonnenangesicht der Vorsehung ruhende Auge nicht niederschlagt, und den das Ungluck, wie der Blitz den Menschen, zwar entseelt, aber nicht entstellt; edler Geist, ich habe freilich nicht den Mut, zu dir zu sagen: "Wurdige mich, auf mein Schattenspiel zu schauen, damit du uber den Abendstern, den ich vor dir voruberfuhre, die Erde vergessest, auf der du stehest, und die sich jetzo mit tausend Grabern wie ein Vampyr an das Menschengeschlecht anlegt und Opferblut saugt." Und doch hab' ich an dich unter dem ganzen Buche gedacht, und die Hoffnung, mein kleines Nacht- und Abendstuck vor nasse, aufgerichtete und feste Augen zu bringen, war der tragende Malerstock der muden Hand gewesen.

Da ich mich jetzt zu ernsthaft geschrieben, so muss ich von den sieben versprochenen Bitten, worunter nur vier es sind, drei weglassen. Ich tue also nur die

Erste Bitte, den Titel "Hundposttage" so lange zu vergeben, bis ihn das erste Kapitel erklart und entschuldigt hat Und die

Zweite, allemal ein ganzes Kapitel zu lesen, und kein halbes, weil das grosse Ganze aus kleinern Ganzen, wie nach den Homoiomerien des Anaxagoras der Menschenkorper aus unzahligen kleinen Menschenkorpern besteht Und die

Siebente Bitte, die halb aus der zweiten fliesset, aber nur die Kunstrichter angeht, mir in ihren fliegenden Blattern, die sie Rezensionen nennen, mit keiner Publikation meiner Hauptbegebenheiten vorzugreifen, sondern dem Leser einige Uberraschungen, die er doch nur einmal hat, zu lassen. Und endlich die

Funfte Bitte, die man aus dem Vaterunser schon kennt.

Der Beschluss

Und so werde denn sichtbar, kleiner stiller Hesperus! Du brauchst eine kleine Wolke, um verdeckt zu sein, und ein kleines Jahr, um deinen Umlauf vollfuhrt zu haben! Mogest du der Tugend und Wahrheit, wie dein Ebenbild am Himmel der Sonne, naher stehen, als die Erde allen dreien ist, in die du schimmerst, und mogest du wie jenes nur dadurch dich den Menschen entziehen, dass du dich in die Sonne hullest! Moge dein Einfluss schoner, warmer und gewisser sein, als der des Kalender-Hesperus ist, den der Aberglaube auf den Dunst-Thron dieses Jahres setzt! Du wurdest mich zum zweitenmal glucklich machen, wenn du fur irgendeinen abgebluhten Menschen ein Abendstern, fur irgendeinen aufbluhenden ein Morgenstern wurdest! Gehe unter mit jenem und auf mit diesem; flimmere im Abendhimmel des erstern zwischen seinen Wolken und uberziehe seinen zuruckgelegten bergaufgehenden Lebenweg mit einem sanften Schimmer, damit er die entfernten Blumen der Jugend wieder erkenne und seine veralteten Erinnerungen zu Hoffnungen verjunge! Kuhle den frischen Jungling in der Lebenfruhe als ein stillender Morgenstern ab, eh' ihn die Sonne entzundet und der Strudel des Tages einzieht! Fur mich aber, Hesperus, bist dem Erdball wie mein Nebenplanet, wie meine zweite Welt, auf die meine Seele ausstieg, indes sie den Korper den Stossen der Erde liess aber heute fallt mein Auge traurig und langsam von dir und dem weissen Blumenflor, den ich um deine Kusten angepflanzet, auf den nasskalten Boden herab, wo ich stehe und ich sehe uns alle von Kuhle und Abend umgehen weit von den Sternen abgerissen von Johanniswurmchen belustigt, von Irrwischen beunruhigt alle einander verhullt, jeder einsam und sein eignes Leben nur fuhlend durch die warme pulsierende Hand eines Freundes, die er im Dunkeln halt.

Ja, es wird zwar ein anderes Zeitalter kommen, wo es licht wird, und wo der Mensch aus erhabnen Traumen erwacht und die Traume wiederfindet, weil er nichts verlor als den Schlaf.

Die Steine und Felsen, welche zwei eingehullte Gestalten, Notwendigkeit und Laster, wie Deukalion und Pyrrha hinter sich werfen nach den Guten, werden zu neuen Menschen werden.

Und auf dem Abendtore dieses Jahrhunderts steht: Hier geht der Weg zur Tugend und Weisheit; so wie auf dem Abendtor zu Cherson die erhabene Inschrift steht: Hier geht der Weg nach Byzanz.

Unendliche Vorsicht, du wirst Tag werden lassen.

Aber noch streitet die zwolfte Stunde der Nacht: die Nachtraubvogel ziehen; die Gespenster poltern; die Toten gaukeln; die Lebendigen traumen.

In der Fruhlings-Tag- und Nachtgleiche 1794.

Jean Paul.

1. Hundposttag

Unterschied zwischen dem 1. und 4. Mai

Rattenschlachtstucke Nachtstuck drei Regimenter

in kunftigen Hosen Starnadel Ouverture und

geheime Instruktion dieses Buchs

Im Hause des Hofkaplans Eymann im Baddorfe St. Lune waren zwei Parteien: die eine war den 30. April froh, dass der Held dieser Geschichte, der junge Englander Horion, den 1. Mai aus Gottingen zuruckkame und in der Kaplanei bliebe der andern wars nicht recht, sie wollte haben, er sollte erst den 4. Mai anlangen.

Die Partei des ersten Maies oder des Dienstagsbestand aus dem Kaplans-Sohne Flamin, der mit dem Englander bis ins zwolfte Jahr in London und bis ins achtzehnte in St. Lune erzogen worden, und dessen Herz mit allen Aderzweigen in das britische verwachsen und in dessen heisser Brust wahrend der langen Trennung durch Gottingen ein Herz zu wenig gewesen war ferner aus der Hofkaplanin, einer gebornen Englanderin, die in meinem Helden den Landsmann liebte, weil der magnetische Wirbel des Vaterlandes noch an ihre Seele uber Meere und Lander reichte endlich aus ihrer altesten Tochter Agathe, die den ganzen Tag alles auslachte und lieb hatte, ohne zu wissen warum, und die jeden, der nicht gar zu viele Hauser weit von ihr wohnte, mit ihren Polypenarmen als Nahrung ihres Herzens zu sich zog.

Die Sekte des vierten Maies konnte sich mit jener schon messen, da sie auch ein Kollegium von drei Gliedern ausmachte. Die Anhanger waren die kochende Appel (Apollonia, die jungste Tochter), deren Kuchen-Ehre und Back-Belobebrief dabei litt, dass der Gast fruher ankam als die Weisshefen; sie konnte sich denken, was eine Seele empfindet, die vor einem Gaste steht, die Hande voll Spick- und Nahnadeln, neben der Platte der Fenstervorhange, und ohne sogar die Frisur des Hutes und des Kopfes, der darunter soll, nur halb fertig zu haben. Der zweite Anhanger dieser Sekte, der am meisten gegen den Dienstag hatte reden sollen ob er gleich am wenigsten redete, weil ers nicht konnte und erst kurzlich getauft war , sollte am Freitag zum ersten Male in die Kirche getragen werden; dieser Anhanger war das Patchen des Gastes. Der Kaplan wusste zwar, dass der Mond seinen Gevatterbitter, den P. Ricciolum, bei den Erden-Gelehrten herumschicke und sie als Paten seiner Flecken ins Kirchenbuch des Himmels bringe; aber er dachte, es ist besser, sich seinen Gevatter schon in einer Nahe von 50 Meilen zu nehmen. Der Aposteltag des Kirchgangs und der Festtag der Ankunft des Herrn Gevatters waren also schon ineinander gefallen; aber so fuhrte das Wetter (das hubsche) den Gevatter vier Tage eher her!

Der dritte Junger des Freitags war im Grunde der Haresiarch dieser Partei, der Hofkaplan selber: die Kaplanei, worin Horion ein einstweiliges Hoflager haben sollte, war ganz voll Ratten, ordentlich ein Tanzsaal und Waffenplatz derselben, und diesen wollte der Kaplan sein Haus vorher abjagen. Wenige Hofkaplane, die Hektik im Leibe und Ratten im Hause hatten, machten daher so viel Gestank, als dieser in St. Lune gegen die Bestien. Mit wenigen Wolken davon waren alle Hofdamen aus Europa hinauszurauchern. Zundete der Hektiker nicht so viel vom Hufe seines Gaules an, als er davon abgesagt hatte? Nahm er nicht ein solches Nagetier selber gefangen und seifte dasselbe mit Wagenteer und Fischtran ein und liess den Arrestanten fort, damit er als Parias in den Lochern auf- und abginge und Ratten edlerer Kasten durch sein Salbol zu entlaufen notigte? Ging er nicht ins Grosse und nahm gar einen Bock in die Kost, von dem er nichts verlangte, als dass er stank und den geschwanzten Klausnern missfiel? Und waren nicht alle diese Mittel so gut wie umsonst?

Denn der Henker relegiere Jesuiten und Ratten! Indessen wird doch den Leuten hier schon auf dem Bogen C die Moral dargereicht, dass es gegen beide, so gut wie gegen Zahnschmerzen, Seelenleiden und Wanzen, tausend gute Mittel gebe, die nichts helfen.

Wir wollen nun samtlich weiter in die Kaplanei eindringen und uns um die Eymannische FamilienGeschichte so genau bekummern, als wohnten wir drei Hauser weit von ihr. Horion der Akzent muss auf die erste Silbe kommen oder Sebastian verkurzt gar Bastian, wie ihn die Eymannischen nannten oder Viktor wie ihn der Lord Horion, sein Vater, nannte (denn ich heiss' ihn bald so, bald so, wie es grade mein prosaisches Silbenmass begehrt) Horion hatte den lieben Pfarrleuten durch den Italiener Tostato, der fur die ganze Gegend ein wandelnder Auerbachs-Hof war, und der auch St. Lune zueilte, die kleine mundliche Luge zustellen lassen, er komme am Freitag; er wollte sie erstlich recht uberraschen, und zweitens wollt' er ihnen verschamt die Hande binden, die seinetwegen zurusten, waschen und auftragen wollten, und drittens dacht' er, eine mundliche Luge sei doch kleiner als eine geschriebene. Seinem Vater aber schrieb er die Wahrheit und setzte seinen Eintritt in die Kaplanei auf den 1. Mai oder den Dienstag an. Der Lord hielt sich in der Residenzstadt Flachsenfingen auf, wo er dem Fursten moralische Augenleder und Augenglaser zugleich anlegte und den Blick desselben sowohl lenkte als scharfte; aber er war selber blind, obwohl nur physisch. Daher musste sein Sohn einen Augenarzt von Gottingen mitbringen, der ihn im Hause des Kaplans am Dienstag operieren sollte. Da er seinen Viktor zum Doktor Medicinae machen liess: so wunderten sich meines Wissens viele Gottinger daruber, dass ein so vornehmer Jungling das Doktor-Kopfzeug, diesen Plutos-Helm, der nicht, wie der mythologische, den Trager, aber doch andere unsichtbar macht, aufsetzte und den Doktorring, diesen Gygesring, der nur andern die Unsichtbarkeit verleiht, ansteckte; aber war denn den Gottingern die Augenkranklichkeit seines Vaters unbekannt oder unzulanglich?

Der Lord schrieb dem Hofkaplan, dass er und sein Sohn morgen kommen wurden; der Kaplan uberlas die Hiobs-Post still dreimal hintereinander und steckte sie mit komischer Ergebung in den Briefumschlag zuruck und sagte: "Wir haben nun hinlangliche Hoffnung, dass morgen unser Doktor gewiss eintrifft samt den andern hubschen Lusttreffen und Brunnenbelustigungen seh' ich entgegen; Frau! wenn der morgen einwandelt und meine gesamten Ratten tanzen wie Kinder vor ihm her zu essen haben wir ohnehin nichts und aufzusetzen hab' ich auch nichts, denn vor Donnerstags jag' ich dem Flachsenfinger Windbeutel3 nicht einen Haarbeutel ab... Und du lachst dazu? Wird nicht unsereiner mitten im April noch in April geschickt?" Aber die Kaplanin fiel ihm mit doppelten Ausrufzeichen der Freude an die Achsel und lief sogleich davon, um zu diesem Rosenfeste ihrer guten Seele die kleine Bruder- und Schwestergemeinde der Kinder zu ziehen. Der ganze Familienzirkel zerfiel nun in drei erschrockene und in drei erfreuete Gesichter.

Wir wollen uns bloss unter die frohen setzen und zuhorchen, wie sie den Nachmittag als Gesichtmaler, als Gewandermaler, als Galerieaufseher am Gemalde des geliebten Briten arbeiten. Alle Erinnerungen werden zu Hoffnungen gemacht, und Viktor soll nichts geandert mitbringen als die Statur. Flamin, wild wie ein englischer Garten, aber fruchttragender, erquickte sich und andere mit der Schilderung von Viktors sanfter Treue und Redlichkeit und von seinem Kopf und pries sogar sein Dichterfeuer, das er sonst nicht hochschatzte. Agathe erinnerte an seine humoristischen Rosselsprunge, wie er einmal mit der Trommel eines durchpassierenden Zahndoktors das Dorf vergeblich vor sein Theater zusammengetrommelt habe, weil er vorher die ganze fahrende Apotheke dieses redlichen wahren Freund Heins ausgekauft hatte wie er oft nach einer Kindtaufe sich auf die Kanzel postieret und da ein paar andachtige Zuschauer in der Werkeltag-Schwarte so angeprediget habe, dass sie mehr lachten als weinten und andern Spass, womit er niemand lacherlich machen wollte als sich, und niemand lachend als andere. Weiber billigen es aber nie (sondern nur Manner), wenn einer wie Viktor zur britischen Ordenzunge der Humoristen gehoret denn bei ihnen und Hoflingen ist schon Witz Laune das billigen sie nicht, dass Viktor (wie z.B. Swift und viele Briten) gern zu Fuhrleuten, Hauswursten und Matrosen herunterstieg, indes ein Franzose lieber zu Leuten von Ton hinaufkriecht. Denn die Weiber, die stets den Burger mehr als den Menschen achten, sehen nicht, dass sich der Humorist weismacht, alles, was jene Plebejer sagen, souffliere er ihnen, und dass er absichtlich das unwillkurliche Komische zu kunstlerischem adelt, die Narrheit zu Weisheit, das ErdenIrrhaus zum Nationaltheater. Ebensowenig begriff ein Amtmann, ein Kleinstadter, ein Grossstadter, warum Horion seine Leserei oft so jammerlich wahle aus alten Vorreden, Programmen, Anschlagzetteln von Reisekunstlern, die er alle mit unbeschreiblichem Vergnugen durchlas bloss weil er sich vordichtete, diesen geistigen Futtersack, der bloss unter den Lumpenhacker gehorte, hab' er selber gefertigt und gefullt aus satirischer Rucksicht. In der Tat, da die Deutschen Ironie selten fassen und selten schreiben: so ist man gezwungen, vielen ernsthaften Buchern und Rezensionen boshafte Ironie anzudichten, um nur etwas zu haben.

Und das ist ja nichts anders, als was ich selber versuche, wenn ich bei Terminen in Gedanken die Gerichtstube zum Komodienhaus erhebe, den Rechtsfreund zum juristischen Le Kain und Kasperl und die ganze Verhandlung zur alten griechischen Komodie; denn ich raste nicht, bis ich mir weisgemacht, ich hatte den guten Leuten den ganzen Termin nur einstudieren lassen als Gastrolle und ware also wirklich ihr Theaterdichter und Direktor. So trag' ich im Grunde meinen stummen Kopf munter als ein komisches Taschentheater der Deutschen durch deren edelste Behausungen (z.B. der Universitat, der Regierung) und erhohe ganz im stillen hinter der herabgelassenen Gardine der Gesichthaut Komisches der Natur zu Komischem der Kunst.

Ich komme zuruck. Die Kaplanin erzahlte nun so viel von Viktor, als alle schon wussten. Aber dieses Wiederholen der alten Geschichte ist eben der schonste Reiz des hauslichen Gesprachs. Wenn wir susse Gedanken uns selber oft ohne Langweile wiederholen konnen, warum soll sie nicht auch der andere ofters in uns erwecken durfen? Die gute Frau schilderte ihren Kindern, wie sanft und weich, wie zartlich und weiblich ihr lieber Sohn sei (denn Viktor nannte sie immer seine Mutter) wie er sich uberall auf sie verliess wie er immer scherzte, ohne jemand zu necken, und immer alle Menschen, sogar die fremdesten, liebte und wie sie vor ihm besser als vor irgendeiner Matrone ihr gedrucktes Herz aufschliessen konnte und wie gern er mit ihr weinte. Ein Hofapotheker mit einem Bimsstein-Herz Zeusel schreibt er sich sah dieses Zerfliessen der warmsten Seele sogar einmal fur eine Tranenfistel an, weil er glaubte, keine andere Augen konnten weinen als kranke.... Lieber Leser, ist dir jetzo nicht wie dem Lebensbeschreiber, der nun den Eintritt dieses guten Viktors in die Kaplanei und Lebensbeschreibung kaum erwarten kann? Wirst du ihm nicht die freundschaftliche Hand reichen und sagen: "Willkommen, Unbekannter! Siehe, dein weiches Herz offnet unseres schon unter der Schwelle! O du Mensch mit Augen voll Tranen, glaubst denn du auch wie wir, dass in einem Leben, dessen Ufer vollhangen von Erschrocknen, die sich an Zweige, von Verzweifelten, die sich an Blatter halten, dass in einem solchen Leben, wo uns nicht bloss Torheiten, sondern auch Schmerzen umzingeln, der Mensch ein nasses Auge bewahren musse fur rote, ein beklommenes Herz fur ein blutendes, und eine leise Hand, die den schweren dicken Leidenkelch dem Armen, der ihn leeren muss, trauernd halt und langsam nachhebt? Und wenn du so bist: so rede und lache, wie du willst; denn die Menschen soll keiner belachen als einer, der sie recht herzlich liebt."

Nachmittags schickte der Obrist-Kammerherr Le Baut- ein gewurzhaftes Blatterskelett den Laufer Seebass zum Kaplan und liess ihn ersuchen denn das Schloss lag der Kaplanei nahe gegenuber , den Bock nur so lange wegzustellen, bis sich der Wind drehte, weil seine Tochter kame. "Trauter Herr Seebass!" (antwortete geruhrt der Ratten-Kontroversist) "meinen untertanigen Empfehl wieder, und Sie sehen mein Elend. Morgen erfreuen mich der Lord und sein Sohn und sein Augenarzt mit ihrer Gegenwart, und der Star wird hier gestochen. Nun stinkt gegenwartig das ganze Haus, und die Ratten setzen ihren Nachttanz noch gelassen im Geruche fort; ich beteure Ihnen, Herr Seebass, wir konnen Teufelsdreck nehmen und damit die Kaplanei bis zum Dachstuhl ausfuttern, nicht einen Schwanz treiben wir dadurch fort; es gefallt ihnen vielmehr. Ich meines Ortes ruste mich schon darauf, dass sie morgen unter dem Stiche an dem Starstecher und an dem Patienten hinaufspringen. So erging' es uns allen, melden Sie im Schlosse, aber heute wollt' ich noch vortreffliches Rosenholzol versuchen."

Er holte also einen grossen Hopfensack und zerrte ihn unters Dach hinauf, um da im eigentlichen Sinne die Ratten bei der Nase herumzufuhren in den Hopfensack hinein. Bekanntlich sind Ratten so arg ersessen auf Rosenholzol als Menschen auf Salbol, das, sobald nur sechs Tropfen auf den Scheitel fallen, auf der Stelle einen Konig oder Bischof daraus macht, welches ich daraus sehe, weil im ersten Fall ein goldner Reif um die Haare anschiesst und im zweiten sie gar ausgehen. Der Wehrstand, der Kaplan, ubersprutzte den Sack mit einigem Ol und legte ihn mit seiner Mundung aufgesperrt und aufgespannt fur die Feinde hin er selber stand darhinter und hielt sich hinter einem ebenso eingeolten Ofenschirm versteckt. Seine Absicht war, hervorzufahren, wenn die Bestien im Sack sassen, und die ganze Rotte dann wie Bienen im Schwarmsack wegzutragen. Die wenigen Kammerjager, die mich lesen, mussen diese Fangart haufig gebraucht haben.

Aber sie werden nicht daruber hingepurzelt sein wie der Kaplan, dem sich der wohlriechende Ofenschirm zwischen die Schenkel stulpte, und der still lag, wahrend der Feind lief. In einer solchen Lage labt den Menschen der Pralltriller eines Fluches.

Nachdem also der Kaplan einige solcher Triller und Mordanten geschlagen, sich zur Familie hinabbegeben und ihr im Vorbeigehen gesagt hatte: "wenn es im gemassigten Erdstrich einen gabe, der von den Windeln an ein Trauerpferd zuritte, der ansassig ware in Hattos zweitem Mauseturm und in einem Raspelhause aus Amsterdam und in der Vorholle, wenns so einen Disziplinanten gabe, von dem ihn nur wunderte, wie er noch am Leben sei: so war' ers allein und weiter kein Teufel" nachdem er das heraushatte: so liess er die Ratten ruhig und wurd' es selber recht sehr.

In der Nacht fiel nichts Denkwurdiges vor, als dass er aufwachte und herumhorchte, ob nichts Geschwanztes rumore, weil er willens war, sich satt zu argern. Da gar nichts von den Bestien zu vernehmen war, nicht einmal ein Seitensprung: so setzte er sich auf den Fussboden heraus und presste das Spionenohr an diesen. Sein Gluck wollte, dass gerade jetzt die Bewegungen des Feindes mit Balletten und Galoppaden in sein Gehor einplumpten. Er brach auf, waffnete sich mit einer Kindertrommel und weckte seine Frau mit dem Lispeln auf: "Schatz, schlaf wieder ein und erschrick im Schlafe nicht: ich trommel' ein wenig gegen die Ratten; denn von der Zwickauer Sammlung nutzlicher Bemerkungen fur Stadt- und Landwirtschaft 1785 wird mirs angeraten."

Sein erster Donnerschlag gab seinen Erbfeinden die Ruhe, die er seinen Blutfreunden nahm.... Da ich aber alle Menschen jetzt instand gesetzt, sich den Kaplan im Hemd und mit dem Hackbrett der Soldateska vorzustellen: so gehen wir lieber ans Bette seines Sohnes Flamin und geben acht, was dieser darin macht....

Nichts; aber ausser demselben macht er einen Ritt jetzo so spat und noch dazu ohne Sattel und Weste. Er, dessen Brust eine Aols Hohle voll gedruckter Sturme war jeder gescheite Protonotarius in Wetzlar wurde seinen Fischkopf oder Rebhuhnflugel reiner abschalen oder sein Samt-Knie reiner abbursten als er , dieser wusste unmoglich langer auf einem Kopfkissen zu verbleiben, dem heute eine Trommel so nahe kam und morgen ein Freund. Einen andern freilich (wenigstens den Leser und mich) wurde die durchsichtige Nacht, womit sich der April beschloss, die weite Stille, auf welche die Trommelstocke schlugen, die Sehnsucht nach dem Geliebten, mit welchem der Morgen wieder das ode Herz und das zerstuckte Leben erganzte, alles dieses wurde uns beide mit sanften Bebungen und Traumen erfullet haben den Kaplans-Sohn aber warf es auf den Gaul hinauf und in die Nacht hinaus; seine geistigen Erd-Erschutterungen legten sich nur unter einem korperlichen Galopp.

Er sprengte uber den Hugel, auf dem er morgen sich mit seinem Horion wieder verknupfen wollte, zehnmal hinauf und hinab. Er fluchte und donnerte auf alle seine Leidenschaften freilich mit Leidenschaft , die bisher die Beinsage an ihre verbundnen so Freundschafthande angelegt hatten: "O wenn ich dich nur wieder habe, Sebastian," (sagt' er und riss den Gaul herum) "so will ich so sanft sein, so sanft wie du, und dich niemals verkennen, oder das Donnerwetter soll mich hier auf dem Platze..." Beschamt uber den eiligen Widerspruch ritt er bloss im Pass nach Hause.

Seine Sehnsucht nach seinem wiederkehrenden Freunde druckt' er im Stalle dadurch aus, dass er die Scheitelhaare hinaufstulpte, den Zopf wie die vierte Geigensaite anzog und dem Schlussel des Futterkastens den Bart abdrehte....

Nur ein Mensch, der nach einem Freunde gerade so wie nach einer Freundin schmachtet, verdienet beide. Aber es gibt Menschen, die aus der Erde gehen, ohne je daruber betrubt oder besorgt gewesen zu sein, dass sie niemand darin geliebt hatte. Derjenige, der nach dem Kommerzientraktat des Eigennutzes, nach dem gesellschaftlichen Vertrag der Hoflichkeit, sogar nach dem Grenz- und Tauschvertrag der Liebe nichts Hoheres kennt, ein solcher ich wollt' aber, er hatte mich gar nicht vom Verleger verschrieben , dessen fahles Herz nichts weiss von der Bruderunitat befreundeter Menschen, vom Ineinanderverzweigen ihrer edlern Gefasse und von ihrer Eidgenossenschaft in Streit und Schmerz ich seh' aber nicht, weswegen ich von diesem Tropfe so lange rede, da er nicht einmal in Flamins Sehnen sich hineinzufuhlen weiss, der ein liebendes, achtendes Auge begehrte, weil seine Fehler und seine Tugenden in gleichem Masse abstiessen; denn bei andern Menschen machen wenigstens entweder die Flecken die Strahlen gut, oder die Strahlen die Flecken.

Bloss in furstlichen Pferdestallen ist das Getose fruher und lauter, als das in der Kaplanei am ersten Wonnemonat war. Ich frage die erste beste Leserin, ob es je mehr zu bohnen und zu sieden geben kann als an einem Morgen, wo ein Lord mit dem Star erwartet wird und sein Sohn dazu und ein Starstecher. Die mannlichen Rasttage fallen allezeit in die weiblichen Raspeltage; Vater und Sohn gingen gelassen dem Doktor und dem Stecher entgegen.

Der erste Mai fing sich, wie der Mensch und seine Weltgeschichte, mit einem Nebel an. Der Fruhling, der Raffael der Norderde, stand schon draussen und uberdeckte alle Gemacher unsers Vatikans mit seinen Gemalden. Ich hab' einen Nebel lieb, sobald er wie ein Schleier vom Angesicht eines schonen Tages abgleitet, und sobald ihn grossere als die vier Fakultaten machen. Wenn er (der am 1. Mai war so) wie ein Zugnetz Gipfel und Bache uberflicht wenn die herabgedruckten Wolken auf unsern Auen und durch nasse Stauden kriechen wenn er auf der einen Weltgegend den Himmel mit einem Pech-Brodem besudelt und den Wald mit einer unreinen schweren Nebelbank bestreift, indes er auf der andern, abgewischt vom nassen Saphir des Himmels, in Tropfen verkleinert, die Blumen erleuchtet; und wenn dieser blaue Glanz und jene schmutzige Nacht nahe aneinander voruberziehen und die Platze tauschen: wem ist alsdann nicht, als sah' er Lander und Volker vor sich liegen, auf denen giftige und stinkende Nebel in Gruppen herumziehen, die bald kommen, bald gehen? Und wenn ferner diese weisse Nacht mein schwermutiges Auge mit dahinfliegenden Dunststromen, mit irrenden zitternden Duftstaubchen umzingelt: so erblick' ich trube in dem Dunst das Menschenleben abgefarbt, mit seinen zwei grossen Wolken an unserm Auf- und Untergange, mit seinem scheinbar lichten Raume um uns, mit seiner blauen Mundung uber uns....

Der Doktor kann auch so gedacht haben, aber nicht Vater und Sohn, die ihm entgegengehen. Flamin wird starker von der entfernten als nahen Natur, mehr von der grossen als kleinen geruhrt, so wie er mehr fur den Staat als die Wohnstube Gefuhl hat, und sein innerer Mensch windet sich am liebsten an Pyramiden empor, an Gewittern, an Alpen. Der Kaplan geniesset bei der ganzen Sache nichts als Maibutter, und aus seinem Munde geht bei so vielem moralischen Apparate nichts als Speichel, beides, weil er befahrt, der Dampf fress' ihn an und zerbeisse seinen Schlund und Magen.

Als sie vom Hugel des nachtlichen Galopps in ein mit Nebeldampf verschuttetes Tal einschritten, zogen ihnen daraus drei Garnisonregimenter im Doppelschritt entgegen. Jedes Regiment war vier Mann stark und ebenso hoch- ohne Pulver und Schuhe aber versehen mit fein durchbrochnen Schenkel-Manschetten, namlich mit porosen Hosen, und uberflussigen Offizieren, weil keine Gemeine dabei waren. Da ich jetzt in meiner Beschreibung gar dazu setze, dass beide Stabe, sowohl der Regiment- als der Generalstab, uber 600 Kanonen in der Tasche hatten und uberhaupt einen ganzen Artillerie-Zug, und dass die Prima Plana ganz neue, im Kriege ungewohnliche gelbe Kugeln, die eher aufkeimten als das von Wilden gesaete Schiesspulver, mit der Zunge in die Flinten steckte: so wurd' ich (ich befurchte das) die Leser, zumal die Leserinnen um so mehr, da ichs noch nicht erraten lasse, warens Soldaten-Eltern oder Soldaten-Jungen ein wenig zu angstlich machen, wenn ich gar eintunken und vollends den verdriesslichen Umstand, dass die Truppen auf den benebelten Hofkaplan Feuer zu geben anfingen, hinzu erzahlen wollte, ohne spornstreichs schon vorher mit der Nachricht vorzusprengen, dass hinter der Armee eine Mannstimme rief: Halt!

Herausfuhr aus dem letzten Treffen der Generalfeldmarschall, der gerade noch einmal so lang war als sein Stuckleutnant mit rundem Hut, mit fliegenden Armen und Haaren sturzt' er sich wutend auf Flamin zu und erpackte ihn, um ihn umzubringen aus Hass weniger als aus Liebe der Doktor wars die beiden Freunde lagen zitternd ineinander, Gesicht in Gesicht gehullt, Brust von Brust zuruckgedruckt, mit Seelen ohne Freudenworte, aber nicht ohne Freudentranen die erste Umarmung endigte sich mit einer zweiten die ersten Laute waren ihre zwei Namen....

Der Kaplan privatisierte neben der Armee und stand verdriesslich auf seinem Isolierschemel mit dem leeren Halse, um den nichts fiel. "Umhalset euch nur noch einen Augenblick" sagte er und wandte sich halb um "ich muss mich nur dort ein bisschen an die Haselstaude stellen, will aber gleich wieder da sein und auch auf meiner Seite den Herrn Doktor mit tausend Freuden umarmen." Aber Horion verstand den Unwillen der Liebe, er flog aus des Sohnes Armen in die des Vaters und verweilte lange darin und machte alles wieder gut.

Mit befriedigter Liebe, mit tanzenden Herzen, mit schwelgenden Augen, unter dem aufgebluhten Himmel und uber den Schmuck der Erde denn der Fruhling hatte sein Schmuckkastchen aufgeschlossen und bluhende Juwelen in alle Taler und auf alle Hugel und bis weit an die Berge geworfen wandelten beide selig dahin, und die britische Hand presste die deutsche. Sebastian Horion konnte nichts sagen zu Flamin, aber er sprach mit dem Vater, und jeder gleichgultige Laut machte den mit Blut und Liebe uberhauften Busen freier.

Die drei Regimenter hatte jeder aus dem Kopfe verloren; aber sie waren selber dem Generalfeldmarschall gehorsam nachmarschiert. Sebastian, zu menschenfreundlich, um jemand zu vergessen, drehte sich gegen den Nachtrab von kleinen Ohnehosen herum, die nicht aus Paris, sondern aus Flachsenfingen waren und als bettelnde Soldatenkinder ihn begleitet hatten: "Meine Kinder," (sagt' er und sah nichts an als sein stehendes Heer) "heute ist fur euren Generalissimus und euch der merkwurdige Tag, wo er drei Dinge tut Ich dank' euch erstlich ab, aber meine Reduktion soll euch so wenig wie eine furstliche hindern, zu betteln zweitens bezahl' ich euch den ruckstandigen Sold von drei Jahren, namlich jedem Offizier das Traktement von zwei Siebzehnern, weil man jetzo die Gage erhohet hat- drittens lauft morgen wieder her, ich lasse den samtlichen Regimentern Hosen anmessen."

Er kehrte sich gegen den Kaplan und sagte: "Man sollte lieber Sachen verschenken als Geld, denn die Dankbarkeit fur dieses wird zugleich mit diesem ausgegeben, aber in einem Paar verehrten Hosen halt der Dank so lang wie sein Uberzug selber."

Das Schlimme dabei wird nur sein, dass der flachsenfingische Furst und sein Kriegkollegium sich zuletzt in die Hosen mengen, da beide unmoglich verstatten konnen, dass regelmassige Truppen mehr auf als in dem Leibe haben, namlich etwas. In unsern Tagen sollt' es endlich dem dummsten Montierungund Proviantkommissar einleuchten aber in der Tat gibt es kluge , 1) dass unter zwei Soldaten der hungrige stets dem satten vorzuziehen sei, weil schon von ganzen Volkern bekannt ist, dass sie desto tapferer sind, je weniger sie haben 2) dass, so wie in Blotzheim4 unter zwei gleich tugendhaften Junglingen der armere gekront wird, ebenso der arme Untertan billig dem reichen trotz aller gleichen Tapferkeit dennoch vorgezogen und allein angeworben werde, weil der arme Teufel besser mit Hunger und Frost bekannt ist dass 3) jetzt, da auf allen Stufen des Throns wie auf Wallen Kanonen stehen (wie die Sonne ihren Glanz von tausend speienden Vulkanen empfangt) und da in einem guten Staate das mannliche Stammholz zu Ladstocken abgetrieben wird, das Volk mit Nutzen in zweierlei Hausarme zerfalle, in beschutzte und in schutzende Und 4) soll der Teufel den holen, der murrt.

Als meine drei geliebten Menschen endlich vor der Kaplanei ankamen, war das ganze aufgeloste Heer ihnen heimlich nachgeruckt und wollte die Hosen. Aber noch etwas Grosseres war ihnen aus Flachsenfingen nachgefahren der blinde Lord. Kaum hatte den jungen Gast die Britin nicht hoflich, sondern freudig hereingelachelt, kaum hatte Agathe zum erstenmal ernsthaft sich hinter die Mutter, und die alte Appel sich hinter die Kochtopfe versteckt: so tat der aufraumende Eymann einen langen Sprung vom Fenster hinweg, an welches vier Englander keine Auslander, sondern Pferde herantrabten. Jetzt fiel erst allen die Frage ein, wo der Augenarzt sei; und Sebastian hatte kaum die Zeit, darauf zu antworten, es komme keiner nach, denn er selber operiere seinen Vater. In den engen Zwischenraum, den sich der Vater von der Wagenture zur Stubenture durchfuhren liess, musste der Sohn die Luge drangen, oder vielmehr die Bitte um die Luge, die die Familie Seiner Herrlichkeit anhangen sollte, "der Sohn ware noch nicht da, sondern bloss der Okulist, dem der letzte Schlagfluss die Sprache genommen".

Ich und der Leser stehen unter einem solchen Gedrange von Leuten, dass ich ihm noch nicht einmal so viel sagen konnen, dass der Doktor Kuhlpepper dem Lord das linke Auge mit der plumpen Starnadel so gut wie ausgestochen; um also das rechte des geliebten Vaters zu retten, hatte Sebastian sich auf die Kur jener Verarmten gelegt, die schon mit den Augen im Orkus wandeln, und nur noch mit vier Sinnen ausserhalb des Grabes stehen.

Als der Sohn die teure, mit einer so langen Nacht bedeckte Gestalt, fur die es kein Kind und keine Sonne mehr gab, erblickte: so schob er sein Hand, deren Puls von Mitleid, Freude und Hoffnung zitterte, der Eymannischen unter und reichte sie eilend hin und druckte die vaterliche unter dem fremden Namen. Aber er musste zur Hausture wieder hinaus, damit seine behende Retterhand auszitterte, und er hielt draussen das vor Hoffnung pochende Herz mit dem Gedanken an, dass die Operation nicht geraten werde er sah lachelnd an dem zwolfspannigen Kadettenkorps auf und ab, damit die Ruhrung und die Sehnsucht aus der bewegten Brust entwichen. Drinnen hatt' unterdes die Kaplanin aus dem Blinden einen noch Blindern gemacht und ihm vorgelogen quantum satis; sobald eine Luge, pia fraus, ein dolus bonus, eine poetische und juristische fictio auszufertigen ist: so stellen sich die Weiber von selber als expedierende Sekretare und Hofbuchdruckerinnen hinzu und helfen dem ehrlichen Mann. "Ich wunschte sehr," sagte der Vater beim Eintritt des Sohnes "die Operation ginge jetzo vor sich, ehe mein Sohn angekommen ist." Die Kaplanin holte den beklommenen Sohn zuruck und entdeckte ihm den vaterlichen Wunsch. Er trat leise unter die verlegene Gesellschaft. Das Zimmer wurde verschattet, die Starlanzette vorgeholt und das kranke Auge festgemacht. Alles stand mit banger Aufmerksamkeit um den ruhigen Blinden. Der Kaplan guckte mit einer lacherlichen Angst und Qual auf das schlafende Wochenkind, um mit ihm bei dem kleinsten Schrei sogleich aus dem Starstechzimmer hinauszulaufen. Agathe und Flamin hielten sich weit vom Patienten, und beide mit gleichem Ernst. Die edle Mutter Flamins naherte sich mit ihrem von Freude und Sorge und Liebe zugleich ergriffenen Herzen und mit ihren uberfliessenden Augen, die dem erschutterten Herzen gehorchten. Viktor weinte bang und froh neben dem stummen Vater, aber er zerquetschte heftig jeden Tropfen, der ihn storen konnte. So teilt jede Operation durch das Steigen der Zurustungen dem Zuschauer Herzklopfen und Bangen mit. Nur der verhullte Brite ein Mensch, der sein Haupt wie ein hohes Gebirge kalt und heiter uber eine Feuerzone hob dieser hielt der kindlichen Hand ein schweigendes Angesicht ohne Zuckung vor; er blieb vor dem Schicksal gefasst und stumm, das jetzt entscheiden wollte, ob seine ode Nacht langen sollte bis ans Grab, oder nur bis an diese Minute....

Das Schicksal sagte: es werde Licht, und es ward. Das unsichtbare Schicksal nahm eines Sohnes angstliche Hand und schloss damit ein Auge auf, das einer schonern Nacht als dieser ungestirnten wurdig war: Viktor druckte die reife Starlinse diese auf die Schopfung geworfene Dampfkugel und Wolke in den Boden des Augapfels hinab; und so, da ein Atom drei Linien tief versenket war, hatte ein Mensch die Unermesslichkeit wieder und ein Vater den Sohn. Gedruckter Mensch! der du zugleich ein Sohn und ein Knecht des Staubes bist, wie klein ist der Gedanke, die Minute, der Bluts- oder der Tranentropfen, der dein weites Gehirn, dein weites Herz uberschwillt! Und wenn ein paar Blutkugelchen bald deine Montgolfiers-Kugeln, bald deine Belidors-Druckkugeln werden, ach wie wenig Erde ist es, die dich hebt und druckt!

"Viktor! du? Du hast mich geheilt, mein Sohn?" (sagte der errettete Mensch und nahm die noch mit dem Arbeitzeuge bewaffnete Hand) "Leg weg und bind mich wieder zu! Ich freue mich, dass ich dich zuerst sah."- Der Sohn konnte vor Ruhrung nicht. "Verbinde mich! das Licht schmerzt. Du warst es? Rede!" Er band stumm das geoffnete Auge unter den frohen Tranen des seinigen wieder zu. Als aber der Verband der schonen stoischen Seele alles verdeckte, seine Errotung und seine Ergiessung: so wars dem zu glucklichen Sohne nicht mehr moglich, sich langer zu fassen er uberliess sich seinem Herzen und klammerte sich mit seinen Tranen an das umhullte Angesicht, dem er hellere Tage wiedergegeben hatte; und als er an seiner zitternden Brust die schnellern Schlage des vaterlichen Herzens und die festere Umarmung des Dankes fuhlte: dann war das beste Kind das glucklichste Kind. Und alle waren uber seine Freude froh und wunschten mehr dem Sohne als dem Vater Gluck....

Zwolf Kanonen gingen draussen los aus ebenso vielen Stubenschlusseln Sie erschiessen diese Historie.

Denn jetzt ist sie wahrlich aus nicht ein Wort, nicht eine Silbe weiss ich mehr ich habe uberhaupt in meinem Leben gar keinen Horion und kein St. Lune gesehen oder gehort oder getraumt oder nur romantisch ersonnen der Teufel und ich wissen, wie es ist, und ich meines Orts habe ohnehin jetzt bessere Dinge zu machen und zu eroffnen, namlich:

Die Ouverture und die geheime Instruktion

Ein andrer hatte dumm gehandelt und gleich mit dem Anfang angefangen; ich aber dachte, ich konnte allemal noch sagen, wo ich hause im Grunde am Aquator; denn ich wohne auf der Insel St. Johannis, die bekanntlich in den ostindischen Gewassern liegt, die ganz vom Furstentum Scheerau umgeben sind. Es kann namlich guten Hausern, die ihre ordentliche literarische Strazza (den Messkatalog) und ihr ordentliches Kapitalbuch (die Literaturzeitung) halten, nichts weniger unbekannt sein als mein neuestes Landeserzeugnis, die unsichtbare Loge; ein Werk, zu dessen Lesung, mein Landesherr seine Landeskinder und selber die Schriftsassen (es ware nicht ausdrucklich gegen die Rezesse) noch mehr notigen sollte als zum Besuche der Landesuniversitat. In diese Loge hab' ich nun den ausserordentlichen Teich gesetzt, welcher unter dem Namen ostindischer Ozean bekannter ist, und in den wir Scheerauer die wenigen Molucken und andere Inseln hineingefahren und geflastert haben, auf denen unser Aktivhandel ruht. Wahrend dass die unsichtbare Loge in eine sichtbare umgedruckt wurde, haben wir wieder eine Insel verfertigt das ist die Insel St. Johannis, auf der ich jetzt hause und spreche.

Der folgende Absatz durfte anziehend werden, weil man darin dem Leser aufdeckt, warum ich auf dieses Buch den tollen Titel setzte: Hundposttage.

Es war vorgestern am 29. April, dass ich abends auf- und abging auf meiner Insel der Abend hatte sich schon in Schatten und Nebel eingesponnen ich konnte kaum auf die Teidor-Insel hinubersehen, auf dieses Grabmal schoner untergesunkner Fruhlinge, und ich hupfte mit dem Auge bloss auf den nahen Laub- und Blutenknospen herum, diesen Flugelkleidern des wachsenden Fruhlings die Ebene und Kuste um mich sah wie eine Anziehstube der Blumengottin aus, und ihr Putzwerk lag zerstreuet und verschlossen in Talern und Stauden herum der Mond lag noch hinter der Erde, aber sein StrahlenSpringbrunnen sprutzte schon am ganzen Rande des Himmels hinauf- der blaue Himmel war endlich mit Silberflittern durchwirkt, aber die Erde noch schwarz von der Nacht gemalt ich sah bloss in den Himmel... als etwas platscherte auf der Erde....

Ein Spitzhund tats, der in den indischen Ozean gesprungen war und nun losdrang auf St. Johannis. Er kroch an meine Kuste hinauf und regnete wedelnd neben mir. Mit einem blutfremden Hunde ist eine Unterredung noch saurer anzuspinnen als mit einem Englander, weil man den Charakter und Namen des Viehes nicht kennt. Der Spitz hatte etwas mit mir vor und schien ein Bevollmachtigter zu sein. Endlich machte der Mond seine Strahlen-Schleusen auf und setzte mich und den Hund unter Licht.

"Sr. Wohlgeboren

des Herrn Berg-Hauptmann5 Jean Paul

auf

Frei St. Johannis."

Diese Aufschrift an mich hing vom Halse der Bestie herunter und war an eine Kurbisflasche, die ans Halshand gebunden war, angepicht. Der Hund willigte ein, dass ich ihm sein Felleisen abstreifte, wie den Alpenhunden ihren tragbaren Konvikttisch. Ich zog aus dem Kurbis, der in Marketenderzelten oft mit Geist gefullt worden, etwas heraus, was mich noch besser berauschte ein Bundel Briefe. Gelehrte, Verliebte, Mussige und Madchen sind unbandig auf Briefe erpicht; Geschaftleute gar nicht.

Das ganze Bundel Name und Hand waren mir fremd drehte sich um den Inhalt, ich ware ein beruhmter Mann und hatte mit Kaisern und Konigen Verkehr6, und Berghauptmanner meines Schlages gab' es wohl wenig, u.s.w. Aber genug! Denn ich musste nicht eine Unze Bescheidenheit mehr in mir tragen, wenn ich mit der Unverschamtheit, die einige wirklich haben, so fort exzerpieren und es aus den Brieten extrahieren wollte, dass ich der scheerauische Gibbon und Moser ware (zwar im biographischen Fache nur, aber welche Schmeichelei!) dass jeder, der ein Leben besasse und es von mir biographisch abgeschattet sehen wollte, damit fortmachen sollte, ehe ich von irgendeinem koniglichen Hause zum Historiographen weggepresset wurde und gar nicht mehr zu haben ware dass es mir gleichwohl wie andern Berghauptleuten ergehen konnte, vor denen das zerstreuete Publikum oft nicht eher den Hut abgenommen, als bis sie schon in eine andere Gasse, d.h. Welt, hinein gewesen, u.s.w. Wer besorgt letztes mehr als ich selber? Aber auch diese Besorgnis bringt einen bescheidnen Mann nicht dazu, dass er hinabkriecht und den Einblaser seines Lobredners macht; wie ich doch getan haben wurde, wenn ich fort ausgezogen hatte. Meinem Gefuhle sind sogar die Schriftsteller verhasst, die mit dem Endtriller: "Bescheidenheit verbiete ihnen, mehr zu sagen" unverschamt erst dann nachkommen, wenn sie alles schon gesagt haben, was jene verbieten kann.

Jetzo wagt sich der Korrespondent mit seiner Absicht hervor, mich zum Lebensbeschreiber einer ungenannten Familiengeschichte zu machen. Er bittet, er intrigieret, er trotzt. "Er konne" (schreibt er weitlauftiger, aber ich abbreviere alles und trag' uberhaupt diesen Briefauszug mit ausserordentlich wenig Verstand vor; denn ich werde seit einer halben Stunde von einer verdammten Ratten-Bestie ungemein argerlich gekratzt und genagt) "mir alles gerichtlich dokumentieren, durfe mir aber keine andere Namen der Personagen in dieser Historie melden als verfalschte, weil mir nicht ganz zu trauen sei er klare mir schon alles mit der Zeit auf denn an dieser Geschichte und deren Entwicklung arbeite das Schicksal selber noch, und er handige mir hier nur die Schnauze davon ein und werde mir ein Glied nach dem andern, so wie es von der Drechselbank der Zeit abfalle, richtig ubermachen, bis wir den Schwanz hatten daher werde der briefliche Spitz regelmassig weg- und anschwimmen wie eine poste aux anes, aber nachschiffen durf' ich dem Brieftrager nicht und so" (schliesset der Korrespondent, der sich Knef unterzeichnet) "werde mir der Hund wie ein Pegasus so viel Nahrungsaft zutragen, dass ich statt des dunnen Vergissmeinnichts eines Almanachs einen dicken Kohlstrunk von Folianten in die Hohe zoge."

Wie glucklich er seine Absicht erreicht habe, weiss der Leser, der ja eben aus dem ersten Kapitel dieser Geschichte herkommt, das der Spitz von Eymanns Ratten bis zur Kanonade auf einmal in der Flasche hatte.

Ich schrieb Herrn Knef nur so viel im Kurbis zuruck: "Etwas Tolles schlag' ich selten ab. Ihre Schmeicheleien wurden mich stolz machen, wenn ichs nicht schon ware; daher schaden Schmeichler wenig. Ich finde die beste Welt bloss im Mikrokosmus ansassig, und mein Arkadien langt nicht uber die vier Gehirnkammern hinaus; die Gegenwart ist fur nichts als den Magen des Menschen gemacht; die Vergangenheit besteht aus der Geschichte, die wieder eine zusammengeschobene, von Ermordeten bewohnte Gegenwart, und bloss ein Deklinatorium unsrer ewigen waagrechten Abweichungen vom kalten Pole der Wahrheit, und ein Inklinatorium unsrer senkrechten von der Sonne der Tugend ist Es bleibt also dem Menschen, der in sich glucklicher als ausser sich sein will, nichts ubrig als die Zukunft oder Phantasie, d.h. der Roman. Da nun eine Lebensbeschreibung von geschickten Handen leicht zu einem Roman zu veredeln ist, wie wir an Voltairens Karl und Peter und an den Selbstbiographien sehen: so ubernehm' ich das biographische Werk, unter der Bedingung, dass darin die Wahrheit nur meine Gesellschaftdame, aber nicht meine Fuhrerin sei.

In Besuchzimmern macht man sich durch allgemeine Satiren verhasst, weil sie jeder auf sich ziehen kann; personliche rechnet man zu den Pflichten der Medisance und verzeiht sie, weil man hofft, der Satiriker falle mehr die Person als das Laster an. In Buchern aber ist es gerade umgekehrt, und es ist mir, falls einige oder mehrere Spitzbuben in unsrer Biographie, wie ich hoffe, Rollen haben, das Inkognito derselben ganz lieb. Ein Satiriker ist hierin nicht so unglucklich wie ein Arzt. Ein lebhafter medizinischer Schriftsteller kann wenige Krankheiten beschreiben, die nicht ein lebhafter Leser zu haben meine; dem Hypochondristen impfet er durch seine historischen Patienten ihre Wehen so gut ein, als wenn er ihn ins Bette zu ihnen legte; und ich bin fest versichert, dass wenige Leute von Stande lebhafte Schilderungen der Lustseuche lesen konnen, ohne sich einzubilden, sie hatten sie, so schwach sind ihre Nerven und so stark ihre Phantasien. Hingegen ein Satiriker kann sich Hoffnung machen, dass selten ein Leser seine Gemalde moralischer Krankheiten, seine anatomischen Tafeln von geistigen Missgeburten auf sich anwenden werde; er kann froh und frei Despotismus, Schwache, Stolz und Narrheit ohne die geringste Sorge malen, dass einer dergleichen zu haben sich einbilde; ja ich kann das ganze Publikum oder alle Deutsche einer asthetischen Schlafsucht, einer politischen Abspannung, eines kameralistischen Phlegma gegen alles, was nicht in den Magen oder Beutel geht, beschuldigen; aber ich traue jedem, der mich lieset, zu, dass er wenigstens sich nicht darunter rechne, und wenn dieser Brief gedruckt wurde, wollt' ich mich auf eines jeden inneres Zeugnis berufen. Der einzige Spieler, dessen wahren Namen ich in diesem historischen Schauspiel haben muss, zumal da er nur den Einblaser macht, ist der Hund.

Jean Paul."

Ich habe noch keine Antwort und auch noch kein zweites Kapitel: jetzo kommt es ganz auf den Spitzhund an, ob der der gelehrten Welt die Fortsetzung dieser Historie schenken will oder nicht.

Ists aber moglich, dass ein biographischer Berghauptmann bloss einer verdammten Ratte wegen, die noch dazu in keinem Journal arbeitet, sondern in meinem Hause, eben vom Publikum weglaufen und alle Zimmer durchdonnern muss, um das Aas in Angst zu jagen? ...

... Spitzius Hofmann heisset der Hund; der war die Ratte und kratzte an der Ture mit dem zweiten Kapitel im Kurbis. Ein ganzes volles Proviantschiff, das die gelehrte Welt ausnaschen darf, hab' ich vom Halse Hofmanns abgehoben: und es tun sich fur den Leser, der das Gescheute so gern lieset wie das Dumme, heute denn nunmehr ists gewiss, dass ich fortschreibe freudige Aussichten auf, die ich aus einem gewissen Gefuhle der Bescheidenheit nicht abzeichne... Der Leser sitzt jetzt in seinem Kanapee, die schonsten Lese-Horen tanzen um ihn und verstecken ihm seine Repetieruhr die Grazien halten ihm mein Buch und reichen ihm die Heftlein die Musen wenden ihm die Blatter um oder lesen gar alles vor er lasset sich von nichts storen, sondern der Schweizer oder die Kinder mussen sagen, Papa ist aus da das Leben an einem Fuss einen Kothurn und am andern einen Sockus tragt, so ists ihm lieb, dass eine Lebensbeschreibung auch in einem Atem lacht und weint und da die Schonschreiber immer mit dem Moralischen ihrer Schriften, das nutzt, etwas Unmoralisches, das vergiftet, aber reizt, zu verbinden wissen, gleich den Apothekern, die zugleich Arzneien und Aquavit verzapfen, so vergibt er mir gern fur das Unmoralische, das vorsticht, das Religiose, das ich etwa habe, und umgekehrt und da diese Biographie in Musik gesetzt wird, weil Ramler sie vorher in Hexameter setzt (welches sie auch mehr bedarf als der harmonische Gessner), so kann er, wenn er sie gelesen hat, aufstehen und sie auch spielen oder singen.... Auch ich bin fast ebenso glucklich, als las' ich das Werk der indische Ozean schlagt die Pfauenrader seiner beleuchteten Wellenkreise vor meiner Insel mit allem steh' ich auf dem besten Fusse, mit dem Leser, mit dem Rezensenten und mit dem Hund alles ist schon zu den Hundposttagen da, ein Dintenrezept von einem Alchemiker, der Gansehirt mit Spulen war schon gestern da, der Buchbinder mit bunten Schreibbuchern erst heute die Natur knospet, mein Leib bluht, mein Geist tragt und so hang' ich uber den Loh- und Treibkasten (d.h. uber die Insel) meine Bluten, durchschiesse den Kasten mit meinen Wurzelfasern, kann es (ich Hamadryade) aus meinem Laubwerk heraus nicht wahrnehmen, wie viel Moos die Jahre in meine Rinde, wie viel Holzkafer die Zukunft in das Mark meines Herzens und wie viel Baumheber der Tod unter meine Wurzel setzen wird, nehme alles nicht wahr, sondern schwinge froh du gutiges Schicksal! die Zweige in dem Winde, lege die Blatter saugend an die mit Licht und Tau gefullte Natur und errege, vom allgemeinen Lebenodem durchblattert, so viel artikuliertes Gerausch, als notig ist, dass irgendein trubes Menschenherz unter der Aufmerksamkeit auf diese Blatter seine Stiche, sein Pochen, sein Stocken vergesse in kurzen sanften Traumen warum ist ein Mensch zuweilen so glucklich?

Darum: weil er zuweilen ein Literatus ist. Sooft das Schicksal unter seinem Schleier das Lebenstromchen eines Literatus, das uber einige Horsale und Bucherbretter rinnt, aus dem grossen Weltatlas in eine Spezialkarte hineinpunktiert: so kann es so denken und sagen: "Wohlfeiler und sonderbarer kann man doch kein Wesen glucklich machen, als wenn man es zu einem literarischen macht: sein Freudenbecher ist eine Dintenflasche sein Trommetenfest und Fasching ist (wenn es rezensiert) die Ostermesse sein ganzer paphischer Hain geht in ein Bucherfutteral hinein und in was anderm bestehen denn seine blauen Montage als in (geschriebnen oder gelesenen) Hundposttagen?" Und so fuhrt mich das Schicksal selber in den

2. Hundposttag

Vorsundflutliche Geschichte Viktors

Lebens-Prozess-Ordnung

Beim Tor des ersten Kapitels fragen die Leser die Einpassierenden: "Wie heissen Sie? Ihren Charakter? Ihre Geschafte?"

Der Hund nimmt fur alle das Wort. Vom H. Januar d.h. Herrn Januar, nicht heiligen Januar, sondern der flachsenfingische Furst hiess so wurde in den jungern Jahren die grosse Tour oder Reise um die schone und die grosse Welt gemacht. Er teilte uberall an Fremde Geschenke aus, die ihn ein einziges don gratuit seiner Untertanen kosteten, und unterstutzte und bedauerte viele gedruckte Bauern in Frankreich, die es so schlimm hatten wie seine in Flachsenfingen. Fur das wehrlose weibliche Geschlecht tat er, wie alle reisende Fursten, fast noch mehr: man kann von der grossern Zahl derselben sagen, dass sie, wie Titus oder wie ein ostlicher Weltumsegler, zwar zuweilen einen Tag verlieren, aber selten eine Nacht, ohne glucklich zu machen und folglich zu werden. Der Regent muss uberhaupt die jetzige Entvolkerung Frankreichs vorausgesehen haben; denn er setzte sich ihr bei Zeiten entgegen und hinterliess in drei gallischen Seestadten drei Sohne, und auf den sogenannten sieben Inseln nur einen. Der erste hiess der Walliser, der zweite der Brasilier, der dritte der Asturier, der auf den sieben Inseln der Monsieur oder Mosje: wahrscheinlich sollten die Namen auf Prinzen von Wallis, von Brasilien und Asturien hinspielen. Er liess die Kinder bloss in der Unwissenheit ihres Standes und in keiner schlimmern erziehen:

man sollte sie zu kunftigen Mitarbeitern seiner Regierung formen. Januar war zwar sinnlich und ein wenig schwach, aber ausser wo er furchtete ausserst menschenfreundlich.

Der Lord Horion war dem Fursten Januar zweimal auf seiner Reise begegnet; das erstemal durchschnitt er die furstliche Planetenbahn als Haarkomet, das zweitemal als sonnennaher Schwanzkomet. Ich will sagen: Horion sah gerade, als er eine Abkommlingin aus Januars Hause liebte, die in London wohnte, den Fursten zum zweitenmal und nahm ihn und den Hofstaat desselben in seinem Hause zu London auf. Uber diese sehr weitlauftige Verwandte des Fursten werfen meine Nachrichten aus zu grosser Rucksicht auf Staats- und Familienverhaltnisse einen unzeitigen Schleier. Sie war bei der Vermahlung mit dem Lord 22 Jahre alt, und ihr ganzes Wesen war (wenn ich den kuhnen Ausdruck eines Londner Lobredners derselben nehmen darf) nichts als ein einziges zartes stilles blaues Auge. Das ist alles, was man dem Publikum zuwendet.

Der Furst liess sich gern vom Lord besiegen und beherrschen, den eine sonderbare Mischung von Kalte und Genie zum uneingeschrankten Monarchen und Kommandeur der Seelen machte. Der Lord hatte noch eine schone Nichte im Hause, deren Reize in den furstlichen Augen einen solchen geistigen Alten vom Berge, wie er, sowohl junger als ebener machten.

Aber die Totenglocke warf ihre Misstone in diese Wohllaute des Lebens. Die Geliebte des Lords flog aus der rauhen Erde und liess ihr seinen ersten Sohn als Andenken und Herzpfand zuruck; sie starb im 23sten Jahr gleichsam am Leben des Kindes, einige Tage nach dessen Geburt, und der zarte dunne Zweig brach unter der reifen Frucht zusammen. Lord Horion schwieg vor dem Geschick. Er hatte sie furchterlich geliebt, ohne es zu zeigen; er betrauerte sie ebenso, ohne sein tiefes schwarzes Auge zu benetzen.

Der Furst fand an der Nichte, d.h. an einer wahren Englanderin, darum Geschmack, weil er vorher einen ebenso grossen an den Franzosinnen gefunden hatte; und aus diesem Grunde hatt' er umgekehrt diese geliebt, hatt' er vorher jene gekannt. Der nachherige Obrist-Kammerherr Le Baut hatte dieselbe Gesinnung, und was noch mehr ist, gegen dieselbe Person; und wie die indischen Hofleute alle Wunden ihres Herrn nachahmen, so machte Le Baut mit einem AmorsPfeil die des seinigen nach und versetzte sich eine der starksten damit.

Diese Londoner Historien konnen nicht lange mehr dauern, und wir langen dann alle in unserm St. Lune frohlich wieder an.

Ein hitziges Fieber befiel den Regenten, das sein Arzt Doktor Kuhlpepper bloss fur Kreuz- und Querzuge einer unsteten Gichtmaterie hielt. Es war mir bisher noch nicht moglich, es auszumitteln, ob dieser Kuhlpepper mit seinem bekannten Namenvetter und medizinischen Mitmeister in London etwan naher verwand ist. Das Fieber heizte Januarn so sehr ein, und der Beichtvater machte bei dessen Gewissen statt der Loschanstalten so viele Brennanstalten, dass er in der Todesnot einen formlichen Schwur ableistete, bei keinem Madchen mehr an Entvolkerung und Revolution zu gedenken. Dieselbe Schwache, die seinen Aberglauben und Kinderglauben starkte, diente seiner Sinnlichkeit; als er wieder auf war, wusst' er gar nicht, was er machen sollte. Die Nichte und seine Eidleistung waren in seinen Gehirnkammern Wandnachbarn. Ein geschickter Exjesuit aus Irland, der bloss fur Gewissenszweifel lebte und selber conscientiam dubiam hatte, sprang dem Zweifler bei und macht' ihm fasslich: "sein Gelubde muss' er, zumal vor der Lossprechung davon, gewissenhaft halten, ausgenommen den sundlichen und unmoglichen Punkt, der darin sei, den namlich, den er ohne Einwilligung seiner Gemahlin weder geloben durfte, noch erfullen konnte." Mit andern Worten, der Jesuit verhielt ihm nicht, er habe im Fieber nur dem unverheirateten Geschlechte abgeschworen und sein Zolibat lediglich auf Nonnen eingeschrankt, mithin verbiet' ihm sein Gelubde zwar nicht den doppelten Ehebruch (den hebe der Beichtstuhl), aber ausserst streng den einfachen. Januar war zu fromm, um sich nicht des einfachen ganzlich zu enthalten.

Es ist schwer, die Verbindung zu untersuchen, in welcher seine jetzo grossere Liebe gegen seine vier Gross- oder Kleinfursten in Gallien mit seinem erfullten Gelubde stand; kurz, er gab dem Lord das Geschaft und die Vollmacht, die vier Menschen aus Gallien abzuholen nach London, weil er seine geliebte anonyme kleine Nachwelt mit nach Deutschland nehmen wollte. Es war ungewiss, liebt' er in den Muttern die Kinder so herzlich oder in den Kindern die Mutter. Der Lord ging gern wie Kotzebue (aber anders) nach dem Untergange der Geliebten nach Frankreich. Endlich kam, nicht von ihm, sondern von den Hofmeistern des Wallisers, des Brasiliers, des Asturiers, die trube Nachricht, dass in einer Nacht, wahrscheinlich nach einem gemeinschaftlichen Plane verbundner Prinzenrauber, die drei Kinder entfuhrt worden nicht lange darauf wurde vom Lord diese Trauerpost nicht nur bestatigt, sondern auch mit der neuen vergrossert, dass der Monsieur oder Mosje auf den sieben Inseln nicht mehr auf ihnen sei.

Das Schicksal gibt dem Menschen oft den Wundbalsam fruher als die Wunde: Januar erhielt den funften Sohn, den ich allezeit bloss den Infanten nennen will, noch eher als die Nachricht seines eingebussten Kindersegens. Der Obrist-Kammerherr von Le Baut hatte sich mit der Mutter des Infanten (der Nichte des Lords) vermahlt; aber er datierte seine Vermahlung um drei Quatember zuruck, anstatt sie um einen spater anzusagen. Ich habe nie den Zusammenhang dieses Anachronismus (Zeitverrechnung) mit dem furstlichen Gelubde einzusehen vermocht. Ubrigens so gefahrlich Jenner den Eheherren seines Hofes durch sein Votum wurde, und so unschadlich den Vatern: so war doch das tugendhafte Vertrauen, das die Eheherren auf die ihnen ankopulierte weibliche Tugend setzten, so unbegrenzt, dass sie ohne Anstand diese Tugend in sein entbundnes Feuer fuhrten. Ja sie setzten sich sogar uber den Verdacht hinweg, dass sie es etwan taten, damit sie, wenn er seine Krone auf den Putztisch ihrer Gemahlinnen ablegte, mit der blanken Mauer-Krone (corona muralis) wie mit einem Joujou spielen und mit ihrem Glanze Leuten in die Fenster blenden konnten: denn lieber will ein Hofmann seine Gemahlin bewahren als bewahren.

Es wird gleich angehen, rufen Puppenspieler; es wird gleich auswerden, ruf' ich.

Als endlich der Lord mit leeren Handen ankam, war er sehr betroffen nicht von der Gegenwart des Infanten, sondern von der Adoption desselben, namlich von der Vermahlung Le Bauts. Aber dieser Obrist-Kammerherr war und das bedachte niemand weniger als Horion ein feuriger Freund des Fursten: das machte ihn fahig, fur diesen (wie Cicero verlangt) sogar das zu begehen, was er nie fur sich begangen hatte etwas wider die Ehre. Es ist uberhaupt fur einen Hof- und Weltmann, dessen Ehre der hohe Posten oft der schlimmsten Witterung blossstellt, ein ungemeines Gluck, dass diese Ehre, sei sie auch noch so empfindlich bei kleinen Stossen7, doch grosse leicht verwindet, und wenn nicht mit Worten, doch mit Taten ohne Nachteil anzutasten ist: etwas Ahnliches bemerken die Arzte an Rasenden, oder vielmehr an deren Haut, die zwar die leiseste Betastung verspurt, auf welcher aber dennoch keine Blasenpflasterziehen. Der Furst wurde durch einen dreifachen Bast an Le Baut geknupft, durch Dankbarkeit, durch Sohn und Frau: der Lord zausete den Bast auseinander. Er entblossete namlich vor seiner Nichte das kammerherrliche Herz und deckte ihr den Giftsack darin auf und einen dramatisch durchgefuhrten Plan, den sie bisher fur Nachsicht angesehen hatte. Alles Edle und Stolze entbrannte in ihr vor Scham und Zorn; und sie floh vor den erdruckenden Erinnerungen mit ihrem Kinde und mit der Aussicht eines zweiten aus der Stadt auf ein Landgut des Lords.

Nun ging der Furst mit dem Lord und seinem Hofstaat (sogar mit dem Doktor Kuhlpepper) nach Deutschland zuruck. Le Baut verweilte noch einige Zeit, um die Nichte zu beruhigen und zu bereden zur Reise. Aber es war ihr nicht nur unmoglich, alle ihre senkrecht laufenden Wurzeln aus dem Lande der Freiheit zu ziehen und nach Deutschland mitzugehen, sie trennte sich auch nicht bloss durch Meere, sondern durch einen Scheidebrief vom schmutzigen Gunstling ab. Sie musste dem Kammerherrn ihr zweites Kind, seine wahre Tochter, lassen; aber das erste, den Infanten, befestigte sie an ihrer Mutterbrust. Le Baut litt es auch gern und dachte, nach der Baurede gehort das Baugerust ohnehin in den Ofen des Hauses.

Aber als er unter dem deutschen Thronhimmel erschien, stand seine Sonne (Januar) in der SommerSonnenwende, die von abnehmender Warme allmahlich zu kalten Sturmen uberging. Januars Liebe konnte leichter steigen und fallen als stehen, und das grosste Verbrechen war bei ihm Abwesenheit. Le Baut musste jetzt ohne Frau und Kind schon darum gegen den Lord verlieren, weil dieser als Schatzmeister und Kustenbewahrer zweier in London gelassener Schatze unter Jenners Thronhimmel auftrat. Aber es gab tiefere Grunde. Der Lord regierte den Regenten leicht, weil er ihn weder an eignen noch fremden Lastern zugelte, sondern an eignen Tugenden. Erstlich begehrte er nichts von ihm, nicht einmal Diat und Keuschheit. Zweitens hob er keine Vettern in den Sattel, sondern schlimme daraus; er trug ihn wie einen Habicht auf der beschuhten Faust, aber der Falkenierer tats nicht, um den Fursten auf Tauben und Hasen zu werfen, sondern um ihn immer wach und zahm zugleich zu machen. Drittens machten seine Festigkeit und seine Feinheit einander wechselseitig gut; uber Veranderliche regieret am besten der Unveranderliche. Viertens war er nicht der Gunstling, sondern der Gesellschafter, blieb immer ein Brite und ein Lord und des Landes wohltatiger Bienenvater, indes Januar der Weisel und im Weiselgefangnis war. Funftens gehorte er unter die wenigen Menschen, denen man gleich sein muss, um ihnen ungehorsam zu sein; und einer, der das Taschenspielerkunststuck machen wollte, ihm ein Schloss unversehens an den Mund zu werfen, hatte leicht eines an Bein- und Handschellen der Seele. Sechstens hatt' er einen guten Kase. Das letzte braucht nicht weitlauftig erklart zu werden; in Chester hatt' er einen Pachter, der einen Kase lieferte, dergleichen es weiter keinen in Europa gibt; Fursten aber ist im ganzen ein ausserordentlicher Kase lieber als eine ausserordentliche Dankadresse des Landschaftsyndikus.

Bei einem Zusammentreffen solcher Unsterne wurde freilich dem Kammerherrn der Absagebrief, der anfangs mit sympathetischer Dinte auf Jenners Gesicht geschrieben war, allmahlich immer leserlicher doch las er ihn wochentlich etliche Male durch, um recht zu lesen er konnte jetzo keinem Schosshunde eine Stelle mehr verschaffen, namlich einen Schoss seine Empfehlschreiben wurden Uriasbriefe als er nun gar durch den Lord die Charge eines Obrist-Kammerherrn erstand, hielt ers fur hohe Zeit, gegen seine Kniegicht das Bad auf seinem Rittergut St. Lune jahraus, jahrein zu brauchen, und zog ab, nachdem er vorher dem ganzen Hof geloben mussen, bald genesen zuruckzukommen.

Eigentlich ware jetzt diese Vor-Geschichte versprochnermassen aus, so dass ich gut in der neuern dieses Werkes weitergehen konnte, musst' ich nicht des Hofkaplans wegen durchaus noch dieses nachholen:

Die einzige Stelle, die Le Baut gleichwohl am Hofe noch besetzen konnte, war die Pfarrei in St. Lune. Er fand als ihr Patronatherr damit den Ratten-Kontradiktor Eymann ab, der ihm in London die mundliche Vokation zur Hofkaplanei abgebettelt hatte, und der sie nicht mehr kriegen konnte. Daher nennen ihn die Hundposttage immer den Hofkaplan, wiewohl er in der Tat nur ein Landpastor ist.

Aus dem kleinen Umstande, dass Eymann als Reiseprediger mit in Jenners Gefolge ging, entspann sich viel. Eymann machte auf dem Landgut des Lords seiner jetzigen Frau mit dem Hals- und Brustgehenke seiner von der Schwindsucht durchgrabenen Herzkugel ein kleines Prasent, das angenommen wurde. Beide zeugten noch in England ihren Flamin. Die Lady liebte in der Hofkaplanin eine wurdige Mitschwester ihres Geschlechts und eine wurdige Mitburgerin ihres Vaterlands; sie drang in sie mit heissen Bitten, in England zu bleiben, und als alle abgeschlagen waren, erbat und erzwang sie es von ihr, dass wenigstens ihr Flamin um doch ein halber Brite zu werden so lange in der Gesellschaft des Infanten und Viktors bleiben durfte, bis das freundliche Kleeblatt auf einmal in die deutsche Erde verpflanzet wurde.

Die Pfarrerin war stark genug, fur die schonere Erziehung ihres Flamins den Genuss seines Anblicks hinzugeben, und liess ihn unter den Augen der Liebe und in den kleinen Armen der kindlichen Freundschaft zuruck. Dieselbe erziehende Hand Dahore hiess der Lehrer richtete und begoss die drei edlen Blumen, die aus einerlei Beete und Ather dreierlei Farben sogen und sich mit unahnlichen Staubfaden und Honiggefassen ausbildeten. Dahore hatte das Herz aller Kinder in seiner weichen Hand, bloss weil seines niemals brausete und zurnte, und weil auf seiner jungen Gestalt eine ideale Schonheit und in seiner reinen Brust eine ideale Liebe wohnte. Die drei Kinder liebten und umarmten sich unter seinen Augen warmer, wie vor der Venus Urania die Grazien einander umschlingen: sie trugen sogar alle einen Namen, wie die Otaheiter aus Liebe ihre Namen tauschen.

Als sie einige Reife hatten, kam der Lord, um sie samt Dahore nach Deutschland einzuschiffen. Aber vor der Abfahrt bekam der Infant die Blattern und wurde blind und Dahore musste mit ihm zur angstlichen weinenden Lady umkehren. Viktor hatte sich lange und sprachlos an den Hals des kranken Freundes gehangen und um Dahores Knie geschlungen und wollte von den zwei Geliebten nicht scheiden; aber der Lord schied sie. Flamin und Viktor wurden dann in Flachsenfingen erzogen, jener zum Juristen, dieser zum Arzte.

Es sind in der Kurbisflasche Spitzius Hofmanns einige Unwahrscheinlichkeiten; aber der Hund muss fur das stehen, was er liefert. Jetzo geht die Historie wieder geradeaus.

Der Lord entfernte sich, unter dem Kanonenlosen der locherichten Garnison, mit Viktor in ein anderes Zimmer, und sein erstes Wort war: "Binde mich ein wenig auf und lasse deine Hand in meiner, damit ich deine Aufmerksamkeit bemerken kann; denn ich habe dir viel zu sagen." Guter Mann! wir merken es alle, dass du zartlicher bist, als du scheinen willst, und wir loben es alle; nicht Kalte, sondern Abkuhlung ist die grossere Weisheit; und unser innerer Mensch soll, wie ein heisser Metallguss in seiner Form, nur langsam erkalten, damit er sich zu einer glattern Gestalt abrunde: eben darum hat ihn die Natur wie man fur Bildmetall die Form erwarmt in einen heissen Korper gegossen.

Er fuhr fort: "Ich habe, mein Teurer, in meiner Blindheit nur leere Briefe an dich diktieren konnen; ich wollte erst fur deine Ankunft meine Geheimnisse aufsparen. Eine kleine Pulververschworung beobachtet mich." Viktor unterbrach ihn mit der Frage, wie er so plotzlich blind geworden. Der Lord antwortete ungern: "Das eine Auge war es wahrscheinlich schon vor deiner Abreise nach Gottingen, aber ich wusst' es nicht."

"Aber das andere?" sagte Viktor. Uber das Angesicht des Lords strich der kalte Schatten eines begrabnen Schmerzes; er sah den Sohn lange an und antwortete wie zerstreut und eilig: "Auch! Ich sehe dich an, du kommst mir viel langer und grosser vor." "Das ist vielleicht" (versetzt' er, denn er erriet ihn) "AugenTauschung der empfindlichern Netzhaut8. Sie sprachen von der Pulververschworung." "Diese hat erfahren," (sprach der Lord weiter) "dass der Sohn des Fursten nicht in London sei; sie vermutet sogar, dass die Blattern absichtlich damals inokuliert wurden und der Furst spricht taglich von dem Augenblick, wo ich ihm seinen Sohn wiederbringe: er weiss vielleicht jene Vermutungen. Ich musste meine Abreise nach London auf meine Heilung verschieben. Jetzo reis' ich in kurzem ab nach England, wo der Sohn nicht ist, und hole seine Mutter; ihn bringe ich anders woher und mit ebenso guten Augen, als du mir gegeben hast."

"Dann", fuhr Viktor heraus, "wird der beste Mann nicht gesturzt, wohl aber seine Feinde."

"Nein, ich bin vorher gesturzt, um mich wie du auszudrucken. Aber du hast mich unterbrochen. Ich habe nie den Mut gehabt, andere Leute zu unterbrechen als Toren. Denn meine Abwesenheit will man eben."

Ich als bestallter Historiograph frage nichts nach allem und unterbreche, wen ich will. Einer, den man unterbricht, kann zwar spassen, aber nicht mehr beweisen. Der auf den Plato gepelzte Sokrates, der keinen Sophisten ausreden liess, war eben darum selber einer. In England, wo man noch Systeme unter den Weinglasern duldet, kann sich ein Mann so sehr ausbreiten wie ein Royalbogen; in Frankreich, wo sich die Brille der Weisheit in glanzende Spitzen zersplittert, muss einer so kurz sein wie ein Besuchblatt. Hundertmal schweigt der Weise vor Gecken, weil er dreiundzwanzig Bogen braucht, um seine Meinung zu sagen Gecken brauchen nur Zeilen, ihre Meinungen sind herauffahrende Inseln und hangen mit nichts zusammen als mit der Eitelkeit.... Noch merk' ich an, dass zwischen dem Lord und seinem Sohne eine hofliche feine Behutsamkeit obwaltete, die in einem so nahen Verhaltnisse nur aus ihrem Stande, aus ihrer Denkart und ihrer haufigen Abtrennung zu beurteilen ist.

"Aber meine Gegenwart ist vielleicht noch schlimmer. Die Prinzessin"

(Die Braut des Fursten, da seine erste Gemahlin bald und kinderlos starb, wie Spitz sagt)

"Die Prinzessin bringt einen Strom von Zerstreuungen mit, worin er keine Stimme als die, die zum Vergnugen lockt, mehr horen wird. Ein unterbrochner Einfluss ist ein verlorner. Auch bin ich bis zu einem gewissen Punkte dieses Spieles so mude, dass ich den neuen Verbindungen, in die mich diese neue Erscheinung zoge, gern entfliehe. Sollte sie ihn nicht lieben, wie man sagt, so konnte sie ihn um so leichter beherrschen; und dann ware meine Abwesenheit wieder nicht gut. Mich beiseite! aber was nimmst du vor, solang' ich weg bin?"

Nach einer Viertelpause antwortete er selber. "Du wirst sein Leibarzt, Viktor!"Viktors Hand zuckte in der vaterlichen. "Du bist ihm schon versprochen, und er sehnet sich nach dir, bloss weil ich dich oft genannt habe. Er kann es nicht erwarten, zu erfahren, wie jemand aussieht, dessen Vater er so gut kennt. Als Leibarzt kannst du ihn mit deiner Kunst und mit deiner Laune so lange fremden Fesseln entziehen, bis ich wiederkomme; dann leg' ich ihm noch sanftere an und gehe auf immer zuruck. Meine Verbindung hatte bisher bloss die Absicht, fremde abzuwenden, besonders eine gewisse" (Mit voller Brust und andrer Stimme) "Mein Geliebter! Es ist auf der Erde schwer, Tugend, Freiheit und Gluck zu erwerben, aber es ist noch schwerer, sie auszubreiten; der Weise bekommt alles von sich, der Tor alles von andern. Der Freie muss den Sklaven erlosen, der Weise fur den Toren denken, der Gluckliche fur den Unglucklichen arbeiten."

Er stand auf und setzte Viktors Ja voraus. Dieser musste ihm also unter dem Gehen seinen Rednerfluss zutropfeln. Er fing mit gehauftem Atem an: "Ich verabscheue aufs heftigste den Samielwind der Hofluft"...

Bei mir hats der Lord zu verantworten, dass der Sohn hier die conjunctio concessiva "zwar" auslasset: wer sich die Erwartung des Gehorsams merken lasset, erhalt ihn wenigstens unter einer stolzern Einfassung

"die uber lauter liegende Menschen streicht und den zu Pulver macht, der aufrecht bleibt Ich wollt', ich war' in einem Vorzimmer an einem Courtage; ich wollte zu allen in Gedanken sagen: wie hass' ich euch und euern tollen Sauerhonig von Lust- und Plag-Partien die verdammten Wart- und Ruderbanke eurer Spieltische die vollen Schlachtschusseln hingerichteter Provinzen, ich meine eure Spiel- und Speiseteller Aber ich weiss schon, ich drucke mich nie mit Starke aus uber die knechtischen lauernden Hofaustern, die nichts zu bewegen und aufzuschliessen wissen das Herz ohnehin nicht als ihr Gehause, um etwas hineinzunehmen..."

"Ich habe dich noch nicht unterbrochen", sagte der Lord und stand ein wenig still.

"Inzwischen", fuhr der Sohn fort, "wate ich mit grosster Lust zur Austerbank hinab.. O mein teurer Vater, wie konnt' ich nicht gehen! Warum liess ich nicht bisher Ihr krankes Auge aufgebunden, damit Sie auf meinem Gesichte keine einzige Einwendung gegen Ihre Wunsche erblickten! Ach, um jeden Thron stehen tausend nasse Augen' die von verstummelten Menschen ohne Hande hinaufgerichtet werden: droben sitzt das eiserne Schicksal in Gestalt eines Fursten und streckt keine Hand aus warum soll kein weicher Mensch hinaufgehen und dem Schicksal die starre Hand fuhren und mit einer unten tausend Augen trocknen?" Horion lachelte, als wollt' er sagen: Jungling!

"Aber nur um einige prozessualische Weitlauftigkeiten und Fristen bitt' ich Sie, damit ich Zeit bekomme stoischer und narrischer zu werden. Narrischer, mein' ich, vergnugter. Ich mochte unter den guten Leuten um uns und neben meinem Flamin und jetzt im Fruhling des Kalenders und in dem meiner Jahre, und eh' das Lebenschiff im Alter einfriert, nur noch zwei Monate lachen und zu Fuss gehen. Stoisch muss ich ohnehin werden. Wahrhaftig, wenn ich nicht Epiktets Handbuch als einen Schlangenstein an mich und meine Wunden legte, damit der Stein den moralischen Gift heraussaugt, sondern wenn ich mit einer Brust voll Krebsschaden aus dem Hause ginge: was wurde denn der Hof von mir denken? ... Ach, ich meine es doch ernsthaft: der arme innere Mensch von dem Wechselfieber der Leidenschaften ausgetrocknet vom Herzklopfen der Freude ermattet vom Wundfieber der Leiden gluhend braucht wie ein andrer Kranker Einsamkeit und Stille und Ruhe, damit er genese." Wenn er das Wort Ruhe nannte, war sein Inneres bis zur Auflosung bewegt; so sehr hatten schon die Leidenschaften sein Blut umgewuhlt und sein Herz erschuttert.

Jetzo gingen beide in schweigender Einigkeit wieder zu Eymann. "Ich habe eine Bitte fur meinen Flamin." "Welche?" sagte der Lord. "Ich weiss sie noch nicht, aber er schrieb mir, er werde sie mir bald sagen." "Meine an ihn ist," sagte der Lord, "dass er, wenn er angestellt werden will, mehr die Pandekten als die Taktik und statt des Rapiers die Feder liebe."Der Sohn wurde zu hoflich vom Vater behandelt, als dass er zur Bitte um seine Geheimnisse besonders um das, wo Jenners Sohn sei den Mut besessen hatte. Ich behandle den Leser ebenso fein, und ich hoffe, er hat ebensowenig den Mut; denn wenn sich jemand versteckt erklart, so ist nichts unhoflicher als eine neue Frage.

Der Lord fuhr nun geheilt zum Fursten zuruck.

3. Hundposttag

Freuden-Saetag Wartturm Herzens-Verbruderung Der Lord war der weggenommene Damm, der bisher vor der Flut der Erzahlungen, Fragen und Freuden gestanden hatte. Die erste Untersuchung, die das Pfarramt vornahm, war, obs noch der alte Bastian sei. Und der wars mit Haut und Haar, sogar das linke Seitenhaar hatt' er noch wie sonst kurzer als das rechte. Wenn der Fleischerknecht heimkommt aus Ungarn, so wundert er sich, dass seine Sippschaft die alte ist diese wundert sich, dass er es nicht mehr ist. Hier freute man sich uber die doppelte Unveranderlichkeit. Auf jedem Gesicht lag der Heiligenschein der Freude, aber auf jedem mit andern Strahlen. Die Entzuckung sieht auf einem sanften Gesicht, wie Viktors seinem, wie die Tugend aus. Die alte Appel, die in ihrem Leben nichts durchblattert hatte als den Psalter Davids und den Psalter im Ochsenmagen, legte vor den Kupferpfannen ihr Vergnugen dadurch an den Tag, dass sie ungemein zuschurte. Das Wiener Tierspital von einem alten Mops und Kater, die einander nicht mehr hassten wie sich im alten Menschen die gute und bose Seele aussohnen , und die Vogelsammlung unter dem Ofen, die einen schwarzgebeizten Gimpel stark war, nahmen Anteil genug an der allgemeinen Unruhe und stellten sich vor und liessen gern das tate kein Ambassadeur das Recht der ersten Visite fahren. Agathe druckte ihre Freude bloss mit ihren Lippen aus, indem sie damit schwieg und sie an ihres Bruders seine druckte. Am Hofkaplan will mans ruhmen, dass er den invaliden Mops, der an den Hinterfussen das Podagra und an den Vorderfussen das Chiragra hatte, ruhig in seinem Wohn- und Schlafkorb wieder unter den Ofen schob, die Saulenordnung der Sessel ohne Keifen herstellte und den kleinen Bastian unter der freudigen Sprachenverwirrung wiegte, damit er sie nicht vermehrte, wenn er erwachte. Aber im erhaben geschliffnen Herzen der Landsmannin, der Kaplanin, gingen die Freudenstrahlen der Familie in einen Brennpunkt zusammen und verbreiteten in ihrer ganzen Brust die Lebenwarme der Liebe. Viktor lachelte sie so sehr in sein Gesicht hinein, dass sie sich mit nichts zu retten wusste als mit seiner kunftigen Stube, die sie ihm zu offnen und zu zeigen befahl. Agathe flog mit dem Schlussel-Gelaute voran, und dem Gaste zogen nicht mehr Leute hinterdrein, als im Hause waren, und wollten samtlich sehen, was er dazu sagte.

Er ubergab sich der ganzen freundschaftlichen Handhabung, nicht mit dem eiteln Selbstgefuhl eines ausgebildeten Fremdlings, sondern mit einer vergnugten, folgsamen, fast kindlichen Verwirrung er kummerte sich nichts darum, dass er wie ein Kind aussah, so sanft, so froh und so ohne Anspruche. In solchen Stunden ists schwer, zu sitzen oder eine Historie anzuhoren oder eine zu erzahlen Jedes fing eine an; aber der Kaplan sprang dazwischen: "Wir haben ganz andere Dinge zu sagen." Aber es kamen keine ganz andere Dinge. Jedes wollte den Fremdling unter vier Ohren geniessen, aber die sechs bleibenden Ohren waren nicht wegzubringen. Meine Beschreibung seiner Verwirrung ist selber verwirrt; aber es geht mir allemal so: z.B. wenn ich Eiligkeit schildere, so tu' ichs unbewusst selber mit der grossten. Wars einem solchen Herzen wie seinem, das in den Federn der Liebe wiegend hing, noch notig, dass es in jedem zersagten Fensterstock, in jedem glatten Pflastersteinchen, in jeder vom Regen gebohrten vertieften Arbeit auf dem Hausturstein seine Knabenjahre musivisch abgebildet sah, und dass er in denselben Gegenstanden Alter und Neuheit genoss? Diese Knabenjahre, die ihm aus einem Schatten erschienen, wohnend auf St. Lunens Fluren, zwischen frohen Sonntagen in lauter Blumen und bei geliebten Gesichtern, diese Knabenjahre hatten einen dunkeln Spiegel in Handen, in dem die dammernde Perspektive seiner Kinderjahre zurucklief und in dieser entfernten Zauber-Nacht stand schimmernd Dahore, sein unvergesslicher Lehrer in London, der ihn so geliebt, so geschont, so veredelt hatte. "Ach," dacht' er' "du unbelohntes, fur die Erde zu warmes Herz, wo schlagst du jetzt, warum kann ich nicht meine Seufzer mit deinen vereinigen und zu dir sagen: Lehrer, Geliebter? O! der Mensch sieht es oft spat ein, wie sehr er geliebt wurde, wie vergesslich und undankbar er war, und wie gross das verkannte Herz.".. Was seine stille Freude am meisten ernahrte, war der Gedanke, dass er sie verdiene durch seinen kindlichen Gehorsam gegen seinen Vater und durch seinen Entschluss zu kunftigen Herkules-Arbeiten am Hofe denn ihm fiel in jede grosse Freude der Zweifel wie ein bitterer Magentropfen hinein, ob er sie verdiene; ein Zweifel, der regierenden Hausern, Woiwoden, Patriarchen und Hochmeistern in der Kindheit geschickt benommen wird. Der bessere Mensch findet die Freude erst nach einer guten Tat am sussesten, das Osterfest nach einer Passionswoche.

Die Leserinnen werden jetzo horen wollen, was auf Mittag gekocht war; aber die Dokumente dieses Posttags, die mir halb auf der Achse, halb zu Wasser einlaufen, besagen erstlich, dass niemand Appetit hatte die Freude nimmt ihn mehr als der Gram , ausgenommen die drei Regimenter, die wie Veteranen in den Feind einhieben, namlich in den Tafel-Abhub; zweitens, dass das Mahl noch magerer war als der Gast selber. Man will aber samtliche Lesegesellschaften hiemit auf das unbewegliche Fest des 4ten Maies einladen, auf den Freitag, wo erst Viktors Ankunft und seines Patchens Kirchgang anstandig gefeiert wird.

Die Pfarrerin zog den umzingelten Geliebten nachmittags aus dem musikalischen Zirkel so vieler Tone und kaperte ihn ihrem Manne, dessen Direktrice und Lady Maire sie war, vor den Augen weg und fuhrte ihn in sein Zimmer, um da vor ihm allein sich zu betruben, sich zu erfreuen und sich auszureden wie eine Mutter; lang eingeschlossene Seufzer und veraltete Tranen drangen jetzt aus dem geoffneten Mutterherzen in das fremde weiche uber, das ja der beste Freund ihres Sohnes war. Sie klagte bei ihm uber Flamins Aufbrausen, das Viktor sonst immer gestillet; "uber seine Liebe zum Soldatenwesen, da er doch ein Gelehrter sei" und endlich uber seine Gesellschaft. "Er treibe sich namlich mit einem Hofjunker Matthieu Sohn des Ministers von Schleunes herum, einem wusten, uberall beliebten, uberall verschlimmerten, pfiffigen, kuhnen, spottischen Menschen, der, wenn es sein Dienst erlaube, entweder druben bei den Kammerherrlichen oder hier bei ihrem Sohne liege; der Himmel wisse uberhaupt, was er im Schilde fuhre bei seinen Besuchen in einem burgerlichen Hause." Sie freuete sich, dass Viktor seinen alten Freund von den Fangeisen und Fangzahnen dieses Wustlings wegfuhren wurde. Viktor druckte ihr geruhrt die Hand und sagte: "Ich mochte sein Herz kaum mit dem besten Bundgenossen teilen nicht einmal verlieben durft' er sich, wenns auf mich ankame bloss mich und eine Person musst' er lieben, die ihn gar nicht richtig schildert namlich Sie." Er setzte noch viel Misstrauen in die Zeichnung von den Sonnenflecken Matthieus, weil die Weiber selten exzentrische Menschen fassen, und weil zwar Madchen oft wilde Manner lieben, aber die (durch die Ehe aufgeklarten) Frauen allemal sanfte.

Er brachte das Herz verehelichter Weiber leichtlich in sein Zuggarn durch eine gewisse wohlwollende Galanterie gegen sie, die ein Deutscher nur fur ledige aufhebt. Alte Damen und alte Tabakpfeifen aber bekleben leicht an mannlichen Lippen. Die jungern Tauben lockte er durch sein komisches Salz an sich, wie man Turteltauben durch anderes fangt; ein Bonmot ist ihnen ein dictum probans, ein Pasquino ein magister sententiarum, und die kritische Lastergeschichte ist ihnen Kants Kritik der reinen Vernunft, die verbesserte Auflage. Auch mit seinem medizinischen Doktorring hakelte er weibliche Seelen an sich an; als Arzt macht' er auf korperliche Mysterien Anspruch, und diesen gehen dann leicht die geistigen nach.

Abends, als das Waldwasser des ersten Jubels verlaufen war, waren endlich drei gescheute Worte moglich; auch keifte der Pfarrer jetzt weniger: denn die Freude hatte ihn vormittags bissig gemacht. Der Zorn und Korper werden miteinander gestarkt, daher durch die Freude daher hat man im Januar und Februar, wo die Hunde die langere Wut bekommen, die kurze des Zorns daher brummen Wiedergenesende starker um sich, so wie Leute unter starken Geistes-Anspannungen, z.B. Hundpostschreiber daher ist man in den Ermattungen nach Migrane oder nach dem Rausche sanfter als ein Lamm.

Gegen Abend trug sich schon etwas von Bedeutung zu. Apollonia fegte ihre Blutverwandtschaft und ihren Gast mit Kehrwischen noch fruher hinaus als Spinnen und Staub. Es sollte am 4ten Mai die heutige Ankunft des bisherigen Fluchtlings recht anstandig gefeiert werden. Flamin und Viktor gingen voraus durch den Pfarrgarten, dessen Merkwurdigkeiten und curiosa so erheblich sind, dass der Korreferent dieser Akten sich wunscht, er konnte mir den Garten durch die Hunds-Stafette klarer schildern. Der Kaplan hatte viele Beete nicht zu Langvierecken abgestampft, sondern sie zu lateinischen Buchstaben an Doppel-Fraktur, als Anfangbuchstaben seiner Familie, geschweift und umgebogen. Sein eignes E hatt' er mit Rettich ausgesaet, Apolloniens A mit Kapuzinersalat, Flamins F mit Kohlrabi, Sebastians S mit Sussholz oder Glycyrrhiza vulgaris. Wer nicht zu saen war, dem blieb allezeit noch ein Platz und almanac royal auf Kurbissen und Stettinerapfeln leer, die ein durchbrochenes Papier mit dem ausgeschnittenen Namen umflocht, der nach Abschalung dieses Einbands grun oder rot auf der bleichen Frucht erschien. Viktor fragte, als er bei einem K aus Tulpen voruberging, seinen Flamin um die Bedeutung. "Warum fragst du?" fragte dieser; und die nachkommenden gesprachigen Pfarrleute vertrieben die Antwort. Uber der Pfarrwiese stand (man setzte nur uber den Bach) ein Hugel und darauf ein alter Wartturm, in dem nichts war als eine Holztreppe, wie oben darauf nichts als ein bretterner Deckel statt des italienischen Dachs; beides hatte der Kammerherr machen lassen, damit die Leute (er nicht; denn die Gefuhllosigkeit der Magnaten arbeitet fur das Gefuhl der Minoriten) sich droben ein wenig umschauen konnten. Man sah da die Saulenordnung des Schopfers, die Schweizerberge, stehen, und den Rhein mit seinen Schiffen ziehen. Am Turm waren zwei von der Natur ineinander gewundne Lindenbaume hinaufgestiegen, um oben mit ihrem Gestrauche, das man zu einer grunen Nische ausgehohlet und mit einer Grasbank unterbauet hatte, zuweilen einen geruhrten Eilander zu facheln. Das liebende Personale erstieg die Zinne und brachte in der landlichen Brust eine Ruhe mit, die darin sanft den aussern stillen Himmel nachmalte, der diese Guten mit seinen verhullten Sonnen umzog. Noch eine Wolke gluhte sich ab, aber sie zerfloss, ehe sie ausbrannte.

Jetzt konnten die Supplementbande der allgemeinen Welthistorie von St. Lune bequem nachgeliefert werden. Eymann konnte seine Foliobande gravaminum (Beschwerden) uber die Konsistorialrate und Ratten einreichen. Auf einmal wurde unten Agathe wie ihre heilige Namenbase angerufen vom Blasbalgtreter loci, der Dorfs-Lehnlakai und Pfarrkutscher war. Wenn einige Autores sagen, der Kutscher war blind und der Gaul taub: so kehren sie die Sache gerade um. Der Kerl war taub. Er hatte in seinem mouchoir de Venus das Schnupftuch ist beim Pobel die Brieftasche und der Briefumschlag, weil ihm ein Brief so wichtig und selten ist wie einem Rezensenten ein guter heute eine Briefschaft an Agathen ausgekundschaftet und ausgewickelt, die er gestern mit des Lords seiner hatte abgeben sollen. Aber Kutscher halten den Herrn nur fur die Nebensonne und Nebenpartie des Pferds, und die Frau gar nur fur ein Schmarotzer-Gewachs des Stalls; daher bedeutet "Gleich!" bei ihnen ein oder ein paar Tage; und "morgen vormittags" bedeutete auf dem Regensburger Ansagzettel der Abstimmgegenstande ein oder ein paar Jahre. Agathe eilte lieber hinunter, hielt den Brief gegen die lichtere Abendgegend und entzifferte was, was sie mit funkelnden Augen im Galopp die Treppe hinauftrug. "Sie kommt morgen!" rief sie auf Flamin zu; denn sie schien in jedem ihrer Freunde beinahe nur den Gesellschafter und den Freund ihrer andern Freunde zu lieben. Klotilde (Le Bauts einzige Tochter von der ersten Frau, der Niece des Lords) ging namlich aus dem Frauleinstift in Maienthal, wo sie erzogen worden, zum Vater zuruck.

"Nehmen Sie sich in acht," sagte die Kaplanin, "sie ist sehr schon." "Dann", sagt' er, "denk' ich vielmehr darauf, mich nicht in acht zu nehmen." "Uberhaupt" (fuhr sie fort) "sammelt sich jetzt alles Schone um Sie" (er wollte sie hier durch einen schmeichelnden Blick verwirren und abstrafen, aber vergeblich) "die italienische Prinzessin kommt zu Johannis auch, und diese soll so reizend sein, als wenn sie gar keine Prinzessin ware, sondern nur eine Italienerin." Sie tat hier den meisten Prinzessinnen unrecht; aber eine gewisse Ironie uber ihr eignes Geschlecht war der einzige Fehler der Kaplanin, fur die es wie fur mehre Mutter beinahe keine Stiefsohne und beinahe nichts als Stieftochter gab. Er erwiderte, er hoffe, dass noch wenige Prinzessinnen, selbst in Amerika, kopuliert worden, in die er sich nicht vollstandig verschossen hatte und das bloss aus Mitleid mit so einem armen zarten Tierchen oder Wappentiere, das unter die Siegelpresse und dann auf die Vertrage gedruckt werde, welche oft die einzigen Kinder dieser Ehen waren "die jungen Landesmutter stehen wahrlich wie Bienenmutter in ihrem Weiselgefangnis feil und passen ab, in welchen Korb sie der Landes- oder Bienenvater noch heuer verhandle."

Eine Frau kanns von einem Mann, den sie hochachtet, gar nicht begreifen, dass er sich verliebt, wenns nicht in sie ist, und sie kanns kaum erwarten, bis sie seine Geliebte zu Gesichte bekommt- ebenso erpicht ist sie auf dieses Mannes Manier in seiner Liebe, ob sie namlich aus der niederlandischen oder aus der franzosischen oder der italienischen Schule her sei. Die Kaplanin fragte ihren vertraulichen Gast auch daruber. "Mein Harem", fing er an, "langt von dieser Warte bis zum Kap und um die ganze Erdkugel herum Salomo ist nur ein gelber Strohwitwer gegen mich ich habe sogar seine Weiber darin, und von der Eva an mit ihrem Sodoms-Borsdorfer-Apfel bis zur neuesten Eva mit einem Reichsapfel und bis zur Marquise mit einem blossen Fruchtstuck sind sie alle in meiner Haft und Brust." Eine Frau entschuldigt die Achtung fur ihr Geschlecht damit, dass sie mit darin ist; die Weiber selber haben nicht einmal einen Begriff von den Eigenheiten ihres Geschlechts. "Was sagt aber die Favoritsultanin dazu?" fragte die Grossinquisitorin.

"Die?" stockt' er, weniger verlegen als in die Fulle aufbluhender Traume versunken. "Freilich die" (fuhr er fort:) "ich setze inzwischen meinen Kopf zum Pfande, jeder Jungling hat zwei Perioden oder doch Minuten. In der ersten setzt er selber seinen Kopf zum Pfande, er wolle lieber sein Herz in seinem Thorax oder Oberleib verschimmeln lassen und seinen poples oder die Kniekehle erlahmen, als dass er beide fur eine andre Frau bewegte als fur die allerbeste, fur einen wahren Engel, fur eine ausgemachte Quinterne er dringt durchaus auf den hochsten Gewinst aus dem Ehelotto, in der ersten Periode namlich denn die zweite kommt auch und hinterbringt ihm nur so viel, die weibliche Quinterne wurde naturlich eine mannliche fodern, und falls er die ware...

Ein dummer Auszug, ein Ambe bin ich, sag' ich und lasse die Periode gar nicht ausreden; aber ich werde doch fortpassen auf die Quinterne.. Was kame dabei heraus, dass man ein Mensch ware, wenn man kein Narr ware? Zog' ich nun die gedachte Quinterne, welches ich nun wohl ohne ubermassige Hoffnung voraussetzen darf, so wurd' ich nicht gleichgultig dabei sein, sondern selig O du lieber Himmel! stehendes Fusses musst' ich frisiert und silhouettiert werden ich machte Verse und Pas, und beide mit ihren herkommlichen pedibus (Fussen) ich buckte mich ofter als ein andachtiger Monch, um Verbeugungen und (wo abzugrasen ware) um Strausser zu machen Leib, Seele und Geist setzte ich an mir aus so vielen Fingerspitzen und Fuhlfaden zusammen, dass ich es schon spurte (die Quinterne spurte es gar noch eher), wenn unsre zwei Schatten zusammenstiessen ein schmales betastetes Endchen Band ware eine gute Ableitkette des elektrischen Athers, der in Blitzen aus mir schosse, da sie negativ geladen ware und ich positiv vollends gar ihr Haar beruhren, das konnte keine geringere Entzundung geben, als wenn eine Welt in das aufgebundne eines Bartkometen geriete....

Und doch, was ist denn das alles, wenn ich Verstand habe und bedenke, was sie verdient, diese Gute, diese Treue, diese Unverdiente Was waren nicht vollends dumme Verse, Seufzer, Schuhe (die Stiefel tat' ich weg), ein oder ein Paar druckende Hande, ein aufopferndes Herz fur ein kleines Gratial und don gratuit, wenn damit ein Geschopf abgefunden werden sollte, das, wie ich immer mehr sehe, vom schonsten Engel, der den Menschen durch das Leben fuhrt, alles besitzt, etwa die Unsichtbarkeit ausgenommen das alle Tugenden hat und alle in Schonheiten verkleidet das schimmert und erquickt wie dieser Fruhlingabend, und doch wie er seine Blumen und Sterne verbirgt, ausgenommen den der Liebe dessen allmachtige und doch leise Harmonika des Herzens ich so gern horen, in dessen Augen ich so ausserordentlich gern die Tropfen der weichern Seele und den Blick der hohern sehen mochte, neben dem ich so gern stehen bleiben mochte unter der ganzen fliehenden opera buffa und seria des Lebens, so gern, sag' ich, damit der arme Sebastian doch, wenn am heiligen Abend des Lebens sein Schatten immer langer wurde, und die Gegend um ihn selber zu einem weiten Schatten zerflosse und er selber, damit ich doch beide Schattenhande" (die eine hielt gerade Flamin) "beschauen und ausrufen konnte:" (stockend)

"der alte Balgtreter kommt auch mit was in einer!"

Da er weder seine Ruhrung mehr hinter Scherz, noch die Merkmale derselben in seinen Augen hinter einige tief hangende Lindenblatter verdecken konnte: so wars in der Sekunde, wo seine Stimme unter ihr erliegen wollte, ein rechtes Gluck, dass er uber die Warte hinausschauete und den Kutscher wieder heranschreiten sah. Dieser rief unten: "von Seebassen hatt' ers gekriegt, aber den Augenblick erst." Agathe lief leidenschaftlich hinab und unten, nach Lesung eines Blattchens, uber die Wiesen hinuber. Der Balgtreter stieg, gleich einem Barometer vor dauerhaftem Wetter, langsam hinauf und brachte sich und den zuruckgelangten Zettel, trotz alles obern Winkens, mit seinen Hebelarmen keine Minute fruher auf den Turm. Im Zettel stand mit Klotildens Hand: "Komm in deine Laube, Geliebte!"

Alle Augen liefen jetzt der Lauferin nach und flatterten mit ihr durch das Helldunkel des Abends in den Pfarrgarten, um dessen Laube man doch niemand sah. Kaum hatte Agathe die Offnung der letzten ins Auge bekommen, als ihr Eilen Fliegen wurde und als sie beinahe an ihr war, flog eine weisse Gestalt mit ausgebreiteten Armen heraus und in ihre hinein, aber die Laube verhullte das Ende der Umarmung, und lange standen alle wartende Augen vergeblich auf der Klause der Liebe.

Die Kaplanin, die sonst allen Madchen nur Standeserniedrigungen, nicht Standeserhohungen gewahrte, erteilte jetzo Klotilden alle sieben Weihen und lobte sie so sehr vielleicht auch da sie ihre Landsmannin von mutterlicher Seite war , dass Viktor die Lobrednerin und die Gelobte hatte zugleich umarmen mogen. Der Kaplan setzte zu ihrem Lobe noch dazu, er habe ihr Namens-Initial-K mit Tulpen gleichsam wie einen Titel rot gedruckt, und der Buchstabe auf dem Beete glanze, wenn er bluhe, weit und breit.

Der Ehe- und Saemann fiel jetzt immer mehr in den Spharengesang der Nacht mit dem Schnarrwerk seines Hustens ein; endlich machte er sich mit der enthusiastischen Freundin Viktors fort und liess die beiden Freunde allein in der schonen Nacht mit den zwei vollen Herzen zuruck, die ineinander sich zu ergiessen lechzten.

Flamin hatte diesen ganzen Tag eine schweigende ruhrende Sanftmut gezeigt, die selten in sein Inneres kam, und die zu sagen schien: ich habe etwas auf dem Herzen. Als die Warte oder war, so verheimlichte Viktor, der von liebenden Traumen voll und weich geworden, seine in Tranen stehenden Augen nicht mehr, er schlug sie frei auf vor dem altesten Liebling seiner Tage und zeigte ihm jenes offne Auge, welches sagt: blicke immer durch bis zum Herzen hinunter, es ist nichts darin als lauter Liebe... Stumm gingen die Wirbel der Liebe um beide und zogen sie naher sie offneten die Arme fur einander und sanken ohne Laut zusammen, und zwischen den verbruderten Seelen lagen bloss zwei sterbende Korper hoch vom Strome der Liebe und Wonne uberdeckt, druckten sich auf eine Minute die trunknen Augen zu; und als sie wieder aufgingen, stand die Nacht erhaben mit ihren in ewige Tiefen versunknen Sonnen vor ihnen, die Milchstrasse ging als der Ring der Ewigkeit um die Unermesslichkeit, die scharfe Sichel des Erdenmonds ruckte schneidend in die kurzen Tage und Freuden der Menschen.

Aber in dem, was unter den Sonnen stand, was der Ring umzog, was die Sichel angriff, war etwas hoher, fester und heller als diese es war die unvergangliche Freundschaft in den verganglichen Hullen.

Flamin, anstatt durch diesen erschopfenden Ausdruck unsrer sprachlosen Liebe befriedigt zu sein, wurde jetzt ein lebendes fliegendes Feuer. "Viktor! in dieser Nacht gib mir deine Freundschaft auf ewig und schwore mir, dass du mich nie in meiner Liebe zu dir storen willst!" "O du Guter! ich hab' dir ja langst mein Herz gegeben, aber ich will gern heute wieder schworen." "Und schwore mir, dass du mich niemals in Ungluck und Verzweiflung sturzen willst." "Flamin! das tut mir zu weh." "O ich fleh' dich an, schwore es und hebe deine Hand auf und versprich mir, wenn du mich auch hast unglucklich gemacht, dass du mich doch nicht verlassest und nicht hassest".... (Viktor presste ihn an sich) "Sondern wir gehen hieher, wenn wir uns nicht mehr aussohnen konnen o es tut mir auch wehe, Viktor! hieher und umfassen uns und sturzen uns hinab und sterben" "Ja!" (sagte Viktor erschopft leise) "o Gott! ist denn etwas vorgegangen?" "Ich will dir alles sagen: nun leben und sterben wir miteinander" "O Flamin! wie lieb' ich dich heute unaussprechlich!" "Nun lass' ich dich mein ganzes Herz sehen, Viktor, und offenbare dir alles."

Aber eh' ers konnte, musst' er vorher sich durch Verstummen ermannen, und sie schwiegen lange, in den innern und den aussern Himmel vertieft.

Endlich konnt' er anfangen und ihm erzahlen, dass jene Klotilde, uber die er heute gescherzt, sich mit unausloschlicher Schrift in sein Inneres geschrieben dass er sie weder vergessen noch bekommen konne dass das schleichende Fieber einer furchtsamen wahnsinnigen Eifersucht aufreibend in ihm brenne dass er mit ihr zwar kein Wort uber seine Liebe nach ihrem eignen Verbote sprechen durfe, als bis ihr Bruder (der Infant) wieder da und dabei sei dass sie aber, nach ihrem Betragen und nach Matthieus Versicherungen, vielleicht einige fur ihn habe dass ihr Stand die ewige Scheidemauer zwischen beiden bleibe, solang' er den juristischen Weg anstatt des militarischen zu seinem Steigen einschlage und dass er auf dem letzten, wenn der Lord ihm seine Hand dazu biete, schneller zu Klotilden auf ahnliche Stufen kommen wurde und dass die Bitte, von der er in seinen Briefen an Viktor gesprochen, eben die sei, alles dem Lord wieder zu erzahlen und seinen Beistand zu begehren. Im Grunde konnte nur sein wilder Arm den Degen besser als die Gerechtigkeitwaage halten. Eine furchterliche Anlage zur Eifersucht, die schon von kunftigen Moglichkeiten Zuckungen bekommt, war die Hauptursache. Viktor freuete sich, dass er seinen Gefuhlen die beste Sprache geben konnte, namlich Handlung, und sagte ihm alles mit Entzucken uber sein Zutrauen und uber das Aussenbleiben befurchteter Neuigkeiten zu. So gingen sie, von neuem aneinander befestigt, zur Ruhe, und das Zwillinggestirn dieser fortbrennende verschlungne Name der Freundschaft schimmerte in Westen zuwinkend aus der irdischen Ewigkeit heruber, und das Herz des Lowen war zu seiner Rechten angezundet....

Auf diese Erde sind Menschen gelegt und an den Fussboden befestigt, die sich nie aufrichten zum Anblick einer Freundschaft, welche um zwei Seelen nicht erdige, metallene und schmutzige Bande legt, sondern die geistigen, die selber diese Welt mit einer andern und den Menschen mit Gott verweben. Solche zum Schmutz Erniedrigte sind es, die, gleich den Reisenden, den Tempel, der um die Alpenspitze hangt, von unten fur bodenlos und schwebend ansehen, weil sie nicht in der Hohe auf dem grossen Raume des Tempels selber stehen, weil sie nicht wissen, dass wir in der Freundschaft etwas Hoheres als unser Ich, das nicht die Quelle und der Gegenstand der Liebe zugleich sein kann, achten und lieben, etwas Hoheres, namlich die Verkorperung und den Widerschein der Tugend, die wir an uns nur billigen, aber an andern erst lieben.

Ach konnen denn hohere Wesen die Schwachen von Schatten Gruppen strenge berechnen, die einander festzuhalten suchen, von Nordwinden auseinander gedrangt die voneinander die edle unsichtbare Gestalt an sich drucken wollen, woruber dick und plump die Erdenlarve hangt und die einander in Graber nachfallen, worein die Beweinten ihre Weinenden ziehen?

4. Hundposttag

Schattenriss-Schneider Klotildens

historische Figur einige Hofleute

und ein erhabner Mensch

Eigentlich wollte Klotilde erfuhr Sebastian am Morgen bis nach Johannis im Stifte bleiben; aber da ihre beste Freundin und Stift-Genossin Giulia voraus fortgegangen war, nicht zu den Eltern, sondern unter die Erde, so musste sie das verwundete Auge durch eine schnellere Abreise wegziehen von dem Grabhugel, der wie eine Ruine uber dem verlornen Herzen ruhte. Ohne Gepack war sie dem blumenlosen Golgatha ihrer verwundeten Seele entflohen, und ihr stand noch ein zweiter Anblick desselben, eine zweite Abreise und die Wiederholung der alten Tranen bevor.

Nie wurde eine grosse Schonheit von einer kleinen unbefangner gelobt als von Agathen Klotilde. Sonst schatzen Madchen an Madchen nur das Herz; die zerstiebenden Reize eines fremden Gesichts haben so wenig Wert in ihren Augen, dass sie ihrer kaum erwahnen mogen. Junglingen wirft man richtig vor, dass sie gern schone Junglinge zu ihren Freunden auslesen; bei Madchen hingegen wollen ihre Lobredner viel daraus machen, dass sie die weibliche Schonheit als einen zu lockern und niedrigen Mortel und Leim der Freundschaft ganzlich verschmahen, und dass daher einer schonen Frau das Herz der allerhasslichsten teurer sei als das Gesicht der schonsten auf den funf Erdgurteln und Erdscharpen. Agathe war anders: sie lief schon am Morgen ins Schloss, um die Freundin anzukleiden.

Flamin macht' es noch arger: er konnt' es nicht erwarten, dass die Wirklichkeit selber Klotildens Madonnenbild in Viktors Gehirnkammern aufhing; er kam ihr mit der Federzeichnung eines Malers zuvor, die wenigstens nicht kalt ist; denn Maler schreiben im asthetischen und im kalligraphischen Sinne selten gut. Der Maler hatte, bloss um Klotilden zu sehen und zu zeichnen, fast alle Sonntagmorgen auf einem Berg von Maienthal gelegen, wo er die glanzende Landschaft um das Stift auf seine Blatter trug, und den schonen Kopf, der aus dem achten Fenster heraussah, in sein Herz. Sogar Flamin, der sonst die prosaischen Buchdruckerstocke uber die lebenden Olgemalde der Dichtkunst stellte, fand an der folgenden Madonna oder Klotilde des Malers Geschmack:

"Wenn mein Ich ein einziger Gedanke ist und brennt, und wenn ich, von Flammen umweht, die Hand in Farben tauche, um mich darin abzukuhlen wenn dann die hohe Schonheit9, die ewig in mir strahlet, ihr Spiegelbild auf die Wellen, die Himmel und Erde zitternd malen, herunterfallen lasset und den klaren Strom entflammt, wenn alsdann ein dem Himmel entsunknes Pallasbild auf dem Strome ruht, eine Lilienhulle und eines aufgeflognen Engels weggelegte Flugeldecke eine Gestalt, deren unbefleckte Seele kein Leib, sondern der Schnee umwallet, der um den Thron Gottes liegt, und aus dem die Engel ihre fluchtigen Reisekorper10 bauen und wenn die zarteste Bekleidung zu grob und hart und ein holzerner Rahmen um diesen geistigen Hauch auf dem Antlitz wird, um diesen zitternden Blumensammet von Fleisch, um diese Haut aus weissen Rosen, von roten durchglommen wenn dieser Widerschein meiner leuchtenden Seele auf die Farbenflache fallt; so wendet sich jeder um und denkt: Klotilde ruht am Ufer und schlummert.... Und hier ist meine Kunst aus; denn ach, wenn sie erwacht, und wenn erst die Seele diese Reize wie Schwingen bewegt wenn die verschlossene Lippenknospe zum Lacheln aufbricht, und der Busen einen halben Seufzer einatmet und blode nicht ausatmet wenn die Seufzer, in Gesange verhullet, aus diesen Lippen, die wie zwei Seelen einander uberschweben, aber nicht beruhren, wie Bienen aus Rosen ziehen wenn sich das Auge zwischen Glanz und Tranen bewegt wenn dann endlich die Gottin der himmlischen Liebe zu ihrer Tochter tritt und elektrisch ihr stilles Herz beruhrt und sagt: liebe auch! und wenn nun alle Reize erbeben und aufbluhen, zogern und schmachten, hoffen und zagen, und sich das traumende Herz tiefer in seine Bluten verschliesset und zitternd sich hinter eine Trane vor dem Glucklichen versteckt, der es errat und verdient.... dann verstummt die Gluckliche, der Gluckliche und der Maler."

Viktor sah den Glucklichen neben sich, der sein Freund war, mit feuchten Augen an und sagte: "Das warst du wert!" Aber nun stachen ihn zwanzig Spornrader, Agathen nachzufolgen ins Schloss, die Federzeichnung des Malers die Kleiderordnung die Verwandtschaft die Begierde, die jeder Mensch hat, die Huldin und Infantin seines Freundes zu sehen die Begierde, die nicht jeder hat, aber er, jemand zum ersten Male (lieber als zum achten Male) zu sprechen am meisten der gestrige Abend. Flamins Feuer hatte Viktors Brust gestern ganz voll Zunder gebrannt, durch welchen lauter Funken lieben er hatt' ihm alles gleichgultig vorstellen sollen, weil der Kampf gegen die Liebe sich vom Kampfe fur sie in nichts unterscheidet als in der Rangordnung. Aber der Leser glaube ja nicht, jetzo werde (wie in einem entmannten und entmannenden Roman) in der Biographie der Teufel losgehen und der Held ins Schloss marschieren und da vor Klotilden hinfallen und kniefallig flehen: "Sei die Heldin!" und sich mit ihr herumzanken aus Liebe und mit dem vorigen Pastor fido aus Hass und werde wirklich nichts anders machen als den asthetischen selbstsuchtigen empfindsamen Schuft. Wenn ich letztes wunschte, so konnt' ich mich nur damit entschuldigen, dass ich dann etwan zu einigen biographischen Mordtaten und Duellen kame; ich hoffe aber, ich werde schon ohne Nachteil der Moral und ehrlich es zu einem und dem andern Mord- und Totschlag in diesen Blattern treiben wenigstens im letzten Bande, wo jeder asthetische Schnitter seine Leute ausholzet und die Halfte in die Oubliette oder Familiengruft des Dintenfasses wirft.

Viktor hatte zu viel Jahre und Bekanntschaften, um so ohne Respekt-Tage und Doppel-Uso auf dem Platze noch vor dem Abendessen cito citissime was hast du, was kannst du verliebt zu werden. Sein Sehnerve zerfaserte sich taglich in feinere zartere Spitzen und beruhrte alle Punkte einer neuen Gestalt, aber die wunden Fuhlfaden krummten sich leichter zuruck; in jedem Monate machte ein ungesehenes Gesicht, wie neue Musik, einen starkern und kurzern Eindruck. Er konnte sich nur in die Liebe hinein reden, nicht hineinschauen. Bloss Worte, von Tugend und Empfindung beflugelt, sind die Bienen, die den Samenstaub der Liebe in solchen Fallen von einer Seele in die andre tragen. Eine solche bessere Liebe aber wird vom kleinsten unmoralischen Zusatz vernichtet; wie konnte sie sich zusammensetzen und herauflautern in einem besudelten Herzen, das der Hochverrat gegen einen Freund erfullte? Viktor wollte schon um halb zehn Uhr ins Schloss, aber die Kammerherrin hatte die Augenbraunen und den Seidenpudel noch nicht ausgekammt. Seebass brachte ein Billet an Flamin: "Ich sehe Sie, mein Teuerster, heute nicht. Mich binden drei Grazien an; und die dritte haben Sie selber geschickt. Sagen Sie Ihrem britischen Freunde, er soll mich lieben, da ich Sie liebe. Ohne Sympathie kann wohl die Chirurgie bestehen, aber nicht die Freundschaft.

Ihr

Matthieu."

Ein narrisches Billet! Als Viktor horte, dass Agathe die dritte Grazie sei: so war ihm ein grosses Loch in den Vorhang des Theaters geschnitten, auf welchem Matthieu Flamins Freund und Agathens ersten Liebhaber machte. Nichts ist fataler als ein Nest, worin lauter Bruder oder lauter Schwestern sitzen; gemischt zu einer bunten Reihe muss das Nest sein, Bruder und Schwestern namlich schichtweise gepackt, so dass ein ehrlicher Pastor fido kommen und nach dem Bruder fragen kann, wenn er bloss nach der Schwester aus ist; und so muss auch die Liebhaberin eines Bruders durchaus und noch notiger eine Schwester haben, deren Freundin sie ist, und die der Henkel und Schaft am Bruder wird. Unsre turkische Anstandigkeit verlangte also, dass Matthieu mit seinem Operngucker nach Flamin zielte, um Agathen zu sehen; und dass Klotilde diese besuchte, da Flamin als Mann ohne Ahnen, aber von Ehre durchaus seine burgerlichen Besuche dem kammerherrlichen Hause nicht aufdrang. Klotilde kam oft; und war dadurch in einem mir bis jetzt unaufgelosten Widerspruch mit ihrem weiblich-erhabnen Charakter.

Flamin tauchte Matthieus Bild in einen ganz andern Farbekessel als der Mutter ihren: ein luderliches Genie war er und nichts Schlimmers. Er machte alles in der Welt nach, und ihn konnte man nicht nachmachen er konnte alle Spieler der Flachsenfinger Truppe nachspielen und travestieren und die Logen dazu er verstand mehr Wissenschaften als der ganze Hof, ja mehr Sprachen, bis sogar auf die Stimmen der Nachtigall und des Hahns, welche er so tauschend nachmachte, dass Petrarca11 und Petrus davongelaufen waren er konnte bei den Weibern tun, was er wollte, und jede Hofdame entschuldigte sich mit der andern denn es gehorte einmal zum Ton in Flachsenfingen, seine Treue einmal auf die Probe gesetzt zu haben. Man sagt, die Liebe gegen ihn wurde wie ein Strumpf bei der Wade zu stricken angefangen, es ist aber grundfalsch es ist daher bei so einer ununterbrochnen Massigkeit in Hoflustbarkeiten kein Wunder, dass er starker und gesunder war als der ganze ausgebrannte abgedampfte Hof nur stechend war er zu sehr und zu philosophisch und fast zu schelmisch.

Ich, Viktor und der Leser haben noch immer nur eine unbestimmte verwischte Kreidenzeichnung von Matthieu im Kopf. Meinem Helden gefiel er ein wenig, wie jeder exzentrische Mensch einem exzentrischen; es war sein Fehler, dass er der Kraft zu leicht die ihrigen, sogar moralische, verzieh. Mit verdoppelter Neugierde trat er seinen Weg ins Schloss oder vielmehr in dessen grossen Garten an, der an jenes seinen Halbzirkel von grunen Schonheiten anschliesst. Er lief im Hafen eines Laubenganges ein und freuete sich, wie der durchlocherte Schatten der Lauben, um deren Eisen-Gerippe sich weiche Zweige wie sanftes Haar um Haarnadeln wickelten, blendend uber seinen Korper glitt. Neben seinem Laubengange strich ein anderer gleich. Er ging versaeten schwarzen Papierschnitzeln als Wegweisern nach. Das Gefluster des Morgenwindes warf von einem Zweige ein Blattchen feines Papier herab, das er nahm, um es zu lesen. Er war noch uber der ersten Zeile: "Der Mensch hat dritthalb Minuten, eine, um einmal zu lacheln...", als er an einen fast waagrechten Zopf anstiess' der eine schwarze Herkules-Keule war, verglichen mit meinem oder des Lesers geflochtenen Haar-Rohrchen. Den Zopf stulpte ein niedergekrempter Kopf empor, der in einem horchenden Zielen aus einer Lauben-Nische eine weibliche Silhouette ausschnitt, deren Urbild im Nebenlaubengang mit Agathen sprach. Auf Viktors Gerausche kehrte die Person, der man das Halbgesicht durch die Nische entwendete, sich verwundert herum und erblickte den Inhaber des Zyklopen-Zopfes mit der Silhouettenschere und den Helden der Hundposttage. Der Inhaber druckte, ohne weiter ein Wort zu sagen, seine Kunstler-Hand durch das Gestrauch und langte ihr ihren Schattenriss oder Schattenschnitt hinaus. Agathe nahm ihn lachelnd; aber die Ungenannte schien jenen Ernst, der sich auf weiblichen Gesichtern in nichts von der Verachtung unterscheidet als in der Zweideutigkeit, gegen den Form- und Gesichterschneider anzunehmen, weil er den Verdacht des Horchens durch seine Schere zu sehr erweckte. Viktor konnte von der Ungenannten noch nichts als die Lange wahrnehmen, die, obgleich ein wenig vorgebogen gehalten, doch uber das Gewohnliche ging. Der Gesichterschneider drehte sich mit zwei blitzenden schwarzen Augen gegen Viktor herum, empfing ihn recht artig, wusste dessen Namen, sagte seinen eignen Matthieu und hatte beim achten Schritt schon vier gute Einfalle gehabt. Der funfte war, dass er meinen Helden ungebeten dem Paar in der Seitenlaube vorstellte.

Das Laubsprachgitter horte auf, eine weibliche Gestalt trat hervor, und Viktor war daruber so betroffen, dass er, der wenig von Verlegenheiten wusste, oder durch sie nur geistreicher wurde, seine Anzugpredigt ohne das Exordium anfing. Und das war Klotilde.

Als sie drei Worte sagte: horte er so sehr auf die Melodie, nicht auf den Text, dass er nichts davon verstand...

Hier liegt auf dem schneeweissen Grund von Schweizerpapier eben die Silhouette neben mir, die Matthieu von ihr mit der Schere genommen. Mein Korrespondent will haben, ich soll Klotilden ungemein schon vorschildern (er sagt, hundert Dinge sind sonst in dieser Historie nicht zu begreifen), und deswegen schickte er mir (weil er meiner Phantasie nicht trauet) wenigstens ihren Schattenriss. Und der soll auch unter dem Schreiben in einem fort angesehen werden, um so mehr, da er einem schonsten andern weiblichen Engel, der je aus einem unbekannten Paradies in diese Erde hereingeflogen, gleichsam aus den Augen oder vielmehr aus dem Gesicht geschnitten ist ich meine das Fraulein von **, jetzige Hofdame in Scheerau; ich weiss nicht, ob sie alle Leser kennen.

Viktor kam es vor, als wenn auf einmal sein Blut herausgedrungen ware und mit warmen Beruhrungen aussen auf der Haut seine Zirkel beschriebe. Endlich brachte Klotildens kaltes Auge, das nicht der trunkne Stolz auf Reize, sondern der nuchterne zurucktretende und nur dem weiblichen Geschlechte eigne auf Unschuld regierte, und ihre Nase, die zu viel Besonnenheit verriet, seinen neuen Adam wieder auf die Beine, auf den sich schon der alte gesetzt hatte. Er pries sich glucklich, dass er Flamins Freund sei und mithin auf ihre Aufmerksamkeit und ihren Umgang einige Rechte habe. Gleichwohl war ihm noch immer, als wenn alles, was sie tate, zum ersten Male in der Welt geschahe, und er gab auf sie acht wie auf einen operierten Blindgebornen oder auf einen Omai oder einen Li-Bu. Er dachte immer: "Wie sollt' ihr wohl das Sitzen lassen oder das Darreichen eines Fruchttellers oder das Essen einer Kirsche oder das Niedersehen in ein Briefchen?" Ich bin noch ein argerer Narr neben der besagten Hofdame.

Endlich kam in den Garten Le Baut nach der ersten Toilette, und seine Frau nach der zweiten. Der Kammerherr ein kurzes, biegsames, geschnurtes Ding, das vor dem Teufel in der Holle den Hut abziehen wird, wenns hineintritt empfing den Sohn seines Erbfeindes ungemein verbindlich, und doch mit Wurde, zu welcher ihm aber nicht sein Herz, sondern sein Stand die Krafte gab. Viktor hegte, eben weil er sich ihn beleidigt dachte, zuvorkommendes Wohlwollen fur ihn. Obgleich Le Bauts Zunge fast wie seine Zahne falsch und eingesetzt waren und mithin die aus Zahn- und Zungenbuchstaben gemachten Worter auch: so gefiel er doch mit seinen weder plumpen, noch unhoflichen Schmeicheleien wozu auch seine Stellungen und Absichten gehoren unserm aufrichtigen Viktor, welcher feine Schmeichler, als Schwache, nicht hassen konnte. Die Kammerherrin die schon in den Jahren war, die eine Kokette zu verhehlen sucht, ob sie gleich die vorhergehenden noch eher zu verbergen hatte nahm unsern gutmeinenden Helden mit der aufrichtigsten Stimme auf, die noch aus einem falschen Judasbusen gekommen, und mit dem listigsten Gesicht, auf dem nie die Tauschungen der Liebe (wie es schien) Platz zu einer Miene hatten finden konnen.

Die neue Gesellschaft nahm auf einmal Viktors Verlegenheit weg. Er bemerkte zwar bald die besondern Fecht- und Tanz-Stellungen des Bundes gegeneinander: Klotilde schien gegen alle zuruckhaltend und gleichgultig, ausser gegen ihren Vater nicht die Stiefmutter war fein gegen den Kammerherrn, hochmutig gegen die Stieftochter, verbindlich gegen Viktor und leicht- und gehorchend-kokett gegen Matthieu dieser war gegen das Ehepaar abwechselnd schmeichlerisch und spottend, gegen Klotilde eiskalt und gegen meinen Helden so hoflich, wie Le Baut gegen alle. Gleichwohl war Viktor froher und freier als alle, nicht bloss weil er im Freien war da ein Zimmer allemal wie ein Stockhaus auf ihm lag und ein Sessel wie ein Fussblock , sondern weil er unter feinen Leuten war, die (trotz der spitzigsten Verhaltnisse) dem Gesprache vier Schmetterlingflugel geben, damit es als Gegenspiel der klebenden Raupe, die sich in jedem Dorn aufspiesset ohne Getose in kleinen Bogen uber Stacheln fliege und nur auf Bluten falle. Er war der grosste Freund feiner Leute und feiner Wendungen; daher ging er so gern in die Gesellschaft eines Fontenelle, Crebillon, Marivaux, des ganzen weiblichen Geschlechtes und besonders des anstandig koketten Teils desselben. Man werde nicht irre! Ach an seinem Flamin, an seinem Dahore, an grossen, uber die feinen, feigen, leeren Mikro-Kosmologen der grossen Welt erhabnen Menschen hing gluhend seine ganze Seele aber eben darum suchte er zur grossern Vollkommenheit die kleinern als Gebrame und Ekkenbeschlage mit so vielem Eifer auf.

Vier Personen hatten jetzt auf einmal vier Sehrohre auf seine Seele gerichtet; er nahm gar nichts in die Hand, weil er zu gutmutig und zu freudig war, um der Spion eines Herzens zu sein; und erst nach Verlauf einiger Tage beobachtete er an einem Gesellschafter das zuruckgebliebene Bild in seinem Kopf. Er verbarg sich nicht und wurde doch falsch gesehen; gute Menschen konnen sich leichter in schlimme hineindenken als diese in jene er erriet besser, als er erraten wurde. Bloss Klotilde verdient eine Schutzrede, dass sie meinen Helden bis nach dem Essen unter welchem Le Baut, der grosste Erzahler dieses erzahlenden Jahrhunderts, seine Rolle durchfuhrte fur zu boshaft und satirisch hielt. Sie musste aber fast; eine Frau errat leicht die menschliche, aber schwer die gottliche (oder teuflische) Natur eines Mannes, schwer seinen Wert und leicht seine Absichten, leichter seine innere Farbengebung als seine Zeichnung. Matthieu gab Anlass zu ihrem Irrtum, aber auch (wie ich sogleich berichten werde) zur Zurucknahme desselben. Dieser Evangelist, der ein viel grosserer Satirikus war als sein Namenvetter im Neuen Testament, stellte fast ganz Flachsenfingen auf seine Privat-Pillory, den Fursten, den Hof bis zu Zeuseln nieder nur den Minister (seinen Vater) und seine vielen Schwestern musst' er leider auslassen, desgleichen die Personen, mit denen er gerade sprach. Was man Verleumdung an ihm nannte, war im Grunde ubertriebne Herrnhuterei. Denn da der heilige Makarius befiehlt, dass man sich aus Demut zwanzig Unzen Boses beilegen musse, wenn man dessen funf habe das Gute aber umgekehrt , so suchen redliche Hofseelen, weil sie sehen, dass keiner diese bescheidne Sprache fuhren will, in jedes Namen sie zu reden; und schreiben dem, dessen Demut sie reprasentieren wollen, allezeit funfzehn Unzen mehr Boses und weniger Gutes zu, als er wirklich hat. Hingegen bei gegenwartigen Personen haben sie diese stellvertretende Genugtuung nicht notig. Daher ist das Leben solcher Hof-Edeln ganz dramatisch; denn da nach Aristoteles die Komodie die Menschen schlechter, und die Tragodie sie besser malt, als sie sind, so lassen gedachte Edle in jener nur Abwesende, in dieser nur Gegenwartige agieren. Ich weiss nicht, ob diese Vollkommenheit hinreicht, einen wirklichen Fehler des Evangelisten gutzumachen, welches der war, dass er, wie die Romer an Luperkalien, zu oft nach dem weiblichen Geschlecht Hiebe fuhrte. So sagte er heute z.B.: Madchen und Himbeere hatten schon Maden, eh' sie nur reif waren die weibliche Tugend ware das gluhende Eisen, das eine Frau (wie auch sonst bei den Ordalien) vom Taufstein (Tauftag) bis zum Altar (Trautag) zu tragen hatte, um unschuldig zu sein u.s.w.

Nichts fiel Klotilden und so hab' ichs allemal bei den Besten ihres Geschlechts gefunden empfindlicher als Satire auf ihr ganzes Geschlecht; aber Viktor erstaunte uber ihre dem Geschlecht und der Welt-Erfahrenheit gleich sehr eigne Kunst, es zu verbergen, dass sie dulde und verachte.

Des Evangelisten Beispiel machte, dass auch Viktor anfing zu phosphoreszieren auf allen Punkten seiner Seele der Funke des Witzes umlief den ganzen Kreis seiner Ideen, die einander wie Grazien bei der Hand fassten, und sein elektrisches Glockenspiel ubertraf des Junkers Entladungen, welche Blitze waren und nach Schwefel stanken. Klotilde, die sehr beobachtete, misstrauete den Lippen und dem Herzen Sebastians.

Der Hofjunker hielt ihn fur seinesgleichen und fur verliebt in Klotilde; und das aus dem Grunde, "weil der lustigere oder ernstere Ton, worin ein Mann in einer Gesellschaft verfalle, ein Zeichen sei, dass ein weiblicher Zitteraal darin in seinen Busen eingeschlagen". Ich muss es gestehen, Viktors uberwallende Seele liess ihn nie jenen Ausdruck der Achtung fur Weiber treffen, der sich nicht in unzeitige Zartlichkeit verirrt, und den er oft gebildeten Weltleuten beneidete; seine Achtung sah leider allemal wie eine Lieberklarung aus. Die Kammerherrin hielt ihn fur so falsch wie ihren Cicisbeo; Leute wie sie begreifen kein anderes Wohlwollen als hofliches oder einfadelndes.

Man behielt unsern Helden den ganzen Tag und den halben Abend druben.

Den ganzen Tag war er nicht imstande obgleich die unsichtbaren Augen seines innern Menschen voll Tranen standen uber Klotildens edle Gestalt, uber ihre verborgne Trauer um die kalte hinabgesenkte Freundin, uber ihre ruhrende Stimme, wenn sie bloss mit Agathen sprach gleichwohl war er nicht imstande, nur ein ernsthaftes Wort zu sagen: gegen Fremde zwang ihn seine Natur allemal im Anfang einige satirische und andere Hasensprunge zu machen. Aber abends, da man im feierlichen Garten war, da sein gewohnlicher Schauer vor der Leerheit des Lebens durch die Lustigkeit heftiger wurde das wurde jener dadurch allezeit; hingegen durch ernsthafte, traurige, leidenschaftliche Gesprache nahm er ab und da Klotilde ihm bloss eine sehr kalte, gleichsam von seinem Vater auf ihn angewiesene Hoflichkeit gewahrte und den Unterschied zwischen ihm und dem Matthieu, der keine zweite Welt und keinen dafur organisierten innern Menschen annahm, nicht in seiner ganzen Grosse erriet: so wurd' ihm beklommen ums sehnende Herz, zu viele Tranen schienen seine ganze Brust anzufullen und durchzudrucken, und sooft er zu dem grossen tiefen Himmel aufblickte, sagte etwas in seiner Seele: schier dich gar nichts um den feinen Cercle und rede heraus!

Aber es gab fur ihn nur eine Seele, an der jene Erhohtritte wie an Pedalharfen geschaffen waren, die jedem Gedanken einen hohern Spharenton erteilen, dem Leben einen heiligen Wert und dem Herzen ein Echo aus Eden; diese Seele war nicht sein sonst so geliebter Flamin, sondern sein Lehrer Dahore in England, den er ach schon lange aus seinen Augen, aber nie aus seinen Traumen verloren. Der Schatten dieses grossen Menschen stand, gleichsam an die Nacht geworfen, flatternd und aufgerichtet vor ihm und sagte: "Lieber, ich sehe dein inneres Weinen, dein frommes Sehnen, dein odes Herz und deine ausgebreiteten bebenden Arme; aber alles ist umsonst: du findest mich nicht und ich dich nicht." Er schauete an die Sterne, deren erhebende Kenntnis sein Lehrer schon damals in seine junge Seele angeleget hatte; er sagte zu Klotilden: "Die Topographie des Himmels sollte ein Stuck unserer Religion sein; eine Frau sollte den Katechismus und den Fontenelle auswendig lernen." Er beschrieb hier die astronomischen Stunden seines Dahore und diesen selber.

Aus Klotildens Angesicht brach eine grosse Verklarung, und sie zeichnete mit Worten und Mienen ihren eignen astronomischen Lehrer im Stifte ab dass er ebenso edel sei und ebenso still dass seine Gestalt so gut besser mache wie seine Lehre dass er sich Emanuel nenne und keinen Geschlechtnamen fuhre, weil er sage: "am verfliegenden Menschen, an seinem so eilig versinkenden Stammbaum sei zwischen dem Geschlechtnamen und Taufnamen der Unterschied zu klein"- dass leider seine veredelte Seele in einem zerknickten Korper lebe, der schon tief ins Grab einhange dass er nach der Versicherung ihrer Abtissin der sanfteste und grosste Mensch sei, der noch aus Ostindien (seinem Vaterlande) gekommen, wiewohl man uber einige Sonderbarkeiten seiner Lebensart in Maienthal wegzusehen habe.

Matthieu, dessen Witz die Schonheitlinie, den Giftzahn, den Sprung und die Kalte den Schlangen abborgte, sagte leise und unbefangen: "Es ist gut fur seinen siechen Korper, dass er hier nicht Astronom und Nachtwachter zugleich wurde; er suchte vor einigen Jahren darum an, um ein Sehrohr und ein Horn." Klotilde wurde zum ersten Male von einer zurnenden Rote uberflogen, wie der Morgen vor dem Regen: "Wenn Sie ihn" (sagte sie schnell) "bloss aus meiner Schilderung kennen, so konnen Sie diese Sonderbarkeit unmoglich unter den seinigen suchen." Aber der Kammerherr trat dem Junker bei und sagte, Emanuel sei wirklich vor funf Jahren mit diesem Gesuche abgewiesen worden. Klotilde sah den einzigen, dessen Aufmerksamkeit nicht ironisch war, unsern Viktor, den der Widerschein ihrer Verklarung schmuckte, wie um Hulfe an und fragte mehr hoffend als behauptend: "Sollte man so etwas einem solchen Kopfe zutrauen?" "Meinem Kopf eher" (versetzte er, um auszuweichen; denn er, der dem jetzigen Papste widersprochen hatte, konnte oft unmoglich schonen Lippen widersprechen, zumal einer mit so vieler Hoffnung auf sein Nein vorgelegten Frage derselben) "sooft ich nachts durch Dorfer gehe: so hor' ich den leiblichen Nachtwachter lieber als den geistlichen. In der horchenden stillen Nacht, unter dem ausgebreiteten Sternenhimmel liegt im homiletischen Eulengesang des Nachtwachters etwas so Erhabnes, dass ich mir hundertmal ein Horn wunschte und sechs Verse."

Der Kammerherr und sein Associe hieltens fur verfehlte Persiflage; letzter setzte die seinige vielleicht um Klotilden, zum Vorteil seiner mit UnterziehBusen und Unterzieh-Steiss bewaffneten HerzensZarin, zu missfallen unverschamt fort und fuhrte an: das beste Mittel, den namhaften Namenlosen traurig zu machen, sei ein sehr lustiges, eine Komodie freilich ruhrte ihn noch starker ein Possenspiel, wie er selber an ihm in Goethes moralischem Puppenspiel oder Jahrmarkt gesehen.

Da flog dem betroffenen Viktor ein neues Gesicht und eine neue Stellung an; denn er war gerade wie Emanuel. Ein Jahrmarkt mit seinen hinab- und hinauflaufenden Menschen-Bachen mit dem Vor- und Zuruckspringen der Gestalten wie an einer Bilderuhr mit der fortsummenden Luft, in der Geigengeschrei und Menschengezank und Viehgeblok zu einem einzigen betaubenden Brausen zusammenfliessen und mit den Buden-Warenlagern, die ein musivisches Bild des kleinen, aus Bedurfnissen zusammengeflickten Lebens reichen ein Jahrmarkt machte durch alle diese Erinnerungen an die grosse frostige Neujahrsmesse des Lebens Viktors edlen Busen schwer und voll; er versank sussbetaubt in das Getose, und die Menschen-Reihen um ihn schlossen seine Seele in ihre stillern Phantasien ein. Das war die Ursache, warum ihn Goethes hogarthisches Schwanzstuck eines Jahrmarkts (so wie Shakespeare) immer melancholisch zuruckliess; so wie er uberhaupt gerade im Niedrigkomischen das hohe Ernsthafte am liebsten fand (Weiber sind nur zum umgekehrten Funde fahig) und ein komisches Buch ohne jeden edlern Zug und Wink (z. B Blumauers Aneis) konnt' er so wenig wie La Mettries ekelhaft lachendes Gesicht ertragen, oder die Gesichter auf den Titelkupfern des Vademekums.

Er vergass sich und die Nachbarschaft wie ein wahrer Jungling, breitete die Arme halb aus und sagte mit einem Auge, in dem man die sehnsuchtig an einem Bilde Emanuels arbeitende Seele sah: "Nun kenn' ich dich, du Namenloser! du bist der hohe Mensch, der so selten ist. Ich versichere Sie, Herr v. Schleunes, an Herrn Emanuel ist was! ... Nein, unter diesem Leben im Flug sollte doch das Ding, das so prestissimo hinschiesst aus einem Regenschauer in den andern und von Gewolke zu Gewolke, doch nicht in einem fort den Schnabel aufsperren zum Gelachter... Ich las heute wo: der Mensch hat nur dritthalb Minuten, und nur eine zum Lacheln " Er war ganz in seine Gefuhle verirrt: sonst hatt' er mehr zuruckbehalten, besonders die letzte Zeile aus dem im Garten gefundnen Blattchen. Klotilde wurde uber irgend et was betroffen. Er hatte jetzo gern das Blattchen hinausgelesen. Sie erzahlte ihm nun diejenigen Sonderbarkeiten von ihrem Lehrer, in die sie sich besser zu finden wusste: dass er ein Pythagoraer sei nur in weissen Kleidern gehe mit Floten sich einschlafern und wecken lasse keine Hulsenfruchte und Tiere esse und oft die halbe Nacht unter den Sternen gehe.

Er ruhte, in stummes Entzucken uber den Lehrer verloren, mit enthusiastischen Augen auf den freundschaftlichen Lippen der Schulerin, die der Geschmack an einem erhabnen Sonderling adelte. Sie fand hier den ersten Mann, den sie in einen ungeheuchelten Enthusiasmus fur ihren pythagorischen Liebling setzte; und alle ihre Schonheiten wandten sich bluhend nach Emanuels Bild, wie Blumen nach der Sonne. Zwei schone Seelen entdecken ihre Verwandtschaft am ersten in der gleichen Liebe, die sie an eine dritte bindet. Das volle begeisterte Herz verschweigt und verhullt sich gern in einem Putzzimmer, das lauter ungleichartige hegt; aber wenn es darin sein zweites antrifft, so muss es daruber sein Verstummen und Verhullen und das Putzzimmer vergessen.

Viktors Quecksilber seiner morgendlichen Lustigkeit war um zehn Grade gefallen. In seiner dammernden Seele ragte nichts hervor als der Zettel, den er lesen wollte und auch schon las draussen auf der Gasse; und vorher schied er.

Das Blatt war aus Klotildens fliegendem Stammbuch geflattert und von Emanuel geschrieben.

"Der Mensch hat hier dritthalb Minuten, eine zu lacheln eine zu seufzen und eine halbe zu lieben; denn mitten in dieser Minute stirbt er.

Aber das Grab ist nicht tief, es ist der leuchtende Fusstritt eines Engels, der uns sucht. Wenn die unbekannte Hand den letzten Pfeil an das Haupt des Menschen sendet: so buckt er vorher das Haupt, und der Pfeil hebt bloss die Dornenkrone von seinen Wunden ab.12

Und mit dieser Hoffnung zieh aus Maienthal, edle Seele; aber weder Weltteile, noch Graber, noch die zweite Welt konnen zwei Menschen zertrennen oder verbinden; sondern nur Gedanken scheiden und gatten die Seelen.

O dein Leben hange voll Bluten! Aus deinem ersten Paradies musse ein zweites, wie mitten aus einer Rose eine zweite, spriessen! Die Erde musse dir schimmern, als standest du uber ihr und sahest ihrem Zug im Himmel nach! Und wie Moses starb, weil ihn Gott kusste: so sei dein Leben ein langer Kuss des Ewigen! Und dein Tod werde meiner....

Emanuel."

"O du guter, guter Geist!" (rief Viktor) "ich kann dich nun nicht mehr vergessen du musst, du wirst mein schwaches Herz annehmen!" Von seinen innern Saiten waren jetzt die Dunsttropfen, die ihren Klang aufhielten, abgefallen. Sein Kopf wurde eine helle Landschaft, in der nichts stand als Emanuels glanzende Gestalt. Er kam mit einem selig bewegten Angesicht spat im Pfarrhaus an; und in dieser Glut stellte er vor seinen Zuschauern das Bild von Klotilden auf, dem er von einem Engel alles, sogar Flugel gab, welche ein kurzes Verweilen drohten. Seine Freundschaft erhob ihn uber den Argwohn eines Argwohns so sehr, dass er seinem Freunde keine warmere und zartere Probe derselben zu geben glaubte als durch das starkste sympathetische Lob Klotildens; Flamins Liebe gegen sie ging durch die Freundschaftin seine Seele uber. Die Empfindung fur die Geliebte eines Freundes fuhrt eine unnennbare Sussigkeit und moralische Zartheit mit sich. Fur Viktor steh' ich in diesem Punkte, dass er zwar begriff, wie ein Freund dem andern die Liebe zum Opfer bringen, aber nicht begriff, wie der andere das Opfer annehmen konne; allein fur Flamin sag' ich nicht gut, dass er kalt und Menschenkenner genug ist, um die Preismunzen, die Viktor auf Klotilden schlagt, und worauf er ihr schones Angesicht und sein Wappen setzt, immer fur ebenso viele Munzen de confiance und fur Pfander der bruderlichen Treue anzusehen. Er war zu brausend und zu ehrgeizig, um die Wahrheit zu sehen, ja nur anzuhoren: denn sein offenherziger Freund musste manchen zartlichen Tadel unterdrucken, der ihn zu sehr gekrankt hatte, weil er zuviel Ehrgeiz und Feuer und zu wenig Selbervertrauen hatte. Daher heftete sich ein Schmeichler wie Matthieu mit seinen Efeu-Hakchen desto fester in die Risse dieses Felsen ein. Da er ein wenig barsch den namenlosen Emanuel einen Schwarmer nannte: so sagte Viktor von diesem heute wenig. Flamin konnte weil er entweder ein Jurist oder ein hitziger Kopf, oder beides war nichts so wenig ausstehen als Poeten, Philosophen, Hofleute und Enthusiasten einen ausgenommen, der alles das auf einmal war, seinen Sebastian Viktor.

5. Hundposttag

Der dritte Mai der auf der Musik sitzende Abbate

die Nachtigall

Ich muss uberhaupt voraus bemerken, dass ich sehr dumm ware, wenn ich die Menge von Unwahrscheinlichkeiten in dieser Historie nicht merkte; aber ich merke sie samtlich gut; ja ich Labe solche z.B. die in Klotildens Betragen, oder die des medizinischen Doktorats des Helden noch eher als der Leser selber wahrgenommen, weil ich alles eher gelesen habe. Ich schob es daher nicht langer auf, sondern ging mit der heutigen Hofmanns-Post meinen Korrespondenten an, mir das nachstemal durch den Hund in seiner Portratbuchse zu schreiben, woran wir alle waren. Ich schriebs ihm geradezu, er wusste den Henker davon, obwohl ich, von den Lesern und ihrer Tyrannei ich musst' ihm sagen (sagt' ich), sie waren Leute von Verstand, denen ein Lebensbeschreiber, ja ein RomanBauherr nicht mit Dichtertruge kommen durfte, sondern die sagten, wie der Areopag: "Das nackte historische Faktum her, ohne alle weitere poetische Einkleidung." Und es nahme mich uberhaupt wunder (fuhr ich fort), dass er noch nicht wusste, dass sie soviel, teils Verstand, teils vierblatterigen Klee13, in sich hatten, dass sie die grossten Verfasser und Trauerdichter, wenn diese fein sein und sie durch asthetische Gaukeleien entweder wie Schropfer in Furcht oder wie Bettler in Mitleiden setzen wollten, dass sie diese kaltblutig sich abarbeiten liessen und sagten: "Wir lassen uns nicht fangen."- Gleichwohl waren die Rezensenten noch toller und gescheiter und vielleicht die besten jetzigen Skotometer (Dunkelmesser), zumal da sie so elende Photometer (Lichtmesser) waren. Und endlich sagt' ich meinem historischen Adjutanten gerade heraus, er hatte keinen Schaden davon, ich jedoch, dass man mich in mehre Sprachen ubersetzte und darin fur jede Unwahrscheinlichkeit des Textes in das Geisselgewolbe einer Note hinunterzoge und da sehr striche, indes ich nicht den Mund auftun durfte, wenn der verdolmetschende Spitzbube, der meinen Kurbisflaschenkeller wie ein Fass Wein aus einem Land ins andre fuhre, den Wein unterweges wie alle Fuhrleute mit Wasser aussen begosse und innen nachfullte. Er sollte mir nur wenigstens, bat ich, Antwort geben, damit ich sie den Lesern zeigen konnte als einen Beweis, dass ich ihm geschrieben.

Im nachsten Hundposttag mochten also in jedem Falle grosse Dinge zu erwarten sein.

Noch dazu fallt der vierte Mai hinein mit seinen, wie es scheint, wichtigen zwei Dankfesten fur die Ankunft der zwei Sebastiane, des kleinen in der Welt, des grossen im Baddorfe. Sogar Klotilde: ist morgen dabei; und Viktor ist recht begierig (ich selber), sie in der Sonne der Liebe zu sehen neben Flamin: denn druben schienen alle ihre Schonheiten ein vom Strahl der Liebe noch nicht getroffnes und gereiftes Herz zu umbluhen, wie Blumenblatter die weissen Hetzblatter vor der Sonne uberbauen. Matthieu kam heute zum Abschied, weil er morgen in die Stadt zuruckfuhr. Er gefiel unserm Helden immer weniger; und eine Pagengeschichte, die er von sich erzahlte, erneuerte Viktors Entschluss, die Bitte der Pfarrerin um die Verscheuchung eines solchen Menschen fruhe zu erfullen.

Matthieu hatte als Page den Dienst bei der Oberhofmeisterin, ich glaube den grossen und den kleinen. Gleichwohl musst' er einmal einen Abbate und Gewissensrat in ein Kabinett derselben bestellen, das der Betstuhl und die heilige Statte in einem Grade sein sollte, den freilich ihr dummer eifersuchtiger Mann nicht begriff. Nun war im Nebenzimmer ein musikalischer Armsessel, den man im Grunde mit nichts spielte als mit dem Steiss: sobald man sich hineinsetzte, fing er seine Ouverture an, und ich sass einmal beim Fursten Esterhazy in so einem. Unser Matz so nennt ihn das ganze burgerliche Flachsenfingen; einige Kanzeleiverwandte heissen ihn auch den Evangelisten bestellte den Abbate um zwei Stunden zu bald; setzte aber, damit der Mann mit der tonsurierten Perucke nicht vom Passen ermattete, vorher den musizierenden Sessel hinein, als Ruhebank und Ankerplatz fur matte Expektanten. Gegen drei Uhr nachts, als die Gesellschaft fort war, ausgenommen den Oberhofmeister, senkte der stehenssatte Gewissensrat seinen Rumpf endlich in den mit Favorit-Arien ausgepolsterten Sorgestuhl und weckte mit seinen Hosen die ganze Trauermusik und deren Mordanten darin auf, ohne die geringste Moglichkeit, das KabinettStandchen dieses Weckers zu stillen. Der Ehegemahl ging endlich, wie ein Hering, den Finalkadenzen nach und zog den mitten im Kontrapunkt und in Pralltrillern sesshaften Gewissensmann aus seinem Orgelstuhl und versalzte ihm den Wachtelruf, glaube ich, durch kommandierte Prugel. Die Oberhofmeisterin erriet leicht den Meister vom Stuhl, Matzen; aber so sehr gewohnlich ist Verzeihung am Hofe nicht bloss vergangne Beleidigungen werden dort von guten Weiberseelen vergeben, sondern auch zukunftige , dass die Hofmeisterin sich doch nicht eher an Matzen rachte ob er gleich noch dritthalb Wochen ihr diente als eben nach dritthalb Wochen...

Viktor zurnte uber Flamins Gelachter; er liebte Laune, aber keine Neckerei. Sein versusstes Blut fing durch diese Essigmutter allmahlich zu versauern an gegen diesen Matz, dessen kalte ironische Galanterie gegen die ehrliche Agathe ihn schon emporte, deren phlegmatischer, gleichsam verheirateter Puls ubrigens in dessen Ab- und in dessen Anwesenheit dieselben Schlage tat. Noch mehr Sodbrennen und Saure sammelte sich in Viktors Herzen, weil er der alles duldete, Eitle, Stolze, Atheisten, Schwarmer gleichwohl keine Menschen dulden konnte, die die Tugend fur eine Art von feiner Proviantbackerei ansehen, die Wollust fur erlaubt, den Geist fur einen Almosensammler des Leibes, das Herz fur eine Blutspritze und unsere Seele fur einen neuen Holztrieb des Korpers. Dieses aber tat Matthieu, der noch dazu Neigung zum Philosophieren hatte, und der den Freund Viktors, welcher ohnehin gegen die ganze Dichter und Geisterwelt so kalt war wie ein Staatsmann, mit seinem philosophischen Krebsgifte anzustecken drohte.

Abends suchte er ein wenig naher an Flamins Gehor in die zweite Trompete der Fama gegen den entfernten Pseudo-Evangelisten zu stossen. Im Garten stiess er darein. Er nahm die Hand, deren die Matthaische nicht wurdig war, in seine bessere und fing mit der herzlichsten feinsten Schonung, die man sogar der wahren Freundschaft fur einen unechten Freund gewahren muss, seinen Bildersturm an. Denn indem er die Kammerherrin tadelte, dass sie auf Agathen Blicke von ihrem Wipfel herunterwurfe, die nichts Reineres waren, als was sonst Affen vom ihrigen auf die Leute schickten; und indem er den Hofjunker tadelte, dass er wie viele Edelleute erst unter Edelleuten den ketzerischen Geruch eines Burgerlichen am meisten (vielleicht durch Hulfe des Gegensatzes) verspurte, und dass seine Worte und Mienen im Schlosse wie Eisspitzen ans gute warme Herz Agathens anflogen: so war der Tadel dieses Maifrostes gegen die Schwester nur ein Vorwand, in welchen er die Anmerkung einhullte, dass der Hofjunker Flamins Freund nicht sein wurde, wenn er nicht Agathens Liebhaber ware.

Flamins Schweigen (das Zeichen seiner Entrustung) gab dem Strom seiner Beredsamkeit einen neuen schnellern Abhang; noch dazu rief eine in Le Bauts Garten dichtende Nachtigall alle Echo der Liebe aus seiner Seele wach. Daher ergriff er freilich Flamins beide Hande in jener Uberwallung, die immer seine Schritte zum Ziele in Sprunge umsetzte und dadurch das ganze Ziel uberrennte. Viele Plane verunglucken, weil das Herz dem Kopfe nacharbeitet, und weil man beim Ende der Ausfuhrung weniger Behutsamkeit aufwendet als beim Anfange derselben. Er sah seinen Geliebten an, die Flotenkehle der Nachtigall setzte den Text seiner Liebe in Musik, und unbeschreiblich geruhrt sagte er: "Du Bester! dein Herz ist zu gut, um nicht von denen uberlistet zu werden, die dich nicht erreichen. O wenn einmal die Schneide des Hof-Tons blutig uber die Adern deiner Brust wegzoge" (Flamins Miene sah wie die Frage aus: bist du denn nicht auch satirisch?) "o wenn der, der keine Tugend und Uneigennutzigkeit glaubt, auch einmal keine mehr bewiese; wenn er dich sehr betroge, wenn die vom Hof gehartete Hand einmal Blut und Tranen wie ein Zitronenquetscher aus deinem Herzen druckte: dann verzweifle doch nicht, nur an der Freundschaft nicht denn deine Mutter und ich lieben dich doch anders. O wahrlich, zu der Zeit, wo du sagen musstest: warum hab' ich nicht meinem Freunde gehorcht, der mich so warnte, und meiner Mutter, die mich so liebte da darfst du zu mir kommen, zu dem, der sich niemals andert, und der deinen Irrtum hoher schatzet als eigennutzige Behutsamkeit; dann fuhr' ich dich weinend zu deiner Mutter und sage zu ihr: nimm ihn ganz, nur du bist wert, ihn zu lieben." Flamin sagte gar nichts darauf. "Bist du traurig, mein Flamin?" "Verdriesslich!" "Ich bin traurig; die Klagen der Nachtigall tonen mich wie kunftige an", sagte Viktor. "Gefallt dir diese Nachtigall, Viktor?" "Unbeschreiblich, wie eine Freundin meines Innersten." "So irret man, Matthieu singt", versetzte schnell Flamin. Denn der Evangelist unterschied sich von einer Nachtigall in nichts als der Grosse. Und dann ging Flamin empfindlich und doch mit einem Handdruck davon.

6. Hundposttag

Der dreifache Betrug der Liebe verlorne Bibel und

Puderquaste Kirchgang neue Konkordaten mit

dem Leser

Knefs Antwort ist elend: "Aus dem vom 6ten dieses von Ew. Wohlgeboren Erlassenen ersehe, dass das Publikum Geschmack hat und einige Feinheit welches mich gar nicht wundert, da man solches den Goldplatten, die erst zwischen einem Buch von Pergament und dann zwischen zwei von Rindsblattern dunn und fein geschlagen werden, ahnlich behandelt und es ebenso von einem Buch ins andre tut und darin durch den Druck der Press-Bengel so fein macht wie Kavalierpapier. Wenns Publikum noch ein paar Jahre so fortlieset, so kanns zuletzt gescheiter werden als Deutschland selber. Anlangend die Unwahrscheinlichkeiten in unserem Werke, so waren dergleichen freilich mehre zu wunschen, weil ohne diese eine Lebensbeschreibung und ein Roman schlecht gefallen, da ihnen der Reiz fehlet, womit uns das deutsche Hospital- und Narrenschiff voll romantischer Originalromane so sehr anzieht welches Schiff als Absonderungdruse widerlicher Werke mit Recht die Leber der gelehrten Republik genannt werden mag, und der Buchladen der Gallengang. Aber in Rucksicht der Unwahrscheinlichkeiten besorge selber nur gar zu sehr, dass auch die wenigen, worauf wir fussen, am Ende verschwinden. Der ich u.s.w."

Der Schaker, merkt man leicht, will nur mich und den Leser gern mit Hasenschwanzen behangen. Fur mich aber ists doch ein herrliches Dokument, dass ich das Meinige getan und an den Schelm geschrieben habe.

Gewisse Menschen sind, wenn sie abends sehr warm und freundschaftlich waren, am Morgen sehr finster und kalt wie Maupertuis' Halbsonnen, die nur auf der einen Halfte brennen, und die uns verschwinden, wenn sie die erdige vorkehren ; und waren sie kalt, so werden sie warm. Flamin vergass am Morgen entweder den warmen Abend oder die Nachtkalte. Heute ist das Kirchgangfest! Droben bei Sebastian ruckt' er, wie ein deutscher Polizei-Puritaner und Purist, mit Speiteufeln und Musketenfeuer aus gegen den Kirchgang gegen Kindtaufschmause gegen das Holzfallen zu Weihnachten und Pfingsten gegen Feiertage und gegen allen Spass der Menschen.

Viktor wurde von unserm Jahrhundert durch nichts so erzurnt als durch dessen stolze Kreuzpredigten gegen unmodische Torheiten, indes es mit unmodischen Lastern in Subsidientraktaten steht. Er holte mit einem weiten Atem aus und bewies, dass das Gluck eines Staates, wie eines Menschen, nicht im Reichtum, sondern im Gebrauche des Reichtums, nicht in seinem kaufmannischen, sondern moralischen Werte bestehe dass die Ausscheurung des altertumlichen Sauerteigs und unsre meisten Institutionen und Novellen und Edikte nur die furstlichen Gefalle, nicht die Moralitat zu erhohen suchten, und dass man begehre, die Laster und die Untertanen brachten, wie die alten Juden, ihre Opfer nur in einer Stadt, namlich in der Residenzstadt dass die Menschheit von jeher sich die Nagel nur an den nackten Handen, nicht an den verhullten Fussen, die oft daruber selber herunterkamen, beschnitten habe dass Aufwand- und Prachtgesetze den Fursten selber noch notiger waren, wenigstens den hochsten Standen, als den tiefsten dass Rom seinen vielen Feiertagen viel von seiner Vaterlandliebe verdanke.... Flamin hatte fur die kleine Perlenschrift der hauslichen Freude, fur Aufgussblumchen des Vergnugens keine Augen; dafur hielt seine Seele mit einem Brutus gleichen Schritt, wenn er gross ans Bild des Pompejus trat und mit einem Seufzer uber das Schicksal die Parzenschere in das grosste Herz der Erde trieb, das seinen Wert mit seinem Recht verwechselte. Viktor hatte ein geraumiges Herz fur die unahnlichsten Gefuhle.

Ich kann es nicht oft genug wiederholen, dass heute der Kirchgang ist. Ich will ihn der Nachwelt abzeichnen, aber nicht mit jener Kurze, womit ein Zeitungschreiber den Leichenzug eines Konigs auf drei Bogen bringt, sondern ein wenig umstandlicher. Zu den pomphaften Anfangbuchstaben dieses Tages hatte das Pfarrhaus ganz andre Grunde in petto, als man meines Wissens unserem Zeitalter noch zu entdecken beliebte: betrugen wollten drei Teilnehmer einander, allemal zwei einen.

Betrugen wollte erstlich die Pfarrfrau den Helden, der nicht wusste, dass heute der Geburttag seines Vaters war, und dass dieser freimutig von ihr eingeladen heute auf funf Minuten lang komme. Sie liess am Morgen ihre zwei Tochter Garn sieden, damit sie dem Viktor nichts beichteten, wenigstens keine Wahrheit; denn es ist ein bekannter Aberglaube, dass das Garn am weissesten gesotten werde, wenn man dabei recht lugt. Daher sollte man auch, wenn die Weiber lugen, behutsamer sein und fragen, ob sie mit ihren poetischen Tauschungen etwas anderes weissbrennen wollen als Garn. Ihr geliebter Viktor sollte das war ihr Plan ihrem Manne, dessen Wiegenfest heute auch einfiel, den gewohnlichen Gluckwunsch bringen und ihn nachher halbieren und dem Lord hinlangen mussen, der mit seinem eignen Geburttag ausstieg.

Betrugen wollte zweitens Sebastian und sie den alten Kaplan, der vergessen, dass er geboren worden welches ihm schon bei seinem ersten Geburttage begegnet war. Die Menschen behalten einen fremden Lebenslauf besser als den eignen: wahrhaftig, wir achten eine Geschichte, die einmal die unsrige war, und welche die Hulse der verflognen Stunden ist, viel zu wenig, und doch werden die Zeittropfen, durch die wir schwimmen, erst in der Ferne der Erinnerung zum Regenbogen des Genusses. Die Manner wissen, wenn alle Kaiser geboren und alle Philosophen gestorben sind die Weiber wissen aus der Chronologie bloss das, wenn ihre Manner, die ihre Regenten und klassischen Autoren sind, beides taten. Viktor, dessen feines Gefuhl von zu grossen Aufmerksamkeiten fur ihn versehret wurde, war froh, dass Eymanns Schultern die Halfte der heutigen Ehre tragen mussten.

Betrugen wollte drittens der Pfarrherr so gut als einer, und zwar jeden. Da fur ihn dieser Festtag wie die drei hohen Feste der Kloster zugleich Rasiertag war, an welchem die gescheitsten Kopfe die dummsten Gesichter machen: so schnitt der Barbier mit der Rasier-Lanzette in des Seelensorgers Haut wie in eine Birkenrinde sein Andenken; aber dieses wenige Blut, das ausquoll, fuhrte dem Pfarrer einen klugern Gedanken zu als das, was der Bader darin liess, welches doch den Nervensaft absonderte, der nach den seichtesten Denkern die Gelenkschmiere unsrer geistigen Bewegungen, die Goldauflosung unsrer reichhaltigsten Ideen und der Geist unsers Geistes ist. Dieser klugere Gedanke, den ich so lobe, war der, sich auf dem linken Arm zur Ader zu lassen es dem ganzen Hause zu verhalten abends dem Lord Gluck zu wunschen und jedem und am Ende den Armel auszuziehen und die Wunde zu zeigen, wie ein Romer, und zu sagen: gratuliert doch zur Aderlass! Er setzte es durch, und der Scherer musste staunend etwas anderes zerhacken als das Kinn. Der Blessierte gab ihm das Geleite bis an die Hofture, nicht sowohl aus Hoflichkeit, als damit ers nicht der ganzen Hausgenossenschaft vortruge, sondern den Vorfall uberhaupt bei sich behielte, ausgenommen in Hausern, wo ein Bart war und ein Ohr. Denn ein Geschichtschreiber sei immerhin der Monatzeiger der Zeit und folglich sei der Zeitungsetzer der Stundenzeiger derselben mithin ein Weib ihr Sekundenzeiger: so ist doch der Bartputzer beides, das Weib und der Sekundenzeiger.

Als Flamin und Viktor hinuntergingen ins Wohn-, Putz-, Sommer- und Winterzimmer, stach unter lauter frohen Gesichtern ein verdriessliches vor, das dem wie besessen umhersetzenden Pfarrer gehorte: er konnte zweierlei unmoglich ausspuren, seine Bibel und seine Puderquaste. Drei Minuten vorher hatt' er so gejammert: "Bin ich und mein elendes Leben denn zu einer wahren Passionhistorie ausersehen? Man gebe mir einen Glucktopf, aus dem jeder andere ganze Konigreiche herauskrebsen wurde sobald mich der bose Feind nahe merkt, so legt er seinen Unrat hinein; und diesen heb' ich dann statt der Krebse und Konigreiche heraus, und weiter nichts. Es war' heute hubsch geworden, sah der Teufel wir hatten bis abends um vier Uhr keine Lust gehabt, sondern Hundearbeit dann war's losgegangen, das Essen im Gartenhaus, das Gratulieren und Salutieren und wahrer Spass.... Euch ist er auch noch beschert; mir aber schenkt nur, wenn der Puster und die Bibel nicht erscheinen, etwas Russ und Asche (die etwa vom Abendschmause nachbleiben), damit ich damit dem Fuchs (Pferd) das Gebiss abburste und abends kann ich neben dem Gartenhause den Rettich ausjaten."

Hier musste er mit der niedergelassenen Flagge seines Kopfes, mit der Trottelmutze, den eintretenden Briten salutieren als dadurch aus der Mutze ein Haar-Buschel ausfiel, der zwar nicht die gesuchte Bibel, aber der gegebene Puster war. Es muss namlich die Denk- und Lese-Welt, der man oft die wichtigern Tatsachen nicht hinterbringt, am wenigsten um diese kommen, dass der Hofkaplan so wie Menschen aus Menschen gerissen werden, um die ubrigen zu ubertreffen und zu beherrschen gerade so die Haare, die sein Kamm auszupfte, in einen Pelz-Faszikel oder Haar-Verein zusammenwickelte, um damit die ubrigen, die noch standen, einzupudern, welches nun wohl vom erhabensten Geist und Pentameter nicht anders zu benamsen ist als ein Haarpuster. Gleichwohl wurde Eymanns Gesicht langer als die Mutze: er liess diese Spritze des Farbenpulvers des Kopfes kalt daliegen und sagte: "Mach' ich nicht die Bibel ausfundig: so seh' ich nicht ab, wie mich dieser Schopf allein herausziehen will."

Wie vor Luther die Bibel, wurde jetzt die Cansteinische mit ihren schwarzen Kafer-Flugeldecken gesucht. Wenn etwas diesen harten Schlag noch herber machen konnte, so wars dies, dass Eymanns Baffchen gleich seiner Vernunft zwischen den verlornen kanonischen Blattern wie zwischen einer Serviettenpresse lag: denn die Geistlichen besonders der Papst machen das Bibelwerk gern zur Glanzpresse und zum Schmuckkastchen ihres aussern Menschen. Ob er gleich noch acht Bibeln, sogar die einfaltige Seilerische Bibel-Chrestomathie, im Hause hatte und in der Wochenkirche heute gar keine brauchte: so war es doch besser und menschlicher d.h. narrischer , dass er den Kopf seines Sakristei-Pedells, des Schulmeisters, aus dem Fenster pfiff und den Gottesdienst wie eine Aufklarung durch ein viertelstundiges Interim verschob, als dass er statt der Stunde des Lautens nichts Geringers anderte als Bibel und Baffchen.

Lieber Himmel! wie man gleich Exegeten und Kennikottisten suchte und lachelte! "Dieses Forschen nach der Bibel", sagte Sebastian, "gereicht einem Geistlichen zur Ehre, zumal da er die biblischen Wahrheiten nur beim Taglicht, nicht bei Scheiterhaufen-Fackeln sucht."

Die Monche haben, wie die Anzunder der offentlichen Laternen, eine Leiter und viel Ol, aber mit dem Ol loschen sie die Lampen aus und den eignen Durst, und mit der Leiter reichen sie die, die wieder anzunden, dem Galgen.

Als der Kaplan vor dem ruhigen Kopf des sechswochentlichen Kindes vorbeiging, den schon die heutige Tressenhaube presste: so ging er aus Arger uber dessen Gleichgultigkeit wieder zuruck, hob seinen geputzten Kopf empor mit der rechten Hand und fuhr in den Schacht des Wiegenstrohes ein mit der linken und wollte da die Bibel die gewohnlich das Kopfkissen und die Amulett-Unterlage der Kinder (besonders der Dauphins) ist ausgraben, indem er sagte: "Der miserable kleine Fratz lage bei unserem Elend nur kalt da, mir nichts dir nichts, wenn ich ihn nicht aufstorte." Und hier fiel etwas, nicht wie ein Schuss, sondern wie ein Buch, wiewohl mans durch meinen Kiel bis ins dreissigste Jahrhundert horen kann. Eymann sprang denkend ins zweite Stockwerk und fand zu seinen Fussen eine erschmissene Maus unter seiner gesuchten Bibel. Den protestantischen Reichskreisen konnen die Studenten- oder Doktor Luthers-Mausfallen niemals unbekannt gewesen sein, zu denen man nichts braucht als ein Buch, und die fur Mause sind, was symbolische Bucher fur Kandidaten. Sebastian zog die Leiche beim Schwanze unter der biblischen Quetschform und Seilerischen Bibelanstalt hervor, schwenkte den Kadaver gegen das Licht und hielt diesen Leichensermon ex tempore: "Armer Schismatiker! dich erschlug das Alte und Neue Testament, aber du und die Testamente sind ausser Schuld! Sei nur froh, dass die Bibel dich nicht gar zu Asche sengte, wie einen portugiesischen Israeliten; aber du fielest in aufgeklarte Zeiten, wo sie nichts nimmt als Pfarrdienste. Es ist echter Witz, wenn ich frage: da sonst die Bibel die Feuerbrunste, worein man sie warf, ausloschte: warum denn Autodafes nicht auch?"

Ich laure hier langst der Welt auf, um sie zur Untersuchung zu notigen, warum ein Maus-Sterbefall sie mehr interessiert als eine erschossene Armee in der allgemeinen Weltgeschichte, ein verlorner fremder Haarpuster mehr als Christinens verlegte Krone... Daher kommt dieses Interesse, woher es bei denen kommt, denen die Sache wirklich begegnet: weil ich sie weitlauftig erzahle, d.h. weil die Leser gleich den dabei interessierten Helden muhsam einen Augenblick der kindischen Historie um den andern uberleben. Viele kleine Schlage durchlochern den festesten Menschen so sicher als ein grosser, und es ist einerlei, ob sie das Schicksal oder ein Autor tut. So ist also der hiesige Mensch so nahe an den Zeiger der Zeit gestellt, dass er ihn rucken sehen kann; darum wird uns eine Kleinigkeit, wenn sie viele Augenblicke einnimmt, so gross, und das kurze Leben, das, wie unsre gemalte Seele im orbis pictus, aus Punkten besteht, aus schwarzen und goldnen, so lang. Und darum steht uberall, wie auf diesem Blatte, unser Ernst so nahe an unserem Lachen!

Flamin ausgenommen, ruckten sie alle in die Kirche, Pat' und Patchen: es war eine sogenannte Wochen-Betstunde, die in jedem vernunftigen Herzogtum und Markgraftum wird beibehalten werden, wo man noch darauf sieht, dass der Pfarrer wochentlich ein paarmal erfriert, und dass er, so wie Novizen zur Ubung der Obedienz verdorrte Stecken begiessen mussen, den Samen des gottlichen Wortes in leere Kirchenstuhle wirft, wie Melanchthon in leere Topfe. In den deutschen Landern meines und wenige ausgenommen gehoren zwei Jahrhunderte dazu, um eine vollstandige Narrheit abzuschaffen eines, um sie einzusehen noch eines, um sie abzuschaffen. Die Einsichten eines Konsistoriums werden allemal ein Jahrhundert fruher vernunftig als die Befehle (Cirkularia) desselben.

Im Eymannischen Gitterstuhle, dessen Ture mit der Sakristei ihrer fast einen rechten Winkel machte, fand Sebastian alle Blumen, wenigstens die Blatterskelette derselben wieder, die um seine schonen Kindertage gebluhet hatten uneigentliche und eigentliche , und die eigentlichen, die beschmutzt unter dem Fussschemel des Chorstuhls sich verkrochen, schlugen zu Blumen der Erinnerung wieder aus. Er dachte an seine kindischen Leiden darin worunter die Lange der Predigt und an seine kindischen Freuden, unter welche die Lange des Praludiums und Eymanns Knien auf der Mitte der Kanzeltreppe gehorte. Er schob das holzerne Gitterfenster zuruck und fand in dessen holzernem Gleise seinen Namenzug V.S.H. von eignen Handen eingesagt. Vom Kinde zum Jungling ist so weit! Und der Mensch verwundert sich uber die Ferne. "Ach damals" sagte Horion, und wir wollens mit ihm sagen "war dir noch alles unendlich, und nichts klein als dein Herz ach in jener warmen erquickenden Zeit, wo der Vater uns noch Gott der Vater und die Mutter die Mutter Gottes ist, druckte sich noch die von Geistern, Grabern und Sturmen beklemmte Brust getrostet an eine menschliche alle vier Weltteile waren in diese Kirche eingepfarret, alle Strome hiessen Rhein und alle Fursten Jenner ach! diesen schonen stillen Tag fasste ein goldner Horizont der unendlichen Hoffnung ein und ein Ring aus Morgenrot. Jetzo ist der Tag dahin und der Horizont hinab und bloss das Gerippe noch da: der Gitterstuhl."

Aber wenn wir schon jetzt in den Mittagstunden des Lebens so denken und seufzen: wie wird uns nicht am Abend, wo der Mensch seine Blumenblatter zusammenlegt und unkenntlich wird wie andre Blumen, am Abend, wo wir unten am Horizont in Westen stehen und ausloschen, wird uns da nicht, wenn wir uns umwenden und den kurzen, mit ertretenen Hoffnungen bedeckten Weg uberschauen, wird dann uns der Garten der Kindheit, der in Osten, tief an unserm Aufgange, und noch unter einem alten blassen Rote liegt, nicht noch holder anblicken, noch magischer anschimmern, aber auch noch weicher machen? Und darauf legt sich der Mensch nicht weit vom Grabe nieder auf die Erde und hofft hienieden nicht mehr.

Fur Eymann musst' es ruhrend sein, dass er, da er jahrelang fremde Kindbetterinnen in der Kirche einsegnete, einmal einer nahern seine Wunsche geben konnte. Viktor kroch in alle Knabensonntage und ihre Tauschungen dadurch zuruck, dass er heute wie im zehnten Jahr unter dem Singen der ganzen Gemeinde in die Sakristei zum Pfarrer ging und ihn fragte um die Blattseite des Lieds. Es labte ihn als Kind, dass es vier gehende Wesen im Tempel gab, den Pfarrer, den Schulmeister und den Renteimeister des Gotteskastens und ihn: gibt es etwas Erhabeners, dacht' er, als einen Klingelbeutelvater mit einer langen waagrechten Balancierstange allein einherwandelnd durch lauter befestigte Statuen?

Nach der Kirche fing sich das Fest an mit blossen Vorarbeiten dazu, wie ein Friedenschluss mit den Schlussen uber den neutralen Ort, uber den Rang u.s.w. Die Welt muss nur nicht denken, dass eher als um funf Uhr nachmittags etwas angehe, oder dass jemand fruher aus der prosaischen Wochen-Einkleidung in die poetische festliche wischen oder sich ruhig neben einen Nachbar niederlassen konne sondern nach der Prozessordnung der Lust muss jetzt alles hinauf , hinabrennen Apollonien, dieser Majorin domus, gehorchen die Bohnenstangen und SamenDuten aus dem Gartenhause tragen entpuppte Schmetterlinge daraus facheln und aufgewachte Brummfliegen das vorgeschossene Gezweig von den Fenstern zuruckbinden die Orangerie, die aus hundert Bluten eines Pomeranzenbaums bestand, aus dem Pfarrhause in die Garten-Strasse herunterheben, desgleichen ein invalides Klavier, dessen Sangboden nicht so oft als sein Saitenbezug gesprungen war... Der ernsthafte Flamin wurde vom larmenden Sebastian zu diesen Haupt- und Staatsaktionen mit gezwungen, und zwischen ihnen musste in dieser Vorjagd der Freude das gequalte Eymannische Gesicht arbeiten, an das Viktor die notigsten Ermahnungen hielt: "Herr Gevatter, wir konnen nicht ernsthaft und fleissig genug sein es kann von diesem Feste noch an Orten gesprochen werden, wo es Einfluss hat aber ein Mittelweg zwischen Furstenpracht und belgischer Knauserei wird, denk' ich, das vorteilhafteste Licht auf uns werfen." Es ging alles gut sogar das Gewolk zerwarf sich Klotilde wollte kommen der Primas des Festes, dem zu Ehren der Kirchgang war, der kleine Sechswochner, memorierte laut an seiner Rolle, die er nach funf Uhr zu machen hatte, und die, wie bei mehren Helden von Festlichkeiten, in nichts bestehen sollte als in Schlafen.

Das Memorieren bestand darin, dass er in einem fort wachte und schrie nach dem Busen, in dem der Schopfer ihm das erste Manna in der Lebenswuste bereit gelegt. Aber nicht eher als um funf Uhr stillte die Mutter ihn mit dem mutterlichen Schlaftrunk und liess den kleinen Sprecher Kehldeckel und Augendeckel miteinander schliessen. Anfangs hatt' ichs beinahe aus Achtung gegen die Pfarrerin unterdruckt, dass sie saugte und so, gleichsam wie ein Walfisch noch unter die Saugetiere gehorig, an ihrem Busen ein andres Kind ernahrte als den Amor; aber ich schmeichelte mir nachher, eine Person, die weder eine Theater- noch eine Kronprinzessin ist, werde nicht so strenge als andre beurteilt werden, wenn sie Kinder hat oder Milch....

Eh ich sage, dass Klotilde kam, will ich sie, da sie acht Quartiere hat wiewohl mancher Magnat, der sechzehn adlige Quartiere hat, doch noch ein siebzehntes gemauertes sucht, wo er schlaft , ein wenig entschuldigen, dass sie in ein burgerliches ging; es kommt ihr aber in der Tat nichts zustatten, als dass sie auf dem Lande war, wo oft das alteste Blut keinen bessern Umgang habhaft wird als burgerlichen, wenns nicht etwan Vieh ist, das auch einige nicht unkluge Kavaliere wirklich vorziehen....

Es schlagt funf Uhr die Schonste tritt herein der Mond hangt wie ein weisses Blutenblatt aus dem Himmel auf sie herab das freudige schuldlose Blut in St. Lune steigt wie die Flut unter ihm auf alles ist umgekleidet....

Aber das sechste Kapitel ist aus....

Und da der Spitz mit dem siebenten noch nicht da ist: so konnen ich und der Leser ein vernunftiges Wort miteinander reden. Ich gestehe, er schatzt mich und mein Tun lange, er sieht ein, alles ist im schonsten biographischen Gange, der Hund, meine Wenigkeit und die Helden dieser Hundtage. Ich habe auch nie abgeleugnet, dass er immer mehr von dem Glanz und Blitze dieser Fussgeburt werde geblendet werden; da ich so sehr daran wichse, reibe und bohne, mehr als an einem Menschenstiefel oder militarischen Rosshuf in Berlin Ja ich brauche aus keiner Tasse voll Kaffeesatz es mir erst wahrsagen zu lassen (denn ich erseh' es schon aus der menschlichen Natur und aus dem Kaffee, den ich trinke), dass das noch das Geringste ist, und dass die eigentliche Lesewut den guten Schelm erst dann befallen wird, wenn in diesem Werke, woran wie an der Basselisse zwei Arbeiter auf einem Stuhle sesshaft weben, die historischen Figuren dieser Basselisse samt ihrer Gruppierung von dem Fussballen bis zur Wirbelnaht hervorsteigen werden Jetzt ist ja kaum noch eine Ferse, ein Schienbein, ein Strumpf fertig gewurkt...

Aber wenn zwanzig bis dreissig Ellen am Werke werden abgewoben sein: dann konnen ich und mein Beisitzer das erwarten, was ich hier schildern will: des Teufels vollig wird der Leser sein mit Eilen einen Hundposttag hinauszubringen, lasset er sechs Schusseln kalt werden und den Nachtisch warm Doch was will dies sagen: ein leibhafter romischer Konig reite durch die Strasse, und ein Kanonendonner fahre hinterdrein, er horts nicht seine Ehehalfte gebe in seinem Lesekabinett einem ehelichen Uberbein das beste Abendessen, er siehts nicht das Uberbein selber halte ihm Teufelsdreck unter die Nase, es gebe ihm scherzend mit einem Waldhammer leichte Hiebe, er spurts nicht... so ausser sich ist er uber mich, ordentlich nicht recht bei Sinnen.

Das ist nun das Ungluck, dessen Gewissheit ich mir vergeblich zu verbergen suche. Ists einmal da, und bring' ich ihn unglucklicherweise in jene historische Hellseherei, wo er nichts mehr hort und sieht als meine mit ihm in Rapport gesetzte Personen, weder seinen Vater noch Vetter: so kann ich versichert sein, dass er einen Berghauptmann noch weniger hort denn Geschichte will er, und von mir weiss er gar nichts mehr ja ich will setzen, ich brennte die buntesten Feuerwerke des Witzes ab, ja es hingen aus meinem Maul philosophische Schlussketten, wie aus eines Taschenspielers seinem Bander, in Zaspeln heraus: hulf's mir was?

Dennoch mussen Bander heraushangen und Feuerwerke abbrennen; es soll aber so werden: Wie von jedem Jahre so viel Stunden ubrigbleiben, dass aus den Uberbleibseln von vier Jahren ein Schalttag zu machen ist und wie mir selber nach vier Hundposttagen allezeit so viel Nachschriften, so viel Witz und Scharfsinn ganz unnutz als Ladenhuter liegen bleiben, dass daraus recht gut ein eigner Schalttag zu machen ware: so soll er auch gemacht werden, sooft vier Hund-Dynastien voruber sind; nur dies braucht es noch, dass ich vorher mit dem Leser folgenden Grenzund Hausvertrag abschliesse und ratifiziere, also und dergestalt:

I. Dass von seiten des Lesers dem Berghauptmann auf St. Johannis fur ihn und seine Erben zugestanden und bewilligt werde, von nun an nach jedem vierten Hundposttage einen witzigen und gelehrten Schalttag, in dem keine Historie ist, zu verfertigen und drucken zu lassen.

II. Dass von seiten des Berghauptmanns dem Leser bewilligt wird, jeden Schalttag zu uberschlagen und nur die Geschichttage zu lesen wofur beide Machte entsagen allen beneficiis juris restitutioni in integrum exceptioni laesionis enormis et enormissimae dispensationi absolutioni etc. Auf dem Kongress zu St. Johannis den 4ten Mai 1793.

So lautet das echte Instrument des so bekannten Hund-Vertrags zwischen dem Berghauptmann und Leser, und diese Renunziationsakte kann und muss in zukunftigen Misshelligkeiten beider Machte von einem Mediateur oder einem Austragalgericht einzig zum Grunde gelegt werden.

7. Hundposttag

Der grosse Pfarr-Park Orangerie Flamins

Standes-Erhohung Fest-Nachmittag der

hauslichen Liebe Feuerregen Brief an Emanuel

Den Lord ausgenommen, sitzt schon alles im Pfarrgarten und passet auf mich; aber den Garten kennt noch kein Henker. Er ist eine Chrestomathie von allen Garten, und doch nicht grosser als die Kirche. Viele Garten sind wie er zugleich Kuchen-, Blumen-, Baumgarten; aber er ist noch ein Tiergarten wie er denn die ganze Fauna von St. Lune enthalt und noch ein botanischer mit der vollstandigen Flora des Dorfs ist er bewachsen und ein Bienen- und Hummelgarten sooft sie gerade hineinfliegen. Indessen sollte man doch solche kleinere Vorzuge gar nicht namhaft machen, wenn ein Garten wie er einmal den hat, dass er der grosste englische ist, durch den je ein Mensch schritt. Er verbirgt nicht nur sein Ende wie jeder Park gleich jeder Kasse tun muss , sondern auch seinen Anfang und scheint bloss die Terrasse zu sein, von der man in das hineinsehen kann, was man nicht ubersehen, aber wohl wie Cook umfahren kann. Im englischen Pfarrgarten sind nicht einzelne Ruinen, sondern ganze zerschlagene Stadte, und die grossten Fursten haben sich um die Wette beeifert, ihn mit romantischen Wusten und Schlachtfeldern und Galgen zu versorgen, an die noch dazu (das treibt die Tauschung hoher) wahre Spitzbuben gebunden sind als Fruchtgehange. Die Gebaude und Gestrauche verschiedener Weltteile sind darin nicht in eine widersinnige Nachbarschaft zusammengetrieben, sondern durch ordentliche Meere oder Wasserpartien nett auseinander gestossen, welches bei dessen Grosse leicht gewesen, da er uber neun Millionen Quadratmeilen halt und mit welchem Geschmack uberhaupt diese Massen aneinander gelagert sind, mogen die Leser daraus ermessen, dass alle Lords und alle Rezensenten der Literaturzeitungen und die Leser selber in den Garten gezogen sind und oft sechzig Jahre darin bleiben.

Der Pfarrer denkt, mit ihm auch als hollandischem Garten einige Ehre einzulegen, besonders durch eine Perucke aus Wasser, die nicht an einem Peruckenstock, sondern an einem Blechaufsatze hangt, und die so lockig springt, dass schon mehre Stadtpfarrer wunschten, sie konnten sie aufsetzen. SchmetterlingGlaskasten wendeten die Nachtkalte von fruhzeitigen Rosen aus Seide ab und von Fruhgurken aus Wachs. Gurken, die aus wahren Gurken bestanden, legte er unter allen Pastoren am fruhesten ein, um in die Angst zu geraten, sie konnten erfrieren; denn diese Angst musst' er haben, um sich zu freuen, wenn eine Glasflasche in seinem Hause zerbrochen wurde: er konnte dann den Eis- oder Glasberg, der in den Weinen leider jahrlich mit unserem Durste steigt, in den Garten tragen und mit dieser Mistglocke die Herzblatter uberbauen. Um wichtigere Beete fuhrte er einen bunten musivischen Scherbenrand; seine Familie war seine Randelmaschine, ich meine, sie musste ihm die wenigen Porzellantassen zerbrechen, die er brauchte, um mit diesem bunten Streuzucker ansehnlichere Partien zu heben, wie ein Furst sich mit den bunten, durch die Knopflocher seiner Vorzimmer gezognen Ordensbandern einfasset und beringet. Da er die Tassen nicht ganz um die Beete setzen konnte, sondern erst durch seine Scheidekunstler zerlegt: so muss ein Rezensent, der bei ihm isset, meinen Wink benutzen, um sichs zu erklaren, wenn ein solcher Lungensuchtiger nicht vor Zorn ausser sich ist, sobald sehr kostbares Geschirr zerbrochen wird; denn bloss bei elendem ist er seiner nicht machtig. Jede Ehefrau sollte ein solches Beet als Arndts Paradiesgartlein, als Schadelstatte fur Porzellan von geanderter Facon abstechen, zum Besten ihrer Seele, um bei Sinnen zu bleiben, wenn eine Tasse fallt "Schatz!" wurd' ich sagen, "halte dieses Ungluck wie eine Christin aus, es nutzt dir entweder dort in der Ewigkeit oder hier im Garten."

Nahe an einem Hause nehmen sich die hollandischen Gartenschnorkel mit ihrer hauslichen Winzigkeit besser aus als die erschutternde Natur mit ihrer ewigen Majestat. Eymanns geschnitzter Pfarrgarten war im Grunde bloss eine fortgesetzte Wohnstube ohne Dach und Fach.

Als der Pfarrer unsern Viktor im Garten herumzerrete, hatte der Gast beinahe vergessen, das Ideenmagazin im Garten zu loben, bloss weil er zu neugierig und zu warm der Ankunft Klotildens und ihrem Benehmen gegen seinen Freund entgegensah Zum Glukke fiel es ihm ein, dass der Pfarrer auf Rauchopfer und Rauchfasser sich spitze; er hinterging ein Lorbeerhoffendes Herz so ungern, dass er sich eben darum gern zu Personen von einigem Werte hielt, um seinem menschenfreundlichen Hange, zu loben, ohne Kosten der Wahrheit nachzugeben.

Viktor freuete sich auf Flamins und Klotildens Zusammenkommen: wie schon, dacht' er, wird auf sein und ihr stolzes Gesicht der Mondschein der weichen Liebe fallen! Und er hielt eine reichliche Duldung und Liebe fur ihre Liebe vorratig. Denn er hatte nicht nur so viel Einsicht in die Flucht unsrer Freuden, dass er kaum uber die tollsten zankte: sondern er konnte auch dem Handwerkgruss (oder der Methodologie) zweier Liebenden mit Vergnugen beiwohnen. "Es ist sehr toll" sagt' er in Gottingen "jeder gute Mensch tut seine Arme teilnehmend auf, wenn er Freunde oder Geschwister oder Eltern in den ihrigen sieht; wenn aber ein Paar verliebte Schelme vor uns am Seile der Liebe herumtanzen, und war's auf dem Theater, so will kein Henker Anteil nehmen sie mussten denn in einem Romane tanzen. Warum aber? Sicher nicht aus Eigennutz, sonst bliebe das holzerne Herz im Menschenklotz auch bei fremder Freundschaft, bei kindlicher Liebe fest genagelt sondern weil die verliebte Liebe eigennutzig ist, sind wirs auch, und weil sie im Roman es nicht ist, sind wirs auch nicht. Ich meines Orts denke weiter und mache mir von jedem verliebten Gespann, das mir begegnet, weis, es ware gedruckt und eingebunden, und ich hatte es vom Bucherverleiher fur schlechtes Lesegeld. Es gehort zur hohern Uneigennutzigkeit, sogar mit dem Eigennutz zu sympathisieren. Und vollends mit euch armen Weibern! Wusstet ihr oder ich denn in eurem vernahten, verkochten, verwaschnen Leben oft, dass ihr eine Seele hattet, wenn ihr euch nicht damit verliebtet? Manche von euch brachte in langen Tranenjahren ihr Haupt nie empor als am sonnenhellen kurzen Tage der Liebe, und nach ihm sank das beraubte Herz wieder in die kuhle Tiefe: so liegen die Wasserpflanzen das ganze Jahr ersauft im Wasser, bloss zur Zeit ihrer Blute und Liebe sitzen ihre heraufgestiegenen Blatter auf dem Wasser und sonnen sich herrlich und fallen dann wieder hinab."

Endlich trat Klotilde mit der Pfarrerin in einem Gesprache herein. Sie hatte einen Florhut mit einem schwarzen Spitzen-Fallgitter auf, das mit einem durchbrochnen Schatten ihr schones Angesicht zugleich verschonerte, teilte und verbarg. Aber ihr Auge vermied Flamins Auge und schlich ihm nur zuweilen denkend nach. Er bewies, dass gerade Leute vom grossten Mute den kleinsten gegen Schonheit zeigen er tat ihr nicht einen Schritt entgegen. Sie fragte unsern Viktor angelegentlich uber die Ankunft und uber das Befinden des Lords. Sie legte ihm dann mit der gewohnlichen medizinischen Unbestimmtheit ihres Geschlechts die Frage vor, ob eine solche Operation ofters so leicht gerate, und ob er vielen schon so viel wiedergegeben als seinem Vater; er verneinte beides, und sie seufzete unverhohlen. Seine ehrerbietige Entfernung von ihr ware durch die, worin sein Freund sich von ihr hielt, grosser geworden, hatt' er ihr nicht etwas zu geben gehabt Emanuels Zettel. Er konnte ihn nicht stehlen, da er ihr neulich schon die erste Zeile vorgesagt; zweitens musst' er ihn unter vier Augen nicht z.B. durch Agathen zustellen, weil er ihre bis an die ausserste Grenze getriebne Diskretion kannte. Klotilde gehorte unter die dem Lebensbeschreiber und dem Helden beschwerlichen Personen, die gern alles Kleine verbergen, z.B. was sie essen, wohin sie morgen gehen, die auf den Freund toll werden, wenn er ausplaudert, sie hatten voriges Jahr am Thomastage leichte Kopfschmerzen gehabt. Bei Klotilden kams nicht von Furcht, sondern von der dunkeln Ahndung, dass der, der gleichgultige Mysterien ausschwatze, endlich wichtige sage. Er fuhlte, ihres Stolzes ungeachtet, gegen sie einen machtigen Zug zur Aufrichtigkeit. Er fuhrte sie allein dem Pomeranzenbaume zu und gab ihr dort indem er ihr durch seine offenherzige Leichtigkeit die beschwerliche Verbindlichkeit fur ein Geheimnis ersparte das Blatt zuruck. Sie erstaunte, sagte aber sogleich: ihr Erstaunen gehe bloss ihre eigne Nachlassigkeit an d.h. sie glaubte ihm, hatt' aber irgendeinen Verdacht gegen ihre Schlossgenossen und gegen die Art, wie es in die Laube gekommen. Sie machte sich die Orangerie zunutze und drangte ihr beseeltes Angesicht in die Pomeranzenbluten. Viktor konnte unmoglich so dumm allein dort stehen er, noch ein wenig betroffen uber das Erstaunen und am Ende uber einen fast zu grossen Stolz, wurde auch lustern nach dem Pomeranzenweihrauch und hielt ihr darin sein Gesicht entgegen. Er hatte aber wissen sollen, dass einer, der an etwas riecht, nicht auf das Etwas blicke, sondern geradeaus. Er war also kaum mit seinen Geruchnerven in den Bluten, so schlug er seine Augen auf, und Klotildens grosse standen ihm offen entgegen; sie waren gerade in der wirksamsten und hochsten Erhebung von 45, man mag nun Augen oder Bogenschusse meinen. Er drehte seine Augapfel gewaltsam auf die Blatter nieder, sie trat, noch kluger, von der betaubenden Orangerie zuruck.

Gleichwohl war sie nicht verlegen; er hielt es fur Unrecht gegen Flamin, ihre Gesinnungen gegen ihn selber zu beobachten; aber so viel merkte er doch, dass die Sternwarte, auf der man die Sternbedeckungen ihres Herzens beobachten wollte, hoher sein musse, als gegen andre Weiber notig ist. Die Gewohnheit, bewundert zu werden, hatte sie gegen die Vorspieglung des Eindrucks ihrer Reize, mit der sich die Manner so oft die Aufmerksamkeit der weiblichen Eitelkeit erwerben, fest gemacht. Sie war, wie gesagt, nicht verlegen: sondern erzahlte ihrem Zuhorer noch etwas von Emanuels Charakter, was sie neulich vor so unheilige Ohren aus Achtung fur ihren Lehrer nicht bringen wollte dass er namlich gewiss glaube, er werde nach einem Jahre in der Johannis-Mitternacht sterben. Viktor konnte leicht erraten, dass sie es selber glaube; aber das erriet er nicht, dass diese Stolze aus blosser Weichheit des Herzens ihren Termin, zu Johannis aus Maienthal zu ziehen, beschleunigt habe, um nicht dem geliebten Menschen an dem Namentage des kunftigen Sterbetages zu begegnen. Zufolge ihrer Erzahlung hatte dieser Emanuel eine hart erhabne Stellung unter den Menschen: er war allein, an seiner Brust waren grosse Freunde gewesen aber alles war ihm unter die Erde gegangen darum wollt' er auch sich darunter verhullen. Die Jahre geben den sturmischen uberkraftigen Menschen eine schonere Harmonie des Herzens, aber den verfeinerten kalten Menschen nehmen sie mehr, als sie geben; jene Kraftherzen gleichen den englischen Garten, die das Alter immer gruner, voller, belaubter macht; hingegen der Weltmann wird, wie ein franzosischer, durch die Jahre mit ausgedorrten und entstellten Asten uberdeckt.

Viktor wurde angstlicher; jedes Wort, das er ihr abgewann, hielt er fur Tempelraub an seinem Freund, da ohnehin der letzte nicht so gut als er die Kunst verstand, mit einer Frau in ein Gesprach zu kommen. Jener hatte nicht den Mut zu glanzen, weil er dadurch um ihren Beifall mit seinem Freunde zu wetteifern besorgte. Sein Flamin kam ihm heute langer, schoner, besser vor; und er sich kurzer und dummer. Er wunschte tausendmal, sein Vater ware schon da, damit er ihm Flamins Bitte, ihm Klotildens Besitz leichter zu machen, mit dem grossten Feuer ubergeben konnte.

Endlich kam er, und Viktor atmete wieder voll. Der gute Mensch sucht oft durch aufopfernde Taten sein Gewissen wieder mit seinen Gelenken auszusohnen. Mit herzklopfendem Enthusiasmus wartete er auf die Minute der Einsamkeit. Ein Garten vereinzelt und verbindet Leute auf die leichteste Weise, und nur darin sollte man Geheimnisse verteilen; Viktor konnte bald in einer Laube, die sich an vier Kastanienbaumen mit Bluten-Geader uber den Menschen zusammennistete, mit geruhrtem Zittern seinen Vater umfassen und fur seinen Freund sprechen und gluhen mit Zunge und Herz. Des Lords Uberraschung war grosser als dessen Ruhrung. "Hier" (sagt' er) "ist deine Bitte auf eine andere Art langst erfullt; ich wollte dir aber das Vergnugen der Botschaft aufheben" und damit gab er ihm ein allerhochstes Handbillet, worin der Furst den praktizierenden Advokaten Flamin zum Regierungrat beruft.

Ein allerhochstes Handbillet ist das Tetragrammaton und Gnadenmittel, das die ubernaturlichen Wirkungen und Staats-Wunder tut; und der durchlauchtige Schreib-Daumen ist gleichsam ein zauberischer Diebs-Daumen, der die verschiedenen Rader der Staats-Repetieruhr, das Heberad, das Zifferblattrad, oft bloss den Zeiger voraus- oder zuruckstosset, je nachdem er eine Stunde fruher oder spater begehrt. Daher steigen oft Minister hinauf und schneiden sich einen solchen Diebs-Daumen fur ihre Taschen ab.

Sebastian wird von der Freude wie von Habakuks Engel beim Schopfe erfasst und durch den Garten gefuhrt und mit seiner Novelle an den ersten besten getrieben an den Kaplan, welcher mit einem narrischen Gesicht beschwor, es waren nur Finten von Viktor; aber der verhaltene Jubel sprengte ihm fast die zugebundene Ader auf. Viktor hatte keine Zeit, zu widerlegen; sondern eilte mit einer solchen Botschaft an das rechte Herz, in das sie gehorte ans mutterliche. Die Mutter konnte ihren Mund zu nichts als einem seligen Lacheln offnen, in das die Augen ihre Freudentropfen gossen. In der Natur ist keine Freude so erhaben ruhrend als die Freude einer Mutter uber das Gluck eines Kindes. Aber der Sohn, in dessen heutiger Seele dieser Sonnenblick des Schicksals notig war, wurde in der Uberraschung nicht sogleich gefunden.

Der Lord sprach unterdessen mit Klotilden wie mit seiner Tochter und gab ihr einen Brief von ihrer Mutter und die Nachricht seiner nahen Abreise. Sein von Achtung geleitetes und von Feinheit verschonertes mannliches Wohlwollen veredelte ihre Aufmerksamkeit auf seine Mienen, und als sie aus dem warmen leisen Gesprach mit glanzenden Augen ging, war ihre hohe Gestalt, die sich sonst ein wenig buckte, von einer Begeisterung zum erhabnen Wuchse aufgerichtet, und sie stand unendlich schon in dem Tempel der Natur, wie eine Priesterin dieses Tempels. Der Lord entfernte sich von ihr. Sie fand Flamin am TulpenK, und die Gottin des Glucks erschien ihm in der holdesten menschgewordnen Gestalt, um ihm ihr Geschenk zu liefern. Freilich setzte ihn hier die Zeitung und die Zeitungtragerin in gleiches Entzucken.

Die Freude hatte den ganzen Bienen-Garten in einem Schwarmsack zum Chaos zusammengeruttelt. Die schaumende Weingarung musste sich erst zum hellen stillen Entzucken abarbeiten. Der Lord ging der mit so vielen Ripienstimmen besetzten Dankbarkeit aus dem Wege und an seinen Wagen, als ihn die Mutter mit ihrer stummen Herzensfulle erreichte; aber sie konnte nichts aus der froh beschwerten Brust auf die Lippen heben als die demutigen Worte: "heute sei sein Geburttag, und sein Sohn wiss' es nicht und habe auch mit einer Entzuckung uberrascht werden sollen." Er wollte ihr mit einem dankbaren Lacheln entfliehen und sagte, dass er zum Fursten zuruckzueilen habe, der vielleicht auf eben diesen Tag eine so gutige Rucksicht genommen wie sie; allein Sebastian holte mit dem gefundnen Freund ihn an der Gartenschwelle ein, und der eilende Lord verspatete sich noch durch eine schnelle Umarmung seines Sohnes. Erst als er weg war, fasste die Mutter, die ihre Liebe zu entladen suchte, Viktors Hand zartlich an und vergass die Abrede und fragte: "O Teuerster! warum haben Sie ihm denn nicht Gluck gewunscht zu seinem Geburttage? Denn ich konnte ja nicht." Jetzo verstand und fuhlte er erst die schnelle Umarmung des Vaters und breitete die Arme nach ihm aus und wollte sie erwidern.

Daruber traf auch der alte Pfarrer aus dem Garten ein und sagte wie narrisch: "Ich wollt', er ware Regierungrat"; aber die Frau sagte, ohne darauf zu antworten, mit uberfliessender Stimme und Liebe zu ihm: "So ein Wiegenfest hast du noch nicht erlebt wie heute, Peter!" Agathe sah sie fragend und zurechtweisend an. "Fahre nur damit heraus"- sagte sie und umfing die zwei Kinder und zog beide in die vaterliche Umarmung hinein "und wunscht eurem guten Vater lange Tage und noch drei begluckte Kinder."

Der Vater konnte nichts sagen und streckte die Hand nach der Mutter entgegen, um die Gruppe des liebenden Edens zu runden. Viktors sympathetisches Blut haufte sich in sein Herz, um es in Liebe aufzulosen, und er dachte das stille Gebet: "Reisse nie diese verschlungnen Arme, du Allgutiger, durch ein Ungluck auseinander!" Aber Flamin zog sich bald aus der Verkettung und sagte zu Viktor mit dem dankbarsten Handedruck: "Du weisst nicht, wie unrecht ich dir immer tue." Der Kaplan dachte, er werde allen seine Ruhrung verstecken, wenn er sage: "Ich wollt', ich hatt' euch nicht betrogen. Ich habe zur Ader gelassen, es ist aber dumm hatt' ichs nur gewusst! hatt' ichs nur nicht! Wahrlich, da sehts selber!" Und als diese Maske nicht hinreichte, seine ganze geruhrte Seele zu bedecken, rief er der armen vergessenen Apollonia, die an der Haustur den erwachten Bastian schwenkte, uberlaut zu, herzukommen. Allein diese Arme, deren bloss entfernte freudige Teilnahme an der allgemeinen Annaherung unsern Viktor im Innersten ruhrte, zogerte scheu, bis die Mutter kam und sie schadlos hielt durch alles, was den Muttern nie vergolten wird. Aber erst als die Pfarrerin ihr Kind in ihren Armen und an ihren Lippen hatte, fuhlte sie, dass die gefangnen Flammen ihrer Gefuhle ihre Offnung fanden und ihr Herz seine Erleichterung.

O! dass der Mensch gerade zu der Zeit die schonste Liebe empfangt, wo er sie noch nicht versteht O, dass er erst spat im Lebensjahre, wenn er seufzend einer fremden Eltern- und Kinderliebe zusieht, hoffend zu sich sagt: "Ach meine haben mich gewiss auch so geliebt" ach dass alsdann der Busen, zu dem du mit dem Danke fur ein halbes Leben, fur tausend verkannte Sorgen, fur eine unaussprechliche, nie wiederkehrende Liebe eilen willst, schon zerdruckt liegt unter einem alten Grabe und das warme Herz verloren hat, das dich so lange geliebt! ...

In der hauslichen Gluckseligkeit sind die windstillen, zwischen vier engen Wanden vorgetriebnen bequemen Freuden nur der zufalligste Bestandteil: ihr Nerven- und Lebensgeist sind die lodernden Feuerquellen der Liebe, die aus den verwandten Herzen ineinander springen.

Die unwillkurliche Uberraschung hatte die willkurlichen vereitelt. Aber die Freudenflut hatte alle Personen zusammengestromt; und sie blieben noch in der vertraulichen Nahe, als jene wieder verlaufen war. Man setzte sich zum Gastmahl im Gartenhaus. Selten sind Schmause so wie dieser durch zwei ausserordentliche Vorzuge gewurzt, durch Mangel an Essen und Mangel an Platz. Nichts reizt den Appetit so sehr als die Besorgnis, er finde nicht satt. Es war von Sebastian ausgesonnen, dass fur jeden Gast nur das Leibgericht besorgt wurde fur den Pfarrer farcierte Krebse und Erdapfelkase fur Flamin Schinken fur den Helden das Gemuse vom guten Heinrich. Jeder wollte jetzo das Leibgericht des andern, und jeder subhastierte seines. Sogar die Damen, die sonst wie die Fische essen und nicht essen, bissen an. Der zweite berauschende Bestandteil, den sie in ihren Freudenbecher geworfen hatten, war der Tisch samt Gartenstube, wovon jener die Kost, diese die Kostganger nicht fasste. Sebastian hatte sich samt Agathen an ein Filialtischchen, das man aussen ans Fenster des Speisesaales gestossen, begeben, bloss um draussen mehr hineinzularmen und zu klagen als zu essen. Dieser Mutwille war im Grunde die verdeckte Bescheidenheit, welche befurchtete, drinnen auf Kosten der andern Gaste, des Lords wegen, gefeiert zu werden. Sein eignes Alleinsein vielleicht in einem schmerzlichen Sinn malte ihm die blode Appel vor, die als HerdVestalin erst von zuruckgehenden Speisen den Ruckzoll ass, bloss um zu versuchen, wie es andern geschmeckt. Er konnte den Gedanken dieser Abtrennung nicht langer erdulden, sondern nahm Wein und das Beste vom Nachtisch und trug es ihr in ihr KuchenWinterquartier hinein. Da er dabei auf seinem Gesicht statt seiner Munterkeit gegen Madchen, von der sie eine zu demutige Auslegung hatte machen konnen, den grossten hoflichen Ernst ausspannte: so war er so glucklich, einer von der Natur selber zusammengedruckten Seele die hier in keinem andern Blumentopf ihre Wurzeln herumtreibt als in einem Kochtopf, und deren Konzertsaal in der Kuche, und deren Spharenmusik im Bratenwender ist einen goldnen Abend gegeben zu haben und ein geluftetes Herz und eine frohe lange Erinnerung. Kein Boshafter werfe einer solchen guten Schneckenseele seine Faust in den Weg und lache dazu, wie sie sich hinuberqualt und der Aufgerichtete bucke sich gern und hebe sie sanft uber ihre Steinchen weg....

Klotilden anlangend, so gings vor dem Essen recht gut; aber nachher recht schlecht. Ich rede von Sebastian, der nach der beim Lord eingelegten Bittschrift froher und leichter war und mit Klotilden wahrhaftig so freimutig sprach, als ware sie eine Braut. Denn er hatt' es schon im Hannoverischen gesagt: "es gebe kein langweiligeres und heiligeres Ding als eine Braut, besonders eines Freundes seine; lieber woll' er an die murben Pandekten in Florenz oder an einen Wiener heiligen Leib im Glasschrank streifen und tippen als an sie." Uberhaupt wars schwer, sich in Klotilde zu verlieben; ich weiss, der Leser hatt' es nicht getan, sondern sich kalt wieder fortgemacht. "Ihre griechische Nase unter der fast mannlich breiten Stirne", hatt' er gesagt, " diese Schwester-Nase aller Madonnen und dieses seltne Grenzwildpret auf deutschen Gesichtern , ihre stillen, aber hellen Augen, die ausser sich nichts suchen, dieser britische Ernst, diese harmonische denkende Seele erheben sie uber die Rechte der Liebe. Wenn diese majestatische Gestalt auch lieben wollte: wer hatte den Mut, ihr seine darauf zu bieten, und wer ware so eigennutzig, um das Geschenk eines ganzen Himmels einzustecken, oder so stolz, um sein Herz als Dampfkugel in ihres zu schiessen und damit diese stille sinnende Heiterkeit zu benebeln?" Der Leser lieset sich selber gern.

Aber nach dem Essen gings anders. Unter Viktors Gehirnhauten hatte irgendein Poltergeist im innern Schriftkasten alle Lettern seiner Ideen so untereinander geworfen, dass er bisher lustig, aber unzufrieden war er hatte versucht, Agathens Haare auf- und abzulocken, ihre Doppelschleifen in ungleiche und eben darum wieder in gleiche Halften zu zerren aber es hatt' ihm nicht wie sonst gefallen die heutigen Zwischenspiele der hauslichen Liebe hatten seine ganze scherzende Seele aus den Fugen gezogen, und es war ihm, als wenn er, entfernt von der jetzigen Freude, wenigstens auf einige Minuten froher sein wurde in irgendeiner stillen Ecke, und besonders sehnt' er sich, die Sonne untergehen zu sehen.

Dazu kam noch mehr: der Anblick von Klotildens warmerer Liebe gegen Agathe der Anblick seines Freundes, der durch seine schweigende Zartlichkeit, durch seine mildere Stimme, durch eine an heftigen Menschen so unwiderstehliche Ergebenheit jedem Herzen befahl: liebe mich! und endlich der Anblick der Nacht...

Er war schon langst traurig, als er noch lustig schien. Jetzo brachte die Mutter den kleinen Held des heutigen Vormittags in den lauen Abendhimmel heraus. Sie standen alle ausserhalb der Garten-Stiftshutte, im ersten Tempel des andachtigen Menschen. In die Wolken floss das Abend-Blut der versinkenden Sonne, wie ins Meer das Blut seiner in der Tiefe sterbenden Riesen. Das lockere Gewolke langte nicht zu, den Himmel zu decken; es schwamm um den Mond herum und liess sein bleiches Silber aus den Schlacken blikken.

Das rote Gewolke schminkte den Saugling. Jeder fassete leise seine weichen Hande, die schon aus der Kissen-Knospe und Wickelbander-Verpuppung brachen. Klotilde anstatt an den Kleinen korperliche kokette Liebkosungen zu verschwenden, wie manche Madchen vor oder fur Mannspersonen tun goss einen fortstromenden Blick voll herzlicher Liebe auf den neuen Menschen nieder, band seine schneidenden Hemd-Armel auf, verbauete ihm den angeschielten Mond und sagte spielend: "Lachle her und liebe mich, Sebastian!" Sie konnte unmoglich metaphorische Rikoschet-Schusse in diese Zeile laden; auch wusste der grosse uneingewickelte Sebastian recht gut, dass sie keinen Doppelsinn vorausgesehen; ja er kannte die Regel, dass man aus der Angstlichkeit, womit einige gewisse Gedanken aus ihrem Sprechen bannen, die Gegenwart derselben in ihrem Kopfe errate. Gleichwohl hatt' er doch nicht den Mut, zu lacheln wie die andern, oder das von ihr beruhrte Handchen in seines zu nehmen. Sie kehrte sich zu ihm und sagte: "Aber wie lernt das Kind unsere Sprache, wenn es nicht schon eine kann?"

"Ich hab' es bloss aus Liebe zu den Weltweisen mit Schwabacher drucken lassen."

"Also muss", antwortete er, "die pantomimische Sprache gerade so viel bezeichnen wie die Ohrensprache. Sooft ich einen Taubstummen zum Abendmahl gehen sehe, denk' ich daran, dass aller Unterricht nichts in den Menschen bringe, sondern nur das Dagewesene bezeichne und ordne. Die Kindesseele ist ihr eigner Zeichenmeister, der Sprachlehrer der Kolorist derselben." "Wie," fuhr sie fort, "wenn dieser schone Abend einmal wieder vor die Erinnerung dieses Kleinen kame? Warum sieht das sechste Jahr schoner in der Erinnerung aus als das zwolfte, und das dritte noch schoner?" Eine schone Frau unterbricht man nicht so leicht wie einen Exdekan; sie durfte also darauf kommen: "Herr Emanuel sagte einmal, man sollte den Kindern in jedem Jahre ihre vergangnen erzahlen, damit sie einmal durch alle Jahre durchblicken konnten bis ins zweite neblichte hinein." Mir ist, als hort' ich die oben gedachte Hofdame leibhaftig sprechen, unter deren dunnen Blonden mehr Philosophie blieb als unter manchem Doktor-Filzhut, wie Quecksilber im Flor beklebt und durch Leder rinnt. Viktor antwortete mit der gewohnlichen Teilnahme seines guten Herzens: "Emanuel steht nahe am Menschen und kennt ihn Den umgaukelten Menschen fuhren zwei Prospektmalerinnen durch das ganze Theater, die Erinnerung und die Hoffnung in der Gegenwart ist er angstlich, das Vergnugen wird ihm nur in tausend lilliputische Augenblicke eingeschenkt wie dem Gulliver; wie soll das berauschen oder sattigen? Wenn wir uns einen vergnugten Tag vorstellen, so drangen wir ihn in einen einzigen freudigen Gedanken; kommen wir hinan, so wird dieser Gedanke unter den ganzen Tag verdunnt."

"Daran denk' ich," versetzte sie, "sooft ich durch Wiesen gehe: in der Ferne stehen Blumen an Blumen aber in der Nahe sind sie alle durch Gras auseinander geruckt. Aber am Ende wird doch auch die Erinnerung bloss in der Gegenwart genossen".... Viktor dachte bloss uber die Blumen nach und sagte vertieft: "Und in der Nacht sehen die Blumen selber wie Gras aus" als es plotzlich zu tropfen anfing.

Sie traten alle feierlich in das Gartenhaus, auf dessen Dache der Regen aufschlug, indes in die offline Fenster der auf- und zugedeckte Mond wie ein Gletscher seine Schneeblitze hineinwarf- der laue BlutenAtem der ganzen leuchtenden Landschaft hauchte jeden menschlichen Seufzer, jeden schweren Busen heilend an. In dieser engen Nahe, durch die mit dem Monde abwechselnde Nacht abgeschieden von der Natur, musste man zur Nachbarschaft, zum alten Klaviere fluchten. Klotildens Stimme konnte die FlotenBegleitung des aussern Regen-Gelispels sein. Die Pfarrerin bat sie darum, und zwar um ihre Lieblingarie aus Bendas Romeo: "Vielleicht, verlorne Ruh'! vielleicht find' ich dich im Grabe wieder" etc., ein Lied, dessen Tone wie feine auflosende Dufte in das Herz durch tausend Offnungen dringen und darin beben und immer starker beben, bis sie es endlich zerzittern und nichts von ihm in der harmonischen Vernichtung ubrig lassen als Tranen.

Klotilde willigte ohne zogernde Eitelkeit in das Singen ein. Aber fur Sebastian, in welchem alle Tone an nackte zitternde Fuhlfaden schlugen, und der sich schon mit den Gesangen der Hirten auf dem Felde traurig machen konnte, war dieses an einem solchen Abend fur sein Herz zu viel: wahrend der musikalischen Aufmerksamkeit der andern musst' er zur Ture hinausgehen...

Aber hier unter dem grossen Nachthimmel konnen unter hohere Tropfen ungesehen seine fallen Welche Nacht! Hier schlagt ein Glanz uber ihn zusammen, der Nacht und Himmel und Erde aneinanderreiht, die magische Natur drangt sich mit Stromen ein ins Herz und macht es gewaltsam grosser. Oben fullet Luna die wehenden Wolken-Flocken mit flussigem Silber an, und die getrankte Silberwolle zittert herab, und Glanzperlen rinnen uber glattes Laub und stocken in Bluten, und das himmlische Gefilde perlt und glimmt Durch dieses Eden, woruber ein doppeltes Schneegestober von Funken und von Tropfen zwischen einem Staubregen von Blutenduften spielte und wirbelte, und worin Klotildens Tone wie verirrte Engel sinkend und steigend umherflogen, durch dieses Zauber-Gewimmel wankte Viktor geblendet uberstromt zitternd und weinend hin und sank mude in die Laube nieder, wo er heute am Herzen seines Vaters gewesen war. Er uberdachte das Winterleben dieses guten Vaters unter lauter Fremdlingen des Herzens und dessen bange Feier des heutigen Tages und den kalten leeren Raum in der vaterlichen Brust, den sonst die verlorne Gestalt der Geliebten bewohnet hatte und er sehnte sich schmerzlich an das Herz der unsichtbaren Mutter. Er hob das angelehnte Haupt in den Regen auf, und aus den weiten offnen Augen fielen fremde Tropfen nicht allein. Er gluhte durch sein ganzes Ich, und Nachtwolken sollten es kuhlen. Seine Fingerspitzen hingen leise ineinander gefaltet nieder. Klotildens Tone tropften bald wie geschmolzene Silberpunkte auf seinen Busen, bald flossen sie wie verirrte Echo aus fernen Hainen in diesen stillen Garten herein. Er nannte nichts er dachte nichts er sprach sich nicht los, er klagte sich nicht an er sah es wie im Traume, wenn bald eine dicke Nacht uber den Garten rannte, bald ein Lichtmeer ihr nachschoss.

Aber ihm war, als wollte seine Brust aufspringen, als war' er selig, wenn er jetzt geliebte Menschen umschlingen und an ihnen im seligen Wahnsinn seinen Busen und sein Herz zerquetschen konnte. Ihm war, als war' er uberselig, wenn er jetzo vor irgendeinem Wesen, vor einem blossen Gedankenschatten hingiessen konnte all sein Blut, sein Leben, sein Wesen. Ihm war, als musst' er in Klotildens Tone schreien und die Arme um Felsen drucken, um nur das peinliche Sehnen zu betauben.

Er horte die Blatter tropfen und hielt es noch fur Regen. Aber der Himmels-Staubbach hatte sich versprungen, und bloss Lunens Lichtfall ubersprengte noch die Gegend. Der Himmel war tief blau. Agathe hatt' ihn unter dem Regen gesucht, und jetzt erst gefunden. Er wachte auf, ging folgsam und schweigend mit ihr hinaus und begegnete lauter ausgeheiterten Himmels-Gesichtern da zuckten alle seine Nerven, und er musste sich mit einer stummen Verbeugung schmerzhaft-freundlich entfernen. Jeder hatte andere Gedanken daruber. Aber die Pfarrerin sagte der Gesellschaft, er hore die Musik gern von ferne, nur mache sie ihn allemal zu melancholisch.

Ach in seinem Zimmer umfing ein glucklicher trostender Gedanke seine Seele. Klotildens Grablied und alles befestigte die Gestalt des erhabnen Emanuels vor sein Auge diese schien zu sagen: "In einem Jahre bin ich schon unter der Erde, komme nur zu mir, Armer, ich will dich so lange lieben, bis ich sterbe!" Ohne ein Licht zu begehren, schrieb er mit stromenden Augen, denen ohnehin keines geholfen hatte, dieses Blatt an Emanuel:

"Emanuel!

Sage nicht zu mir: ich kenne dich nicht! Warum kann der Mensch auf dem schmalen Sonnenstaubchen Erde, auf dem er warm wird, und wahrend der schnellen Augenblicke, die er am Pulse abzahlt, zwischen dem Blitze des Lebens und dem Schlage des Todes, noch einen Unterschied machen unter Bekannten und Unbekannten? Warum fallen die kleinen Wesen, die einerlei Wunden haben, und von denen die Zeit das namliche Mass zum Sarge nimmt, nicht einander ohne Zogern mit dem Seufzer in die Arme: 'Ach wohl sind wir einander ahnlich und bekannt'? Warum mussen erst die Fleischstatuen, worein unsre Geister eingekettet sind, zusammenrucken und einander betasten, damit die darin vermummten Wesen sich einander denken und lieben? Und doch ists so menschlich und wahr: was nimmt uns denn der Tod anders als Fleischstatuen als das geliebte Angesicht unsern Augen als die teuere Stimme unsern Ohren und die warme Brust der unsrigen? ... Ach Emanuel! sei fur mich kein Toter! Nimm mich an! Gib mir dein Herz! Ich will es lieben! Ich bin nicht sehr glucklich, mein Emanuel! Da mein grosser Lehrer Dahore dieser glanzende Schwan des Himmels, der, vom zerknickten Flugelgelenk ans Leben befestigt, sehnend zu andern Schwanen aufsah, wenn sie nach den warmern Zonen des zweiten Lebens zogen aufhorte an mich zu schreiben: so tat ers mit den Worten: 'Suche mein Ebenbild! Deine Brust wird so lange bluten, bis du mit einer andern die Narben bedeckst, und die Erde wird dich immer starker schutteln, wenn du allein stehst und nur um den Einsamen schleichen Gespenster.' Emanuel, bist du nicht ruhig und sanft und nachsichtig? Sehnet sich deine Seele nicht, alle Menschen zu lieben, und ist ihr nicht ein einziges Herz zu enge, in das sie mit ihrer Liebe wie eine Biene in eine eingeschlafene Tulpe eingeschlossen ist? Hast du nicht satt das Repetierwerk unseres Freuden- und Trauergelautes, die Familienahnlichkeit aller Abende und Zeiten? Schauest du nicht von dieser dahingerissenen Erde hinaus auf deinen langen Weg uber dir, damit dich nicht ekle und schwindle, wie man eben deswegen aus dem Wagen auf die Strasse sieht? Glaubst du nicht an Menschen, um welche die Bergluft einer hohern Stellung geht, und die oben auf ihrem Berge mitten in einem stillen Himmel stehen und herunterschauen in die Donner und Regenbogen an der Erde? Glaubst du nicht an Gott und suchst seine Gedanken auf in den Lineamenten der Natur und seine ewige Liebe in deiner Brust? -Wenn du das alles bist und denkst, so bist du mein; denn du bist besser als ich, und meine Seele will sich heben an einem hohern Freund. Baum des hohern Lebens, ich umfasse dich, ich umstricke dich mit tausend Kraften und Zweigen, damit ich aufsteige aus dem zertretenen Kot um mich! Ach von einem grossen Menschen konnte ich geheilt, gestillet, erquickt, erhoben werden ich Armer, nur an Wunschen reich zerruttet vom Kriege zwischen meinen Traumen und meinen Sinnen wund hin- und hergeschlagen zwischen Systemen, Tranen und Narrheiten anekelnd die Erde, die ich mir nicht ersetzen kann, lachend uber die weinerliche Komodie bloss aus Jammer, und der widersprechendste, betrubteste und lustigste Schatten unter den Schatten in der weiten Nacht.... O! schone, gute Seele, liebe mich!

Horion."

Den Kopf auf die Hand gestutzt, liess er so lange seine Tranen, ohne zu denken und ohne zu sehen, rinnen, bis die Natur ein Ende machte. Dann trat er ans Klavier und sang unter dessen Begleitung die heftigsten Stellen seines Briefes ab; was ihn stark bewegte, trieb ihn allezeit zum Singen an, besonders der Affekt der Sehnsucht. Was kann es uns verschlagen, dass es Prose war?

Bei der letzten Zeile seines Briefgesanges ging langsam die Ture auf: "Du bists?" sagte eine Stimme. "Ach komm herein, Flamin!" antwortete er. "Ich wollte nur sehen, ob du zuruck warest", sagte Flamin und ging.

Ich denke, es ist notig, dass ich wenigstens folgendes dazwischenwerfe; dass namlich Viktor zu viel Phantasie, Laune und Besonnenheit besass, um nicht, wenn diese drei Saiten zugleich erschuttert wurden, lauter Dissonanzen anzugeben, die bei mehr harmonischen Intervallen dieser Krafte14 weggeblieben waren dass er daher mehr Neigung zu Schwarmereien und zu Schwarmern hatte als Ansatz dazu dass seine negativ-elektrische Philosophie mit seinem positivelektrischen Enthusiasmus immer um das Gleichgewicht zu kampfen hatte und dass aus dem Aufbrausen beider Spiritus nichts wurde als Humor dass er alle Freuden-Nelken auf dem namlichen Beete haben wollte, obgleich eine die Farbe der andern verfalschte (z.B. Feinheit und Enthusiasmus, Erhebung uber die Welt und Ton der Welt) dass daraus ausser der Laune und hochsten Toleranz auch ein unbewegliches schweres Gefuhl der Nichtigkeit unserer voruberstreichenden und mit einer solchen Kontrarietat der Farben entworfnen innern Zustande werden musste und dass er, den der Schlimme fur doppelseitig und der Gutmutige fur veranderlich halt, nichts zum Schmukken und Runden seines in so viel Holz versteckten neuen Adams oder Palladiums bedurfe als die Sense der Zeit Zeit also.

8. Hundposttag

Gewissens-Examinatorium und Dehortatorium die

Studier-Flitterwochen eines Gelehrten das

Naturalienkabinett eingepacktes Kinn Antwort

von Emanuel Ankunft des Fursten

Ich wollte, die Historie ware aus, damit ich sie konnte drucken lassen; denn ich habe schon zu viele Pranumeranten darauf unter dem gemeinen Volk. Ein Schriftsteller nimmt in unsern Tagen Vorausbezahlung auf sein Buch vom schlechtesten Kerl an der Schneider tut seinen Vorschuss in Kleidern, der Friseur in Puder, der Hauswirt in Studierstuben.

Jeden Morgen hunzte sich Viktor unter der Bettdecke aus wegen des Abends; das Bette ist ein guter Beichtstuhl und die Audienza des Gewissens. Er wunschte, der gestrige Garten-Verein hielte ihn fur einen wahren Narren anstatt fur einen Liebhaber. "Ach wenn gar Flamin selber sich mit Misstrauen krankte, und wenn unsre Herzen, die so lange geschieden waren, schon jetzo wieder es wurden!" Hier wurde die Bettlade aus einem Beichtstuhl ein feuriger Ofen. Aber ein Engel legte sich zu ihm hinein und blies die Lohe weg: "Was hab' ich denn aber getan? Hab' ich nicht fur ihn mit tausend Freuden gesprochen, gehandelt, geschwiegen? Kein Blick, kein Wort ist mir vorzuwerfen was denn noch sonst?"

Der Engel des Lichts oder Feuers musste jetzt entsetzlich gegen die vorwedelnde Flamme blasen.

"Sonst noch? Gedanken vielleicht, die aber, wie Feldmause, der Seele unter die Fusse springen und sich wie Ottern anlegen. Aber durfen mir denn die Kantianer ansinnen, dass ich das kleine Bild der schonsten und besten Gestalt, die ich in dreier Herren Landen bisher vergeblich zitierte, einen solchen Raffaels-Kopf, eine solche Paradieses-Antike zum Fenster hinauswerfe aus der Villa meines Kopfes wie Apfelschalen und Pflaumenkerne? Mich wurd' es von den Kantianern wundern. Und wenns drinnen stehen bleiben soll, soll ich denn ein Vieh sein, ihr Katecheten, und es kalt anglotzen? Ich mag nicht! Ja ich will mir selber trauen und von dem schonsten Herzen sogar die Freundschaft fodern und ihm doch die Liebe lassen." Lieber Leser, unter diesem ganzen summarischen Prozess vor der Gesetzkommission des Gewissens hab' ich uber dreissigmal zu mir gesagt: "Ihr beide, du und der Leser, seid um kein Haar ehrlicher gegen das Gewissen!"

Er zog sich langsam am Bettzopf aus dem Bette, das er sonst mit einem Sprunge verliess: es stockte ein Ideenrad in ihm. Er las seinen gestrigen Brief und fand ihn zu sturmisch: "Das ist eben", sagte er, "unsre Nichtigkeit, dass alles, was der Mensch fur ewig halt, in einer Nacht erfriert; uber unser Gesicht laufen die heftigsten Zuge nicht schneller und spurloser als uber unser Herz Warum bin ich denn heute nicht, was ich gestern war und vielleicht morgen sein werde? Was gewinnt der Mensch durch dieses Aufund Unterkochen? Und auf was kann er in sich denn bauen?"

Unterdessen hatte sich das Feuerrad der Erdenzeit, die Sonne, giessend heraufgedreht und brannte am Ufer der Erde. Er riss das Fenster auf und wollte die unbedeckte Brust im frischen Morgenwinde baden, und das heisse Auge im roten Meer Aurorens; aber etwas in ihm drangte sich wie ein Nachgeschmack zwischen den Genuss des Morgenlandes. Ein guter Mensch ist unter den Gewissensbissen kunftiger Handlungen durchaus zum Genusse verdorben.

Es stieg in ihm eine ubermannende Ruhrung langsam auf die gestrige Nacht trug wieder ihren leuchtenden Regen, sein brausendes Herz und Emanuels Schatten voruber er lief immer starker und zwar in die Quere durchs Zimmer strickte den Schlafrock knapper an schuttelte etwas aus dem Auge tat einen steilrechten Sprung schnellte ein "Nein!" hervor und sagte mit einem unaussprechlich-heitern Lacheln: "Nein! ich will meinen Flamin nicht betrugen! Ich will sie weder suchen noch meiden und ihre Freundschaft nicht eher begehren als zur Zeit seines hochsten Glucks. Wie dich da15, so will ich die himmlische Glanzbuste anschauen, und nicht begehren, dass sie Warme annehme und das kalte Gipsauge auf mich wende. Aber du, mein Freund, sei glucklich und ganz selig und merke nicht einmal meinen Kampf!"

Jetzt erst erheiterte ihn der Kirchenschmuck des Morgens, und die Morgenluft floss wie ein kuhles Halsgehenk auf seinem heissen Busen umher und legte spielend Haar und Busenstreif zuruck. Er fuhlte, nun sei er wert, an Emanuel geschrieben und an den Himmel geschauet zu haben...

Flamin trat ein mit einiger Kalte, die vom erblickten Brief noch etwas stieg. Viktor war nicht kalt zu machen; bloss als man unten ihn mit keinem Wort an seine gestrigen Dithyramben erinnerte: tat er aus Besorgnis, erraten zu sein, einen zornigen versteckten Schwur, wenn sie kame, nicht zu kommen welches auch zu machen war, denn sie kam nicht. Sie hatte in Maienthal noch Gepack abzuholen, Freundschaften zu begiessen und noch einmal in den Zauberkreis ihres geliebten Lehrers zu treten; und war also dahin abgegangen.

Die nachsten Wochen tanzten jetzt wie ebenso viele Horen in Anglaisen und Kotillons vor Sebastian vorbei. Seine Vormittage hingen voll Fruchte, seine Nachmittage voll Blumen; denn am Morgen wohnte seine Seele mit ihren Anstrengungen in seinem Kopfe, gegen Abend in seinem Herzen. Abends liebt man Karten-Gedichte Aufrichtigkeit Weiber Musik recht sehr, morgens recht wenig; in der Geisterstunde ist jene Liebe am allerstarksten.

Zwei Sorgen ausgenommen die erste war, ob sein Emanuel ihm bald genug schreiben wurde, damit er ihn vielleicht noch besuchen konnte, eh' er an die Deichsel des Hof- und Staatswagens geschirrt ware; die zweite war: letztes zu bald zu werden hatt' er jetzt fast nichts zu tun, als glucklich zu sein oder glucklich zu machen; denn in diese Wochen fielen gerade seine stillen oder Sabbatwochen ein...

Ich weiss nicht, ob sie der Leser schon kennt: sie stehen nicht im verbesserten Kalender; aber sie fallen regelmassig (bei einigen Menschen) entweder gleich nach der Fruhling-Tag- und Nachtgleiche oder in den Nachsommer.

Bei Viktor war das erste, gerade mitten im Fruhling. Ich brauch' es nicht auszumitteln, ob der Korper, das Wetter, oder wer diesen Gottesfrieden in unserer Brust ein laute: sondern schreiben soll ichs, wie sie aussehen, die Sabbatwochen. Ihre Gestalt ist genau diese: in einer stillen oder Sabbatwoche (manche, z.B. ich, werden gar nur mit Sabbattagen oder stunden abgefertigt) schlummert man erstlich leicht wie auf gewiegten Wolken-Man erwacht wie ein heiterer Tag Man hatte sich abends vorher gewiss vorgenommen und es deswegen in Chiffern an die Ture geschrieben, sich zu bessern und das Jatemesser alle Tage wenigstens an ein Unkraut-Beet anzusetzen Beim Erwachen will mans noch und setzet es wirklich durch Die Galle, dieser auf brausende Spiritus, der sonst, wenn er, statt in den Zwolffingerdarm, in das Herz oder Herzblut gegossen wird, mit Wolken aufsiedet und zischt, wird in wenigen Sekunden eingesogen oder niedergeschlagen, und der erhohte Geist fuhlt ruhig das korperliche Aufwallen ohne seines In dieser Windstille unserer Lungenflugel spricht man nur sanfte, leise Worte, man fasset liebend die Hand eines jeden, mit dem man spricht, und man denkt mit zerfliessendem Herzen: ach ich gonnte euchs allen wohl, wenn ihr noch glucklicher waret als ich Am reinen gesunden stillen Herzen schliessen sich, wie an den homerischen Gottern, leichte Wunden sogleich zu "Nein!" (sagst du immerfort in der Sabbatwoche) "ich muss mich noch einige Tage so ruhig erhalten." Du verlangst zum Stoff der Freude fast nichts als Dasein, ja der Sonnenstich einer Entzuckung wurde diesen kuhlen magischen durchsichtigen Morgen-Nebel in ein Gewitter verdichten Du siehst immerfort hinauf ins Blaue, als mochtest du danken und weinen, und umher auf der Erde, als wolltest du sagen: "Wo ich auch heute ware, da ware ich glucklich!" und das Herz voll schlafender Sturme tragst du, wie die Mutter das entschlummerte Kind, scheu und behutsam uber die weichen Blumen der Freude. Aber die Sturme fahren doch auf und greifen nach dem Herzen! ...

Ach was mussen wir nicht alle schon verloren haben, wenn uns die Gemalde seliger Tage nichts abgewinnen als Seufzer! O Ruhe, Ruhe, du Abend der Seele, du stiller Hesperus des muden Herzens, der allezeit neben der Sonne der Tugend bleibt wenn unser Inneres schon vor deinem sanften Namen in Tranen zerrinnt: ach ist das nicht ein Zeichen, dass wir dich suchen, aber nicht haben?

Viktor verdankte die Sieste seines Herzens den Wissenschaften, besonders der Dichtkunst und der Philosophie, die beide sich wie Kometen und Planeten um dieselbe Sonne (der Wahrheit) bewegen und sich nur in der Figur ihres Umlaufs unterscheiden, da Kometen und Dichter bloss die grossere Ellipse haben. Seine Erziehung und Anlage hatte ihn an die Lebensund Feuerluft der Studierstube gewohnt, die noch die einzige Schlafkammer (Dormitorium) unserer Leidenschaften und das einzige Profess-Haus und der Gluckhafen der Menschen ist, die dem breiten Strudel der Sinne und Sitten entgehen wollen. Die Wissenschaften sind mehr als die Tugend ihr eigner Lohn, und jene machen der Gluckseligkeit teilhaftig, diese nur wurdig; und die Preismedaillen, Pensionen und positiven Belohnungen und der Inventiondank, die viele Gelehrte fur ihr Studieren haben wollen, gehoren hochstens den literarischen dienenden Brudern, die sich dabei abmartern, aber nicht den Meistern vom Stuhle, die sich dabei entzucken. Ein Gelehrter hat keine lange Weile; nur ein Thron-Insass lasset sich gegen diese Nervenschwindsucht hundert Hof-Feste verschreiben, Gesellschaftkavaliere, ganze Lander und Menschenblut.

Du lieber Himmel! ein Leser, der in Viktors Sabbatwochen eine Leiter genommen hatte und an sein Fenster gestiegen ware: hatte der etwas anders darin erblickt als ein jubelndes Ding, das auf den wissenschaftlichen Feldern wie unter seligen Inseln umherglitt? Ein Ding, das entzuckt nicht wusste, sollt' es denken oder dichten oder lesen, besonders was? oder wen? aus dem ganzen vor ihm stehenden hohen Adel der Bucher. In dieser Brautkammer des Geistes (das sind unsere Studierstuben), in diesem Konzertsaal der schonsten aus allen Zeiten und Platzen versammelten Stimmen hinderten ihn die asthetischen und philosophischen Lustbarkeiten fast an ihrer Wahl; das Lesen riss ihn ins Schreiben, das Schreiben ins Lesen, das Nachdenken in die Empfindung, diese in jenes

Ich konnte in dieser Schilderung vergnugter fortfahren, wenn ichs vorher hatte geschrieben gehabt, wie er studierte: dass er namlich nie schrieb, ohne sich uber dieselbe Sache voll gelesen zu haben, und umgekehrt, dass er nie las, ohne sich vorher daruber hungrig gedacht zu haben. Man sollte, sagte er, ohne einen heftigen aussern, d.h. innern Anlass und Drang nicht bloss keine Verse machen, sondern auch keine philosophischen Paragraphen, und keiner sollte sich hinsetzen und sagen. "Jetzt um drei Uhr am Bartholomaustag will ich doch druber her sein und folgenden Satz geschickt prufen." Ich kann jetzo fortfahren.

Wenn er nun in diesem geistigen Laboratorium, das weniger der Scheidekunst als der Vereinkunst diente, vom Turmalin an, der Aschestaubchen zieht, bis zur Sonne, die Erden zieht, und bis zur unbekannten Sonne, an welche Sonnensysteme anfliegen, aufstieg oder wenn ihm die anatomischen Tabellen der perspektivische Aufriss einer gottlichen Bauart waren, und das anatomische Messer zum Sonnenweiser seiner Lieblingwahrheit wurde: dass es, um einen Gott zu glauben, nicht mehr bedurfe als zweier Menschen, wovon noch dazu einer tot sein konnte, damit ihn der lebende studiere und durchblattere16 oder wenn ihn die Dichtkunst als eine zweite Natur, als eine zweite Musik sanft emporwehte auf ihrem unsichtbaren Ather, und er unentschlossen wahlte zwischen der Feder und der Taste, sobald er in der Hohe reden wollte kurz, wenn in seiner Himmelkugel, die auf einem Menschen-Halswirbel steht, der Ideen-Nebel allmahlich zu hellen und dunkeln Partien zerfiel und sich unter einer ungesehenen Sonne immer mehr mit Ather fullte, wenn eine Wolke der Funkenzieher der andern wurde, wenn endlich das leuchtende Gewolk zusammenruckte: dann wurde vormittags um 11 Uhr der innere Himmel (wie oft draussen der aussere) aus allen Blitzen eine Sonne, aus allen Tropfen wurde ein Guss, und der ganze Himmel der obern Krafte kam zur Erde der untern nieder, und... einige blaue Stellen der zweiten Welt waren fluchtig offen.

Unsere innern Zustande konnen wir nicht philosophischer und klarer nachzeichnen als durch Metaphern, d.h. durch die Farben verwandter Zustande. Die engen Injurianten der Metaphern, die uns statt des Pinsels lieber die Reisskohle gaben, schreiben der Farbengebung die Unkenntlichkeit der Zeichnung zu; sie solltens aber bloss ihrer Unbekanntschaft mit dem Urbilde schuldgeben. Wahrlich der Unsinn spielt Versteckens leichter in den geraumigen abgezogen Kunstwortern der Philosophen da die Worte, wie die sinesischen Schatten, mit ihrem Umfange zugleich die Unsichtbarkeit und die Leerheit ihres Inhalts vermehren als in den engen grunen Hulsen der Dichter. Von der Stoa und dem Portikus des Denkens muss man eine Aussicht haben in die epikurischen Garten des Dichtens.

In drei Minuten bin ich wieder bei der Geschichte. Er musste, sagte Viktor, Berg-, Garten- und Sumpfwiesen haben, weil er drei verschiedne narrische Seelen besasse, die er auf verschiedene Landereien zur Weide treiben musste. Er meinte damit nicht, wie die Scholastiker, die vegetative, sensitive und intellektuelle Seele noch, wie die Fanatiker, die drei Teile des Menschen: sondern etwas recht Ahnliches, seine humoristische, empfindsame und philosophische Seele. Wer ihm eine davon wegnahme, sagt' er, der mochte ihm immer auch die restierenden gar ausziehen. Ja zuweilen, wenn gerade die humoristische auf der umwechselnden Querbank obenan sass, trieb er den Leichtsinn so weit, dass er den Wunsch ausserte, in Abraha Schoss wurde Spass gemacht, und er konnte sich auf die zwolf Stuhle mit seinen drei Seelen zugleich niederlassen.

Seine Nachmittage ubergab er bald einer stromenden Laune, die ihre rechten Zuhorer nicht einmal fand bald den Pfarrleuten bald der ganzen St. Luner Schuljugend, deren Magen er (zur Argernis eines jeden guten Schulmeisters) mehr als ihre Kopfe verproviantierte, weil er glaubte, in den kurzen Jahren, wo das Geiferfleckchen sich ausbreitet bis zu einem Tellertuche, nehme das Vergnugen seinen Weg uber die Kinderserviette und habe keinen andern Eingang als den Mund. Er ging nie ohne eine ganze Operationkasse voll kleines Geld in der Weste aus: "Ich verteil' es ohne allen Verstand," sagt' er; "aber wenn aus diesem herumgesaeten metallischen Samen ganze Freudenabende fur arme Teufel aufgehen; und wenn sie gerade die Unschuldigen so selten haben: warum will man nicht fur die geschonte Tugend und fur die Freude zugleich etwas tun?"

Er sagte, er habe Moral gehort und verlange fur seine aussergerichtlichen Schenkungen und milden Stiftungen nichts als Verzeihung. Sein Flamin, der ihn fur eine sorglose Saemaschine auf Felsen erklarte, verbrachte seine kleinen Ferien bis zu dem Sessiontisch in gluhenden Hoffnungen, an diesem Tische zu nutzen, und in Vorbereitungen, um es zu konnen; oft wenn der hohere Patriotismus mit Heiligenschein und Mosis-Glanz aus dem Angesicht des geliebten Flamins hervorbrach, so standen Tranen der freudigen Freundschaft in Viktors Augen, und im Augenblick einer lyrischen Menschenliebe schworen sich beide an ihren Herzen fur die Zukunft gegenseitige Unterstutzung im Gutestun und gemeinschaftliche Aufopferungen fur die Menschen zu. Ihr Unterschied war bloss wechselseitige Ubertreibung Flamin war gegen Laster zu intolerant, Viktor zu tolerant jener verwarf als Regierungrat wie Anabaptisten alle Feste und wie die ersten Christen alle Blumen (in jedem Sinn) dieser liebte gleich den Griechen beides zu sehr jener hatte der Ehre Menschenopfer gebracht dieser kannte keinen Ehrenrauber als das eigne Herz, er sprang uber den papiernen Halb-Adel unserer jammerlichen Ehrenpunkte am Teetisch hinweg und war, spottend uber den Spott, nur dem hoben Adel der Tugend untertan.

Viktor sog sich mit Laubfroschfussen an jedes Blumenblatt der Freude an, an Kinder, an Tiere, an DorfLuperkalien, an Stunden; am liebsten aber hatt' er den Sonnabend. Hier tat er Streifzuge durch die freudige Unruhe des Dorfes, vor Knechten vorbei, die ihre Sensen nicht magnetisch, sondern scharfer hammerten, und vor der Ladenture des Schulmeisters, an der sein Auge als Schweizer oft eine halbe Stunde stand. Denn er konnte den St. Lunischen Handelflor recht gut im kleinen Grossavanturhandel des Schulmeisters bemerken, der keine geringere Borse der Kaufleute kannte als die in seiner Hosentasche. Aus diesem ostindischen Hause sah er spat die wohlfeilen Freuden des Sonntags holen der Grossierer (der Schulmeister wird gemeint) machte, von den Negersklaven unterstutzt, den Sonntagmorgen von St. Lune mit seinem Sirup suss und mit seinem Kaffee heiss; und sowohl durch den Tabakbau in Deutschland wurde dieser Handelsherr instand gesetzt, mit Spiralwursten von Lausewenzel die Kopfe der Pfeifen, als durch den Seidenbau, der Tochter ihre mit Sabbat-Wimpeln zu versorgen aus seinem Auerbachischen Hofe. Unsern Helden kannte alles. Aus jeder Hundhutte wedelte ihm ein Hund entgegen, dem er Brot hineingeworfen; aus jedem Fenster schrien ihm Kinder nach, die er geneckt hatte; und viele Buben, vor denen er voruberlief, hielten sich fur glucklich, wenn sie eine Mutze aufhatten sie konnten sie vor dem Herrn abnehmen. Denn sein erstes Treiben in St. Lune war die Geschichte von St. Lune, die aus den mundlichen Konduitenlisten der historischen Personen selber und aus der Reichspostreiterin, aus der Pfarrerin, geschopft werden musste. Letzte hielt als Plutarchin allemal zwei Charaktere wie Tucher zusammen; und ihr Mann las ihm nach bestem Wissen und Gewissen uber die Kirchen- und Reformationgeschichte seines Beichtsprengels. Viktor legte sich auf diese mikrokosmische Weltgeschichte aus zwei Absichten: erstlich, um sie welches Brotstudenten auch bei der grossern vorhaben rein wieder zu vergessen; zweitens, um im Dorfe so zu Hause zu sein wie der Bettelvogt oder die Hebamme, woraus er den Vorteil zu ziehen hoffte, dass er betrubt wurde, wenn ein St. Luner verstarb, und frohlich, wenn er vorher heiratete.

Jetzo schreitet die Geschichte wieder von einem Tage auf den andern fort, gleichsam auf den Steinchen im Strome der Zeit.

So schon war also der Fruhling vor ihm vorubergegangen mit Sabbatwochen, mit den Pfingsttagen, mit weissen Bluten, die dem Lenze allmahlich wie Schmetterlingflugel ausfielen; Viktor hatte den Besuch Le Bauts verschoben, weil er dachte: "Ich muss ohnhin bald genug vom weichen Schosse der Natur herunter und auf das Hof-Drahtgestell hinauf und auf den Objektentrager (Thron) des Hof-Mikroskops"; er hatte sich zwar taglich zugeredet, bald, noch vor Klotildens Ankunft, hinzugehen, um auf seine Absichten keinen Verdacht zu laden, aber immer vergeblich als plotzlich (denn tags vorher war der 13te Jun.) der 14te erschien und mit ihm Klotildens Gepack ohne sie. Nun passierte er (wie die offiziellen Hundberichte enthalten) wirklich am 15ten den Bach von St. Lune und ging uber die Alpen der kammerherrlichen Treppen und schlug auf Le Bauts Kanapee sein Casars-Lager auf. Er wusste, dass heute niemand da war, nicht einmal Matz.

"Der Himmel erhalt' uns" (sagt' er) "die Hoflichkeit gesund; es ware ohne sie nicht nur unter keinen Spitzbuben auszuhalten, sondern sie gibt auch Minutensteuer von Freuden, indes die Wohltatigkeit nur Quartalsteuer und Kammerzieler und Karitativsubsidien zahlt." Herr und Frau Le Baut waren so hoflich als nie (ich schwore darauf, sie hatten etwas von Viktors Hof-Doktorhut und Doktorkrone ausgewittert); nur wussten sie nicht, was fur ein Mundstuck auf ein so narrisch gewundnes Instrument, wie Viktor war, aufzuschrauben sei. Wie alle Studierstuben-Schaltiere sprach er lieber von Sachen als Personen; Flamin aber umgekehrt. Fur das Ehepaar gabs in keiner Messiade etwas Erhabeners, als dass jetzt am Johannistage die italienische Prinzessin kommen wurde; davon konnte kein Sterblicher genug reden, zumal auf dem Dorfe. Ich weiss nicht, worin es Viktor versah, dass er die meisten Weiber auf die Meinung brachte, er liebe sie. Genug, die Kammerherrin, die in ihren Jahren nicht mehr Liebe, sondern den Schein der Liebe foderte, dachte: "Vielleicht!" Man verkenne sie nicht: sie brachte zwar allemal die erste Stunde mit einem Manne auf der Sternwarte der Beobachtung zu; aber die zweite nur dann im Jagdschirm, wenn die erste glucklich gewesen, und sie war kalt genug, um nicht mehr zu hoffen als zu sehen; sie verspottete sogar jeden, der bei ihr noch einer weiblichen Eitelkeit, Eroberungen zu leicht vorauszusetzen, anders schmeicheln wollte als offentlich. Genug, sie beurteilte heute unsern Viktor zu gunstig in ihrem Sinn oder zu ungunstig in unserem; wie uberhaupt die blossen Hofleute nur blosse Hofleute erraten. Von Klotilde sprach man kein Wort, nicht einmal von der Zeit ihrer Zuruckkehr.

Uberhaupt hatte die Le Baut einen ungeheuren Stolz in sich gegen ihre Stieftochter zu bestreiten, von dem mir mein Korrespondent hatte melden sollen, worauf er sich steifte, ob auf Verhaltnisse oder auf Verdienste; denn beides war reichlich da, indem die Kammerherrin von des jetzigen Fursten seligem Herrn Vater die H gewesen. Ich und ein gescheiter Mann habens hin und her uberlegt, ob sie dem Casar in der Liebe oder im Ehrgeiz gleiche. Der gescheite Mann sagt. "In der Liebe", weil eine Frau die Liebe nie vergesse, wenn ein Furst ihr Lehrer darin gewesen. Des sel. Herrn Vaters Herz hatte besonders zwei Schonheiten an ihr angebetet, die vor Zeiten von den Schotten17 so gern gefressen wurden, namlich den Busen und den Steiss. Die Grossen haben ihre eignen grossieretes, die den Kleinen nicht traumen. Ich wurd' es nicht drucken lassen, aber es war am ganzen Hofe bekannt, und also auch vielen meiner Leser. Da fuhrte der Teufel die Zeit her, die ihre Sense hammerte und alles wegmahte, was von beiden Reizen Uberhang in ihr Gebiet gewesen. Nun halt bei Weibern an Hofen es sei in einem Schulhof, Packhof oder Viehhof die Eitelkeit, sobald der alte Saturn (d.h. die Zeit) diese mit seinem Sichelwagen und mit dem kleinen Geschutz aus seiner Sanduhr anfallt, einen der gescheitsten Ruckzuge, die ich kenne die Eitelkeit lasset sich aus einem Werke oder Gliede nach dem andern treiben endlich aber wirft sie sich aus den weichen Teilen in die festen wie in feste Platze, z.B. in Fingernagel, Stirne, Fusse u.s.w., und da zieht sie der Henker selber nicht heraus. Die Kammerherrin musste sich einen solchen festen Teil erst machen, namlich eine gorge de Paris und einen cul de Paris: diese vier Grenzhugel ihres Reichs mussten taglich gegen die Grenzverruckung der Jahre aus Achtung fur das Eigentum hergestellt und erhohet werden. Daraus schliesset nun der gescheite Mann, dass ihre Seele ihrem Korper immer Kaperbriefe schreibe.

Ich bin gerade der Gegenfussler vom gescheiten Mann und verfechte, dass der Amor nur ihr frere servant, nicht ihr Logenmeister ihr Adjutant, nicht ihr Generalissimus ist; und dies darum, weil sie noch immer an der Wiederherstellung ihres ersten salomonischen Tempels, wo sie sonst am Hofe als Gottin neben dem Gott angebetet wurde, ihre eigne oder Le Bauts Hand anlegt weil sie in diesem nichts heiratete als den Kammerherrnschlussel und seine Assembleen und seine Hoffnungen des kunftigen Einflusses weil sie an Klotilden nicht das Gesicht, sondern das Gehirn aufeindet weil ihre Liebe jetzt ohne Eifersucht ist. Namlich sie stand mit dem Evangelisten Matthieu in einem gewissen Liebeverstandnis, das sich (nach unserm burgerlichen Gefuhl) vom Hasse in nichts unterscheidet als in der Dauer. Liebe-Persiflagen waren ihre Lieberklarungen ihre Blicke waren Epigramme seine Schaferstunden salzte er mit komischen Erzahlungen von seinen Schaferstunden an andern Orten und zur Zeit, wo ein heiliger Mann seinen Psalm abzubeten pflegt18, waren beide ironisch. Eine solche erotische Verbindung ist nichts als die Unterabteilung irgendeiner politischen... Aber zuruck zur Geschichte!

Der Kammerherr wollte seinem Gaste jetzt etwas zeigen, was einen Doktor und Gelehrten mehr interessierte. Zu dem Zimmer, worin das Etwas war, kam man durch der Kammerherrin und durch Klotildens Zimmer. Da man in jener ihrem einen Rasttag hielt: so standen Viktors Augen traumend auf Klotildens Silhouette fest, die Matthieu neulich aus dem Nichts geschnitten, und die die Kammerherrin hier aus Schmeichelei gegen den Schattenreisser unter Glas aufgehangen hatte. Sonderbarer-, d.h. zufalligerweise zersprang jetzo das Glas uber dem schonen Angesicht, und Viktor und der Vater fuhren zusammen. Denn letzter war wie die meisten Grossen aus Mangel an Zeit aberglaubig und unglaubig zugleich; und bekanntlich halt der Aberglaube das Zerspringen eines Portratglases fur einen Vorboten des Todes des Urbildes. Der Vater warf sich angstlich die Erlaubnis vor, die er Klotilden gegeben, so lange in Maienthal zu bleiben, da sie doch da ihre Gesundheit in unnutzen jugendlichen Schwarmereien verderbe. Er meinte ihre Trauer um ihre begrabene Giulia; denn sie war (erzahlte er) bloss vor Schmerz uber diese, ohne alles Gepack, am ersten Mai hieher geeilet; und sogar die Kleider der geliebten Freundin hatte sie heute mit unter den ihrigen geschickt. Er brach heiter ab; denn Matthieu kam, der Bruder dieser Giulia, der sich nur zeigen und beurlauben wollte, weil er, wie mehre von der Stief-Brudergemeine des Hofs, der Prinzessin entgegenreisete.

Viktor wurde stiller und truber; seine Brust quoll ihm auf einmal voll unsichtbarer Tranen, deren Quelle er an seinem Herzen nicht finden konnte. Und als man noch dazu durch Klotildens stilles leeres Zimmer ging, wo Ordnung und Einfachheit an die schone Seele der Besitzerin zu stark erinnerten: so fiel sein plotzliches geruhrtes Verstummen auch andern auf. Er riss die Augen eiligst weg von einigen Blumenzeichnungen ihrer Hand, von ihrem weissen Schreibzeug und von der schonen Landschaft der Oltapete und trat hastig auf das zu, was Le Baut aufsperrte es war kein edles Herz, was dieser mit seinem obwohl wie eine Kanone gebohrten Kammerherrnschlussel sperren konnte (die Titularkammerherren in Wien heften nur einen hermetisch-versiegelten an), sondern sein Cabinet d'histoire naturelle offnete er. Das Kabinett hatte rare Exemplare und einige Curiosa einen Blasenstein eines Kindes, 2/17 Zoll lang und 2/17 Zoll breit, oder umgekehrt die verhartete Hohlader eines alten Ministers ein Paar amerikanische Federhosen ertragliche Fungiten und bessere strombi (z.B. eine unechte Wendeltreppe) das Modell eines Hebammenstuhls und einer Saemaschine graue Marmorarten aus Hof im Voigtland und ein versteinertes Vogelnest Doubletten gar nicht gerechnet inzwischen zieh' ich und der Leser diesem toten Gerumpel darin den Affen vor, der lebte und der das Kabinett allein zierte und besass. Camper sollte von diesem lebendigen Exemplar den Kammerherrnkopf wegschneiden und solches sezieren, um nur zu sehen, wie nahe der Affe an den Menschen grenze.

Ein Grosser hat allemal irgendeinen wissenschaftlichen Zweig, nach dem er nichts fragt, und auf den er sich also vorzuglich legt. Fur Le Bauts wissen-hungrige Seele wars gleich viel, ob sie in ein Siegel- oder in ein Gemmen- oder ein Pistolenkabinett eingestellet wurde. War' ich ein Grosser: so wurd' ich mit dem grossten Eifer Knopfe oder Entbindungen oder Bucher oder Nurnberger Ware oder Kriege oder recht gute Anstalten machen, bloss aus verdammter langer Weile, dieser Essigmutter aller Laster und Tugenden, die unter Hermelinen und Ordensternen hervorgucken. Nichts ist ein grosserer Beweis der allgemein wachsenden Verfeinerung als die allgemein wachsende Langeweile Sogar die Damen machen sich hundertmal aus blosser platter Langerweile Kurzweile; und der gescheiteste Mensch sagt seine meisten Dummheiten und der beste seine meisten Verleumdungen bloss einem Zirkel, der ihn hinlanglich zu langweilen weiss.

Der Hofjunker war der Musterschreiber des Kabinetts, um vielleicht herumzugehen. Viktor tat ihm unrecht durch die medizinische Vermutung, er affektiere einen gewissen schwankenden weichen Gang vornehmer Debauches; denn er hatt' ihn wirklich, und das darum, weil er aus ganz andern als Viktors schonen Grunden ungern sass. Aber weiter! Wenn nicht die Kammerherrin den Vorhang vor Viktors Seele auseinanderschlagen und darin die Gesinnungen gegen sich und Klotilde durch den Schrecken, den ich erzahlen will, erforschen wollte; wenns also das nicht war: so kann es nichts als ein sehr boser Geist gewesen sein, der dieser Kammerherrin die Hand fuhrte zu einer Silberstufe. Hinter der Stufe lag eine vielleicht von abgebrockeltem Arsenik verreckte Maus. Eine Leserin, die in ahnlichen Gefahren als Dulderin litt, stellet sichs vor, wie der Kammerherrin war, als sie mit dem Harten etwas Weiches umgriff und hervorbrachte und dann ersah, was es war. Eine wahre Ohnmacht war unvermeidlich. Ich gesteh' es, ich wurde selber ihre Ohnmacht bloss fur eine verstellte halten, ware der Anlass geringer und z.B. der Angriff nicht auf ihre Sinne, sondern nur auf ihre Ehre gewesen; aber etwas anderes ist eine Maus. Uberhaupt musste sie vor so boshaften Zuschauern, wie ihr Mann und ihr Cicisbeo ist, diesen funften Akts-Mord langst von ihrem Theater wie vom gallischen verbannt haben; ja ich glaube, sie hatte sich vor einem siegenden Feind ihrer Tugend durch nichts (eine wahre Ohnmacht ausgenommen) so lacherlich machen konnen als durch eine scheinbare. Der Schrecken uber den postiche-Tod beraubte den Evangelisten des Gebrauchs seiner Vernunft und liess ihm nur den Gebrauch seiner Bosheit und seiner Hande, mit denen er sogleich das Blendwerk und Sparrwerk ihres Busens, kurz die ganze optische Brust zerriss, um der wahren, in deren Brette er einen Stein hatte, namlich ihr Herz, Luft genug zu machen. Aber Viktor drangte ihn weg und spritzte sie, mit zarterer Achtung fur ihre Reize und fur ihr Leben, durch wenige Eistropfen wieder empor. Gleichwohl vergab sie dem Junker alles, was sie erriet, und dankte dem Hofmedikus fur alles, worin sie irrte...

Lasset mich einen Augenblick wegsehen von diesem Hass-Gespinste und die schonere Welt um mich mit Erquickung anschauen auf meiner Insel, wo kein Feind ist und das platschernde Spiel der Fische und Kinder am Ufer- und die spielende Mutter, die ihnen Blumen und hutende Blicke zuwirft und die grossen Ahornbaume, die sanft mit tausend Blattern und Mucken flusternd dem unter den Wellen gaukelnden Baumschlag entgegenschwanken und wie die warme Erde und der warme Himmel in schlafender Liebe aneinander ruhen und ein Jahrhundert ums andre gebaren...

Viktor ging, bange vor dem Ende seiner landlichen Tage, nach Haus. Der Sonnabend (der 16te Junius) eilte sanft voruber und schuttelte ein ganzes Blumenhaupt von beflugelten Samen zu neuen Freudenblumen unter dem Eilen auseinander.

Die Sterne glitten leise uber seine Nacht. Ein freundlicher blauer Sonntagmorgen legte sich schwebend uber das geputzte Dorfchen und hielt den Atem an, damit er nicht einmal eine reife Lindenblute oder Dotterblumen-Spreu ausriss. Viktor konnte das Fortepianissimo aus dem Schlosse uber das ausruhende Dorf herubertonen horen und musste mit der Engbrustigkeit des glucklichen Sehnens seufzen: "Ach wann muss ich aufhoren, uber diesem glanzenden stillen Meere, uber diesem schonen Ankerplatz des Lebens aufzuschwimmen?" als das Schicksal antwortete: heute! Denn gerade heute, am Sonntage, kam aus der Residenzstadt Flachsenfingen ein leichter Narr (im Grunde zwei) in einer ebenso leichten Berline an und packte ein Briefchen vom Lord an ihn aus.

"Den 21sten Junius (Donnerstags) trifft die italienische Prinzessin in Kussewitz ein. Den Mittwoch reis' ich ab und prasentiere dich in St. Lune dem Fursten, der mich bis dahin begleitet. Doch bitt' ich dich, am Sonnabend darauf dich in die Insel der Vereinigung19 zu begeben, weil ich das wenige, was ich dir in St. Lune aus Mangel an Gelegenheit nicht sagen kann, auf die Insel verspare. Du wirst mich dort treffen. Der Uberbringer dieses ist unser Herr Hofapotheker Zeusel, in dessen Hause du deine kunftige Wohnung als Hofmedikus haben wirst. Lebe wohl!

H."

"Zeusel?" (fragt der Leser und denkt nach) "ich kenne die Zeusel nicht!" Und ich ebenso wenig; aber er sage mir, geht es nicht zu weit? Und ist es nicht wahre Plackerei, dass der Korrespondent dieses Werks durch alle Vorstellungen, die ich ihm durch den Hund tue, gleichwohl nicht dahin zu bringen ist, dass ers in dieser Historie nur so ordentlich einrichtete, wie es ja in jedem elenden Roman und sogar im Zuchthaus ist, wo jeder neue Zuchtling den alten gleich in der ersten Stunde seine samtlichen Fata bis zu den Initialprugeln des Eintritts, von denen der Historiker eben kommt, schon vorerzahlt? Beim Himmel! die Leute setzen und springen ja in mein Werk wie in eine Passagierstube hinein, und kein Teufel und kein Leser weiss, wer ihre Hund' und Katzen sind.

"Ich wollt' ", sagte Viktor und machte sechs Dehnzeichen darauf als Apostrophen von ebenso vielen weggelassenen Fluchen. Denn er sollte jetzt aus der Idylle des Landlebens in die travestierte Aneis des Stadtlebens uberziehen; und kein Steig ist doch elender gepflastert als der von der Studierstube in die Hof-Schmelzhutten und chambres ardentes, von der Ruhe zum Gewuhl. Zudem hatt' ihm Emanuel noch nicht geschrieben. Klotilde, der Hesperus jener zwei schonen Abende, war gleich dem Hesperus am Himmel nicht zu sehen uber St. Lune. Wie gesagt, erbarmlich war ihm. Nun war noch dazu dieser Zeusel, sein kunftiger Mietherr, der Hofapotheker, sozusagen ein Narr, ebenso leicht wie seine Berline oder wie der Hoffurier, mit dem er kam, aber 53 Jahre alter als der Wagen, namlich 54 Jahr alt, und im ganzen ein menschliches Diminutiv und Essigalchen an Leib und Seele, uberall spitz geschaffen an Kinn, Nase, Witz, Kopf, Lippen und Achsel. Dieser feine Essigaal denn der Aal verfocht, er kenne eine gewisse Feinheit, die nie die Sache eines Roturier ware, und er leugne nicht, dass sich seine Urahnen nicht Zeusels, sondern von Swobodas geschrieben reisete mit dem Hoffurier, der in Kussewitz das Quartiermeistertum fur die furstliche Braut versah, dahin ab, um so lange da zu sein, als er da unnotig war. Zeusel wollte durchaus auf den flachsenfingischen Hof mit etwas anderem Einfluss haben als mit seiner Klistier-Wasserkunst und durch anderes auf den Hofstaat wirken als durch Senesblatter; daher kaufte er alle geheime Nachrichten (er besserte sie sogleich in offentliche um), die er uber neue Lufterscheinungen der Hofluft einzog, teuer auf, und dann, wenn einige Leute von den Thronstaffeln herabpurzelten, lachelte er fein genug und bemerkte, er hoffe, diese hatten ihn fur ihren Freund genommen und sein Bein nicht gesehen, das er ihnen aus seiner Apotheke heraus heimlich untergeschlagen. Er war trotz einiger Herzensgute ein Lugner von Haus aus, nicht weil er boshaft, sondern weil er fein sein wollte; und dampfte seinen gesunden Verstand, um witzig zu perlen.

Gegen Viktor, als kunftigen Hofmann und Gonner, wusst' er doch nicht den aufrechten Hof-Anstand anzunehmen, der sich und andere zugleich ehret; aber gegen die Pfarrleute beobachtete er die ordentliche Hof-Verachtung hinlanglich und zeigte ihnen genugsam, wie wenig er, ohne Absichten auf den Sohn des Lords, nur uber ihre Gartenmauer oder Fensterbrustung geschauet hatte, geschweige gekommen ware. Viktor hasste an seinem Nachsten nie etwas anders als den Hass der andern Nachsten; und seine Achtung aller Stande, seine Verachtung aller Standes-Narren, sein Groll gegen Zeremonien und seine humoristische Zuneigung zu den kleinen Buhnen des Lebens machten den grossten Kontrast mit dem pharmazeutischen Aufgusstierchen und mit dessen Ekel vor Menschen und mit dessen Bucken vor Grossen.

Viktor gab seinem Hausherrn dreissig Grusse an den Italiener Tostato in Kussewitz mit, der mit ihm von Gottingen aus 1 1/2 Tag gereiset und gelacht und getanzt hatte. Der wegfahrende Apotheker liess in Viktor einen verdriesslichen sauern Bodensatz zuruck; sogar uber den Blasbalgtreter, der jeden Sonntag den Kaffee hinauftrug, konnt' er nicht wie sonst lachen. Ich will sagen, warum er sonst lachte.

Der Kutscher war dann rasiert, und zwar aus der ersten Hand, von seiner eignen. Nun hatte das Kinn dieses tragen Bock-Insassen mehr Maulwurfhugel so nenn' ich zierlich die Warzen vorgestossen, als notig sind zum Rasieren und Mahen. Inzwischen hobelte der alte Mann an den Sonntag-Morgen denn da ziehen die gemeinen Leute zugleich den alten Adam und das alte Hemd aus und lassen Sunden und Bart bloss die Werkeltage wachsen mit seinem Messer kuhn zwischen dem Warzen-Chagrin auf und nieder und schnitt ab. Nun wurde der Mensch erbarmlich mit seinem zerpflugten Gesichtvorgrund ausgesehen haben so dass man hatte Blut weinen mussen uber dasjenige, so uber das Kinn dieses steinernen Flussgottes in roten Linien ging , wenn der Prosektor wie ein Romer seine Wunden aus Dummheit vorgezeigt hatte; aber er zeigte nichts; er zausete, verstandiger, Tabakschwamm in kleine Kappen aus und setzte die Mutzen den wunden Warzen auf und stellte sich so dar.

"Ein Spener, ein Kato der Jungere", sagte Viktor, "komm' einmal in meine Stube und lache nicht, wenn ein Balgtreter nachkommt mit Kaffeetassen und mit sechzehn skalpierten Warzen und mit einem in Schwamm gebundnen Kinn, das aussieht wie ein Gartenfelsen mit schon verteiltem Moos bewachsen ein Spener lache nicht, sage ich, wenn er kann."

Er konnt' es heute selber. Mude des Tags ging er hinaus in den friedlichen Abend und legte sich mit dem Rucken uber die Gipfel eines steilen Bergs heruber; und als die Sonne, in ein Goldgewolke aufgeloset, uber den quellenden Blumenfirnis zitternd zerfloss und an dem Grasermeere der Berge herunterschwamm und als er naher am warmen schlagenden Herzen der Natur anlag, auf die weiche Erde wie ein ruhender Toter hingesenkt, die Wolken mit Seufzern in sich herunterziehend, von weit herkommenden Winden uberflossen, von Bienen und Lerchen eingewiegt: so kam die Erinnerung, dieser Nachsommer der Menschenfreude, in seine Seele und eine Trane in sein Auge und Sehnsucht in die Brust, und er wunschte, dass ihn Emanuel nicht verschmahen moge. Plotzlich naherten sich kleine Tritte seinen liegenden Ohren: er fuhr auf, erschrak und erschreckte. Ein schwerer Reisewagen taumelte matt herauf; hinten in den Lakaienriemen hatten statt der Bedienten drei bleiche Infanteristen die Hande gesteckt, die zusammen nur ein einziges Bein besassen, das von Fleisch war, indem sie auf funf holzernen Stelzfussen oder Schuster-Abzeichen fussten, die sie nebst noch etwas Langerem von Holz, namlich drei gut gearbeiteten Bettelstaben, dem Feinde abgenommen hatten ein Kutscher ging neben dem Wagen und eine Kammerfrau, und nahe am aufgesprungnen Viktor stand Klotilde.

Sie kam aus Maienthal. Ihm verfinsterte diese plotzliche Uberstrahlung alle in seiner Seele aufgehangenen Gesetztafeln, und er konnte die Tafeln nicht gleich lesen. Sie schauete ihn mit sanftern Strahlen an als sonst, und die Sonne lieh einige dazu. Mit einem Lacheln, als erriete sie seine ersten Fragen, gab sie ihm einen Brief von Emanuel. Ein zusammenfahrendes Ach! war seine Antwort; und eh' er sich in zwei Entzuckungen schicken konnte: war der Wagen schon oben und sie darin und alles davon.

Er zogerte zitternd, in den stillen blauen Paradiesfluss der schonsten Seele, die sich je ergoss, versunken zu schauen. Endlich blickte er die Zuge einer geliebten Menschenhand, die er noch nicht beruhrt hatte, an und las:

"Horion!

Auf einen Berg steigt der Mensch wie das Kind auf einen Stuhl, um naher am Angesicht der unendlichen Mutter zu stehen und sie zu erlangen mit seiner kleinen Umarmung. Um meine Hohe liegt die Erde unter dem weichen Nebel mit allen ihren Blumenaugen schlafend aber der Himmel richtet sich schon mit der Sonne unter dem Augenlide auf unter dem erblassten Arkturus glimmen Nebel an, und aus Farben ringen sich Farben los der Erdball walzt sich gross und trunken voll Bluten und Tieren in den gluhenden Schoss des Morgens.

Sobald die Sonne kommt, so schau' ich in sie hinein, und mein Herz hebt sich empor und schwort dir, dass es dich liebt, Horion! ... Durchgluhe, Aurora, das Menschenherz wie dein Gewolk, erhelle das Menschenauge wie deinen Tau und zieh in die dunkle Brust, wie in deinen Himmel, eine Sonne herauf! ...

Ich habe dir jetzo geschworen ich gebe dir meine ganze Seele und mein kleines Leben, und die Sonne ist das Siegel auf dem Bunde zwischen mir und dir.

Ich kenne dich, Geliebter; aber weisst du, wessen Hand du in deine genommen? Sieh, diese Hand hat in Asien acht edle Augen zugeschlossen mich uberlebte kein Freund in Europa verhull' ich mich meine trube Geschichte liegt neben der Asche meiner Eltern im Gangesstrom, und am 24sten Junius des kunftigen Jahres geh' ich aus der Welt... O Ewiger, ich gehe am langsten Tage zieht der gluckliche Geist geflugelt aus diesem Sonnentempel, und die grune Erde geht auseinander und schlagt uber meine fallende Puppe mit ihren Blumen zusammen und deckt das vergangne Herz mit Rosen zu...

Wehe grossere Wellen auf mich zu, Morgenluft! Ziehe mich in deine weiten Fluten, die uber unsern Auen und Waldern stehen, und fuhre mich im Blutengowolk' uber funkelnde Garten und uber glimmende Strome und lass mich, zwischen fliegenden Bluten und Schmetterlingen taumelnd, unter der Sonne mit ausgebreiteten Armen zerfliessend, leise uber der Erde schwebend sterben, und die Bluthulle falle, zerronnen zu einer roten Morgenflocke, gleich dem Ichor des Schmetterlings20, der sich befreiet, in die Blumen herab, und den blauhellen Geist sauge ein heisser Sonnenstrahl aus dem Rosenkelch des Herzens in die zweite Welt hinauf. Ach ihr Geliebten, ihr Abgeschiednen, seid ihrs, zieht ihr denn jetzt als dunkle Wellen21 im bebenden Blau des Himmels dahin, wogen in jener Tiefe voll uberhullter Welten jetzt eure Atherhullen um die verdeckten Sonnen? Ach kommt wieder, wogt wieder, in einem Jahr rinn' ich aufgelost in euer Herz!

Und du, mein Freund, suche mich bald! Dich kann auf der Erde keiner so lieben wie ein Mensch, der bald sterben muss. Du gutes Herz, das mir diese milden Tage noch zum Abschied in die Hande drukken, unaussprechlich will ich dich lieben und warmen in diesem Jahr, wo ich noch nicht weggehoben werde, will ich bloss bei dir bleiben, und wenn der Tod kommt und mein Herz fodert, findet er es bloss an deiner Brust.

Ich kenne meinen Freund, sein Leben und seine Zukunft. In deinen kommenden Jahren stehen dunkle Marterkammern offen, und wenn ich sterbe und du bei mir bist, werd' ich seufzen: warum kann ich ihn nicht mitnehmen, eh' er seine Tranen vergiesset!

Ach Horion! im Menschen steht ein schwarzes Totenmeer, aus dem sich erst, wenn es zittert, die gluckliche Insel der zweiten Welt mit ihrem Nebeln vorhebt! Aber meine Lippen werden schon unter dem Erdenkloss liegen, wenn die kalte Stunde zu dir kommt, wo du keinen Gott mehr sehen wirst, wo auf seinem Thron der Tod liegt und um sich maht und bis ans Nichts seine Frostschatten und seine Sensen-Blitze wirft. O Geliebter, mein Hugel wird dann schon stehen, wenn deine innere Mitternacht anbricht; mit Jammer wirst du auf ihn steigen und ergrimmt in die sanften Sternenkranze blicken und rufen22: 'Wo ist der, dessen Herz unter mir entzweigeht? Wo ist die Ewigkeit, die Maske der Zeit? Wo ist der Unendliche? Das verhullte Ich greift nach sich selber umher und stosset an seine kalte Gestalt.... Schimmere mich nicht an, weites Sternengefild, du bist nur das aus Farbenerden zusammengeworfene Gemalde an einem unendlichen Gottesackertore, das vor der Wuste des unter dem Raume begrabnen Lebens steht.... Hohnet mich nicht aus, Gestalten auf hohern Sternen, denn zerrinnt ich, zerrinnt ihr auch. Ein, ein Ding, das der Mensch nicht nennen kann, gluht ewig im unermesslichen Rauche, und ein Mittelpunkt ohne Mass verkalkt einen Umkreis ohne Mass. Doch bin ich noch; der Vesuv des Todes dampft noch uber mich hinuber, und seine Asche hullt mich zu seine fliegenden Felsen durchbohren Sonnen, seine Lavagusse bewegen zerlassene Welten, und in seinem Krater liegt die Vorwelt ausgestreckt, und lauter Graber treibt er auf... O Hoffnung, wo bleibst du?'...

Walle trunken um mich, beseelter Goldstaub, mit deinen dunnen Flugeln, ich zerdrucke dein kurzes Blumenleben nicht schwelle herauf, taumelnder Zephyr, und spule mich in deine Blutenkelche hinab o du unermesslicher Strahlenguss, falle aus der Sonne Uber die enge Erde und fuhr' auf deinen Glanzfluten das schwere Herz vor den hochsten Thron, damit das ewige unendliche Herz die kleinen, an Asche grenzenden nehme und heile und warme!

Ist denn ein armer Sohn dieser Erde so unglucklich, dass er verzagen kann mitten im Glanze des Morgens, so nahe an Gott auf den heissen Stufen seines Throns?

Fliehe mich nicht, mein Teurer, weil mich immer ein Schatten umzingelt, der sich taglich verdunkelt, bis er endlich als eine kleine Nacht mich einbauet. Ich sehe den Himmel und dich durch den Schatten; in der Mitternacht lachle ich, und im Nachtwind geht mein Atem voll und warm. Denn, o Mensch, meine Seele hat sich aufgerichtet gegen die Sterne: der Mensch ist ein Engbrustiger, der erstickt, wenn er liegt und seinen Busen nicht aufhebt. Aber darfst du die Erde, diesen Vorhimmel, verachten, den der Ewige gewurdigt, unter dem lichten Heer seiner Welten mitzugehen? Das Grosse, das Gottliche, das du in deiner Seele hast und in der fremden liebst, such auf keinem Sonnenkrater, auf keinem Planetenboden die ganze zweite Welt, das ganze Elysium, Gott selbst erscheinen dir an keinem andern Ort als mitten in dir. Sei so gross, die Erde zu verschmahen, werde grosser, um sie zu achten. Dem Mund, der an sie gebuckt ist, scheint sie eine fette Blumen-Ebene dem Menschen in der Erdnahe ein dunkler Weltkorper dem Menschen in der Erdferne ein schimmernder Mond. Dann erst fliesset das Heilige, das von unbekannten Hohen in den Menschen gesenkt ist, aus deiner Seele, vermischt sich mit dem irdischen Leben und erquickt alles, was dich umgibt: so muss das Wasser aus dem Himmel und seinem Gewolk erst unter die Erde rinnen und aus ihr wieder aufquellen, eh' es zum frischen hellen Trunk gelautert ist. Die ganze Erde bebt jetzo vor Wonne, dass alles ertont und singt und ruft, wie Glokken unter dem Erdbeben von selber erklingen. Und die Seele des Menschen wird immer grosser gemacht vom nahen Unsichtbaren

Ich liebe dich sehr!

Emanuel."

Horion las durch schwimmende Augen: "Ach," wunscht' er, "war' ich schon heute mit meinem unordentlichen Herzen bei dir, du Verklarter!" und jetzt fiel ihm erst die Nahe des Johannistages ein, und er nahm sich vor, ihn da zu sehen. Die Sonne war schon verschwunden, die Abendrote sank wie eine reife Apfelblute hinab, er fuhlte nicht die heissen Tropfen auf seinem Angesicht und den Eistau der Dammerung an seinen Handen und irrte mit einer von Traumen erleuchteten Brust, mit einem beruhigten, mit der Erde ausgesohnten Herzen zuruck.

Beilaufig! ists denn notig, dass ich eine Schutzschrift ausarbeite fur Emanuel als Stilisten und als Styliten(im hohern Sinne)? Und wenn sie notig ist, brauch' ich darin etwas anders beizubringen als dieses dass seine Seele noch das Echo seiner indischen Palmen und des Gangesstromes ist dass der Gang der bessern entfesselten Menschen, so wie im Traume, immer ein Flug ist dass er sein Leben nicht wie Europaer mit fremdem Tierblut dungt oder in gestorbnem Fleisch auswarmt, und dass dieses Fasten im Essen (ganz anders als das Uberladen im Trinken) die Flugel der Phantasie leichter und breiter macht dass wenige Ideen in ihm, da er ihnen allen geistigen Nahrungsaft einseitig zuleitet (welches nicht nur Wahnsinnige, sondern auch ausserordentliche Menschen von ordentlichen abtrennt), ein unverhaltnismassiges Gewicht bekommen mussen, weil die Fruchte eines Baums desto dicker und susser werden, wenn man die andern abgebrochen und dergleichen mehr? Denn, aufrichtig zu sprechen, die Leser, die eine Schutzschrift begehren, bedurfen selber eine, und Emanuel ist etwas Besseres wert als einer peinlichen Defension

Jetzo sprang dem Helden der Trost wie eine Quelle auf, dass er am Donnerstag seine Seelenwanderung durch die Natur, seine Reise, anhebe: "Beim Henker!" sagt' er aufhupfend, "was hat ein Christ da notig, dass er Notmunzen schlagt und Trauermantel umtut, wenn er am Donnerstage nach Kussewitz zur Ubergabe der italienischen Prinzessin reisen kann und am Sonnabend nach der Insel der Vereinigung und noch am namlichen Tage, welches ein Tag vor Johannis ist, nach Maienthal zu seinem Teuern, zu seinem Engel?"

O Himmel, ich wollt', er und ich waren schon uber die Reise her wahrhaftig sie kann, wenn mich nicht alle Hoffnungen belugen, vielleicht ganz ertraglich werden!

Unter der Wochenbetstunde des Mittwochs rollten zwei Wagen vor; aus dem vollen traten der Lord und der Furst, aus dem leeren nichts. Die alte Appel hatte sich prachtig angekleidet und in die Speisekammer eingesperrt. Der Kaplan war glucklicher, er dozierte im Tempel. Man macht selten ein gescheites Gesicht, wenn man vorgestellt wird oder ein dummes, wenn man vorstellt. Der Lord fuhrte dem Fursten seinen Sohn als ein Unterpfand seiner kunftigen Treue in die Hande und ans Herz, aber mit einer Wurde, die ebensoviel Ehrfurcht erwarb, als sie erwies. Mein guter Held betrug sich wie ein Narr; er hatte weit mehr Witz, als unsre Achtung gegen Hohere oder die ihrige gegen uns verstattet; ein Talent, das ausser dem Hof-Lehndienste sich aussert, kann als Hochverrat betrachtet werden.

Sein Witz war bloss eine versteckte Verlegenheit, worin ihn zwei Gesichter und eine dritte Ursache setzten. Erstlich das furstliche...

Wenn sich die Lesewelt beschwert, dass so allmahlich, wie sie sehe, ein neuer Name und Akteur nach dem andern in diesen Venusstern hereinschleiche und ihn so voll mache, bis aus dem historischen Bildersaal ein ordentlicher Vokabelsaal werde, in welchem sie mit einem Adresskalender in der Hand herumwandeln musse: so hat sie wahrhaftig nur zu sehr recht, und ich habe mich selber schon am meisten daruber beschwert; denn mir bleibt am Ende doch die grosste Last auf dem Halse, weil jeder neue Tropf ein neues herausgezogenes Orgelregister ist, das ich mit spielen muss und das mir das Niederdrucken der Tasten sauerer macht; aber der Korrespondent schickt mir im Kurbis, ohne anzufragen, alle diese Einquartierung zu, und der Schnakenmacher schreibt gar, ich sollt' es nur der Welt sagen, es komme noch mehr Volk.

Das furstliche Gesicht setzte den Helden in Verlegenheit, nicht weil es imponierte, sondern weil es dieses bleiben liess. Es war ein Wochentags- und Kurrentgesicht, das auf Munzen, aber nicht auf Preismedaillen gehorte mit Arabesken-Zugen, die weder Gutes noch Boses bedeuten von wenigem HofMattgold uberflogen eingeolet mit einem sanften , das die starksten Wellen erdrucken konnte eine Art susser Wein, mehr den Weibern als Mannern trinkbar. Von den feinsten Wendungen, die Viktor zu erwidern gesonnen war, stand nichts zu horen und zu sehen; aber von passenden leichten desto mehr. Viktor wurde durch den Kampf und Wechsel zwischen Hoflichkeit und Wahrheit verlegen. Die geselligen Verlegenheiten entstehen nicht aus der Ungewissheit und Unwegsamkeit des Steigs, sondern auf den Kreuzwegen der Wahl und zwischen den zwei Heubundeln des scholastischen Esels. Viktor, dessen Hoflichkeit immer aus Menschenliebe entsprang, musste die heutige aus Eigennutz entspringen lassen; aber dieses wollt' ihm eben nicht ein. Ausser dem Vater-Gesicht, vor dem schon bei den meisten Kindern das ganze Raderwerk eines freien Betragens knarrt und stockt, macht' ihn drittens das verlegen und witzig, dass er etwas haben wollte. Ich kanns einem jeden einen Hofmann ausgenommen, dessen Leben wie das eines Christen ein bestandiges Gebet um etwas ist ansehen, wenn er zur Tur hereinkommt, ob er als Almosensammler und Werkheiliger oder als blosser Freudenklubist einspricht.

Noch ehe die Leute aus der Kirche gingen, fassete Viktor schon herzliche Liebe zum Fursten die Ursache war, er wollt' ihn lieben, und stande der Teufel selber da. Er sagte oft: gebt mir zwei Tage oder eine Nacht, so will ich mich verlieben, in wen ihr vorschlagt. Er fand mit Vergnugen auf Jenners Gesicht keinen Sekunden-, keinen Monatzeiger der Schaferstunden, mit denen ein guter Casar sonst gern die langweiligen Ehejahre wie mit Flitterwochen zu durchschiessen sucht: sondern in seinem Gesichte war nichts als Enthaltsamkeit aufgeschlagen, und Viktor pflichtete lieber dem Gesichte als dem Rufe bei. Er schiesset fehl; denn auf das mannliche Gesicht ob es gleich, wie gewisse Gemalde aus Schreib-Lettern, ebenso aus lauter Buchstaben der Physiognomik gemacht ist hat doch die Natur die Lesemutter und Malzeichen der Wollust sehr klein geschrieben, auf das weibliche aber grosser; welches ein wahres Gluck fur das erste und starkere und unkeuschere Geschlecht ist. Uberhaupt ist Ehebrechen fur Jenner-Fursten nichts als eine gelindere Art von Regieren und Kriegen. Und doch stellen rechtschaffene Regenten die Weiber, sobald sie solche erobert haben, stets dem vorigen Eheherrn mit Vergnugen wieder zu. Es ist aber dies dieselbe Grosse, womit die Romer den grossten Konigen ihre Reiche wegnahmen, um sie nachher damit wieder zu beschenken.

Da Fursten nicht wie die Juristen bose Christen, sondern lieber keine sind: so nahm Jenner unsern Viktor durch verschiedene Funken von Religion und durch einigen Hass gegen die gallischen Enzyklopadisten ein; wiewohl er einsah, dass fur einen Fursten die Religion zwar ihr Gutes, aber auch ihr Schlimmes habe, da nur ein gekronter Atheist, aber kein Theist das unschatzbare privilegium de non appellando besitzt, das darin besteht, dass die beschwerte Partei nicht (per saltus oder durch einen salto mortale) an die hochste Instanz ausserhalb der Erde appellieren darf.

Das Gesprach war gleichgultig und leer wie jedes in solchen Lagen. Uberhaupt verdienen die Menschen fur ihre Gesprache stumm zu sein; ihre Gedanken sind allezeit besser als ihre Gesprache, und es ist schade, dass man an gute Kopfe keinen Barometrographen oder kein Setzklavier anbringen kann, das aussen alles nachschreibt, was innen gedacht wird. Ich wollte wetten, jeder grosse Kopf geht mit einer ganzen Bibliothek ungedruckter Gedanken in die Erde, und bloss einige wenige Bucherbretter voll gedruckter lasset er in die Welt auslaufen.

Viktor stellte an den Fursten die gewohnlichen medizinischen Fragstucke, nicht bloss als Leibarzt, sondern auch als Mensch, um ihn zu lieben. Obgleich Leute aus der grossen und grossten Welt, wie der Unter-Mensch, der Urangutang, im 25sten Jahre ausgelebt und ausgestorben haben vielleicht sind deswegen die Konige in manchen Landern schon im 14ten Jahre mundig , so hatte doch Jenner sein Leben nicht so weit zuruckdatiert und war wirklich alter als mancher Jungling. Am meisten bemachtigte sich der Furst des guten warmen Herzens Sebastians durch das schlichte Betragen ohne Anspruche, das weder der Eitelkeit noch dem Stolze diente, und dessen Aufrichtigkeit sich durch nichts von der gewohnlichen unterschied als durch Feinheit. Viktor hatte schon Vasallen neben dem Munde ihres Lehnherrns so stehen sehen, dass der letzte aussah wie ein Haifisch, der quer einen Menschen im Rachen tragt; aber Jenner glich einem Petermannchen23, das darin einen hubschen Stater vorweist.

Dem Hofkaplan wars, da er kam, in seinem Erstaunen uber einen gekronten Gast unmoglich, Lippe oder Fuss zu ruhren; er verblieb unbeweglich in der weiten Wasserhose des Priesterrocks, der um ihn wie um Marzipan ein Regalbogen geschlagen war. Das einzige, was er sich erlaubte und erfrechte, war nicht, die Bibel (den Mauskloben) wegzulegen, sondern die Augen heimlich in der Stube herumzutreiben, um herauszubringen, ob sie gehorig geheftet, foliiert und uberschrieben sei von den Stuben-Registratorinnen.

Der Furst reisete sogleich mit dem Lord weiter, der seinen Abschied vom Sohne und seine Abschiedpredigten bis auf den einsamen Tag auf der Insel der Vereinigung versparen musste. Der Sohn bekam zur Nachbarschaft des Fursten Lust, wenn er dessen Betragen gegen seinen Vater uberdachte; er hatte die doppelte Freude des Kindes und des Menschen, da sein Vater das eigne Gluck in das Gluck des armen Landes verwandelte und bloss, um Gutes zu tun, in dem Thronfelsen sich Fussstapfen austrat, wie man in Italien die Fusstritte der Engel, die erschienen und begluckten, in den Felsen zeigt. Andre Gunstlinge gleichen dem Henker, der sich im Sande Fussstapfen aushohlt, um fester zu stehen, wenn er kopft.

In der ausgeleerten Stube wurde unter Eymanns Gliedern er stand noch im Priesterrock-Schilderhaus der Zeigefinger zuerst wach, der sich ausstreckte und dem Familienzirkel das Bette wies "Es ware mit lieber und dienlicher," sagte er, "hatte man mich mit diesem Lumpen totstranguliert, als dass ihn der Serenissimus ausspioniert." Er meinte aber seine eigne beschmutzte Halsbinde, die er selber in das Ehebette die Kunstkammer und den Packhof seiner Wasche geworfen hatte. Wenn man ihm einen QualEinfall widersprach, so bewies er ihn so lange, bis er ihn selber glaubte; raumte man ihn aber ein, so sann er sich einige Skrupel aus und nahm eine andere Meinung an: "Durch die Vorhange muss Seine Durchlaucht unfehlbar den Fetzen gesehen haben", versetzte er. Endlich bereisete er alle Platze, wo Jenner gestanden hatte, und visierte nach der Lumpenbinde und untersuchte ihre Parallaxe. "Ans Blenden der Fenster mussen wir uns halten, wenn wir ruhig bleiben wollen", beschloss er und ich. Nachschrift. Ich werde allemal nach einem achten Kapitel weil ich gerade zwei Hundtage in einer Woche fertig bringe bemerken, dass ich wieder einen Monat lang gearbeitet habe. Ich berichte daher, dass morgen der Junius angeht.

Erster Schalttag

Mussen Traktaten gehalten werden, oder ist es genug,

dass man sie macht?

Das letzte. Heute ubt der Berghauptmann zum erstenmal auf des Lesers Grund und Boden das Recht (Servitus oneris ferendi, oder auch Servitus projiciendi) aus, das er nach dem Vertrag vom 4ten Mai wirklich besitzt. Die Hauptfrage ist jetzt, ob ein Hund-Vertrag zwischen zwei so grossen Machten indem der Leser alle Weltteile hat, und ich wieder den Leser nach dem Schliessen noch zu halten ist.

Friedrich, der Antimachiavellist, antwortet uns und stutzt sich auf den Machiavell: allerdings muss jeder von uns sein Wort so lange halten, als er Nutzen davon hat. Dieses ist so wahr, dass solche Traktaten sogar nicht gebrochen wurden, wenn sie nicht einmal geschlossen waren; und die Schweizer, die noch 1715 einen mit Frankreich beschworen, hatten ebensogut in allen Kantons die Finger aufheben und beeidigen konnen, dass sie alle Tage ordentlich ihr Wasser lassen wollten.

Sobald aber der Nutzen von Vertragen aufhort, so ist ein Regent befugt, deren zweierlei zu brechen die mit andern Regenten, die mit seinen eignen LandesStiefkindern.

Als ich noch im Kabinett arbeitete (schon um 6 Uhr mit dem Flederwisch, die Sessiontische abzustauben, nicht mit der Feder), hatt' ich ein gescheites fliegendes Blatt unter der letzten, worin ich die Traktaten-Ouverture: au nom de la Sainte Trinite, oder in nomine sanctissimae et individuae Trinitatis, fur die Chiffre ausgeben wollte, welche die Gesandten zuweilen uber ihre Berichte zum Zeichen setzen, dass man das Gegenteil zu verstehen habe es wurd' aber nichts aus dem fliegenden Blatt als ein Manuskript. In diesem war ich einfaltig genug und wollte den Fursten erst raten, von Not-Lugen und Not-Wahrheiten der Traktaten mussten sie in jeder Breite und Stunde deklinieren und inklinieren; ich wollte die Staatskanzleien in einen Winkel zu mir heranpfeifen und ihnen in die Ohren sagen: ich wurd' es, und hatt' ich nur neun Regimenter in Sold und Hunger, nie leiden, dass man mir mit dem Wachs und Siegellack der Vertrage Hande und Fusse zusammenpichte und mit der Dinte die Flugel verklebte; das wollt' ich in die Staatspraxis erst einfuhren aber die Staatskanzleien lachten mich von weitem in meinem narrischen Winkel aus und sagten: der Pfeifer muss glauben, wir machens anders.

In den Werken des Herrn Herkommen des besten deutschen Publizisten, der aber keine acta sanctorum schreibt wird es erwiesen, dass ein Landesfurst die Vertrage, Privilegien und Bewilligungen zwischen seinem Vorfahrer und den Untertanen gar nicht so zu beachten brauche; daraus folgt, dass er noch weit weniger seine eignen Vertrage mit ihnen zu halten vonnoten habe, da ihm die Nutzniessung dieser Vertrage, die in nichts als im Halten oder Brechen besteht, offenklar als Eigentumer gebuhrt. Herr Herkommen sagt das namliche auf allen Blattern und schwort gar dazu. Ja kann es einen Dekan oder Rektor Magnifikus geben, der so wenig Vernunft annimmt, dass ihm da doch nach einer allgemeinen Annahme ein Konig nicht stirbt und mithin Vor- und Nachfahrer zu einem Mann ineinanderverwachsen nicht der Schluss daraus beizubringen ist, dass der Nachfahrer seine eigne Vertrage fur die seines Vorfahrers halten und mithin, da beide nur ein Mann sind, ebensogut wie geerbte brechen konne?

Wer philosophisch daruber reden wollte, der konnte dartun, dass uberhaupt gar kein Mensch sein Wort zu halten brauche, nicht bloss kein Furst. Nach der Physiologie ruckt der alte Korper eines Konigs (eines Lesers, eines Berghauptmanns) in drei Jahren einem neuen zu; Hume treibts mit der Seele noch weiter, weil er sie fur einen dahinrinnenden (nicht gefrornen) Fluss von Erscheinungen halt. So sehr also der Konig (Leser, Autor) im Augenblick des Versprechens an dessen Haltung gefesselt ist: so unmoglich kann er noch daran gebunden sein im nachsten Augenblick darauf, wo er schon sein eigner Nachfahrer und Erbe geworden, so dass in der Tat von uns beiden am 4ten Mai hier kontrahierenden Wesen am heutigen Mai nichts mehr da ist als unsre blossen Posthumi und Nachfahrer, namlich wir. Da nun glucklicherweise niemals in einen und denselben Augenblick zugleich Versprechen und Halten hineingehen: so kann die angenehme Folge fur uns alle daraus fliessen, dass uberhaupt gar keiner sein Wort zu halten verbunden sei, er mag Kuppel oder Sagespan eines Thrones sein. Auch die Hofleute (die Thron-Eckenbeschlage) setzen sich diesem Satze nicht darwider.

Das Publikum wird gebeten, die Vorrede fur den zweiten Schalttag zu halten, damit schones Ebenmass da ist.

9. Hundposttag

Himmels-Morgen, Himmels-Nachmittag Haus ohne

Mauer, Bette ohne Haus

Ach der arme Bergmann, der Minierer im Steinsalz und der Insel-Neger haben in ihrem Kalender keinen solchen Tag, als hier beschrieben oder wiederholet wird! Sebastian stand Donnerstags schon um 3 Uhr auf dem Flugbrett seines Bienenstocks, um in Grosskussewitz in einem Tage anzulanden und wegzusein, eh' man auf war. Ein Leser, der einen Atlas unten auf dem Fussboden hat, kann unmoglich diesen Marktflekken, wo die Ubergabe der Furstenbraut vorgeht, mit einem Namenvetter von Dorf verwirren, den die Stadt Rostock zu ihrem unbeweglichen Vermogen geschlagen. Das ganze Haus hatte ihn leider so lieb, dass es schon eine halbe Stunde fruher aus den Morgenfedern, woraus die grossten Flugel der Traume gemacht werden, heraus war. Unter dem Getose der Wagenketten, der Hunde und Hahne trennte er sein sanftes Herz von lauter liebenden Augen, und indem ihn das Klopfen des einen und das Erweichen der andern verdross, wurde alles noch arger; denn der aussere Larm stillt den innern der Seele.

Draussen schwammen alle Grasebnen und Samenfelder im Tropfbad des Taus und im kalten Lufttal des Morgenwinds. Er wurde darin wie heisses Eisen gehartet; ein Morgenland voll unubersehlicher Hoffnungen umzog ihn, er entkleidete seine Brust, warf sich brennend ins tropfende Gras, wusch sich (aber aus hohern Absichten als Madchen) das feste Gesicht mit flussigem Juniusschnee und trat, mit straffen Fibern bespannt, aus dem Tropfbad in den Anzug zuruck bloss Haar und Brust steckt' er in kein Gefangnis.

Er ware gewiss eher abgegangen; aber er wollte dem Monde ausweichen, den er so wenig mit der Sonne gatten konnte als die Kinder von beiden, namlich Nachtgedanken mit Morgengedanken. Denn wenn die Morgenwolken um den Menschen tauen, wenn die liebenden Vogel schreiend durch den Glanznebel schiessen, wenn die Sonne aus der Wolkenglut vorschwillt: so druckt der erfrischte Mensch seinen Fuss tiefer in seine Erde ein und wachset mit neuem Lebens-Efeu fester an seinen Planeten an.

Langsam watete er durch einen niedrigen Haselstauden-Gang und streifte ungern ihre erkalteten Kafer ab; er hielt an sich und stand endlich, um sich zu verspaten, damit er nicht im nahen Waldchen ware, wenn gerade die Sonne ihr Theater betrat. Er horte schon den musikalischen Wirrwarr im Waldchen Rosenwolken waren als Blumen in die Sonnenhahn gebreitet die Warte des Pfarrdorfs, dieser Hochaltar, worauf sein erster schoner Abend gebrannt, entflammte sich die singende Welt der Luft hing jauchzend in den Morgenfarben und im Himmelblau Funken von Wolken hupften vom Goldbarren am Horizont empor endlich wehten die Flammen der Sonne uber die Erde herein....

Wahrlich, wenn ich an jedem Abende den Sonnenaufgang malte und an jedem Morgen ihn sahe: ich wurde doch wie Kinder rufen: noch einmal, noch einmal!

Mit betaubten Sehnerven und mit vorausschwimmenden Farbenflocken ging er langsam in den Wald wie in einen dunkeln Dom, und sein Herz wurde gross bis zur Andacht...

Ich will nicht voraussetzen, dass mein Leser ein so prosaisches Gefuhl fur den Morgen habe, um dieses poetische unvertraglich mit Viktors Charakter zu finden ja ich darf seiner Menschenkenntnis zutrauen, dass sie wenig Muhe habe, zwischen solchen entlegnen Tonarten in Viktor, wie Humor und Empfindsamkeit sind, den Leitton auszufinden; ich will mich also unbesorgt dem frohen Anschauen seiner weichen Seele und dem Vertrauen auf fremden Einklang uberlassen.

Der Venusstern und ein Wald bluhen am schonsten am Morgen und Abend; auf beide treffen dann die meisten Strahlen der Sonne. Daher war unserm Viktor im Walde, als ging' er durch die Pforte eines neuen Lebens, da er an diesem feurigen Morgen mit der Sonne, die neben ihm von Zweigen zu Zweigen flog, durch das brausende Geholze, hinweg unter vollstimmigen Asten, die ebenso viele bewegte Spiel-Walzen waren, uber das im grunen Sonnenfeuer stehende Moos und unter dem ins himmlische Blau getauchten Tannengrun durchwankte. Und an diesem Morgen erneuerte sich in seinem Herzen die schmerzhafte Ahnlichkeit von vier Dingen von dem Leben, von einem Tage, einem Jahre, einer Reise, die einander gleichen im frischen Jubel-Anfang im schwulen Mittelstuck im muden satten Ende.

Draussen im Anfluge, im Hintergrund des Waldchens, rollte vor ihm die Natur ihr meilenlanges Altarblatt auf mit den Hugel-Ketten desselben, mit seinen blendenden Landhausern, die sich mit Garten wie mit Fruchtschnuren putzten, und mit den Miniaturfarben der Blumchen, die sich an der silbernen Schonheitlinie der Bache bewegten. Und eine Wolke trunkner, spielender, schwirrender Kleinwesen aus Seidenstaub zog und hing uber das wallende Gemalde her. Welchen Weg sollte Viktor im Labyrinth der Schonheit nehmen? Alle 64 Strahlen des Kompasses streckten sich als wegweisende Arme aus, und er hatte soviel Verstand, dass er sich keine Stunde vorsetzte, um anzukommen er wich daher uberall rechts und links aus er stieg in jedes Tal, das sich hinter einem Hugel versteckte er besuchte die durchbrochnen Schattenwurfe jeder Baumreihe er legte sich zu den Fussen einer schonern Blume nieder und erquickte sich mit reiner Liebe an ihrem Geiste, ohne ihren Korper abzuknicken er war der Reisegefahrte des gepuderten Schmetterlings und sah seinem Einwuhlen in seine Blume zu, und der Grasmucke folgte er durch Gebusche in ihre Brutzelle und Kinderstube nach er liess sich festmachen durch den Kreis, den eine Biene um ihn zog, und liess sie ruhig in den Schacht seines eignen Blumenstrausses einschlagen er ubte in jedem Dorfe, das ihm der bunte Grund vorhielt, die Durchganggerechtigkeit und begegnete am liebsten den Kindern, deren Tage noch so spielten wie seine Stunden

Aber Menschen vermied er....

Und doch sprang aus seinem Herzen eine hohe Quelle der Liebe, die bis zum entferntesten Bruder drang; und doch war er so sehr ohne Ichsucht, so ohne jene empfindsame Intoleranz, die den Grad und die Quelle mit der herrnhutischen gemein hat. Der Grund aber war der: der erste Tag einer Reise war ganz anders als der zweite, dritte, achtzigste. Denn am zweiten, dritten, achtzigsten war er prosaisch, humoristisch, gesellig, d.h. sein Herz hing sich wie gehakelter Same uberall an und schlug die Wurzeln seines Glucks in jedem fremden Schicksal ein. Aber am ersten Tage kamen verhullte Geister aus alten Stunden in seine Seele, welche verschwanden, wenn ein Dritter sprach eine sanfte Trunkenheit, die ihm der Dunstkreis der Natur wie der eines Weinlagers mitteilte, legte sich wie eine magische Einsamkeit um seine Seele... Warum will ich aber den ersten Tag schildern, eh' ich ihn schildere?

In den ersten Stunden der Reise war er heute frisch, froh, glucklich, aber nicht selig; er trank noch, allein er war nicht trunken. Aber wenn er so einige Stunden mit schopfendem Auge und saugendem Herzen gewandelt war durch Perlenschnure betaueter Gewebe, durch sumsende Taler, uber singende Hugel, und wenn der veilchenblaue Himmel sich friedlich an die dampfenden Hohen und an die dunkeln, wie Gartenwande ubereinander steigenden Walder anschloss; wenn die Natur alle Rohren des Lebenstromes offnete, und wenn alle ihre Springbrunnen aufstiegen und brennend ineinander spielten, von der Sonne ubermalt: dann wurde Viktor, der mit einem steigenden und trinkenden Herzen durch diese fliegenden Strome ging, von ihnen gehoben und erweicht; dann schwamm sein Herz bebend wie das Sonnenbild im unendlichen Ozean, wie der schlagende Punkt des Radertiers im flatternden Wasserkugelchen des Bergstroms schwimmt.

Dann losete sich in eine dunkle Unermesslichkeit die Blume auf, die Aue und der Wald; und die Farbenkorner der Natur zergingen in eine einzige weite Flut, und uber der dammernden Flut stand der Unendliche als Sonne, und in ihr das Menschenherz als zuruckgespiegelte Sonne.

Alles ward eins alle Herzen wurden ein grosstes ein einziges Leben schlug die grunenden Bilder, die wachsenden Bildsaulen, der Staubklumpe des Erdballs und die unendliche blaue Wolbung wurden das anblickende Angesicht einer unermesslichen Seele

Er mochte immerhin die Augen zuschliessen: in seiner dunkeln Brust ruhte noch diese bluhende Unendlichkeit.

Ach wenn er sich in die Wolken hatte hinaufsturzen konnen, um auf ihnen durch den wehenden Himmel uber die unubersehliche Erde zu ziehen! Ach wenn er mit dem Blutendufte hatte uber die Blumen hinuberrinnen, mit dem Winde uber die Gipfel, durch die Walder hatte stromen konnen! O jetzt war' er einem grossen Menschen lieber an das Herz gefallen und trunken und weinend in seinen Busen versunken, um zu stammeln: "Wie glucklich ist der Mensch!"

Er musste weinen, ohne zu wissen woruber er sang Worte ohne Sinn, aber ihr Ton ging in sein Herz er lief, er stand er tauchte das gluhende Angesicht in die Wolke der Blutenstauden und wollte sich verlieren in die sumsende Welt zwischen den Blattern er druckte das zerritzte Angesicht ins hohe kuhlende Gras und hing sich im Taumel an die Brust der unsterblichen Mutter des Fruhlings.

Wer ihn von weitem sah, hielt ihn fur wahnsinnig; vielleicht jetzt mancher noch, der es nie selber erfahren hat, dass durch die ausgehellte selige Brust, wie durch den heitersten Himmel, Sturmwinde ziehen konnen, die in beiden in Regen zerfliessen.

In dieser Tagzeit seines Wiedergeburt-Tages gab sein Genius seinem Herzen die Feuertaufe einer Liebe, die alle Menschen und alle Wesen in ihre Flammen fassete. Es gibt gewisse kostliche WonneMinuten ach warum nicht Jahre? , wo eine unaussprechliche Liebe gegen alle menschliche Geschopfe durch dein ganzes Wesen fliesset und deine Arme sanft fur jeden Bruder auftut. Das wenigste war, dass Viktor, dessen Herz in der Sonnenseite der Liebe war, jedem, der ihm neben einem Berge aufstiess, gegen die steile Seite auswich dass er vor keinem, der angelte, voruberging, um keinen verscheuchenden Schatten ins Wasser zu werfen dass er langsam durch Schafe wanderte und vor dem Kinde, das ihn scheuete, einen Umweg nahm. Nichts ging uber die sanfte Stimme, womit er jedem Pilgrim mehr als diesen glucklichen Morgen wunschte; nichts uber den vorausgeruhrten Blick, womit er in jedem Dorfe die arme Haut, deren Schwielen und Narben und Schnittwunden einen Blutschwamm oder schmerzenlindernden Tropfen notig hatten, auskundschaften wollte. "Ach ich weiss es so gut als ein Famulus bei einem Professor der Moral," (sagt' er zu sich) "dass es keine Tugend, sondern nur eine Wollust ist, die Dornenkrone von einer zerritzten Stirne, den Stachelgurtel von wunden Nerven wegzunehmen; aber diese unschuldige Freude wird man mir doch vergonnen, und da auf so vielen Wegen zersplitterte Menschen liegen, warum streckt auf meinem keiner seine Hand aus, damit ich etwas hineinlegen konnte fur diesen unverdienten Himmel in meiner Brust?"

Er wollte seine Freude einem fremden Herzen zum Kosten entgegentragen, wie die Biene ihren Mund voll Honig in die Lippen einer andern ubergibt. Endlich keuchten zwei Kinder daher, davon eines als Zugvieh an einem Schiebekarren angestrickt war, und das andere vornen als schiebender Fuhrmann nachgespannt. Der Karren war mit sechs locherichten Sacken voll Tannenzapfen befrachtet, die das arme Gespann zu einem schwindsuchtigen Feuer zusammenfuhr. Beide vertauschten haufig ihre Amter, um es auszudauern; und der Fuhrmann wollte immerfort sogleich wieder der Gaul werden. "Ihr guten Kinder! kann denn nicht euer Vater schieben?" "Der Baum hat ihm die zwei Beine entzweigeschlagen." "So konnte doch euer grosser Bruder in den Wald?" "Er muss dort brachen." Viktor stand am Brachacker neben einem Wams mit ebensoviel Farben als Lochern und neben einem schmutzigen Brotsack, welches beides dem Bruder angehorte, der in der Ferne mit einem halben Postzug magerer Kuhe auf der Buhne dieses Auftritts ackerte. Eine volle Hand, die sich in den Schoss des Elends ausleerte, machte Viktors schwere Seele leichter, wie das volle Auge, das sich jener nachergoss; sein Gewissen, nicht sein Eigennutz war sein Einwender gegen die Grosse seiner Gabe er gab sie doch, aber in kleinen Munzsorten die Kinder verliessen ihre Kaufmannsguter, und das eine lief uber das Feld hinuber zum Pfluge und das andre ins Dorfchen hinab zur Mutter. Der Ackermann zog in der Ferne den Hut ab wollte laut danken, konnte sich aber nur schneuzen ackerte ohne Hut heran aber als er dem Jungling den Dank nachrief, war dieser schon weit aus dem Gehor-Kreise hinausgefluchtet...

Wunsche, lieber Leser, nicht diesen oder den kommenden Zwischenakt des Menschengrams aus den grossen Auftritten der glucklichen Natur heraus, und dein Herz verdiene wie Viktor durch Gehen das Nehmen!

Er kam in seiner gutherzigen Eile bald einem fieberkranken Schmiedegesellen nach, dessen Reisekoffer oder Mantelsack ein angefulltes Schnupftuch war; am Stecken trug er noch ein entfarbtes elendes Stiefelpaar, das er schonen musste, weil das andre, das er an andern Stecken, namlich an den Beinen, schleppte, noch elender und weniger ohne Farbe als ohne den Boden dazu war. Als er den Fiebrischen schonend gegrusset und beschenkt hatte, so sah er ihm ins bleiche erstorbene Gesicht, und er konnte ihm einiges Schmerzengeld nicht versagen... Ach das ganze Schmerzengeld fur dieses Leben wird erst in einem hoheren ausgezahlt! ... Als er ihn hoflich ausgefragt und sich um seine hungrige Wanderschaft, um seine Zuchthaus-Kost, um sein Fluchten von Landern in Lander und um seinen dunnen Zehrpfennig, den ihm die Meisterin abschlug, wenn der Meister aus war, erkundigt hatte: so schamte er sich vor dem Allgutigen seines Blumenfeldes von Entzuckungen, welches er nicht mehr verdiene "wie der arme Teufel da", und er begabte noch einmal nach Und als er wieder ihn erwartete und sein funfzigjahriges Alter ohne Aussicht erfuhr, und ihn die Beklemmung uberwaltigte, die ihm allezeit alte, aber unentwickelte Menschen machten, graue Gesellen, alte Schreiber, alte Provisores, alte Famuli: so war er etwas entschuldigt, dass er wieder zurucklief und dem erstaunten Alten stumm die neuen Zeichen seiner uberfliessenden begluckenden Seele gab Und als er in der neuen Entfernung sein in Liebe zergangnes, gleichsam nur um seine Seele schwimmendes Herz immer mehr nach Wohltun dursten und einen unbegreiflichen Hang zu neuem Geben und das Sehnen fuhlte, irgendeinem Menschen heute alles, alles hinzulegen: so merkt' er erst, dass er jetzt zu weich sei und zu selig und zu trunken und zu schwach.

Sobald man im Dorfe die gewissen Nachrichten von diesem Durchgangzoll der Wohltatigkeit in Handen hatte: so legten sich nachmittags ungefahr 15 Kinder in verschiednen Posten an den Weg, besetzten die engen Passe und stellten Schildwachen und enfants perdus aus, um Zollverkurzungen abzukehren...

Ein Mensch, der aus drei geraden Stunden sieben krumme konstruierte wie Viktor, hat oft Hunger, aber sicher grossern als er; er nahm bloss das Leibnizische Monaden-Mahl aus der Tasche, Zwieback und Wein, und speisete damit den an den Geist gehangnen ziehenden Magen ab, um die helle, mit Himmelblau und Himmelrot ausgewolbte See seines Innern durch keine hineingeworfne Fleischstucke dunkel und schmutzig zu machen. Uberhaupt hasste er Fresser als Menschen von zu grobem Eigennutz, so wie alle lebendige Speckkammern, wo Fettlagen den Geist, wie Schneeklumpen eine Hutte, einquetschen. Die Seele, sagt' er, nimmt von den Inlagen des Korpers, wie der Wein vom Obst, das neben ihm im Keller ist, den Geruch an, und im mephitischen Dampfe, in welchem die Seelen der Flachsenfinger uber den ihre Kartoffeln und Biere siedenden Braukesseln ihrer Magen zappeln, mussen wohl die armen Vogelchen besoffen und erstickt in dieses Tote Meer herunterfallen.

Er brach seinen Zwieback nicht in einem Hause, sondern im Knochengebaude, d.h. im Sparrwerk eines Hauses, das erst aus den Handen und Beilen der Zimmerleute vor das Dorf gekommen war. Indem er durch alle Abteilungen und Unterabteilungen dieses Baugerippes und auf einmal durch Stube, Kuche, Stall und Boden sah: so dachte er: "Wieder ein Schauspielhaus fur eine arme kleine Menschentruppe, die hier ihre Benefizkomodie, ihre Gays-Bettleroper abspielet, ohne dass eine Stimme aus der grossen Loge schreiet: bis! Ach bis diese Balken der Winterrauch zu Ebenholz gerauchert hat, wird manche Augenhohle rot gequalet werden; mancher Nordwestwind des Lebens wird durchs Fenster an zagende Herzen fahren, und in diese Winkel, die erst dunkel vermauert werden, wird mancher Rucken mit Quetschwunden vom Gewehrtragen des burgerlichen Lebens treten, um den Schweiss abzutrocknen oder das Blut. Aber die Freude" (dacht' er fort und sah an die Stelle des Ofens und des Tisches) "wird euch Insassen auch ein paar Nelkenbaume vors Fenster setzen und mit dem Brautwagen der drei heiligen Feste und der Kirmes und der Kindtaufe vor eurer Hausture, die erst eingesetzt wird, vorfahren und abladen. Himmel, wie narrisch, dass ich mir hier im gegitterten alles das lieber denke, als in den ausgemauerten Hausern des Dorfes dort sehe!"

Unter dieser Tisch- und Baurede, wobei kein Trinkglas zerschlagen wurde, strich die weisse Brust der Schwalbe tief uber den Fuhrweg, und ihr Schnabel lud den geloschten Kalk zu ihrem Dachstubchen auf. Die Wespe hobelte sich aus dem Sparrwerk Papierspane zu ihrer Zwiebel-Kugel. Die Spinne hatte ihr Spinnhaus schon ins grosse hineingeknupft. Alle Wesen zimmerten und mauerten sich im unendlichen Meere ihre kleinen Inseln; aber der wuhlende Mensch wendet sich nicht um und sieht nicht, dass ihm alles ahnlich ist.

Sebastian verliess sein holzernes Gasthaus, sein Gerippe von einem frankfurtischen Roten Hause, trunkner und glucklicher, als er aus einem ausgemauerten hatte gehen konnen. In gewissen Menschen breitet sich eine dunkle Wehmut, ein desto grosserer SeelenSchatten aus, wenn die Schatten ausser ihnen am kleinsten sind, ich meine um 1 Uhr nachmittags im Sommer. Wann nachmittags unter der brutenden Sonne Wiesen starker duftend und mit gesenkten Blattern, Walder sanfter brausend und ruhend dastehen, und die Vogel darin als stumme Figuranten sitzen: dann umfasste im Eden, woruber schwul das Blutengewolke auflag, eine sehnsuchtige Beklommenheit sein Herz dann wurd' er von seinen Phantasien unter den ewigblauen Himmel des Morgenlandes und unter die Weinpalmen Hindostans verweht dann ruhte er in jenen stillen Landern aus, wo er ohne stechende Bedurfnisse und ohne sengende Leidenschaften auseinanderfloss in die traumende Ruhe des Brahminen, und wo die Seele sich in ihrer Erhebung festhalt und nicht mehr zittert mit der zitternden Erde, gleich den Fixsternen, deren Schimmer nicht zittert, auf Bergen angeschauet dann war er zu glucklich fur einen deutschen Kolonisten, zu dichterisch fur einen Europaer, zu schwelgend fur einen Nordpol-Nachbar... An jedem Sommermorgen besorgt' er, dass er am Sommernachmittag zu weichlich phantasieren werde.

Das Fasten der Wein der Himmel die Erde hatten heute seine Herzkammern so freigebig mit dem Schlaftrunk der Wonne vollgegossen, dass sie, wenn nachgeschuttet wurde, uberfliessen mussten durch die Augen. Jene gossen nach; und hinter seinen verdunkelten Augen, in seinem uberschatteten, mit dem Grun der Natur ausgeschlagnen Innern, das gleichsam abendrote Vorhange dunkel machten, brach eine Farben-Nacht an, in welcher alle kleine Gestalten seiner Kindheit neblig aufstiegen das erste Spielzeug des Lebens wurde ausgelegt seine ersten Wonnemonate spielten wie kleine Engel auf einer Abendwolke, und sie konnten nicht in ihren Flugelkleidern um die grosse Wolke fliegen, und die Sonne versengte sie nicht.

Ach was er langst vergessen, langst verloren langst geliebt hatte Lieder ohne Sinn und Tone ohne Worte namenlose Gespielen beerdigte Warterinnen verstorbne Bedienten diese alle wurden lebendig, aber vor ihnen voraus ging am grossesten sein erster, sein teurester Lehrer Dahore in England und sagte zur zerschmolzenen Seele: "Wir waren sonst beisammen." O, dieser ewig geliebte Geist, der schon damals in unserem Viktor die Flugel sah, die sich nach der andern Welt aufrichten, der schon damals mehr der Freund als der Lehrmeister seines so weichen, so wogenden, so liebevollen, so ahnungvollen Herzens war, dieser unvergessliche Geist wollte nicht weichen, seine Gestalt schlug den Leichenschleier zuruck, fing an zu glanzen und an zu reden: "Horion, mein Horion, warst du nicht an meiner Hand, warst du nicht an meinem Herzen? Aber es ist lange, dass wir uns geliebt haben, und meine Stimme ist dir nicht mehr kenntlich, kaum noch mein Angesicht ach die Zeiten der Liebe rollen nicht zuruck, sondern ewig weiter hinab." Er lehnte sich an einen Baum und trocknete unaufhorlich das Auge, das den Weg nicht mehr fand, und seine Blicke ruhten fest an den Waldern, die nach St. Lune gehen, und an den neblichten Bergen, die sich vor Maienthal und vor seinem zweiten Lehrer stellen...

Kussewitz sprang vor.

Aber zu bald; seine bewegte Seele wollte noch nicht unter fremde Menschen. Es war ihm lieb, dass er an eine umgesturzte Rinne stiess, aus welcher Schafe Salz lecken, und an einen Zaun, der sie zu nachts behutet, und an die Hutte auf zwei Radern, worin ihr Warter schlaft. Er hatte eine eigne Neugierde und Vorliebe fur kleine Nachbilder der Hauser; er trat in oder an jede Kohlerhutte, in jede Jager- und Vogelhutte, um sich mit seiner eignen Einschrankung und mit den Parodien unsers kleinen Lebens und mit dem Erdgeschoss der Armut zu betruben und zu erfreuen. Er ging vor nichts Kleinem blind vorbei, woruber der Welt- und Geschaftmann verschmahend schreitet; so wie er wieder vor keinem Pomp des burgerlichen Lebens stehen blieb. Er machte also ein Turchen am Fahr-Bette des Schafers auf: es sah darin so armselig aus, und das Stroh, das Eiderdunen und Seidensacke ersetzte, war so niedrig und zerknullt, dass er sich unbeschreiblich hineinsehnte; er brauchte jetzt eine Taucherglocke, die ihn aus dem treibenden, druckenden, erhabnen Meere um ihn absonderte. Ich wollt', man konnt' es den europaischen Kabinetten, dem Reichstag und dem Prinzipalkommissarius verbergen, dass er sich wirklich hineinlegte. Hier aber ging die Anspannung seiner Sinne, in welche die Bett-Pforte nur einen kleinen Ausschnitt vom Himmelblau einliess, bald in die Erschlaffung des Schlummers zuruck, und uber das heisse Auge sank das Augenlid.

10. Hundposttag

Zeidler Oszillieren Zeusels Ankunft der

Prinzessin

Seit einem Posttage schlaft der Held. Die deutschen Rezensoren sollten mir den Gefallen tun, ihn aufzuschreien.

Aber Schelme sind sie, diese Nachrichter und Maskopeibruder der Zensoren; sie wecken weder Leser noch Fursten, nur homerische Schlafer auf. Die Sonne steht schon tief und guckt gerade waagrecht in sein Doktor Grahams-Bette, und er gluht noch von ihr...

Das Schafvieh musst' es tun durch Bloken und Glocken. Als in seine aufgehenden Ohren die Turmglocke aus Grosskussewitz, unter Begleitung der Schafglocken, mit einem in Musik gesetzten Abendgebet eindrang als in seine aufgehenden Augen der rote Schattenriss der vergangnen Sonne, die seine heutigen Paradiese beschienen hatte, und das Abendrot einfiel, dessen Goldblattchen der Abendwind den Wolken anhauchte als die wie sein Blumenstrauss betaute Luft seine Brust erfrischte: so war der heutige schwule Nachmittag um eine ganze Woche zuruckgerollet; Viktor war in eine neue selige Insel herabgefallen; neugeboren und froh kroch er ruckwarts aus seiner fahrenden Habe. "O ich tolles Ich!" sagt' er "ich freue mich aber nicht ausserordentlich daruber, dass ein halbes Lot Schlafkorner eine ganze gluhende Welt im Menschen wegbeizen kann, ganz weg und dass das Umlegen des Korpers der Erdfall seines Paradieses und seiner Holle wird"

Auf der Landstrasse sprangen zwei Sanftentrager in kurzem Galopp zwischen den Tragestangen ihres ledernen Wurfels dahin. Er setzte ihnen nach ihre Last, dacht' er, muss ihnen noch viel leichter sein als ein ganzes Land und dessen Zepter, die beide gleichwohl ein Regent, wie ein Gaukler den Degen, tanzend zu tragen versteht auf der Nase, auf den Zahnen, auf allem. Sie trugen aber das schwerste Ding in der Welt, worunter oft Stadte und Thronen und Weltteile einbrachen.

"Womit setzt ihr so herum?" fragt' er. "Mit unserem allergnadigsten Herrn!" Januar wars es ist aber den asthetischen Kunstgriffen, womit ein Autor die Erwartung seiner Leser so ausserordentlich anspannt, ganz gemass, dass ichs nicht eher eroffne, was von Jenner in der springenden Sanfte sass, als in dem folgenden Wort.

Sein Bild wars. Das Bruststuck reisete allemal vor der Braut voraus, um bei Zeiten in ihrem Schlafzimmer anzukommen und sich an die Wand an einen Nagel zu begeben. Auf der ganzen empfindsamen Reise hatte der Kubikinhalt der Braut in lauter Zimmern geschlafen, an denen der Flacheninhalt des Brautigams wie eine Kreuzspinne die ganze Nacht herunterhing... Da ich mir durch den Barrieren-Traktat, den ich mit dem Vetter Leser abgeschlossen, das Recht auf keine Weise abgeschnitten haben will, ausser den Schalttagen auch noch Extrablatter Extrablattchen und Pseudo-Extrablatter zu machen, indem ich mirs vielmehr durch gewisse geheime Separatartikel, die ich bloss im Kopfe gemacht, wie der Papst gewisse Kardinale, erst erteilt habe: so will ich das Recht, das mir mein von mir gemachter Neben-Rezess anbeut, auf der Stelle ausuben.

Extrablattchen uber obige Bruststucke

"Ich behaupte," sagt' ich auf dem Billard in Scheerau, als ich gerade nicht stiess "dass Herzoge, Markund andre Grafen und viele vom hohen Adel dumm waren, wenn sie in unsern Tagen oder gar in den kunftigen , wo die Scheitelhaare sich fortmachen, eh' die Barthaare ankommen wo manchem Gesicht zur Brille nichts fehlt als der Sattel dazu wo besonders der Mann von Stande froh ist, statt eines Abgusses doch ein Abriss von einem Menschen zu sein nicht weise waren sie," rekapituliert' ich, "wenn sie kein besseres Beilager hielten als ein wahres, kein gemaltes namlich; wenn ihre Brustbilder auf nichts Besseres an keine Brust namlich gedruckt wurden als auf zinnerne Deckel von Bierkrugen, so dass sie auf keine andre Art berauschten als auf die letzte; und wenn sie, da sie uberall durch Bevollmachtigte handeln, auf Reichbanken, in Sessionstuhlen, in Brautbetten (bei der Vermahlung durch Gesandte), dachten, es gabe in der Sache einen treuern und unschuldigern Prinzipalkommissarius als eine Elle Leinwand, worauf sie selber hingefarbt sind.".. Da wir gerade in Menge spielten und ich eben Konig war und im Feuer so fortfuhr: "Was Teufel! wir Konige wissen die in der Tugend und in der Ehe bildenden Kunste gescheit genug durch die zeichnenden zu ersetzen; und nicht bloss im Billard steht ein Konig ganz mussig da mit seinem Zepter-Queue!" so sollte und konnte das Feuer wenig auffallen.

Ende des Extrablattchens uber obige Bruststucke

Beim Grafen von O so hiess im Siebenjahrigen Kriege auch ein beruhmter Offizier und bei Shakespeare die Erde; und das ganze Gebet einer alten Frau; und nach Bruce liebten die Hebraer diesen Vokal vorzuglich; das ist aber im Grunde hier unnutze Gelehrsamkeit- stieg die Prinzessin und der gemalte Eheherr ab. Viktor wollte sich mit seinem heutigen Anzug und seinem heutigen Herzen nicht in den Taumel der Welt mischen und ware doch gern bei allem gewesen.

Aus Kussewitz drangte sich ein rot und weisses kleines Hauschen hervor, so rot wie ein Eichhornbauer und so frohlich wie ein Gartenhaus. Er trat hinan und an dessen widerscheinende Fenster aber wieder davon zuruck; er wollte ein altes Menschenpaar, fur das die Glocke die Orgel gewesen, gar hinausbeten lassen. Als er mit seinem vom Widerschein der heutigen Verklarung erhohten Gesichte hineintrat: wandte ein alter Mann einen Silberkopf, der wie ein lichter Mond uber dem Abend seines Lebens stand, mit lachelnden Runzeln gegen den Gast. Nur ein Heuchler der Agioteur der Tugend ist nach dem Beten nicht sanfter und gefalliger. Die alte Frau legte zuerst die Miene der Andacht ab. Viktor begehrte mit seiner siegenden Unbefangenheit ein Nachtquartier. Es ihm bewilligen das konnten nur so zufriedne Leute wie diese; es verlangen das konnte nur einer, der so wie er die Wirte floh, weil ihre mit jedem Gast ankommende und abgehende eigensuchtige kalte Teilnahme und Liebe seiner warmen Seele zu sehr zuwider war. Zweitens zog ihn die Reinlichkeit an, die sogar der Schmutzfink in fremden Stuben liebt und die darin ein Beweis der Zufriedenheit und der Kinderlosigkeit ist. Drittens wollt' er im Inkognito und aus dem Gassen-Gewuhle heute mit seiner von der Natur geweihten Seele bleiben.

Er wurde bald einheimisch; noch eh' das Essen abgewaschen und abgeblattet und fertig war, hatt' ers heraus oder vielmehr hinein, dass der sanfte Greis Lind mit Namen ein Zeidler sei. Letztes glaub' ich; denn sonst war' er nicht so sanft, wie denn in den meisten Fallen die tierische Gesellschaft weniger verdirbt als menschliche: daher Plato die Langischen Kolloquia mit den Tieren als das Beste aus Saturns goldner Regierung angibt. Es ist nicht einerlei, ob man ein Hunde-, ein Lowen- oder ein Bienenwarter ist; denn unser Tiergarten im Unterleib nach der platonischen Allegorie bellt und blokt dem Unisono des aussern nach. Als Viktor vollends mit dem Alten um das Haus und um die Bienenkorbe ging: so kam er wieder ins Tafelzimmer mit dem Gesichte eines Menschen, der in der Kussewitzer Kirche schon einen Stuhl und im Kirchenbuch eine Blattseite behauptete; wusst' er nicht schon, dass der Bienenvater drei Pfarrer und funf Amtmanner in Kussewitz zu Grabe begleitet dass er die erste Hochzeit mit seiner Mutter (so hiess er die Frau) in dem Alter gemacht, in das sonst die Silberhochzeit fallt dass sein Kopf noch das Gedachtnis und die Haare habe dass er unter den Sargdeckel schwarze Augenbraunen zu bringen gedenke dass er, Lind, ganz und gar nicht, wie etwan der alte Gobel und selber der Vogt Stenz, in der Kirche der Augen wegen die Stellung neben dem Kirchenfenster zu nehmen brauche, sondern seinen Vers uberall lesen konne, und dass er jahrlich nach Maienthal in die Kirche einmal gehe und ein Kopfstuck in den kirchlichen Billardsack stosse, weil der Kirchhof da alle seine Verwandten von vaterlicher Seite bedecke?

O, diese Zufriedenheit mit den Abendwolken des Lebens erquickt den hypochondrischen Zuhorer und Zuschauer, dessen melancholischer Saitenbezug so leicht in eines alten Menschen Gegenwart gleich einem Todesanzeiger zu zittern anfangt; und ein feuriger Greis scheint uns ein unsterbliches, gegen die Todessense verhartetes Wesen und ein in die zweite Welt wegweisender Arm! Viktor besonders sah mit schweren Gedanken in einem alten Menschen eine organisierte Vergangenheit, gebuckte verkorperte Jahre, den Gipsabdruck seiner eignen Mumie vor sich stehen. Jeder kindische, vergessliche, versteinerte Alte erinnerte ihn an die Eisenhammermeister, die in ihrem Alter wie die Menschenseele eine krebsgangige Beforderung erdulden und wegen ihrer gewohnlichen Erblindung wieder Aufgiesser dann Vorschmiede dann Huttenjungen werden. Der gute Newton, Linne, Swift wurden wieder Huttenjungen der Gelehrsamkeit. Aber so sonderbar furchtsam ist der Mensch, dass er, der die Seele bei der grossten vorteilhaften Abhangigkeit von den Organen doch noch fur einen Selbstlauter ansieht und mit Recht , gleichwohl bei einer nachteiligen besorgt, sie sei bloss der Mitlauter des Korpers und mit Unrecht

Da ein Spaziergang um einen fremden Ort einem Reisenden die beste Naturalisationakte gibt und da Viktor nirgends fahig war, ein Fremder zu sein: so ging er ein wenig hinaus. In manchen Nachten wird es nicht Nacht. Er sah draussen nicht weit von den Gartenstaketen des Seniors, nicht des adeligen, sondern des geistlichen ein sehr schones Madchen sitzen, in ein lateinisches Pfingstprogramm vertieft und daraus mit gefalteten Handen betend. Einer vereinigten Schon- und Tollheit widerstand er nie; er grusste sie und wollte sie ihr lateinisches Gebetbuch nicht aufrollen und einstecken lassen. Die gute Seele hatte, da sie ihr Gebetbuch und Paternoster verloren, aus dem Pfingstprogramm 'de Chalifis literarum studiosis' ihre Andacht mit Leichtigkeit verrichtet, da sie weder Lateinisch noch Lesen konnte und das Handefalten fur die Maurerische Fingersprache ansah, die man hohern Orts schon verstehen wurde. Sie wickelte einen sechsten abgeschnittenen Finger aus einem Papier heraus und sagte, den hatte das Marienkloster zu Flachsenfingen, an dessen Mutter Gottes ihr Vater ihn zur Dankbarkeit habe henken wollen, nicht angenommen, weil er nicht von Silber sei. Da Buffon den Fingern des Menschen die Deutlichkeit seiner Begriffe zuschreibt so dass sich die Gedanken zugleich mit der Hand zergliedern : so muss einer, der eine Sexte von Finger hat, um 1/5 oder 1/11 deutlicher denken; und bloss so einer konnte mit einem solchen Supranumerar-Schreibfinger mehr in den Wissenschaften tun als wir mit der ganzen Hand.

Sie erzahlte, dass ihr Vater sie erst in zwei Jahren heiraten werde, und dass sein Sohn ihre Schwester bekommen konnte, wenn diese nicht erst sechs Jahre alt ware und dass sie beide wie an Kindes Statt beim Sechsfinger angenommen worden und dass er seine Bijouteriebude, womit er aus einem graflichen Schlosse ins andre wanderte, gerade in dem des Grafen von O habe, nebst Tisch und Wohnung und dass er ein Italiener sei, mit Namen Tostato. Himmel! den kannte ja Viktor so gut. Ohne weitere Frage denn er ging ohnehin gern mit jedem Madchen und mit jedem Spitzhunde ein paar Sabbaterwege und sagte, zwischen einem neuen und einem schonen Gesichte wurd' er gar keinen Unterschied machen, wenn er auch musste marschierte er mit ihr gerade hin zum Vater beim Grafen. Er enthulsete immer mehr an seiner kleinen Gesellschaftdame: sie war nicht nur ausserordentlich schon, sondern auch ebenso dumm.

Jetzt aber entlief sie ihm; der flachsenfingische Hofstaat kam gefahren, und sie musste das Aussteigen der Damen sehen. Er hielt sich nahe an den Schwanz des ganzen Corps, der noch auf der Strasse aufstreifte, indes der halbe Rumpf schon im Schlosse steckte. Der nachfahrende Schwanz war etwas kurz und dunn, der Hofapotheker Zeusel, der aus Eitelkeit mit seinen 54 Jahren und Jugendkleidern und mit seiner stossenden Kutsche bei der Sache war. Das kleinste Mannchen von der Welt war im grossten Wagen von der Welt so wenig fur ein ens zu nehmen, dass ich seinen Wagen fur einen leeren Zeremonienwagen anrechne, in welchem ihn der Kutscher wie einen durren Kern in einer Walnuss schuttelte.

Ich wills weitlauftig beschreiben, wie ihn der Kutscher worfelte und siebte, und mich dafur in unwichtigern Dingen kurzer fassen.

Wenn ichs freilich dem Kutscher zuschreibe und sage, dass er dem Kutschkasten durch Steine und Schnelle jenen harten Pulsschlag zu geben wusste, dass Zeusel mehr auf der Luft aufsass als auf dem Kutschkissen: so wird Kastner in Gottingen gegen mich schreiben und dartun, dass der Apotheker selber durch die Gegenwirkung, die er dem Kissen durch seinen Hintern tat, an dem Abstossen des gleichnamigen Poles schuld war; allein hier ist uns hoffentlich weniger um die Wahrheit als um den Apotheker zu tun. Viktor als Hofdoktor nahm von weitem Anteil am Hofapotheker und lachte ihn aus; ja er hatte ihn gern gebeten, sich selber einsetzen zu durfen, damit ers deutlicher sehen konnte, wie der gewandte Vetturin den Zeuselschen Ball geschickt in die Lufte schlug. Aber den weichen Nerven Viktors wurden komische Szenen durch das physische Leiden, das sie in der Wirklichkeit bei sich fuhren, zu hart und grell und er begnugte sich damit, dass er dem springenden Kasten hinten nachging und sich es bloss dachte, wie drinnen das Ding stieg gleich einem Barometer, um das heitere Wetter des betrunknen Kutschers anzudeuten er malte sichs bloss aus (daher ichs nicht brauche), wie das gute Hofmannchen bei einem Klimax, wozu es der Kerl trieb, der jede Erhebung mit einer grossern endigte, die linke Hand, statt in die Westentasche, bloss in den Kutschriemen stecken, und in der rechten eine Prise Schnupftabak seit einer Stunde warmen und drucken muss und sie aus Mangel an Ruh' und Rast nicht eher in die ode Nase heben kann, als bis der Spitzbube von Kutscher schreiet: brrrr!

"Fort!" sagte die Dumme zu Viktor und zog ihn zum Vater. Der Italiener machte seine WindmuhlenGestus und legte sich an Viktors Ohr an und sagte leise hinein "dio vi salvi"; und dieser dankte ihm noch leiser ins italienische: "gran merce". Darauf tat Tostato drei oder vier ungemein leise Fluche in Viktors Gehor. Er hatte nicht den Verstand verloren, sondern nur die Stimme, und durch nichts als einen Schnupfen. Er fluchte und kondolierte daruber, dass er gerade morgen so stockfisch-stumm sein musse, wo so viel zu schneiden ware. Viktor gratulierte ihm aufrichtig dazu und bat ihn, er mochte ihn bis auf morgen nicht nur zum Doktor annehmen, sondern auch zum Associe und Sprecher; er wolle morgen in der Bude fur ihn reden, um besser und inkognito allem zuzusehen; "wenn Ihr mir heute", versetzte Tostato, "noch eine lustige Historie erzahlt." Da er nun die von Zeusel vorbrachte mit einer italienischen Systole und Diastole der Hande; und da Tostato daruber narrisch wurde vor Spass der Italiener und Franzose lachen mit dem ganzen Korper, der Brite nur im Gehirne : so wars kein Wunder, dass er mit ihm in Handels-Kompagnie trat. Das Doktorat fing er damit an, dass er dem Patienten den Strumpf auszog und damit den verstimmten Hals umringelte, weil ein warmer Strumpf mit gleichem medizinischen Vorteil am Fuss und am Halse getragen wird; mit einem Strumpfband war' es anders.

Jetzo kam ihm die Schonheit und Dummheit der Programmen-Beterin noch grosser vor; er hatte sie gern gekusst; es war aber nicht zu machen: der Bijoutier setzte uberall seinen witzigen Ausleerungen nach und hielt die beiden Ohren unter.

Er hatte bei dieser Gelegenheit, als er an die deutsche Kalte gegen Witz und schone Kunste dachte, den grundfalschen Satz: der Brite, der Gallier und der Italiener sind Menschen die Deutschen sind Burger diese verdienen das Leben jene geniessen es; und die Hollander sind eine wohlfeilere Ausgabe der Deutschen auf blossem Druckpapier ohne Kupfer.

Er wollte wieder zum Zeidler Lind zuruck: als so spat in der Nacht so, dass der Hoffurier die Erscheinung dieses Haarkometen um eine ganze Stunde zu bald in seinen astronomischen Tabellen angesetzt hatte die Prinzessin samt ihrem Begleit-Dunstkreis anfuhr. Da er so lange von ihr gesprochen hatte: so brauchte er, um sie zu lieben, nichts als noch das Rollen ihres Wagens und das Seidengerausch ihres Ganges zu horen. "Eine furstliche Braut" sagt' er "ist viel eher auszustehen als eine andre; man zeige mir zwischen einer Kron-Prinzessin, einer Kron-Braut und einer Kron-Ehefrau einen andern Unterschied, als der Staatskalender angibt." Wer noch bedenkt, dass er ihre personliche Abneigung gegen den Fursten kannte, der bei der ersten Vermahlung sie ihrer Schwester nachgesetzt hatte und wer jetzo lieset, dass ihm Tostato sagte, mit einem Schnupftuch in der Hand sei sie ausgestiegen: der ist schon so gescheit, dass er sich uber seine Rede nicht erzurnt: "Ich wollte, diese Krontiere, die einem so schonen Kinde so schone weiche Hande wegschnappen durfen, wie Schweine den Kindern die zarten abfressen ich wollte... Aber meine Waren sind doch morgen nahe genug an ihr, dass das Schnupftuch zu sehen ist, Herr Associe?"

Beim Bienenvater, zu dem er heimkehrte, war eine ruhigere Welt' und sein Haus stand im Grunen, stumm wie ein Kloster des Schlafes und eine heilige Statte der Traume. Viktor schob auf dem Dachboden sein Bettchen vor eine Mundung des einstromenden Mondes, und so uberbauet mit verstummten Schwalben- und Wespennestern, sah er die Ruhe in Lunens Gestalt auf sein eignes Nestchen niederschweben aber sie lachelte ihn so machtig an, bis er sich in unschuldige Traume auflosete. Guter Mensch! du verdienst die Freuden-Blumenstucke der Traume, und einen frischen Kopf- und Bruststrauss im Wachen du hast noch keinen Menschen gequalt, noch keinen gesturzt, keine weibliche Ehre bekriegt, deine eigne nie verkauft; und bist bloss ein wenig zu leichtsinnig, zu weich, zu lustig, zu menschlich!

11. Hundposttag

Ubergabe der Prinzessin Kuss-Kaperei montre a

regulateur Sammliebe

Voltaire, der kein gutes Lustspiel schreiben konnte, ware nicht imstande, den eilften Hundposttag zu machen.

Bei dem eilften Hundtag bemerk' ich freilich, dass die Natur Gewachse mit allen Anzahlen von Staubfaden geschaffen, nur keine mit eilf; und auch Menschen mit eilf Fingern selten.

Inzwischen ist das Leben, gleich den Krebsen, am schmackhaftesten in den Monaten ohne R.

Darwider sagen einige, die Feder eines Autors gehe wie eine Uhr desto schneller, je langer sie geht; ich aber wend' es um und sage, aus Vielschreibern werden vielmehr Schnellschreiber.

Und doch will man Menschen, die das funfte Rad am Wagen sind, nicht leiden; aber jedem Rustwagen ist ein funftes hinten aufgeschnallet, und im Ungluck ist es ein wahres Gluckrad. Reinhold las Kants Kritik funfmal durch, eh' er ihn verstand ich erbiete mich, ihm verstandlicher zu sein, und verlange nur halb so oft gelesen zu werden.

Frei heraus zu reden, so heg' ich einige Verachtung gegen einen Kopf voll Spring-Ideen, die mit ihren Springfussen von einer Gehirnkammer in die andre setzen; denn ich finde keinen Unterschied zwischen ihnen und den Springwurmern im Gedarm, welche Goeze vor einem Licht drei Zolle hoch springen sah.

Allerdings hangt der folgende Gedanke nicht recht mit der vorigen Schluss- und Blumenkette zusammen: dass ich besorge, Nachahmer zu finden, um so mehr, da ich hier selber einer von gewissen witzigen Autoren bin. In Deutschland kann kein grosser Autor eine neue Fackel anbrennen und sie so lange in die Welt hinaushalten, bis er mude ist und das Stumpchen wegwirft, ohne dass die kleinen daruber herfallen und mit dem Endchen Licht noch halbe Jahre herumlaufen und herumleuchten. So liefen mir (und andern) in Regensburg tausendmal die Buben nach und hatten Uberbleibsel von Wachsfackeln, die das Gesandten-Personale weggeworfen hatte, in Handen und wollten mich bis zu meinem Hauswirt leuchten fur wenige Kreuzer.... Stultis sat!

Viktor eilte am Morgen ins Schloss. Er bekam einen kaufmannischen Anzug und die Bude. Um zehn Uhr fiel die "Ubergabe" der Prinzessin vor. Die drei Zimmer, worin sie vorgehen sollte, lagen mit ihren Flugelturen seinem Kaufladen entgegen. Er hatte die Prinzessin noch nie gesehen ausser die ganze Nacht in jedem Traum und konnte alles kaum erwarten...

Und der Leser auch: schneuzt er nicht jetzt Licht und Nase fullt Pfeife und Glas andert die Stellung, wenn er auf einem sogenannten Lese-Esel reitet druckt das Buch glatt auseinander und sagt mit ungemeinem Vergnugen: "Auf die Beschreibung spitz' ich mich gewissermassen"? Ich wahrlich nicht; mir ist, als sollt' ich arkebusiert werden. Wahrhaftig! ein Infanterist, der mitten im Winter Sturm lauft gegen eine feindliche Mauer vom dicksten Papier in einer Oper, hat seinen Himmel auf der Erde, mit einem Berghauptmann meines Gelichters verglichen.

Denn einer, der Kaffee trinkt und eine Beschreibung von irgendeinem Schulaktus des Hofs machen will z.B. von einem Courtag von einer Vermahlung (im Grunde von den Vorerinnerungen dazu) von einer Ubergabe , ein solcher Trinker macht sich anheischig, Auftritte, deren Wurde so ausserst fein und fluchtig ist, dass der geringste falsche Nebenzug und Halbschatten sie vollig lacherlich macht daher auch Zuschauer wegen solcher dazugedachter Nebenstriche uber sie in natura lachen er macht sich anheischig, sag' ich, solche ans Komische grenzende Aufzuge so wiederzugeben, dass der Leser die Wurde merkt und so wenig dabei lachen kann, als spielte er selber mit. Es ist wahr, ich darf ein wenig auf mich bauen, oder vielmehr darauf bauen, dass ich selber an Hofen gewesen und den angeblichen Klaviermeister gemacht (ob dieser eine Maske hoherer Wurden war oder nicht, lass' ich hier unentschieden); man sollte also von einem Vorzug, der mir fast vor der ganzen schreibenden Hanse zuteil geworden, und dem ich wirklich mein (von einigen) in der Hof-Scientia media entdecktes Ubergewicht uber die schriftstellerische so niedrige Schiffmannschaft gern verdanke, davon sollte man sich fast ausserordentliche Dinge versprechen. Man wird aber schlimm abfahren; denn ich war nicht einmal imstande, meinem Zogling Gustav den Kron-Prozess in Frankfurt so ernsthaft vorzutragen, dass dieser aufhorte zu lachen. So wusste auch Yorick niemals so zu schelten, dass seine Leute davonliefen, sondern sie mussten es fur Spass halten.

Mein Ungluck war's gewesen, wenn ich die Ubergabe der Prinzessin anfangs dacht' ich freilich, es ware dann mehr Wurde darin unter dem Bilde einer mit einem Turspan besiegelten Haus-Ubergabe an Glaubiger abgeschildert hatte, oder wie eine Ubergabe eines Feudums durch investitura per zonam oder per annulum oder per baculum secularem24. Ich bin aber zum Gluck darauf gekommen, die Ubergabe unter der poetischen Einkleidung einer historischen Benefizkomodie mit derjenigen Wurde abzumalen, die Theater geben. Ich habe dazu soviel und mehr Einheit des Orts (drei Zimmer) , der Zeit (den Vormittag) und des Interesse (den ganzen Spass) in Handen, als ich brauche. Und wenn ein Autor noch dazu das tu' ich vorher die betrubtesten ernsten Werke durchlieset, Youngs Nachtgedanken die akatholischen gravamina der Lutheraner den dritten Band von Siegwart seine eignen Liebebriefe; ferner wenn er sichs noch immer nicht getrauet, sondern gar vorher Homes und Beatties treffliche Beobachtungen uber die Quellen des Komischen vor sich legt und durchgeht, um sogleich zu wissen, welchen komischen Quellen er auszuweichen habe: so kann ein solcher Autor schon ohne Besorgnis der Prahlerei seinen Lesern die Hoffnung machen und erfullen, dass er, des Komischen sich so komisch er wehrend, vielleicht nicht ohne alle Zuge des Erhabnen liefern und malen werde folgende

historische Benefizkomodie von der Ubergabe der

Prinzessin, in funf Akten

(Das halbe Wort Benefiz bedeutet bloss den Nutzen, den ich selber davon habe.)

Erster Akt. Unter drei Zimmern ist das mittlere der Schauplatz, wo man spielt, der Handelsplatz, wo man auslegt, der Korrelationsaal (regensburgisch zu reden), wo alles Wichtige zeitigt und reift hingegen in dem ersten Nachbar-Zimmer steckt der italienische, im zweiten der flachsenfingische Hofstaat, und jeder erwartet ruhig den Anfang einer Rolle, fur die ihn die Natur geschaffen. Diese zwei Zimmer halt' ich nur fur die Sakristeien des grossten.

Das Mittelzimmer, d.h. sein Vorhang, der aus zwei Flugelturen gemacht ist, geht endlich auf und zeigt dem Associe Sebastian, der aus seinem Laden neben der katarrhalischen Firma hereinguckt, viel. Es tritt auf an der Ture der Kulisse No. 1 ein rotsamtner Stuhl; an der Ture der Kulisse No. 2 wieder einer, ein Bruder und Anverwandter von jenem; es sind diese Duplikate die Sessel, worin sich die Prinzessin setzt im Verfolge der Handlung, nicht weil die Mudigkeit, sondern weil ihr Stand es ausdrucklich begehrt. Mitten im Handeln ist schon ein langer befranster Tisch begriffen, der das Mittelzimmer, das selber ein Abteilzeichen der zwei Kulissen ist, abteilt in zwei Halften. Man sollte nicht erwarten, dass dieser Sektiontisch sich seines Orts wieder von etwas werde halbieren lassen, was ein Dummer kaum sieht. Aber ein Mensch trete in Viktors Laden: so wird er einer Seidenschnur ansichtig, die, unter dem Spiegeltisch anfangend, uber den Achatboden und unter dem Partage-Tisch wegstreichend, aufhort vorn an der Turschwelle; und so teilt ein blosser Seidenstrang leicht den Abteiltisch und dadurch das Abteilzimmer und am Ende die Abteilschauspielergesellschaft in zwei der gleichsten Halften lasset uns daraus lernen, dass am Hofe alles tranchiert wird, und selber der Prosektor wird zu seiner Zeit hingestreckt auf den Zergliedertisch. Von dieser seidenen Schnur, womit der Grossherr seine Gunstlinge von oben dividiert, aber in Bruche, kann und soll im ersten Akt nicht mehr die Rede sein, weil er aus ist...

Es wurde mir ungemein leicht, diesen Auftritt ernsthaft abzufassen; denn da nach Platner das Lacherliche nur am Menschen haftet, so war das Erhabene, das in meinem Aufzuge die Stelle des Komischen einnimmt, in einem Akte leicht zu haben, wo gar nichts Lebendiges spielte, nicht einmal Vieh.

Zweiter Akt. Das Theater wird jetzo lebendiger, und auf dasselbe hinaus tritt nun die Prinzessin an der Hand des italienischen Ministers aus der Kulisse No. 1; beide wirken anfangs, gleich der Natur, still auf diesem Paradeplatz, der schon auf dem Papier zwei Seiten lang ist...

Nur einen Blick vom Theater in die Hauptloge! Viktor spielt fur sich, indem er unter den Lorgnetten, die er zu verkaufen hat, sich die hohleste ausklaubt und damit die Heldin meiner historischen Benefizkomodie ergreift... Er sah den Beicht- und Betschemel, auf dem sie heute schon gekniet hatte: "Ich wollt'," (sagt' er zu Tostato) "ich ware heute der Pater gewesen, ich hatt' ihr ihre Sunden vergeben, aber nicht ihre Tugenden." Sie hatte zwar jenes regelmassige Statuenund Madonnengesicht, das ebensooft hohle als volle Weiberkopfe zudeckt; ihre Hofdebut-Rolle verbarg zwar jede Welle und jeden Schimmer des Geistes und Gesichts unter der Eiskruste des Anstandes; aber ein sanftes Kindesauge, das uns auf ihre Stimme begierig macht, eine Geduld, die sich lieber ihres Geschlechtes als ihres Standes erinnert, eine mude Seele, die sich nach doppelter Ruhe, vielleicht nach den mutterlichen Gefilden sehnte, sogar ein unmerklicher Rand um die Augen, der von Augenschmerzen oder vielleicht von noch tiefern gezeichnet war, alle diese Reize, die zu Funken wurden, welche in den getrockneten Zunder des Associe hinter der Brille geschlagen wurden, machten diesen in seiner Loge ordentlich halbtoll uber das Schicksal solcher Reize. Und warum sollt' es auch einem den Kopf nicht warm machen zumal wenn schon das Herz warm ist , dass diese unschuldigen Opfer gleich den Herrnhuterinnen zwischen ihrer Wiege und ihrem Brautbette Alpen und Meere gestellet sehen, und dass die Kabinette sie wie Seidenwurmsamen in Depeschen-Duten versenden? .... Wir kehren wieder zu unserem zweiten Akte, in dem man noch weiter nichts vornimmt, als dass man ankommt.

Die Kulissen No. 1 und 2 stecken noch voll Akteurs und Aktricen, die nun herausmussen. An diesem Tage ist es, wo zwei Hofe wie zwei Heere einander in zwei Stuben gegenuber halten und sich gelassen auf die Minute rusten, wo sie ausrucken und einander im Gesichte stehen, bis es endlich wirklich zu dem kommt, wozu es nach solchen Zurustungen und in solcher Nahe ganz naturlich kommen muss, zum Fortgehen. Der Kubikinhalt von No. 1 quillet der Furstin nach, er besteht aus Italienern in der namlichen Minute richtet auch der Hofstaat aus der Kulisse No. 2 seine Marschroute ins Hauptquartier herein, er besteht aus Flachsenfingern. Jetzo stehen zwei Lander eigentlich nur der aus ihnen abgezogene und abgedampfte Geist sich einander ganz nahe, und es kommt jetzt alles darauf an, dass der Seidenstrang, den ich im ersten Akt uber die Stube gespannt, anfange zu wirken; denn die Grenzverruckung und Volkermischung zweier so naher Lander, Deutschlands und Welschlands, ware in einem Zimmer fast so unvermeidlich wie in einer papstlichen Gehirnkammer, hatten wir den Strang nicht aber den haben wir, und dieser halt zwei zusammengerinnende Volkerschaften so gut auseinander, dass es nur Jammer und Schade ist die Ehrlichkeit hat den grossten , dass die deutschen Kabinette keinen solchen Sperrstrick zwischen sich und die italienischen hingezogen haben; und kams denn nicht auf sie an, wo sie den Strick anlegen wollten, am Fussboden, oder an welschen Handen, oder an welschen Halsen?

Wenn die englische allgemeine Weltgeschichte und ihr deutscher Auszug einmal die Zeit so nahe eingeholet haben, dass sie das Jahr dieser Ubergabe vornehmen und erzahlen und unter andern das bemerken konnen, dass die Prinzessin nach dem Eintritt sich setzte in den Samtsessel: so sollte die Weltgeschichte den Autor anfuhren, aus dem sie schopft mich.... Das war der zweite Akt, und er war sehr gut und nicht sowohl komisch als erhaben.

Dritter Akt. Darin wird bloss gesprochen. Ein Hof ist das Parloir oder Sprachzimmer des Landes, die Minister und Gesandten sind Horbruder25. Der flachsenfingische Sekretar las entfernt ein Instrument oder den Kaufbrief ihrer Vermahlung vor. Darauf wurden Reden gelispelt vom italienischen Minister zwei vom flachsenfingischen (Schleunes) auch zwei von der Braut keine, welches eine kurzere Art, nichts zu sagen, war als der Minister ihre.

Da wahrlich jetzt dieser erhabne Akt aus ware, wenn ich nichts sagte: so wird mir doch nach vielen Wochen einmal erlaubt sein, ein Extra-Blattchen zu erbetteln und anzuhenken und darin etwas zu sagen.

Erbetteltes Extrablattchen uber die grossere Freiheit

in Despotien

Nicht nur in Gymnasien und Republiken, sondern auch (wie man auf der vorigen Seite sieht) in Monarchien werden Reden genug gehalten ans Volk nicht, aber doch an dessen curatores absentis. Ebenso ist in Monarchien Freiheit genug, obgleich in Despotien deren noch mehr sein mag als in jenen und in Republiken. Ein wahrer despotischer Staat hat, wie ein erfrornes Fass Wein, nicht seinen (Freiheit-)Geist verloren, sondern ihn nur aus dem wasserigen Umkreis in einen Feuerpunkt gedrangt; in einem solchen glucklichen Staate ist die Freiheit bloss unter die wenigen, die dazu reif sind, unter den Sultan und seine Bassen, verteilt, und diese Gottin (die noch ofter als der Vogel Phonix abgebildet wird) halt sich fur die Menge der Anbeter desto besser durch den Wert und Eifer derselben schadlos, da ihre wenigen Epopten oder Eingeweihten die Bassen ihren Einfluss in einem Mass geniessen, dessen ein ganzes Volk nie habhaft wird. Die Freiheit wird gleich den Erbschaftmassen durch die Menge der Erbnehmer kleiner; und ich bin uberzeugt, der ware am meisten frei, der allein frei ware. Eine Demokratie und ein Olgemalde sind nur auf eine Leinwand ohne Knoten (Ungleichheiten) aufzutragen, aber eine Despotie ist eine erhobene Arbeit oder noch sonderbarer: die despotische Freiheit wohnt wie Kanarienvogel nur in hohen Vogelbauern, die republikanische wie Emmerlinge nur in langen.

Ein Despot ist die praktische Vernunft eines ganzen Landes; die Untertanen sind ebenso viele dagegen kampfende Triebe, die uberwunden werden mussen. Ihm gehort daher die gesetzgebende Gewalt allein (die ausubende seinen Gunstlingen); schon blosse gescheite Manner (wie Solon, Lykurg) hatten die gesetzgebende Gewalt allein und waren die Magnetnadel, die das Staatschiff fuhrte; ein Despot besteht, als Thronfolger von jenen, fast aus lauter Gesetzen, aus fremden und eignen zugleich, und ist der Magnetberg, der das Staatschiff zu sich bewegt. "Sein eigner Sklave sein, ist die harteste Sklaverei", sagt ein Alter, wenigstens ein Lateiner; der Despot fodert aber von andern nur die leichtere und nimmt auf sich die schwerere. Ein anderer sagt: parere scire par imperio gloria est; Ruhm und Ehre erbeutet also ein Negersklave so viel wie ein Negerkonig. Servi pro nullis habentur; daher fuhlen auch politische Nullitaten den Druck der Hofluft so wenig wie wir den der andern Luft; despotische Realitaten aber verdienen schon darum ihre Freiheit, weil sie den Wert derselben so sehr zu fuhlen und zu schatzen wissen. Ein Republikaner im edlern Sinn, z.B. der Kaiser in Persien, dessen Freiheitmutze ein Turban und dessen Freiheitbaum ein Thron ist, ficht hinter seiner militarischen Propaganda und hinter seinen Ohnehosen mit einer Warme fur die Freiheit, wie sie die alten Autores in den Gymnasien fodern und schildern. Ja wir sind nie berechtigt, solchen Thron-Republikanern Brutus-Seelengrosse fruher abzusprechen, als man sie auf die Probe gesetzt; und wenn in der Geschichte das Gute mehr aufgezeichnet wurde als das Schlimme, so musste man schon jetzt unter so vielen Schachs, Khans, Rajahs, Kalifen manchen Harmodion, Aristogiton, Brutus etc. aufzuweisen haben, der imstande war, seine Freiheit (Sklaven kampfen fur eine fremde) sogar mit dem Tode sonst guter Menschen und Freunde zu bezahlen. Ende des erbettelten Extrablattchens uber die grossere

Freiheit in Despotien

Das Extrablattchen und der dritte Akt sind aus, aber dieser war ernsthafter und kurzer als jenes.

Vierter Akt. Indem ich den Vorhang herab und wieder hinauf warf: setzte ich die Welt aus dem kurzesten Akt in den langsten. Zur Prinzessin die jetzt, wie die deutsche Reichsgeschichte meldet, sitzt trat ihre Landsmannschaft26, die weder sehr ehrlich, noch sehr dumm aussah, die Oberhofmeisterin, der Hof-Beichtvater, der Hof-Askulap, Damen und Bedienten und alles. Dieser Hofstaat nimmt nicht Abschied der ist schon ingeheim genommen , sondern rekapituliert ihn bloss durch eine stille Verbeugung. Der nachste Schritt aller Welschen war aus dem Mittelzimmer nach Italien.

Die Italiener gingen vor Sebastians Warenlager vorbei und wischten aus ihrem Gesicht, dessen feste Teile en haut-relief waren die deutschen waren en bas-relief , einen edlern Schimmer weg, als jener ist, den Hofe geben; Viktor sah unter so vielen akzentuierten Augenknochen die Zeichen seiner eignen Wehmut vervielfaltigt, die ihn fur das willige fremde Herz beklemmte, das allein zuruckblieb unter dem frostigen Thron- und Wolkenhimmel der Deutschen, von allen geliebten Sitten und Szenen weggerissen, mikroskopischen Augen vorgefuhrt, deren Brennpunkt in weiche Gefuhle sengt, und an eine Brust von Eis gebunden....

Als er alles dieses dachte und die Landsleute sah, wie sie einpackten, weil sie kein Wort mehr mit der Furstin sprechen durften und als er die stumme gelenkte Gestalt drinnen ansah, die keine andere Perlen zeigen durfte als orientalische (obgleich der Traum und der Besitz der letztern abendlandische bedeutet: Tranen mein' ich), so wunscht' er: "Ach du Gute, konnt' ich nur einen dreifachen Schleier so lange uber dein Auge ziehen, bis es eine Trane vergossen hatte! Durft' ich dir nur die versteigerte Hand kussen, wie deine Hofdamen jetzt tun, um mit meinen Tranen die Nahe eines geruhrten Herzens auf die verkaufte Hand zu schreiben..."

Seid weich und erweitert nicht Furstenhass zu Furstinnen-Hass! Soll uns ein gebeugtes weibliches Haupt nicht ruhren, weil es sich auf einen Tisch von Mahagoni stutzt, und grosse Tranen nicht, weil sie in Seide fallen? "Es ist zu hart," sagte Viktor im Hannoverschen "dass Dichter und magistri legentes, wenn sie neben einem Lustschloss vorbeigehen, mit einer neidischen Schadenfreude die Bemerkung machen, darin werde vielleicht ebensoviel Tranenbrot gebacken wie in Fischerhutten. O wohl grosseres und harteres! Aber ist das Auge, aus dem im Dachsbau eines Schotten nichts Tranen presset als der Stubenrauch, eines grossern Mitleids wert als jenes zarte, das gleich dem eines Albinos schon von Freudenstrahlen schmerzt und das der gequalte Geist mit geistigen Zahren erfullt? Ach unten in den Talern wird nur die Haut, aber oben auf den Hohen der Stande das Herz durchstochen; und die Zeigerstange der Dorfuhr ruckt bloss um Stunden des Hungers und des Schweisses, aber der mit Brillanten besetzte Sekundenzeiger fliegt um ode, durchweinte, verzagende, blutige Minuten."

Aber zum Gluck wird uns die Leidengeschichte jener weiblichen Opfer nie vorgelesen, deren Herzen zum Schlagschatz und, wie andre Juwelen, zu den Throninsignien geworfen werden, die als beseelte Blumen, gesteckt an ein mit Hermelin umgebnes Totenherz, ungenossen zerfallen auf dem Paradebett, von niemand betrauert als von einer entfernten weichen Seele, die im Staatskalender nicht steht...

Dieser Akt besteht fast aus lauter Gangen: uberhaupt gleicht diese Komodie dem Leben eines Kindes im ersten Akt war Hausrat-Besorgung fur das kunftige Dasein im zweiten Ankommen im dritten Reden im vierten Gehenlernen u.s.w.

Als Deutschland an Welschland und dieses an jenes Reden genug gehalten hatte: so nahm Deutschland oder vielmehr Flachsenfingen oder eigentlich ein Stuck davon, der Minister Schleunes, die Furstin bei der Hand und fuhrte sie aus dem heissen Erdgurtel in den kalten ich meine nicht aus dem Brautbette ins Ehebette, sondern aus dem italienischen Territorium der Stube ins flachsenfingische uber den seidnen Rubikon hinweg. Der flachsenfingische Hofstaat steht als rechter Flugel druben und ist gar noch nicht zum Gefechte gekommen. Sobald sie die seidne Linie passiert war: so wars gut, wenn das erste, was sie in ihrem neuen Lande tat, etwas Merkwurdiges war; und in der Tat tat sie vor den Augen ihres neuen Hofs 4 1/2 Schritte und setzte sich in den flachsenfingischen Sessel, den ich schon im ersten Akt vakant dazu hingestellt. Jetzo ruckte endlich der rechte Flugel ins Feuer, zum Hand- und Rockkuss. Jeder im rechten Flugel der linke gar nicht fuhlte die Wurde dessen, was er anhob, und dieses Gefuhl, das sich mit personlichem Stolz verschmolz, kam danach Platner der Stolz mit dem Erhabnen verwandt ist meiner Benefizfarce recht zupasse, in der ich nicht erhaben genug ausfallen kann. Gross und still, in seidne Fischreusen eingeschifft, in einen Roben-Golf versenkt, segeln die Hofdamen mit ihren Lippen an die stille Hand, die mit Ehe-Handschellen an eine fremde geschlossen wird. Weniger erhaben, aber erhaben wird auch das adamitische Personale herangetrieben, worunter ich leider den Apotheker Zeusel mit sehe.

Wir kennen unter ihnen niemand als den Minister, seinen Sohn Matz, der unsern Helden gar nicht bemerkt, den Leibarzt der Prinzessin Kuhlpepper, der, vom Fette und Doktorhut in eine schwere Lots-Salzsaule verwandelt, sich wie eine Schildkrote vor die Regentin und Patientin schiebt.

Kein Mensch weiss, wie mich Zeusel angstigt. Gegen alle Rangordnung stell' ich lieber fruher als ihn die feisten, in schelmische Dummheit verquollenen Livreebedienten vor, deren Rocke weniger aus Faden als aus Borten bestehen, und die sich als gelbe Bander-Praparate vor muden, an schonere Gestalten gewohnten Augen bucken. Viktor fand durch seine britische Brille die italienischen glasierten Hofgesichter wenigstens malerisch-schon, hingegen die deutschen Parade-Larven so abgegriffen und doch so gesteift, so matt und doch so gespannt, die Blicke so verraucht und doch so geschwefelt!..... Ich halte Zeuseln noch durch einige Osterlammer oder agnus dei von Pagengesichtern auf, so weich und so weiss wie Maden; eine Amme mochte sie mit ihrer Milchpumpe von Mund an den Busen legen.

Langer war Zeusel nicht mehr zu halten, er ist hereingebrochen und hat die Furstin beim Flugel der ganze Spass dieser Komodie, ich meine der Ernst, ist uns nunmehr verdorben. Dieser graue Narr hat sich in seinen alten Tagen seine Nachte sind noch alter in einen ganzen historischen Kupferstich geknopft, das will sagen, in eine zoologische Modeweste, worin er samt seinen vier bunten Ringen ordentlich aussieht wie ein gruner Purschwagen, an dem die Tierstucke der ganzen Jagd angemalet und vier Ringe zum Anketten der Sauen in natura sind. Ich muss es jetzt sehen und leiden da er alles in der Vergangenheit tut , dass er nun, besoffen von Eitelkeit und kaum vermogend, Uhrketten von Galarocken zu unterscheiden, hinlauft und sich etwas Seidenzeug herausfangt zum Kusse. Es war leicht vorauszusehen, dass mir der Mensch mein ganzes Altarblatt verhunzen wurde mit seiner historischen Figur; und ich hatte den Hasen gar unterdruckt und mit dem Rahmen des Gemaldes uberdeckt, wenn er nicht mit seinen Loffeln und Laufen zu weit herausstande und klaffte; auch ist er vom Korrespondenten ausdrucklich unter den Benefiz-Konfoderierten mit aufgefuhrt und angezeichnet. Es lohnt kaum der Muhe zu schreiben:

Funfter Akt; da nun alles versalzen ist und die Lesewelt lacht.

Im funften Akt, den ich ohne alle Lust mache, wurd' auch weiter nichts getan anstatt dass Tragodiensteller und Christen die Bekehrung und alles Wichtige in den letzten Akt verlegen, wie nach Bako ein Hofmann seine Bittschriften in die Nachschrift verschob , als dass die Prinzessin ihre neuen Hofdamen das erste Rechen- oder Abziehexempel ihres Erzamtes machen liess: das namlich, sie auszukleiden.... Und da mit dem Auskleiden sich die funften Akte der Trauerspiele der Tod tuts und der Lustspiele die Liebe tuts beschliessen: so mag sich auch dieses Benefizding, das wie unser Leben zwischen Lust- und Trauerspiel schwankt, matt mit Entkleidung enden.

Ende der Benefizakte

Ich war gestern zu aufgebracht. Der Apotheker ist zwar der Hund und die Katze in meinem Gemalde, die einander unter dem Tische des Abendmahls beissen; aber im ganzen ist die Posse schon erhaben. Man bedenke nur, dass alles in einer monarchischen Regierungform abgetan wird dass diese nach Beattie dem Komischen mehr als die republikanische aufhilft dass nach Addison und Sulzer gerade die spasshaftesten Menschen (z.B. Cicero) am ernsthaftesten sind, und dass folglich das namliche auch von dem Zeug, das sie machen, gelten musse: so sieht man schon aus dem Komischen, das meine Akte haben, dass sie ernsthaft sind.

Mein Held hielt im Laden eine heftige Pater Merzische Kontroverspredigt gegen etwas, wofur die Reichsstadter und Reichsdorfer predigen dagegen: "dass die Menschen ohne alles weisse und graue Gehirn und ohne Geschmack und Geschmackwarzchen in dem Grade handeln konnen, dass sie sich nicht schamen, die paar Jahre, wo sie der Schmerz noch nicht auf seinem Purschzettel und der Tod noch nicht auf seinem Nachtzettel hat, sundlich und hundmassig zu verzetteln, nicht etwa mit Garnichtstun, oder mit den halben Takt-Pausen der Kanzleiferien, oder den ganzen Takt-Pausen der Komitialferien, oder mit den Narrheiten der Freude was ware ruhmlicher? , sondern mit den Narrheiten der Qual, mit zwolf herkulischen Nichts-Arbeiten, in den Raspelhausern der Vorzimmer, auf dem tratto di corda des gespannten Zeremoniells .... Mein lieber Hofmarschall, meine schonste Oberhofmeisterin, ich billige alles; aber das Leben ist so kurz, dass es nicht die Muhe lohnt, sich einen langen Zopf darin zu machen. Konnten wir nicht das Haar aufbinden und uber alle Vorsale, d.h. Vorhollen, uber alle Vorfechter und Vortanzer hinwegsetzen gleich mitten in die Maiblumen unsrer Tage hinein und in ihre Blumenkelche... Ich will mich nicht abstrakt und scholastisch ausdrucken: sonst musst' ich sagen: wie Hunde werden Zeremonien durchs Alter toll; wie Tanzhandschuhe taugt jede nur einmal und muss dann weggeworfen werden; aber der Mensch ist so ein verdammt zeremonielles Tier, dass man schworen sollte, er kenne keinen grossern und langern Tag als den Regensburger Reichstag."

Solange er ass, war Tostato nicht da, sondern im Laden. Nun hatt' er schon am vorigen Abend einen Entwurf zum Kusse der schonen Dunsin nicht aus dem Kopfe bringen konnen: "Eine viehdumme Huldin kuss' ich einmal," sagt' er, "dann hab' ich Ruh' auf Lebenlang." Aber zum Ungluck musste um die Dunsin die sogenannte Kleinste (die Schwester), deren Verstand und deren Nase zu gross waren, als Senkfeder der Angel schwimmen, und die Feder wurde sich, hatt' er nur eine Lippe an den Koder gesetzt, sogleich gereget haben. Er war aber doch pfiffig: er nahm die Kleinste auf die Schenkel und schaukelte sie wie Zeusels Kutscher und sagte dieser Klugen susse Namen uber den Kopf hinuber, die er alle mit den Augen der Dummen zueignete (am Hofe wird er mit umgekehrtem Scheine zueignen). Er druckte der Kleinsten zweimal zum Spasse die Spionenaugen zu, bloss um es im Ernst zum dritten Male zu tun, wo er die Dunsin an sich zog und sie mit der rechten Hand in eine Stellung brachte, dass er ihr zumal da sie es litt, weil Madchen der List ungern abschlagen, oft aus blosser Freude, sie zu erraten unter den Hofdiensten gegen die Blinde den schleunigen Kuss hinreichen konnte, fur den er schon so viele avant propos und Marschrouten verfertigt hatte. Jetzo war er satt und heil; hatt' er noch zwei Abende dem Kuss nachstellen mussen, er hatte sich sehr verliebt.

Er sass wieder in seinem Mastkorb, als die Furstin ass. Es geschah bei offnen Turen. Sie schurte sein Lauffeuer der Liebe mit dem goldnen Loffel an, sooft sie ihn an ihre kleinen Lippen druckte sie storte das Feuer wieder auseinander mit den zwei Zahnstochern (sussen und sauern), sooft sie zu ihnen griff. Tostato et Compagnie setzten heute die teuersten Waren ab: kein Mensch kannte die et Compagnie; bloss Zeusel sah dem Viktor scharfer ins Gesicht und dachte: "Ich sollte dich gesehen haben." Gegen 2 2/3 Uhr nachmittags ereignete sich das Gluck, dass die Prinzessin selber an die Bude trat, um italienische Blumen fur ein kleines Madchen, das ihr wohlgefallen, auszusuchen. Bekanntlich nimmt man sich in jeder Maske Maskenfreiheit und auf jeder Reise Messfreiheit: Viktor, der in Verkleidungen und auf Reisen fast allzu kuhn war, versuchte es, in der Muttersprache der Prinzessin und zwar mit Witz zu sprechen. "Der Teufel", dacht' er, "kann mich doch deswegen nicht holen." Er merkte daher mit dem zartesten Wohlwollen gegen dieses schone Kind in Molochs Armen nur so viel uber die seidnen Blumen an: "Die Blumen der Freude werden auch leider meistens aus Samt, Eisendraht und mit dem Formeisen gemacht." Es war nur ein Wunder, dass er hoflich genug war, um den Umstand wegzulassen, dass gerade der italienische Adel die italienische Flora verfertige. Sie sah aber auf seine Ware und so schwieg; und kaufte statt der Blumen eine montre a regulateur27, die sie nachzubringen ersuchte.

Er uberbrachte ihr die Uhr eigenhandig; aber leider ebenso eigenhandig der Leser erschrickt; aber anfangs erschrak er selber und dachte doch den Einfall so oft, bis er ihn genehmigte hatt' er vorher uber den Imperator der Uhr ein zartes Streifchen Papier gepicht, worauf er eigenhandig mit Perlenschrift geschrieben: Rome cacha le nom de son dieu et elle eut tort; moi je cache celui de ma deesse et j'ai raison28.

"Ich kenne die Leute schon," dacht' er, "sie machen und ziehen in ihrem Leben keine Uhr auf!" Ei, Sebastian, was wird mein Leser denken oder deine Leserin?

Sie reisete noch abends in ihr erheiratetes Land, das kunftige Hackbrett ihres Zepters. Unserem Viktor war beinahe, als hatt' er ihr ein andres Herz als das metallene mit dem Zettel mitgegeben, und er freuete sich auf den Flachsenfinger Hof. Vor ihr lief ihr nachgedruckter Brautigam oder seine Sanfte, aus der er ausstieg an die Wand des Schlafzimmers. Da er ihr Gott war, so kann ich ihn oder sein Bild mit den Bildern der alten Gotter vergleichen, die auf einem eignen vis-a-vis thensa genannt herumgefahren, oder in einer Portratbuchse genannt oder in einem Bauer genannt herumgetragen wurden.

Darauf ging Viktor mit seinem Handelskonsul hinter den Kulissen des Benefiztheaters herum. Er schnurte die seidne Demarkationlinie und Sperrkette ab zog sie in die Hohe wie ein ekles Haar befuhlte sie hielt sie erst weit vom Auge dann nahe an dieses zerrte sie auseinander, eh' er sagte: "Die Kraft stecke, wo sie will es mag nun eine seidne Schnur politische Korper so gut wie elektrische isolieren oder es mag mit Fursten wie mit Huhnern sein, die keinen Schritt weiter setzen, wenn man Kreide nimmt und damit von ihrem Schnabel herab eine gerade Linie auf den Boden hinfuhrt soviel seht Ihr doch, Associe: wenn ein Alexander die Grenzsteine der Lander verrucken wollte, so ware ein solcher Strang dagegen das beste ins Enge gezogne Naturrecht und eine dergleichen Barriereallianz." Er ging in ihr Schlafzimmer zum ausgeleerten heiligen Grabe, d.h. zum Bette der auferstandnen Braut, in welches der an der Wand vor Anker liegende Sponsus von seinem Nagel sehen konnte. Ganze Divisionen von Einfallen marschierten stumm durch seinen Kopf, den er damit an ein seidnes Kopfkissen so gross wie ein Hundeoder ein Seitenkissen eines Wagens mit der Wange andruckte. So anliegend und kniend sprach ers halb in die Federn (nicht in die Feder) hinein: "Ich wollt', auf dem andern Kissen lag' auch ein Gesicht und sah' in meines du lieber Himmel! zwei Menschengesichter einander gegenuber sich einander in die Augen ziehend einander die Seufzer belauschend von einander die weichen durchsichtigen Worte wegatmend das standen ich und Ihr gar nicht aus, Associe!" Er sprang auf, patschte sein Hasenlager leise wieder platt und sagte: "Bette dich weich um das schwere Haupt, das auf dich sinkt; erdrucke seine Traume nicht; verrate seine Tranen nicht!" Ware sogar der Graf von O mit seiner feinen ironischen Miene dazugekommen: er hatte nichts darnach gefragt. Es ist ein Ungluck fur uns Deutsche, dass wir allein indes dem Englander sogar vom Weltmann seine Hasen-, Bock- und Luftsprunge fur zierliche Ruck-, Vor- und Hauptpas angerechnet werden gar nicht ernsthaft und gesetzt genug einherschreiten konnen.

Er lief abends wieder in den Hafen seines Zeidlers ein; und sein schwankendes Herz warf auf die stille bluhende Natur um ihn die Anker aus. Der alte Mann hatte unterdes alle seine alten Papiere, Tauf-, Trauscheine und Manualakten vom Nurnberger Zeidlergericht etc., zusammengefahren und sagte: "Les' Er!" Er wollt' es selber wieder horen. Er zeigte auch seinen "Dreifaltigkeitsring" aus Nurnberg, auf welchem stand:

Hier dieser Ring der weist,

Wie drei in Einem heisst

Gott Vater, Sohn und Geist.

Der Bienenvater machte weiter kein Geheimnis daraus, dass er vorher, als er diesen Ring sich noch nicht in Nurnberg an einem Gerichttage angeschafft hatte, die Dreifaltigkeit nicht glauben konnen: "jetzt aber musst' einer ein Vieh sein, wenn ers nicht begriffe." Am Morgen vor der Abreise war Viktor in der doppelten Verlegenheit: er wollte gern ein Geschenk haben zweitens eines machen. Was er haben wollte, war eine plumpe Stundenuhr bei einer Ausspielung fur ein Los a 20 kr. gewonnen ; dieses Werk, dessen dicke Zeigerstange den Lebensfaden des Greises auf dem schmutzigen Zifferblatte in lauter bunten frohen Bienen-Stunden weggemessen hatte, sollte eine Lorenzo-Dose fur ihn sein, ein Amulett, ein IgnatiusBlech gegen Saulische Stunden. "Ein Handwerker", sagt' er, "braucht wahrlich nur wenig Sonne, um zufrieden und warm durchs Leben zu gehen; aber wir mit unsrer Phantasie sind oft in der Sonnenseite so schlimm daran als in der Wetterseite der Mensch steht fester auf Dreck als auf Ather und Morgenrot." Er wollte dem glucklichen Lebens-Veteranen als Kaufschilling fur die Stundenuhr und als Preismedaille fur das Quartier seine Sekundenuhr aufdringen. Lind hatte das Herz nicht, wurd' aber rot. Endlich stellte ihm Viktor vor, die Sekundenuhr sei eine gute Leuchtkugel zum Dreifaltigkeitsringe, ein Thesesbild dieses Glaubenartikels, denn die dreifaltigen Zeiger machten doch nur eine Stunde. Lind tauschte.

Viktor konnte weder der Spotter noch der Bunklische Reformator einer solchen irrenden Seele sein, und seine sympathetische Laune ist nichts als ein zweifelnder Seufzer uber das menschliche Gehirn, das 70 Normaljahre hat, und uber das Leben, das ein Glaubens-Interim ist, und uber die theologischen Doktorringe, die solche Dreifaltigkeitsringe sind, und uber die theologischen Hor- und Sprechsale, worin solche Sekunden-Uhren zeigen und schlagen.

Endlich geht er aus Kussewitz um 6 Uhr morgens. Eine sehr schone Tochter des Grafen von O kam erst um 7 Uhr zuruck: das ist unser aller Gluck, er sasse sonst noch da.

Der Hundposttag ist aus. Ich weiss nicht, soll ich ein Extrablatt machen oder nicht. Der Schalttag ist an der Ture; ich wills also bleiben lassen und nur ein Pseudo-Extrablatt hersetzen, welches sich bekanntlich von einem kanonischen ganz dadurch unterscheidet, dass ichs im apokryphischen durch keine Uberschrift merken lasse, sondern nur unter der Hand von der Geschichte wegkomme zu lauter Fremdsachen.

Ich nehme meinen historischen Faden wieder auf und befrage den Leser: was halt er von Sebastians Weiber-Liebhaberei? Und wie erklart er sich sie? Wahrhaft philosophisch versetzt er: "Aus Klotilden: sie hat ihn durch ihr Magnetisieren mit der ganzen Weiber-Welt in Rapport gesetzt; sie hat an diesen Bienenschwarm geklopft, nun ist kein Ruhen mehr. Ein Mann kann 26 Jahre kalt und seufzerlos in seinem Bucherstaube sitzen; hat er aber den Ather der Liebe einmal geatmet: so ist das eirunde Loch des Herzens auf immer zu, und er muss heraus in die Himmelluft und bestandig nach ihr schnappen, wie ich in den kunftigen Hundposttagen sicherlich sehe." Einen narrischen philosophischen Stil hat sich der Leser angewohnt; aber es ist wahr; daher ein Madchen nie so begierig fur ihr Theater den zweiten Liebhaber wirbt als nach dem Hintritt des ersten und nach den Schwuren, ihr Werbepatent wegzuwerfen.

Wie konnte aber der Leser auf noch wichtigere Ursachen29 nicht fallen, 1) auf die Gesamtliebe und 2) auf Viktors Muttermaler?

1) Die Gesamt- oder Zugleichliebe ist zu wenig bekannt. Es ist noch keine Beschreibung davon da als meine: in unsern Tagen sind namlich die Lesekabinette, die Tanzsale, die Konzertsale, die Weinberge, die Kaffee- und Teetische, diese sind die Treibhauser unsers Herzens und die Drahtmuhlen unserer Nerven, jenes wird zu gross, diese zu fein wenn nun in diesen ehelustigen und ehelosen Zeiten ein Jungling, der noch auf seine Messiasin wie ein Jude passet und der noch ohne den hochsten Gegenstand des Herzens ist, von ungefahr mit einer Tanz-Halfte, mit einer Klubistin oder Associee oder Amtschwester oder sonstigen Mitarbeiterin hundert Seiten in den Wahlverwandtschaften oder in den Hundposttagen lieset oder mit ihr uber den Kleebau oder Seidenbau oder uber Kants Prolegomena drei bis vier Briefe wechselt oder ihr funfmal den Puder mit dem Pudermesser von der Stirne kehrt oder neben und mit ihr betaubende Sabelbohnen anbindet oder gar in der Geisterstunde (die ebensooft zur Schaferstunde wird) uber den ersten Grundsatz in der Moral uneins wird: so ist soviel gewiss, dass der besagte Jungling (wenn anders Feinheit, Gefuhl und Besonnenheit einander die Waage in ihm halten) ein wenig toll tun und fur die besagte Mitarbeiterin (wenn sie anders nicht mit Hockern des Kopfes oder Herzens an seine Fuhlfaden stosset) etwas empfinden muss, das zu warm ist fur die Freundschaft und zu unreif fur die Liebe, das an jene grenzt, weil es mehre Gegenstande einschliesst, und an diese, weil es an dieser stirbt. Und das ist ja eben nichts anders als meine Gesamt- oder Zugleichliebe, die ich sonst Simultan- und Tuttiliebe genannt. Beispiele sind verhasst: sonst zog' ich meines an. Diese Universalliebe ist ein ungegliederter Fausthandschuh, in den, weil keine Verschlage die vier Finger trennen, jede Hand leichtlich hineinfahrt in die Partialliebe oder in den Fingerhandschuh drangt sich nur eine einzige Hand. Da ich zuerst diese Sache und Insel entdeckt habe: so kann ich ihr den Namen schenken, womit sie andre nennen und rufen mussen. Man soll sie kunftighin die Samm- oder Zugleichliebe benamsen, ob ich sie gleich auch, wenn ich und Kolbe wollten, die Praludierliebe die Maskopei-Zartlichkeit die General-Warme die Einkindschafttreue nennen lassen konnte.

Den Theologen und ihrer Kannengiesserei von den Endabsichten zu Gefallen werf' ich noch diesen festen Grundsatz her: ich mochte den sehen, ders ohne die Sammliebe in unsern Zeiten, wo die einspannige Liebe durch die Foderungen eines grosseren metallischen und moralischen Eingebrachten seltner wird, drei Jahre aushielte.

2) Die zweite Ursache von Viktors Weiber-Liebhaberei war sein Muttermal, d.h. eine Ahnlichkeit mit seiner und jeder Mutter. Er behauptete ohnehin, seine Ideen hatten gerade den Schritt, d.h. den Sprung der weiblichen, und er hatte uberhaupt recht viel von einer Frau; wenigstens gleichen die Weiber ihm darin, dass ihre Liebe durch Sprechen und Umgang entsteht. Ihre Liebe hat sicher noch viel ofter mit Hass und Kalte angefangen als aufgehort. Aus einem aufgedrungenen verhassten Brautigam wird oft ein geliebter Ehemann. "Ich will," sagte er im Hannoverischen "wenn nicht in ihr Herz, doch in ihre Herzohren. Sollte denn die Natur in die weibliche Brust zwei so weite Herzkammern man kann sich darin umkehren und zwei so nette Herzalkove den Herzbeutel hab' ich gar nicht beruhrt bloss darum hineingebauet haben, dass eine Mannseele diese vier Zimmer mutterseelenallein miete, wie eine weibliche die vier Gehirnkammern des Kopf-Frauengemachs bewohnt? Ganz unmoglich! und sie tuns auch nicht: sondern aber wer ubermassigen Witz scheuet, gehe mir jetzt aus den Fussen in die zwei Flugel dieser Rotunda und in die Seitengebaude wird hineingelagert, was hineingeht, d.h. mehr als herausgeht wie in einem Zoll- oder Taubenhause gehts aus und ein man kann nicht zahlen, wenn man zusieht es ist ein schoner Tempel, der Durchganggerechtigkeit hat. Solche kehren sich an die wenigen gar nicht, die sich einschranken und die Hauptloge des Herzens nur einem einzigen Liebhaber geben und bloss die zwei Seitenlogen tausend Freunden."

Gleichwohl konnt' es Jean Paul es mochte immerhin Platz genug ubrig sein nie so weit treiben, dass er nur in die zwei Koloniekorbe, namlich in die Herzohren hineingekommen ware, welches doch das Allerwenigste ist. Weil sein Gesicht zu mager aussieht, die Farbe zu gelb, der Kopf viel voller als die Tasche und sein Einkommen das einer Titular-Berghauptmannschaft ist: so quartieren sie den guten Schelm bloss am kaltesten Orte ganz oben unter den Kopf-Mansarden ein, nicht weit von den Haarnadeln und da sitzt er noch jetzunder und scherzet (schreibend) sein eilftes Kapitel hinaus....

12. Hundposttag

Polar-Phantasien die seltsame Insel der

Vereinigung noch ein Stuck aus der

Vor-Geschichte der Stettinerapfel als

Geschlechtwappen

Wir leben jetzt im finstern Mittelalter dieser Lebensbeschreibung und lesen dem aufgeklarten achtzehnten Jahrhundert oder Hundtag entgegen. Allein schon in diesem zwolften fliegen, wie in der Nacht vor einem schonen Tag, grosse Funken. Mich frappiert dieser Hundtag noch immer. "Spitz," sagt' ich, "friss mir weg, was du willst, und klare nur die Welt auf."

Sebastian eilte am Sonnabend mit lustiger Seele unter einem uberwolkten Himmel auf die Insel der Vereinigung zu. Er konnte da anlangen, wenn er sich nicht aufhielt, ehe das Gewolk eingesogen war. Unter einem blauen Himmel fuhrte er, wie Schikaneder, die Trauerspiele, unter einem aschgrauen aber die Lustspiele seines Innern auf. Wenns regnete, lacht' er gar. Rousseau bauete in seinem Kopfe eine empfindsame Buhne, weil er weder aus der Kulisse noch in eine Loge des wirklichen Lebens gehen wollte Viktor aber besoldete zwischen den Beinwanden seines Kopfes ein komisches Theater der Deutschen, bloss um die wirklichen Menschen nicht auszulachen: seine Laune war so ideal wie die Tugend und Empfindsamkeit andrer Leute. In dieser Laune hielt er (wie ein Bauchredner) lauter innerliche Reden an alle Potentaten er stellte sich auf die Ritterbank mit Kirchenvisitationsreden auf die Stadtebank mit Leichenreden auf dem papstlichen Stuhl hielt er an die Jungfer Europa und kirchliche Braut Strohkranzreden die Potentaten mussten ihm alle wieder antworten, aber man kann denken wie, da er, gleich einem Minister, ihnen aus seinem Kopf-Souffleurloch alles in den Mund legte und dann ging er doch fort und lachte jeden aus.

Mandeville sagt in seinen Reisen, am Nordpol gefriere im Winterhalbjahr jedes Wort, aber im Sommerhalbjahre tau' es wieder auf und werde gehort. Diese Nachricht malte sich Viktor auf dem Wege nach der Insel aus; wir wollen unsere Ohren an seinen Kopf legen und dem innern Gesumse zuhorchen.

"Ich und Mandeville sind gar nicht verbunden, es zu erklaren, warum am Nordpol die Worte so gut wie Speichel unter dem Fallen zu Eis werden, gleich dem Quecksilber allda; aber verbunden sind wir, aus dem Vorfalle zu folgern. Wenn ein lachender Erbe da seinem Testator lange Jahre wunscht: so hort der gute Mann den Wunsch nicht eher als im nachsten Fruhjahr, das ihn schon kann totgeschlagen haben. Die besten Weihnachtpredigten erbauen nicht fruher gute Seelen als im Heumonat. Vergeblich stattet der Polarhof seine Neujahrwunsche vor Serenissimo ab; er hort sie nicht, als bis es warm wird, und dann ist schon die Halfte fehlgeschlagen. Man sollte aber einen Zirkulierofen als Sprachrohr in das Vorzimmer setzen, damit man in der Warme die Hof-Sprecher horen konnte. Ein Bruder Redner ware dort ohne einen Ofenheizer ein geschlagner Mann. Der Pharospieler tut zwar am Thomastag seine Fluche; aber am Johannistag, wo er schon wieder gewonnen, fahren sie erst herum; und aus den Winterkonzerten konnte man Sommerkonzerte machen ohne alle Instrumente: man setzte sich nur in den Saal. Woher kommts anders, dass die Polar-Kriege oft halbe Jahre vor der Kriegerklarung gefuhret werden, als daher, dass die schon im Winter erlassene Erklarung erst bei gutem Wetter laut wird? Und so kann man von den Winterfeldzugen der Polar-Armeen nicht eher etwas horen als unter den Sommerfeldzugen. Ich meines Orts mochte nur auf den Winter nach dem Pole reisen, bloss um da den Leuten, besonders dem Hofstaat, wahre Injurien ins Gesicht zu sagen; wenn er sie endlich vernahme, sasse der Injuriant schon wieder in Flachsenfingen. Die Winterlustbarkeiten sind gar nicht schuld, wenn die nordliche Regierung eine Menge der wichtigsten Dinge nicht vortragt und entscheidet: sondern erst unter den Kanikularferien ist das Abstimmen zu horen; und da konnen auch die Bescheide der Kammer auf Gnaden- und Holzsachen zur Sprache kommen. Aber, o ihr Heiligen, wenn ich am Pol indes die Sonne im Steinbock ware und mein Herz im Krebs niederfiele vor der schonsten Frau und ihr die langste Nacht hindurch die heissesten Lieberklarungen tate, die aber in einer Drittels-Terzie Eis ansetzten und ihr gefroren, d.h. gar nicht zu Ohren kamen: was wurd' ich im Sommer machen, wo ich schon kalt ware und sie schon hatte, wenn gerade in der Stunde, wo ich mich tuchtig mit ihr zu zanken verhoffte, nun mitten unter dem Keifen meine Steinbocks-Lieberklarungen aufzutauen und zu reden anfingen? Ich wurde gelassen nichts machen als die Regel: man sei zartlich am Pol, aber erst im Widder oder Krebs. Und wenn vollends die Ubergabe einer Prinzessin am Pol vorginge, und zwar an dem Punkt, wo die Erde sich nicht bewegt, der sich am besten fur die zwiefache Untatigkeit einer Prinzessin und einer Dame schickt, und wenn gar die Ubergabe in einem Saale ware, wo jeder, besonders Zeusel, in den langen Winterabenden sie gelastert hatte; wenn dann die Luft im Saal zu lastern anfinge, und Zeusel in der Not fort wollte: so wurd' ich ihn freundlich packen und fragen: 'Wohin, mein Freund?'"

"Nach Grosskussewitz, ich helfe fangen", antwortete ihm der reelle Buttel aus St. Lune, der hinter einem Gemauer mit der einen Hand ein Buch auf- und mit der andern eine Tasche zugeknopft hatte. Viktor fuhlte ein frohes Beklemmen uber eine Antike aus St. Lune. Er fragte ihn um alles mit einem Eifer, als war' er seit einer Ewigkeit a parte ante weg. Der zuknopfende Leser wurde ein Autor und fasste vor dem Herrn die Jahrbucher, d.h. Stundenbucher dessen ab, was seitdem im Dorfe vorgefallen war. In zwanzig Fragen wickelte Viktor die nach Klotilden ein; und erfuhr, dass sie bisher alle Tage beim Pfarrer gewesen war. Das verdross ihn: "Als ob ich", dacht' er, "nicht soviel Seelenstarke hatte, der Liebe eines Freundes zuzusehen und auch sonst als ob." Uberhaupt meinte er, in einer solchen Ferne sei es ihm mehr erlaubt, an sie zu denken.

Der lesende Hascher war ein Leser unter meinem Regiment: das Buch, das er auf seinen Diebs-Heckjagden herumtrug, war die unsichtbare Loge30. Viktor liess sich den ersten Teil vorstrecken: der Buttel stand im zweiten gerade an der Pyramide beim ersten Kuss. Unser Held tat immer schnellere Schritte im Lesen und im Gehen und hatte Buch und Weg miteinander zu Ende

Die Insel stand vor ihm!

Hier auf diesem Eiland, mein Leser, mache Augen und Ohren auf! .... Nicht, als ob merkwurdige Dinge erschienen denn diese wurden sich schon durch halboffne Ohren und Augensterne drangen , sondern eben weil lauter alltagliche kommen.

Der Lord stand einsam am Ufer der See, die um die Insel floss und erwartete und empfing ihn mit einem Ernst, der seine Freundlichkeit uberhullte, und mit einer Ruhrung, die noch mit seiner gewohnlichen Kalte rang. Er wollte jetzt zur Insel hinuber, und Viktor sah doch kein Mittel des Ubergangs. Es war kein Boot da. Auch ware keines fortzubringen gewesen, weil eiserne Spitzen unter dem Wasser in solcher Menge und Richtung standen, dass keines gehen konnte. Die Schildwache, die bisher am Ufer die Insel gegen die zerstorende Neugier des Pobels deckte, war heute entfernt. Der Vater ging mit dem Sohne langsam um das Ufer und ruckte nach und nach 27 Steine, die in gleichen Entfernungen auseinanderlagen, aus ihrem Lager heraus. Die Insel war vor der Blindheit des Lords gebauet worden und den Zuschauern noch unverwehrt; aber in derselben hatt' er ihr Inneres durch unbekannte nachtliche Arbeiter vollenden und verstecken lassen. Unter dem Rundgang um die Insel sah Viktor ihr Stab- und Fruchtgelander von hohen Baumstammen, die ihre Schatten und ihre Stimmen in die Insel hineinzurichten schienen und deren Laubwerk die bebenden Wellen mit ihren zerteilten Sonnen und Sternen besprengten die Tannen umarmten Bohnenbaume, und um Tannenzapfen gaukelten Purpur-Blutenlocken, die Silberpappel buckte sich unter der thronenden Eiche, feurige Busche von arabischen Bohnen loderten tiefer aus Laub-Vorhangen, ablaktierte Baume auf doppelten Stammen vergitterten dem Auge die Eingange, und neben einer Fichte, die alle Gipfel beherrschte, war eine hohere vom Sturm halb uber das Wasser hereingedruckt, die sich uber ihrem Grabe wiegte weisse Saulen hoben in der Mitte der Insel einen griechischen Tempel unbeweglich uber alle wankende Gipfel hinaus. Zuweilen schien ein verirrter Ton durch das grune Allerheiligste zu laufen ein hohes schwarzes, an die Tannenspitzen reichendes Tor sah, mit einer weissen Sonnenscheibe bemalt, nach Osten und schien zum Menschen zu sagen: gehe durch mich, hier hat nicht nur der Schopfer, auch dein Bruder gearbeitet!

Diesem Tore gegenuber lag der 27ste Stein. Viktors Vater verruckte ihn, nahm einen Magnet heraus, bog sich nieder und hielt dessen sudlichen Pol in die Lucke. Plotzlich fingen Maschinen an zu knarren und die Wellen an zu wirbeln und aus dem Wasser stieg eine Brucke von Eisen auf. Viktors Seele war von Traumen und Erwartungen uberfullt. Er setzte schauernd hinter seinem Vater den Fuss in die magische Insel. Hier beruhrte sein Vater einen dunnen Stein mit dem nordlichen Ende des Magnets, und die Eisenbrucke fiel wieder hinunter. Ehe sie an das erhohte Tor hintraten: drehte sich von innen ein Schlussel um und sperrte auf, und die Ture klaffte. Der Lord schwieg. Auf seinem Gesicht war eine hohere Sonnenseele aufgegangen man kannte ihn nicht mehr er schien in den Genius dieses zauberischen Eilandes verwandelt zu sein.

Welche Szene! Sobald das Tor geoffnet war, lief durch alle Zweige ein harmonisches Hinuber- und Herubertonen Lufte flogen durch das Tor herein und sogen die Laute in sich und schwammen bebend damit weiter und ruhten nur auf gebognen Bluten aus. Jeder Schritt machte einen grossen dustern Schauplatz weiter. Im Schauplatz lagen umher Marmorstucke, auf welche die Schmiedekohle Raffaels Gestalten gerissen hatte, eingesunkne Sphinxe, Landkartensteine, worauf die dunkle Natur kleine Ruinen und ertretene Stadte geatzet hatte und tiefe Offnungen in der Erde, die nicht sowohl Graber als Formen zu Glocken waren, die darin gegossen werden dreissig giftvolle Eibenbaume standen von Rosen umflochten, gleichsam als waren sie Zeichen der dreissig wutend-leidenschaftlichen Jahre des Menschen dreiundzwanzig Trauerbirken waren zu einem niedrigen Gebusch zusammengebogen und ineinander gedruckt in das Gebusch liefen alle Steige der Insel hinter dem Gebusch verfinsterten neunfache Flore in verschlungenen Wallungen den Blick nach dem hohen Tempel durch die Flore stiegen funf Gewitterableiter in den Himmel auf, und ein Regenbogen aus zweien ineinander gekrummten aufspringenden Wasserstrahlen schwebte flimmernd am Gezweige, und immer wolbten sich die zwei Strahlen herauf, und immer zersplitterten sie einander oben in der Beruhrung

Als Horion seinen Sohn, dessen Herz von lauter unsichtbaren Handen gefasset, erschreckt, gedruckt, entzundet, erkaltet wurde in das niedrige Birkengebusch hineinzog: so begann die lallende Totenzunge eines Orgel-Tremulanten durch die ode Stille den Seufzer des Menschen anzureden, und der wankende Ton wand sich zu tief in ein weiches Herz. Da standen beide an einem vom Gebusche dunkel uberbaueten Grabe auf dem Grabe lag ein schwarzer Marmor, auf dem ein uberschleiertes blutloses weisses Herz und die bleichen Worte standen: Es ruht. "Hier wurde", sagte der Lord, "mein zweites Auge blind: Marys31 Sarg steht in diesem Grabe; als dieser aus England ankam in der Insel, entzundete sich das kranke Auge zu sehr und sah niemals wieder." Nie schauderte Viktor so: nie sah er auf einem Gesicht eine solche chaotische wechselnde Welt von fliehenden, kommenden, kampfenden, vergehenden Empfindungen; nie starrte ein solches Eis der Stirne und Augen uber krampfhaften Lippen und ein Vater sah so aus, und ein Sohn empfand es nach.

"Ich bin unglucklich", sagte langsam sein Vater; eine beissende bittere Trane brannte am Augapfel; er stockte ein wenig und stellte die funf offnen Finger auf sein Herz, als wollt' ers ergreifen und herausziehen, und blickte auf das steinerne blasse, als wollt' er sagen: warum ruht meines nicht auch? Der gute sterbende Viktor, zermalmet von liebendem Jammer, zerrinnend in Mitleid, wollte an den teuern verheerten Busen fallen und wollte mehr als den Seufzer sagen: "O Gott, mein guter Vater!" Aber der Lord hielt ihn sanft von sich ab, und die Gallenzahre wurde unvergossen vom Auge zerquetscht. Der Lord fing wieder an, aber kalter: "Glaube nicht, dass ich besonders geruhrt bin glaube nicht, dass ich eine Freude begehre, oder einen Schmerz verwunsche ich lebe nun ohne Hoffnung und sterbe nun ohne Hoffnung."

Seine Stimme kam schneidend uber Eisfelder her, sein Blick war scharf durch Frost.

Er fuhr fort: "Wenn ich sieben Menschen vielleicht glucklich gemacht habe, so muss auf meinem schwarzen Marmor geschrieben werden: Es ruht... Warum wunderst du dich so? Bist du jetzt schon ruhig?" Der Vater sah starr auf das weisse Herz, und starrer geradeaus, als wenn eine Gestalt sich aufhobe aus dem Grabe das frierende Auge legte und drehte sich auf eine aufdringende Trane schnell zog er einen Flor von einem Spiegel zuruck und sagte: "Blicke hinein, aber umarme mich darauf!"... Viktor starrte in den Spiegel und sah schaudernd ein ewig geliebtes Angesicht darin erscheinen das Angesicht seines Lehrers Dahore er bebte wohl zusammen, aber er sah sich doch nicht um und umfasste den Vater, der ohne Hoffnung war.

"Du zitterst viel zu stark," (sagte der Lord) "aber frage mich nicht, mein Teurer, warum alles so ist: in gewissen Jahren tut man die alte Brust nicht mehr auf; so voll sie auch sei."

Ach du dauerst mich! Denn die Wunden, die aufgedeckt werden konnen, sind nicht tief; der Schmerz, den ein menschenfreundliches Auge finden, eine weiche Hand lindern kann, ist nur klein. Aber der Gram, den der Freund nicht sehen darf, weil er ihn nicht nehmen kann, dieser Gram, der zuweilen ins begluckte Auge in Gestalt eines plotzlichen Tropfens aufsteigt, den das weggewandte Angesicht vertilgt, hangt uberdeckt schwerer und schwerer am Herzen und zieht es endlich los und fallt mit ihm unter die heilende Erde hinab: so werden die Eisenkugeln an den uber dem Meer gestorbnen Menschen angeknupft, und sie sinken mit ihm schneller in sein grosses Grab.

Er fuhr fort: "Ich werde dir etwas sagen; aber schwore hier auf dieser teuern Asche, zu schweigen. Es betrifft deinen Flamin, und diesem musst du es verhehlen." Das fiel dem von einer Welle auf die andre gesturzten Viktor auf. Er erinnerte sich, dass ihm Flamin das Versprechen auf der Warte abgedrungen, dass sie miteinander, wenn sie sich zu sehr beleidigt hatten, sterben wollten. Er stand mit dem Schwur an endlich sagt' er: "Aber kurz vor meinem Tode darf ichs ihm sagen?" "Kannst du ihn wissen?" sagte sein Vater. "Aber im Fall?" "Dann!" sagte jener kalt.

Viktor schwur; und zitterte vor dem kunftigen Inhalt des Eides.

Auch musst' er versprechen, vor der Wiederkehr des Lords diese dunkle Insel nicht zu besuchen.

Sie traten aus dem Laub-Mausoleum und liessen sich auf eine umgesturzte Stalaktite nieder. Zuweilen fiel unter dem Reden ein fremder Harmonika-Ton von Blatt zu Blatt, und in einer weiten Ferne schienen die vier Paradieses Flusse unter einem mitbebenden Zephyr hinwegzuhallen.

Der Vater begann: "Flamin ist Klotildens Bruder und des Fursten Sohn."

Nur ein solcher Gedanken-Blitz konnte noch in Viktors geblendete Seele dringen: eine neue Welt ging in ihm jetzt in die Hohe und riss ihn aus der nahen grossen weg.

"Auch" (fuhr Horion fort) "leben Januars drei andere Kinder in England noch, bloss das vierte auf den sieben Inseln ist unsichtbar." Viktor begriff nichts; der Lord riss der Vergangenheit alle Schleier ab und fuhrte ihn vor eine neue Aussicht ins nahe Leben und ins verflossene. Ich werde nachher alle Entdeckungen und Geheimnisse des Lords dem Leser geben: jetzt will ich erst den Abschied des Vaters und des Sohns erzahlen.

Wahrend der Lord seinen Sohn in die dustern unterirdischen Gange der vorigen Zeit begleitete und ihm alles sagte, was er der Welt verschwieg: so gingen aus Viktors Augen Tranen uber manche Geringfugigkeit, die keine verdienen konnte; aber der Strom dieser weichen Augen wurde nicht durch diese Erzahlung, sondern durch das zuruckkehrende Andenken an den unglucklichen Vater und durch die Nahe der bedeckten schonen Aschengestalt und des Trauermarmors aus dem fortweinenden Herzen gedruckt. Endlich horten alle Tone der Insel auf das schwarze Tor schien zuzufallen alles war still der Lord war mit der Enthullung und allem zu Ende und sagte: "Geh immer heute noch nach Maienthal und sei vorsichtig und glucklich!" Aber ob er gleich den Abschied mit jener zuruckhaltenden Feinheit nahm, die in seinem Stande sogar Eltern und Kindern die Hande und die Arme fuhrt: so druckte doch Viktor den kindlichen, von Seufzern und Gefuhlen schwangern Busen an den vaterlichen mit einer Heftigkeit, als wollt' er sein verarmendes Herz zu den Tranen entzweipressen, die er immer heisser und grosser zeigen musste. Ach der Verlassene! Als die Brucke, welche die vaterlichen und die kindlichen Tage auseinanderspaltete, aufgestiegen war, ging Viktor allein daruber, wankend und taub und als sie ins Wasser wieder ein gesunken und der Vater in die Insel verschwunden war, druckte ihn das Mitleiden auf das Ufer darnieder und als er alle Tranen aus dem leidenden Herzen wie Pfeile gezogen hatte, verliess er langsam und traumend die stille Gegend der Ratsel und Schmerzen und den dunkeln Trauergarten der toten Mutter und des dustern Vaters, und seine ganze erschutterte Seele rief unaufhorlich: ach guter Vater, hoffe wenigstens und kehre wieder und verlass mich nicht!

Wir wollen jetzt alles, was in der bisherigen Geschichte Dunkelheiten machte, und was der Lord seinem Sohne aufhellte, uns auch aufklaren. Man erinnert sich noch, dass zur Zeit, da er nach Frankreich abging, um die Kinder des Fursten den sogenannten Walliser, Brasilier und Asturier und den Monsieur abzuholen, die finstere Nachricht ihrer Entfuhrung einlief. Diese Entfuhrung hatt' er aber (das gestand er nun) selber veranstaltet, bloss das Verschwinden des Monsieur auf den sieben Inseln war ohne sein Wissen vorgefallen; und in seine Unwahrheit konnt' er also einige Wahrheit als Mundleim mischen. Diese drei Kinder liess er verborgen nach England bringen und sie in Eton zu Gelehrten und in London zu Semperfreien erziehen, um sie einmal ihrem Vater als blutverwandte Beistande seiner wankenden Regierung wiederzuschenken. Daher hatt' er dem sogenannten Infanten (Flamin) Regierrat werden helfen. Sobald er einmal die ganze Kinderkolonie beisammen hat, so Uberrascht und begluckt er den Vater mit ihrer frohen Erscheinung. Den jetzt unsichtbaren Sohn des Kaplans, der Blattern und Blindheit vor dem Einschiffen bekam, verheimlicht er darum, weil sonst leicht zu erraten ware, wem Flamin eigentlich angehore.

Viktor fragte ihn, wie er den Fursten von der Verwandtschaft mit vier oder funf Unbekannten uberfuhre. "Durch mein Wort", versetzte Horion anfangs; dann fugte er die ubrigen Beweismittel hinzu: bei Flamin das Zeugnis der mitkommenden Mutter (der Nichte), bei den ubrigen ihre Ahnlichkeit mit ihren Abbildern, die er noch hat, und endlich das Muttermal eines Stettinerapfels.

Viktor hatt' es schon lange von der Pfarrerin gehort, alle Sohne Jenners hatten ein gewisses Mutteroder Vatermal auf dem linken Schulterblatt, das wie nichts aussahe, ausgenommen im Herbst, wenn die Stettiner reifen: da werd' es auch rot und gleiche dem Urbild. Dem Leser selber mussen aus den Jahrbuchern der kuriosen und gelehrten Gesellschaften ganze Fruchtkorbe voll Kirschen vorgekommen sein, deren Rotelzeichnung nur matt auf Kindern war, und die sich erst mit den reifenden Urbildern auf den Zweigen hoher roteten. Ware einem Bad-Gesellschafter von mir zu glauben, so hatt' ich selber ein solches Stettiner Fruchtstuck auf der Schulter hangen: die Sache ist nicht wahrscheinlich und nicht erheblich; inzwischen durft' ich doch im kunftigen Herbste denn ich setzte mirs einige Herbste vor, nun aber erinnert mich Knef mit seinem Hunde daran , sobald die Stettiner zeitigen, einen Spiegel nehmen und mich von hinten besehen. Und aus demselben Grunde schiebt diese Stettiner Fruchtschnur die Ruckkehr des Lords, wenigstens die Ubergabe und Erkennung der Kinder, auf die Herbstzeit ihrer Rote auf.

Ich mache mir kein Bedenken, hier ein satirische Note meines Korrespondenten zu ubergeben. "Stellen Sie sich" (schreibt er) "bei dieser Nachricht, als taten Sie es auf mein Geheiss, und erzahlen Sie des Lords Exposition und Offenbarung, wenn Sie sie einmal erzahlet haben, Ihrem Leser ganz ruhig zum zweitenmal; damit er sie nicht vergisst oder verwirrt. Leser kann man nicht genug betrugen, und ein gescheiter Autor wird sie gern an seinem Arm in Mardereisen, Wolfgruben und Prellgarne geleiten." Ich bekenn' es, zu solchen Pfiffen hatt' ich von jeher schlechten Ansatz und bringt es uberhaupt nicht mir und dem Leser mehr Ehre, wenn ers gleich aufs erstemal behalt, dass Flamin Jenners naturlicher und Le Bauts angeblicher Sohn ist dass des Pfarrers seiner blind und nicht da ist dass noch drei oder vier andre JennersKinder aus den gallischen Seestadten nachkommen, mehr Ehre, sag' ich, als wenn ichs jetzt ihm zum zweiten Male (im Grunde war's zum dritten Male) vorkauen musste, dass Flamin Jenners naturlicher und Le Bauts angeblicher Sohn ist, dass des Pfarrers seiner blind und nicht da ist, und dass noch drei oder vier andre Jenners-Kinder aus den gallischen Seestadten nachkommen? Ich frage. Der Lord hatte seinem Sohn den Eid des Schweigens gegen Flamin darum abgefodert, weil dieser aus Rechtschaffenheit alle Geheimnisse bewahrte, aber aus Zornhitze alle verriet weil er in dieser seine Geburt geltend machen wurde, bloss um sich mit einem Widersacher herumzuschiessen weil er noch morgen deswegen aus einem Vorfechter mit dem Themis-Schwerte ein Nachfechter mit dem Kriegsdegen werden konnte und weil sich uberhaupt ein Geheimnis gleich der Liebe noch besser unter zwei Teilnehmern befindet als unter dreien. Auch glaubte der Lord, aus einem Menschen, dem man Geld gabe, damit er etwas wurde, wurde mehr als aus einem, der etwas ware, weil er Geld hatte, und der die Munzen fur seine Erbschaftwappen und nicht fur ausgesetzte Preismedaillen kunftiger Auflosungen ansahe.

Nach allen diesen Eroffnungen machte der Lord unserem Viktor noch eine wichtige, auf die er in der ubereiseten Laufbahn seines kunftigen Hoflebens immer wie auf eine Warntafel zuruckzublicken habe.

Als der Lord vor dem Aschen-Hause seiner Geliebten erblindete, wurde seine ganze Korrespondenz mit England, mit der Nichte und mit den Lehrern der Furstenkinder erschwert, wenigstens verandert. Er musste sich die einlaufenden Briefe von einem Freunde vorlesen lassen, dem er trauen konnte; er konnt' aber keinem trauen. Allein eine Freundin fand er aus, die den glanzenden Vorzug seines Vertrauens verdiente, und die niemand war als Klotilde. Er, der seine Geheimnisse nicht wie ein Jungling verschleuderte, durft' es dennoch wagen, Klotilden in den Besitz seiner grossten zu setzen und sie zur Buchhalterin und Vorleserin der Briefe ihrer Mutter zu machen, der sogenannten Nichte. Uberhaupt hielt er die weibliche Verschwiegenheit fur grosser als unsere wenigstens in wichtigen Dingen und in Sachen geliebter Manner. Aber man hore, was der Teufel im letzten Winter tat: mir ists bedenklich.

Der Lord erhielt einen Brief von der Mutter Flamins, worin sie ihre alten Bitten um eine schnellere Erhebung des geliebten Kindes und die Fragen uber sein Schicksal im Pfarrhaus wiederholte.

Zum Gluck machte gerade Klotilde einen Besuch in St. Lune und ersparte ihm die Reise nach Maienthal. Er besuchte den Kammerherrn, um von seiner Vorleserin den Brief zu horen. Mit Muhe fand er im Zimmer Klotildens eine unbelauschte Stunde aus. Als er sie endlich hatte, und Klotilde den Brief verlas, wird diese durch die Stiefmutter von der Vorlesung weggerufen. Der Lord horet sie sogleich wiederkommen, den Brief nur dunkelmurmelnd uberlesen und leise sagen, sie gehe wieder, komme aber gleich zuruck, Nach einigen Minuten kommt Klotilde, und da der Lord fragt, warum sie zum zweitenmal fortgegangen, streitet sie das zweite Gehen ab der Lord beteuert sie gleichfalls endlich fallt Klotilde auf die bittere Vermutung, ob nicht Matthieu dagewesen und mit seiner Theaterkunst und Kehle, worin alle Menschenstimmen steckten, sie selber nachgespielt und travestieret habe, um unter ihrem Kreditiv den wichtigen Brief zu lesen. Ach es war zu viel fur die Vermutung, und zu wenig dagegen! Zwar konnte Matthieu jetzt an Flamin, dessen akademische Laufbahn eben ausgelaufen war, die Oktoberprobe der Schulterdevise nicht vornehmen; aber er klebe sich doch (schien es nachher Klotilden und dem Lord) mit seinen Laubfroschfussen an diese gute Seele an, und unter dem Deckmantel der Liebe gegen Agathe und gegen den Freund hang' er seine Faden aus, lasse sie vom Winde zwischen dem Furstenschlosse und Pfarrhause aufspannen, spinne immer einen uber den andern, bis endlich sein Vater, der Minister Schleunes, das rechte Netz zum Umwikkeln des Fanges zusammengezwirnt hatte.... Ich gesteh' es, durch diese Vermutung geht mir ein Licht uber tausend Dinge auf.

Viktor erstaunte arger als wir und schlug dem Lord vor, ob er nicht ohne Schaden seines Eides Klotilden seinen Eintritt in diese Mysterien offenbaren konnte, da er zwei Grunde dazu hatte: erstlich werde ihrer Delikatesse die Verlegenheit uber den Schein erspart, den ihre schwesterliche Liebe sonst nach ihrer Meinung in seinen Augen haben musste32 zweitens behalte man ein Geheimnis besser, wenn nur noch einer daran schweigen helfe, wie von Midas' Barbier und dem Schilfrohr bekannt sei der dritte Grund war, er hatte mehre Grunde. Naturlicherweise schlug es ihm der Lord nicht ab.

Ubrigens fuhrte er seinen Viktor mit keinem pedantischen Marschreglement auf die Eisbahn und Stechbahn des Hofes. Er riet ihm bloss, niemand zu absichtlich zu suchen und zu meiden besonders das Schleunessche Haus bloss seinen Freund Flamin, den Matthieu lenke, abzuzaumen und ihn, anstatt am Zaume, lieber an der freundschaftlichen Hand zu fuhren bloss den Rang eines Doktors zu begehren, und mehr nicht. Er sagte, Regeln vor Erfahrungen waren Geometrie vor dem Starstechen. Sogar nach der Ernte der Erfahrungen ware Gracians homme de cour und Rochefoucaults Maximen nicht so gut als die memoires und Geschichte der Hofe, d.h. die Erfahrungen andrer. Endlich berief er sich auf sein eignes Beispiel und sagte, es waren erst wenige Jahre, dass er folgende Regeln seines Vaters begriffe:

Der grosste Hass ist, wie die grosste Tugend und die schlimmsten Hunde, still. Die Weiber haben mehr Wallungen und weniger Uberwallungen als wir. Man hasset am andern nichts so sehr als einen neuen Fehler, den er erst nach Jahren zeigt. Die meisten Narrheiten verubt man unter Leuten, nach denen man nichts fragt. Es ist die gewohnlichste und schadlichste Tauschung, dass man sich allzeit fur den einzigen halt, der gewisse Dinge bemerkt. Die Weiber und sanfte Leute sind nur zaghaft in eignen Gefahren, und herzhaft in fremden, wenn sie retten sollen. Traue keinem (und war' es ein Heiliger), der in der geringsten Kleinigkeit seine Ehre im Stiche lasset; und einer solchen Frau noch weniger. Die erste Gefalligkeit gewahrt dir jeder gern, die zweite ungern, die dritte gar nicht. Die meisten verwechseln ihre Eitelkeit mit ihrer Ehrliebe und geben Wunden der einen fur Wunden der andern aus, und umgekehrt. Was wir aus Menschenliebe vorhaben, wurden wir allemal erreichen, wenn wir keinen Eigennutz einmischten. Die Warme eines Mannes wird von nichts leichter verkannt als von der Warme eines Junglings.

Die letzte Bemerkung, die sich vielleicht naher bezog, hatt' er schon am Ufer der Insel in der Stellung des Abschieds gemacht, den er mit jener besonnenen Hoflichkeit nahm, die in seinem Stande sogar Eltern und Kindern die Hande und Arme fuhrt.

Dritter Schalttag

Wetterbeobachtungen uber den Menschen

Da ich im vorigen Kapitel die Kernspruche des Lords niederschrieb: so sah' ich, dass mir selber eigne einfielen, die fur Schalttage zu brauchen waren. Ich habe niemals eine Bemerkung allein gemacht, sondern allemal zwanzig, dreissig hintereinander und gerade diese erste ist ein Beweis davon.

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Wenn jemand bescheiden bleibt, nicht beim Lobe, sondern beim Tadel, dann ist ers.

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Das Gesprach des Volks und noch mehr die Briefe der Madchen haben einen eignen Wohlklang durch einen steten Wechsel mit langen und kurzen Silben (Trochaen oder Jamben).

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Zwei Dinge vergisset ein Madchen am leichtesten, erstlich wie sie aussieht daher die Spiegel erfunden wurden , und zweitens, worin sich das von dass unterscheidet. Ich besorg' aber, dass sie den Unterschied, bloss um meinen Satz umzustossen, von heute an behalten werden. Und dann geht mir einer von den beiden Probiersteinen verloren33, an die ich bisher gelehrte Frauenzimmer strich der zweite, den ich behalte, ist ihr linker Daumennagel, welchen das Federmesser zuweilen voll Narben geschnitten, aber selten, weil sie die Feder leichter fuhren als schneiden.

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Einer, der viele Wohltaten empfangen, hort auf, sie zu zahlen, und fangt an, sie zu wagen als warens Stimmen.

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Die Versetzung in gute Charaktere tut einem Dichter und Schauspieler, der seinen behalt, mehr Schaden als die Versetzung in schlimme. Ein Geistlicher, der noch dazu nur die erstere Versetzung frei hat, ist der moralischen Atonie mehr blossgestellet als der Versund Rollenmacher, der eine heilige Rolle wieder durch eine unheilige gutzumachen vermag.

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Die Leidenschaft macht die besten Beobachtungen und die elendesten Schlusse. Sie ist ein Fernrohr, dessen Feld desto heller, je enger es ist.

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Die Menschen fodern von einem neuen Fursten Bischof Haushofmeister Kinderstuben-Hofmeister Kapaunenstopfer Stadtmusikus und Stadtsyndikus nur in der ersten Woche ganz besondere Vorzuge, die dem Vorfahr fehlten; denn in der zweiten haben sie vergessen, was sie gefodert und was sie verfehlet haben.

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Solche Sentenzen gefallen und bleiben den Weibern am meisten.

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Daher will ich zur Belohnung mehr als eine uber sie selber verfertigen. Sie halten andere nur fur junger, nicht fur schoner als sich.

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Sie sind noch zehnmal listiger und falscher gegen einander als gegen uns; wir aber sind gegen uns fast noch redlicher als gegen sie.

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Sie sehen nur darauf, dass man sich bei ihnen entschuldige, nicht wie.

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Sie vergeben dem Geliebten mehre Flecken als wir der Geliebten. Daher die Romanschreiber die Helden ihres Kiels saufen, toben, duellieren und uberall ubernachten lassen, ohne den geringsten Nachteil der Helden. Die Heldin hingegen muss zu Hause neben der Mutter sitzen und ein Engelein sein.

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Uberhaupt sind sie so weich, so mild, so teilnehmend, so fein, so liebevoll und liebesehnsuchtig, dass es mir gar nicht in den Kopf will, warum sie einander selbst nicht recht leiden konnen, wenns nicht etwa darum ist, weil sie gegen einander zu hoflich sind, um sich formlich auszusohnen oder formlich zu entzweien. Ihr Lieben! ihr liebt zuweilen einen Menschen, weil er einen Freund hat und einer ist o, wie gut wurde euch erst eine Freundin kleiden.

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Man lernt Verschwiegenheit am meisten unter Menschen, die keine haben und Plauderhaftigkeit unter Verschwiegenen.

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Wenn Selbkenntnis der Weg zur Tugend ist: so ist Tugend noch mehr der Weg zur Selbkenntnis. Eine gebesserte gereinigte Seele wird von der kleinsten moralischen Giftart wie gewisse Edelsteine von jeder andern trube, und jetzo nach der Besserung merkt sie erst, wie viele Unreinigkeiten sich noch in allen Winkeln aufhalten.

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Ich will mit einigen Regeln der Besserung schliessen: Stelle keinem, sobald deine Brust den Seitenstich des Zorns befurchten muss, beredt seine Fehler vor; denn indem du ihn von seiner Straflichkeit uberreden willst, so uberredest du dich selber davon und wirst also erbost. Male dir an jedem Morgen die ungefahren Lagen und Leidenschaften vor, worin du am Tage kommen kannst: du betragst dich dann besser, denn man ist selten in einer wiederholten Lage zum zweitenmal schlecht. Zurnet dein Freund mit dir: so verschaff ihm eine Gelegenheit, dir einen grossen Gefallen zu erweisen; daruber muss sein Herz zerfliessen, und er wird dich wieder lieben. Keine Entschlusse sind gross als die, welche man mehr als einmal auszufuhren hat. Daher ist Unterlassen schwerer als Unternehmen; denn jenes muss langer fortgesetzet werden, und dieses ist noch mit dem Gefuhle einer doppelten Kraftausserung verknupft, einer psychologischen und einer moralischen. Verzage nur nicht, wenn du einmal fehlest; und deine ganze Reue sei eine schonere Tat. Mache dich (durch Stoizismus oder womit du kannst) nur ruhig, dann hast du wenig Muhe, dich auch tugendhaft zu machen. Fange deine Herzausbildung nicht mit dem Anbau der edeln Triebe, sondern mit dem Ausschneiden der schlechten an. Ist einmal das Unkraut verwelkt oder ausgezogen: dann richtet sich der edlere Blumenflor von selber kraftig in die Hohe. Das tugendhafte Herz wird, wie der Korper, mehr durch Arbeit als durch gute Nahrung gesund und stark. Daher kann ich aufhoren.

13. Hundposttag

Uber des Lords Charakter ein Abend aus Eden

Maienthal der Berg und Emanuel

Uber den Lord muss ich drei Worte sagen, namlich drei Meinungen.

Die erste ist ganz unwahrscheinlich: er halt nach ihr wie alle Welt- und Geschaftmanner das Menschengeschlecht fur einen Apparat zu Versuchen, fur Jagdzeug, fur Kriegsgerate, fur Strickzeug diese Menschen sehen den Himmel nur fur die Klaviatur der Erde und die Seele fur die Ordonnanz des Korpers an sie fuhren Kriege, nicht um die Kranze der Eichen, sondern um ihren Boden und ihre Eicheln zu erbeuten sie ziehen den Glucklichen dem Verdienstvollen vor und den Erfolg der Absicht sie brechen Eide und Herzen, um dem Staate zu dienen sie achten Dichtkunst, Philosophie und Religion, aber als Mittel; sie achten Reichtum, statistischen Landesflor und Gesundheit, aber als Zwecke sie ehren in der reinen Mathesis und in reiner Weibertugend nur beider Verwandlung in unreine fur Fabriken und Armeen, in der erhabnen Astronomie nur die Verwandlung der Sonnen in Schrittzahler und Wegweiser fur Pfefferflotten, und im erhabensten magister legens nur den ankodernden Bierkranz fur arme Universitaten.

Die zweite Meinung ist wenigstens der ersten entgegen und besser: dem Lord ist, wie andern grossen Menschen, die Laufbahn das Ziel, und die Schritte sind ihm die Kranze Gluck unterscheidet sich bei ihm von Ungluck nicht im Werte, sondern in der Art, ihm sind beide zwei zusammenlaufende Rennbahnen zum Ewigkeit-Ringe der innern Erhebung alle Zufalle dieses Lebens sind ihm blosse Rechenexempel in unbenannten Zahlen, die er durchmacht, aber nicht als Kaufmann, sondern als Indifferentialist und Algebraist, welchem die Produkte und die Multiplikanden gleich lieb sind, und dem es einerlei ist, mit Buchstaben oder mit Zentnern zu rechnen.

Wahrhaftig, der Mensch hat sich fast ebensoviel vorzuwerfen, wenn er missvergnugt, als wenn er lasterhaft ist; und da es auf seinen Gedanken-Ozean ankommt, ob er aus ihm die unterste Holle oder ein Arkadien-Otaheiti als Insel heben will: so verdient er alles, was er erschafft....

Gleichwohl ist die dritte Meinung die wahre und zugleich die meinige: der Lord, so sehr er ein indeklinabler Mensch zu sein scheint, der nach nichts geht, sondern ein Verbum in ist, hat doch folgendes Paradigma (und so liegt umgekehrt im gewohnlichsten Menschen der kurze Abriss zum sonderbarsten) : er ist einer der unglucklichen Grossen, die zu viel Genie, zu viel Reichtum und zu wenig Ruhe und Kenntnisse haben, um glucklich zu bleiben sie hetzen Freude statt der Tugend und verfehlen beide und schreien zuletzt uber jeden bittern Tropfen, der ihnen in einem Zuckerhut eingegeben wird gleich der Silberflache sind sie gerade in der Zerschmelzung durch FreudenFeuer am geneigtesten, sich mit einer dunkeln Haut zu uberziehen ihr Ehrgeiz, der sonst durch Plane die Leerheit des vornehmen Lebens bedeckt, ist nicht stark genug gegen ihr Herz, das in dieser Leerheit verwelkt sie tun Gutes aus Stolz, aber ohne Liebe dazu, sie spielen mit dem ausgekernten Leben wie mit einer Locke und halten es nicht einmal der Muhe wert, es abzukurzen aber doch halten sie es dieser Muhe wert, wenn ihnen, indes sie in diesem Nachtfrost der Seele dastehen, aussen lachelnd und kalt, innen ubergluht, ohne Hoffnung, ohne Furcht, ohne Glauben, entsagend, spielend und zugeschlossen, wenn ihnen ein Todesfall, ein grosser Schmerz ins ungluckliche Herz greift. Ach armer Lord! kann denn deines nicht eher als unter der Decke des schwarzen Marmors ruhen?

Ach armer Lord! wiederholte unaufhorlich sein Sohn, der nach Maienthal mit einer gepressten Seele ging. Aussen um ihn war der Himmel still; ein grosses Gewolk uberdeckte ihn ganz, aber es stand ringsum auf einem blauen Saum am Horizont. Hingegen in Viktors Brust zogen Luftstrome gegeneinander und wirbelten sich zu einer Windhose zusammen, die Bache auftrinkt und Baume aufzieht. Sein Vater hing bleich in diesem Sturm. Viktors kunftige Tage wurden hin- und hergeschleudert. Sein kunftiges Leben drangte sich in ein enges uberflortes Bild zusammen und machte ihn ebenso angstlich daruber, dass er es leben musste, als wie er es musste.

Am wehesten tat ihm gerade die sinnliche Kleinigkeit, dass sein Vater noch allein und verhullt in der Insel geblieben war. Einmal fiel ihn die Vermutung an, ob nicht das meiste nur dramatische Maschinerie gewesen sei, die sein Vater (der in der Jugend ein Tragodiendichter gewesen) gebraucht habe, um seinem Gelubde der Verschwiegenheit mehr Festigkeit zu geben aber sogleich ekelte ihn seines eignen Herzens. Warum sind die reinsten Seelen mit einer Menge ekelhafter, giftiger Gedanken gequalt, die wie Spinnen an den glanzenden Wanden hinaufkriechen und die sie nur die Muhe totzudrucken haben? Ach unsre Kriege unterscheiden sich nicht ganz von unsern Niederlagen!

Es ist sonderbar, dass er den perspektivischen Gedanken an Klotildens Blutverwandtschaft mit Flamin am wenigsten verfolgte.

Wenn der Mensch von der Vernunft keine balsamische Mittel erlangen kann: so fleht er die Hoffnung und die Tauschung darum an; und beide zerteilen dann gern den Schmerz. So wie heute nach und nach am Himmel durch lichte Fugen das Blaue durchriss, und wie das Nebelmeer zu hangenden Seen einlief: so gingen auch in Viktors Seele die dunkeln Gedanken auseinander. Und als die geschwollnen Wolkenklumpen im weiten Blau zu Flocken eingingen' bis endlich das blaue Meer alle Nebelbanke verschlang und nichts auf seiner unendlichen Flache trug als die herunterlodernde Sonne: so reinigte sich auch Viktors Seele von Dunsten, und das Sonnenbild Emanuels, den er heute erreichen sollte, schien sanft und warm und wolkenlos in alle seine Wunden... Die Gestalt seines geliebten Dahore die Gestalt seines geliebten Vaters die Gestalt seiner verhullten Mutter und alle geliebten Bilder ruhten wie Monde in einer wehmutigen Gruppe uber ihm, und diese Wehmut und der heilige Schwur, tugendhaft zu bleiben und allen Wunschen seines Vaters zu gehorchen, wehten seiner entzundeten Brust einigen Trost uber das vaterliche Schicksal zu.

Er konnte heute noch die Sonne hinter Maienthals Kirchturm untergehen sehen.

Der weite ausgeheiterte Himmel macht ihn weicher der Gedanke, heute an das Herz eines edeln Menschen zu fallen, dessen Seele uber diesem blauen Dunstkreis wohnte, machte ihn grosser die Hoffnung, von diesem Menschen uber das ganze Leben getrostet zu werden, machte ihn stiller.

Er eilte, und sein Eilen zog den wehmutigsten Lautenzug seiner Seele. Denn er ging nicht uber die Sommergefilde, sondern die Sommergefilde wandelten vor ihm voruber eine Landschaft nach der andern, Theater mit Waldern, Theater mit Saaten flogen vorbei neue Hugel stiegen mit andern Lichtern auf und hoben ihre Walder empor, und andre sanken mit den ihrigen unter lange Schatten-Steppen liefen zuruck vor heranfliessendem gelben Sonnenlicht bald stromten Taler voll Blumen um ihn, bald erhoben ihn heisse leere Hugel-Ufer der Strom rauschte nahe an sein Ohr, und plotzlich blinkten seine Krummungen entfernt uber Mohnfelder heruber weisse Strassen und grune Pfade begegneten und entflohen ihm und zogen um die weite Erde volle Dorfer ruckten mit glimmenden Fenstern vorbei und Garten mit entkleideten Kindern die gesenkte Sonne wurde bald erhoben, bald vertieft, bald auf Gipfel der Walder, bald auf Gipfel der Berge gezogen

Dieses Voruberfliehen der Szenen verdunkelte sein benetztes Auge und erhellte die innere Welt; aber das Stehenbleiben eines unaufhorlichen Tones, dieses uber ihm bleibende Lerchenchor, dessen streitende Rufe in seiner Seele zu einem zerflossen, dieses entfernte Getone aus Waldern und Buschen und Luften, diese Harmonika der Natur machte, dass er zu sich sagte: "Warum halt' ich in dieser Einsamkeit jeden Tropfen an, der fallen will? Nein, ich bin ohnehin heute zu weich, und ich will mich erschopfen, eh' ich den geliebten Menschen sehe."

Endlich stieg er den breiten Berg hinauf, der sich vor das zu dessen Fussen grunende Maienthal mit seinen zerstreueten Baumsaulen und grauen Quadern stellt.... Da klang die vom Ewigen gestimmte Erde mit tausend Saiten; da bewegte dieselbe Harmonie den in Gold und Nacht zerstuckten Strom und den sumsenden Blumenkelch und die bewohnte Luft und den durchwehten Busch; da standen der gerotete Osten und der gerotete Westen wie die zwei rosataftnen Flugelturen eines Flugels aufgespannt, und ein hebendes Meer quoll aus dem geoffneten Himmel und aus der geoffneten Erde...

Er ergoss sich in Freuden- und Trauertranen miteinander, und die Zukunft und die Vergangenheit bewegten zugleich sein Herz. Die Sonne fiel immer schneller den Himmel herab, und er bestieg schneller den Berg, um ihr langer nachzusehen. Und hier sah er in das Dorfchen Maienthal hinab, das zwischen feuchten Schatten glimmte....

Zu seinen Fussen und an diesem Berge lagerte sich, wie ein bekranzter Riese, wie eine versetzte Fruhlings-Insel, ein englischer Park. Dieser Berg gegen Suden und einer gegen Norden waren zu einer Wiege zusammengeruckt, in der das stille Dorfchen ruhte, und uber welche die Morgen- und die Abendsonne ihr goldnes Gespinst hindeckte. In funf blitzenden Teichen schwankten funf dunklere Abendhimmel, und jede aufhupfende Welle malte sich im daruberschwebenden Sonnenfeuer zum Rubin. Zwei Bache wateten in veranderlichen Entfernungen, von Rosen und Weiden verdunkelt, uber den langen Wiesengrund, und ein wasserndes Feuerrad trieb wie ein gehendes Herz das vom Abend gerotete Wasser durch alle grunende Blumengefasse. Uberall nickten Blumen, diese Schmetterlinge unter den Gewachsen auf jedem bemoosten Bachstein, aus jedem murben Stocke, um jedes Fenster wiegte sich eine Blume in ihrem Duft, und spanische Wicken uberzogen mit blauen und roten Adern einen Garten ohne Zaun. Ein durchsichtiges Waldchen von goldgrunen Birken stieg in hohem Gras druben den nordlichen Berg hinan, auf dessen Kuppel funf hohe Tannen als Ruinen einer gesturzten Waldung horsteten.

Emanuels kleines Haus stand am Ende des Dorfes in einem Gestrick von Jelangerjelieber und in der Umarmung eines Lindenbaums, der es durchwuchs... Sein Herz quoll auf: "Sei gesegnet, stiller Hafen! den eine Seele heiligt, die hier gen Himmel sieht und wartet, um ins Meer der Ewigkeit zu gehen!" Plotzlich warfen die Fenster der Abtei, wo sich Klotilde erzogen hatte, die Flammen des Abendrots auf ihn und die Sonne ging sanft wie ein Penn nach Amerika und die dunne Nacht legte sich uber die Natur heruber und die grune Klause Emanuels hullte sich ein .... Da kniete er einsam auf dem Gebirge, auf dieser Thronstufe, nieder und sah in den gluhenden Westen und uber die ganze stille Erde und in den Himmel und machte seinen Geist gross, um an Gott zu denken....

Als er kniete: war alles so erhaben und so mild Welten und Sonnen zogen von Morgen herauf, und das schillernde Wurmchen drangte sich in seinen staubichten Blumenkelch hinab der Abendwind schlug seinen unermesslichen Flugel, und die kleine nackte Lerche ruhte warm unter der federweichen Brust der Mutter ein Mensch stand auf dem Gebirge, und ein Gold- Kaferchen auf dem Staubfaden... und der Ewige liebte seine ganze Welt.

Sein Geist war jetzt gemacht, einen grossen Menschen zu fassen, und er sehnte sich nach der Stimme eines Bruders.

Er wankte ohne Steig ins Dorf hinab, umzogen von den grossen Kreisen des Kibitzvogels und von den kleinen des Maikafers. Am Fusse des Berges war der Zwittertag dunkler am Sternenhimmel hob sich der Vorhang auf der Dampf des Abends, der heiss aufgezogen war, fiel kalt, wie Menschen, in die Erde zuruck: noch eine laute Lerche drehte sich als das letzte Echo des Tages uber dem Berge.

Endlich hort' er Emanuels Linde. Er hatte ihn lieber unter dem grossen Himmel als unter der engen Stubendecke umarmt. Hinter dem Fenster sah er einen ausserordentlich schonen Jungling stehen, der auf der Flote blies. Dieser zog aus ihren Himmelpforten ein fliehendes schwebendes Elysium; Viktor horte ihn lange an, um sein schlagendes Herz zu stillen; endlich ging er mit tranenvollen Augen um das Haus und wollte sprachlos und blind an den Jungling und an Emanuel fallen. Als er vor dem Fenster vorbeiging, erwiderte der Jungling den Gruss nicht als er die Hausture eroffnete, fing ein sanftes Glockenspiel zu tonen an. Sogleich kam der Jungling heraus und fragte ihn freundlich, wer da sei; denn er war blind. Viktor trat in ein Allerheiligstes, da er in die mit Linden ausgelaubte Stube ging, die den geflugelten Menschen umgab, der jetzt ausser derselben unter der grossen Nacht Gottes war. Gegen Mitternacht sollte Emanuel zuruckkommen. Das Zimmer war offen und rein einige Blatter von genossenen Fruchten lagen auf dem Tisch- um alle Fenster gluhten Blumen ein Sternrohr lehnte an der Wand Reste einer orientalischen Kleiderkammer verkundigten den Indier.

Die Stimme des schonen Junglings hatte etwas unaussprechlich Ruhrendes fur ihn, weil sie ihm bekannt vorkam; sie zog tief in sein Herz hinein, wie die Melodie eines Liedes, das aus der Kindheit heraufklingt. Er durfte frei mit dem steten Blick der Liebe auf dem in eine ewige Nacht gerichteten Angesicht ruhen; er wollte die kindlichen Lippen voll Melodien kussen und zogerte noch; aber da er wieder aus dem Hause ging, um Emanuel zu suchen, und da das Glockenspiel wieder anfing denn es tonte, wenn die Tur auflief, um dem Blinden alles anzumelden , so konnt' er sich nicht mehr halten unter dem lieblichen Getone, sondern er beruhrte den Mund des Blinden, da er am offnen Fenster lehnte, mit einem weichen Kusse wie mit einem Hauch. "Ach Engel! bist du denn wieder vom Himmel herunter?" sagte der Blinde, der ihn mit irgendeinem bekannten Wesen verwechselte.

Wie war draussen alles so gut! Die Abendglocke des Dorfes rief uber die entschlummerten Fluren, und eine entfernte Seele neigte sich vielleicht nach ihren verwehten gebrochnen Tonen heruber. Der Abendwind rauschte mit Gipfeln voll gruner Fruchte darein. Der Abendstern der Mond unserer Dammerung ruhte freundlich auf dem Wege der Sonne und des Mondes und schickte seinen Trost zwischen die Abwesenheit von beiden. "Wo wirst du jetzt sein, mein Emanuel? Ruhest du vielleicht vor dem Abendrot oder schauest du in das Sternenmeer bist du in der Entzuckung, die wir ein Gebet nennen oder..."

Jetzo blitzte in ihm auf einmal der Gedanke, sein Emanuel sei, da heute nachts der Johannistag anfing, vielleicht am Genusse des Abends verschieden... Er suchte ihn mit den Augen eifriger unter jedem Baume, in jedem tiefern Schatten, er blickte zu den Bergen auf, als konnt' er ihn da sehen, und zu den Sternen, als durft' er ihn da suchen. Er umging das Dorf, dessen Ringmauer eine Fruchtschnur von Kirschbaumen war, die mit einer herabgeworfnen Milchstrasse von langst gefallnen Bluten den grunen Umkreis versilberten, und eilte uber die Ruinen der Hauser, die die Kinder am Tage erbauet hatten, gegen die ausglimmenden Fenster der Abtei zu, die sich am sudlichen Berge, wovon er hereingestiegen war, in die Hohe richtete. Denn der Blinde hatte ihm gesagt, dass dieser Berg Emanuels Sternwarte sei, und dass er jede Nacht dahin komme. Die grune Treppe, die mit Terrassen und Moosbanken absetzte, und an der ein Treppengelander von Buschwerk hinaufwuchs, fuhrte ihn einem Berge zu, der sich erhaben im Ather mit einer hohen Trauerbirke schloss. Mit jedem Rasenplatz hoben sich, wie aus einem Bade, neue Glieder der dunkeln Natur heraus er zog gleichsam von einem Planeten in den andern. Uber das aufsteigende verhullte Gefilde stromte der Nachtwind und zog einsam von Wald zu Wald und spielte krauselnd am Gefieder des schlafenden Vogels und des schwirrenden Nachtschmetterlings. Viktor sah hinuber zur Abendrote, die die Nacht wie eine Vorsteckrose vor den Busen, an dem die Sonnen liegen, vorgenommen hatte. Das Meer der Ewigkeit stand in Gestalt der Nacht auf dem Silbersand der Welten und Sonnen, und aus dem Meeresgrund blinkten die Sandkorner tief herauf.

Um die Trauerbirke nahm ein unbekanntes melodisches Tonen zu, das er schon heute auf der Insel gehort: endlich stand er oben unter der Birke, und das Tonen, wie das einer Harmonika, das erst uber Paradiese und durch Blumenhecken geflossen ist, war laut um ihn; aber er sah nichts weiter als einen hohen Grasaltar (die Geburtstatte von Emanuels Brief) und eine tiefe Grasbank. Aus welcher unsichtbaren Hand, dacht' er schauernd, gehen diese Tone, die von Engeln abzugleiten scheinen, wenn sie uber die zweite Welt fliegen, von vereinigten Seelen, wenn eine zu grosse Wonne sich zum Seufzer ausatmet und der Seufzer sich in verwehtes Geton zerlegt? Es ist ihm zu vergeben, dass er an einem solchen Tage, der seine Seele in immer grossere Erschutterungen setzte, in diesem Schauder der Nacht, unter diesem melodischen Trauerbaum, an diesem Allerheiligsten des unsichtbaren Emanuels, dass er endlich glaubte, dieser sei an diesem Abend aus dem Leben geflohen, und seine Seele voll Liebe fliege noch in diesen Echos um ihn und sehne sich nach der ersten und letzten Umarmung. Er verlor sich immer mehr in die Tone und in die Stille rings um sie seine Seele wurde ihm zu einem Traum, und die ganze Nachtlandschaft wurde zum Nebel aus Schlaf, in dem dieser lichte Traum stand die Quelle des unendlichen Lebens, die der Ewige ausgiesset, flog weit von der Erde im unermesslichen Bogen mit den staubenden Silberfunken der Sonnen uber die Unendlichkeit, sie bog sich glimmend um die ganze Nacht, und der Widerschein des Unendlichen bedeckte die dunkle Ewigkeit.

O Ewiger, wenn wir deinen Sternenhimmel nicht sahen, wie viel wusste denn unser in den Erdenkot untergesunknes Herz von dir und von der Unsterblichkeit?

Plotzlich wurde in Osten die Nacht lichter, weil der zerflossene Schimmer des Mondes an den Alpengebirgen, die ihn bedeckten, heraufschlug und auf einmal wurden die unbekannten Tone lauter und die Blatter und der Nachtwind. Da erwachte Viktor wie aus einem Traume und Leben und druckte die harmonischen zerrinnenden Lufte an die schmachtende Brust und rief unter den vorquellenden Tranen, die ihm das ganze Gefilde wie eine Regenwolke einhullten, ausser sich aus: "Ach Emanuel, komme! ach ich durste nach dir. Tone nicht mehr, du Seliger, nimm dein abgelegtes Menschenangesicht und erscheine mir und tote mich durch einen Schauder und behalte mich in deinen Armen!"...

Siehe! als der dunkle Tranentropfen noch auf dem Auge lag und der Mond noch hinter den Alpen verzog: da stieg den Berg herauf eine weisse Gestalt mit zugeschlossenen Augen lachelnd verklart selig gegen den Sirius gewandt

"Emanuel, erscheinst du mir?" rief bebend Horion und riss seine Tranen herab. Die Gestalt schlug ihre Augen auf. Sie breitete ihre Arme aus. Viktor sah nicht und horte nicht, er gluhte und zitterte. Die Gestalt flog ihm entgegen, und er gab sich hin: "Nimm mich!" Sie beruhrten einander sie umschlangen einander der Nachtwind riss durch sie das fremde Geton klang naher ein Stern zerschoss der Mond flog uber die Alpen herauf....

Und als er mit seinem Edenlicht die Wangen der unbekannten Erscheinung begoss: erkannte Viktor, dass es sein teurer Lehrer Dahore war, der heute in den Spiegel der Insel seine Gestalt geworfen. Und Dahore sagte: "Geliebter Sohn, kennst du deinen Lehrer noch? Ich bin Emanuel und Dahore." Da wurde die Umarmung enger Horion wollte den Dank fur eine ganze Kindheit in einen Kuss zusammenpressen und lag aufgelost in den Armen des Lehrers und in den Armen der liebenden Wonne.

Umschlinget euch fest, ihr Glucklichen, drucket eure gefullten Herzen bis zum Tranen-Erpressen aneinander, vergesset Himmel und Erde und verlangert die erhabne Umarmung! Ach sobald sie zerfallen ist, so hat dieses schlaffe Leben nichts Starkeres mehr, womit es euch verknupfen kann, als den Anfang des zweiten....

Emanuel trat endlich aus der Stellung der Liebe heraus und schauete abgebogen, wie eine Sonne, gross und offen in Horions Angesicht und begegnete mit Entzuckung dem veredelten Geiste und Angesicht seines bluhenden Lieblings. Dieser sank vor dem Blick der Liebe mit aufgehobenem Angesicht unwillkurlich auf die Knie und sagte: "O mein Lehrer, mein Vater o du Engel, liebst du mich denn noch so sehr?" Aber er weinte zu sehr, und seine Worte waren unverstandlich und erstarben im Herzen.....

Ohne zu antworten, legte Emanuel die Hand auf das Haupt des knienden Schulers und wendete sein verklartes Auge gegen den schimmernden Himmel und sagte mit feierlicher Stimme: "Dieses Haupt, du Ewiger, weiht sich heute dir in dieser grossen Nacht. Nur deine zweite Welt fulle dieses Haupt und dieses Herz aus und die kleine dunkle Erde befriedig' es nie! O mein Horion! hier auf diesem Berge, auf dem ich uber ein Jahr aus der Erde ziehe, beschwor' ich dich bei der grossen zweiten Welt uber uns, bei allen grossen Gedanken, womit dir jetzt der Ewige in dir erscheint, beschwor' ich dich, dass du gut bleibst, auch wenn ich lange gestorben bin."

Emanuel kniete zu ihm nieder, hielt den Erschopften und neigte sich an sein erblassendes Angesicht und sagte leiser und betend: "Mein Geliebter! mein Geliebter! wenn wir beide tot sind, in der zweiten Welt scheid' uns Gott nie, nie mich und dich!" Er weinte nicht, aber konnte doch nicht mehr sprechen; ihre zwei Herzen ruhten verknupft aneinander, und die Nacht umhullte schweigend ihre stumme Liebe und ihre grossen Gedanken.....

14. Hundposttag

Das philosophische Arkadien Klotildens Brief

Viktors confessions

Ich habe nur vorher zwei Dinge zu erklaren, das unbekannte Geton und das Verschliessen der Augen. Jenes floss von einer auf die Trauerbirke gelegten Aolsharfe aus; sooft Emanuel zu nachts hieherkam, mischte er in die flusternden Blatter diese abgehauchten Tone wie Bluten ein, um sich zu erheben, wenn er allein die erhabne Nacht ansah. Die Augen tat er oft vor der Sonne und dem Monde zu, wenn sein innerer, wie ein Cherub geflugelter Mensch gerade die Erlaubnis hatte, sich in weiche Phantasien einzusenken: in die fliessenden bunten Licht-Wogen, die durch die Augenlider drangen, tauchte er sich dann wie in einen Zephyr mit sussem Verschwimmen unter, und in diesem Lichtbad sog der hohere Lichtmagnet in ihm Himmellicht aus Erdenlicht. Da es nur wenige Seelen gibt, die wissen, wie weit die Harmonie der aussern Natur mit unserer reicht, und wie sehr das ganze All nur eine Aolsharfe ist, mit langern und kurzern Saiten, mit langsamern und schnellern Bebungen vor einem gottlichen Hauche ruhend: so fodre ich nicht, dass jeder diesem Emanuel vergebe.

Nach dem uber ein ganzes Leben hinschimmernden Wiederfinden kamen beide bei dem blinden Jungling an, und seine Flote hob das Herz aus dem schlagenden Fieberblut sanft in den beruhigten Ather des Himmels im Traume hinuber.

Da ich so gerne um Emanuel bin: so gonne mir der Leser die Freude, alle Stunden auseinander zu blattern, die wir in seinem Hause verbringen durfen, und recht Schritt vor Schritt zu gehen.

Der Morgen deckte dem Zoglinge Emanuels wie Kindern erst auf, was die Nacht seinem Herzen fur ein Christgeschenk bescheret hatte. Welche Gestalt trat im Morgenglanz vor ihn, da das stille, kindliche, beruhigte Gesicht des Lehrers, uber das einmal Sturme gezogen waren, wie auf dem sanften weissen Monde Vulkane gelodert haben, ihn auf eine Weise anlachelte, dass sein Inneres in stummer Wonne zerfloss! Besonders im Profil angeblickt, schien diese hohe Gestalt am Ufer der Erde zu stehen und hinunterzuschauen in die zweite Halbkugel des Himmels, die uns der Stein auf dem Grabe und der fette Trift-Boden dieses Lebens verdeckt. Sein Angesicht verklarte sich, wenn er es zum Himmel aufhob wenn er Gott nannte oder die Ewigkeit wenn er vom langsten Tage sprach; in seinem Lichte erblasste das Glanzgold der Gegenwart zum Mattgold der Vergangenheit, und sein Geist ruhte schwebend auf dem Korper, wie in Arabesken Genien aus Blumen keimen. So leicht stimmte sich Viktor nie aus dem Traum in den neuen Tag als an diesem Morgen durch Emanuels Stimme, die sozusagen die Spharenmusik zum blauen Himmel seiner Augen war, aus welchem wie aus dem agyptischen nie ein Tropfe fiel; er konnte aus Unvermogen seiner Tranendrusen niemals weinen; auch erschutterte dieses Leben seine Seele nicht mehr.

Das reine Morgenzimmer machte gleichsam die Seele rein und still. Er war der grosste korperliche Purist, er wusch seinen Korper ebensooft als seine Kleider, und der Schmutz der medizinischen Sprache wurde bis sogar auf Worter, wie z.B. Zahnstocher etc., von seiner unbefleckten Zunge gemieden. Ebenso blieb sein Herz sogar von den blossen Bildern grosser Sunden unbesudelt; und diese unwissende Unschuld, so wie eine Unbekanntschaft mit unsern listigen Sitten, machte ihn in drei verschiedenen Augen entweder zum Kinde oder zum Madchen oder zum Engel.

Das Fruhstuck von Wasser und Fruchten die uberhaupt seinen ganzen Kuchenzettel besetzten ruckte strafend unserm Viktor den Wein und Kaffeesatz vor, womit er die Blumen seines Geistes, wie irdische, zuweilen dungen musste. Blumenscherben waren Dahores Dosen und gluhten unter dem Lindengrun, das, von zwei zahmen und doch freien Grasmucken durchhupft, das lebendige wachsende Dekkenstuck des Zimmers war. Auch seine Seele schien, wie ein Brahmin, von poetischen Blumen zu leben, und seine Sprache war oft, wie seine Sitten, indisch, d.h. poetisch. So war uberall, wie bei mehren Menschen-Magnaten, eine auffallende vorherbestimmte Harmonie zwischen der aussern Natur und seinem Herzen er fand im Korperlichen leicht die Physiognomie des Geistigen und umgekehrt er sagte: die Materie ist als Gedanke ebenso edel und geistig als irgendein anderer Gedanke, und wir stellen uns in ihr doch nur die gottlichen Vorstellungen von ihr vor; z.B. unter dem Fruhstuck vertiefte er sich in den glimmenden Tautropfen in einer Levkoje und spielte durch das Wiegen des Auges das Farbenklavier derselben durch. "Es muss" sagte er "irgendeine Harmonie zwischen diesem Wasserstaubchen und meinem Geiste zusammenklingen, wie zwischen der Tugend und mir, weil beide mich sonst nicht entzucken konnten. Und ist denn dieser Einklang, den der Mensch mit der ganzen Schopfung (nur in verschiedenen Oktaven) macht, nur ein Spiel des Ewigen und kein Nachhall einer nahern, grossern Harmonie?" Ebenso blickte er oft eine glimmende Kohle so lange an, bis sie ihm zu einer Flammen-Aue sich ausgebreitet hatte, die er, von sanften Phantasien beleuchtet, auf- und niederwandelte....

Erdulde, Leser, diese blumige Seele; wir wollen beide denken, dass die Menschen leichter eine Religion als eine Philosophie haben konnen, und dass jedes System sein eignes Gewebe des Herzens voraussetze, und dass das Herz die Knospe des Kopfes sei.

Der einzige Umstand schmerzte den begluckten Viktor an diesem Morgen, dass er den schonen Blinden nicht umfassen und fragen durfte: "Haben wir nicht schon beisammengelebt, und ist dir meine Stimme nicht so bekannt wie mir deine?" Denn er hielt ihn (wie ich auch) aus mehren Grunden fur den zuruckgebliebnen Sohn des Pfarrers Eymann. Da aber Dahore daruber schwieg in dessen hellen lichten Himmel man sonst bis zum kleinsten Nebelstern hinabschauen konnte : so furchtete er, vor diesen frommen Ohren seinem Eide des Schweigens zu nahe zu reden, wenn er auch nur seine fragenden Vermutungen uber den Blinden entdeckte. Dieser Julius schien nur zwei Wurzelaste seines Wesens zu haben, deren einer in die Flote und der andre in seinen Lehrer ging. Auf seinem weissen Angesicht, worauf die Trunkenheit des musikalischen Genies und die Abgezogenheit des traumenden Blinden sich mit einer fast weiblichen Schonheit verband, stand der Widerschein seines Lehrers, und die Fibern desselben hatten sich wie Lautensaiten nur in harmonischen Bewegungen geregt. Der arme Blinde, der seinen Dahore fur seinen Vater ansah, wurde wie eine Flaumfeder bloss von seinem kleinsten Hauch gelenkt. Viktor zog oft den Kopf des lieben Blinden nahe an sein Gesicht, um die zerstorten Augen zu mustern, ob sie wieder herzustellen waren. Aber ob er gleich mit Schmerzen sah, dass der Ungluckliche unheilbar in der vollen lichten Erde bleibe: so wiederholt' er doch immer die nahe Erforschung, bloss um die reizende liebe Gestalt naher an seinem Auge und an seiner Seele zu haben.

Emanuel fuhrte am Morgen als Cicerone der Natur seinen Gast durch die Ruinen und Antiken der Erde; denn jeder Baum ist eine ewige Antike. Wie verschieden ist ein Spaziergang mit einem frommen Menschen, und einer mit einer gemeinen Weltseele! Die Erde kam ihm heilig vor, erst aus den Handen des Schopfers entfallen ihm war, als ging' er in einem uber uns hangenden uberblumten Planeten. Emanuel zeigte ihm Gott und die Liebe uberall abgespiegelt, aber uberall verandert, im Lichte, in den Farben, in der Tonleiter der lebendigen Wesen, in der Blute und in der Menschenschonheit, in den Freuden der Tiere, in den Gedanken der Menschen und in den Kreisen der Welten denn entweder ist alles oder nichts sein Schattenbild ; so malt die Sonne ihr Bild auf alle Wesen, gross im Weltmeere, bunt in Tautropfen, klein auf die Menschen-Netzhaut, als Nebensonne in die Wolke, rot auf den Apfel, silbern auf den Strom, siebenfarbig in den fallenden Regen und schimmernd uber den ganzen Mond und uber ihre Welten.

Viktor fuhlte heute zum ersten Male die Vergrosserung und Verklarung seines Ichs vor einem Geiste, der, ihm ahnlich, aber uberlegen, gleich einem spharischen Hohlspiegel alle Zuge seines edlern Teils kolossalisch zuruckwarf. Der ganze pobelhafte Teil seiner Natur verkroch sich, als der hohere sich, von Dahore ins Grosse gemalt, uber die liegenden Triebe aufrichtete. Ein Mensch, den die Sonnennahe eines grossen Menschen nicht in Flammen und ausser sich bringt, ist nichts wert. Er wollte kaum sprechen, um nur immer ihn zu horen, ob er gleich vorhatte, recht viele Tage dazubleiben. Er war wie vor einem hohern Wesen und vor einer Geliebten, vor denen man weder seinen Kopf noch seine Zunge zeigen will, mit Verzicht auf sein Ich in lautere Wahrheit und Liebe versunken. Von den kleinen Verhaltnissen des Orts und des burgerlichen Lebens war aller Firnis so rein abgesprungen, und sie standen ihm alle so vermooset da, dass er nicht einmal die Namen von Gottingen, von Flachsenfingen, oder leere Lebenvorfalle oder fremde Personalien nennen wollte. Viktor hatte uberhaupt eine kleine Verachtung fur die Menschen, denen die Nachricht an den Buchbinder lieber ist als das Buch, und die Rezension eines Autors lieber als sein System, und fur welche die Erde keine Entzifferkanzlei des Buchs der Natur, sondern ein Sprachzimmer, eine Zeitungbude elender Personalien ist, die sie weder benutzen noch behalten noch beurteilen, sondern nur erzahlen wollen; und es ekelten ihn die deutschen Gesellschaften, in denen man so wenig philosophiert. O wie selig war er, einmal einen ganzen Tag mit einem andern denken, und was noch schoner ist, zugleich dichten zu durfen!

Seine Zweifel uber das Grosste, was unsern Kopf erdrucken und unser Herz erheben kann, wurden heute zu Fragen die Fragen zu Hoffnungen die Hoffnungen zu Ahnungen. Es gibt Wahrheiten, von denen man hofft, grosse Menschen werden starker von ihnen uberzeugt sein, als man es selber sein kann; und man will daher durch ihre Uberzeugung die seinige erganzen. Dahore hielt die zwei grossen Wahrheiten (Gott und Unsterblichkeit), die wie zwei Saulen das Universum tragen, fest an seinem Herzen; aber er fragte wie die seltnern Menschen, denen die Wahrheit nicht bloss das Schaugericht der Eitelkeit und der Nachtisch des Kopfes ist, sondern ein heiliges Abend- und Liebemahl voll Lebengeist fur ihr mudes Herz, er fragte wenig darnach, wenn er keine Anhanger machen konnte. Viktor fuhlte, dass er den Artillerietrain und die elektrischen Pistolen und Batterien der Disputierkunst besser zu handhaben verstehe als Emanuel; aber er wurde seine eigne Zunge verabscheut haben, wenn sie ihre Leichtigkeit gegen diese schone Seele gerichtet hatte. Er schwieg aus zwei Grunden. "Versuch es," sagt' er, "von einer grossen, dein ganzes Wesen umfassenden leuchtenden Wahrheit auf dem fliegenden Sekundenweiser, worauf man im fluchtigen Gesprache steht, mit den wenigen trocknen Tuschen, womit menschliche Ideen anzufarben sind, und mit der unbehulflichen Menschenzunge, womit du diese Farbenkorner ausbreiten musst, versuch es, von deiner Wahrheit ein Schmelzbild, ein Altarblatt zu gehen wahrhaftig ein Schattenriss, ein durchsichtiges Sternbild wird alles sein, was du liefern kannst." Der lichte Himmel gewisser einfacher tieffuhlenden Menschen hullet, wie der aussere, alle seine Sonnen, die warmste ausgenommen, mit dem Schein eines oden Blaues zu; aber der unreine Himmel anderer voll Witz und Logik ist mit Nebensonnen, Bogen, Nordscheinen, Wolken und Rot geputzt.

Der zweite, bessere Grund, warum er die Opponenten-Ehre verschmahte, war sein Herz, das mehr in sich schloss, als der Kopf beleuchten konnte. Gewisse Ansichten konnen nicht so leicht wie Mauergemalde in Italien abgeloset werden und aus einem Kopfe in den andern gebracht das Licht, das dir der andre gehen kann, zeigt, aber zimmert nicht den Hausrat deines Innern, und das, was das Licht bei einigen wirklich erschafft, ist Lufterscheinung, optischer Betrug, aber kein Korper34. Daher kommt es nicht auf das Zeigen und Ersehen einer Wahrheit, d.h. eines Gegenstandes an, sondern auf die Wirkungen, die er durch dein ganzes Inneres macht. Warum gibt es denn Menschen, die uns, wie Sokrates den Aristides, heiligen, bloss wenn wir bei ihnen sind? Wie vermogen es grosse Schriftsteller, dass ihr unsichtbarer Geist in ihren Werken uns ergreift und festhalt, ohne dass wir die Worte und Stellen angeben konnen, womit sie es tun, wie ein vollbelaubter Wald immer brauset, ohne sich mit einzelnen Asten zu bewegen? Warum uberwaltigte Emanuel seinen geliebten Horion mehr als durch breite Thesesbilder, rationes decidendi und sententiae magistrales bloss durch die Verklarung in seinem Angesicht, durch den leisen Echoton seiner Stimme, durch den Glanz in seinem Blick und durch die Andacht in seiner Brust, wenn er Wahrheiten, die der Sprache alt und dem Herzen neu waren, feierlich sagte, wie folgende:

Der Mensch geht wie die Erde von Westen nach Osten, aber es kommt ihm vor, er gehe mit ihr von Osten nach Westen, vom Leben ins Grab.

Das Hochste und Edelste im Menschen verbirgt sich und ist ohne Nutzen fur die tatige Welt (wie die hochsten Berge keine Gewachse tragen), und aus der Kette schoner Gedanken konnen sich nur einige Glieder als Taten ablosen35.

Unsere zwecklose Tatigkeit, unsere Griffe nach Luft mussen hoheren Wesen vorkommen wie das Fangen der Sterbenden nach dem Deckbette.

Der Geist erwacht und wird erwachen, wenn das Sinnenlicht ausloscht, wie Schlafende erwachen, wenn das Nachtlicht ausloscht.

Warum blieben diese Gedanken als Schauder in der Seele? Weil Horion etwas Hoheres fuhlte, als je die Sprache, die nur fur die Alltag-Empfindungen erfunden ist, wiedergeben kann weil er schon in seiner Kindheit die Systeme hasste, die alles Unerklarliche verstecken, und weil der Menschengeist sich im Erklarlichen und Endlichen so erdruckt empfindet, als er es in einem Bergwerk oder durch den Gedanken ist, dass sich oben irgendwo der Himmelraum zuspunde.

Wie hatt' er den Mut oder Anlass haben konnen, an einem solchen Tage Emanuel um seinen Sterbetag zu befragen, oder um Klotilden? Viktor hatte jene gesellschaftliche Phantasie, die sich leicht in die Stelle der unahnlichsten Menschen, des Weibes und des Philosophen, versetzt. Abends ging Dahore ins Stift, um Astronomie, seine geliebteste Wissenschaft, zu lehren. Unter der astronomischen Lehrstunde wurde Julius offnes Gesicht ein offner Himmel; er sagte seinem Viktor alles wie einem zweiten Vater. Hier erzahlte er ihm treuherzig, dass im vorigen Jahr immer ein Engel zu ihm gekommen, der seine Hand ergriffen, ihm Blumen gegeben, ihn freundlich angeredet und endlich von ihm in den Himmel gewichen, ihm aber einen Brief dagelassen habe, den er nach einem Jahre zu Pfingsten sich von Klotilden durfe lesen lassen; ja dieser gute Engel sei gestern mit einem Kusse vor ihm vorbeigeflogen. Viktor lachelte froh, aber verschwieg seine Vermutung, dass er den Engel fur ein scheues liebendes Madchen aus dem Frauleinstift ansehe. "Gestern aber", sagte Viktor, "war bloss ich der Engel gewesen, der dich so kusste!"- und wiederholte es. Julius wusste geliebten Personen nichts Schoneres zu geben als das Bild seines Vaters die Schilderung von der erhabenen Liebe desselben, die keinen Menschen vergass, weil sie nicht auf die Vorzuge, sondern auf die Bedurfnisse der Menschen gebauet war ferner von seiner Nachsicht, seiner Uneigennutzigkeit, da ihm eine lange Tugend den Kampf gegen sein Herz ersparte, und er nun nichts tat, als was er wunschte, und da ihm die tief herabhangende zweite Welt eine eigne Unabhangigkeit von Bedurfnissen predigte. 500000 Fixsterne erster Grosse leuchten nach Lambert kaum dem nahern Vollmond gleich; und so uberglanzt die Gegenwart immer unser Inneres; aber steige naher auf zum Fixstern der zweiten Welt, so wird er eine Sonne, die den Mond der Zeit und der Gegenwart in einen schmalen Nebel verwandelt. Diesen Emanuel hatten alle Maienthaler lieb (sogar der Pfarrer, obwohl jener ein Nichtkatholik, Nichtlutheraner und Nichtkalvinist war); und er war gern von etwas abhangig, von fremder Liebe36. Unter dieser Schilderung sehnte sich Viktor wieder so bewegt nach ihm, als waren sie ein Jahr auseinander gewesen; daher legt' er sich im Abendrote unter Birkenblatter, dem Stifte gegenuber, um ihn sogleich mit heissen Armen in Verhaft zu nehmen.

Und als Viktor seine Seele hob an hohen weissen Saulen des vom Lord entworfenen Parks, an dem erhabenen Bildwerk, das einen grossen Gedanken schrieb, der wie ein Gewitter aussah; und als er gerade eine herabgefallne Biene, deren Flugwerk ihr Honig verpichte, auf das Bienenbrett getragen hatte: so wandelte freundlich Dahore daher. Dieser verfiel selber denn Viktor hatte das versteckte Herantreiben einer Materie fur Sunde genommen auf Klotilde und sagte, das sei ihre Lieblingstelle und die Ruhebank ihrer stillen Seele gewesen. Der Ort war nicht erhaben, aber, was noch mehr ist, dem Erhabnen gegenuber (sogar die physische Grossheit, z.B. ein Berg, hat die Ferne als ein Fussgestell notig) er lag am tiefsten im Tal, von Emanuels Blumenketten umfasset die er oft unverzaunt anlegte, weil alle Maienthaler seine kleinen Freuden schonten , von grossen Kleefeldern angeweht, vom Monde, der im Fruhling erst vom Berg herab diese Tiefe anstrahlte, mit einem schwermutigen Gemisch von Birkenschatten, Wasserglanz und lichten Stellen uberdeckt und endlich mit einer Grasbank geziert, deren ich nicht erwahnte, ware sie nicht an beiden Enden mit grossen niederwankenden Blumen besteckt, die zartlich keiner erdruckte, der sich zwischen ihnen niederliess. Wie wurde Viktor betroffen oder entzuckt, als Emanuel nach dieser Klotilde fragte! Wie Tau-Juwelen, wie Freudentranen fielen alle Worte des Lehrers in sein lechzendes Herz, weil es Lobspruche auf ihre weiche Seele waren, die ihre Tranen nur in fremde leitet und vor trocknen Herzen verdeckt, auf ihre feine Ehrliebe, die der mannliche Tadel zu Kalte und der weibliche zu Stolz verdreht, und auf eine liebende Warme, die man in ihrem wie eine Knospe festgeschlossenen Herzen nicht gesucht hatte, das jetzt die leblose Natur mit der belebten vermengt, um an jener diese lieben zu lernen. Es ruhrte Viktor bis zu Tranen, da Emanuel ihm seine aus diesem Eden entruckte Schulerin so warm anlobte; und als er ihn noch dazu unbefangen bat, der Freund seiner Freundin zu werden und jetzo, weil er sterbe und weil sie nicht mehr komme denn sie war das letztemal bloss dagewesen, um zu Pfingsten, unbelachelt von ihren Eltern, offentlich mit den Stiftfraulein das Abendmahl zu empfangen , jetzo seine Stelle zu besetzen bei diesem gegen die Sterne gehobnen Auge, bei diesem fur die Ewigkeit bewegten Herzen: so hatt' er vor Ruhrung und vor Liebe dem Freund und der Freundin zu Fussen sinken mogen. In einem solchen Munde gibt das Lob des Gegenstandes allzeit der Liebe einen ausserordentlichen Wachstum, weil diese immer Vorwand sucht und dann auf einmal zeitigt, wenn sie ihn gefunden.

Wenn dir, mein Freund, das Herz fur ein fremdes nicht schnell und heftig genug schlagt ob es gleich meines Erachtens schon fieberhaft pulsiert, namlich 111 mal in einer Minute , so gehe, um dein kaltes Fieber in ein warmes umzusetzen, dein viertagiges in ein tagliches, nur zu andern besonders geachteten Leuten hin und lasse dir sie vorloben, die Gute, oder nur oft vornennen: todkrank und mit deinen 140 Pulsschlagen versehen, gehst du weg und hast das verlangte Fieber am Hals.

Der unschuldige Emanuel, der Viktors Warme nicht erriet, glaubte, er musse noch mehr tun, um ihm die siebenfache Weihe zum Priester der Freundschaft fur Klotilden zu geben, und gab ihm einen Brief von ihr. Du konntest es tun, Ostindier, da du hier ein im limbus infantum (im Kinder-Himmel) zum Engel gewordnes Kind bist, da du keine Geheimnisse hast, ausgenommen das Geheimnis der drei Kinder (daher dich der Lord nicht zum Vorleser seiner Briefe machte), und da du gar nicht ahnest, die Weggabe des fremden Briefes sei nicht recht. Doch dein Schuler hatte ihn nicht lesen sollen. Der las ihn aber. Er kann sich mit nichts decken als mit meinem Leser, der hier diesen namlichen fremden Brief, den dessen Stellerin nie fur ihn geschrieben, doch auf seinem Sessel genau durchsieht. Ich meines Orts lese nichts, sondern schreibe nur das ab, was mir der Hund gebracht. Es ist schon, dass dieser Brief von ihr gerade in der regnenden, melodischen Nacht des Gartenfestes gemacht war, wo er seinen ersten an Emanuel geschrieben hatte.

"St. Lune den 4. Mai 179*.

Sie verlangen es vielleicht nicht, verehrungwerter Lehrer, dass ich mich entschuldige, da ich kaum aus Maienthal bin und schon mit einem Briefe wiederkomme. Ich wollte gar schon unterweges schreiben, dann am zweiten Tage und endlich gestern. Dieses Maienthal wird mir noch viele Taler verderben; jede Musik wird mir wie ein Alphorn klingen, das mich traurig macht und in mein Herz die Erinnerung an das Alpenleben unter der Trauerbirke bringt.

In dieser Stimmung wurd' ich es meinem Herzen nicht verweigern konnen, sich zu offnen und sich vor dem Ihrigen in den warmsten Dank fur die schonsten und lehrreichsten Tage meines Lebens zu ergiessen: wenn ich nicht den Entschluss hatte, in einigen Tagen wieder in Maienthal zu sein; nach meiner zweiten Zu

In unserm Hause fand ich nichts verandert37 auch in unsers Nachbars seinem nichts; und ich fand in allen Seelen die Liebe wieder, womit wir auseinander geschieden waren, nur ist meine Agathe zwar lustig, aber doch es minder als sonst. Die einzige Veranderung in Herrn Eymanns Hause ist ein Gast, den jeder anders nennt: Viktor Horion Sebastian junger Lord Doktor. Diesen letzten Namen verdient er in vollem Masse durch seine erste Handlung und erste Freude in St. Lune, welche die Heilung des blinden Lords Horion war. Welch ein Gluck fur den Geretteten und fur den Retter! Moge dieser Jungling doch einmal durch Ihr Eden gehen und Ihren guten Julius antreffen, um an ihm die schone Kunst zu wiederholen! O sooft ich daran denke, dass das mannliche Geschlecht mit dem Stoffe zu den grossten gottlichen Wohltaten begluckt ist, dass es, wie ein Gott, Augen, Leben, Recht, Wissenschaften austeilen kann, indes mein Geschlecht sein Herz, das sich nach Wohltun sehnt, auf kleinere Verdienste, auf eine Trane, die es abtrocknet, auf eine eigne, die es verbirgt, auf eine geheime Geduld mit Glucklichen und Unglucklichen einschranken muss: so wunsch' ich, mochte doch dieses Geschlecht, das die hochsten Wohltaten in Handen hat, uns die grosste vergonnen, es nachzuahmen und Guter in die Hande zu bekommen, die uns begluckten, wenn wir sie verteilten! Jetzo kann ein Weib mit nichts in ihrer Seele gross sein als nur mit Wunschen.

Ich komme gerade vom freien Himmel herein aus einem kleinen Gartenfeste bei meiner Agathe; und mir ist ordentlich jedes schone tiefblaue Stuck vom Himmel nicht recht, wenn es nicht uber Ihrer Trauerbirke steht, wo Ihr Auge alle seine Schatze und Sonnen aufzahlt und meinem Herzen alle Winke der unendlichen Macht und Liebe zeigt. Ich dachte heute im Garten mit einer fast zu traurigen Sehnsucht an Ihr Maienthal; Herr Sebastian erinnerte mich noch ofter daran, weil er einen Lehrer gehabt zu haben scheint, der dem meinigen ahnlich war38. Er sprach heute sehr gut und schien aus zwei Halften zusammengesetzt zu sein, aus einer britischen und einer franzosischen. Einige seiner schonen Anmerkungen sind mir nicht entfallen z.B. 'Die Leiden sind wie die Gewitterwolken; in der Ferne sehen sie schwarz aus, uber uns kaum grau. Wie traurige Traume eine angenehme Zukunft bedeuten: so werd' es mit dem so oft qualenden Traume des Lebens sein, wenn er aus sei. Alle unsere starken Gefuhle regieren wie die Gespenster nur bis auf eine gewisse Stunde, und wenn ein Mensch immer zu sich sagte: diese Leidenschaft, dieser Schmerz, diese Entzuckung ist in drei Tagen gewiss aus deiner Seele heraus: so wurd' er immer ruhiger und stiller werden.' Ich berichte Ihnen alles dieses so ausfuhrlich, um mich gleichsam selber zu bestrafen fur ein voreiliges Urteil, das ich vor einigen Tagen (wiewohl in mir) uber seinen Hang zur Satire fallte. Die Satire scheint auch bloss fur das starkere Geschlecht zu sein; ich habe in dem meinigen noch keine gefunden, die Swifts oder Cervantes' oder Tristrams Werke recht goutiert hatte. Zwei Tage spater. Ich und mein Brief sind noch hier; aber heute reiset er auf vier Tage vor mir voraus. Ich denke ordentlich, dieses letzte Mal werde mir jede Blume in Maienthal und jedes Wort, das mir mein bester Lehrer sagt, noch grossere und tiefere Freude machen als je, weil ich gerade aus dem Gerausche der Besuche und mit einem so melancholischen Herzen hinkomme. Am Morgen nach jener schonen Nacht des Kirchgangfestes sass ich allein in einer Laube neben dem grossen Teiche und machte mich durch alles trauriger, was ich sah und dachte denn diesen ganzen Morgen stand wegen eines Traumes meine erblichene Freundin39 in meiner Seele ihr Grab lag durchsichtig auf ihr, und ich blickte hinein und sah diese Himmellilie blass und still in ihm liegen ich dachte wohl daran, als der Gartner Blumen mit den Topfen in die Erde grub, dass der Korper, in dem wir grunen, auf gleiche Weise in die Erde zum kunftigen Bluhen komme, aber ich konnte doch meine Tranen nicht mehr stillen. Vergeblich sah ich den heitern Fruhling an, der jeden Tag neue Farben, neue Mucken, neue Blumen aus der Erde zieht ich wurde nur betrubter, da er alles verjungt, aber den Menschen nicht. Und als ich Herrn von Schleunes von weitem mit einem Froschschnepper auf den Teich zugehen sah, musst' ich mich, weil er von ferne im Vorbeigehen meine Augen sehen konnte, schlafend stellen, um sie nicht zu verraten. Aber vor meinem teuersten Lehrer wurd' ich sie geoffnet haben, wie jetzt, weil er mir meine Schwachen vergibt.

Klotilde v. L. B."

*

Viktor hatte den linken Arm, womit er den Brief hielt, zu nahe ans Herz gelegt; und sein Arm und Brief fingen mit dem pochenden Herzen zu zittern an, und er konnte ihn kaum vor Ruhrung lesen und fassen. "Ein solcher Lehrer! eine solche Schulerin!" weiter konnten seine Blicke nichts sagen.

Es war in ihm ein Streit, ob er seinem Freund die Liebe fur Klotilden sagen sollte. Fur das Gestandnis war Emanuels Bitte, mit ihr umzugehen sein gleichsam aus Fixsternen alle Kleinigkeiten der Erde beschauendes Auge Viktors dankbare Begierde, ein Geheimnis mit dem andern zu vergelten und am meisten, o! diese Liebe zu seinem Lehrer, diese Liebe seines Lehrers zu ihm....

Und diese siegte auch, so viel auch sonst dagegen war. Denn wenn Viktors ganze Natur im Feuer der Freundschaft gluhte, so stieg sein Herz immer hoher und brannte, sich zu offnen er kampfte noch mit ihm, und es schwieg noch es liebte unendlich es hob sich wie von einer unsichtbaren Macht empor es brach endlich entzwei die Brust ging wie vor Gott auseinander, und nun, Geliebter! schau hinein, aber verzeih ihm alles.

Er kriegte noch in sich, als der hinter ihrem Rucken heraufgehobene Mond ihre beiden Schatten-Kniestukke vor ihnen voraustrieb. Er wurde durch Emanuels ziehenden Schatten an eine Stelle in seinem Briefe40 erinnert und an sein sieches Leben und fruhes Verschwinden... Dieses zerspaltete sein Inneres, er wendete sanft seinen Emanuel gegen den herunterstromenden Mond um und sagte und zeigte ihm alles aber nicht bloss seine Liebe, sondern seine ganze Geschichte seine ganze Seele alle seine Fehler alle seine Torheiten alles, er war so beredt in dieser Minute wie ein Engel und ebenso gross sein Herz wallete zerschmolzen in Liebe, und je mehr er sagte, je mehr wollte er zu sagen haben.

Auf dieser Erde schlagt keine erhabnere und seligere Stunde als die, wo ein Mensch sich aufrichtet, erhoben von der Tugend, erweicht von der Liebe, und alle Gefahren verschmaht und einem Freunde zeigt, wie sein Herz ist. Dieses Beben, dieses Zergehen, dieses Erheben ist kostlicher als der Kitzel der Eitelkeit, sich in unnutze Feinheiten zu verstecken. Aber die vollendete Aufrichtigkeit steht nur der Tugend an: der Mensch, in dem Argwohn und Finsternis ist, leg' immer seinem Busen Nachtschrauben und Nachtriegel an, der Bose verschon' uns mit seiner Leichenoffnung, und wer keine Himmeltur an sich zu offnen hat, lasse das Hollentor zu!

Emanuel hatte die gottliche oder mutterliche Freude, die ein Freund uber die Tugend und Veredlung des Freundes empfindet, und vergass uber der Freude die verschiedenen Anlasse derselben.

Ungern trenn' ich mich auf eine Nacht von diesem tugendhaften Paar. Moge ich noch viele Tage von Maienthal zu malen bekommen und Viktor noch viele da verleben!

15. Hundposttag

Der Abschied

Ach heute geht er schon! Die bisherigen Ruhrungen und Gesprache hatten die zarte Hulle, die Emanuels schonen Geist wie eine Tulpe die Biene verschliesset, zu sehr erschuttert: blass und wankend stand er auf; und der Blinde war am glucklichsten, der weder diese Blasse, noch das weisse Tuch erblickte, das er zu nachts, statt vollzuweinen, vollgeblutet hatte. Er selber hatte noch das bleiche Abendrot der gestrigen Freude auf dem Angesicht; aber eben diese Gleichgultigkeit gegen seine ausloschenden Tage, dieses schwachere leisere Sprechen machte, dass Viktor die Augen von ihm wegwenden musste, sooft sie lange an ihm gewesen waren. Emanuel sah ruhig, wie eine ewige Sonne, auf den Herbst seines Korpers herab; ja je mehr Sand aus seiner Lebens-Sanduhr herausgefallen war, desto heller sah er durch das leere Glas hindurch. Gleichwohl war ihm die Erde ein geliebter Ort, eine schone Wiese zu unsern ersten Kinderspielen, und er hing dieser Mutter unsers ersten Lebens noch mit der Liebe an, womit die Braut den Abend voll kindlicher Erinnerungen an der Brust der geliebten Mutter zubringt, eh' sie am Morgen dem Herzen des Brautigams entgegenzieht.

Viktor warf sich jeden vergossenen Bluttropfen Emanuels vor und entschloss sich, heute zu gehen, weil diese Psyche mit ihren grossen Flugeln sich in ihrem Gewebe nicht mehr ohne Risse bewegen konnte. In Emanuels Augen glanzte eine unaussprechliche Liebe fur seinen geruhrten Schuler. Er fing selber von seinem Todestag zu reden an, um diesen zu trosten, und stellte ihm vor, dass er erst in einem Jahre von hinnen gehen konne; er bauete seine schwarmerische Weissagung auf zwei Grunde: dass erstlich seine meisten mannlichen Verwandten am namlichen Tage und im namlichen Stufenjahre gestorben waren, zweitens dass schon mehre Schwindsuchtige in ihrer zerstorten Brust wie in einem Zauberspiegel ihren letzten Tag gelesen hatten. Viktor bestritt ihn; er zeigte, die Erklarung der letzten Erscheinung, als konne der Hektiker aus dem regelmassigen stufenweisen Fallen der Lebenskraft leicht die letzte Stufe oder den Gefrierpunkt vorausfuhlen, sei falsch, weil Gefuhle der Zukunft in der Gegenwart Widerspruche (in adjecto) waren, und weil wir mitten im Leben so wenig den Eintritt des Todes als im Wachen den Eintritt des Schlafes (trotz gleicher Stufenfolge) voraus empfinden konnten. Viktor stellte ihm alles dieses vor; aber er glaubte es selber nicht recht: ihn ubermannte der hohe Mensch, der seinen Eintritt in den Todesschatten so zuverlassig wie einen Eintritt des Mondes in den Erdschatten ansagte. Wir wollen dem Kranken vergeben und uns deswegen nicht fur weiser halten, weil er schwarmerischer ist. Am meisten wurde Viktor durch Emanuels Wahn getrostet, dass ihm vor seinem Tode erst sein verstorbner Vater erscheinen werde.

Viktor zogerte und wollte nicht zogern, hinderte als Arzt das Sprechen des Emanuel, um sich die Entschuldigung eines unschadlichen Aufschubs zu machen, und wurde eben, weil er selber wenig zu reden suchte, immer betrubter. Wie kannst du, guter Viktor, schon heute von ihm eilen, von diesem Engel, der vielleicht uber dem nachsten Grabe verschwindet? Es muss dir hart fallen, da es schon so schwer ist, vom Maienthal voll Bluten, vom Blinden voll sanfter Tone wegzugehen schmerzlich ist hier der letzte Handedruck, Viktor, und schon jede Verzogerung!

Er beschloss, in der Nacht zu scheiden, weil eine Trennung am Morgen zu lange wehe tut und die Stelle des Herzens, wo sich das geliebte abgerissen, den ganzen Tag fortblutet. Emanuel hatte abends sich wieder ins Stift entfernen sollen, wie gestern: Viktor wurde dann seine gefullten Augenhohlen, mit denen er immer hinausgehen musste, um den Schmerz hinwegzunehmen, vor dem Blinden, den er um die traurigste Melodie von der Welt gebeten hatte, satt haben stromen lassen konnen.

Als er abends das letztemal ass und die Abendglokke anfing, wurde seinem Herzen, als ware von demselben die Brust weggehoben und Eisspitzen wurden darauf geweht. Er umschlang voll Liebe den blinden Jungling, den er nicht als den Gespielen seiner Kindheit erkennen durfte, und der mit seinen Tonen mehr Entzuckungen gegeben hatte, als er in seiner Nacht zuruckbekam; und liess Tranen ihren Lauf, deren doppelte, vielleicht dreifache Quelle Emanuel nicht erriet: denn der Anblick dieser Augen, die nie mehr zu offnen waren, tat nun seiner Seele nach Klotildens Wunsche ihrer Heilung viel weher. Emanuel bat er noch mit einer uber den Nebensinn hinubereilenden Stimme, ihn ein wenig zu so begleiten, bis Maienthal verschwunden ware.

In der dunkeln stillen Gegend draussen blieben alle Schmerzen in der Brust neben ihren Seufzern. "Wenn der Mond in dieses Blutental hereinschimmert," dacht' er, "hab' ich es auf lange verlassen." Bloss die Altarlichter, die Sterne, brannten im grossen Tempel. Er wollte sich von seinem Lehrer auf dem Berge trennen, wo er sich mit ihm vereinigt hatte; aber er ging durch Umwege Emanuel folgte ihm gern, wohin er ihn fuhrte hinauf, um das Schweigen und Weinen unter dem Umwege zu uberwaltigen.

Aber sie kamen an unter der Trauerbirke, und sein Auge und seine Stimme hatte noch der Schmerz. "Ach" (dacht' er) "wie freudig war hier die erste Nacht, und wie schmerzhaft ist diese!" Sie ruhten auf der Erde nebeneinander an der Grasbank, einsam, schweigend, trauernd vor dem dunkel schimmernden All. Viktor konnte den belasteten Atemzug der zerstorten Brust vernehmen, und das kunftige Grab auf diesem Berge schien sich neben ihm aufzuwuhlen. O wenn es bitter ist, neben dem Bette zu stehen, worin ein geliebtes erloschendes Angesicht mit den Farben des Todes liegt: so ist es noch viel bitterer, mitten in den Szenen der Gesundheit hinter der aufgerichteten teuern Gestalt den leise grabenden Tod zu horen und so oft zu denken, als die Gestalt frohlich ist: "Ach sei noch frohlicher, in kurzem hat er dich umgenagt, und du bist vergangen mit deinen Freuden und mit meinen!" Aber ach, es gibt ja keinen Freund und keine Freundin, bei denen wir das nicht denken mussten!

Er wusste nicht, warum Dahore so lange still war. Er sah nicht voraus, dass der Mond den Berg fruher bestrahlen werde als die Tiefe. Der Mond, dieser Leuchtturm am Ufer der zweiten Welt, umzog jetzt den Menschen mit bleichen Gefilden, die aus Traumen genommen waren, mit blass schimmernden Auen aus einer uberirdischen Perspektive, und die Alpen und Walder losete er in unbewegliche Nebel auf uber der halben Erdkugel stand tief der Lethefluss des Schlafes, unter der grunen Rinde stand das Totenmeer, und zwei liebende Menschen lebten zwischen dem weiten Schlafe und Tod... Jetzt dachte Viktor zwar noch gluhender: hier neben diese Birke, unter diesen kalten Boden wird seine zerfallne Brust auf ewig verborgen, und sie blutet nicht mehr, aber sie schlagt auch nicht mehr er dachte zwar an trube Ahnlichkeiten, als die unbeweglichen Sterne auf- und abzusteigen schienen, bloss weil die spielende Erde sich um sie wendet und sie zeigt und deckt er sah zwar melancholisch von den Irrlichtern weg, die, uber Taler rennend, nur an der ernsten Nacht und an den Grabern hinanhupften und die um einen einsamen Pulverturm gaukelnde Kreise beschrieben

Allein doch schwieg er und dachte: "Wir haben uns ja noch."

Aber dann wurd' es seinem blutigen Herzen zu viel, als die Flotenklagen des Blinden aus dem einsamen Hause in die Nacht auszogen und uber den Berg und uber das kunftige Grab hinubergingen. Dann wurden den Seufzern Stimmen und der Zukunft Totenglocken gegeben, und es tat ihm zu wehe, als er unter dem Flotengeton es dachte: dieser einzige, dieser unersetzliche Mensch, der in seinem grossen Herzen doch so viel Liebe fur dich bewahret, geht dahin und erscheint nie wieder. Ach, da noch dazu gerade jetzt Emanuel, der still in den Himmel versenkt und wie ein Hingeschiedener neben ihm gelegen, seine Lage wegen des schmerzlichen und gedruckten Atemholens wechselte, aber mit einem heitern, von den Bruststichen nicht getroffnen Angesicht: so fuhr eine kalte Hand in Viktors geschwollnes Herz und wendete sich darin um, und sein Blut gerann an ihr an, und er sagte, ohne ihn ansehen zu konnen, schwach, bittend, gebrochen: "Stirb nicht nach einem Jahr, mein teurer Emanuel wunsche nicht zu sterben!"

Der Genius der Nacht stand bisher unsichtbar vor Emanuel und goss hohe Entzuckungen in seine Brust, aber keine Leidenschaften, und er sagte: "Wir sind nicht allein meine Seele fuhlt das Vorbeigehen ihrer Verwandten und richtet sich auf unter der Erde ist Schlaf, uber der Erde ist Traum, aber zwischen dem Schlaf und Traum seh' ich Lichtaugen wandeln wie Sterne. Ein kuhles Wehen kommt vom Meer der Ewigkeit uber die gluhende Erde. Mein Herz steigt auf und will abbrechen vom Leben. Es ist alles so gross um mich, wie wenn Gott durch die Nacht ginge. Geister! fasset meinen Geist, er windet sich nach euch, und zieht ihn hinuber...."

Viktor wandte sich um und sah flehend ins schone, freudige, unbetrante Angesicht: "Du willst sterben?"

Emanuels Entzuckung stieg uber das Leben: "Der dunkle Streif in der zweiten Welt ist nur eine BlumenAue41 es leuchten uns Sonnen voraus, es ziehen uns fliegende Himmel mit Fruhlingluften entgegen bloss mit leeren Grabern fliegt die Erde um die Sonne; denn ihre Toten stehen entfernt auf hellern Sonnen."

"Emanuel?" fragte Viktor laut weinend und mit der Stimme des innigsten Sehnens, und die Flotentone sanken jammernd unter in die weite Nacht "Emanuel?"

Emanuel sah ihn, zuruckkommend, an und sagte ruhig: "Ja, mein Geliebter! Ich kann mich nicht mehr an die Erde gewohnen; der Wassertropfen des Lebens ist flach und seicht geworden, ich kann mich nicht mehr darin bewegen, und mein Herz sehnt sich unter die grossen Menschen, die diesen Tropfen verlassen haben. O Geliebter, hore doch" (und hier druckte er das Herz seines Viktors wund) "diesen schweren Atem gehen siehe doch diesen zerbrochnen Korper, diese dichte Hulle meinen Geist umwickeln und seinen Gang erschweren.

Siehe, hier klebt mein und dein Geist angefroren an die Eisscholle, und dort decket die Nacht alle hintereinander ruhende Himmel auf, dort im blauen glimmenden Abgrunde wohnt alles Grosse, was sich auf der Erde entkleidet hat, alles Wahre, das wir ahnen, alles Gute, das wir lieben.

Sieh, wie alles so still ist druben in der Unendlichkeit wie leise ziehen die Welten, wie still schimmern die Sonnen der grosse Ewige ruhet wie eine Quelle mit seiner uberfliessenden unendlichen Liebe mitten unter ihnen und erquickt und beruhigt alles; und um Gott steht kein Grab."

Hier stand Emanuel, wie von einer unendlichen Seligkeit gehoben, auf und sah liebend zum Arkturus empor, der noch unter dem Gipfel des Himmels hing, und sagte, gegen die blinkende weite Tiefe gerichtet: "Ach wie unaussprechlich sehn' ich mich hinuber zu euch ach zerfalle, altes Herz, und verschliess mich nicht so lange!" "So stirb denn, grosse Seele," (sagte Viktor) "und ziehe hinuber; aber brich mein kleines Herz durch deinen Tod und behalte den Armen bei dir, der dich nicht verlassen und nicht entbehren kann."

Die Flote hatte aufgehort, die beiden Menschen waren aneinander gesunken, um ihren Abschied zu endigen. "Teurer, Geliebter, Unvergesslicher," (sagte Emanuel) "du bewegst mich zu sehr aber wenn ich nach einem Jahre auf diesem Berge verscheide, so sollst du bei mir stehen und sehen, wie dem Menschen die Banden abgenommen werden. Deine Tranen werden meine letzten Erden-Schmerzen sein; aber ich werde sagen, was ich jetzt sage: wir scheiden uns in der Nacht, aber wir finden uns wieder am Tage." Hier ging er.

Viktor hatte sich leise von den kindlichen Lippen losgewunden er jagte nicht auf seinem Nacht-Steige langsam ging er vor lauter Schlaf vorbei. Er wandte sich oft um und verfolgte mit Augen voll fallender Tranen die fallenden Sterne uber Maienthal und um 4 Uhr morgens kam er mit einer himmlischen Seele in St. Lune an und trat in den Garten voll alter Szenen und legte in der bekannten Laube das gluhende Haupt und das bekampfte Herz in den Tau des Morgens zu einer kuhlenden Ruhe nieder.

O ruhe, ruhe! Ach den ewig erschutterten Busen des Menschen stillet nur ein Schlaf, entweder der irdische oder der andre....

Ende des ersten Heftleins

Zweites Heftlein

16. Hundposttag

Kartoffeln-Formschneider Hemmketten in

St. Lune Wachs-Bossierungen Schach nach der

regula falsi die Distel der Hoffnung Begleitung

nach Flachsenfingen

Man sollte wie der alte Fritz gern in Kleidern schlafen, sobald man weiss, dass man, wie zuweilen Viktor und ich, im Hemde von den Vampyren der mitternachtlichen Melancholie umzingelt und angefallen wird; sie bleiben aus, wenn man sitzt und alles anhat; besonders erhalten uns Stiefel und Hut das Gefuhl des Tages am meisten.

Eine warme Hand hob Viktors betautes Haupt vom Schlaftisch auf und richtete es der ganzen daherschlagenden Flut des Morgens entgegen. Seine Augen gingen (wie allemal) unbeschreiblich mild und ohne Nachtwolken vor Agathen auf und uberstrahlten sie. Aber sie fuhrte ihn mit seinen Strahlen eilig aus der belaubten Schlafkammer hinweg: denn er sollte sich einen Frisierkamm und einen Morgensegen suchen, und zweitens sollte das Tischbett zu einem Teebrett fur Klotilden werden, die die warmen Getranke gern an kalten Orten nahm.

Und so steht er draussen zwischen Pfarrhaus und Schloss mitten im Morgen alles schien ihm erst wahrend seiner Reise gemauert und angestrichen zu sein denn alles, was darin wohnte, schien sich verandert zu haben und machte ihn wehmutig. "Die Eltern drinnen" (sagt' er zu sich) "haben keinen Sohn mein Freund hat keine Geliebte, und ich... kein ruhiges Herz." Da er nun endlich in die Wohnung trat und wieder ein heller Ehrenbogen des liebenden Familienzirkels wurde; da er mit teilnehmenden und doch belehrten Augen die zartlichen Tauschungen der Eltern, die grundlosen Hoffnungen seines Freundes und das Aufsteigen der gewitterhaften Tage anschauen musste: so stand sein Auge in einer unverruckten Trane uber die Zukunft, und sie wurde nicht kleiner, da seine Adoptiv-Mutter sie durch weiches Anblicken rechtfertigen wollte. Zum Teil aber wehete auch dieser Flor uber seine Seele bloss aus der vorigen Nacht heruber, deren dammernde Szenen nur durch einen kleinen Zwischenraum aus Schlaf von ihm geschieden waren: denn eine in Empfindungen verwachte Nacht endigt sich allezeit mit einem schwermutigen Vormittag.

Der Kaplan machte gerade Butter-Vignetten; ich meine, er sagte mit keiner andern Atzwiege als mit einem Federmesser und in keine andre Kupferplatten als in Kartoffeln Buchdruckerstocke und Schliessquadratchen ein, die auf die Juliusbutter des Schmuckes wegen zu drucken waren. Man hatte denken sollen, Viktor hatte sich dadurch viel geholfen, dass er Witz hatte und anmerkte, die alten Drucke waren zwar langer Bucher daruber und langer allgemeiner deutschen literarischen Rezensionen der Bucher ganz wurdig, aber keines menschlichen Gedankens, und waren zehnmal ungeniessbarer als diese neuesten Butter-Inkunabeln; denn wenn es etwas Elenderes geben konnte als die Weltgeschichte (d.h. die Regentengeschichte), deren Inhalt aus Kriegen, wie das Theaterjournal anderer Marionetten aus Prugeleien, bestande, so war's bloss die Gelehrten- und Buchdruckerhistorie42. Auch das hatt' ihm zustatten kommen sollen, dass er hinterdrein philosophisch war und verlangte, man sollte den Menschen weder ein lachendes noch vernunftiges Tier nennen, sondern ein putzendes; zu welcher Anmerkung die Kaplanin nichts setzte als die Anwendung davon auf ihre Tochter.

Aber in Menschen seiner Art haben Kummer, Satire und Philosophie nebeneinander Platz. Er erzahlte dem Kartoffeln-Medailleur und der Kaplanin, die alle Weiber auf der Erde zu ihren Tochtern zahlte und gegen sie ahnliche Strafpredigten hielt, seine Reise mit so vielen Satiren und Rasuren, als fur beide Parteien notig waren; aber als er die Wunsche der Familie horte, dass der Lord glucklich mit dem geliebten Furstenkinde zuruckkommen moge, und die Nachricht, dass der Regierrat schon alles eingepackt habe, um mit seinem Freunde jede Stunde, die er wolle, in die Stadt zu ziehen: so hatte Viktor nichts zu tun als die absondernden Tranenwege in seinen Augenhohlen hinauszutragen....

Aber in den Garten! Das war unuberlegt. Flamin ging nach, und sie langten miteinander im LaubKlosett vor den Teetrinkerinnen an. Niemals verschatteten die Zweige desselben ein verlegneres Gesicht, weichere Augen, vollere Blicke und lebhaftere oder schonere Traume, als Viktor darunter mitbrachte. Er dachte sich jetzo Klotilde als ein ganz neues Wesen und dachte also da er nicht wusste, ob sie ihn liebe recht dumm; der Mensch achtet allezeit, wenn er den Berg uberstiegen hat, den kommenden Hugel fur nichts; Flamin war sein Berg gewesen, und Klotilde sein Hugel. In allen Gesprach-Untiefen, wo man schon halb im Sitzen oder Sinken ist, gibts keine herrlichere Schiffpumpe als eine Historie, die man zu erzahlen hat. Man gebe mir Verlegenheit und den grossten Zirkel und nur ein Ungluck, namlich die Anekdote davon, die noch keiner weiss als ich, so will ich mich schon retten.

Viktor brachte also seinen Schwimmgurtel heraus, namlich sein Schifftagebuch, aus dem er fur die Laube einen pragmatischen Auszug machte ich gesteh' es, ein Zeitungschreiber hatte mehr verfalschen, aber schwerlich mehr weglassen konnen.

Er tat sich, glaub' ich, wieder Vorschub bei der Kaplanin, und noch mehr Schaden bei Klotilden so sehr er auch nur aus Wohlwollen fur die Zuhorer und aus zu starkem Hass des Hofes gegen Klotildens Satiren-Verbot in ihrem Briefe verstiess dadurch unbezweifelt, dass er da uberhaupt die Madchen nur den Spott, nicht die Spotter lieben die Benefizkomodie der Prinzessin nicht von der erhabenen Seite darstellte, wie ich, sondern von der lustigen: Klotilde lachelte, und Agathe lachte.

Da aber der Name Emanuel von ihm genannt wurde und sein Haus und sein Berg: so breitete die Freundschaft und die Vergangenheit auf dem schonsten Auge, woruber noch ein Augenbraunenbogen, aus einer Schonheitlinie gezogen, floss, einen sanften Schimmer aus, der jeden Augenblick zur Freudetrane werden wollte. Doch musste er zu einer andern werden, als Viktor der Frage um seine Gesundheit, welche Klotilde hoffend an ihn als Kunstverstandigen tat, die Antwort der leis' umschriebenen Geschichte seines nachtlichen Blutens geben musste. Er konnte den Schmerz des Mitleidens nicht verhehlen, und Klotilde konnt' ihn nicht bezwingen. O ihr zwei guten Seelen! welche Quetschwunden wird euer Herz noch von eurem grossen Freund empfangen!

Wohin anders konnte sie jetzt ihr liebendes und trauerndes Auge als gegen ihren guten Bruder Flamin hinkehren, gegen den ihr Betragen durch den doppelten Zwang, den ihr ihre Verschwiegenheit und seine Auslegungen anlegten, bisher so unbeschreiblich mild geworden war? Da nun Viktor das alles mit so ganz andern Augen sah; da er seinem armen Freund, der mit seinem gegenwartigen Gluck vielleicht die giftige Nahrung seiner kunftigen Eifersucht vergrosserte, offen und heftend in das feste Angesicht schauete, das einst schwere Tage zerreissen konnten; da ihn uberhaupt kunftige oder vergangne Leiden des andern mehr angriffen als gegenwartige, weil ihn die Phantasie mehr in der Gewalt hatte als die Sinne: so konnt' er einen Augenblick die Herrschaft uber seine Augen nicht behaupten, sondern sie legten ihren Blick, von mitleidigen Tranen umgeben, zartlich auf seinen Freund. Klotilde wurde uber den Ruheplatz seines Blickes verlegen er auch, weil der Mensch sich der heftigsten Zeichen des Hasses weniger schamt als der kleinsten der Liebe Klotilde verstand die kokette Doppelkunst nicht, in Verlegenheit zu setzen oder daraus zu ziehen und die gute Agathe verwechselte das letzte immer mit dem ersten... "Frag ihn, was ihm fehlt, Bruder!" sagte Agathe zu Flamin...

Dieser lenkte ihn mit ahnlichem Gutmeinen hinter die nachsten Stachelbeerstauden hinaus und fragte ihn nach seiner festen Art, die immer Behauptung fur Frage hielt: "Dir ist was passiert!" "Komm nur!" sagte Viktor und zerrte ihn hinter hohere spanische Wande aus Laub.

"Nichts ist mir" hob er endlich mit gefullten Augenhohlen und lachelnden Zugen an "weiter passiert, als dass ich ein Narr geworden seit etwan 26 Jahren" (so alt war er) "Ich weiss, du bist leider ein Jurist und vielleicht ein schlechterer Okulist als ich selbst und hast wohl wenig in Herrn Janin43 gelesen: nicht?"

Nicht bloss vom Nein wurde Flamins Kopf geschuttelt.

"Ganz naturlich; aber sonst konntest du es aus ihm selber oder aus der Ubersetzung von Selle recht schon haben, dass nicht bloss die Tranendruse unsre Tropfen absondere, sondern auch der glaserne Korper, die Meibomischen Drusen, die Tranenkarunkel und unser gequaltes Herz, setz' ich dazu. Gleichwohl mussen von diesen Wasserkugelchen, die fur die Schmerzen der armen, armen Menschen gemacht sind, sich in 24 Stunden nicht mehr als (wenns recht zugeht) 4 Unzen abseihen. Aber, du Lieber, es geht eben nicht recht zu, besonders bei mir, und es argert mich heute, nicht dass du in den Herrn Janin nicht geguckt, sondern dass du meine fatale, verdammte, dumme Weise nicht merkst..." "Welche denn?" "Jawohl, welche; aber die heutige mein' ich, dass mir die Augen uberlaufen du darfst es kuhn bloss einem zu matten Tranenheber beimessen, worunter Petit alle einsaugende Tranenwege befasst , wenn mir z.B. einer unrecht tut, oder wenn ich nur etwas stark begehre, oder mir eine nahe Freude oder nur uberhaupt eine starke Empfindung oder das menschliche Leben denke oder das blosse Weinen selber."

Sein gutes Auge stand voll Wasser, da ers sagte, und rechtfertigte alles.

"Lieber Flamin, ich wollte, ich ware eine Dame geworden oder ein Herrnhuter oder ein Komodiant wahrlich, wenn ich den Zuschauern weismachen wollte, ich ware daruber (namlich uber dem Weinen), so war' es noch dazu auf der Stelle wahr."

Und hier legt' er sich sanft und froh mit Tranen, die entschuldigt flossen, um die geliebte Brust.... Aber zur Vipern- und Eisenkur seiner Mannlichkeit hatt' er nichts als ein "Hm!" und einen Zuck des ganzen Korpers vonnoten: darauf kehrten die Junglinge als Manner in die Laube zuruck.

Es war nichts mehr darin; die Madchen waren in die Wiesen geschlichen, wo nichts zu meiden war als hohes Gras und betauter Schatten. Die leere Laube war der beste einsaugende Tranenheber seiner Augen; ja ich schliesse aus Berichten des Korrespondenz-Spitzes, dass es ihn verdross. Da die Schwester spat allein wiederkam: so verdross es den andern auch. Uberhaupt, sollte sich etwa der Held welches fur mich und ihn ein Ungluck ware mit der Zeit gar in Klotilden verlieben: so wird uns beiden ihm im Agieren, mir im Kopieren die Heldin warm genug machen, eben weil sie selber nicht warm sein will; weil sie weder uberflussige Warme, noch uberflussige Kalte, sondern allezeit die wechselnde Temperatur hat, die sich mit dem Gesprach-Stoff, aber nicht mit dem Redner andert; weil sie einem zartlichen Nebenmenschen alle Lust nimmt, sie zu loben, da sie keinen Sackzehent davon entrichtet, oder sie wenigstens zu beleidigen, da sie keine Ablassbriefe austeilt, und weil man wirklich in der Angst zuletzt annimmt, man konne keine andern Sunden gegen sie begehen als solche gegen den heiligen Geist. Jean Paul, der in solchen Lagen war und oft jahrelang auf einem Platz vor solchen Bergfestungen mit seinen Sturmleitern und Labarums und Trompetern stand und statt der Besatzung selber ehrenvoll abzog, dieser Paul, sag' ich, kann sich eine Vorstellung machen, was hier in Sachen Sebastians contra Klotilden fur Aktenpapier, Zeit und Druckschwarze (von ihm und mir) vertan werden kann, bis wirs nur zur Kriegsbefestigung treiben. Es wird einem Mann uberhaupt bei einer ganz vernunftigen Frau nie recht wohl, sondern bei einer bloss feinen, phantasierenden, heissen, launenhaften ist er erst zu Hause. Durch so eine wie Klotilde kann der beste Mensch vor blosser Angst und Achtung frostig, dumm und entzuckt werden; und meistens schlagt obendrein noch das Ungluck dazu, dass der arme matte Schaker, von dem sich ein solcher irdischer Engel, wie der apokalyptische vom Junger Johannes, durchaus nicht will anbeten lassen, selten noch die Krafte auftreibt, um zum Engel zu sagen wie etwan zu einem entgegengesetzten Engel mit Weltreichen, der das Anbeten haben will : "Hebe dich weg von mir!" Paul hebt sich allemal selber weg.

Viktor tat dies nicht; er wollte jetzt gar nicht aus dem Hause, d.h. aus dem Dorfe. Die Sommertage schienen ihm in St. Lune wie in einem Arkadien zu ruhen, wehend, duftend, selig; und er sollte aus dieser sanft irrenden Gondel hinausgeworfen werden ins Sklavenschiff des Hofs aus der pfarrherrlichen Milchhutte in die furstliche Arsenikhutte, aus dem Philanthropistenwaldchen der hauslichen Liebe auf das Eisfeld der hofischen. Das war ihm in der Laube so hart! und in Tostatos Bude so lieb! Wenn die Wunsche und die Lagen des Menschen sich miteinander umkehren: so klagt er doch wieder die Lagen, nicht die Wunsche an. "Er wolle sich selber", sagt' er, "auslachen, aber er habe doch hundert Grunde, in St. Lune zu zogern, von einem Tage zum andern es ekle ihn so sehr seine Absicht an, einem Menschen (dem Fursten) aus andern Beweggrunden zu gefallen als aus Liebe es sei noch unwahrscheinlicher, dass er selber gefalle, als dass es ihm gefalle er wolle lieber seinen eignen Launen als gekronten schmeicheln, und er wisse gewiss, im ersten Monat sag' er dem Minister von Schleunes Satiren ins Gesicht, und im zweiten dem Fursten und uberhaupt werd' er jetzt mitten im Sommer einen vollstandigen Hof-Schelm schlecht zu machen wissen, im Winter eher, u.s.w."

Ausser diesen hundert Grunden hatt' er noch schwachere, die er gar nicht erwahnte, wie etwan solche: er wollte gern um Klotilden sein, weil er ihr notwendig, gleichsam um sein Betragen zu rechtfertigen aber welches denn, mein Trauter, das vergangne oder kunftige? , seine Wissenschaft um ihre Blutverwandtschaft mit seinem Freund eroffnen musste. Zu dieser Eroffnung fehlte, was in Paris das Teuerste ist, der Platz; das Exordium auch. Klotilde wer nirgends allein zu treffen. Kenner sagen, jedes Geheimnis, das man einer Schonen sage, sei ein Heftpflaster, das mit ihr zusammenleime, und das oft ein zweites Geheimnis gebare: sollte Viktor etwan darum Klotilden seine Kenntnisse von ihrer Geschwisterschaft so begierig zu zeigen getrachtet haben?

Er blieb einen Tag um den andern, da ohnehin die Butterwoche der Vermahlung erst vorubergehen musste. Er hatte schon Vermahlmunzen in der Tasche. Aber er sah Klotilde immer nur in Sekunden; und eine halbe Sekunde braucht man nach Bonnet zu einer klaren Idee, nach Hooke gar eine ganze: eh' er also eine ganze Vorstellung von dieser stillen Gottin zusammengebracht hatte, war sie schon fortgelaufen.

Endlich wurden ernsthaftere Anstalten gemacht nicht zur Abreise, sondern zum Vorsatz derselben... Die schonsten Minuten in einem Besuche sind die, die sein Ende wieder verschieben; die allerschonsten, wenn man schon den Stock oder den Facher in der Hand hat und doch nicht geht. Solche Minuten umgaben unsern Fabius der Liebe jetzt: sanftere Augen sagten ihm: "Eile nicht", warmere Hande zogen ihn zuruck, und die mutterliche Trane fragte ihn: "Willst du mir meinen Flamin schon morgen rauben?"

"Ganz und gar nicht!" antwortet' er und blieb sitzen. Ich frage: steckte nicht seinetwegen die Kaplanin ihr Zungen-Richtschwert in die Scheide, weil er nichts so hasste als laute und stille Verleumdungen eines Geschlechts, das, unglucklicher als das mannliche, sich von zwei Geschlechtern zugleich gemisshandelt erblickt? Denn er nahm oft Madchen bei der Hand und sagte: "Die weiblichen Fehler, besonders bose Nachrede, Launen und Empfindelei, sind Astlocher, die am grunen Holz bis in die Flitterwochen als schone marmorierte Kreise gefallen; die aber am durren, am ehelichen Hausrat, wenn der Zapfen ausgedorret ist, als fatale Locher aufklaffen."- Agathe schraubte jetzt ihr Nahkussen an seinen Schreibtisch und kusste ihn, er mochte zu lustig oder zu murrisch aussehen. Selber der Kaplan suchte ihm, wenn nicht die letzten Tage, die er bei ihm vertraumte, suss zu machen, doch die letzten Nachte, wozu nichts notig war als eine Trommel und ein Fuss. Die feurigsten nachtlichen Hexentanze der Mause untersagte der Kaplan mit seinem Fuss, damit sie den Gast nicht aufweckten; er tat namlich damit an das untere Bettbrett von Zeit zu Zeit einen massigen Kanonen-Stoss, der um so mehr ins Horrohr der Tanzer einknallte, da er schon die Ohren der Menschen erschreckte. Gegen den Eulerschen Rosselsprung der Ratten zog er nur mit einem Schlegel zu Felde, womit er, wie ein Jungster Tag in ihre Lust- und Jagdpartien einbrechend, bloss ein- oder zweimal auf eine ans Bettuch gestellte Trommel puffte.

Matthieu war unsichtbar und feierte, da Hoflinge

den Fursten alles nachaffen, die Hochzeittage des seinigen wenigstens in kleinen Hochzeitstunden nach. Das Pulver, das aus Kanonen und aus FeuerwerkerDuten fuhr, das Vivat, das aus Kanzeln gebetet und aus Schenken geschrien wurde, und die Schulden, die man dabei machte, waren, denk' ich, so ansehnlich, dass der grosste Furst sich nicht schamen durfte, damit seine Vermahlung und Langweile anzuzeigen. Die Kalte hat ewig ein Sprachrohr und die Empfindung ein Horrohr. Die Ankunft einer ungeliebten furstlichen Leiche oder dergleichen Braut hort man an den Polarzirkeln; hingegen wenn wir Niedere unsre Graber oder unsre Arme mit Geliebten fullen: so fallen bloss einige ungehorte Tranen, trostlose oder selige.

Flamin lechzete nach dem Sessiontisch, dessen Arbeiten jetzo bald angingen, und begriff das Zogern nicht.... Endlich wurd' einmal im ganzen Ernste der Abschiedtag festgesetzt, auf den loten August; und ich bin gewiss, Viktor ware am 14ten nicht mehr in St. Lune gewesen, hatte nicht der Henker am 8ten einen Tiroler hingefuhrt.

Es ist der namliche, der vorgestern bei uns Scheerauern mit einer wachsernen Dienerschaft, die er halb aus Reichsstanden, halb aus Gelehrten zusammengesetzt hatte, seinen Einzug hielt und mit den Wachshanden dieser Zwillingbruder des Menschen uns die Gelder aus dem Beutel zog. Es ist dumm, dass mir der Spitz den heutigen Hundtag nicht vorgestern gebracht: ich hatte den Kerl, der in St. Lune Viktor und den Kaplan in Wachs bossierte, selber ausgefragt, wie Viktor heisse und Eymann und St. Lune selbst. Am Ende reis' ich aus erlaubter und biographischer Neugierde diesem Menschen-Zimmermeister, der uns mit schauerlichen Widerscheinen unsers kleinen Wesens umringt, noch nach.

Viktor musste also wieder verharren; denn er liess sich und den Kaplan in Wachs nachbacken, um erstlich diesem, der alle Abgusse, Puppen und Marionetten kindisch liebte, und zweitens um der Familie, die gern in sein erledigtes Zimmer den wachsernen NachViktor einquartieren wollte, einen grossern Gefallen zu tun als sich selbst. Denn ihn schauerte vor diesen fleischfarbnen Schatten seines Ich. Schon in der Kindheit streiften unter allen Gespenstergeschichten solche von Leuten, die sich selber gesehen, mit der kaltesten Hand uber seine Brust. Oft besah er abends vor dem Bettegehen seinen bebenden Korper so lange, dass er ihn von sich abtrennte und ihn als eine fremde Gestalt so allein neben seinem Ich stehen und gestikulieren sah: dann legte er sich zitternd mit dieser fremden Gestalt in die Gruft des Schlafes hinein, und die verdunkelte Seele fuhlte sich wie eine Hamadryade von der biegsamen Fleisch-Rinde uberwachsen. Daher empfand er die Verschiedenheit und den langen Zwischenraum zwischen seinem Ich und dessen Rinde tief, wenn er lange einen fremden Korper, und noch tiefer, wenn er seinen eignen anblickte.

Er sass dem Bossierstuhl und den Bossiergriffeln gegenuber, aber seine Augen heftete er nieder in ein Buch, um die Korpergestalt, in der er sich selber herumtrug, nicht entfernt und verdoppelt zu sehen. Die Ursache, warum er aber doch die weggestellte Verdoppelung seines Gesichts im Spiegel aushielt, kann nur die sein, weil er entweder den Figuranten im Spiegel bloss fur ein Portrat ohne Kubikinhalt oder fur das einzige Urbild ansah, mit dem wir andre Doubletten unsers Wesenszusammenhalten.... Uber diese Punkte kann ich selber nie ohne ein gewisses Beben reden...

Dem Wachsabdruck Viktors wurde nach seiner Volljahrigkeit eine toga virilis, ein Uberrock, den das Urbild abgelegt hatte, umgetan, desgleichen das Zimmer eingeraumt, woraus der lebendige zog. Der Kaplan wollte diese wohlfeile Ausgabe von Horion so ans Fenster lagern, wenn die bessere fort ware, dass die ganze Schul-Jugend, die vom Kantor Sitten und mores lernte, die Hute abrisse, wenn sie aus dem Schulhause heimtobte.

Endlich! Denn Matz kam. Des letzten ausgekelterte Wangen und sein ganzer Korper, der unter den Zitronendruckern der Nachtfeste gewesen war, bewiesen, dass er nicht log, da er sagte, der furstliche Brautigam sehe noch achtmal elender aus und liege darnieder am Podagra. Er setzte in seiner bittern Weise, die Viktor wenig liebte, hinzu: "Die bleichen Grossen haben uberhaupt kein Blut, das wenige ausgenommen, was sie den Untertanen abschropfen oder was ihnen an den Handen klebt, wie die Insekten kein rotes Blut bei sich fuhren als das den andern Tieren abgesogne." Dieses erinnerte Viktor an seine medizinischen Pflichten gegen den Fursten. Entweder Matzens verwustete Gestalt denn unmoralisches Nachtleben macht Zuge und Farbe noch widerlicher als das langste Krankenlager , oder die Erinnerung an des Lords Warnungen, oder beides machte ihn unserem Hofmedikus ebenso verhasst, als dieser wieder jenem durch das Hofphysikat geworden war; dieses verhehlte Gift Matthai aber offenbarte sich nicht durch kleinere, sondern durch grossere, fast ironische Hoflichkeit. Hingegen Matz und Flamin schienen vertraulicher als je zusammen zu sein.

Vormittags nach dem Rasieren sprang, ohne sich noch einmal zu uberwaschen, Viktor auf und packte sogleich den Stiefelknecht ein und riss die Hangriemen der Kleider entzwei und bestellte Messhelfer, damit sie seinen Lebens-Ballast ausschifften (wegen seiner elenden Packerei) und dann einschifften. Denn er uberliess die ganze Kuratel des Gerumpels unserer kleinlichen Lebensgeratschaften immer fremden Handen, und das mit einer solchen Verachtung dieses Gerumpels und mit einer solchen sorglosen Verschwendung ich werde zwar meinen Helden nie verleumden; aber es ist doch durch den Spitz erwiesen, dass er nie das Kurrentgeld eines versilberten Goldstucks kollationierte und nie einem Juden, Romer und Herrnhuter etwas im Handel abbrach so sehr, sag' ich, dass die ganze weibliche Hanse in St. Lune schrie: ei der Narr! und dass die Kaplanin sich immer an seine Stelle auf den Handelplatz einschob. Er war aber nicht zu bessern, weil er die Lebensreise und also den Reisebundel mit so philosophischen Augen verkleinerte, und weil er vor nichts so errotete als vor jedem Scheine des Eigennutzes: er lief vor allen Anstalten, Vorreitern und Probekomodien davon, wenn sie seinetwegen auftraten er schamte sich jeder Freude, die nicht wenigstens in zwei Bissen, in einen fur einen Mitesser, zu teilen war er sagte, die Stirne eines Hospodars musste die Harte seiner Krone angenommen haben, weils sonst ein solcher Mensch unmoglich ertruge, was oft bloss seinetwegen gemacht wurde von einem ganzen Lande, die Musik die Ehrenbogen die Carmina das Freudengeschrei in Prose und die entsetzlichen Kanonaden.

Er hatte jetzt in St. Lune nichts mehr abzutun als eine blosse platte Hoflichkeit; denn so viel darf ich wohl ohne Eitelkeit behaupten, dass ein Held, den ich zu meinem erkiese, schon hoffentlich so viel Lebensart habe, dass er hingeht zum Kammerherrn Le Baut und sagt: a revoir! An solche Staatsvisiten muss er sich ohnehin jetzt gewohnen.

Matz sass auch druben, dieser mit struppichten abgezauseten hangenden Flugeln hingeworfene Amor der Kammerherrin letzte scherzte uber die eitlen Blicke mit ihm, die den nachlassenden Puls seiner Liebe bekannten Le Baut spielte Schach mit Matzen Klotilde sass an ihrem Arbeittischchen voll seidner Blumen, mitten unter diesen edlen Drillingen.... Ihr armen Tochter! was fur Leute musset ihr nicht oft bewillkommen und aushoren! Doch fur Klotilde war dieser Hausfreund nichts als eine ausgepolsterte Mumie, und sie wusste nicht, kam er oder ging er.

Sebastian wurde als Adoptivsohn des Glucks, als Erbe des vaterlichen Gunstling-Postens, heute von der Kammerherrschaft ungemein verbindlich empfangen. Wahrhaftig, wenn der Hofmann Ungluckliche flieht, weil ihm das Mitleiden zu heftig zusetzt, so drangt er sich gern um Gluckliche, weil er Mitfreude geniessen will. Der Kammerherr, der sich noch vor dem verbeugte, der in seinem Sturze vom Thron mitten in der Luft hing, buckte sich naturlicherweise vor dem noch tiefer nieder, der in der entgegengesetzten Fahrt begriffen war.

Viktor stellte sich zu den Weibern, aber mit einem aufs Schachbrett irrenden Auge, um, wenn er verlegen ware, sogleich einen Vorwand der veranderten Aufmerksamkeit oder des Wegtretens bei der Hand zu haben. Es war gescheit; denn jedes Wort, das er und die Weiber sprachen, war ein Schachzug; er musste gegen die Le Baut was wusste diese, dass einer Mutter nichts schoner stehe als eine vollkommene Tochter? d.h. gegen die Stiefmutter seine Kalte und gegen die Stieftochter seine Warme verdecken. Der Leser frage nicht: was konnte denn die alte Stiefmutter fur Warme begehren? Denn in den hohern Standen werden die Anspruche durch Blutverwandtschaft und Alter nicht geandert bloss in den niedern werden sie es ; daher befurcht' ich allemal, das, was ich der Tochter vortrage, langweile die Mutter, und ich fange mit Recht, wenn diese kommt, nach einem bessern Redefaden. Viktor verbarg seine Kalte leicht aus jener Menschenliebe, die bei ihm so oft in zu gutherzige Schmeichelei unmoralischer Hoffnungen ausartete; und wenn eine haben wollte, er sollte sich in sie verlieben, so sagte er: "Ich kann doch wahrlich zum guten Lammchen nicht sagen: ich mag nicht." Die Warme gegen Klotilde verbarg er schlecht, nicht weil sie zu stark, sondern gerade weil sie es noch nicht genug war. Es ist naturlich: ein Jungling von Erziehung kann, wenn er will, seine erwiderte Liebe ohne Kanzelabkundigung verhullen und verschweigen, aber eine unerwiderte, eine, die er selber bloss erst Achtung nennt, lasst er aus sich ohne Hullen lodern. Ubrigens bitt' ich die Welt, sich hinzusetzen und zu bedenken, dass mein Held nicht den Teufel im Leibe oder sechzehn Jahre habe, sondern dass er unmoglich eine Liebe fur eine Person empfinden konne, die uber ihre Gesinnungen wie uber ihre Reize eine Mosis-Decke hangt. Liebe beginnt und steigt durchaus nur an der Gegenliebe und mit ihrem wechselseitigen Erraten. Achtung hat er bloss, aber recht viele, aber eine recht wachsende und bange, kurz seine Achtung ist jener kalte hupfende Punkt im Dotter des Herzens, dem die kleinste fremde Warme oft nach Jahren die Metapher ist aus einem Ei geschlagen wachsendes Leben und Amors Flugel zuteilt.

Er untersuchte jetzt am Arbeittisch Klotildens Warme mit dem Feuermesser; aber ich kann weiter nicht ausser mir vor Freude sein, dass er die Warme an der ins kleinste abgeteilten Skala wenigstens um 1/111, Linie gestiegen fand. Denn er schiesset wohl fehl; ich will lieber auf den Stirnmesser Lavaters bauen als auf den Herz- und Warmemesser eines Liebe suchenden Menschen, der seine Auslegungen mit seinen Beobachtungen vermengt und Zufalle mit Absichten. Sein Feuermesser kann aber auch recht haben; denn gegen gute Menschen ist man im Beisein der schlimmen (man bedenke nur Matzen) warmer als sonst.

Man verdenk' es Herrn Le Baut und Frau Le Baut nicht, dass sie meinem Helden zum Glucke gratulierten, an einen solchen Hof, zu einem solchen Fursten es ist der grosste in Deutschland, sagte er , zu einer solchen Furstin sie ist die beste in Deutschland, sagte sie abzureisen. Matz lachelte zwischen Ja und Nein. Der Alte setzte das Schach fort, die Alte das Lob. Viktor sah mit Verachtung, wie wenig zwei solchen Seelen, die die Thronstufen fur eine Wesenleiter und den Thron-Eisberg fur einen Olymp und ein Empyreum hielten, und die nirgends als an dieser Hohe ihr Gluck zu machen wussten, bessere Begriffe vom Gluck und schlechtere von der Hohe beizubringen waren. Gleichwohl musst' er vor Klotilden, die auf ihrem Gesichte mehr als ein Nein gegen die Lobrede hatte, offenbaren, dass er ebenso edel verneine wie sie. Er knetete also Lob und Tadel nach einer horazischen Mischung untereinander, um weder satirische noch schmeichlerische Anspielungen auf zwei abgedankte Hofleute zu machen: "Mir gefallts nicht," sagt' er, "dass es da nur Vergnugungen und keine Arbeiten gibt lauter Konfektkorbchen und keinen einzigen Arbeitbeutel, geschweige einen Arbeittisch wie dieser da." "Glauben Sie," fragte Klotilde mit auffallender Innigkeit, "dass alle Hoffeste einen einzigen Hofdienst bezahlen?" "Nein," sagt' er, "denn fur die Feste selber sollte man bezahlet werden ich behaupte, es gibt dort lauter Arbeit und kein Vergnugen alle ihre Lustbarkeiten sind nur, die Beleuchtung, die Zwischenmusik und die Dekorationen, die dem Schauspieler, der an seine Rolle denkt, weniger gefallen als dem Zuschauer." "Es ist allemal gut, dagewesen zu sein", sagte die Alte. "Gewiss;" (sagte er) "denn es ist gut, nicht immer dazubleiben." "Aber es gibt Personen," (sagte Klotilde) "die dort ihr Gluck nicht machen konnen, bloss weil sie nicht gern dort sind." Das war sehr fein und schonend; aber bloss fur Viktors Herz verstandlich: "Einem schonen Schwarmer" (sagt' er und fragte wie allemal nach dem scheinbaren Widerspruch zwischen Viktors Leben und Viktors Meinungen nichts) "oder einem feurigen Dichter wurd' ich raten, zu Hause zu bleiben beider Flug statt der Pas ware im Hofleben, was ein Hexameter in der Prose ist, den die Kunstrichter nicht leiden konnen und zur Seele mit dem weichsten gefuhlvollsten Herzen wurd' ich sagen: entfliehe damit, das Herz wird dort als Uberbein genommen, wie in der sechsfingerigen Familie in Anjou der sechste Finger.".... Die Alte schuttelte den Kopf schnell links. "Und doch", fuhr er fort, "wurd' ich sie alle drei auf einen Monat an den Hof ziehen und sie unglucklich machen, um sie weise zu machen." Die Kammerherrschaft konnte sich in Viktor nicht so gut wie mein Leser schicken, der zu meinem grossten Vergnugen Laune und das Talent, alle Seiten einer Sache zu beschauen, so geschickt von Schmeichelei und Skeptizismus unterscheidet. Klotilde hatte langsam den Kopf zum letzten Satze geschuttelt. Uberhaupt stritten heute alle fur und wider ihn in jenem teilnehmenden Tone, den Weiber und Verwandte allemal gegen einen Fremden annehmen, wenn sie eine Stunde vorher den namlichen Prozess, aber zu praktischer Anwendung, mit den Ihrigen gefuhret hatten.

Viktor, der schon lange besorgte, verlegen zu werden, ging endlich dahin, wohin er bisher so oft geschauet hatte zum Schach, das man mit der grossten Begierde, zu verlieren, spielte. Der Kammerherr wir wissen alle, wie er war: er schrieb nichts als Belobschreiben fur die ganze Welt, und der Abendmahlkelch ware mehr fur seinen Geschmack gewesen, hatt' er daraus auf eines wichtigen Mannes Gesundheit toasten konnen dieser beforderte, so gut er konnte, mit den durren Schachstatuen bloss das fremde Wohl auf Kosten des eignen: gern verlor er, falls nur Matthieu gewann. Noch dazu glich er jenen verschamten Seelen, die ihre Wohltaten gern verborgen geben, und er konnt' es nicht uber sich erhalten, es seinem SchachGegner zu sagen, dass er ihm den Sieg zuschanze; er hatte fast grossere Muhe, sich zu verbergen wie ein Hofmann, als sich selber zu besiegen wie ein Christ. Eine solche Liebe hatte, wie es scheint, warmer vergolten werden sollen als durch offenbare Bosheit; aber Matz hatte das namliche vor und wich dem Siege, den jener ihm nachtrug, wie ein wahrer Spitzbube aus. Le Baut ersann sich vergeblich die besten Zuge, womit man sich selber matt macht Matz setzte noch bessere entgegen und drohte jede Minute, auch zu ermatten. Uns alle dauert der auf dem Schachboden herumgehetzte Kammerherr, der wie eine Kokette besorgt, nicht besiegt zu werden. Es war fur ein weiches Auge, das doch dem Schwachen lieber als dem Schelm vergibt, nicht mehr auszuhalten: Viktor trat unter tausend Entschuldigungen gegen den Schwachen und voll Bosheit gegen den Boshaften in die Heckjagd ein und notigte den Hofjunker, seinen Rat und seine Karitativsubsidien anzunehmen und zu vorgeschlagenen Kriegsoperationen von solchem Wert zu greifen, dass der Mann mit dem Amte der kammerherrlichen Schlussel endlich trotz seinen Befurchtungen und trotz den schlimmsten Aussichten verlor. Alle Anwesende errieten alle Anwesende, wie Fursten einander in ihren offentlichen Komodienzetteln.

Er hatte endlich die Abschiedaudienz, aber geringen Trost. Die Gestalt, unter der alle seine Schonheitideale nur als Schildhalter und Karyatiden standen, war noch kalter als bei dem Empfange und immer bloss das Echo der elterlichen Hoflichkeit. Das einzige, was ihn noch aufrecht erhielt und beruhigte, war eine Distel, namlich eine optische, auf den musivischen Fussboden gesaete. Er nahm namlich wahr, dass Klotilde diesem Blumenstuck, das sie doch kennen musste, unter dem Abschiede mit dem Fusse auswich, als war' es das Urbild. Abends macht' er seine Schlussketten, wie sie auf Universitaten gelehret werden dieser Vexierdistel impfte er alle Rosen seines Schicksals ein "zerstreut war sie doch, und weswegen? frag' ich", sagt' er ins Kopfkissen hinein "denn erraten haben sie mich druben ohnehin noch nicht", behauptete er, indem er sich aufs zweite Kopfkissen legte "o du holdes Auge, das auf die Distel sank, geh in meinem Schlafe wieder auf und sei der Mond meiner Traume", sagte er, da er schon halb in beiden war. Er glaubte bloss aus Bescheidenheit, er werde nicht erraten, weil er sich nicht fur merkwurdig genug ansah, um bemerkt zu werden.

Der 20. August 179* war der grosse Tag, wo er abmarschierte so nach Flachsenfingen: Flamin war schon um vier Uhr abends fortgetrabt, um keinen Abschied zu nehmen, welches er hasste. Aber unser Viktor nahm gern Abschied und zitterte gern im letzten Verstummen der Trennung: "O ihr durftigen egoistischen Menschen!" (sagt' er) "dieses Polarleben ist ohnehin so kahl und kalt, wir stehen ohnehin Wochen und Jahre nebeneinander, ohne mit dem Herzen etwas Besseres zu bewegen als unser Blut- bloss ein paar gluhende Augenblicke zischen und erloschen auf dem Eisfeld des Lebens warum meidet ihr doch alles, was euch aus der Alltaglichkeit zieht, und was euch erinnert, wie man liebt Nein! und wenn ich zugrunde ginge, und wenn ich mich nachher nicht mehr trosten konnte: so druckte ich mich mit dem unbedeckten Herzen und mit dem Bluten aller Wunden und zerrinnend und erliegend an den geliebten Menschen, der mich verlassen musste, und sagte doch: es tut mir wohl!"- Kalte selbsuchtige und bequeme Personen vermeiden das Abschiednehmen so wie unpoetische von zu heftigen Empfindungen; weibliche hingegen, die sich alle Schmerzen durch Sprechen, und poetische, die sich alle durch Phantasieren mildern, suchen es.

Um sechs Uhr abends denn es war nur ein Sprung nach Flachsenfingen , als das Vieh wiederkam, ging er fort, begleitet von der ganzen Familie. An seinen glucklichern Arm meiner muss sich bloss zum Besten der Wissenschaften bewegen war die Britin und an den linken Agathe angeohrt; an die Schwester hatte sich der arme Hauspudel geschnallet (Apollonia), welcher gleich wohl dachte, er beruhre und geniesse trotz dem schwesterlichen Einschiebsel und Zwischengeist den Doktor. So fahren die Funken der Liebe, wie die elektrische und magnetische Materie, durch das Mittel von zwanzig dazwischengestellten Leibern hindurch. Ein Philosoph, der sich hinsetzt und erwagt, dass unsre Finger im Grunde der geliebten Seele nicht um einen Daumen naher kommen, es mag zwischen ihnen und ihr bloss die Gehirnkugel oder gar die Erdkugel liegen, wird allezeit sagen: "Ganz naturlich!" Daraus erklart dieser sitzende Philosoph, warum die Madchen die mannlichen Verwandten ihres Geliebten halb mitlieben warum der Rohrstuhl Shakespeares, die Kleiderkommode Friedrichs II., die Stutzperucke Rousseaus unser sehnendes Herz befriedigen.

Aber niemand wollte, den Weisel dieses Vorschwarms ausgenommen, wieder zuruck. "Nur noch an die sechs Baume", sagte Agathe. Als man an diese Grenzpfahle und Lochbaume der heutigen Lust gekommen war, waren deren sieben, und man behauptete allgemein, sie waren nicht gemeint und es ginge weiter. Der Begleitete wird gewohnlich immer angstlicher und der Begleiter immer froher, je langeres wahrt. "Doch bis zu jenem Ackermann!" sagte die scharfsehende Britin. Aber endlich merkte unser Held, dass diese Herkules-Saule ihrer Reise selber gehe, und dass der Ackermann nur ein Wandermann sei. "Das beste ist," sagt' er und kehrte sich um "ich kehre mich um und reise erst morgen." Der Kaplan sagte: "Bis ans alte Schloss" (d.h. es war noch eine Mauer davon da) "geh' ich ohnehin gewohnlich abends!" Allein uber diese Grenzfestung des schonsten Abends ruckte die plaudernde Marschsaule betrugerisch hinaus, und die Augen wurden uber die Ohren vergessen. Da sonach bei diesen Grenzstreitigkeiten ein Hauptartikel nach dem andern durch Separatartikel gebrochen wurde: so war wahrhaftig weiter nichts zu machen als folgender Versuch. "Hieher wollt' ich Sie nur haben" (sagte Viktor) "jetzt mussen Sie mit mir weitergehen und heute beim Apotheker ubernachten." "In der Tat," sagte die Kaplanin kalt, "bis zu Sonnenuntergang wird mitgegangen: wir sollen doch nicht dieser schonen Sonne den Rucken wenden?" Allerdings hatte der Abend lauter Freudenfeuer angezundet auf der Sonne auf den Wolken auf der Erde auf dem Wasser.

Auf dem Hugel sah man schon die Turmspitzen der Stadt; die Sonne, dieses erwahlte Drehkreuz der Begleitung, goss aus ihrer Vertiefung uber die SchattenBeete der Taler ihre goldfuhrenden Purpurflusse. Oben, als sie verging, nahm Viktor die zwei Eheleute in den Arm und sagte: "O macht euch so glucklich wie mich und kommt froh nach Haus!" und dann nahm er die Schwestern an sein trunknes Herz und sagte: "Gute, gute Nacht, ich bin euch gut" und dann sah er alle mit ihren verborgnen Seufzern und Tropfen ruckwarts gehen und dann rief er: "Wahrlich, ich komme bald wieder, es ist ja nur ein Sprung daher" und dann schrie er nach: "Ich bin des Teufels, wenn wir getrennt sind" und dann zog ihnen sein schweres Auge durch alle Zweige und Tiefen nach, und erst als der liebende Verein ins letzte Tal wie in ein Grab gesunken war, hullte er sich die Augen zu und dachte an die unaufhorlichen Trennungen des Menschen....

Endlich offnete er seine Augen gegen die ausgebreitete uberwolkte Stadt und dachte: "Zwischen dieser erhobnen Arbeit, in die sich die Menschen mit ihrem kleinen Leben nisten, sperren sich auch deine kleinen Tage ein dieses ist die verhullte Geburtstatte deiner kunftigen Tranen, deiner kunftigen Entzukkungen ach mit welchem Auge werd' ich nach Jahren wieder uber diese Nebel-Gehause schauen und.. ein Narr bin ich, sind denn 2300 Hauser nur meinetwegen?" Nachschrift. Diesen sechzehnten Posttag hat der Berghauptmann ordentlich am Ende des Junius abgeschlossen.

Vierter Schalttag und Vorrede

zum zweiten Heftlein

Ich will Schalttag und Vorrede zusammenschweissen. Es muss daher wenns nicht Spielerei mit der Vorrede sein soll hier doch einigermassen der zweite Teil beruhrt werden. Es verdient von Kunstrichtern bemerkt zu werden, dass ein Autor, der anfangs acht weisse Papierseiten zu seinem Gebiete vor sich hat so wie nach Strabo das Territorium Roms acht Stunden gross war , nach und nach so weit fortruckt und das durchstreifte Papier mit so viel griechischen Kolonisten denn das sind unsere deutschen Buchstaben bevolkert, bis er oft ein ganzes Alphabet durchzogen und angebauet hat. Dies setzt ihn instand, den zweiten Teil anzufangen. Mein zweiter ist, wie ich gewiss weiss, viel besser als der erste, wiewohl er doch zehnmal schlechter ist als der dritte. Ich werde hinlanglich belohnt sein, wenn mein Werk der Anlass ist, dass eine Rezension mehr in der Welt gemacht wird; und ich wusste nichts wenns nicht eben dieser Gedanke ware, dass Bucher geschrieben werden mussen, damit die gelehrten Anzeigen derselben fortdauern konnen , was einen Autor zur unsaglichen Muhe antreiben konnte, den ganzen Tag am Dintenfass zu stehen und ganze Pfunde Konzepthadern in Berlinerblau zu farben... Und dieser kuhle ernste hocus pocus von Vorrede ein! Ausdruck, den Tillotson fur eine Verkurzung von der katholischen Formel 'hoc est corpus' halt sei fur gute Rezensenten auf Universitaten genug.

Ich wende mich wieder zu dem, was ich eigentlich damit haben wollte. Ich bin namlich gesonnen, die Extrablattchen und Nebenschosslinge, womit die Schalttage vollzumachen sind, in alphabetischer Ordnung weil Unordnung mein Tod ist nicht nur anzukundigen, sondern auch hier schon anzufangen und fortzusetzen bis zum Buchstaben I. Schalt- und Nebenschosslinge, alphabetisch geordnet

A

Alter der Weiber. Lombardus (L. 4. Sent. dist. 4.) und der heilige Augustin (l. 22. de civit. c. 15.) erweisen, dass wir alle in dem Alter von den Toten auferstehen, worin Christus auferstand, namlich im 32sten Jahre und dritten Monat. Mithin wird, da im ganzen Himmel kein Vierziger zu haben ist, ein Kind so alt sein wie Nestor, namlich 32 Jahre und drei Monate. Wer das weiss, schatzet die schone Bescheidenheit der Weiber hoch, die sich nach dem 30sten Jahre wie Reliquien fur alter ausgeben, als sie sind; denn es ware genug, wenn sich eine Vierzigerin, Achtundvierzigerin so alt machte wie guter Rheinwein oder hochstens wie Methusalem; aber sie glaubt bescheidener zu sein, wenn sie sich, so sehr ihr Gesicht auch widerspricht, schon das hohe Alter zuschreibt, das sie erst, wenn ihr Gesicht einige tausend Jahre in der Erde gelegen ist, haben kann, namlich 32 Jahre und drei Monate. Schon ein Dummer sieht ein, dass sie nur das kunftige Aufersteh- und kein Erdenalter meine, weil sie von diesem Stand-Jahre nicht wegruckt, welches eben in der Ewigkeit, wo kein Mensch eine Stunde alter werden kann, etwas Alltagliches ist. Diese Einheit der Zeit bringen sie in das Intrigenstuck ihres Lebens darum schon im 30sten Jahr hinein, weil nach diesem in Paris keine Frau mehr offentlich tanzen und (nach Helvetius) kein Genie mehr meisterhaft schreiben kann. Auf das letzte rechnete man vielleicht sonst in Jerusalem, wo jeder erst nach dem 30sten Jahr ein Lehramt bekam.

B

Basedowische Schulen. Basedow schlagt in seiner Philalethie vor, 30 unerzogene Kinder in einen Garten einzuzaunen, sie ihrer eignen Entwickelung zu uberlassen und ihnen nur stumme Diener, die nicht einmal Menschen-Kleidung hatten, zuzugehen und es dann zu Protokoll zu bringen, was dabei herauskame. Die Philosophen sehen vor lauter Moglichkeit die Wirklichkeit nicht: sonst hatte Basedow bemerken mussen, dass unsre Landschulen solche Garten sind, in denen die Philosophie den Versuch machen will, was aus Menschen, wenn sie durchaus alle Bildung entbehren, am Ende werde. Ich gesteh' aber, dass alle diese Versuche noch so lange unsicher und unvollkommen bleiben, als die Schulmeister sich nicht enthalten konnen, diesen Probekindern irgendeinen Unterricht und war' es der kleinste zu erteilen; und besser wurde gefahren mit ganz stummen Schulleuten, wie es taubstumme Zoglinge gibt.

C siehe K

D

Dichter. Der Dichter wird, ob er gleich Leidenschaften malt, doch diese am besten in dem Alter treffen, wo seine kleiner sind, so wie Brennspiegel gerade in den Sommern, wo die Sonne am wenigsten brannte, am starksten wirkten und in den heissen am wenigsten. Die Blumen der Poesie gleichen andern Blumen, die (nach Ingenhouss) im gedampften benebelten Sonnenlicht am besten wachsen.

E

Empfindsamkeit. Sie gibt oft dem innern Menschen, wie der, Schlagfuss dem aussern, grossere Empfindlichkeit und doch Lahmung.

F siehe Ph

G

Gottin. Wie die Romer ihre Monarchen lieber fur Gotter als fur Herren erkannten, so wollen die Manner die Direktrice ihres Herzens lieber ihre Gottin als ihre Herrin nennen, weil es leichter ist anzubeten als zu gehorchen.

H

H-. Ich habe oft Leute, die zu leben hatten und zu leben wussten welches nicht zweierlei ist , erstlich um die besten und vornehmsten Weiber gaukeln und aus dem Honigkelch ihrer Herzen saugen, und zweitens hab' ich sie an demselben Tage die Flugel zusammenschlagen und auf eine jammerliche Tropfin niederschiessen sehen' damit die Tropfin ihre Erben erbe. Nie aber hab' ich diese Schmetterlinge mit etwas anderem verglichen als mit Schmetterlingen, die den ganzen Tag Blumen besuchen und benaschen, und doch ihre Eier auf einen schmutzigen Kohlstrunk laichen.

H

Holbeins Bein. Ich will lieber das H noch einmal nehmen als das I, weil unter der Rubrik des I's die Invaliden kamen, von denen ich behaupten wollen: dass ihnen, da Leute, denen man Glieder abgenommen, vollblutig werden, desto weniger Brot gereichet werden durfe, je mehr ihnen Glieder weggeschossen oder weggeschnitten worden, und dass man dieses die Physiologie und Diatetik der Kriegskasse nenne. Aber mich haben die halben armen Teufel zu sehr gedauert.

Die Beine Holbeins machen grossern Spass als abgenommene. Der Maler strich namlich in Basel nichts an als Basel selber; und der namliche Umstand, der sein Genie in diese architektonische Farberei hineinzwang, notigte es auch, dass es oft darin Raststunden hielt er soff namlich entsetzlich. Ein Bauherr, dessen Name in der Geschichte fehlt, trat oft in die Hausture und zankte zum Geruste hinauf, wenn die Beine des Hausfarbers, anstatt davon herunterzuhangen denn mehr war vom Maler nicht zu sehen , in der nachsten Weinkneipe standen und wankten. Schritt nachher Holbein damit uber die Gasse daher: so kam ihm Hader entgegen und stieg mit ihm aufs Geruste hinauf. Dieses brachte den Maler, der seine Studien (auch im Trinken) liebte, auf, und er nahm sich vor, den Bauherrn zu andern. Da er namlich das ganze Ungluck seinen Beinen verdankte, deren Fruchtgehange der Mann unter dem Geruste sehen wollte: so entschloss er sich, eine zweite Auflage von seinen Beinen zu machen und sie an das Haus hangend zu malen, damit jener, wenn er unter der Hausture hinaufschauete, auf den Gedanken kame, die zwei Beine und ihre Stiefeln malten droben fleissig fort. Und auf diesen Gedanken kam der Bauherr auch; aber da er endlich bemerkte, dass das Vexierfusswerk den ganzen Tag an einer Stelle hange und sich nicht fortschiebe: so wollt' er nachsehen, was denn der Meister so lange an einer Partie bessere und retuschiere und verfugte sich selber hinauf. Droben im Vakuum (Leerem) ersah er leicht, dass der Maler da aufhore, wo Kniestucke anfangen, beim Knie, und dass der mangelnde Rumpf wieder saufe in einem Alibi.

Ich verdenk' es dem Bauherrn nicht, dass er auf dem Geruste keine Moral aus dem Fusswerk zog: er war zu erbost.

Ich wollte noch eine Geschichte von den FurstenPortrats anstossen, die hinter den Prasidenten in den Sessionzimmern statt der Urbilder zum Stimmen dahangen aber ich store den Zusammenhang; auch war sonst hier das Ende des ersten Heftleins.

17. Hundposttag

Die Kur das Schloss des Fursten Viktors Visiten

Joachime Kupferstich des Hofs Prugel

Ich sagte in Breslau: "Ich wollt', ich ware der Fetspopel!" da ich gerade das Portrat dieser Person verzehrte. Der Fetspopel ist eine Narrin, deren Gesicht den breslauischen Pfefferkuchen aufgepresset ist. Ich sage folgendes nicht bloss meinetwegen, um etwan bloss mich auf eine solche Pfefferkuchen-Paste zu bringen, sondern auch anderer Gelehrten wegen, die Deutschland ebensowenig mit Denkmalern ehrt, z.B. Lessing, Leibniz. Da es einem in den deutschen Kreisen so sauer wird, bis man nur eine halbe Rute Steine zum Grabmal eines Lessings oder sonstigen Grossen zusammenbringt das, was von Steinen gute Rezensenten auf einen Literatus schon bei Lebzeiten werfen, wie die Alten auf Graber, ist noch das meiste : so erklart' ich mich frei auf dem breslauischen Markt, eh' ich noch den Fetspopel angebissen: "Entweder hier auf diesem Pfefferkuchen ist der Tempel des Ruhms und das Bette der Ehren fur deutsche Schriftsteller, oder es gibt gar keinen Ruhm. Wann ist es Zeit, sobald es nicht jetzt ist, es von den Deutschen zu erwarten, dass sie die Gesichter ihrer grossten Manner nehmen und bossieren in Esswaren, weil doch der Magen das grosste deutsche Glied ist? Wenn der Grieche unter lauter Statuen grosser Manner wohnte und dadurch auch einer wurde: so wurde der Wiener, wenn er die grossten Kopfe immer vor Augen und auf dem Teller hatte, in Enthusiasmus geraten und wetteifern, um sich und sein Gesicht auch auf Pfeffer- und andern Kuchen, Pasteten und Krapfen zu schwingen. Meusels gelehrtes Deutschland ware in Backwerk nachzudrukken man konnte grosse Helden auf Kommissbrot nachbosseln, um die gemeine Soldateska in Feuer zu setzen und in Hunger nach Ruhm grosse Dichter wurd' ich auf Brautkuchen abreissen in eingelegtem Bildwerk, und Heraldiker von Genie auf Haferbrot von Autoren fur Weiber waren susse Dosenstucke in Zuckerwerk zu entwerfen. Geschahe das, so wurden Kopfe wie Hamann oder Liscow allgemeiner von den Deutschen geschmeckt in solcher Einkleidung; und mancher Gelehrte, der kein Brot zu essen hatte, wurde eines doch verzieren; und man hatte ausser dem papiernen Adel noch einen gebacknen." Was mich anlangt, der ich mein Gesicht bisher noch nirgends gewahr wurde als im Rasierspiegel: so soll man mich damit denn in Westfalen bin ich am wenigsten bekannt auf Pumpernickel pappen.

Jetzt wieder zur Geschichte! Ein langer kraushaariger Mensch steht in der Nacht vor dem bunten Hause des Apothekers Zeusel, guckt zum dritten erleuchteten Stockwerk, in das er zieht, empor und macht endlich statt der holzernen Tur die glaserne der Apotheke auf. O mein guter Sebastian! Segen sei mit deinem Einzug! Ein guter Engel gebe dir seine Hand, um dich uber sumpfige Wege und Fussangeln zu heben; und wenn du dir eine Wunde gefallen, so weh' er sie mit seinem Flugel an, und ein guter Mensch decke sie mit seinem Herzen zu!

In der wie ein Tanzsaal flammenden Apotheke bat sich einer der fettesten Hoflakaien von einem der magersten Provisoren noch einen Manipel und einen kleinen Pugillum Moxa fur Seine Durchlaucht aus. Der magere Mann nahm aber hinter seiner Waage eine halboffne Hand voll Moxa und noch vier Fingerspitzen voll da doch ein kleiner Pugillus nur drei Fingerspitzen betragt und schickte alles den Fussen des Fursten zu: "Wenn wir das gar verbrannt haben," sagt' er und wies auf die Moxa "so wird Seine Durchlaucht schon ein Podagra haben, so gut als eines im Lande ist."

Die Ursache, warum der Provisor mehr gab, als rezeptieret war, ist, weil er auch seinen Kirchenstuhl im Tempel des Nachruhms haben wollte; daher uberdachte er erstlich ein fremdes Rezept so lange, bis ers genehmigte, und wog zweitens immer 1/11, 1/17 Skrupel zu viel oder zu wenig zu, um dem Doktor die Burgerkrone der Heilung vom Kopf zu nehmen und auf seinen zu setzen: "Bloss mit der Gabe muss ich meine Kuren tun", sagte er. Viktor gonnte ihm den Irrsal: "Ein Provisor," sagte er, "der den ganzen Flugel der Wiedergenesenden anfuhrt und dem Doktor bloss den Nachtrab der Leichen zuteilt, hat fur dieses Kurzleben schon Lorbeerkranze genug unter der Gehirnschale."

Der Apotheker Zeusel hat Welt genug, um den Mietmann nicht durch ein aufgenotigtes EmpfangsEssen zu beschweren, und sagte ihm bloss den Zeitungartikel aus dem mundlichen morning chronicle der Stadt, dass der Furst das Podagra weniger habe als suche und fixiere. Auch gab er ihm den italienischen Bedienten, den der Lord fur ihn gemietet hatte, und das Zimmer.

Und darin sitzt Sebastian jetzt auf der Fensterbrustung allein und denkt ohne Blick auf Schonheiten der Stube und der Aussicht ernsthaft nach, was er denn eigentlich hier vorhabe morgen und ubermorgen und langer: "Morgen zund' ich sonach los" (sagt' er und drehte die Quaste der Fensterschnur) "ich und das Podagra sollen uns festsetzen beim Fursten Arg ists, wenn ein Mensch die gichtische Materie eines Regenten als Wasser braucht, um seine Muhle zu treiben ein Herz-Polype, eine Kopf-Wassersucht sollte mich weniger argern als Hofmann, beides waren anstandige Gnadenmittel und Flossfedern zum Steigen. Nein, ich bleibe gerade und fest, ganz aufrecht, ich gehe gleich anfangs nicht nach, damit sie's nicht anders wissen. Nicht einmal ans Kantonieren und Ankern im Vorzimmer ist zu denken." (Auch hatte der Lord dem Selbsprecher schon die Freilassung von der angstlichen Hofordnung einbedungen.) "Ach ihr schonen Fruhlingjahre! ihr seid nun uber mich weggeflattert und mit euch die Ruhe und der Scherz und die Wissenschaften und die Aufrichtigkeit und lauter ahnliche gute Herzen." (Er wirbelte die Quastenschnur plotzlich kurzer hinauf.) "Aber du guter Vater, du hast solche gute Jahre nicht einmal gehabt, du durchstreifest die Erde und gibst deine Tage preis fur das Gluck der Menschen. Nein, dein Sohn soll dir deine Aufopferungen nicht verderben und nicht verbittern er soll sich hier gescheit genug auffuhren und wenn du dann wiederkommst und hier am Hofe einen gehorsamen, einen begunstigten und doch unverdorbnen Sohn antriffst...." Als der Sohn gar dachte, dass er, wenn er so in gerader Aufsteigung am Hofe kulminierte, gewinnen konnte das Herz der Kaplanei, das Herz von Le Baut, das seines Vaters, das seiner samtlichen Verwandten und (dacht' er anders daran) auch das von Klotilde: so hatt' er die abgedrehte Quaste wie eine Tuberose in seiner Hand.... und daher legt' er sich still zu Bette.

Steh auf, mein Held! Die Morgensonne macht schon deinen Erker rot springe unter dem Glockengelaute der Wochenpredigt und unter dem Getose des heutigen Markttages in deine helle Stube! Dein Vater, von dem du die ganze Nacht getraumt, hat sie voll musikalischen und malerischen Schiff und Geschirr gestellt, und du wirst den ganzen Morgen an ihn denken; und doch schenkt dir der Erker noch mehr: den Blick auf einen grunen Streif von Feldern und auf Maienthals Anhohen nach Abend den ganzen Marktplatz das Privat-Haus des Stadtseniors gegenuber, dem du in alle Stuben? die er an deinen Flamin vermietet, schauen kannst!

Flamin ist jetzo aber nicht darin; denn er hatte meinen Helden schon angefasst und mit meinen Worten angeredet: steh auf! Eine neue Lage ist eine Fruhlingkur fur unser Herz und nimmt das angstliche Gefuhl unserer Verganglichkeit aus ihm; und unter einem solchen heitern Himmel des Lebens tanzet heute mein Viktor mit allem mit den Vormittaghoren mit dem Regierungrate mit dem Apotheker durch die Apotheke hindurch neben dem Provisor vorbei, um oben auf dem Schlosse mit dem podagristischen Jenner einige Gange zu machen.

Er ist kaum eine halbe Stunde bei dem Fursten gewesen, so sieht ihn Zeusel wieder in sein medizinisches Warenlager rennen.... "Ei ei!" denkt der Apotheker.

Aber es war ganz anders: Viktor gelangte durch ein Monturen-Verhau denn die Gange zu den Furstenzimmern sind fast Zeltgassen, und die Regenten lassen sich so angstlich umwachen, als besorgten sie, die ersten oder die letzten zu sein ins Krankenzimmer. Vor einem Patienten, der in waagrechter Verfassung liegt, behalt man die lotrechte leichter. Die Grossen verwechseln oft die Wirkung ihrer Zimmer und Gerate mit ihrer eignen: wenn sie der Gelehrte auf einem Rain, in einem Walde, an einem Krautfelde uberfallen konnte: er wusste sich zu benehmen. Aber Viktor war selber in gestickten und mit goldnen Eckenbeschlagen versehenen Zimmern erzogen. Da er den Freund seines Vaters in Schmerzen und mit eingepackten Beinen fand: so vertauschte er seine britische Unbefangenheit gegen die medizinische und fing, anstatt stolze furstliche Fragen zu erwarten, arztliche vorzulegen an. Als des Doktors arztliches Beichtsitzen zu Ende war: so legte er die Hand, anstatt auf den Kopf des Beichtkindes, auf die Bibel daneben und wollte schworen und liess es bleiben, weil ihm etwas Besseres einfiel, und blatterte das war ihm eingefallen das Gichtbruchigen-Evangelium in der Bibel auf und wies auf den Spruch: Steh auf, hebe dein Bette auf; "denn ans Podagra ist hier gar nicht zu denken", sagte er. Er tat ihm dar, seine ganze Krankheit sei Wind, figurlich und eigentlich gesprochen in den erschlafften Gefassen haus' er und schleiche sich wie die Jesuiten unter allen Gestalten in alle Glieder ein selber sein Schmerz in der Wade sei solcher versetzter Menschen- oder Gedarm-Ather. Der Leibarzt Kuhlpepper ist mit seinem Irrtum uber den Fursten zu entschuldigen; denn jeder Arzt muss sich eine Universalkrankheit auslesen, wofur er alle andere ansieht, die er con amore behandelt, in der er, wie der Theolog in Adams Sunde oder der Philosoph in seinem Prinzip, den ganzen Rest ertappet es stand also in dem freien Willen Kuhlpeppers, sich zur Stamm-Krankheit, die das Nest-Ei und die Mutterzwiebel der Pathologie sein konnte, das Podagra bei Mannern, bei Weibern Flusse auszuklauben oder nicht. Da ers ausgeklaubt, so hat er auch suchen mussen, es bei Sr. Durchlaucht zu fixieren wie Pastell oder Quecksilber. Jenner hatte selber von seiner Kapelle nie etwas Angenehmers gehoret als Viktors Behauptung, die ihn vom bisherigen Liegen, Medizinieren und Hungern loshalf. Viktor eilte in der Freude uber die leichte Krankheit zum Rezeptieren davon, nachdem er an Trostes Statt behauptet hatte: "ein atherischer Leib sei noch mitzunehmen und diene der Seele zwar zu keinem himmlischen Grahams-, aber doch zu einem Luftbette, das sich selber mache. Nur die armen Weiberseelen lagen wenn man ihre Korper recht betrachte auf stechenden Strohsacken, glatten Husarensatteln und scharfen Wurstschlitten, indes tonsurierte oder tatowierte Geister (Monche und Wilde) sich mit so hubschen, von geschabtem Fischbein gepolsterten Leibern44 zudeckten."

Fort lief er; und ich habe schon berichtet, dass der Apotheker nachher dachte: Ei, ei! In der Apotheke sagte Viktor zum Provisor, an den er wie Salpeter anflog: "Herr Kollege, was denken Sie dazu, wenn wir bei Sr. Durchlaucht auf nichts kurierten als Wind? Sie sollen mir raten. Ich meines Ortes wurde verordnen:

Pulv. Rhei orient.

Sem. Anisi Stellati

Foeniculi

Cort. Aurant. immat.

Sal. Tart. aa dr. I.

Fol. Senn. Alexandr. sine Stipit. dr. II.

Sacchar. alb. Unc. Sem.

Fallen Sie mir bei: so hab' ich weiter nichts zu sagen als: C. C. M. f. p. Subt. D. ad Scatulam, S. Blahungpulver, einen Teeloffel voll ofters zu nehmen bei Gelegenheit."

Da ihn der Provisor ernsthaft ansah: so sah er denselbigen noch ernsthafter an; und die Arzenei wurde ohne geanderte Dosis bereitet. Als er fort war, sagte der Provisor zu seinen zwei stutzenden Pagen: "Ihr zwei dummen Epiglottes, er hat doch so viel Verstand und fragt."

Im Grunde braucht der Lebensbeschreiber den Umstand gar nicht zu motivieren da ihn das Pulver und der Held motivieren , dass Jenner auf die Beine kam noch denselben Tag.

Da Fursten keinen Druck erfahren als den der Luft, die in ihrem Leibe ist: so kannte Jenners Dank fur die Befreiung von diesem Druck so wenig Grenzen, dass er den ganzen Tag den Doktor nicht wegliess. Er musste mit ihm dinieren soupieren reiten spielen. Im Schlosse wars auszuhalten; es war nicht, wie Neros seines, eine Stadt in der Stadt, ein Flachsenfingen in Flachsenfingen, sondern bloss eine Kaserne und eine Kuche, voll Krieger und Koche. Denn vor jedes Briefgewolbe voll Schimmel, vor jede Stube, wo acht Demanten lagen, vor jedes Turschloss und vor jede Treppe war ein Bajonett mit dem darangehefteten Schirm- und Schutzherrn gepflanzt. Die uberzahlige Kuchenmannschaft wohnte und heizte im Schloss, weil Seine Durchlaucht bestandig ass. Durch dieses bestandige Essen wollte er sich das Fasten erleichtern; denn er ruhrte weils Kuhlpepper so haben wollte von den drei Ritual-Mahlzeiten der Menschen blutwenig an und konnte den Hofleuten, die seine strenge Diat erhoben, nicht ganz widersprechen. Ein Uhrmacher aus London war ihm in dieser Massigkeit am meisten dadurch beigesprungen, dass er ihm eine Bedientenglocke und ein Federwerk verfertigte, dessen Zeiger auf einer grossen Scheibe im Bedientenzimmer stand; das Zifferblatt war statt der Stunden und Monattage mit Esssachen und Weinen gerandert. Jenner durfte nur klingeln und drucken: so wusste die Dienerschaft sogleich, ob die Zunge und der Viktualienzeiger auf Pasteten oder auf Burgunder weise. Dadurch dass er wie eine Muhle klingelte, wenn sein innerer Mensch nichts mehr zu mahlen hatte setzte er sich am leichtesten instand, eine strengere Diat zu halten, als wohl Arzte und Sittenlehrer fodern konnten, und beschamte mehr als einen Grossen, den man nach der Ausweidung im Tode aufs Paradebette legen sollte mit dem hungrigen Magen unter dem einen Arm und mit der durstigen Leber unter dem andern, wie man auch Kapaunen beide Eingeweide als Armhute zwischen beide Flugel gibt.

Im Schlosse war Viktor zu Hause wie in der Kaplanei; denn der eigentliche Hof, der eigentliche HofWurmstock und Froschlaich war bloss im Palast des wirklichen Ministers von Schleunes ansassig, weil der die Honneurs des Thrones machen musste, die Gesandten, die Fremden einlud u.s.w. Die Furstin wohnte im grossen alten Schloss, das Paulinum genannt. So verlebte also Jenner seine Tage ohne Prunk, aber bequem, in der wahren Einsamkeit eines Weisen, und brachte sie mit Essen, Trinken, Schlafen zu; daher konnte ihn der flachsenfingische Prorektor ohne Schmeichelei mit den grossten alten Romern vergleichen, an denen wir einen ahnlichen Hass des Gepranges bewundern. Jenner hatte im Grunde keinen Hof, sondern ging selber an den Hof seines wirklichen Ministers; aber hochst ungern: er konnte da nichts lieben, weder die Furstin, die immer da war, noch Schleunes' ehelose Tochter, die noch wider sein Londoner Gelubde waren.

Nachts um 12 Uhr hatte Zeusel gern noch darhinter kommen wollen, wie alles sei, und brachte dem Leibmedikus seine Nichte Marie als Lakaiin zugefuhret. Der Medikus, der keinen Narren in der Welt zum Narren haben konnte, zumal unter vier Augen, steckte dem dunnen Hecht die Raufe voll Wahrheit-Futter, das dieser begierig herausfrass wie Ananas. Marie war eine durch einen Prozess verarmte, durch eine Liebe verungluckte Verwandte und Katholikin, die in der kalten hofischen Apothekers-Familie nichts empfing und erwartete als Stichwunden der Worte und Schusswunden der Blicke ihre aufgeloste und erquetschte Seele glich der Bruchweide, der man alle Zweige ruckwarts mit der blossen Hand herunterstreichen kann sie fuhlte bei keiner Demutigung einen Schmerz mehr sie schien vor andern zu kriechen, aber sie lag ja immerfort niedergebreitet auf dem Boden. Als der sanfte Viktor diese demutige, seitwartsgekehrte Gestalt, uber die so viele Tranen gegangen waren, und dieses sonst schone Gesicht erblickte, auf welches nicht Leiden der Phantasie ihre reizenden Maler-Drucke aufgetragen, sondern physische Schmerzen ihre Giftblasen ausgeschuttet hatten: so tat seinem Herzen das Schicksal der Menschen wehe, und mit der sanftesten Hoflichkeit gegen Mariens Stand, Geschlecht und Jammer lehnte er ihre Dienste ab. Der Apotheker wurde sich selber verachtet haben, wenn er diese Hoflichkeit fur etwas anders als feine Raillerie und Lebensart genommen hatte. Aber Viktor schlug sie noch einmal aus; und die Arme entfernte sich stumm und, wie eine Magd, ohne Mut zur Hoflichkeit.

Am Morgen brachte ihm die Ausgeschlagene doch sein Fruhstuck mit gesenkten Augen und schmerzlich lachelnden Lippen; er hatt' es in seinem Bette gehort, dass der Apotheker und seine harten Holztriebe von Tochtern Marien das "lamentable greinerliche Air" vorgehalten und daraus den "refus des raillierenden" Herrn oben gefolgert hatten. Ihm blutete die Seele; und er nahm Marien endlich an er machte sein Auge und seine Stimme so sanft und mitleidend, dass er beide dem weichsten Madchen hatte leihen konnen; aber Marie bezog nichts auf sich.

Jenner konnte kaum abpassen, wenn er wiederkame

Den dritten Tag wars wieder so

So auch die andere Woche

Ich wunschte aber, meine Leser waren um diese Zeit durchs flachsenfingische Tor samtlich geritten und diese gelehrte Gesellschaft hatte sich in die Stadt zerstreuet, um Erkundigungen von unserem Helden einzuziehen. Der Lesevortrab, den ich auf die Kaffeehauser geschickt hatte, wurde erfahren, dass der neue englische Doktor schon den alten gesturzt dem Pfarrsohn in St. Lune zum Regierratposten verholfen und dass grosse Anderungen in allen Departements bevorstehen. Das unter die Hof-Kellerei, Schlachterei, Fischmeisterei, Kastellanei und Dienerei verteilte Treffen wurde mir mitbringen, dass der Furst dem Doktor nicht auf die Finger, sondern auf die Achsel geklopfet dass er ihm vorgestern sein Bilderkabinett eigenhandig gezeigt und das beste Stuck daraus geschenkt dass er in der Komodie mit ihm aus der Hauptloge herausgesehen dass er ihm eine steinreiche Dose geschenkt (die gewohnliche Regenten-Burgerkrone und deren Friedenpfeife, als wenn wir Gronlander waren, die sich nichts lieber schenken lassen als Schnupftabak) und dass sie miteinander auf Reisen gehen werden. Zwei der allerfeinsten und stiftfahigsten Leser, die ich aus diesen Kolonnen ausgeschossen, und wovon ich den einen ins Paulinum an die Furstin, den andern zum wirklichen Minister abgefertigt hatte, wurden mir wenigstens die Neuigkeit rapportieren, dass Furst und Doktor miteinander bei beiden gewesen, und dass beide den Helden fur einen sonderbaren scheuen schweigenden Briten, der alles dem Vater verdanke, angesehen hatten

Aber die letzte Neuigkeit, die mir die Leser erzahlt haben, konnen sie ja unmoglich wissen, und ich will sie ihnen selber erzahlen.

Eh' ich das vortrage, klar' ichs nur noch mit drei Worten auf, warum Viktor so hurtig stieg. Es kann Evangelisten Matthieu unter meinen Lesern geben, die dieses schnelle Steigen wie das des Barometers fur das Zeichen eines fruhen Fallens nehmen welche sagen, Lorbeere und Salat, den man in 24 Stunden durch Spiritus auf einem Tuche zum Reifen notigt, welken ebensobald wieder ab ja die sogar spassen und das furstliche Gedarm mit seinem Ather fur eine Fisch-Schwimmblase meines Helden ausgeben, der nur durch ihr Fullen stieg. Berghauptmanner lachen solche Leser aus und halten ihnen vor: dass die Menschen, besonders die Residenten auf Thronen, einen neuen Arzt fur ein neues Spezifikum ansehen dass sie einem neuen am meisten gehorchen dass Sebastian das erstemal sich gegen jeden am feinsten betrug, hingegen bei alten Bekannten ohne Not nichts Witziges sagte dass Jenner jeden liebte, den er zu durchschauen vermochte, und dass er glucklicherweise meinen Helden bloss fur einen heitern Lebelustigen erkannte und um seinen Kopf keine Bosische Beatifikationt45 bemerkte, die nach Phosphor stinkt und schmerzliche Funken auswirft dass Viktor nicht wie Le Baut ein Scherbengewachs in einer Krone war, sondern eine daruber erhohte, im Freien hangende Hyazinthe dass er heiter war und heiter machte und dass ein anderer Berghauptmann mit seinen Lesern gar nicht so viel Umstande gemacht haben wurde als ich. Er hatte ihnen bloss den Hauptumstand gesagt, dass der Furst an Viktor eine bezaubernde Ahnlichkeit mit seinem funften (auf den sieben Inseln verlornen) Sohn, dem Monsieur, im Scherzen und Betragen gefunden und liebgewonnen hatte, und dass er diese Bemerkung schon in London, obgleich Viktor funf Jahre junger als jener war, gemacht.

Jenner wollte selber seinen Liebling jedem vorstellen, also auch der Furstin. Die Philosophen haben es zu erklaren, warum Sebastian sich nicht eher, als bis er neben dem furstlichen Eheherrn auf dem Kutschkissen sass, auf das tolle verliebte Streifchen Papier besann, das er in Kussewitz uber den Imperator der montre a regulateur aufgeklebt und der Furstin zum Kaufe dareingegeben hatte. Er fuhr zusammen und hielts fur unmoglich, dass er ein solcher Narr sein konnen. Aber einem Menschen ist so etwas leicht. Seine Phantasie warf auf jede Gegenwart, auf jeden Einfall so viel Brennpunkt-Lichter aus tausend Spiegeln zuruck und zog um die Zukunft, die daruber hinauslag, so viel gefarbten Schatten und blauen Dunst herum, dass er ordentlich erschrak, wenn ihm eine narrische Handlung einfiel; denn er wusste, wenn er sie noch zehnmal zuruckgewiesen und noch dreissigmal ubersonnen hatte, dass er sie dann begehen wurde. Da beide vor die Furstin traten: so war Viktor in jener angenehmen Verfassung, welche Informatoren und jungen Gelehrten nichts Neues ist, die ihnen die Glieder verknochert und das Herz zersetzt und die Zunge versteinert- nicht die Gewissheit, dass Agnola (so hiess die Furstin) jenes Uhr-Inserat gelesen habe, machte ihn so verlegen, sondern die Ungewissheit. In der Angst dachte er gar nicht daran, dass sie ja seine Handschrift und den Autor des Schnitzchens nicht einmal kenne; und denkt man auch in der Angst daran, so geht sie doch nicht weg.

Aber alles war zugleich uber, unter, wider seine Erwartung. Die Furstin hatte das empfindsame Gesicht mit der Reisekleidung weggelegt und ein festes feines Galagesicht dafur aufgetragen. Der gekronte Ehevogt Jenner wurde von ihr mit so viel warmem Anstand empfangen, als war' er sein eigner Ambassadeur vom ersten Range. Denn Jenner, dessen Herzscheibe sich am elektrisierenden Kissen einer schonen Wange oder eines Busentuchs voll Funken lud, hatte eben deswegen gegen Agnola, mit der er bloss der Politik wegen die Konkordaten der Ehe abgeschlossen, alle Warme seines Monatnamens. Gegen Viktor, den Sohn ihres Erbfeindes, den Nachfahrer des Hausdiebes der furstlichen Gunst, hegte sie, wie leicht zu erachten, wahre Zartlichkeit. Unser armer Held betroffen uber Jenners Kalte, fur die er sich von der Gemahlin eben keine sonderliche Warme gegen sich selber versprach betrug sich so ernsthaft wie der altere und jungere Kato zugleich. Er dankte Gott (und ich selber), dass er fortkam.

Aber unter dem ganzen Wege dachte er: "Hatt' ich

nur mein Sendschreiben aus dem Uhr-Kuvert heraus! Ach ich tate dann alles, arme Agnola, dich zu versohnen mit deinem Schicksal und mit deinem Gemahl!" "Ach St. Lune," (setzte er unter dem Vorbeifahren vor dem Stadtsenior hinzu) "du friedlicher Ort voll Blumen und Liebe! Die Hatzpachtung versendet deinen Bastian von einem Hatzhaus ins andre."

Denn er musste hoflichkeithalber doch auch zum

wirklichen Minister und Jenner nahm ihn mit. Dorthin ging er mit Lust, gleichsam wie in ein Seegefecht oder in ein Kontumazhaus oder in den russischen Eispalast.

Mobeln und Personen waren in Schleunes' Hause vom feinsten Geschmack. Viktor fand darin von den Wackelfiguren und Hofleuten an bis zu den Basaltbusten alter Gelehrten und zu den Puppen der Schleunesschen Tochter, vom geglatteten Fussboden bis zu den geglatteten Gesichtern, vom Puderkabinett bis zum Lesekabinett beide schminkten den Kopf schon im Durchmarsch , kurz, uberall fand er alles, was die Prachtgesetze je verboten haben. Seine erste Verlegenheit bei der Furstin gab ihm die Stimmung zu einer zweiten. Es war der alte Viktor gar nicht mehr. Ich weiss voraus, dass ihn die loblichen Schullehrer am Marianum in Scheerau daruber hart anlassen werden zumal der Rektor , dass er so wenig Welt hatte, dass er dort witzig ohne Munterkeit, gezwungen-frei ohne Gefalligkeit, zu beweglich mit den Augen, zu unbeweglich mit andern Gliedern war. Aber man muss diesen Hof- und Schulleuten vorstellen: er konnte nichts dafur. Der Rektor selber wurde so gut wie Viktor verlegen gewesen sein vor der schongeisterischen Ministerin, die zwar Meusel noch nicht, aber doch der Hof in sein gelehrtes Deutschland gesetzt vor ihren spottsuchtigen Tochtern, zumal vor der schonsten, die Joachime hiess vor einigen Fremden vor so viel Leuten, die ihn hassten vom Vater her, und die ihn beobachteten, um sein Verhaltnis mit dem Fursten zu erklaren und zu rechtfertigen vor der Furstin selber, die der Henker auch da hatte vor Matthieu, der hier in seinem Element und in seiner Hauptrolle und Bravourarie war und vor dem Minister. Zumal vor dem letzten: Viktor fand an diesem einen Mann voll Wurde, dem die Geschafte die Artigkeit nicht nahmen, noch das Denken den Witz, und den eine kleine Ironie und Kalte nur noch mehr erhoben, der aber Gefuhl, Gelehrte und die Menschen zu verachten schien. Viktor dachte sich uberhaupt einen Minister z.B. Pitt wie einen Schweizer-Eisberg, an welchen oben Wolken und Tau als Nahrung anfrieren, der die Tiefe druckt und im Wechsel zwischen Schmelzen und Vereisen unten grosse Flusse aussendet, und aus dessen Kluften Leichname steigen.

Jenner selber wurde unter ihnen nicht recht froh; was halfen ihm die feinsten Gerichte, wenn sie durch die feinsten Einfalle verbittert wurden? Der Spieltisch war daher zumal bei der friedlichen Landung seiner Gemahlin sein ruhiger Ankerplatz; und sein Viktor war dasmal auch froh, neben ihm zu ankern. Mein Korrespondent meint, den Stimmhammer zu diesem uberfeinen, dreimal gestrichenen Ton drehte bloss die Ministerin, die alle Wissenschaften im Kopfe und zwar auf der Zunge hatte und deswegen wochentlich ein bureau d'esprit hielt. In dieser lacherlichen Verfassung verspielte Sebastian seinen Abend und verschluckte sein Souper: er konnte gut erzahlen, aber er hatte nichts zu erzahlen in den wenigen Contes, die ihm beiwohnten, war alles namenlos, und dem Zirkel um ihn waren gerade die Namen das erste seine Laune konnt' er auch nicht gebrauchen, weil so eine wie die seinige den Inhaber selber in ein sanftes komisches Licht stellet, und weil sie also nur unter guten Freunden, deren Achtung man nicht verlieren kann, aber nicht unter bosen Freunden, deren Achtung man ertrotzen muss, in ihren Sokkus und Narrenkragen fahren darf er genoss nicht einmal das Gluck, innerlich alle auszulachen, weil er keine Zeit dazu hatte, und weil er die Leute nicht eher lacherlich fand als hinter ihrem Rucken.

Verdammt ubel war er dran "Ich komm' euch sobald nicht wieder", dachte er und als der Mond durch die zwei langen Glasturen des Balkons, der auf den Garten hinaussah, mit seinem traumerischen Lichte einging, das draussen auf stillere Wohnungen, schonere Aussichten und ruhigere Herzen fiel: so schlich er (da seine Spiel-Maskopeigesellschaft durch den Fursten nach dem Essen zertrennt war) auf den Balkon hinaus, und die auf der Erde und am Himmel blinkende Nacht erhob seine Brust durch grossere Szenen. Mit welcher Liebe dachte er da an seinen Vater, dessen philosophische Kalte dem Jennerschnee gleich war, der die Saat gegen Frost bedeckt, indes die hofische dem Marzschnee ahnlicht, der die Keime zerfrisset! Wie sehr warf er sich jeden unzufriedenen Gedanken gegen seines rechtschaffenen Flamins kleinen Mangel an Feinheit vor! O wie richtete sich sein innerer Mensch wie ein gefallener und begnadigter Engel auf, da er sich Emanuel an der Hand Klotildens dachte, der ihn selig fragte: "Wo fandest du heute ein Ebenbild von meiner Freundin?" Jetzo sehnte er sich unaussprechlich in sein St. Lune zuruck....

Seine steigenden Herzschlage hielt auf einmal Joachime an, die mit einem ins Zimmer gerichteten Gelachter herauskam. Da es ihr schwer fiel, nur eine Stunde zu sitzen (mich wundert, wie sie eine ganze Nacht im Bette blieb), so machte sie sich, sooft sie konnte, vom Stangengebiss des Spieles los. Die Furstin band sie dasmal ab, die wegen ihrer kranken Augen diese Nachtarbeit der Grossen aussetzte. Joachime war keine Klotilde, aber sie hatte doch zwei Augen wie zwei Rosensteine geschliffen zwei Lippen wie gemalt zwei Hande wie gegossen und uberhaupt alle Glieder-Doubletten recht hubsch.... Und damit halt ein Hofarzt schon Haus; wenn auch die einfachen Exemplare (Herz, Kopf, Nase, Stirn) keiner Klotilde zugehoren. Da er nun unter dem grossen Himmel seinen Mut und auf dem Balkon, der fur ihn allemal ein Sprachzimmer war, seine Zunge wiederbekam da Joachimens Ton ihn wieder in seinen zuruckstimmte da sie das Schweigen der Briten antastete und er die Ausnahmen verteidigte da er jetzt am Faden der Rede sich wie eine Spinne hinauf- und hinablassen konnte und nicht mehr zu storen war durch die Furstin, die nachgekommen war, um die entzundeten Augen in der Nacht abzukuhlen und da man nur dann klagt, Langweile zu empfinden, wenn man bloss selber eine macht und da ich alles dieses hersetze, so tu' ich (glaub' ich) einem Rezensenten genug, der hinter dem Kutschkasten des Fursten steht und nachsinnt und wissen will, woran er sich (ausser den Lakaienriemen) zu halten habe, wenn unter ihm Viktor im Wagen wahrend des Heimfahrens des Ministers Haus nicht zum Teufel wunscht, sondern zufriedner denkt: meinetwegen!

Dem Fursten schlug der Umgang Viktors so gut zu, dass er sich vorstellte, er konne ihn so wenig wie ein Stiftfraulein das Ordenzeichen ausser Hause vom Leibe tun. Er sturzte allezeit den Ordenkelch und Willkommen des warmen Sprudels einer neuen Freundschaft so unmassig hinein wie ein Gast in Karlsbad den seinen. Wenn er Langweile hatte, wurde der Medikus ersucht, zu kommen, damit sie wiche; wenn er innern Jubel spurte, wurde jener wieder angefleht, zu erscheinen, damit er den Jubel mitgenosse. Nur die Zeit, wo Jenner weder Langeweile noch das Gegenteil empfand, blieb seinem Freunde ganz zu freier Verwendung. Viktor hatte vorher geschworen, leicht abzuschlagen, und auf die Leute losgezogen, die bewilligten; jetzt sagt' er aber: "Der Teufel sage Nein! Es komm' nur ein Mensch erst in die Lage!"- Und so musste der arme Viktor lauter leere Kreise voll Schwindel im Hof-Zirkel des Thrones beschreiben, unter Menschen, fur deren Ton er leichter ein Ohr als eine Zunge hatte, und die er erraten und doch nicht gewinnen konnte.

Ein Jungling, in dessen Brust die Nachtstucke von Maienthal und St. Lune hangen oder einer, der aus einem Baddorfchen anlangt oder einer, der vorhat sich zu verlieben oder einer, der in grossen Stadten oder in ihren grossen Zirkeln ein mussiger Zuschauer sein muss, jeder von diesen ist schon fur sich auch ein missvergnugter darin und stosset in seine kritische Pfeife so lange gegen die spielende Gesellschaft, bis sie ihn selber anwirbt. Kommen aber alle diese Ursachen gar in einem einzigen Menschen zusammen: so weiss er gegen seine Gallenblase keinen Rat und keinen Gallengang, als dass er feines Papier nimmt und an die Eymannischen in St. Lune einen verdammt spottischen Brief uber das Gesehene ablasst.

Mein Held liess folgenden an den Pfarrer ab:

"Mein lieber Herr Adoptiv-Vater!

Ich hatte bisher nicht so viel Zeit ubrig, um die Augen aufzuheben und zu sehen, was wir fur einen Mond haben. Wahrhaftig, einem Hofe fehlts zur Tugend schon an Zeit. Der Furst fuhrt mich uberall wie ein Riechflaschchen bei sich und zeigt seinen narrischen Doktor vor. Mich werden sie bald nicht ausstehen konnen, nicht weil ich etwan etwas tauge ich bin vielmehr fest versichert, sie ertrugen den tugendhaftesten Mann von der Welt ebensogut wie den schlimmsten, und das bloss, weil er ein Anglizismus, ein homme de Fantaisie, ein Naturspiel ware , sondern weil ich nicht genug rede. Geschaftleute bekummern sich um keinen Gesprach- und keinen Briefstil; aber bei Hofleuten ist die Zunge die Pulsader ihres welken Lebens, die Spiral- und Schwungfeder ihrer Seelen; alle sind geborne Kunstrichter, die auf nichts als Wendung, Ausdruck, Feuer und Sprache sehen. Das macht, sie haben nichts zu tun; ihre gute Werke sind Bonmots, ihre Messgeschafte Besuchkarten, ihre Hauswirtschaft eine Spiel- und ihre Feldwirtschaft eine Jagdpartie, und der kleine Dienst eine Physiognomie. Daher mussen sie fremde Fehler den ganzen Tag in Ohren haben gegen die schlaffe Weile, wie die Arzte die Kratze einimpfen gegen Dummheit: ein Hofstaat ist das ordentliche Pennypostamt der kleinsten Neuigkeiten, sogar von euch Burgerlichen, wenn ihr gerade etwas recht Lacherliches getan habt. Zu wunschen ware, wir hatten Festins, oder Spielpartien, oder Komodien, oder Assembleen, oder Soupers, oder etwas Gutes zu essen, oder irgendeine Lustbarkeit; aber daran ist nicht zu denken wir haben zwar alle diese Dinge, aber nur die Namen davon; der Kammerprasident wurde die Achsel zucken, wenn wir nur des Jahrs viermal so glanzend frohlich sein wollten, als Sie es des Monats viermal sind. Da unsere Woche aus sieben Sonntagen besteht: so sind unsere Lustbarkeiten nur Kalenderzeichen, Zeit Abschnitte, auf die niemand achtet, und ein Festin ist nichts als ein Spielraum der Plane, die jeder hat, das Brettergerust seiner Hauptrolle und die Jahrzeit der fortgesetzten Intrige gegen Opfer der Liebe oder des Ehrgeizes. Hier ist jede Minute eine stechende Moskite, und der Distelsame des schongefarbten Kummers fliegt weit herum.

Viele Weiber sind da gut und Anhanger des Linnaus, und ihre Augen ordnen die Manner botanisch nach seinem schonen einfachen Sexualsystem; sie machen unter tugendhafter und lasterhafter Liebe einen grossen Unterschied, namlich den des Grades oder auch der Zeit; und die Beste spricht oft daruber wie die Schlimmste, und die Schlimmste wie die Beste. Indessen gibts hier weibliche Tugend und mannliche Treue in ihrer Art aber einem Pfarrer ist davon kein Begriff beizubringen; denn diese zwei Geleen oder Gallerte sind so zart und weich, dass ich sie, wenn ich sie auch von allen Stufen des Throns hinuntertragen wollte in die Kaplanei, doch so verdorben und anbruchig hinabbrachte, dass man ihnen drunten die zwei entgegengesetzten Namen geben wurde, fur die wir doch schon unsre besondern Gegenstande oben haben. Die Burgerlichen wurden unsere bejahrten Manner in der Liebe lacherlich finden, und diese euere Tochter. Was mir aber dieses gluckliche Hofleben oft versalzet, ist der allgemeine Mangel an Verstellung. Denn hier glaubt keiner, was er hort, und denkt keiner, wie er aussieht; alle mussen nach den ordentlichen Spielgesetzen, gleich den Karten, einerlei obere Seite haben und aussere Gesichtstille auf inneres Gluhen decken, wie der Blitz nur den Degen, aber nicht die Scheide zerstort. Folglich kann, da eine allgemeine Verstellung keine ist und da jeder dem andern Gift zutraut, keiner belugen, sondern jeder nur uberlisten; nur der Verstand, nicht das Herz wird beruckt. Inzwischen ist, die Wahrheit zu sagen, das keine Wahrheit; denn jeder hat zwei Masken, die allgemeine und die personliche. Ubrigens werden die Farben, die auf den wissenschaftlichen, feinen und menschenliebenden Anstrich des Aussern verbraucht werden, notwendig vom Innern abgekratzet, aber zum Vorteil, da am Innern nicht viel ist, und das Studium des Scheins verringert das Sein; so sah ich oft im Walde Hasen liegen, an denen kein Lot Fleisch war und kein Tropfen Fett, weil alles von dem ungeheuern Haarpelz weggesogen war, der nach dem Tode fortgewachsen.

Wenn man den Inhalt des Throns und des platten Pobel-Landes vergleicht, so scheinet die physikalische und moralische Erhabenheit der Menschen im umgekehrten Verhaltnis mit der ihres Bodens zu stehen, so wie die Einwohner der Marschlander grosser sind als der Berglander. Aber gleichwohl tragen jene erhabnen Leute den Staat leicht auf Schmetterlingflugeln, uberschauen sein Raderwerk mit dem hundertaugigen Papillon-Auge und beschirmen mit einem Spazierstockchen das Volk vor Lowen, oder jagen damit die Lowen in dem Volk, wie in Afrika Hirtenkinder mit einer Peitsche naturhistorische Lowen vom Weidevieh abschrecken... Lieber Herr Hofkaplan! diese Satire schmerzte mich schon auf der vorigen Seite; aber man wird hier boshaft, so wie eitel, ohne zu wissen wann, jenes, weil man zu sehr auf andere, dieses, weil man zu sehr auf sich merken muss. Nein! Ihr Garten, Ihre Stube ist schoner; da gibt es keine steinerne Brust, an der man die Arme und Adern der Freundschaft kreuzigt wie ein Spaliergewachs; da muss man sich nicht taglich wie ich zweimal rasieren lassen und dreimal frisieren; da darf man doch seinen gewichsten Stiefel anziehen. Schreiben Sie Ihrem Adoptivsohne bald denn ich schlage mir das Fest Ihres Besuchs noch ab. Sind viel Kindtaufen und Leichen? Was macht der Fuchs und der taube Balgtreter? Eben wird jetzo der Morser statt Ihrer RattenTrommel unter mir geruhrt. Leben Sie wohl.

Und Sie gruss' ich jetzt erst, geliebte Mutter! Meine Hand ist warm, und in meinem Herzen klopfen ein paar Seelen, weil jetzt Ihr Angesicht voll mutterlicher Warme alle meine satirischen Eisspitzen bescheint und in warmes Blut zerschmelzt, das fur Sie schlagen und fur Sie fliessen will. Wie tut es so wohl, wieder zu lieben! Ihr zweiter Sohn (Flamin) ist gesund, aber zu fleissig, und gegenwartig in St. Lune. Grussen Sie meine Schwestern und alles, was Sie liebt.

Sebastian."

*

Er hob den Brief auf, um den Regierrat, der seine Person mit haben wollte, doch mit einer Fracht abzufertigen. Indessen wurden seine und Jenners gemeinschaftliche Besuche mit ihren Theaterknoten zu ganz andern Nervenknoten der Freundschaft zwischen Jenner und ihm und zugleich machten sie den Ruf dieser Freundschaft grosser. In St. Lune, in Le Bauts Hause, wurde dreimal mehr daraus gemacht, als daran war im Pfarrhause neunmal.

Dazu kam eine Kleinigkeit, namlich eine Schlagerei eigentlich zwei. Ich habe den Vorfall vom Spitz, Viktor ihn von Flamin, dieser von Matthieu, in dessen edlem historischen Stil er hier der Nachwelt ubergeben werden kann. Der Evangelist schamte sich keines Burgerlichen, sobald er ihn zum Narren haben konnte. Daher besuchte er den Hofapotheker ohne Bedenken. Diesem, der den Kasernenmedikus Kuhlpepper wegen seiner stolzen Grobheit und wegen der untern Note46 innig hasste, hatte Matthieu langst versprochen, den Doktor zu sturzen. Da der letzte und das Podagra durch Viktor wirklich von Jenners Fussen vertrieben waren: so liess der Evangelist dem Apotheker merken, er selber wurde ohne dessen Wink und Wunsche weit weniger zum Falle Kuhlpeppers beigetragen haben, als er getan. Zeusel zumal da er den Nachfahrer des Kasernenmedikus im Hause hatte kam nach einigen Tagen mit der gewissen Uberzeugung aufs Billard, dass er aus seiner Apotheke heraus Kuhlpeppern das unsichtbare Bein untergestellet und ihn von den Thronstufen herabgeworfen. Dort war zum Ungluck der Kasernenmedikus selber und der edle Matz. Zeusel kam auf diesem Theater mit den Festons von drei Uhrketten an mit einem Paar Hosen, auf deren Knien einige Arabesken gedruckt waren mit einer doppelten Weste, doppelten Halsbinde und im Gesicht mit doppelten Ausrufzeichen uber den Kasernenmedikus seine Geldborse sass gerade unter dem heiligen Bein, weil er, wie einige Englander, die Hosentasche in die Gegend der Hosenschnalle hatte verstecken lassen. Er hatte als Kammermohren seinen hagern langen Provisor mit, der im Neben-Trinkzimmer auf den sehr kurzen Provisor der zweiten oder Kanaillen-Apotheke stiess. Der kurze Provisor folgte aus Hass dem langen uberall, bloss um ihn zu argern; aber diesesmal war er bloss vom Lande zuruck mit einigen von Wiedergenesenden einkassierten Huhnereiern. Matthieu nahm sich nach einem exegetischen Wink an Zeusel die Freiheit, uber das furstliche Podagra Kuhlpeppers Meinung zu sein. Kuhlpepper, der ein alter Deutscher sein wollte solche alte Deutsche konnen sich nie im Zorn, aber recht gut aus Eigennutz verstellen , feuerte ab und sagte, der englische Doktor sei ein ganzer Ignorant. Zeusel fasste mit einem weiten Lacheln wie mit einem Buchdruckerstock seine hofische Verachtung gegen den groben Mann ein. Der Medikus sah wie der Gleicher, der Apotheker wie Spitzbergen aus. Jetzo wurde bloss uber das Podagra geturnt. Der Kampfwarter und Turniervogt Matthieu gab zu verstehen, "Zeusel liebe zwar seinen Fursten und Herrn, aber er wunsche doch, dass diese Liebe die besten Mittel und die heilsamsten Einflusse gehabt." "In den H-" (sagte Kuhlpepper) "kann der da Einfluss haben." Als sich der Apotheker deswegen stolz und verachtlich in die Hohe richtete: druckte ihn der Doktor langsam auf den Stuhl und auf seinen Geldbeutel nieder, und die auf die Achsel eingeschlagne Hand nagelte den kleinen Zierling samt der Borse an den Sessel an.

Diese Befestigung verdross den Schneidervogel am meisten, und er versetzte, in die Hohe wollend: "noch heute wurde er, wenn er zu Rate gezogen wurde, Sr. Durchlaucht die jetzige bessere Wahl anraten." Der Kasernenmedikus mochte vielleicht die Hand zu hurtig von der Achsel abdecken; denn er bestrich damit, wie mit einer Kanone, die Nase seines Gegners, worauf diese ein Blut wie der heilige Januar entliess. Der Evangelist bedauerte es fur seine Person, "dass zwei so verstandige Manner sich nicht miteinander entzweien und schlagen konnten ohne personlichen Hass und ohne Hitze, da sie gleich kriegenden Fursten sich ohne beides anfallen konnten aber das Bluten bestatige Zeusels Wallung zu sehr". Zeusel rief zum Doktor: "Sie Grobian!" Dieser nahm im Grimme wirklich die Matthaische Meinung an, jener blute nur aus Grimm, und verglich ihn mit den Kadavern, die in alten Zeiten zwar bei Annaherung des Morders bluteten, aber bloss aus ganz naturlichen Ursachen. Der Medikus suchte also seinen gleich einem Fursten oben vergoldeten Stecken auf und beurlaubte sich mit der gekronten Stange, indem er sie einige Male gleichsam magnetisch-streichend uber Zeusels Finger fuhrte; aber ich wurde den Stab, wenn ich an der Stelle anderer Leute ware, weder ein Horrohr fur Zeuseln nennen, das der Arzt an ihn, wie man Schwerhorigen ofters tut, anstiess, damit dieser besser horte, noch auch einen Turklopfer, den er der Wahrheit vorstreckte, damit sie leichter in den Apotheker einkonnte: sondern er wollte bloss seine Finger notigen, das Schnupftuch fallen zu lassen, damit er ihm ins Gesicht beim Abschied schauen konnte, den er in die schonende Wendung kleidete: "Sag Ers Seinem Doktor, er und Er da, ihr seid die zwei grossten Stocknarren in der Stadt."

Vor den letzten Worten verhielten sich beide Provisores ruhig genug, nicht mit der Zunge denn der lange Provisor sang als zweites Chor mit demselben Kriegsliede den kurzen an und war echter Anti-Podagrist , sondern sonst. Wer uberlegt, dass der lange meinen Helden wegen seiner Hoflichkeit liebte und den kurzen nicht leiden konnte, weil Kuhlpepper alles bei diesem verschrieb, der wurde von dem Paare nichts Geringers erwarten als den Widerschein des Billardzimmers; aber der lange Provisor war gesetzt und breitete erhebliche Wahrheiten nie wie Portugal mit Blute aus, sondern er nahm sobald der Kasernenmedikus den Hofmedikus einen Stocknarren genannt hatte still den Hut des kurzen Provisors, der in solchen des Zerknickens wegen seine Eier-Gefalle niedergelegt hatte, und setzte besagte Eier dem Professionverwandten ohne Ingrimm auf; und mit geringem Druck passte er den Doktorhut, der eine halbe Elle zu hoch sass, seinem Freunde um so mehr, da auch Kastor und Pollux Eierschalen aufhatten promovierend recht an und ging fort, ohne eben viel Dank fur das aufgesetzte Filz-Gefullsel und den fliessenden Gesicht-Umschlag haben zu wollen.

Schlagereien breiten kleine, wie Kriege grosse Wahrheiten aus. Der Hofkaplan Eymann sandte ein langes Gluckwunschschreiben an Viktor und hiess ihn "Jenners Nierenlenker" und bat um seinen Besuch. Ein "Ranzenadvokat" klopfte bei ihm wie bei einer hohern Instanz an und bat ihn um eine furstliche Einschreitung gegen das Regierkollegium. Der Apotheker halt mit seinem Gesuch um ein Lavement noch zuruck.

Viktor sparte sich noch den ersten Besuch in St. Lune auf wie eine reifende Frucht und argerte dadurch den Regierrat, der ihn hinbereden wollte. Aber er sagte: "Die Hinterbliebenen eines Orts sehnen sich nach dem, der daraus fort ist, so lange unbeschreiblich, bis er den ersten Besuch gemacht, so wie er auch. Nach dem ersten passen beide Parteien ganz gesetzt und kalt den zweiten ab."- Was er nicht sagte und dachte, aber fuhlte und furchtete, war: dass seine Halbgottin Klotilde, die das Allerheiligste in seiner Brust bewohnte, und die seiner Seele durch ihre Unsichtbarkeit teurer, notiger und eben darum gewisser geworden war, ihm vielleicht bei ihrer Erscheinung alle Hoffnungen auf einmal aus seinem Herzen ziehe.

Es war am Abend des empfangenen Eymannischen Briefes, wo er so phantasierte: "Wenn doch Jenner nur so gesund bliebe! Er muss Bewegung haben, aber eine ungewohnte der Reiter muss gehen, der Fussganger fahren. Wir sollten miteinander zu Fuss durchs Land ziehen, verkleidet. Ach ich konnte vielleicht manchem armen Teufel nutzen wir schlichen heimwarts durch St. Lune Nein, nein, nein"...

Er erschrak selber vor einem gewissen Einfall denn er besorgte, er wurde ihn, da er ihn einmal gehabt, auch ausfuhren, daher sagte er dreimal Nein dazu. Der Einfall war der, den Fursten zu Klotildens Eltern hinzubereden. Es half aber nichts: es fiel ihm bei, dass sein Vater ein zu strenges Rugegericht uber den Kammerherrn und den Minister gehalten "Was will mir Le Baut schaden! Wenn ich dem armen Narren nur drei Sonnenblicke von Jenner zuwendete! Das Gescheiteste ist, ich denke heute nicht mehr daruber nach." Der Hund wird uns Antwort bringen; ich meines Ortes wette ein feiner Menschenkenner auf meiner Insel wettet hingegen, der Held macht diesen Spass , dass er ihn nicht macht.

18. Hundposttag

Standeserhohung Klotildens

Inkognito-Reise Bittschrift der

Oberjagermeisterei Konsistorialbote Vexierbild

der Flachsenfinger

Freilich macht' er ihn, den Spass; aber ich verlier' im Grunde nicht. Denn es war so: vom Tage an, wo Doktor Kuhlpepper vor der vollblutigen Nase Zeusels mit seiner groben Hand wie mit einem elektrischen Auslader vorbeigegangen war, drangte sich der Mann mit drei Uhren an meinen Helden, der nur eine und noch dazu des Zeidlers plumpe trug. Zeusel dankte uberhaupt Gott, wenn sich nur ein Hoffurier bei ihm betrank und der Hofdentist uberfrass. Er kam immer mit gewissen geheimen Nach richten, die zu publizieren waren. Er behielt nichts bei sich, und hatte man ihn unter seine Apotheke zu hangen gedrohet. Er sagte unserm Helden, dass der Minister um die Stelle der zweiten Hofdame fur seine Joachime bei der Furstin werbe, die sich bloss die weibliche Dienerschaft selber wahlen durfte dass jener aber es nicht geradezu tun durfe, weil er oder sein Sohn Matthieu dem Kammerherrn Le Baut versprochen, die namliche Stelle Klotilden zu verschaffen er bat also meinen Helden, der, wie er sehe, Matthieus Freund sei, ihm die Verlegenheit zu ersparen und den Fursten zu bewegen (welches nur ein Wort koste), dass dieser selber bei der Furstin die Bitte um Joachime einlege die Furstin, die ohnehin den Minister protegiere, wurd' es aus mehr als einem Grunde mit Freuden tun, und der Minister konnte dann nichts dafur, wenn der Kammerherr, der Feind des Lords, leer ausginge.

Der Tropf, sieht man, hatte bloss aus den zwei eingefangnen Nachrichten der zwei Amt-Werberinnen den ganzen ubrigen Rechtgang erraten, und selber der Umstand, den ihm Matthieu entdeckte, dass der Minister einen Viertels-Flugel seines Palastes fur eine Freundin seiner verstorbnen Tochter Giulia raume, hatte ihn nur mehr befestigt. So sehr ersetzt Bosheit nicht nur Jahre, sondern auch Nachrichten und Scharfsinn.

Mein Held konnte ihm nichts sagen als: er glaube nichts davon. Aber in drei einsamen Minuten glaubte er alles denn deswegen, sah er, musste die liebe Klotilde gerade bei der Erscheinung der Furstin aus dem Stifte zuruck deswegen wurde der Minister-Sohn von Le Baut mit soviel Rauch- und Dankopfer-Altaren umbauet-deswegen brachte die Alte (im sechzehnten Hundposttage) dem Hofleben solche Standchen und so laute uberhaupt sind, sah er noch, zwei solche geachtete gefangne Hofjuden in Babylon des Teufels lebendig, bis sie in der alten heiligen Stadt wieder sitzen, und wenn sie gerade eine schone Tochter haben, so wird diese zur Vorspann der Fahrt gebraucht und zur Montgolliere des Steigens...

"O komm nur, Klotilde" rief er gluhend "Der Hof-Pfuhl wird mir dann ein italienischer Keller, ein Blumenparterre. Bist nur du beim Minister, so hab' ich Geist genug und spruhe ordentlich. Was wird mein Vater sagen, wenn er uns mit zwei Laufzaumen stehen sieht, an einem hast du die Furstin, am andern ich den Mann...." Jetzo fielen ihm Klotildens neuliche Einwendungen gegen das Hofleben wie Eiszapfen in sein kochendes Blut; aber er dachte, "Weibern gefallen doch die Hof-Lager des Glanzes ein wenig mehr, als sie selber vermuten und sagen, und weit mehr als den Mannern. Halte denn ers mit ahnlichem SeelenBau nicht auch aus? Sie, als Stieftochter des Fursten, und als eine schone dazu, habe nur halbes Elend, gegen ihn gehalten und wisse sie denn, ob sie nicht einmal aus ihrem Feld-Etat in die Hofgarnison zuruckgesetzt werde durch einen Zufall?" Unter dem Zufalle verstand er eine Heirat mit Sebastian. Endlich beruhigte er sich mit dem, was ich auch glaube, dass sie damals bloss aus Hoflichkeit einige Kalte gegen ihre neue Entfernung von ihren Eltern vorgespiegelt und also auch gegen den neuen Ort; auch hatte man Freude daruber fur Warme gegen irgend jemand am Hofe nehmen konnen, z.B. gegen ihren Bruder, dacht' er.

Jetzo kam der gestrige Gedanke, uber den ich die Wette verloren, wieder hervor, in einer Nacht erstaunlich in die Hohe geschossen; der namlich: wenn er den Fursten zur Reise und zum Besuche beim Kammerherrn uberredete und ihn noch unterwegs um ein Vorwort fur Klotilde bei der Furstin ansprach: so wars erstlich dem Stiefvater unmoglich, die Bitte fur die schonste Stieftochter abzuweisen, und zweitens der Furstin unmoglich, bei ihrem Gemahl, der das Recht der ersten Bitte ausubte, nicht allen moglichen Vorteil aus der ersten Gelegenheit zu ziehen, sich ihn verbindlich zu machen.

Acht Tage darauf, da es schon dammerte in den Herbsttagen wirds eher Nacht , stand der Hofkaplan Eymann auf der Warte und guckte nach der Sonne, nicht ihrer selber wegen, sondern um des Abendrots und Wetters willen, weil er morgen saen wollte: als er erschrocken von der Warte hinubersprang in sein Haus und die Hiobspost auspackte, der Konsistorialbote werde gleich da sein samt einem franzosischen Emigranten, und fur den einen sei noch kein Heller vorratig und fur den andern kein Bette...

Es kam kein Mensch.

Ich begreif' es leicht; denn der Konsistorialbote lauerte am Pfarrhause und marschierte' sobald er oben den Hofmedikus Viktor aus Wachs am Fenster sitzen sah, spornstreichs zum Dorfe hinaus, gerade nach Flachsenfingen zu. Der Emigrant war zu seinem Professionverwandten Le Baut hineingegangen.

Beide Reisende nannten sich auch noch Jenner und Viktor, und kamen heute von ihrer scherzreichen Rennbahn zuruck.

Vor sieben Tagen war namlich der Furst, der Maskentanze und Inkognito-Reisen und gemeine Sitten liebte, und der nur des Ministers geistige Masken und Inkognito verwunschte, mit Viktor zu Fuss hinter einem Kerl abgereiset, der zu Pferde mit der Redoutenkleidung und mit Redoutenerfrischungen vorausgebrochen war. Jenner trug einen Degen in der Hand, der in keiner Scheide steckte, sondern in einem Spazierstockchen; ein Sinnbild der Hof-Waffen! Er gab sich in den Marktflecken fur den neuen Regierrat Flamin aus. Mein Held, der sich anfangs zu einem reisenden Augenarzt gepragt hatte, munzte sich im dritten Dorfe zu einem Konsistorialboten um bloss weil beiden der wahre Bote begegnete. Dieser Kammereinnehmer des Konsistoriums musste dem Arzte es kostete dem Fursten nur eine furstliche Resolution und eine Gnade sein Sportelbuch und seinen kirchlichen Amtrock samt dem aufgenahten Blech auf diese Woche uberlassen. Die Bleche sind an Boten und die Silbersterne an vornehme Rocke wie die Bleistucke an Tuchballen befestigt, damit man wisse, was am Bettel ist.

Fur Busching ware eine solche Rekahns-Fahrt ein Fund fur mich ist sie eine wahre Pein, weil mein Manuskript ohnehin schon so gross ist, dass meine Schwester sich darauf setzet, wenn sie Klavier spielet, da der Sessel ohne die Unterlage der Hundposttage nicht hoch genug ist.

Was sah Jenner? was Viktor?

Der Regierrat Jenner sah unter den Beamten lauter krumme Rucken krumme Wege krumme Finger krumme Seelen. "Aber krumm ist ein Bogen, und der Bogen ist ein Sektor vom Zirkel, diesem Sinnbild aller Vollendung", sagte der Konsistorialbote Viktor. Allein Jenner argerte sich am meisten daruber, dass ihn die Beamten so sehr verehrten, da er sich doch nur fur einen Regier-Rat ausgab und fur keinen Regenten. Viktor versetzte: "Der Mensch kennt nur zwei Nachsten, der Nachste zu seinem Kopf ist sein Herr, der zu seinem Fusse sein Sklave was uber beide hinausliegt, ist ihm Gott oder Vieh."

Was sah Jenner noch mehr?

Steuerfreie Spitzbuben sah er, die sich an steuerfahigen Armen bereicherten redliche Advokaten hort' er, die nicht, wie seine Hofleute oder die englischen Rauber, mit einer tugendhaften Maske stahlen, sondern ohne die Maske, und denen eine gewisse Entfernung von Aufklarung und Philosophie und Geschmack nach dem Tode gar nicht schadlich sein wird, weil sie dann in ihrer eignen Verteidigung Gott die Einrede ihrer Unwissenheit entgegensetzen und ihm vorhalten konnen: "dass andere Gesetze als landesherrliche und romische sie nicht verbinden konnen, und Gott sei weder Justinian, noch Kant Tribonian." Er sah am Kopfe seiner Landrichter Brotkorbe, und am Kopfe ihrer Untertanen Maulkorbe hangen; er sah, dass, wenn (nach Howard) zwei Menschen notig sind, um einen Gefangnen zu ernahren, hier zwanzig Eingekerkerte da sein mussen, damit ein Stadtvogt lebe.

Er sah verdammtes Zeug. Dafur sah er aber auch auf der andern Seite in angenehmen Nachten das Vieh in schonen Gruppen in den Feldern weiden, ich meine das republikanische, namlich Hirsche und Sauen. Der Konsistorialbote Viktor sagte ihm, er habe diesen romantischen Anblick den Jagermeistern zu danken, deren weiches Herz den furstlichen Befehl des Wildschiessens ebensowenig hatte vollziehen konnen, wie die agyptischen Wehmutter den, die Judenknaben totzumachen. Ja der Sportelbote liess sich in einer Kneipschenke gelbe Dinte und schwarzes Papier hingeben und setzte da, wahrend der Schieferdecker auf dem Dache trommelte, um Schiefer zugelangt zu bekommen, und die Gaste an die Kruge schlugen, um eingeschenkt zu kriegen, und der Wirtsbube auf einem Bierheber zum Fenster hineintrompetete, unter diesem babylonischen Larm setzte der Sportulnbote eine der besten Bittschriften auf, welche die edle Jagerschaft noch je an den Fursten abgelassen.

Schlechte Relation aus der Bittschrift der

Oberjagermeisterei

"Da das Wild nicht lesen und schreiben konnte: so sei es die Pflicht der Jagermeisterei, die es konnte, fur dasselbe zu schreiben und nach Gewissen einzuberichten, dass alles flachsenfingische Wild unter dem Drucke des Bauers schmachte, sowohl Rot- als Schwarzwildpret. Einem Oberforster blute das Herz, wenn er nachts draussen stehe und sehe, wie das Landvolk aus unglaublicher Missgunst gegen das Hirschvieh die ganze Nacht in der grossten Kalte neben den Feldern Larm und Feuer machte, pfiffe, sange, schosse, damit das arme Wild nichts frasse. Solchen harten Herzen sei es nicht gegeben, zu bedenken, dass, wenn man um ihre Kartoffeltische (wie sie um ihre Kartoffelfelder) eben solche Schutzen und Pfeifer lagerte, die ihnen jede Kartoffel vom Munde wegschossen, dass sie dann mager werden mussten. Daher sei eben das Wild so hager, weil es sich erst langsam daran gewohne, wie Regimentpferde den Hafer von einer geruhrten Trommel zu fressen. Die Hirsche mussten oft meilenweit gehen wie einer, der in Paris sein Fruhstuck aus Aubergen zusammenhole , um in ein Krautfeld, das keine solche Kustenbewahrer und Widerparte des Wilds umstellen, endlich einzulaufen und sich da recht satt zu fressen. Die Hundjungen sagten daher mit Recht, sie zertraten in einer Parforcejagd mehr Getreide, als das Wild die ganze Woche abzufressen bekomme. Dieses und nichts anders seien die Grunde, welche die Oberjagermeisterei bewogen hatten, bei Sr. Durchlaucht mit der untertanigen Bitte einzukommen,

Dass Ew. den Landleuten auflegen mochten,

nachts in ihren warmen Betten zu bleiben, wie

tausend gute Christen tun und das Wild selber

am Tage.

Dadurch wurde getrauete sich die Obristjagermeisterei zu versprechen den Landleuten und Hirschen zugleich unter die Arme gegriffen letzte konnten alsdann ruhig, wie Tagvieh, die Felder abweiden und wurden doch dem Landmann die Nachlese, indem sie mit der Vorlese zufrieden waren, lassen. Das Landvolk ware von den Krankheiten, die aus den Nachtwachen kamen, von Erkaltungen und Ermudungen glucklicherweise befreiet. Der grosste Vorteil aber ware der, dass, da bisher Bauern uber die Jagdfronen murrten (und nicht ganz mit Unrecht), weil sie daruber die Zeit der Ernte versaumten, dass alsdann die Hirsche an ihrer Statt die Ernte in der Nacht ubernahmen, wie sich in der Schweiz die Junglinge fur die Madchen, die sie liebten, nachts dem GetreideSchneiden unterzogen, damit diese, wenn sie am Morgen zur Arbeit kommen, keine finden und so wurden die Jagdfronen in den Ernten niemand mehr storen als hochstens das Wild etc." Was ist aber vom Konsistorialsportulboten Viktor zu erzahlen? Dieser kirchliche Hebbediente setzte alle Pfarrherren durch seinen Spass und alle Pfarrfrauen durch seine Gewandtheit in Erstaunen, und bloss sein Blech und seine Papiere konnten die Echtheit eines solchen Botenexemplars hinlanglich verburgen. Er kassierte alles ein, was der Konsistorialsekretar liquidiert hatte, und entschuldigte sich damit, dass es weder ihm noch dem Sekretar in diesem Falle zukame, gewissenhaft zu sein. In seiner kurzen Amtfuhrung sackte er ohne Scham ein alle ruckstandige Ehepfander vom geringsten Wert wir im Kollegio, sagte er, sind auf einen halben Batzen erpicht Gelder, wenn die Ehen geschieden waren Gelder, wenn diese von den Raten geschlossen waren, es sei durch Indulgenzen fur Trauerzeit, fur Blutverwandtschaft oder fur elterliche Einwilligung Gelder, wenn die Gelder erst einmal (oder zweimal) bezahlt waren, aber noch nicht zum zweiten (oder dritten) Male, wiewohl das Konsistorium diesen Geld-Nachklang stets nur in dem Falle verlangte, wenn die Leute die Quittung verloren hatten Gelder, welche die Pfarrherren bloss fur Dekrete zu erlegen hatten, worin sie losgesprochen wurden.

Darauf schuttete er den Sack vor dem Fursten aus und plattete die Goldwoge auseinander und fing an:

"Ihro Durchlaucht!

Das Konsistorium ist des Teufels: es konnte uber alle Gebote eine lutherische Poenitentiaria sein und ist es nur uber das sechste. Was eine ehrliche KonsistorialRegie ich namlich hat zusammenscharren konnen, liegt da auf dem Tisch. Der Haufe konnte noch einmal so breit sein, wenn das Konsistorium Verstand hatte und sagte: 'Wer kauft? neue frische Ablassbriefe fur alles!' Es hat gezeigt, dass es uber einige Verwandtschaftgrade Dispensationbullen so gut wie der Papst verfertigen konne; warum will es sich denn an keine naheren Grade machen? Es wurde von grossen so gut als von kleinen dispensieren konnen, wenn es daruber her wollte, und ebensogut von Busstag-Fasten als von Trauerzeit und dreimaligem Kanzelausrufe, dieser erotischen Fastenzeit. Beim Himmel, wenn ein einziger Mensch, wie der Papst, die geistliche Waschmaschine ganzer Weltteile zu sein vermag und die Seelen am Jubeljahre bundelweise saubern kann: so werden doch wir alle im Kollegium zur Waschmaschine eines einzigen Landes zu gebrauchen sein? Geschieht das nicht: so nehmen wir denn wir wollen leben Sundengeld und Sportuln fur das wenige, worin wir gutig nachzusehen haben; und wenn in Sparta die Richter die Gottin der Furcht anbeteten, so verehren bei uns die Parteien dieses schone ens. Hatten wir nur wenigstens von funf oder sechs grossen Sunden loszusprechen, nur z.B. von einem Mord: so konnten wir Ehescheidung und Ehe-Beschleunigung diese ganz entgegengesetzten Operationen gelingen uns, so wie das Karlsbader Wasser zugleich den Stein in der Blase zerteilt und Eingetauchtes im Brunnen versteinert fur halbes Geld erlassen.".... Nach einer langen Pause: "Ihro Durchlaucht, es ist doch nicht zu machen, weil der Henker die weltlichen Rate mitten unter den geistlichen hat: ein halb profaner Sessiontisch ist zu keinem heiligen Stuhle umzudrechseln; es ist also nichts zu wunschen ausser der gesegneten Mahlzeit als Vertraglichkeit, damit geist- und weltliche Rate die Parteien, um welche sie sitzen, ordentlich aufspeisen konnen, ein paar Knochen ausgenommen, die uns Schreibern und Boten zufallen; so sah ich oft auf einem toten Pferde zugleich Stare und Raben in bunter Reibe eintrachtig wohnen und hakken und zehren."

Mein Korrespondent versichert mich, durch diese Reden richtete der Hofmedikus mehr bei Jenner aus als der Hofprediger durch seine. Viele Parteien bekamen ihr Geld, und einige Richter ein allerungnadigstes Handschreiben.

Eh' ich mit unserem verkleideten Gespann vor St. Lune ankomme: ist noch eines und das andre zu schreiben. An Jenners Seele waren mehre Kniedrucker als an einem Fortepiano angebracht, die das Favoritenknie, indem es sich zu beugen schien, bewegte, wie es wollte. Er war allemal der Sohn der Gegenwart und der Widerschein der Nachbarschaft. Las er im Sully, so versaumte er eine Woche lang das geheime Regierkollegium nicht und liess den Kammerprasidenten kommen. Las er im Friedrich II., so wollt' er das Reichskontingent stellen und selber kommandieren und ging vormittags auf die Parade. Er sah mit Vergnugen das Ideal einer guten Regierung an, es sei im Druck oder in einer Rede, und oft versuchte er die Annaherung dazu, Umbesserungen, Untersuchungen und Belohnungen, ganze Wochen lang Enthaltungen ausgenommen, die doch das einzige Verdienst sind, das der Furst ohne fremde Hulfe erwerben kann. Unter der ganzen Kreuzfahrt war er ein wahrer Antoninus Philosophus und stand in Bereitschaft, uberall zu belohnen und zu bestrafen und zu verfugen; auch fuhlte er, er konnt' es tulich machen, wenn man nur nicht von ihm noch gar arbeiten und entbehren heischte; daruber ging das andre auch zum Teufel.

Anfangs gefiel ihm die empfindsame Reise als sie voruber war, wieder aber in der Mitte schmeckte ihm alles, was nach dem Vorlauf ausgekeltert wurde, immer herber, und er wunschte sich statt der Dorfkuchenzettel sein Viktualienzifferblatt. Auch hatt' er sich so sehr an Tapferkeit gewohnt, dass er beim Mangel derselben d.h. seiner Leibwache sozusagen furchtsam wurde; daher wollt' er einmal im Finstern einen jungen Weber in der Schenke aus dem Bette heraus mit seinen Stockdegen erstechen, weil der Weber nachts das furstliche Bette verwechselt hatte mit einem von friedlicherem Inhalt. Ubrigens sammelten sich jetzt alle Strahlen seiner Zuneigung im einzigen Menschen von Stande, im einzigen Beherzten und Vertrauten, den er hatte, in Viktor, zum Brennpunkte. Mein Held aber hatte uberall zu geniessen wenigstens den Gedanken an St. Lune , uberall zu essen wenigstens auf einem Obstbaum , uberall zu lesen und warens nur Feuersegen an der Ture, alte Kalender an der Wand, Ermahnungen zur Wohltatigkeit uber Almosenbuchsen , uberall zu denken uber das Reise-Paar, uber die vier Jahrzeiten-Akte der Natur, die jahrlich wieder gegeben werden, uber die tausend Akte im Menschen, die niemals wiederkehren und uberall zu lieben und zu traumen, denn eben diese Strasse hatte Klotilde so oft auf ihren Reisen nach Maienthal und St. Lune zuruckgelegt, und der Freund ihres reichen Herzens fand auf diesem klassischen Wege nichts als grosse Erinnerungen, Zauber-Stellen und eine stille lange heimliche Seligkeit....

"St. Lune!" schrie Jenner, erfreuet, dass er nur wieder einen Weltmann, Le Baut, sehen solle. Auf die Emigranten-Maske war er selber verfallen, um den Kammerherrn, bei dem er sich zuletzt fur einen Fursten-Erbfeind ausgeben wollte, besser auszuholen. Ware in Le Bauts Seele ein hoherer Adel als der heraldische gewesen oder hatte Viktor nicht gewusst, dass der Kammerherr den Fursten auf den ersten Blick erkennen wurde und dass ers schon darum vermogen wurde, weil der wahre suspendierte Konsistorialbote schon der Stadt Flachsenfingen wahrscheinlich die ganze Vermummung werde ins Ohr gesagt haben: so hatt' er ihm die noble Masque ausgeredet.

Sebastian blieb gedachtermassen weg und im Freien, wahrscheinlich aus Scham seiner Rolle und offenbar aus Sehnsucht, Klotildens Sonnenangesicht, das fur ihn so lange nicht aufgegangen war, in einer seinem Herzen bequemern Lage anzuschauen. "Und die Eltern werden mich gern wiedersehen," dacht' er dazu, "wenn sie mir etwas zu verdanken haben" Klotildens Hofamt namlich. Er fuhr, hinter dem Bettschirm der Dunkelheit lauschend, ofters zusammen, als er aus dem Pfarrhause seinen Namen und zwar mit solcher Liebe, mit solchen Wunschen seiner Antwort nennen horte, dass er beinahe eine gegeben hatte. Aber die Pfarrleute hatten nur mit seinem Patchen gesprochen und zu solchem gesagt: "Guter liebster Sebastian! Sieh doch her, was hab' ich da?" Wie lag das verhullete Paradies des heurigen Fruhlings in alten Resten um ihn! Wie beneidete er die Schattenkopfe im Schlosse, die er um die Lichter gehen sah, und den alten Pfarrmops, der ihn zu den Pfarrleuten hineinwedeln wollte und drinnen auf dem Schauplatz einer so holden Vergangenheit weiter agierte! Aber als ihn Disteln am Schlosse an die musivische auf dem innern Fussboden desselben erinnerten, so war der Neider zu beneiden, und er ging mit den schonsten Traumen, die je uber sein dunkles Leben gezeichnet wurden, zum Apotheker zuruck.

Am andern Tage kam Jenner nach, erfreuet uber die Eltern, entzuckt uber die Tochter, weil jene so fein waren und diese so schon. Es kostete meinem Helden nichts als ein Wort, um den Stiefvater zur Bitte fur die Anstellung der Stieftochter zu bewegen, die der Held und der Vater so gern ofter sehen wollten und dem Stiefvater kostete es auch nur ein Wort bei der Furstin, um seine und die fremde Bitte gewahrt zu finden... Klotilde wurde Hofdame.

Sogleich darauf drang der Minister von Schleunes im Gluckwunschschreiben den Viertels-Flugel seines Hauses Klotildens Eltern auf und war in der Epistel froh, "dass eine hohere Bitte die seinige mit so vielem Erfolge wiederholet hatte". Ich stelle diesen Edeln allen Weltleuten zum Muster auf; wie wohl sich jetzt alles im moralischen Sinne, wie die Wiener im heraldischen, edel schreibt.

Viktor, der mit seinen Seelenaugen den ganzen Tag dem Kammerherrn ins Fenster guckte, konnte es kaum erwarten, Klotilde erstlich in St. Lune zu sehen, und zweitens am Hofe. Er verschob den Besuch von Tag zu Tag und machte ihn von Nacht zu Nacht im Traume. Nicht einmal die Besuchkarte seinen Brief an den Pfarrer hatt' er fortgeschickt: er wollt' ihn nicht nur selber bringen, sondern auch gar unterschlagen. Aber diesen letzten Gedanken den Brief zu unterdrucken, weil etwan Klotilde diese boshafte Konduitenliste der Hofe in die Hande und daraus Widerwillen gegen das neue Amt bekommen konnte schleuderte er, wie Paulus die Schlange, sogleich aus seiner Seele hinaus: wehe dem Herzen, das nicht aufrichtig ist gegen ein aufrichtiges, nicht gross gegen ein grosses und warm gegen ein warmes, da es schon alles dieses sein musste gegen eines, das nichts von allem diesem ware!

Ubrigens bedurft' er eines solchen Besuchs und eines solchen Gegenbesuchs taglich starker; denn er war nicht glucklich: daran war ausser ihm schuld 1) der Furst, 2) Flamin, 3) neuntausendundsiebenunddreissig Personen. Der Furst konnte nicht viel dafur; er goss das ganze Fullhorn seiner Liebe uber den Doktor aus und nahm diesem alle Freiheit weg, die er anfangs so heilig zu bewahren willens gewesen. Viktor schuttelte den Kopf, sooft er sein Tagebuch oder Schiffjournal der Lebensfahrt (auf Geheiss seines Vaters) weiterschrieb und aus seiner Seekarte ersah, dass er ganz andere Meere und Grade der Lange und Breite passieret war, als er oder sein Vater haben wollte: "Inzwischen land' ich doch richtig", sagt' er.

Aber sein Flamin tat seiner Seele weher, die uberall zuviel Liebe suchte und gab. Er wollte dem Rate mit der Nachricht von Klotildens Hofamt eine Freude machen, die seiner eigenen glich; aber der empfing sie so kalt wie ihren Uberbringer. Der Aktenstaub lag dick auf den Orgelpfeifen seines Gemuts. Angekettet an den Session- und Schreibetisch, war er jetzt, wie angekettete Hunde, wilder als vorher ungefesselt. Die Bemuhungen seiner Kollegen, den Staats-Korper zu einem Anagramma auszurenken, erhielten von ihm den verdienten Beifall nicht. Auch setzte sich in seiner Seele der Sauerteig der freundschaftlichen Eifersucht an, der es nicht recht war, dass sein Viktor ihn seltener und andre ofter sah. Am meisten erboste ihn Viktors Weigern, als er ihn um Begleitung nach St. Lune ersuchte... Kurz: er war arg.

Die 9037 Mann, die fur meinen Helden 9037 Plagegotter waren, sind die Herren Flachsenfinger samt und sonders vermittelst ihres narrischen Charakters, der nicht hier skizzieret zu werden verdient, sondern in einem fluchtigen Extrablattchen.

Fluchtiges Extrablattchen, worin der narrische

Charakter der Flachsenfinger skizziert wird oder

perspektivischer Aufriss der Stadt Klein-Wien.

Klein-Wien heissen viele mein Flachsenfingen, so wie es ein Klein-Leipzig, Klein-Paris u.s.w. gibt. Es konnen aber wohl zwei Stadte nicht weiter voneinander in Sitten abstehen als Flachsenfingen, wo man sein Leben und seine Seele verfrisst und versauft, und Wien, wo man vielleicht den entgegengesetzten Fehler eines spartischen Ausmergelns nicht genug vermeidet. Die Klein-Wiener oder Flachsenfinger offnen dem Genuss der Natur weniger ihr Herz als ihren Magenmund Auen sind die Kuchenstucke ihres Viehes, und Garten die ihrer Besitzer die Milchstrasse fesselt und sattigt ihren Geist (ob sie gleich langer ist) nicht halb so sehr, als die Konigsberger Bratwurst von 1583 es tate, welche funfhundertundsechsundneunzig Ellen lang und viermal schwerer war als der Gelehrte selber, der sie der Nachwelt geschildert, Herr Wagenseil47. Sind das Zuge, auf welche die Fuhrleute den Namen Klein-Wien begrunden? Ich war oft in Gross-Wien und kenne die Grosskreuze, Kleinkreuze und Kommandeurs des Temperanzordens, der dort so gemein ist, personlich: ich kann also allerdings einen gultigen Zeugen abgeben, und mir ist zu glauben, wenn ich da man in Klein-Wien ausserordentlich sauft von Gross-Wien, und ausdrucklich von dessen Klosterleuten, ganz etwas anders verfechte; sie haben nicht nur immerfort den grossten Durst der doch weg sein musste, wenn man ihn loschte , sondern sie bedienen sich auch gegen die Trunkenheit eines schonen Mittels vom Plato. Dieser Alte gibt uns den Rat, in der Betrunkenheit in einen Spiegel zu schauen, um durch die zerrissene Gestalt, die uns darin an unsere Entehrung erinnert, auf immer davon abgemahnet zu sein. Daher stellen oft ganze Domkapitel, der Dechant, der Subsenior, die Domizellaren u.s.w., Gefasse mit Wein oder Bier vor sich hin und heben sie an die Augen und besehen in diesem (metamorphotischen oder) Zerrspiegel, der die entstellten Zuge noch mehr entstellt (weil er wackelt), sich schon lange nach des Philosophen Rat. Ich frage aber, ob Leute, die bestandig so tief ins Glas gucken, Trinken lieben konnen!

Daraus folgt aber nicht, dass ich den Gross-Wienern die Ahnlichkeit mit den Flachsenfingern auch in solchen Zugen nehme, die ehren. So lass' ich jene recht gern diesen z.B. darin ahnlich sein, dass sie an keiner Dichtkunst, keiner Schwarmerei und Empfindsamkeit denn das ist alles einerlei krank liegen. Viktor wurde dieses Lob in seiner Sprache so etwa klingen lassen: "Die Wiener Autoren (selber die besten, nur Denis und kaum drei ausgenommen) geben dem Leser keine uber die ganze Gegenwart tragende Flugel durch jenen Seelen-Adel, durch jene Verschmahung der Erde, durch jene Achtung fur alte Tugend und Freiheit und hohere Liebe, worin andre deutsche Genien wie in heiligen Strahlen glanzen"48, und er wurde sich deshalb auf die "Wiener Skizzen", auf "Faustin", auf Blumauer und auf den "Wiener Musenalmanach" berufen. Den Tadel wurde selber ein Wiener nutzlichst annehmen und uns fragen, ob wir einen Musenalmanach (wie er) mit einem Zoten-Bodensatz aufzuweisen haben, worauf man setzen konnte: "Mit Approbation des Bordells." Dieses Gefuhl des literarischen Unterschiedes notigte sogar einen Nicolai sonst kein besonderer Amoroso der Wiener Schriftsteller , in seiner Allgemeinen deutschen Bibliothek eine eigne Seitenloge fur diese einzubauen, ob er gleich sonst Schreiber aller andern Deutschkreise in ein Parterre zusammenwirft. Auf ahnliche Art sah ich in Baiern, dass an dem Galgen ausser dem gewohnlichen Balkon fur die drei christlichen Konfessionsverwandten noch ein besonderer schismatischer Querpfosten angebracht war, an welchen bloss die Judenschaft geheftet wurde.

Der Flachsenfinger weiss, dass an Poeten nichts ist, und springt in Buchern, wo Versebache durch die Prose laufen, uber die Bache hinweg, wie gewisse Leute spat in die Kirche gehen, um dem Singen zu entweichen. Er ist ein treuer Diener des Staats, dem bekannt ist, wozu die poetische goldne Ader beim Revision-, Kommision-, Relation-, Enrollierungwesen zu gebrauchen ist: zu gar nichts; inzwischen will er doch, wenn er auch einen Klopstock und Goethe nicht schatzen kann, in mussigen Stunden einen guten Knuttelvers und Leberreim nicht verachten. Eine solche glucklich robuste Seelen-Natur, worin man weniger seinen Geist erhohen will als seinen Pacht, macht es freilich begreiflich, wie es Schutzpocken geben kann, vermittelst deren der Flachsenfinger allein (wie Sokrates) in der Pest der Empfindsamkeit unangefochten herumwandelte. Der volle Mond machte bei ihnen volle Krebse, aber keine volle Herzen, und das, was sie darin pflanzten, damit er den Wachstum begunstigte, war nicht Liebe, sondern Kohlruben. Der echte Klein-Wiener zielt nach viel nahern Schiessscheiben als nach dieser weissen droben. Geheiratet wird da mit wahrer Lust, ohne dass man sich vorher totgeschossen oder totgeseufzet man kennt keine Hindernisse der Liebe als kirchliche die weibliche Tugend ist eine Gurtelschnalle, die so lange halten soll als der Geschlechtname der Tochter die Herzen der Tochter sind da wie Briefumschlage, die sich, wenn sie einmal an einen Herrn uberschrieben waren, leicht umstulpen lassen, damit man darauf die Aufschrift an einen andern Menschen mache die Madchen lieben da nicht aus Koketterie, sondern aus Einfalt allen Teufel, ausgenommen arme Teufel...

Kurz, mein Korrespondent, von dem ich alles habe, ist fast parteiisch fur Klein-Wien eingenommen und widerspricht daher heftig dem Verfasser des reisenden Franzosen, der irgendwo gesagt haben soll hatt' ich ihn im Hause, so wusst' ich, wie eigentlich Klein-Wien heisse , dass der Flachsenfinger wenigstens zum Rauber nicht Kraft genug besitze. Knef aber sagt, er wolle hoffen, dass sie schon gestohlen haben, und stutzt sich auf die, die man aufgehangen. Ende des fluchtigen Extrablattchens, worin der narrische Charakter der Flachsenfinger skizzieret wurde oder des perspektivischen Aufrisses der Stadt

Klein-Wien

*

Aber unter solchen Menschen konnte mein Held bei aller Duldung keine frohe Tage finden, er, der allen Eigennutz, zumal den schmausenden, so hasste, und der gern in Doktor Grahams Vorlesungen hospitiert hatte, worin dieser lehrte, ohne Essen zu leben er, der in sein Herz so gern den von der Poesie geflugelten Samen der Wahrheit aufnahm; der einen Emanuel am Herzen trug und den Mangel an poetischem Gefuhle sogar fur ein Zeichen hielt, dass der moralische Mensch noch nicht alle Raupenhaute weggelegt er, der das ganze Leben und den ganzen Staatskorper fur die Hulse ansah, worin der Kern des zweiten Lebens reift o! wer so denkt, ist zu einsam unter denen, die anders denken!

So lag die Welt um ihn, als er ein Blatt von der guten Pfarrerin bekam: "Man sagt hier allgemein, Sie waren gestorben. Aber ich lasse mich gegen die Leute vernehmen, Sie mussten, da Sie so wenig von sich horen liessen und alle Welt vergassen, eben deswegen noch am Leben sein. Bestatigen Sie meinen Satz! Wir sehnen uns alle herzlich und narrisch nach Ihnen, und ich mochte Sie wohl bitten, den einundzwanzigsten zu kommen (wenn Sie nicht die Hochzeit beim Stadtsenior mehr hindert als meinen Flamin). Wir haben Ihnen hier nichts anzubieten als den Geburttag unserer Klotilde. O guter Mylord, o geliebte Lordship, wie wars Denenselben bisher moglich, so lange stumm und unsichtbar zu bleiben? Eine treue Freundin, die gar nichts von den Damen Ihres Hofes an sich hat, nicht einmal die Veranderlichkeit, wunschet Sie herzlich vor ihr Auge und vor ihr Ohr und diese Dame bin ich und wenn ich Sie kommen sehe, werde ich doch vor Freude weinen, ich mag dabei lachen oder schmollen, wie ich will. E."

Wann erhielt er dieses Blatt voll Seele? Und welche Antwort gab seine darauf?

Es war am schonsten Abend, der die Ankunft des schonsten Sonntagmorgens und des magischen Nachsommers ansagte er sah nach der Abendrote, unter welcher Maienthals Berge lagen, und sein Herz schlug ihm schwer er sah nach der Morgenrote des Vollmonds, die uber St. Lune entglimmte, und seine Sehnsucht nach dorthin wurde unaussprechlich er dachte an Klotilde, deren Geburttag morgen einfiel, und ganz naturlich ging er heute bloss zu Bette.

19. Hundposttag

Der Friseur, der nicht lungen-, sondern singsuchtig ist Klotilde in Viktors Traum Extrazeilen uber die

Kirchenmusik Gartenkonzert von Stamitz- Zank zwischen Viktor und Flamin das Herz ohne Trost

Brief an Emanuel

Der Oktober-Sonntag, womit ich diesen Posttag voll mache, war schon um 9 1/2, morgens ein so freudiger glanzender Tag in St. Lune, dass das ganze Pfarrhaus an den Hofmedikus dachte. "Ach er sollte abends ins Konzert kommen!" Der Virtuose Stamitz gab eines in Le Bauts Garten. "O lieber schon zum Mittagessen!" "Und in meine Fruhpredigt, wenn er nicht in die Kinderlehre will." Eymann hatte dabei seine neu aufgelegte Perucke am meisten im Kopfe, die ihm Herr Meuseler heute darauf gesetzt hatte. Dieser geschickte Peruckenmacher bereisete die Diozesanen (Pfarrer), die kein eignes Haar trugen, ofter und mit grossern Verdiensten um ihre Kopfe als der Superintendent selber, dieser Beherrscher der Glaubigen, zu welchem die meisten Kaplane sagten: Ihro Exzellenz. Hatt' er sichs abgewohnen konnen, dass er zuviel sang, log und soff, der Friseur: so hatten die meisten Geistlichen ihre Toupets diese artistischen Hahnenkamme bei ihm machen lassen; so aber nicht.

Da der Kaplan gern die Konfituren des Schicksals worunter falsche Haare gehoren mit etwas versauerte und hopfte: so suchte er naturlicherweise sich die heutige Perucke, fur deren falsche Touren er an Zahlungstatt echte abgeschnittene Haare seiner Leute gab, durch Skrupel zu versalzen, die er sich uber das lange Wegbleiben Viktors machte. Er erinnerte: "Wir mussen ihn vor den Kopf gestossen haben er schreibt nicht einmal er ist vielleicht mit meinem Sohne zerfallen etwas hats gesetzt und dann sieht uns der alte Lord auch nicht mehr von der Seite an unsere Ratten halfen ihn auch mit austreiben."

Durch solche Elegien setzte er anfangs nur sich, und zuletzt selber den Zuhorer in Angst. Er war durch nichts zu widerlegen als dadurch, dass man etwas Neues, was ihn angstigte, hervorsuchte. Die Wetterscheide seines Gewolkes oder sein Not- und Hulfbuchlein war diesesmal ein wahres Buch, des Zeitzer Tellers "Anekdoten fur Prediger", die er heute durch den Peruckenmacher vom geistlichen Lesezirkel empfing. Geistliche, zumal die auf dem Lande, betreiben alles mit einer kleinlichen punktlichen Angstlichkeit, worein sie zum Teil ihr regierender Wauwau und Lindwurm von Konsistorium schreckt. In dieser Lesegesellschaft war nun ein Gesetz im Gange Kommentatoren und Herausgeber halten es , dass jedes Leseglied die Fett- und Dintenflecke und Risse, die es im Lesebuch antrafe, vorn immatrikulieren sollte in einem Flecken-Verzeichnis und Befundzettel samt der Seitenzahl "wo". Ganz naturlich leugnete jeder, der nur halbwege ein ehrlicher Lutheraner war, die unbefleckte Empfangnis des Buchs; und die Sommerflekken wurden also alle ordentlich einregistriert, aber keiner bestraft. Bloss der gewissenhafte Hofkaplan lud als Wustenbock die Strafe fremder Fehler auf, indem er eine ganze Nacht jedesmal nicht schlafen konnte, sooft er im Buche mehre Kleckse als im Sundenregister fand, weil er offenbar sah, er werde zum Adoptivvater des namenlosen Schmutzes gemacht und zum Kaufer des Buchs. Tellers Anekdoten fur Schwarzrocke waren nun gar vollig schwarze Wasche: war nicht ein Eselohr am andern Kleckse auf Klecksen die Blatter ordentliche Korrekturbogen... und zwar unmetaphorisch gesprochen? Eymann hob an: "Und wenn mirs Geld zum Fenster hereinflog'...."

Da flog Viktors Brief zum Fenster herein und sein Verfasser zur Tur.

Freilich aber wars so: Viktor hatte vor schonem Wetter schone Traume, vor elendem erschien ihm der Satan mit seiner Sippschaft. Das schone SonnabendWetter und der Gedanke an den Geburttag Klotildens und des Nachsommers gaben ihm einen Morgentraum, der ein Theater war, in welchem bloss ihr holdes Bild gespielt. Eine Person, die er hinter dem Schleier des Traums gesehen, stand fur ihn den ganzen nachsten Tag in einem zauberischen Widerschein. Bei ihm irrten die Traume diese Nachtschmetterlinge des Geistes wie andre uber die Nacht und den Schlaf hinaus; wenigstens vormittags liebt' er jede Person im Wachen fort, die er im Traum zu lieben angefangen. Diesesmal floss gar umgekehrt die wachende Liebe in die traumende hinein, und die wirkliche Klotilde fiel mit der idealen in ein so leuchtendes Heiligenbild zusammen, dass einer, der seinen Traum weiss, sich ins ubrige leicht findet. Deswegen muss der Traum den Lesern gegeben werden, den poetischen Lesern besonders fur andere mochte ich eine Ausgabe der Hundposttage veranstalten, wo er heraus ware; denn unpoetische, die selber keine haben, sollten auch keine lesen.

Euch aber, euch guten, selten belohnten weiblichen Seelen, die ihr ein eignes zweites Gewissen neben dem ersten fur reine Sitten habt deren einfache Tugend in der Nahe zu einem Kranze aus allen Tugenden aufbluht, wie Nebel-Sterne durch Glaser in Millionen zerfallen die ihr, so veranderlich in allen Entschlussen, so unveranderlich im edelsten, aus der Erde geht mit verkannten Wunschen, mit vergessenem Werte, mit Augen voll Tranen und Liebe, mit Herzen voll Tugend und Gram euch teuern erzahl' ich gern den kleinen Traum und mein grosses Buch! ...

"Eine Hand, die Horion nicht sah, fasste ihn an, eine Lippe, die er nicht sah, redete ihn an: Dein Herz sei jetzo heilig und rein, denn der Genius der weiblichen Tugend wohnt in diesem Gefilde. Siehe, da stand Horion auf einer mit Vergissmeinnicht uberzogenen Flur, auf welche der Himmel wie ein blauer Schatten herubersank; denn alle Sterne waren aus ihm genommen, nur der Abendstern stand einsam flimmernd oben an der Stelle der Sonne. Weisse Eis-Pyramiden, gestreift mit herunterrinnenden Abend roten, umrangen wie mit einem Wall aus Gold- und Silberstufen das ganze dunkle Rund Darin ging Klotilde, erhaben wie eine Verstorbene, heiter wie ein Mensch in der andern Welt, gefuhrt bald von geflugelten Kindern, bald von einer verschleierten Nonne, bald von einem ernsten Engel, aber sie ging ewig vor Horion voruber sich lachelte ihn selig-liebend an unter jedem Voruberziehen, aber sie zog voruber. Blumige Erhohungen, Grabern fast gleich, stiegen auf und nieder, denn jede wurde von einem darunter schlummernden Busen durch Atmen geregt; eine weisse Rose stand uber dem Herzen, das darunter verhullet lag, zwei rote wuchsen uber den Wangen, deren zartes Erroten sich in die Erde verbarg, und oben am himmlischen Nachtblau wankte der weisse und rote Widerschein der Hugel-Blumen gleitend ineinander, sooft unten die Rosen des Herzens und der Wangen sich mit dem Hugel bewegten Versiegende Echo, aber von ungehorten Stimmen erregt, gaben einander hinter den Bergen Antwort; jedes Echo hob die kleinen Schlummerhugel hoher auf, als wenn sie ein tiefer Seufzer oder ein Busen voll Wonne erhohte, und Klotilde lachelte seliger, von jedem Widerhalle tiefer in den Blumenboden versenkt In den Tonen war zu viel Wonne, und das aufgeloste Herz des Menschen wollte darin sterben. Klotilde sank jetzt in die Graber bis ans Herz; nur das stille Haupt lachelte noch uber der Aue die Vergissmeinnicht ragten endlich an die untergesunkenen Augen voll seliger Tranen und uberbluhten sie Da uberkroch die Holde plotzlich ein Schlummerhugel, und unter den Blumen stiegen ihre Worte auf: Ruhe du auch, Horion! Aber die fernern Laute verwandelten sich unter dem Begraben in dunkle Harmonikatone... Siehe, unter dem Verstummen ging ein grosser Schatten wie Emanuel heran und stand vor ihm wie eine kurze Nacht und verdeckte die unbekannte Minute aus einer hohern Welt. Aber als die Minute und der Schatten zerflossen waren: da waren alle Hugel niedergefallen Da uberguldete der Blumen-Widerschein zusammengeflossen den wallenden Himmel Da klammerten sich an die Purpurgipfel der Eisberge weisse Schmetterlinge, weisse Tauben, weisse Schwanen mit ausgespannten Flugeln wie mit Armen an, und hinter den Bergen wurden gleichsam von einer ubermassigen Entzuckung Bluten emporgeworfen und Sterne und Kranze Da stand auf dem hochsten, in lichtem Glanz und Purpurlohe ruhenden Eisberg Klotilde verherrlicht, geheiligt, uberirdisch entzuckt, und an ihrem Herzen flatterte eine Nebelkugel, die aus aufgelosten kleinen Tranen bestand, und auf welche Horions blasses Bild gezeichnet war, und Klotilde breitete die Arme auseinander."

Aber um zu umarmen? oder um sich aufzuschwingen? oder um zu beten? ... Ach, er erwachte zu bald und stromte in grossern Tranen, als die nebeligen waren, aus, und eine untersinkende Stimme rief unaufhorlich um ihn: Ruhe du auch!

O du weibliche Seele, die du mude und unbelohnt, bekampft und blutend, aber gross und unbefleckt aus dem rauchenden Schlachtfelde des Lebens gehst, du Engel, den das mannliche, von Sturmen erzogne, von Geschaften besudelte Herz achten und lieben, aber nicht belohnen und erreichen kann; wie beugt sich jetzo meine Seele vor dir, wie wunsch' ich dir jetzo des Himmels stillenden Balsam, des Ewigen belohnende Gute! Und du, Philippine, teure Seele, tritt weg in eine verborgne Zelle und lege unter den Tranen, die du schon so oft vergossen hast, deine Hand an dein reines weiches Herz und schwore: "Ewig bleibe du Gott und der Tugend geweiht, wenn auch nicht der Ruhe!" Dir schwor es; mir nicht, denn ich glaub' es ohne Schwur.

Welch' eine Paradenacht voll Sterne und Traume war das! und welch ein Galatag der Natur kam auf sie! In Viktors Kopf stand nichts als St. Lune, blau uberzogen, silbern ubertauet und mit dem schonsten Engel geschmuckt, der heute nasse frohe Augen in den freundlichen Himmel hob und dachte: "Wie bist du heute gerade an meinem Wiegenfeste so schon!" Sogar der Stadtsenior und seine Tochter, welche beide Hochzeit machten jener eine Wieder-Hochzeit mit seiner Seniorin, diese eine erste mit dem Waisenhausprediger-, schoben sich in den Zug seiner freudigen Gedanken als zwei neue Paare ein.

Er wollte nicht nach St. Lune, sondern er sagte: "Ich ziehe mich nur an zu einem kleinen Spaziergange."

"Es ist ganz egal, wo ich heute gehe", sagt' er draussen und ging also auf den St. Luner Weg.

"Umkehren kann ich allemal", sagt' er auf halbem Wege.

"Noch narrischer aber war's, wenn ich zugleich Briefsteller und Brieftrager wurde und mein eignes Schreiben einhandigte", sagte er und zog solches heraus.

"Und meiner guten Mutter ihres beantwortete ich bei dieser Gelegenheit mundlich", fuhr er halb im Traume fort und voll grosserer Liebe gegen sie, die ihm den holden nachtlichen durch die Nachricht des Geburttages zugeschickt.

Da er aber das Luner Vorgelaute zum Kirchengelaute vernahm: so sprang er empor und sagte: "Nunmehr versalz' ich mir den Weg nicht langer durch weitere Skrupel, sondern ich marschiere keck und entschlossen ins Dorf."

Und so zog er an der Hand Fortunens, hinter dem Nachlacheln der ganzen Natur, mit Traumen im Herzen, mit unschuldiger Hoffnung im neu aufbluhenden Angesicht, in das Eden seiner Seele ein.

Flamin hatt' er nicht mitgebeten, um dem Stadtsenior den Hochzeitgast nicht zu nehmen, und weil er selber nicht wusste, dass er nach St. Lune gelangen wurde und vielleicht auch, weil er seine phantasierende Aufmerksamkeit auf den schimmernden Morgen durch keine juristischen Akten-Neuigkeiten wollte storen lassen. Er ging uberhaupt lieber mit einer Frau als einem Mann spazieren. Manner schamen sich beinahe nebeneinander anderer als stummer Empfindungen; aber weiblichen Seelen offnen sich gern die verschamten Gefuhle; denn sie decken das nackte Herz mit Mutterwarme zu, damit es nicht unter dem Enthullen erkalte.

Da Viktor unten ums Pfarrhaus ging, sah er oben selber zum Fenster auf sich herunter, in seiner zweiten Auflage fur einige gute Freunde; aber der Wachs-Viktor musste sogleich hinter eine spanische Wand getrieben werden, damit er den fleischernen nicht erschreckte. Der Empfang des letzten und das Jubelfest dabei braucht nicht lebhafter von mir beschrieben zu werden, als dass ich sage: der Mops wurde fast ertreten, der Gimpel sprang umsonst nach seinem Fruhstuck herum, die Pfarrerin brachte in ihrer anblickenden Freude auch dem Gaste keines, und die Kirche ging erst nach dem Doppel-Uso von einer halben Stunde an; daher diesesmal mehre Eingepfarrte als sonst betrunken hineinkamen.

Berauscht, aber von Freude, kam Viktor auch hinein. Es ist nichts Angenehmeres, als eine Pfarrfrau zu sein und zum Mann, wenn sie ihm das geistliche Baffchen umlegt, zu sagen: "Mach es heute langer, die Keule brat sonst nicht gar." Die hauslichen Kleinigkeiten ergotzten meinen Helden ebensosehr, als ihn die hofischen erzurnten.

Er ging mit dem Pfarrer und der Pfarrerin, die alle Prozesse der Kuche und Toilette summarisch und mannlich abkurzte. Seine Duldung gegen die Fehler des geistlichen Standes hatte mit jener vornehmen stift- und tafelfahigen nichts gemein, welche aus hochster Verachtung entsteht, und die einen christlichen Priester so leicht wie einen agyptischen ertragt: sondern sie kam aus seiner Meinung, dass die Kirchen noch die einzigen Sonntagschulen und spartischen Schulpforten des armen Volkes sind, das seinen cours de morale nicht beim Staate horen kann. Auch liebte er als Jungling die Lieblinge seiner Kindheit.

Viele Prediger suchen den Quintilian, der schlechte Grunde in Reden vorangestellet haben will, und den Cicero, der sie erst hintennach verlangt, zu vereinigen und postieren solche an beiden Orten; aber Eymann hielt gute Empfindungen fur besser als schlechte Grunde und wand um den Bauern nicht Schluss-, sondern Blumenketten.

Der obige Friseur wollte anfangs nicht in die Kirche, weils unter seinem Stand war, aber nachher konnt' er nicht anders; denn wegen des fremden Hofherrn darin wurde Kirchenmusik gemacht.

Es ist der einzige Fehler des Peruckenmachers Meuseler, dass er zu gern singt und seine Kehle in alle Kirchenmusiken, die in seiner Peruckendiozes gemacht werden, einmengt, zumal am heiligen Pfingstfest. Der Luner Kantor wollt' es nie leiden; aber wie beruckt er diesen und labt tausend Ohren? So bloss: er frisierte heute hinaus, was noch zu frisieren war (nicht bloss heute, sondern es ging allemal so), und glitt bloss an der Chortreppe hinan. Hier wachte und lehnt' er so lange, bis der Kantor, auf dem musikalischen Wurstschlitten sesshaft, mit dem Finger in den ersten Akkord der Kirchenmusik einhieb. Dann fuhr er wie ein Sonnenstrahl schnell ins Chor und mausete dem jungen Altisten sein Pensum weg und sangs dem Kirchensprengel in die Ohren, jedoch unter so viel Jammer und Puffen, als sang' er sein Manuskript den Rezensenten vor. Denn man muss es nun einmal der Welt bekannt machen, dass der bissige Klavierist dem frisierenden Altisten mit einem spitzwinkligen Triangel von Ellenbogen wutig entgegenstochert, um den fremden Singvogel aus dem Vogelhause des Chors zu stossen. Da aber der Sanger seinen rechten Arm zum festen Notenpulte seines Textes und den andern zur Streitkolbe machte, wie die an Jerusalem bauenden Juden, welche die eine Hand voll Bauzeug, die andre voll Waffen hatten: so konnte der Peruckenmacher, unter fortwahrendem Fechten und Musizieren, schon sein moglichstes tun und einiges durchsetzen wahrend des Gottesfriedens der Musik. Aber sobald die Musik den letzten Atem gezogen hatte: so setzte der harmonische Strichvogel und Sturmlaufer behend uber das Chor hinaus und sann unterwegs tausend Ohren und einem einzigen Ellenbogen nach. Der Kantor konnt' ihn nicht riechen und nicht kriegen.

Lief er hingegen glucklicherweise mit seinen Schachteln durch ein Dorf, wo gerade Pfarr- und Schulherr und padagogischer Froschlaich eine taube Leiche umquakten und umkrachzeten, welches viele noch kurzer eine Leichenmusik nennen: so konnte der Virtuose, ohne Gegenstemmung der Ellenbogen, munter mit zwei Fussen mitten in die Motette hineinspringen das Trauer-Standchen, das die Erben dem Toten bringen, bearbeiten dem Leichenzuge einige Finalkadenzen gratis zuwerfen und doch noch im Dorfe dem Amtmann eine ganz neue Beutelperucke anbieten.

Unserem Helden machte die Dorfkirchen-Musik das grosste satirische Vergnugen. Wir aber hatten wenig davon, wenn ich nicht so vorsichtig ware, dass ich um die Erlaubnis nur zu einer elenden Extrasilbe man soll sie kaum sehen uber die Kirchenmusik bettelte.

Elende Extra-Silbe uber die Kirchenmusik

Ich sehe allemal mit Vergnugen, dass die Leute in einer Kirchenmusik sitzen bleiben, weil es ein Beweis ist, dass keiner von der Tarantel gestochen ist; denn liefen sie hinaus, so sahe man, sie konnten keine Misstone aushalten und waren also gebissen. Ich als profaner Musikmeister setze nur fur wenige Kirchen namlich fur geflickte oder fur neue den Einweihlarm und verstehe also im Grunde von der Sache nichts, woruber ich mich im Vorbeigehen auslassen will; aber soviel sei mir doch erlaubt zu behaupten, dass die lutherischen Kirchenmusiken etwas taugen auf dem Lande, nicht in den Residenzstadten, wo vielleicht die wenigsten Misstone richtig vorgetragen werden. Wahrlich, ein elender, versoffner, blauer Kantor, der in Bravour-Arien sich braun singt und andere braun schlagt es gibt also zweierlei Bravour-Arien , ist imstande, mit einigen Handwerkern, die Sonntags auf der Geige arbeiten, mit einem Trompeter, der die Mauern Jerichos niederpfeifen konnte ohne Instrument, mit einem Schmied, der sich mit den Pauken herumprugelt, mit wenigen krampfhaften Jungen, die das Singen noch nicht einmal konnen, und die doch einer Sangerin gleichen, welche nicht wie die schonen Kunste allein fur Ohr und Auge arbeitet, sondern auch (aber in einem schlimmern Sinn als die Jungen) fur einen dritten Sinn, und mit dem wenigen Wind, den er aus den Orgel-Lungenflugeln und aus seinen eignen holt, ein solcher stampfender Mann ist, sag' ich, imstande, mit so ausserordentlich wenigem musikalischen Gerumpel doch ein viel lauteres Donnern und Geigenharz-Blitzen um den Kanzel-Sinai, ich meine eine weit heftigere und misstonendere Kirchenmusik aus seinem Chor herauszumachen als manche viel besser unterstutzte Theater-Orchester und Kapellen, mit deren Wohllauten man so oft Tempel entweiht. Daher tut es nachher einem solchen lauten Manne weh, wenn man sein Kirchen-Gekratze und Geknarre verkennt und falsch beurteilt. Soll sich denn in alle unsre Provinzialkirchen das weiche leise herrnhutische Tonen einschleichen? Es gibt aber zum Gluck noch Stadtkantore, die dagegen arbeiten, und die wissen, worin reiner Chor- und Misston sich vom Kammerton zu unterscheiden habe.

Den Lesern nicht, aber Organisten kann ich zumuten, dass sie wissen, warum blosse Dissonanzen denn Konsonanzen sind nur unter dem Stimmen der Instrumente zu ertragen aufs Chor gehoren. Dissonanzen sind nach Euler und Sulzer Ton-Verhaltnisse, die in grossen Zahlen ausgedruckt werden; sie missfallen uns also nicht wegen ihres Missverhaltnisses, sondern wegen unsers Unvermogens, sie in der Eile in Gleichung zu bringen. Hohere Geister wurden die nahen Verhaltnisse unserer Wohllaute zu leicht und eintonig, hingegen die grossern unserer Misstone reizend und nicht uber ihre Fassung finden. Da nun der Gottesdienst mehr zur Ehre hoherer Wesen als zum Nutzen der Menschen gehalten wird: so muss der Kirchenstil darauf dringen, dass Musik gemacht werde, die fur hohere Wesen passet, namlich eine aus Misstonen, und dass man gerade die, die fur unsre Ohren die abscheulichste ist, als die zweckmassigste fur Tempel wahle.

Machen wir einmal der herrnhutischen Instrumentalmusik die Kirchenture auf: so steckt uns zuletzt auch ihr Singen an, und es verliert sich nach und nach alles Sing-Geblok, welches unsre Kirchen so lustig macht, und welches fur Kastratenohren ein so unangenehmer Hammer des Gesetzes, aber fur uns ein so guter Beweis ist, dass wir den Schweinen ahneln, die der Abt de Baigne auf Befehl Ludwigs XI., nach der Tonleiter geordnet, mit Tangenten stach und zum Schreien brachte. So denk' ich uber Kirchen- oder neudeutschen Schlachtgesang.

Ende der Extrasilbe uber die Kirchenmusik

Ich hatte den Haarkrausler nicht so lange singen und agieren lassen, wenn mein Held diesen ganzen Sonntag zu etwas anderem zu gebrauchen ware als zu einem Figuranten; aber den ganzen Tag tat er nichts von Belang, als dass er etwan aus Menschenliebe die alte Appel zwang indem er ihre Kommoden und Schachteln selber auspackte , von ihrem Korper, der lieber Schinken als sich anputzte, die gewohnliche, mit typographischer Pracht gedruckte Schabbes-Ausgabe schon um drei Uhr nachmittags zu veranstalten: sonst lieferte sie solche erst nach dem Abendessen. Die Juden glauben, am Sabbat eine neue Schabbesseele zu bekommen: in die Madchen fahrt wenigstens eine, in die Appeln ein paar.

Aber warum mut' ich meinem Helden zu, heute mehr Handlung zu zeigen ihm, der heute versunken in die Traum-Nacht und in den kommenden Abend bewegt durch jedes freundliche Auge und durch die Urnen des weggetraumten Lenzes sanft aufgeloset durch den stillen lauen Sommer, der an den Rauch altaren der Berge, auf den mit Milchflor belegten Fluren und unter dem verstummenden Trauergefolge von Vogeln lachelnd und sterbend lag und beim Aufsteigen der ersten Wolke auf dem Laube verschied Viktor, sag' ich, der heute, von lauter weichen Erinnerungen wehmutig angelachelt, fuhlte, dass er bisher zu lustig gewesen. Er konnte die guten Seelen um ihn nur mit liebenden schimmernden Augen anblicken, diese noch schimmernder wegwenden und nichts sagen und hinausgehen. Uber seinem Herzen und uber allen seinen Noten stand tremolando. Niemand wird tiefer traurig, als wer zu viel lachelt; denn hort einmal dieses Lacheln auf, so hat alles uber die zergangne Seele Gewalt, und ein sinnloser Wiegengesang, ein Flotenkonzert dessen Dis- und Fis-klappen und Ansatze bloss zwei Lippen sind, womit ein Hirtenjunge pfeift reisset die alten Tranen los, wie ein geringer Laut die wankende Lawine. Es war ihm, als wenn ihm der heutige Traum gar nicht erlaubte, Klotilden anzureden; sie schien ihm zu heilig und noch immer von geflugelten Kindern gefuhrt und auf Eisthronen gestellt. Da er uberhaupt fur Le Bauts Gesprache im Reiche der Moralisch-Toten heute keine Zunge und keine Ohren hatte: so wollt' er im grossen laubenvollen Garten dem Stamitzischen Konzert ungesehen zuhoren und sich hochstens vom Zufall vorstellen lassen. Sein zweiter Grund war sein zum Resonanzboden der Musik geschaffnes Herz, das gern die eilenden Tone ohne Storung aufsog, und das die Wirkungen derselben gern den gewohnlichen Weltmenschen verbarg, die Goethes, Raffaels und Sacchinis Sachen wahrhaftig ebensowenig (und aus keinen geringern Grunden) entbehren konnen als Loschenkohls seine. Die Empfindung erbebt zwar uber die Scham, Empfindung zu zeigen; aber er hasste und floh wahrend seiner Empfindungen alle Aufmerksamkeit auf fremde Aufmerksamkeit, weil der Teufel in die besten Gefuhle Eitelkeit einschwarzt, man weiss oft nicht wie. In der Nacht, im Schattenwinkel fallen Tranen schoner und verdunsten spater.

Die Pfarrerin bestarkte ihn in allem; denn sie hatte heimlich in die Stadt geschickt und den Sohn eingeladen und eine Uberraschung im Garten kunstlerisch angelegt.

Die Pfarrleute hoben sich endlich in den belaubten Konzertsaal und dachten nicht daran, wie sehr sie von Le Bauts Hause verachtet wurden, das nur edle Metalle und edle Geburt, nie edle Taten fur Eintrittkarten gelten liess, und das die Pfarrleute als Freunde des Lords und Matthieus hoch, aber als Schosshunde beider noch hoher geschatzt hatte.

Viktor blieb im Pfarrgarten ein wenig zuruck, weil es noch zu hell war, und auch weil ihn die arme Apollonia dauerte; diese guckte einsam und ungesehen im vollen Putze aus dem Fenster des Gartenhauschens in die Luft und wiegte das Patchen steilrecht, das sie bald uber ihren Kopf, bald unter ihren Magen hing. Er setzte, wie ein Spiessburger, im Gartenhaus den Hut nicht auf, um ihren Mut durch Hoflichkeit zu starken. Ein Wickelkind ist gleichsam der Einblaser und Balgtreter der Kinderwarterin: der junge Sebastian schickte Appeln hinreichenden Entsatz gegen den altern, und sie unterfing sich zuletzt, zu reden und anzumerken, das Patchen sei ein guter, lieber, schoner "Bastel". "Aber" (setzte sie dazu) "die gnadige Frolen (Klotilde) durfen das nicht horen; Sie wollen haben, wir sollen ihn Viktor nennen, wenn Sie horen, dass der Vater Bastel sagt." Sie strich es nun heraus, wie Klotilde sein Patchen liebe, wie oft sie ihr den kleinen Schelm abnehme und ihn anlachle und abkusse; und die Lobrednerin wiederholte am Kleinen alles, was sie pries. Ja der erwachsene Sebastian tat es auch nach, aber er suchte auf den kleinen Lippen nichts als fremde Kusse; und vielleicht gehorten bei Appeln wieder seine unter die Sachen, die gesucht werden. Der Glucklichere verliess die Glucklichere; denn Amor schickte nun eine geschmuckte Hoffnung nach der andern an sein Herz als Boten ab, und alle sagten: "Wir belugen dich wahrhaftig nicht; trau uns!"

Endlich fing Stamitz zu stimmen an, um welchen die zahe Obristkammerei sich gewiss nichts bekummert hatte, weil heute keine Fremde da waren, hatte sich nicht Klotilde dieses Gartenkonzert als die einzige Feier ihrer Geburtnacht erbeten gehabt. Stamitz und sein Orchester fullten eine erleuchtete Laube der adelige Horsaal sass in der nachsten hellsten Nische und wunschte, es ware schon aus der burgerliche sass entfernter, und der Kaplan flocht aus Furcht vor dem katarrhalischen Tau-Fussboden ein Bein ums andre uber die Schenkel Klotilde und ihre Agathe ruhten in der dunkelsten Blatterloge. Viktor schlich sich nicht eher ein, als bis ihm die Ouverture den Sitz und das Sitzen der Gesellschaft ansagte; in der fernsten Laube, in der wahren Sonnenferne nahm dieser Bartstern Platz. Die Ouverture bestand aus jenem musikalischen Gekritzel und Geschnorkel aus jener harmonischen Phraseologie aus jenem Feuerwerkgeprassel widereinander tonender Stellen, welches ich so erhebe, wenn es nirgends ist als in der Ouverture. Dahin passet es; es ist der Staubregen, der das Herz fur die grossen Tropfen der einfachern Tone aufweicht. Alle Empfindungen in der Welt bedurfen Exordien; und die Musik bahnet der Musik den Weg oder die Tranenwege.

Stamitz stieg nach einem dramatischen Plan, den sich nicht jeder Kapellmeister entwirft allmahlich aus den Ohren in das Herz, wie aus Allegros in Adagios; dieser grosse Komponist geht in immer engern Kreisen um die Brust, in der ein Herz ist, bis er sie endlich erreicht und unter Entzuckungen umschlingt.

Horion zitterte einsam, ohne seine Geliebten zu sehen, in einer finstern Laube, in welche ein einziger verdorrter Zweig das Licht des Mondes und seiner jagenden Wolken einliess. Nichts ruhrte ihn unter einer Musik allezeit mehr, als in die laufenden Wolken zu sehen. Wenn er diese Nebelstrome in ihrer ewigen Flucht um unser Schatten-Rund begleitete mit seinen Augen und mit den Tonen, und wenn er ihnen mitgab alle seine Freuden und seine Wunsche: dann dacht' er, wie in allen seinen Freuden und Leiden, an andre Wolken, an eine andre Flucht, an andre Schatten als an die uber ihm, dann lechzete und schmachtete seine ganze Seele; aber die Saiten stillten das Lechzen, wie die kalte Bleikugel im Mund den Durst abloscht, und die Tone loseten die druckenden Tranen von der vollen Seele los.

Teurer Viktor! im Menschen ist ein grosser Wunsch, der nie erfullt wurde: er hat keinen Namen, er sucht seinen Gegenstand, aber alles, was du ihm nennest, und alle Freuden sind es nicht; allein er kommt wieder, wenn du in einer Sommernacht nach Norden siehst oder nach fernen Gebirgen, oder wenn Mondlicht auf der Erde ist, oder der Himmel gestirnt, oder wenn du sehr glucklich bist. Dieser grosse ungeheure Wunsch hebt unsern Geist empor, aber mit Schmerzen: ach! wir werden hienieden liegend in die Hohe geworfen gleich Fallsuchtigen. Aber diesen Wunsch, dem nichts einen Namen geben kann, nennen unsre Saiten und Tone dem Menschengeiste der sehnsuchtige Geist weint dann starker und kann sich nicht mehr fassen und ruft in jammerndem Entzucken zwischen die Tone hinein: ja alles, was ihr nennt, das fehlet mir....

Der ratselhafte Sterbliche hat auch eine namenlose ungeheure Furcht, die keinen Gegenstand hat, die bei gehorten Geistererscheinungen erwacht, und die man zuweilen fuhlt, wenn man nur von ihr spricht....

Horion ubergab sein zerstossenes Herz mit stillen Tranen, die niemand fliessen sah, den hohen Adagios, die sich mit warmen Eiderdunen-Flugeln uber alle seine Wunden legten. Alles, was er liebte, trat jetzt in seine Schatten-Laube, sein altester Freund und sein jungster er hort die Gewittersturmer des Lebens lauten, aber die Hande der Freundschaft strecken sich einander entgegen und fassen sich, und noch im zweiten Leben halten sie sich unverweset.

Alle Tone schienen die uberirdischen Echo seines Traumes zu sein, welche Wesen antworteten, die man nicht sah und nicht horte....

Er konnte unmoglich mehr in dieser finstern Einzaunung mit seinen brennenden Phantasien bleiben und in dieser zu grossen Entfernung vom Pianissimo. Er ging fast zu mutig und zu nahe durch einen Laubengang den Tonen naher zu und druckte das Angesicht tief durch die Blatter, um endlich Klotilde im fernen grunen Schimmer zu erblicken....

Ach er erblickte sie auch! Aber zu hold, zu paradiesisch! Er sah nicht das denkende Auge, den kalten Mund, die ruhige Gestalt, die so viel verbot, und so wenig begehrte: sondern er sah zum erstenmal ihren Mund von einem sussen harmonischen Schmerz mit einem unaussprechlich-ruhrenden Lacheln umzogen zum erstenmal ihr Auge unter einer vollen Trane niedergesunken, wie ein Vergissmeinnicht sich unter einer Regenzahre beugt. O diese Gute verbarg ja ihre schonsten Gefuhle am meisten! Aber die erste Trane in einem geliebten Auge ist zu stark fur ein zu weiches Herz... Viktor kniete, uberwaltigt von Hochachtung und Wonne, vor der edeln Seele nieder und verlor sich in die dammernde weinende Gestalt und in die weinenden Tone. Und da er endlich ihre Zuge erblasset sah, weil das grune Laub mit einem totenfarbigen Widerschein der Lampen ihre Lippen und Wangen uberdeckte und da sein Traum und die Klotilde wieder erschien, die darin unter den blumigen Hugel versunken war und da seine Seele zerrann in Traume, in Schmerzen, in Freuden und in Wunsche fur die Gestalt, die ihr Wiegenfest mit andachtigen Tranen heiligte: o war es da zu seinem Zergehen noch notig, dass die Violine ausklang, und dass die zweite Harmonika, die Viole d'Amour, ihre Spharen-Akkorde an das nackte, entzundete, zuckende Herz absandte? O! der Schmerz der Wonne befriedigte ihn, und er dankte dem Schopfer dieses melodischen Edens, dass er mit den hochsten Tonen seiner Harmonika, die das Herz des Menschen mit unbekannten Kraften in Tranen zersplittern, wie hohe Tone Glaser zersprengen, endlich seinen Busen, seine Seufzer und seine Tranen erschopfte: unter diesen Tonen, nach diesen Tonen gab es keine Worte mehr; die volle Seele wurde von Laub und Nacht und Tranen zugehullt das sprachlose Herz sog schwellend die Tone in sich und hielt die aussern fur innere und zuletzt spielten die Tone nur leise wie Zephyre um den Wonneschlaftrunknen, und bloss im sterbenden Innern stammelte noch der uberselige Wunsch: "Ach Klotilde, konnt' ich dir heute dieses stumme, gluhende Herz hingeben ach konnt' ich an diesem unverganglichen Himmelsabend, mit dieser zitternden Seele sterbend vor deine Fusse sinken und die Worte sagen: ich liebe dich!"

Und als er an ihren Festtag dachte und an ihren Brief nach Maienthal, der ihm das grosse Lob gegeben, ein Schuler Emanuels zu sein, und an kleine Zeichen ihrer Achtung fur ihn und an die schone Verschwisterung seines Herzens mit ihrem ja da trat die himmlische Hoffnung, dieses geadelte Herz zu bekommen, zum erstenmal unter Musik nahe an ihn, und die Hoffnung liess die Harmonikatone wie verrinnende Echos weit uber die ganze Zukunft seines Lebens fliessen....

"Viktor!" sagte jemand in langsam gedehntem Ton. Er sprang auf und kehrte seine veredelten Zuge gegen den Bruder seiner Klotilde und umarmte ihn gern. Flamin, in welchen alle Musik Kriegsfeuer und freiere Aufrichtigkeit warf, sah ihn staunend, fragend und unmerklich schuttelnd und mit jener Freundlichkeit an, die wie Hohn aussah, die aber allezeit blosses Schmerzen empfangener Beleidigungen war. "Warum nahmst du mich heute nicht mit?" sagte freundlich Flamin. Viktor druckte seine Hand und schwieg.

"Nein! rede!" sagte jener. "Lass es heute, mein Flamin, ich sage dirs noch", versetzte Viktor.

"Ich will dirs selber sagen" (begann jener schneller und warmer)

"Du denkst vielleicht, ich werde eifersuchtig. Und siehe, kennt' ich dich nicht, so wurd' ichs auch; wahrlich, ein anderer wurd' es, wenn er dich hier so angetroffen hatte und alles zusammenrechnete, deine neuliche Entfernung aus unserem Gartenhaus in die Laube dein Schreiben ohne Licht und dein Singen von Liebe"

"An Emanuel", sagte Viktor sanft

"Dein Abgeben dieses Blattes an sie"

"Es war ein anderes aus ihrem Stammbuche", sagt' er

"Noch schlimmer, das wusst' ich nicht einmal Dein Zogern in St. Lune und tausend andre Zuge, die mir nicht sogleich einfallen, dein heutiges Alleingehen"

"O mein Flamin, das geht weit, du siehst mit einem andern Auge als dem der Freundschaft"

Hier wurde Flamin, der sich in nichts verstellen konnte, ohne es sogleich zu werden, und der keine Beleidigung erzahlen konnte, ohne in den alten Zorn zu geraten, warmer und sagte weniger freundlich: "Es sehens schon andre auch, sogar der Kammerherr und die Kammerherrin."

Dieses zerriss Viktor das Herz. "Du Teurer, alter Jugendfreund, so sollen wir auseinander gezogen und gerissen werden, wir mogen noch so sehr bluten; es soll also diesem Matthieu gelingen (denn von dem kommt alles, nicht von dir, du Guter), dass du mich marterst, und dass ich dich martere Nein, es soll ihm nicht gelingen Du sollst nicht von mir genommen werden Siehe bei Gott," (und hier stand in Viktor das Gefuhl seiner Unschuld erhaben auf) "und wenn du mich jahrelang verkennst, so kommt doch die Zeit, wo du erschrickst und zu mir sagst: ich habe dir unrecht getan! Aber ich werde dir gern vergeben."

Dieses ruhrte den Eifersuchtigen, der heute uberhaupt (wegen einer besondern Ursache) gelassener war. "Sieh," (sagt' er) "ich glaube dir allemal: sag es, tust du nie etwas gegen mich?"- "Nie, nie, mein Lieber!" antwortete Viktor. "Jetzt verzeih meiner Hitze," fuhr jener fort, "so hab' ich schon mit meiner verfluchten Eifersucht einmal Klotilden selber in Maienthal gequalt aber dem Matthieu tue nicht unrecht; er ists vielmehr, der mich beruhigte. Er sagte mir es zwar, was Klotildens Eltern zu merken geglaubt, ja noch mehr sieh, ich sage dir alles sie hatten sogar wegen deiner vorgeblichen Neigung und wegen deines jetzigen Einflusses, den der Kammerherr gern zu seiner Wiedererhebung benutzen mochte, von einer moglichen Verbindung mit der Tochter gesprochen, auch gegen diese, und sie ausgeforscht; aber (dir ists doch gleichgultig) meine Geliebte blieb mir treu und sagte Nein."

Nun war unserm Freund das vorher so gluckliche Herz gebrochen; dieses harte Nein war bisher noch nicht gegen ihn ausgesprochen worden mit einer unaussprechlichen, niederdruckenden, aber stillen Wehmut sagt' er leise zu Flamin: "Bleib du mir auch treu denn ich habe ja wenig; und quale mich nie mehr so wie heute." Er konnte nicht mehr reden; die erstickten Tranen sturmten flutend auf sein Herz hinan und sammelten sich schmerzlich unter dem Augapfel er musste jetzt einen stillen dunkeln Ort haben, wo er sich recht ausweinen konnte, und in seinem aufgerissenen schmerzenden Innern war bloss der Gedanke noch sanft und balsamisch: "Jetzt in der Nacht kann ich weinen, soviel ich will, und niemand sieht mein zerrissenes Angesicht, meine zerrissene Seele, mein zerrissenes Gluck."

Und als er dachte: "Ach Emanuel, wenn du mich heute so sahest" konnt' er sich kaum mehr halten.

Er floh mit zuruckgestemmten Tranen, gleichgultig wer es sehe oder nicht, aus dem Garten, uber welchen ein dusterer Engel eine grosse Trauerfahne fliegen liess und Leichenmusik. Er stiess sich wund an einer steinernen Gartenwalze, womit man die beregneten Grasspitzen und Blumchen niederquetscht er weinte noch nicht, aber auf der Warte, da wollt' er sich sattigen und tranken mit reichlichem Schmerz er wiederholte immer: "Aber sie blieb getreu und sagte Nein, nein, nein" die Konzerttone wehten ihm nach wie Feuer dem, der es besprochen er watete durch nasse entschlummerte Fluren, die ihre Blumen verhullten, und schneller als er strichen auf der Erde die Schattenrisse des oben vom Winde verfolgten Gewolkes dahin er stand an der Warte, hielt jede Zahre noch und rannte hinauf er warf sich auf die Bank, wo er Klotilden zum ersten Male im weissen Gewand von ferne gesehen "Ruhe du auch, Horion!" hatte sie aus seinem Traum ihm unter dem Blumenhugel zugerufen, und er horte es wieder.

Hier riss er freudig alle seine Wunden auf und liess sie frei hinbluten in Tranen sie uberzogen mit truben Stromen das Angesicht, das sanft oft gelachelt hatte, aber immer gutmutig, und das andern keine abgepresset, sondern abgetrocknet hatte jede Flut war eine weggehobne Last, aber das Herz wurde darauf wieder schwer und vergoss die neue. Endlich konnt' er die Tone wieder horen, die meisten sanken unter, eh' sie an den Turm geflossen waren, kleine kamen sterbend an und zergingen in seinem dunkeln Herzen jeder Ton war eine fallende Trane und machte ihn leichter und sprach seinen Kummer aus der Garten schien aus sanft ertonenden, gebrochen-uberdammerten, dunkelgrunen Schattenwogen zu bestehen er riss, von Erinnerung gestochen, das Auge davon weg: "Was geht er mich mehr an", dacht' er. Aber endlich stieg aus diesem Schatten-Eden und aus der Viole d'Amour das Lied "Vergiss mein nicht" zu seinem muden Herzen auf und gab ihm wieder den sanftern Schmerz und die vergangne Liebe: "Nein," sagt' er, "ich vergesse dein auch nicht, ob du mich gleich nicht geliebt Deine Gestalt wird mich doch ewig ruhren und an meine Traume erinnern ach du Himmlische, es ist ja jetzt das einzige, was mich nicht schmerzet, wenn ich denke: ich vergesse dein nicht."

Alles wurde stumm und ausgeloscht; er war allein neben der Nacht. Endlich ging er nach der langen Stille herab und nach Flachsenfingen zu, matt geweint und arm geworden. Und als er unterweges schnell zum schwarzblauen Himmel, in welchem irrende Wolken um den Mond wie Schlacken umhergeworfen waren, hinaufblickte und schnell wieder uber die halb vernichtete Schattengegend, uber die Schattenberge und Schattendorfer: so kam ihm alles tot, leer und eitel vor, und es schien ihm, als war' in irgendeiner hellern Welt eine Zauberlaterne und durch die Laterne ruckten Glaser, worauf Erden und Fruhlinge und Menschengruppen gefarbet waren und die herabgeflossenen hupfenden Schattenbilder dieser Glaser nennten wir Uns und eine Erde und ein Leben und allem Bunten liefe ein grosser Schatten hintennach.

Ach, ich rege vielleicht in mancher Brust langst vergessene Beklemmungen wieder auf, aber es tut uns wohl da die Leiden so viel Platz in unserer Erinnerung einnehmen , dass dieses herbe Lagerobst milde wird durch Liegen, und dass ein geringer Unterschied ist zwischen einem vergangnen Schmerz und einer jetzigen Lust.

Der arme Viktor kam nach Mitternacht mit einem bleichen Angesicht und mit brennenden Augen im Hause des Apothekers an. Er begehrte nichts, um seine gebrochne Stimme nicht zu verraten. Als er seinen Alltagsuberrock im Mondschimmer hangen sah, und als er sich wie eine fremde Person vorstellte, der der Rock gehorte und die ihn am Morgen so freudig auszog und jetzo so trostlos anlegte: so ergriff ein Mitleiden, das er mit sich selber hatte, wieder mit zu starkem Druck sein erschopftes Herz. Marie kam, und er wendete nicht einmal die Zeichen dieses Mitleids von ihr weg. Sie stand betroffen er sagte ihr mit der sanftesten, aus Seufzern gewebten Stimme, er brauche nichts und die gute Seele ging ohne Mut zum Trosten und zu Tranen langsam hinaus, aber die ganze Nacht vergoss sie unsichtbare uber die fremden und uber einen Kummer, der ihr nicht gesagt war.

Warum offnete gerade heute das Schicksal alle Adern seines Herzens? Warum liess es gerade auf diesen Tag die Silberhochzeit des Stadtseniors und die erste Hochzeit seiner Tochter mit dem Waisenhausprediger treffen? Warum, wenn doch beide Hochzeitfeste auf diesen Tag zusammenfallen sollten, mussten sie bis nach Mitternacht fortwahren, wo sie den armen Viktor in alle Brandstatten seiner Hoffnungen schauen liessen, wo er in einer lichtervollen Stube aus seiner dunkeln die Liebe sah, welche Hande verknupfte, Lippen zusammendruckte und Augen und Seelen vermischte? Zu einer andern Zeit wurd' er uber den Waisenhausprediger und uber zwei Armenkatecheten gelachelt haben; aber heute konnt' er nur daruber seufzen, und es ist eine sanfte Schonheitlinie an seinem innern Menschen, dass er den armen Menschen das vergonnte, was er entbehrte: "Ach ihr seid glucklich", sagte er "o liebt euch recht, presset die klopfenden verganglichen Herzen heiss aneinander, eh' sie der Flugel der Zeit zerschlagt, und gluhet aneinander in der kurzen Minute des Lebens und wechselt eure Tranen und Kusse, eh' die Augen und Lippen im Grabe erfrieren ihr seid glucklicher als ich, der ich das Herz voll Liebe niemand geben kann als den Wurmern des Grabes, und auf dessen Sarg ein Tischler die Uberschrift, die wie ich mit Erde bedeckt wird, farben soll: ihr guten Menschen, ihr habt mich nicht geliebt, 30 und ich war euch doch so gut!"

Jedes gluckliche Lacheln, jeder flotende Violinenzug, jeder Gedanke wurde jetzt seinem von Tranen umgebenen weichen Herzen zur harten spitzen Ecke, so wie einer Hand, die sich in Wasser untertaucht, alles hart anzufuhlen wird.

Seine grenzenlose Aufrichtigkeit, seine grenzenlose Erweichung konnt' er mit nichts befriedigen, als mit einem Briefe an seinen Emanuel, in welchen er seine ganze Seele uberstromen liess.

"O teurer Geliebter!

Sollt' ich denn dirs verbergen, wenn mich Schmerzen ubermannen oder Torheiten? Sollt' ich dir nur meine bereueten Fehler zeigen und nie meine gegenwartigen? Nein, tritt her, Teurer, an meine wunde Brust, ich offne dir das Herz darin, es blute und poche unter der Entblossung, wie es will du deckest es doch vielleicht mit deiner vaterlichen Liebe wieder zu und sagst: ich lieb' es noch.

Du, mein Emanuel, ruhest in deiner hohen Einsamkeit, auf dem Ararat der erretteten Seele, auf dem Tabor der glanzenden: da blickest du sanft geblendet in die Sonne der Gottheit und siehest ruhig die Wolke des Todes auf die Sonne zuschwimmen sie verhullt sie, du erblindest unter der Wolke, sie verrinnt, und du stehst wieder vor Gott. Du liebst Menschen als Kinder, die nicht beleidigen konnen du liebst Erdengenusse wie Fruchte, die man zur Kuhlung pfluckt, aber ohne nach ihnen zu hungern die Gewitter und Erdbeben des Lebens gehen vor dir ungehort voruber, weil du in einem Lebens-Traum voll Tone, voll Gesange, voll Auen liegst, und wenn dich der Tod aufweckt, lachelst du noch uber den heitern Traum.

Aber ach, mehr als ein Gewitter donnert hinein in den Lebenstraum von uns andern und macht ihn angstlich. Wenn ein hoheres Wesen in den Wirrwarr von Ideen treten konnte, der unsern Geist umgibt, und aus dem er seinen Atem holen muss, wie wir in einer aus allen Luftarten zusammengegossenen Luftart atmen wenn es sahe, welche Nahrmittel durch unsern innern Menschen gehen, denen er seinen Milchsaft abgewinnen muss, dieses Gemenge von komischen Opern Bayles Worterbuchern Konzerten von Mozart Messiaden Kriegsoperationen Goethes Gedichten Kants Schriften Tischreden Mond-Anschauungen Lastern und Tugenden Menschen und Krankheiten und Wissenschaften aller Art wenn das Wesen diese Lebens-Olla-Potrida untersuchte: wurd' es nicht begierig sein, zu wissen, welche widersinnige Safte dadurch in der armen Seele zusammen gerinnen, und wurd' es sich nicht wundern, dass noch etwas Festes und Gleichformiges im Menschen bleibt? Ach wenn dein Freund, Emanuel! bald in einem feinen Speisesaal, bald in einem Garten, bald in einer Loge, bald vor dem grossen Nachthimmel, bald vor einer Kokette, bald vor dir ist: so macht ihm dieser zweideutige Wechsel der Auftritte Schmerzen und vielleicht Flecken...

Nein, ich will meinen Emanuel nicht belugen O sind denn die Kleinigkeiten und die Steinchen dieses Lebens wert, dass wir darum krumme Gange wahlen, wie die Minierraupe durch die Astchen ihres Blattes sich zu Krummungen zwingen lasst? Nein, alles, was ich gesagt habe, ist wahr; aber ich hatt' es nicht gesagt, wenn nicht andre Schmerzen mich auch auf jene fuhrten; und doch hattest du es mir, du unschuldig-kindlich-erhaben-trauender Lehrer, geglaubt. Ach, du halst mich fur zu gut... o es ist ein weiter ermudender Schritt von der Bewunderung zur Nachahmung! Jetzt aber blick in mein geoffnetes Herz!

Seitdem ich hier im Totenhaus meiner kindlichen Freuden, in den Beeten, wo meine Kindheitjahre gebluhet und abgebluhet haben, vielleicht mit zu vielen Traumen der Vergangenheit umhergehe; und noch mehr: von dem Tage an, wo du meinem Herzen den Reiz zum Fieber-Schlage auf mein ganzes Leben gegeben, seitdem du mir das Leben aufgedeckt, worin sich der Mensch zerblattert, und den dunnen spitzigen Augenblick, auf dem er so schmerzhaft steht, seit jener Abschied-Nacht, wo meine Seele gross und meine Tranen unerschopflich waren, rinnt eine ewige Wunde in mir, und der Seufzer einer Sehnsucht, die nichts zu nennen weiss als Traume und Tranen und Liebe, liegt wie eine stockende Ader beklemmend und verzehrend in meiner Brust Ach, ich lache noch wie sonst, ich philosophiere noch wie sonst, aber mein Inneres sieht nur der Geliebte, dem ichs jetzt entblosse.

O Schicksal, warum schlugst du in den Menschen den Funken einer Liebe, die in seinem eignen Herzblut ersticken muss? Ruht nicht in uns allen das holde Bild einer Geliebten, eines Geliebten, wovor wir weinen, wornach wir suchen, worauf wir hoffen, ach und so vergeblich, so vergeblich? Steht nicht der Mensch vor der Brust eines Menschen wie die Turteltaube vor dem Spiegel und girret wie diese sich heiser vor einem toten flachen Bilde darin, das er fur die Schwester seiner klagenden Seele halt? Warum fragt uns denn jeder schone Fruhlingabend, jedes schmelzende Lied, jede uberstromende Freude: wo hast du die geliebte Seele, der du deine Wonne sagst und gibst? Warum gibt die Musik dem besturmten Herzen statt der Ruhe nur grossere Wellen, wie das Gelaute der Glocken die Ungewitter, anstatt zu entfernen, herunterzieht? Und warum ruft es draussen an einem schonen stillen hellen Tage, wenn du uber das ganze aufgeschlagne Gemalde einer Landschaft siehest, uber die Blumen-Meere, die auf ihr zittern, uber die herabgeworfnen Wolkenschatten, die von einem Hugel zum andern fliehen, und uber die Berge, die sich wie Ufer und Mauern um unsern Blumenzirkel ziehen, warum ruft es da denn unaufhorlich in dir: 'Ach, hinter den rauchenden Bergen, hinter den aufliegenden Wolken, da wohnt ein schoneres Land, da wohnt die Seele, die du suchst, da liegt der Himmel naher an der Erde'? Aber hinter dem Gebirge und hinter dem Gewolke stohnt auch ein verkanntes Herz und schauet an deinen Horizont heruber und denkt: 'Ach, in jener Ferne war' ich wohl glucklicher!'

Sind wir denn alle nicht glucklich Bejah' es nicht und sage nicht zu mir, Emanuel, dass im Winter dieses Lebens gerade die wenigen warmen Sonnenblicke, die ihn unterbrechen, den bessern Menschen wie Gewachse zersprengen und zugrunde richten sage nicht, dass jedes Jahr etwas von unserm Herzen wegstosse, und dass es wie das Eis immer kleiner werde, je weiter es schwimme im Strome der Zeit sage nur nicht, dass die irrende Psyche, wenn sie auch ihr zweites Selbst in ihrem Gefangnis hore, doch nie in seine Arme kommen konne Aber du hasts schon einmal gesagt:

'In zwei Korpern stehen wie auf zwei Hugeln getrennt alle liebende Seelen der Erde, eine Wuste liegt zwischen ihnen wie zwischen Sonnensystemen, sie sehen einander herubersprechen durch ferne Zeichen, sie horen endlich die Stimmen uber die Hugel heruber aber sie beruhren sich nie, und jede umschlingt nur ihren Gedanken. Und doch zerstaubt diese arme Liebe wie ein alter Leichnam, wenn sie gezeigt wird; und ihre Flamme zerflattert wie eine Begrabnislampe, wenn sie aufgeschlossen wird.'

Sind wir denn alle nicht glucklich?

Bejah' es nicht! Ach der Mensch, der schon von der Kindheit an nach einer unbekannten Seele rief, die mit seiner eignen in einem Herzen aufwuchs die in alle Traume seiner Jahre kam und darin von weitem schimmerte und nach dem Erwachen seine Tranen erregte die im Fruhling ihm Nachtigallen schickte, damit er an sie denke und sich nach ihr sehne die in jeder weichen Stunde seine Seele besuchte mit so viel Tugend, mit so viel Liebe, dass er so gern all' sein Blut in seinem Herzen wie in einer Opferschale der Geliebten hingegeben hatte die aber ach nirgends erschien, nur ihr Bild in jeder schonen Gestalt zusandte, aber ihr Herz ewig entruckte endlich, o plotzlich, o selig schlagt ihr Herz an seinem Herzen, und die zwei Seelen umfassen sich auf immer er kann es nicht mehr sagen, aber wir konnens: dieser ist doch glucklich und geliebt....

Guter Emanuel, du vergibst mir den Schmerz der Furcht, dass ich es wohl nie sein werde Nein, nie! O ich ware auch fur diese von Grabern zerstuckte Erde vielleicht gar zu glucklich, ich durfte fur ein so junges, mit so kleinen Verdiensten gerechtfertigtes Leben vielleicht ein zu grosses Eden bewohnen, wenn meine zu weiche Seele, die schon unter drei frohen Minuten einsinkt, die jeden Menschen liebt und sich mit Kinderarmen ans Herz der ganzen Schopfung hangt, o die schon durch diesen blossen Traum der Liebe zu selig wird und uberwaltigt durch diese Beschreibung nein, sie ware zu selig, eine solche von Wehmut und Menschenliebe langst zerschmolzene Seele, wenn sie einmal nach einem so langen todlichen Sehnen endlich, endlich Emanuel, ich bebe wieder vor Freude, und es ist doch niemals, niemals moglich! alle ihre Wunsche, ihren ganzen Himmel, so viele Liebe in einer teuern, teuern Seele gesammelt fande, wenn ich vor der grossen Natur und vor dem Angesicht der Tugend und vor Gott selber, der mir und ihr die Liebe gab, zur Einzigen, zur Frommen, zur Geliebten Gott, wie heisst ihr Name zur Vorausgeliebten, die ich jetzt im Wahnsinn nennen wollte, weinend sagen durfte: endlich hat dich mein Herz, du Gute, Gott gibt uns heute einander, und wir bleiben beisammen auf die ganze Ewigkeit. Nein, ich wurd' es nicht sagen, sondern vor Wonne verstummen und sterben.

Siehe! mir war jetzt, als ging' eine Gestalt uber meine Stube und riefe: Viktor! Ich sah mich um und erblickte meine leere Stube und die abgelegten Sonntagkleider, und jetzt erinnerte ich mich erst, dass ich unglucklich bin und nicht geliebt.

Du aber, unersetzlicher Freund, misskenne mich nicht; ich schwore dir, dass ich dir diese Blatter ungeandert gehe, wenn ich auch morgen, wo die Wirbel der heutigen Nacht stiller fliessen, alle Anderungen notig fande. Dein torichter Freund bleibt doch dein ewiger Freund.

S.V.H."

20. Hundposttag

Blatt von Emanuel Flamins Fruchtstucke auf den

Schultern Gang nach St. Lune

"Armer Sebastian," sagt' ich, da ich das heutige Felleisen aufmachte "eh' ichs auf habe, weiss ich schon voraus, dass du den ganzen Tag nach einer solchen Nacht dich eingeschlossen, um dein verblutetes Angesicht gegen den Trauergarten zuzuwenden dass du heute diese brennenden Gifttropfen lieber hast als den Wundbalsam, und dass du in den Spiegel schauest, um die stille schuldlose Gestalt, die er dir mit ihren Schnitten zeigt, wie eine fremde zu beweinen. O wenn der Mensch nichts mehr zu lieben hat, so umfasset er das Grabmal seiner Liebe, und der Schmerz wird seine Geliebte. Vergebet einander den kurzen Wahnsinn der Klage: denn unter allen Schwachen des Menschen ist das die unschuldigste, wenn er, anstatt gleich dem Zugvogel sich uber den Winter zu erheben und in heitere Zonen zu fliegen, gleich andern Vogeln vor diesem Winter niedersinkt und dumpf in seinem kalten Grame erstarrt."

Viktor sargte sich sozusagen an jenem Tage in sein Zimmer ein, das er niemand als einer Tur- und Wandnachbarin der Schmerzen, Marien, offnete, deren Gestalt ihm so sanft wie eine Abendsonne tat. Jedes andere weibliche Gesicht auf der Strasse gab ihm Stiche; und der Bruder der verlornen Klotilde, den er am Fenster sah und heute gern umarmt hatte, lieh der verweinten Erinnerung neue Farben.... Leser! die Leserin ist von selber billiger lache nicht uber meinen guten Helden, der da keiner ist, wo gerade die Starke der Seele die Starke des Schmerzens wird; lass mich es wenigstens nicht horen. Wem der sympathetische Nerve des Lebens, die Liebe, unterbunden oder durchschnitten ist, der darf schon einmal seufzen und sagen: alles kann der Mensch auf der Erde geduldiger verlieren als Menschen.

Und doch fuhrte abends ein Zufall namlich ein Brief- alle seine Schmerzen noch einmal durch sein mudes Herz. Ein kleiner Brief von Emanuel aber keine Antwort auf den erst abgesandten kam an.

"Mein immer Geliebter!

Ich habe den Tag deines Eintritts in ein neues LebensGewuhl erfahren, und ich habe gesagt: mein Geliebter bleibe glucklich die Ruhe der Tugend baue wie mit einer Brust sein Herz gegen den Frost und Sturm seines neuen Lebens ein seine Schmerzen und seine Entzuckungen seien nicht laut er trauere sanft und still wie eine Furstin im sanften Weiss, er geniesse sanft und still, und im Tempel seines Herzens spiele die Lust nur wie ein ungehort-irrender Schmetterling in einer Kirche und die Tugend schwebe vor ihm am nohern Himmel uber unserer Sonne und warme und erhelle und ziehe allmahlich sein Herz!

Du willst, aus liebender Bangigkeit fur mein entsinkendes Leben, nicht haben, dass ich oft schreibe: so wenig glaubst du Lieber, meiner Hoffnung. O die ablaufenden Gewichte meiner Maschine fallen langsam und sanft auf das Grab hinauf- dieses Erdenleben kleidet sich in meiner Seele immer schoner an und schmuckt sich zum Abschiede dieser Nachsommer um mich, der wie eine Nebensonne neben dem Augustsommer steht, und der kunftige Fruhling nehmen mich der Natur schmeichelnd aus den Armen.

So uberlaubt, so uberblumt der Allgutige die Kirchhofmauer des Lebens, wie wir die Mauer eines englischen Gartens, mit bedeckendem Efeu und Immergrun und gibt dem Ende des Gartens den Schein eines neuen Gestrauchs.

So steigt schon hier im dunkeln Leben der Geist, wie der Barometer schon unter dem truben Wetter steigt, und wird den Einfluss des lichtern schon unter den Wolken innen.

Ich folge aber deiner Liebe und schreibe dir nicht mehr als einmal im Winter, wo ich dir die grosse Nacht erzahle, in der ich meinem blinden Julius zum erstenmal sagte, dass ein Ewiger ist. In jener Nacht, mein Geliebter, zogen mich die Entzuckung und Andacht zu hoch, und das dunne Leben wollte reissen. Ich blutete lange. Im Winter, wo an die Stelle der Erden-Reize die des Himmels treten49, verbiete mir das Gemalde des Sommers nicht.

O mein Sohn! ich musste dir ja schreiben, weil meine Freundin Klotilde klaget, dass sie zum neuen Jahre aus der grunen Laube der Einsamkeit auf den drangenden Marktplatz des Hofes gezogen werde ihre Seele ist dunkel von Trauer und streckt die Arme nach dem stillen Leben aus, das von ihr genommen wird. Ich weiss nicht, was ein Hof ist du wirst es wissen, und ich beschwore dich, erlose meine Freundin und lenke die Hand ab, die sie aus St. Lune ziehen will. Wenn du es nicht kannst: so verlasse am Hofe die geliebte Seele nicht sei ihr heissester Freund ziehe die Bienenstacheln der Erdenstunden aus ihrem milden Herzen. Wenn kalte Worte wie Schneeflocken auf diese Blume fallen: so schmelze sie der Hauch der Liebe zu Tranen, die du rinnen siehest Wenn uber ihr Leben ein Gewitter aufsteigt: so zeig ihr den Engel, der auf der Sonne steht und uber unsere Gewitter den Regenbogen der Hoffnung zieht O dich, den ich so liebe, wird meine Freundin auch so lieben, und wenn mein Freund ihr sein sanftes Herz, sein weiches Auge, seine Tugend, seine von der Natur und von dem Ewigen bewohnte Seele aufdeckt: so wird er meine Freundin vor sich glucklich werden sehen, und das erhabne Angesicht, das vor ihm in Tranen und Lacheln und Liebe zerfliesst, wird immer in seinem Herzen bleiben.

Emanuel."

Siehe, da trat in dieser gluhenden Minute die erhabne Gestalt, die er gestern gesehen, wieder vor sein Herz mit den wehmutig lachelnden Lippen und mit den Augen voll Tranen; und als die Gestalt vor ihm schweben blieb und schimmerte und lachelte, so stand seine Seele vor ihr wie vor einer Verstorbenen auf, und alle Wunden fingen wieder unter dem Erheben an zu bluten, und er rief: "So weiche denn nie aus meinem Herzen, du erhabne Gestalt, und ruh' ewig auf seinen Wunden!" Die Trostlosigkeit, die Ermattung und der Schlaf uberhullten seinen Geist, so wie seinen letzten Gedanken, nachstens nach St. Lune wieder zu gehen und ihre Eltern zu bereden, sie nicht an den Hof zu zwingen...

Der lange Schlaf des Todes schliesst unsere Narben zu, und der kurze des Lebens unsere Wunden. Der Schlaf ist die Halfte der Zeit, die uns heilt. Der erwachte Viktor, dessen Fieber der Liebe gestern durch die Schlaflosigkeit so sehr zugenommen, sah heute, dass sein Schmerz ungemassigt war, weil seine Hoffnung unmassig gewesen; anfangs hatt' er gewunscht dann beobachtet dann vermutet dann gesehen dann ausgelegt dann gehofft dann darauf geschworen. Jeder kleine Umstand, sogar sein Anteil an Klotildens Ernennung zur Hofdame, hatte mildes Ol der Liebe in seine Glut gegossen. "O ich Tor!" sagt' er, mit den drei Schwur- Fingern an der Stirne, und wie alle kraftige Menschen war er um desto mutiger, je mutloser er gewesen. Ja, er fuhlte sich auf einmal zu leicht; denn eine zu schnelle Kur kundigt auch bei Seelen den Ruckfall an. Ein neuer Trost war der gestrige Entschluss, dass er Klotilden einen Dienst erweisen namlich den Hofdienst ersparen wollte. Er besann sich noch uber seinen Entschluss, sie wiederzusehen Fuhltest du etwa, Viktor, dass alles, was die Liebe tut, um zu sterben, nur ein Mittel ist, um wieder zu auferstehen, und dass alle ihre Epilogen nur Prologen zum zweiten Akte sind? Aber ein Korb Apfel auf dem Markte machte ihn in seinem Entschlusse wieder fest. Flamin trat namlich herein. Er fing sogleich mit Fragen uber das Verschwinden am Sonntag und mit Nachrichten der allgemeinen Unruhe uber den teuern Fluchtling an. Viktor, durch die ganze Erinnerung wieder erhitzt und gegen den Bildersturmer und Fiskal einer vergeblichen Liebe fast ein wenig erzurnt, gab ihm die wahre Antwort: "Du nahmest mir meine Freude zum Teil, und warum sollt' ich so spat erst aufs Theater treten?" Je starker Flamin die liebende Bekummernis der Pfarrerin und Klotildens uber seine Unsichtbarkeit malte, desto peinlicher wurd' in ihm der Wirrwarr streitender Gefuhle; ohne sein zuruckrufendes Gewissen war' es ihm jetzo leichter geworden, nun dem Freunde die hoffnunglose Liebe zu bekennen, als sonst die hoffende. Zufallig wunderte sich Flamin uber die Reife der Apfel unten auf dem Markte und verlangte einige: ein Blitzstrahl fuhr nun vor Viktors Auge uber die angebornen Fruchtstucke auf Flamins Schultern, die allezeit im Nachsommer wahrend der Apfelreife erschienen, die er aber im bisherigen Taumel vergessen hatte. Der Himmel weiss, ob nicht dem Leser selber entfallen ist, dass Flamin dieses Lagerobst (sein Muttermal) auf dem Rucken tragt, das ein Sodoms- und Evas-Apfel fur ihn werden kann. Konnte nicht Matthieu, der bisher an Flamin dieses Insiegel seiner furstlichen Verwandtschaft nicht untersuchen konnte, sich auf einmal von allem uberzeugen, was er aus dem Briete an den Lord nur mit diebischen Blicken erraten konnte? Und konnt' er nachher nicht zum Fursten gehen und da fur alle unsere Freunde die giftigsten Suppen einbrocken? Da aber das Vexierbild gewohnlich in einer Woche verblich: so brauchte Viktor ihm nur ebenso lange den Trager desselben aus den Augen zu entrucken; er trug also seinem von der Natur tatowierten Freunde die Bitte vor, einmal gemeinschaftlich nach St. Lune zu gehen, da sie vorgestern einander verfehlet hatten....

"Daraus wird nichts", sagte Flamin, der die kleinere Delikatesse hatte, die Bitte um die Begleitung wegen seiner Vorwurfe in Le Bauts Garten nicht zu benutzen, und daruber die grossere vergass, eine solche Rucksicht seinem Viktor gar nicht zuzutrauen.

Dieser, in einer leidenschaftlichen Eilfertigkeit, zwei solche Ubel (Klotildens Hofamt und Matthieus Besichtigung) abzuwenden, griff zum sonderbaren Mittel, dem Hofjunker die Reise- Genossenschaft anzutragen. Denn sie sahen und sprachen einander taglich in Vorzimmern und Salen und wahrhaft freundlich, nur konnte keiner den andern ausstehen. "Mit Freuden!" (sagte der Evangelist) "in dieser Woche hab' ich den Kabinettdienst aber die nachste kann ich."

Und gerade in der jetzigen wollt' es Viktor. So viel schnelle Fehlschlagungen besturzten diesen so, dass er, dessen sorg- und argloses Herz immer ein offener Brief mit fliegendem Siegel war, sich jetzt gegen seinen guten, teuren Freund Flamin verstellte Er wollte wenigstens das Muttermal und dessen Deutlichkeit selber untersuchen. Er ging daher zu ihm und fand ihn gebucktschreibend und mit einem gluhenden Arbeit-Gesicht. Er beschwurs ihm, Erholung und Ferien waren ihm unerlasslich, und er sollte wie ein Setzer stehend arbeiten. Dann kam er allmahlich auf Flamins vollblutige Brust und auf die Frage: ob sie ohne Stechen und Drucken seine Anspannungen vertrage? Dann langte er an dem Ziele an, und er schlug vor, Flamin solle sich in jedem Falle als Lungen-Ableiter ein burgundisches Pechpflaster auf die Schulterblatter legen lassen, ja er wollt' es ihm jetzt selber tun und ihm zeigen, wie alles zu machen sei. Dadurch hoffte er noch dazu um das Apfelstuck zugleich einen Vorhang zu ziehen. Aber er verstellte sich so erbarmlich denn ihm gluckten unschuldige Intrigen gegen Madchen und scherzhafte Verstellungen aus Satire, und misslangen ernsthafte , dass sogar Flamin aufhorchte und trocken versetzte: "er habe schon ein solches Pflaster seit zwei Tagen auf: und Matthieu hab' es ihm geraten und selber aufgelegt."

Da sass er. Sebastian hatte weiter nichts zu tun, als in einer sonderbaren Kalte, die auf dem St. Luner Wege nur durch einige Stiche von den alten dornigen Spatlingen seines verbluhten Paradieses untermischt wurde, unbegleitet zum Kammerherrn Le Baut zu gehen, zu sagen, was zu sagen war, ins Pfarrhaus zu gucken und still wieder fortzuwandern ohne eine einzige Hoffnung.

Liebe Fortuna! lieber gekopft als skalpiert, lieber ein Ungluck als zehn Fehlschlagungen; ich meine: radere mit deinem Rade den Menschen lieber von oben als unten hinauf!

Viktor wusste zwar noch kein Wort von der Wendung, womit er zwei solchen Hof-Emigranten wie den Le Bauts, die nichts Heiligers kannten als die Latrie gegen einen Fursten, die Dulie gegen dessen Minister und die Hyperdulie gegen dessen H-, Klotildens Standerhebung verleiden sollte; aber er dachte: "Ich tue, was ich kann."

Klotildens Eltern nahmen ihn mit so viel Verbindlichkeit auf d.h. mit so viel Hoflichkeit des Korpers, mit soviel Puderzucker auf jeder Miene, mit so viel Violensirup auf jedem Wort kurz, er fand den Bericht, den Matthieu von ihrer gefalligen Denkart fur ihn an Flamin erstattet hatte, so gegrundet, dass er keine bessere Gelegenheit hatte ausuchen konnen als diese, um sie von der Verpflanzung ihrer Tochter abzumahnen hatten sie ihm nicht zu danken angefangen, dass er selber dieser Verpflanzer gewesen war. Sie hatten alles erfahren oder erraten und dankten ihm fur seine Verwendung, der sie wahrscheinlich eigennutzigere Absichten lieben, als die Tochter tat. Es ware lacherlich gewesen, in Klotildens Gegenwart ihr selber Flachsenfingen zu widerraten und das auszureden, wofur man ihm dankte; indes versucht' er doch etwas. Er sagte zum Kammerherrn: "seine Tochter verdiene mehr, einen Hof zu haben, als einen zu zieren; ja er verdiene bei der ganzen Sache hochstens Entschuldigung, da Klotilde gewiss den Umgang ihrer Eltern dem Hofzwang vorziehe: in diesem Falle versprech' er, den Zeiger bei dem Fursten wieder zuruckzustellen und alles ohne Nachteil zu berichtigen." Der Vater hielt diese Ausserung fur ein sonderbares Ablehnen des Dankes, die Stiefmutter fur irgendeine Spitzbuberei, die Tochter fur Worte. Sie sagte ein wenig kurz: "Ich glaube, es war leicht, zwischen Ungehorsam und Abwesenheit zu wahlen." Denn so unbiegsam sie fur ihre Stiefmutter war, so willig kam sie den Winken ihres Vaters nach, den sie mit allen seinen Schwachen und als die einzige ihm auf der Erde gewogne Seele zartlich liebte. Viktor liess es endlich, obwohl gezwungen, gut sein; aber warum ergibt sich der Mensch schwerer in die Zukunft als in die Vergangenheit? Die Kalte der Tochter war naturlicherweise nicht kleiner (aber aufrichtiger) als die Warme der Eltern.... und gerade die Kalte erfrischte sein gluhendes Gehirn. Diese kalte gleichgultige Gestalt war wie ein Schleier uber die erhabne liebende gedeckt, die immer mit ihrem schwermutigen Blicke vor ihm schwebte, und die er nicht aushielt. Ohne Bewusstsein einer Schuld, zufrieden mit seinem Gehorsam gegen Emanuels Bitte, zog er mit seinen vom Wohlstand erdruckten Gefuhlen ab, kalter gegen die Kalte. Er ware ein schlechter Liebhaber gewesen, wenn er gewusst hatte, was er haben wollen; denn sonst hatt' er von Klotilden, sogar im Falle ihrer Liebe gegen ihn, keine ausserordentliche Warme gegen einen Medikus begehren konnen, den ihr die Eltern aufzwangen (welches einem Manne noch mehr schadet als Hasslichkeit), der so unhoflich ohne ein Geburttag-Carmen aus dem Garten fortjagte, und der sie in die sieben vergoldeten Turme des Hofdienstes trotz ihrem Widerwillen, trotz allem Anschein ihres kunftigen Gefangnisfiebers hineinschob. Aber fur das offne Lehn seines Herzens war eben dieser Arger gesund....

Wenn mein guter Leser einmal von einer zu teuren Freundin einen ewigen Abschied zu nehmen hat: so nehm' er ihn zweimal. Der erste versteht sich ohnehin, wo er in der Trunkenheit des Schmerzes, im Blutsturz des Herzens und der Augen erliegt, und wo das geliebte Bild sich mit Flammen in die weiche Seele brennt; aber dann wird er die Abgeschiedne nie vergessen konnen. Daher muss er einen zweiten nehmen, der schon darum kalter ist, weil heftige Empfindungen kein dal segno der Wiederholung leiden, ja er muss (wenn er am allerklugsten sein will) sie nach dem ersten tragischen Abschied an einem offentlichen Platze (z.B. bei einer Kronung), wo sie kalt scheinen muss, zu sehen suchen; ihr frostiges Gesicht uberschneiet dann ihr heisses in seinem Kopfe, und mein guter Leser hat doch wieder so viel Verstand beisammen, dass er weiss, was er in den Hundposttagen lieset...

Wahrlich, wenn Jean Paul nicht fleissig schreibt, so tuts keiner es schlug schon ein Uhr, und er hielts fur ein Viertel auf Zwolfe meine Schwester will schon vor dem aufgeschwanzten rauchenden Hecht, der wie die Schlange der Ewigkeit an seinem Schwanze frisset, die Hande falten und sagt immerfort: "Es wird ja alles kalt" "Das soll es auch, nach so gluhenden Kapiteln," (sag' ich) "wenn du den Leser und den Autor meinst"- Der Posthund springt schon, indem ich noch uber dem zwanzigsten Kapitel sitze, mit dem einundzwanzigsten in der Stube herum und doch will ich verhungern, wenn ich nicht vor dem Essen noch, wie die sieben Weisen, sieben goldne Spruche sage:

1. Wenn man beim Stiche der Biene oder des Schicksals nicht stille halt, so reisset der Stachel ab und bleibt zuruck.

2. Jammerliche Erde, die drei, vier grosse oder kuhne Menschen verbessern und erschuttern konnen! Du bist ein wahres Theater: auf dem Vorgrund sind einige fechtende Spieler und einige Zelte aus Leinwand, im Hintergrund wimmelts von gemalten Soldaten und Zelten!

3. Staaten und Diamanten werden jetzt, wenn sie Flecken haben, in kleine zerschnitten und da

4. die Menschen in grossen Staaten und die Bienen in grossen Stocken Mut und Warme einbussen: so heftet man jetzt an kleine Lander andre kleine Lander, wie an Bienenstocke Koloniestocke.

5. Der Mensch halt sein Leben fur das der Menschheit, wie die Bienen das Tropfen ihres Bienenstandes, wenn schon die Sonne wieder scheint, fur Regen nehmen und nicht ausfliegen;

6. aber er begeht taglich einen kleinern Irrtum: anfangs halt er fur eine Ewigkeit (fur diese aristotelische Zeit-Einheit des Schauspiels des Seins) seine gegenwartige Stunde- dann seine Jugend dann sein Leben dann sein Jahrhundert dann die Dauer des Erdballs dann der Sonne ihre dann der Himmel ihre dann (das ist der kleinste Irrtum) die Zeit....

7. An den Menschen sind vorn und hinten, wie an den Buchern, zwei leere weisse Buchbinderblatter Kindheit und Greisenalter; und an den Hundposttagen auch: siehe das Ende dieses Tages und den Anfang des nachsten.

Funfter Schalttag

Fortsetzung des Registers der Extra-Schosslinge

K

Kalte. In unserm Zeitalter stehen Abnahme des Stoizismus und Wachstum des Egoismus hart nebeneinander; jener bedeckt seine Schatze und Keime mit Eis, dieser ist selber Eis. So nehmen im Physischen die Berge ab und die Gletscher zu.

L

Leihbibliothek fur Rezensenten und Madchen. Ich bin noch immer willens, es ins Intelligenzblatt der Literaturzeitung setzen zu lassen, dass ich den Kaufschilling, den ich fur meinen Abendstern erhebe, nicht zerschlagen, noch wie Musaus zum Ankauf von Gartenhausern zersplittern, sondern das ganze Kapital zu einer vollstandigen Sammlung aller deutschen Vorreden und Titel, die von Messe zu Messe erscheinen, verwenden will. Ich kann dabei bestehen, wenn ich eine Vorrede wochentlich fur einen Pfennig Lesegeld an Rezensenten ausgebe, welche nicht gern das Buch selber lesen wollen, wenn sie es rezensieren.

Damit mir nicht einmal der Uberschuss des besagten Schlagschatzes als totes Kapital im Hause liegt: so sollen dafur wenn ich mich nicht andere die schwerern deutschen Meisterwerke z.B. Friedrich Jakobis, Klingers seine, Goethes Tasso , desgleichen die bessern satirischen und philosophischen vom Buchbinder in einer leichtern Damenausgabe geliefert werden, die ganz aus sogenannten Vexierbanden, worinnen kein Unterziehbuch steckt, bestehen soll. Ich spiele damit, denk' ich, den Leserinnen etwas Kernhaftes in die Hande, das so gut gebunden und ebenso betitelt ist wie die Buchhandler-Ausgabe, und in das sie weil das harte Steinobst schon ausgekernt und innen nichts ist nicht nur ebensoviel, sondern sechs Lot mehr Seidenfaden und Seidenabschnitzel legen konnen als in die gedruckte Ausgabe. Allwills Briefwechsel ein schweres zweidotteriges Straussenei des Autors, das ich vom Buchbinder auf diese Weise habe ausblasen lassen, weil die meisten Leserinnen zu kalt sind, es auszubruten ist jetzo ganz leicht. Aber von den deutschen Romanen werd' ich niemals eine solche Futteral-Ausgabe von leeren Zeremonienwagen des Musen- und Sonnengottes veranstalten, weil ich befahre, der Buchhandel schreie uber Nachdruck. Ich ware ein glucklicher Mann, wenn sich die Mitleserinnen meiner Leih-Kapselbibliothek nur zweimal in einigen italienischen und portugiesischen Buchereien hatten herumfuhren lassen; sie wurden in diesen, wo oft nur die Titel der Werke und noch dazu der dummsten an die Wand geschmieret sind, erstaunet sein, welche schlechte Figur solche unbrauchbare Bibliotheken neben meiner Bucherei von ordentlichen Vexierbuchern, die ich aus so vielen Fachern und mit einigem Eigensinn wahle, nicht anders als machen konnen. So werden freilich deutsche Kapselleserinnen von euch Portugieserinnen nimmermehr eingeholet! Vielmehr kommen jene sogar den Mannern, den Advokaten und Geschaftleuten nach, die ahnliche Kapsel-Journalistika mithalten und die Futterale der besten deutschen Journale letztere werden oft als curiosa sogar den Kapseln angebogen und futtern diese aus mitlesen und weitergeben.... Das ist mein Plan und Entwurf; Schafe aber wurden mutmassen, ich spasste mich hier bloss herum, wenn ichs nicht wirklich durchsetzte.

M

Madchen. Junge Madchen sind wie junge Truthuhner, die schlecht gedeihen, wenn man sie oft anruhrt; und die Mutter halten diese weichen, aus Blumenstaub zusammengeflossenen Geschopfe wie Pastellgemalde so lange unter Fensterglas weil sich alles vor uns Prinzessinnenraubern und Obstdieben scheuet , bis sie fixieret sind. Indessen ist weder Einsamkeit welche nur zu einer ungepruften Unschuld fuhrt, die zwar nicht vor dem Wustling, aber doch vor dem Heuchler fallt die rechte Kronwache um ein weibliches Herz, noch Gesellschaft, noch Arbeitsamkeit sonst sanke kein Landmadchen , noch gute Lehren denn diese sind in jedem Mund und in jeder Lesebibliothek zu haben : sondern diese vier ersten und letzten Dinge auf einmal tuns, die sich samtlich entbehren, vereinigen und ersetzen lassen durch eine tugendhafte weise Mutter.

N

Namen der Grossen50. Wenn ich so sehe, dass sie ihre ausserehelichen Mess-Produkte, Gelegenheitschriften und pieces fugitives so namenlos, als warens Rezensionen, verteilen: so sag' ich: "Hieran erkenn' ich echte Bescheidenheit." Denn naturliche Kinder sind gerade ihre besten und ihre eignen und konnen noch dazu vom Fursten fur echt erklart werden indes ihre ubernaturlichen in der Ehe das Echtmachen entbehren mussen : und doch wollen sie der Welt den Namen des Wohltaters nicht wissen lassen, sondern schaffen ebensooft (ja ofter) heimlich Leute in sie hinein, als aus ihr hinaus. Was das Kind sonst zuerst aussprechen lernt, sagen ihm solche Eltern zuletzt ihren Namen. Mich dunkt, sie folgen hierin Goethes feinem Ohre; denn sie verstecken sich selber ebenso wenn sie das Orchester der Welt mit Kinderstimmen und mit vingt-quatre und mit Weck- und Repetierwerken (welche unahnliche Zusammenstellungen!) fullen , wie Goethe vom spielenden Tonkunstler begehrt, dass er fur die Ohren arbeite, aber zur Schonung der Augen sich selber verberge. Ebenso schon handeln sie, wenn sie ihre Kinder der 30sten Ehe am Ende (oft nach der 5- oder 20jahrigen Verjahrung) doch an Kindes Statt annehmen und der Welt zeigen und so den Zeisigen nachahmen, die, wie man sagt, ihrem Neste und dessen Insassen durch den sogenannten Zeisigstein so lange Unsichtbarkeit erteilen, bis sie flugge sind.

O

Ostrazismus. Er war bekanntlich bei den Griechen keine Strafe: nur Leute von grossen Verdiensten errangen ihn, und sobald man diese Landesverweisung an schlechte Menschen verschwendete, ging sie vollig ein. Beklagen muss es ein Reichsburger, dass wir, da wir eine ahnliche offentliche Erziehanstalt, namlich die Landesverweisung, haben, diese oft an die allerelendesten Schelme verschleudern und daher in der Absicht, einen Kreis oder ein Land zum Spucknapf und zum Absondergefass des andern zu machen Halunken aus dem Lande jagen, die kaum wert sind, dass sie darin bleiben. Dadurch wird der Gebietraumung das Ehrenhafte und Auszeichnende, was sie fur den Mann von Verdiensten haben konnte, meist benommen, und ein ehrlicher Mann z.B. Bahrdt schamt sich beinahe, dass man ihn mit einer solchen Ehre nur belegt. Es sollte daher reichspolizeimassig werden, dass nur Minister, Professoren und Offiziere von entschiedenem Werte, gleich wichtigen Akten, verschickt und verwiesen wurden. Auf ahnliche Manner wurd' ich auch das Henken einschranken: bei den Romern wurden wahrhaftig nur grosse Kopfe und Lichter auf Kosten eines ganzen Staats an den Weg beerdigt; was soll ich aber von den Deutschen denken, bei denen selten nutzliche Staatsburger sondern meistens ausgemachte Spitzbuben auf offentliche Kosten, die man die Henkergelder nennt, begraben werden und vorher am Wege ausgehangen unter dem Galgen? Nicht einmal bei Lebzeiten kann ein Mann, wenn er nicht ausserordentliche und oft exzentrische Verdienste hat wiewohl exzentrische Menschen in die Wahrheit, wie die Kometen in die Sonne, als Nahrstoff zuruckfallen , sich darauf allemal Rechnung machen, dass er auf eine Art, wie die Alten ihre Edeln in Statuen und Bildern verdoppelten, in effigie zwischen dicken steinernen Rahmen werde aufgehangen werden.... Man antworte mir, ich lasse mit mir reden.

P

Philosophie. Einige kritische Philosophen haben jetzt aus der Algebra eine mathematische Methode entlehnt, ohne die man keine Minute philosophisch nicht sowohl denken als schreiben kann. Der Algebraist erhaschet durch das Versetzen blosser Buchstaben Wahrheiten, die keine Schlusskette ausgraben konnte. Das tut der kritische Philosoph nach, aber mit grosserem Vorteil. Da er nicht Buchstaben, sondern ganze Kunstworter geschickt untereinandermengt, so schaumen aus der Alliteration derselben Wahrheiten hervor, die er sich kaum hatte traumen lassen. Solchen Philosophen wird mit Recht wie den gothaischen Predigern (Goth. Landesordnung P. III. p.16.) verboten, Allegorien zu brauchen oder irgendeine Redeblume, die ihnen, wie den Leithunden andere Blumen, die Fahrte verderben. Eigentlich aber ist der Bilderstil bestimmter als der Kunstworterstil, der zuletzt, da alle abstrakte Worte Bilder sind, ja auch ein Bilderstil ist, aber einer voll zerflossener entfarbter Bilder. Jakobi ist nicht dunkel durch seine Bilder, sondern durch die neuen Anschauungen, die er durch jene mit uns teilen will.

Ich habe neulich in den Geburttabellen der gelehrten und lehrenden Republik nachgesehen und die jungen Kantchen aufgezahlt, die der alte Kant, sonst unverheiratet wie sein Vetter Newton, seit zehn Messen gezeugt hat. Demetrius Magnus, der ein Buch von den gleichnamigen Autoren machen wollte, musste sehr dumm gewesen sein, wenn er zu unsern Zeiten hatte schreiben und doch zugleich, indem er gleichwohl beigebracht, dass es 16 Plato, 20 Sokrates, 28 Pythagoras, 32 Aristoteles gegeben, es ganz sundlich hatte auslassen wollen, dass es jetzt so viele Philosophen und Philosophisten, als jene zusammengerechnet machen, gebe, namlich 96, die den Namen Kant fuhren konnten, wollten sie sonst. Solche Handwerker so kann ich die Magister nennen, weil man umgekehrt sonst die Handwerker Magister hiess und den Obermeister Erzmagister sollte man als die beste Propaganda in Rechnung bringen, welche dicke Bucher haben konnen: sie sind am besten imstande, das System auszubreiten, weil sie das Unfassliche, das Geistige davon abzuschneiden, und das Volkmassige und Korperliche, d.h. die Worter, fur Leser, die sonst einfaltig, aber doch nicht ohne kritische Philosophie sterben wollen, auszuziehen wissen. Das elendeste theologische und asthetische Gestein erhalt jetzt eine kantische Fassung aus Wortern. Obgleich durch jedes neue grosse System eine gewisse Einseitigkeit des Blicks in alle Kopfe kommt zumal da jeder kalte Philosoph gerade desto einseitiger ist, je einsichtiger er ist , so verschlagts doch nichts; denn grosse Wahrheit-Barren gehen nur durch das gemeinschaftliche Wuhlen des ganzen Denker-Gewerks hervor51. Wer Kant auf seinem Berge unter seinen gelehrten Mitarbeitern hat stehen sehen, erinnert sich mit Vergnugen einer ahnlichen Geschichte in Peru, die Buffon mitteilt: als daselbst Condamine und Bouguer die Aquatorgrade der Erde (wie Kant die der intellektuellen Welt) ausmassen, fanden sich ganze Affen- Rudel als Mitarbeiter dazu ein, setzten Brillen auf, blickten nach den Sternen und herunter nach den Uhren und brachten eines und das andre zu Papier, wiewohl ohne Ehrensold, welches ihr einziger Unterschied von den Vikariat-Kanten ist.

Jeder Mann von Genie ist ein Philosoph, aber nicht umgekehrt ein Philosoph ohne Phantasie, ohne Geschichte und ohne das Vielwissen des Wichtigsten ist einseitiger als ein Politiker wer irgendein System mehr annahm als erfand, wer nicht vorher dunkle Ahnungen desselben hatte, wer nicht vorher wenigstens darnach lechzte, kurz, wer nicht seine Seele als einen vollen warmen, mit Keimen ausgefullten Boden, der nur auf seinen Sommer wartet, mitbringt, der kann wohl ein Lehrer, aber nicht ein Schuler der zum Brotstudium erniedrigten Philosophie sein und kurz, es ist einerlei, welchen Ort man zur philosophischen Sternwarte besteige, einen Thron, oder einen Pegasus, oder eine Alpe, oder ein Casars-Lager, oder eine Leichenbahre, und sie sind fast alle hoher als der Katheder im Hor- und Streitsaale.

Q siehe K

R

Rezensenten. Ein Redakteur sollte sechs Tische haben: am ersten sassen und assen die Anzeiger des Daseins eines Buchs am zweiten die Bausch- und Bogen-Anzeiger seines Werts am dritten die Auszieher desselben am vierten die Sprachmeister und Sprachforscher, welche unter das Publikum rasonnierende Verzeichnisse fremder Donatschnitzer austeilen am funften die Bekampfer, die ein neues Buch nicht durch ein neues Buch, sondern durch ein Blattchen widerlegen am sechsten stande die kritische Furstenbank, auf die sich Herder, Goethe, Wieland oder noch einer setzen konnten, die ein Buch so uberschauen wie ein Menschenleben, welche die Individualitat desselben auffassen, den Geist des literarischen Geschopfes und des Schopfers zugleich zeichnen, und die jene Menschwerdung und Verkorperung der gottlichen Schonheit, welche die Gestalt eines Einzelwesens annimmt, trennen von der Schonheit und dann aufdecken und verzeihen.

Diese sechs kritischen Banke, die sechs verschiedene Literaturzeitungen liefern konnten, werden jetzt ubereinander geworfen und gestalten eine. So freimutig ich aber gegen diese Zusammenwerfung von gelehrten 1) Anzeigen, 2) Rezensionen, 3) Auszugen, 4) Sprach- und 5) Sachkritiken und 6) Kunsturteilen aufstehe: so gern bin ich bereit, zuzugestehen, dass die rezensierende Fauna und Flora der funf Tische vielleicht ebensoviel Unkraut- Fechser ausrotte, als sie selber heraustreibt aus eignen Keimen, und ich berufe mich deshalb auf einen Privatbrief von mir, der ausser dem Verdacht der Schmeichelei ist, und worin ich sie mit einem Fliegenschwamm zusammengeselle, der, ob er gleich selber bei einem Aufguss (hier von Dinte) ganze Insekten-Heere gebiert, doch die Fliegen ausreutet. Aber da unter den Rezensenten auch Autoren sind wie ich, wie unter den portugiesischen Inquisitoren Juden und uberhaupt da ich Schaltjahre lang daruber sprechen wollte: warum einen Schalttag lang?

S

Streiche. "Wer seines Herrn Willen weiss und tut ihn nicht, soll doppelte Streiche leiden."- Wer leidet denn die einfachen? Der doch nicht, der den Willen nicht weiss und nicht tut? Also folgt, dass grossere Kenntnisse die moralische Schuld nicht erschweren, sondern erst erzeugen! Denn insofern ich eine moralische Verbindlichkeit gar nicht einsehe, ist mein Verstoss dagegen ja nicht kleiner, sondern keiner.

Ich will meine eigne Akademie der Wissenschaften sein und mir die folgende Preisfrage aufgeben, die ich selber in einer Preisschrift beantworten will: "Da nur eine Handlung tugendhaft ist, die aus Liebe zum Guten geschieht: so kann nur eine sundig sein, die aus blosser Liebe zum Bosen geschieht, und die Rucksicht des Eigennutzes muss den Grad einer Sunde so gut wie den Grad einer Tugend kleiner machen. Was ware aber auf der andern Seite noch ausser dem Eigennutz in unserer Natur, was uns zum Schlimmen triebe? Und wenn Boses aus reinem Hang zum Bosen geschahe! so gabe es ja eine zweite, obwohl entgegengesetzte Autonomie des Willens."

T

Trubsal, Trauer. Jetzo, da ich diese beklemmenden Tone schreibe, die mir vorsagen, dass die Natur nur Dornenhecken, die Menschen aber Dornenkronen machen: so vergeht mir die Lust, mit satirischen Dornen um mich zu schlagen, und ich mochte lieber einige aus euern Fussen oder Handen ziehn.

21. Hundposttag

Viktors Krankenbesuche uber tochtervolle Hauser

die zwei Narren das Karussell

Folgende Anmerkung kommt nicht aus dem Tornister des Hundes, sondern aus meinem eignen Kopf: man braucht kein Lobredner unserer Zeiten zu sein, um mit Vergnugen zu sehen, dass jetzt Autoren, Fursten, Weiber und andere die unahnlichen falschen Larven der Tugend (z.B. Bigotterie, Pietismus, zeremonielles Betragen) meistens abgelegt, und dafur den echten geschmackvollen Schein der Tugend ganzlich angenommen haben. Diese Veredelung unserer Charaktermasken, wodurch wir das Aussere der Tugend schoner treffen, ist mit einer ahnlichen des Theaters gleich zeitig, auf dem man nicht mehr wie sonst mit papiernen Kleidern und unechten Tressen, sondern mit echten agiert und tragiert.

"Sie wurden schon gestern von der Furstin verlangt", sagte der Furst zum Hofmedikus, da er mit seinem ausgeleerten Gesicht kaum eingetreten war. Die Augenentzundung Agnolas hatte durch das Herbstwetter, durch die Nachtfeste, durch Kuhlpeppers tapfere Hand und durch ihre eigne denn die roten Titelbuchstaben der Schonheit, namlich geschminkte Wangen, wurden immer neu aufgelegtsehr zugenommen. Eigentlich war Viktor zu stolz, um sich als einen blossen Arzt begehren zu lassen; ja er war zu stolz, um an sich etwas anders (und war's Philosophie oder Schonheit) suchen zu lassen als seinen Charakter; denn sein Vater, der ebenso zartstolz war, hatte ihn gelehrt: man muss keinem dienen, der uns nicht achtet, oder den man selber nicht achtet, ja man muss von keinem eine Gefalligkeit annehmen, dem man nur einen ausserlichen, aber keinen innerlichen Dank zu sagen vermag. Aber dieses zarte Ehrgefuhl, das nie mit seinem Eigennutze, wohl aber mit seiner Menschenliebe in ungleiche Treffen kam, konnte ihm seine Hande nicht binden, womit er einer unglucklichen Furstin unglucklich, wie er, durch Darben an Liebe wenigstens die Schmerzen der Augen nehmen konnte; vielleicht auch jungere Schmerzen: denn seine Gutmutigkeit gab ihm lauter Versohnungen ein, des Fursten mit Le Baut, mit der Furstin, mit dem Minister. Nichts ist gefahrlicher, als zwei Menschen auszusohnen man musste denn der eine selber sein; sie zu entzweien, ist viel sicherer und leichter.

Er fand Agnola nachmittags noch im Schlafzimmer, weil dessen grune Tapeten (zwar nicht dem Gesichte, aber) dem heissen Auge schmeichelten. Ein dichter Schleier uber dem Gesichte war ihr Taglichtschirm. Als sie, wie eine Sonne, ihren Schleier aufschlug: so begriff er nicht, wie er in Tostatos Bude aus diesem italienischen Feuer und aus diesen schnellen Hofaugen ein verweintes Blondinengesicht machen konnen. Ein Teil dieses Feuers gehorte freilich der Krankheit an. Ihr erstes Wort war ein entschlossener Ungehorsam auf sein erstes; indessen stiess sie damit die Herren Pringle und Schmucker so gut vor den Kopf wie ihn; denn das ganze dreieinige collegium medicum riet ihr Blutigel um die Augen; aber diese ekelten sie. Der Medikus ruckte mit Schropfkopfen am Hinterhaupte heraus; aber ihre Haare waren ihr lieber als ihre Augen. "Muss man denn alles mit Blut erkaufen?" sagte sie mit italienischer Lebhaftigkeit. "Die Reiche und Religionen solltens nicht werden, aber doch die Gesundheit", sagt' er englisch frei. Er foderte noch einmal ihr Blut aber sie gab es ihm erst, da er das Opfermesser anderte und ihr am Auge eine Aderlass vorschlug. Personen von Stande wissen, wie Gelehrte, oft die gemeinsten Dinge nicht: sie dachte, der Doktor werde die Ader offnen. Und weil sie es dachte: tat ers auch, mit seiner durchs Starstechen geubten Hand.

Inzwischen ist wenn (nach dem Plinius) ein Kuss aufs Auge einer auf die Seele ist eine Aderlass darauf kein Spass: sondern man kann, indem man eine Wunde macht, selber eine holen. Der arme Hofmedikus muss mit seinem schwimmenden freundlichen Auge, von dem vor wenigen Tagen die Trane der Liebe abgetrocknet wurde, kuhn in die in eine Augenhohle gesperrte Sonne schauen und noch obendrein sanft mit dem Finger am warmen Gesicht anliegen und aus der Quelle der Tranen helles Blut vorritzen.... Schon eh' man eine solche Operation unternahme, sollte man eine ahnliche an sich vollziehen lassen der Kuhlung wegen. Im Grunde hatte auch ihm das Schicksal diese Woche nichts gegeben als LanzettenSchnitte in seine Herzschlagader. Stellet man sich noch vor, dass ihm das ganze weibliche Geschlecht wie eine magische, weit zuruckgewichne Gestalt vorkam, die einmal in einem Traume nahe an ihm geschimmert, als ein erblassender Mond am Tage, den er in einer lichten Nacht angebetet hatte: so hat man sich sein gutes schuldloses Herz geoffnet, um darin ausser einem grossen fortarbeitenden Schmerzen tausend mitleidige Wunsche fur die bedauerte Furstin zu erblicken. Ungeachtet ihrer sonderbaren Mischung von Stolz, Lebhaftigkeit und Feinheit glaubte er doch in ihr eine Anderung zu entdecken, die er halb aus seiner heutigen Beflissenheit, halb aus seinem ihr bisher so gunstigen Einfluss auf den Fursten erklaren konnte, und die ihm einen grossern Mut gegeben hatte, wenn er sich nicht von dem Zettel uber dem Imperator der Kompass-Uhr mit besondern Auslegungen seines Mutes hatte drohen lassen. Bei dem vorigen ersten Besuche war sein Mut gelahmt, weil er sich als der Sohn eines Vaters, der seinen Einfluss durch die Sorge um naturliche Kinder zu befestigen schien, geflohen glaubte; denn ein Mensch voll Liebe ist neben einem voll Hass stumm und dumm.

Am mutigsten machte ihn heute ausser seinen Zankereien, die unterlagen (als uber die Blutigel etc.), noch die letzte, die siegte; man wird mutiger und glucklicher, wenn man einer Stolzen widerspricht, als wenn man ihr schmeichelt. Er sah eine Maske liegen; da er nun wusste, dass in Italien die Damen im Bette diese, wie die unsrigen die Handschuhe, als Gesichtschuhe anlegen: so verbot er ihr die Maske geradezu als Zunder der Augenentzundung. Es war keine Schmeichelei, da er ihr sagte, dass ihr die Maske mehr nehmen als geben konnte. Kurz, er bestand darauf.

Er war vielleicht zu duldend gegen den Zweifel, den nur eine Frau ertraglich und dauerhaft machen konnte, gegen den Zweifel, wen sie miteinander verwechsele, den Hofmedikus oder den Gunstling; denn er sagte ihr obwohl in der Sorge, zuviel zu sagen, welches bei Leuten von seinem Feuer ein Zeichen ist, dass es schon geschehen ist am Ende das, was er am Anfange zuruckbehalten hatte, dass ihn das Teilnehmen (empressement) des Fursten hergeschickt; und hob diesen auf eigne Kosten empor, um so mehr, da er nichts Ausserordentliches weiter von ihm anzubringen hatte als eben, dass er ihn hergeschickt.

Dann ging er. Bei dem Fursten liess er ihr so viel Selig- und so viel Heiligsprechungen (auf dieser Erde zwei Kontrarietaten!) zukommen, als der Anstand und sein Humor (zwei noch grossere Kontrarietaten) verstatteten. Sonderbar! sie hatte trotz ihrem Feuer keine Launen. Er wusste, Jenner erlag nicht bloss dem Verleumder, sondern auch dem Lobredner. Man legt den gekronten Schauspieldirektoren der Erde Entschlusse ins Herz und Beschlusse in den Mund; sie wissen, was sie wollen und was sie reden, ein paar Tage spater als ihr Throneinblaser. Ein Gunstling ist ein Shakespeare und Dichter, der hinter den Personen, die er handeln und reden lasset, nicht selber vorguckt und vorhustet, sondern der ein Bauchredner ist, welcher seiner Stimme den Klang einer fremden gibt.

Da er den andern Tag die Patientin wieder besuchte, waren die Augenhohlen abgekuhlt, obwohl die Augen nicht; Agnola sass heil in einem Kabinett voll Heiligenbilder. Mit der Unpasslichkeit der Augen war eine Quelle des Gesprachs weggenommen; und ihr Stolz vertrat zugleich seiner Empfindung und Laune den Zugang. Ob er es wohl hundertmal zu ihr in seinem Innern sagte: "Quale dich nicht, stolze Seele, ich bin kein Gunstling, ich will dir nichts nehmen, am wenigsten deinen Stolz oder fremde Liebe o ich weiss, was es ist, keine zu erlangen": so blieb er doch (nach seiner Meinung) kalt vor ihr und zog mit der argerlichen Aussicht ab, dass ihm seine gute Kur die Wiederkehr abschneide; denn die andern Hofbesuche waren doch keine freimutige Krankenbesuche. Vor der fatalen Kompass-Uhr erschrak er taglich weniger, ausser wenn er eben froher war.

Manche Leute wurden eher ohne Hauser als ohne Bauern leben; Viktor lieber ohne Lebens-Luft als ohne Luftschlosser; er musste immer das Lotterielos und die Aktie irgendeines Plans in der Zukunft stehen haben, und eine Frau war meistens die Maskopeischwester in diesem Grossavanturhandel. Diesmal war er auf die Versohnung Jenners und Agnolas erpicht. Er schloss so: sie ist auf beiden Seiten leicht Jenner wird jetzt immer Agnolas Gesellschaft suchen, obwohl bloss aus List, um in die kunftige ihrer Hofdame Klotilde mit mehr Anstand zu kommen, die er im Stande ihrer Ehelosigkeit noch ohne Schaden nach seinem Gelubde lieben kann das wird ihn, da er weder einem langen Lobe, noch einem langen Umgang widerstehen kann, unvermerkt an Agnola gewohnen diese, die jetzt verlassen auf der Seite des Ministers Schleunes steht, wird die vereinigte Achtung Viktors und Jenners nicht ausschlagen u.s.w Ob ihn aber nur die Schonheit der Handlung, nicht auch die Schonheit der Furstin zu diesem Mittleramt anmahnet, das kann das 21ste Kapitel noch nicht wissen; meinetwegen sei es indessen: sein verblutet-kaltes Innere, aus welchem noch das Klavier und Klotildens Name und das Morgen-Erwachen blutlose Dolche ziehen, hat ja das Getose der Welt so notig und jedes Ubertauben der Wunden!

Mit der Absicht solcher Friedenspraliminarien entschuldigte er seinen kunftigen Ungehorsam gegen seinen Vater, der ihm das Schleunessche Haus zu suchen abgeraten; denn da die Furstin immer hinkam, so wars der schicklichste neutrale Ort zum Friedenkongresse. O! nur ein halbes

Extrablatt uber tochtervolle Hauser!

Das Haus von Schleunes war ein offner Buchladen, dessen Werke (die Tochter) man da lesen, aber nicht nach Hause nehmen konnte. Obgleich die funf andern Tochter in funf Privatbibliotheken als Weiber standen, und eine in der Erde zu Maienthal die Kindereien des Lebens verschlief: so waren doch in diesem Tochter-Handel- haus noch drei Freiexemplare fur gute Freunde feil. Der Minister gab bei den Ziehungen aus der Amter-Lotterie gern seine Tochter zu Pramien fur grosse Gewinste und Treffer her. Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er, wenn nicht Verstand, doch eine Frau. In einem tochterreichen Haus mussen, wie in der Peterskirche, Beichtstuhle fur alle Volker, fur alle Charaktere, fur alle Fehler stehen, damit die Tochter als Beichtmutter darin sitzen und von allen absolvieren, bloss die Ehelosigkeit ausgenommen. Ich habe oft als Naturforscher die weisen Anstalten der Natur zur Verbreitung sowohl der Tochter als Krauter bewundert. "Ists nicht eine weise Einrichtung," sagt' ich zum naturhistorischen Goeze, "dass die Natur gerade denen Madchen, die zu ihrem Leben einen reichen mineralischen Brunnen brauchen, etwas Anhakelndes gibt, womit sie sich an elende Ehe-Finken setzen, die sie an fette Orter tragen? So bemerkt Linne52, wie Sie wissen, dass Samenarten, die nur in fetter Erde fortkommen, Hakchen anhaben, um sich leichter ans Vieh zu hangen, das sie in den Stall und Dunger tragt. Wunderbar streuet die Natur durch den Wind Vater und Mutter mussen ihn machen Tochter und Fichtensamen in die urbaren Forstplatze hin. Wer bemerkt nicht die Endabsicht, dass manche Tochter darum von der Natur gewisse Reize in benannten Zahlen hat, damit irgendein Domherr, ein Deutscher Herr, ein Kardinaldiakonus, ein apanagierter Prinz oder ein blosser Landjunker herkomme und besagte Reizende nehme und als Brautfuhrer oder englischer Brautvater sie schon ganz fertig irgendeinem sonstigen Tropfen ubergebe als eine auf den Kauf gemachte Frau? Und finden wir bei den Heidelbeeren eine geringere Vorsorge der Natur? Merket nicht derselbe Linne in derselben Abhandlung an, dass sie in einen nahrenden Saft gehullet sind, damit sie den Fuchs anreizen, sie zu fressen, worauf der Schelm verdauen kann er die Beeren nicht , so gut er weiss, ihr Saemann wird?"

O mein Inneres ist ernsthafter, als ihr meint; die Eltern argern mich, die Seelenverkaufer sind; die Tochter dauern mich, die Negersklavinnen werden ach ists dann ein Wunder, wenn die Tochter, die auf dem westindischen Markte tanzen, lachen, reden, singen mussten, um vom Herrn einer Pflanzung heimgefuhrt zu werden, wenn diese, sag' ich, ebenso sklavisch behandelt werden, als sie verkauft und eingekauft wurden? Ihr armen Lammer! Und doch, ihr seid ebenso arg wie eure Schaf-Mutter und Vater was soll man mit seinem Enthusiasmus fur euer Geschlecht machen, wenn man durch deutsche Stadte reiset, wo jeder Reichste oder Vornehmste, und wenn er ein weitlaufiger Anverwandter vom Teufel selbst ware, auf dreissig Hauser mit dem Finger zeigen und sagen kann: "Ich weiss nicht, soll ich mir aus dem perlfarbenen, oder aus dem nussfarbenen, oder etwan aus dem stahlgrunen Hause eine holen und heiraten: offen stehen die Kaufladen alle"? Wie, ihr Madchen, ist denn euer Herz so wenig wert, dass ihr dasselbe wie alte Kleider nach jeder Mode, nach jeder Brust zuschneidet, und wird es denn wie eine sinesische Kugelbald gross, bald winzig, um in eines mannlichen Herzens Kugelform und Ehering-Futteral einzupassen? "Es muss wohl, wenn man nicht sitzen bleiben will, wie die heilige Jungfer da druben", antworten mir die, denen ich nicht antworte, weil ich mich mit Verachtung wegwende von ihnen, um der sogenannten heiligen Jungfer zu sagen: "Verlassene, aber Geduldige! Verkannte und Verbluhte! Erinnere dich der Zeiten nicht, wo du noch auf bessere hofftest als die jetzigen, und bereue den edeln Stolz deines Herzens nie! Es ist nicht allemal Pflicht, zu heiraten, aber es ist allemal Pflicht, sich nichts zu vergeben, auf Kosten der Ehre nie glucklich zu werden und Ehelosigkeit nicht durch Ehrlosigkeit zu meiden. Unbewunderte, einsame Heldin! in deiner letzten Stunde, wo das ganze Leben und die vorigen Guter und Geruste des Lebens, in Trummer zerschlagen, voraus hinunterfallen, in jener Stunde wirst du uber dein ausgeleertes Leben hinschauen, es werden zwar keine Kinder, kein Gatte, keine nasse Augen darin stehen, aber in der leeren Dammerung wird einsam eine grosse, holde, englischlachelnde, strahlende, gottliche und zu den Gottlichen aufsteigende Gestalt schweben und dir winken, mit ihr aufzusteigen o steige mit ihr auf, die Gestalt ist deine Tugend."

Ende des Extrablattes

*

Einige Tage darauf gab die Furstin dem Fursten ein Auge en medaillon mit der schonen Wendung: sie gehe diese Votivtafel dem Heiligen (das passte um so mehr, da der Furst Januar hiess), der ihr seinen Wuntertater zugeschickt, und der das bekommt, was er heilen lassen. Jenner sagte zu Viktor, dem er das Auge zeigte: "Der heilige Januar wird mit Ihnen, mit der heiligen Ottilia, verwechselt" die bekanntlich die Patronin der Augen ist.

Viktor war froh, dass Matthieu zu ihm kam, um mit ihm nach St. Lune zu gehen; denn dieser bat ihn, weil dieses ohne ihn geschehen, mit zu seiner Mutter zu gehen, "weil heute bei der Furstin grosses Souper sei, bei seiner Mutter aber kein Mensch", d.h. kaum uber neun Personen. Viktor zog also es tat heute nichts, dass die furstliche Augendulderin fehlte gern in die Schleunessche Nurnbergische Konvertitenbibliothek von Tochtern hinein hinter dem zartlichen JonathanOrest-Matz, den er uberhaupt jetzt aus Schonung fur ihren allgemeinen Freund Flamin toleranter behandelte. Die Menschen vergesellschaften sich wie die Ideen ebensooft nach der Gleichzeitigkeit als nach der Ahnlichkeit; und aus der Wahl der Bekannten ist ebensowenig etwas auf den Charakter des Junglings zu schliessen, als auf einer Frau ihren aus der Wahl des Gatten. Matthieu stellte ihn seiner Mutter im Lesekabinette, da ihr gerade aus einem englischen Autor vorgelesen wurde, mit den Worten vor: "Hier bring' ich Ihnen einen ganz lebendigen Englander." Joachime las in einem Verzeichnisse es war kein Bucher-, sondern ein Nelkenblatterverzeichnis , um sich einige Nelken auszusuchen, nicht um sie zu pflanzen, sondern sie nachzumachen in Seide. Sie hasste Blumen, die wuchsen. Ihr Bruder sagte aus Ironie: "sie hasste die Veranderlichkeit sogar an einer Blume." Denn sie liebte sie sogar an Liebhabern; und unterschied sich ganz vom April, der wie die Weiber in unserem Klima weit bestandiger ist, als man vorgibt. Im Kabinett waren noch zwei Narren da, die mir mein Korrespondent nicht einmal nennt, weit sie, glaubt er, hinlanglich bezeichnet und geschieden waren, wenn ich den einen den wohlriechenden Narren nennte, und den andern den feinen.

Beide Narren umsummten die Schone. Uberhaupt, sooft ich Narren in grossen Partien studieren wollte, sah ich mich ordentlicherweise nach einer grossen Schonheit um; diese umsassen sie wie Wespen eine Obstfrau. Und wenn ich sonst keine Ursache hatte ich habe sie aber , um die schonste Frau zu ehelichen: so tat' ichs schon darum, damit ich immer die Bienenkonigin in der hohlen Hand sitzend hielte, der der ganze narrische Immenschwarm nachbrauste. Ich und meine Frau wurden dann den Kerlen in Lissabon gleichen, die, in den Handen mit einem Stanglein angeketteter Papageien, an den Fussen mit einer Kuppel nachhupfender Affen, durch die Gassen ziehen und ihr tolles Personale feilbieten.

Der wohlriechende Narr, der heute in der Sonnenseite Joachimens war, las der Mutter vor der feine, der in der Wetterseite war, stand neben Joachime und schien sich nichts um ihr Wetterkuhlen zu scheren. Viktor stand als Ubergang von der heissen Zone in die kalte da und stellte die gemassigte vor; Joachime spielte drei Rollen mit einem Gesicht. Der wohlriechende Narr schoss mit der linken Hand die Drehbasse eines silbernen Joujou: dieses hangende Siegel eines Toren bewegte er entweder wie der Gronlander einen Block mit seinen Fussen, der Erwarmung wegen oder er tats, wie der Grosssultan aus gleichem Grund immer ein Schnitzmesser handhaben muss, um nicht immer jemand sterben zu lassen vor Liebe oder um, wie der Storch immer einen Stein in den Krallen halt, allezeit ein Ixions-Rad in den Handen, wie ein Spornrad an den Fersen, zu haben oder der Gesundheit wegen, um den globulus hystericus53 durch die Bewegung eines aussern zu bestreiten oder als Paternosterkugelchen oder weil er nicht wusste, warum.

Jeder war mit sich zufrieden. Als die Mutter unsern Englander gebeten, mit seinem Akzent ihr vorzulesen, so sagte der feine Narr: "Das Englische ist wie gewisse Gesinnungen leichter zu verstehen als auszusprechen." Dieses feine Schaf hatte namlich Uberall die Gewohnheit, metaphorisch zu sein wenn ihm ein Madchen sagte: "Ich kann mich heute der Kalte nicht erwehren", so macht' er die des Herzens daraus man konnte nicht sagen: "Es ist trube, warm, die Nadel hat mich gestochen etc.", ohne dass er dies fur einen Kugelzieher nahm, der sein Herz aus dem Gewehre der Brust vorzog und vorwies es war vor seinen Ohren unmoglich, dass man nicht fein war, und aus eurem Gutenmorgen drehte er ein Bonmot- hatt' er das Alte Testament gelesen, er hatte sich uber die feinen Wendungen darin nicht satt wundern konnen. Dafur schrankte der wohlriechende Narr seinen ganzen Witz auf ein lebhaftes Gesicht ein er schlug diesen Fracht- und Assekuranzbrief von tausend Einfallen vor euch auf und hielt ihn vor, aber es kam nichts ihr hattet auf den Ansagezettel von Witz in seinem feurigen Auge geschworen, jetzo brenn' er los aber nicht im geringsten! Er handhabte die satirische Waffe wie die Grenadiere die Handgranaten, die sie nicht mehr werfen, sondern nur abgebildet auf den Mutzen fuhren.

Als der Feine sein erotisches Bonmot gesagt hatte: sah Joachime unsern Helden an und sagte mit einer ironischen Miene wider den Feinen: "J'aime les Sages a la folie."

Der Stolz des wohlriechenden auf seinen heutigen Vorzug und die scheinbare Gleichgultigkeit des feinen Narren gegen seine Hintansetzung bewiesen, dass alle beide selten im heutigen Falle waren; und dass Joachime auf eine eigne Weise kokettierte. Sie lachte uns erhabne Mannspersonen allemal aus, wenn zwei auf einmal bei ihr waren eine allein weniger ihre Augen uberliessen es unserer Eigenliebe, das Feuer darin der Liebe mehr als dem Witze zuzuschreiben sie schien alles herauszuplaudern, was ihr einfiel, aber manches schien ihr nicht einzufallen sie war voll Widerspruche und Torheiten, aber ihre Absichten und ihre Zuneigung bleiben doch jedem zweifelhaft sie antwortete schnell, aber sie fragte noch schneller. Heute trat sie in Beisein der drei Herren zu andern Zeiten im Beisein des ganzen bureau d'esprit vor den Spiegel, zog ihre Schminkdose heraus und retuschierte das bunte Dosenstuck ihrer Wangen. Man konnte sich gar nicht denken, wie sie aussahe, wenn sie verlegen ware oder beschamt.

Die Tugend mancher Damen ist ein Donnerhaus, das der elektrische Funken der Liebe zerschlagt, und das man wieder zusammenstellt fur neue Versuche; unserm an die hochste weibliche Vollkommenheit verwohnten Helden kam es vor, als gehore Joachime unter jene Donnerhauser. Koketterie wird immer mit Koketterie beantwortet. Entweder letzte war es, oder zu schwache Achtung fur Joachime, dass Viktor die beiden Anbeter in den Augen der Gottin lacherlich machte. Sein Sieg war ebenso leicht als gross er lagerte sich auf der Stelle des Feindes: mit andern Worten, Joachime gewann ihn lieber. Denn die Weiber konnen den nicht leiden, der vor ihren Augen einem andern Geschlechte unterliegt als dem ihrigen. Sie lieben alles, was sie bewundern; und man wurde von ihrer Vorliebe fur korperliche Tapferkeit weniger satirische Auslegungen gemacht haben, wenn man bedacht hatte, dass sie diese Vorliebe fur alles Ausgezeichnete, fur ausgezeichnete Reiche, Beruhmte, Gelehrte, empfinden. Der durre und runzlige Voltaire hatte so viel Ruhm und Witz, dass wenige Pariser Herzen sein satirisches ausgeschlagen hatten. Noch dazu druckte mein Held seine Achtung fur das ganze Geschlecht mit einer Warme aus, die sich das Einzelwesen zueignete; auch brachte seine beliebte Gesamtliebe, ferner sein in der Trauer uber ein verlornes Herz schwimmendes Auge und endlich seine warmende Menschenfreundlichkeit ihm eine Aufmerksamkeit von Joachimen zuwege, welche die seinige in dem Grade erregte, dass er sich das nachstemal zu untersuchen vornahm, was dran ware.

Das nachste Mal war bald da. Sobald ihm die Ankunft der Furstin vom Apotheker geweissagt war denn der war fur die kleine Zukunft des Hofs ihm seine Hexe zu Endor und Kuma und seine Delphische Hohle , so ging er hin; denn er fuhr nicht hin. "Solang' es noch einen Schuhabputzer und ein Stein-Pflaster gibt," sagt' er, "fahr' ich nicht. Aber von vornehmern Leuten wunderts mich, dass sie noch zu Fuss reisen von einem Flugel des Palasts in den andern. Konnte man nicht, so wie die Pennypost fur eine Stadt, ein Fuhrwerk fur seinen Palast einfuhren? Konnte nicht jeder Sessel ein Tragsessel sein, wenn eine Dame die Alpenreise von einem Zimmer ins andere weniger scheuete? Und verschiedene Weltumseglerinnen wurden es wagen, eine Lustreise durch einen grossen Garten zu machen in einer zugesperrten Sanfte."Viktor reisete gerade durch einen, namlich den Schleunesschen: es war noch zu hell und zu schon, um sich wie Nahkissen an die Spieltische zu schrauben. Er sah darin eine kleine bunte Reihe gehen und Joachimen darunter. Er schlug sich zu ihnen. Joachime bezeugte eine malerische Freude uber die Wolken-Gruppierung, und es stand ihren schonen Augen gut, wenn sie sie dahin hob. Da man nichts Gescheites zu reden hatte: suchte man etwas Gescheites zu tun, sobald man ans Karussell ankam. Man setzte sich darauf und liess es drehen. Viele Damen hatten gar den Mut nicht, diese Drehscheibe zu besteigen einige wagten sich in die Sessel bloss Joachime, die ebenwo verwegen als furchtsam war, beschritt das holzerne Turnierross und nahm die Lanze in die Hand, um die Ringe mit einer Grazie wegzuspiessen, die schonerer Ringe wurdig war. Aber um sich nicht dem Abwerfen des Dreh- Rosinante blosszugeben, hatte Joachime meinen Helden wie ein Treppengelander an sich gestellt, um sich an ihn in der Zeit der Not anzuhalten. Die Achsebewegung wurde schneller und ihre Furcht grosser; sie hielt sich immer fester an, und er fasste sie fester an, um ihrer Anstrengung zuvorzukommen. Viktor, der sich auf die Taschenspielerkunste und den Hokuspokus der Weiber recht gut verstand, fand sich leicht in Joachimens Wieglebische naturliche Magie und "Trunkus Plempsum Schallalei"; noch dazu war das wechselseitige Andrucken so schnell hin- und hergegangen, dass man nicht wusste, hatt' es einen Erfinder oder eine Erfinderin....

Da sie jetzt alle im Zimmer sind und ich allein im Garten stehe neben der Rossmuhle: so will ich daruber geschickt reflektieren und anmerken, dass die Grossen, gleich den Weibern, den Franzosen und den Griechen, grosse Kinder sind. Alle grosse Philosophen sind das namliche und leben, wenn sie sich durch Denken fast umgebracht haben, durch Kindereien wieder auf, wie z.B. Malebranche tat; ebenso holen Grosse zu ihren ernstern edeln Lustbarkeiten durch wahre kindische aus; daher die Steckenpferd- Ritterschaft, die Schaukel, die Kartenhauser (in Hamiltons memoires), das Bilderausschneiden, das Joujou. Mit dieser Sucht, sich zu amusieren, steckt sie zum Teil die Gewohnheit an, ihre Obern zu amusieren, weil diese den alten Gottern gleichen, die man (nach Moritz) nicht durch Bussen, sondern durch frohliche Feste besanftigte.

Da er mit der ganzen Theatergesellschaft des Ministers bekannt war, und zweitens, da er kein Liebhaber mehr war denn dieser hat tausend Augen fur eine Person und tausend Augenlider fur die andern : so war er beim Minister nicht verlegen, sondern gar vergnugt. Denn er hatte da doch seinen Plan durchzusetzen und ein Plan macht ein Leben unterhaltend, man mag es lesen oder fuhren.

Es misslang ihm heute nicht, ziemlich lange mit der Furstin zu sprechen, und zwar nicht vom Fursten sie mied es , sondern von ihrem Augenubel. Das war alles. Er fuhlte, es sei leichter, eine ubertriebene Achtung vorzuspiegeln, als eine wahre auszudrucken. Die Besorgnis, falsch zu scheinen, macht, dass man es scheint. Daher sieht bei einem Argwohnischen ein Aufrichtiger halb wie ein Falscher aus. Indessen war bei Agnola, die ihres Temperaments ungeachtet sprode war ein eigner zuruckgestimmter Ton herrschte daher in ihrer Gegenwart bei Schleunes , jeder Schritt genug, den er nicht zuruck tat.

Aber gegen die lebhafte Joachime tat er einen halben vorwarts. Nicht sowohl sie als das Haus schien ihm kokett zu sein; und die Tochter darin fand er- dies macht das Haus- den alten Litonen oder Leuten der Sachsen ahnlich, die 1/3 frei waren und 2/3 leibeigen, und die also ein Drittel ihres Guts verschulden konnten. Jede hatte noch ein Drittel, ein Neuntel, ein Kugelsegment von ihrem Herzen ubrig zur freien Verfugung. Uberhaupt wer noch kein Kabeljau- oder Stockfischangeln gesehen: der kann es hier lernen aus Metaphern die drei Tochter halten lange Angelruten ubers Wasser (Vater und Mutter platschern die Stockfische her) und haben an die Angelhaken gespiesset Staatsuniformen oder ihre eigne Gesichter Herzen ganze Manner (als ankodernde Nebenbuhler) Herzen, die schon einmal aus dem Magen eines andern gefangnen Kabeljaus herausgenommen worden : ich sage, daraus kann man ungefahr ersehen, womit man die andern Kabeljaus in der See fangt, vollig wie die Stockfische zu Lande, namlich auch (jetzt lese man wieder zuruck) mit roten Tuchlappen mit Glasperlen mit Vogelherzen mit eingesalzenen Heringen und blutenden Fischen mit kleinen Kabeljaus selber mit Fischen, die man halb verdauet aus gefangnen Stockfischen gezogen.

Viktor dachte: "Meinetwegen sei Joachime nur lebhaft oder kokett, ich laufe leicht uber Mardereisen hinuber, die ich ja mit vor der Nase stellen sehe." Laufe nur, Viktor! das sichtbare Eisen soll dich eben in das bedeckte treiben. Man kann an derselben Person die Koketterie gegen jeden bemerken, und doch ihre gegen sich ubersehen, wie die Schone dem Schmeichler glaubt, den sie fur den ausgemachten Schmeichler aller andern halt. Er bemerkte, dass Joachime das neue Deckenstuck diesen Abend ofters angeschauet hatte; und wusste nicht recht, warum es ihr gefalle: endlich sah er, dass sie nur sich gefalle, und dass diese Erhebung ihren Augen schoner lasse als das Niederblicken. Er wollt' es ubermutig untersuchen und sagte zu ihr: "Es ist schade, dass es nicht der Maler des Vatikans gemacht hat, damit Sie es ofter ansahen." "O," sagte sie leichtsinnig, "ich wurde niemals mit andern hinaufsehen ich liebe das Bewundern nicht." Spater sagte sie: "Die Manner verstellen sich, wenn sie wollen, besser als wir; aber ich sage ihnen ebensowenig Wahrheiten, als ich von ihnen hore." Sie gestand geradezu, Koketterie sei das beste Mittel gegen Liebe; und mit der Bemerkung, "seine Freimutigkeit gefall' ihr, aber die ihrige muss' ihm auch gefallen", endigte sie den Besuch und den Posttag.

22. Hundposttag

Stuckgiesserei der Liebe, z.B. gedruckte Handschuhe, Zank, Zwergflaschen und Schnittwunden ein Titel

aus den Digesten der Liebe Marie Courtag

Giulias Sterbebrief

Der Leser wird sich argern uber diesen Hundposttag; ich meines Orts habe mich schon geargert. Der Held verstrickt sich zusehends in das Zuggarn zwei weiblicher Schleppen und sogar in die Bande der furstlichen Freundschaft.... es braucht nur noch, dass gar Klotilde zum Wirrwarr stosset Und so etwas muss ein Berghauptmann, ein Eilander den Leuten auf dem festen Lande hinterbringen!

Chronologisch solls noch dazu gemacht werden: ich will diesen Hundposttag, der vom November bis zum Dezember langt, in Wochen zerlegen. Dadurch wird die Ordnung grosser. Denn ich kenne die Deutschen: sie wollen wie die Metaphysiker alles von vorn an wissen, recht genau, in Grossoktav, ohne ubertriebene Kurze und mit einigen citatis. Sie versehen ein Epigramm mit einer Vorrede und ein Liebemadrigal mit einem Sachregister sie bestimmen den Zephyr nach einer Windrose und das Herz eines Madchens nach dem Kegelschnitt- sie bezeichnen alles mit Fraktur wie Kaufleute und beweisen alles wie Juristen ihre Gehirnhaute sind lebendige Rechenhaute, ihre Beine geheime Messstangen und Schrittzahler sie zerschneiden den Schleier der neun Musen und setzen auf die Herzen dieser Madchen Tasterzirkel und in ihre Kopfe Visierstabe die arme Klio (die Muse der Geschichte) sieht gar aus wie der Konsistorialrat Busching, der langsam und krumm unter einer Landfracht von Messketten, von Terzienuhren und von Harrisonschen Langenuhren und durchschossenen Schreibkalendern daherwandelt so dass ich besonders den armen Busching beweine, sooft ich ihn nur schreiten sehe, da den guten topographischen Lastund Kreuztrager ganz Deutschland (von dem ich etwas anders erwartet hatte), jeder Amtmann, jeder dumme Schultheiss (bloss wir Scheerauer sattelten ihn nicht) gleich einer Pfanderstatue von der Kniekehle bis ans Nasenloch (der gute Mann ist kaum zu sehen, und mich wunderts nur, wie er auf den Fussen verbleibt) umhangen, besteckt und eingebauet hat mit allen verdammten Teufels-Wischen mit Dorfinventarien mit Intelligenzblattern mit Wappenwerken mit Flurbuchern und perspektivischen Aufrissen von Schweinstallen.

Sie haben sogar den Jean Paul damit ich nur von mir selber ein Beispiel des deutschen Foliierphlegma erzahle, wiewohl ich eben dadurch eines gebe angesteckt: ists nicht eine alte Sache, dass er das Blau der schonsten Augen, in die je ein amoroso geblickt, vermittelst eines Saussureschen Cyanometers54 genauer nach Graden angegeben und die schonsten Tropfen, die aus ihnen wahrend der Messung fielen, richtig genug mit einem Taumesser ausvisiert hat? Und hat nicht sein Versuch, die weiblichen Seufzer mit dem Stegmannischen Luftreinigkeitmesser einzufangen und zu prufen, unter uns mehr als zuviel Nachahmer gefunden?

Woche des 22. Post-Trinitatis oder vom

3. Nov. bis 11. (exclusive)

Diese Woche versass er fast ganz beim Minister: manche Menschen kommen, wenn sie nur viermal in einem Hause waren, dann wie das tagliche Fieber taglich wieder, anfangs wie die Lenzsonne jeden Tag fruher, dann wie die Herbstsonne jeden Tag spater. Er sah wohl, dass er bei dieser Hof- und Ministerialpartie nichts niederlegen konne, weder ein Geheimnis, noch Vermogen, noch ein Herz, weil sie ehrlichen Gerichtstellen gleichen wurde, die so wie die Monche ihr Eigentum ein Depositum nennen und sagen, nichts gehore ihnen umgekehrt jedes Depositum zu einem Eigentum erheben und sagen, alles gehore ihnen Aber er machte sich nichts daraus: "Ich komme ja nur zum Spasse," (dacht' er) "und mir ist nichts anzuhaben." Der Minister, dem er bloss uber der Tafel begegnete, hatte gegen ihn alle die Hoflichkeit, die mit einem persiflierenden Gesicht und mit einem die Welt in Spionen und in Diebe einteilenden Stande zu verbinden ist; aber Sebastian merkte doch, dass er ihn fur einen Halbkenner in der Medizin und in den ernsthaften Wissenschaften als waren nicht alle ernsthaft ansehe und fur einen Eingeweihten bloss im Witz und schonen Wissen. Jedoch war er zu stolz, ihm eine andere als die leere Neumondseite zuzukehren, und verbarg alles, was ihn bekehren konnte. Daher musste sich Viktor bei dem dummsten Kanzleiverwandten, ders gesehen hatte, dadurch um alle Achtung bringen, dass er, wenn der Minister mit seinem Bruder, dem Regierprasidenten, ein interessantes Gesprach uber Auflagen, Bundnisse, uber die Kammer anspann, entweder nicht aufmerkte, oder fortlief, oder die Weiber aufsuchte. Auch liebte er am Fursten nur den Menschen; der Minister nur den Fursten. Viktor konnte bei Jenner selber uber die Vorzuge der Republiken Reden halten, und dieser hatte oft im Enthusiasmus (wenn die Reichgerichte und sein Magen es verstattet hatten) gern Flachsenfingen zum Freistaat erhoben und sich zum Prasidenten des Kongresses darin. Aber der Minister hasste dies todlich und klebte allen politischen Freidenkern einem Rousseau allen Girondisten allen Feuilants allen Republikanern und allen Philosophen den Namen Jakobiner auf, wie die Turken alle Fremde, Briten, Deutsche, Franzosen etc., Franken nennen. Indes war dieses eine Ursache, warum Viktor Matzen, der besser hieruber dachte, jetzo lieber gewann; und warum er von dem Vater zu der Tochter floh.

Bei Joachimen gelangen in dieser Woche seine Gnadenmittel: sie gab dem feinen und wohlriechenden Narren-Dualis, wie wir der Tugend, nur das Akzessit, und meinem Helden, wie wir der Neigung, die Preismedaille. Da er aber bloss eine gewisse Empfindsamkeit am meisten in der Freundschaft und Liebe achtete: so hatt' er, dacht' er, mit dieser Schakerin durch den Mond reisen konnen, ohne fur sie (aber wohl uber sie) zu seufzen aber diese Lustigen, mein Bastian, haben den Henker gesehen; denn wenn sie etwas anders werden, dann wird mans auch mit. Sie sagte ihm, sie wolle gefallen wie ein lutherisches Heiligengemalde, aber sie wolle nicht angebetet sein wie ein katholisches. Sie nahm ihn am meisten durch die ihrem Geschlecht eigne Gabe ein, zarte Wendungen zu verstehen die Weiber erraten so leicht, weil sie sich immer nur erraten lassen, und erganzen und verbergen jede Halfte mit gleichem Gluck ; aber zu ihren Reizen rechn' ich auch den Zwang vor der Furstin und den vor den Zuhorern mit den Augen. Ubrigens war jetzo sein von Klotilden weggeworfenes Herz in der Lage der Kinder, die gewettet haben, Schlage in ihre Hand ohne Tranen aufzunehmen, und welche noch fortlacheln, wenn diese schon fliessen.

Woche des 23. Post-Trinitatis oder 46ste

des Jahrs 179*.

Jetzt ist er auch vormittags dort. Es ist bemerkenswert, dass er ihr am Martinitag die gepuderte Stirn mit dem Pudermesser rasierte, und dass er um einige Toiletten-Hofamter bei ihr anhielt: "Ich kann Ihr Schminkdosentrager werden, wie der grosse Mogul Tabakpfeifen- und Beteltrager hat- oder auch Ihr Cravatier ordinaire oder Ihr Sommier (d.h. Gebetpolstertrager) ich wurde, wenn Sie nicht auf den Polster knieten, es selber tun vor Ihnen. Ich kannte in Hannover einen schonen Englander, der sich das linke Knie futtern und polstern liess, weil er nicht wusste, wen er heute anzubeten bekomme und wie lange."

Es ist ebenso wichtig, dass er sie am Jonastag ein Paar feine Handschuhe, worauf ein sehr einfaltiges Gesicht getuschet war, anzunehmen zwang "es ware sein eignes," (sagt' er) "sie sollte das Gesicht nur nachts im Bette auf oder an der Hand haben, damit es aussahe, als kusst' er ihr durch die ganze Novembernacht die Hand."

Ich fahre in meinem pragmatischen Auszuge aus diesem Belagertagebuch fort und finde am Leopoldstag aufgezeichnet, dass Joachime schon vormittags sagte, sie wurde ihrem Papagei, wenn sie ihm einen Sprachmeister hielte, nichts aus dem ganzen Diktionar beibringen lassen als das Wort: perfide! "Jeder Liebhaber", sagte sie, "sollte sich ein Papchen halten, das ihm unaufhorlich zuriefe: perfide!" "Die Damen", sagte mein Held, "sind allein schuld: sie wollen zu lange, oft ganze Wochen, ganze Monden geliebt werden. Dergleichen ist uber unsre Krafte. Haben nicht die Jesuiten sogar die Liebe zu Gott periodisch gemacht55? Skotus schrankt sie auf den Sonntag ein andre auf die Festtage Coninch sagt: es ist genug, wenn man ihn alle vier Jahre einmal liebt Henriquez setzt noch ein Jahr dazu Suarez sagt gar: wenns nur vor dem Tode ist Manchen Damen fielen bisher die Zwischenzeiten anheim; aber die Tag-, die Jahr-, die Festzeiten, die Verlobung-, die Begrabnistage bilden ebensoviel verschiedene Sekten unter den Jesuiten der Liebe." Joachime machte den Anfang zu einer zurnenden Miene. Der Hofmedikus hatte nichts lieber mit Schonen als Zank und setzte dazu: "C'est a force de se faire hair qu'elles se font aimer c'est aimer que de bouder ah que je Vous prie de Vous facher!56" Seine Laune hatte ihn uber das Ziel getrieben Joachime hatte recht genug, seine Bitte um ihren Zorn zu erfullen er wollte den Zank fortsetzen, um ihn beizulegen da es aber doch Falle gibt, wo die Vergrosserung einer Beleidigung ebensowenig Vergebung verschafft als die stufenweise Zurucknahme derselben: so tat er klug, dass er ging.

Er wunderte sich, dass er den ganzen Tag an sie dachte: das Gefuhl, ihr unrecht getan zu haben, stellte ihr Gesicht in einer leidenden Miene vor seine erweichte Seele, und alle ihre Zuge waren auf einmal veredelt. Tacitus sagt: man hasset den andern, wenn man ihn beleidigt hat; aber gute Menschen lieben den andern oft bloss deswegen.

Am Tage darauf, am Ottomars-Tage Ottomar! grosser Name, der auf einmal den langen Leichenzug einer grossen Vergangenheit im Finstern vor mir voruberfahrt sah er sie ernsthaft, ihn weder suchend noch fliehend. Die zwei Narren blieben in ihren Augen die zwei Narren und gewannen durch nichts etwas. Da er also gewiss bemerkte, dass aus einem fluchtigen Grollen wahre Reue uber ihre bisherige Offenheit geworden war, von der einen zu freimutigen Gebrauch und eine zu eigennutzige Auslegung gemacht zu haben schien: so war es jetzo seine Pflicht, das, was er bisher aus Scherz getan hatte, im Ernste zu tun, namlich sie aufzusuchen und auszusohnen.

Aber sie stand immer an der Furstin, und es war nichts.

Ich hab' es nicht selber gesagt, weil ich wusste, der Leser seh' es ohne mich, dass der Held glaubt, Joachime halte ihn fur den Bilderdiener ihrer Reize und fur den von ihr angezognen Mondmann: der Held nahm sich daher langst vor, ihr diesen Irrtum zu lassen. Einen solchen Irrtum zu benehmen, dazu hat selten ein Mann oder ein Weib Starke genug Viktor hatt' aber noch mehr Grunde, ihr den Glauben an seine Liebe (d.h. auch sich den seinigen an ihre) zu gonnen: erstlich, er wollte verstecken, warum er komme zweitens, er wusste, in der grossen Welt und unter den Joachimen wird ein Liebhaber nur wie der dritte Mann zum Spiel gesucht, man stirbt da nicht von der Liebe, man lebt da nicht einmal davon drittens, er hob sich immer den Notanker auf, aus Spass Ernst zu machen: "Wenn mir das Messer an der Kehle sitzt," dacht' er, "so setz' ich mich hin und gewinne sie von Herzen lieb, und damit gut" viertens, eine Kokette macht einen Koketten... Hier fing ich bekanntlich schon an, mich uber den 22sten Posttag zu argern, wiewohl ich so gut wie einer weiss, warum alle Menschen, sogar die aufrichtigsten, sogar die Manner, sich zu kleinen Intrigen gegen Geliebte neigen; nicht bloss namlich, weils kleine und erwiderte sind, sondern weil man mit seinen Intrigen mehr zu schenken als zu stehlen meint. Bloss die edelste hochste Liebe ist ohne wahre Spitzbuberei.

Wochen des 24. und 25. Post-Trinitatis

Am Sonntage war Ball: "Ganz naturlich" (sagte er) "sieht sie mich nicht an; im Ballkleide sind die Schonen unversohnlicher als in der Morgenkleidung." Sie sah ihn kaum, so kam sie ihm wie ein bewegter Himmel mit ihren Brillanten-Fixsternen und ihren Perlen- Planeten entgegen und bat ihn in diesem Glanze um Vergebung ihrer Laune; anfangs habe sie sich zornig gestellt, sagte sie, dann sei sie es geworden, und am andern Tage habe sie erst gesehen, dass sie unrecht gehabt, es zu scheinen, und recht, es zu sein. Diese Bitte um Vergebung machte unsern Medikus demutiger, als es notig war. Sie bat ihn scherzhaft, sie um Vergebung zu bitten, und machte ihn mit ihrem Platzgolde von Jahzorn bekannt.

Zwei Tage lang wurde der Westfalische Friede gehalten.

Aber eine Zankerei mit einem Madchen macht, wie ein Narr, zehen; und zum Ungluck hat man die Zornige nur lieber (wenigstens mehr als die Gleichgultige), so wie das Volk den methodistischen Predigern am meisten zulauft, die es am starksten verdammen. Joachime wurde taglich zornfahiger welches er grosserer Liebe zuschrieb , aber er auch. Sie konnten den ganzen Besuch im schonsten Reichs- und Hausfrieden verbracht haben: beim Abschiede wurde alles auf den Kriegsetat gesetzt, die Gesandten zuruckberufen und die Beurlaubten, wenn mir diese poetischen Ausdrukke erlaubt sind. Mit dem zornigen Bodensatz im Herzen zog er dann ab und konnte kaum den Augenblick des Wiedersehens d.h. seiner oder ihrer Rechtfertigung erwarten. So brachten sie ihre Stunden mit dem Schreiben der Friedeinstrumente und der Manifeste zu. Die streitige Sache war so sonderbar wie der Streit: es betraf ihre Foderungen der Freundschaft; jedes bewies, das andre ware der Schuldner und fodere zu viel. Was unsern Medikus am meisten erboste, war, dass sie dem feinen und dem wohlriechenden Narren, ihr die Hand zu kussen, erlaubte, ihm aber verbot, und zwar ohne alle Entscheidgrunde. "Wenn sie nur loge und mir sagte: darum, oder darum! so war's doch was", sagt' er; aber sie tat ihm den Gefallen nicht. Fur mein Geschlecht ist Abschlagen ohne Grunde, sogar ohne erratene, ein Schwefelpfuhl, ein dreifacher Tod; auf Joachime wirkten Grunde und Kabinettpredigten gleichviel.

Extrablatt daruber

Ich habe hundertmal, mit meinem juristischen onus probandi (Last zu beweisen) auf dem Buckel, an die Weiber gedacht, die imstande sind, durch einige Anstrengung sowohl ohne alle Grunde zu handeln als zu glauben. Denn am Ende muss doch jeder (nach allen Philosophen) sich zu Handlungen und Meinungen bequemen, denen Grunde fehlen; denn da jeder Grund sich auf einen neuen beruft, und dieser sich wieder auf einen stutzt, der uns zu einem schickt, welcher wieder seinen haben muss: so mussen wir (wenn wir nicht ewig gehen und suchen wollen) endlich zu einem gelangen, den wir ohne allen Grund annehmen. Nur fehlet der Gelehrte darin, dass er gerade die wichtigsten Wahrheiten die obersten Prinzipien der Moral, der Metaphysik etc. ohne Grunde glaubt und sie in der Angst er will sich dadurch helfen notwendige Wahrheiten benennt. Die Frau hingegen macht kleinere Wahrheiten z.B. es muss morgen weggefahren, eingeladen, gewaschen werden etc. zu notwendigen Wahrheiten, die ohne die Assekuranz und Reassekuranz der Grunde angenommen werden mussen und dies ists eben, was ihr einen solchen Schein von Grundlichkeit anstreicht. Ihnen wird es leicht, sich vom Philosophen zu unterscheiden, der denkt, und dem die Wahrheitsonne so waagrecht in die Augen flammt, dass er daruber weder Weg noch Gegend sieht. Der Philosoph muss in den wichtigsten Handlungen, in den moralischen, sein eigner Gesetzgeber und Gesetzhalter sein, ohne dass ihm sein Gewissen die Grunde dazu sagt. Bei einer Frau ist jede Neigung ein kleines Gewissen und hasset Heteronomien und sagt weiter keine Grunde, so gut wie das grosse Gewissen. Und durch diese Gabe, mehr aus eigner Machtvollkommenheit als aus Grunden zu handeln, passen eben die Weiber recht fur die Manner, weil diese lieber ihnen zehn Befehle als drei Grunde geben.

Ende des Extrablattes daruber

Was ebenso schlimm war, ist, dass Joachime ihm endlich, um nur seine Aktenstosse von Beschwerden und Reichs-gravaminibus wegzubringen, die Finger liess, ohne nur den geringsten Grund dazu zu sagen. Er konnte also keinen Titel seines Besitzstandes aufweisen und hatte im Notfall niemand gehabt, der ihn darin schutzen konnen.

Es ist aber eine gegrundete Rechtsregel oder ein mannliches Brokardikon: dass alles bei den Weibern fester werde, wenn man darauf bauet, und dass uns eine kleine gestohlne Gunst rechtmassig gehore, sobald wir um eine grossere anhalten. Die Rechtsregel grundet sich darauf, dass die Madchen uns, wie den Juden im Handel, allemal die Halfte abbrechen und nur ein paar Finger geben, wenn wir die Hand haben wollen. Hat man aber die Finger: so tritt ein neuer Titel aus den Institutionen ein, der uns die Hand zuerkennt; die Hand gibt ein Recht auf den Arm, und der Arm auf alles, was daran hangt, als accessorium. So mussen diese Dinge betrieben werden, wenn Recht Recht bleiben soll. Es muss uberhaupt von mir oder von einem andern ehrlichen Mann ein kleines Lesebuch geschrieben werden, worin man dem weiblichen Geschlecht die Modos (Arten), solches zu akquirieren (zu erwerben), mit der juristischen Fackel vortragt und aufhellt. Viele Modi kommen sonst ab. 50 bin ich z.B. nach dem burgerlichen Rechte rechtmassiger Besitzer einer beweglichen Sache, wenn sie vor dreissig Jahren gestohlen worden (im Grunde sollt' es eher sein, und es sollte mir nichts schaden, dass man spater zu stehlen angefangen) ebenso fallt mir durch eine Verjahrung von dreissig Minuten (die Zeit ist relativ) alles von einer Schonen rechtmassig anheim, was ich ihr Bewegliches (und an ihr ist alles beweglich) entwendet, und man kann daher nicht fruh genug zu stehlen anfangen, weil sonst vor dem Diebstahl die Verjahrung nicht anheben kann.

Spezifikation ist ein guter Modus. Nur muss man wie ich ein Prokulejaner sein und glauben, dass eine fremde Sache dem, der ihr eine andre Form erteilt, zugehore, z.B. mir die Hand, die ich durch den Druck in eine andre Form gebracht.

Der sel. Siegwart sagte: confusio (Vermischung der Tranen) ist mein Modus. Aber commixtio (Vermischung trockner Sachen, z.B. der Finger, der Haare) ist jetzt fast unser aller modus acquirendi.

Ich wollt' einmal die ganze Sache nach der Lehre von den Servituten, wo eine Frau tausend Dinge zu leiden hat, behandeln (wiewohl alle diese Servituten durch die Konsolidation der Ehe ganzlich erloschen); aber ich weiss die Lehre von den Servituten selber nicht mehr recht und wollte lieber darin examinieren als examiniert werden.

Ich kehre zum Medikus zuruck. Da er also wusste, dass eine gekusste Hand ein Schenkbrief der Wangen ist die Wangen aber die Opfertafeln der Lippen sind diese der Augen die Augen des Halses : so wollt' er genau nach seinem Lehrbuch verfahren. Aber bei Joachimen, wie bei allen Gegenfusslerinnen der Koketten, bahnte keine Gunstbezeugung der andern den Weg, nicht einmal die grosse der kleinen aus einem Vorzimmer kam man ins andre und was sagte mein Held dazu? Nichts als: "Gottlob! dass eine besser ist, als sie schien, dass sie unter dem Schein, unser Spielzeug zu sein, unsere Spielerin ist, und dass sie die Koketterie zum Schleier der Tugend macht."

Er fuhlte jetzt, sooft ihr Name erwahnt wurde, eine sanfte Warme durch seinen Busen wehen. Vom Ende des Kirchenjahrs (1ten Dezember) bis zum

Ende des burgerlichen (31sten Dezember) Flamin, dessen patriotische Flammen in der Sessionstube keine Luft antrafen und ihn selber zuerst erstickten, wurde taglich scheuer und wilder. Es war ihm etwas Neues, dass ganze Kollegien und Kommissionen das tun mussten, was einer hatte machen konnen dass die Glieder des Staats (wie es doch die Glieder des Korpers auch sind) am kurzen Arme des Hebels bewegt werden, um mit grosserer Kraft weniger zu tun, und dass besonders ein Kollegium dem Leibe gleiche, der nach Borellus 2900mal mehr Kraft bei einem Sprunge anwendet, als die Last erfodert, die er zu heben hat. Erhasste alle Grosse und kam zu keinem; der Hofjunker Matz nicht einmal bekam seine Visiten. Mein Sebastian machte seine bei ihm seltener, weil seine Musse und seine Lustbarkeiten Windstille gerade in Flamins Arbeitstunden fielen. Diese Entfernung und das ewige Sitzen bei Schleunes welches Flamin aus Unbekanntschaft mit Joachimens Einfluss, auf alle Falle Klotildens ihrem zurechnen musste, zu deren kunftigen Besuchen sich Viktor durch seine jetzigen den Vorwand verschaffe und selber die furstliche Gunst gegen diesen, die in Flamins Augen keine Folge seines Freiheitgeistes und seiner Aufrichtigkeit sein konnte alles dieses zog die verschlungenen Freundschafthande beider, deren Leben sonst ein vierhandiges Tonstuck gewesen, immer weiter auseinander; die Fehler und den moralischen Staub, den sonst Viktor von seinem Liebling wegwischen konnte, durfte er kaum wegzublasen wagen; sie betrugen sich zarter und aufmerksamer gegeneinander. Aber mein Viktor, an dessen Herz das Schicksal so viele saugende Vampyre legte, und der in eine Brust den Schmerz der entbehrten Liebe und den Kummer der fallenden Freundschaft einzuschliessen hatte, wurde durch alles recht lustig. O es gibt eine gewisse Lustigkeit der Verstockung und des Grams, die die erschopfte Seele bezeichnet, ein Lacheln, wie das an Menschen, die an Wunden des Zwerchfells sterben, oder das an eingedorrten zuruckgespannten Mumien-Lippen! Viktor warf sich in den Strom der Lustbarkeiten, um unter demselben seine eigne Seufzer nicht zu horen. Aber freilich oft, wenn er den ganzen Tag uber niedergerissene Narrheiten komisches Salz ausgesaet hatte, das ebensooft die Hand des Saemanns wund beisset, und er den ganzen Tag sich an keinem Auge erquicken konnen, dem er in seinem eine Trane hatte zeigen durfen wenn er so mude der Gegenwart, so gleichgultig gegen die Zukunft, so wund von der Vergangenheit neben dem letzten Narren, neben dem Apotheker, vorbei war, und wenn er in seinem Erker in die voll Welten hangende Nacht und in den stillenden Mond und an die Morgenwolken uber St. Lune blickte: dann ging allezeit das geschwollne Herz und der geschwollne Augapfel entzwei, und die von der Nacht verdeckten Tranen stromten von seinem Erker auf die harten Steine hernieder: "O nur eine Seele," rief sein Innerstes mit allen Tonen der Wehmut, "nur eine gib, du ewige liebende schaffende Natur, diesem armen verschmachtenden Herzen, das so hart scheint und so weich ist, so frohlich scheint und so trube ist, so kalt scheint und so warm ist."

Dann war es gut, dass an einem ahnlichen solchen Abend kein Kammerherr, kein Weltmensch im Erker stand, wenn gerade die arme Marie auf welche das vorige Leben wie eine erdruckende Lawine herubergesturzt ist seine Fruhstuck-Befehle begehrte; denn er stand, ohne einen Tropfen abzuwischen, freundlich auf und ging ihr entgegen und fasste ihre weiche, aber rotgearbeitete Hand, die sie aus Furcht nicht wegzog wiewohl sie aus Furcht ihr gegen die Hoffnung versteinertes Gesicht abdrehte-, und sagte dann, indem er sanft ihre Augenbraunen waagrecht strich, mit seiner aus dem geruhrtesten Herzen steigenden Stimme: "Du arme Marie, sag mir was du hast wohl wenig Freude in deine guten Augen kommt wohl wenig mehr, was sie gerne sehen, wenns nicht deine Tranen sind du Liebe, warum hast du keinen Mut zu mir, warum sagst du deinen Gram nicht mir? Du gutes gemartertes Herz ich will fur dich sprechen, fur dich handeln sag mir, was dich druckt, und wenn es dir einmal an einem Abend zu schwer wird und du drunten nicht weinen darfst, so komm herauf zu mir.. schau mich jetzo frei an.. wahrlich ich vergiesse Tranen mit dir, und ich will mich den Henker um alles scheren." Ob sie es gleich fur unhoflich hielt, vor einem so vornehmen Herrn zu weinen: so war ihrs doch unmoglich, durch die gewaltsame Abbeugung des Gesichts alle Tranen, die seine Zunge voll Liebe in Bachen aus ihr presste, zu entfernen.... Verubelt es seiner uberwallenden Seele nicht, dass er dann seinen heissen Mund an ihre kalten verachteten und ohne Widerstand bebenden Lippen druckte und zu ihr sagte: "O! warum sind wir Menschen so unglucklich, wenn wir zu weich sind?" In seinem Zimmer schien sie alles fur Spott zu nehmen aber die ganze Nacht hindurch horte sie das Echo des menschenfreundlichen Menschen sogar als Spott hatt' ihr so viel Liebe wohlgetan dann kristallisierten sich ihre vergangnen Blumen noch einmal im Fenster-Eis ihres jetzigen Winters- dann war ihr, als wurde sie heute erst unglucklich. Am Morgen schwieg sie gegen alle und war bloss diensteifriger gegen Sebastian, aber nicht mutiger; nur zuweilen fiel sie drunten dem Provisor, wenn er ihn lobte, mit den Worten, aber ohne weitere Erklarung, bei: "Man sollte sein eignes Herz in kleine Stuckchen zerschneiden und hingeben fur den englandischen Herrn."

Arme Marie, sagt mein eignes Inneres dem Doktor nach; und setzet noch dazu: vielleicht liest mich jetzt gerade eine ebenso Ungluckliche, ein ebenso Unglucklicher. Und mir ist, als musst' ich ihnen, da ich die Trauerglocken ihrer vergangnen truben Stunden angezogen, auch ein Wort des Trostes schreiben. Ich weiss aber fur den, der immer uber neue gaffende Eisspalten des Lebens schreiten muss, kein Mittel als meines: wirf sogleich, wenns arg wird, alle mogliche Hoffnungen zum Henker und ziehe dich verzichtend in dein Ich zuruck und frage: wie nun, wenns Schlimmste auch gar kame, was war's denn? Sohne deine Phantasie nie mit dem nachsten Ungluck aus, sondern mit dem grossten. Nichts loset mehr den Mut auf als die warmen, mit kalter Angst abwechselnden Hoffnungen. Ist dieses Mittel dir zu heroisch: so suche fur deine Tranen ein Auge, das sie nachahmt, und eine Stimme, die dich fraget, warum du so bist. Und denke nach: der Widerhall des zweiten Lebens, die Stimme unserer bescheidnen, schonern, frommern Seele wird nur in einem vom Kummer verdunkelten Busen laut, wie die Nachtigallen schlagen, wenn man ihren Kafig uberhullt.

Oft betrubte sich Sebastian daruber, dass er hier so wenig seine edlern Krafte fur die Menschheit anspannen konnen, dass seine Traume, durch den Fursten Ubel zu verhuten, Gutes auszurichten, Fiebertraume blieben, weil z.B. sogar die besten Manner am Ruder des Staats Amter durchaus nur nach Verhaltnissen und Empfehlungen besetzten und fremde und eigne Amter nie fur Pflichten, sondern fur Bergwerkkuxen hielten. Er betrubte sich uber seine Unnutzlichkeit; aber er trostete sich mit ihrer Notwendigkeit: "In einem Jahr, wenn mein Vater kommt, sag' ich mich los und richte mich zu etwas Besserem auf", und sein Gewissen setzte dazu, dass seine personliche Unnutzlichkeit der Tugend seines Vaters diene, und dass es besser sei, in einem Rade, bei der Tuchtigkeit zu einem Perpendikel, ein Zahn zu sein, ohne welchen das Gehwerk stocken wurde, als der Perpendikel eines ungezahnten Rades zu werden.

In solchen Lagen fragte er sich immer von neuem: "Ist vielleicht Joachime, wie du, besser, weicher, weniger kokett, als sie scheint? und warum willst du sie nach einem aussern Schein verdammen, der ja auch der deinige ist?" Ihr Betragen bestatigte selten diese guten Vermutungen, ja es widerlegte sie oft gar; gleichwohl fuhr er fort, sich neuen Widerlegungen auszusetzen und Bestatigungen zu begehren. Das Bedurfnis zu lieben zwingt zu grossern Torheiten als die Liebe selber; Viktor liess sich jede Woche eine Vollkommenheit mehr vom weiblichen Ideal abdingen, fur das er wie fur den unbekannten Gott schon seit Jahren die Altare in seinem Kopfe fertig hatte. Unter diesem Abdingen ware der ganze Dezember verflossen, ware nicht der erste Weihnachttag gewesen.

An diesem, wo er hinter jedem Fenster lachende Gesichter und Hesperiden-Garten sah, wollt' er auch frohlich sein und flog unter den Kirchenmusiken in Joachimens Toiletenzimmer, um da sich selber eine Weihnachtfreude zu machen. Er beschere ihr, sagte er, einen Flaschenkeller aus Likoren, ein ganzes Lager von Rataffia, weil er wisse, wie Damen tranken. Als er endlich seinen Lagerbaum voll Flaschen aus der Tasche zog: wars eine elende kleine Schachtel voll Baumwolle, in der nette Flaschchen wohlriechender Wasser, fast von der Lange der Zaunkonig-Eier, eingebettet standen. Das Niedliche freuet, wie das Prachtige, Madchen allezeit. Joachimen hielt er eine lange Rede uber die Massigkeit ihres Geschlechts, das so wenig esse wie Kolibri, und so wenig trinke wie Adler mit einigen Schaugerichten und mit einem Flakon woll' er 5000 Mann weiblichen Geschlechts speisen, und es sollte noch ubrig bleiben die Arzte bemerkten, dass die, die den Hunger am langsten ertragen hatten, Weiber gewesen waren sogar in mittlern Standen bestande die ganze Bienenflora, wovon diese Holden lebten, in einem Farbenbande, das sie als Scharpe oder Schleife umlegten, statt eines nahrenden Umschlags und Suppentafelchens, und woran sie noch hochstens einen Liebhaber anmachten. Joachime zog unter der Lobrede eine Flasche heraus, weil sie sie fur wachsern hielt. Viktor, um sie zu widerlegen oder auch sonst weswegen , druckte ihr sie stark in die Hand und zerdruckte sie glucklich. Ein Berghauptmann von meiner Denkart nahme das Zerbrechen einer Flasche, die man auf keine Eymannschen Gurken decken kann, schwerlich in seine Hundposttage auf weil er gern Dinge von Gewicht auftragt , wenn nicht die Flasche selber dadurch eines bekame, dass sie die weichste Hand, auf der noch der harteste Juwel Schimmer auswarf, blutig schnitt. Der Doktor erschrak die Blutende lachelte er kusste die Wunde, und diese drei Tropfen fielen, gleich Jasons Blut, oder gleich einem von einem Alchimisten rektifizierten Blute, als drei Funken in sein entzundbares, und die Blutkohle der Liebe bekam drei anglimmende Punkte ja es hatte wenig gefehlt, so hatt' er ihr gehorcht, da sie ihm scherzend befahl (um ihm eine grossere Verlegenheit zu ersparen, als er hatte), die Pariser veraltete Mode, an Damen mit rosenfarbner Dinte zu schreiben, wieder aufzuwecken und hier auf der Stelle drei Zeilen mit ihrem Blut an sie abzufertigen. Soviel ist wenigstens gewiss, dass er zu ihr sagte: er wollte, er ware der Teufel. Bekanntlich wird dem letzten das guarentigiatische Instrument oder vielmehr der Partagetraktat uber die Seele mit dem Blute des Eigners als Faust- und Fraispfand zugefertigt.

Blut ist der Same der Kirche, sagt die katholische; und hier ist gar vom Tempel fur eine Schone die Rede.

Dabei wars und bliebs , als Cour bei der Furstin auf heute angesagt wurde. Das war ihm erstlich fatal, weil der heutige Abend versalzen war und zweitens lieb, weil Joachime heute den Hut wegtun musste, den er und sie so liebten. Da, wie gewohnlich, den Damen von der Furstin die Roben und Frisuren vorgeschrieben wurden, worin sie den Courtag, d.h. den Brandsonntag ihrer Freiheit, bei ihr begehen mussten: so konnte sie heute ihren Florhut nicht aufbehalten, den sie so liebte und Viktor auch, aber an ihr nicht; denn es war gerade der, welchen Klotilde getragen, als sie unter dem Konzerte ihre nasse Augen mit dem schwarzen Spitzenflor verhullte, der nachher immer uber seine beraubte Augen heruberhing.

Ich will den Courtag beschreiben.

Die hauptsachliche Absicht, warum der Hof um sechs Uhr abends vorgefahren kam, war die, um zehn Uhr recht argerlich wieder heimzufahren. Ich kanns aber zehnmal weitlauftiger vortragen:

Um sechs Uhr fuhr Viktor mit der ubrigen befehligten Bruder- und Schwestergemeine ins Paulinum. Er beneidete oder segnete vielmehr den Zeugmacher, den Stiefelwichser, den Holzhacker, der abends seinen Krug Bier, seine Andacht, seine Stollen und seine trompetenden Kinder hatte; desgleichen ihre Weiber, die heute schon den Morgen anbissen, namlich die marmorierte gesprenkelte Kleiderrinde fur den zweiten Feiertag. Im bunten Dunst- und Tierkreis stand die Furstin als Sonne, ebenso unglucklich wie ihre Unglucklichen; nur der Traum (dacht' er) kann einen Konig glucklich machen, oder einen Armen unglucklich. Als er sah, wie sie alle nach einem sparsamen Froschregen von Worten und nach Erfrischungen, d.h. Erhitzungen und Ermattungen, ein Postzug um den andern nach dem Hof- und Adresskalender an die Spieltische eingeschirret wurden an jedes Brett kam das namliche Bunterie-Gespann alter Gesichter , so wunderte er sich zu allererst uber die allgemeine Geduld; an einem Schwarzen der Hof-Goldkuste sind sicher, schwur er, wenn man nur bedenkt, was er anzuhoren und auszustehen hat, die Ohren und die Haut, wie an gebratnen Milchferkeln, die besten Stukke. Hier muss der Lowe dem Tiere die Haut zum Domino abbetteln, das ihm sonst seine abgeborgt. Hier unter diesen von kleinen Seelen gebuckten Gestalten (wie auch Blatter sich krummen, wenn Blattlause daran wohnen) kann kein grosser, kein kuhner Gedanke getragen werden, sie konnen wie Getreide, das sich lagert, nur taube Korner geben.

Vor der Tafel fuhr der Teil oder Bogen des um die italienische Sonne laufenden Hofs, der nicht dazu eingeladen war, nach Hause, missvergnugt uber die Langeweile des Spieles, und noch missvergnugter, dass gerade gewisse Personen der Langeweile der Tafel gewurdigt waren.

Joachime, an welcher die zuruckhaltende Agnola wenig Vergnugen fand, ging mit ab, aber der Doktor nicht und ihr Bruder Matz gleichfalls nicht, der die Ehre hatte, hinter der Furstin Stuhl in der Marschsaule, die sie, ihr Kammerherr, ein Page und ein Hoflakai machten, gerade den Mittelpunkt zu bilden; er stand bekanntlich sogleich hinter dem Kammerherrn und war der einzige, der aussah wie ein leserliches Pasquill auf alles zusammen. Uber die Tafel, woruber wenig gesprochen wurde, hochstens sehr leise von zwei Nachbarn, soll auch hier nichts gesprochen werden.

Nach dem Essen kam der Furst und storte das steife Zeremoniell, das er aus Bequemlichkeit hasste, so wie es Viktor aus Philosophie verachtete: "Wahrlich, ein Erzengel," sagte Viktor oft "der die menschliche, in allen Kleinigkeiten beobachtete Tugend und Weisheit bemerkte an Sessiontischen, an Altaren, in Besuchzimmern, musste seinen Himmel und seine Flugel verwetten, dass wir einen Heller oder doch etwas taugten in grossern Dingen; wir wissen aber samtlich, wo es hinkt; und eben dieser Ekel an der steifen altklugen dezenten Mikrologie und Maschinerie der Menschen ist die Laune des Satirikers. Die moralische Verschlimmerung entspinnt sich zwar aus Geringfugigkeiten, aber nicht die Besserung; Satanas kriecht durch Jalousieladen und Sphinkter in uns, der gute Engel zieht durch das Haupttor ein." Agnola belohnte heute unsern Helden fur seine bisherige, es so treumeinende Beflissenheit mit einer warmern Aufmerksamkeit, die in seinen Augen durch ihren Schmuck sie trug den der vorigen Furstin, ihren eignen und den vorigen mutterlichen und durch ihren ganzen Prachtanzug noch schoner wurde; denn er liebte Putz an Weibern und hasste ihn an Mannern. Seine Achtung nahm durch den Schmerz, dass sie Jenners eigennutzige Absichten bei seinen Besuchen (wegen der kunftigen Klotilde) mit schonern vermenge, und dass man es ihr doch nicht sagen konne, eine geruhrte Warme an. Wie kams, dass ihn dann Agnola an Joachime erinnerte; dass diese der Ableiter der Achtung fur jene wurde; und dass alle liebende Gefuhle, die ihm die Furstin gab, zu Wunschen gerieten, Joachime mochte sie verdienen und empfangen?

Mit dieser Seele voll Sehnsucht fuhr er heute ohne Umstande zu dieser Joachime zuruck, in deren Hand er bekanntlich eine kleine Wunde gelassen. Er sagte bei ihr: "er musse als Morder und Medikus noch heute nach der Wunde sehen"; aber wie Sonnenschein fiel ein schoner neuer Kummer auf Joachimens Angesicht warmend in seine Seele. Er konnt' es kaum erwarten, mit ihr auf den Balkon hinauszukommen, um daruber zu reden. Draussen machte er in wenig Minuten die Schnittwunde und die Dezemberkalte zum Vorwand, die Hand und den Schnitt in seine zu nehmen, um sie zu warmen: "Wunden schadet Kalte", sagte er; aber der feine Narr hatte hier das Seinige dabei gedacht. Der leere Abend, die Erinnerungen an die Weihnacht-Kinderfreuden, der herunterblickende Sternenhimmel, der alle dunkeln Wunsche des Menschen wie Blumen in der Nacht magisch beleuchtet, und die Stille uberfullten und beklemmten seine verlassene Seele, und er druckte die einzige Hand, die ihm jetzt das Menschengeschlecht reichte. Er fragte sie geradezu uber ihren Kummer. Joachime antwortete sanfter als sonst: "Ich wollte Sie dasselbe fragen; aber bei mir ists naturlich." Denn sie habe, erzahlte sie, bei ihrer Zuruckkehr das Gepacke Klotildens und die Nachricht der Ankunft und was eben der Punkt ist die Kleider ihrer Schwester Giulia, denen Klotilde bisher eine Stelle unter ihren gegeben, angetroffen. Diese Giulia war bekanntlich an Klotildens Herzen verschieden, einen Tag vorher, eh' diese aus Maienthal nach St. Lune zog.

Ein Chaos durchschoss sein Herz; aber aus dem Chaos setzte sich bloss die umgesunkne Giulia zusammen denn Klotilde wich taglich in ein dunkleres Heiligtum seiner Seele zuruck ; ihr blasses LunaBild liebkosete mit Strahlen einer andern Welt seinen wunden Nerven, und er liess sich willig glauben, Joachime habe ihre Gestalt. In seiner dichterischen, den Weibern so selten verstandlichen Erhebung warf die Erblasste den Heiligenschein, den ihr Klotilde zustrahlte, wieder auf ihre Schwester zuruck. Joachime hatte heute wieder den Brief gelesen, den Giulia an sie in der Todesstunde durch Klotilde schreiben lassen, und trug ihn noch bei sich. Wahrscheinlich hatte ein Herz voll vergeblicher Liebe die schone Schwarmerin unter die Erde gezogen. Viktor bat sie mit schimmernden Augen um den Brief; er schlug ihn auf im Mondlicht, und als er die geliebten Zuge seiner verlornen Klotilde erblickte, weinte sein ganzes Herz.

"Gute Schwester!

Leb auf immer wohl! Lass mich das zuerst sagen, weil ich nicht weiss, welche Minute mir den Mund verschliesst. Die Gewitter meines Lebens ziehen heim. Es wird schon kuhl um meine Seele. Ich sage diesen Abschied und meinen herzlichsten Wunsch fur dein Wohlergehen meiner Freundin Klotilde in die Feder. Gib den Einschluss meinen lieben Eltern und fuge deine Bitte an meine, mich in meinem schonen Maienthal zu lassen, wenn ich voruber bin. Ich sehe jetzt durch das Fenster die Rosenstaude, die neben dem Gartchen des Kusters auf dem Kirchhofe stehet dort wird mir eine Stelle gegeben, die wie eine Narbe bezeuget, dass ich dagewesen, und ein schwarzes Kreuz mit den sechs weissen Buchstaben Giulia mehr nicht. Liebe Schwester, lass es ja nicht zu, dass sie meinen Staub in ein Erbbegrabnis sperren O nein, er soll aus Maienthals Rosen flattern, die ich bisher so gern begossen dieses Herz, wenn es sich zerlegt hat in den Blutenstaub eines neuen ewigen Herzens, spiele und schwebe im Strahle des Mondes, der mir es in meinem Leben so oft schwer und weich gemacht. Fahrest du einmal, liebe Schwester, bei Maienthal voruber: so blickt bis zur Strasse das Kreuz durch die Rosen hindurch, und wenn es dich nicht zu traurig macht, so schaue hinuber zu mir.

Mir war jetzt einige Minuten, als holte ich in Ather Atem in kleinen dunnen Zugen Es wird bald aus sein. Sag aber meinen Gespielinnen, wenn sie nach mir fragen, ich bin gern gegangen, ob ich wohl jung war. Recht gern. Unser Lehrer sagt, die Sterbenden sind fliegendes Gewolk, die Lebenden sind stehendes, unter welchem jenes hinzieht, aber abends ist ja beides dahin. Ach ich dachte, ich wurde mich noch recht lange, von einem Trauerjahr zum andern, nach dem Sterben sehnen mussen, ach ich besorgte, diese erblassten Wangen, diese hineingeweinten Augen wurden den Tod nicht erbitten, er wurde mich veralten lassen und mir das verbluhte Herz erst abnehmen, wenn es sich mude geschlagen aber siehe, er kommt eher In wenig Tagen, vielleicht in wenig Stunden wird ein Engel vor mich treten und lacheln, und ich werd' es sehen, dass es der Tod ist, und auch lacheln und recht freudig sagen: Nimm immer mein schlagendes Herz in deine Hand, du Abgesandter der Ewigkeit, und sorge fur meine Seele.

'Bist du aber nicht jung,' (wird der Engel sagen) 'hast du nicht erst diese Erde betreten? Soll ich dich schon zuruckfuhren, eh' sie ihren Fruhling hat?'

Aber ich werde antworten: Schau diese untergegangnen Wangen an und diese ermudeten Augen und drucke sie nur zu o lege den Leichenstein57 an meine Brust, damit er alle Wunden aussauge und nicht eher abfalle, als bis sie ausgeheilet sind Ach ich habe wohl nichts Gutes in der Welt getan, aber auch nichts Boses.

Dann sagt der Engel: 'Wenn ich dich beruhre, so erstarrest du der Fruhling und die Menschen und die ganze Erde verschwinden, und ich allein stehe neben dir Ist denn deine junge Seele schon so mude und so wund? Welche Leiden sind denn schon in deiner Brust?'

Beruhre mich nur, guter Engel! Jetzt sagt er: 'Wenn ich dich beruhre, so zerstaubst du, und alle deine Geliebten sehen nichts mehr von dir ' O beruhre mich! ..."

*

Der Tod beruhrte das blutige Herz, und ein Mensch war voruber...

Wahrend Viktor das Trauerblatt las, hatte die Schwester der Toten einige Male, weil sie sich das dachte, was er las, die Augen abgetrocknet, und als er sie ansah, schimmerten darin die Samenperlen einer weichen Seele. Aber er wunschte sich jetzo die Unsichtbarkeit seines Gesichts oder den Erker seines Zimmers, um allen Seufzern und Gefuhlen ungesehen nachzuhangen. War' er in einem burgerlichen Hause gewesen: so hatte er unverspottet jetzt zu den ausgepackten Kleidern und in die kunftigen Zimmer Klotildens gehen konnen und er hatte gleichsam die grunen Fluren von Maienthal wieder erblickt, wenn er die romantischen Gewander, worin Giulia sie durchstreifet hatte, unter den letzten Kussen der Schwester hatte verschliessen sehen Aber in einem solchen Hause wars eine Unmoglichkeit.

Er verzieh jetzt, da er seltener den Genuss der fremden Empfindsamkeit hatte, sogar das Ubertreiben derselben leicht. Dass sie den Korper zerrutte, war ihm der elendeste Einwand, weil ihn ja alles Edlere, jede Anstrengung, alles Denken aufreibe; der Korper und das Leben waren ja nur Mittel, aber kein Zweck. "Giulias Herz in Giulias Korper", sagte er, "ist ein reiner Tautropfe in einem weichen Blumenkelch, den alles zerdruckt, verschuttet, aussaugt, und der noch vor der Mittagsonne entflohen ist; solche fur eine Welt voll Sturm zu biegsame Seelen, die zu viel Nerven und zu wenig Muskeln haben, verdienen ihrer Empfindsamkeit wegen das einfressende Salz der Satire nicht, das sie wie Schnecken zernagt die Erde und wir konnen ihnen wenig Freuden geben, warum wollen wir ihnen die andern nehmen?"

Aber die Trauerzuge, die jetzt das Mitleid durch Joachimens Lacheln zog, druckten sich deutlich in Viktors Herzen ab, und das, was sie hier verbergen wollte, machte sie reizender als alles, was sie je zu zeigen gesucht.

Nichts ist gefahrlicher wie er vor einigen Wochen getan , als sich verliebt zu stellen: man wirds sogleich darauf. So war der Weichling Baron einige Tage, wenn er einen Helden von Corneille gespielet hatte, selber einer. So starb Moliere am eingebildeten Kranken und Karl V. am Probe-Begrabnis. So machte die papierne Krone, die Cromwell in einem Schuldrama aufbekommen hatte, ihn auf eine hartere begierig. Die zweite Lehre, die daraus zu lernen ist (diese setzt aber freilich voraus, Joachime war eine Kokette), ist die: dass ein Held die Koketterie wahrnehmen und doch hineintappen konne; ein Poet sitzt wie die Nachtigall (der er an Gefieder, Kehle und Einfalt ahnelt) oben auf dem Baume und sieht die Falle stellen und hupft hinunter und hinein.

Nach einigen Tagen als in Viktor die Frage uber Joachimens Wert und uber seine Liebe wie eine Woge auf- und ablief; als er schlecht mit Flamin, gut mit der Furstin und besser mit dem Fursten stand, der jeden Tag nachfragte, wenn Klotilde kame kam sie.

23. Hundposttag

Erster Besuch bei Klotilde die Blasse die Rote

die Renn-Wochen

"Ja, das gesteh' ich," sagte Viktor, der am andern Tage nach Klotildens Ankunft in seiner Stube umherlief "in ein Gewitter oder in ein sturmendes Meer sah' ich herzhafter als in das kleine Gesicht, in einen heitern Himmel von drei Nasenlangen." Aber er half sich dadurch, dass er einen abgerissenene FortissimoAkkord auf dem Klavier anschlug: dann konnte er zu Klotilden. Bloss unterwegs sagte er: "Nirgends wird so viel gezankt als in einem Menschen- Welcher Teufelslarm in diesem funfschuhigen Disputatorium uber den geringsten Bettel, bis nur aus einer Bill eine Akte wird! Ein tragbarer Nationalkonvent in nuce ist man, ich kann keinen Schritt tun, ohne dass erst die rechte und linke Seite daruber haranguieren, und die enrages und die noirs, und der Herzog von Orleans und Marat. Das Abscheulichste ist im innerlichen Regensburger Reichstage des Menschen, dass die Tugend darin mit zehn Sitzen und einer Stimme sitzt, der Teufel aber mit einem Steisse und sieben Stimmen."

Durch diese lustigen Selbergesprache wollt' er sich vom Anblick seiner verworrenen, verstockten, kaltwunden, immer Joachimen zu Klotilden hinaufhebenden Seele entfernen. Er wurde endlich bloss durch den tugendhaften Entschluss wieder rein ausgestimmt, jetzt die Liebe zu Joachimen nicht zu verstecken "sich ihrer nicht zu schamen", hatt' er bald gedacht. "Wenn ich mich gegen Joachime warmer, und gegen die andre kalter stelle, als ich etwa bin: so musste der Teufel sein Spiel haben, wenn ichs nicht endlich wurde."

Der hatt' es aber eben, und zwar ein wahres L'hombrespiel zu vier Personen58 mit dem mort: dieser Croupier hatte die einzige Volte geschlagen, dass er das Gesicht Klotildens mit einer ganz andern Farbe ausspielte, als er in Le Bauts Schlosse getan. Viktor fand sie in Schleunes seinem unendlich schoner wieder, als er sie verlassen hatte blasser namlich. Da sie keine Nervenpatientin war, keine Kalte mied, sogar in Dezemberabenden allein auf dem Dorfe spazieren ging: so waren sonst ihre Wangen mehr dunkle Rosenknospen als aufgegangene abgebleichte Rosenblatter. Aber jetzo war die Sonne ein Mond geworden sie hatte in irgendeinem Kummer, wie der Saphir im Feuer, nichts verloren als die Farbe, statt des Blutes schien die stillere, zartere Seele selber naher durch den weissen Florvorhang zu blicken. Alles Blut, das aus ihren Wangen zuruckgewichen war, floss in seine uber und stieg ihm wie ein Zaubertrank in den Kopf; indes suchte er sich in diesen den Gedanken zu setzen: "Wahrscheinlich machte sie mehr der Zank mit ihren Eltern, weniger der Kummer, hieher getrieben zu werden, krank!"

Wenn man sich einmal vorgesetzt hat, sich kalt zu stellen: so wird man es noch mehr, wenn man Ursachen findet, es nicht zu werden. Viktor wurde noch kalter durch Klotildens Eltern, die mitgekommen, und von deren Fehlern ihm auf einmal der Deckmantel weggezogen zu sein schien; an Personen, die man einer dritten wegen zu hoch geachtet, nimmt man, wenn uns die dritte nicht mehr zwingt, durch eine grossere Heruntersetzung derselben Rache. Auch sagte er zu sich: "Da sie ihren Bruder Flamin jetzo selten sieht: so war's einfaltig, sie einer verlegnen Minute durch die Erzahlung blosszustellen, dass ich die Verwandtschaft weiss." Armer Viktor! Gleichwohl wars ihm unmoglich, sein Herz nur mit so viel elektrischer Warme vollzuladen er rieb es mit Katzenfellen, er schlug es mit Fuchsschwanzen , als dasein musste, dass sein Puls wenigstens voll fur Joachimen gegangen ware, geschweige fieberhaft; aber eben dieses bestimmte ihn, sich gerade so zu betragen, als waren Herz und Pulse voller: "Es ware unedel," (dacht' er) "wenn es die gute Joachime entgelten musste, dass ich einmal andere Hoffnungen und Wunsche gehabt als die neuesten." Diese Aufopferung erwarmte ihn mit eigner Achtung; diese Achtung gab ihm den mannlichen Stolz, der mit seiner Liebe und seiner Wahl allen vier Weltteilen trotzt; dieser Stolz gab ihm wieder Freiheit und Freude und jetzo war er imstande, mit Klotilden zu reden wie ein vernunftiger Mensch.

Diese ganze innere Geschichte nahm freilich einen zwolfmal grossern Zeitraum ein als Muhameds Reise durch alle Himmelfast eine gute Stunde. Ein Zufall aber warf sich zwischen alle seine Ideen. Da namlich die Ministerin eine wahre Gelehrte war sie wusste, dass ein paar Quarzdrusen und einige Praparate und ein ertrankter Fotus noch keinen Gelehrten machen, sondern erst ein Lehrsaal voll Naturalien und ein Lesekabinett , und da der Kammerherr Le Baut ein Gelehrter war denn sein Kabinett war ebenso gross : so wurde dem Kammerherrn die Sammlung gezeigt, die er selber bereichern helfen. Man sollte denken, sie hatten einander ausgelacht und fur Narren gehalten; aber sie hielten sich wirklich fur Gelehrte; denn den Grossen wachsen die Fruchte vom Baume des Erkenntnisses so ins Fenster und ins Maul sie haben so viele Leichtigkeit, Kenntnisse zu erlangen (daher die zweite, sie zu zeigen) sie suchen im Brunnen der Wahrheit so selten etwas anders als ihr eignes, mit Wasserfarben gemachtes Kniestuck, und in die Tiefe dieses Brunnens zu waten, ware fur sie eine solche Erkaltung und doch gehen sie auf der andern Seite mit so vielerlei Personen von Kenntnissen aus allen Fachern um dass sie von allem etwas uber der Tafel erfahren und durch die Ohren, durch Munduberlieferung, wie die Schuler der Alten, Vielwisser werden. Wenn sie nachher gar das, was ihnen ungehort geblieben, vollends zu entbehren wissen, was ist dann zwischen ihnen und den armsten Gelehrten fur ein Unterschied als der in dem Bewusstsein?

Im Naturalien- und Bucherkabinett lag noch die ganze Neujahr-Ladung von summenden Kafern mit goldnen Flugeldecken ohne Flugel ich meine die vergoldeten Musenalmanache. Matthieu, dieser Nachahmer der tierischen Nachtigallen, war der Erbfeind der menschlichen, namlich der Dichter. Er sagte was in eine Rezension besser gepasset hatte : "er sei ein grosser Freund von Versen, aber im Winter denn wenn er so durch die Blumen-Beete eines Almanachs streiche, so werd' er, wie einer, der durch ein Bohnenfeld geht, schlafrig genug und konne einschlafen. Und da gerade die Nachte langer wurden, und man also einen langern Schlaf bedurfe, so sei es schon, dass die Almanache gerade mit Winteranfang erschienen, und dass diese Blumen mit den Moosen zu einerlei Jahrzeit bluhten so konne man doch am murmelnden Bache in den Versen einschlafen, wenn das Murmeln und Schlafen auf der gefrornen Wiese nicht mehr gehe."

Unser Viktor war so satirisch wie der Evangelist; er hatte im Hannoverischen so gut wie dieser hier gelacht z.B. er hatte beklagt, dass die meisten Almanachsanger leider mehr fur den Kenner arbeiteten als fur dumme Leser und schon zufrieden waren, wenn sie nur jenen in den Schlaf versetzten dass ein Mensch, der keine Prose schreiben konnte, versuchen sollte, ob er zu keinem Volksanger tauge, wie nur die Vogel, die nicht reden lernen, singen konnen dass er einen guten Almanach am ersten und angenehmsten durchbringe, wenn er bloss die Reime durchlaufe und dass flache Kopfe wie flache Diamanten, denen keine Facetten zu geben sind, zu Herzen wurden und uns statt der Gedanken Tranen gaben, in denen nicht einmal das Aufgusstierchen eines Gedankens schwimme....

Aber er sah noch eine Seite mehr als Matthieu, namlich die edle. Es war seine Gewohnheit, gerade diese vorzudrehen, wenn ein anderer nur die schlechte gewiesen, und umgekehrt. Seine Meinung war: "die Dichter waren nichts als betrunkene Philosophen wer aber aus ihnen nicht philosophieren lerne, lern' es aus Systematikern ebensowenig die Philosophie mache nur die Silberhochzeit zwischen Begriffen, die Dichtkunst aber die erste leere Worte geb' es, aber keine leere Empfindungen- der Dichter musse, um uns zu bewegen, bloss alles Edle zum Hebel nehmen, was auf der Erde ist, die Natur, die Freiheit, die Tugend und Gott; und eben die Zauberstabe, die magischen Ringe, die Zauberlampen, womit er uns beherrsche, wirken endlich auf ihn selber zuruck."

Er legte diese Meinung als Matthieu die seinige und Joachime ihre eigne vorgetragen, dass namlich ihr an den Musenalmanachen wenigstens zwei oder drei Blatter gefielen, namlich die glatten Pergamentblatter viel kurzer vor; die Ministerin war der seinigen (denn sie war selber eine Versifexin); der Kammerherr sagte, "jede Stadt und jeder Furst bete ja die Dichter in eignen Tempeln an namlich in den Schauspielhausern"; Klotilde durfte sich nun zu den Siegern schlagen: "Wenn man im Januar einen Dichter lieset, so ists so lieblich, als wenn man im Junius spazieren geht. Ich kann weder Philosophen noch Gelehrte lesen; es bliebe mir" (sie wollte sagen: ihrem Geschlechte) "daher gar zu wenig, wenn man mir die lieben Dichter nahme." "Sie wurden hochstens" (sagte endlich der Minister) "Ihre Schuler an ihnen finden; Dichter bekummern sich, wie die Heiligen, wenig um die Welt und ihr Wissen; sie konnen den Staat besingen, aber nicht belehren." O du grinsende Mumie, dachte Viktor, ein Edelstein, den du nicht als einen Staatsbaustein vermauern kannst, ist dir weniger als ein Sandblock. Wenn du nur jede flammende, als eine Erganzung der republikanischen Antiken dastehende Seele zu einem Unterschreiber, zu einem Zollkommisar oder Kammerfiskal einsetzen konntest (wie die Grosskairer die Ruinen zu Stallen und Pferdetranken verbauen)! Der edle Matz fugte bloss hinzu: "In Rom war ein Maler, der mit jedem nur singend sprach; und ich kannte einen grossen Dichter, der nicht einmal im gemeinen Leben Prose konnte; er konnte aber mehres nicht und hatte wenig Welt, aber viel Welten im Kopfe er wird, wenn er sich drucken lasset, seinen Lesern kaum mehre Tauschungen geben, als ihm jeder schon gemacht hat, der wollte."- Viktor sah aus Klotildens gesenktem Auge, dass sie so gut wie er merke, dass der Teufel ihren Dahore meine; aber er schwieg; seine Seele war traurig und erbittert; aber er war langst durch den Hof die zu ertragen abgehartet, die er hassen musste.

Unter dieser Disputation hatte der edle Matz die ganze Gruppe unvermerkt in schwarzem Papier nachgeschnitten. "Ach!" sagte Joachime, "das ist nicht das erstemal, dass er Gesellschaften schwarz abbildet."Da aber Viktor Silhouettengruppen niemals sehen konnte, ohne an uns zerrinnende Schatten-Menschen, an dieses versiegende Zwerg-Leben, an die auf das Leben gezeichneten Nachtstucke und an die Schattenpartien, die man Volker nennt, zu denken und da ihn daran ausser seiner Traurigkeit und ausser einem Wachs-Skelett von Mad. Biheron, das im Naturaliensaale mit dastand, noch mehr die blasse Gestalt Klotildens erinnerte und da diese, mit den vergleichenden Augen auf dem Gerippe und dem Schattenbilde? leise zu Viktor sagte: "Mich konnten zu einer andern Zeit so viele Ahnlichkeiten traurig machen" so durchschnitt sein volles Herz der scharfe Schmerz uber seine ewige Armut und uber die Gewissheit: "Dieses schone Herz bewegt sich nie fur deines, und wenn ihr Freund Emanuel gestorben ist, bleibst du immer allein" und er trat ans Fenster, drehte es hart auf, schlang den Nordwind ein, zerdruckte mit der Faust die zwei Augapfel und ging mit den vorigen Zugen wieder zu den andern.

Aber fur heute hatten solche Erschutterungen zu tief in sein Herz hineingerissen. Und da ihm Klotilde in einer einsamen Sekunde sagte, dass die Pfarrerin und Agathe uber sein Aussenbleiben zurnten: so war er, dem sich bei diesen Namen die ganze bewolkte Vergangenheit wie ein Himmel auftat, nicht imstande eine Antwort zu geben.

Als er nach Hause kam, redete Klotildens Stimme, die er unter allen ihren Reizen am wenigsten vergessen konnte, unaufhorlich und wie das Echo eines Trauergesangs in seiner Seele... Leser, wenn das, was du liebtest, lange verschwunden ist aus der Erde oder aus deiner Phantasie, so wird doch in Trauerstunden die geliebte Stimme wiederkommen und alle deine alten Tranen mitbringen und das trostlose Herz, das sie vergossen hat! ... Aber nicht bloss ihre Stimme, sondern alles drangte sich im Finstern um seine Phantasie, ihr bescheidenes Auge, das nicht hofmassig blitzte und ertrotzte und suchte, wie der andern ihre, diese behutsame Feinheit, die ihm seit seinem Hofleben weder an ihr noch an seinem Vater mehr zu gross vorkam dazu setze man noch das Bild Joachimens und sein Chaos von Widerspruchen und die Bemerkung, dass ein Mensch, den die gewissesten Beweise, ungeliebt zu sein, beruhigt haben, doch bei einem neuen wieder leidet: so kennt man die Bewegungen, die der Schlaf, diese Meerstille des Lebens, bei ihm stillen musste.

"Das war das letzte Fieberschauer", sagt' er am andern Morgen und bauete auf sein jetziges Herz, dessen Entzundungen wie die der Vulkane taglich ihren Kessel mehr ausbrannten. Er gebot sich daher eine wochentliche Flucht vor der zu teuern Seele, in der Absicht, dass der neue Nachklang seiner Liebe in seinem Herzen auszittere und alles wieder still werde darin.

Aber nach einer Woche sah er sie wieder: wahrlich, der Teufel sass wieder am Spieltisch und spielte gegen ihn eine andere Farbe aus Rot. Klotilde sah nicht blass, sondern, obwohl nur wenig, rot aus. Dieses Rot machte an seinem innern Menschen einen grossen Klecks und verfalschte sein inneres Kolorit, wie Schwarz jede Malerfarbe. Denn als er sie genesen wiederfand: so wars ihm nicht sowohl angenehm denn er sah, wie wenige Verdienste er mehr um ihre Ruhe habe, wie sie ihn nicht einmal in diesem Warenlager von Menschen-Makulatur aushebe, und wie dumm er gewesen, dass er sich heimlich, ganz heimlich traumen lassen, "ihre vorige Bleichheit komme gar von ihrer vergeblichen Sehnsucht nach ihm seines Orts her" , desgleichen wars ihm auch nicht unangenehm denn er hatte all sein Herzblut dahingegossen, um damit eine einzige Pulsader in ihr wieder in den Gang zu bringen-, ich sage, es war ihm nicht sowohl angenehm oder unangenehm als beides, als unerwartet, als ein Wink, des Teufels zu werden. Sein Herz und das Bild, das zu lange darin war, wurden gar entzweigedruckt: "Es sei!" sagt' er und zerbiss die krampfhafte Lippe, womit ers sagte. Einige Tage lang mocht' er nicht einmal Joachime sehen. "Hat diese denn ein Auge fur die Natur und ein Herz fur die Ewigkeit?" fragt' er, und er wusste wohl die Antwort.

Jetzo ging eine Zeit fur ihn an, die gerade das Gegenteil der Sabbatwochen war man kann sie die Renn-Wochen oder die Tarantel- Tanzstunden der Besuche nennen. Es ist eine verdammte Zeit, der Mensch weiss nicht, wo er steht. Sie fiel bei Viktor gerade in die Wintermonate, wo ohnehin die sausenden Butterwochen der Stadte und Hofe sind. Ich will sie jetzt ordentlich schildern.

Viktor suchte namlich sein uneiniges ungluckliches Herz zu uberschreien und zu betauben nicht mit den Trommelwirbeln der Lustbarkeiten; unter diesen verblutete es vielmehr, so wie unter dem Trommeln die Wunden starker fliessen: sondern mit Menschen; diese waren die blutstillenden Schrauben, die er um seine Seele legte. Sein Leib war jetzt wie der katholische Reliquienleib eines Apostels an allen Orten; er verlief den ganzen Tag, bald mit, bald ohne den Fursten.

In Flachsenfingen war zuletzt keine Dame mehr, der er nicht die Hand gekusset hatte und kein Nachttisch mehr, wo ers dabei hatte bewenden lassen.

Er machte in den Rennwochen doppelte Schleifen franzosische Pas Tupfdesseins kleine Komodien Scharaden Rezepte fur Kanarienvogel Verse fur Facher tausend Besuche und noch mehr MorgenBriefchen....

Letzte, die er bekam und schickte, waren franzosisch geschrieben und franzosisch gebrochen namlich zu Haarwickeln gequetscht: "Es sind", sagt' er, "die Haarwickel weiblicher Gehirnfibern die Patronen voll Amors-Pulver die Kokons der liebenden Schmetterlinge" er sprach vom Steigen und Fallen dieser weiblichen Papiere und nennte sie noch die Aushangebogen des weiblichen Herzens und die Schmutztitelblatter der koketten Edikte von Nantes. "Ich behaupte dies,"- setzt' er hinzu "um mich vom Hofjunker Matthieu zu unterscheiden, ders leugnet, weil er gar verficht, anfangs dringe man den Schonen Briefe auf, dann Dinge von mehr Kubikinhalt, z.B. Facher, Juwelen, Hande, dann endlich sich selber, so wie die Posten anfangs nur Briefe aufnahmen, dann Pakete, endlich Passagiere."

Er fand diejenigen Weiber taglich amusanter, die uns Leuten von Verstand das Herz aus der Brust und das Gehirn aus dem Kopf entwenden, und zwar (wie jener Edelmann anderes Zeug) nicht aus Liebe zum gestohlnen Gute, sondern aus Liebe zum Rauben- sie schicken wie der Edelmann den andern Morgen das Gut dem Eigner redlich wieder zu. Ihre Feinheiten die seinigen seine Wendungen, um ihren auszuweichen die Aufmerksamkeit, die man auf sich wenden muss die Gelegenheit, alle Empfindungen unter die feinsten Trennmesser zu bringen, oder unter Sonnenund Mondmikroskope die Leichtigkeit, den aufrichtigsten Wahrheiten den sauern Geschmack und den angenehmsten den susslichten zu benehmen dieses machte ihm die Nachttische der Weiber, besonders der koketten, zu Lektisternien und Gottertischen: "Beim Himmel," sagte der Nacht-Tischganger oder Toiletten-Panist, "ein Mann ist bloss ein Hollander, hochstens ein Deutscher, aber eine Frau ist eine geborne Franzosin oder gar eine Pariserin der Mann verbirgt seine moralische wie seine physische Brust Gedanken und Blumen, die nicht durch die Raufen der vier Fakultaten durchfallen, Empfindungen, die nicht in den Akten oder in einem arztlichen Befundzettel konnen beschrieben werden, muss man wahrlich nur einer Frau und keinem Manne sagen, zumal einem flachsenfingischen" ... oder einem scheerauischen.

Um sich zu entschuldigen, dass er mit den Koketten auf dem Fuss eines Sammliebhabers umging, berief er sich auf seine Absicht- sie bloss kennen lernen zu wollen und auf den vortrefflichen Forster, der in Antwerpen vor Rubens' Maria, die auf dem Altarblatt gen Himmel fahrt, so gut wie ein geborner Katholik hinkniete, bloss um sie naher zu beschauen.

Er hatte noch eine gefahrlichere Entschuldigung: "Der Mensch", sagte er, "sollte alles sein, alles lernen, alles versuchen er sollte an der Vereinigung der beiden Kirchen in seiner Seele arbeiten er sollte, wenn nur auf ein paar Monate, ein Stadtmusikus, Totengraber, Galgenpater, ein Ingenieur, Tragodiensteller, Oberhofmarschall, ein Reichsvikarius, Vizelandrichter, ein Rezensent, eine Frau, kurz alles sollte der Mensch auf einige Tage gewesen sein, damit aus dem Farbenprisma zuletzt die weisse vollkommne Farbe zusammenflosse."

Die Grundsatze werden desto gefahrlicher bei einem wie er, der, mit den hochgespannten Saiten der unahnlichsten Krafte bezogen, leicht den Ton eines jeden angab, nicht aus Verstellung, sondern weil sich seine Umgangs-Dichtkraft tief in die Seele des andern versetzen konnte daher gewann, ertrug und kopierte er die unahnlichsten Menschen, ungeachtet seiner Aufrichtigkeit. Ich bedaure ihn aber, dass er uberall so viel zu verschweigen hatte, sein Erraten des Fursten, sein Herz gegen Klotilde, seine Versohn-Intrigen gegen Agnola, seine Wissenschaft von Flamins Verhaltnissen u.s.w. Ach Verschweigen und Verstellen fliessen leicht zusammen, und mussen nicht Tropfen in den festesten Charakter, sobald er immer unter der Traufe steht, endlich Narben graben?

Nichts erkaltet mehr die edelsten Teile des innern Menschen als Umgang mit Personen, an denen man keinen Anteil nehmen kann. Dieses Gastwirtleben am Hofe, taglich Leute zu sehen, die nicht einmal Ich sagen, deren Verhaltnisse man so gleichgultig unkennt wie deren Talente, wenn sie nicht ein Bedurfnis sucht dieses Haschen nur nach dem nachsten Augenblick dieses Voruberrennen der feinsten und geistreichsten Fremden und Besuchameisen, die in drei Tagen vergessen sind alles dieses, was die Palaste zu russischen Eispalasten macht, wo sogar der Ofen voll Naphthaflammen eine Eisscholle ist, wozu ich das komische Salz gar nicht zu setzen brauche, das ohnehin alles warme Blut, wie glauberisches das heisse Wasser, erkaltet, alles dieses machte sein Herz ode, seine Tage kahl und lastig, seine Nachte beklommen, sein Betragen zu kalt gegen Gute, zu duldend gegen Schlimme.

Noch dazu schwieg sein Emanuel und schloss, wie die Natur, seine Blumen in sich ein. Wen die Natur ernahrt und erhebt, der ist im Winter nicht so gut als im Sommer. Die Erde hatte ihren Pudermantel von Schnee um und den ganzen Tag die Nachtkleidung an, die Baume hatten ihre Knospen in die Flocken- Papilloten gewickelt, und die Aste sahen wie Haarnadeln aus Viktors Seele war wie die Natur; o! der Himmel warme bald in beiden die Blumen des Fruhlings an!

Da die Krankheitgeschichte meines Viktor mich zu schmerzhaft an die versteckten Gifte im menschlichen Korper erinnert: so soll sie bald zu Ende sein. Es gefiel ihm, dass er durch das Herumflattern immer galanter und kalter gegen alle weibliche Personen wurde das Seil der Liebe schneidet weniger tief in den Busen ein, wenn es, in Faden und Flocken ausgezupft, um alle flattert. Er, der, wie sein Namenvetter, der heilige Sebastian, ganz mit (Amors) Pfeilen vollgeschossen aussah, liess Pfeile anderer Art gegen das ganze Geschlecht, wiewohl nie gegen Einzelwesen, fliegen. In diesem letzten Umstand war seine Bitterkeit von Matthieus seiner unterschieden, der z.B. von seiner eignen Base, die ihre Schonheit durch spate Blattern verloren, sagen konnte: "Ihre Schonheit hielt sich recht tapfer gegen die Blattern und trug aus diesem Siege die herrlichsten Narben davon, und zwar alle, wie Pompejus' Ritter, von vornen im Gesicht."

Wie Teufelsdreck zum haut-gout gebracht wird, so wurzet man das feinste savoir vivre durch einige kuhne Unhoflichkeiten. Bastian war in der Tarantelzeit durch nichts verlegen zu machen er ging und kam wie ein Pariser ohne Umstande er suchte oft kuhne, aber vorteilhafte Stellungen seines Korpers unter dem Schauspiel tat er Reisen durch die Logen, wie der Furst durch die Kulissen er brachte es (obwohl mit Muhe, und nur indem er sich immer das Muster der Hofleute vorhielt) funfmal dahin, dass er gleichgultig zuhorte oder gar wegschauete, wenn ihm der andere erzahlte; welches alles, wenn nicht wesentliche, doch Nebenstucke der wahren Hoflichkeit sind.

Auch will ich zu seinem Ruhm nicht unbemerkt lassen, dass er sich die ordentlichen erotischen und satirischen Freiheiten der gallikanischen Kirche gegen mehre Weiber auf einmal nahm; denn vor einer einsamen hatt' er noch die alte Ehrerbietung eines edlen Herzens. Ich will von jenem doch ein Beispiel gehen. Einmal war er unter funf Verleumderinnen (die Gesellschaft bestand aus sechs Frauenzimmern und einer Mannsperson); die hasslichste schwarzte alle, sogar gedruckte Madchen an, z.B. die verstorbene Klarisse, der sie vorruckte, sie habe gegen Lovelace nicht genug gewusst sauver les dehors de la vertu. Man muss es gewartig sein, wie die Konigsberger Schule es in ihren Rezensionen aufnimmt, dass er sich vor der Verleumderin auf ein Knie hinliess und mit einigem Ernst sagte: "Clarisse! Voici Votre Lovelace, retranchons quatre tomes et commencons comme les faiseurs d'Epopees par le reste.59"

Freilich warf er sich die Tarantelzeit haufig unter der Tarantelzeit vor; und da der Heidenvorhof seines Herzens so voll Weiber wurde, indes im Allerheiligsten desselben nichts war als ein stummes Dunkel, und da sein Kopf ein Insektenkabinett von Hofkleinigkeiten wurde: so seufzete er freilich oft in seinem Erker: "O! komme bald, guter Vater, damit dein sinkender Sohn aus diesem schmutzigen Marznebel in ein helleres Leben steige, eh' er sich ganz befleckt hat, dass er nicht einmal diesen Wunsch mehr tut" und sooft er in Joachimens Zimmer die Prospekte von Maienthal welche Giulia vom Portratmaler Klotildens machen lassen zu Gesichte bekam: so zog er mitten im Scherzen das Auge von ihnen mit einem Seufzer weg Aber geheilt wurd' er nicht, als bis das Schicksal sagte: jetzt! Da klopfte der Theaterschlussel auf einmal, der die Menschen in der Schauspielerprobe des Lebens das Schauspiel selber wird erst im zweiten gegeben kommen und handeln heisset; und es trug sich etwas zu, was ich sogleich im folgenden Kapitel berichten werde, wenn ich in diesem auserzahlet habe, wie Viktor mit allen Leuten um sich her stand.

Mit manchen eigentlich schlecht erstlich mit Klotilden. Sie wohnte zwar bei dem Minister als Hofdame hatte sie ins Paulinum gehort, allein der Furst hatte es wegen der Leichtigkeit, sie zu sehen, so karten lassen , aber sie war immer um die Furstin, mit der sie bald ein ahnlicher Ernst und eine ahnliche Zuruckhaltung verknupfte. Ihre Gleichgultigkeit gegen einen, der mit ihr einen gemeinschaftlichen Freund und Lehrer hatte, gab diesem Viktor eine noch grossere, zumal da er wusste, sie musste fuhlen, dass in dieser kalten Berg- und Hofluft nur ein einziger, obwohl falber Nelken-Absenker ihrer schonen Seele bluhe, er selber namlich. Auch musste ihm der Zwang des Wohlstandes, sie kalt anzuschauen, zur Gewohnheit werden. Am schlimmsten wars fur ihn, dass sie gleichgultig war ohne Empfindlichkeit und kalt mit Achtung fur ihn. Andere waren ganz toll uber das "tugendhafte Phlegma dieser Pygmalions-Bildsaule." Der edle Matz nannte sie oft die heilige Jungfrau oder die Demoiselle Mutter Gottes. Es konstiert und erhellet ganz deutlich aus den vor mir aufgeschlagenen Hunds- Manualakten, dass einige Herren vom Hofe nach verschiedenen verdorbnen Versuchen, sich die mit so vieler Schonheit unvertragliche Tugend zu erklaren, bald aus Temperament, bald aus verhehlter Liebe, bald aus einer koketten Sprodigkeit, die sich wie das Wasser bei St. Clermont endlich zur eignen Brucke uber sich selber versteinert, dass diese listigen Herren recht glucklich auf die Vermutung verfielen, Klotilde nehme diese Maske als eine Kopie des Gesichts der Furstin vor ihres, um in der Gunst zu bleiben. Daher wurde Klotildens zuchtige Tugend von den meisten mit grosserer Schonung beurteilt, indem man sie als eine absichtliche Nachahmung des ahnlichen Fehlers der Furstin schon entschuldigen konnte durch das Beispiel ahnlicher Nachahmungen, da Hofleute oft die grossten aussern Naturfehler, ja die Tugenden eines Regenten nachafften. So dachte wenigstens der billigere Teil des Hofes.

Agnola war unserem Helden einen immer grossern Dank fur die Besuche Jenners zu zeigen beflissen, ob sie gleich, denk' ich, die untreue Absicht des Fursten in der Gegenwart Klotildens ebensogut entdecken konnte, als sie zuweilen in Viktors Seele bei der Gegenwart Joachimens blicken mochte... Uberhaupt hatt ich den Leser langst bitten sollen aufzupassen: ich trage die Sachen mit erlaubter Dummheit vor, obwohl mit historischer Treue; sind nun feine, spitzbubische, wichtige, intrigante Zuge und Winke darin, so ists ohne mein Wissen, und ich kann sie also dem Leser nicht anweisen mit einer Zeigerstange, oder ansagen mit einer Feuertrommel, sondern er selber weil er Hofgeschichten versteht muss wissen, was ich mit meinen Winken haben will, nicht ich.

Mit Joachimen ware Viktor recht gut gefahren da er alle Fehler, die er bei andern Weibern und nicht bei ihr antraf, ihr als Tugenden in Rechnung brachte, und da er sich mit ihrem Ich mehr verflocht; denn die Fehler der Madchen kommen wie Schokolade und Tabak dem Gaumen anfangs desto toller vor, je besser sie ihm nachher schmecken er ware gut gefahren, ohne zwei Ecksteine; aber die waren da. Der erste war denn ich will seine kleine Argernis uber die kurze Dauer ihrer schonen Weihnacht- Empfindsamkeit nicht rechnen , dass sie immer Klotilden tadelte, besonders ihre "affektierte" Tugend. Der zweite war, dass Klotilde sie ebensowenig suchte: Viktor konnte niemand lieben, den Klotilde nicht liebte. Und jetzt sind die Rennwochen und Visiten-Taranteltauzstunden eines Menschen zu Ende; aber ach die ganze Nachwelt muss noch dieselbe heisse Linie der Narrheit und Jugend passieren.

24. Hundposttag

Schminke Krankheit Klotildens Schauspiel

Iphigenie Unterschied der burgerlichen und der

stiftfahigen Liebe

Am 26sten Februar fand Viktor morgens bei Joachimen die stolze Klotilde. Ich weiss nicht, war diese aus Zufall oder Hoflichkeit oder deswegen da, um einer Person, die von Viktor mit einigem Interesse behandelt wurde, naher zu begegnen. Aber, o Himmel! die Wangen dieser Klotilde waren blass, die Augen wie von einer ewigen Trane uberhaucht, die Stimme geruhrt, gleichsam gebrochen, und der bleiche Marmorkorper schien nur das Bild zu sein, das am Grabmal der entflognen Seele steht. Viktor vergass die ganze Vergangenheit, und sein Innerstes weinte vor Sehnsucht, ihr beizustehen und aus ihrem Leben alle trube Winterlandschaften wegzuloschen. "Ich befinde mich heute wie gewohnlich", sagte sie auf seine hofarztliche Frage, und er wusste nichts aus dieser unerwarteten Erbleichung zu machen er konnte heute uberhaupt nichts machen, nicht einmal einen Scherz oder eine Schmeichelei- seine in Mitleid zergangne Seele wollte keine Form annehmen verwirrt war er auch. Klotilde ging bald; und ihm war's heute fur ganz Grosspolen (diese in der Eisfahrt der Volker- und Kronenwanderung schon sich abschleifende Eisscholle) nicht moglich gewesen, nach ihr noch eine halbe Stunde zu verbleiben.

Er hatte ohnehin gehen mussen; denn der Hofjunker Matthieu rief ihn zur Furstin. Die Zeit war ungewohnlich: er konnte es nicht erwarten und nicht erraten, was es gebe. Der Evangelist lachelte (das tat er uberhaupt jetzt ofter uber die Furstin) und sagte: "den Fursten und Furstinnen sei bloss das Wichtige klein, und das Kleine wichtig, wie Leibniz von sich selber sagte60. Wenn ihnen die Krone und eine Haarnadel miteinander vom Kopfe fallen: so suchen sie vor allen Dingen die Nadel."

Beilaufig! Es ware Bosheit von mir gegen den edlen Matthieu, wenn ichs langer unterdruckte, dass er seit einiger Zeit gegen meinen Helden viel sanfter und inbrunstiger geworden welches bloss an einem andern Menschen als er, ich meine an einem nachstellenden Schelm, ein Kains-Zeichen ware und etwan so viel bedeutete wie das Wedeln eines Katzenschwanzes.

Viktor erstaunte uber die Bitte der Furstin, Klotilden zu heilen: das heisst, nicht uber das Bitten denn sie beehrte ihn ofters damit , sondern uber die Nachricht, dass Klotilde, auf deren Wangen er bisher die Apfelbluten der Gesundheit auf Kosten seiner Seele in den Rennwochen gesehen, bloss taube Bluten getragen, namlich bloss Schminke, die ihr die Furstin wegen der Gleichblute mit den ubrigen roten Kupferblumen des Hofes hatte befehlen mussen. Agnola, die, wie ihr Stand, rasch war, ersuchte ihn noch, als er zur medizinischen Oberexaminationskommission ernennet war, sein Amt nur ja recht bald, schon heute sogleich im Schauspiele zu verwalten, wo er die Examinandin treffen werde.

Und er fand sie. Das Schauspiel war ein aus Eldorado gelieferter funkelnder Solitar, Goethes Iphigenie. Da er die Kranke wieder mit dem Abendrot der Schminke sah, worin sie auf fremdes Geheiss sogar unter dem Untergehen schimmern sollte da er dieses stille, zum Altar gleichsam rot bezeichnete Opfer, das er und andere von seinen Fluren, von seinen einsamen Blumen weggetrieben unter die Opfermesser des Hofs, den Untergang seiner Wunsche stumm erdulden sah, und da er mit dem weiblichen Verstummen das mannliche Toben verglich und da Klotilde ihren Schmerz der Iphigenie geliehen zu haben schien mit der Bitte: "Nimm mein Herz, nimm meine Stimme und klage damit, klage damit uber die Entfernung von den Jugendgefilden, uber die Entfernung vom geliebten Bruder" und da er sah, wie sie die Augen fester an die Iphigenie, wenn sie nach dem verlornen Bruder schmachtete, anzuschliessen suchte, um die Ergiessung und die Richtung derselben (nach ihrem eignen auf dem Parterre, nach Flamin) zu beherrschen: o dann hatten so grosse Schmerzen und ihre Zeichen in seinen Augen und Mienen einen solchen Vorwand notig, wie die Allmacht des Genius ist, um mit Schmerzen der dichterischen Tauschung verwechselt zu werden.

Nie hat ein Arzt seine Kranke mit grosserer Teilnahme und Schonung ausgefragt, als er Klotilden im nachsten Zwischenakte: er entschuldigte seine Zudringlichkeit mit dem Befehle der Furstin. Ich muss vorher berichten, dass die Kranke ob er gleich bisher ein fallender Petrus war, den manches Hahngeschrei mehr zum Weinen als zum Bessern gebracht doch die zweite Person blieb, die er nie verleugnete, d.h. die er nie mit seinen jetzigen frivolen, launichten, kuhnen, fangenden Wendungen anredete. Die erste Person, welche er zu hoch achtete, um mit seinem jetzigen Herzen an sie zu schreiben, war sein Emaunel.

Klotilde antwortete ihm: "sie sei so wohl wie immer: das einzige, was an ihr krank sei," (sagte sie lachelnd) "namlich die Farbe, sei schon unter den Handen einer Wundarztin, die sie wider ihre Neigung bloss von aussen heile." Diese scherzhafte Erwahnung des von der Furstin dekretierten Schminkens hatte die doppelte Absicht, ihr Schminken zu entschuldigen und den Doktor aus seinem weichherzigen Ernst zu bringen. Aber das erste war unnotig da im Theater sogar Damen, die nie Rot auflegen, es beim Eintritt in die Loge auftrugen und beim Ausgang ausstrichen, um nicht an einem Baum voll gluhender Stettinerapfel als die einzigen Quitten dazuhangen, und da uberhaupt von dem ganzen weiblichen Hofstaat die mineralischen Wangen als Hof-Gesichtlivree gefodert wurden. Das zweite war vergeblich; vielmehr schwollen die Wunden seines Herzens durch zweierlei hoher: durch jenes kalte, fast schwarmende Ergeben ins Verbluhen und durch etwas unaussprechlich Mildes und Weiches, was oft im weiblichen Gesicht das brechende Herz, das fallende Leben bezeichnet, wie das Obst durch weiches Nachgeben beim Druck seine Reife ansagt.

O ihr guten weiblichen Geschopfe, macht euch der Kummer, da euch die Freude schon verschonert, vielleicht darum noch schoner und zu ruhrend, weil er euch ofter trifft, oder weil sich jener in diese kleidet? Warum muss ich hier die Freude uber euer Erdulden und Verschleiern der Schmerzen so fluchtig bekennen, da jetzt vor meiner Phantasie so viele Herzen voll Tranen mit offnen Angesichtern voll Lacheln voruberziehen und eurem Geschlechte das Lob erwerben, dass es sich dem Kummer so gern wie der Freude offne, wie die Blumen, ob sie sich gleich nur vor der Sonne auftun, doch auch auseinandergehen, wenn diese der Wolkenhimmel uberzieht?

Viktor, ohne durch ihre Antwort irre zu werden, fuhr fort: "Vielleicht konnen Sie sich nicht von der schonen Natur entwohnen und von der Bewegung das Nachtsitzen, das ich selber empfinde"- Sie liess ihn nicht ausreden, um ihn daran zu erinnern, dass sie ja die jetzige Farbe von Hause an den Hof mitgebracht. Man sieht aber in dieser Erinnerung mehr Schonung als Wahrheit; denn sie wollte ihr Hofamt nicht gerade vor dem verklagen, der es ihr erlangen half. Viktor, der ihre Kranklichkeit so sicher sah, und doch keine Frage mehr vorzulegen wusste, stand stumm, verlegen da. Das eigne Schweigen loset den Zuruckhaltenden die Zunge: Klotilde fing selber an: "Weil ich nichts weiss, was mir hier schadet, als die Schminke: so bitt' ich meinen Arzt, mir diesen Diatfehler zu untersagen" d.h. die Furstin zum Widerruf ihres Schminkedikts zu vermogen "Ich mag gern", fuhr sie fort, "doch einige Ahnlichkeit mit zwei so guten Freunden, Giulia und Emanuel, bekommen" d.h. die blasse Farbe, oder auch die Meinung des baldigen Todes. Viktor stiess ein hastiges Ja heraus und wandte das schmerzende Auge gegen den auffliegenden Vorhang.

Nie waren wohl die Szenen der Spieler und der Zuhorer sich ahnlicher. Iphigenie war Klotilde der wilde Orest, ihr Bruder, war ihr Bruder Flamin der sanfte helle Pylades sein Freund Viktor. Und da Flamin unten im Parterre mit seinem wolkigen Angesicht stand (er kam nur, um seine Schwester bequemer zu sehen) , so war es unserm und seinem Freunde so, als wurd' er von ihm angeredet, als Orest zu Pylades sagte:

Erinnere mich nicht jener schonen Tage,

Da mir dein Haus die freie Statte gab,

Dein edler Vater klug und liebevoll

Die halb erstarrte junge Blute pflegte;

Da du, ein immer munterer Geselle,

Gleich einem leichten bunten Schmetterlinge

Um eine dunkle Blume, jeden Tag

Um mich mit neuem Leben gaukeltest,

Mir deine Lust in meine Seele spieltest.

Klotilde fuhlt' es ebenso schmerzhaft, dass man auf der Szene ihr Leben spiele, und kampfte gegen ihre Augen... Aber da Iphigenie zu ihrem Bruder Orest sagte:

O hore mich! O sich mich an, wie mir

Nach einer langen Zeit das Herz sich offnet

Der Seligkeit, dem Liebsten, was die Welt

Noch fur mich tragen kann, das Haupt zu kussen

O lass mich, lass mich, denn es quillet heller

Nicht vom Parnass die ewige Quelle sprudelnd

Von Fels zu Fels ins goldne Tal hinab,

Wie Freude mir vom Herzen wallend fliesst

Und wie ein selig Meer mich rings umfangt

und da Klotilde traurig den grossern Zwischenraum der Schmerzen und der Tage zwischen sich und ihrem Bruder ubermass: so quollen ihre grossen, so oft am Himmel hangenden Augen voll, und ein schnelles Niederbucken verdeckte die schwesterliche Trane allen ungeruhrten Augen. Aber den geruhrten, womit ihr naher Freund sie nachahmte, wurde sie nicht entzogen... Und hier sagte eine tugendhafte Stimme in Viktor: "Entdeck ihr, dass du das Geheimnis ihrer Verwandtschaft weisst hebe von diesem wundgepressten Herzen die Last des Schweigens ab vielleicht welkt sie an einem Gram, den ein Vertrauter kuhlt und nimmt!" Ach, dieser Stimme zu gehorchen, war ja das wenigste, womit er sein unendliches Mitleiden befriedigen konnte! Er sagte ausserst leise und aus Ruhrung fast unverstandlich zu ihr: "Mein Vater hat es mir langst entdeckt, dass Iphigenie die Gegenwart ihres Bruders und meines Freundes weiss." Klotilde wandte sich schnell und errotend gegen ihn er liess, zur nahern Erklarung, seinen Blick zu Flamin hinabgleiten erblassend sah sie weg und sagte nichts aber unter dem ganzen Schauspiel schien ihr Herz weit mehr zusammengedruckt zu sein, und sie musste jetzo noch mehr Tranen und Seufzer zerquetschen als zuvor. Zuletzt gab sie mitten in ihrer Betrubnis der Dankbarkeit ihre Rechte und sagte ihm fur seine Teilnahme und sein Vertrauen, gleichsam im Sterben lachelnd, Dank. Er legte an den Spinnrocken des Gesprachs ganz neuen fremden Stoff, weil er unter dem Fortspinnen gern uber den traurigen Eindruck, den sein Bekenntnis zu machen geschienen, heller und gewisser werden wollte. Er fragte nach Emanuels neuesten Briefen; sie versetzte: "Ich habe erst gestern wahrend der ganzen Mondfinsternis an ihn geschrieben; er kann mir nicht oft antworten, weil seine Brust durch das Schreiben leidet."- Da nun die Finsternis des 25sten Februars schon abends um 10 Uhr 20 Minuten anfing, um 11 Uhr 41 Minuten am starksten und um 1 Uhr 2 Minuten erst aus war: so konnte Viktor als Arzt mit Gesetzpredigten und Gesetzhammern uber die medizinische Sunderin herfallen und es erharten, nun sei es kein Wunder. Lass es bleiben, Doktor! Diese lieben Wesen gehorchen leichter dem Manne den zehn Geboten den Buchern der Tugend dem Teufel selber leichter als dem Diatetiker. Klotilde sagte: "Die Mitternachtstunden sind bloss meine einzigen Freistunden. Und Maienthal kann ich ja nie vergessen." "Ach, wie konnte man das?" sagt' er. Die Musik vor dem letzten Akte und die tragische Stimmung und die Schmerzen begeisterten sie, und sie fuhr fort: "Trank man nicht Lethe, wenn man das Elysium betrat, und wenn man es verliess?"... (Sie hielt inne.) "Ich tranke keine Lethe, nicht im ersten Falle' noch weniger im letzten nein!" Und nie wurde das Nein leiser, sanfter, gezogener gesagt. In Viktors Herzen zog ein dreischneidiges Mitleiden schmerzlich hin und her, da er sich die schreibende und weinende und vom Schicksal verspottete Klotilde in der Mitternacht unter dem vom Erdschatten zerstuckten und bewolkten Mond vorstellte; er sagte nichts, er blickte starr in die truben Szenen der Buhne und weinte noch fort, als sich auf ihr schon die frohen entwickelten.

Zu Hause machte er seine Gehirnfibern zu Ariadnes Faden, um aus dem Labyrinth der Ursachen ihres Kummers und besonders des neuen zu kommen, der sie bei seiner Eroffnung zu befallen geschienen. Aber er blieb im Labyrinth; freilich erzeugte Gram die Krankheit, aber wer erzeugte den Gram? Es ware schlimm fur diese armen zarten Schmetterlinge, wenn es mehr als einen todlichen Kummer gabe; in jeder Gasse, in jedem Hause findest du eine Frau oder eine Tochter, die in die Kirche oder ins Trauerspiel gehen muss, um zu seufzen, und die ins obere Stockwerk steigen muss, um zu weinen; aber dieser aufgehaufte Kummer wird lachelnd verschmerzt, und die Jahre nehmen lange neben den Tranen zu. Hingegen einen gibts, der sie abbricht denke daran, lieber Viktor, in den freudigen Stunden deiner Viel-Liebe, und denket ihr alle daran, die ihr einem solchen weichen Geschopf das schlagende Herz aus der Brust mit warmen liebenden Handen ziehet, um es in eure neben eurem eignen Herzen aufzunehmen und ewig zu erwarmen! Wenn ihr dann dieses heisse Herz, wie einen Schmetterlinghonigrussel, ausgerissen hinwerfet: so zuckt es noch wie dieser fort, aber es erkaltet dann und schlagt nicht lange mehr.

Ungluckliche Liebe war also der nagende Honigtau auf dieser Blume, schloss Sebastian. Naturlich dacht' er an sich zuerst; aber schon langst hatten ihn alle seine feinsten Beobachtungen, seine ihm jetzt gelaufigern Rikoschet-Blicke aus dem Augenwinkel uberwiesen, dass er die Auszeichnung, die sie ihm nicht versagte, mehr ihrer Unparteilichkeit als ihrer Neigung zuzuschreiben habe. Wer es sonst am Hofe sei das herauszubringen, stellt' er vergeblich einen Elektrizitatzeiger nach dem andern auf. Auch wusst' er voraus, dass er vergeblich aufstellen werde, da Klotilde alles Aushorchen ihres Innern vereiteln wurde, wenn sie eine unerwiderte Neigung hatte; die Vernunft war bei ihr das Wachs, das man auf das eine Ende der magnetischen Nadel klebt, um das Niedersinken (die Inklination) des andern aufzuheben oder zu verbergen. Gleichwohl nahm er sich vor, das nachstemal einige Wunschelruten an ihre Seele zu halten.

Ich muss hier einen Gedanken aussern, der einigen Verstand verrat und mein Berechnen uberhaupt. Mein Hund-Postmeister Knef sah wahrscheinlich nicht voraus, dass ich das Jahr und die Lange dieser ganzen Geschichte bloss aus der Mondfinsternis des 25. Febr. herausrechnen wurde, deren er Meldung tat, so wie uberhaupt grosse Astronomen durch die Mondphasen sehr hinter die geographische Lange der Erde kamen. 1793 fiel das in diesem Kapitel Erzahlte vor: ich bin Mann dafur; denn da sich uberhaupt die ganze Geschichte, wie bekannt, im 9ten Jahrzehend des 18ten Jahrhunderts begibt, und da darin keine Mondfinsternis von einem 25sten Febr. uberall zu finden ist als im Jahre 1793, d.h. im jetzigen: so ist mein Satz gewiss. Zur Sicherheit hielt ich alle in diesem Buche einfallende Mond- und Wetterveranderungen mit denen von 1792 und 1793 zusammen; und alles passete schon ineinander der Leser sollt' es auch nachrechnen. Ungemein ergotzend ist es fur mich, dass sonach, da ich im Julius schreibe, die Geschichte in einem halben Jahre meiner Beschreibung nachkommt.

Viktor zauderte mit seinem Gange zur Furstin nicht, um bei ihr die schweigende Klotilde fur eine vollstandige Nervenpatientin zu erklaren. Er lachte selber innerlich uber den Ausdruck und uber die Arzte und uber ihre Nervenkuren und sagte: wie sonst die franzosischen Konige bei ihren Heilanstalten gegen die Kropfe sagen mussten: "Der Konig beruhrt dich, aber Gott heilt dich", so sollten die Arzte sagen: der Stadt- und Landphysikus greift dir an den Puls, aber Gott macht die Kur. Hier indessen gab er sie aus drei guten Absichten fur eine Nervenleidende aus: erstlich um fur sie die Aufhebung der Hof-Leibeigenschaft, wenigstens die Befreiung vom genauen Hofdamen-Amt zu erlangen, weil in seinem Herzen immer der hineingestochene Splitter des Vorwurfs eiterte: "Du bist schuld, dass sie hier sein muss" ferner um ihr die Erlaubnis der Land- und Fruhlingsluft, falls sie einmal darum nachsuchte, im voraus auszuwirken endlich um sie von der befohlnen Ahnlichkeit mit denen Damen zu erlosen, an deren bleifarbigen Gesichtern, wie an den Bleisoldaten der Kinder, sich das Rote taglich abfarbt, so wie taglich ansetzt. Da sich aber Agnola selber schminkte, so musst' er aus Hoflichkeit es beiden auf einmal verbieten, als Arzt. Die Furstin untersiegelte alle seine Bittschriften recht gutig; nur uber den Schmink-Artikel gab sie in Rucksicht ihrer selbst gar keine Resolution, und in Rucksicht Klotildens diese: sie habe nichts dagegen, wenn sie bei ihr, ausgenommen an Courtagen und im Schauspiel, ohne Rot erscheine; und von der Anwesenheit bei beiden sei sie gerne dispensiert, bis sie wieder genesen sei.

Er konnte kaum den Abschied erwarten, um diesen Reichsabschied oder schluss der geliebten Kranken zu bringen. Ihn selber nahm diese Willfahrigkeit der Furstin wunder, bei der sonst Bitten Sunden waren, und die nichts versagte, als was man erbat. Seine Verlegenheit war jetzo nur die, Klotilden die Bewilligungen der Furstin ohne das beleidigende Gestandnis ihrer vorgeschutzten Kranklichkeit beizubringen. Aber aus diesem kleinen Ubel zog ihn ein grosses: als er bei ihr vorkam, sah sie noch zehnmal siecher aus als vorgestern bei der Entdeckung ihrer Verwandtschaft; ihre Bluten hingen zugedruckt und kalt betauet zur Erde nieder.

Gang und Stellung waren unverandert, die aussere Frohlichkeit dieselbe; aber der Blick war oft zu flatternd, oft zu stehend; durch die Lilienwangen flog ein Fieberrot, durch die untere Lippe einmal ein zerdruckter Krampf... Hier hob das Mitleid den erschrocknen Freund uber die Hoflichkeit hinaus, und er sagte ihr geradezu die Einwilligungen der Furstin. Er rief seinem beschwerten Herzen seine bisherige Hof-Kuhnheit zu Hulfe und befahl ihr, den nahen Fruhling zu ihrer Apotheke zu machen und die Blumen zu ihren offizinellen Krautern und ihre Phantasie zu ihrer Arzenei. "Sie scheinen mich" (sagte sie lachelnd) "zu den Lerchen zu rechnen, die in ihrem Bauer immer grunen Rasen haben mussen. Damit aber meine Furstin und Sie nicht umsonst gutig waren: so werd' ichs am Ende tun. Ich gesteh' es Ihnen, ich bin wenigstens eine eingebildete Gesunde: ich fuhle mich wohl. ".... Sie brach es ab, um ihn mit der Freimutigkeit der Tugend und mit einem in schwesterlicher Liebe schwimmenden Auge uber ihren Bruder auszufragen: ob er glucklich und zufrieden sei, wie er arbeite, wie er sich in seinen Posten schicke? Sie sagte ihm, wie weh ihr bisher diese tief in ihre Seele eingesperrten Fragen getan; und sie dankte ihm fur das Geschenk seines Vertrauens mit einer Warme, die er fur einen feinen Tadel seines bisherigen Schweigens hielt. Sie stand von jeher gern in einem Blumenkranz von Kindern; aber in Flachsenfingen hatte sie dieser Nebelsternchen noch mehre und zwar aus einem besondern Grunde um ihren Glanz versammelt, namlich um es zu verbergen, dass sie Julia, eine kleine funfjahrige Enkelin des Stadtseniors, bei welchem ihr Bruder wohnte, als die unwillkurliche Lebensbeschreiberin und Zeitungtragerin desselben an sich ziehe. Mehr als dreimal war ihm, als musst' er diesem lilienweissen Engel, den seine Wolke immer hoher trug, zu Fussen fallen und mit ausgebreiteten Armen sagen: "Klotilde, werde meine Freundin, eh' du stirbst meine alte Liebe gegen dich ist langst zerquetscht, denn du bist zu gut fur mich und fur uns alle aber dein Freund will ich sein, mein Herz will ich uberwinden fur dich, meinen Himmel will ich hingeben fur dich ach du wirst ohnehin den Abendtau des Alters nicht erleben und die Augen bald zumachen, und der Morgentau hangt noch darin!" Denn er hielt ihre Seele fur eine Perle, deren Korper-Muschel geoffnet in der auflosenden Sonne liegt, damit sich die Perle fruher scheide. Beim Abschiede konnt' er ihr mit der Freimutigkeit des Freundes, die an die Stelle der Zuruckhaltung des Liebhabers gekommen war, die Wiederholung seiner Besuche anbieten. Uberhaupt behandelte er sie jetzo warmer und unbefangner; erstlich, weil er auf ihr erhabnes Herz so ganz Verzicht getan, dass er sich uber seine fruhern kuhnen Anspruche darauf wunderte; zweitens, weil ihm das Gefuhl seiner uneigennutzigen aufopfernden Rechtschaffenheit gegen sie Wundbalsam auf seine bisherigen Gewissensbisse goss.

An diese Kranklichkeit schloss sich ein Abend oder ein Ereignis an, worein der Leser, glaub' ich, sich nicht finden wird. Viktor sollte abends Joachimen ins Schauspiel abholen, und ihr Bruder musste vorher ihn abholen. Ich hab' es schon zweimal niedergeschrieben, dass ihm seit einigen Wochen Matthieu nicht mehr so zuwider war wie einem Elefanten eine Maus; er hatte doch eine einzige gute Seite, doch einigen moralischen Goldglimmer an ihm ausgegraben, namlich die grosste Anhanglichkeit an seine Schwester Joachime, die allein sein ganzes, seinen Eltern zugeschlossenes Herz, seine Mysterien und seine Dienste innehatte zweitens liebte er an Matthieu, was der Minister verdammte, den Salzgeist der Freiheit drittens sind wir alle so, dass, wenn wir unser Herz fur irgendein weibliches aus einer Familie eingeheizet haben, dass wir Einheizer nachher die Ofen-Warme auf die ganze Sipp- und Magenschaft ausdehnen, auf Bruder, Neffen, Vater viertens wurde Matthieu immer von seiner Schwester gelobt und entschuldigt. Als Viktor kam zu Joachime: hatte sie Kopfschmerzen und Putzjungfern bei sich der Putz und der Schmerz nahm zu endlich schickte sie die lebendigen Appreturmaschinen fort und setzte sich, sobald sie aus dem Schaum der Puder- und Schmuckkasten, der Schminklappen und mouchoirs de Venus, der poudres d'odeur und der Lippenpomaden zu einer Venus erhartet war, da setzte sie sich nieder und sagte, sie bleibe zu Hause wegen Kopfschmerzen. Viktor blieb mit da und recht gern. Wer nicht das Sparrwerk und Zellenwerk des Menschenherzens kennt, den nimmt es wunder, dass Viktors Freundschaft gegen Klotilde ein ganzes Honiggewirke von Liebe fur Joachime in seine Zellen eintrug; es war ihm lieb, wenn sie einander besuchten oder umarmten, er suchte in den Segenfingern des Papstes nicht so viele Heilkraft als in Klotildens ihren; die Freundschaft derselben schien ihm eine Entschuldigung der seinigen zu sein und Joachimen auf das Postament des Werts zu heben, auf welches er sie mit allen Wagenwinden noch nicht stellen konnen. Sogar das Gefuhl seines steigenden Wertes gab ihm neue Rechte zu lieben; und heute wurde sogar Klotildens Flor- und Furstenhut seine Helmkleinodien auf Joachimens kranklichem, geduldigern Kopfe behauptet haben. In ihre fortgesetzte Koketterie gegen das Narrenpaar hatt' er sich langst gefugt, weil er recht gut wusste, wen sie unter drei Weisen aus Morgenland nicht zum Narren habe, sondern zum Anbeter. Aber zuruck!

Matthieu, der der Schwester zu Gefallen auch zu Hause blieb, und Viktor und sie machten die ganze Bande dieses concert spirituel. Joachime lehnte auf dem Kanapee ihren sanftern siechen Kopf an die Wand zuruck und blickte auf das Fuss-Getafel und sah mit den herubergezognen Augenlidern schoner aus der Evangelist ging ab und zu Viktor setzte, wie allemal, im Zimmer herum Es war ein recht hubscher Abend, und ich wollt', meiner wurde heute so. Das Gesprach wendete sich auf die Liebe; und Viktor behauptete das Dasein einer doppelten, der burgerlichen und der stiftfahigen oder franzosischen. Er liebte die franzosische in Buchern und als Gesamtliebe, aber er hasste sie, sobald sie die einzige sein sollte; er beschrieb sie heute so: "Nimm ein wenig Eis ein wenig Herz ein wenig Witz ein wenig Papier ein wenig Zeit ein wenig Weihrauch und giess es zusammen und tu es in zwei Personen von Stande: so hast du eine rechte gute franzosische fontenellische Liebe." "Sie vergassen", setzte Matz dazu, "noch ein wenig Sinne, wenigstens ein Funftel oder Sechstel, das als adjuvans oder constituens61 zur Arznei kommen muss. Indessen hat sie doch das Verdienst der Kurze; die Liebe sollte, wie die Tragodie, auf Einheit der Zeit, namlich auf den Zeitraum eines Tages, eingeschranket sein, damit sie nicht noch mehre Ahnlichkeit mit ihr bekame. Schildern Sie aber die burgerliche!" Viktor: "Die zieh' ich vor." Matthieu: "Ich nicht. Sie ist bloss ein langerer Wahnsinn als der Zorn. On y pleure, on y crie, on y soupire, on y ment, on y enrage, on y tue, on y meurt enfin on se donne a tous les diables, pour avoir son ange. Unsere Gesprache sind heute einmal voll Arabesken und a la grecque: ich will ein Kochbuchrezept zu einer guten burgerlichen Liebe machen: Nimm zwei junge grosse Herzen wasche sie sauber ab in Taufwasser oder Druckerschwarze von deutschen Romanen giesse heisses Blut und Tranen daruber setze sie ans Feuer und an den Vollmond und lasse sie aufwallen ruhre sie fleissig um mit einem Dolche nimm sie heraus und garniere sie wie Krebse mit Vergissmeinnicht oder andern Feldblumen und trage sie warm auf: so hast du einen schmackhaften burgerlichen Herzenskoch62"

Matthieu setzte noch hinzu: "in der heissen burgerlichen Liebe sei mehr Qual als Spass; in ihr sei, wie in Dantes Gedicht von der Holle, letzte am besten ausgearbeitet und der Himmel am schlechtesten Je alter ein Madchen oder ein eingepokelter Hering sei, desto dunkler sei an beiden das Auge, das durch die Liebe so werde Jede Frau aus einem hohern Zirkel musse froh sein, dass sie vom Manne, an den sie gekettet sei, nichts zu behalten brauche als sein Bild im Ring, wie Prometheus, da Jupiter einmal geschworen, ihn 30000 Jahre am Kaukasus gelotet zu lassen, wahrend derselben bloss ein wenig von dieser Bastille an der Hand getragen in einem Fingerring." Dann ging Matthieu eilend hinaus, welches er allemal nach witzigen Entzundungen tat. Viktor liebte die bitterste ungerechteste Satire im fremden Munde, als Kunstwerk; er verzieh alles und blieb heiter.

Joachime sagte dann scherzhaft: "Wenn also keine Manier der Liebe etwas taugt, wie Sie beide bewiesen haben, so bleibt uns nichts ubrig, als zu hassen." "Doch nicht," (sagt' er:) "Ihr Herr Bruder hat nur kein wahres Wort gesagt. Stellen Sie sich vor, ich ware der Armenkatechet und verliebt in die zweite Tochter des Pastor primarius bin ichs ihre Rolle ist die einer Horschwester; denn die burgerlichen Madchen wissen nicht zu reden, wenigstens mehr in Hass als in der Liebe Der Armenkatechet hat wenig bel esprit, aber viel saint esprit, viel Ehrlichkeit, viel Treue, zu viel Weichherzigkeit und unendliche Liebe der Katechet kann keine galante Intrige anspinnen auf einige Wochen oder Monate, noch weniger kann er die zweite Pastorstochter in die Liebe hineindisputieren, wie ein roue er schweigt, um zu hoffen; aber mit einem Herzen voll ewiger Liebe, voll opfernder Wunsche begleitet er zagend und still alle Schritte der Geliebten und Liebenden aber sie errat ihn nicht, und er sie nicht. Und dann stirbt sie... Aber vorher, eh' sie stirbt, tritt der bleiche Katechet trostlos vor ihr Abschiedlager und druckt die zitternde Hand, eh' sie erschlafft, und gibt dem kalten Auge noch eine Freudentrane, eh' es erstarret, und dringet noch unter die Schmerzen der kampfenden Seele mit dem sanften Fruhlinglaute hinein: ich liebe dich Wenn ers gesagt hat, stirbt sie an der letzten Freude, und er liebt dann auf der Erde weiter niemand mehr. "...

Die Vergangenheit hatte seine Seele uberfallen Tranen hingen in seinen Augen und mischten Klotildens Krankenbild in einer sonderbaren Verdunklung mit Joachimens ihrem zusammen er sah und dachte eine Gestalt, die nicht da war er druckte die Hand derjenigen, die ihn ansah, und dachte nicht daran, dass sie alles auf sich beziehen konnte.

Plotzlich trat lachelnd Matthieu herein, und die Schwester lachelte nach, um alles zu erklaren, und sagte: "Der Herr Hofmedikus gab sich bisher die Muhe, dich zu widerlegen." Viktor, schnell erkaltet, versetzte zweideutig und bitter: "Sie begreifen, Herr v. Schleunes, dass es mir am leichtesten wird, Sie in die Flucht zu schlagen, wenn Sie nicht im Felde sind." Matz fixierte ihn; aber Viktor schlug sanft sein Auge nieder und bereuete die Bitterkeit. Die Schwester fuhr gleichgultig fort: "Ich glaube, mein Bruder ist oft im Falle, mit der Facon zu wechseln." Er nahm es heiter lachend auf und dachte wie Viktor, sie ziele auf seine galanten Abenteuer und Lusttreffen mit Weibern aus allen Standen, die auf dem Landtag sitzen. Aber da sie ihn fortgeschickt hatte, um bei ihrer Mutter anzufragen, wer heute abends zum Cercle komme, so sagte sie dem Medikus: "Sie wissen nicht, was ich meinte. Wir haben am Hofe eine kranke Dame, die Ihre leibhafte Pastorstochter ist Und mein Bruder hat nicht so viel und nicht so wenig Geist, um den Armenkatecheten zu machen." Viktor fuhr zuruck, brach ab: und ging ab.

Warum? Wieso? Weswegen? Aber merkt man denn nicht, dass die kranke Dame Klotilde sein soll, die Matzens feinen Annaherungen zur Schall- und Schussweite des Herzens zu entfliehen sucht? Uberhaupt hatte Viktor wohl gesehen, dass der Evangelist gegen Klotilden bisher eine verbindlichere Rolle spielte, als er vor ihrem Einzuge in sein Eskurial und Raubschloss durchmachte; aber Viktor hatte diese Hoflichkeit eben diesem Einquartieren zugeschrieben. Jetzo hingegen lag die Karte von dessen Plane aufgeschlagen da: er hatte einer gegen ihn gleichgultigen Person darum mit dem Scheine der Verachtung (die er aber fein mehr auf ihren kunftigen kleinen Kassenbestand als auf ihre Reize fallen liess) absichtlich begegnet, um dadurch ihre Aufmerksamkeit diese Turnachbarin der Liebe und nachher durch den schnellen Wechsel mit Gefalligkeit noch mehr als diese Aufmerksamkeit zu gewinnen. O! du kannst nichts gewinnen! rief in Viktor jeder Seufzer. Aber doch gab es ihm Schmerzen, dass diese Edle, dieser Engel mit seinen Flugeln einen solchen Widersacher schlagen musse. Nun wurden ihm dreissig Dinge zugleich verdachtig: Joachimens Eroffnung und Kalte, Matthieus Lacheln und alles. So weit dieses Kapitel, dem ich nur noch einige reife Gedanken anhange. Man sieht doch offenbar, dass der arme Viktor seine Seele fur jede weibliche, wie jener Tyrann die Bettgenossen fur das Bette, kleiner verstummelt. Freilich ist Achtung die Mutter der Liebe; aber die Tochter wird oft einige Jahre alter als die Mutter. Er nimmt eine Hoffnung des weiblichen Werts nach der andern zuruck. Am spatesten gab er zwar seine Foderung oder Erwartung jenes erhabenen indischen Gefuhls fur die Ewigkeit auf, das uns, diesen im magischen Rauche von Leben hangenden Schattenfiguren, einen unausloschlichen Lichtpunkt zum Ich er teilt, und das uns uber mehr als eine Erde hebt; aber da er sah, dass die Weiber unter allen Ahnlichkeiten mit Klotilden diese zuletzt erhalten; und da er bedachte, dass das Weltleben alles Grosse am Menschen wegschleife, wie das Wetter an Statuen und Leichensteinen gerade die erhabnen Teile wegnagt: so fehlte ihm nichts, um Joachimen die schon lange ins reine geschriebene Lieberklarung zu ubergeben, nichts als von ihrer Seite ein Ungluck ein nasses Auge ein Seelensturm ein Kothurn. Mit deutlichern Worten: er sagte zu sich: "Ich wollte, sie ware eine empfindsame Narrin und gar nicht auszuhalten. Wenn sie dann einmal die Augen recht voll hatte und das Herz dazu, und wenn ich dann vor Ruhrung nicht wusste, wo mir der Kopf stande: so konnt' ich dann anrucken und mein Herz herausbringen und es ihr hinlangen und sagen: es ist des armen Bastians seines, behalt es nur." Mir ist, als hort' ich ihn leise dazu denken: "Wem will ichs weiter geben?"

Dass er das erste wirklich gedacht hat, sehen wir daraus, weil ers in sein Tagebuch hineingesetzt, aus dem mein Korrespondent alles zieht, und das er mit der Aufrichtigkeit der freiesten Seele fur seinen Vater machte, um gleichsam seine Fehler durch das Protokollieren derselben auszusohnen. Sein italienischer Lakai tat fast nichts, als es mundieren. Hinge ich nicht vom Hunde und seiner Zeitungkapsel ab, so fiele seine Lieberklarung noch heute vor; ich brache Joachimen etwan einen Arm oder legte sie ins Krankenbette oder bliese dem Minister das Lebenslicht aus oder richtete irgendein Ungluck in ihrem Hause an und fuhrte dann meinen Helden hin zur leidenden Heldin und sagte: "Wenn ich fort bin, so knie nieder und uberreich' ihr dein Herz." So aber kann der chymische Prozess seiner Verliebung noch so lang werden wie ein juristischer, und ich bin auf drei Alphabete gefasst.

Hier aber will ich etwas bekennen, was der Leser aus Hochmut verheimlicht: dass ich und er bei jeder auftretenden Dame in diesen Posttagen einen Fehlschuss zum Salutieren getan jede hielten wir fur die Heldin des Helden anfangs Agathen dann Klotilden dann, als er in die Uhr der Furstin seine Lieberklarung sperrte, sagte ich: "Ich weiss schon den ganzen Handel voraus" dann sagten wir beide: "Wir hatten doch recht mit Klotilden" dann griff ich aus Not zu Marien und sagte: "Ich will mir aber weiter nichts merken lassen" endlich wirds eine, an die keiner von uns nur dachte (wenigstens ich nicht), Joachime. So kann mirs selber ergehen, wenn ich heirate....

Eh' ich zum Schalttage aus dem Posttag ubergehe, sind noch folgende Minuten zu passieren: Klotilde legte die Kebs-Wangen, die joues de Paris, die Schminke, ab und setzte jetzt ihr einwelkendes Herz seltener dem Druck der Hof-Serviettenpresse aus. Der Furst, der ihrentwegen im Horsaale seiner Gemahlin hospitiert hatte, blieb ofter aus und sprach dann bei Schleunes ein: gleichwohl dachte die Furstin edel genug, um nicht unsern Viktor durch eine Zurucknahme des Danks die Zurucknahme der Jennerschen Gunst entgelten zu lassen. In Viktor war ein langer Krieg, ob er Klotildens Bruder die neuen Beweise ihrer Schwesterliebe sagen sollte; endlich da Flamins leidendes, verarmtes, von Relationen und Schelmen und Argwohn zerstochenes Herz ihn 30 bewegte, und da er diesem rechtschaffenen Freunde bisher so wenig Freude machen konnte sagte er ihm (die Verwandtschaft ausgenommen) fast alles. Postskript: Endesunterschriebener soll hiemit auf Verlangen bezeugen, dass Endesunterschriebener seinen 24sten Posttag ordentlich am Letzten des Juliusmonats oder des Messidors zu Ende gebracht hat. Auf der Insel St. Johannis 1793.

Jean Paul,

Scheerauischer Berghauptmann

Sechster Schalttag

Uber die Wuste und das gelobte Land des

Menschengeschlechts

Es gibt Pflanzenmenschen, Tiermenschen und Gottmenschen. Als wir getraumt werden sollten: wurde ein Engel duster und entschlief und traumte. Es kam Phantasus63 und bewegte gebrochne Lufterscheinungen, Dinge wie Nachte, Chaosstucke, zusammengeworfne Pflanzen vor ihm und verschwand damit.

Es kam Phobetor und trieb tierische Herden, die unter dem Gehen wurgten und graseten, vor ihm voruber und verschwand damit.

Es kam Morpheus und spielte mit seligen Kindern, mit bekranzten Muttern, mit kussenden Gestalten und mit fliegenden Menschen vor ihm, und als die Entzukkung den Engel weckte, war Morpheus und das Menschengeschlecht und die Weltgeschichte verschwunden...

Jetzo schlaft und traumt der Engel noch wir sind noch in seinem Traum erst Phobetor ist bei ihm, und Morpheus wartet noch darauf, dass Phobetor mit seinen Tieren verschwinde...

Aber lasset uns, statt zu traumen, denken und hoffen; und jetzt fragen: werden auf Pflanzenmenschen, auf Tiermenschen endlich Gottmenschen kommen? Verrat der Gang der Welt-Uhr so viel Zweck wie der Bau derselben, und hat sie ein Zifferblatt-Rad und einen Zeiger!

Man kann nicht (wie ein bekannter Philosoph) von Endabsichten in der Physik sofort auf Endabsichten in der Geschichte schliessen so wenig als ich, im einzelnen, aus dem teleologischen (absichtvollen) Bau eines Menschen eine teleologische Lebensgeschichte desselben folgern kann, oder so wenig als ich aus dem weisen Bau der Tiere auf einen fortlaufenden Plan in der Weltgeschichte derselben schliessen darf. Die Natur ist eisern, immer dieselbe, und die Weisheit in ihrem Bau bleibt unverdunkelt; das Menschengeschlecht ist frei und nimmt wie das Aufgusstier, die vielgestaltete Vortizelle, in jedem Augenblick bald regelmassige, bald regellose Figuren an. Jede physische Unordnung ist nur die Hulse einer Ordnung, jeder trube Fruhling die Hulse eines heitern Herbstes; aber sind denn unsere Laster die Bluteknospen unserer Tugenden, und ist der Erdfall eines fortsinkenden Bosewichts denn nichts als eine verborgne Himmelfahrt desselben? Und ist im Leben eines Nero ein Zweck? Dann konnt' ich ebensogut alles zuruckgeben und umkehren und Tugenden zu Herzblattern versteckter Laster machen. Wenn man aber, wie mancher, den Sprachmissbrauch so weit treibt, dass man moralische Hohe und Tiefe, wie die geometrische, nach dem Standort umkehret, wie positive und negative Grossen; wenn also alle Gichtknoten, Fleckfieber und Blei- oder Silberkoliken des Menschengeschlechts nichts sind als eine andere Art von Wohlbefinden: so brauchen wir ja nicht zu fragen, ob es je genesen werde es konnte ja dann in allen moglichen Krankheiten doch nichts sein als gesund.

Wenn sich ein Monch des zehnten Jahrhunderts schwermutig eingeschlossen und uber die Erde, aber nicht uber ihr Ende, sondern uber ihre Zukunft, nachgedacht hatte: ware nicht in seinen Traumen das dreizehnte Jahrhundert schon ein helleres gewesen und das achtzehnte bloss ein verklartes zehntes?

Unsere Wetterprophezeiungen aus der gegenwartigen Temperatur sind logisch richtig und historisch falsch, weil neue Zufalle, ein Erdbeben, ein Komet, die Strome des ganzen Dunstkreises umwenden. Kann der gedachte Monch richtig berechnen, wenn er solche kunftige Grossen wie Amerika, Schiesspulver und Druckerschwarze nicht ansetzt? Eine neue Religion ein neuer Alexander eine neue Krankheit ein neuer Franklin kann den Waldstrom, dessen Weg und Inhalt wir auf unserer Rechenhaut verjungen wollen, brechen, verschlucken, dammen, umlenken. Noch liegen vier Weltteile voll angeketteter wilder Volker ihre Kette wird taglich dunner die Zeit schliesset sie los welche Verwustung, wenigstens Veranderungen mussen diese nicht auf dem kleinen bowling-green unserer kultivierten Lander anrichten! Gleichwohl mussen alle Volker der Erde einmal zusammengegossen werden und sich in gemeinschaftlicher Garung abklaren, wenn einmal dieser Lebens-Dunstkreis heiter werden soll.

Konnen wir von einigen mit Eisenfeile und Scheidewasser (hier Lettern und Druckschwarze) selbst angelegten Miniatur-Erdbeben und Vulkanen auf die Atnas-Ausbruche schliessen, d.h. von den Umwalzungen der wenigen gebildeten Volker auf die der ungebildeten? Da wir setzen durfen, dass das Menschengeschlecht so viele Jahrtausende lebt als der Mensch Jahre: durfen wir schon aus dem sechsten Jahre dem Junglings- und Mannsalter die Nativitat stellen? Dazu kommt, dass die Lebensbeschreibung dieses KindesAlters gerade am magersten ist, und dass aufgewachte Volker fast alle Weltteile liegen voll schlafender in einem Jahre mehr historischen Stoff und folglich mehr Historiker erzeugen als ein eingeschlafnes Afrika in einem Jahrhundert. Wir werden also aus der allgemeinen Welthistorie dann am besten prophezeien konnen, wenn die erwachenden Volker ihre paar Millionen Nachtragbande gar dazugebunden haben werden. Alle wilde Volker scheinen nur unter einem Pragstock gewesen zu sein; hingegen die Randelmaschine der Kultur munzet jedes anders aus. Der Nordamerikaner und der alte Deutsche gleichen sich starker als Deutsche einander aus benachbarten Jahrhunderten. Weder die Goldne Bulle, noch die Magna charta, noch den Code noir konnte Aristoteles in seine Regierund Gehorch-Formen hineinlegen: sonst hatt' er sie weiter gemacht; aber getrauen wir uns denn, den kunftigen Nationalkonvent in der Mungalei oder die Dekretalbriefe und Extravaganten des aufgeklarten Dalai Lama oder die Rezesse der arabischen ReichsRitterschaft besser vorherzusehen? Da die Natur kein Volk mit einem Munzstempel und einer Hand allein auspragt, sondern mit tausenden auf einmal daher auf dem deutschen ein grosseres Gedrange von Abdrucken ist als auf Achilles' Schild : wie wollen wir, die wir nicht einmal die vergangnen, aber einfacheren Umwalzungen des Erdballs nachrechnen konnen, in die moralischen seiner Bewohner schauen?

Von allem, was aus diesen Pramissen folgt, glaub' ich das Gegenteil, ausgenommen die Notwendigkeit der prophetischen Demut. Der Skeptizismus, der uns, statt hartglaubig, unglaubig macht und statt der Augen das Licht reinigen will, wird zum Unsinn und zur furchterlichsten philosophischen Kraft- und Tonlosigkeit.

Der Mensch halt sein Jahrhundert oder sein Jahrfunfzig fur die Kulmination des Lichts, fur einen Festtag, zu welchem alle andre Jahrhunderte nur als Wochentage fuhren. Er kennt nur zwei goldne Zeitalter, das am Anfang der Erde, das am Ende derselben, worunter er nur seines denkt; die Geschichte findet er den grossen Waldern ahnlich, in deren Mitte Schweigen, Nacht und Raubvogel sind, und deren Rand bloss Licht und Gesang erfullen. Allerdings dienet mir alles; aber ich diene auch allem. Da es fur die Natur, die bei ihrer Ewigkeit keinen Zeitverlust, bei ihrer Unerschopflichkeit keinen Kraftverlust kennt, kein anderes Gesetz der Sparsamkeit gibt als das der Verschwendung da sie mit Eiern und Samenkornern ebensogut der Ernahrung als der Fortpflanzung dient und mit einer unentwickelten Keim-Welt eine halbe entwickelte erhalt da ihr Weg uber keine glatte Kegelbahn, sondern uber Alpen und Meere geht: so muss unser kleines Herz sie missverstehen, es mag hoffen oder furchten; es muss in der Aufklarung Morgen- und Abendrote gegenseitig verwechseln; es muss im Vergnugen bald den Nachsommer fur den Fruhling, bald den Nachwinter fur den Herbst ansehen. Die moralischen Revolutionen machen uns mehr irre als die physischen, weil jene ihrer Natur nach einen grossern Spiel- und Zeitraum einnehmen als diese und doch sind die finstern Jahrhunderte nichts als eine Eintauchung in den Schatten des Saturns oder eine Sonnenfinsternis ohne Verweilen. Ein Mensch, der sechstausend Jahre alt ware, wurde zu den sechs Schopfungtagen der Weltgeschichte sagen: sie sind gut.

Man sollte aber niemals moralische und physische Revolutionen und Entwickelungen zu nahe aneinander stellen. Die ganze Natur hat keine andere Bewegungen als vorige, der Zirkel ist ihre Bahn, sie hat keine andere Jahre als platonische aber der Mensch allein ist veranderlich, und die gerade Linie oder der Zickzack fuhren ihn. Eine Sonne hat so gut wie der Mond ihre Finsternisse, so gut wie eine Blume ihre Blute und Abblute, aber auch ihre Palingenesie und Erneuerung. Allein im Menschengeschlecht liegt die Notwendigkeit einer ewigen Veranderung; jedoch hier gibts nur auf- und niedersteigende Zeichen, keine Kulmination; jene ziehen nicht einander notwendig nach sich, wie in der Physik, und haben keine ausserste Stufe. Kein Volk, kein Zeitalter kommt wieder; in der Physik muss alles wiederkommen. Es ist nur zufallig, nicht notwendig, dass Volker in einem gewissen Stufenalter, auf einer gewissen murben Sprosse wieder heruntersturzen man verwechselt nur die letzte Stufe, von welcher Volker fallen, mit der hochsten; die Romer, bei denen keine Sprosse, sondern die ganze Leiter brach, mussten nicht notwendig durch eine Kultur sinken64, die nicht einmal an unsere reicht. Volker haben kein Alter, oder oft geht das Greisenalter vor dem Junglingalter. Schon bei dem Einzelwesen ist der Krebsgang des Geistes im Alter nur zufallig; noch weniger hat die Tugend darin eine Sommer-Sonnenwende. Die Menschheit hat also zu einer ewigen Verbesserung Fahigkeit; aber auch Hoffnung?

Das gestorte Gleichgewicht der eignen Krafte macht den einzelnen Menschen elend, die Ungleichheit der Burger, die Ungleichheit der Volker macht die Erde elend; so wie alle Blitze aus der Nachbarschaft der Ebbe und Flut des Athers entstehen und alle Sturme aus ungleichen Luftverteilungen. Aber zum Gluck liegts in der Natur der Berge, die Taler zu fullen.

Nicht die Ungleichheit der Guter am meisten denn dem Reichen halt die Stimmen- und FausteMehrheit der Armen die Waage , sondern die Ungleichheit der Kultur macht und verteilt die politischen Druckwerke und Druckpumpen. Die lex agraria in Feldern der Wissenschaften geht zuletzt auch auf die physischen Felder uber. Seitdem der Baum des Erkenntnisses seine Aste aus den philosophischen Schalfenstern und priesterlichen Kirchenfenstern hinausdrangt in den allgemeinen Garten: so werden alle Volker gestarkt. Die ungleiche Ausbildung kettet Westindien an den Fuss Europas, Heloten an Sparter, und der eiserne Hohlkopf65 mit dem Drucker auf der Neger-Zunge setzt einen Hohlkopf anderer Art voraus.

Bei der furchterlichen Ungleichheit der Volker in Macht, Reichtum, Kultur kann nur ein allgemeines Sturmen aus allen Kompass-Ecken sich mit einer dauerhaften Windstille beschliessen. Ein ewiges Gleichgewicht von Europa setzt ein Gleichgewicht der vier ubrigen Weltteile voraus, welches man, kleine Librationen abgerechnet, unserer Kugel versprechen kann. Man wird kunftig ebensowenig einen Wilden als eine Insel entdecken. Ein Volk muss das andere aus seinen Tolpeljahren ziehen. Die gleichere Kultur wird die Kommerzientraktate mit gleichern Vorteilen abschliessen. Die langsten Regenmonate der Menschheit in welche die Volkerverpflanzungen allzeit fielen, so wie man Blumen allzeit an truben Tagen versetzt haben ausgewittert. Noch steht ein Gespenst aus der Mitternacht da, das weit in die Zeiten des Lichts hereinreicht der Krieg. Aber den Wappen-Adlern wachsen Krallen und Schnabel so lange, bis sie sich, wie Eberhauer, krummen und sich selber unbrauchbar machen. Wie man vom Vesuv berechnete, dass er nur zu 43 Entzundungen noch Stoff verschliesse: so konnte man auch die kunftigen Kriege zahlen. Dieses lange Gewitter, das schon seit sechs Jahrtausenden uber unserer Kugel steht, sturmt fort, bis Wolken und Erde einander mit einem gleichen Mass von Blitzmaterie vollgeschlagen haben.

Alle Volker werden nur in gemeinschaftlicher Aufbrausung hell; und der Niederschlag ist Blut und Totenknochen. Ware die Erde um die Halfte verengert: so ware auch die Zeit ihrer moralischen und physischen Entwickelung um die Halfte verkurzt.

Mit den Kriegen sind die starksten Hemmketten der Wissenschaften abgeschnitten. Sonst waren Kriegsmaschinen die Saemaschinen neuer Kenntnisse, indes sie alte Ernten unterdruckten; jetzo ists die Presse, die den Samenstaub weiter und sanfter wirft. Statt eines Alexanders brauchte nun Griechenland nichts nach Asien zu schicken als einen Setzer; der Eroberer pelzet, der Schriftsteller saet.

Es ist eine Eigenheit der Aufklarung, dass sie, ob sie gleich den Einzelwesen noch die Tauschung und Schwache des Lasters moglich lasset, doch Volker von Kompagnie-Lastern und von National-Tauschungen z.B. von Strandrecht, Seeraub erloset. Die besten und schlimmsten Taten begehen wir in Gesellschaft; ein Beispiel ist der Krieg. Der Negerhandel muss in unsern Tagen, es musste denn der Untertanenhandel anfangen, aufhoren.66

Die hochsten steilsten Thronen stehen wie die hochsten Berge in den warmsten Landern. Die politischen Berge werden wie die physischen taglich kurzer (zumal wenn sie Feuer speien) und mussen endlich mit den Talern in einer Ebene liegen.

Aus allem diesem folgt:

Es kommt einmal ein goldnes Zeitalter, das jeder Weise und Tugendhafte schon jetzo geniesset, und wo die Menschen es leichter haben, gut zu leben, weil sie es leichter haben, uberhaupt zu leben wo einzelne, aber nicht Volker sundigen wo die Menschen nicht mehr Freude (denn diesen Honig ziehen sie aus jeder Blume und Blattlaus), sondern mehr Tugend haben wo das Volk am Denken, und der Denker am Arbeiten67 Anteil nimmt, damit er sich die Heloten erspare wo man den kriegerischen und juristischen Mord verdammt und nur zuweilen mit dem Pfluge Kanonenkugeln aufackert Wenn diese Zeit da ist: so stockt beim Ubergewicht des Guten die Maschine nicht mehr durch Reibungen Wenn sie da ist: so liegt nicht notwendig in der menschlichen Natur, dass sie wieder ausarte und wieder Gewitter aufziehe (denn bisher lag das Edle bloss im fliehenden Kampfe mit dem ubermachtigen Schlimmen), so wie es, nach Forster, auch auf der heissen St. Helenen-Insel68 kein Gewitter gibt.

Wenn diese Festzeit kommt, dann sind unsre Kindeskinder nicht mehr. Wir stehen jetzo am Abend und sehen nach unserm dunkeln Tag die Sonne durchgluhend untergehen und uns den heitern stillen Sabbattag der Menschheit hinter der letzten Wolke versprechen; aber unsre Nachkommenschaft geht noch durch eine Nacht voll Wind und durch einen Nebel voll Gift, bis endlich uber eine glucklichere Erde ein ewiger Morgenwind voll Blutengeister, vor der Sonne ziehend, alle Wolken verdrangend, an Menschen ohne Seufzer weht. Die Astronomie verspricht der Erde eine ewige Fruhling-Tag- und Nachtgleiche69; und die Geschichte verspricht ihr eine hohere; vielleicht fallen beide ewige Fruhlinge ineinander.

Wir Niedergesenkte, da der Mensch unter den Menschen verschwindet, mussen uns vor der Menschheit erheben. Wenn ich an die Griechen denke: so seh' ich, dass unsere Hoffnungen schneller gehen als das Schicksal. Wie man mit Lichtern nachts uber die Alpen von Eis reiset, um nicht vor den Abgrunden und vor dem langen Wege zu erschrecken: so legt das Schicksal Nacht um uns und reicht uns nur Fackeln fur den nachsten Weg, damit wir uns nicht betruben uber die Klufte der Zukunft und uber die Entfernung des Ziels. Es gab Jahrhunderte, wo die Menschheit mit verbundnen Augen gefuhrt wurde von einem Gefangnis ins andere; es gab andere Jahrhunderte, wo Gespenster die ganze Nacht polterten und umsturzten, und am Morgen war nichts verruckt; es kann keine andern Jahrhunderte geben als solche, wo Einzelwesen sterben, wenn Volker steigen, wo Volker zerfallen, wenn das Menschengeschlecht steigt; wo dieses selber sinkt und sturzt und endigt mit der verstiebenden Kugel... Was trostet uns?

Ein verschleiertes Auge hinter der Zeit, ein unendliches Herz jenseits der Welt. Es gibt eine hohere Ordnung der Dinge, als wir erweisen konnen es gibt eine Vorsehung in der Weltgeschichte und in eines jeden Leben, welche die Vernunft aus Kuhnheit leugnet, und die das Herz aus Kuhnheit glaubt es muss eine Vorsehung geben, die nach andern Regeln, als wir bisher zum Grunde legten, diese verwirrte Erde verknupft als Tochterland mit einer hohern Stadt Gottes es muss einen Gott, eine Tugend und eine Ewigkeit geben.

25. Hundposttag

Verstellte und wahre Ohnmacht Klotildens Julius

Emanuels Brief uber Gott

Gutes, schones Geschlecht! Zuweilen wenn ich ein demantenes Herz uber deinem warmen hangen sehe: so frag' ich: tragst du etwan ein abgebildetes darum auf deiner Brust, um dem Amor, dem Schicksal und der Verleumdung das gleiche Ziel ihrer verschiedenen Pfeile zu bezeichnen, wie der arme Soldat, der kniend umgeschossen wird, durch ein in Papier geschnittenes Herz den Kugeln seiner Kameraden die Stelle des schlagenden anweist? Wenn dieses Kapitel geendigt ist, wird mich der Leser nicht mehr fragen, warum ichs so angefangen habe...

Einst kam Viktor von einem tagelangen Spaziergange zuruck, als ihm Marie mit einem Briefchen von Matthieu atemlos entgegenlief. Es stand die Frage darin, ob er ihn und seine Schwester nicht heute uber St. Lune bis nach Kussewitz begleiten wollte. Das Laufen Mariens hatte bloss von einem reichen Botenlohn und Gnadengelde Matzens hergeruhrt, der arme Leute oft zugleich beschenkte und persiflierte, wie er seine Schwester zugleich liebenswurdig und lacherlich fand. Leuten, die ihn kannten, kam er daher komisch vor, wenn er ernsthaft sein musste. Aber Viktor sagte Nein zur Mitreise; was recht gut war, denn beide waren ohnehin schon fort. Ich kann nicht bestimmen, obs nach zwei oder nach drei Tagen war, dass sie wiederkamen, die Schwester mit dem kaltesten Gesichte gegen ihn, und der Bruder mit dem warmsten. Er konnte sich diese doppelte Temperatur nicht ganz erklaren, sondern nur halb etwan aus Entdeckungen, die beide bei Tostato und dem Grafen O uber seine Verkleidung und sein Buden-Drama konnten gemacht haben. Bisher war Joachimens Zurnen immer erst eine Folge des seinigen gewesen; jetzo wars umgekehrt; dies verdross ihn aber sehr.

Einige Tage darauf stand er mit der Furstin und mit Joachimen in einem Fenster des ministerialischen Louvre. Die Unterhaltung war lebhaft genug; die Furstin uberzahlte die Buden auf dem Markte, Joachime sah dem schnellen Zickzack einer Schwalbe nach, Viktor stand heimlich auf einem Beine (das andere stellt' er nur zum Schein und unbeladen auf den Boden), um zu versuchen, wie lang' ers aushalte. Auf einmal sagte die Furstin: "Heilige Maria! wie kann man doch ein armes Kind so eingesperrt in einem Kasten herumtragen!" Sie guckten alle auf die Strasse. Viktor nahm sich die Freiheit zu bemerken, dass das arme Kind von Wachs sei. Eine Frau trug einen kleinen Glasschrank vor sich hangend, worin ein wachserner eingewindelter Engel schlief; sie bettelte, wie andere, gleichsam auf dieses Kind, und das Kleine ernahrte sie besser, als wenn es lebendig gewesen ware. Die Furstin verlangte die neue Erscheinung herauf. Die Frau trat zitternd mit ihrem Mumienkastchen ein und zog den kleinen Vorhang zuruck. Die Furstin hing ein kunstlerisch-trunknes Auge an die schlafende holde Gestalt, die (wie ihr Stoff von Wachs) aus Blumen geboren und in Fruhlingen erzogen schien. Jede Schonheit drang tief in ihr Herz; daher liebte sie Klotilden so sehr und viele Deutsche so wenig. Joachime hatte nur ein Kind und eine Schonheit lieb und beides war sie selber. Viktor sagte, diese wachserne Mimik und Kopie des Lebens habt ihn von jeher trube gemacht, und er konne nicht einmal seine eigne Wachs-Nachbildung in St. Lune ohne Schauder sehen. "Steht sie nicht in einem Uberrock am Fenster des Pfarrhauses?" fragte Joachime viel heiterer. "Nicht wahr?" fragt' er wieder, "Sie dachten wohl vor einigen Tagen, ich war' es selber?" Aus ihrer Miene erriet er ihren bisherigen Irrtum, der vielleicht mit beigetragen hatte, sie gegen ihn aufzubringen. Der Pater der Furstin kam dazu und fugte nach seiner Gewohnheit, zu huldigen bei, er werd' ihn, um ihm das Sitzen zu ersparen, nachstens bloss nach seinem Wachsbild zeichnen. Der Pater war bekanntlich ein guter Zeichner.

Ich lasse Begebenheiten, die weniger wichtig sind, unerzahlt liegen und gehe frohlich weiter.

Es war schon im Marz, wo die hohern Stande wegen ihres sitzenden Winterschlafes mehr vollblutig als kaltblutig sind wers nicht versteht, nimmt an, ihr Uberfluss an Blute ruhre mehr vom Aussaugen des fremden her ; wo die Krankheiten ihre Besuchkarten in Gestalt der Rezepte beim ganzen Hof abgehen; wo die Augen der Furstin, das Ather-Embonpoint des Fursten und die gichtischen Hande des Hofapothekers die Wintersturme fortsetzten: da war es schon, sag' ich, als auch Klotilde den Einfluss des Winters und ihrer verdoppelten Abgeschiedenheit von Zerstreuungen und ihres Umgangs mit ihren Phantasien jeden Tag heftiger empfand... Wenn ich aufrichtig sein soll: so mess' ich ihrer Abgeschiedenheit wenig, aber ihrem vom Wohlstand auferlegten Umgang mit dem edlen Matz, mit den Schleunesschen, mit andern kaltblutigen Amphibien alles bei; ein unschuldiges Herz muss in dem moralischen Frostwetter, wie alabasterne Gartenstatuen im physischen, wenn jenes und wenn diese weiche einsaugende Adern haben, Risse bekommen und brechen.

So stands mit ihr an einem wichtigen Tage, wo er bei ihr die kleine Julia fand. Diesen geliebten Namen legte sie dem Kinde des Seniors bei, des Mietherrn von Flamin, um ihre Trauersehnsucht nach ihrer toten Giulia durch einen ahnlichen Klang, durch den Rest eines Echo zu ernahren. "Dieser Trauerton" (sagte Viktor bei sich) "ist ja fur sie das willkommene ferne Rollen des Leichenwagens, der sie zu ihrer Jugendfreundin holt; und ihre Erwartung eines ahnlichen Schicksals ist ja der traurigste Beweis eines ahnlichen Grams." Wenn noch etwas notig war, seine Freundschaft von aller Liebe zu reinigen: so wars dieses schnelle Entblattern einer so schonen Passionblume; gegen Leidende schamt man sich des kleinsten Eigennutzes. Unter dem Gesprache, von dem sich die eifersuchtige Julia durch die Unverstandlichkeit ausgeschlossen fand, zupfte sie an der Bedientenklingel aus Verdruss; denn Madchen machen schon um acht Jahre fruher Gefallanspruche als Knaben. Klotilde verbot dieses Gelaute durch ein zu spates Interdikt; die Kleine, erfreuet, dass sie das hereilende Kammermadchen in Bewegung gesetzt, suchte wieder an der Quaste zu zupfen. Klotilde sagte auf franzosisch zum Doktor: "Man darf ihr nichts zu monarchisch befehlen; jetzt ruht sie nicht, bis ich mein ausserstes Mittel versuche. Julia!" sagte sie noch einmal mit einem weiten, von Liebe ubergossenen Auge; aber umsonst. "Nun sterb' ich!" sagte sie, schon dahinsterbend, und lehnte das schone, von einem scheidenden Genius bewohnte Haupt an den Stuhl zuruck und schloss die frommen Augen zu, die nur in einem Himmel wieder aufzugehen verdienten. Indem Viktor bewegt und stumm vor der stillen Scheintoten stand und bei sich dachte: "Wenn sie nun nicht mehr erwachte und du die starre Hand vergeblich rissest, und ihr letztes Wort auf dieser oden Erde gewesen ware: nun sterb' ich! o Gott, gab' es dann ein anderes Mittel fur die Trostlosigkeit ihres Freundes als ein Schwert und die letzte Wunde? Und ich fasste mit der kalten Hand ihre Hand und sagte: ich gehe mit dir!" indem er so dachte, und indem die Kleine weinend die sinkende Rechte zog: so wurde das Angesicht wirklich bleicher, und die Linke gleitete vom Schoss herab hier wurde jenes Schwert mit der Scharfe uber sein Herz gezogen Aber bald schlug sie wieder die irren Augen auf, todesschlaftrunken sich besinnend und schamend. Sie beschonigte die fluchtige Ohnmacht durch die Bemerkung: "Ich habe es wie jener Schauspieler mit der Urne seines Kindes gemacht, ich dachte mich an die Stelle meiner Giulia in ihrer letzten Minute, aber ein wenig zu glucklich."

Er wollte eben medizinische Hirtenbriefe gegen diese zernagende Schwarmerei abfassen so sehr ubersetzt eine ungluckliche Liebe jedes weibliche Herz aus dem majore-Ton in den minore-Ton, sogar einer Klotilde ihres, deren Stirn mannlich, und deren Kinn sich fast mehr zum Mut als zur Schonheit erhob , als ganz andere Hirtenbriefe kamen. Die Botenmeisterin derselben war Viktors glucklichere Freundin Agathe. Lache wieder Leben, du Unbefangne, in zwei Herzen, auf welche der Tod seine fliegenden Wolken-Schatten geworfen! Sie fiel vertraut in zwei freundschaftliche Arme; aber gegen ihren Bruder Doktor, der so lange statt des ganzen Rumpfs nur seine Hand, d.h. seine Briefe, nach St. Lune hatte gehen lassen, war sie noch scheu. Ich kann aber seinen Fehler, aus einem Hause, das er ein Vierteljahr aus Grunden gemieden, nachher noch ein zweites ohne Grunde wegzubleiben, ich kann diesen Fehler nicht ganz verdammen, weil ich ihn selber habe. Sie konnte sich nicht satt an ihm sehen; ihr bluhendes Landgesicht wies ihm statt seiner jetzigen Karwoche des Grames eine Rotelzeichnung seiner und ihrer dahingeflatterten Freudentage im Pfarrgarten. Er verhiess ihr feierlich, ihr Ostergast zu sein mit ihrem Bruder und statt der Kopfe und Fenster einander nichts einzuschlagen als Eier; er rastete nicht, bis er der alte wieder war, und sie die alte. Da sie die Langduodez-Geschichte des Dorfes und Vaters den beiden nur aus Liebe lachelnden Hofleuten gar nicht als eine Auszugmacherin oder in einer verstummelten Ausgabe ablieferte, sondern in der Lange ihrer Ruckenbander: so fuhlten Klotilde und Viktor, wie sanft ihnen dieses Niedersteigen von den bunten spitzen Hofgletschern in die weichen Taler der mittlern Stande tat, und sie sehnten sich beide weg von glatten Herzen an warme. Unter den Menschen und Borsdorferapfeln sind nicht die glatten die besten, sondern die rauhen mit einigen Warzen. Dieses Sehnen nach aufrichtigern Seelen war es auch wohl, was aus Klotilden die Behauptung presste: es gebe nur Missheiraten zwischen den Seelen, nicht zwischen den Standen. Daher kam ihre wachsende Liebe gegen die ausser dem Lohkasten eines Stammbaums, nur in der Gemeinhut grunende Agathe welche Liebe einmal ich und der Leser im ersten Bande aus Scharfsicht fur den Deckmantel einer andern Liebe gegen Flamin erklart haben, und die uns beiden den Tadel gegen eine Heldin abgewohnen sollte, die ihn hintennach immer widerlegt.

Auf der dicken Brieftasche, die Agathe brachte, war die Handschrift der Aufschrift von Emanuel, welchen Klotilde alles an die Pfarrerin uberschreiben liess, um ihrer Stiefmutter das Zumachen ihrer Briefe abzunehmen. Die Frau Le Baut hatte diese Einsicht der Akten, diese Sokrates-Hebammenkunst im Ministerium erlernt, das ein Recht besitzt, Haussuchung in den Briefen aller Untertanen zu tun, weil es sie entweder fur Pestkranke oder fur Gefangene halten kann, wenn es will. Wahrend die Stieftochter im Nebenzimmer das aussere Paket erbrach, weil sie aus seiner Dicke einen Einschluss fur den Doktor prophezeiete: hauchte letzter aus Zufall oder aus Absicht; denn seit einiger Zeit legte er uberall seine Entzifferkanzleien der Weiber an, im engsten Winkel, in jeder Kleidfalte, in den Spuren gelesener Bucher haucht' er, sagt' ich, zufalligerweise an die Fensterscheiben, auf denen man sodann lesen kann, was ein warmer Finger daran geschrieben hat. Es traten nach dem unwillkurlichen Hauche lauter franzosische, mit dem Fingernagel skizzierte Anfang-S heraus. "S!" dacht' er "das ist sonderbar: ich fange mich selber so an."

Seine Vermutungen brach die mit einem seligentwolkten Angesicht wiederkommende Klotilde ab, die dem denkenden Medikus einen grossen Brief von Emanuel reichte. Nach dieser zweiten Freude folgte statt der dritten eine Neuigkeit; sie eroffnete ihm jetzt, "dass endlich Emanuel sie instand gesetzt, eine gehorsame, wenn auch nicht glaubige Patientin zu sein". Sie hatte namlich bisher den Vorsatz ihres Gehorsams und ihrer Fruhlingkur so lange verschwiegen, bis ihr Freund in Maienthal ihr ein Krankenzimmer gerade Giulias ihres bei der Abtissin auf einige Lenzmonate ausgewirket hatte, damit da das Wehen des Fruhlings ihre gesunknen Schwingen hebe, der Blumenduft das zerspaltne Herz ausheile, und der grosse Freund die grosse Freundin aufrichte.

Viktor entwich eilend, nicht allein aus Hunger und Durst nach dem Inhalte seiner Hand, sondern weil eine neue Gedankenflut durch seine alten Gedankenreihen brach. "Bastian!" (sagte Bastian unterweges zu sich) "ich hielt dich oft fur dumm, aber fur so dumm nicht Nein, es ist sundlich, wenn ein Mann, ein Hof- Medikus, ein Denker, monatelang daruber spintisieret, oft halbe Abende, und doch die Sache nicht eher herausbringt, als wenn er sie hort, jetzt erst Wahrlich sogar das Fenster-S passet an!" Ich und der Leser wollen ihm das aus den Handen nehmen, womit er sich hier vor uns steinigt; denn er wirft nach uns beiden ebensogut, weil wir ebensogut nichts erraten haben wie er. Kurz, der versteckte Gluckliche, der die schone Klotilde zur Unglucklichen macht, und fur den sie ihre stumme scheue Seele ausseufzet, und der fur ihre meisten Reize gar keine Augen hat, ist der blinde Julius in Maienthal. Daher will sie hin.

Ich wollt' einen Folioband mit den Beweisen davon vollbringen: Viktor zahlte sie sich an seinen funf Fingern ab. Beim Daumen sagt' er: "Des Julius wegen sucht sie die kleine Julia, so ists auch mit Giulia" beim Schreibfinger sagte er: "Das franzosische Anfang-J sieht wie ein S ohne Querstrich aus" beim Mittelfinger: "Die Minerva hat ihm ja nicht bloss die Flote, sondern auch Minervens schones Gesicht beschert, und in dieses blinde Amors-Gesicht konnte Klotilde sich ohne Erroten vertiefen; schon aus Liebe gegen seinen Freund Emanuel hatte sie ihn geliebt"beim Ringfinger: "Daher ihre Verteidigung der Missheiraten, da sein burgerlicher Ringfinger an ihren adeligen kommen soll" beim Ohrfinger: "Beim Himmel! das alles beweiset nicht das geringste."

Denn nun uberstromten ihn erst die ganzen Beweise: im ersten Bande dieses Buchs kam oft ein unbekannter Engel zu Julius und sagte: "Sei fromm, ich schweb' um dich, ich beschirme deine eingehullte Seele ich gehe in den Himmel zuruck."

Zweitens: dieser Engel gab einmal Julius ein Blatt und sagte: "Verbirg es, und nach einem Jahr, wenn die Birken im Tempel grunen, lass es dir von Klotilden vorlesen: ich entfliehe, und du horst mich nicht eher als uber ein Jahr." Alles das lag ja Klotilden wie angegossen an: sie konnte dem Blinden nie ihr sterbendes Herz aufdecken sie ging gerade jetzt (wie lange ist noch auf Pfingsten?) nach Maienthal, um das Blatt, das sie ihm in der Charaktermaske eines Engels gereicht, selber vorzulesen endlich ging sie ja gerade damals nach St. Lune ab kurz, aufs Haar trifft alles zu.

Wenn der Lebensbeschreiber ein Wort dareinsprechen durfte: so war' es dieses: Der Berghauptmann, der Lebensbeschreiber, glaubt seines Orts alles recht gern; aber Klotilden, die bisher aus jedem Schmutznebel weiss strahlend herausging, und an der man, wie an der Sonne, so oft Wolken mit Sonnenflecken vermengte, kann er so lange nicht tadeln, bis sie es selber vorher tut. Viktor hat sogar, wie ich in der ersten Auflage, manche Beweise vergessen, die fur Klotildens Liebe gegen Julius reden: z.B. den warmen Anteil an dessen Blindheit und ihren Wunsch seiner Heilung (im Briefe an Emanuel), Flamins veraltete Eifersucht in Maienthal, sogar die Wonne, mit der sie im Schauspielhaus das Tal ein Eden nennt und die Lethe ausschlagt.

Viktor riss das Paket entzwei, und zwei Blattchen fielen aus einem grossen Blatte heraus. Das eine Blattchen und das grosse Blatt waren von Emanuel, das zweite vom Lord. Er studierte das letzte, in doppelten Chiffern geschriebne zuerst; folgendes: "Im Herbst komm' ich, wenn die Apfel reifen. Die Dreieinigkeit" (der Lord meint des Fursten drei Sohne) "ist gefunden; aber die vierte Person in der Gottheit" (der vierte lustige Sohn) "fehlet. Fliehe aus dem Palaste der Kaiserin aller Reussen," (- mit dieser Chiffer hatten beide den Minister Schleunes zu bezeichnen verabredet-) "aber die Grossfurstin (Joachime) melde noch mehr: sie will nicht lieben, sondern herrschen, sie will kein Herz, sondern einen Furstenhut. In Rom" (er meint Agnola) "hute dich vor dem Kruzifix, aus dem ein Stilett springt! Denk an die Insel, eh' du fehlest." Viktor erstaunte anfangs uber die zufallige Angemessenheit dieser Verbote; aber da er sich bedachte, dass er sie ihm schon auf der Insel gegeben haben wurde, wenn sie sich nicht auf seine neuern Begebenheiten bezogen: so erstaunt' er noch mehr uber die Kanale, durch welche seinem Vater die Spionen-Depeschen von seinen jetzigen Verhaltnissen zugekommen sein mogen (- konnte denn mein Korrespondent und Spion nicht auch des Vaters seiner sein? ), und am meisten uber die Warnung vor Joachimen. "O! wenn diese gegen mich falsch ware!" sagte er seufzend und mochte das trube Bild und den Seufzer nicht vollenden. Sondern er vertrieb beide durch das kleine Blatt von Emanuel, das so klang:

"Mein Sohn!

Die Morgenrote des Neujahrs schien uber den Schnee an mein Angesicht, als ich das Papier hinlegte," (Emanuels zweiten, sogleich folgenden Brief) "auf das ich zum letzten Male meine Seele mit allen ihren uber diese Kugel hinausreichenden Bildern abzudrukken suchte. Aber die Flammen meiner Seele wehen bis zum Korper und sengen den murben Lebensfaden ab; ich musste oft die zu leicht blutende Brust vom Papier und von der Entzuckung wegwenden.

Ich habe, mein Sohn, mit meinem Blut an dich geschrieben. Julius denkt jetzo Gott. Der Lenz gluht unter dem Schnee und richtet sich bald auf aus dem Grunen und bluht bis an die Wolken. Meine Tochter (Klotilde) fuhrt den Fruhling an der Hand und kommt zu mir Sie nehme meinen Sohn an die andre Hand und lege ihn an meine Brust, worin ein zerlaufender Atem ist und ein ewiges Herz... O wie tonen die Abendglocken des Lebens so melodisch um mich! Ja wenn du und deine Klotilde und unser Julius, wenn wir alle, die wir uns lieben, beisammen stehen; wenn ich eure Stimmen hore: so werd' ich gen Himmel blicken und sagen: die Abendglocken des Lebens umtonen mich zu wehmutig, ich werde vor Entzuckung noch fruher sterben als vor dem langsten Tage, und ehe mir mein verewigter Vater erschienen ist.

Emanuel."

*

Lieber Emanuel, das wirst du leider! Der FreudenHimmel dringt an deinen Mund, und unter Wehen, unter Tonen, unter Kussen saugt er dir den flackernden Atem aus; denn der Erdenleib, der nur grasen, nicht pflucken will, verdauet nur niedrige Freuden, und erkaltet unter dem Strahl einer hohern Sonne!

Mit Ruhrung zieh' ich von Viktors entzweigedrucktem unkenntlichen Angesicht den Schleier weg, der seine Schmerzen bedeckt. Lass dich anschauen, trostloser Mensch, der einem Fruhling entgegengeht, wo sein Herz alles verlieren soll, Emanuel durch den Tod, Klotilde durch Liebe, Flamin durch Eifersucht, sogar Joachime durch Argwohn! Lass dich anschauen, Verarmter, ich weiss, warum dein Auge noch trocken ist, und warum du gebrochen und den Kopf schuttelnd sagst: "Nein, mein teurer Emanuel, ich komme nicht, denn ich kann ja nicht." Es atzte sich in dein Herz am tiefsten, dass gerade dein treuer Emanuel noch glaubte, du wurdest von seiner Freundin geliebt. Der unentwickelte Schmerz ist ohne Trane und ohne Zeichen; aber wenn der Mensch das Herz voll zusammenfliessender Wunden durch Phantasie aus dem eignen Busen zieht und die Stiche zahlt und dann vergisset, dass es sein eignes ist: so weint er mitleidig uber das, was so schmerzhaft in seinen Handen schlagt, und dann besinnt er sich und weint noch mehr. Viktor wollte gleichsam die starre Seele aus den gefrornen Tranen warmend losen und ging ans Erkerfenster und malte sich, indes die verhaltene Abendglut des Marzes aus dem Gewolke uber den maienthalischen Bergen brannte, Klotildens Vermahltag mit Julius vor O, er zog, um sich recht wehe zu tun, einen Fruhlingtag uber das Tal, der Genius der Liebe schlug uber den Traualtar den blauen Himmel auf und trug die Sonne als Brautfackel ohne Wolkendampf durch die reine Unermesslichkeit. Da ging an jenem Tage Emanuel verklart, Julius blind, aber selig, Klotilde errotend und langst genesen, und jeder war glucklich Da sah er nur einen einzigen Unglucklichen in den Blumen stehen, sich namlich; da sah er, wie dieser Betrubte wortkarg vor Schmerzen, frohlich aus Tugend, naher und vertrauter mit der Braut aus Kalte, so ungekannt, eigentlich so entbehrlich mit herumgeht, wie ihm das schuldlose Paar mit jedem Zeichen der Liebe alles vorrechnet, was er verloren, oder gar aus Schonung diese Zeichen verhehlt, weil es seinen Gram errat dieser Gedanke fuhr gleich einer Lohe wider ihn , und wie er endlich, weil die beladene Vergangenheit alle seine getoteten Hoffnungen und seine entfarbten Wunsche vor ihn tragt, sich umwendet, wenn das geliebte Paar von ihm zum Altar und zum ewigen Bunde geht, wie er sich trostlos umwendet nach den stillen leeren Fluren, um unendlich viel zu weinen, und wie er dann so allein und dunkel in der schonen Gegend bleibt und zu sich sagt: "Deiner nimmt sich heute kein Mensch an niemand druckt deine Hand, und niemand sagt: Viktor, warum weinst du so? O dieses Herz ist so voll unaussprechlicher Liebe wie eines, aber es zerfallt ungeliebt und ungekannt, und niemand stort sein Sterben und sein Weinen Doch, doch, o Julius, o Klotilde, wunsch' ich euch ewiges Gluck und lauter zufriedne Tage".... Dann konnt' er nicht mehr; er legte die Augen in die Hand und an den Fensterrahmen und erlaubte ihnen alles und dachte nichts mehr; der Schmerz, der wie eine Klapperschlange mit aufgerissenem Rachen ihn und sein Entgegentaumeln angeschauet hatte, druckte ihn jetzt, ergriffen und hineingeschlungen, auseinander...

Weiche Herzen, ihr qualet euch auf dieser felsichten Erde so sehr wie harte den andern den Funken, der nur eine Brandwunde macht, schwinget ihr zum Feuerrade um, und unter den Bluten ist euch ein spitzes Blatt ein Dorn! ... Aber warum, sag' ich zu mir, zeigst du deines Freundes seines und offnest entfernte ahnliche Wunden an geheilten Menschen? O antwortet fur mich, ihr, die ihr ihm gleicht: mochtet ihr eine einzige Trane entbehren? Und da die Leiden der Phantasie unter die Freuden der Phantasie gehoren: so ist ja ein nasses Auge und ein schwerer Atemzug das geringste, womit wir eine schone Stunde kaufen....

Der Stolz die beste Widerlage gegen weichliche Tranen wischte sie meinem Helden ab und sagte ihm vor: "Du bist so viel wert wie die, welche glucklicher sind; und wenn ungluckliche Liebe dich bisher schlimm machte, wie gut konnte dich nicht die gluckliche machen!" Es war Stille in ihm und ausser ihm; die Nacht war am Himmel; er las Emanuels Brief.

"Mein Horion!

Vor einigen Stunden hat die Zeit ihre Sanduhr umgekehrt, und jetzo rieselt der Staub eines neuen Jahres nieder. Der Uranus schlagt unserer kleinen Erde die Jahrhunderte, die Sonne schlagt die Jahre, der Mond die Monate; und an dieser aus Welten zusammengesetzten Konzertuhr treten die Menschen als Bilder heraus, die freudig rufen und tonen, wenn es schlagt.

Auch ich trete froh heraus unter das schone Neujahrmorgenrot, das durch alle Wolken glimmt und den hohen halben Himmel heraufbrennt. In einem Jahre seh' ich aus einer andern Welt in die Sonne: o wie wallet dieses letzte Mal mein Herz unter dem Erdengewolk von Liebe uber, gegen den Vater dieser schonen Erde, gegen seine Kinder und meine Geschwister, gegen diese Blumen- wiege, worin wir nur einmal erwachen, und unter ihrem Wiegen an der Sonne nur einmal entschlafen!

Ich erlebe keinen Sommertag mehr, darum will ich den schonsten, wo ich mit deinem Julius70 zum ersten Male betend durch Lichtwolken und durch Harmonien drang und mit ihm vor einem donnernden Throne niederfiel und zu ihm sagte: 'Oben in der unermesslichen Wolke, die man die Ewigkeit nennt, wohnt der, der uns geschaffen hat und liebt' diesen Tag will ich heute in meiner Seele wiederholen; und nie erlosche er auch in meinem Julius und Horion!

Ich habe oft zu meinem Julius gesagt: 'Ich habe dir den grossten Gedanken des Menschen, der seine Seele zusammenbeugt und doch wieder aufrichtet auf ewig, noch nicht gegeben; aber ich sage dir ihn an dem Tage, wo dein und mein Geist am reinsten ist, oder wo ich sterbe.' Daher bat er mich oft, wenn sein Engel bei ihm gewesen war, oder wenn die Flote und die schauernde Nacht oder der Sturm ihn erhoben hatte: 'Sage mir, Emanuel, den grossten Gedanken des Menschen!'

Es war an einem holden Juliusabend, wo mein Geliebter an meinem Busen auf dem Berge unter der Trauerbirke lag und weinte und mich fragte:'Sage mir, warum ich diesen Abend so sehr weine! Tust du es denn nie, Emanuel? Es fallen aber auch warme Tropfen von den Wolken auf meine Wangen.' Ich antwortete: 'Im Himmel ziehen kleine warme Nebel herum und verschutten einige Tautropfen; aber geht nicht der Engel in deiner Seele auf und nieder? Denn du streckest deine Hand aus, um ihn anzuruhren.' Julius sagte: 'Ja, er steht vor meinen Gedanken; aber ich wollte nur dich anruhren; denn der Engel ist ja aus der Erde gegangen, und ich sehne mich recht nach seiner Stimme. In mir wallen Traumgestalten ineinander, aber sie haben keine so hellen Farben wie im Schlafe lachelnde Angesichter blicken mich an und kommen mit aufgebreiteten Schattenarmen auf mich und winken meiner Seele und zerfliessen, eh' ich sie an mein Herz andrucke Mein Emanuel, ist denn dein Angesicht nicht mit unter meinen Schattengestalten?' Hier schloss er sein nasses Angesicht gluhend an meines, das ihm abgeschattet vorzuschweben schien; eine Wolke sprengte das Weihwasser des Himmels uber unsre Umarmung, und ich sagte: 'Wir sind heute so weich bloss durch das, was uns umringt und was ich jetzt sehe.' Er antwortete: 'O sage mir es, was du siehest, und hore nicht auf, bis die Sonne hinabgegangen ist.'

Mein Herz schwamm in Liebe und zitterte in Entzucken unter meiner Rede: 'Geliebter, die Erde ist heute so schon, das macht ja den Menschen weicher der Himmel ruht kussend und liebend an der Erde, wie ein Vater an der Mutter, und ihre Kinder, die Blumen und die schlagenden Herzen, fallen in die Umarmung ein und schmiegen sich an die Mutter. Der Zweig hebt leise seinen Sanger auf und nieder, die Blume wiegt ihre Biene, das Blatt seine Mucke und seinen Honigtropfen den offnen Blumenkelchen hangen die warmen Tranen, in die sich die Wolken zerteilen, gleichsam in den Augen, und meine Blumenbeete tragen den aufgebauten Regenbogen und sinken nicht Die Walder liegen saugend am Himmel, und trunken von Wolken stehen alle Gipfel in stiller Wollust fest Ein Zephyr, nicht starker als ein warmer Seufzer der Liebe, hauchet vor unsern Wangen vorbei unter die rauchenden Kornbluten und treibt Samen-Staubwolken auf, und ein Luftchen ums andre gaukelt und spielt mit den fliegenden Ernten der Lander, aber es legt sie uns hin, wenn es gespielt hat O Geliebter, wenn alles Liebe ist, alles Harmonie, alles liebend und geliebt, alle Fluren ein berauschender Blutenkelch, dann streckt wohl auch im Menschen der hohe Geist die Arme aus und will mit ihnen einen Geist umschlingen, und dann, wenn er die Arme nur an Schatten zusammenlegt, dann wird er sehr traurig vor unendlicher, vor unaussprechlicher Sehnsucht nach Liebe.'

'Emanuel, ich bin auch traurig', sagte mein Julius.

'Siehe, die Sonne zieht hinab, die Erde hullet sich zu lass mich alles noch sehen und es dir sagen.... Jetzo fliehet eine weisse Taube, wie eine grosse Schneeflocke, blendend uber das tiefe Blau... Jetzo zieht sie um den Goldfunken des Gewitterableiters herum, gleichsam um einen im Taghimmel aufgehangenen glimmenden Stern o sie woget und woget und sinkt und verschwindet in den hohen Blumen des Gottesackers.... Julius, fuhltest du nichts, da ich sprach? Ach die weisse Taube war vielleicht dein Engel, und darum zerfloss heute vor seiner Nahe dein Herz Die Taube fliegt nicht auf, aber Tau-Wolken, wie abgerissene Stucke aus Sommernachten, mit einem Silberrand, ziehen uber den Gottesacker und uberfarben die bluhenden Graber mit Schatten.... Jetzo schwimmt ein solcher vom Himmel fallender Schatten auf uns her und uberspult unsern Berg Rinne, rinne, fluchtige Nacht, Bild des Lebens, und verdecke mir die fallende Sonne nicht lange! .... Unser Wolkchen steht in Sonnenflammen.... o du holde, so sanft hinter dem Erdenufer zuruckblickende Sonne, du Mutterauge der Welt, dein Abendlicht vergiessest du ja so warm und langsam wie rinnendes Blut aus dir und erblassest sinkend, aber die Erde, in Fruchtschnuren und Blumenbandern aufgehangen und an dich gelegt, rotet sich neugeschaffen und vor schwellender Kraft.... Hore, Julius, jetzo tonen die Garten die Luft summet die Vogel durchkreuzen sich rufend der Sturmwind hebt den grossen Flugel auf und schlagt an die Walder; hore, sie geben das Zeichen, dass unsre gute Sonne geschieden ist.... O Julius, Julius,' (sagt' ich und umfasste seine Brust) 'die Erde ist gross aber das Herz, das auf ihr ruht, ist noch grosser als die Erde und grosser als die Sonne... Denn es allein denkt den grossten Gedanken.' Plotzlich ging es vom Sterbebette der Sonne kuhl wie aus einem Grabe daher. Das hohe Luftmeer wankte, und ein breiter Strom, in dessen Bette Walder niedergebogen lagen, brauste durch den Himmel die Laufbahn der Sonne zuruck. Die Altare der Natur, die Berge, waren wie bei einer grossen Trauer schwarz uberhullt. Der Mensch war vom Nebelgewolbe auf die Erde eingesperrt und geschieden vom Himmel. Am Fusse des Gewolbes leckten durchsichtige Blitze, und der Donner schlug dreimal an das schwarze Gewolbe. Aber der Sturm richtete sich auf und riss es auseinander; er trieb die fliegenden Trummer des zerbrochenen Gefangnisses durch das Blau und warf die zerstuckten Dampfmassen unter den Himmel hinab und noch lange braust' er allein uber die offne Erde fort, durch die lichte gereinigte Ebene... Aber uber ihm, hinter dem weggerissenen Vorhang glanzte das Allerheiligste, die Sternennacht.

Wie eine Sonne ging der grosste Gedanke des Menschen am Himmel auf- meine Seele wurde eingedruckt, wenn ich gen Himmel sah sie wurde aufgehoben, wenn ich auf die Erde sah- Denn der Unendliche hat in den Himmel seinen Namen in gluhenden Sternen gesaet, aber auf die Erde hat er seinen Namen in sanften Blumen gesaet.

'O Julius,' sagt' ich, 'bist du heute gut gewesen?' Er antwortete: 'Ich habe nichts getan, ausser geweint.'

'Julius, knie nieder und entferne jeden bosen Gedanken hore meine Stimme beben, fuhle meine Hand zittern ich knie neben dir.

Wir knien hier auf dieser kleinen Erde vor der Unendlichkeit, vor der unermesslichen, uber uns schwebenden Welt, vor dem leuchtenden Umkreis des Raums. Erhebe deinen Geist und denke, was ich sehe. Du horst den Sturmwind, der die Wolken um die Erde treibt aber du horst den Sturmwind nicht, der die Erden um die Sonne treibt, und den grossten nicht, der hinter den Sonnen weht und sie um ein verhulltes All fuhrt, das mit Sonnenflammen im Abgrund liegt. Tritt von der Erde in den leeren Ather: hier schwebe und siehe sie zu einem fliegenden Gebirge einschwinden und mit sechs andern Sonnenstaubchen um die Sonne spielen ziehende Berge, denen Hugel71 nachflattern, sturzen voruber vor dir und steigen hinauf und hinab vor dem Sonnenschein dann schau umher im runden, blitzenden, hohen, aus kristallisierten Sonnen erbaueten Gewolbe, durch dessen Ritzen die unermessliche Nacht schauet, in der das funkelnde Gewolbe hangt Du fliegst Jahrtausende, aber du trittst nicht auf die letzte Sonne und in die grosse Nacht hinaus Du schliessest das Auge zu und wirfst dich mit einem Gedanken uber den Abgrund und uber die ganze Sichtbarkeit, und wenn du es wieder offnest, so umkreisen dich, wie Seelen Gedanken, neue hinaufund hinabsturmende Strome aus lichten Wellen von Sonnen, aus dunkeln Tropfen von Erden, und neue Sonnenreihen stehen einander wieder aus Morgen und Abend entgegen, und das Feuerrad einer neuen Milchstrasse walzt sich um im Strom der Zeit Ja dich rucke eine unendliche Hand aus dem ganzen Himmel, du siehest zuruck und heftest dein Auge auf das erblassende eintrocknende Sonnenmeer, endlich schwebt die entfernte Schopfung nur noch als ein bleiches stilles Wolkchen tief in der Nacht, du dunkst dich allein und schauest dich um und- ebensoviel Sonnen und Milchstrassen flammen herunter und hinauf, und das bleiche Wolkchen hangt noch zwischen ihnen bleicher, und aussen um den ganzen blendenden Abgrund ziehen sich lauter bleiche stille Wolkchen.

O Julius, o Julius, zwischen den wandelnden Feuerbergen, zwischen den von einem Abgrund in den andern geschleuderten Milchstrassen, da flattert ein Blutenstaubchen, aus sechs Jahrtausenden und dem Menschengeschlecht gemacht- Julius, wer erblickt und wer versorgt das flatternde Staubchen, das aus allen unsern Herzen besteht?

Ein Stern wurde jetzt herabgeschlagen. Falle willig, Stern, in die Luft der Erde geheftet, auch die Sterne uber der Erde taumeln wie du in ihre entlegnen Graber herab das Weltenmeer ohne Ufer und ohne Grund quillet hier, versieget dort; die Mucke, die Erde, fliegt um das Sonnenlicht und sinkt in das Licht und zerbrockelt O Julius, wer erblickt und erhalt das flatternde Staubchen auf der Mucke, mitten im garenden, grunenden, verwitternden Chaos? O Julius, wenn jeder Augenblick einen Menschen und eine Welt zerlegt wenn die Zeit uber die Kometen geht und sie austritt wie Funken und die verkohlten Sonnen zerreibt wenn die Milchstrassen nur wie zuruckfahrende Blitze aus dem grossen Dunkel dringen wenn eine Weltenreihe um die andere in den Abgrund hinuntergezogen wird, wenn das ewige Grab nie voll wird und der ewige Sternenhimmel nie leer: o mein Geliebter, wer erblickt und erhalt denn uns kleine Menschen aus Staub? Du, Allgutiger, erhaltst uns, du, Unendlicher, du, o Gott, du bildest uns, du siehest uns, du liebest uns O Julius, erhebe deinen Geist und fasse den grossten Gedanken des Menschen! Da wo die Ewigkeit ist, da wo die Unermesslichkeit ist und wo die Nacht anfangt, da breitet ein unendlicher Geist seine Arme aus und legt sie um das grosse fallende Welten-All und tragt es und warmt es. Ich und du und alle Menschen und alle Engel und alle Wurmchen ruhen an seiner Brust, und das brausende schlagende Welten- und Sonnenmeer ist ein einziges Kind in seinem Arm. Er siehet durch das Meer hindurch, worin Korallenbaume voll Erden schwanken, und sieht an der kleinsten Koralle das Wurmchen kleben, das ich bin, und er gibt dem Wurmchen den nachsten Tropfen und ein seliges Herz und eine Zukunft und ein Auge bis zu ihm hinauf ja, o Gott, bis zu dir hinauf, bis an dein Herz.'

Unaussprechlich geruhrt sagte weinend Julius: 'Du siehst, o Geist der Liebe, also auch mich armen Blinden o! komm in meine Seele, wenn sie allein ist, und wenn es warm und still auf meine Wangen regnet, und ich dazu weine und eine unaussprechliche Liebe fuhle: ach du guter grosser Geist, dich hab' ich gewiss bisher gemeint und geliebt! Emanuel, sage mir noch viel, sage mir seine Gedanken und seinen Anfang.'

'Gott ist die Ewigkeit, Gott ist die Wahrheit, Gott ist die Heiligkeit er hat nichts, er ist alles das ganze Herz fasset ihn, aber kein Gedanke; und Er denkt nur uns, wenn wir ihn denken. Alles Unendliche und Unbegreifliche im Menschen ist sein Widerschein; aber weiter denke dein Schauder nicht. Die Schopfung hangt als Schleier, der aus Sonnen und Geistern gewebt ist, uber dem Unendlichen, und die Ewigkeiten gehen vor dem Schleier vorbei und ziehen ihn nicht weg von dem Glanze, den er verhullet.'

Stumm gingen wir Hand in Hand den Berg hinab, wir vernahmen den Sturmwind nicht vor der Stimme unserer Gedanken, und als wir in unsere Hutte traten, sagte Julius: 'Ich werde den grossten Gedanken des Menschen immer denken, unter dem Tonen meiner Flote, unter dem Brausen des Sturms und unter dem Fallen des warmen Regens, und wenn ich weine, und wenn ich dich umarme, und wenn ich im Sterben bin.' Und du, mein geliebter Horion, tue es auch.

Emanuel."

*

Der kleine Erden-Kummer, die kleinen Erdengedanken waren jetzt aus Horions Seele geflohen, und er ging, nach einem betenden Blick in den geoffneten Sternenhimmel, an der Hand des Schlafs in das Reich der Traume hinein. Lasset uns ihn nachahmen und heute auf nichts weiter kommen.

Ende des zweiten Heftleins

Drittes Heftlein

26. Hundposttag

Drillinge Zeusel und sein Zwillingbruder die

aufsteigende Perucke Entdeckung von

Spitzbubereien

Wenn ich in Coventgarden uber das Trauerspiel geweint hatte: so wurd' ich doch im Epiloge bleiben, den sie nachher halten, ob ich gleich uber ihn lachen musste. Allein nur aus dem Trauerspiele fuhrt ein Quergasschen in das Lustspiel, aber nicht aus dem Heldengedicht; kurz der Mensch kann nach dem Erweichen, aber nicht nach dem Erheben lachen. Ich darf es daher nie verstatten, dass ein Vielleser sogleich nach dem 25sten Kapitel dieses anfange. Wenn man uberhaupt selber zusieht, wie sie einen lesen namlich noch funfmal elender, gedankenloser, abgerissener, als man schreibt (ich rede bloss von Fleiss: Kenntnisse fallen von selber beim Lesen weg, und die Autorfeder kann die Lebengeister des Lesers, wie der Pumpenstiefel das Wasser, doch nur auf eine gewisse Hohe ziehen) wie sie bei den besten Stellen zwei Blatter auf einmal umwenden, bald zwei ungleichartige Kapitel entern lassen, bald in vier Wochen erst ein Kapitel gar hinauslesen, das in einer Sitzung hatte durchsein sollen wie solche klassische Leser oft kurz vor einem Besuche oder unter dem Andrehen oder gar Ansengen der Haarwickel oder unter dem Auskammen der Haare (die gar das erhabenste Kapitel einpudern) letztes lesen oder ein ruhrendes unter dem Keifen mit der ganzen Stube wenn man bedenkt, dass unter solche Leser die meisten Scheerauer und Flachsenfinger gehoren, und bloss die Leserinnen nicht, die sich in alle Bucher und Manner einzuschiessen wissen, und denen einerlei ist, was sie lesen oder heiraten und wenn man gar die traurige Betrachtung macht, dass, wenn uber diese Leser nicht einmal der Lesegroschen, den sie furs Buch bezahlen mussen, so viel Gewalt besitzt, um sie zum Genusse ruhrender und erhabner Blatter zu vermogen, dass es dieser lange Periode noch weniger erzwingen werde: so preiset man das deutsche Publikum glucklich, das doch solche Werke nahren, an denen wie an Truthuhnern das Weisse das beste ist.

Da ein solcher Truthahn auch die Wiener Zeitschrift ist, und ich vorige Woche im Traume dachte, mein Hund schreibe daran: so wirds hierher passen, dass ich meinen Irrsal widerrufe. Mir fallt der Traum nicht auf (da die Korrespondenzbestie gleichfalls Hofmann72 heisst) , dass diese gar der in eine Hundshaut eingewindelte und verpuppte Professor sei. Ich ware gar nicht darauf verfallen, dass ein Professor der "praktischen Eloquenz" in der Form eines Hundes der Welt Drucksachen apportierte, hatte nicht einmal in Paris ein Kerl sich mit konterbanden Waren in eine Pudelhaut einnahen lassen, um so verkappt durchs Tor zu kommen. Schon aus der ungleichen Grosse beider Wesen hatt' ich wissen konnen, welche Zeit es sei; aber ich ging im tollen Traume so weit, dass ich den Hund wirklich examinierend zwickte und befuhlte, als der Professor, den ich hinter dieser Charaktermaske suchte, selber lebendig zur Tur eintrat. Er hob zwar sofort alle Verwechslung; ich legte mir aber, gleichsam um ihm Genugtuung zu geben, die Strafe auf, das ganze Ding bekannt zu machen und noch dazu sein Mitarbeiter, d.h. seine Monattaube zu werden, die monatlich heckt... Es sollen daher viele wirklich in der Wiener Zeitschrift (denn in der ersten Auflage vergass ich das zu sagen, dass ich nur getraumt) nach Arbeiten von mir geforschet haben: ist das moglich, ich bitte?

Wir haben unsern Viktor unter lauter truben Vermutungen stehen lassen: jetzo finden wir ihn wieder vor einem Begegnis, das sie alle bestatigt.

Wer den Apotheker Zeusel, um den sich der ganze Vorfall dreht, nur von Horensagen kennt, weiss, dass er ein Hasenfuss ist Besagter Fuss ein Hase und der Teufel behalten, wenn auch das ganze Fell abgestreift ist, noch den Fuss sah es gern, wenn ihn ein Herr von Hofe ausschmausete und auslachte; er konnte nicht bescheiden verbleiben, sobald ihn ein Vornehmer zum Narren hatte. Der edle Matz benahm ihm daher seine Bescheidenheit oft. Von diesem vertrug er wie die Flachsenfinger alles, von Viktor nichts. Ich erklar' es nur daraus, weil Viktors Satiren allgemein und passend und fur das Bessern waren; die Menschen aber vergeben lieber Pasquill als Satire, lieber Verleumdung als Ermahnung, lieber Spotten uber Orthodoxe und Aristokraten als Vernunfteln daruber73. Demungeachtet, ob Zeusel gleich von Matthieu diesesmal wieder gehanselt und geprellet wurde, wollt' ers ihm nicht recht vergeben, sondern bekam das Chiragra daruber.

Es war namlich kurz vor dem ersten April manche haben jahrlich 365 erste Aprile , als der Junker den Apotheker in jenen April schickte. In St. Lune waren schon drei Bad- und Trinkgaste angekommen, drei junge wilde Englander, die sich fur Drillinge ausgaben, aber wahrscheinlich nur nacheinander, nicht miteinander geborne Bruder waren. Bloss ihre Seelen schienen Drillinge des Gemein- und Freiheitgeistes zu sein; sie waren so republikanisch, dass sie nicht einmal an dem Hofe erschienen, und hielten wie jeder Englander uns alle (mich und den Leser und den Eloquenz-Professor) fur Christensklaven und die Freigelassenen fur Steckenknechte. Die Zauberkraft eines ahnlichen Herzens trieb bald den Regierrat Flamin in ihre kartesischen Wirbel; sie waren kaum acht Tage da, so hatten sie mit ihm schon einen Klub beim Kaplan gehalten. Er versprach ihnen auf Ostern das Gesicht ihres Landsmanns Sebastian; und den edlen Matthieu hatt' er gleich anfangs mitgebracht. Matzens Freiheitbaum war bloss ein satirischer Dornstrauch; seine Satiren ersetzten die Grundsatze. Nur ein einziger Drilling, den selber der Bose mit Hornern und Bocksfussen, namlich der Satyr, ritt, konnte den beissenden Evangelisten und falschen Freiheit-Apostel recht leiden; denn in einem heitern lichten Kopf nimmt jedes fremde Witz- und Blitzwort einen grossern Schimmer an, wie Johanniswurmchen in dephlogistisierter Luftart heller glimmen.

Als Matthieu den Pfarrkutscher und den Lohnlakai der Englander, den Blasbalgtreter Zeusel den Zwillingbruder des Apothekers-, erblickte: erfand er etwas, das ich eben erzahlen werde. Der Apotheker musste sich bekanntlich seines leiblichen Bruders schamen, weil er ein blosser Balgtreter war und keinen andern Wind machte als musikalischen und weil er ferner schlechte innere Ohren und aussen gar keine hatte. Jedoch hatt' er sich wegen der letzten mit einem gerichtlichen Zeugnis gedeckt, das ihm nachruhmte, dass er seine Schallmuscheln auf eine ehrliche Art durch einen Bader verloren, der ihm von seiner Schwerhorigkeit helfen wollen. Aber sein Kopf war sein Ohr. Wenn er einen Stab an den Redner oder an seinen Sessel hielt, oder wenn man gerade uber seinem Kopfe predigte: so horte er recht gut. Haller erzahlt ahnliche Beispiele, z.B. von einem Tauben, der allemal einen langen Stock an die Kanzel als Leiter und Steg der Andacht stiess. Seine Taubheit, die ihn eher zu einem hochsten Staatsbedienten, als zu einem Lehnbedienten berief, wendete ihm gerade den Sieg uber andere Wahlkandidaten zu, weil dem Kato dem Altern so hiess sich der lustige Englander seine narrische Stellung gefiel.

Der edle Matthieu, dessen Herz eine ebenso dunkle Farbe hatte wie seine Haare und Augen, hing die Drillinge als Koder-Wurmchen an die Angel, um den Apotheker zwischen seinem und Flamins Arm nach St. Lune zu bringen. Zeusel ging freudig mit und ahnete das Ungluck nicht, das ihn erwartete, namlich seinen Bruder, mit dem ers schon seit vielen Jahren gegen etwas Gewisses ausgemacht hatte, dass sie einander in Gesellschaften gar nicht kennen wollten. Der Balgtreter begriff ohnehin aus Einfalt gar nicht, wie ein so vornehmer Mann wie Zeusel sein Bruder sein konnte, und verehrte ihn im stillen von weitem; nur eine Sache vertrug er nicht, trotz seiner blodsinnigen Geduld, die, dass sich der Apotheker fur den Erstgebornen ausgab: "Bin ich nicht", sagt' er, "um eine Viertelelle langer und eine Viertelstunde alter als er?" Er schwur, in der Bibel sei es verbaten, seine Erstgeburt zu verkaufen und er war dann wie alle, denen eine dumme Geduld ausreisset, nicht mehr zu bandigen.

Der Apotheker bemerkte nach dem ersten Schrekken uber den dastehenden Bruder mit Vergnugen, dass niemand seine Verbruderung kenne; er wollte es daher auch nachtun und foderte vom Bruder-Bedienten so kalt wie jeder, zu trinken. Der Balgtreter besah, indem er den Kopf niederbog, damit der Bruder oben daruber die Befehle gabe, mit Erstaunen und wahrer Achtung die silbernen Gattertore und Beinschellen auf den Fussen seines Verwandten und dessen Huftgehenk von Stahl-Girlanden der Uhren. Zeusel hatte sich gern ware dem Junker zu trauen gewesen- gegen die Briten angestellt, als betrog' er sich und hielte des Tauben Bucken fur ubertriebene Kriecherei gegen Hofleute; er ware dann imstande gewesen, dazuzusetzen, der Opisthotonus gegen Niedere sei derselbe Krampf wie der Emprosthotonus74 gegen Hohere aber wie gesagt, der Henker traue Hofjunkern!

Die Briten indessen nahmen den Narren samt seiner Geldborse am Hintern kaum wahr und wunderten sich bloss, was er da wolle. Ihre republikanischen Flammen schlugen mit Flamins seinen zusammen, und zwar so, dass der Hofjunker sie fur Franzosen und fur Reisediener und Zirkularboten der franzosischen Propaganda wurde genommen haben, wenn er nicht geglaubt hatte, nur ein Narr konne eine versuchen und eine glauben. Matthieu hatte Scharfsinn, aber keine Grundsatze Wahrheiten, aber keine Wahrheitliebe Scharfsinn ohne Gefuhl Witz ohne Zweck. Er war heute nur darauf aus, durch losgezundete Streifschusse den Apotheker immer in der Angst zu befestigen, irgendeine Ideenverbindung werde ihn den Augenblick auf den dastehenden Bruder lenken. So legt' er recht glucklich nebenher den armen Hasenfuss auf die Folter des "gespickten Hasens", als er ironisch fur den Nepotismus focht. "Die Papste, die Minister" (sagt' er) "geben wichtige Posten nicht dem ersten besten, sondern einem Manne, den sie genau gepruft haben, weil sie mit ihm fast auferzogen wurden, namlich einem Blutfreund. Sie denken zu moralisch, als dass sie nach ihrer Erhebung ihre Verwandten nicht mehr kennen sollten, und sie halten den Hof fur keinen Himmel, wo man nach seiner in die Holle verdammten Magenschaft nichts fragt. Weil ein Minister so viel verdauen kann wie ein Strauss: so wundert man sich, dass er nicht auch wie ein Strauss seine Eier voll Anverwandten in den Sand und vor die Sonne wirft und ihr Aufkommen nicht dem Zufall anvertrauet. Aber nichts vertragt sich weniger mit dem echten Nepotismus als dies; ja selber der Strauss brutet zu Nacht und in kaltern Orten personlich und unterlasset es nur dann, wo die Sonne besser brutet: so sorgt auch der Mann von Einfluss nur in solchen Fallen fur seine Vettern, wenn grosser Mangel von Verdiensten es fodert. Ich gesteh' es, die Moral kann so wenig Nepotismus wie Freundschaften gebieten; aber das Verdienst ist desto grosser, wenn man ohne alle moralische Verbindlichkeit mit seinem Stammbaum gleichsam die halben Thronstufen uberdeckt." Dieser satirische Huttenrauch und Schwaden nahm die Briten fur ihn ein, zumal da der Rauch edle Metalle voraussetzte, namlich die hochste Unparteilichkeit bei einem Sohne, dessen Vater Minister war.

Da der Apotheker das Souper zerlegte Matz hatt' ihn ersucht, le grand escuyer tranchant zu sein , so passte sein Freund es ab, bis er einen grossen Truthahn an der Gabel hatte, um ihn in der Luft, wie Reiher die Fische, und noch dazu italienisch zu zerfallen; dann nahm der Edle seinen Weg uber den Partage-Truthahn und uber Polen durch die Wahlreiche, bis er in den Erbreichen anlangte, wo er stille lag, um da die Bemerkung zu machen, dass ganz naturlicherweise der erste grosse Diktator seinen eignen Sohn auf seinen Thron nach sich werde hinaufgezogen haben: "so hab' er sich oft beim flachsenfingischen Vogelschiessen an den Kindern ergotzt, die mit den Kronen und Zeptern, welche die Vater herabgeschossen, herumsprangen und damit warfen und spielten." Der Taube unterhielt durch seinen Visierstab und seine Zundrute, die er an den Tisch stemmte, die freieste Verbindung mit dem ganzen Klub und sah seinem arbeitenden Bruder zu, wie er sagte und hielt. Matthieu, der den Vorschneider liebte, aber die Wahrheit noch mehr, konnte seinetwegen nicht die Reflexionen uber die gekronten Erstgeburten unterschlagen, sondern er merkte frei an, man sollte wenigstens unter der regierenden Familie, wenn auch nicht unter dem Volke, die Wahl frei haben. "Jetzt denken wir nicht einmal wie die Juden, bei denen zwar eine halbtierische Missgeburt noch die Rechte eines Erstgebornen hat, aber doch keine ganze tierische.75"- Der Balgtreter wurde durch die fallopische Muttertrompete des Stabs mit neuen Ideen des Erstgebornen geschwangert sein Bruder wurde von der Angst mehr zerlegt als der indische Hahn in der Luft. Der Evangelist fuhr fort: "Auch bei den Juden hat bloss die tierische Erstgeburt, weil sie nicht mehr opfern durfen, das beste Futter und ist heilig und unverletzlich das ubrige Vieh gehort unter die jungern Sohne."...

Darauf sagte er plotzlich und lachelnd das Kompliment: "Bloss mein Freund hier mit dem Truthahn macht die glucklichste Ausnahme von meiner Behauptung und sein Herr Bruder mit dem Stabe da die betrubteste; es sind aber Zwillinge, und er ist nur eine Viertelstunde alter als der Taube." Er wandte sich unbefangen an den Gestabten, der sein Gesicht schon zum Krieg mobil gemacht hatte: "Nicht wahr, eine Viertelstunde alter?" "Ja, straf' mich Gott," (sagt' er) "das bin ich: was sagt mein Bruder?" Der Apotheker musste matt den Dividendus an der Gabel senken, ob er gleich durch die herabgeschnittenen Quotienten schon leichter war. Der Balgtreter uberschauete fluchtig alle Gesichter und entdeckte uberall darauf einen schweigenden Unglauben, den der Junker durch seine kalten Versicherungen noch lesbarer machte. "Der ganze Scherz" sagte Zeusel leise "ist wohl fur niemand interessant." Da der Balgtreter die leise Exzeptionhandlung nicht durch seinen langen Gehorknochen habhaft werden konnte er sah aber dann nicht ab, wie er seinen Prozess und sein Erstgeburtrecht behaupten wollte , so trat er seinen Beweis an und zog vier lange Fluche als ebensoviel syllogistische Figuren so heraus und buckte den Kopf unter seinen Bruder, damit der uber demselben seine Salvationschrift einreichte. Der Apotheker, der nicht die Erstgeburt, sondern nur das wankend machen wollte, dass er sein Bruder sei, und der ihn wegen Zweifel uber dessen Titulaturen nicht gern anreden wollte, sagte bittend zu Matthieu: "Geben Sie ihm recht, denn er weiss gar nicht, wovon wir bisher gesprochen haben." Schnell und abgerissen, aber mit einer unglaubigen Miene sagte daher der Junker zu ihm: "Er soll recht haben, mein Freund", und setzte unter dem Schein, ihn ablenken zu wollen, dazu: "recht frisch und jung sieht er aus." "Bei Gott!" (versetzte er aufbrennend) "der da ist junger; aber er kam hinter mir schon zusammengefahren auf die Welt in der Gestalt eines Tabakbeutels er ist aus den Bettelmannern76, die von mir abfielen, zusammengedreht und gezwirnt." Der Balgtreter brannte nun alle Kanonen auf dem Wall seines Kopfes ab, erbittert durch die Essigmienen und Giftblicke und die Unhorbarkeit seines Blutfreundes: er spannte daher den Daumen und den Ohrfinger aus und setzte sie wie Zirkelfusse an sein eignes Gesicht, um es auszumessen; dann wollt' er beide als ein Langenmass uber das Gesicht seines Blutfreundes legen er wurde dann, da der Mensch zehn Gesichtlangen hat, das fremde und sein eignes Gesicht gegeneinander gehalten und dann aus ihrem verschiedenen Masse leicht auf ihre Statur geschlossen haben ; aber der Apotheker wackelte, und der Balgtreter setzte den Daumen ganz falsch uber dem Kinnbacken ein. Hier hob den Daumen, der sich in den weichen Backen eintunken wollte, etwas Hartes und Rundes auf, und der Balgdiener trieb durch das Heruntergleiten an dem Kinnbacken eine Wachskugel zum Maule heraus, womit der Apotheker seine eingekrempten Wangen ausgefuttert hatte wie mit einem Polster, um das eingelegte Bildwerk des Gesichts zum erhobenen aufzustulpen. Die herausgleitende Kugel warf wie eine Boselkugel den Apotheker um, d.h. seine Gelassenheit, und er sagte zum Tauben, der jetzo gar zu einer Historie von seinem Kahlkopfe uberschreiten wollte, mit blitzenden Augen nur so viel: "Ihr Mensch habt keine Lebensart, und Euer alterer Bruder muss Euch erst abhobeln." Da aber der Kalkant schon in der Naturgeschichte des Kahlkopfes fortschritt: so eilte Zeusel davon mit der Entschuldigung, der Herr Hofmedikus Horion warte heut' abends auf ihn. Der ernsthafteste unter den Englandern trat ganz nahe an ihn und sagte: "Empfehlen Sie mich dem Doktor, und da er so gute Kuren macht, so sagen Sie ihm in meinem Namen, Sie waren ein grosser Narr."

Kaum war er zum Dorfe hinaus: so dauerte den Kalkanten der Emigrant, und er wollte in der Historie des Kahlkopfes aufhoren. Der Evangelist schickte ihn daher dem erbosten Zwilling nach, um ihn jetzt in der Nacht einzufangen; und nahm dafur selber den historischen Faden auf. Namlich an einem Abend, wo der Hof nicht im Schauspiel war, hielt der Hofapotheker (der Himmel weiss wie) sein Nussknackergesicht aus einer der ersten Logen heraus. Matthieu, damals noch Page, postierte den Balgtreter im Scheitelpunkte seiner Perucke, namlich in der Galerie gerade uber ihm. Der Kalkant liess oben an einem unsichtbaren Rosshaar einen kleinen Haken niedersteigen, der wie ein Raubvogel uber der herausschauenden Perucke hing, die ich fur ein Ideal von Haaren halte. Denn sie schien aus dem Kopfe, dem die Locken und die Vergette langst ausgefallen waren, als Eingeborner und Fechser herausgewachsen zu sein, und niemand nahm sie fur adoptiertes Pelzwerk. Der Balgtreter liess den Haken so lange uber der Perucke wie einen Perpendikel schwanken, bis Gewissheit da war, dass er in die Vergette eingegriffen. Sofort bedient' er sich seiner Hande als Fuhrmannwinden und hob (wie der Frost andre Gewachse) die ganze Frisur aus den Wurzeln und zog langsam die Zopfperucke wie eine steigende Haar-Montgolfiere in die Hohe. Das Parterre und der erste Liebhaber und der Lichtputzer wurden vor Erstaunen zu Eisschollen, da sie den Schwanzkometen in gerader Aufsteigung zur Galerie aufgehen sahen. Auf dem Apotheker, der seinen Kopf abgedeckt und kalt angeweht fuhlte, richteten sich die wenigen naturlichen Haare auch empor vor Schrecken, wie die kunstlichen; und als er sich mit dem kahlen Scheitel umdrehte, um der Kreuzerhohung seines Haarwuchses nachzusehen, liess sein Zwillingbruder (um nicht entdeckt zu werden) das ganze harene Meteor, das dem Haar der Berenice im Himmel nachwollte, gar unter die Leute herunterfallen vor seinem Gesichte vorbei und sah gelassen herab auf die Kulmination im Nadir, wie die ganze Galerie.

Wahrend unserer Erzahlung haben die Zwillinge einander geprugelt. Der Erstgeburt-Akzessist rief draussen auf dem mit Nacht uberdeckten Flachsenfinger Weg in einem fort: "Herr Hofapotheker!" Und da er keine Antwort vernehmen konnte, musst' er mit dem Horrohr an jedes Ding, ob es etwan rede, stochern. Endlich stiess sein Visitiereisen an die Erstgeburt, und er ging hin, um sie um Vergebung und Retour zu ersuchen. Aber der Apotheker war dermassen im Kochen und Sprudeln, dass er, als der Balgtreter seinen Kopf unterhielt, um dessen Antwort einzuholen, seine Hand in eine Kugel anschiessen und sie wie einen Glockenhammer auf die Pfeilnaht des untergehaltenen Hauptes fallen liess, worauf die Taucherglocke einen ordentlichen Ton angab. Der Apotheker wurde, wenn man ihn recht verstanden und ihm Zeit gelassen hatte, durch diesen Zainhammer die Suturen auf dem tauben Haupte um vieles vorgehoben haben; aber so storte ihn sein eigner Bruder, der ihn am Kopfe- denn der Balgtreter wurde seine Finger als Schmucknadeln in die kunstlichen Haare gelegt und ihn daran gelenkt haben, ware die Perucke am Kopfe festgemacht gewesen wie ein Gestrauch niederbog, um sein Horrohr als ein zweites Ruckgrat so stark und doch so behutsam uber des Zwillings erstes zu legen, dass niemand komplizierte Frakturen davontrug als der Horstab. Darauf sagte er gute Nacht und empfahl ihm, sich links zu halten, um nicht irrezugehen....

Hatte ich gewusst, dass diese Geschichte so viele Blatter uberschatten wurde, ich hatte sie lieber weggeworfen. Am andern Morgen stattete der unverschamte Matthieu einen Besuch beim Kreuztrager ab, an dessen Handen jetzt das vom Zorn reifgewarmte Chiragra gluhte; er wollte weil er jeden Tadel seiner Unverschamtheit mit einer grossern beantwortete die gichtbruchigen Hande zu neuen Katzenpfoten machen, um frische Spass-Kastanien aus dem Feuer zu nehmen. Aber der Apotheker, dessen Herz nur klein, aber doch nicht schwarz war, fuhlte sich zu sehr gekrankt, und als Matthieu, uber seine Klagen lachend und schweigend, von ihm ging, ohne sich nur die Muhe einer Entschuldigung zu geben: so schwur der Chiragrist, ihn da haben wir wieder den Narren zu sturzen.

Tritt wieder auf, mein Viktor, ich sehne mich nach schonern Seelen, als dieses Gebruder Narren da hat! Niemand von uns lebt und lieset so in den Tag hinein, dass er nicht wusste, in welcher biographischen Zeitperiode wir leben: es ist namlich acht Tage vor Ostern, wo Zeusel auf dem Krankenbette und Klotilde auf dem Wege nach St. Lune ist. Flamin hinterbrachte unserm Viktor den Spass mit dem kranken Zeusel. Er missfiel ihm ganzlich, so wie ihn Schriften wie der Antihypochondriakus, das Vademekum oder die mundlichen Erzahler gedruckter Spasse die fadesten aller Gesellschafter ekelten. Er konnte nie eine Tierhatze zwischen zwei Narren anlegen: nur der Entwurf eines solchen Schlachtstucks kitzelte seine Laune, aber nicht die Ausfuhrung, so wie er Prugelszenen gern in Smollet (dem Meister darin) las und dachte, aber niemals sehen mochte. Sogar von den KorperBonmots und Hand-Pointen am fremden Leibe dacht' er zu geringschatzig, die ich doch den stummen Witz (wie stumme Sunden) nennen mochte, und die das wahre attische Salz kleiner Stadte sind; denn wahrer Witz, dunkt mich, muss sich wie das Christentum nicht in Worten, sondern in Werken offenbaren. Er sah unsere Torheiten mit einem vergebenden Auge, mit humoristischen Phantasien und mit dem ewigen Gedanken an die allgemeine Menschennarrheit und mit schwermutigen Schlussen an. Sobald er den bosen Punkt ausnahm, dass Zeusel sich jedem Edelmann zum Miettier so lange, bis ihn dieser zuruckprugelte, vorstreckte, wie man in Paris Schosshunde zum Spazierengehen mieten kann: so hatt' er gegen dessen Eitelkeit, da sie zumal in andern Fallen gutmutig, freigebig und oft sogar witzig war, wenig einzuwenden. Niemand ertrug Eitelkeit und Stolz liebreicher als er: "Was hat denn der Mensch davon," sagt' er viel zu lebhaft, "wenn er kein Narr ist, oder wo soll er denn aufhoren, demutig zu sein? Entweder zu gut oder gar nichts mussen wir von uns denken."

Viktor stattete also bei seinem Hausherrn zugleich einen freundschaftlichen und einen arztlichen Besuch mit seiner teilnehmenden Seele ab. Diese Gesinnung griff herrlich in den Plan des Apothekers ein, den Doktor anzuwerben, damit er gegen Matzen diene. "Dazu brauche ich nichts," (sagte Zeusel zu Zeusel) "als dass ich ihn die Intrigen, die das Schleunessche Haus gegen ihn spielet, sehen lasse, denn er ist ohne mich nicht raffiniert genug dazu." Denn er halt uberhaupt den Helden der Hundposttage ders auch willig litt ein wenig fur dumm, bloss weil dieser gutmutig, humoristisch und gegen alle Menschen vertraulich war. In der Tat gab ihm das Leben in der grossen Welt zwar geistige und korperliche Gewandtheit und Freiheit, wenigstens grossere; aber eine gewisse aussere Wurde, die er an seinem Vater, am Minister und sogar oft an Matthieu wahrnahm, konnt' er niemals recht oder lange nachmachen; er war zufrieden, dass er eine hohere in seinem, Innern hatte, und fand es fast lacherlich, auf der Erde ernsthaft zu sein, und zu gering, stolz auszusehen. Vielleicht konnten sich eben darum Viktor und Schleunes nicht leiden; ein Mensch von Talenten und ein Burger von Talenten hassen einander gegenseitig.

Eh' ich dem Apotheker erlaube, alle Faden des Schleunesschen Kanker-Gespinstes vorzuzeichnen: will ich nur erklaren, warum Zeusel hieruber so allwissend war, und doch Viktor so blind. Dieser aber war es, weil er sich unter seinen Freuden auf das Erraten gleichgultiger oder schlimmer Leute gar nicht legte; er schwebte uberhaupt wie ein Paradiesvogel immer in der Himmelluft, vom Schmutzboden abgetrennt, und flog, wie alle Paradiesvogel, der losen Federn wegen immer gegen den Wind; daher bekam er, aus Mangel an Verbindungen, die mundlichen Hofzeitungen erst, wenn alle Heiducken, die Lakaien der Pagen und die Einheizer sie schon schwarz gelesen hatten; oft gar nicht. Der Apotheker ist im entgegengesetzten Falle, weiler zwar die schlechten Augen, aber auch die guten Ohren eines Maulwurfs hat, und weil in der camera obscura seines ahnlichern Herzens sich leichter die Bilder der verwandten Kniffe malen; noch dazu setzt er zwei lange Horrohre zwei Tochter an die Kabinette oder vielmehr an ihre Liebhaber an, die daraus kommen, und horcht durch die Rohre manches weg, was ich in dieser Lebensbeschreibung recht herrlich schon im dritten Heftlein nutzen kann. Es gibt Menschen der war so , die nur Nachrichten, ohne Interesse fur den Inhalt, erhetzen wollen und Personalien ohne Realien, und die alle grosse Gelehrte, aber keine Gelehrsamkeit alle grosse Staatsmanner, aber keine Politik alle Generale, ohne Liebe zum Kriege zu kennen suchen personlich und schriftlich.

Es kann sein, dass mancher feine Leser schon aus dem vorigen von dem, was Zeusel jetzt entdecken will, Wind hat. Ich gebe des Apothekers Darstellung in folgender verjungten:

"Der Minister habe den Fursten sonst niemals in sein Interesse ziehen konnen, selten in sein Haus; zwar hab' er zuweilen eine Tochter, die ihm gefallen konnte, zu vermahlen nicht unterlassen; aber entweder das verschiedene Interesse des Tochtermanns war allemal dem seinigen ungunstig, oder auch der Einfluss Sr. Herrlichkeit (des Lords). Daher sei er mehr zu entschuldigen als zu verdammen, dass er die Partei des Schwachern ergriffen, namlich die der verlassenen Furstin, die doch allemal etwas sei, und welche ihre italienischen Kunste vielleicht nur noch verdecke. Im ganzen genommen sei es also nicht unrecht, dass man die Furstin, die viel Temperament habe, durch Matthieu an Schleunes' Haus zu knupfen suche, worin man sich nach ihrer aussern Tugend-Grandezza geniere, indes man sie durch den Hofjunker uber die Kalte ihres Gemahls beruhige."...

Wenn sich der Leser das Schlimmste vorstellt: so begreift er Viktors unglaubiges Erstarren und Verfluchen; er liess aber Zeuseln erst ausreden.

"Zum Gluck habe Herr Hofmedikus dem Hause die Ehre erwiesen, oft hinzukommen; und die Schleunesschen werden ihn wahrscheinlich auf alle Weise zum oftern Geschenk seiner Besuche ermuntert haben, da er zumal dadurch auch den Fursten eingewohne. Er wisse hieruber allerlei von guter Hand."...

Viktor erriet, was Zeusel aus Hoflichkeit verschwieg den Wink auf Joachime. "Sonderbar ists doch," dacht' er, "dass mir mein Vater fast dasselbe schreibt! Aber ein hubsches Gewirre von Absichten! ich machte bei meinen Absichten auf die Furstin den Minister zu meinem Deckmantel, und er mich bei seinen auf den Fursten zu dem seinigen." Das hatt' er ohne mich wissen sollen, dass bose Menschen die guten nie aus Liebe suchen, und dass Joachimens Herz nichts ist als ein Koder in der Hand des Ministers; aber dichterische Menschen, die immer die Flugel der Phantasie aufspannen, werden, wie die Lerchen wegen ihrer ausgespreizten Flugel, sogar in Netzen festgehalten, welche die weitesten Maschen haben, wodurch sonst leicht ein glatter Vogelkorper glitte. Nur noch ein Wort: warum betrug sich Viktor gegen die besten Menschen, gegen Klotilde, seinen Vater etc., feiner, anstandiger und schoner als der beste Weltmann; und gegen mittelmassige und schlimme benahm er sich doch so links: warum? Weil er alles aus Neigung und Achtung tat, und nichts aus Eigennutz und Nachahmung; die Weltleute hingegen behaupten ein immer gleiches Betragen, weil sie es nie nach fremden Verdiensten, sondern nach eignen Absichten abformen. Daher gab ihm sein Vater auf der Insel unter den Lebenregeln die uberhaupt eine feine versteckte Weissagung von seinen Fehlern und Begebenheiten waren diese mit: man begeht die meisten Torheiten unter Leuten, die man nicht achtet.

"Da nun Klotilde dem Fursten gefalle: so werde dieser Matthieu, der um sie schon vor einigen Jahren geworben, sie zu seinen Eroberungen zu machen suchen, um durch sie viel wichtigere zu machen."

Pfui! rief Viktors ganze Seele, jetzt seh' ich erst alle Stacheln der Dornenkrone, die auf dein Herz gedrucket wird, du arme Klotilde!

"Matthieu ware langst mit seinen Heuratsantragen weiter herausgegangen, hatt' er die gegenwartigen Aussichten (eines Ehebruchs) naher gehabt. Vielleicht sei auch Matthieu noch uber die Zuruckkunft ihres Bruders (Flamins, wegen ihrer verkleinerten Erbschaft) in Sorge, ob ihn gleich der Tod seiner Schwester (der beerbten Giulia) ein wenig entschadige. Daher liebe die Furstin Klotilden, da deren Heurat mit Matthieu nur eine Sache des Interesse sei. Kam' es aber wirklich zu einer Vermahlung, wie wahrscheinlich sei, da Matthieu sie schon durch Grobheit dem Kammerherrn abnotigen wurde".... (Es ist ein eigner Zug des Evangelisten, dass er gegen Schwache grob und oft gegen dieselbe Person rauh und wieder fein war) "so konnte jener und Jenner sich im wechselseitigen Vergeben uben; und das Band der Freundschaft wurde sich auf einmal um vier Personen in verschiedenen Schleifen wickeln. Diese vierfache Verkettung risse dann keiner mehr auseinander, und alles ginge zum Teufel. Der einzige Maschinengott, der die Knupfung dieses Knotens noch verhuten konnte, sei der Herr Hofmedikus. Ihm versage Herr Le Baut vielleicht die Tochter nicht, da er ihr zum Hofdamenamt verholfen 'welches damals, da ich mich Ihnen nicht deutlich erklaren durfte, gerade meine wahre Absicht war, die Sie ebensogut errieten als ausfuhrten' und da das Schicksal des Sohns (Flamins, der nach der allgemeinen Meinung noch verschollen war) ja in den Handen Sr. Herrlichkeit stehe. Auch zweifle er am Gewinnen der Furstin nicht, da er (der Doktor) bisher ihre Gunst besessen, und sie ihn dem Doktor Kuhlpepper vorgezogen. Durch den Verlust Klotildens und Agnolas waren den Schleunesschen die Flugel beschnitten."...

Schurke! hatte hier Flamin geflucht; aber Viktor, der glaubte, diesen moralischen Staubbesen verdiene nur ein ganzes Leben, nie eine Handlung, und der mit der grossten Unduldung der Laster eine zu grosse Duldung der Lasterhaften verband, dieser sagte, aber mit mehr Hitze, als man nun vermuten wird: "O du gute Furstin! die deutschen Skorpionen sitzen um dein Herz und stechen es zur Wunde und giessen als Balsam Gift in die Wunde, damit sie niemals heile! Abscheuliche, abscheuliche Verleumdung!" Viktor lobte und verfocht gern seine Freunde zu lebhaft und zwar aus Neigung zum Gegenteil; denn da er bei seiner eignen Ehre die Belobbriefe seines Gewissens den Schandgemalden der Welt ruhig und stumm entgegensetzte, so war's zwar seine Neigung gewesen, die Ehre seiner Freunde so kalt zu verteidigen wie seine eigne, aber es war Gehorsam gegen sein Gewissen, es (trotz dem Gefuhle der Entbehrlichkeit) mit der grossten Warme zu tun.

so Das hofische und triumphierende Lacheln Zeusels war eine zweite Verleumdung; der Tropf hielt Viktor fur ein Zifferblatt oder Stundenrad bei der Sache und sich fur den Perpendikel. Daher sagte Viktor mit einem aus Wehmut und Stolz gemischten Unwillen: "Meine Seele erhebt sich zu weit uber eure Hof-Kleinigkeiten, uber eure Hof-Spitzbubereien, mich ekelt euer Kram unaussprechlich. O du edler Geist in Maienthal!"

Er ging mit durchschnittenem Herzen weg der Nachtwachter, der ihn allemal im hohern Sinne an die Zeit und an die Ewigkeit dazu erinnerte, rief seines Lehrers Gestalt vor seine weinende Seele und Klotilde mit ihren blassen Mienen kam mit und sagte: "Siehst du noch nicht ein, warum ich so bleiche Wangen habe und so schnell in das fromme Tal Emanuels ziehe?" und Joachime tanzte voruber und sagte: "Ich lache Sie aus, mon cher!" und die Furstin verhullte ihr unschuldiges Gesicht und sagte aus Stolz: "Verteidige mich nicht!"

Der Leser kann sich leicht denken, dass Viktor den Namen Klotilde fur zu gross hielt, um ihn nur in einer solchen Nachbarschaft uber die Lippen zu bringen wie die Juden den Namen Jehova nur in der heiligen Stadt, nicht in den Provinzen auf die Zunge nahmen. Seine Seele heftete sich nun an den Nachflor seiner Liebe, an die von Zeuseln besprutzte Agnola. Es war ihm erwunscht, dass gerade jetzo der Kaufmann Tostato aus Kussewitz ankommen musste, um seine katholische Osterbeichte in der Stadt abzutun: er konnte bei ihm doch auf Verschwiegenheit uber die Maskopei-Rolle in der Bude dringen, damit er der gemisshandelten Furstin wenigstens den Schmerz uber eine gutgemeinte Beleidigung, uber die in die Uhr eingeklebte Lieberklarung, ersparte.

27. Hundposttag

Augenverband Bild hinter Bettevorhang Gefahr

fur zwei Tugenden

Klotilde ging in der Leidenwoche, unter Liebkosungen von der Furstin entlassen, nach St. Lune. In der Osterwoche tragt sie ihr Herz voll bedeckter Sorgen nach Maienthal zu ahnlichern Seelen, wenn sie vorher durch die Vorholle gegangen, namlich durch einen schimmernden Ball, den ihr oder hoflicher zu reden, der Furstin der Furst am dritten Osterfeiertage gibt.... Ist diese Blume mit dem Melonenheber des Todes oder Schicksals aus meinen biographischen Beeten ausgestochen und versetzt: so werf' ich die Feder weg und prugle den Spitz zuruck ich habe mich so sehr an sie gewohnt wie an eine Verlobte: wo treib' ich am Hofe wieder einen weiblichen Charakter auf, der wie ihrer heilige und feine Sitten verbindet, Himmel und Welt, Tugend und Ton, ein Herz, welches (ist es anders mit etwas Kleinem zu vergleichen erlaubt) der unsern Helden angstigenden und auch wie ein Herz aussehenden montre a regulateur ahnlich ist, welche mit dem Zeiger der Hofstunden einen Zeiger der Sonnenstunden und den liebenden Magnet verknupft?

Jetzo sind wir noch die ganzen Osterfeiertage beisammen; denn Sebastian muss zum Pfarrer Eymann, um ihn und die britischen Drillinge und seine liebe Kaplanin und mehr Liebes zu sehen. Er ware gern schon am Osterheiligenabend dem Regierrat dahin gefolgt (und dem Lebensbeschreiber war's so lieb gewesen wie ein Osterfladen, weil er der Stadte und Hofe auf dem Papiere ubersatt ist); aber der Genius der zartlichsten Freundschaft winkte ihm, nur wenigstens bis den ersten Ostertag Flamins und Klotildens wegen, welche beide einander so lange entbehret und so sehnlich gewunschet hatten, sich wechselseitig neue Wunden nun mitbringend, zuruckzubleiben, gleichsam als woll' er fragen: "Die ersten Freudenblicke dieser so lange auseinandergedrangten Geschwister wird doch mein unglucklicher Sebastian nicht storen wollen?" Wahrlich, nein! antwortete seine Trane.

Die Stadt war nun von seinen Geliebten ausgeleert die Leidenwoche war eine wahre fur ihn nicht einmal die Furstin, gleichsam die Elektrizitattragerin seiner auf sein eignes Herz zuruckgewehten Liebeflamme, war ihm seit langen erschienen denn mit dieser Stimmung konnt' er nicht zu Joachimen gehen als ihn der Pater der Furstin, die heute bei ihm (am heiligen Osterabend) gebeichtet hatte, besuchte und vor ihm einen Wundzettel ihrer Augen entfaltete und ihn freundlich schalt, dass der Hofbeichtvater dem Hofmedikus Sunden, statt zu erlassen, vorzurucken habe. "Ich wollte morgen verreisen", sagte Viktor "Gut!" sagte der Pater, "die Furstin verlangt schon heute Ihre Hulfe."

Auf dem Wege zu ihr sagt' er zu sich: "Hat denn Tostato das Osterbeichten verschworen, dass er jetzt abends noch nicht da ist? und wo wird ihn der Henker morgen haben?" "Hier!" antwortete Tostato hinter ihm. So einen lustigen Bussfertigen hatte noch keine Sakristei gesehen. Das Freuden- und Teufelsund Beichtkind sagte die Ursache seines frohen Tobens: "die Furstin hab' ihm als Landsmann heute das halbe Gewolbe ausgekauft." Eh' Viktor auf seinem Gesicht die ernsthaften Mienen in Reih und Glied gestellet hatte, mit welchen er ihm die Bitte um Verschweigung seines kaufmannischen Vikariats tun wollen, ich meine die Buden-Verwaltung: so erfreuete ihn der springende Beichtsohn mit der Nachricht, dass die Furstin nach seinen und ihren Landsleuten, nach seinen Associes, gefragt, und dass er ihr gar nicht verborgen, dass einer einmal das letzte ohne das erste gewesen namlich ihr Hofmedikus selber. "Donner!" sagte der....

Der arme Narr von Kaufmann meint' es gut, und es war weiter nichts anzustellen als die Untersuchung, ob nicht Agnolas Fragen Zufall gewesen ob sie die Uhr noch habe, oder je aufgemacht, ob kein Wind die Lieberklarung als einen verschwisterten Wind fortgetrieben.

Bedenklich bliebs, dass gerade der Pater und der Kaufmann, gerade die bosen Augen und die guten Nachrichten in einen Tag zusammenfielen; in diesen 30sten Marz, in den Osterabend. Da dieser Besuch fur meinen Helden sehr merkwurdig ist: so bitt' ich jeden, sich recht bequem zu setzen und die vom Buchbindergolde verpichten Blatter dieser Erzahlung vorher aufzuspalten und achtzugeben wie ein Spion.

Als Viktor im Schlosse war: stiess ihm der Pater auf, welcher sagte, er gehe auch mit. Es war ein Gluck; denn ohne diesen Wegweiser hatt' er schwerlich den Pfad durch ein Labyrinth von Zimmern in das veranderte Krankenkabinett gefunden. Und mit ihm ging wie ein Kibitz die Sorge durch alle Gemacher, er werde auf dem Gesichte der Furstin ein Klaglibell gegen das eingesperrte billet doux erblicken; aber nicht einmal ein Anfangbuchstabe oder das Rubrum eines Urteils stand auf ihrem Gesichte, als er vor sie trat, und seine Wetterwolke war seitwarts gegangen. Wenigsten stiess eine, die uber der Furstin selber hing, seine ab; sie war namlich krank, aber nicht an Augen bloss, und eine zweite Botschaft, die ihn holen sollte, hatt' ihn nur verfehlt. Sie empfing ihn im Bette nicht ihrer Krankheit, sondern ihres Standes wegen: denn fur Damen von einigem Range ist das Bette das Hoflager die Moosbank- der Hochaltar die Konigpfalz kurz der Furstenstuhl und Sessel. Wie der Philosoph Descartes, der Abt Galiani und der alte Shandy, so konnen sie in diesem Treibhaus am besten denken und arbeiten. Ob sie gleich im Bette lag, so war sie, wie gesagt, doch nicht gesund, sondern von Kopfund Augenschmerzen angefallen. Daher hatte sie von ihrer fortgeschickten Dienerschaft fur heute nichts behalten als eine Kammerfrau, die sie sehr liebte, und die Mucke an der Wand, die sie irrte, und unsern Doktor, der eines von beiden unterliess. Ich hatte eine im offenstehenden Bilderkabinett sesshafte Hofdame gerne mitgezahlet; aber sie sass so stumm und unbeweglich draussen, dass Viktor schwur, sie ist entweder ein Kniestuck oder eine Deutsche oder beides. Es ersparte den verbruhten Augen der Furstin ebensoviel Schmerzen, dass der grune Lichtschirm und die grunen Atlastapeten und die grunen Atlasgardinen im Krankenkabinett ein wogendes blaues Helldunkel zusammengossen, als es gesunden Augen Vergnugen verschaffte. Eine einzige Wachskerze stand auf einem Leuchter, den alle Jahreszeiten einfassten, namlich abgebildete uber welche Sitte der Grossen, die Natur immer nur in Spielmarken, in effigie und durchs Kopierpapier, nie in natura selber zu geniessen, ich hier weder meine Meinung noch die Grunde sagen kann, weil ein ganzes

Extrablatt

vonnoten ware, um nur unter so vielen moglichen Grunden, warum sie uberall auf den Tapeten auf den dessus des portes des trumeaux des cheminees auf den Vasen auf den Leuchtern auf den plats de menage auf den Lichtscher-Untersatzen in ihren Garten auf jedem Quark eine Landschaft, die sie nie betreten, einen Salvator Rosa-Felsen, den sie nie besteigen, gern sitzen sehen... ich sage, weil unter so vielen Grunden, warum sie es tun und der alten Natur dieses jus imaginum einraumen, der wahre nur von einem Extrablattchen auszuklauben ware, indem nur ein solches es weitlauftig entscheiden konnte, ob es davon komme, dass ihnen die Natur, wie einem Liebhaber die Geliebte, bei der ewigen Trennung ihr Bild geschenkt oder davon, dass die Kunstler ihnen, wie den alten Gottern, das gerade am liebsten bringen und opfern, was sie hassen oder dass sie dem Kaiser Konstantin gleichen, der zur namlichen Zeit das wahre Kreuz abschaffte, und die Abbildungen desselben vermehrte und heiligte oder dass sie aus feinerem Gefuhl das dauerhafte, aber musivische Gemalde der Natur, in welchem ganze Bergrucken die musivischen Steinchen sind, den zartem, aber kleinern Vexierbildern der Kunstler nachsetzen mussten oder dass sie Leuten glichen (wenns solche gabe), die auf den Theatervorhang sich die ganze Oper mit allen Dekorationen abmalen liessen, um sich das Aufziehen des Vorhanges und das Beschauen der Akte zu ersparen Und doch, wenn das Extrablattchen mitten im Entscheiden ware, wurde jeder aus Hundhunger nach blossen Vorfallen Reissaus nehmen und auf nichts auslaufen als auf die Fortsetzung der Vorfalle und auf

das Ende des Extrablattes.

Die Furstin hatte zwei Verhullungen, wovon er die eine sehr liebte und die andre sehr hasste. Die geliebte war ein Schleier, der fur ihre wunden Augen eine Heilbinde war; ihm aber war einer die Folie und Fassung des weiblichen Gesichts, und er machte sich anheischig, den Satz als Respondent und Prases zugleich zu verteidigen, dass die Tugend nie besser mit Schonheit belohnet werde als in St. Ferieux bei Besancon: denn beim Sittenfeste bekommt dort das beste Madchen einen Schleier zu 6 Livres. Die verhasste Verhullung waren die Handschuhe, gegen die er uberall seinen Fehdehandschuh hinwarf: "Eine Frau"sagt' er im Hannoverischen "wag' es einmal und ziehe gegen mich von Leder, namlich ihre Hand, und verfechte damit ohne Hulfe der Esaushande die Esaushande und sage, man muss sie nicht abziehen als im Bette. Anziehen musste man sie hochstens da, konnt' ich versetzen; aber ich werde aufragen: zu was dienen denn am Ende die schonsten Hande, die ich sehe, wenn sie immer unter den Flugeldecken liegen, als waren wir Manner persische Konige? Und ist es dann zu streng, wenn man Personen, die solche nachgemachte Hande von Leder oder Seide tragen, ins Gesicht sagt, sie glichen der Mediceischen Venus, sogar bis auf die Hande77? Man antworte!"

Uberhaupt ist in diesem dunkeln grunen Kabinett fast alles Agnolas schone romische Schultern ausgenommen zugehullt; sogar zwei Heiligenbilder warens. Denn ein gemaltes Marienbild mit einer wahren metallischen Krone es sollte kein Sinnbild der Regenten mit Vexier-Kopfen unter echten Kronen sein deckten die Zedern der Bette-Federbusche zu; und uber einen sehr hubschen heiligen Sebastian von Tizian aus dem Palast Barbarigo in Venedig kopiert (der Mann sah mit seinen Pfeilen wie ein Stachelschwein aus und hing doch neben ihrem Kopfkissen) hatte sie die Bettgardine weiter vorgezogen, als sein Namenvetter ohne Pfeile kam, der mehr anbetete als angebetet wurde. Viele versicherten mich seitdem, es sei ein Sebastian von van Dyk aus der Dusseldorfer Galerie gewesen; aber weiter unten werd' ich zeigen, warum nicht.

Ausser einem weiblichen Auge, das hinter einem Schleier ruht, gibts nichts Schoneres als eines, das (hier hat der Teufel sechs End-S hintereinander) ihn gerade wegleget. Dem armen Doktor schlug eine solche schone Glut entgegen da er als Okulist verfahren wollte , dass er sogleich als Protomedikus ihres Kopfes verfuhr, um an ihre Hand zu fuhlen und sich dadurch zu retten. Denn wahrend sie den HandschuhKallus von ihrer Hand es waren aber nur halbe Handschuhe mit nackten Fingern oder halbe Flugeldecken, d.h. hemiptera herunterzupfte: so war der Doktor, weil sie darauf hinsehen musste, in der grossten Sicherheit von der Welt, und das griechische Feuer fuhr ganz neben ihm vorbei. Daher ist recht mit Bedacht in die Feuerordnung der Moral ein ganzer, fast zu langer Artikel hineingesetzt, ders jungen Madchen verbietet, mit den Augen frei wie mit blossem Lichte in dem Besuchsaale herumzugehen, weil so viel brennbares Zeug darin steht wir samtlich , sondern sie mussen solche in einen Strickstrumpf oder Nahrahmen oder in ein dickes Buch z.B. in die Hundposttage stecken wie in eine Laterne.

Es ist wahrlich ein Jammer: seit ich und das Publikum im furstlichen Zimmer sind, folgt eine Ausschweifung nach der andern ich meine Sternische.

Der furstliche Puls ging noch etwas erhitzter als dessen seiner, der ihn hier beschreibt. Sie hatte kurz vorher, eh' er kam, einen warmen Verband aus zerbratnen Apfeln von den Augen abgenommen. Sie begehrte einen Zwischenverband, indes man das zubereiten wurde, was der Doktor verordnete. Er konnte aber jetzt in der Nacht, bei diesem Wirrwarr des Helldunkels, in allen vier Kammern seines Gehirns und in den acht kleinern Gehirnen der vierten Gehirnkammer keinen Augendoktor auftreiben als den Doktor v. Rosenstein, welcher darin aufstand und ihm riet, er solle raten, Safranpulver, ein 5tel Kampfer und zerschmolzene Winterapfel auf gezupfte feine Linnen zu streichen. Die Kammerfrau wurde fortgeschickt, die Zubereitung des Rezeptes zu besorgen oder zu befehlen, nachdem sie vorher ein schwarzes Taftband mit dem Apfeln-Uberschlage um zwei der schonsten Augen vorgebunden hatte, die einer angenehmern Binde und Blindheit wurdig waren. Ich bin lebhaft, wenn ich schreibe: der Uberschlag schien aus dem Apfel der Schonheit und das schwarze Band aus aneinander gestossenen Schminkmuschen gemacht zu sein. Der Pater ging auch fort, sobald er die Hoffnung der baldigen Heilung vom Doktor hatte. Fur den Medikus wars aber wahrhaftig jetzt kein Kinderspiel, einem italienischen Rosen- und Madonnengesicht gegenuber zu sitzen noch dazu so nahe, dass er den Atem flustern horen kann, nachdem er ihn vorher wachsen sehen konnte einem Gesicht gegenuber zu halten (mein' ich, war kein Spiel), auf dem Rosen den Lilien eingeimpfet sind wie Abendrote den lichten Mondwolken, und das ein malerischer Schatten, namlich ein schwarzes Ordenband, eine priesterliche Kopfbinde, ein wahrer postillon d'amour, so schon zerteilt und hebt ein zugebundnes Gesicht, das er recht bequem in einem fort anschauen kann, und das sich (in einer malerischen Halbstellung) auf das Kopfkissen und auf die Hand, ihm zugerichtet, stutzt.....

Ich hatte eine Steigerung versuchen und bei Sebastians Seele anfangen sollen, die heute aus ihrer eignen Schwermut, aus ihren Sorgen, aus ihrer durch die Zeuselsche Verleumdung vergrosserten Liebe fur Agnola lauter Schonheitlinien und flussige Tuschen machte, um damit in dessen eignes Gesicht ein so schones neues hineinzumalen, als je eine schone Seele eines auf Leinwand, oder am eignen Kopf, oder an einem fremden erschaffen hat.

Agnola machte wohl diese Bemerkung eher als ich.

Es tat freilich dem Paare schlechten Vorschub, dass es unter nicht vier Augen (denn Agnola war zugehangen), sondern unter zwei Augen war; denn die beiden andern Augen der Hofdame im Kabinett, aus denen Viktor nicht eher klug werden konnte als jetzt, da die furstlichen zu waren und er ohne Fragen durch Blicke und Anlacheln das starre Ding auf dem Sessel drinnen im Kabinett untersuchen konnte, waren wahrhaftig gemalt und der Rumpf dazu, der sie trug.

Es frappierte ihn jetzo, dass er wider alle Hofordnung allein bei der Furstin sein durfte; aber er sagte sich, sie ist eine Italienerin eine Patientin eine kleine schone Phantastin (letztes war sogar aus dem ungewohnlichen Winterneglige und Sizilien-Feuer ersichtlich). Er konnte bisher (und auch heute vor dem Verbande der Augen) den rechten Ton gar nicht bei ihr treffen; denn da sie zu fein war fur eine Deutsche, zu wenig zartlich fur eine Englanderin, zu lebhaft fur eine Spanierin: so hatt' er auf sie freilich geschrieben p. p. p. (passe par Paris, welches auf den uber Paris gelaufnen Briefen steht), er hatt' es, sag' ich, ware sie nicht wieder zu innig-leidenschaftlich gewesen fur eine Pariserin. Daran stiess sichs. Aber da zwei Menschen sich mutiger und freier unterreden, wenn einer oder beide im Finstern sitzen und Agnola sass da : so war Viktor doch heute nicht ganz und gar so einfaltig wie ein Schaf. Noch dazu machte ihn der Kleinodienschrank beherzt, in dem er sie konnt' es nicht sehen, dass er unhoflich herumsah zu seiner Freude unter 20 Uhren keine montre a regulateur ausfand. Sie fragte ihn, ob sie bis zum dritten Feiertage so hergestellt sein werde, dass sie zum Vergnugen des Fursten auf dem Balle etwas beitragen konne. Er bejahete es, ob er gleich wusste, sie truge noch mehr bei, wenn sie wegbliebe, und ob sie gleich dasselbe wusste. Hier dauerte sie ihn, und er wollt' ihr alles offenbaren. Er wollte nicht etwan plump sagen: "In Grosskussewitz liess ich mich vom Teufel breitschlagen, dass ich in die Uhr Ew. Durchlaucht einen Liebesantrag eingeschwarzet"; sondern er wollte im schonsten Seelenergusse mit dem pochenden Busen niederfallen und sagen: "Nicht aus Furcht der Strafe, sondern aus Furcht, dass das Gestandnis meines Fehlers einige Ahnlichkeit mit der Wiederholung desselben erhalte, hab' ichs bisher verborgen, dass ich einmal eine Hochachtung, in der ich nur Ihren Hof, und nicht den Gebieter desselben nachahmen darf, weniger zu stark als zu kuhn ausgedruckt habe; aber die Starke der Gefuhle wird leicht mit der Rechtmassigkeit derselben verwechselt."

Er setzte dieses Niederfallen noch aus, weil er hinter der Gardine einen goldnen Streif wahrnahm, der der Anfang eines Bilderrahmens zu sein schien. Dieses Einfassgewachs musste doch um etwas herumlaufen, um ein Bild, mein' ich und das wollt' er gern wissen.

Der verdammte Hofapotheker samt seiner Verleumdung hatt' es zu verantworten, dass er das wollte; nicht als ob er glaubte, dass Matzens Gesicht umgoldet hinter dem Bette hinge: sondern weil ihm heute allerlei aufgefallen war. Er konnt' es, da ihres Auges Tapetentur und Sprachgitter schwarz verhangen war, recht leicht machen: er durfte nur die linke Hand leis' auf die Bettkante aufstemmen und so, hineingebogen und uber ihr mit gehaltenem Atem schwebend, mit der rechten uber das Bette (es war schmal und er lang) hinubergreifen und die Gardine ein wenig zupfen so wusst' er, was dahinter hing. Ich sag' es noch einmal: ohne den Apotheker war's ihm gar nicht eingefallen. Ein Verleumder macht, dass man wenigstens jede Handlung um ihren Pass befragt man tuts bloss, um den Verleumder recht augenscheinlich zu widerlegen und da oft die unschuldigste keinen Gesundheitpass hat: so schuttelt man den Kopf und sagt: es ist wahre Verleumdung, aber aufpassen will ich denn doch.

Er hatte etlichemal den Versuch gemacht, hinuberzulangen; aber da sie immer zu sprechen und er immer zu antworten hatte, so gings nicht, wenn er nicht seine Annaherung an ihre Ohren verraten wollte. Die Gesprache betrafen den Ball die Gegenwart und Krankheit ihrer Hofdame Klotilde die Stellvertreterin der letzten, Joachime, uber deren Anstellung sich Viktor herzlich kalt ausdruckte; er konnte es bei Agnola niemals uber Hof-Neuigkeiten hinaustreiben; sie schien alles Abstrakte und Metaphysische zu hassen oder zu unkennen; und vollends von Empfindungen mit ihr zu reden was er sonst bei jeder am liebsten tat, und wozu ihm auch des Gemahls seine Anlass und Stoff genug gegeben hatten , kam ihm nicht viel besser vor, als sie gar zu haben.

Als er seine kalte Antwort uber die Erhebung Joachimens gegeben hatte eine Kalte, die mit seiner heutigen schwarmerischen gefuhlvollen Warme fur die Furstin einen schmeichelhaften Abstich machte : so wollt' er in die halbe Takt-Pause darauf, welche Agnola mit Denken ausfullte, die Aufhebung des Vorhangs verlegen. Er stemmte die Hand auf, hielt den Atem auf, zog den Vorhang auf aber der heilige Sebastian war dahinter, den ich schon oben besagt, und der ganz gewiss von Tizian, und nicht von van Dyk war, weil er unserem Viktor so ahnlich sah78, dass es ihm selber glaublich wurde, der Pater habe ihn nach seiner Wachsstatue in St. Lune dazu kopiert. Der Heilige kam ihm noch schlimmer vor als der Evangelist nicht weil er dachte, das Portrat sei sein Namenvetter, sondern weil ihm einfiel, warum die Weiber in Italien zuweilen Heiligenbilder verhangen. Die Ursache kann bekanntlich einen Holzschnitt zu den zehn Geboten Goschen und Unger sollten den Katechismus mit geschmackvollern Schnitten zu den Verboten herausgeben, als die alten sind ausfullen. Auch die Maria uber dem Bette war mit Federbuschen und allem verschleiert.... Zeusel, Zeusel! hattest du nicht verleumdet, diese ganze Lebensbeschreibung liefe (soviel ich voraussehen kann) wohl anders!

Er erhielt sich, durch Anstemmung der Rechten an die Wand, uber der schonen Blinden schwebend, weil ihn eine kleine Weltkugel bei der Zentripetalkraft anfasste und ihn aus seinem Zurucklaufe brachte. Denn weil die Kranke auf der rechten Seite ruhte: so war vom aufgerollten Haar eine Wolke nach der andern uber das Herz und uber den Lilienhugel, welchen Seufzer tragen, hinubergeflossen, und die zum andern Hugel sinkenden Locken hatten dort nicht so viel uberdecken konnen, als sie hier entkleidet hatten. Den Locken sank langsam das Spitzengewebe nach, und die Herzblatten und die reifen Bluten blatterten sich ab von der aufdringenden Apfel-Frucht... Teurer asthetischer Held dieser Posttage, wirst du ein moralischer bleiben, jetzt ungesehen hangend uber diesem wahren globe de compression von Belidor uber dieser zunehmenden Mondkugel, wovon man nie die andere Halfte sieht neben dieser Anhohe, die man wie andre Anhohen um keine Festung dulden sollte und noch dazu an einem Hofe, wo man sonst alles Erhabne durch die Kleiderordnung erdruckt?

Sobald er aus dem Bette und Paulinum ist: will ich mich mit dem Leser weitlauftig uber den ganzen Vorfall entzweien jetzo muss er erst erzahlt werden in einem fort und mit vielem Feuer.

Er war gleichsam in die Luft geheftet- Aber endlich wars Zeit, aus dieser heissen Zone aller Gefuhle und der Stellung zu weichen. Noch dazu erhohte ein neuer Umstand Gefahr und Reiz zugleich. Ein langer Seufzer schien ihren ganzen Busen zu uberladen und aufzuheben und wie ein Zephyr durch einen Lilienflor zu wogen, und der uberbauende Schneehugel schien vom schwellenden Herzen, das unter ihm gluhte, und vom schwellenden Seufzer zu zittern. Die Hand der zugehullten Gottin bewegte sich mechanisch nach dem eingekerkerten Auge, als wollte sie eine Trane hinter dem Bande wegdrucken. Viktor, in Sorge, sie verschiebe die Binde, zieht die Rechte ab von der Wand, und die Linke vom Bette, um, auf den Zehen schwebend, ohne Bestreifen sich aus diesem Zauberhimmel herauszubeugen.

Zu spat! Das Band ist herab von ihren Augen vielleicht war sein Seufzer zu nahe gewesen oder sein Schweigen zu lange.

Und die enthullten Augen finden uber sich einen begeisterten, in Liebe zerronnenen, im Anfange einer Umarmung schwebenden Jungling.... Erstarrt hing er in der versteinerten Lage ihre von Schmerzen entbrannten Augen uberquollen schnell vom mildern Lichte der Liebe sie sagte heiss und leise: "comment?"Und gelahmt zur Entschuldigung, bebend, sinkend, gluhend, sterbend fallt er auf die heissen Lippen nieder und auf den schlagenden Busen. Er schloss seine Augen vor Entzuckung und vor Besturzung zu, und blind und liebestrunken und kuhn und bange wuchs er mit seinen trinkenden Lippen an ihre an.... als plotzlich in sein auf jeden kommenden Laut gespanntes Ohr der Nachtwachter-Ausruf der zwolften Stunde fuhr und als Agnola wie mit einer fremden hereindringenden Hand ihn abstemmte, um eine blutige Hemdnadel wegzuwerfen

Wie ein Weltgericht in Nachtwolken schmetterte des Wachters einfache Ermahnung, an den Tod und an die zwolfte Geisterstunde dieses Mitternachtlebens zu denken, in seine Ohren, vor denen die Blutstrome des Herzens voruberbrausten Der Ruf auf der Gasse schien von Emanuel zu kommen und zu sagen: "Horion! Beflecke deine Seele nicht und falle nicht ab von deinem Emanuel und von dir! Schau an die Leinwand uber ihrem kranken Auge, als verhullte es der Tod und sinke nicht!"

"Ich sinke nicht!" sagte sein ganzes Herz: er wand sich mit ehrerbietigem Schonen aus den pulsierenden Armen und fiel, erstarrend vor der Moglichkeit einer Nachahmung des elenden Matthieu, den er so verachtet hatte, ausserhalb des Bettes an ihrer hinausgenommenen Hand mit vorstromenden Tranen nieder und sagte:

"Vergeben Sie dem Jungling seinem uberwaltigten Herzen seinen geblendeten Augen ich verdiene alle Strafen, jede ist mir eine Vergebung aber ich habe niemand vergessen als mich." "Mais c'est moi que j'oublie en Vous pardonnant"79, sagte sie mit einem zweideutigen Auge, und er stand auf und suchte sich, da ihm ihre Antwort die Wahl zwischen der angenehmsten und der demutigsten Auslegung anbot, gern selber mit der letzten heim Agnolas Auge blitzte vor Liebe dann vor Zorn dann vor Liebe dann schloss sie es er trat in die ehrerbietigste Entfernung zuruck sie offnete es wieder und kehrte ihr Gesicht kalt gegen die Wand und gab durch einen geheimen Druck an die Wand, der, glaub' ich, eine eigene Klingel im Zimmer der Kammerfrau regierte, der letzten den Befehl zu eilen und in einigen Minuten kam diese mit der Augen-Gurt. Naturlicherweise spielte man (wie im Leben des Menschen) den funften Akt so hinaus, als ware der dritte und vierte gar nicht dagewesen. Dann zog er hoflich ab.

So! Nun fangen ich und der Leser daruber zu fechten an, und Viktor daruber zu denken. Recht war seine Umarmung nicht seine Entdeckreise nach der Wand und seine Gemaldeausstellung waren es auch nicht , aber klug war sie; denn er konnte doch wahrlich nicht zuruckpurzeln und sagen: "Ich dachte, Matz hange hinter dem Bette." Darauf antworten mir freilich Leute von Erfahrung: "Wir sind hier nicht daruber mit ihm unzufrieden, dass er die Klugheit der Tugend vorzog, sondern daruber vielmehr, dass ers nach dem Kusse nicht wieder so machte Dieser Kuss ist ein zu kleiner Fehler, als dass ihn Agnola vergeben konnte." Ich merke, diese Leute von Erfahrung sind Anhanger von der Sekte, welche in meinem Buche die Furstin wegen so vieler halben Beweise unter diejenigen Weiber rechnet, die, zu stolz und zu hart fur die Liebe des Herzens, die Liebe der Sinne nur fluchtig mit der Liebe zum Herrschen abwechseln lassen, und die es nur tun, um aus Amors Binde ein Leitseil, aus seinen Pfeilen Sporen und Steigeisen zu machen. Es sind mir auch die halben Beweise recht gut bekannt, womit sich diese Sekte deckt die Bigotterie der Furstin ihr Beichtabend ihre bisherige Aufmerksamkeit fur meinen Helden das Verdecken der gemalten Marie und das Enthullen der lebendigern und alle Umstande meiner Erzahlung. Aber ich kann so etwas von einer Freundin Klotildens (diese musste sich denn gerade deswegen von ihr geschieden oder aus Seelengute diese nur dem mannlichen Geschlechte gewohnlichern Eilboten des Temperaments gar nicht begriffen haben) unmoglich eher denken, als bis mich in der Folge offenbare Spuren eines mehr erbitterten als gekrankten Weibes dazu notigen.

Ich komme von meinem Versprechen ganz ab, einiges naher zu legen, was gewiss bei Unparteiischen meinen Helden daruber, wo nicht rechtfertigt, doch entschuldigt, dass er nach dem Kusse sozusagen wieder tugendhaft wurde, und nicht des leibhaften Teufels lebendig. Ich stelle keck unter die Milderunggrunde seine Unbekanntschaft mit solchen Weibern, die, gleich den Spartern, mutig nicht nach der Zahl der Feinde ihrer Tugend fragen, sondern nach dem Orte derselben; er war wohl oft bei ihnen und in ihrem Lager, aber seine Tugend hinderte sie, ihm die ihrige zu zeigen. Nicht so viel wie durch jenes wird er durch die Einwirkung des Nachtwachters und durch das Erinnern an den Tod entschuldigt; denn dieses muss selber entschuldigt werden; es ist aber auch nur gar zu gewiss, dass gewisse Menschen, die zu Philosophen oder auch zu Dichtern organisiert sind, gerade dann, und zwar allemal, statt ihres Zustandes allgemeine Ideen beschauen, wo es andere gar nicht konnen und wo sie nichts sind als Ich, namlich in den grossten Gefahren, in den grossten Leiden, in den grossten Freuden.

Ein Billiger schiebt alles auf den Apotheker, der Viktors moralischer und mechanischer Bettzopf oder Bettaufhelfer war; denn da der ihm den edlen Matz in einer ahnlichen Lage (aber ohne Bettzopf) vorgemalet hatte: so wurde der Abscheu, welchen Viktor einige Tage vorher gegen des Evangelisten Betragen empfunden hatte, in ihm zum lahmenden Unvermogen, einige Tage darauf im geringsten es zu kopieren. O wenn wir doch jede Sunde, zu der wir oder andre uns versuchen, ein paar Tage vorher von einem wahren Schuft begehen sahen, den wir anspeien! Konnten wir dann dem Schufte nacheifern?

Endlich braucht man nur zu Viktor in den Erker, wo er jetzo sitzt in einem sonderbaren Barometerstande, hinzusehen, wenn man den vorigen beurteilen will. Sein jetziger ist namlich eine Mischung von Leerheit, Unzufriedenheit (mit sich und jedem), von grosserer Liebe gegen Agnola, von Rechtfertigungen dieser Agnola, und doch von einem Unvermogen, sie sich als eine nahe Freundin Klotildens zu denken.

Mich wird das wenige, was ich in der Eile zusammengetragen, niemals reuen, wenn ich dadurch einige gluckliche Winke gegeben hatte, wie gut meinen Held bei seinem Betragen nach dem Kusse, das strengen Leuten von Welt auffallen muss, eine unangenehme Vereinigung von moralischen Zwingmitteln vorschutzen konne, und wenn es mir also gegluckt ware, ihm die Hochachtung, um die er sich brachte, weil er den fur seinen Finger zu weiten Furstenring nicht mit dem langen Seidenfaden der Liebe uberwickelte zum Anpassen, am Ende des 27sten Kapitels wieder zu geben....

28. Hundposttag

Osterfest

Einen Hundtag, der so lang und wichtig ist wie der 28ste, darf man schon in drei Feiertage zerfallen.

Erster Osterfeiertag

Ankunft im Pfarrhause Klub der Drillinge Karpfe Am ersten Ostertage schlich Sebastian, voll Schneewolken wie der Himmel uber ihm, aus dem Totenhaus der Tugend, aus den Wirtschaftsgebauden der Leidenschaften, ich meine aus der Residenzstadt-aber erst gegen Abend, um heute mit seinem von einem halbjahrigen Gewitterregen bodenlos gewordnen Herzen keinem Freunde lange zur Last zu sein. Auf dem Berge, hinter welchem Flachsenfingen wie durch einen Erdfall einsinkt, kehrt' er sich um gegen die dunkle Stadt und liess vor seiner Seele wie einen Abendnebel die Erinnerung voruberziehen, wie er vor drei Vierteljahren im Abendglanze des Sommers und der Hoffnung so frohlich uber diese Hauser geblickt habe ich beschrieb es langst , und er verglich seine damaligen Aussichten mit seiner heutigen Wuste; er sagte endlich: "Sage dirs nur geradezu, was du hast und willst du hast namlich nichts mehr, kein geliebtes und liebendes Herz in der ganzen Stadt aber du willst noch einmal nach St. Lune marschieren und ganz verarmt vom blassen Engel, den dein ausgestohlnes Herz nicht vergessen kann, den zweiten Abschied nehmen, wie du der Sonne nachsteigst und sie, wenn du ihren Untergang aus einem Tale gesehen, noch einmal auf einem Berge sinken siehest."...

Funf halbe Sabbaterwege vom Dorfe erblickte er den Hofkaplan, von einem Katechumenen (sowohl des Schneiderhandwerks als des Christentums) gejagt. Vergeblich suchte er und der junge Schneider den vorausgehetzten Seelenhirten zu erlaufen. Der Hirt stand nicht eher fest, als bis der Junge in sein Haus hinein war. Ein Hundertundzwanzigpfunder (das ist mein physisches Gewicht) bekommt nicht mehr asthetisches, wenn er die unbedeutende Ursache des unbedeutenden Rennens so lange bei sich behalt und es nicht eher sagt als jetzo, dass der Kaplan durchaus niemand hinter sich gehen horen konnte, weil er besorgte, der Mensch erschmeiss' ihn von hinten. Nun wollte der Lehrbursche in die Fussstapfen seines geistlichen Meisters treten und ihm nachkommen je arger der Meister ins Freie setzte, um jenen zuruckzulassen, desto weiter sprang der Schuler vor, ihn zu ertappen das war der ganze Bettel; aber so jagen Menschen Menschen.

Viktor lief mit aufgeflognen Armen an hangende, die der Eigner in der Angst nicht erheben konnte. Aber im Pfarrhause legten sich zwei warmere um seinen ausgefrornen Busen, die seiner Landsmannin; und die Pfarrerin trubte seine und ihre Aufersteh-Freude nicht mit einer einzigen Klage uber seine bisherige Entfernung er erwiderte diese freundschaftliche Feinheit, die dem andern unnutze Entschuldigungen erliess, mit doppelter Warme und mit einem dich bandigen Klaglibell gegen seine eigne Narrheiten. Sie fuhrte ihn eine Treppe im freudigen, heute mit lauter erleuchteten Stockwerken durchbrochnen Pfarrhause hinauf an ihres lieben Sohnes Brust und vor die Augen der drei verwandten Sohne aus einem Vaterland, vor die Drillinge....

O ihr vier Menschen eines Herzens, druckt meines verlassenen Viktors seines an eurem warm und macht den Guten froh, nur auf einen Abend.... Ich bins wahrlich selber, seit dem Pascha-Ausgange aus dem flachsenfingischen Agypten. Ich will daher das 28ste Kapitel so lang machen, wie das Baddorf selber ist. Meinem Werke wird dadurch Gewicht erteilt bei wahren Kunstrichtern aber auch bei Postmeistern, die von mir, wenn ichs in die Verlagshandlung absende, furs Wagen etwas Erhebliches ziehen... Soll aber ein Autor so schabicht sein und seine Empfindungen, bloss weil sie ein Postsekretar mehr nach seiner eignen abwiegt als nach der Posttaxe, des Portos wegen abkurzen? Und muntert mich nicht die Kur-, die Fursten- und die Stadte-Bank in Regensburg zum Gegenteil auf, zu verlangerten Empfindungen, indem besagte Banke mir durch einen Reichsabschied zwei Drittel Postgeld fur Drucksachen erlassen, um die Gelehrsamkeit, hoffen sie, in Gang zu bringen und die Empfindsamkeit?

Der edle Evangelist war zwar auch mit droben er und Joachime hatten die Hofdame hoflich zu den Eltern begleitet , aber hier auf dem Lande, wo weniger moralisches Unkraut steht als in Stadten (so wie weniger botanisches in Feldern als in Garten) und wo man Freuden ohne maitres de deplaisirs geniesset, hier, wo in Viktor die Liebe des Vaterlandes die Sehnsucht nach jeder andern stillte, konnte niemand unglucklich sein als der, ders verdiente. Matz verschwand da wie eine Krote unter Tulpen. Viktor hatte die Briten geliebt, auch ohne die vaterlandische Blutverwandtschaft und hatte die Hollander gelastert, auch mit derselben; daher schreibt sich seine unbesonnene Rede, diese Volker malten sich in ihren Tabakpfeifen, indem die englischen aufgerichtete Kopfe hatten und die belgischen hangende.

Alle drei waren von der Oppositionpartei und verloren ihr kaltes Blut uber das eiskalte von Pitt. Der Korrespondent der Hundtage schreibt mir nicht, warum obs war, weil sie vom Minister beleidigt wurden oder ob sie am furchterlichen Weltgerichte und der Totenauferstehung in Frankreich, wo die Sonne uber Phonix-Asche und Krokodileneier zugleich brutet, nahern Anteil nahmen oder weswegen sonst. Er berichtet mir uberhaupt nichts weiter von ihnen als ihre Namen, namlich Kaspar, Melchior und Balthasar, welches die Namen der heiligen drei Konige aus Morgenland waren80.

Der, der sich aus Laune Melchior nannte, verbarg unter einer phlegmatischen Eiskruste eine Gleicherglut und war ein Hekla, der erst seine Eisberge spellt, eh' er Flammen ausschuttet; mit kaltem Auge und schlaffer Stimme und welker Stirne sprach er, einsilbig, vielsinnig, gepresst er sah die Wahrheit nur in einem Brennspiegel, und seine Dinte war eine wegreissende Wasserhose. Der zweite Englander war ein Philosoph und Deutscher auf einmal. Den altern Kato, der zugleich den Mohrenkonig vorstellte, kennt jeder. Es ist mir so lieb, als wenn ichs selber ware, dass gerade mein Held durch eine grossere heitere Besonnenheit der Denkfreiheit von ihnen allen unterschieden war ich meine jenes sokratische helle Auge, das frei uber und durch den Garten der Baume des Erkenntnisses umherblickt und das wahlet wie ein Mensch, anstatt dass andre vom Instinkt irgendeinem Satze, irgendeinem Apfel dieser Baume ausschliessend zugetrieben werden, wie jedes Insekt seiner Frucht. Die moralische Freiheit wirkt so gut auf unsre Meinungen als auf unsre Taten; und trotz der Entscheidgrunde beim Verstande und trotz der Beweggrunde beim Willen wahlt doch der Mensch sowohl sein System als sein Tun.

Daher waren die Drillinge beinahe noch vor dem Abendessen kalt gegen Sebastian geworden im Lieben, bloss weil ers war im Urteilen. Er war heute mit ihnen zum ersten Male in einem Falle, worein er mit Flamin jeden Tag dreimal geriet: gewisse Menschen verschmerzen lieber uneingeschrankten Widerspruch als eingeschrankten Beifall. Die Sache war die:

Matthieu gab durch seine satirischen Ubertreibungen der kleinen Unahnlichkeit zwischen Viktor und ihnen ein immer grosseres Hervortreten. Er sagte (nicht um anzuspielen, sondern um es zu scheinen), die Fursten, von denen die Untertanen wie vom sinesischen Konig die Witterung des Staats erbaten, halfen sich wie jener Rektor, der den Kalender selber verfasste und seinen Schulern (hier den Gunstlingen der Fursten) zuliess, das Wetter dazu zu machen. Auch sagt' er, die Dichter konnten wohl fur die Freiheit singen, aber nicht sprechen, sondern sie machten in furchtsamer Verfassung unter der Larve der Tragodienhelden die Stimme der Helden nach, so wie er einen ahnlichen Spass oft an einem gebratnen Kalbskopfe gesehen, der der ganzen table zu brullen geschienen wie ein lebendes Kalb, indes nichts als ein lebender Laubfrosch darin gesteckt ware, der sich bloss mit seinem Quaken daraus horen lassen. "Aber eine noch grossere Feigheit war's," sagte Viktor, "nicht einmal zu singen; allein ich weiss, die Menschen sind jetzo weder barbarisch noch gebildet genug, um die Dichter zu geniessen und zu befolgen; die Dichter, die Religion, die Leidenschaften und die Weiber sind vier Dinge, die drei Zeiten erleben, wovon wir erst in der mittlern sind, sie zu verachten; die vergangne war, sie zu vergottern, die kunftige ist, sie zu verehren." Die erzurnten Drillinge glaubten besonders, die Religion und die Weiber waren bloss fur den Staat. Viktors republikanische Gesinnungen waren ihnen ohnehin schon wegen seiner aristokratischen Verhaltnisse zweideutig. Da er nun gar dazusetzte: die Staatenfreiheit habe mit den kleinern Abgaben, mit grosserer Sicherheit des Eigentums, mit besserem Wohlleben, kurz mit der Steigerung des sinnlichen Glucks gar nichts zu schaffen, alles dies wohne oft noch reichlicher in Monarchien, und das, wofur man Eigentum und Leben opfere, musse doch etwas Hoheres sein als Eigentum und Leben da er ferner sagte: ein jeder Mensch von Bildung und Tugend lebe in einer republikanischen Regierform trotz den Verhaltnissen seines Leibes, so wie ja Gefangne in Demokratien doch die Rechte der Freiheit geniessen und da er gar nicht sowohl fur den Minister und das Oberhaus als fur das englische Volk der Waffentrager und Kontradiktor wurde, weil die Grundsatze von den ersten beiden von jeher des letzten seine bekriegt und doch nicht bestimmt hatten; weil die jetzige Klage so alt ware wie die (englische) Revolution; weil der Grundriss der letzten nur in einer formlichen Gegenrevolution zerschlitzet werden konnte; weil alle Ungerechtigkeiten nach dem Schein der Gesetze begangen wurden, welches besser ware als eine Gerechtigkeit wider den Schein der Gesetze; und weil das Sprachgitter, das man jetzt um die englische Pressfreiheit81 gemacht, nicht schlimmer sei als die athenischen Verbote, zu philosophieren, sondern besser als die Erlaubnisse der romischen Kaiser, auf sie zu pasquillieren

... Die Englander lieben lange Rocke und Reden. Da er mit "da" anfing: so muss in seinem wie in meinem Perioden "so" darauf kommen....

So wars keinem Teufel recht, und Kato der Altere sagte: "wenn er diese Prinzipien im Oberhause vortruge, so entstunde der grosste Larm daruber, aber aus Beifall, und jeder Horer schriee noch: hear him!" Viktor sagte mit der Bescheidenheit eines Weltmanns: "er sei ein so warmer Republikaner und Altbrite wie sie alle, nur heute sei er zu unfahig, um aus diesen Grundsatzen zu erweisen, dass er ihnen gleiche; vielleicht im nachsten Klub!" "Und der kann" (sagte der Hofkaplan) "an meinem Geburttage gehalten werden, in wenig Wochen." Wenn wirs erleben, ich und die Leser, so wird man uns hoffentlich als Altgevattern mit dazu einladen; wir waren das erstemal (am 6ten Hundposttage) bekanntlich auch dabei.

Mein Held foderte den Menschen (zumal da er sich nicht Muhe gab) zu wenig Achtung ab. Er arbeitete zwar um diesen Arbeitlohn; wenn sie ihm aber nichts gaben: so wusst' er tausend Entschuldigungen fur die Menschen und zog seinen Munzstempel heraus und schlug sich selber eine Ehrenmedaille, indem er dabei schwur: "Ich will verdammt sein, wenn ich mich nicht das nachstemal stolzer auffuhre und minder nachsichtig und uberhaupt ernsthafter, um eine gewisse Ehrfurcht zu erregen." Das nachstemal soll noch kommen. Er vergab daher den Drillingen so schon, dass sie endlich den Menschenfreund mit leidenschaftlichen Armen auf immer an ihre Seele schlossen.

Nach einer solchen Gradualdisputation machte er nichts lieber als etwas recht Tolles, Galantes, Kindisches damals wars ein Weg in die Kuche. Catinat sagte: der nur sei ein Held, qui jouerait une partie de quilles au sortie d'une bataille gagnee ou perdue oder der nach einer gewonnenen Disputation in die Kuche gehen kann. Entweder nichts oder alles ist in diesem Tausch-Leben wichtig, sagt' er. In die Kuche, die nicht so schmutzig war wie ein franzosisches Schlafzimmer, sondern so rein wie ein belgischer Viehstall, war schon ein anderer Festhase und ausserordentlicher Gesandter eingelaufen, der Hofkaplan, der da seinem Berufe oblag. Er musste zusehen, ob sein Karpfen-Vierpfunder aus dem Pastoralteich geburtig und fur den Adoptivsohn Bastian ausdrucklich ausgewintert nicht sowohl recht abgeschuppet (daruber setzt' er mit wenig Philosophie sich hinweg) als recht geschwanzet wurde. Es konnt' ihm doch wahrhaftig nicht gleichgultig sein, sondern als Mensch musst' er den Schmerz zugleich empfinden und bekampfen, wenn ein Karpfe von soviel Pfunden, als ein Sterblicher Gehirn hat, so jammerlich hinausgeschlitzet wird, dass das eine Schwanzquotum nicht kleiner ist wie ein Haarbeutel, und das andre nicht grosser als eine Flossfeder. Und doch ist diese ganze Nominalterrition von geringem Belang gegen eine ganz andere Realterrition (so sehr verschwindet erheblicher Kummer vor grosserem), die den Pfarrer mit der Drohung angstigte, dass man die Gallenblase des Vierpfunders zerdrucke Seine hatte sich der andern sofort nachergossen : "Um Gottes Willen bedachtiger, Appel! vertrbitter' mir den ersten Ostertag nicht", sagt' er. Galle ist nach Boerhaave wahre Seife; daher waschet die satirische die halbe Lesewelt gleissend und rein, und die Leber eines solchen Menschen ist die Seifenkugel eines Weltteils und seiner Kolonien.

Es lief indes herrlich ab. Aber beim Himmel! die Welt sollte nach dem Abdruck dieses Buchs einmal einsehen, dass ein Karpfen von vier Pfund so lange gefuttert im Fischkasten, so geschickt ausgeweidet mehr wiege auf der Fischwaage der Zufriedenheit als die goldnen Fischgraten in rotem Felde des Wappens der Grafen von Windischgratz!

Konnt' er denn lange in der Kuche diesem Witwensitz seiner alten geschiednen Jugend unter so vielen Freundinnen Klotildens, die ihm alle das Niedersinken und Weggehen derselben (im doppelten Sinne) vorklagten, stehen, ohne dass der Honigessig zuruckgewunschter Freuden uber seinen Gaumen lief und die Zuckung des Mitleidens durch sein Herz; ob er heute gleich im zweiten Stockwerk die Disputation uber die Freiheit als ein wahres zerteilendes Mittel, als ein Schusswasser, wenigstens als eine Aderlassbinde uber seine offne Adern ubergeschlagen hatte? Ich fragte, ob er an die Gute lange nicht denken konnte. Aber ich wurde die Antwort gar nicht geben und aus Mitleiden mit dem unschuldigen Viktor es vor soviel uberrindeten Seelen die in ihrer leeren Brusthohle die poetischen Freuden der Liebe gutheissen und doch die poetischen Leiden derselben nicht gar nicht offenbaren, wie oft er jeden Milchzucker des Schicksals mit dem giftigen Bleizucker der Erinnerung versetzte, wenn ich nicht deswegen musste: ...

weil die kleine Julia wiederkam aus dem Schlosse und das Versprechen mitbrachte, morgen komme Tante schon (Klotilde). Dieses versprach also, dass die Ministers-Tochter morgen abfahre. Man verarge den Pfarrleuten die Zudringlichkeit um Klotilden nicht: denn am dritten Feiertag geht sie zum Balle, am Tage darauf nach Maienthal sie hatten ja nur noch morgen und heute....

Die kleine Julia hatte unser Flamin, dem ihr PennyPostamt wohlgefiel, mitgebracht. Ich bin moralisch gewiss, die Kaplanin sah meinem Helden soviel an, als ich von ihm schreibe, und sie liebte ihn so sehr, dass, wenn sie statt des Schicksals hatte dekretieren mussen, sie vor Kummer gestorben ware, eh' sie es uber sich gewonnen hatte, den Sohn auf Kosten des Freundes zu beglucken. So sehr gewann er durch eine schone Vereinigung von Feinheit, Empfindung und Phantasie die schonsten und weichsten Herzen, ich meine die weiblichen.

Diese winzige Julia, der Nachflor der untergegangenen Giulia, band in Viktors Seele Rosen mit Nesseln zusammen; und alle seine heutigen Blumen der Freude hatten ihre Wurzeln in tiefen Tranen, die seine Brust verdeckte. Ihn ruhrte sogar der Kuss von Klotildens Freundin, von Agathen. Er dachte an das Stamitzische Konzert und an ihr Nebeneinandersein und an den Florhut, der den Schmerz von zwei geliebten Augen verhing. Er bat Agathen, sie sollte von Klotilden diesen Hut entlehnen und ihm ein genaues Ebenbild darnach machen, weil ers verschenken wolle. "Wenn sie fort ist" (sagte er zu sich) "nein, aber wenn sie tot ist: dann wein' ich unverhullt und sage allen Menschen frei heraus, dass ich sie geliebet habe." Du Lieber, uber dem Souper ein Pfarrer kann eines geben wird man den Glanz deiner Augen mehr dem sich selber entladenden Witze zuschreiben als dem zuruckgepressten Tranenwasser, und ich konnte dich, wenn ich mitasse, vor Ruhrung nicht ansehen, wenn du unter dem Aufhammern und "Harten" der roten Eier dein uberquellendes Auge starr und halbzugedeckt auf einen roten Eierpol niederzuheften suchtest und schweigend deinen Eier-Giebel dem Fallbocke des Eymannschen Eies unterstelltest, um Zeit zum Siege uber die Stimme und Augenhohle zu gewinnen! Und doch kann ich nicht sehen, was du aus dieser Maske fur einen erheblichen Vorteil dann zu ziehen gedenkst, wenn dir die alte Appel durch die kleine Iris und Expressin Julia sie selber kann sichs nie unterfangen ein geflecktes tatowiertes Ei, ein wahres gekochtes allegorisches Gemalde, zuschickt, und wenn du die mit Scheidewasser darauf eingebeizten Blumenstucke und deinen Namen, mit Vergissmeinnicht umgraset, auf der zerbrechlichen Schale uberliesest; ich sagte, was konnte dir deine vorige Verstellung helfen, wenn du jetzt, um den Gedanken "Vergissmeinnicht" nicht hinauszudenken, eilig hinausgehest und den doppelten Vorwand nimmst, du mussest Apollonien danken und wegen der Ermudung schon zur Ruhe gehen? O danken wirst du wohl, aber ruhen nicht! ...

Zweiter Osterfeiertag

Leichenrede auf sich selber zweierlei

entgegengesetzte Schicksale der Wachsstatue

Der niedergefallene Schneehimmel lag auf der Gegend. Der Schnee machte traurig und erinnerte an das winterliche Nestelknupfen der Natur. Es war der erste April, wo die Natur sozusagen die Jahrzeit selber in den April schickte. Viktor hatte so viel mores langst gelernt, dass man, wenn man bei einem Hofkaplan im Hause ist, auch mit ihm in seine Predigt gehen musse. Auch schritt er in Sakristeien aus demselben Grunde, warum er gern in Schafer-, Jagd- und Vogelhutten kroch. Er fand es nicht ubertrieben, dass der Kaplan (wie er zuletzt selber) sein Ersteigen der Kanzel bloss weil er eine Menge Zurustungen dazu machte dem Ersteigen eines Walles in Hinsicht der Wichtigkeit an die Seite setzte. Ja er disputierte unter dem Hauptliede mit ihm uber die Stolgebuhren eines totgebornen Fotus und tat mit wenigem dar, dass ein Pfarrer von jedem Fotus und war' er funf Nachte alt die gehorigen Begrabnisgebuhren, die filzigen Eltern mochten immerhin fur das Ding keinen Leichensermon bestellen, fodern konnte. Der Kaplan machte einen wichtigen Einwurf; aber Viktor hob ihn durch den wichtigen Vorschlag, dass ein Geistlichesich (weil sonst die besten Fotus unterschlagen wurden) so oft Leichengebuhren von jedem Paare zahlen liesse, als es Taufgelder entrichten konnte. Der Kaplan versetzte: "Es ist dumm, dass die besten Pastoraltheologien uber diesen Punkt so hurtig weg sind wie Schnupftabak."

Bei soviel Laune meines Helden und bei soviel Lustigkeit meines Pfarrers der an jedem heiligen Abend keifte und urteilte wie ein Revolutionstribunal, und der sich an jedem ersten Feiertag milderte, bis er am dritten gar ein Engel wurde sollte sich die Welt etwas anders versprechen, als was doch kommt: dass namlich Viktor aus jeder Stunde des kommenden Abends, welcher Klotilden zum vorletzten Male in seine Gesellschaft brachte, ein vorragendes Opfermesser blinken sah, in das er seinen wunden Busen drukken muss. Sie war auf heute gleichsam zu einem Valet- Abendmahl geladen die Drillinge ohnehin.

Endlich kam sie abends am Arme des verkannten Matthieu. Wenn Ruska behauptet, dass die Zahl von 44435556 Teufeln, die nach der Behauptung des Guliermus Parisiensis um eine sterbende Abtissin flankieren, viel zu schwach angegeben sei82: so kann man leicht denken, wieviel Teufel um eine lebende, um eine bluhende schwadronieren mogen; ich meines Ortes nehme um eine Schone so viele Teufel an, als es Mannspersonen gibt.

Als Klotilde erschien mit dem ins Abbluhen hineinlachelnden Angesicht, mit der erschopften Lautenstimme, die der Schmerz als eine eigne FortepianosVeranderung durch den Drucker aus uns bringt aber ists nicht mit den Menschen wie mit den Orgeln, deren Menschenstimme am schonsten mit dem Tremulanten geht? als sie so erschien: so hatte ihr schonster Freund die Wahl, entweder vor ihr niederzusinken mit den Worten: "Lass mich fruher sterben", oder recht scherzhaft heute zu sein.

Das letzte wahlt' er (ausgenommen gegen sie), um seine Traume zu ubertauben. Daher warf er mit Historien und gesunden Anmerkungen um sich Daher schenkte er in die Reichsoperationskasse gegen die Empfindsamkeit auch diese Satire mit, dass sie die Marz- oder Nassgalle am menschlichen Acker sei, d.h. eine immer nassbleibende Stelle, auf der alles verfault. Als das nichts verfing: trat er mit ganzen Staaten in Allianz und versprach sich, es wurde helfen, wenn er von ihnen anmerkte, dass die Gipfel derselben wie Waldbaume ineinander verwachsen waren, und dass es nichts wirkte, unten einen durchzusagen dass die Gleichheit der Reiche die Gleichheit der Stande ersetzte oder vorbereitete und dass das Schiesspulver, das bisher Heftpulver der Machte war, die wasserscheuen Wunden des Menschengeschlechts endlich ausbrennen und heilen werde. Endlich als er offenbar merkte, dass es ihm geringen Vorschub tat, da er vermutete, Europa werde einmal zum Nordindien werden und derselbe Norden, der einmal das Brech- und Bauzeug der Erde war, werd' es noch einmal sein, aber der Norden auf der andern Halbkugel: so schlug er bei seinem chymischen Prozesse den nassen Weg ein und nahm (wie ein Gesandschaftsekretar) statt der Politik Punsch vor.

Aber nur Sorgen, nicht Wehmut oder Liebe lassen sich vertrinken. Die in Nervengeist aufgelosten andern Geister ziehen sich mit einem magisch-schimmernden Zirkel um jede Idee, um jede Empfindung, die du darin hast, wie in Brauhausern die Lichter wegen des Dunstes in einem farbigen Kreise brennen. Das Glas mit seinem heissen Nebel ist ein papinischer Topf sogar des dichtesten Herzens und zersetzt die ganze Seele; der Trunk macht jeden zugleich weicher und kuhner. Ein weiches Herz war von jeher neben einer tapfern geharteten Faust. Da es noch fortschneiete: so bot er Klotilden auf morgen seinen Muschel-Schlitten und sich (da er ohnehin zum Balle geladen war) zum fahrenden Ritter an wodurch er den Evangelisten notigte, sich als Schlitten-Gondelierer der Stiefmutter anzutragen.

Klotilde entfernte sich jetzt von der mannlichen lustigen Gesellschaft ins Nebenzimmer, wo ihre Agathe und alles war es geschah nicht aus Missbilligung der anstandigen mannlichen Frohlichkeit noch weniger aus Verlegenheit, da es uberhaupt ihrem Geschlechte leichter ist und leichter gemacht wird, sich unter vierzig Augen unbefangen zu benehmen als unter vier noch weniger aus Unvermogen der Verstellung ihrer Schwesterliebe gegen Flamin; denn ihre fliegende Seele hatte langst die Flugel zusammenzulegen, die Tranen und Wunsche zu verhullen gelernt, unter Fremden erwachsen, in schwierigen Verhaltnissen und unter uneinigen Eltern erzogen sie tat es bloss, wie die Pfarrerin, weil es britische Sitte ist, dass sich die Damen von Mannern und ihrem Punsch-Weihkessel wegbegeben.

Da sie aus Viktors Augen war und da er aus ihrem jetzigen noch bleichern Aussehen den Schluss zog, dass ihr das Tal Emanuels schwerlich die Lenzfarben wiedergeben werde, weil die Aussicht der Abreise nichts geheilet habe; und da ihm diese kleine Abwesenheit gleichsam in einem Taschenspiegel die Totenerscheinung einer ewigen vorhielt und da das schwellende Herz doch endlich den Damm der Verstellung uberwaltigt : so eilte er in den Winter hinaus deckte die entzundete Brust den kuhlenden Flocken auf und riss den Spalt weiter, in den das Schicksal seine Schmerzen impfte und lief durch die weisse Nacht auf den Wartturm hinauf; und hier, ubergossen von der still aus dem Himmel steigenden Schneelawine, sah er in die graue, wuhlende, zitternde, flackernde Landschaft hinaus und in die weite, von Schnee durchbrochne Nacht und alle Tranen seines Herzens fielen, und alle Gedanken seiner Seele riefen: "So sieht die Zukunft aus! So schimmernd sinken die Freuden des Menschen vom Himmel und zerfliessen schon unter dem Sinken! So rinnt alles dahin! Ach welche Luftschlosser sah ich von dieser Hohe um mich glanzen, und Abendrot glimmte an ihnen! Ach alle sind unter Schnee verschuttet und unter Nacht!" Er sah in den Garten Klotildens hinab, in dessen finstern, vom Schnee uberflatterten Lauben er das Eden seines Herzens gefunden und wieder verloren hatte. "Die Tone, die uber diesen Garten flossen, sind versiegt, aber nicht die Tranen, die ihnen nachrinnen", dacht' er. Er sah in den Garten ihres Bruders hinab, wo das Tulpen-K zerblattert und die grunenden Namen vergangen und verhullet waren.

Mit dieser Seele, die in diese Gegend wie in das Gebeinhaus verweseter Tage hineingeschauet hatte, kehrte er zum freudigen Klube zuruck. Der Wechsel mit Kalte und Warme hatte seine Ahnlichkeit mit dem Punschverein fortgesetzt, der unterdessen fortgetrunken. Alle und er betraten die Grenze des Trunkes, wo man in einem Atem lacht und weint; aber es freuet mich, dass der Mensch doch wahre Nahrung des Geistes und Herzens (wenngleich aus keiner Klosterkuche oder Klosterbibliothek, doch) aus einem Klosterkeller ziehen kann; dass er die Gesundheit seines Witzes trinkt; dass ihn ein jeder Kelch (nicht bloss auf dem Altar) geistlich starkt, und dass er, wenn die Schlangen ihre Kronen beim Trinken abnehmen, seine darunter aufsetzt und dass die Weinrebe Tranen nicht bloss selber oder aus den Augen eines katholischen Marienbildes vergiesset, sondern auch aus denen eines Mannes, der von ihr getrunken. Der Klub fiel darauf, Parlamentreden zu halten. Der Kaplan schlug Kasualreden vor. Viktor sprang auf einen Stuhl und sagte: "Ich halte den Leichensermon auf mich selber ich habe hier schon in meiner Kindheit gepredigt."

Alle tranken noch einmal, selber die Leiche, und diese perorierte dann so:

"Geliebteste und traurigste Zuhorer und Mitbruder!

Ein Mensch, tiefgebeugte Zuhorer, kann in die zweite Welt hinabsinken, ohne dass ein Trauerpferd nachspringt, so wie er in diese einlauft, ohne dass ein Paradegaul vorantrabt. Wir unsers Orts haben samtlich den Leichentrunk voraus eingenommen, um alles auszuhalten; denn im Nassen dehnt sich der Mensch aus, und im Trocknen dorret er ein, ich meine durch feste Speisen, gleich dem Blutigel, der ausser dem Wasser vier Zoll kurzer ausfallt. Und ich hoffe, ich und das tiefgebeugte Trauergefolge haben dem Hochseligen zu Ehren getoastet genug.

Und so seh' ich ihn denn vor mir"...

Hier winkte er dem Pfarrer, seine Schlafmutze hinzuwerfen, damit etwas Totes dalage, an das sich sein Affekt wenden konnte

"... vor mir da liegen den unvergesslichen Herrn Hofmedikus Sebastian Viktor von Horion, und gestorben ist er und will hinab unter das Erde-Zudeck, in die Statte voll langer Ruhe. Was sehen wir noch vor uns ruhen als die Taucherglocke, worin die bedeckte Seele in dieses Dunstleben hereinsank als die trockne Schale eines Kerns, der erst in einem zweiten Planeten gesate wird als seine Hulle, als, sozusagen, die weggeworfne Schlafmutze seines erwachten Geistes?

Besehet, weinende Zuhorer, diese figurliche blasse Mutze! Hier liegt sie, der Kopf ist heraus, der darin sann unser Viktor ist dahin und schweigt, der so oft sprach von Mathematik, Klinik, Heraldik, Kautelarjurisprudenz, medicina forensis, Sphragistik und ihren Hulfwissenschaften. Wir haben viel an ihm verloren wer trostet Sie, vortrefflicher Herr v. Schleunes, uber diese Einbusse, und so die andern Herren auch? Man hat aber in diesem narrischen Leben, das wohl eine Art von Vor-Tod sein mag, gar nicht so viel Zeit, um ordentlich zu trosten. Nicht bloss Kirchenstuhle sind oft auf Leichensteine gebauet, sondern auch Furstenstuhle die vollends und selber Kanzeln.

Sollte wohl deine Seele, hochseliger Sebastian, in ihrem mittlern Zustande nach dem Tode etwas von ihrem Korper wissen, aus dem sie wie aus ihrem HutFutteral ausgepackt ist, und von der letzten Ehre, die wir hier ihrer Kapsel antun? Falls sie noch Bewusstsein hat und noch ein Auge fur diese Stube, worin sie so oft war: so wird es sie freuen, dass die heiligen drei Konige, wovon der Mohr der Kato der Altere ist, um ihren abgezognen Madensack herumstehen und den Sack kaum fahren lassen wollen; es muss ihr gefallen, dass wir samtlich klagen: wo ist seinesgleichen in der gemeinen Chemie in der Physiognomik und Physiognomie in den neuern Sprachen in der Banderlehre, aus der er eine Liebe fur alle Arten von Bandern schopfte? Wer suchte weniger als er strengen Zusammenhang der Gedanken, der den Deutschen verleitet, gute durch schlechte zu verkitten und mehr Mortel als Quader zu brauchen? Nicht einmal der Hof daher er nicht gern hinging, wenn dort Spass vorfiel brachte ihn von einem gewissen ernsthaften gesetzten Wesen ab, das er bis zu einem lacherlichen trieb, auf welches letzte er allezeit aus war. Beim Himmel! durch das Stundenglas des Todes, durch das er wie durch ein Taschenperspektiv guckte, brach ihm alles so klein hervor, dass er nicht wusste, weswegen er ernsthaft sein sollte ich will nicht gesund dastehen, wenn ihm nicht im besagten Glase alle Stufen zum Throne so winzig vorkamen wie die daumenlange Holztreppe des Laubfrosches in seinem Einmachglase.

Er war ein recht guter Prediger, besonders ein Leichenredner, daher ihn auch ein recht guter Prediger zu Gevatter bat, und das Patchen steht mit da und weint seines Orts uber Leibschmerzen.... Nur grosse Hofprediger, die in der Hauptkirche die furstliche Leichenpredigt halten, konnen sich dessen ruhmen, was ich zu meinem grossten Vergnugen jetzo hore, dass das Leichengefolge lacht, und das ist mir ein Pfand, dass ich troste....

Und doch hat einer, der auf dem Totenbette liegt, mehr Trost als einer, der nur neben dem Bettfuss steht. Das Souterrain der Erdrinde bewohnen lauter stille ruhende Menschen, die voreinander zusammenrucken; aber auf dem Souterrain stehen ihre unruhigen Freunde und wollen hinunter in die geliebten Arme aus Staub; denn die Leinwand auf dem Toten-Auge ist ja ein Fallhut der erkalteten Stirn, der Sarg ist der Fallschirm des Unglucklichen, und das Leichentuch der letzte Verband der weitesten Wunden ach warum fallt der mude Mensch lieber in den kurzen als in den langen ungestorten sichern Schlaf? So nimm denn, guter Sebastian, den Totenschein als ein ewiges Friedensinstrument aus der Hand der sanften Natur...

Aber beim Henker! wo haben wir denn den Toten? was soll die weisse Mutze da unten? Ich sehe die Leiche im Spiegel gegenuber sie muss wo stehen ich muss sie holen."

Mit einem Schauer seines Ich sprang er herab ein erhabner Wahnsinn ging in den Stufen der Wehrnut, des Lachelns, des Erstarrens sein Angesicht auf und ab. Er lief hinter eine spanische Wand, die vor seine Statue aus Wachs gestellet war und trug den wachsernen Menschen heraus und warf ihn hin wie einen Leichnam und ein Schleier war uber den Leichnam gewickelt und er stieg verzerret auf den Stuhl, um fortzufahren:

"Das ist die Nachtleiche der verschlackte, der verkohlte Mensch in solche starre Klumpen sind die Ich geklebt und mussen sie walzen Warum bebet ihr uber mich, Zuhorer, weil ich bebe, dass ich dieses umgeworfene Menschenbild so starr anblicke? Ich seh' ein Gespenst um diesen Leichnam schweben, das ein Ich ist.... Ich! Ich! du Abgrund, der im Spiegel des Gedankens tief ins Dunkle zurucklauft Ich! du Spiegel im Spiegel du Schauder im Schauder! Ziehet den Schleier vom Leichnam weg! Ich will den Toten keck anschauen, bis es mich zerstort.". . .

Jeder schauderte nach; aber ein Englander zog den Totenschleier weg Starr, sprachlos, ergriffen, erbebend sah Viktor auf das enthullte Gesicht, das auch lebendig um seine Seele hing; aber endlich ergossen sich Tranen uber seine kalten Wangen, und er sprach leiser, wie wenn sich sein Herz aufloste:

"Seht, wie der Leichnam lachelt! Warum lachelst du denn so, Sebastian? Warst du etwan so glucklich auf der Erde, dass dein Mund in einer Entzuckung erkaltete? ... Nein, glucklich warst du wohl nicht die Freude selber war oft fur dich ein Samengehause des Schmerzes Und du sagtest selber recht oft: ich bin schon zufrieden, und ich verdiene kaum meine Hoffnungen und Wunsche, geschweige ihre Erfullung.

Flamin! schaue dieses umgelegte Gesicht hier an es lachelt aus Freundschaft, nicht aus Freude Flamin, diese erloschene Brust war uber ein Herz gewolbt, das dich ohne Grenzen liebte und bis in den Tod.

Und das ist im ganzen das einzige Ungluck des armen Seligen. An und fur sich und seiner originellen Lage und Laune wegen hatte der gute Bastian schon gut genug fahren konnen; aber er war zu weich zur Freude zu unbesonnen zu heiss fast zu phantastisch. Er wollte gar lieben (bei seinen Lebzeiten), und es war nicht zu tun. Die Blumengottin der Liebe ging vor ihm vorbei, sie versagte ihm die Verklarung des Menschen, das Melodrama des Herzens, das goldne Zeitalter des Lebens.... Kalte Gestalt, richte dich auf und zeige den Menschen die Tranen, die aus einem weichen Herzen fliessen, das vor Liebe bricht und keine findet! ...

Wenn unser Horion nicht glucklich war: so mag es ihm freilich gar wohl tun, wenn er schon am Mittage des Lebens seine Mittagruhe halten darf, wenn er sterben und, losgemacht vom heisspochenden Herzen, gestillt vom Todesengel, sich so fruhe legen darf unter das lange Leichentuch, das der Menschen-Genius uber ganze Volker, wie der Gartner das Verdeck uber den Blumenflor, gegen Regen und Sonne zieht gegen die Glut unsrer Freuden, gegen den Guss unsers Wehs.... Ruhe du auch, Horion!"...

Seine Wehmut bei diesen Worten aus dem alten Traume war so ubermannend, dass er aus ihr zur Entschuldigung oder zur Erholung in eine fast wahnsinnige Laune ubertrat.

"Inzwischen ist der samtliche Spass halb gegen meinen Geschmack, den ich am Hofe ausbilden wollte. Das Leben verlohnets gar nicht, dass man seinetwegen den guten Tod auszankt oder berauchert und erhebt. Die Furcht zu sterben ausgenommen, gibts nichts Jammerlicheres als die Furcht zu leben. Leute von wahren Talenten sollten sich betrinken, um das Leben aus dem rechten Licht zu sehen und es uns nachher zu melden. Am allerelendesten aber (so dass das menschliche Leben dagegen noch passabel ausfallt) ist das burgerliche, auf das ich jahrelang losziehen konnte, bloss weil es nichts hat als lange Troge fur den Magen, aus denen die Ketten fur die Phantasie herabhangen weils den Menschen um Kleinstadter umsetzt weils unser fliehendes Dasein aus einem Fruchtacker zur Saemaschine macht weils einen fatalen Dunst ausdampft, der sich dick vor das Grab und uber den Himmel ansetzt, und in dem sich der arme Expeditionrat von Mensch schwitzend, kauend, feist, beschmieret, ohne einen warmen Sonnenstrahl fur sein Herz, ohne ein Streiflicht fur sein Auge herumtreibt, bis ihn der Fall-Bock des Pflastererst83 auf den morastigen Drehplatz einrammt. Den einzigen Nutzen hat so ein armer Marmorstein, aus dem ein Pflaster statt einer Statue gemacht wird, dass er das ganze Menschenleben fur etwas recht Erhebliches ansieht, das er nicht genug preisen konne. Inzwischen konnte doch auch uns guten Narren das Aussere nicht so klein vorkommen, wenn nicht etwas ewiges Grosses in uns ware, womit wirs zusammenhalten wenn nicht ein Sonnenlicht in uns ware, das in dieses Opertheater so hineinfallt, wie das Taglicht zuweilen, wenn eine Ture aufgeht, in die nachtlichte Schaubuhne wenn wir nicht, wie Menschen in alten Auferstehgemalden, halb in der Erde steckten, halb aber ausser ihr und wenn dieses Eisleben keine Aiguille percee84 ware und keine Offnung in ein ewiges Blau hinaus hatte .... Amen!

Ich hab' aber der leidtragenden Versammlung noch zu melden, dass ich sie in den ersten April geschickt; denn der Tote, dessen Leichenrede ich halte, bin ich wirklich selber."...

Aber hier umarmten ihn alle seine Freunde, um seinem geistvollen Wahnsinne Schranken zu setzen und um ein so heftiges echt-britisches Herz an ihres zu drucken. Die Umarmung erwarmte alle seine kalten Wunden sanft, und er war geheilt, obwohl erschopft; das fremde Leben wuchs in seines hinein, und die Liebe uberwand den Tod. Die Englander, in deren Augen die Tranen einer doppelten Trunkenheit waren, konnten sich kaum abreissen vom humoristischen Liebling.

Klotilde, die mit ihren Freundinnen der Leichenrede im Nebenzimmer zuhorte, hielt sie anfangs bittend ab, dieses aufzumachen. Aber als Viktor sagte: "Kalte Gestalt, richte dich auf und zeige den Menschen die Tranen, die aus einem weichen Herzen fliessen, das vor Liebe bricht" so nahm sie eilend von ihnen gute Nacht, weil sie uber eine ihr ganzes Wesen hebende Ruhrung nicht Meister werden konnte. Da man ihm die Zeit ihrer Entfernung berichtet hatte: so wurde er, der jetzo schon so mude, weich und zartlich war, es in einem unaussprechlichen Grade alle durch die Anstrengung erhohten Lichter auf seinem Angesicht schienen in Liebe wie Mondschimmer in Tautropfen zu zerfliessen er wartete nicht, bis sein Zimmer leer wurde, sondern zeigte das, was Klotilde in dem ihrigen verbergen wollte er konnte sogar die unverschleierte Wachsstatue mit sanftem Geiste anschauen und sagte lachelnd: "Ich glaube, ich habe mich darum ganz in Wachs wiederholen lassen, warum es der Katholik mit einzelnen Gliedern tut, um sie an eine Heilige zu hangen und dadurch um Genesung zu danken oder zu bitten; oder wie die romischen Kaiser, deren Wachsstatue die Arzte nach dem Tode des Originals besuchten."

Die Gesellschaft ging ab, und er war endlich allein. Der Mond, der um 11 Uhr 57 Minuten aufgegangen war, warf sein noch vertieftes abnehmendes Licht erst oben an die Fenster von Klotildens Wohnzimmer. Viktor loschte das Nachtlicht aus und setzte sich, um mit seinem noch wogenden traumenden Herzen nicht in die Traume des Schlafes zu treten, ans Fenster, beinahe an den gewohnlichen Standort seiner Wachskopie und in ahnlicher Stellung als das Schicksal es fugte, dass er, der heute die Wachsmumie fur seine Person ausgegeben hatte, jetzt umgekehrt fur das Bild angesehen werden sollte

von Klotilden! Sie stand in einiger Entfernung von ihrem Fenster, an welches kein Licht als das vom Himmel fiel; Viktor war, da das letzte noch nicht zu ihm hineinkonnte, ganz im Schatten und ihr mit Vierfunftel seines Profils zugekehrt. Kaum sah' er, dass sie einen unverwandten fassenden, gleichsam einschlagenden Blick auf ihn hefte: so erriet er, dass sie ihn mit dem wachsernen Menschen vermenge; auch bemerkte er aus dem Augenwinkel, dass etwas Weisses um sie flattere, d.h. dass sie sich die Augen oft trockne. Aber wie war' es seinem feinen Gefuhle moglich gewesen, ihr durch die geringste Bewegung ihren Irrtum zu nehmen und sie fur ihr unschuldiges Anblikken verlegen und rot zu machen! Ein anderer, z.B. der verkannte Matz, hatte sich in einem solchen Vorfalle gelassen in die Hohe gerichtet und gleichgultig zum Fenster hinausgesehen; aber er verknocherte sich gleichsam in seiner Stellung der Leblosigkeit. Allein nur die Nacht und Entfernung konnten ihr sein Zittern zudecken, da ihre fur seine Leiche fallenden Tranen wie ein heisser Strom sein zerstortes Herz ergriffen und das wenige, was der heutige Abend daran noch fest gelassen, erweichten und auflosten in eine brennende Welle der Liebe. Den Kindern fliessen die Tranen starker, wenn man ihnen Mitleid bezeigt; und in dieser Stunde der Erschopfung wurde Viktor weicher, der sonst durch fremdes Mitleid mit ihm harter wurde, und als Klotilde sich ans Fenster setzte, um das mude Haupt aufzulehnen: so war ihm, als ermahne ihn etwas, das jetzo wahr zu machen, was er heute zu der Statue gesagt: "Kalte Gestalt, richte dich auf und zeige den Menschen die Tranen, die aus einem weichen Herzen etc."

Klotilde zog endlich die Vorhange zu und verschwand. Aber er setzte behutsam noch lange die Rolle seines Bildes fort, und eben, da er sich weniger anstrengte, um eine Statue zu spielen, gelang es ihm besser. Alle seine Gedanken flossen nun wie Balsam uber die Narben und aufgerissenen Stellen seines Innern, und er sagte: "Wenn du auch nur meine Freundin bist, so genuget es mir, und du kannst diesen von Sehnsucht emporten Busen stillen.

O dieses volle Herz wurde ohnehin auseinandergetrieben, wenn es den Gedanken fassen sollte, dass du mich liebtest!" Ubrigens fiel ihm heute zum erstenmal die Unwahrscheinlichkeit seiner neulichen Vermutung ein, dass eine so zuruckhaltende Person wie sie sich auf eine so wenig zuruckhaltende Art gegen den blinden Julius sollte benommen haben, und er fragte sich: "Ists denn zur Erklarung ihrer Abreise vom Hof nicht genug an Jenners und Matthieus unheiliger Liebe und an Emanuels heiliger?" Damit sie aber am Morgen nicht ihre irrige Verwechslung entdeckte, so gab er seinem wachsernen Figuranten genau die Stelle, die er selber am Fenster eingenommen.

Dritter Osterfeiertag

F. Kochs doppelte Mundharmonika die

Schlittenfahrt der Ball und ...

Der Leser wird mit mir wunschen, dass der dritte Ostertag etwas Schlimmers endige als den langen 28sten Hundposttag.

Der Schlitten ging leidlich, soviel vorauszusehen war. Ich seh' aber noch etwas anders voraus: dass sich eine halbe Million meiner Lesekunden (fur die andre halbe steh' ich) nicht aus meinem Helden finden kann. Es ist daher mein Amt, nur soviel ihnen vorzusagen: Viktor war nie kleinmutig, ihn ekelte die menschliche Unterjochung unter das Gluck; der Tod nahm ihn jeden Tag einmal auf den erhabenen Arm und liess ihn von da herunter bemerken, wie winzig alle Berge und Hugel sind, auch Graber. Jedes Ungluck machte ihn stahlern, der Medusenkopf des Totenkopfs machte ihn steinern, und er argerte sich nachher uber den schmelzenden Sonnenblick der freudigen Ruhrung. Seine lustige Laune, sein Ideal weiblicher Vollkommenheit, der Mangel an Gelegenheit und das Schild Minervens hatten ihm uber die Windmonate des Gefuhls hinubergeholfen, und er hatte bisher keine andre Sonne angebetet als die um 21 Millionen Meilen entlegne bis der Himmel oder der Henker die nahere herfuhrte, gerade im Jahr 1792. Noch war' es ganz leidlich gegangen und das Ungluck schon auszuhalten gewesen, wenn er gescheut oder kalt gewesen ware; ich will sagen, wenn er nicht zu sich gesagt hatte: "Es ist schon, nie uber sich zu weinen, aber doch uber den andern; es ist schon, jeden Verlust zu verbeissen, aber nicht den eines Herzens, und was wird ein geschiedner Freund aus seiner Hohe grosser finden, entweder wenn ich mir Trostpredigten uber sein Ableben mit wahrer Fassung halte, oder wenn ich dem Geliebten im freiwilligen ubermannenden Kummer nachsinke?" Dadurch und aus Unbekanntschaft mit der Ubermacht edler, aber unbezahmter Gefuhle und weil er seine bisherige zufallige Herzstille mit einer freiwilligen verwechselte und aus einer uberschwenglichen Menschenliebe hatte er absichtlich seinem innern Menschen bis jetzt die Fuhlhorner zu gross wachsen lassen und so war er durch die Wirbel aller bisherigen Einflusse, der bisherigen Beraubungen, der bisherigen Ruhrungen, dieser Ostertage, dieses schonen Jugenddorfes so weit verschlagen, dass er ungeachtet seiner Besonnenheit, seines Hoflebens, seiner Laune einiges von seiner alten Unahnlichkeit mit jenen Genies (wenigstens fur Ostern) einbussete, die gleich dem Seekrabben Fuhlfaden aufrichten, die kaum ein Mann umklaftert....

Jenes teilnehmende Anblicken Klotildens, das ihm gestern nach der vorigen Hitze kuhlender Balsam gewesen, wurd' ihm heute ein sehr heisser; ihr Auge voll Tranen seinetwegen richtete alle Tage seiner Liebe fur sie und ihr ganzes Bild in seinem Herzen auf. Ich bin uberzeugt, sogar dem Regierrat, der ubrigens durch den gestrigen Leichensermon von seinem Argwohn, so wie durch die republikanische Zerstreuung einiges von seiner Liebe gegen Klotilden, hatte verlieren konnen, entwischte das Trunkne und Traumerische seiner Augen nicht. Das Pfarrhaus selber war heute zum Gluck eine Borse oder ein geistliches Intelligenzkomtoir und Werbhaus: der Kaplan registrierte nicht etwan franzosische car tel est notre plaisir, sondern die Katechumenen ein, die auf Pfingsten beichten wollten.

Er wollte nicht eher ins Schloss hinubergehen sein verkannter Freund Matz hatt' ihm schon um 10 Uhr aus dem Fenster Morgengruss und Gluckwunsch zum Schneewetter zugerufen , als bis sein Schlitten aus der Stadt da war, damit er sogleich abfuhre, weil er druben keine lacherliche Ruhrung zeigen wollte. Seitdem ihm die grosse Welt zur Werkeltagwelt geworden war, fiel ihm Verstellung vor ihr schwerer; man verbirgt sich vor denen am leichtesten, die man achtet.

Aber die Drillinge und Franz Koch trieben ihn fruher hinuber, schon abends um 5 1/2 Uhr.

Ich fuhr in die Hohe beim Namen Franz Koch in des Hunds Papieren. Wenn einer von meinen Lesern ein Karlsbader Brunnengast ist oder Se. Majestat der Konig von Preussen Wilhelm II. oder von dessen Hof oder der Kurfurst von Sachsen oder der Herzog von Braunschweig oder eine andre furstliche Person: so hat er den guten Koch gehort, der ein bescheidner abgedankter Soldat ist und der uberall mit seinem Instrument herumreiset und spielet. Das letzte, das er doppelte Mundharmonika nennt, besteht aus einem verbesserten Paar zugleich gespielter Maultrommeln oder Brummeisen, die er immer nach den SpielStucken umwechselt. Seine Brummeisen-Handhabung verhalt sich zur alten wie Harmonikaglocken zu Bedientenglocken. Es ist meine Schuldigkeit, solche von meinen Lesern, deren Phantasie Zaunkonigs-Schwingen hat, oder die wenigstens vom Herzen an Lithopadia (Stein-Fotus) sind, oder die das Ohrentrommelfell zu nichts haben als zum Trommeln darauf, solche Leser mit der wenigen Oratorie, die ich habe, dahin zu bringen, dass sie den besagten Franz aus dem Hause werfen, wenn er kommen und vor ihnen summen will. Denn es ist nichts daran, und die elendste Bratsche und Strohfiedel schreiet meines Bedunkens lauter; ja sein Getone ist so leise, dass er im Karlsbade vor nicht mehr als Kunden auf einmal aufspielte, weil man nicht nahe genug an ihm sitzen kann, wie er denn sogar bei seinen Hauptliedern das Licht wegtragen lasset, damit weder Aug' noch Ohr die Phantasien store. Ist aber freilich ein Leser anders etwan ein Dichter oder ein Verliebter oder sehr zart oder wie Viktor oder wie ich: so horch' er ohne Bedenken mit stiller zerfliessender Seele dem Franz Koch oder denn heute wird er nicht gerade zu haben sein mir zu.

Der lustige Englander hatte Viktor diesen Harmonisten mit der Karte geschickt: "Uberbringer dieses ist der Uberbringer eines Echo, das er in der Tasche fuhrt." Viktor nahm ihn daher lieber zur Freundin aller schonen Tone hinuber, damit ihre Abreise sie nicht um diese melodische Stunde bringe. Es war ihm, wie wenn er durch eine lange Kirche ginge, da er in Klotildens Lorettohaus eintrat; ihr einfaches Zimmer war, wie Marias Wohnzimmer, von einem Tempel eingefasset. Sie hatte schon ihre schwarze Putzkleidung vollendet. Die schwarze Tracht ist eine schone Verfinsterung der Sonne, worin man das Auge von ihr gar nicht wegzubringen vermag. Viktor, der bei seiner sinesischen Achtung fur diese Farbe heute dieser schwarzen Magie eine wehrlose Seele, ein entzundetes Auge mitbrachte, wurde blass und verwirrt uber das aufgehellte Angesicht Klotildens, uber welches der Zug eines herabgeregneten Kummers so wie ein Regenbogen uber den hellen blauen Himmel schwebte. Es war nicht die Heiterkeit der Zerstreuung die jedes Madchen durch das Ankleiden bekommt , sondern die Heiterkeit der frommen Seele voll Geduld und Liebe. Er besorgte, in zweierlei Disteln zu treten, in die gemalten des Fussbodens, uber die er immer wegschritt, und in die satirischen der feinen Beobachter um ihn, an die er sich immer stiess. Ihre Stiefmutter war noch uber der Stukkatur und Appretur ihres Madensacks, und der Evangelist war in ihrem AnkleideZimmer als Putz-Messhelfer und Mitarbeiter. Daher hatte Klotilde noch Zeit, den Mundharmonisten zu horen; und der Kammerherr bot sich der Tochter und meinem Helden denn er war ein Vater von Lebensart gegen seine Tochter zu einem Teil der Zuhorerschaft an, ob er gleich aus der Musik sich wenig machte, Tafel- und Ball-Musik ausgenommen.

Viktor sah jetzt erst aus Klotildens Freude uber den mitgebrachten Musiker, dass ihr harmonisches Herz gern mit den Saiten zittere; uberhaupt wurd' er oft uber sie irre, weil sie wie du, teuerster ** sowohl ihr hochstes Lob durch Schweigen sagte als ihren hochsten Tadel. Sie bat ihren Vater, der die Mundharmonika schon im Karlsbad gehoret hatte, ihr und Viktor eine Idee davon zu geben er gab sie: "sie drucke nicht sowohl das fortissimo als das piano-dolce meisterhaft aus und sei wie die einfache Harmonika dem Adagio am angemessensten." Sie antwortete darauf an Viktors Arm, der sie in ein dazu verfinstertes stilles Zimmer fuhrte : "die Musik sei vielleicht zu gut fur Trinklieder und fur lustige Empfindungen. Da der Schmerz den Menschen veredle und ihn durch die kleinen Schnitte, die er ihm gebe, so regelmassig entfalte, wie man die Knospen der Nelke mit einem Messer aufritze, damit sie ohne Bersten aufbluhen: so ersetze die Musik als kunstlicher Schmerz den wahren." "Ist der wahre so selten?" sagte Viktor in dem dunkeln, von einem Wachslicht beschienenen Zimmer. Er kam neben Klotilde, und ihr Vater sass ihm gegenuber.

Selige Stunde! die du einmal mit den Echolauten dieser Harmonika durch meine Seele zogest fliehe noch einmal voruber, und der Nachklang jenes Echos klinge wieder um dich!

Aber als der bescheidne stille Virtuos das Gerate der Entzuckung kaum in die Lippen geleget hatte: so fuhlte Viktor, dass er es jetzo (bevor das Licht hinauskame) nicht so machen durfe wie sonst, wo er sich zu jedem Adagio eigne Szenen vormalte und jedem Stukke besondere Schwarmereien seiner Texte unterlegte. Denn es ist ein unfehlbares Mittel, den Tonen ihre Allmacht zu geben, wenn man sie zu Ripienstimmen unserer Stimmung und so aus Instrumental-Musik gleichsam Vokal-Musik, aus unartikulierten Tonen artikulierte macht, anstatt dass die schonste Reihe Tone, die kein bestimmter Gegenstand zu Alphabet und Sprache ordnet, abgleitet vom bespulten, aber nicht erweichten Herzen. Als daher die holdesten Laute, die je uber Menschenlippen als Mitlauter der Seele flossen, von der bebenden Mundharmonika zu wehen anfingen; als er fuhlte, dass diese kleinen Stahlringe gleichsam als Fassung und Griffbrett seines Herzens ihre Erschutterungen zu seinen machen wurden: so zwang er sein fieberhaftes Herz, an dem ohnehin heute alle Wunden aufgingen, sich gegen die Tone zusammenzuziehen und sich keine Szenen vorzuzeichnen, bloss damit er nicht in Tranen ausbrache, bevor das Licht weg ware.

Immer hoher stieg das Zuggarn hebender Tone mit seinem ergriffenen Herzen empor. Eine wehmutige Erinnerung um die andere sagte in dieser Geisterstunde der Vergangenheit zu ihm: "Erdrucke mich nicht, sondern gib mir meine Trane" Alle seine gefangnen Tranen wurden um sein Herz versammelt, und sein ganzes Innere schwamm, aus dem Boden gehoben, sanft in ihnen Aber er fasste sich: "Kannst du noch nicht entbehren," (sagt' er zu sich) "nicht einmal ein nasses Auge? Nein, mit einem trocknen nimm dieses beklommene Echo deiner ganzen Brust, nimm diesen Nachhall aus Arkadien und alle diese weinenden Laute in eine zerstorte Seele auf" Unter einer solchen uberhullten Zerfliessung, die er oft fur Fassung nahm, wars allemal in ihm, als wenn ihn aus einer fernen Gegend eine brechende Stimme anredete, deren Worte den Silbenfall von Versen hatten; die brechende Stimme redete ihn wieder an: "Sind nicht diese Tone aus verklungenen Hoffnungen gemacht? Rinnen nicht diese Laute, Horion, wie Menschentage ineinander? O blicke nicht auf dein Herz! in das staubende Herz malen sich wie in einen Nebel die vorigen schimmernden Zeiten hinein" Gleichwohl antwortete er noch ruhig: "Das Leben ist ja zu kurz fur zwei Tranen, fur die des Kummers und fur die andre" .... Aber als jetzt die weisse Taube, die Emanuel im Gottesacker niederfallen sah, durch seine Bilder flog als er dachte: "Diese Taube hat ja schon in meinem Traum von Klotilden geflattert und sich an die Eisberge geklammert: ach sie ist das Bild des verwelkenden Engels neben mir" und als die Tone immer leiser flatterten und endlich in dem flusternden Laube eines Totenkranzes umherliefen und als die brechende Stimme wiederkam und sagte: "Kennst du die alten Tone nicht? Siehe, sie gingen schon in deinem Traum vor ihrem Wiegenfeste und senkten dort bis ans Herz die kranke Seele neben dir ins Grab, und sie liess dir nichts zuruck als ein Auge voll Tranen und eine Seele voll Schmerz" "Nein, mehr liess sie mir nicht", sagte gebrochen sein mudes Herz, und alle seine bekampften Tranen drangen in Stromen aus den Augen....

Aber das Licht ward eben aus dem Zimmer getragen, und der erste Strom fiel ungesehen in den Schoss der Nacht.

Die Harmonika fing die Melodie der Toten an: "Wie sie so sanft ruhn! etc." Ach in solchen Tonen schlagen die zerlaufenden Wellen des Meeres der Ewigkeit an das Herz der dunklen Menschen, die am Ufer stehen und sich hinubersehnen! Jetzo wirst du, Horion, von einem tonenden Wehen aus dem Regendunst des Lebens hinubergehoben in die lichte Ewigkeit! Hore, welche Tone umlaufen die weiten Gefilde von Eden! Schlagen nicht die Laute, in Hauche verflogen, an fernen Blumen zuruck und umfliessen, vom Echo geschwollen, den Schwanen-Busen, der selig-zergehend auf Flugeln schwimmt, und ziehen ihn von o melodischen Fluten in Fluten und sinken mit ihm in die fernen Blumen ein, die ein Nebel aus Duften fullt, und im dunkeln Dufte glimmt die Seele wieder an wie Abendrot, eh' sie selig untergeht?

Ach Horion, ruht die Erde noch unter uns, die ihre Todeshugel um das weite Leben tragt? Zittern diese Tone in einer irdischen Luft? O! Tonkunst, die du die Vergangenheit und die Zukunft mit ihren fliegenden Flammen so nahe an unsre Wunden bringst, bist du das Abendwehen aus diesem Leben oder die Morgenluft aus jenem? Ja, deine Laute sind Echo, welche Engel den Freudentonen der zweiten Welt abnehmen, um in unser stummes Herz, um in unsre ode Nacht das verwehte Lenzgeton fern von uns fliegender Himmel zu senken! Und du, verklingender Harmonikaton! du kommst ja aus einem Jauchzen zu uns, das, von Himmel in Himmel verschlagen, endlich in dem fernsten stummen Himmel stirbt, der aus nichts besteht als aus einer tiefen, weiten, ewig stillen Wonne....

"Ewig stille Wonne," (wiederholet Horions aufgeloste Seele, deren Entzucken ich bisher zu meinem machte) "ja, dort wird die Gegend liegen, wo ich meine Augen aufhebe gegen den Allgutigen, und meine Arme ausbreite gegen sie, gegen diese mude Seele, gegen dieses grosse Herz Dann fall' ich an dein Herz, Klotilde, dann umschling' ich dich auf ewig, und die Flut der ewig stillen Wonne hullt uns ein Wehet wieder nach dem Leben, Erdentone, zwischen meiner und ihrer Brust, und dann schwimme eine kleine Nacht, ein wallender Schattenumriss auf euren lichten Wogen daher, und ich werde hinsehen und sagen: das war mein Leben dann sag' ich sanfter und weine starker: ja der Mensch ist unglucklich, aber auf der Erde nur."

O gibts einen Menschen, uber welchen bei diesen letzten Worten die Erinnerung grosse Regenwolken zieht, so sag' ich zu ihm: Geliebter Bruder, geliebte Schwester, ich bin heute so geruhrt wie du, ich achte den Schmerz, den du verbirgst ach du entschuldigst mich und ich dich....

Das Lied stand still und tonte aus. Welche Stille jetzt im Dunkel! Alles Seufzen war in ein zogerndes Atmen eingekleidet. Nur die Nebelsterne der Empfindung funkelten hell in der Finsternis. Keiner sah, wessen Auge nass geworden war. Viktor blickte in die stille schwarze Luft vor ihm, die vor wenig Minuten mit hangenden Garten von Tonen, mit zerfliessenden Luftschlossern des menschlichen Ohrs, mit verkleinerten Himmeln erfullt gewesen und die nun dablieb als nacktes schwarzes Feuerwerks-Gerust.

Aber die Harmonika fullte dieses Dunkel bald wieder mit Lufterscheinungen von Welten an. Ach warum musst' es denn gerade die meinen Viktor nagende Melodie des "Vergissmeinnicht" treffen, die ihm die Verse vortonte, als wenn er sie Klotilden vorsagte: "Vergiss mein nicht, da jetzt des Schicksals Strenge dich von mir ruft Vergiss mein nicht, wenn lockre kuhle Erde dies Herz einst deckt, das zartlich fur dich schlug Denk, dass ichs sei, wenns sanft in deiner Seele spricht: vergiss mein nicht"... O wenn noch dazu diese Tone sich in wogende Blumen verschlingen, aus einer Vergangenheit in die andre zuruckfliessen, immer leiser rinnen durch die vergangnen, hinter dem Menschen ruhenden Jahre endlich nur murmeln unter dem Lebensmorgenrot nur ungehort aufwallen unter der Wiege des Menschen und erstarren in unsrer kalten Dammerung und versiegen in der Mitternacht, wo jeder von uns nicht war: dann hort der geruhrte Mensch auf, seine Seufzer zu verbergen und seine unendlichen Schmerzen.

Der stille Engel neben Viktor konnte sie nicht mehr verhullen, und Viktor horte Klotildens ersten Seufzer.

Ja, dann nahm er ihre Hand, als wenn er sie schwebend erhalten wollte uber einem offnen Grabe.

Sie liess ihm ihre Hand, und ihre Pulse schlugen bebend mit seinen zusammen.

Endlich warf nur noch der letzte Ton des Liedes seine melodischen Kreise im Ather und floss auseinander uber eine ganze Vergangenheit dann hullte ihn ein fernes Echo in ein flatterndes Luftchen und wehte ihn durch tiefere Echo hindurch und endlich an das letzte hinuber, das rings um den Himmel liegt dann verschied der Ton und flog als eine Seele in einen Seufzer Klotildens.

Da entfiel ihr die erste Trane, wie ein heisses Herz, auf Viktors Hand.

Ihr Freund war uberwaltigt sie war dahingerissen er presste die sanfte Hand sie zog sie aus seiner und ging langsam aus dem Zimmer, um dem zu weichen Herzen, uber dessen holde Zeichen die Nacht ihren Schleier hing, wieder zu Hulfe zu kommen....

Das kommende Licht nahm diese Traumwelten hinweg. Matthieu und die Kammerherrin erschienen auch. Wir wollen aber in dieser weichen Stimmung, wo man gerade gegen Schlimme in der hartesten ist, nichts sagen und nichts denken uber das neue Paar, das fur den Abstich gegen unsere Erweichung nichts kann. Viktor sagte sich dies auch, aber mehr als einmal; weil sich die vom Apotheker erlogne Vermahlung Klotildens mit Matthieu ihm mit den grellsten Farben aufdrang, ahnlich jener platonischen Verbindung, wo der reine Geist aus seinem Ather getrieben und mit zusammengekrummten Flugeln in einen befleckten Leib gemauert wird. Klotilde kam zuruck. Sie war in Verlegenheit gegen Viktor, bloss weil er darin war oder neben ihr auf dem Schlitten noch mehr darin sein musste ihren geschwollenen Augapfel entfernte sie vom Licht. Da Tranen-Versetzungen wie Milchversetzungen drucken und zerstoren: so suchte die in sein Inneres zuruckgedruckte Wehmut einen Ausgang durch die Stimme, die heftig und abgebrochen war, durch die Bewegungen, welche schnell waren, sogar durch die Lebhaftigkeit des Ausdrucks kurz es war gut, dass sie fuhren.

Er dachte wieder das Gegenteil, als er auf dem Schlitten hinter ihr stand. Die Nacht schien sich hinter die Wolken gezogen zu haben, deren weites Gewolbe den Himmel einnahm. Er konnte keine Materie zum Gesprach auftreiben, er mochte sinnen, wie er wollte er lief Klotildens, Viktors, aller Bekannten Leben durch es stiess ihm nichts auf. Der Grund war, seine Gedanken, die er darauf ausschickte, kehrten ohne sein Wissen in jeder Minute um und hingen sich wie Bienen an Klotildens edles Profil, oder an ihr weiches Auge, oder sanken in ihre auf seine Hand gefallne Trane ein und in das ganze Ather-Meer der heutigen Tone. Der dunkle Himmel uber ihm gab ihm endlich Emanuels letztes Schreiben in den Sinn, und er konnte ihr daraus des Blinden Einweihung in den hochsten Gedanken des Menschen erzahlen. Klotilde horte ihm freudig zu und sagte endlich: "Niemand ist glucklicher als ein Schuler eines solchen Lehrers; aber er muss nie in die Welt treten da wird er es nicht sein. Sein Lehrer hat ihm ein zu weiches Herz gegeben, und ein weiches hangt, wie Sie ja selber sagen, wie das weiche Obst so tief herab, dass es jeder erreichen und verwunden kann; die harten Fruchte hangen hoher."

Sie kamen jetzt bei den harten Residenzfruchten an, und ihre Bemerkung war ihre eigne Geschichte. Aber die neuen Auftritte die rauschenden Wagen und Kleider der Larm um nichts und um wenig die Saalleuchter wie Fixsternsysteme die doppelten Mund-Disharmonikas die mannliche Hof-Fauna die weibliche Hof-Flora das ganze mobil gemachte Lustlager, dieses Mess-Getummel uberschmetterte das gedampfte Echo, das zwischen zwei harmonischen Seelen hinuber und heruber ging.

Unser Held wurde von der Furstin noch freundlicher angelassen als vom Fursten. Joachime, die Amtverweserin Klotildens, hatte noch ausser der kalten zurnenden Freundlichkeit eine juwelenreiche montre a regulateur. An einem offentlichen Orte kostet es weniger als in einem Kabinett, den aussern Menschen wie eine Charaktermaske uber den innern zu decken. Viktor, auf welchen ohnehin jeder Schmerz die witzige Wirkung des Trunkes machte, verriet den ersten hochstens durch das Ubermass seiner Lebhaftigkeit.

Eine Frau verrat sich durch das Gegenteil Klotilde durch nichts. Er sagte ihr in der sonderbaren Ubertaubung, in welche aussere Freudentone und innere Phantasien setzen, wenn sie wie zwei Strome miteinander zusammenkommen, folgende Ideen: "War' ich die Gottin der Wonne (wenns eine gibt), so liess' ich drei Uhr schlagen um die Wandleuchter machte ich Farbenprismen oder hinge sie gar in die Kabinette und zoge uber den Tanzsaal durch Weihrauch eine Zauberdammerung dann musst' ich die Tone des Orchesters in so viele Zimmer zuruckstellen, dass davon nichts hereinkame als ein weiches Echo und wenn dann in dem dammernden, von Melodien durchwehten Wirrwarr nicht die Leute nach einigen stillen Bewegungen vor Entzucken vergehen wollten: so wusst' ich nicht".... "Setzen Sie noch dazu," (sagte sie) "damit wir auch eines haben, dass wir hier bleiben und die Auflosung beobachten."

Aber seine Fassung uberlebte in jedem Balle kaum die Menuett. Nach dem ersten Gerausch, wenigstens um die Geisterstunde, war allemal seine ganze Seele in eine eigne poetische, der Augen kaum machtige Schwermut zersetzt. Ausser den Tonen kann ich noch die Bewegung zum Erlautern dieser Erscheinung brauchen: alle Bewegung ist erstlich erhaben namlich die von grossen Massen, oder vielmehr jede schnelle Bewegung gibt dem Gegenstand die Grosse des durcheilten Raums, daher bei Abstich mit dem Zwecke bewegte Gegenstande komischer sind als ruhige zweitens das Bewegen der Menschen stellte ihm ihr Voruberflattern, ihr Fliehen in die Graber dar. Er blieb oft in der Nacht trube unten an Hausern stehen, in deren zweitem Stockwerke man tanzte, und sah hinauf, und das Voruberschweben freudiger Kopfe war ihm der Gaukelsprung der Irrlichter auf dem Kirchhofe.

Heute fuhlte er dies bei einer zerschmolzenen uberlaufenden Seele noch eher als sonst. Die Anglaise, worin aus der Kolonne ein Paar nach dem andern verschwindet, war ja das Bild unsers schattigen Lebens, in das wir alle ausziehen mit Trommeln, und von tausend Spielkameraden eingefasst, und in dem wir fortrucken, jedes Jahr verarmend, jede Stunde einsamer, und worin wir zu Ende laufen, von allen verlassen, ausser einem gemieteten Mann, der uns eingrabt hinter das Ziel. Aber der Tod breitet gleichsam unsere Arme aus und druckt sie um unsere geliebten Geschwister; ein Mensch fuhlt erst am Rande der Gruft, wo er ans Reich unbekannter Wesen stosset, wie sehr er die bekannten liebt, die ihn lieben, die leiden wie er, die sterben wie er.

Da ein Weib uns mit nichts die ganze selige Vergangenheit ruhrender aufdeckt, als wenn sie ihr Augenlid aufhebt und uns ihr schimmerndes Auge zeigt: so musste er ja wohl wenigstens unter dem Tanze in ein Auge blicken, das ihm lauter Himmel zeichnete, die versunken waren und heute sollte ihm alles versinken, das Auge sogar. Und da Klotilde durch das Tanzen gewohnlich erblasste: so zog er durch ihre Augen in ihr Inneres und zahlte darin an der stillen Seele die Tranentropfen, die unerschuttert an ihr hingen die vielen Impf-Einschnitte des Schicksals fur neue Tugenden die beschnittenen Wurzeln, die das Schicksal an dieser Blume, wie wir an niedern Gewachsen, vor der Verpflanzung in eine andre Erde verkurzt und die tausend Honiggefasse schoner Gedanken. Und da er an alle ihre bedeckten Tugenden auf einmal dachte, an die Herrschaft ihrer weiblichen Vernunft uber ihre Empfindsamkeit, an ihr leichtes Einwilligen in den Ball, den ihr jetzo der Furst, so wie das in die Schminke, die ihr sonst die Furstin aufgedrungen, und an ihre Gefalligkeit, sobald sie nichts aufzuopfern brauchte wie sich; und da er sich vorhielt, dass sie, nicht ahnlich den Hof- und Stadtweibern, die wie Gewachse sich ans Fenster des Gewachshauses nach dem Lichte ausspreizen, sondern ahnlich den Fruhlingblumen gern im Schatten bluhe, und doch die Liebe zum Landleben so wenig wie ihre Bescheidenheit zur Schau auslege: so musst' er das Auge abwenden von der zarten aufgerichteten Blume, auf die der Tod den Leichenstein niederwarf, von der schonsten Seele, die ihren Wert noch nicht im Spiegel einer gleichen sah, vom sterbenden Herzen, das doch nicht glucklich war. Alsdann stieg freilich der Gedanke, vor dem er zusammenfuhr, wie ein Sturm empor: "Ich will ihrs heute sagen, wie gut sie ist o ich seh' sie doch nicht wieder, und sie stirbt sonst von sich ungekannt! Ich will ihr zu Fussen sinken und meine unaussprechliche Liebe bekennen. Sie kann nicht zurnen; ich begehre ja nicht ihr heiliges Herz, das keiner verdient, ich will ja nur sagen: meines vergisset dich nie, aber es verlanget deines nicht, es will nur sanfter brechen, wenn es vor dir gezittert und geblutet und geweinet und gesprochen hat"...

Nahe hinter diesem Gedanken kam Klotilde selber zu ihm an der Hand ihrer Stiefmutter, und das von der Warme wie Rosen von der Sonne entfarbte Angesicht, die krankern muden Zuge taten die stille Bitte, in die frische Luft und nach Haus zu kommen.

Sie fuhr; die Stiefmutter entfernt hinter ihr. Welcher Tausch der Buhnen! Unter dem Morgentor des Himmels stand der Mond, der den Leichenschleier aus Gewolk abgehoben hatte von der Milchstrasse und von dem ganzen blauen Abgrund. Er trug allmahlich einen Grund von Silber auf und zeichnete mit Schatten und Blitzen ein ruckendes Nachtstuck hinein. Sein Licht schien der Frost in Korper zu verdichten, in weisse Auen, in taumelnde Strome, in schwebende Flocken, es hing blitzend als weisses Blutenlaub an den Gebuschen, es glimmte die ostlichen Berge hinauf, die die Sonne in Eisspiegel gegossen hatte. Und alles uber dem Menschen und um den Menschen war erhaben-still der Schlaf spielte mit dem Tod jedes Herz ruhte in seiner eignen Nacht.

Und hier bei diesem Eintritt gleichsam aus dem Getummel der Erde in die stille uberdammerte Unterwelt flossen kalte Schauer und nach ihnen gluhende Schauer uber Viktors Nerven. Dies geschieht, wenn die Seele des Menschen zu voll ist und zu sehr erschuttert wird, und alle Faden ihres zitternden Korpergewebes schwanken dann mit ihr. Sein Schlitten wurde jetzt eine fliegende Gondel. Die entgegenschlagende Nachtluft wehte alle seine Flammen an. O! der Strom voll Eisspitzen, wenn er uber ihn gezogen, die kuhle Decke von Schnee, wenn sie auf ihm gelegen ware! Immerfort rief es in ihm: "Du fahrst die Stille, die Geduldige mit ihrem schwarzen Schleier dem Tode zu es ist ihr Leichenwagen die edle Perlenfischerin hat dem Himmel ihr Zeichen gegeben, dass sie hier unten Schmerzen und Tugenden genug gesammelt habe, damit er sie wieder hinaufziehe zu sich." Die voruberruckenden Berge, die vorbeisturzenden Baume, die wegrinnenden Felder, diese Flucht der Natur schien in einen grossen Wasserfall zusammenzufliessen, der alles mittrieb und den Menschen zuerst, und nichts stehen liess als die Zeit. Und als er in das Tal, wo die Stadt verschwindet, wie vor einem Jahre seine begleitenden Freundinnen, hinunterrollte und als der Mond scheinbar hinter den Baumen durch den Himmel zu fliegen anfing: so richtete er seine Augen gegen die Sterne auf und redete zuruckgebogen, hinaufstarrend, zertrummert den Himmel laut an: "Tiefes blaues Grab uber den Menschen, du versteckst deine weiten Nachte hinter zusammengeruckten Sonnen! Du ziehest uns und unsre Tranen hinauf wie Dunste. Ach wirf nicht die armen, sich so kurz sehenden Menschen so weit auseinander, nicht so unendlich weit! Und warum kann der Mensch nicht hinaufblicken zu dir, ohne zu denken: wer weiss, welches geliebte Herz ich droben nach einem Jahre suchen muss!"

Seine verdunkelten Augen fielen schmerzhaft vom Himmel herab auf Klotildens ihre, die aufgehoben seinen gegenuberstanden. Sie konnte die Trane, die vom Auge erst bis zur Wange gefallen war, weder durch den Schleier entziehen, noch fur eine auf dem Angesicht zergangene Schneeflocke ausgeben, da der Schleier die Flocken abstiess; aber eine solche Trane hatte keinen Schleier notig. Klotilde hatte gedacht, er meine bloss Emanuel, und darum wurde sie weich.... Wie zwei scheidende Engel schauten beide sich mit weinenden Augen an. Aber Klotilde zog die ihrigen ab, und ihr Haupt buckte erliegend sich vorwarts. Gleichwohl wandte sie sich wieder um und tat mit dem Himmels-Angesicht und mit der Himmels-Stimme die schone Bitte an ihn: "Wurdigen Sie dieser warmen Freundschaft auch meinen Bruder; und vergeben Sie der Schwester heute diese Bitte, da ich sie vielleicht lange nicht erneuern kann." Er buckte sich tief und konnte nicht antworten.

Aber da ihr Wohnort ihnen jetzt entgegenschimmerte und ihr Schloss, von dem der Silberregen des Mondes niederrann da die Minute immer grosser und dunkler herankam, worin ihm der Abschied (vielleicht die Maske des Todes) diesen stillen Engel von der Seite nahm da ihm jede gleichgultige Abschiedformel, die er sich aussinnen wollte, sein krankes Herz zerschnitt da er sah, wie sie ihr Haupt auf die Hand und auf den Schleier lehnte, um unbemerkt die ersten Zeichen ihres Abschiedes wegzunehmen oder aufzuhalten: so sturzte die ganze Wolke, die so lange einzelne Tropfen in seine Augen fallen lassen, zerrissen auf ihn nieder und uberflutete sein Herz.... Er hielt plotzlich still.... Er sah mit unversiegenden Augen gegen St. Lune.... Klotilde kehrte sich um und erblickte ein entfarbtes Angesicht, eine Stirn voll Schmerzen und einen zitternden Mund und sagte blode: "Ihre Seele ist zu gut und zu weich." Ja, dann brach sein uberfulltes Herz entzwei. Dann quollen alle mit alten Tranen vollgegossenen Tiefen seiner Seele auf und hoben aus den Wurzeln sein schwimmendes Herz, und er sank vor Klotilden nieder, glanzend in himmlischer Liebe und rinnendem Schmerz von der Tugend uberflammt vom Mondenlicht verklart mit der treuen erliegenden Brust, mit den uberhullten Augen, und die zerrinnende Stimme konnte nur die Worte sagen: "Engel des Himmels! endlich bricht vor dir das Herz, das dich unaussprechlich liebt o ich habe ja lange geschwiegen. Nein, du edle Gestalt weichest nie aus meiner Seele. O Seele vom Himmel, warum haben deine Leiden und deine Gute und alles, was du bist, mir eine ewige Liebe gegeben, und keine Hoffnung und einen ewigen Schmerz?" Von ihm weggebogen lag ihr erschrocknes Angesicht in ihrer rechten Hand, und die linke deckte nur die Augen, aber nicht die Tranen zu. Ein sterbender Laut flehete ihn an, aufzustehen. Man horte den zweiten Schlitten von ferne. "Unvergessliche! ich martere Sie, aber ich bleibe, bis Sie mir ein Zeichen der Vergebung geben." Sie reichte ihm die linke Hand hinaus, und ein heiliges Angesicht voll Ruhrung wurde aufgedeckt. Er presste die warme Hand an sein flammendes Angesicht, in seine heissen Tranengusse. Er fragte zitternd wieder: "O mein Fehler wird immer grosser, werden Sie ihn denn ganz verzeihen?"...

Da verhullte sie das errotende Angesicht in den verdoppelten Schleier und stammelte abgewandt: "Ach dann muss ich ihn teilen, edler Freund meines Lehrers."

Seliger, seliger Mensch! nach diesem Wort bietet dir das ganze Erdenleben keinen grossern Himmel an! Ruhe nun in stillem Entzucken mit dem uberwaltigten Angesicht auf der Engelhand, in die das edelste Herz das fur die Tugend wallende Blut ausgiesset! Weine alle deine Freudentranen auf die gute Hand, die dir sie gegeben hat! Und dann: wenn du es vermagst vor Entzucken oder vor Ehrfurcht, denn hebe dein reines glanzendes Auge auf und zeig ihr darin den Blick der erhabnen Liebe, den Blick der ewigen Liebe und der stummen und der seligen und der unaussprechlichen!

Ach der, den einmal eine Klotilde geliebt hatte, der konnte jetzo vor Entzucken nicht weiterlesen nicht weiterschreiben...... oder auch vor Schmerz!

Jetzt legte er den schonern Weg schweigend und geheiligt zuruck der Mond hing wie ein betauter, mit weissen Bluten uberlegter Morgen vom Himmel herab der Fruhling bewegte seine Auen und seine Blumen unter dem Schleier von Schnee das Entzukken schlug in Viktors Herzen, schwoll in seiner Brust, glanzt' in seinem Auge aber die Sprachlosigkeit der Ehrfurcht herrschte uber das Entzucken.... Sie kamen an. Und als beide im Zimmer der Harmonika, wo er abends vor Schmerzen ihre Hand ergriffen hatte, einander einsam gegenuberstanden, so verandert, so selig zum ersten Male, zwei solche Herzen, sie wie ein Engel, der vom Himmel niedersank, er wie ein Seliger, der aus der Erde auferstand, um dem bloden Engel an das Herz zu fallen und mit ihm sprachlos in den Himmel zuruckzugehen... welche Stunde! O nur fur euch, ihr schonen Seelen, die ihr solche Stunde nie erlebt und doch verdient, mal' ich diese fort! .... Wie zwei Selige vor Gott schauen sie einander in die Augen und in die Seelen wie ein Zephyr, den zwei schwankende Rosen fortsetzen, wehet zwischen den zitternden Lippen der sprachlose Wonneseufzer, von der Brust in schnellen Zugen eingetrunken und freudig schauernd in langen ausgezittert sie schweigen, um sich anzublicken, sie heben die Augen auf, um durch den Freudentropfen durchzusehen, und senken sie nieder, um ihn mit dem Augenlide abzutrocknen.... Nein, es ist genug o es ist eine andre Trane, die jetzo druckend in dem schonen Herzen liegt, das schweigt und sagen will: ich war niemals glucklich, und ich werd' es auch nie!

Viktor hatte ihr so viel zu sagen und hatte so wenige Minuten mehr dazu: gleichwohl machte ihn nicht sowohl die Freude als die Ehrfurcht stumm denn heilig ist dem liebenden Herzen die Gestalt, die zu ihm gesagt: ich bin dein. Denket aber nicht, er wollte etwan die rohe Bitte tun, seinetwegen dazubleiben; nur die Frage, ob er sie in Maienthal besuchen durfe, nur die Bitte, dass sie fur ihr Genesen sorge, kann er wagen. Klotilde hatte nur eine an ihn zu tun, die sie nicht genug uberhullen konnte; die namlich, ihres eifersuchtigen Bruders wegen sie nicht in Maienthal zu sehen.

Unter dem Zogern der Entzuckung schellet der zweite Schlitten. Die Eile notigte sie zum Mut Viktor verwandelte die Bitte in den Wunsch, dass der Fruhling die Absicht ihrer Reise (die Genesung) begunstigen moge, und die Frage in die Freude, wie glucklich sie in Maienthal neben Dahore sein werde, wie selig er sonst dort gewesen und wie wenig er sonst geglaubt, dass man es da noch mehr werden konne. Klotilde antwortete (wahrscheinlich auf seinen Wunsch nachzureisen): "Ich hinterlasse Ihnen ebensoviel, meinen Bruder und Ihren Freund; vergessen Sie meine vorige Bitte nicht!"

Erst da die annahernden Eltern Klotilden erinnerten, den Schleier zuruckzuschlagen, und ihren Geliebten anmahnten, den ersten Abschied von dem errungenen Herzen zu nehmen: da blickten beide weit in das grosse Eden hinein, das sich um ihr Leben aufgetan und die helle Minute, die jetzt im Strom der Zeit voruberfloss, spiegelte in die Ewigkeit zwei himmlische Gestalten hinauf, eine entschleierte, blassrote, von Tranen verklarte, und eine von Liebe verherrlichte, von Hoffnung widerscheinende und nun lasset nicht langer die Hand Seelen zeichnen, die nicht einmal das glanzende grosse Auge der Liebe abmalet...

Als die Eltern kamen: fuhlt' er alle mogliche Kontraste, aber er vergab alle mogliche. Er nahm bald Abschied, um zu Hause in der Stille der Nacht den ersten betenden Blick uber seinen kunftigen Lebensstrom zu werfen, der sich jetzt zum Grab hinzog in Schonheitlinien, und in welchem bunte Minuten spielten wie Goldfische.

In der Nachtstille, nicht weit von seiner Wachsmumie, wollte der Gluckliche niederfallen vor dem unendlichen Genius und ihm mit neuen Tranen danken fur diese Nacht, fur diese Freundin, deren erste Liebe er ist. Aber der Gedanke, es zu tun, ist die Tat, und o wie konnte unser geruhrtes Herz, das schon vor Menschen verstummt, noch andere Worte vor dem Unendlichen finden als Tranen und Gedanken?

Und in dieser ergebnen Stimmung voll tiefer Ruhe, worin ich die Feder weglege, mogest du, lieber Leser, dieses Buch weglegen und auch sagen wie ich: es werden sich wohl mehr trube Tage so beschliessen wie der achtundzwanzigste Hundposttag.

Vorrede zum dritten Heftlein

(das in der ersten Auflage um ein Dutzend Bogen

fruher anging)

Da jetzt auch der Schalttag in die Vorrede einfallt und er noch dazu beim Anfangbuchstaben V anfangt: so konnen ja beide ungemein glucklich miteinander abgefertigt werden.

*

Siebenter Schalttag

Ende des Registers der Extra-Schosslinge

UV

Unempfindlichkeit der Leser Vorrede. Es gab gluckliche Zeiten, wo man von seinem Nebenwilden und Nachsten nichts zu befahren hatte, als totgeschlagen zu werden wo nur der Hagel der Knutenmeister der Haut war, anstatt dass jetzt der Passatwind des Visitenfachers fur uns eine Windsbraut ist und der kuhle Atem uber die Teetasse hinuber ein Seewind wo man weniger am Kummer des andern Anteil nahm als an seinem Frasse wo die Damen die Herren in Barenhauten mit nichts verwundeten (mit Blicken, Reizen, Locken am allerwenigsten), mit nichts als mit Keulen, und wo sie sich zwar so gut wie heute und morgen des Herzens eines ehrlichen Mannes bemachtigten, aber doch nur so, dass sie den Inhaber desselben vorher auf einen Altar hinstreckten und ordentlich abschlachteten, eh' sie ihm den Himmelglobus aus dem Brustgehause ausschnitten.

Um diese Zeiten sind wir nun alle gebracht; in den jetzigen siehts schlecht aus. Beim Himmel, man hat ja nicht viel weniger als alles vonnoten, um glucklich, und nicht viel mehr als nichts, um unglucklich zu sein zu jenem braucht man eine Sonne, zu diesem ein Sonnenstaubchen! Gut waren wir daran und grosse Zimmer in allen Lustschlossern hatten wir innen, wenn es uns vom Schicksal bescheret ware, dass wir etwan so viele Foltern erlitten, wie die Juristen haben, namlich drei nicht mehr Plagen, als die Agypter trugen, namlich sieben nicht mehr Verfolgungen, als die ersten Christen ausstanden, namlich zehn. Aber auf solche Gluck-Ziehungen sieht ein Mann von Verstand gar nicht auf; wenigstens verspricht sich solcher Treffer einer nicht, der sich wie ich hinsetzt und erwagt unsre Kolibrimagen unsere weiche Raupenhaut unsere selber klingende Ohren unsere Selberzunder von Augen und unsere culs de Paris, die nicht von einem umgestulpten Rosenblatt, sondern schon vom Schatten eines Dornes gestochen werden und unsere feine Hautfarbe, die ohne einen Mondschirm im Mondlicht schwarz wurde.... Und doch hab' ich in diese Rechnung unserer Leiden weil ich mit Fleiss darauf aus bin, sie kleiner zu machen noch ganz andere, ganz verdammte Posten nicht gebracht, sondern z.B. den Reichtum vollig ausgelassen, dieses Schmerzengeld so vieler tausend Schrammen und Splitterungen der Brust, und uberhaupt Millionen Seelenwunden, die unser durchlochertes Ich ganz durchsichtig machen wurden, war' es nicht zum Gluck ganz vom Kopf bis zum Fuss in englisches Taftpflaster gekleidet.... Aber ich liess alles dergleichen weg, weil ich wusste, es ware doch so gut wie nichts, o wenn ichs gegen ein ganz anderes Fegfeuer und Gewitter hielte, in das vorzuglich wir Mannspersonen geworfen werden, wenn wir so unglucklich sind, dass wir uns selber kielholen namlich uns verlieben, welches meines wenigen Erachtens ein geringer Vorgeschmack der Holle ist, so wie des Himmels. Die beste Peeress in diesem Fache schreib' an mich und kouvertier' es postfrei an die Verlaghandlung in Berlin und nenne sich mir, wenn sie fahig war, ihren armen Pastor fido nicht zu schinden und zu spiessen, noch mit Zwickelurteln zu verfolgen, noch ihm mit den Druckmaschinen der Hande sein Herz voll Quetschwunden, mit der Facher-Bastonade seinen Kopf voll Fissuren, mit den Augen die Brust voll Brandblasen zu machen und ihm wie dem Rauchtabak mit Tranen eine Beize zu geben.... Wenigstens komm' ich selber gegenwartig gerade aus einem solchen Zucht- und Hatzhaus her und seh' erbarmlich aus in meiner Haut, als hatt' ich eine skalpierte um mich geschlagen.

Wir wollen nichts weiter davon reden. Meine Absicht bei diesem allen ist, den Leser standhaft zu machen, weil ein ganz neues Regengestirn, das ich gar nicht namhaft gemacht, fur ihn heraufsteigt, um ihn einzuschneien. Das tobet arger als alles vorige. Ich meine so: ein Reichsburger kann schon mit allem zu Rande sein seine Kasse und seine Feinde konnen schon gesturzt und seine Arbeiten vom Publikum oder vom Kollegium recht gut aufgenommen seine Fristgesuche bewilligt sein und die Quinquennells seiner Schuldner abgeschlagen worden seine jungste Tochter, die, wie die alteste des Bruders des franzosischen Konigs, Mademoiselle heisset, kann schon die Blattern uberstanden haben und die Verlobung nachher: es hilft ihm wenig, das Argste, eine ganze Gehenna erwartet ihn noch im Bucherbrett; denn dort konnen die schonen Geister, er habe immer schon alle bittere Salze des Geschicks hinuntergeschluckt, unter dem Namen Romanen-Manna ein hartes Tranenbrot ihm vorgeschnitten haben, das ich fur meine Person weder backen noch kauen mochte wahrlich sie konnen (in einer andern Metapher) Totenmarsche und Trauerkantaten fur ihn gesetzt und bereitgelegt haben, die ihn ganz niederwerfen und ihm warm machen, dass ihm die Augen ubergehen.

Und zum Ungluck zeichnen sich gerade warmblutige und weichhautige herrliche Manner am wenigsten durch standhaftes massigendes Ertragen der poetischen Leiden aus, die ihnen die Schreiber zuschicken. Ich kann daher dieses dritte Heft, das zu leicht ruhret, unmoglich ohne alle Vorrede als eine Widerlage lassen, wenn ich nicht selber Ursache sein will, dass unschuldige Menschen bei den besten Auftritten dieses Hefts weinen und mit leiden. Solche zu weiche Menschen, denen die Natur die asthetische Apathie gegen grosse Leidensfalle in Tragodien und Romanen versagt hat, sollten sich sie mussten denn fett sein; denn Fetten tut der Kummer gut wie Hungerkur und Hollenstein diese sollten sich durch Philosophie kalt machen und bewaffnen gegen den tragischen Dichter; sie sollten sich unter dem Lesen eines grossen Jammers trosten und sagen: "Wie lange dauert ein solches gedrucktes Ungluck? Wie bald ist ein Buch und Leben hinaus Morgen denkst du doch anders Der ungluckliche Zustand, in den ich durch Shakespeare hier gebracht werde, existiert ja nur in meiner Vorstellung, und der Schmerz daruber ist ja, nach den Stoikern, nur Tauschung Man muss, sagt Epiktet im Handbuch, das nicht bejammern, was nicht in unserem Willen liegt, und hier die traurige Szene von Klopstock ist ja ein ausseres Ding, das du nicht andern kannst Willst du dich von einem Nordamerikaner, vom Halloren, vom Pobel, vom Cretin aus Gex beschamen lassen, der diese ganze Szene aus Goethes Tasso still und gelassen aushielte, ohne ein Auge nass zu machen?"

Ich beteur' es den Lesern, dass ich hier nur gegen ihre Weiber und Schwestern zu Felde liege: denn unter den Lesern fehlten standhafte Zuschauer asthetischer Leiden niemals ganz und noch weniger als selber unter dem Pobel, und ich mochte am wenigsten den Schein haben, als stritt' ich dem grossern Teile der Geschaftleute, der Rezensenten, Kriminalisten und Hollander grosse Gelassenheit unter dem Lesen uberflorter truber Szenen ab, die ich und andre in die Presse gaben. Ich berede mich vielmehr gern, dass wenn jemals Hoffnung dazu war es gerade jetzt ist, wo der Deutsche jenen belgischen Stoizismus, jene edle Unempfindlichkeit anzunehmen verspricht, die ihn so ziert und durch die er gegen Melpomenens Dolch schuss- und stichfest wird und in Dantes Holle, wie Christus in der wahren, ohne Leiden ist. Wir hatten zwar nie die Empfindlichkeit der Franzosen, und ihr Racine ware immer fur uns ein kurzweiliger Rat gewesen; aber jetzo sind wir, wenns ein Verfasser nicht gar zu kraus macht und nicht gar zu viele Schlachtfelder und Kelche mit Mausegift und Rabensteine vorschiebt denn das greift uns an , sondern wenn er nur so halb aufgeraumt ich seh' ihn ordentlich reiten auf einem Trauerpferde dahersetzt und mit der einen Hand eine Totenglocke schuttelt und mit der andern einen Leichenmarschalls-Stab Wehe schwenkt, oder wenn er vollends nur die unsichtbaren zugequollenen Stichwunden der zartern feinern Seele vorzeichnet, da sind wir jetzo schon imstande, unsere lustige Laune zu behaupten und zu zeigen, was der Deutsche ertragt. Leute von geringerer Kraft schlafen wenigstens, damit sie bei einer Goetheschen Iphigenie nicht leiden, weil der Schlaf Leidende aufrichtet; oder wir vergessen solche Elegien gar, weil wir nach Platner kein Gedachtnis fur Schmerzen haben, und weil die Vergessenheit wie ein Furst schrieb das einzige Heilmittel der Schmerzen ist, oder der Himmel schenkt uns, wie nach Leid Freude, nach einer Messiade (wovon uns eine gute Travestierung anzuwunschen ware) eine blumauerische Parodie, woruber wir die vorige Epopoe leicht vergessen konnen.

W

Weiber. Ihr holden weichen Fruhlingblumen und Engel-Absenker neben uns harten Winterkohlstrunken, ich habe ja schon im vorigen Buchstaben eurer gedacht und eurer Weichheit im Gegensatz der deutschen Strengflussigkeit! Was soll ich weiter sagen, als dass ihr, sobald ihr gut seid, es im hochsten Grad seid, und dass ihr und das englische Zinn einerlei Stempel habt namlich die Figur eines Engels?

X siehe I K S Y siehe I Z siehe T S

Tz

Spitz. Der arme Spitz will so gut in Vorreden unter Extra-Schosslinge wie sein Herr und kommt gerade recht mit dem 29sten Kapitel. Ich kann stundenlang mit Spitzhunden reden, wie Yorickmit Eseln. Ich will jetzt den Gotterboten auf die Hinterfusse stellen und an den vordern halten, damit er mir aufgerichtet zuhort. "Steh, leichte Bestie! Ich rede nur mit dir uber etwas, damit ich dich in die dritte Vorrede setzen kann. Es verdient, Spitz, bemerkt zu werden, dass du ein Schelm bist wie Menschen und gleich ihnen nicht gerade, sondern gekrummt und niedergebuckt verbleiben willst, bloss um recht zu fressen; du und sie wollen wie Pharokarten durch Beugen und Krummen gewinnen, wie die gemeinen Englander ihre schlechten Silbermunzen krummen, damit sie nicht fur weniger ausgegeben werden, namlich zwei fur eine. Du hast falsche Augen, aber du handelst doch gut. Die Rezensenten, ungeduldiges Vieh, sagen, wenn sie an deiner Stelle waren, sie wurden das biographische Bauzeug fleissiger zutragen, damit die Lebensbeschreibung aus ware, eh' es schneiet Setze ihnen nicht entgegen, dass ichs wie Baronius machen konnte, der seine Annalen ohne Bart angefangen und mit einem grauen ausgemacht Das konnen ihm nur Refeilen und die ein Werk unbartig anfangen konnen am Rasiertage, und erst drei Tage darauf vollenden, wenn sie eingeseift sind. Fall nur nieder, Hofmann, und friss; du bist wenigstens nicht ohne allen Verstand und gibst doch mehr auf das Haranguieren acht als ein Dauphin-Fotus und wedelst doch, aber der Fotus nicht Ich habe nun mit ganz andern Leuten zu sprechen, und die wenigsten wedeln, Spitz!"

Jean Paul.

29. Hundposttag

Bekehrung Billetdoux der Uhr Florhut

Des Morgens ging Klotilde nach ihrer Pappelinsel ab, und mittags Viktor nach seinem pontinischen Sumpfbeide mit einer Entfernung zufrieden, die sie wurdig machte, eine Vereinigung zu geniessen.

Das erste, was der Hofmedikus in Flachsenfingen vornahm, war dass er nachsann oder vielmehr nachempfand. Der Mensch ist der Doppelspat der Zeit, der alle Szenen zweimal nebeneinander zeigt. Die Erinnerung fing in ihrem Spiegel noch einmal den Mondschein der letzten Nacht und die Engel auf, die darin schwebten, und kehrte den Spiegel mit diesem Schimmer, mit dieser Perspektive meinem Viktor zu. Er uberdachte Klotildens bisheriges Betragen, aus dem er und ich hoffe, mein Leser die Zuge der reinsten Liebe, die nur mit einem Auge aus dem Schleier blickt, neben den Zugen einer entschiedenen Herrschaft der weiblichen Gefuhle uber die weiblichen Wunsche entdeckte. Sie kommt den ersten Mai aus Maienthal mit einem weinenden Herzen, das, von einer Toten abgerissen, offen noch fortblutet. Der Schuler Emanuels begegnet ihr, und sie eilet wieder zum Grabe zuruck, um dort mit den Tranen der Trauer ihre erste Liebe auszuloschen. Aber Emanuel teilet dieser Liebe sein heiliges Feuer mit durch die seinige, durch sein Lob des Geliebten, durch den offnen Brief voll keimender Liebe, den dieser am Geburtfeste des 4ten Maies an ihn geschrieben. Sie kehrt ungeheilet gegen die Zeit seiner nahen Abreise zuruck. Aber ihr guter Emanuel druckt freundschaftlich-grausam das Bild, das ihr das Herz zu enge macht, tiefer in die Wunden desselben hinein, indem er ihr Viktors Leben in Maienthal und dessen Gestandnis berichtet, dass er sie liebe. Viktor schweigt vor ihr, aber sie glaubt, er tu' es, weil er von seinem Vater keine Erlaubnis habe, mit ihr uber Flamins Verwandtschaft zu reden. Er geht an den Hof und scheint sie zu vergessen, ja er legt ihr die Ketten des Hofamts um, die doch, wie er weiss, ihre Seele blutig drucken. Ihre Eltern notigen ihr, um sie auszuforschen oder um ihrem geheimen Werber Matthieu mit ihrer weiblichen Verschleierung zu schmeicheln, durch eine tyrannische Frage das ungluckliche Nein ab, das ihren Bruder tauscht und ihren Freund entfernt Viktor weicht an ihrem Festabende aus dem Garten, ohne sie anzureden, besucht darauf ihre Eltern wieder und ist ganz erkaltet. Nun hort sie nichts mehr von ihm als hochstens Berichte seiner hofischen Freuden und seiner Besuche bei Joachimen Ja, du Gute, so mussten ja im Kampfe mit Wunschen und mit Sorgen, im kranken Lechzen nach der geliebten Seele alle deine Freuden einschlafen und deine Hoffnungen aussterben und deine unschuldigen Wangen erblassen. Da nun Viktor so diese trube Vergangenheit durchdachte und sich erinnerte, wie ihr im Schauspielhause, wo er ihr seine Wissenschaft um ihre Verschwisterung zeigte, die letzte Blute der Wange, der letzte Zweig der Hoffnung wegbrach, weil sie sein bisheriges Schweigen fur ein von seinem Vater befohlnes halten konnte und da alle diese Zuge in eine Himmelkonigin zusammenliefen, vor welcher das Niederknien leichter als das Umarmen ist und da er weiter bedachte, dass dieses edle, von einem Emanuel verschonerte und eines Emanuels wurdige Herz sich doch mit allen seinen Himmeln dem wankelmutigen Herzen des Schulers ergab und dass der Guten nicht einmal dieser bescheidne Wunsch gelang, weil das Schicksal die Blute ihrer Liebe wie die einer Rosenstaude aufschob durch Verpflanzung, durch Setzen in Schatten, durch Beschneiden der Knospen im Fruhjahr und Herbst und da er sah, dass gleichwohl diese Edle mit dem Finger auf dem Munde, mit der Hand auf dem truben Herzen, ohne einen Wink ihres Grams geschieden ware nach Maienthal, und dass die moralische Kalte diese Blume, wie die physische andere Blumen, erhob, aber ihr dadurch die Wurzeln des Lebens abriss und da endlich sein Traum am dritten Osterfeiertag, wo ihm vorkam, als sah' er sie auf einem lichten Nebel singend aus der Erde steigen, wie eine grosse Regenwolke voruberging, und der Traum mit ihren erblassten Farben vor seiner schmachtenden Seele stille stand, und eine Stimme aus dem Traum ihn fragte: "Wirst du sie lange lieben, da sich Engel nach ihr sehnen und sie aus dem Kummer heben und dir nichts lassen als das Grab des zu lang verkannten Herzens?"- da alle diese Gedanken gluhend und aneinandergereihet wie Hugelketten von roten Abendwolken um seine Seele zogen: so wurde sein Herz wie ein Altar durch ein vom Himmel fallendes Opferfeuer bedeckt, und alle seine erdigen Luste, alle seine Flecken vergingen in diesem Feuer kurz, er beschloss, sich zu bessern, um durch Tugend wurdig zu sein einer Tugendhaften.

Er bekehrte sich den 3ten April 1793 gegen Abend, als der Mond und die Erde unter seinen Fussen im Nadir waren.

Der Leser kann uber diesen Chronometer gelacht haben; aber jeder Mensch, an dem die Tugend etwas Hoheres ist als ein zufalliger Wasserast und Holztrieb, muss die Stunde sagen konnen, worin jene die Hamadryade seines Innern wurde welches die Theologen Bekehrung und die Herrnhuter Durchbruch nennen. Wie soll die Zeit nicht unsre geistigen Empfindungen abmarken, da ja bloss diese jene abstecken?

Es gibt oder kommt in jedem mehr solarischen als planetarischen Menschen eine hohe Stunde, wo sich sein Herz unter gewaltsamen Bewegungen und schmerzlichen Losreissungen endlich durch eine Erhebung plotzlich umwendet gegen die Tugend, in jenem unbegreiflichen Ubergang, wie der ist, wenn sich der Mensch von einem Glaubenssystem auf einmal zum andern, oder vom hochsten Punkte des Grolls schnell zu einer zerschmelzenden Vergebung aller Fehler hinuberhebt jene hohe Stunde, die Geburtstunde des tugendhaften Lebens, ist auch die susseste desselben, weil dem Menschen ist, als ware ihm der druckende Korper abgenommen, weil er die Wonne geniesset, keine Widerspruche in sich zu fuhlen, weil alle seine Ketten fallen, weil er nichts mehr furchtet im schauerlich-erhabnen All. Der Anblick ist gross, wenn der Engel im Menschen geboren wird, wenn alsdann am Horizont der Erde die zweite Welt aufsteigt und wenn die ganze Sonnenwarme der Tugend auf das Herz nicht mehr durch Wolken fallt.

Aber der arme Mensch, der gebundne, in Blut versunkne, von Fleisch umfasste Mensch empfindet bald den Unterschied zwischen seinen Entzuckungen und seinen Kraften; er, der das gelobte Land erkampfen wollte, da ihm die Trauben desselben entgegenkamen, stockt, wenn er gegen dessen Riesen ziehen soll (gegen die Leidenschaften). Gleichwohl verwerf' ich nicht einmal die Ubertreibung jenes Enthusiasmus; der Mensch muss wie Gebaude in die Hohe geschraubt werden, damit er umgebauet werde; ein Syllogismus grabt die Blutstrome unserer Begierden nicht ab. Es ist sonderbar, dass der Teufel in uns allein das Recht haben soll, das Blut, die Nerven, die Getranke, die Leidenschaften zu seinen Kriegsoperationen und fur seine Reichskasse zu verwenden, der Engel aber nicht...

Indessen ists so: die Menschen sind lasterhaft, weil sie die Tugend fur zu schwer ansehen, und sie werden es wieder, weil sie sie fur zu leicht hielten. Nicht die Vernunft (d.h. das Gewissen) macht uns gut, sie ist der ausgestreckte holzerne Arm am Wege der Tugend; aber dieser Arm kann uns weder hintragen noch hindrangen die Vernunft hat die gesetzgebende, nicht die ausubende Gewalt. Die Kraft, diese Befehle zu lieben, die noch grossere, sich ihnen zu ergeben, ist ein zweites Gewissen neben dem ersten; und wie Kant nicht das mit Dinte anzeichnen kann, was den Menschen schlimm macht, so ist auch das nicht darzustellen, was sein Herz uber dem moralischen Kote aufrecht erhalt oder aus diesem emporzieht.

Wer erklart es, wenn es Menschen gibt, die von Jugend auf ein gewisses Gefuhl von Ehre entweder besitzen oder entbehren im weiblichen Geschlecht ist diese Abteilung noch schroffer und wichtiger , wenn es Menschen gibt, die von Jugend auf eine gewisse Sehnsucht nach dem Uberirdischen, nach der Religion, nach dem Edleren im Menschen (und nach Systemen, die dieses Edlere besiegeln und nicht bestreiten) entweder empfinden oder ewig entraten? (Bei Kindern ist warmes Gefuhl fur die Religion oft ein Zeichen des Genies.) Der Mensch wird nicht gut (obwohl besser), weil er sich bekehrt, sondern er bekehrt sich, weil er gut ist.

Ware die Tugend nichts wie Stoizismus: so ware sie ein blosses Kind der Vernunft, deren Pflegetochter sie hochstens ist. Der Stoizismus stellt die Tugend so nutzlich, so vernunftig dar, dass sie nichts weiter ist als ein Schluss; man hat bei ihr nichts zu uberwinden als Irrtumer. Da sie (nach ihm) nicht das hochste, sondern das einzige Gut ist; da alle Begierden nach ihm auf ein leeres Nichts losgehen: so ist Tugend kein Verdienst, sondern eine Notwendigkeit. Z.B. wenn es nichts Hassenswertes gibt: so ist der Sieg uber den Zorn und die Liebe gegen den Feind nicht schwerer oder verdienstlicher als die gegen den Freund, sondern einerlei.

Was hat denn der Stoiker der Tugend nach seiner Meinung aufzuopfern als Vexierguter, Luftschlosser und Fieberbilder? Gleichwohl tut der Stoizismus der Tugend, wie die Kritik dem Genie, negative Dienste; die stoische Erkaltung treibt keinen Fruhling heraus, aber sie richtet die Insekten hin, die ihn zernagen; der stoische Winter nimmt, wie der physische, die Pest hinweg, eh' die warmern Monate kommen, die neues Leben reichen....

Obgleich Viktor sagte: "Du Teure, kein Herz kann rein, still, zart und gross genug fur deines sein, aber das schwache, das du erduldest, wird an deinem sich heiligen und kommt gebessert zu dir": so war doch nicht die blosse Liebe die Quelle seiner Tugend, sondern umgekehrt konnte nur Tugend sich durch eine solche Liebe offenbaren. Aber auch ohne das wird eine halb eigennutzige Sinnanderung durch Handeln zur uneigennutzigen, wie die Liebe, die von der Schonheit des Gesichts anfangt, sich zuletzt in Liebe fur Schonheit der Seele veredelt.

Die Absonderung von Klotilden gab ihm durch den Gedanken Freude, dass er wahrend derselben die eifersuchtigen Irrtumer ihres Bruders schone. Die Gesamtliebe ruckte jetzt der Freundschaft gegen die bessern Weiber zu, und der Toleranz gegen die schlimmern. Er hob seine satirische Intoleranz die aber nicht halb so gross war wie die junger schriftstellerischer Spassvogel durch eigne Toleranzmandate auf. Er las Gullivers letzte Reise ins Pferdeland als Rezept gegen Lugen, wenn man an den Hof geht. Sein Kubach und Schatzkastlein und sein collegium pietatis bestand aus drei unahnlichen Banden: Kant, Jacobi und Epiktet.

Ich wollt' aber, er machte sich nicht lacherlich. Von einem Manne, der neun Monate am Hofe gewesen, war man schon zu erwarten berechtigt, dass er sich anders benehmen und gegen jene Gleichheit der Stande und der Laster nicht verstossen werde, da die Menschen die Sunden am besten gemeinschaftlich veruben, wie in den schweizerischen Kirchen die Zuhorer gemeinschaftlich husten mussen oder die Rekruten eines Transports zugleich pissen. Wenigstens sucht der Mann von Lebensart seine Liebe gegen seine Religion so gut zu verbergen wie die gegen seine Frau. Ich komme wieder zur Historie:

Viktor beschloss nun, lauter Besuche zu machen, die ihn argerten und dem Nachsten gefielen. Der nachste war eine ausserordentliche Steuer von Besuch bei der Furstin (denn seine tagliche Prinzessinsteuer bei ihr horte nun auf). Freilich wurde die dicke Stunden-Uhr des alten Zeidler Linds jede Minute ein Wekker, der ihm seine vorigen tollkuhnen Scherze, seinen Uhr-Einschluss und Liebebrief an Agnola vorhielt. Ich kann mich der Sorge nicht erwehren, dass die Leser ausglitschen und sichs nicht traumen lassen, mit welchem Herzen Sebastian zur Furstin ging: o! mit einem voll stummer Abbitten und Lossprechungen, mit einer ausgedehnten Brust voll stolzer Zuversicht und doch voll teilnehmender Milde. Woher kam das? Aus der schonen Seele kam es, die jetzt, von fremder Liebe ausgesohnt und ausgefullt, nichts mehr wunschen konnte als Freundschaft, und die nun zu glucklich war, um nicht versohnlich zu sein. Aber er fand zwei kalte raffinierte Gesichter bei ihr, denen ebenso schwer abzubitten als zu vergeben ist namlich ihr eignes und das des Grafen von O aus Kussewitz, bei welchem ihre Ubergabe geschehen war. Viktor errotete; der Graf schien ihn gar nicht zu kennen sie wurden einander nicht vorgestellt sprachen aber zusammen so teilnehmend, als wenn sie es waren (zumal da es keinen Unterschied machte) und so ging man mit kuhlen Gefuhlen und mit der grossten Gleichgultigkeit gegen eigne und fremde Anonymitat hofmassig auseinander. Bloss Viktor angstigte sich nachher mit Zweifeln, ob er nicht fruher als Agnola den unbekannten Grafen einen Grafen genannt.

Ubrigens fand er erst jetzt, seitdem er Klotilden lichte, die Scheidewand zwischen Liebe und Freundschaft mit Weibern recht sichtbar und dick: vorher konnt' er durch die Scheidewand gut hindurchsehen. Eine Frau kann sich keinen festern und reinern Freund erwahlen als den Liebhaber einer andern.

Viktor musste nun auch, und noch dringender, zu Joachimen gehen. Der bose Geist, der im Menschen allzeit wie die jungsten Rate zuerst stimmt, machte die Motion: "er solle Joachimen den kleinen Irrwahn, dass er sie liebe, lassen" als dies nicht durchging, nahm der Filou eine andere Stimme an und schlug damit vor: "er sollte sie fur ihre bisherige Zweideutigkeit durch die deutlichsten Zeichen seines Hasses strafen". Aber er ging willig dem guten Geiste nach, der ihn an der Hand fuhrte und unterweges sagte: "Gehe jetzt zu ihr ziehe dich von ihr ohne ihre Schmerzen los deine Hand gleite allmahlich aus ihrer und raume einen Finger nach dem andern, wie es Madchen mit ihrer physischen machen, und stelle dich weder als ihren Feind noch als ihren Liebhaber an." Er ging ohne allen Eigennutz hin; denn letzter ware eher gewesen, zu Hause zu bleiben und die Vergangenheit und Zukunft zu geniessen und durchzublattern, oder auch aus dem Hause zu gehen nach St. Lune, um sich zu Agathen neben den Florhut Klotildens, den sie studierte, zu setzen.

Um aber seinem Besuche nicht zu vieles Gewicht in den Augen Joachimens zu lassen, nahm er sich vor, sie um die Prospekte von Maienthal, die in ihrem Zimmer hingen, anzugehen auf einige Wochen. O Maienthal, wie viel hast du, wenn schon dein Schattenriss so glucklich macht! Aber sein Besuch lief sonderbar ab. Er wunschte unterweges, in ihrem Toilettenzimmer ware der feine Narr und der wohlriechende und mehr Zeug es war nichts da. Sie nahm ihn mit einer sorglosen Lustigkeit auf, als ware sie die Kolombine und der Medikus der Pickelhering. Er wollte aber bloss das allmahliche Abschwachen oder diminuendo seiner moralischen Dissonanzen ausfuhren; daher wurd' er durch das ewige Hinsehen auf seinen Notenpult und auf die Partitur seiner innern Harmonie etwas steif und ungelenk in seinem Spiel. Weiber unterscheiden leicht Kalte der Vernunft (schon am Mangel der Ubertreibung) von Kalte der Laune. Jetzt verlangte er die Prospekte. Joachime wurde nicht kalter, sondern warm, d.h. ernsthaft, und hob in der hohlen Hand ihre Uhr empor und sagte, darauf blickend: "Ich geb' Ihnen so viele Minuten Frist, als Sie Tage weggeblieben sind, um das Wegbleiben zu entschuldigen." Viktor nahm ohne Verlegenheit wie jeder, der nur nach einem entweder guten oder bosen Grundsatz handelt die BestimmFrist an und hob die montre a regulateur unter dem Spiegel aus, um nicht von Joachimen betrogen zu werden. Diese verdammte Uhr der Furstin grinste ihn uberall an, wie eine Druckkugel und Pulvermine unter seinen Fussen. Er zog sie auf, um dieses nurnbergische Ei (wie man sonst die Uhren nannte) aufzumachen und endlich einmal nachzusehen, ob die Lieberklarung, d.h. das punctum saliens der Liebe oder der Amor der nach Plato auch aus einem Ei auskam , noch darin sei. "Ich weiss schon," sagt' er zu sich, "es ist langst heraus, aber ich probier's nur."

Es ware uberhaupt die Frage gewesen, obs dieselbe Uhr war, da die in Tostatos Bude keine Brillanten hatte wenn nicht aus dieser Pandorabuchse, sobald er sie am Fenster aufgeschlossen hatte, hervorgeflattert ware ein dunnes Blattchen, halb so gross wie ein Schmetterlingflugel, so lang wie ein Tulpenstaubfaden. Die kleine Folie nahm vor jedem Luftchen die Flucht. Joachime fing das Ding las das Ding fand die Lieberklarung noch darauf hielt sie fur eine, die er ihr selber eben mache, um seine Abwesenheit auszusohnen, und die er der Uhr Witzes halber (er konnte auf ihre Herz-Gestalt anspielen) einverleiben wollen...

Jeder kann denken, wie ihm bei der Sache war. Recht wohl war' ihm dabei gewesen, wenn er hatte entsetzlich lugen durfen oder wenn er nur wenigstens den wenigen Hof-Leuten hatte nachschlagen durfen, die unter die 28 Pfund Blut, die ihren Korper wassern, nicht 28 ehrliche Bluttropfen ein einziger kann, wie ein liquor probatorius, in der ubrigen Masse verdammte Niederschlage nachlassen geschuttet haben. Aber seine Seele ekelte der neue Koder zur Luge. Der Leser kann gar noch nicht wissen, dass Viktor fehlschoss, dass er namlich (wegen der Entlegenheit von Joachimens Argwohn) auf diesen gar nicht kam, sondern auf den nahern, Joachime habe jetzt seinen ganzen narrischen Streich gegen die Furstin heraus. Er war niemals fahig, einen fremden Leichnam als Schild den Pfeilschussen gegen seinen eignen vorzuhalten eine Sitte auf dem Hof-Moria, die nicht wie die alttestamentliche einen Isaak mit einem Widder loset, sondern einen Widder mit einem Isaak er war heute am wenigsten fahig, die Furstin preiszugeben, um sich zu retten; aber auch nicht einmal das vermocht' er, Joachimen preiszugeben, um jene zu retten, d.h. den Teufelzettel zu einem Sussbriefchen an Joachimen umzumunzen. Der Satan schrie sich in ihm heiser, um ihn nur so weit zu bringen, dass er wenigstens durch schweigende Gebarde loge und die ihrige rechtfertigte, worin der Schein immer mehr abnahm, als glaubte sie es an eine fremde Dame gerichtet.

Er sagte ihr frei heraus, was er sei ein Narr. Er erzahlte den ganzen Handel in Kussewitz. Er schloss damit, es sei ein Gluck fur ihn, dass die Furstin das tolle Einschiebsel der Uhr gar nicht aufgestobert habe.... Da er nun dieses eintonig vorsang ohne eine einzige Schmeichelei, aus der etwan eine neue verbesserte Auflage des Einschiebsels zu machen gewesen ware: so war er so glucklich, bei seinem Abschiede die belehrte Joachime in einem Zustand zu hinterlassen, der sich nach solchen magnetischen Handhabungen bei gebildeten Weibern in einer schonen stolzen Erhebung und bei ungebildeten in den Versuchen aussert, an den Mann die bildende letzte Hand gerade so zu legen, wie sie die griechischen Kunstler an ihre Modelle legten namlich mit den Nageln der letzten Hand. Viktor zog mit zweierlei sehr verschiedenen Prospekten ab, mit denen der Zukunft und mit den maienthalischen.

Sie behielt das Blattchen. Aber nicht die Furcht, sondern das herbe Gefuhl, dass seine bisherigen Torheiten sich bloss in einem fremden Herzen mit einer fehlgeschlagnen Hoffnung endeten, floss mit einigen bittern Tropfen in die susse verjungende Empfindung, dass er auf seine Kosten recht gehandelt habe. Eine Ruhrung, eine Trane ist ein Schwur vor dem Himmel, gut zu werden; aber eine einzige Aufopferung stahlet dich mehr als funf Busstranen und zehn Busspredigten.

Ich habe nicht den Mut es zu erraten, warum die Furstin die Uhr mit dem Einschlusse, den sie (schon nach dem Gesprach mit Tostato) gelesen haben muss, Joachimen in die Hande gegeben; aber fur die argwohnischen Spitzbuben, deren ich im Kapitel ihres Augenverbandes und Kusses gedacht, ist das ein Fund; das Geschenk der Uhr bestatigt sie ganz in ihrem spitzbubischen Glaubensatz; denn sie konnen ich setze mich vergeblich dagegen das Geschenk fur ein Zeichen der italienischen Rache ausgeben, die Agnola an der Nebenbuhlerin Joachime, der sie Viktors Widerstand zuschreiben musste, dadurch habe nehmen wollen, dass sie ihr seine anderweitigen Lieberklarungen mitgeteilt.

Viktor nahm sich, indem er zu Hause die grossten physischen Schritte machte, vor, ahnliche politische zu tun und geradezu dem Fursten zu bekennen: "Es ist nicht viel uber neun Monate, dass ich Hochstderoselben Braut mit einer schmalen Lieberklarung behelligt habe, die sie gar noch nicht kann gelesen haben und die nun aus einer Hand in die andre geht." Aber jetzo war die Eroffnung der Uhrbrieftasche nicht tulich: Jenner war durch die Entfernung Klotildens ein wenig verdrusslich; Viktor war seit einiger Zeit auch weniger um ihn als sonst, wie doch ein rechtschaffener Gunstling nicht sollte, da z.B. der beruhmte Graf von Bruhl wie eine Mutter von Morgen bis Mitternacht seinen Herrn umwachte. Jenner schien in dieser Einsamkeit mehr an seine Kinder zu denken, und Viktor konnte ihm keine Nachrichten vom Lord erteilen. Die Hauptsache war vollends seine Fruhlingkranklichkeit, die ihn wieder zum glaubigen Junger des Doktor Kuhlpeppers und des Podagra machte. Dieser Doktor-Rumpf unter einem Doktorhute, dessen Gehirnfibern zu Basssaiten gezwirnt waren, versteigerte seine Einfaltigkeiten bloss durch die ernsthafte Schwerfalligkeit, womit er ihrer los wurde, uber den Preis; von gewissen Personen, z.B. von Arzten, von Finanz-Rechnern, von okonomischen Geschafttragern, fodern sogar Leute von feinen Sitten steife und halten sich an eine Zipfelperucke lieber als an einen Haarbeutel von Schnallengrosse oder an einen Tituskopf. Sebastian kam den Leuten viel zu spasshaft vor, als dass sie hatten denken konnen, er habe was gelernt. Im Punkte der Arzte wie in jedem Hauptpunkte des Vermogens oder des Lebens denket der vornehmste Pobel wie der niedrigste und schatzet Manner und Schosshunde nach ausserer zottiger Wildnis. Noch dazu hatte Viktor den Fehler, sich und die Arzte in den Verdacht der Ruhmsucht zu bringen, indem er sie geradezu lobte: z.B. "sie waren bei ihrem Matrosenund Toten-Pressen eine Art Seelenverkaufer fur die andre Welt und dienten den guten Engeln, die den Kern ohne die Korperschale begehrten, um ihn weiter zu stecken, zu Nussknackern; wie oft heben wir nicht" (fuhr er fort) "die gefahrlichsten Krankheitversetzungen durch eine leichte Krankenversetzung! Ich konnte mich auf die refugies aus dieser Welt berufen, ob unser Streu- und Dintenfass (das Gerate unserer Rezepte) nicht die Saemaschine und Giesskanne der menschlichen Wintersaat waren; aber die Hinterbliebnen sollen reden und antworten, ob sie nicht die Pfrunden, die Regimenter, die Lehnguter, die Ordenbander, die ihnen zugefallen, unsern Rezepten und Uriasbriefen zu verdanken haben, und ob sie und sogar Konige im Trocknen sassen ohne unsere haufigen Abzuggraben im Kirchhof. Und doch, dunkt mich, ist unser Ruhm im Heilen und Beleben ebenso gross, wo nicht grosser: dieser Ruhm so wie die Sterblichkeitlisten, worauf er sich stutzt ist seit vielen Jahrhunderten der namliche geblieben, unsre Theorien, Spezifika, Einsichten mochten sich andern, wie sie wollten."..

Den Fursten machten solche Satiren recht lustig und unglaubig. Doktor Kuhlpepper hingegen hielt auf seine Wurde und wurde gegen einen Satirikus, der vom langsamen Dezimieren der Arzte gesprochen hatte, seinen Degen gezogen und ihn durch ein schnelleres vollstandig widerlegt haben. Ich rate jedem, der in der Welt etwas werden will (namlich etwas anders), bei den Mannern auszusehen wie ein Leichenbitter bei den Weibern wie ein Gevatterbitter. Der Furst hielt sich im siechen Fruhjahr aus zwei Grunden wieder vom Zipperlein besessen, erstlich weil ich noch keinen Nerven-Schwachling gekannt habe, der sich eine Krankheit, die ich ihm im Sommer ausgeredet hatte, nicht im nachsten kranklichen Winter wieder in den Kopf gesetzt hatte zweitens weil Jenner nachgerechnet, dass er oft genug vor Damen auf die Knie gefallen war, um das Anbeten daran noch als Gonagra oder Kniegicht zu spuren.

So stands, als ein kleiner Zufall unsern Viktor wieder glucklich machte. Ich muss nur vorher sagen, dass er ohnehin gar nicht unglucklich war; denn ein Liebhaber bekummert sich um nichts, um einen Hof gar nicht; er hat Amors Binde um und verzeiht gern der Fortuna und der Justiz die ihrigen. Und das moralische Osterfeuer losete so wie Aberglaube dem physischen eine eigne Kraft beimisset alles Eis, womit man Viktors Blut andammte, in Freuden-Lymphe auf; der Osterwind der nach den Wetterpropheten bis zu Pfingsten fortwehet setzte seine alten Freudenblumen in Bewegung und saete aus ihnen den Samenstaub kunftiger weiter; der Schnee zerging auf dem aus dem Winterschlafe erwachenden heissen Fruhling, und die ersten Blumen und die tausend Knospen gaben allen Herzen Krafte und Hoffnungen und Liebe. O wenn Viktor draussen dem grunenden Steige nachsah, der ihn mit frischen Saftfarben mitten aus der Grummetsteppe (denn im Fruhling grunen die Fusswege zuerst) in das maienthalische Eden locken und tragen wollte; und wenn er dann gluhend und durstend umkehrte und in das gezeichnete Maienthal einlief, in die entlehnten Prospekte, und da jeden Farbenberg erstieg und jeden punktierten Garten umzingelte mit seinen Fingern und Phantasien: so dachte er selber nicht, dass ein kleiner Zufall ihn noch froher machen konnte. Und doch machte ers ihn.

Es ist nicht wohlgetan von mir, dass ich das und das hab' ich mir in dieser Lebensbeschreibung so sehr angewohnt immer einen Zufall nenne, was ein naher Blut-Urenkel voriger Kapitel ist und was ja kommen muss. Denn der Florhut- das war der Zufall musste ja kommen, weil er bestellt war. Es war aber das Urbild selber. In so schmaler Zeit ware ohnehin von der flinkesten Putz-Bauherrin kein Hut zu machen gewesen; aber Sebastian hatt' es doch nicht bedacht, wenn ihn nicht Puderspuren und aufgegangne Spitzen-Gitter gezwungen hatten, den alten Hut von einem neuen zu unterscheiden. Kurz: Klotilde hatte ihn Agathen, die es ihr nicht verschweigen konnte, fur wen sie das Nachbild davon nehme, vor dem dritten Ostertage gegeben zum Abkopieren, und nach dem besagten Tage ihr geschrieben, ihr die Kopie zu schicken und dem Medikus das Urbild fur das Nachbild (wie bei der Wachsstatue) anzuhangen. Und warum wohl? O das fuhlte ihr Freund in susser Ruhrung nach: es dauerte sie, dass sie einem scheuen zartlichen Herzen nichts geben konnte, keinen Laut, keinen Blick, keine Freude, kein Andenken des schonsten Abends, als bloss den herbstlichen Nachflor desselben, als nachgenahte Seidenblumen dieser Freudenblume, den Taftschatten eines Taftschattens.... Nein, sie bezwang sich, um dem stummen Liebling wenigstens mehr als die Kopie des Schattens zu geben.

O vor wem das liebevolle zugedruckte Herz eines guten Weibes aufginge: wie viel bekampfte Zartlichkeit, verhullte Aufopferungen und stumme Tugenden wurd' er darin ruhen sehen!

Man muss nur dem deutschen Reichstage und seinen Querbanken kein Geheimnis daraus machen, dass Viktor den neunten Kurhut, oder gar den achten und letzten, nicht annehmen will, wenn er dafur den Florhut abstehen soll.... Was konnen, sagte er, die plumpesten dicksten Kronen, die man mir auf meinen Reisen vorgezeigt, in der einen Schale wiegen gesetzt man wurfe auch noch einige Tiaren und Dogemutzen mit Bugeln und papstliche Hute zu den Kronen hinein , wenn auf der andern Klotildens Florhut zieht? Da der Leser ebensoviel Verstand hat wie ich selber: so entscheid' er hierauf. Dieser Hut gab ihm ein unaussprechliches Sehnen nach Maienthal und war fur ihn ein Dedikationkupfer, das ihm (wie durch eine investitura per pileum) Klotilden erst schenkte; er blieb vor dieser Krone als Kronerbe jede Minute zog seinen Kronwagen mit zwei grossen Freudentropfen stehen, die das gluckliche Auge nicht fasste, und sagte, langsam den Kopf wiegend: "Nein, das gutige Schicksal gibt mir zu viel Ach wie kann ich diese Seele vom Himmel verdienen? Ich werde bloss zu ihr sagen: 'Ich bin dein!' und spat einmal: 'Du bist mein!'" Und als gar seine Phantasie hinter dem FlorGegitter die zwei grossen Augen aufschloss, die sonst darunter die Tranen eines zuruckgestossenen Herzens verborgen hatten, und als er die entruckte Stimme wieder hinter diesem Sprachgitter aus Schattenfaden reden liess: so konnt' er sich nicht mehr halten, sondern er schrieb damit er nach Maienthal durfe dem Hute gegenuber den ersten Brief an sie, den ich morgen abends gewiss mit der Post erhalten werde vom Hunde.

Ich glaube, ich hab' es gar noch nicht gesagt, dass Agathe ihm den Hut auslieferte und dass sie ihn es ist gegen das Ende des Aprils auf den 4ten Mai zum Geburttag des Vaters einlud. Viktor dachte an den melancholischen 4ten Mai vom Jahre 92 und wurde noch sehnsuchtiger nach der entrissenen Freundin.

Eh' ich das Kapitel schliesse, will ich nur den jungern Klotilden, den Vize-Klotilden, den Kebs-Klotilden und den Gegen-Klotilden, die mich und meine Kapitel auf dem Schosse haben, das noch sagen: seid kalt! Ihr konnt die weibliche Tugend-Kalte gar nicht zu weit treiben, ihr musstet ihr denn gar keine Grenzen stecken. Ich will euretwegen diese Lehre in weise Spruche und witzige Sentenzen kleiden, damit sie besser auf Facher und in Stammbucher geht.

Die Liebe muss wie der Aurikelsame auf Schnee gesaet werden, beide warmen sich durch das Eis schon durch und gehen dann desto frischer auf Ihr musset euch nie zu einem blossen Geschenke machen, sondern zu einem Frauenzimmerdank der Ritter Ihr erhaltet und verdient gerade so viel Achtung, als ihr fodert und ihr konnt, ihr mogt legiert sein, wie ihr wollt euren Munzstempel oder Pragstock aus der Tasche ziehen und euch damit pragen zu einem Damend'or fur den einen Herrn und zu einem elenden Fettmannchen fur den andern Ein Wustling zeigt in einer Gesellschaft wie ein Luftreinigkeitmesser durch die verschiedenen Grade seiner Kuhnheit die verschiedenen Grade des weiblichen Verdienstes an, aber in umgekehrtem Verhaltnis....

Sogar wenns nicht zum weiblichen Ehrenpunkte gehorte, musste mans doch begehren, um nur eine Muhe mehr zu haben weil mein Geschlecht hieruber vollig so denkt wie ich, der ich aus keinem EidamsWerbehaus eine Tochter verlange, wo nicht wenigstens die Eltern etwas wider mich haben; und es kann hiemit bekannt werden (ich lasse es deshalb nicht in die Zeitung setzen), dass ich mir von Eltern, die aus ihrem Versteigersaal voll Tochter, aus ihrem Liebes-Inokulationhospital eine oder die andre abstehen wollen, und denen ein Berghauptmann, Gerichthalter, Musikmeister und Lebensbeschreiber das mogen meine wenigen Amter sein keine zu verachtliche Partie ist, dass ich, sag' ich, von diesen Eltern erwarte, dass sie (wenn ihnen die Sache ein Ernst ist) mir wenigstens das Haus verbieten oder den haufigen Briefwechsel: das frischet Schwiegersohne an.

30. Hundposttag

Briefe

Hatt' ich oder ein anderer hinter einem Busch oder in einem Hohlwege aufgepasset und waren wir zu rechter Zeit vorgebrochen: so hatten wir die zwei ineinandergesiegelten Briefe, die Viktor nach Maienthal schickte, dem Boten abnehmen konnen, der kein Deutsch verstand, namlich seinem italienischen Bedienten. Der Brief an Emanuel war der Umschlag des Briefes an Klotilde die Freundschaft ist immer das Umschlagtuch der Liebe. Vom Umschlage will ich nur einen Auszug und einen Ausschnitt geben, eh' ich den Brief an Klotilden ganz mitteile. Er bat seinen Emanuel, dieses nur fur eine Briefdecke zu nehmen und die Inlage Klotilden allein zu ubergeben er sagt' es ihm ohne weitere Erklarung, er hange nicht von seinen Wunschen, sondern von Blumenketten ab, die ihn zuruckzogen von den andern Blumenketten in Maienthal, und eine vielfache Umschnurung mit Girlanden konne man nicht durchbrechen, weil man nicht wolle er war absichtlich uber sein neues Verhaltnis mit Klotilden undeutlich, weil er ihre Erlaubnis zum Gegenteil nicht voraussetzen durfte er bat scherzhaft seinen Freund, seine Freundin zu bitten, dass sie ihm befehle, nach Flachsenfingen zu reisen, damit sie einander zu sehen bekamen (ich komm' aus dem Perioden, wenn ich die Absicht dieser Wendung zeige) er strich in seinem Kopfe die Frage wieder aus: ob Klotilde noch des Arztes bedurfe? bloss weil er einer fur sie im doppelten Sinne war, und fragte nur, ob sie genesen sei Endlich schloss er so:

"Und so flatter' ich denn mit ziemlich abgestaubten Schmetterlingschwingen im unabsehlichen Tempel, der fur unser Phalanen-Auge in kleinere zerfallt und dessen Saulen-Laubwerk wir fur die Saulen selber halten und dessen Pfeilerreihen durch ihre Grosse unsichtbar werden, da flattert der Menschenzweifalter auf und nieder zerstosset sich an Fenstern rudert durch staubige Gespinste schlagt seine Flugel endlich um eine hohle Blume und der grosse Orgelton der ewigen Harmonie wirft ihn bloss mit einem stummen auf- und niedergehenden Sturme umher, der zu gross ist fur ein Menschenohr.

Ach ich kenne jetzo das Leben! Ware nicht der Mensch sogar in seinen Begierden und Wunschen so systematisch ging' er nicht uberall auf Zurundungen sowohl seiner Arkadien als des Reichs der Wahrheit aus: so konnt' er glucklich sein und mutig genug zur Weisheit Aber eine Spiegelwand seines Systems, ein lebendiger Zaun seines Paradieses, die ihn beide nicht ins Unendliche sehen oder laufen lassen, sprengen ihn sofort auf die entgegengesetzte Seite zuruck, die ihn mit neuen Gelandern empfangt und ihn neuen Schranken zuwirft.... Jetzt, da ich so verschiedene Zustande durchlaufen, leidenschaftliche, weise, tolle, asthetische, stoische; da ich sehe, dass der vollkommenste entweder meine irdischen Wurzeln in der Erde oder meine Zweige im Ather verbiegt und einklemmt und dass er, wenn ers auch nicht tate, doch uber keine Stunde dauern konnte, geschweige ein Leben lang; da ich also klar einsehe, dass wir ein Bruch, aber keine Einheit sind und dass alles Rechnen und Verkleinern am Bruche nur Annahern zwischen Zahler und Nenner ist, ein Verwandeln des 1000/1001 in 10000/10001 so sag' ich: 'Meinetwegen! die Weisheit sei also fur mich Auffinden und Ertragen bloss der kleinsten Lucke im Wissen, Freuen und Tun.' Ich lasse mich daher nicht mehr irremachen, und meinen Nachbar auch nicht mehr, durch die gewohnlichste Tauschung, dass der Mensch jede Veranderung an sich jede Verbesserung ohnehin, aber auch sogar jede Verschlimmerung fur grosser ansieht, als sie hinterher ist.

Genug! aber seit dieser Bemerkung o noch mehr, seit das hohe Schicksal mir Freuden gab, damit ich sie verdiente ist neues Morgenlicht auf meinen Schattensteig gefallen, und ich habe nun Mut, mich zu bessern.... Der klare Strom der Zeit geht uber einen hinabgelagerten Blumenboden schoner Stunden, auf welchem ich einmal stand und zu dem ich ganz hinunterschauen kann o wenn sich diese Eden-Aue wieder aufwarts hebt und ich kann an deiner Hand darauf treten und neben dir niederknien und dankend bald zum Morgenhimmel, bald uber die wehenden Blumenfelder dieses Lebens blicken: dann sink' ich stumm an dich zuruck und umfasse dankbar deine Brust und sage: 'O mein Emanuel, durch dich verdien' ichs ja erst.' Ja, ich sag' es heute, geliebter Lehrer, und bleibe du recht lange neben deinem Schuler auf der Erde, so lange, bis er wurdig ist, dich zu begleiten aus ihr."

*

So lang auch dieses Schreiben war, so liebte Viktor seinen Lehrer doch zu sehr und hasste die furstliche Unart, Menschen zu Werkzeugen zu machen, zu sehr , als dass ers ihm nicht geradezu hatte sagen sollen, dass dieser Brief nicht sowohl seine Entstehung als seinen Geburttag dem Briefe an seine Geliebte verdanke. Hier ist der an Klotilde, in den er mit folgenden Worten seine Bitte, sie zu sehen, bringt: "Wenn ich wusste, dass ich die geliebte Seele, die jetzo neben dem hohen Emanuel, neben dem Fruhling und unter ihren schonen Gedanken glucklich sein wird, nur einen Augenblick durch dieses Blatt beklemmte oder storte: o recht gerne opferte ich diese selige Stunde auf, um sie vielleicht zu verdienen. Aber nein, ewige Freundin, Ihr weiches Herz begehrt mein Schweigen nicht! Ach der Mensch muss so oft Kalte und Kummer verbergen, warum noch gar Liebe und Freude? Und ich wurd' es auch heute nicht konnen.

O wenn ein Erdenmensch in einem Traum durch das Elysium gegangen, wenn grosse unbekannte Blumen uber ihn zusammengeschlagen waren, wenn ein Seliger ihm eine von diesen Blumen gereicht hatte mit den Worten: 'Diese erinnere dich, wenn du erwachst, dass du nicht getraumt!' wie wurde er schmachten nach dem elysischen Lande, sooft er die Blume ansahe. Unvergessliche! Sie haben in der Schimmernacht, wo mein Herz zweimal erlag, aber nur einmal vor Schmerz, einem Menschen ein Eden gegeben, das hinausreicht uber sein Leben; aber mir war bisher, als wurd' ich wacher aus der zuruckgehenden Traumnacht Siehe! da behielt ich aus dem paradiesischen Traum eine Blume85, die Sie mir gelassen haben, damit ich unaussprechlich glucklich bliebe und damit meine Sehnsucht so gross wurde wie meine Seligkeit. Warum zieht dieser Flor alle heissen Tranen tief aus meinem Herzen herauf, warum seh' ich hinter diesem gewebten Gegitter die Augen aufgehen, die so weit von mir sind und die mein Inneres so wehmutig bewegen? O nichts befriedigt die liebende Seele, als was sie mit der geliebten teilt darum schau' ich den Fruhling mit so sussem Wallen an; denn sie geniesset ihn auch, sag' ich darum gefallst du mir so, du lieber Mond und Abendstern; denn du umspinnst mit deinen Silberfaden auch ihre Schatten und ihre Maiblumen darum vertief' ich mich so gern in jedes schattierte Tal Ihres Eldorados86; denn ich denke: in den vergrosserten Schatten, in den duftenden Bluten dieser Bilder wandelt sie jetzt, und die Mondsichel wendet die Blitze der Sonne gemildert auf ihr Auge zuruck. Wenn ich dann zu freudig werde, wenn der Abendregen der Erinnerung auf die heissen Wangen fallt, wenn sich meine Entzuckung auf einem einzigen bebenden langen Dreiklang des Klaviers auf- und niederwiegt: dann tut dem taumelnden Herzen das Zittern und Schweigen und die unendliche Liebe zu weh, dann sehn' ich mich nur nach dem kleinsten Laut, womit ich der Geliebten meines Herzens sagen darf, wie ich sie liebe, wie ich sie ehre, dass ich fur sie leben will, dass ich fur sie sterben will. O mein Traum, mein Traum tritt mir jetzt wie eine Trane ans Herz! In der Nacht des dritten Ostertags traumte mir: ich und Emanuel standen in einer dunkeln Nachtgegend. Eine grosse Sense am westlichen Horizont warf widerscheinende laufende Blitze auf die hohen Fluren, die sogleich vertrockneten und erblichen. Wenn aber ein Blitz in unser Auge flatterte: so zog sich unser Herz suss zergehend empor in der Brust, und unsere Korper wurden leichter zum Wegschweben. 'Es ist die Sense der Zeit,' sagte Emanuel, 'aber von was hat sie wohl den Widerschein?' Wir schaueten nach Morgen, und dort hing weit in der Ferne und hoch in der Luft ein weites dunkelgluhendes Land aus Duft, das zuweilen blitzte. 'Ist das nicht die Ewigkeit?' sagte Emanuel. Da sanken vor uns lichte Schneeperlen wie Funken nieder; wir blickten auf, und drei goldgrune Paradiesvogel wiegten sich oben und zogen unaufhorlich in einem kleinen Kreis hintereinander umher, und die fallenden Perlen waren aus ihren Augen oder ihre Augen selber. Hoch uber ihnen stand der Vollmond im Blauen, aber auf der Erde war doch kein Licht, sondern ein blauer Schatten; denn das Himmelblau war eine grosse blaue Wolke, bloss an einer Stelle vom Monde geoffnet, der nur auf die drei Paradiesvogel und unten auf eine helle, von uns abgekehrte Gestalt Schimmer niedergoss Sie waren diese Gestalt und wendeten Ihr Angesicht bloss gegen Morgen, gegen die hangende Landschaft, als ob Sie etwas da sogleich erblicken wurden. Die Paradiesvogel saeten die Perlen haufiger in Ihre Augen: 'Es sind die Tranen, die unsere Freundin weinen muss', sagte Emanuel; auch fielen sie dann aus Ihren Augen, aber lichter und blieben glimmend auf dem Blumenboden stehen. Das Blau auf der Erde wurde plotzlich heller als das Blau am Himmel, und eine schiefe Hohle, deren Mundung gegen die Ewigkeit aufklaffte, wuhlte sich ruckwarts durch die Erde gegen Abend bis nach Amerika hinab, wo unten die Sonne in die Offnung schien und ein Strom von Abendrote, so breit wie ein Grab, schoss aufwarts aus der Erde und legte sich mit seinem Abendscheine an das ferne Duftland der nebeligen Ewigkeit wie dunne Flammen an. Da zitterten Ihre Arme ausgebreitet, da zitterten Ihre Lieder voll sehnsuchtiger Wonne, da konnten wir und Sie die erleuchtete Ewigkeit ganz sehen. Aber sie wechselte schillernd unter dem Sehen, wir konnten das nicht denken und behalten, was wir sahen, es waren unfassliche Gestalten und Farbenspiele, sie schienen nahe, schienen fern, schienen mitten in unseren Gedanken zu sein. Wolkchen, aus der Erde aufziehend, schwebten um die gluhende Ewigkeit, und jedes hob einen auf ihm stehenden singenden Menschen hinauf zu dieser Lichtinsel, die sich gegen die Erde spaltete, bloss mit einer unabsehlichen Reihe von weissen Baumen, aus Licht und Schnee gegossen und statt Bluten Purpurblumen treibend Und wir sahen unsere drei Schatten erhaben an dem lichtweissen Hain, hinubergeworfen, liegen, und auf Klotildens Schatten hingen die Purpurblumen wie Kranze nieder; ein Engel umflog den holden Schatten und lachelte ihn zartlich an und beruhrte an ihm die Stelle des Herzens Da erbebtest du plotzlich, Klotilde, und wandtest dich um gegen uns, schoner als der Engel in der Ewigkeit, dein ganzer Boden glimmte unter den gefallnen Tranen und wurde durchsichtig Und als deine niedersinkenden Perlen jetzt den Boden in eine aufdringende Wolke aufloseten: reichtest du uns eilig die Hand und sagtest: 'Die Wolke hebt, wir sehen uns wieder.' Ach mein zerflossenes Herz fasste sein Blut nicht mehr, ich kniete nieder, aber ich konnte nichts sagen, ich wollte meine Seele in einen einzigen Laut zerschmelzen, aber die gebundne Zunge vermochte keinen, und ich starrte die aufsteigende Unsterbliche an mit unendlicher und trostloser Liebe Ach, dacht' ich, das Leben ist ein Traum; aber ich konnte ihrs vielleicht sagen, wie ich sie liebe, war' ich nur erwacht.

Dann erwacht' ich O Klotilde, kann es der Mensch sagen, wie sehr er liebt?

H."

*

Sein Charakter und der Inhalt dieses Traums schliessen den Argwohn der Erdichtung aus. Ubrigens wenn ihm auch Klotilde den eingehullten Wunsch, sie in Maienthal zu sehen, versagt: so muss sie es doch auf einem Blattchen und mit drei Zeilen tun, die er dann tausendmal lesen kann und die das Bilder- und Siegelkabinett, worin schon Hut und Prospekte liegen, um ein Ansehnliches bereichern. Inzwischen stand er in seinem schonen Alpental zwischen zwei hohen Bergen, auf deren jedem sich der Stoff zu einer Schneelauwine regte vielleicht ist schon oben eine im erquetschenden Gange, und er kann sie noch nicht sehen. Die erste Lauwine, die sein geringster Laut uber ihn herunterwerfen kann, ist sein tolles Verhaltnis mit seiner hofischen Bekanntschaft. Er kann sich ruhmen, sie samtlich aufgebracht zu haben: die Furstin, Joachimen, Matthieu. Aber auch ohne das muss schon irgendein Konduktor bloss weil er nicht auf dem gemeinschaftlichen Isolierschemel des Thrones mit steht mit einem verjungten Blitze in seine Finger oder Augen einschlagen; in Kollegien und an Hofen bleibt ohne Verbindung keiner aufrecht, es ist da wie auf den Galeeren, wo alle Sklaven ihre Ruder zugleich bewegen mussen, wenn keiner die Schneide der Kette empfinden soll. Aber Viktor sagte zu sich: "Sei kein Kind! sei kein umgekehrter Fuchs, der saure Trauben, bloss weil er sie nicht mehr erspringen kann, fur suss ausgibt! Ich schmeichle mir, du kannst hofische Herzen entraten, die wie ihre Gerichte uber einem Warmbecken voll flimmernden Weingeist erst aufgewarmt werden mussen. Beim Himmel, ein Mensch wird doch essen konnen, wenn auch das, was er anspiesset, nicht von einem Gardesoldaten aus der Kuche geholt, dann einem Pagen eingehandigt, dann von einem Kammerherrn oder sonstigen Ordonnanzkavalier aufgetragen worden ist. Nur meinen Vater wenns nicht verschlagt!" Das wars eben; am Sohne war nichts zu fallen, sondern am Vater87, fur den man den Wald- und Opferhammer wahrscheinlich so lang aufgehoben schweben lasset, bis er mit seinem Kopfe daruntersteht, der ohne seine Zuruckkunft nicht zu haben ist.

Aber ein Pastor fido fragt den Henker nach der ersten Schneelauwine. Auf den Harmonikaglocken seiner Phantasie horen die aussern Ubelklange des Schicksals, wie das Wagen-Gerolle des Pflasters auf einem Saitenbezuge, in sanft auffliegendem Ertonen auf. Bei ihm war, wie bei den Astrologen, der April, gleich meinem Buche dem Abendsterne, d.h. der Venus geweihet.

Hingegen die andere Schneelauwine lag schon im voraus auf seiner Brust der mogliche Bruch mit Klotildens Bruder. Einen Eifersuchtigen bekehren die zwolf Apostel und die zwolf kleinen Propheten nicht; wenn er am Sonntage kuriert ist: so wird er am Montage wieder krank, am Dienstage raset er, und am Mittwoche konnt ihr ihn wieder losbinden, er ist matt und klug und passet nur auf. Der eifersuchtige Krebs auf der Brust ist nie ganz zu schneiden, wenn ich grossen Heilkunstlern glauben soll. Dasmal war noch dazu etwas Wahres dran; auch schaffet es der Eifersuchtige zeitig bei; Eifersucht erzwingt Untreue, und das gequalte Weib will, soviel an ihr ist, den Mann nicht in Irrtum lassen. Ich kann mir die Muhe nicht machen (sondern der Leser), in meiner Lebensbeschreibung meinem Helden alle kleinen Fugen und F-Locher nachzuzahlen, wodurch er bisher seinen Flamin in sein verliebtes Herz sehen und horen lassen: diese Astlocher sind desto grosser, da er vor dem dritten Ostertag eben darum unvorsichtiger war, weil er unschuldiger war, oder vielmehr unglucklicher.

Dazu kam, dass Flamin der den teuern Evangelisten Matthaus taglich aufrichtiger und offner fand (wie ein ausgeschossenes Zundloch) seinen treuen Bastian taglich fur hinterlistiger und undurchsichtiger ansah. Ich wollt', der Regierrat ware gescheuter: aber dichte Seelen, wie Viktors seine, die mehre Krafte und eben darum mehre Seiten haben, scheinen freilich weniger poros zu sein, so wie vollotige Schriftsteller weniger deutlich- ein Mensch, der euch alle seine ineinanderschillernden Farben seines Herzens mit Offenheit aufdeckt, verliert dadurch den Ruhm der Offenheit einer, der wie Viktor fremde Kniffe aus Laune sammelt und vormacht, scheint sie nachzumachen ein veranderlicher, ein ironischer, ein feiner Mensch ist in eingeschrankten Augen ein falscher Dieb von Haus aus. Auch sprang Viktor, wenns ohne Larm anging, langen Erwahnungen Klotildens, d.h. langen Verstellungen, aus dem Wege; und eben diese Flucht vor Hinterlist, eben seine jetzige grossere Menschenfreundlichkeit gegen Flamin verschatteten gerade seine edle Gestalt; und uber den verdrehenden Argwohn trostete ihn nichts als die susse Betrachtung, dass er dem Bruder seiner Geliebten und seines Herzens zu Gefallen den schonsten Tagen in Maienthal den Rucken zukehre.

31. Hundposttag

Klotildens Brief der Nachtbote Risse und Schnitte

im Bande der Freundschaft

Ich wollt' es in die Literaturzeitung rucken lassen, ich hatte Herrnschmidts osculologia zu meinen (gelehrten) Arbeiten vonnoten Namlich zu diesem Kapitel: ich wollte daraus sehen, wie man zu Herrnschmidts Zeiten mit den Weibern umging. Zu Jean Pauls Zeiten geht man schlecht mit ihnen um, in Romanen namlich. Bloss der Englander kann vortreffliche Weiber portratieren. Den meisten deutschen Roman-Formern schlagen die Weiber zu Mannern um, die Koketten zu H-, die Statuen zu Klumpen, die Blumenstucke zu Kuchenstucken. Dass die Schuld mehr an den Malern als an den Urbildern liege, wissen nicht nur die Urbilder selber, sondern auch der Berghauptmann schon daraus, weil die Romanleserinnen alle noch romantischer sind als die Romanheldinnen, noch feiner und zuruckhaltender. Der Berghauptmann tut hier ohne die Absicht zu haben, dass ihn acht vornehme Weiber in Mainz, wie den Weiber- und Meistersanger Heinrich Frauenlob, zu Grabe tragen einen gedruckten Eidschwur (d.h. Schwurschwur), dass er die meisten seiner Zeitgenossinnen besser antraf, als sie der gute offne, aber leere rohe Kopf des Verfassers des Alcibiades und Nordenschilds zeichnen kann. In der Tat, wenn die Weiber nicht den Mannern alles verziehen, sogar den Autoribus (und zwar taglich siebenzigmal, und sie reichen den andern Backen dar, wenn der eine durch Kussen beleidigt worden): so konnt' es kein Bucherverleiher erklaren, wie Menschen, deren Kopf doch schwerer, deren Zirbeldruse kleiner ist, und die sechs Knorpelringe der Luftrohre mehr haben namlich 20 uberhaupt, wahrscheinlich zum MehrReden , deren Brustbein kurzer und deren Brustknochen weicher sind als bei den Mannern, wie doch solche Menschen weiblichen Geschlechts noch die Magd oder den Kerl in eine Lesebibliothek mit dem Auftrag schicken konnen: "Einen Ritterroman fur meine Mademoiselle!" Meine Feder-Kollegen in Rucksicht der Weiber bin ich nach der Bergsprache bloss von der Feder, nicht von Feuer noch von Leder werden zur Erziehung der Leserinnen, wie nach Lessing die Juden zur Erziehung der Volker, nur darum gewahlt, weil sie roher sind als die Zoglinge.

Jede Frau ist feiner als ihr Stand. Sie gewinnt mehr durch die Bildung als der Mann. Die weiblichen Engel (aber auch die weiblichen Teufel) halten sich nur in den hochsten feinsten Menschen-Schubfachern auf; es sind Schmetterlinge, an denen der Samt-Fittisch zwischen zwei rohen Mannsfingern zum nackten hautigen Lappen wird es sind Tulpen, deren Farbenblatter ein einziger Griff des Schicksals zu einem schmutzigen Leder ausdruckt.

Ich bringe dies alles vor, damit Herr Kotzebue und der freche Poetenwinkel in Jena88 und das ganze romantische Schiffvolk es meiner Klotilde nicht ubelnehmen, dass sie ihr eignes Geschlecht als das besagte Volk nachahmt, um so mehr, da sie vorschutzen kann, sie habe dieses noch nicht gelesen.

Durch Agathen kam sehr bald eine von Emanuel uberschriebene Antwort Klotildens an, die innen gesandten-massig besiegelt, geometrisch beschnitten und kalligraphisch geschrieben war, weil Frauenzimmer alle Dinge, die sinnliche Aufmerksamkeit verlangen, besser betreiben als wir, und weil sie denn kaum vier aus meiner Bekanntschaft brauch' ich auszunehmen gerade im Gegensatz der Manner desto schoner schreiben, je besser sie denken. Lavater sagt, der schonste Maler gebiert die schonsten Gemalde, und ich sage, schone Hande schreiben eine schone Hand.

Klotildens Brief stellet sich mit einer Lusthecke und einem lebendigen Zaun voll Bluten unserem Doktor in den Steig und lasset ihn nicht nach Maienthal. Denn er heisset so:

"Wurdigster Freund!

Kein Madchen ist vielleicht so glucklich als eine Dichterin; und ich glaube, hier in diesem aufgeschmuckten Tale wird man zuletzt beides. Sie sind uberall glucklich, da Sie sogar an einem Hofe ein Dichter sein konnen, wie mir Ihre schone poetische Epistel beweiset.

Aber die Phantasie malet gern aus Schminkdosen das wahre Maienthal kann der Ihrigen nicht soviel geben, als Sie in die drei Landschaft-Blatter desselben zu legen wissen. Sooft ich und Sie einerlei durch Dichtung ersetzen mussen: so ist bloss bei Ihnen der Ersatz grosser als das Opfer.

Wenn ich Ihnen das Vergnugen, Herrn Emanuel zu sehen, durch Uberreden hatte verschaffen konnen: so hatt' ichs gern getan; aber ich war zuletzt aus Gewissenhaftigkeit nicht beredt genug, um ihn zu einer Reise zu Ihnen zu bringen, die seine sieche Brust der Gefahr des Verblutens aussetzte. Sehen Sie ihn fur einen Fruhling an, den man alle Jahre neun Monate lang erwarten muss.

Ach die Besorgnis fur meinen unvergesslichen und unersetzlichen Lehrer wirft einen Schatten uber den jetzigen ganzen Fruhling, wie ein Grabmal uber einen Blumengarten. Ich habe niemals einen Fruhling so gern und so freudig angesehen wie diesen ich kann oft noch bei Mondschein an die Bache hinausgehen und eine Blume aufsuchen, die vor dem fliessenden Spiegel zittert und um welche ein Mond oben und einer unten schimmert, und ich stelle mir das Blumenfest in Morgenland vor, bei dem man (wie man sagt) nachts um jede Gartenblume einen Spiegel und zwei Lichter setzt. Aber doch kann ich nicht zum Blumenflor meines Lehrers hinuberblicken, ohne zu weich zu werden, da ich denken muss: wer weiss, ob seine Tulpen nicht langer stehen als seine zerknickte Gestalt. Hat denn die ganze Arzneikunst kein Mittel, das seine Hoffnung zu sterben vereitelt? Ich glaube, er stimmt mich nach und nach in seinen melancholischen Ton, womit ich mich vor einem andern als dem Freunde Emanuels lacherlich machen wurde; aber eine stille verborgene Freude bricht auch gern in Schwermut aus; 'nur in der kalten, nicht in der schonen Jahrzeit unsers Schicksals', sagten Sie einmal, 'tun die warmen Tropfen weh, die aus den Augen auf die Seele fallen, so wie man bloss im Winter die Blumen nicht warm begiessen darf.' Und warum sollt' ich Ihrer offenherzigen Seele nicht alle Schwachen der meinigen offenbaren? Dieses Zimmer, worin meine Giulia ihr schones Leben endigte, dieser Spiegel sogar, der mir, als ich mich vor Schmerz von ihrem Sterben wegkehrte, meine erblassende Schwester noch einmal zeigte, die Fenster, aus denen mein Auge so oft des Tages auf einen traurigen dornenvollen Rosenstrauch und auf einen ewig geschlossenen Hugel kommen muss, alles das darf ja wohl meinem Herzen einige Seufzer mehr geben, als eine Gluckliche sonst haben soll. Ich weiss nicht, sagten Sie oder Emanuel es: 'Der Gedanke des Todes muss nur unser Besserungmittel, aber nicht unser Endzweck sein; wenn in das Herz wie in die Herzblatter einer Blume die Grabeserde fallt, so zerstoret sie, anstatt zu befruchten'; aber auf mein Laub hat wohl das Schicksal und Giulia schon einige Erde geworfen. Und ich trage sie gern, da ich seit Ihrer Freundschaft nun zu einem Herzen fluchten kann, vor dem ich meines offnen darf, um ihm darin alle Kummernisse, alle Seufzer, alle Zweifel, alle Fragen einer gedruckten Seele zu zeigen. O ich danke dem Allgutigen, dass er mir so viel, als er mir in meinem Lehrer zu entziehen drohet, schon voraus in seinem Freunde wiedergibt meine Freundschaft wird unserm Emanuel nachreichen bis in die andre Welt und seinen Liebling begleiten durch diese; und sollte einmal auf uns beide der gemeinschaftliche Schlag seines Todes fallen, so wurden wir unsere vereinigten Tranen geduldiger vergiessen, und ich wurde vielleicht sagen: ach, sein Freund hat mehr verloren als seine Freundin!

Klotilde."

*

Das Schlagen meines fremden Herzens misset mir das Schlagen des glucklichern ab. Aber eh' ich erzahle, was Viktors Freude uber diesen Brief anfangs storte und dann verdoppelte, sei es mir erlaubt, zwei gute Bemerkungen zu machen. Die erste ist: die vergrosserte Empfindsamkeit ist in einer stolzen Brust (wie Klotildens), die sonst die Seufzer zuruckholte und nur weibliche Satiren uber uns Herren ausschickte, das schonste Zeichen, dass ihr Herz im Sonnenschein der Liebe zergehe. Denn diese kehret die Weiber um; sie macht aus einer Kolumbine eine Youngin, aus einer Ordentlichen eine Unordentliche, aus einer Feinen eine Offenherzige, aus einer Putzmacherin und Putztragerin eine Philosophin und wieder umgekehrt. Und du, liebe Philippine, prufe die zweite Bemerkung, da du jetzo so gut bist wie dein eigner Bruder: ist nicht das Verhehlen der Liebe das schonste Entdecken derselben? Zeigt nicht ein Schleier ein moralischer, mein' ich das ganze Gesicht und ist fur nichts unzuganglich als fur den Wind den moralischen, mein' ich ? Decket nicht das glaserne Gehause der Damenuhr das ganze darauf gefirnisste Uhrportrat am Boden auf und wendet bloss das Beschmutzen, nicht das Beschauen ab? Und was wirst du fur Bemerkungen machen, wenn ich dir diese beiden vorlese!

Der Brief starkte zugleich Viktors Wunsch, um Klotilde zu sein, und seine Kraft, ihn aufzugeben bis des andern Tags in der Nachttisch-Stunde ein Zufall alles anderte. Matthieu, der fast mehr Besuche bei Feinden als bei Freunden ablegte, kam vom Apotheker herauf. Er sah die Prospekte von Maienthal und den Florhut; und er da wusste, dass seine Schwester Joachime beides habe: so sagte er scherzhaft: "Ich glaube, Sie wollen sich verkleiden, oder man hat sich entkleidet." Viktor flatterte mit einem leeren lustigen "Beides!" daruber. Er nahm nicht gern den Namen der Liebe oder eines Weibes vor einem Menschen in den Mund, der an keine Tugend glaubte, am wenigsten an weibliche, der zwar, wie andre Spinnen auf andere Musik, sich an seinem Faden auf die Liebe niederliess, der aber, wie Mause aus Liebe zu den Tonen, uber die Saiten kroch und sie zersprengte. Viktor war ungern (vor seinem Hofleben) mit solchen philosophischen Ehrenraubern unter unbescholtenen Madchen, weil es ihm schon wehe tat, an den Gesichtpunkt der ersten erinnert zu werden. "Von meiner Tochter", sagt' er, "mussten sie nicht einmal das Dasein erfahren, weil sie einen Vater schon dadurch beleidigen, dass sie sich sie vorstellen."

Matthieu sprach von dem nachsten patriotischen Klub (den 4ten Mai am Geburttag des Pfarrers) und fragte, ob er dabei ware. Agathe aber hatte ihn schon gestern (am vorletzten April) daran erinnert. Endlich fuhrte Matz seine Frage vor: "ob er nicht auch zu Pfingsten von der Partie sei? Er habe mit dem Regierrate (Flamin), der dazu immer Ferien brauche, eine kleine Lustreise abgekartet nach Grosskussewitz zum Grafen von O Er habe da zu tun, noch einige Quartiere des Hofstaats den Kussewitzern zu bezahlen und den Grafen von O zu einem gutlichen Vergleich uber das neuliche Missverstandnis umzustimmen, daher er den Juristen mithaben musse Vielleicht seien die Englander bei diesem Kongresse das Reisekorps konne dann so grosse Vergnugungen haben wie ein corps diplomatique, nachdem es vorher ebensolche Geschafte gehabt. Der Graf von O liebe uberhaupt Englander sehr, ob er gleich nicht gern Englander reite denn er hab' es sehr bedauert, dass er neulich mit dem Herrn Hofmedikus bei der Furstin gesprochen, ohne ihn zu kennen." Sebastian hatte seine lange stumme Aufmerksamkeit mit einem kalten "Nein!" beschlossen, weil die Ausdunstung dieser falschen fliegenden Katze mit einem atzenden Gift sein unbeschirmtes Herz uberzog. "Was hab' ich" (dacht' er unter jener Einladung) "diesem Menschen getan, dass er mich ewig verfolgt dass er mit einem Messer, dessen eine Seite vergiftet ist oder beide, meinen Jugendfreund unter unsern doppelten Schmerzen von meiner Seele schneidet dass er seine MinierHohlen bis an fremde Orte fortfuhrt, um mich in allen Stellungen uber seinem Pulver zu haben!" Viktor musste namlich nach allem besorgen, dass die PfingstReise eine Entdeckreise sei, worauf Joachime dem Bruder, wie Ritter Michaelis den Morgenlandfahrern, Fragen uber die Uhrbriefsache, uber Tostato u.s.w. mitgebe, um wohl gar beim Fursten eine Anklage daraus zu bilden. Er hielt das Untere seiner Karte, d.h. seines tugendhaften Schmerzens, so, dass es Matthieu nicht ganz sehen konnte, um ihm eine boshafte Freude zu entziehen. Dieser, der nicht eine Spitzenmaske, sondern eine eiserne und noch dazu eine mit einem Halse trug, hatte oft eine solche Kalte, dass man seinen wutigen Zorn nicht begriff und umgekehrt aber jene hatte er im Lager, diesen in dem Gefechte gegen den Feind. Wenn ihn jemand sogleich aufbrachte, so wars ein gutes Zeichen und bedeutete, dass er nichts gegen ihn im Schilde fuhre.

Nach dem Abmarsch des Evangelisten als er sich auszankte, dass er ihn den Florhut finden lassen, den er uberhaupt mehr verschlossen hatte, ware Flamin ofter gekommen sah er sich nach Klotildens Schattenriss um, damit der reizende Schatte sein Zurnen kuhle. Er war nicht anzutreffen: seine erste Hypothese war, Matz hab' ihn still gestohlen, um so mehr da er ihn geschnitten. Hat er den Schattenriss wirklich eingesteckt: so ware der Evangelist denn mir wurde wie bekanntlich gleich beim Anfange dieser Geschichte die Silhouette ubermacht gar mein korrespondierendes Mitglied Knef, und er schickte mir die Avisfregatte, den Spitzhund, zu. Toll ists, dass mich der Korrespondent durch solche Nachrichten selber auf den Argwohn bringt.

Indem Viktor den lieben Florhut als den Ersatz des Bildes in die Hand nahm und traumend besah: so schlugen am Hute ganz neue frische Blumen fur seine Seele aus. "Wie," sagt' er zu sich, "muss ich denn gerade den Schattenriss anschauen? Kann ich nicht das Urbild selber dazu wahlen?" Kurz der Hut wurde ein Glucktopf, aus dem er eine frohe Stunde zog, namlich den Vorsatz, auf Pfingsten zu verreisen, aber nach Maienthal. Er hielt sich ernstlich vor, dass ihm und Klotilden die zu weit getriebene Schonung eines eifersuchtigen Bruders, dessen irre Hoffnungen ja keine Schwester zu starken verpflichtet sei, noch dazu durch die menschenfeindlichen Eingebungen Matthieus erschweret und vereitelt werde dass also ihr Absondern so wenig erleichtere, als ihr Besuchen verbreche dass es indessen schon sei, den Bruder zu schonen und bloss in seine Abwesenheit einen verdachtigen Ausflug zu verlegen, bis ihm einmal die heruntergezogne Binde in der Ungetreuen die Schwester entdecke und im Nebenbuhler den schonenden Freund und dass es immer besser sei, sie in Maienthal als bei ihrer Zuruckkunft in seiner Nahe zu sprechen und dass der uber seine Abstammung belehrte Bruder ihm einmal doch bloss vorrucken konne, er habe ihm keine Tauschungen genommen als hochstens unangenehme. O die Liebe und die Tugend haben ein nacktes Gewissen und entschuldigen ihre himmlischen Freuden langer und mehr als andere ihre hollischen!

Als Viktor noch dazu daran dachte, dass den Tagen der Liebe so bald das Laub und die Bluten abfallen, und dass Emanuel und selber Klotilde zwei hart ans Ufer des Grabes geruckte Blumen sind, deren lose nackte Wurzeln schon erstorben hinunterhangen: so war sein Entschluss befestigt, und er schrieb an Emanuel die Nachricht seiner Ankunft zu Pfingsten, um Klotilden durch keinen Uberfall zu erzurnen und um ihr noch dazu die Gelegenheit eines Verbotes zu lassen. Seine Wendung war die: "Wenn es ein sokratischer Genius erlaube (d.h. Klotilde), der ihm immer sage was er nicht tun solle: so komm' er zu Pfingsten, da ohnehin die Stadt da verode, da Flamin auf 4, 5 Tage nach Kussewitz reise" etc.

Als er den Brief fertig hatte: fiel ihm ein, dass er gerade heute an diesem 29. April vor einem Jahre die ganze Nacht gereiset sei, um mit dem ersten Mai am Morgen durch den Nebel ins Pfarrhaus zu treten. "Ich kann ja wieder die schwule Zephyr-Nacht nicht unter dem Deckbette, sondern unter den Sternen verbringen. Ich kann in einem fort ins Abendrot nach Maienthals Bergen schauen. Ich kann ja lieber den halben Weg darauf zugehen oder gar den ganzen. Ich kann mich auf einen Berg stellen und ins Dorfchen schauen Wahrlich ich kann dann mein Billet hier irgendeinem Maienthaler inkognito einhandigen und wieder Reissaus nehmen noch vor tags."

Um sieben Uhr nachts ging er wie das Meer von Osten nach Westen. Orion, Kastor und Andromeda blinken in Westen nicht weit vom Abendrot uber den Gefilden der Geliebten und werden wie diese bald aus einem Himmel in den andern untergehen. Das von lauter Hoffnungen erschutterte Herz, seine erhitzten Gehirnkammern, an denen das mit sympathetischer Dinte gezeichnete Maienthal immer lichter und farbiger vortrat, dieses innere, fast schmerzliche Brausen der Freude raubte ihm anfangs das Vermogen, den in griechischer Schonheit aufgebaueten Fruhlingtempel in eine stille helle Seele aufzufassen. Die Natur und die Kunst werden nur mit einem reinen Auge, aus welchem die beiden Arten von Tranen weggewischet sind, am besten genossen.

Aber endlich uberdeckte das ausgebreitete Nachtstuck seine heissen Fieberbilder, und der Himmel drang mit seinen Lichtern und die Erde mit ihren Schatten in sein erweitertes Herz. Die Nacht war ohne Mondlicht, aber ohne Wolken. Der Tempel der Natur war wie ein christlicher erhaben verdunkelt. Viktor konnte sich aus den Laufgraben langer Taler, aus Walder-Finsternissen und aus dem schillernden Nebel der Wiesen nicht eher erheben als in der Mitternachtstunde, wo er einen Berg wie einen Thron bestieg und sich da auf den Rucken legte, um die Augen in den Himmel unterzutauchen und sich abzukuhlen vom Traumen und Laufen. Das hereinhangende Himmelblau schien ihm eine dunne blaue Wolke, ein in blaue Dunste zerschlagnes Meer zu sein, und eine Sonne um die andre teilte mit ihren langen Strahlen diese blaue Flut ein wenig auseinander. Der Arkturus, der dem liegenden Menschen gegenuberstand, stieg schon von der Zinne des Himmels herab, und drei grosse Sternbilder, der Luchs, der Stier, der grosse Bar, zogen weit voraus unter das Abendtor. Diese nahern Sonnen wurden von entruckten Milchstrassen mit einem Hof umschwommen, und tausend grosse, in die Ewigkeit geworfne Himmel standen in unserm Himmel als weisse spannenlange Dufte als lichte Schneeflocken aus der Unermesslichkeit, als silberne Kreise aus Reif. Und die Schichten aneinandergeruckter Sonnen, die erst vor dem tausendaugigen Auge der Kunst den Nebelschleier fallen lassen, spielten, wie Streife unserer Sonnenstaubchen, im gluhenden, durch das Unermessliche brennenden Sonnenstrahl des Ewigen. Und der Widerschein seines durchgluhten Thrones lag hell auf allen Sonnen

Plotzlich stellen sich nahere zerschmolzene Lichtwolkchen, nahere Nebel, aufgeflogen aus Tau, unter der Versilberung, tief herab vor die Sonnen, und der Silberblick des Himmels lauft mit zertragenen dunkeln Flocken an. Viktor begreifet die uberirdische Entzundung nicht und richtet sich bezaubert empor..... und siehe, der gute verwandte nahe Mond, der sechste Weltteil unserer kleinen Erde, war still und ohne das Freudengeschrei des Morgens neben der Triumphpforte der Sonne hereingetreten in die Nacht seiner Mutter-Erde mit seinem halben Tage.

Und als jetzt die Schatten von allen Bergen rannen und durch die aufgedeckten Landschaften nur in Bachen zwischen Baumen zogen und als der Mond dem ganzen dunkeln Fruhling in der Mitternacht einen kleinen Morgen gab: so fasste Viktor nicht nachtlichmelancholisch, sondern morgendlich-verjungt den grossen runden Spielraum der jahrlichen Schopfung in sein erwachtes Auge, in seine erwachte Seele, und er uberschauete den Fruhling unter dem innern Freudengeschrei mitten in der weiten Verstummung, unter dem Gefuhle der Unsterblichkeit im Kreise des Schlafes.

Auch die Erde, nicht nur der Himmel, macht den Menschen gross!

Ziehet in meine Seele und in meine Worte, ihr MaiGefuhle, die ihr in der Brust meines Viktors schluget, da er uber die knospende schwellende Erde sah, von Sonnen uber seinem Haupte bedeckt, von grunendem Leben umstrickt, das von Gipfeln zu Wurzeln, von Bergen zu Furchen reichte, und von einem zweiten Fruhling unter seinen Fussen getragen, da er sich hinter der durchbrochenen Erdrinde die Sonne mit einem Glanztage unter Amerika stehend dachte. Steige hoher, Mond, damit er den quellenden, geschwollenen, dunkel-grunen Fruhling leichter sehe, der mit kleinen blassen Spitzen aus der Erde dringt, bis er sich herausgehoben voll gluhender Blumen, voll wogender Baume damit er die Ebenen erblicke, die unter fetten Blattern liegen und auf deren grunem Wege das Auge von den aufgerichteten Blumen, an welchen die gespaltenen Reize des Lichtes wachsen und sich befestigen, zu den in Bluten zerspringenden Buschen und zu den langsamen Baumen aufsteigt, deren gleissende Knospen in den Fruhlingwinden aufund niederschwanken Viktor war in Traume gesunken, als auf einmal das kalte Anwehen der Lenzluft, die jetzo mehr mit kleinen Wolken als mit Blumen spielen konnte, und das Rauschen der Fruhlingbache, die neben ihm von allen Bergen und uber jedes dunklere Grun wegschossen, ihn erweckte und beruhrte. Da war der Mond ungesehen gestiegen, und alle Quellen glommen, und die Maiblumen traten weissbluhend aus dem Grun, und um die regen Wasserpflanzen hupften Silberpunkte. Da hob sich sein wonneschwerer Blick, um zu Gott zu kommen, von der Erde auf und von den grunenden Randern der Bache und stieg auf die herumgebognen Walder, aus denen die eisernen Funken und Dampf-Saulent89 uber die Gipfel sprangen, und zog auf die weissen Berge, wo der Winter in Wolken schlaft; aber als der heilige Blick in dem Sternen-Himmel war und zu Gott aufsehen wollte, der die Nacht und den Fruhling und die Seele geschaffen hat: so fiel er mit zurucksinkendem Flugel und weinend und fromm und demutig und selig zuruck.... Seine schwere Seele konnte nur sagen: Er ist!

Aber sein Herz sog sich voll Leben an der unendlichen, quellenden, wehenden Welt um ihn, uber ihm, unter ihm, worin Kraft an Kraft, Blute an Blute reicht, und deren Lebensquellen von einer Erde in die andere sprutzen, und deren leere Raume nur die Steige der feinern Krafte und der Aufenthalt der kleinern sind die ganze unermessliche Welt Stand vor ihm, deren ausgespannter Wasserfall, in Dufte und Strome, in Milchstrassen und Herzen zersprungen, zwischen den zwei Donnern des Gipfels und des Abgrunds reissend, gestirnt, geflammt herabfahrt aus einer vergangnen Ewigkeit und niederspringt in eine kunftige und wenn Gott auf den Wasserfall sieht, so malt sich der Zirkel der Ewigkeit als Regenbogen auf ihn, und der Strom verruckt den schwebenden Zirkel nicht....

Der selige Sterbliche stand auf und wandelte im Gefuhle der Unsterblichkeit durch das um ihn pulsierende Fruhlingleben weiter; und er dachte, dass der Mensch mitten unter den Beispielen der Unverganglichkeit den Unterschied zwischen seinem Schlaf und Wachen irrig zum Unterschied zwischen Sein und Nichtsein zerdehne. Jetzo war seinen kraftigen strotzenden Gefuhlen jedes Getose willkommen, das Schlagen der Eisenhammer in den Waldern, das Rauschen der Lenzwasser und der Lenzwinde und das aufprasselnde Rebhuhn.

Um drei Uhr morgens sah er Maienthal liegen. Er trat auf den von funf einzelnen Tannenbaumen gehobnen Berg, auf dem man durchs ganze Dorf und wieder hinuber zum andern Berge schauen kann, wo die Trauerbirke seinen Emanuel beschattet. Die uberwachsene Zelle des letzten konnt' er nicht erblicken; aber am Stifte, wo seine Freundin traumte, schimmerten alle Fenster im ausfunkelnden Mondlicht. In seiner Brust war noch der Rausch der Nacht und auf seinem Angesicht das Brennen der Traume aber das Tal zog ihn in die Erde heraus und gab seinen Freudenblumen bloss einen festern Boden; und der Morgenwind kuhlte seinen Atem und der Tau seine Wangen ab. Die Tranen stiegen in seine Augen, als sie auf die weissverhangnen Fenster fielen, hinter denen eine schone, eine weise, eine geliebte und eine liebende Seele ihre unschuldigen Morgentraume vollendete. Ach, es traume dir, Klotilde, von deinem Freunde, dass er dir nahe ist, dass er seine uberstromenden Augen auf deine Zelle wendet und dass er verschwindet, wenn du erscheinst, und dass er doch seliger werde von Minute zu Minute ach er traumt ja auch, und wenn die Sonne aufgeht, ist das geliebte Tal wie dein Traum mit dem Sternenhimmel versunken. O die Berge, die Walder, hinter denen eine geliebte Seele wohnt, die Mauern, die sie umschliessen, schauen den Menschen mit einem ruhrenden Zauber an und hangen vor ihm wie holde Vorhange der Zukunft und Vergangenheit.

Der Berg fuhrte ihm das Bild des Malers vor, der sonst hier gewesen war, um Klotildens Reize gleichsam wie ein goldnes Zeitalter nur aus der Ferne abzuzeichnen und naher zu ziehen und dieses fuhrte sein Auge wieder in die Tage ihrer fruhern Jugend und ihres stillen frommen Lebens im Stift, und es schmerzte ihn, dass eine Zeit sonst gewesen und verloren war, in der er sie nicht lieben konnen. Da er sich umsah und sich dachte, auf allen diesen Steigen, neben diesen Bachen, unter diesen Baumen ist sie gegangen: so wurde ihm die ganze Gegend heilig und lebendig, und jeder daruber hinziehende Vogel schien seine Freundin zu suchen und zu lieben wie er.

Aber nun wachte mit jedem Stern, der oben im Himmel zurucksank, unten auf der Erde eine Blume und ein Vogel auf der Weg von der Nacht zum Tage wurde schon mit Halbfarben belegt kleine Nebel stiegen an der Kuste des Tages auf und Viktor war noch auf dem Berge. Seine Besorgnis, dass sich die weisse Fensterhulle rege und ihn zeige, war so gross wie sein Wunsch, dass die Besorgnis immer grosser werde! Zuweilen wankte ein Vorhang, aber keiner ging auf. Auf einmal wecken die Vogelkehlen eine Zauberflote an dem Fusse seines Berges, und der stille Julius kam der Sonne, die ihm nicht mehr leuchtete, mit seinen Morgentonen entgegen. Da entschleierte sich plotzlich Klotildens Fenster, und ihre schonen hellen Augen nahmen den erfrischten Morgen in die fromme Seele auf. Viktor trat, der Entfernung ungeachtet, von Gestrauch hinter Gestrauch; aber die Flucht vor den geliebten Augen fuhrte ihn der Flote naher; er wollte jedoch ebensowenig vor Emanuel, den er in der Nachbarschaft des Blinden glaubte, erscheinen als vor Klotilden. Als ihn nur noch einige Gebusche von den Tonen schieden, erblickte er auf dem Berge seinen Freund Emanuel unter der Trauerbirke. Nun eilt' er froh und zitternd zu Julius herab und fand ihn mit dem Lilienangesicht, schon wie den jungern Bruder eines Engels, umflogen und umsungen von Vogeln, an einer Birke lehnen: "Welche Gestalten, welche Herzen", dacht' er, "schmucken dieses Paradies!" Wie hatt' er sich an einem solchen Morgen, an einem so heiligen Orte, gegen einen so guten Jungling verstellen und ihm etwa mit der nachgemachten Stimme seines italienischen Bedienten den Brief an Emanuel ubergeben konnen? Nein, das konnt' er nicht; er sagte mit leiser Stimme, um ihn nicht zu erschrecken: "Lieber Julius, ich bins!" Dann sank er langsam an den zarten Menschen und umarmte an einer Brust drei Herzen; und reichte ihm den Brief mit den Worten: "Gib ihn deinem Emanuel!" und floh mit dem warmsten Druck der lieben Hand den Berg tiefer hinab und davon.

Gerade um diese Stunde an diesem Tage vor einem Jahr verschwand auch Giulia aus Maienthal und nahm nichts von dem schonen Blumenboden mit als einen Grabhugel.

Als er jetzt hinter Staudengangen ungesehen dem Orte der Seligen entronnen war: machte seine nachtliche Erheiterung einer unbezwinglichen Wehmut Platz. Die aufgehende Sonne zog alle hellen Farben aus seinem nachtlichen Traum "Hab' ich denn wirklich Maienthal und Julius und alle Geliebte gesehen, oder ist nur auf einer unter dem Monde schillernden Wolke ein zerflossenes Schattenspiel vorubergeronnen?" sagt' er und der Tag brutete die frische Nachtluft seiner Seele zu einem schwulen Flattern des Sudwinds an. Anstatt dass der Mensch sonst, wie Raguel, in der Mitternacht Graber aushauet und in der Morgensonne sie wieder verschuttet, kehrte heute Sebastian es um.

Eigentlich war es nicht ganz so: sondern das schnelle Vorspringen und Einsinken der geliebten Gestalten, die vergrosserte Sehnsucht darnach, der ruhrende Abstich des Morgen-Getummels mit der NachtPause, des Sonnenfeuers mit dem Mond-Dammern und die mit der Ermudung der Phantasie und des Korpers verknupfte traumende Ermattung der Schlaflosigkeit, alle diese Dinge druckten aus dem Herzen und Tranendrusen unsers Nachtwandlers unwillkurliche, susse Tranen aus, die keinen Gegenstand betrafen, die weder vor Freude noch vor Kummer flossen, sondern vor Sehnsucht.

Auf einmal liess der schone nebellose erste Maitag das Andenken an den vorjahrigen, wo er, wie ein Fruhling und homerischer Gott, im Nebel ankam, vorubergehen und der gute Mensch schauete mit den Tautropfen in den Augen die Tautropfen in den Blumen an und sagte unaussprechlich geruhrt: "Ach vor einem Jahre kam ich so glucklich, wurde so unglucklich, und bin wieder so glucklich o ihr fliehenden, spielenden, nachtonenden, zitternden Jahre des Menschen!" und das Feiertag-Gelaute aus allen Dorfern (es war Philippi Jakobi) setzte mit dem sanften Beben eines Echo alle seine Trauersaiten in ein weiteres Zittern.

"O vor einem Jahre" (tonten ihn die Glocken an) "begleiteten wir Giulia wie dich aus Maienthal heraus." Dann zog vor der Sonne, die am Himmel ihre weissen Bluten aufschlug, der warme Gedanke sein Herz auseinander: "Vor einem Jahre, an diesem Morgen, ging dir dein Flamin entgegen und vergoss an deiner gluhenden Brust so viele Freudentranen und am Ende des heutigen Tages zog er dich wieder an sein Herz und sagte gleichsam ahnend: 'Vergiss mich nicht, verrat mich nicht, und wenn du mich verlassen willst, so lass mich mit dir untergehen!'"

"O du Treuer," (sagten alle seine Gedanken) "wie trostet es mich heute, dass ich einmal alle meine Wunsche gern den deinen aufgeopfert habe, um dir getreu zu bleiben90 Nein, ich kann ihm nichts verbergen, ich gehe jetzt zu ihm." Er ging gerade zu Flamin, um (wiewohl ohne Meineid gegen den Lord und mit Schonung der Eifersucht) es zu bekennen, dass er auf Pfingsten nach Maienthal verreise. Sein auseinandergegangnes Herz bedurfte ein entgegenweinendes Auge so sehr sein feines Ehrgefuhl verschmahte es so sehr, eine fremde Reise zur spanischen Wand der eignen zu machen seiner erneuerten Liebe tat das kleinste Verhehlen vor seinem Freunde so weh Matthieu war aus diesem himmelblauen Eden unter der Gehirnschale so ganzlich verstossen dass er, je langer er dachte und lief, desto mehr aufschliessen wollte. Er wollt' es namlich seinem Flamin sogar entdecken, dass er heute nachts die Einladkarte eigenhandig an den Blinden abgereicht: durch eine Tauschung wurde ihm die kunftige Pfingstreise durch die heutige zulassiger, und diesen eignen Gesichtspunkt sah er fur einen fremden an.

Aber so weit trieb seine traumerische und nachttrunkne Seele ihre gefahrliche Ergiessung nicht, die desto mehr schaden konnte, da Flamin im Zorne auf keine Unterschiede und Rechtfertigungen mehr zu horen vermochte und sogar alte eingeraumte wieder verwarf. Denn beim Eintritt zog ein Maifrost auf Flamins Gesicht den aufbrechenden Blutenkelch seines Herzens ein wenig zusammen. Er bat Flamin mit seiner kontrastierenden Warme des Gesichts um einen Spaziergang an diesem hellen Tage. Draussen wurde der Abstich noch schneidender, da Flamin seinen Spazierstock bis zum Knicken einstiess, Blumen kopfte, Laub abschlug, mit dem Stiefelabsatz Fussstapfen aushieb, indes Viktor in einem fort zu reden suchte, um seine Seele in der mitgebrachten Warme zu erhalten.

Es freuet mich an ihm, dass er sein von den heutigen Entbehrungen uberrinnendes Herz gerade in eines ergiessen wollte, dem er die Entbehrungen schuld zu geben hatte. Endlich sagte er, um das erschwerte Gestandnis nur von der Seele zu werfen, eilend: "Auf Pfingsten geh' ich nach Maienthal" und ging fliegend zu den Worten uber: "O gerade heute vor einem Jahre gingst du mir. . ."

Flamin unterfuhr ihn, und das Eisgesicht wurde wie ein Hekla von Flammen zerspalten: "So so! Zu Pfingsten? Nach Kussewitz gehst du nicht mit uns! Lass mich doch einmal recht ausreden, Viktor!"- Sie blieben also stehen. Flamin streifte die Bluten und Blatter von einem Schlehenast mit blutiger Hand und blickte seinen sanften Freund nicht an, um nicht erweicht zu werden. "Heute vor einem Jahre, sagst du? Sieh, da ging ich eben abends mit dir auf die Warte, und wir versprachen uns entweder Treue oder Mord. Du schwurst mir, dich hinabzusturzen mit mir, wenn du mir alles genommen hattest, alles oder etwan ihre Liebe; denn in deinem Beisein sieht sie mich kaum mehr an. Bin ich denn beim Teufel blind? Seh' ich denn nicht, die Maschinerie mit ihrer und deiner Reise ist abgekartet? Was tust du mit den Maienthaler Landschaften gerade jetzt? Wem gehort der Hut? Und was soll ich mir aus allem nehmen? Wem, wem? sags sags O Gott! wenns wahr ware! Hilf mir, Viktor!" Dem gemisshandelten, heute erschopften Viktor standen die bittersten Tranen in den Augen, die aber Flamin, der sich durch sein eignes Sprechen erzurnte, jetzt ertragen konnte. Niemals nahm dieser in einer Ergrimmung Vorstellungen an: gleichwohl erwartete er sie und staunte uber sein Rechthaben und uber das fremde Verstummen und begehrte, dass man widersprache. Er quetschte seine Hand in die Schlehenstacheln. Sein Auge brannte in das weinende hinein. Viktor bejammerte den festen Schwur vor seinem Vater und sah auf die zitternde Waage, worauf der Eid und die schonende Freundschaft sich ausglichen. Er sammelte noch einmal alle Liebe in seiner Brust und breitete die Arme auseinander und wollte mit ihnen den Straubenden an sich ziehen und konnte doch nichts sagen als: "Ich und du sind unschuldig; aber bis mein Vater kommt, eher kann ich mich nicht rechtfertigen."- Flamin druckte ihn von sich ab: "Wozu das? So wars im Gartenkonzert auch, und du warst seitdem tagtaglich bei ihr und auf Osterballen und auf Schlitten, ohne mich- Sag lieber geradezu, willst du sie heiraten? Schwor, dass du nicht willst! O Gott, zoger' nicht schwor schwor! Ja ja, Matthieu! Kannst du noch nicht? Nu so lug wenigstens!"

"Oh!" sagte Viktor, und Blutstrome schossen verfinsternd durch sein Gehirn und uber sein Angesicht "beleidigen darfst du mich doch nicht gar zu sehr, ich bin so gut wie du, ich bin so stolz wie du vor Gott ist meine Seele rein" Aber Flamins Blut an der Schlehenstaude druckte Viktors zurnende Erhebung nieder, und er hob bloss das mitleidige Auge voll Freundschaft-Tranen in den hellern sanftern Himmel. "Nur die Heirat verschworst du doch nicht? Gut, gut, du hast mich erwurgt mein Herz hast du zerstampft und mein ganzes Gluck ich hatte niemand als dich, du warst mein einziger Freund, jetzo will ich ohne einen zum Teufel fahren Du schworst nicht? O ich reiss' mich von dir blutig und elend und als dein Feind wir scheiden uns gehe nur weg! es ist aus, ganz! Adieu!" Er entfloh mit dem in den Weg hauenden Stock, und sein zerrutteter Freund, zu Fussen liegend der Wahrheit, die das Flammenschwert gegen den Meineid aufhebt, und in Tranen sterbend vor der Freundschaft, die auf das weiche Herz den schmelzenden Blick voll Bitten wirft, Viktor, sag' ich, rief dem fliehenden Geliebten im Sterben nach: "Lebe wohl, mein teurer Flamin! mein unvergesslicher Freund! ich war dir wohl treu! Aber ein Schwur liegt zwischen uns Horst du mich noch? eile nicht so! Flamin, horst du mich? ich liebe dich noch, wir finden uns wieder, und komm, wann du willst."... Er rief starker, obwohl mit erstickten gedampften Tonen nach: "Redliche, teure, teure Seele, ich habe dich sehr geliebt und noch und noch sei nur recht glucklich Flamin, Flamin, mein Herz bricht, da du mein Feind wirst." Flamin sah sich nicht mehr um, aber seine Hand war, wie es schien, an seinen Augen. Der Jugendfreund schwand aus seinen Augen wie eine Jugend, und Viktor sank unglucklich nieder unter dem schonsten Himmel, mit dem Bewusstsein der Unschuld, mit allen Gefuhlen der Freundschaft! O die Tugend selber gibt keinen Trost, wenn du einen Freund verloren hast, und das mannliche Herz, das die Freundschaft durchstochen hat, blutet todlich fort, und aller Wundbalsam der Liebe stillet es nicht!

32. Hundposttag

Physiognomie Viktors und Flamins Siedpunkt der

Freundschaft prachtige Hoffnungen fur uns

Wer hatt' es von Cicero gedacht (wenn ers nicht gelesen hatte), dass ein so bejahrter gescheiter Mann sich in seiner Johannis-Insel hinsetzen und Anfange, Eingange, praexistierende Keime im voraus auf den Kauf verfertigen wurde? Inzwischen hatte der Mann den Vorteil, dass er, wenn er einen Torso uber irgend etwas schrieb, die Wahl unter den fertig liegenden Kopfen hatte, wovon er einen dem Rumpfe nach der Korpuskularphilosophie aufschrauben konnte. Von mir, an dem nichts Gesetztes ist, kanns nicht wundernehmen, dass ich auf meinem moluckischen Fraskati ganze Zaspeln von Anfangen im voraus geweifet und gezwirnt habe. Wenn nachher der Spitz einen Hundtag bringt: hab' ich ihn schon angefangen und stosse nur den historischen Rest gar an die Einleitung. Eben gegenwartigen Anfang hab' ich fur heute erlesen.

Anfangs aber wollt' ich freilich diesen nehmen:

Mich qualet bei meinem ganzen Buche nichts als die Angst, wie es werde ubersetzt werden. Diese Angst ist keinem Autor zu verdenken, wenn man sieht, wie die Franzosen die Deutschen und die Deutschen die Alten ubersetzen. Im Grunde ists wahrlich so viel, als werde man exponiert von den untern Klassen und den Lehrern derselben. Ich kann jene Leser und diese Klassen in Rucksicht ihrer Seelenkost, die durch so viele Zwischenglieder vorher geht, mit nichts vergleichen als mit den armen Leuten in Lappland. Wenn da die Reichen sich in dem Trinkzimmer mit einem Likor, der aus dem teuern Fliegenschwamm gesotten wird, berauschen: so lauert an der Hausture das arme Volk, bis ein bemittelter Lappe herauskommt und p-ss-t; das vertierte Getrank, die Vulgata von gebranntem Wasser, kommt dann den armen Teufeln zugute.

Aber diesen Anfang heb' ich mir auf fur den Vorbericht zu einer Ubersetzung.

Es gehort zu den schonen Gaukeleien und Naturspielen des Zufalls, deren es recht viele gibt, dass ich dieses Buch gerade in der Philippi-Jakobi-Nacht 1793 anfing, wo Viktor die Hexen-Fahrt zum maienthalischen Blocksberg unter die Zauberer und Zauberinnen vornahm und wo er 1792 aus Gottingen anlangte.

Ich kann nicht schreiben: "der Leser kann sichs leicht vorstellen, wie Viktor die ersten Maitage verlebte oder vertrauerte"; denn er kann sichs schwer vorstellen. Vielleicht wir alle hielten die Bande, die ihn mit Flamin verschlangen, fur dunne wenige Fibern oder unempfindliche Gewohnheitflechsen; es sind aber weiche Nerven und feste Muskeln das Bindwerk ihrer Seelen. Er selber wusste nicht, wie sehr er ihn liebe, als da er damit aufhoren sollte. In diesen gemeinschaftlichen Irrtum fallen wir alle, Held, Leser und Schreiber, aus einem Grunde: wenn man einem Freunde, den man schon lange liebte, lange Zeit keinen Beweis der Liebe geben konnte, aus Mangel der Gelegenheit: so qualet man sich mit dem Vorwurfe, man erkalte gegen ihn. Aber dieser Vorwurf selber ist der schonste Beweis der Liebe. Bei Viktor trat noch mehr zusammen, ihn selber zu bereden, er werde ein kalterer Freund. Die Vesperturniere um Klotilde, diese Disputationen pro loco, taten ohnehin das Ihrige; aber immer krankte er sich mit der Selbstrezension, dass er zuweilen seinem Freunde kleine Opfer abgeschlagen, z.B. seinetwegen Versaumung einer Lustpartie, das Wegbleiben aus gewissen zu vornehmen Hausern, die Flamin hasste. Aber in der Freundschaft sind grosse Opfer leichter als kleine man opfert ihr oft lieber das Leben als eine Stunde, lieber ein Stuck Vermogen als eine kleine unangenehme Unart, so wie euch manche Leute lieber einen Wechsel schenken als ein so grosses leeres Papier. Die Ursache ist: grosse Aufopferungen macht die Begeisterung, kleine aber die Vernunft. Flamin, der selber niemals kleine machte, foderte sie vom andern mit Hitze, weil er sie fur grosse nahm. Viktor hatte sich hieruber weniger vorzurucken; aber Klotilde beschamte ihn, deren langste und kurzeste Tage wie bei den meisten ihres Geschlechts lauter Opfertage waren. Auch wurde seine naturliche Delikatesse, die jetzo durch sein Hofleben den Zusatz der kunstlichen gewonnen hatte, tiefer als sonst von seines Freundes Ecken verletzt. Die feinen Leute geben ihrem innern Menschen (wie ihrem aussern) durch Mandelkleien und Nachthandschuhe weiche Hande, bloss um das Untere der Karten besser zu fuhlen, um niedliche halbe Damen-Ohrfeigen zu geben, aber nicht, wie die Wundarzte, um damit Wunden zu handhaben.

Zum Ungluck schrieb ihm dieser Wahn der Erkaltung ein ausseres freundliches Bestreben vor, Warme bei Flamin zu zeigen. Da nun der Regierrat nicht bedachte, dass auch das Gezwungne ebensooft von Aufrichtigkeit entstehen konne als das Ungezwungne von Falschheit: so hatte der Teufel immer mehr sein Bestia-Spiel (wo eine Freundschaft der hohe Einsatz war), bis solcher am Hexentage es gar gewann.

Aber am 4ten Mai soll er alles wieder verlieren, denk' ich. Denn Viktor, dessen Herz bei der geringsten Bewegung wieder den Verband durchblutete, nahm sich vor, nicht nur am 4ten Mai dem Wiegenfeste des Hofkaplans in St. Lune beizuwohnen, sondern auch einen Geburttag der erneuerten Freundschaft mit Flamin zu begehen. Er wollte gern den ersten, zweiten, zehnten Schritt tun, wenn nur jener stehenbliebe und keinen zurucktate. Denn er kann ihn nicht vergessen, er kann die aufgedrungne Entbehrung nicht verwinden, so leicht ihm sonst die freiwillige wurde. Er druckt alle Abende Flamins schones Bild, das gemacht war aus seiner Liebe fur ihn, aus seiner unbestechlichen Rechtschaffenheit, seinem Felsen-Mut, seiner Liebe zum Staat, seinen Talenten, sogar aus seinem Aufbrausen, das aus dem doppelten Gefuhl des Unrechts und der eignen Unschuld entstand, dieses warme Bild druckte er an das aufgerissene Herz, und wenn er ihn am Morgen in das Kollegium gehen sah, so liefen ihm die Augen uber, und er pries den Bedienten glucklich, der ihm die Akten nachtrug Wenn der 4te Mai des grossen Versohntages mit dem Suhnopfer nicht so nahe ware: so wurde er die kleine Julia an sich angewohnen mussen als einen dritten Stand zwischen den zwei andern, als einen Leitton zwischen Widertonen. Bloss die Hoffnung des Maies setzte seinen Gedanken statt der Nesseln-Brennspitzen wenigstens Rosenstacheln an. Der Jugendfreund, lieber Leser, der Schulfreund wird nie vergessen, denn er hat etwas von einem Bruder an sich; wenn du in den Schulhof des Lebens trittst, welches eine Schnepfenthaler Erziehanstalt ist, eine berlinische Realschule, ein breslauisches Elisabethanum, ein scheerauisches Marianum: so begegnen dir die Freunde zuerst, und eure Jugendfreundschaft ist der Fruhgottesdienst des Lebens.

Viktor wusste Flamins Versohnlichkeit gewiss voraus, er sah ihn sogar schon ofter am Fenster stehen und zum Erker hinuberschielen, aus dem ein freundliches, um alle Missdeutungen des Ehrenpunktes unbekummertes Auge frei und gerade zum Senior schauete; aber dies nahm doch seine weiche Sehnsucht nicht weg, sondern sie wurde vermehrt durch die Wiedererblickung des so schonen betrauerten geliebten Angesichts. Flamin hatte eine grosse mannliche Gestalt, seine ineinander- und zuruckgedrangte schmale Stirn war der Horst des Muts, seine durchsichtigen blauen Augen welche seine Schwester Klotilde auch hatte und die sich recht gut mit einer feurigen Seele vertragen, wie ja auch die alten Deutschen und das Landvolk beides haben waren von einem denkenden Geiste entzundet, seine gepressten und eben darum dunkelroteren ubervollen Lippen waren in die menschenfreundliche Erhebung zum Kusse befestigt; bloss die Nase war nicht fein genug, sondern juristisch oder deutsch gebildet. Die Nase grosser Juristen sieht meines Erachtens zuweilen so elend aus wie die Nase der Justiz selber, wenn ihr biegsamer Stoff sich unter zu langen Drehfingern zieht. Nicht zu erklaren ists, beilaufig, warum die Gesichter grosser Theologen sie mussten denn noch etwas anderes Grosses sein etwas von der typographischen Pracht der Cansteinischen Bibeln an sich haben. Viktors Gesicht hingegen hatte am wenigstens unter allen, weder jene burschikosen Trivial-Zuge mancher Juristen, noch das Mattgold mancher Theologen; seine Nase lief, ihre Schneide und ihren Wurzel-Einschnitt abgezogen, griechischgerade nieder, der Winkel der geschlossenen dunnen Lippen war (falls er nicht gerade lachte) ein spitziger von 1''''' und bildete mit der scharfen Nase das Ordenzeichen und Ordenkreuz, das oft satirische Leute tragen; seine weite Stirne wolbte sich zu einem hellen und geraumigen Chor einer geistigen Rotunda, worin eine sokratische gleich beleuchtete Seele wohnt, obgleich weder diese Helle noch jene Stirn sich mit angeborner milder Festigkeit, wenn auch mit erworbener gatten; seine Phantasie, dieser grosse Gewinn, hatte wie mehrmals gar keine Lotteriedevise auf seinem Gesicht; seine Achataugen aus Neapel verkundigten und suchten ein liebendes Herz; sein weisses, weiches Gesicht kontrastierte, wie Hof mit Krieg, gegen Flamins braunes, elastisches, den zwei Glutwangen als Grund dienendes Angesicht. Ubrigens war Flamins Seele ein Spiegel, der unter der Sonne nur mit einem einzigen Punkte flammte; an Viktors seiner aber waren mehre Krafte zu schimmernden Facetten ausgeschliffen. Klotilde hatte mit ihrem Bruder dieses ganze Feuerzeug und diese Schwefelminen des Temperaments gemein; aber ihre Vernunft deckte alles zu. Der reissende Blutstrom, der sich bei ihm von Felsen zu Felsen schlug, zog bei ihr schon still und glatt durch Blumenwiesen.

Ich sah' es gern, er erneuerte wieder mit dem Regierrat den Vertrag der Freundschaft: ich wurde dann seine Pfingst-Reise nach Maienthal zu beschreiben bekommen, die vielleicht das Septleva und das Beste wird, wozu es noch der menschliche Verstand gebracht hat. Aus diesem Septleva wird aber nichts, wenn sie nicht wieder Friede machen; neben jede Blume in Maienthal, neben jede Entzuckung wurde sich dem Freunde die abgegramte Gestalt des Freundes stellen und fragen: "Kannst du so glucklich sein, da ichs so wenig bin?"

Gescheiter war' es, beide waren Monche oder Hofleute; dann ware ihnen zuzumuten, dass sie, da die Freundschaft die Ehe der Seelen ist, enthaltsam im Zolibate der Seelen verblieben...

Eben beim Schlusse des Kapitels bringt der Hund das neue, und ich flechte beide gar ineinander und fahre fort:

Ohne sonderliche Argernis uber das Ausbleiben der Antwort aus Maienthal ging Viktor den 4ten Mai einsam nach St. Lune und mit jedem Schritte, um den er naher kam, wurde seine Seele weicher und versohnlicher. Als er ankam:

Es gibt in jedem Hause Tage, die in der Litanei vergessen wurden verdammte, verteufelte, verhenkerte Tage wo alles gekreuzt geht und die Quere wo alles keift und knurrt und mit dem Schwanze wedelt wo die Kinder und der Hund nicht Muck! sagen durfen und der Erb-, Lehn- und Gerichtsherr des Hauses alle Turen zuwirft und die Haus-Herrin das Schnarrkorpus-Register des Moralisierens91 zieht und den Silberton der Teller und Schlusselbunde anschlagt wo man lauter alte Schaden aufstobert, alle Waldfrevel der Mause und Motten, die zerknickten Sonnenschirm- und Facherstabe und dass das Schiesspulver und der wohlriechende Puder und das Kavalierpapier dumpfig geworden und dass der Wurstschlitten ausgesessen ist zu einem holzernen Esel und dass der Hund und das Kanapee im Haren begriffen sind wo alles zu spat kommt, alles verbrat, alles uberkocht und die Kammerdonna die Stecknadeln ins Fleisch der Frau wie in eine Puppe treibt und wo man, wenn man sich bei dieser hundfottischen Krankheit ohne Materie genugsam ereifert hat ohne Ursache, sich zufrieden gibt wieder ohne Ursache

Als Viktor anlandete in der Pfarre: hort' er den Geburthelden des Tages, den Pfarrer, in seiner Studierstube dozieren und schreien. Eymann goss seinen heiligen Geist in die langen Ohren seiner Katechumenen aus, in die keine feurigen Zungen zu bringen waren. Er handhabte eine Dunsin aus einer Einode (einem einzigen Hause im Walde) und wollte vor ihr den Unterschied des Lose- und des Bindeschlussels aufklaren. Es war aber nicht zu machen: der Kaplan und Wiedergeborne hatte schon eine halbe Stunde uber die Schulzeit mit dem Aufklaren zugebracht; die Dunsin vergriff sich immer in den Schlusseln, als ware sie eine Weltdame. Der Kaplan hatte seinen Kopf darauf gesetzt auf die Erhellung des ihrigen er stellte ihr alles vor, was Eisenholz und Eisensteine geruhrt hatte, sein heutiges Wiegenfest, die allgemein versalzene Lust, die halbe Uberschuss-Stunde, um sie zu uberreden, dass sie den Unterschied begriffe sie tats nicht, sie sah' ihn nicht ein er liess sich zu Bitten herab und sagte: "Schatz, Lamm, Bestie, Beichttochter, fass es, fleh' ich mache deinem Seelenhirten die Freude und repetier' ihm den ausserordentlichen Unterschied zwischen Bind- und Loseschlussel mein' ichs denn nicht redlich mit dir? Aber mein Pfarramt fodert es von mir, dass ich dich nicht wie ein Vieh, ohne einen Schlussel zu kennen, weglasse. Ermanne dich nur und sprich mir nur Wort fur Wort nach, teuer-erkaufte Christen-Bestie." Das tat sie endlich, und da sie fertig war, sagt' er freudig: "So gefallst du deinem Lehrer, und merk ferner auf." Draussen rekapitulierte sie es wieder, und sie hatte alles gut gefasset, ausgenommen, dass sie statt der Bind- und Loseschlussel allemal vernommen hatte Bind- und Loseschusseln.

Die Drillinge wollten erbarmlicherweise erst nach dem Essen kommen Die Seele der roten Appel dampfte eben darum ein Wildprets-Fumet aus und roch wie angebrannte Milchsuppe und klagte, sie behielte alle Arbeit allein auf dem Hals, und als Agathe ihr beispringen wollte, sagte sie: "Ich kann es, Gott sei Dank! so gut machen wie du!" Der Regierrat war angelangt, aber leider wieder auf die Felder hinausgelaufen bis zum Essen Agathens Gesicht war wie ein Felsenkeller von der Kalte ihres Bruders gegen Viktor ausgeschlagen Nur die Pfarrerin war die Pfarrerin, nicht bloss ein Vaterland, sondern ein Liebeatem reihete ihr Herz an sein Herz, und es war ihr unmoglich, auf ihn zu zurnen. Sie liebte ein Madchen, wenn ers lobte; ware sie ohne Mann gewesen: so wurde sie entweder Liebebrief-Stellerin oder BriefTragerin fur ihn geworden sein. So lieben Weiber: ohne Mass! Oft hassen sie auch so. Dazu setzet nun mein Korrespondent noch, dass er aus dem Baddorfe einen ganzen Zeugenrotul zum Beweise ausziehen konnte, dass die Pfarrerin nicht bloss allemal, sondern auch am heutigen Ventos- und Pluvios-Tage es mit ungeschminkter Fassung einer Christin auszuhalten und zu erleben vermochte, wenn eine etwas fallen liess, eine Tasse oder ein Wort. Zu so etwas zur Apathie gegen einen gegenwartigen ganzlichen Verlust eines Suppen-, eines Spulnapfes, eines Fruchttellers ist vielleicht ebensoviel Gesundheit als Vernunft vonnoten.

Endlich trat abends der Hofjunker ein und sagte, Flamin sei noch im Garten. Viktor nahm es auf, als sei es ihm gesagt, und ging hinaus und trug sein beklommenes Herz einem andern bangen entgegen. Flamin fand er in einer uberlaubten Ecke hinaufstarrend mit den Augen zum Wachsbilde des verstossenen Geliebten; Viktors Herz ging wie zwischen Tranen schwer in der ubervollen Brust. Flamins Gesicht war nicht mit dem Panzer des Zorns, sondern mit dem Leichenschleier des Kummers bedeckt. Denn hier auf dem Vorgrund einer hellen warmen Jugend, gleichsam auf dem klassischen Boden der vorigen unersetzlichen Liebe, wurde er zu weich und zu warm auf dem Dorfe widerrief er die Harte der Stadt und was noch mehr war, lauter Freunde seines Freundes, lauter liebevolle Lobreden auf den verschmahten Liebling drangten und warmten sein verarmtes Herz, und er konnte ihn hier noch leichter entschuldigen als entbehren. Viktor bewillkommte ihn mit der sanften Stimme eines gedruckten Herzens, aber dieser sagte alle Gedanken und Worte nur halb. Viktor schauete tief in die Seele, die um die Freundschaft trauerte; denn nur ein Herz sieht ein Herz; so sieht nur der grosse Mann grosse Manner, wie man Berge nur auf Bergen erblickt. Er hielt es daher fur kein Zeichen des Grolls, da Flamin langsam von ihm wegging; aber er musste, so einsam da gelassen, seine Augen von der geweihten Erde des Gartens, wo ihre Freundschaft sonst die Bluten geoffnet hatte, und von der Opferlaube, wo er bei seinem Vater fur Klotildens und Flamins Verknupfung gesprochen, und von der hohen Warte, dem Tabor der freundschaftlichen Verklarung, von allen diesen Begrabnisstatten einer schonern Zeit musst' er die Augen abwenden, um die armere zu ertragen. Allein das, was er nicht anschauen wollte, stellte er sich desto heller vor.

Jetzo dehnte die Gebet- und Abendglocke ihre melancholischen Bebungen aus bis an die Herzen der Menschen die vergangnen Zeiten schickten die Tone, und die Abendklagen sanken wie heisse Bitten in die getrennten Freunde: "O sohnet euch aus und gehet zusammen! Ist denn das Leben so lang, dass die Menschen zurnen durfen, sind denn der gute Seelen so viele, dass sie einander fliehen konnen? O diese Tone zogen um viele Aschen-Leichen, um manches erstarrte Herz voll Liebe, um manchen geschlossenen Mund voll Grimm, o Vergangliche, liebet, liebet euch!" Viktor ging willig (denn er weinte) dem Freunde nach und fand ihn am Beete stehen, worauf Eymann dessen Namens-F in Kohlrabi pflanzen grunen liess, und er schwieg, weil er wusste, dass zu allen sympathetischen Kuren geschwiegen werden muss. O eine solche schweigende Stunde, wo Freunde wie Fremdlinge nebeneinander stehen und mit dem Verstummen das alte Ergiessen vergleichen, hat zu viele Herzstiche und tausend erdruckte Tranen und statt der Worte die Seufzer!

Viktor, so nahe am Freund, wollte, da unter dem Gelaute seine schonere Seele, wie Nachtigallen unter Konzerten, immer lauter wurde, von Minute zu Minute an dieses schone edle Gesicht, an diese zum Versohnkusse gerundeten Lippen fallen aber er erschrak vor der neulichen Abstossung. Er sah jetzo, wie Flamin ins Beet immer weiter schritt und die Herzblatter der Kohlrabi langsam umtrat und auseinander quetschte; endlich merkte er, dieses Zerknirschen des grunenden Namens sei bloss die stumme Sprache der Trostlosigkeit, die sagen wollte: "Ich hasse mein gequaltes Ich, und ich mocht' es zermalmen wie meinen Namen hier: fur wen soll er?" Das riss Blut aus Viktors Herzen und weggekehrte Tranen aus seinem Auge, und er nahm sanft die lang entzogne Hand, um ihn wegzufuhren vom Selbermorde des Namens. Aber Flamin drehte sein zuckendes Angesicht seitwarts nach dem wachsernen Schatten seines Freundes und sah, starr abgekrummt, hinauf. "Bester Flamin!" sagte Viktor mit dem geruhrtesten Laute und druckte die brennende Hand. Da riss sie Flamin aus seiner heraus und stiess mit den zwei Handballen die Tranentropfen in die Augen zuruck und atmete laut und sagte erstickt: "Viktor!"- und wandte sich mit grossen Tranen um und sagte noch dumpfer: "Liebe mich wieder!" Und sie sturzten zusammen, und Viktor antwortete: "Ewig und ewig lieb' ich dich, so du hast mich ja nie beleidigt", und Flamin stammelte gluhend und sterbend: "Nimm nur meine Geliebte, und bleibe mein Freund!" Viktor konnte lange nicht reden, und ihre Wangen und ihre Tranen brannten vereinigt aneinander, bis er endlich sagen konnte: "O du! o du! du edler Mensch! Aber du irrest dich irgendwo! Nun verlassen wir uns nicht mehr, nun wollen wir ewig so bleiben. Ach wie unaussprechlich werden wir uns einmal lieben, wenn mein Vater kommt!"

Hier holte sie die vielleicht um beide besorgte Pfarrerin ab, und Flamin ehrte sie, was er selten tat, in seiner Erweichung mit einer kindlichen Umarmung; und aus vier verweinten Augen las sie entzuckt die Erneuerung ihres unverganglichen Bundes.

Nichts beweget den Menschen mehr als der Anblick einer Versohnung, unsere Schwachen werden nicht zu kostbar durch die Stunden ihrer Vergebung erkauft, und der Engel, der keinen Zorn empfande, musste den Menschen beneiden, der ihn uberwindet. Wenn du vergibst, so ist der Mensch, der in dein Herz Wunden macht, der Seewurm, der die Muschelschale zerlochert, welche die Offnungen mit Perlen verschliesset.

Diese Aussohnung zog gleichsam eine mit dem Gluck nach sich der Brumaire-Abend wurde zu einem Floreal-Abend die Drillinge assen vom gebratnen Ruhm der Appel nach der Pfarrer hatte mit keinen Schlusseln weiter zu tun als mit Loseschlusseln, den geistigen Musikschlusseln und das Geburtfest war zu einem Bundfeste aufgebluhet, zu einem Oppositionklub, wo sich alles, aber in einem hohern Sinne als Quaker und Kaufleute, Freund nannte. Die Drillinge hielten altbritische Reden, die nur freie Menschen verstehen konnten. Viktor wunderte sich uber die allgemeine Freimutigkeit vor einer so gestachelten Schmeiss-Mouche, wie Matthieu war aber die Englander fragten nach nichts. Der Pfarrer schickte Herzgebete ab und sagte: "er seines Orts nehme wenig Notiz davon und bitte nur leiser zu haranguieren, damit er nicht in den Ruf kame, als ob er pietistische Konventikel in seiner Pfarre zuliesse; inzwischen steif' er sich ganz auf den Herrn Hofmedikus und Herrn Hofjunker, die ihn gegen Fiskalate gewisslich decken wurden; sonst wurd' er Frau und Sohn nicht mit dreinsprechen lassen." Die Pfarrerin zog die Erinnerungen an ihr freies Vaterland den besten Verleumdungen und Moden vor. Viktor musste heute sein Versprechen halten, seine republikanische Orthodoxie ausser Zweifel zu setzen; und da er solches vor unsern Ohren gab, wollen wir auch mit sehen, wie er es halt und ob er ein Alt-Brite ist.

Er ahmte meistens den Stil nach, den er zuletzt gelesen oder wie heute gehort hatte; daher sprach er in Sentenzen wie der eine brennend-kalte Englander.

"Kein Staat ist frei, als der sich liebt; das Mass der Vaterlandliebe ist das Mass der Freiheit. Was ist denn nun diese Freiheit? Die Geschichte ist der La MorguePlatz92, wo jeder die taten Verwandten seines Herzens sucht: fragt die grossen Toten aus Sparta, Athen und Rom, was Freiheit ist! Ihre ewigen Festtage ihre Spiele ihre ewigen Kriege ihre steten Opfer des Vermogens und Lebens ihre Verachtung des Reichtums, des Handels und der Handwerker konnen den kameralistischen Landesflor nicht zum Ziel der Freiheit machen. Aber der konsequente Despot muss den sinnlichen Wohlstand seiner Neger-Pflanzung betreiben. Der Druck und die Milde, die Ungerechtigkeit und die Tugend eines Einzelnen machen so wenig den Unterschied zwischen sklavischer und freier Regierform aus, dass Rom eine Sklavin war unter den Antoninen, und eine Freie unter dem Sulla93. Nicht jeder Bund, sondern der Zweck des Bundes, nicht das Vereinigen unter gemeinschaftliche Gesetze, sondern der Inhalt derselben geben der Seele die Flugel des Patriotismus; denn sonst ware jede Hansa, jeder Handelsbund ein pythagorischer und zeugte Sparter. Das, wofur der Mensch Blut und Guter gibt, muss etwas Hoheres als beides sein; eignes Leben und Vermogen zu beschutzen, hat der Gute nicht so viel Tapferkeit, als er hat, wenn er fur fremdes kampft; die Mutter wagt nichts fur sich und alles fur das Kind kurz nur fur das Edlere in sich, fur die Tugend, offnet der Mensch seine Adern und opfert seinen Geist; nur nennt der christliche Martyrer diese Tugend Glauben, der wilde Ehre, der republikanische Freiheit. Nehmt zehn Menschen, sperrt sie in zehn verschiedene Inseln: keiner wird den andern (ich habe keine Weltburger genommen), wenn er ihm auf seinem Kahn begegnet, lieben oder beschutzen, sondern ihn bloss wie ein unschuldiges ungebildetes Tier unbeschadigt voruberfahren lassen. Werft sie aber samtlich auf eine Insel94: so werden sie gegenseitige Bedingungen des Beisammenlebens, des Unterstutzens u.s.w., d.h. Gesetze machen jetzo haben sie oftern Genuss und Gebrauch des Rechts, folglich ihrer Personlichkeit, die sie von blossen Mitteln unterscheidet, folglich ihrer Freiheit. Vorher auf ihren zehn Inseln waren sie mehr ungebunden als frei. Je mehr die Gegenstande ihrer Gesetze sich veredeln, desto mehr sehen sie, dass das Gesetz den innern Menschen mehr angehe als der Schutthaufen, den es beschirmt, das Recht mehr als das Eigentum, und dass der edle Mensch seine Guter, seine Gerechtsame, sein Leben verfechte, nicht wegen ihrer Wichtigkeit, sondern wegen seiner Wurde. Ich will die Sache von einer andern Seite beschauen, um den Satz zu verteidigen, womit ich die Rede anfing. Wenn ein Volk seine Verfassung hasset: so geht der Zweck seiner Verfassung, d.h. seine Vereinigung, verloren. Liebe der Verfassung und Liebe fur seine Mitburger als Mitburger ist eins. Ich hole so aus: waren alle Menschen weise und gut, so waren sie alle einander ahnlich, folglich gewogen. Da das nicht ist: so ersetzt die Natur diese Gute durch Ahnlichkeiten der Triebe, durch Gemeinschaft des Zwecks, durch Beisammenleben u.s.w. und halt durch diese Bander der ehelichen, der Geschwisterund der Freundesliebe unsere glatten schlupferigen Herzen zusammen in verschiedenen Entfernungen. So erzieht sie unser Herz zur hohern Warme. Der Staat gibt ihm eine noch grossere, denn der Burger liebt schon mehr den Menschen im Burger als der Bruder ihn im Bruder, der Vater im Sohn. Vaterlandliebe ist nichts als eine eingeschrankte Weltburgerliebe; und die hohere Menschenliebe ist des Weisen grosse Vaterlandliebe fur die ganze Erde. In meinen jungern Jahren war mir oft die Menge der Menschen schmerzlich, weil ich mich unvermogend fuhlte, l000 Millionen auf einmal zu lieben; aber das Herz des Menschen nimmt mehr in sich als sein Kopf, und der bessere Mensch musste sich verachten, dessen Arme nur um einen einzigen Planeten reichten." ...

Jetzo setz' ich wie in einer Komodie nur die Namen der Spieler vor die Anmerkungen. Der kaltphilosophische Balthasar: "Daher muss die ganze Erde einmal ein einziger Staat werden, eine Universalrepublik; die Philosophie muss Kriege, Menschenhass, kurz alle mogliche Widerspruche mit der Moral so lange gutheissen, als es noch zwei Staaten gibt. Es muss einmal einen Nationalkonvent der Menschheit geben; die Reiche sind die Munizipalitaten."

Matthieu: "Jetzt leben wir also erst im 11ten Oktober und ein wenig im 4ten August."

Viktor: "Wir sehen, gleich dem David, den salomonischen Tempel nur in Traumen und die Stifthutte im Wachen; aber die Philosophie ware jammerlich, die von den Menschen nichts foderte, als was diese bisher ohne Philosophie leisteten. Wir mussen die Wirklichkeit dem Ideal, aber nicht dieses jener anpassen."

Der heiss-philosophische Melchior: "Die meisten jetzigen Bewegungen sind nur Griffe, die ein unter dem Gehirnbohrer Schlafender nach der blutigen Gehirnhaut tut. Aber die fallende Stalaktite der Regentschaft tropfet endlich mit der steigenden Stalagmite des Volkes zur Saule zusammen."

Flamin: "Setzen aber nicht Sparter Heloten voraus, Romer und Deutsche Sklaven, und Europaer Neger? Muss sich nicht immer das Gluck des Ganzen auf einzelne Opfer grunden, so wie ein Stand sich dem Akkerbau widmen muss, damit ein anderer dem Wissen obliege?"

Kato der Altere: "Dann spei' ich aufs Ganze, wenn ich das Opfer bin, und verachte mich, wenn ich das Ganze bin."

Balthasar: "Besser ists, das Ganze leidet freiwillig eines einzigen Gliedes wegen, als dass dieses wider seine gerechte Stimme fur das Ganze leide."

Matthieu: "Fiat justitia et pereat mundus."

Viktor: "Auf deutsch: das grosste physische Ubel muss man vorziehen dem kleinsten moralischen, der kleinsten Ungerechtigkeit."

Melchior: "Durch die physische, von der Natur gemachte Ungleichheit der Menschen wird irgendeine politische so wenig entschuldigt als durch Pest der Mord, durch Misswachs das Kornjudentum. Sondern umgekehrt muss eben die politische Gleichheit das Ersatzmittel der physischen sein. Im despotischen Staat kann die Aufklarung wie das Wohlleben an Innengehalt grosser sein, aber im freien ist sie an Aussengehalt grosser und unter alle verteilt. Denn Freiheit und Aufklarung erzeugen einander wechselseitig."

Viktor: "Wie Unglaube und Despotie. Ihre Behauptung zeigt den Volkern zwei Wege, einen langsamern, aber gerechtern, und einen, der beides nicht ist. Die wilden Eingriffe ins Zifferblattrad der Zeit, das tausend kleine Rader drehen, verrucken es mehr, als sie es beschleunigen, oft brechen sie ihm Zahne ab95: hange dich ans Gewicht des Uhrwerks, das alle Rader treibt; d.h. sei weise und tugendhaft, dann bist du gross und unschuldig zugleich und bauest an der Stadt Gottes, ohne den Mortel des Bluts und ohne die Quader der Totenkopfe."

Hier wird diese politische Predigt ausgelautet, unter welcher Viktor seiner sokratischen Haltung und Massigung ungeachtet doch diese wilden Kopfe zu Freunden des seinigen machte. Dem einzigen Matthieu war nur um Spott zu tun, auf den er jeden Ernst zuruckfuhrte, anstatt es umzukehren. Er hatte in einem eigentumlichen Grade jene Unverschamtheit von Stand, gewisse Torheiten zugleich zu begehen und zu verspotten, gewisse Toren zugleich zu suchen und zu verachten und gewisse Weise zugleich zu meiden und zu loben. Wo er nur konnte, bewarf er den gutmutigen Fursten von Flachsenfingen mit satirischen Distelkopfen und zeigte eine Feindseligkeit gegen den Ehemann, die sonst das Zeichen einer zu grossen Freundschaft gegen die Frau ist. So sagte er heute in Beziehung auf Jenners oder Januars Neigungen, die mit seinem Monats- und Heiligen-Namen abstechen: "Fur den heiligen Januarius in Puzzolo96 war ein Fisch der Doktor Kuhlpepper."

Ich gesteh' es, ich habe unter dem ganzen Klub wieder den narrischen Gedanken gehabt, den ich mir schon oft, so toll er ist, nicht aus dem Kopfe schlagen konnte denn er wird freilich ein wenig dadurch bestatigt, dass ich wie ein Atheist nicht weiss, wo ich her bin, und dass ich mit meinem franzosischen Namen Jean Paul durch die wunderbarsten Zufalle an ein deutsches Schreibepult getrieben wurde, auf dem ich einmal der Welt jene weitlauftig berichten will wie gesagt, ich halt' es selber fur eine Narrheit, wenn ich mir zuweilen einbilde, es sei moglich, dass ich etwan da in der orientalischen Geschichte die Beispiele davon tausendweise da sind gar ein unbenannter Knasensohn oder Schachsohn oder etwas Ahnliches ware, das fur den Thron gebildet werde und dem man nur seine edle Geburt verstecke, um es besser zu erziehen. So etwas nur zu uberlegen, ist schon Tollheit; aber so viel ist doch richtig, dass aus der Universalhistorie die Beispiele nicht auszukratzen sind, wo mancher bis in sein 28stes Jahr ich bin um zwei Jahr alter nicht ein Wort davon wusste, dass ein asiatischer oder anderer Thron auf ihn warte, wovon er nachher, wenn er darauf kam, prachtig herunter regierte. Setze man aber, ich wurde aus einem Jean ohne Land ein Johann mit Land, so ging' ich sofort aufs Billard und sagte jedem, wen er vor sich hatte. Ware einer von meinen Landskindern mit da und stiesse: so wurd' ich ihn dort sofort regieren und eine Landstochter ohne Bedenken Ich wurde mit Bedacht verfahren und nur mit Subjekten aus meiner BillardGespannschaft die wichtigern Amter besetzen, weil der Regent den kennen muss, den er voziert, welches er beim Spiel bekanntlich am ersten vermag. Ich wurde meinen Landsassen und allen durch ein Generalreglement auf alle Zeiten strenge befehlen, glucklich und wohlhabend zu sein, und wer arm wurde, den setzte ich zur Strafe auf halben Sold; denn ich denke, wenn ich die Armut so nachdrucklich untersagte, so wurd' es zuletzt so viel sein, als regierten Saturn und ich miteinander. Ich wurde in meinem Staate nicht, wie ein Sultan in seinem Harem, physische Stumme und Zwerge begehren, sondern nach Gelegenheit moralische Ich gesteh' es, ich hatte eine eigne Vorliebe fur Genies und stellte bei allen, sogar beim elendesten Posten die grossten Kopfe an. Ich wurde mich vor nichts furchten (Feinde ausgenommen) als vor der Kopfwassersucht, vor der ein gekrontes Haupt oder ein infuliertes in Angsten sein muss, wenn es wie ich in dem Doktor Ludwig oder auch in Tissot von den Nerven gelesen hat, dass dergleichen durch starke Binden um den Kopf am ersten entstehe, welches ich noch mehr von meiner Krone befahre, zumal wenn der Kopf, der hineingetrieben wird, dick ist und sie eng...

Wir kommen wieder zur Geschichte. Den andern Tag kehrten Viktor und Flamin, in den schonen, neu angezognen Schlingen des freundschaftlichen Bundes, nach Flachsenfingen zuruck. Jetzo konnte Viktor durch Maienthals Himmelpforte eingehen, wenn Klotilde sie nicht verriegelte. Alles kam auf Emanuels Antwort an. Die Mailufte wehten, die Malblumen dufteten, die Maibaume rauschten. O wie fachte dieses Wehen die Sehnsucht an, alle diese Seligkeiten in Maienthal zu geniessen und das Einlassblatt zum schonsten Konzertsaal der Natur vom Freunde zu bekommen. Es kam keines; denn es war schon gekommen durch den Zeidler Lind aus Kussewitz, der als Feudal-Postillon vom Grafen O an Matthieu gesendet worden und den Weg uber Maienthal genommen hatte. Es war von Emanuel:

"Horion!

Komm eher, Geliebter! Eil in unser Edental, das ein Gartensaal der Natur mit grunenden Wanden zwischen lauter Gangen ist, die aus dem Himmel in den Himmel laufen. Die blumigen lichten Stunden rucken vor dem Auge des Menschen voruber wie die Sterne vor dem Sehrohre des Himmelmessers. Blutenschlingen aus Jelangerjelieber sind dir gelegt und mit Duften zugedeckt; und wenn du darin gefangen bist, fassen die aufwallenden Dufte dich mit einer Wolke ein, und unbekannte Arme dringen durch die Wolke und ziehen dich an drei Herzen voll Liebe! Ich habe schon Maiblumen aus dem Walde ausgehoben und neben mich gepflanzt deine Stadt ist ja auch ein Wald um dich stille Maiblume. Ich habe schon zwei Balsaminen und funf Sommerlevkojen versetzt; aber meine erste versetzte Balsamine war Klotilde. Du siehst, der Fruhling streckt sich mit seinen uppigen treibenden Saften auch durch meine aufknospende Seele, und der Mai spaltet an ihr, wie ich jetzt an den Nelken, alle Knospen auf. Erscheine, erscheine, eh ich wieder trube werde, und sage dann deinem Julius, wer der Engel war, der ihm den Brief an mich gereicht.

Emanuel."

*

Julius hatte wahrscheinlich dabei wieder an jenen andern Brief gedacht, den ihm ein bis jetzt unbekannter Engel zum Aufsiegeln auf diese Pfingsten gegeben Aber was gehen mich hier Engel und Briefe an? Kurier-schreiben will ich jetzt, damit ich das 32ste Kapitel hinausgemacht habe, eh der Hund mit seinem 33sten Pfingstkapitel auftritt, das nicht bloss, weil es 32 Kapitel-Ahnen hat, sondern wegen der wahrscheinlichen Ausgiessung eines freudigen heiligen Geistes darin, oder wegen eines ganzen Taubenflugs von heiligen Geistern, und wegen der historischen Gemalde darin und wegen meiner eignen Anstrengung ein Kapitel (glaubt man) werden muss, dergleichen in jeder dionysischen Periode kaum ein halbes und in jeder konstantinopolitanischen ein ganzes kann geschrieben werden Der Pfingst-Hundtag kann lang ausfallen, aber gut und gottlich Philippine wird den Bruder rutteln und sagen (sie schmeichelt gern): "Paul! Paulus war auch im dritten Himmel, aber so hat er ihn nicht beschrieben in seinen Briefen an die Romer!" Ich wollte selber, ich konnte meinen 33sten Hundtag lesen, bevor ich ihn gemacht...

Das Viele, was ich noch mit Wenigem und mit der bisherigen Eile herzuwerfen habe, ist laut den KurbisAkten das: Viktor freuete sich ebenso wie ich auf die Pfingst-Evangelien. Sein Gewissen setzte seinem Genusse nicht das dunnste Speisegelander, nicht den niedrigsten Weidstein weiter in den Weg, und er konnte wie eine unschuldige Freude zur geliebten Klotilde gehen und sagen: nimm mich an. Er tat jetzt die Abschied- und Krankenbesuche bei Hofe regelmassig ab und schor sich um kein Wort voll Hollenstein und um kein Auge voll Basiliskengift. Er verdoppelte die schonern Besuche bei Flamin, um dessen edle Versohnung mit einer warmern Freundschaft zu belohnen, und er druckte auf die vergangne Geschichte und auf den Gegenstand der Eifersucht das Sekretinsiegel des schonenden Schweigens. Seine Traume stellten zwar bei ihrem Theater voll Schattenspielen und Lufterscheinungen Klotildens Gestalt nicht an (gerade die geliebtesten Gesichter versaget der Traum), aber indem sie ihn in die alten dunkeln Regenmonate fuhrten, wo er wieder unglucklich und ohne Liebe und ohne die teuerste Seele war, so gaben sie ihm durch die niedergeregnete Nacht einen hellern Tag, und die verdoppelte Wehmut wurde zur verdoppelten Liebe Und wenn er am Morgen nach solchen Traumen vom vergangnen Traum durch den MaienReif neben den uppigen Freudentropfen der Weinreben und unter dem Morgenwind, der ihn mehr trug als kuhlte, hinaustrat, um die festen westlichen Walder, die mit einem grunen Vorhang die Opernbuhne seiner Hoffnung verhingen, wie teure Reliquien mit den sehnenden Augen zu betasten Ein Rezensent, der sich an meine Stelle setzt, kann mir unmoglich bei dieser Kurze der Zeit und auf meiner Extrapostkutsche des Phobuswagen (jetzt in den kurzern Tagen) zumuten, o dem langen Vorsatze seinen Nachsatz zu geben.

Sogar der steilrechte Klimax des Barometers und das waagrechte Stromen des Ostwindes fassten die Segel seiner Hoffnung an und zogen ihn in das stille Meer der Pfingst-Zukunft und in den Kalender von 1793, um zu sehen, ob der Mond zu Pfingsten voll ware Beim Himmel, er wirds wenigstens halb, welches noch viel besser ist, weil man ihn sogleich bei der Hand mitten am Himmel hat, wenn man seinen Abend anfangen will...

Ich hab's doch durch ausserordentliches Rennen dahin gebracht, dass ich mit dem 32sten Hundposttage fertig bin, eh Spitz mit seinem Freudenpokal am Halse uber das indische Meer gesetzt ist Und da ich ohnehin nach der capitulatio perpetua mit dem Leser (bei der bekanntlich die Fursten- und Stadtebank ins Gras beisset) jetzt einen Schalttag machen muss: so will ich dazu die Vakanz des Hundes verwenden; aber ich flehe alle meine Tagwahler und Kunden, die bisher am Springstabe des Zeigefingers uber die Schalttage weggesetzt sind, ernsthaft an, es bei diesem nicht zu tun, erstlich weil ich erbotig bin, mich erschiessen zu lassen, wenn ich in diesem Schalttage mein obwohl unter mehren Regierungen bestatigtes Schalttags-Privilegium, die witzigsten und tiefsinnigsten Sachen vortragen zu durfen, nur im geringsten exerziere und zweitens weil der Hund schon am Schalttage in den Hafen laufen und mir Fakta bringen kann, die ich nicht im 33sten Hundtage auftische, sondern schon am VIII. Schalttage oder an der VIII. Sansculotide.

Der Inhalt davon ist, gleich der Gegenwart, ein toller Vorbericht von der Zukunft.

Ich muss sagen, wenn erstlich Bellarmin (der katholische Vorfechter und Kontradiktor) behauptet, jeder Mensch sei sein eigner Erloser woraus meines Erachtens folgt, dass er auch seine eigne Eva und Schlange fur seinen antiken Adam ist wenn zweitens die Feder eines ausserordentlich guten Autors eine Lichtputze der Wahrheit ist, so wie umgekehrt dem Herrn von Moser im Gefangnis die Lichtputze die Feder war wenn drittens der Despotismus statt der lebendigen Baumstamme zuletzt (denn er sagt in die Welt hinein wie blind) den Thron-Sagebock selber zersagen kann ferner muss ich sagen, wenn viertens jede Handlung (sogar die schlimmsten) wie Christus zwei unahnliche Geschlechtregister hat wenn vollends funftens ein und der andere Rezensent sein kritisches Auge, womit er alles besieht, nicht auf dem Scheitel Wirbel tragt (wie etwan Muhammeds Selige, um die Schonheiten nicht zu sehen), noch wie Argus hinten und vornen, sondern wirklich vornen gleich unter dem Magen uber dem Gedarm mitten im Nabel, wenn dieser Mann noch dazu kein anderes Herz besitzt als das leinene, das die Nahterin unten im Winkel des Hemdjabots einflickt und das auf der Herzgrube aufliegt, die man gescheuter die Magengrube nennen sollte endlich muss ich sagen (wenigstens kann ichs), wenn sechstens wahrer Zusammenhang, strenge Paragraphen-Verkettung vielleicht die grosste Zierde und Seele der ungebundnen Rede ist, die aber einem gebundnen Klaviere gleicht, und wenn daher der Verstand, wie eine epische Handlung, am Ende der (rhetorischen und der Zeit-) Periode anfangen muss, weil sonst gar keiner da ware:..

Es wird aber auch keiner mehr kommen. Aber jene vier Punkte sehen wie die Hasenfahrte im Schnee aus. Kurz: der Spitzhund, unser biographischer Handlanger und Spediteur, liegt schon unter dem Tische und hat einige elysische Felder und Himmelreiche abgeladen. Da ich ohnehin im obigen nicht ganz wusste, was ich haben wollte (ich will nicht gesund vor dem Publikum sitzen, wenn ichs gewusst): so erwies mir der Hund einen wahren Liebedienst, dass er dem Perioden den Nachsatz-Schwanz sozusagen gar abbiss. Es war ohnehin mein Plan, bloss so lange Hasensprunge zu machen in einem ellenlangen Perioden, bis der Hund mir die Angst uber die Zweifelhaftigkeit der Pfingstreise benommen hatte. Uberhaupt wollt' ich nie Worte und Gedanken miteinander aufwenden, sondern diese sparen, wenn ich jene vertat; Peuzer schrieb langst an die Regensburger und Wetzlarer: viele Gedanken brauchen einen kleinen Wortfluss, aber je grosser der Bach ist, desto kleiner kann das Muhlrad sein. Einen rechtschaffenen Rezensenten krankt ein lakonisches Buch auch schon darum (nicht bloss weil das Publikum es nicht versteht), weil ein Deutscher ja an den Juristen und Theologen die besten Muster vor sich hat, weitschweifig zu schreiben, und zwar mit einer Weitlauftigkeit, die vielleicht denn der Gedanke ist die Seele, das Wort der Leib unter den Worten jene hohere Freundschaft der Menschen stiftet, die nach Aristoteles darin besteht, dass eine Seele (ein Gedanke) in mehrern Korpern (Worten) zugleich wohnet.

Ich hebe Viktors Vigilie, den heiligen Abend vor Pfingsten, jetzt an. Es war schon Sonnabend der Wind ging (wie die Wissenschaften) von Morgen das Quecksilber sprang in der Barometerrohre (wie heute in meinen Nervenrohren) fast oben hinaus. Flamin war friedlich von seinem Freunde am Freitage geschieden und kehrte vor funf Tagen nicht zuruck. Viktor will morgen, am ersten Pfingsttag, vor der Sonne aufbrechen, um am dritten wieder zuruckzukommen, wenn sie in Amerika aussteigt. (Ich wollt', er bliebe langer.) Es ist ein schoner blauer Montag in der Seele (jeder blaue Tag ist einer) und eine schone Dispensation von der Trauerzeit des Lebens, wenn man (wie mein Held) das Gluck hat, an einem heiligen Abend, unter dem Gebetlauten, und wenn der Mond schon uber die Hauser herauf ist, vor den Aussichten in die schonsten Pfingsttage und in die schonsten Pfingstgesichter, ruhig und schuldlos in Zeusels Erker zu sitzen, alle Voressen der Hoffnung anzuschneiden, alle Vorsteckrosen und Anzeigen des schonsten Morgens zu sammeln und unter den larmenden Budenvorspielen des Festes den zweiten Teil der Mumien gerade in den Freudensektoren zu lesen, wo ich meinen und Gustavs Einzug in das himmlische Jerusalem zu Lilienbad abzeichne. Alles das hatte, wie gesagt, der Held....

Aber als er, der zwischen seiner Pfingstreise und jener Badreise im Buche so viele Verwandtschaft ausfand, endlich mit seiner bewegten Seele an die Zerstorung jenes Jerusalems kam: so sagte er mit dem ersten traurigen Seufzer fur heute: "O du gutes Schicksal, ein solches Schlachtmesser lege nie am Herzen meiner Klotilde an: ach ich sturbe, wenn sie so unglucklich wurde wie Beate." Und er dachte weiter nach, wie die roten Morgenwolken der Hoffnung nur schwebender erhohter Regen sind und wie oft der Schmerz der bittere Kern der Entzuckung ist, gleich dem goldnen Reichsapfel des deutschen Kaisers, der zwar 3 Mark und 3 Lot schwer ist, aber innen mit Erde ausgefullet...

Beim Himmel! wir versalzen uns da alle mit Nachtgedanken den heiligen Abend ohne Not, und es weiss keiner von uns, warum er so seufzet. Ich habe ja das ganze Pfingstfest schon kopeilich vor mir, und es steht kein einziges Ungluck darin, es musste denn Viktor noch einen vierten Pfingsttag als Nachsommer anstossen, und in diesem musste es etwas absetzen. Ich gestehe es, ich bin gern asthetischer frere terrible und setze der Welt, die in meine unsichtbare Mutter-Loge sich hineinlieset, gern den Degen auf die Brust und dergleichen Streiche mehr das kommt aber davon, weil man in der Jugend Werthers Leiden lieset und besitzt, von welchen man, wie ein Messpriester, ein unblutiges Opfer veranstaltet, ehe man die Akademie bezieht. Ja wenn ich noch heute einen Roman verfasste: so wurd' ich da der blaurockige Werther an jedem jungen Amoroso und Autor einen Quasichristus hat, der am Karfreitage eine ahnliche Dornenkrone aufsetzt und an ein Kreuz steigt es auch wieder so machen....

Aber es ist Zeit, dass ich mein Maienthal offne und jeden einlasse. Ich will nur nicht langer verheimlichen, dass ich gesonnen bin, dieses ganze Paphos und Rittergut an den Leser gar zu verschenken, wie Ludwig XI. die Grafschaft Boulogne der heiligen Maria zuwarf. Ich gedenke dadurch vielleicht uber andere Schriftsteller, die ihren Lesern nur ihre Kiele bescheren, ebenso weit vorzustechen als der Konig uber den alten Lipsius, der der Maria nur seine silberne Feder vermachte. Anfangs wollt' ich dieses Elysium mit seinen dreimahtigen Wiesen und Nadelholzern selber behalten, weil ich im Grunde ein armer Teufel bin und wirklich nicht mehr einzunehmen habe als ein Prinz von Wurttemberg sonst, namlich 90 fl. rhn. Apanage und 10 fl. zu einem Ehrenkleide, und weil ich mir auf die mir von Gott und Rechts wegen zustandigen zwei Quadratmeilen Landes denn soviel wirft die ganze Erde bei ihrer gleichen Zerschlagung nach einem guten Teilplane auf den Mann aus wahrlich so wenig Rechnung mache, dass ich die zwei Meilen an jeden gern um einen elenden Schaf-Pferch hingeben will. Und was mich am meisten zuruckzog, diese Schenkung unter den Lebendigen mit meinem Maienthal zu machen, war die Sorge, dass ich ein Feudum Leuten, Lesern, Landboten, Knasen zuwende, die tausendmal grossere Woiwodschaften und Schatullguter innenhaben und die man aufbringt, wenn man sie der Maria ahnlich macht, die aus einer Himmels-Konigin eine Grafin von Boulogne wurde, oder dem romischen Kaiser, der zugleich am Krontage ein Mitglied des Marienstifts zu Aachen werden muss.

Aber was konnen denn alle ihre Majorate ihre Deutschmeistereien-ihre Afterlehn und ihre patrimonia Petri (eine Anspielung auf mein patrimonium Pauli) und ihre grossvaterlichen Guter und alles ihr auf das Erdenschiff geladne Schiffgut, kurz ihre europaischen Besitzungen auf der Erde, was konnen, sag' ich, diese Hollandereien fur Produkte liefern, die vor den maienthalischen nur von weitem bestanden? Und wachsen auf ihren Kronengutern himmelblaue Tage, Abende voll seliger Tranen, Nachte voll grosser Gedanken? Nein, Maienthal tragt hohere Blumen, als die das Vieh abreisset, schonere Hesperiden-Apfel, als die Obstkammern bewahren, uberirdische Schatze auf unterirdischen, Eden-Kompetenzstucke, wie Klotilde und Emanuel sind, und alles, was unsre Traume malen und unsre Freudentranen begiessen.

Und eben dies entschuldigt mich, wenn ich das maienthalische Freuden-Tafelgut tausend Mitwerbern abschlage, wenn ich als dessen Lehnprobst mit diesem schwabischen Schupflehn nicht belehnen kann solche Leute, die auch zu keinem eigentlichen Feudum taugen, moralische Blinde, Lahme, Minderjahrige, Verschnittene etc. Und hier muss ich mir viele Feinde machen, wenn ich aus den Vasallen und Mitbelehnten, denen man das Maienthal mit allen seinen poetischen Nutzniessungen zu Lehn gibt, namentlich alte Salbader ausstosse, die den Rittersprung der Phantasie nicht mehr tun konnen- 47 Scheerauer und 103 Flachsenfinger, deren Herzen so kalt sind wie ihre Kniescheiben oder wie Hundschnauzen die grossten Minister und andere Grosse, an denen wie an grossen gebratnen Fleischklumpen bloss die Mitte noch roh ist, namlich das Herz 1/2 Billion Okonomen, Juristen, Kammer- und Finanzrate und Plus-, d.h. Minusmacher, in denen die Seele, wie an Adam der Leib, aus einem Erdenklosse geknetet worden, die einen Herzbeutel haben, aber kein Herz, Gehirnhaute ohne Gehirn, Pfiffigkeit ohne Philosophie, die statt des Buchs der Natur nur ihre Manualakten und Steuerbucher lesen endlich die, die nicht Feuer genug haben, um vor dem Feuer der Liebe, der Dichtkunst, der Religion zu entbrennen, die statt weinen greinen sagen, statt dichten reimen, statt empfinden rasen....

Bin ich denn toll, dass ich mich hier so erbose, als wenn ich nicht auf der andern Seite das schonste Leser-Kollegium, das ich zum primus adquirens des maienthalischen Manner- und Kunkellehns erhebe, vor mir hatte; eine mystische moralische Person, die es einsieht, dass der Nutzen nur eine niedrigere Schonheit und die Schonheit ein hoherer Nutzen ist? Es ist allen Empfindungen eigen (aber nicht den Einsichten), dass man sie nur allein zu haben glaubt. So halt jeder Jungling seine Liebe fur eine ausserordentliche Himmelerscheinung, die nur einmal in der Welt sei, wie der Stern der Liebe, der Abendstern, oft einem Kometen gleichsieht. Aber es wird nicht lauter Flachsenfinger und Hollander geben, die auf die Alpen steigen, weniger um grosse Gedanken und Erhebungen, als um Sedes97 zu haben, oder zu Schiffe gehen, nicht um auf das erhabne Meer den Blick des Dichters zu werfen, sondern um die Schwindsucht zu verfahren... Sondern es wird uberall in jedem Marktfleck, auf jeder Insel schone Seelen geben, die der Natur am Busen ruhen die die Traume der Liebe achten, wenn auch sie selber aus ihren eignen wach geworden die mit rauhen Menschen umpanzert sind, vor denen sie ihre Idyllenphantasien uber das zweite Leben und ihre Tranen uber das erste verhullen mussen die schonere Tage geben, als sie empfangen diesem ganzen schonen Bunde mach' ich das verschenkte Feudum von Maienthal, wovon schon so viel Redens war, endlich auf und gehe als beleihender Lehnhof mit einigen Freunden und Freundinnen und meiner Schwester vorn an der Spitze voran hinein. Nachschrift oder eigenhandige Dispensationbulle. Der Berghauptmann kann nicht leugnen, dass der S.T. Verfasser dieser Lebensbeschreibung dadurch, dass der Hundfaulist, und dass diese Posttage voluminoser sind, und dass er in diesem Kapitel gar zwei in eines zusammengeschmolzen hat, hinlanglich bei denen entschuldigt ist, die das Recht haben, ihn zu fragen, warum er erst in der Mitte des Septembers oder Fruktidors den 32sten Posttag hinausgebracht. Vier Monate weit sitzet er noch mit seiner Beschreibung von der Geschichte ab. 1793. J. P.

Erster Pfingsttag

(33. Hundposttag)

Polizeiordnung der Freude Kirche der Abend

die Blutenhohle

Viktor war am Pfingstmorgen kaum aus seinem Schlafe, obwohl nicht aus seinen Traumen erwacht: so sagte ihm das Leisereden aller seiner Gedanken, die elysische Stille durch sein ganzes Herz, dass heute seine Sabbatwochen angehen. Ohne Vorwurfe und Vorsatze eines Fehltritts, ohne einen Seufzer seines Gewissens ging er unschuldig der Freude und der Liebe entgegen. Je zarter und weicher eine Blume der Freude ist, desto reiner muss die Hand sein, die sie abbricht, und nur tierische Weide vertragt den Schmutz; so wie diejenigen, die den Kaisertee abpflucken, sich vorher alle grobe Kost versagen, um das gewurzhafte Laub unbesudelt abzunehmen. Viktor hatte draussen kaum Morgenrote genug, um auf seiner breiten Stundenuhr vom Zeidler Lind die erste Stunde seines Sabbats zu sehen; aber diese Uhr, der Schrittzahler auf dem so schonen Lebenswege des Bienenvaters, und der Fruhgottesdienst der Natur, der in Stille besteht, machten seinen Vorsatz fester, sein jetziges Leben dem zweiten nach dem Tode als einen stillen, kuhlen, gestirnten Fruhlingmorgen vorauszuschicken.

"Bei euch schwor' ich" sagt' er, als nach und nach immer mehr Lerchen aus ihrem Tau mit Singen in die Morgen-Hora stiegen "ich will, sogar in der Freude, gelassen bleiben ganze dreissig Jahre lang in einem fort, wenigstens drei ganze Pfingsttage ich will ein Universitat- und Hausfreund, aber nicht ein Wertherscher Liebhaber der Freude sein Handelt nicht der Mensch, als musste sein Lebensteig eine Brucke zusammengeschobener Honigwaben sein, durch die er mottenartig sich durchzukauen habe, als waren seine Hande nur zwei Zuckerzangen der Lust? Ich will wieder meinen Freuden und meinen Schmerzen den Scherz als einen Zaum anlegen. Die warmen Tranen der Melancholie, besonders die der Entzuckung, eine Art heisser Dampfe, die starker treiben und zersetzen als Schiesspulver und papinische Maschinen, will ich wohl noch vergiessen, aber vorher ein wenig kuhlen. Und wenn ich Klotilde nicht jeden Vormittag ansichtig werde: so will ich bloss sagen: ein Mensch kann nicht immer im dritten Himmel sein, er muss auch zuweilen im ersten ubernachten." Er hat vielleicht mehr Recht als Kraft; aber es ist wahr, die Gesundheit des Herzens entfernet sich gleich weit von hysterischen Zuckungen und von phlegmatischer Erstarrung, und die Entzuckung grenzet naher an den Schmerz als die Ruhe. Aber keine Ruhe und Kalte ist etwas wert als die erworbene der Mensch muss der Leidenschaften zugleich fahig und machtig sein. Die Uberstromungen des Willens gleichen denen der Flusse, die alle Brunnen eine Zeitlang verunreinigen; nehmet ihr aber die Flusse weg, so sind die Brunnen auch fort.

Das Morgenrot deckte eine ferne Sonne nach der andern zu; und als endlich die nahe aufgegangen war oder vielmehr die Natur: so konnte Viktor sehen und lesen und mein Werk (die bekannten Mumien) aus der Tasche ziehen. Ein Buch war fur ihn in der treibenden freien Natur eine Gartenschere seiner uppig aufschiessenden Traume und Freuden. Dieser mit einem ganzen Fruhling prangende Morgen, dieses Schimmern auf allen Bachen, dieses Summen aus Bluten in Bluten, dieses hangende blaue Meer, woruber die Sonne wie ein Bucentauro schiffte, um auf den Meergrund der Erde den Vermahlungring zu werfen, eine solche Gegenwart wurde neben einer solchen Zukunft schon in der dritten Stunde ihm die Kraft genommen haben, seiner neuen Staatverfassung zufolge uber seine Wonne zu regieren und immer soviel Ruhe zu bewahren, als zur Mitteltinte zwischen einem entzuckten und einem truben Tage notig ist ich sage, er wurde das nicht vermocht haben ohne seinen Lebensbeschreiber, ich meine, wenn er nicht mein Buch vorgenommen hatte, in dessen zweiten Teile er noch den Schulmeister Wutz zu lesen hatte. Aber dieses gelehrte Werk setzte getrau' ich mir ohne Eigendunkel zu schmeicheln seiner Entzuckung die ordentlichen Grenzen. Denn so indem er lesend ging (wie andere, z.B. Rousseau und ich, lesend essen und bald aus dem Teller, bald aus dem Buche einen Bissen nehmen) indem er dem Leben des Schulmeisters so lange zuschauete, bis ein neues Tal aufging oder ein neues Waldchen indem er bald diesem abgedruckten Kantor, bald einem lebenden zuhorchte, vor dessen Pfingstliedern er vorbeiging: so konnte er seine Ideen bei allen ihren Rondos und Rosselsprungen in einer solchen schonen Ballordnung und Kirchenzucht erhalten, dass er so glucklich war als der gelesene Wutz. Ich schrie ihm noch dazu in einem fort aus meinen Mumien zu, gescheit zu sein und auf mein Schulmeisterlein als einen Flugelmann der Freudenhandgriffe achtzugeben und jeden Tag, jede Stunde auszukernen. "Ich bin ohnehin verdammt," (sagt' er) "wenn ichs nicht tue: ist denn nicht, du guter Gott, schon das Gefuhl des Daseins ein stehendes Vergnugen und der erste susse Imbiss nach jedem Erwachen?" Er dachte zwar daran, dass die Kultur uns Brillen gebe und dafur die Zungenwarzchen nehme und uns die Freuden durch bessere Definitionen derselben vergute (so wie der Seidenwurm als Raupe Geschmack, aber keine Augen, und als Schmetterling Augen ohne jenen hat), er gestand sich zwar zu, er habe zu viel Verstand, um soviel Vergnugen zu haben wie der Auenthaler Schulmann Wutz, und er philosophiere dazu zu tief; aber er bestand auch darauf: "eine hohere Weisheit musse doch (weil sonst der Allweise der Allungluckliche sein musste) wieder aus dem schwulen Horsaal-Parterre den Weg in ein Blumenparterre finden. Hohe Menschen tragen wie die Berge den sussesten Honig."...

Ob er gleich schon im letzten Dorfe, gleichsam der Vorstadt von Maienthal, auslauten horte: so erzurnte er sich doch nicht uber die Verspatung des Eintritts. Ja um sich selber zu zeigen, er sei der Philosoph Sokrates, schritt er mit Fleiss trager fort und libierte nicht wie der Athener den Freudenbecher, sondern fullte ihn gar noch nicht. "Werde immer", sagt' er zu einem aus Lilien-Samenstaub zusammengelaufenen Wolkchen, "vor mir fruher uber die Guten geweht, du Wolkensaule vor dem gelobten Land! Und dein kleiner Schatten silhouettiere ihnen den festern, der trager nachkommt und den das Himmelblau spater einsaugt!" Und eh' ihn der herumgekrummte Fusssteig vor das mit Blumen behangne Tor des Tals stellte, worin die geliebte Wiege und Baumschule seiner schonen dreitagigen Zukunft stand: so hielt ihn noch eine zugeknopfte Distel auf, um deren versiegelte Honiggefasse ein weisser Schmetterling seine dritte Parallele zog und die musivischen Disteln auf Le Bauts Diele traten vor ihm ins Leben und zeigten ihm die Stacheln der Vergangenheit; da fand er es jetzt unbegreiflich, wie er seine Schmerzen ertragen konnen, und leichter, den Freudenhimmel zu tragen.....

Er zog Linds Uhr heraus, um die Geburtstunde seiner Honig- und Flitterzeit zu wissen gerade um 11 Uhr trat er vor das nette Dorf, vor das Treibhaus seines Himmels, vor die Pflanzstadt seiner Hoffnung, vor Eden.... Ach das sauselnde, in Lauben verwachsene Dorfchen schien alle seine bluhenden Zweige als Arme um ihn zu legen und ihn an sich zu stricken; es war grun und weiss und rot nicht angestrichen, sondern uberlaubt und uberbluht. Und als er unter dem Auslauten um sich die Umarmung seines Emanuels geizig aufzusparen, und um den maienthalischen Kirchengesang mit einem von der Natur geoffneten Herzen zu beschleichen in das lange saubere Dorfchen sich stahl und den Freundschaftzoll auf eine Minute bei Emanuels Hause umfuhr: so war ihm, als wenn sein stillfrohes Herz sich in den stillen Gassen mit den Vogeln auf den die Fensterscheiben vergitternden Kirschenzweigen wiegte und mit den Bienen in den Kirschenbluten schwankte. "Komm nur herein," (schien alles zu sagen) "du guter Mensch, wir sind alle glucklich, und du sollst es auch werden." Er trat an die blanke Kirche, deren blendende Ubertunchung dem Himmelblau durch den Abstich ein erhabenes Dunkel zuwarf, und sein pochendes Herz zitterte glucklich mit der wogenden Orgel darin und mit der vor dem Kirchtore raschelnden eingerammten Birke und mit dem trocknen, vom Morgenwind gebeugten Maienbaum mitten im Dorfe....

"Aber", sagt mein Leser, "konnte denn sein Auge so lange die schonern Prospekte und sein Herz die geliebtere Schonheit entraten und statt der Abtei nur die Kirche aufsuchen?" O er sah zu allererst nach jener, und sein Auge lief zitternd um alle Fenster seines Sonnentempels; aber da er daran alle offen und leer und alle Vorhange aufgezogen antraf: so vermutete er, dass die schonen Konklavistinnen desselben und darunter die Konklavistin seiner Brust da waren, wo er sie suchte und fand: im Tempel. Er stieg unter dem Heruntertraben der Kirchganger ungehort hinauf in die aussen leer scheinende adelige Frontloge, dieses Blumengestell der Stift-Nonnen. Es war heute nichts darin als entfallne Birkenblatter; denn die samtlichen Nonnen und die Abtissin und Klotilde standen unten in der Kirche und fassten den Altar mit einem Chor von singenden Engeln ein und empfingen daran das Abendmahl. Mit einem Freudenschauer blickte er die Konigin seines Himmels an, die so teuer Geliebte und so Unverdiente, den glanzenden Engel, der seine Hulle aus Erdenschnee mit der himmlischen Warme zu Tranen zerschmilzt, um bald unsichtbar zu werden. Sein Geist bog sich, als sie kniete: "Himmelfrieden trinke" (sagt' er) "aus dem Ordenkelch des grossen Menschen, unter dessen Gedanken keine Wolke und kein Seufzer war o der Gedanke, den du jetzo mit so fester Andacht anschauest, musse immer leuchtender und unbeweglich wie eine Sonne werden und immer ein warmes Abendlicht uber die mude Seele werfen!" Dieser Engel im Trauerkleide zog in seinem Innern durch eine Totenauferweckung alle Tugenden seines Lebens und alle Fehler desselben herauf und gab jenen einen Himmel und diesen ihre Holle; daher war er jetzt zu heilig, um eine Heilige zu storen durch seine Erscheinung, wenn anders ihr ruhendes, nur in fromme Ruhrungen eingesenktes Auge, das nicht einmal auf die nahern frommen Schonheiten zur Hohenmessung der Taille fiel, sich bis zu ihm hatte versteigen konnen. Die Birke am ersten Fenster der Empor nahm er als belaubten Facher vor; dieser grune, an seinen Wangen spielende Schleier bedeckte seine Aufmerksamkeit und seine Freudentranen vor der ganzen Kirche. Der Ort, wo er so glucklich war, schien, nach einer Glas-Inschrift zu urteilen, sonst der gewohnliche Stand Klotildens gewesen zu sein; denn Giulias ihrer war darneben, wie ich gewiss weiss, weil auf dem Logenfenster ein von einem Kranz umfasstes G und K eingeschnitten war mit den Worten von Giulia: "So vereinen uns die Blumen des Lebens und der Zirkel der Ewigkeit.". ..

Viktor schlich ungesehen und fruh sich aus dieser Bilderblinde weggestellter Gottinnen fort und trug das von der Liebe gefullte Herz an die offne Brust der Freundschaft an Emanuel. Er sah schon dessen Stifthutte im Tempel der Natur- als seine Entzuckung aufgeschoben wurde durch eine fruhere. Julius lag im bluhenden Grase, von dessen Wellen bespult, und hielt einen Kirschenzweig voll offner Honigkelche in der Hand, um die Bienen an sich zu ziehen und sich an ihrem summenden Schweben uber den Bluten zu belustigen. Viktor umschlang ihn und vergass in der Entzuckung, seinen Namen zu nennen "Bist du mein Engel?" sagte er. "Ich bin nur dein Viktor!" "O komm, o komm!" sagte der Blinde, wie ein Wohllaut bebend, und zog den Freund zu Emanuels Haus; aber er fuhrte ihn, hinter der Wolke seiner Augen, den langern Weg und drehte sich noch dazu bei jedem vierten Schritte um zu einer erneuerten Umschlingung.

Als sie ans Wasserrad kamen, das seine Giesskannen laut auf die Blumensaaten ausschuttete und dessen zersplitterte Blitze an den Fenstern und an der Stubendecke Emanuels flatterten: so sagte der Blinde: "Umfasse mich noch einmal recht sehr." Aber unter dem Getose der Regengusse und unter der Betaubung der Liebe wurden sie von andern Armen als den ihrigen zusammengedruckt, und die zwei jungen Herzen wurden an ein drittes angereiht, und der Indier schauete wie ein Gott der Liebe zwischen sie und sagte: "O ihr guten Junglinge, bleibet immer so und weinet fort in eurer seligen Liebe! Sei gesegnet, mein Horion, sei willkommen im grossen Fruhling um uns her!" Und als Emanuel und Viktor aneinandersanken, so war es, als ob alle Blumenbeete sich vor Wonne niederbogen, als ob alle Wogen lichter flammten unter daruberfliegenden uberirdischen Blitzen, als ob die Zephyre von Seufzern der Liebe anschwollen, als ob hohere Wesen im freudigen Ubermasse flustern mussten: o, ihr guten Menschen, ihr liebet ja wie wir!

Ein Arm aus einem Paradiesesflusse trug diese liebende Dreieinigkeit hebend in die ubergrunten Zimmer, und hier sah erst Viktor, dass der Fruhling auf Dahores Wangen war und der Sommer in seinen Augen, so wie zwolf Wonnemonate in seinem Herzen. Die weissen Trauerrosen auf seinen Wangen, die immer als Mauerkronen des Todes dem Johannistage entgegenzubluhen schienen, waren den roten gewichen kurz Emanuels Gestalt gab die Hoffnung, dass er uber seinen Tod ein falscher Prophet gewesen sei.

In diesem wehenden Zimmer, dessen goldne Wandleisten Lindenaste und dessen Prachttapeten Lindenblattern waren, und uber dessen Tur als Turgemalde der Widerschein und die Nebensonnen des schimmernden Wasserrades zitterten, in diesem vom Freudenmeere der Natur umbrauseten Eiland von Zimmer, durch dessen offne Fenster die Zephyre Schmetterlinge und Bienen uber die Fensterblumen in die Linden warfen, gingen meinem Helden, dem noch dazu das Mittaggelaute wie ein Gelaute zu einem Friedenfeste der Erde vorkam, die Blumen der Freude, worin er watete, bis an das Herz. Emanuels Poesie klang ihm in dieser epischen Berauschung wie Prose; er war gleichsam eingesunken in ein Blumengebusch und erblickte oben daruber einen genesenen Unsterblichen, der die Blutenuberhullung auseinanderbog und noch hoher eine ewige Pfingstsonne im endlosen Blau und naher das Spriessen des Blumenlaubes und das Bienengewimmel daruber und eine goldne Morgenrote als Einfassunggewachs rund um die ganze bunte rauchende Waldung geschlungen....

Beim Himmel! nur in einer unfigurlichen solchen Blumenholzung zu liegen, ware schon etwas geschweige gar in einer metaphorischen! Viktor war fromm aus Freude, aus Uberfullung still, aus Dankbarkeit genugsam. Der Anblick des gemeinschaftlichen Lehrers gab zwar Klotildens Bilde warmere Farben und seiner Seele hohere Flammen, aber seinen Wunschen keine Unersattlichkeit und keine Ungeduld.

Emanuel sprach sogleich von dieser geliebten Schulerin; gar nicht als ob Klotilde ihm den dritten Osterfeiertag klar erzahlt oder als ob Emanuel ihn erraten hatte, sondern dieser unschuldige Mensch wusste nur den Unterschied zwischen Liebe und Freundschaft nicht, und er hatte so gut von sich als von Viktor gesagt, er liebe sie. Und eben diese kindliche Unbefangenheit, die einer offnen weiblichen Herzenskammer keine Durchganggerechtigkeit, keine Breschen ablauerte, sondern die eignen entblosste, und die keine Gestandnisse erangelte, keine verargte, keine benutzte, diese musste mit dem gordischen Nervenknoten der Sympathie die scheueste weibliche Seele an eine so offne mannliche binden. Ja, ich glaube, Klotilde hatte ihre Liebe leichter ihrem Lehrer als ihrem Geliebten bekannt. Da ihm dieser Emanuel nun erzahlte, wie er ihr alle Szenen seines vorigen Hierseins vorgemalet habe und alle seine Entzuckungen und sein Gestandnis der Freundschaft fur sie wie er ihr seine Briefe vorgelesen und wie der zweite (jener trostlose in der Nacht des Stamitzischen Konzerts) so viele Tranen in ihre Augen getrieben und da Viktor sah, wie sehr sein Freund ihre Liebe wie einen zugehenden Tulpenkelch auseinandergehaucht habe: so fachte dieses seine Liebe fur sie, seine Freundschaft fur ihn bis zur Andacht an, und er kusste selig verlegen den Blinden. Aus dieser verdoppelten Liebe erklart' er sich jetzt Klotildens leichte Einwilligung in seine Pfingstreise.

Er hatt' es fur einen Engels- und Petrus-Abfall von der Freundschaft gehalten, bei Emanuel nicht geradezu anzufragen, wann er diese Geliebte der Tugend sehen durfe. "Jetzt!" sagte dieser, der ungeachtet seiner indischen achtenden Milde gegen die Weiber die Nasenringe, Bindeschlussel und Dampfer unserer Harams-Dezenz nicht kannte. Aber Viktor handelte anders und dachte doch ebenso. Er hatte schon im Auslande gefragt: "Warum lasst man die elende Reichspolizeiordnung fur Madchen stehen, dass sie z.B. nicht einzeln, sondern immer wie Nurnberger Juden unter dem Messgeleite einer Alten oder wie die Monche paarweise auswandeln mussen? Nicht etwan als ob mich dies beschwerte, wenn ich einen Roman spielte, aber doch, wenn ich einen schriebe, wo ich mich an das weibliche Marschreglement auf Kosten des kunstrichterlichen halten und ein Geleite von Auxiliar-Weibern durchs ganze Buch mit mir zum Verhack meiner Heldin herumschleppen wurde. Musst' ich nicht, wenn ich sie nur uber die Hausture hinaushaben wollte, mit einer Kronwache von Siegelbewahrerinnen neben ihr herziehen? War' ich nicht durch diese verdammte Mitbelehnschaft und Kompagniehandlung mit der Tugend es fehlte an einer Proprehandlung genotigt, meiner Heldin wider alle Wahrscheinlichkeit Freundinnen aufzuheften? Ich wurd' es zwar einem spanischen Madchen verdenken, wenn sie mir ihren Fuss, und einem turkischen, wenn sie ihr Gesicht vorwiese, und einem deutschen, wenn es allein zum besten Jungling ginge; aber eben weil die tollsten blauen Gesetze, die doch blauer Dunst an blauen Montagen werden, zum wahren Sittengesetze fur sie werden: so arger' ich mich uber die jammerliche Kleinherzigkeit und wunsche nichts verboten zu sehen als das Walzen und Fallen."... Er hat hier vielleicht Satire in petto; denn ernsthaft davon zu sprechen, hat diese Heils-Ordnung, dass sich Madchen bei uns allemal wie Gesuche bei Fursten in Duplikaten einreichen mussen, offenbar die Absicht, sie alle aneinander zu gewohnen, weil sie ihre Freundschaft haben mussen zu Besuchen zweitens sollen Geschwister einander aus den Haaren kommen, weil sie nicht wissen, wenn sie einander bedurfen zu Ruckburgen ihrer Tugend und zu Sekundawechseln der Liebe drittens geben diese Menschensatzungen der weiblichen Tugend durch den kleinen Sitten-Dienst (weil grosse Versuchungen zu selten sind) tagliches Religion-Exerzitium und hohere Wichtigkeit und verhalten sich wie die Talmudischen Artikel zur Bibel, wiewohl ein rechter Jude lieber gegen die Bibel als den Talmud verstosst viertes verdanken wir diesen symbolischen Buchern des Wohlstandes die fruhere Bildung des weiblichen Scharfsinns, dem wir leider keine andern Gelegenheiten der Aufmerksamkeit verschaffen, als die der Schwur auf jene Bucher gibt.

Viktor tadelte und befolgte zugleich, wie ein gutes Madchen, die weiblichen Ordenregeln; der Hof hatte ihn beherzter, aber auch feiner gemacht, und unter den Weibern wurd' er wie jeder mit dem Linienblatt des Zeremoniells versohnt. Daher wollt' er erst am zweiten Pfingsttage sein ordentliches Gesandtenauffahren bei der Abtissin abtun, da heute alles zu spat war und er uberdies in die schonen frommen Bewegungen druben nicht wie ein Haarstern fahren wollte. Und seine Zufriedenheit sagte ihm ja auch, wie wenig die Nachbarschaft eines geliebten Herzens verschieden ist von der Gegenwart desselben, die ohnehin nichts ist als bloss eine nahere Nachbarschaft.

Inzwischen uberwand er sich doch so weit, dass er mit seinen Zwillingbrudern des Herzens hinausging ins Kolosseum der Natur, ob er gleich sich nicht verbarg, draussen werd' er den Schrecken haben, Klotilden zu begegnen. Und Emanuel verringerte diese Sorge schlecht, da er ihm gestand, sie sei bisher alle Tage mit ihrem verwundeten Leben um die Teiche wie um magnetische Heil-Wannen und durch die Flur wie durch Feldapotheken gegangen. Eilet endlich hinaus, ihr drei guten Menschen, ins Jubilaum des Fruhlings, das die Erde jahrlich zum Andenken der Schopfung begeht. Eilet, eh' die Minuten auf eurem Leben, wie die breiten Wellen auf den zwei Bachen, jetzo noch fliehend und schillernd und tonend, zerspringen und ausloschen an einer Trauerweide eilet, eh' die Blumen eurer Tage und die Blumen der Wiese von dem Abende uberzogen werden, wo sie statt der Lebens- und Feuerluft nur giftige verhauchen und geniesset den ersten Pfingsttag, eh' er verrinnt!

Und er ist verronnen, und ein Sommer liegt heute schon wie ein Grab auf ihm; aber die drei lieben Menschen haben geeilt und ihn genossen, eh' er sich entfarbte.... Sie wandelten unter die aus allen Gestrauchen fliegenden Zephyre hinein, welche die Saemaschinen der Blumen sind sie traten vor die funf Taschenspiegel der Sonne, vor die Teiche, da die Flusse Pfeilerspiegel sind und die bunten Ufer die Spiegeltische sie sahen, wie die Natur gleich Christus ihre Wunder verbirgt, aber sie sahen auch die Brautfackel des vermahlenden Maies, die Sonne, und eine Hochzeitkammer in jedem singenden Gipfel und ein Brautbett in jedem Blumenkelch sie, die Hochzeitgaste der Erde, schlugen die Biene nicht weg, die um sie honigtrunken taumelte, und trieben die atzende Mutter nicht auf, vor der der junge Vogel mit zitternden Flugeln zerfloss und als sie auf alle Erdenstufen des ewigen Tempels, dessen Saulen Milchstrassen sind, gestiegen waren: so sank die Sonne, wie die Gedanken des Menschen, einer andern Welt entgegen....

Der Springbrunnen im Garten des Endes98, der mitten auf dem Abhange des sudlichen Berges sich emporrichtet und hoch uber den Berg wegschimmert, trug schon auf seiner kristallnen dunnen Saule einen von der Abendsonne zu einem Rubin umgegossenen Schaft, und diese glimmende aufgeblatterte Rose zog sich wie andere entschlafende Blumen schon zu einer roten Spitze ein und die hangenden Marschsaulen der Mucken im letzten Strahle schienen zu sagen: morgen wird es wieder schon, geht zuruck, ach ihr spielt doch langer in der Sonne als wir.

Sie gingen zuruck; aber als Viktor im Abend die funf hohen weissen Saulen am westlichen Ende des geliebten Gartens blinken sah: wurde sein erhohtes Herz sehnsuchtig und beklommen, und er wehrte ihm nicht, zu seufzen: "Gute Klotilde! ach ich mochte wohl dich heute noch sehen, mein Herz ist voll Freudentranen uber diesen heiligen Tag, und ich mochte es wohl ausschutten vor dir." Und als der ganze Park der Abtei sich stolz neben den Abendhimmel stellte und in ihre Herzen trat: sagte auf einmal Emanuel der sich immer gleich blieb, sogar in seinen Entzuckungen : "Ich will es der Abtissin schon heute sagen, damit Klotilde sich auf morgen freut", und er trennte sich.... Schoner Mensch! der du in vier Wochen aus diesem Blumenfruhling zu gehen hoffst in die Sterne uber dir du denkst mehr die Unsterblichkeit als den Tod, dich hat keine drohende Rechtglaubigkeit, sondern die indische Blumenlehre erzogen, darum bist du so selig; du bist ohne Zorn, wie jeder Sterbende, und ohne Gier und ohne Angst; in deiner Seele, wie am Pole, wenn jeden Morgen die schwule Sonne ausbleibt, geht der Mond der zweiten Welt den ganzen Tag, die ganze Nacht nicht unter!

Viktor fuhrte allein den Blinden nach Haus, und beide schwiegen und umarmten sich mit Brudertranen hinter jeder Verhullung und fragten einander weder um die Ursachen der Umarmung noch der Tranen. Da sie durchs stille Dorf waren und dem Park der Abtei vorbeikamen: sah Viktor seinen Emanuel aus der letzten Laube in das blendende Kloster treten. Es war ihm, als kennte ihn schon jede darin, als musst' er sich verstecken. Der Garten der Begeisterung sollte in dem Tale nur das Blumenbeet in einer Wiese sein und nicht durch grelle Schranken an der Natur zuruckprallen, sondern sanft wie ein Traum ins Wachen durch bluhende, belaubte Grenzen in sie uberhangen und uberfliessen durch Hopfengarten, durch grune, dicht zusammengeruckte Zaune um Fruchtfelder und durch versaete Kindergartchen. Eine weite Kastanien-Saulenreihe, von zwei Bachen in Silber gefasset, schloss sich frei und weit gegen die funf von Bluten durchbrochenen Teiche auf. Der nordliche Berg richtete sich dem Parke gegenuber wie eine Terrasse empor und fuhrte das Eden scheinbar uber ungesehene Taler fort.

Viktor wich jedem aufgehenden Fenster des Klosters durch die Kastanien aus, unter die er seinen Blinden fuhrte und hinter denen er naher und doch unbeobachtet beobachten konnte. Auf dem aus grunenden Dachlatten verwachsenen Wetterdach der Allee lag der Abend, wie ein Herbst, mit rotem durchfallenden Schimmer. Er ging trotz der Gefahr der Ertappung bis in die Mitte, wo die Allee in zwei Arme zerspringt; aber hier wahlte er den rechten Arm der belaubten Halle, der sich mit ihm vom Kloster wegbog, so wie von einer Nachtigall, die mitten im Garten aus einer geheiligten Dornhecke ihre Jungen und ihre Tone aussandte. Der Baumgang tat ihm durch die sanften Entfernungen von den Bravourarien der gefiederten Primadonna die Dienste eines Dampfers und Lautenzugs leise wurd' er von den Krummungen, die die allmahliche Verdunkelung und Verengerung der Allee verbargen, fortgezogen zwischen den nachfliegenden Tonen der Nachtigall, zwischen den dunner durch die Blatter tropfenden Abendstrahlen, zwischen den zwei Bachen, die jetzt innerhalb der Kastaniengasse dahinschlupften. Die Bache gingen enger aneinander und liessen nur fur die Liebe Raum. Der Portikus senkte sich tiefer herein. Die zerstreuten Blumen der zwei Ufer drangten sich zusammen und gingen in Gestrauche uber. Die Gestrauche verwuchsen zur Gartenwand und beruhrten sich anfangs in lose und durchsichtig zuhangenden Gipfeln und endlich in finster zusammengestrickten. Und die Allee und der unter ihr aufgewachsene Laubengang grunten ineinander hinein, um mit ihren zusammenfallenden Blutenhullen nur eine einzige Nacht zu machen. Dann versperrte in der grunen Dammerung ein Jelangerjeliebergespinst und Blutengeniste die Laube, aber funf aufsteigende Stufen lockten zum Zerreissen des bluhenden Vorhangs an. Und wenn man ihn zerteilte: sank man in ein Blutengekluft, in eine enge durchwachsene Gruft, gleichsam in einen vergrosserten Blumenkelch. In dieser delphischen Hohle der Traume war der Polster aus hohem Grase gemacht und die Arme des Sitzes aus Blutenzweigen und die Ruckenlehne aus gedrangten Blumen und die Luft aus dem Hauche von staubendem Zwergobst. Dieses Blumen-Allerheiligste wurde nur von Bienen und Traumen bewohnt, nur von weissen Bluten erhellt, es hatte statt des Abendrots nur den Purpur der Nachtviole, statt des Himmelblaues nur den Azur der Holunderblute, und der Selige darin wurde nur von Bienenflugeln und von den um ihn versammelten funf Mundungen der Bache in den Schlummer eingesungen, in welchem die ferne Nachtigall die Harmonikaund Abendglocken des Traumes anschlug....

Und da heute Viktor neben dem Blinden die funf Stufen betrat und die aus Bluten gewobene Tapetentur des Himmels auseinandertat: siehe! da o der Selige diesseits des Todes! ruht darin eine Heilige mit weinenden Augen, in Philomelens verklungne Klagen untergesunken... Du, Klotilde, warst es und dachtest an ihn mit weicherer Seele und mit grosserer Liebe und er an dich mit der erwiderten! O wenn zwei liebende Menschen einander in der namlichen Ruhrung begegnen: dann erst achten sie das menschliche Herz und seine Liebe und sein Gluck! Decke, Klotilde, mit keiner Blute die Tranen zu, unter denen deine Wangen erroten, weil sie nur vor der Einsamkeit niederfallen sollten! Zittere, aber nur vor Freude, wie die Sonne zittert, wenn sie aus einer Wolke am Horizont herausruckt! Schlage dein von Blumen verhangnes Auge noch nicht nieder, das zum erstenmal so ruhig geoffnet und mit einem solchen Strom der Liebe an den Menschen sinkt, der dein schones Herz verdient, und der alle deine Tugenden mit seinen belohnt! .... Viktor wurde vom Blitze der Freude getroffen und musste im sussen Lacheln der Entzuckung erstarren, da die Geliebte hinter dem Blumengewolk wie ein Mond hinter einem in voller Blute stehenden Eden aufging und in der weiblichen Verklarung der Liebe einem in ein Gebet zerflossnen Engel glich.

Der Blinde wusste noch nichts vom dritten Begluckten. Sie bewegte sussverwirrt die Hand nach einem zu dunnen Zweige, um sich von der tiefen Grasbank aufzuheben; dem Geliebten war, als reiche ihm aus den Wolken des zweiten Lebens diese Hand ein zweites Herz, und er zog die Hand zu sich an und sank mit seinem stummen uberfliessenden Angesicht durch die Bluten auf ihre klopfenden Adern nieder. Aber kaum hatte Klotilde beide stammelnd willkommen geheissen unter dem Heraustreten aus dem grunen Klosett: so erschien ihnen der Engel Emanuel, der aus dem Kloster geeilet war, um die Freundin aufzusuchen. Er sagte nichts, aber er sah beide mit einer namenlosen Wonne an, um zu finden, ob sie sich recht freueten, und gleichsam um zu fragen: "Seid ihr denn jetzt nicht recht glucklich, ihr Guten, liebt ihr euch denn nicht unaussprechlich?" O, zum Mitleiden gehort nur ein Mensch, aber zur Mitfreude ein Engel; es gibt nichts Schoneres als den glanzenden Christuskopf, auf welchem das Weglegen der Mosisdecke den stillen frohen Anteil an fremden unbescholtenen Freuden, an fremder reiner Liebe zeigt; und es ist ebenso gottlich (oder noch mehr), einer fremden Liebe mit einem stumm-gluckwunschenden Herzen zuzuschauen, als sie selber zu haben.... Emanuel, dein grosseres Lob wird in verwandten Seelen aufbehalten, aber auf keinem Papier!

Auf dem Kreuzwege der Allee teilte sich der schone Bund auseinander, und der linke Zweig derselben fuhrte Klotilde neben der Nachtigall vorbei in die Wohnung der sanften Herzen zuruck. Viktor kam, von der vergrosserten Liebe fur drei Menschen zugleich aufgeloset, in den dunkeln, nur von untergehenden Sternen erleuchteten Zimmern Emanuels an und fand da einen gedeckten Tisch, den die feine Abtissin dem Gaste oder dem Wirte gesendet hatte (weil Emanuel abends nur Obst genoss). Man will alles mit der Geliebten teilen, sogar die Kuche. Emanuel zundete nach Ostern kein Licht mehr an. Im Helldunkel, aus Mondsilber und Lindengrun zusammengegossen, bluhte das selige Kleeblatt unter dem Abendstern. Viktor machte heute durch seine arztlichen Schilderungen der Nachtkalte den siechen Freund abtrunnig von den Nachtwandlungen und ging nur allein mit dem Blinden noch hinaus an die Schlafstatte der verstummten Natur... Selig ist der Abend, der der Vorhof eines seligen Morgens ist. Der Maifrost hatte die Sterne vom warmen Dunsthauch gereinigt und das Blau des Halbhimmels vertieft, um eine schone Nacht zum Burgen eines schonen Tages zu machen. Alles schwieg ums Dorfchen, ausgenommen die Nachtigall im Garten und die rauschenden Maikafer, diese Herolde eines hellen Tages. Und als Viktor nach Hause ging mit einem emporgeseufzeten Dank fur diese Pfingststunden, von denen jede der andern die Zuckerstreubuchse gab, um die engen Minuten eines stillen Menschen zu versussen; als er vorbeiging vor den gedampften Beichtliedern, die hier ein zwolfjahriger Mensch, der morgen das Abendmahl nahm, dort einer neben seiner Mutter sang; und als endlich ein verhauchtes Abendlied aus der Abtei, das gleichsam auf einem einzigen Lautenton fortschwamm, den schonen Tag mit einem Schwanengesang zu Ende fuhrte, und da vom sanften Tage nichts mehr ubrig war als dessen Nachhall im Herzen des Glucklichen und im Abendliede des Klosters, als dessen Widerschein in der ziehenden Abendrote am Himmel und in dem befriedigten, noch lachelnden Angesicht des schlafenden Emanuels: so sahen in Viktor die stummen Freuden wie Gebete aus, die ungestorten Tranen wie uberlaufende Tropfen aus dem Freudenkelch, seine Stille wie eine gute Tat und sein ganzes Herz wie die warme Freudenzahre eines hohern Genius.

Viktor fuhrte den blinden Geliebten leise an seine Lagerstelle, wo der Traum seine zerrutteten Augen herstellte und ihnen die kleinen Landschaften seiner Kindheit mit Morgenfarben heller um sie stellte. Er selber legte sich unentkleidet, dem tief herabgeruckten Monde gegenuber, auf die Baustelle unserer schonern Luftschlosser, auf den Resonanzboden der Kindheit, wo der Morgentraum den geheiligten Menschen aus der Wuste des Tages auf den Berg Mosis fuhrt und ihn schauen lasst in das dunkle gelobte Land der Ewigkeit.....

Der erste Pfingsttag, lieber Leser, hat in diesem Wonne-Dreiklang verhallt; aber in diesen drei hohen Festen von Freude wird, wie bei denen im Kalender, das zweite noch schoner, und das dritte am schonsten. Ich werde mit dem Steigen meiner Feder durch diese drei Himmel gar nicht eilen ja wenn ich gewiss wissen konnte, dass die handelnden Personen in dieser Geschichte mein Werk nie zu sehen bekamen, ich wurde (zur Grenzenverruckung dieses Edens) gar manches dazumachen, was, naher besehen, nicht historisch wahr ware.

Zweiter Pfingsttag

(34. Hundposttag)

Der Morgen die Abtissin der Wasserspiegel

stummer Injurienprozess der Regen und der offne

Himmel

Um zwei Uhr zog der Morgenwind lauter und kuhler durch Viktors offnes Zimmer und ruttelte schon Tautropfen von geglattetem Laub, das nahe Blatter-Gefluster wirbelte sich durch seine Ohren in seine Traume. Die Lerche fuhr als Ouverture des Tages hoch ins Himmelgrau hinauf und lautete das Trommetenfest des Morgens ein. Dieser Wecker wurde durch sein Traumen zum umherfliegenden Nachhall, das sich mit dem Morgen vermischte; unter dem sanften Einfallen des nachbarlichen Getones schloss er langsam die Augen auf und traumte weiter und tat sie wieder zu und erwachte mehr, und der Schlaf fuhr nicht wie ein dickes Leichentuch aus Nacht hinweg, sondern wallete wie ein Schleier aus Morgenduft empor, und seine Seele schloss sich, ohne eine einzige Bewegung mit dem Korper zu machen, mit dem stillen Erwachen eines Blumenkelchs vor dem Morgen auseinander....

Jetzt bin ich schon wieder im Sieden und Flammen und doch nehm' ich mir, sooft ich eintunke, vor, die Kunstrichter zu gewinnen und mit meiner Feder zu schreiben wie mit einem Eiszapfen. Aber es ist mir unmoglich erstlich weil ich in die Jahre komme. Bei den meisten Menschen hort zwar wie bei den Vogeln das Singen mit der Liebe auf; aber bei denen, die ihren Kopf zu einem Treibhaus ihrer Ideen machen, geben die Jahre, d.h. die Exerziertage darin, der Phantasie wie den Leidenschaften einen hohern Wuchs. Dichter gleichen dem Glase, das im Alter bei dem Zerfallen bunte Farben annimmt. Aber zweitens, wenn ich auch erst in meinem zwanzigsten Jahre bluhete: so konnt' ich doch jetzo nicht frostig schreiben, massen der Winter vor der Tur ist. Rousseau sagt, im Stockhause brachte er das beste Gedicht auf die Freiheit heraus daher die staatsgefangenen Franzosen sonst bessere Prosa daruber schrieben als die freiern Briten daher dichtete Milton im Winter. Ich nahm oft im Sommer meine Schreibtafel hinaus und wollte ihn an dieses Silhouettenbrett anpressen und dann abschatten; aber die Phantasie kann nur Vergangenheit und Zukunft unter ihr Kopierpapier legen, und jede Gegenwart schrankt ihre Schopfung ein so wie das von Rosen destillierte Wasser nach den alten Naturforschern gerade zur Zeit der Rosenblute seine Kraft einbusset. Daher musst' ich allemal warten, bis ich untreu wurde, eh' ich mit meinem Reisszeug an die Liebe gehen konnte.... Hingegen ein Mensch, der jetzt auf einer moluckischen Insel gegen den Nachsommer hin den Fruhling grundiert und auszeichnet, muss ihn aus den vorigen Grunden und noch aus dem neuen, weil der fliegende Sommer der sehnen-erregende Nachklang und die Silberhochzeit des Fruhlings ist, mit viel zu hellen Saftfarben den Galerieinspektoren einhandigen.

Die bunt ausgenahete Beschreibung von Viktors Aufenthalt in Maienthal kann so lang werden wie die von Voltairens seinem in Paris, mit deren Ehrensolde der magere Spassvogel den Mietzins seiner chambres garnies hatte bestreiten konnen. Denn eben hat der Hund gar einen vierten Pfingsttag abgeliefert und die trinomische Wurzel der Freudenpotenz zu einer quadrinomischen ausgebreitet. Da in dieser Freuden-Quadruplik wiederum kein Jammer steht, kein Mord, keine Landplage, sondern nichts als Gutes: so fang' ich freudig die ubrigen Bilder dieses Fruhlings in meiner dunkeln Kammer auf und schwebe nicht in der Angst, dass ich meinen Helden (Knef hat mir alle Pfingsttage ubermacht und sendet nur ein kleines Erganzblatt gar nach), wie etwan meinen Gustav, aus dem zusammengesturzten Schutt seines Lust- und Sommerhauses zu ziehen habe.

Emanuel tat vormittags sein Schreibtagwerk in seinen astronomischen Tabellen ab, um den ganzen Nachmittag mit seinem Gaste bei der Abtissin zu verbringen; auch trug er ihm eine kleine Mitarbeiterstelle bei seinen Blumen an, namlich die Rosmarinbluten auszupflucken und uber das Nelkengestell den Sonnenschirm zu spannen. Bei Emanuel hingen auch in der prosaischen Ruhe des Tages immer die Flugel noch weit unter den Halbflugeldecken hervor. Viktor hielt die Bitten seines Lehrers fur Geschenke. Da er draussen am Rosmarin abblattete: so offnete die aufgehende Sonne das Ventile des Windes, und dann fingen, von ihm angeweht, alle Register der grossen Wesen-Orgel zu gehen an, und vor seinem Ohre wogte der Tremulant der Bache, schrie das Flotenwerk der Vogel und brauste das zweiunddreissigfussige Pedalregister der Waldungen. Ein eingepfarrter kleiner Kopf um den andern, der seine zwolf Jahre samt ebensoviel Herkules-Arbeiten des Gedachtnisses zum heiligen Abendmahl trug, schlich hinter dem Vater mit einem Kranz-Knauf und uberhaupt mit Goldflittern gestickt und aufgesteift vor ihm voruber. Welchen schonen zweiten Pfingsttag, der sonst voll Regenwolken ist, habt ihr Kleinen jetzt! Viktor gonnte recht gern der Grandezza des Dorfes, d.h. den Vollspannern und dem Schulmeisters-Sohne, den Haarformer und Zopfprediger Meuseler, der am zweiten Pfingsttag die benachbarten Dorfer frisierte, und der mit seinem Puder-Weihwedel die letzte Pfingstausgiessung auf die kleinen Kopfe betrieb, die der Pfarrer schon sechs Wochen eingefeuchtet hatte. Viktors Herz schlug vor Freude, als wenn er ein Kind mit darunter hatte oder eins ware, als die bunte gepuderte Wesenkette mit hupfenden Flittern, mit hochstammigen Blumenstraussern, mit schwarzgleissenden geistlichen Musenalmanachs, vor dem Kommando- und Hirtenstab ihrer zwei Konsuln, singend und besungen und eingelautet und angeblasen durchs Kirchen-Siegtor einzog. Ach! Kindern steht die Freude noch schoner wie uns, so wie ein ungluckliches, ein bettelndes, dem das Schicksal das erste Kindergartchen zertritt, und vor dessen Augen beim ersten Aufschlagen ins Sein nichts hangt als schwarzes ungestaltetes Morgengewolk, unser Herz betrubter macht als der Vater desselben neben ihm.

"Beeret jede Minute eures ersten Triumphtages ab, ihr guten Kinder, und ich wollte, die Predigt wurde recht lang, damit ihr den schonen Anzug langer anbehieltet!" sagte Viktor und sah sich nach dem Kloster um, dessen Fenster voll unkenntlicher Zuschauerinnen waren; er setzte sich vor, bei der Ruckkehr der Kinder-Prozession sich unter den Fenstern das mit dem schonsten Inhalt auszusuchen durch ein Taschenperspektiv. Gehe nur, menschenfreundlicher Mensch, der die schonen Seelen liebt wie die schone Natur und die kalten ertragt wie die Wintergegend, und der sich nie racht, gehe nur an den Bachen auf und ab, weil da der Fusssteig der Fischer ist, und weil du auf deinen dichterischen Ringrennen keinem Bauern nur einen Zwieselwagen voll Heu, wie ihn die Kinder aus Haselruten flechten, niedertreten willst! Fulle den Zwischenraum zwischen dem ersten und dem dritten Himmel, wo du mittags nicht mit Abraham, sondern mit deiner Klotilde am Tische der Abtissin sitzest, mit einem zweiten, namlich mit dem Umarmen der ganzen Natur, die nie holder in die Seele hineinschauet, als wenn auf ihr nicht weit von der Seele eine Geliebte wohnt!

Ein Wandelgang zwischen zwei zusammenblitzenden Bachen und zwischen ihren lackierten, von Schaumwurmern beschneieten Weiden uberzog das ganze Innere bis auf jeden Winkel einer dunkeln Trane mit Morgenglanz. Noch dazu schauete Viktor immer uber die Wiese hinauf zu Emanuels offnem Fenster und liess sich ein Lacheln von ihm wie eine laufende Welle voll Licht herunterwehen. Noch dazu blieb er nicht da, sondern ging zweimal hinauf und storte ihn mitten in seinem Schreiben durch ein kindliches Umfassen. Noch dazu legt' er seinen Augen Meilenstiefel an und lief uber die ganze, sich hier baumende, dort sich buckende, hier leuchtende, dort schattende Landschaft, um eine Post- und Reisekarte zu den schonsten Stellen fur die NachmittagSpaziergange mit Klotilden schon hier voraus aufzunehmen und zu leimen, weil nachmittags die Entzukkungen vielleicht die Wahl der Entzuckungen verfalschen! Und so schuf die Natur in seinem Geiste ihren Morgen und ihren Fruhling noch einmal aus dem Erdenkloss des ersten Fruhlings, d.h. aus der heissen Sonne, aus dem kuhlen Bache, aus dem Schmetterling, den der Mai aus er Hulse schalte, aus den bunten Mucken, welche die gebarende Erde aus dem Larvensamen wie fliegende Blumchen hervortrieb. Da schloss er unter dem Spatzen- und Schwalbengetobe im Dorfe und unter dem Feldgeschrei der Lerchen und vor den blendenden Wellen der Bache die Augen zu und liess seine Seele in das klingende Meer und in das vom Augenlid gemalte Helldunkel untertauchen; aber dann ware sein Herz erdruckt worden von der Schopfungflut, die uber dasselbe ging aus allen Rohren und Betten und Mundungen des Lebens um ihn, aus dem verstrickten Geader des Lebensstroms, der zugleich durch Blumenrinnen, durch Baumgossen, durch weisse Muckenadern, durch rote Blutrohren und durch Menschennerven schiesst.... er ware Freudenohnmachtig ertrunken im tiefen weiten Lebens-Ozean, den Lebensstrome durchkreuzen und nachfullen, hatt' er nicht wie jener Ertrunkne ein Glockengelaute in die Wellen hinunter gehort....

Kurz die Kirche war aus, und er musste hinter einen Blatter-Jagdschirm gehen, um, wenn die kleinen Abendmahls-Panisten aus der nachorgelnden Kirche und unter dem nachtrompetenden Turm vorbeizogen, dann mit dem Taschenperspektiv zuzuschauen, wer zuschaue aus dem Kloster. Klotildens Angesicht schwebte, wie durch Magie vorgerufen aus der zweiten Welt, dicht am Glase, und er konnte unvertrieben seine Schmetterlingflugel um diese Blume schlagen; er konnte frei in ihre grossen Augen wie in zwei mit Tauglanz gefullte Blumenkelche sinken. Er sah nie einen so reinen Schnee des Augapfels um die blaue Himmeloffnung, die weit in die schonere Seele ging; und wenn sie das Auge in den Garten niederschlug, stand das grosse verhullende Augenlid mit seinen zitternden Wimpern ebenso schon daruber wie eine Lilie uber einer Quelle. Die Liebe fangt sich, wie das Zeichnen und der keimende Mensch, beim Auge an. Da die Kinder voruber waren: so wandte Klotilde ihr Angesicht langsam und frei gegen Emanuels Laubhutte und schauete mit dem weiten sehnsuchtigen Blicke der Liebe heruber....

Und mit einer solchen Liebe, die wie ein Herz in seinem Ich pochte, kam Viktor samt seinen zwei Freunden droben im Kloster an. Die Abtissin (ihr Name wird mir gar nicht berichtet, nicht einmal ein falscher) empfing ihn mit einem hohen Air, das ihr Stand nicht gegeben, sondern gemildert hatte. Ihre Seele wurde gekront geboren. Die ** Furstin, deren Oberhofmeisterin sie war, spielte zuweilen gern das Kind (Kinder erwidern es umgekehrt und reprasentieren ihre Reprasentanten); aber ob sie gleich einen dreissigjahrigen Stolz besass, so fiel sie doch ihrem Steckenpferd in den Zugel, sobald die monarchische Oberhofmeisterin erschien, die im ganzen Lande (die Schwanen ausgenommen) den Kopf am meisten zuruckbog. Eine Frau wie diese, deren Blicke Throninsignien und deren Worte mandata sacrae caesareae majestatis propria waren, hatte aus den Handen der Natur selber die Huldigungmunze und das Throngeruste, um ihren Reichsapfel gegen die Schonheitapfel junger Madchen abzuwagen eine solche konnte die Klotilden beherrschen und formen. Ihre Seele war von drei Meistern gemalt: der Hintergrund von der Welt der Vorgrund von der Kirche der Mittelgrund von der Tugend. Ihre aszetischen Bestandteile setzten sie auf eine sonderbare Weise in einige Wahl-Verwandtschaft mit Emanuels indischen.

Ich kenne nichts Ruhrenders und Schoneres als die weibliche Verbeugung aus jener tiefen Achtung, mit der gute Madchen ihre Liebe allein zu sagen wagen. Glucklicher Viktor! deine Klotilde empfing dich mit so vieler Achtung wie ihren Lehrer. Nur die Kokette wird durch die Liebe befehlhaberischer (ein kieselsteinernes Juristenwort!); aber die Stolze wird dadurch bescheiden und sanft. Nie ass er froher als in diesem hellen Lustschloss, vor dessen offnen Fenstern ein blauer Horizont und naher brausende und mit Musik besetzte Alleen ruhten, als in dieser geputzten Orangerie aufbluhender Madchen, anstatt dass ein Gymnasium eine Menagerie ist, und ein Schwesternhaus eine Voliere. Viktor, der Weiber noch besser zu lenken verstand als Manner, war im arbeitenden Ameisenhaufen dieser lebhaften Madchen so gesund wie in einem Ameisenbad und war ein zweiter Bienenvater Wildau, der sich aus dem Immenschwarm bald einen Bart zusammensetzte, bald einen Muff. Es gehort mehr mannlicher Verstand zu einer gewissen feinen Galanterie, als die haben, die sie in ihren Satiren mit der faden vermengen; so wie nur Gebirge den sussesten Honig darbieten. Der Ernst muss den Scherz grundieren, die Achtung und das Wohlwollen das Lob. Viktor konnte leichter vor zwei als vor 32 weiblichen Augen in Verlegenheit geraten, welche letzte ubrigens der grobste Donatschnitzer und Germanismus in der weiblichen Grammatik ist. Er hatt' es langst gelernt, die fluchtigen Salze des weiblichen Witzes mit den fixen des mannlichen zu binden, so wie die Kunst, in grossen Zirkeln jede Seele, jede Raupe auf das rechte Nahrblatt zu setzen.

Fur ihn, der einmal gesagt: "Ich wollte, ich hatte wenigstens viermal des Jahrs mit Damen zu konversieren, bei denen man so viel Tournure anbringen musste, dass man gar nicht wusste, was man wollte, und die fein bis zum Unsinn waren" fur ihn war eine hohe Dame wie die Abtissin, die man seit dem Niederlegen ihres Oberhofmeistertums ein klein, klein wenig mit einer Preziosen verwechseln konnte, ein wahres Labsal; denn er konnte ihr doch die physiognomischen Fragmente vom Hofe mit tausend Wendungen, d.h. ein Vollgesicht durch funf Punkte vorzeichnen. Aber er hatte dabei die noch edlere Absicht, seine anbetende Aufmerksamkeit, sein zuweilen in Gestalt einer Trane ins Auge tretendes Herz von seiner geliebten Klotilde wegzurufen, um ihr eine ganz andere Aufmerksamkeit zu ersparen als die seinige. Auf eine sonderbare Weise zog immer gerade sein satirisches Gefuhl seinen ernsten Gefuhlen, seiner erweichten Seele die Mosis-Decke ab er schamte sich namlich keiner Trane, bloss weil er wusste, dass ihn seine Laune gegen den Verdacht der Ubertreibung ufd gegen den Spotter beschutzen konnte; so wie wieder umgekehrt sein schillernder Witz unter Tranen, wie Phosphor unter Wasser, sein Licht aufbehielt und nahrte.

Zum Gluck machte jetzt Emanuel, der mitten unter dem Essen in den Garten gegangen war, da er wiederkam, den Antrag eines Spazierganges. Denn in seiner Seele standen nur grosse Ideen noch vom Leben ubrig, wie vom alten Agypten nur Tempel, keine Hauser nachblieben; und seine Unwissenheit in kleinen Dingen muss kleinen Dingern lacherlich sein. Die Abtissin hatte Klotilde als Unterkonigin der feurigen Nonnen neben sich auf den Thron genommen. Viktor stellte mit seiner einzigen Person das kurmarkische Pupillenkollegium unter diesen flatternden Grazien vor. Klotilde ubergab den Blinden gerade einem ganzen Tauben-Fluge der lebhaftesten Wegweiserinnen, weil sie alle um das Bootmanns- und Zeigefinger-Amt beim Blinden warben; sie liebten ihn alle wegen seiner himmlischen Schonheit, aber (da er die ihrige nicht sah) nur so, wie sie einen schonen Knaben von funf Jahren herzen.... Zu einer andern Zeit wurde Viktor sich gewiss umgesehen und fein angespielet haben, dass die Schonheit die Blindheit fuhre; aber heute sah er sich nur um aus andern Grunden.

Endlich war die Insel der Seligen, die schon durch den Nebel seiner Kindertraume weit, weit vorgeschimmert hatte, jetzo der Boden unter seinen Fussen, und er machte die Entdeckreisen durch seinen Himmel er und Klotilde schwiegen einige Minuten, weil ihre Herzen sanft vor Freude zu wallen anfingen, dass sie endlich allein nebeneinander und vor der grossen Esplanade des Fruhlings standen. Unter dem seligen Lacheln, dem stummen Buchstaben der Wonne, und unter zitternden Atemzugen, dieser heiligen Sankritsprache der Liebe, waren sie schon am ersten Teiche, uber dessen Kristallspiegel sich eine Brucke wie vergoldetes Laubwerk schlangelt. Sie stockten in der Mitte dieser glatten Mond- und Spiegelscheibe geblendet, weil der Sonnenschirm nicht gegen zwei Sonnen auf einmal, die im Wasser dazu gerechnet, decken konnte; sie kehrten sich halb um und suchten mit den Blicken im malenden Wasser das tiefere Himmelblau und zwei stille begluckte Gestalten auf, die einander mit ihren feuchten Augen anblickten. O sein Auge ruhte warm in ihrem widergestrahlten, wie die Sonne in der unterirdischen Sonne, und sein zitternder Blick wurde das lange Beben und Aushalten eines einzigen Tons; denn die im Wasser wohnende Gottin sank mit ihren Augen seiner Seele entgegen, weil sie die verdoppelte Entfernung seiner Gestalt benutzen wollte, die sich auf 10 Fuss belief. Um endlich das ubermachtige Entzucken zu schliessen, fuhrt' er seine Augen weg von dieser Glasmalerei und richtete sie (d.h. er verdoppelte es bloss) an das Urbild selber; und das Ineinanderrinnen der Blicke, das Zusammenzittern der Seelen warf in den engen Augenblick die Gefilde eines langen Himmels. Und sie sahen, dass sie sich gefunden hatten und dass sie sich geliebt hatten und dass sie sich verdienten. Unter dem Weitergehen konnte Viktor nur sagen: "O mochten Sie so unaussprechlich glucklich sein wie ich heute." Und sie antwortete leise, wie ein unter weiche blatterlose Bluten verhauchter Zephyr so leise: "Ich bin es wohl.".... Ach ich habe mir oft es vorgemalt, wenn wir uns alle einander so liebten wie zwei Liebende, wenn die Bewegungen aller Seelen, wie bei diesen, gebundne Noten waren, wenn die Natur uns allen zugleich den Nachklang ihres bis uber die Sterne reichenden Saitenbezuges ablockte, anstatt dass sie nur ein liebendes Paar wie ein Doppelklavier bewegt dann wurden wir sehen, dass ein Menschenherz voll Liebe ein unermessliches Eden einschlosse, und dass die Gottheit selber eine Welt erschuf, um eine zu lieben.

Aber ich will wieder so schreiben, wie Klotilde sprach, die den dichterischen Geist nur durch Taten, nicht durch Worte offenbarte, gleich Schauspielern, die den Reim und das Silbenmass ihres Dichters im Sprechen zu umgehen wissen.

Das Dorf oder das Wirtshaus vielmehr gab ihrer Himmelleiter eine vierte Sprosse, den vierten Pfingsttag. Der Englander Kato der Altere fuhr heraus, der aus Kussewitz mit einem wandernden Orchester Prager Virtuosen von seiner Gesellschaft weggelaufen war, um das Maienthal auch zu sehen. Er konnte nie in seinem Leben auf etwas warten. Er sagte zu Viktor, morgen komm' er zu ihm, heute beschau' er die besaeten Prospekte, und er passe mit der Ouverture der Prager nur auf das Auslauten der Vesperpredigt. Endlich sagt' er ihm, dass Flamin und Matthieu ubermorgen verreiseten und wieder zuruckgingen nach Kussewitz und folglich da langer verweilten, als sie gewollt. Diese Gegenwart des Englandes und die spatere Zuruckkehr des Eifersuchtigen machte auf einmal den letzten Willen in Viktor fest, auch den vierten Pfingsttag als die vierte Saite auf dieses Freuden-Tetrachord aufzuziehen. Und da an diesem vierten Tage gerade das durch alle Heftlein dieses Buchs laufende Ratsel mit dem Engel in die Entzifferkanzlei der Zeit getragen wird, weil Julius den Brief desselben Klotilden zum Vorlesen ubergibt: so konnt' er sich weismachen, er bleibe bloss deshalb, und zu sich sagen: "Wundershalber sollte mans doch abwarten, was es mit dem Engel fur eine Bewandtnis habe." Guter Held! du vermengst jeden Engel mit deinem, und ich wusste nicht, warum nicht! ...

Jetzo lief ein Wolkenschatten uber sie, gleichsam als Vorlaufer eines dunklern, der ihre Seelen suchte. Denn Viktor, der vor einem schonen Herzen niemals seines versperren konnte, der in der Heiligung der Liebe alle Verstellung verschmahte, erzahlte Klotilden mit jener Herzlichkeit, die sich so leicht mit Feinheit vermahlen lasst, die Ursachen von Matthieus Reise, namlich seine eigne kleine Torheit in Kussewitz, wo er der Furstin das geschriebene billet doux mitgab. Er hatt' ihr auch ohnedas diese Eroffnung machen mussen, um der fremden eines Anklagers vorzubauen. Aber er setzte bei Klotilde voreilig die Zeitrechnung seiner kleinen Jahrbucher voraus und merkte nicht an, dass er das Billet geschrieben, eh' er wusste, dass Klotilde nicht Flamins Geliebte, sondern nur dessen Schwester sei99. Sie schwieg lange. Er befurchtete diese Pantomime des Zurnens; und wagt' es nicht, sich davon zu uberzeugen durch einen Blick in ihr Angesicht. Endlich bat sie ihn an ihrem LieblingsGrunplatz, wo in der grossten Vertiefung des Tals gruner Schatten seine gemalten Zweige im Sonnen- und Wasserscheine wiegt, da bat sie ihn weder mit kalter noch stolzer Stimme, sondern mit einer fast geruhrten, sie ein wenig auf ihrer Lieblings-Grasbank, deren Seitenlehnen grosse Blumen waren, ausruhen zu lassen. Als er vor ihr stand: so erblickte er erschrocken in ihrem beseelten Angesicht nicht einen mit der Hoflichkeit ringenden Groll, sondern den ruhrenden Kampf gegen das Schicksal, das ihr den Liebling ihrer Seele verdunkelte, den uneigennutzigen Schmerz uber die geschlossene Narbe, die sie aus seiner Tugend wegwunschte. Ihr war, ihm war, als wenn das vorige Jahr sich wieder erhobe von seinem Totenkissen aus Freudenblumen, die es beiden ertreten hatte; sie waren recht traurig, Klotilde war kaum ihrer Augen machtig und Viktor kaum seiner Zunge bis diesem endlich das Missverstandnis einleuchtete. Er sagte ihr daher leise und auf englisch: "hatte sein Vater ihm alle seine Eroffnungen fruher gemacht, so hatt' er ihm mehr als einen Kampf, mehr als eine trube Stunde und zuerst die vorige Torheit erspart."

In der hohern Liebe ist der Zorn nur Trauer uber den Gegenstand.

Klotilde setzte gleichwohl die Sonnenfinsternis ihrer schonen Mienen fort aber es kam nicht von Fortdauer des vorigen Seufzers, noch von dem gewohnlichen Unvermogen, eine ausgesohnte Seele sogleich in ein zurnendes Gesicht zu ubertragen, sondern die Unzufriedenheit mit ihrer eignen Voreiligkeit sah allemal wie eine mit einer fremden aus. Daher stand sie auf, um ihm ihren Arm und gleichsam das nahe liegende Herz wieder zu geben. Viktor erlaubte sich den Bruch des doppelstimmigen Schweigens nicht. Emanuel kam nach, und da sagte Klotilde bewegt, als wenn sie erst aufs vorige antwortete: "Ach ich bin meinem Bruder nur zu sehr verwandt von der Seite meiner Fehler." Meinte sie Flamins Eifersucht oder Argwohn oder wahrscheinlicher sein Temperament? Viktor wandte sich zu ihr, um sie gleichsam fur das um Verzeihung zu bitten, was sie gesagt und ihre Augen sagten: "o ich hatte dich nicht verkennen sollen" und seine sagten: "ich hatte dich, auch ungekannt, nie verleugnen sollen" und ihre Herzen machten Frieden, und der Olzweig wand zwischen den alten Blumen der Freude ihre Seelen aneinander.

Emanuel fuhrte sie, als ihr leitendes Gestirn, auf seine lieben Berge, diese Frontlogen der Erde nur von seinem Berg mit der Trauerbirke wehrte er sie aus unbekannten Grunden freundlich ab ; und sein leichtes Aufsteigen gab ihnen die Freude uber die Genesung seines Atems. Endlich kamen sie auf den Thron der Gegend, auf den Berg, wo Viktor am Morgen nach der durchreisten Nacht uber Maienthal geschauet hatte. O wie zog sich die lebendige Ebene Gottes, der Vorgrund einer Sonne und eines Edens, in so unbandigen, grunenden, atmenden, wehenden Massen dahin! Wie hing der Himmel voll Berge aus Duft, voll Eisfelder aus Licht! Und sein sanfter Morgenwind schlich sich aus dem mit Wolkenflor verhangnen Morgentor und spielte mit Himmel und Erde, mit dem gelben Blumchen und mit der breiten Wolke daruber, mit der Augenwimper unter einer Trane und mit durchwuhlten Kornfluren! Wie wird das Auge so gross, wenn gejagte Nachtstucke der Wolkenschatten den hellen Sonnenschein der Erde durchschneiden, wie wird das Herz so gross, wenn der Morgenwind die geflugelten Schatten bald uber Berge schleudert, bald in Glanzteiche, bald in gebuckte Saaten! Aber rund auf die Walder hatten sich stille Eisberge aus Wolken gelagert. Ach dieses mit Tag und Nacht gefleckte Gefilde, dieser Wall aus Nebelgletschern stellte ja Viktors Herz in den alten Traum zuruck, wo er Klotilde auf einem Eisberg mit ausgebreiteten Armen sah! Ach auf dieser uber den sudlichen Berg reichenden Felsenspitze konnte er die Insel der Vereinigung dunkel mit ihren Gipfeln und mit ihrem weissen Tempel liegen sehen, und das trinkende Herz taumelte voll vom gemischten Trank aus Sehnsucht und Wehmut und Liebe.

Dann sagt' er es ihr gern, dass er an jenem Morgen sie hier gesehen habe, wo er dem Blinden das Blattchen an Emanuel gegeben, und dass er sich doch ihren Besuch versaget gib ihm nur, Klotilde, den grossen warmen Blick voll Dank fur sein Schonen deines Bruders, fur sein edles Lieben und fur sein Uberschleiern dieses Liebens! Sie sah ihn an, und als ihr Auge warm von einer Trane wurde, neigte sich der Himmel auf einem Sonnenwolkchen zu ihnen nieder und beruhrte die verwandten Menschen mit heissen herunterflatternden Tropfen. O du gute Erde, du gute Natur! Du sympathisierst ofter (und allemal) mit guten Menschen als oft gute Menschen selber! Vor ihn trat der Traum, wo Klotildens Tranen den Fussboden in ein hebendes Wolkchen zerteilten....

Aber der heranziehende Abend und die kleinen herunterrollenden zerrissenen Perlenschnure von Regentropfen riefen die schonen Menschen in die Zimmer zuruck. Die Madchen, die mit dem Blinden nicht einmal den Berg ganz erklettert hatten, kehrten schon um und gingen voraus. Emanuel entfernte sich auf seinen Trauerberg, um dort seine Blumen dem Regen aufzudecken. Als unsere zwei liebenden Menschen unten im rauchenden Tale ankamen: wie himmlisch wurde der Abend und die Erde! Am grossen Abendhimmel uber ihnen bewegten sich Tulpenbeete von rotem Gewolke, zwischen denen blaue Streifen wie dunkle Bache liefen. Hinter ihnen standen unter der Sonne Berge wie Vesuve in Flammen und die Waldung wie ein feuriger Busch, und das uber die Blumen laufende Steppenfeuer ergriff die Wolkenschatten. Und alle Lerchen hingen mit ihren Ripienstimmen der Natur nahe am roten Deckenstucke des Abends, und jeder tiefere Sonnenstrahl hielt eine summende Wesenkette von Mucken. Und in der Schaferei am Berge liefen rufend hundert Mutter an hundert Kinder zusammen, und jedes Schaf eilte larmend an sein durstiges niederkniendes Lamm.

Grosser Abend! nur im Tal Tempe bluhest du noch und verwelkest nicht; aber in wenig Minuten, Leser, brechen erst alle seine Bluten prachtig auf!

Klotilde und Viktor gingen enger und warmer aneinandergedruckt unter dem schmalen Sonnenschirm, der beide gegen den fluchtigen Regen einbauete. Und mit Herzen, die immer starker schlugen und statt des Blutes gleichsam andachtige Freuden-Tranen umtrieben, erreichten sie den Park; die warmen Tone der Nachtigall zogen ihnen daraus entgegen; die abgewehten Tone des musikalischen Gefolges, womit der Englander jetzt uber die Berge ging, flossen ihnen wie Blumendufte nach. Aber siehe, als die Erde noch die Vergoldung im Feuer der Sonne trug, als noch der Abendspringbrunnen wie eine Fackel oben brannte, als in einem grossen Eichenbaum des Gartens, in welchem bunte Glaskugeln statt der Fruchte eingeimpfet waren, zwanzig rote Sonnen aus den Blattern funkelten da floss eine erwarmte Wolke auseinander und tropfte ganz in das Abendfeuer und auf die glimmende Wassersaule....

Die den Baumen naheren Nonnen flogen unter das Laub; aber Klotilde, die den langsamen Gang schoner und tugendhafter fur eine weibliche Seele fand, ging ohne Eil der nachbarlichen "Abendlaube" zu, die uber den Garten erhoben, ihr dichtes Blatterwerk nirgends auftut als vor der untergehenden Sonne. Nein, es war ein Engel, es war Klotildens Schwester, Giulia, die auf der zarten Wolke ruhte und durch sie ihre Freudentranen fallen liess, um ihre Freundin, deren Arm in des Geliebten seinem wie in einem Verbande lag, in die glimmende Laube zu drangen, wo zwei selige Herzen am seligsten werden sollten. Klotilde verweilte noch unter dem Perlen- und Goldsand-Regen und glich den stillen Tauben um sie her, die auf allen Dachern ihre reinen Flugel wie bunte Regenschirme auseinanderschlugen und dem Bade unterhielten und vor dem Eintritte zog Viktor sie zuruck, der wonnebeklommen sagte: "Du Allgutiger!" und auf Emanuels Laube hinblickte, auf welcher die ParadiesesPforte, aus musivischen Steinen aufgefuhrt, der Regenbogen, sich anfing und sich durch den Himmel hinuberwolbte uber die Abendlaube und mit dem himmlischen Zauberkreis die drei liebenden Seelen einfasste.

Und als sie in die dunkle Laube traten, die nur eine kleine Offnung gegen die durch den Regen hereinbrennende Sonne hatte: lag vor der Offnung das Abendgefilde mit den wankenden Feuersaulen, zwischen denen der goldne Fluss der zerschmolzenen Sonne schlug, und mit den Auen, die bis an die Blumen in einem Meer von Lichtkugelchen standen. Und herabgefallene Regenbogen lagen mit ihren Trummern auf den Blutenbaumen. Und kleine Luftchen wehten das Lauffeuer in den Wiesenblumen an und warfen Funken aus den Bluten. Und das Menschenherz wurde von den Wonnestromen fortgezogen und schwamm brennend in seinen eignen Tranen.

Wie eine Verklarte schauete Klotilde in die Sonne, und ihr Angesicht wurde erhaben zugleich von der Sonne und von ihrer Seele. Und ihr Freund storte die schone Seele nicht; aber er nahm das weisse Tuch aus ihrer Hand und trocknete die aus der Laube tropfenden Farbenkorner, mit Blumenstaub umzogen, sanft hinweg, und sie gab ihm freiwillig ihre Hand. Als sie ihre Augen voll Tranen auf ihn wandte: liess er die Tranen stehen; aber sie nahm sie selber hinweg und schauete ihn mit einer Liebe an, uber welche bald die alten zogen, und sagte mit einem Lacheln, das selig weiterfloss: "Mein ganzes Herz ist unaussprechlich geruhrt; vergeben Sie ihm, teuerster Freund, heute alles, worin es bisher dem Ihrigen nicht ahnlich war!"...

Siehe da wurde die warme Wolke in den Garten gleichsam wie ein ganzer Paradiesesfluss niedergeschuttet, und auf den Stromen flossen spielende Engel herab.... und als die Wonne nicht mehr weinen und die Liebe nicht mehr stammeln konnte, und als die Vogel jauchzeten und die Nachtigall durch den Regen schmetterte, und als der Himmel freudig-weinend mit Wolkenarmen an die Erde fiel: ja, dann zitterten zwei begeisterte Seelen zusammen und ruheten ohne Atem aneinander mit den zuckenden Lippen und Wange an Wange gepresset im gluhenden zitternden Schauer dann quollen endlich, wie Lebensblut aus dem geschwollnen Herzen, grosse Wonnetranen aus den liebenden Augen in die geliebten uber. Das Herz mass die Ewigkeit seines Himmels mit grossen wonneschweren Schlagen die ganze Sichtbarkeit, die Sonne selber war dahingesunken, und nur zwei Seelen schlugen aneinander einsam in der ausgeleerten dammernden Unermesslichkeit, geblendet vom Tranenschimmer und vom Sonnenglanz, ubertaubt vom Himmelbrausen und vom Echo der Philomele und erhalten von Gott im Ersterben aus Wonne.

Klotilde bog sich ab, um die Augen abzutrocknen; und ihr stummer Liebling sank um und kniete vor ihr und druckte sein Angesicht auf ihre Hand und stammelte: "O du Herz aus meinem Herzen, o du ewig, ewig Geliebte ach konnt' ich fur dich bluten, fur dich untergehen " Plotzlich stand er, wie von einer unermesslichen Begeisterung gehoben, auf und sagte leiser, sie anschauend: "Klotilde! dich, Gott und die Tugend lieb' ich ewig."

Sie druckte seine Hand und sagte leise: "O wie konnten die Menschen und das Schicksal ein solches Herz verwunden? Aber meines, Viktor," (sagte sie noch leiser) "wird ihm nie mehr unrecht tun." Sie traten aus der Laube der Himmel hatte sich wie ihr Herz erschopft in Freudentranen und war bloss heiter die Sonne war zugleich mit der grossen Minute untergegangen. Viktor ging langsam, als wenn er vor einem weiten Elysium vorbeiginge, das empfangne Eden auf seinem Herzen tragend, heim in Dahores stille Wohnung. Dahore sank, sitzend eingeschlummert, sanft hinuber und heruber, und Viktor, ob er gleich gern sein Herz an einer zweiten ahnlichen Brust auspochen lassen wollte, versagte sich es doch und lehnte sich langsam an den wankenden Lehrer. Er hielt recht lange das schlummernde Haupt an seiner brausenden Brust. Sein Freudengewitter kuhlte sich ab zum heitern Himmel, und die erquickten Freudenblumen schlossen die Duft-Kelche der Erinnerung auf. Dahore schlug die Arme um seinen Liebling, und dann erst wurde er wach: denn es hatte ihm getraumt, er umarme ihn, und als er aufwachte, war er froh, dass es ihm nicht bloss getraumt hatte.

Genug! Und ihr, ihr Menschen, die ich liebe, ruht aus an der Erinnerung oder an der Hoffnung, wenn ihr wie ich diese kleinen Blatter aus den Handen legt!

Dritter Pfingsttag

oder 35. Hundposttag

oder Burgunder-Kapitel

Der Englander Wiesenball selige Nacht die

Blutenhohle

Bei den Menschen wie bei den Geizigen schlagt es immer nur Viertel zur frohen Stunde, aber gleich einer schlechten Uhr schlagt es die Schaferstunde unserer Hoffnung nie aus. Aber in Rucksicht der Pfingsttage ist das grundfalsch sie sind prachtig, und wie man sonst die Ausgiessung des Heiligen Geistes in alten Kirchen durch das Herunterwerfen der Blumen vorstellte: so bilden wir sie in Maienthal durch das Auswerfen figurlicher ab. Ich habe daher gar eine Flasche Burgunder aufgesiegelt und neben die Dintenflasche gestellt, um erstlich durch mein grosseres Feuer in diesem Kapitel die Natur- und Kunstrichter auf meine Seite zu bringen, die leichter den Stab uber Autoren als eine Lanze mit Autoren brechen und um zweitens uberhaupt den Wein zu trinken, welches schon an sich Endzwecks und Teleologie genug ist. Ein wahres Schlaraffenland und Himmelreich hatten wir, wenn auch der Leser bei solchen Kapiteln etwas Spirituoses zu sich nahme. Betrinkt sich der Autor allein, so geht der halbe Eindruck zum Henker; und es ist ein Ungluck, dass die Rezensenten nichts zu leben und zu trinken haben; sie konnten sonst mir als einem Stern zur Brechung durch ihren Dunstkreis dienen und mich hoher und breiter zeigen, als ich stande.

Viktor war kaum ins nasse Gras des Morgens gelaufen, als er den Englander mit dem Kopfe unter den Giesskannen des Wasserrades aufjagte. Er vergab diesem Kato dem Altern gern alle seine Sonderbarkeiten und das Idiotikon seiner tollen Natur und seinen Kometen-Gang; denn er war in seinem achtzehnten Jahr selber ein solcher Schwanzstern gewesen und sah diesen fur eine auf sich geschlagene Kometenmedaille an. Obgleich der Brite Sonderbarkeit suchte: so wusste Viktor aus eigner Erfahrung, dass es nicht aus Eitelkeit (man kann, wenn man will, aus allen Handlungen, sogar aus den unschuldigsten, Eitelkeit ausziehen, wie aus allen Korpern Luft), sondern aus Laune geschah, fur welche der Genuss einer exzentrischen Rolle, man mag sie lesen oder spielen, ebenso viele Reize hat wie fur das Gefuhl der Freiheit und der innern Kraft. Eitle erliegen dem Lacherlichen, dem der Sonderling trotzt; und jene hassen, diese suchen ihre Ebenbilder. Das einzige, was Viktor ihm verubelte, war, dass er andern kleine Schonungen bloss darum nicht erwies, weil er auch keine begehrte; und eben dieser vom Humor unzertrennliche Krieg mit allen kleinen Schwachen und Erwartungen der Menschen hatte dem menschenliebenden Viktor diese exzentrische Bahn verleidet. Das Ungluck macht daher leichter Sonderlinge als das Gluck.

Ihm gab die Freude uber die Schilderungen, die ihm Kato von Flamins ahnlichen Himmelfahrten und Freudenfeuern machte, den Gedanken ein, seine Quaterne schoner Tage durch etwas anders zu verdienen als durch seine vorigen truben namlich dadurch, dass er auch fremde seinen ahnlich machte. Kurz er redete es mit dem altern Kato ab dems recht lieb war , die Prager zu etwas zu verwenden, namlich abends in der Kuhle damit den maienthalischen Kindern einen Wiesen-Ball zu geben. Was hatten beide dazu notig, als was sie sogleich taten in die Tasche und in die Borse zu greifen und dem Nachtwachter loci mehr zu geben, als das Heu seiner grossen Wiese zu Johannis wert sein konnte, die heute zu einem Tanzsaal ausgemahet werden musste?

Der Mann gab sie ohnehin mit tausend Freuden her, weil sein Sohn heute Hochzeit hatte. Die zwanzig Maienbaume, die Kato in den Saal pflanzen wollte, standen schon als Autochthonen einverleibt darin. Und als sie noch bei den Eltern des saubern Dorfes sonst aber gleicht der arme Ackerbauer dem Schweine, das nach Alian dessen Ackern erfand die jungen Tanz-Halften mit der grossten Ernsthaftigkeit denn Bauern und Damen finden sich nicht in Sonderbarkeiten zusammengebettelt und gepresset hatten: so war alles richtig.

Das befreundete Trio fand am Mittagtische der Abtissin den gestrigen Tag. Viktor war uberall sogleich zu Hause, er blieb nicht Gast, damit der andre nicht Wirt bliebe. Man findet sonst Madchen selten so wieder, als man sie verliess, so wie ihr Empfang allemal warmer oder kalter ist als ihr Briefchen vorher; aber in Klotildens zergehenden Zugen kundigte ein unendlicher Zauber die Erinnerung von gestern an, wo sie aus zwei Grunden ihr Herz allen seinen auf dem Altar der Natur und der Tugend geheiligten Flammen uberlassen hatte. Erstlich war sie gestern warmer, weil sie vorher kalter gewesen im kleinen Zank, den bloss ihr Gesicht uber die Kussewitzer Uhr-Sache gehabt; nichts macht die Liebe susser und zarter als ein kleines Keifen und Frieren vorher, so wie die Weintrauben durch einen Frost vor der Lese dunnere Schalen und bessern Most gewinnen. Zweitens betragen sich in einem hohen Grade der Ruhrung und Liebe die besten Madchen gerade so wie die guten.

Ich habe erst drei Kaffeetassen Burgunder zu mir genommen, weil ich zur Karnation und Rotelzeichnung des Nachmittags vielleicht nicht mehr brauche aber o Himmel, die Nacht! Meine Schuld ists nicht, wenn es der Nachwelt nicht zu Ohren kommt, dass die meisten nachmittags der Hitze wegen aus dem Garten blieben. Aber sie sahen aus den Zimmern die Wiese, den Zimmerplatz eines schonen Abends, wo die Kinder schon im voraus herumliefen, das Gras hinaustrugen und mit Hornisten auf Bierhebern das Trommetenfest eroffneten. Es wurde zu geringfugig sein, wenn ichs anmerken wollte, dass mehre Jungen durch geschossene rote Kappen oder Kronen tot hingestreckt wurden, weil sie Hasen vorstellten, der Mutzen-Schutze Jager und die ubrigen Windhunde; man kanns aber metaphorisch nehmen, und dann wirds satirisch und erheblich genug.

Die Freude zarter Menschen ist verschamt, sie zeigen lieber ihre Wunden als ihre Entzuckungen, weil sie beide nicht zu verdienen glauben, oder sie zeigen beide hinter dem Schleier einer Trane. Viktor war so und sah in jeder Freude seufzend nach Westen, ich weiss nicht, ob er an den Untergang der Sterne und der Menschen dachte oder an die Schwarzen, deren Ketten bis in unsere Halbkugel heraufklirren, oder an nahere Weisse, fur die man die zersprengten wieder lotet mit Blut Aber dieses Schauen nach seiner Kiblah zwang ihn, seine Entzuckung zu verdienen. Die gestrige und heutige war so gross, dass er geruhrt zum Genius der Erde sagte: "So gross kann meine schwache Tugend nicht werden." Es half ihm nichts, dass er sich selber vor seinem Gewissen herauszustreichen suchte und diesem vorstellte, wie viel schone Minuten und frohe Pulsschlage er hier in diesem Seifersdorfer Tal austeile an seine Freunde und an seine Freundin, die durch ihn genese, und an die Kinder, die er jetzt schon springen sehe und abends noch mehr es fruchtete beim Gewissen etwas, aber doch nicht genug, als er es fragte, ob er denn vor der Spharenmusik dieser Tage die Ohren zuhalten sollte; ob er nicht seine Leidenschaften uberwunden habe und ob nicht der grossere Spielraum und die grossere Tatigkeit eines Menschen bloss in der grossern Zahl besiegter Leidenschaften bestehe, so dass also eine Hofdame, ja sogar ein Konig keinen kleinern Wirkkreis innenhabe als der nutzlichste Burger; und ob nicht der Mensch wie sehr kleine Kinder bloss in die Erdenschule gesendet worden, um stille sein zu lernen aber der eucharistische Religionkrieg des alten und neuen Adams horte bloss durch eine Entzuckung auf, namlich durch die Entschliessung, sobald ihm sein Vater die Hand- und Beinschellen des Hofes abnehme, mehr zu kurieren als der Stadt- und Landphysikus und alles umsonst und meistens bei Armen.

Nur auf ein Wort, Leser! Tugend kann nicht der Gluckseligkeit wurdig machen, sondern nur wurdiger, weil schon das Dasein uns wie bei den nicht-moralischen Tieren ein Recht an Freude gibt weil Tugend und Freude inkommensurable Grossen sind und man nicht weiss, wird ein seliges Jahrhundert durch ein tugendhaftes Jahrzehend oder dieses durch jenes verdient weil die Jahre der Freude vor den Jahren der Tugend laufen, so dass der Tugendhafte statt der Zukunft erst die Vergangenheit, statt des Himmels erst die Erde zu verdienen hatte.

Der Nachmittag lief wie eine lichte Quelle uber bunte Kleinigkeiten wie uber Goldsand hinuber, uber kleine Freuden und uber grosse Hoffnungen, uber zarte Aufmerksamkeiten und uber den Blumenstaub wohlwollender Feinheiten, der das beste Heftpulver der Herzen ist. Viktor fuhlte, dass eine Geliebte, die viel Verstand hat, der Liebe einen eignen pikanten Geschmack mitteile; sie selber fuhlte, dass das Herz, das man mit weichen bekleideten Handen und nicht mit rohen Griffen abgepfluckt, sich besser erhalte, so wie sich Borsdorfer Apfel langer halten, die man nur mit Handschuhen abgenommen. Obgleich nach meinen Tabellen die Liebe gerade am Tage nach dem ersten Kusse am hochsten, namlich auf 112 Fahrenheit oder 10 de l'Isle steht: so war doch mit Viktors Liebe zugleich seine Ehrfurcht gestiegen o die Liebe erhebt, worin die Gunstbezeugungen nicht kuhner, sondern bloder machen!

Unser Freund fuhlte, wie glucklich in der Freude das Ansichhalten mache, und wie sehr der schaumende Freuden-Pokal durch einige Messerspitzen hineingeworfnes Temperierpulver sich aufhelle und veredle. Nach einem Nachmittag, wo die ganzen Stunden reizend waren, ohne dass man einzelne ausserordentliche Minuten hatte herausheben konnen wie die Fasanenfedern nicht einzeln, sondern in ganzen Buschen glanzen , nach diesem Nachmittag zog alles in den Garten, aber Emanuel zuerst. Der Indier vertrug wie Grasmucken keine Zimmer und schwieg darin oder las nur, und zwar bloss was mich nicht wundert die Trauerspiele Shakespeares....

Unter dem grossen Abendhimmel, den keine Wolke einschrankte, taten sich die Seelen wie Nachtviolen auf. Emanuel war der Cicerone und Galerieinspektor dieses malerischen Gartens. Er fuhrte seinen Freund und die andern zu seinem kleinen Blumengartchen, das am hochsten im Park lag. Der Park lief namlich den Berg hinab mit funf gleichsam aus diesem schubladenweise herausgezognen Absatzen und Stockwerken. Diese funf Ebenen, diese eingehauenen grunenden Stufen, hielten ebensoviel verschiedene Garten, Baumund Staudengarten etc., empor daher wurde durch jeden neuen Standpunkt, wie durch einen Umwandel-Spiegel, aus dem alten Garten ein neuer zusammengeruckt. Den abschussigen Park fassten auf beiden Seiten zwei Schlangengange hoher, wankender, brennender Blumen wie zwei hinunterwehende Treppengelander ein, und hinter jeder BlumenSchlangenlinie ringelte sich oben vom Berge silbernes Geader mit hellem, dunnen, auf- und niederspringenden Gewasser herab100, das in der Abendsonne eine in aufrechten Windungen daliegende Goldschlange oder Ichor-Schlagader wurde. Auf der obersten letzten Terrasse standen einander die Abend- und die Morgenlaube als die Pole des Gartens gegenuber, und der Abendspringbrunnen glimmte uber jener und der Morgenspringbrunnen uber dieser empor, und beide sahen zu einander wie Mond und Sonne heruber.

Und gerade an dem Abendbrunnen hatte Emanuel seinen Zwischengarten. Denn er liebte als Indier physische Blumen wie poetische, und ihm war im Dezember ein Blumenbuch eine gewiegte Blumenau, und ein Nelkenblatterkatalog war fur ihn die Hulse und Chrysalide des Sommers. Er fuhrte seine Geliebten auf der blumigen Region des Berges durch die unschuldigen Blumen hindurch, die wie gute Madchen weder Sonne noch Erdreich zum eignen Leben dem fremden nehmen vor der Goldquaste der Tulpe vorbei vor den Miniaturfarben des Vergissmeinnicht vor den bunten Glocken, die auch wie die lauten in den Giesslochern der Erde gegossen werden vor den Ohrrosen des Augusts, namlich den Rosen vor dem Kato, der nicht der lustige Englander, sondern eine ungeflammte Aurikel ist, die bei Herrn Klefeker in Hamburg zu haben vor der geliebten Agathe, die an die andere in St. Lune erinnerte und die eine schone Schlusselblume ist....

Endlich kamen sie an die Abendlaube und an Emanuels Blumen, namlich an schneeweisse Hyazinthen, in deren Verschattung der durchstrahlte Abendspringbrunnen eine bleiche Rote tuschte. O wie schon, wie schon wehte da die Warme der Abendsonne heruber und die Kuhle des Abendwindes! Aber warum sinket, Klotilde, dein Auge und dein Haupt hier so traurig gegen die Blumen zu? Ists, weil die Wassersaule erlischt, weil die Sonne untergeht? Nein, sondern weil die weissen Hyazinthen in der Blumistensprache Julia heissen o weil der Gottesacker herubersieht, dessen hohe wankende Grasblumen mit ihren Wurzeln uber zwei geliebten Augen stehen, uber den Augen der blassen Hyazinthe Giulia, die das heutige Fest nicht erlebt. Aber Klotilde verbarg sich, um nichts zu storen.

Das ausfunkelnde Gold der Wassersaule und die zuruckschlagende Abendlohe an allen Fenstern zogen die Augen zur Sonne, die unter ihre Buhne sank. Aber ein rollendes Feuerrad des Allegro, womit die Harmonisten auf der Wiese die weichende Sonne begleiteten, nahm die Augen zu den Ohren herab, und unten auf der eingehullten Wiese stieg ein neues Theater der Freude mit neuen Schauspielern empor.... Zwei Rosen waren in den Himmel gepflanzt, die rote, die Sonne, die uber der zweiten Halbkugel ihre Bluten auftat, und die weisse, der Mond, der in unsere niederhing; aber Sonnengold und Lunasilber und Abendschlacken wurden noch von einem rauchenden Zauberdufte eingesogen, und man konnte noch nicht die Schatten vom silbernen Grunde des Mondlichts absondern, und niederflatternde Bluten wurden noch mit Nachtschmetterlingen vermengt.

Die Glucklichen gingen durch die Kastanienallee hinab zu den jungern Glucklichen, zu den Kindern, die, kuhner durch die Gegenwart ihrer Mutter, zwanzig Freiheitbaume in veranderlichen Gruppen umzingelten und umkreiseten und nur auf tiefere Schatten warteten, um schneller zu tanzen. Der Englander wurde von Klotilde wie ein Freund ihrer zwei Freunde empfangen. Das Brautpaar, dem die Wiese als Erbschaft gehorte, hatte die eigne Musik gegen diese vertauscht, und das Bundfest desselben ruckte in seiner Feier unserem Helden den heitern Tag naher, wo er, er auch seine Klotilde Braut nennen durfte; aber er hatte nicht den Mut, sein errotendes Gesicht gegen diese zu wenden, weil er dachte, sie denke dasselbe und sei auch rot. Nur ein Liebender kann mit der Begeisterung eines Brautpaars sympathisieren; und nie stiegen schonere Wunsche fur eines auf als fur dieses in zwei Seelen voll Liebe. Eine vierjahrige Schwester der Braut druckte sich an Klotilden an jene war die kleine Luna dieser Venus bei ihren Spaziergangen und diese entlud gern ihre Liebe in die kleine Hand, die der ihrigen den Vorzug vor einem Mittanzer liess.

Der Mond gab jetzo durch den Widerschein der Sonne, womit er dieses Kinderparadies versilberte, der Freude hellere Farben, und unter dem vertieften Schatten der Maienbaume wuchs der kindliche Mut. Alles war begluckt alles fesselnlos alles friedlich kein giftiges Auge warf Blitze keine einzige Harte storte das metrische Leben in melodischer Fortschreitung klangen die Minuten im Silbertone voruber und verfingen und hielten sich in dem ausschlagenden Rosendickicht der Abendrote auf. Der laue flatternde Ather des Fruhlings sog an den Bluten sich voll Dufte und trug sie wie Honig in die Brust des Menschen. Und als die Pulse voller schlugen, spielten stumme kuhlende Blitze um die Nebel des Horizonts, und der Mond zog Lebenluft101 aus den Blattern, um auf ihr den abgezognen Geist ihrer Kelche gesunder zuzufuhren.

Viktor und der Englander und Emanuel und Klotilde nebst einigen von ihren Freundinnen standen unten wie gebende Gotter der Freude neben den Kindern und wurden durch den Genuss der fremden Labung trunken. Unser Freund hatte eine zu heilige Liebe, um sie (zumal so vielen Fremden und dem Englander) zu zeigen, und legte dem unbandigen tanzenden Herzen Zugel an. In der edeln Liebe ist das Opfer und ware sie es selber so angenehm wie der Genuss; aber noch leichter wird es neben einem Emanuel, der das ist das schimmernde Ordenkreuz der hohern Menschen gerade in der Freude seine Augen zu dem hohern Leben aufhebt und zur Wahrheit. Diesesmal verdoppelte noch dazu das Gefuhl seiner steigenden Gesundheit sein Schmachten nach dem geweissagten Verscheiden. Sein verherrlichtes Angesicht, seine uberirdischen Wunsche und sein stilles Ergeben waren gleichsam der zweite hohere Mondenschein, der in den dunklern fiel; und er storte das wachsende Elysium gar nicht, da er z.B. sagte: "Der Sterbliche halt sich hier fur ewig, weil das Menschengeschlecht ewig ist; aber der fortgestossene Tropfe wird mit dem unversiegenden Strome verwechselt; und keimten nicht immer neue Menschen nach, so wurde jeder die Fluchtigkeit seiner Lebenterzie tiefer empfinden"- oder da er sagte: "Wenn der Mensch nicht unsterblich wird, so wird es auch kein hoheres Wesen, und die Schlusse sind dieselben; dann brennte der stehende Gott aus dem kampfenden und erloschenden Sein einsam heraus, gleich der Sonne, die, wenn es keinen Erdendunstkreis gabe, aus einem schwarzen Himmel lodern und die gewolbte Nacht durchschneiden, aber nicht erhellen wurde" oder da er sagte: "Der Gang des Menschengeschlechts zur heiligen Stadt Gottes gleicht dem Gange einiger Pilgrime, die nach Jerusalem wallfahrten und allemal nach drei Schritten vorwarts wieder einen ruckwarts tun."- Oder endlich da er auf seines Viktors Bemerkung, dass die Besserung nur die groben Fehler, nicht die feinen Gewissenbisse aufhebe, und dass ein Heiliger so viel Klagen von seinem Gewissen erhalte als der Schlimme, da er darauf sagte: "Unsere Entfernung von der Tugend findet man, wie die von der Sonne, durch genauere Berechnungen bloss grosser; aber die Sonne fliesset doch, aller veranderlichen Rechnungen ungeachtet, immer mit derselben Warme in unser Angesicht."

Plotzlich lief der Englander zu den Spielern und foderte um die Sprunge und Laufer seiner Ideen in Musik gesetzt zu sehen von ihnen das beste Adagio und eilte in das "Florgezelt" oben hinauf, das der Lord Horion aus eisernen Bogen und einem daruber gespannten schwarzen Doppelflor erbauen liess, um fur seine damals erkrankenden Augen den Sonnenschein in Mondschein umzusetzen. Da jedes Herz bei der ersten Beruhrung vom Adagio in selige Tranen zergehen musste: so zerlegte die Wonne, die sich zu verhullen suchte, den ruhenden Kreis, und alle flossen auseinander, um (jeder unter seiner eignen Uberlaubung) ungesehen zu lacheln und ungehort zu seufzen wie Kurgaste eines Gesundbrunnen zerteilte, begegnete, entfernte man sich in zufalligen Richtungen.

Der schone Blinde ruhte oben nicht weit von der Nachtigall gleichsam an der Quelle der harmonischen Strome, und Klotilde blickt' ihn trauernd an, sooft sie an ihm voruberging, und dachte: "Arme verschattete Seele, die Seufzer der Musik dehnen dein sehnsuchtiges Herz aus, und du siehst nie, wen du liebst und wer dich liebt." Emanuel ging einsam den langen Weg zu seinem Berge mit der Trauerbirke hinauf und zuruck. Viktor irrte den ganzen Garten hindurch: er kam vor verhullten Obelisken, Saulen und Wurfeln voruber, die den Platz steinerner Faunen besser besetzten; er trat in die dunkle, nur von der Abendrote schattierte Abendlaube, wo er gestern zu glucklich war fur einen Sterblichen und zu weich fur einen Unsterblichen; er drangte sich durch einen Ring von Buschen, aus denen ein strahlendes Springwasser vorragte, und schloss geblendet die Augen zu, als er darin in kunstlich belaubten Pfeilerspiegeln einen mit Mondsilber gesattigten Wasserbogen in zuruckweichenden Erbleichungen millionenmal aufgewolbt und aus weissen Regenbogen in Mondsicheln und endlich in Schatten zuruckgefuhrt erblickte.

O wie oft hatt' er nicht in seinen Kindertraumen, in seinen Landschaftgemalden, die er sich von den Tagen des Paradieses entwarf, diese Nacht gesehen und kaum gewunscht, weil er sie auf der rauhen Erde nie zu erleben hoffte; und jetzo stand diese EdenNacht mit allen um sie hangenden Bluten und Sternen ausgeschaffen vor ihm! Und wer von uns hat nicht in irgendeiner zauberisch beleuchteten Stelle seiner Phantasie und seiner Hoffnung ein ebenso grosses Nachtstuck einer kunftigen Lenznacht aufgestellt, wo er wie in dieser mit allen Freunden auf einmal (nicht immer allein) glucklich ist wo wie in dieser die Nacht nur als ein Schleier durchsichtig uber den Tag geworfen ist wo der rote Gurtel, den die Sonne beim Einsteigen ins Meer abgelegt, bis an den Morgen auf dem Rand der Erde schimmernd liegen bleibt wo die langen Seelentone der Nachtigall laut durch das auseinanderrinnende Adagio ziehen und sich aus dem Echo erheben wo wir lauter befreundeten Seelen begegnen und sie trunken anblicken und durch das Lacheln fragen: o du bist doch auch so glucklich wie ich? und wo das fremde Lacheln es bejahet eine Nacht, o Gott, wo du unser Herz voll und doch ruhig gemacht, wo wir weder zweifeln noch zurnen noch furchten, wo alle deine Kinder an deiner Brust in deinen Armen ruhen und die Hande ihrer Geschwister halten und nur mit halb geschlossenen Augen schlummern, um sich anzulacheln? Ach da der Seufzer, womit ich dieses schreibe und ihr es leset, uns daran erinnert, wie selten solche Fruhlingnachte auf unsere Erde fallen: so verubelt es mir nicht, dass ich das schwelgerische Gemalde dieser Nacht nur langsam vollfuhre, damit ich einmal in meinen alten Tagen mich an der gemalten Stunde der jetzigen Begeisterung erquicke und etwan sagen konne: ach du wusstest es damals wohl, dass du niemals eine solche Nacht erleben wurdest, darum warst du so weitlauftig. Und was anders als versteinerte Bluten eines Klima, das auf dieser Erde nicht ist, graben wir aus unserer Phantasie aus, so wie man in unserm Norden versteinerte Palmbaume aus der Erde holt.....

Viktor ging zum stillen Julius an der Nachtigallenhecke und legte ihm Nachtviolen in die Hand und kusste ihn auf das verhangne Auge, das nicht sehen, aber doch weinen konnte vor Freude und die benachbarte Nachtigall hielt nicht innen unter dem Kuss. Er kam den Garten hinauf, als Emanuel herunterkam; neben dem Morgenspringbrunnen sahen sie einander an, und Emanuels Angesicht leuchtete im Widerschein der Wellen, als wenn er vor dem Engel des Todes stande und zerflosse, um zu sterben, und er sagte: "Der Unendliche druckt uns heute an sich warum kann ich nicht weinen, da ich so glucklich bin?" Und als sie wieder auseinander waren, rief er seinen Viktor zuruck und sagte: "Schau, wie bluhendrot der Abend gegen Morgen zieht wie ein Sterbender, als wenn ihn die Tone fortruckten schau, die Sterne hangen wie Bluten aus der Ewigkeit in unsere Erde herein schau die grosse Tiefe wie viel Fruhlinge grunen heute auf so viel tausend darin ziehenden Erden."

Die Madchen hatten sich nach kurzen Gangen bald auf die Grasbanke der Terrassen paarweise oder in der Zahl der Grazien niedergesetzt. Klotilde, die allein gewandelt war, tat es endlich auch und setzte sich zu einer einsamen Freundin auf der vierten Terrasse, neben den bunten Sonnen-Regenbogen aus Blumen, hinter welchem der Mond-Regenbogen aus Wasser blinkte. Diese Freundin rief den kommenden Viktor zum Schiedrichter eines tugendhaften Zwistes herbei: "Wir haben gestritten," sagte die Freundin, "was susser fur gute Menschen sei, wenn sie vergeben, oder wenn ihnen vergeben wird. Ich behaupte durchaus, vergeben ist susser." "Und mir kommt es vor," (sagte Klotilde mit einer geruhrten Stimme, die alle liebreiche Gedanken ihres schonenden Herzens, alle ihre dankenden Erinnerungen an ihre letzte Entzweiung mit Viktor und an sein schones Vergeben entdeckte) "es sei schoner, Vergebung zu erhalten, weil die Liebe gegen die verzeihende Seele durch die eigne Demut reiner und durch die fremde Gute grosser wird." Etwas Lieblicheres wurde wohl unserm Viktor nie gesagt. Seine Ruhrung und sein Dank machten ihm das Entscheiden schwer; aber Klotilde half seinen Traumen durch die Wendung ein oder ab: "Ich habe meine gute Charlotte schon an vorgestern erinnert, aber sie bleibt dabei." Sie meinte den Beicht und Abendmahltag, wo die schonen Herzen alle von einander Vergebung baten und bekamen. Viktor antwortete endlich zugleich wahr und beziehend und fein: "Sie setzen beide, glaub' ich, unmogliche Falle: kein Mensch hat ganz unrecht und keiner ganz recht; und wer vergibt, dem wird zugleich vergeben, und umgekehrt so teilen zwei Menschen, die sich versohnen, immer die Freude der Verzeihung und die Freude der reinern und grossern Liebe miteinander."

Viktor ging, um eine Ruhrung zu verbergen, durch die er eine fremde zu sehr erhohte. Aber auf seinen nahen und fernen Wegen zwischen Tonen und Bluten hielten in ihm Gefuhle an, die seine Liebe verdoppelten und verherrlichten: er fuhlte, dass der starkste Ausdruck der Liebe nicht so fest und innig in die Seele greife als der feinste. Allein als er vor der Sonnenuhr voruberging, die mit einem Massstabe aus Schatten uns andern Schatten ihre engen glucklichen Inseln zuzahlte, und als ihm der Mond auf der Waage mit seiner innenstehenden Schattenzunge die letzten Minuten dieser frohen Stunde vorwog, weil er nach Mitternacht hin zeigte, gleichsam als wenn er schriebe: es ist sogleich voruber: so trat der Englander allein langsam und niederblickend aus dem Florgewebe und ging unter die Tone, um sie wegzufuhren mit dem ganzen Himmel um sie. Viktor, der im stillen Meer der tiefsten Freude nicht mehr nach Gegenden steuerte, sondern zufrieden darauf taumelte und ruhte und in der Zukunft nichts begehrte als die Gegenwart, wandelte jetzo nur auf den langen Terrassen hin und her, anstatt den Garten auf- und abzusteigen er stand gerade auf der obersten, auf der Blumenterrasse, an dem Morgenspringbrunnen, und sah den dammernden Weg hinuber zum blinkenden Abendbrunnen, und der Schnee des Mondes lag tiefer und weisser gefallen die gluckselige Ebene hinab, und dieses bluhende Zukkerfeld kam seinem traumenden Herzen wie eine in diese Erde hineinreichende Landspitze der Insel der Seligen vor, und er sah ja lauter selige Menschen auf diesem Zaubergefilde gehen, ruhen, tanzen, hier einsam, dort in Paaren, dort in Gruppen, und unschuldige Menschen, stille Kinder, sanfte tugendhafte Madchen, und er schauete zum gestirnten Himmel auf, und sein Auge voll Tranen sagte zum Allgutigen: o gib auch meinem guten Vater und meinem guten Flamin eine solche Nacht als er plotzlich die Tone wie abgewehet vernahm und den Briten mit den Kindern ziehen sah, und das Schwanenlied eines Maestoso wurde vorausgetragen vor der entfliehenden Jugend....

Viktor ging oben mit den wegschwimmenden Tonen, und die Sterne schienen mitzuschwimmen und die Gegend mitzugehen auf einmal stockt er am Ende der Blumenterrasse vor den Ebenbildern Giulias, den weissen Hyazinthen, vor der Freundin Giulias, vor Klotilde.... Augenblick! der nur in der Ewigkeit wiederholt wird, schimmere nicht zu stark, damit ich es ertragen kann, bewege mein Herz nicht zu sehr, damit es dich beschreiben kann! Ach beweg' es nur wie die zwei Herzen, denen du erschienst; du begegnest uns allen nicht mehr.... Und Klotilde und Viktor standen unschuldig vor Gott, und Gott sagte: weint und liebt wie in der zweiten Welt bei mir! Und sie schaueten sich sprachlos an in der Verklarung der Nacht, in der Verklarung der Liebe, in der Verklarung der Ruhrung, und Wonnezahren deckten die Augen zu und hinter den erleuchteten Tranen stiegen um sie verklarte Welten aus der dunkeln Erde auf und der Abendspringbrunnen legte sich glimmend wie eine Milchstrasse uber sie heruber und der Sternenhimmel schlug funkelnd uber sie zusammen und das entweichende Vertonen spulte die aufgehobnen Seelen vom Erdenufer los.... Siehe! da trieb ein kleines Wehen die entfliegenden Laute heisser und naher an ihr Herz, und sie nahmen ihre Tranen von den Augen; und als sie umherschaueten in der Gegenwart: so bewegte das melodische Wehen alle Bluten im Garten, und die grosse Nacht, die mit Riesengliedern im Mondschein auf der Erde schlief, regte vor Wonne ihre Kranze aus abgeschatteten Gipfeln und die zwei Menschen lachelten zitternd zugleich und schlugen miteinander die Augen nieder und hoben sie miteinander auf und wusstens nicht. Und Viktor konnte endlich sagen: "O! moge das edelste Herz, das ich kenne, so unaussprechlich selig sein wie ich und noch seliger! So viel hab' ich nicht verdient." Und Koltilde sagte in einem sanften Tone: "Ich bin den ganzen Abend meistens allein geblieben, bloss um vor Freude zu weinen, aber er ist zu schon fur mich und die Zukunft." ... Die umkehrenden Gespielinnen kamen den Garten herauf, und beide mussten auseinander scheiden; und als Viktor noch mit erstickten Lauten sagte: "Ruhe wohl, du edle Seele solche Freudentranen mussen immer in deinen Augen stehen, solches melodische Getone musse immer um deine Tage rinnen Ruhe wohl, du himmlische Seele"; und als ein Blick voll neuer Liebe und ein Auge voll neuer Tranen ihm dankte; und als er sich tief, tief buckte vor der Heiligen, Stillen, Bescheidnen und aus Ehrfurcht nicht einmal ihre Hand kusste: so umarmte in der Unsichtbarkeit ihr Genius seinen Genius vor Entzucken, dass ihre zwei Kinder so glucklich waren und so tugendhaft.

O wie wohl tat jetzt seiner uberschutteten Seele sein geliebter Dahore, dem er unter den lauten Kastanien nachkam, und an den er mit allen seinen Tranen der Wonne, mit allen seinen Liebkosungen des trunknen Herzens fallen durfte: "Mein Emanuel, ruhe sanft! Ich bleibe heute Nacht unter diesem guten warmen Himmel um uns her." "Bleibe nur, Guter," (sagte Emanuel) "eine solche Nacht zieht durch keinen Fruhling mehr.... Horst du," (fuhr er fort, als die in die Unermesslichkeit entruckten Tone gleichsam wie Abendsterne des untergegangnen Glanzes, wie Herbststimmen des wegziehenden Sommergesangs in die sehnsuchtige Seele hineinriefen) "horst du das schone Vertonen? Siehe, ebenso tone am langsten Tage meine Seele aus, ebenso liege dein Herz an meinem, und so sage wie heute: ruhe wohl!"...

Dem letzten Geliebten entsunken, schwankte Viktor im gemischten Zwielicht der wehmutigen Begeisterung zuruck durch die vom Mondlicht durchbrochne, gleichsam von Strahlen tropfende Allee, um in der Blutenhohle, wo er zuerst Klotilde hier gefunden, das traumende Haupt an ein Kopfkissen von Blutenkelchen anzulehnen... Und als er langsam und allein und mit elysischen Erinnerungen und Hoffnungen durch den in die Allee gewachsenen Laubengang zwischen den einwiegenden Bachen hinwankte: so schwammen noch niedrige Wogen des weggetragnen Getones in die Phantasie mehr als in die Ohren, und nur die Nachtigall regierte laut uber die beseelte Nacht. Da sank unnennbar begluckt und wonneschwer der letzte Mensch dieser Nacht von den funf Stufen seines himmlischen Bettes durch die ZweigVergitterung in das dunkle Bluten-Dickicht hinein. Betauete Sprossen fielen kuhlend an seine entzundete Stirne, er legte die zwei Arme ausgestreckt auf zwei Armlehnen von Zwergbaumen und schloss entzuckt die heissen Augenlider zu, und das Forttonen der Nachtigall und der funf Quellen um ihn wehten ihn einige Strecken weit in den dammernden Wahnsinn des Traumes hinuber aber die in Freuden-Jubel hinausschreiende Nachtigall schlug durch seinen Traum, und als er die Augen, in halbe Traume verschlagen, auftat, schoss der Blitz des Mondes durch das weisse Gestrauch dennoch, von den vorigen Szenen befriedigt, lachelte er nur halb ausser sich und uberhullte das Auge wieder und liess sich ganz in den harmonischen Schlummer hinunter... nur einige gebrochne Laute sang er noch in sich... nur einigemal regte er noch die liegenden Arme zu Umfassungen... und nur im Ersterben des Schlummers und der Wonne stammelte er einmal noch dunkel: Geliebte! ...

Und so schon, grosser Allgutiger, lass uns andere Menschen in der letzten Nacht entschlafen wie Viktor in dieser, und lass es auch unser letztes Wort sein: Geliebte!

Vierter und letzter Pfingsttag

(36. Hundposttag)

Hyazinthe die Stimme vom Vater Emanuels Brief

vom Engel Flote auf dem Grab zweite

Nachtigall Abschied Geistererscheinung

Eben ist der Anhang zum vierten Freudentage eingelaufen. Ich komme nach dem Seufzer, womit man gewohnlich am Tage nach den Festtagen sagt, dass man sie begrabe, wieder vor das bluhende Bette meines Freundes und offne den grunenden Vorhang; gegen neun Uhr erst zog ihn eine nah an seinen Handen schlagende Grasmucke muhsam aus einem tiefen Traummeer. Aber die Schattenfiguren, die der Hohlspiegel des Traums in der Luft aufgerichtet hatte, waren alle vergessen; nur die Tranen, die sie ihm ausgepresset, standen noch in seinen Augen, und er entsann sich nicht mehr, warum er sie vergossen hatte. Es war heute Quatember, der wie andere Wetter- und Mondveranderungen unser Traum-Echo lauter und vielsilbiger macht. In einer sonderbaren Erweichung schlug er die Augen auf vor der weissen Dammerung des Apfelbluten-Uberhangs, vor dem Wirrwarr des grunen Gespinstes sein Hand jagte die Grasmucke durch das Gebusch es war schwul um diesen Schatten, die Baumgipfel waren stumm und alle Blumen gerade Bienen bogen sich von Sandkornchen herab in die Quellen um ihn und schlurften Wasser von den Weiden tropften weisse Flocken, und alle Riechflaschchen der Bluten und die Rauchgefasse der Blumen ubergossen seine Schlafstatte mit einem sussen schwulen Dunst...

Er fuhrt seine rechte Hand ans nasse Auge und erblickt darin mit Erstaunen eine weisse Hyazinthe, die ihm jemand heute musste hineingelegt haben... Er verfiel auf Klotilde; und sie wars auch gewesen. Vor einer halben Stunde trat sie an dieses Blumen-Bette liess sogleich das Gestrauch leise wieder zusammenschlagen zog es aber doch wieder auseinander, weil sie die Tranen des vergessenen Traums uber das Angesicht des gluhenden Schlafers rinnen sah ihre ganze Seele wurde nun ein weicher segnender Blick der Liebe, und sie konnte sich nicht enthalten, das Denkmal ihres Morgenbesuchs, die Blume, in die Hand zu legen und eilte dann leise in ihr Zimmer zuruck.

Er trat eilig in den leuchtenden Tag, um die Geberin einzuholen, deren Morgengabe er leider aus Besorgnis der Zerstorung so wenig wie sie ans Herz anpressen durfte. O wie tat es ihm wehe, als er im Freien vor dem herrnhutischen Gottesacker der heimgegangnen Himmelnacht, vor dem ruhenden Garten, stand und als er auf die kahlen ausgemahten eingetretenen Tanztennen und auf die verstummte Nachtigallenstaude blickte und auf die Berge, woran die Kinder weideten, vom gestrigen Schmucke entkleidet! Da erschien der vergessene Traum wieder und sagte: weine noch einmal, denn das Rosenfest deines Lebens beschliesset sich heute, und der letzte von den vier Flussen des Paradieses trocknet in wenig Stunden ganzlich aus! "O ihr schonen Tage," sagte Viktor, "ihr verdient es, dass ich euch verlasse mit einer Erweichung ohne Mass und mit Tranen ohne Zahl!" Er floh aus dem zu harten Taglicht in die Zelle aus Flor, damit sie den hellen Vorgrund des Tages zu einem dammernden Hintergrund ummalte, mit dem gestrigen Mondschein uberdeckt; und unter diesem Leichenschleier der erblichenen Nacht setzte er sich vor, dem verarmenden Herzen heute seine letzte Freude ganz im Ubermass zu gonnen, namlich sein Sehnen. Er trat aus dem Flor, aber der nachtliche Mondschein wich nicht von der Flur; er schaute auf in den blauen Himmel, der uns mit einer langen Flamme betastet, aber die verhullten Sterne der Winternacht schickten herausquellende kleine Strahlen an die verdunkelte Seele; er sagte sich zwar: "Der Eisberg, auf dem bisher meine Vernunft halbe Bergpredigten abgelegt, ist unter der Freudenglut zu einem Maulwurfhugel eingelaufen", aber er setzte hinzu: "Heute frag' ich nach nichts."

Er kam zu Emanuel mit nassen Augen. Dieser sagte ihm, dass sich das erste Glied der gestrigen Blumenkette, namlich der Brite mit seinen Leuten, schon in der Nacht abgeloset habe. Aber je langer er Emanuel ansah und an morgen dachte denn morgen lehnt auch er vor tags die Gartenture dieses Paradieses leise hinter sich zu, und heute nachmittags nimmt er von der Abtissin und abends von der Geliebten Abschied, um diese nicht im Ablesen der bekannten Engels-Epistel zu hemmen , desto druckender waren seine Augen gespannt, und er ging lieber mit einem sich selber vollblutenden Herzen hinaus ins Freie und fuhrte den Blinden mit, der nichts erriet, nichts erblickte und vor dem man ohnehin wie vor einem Kinde gern sein Innerstes entkleidete.

Aber diesesmal war Julius in derselben Erweichung, weil er den ganzen Morgen den Engel in seiner dammernden Seele spielen und fliegen sehen. Die Sehnsucht nach dem Engel brutete sein ruhendes Herz zum Pochen an, und er sagte mit einem ungewohnlichen Schmerz: "Wenn ich nur sehen konnte, nur etwas, nur meinen Vater oder dich!" Die uberstaubten Erinnerungen an seine Kindheit wurden aufgeschuttelt; und aus dieser in Wolken stehenden Zeit trat besonders ein Tag heraus vor ihn, morgenhell, blau und voll Gesang, und trug drei Gestalten auf seinem Nebelboden, Julius' eigne und die der zwei Kinder, von denen er sich vor ihrer Einschiffung nach Deutschland geschieden hatte es entflossen ihm Tropfen, ohne dass er es merkte, da er gerade diesem Viktor, der das Folgende getan hatte, das Kussen und Umhangen und Nachrufen des einen Kindes malte, das ihn am meisten liebte und immer trug. "Und ich denke," fuhr er fort, "jeder, den ich gern hore, habe das Gesicht dieses guten Kindes und auch du. Oft wenn ich einsam diese Gestalt in meinem Dunkeln anschaue und warme Tropfen auf den Lippen spure und in eine schmachtende schlummernde Wonne falle: mein' ich, es quelle Blut aus meinen Lippen, und mein Herz siedet aber mein Vater sagt, wenn dann meine Augen plotzlich aufgetan wurden und ich sahe meinen Engel an oder das gute Kind oder einen schonen Menschen, dann wurde ich sterben mussen vor Liebe." "O Julius, Julius," (rief sein Viktor) "wie edel ist dein Herz! Das gute Kind, das du so liebst, wird bald mein Vater an dich legen, es wird dich so kussen, so lieben, so drucken wie ich jetzt."

Er fuhrte ihn zum Essen zuruck; er selber aber blieb bis nachmittags unter dem Himmel, und sein Herz legte stille Trauer an unter Baumen voll Bienen, neben Gestrauchen voll atzenden Vogeln, auf allen bisherigen Spaziergangen und Sonnenwegen dieses sterbenden Festes und es standen alle Kinderstunden aus dem Winterschlafe des Gedachtnisses auf und beruhrten sein Herz, aber es zerfloss. O wenn uns weit entlegne Minuten mit ihrem Glockenspiel antonen, so fallen grosse Tropfen aus der weichen Seele, wie das nahere Heruberklingen ferner Glocken Regen bedeutet. Ich verdenke dir nichts, Viktor du bist doch nur weich, aber nicht weichlich so gut dir dein Biograph deine Erweichung nachzuschreiben und dein Leser sie nachzufuhlen vermag, ohne die festen Muskeln des Herzens abzuspannen, ebensogut vermagst du es auch, und nur ein Mann, der bittere Tranen erpressen kann, wird susse verhohnen und keine selber vergiessen.

Endlich ging Viktor zur letzten Freude, in den Garten des Endes, um mit sanften Tranen in der Abtei von allen Freundinnen abzuscheiden. Ein sonderbarer Vorfall verschob es ein wenig: denn indem er von Emanuel wegging, stiess ihm Julius auf, der aus dem Garten kam und ihm sagte: "wenn er zu Emanuel wolle, er sei im Garten." Sie erhoben einen freundschaftlichen Streit, weil jeder ihn gerade jetzo gesprochen haben wollte. Viktor ging mit ihm zu Emanuel zuruck, und hier erzahlte Julius seinem Lehrer jedes Wort des vorgeblichen Gartengesprachs mit ihm: "z.B. uber Viktor, uber Klotilde, uber seinen heutigen Abschied, uber die bisherigen frohen Tage."

Wahrend der Erzahlung wurde Emanuels Angesicht glanzend, als wenn Mondschimmer davon niederflosse und anstatt dem geliebten Kinde die Unmoglichkeit seiner Erscheinung im Garten vorzustellen, raumte er ihm die Erscheinung ein und sagte entzuckt: "Ich werde sterben! Es war mein abgeschiedener Vater seine Stimme klingt wie meine er verhiess mir in seinem Sterben, aus der zweiten Welt in diese zu kommen, eh' ich von hinnen ginge. Ach ihr Geliebten druben uber den Grabern, ihr denkt also noch an mich o! du guter Vater, dringe jetzt mit deinem todlichen Glanze vor mich heran und lose mich an deinem Munde auf!"

Er wurde noch mehr darin befestigt, weil Julius dazu erzahlte, die Gestalt habe sich von ihm den Brief des Engels reichen lassen, ihn aber nach einem kleinen Lispeln wieder zuruckgegeben. Das Siegel war unbeschadigt. Emanuels freudiger Enthusiasmus uber diese Telegraphen des Todes setzte unzufriedene Schlusse aus seiner bisherigen Gesundheit voraus. Viktor lehnte sich nie gegen die erhabnen Irrtumer seines Lehrers auf; so stellte er z.B. niemals die Grunde, die er hatte und die ich im nachsten Schalttage anzeigen will, dem unschuldigen Wahn entgegen: "aus dem Traume und aus der Unabhangigkeit des Ich vom Korper konne man auf die kunftige nach dem Tode schliessen im Traume staube sich der innere Demant ab und sauge Licht aus einer schonern Sonne ein."Viktor erschrak daruber, aber aus andern Grunden: Julius nahm beide an den Ort der Unterredung mit, der in der verfinsterten Allee neben der Blutenhohle war. Niemand war da, nichts erschien, Blatter lispelten, aber keine Geister, es war der Ort der Seligkeit, aber der irdischen.

Viktor ging in den andern, in die Abtei. Klotilde war nicht droben, sondern im verschlungnen Labyrinth des Parks, wahrscheinlich um dem Inhaber vom Engels-Briefe, Julius, die Gelegenheit des Vorlesens zu erleichtern. Er nahm, als die Sonne gerade den Fensterscheiben gegenuber brannte, von der guten Abtissin mit jener feinen geruhrten Hoflichkeit Abschied, auf die sich in ihrem Stande der hochste Enthusiasmus einschrankt. Die feine Abtissin sagte ihm: "der Besuch sei so kurz, dass er unverzeihlich ware, wenn nicht Viktor es dadurch gutmachte, dass er ihren zweiten Fruhling-Gast (Klotilden) uberredete, den ihrigen zu verlangern; denn auch diese verlasse sie bald." Er schied mit einer geruhrten Achtung von ihr: denn sein weiches Herz wusste ebensogut hinter der Spitzenmaske der Feinheit und Welt als hinter der Leder-Kruste der Roheit das fremde weiche auszufuhlen.

Als er freilich in den Garten eilte: stiegen die Tranen seines Herzens hoher und warmer und ihm war, als musste er den im Angesichte der Sonne aufgehenden Mond umschliessen, da er dachte: "Ach wenn deine bleiche Flocke heute lichter droben hangt, wenn du allein niederschauest, bin ich geschieden von meiner Schaferwelt oder scheide noch."- Und unten ruhte neben der Nachtigallenhecke sein Julius, der helle Tranenstrome vergoss denn dieser ganze Abend wimmelt von immer grossern Meerwundern des Zufalls er eilt zu ihm herab, der Brief des Sogenannten Engels ist geoffnet in seiner Hand, Viktor sagt leise: "Julius, warum weinest du so?" "O Gott," sagte dieser gebrochen, "fuhre mich unter eine Laube!" Er leitete ihn zur uberflorten. Julius sagte darin: "Recht, hier brennt die Sonne nicht!" und schlug den rechten Arm um Viktor und gab ihm den Brief und legte den Arm herum bis an sein Herz und sagte: "Du guter Mensch! sage mir, wenn die Sonne nieder ist, und lies mir noch einmal den Brief des Engels vor!"

Viktor fing an: "Klotilde!" "An wen ist er?" sagt' er. "An mich!" (sagte Julius) "und Klotilde hat mir ihn schon vorgelesen; aber ich konnte sie wegen ihrem Weinen nicht verstehen, und ich war auch zu betrubt. Ich werde vor Kummer sterben, du gute Giulia, warum hast du mir es nicht vor deinem Tode gesagt? Die Tote hat ihn geschrieben, lies nur!" Er las:

"Klotilde!

Ich hulle meine errotenden Wangen in den Leichenschleier. Mein Geheimnis ruht in meinem Herzen verborgen und wird mit ihm unter den Leichenstein gelegt. Aber nach einem Jahre wird es aus dem zerfallenen Herzen dringen o dann bleib' es ewig in deinem, Klotilde! und ewig in deinem, Julius! Julius, war nicht oft eine schweigende Gestalt um dich, die sich deinen Engel nannte? Legte sie nicht einmal, als die Totenglocke ein bluhendes Madchen einlautete, eine weisse Hyazinthe in deine Hand und sagte: 'Engel pflucken solche weisse Blumen'? Nahm nicht einmal eine stumme Gestalt deine Hand und trocknete sich damit ihre Tranen ab und konnt' es nicht sagen, warum sie weine? Sagte nicht einmal eine leise Stimme: 'Lebe wohl, ich werde dir nicht mehr erscheinen, ich gehe in den Himmel zuruck'? Diese Gestalt war ich, o Julius; denn ich habe dich geliebt und bis in den Tod. Siehe! hier steh' ich am Ufer der zweiten Welt, aber ich schaue nicht hinuber in ihre unendlichen Gefilde, sondern ich kehre mein Angesicht noch sinkend nach dir zuruck, nach dir, und mein Auge bricht an deinem Bilde. Jetzo hab' ich dir alles gesagt. Nun komm, stillender Tod, drucke langsam die weisse Hyazinthe nieder und teile bald das Herz Liebe sehe. Ach wirst denn du eine Tote in deine Seele nehmen? Wirst du weinen, wenn du dieses lesen horest? Ach wenn mein zugedeckter, eingesunkner Staub dich nicht mehr beruhren kann, wird mein entfernter Geist von deinem geliebt werden? Aber ich beschwore dich, o Unvergesslicher, geh an dem Tage, wo dir dieses Tranenblatt vorgelesen wird, da gehe, wenn die Sonne untergeht, hinauf zu meinem Grabe und bringe dem bleichen Angesicht darunter, das der alte Hugel schon entzweidruckt, und dem zerronnenen Herzen, das fur nichts mehr schlagen kann, da bringe der Armen, die dich so sehr geliebt und die deinetwegen sich unter die Erde gehullet, dein Totenopfer bring ihr auf deiner Flote die Tone meines geliebten Liedes: 'Das Grab ist tief und stille.' Sing es leise nach, Klotilde, und besuch mich auch. Ach arme Giulia, richte deine Seele auf und erliege jetzt nicht, da du deinen Julius dir an deinem Grabe denkest! Wenn du da das Totenopfer bringst, so wird zwar mein Geist schon hoher stehen; ich werde ein Jahr jenseits der Erde gelebet haben, ich werde die Erde schon vergessen haben aber doch, aber o Gott, wenn du die Tone uber meinem Grabe ins Elysium dringen liessest, dann wurd' ich niedersinken und heisse Tranen vergiessen und die Arme ausbreiten und rufen: ja! hier in der Ewigkeit lieb' ich ihn noch es geh' ihm wohl auf der Erde, sein weiches Herz ruhe weich und lange auf dem Leben drunten. Nein, nicht lange! Komm herauf, Sterblicher, zu den Unsterblichen, damit dein Auge genese und die Freundin erblicke, die fur dich gestorben ist!

Giulia."

"Ich will gehen," sagte Julius stockend, aber mit Zuckungen im Gesicht "wenn auch die Sonne nicht hinab ist: mein Vater soll mich bis zum Untergange trosten, damit mein Herz nicht so heftig an die Brust anschlagt, wenn ich am Grabe stehe und das Totenopfer bringe."- Lass mich nichts sagen, Leser, von der Beklemmung, womit ich weitergehe noch von dieser zu weichen Giulia, die wie eine Morgensonnenuhr vor dem Mittage im Schatten und Kuhlen war, die wie eine Taube die Flugel dem Regen und Weinen auseinanderfaltete noch von ihren Seelen-Schwestern, die im zweiten Lebens-Jahrzehend das Gerippe des Todes ganz mit Blumen uberhangen, dass sie seine Glieder nicht sehen konnen, und die ihren weissen Arm bloss auf einen Myrtenzweig der Liebe stutzen wie auf einen Aderlassstock und ruhig dem Verbluten seiner zerschnittenen Adern zuschauen!

Ich hatte nicht einmal dieses gesagt, wenn nicht Viktor es gedacht hatte, dessen Herz ein unendlicher Gram und eine unendliche Liebe todlich auseinanderzogen; denn ach wie weit war nicht seine unersetzliche Klotilde schon auf dem Wege, ihrer Freundin nachzukommen und das ungeliebte Herz in der Erde zu verbergen, wie man im Froste Nelken niederlegt!

Die Sonne stieg tiefer der Mond stieg hoher Viktor sah Klotilden wie eine Heilige, wie einen atherisch verkorperten Engel in einer gegen Abend geoffneten Nische ruhen-das kleine, gestern genannte Madchen spielte auf ihrem Schoss mit einer neuen Puppe ihm war, als seh' er sie gen Himmel schweben und als sie ihre grossen Augenlider aus den Tranen fur die geschiedne Freundin, deren Geheimnis sie langst erraten und verborgen hatte, gegen den aufhob, der sie heute durch seinen Abschied vermehrte; und als sie auch sein Angesicht in Ruhrung zerschmolzen sah: so erdruckten die gleichen Trauergedanken in beiden sogar die ersten Laute des Empfangs, und beide wandten ihr Gesicht ab, weil sie uber die Trennung weinten. "Haben Sie" (sagte Klotilde, wenigstens mit einer gefassten Stimme) "eben mit Julius gesprochen?" Viktor antwortete nicht, aber seine Augen sagten Ja, indem sie bloss heftiger stromten und sie unverwandt anschaueten. Sie schlug sie tief nieder, mit einem kleinen Erroten fur Giulia. Das kleine Kind hielt die uber die grossen Tropfen heruberfallenden Augenlider fur schlafrig und zog der Puppe das schmale, mit Heu gepolsterte Kopfkissen weg, breitete es Klotilden hin und sagte unschuldig: "Da leg dich drauf und schlaf ein!" Es schauerte ihren Freund, da sie antwortete: "Heute nicht, Liebe, auf Kissen mit Heu schlafen nur die Toten." Es schauerte ihn, da er auf ihrem bewegten Herzen eine schneeweisse Federnelke, in deren Mitte ein grosser dunkelroter Punkt wie ein blutiger Tropfen ist, erzittern sah. Die furchterliche Nelke schien ihm die Lilie zu sein, die der Aberglaube sonst im Chorstuhle des Priesters antraf, dessen Sterben prophezeiet werden sollte.

Sie heftete schmerzlich ihren Blick auf die tiefe Sonne und den o Gottesacker, hinter dem diese in den Maitagen wie ein Mensch unterging. "Verlassen Sie diese Aussicht, Teuerste," (sagt' er, wiewohl ohne Hoffnung des Gehorsams) "eine zarte Hulle wird von einer zarten Seele am leichtesten zerstort. Ihre Tranen tun Ihnen zu wehe." Aber sie erwiderte: "Schon lange nicht mehr nur in fruhern Jahren brannten mir davon die Augenhohlen, und der Kopf wurde betaubt." Plotzlich als der Gedanke an die bewolkte Perspektive ihrer verweinten Tage ihm das Herz aus dem Busen wand, erstarb das Sonnenlicht auf ihren Wangen Tranenstrome brachen gewaltsam aus ihren Augen er wandte sich um druben auf dem Gottesacker sank der Verhullte auf dem Hugel der Verhullten nieder die Sonne war schon unter die Erde, aber die Flote hatte noch keine Stimme, der Schmerz hatte nur Seufzer und keine Tone.... Endlich richtete der schone Blinde sich unter zuckenden Schmerzen empor zum Totenopfer, und die Flotenklagen stiegen von dem festen Grabe auf in das Abendrot drei Herzen zergingen wie die Tone, wie das vierte eingesunkne. Aber Klotilde riss sich gewaltsam aus dem stummen Jammer auf und sang zu dem Totenopfer leise das himmlische Lied, um das die Verstorbne sie gebeten hatte und das ich mit unaussprechlicher Ruhrung gebe:

Das Grab ist tief und stille

Und schauderhaft sein Rand;

Es deckt mit schwarzer Hulle

Ein unbekanntes Land.

Das Lied der Nachtigallen

Tont nicht in seinen Schoss;

Der Freundschaft Rosen fallen

Nur auf des Hugels Moos.

Verlassne Braute ringen

Umsonst die Hande wund;

Der Waisen Klagen dringen

Nicht in der Tiefe Grund.

Doch sonst an keinem Orte

Wohnt die ersehnte Ruh' ;

Nur durch die dunkle Pforte

Geht man der Heimat zu.

O Salis! in diesem Doch sind alle unsere verwehten Seufzer, alle unsere vertrockneten Tranen und heben das steigende Herz aus seinen Wurzeln und Adern, und es will sterben! Die Stimme der edeln Sangerin unterlag der Wehmut, aber sie sang doch die letzte der Strophen dieses Spharen-Liedes, obwohl leiser in der schmerzhaften Uberwaltigung:

Das arme Herz, hienieden

Von manchem Sturm bewegt,

Erlangt den wahren Frieden

Nur, wo es nicht mehr schlagt.

Ihre Stimme brach, wie ein Auge bricht oder ein Herz.... Ihr Freund hullte sein Haupt in die Blatter der Laube das ganze Erdenleben zog wie eine Klage voruber. Klotildens schwere Vergangenheit, Klotildens dustere Zukunft ruckten zusammen vor seinem Auge und warfen im Dunkeln den Leichenschleier uber diesen Engel und zogen sie verhullet in das Grab zur Schwester.... Er hatte sogar den Abschied vergessen... er hatte nicht den Mut, die grosse Szene um sich anzuschauen und die Gebeugte neben sich....

Er horte die Kleine gehen und sagen: "Ich hole dir ein grosseres Kissen unter den Kopf."

Klotilde stand auf und fasste seine Hand er kehrte sich wieder um in die Erde und sie schauete ihn an mit einem verweinten, aber zartlichen Auge, dessen Tropfen zu rein waren fur diese schmutzige Welt; aber in diesem grossen Auge stand etwas gleichsam wie die furchterliche Frage: "Lieben wir uns nicht vergeblich fur diese Welt?" Und ihr schlagendes Herz erschutterte die blutige Nelke. Der Mond und der Abendstern glimmten einsam wie eine Vergangenheit im Himmel. Julius ruhte stumm und niedergedruckt mit umschliessenden Armen auf dem eingesunknen Hugel, der auf den Staub seines zersplitterten Paradieses gewalzet war.

Die Tone der Nachtigall schlugen jetzo gleich hohen Wellen an die Nacht da ermannte er sich, um ihr Lebewohl zu sagen.... Leser! erhebe deinen Geist zu keiner Entzuckung, denn sie wird bald in einem Krampf erstarren aber ich erhebe meine Seele dazu, weil sogar das todliche Niedersturzen an der Pforte des Paradieses schon ist unter dem Weggehen daraus!

Dem ersten Rufe der vertrauten Nachtigall antwortete plotzlich noch hoher eine neue hergeflatterte, von dicken Bluten gedampfte Nachtigall, die immer unter dem Singen flog und jetzt aus der Blutenhohle ihr melodisches Schmachten ziehen liess. Die beiden Menschen, die das Scheiden verschoben und furchteten, irrten betaubt der gehenden Nachtigall nach und waren auf dem Wege zur seligen Blutenhohle; sie wussten nicht, dass sie allein waren; denn in ihrem Herzen war Gott; vor ihrem Auge schimmerte die ganze zweite Welt voll auferstandner Seelen. Endlich erholte sich Klotilde, kehrte um vor der Nachtigall und gab das traurige Zeichen der Trennung. Viktor stand am Ufer seiner bisherigen gluckseligen Insel alles, alles war nun voruber er blieb stehen, nahm ihre zwei Hande, konnte sie noch nicht anschauen vor Schmerz, bog sich mit Tranen nieder, richtete sich auf, als er leise reden konnte: "Lebe wohl mehr kann mein schweres Herz nicht recht wohl lebe, viel besser als ich weine nicht so oft wie sonst, damit du mich nicht etwan verlassen musst. Denn ich ginge dann auch." Lauter und feierlicher fuhr er fort: "Denn wir konnen nicht mehr geschieden werden hier unter der Ewigkeit reich' ich dir mein Herz und wenn es dich vergisset: so zerquetsch' es ein Schmerz, der uber die zwei Welten reicht"... (Leiser und zartlicher) "Weine morgen nicht, Engel und die Vorsehung gebe dir Ruhe." Wie ein Verklarter an eine Verklarte neigte er sich zuruckgezogen an ihren heiligen Mund und nahm in einem leisen andachtigen Kusse, in dem die schwebenden Seelen nur von ferne mit aufgeschlagnen Flugeln zitternd einander entgegenwehen, mit leiser Beruhrung von den zerflossenen weichenden Lippen die Versieglung ihrer reinen Liebe, die Wiederholung seines bisherigen Edens und ihr Herz und sein Alles

Aber hier wende die sanftere Seele, die die Donnerschlage des Schicksals zu sehr erschuttern, ihr Auge von dem gelben grossen Blitze weg, der plotzlich durch das stille Eden fahrt!

*

"Schurke!" schrie der heraussturzende Flamin mit spruhenden Blicken, mit schneeweissen Wangen, mit wie Mahnen herunterhangenden Locken, mit zwei Taschenpistolen in den Handen "Da nimm, nimm, Blut will ich" und stiess ihm das Mordgewehr entgegen Viktor drangte Klotilden weg und sagte: "Unschuldige! vermehre deine Schmerzen nicht!" Flamin rief in neuer Entflammung: "Blut! Treuloser, nimm, schiess!" Matthieu fiel ihm in den rechten Arm, aber der linke drang bebend dem Viktor das Geschoss auf. Viktor riss es zu sich, weil die Mundung um Klotilden herumwankte. "Du bist ja mein Bruder", rief die Gemarterte, bloss durch Todesangst vom Tode der Ohnmacht weggequalt. Flamin warf mit beiden Armen alles von sich und sagte grasslich-leise langgedehnt in wutender Erschopfung: "Blut! Tod!" Klotilde sank um Viktor blickte auf sie und sprach gegen ihn: "Feuer' nur, hier ist mein Leben!" Flamin schrie laut: "Du zuerst!" Viktor schoss, hob den Arm weit empor, um in die Luft zu schiessen, und der zersplitterte Gipfel wurde von seiner Kugel heruntergesturzt. Klotilde wachte auf Emanuel flog her warf sich an seines Schulers Herz seiner seit Jahren zum ersten Male von Leidenschaft auseinandergerissenen Brust quoll das sieche Blut aus Flamin schleuderte stolz seine Pistole weg und sagte zu Matthieu: "Komm! es ist der Muhe nicht wert" und ging mit ihm davon.

Als Klotilde Emanuels Blut auf ihres Geliebten Kleidern sah, hielt sie ihn fur getroffen und legte ihr Tuch auf das Blut und sagte: "Ach das haben Sie nicht um mich verdient." Emanuel atmete wieder durch sein Blut hindurch, niemand konnte weiter sprechen, niemand uberlegen, jeder furchtete sich, zu trosten, die todlich zermalmten Herzen schieden mit verbissenem Weh auseinander; bloss Viktor, den das grassliche Wort "Schurke" bei jeder Erinnerung wie ein Dolch durchstiess, sagte noch zur Schwester: "Ich lieb' ihn nicht mehr, aber er ist unglucklicher als wir, ach er hat alles verloren und nichts behalten als einen Teufel."

Namlich Matthieu. Dieser hatte heute die Stimme Emanuels, die mit Julius gesprochen und die Dahore fur des Vaters seine gehalten, und nachher die Stimme der Nachtigall, der Viktor nachgegangen, nachgemacht, um den Regierungrat durch seine eigne Ohren und Augen von Viktors Liebe gegen Klotilden zu uberfuhren.

Viktor fuhrte den schwachen Lehrer in die indische Hutte. Er fuhlte jetzo nach so vielen auflosenden Tagen seine Nerven durch dieses Ungewitter gekuhlt und gestahlt; der Seelenschmerz und die Aufopferung hatten sein Blut, wie engere versperrende Wege die Strome, schneller und heftiger gemacht, und die Liebe zu Klotilden war mannlicher und kuhner durch den Gedanken geworden, dass er sie nun ganz verdiene. Nichts gibts ausser Grossmut und Sanftmut Schoneres als das Bundnis derselben.

Emanuel war nichts weiter als matt und setzte sich, da der Abend schwul auf allen brutete, mit Viktor auf die Grasbank seines Hauses, um mit der zuckenden Brust aufrecht zu bleiben, und eine sanfte Freude glanzte in seinen Mienen uber jeden gefallnen Bluttropfen, weil jeder ein rotes Siegel auf seine Hoffnung zu sterben war. Aber als Viktor das mude Haupt des guten Mannes an seinen Busen nahm und ihn darauf entschlummern liess: so wurde ihm im stillen Abend wieder weh, und sein Herz schmerzte ihn erst. Er dachte sich es einsam, wie sich druben heisse Schwerter durch die schuldlose blutende Seele zischend ziehen wurden er fuhlte, wie nun das zweisilbige, zweischneidige Zornwort Flamins durch das ganze Band ihrer Freundschaft geschnitten er stellte sich das neben ihm bluhende Theater der schonen Tage verodet vor und das Voruberwehen der Freuden, die uns nur wie Schmetterlinge in weiten Kreisen umspielen, indes der Nervenwurm des Grams sich tief in unsere Nerven einbeisset. Endlich lehnt' er sich weinend an den schlummernden Vater und druckte ihn leise und sagte: "Ach ohne Freundschaft und Liebe konnt' ich die Erde nicht ertragen." Und endlich wurde auch seine zersetzte und versiegte Seele vom schweren Korper in den dicken Schlaf gedruckt und hinabgezogen.

*

Leser! der letzte Augenblick in Maienthal ist der grosste erhebe deine Seele durch Schauder und steige auf Graber wie auf hohe Gebirge, um hinuberzusehen in die andere Welt!

Um Mitternacht, wo die Phantasie die verhullten Toten aus den Sargen zieht und sie aufgerichtet in die Nacht um sich stellt und aus der zweiten Welt unbekannte Gestalten zu uns verschlagt so wie unkenntliche Leichname aus Amerika an die Kusten der alten Welt antrieben und ihr die neue verkundigten , in der Geisterstunde schlug Viktor die Augen auf, aber unaussprechlich heiter. Ein vergessener Traum hatte die heutige Vergangenheit mit allem ihrem Getose und Gewolke weit hinabgesenkt; der lichte Mond stand oben in der blauen Verfinsterung wie die silberne Spalte und quellenhelle Mundung, aus der der Lichtstrom der andern Welt in unsere bricht und in atherischem Dufte niedersinkt. "Wie ist alles so still und so licht!" sagte Viktor. "Ist diese dammernde Gegend nicht aus meinem Traume ubrig geblieben, ist das nicht die magische Vorstadt der uberirdischen Stadt Gottes?" Eine vorubereilende Stimme sagte: "Tod! ich bin schon begraben."

Emanuel offnete daruber die Augen, warf sie durch das Laubwerk in den uber das Dorfchen erhohten Kirchhof und sagte mit einer Zuckung seines ganzen Wesens: "Horion, wach auf, Giulia hat die Ewigkeit verlassen und steht auf ihrem Grabe."- Viktor blickte fieberhaft hinauf; und in einem schneidenden Eisschauer wurden alle warmen Gedanken und Nerven des Lebens hart und starr, da er oben am Grabe eine weisse verschleierte Gestalt ruhen sah. Emanuel riss sich und seinen Schuler auf und sagte: "Wir wollen hinauf auf das Theater der Geister: vielleicht ergreift die Tote meine Seele und nimmt sie mit."... Furchterlich schwiegen die Gegenden um ihren Weg... die Menschen fahren aus dem Fussboden wie stumme Knechte, wie Maschinen zur Bedienung, und fallen wieder hinunter, wenn sie abgeleeret sind.... Das Menschengeschlecht zieht wie ein fliegender Sommer durch den Sonnenschein, und das betauete Gewebe hangt sich flatternd an zwei Welten an, und in der Nacht vergehts.... So dachten beide Menschen auf der Wallfahrt zur Toten, sie wunderten sich uber ihre eigne schwere Verkorperung und uber das Gerausch ihrer Tritte. Emanuel knupfte seinen Blick auf die verschleierte Gestalt, die jetzt niederkniete; er dachte, sie hore seine Gedanken und fliege zu seinem Herzen durch das Mondlicht heruber....

Die Brust der zwei Menschen hob sich gleichsam unter zwei Leichensteinen auf und nieder, da sie die ubergrasten langen Stufen zum Kirchhof aufstiegen und das schwere Tor, das mit verwitterten, weggewaschenen Auferstandenen angemalet war, beruhrten und aufdrehten. Das warme Erdenblut friert ein und das weiche Gehirn gerinnt zu einem einzigen Schrekkenbilde, wenn von der Ewigkeit und von der Pforte der Geisterwelt die grosse Wolke wegruckt; Emanuel rief auf der Buhne der Toten wie ausser sich: "Schauderhafter Geist, ich bin ein Geist wie du, du stehst auch unter Gott, willst du mich toten: so tote mich durch keinen Schauer, durch keine zermalmende Gestalt, sondern lachle wie die Menschen und drehe still mein Herz ab." Da stand die verhullte Gestalt auf und kam Emanuel griff wild nach seinem Freund, hullte sich in das Angesicht desselben und sagte angedruckt: "An dir sterb' ich, an deinem warmen Herzen o lebe glucklich, wenn du nicht mit mir erkaltest, ach! ziehe mit!"...

"Ach, Klotilde!" sagte Viktor; denn sie war die Gestalt. Sie war stumm wie das Geisterreich, denn die besuchte Tote umklammerte noch ihr Herz; aber sie war gross wie ein Geist daraus: denn der atherische Lichtnebel des Mondes, der Stand auf Toten, der Blick in die Ewigkeit, die hohe Nacht und die Trauer erhoben ihre Seele, und man vergass fast, dass sie weinte. Emanuel hielt seine Flugel noch ausgebreitet uber die Szene und schauete erhaben uber die Graber: "Wie alles hier schlaft und ruht auf dem grossen grunen Totenbette! Ich mochte darauf erliegen Sprach jetzo nichts? Die Gedanken der Menschen sind Worte der Geister. Wir sind schleichende Nachtvogel im dammernden Dunstkreis, wir sind stumme Nachtwandler, die in diese Hohlen fallen, wenn sie erwachen Ihr Toten! verstaubet nicht so stumm, ihr Geister, die ihr aus euren begrabnen Herzen zieht, flattert nicht so durchsichtig um uns! O der Mensch ware auf der Erde eitel und Asche und Spielwerk und Dunst, wenn er nicht fuhlte, dass ers ware o Gott, dieses Gefuhl ist unsere Unsterblichkeit!"

Klotilde, um ihn von dieser verheerenden Begeisterung herabzuziehen, nahm ihn bei der Hand und sagte: "Leben Sie wohl, Verehrungswurdiger, ich nehme heute noch Abschied, weil ich morgen aus Maienthal gehe leben Sie glucklich glucklich, bis wir uns wiedersehen; mein Herz vergisset Ihre Grosse nie, aber ich sehe Sie bald wieder."... Ihre Wehmut uber den Gedanken an sein geweissagtes Sterben, ihre Furcht eines ewigen Abschieds erdruckten die andern Worte, denn sie wollte mehr sagen und warmer danken. Emanuel sagte: "Wir sehen uns nicht wieder, Klotilde; denn ich sterb' in vier Wochen." "O Gott! nein!" sagte Klotilde mit dem innigsten heissesten Tone. "Mein guter Emanuel," sagte Viktor, "quale diese Gequalte nicht. Fasse dich, Gemarterte! unser Freund bleibt gewiss bei uns." Hier hob Emanuel sein Auge in den Himmel und sagte mit einem Blick, in dem eine Welt war: "Ewiger! konntest du mich bisher so getauscht haben? Nein, nein, am langsten Tage ziehen mich deine Sterne auf, und deine Erde kuhlt mein Herz. Und dich, du gute Klotilde, du Seele vom Himmel, dich seh' ich also heute gewiss, bei Gott! zum letztenmal mit deinen schonen Wangen und in deiner Erdengestalt ich segne dich und sage dir Lebewohl, aber schwer und trube, weil ich noch so viele Tage leben soll ohne dich. Ziehe sanft umweht durchs Leben, halte dein Herz hoch uber den bunten Dunst der Erde und uber ihre Wetterwolken du horst mich ja nicht, du bitter-weinendes Angesicht, Gott giesse Trost in deine Seele, scheide froher! Dein Freund ist bei mir, wann ich von hinnen gehe." Hier fasste Viktor die Hande der wankenden verweinten Gestalt, die sich vergeblich die Tranen abstreifte, um den Lehrer noch einmal zu sehen und in die Seele zu drucken; und als Viktor ohne Besinnung rief: "Giulia! Selige! mildere das Weh deiner Freundin in dieser Stunde, halte dieses brechende Herz", so sagte Emanuel, unbeschreiblich zartlich beide anblikkend: "Ich segne euch ein wie ein Vater, heiliges Seelen-Paar! Nie verlasset, nie vergesset einander! O ihr seligen Geister hier uber dem glimmenden Moder der zerstuckten Sarge, gebet diesen zwei Herzen Frieden und Gluck, und wenn ich einmal gestorben bin, will ich um eure Seelen schweben und sie beruhigen. Und du, Ewiger unter deinen Sternen, mache diese zwei Menschen so glucklich wie mich o nimm ihnen nichts, nichts auf der Erde als das Leben. Gute Nacht, Klotilde!"....

Die Pfingsttage sind voruber!

Und dir, gutes Schicksal, dank' ich, dass du mir die Gesundheit zur Freude gereicht, ein solches fluchtiges goldnes Zeitalter abzuschatten, da mein schwaches, so ungleich schlagendes Herz nicht verdient, solche Entzuckungen nachzumalen. Und dir, mein lieber Leser, moge das Pfingstfest irgendeinen Brandsonntag oder eine Marterwoche deines Lebens versusset haben!

Ende des dritten Heftleins

Viertes Heftlein

Vierte Vorrede

oder abgedrungene Antikritik gegen eine oder die andere Rezension, die mir etwan nicht gefallen sollte Gute Romanenschreiber erschaffen aus Dinten- und Druckerschwarze einen neuen entsetzlichen Tyrannen, geben ihm entweder in Italien oder im Orient einen Thron und dann treten sie (ungleich den Kindern, die vor der Gestalt entlaufen, die sie gezeichnet haben) beherzt vor den gemalten gekronten Wuterich und sagen ihm die herrlichsten, aber die kuhnsten Wahrheiten in das Angesicht, die den freien Mann verraten, und die wohl kein gebuckter Dikasteriant vor seinem Regenten wiederholt. Solche Waghalse erinnern mich so oft an zwei Abcschutzen, als ich bei einem Tore im Habergasschen in Hof vorbeigehe, auf dem ein gemalter Lowe sich und seine Mahne aufbaumt und den Schwanz und die Zunge ringelt und hebt. Denn einer der gedachten Abcschutzen sagte unter meinem Voruberlaufen zum andern: "Hor, ich fass' ihn doch am Schwanz an, ich furchte mich gar nicht." Aber der andere Schutz, der viel dreister dachte, bestieg kalt einen Eckstein und sagte: "Ich erst, Herr, ich fahr' ihm gleich so in den Rachen!"

Es ist dieselbe Kuhnheit, womit oft ein Autor auf dem Papier, ausser dem gedachten grausamen Konig der Tiere, auch das kritische Katzengeschlecht angreift das Linne zur koniglichen Linie der Lowen zahlt , indem er Richterstuhle so kalt und kuhn, als warens gemalte Thronen, erschuttert und so im Allgemeinen Journale durch seine Vorreden schilt und fallt. Das kann ein Schriftsteller von Kraft. Ich meines Orts bin hierin vielleicht so vermessen wie einer und male mir ausdrucklich folgende Rezensenten-Katze hin, um frei und ungebunden mit ihr anzubinden und an ihr zu zeigen, was Mut tut.

Erstlich muss der Rezensent, der mir vorwerfen wird, ich ware zwei ganze Schalttage schuldig den nach dem 40sten und den nach dem 44sten Hundposttag , diese zweite Ausgabe gar nicht angesehen haben; die beiden Vorreden, womit ich sie bereichert habe, die erste und diese, gelten bei allen Verstandigen fur wahre Schalttage.

Zweitens halt mein Rezensent sich (kunftig) uber meine Schonung meiner Manier auf. Er hore aber jetzt den Philosophen (namlich mich): Manier ist an und fur sich weiter nichts als folgendes: das asthetische Ideal und Intregal wird, wie jedes, nur von einer unendlichen Kraft erreicht, wir aber mit unserer endlichen kommen ihm unaufhorlich naher, nicht einmal nah; Manier ist also, wie es der Philosoph nimmt, ein endlicher Spiegel der Unendlichkeit, oder der Ausdruck des Verhaltnisses, in welchem jede Temperatur und Saitenzahl irgendeiner gegebenen Aolsharfe mit der Partitur der unendlichen Spharenmusik steht, der sie nachzuklingen hat. Jedes Gewebe menschlicher Krafte gibt nur eine Manier, und hohere Geister wurden in Homer und Goethe wenigstens die menschliche finden; ja die hohere Engel-Hierarchie fande die niedere manieriert, der Seraph den Engel der Gemeine. Da ich aber nicht einmal ein gewohnlicher Engel bin geschweige ein Seraph : so wurde ein anderer Rezensent als der, der mich beurteilen wird, sogleich von vorne vorausgesetzt haben, dass ich eine Manier haben wurde. Und diese hab' ich offenbar. Aber noch mehr: da der Grad und das Verhaltnis unserer Krafte sich von Jahr zu Jahr verwandelt und mithin auch die Frucht und der Ertrag derselben, die Manier : so wirft leider gewohnlich die Manier des funfzigsten Jahrs sich zum Korrektor der Manier des funfundzwanzigsten auf; oder vielmehr, es geht eine heterogene Einkindschaft von Kindern zweier Ehen vor, bei welcher beide verlieren. Ein solches Simultan-Hysteronproteron ist noch arger, als wenn man die griechischen Statuen aus dem einen Winkelmannschen Kunstzeitalter nach den Statuen aus einem andern behacken und zuschleifen wollte. Giesse lieber ein reines flussiges Werk in deine jetzige Form, und treibe nicht erst das gegossene erhartete darein! Gesetzt auch, ich wurde kunftig kluger und anders, niemals wurd' ich den Greis auf den Jungling pfropfen.

Der Mensch halt sich im Konzertsaal des Universums, wenn nicht fur den Solospieler, doch fur ein Instrument darin anstatt fur einen einzigen Ton , wie denn der Furst sich fur ein Oberons- oder doch Parforcehorn ansieht der Poet fur ein Haberrohr der Autor fur ein Setzinstrument102 der Papst fur das Orgelwerk die Schone fur Bestelmeiers Handstahlharmonika oder fur eine Wachtelpfeife mein Rezensent fur eine Stimmpfeife und ich mich selber fur Malzels grosses Panharmonikon. Aber wir alle sind nur Tone, wie in Potemkins Orchester jede der 60 metallenen Floten nur einen Ton angab. Daher bin ich uber jede Individualitat, uber jede Manier als uber einen neuen Halbton in der Kirchenmusik der Wesen froh.

Drittens weiss ich nichts, woraus ich meines kunftigen Rezensenten Verlegenheit um sundige Materie zum Tadeln besser sehen kann, als dieses, dass er sich an solche jammerliche Kleinigkeiten halt in Zukunft , wie folgende augenscheinlich sind, dass ich z.B. diese Vorrede beigefugt, dass ich das Werklein in vier Hefte auseinandergebunden und durch dieses vierte Heft einem fruhern Besitzer und Bucherwurm den Bogenwurm103 der alten Ausgabe ganz unbrauchbar gemacht. Aus dergleichen Proben und Spruchen, womit mir ein solcher spartischer Ephorus Emerepes die vierte und hochste Saite nehmen will, die ich auf meiner Geige voll steigender Quinten aufziehe, mache sich der geneigte Leser einen Begriff, wie es mit dem Ganzen der Rezension aussehen mag. Ich schame mich fortzufahren.

Viertens find' ich uberall, wenn ein Autor sich in der Vorrede mit einem leichten Tadel, den er doch selber kaum glaubt, belegt, dass alsdann die Kritiker diesen Tadel sogleich akzeptieren und verdoppeln, wie die Romer einen Selbermorder, dem die Tat verungluckte, nachher ordentlich hinrichteten. Schlagt der gewitzigte Autor die Sache in ein anderes Fach und belegt sich vornen mit einigem Lob und nicht mit scheinbarem : so wird dieses gar nicht akzeptiert, geschweige verdoppelt. Da mag der Teufel Vorredner sein!

Inzwischen scheint er auch nur Rezensent zu sein und weniger ein schlauer als ein grober Gast. Viele und wirklich auffallende Unhoflichkeiten vergeb' ich aber meinem kunftigen Rezensenten gern, indes ich einem gallischen oder britischen nichts verziehe, weil er weiss, wie man mit Leuten umgeht. Ich spiele ihm selber in der Antikritik nicht sonderlich hoflich mit und ziehe nicht, wie der Landmann vor hohern Blitzen, die Mutze vor seinen ab. Die Richter sagen nach der Spezial-Rezension ohnehin zum Inkulpaten Du. Ein gelinder (kritischer) Winter ist ungesund fur den, den er betrifft. Ubrigens lauer' ich bloss darauf, dass ich beruhmt werde und Lorbeerblatter aufhabe: dann werd' ich so gut wie andre Zeitgenossen, die jetzt Lorbeerbaume aufgesetzt, nicht leiden, dass man mich tadelt; und wenige werden sichs unterfangen, so wie auch auf Gemalde, die mit Lorbeerol bestrichen worden, keine Fliegen fallen.

Funftens und letztens. Es ist bekannt, dass die verstorbene Schriftstellerin Ehrmann den Advokaten Ehrmann, als er eines ihrer Werke in der Strassburger Zeitung mit vielen Beifall aufgenommen und angezeigt, der Rezension wegen geheiratet hat. Will es der Redakteur eines Journals heimlich so karten, dass eine Mitarbeiterin desselben meine zweite Auflage des Hesperus (oder Venussterns) mit dem Beifalle aufnimmt und bekannt macht, den die erste ihrer Reize wegen allgemein erhalt; und will er mir nur einen Wink uber das Geschlecht meines Rezensenten zuspielen wobei aber darauf gesehen werden muss, dass die kritische Person sich noch im besten bluhenden Alter eines Rezensenten uberhaupt befinde, worin man das Feuer des Abend- oder Venussternes noch leicht empfinden und mitteilen und gunstig rezensieren kann, um so mehr, da schon in der Physik nur grunes Holz ein Leiter der elektrischen Flamme ist, durres aber ein Nichtleiter , will der Redakteur alles dieses besorgen und abtun: so macht sich der Verfasser dieser Antikritik mit seiner Namenunterschrift anheischig, der Mitarbeiterin sogleich nach Empfang der Rezension aufzuwarten und solche mit den gewohnlichen Zeremonien zu heiraten.

Hof im Voigtland, den 8. Jun. 1797.

Jean Paul Fr. Richter.

Neunter Schalttag

Viktors Aufsatz uber das Verhaltnis des Ich zu den

Organen

Viktor war ebensosehr dem ausschliessenden Geschmack in der Philosophie als in der Dichtkunst feind. In allen Systemen selber der Ketzer des Epiphanius und Walchs druckt sich die Gestalt der Wahrheit, wie im Tierreich die menschliche, wiewohl in immer kuhnern Zugen ab. Kein Mensch kann eigentlichen Unsinn glauben, obwohl ihn sagen. Sonderbar ists, dass gerade die konsequenten Systeme, ohne das Atomen-Klinamen des Gefuhls, am weitesten auseinanderlaufen. Die Systeme werfen, wie die Leidenschaften, nur im Fokalabstande den hellsten Lichtpunkt auf den Gegenstand; wie jammerlich lauft z.B. die grosse Theorie von der Selberbeherrschung aus dem Christentum in den Stoizismus dann in den Mystizismus dann in den Monachismus uber, und der Strom sickert endlich ausgedehnt im Fohismus ein, wie der Rhein im Sand! Die kantische Theorie hat mit allen folgerechten Systemen diese Versandung, und mit den unkonsequenten jenes Gefuhls-Klinamen104 gemein, das die vertrocknenden Arme wieder zu einer labenden Quelle zusammenfuhrt. Die zwei Hande der reinen Vernunft, die einander in der Antinomie zerkratzten und schlugen, legt die praktische friedlich zusammen und druckt sie gefaltet ans Herz und sagt: hier ist ein Gott, ein Ich und eine Unsterblichkeit!

Viktor befruchtete seine Seele vorher durch die grosse Natur oder durch Dichter, und dann erst erwartete er das Aufgehen eines Systems. Er fand (nicht erfand) die Wahrheit durch Aufflug, Umherschauen und Uberschauen, nicht durch Eindringen, mikroskopisches Besichtigen und syllogistisches Herumkriechen von einer Silbe des Buchs der Natur zur andern, wodurch man zwar dessen Worter, aber nicht den Sinn derselben bekommt. Jenes Kriechen und Betasten gehort, sagt' er, nicht zum Finden, sondern zum Prufen und Bestatigen der Wahrheit; wozu er sich allezeit von Bayle Schulstunden geben liess: denn niemand lehrt die Wahrheit weniger finden und besser prufen als Scharfsinn oder Bayle, der ihr Munzwardein, aber nicht ihr Bergmann ist.

*

Der Aufsatz

Schrieb' ich ihn in Gottingen: so konnt' ich ihn in Paragraphen und grundlicher machen, weil mich die Flachsenfinger nicht storten. Indessen muss er doch hier geschrieben werden, damit ich an mir selber einen Schirmherrn und Anwalt gegen die Hofjunker habe, die meinen Geist in meinen Korper verwandeln wollen.

Das Gehirn und die Nerven sind der wahre Leib unsers Ich; die ubrige Einfassung ist nur der Leib jenes Leibes, die nahrende und schirmende Borke jenes zarten Marks. Und da alle Veranderungen der Welt uns nur als Veranderungen jenes Markes erscheinen: so ist die Mark- und Bleikugel mit ihren Streifen die eigentliche Weltkugel der Seele. Der umgekehrte Nervenbaum entspriesset aus dem geschwollnen Fotus-Gehirn wie aus einem Kerne, dem es auch ahnlich sieht, und steigt mit Sinnen-Asten als Rukkenmarkstamm empor bis zum zergliederten Gipfel des Pferdeschweifs. Dieses markige Gewachs ist auf den Adernbaum wie eine zehrende parasitische Pflanze geimpft. Und wie jeder Zweig ein kleinerer Baum ist, so sind denn das alles ist nicht Ahnlichkeit des Witzes, sondern der Natur die Nervenknoten vierte Gehirnkammern im kleinen. Die Nerven-Enden blattern sich ausgebildet auf der Netzhaut, auf der Schneiderischen Haut, in der Geschmackknospe etc. zu Bluten auf. Daher wird z.B. nicht mit dem Fortsatze des Sehnervens gesehen, sondern mit seiner zarten Staubfaden-Zerfaserung; denn die grosse wankende Gemaldegalerie auf der Netzhaut kann unmoglich durch eine Bewegung des Nervengeists (oder was man nehmen will denn auf Bewegung lauft es doch hinaus) sich zuruckschieben ins Gehirn, wobei noch dazu die zwei Galerien der zwei Augen durch die zwei Zinken des Sehenervens durchrucken und in dessen Stiel zu einem Gemalde zusammenfallen mussten.

Folglich muss das Bild im Auge, Ohre etc., wenn es zu etwas dienen soll, vorn an der Spitze des Nervens empfunden werden mit einem Wort, es ist noch narrischer, die Seele in den Zwinger der vierten Gehirnkammer, d.h. in einen Porus dieses Knollengewachses zu sperren, als es ware, wenn einer, der, wie ich, ein beseelendes Ich in die Blume setzt, dasselbe ins Erdstockwerk des dumpfen Kerns heftete. Lieber wollt' ich die Seele doch in das feinste Honiggefass der Sinnen, in die Augen, verlegen als ins unempfindlichere Gehirn, wenn ich nicht uberhaupt glaubte, dass sie wie eine Hamadryade jedes Nervenastchen dieser Tierpflanze bewohne und warme und rege. Der unterbundene oder durchschnittene Nerve bringt zwar keine Empfindung mehr zu, aber nicht wegen unterbrochenem Zusammenhang mit der Seele und ihrer WohnGehirnkammer, sondern weil ihm der nahrende Lebensgeist abgeschnitten ist; denn die Nerven brauchen wie alle feinere Organisationen so sehr fortdauernden Kost-Zuguss, dass der stockende Herz- und Arterienschlag in einer Minute alle ihre Krafte aufhebt.

Ich gehe weiter und sage um zwei Irrtumern zu widersprechen vorher heraus: die Organe empfinden nicht, sondern werden empfunden; zweitens die Organe sind nicht die Bedingung alle Empfindung uberhaupt, sondern nur einer gewissen.

Das letzte zuerst: da das Organ (d.h. seine Veranderung), das so gut ein Korper ist als irgendein grober Gegenstand, dessen seine jenes an die Seele legt, dennoch von dem geistigen Wesen unmittelbar und ohne ein zweites Organ empfunden wird: so mussen alle korperliche Wesen dem geistigen so gut Empfindungen geben als die Nerven, und eine unverkorperte Seele ist nur darum nicht moglich, weil sie im Falle des abgeloseten Korpers alsdann das ganze materielle Universum als einen plumpern truge.

Meine erste Behauptung war: man sollte nicht sagen empfindende Organisation, sondern empfundene. Die Nerven empfinden nicht den Gegenstand, sondern verandern nur den Ort, wo er empfunden wird, und ihre Veranderungen und die des Gehirns sind nur Gegenstande des Empfindens, nicht Werkzeuge desselben oder gar es selber. Aber warum?

Ich habe mehr als ein Darum. Ein Korper ist nur der Bewegung fahig, ob sie gleich freilich nur der Schein der gedachten Zusammensetzung und das Resultat der in einfache Teile verhullten Krafte ist. Die Saite, die Luft, die Gehorknochelchen, die Gehornerven erzittern; aber die Erzitterung der letzten erklaret so wenig das Empfinden eines Tons, als das Erzittern der Saite es konnte, wenn die Seele an diese gekettet ware. So ist trotz aller Bilder im Auge und Gehirn das Ersehen derselben doch noch ungetan und unerklart; oder ist wohl darum, weil die Sinne Spiegel voll Bilder sind, etwan das geistige Auge entbehrlich oder ersetzt? Und setzt die Veranderung des Nervens nicht eine zweite in einem zweiten Wesen voraus, wenn sie soll bemerkt werden? Oder stellet sich in diesem Wesen wieder eine Bewegung die Bewegung vor?

Dieses bringt mich aufs Gehirn. Dieser grosste und grobste Nerve der Resonanzboden aller andern halt der Seele die Schattenrisse derer Bilder vor, die von den andern zugefuhrt wurden. Im ganzen, glaub' ich, dient das Gehirn mehr den Muskelnerven, den Glieder-Zugeln, die da in der Hand der Seele zusammenlaufen, und mehr allen uberhaupt als nahrende Wurzel; aber weniger dient es als Reisszeug der malenden Seele. Da unsere meisten Vorstellungen auf grundierende Gesichtbilder aufgetragen sind: so denken wir wahrscheinlich mehr mit dem Sehnerven als mit dem Gehirn. Warum bemerkte Bonnet, dass tiefes Denken die Augen und scharfes Sehen das Gehirn ermude? Warum stumpfen gewisse Ausschweifungen zugleich das Gedachtnis und die Augen ab? Die ausserhalb des Auges gaukelnden Fieberbilder der Kranken und der lebhaften Menschen wie Kardan, der im Dunkeln sah, was er feurig dachte, erklaren sich aus meiner Vermutung.

Uber das Gehirn hat man zwei Irrtumer; aber der Himmel bewahre meine Freunde nur vor dem einen. Denn vor dem andern kann sie Reimarus bewahren, der recht erwiesen hat, dass das Gehirn keine Aolsharfe mit zitternden Fibern, noch eine dunkle Kammer mit geschobnen Bildern ist, noch eine Spielwelle mit Stiften fur jede Idee, die der Geist umdreht, um an sich seine Ideen ab- und vorzuorgeln. Ist nun nicht einmal die vorherbestimmte Harmonie des Gehirns und des Geistes oder das Akkompagnement beider begreiflich: so ist die Identitat derselben gar unmoglich; und eben vor diesem Irrtum hat eben der oben gedachte Himmel meine Freunde zu bewahren. Der Materialist muss erstlich alles das aufstellen, was Reimarus umgestossen hat; er muss im Gehirnbrei die Millionen Bilderkabinetter von 70 Jahren versteinern und doch wieder wie Eidophysika beweglich machen und die gemischten Karten-Bilder an jede Terzie austeilen; er muss darauf sehen, dass diese beseelten tanzenden Bilder in Reih und Glied gezwungen werden. Und dann geht doch seine Not erst recht an; denn nun muss er wenn wir ihm auch zugeben, dass die Bilder sich selber sehen, die Gedanken sich selber denken, dass jede Vorstellung alle andere und sogar das Ich, wie eine Monade das All, dunkel nachspiegle, und dass sonach jede Idee eine ganze Seele sei nun muss er (sagen wir) erst einen Generalissimus herschaffen, der dieses unermessliche fluchtige Ideenheer kommandiere und stelle, einen Setzer, der das Ideen-Buch nach einem unbekannten Manuskripte setze und, wenn Traume, Fieber, Leidenschaften alle Schriftkasten ineinandergeschuttet haben, alle Buchstaben wieder alphabetisch lege. Diese regelnde Einheit und Kraft ohne welche die Symmetrie des Mikrokosmus so wenig wie des Makrokosmus, der vorgestellten Welt so wenig wie der wirklichen zu erklaren steht nennen wir eben einen Geist. Freilich ist durch diese unbekannte Kraft weder die Entstehung noch die Folge der Ideen vermittelt und erklart; aber bei der bekannten der Materie, bei der Bewegkraft, ists nicht bloss unbegreiflich, sondern gar unmoglich; und Leibniz kann leichter die Bewegung aus dunkeln Vorstellungen erklaren, als der Materialist Vorstellungen aus Bewegungen. Dort ist die Bewegung nur Schein und existiert nur im zweiten betrachtenden Wesen, aber hier ware die Vorstellung Schein und existierte im zweiten vorstellenden Wesen.

Ich habe oft mit Weltleuten, die gut beobachten und elend schliessen, mich gezankt, weil sie bei der kleinsten Abhangigkeit der Seele vom Korper z.B. im Alter, Trunke etc. die eine zum blossen Repetierwerk des andern machten; ja ich habe sogar gesagt, kein Tanzmeister sei so dumm, dass er so schlosse: "Weil ich in bleiernen Schuhen plump, in holzernen flinker und in seidnen am besten tanze: so seh' ich wohl, dass die Schuhe mich mit besondern Springfedern aufschnellen; und da ich kaum mit bleiernen Schuhen aufkann, so bracht' ichs barfuss nicht zu einem einzigen Pas." Die Seele ist der Tanzmeister, der Korper der Schuh.

Wir fassen keine Einwirkung weder von Korpern auf Korper noch von Monaden auf Monaden; mithin eine von Organen auf das Ich noch minder. Dieses wissen wir, dass die Kohasion und Gutergemeinschaft zwischen Leib und Seele immer einerlei oder hochstens in den Zeiten grosser ist, wo sie andere kleiner vermuten; denn der grosste Tiefsinn, die heiligsten Empfindungen, der hochste Aufschwung der Phantasie bedurfen gerade das wachserne Flugwerk des Korpers am meisten, wie auch seine darauf kommende Ermattung es verburgt; je unkorperlicher der Gegenstand der Ideen ist, desto mehr korperliche Hand- und Spanndienste sind zu dessen Festhaltung vonnoten, und hochstens in die Zeiten der dummen Sinnlichkeit, der geistigen Abspannung, des dunkeln Blodsinns musste man die Zeiten der Loskettung vom Korper fallen lassen. Sogar die moralische Kraft, womit wir aufschiessende uppige Triebe des Leibes niedertreten, arbeitet mit korperlichem Brech- und Handwerkzeug; und die Seele bietet hier bloss das Gehirn gegen den Magen auf. Dazu kommt, dass die Grenzen und die Hindernisse einer solchen Losfesselung und Ankettung ebensowenig anzugeben waren als die Ursachen derselben. Noch weniger konnen, wie einige meinen, im Traume die Bande der Seele schlaffer und langer werden. Der Schlaf ist die Ruhe der Nerven, nicht des ganzen Korpers. Die unwillkurlichen Muskeln, der Magen, das Herz arbeiten darin fort, nicht viel weniger als im wachenden Liegen. Nur die Nerven und das Gehirn, d.h. das Denken und Empfinden stocken. Daher erquickt der Schlummer reitende und fahrende Menschen, die also mit nichts als den Nerven ruhen. Daher werden Nervenschwache, die jede Ruhe abmattet, vom traumlosen Schlaf erfrischt. Beilaufig: ohne die Theorie der Desorganisation, die negative und positive Nerven-Elektrizitat annimmt, sind die Meteore des Schlafes unerklarlich z.B. unerklarlich ist dann, warum gerade Opium, Wein, Manipulieren, Tierheit, Kindheit, Plethora, nahrhafte Kost, Geruche auf der einen Seite Schlaf befordern; und doch Tortur, Ermattung, Alter, Massigkeit, Gehirndruck, Winter, Blutverlust, Furcht, Gram, Phlegma, Fett, geistige Abspannung ihn auf der andern auch erregen. Hochstens im tiefen Schlafe, wo der Nervenkorper ruht, konnte man die Seele vom Irdischen losgekettet denken; im Traum hingegen eher enger angeschlossen, weil der Traum so gut wie das tiefe Denken, das wie er die funf Sinnenpforten abschliesst, ja kein Schlafen ist. Daher zehren Traume die Nerven aus, zu deren innern Uberspannungen jene noch aussere Eindrucke gesellen. Daher verleiht der Morgen dem Gehirn und dem Traum gleiche Belebung. Daher geht dem schlafende Tiere ausgenommen dem weichlichen zahmen Hund das ungesunde Traumen ab. Daher gibt schon Aristoteles ungewohnliche Traume fur Vorlaufer des Krankenwarters aus. Daher hab' ich jetzt getraumt genug und der Leser geschlafen genug.

37. Hundposttag

Der Amoroso am Hofe Praliminarrezesse der

Hochzeit Rettung des hoflichen Krummens

Am Morgen nach jener grossen Nacht nahm Viktor von dieser geweihten Graberde seiner schonsten Tage mit unverhullten Tranen Abschied. Er sah sich oft um nach diesen Ruinen seines Palmyra, bis nichts davon ubrig stand als der Bergrucken als Brandmauer. "Wenn du nach vier Wochen wieder hieher gehest," dachte er, "so ists nur, um dem Todesengel zuzusehen, wie er deinen Emanuel auf den Altar und unter das Opfermesser legt." Er sagte sichs, wie teuer er dieses Laubhuttenfest durch den Tod eines Freundes bezahle; und wie dieser ohne einen solchen Ersatz einen ebenso grossen Verlust erleide. Denn er fuhlte, dass das furchterliche Wort "Schurke" als eine ewige Felsenwand zwischen ihre auseinandergeteilten Seelen nun getreten sei. Er stellte sich zwar vor und recht gern, was den vergangnen Freund lossprach, besonders die Verhetzung durch Matthieu und Flamins Zuhorchen, als er Klotilden ewige Liebe zuschwor; ja er verfiel sogar darauf, dass der Evangelist den armen Flamin vielleicht besondere (die vom Apotheker vorgeschlagnen) Beweggrunde einer Liebe, durch deren Gegenstand die Gunst des Fursten festzumachen war, weit im Hintergrunde sehen lassen aber sein Gefuhl sagte ihm unaufhorlich: "Er hatte doch nicht glauben sollen! Ach hattest du mich doch" (sagte er geruhrt bei der Erblickung der Stadt) "mit Kugeln oder mit andern Schmahungen durchbohrt, damit ich dir hatte leicht vergeben konnen! Aber gerade mit diesem fortfressenden Giftlaute!" Er hat recht; die Beleidigung der Ehre wird darum nicht kleiner, weil sie der andere aus voller Uberzeugung des Rechts begeht. Denn die Uberzeugung ist eben die Beleidigung; und die Ehre eines Freundes ist etwas so Grosses, dass die Zweifel an ihr fast nur durch eigenes Gestandnis entstehen durfen. Aber so werden aus kleinen Verhehlungen leicht Trennungen, wie aus Nebeln im Marz Gewitter im Julius. Nur eine vollendete edle Seele vermag es, den gepruften Freund nicht mehr zu prufen zu glauben, wenn die Feinde des Freundes leugnen zu erroten wie uber einen unreinen Gedanken, wenn ein stummer verfliegender Argwohn das holde Bild beschmutzt und wenn endlich die Zweifel nicht mehr zu bezwingen sind, diese noch lange aus den Handlungen fortzuweisen, um lieber in eine kameralistische Unvorsichtigkeit zu fallen als in die schwere Sunde gegen den heiligen Geist im Menschen. Dieses feste Vertrauen ist leichter zu verdienen als zu haben.

Im larmenden Hammer- und Muhlenwerk der Stadt war ihm wie in einer oden Waldung. An zarte Seelen verwohnt, kamen ihm die stadtischen alle so stachlicht und ungeschliffen vor; denn die Liebe hatte wie die Tragodie seine Leidenschaften gereinigt, indem sie solche erregte. Alles hing so verfallen, so verraset zum Einbrechen heruber, indes die reinen Spiegelwande in Maienthal fest und glanzend aufstiegen. Denn die Liebe ist das einzige, was das Herz des Menschen bis an den Rand vollgiesset, wiewohl mit einem bald einsinkenden Nektar-Schaume; sie allein fasset ein Gedicht von etlichen tausend Minuten ab ohne den klirrenden R-Buchstaben, wie der Dominikaner Cardone uber sie ein ebenso grosses Gedicht unter dem Namen: L'R sbandita ohne ein einziges R verfertigte daher ist sie wie die Krebse in den Monaten ohne R am schonsten.

Das erste, was er in Flachsenfingen zu machen hatte, war ein Brief an Klotilde. Denn da nun der Evangelist Matthieu aller Wahrscheinlichkeit nach in alle Welt ausgehen und das Evangelium vom SchussZweikampf der beiden Freunde allen Volkern predigen wird: so war nichts anders fur den heiligen Ruf seiner Geliebten zu tun, als sie in eine Braut zu verwandeln durch eine offentlich erklarte Verlobung. Flamins neues Ereifern konnte gegen Klotildens Rechtfertigung in keine Betrachtung kommen. Der Ausruf "Du bist mein Bruder", den die Konvulsionen der Angst Klotilden entrissen hatten, war naturlich fur Flamin unbegreiflich und ohne Wirkung geblieben; fur den lauernden Matz aber war er ein herrlicher Kernspruch und ein dictum probans seines Lehrgebaudes von ihrer Verschwisterung geworden. Im Briefe also ging Viktor seine Freundin um die stumme Erlaubnis zu seinem Werben an; er uberliess es ihr schweigend, die uneigennutzigsten Beweggrunde seiner Bitte zu erraten.

Er erschien jetzt auf dem Kriegschauplatz der Seelen, von dem man selten eine genaue Karte erwischt, am Hofe; seinem mit Paradiesen angefullten Herzen kamen sogar die Zimmer vor wie Glaskasten einer ausgebalgten Voliere, die man mit Streuglanz, Konchylien und Blumen ubersaet, und die lebendigen Stucke der Zimmer wie getrocknetes, mit Arsenik oder Holz ausgestopftes Gevogel; durch die Schlangen war Draht gefuhrt, wie durch die Schwanze der grossen Tiere, und die Baumlaufer am Thron standen auf Draht. So sehr wurde er bloss durch das Pfingstfest der Gegenfussler von uns, die wir bei kalterm Blute das Erhabene und Edle eines Hofs leicht bemerken. Das Neueste, was er da horte, war, dass der Furst in Gesellschaft der Furstin zum Gesundbrunnen in St. Lune abreise, um die gichtbruchigen Fusse, wie jene die Augen, heil zu baden. Viktor war wirklich nicht ganz tolerant, da er bei sich dachte: "Wenn ihrs nicht besser haben wollt, so geht meinetwegen zum T-." Das Paulinum war fur ihn ein Schlachthaus und jedes Vorzimmer eine Marterkammer; der Furst behandelte ihn nicht hofisch-hoflich, sondern kalt, welches ihm desto weher tat, da es bewies, er habe ihn geliebt die Furstin stolzer bloss Matthieu, der mit Leuten am liebsten sprach, die ihn todlich hassten, hatte ein Gesicht voll Sonnenschein. Von diesem und von seiner Schwester und einigen Ungenannten hatt' er leichtes Schlangengift der Persiflage uber seinen Zweikampf einzunehmen und zu verwinden, das wohl der Magen wie anderes Schlangengift verdaut, das aber, in Wunden gesprutzt, das Lebensblut aufloset. Gerat denn nicht sogar mein Korrespondent in Eifer und schickt mir seinen Eifer durch meinen capsarius105, den Spitzhund, zu und sagt: "Es bleibe doch einer einmal kalt, der warm ist, namlich verliebt, und den noch nicht der Tod kalt gemacht, er verbleib' es, sag' ich, vor dem stechenden Lacheln einer Hof-Schwesterschaft uber seine empfindsame Liebe, zumal vor solchen hohern Damen, die Gottheiten sind, auf deren cyprischem Altar allemal (wie bei den Skythen) der Fremde geopfert wird, und denen (wie die Gallier von ihren Gottern glaubten) Ubeltater, Roues, Orleans die liebsten Opfer sind! Oder er hore sich, wenn er auch das hinnimmt, gelassen von einem Evangelisten uber seine Liebe persiflieren, der darin folgende Grundsatze erfindet und einkleidet: 'La decence ajoute aux plaisirs de l'indecence: la vertu est le sel de l'amour; mais n'en prenez pas trop. J'aime dans les femmes les acces de colere, de douleur, de joie, de peur: il y a toujours dans leur sang bouillant quelque chose qui est favorable aux hommes. C'est la ou la finesse demeure courte, qu'il faut de l'enthousiasme. Les femmes s'etonnent rarement d'etre crues faibles; c'est du contraire qu'elles s'etonnent un peu. L'amour pardonne toujours a l'amour, rarement a la raison.' Glucklich sind" (seufzet Knef) "Widersacher, die einander prugeln durfen."

Der Evangelist warf einen beizenden Tropfen auf Viktors Herznerven, da er, trotz seiner Wissenschaft um Flamins adelige Abstammung, ihn damit aufzog, "dass er wie ein neufranzosischer Aquilibrist der Freiheit sich mit Burgerlichen zwar nicht vermahle, aber doch schiesse". Und es ging ihm durch die Seele, seinen ausgestohlnen Freund so sehr an Freunden verarmt zu sehen, dass dieser Matthieu der letzte und der Stammhalter war, der sich nicht einmal vor Viktor die Muhe gab, in den hohern Zirkeln die Rolle eines Freundes von Flamin zu nehmen und fortzuspielen. Einem guten Menschen wird das weiche Herz gleichsam in eine Quetschform eingeschraubt, wenn er vor Leuten stehen muss (wie hier Viktor vor so vielen), die ihn hassen und beleidigen anfangs ist er heiter und kalt und freuet sich, dass er sich nichts darum schiert aber er rustet sich unwissend mit immer mehr Verachtung, um der Beleidigung etwas entgegenzustellen endlich meldet sich der Anwachs der Verachtung durch das unbehagliche Gefuhl der entfliehenden Liebe und des eindringenden Hasses an, und das bittere Scheidewasser ergreift und zerfrisst sein eignes Gefass, das Herz. Dann werden die Schmerzen so gross, dass er die alte Menschenliebe, die das warme Element seiner Seele war, wieder in Stromen in den Busen rinnen lasst. Bei Viktor kam noch etwas zur Erbitterung seine Erweichung; man ist nie kalter als nach grosser Warme, so wie Wasser nach dem Kochen eine grossere Kalte annimmt, als es vorher hatte. Liebe, Rausch und zuweilen die aus dem Anblick der Natur getrunkne Begeisterung machen uns gegen unsere Lieblinge zu gut, und gegen unsere Gegenfussler zu hart. Als nun Viktor in dieser bittern Laune neben einem Spieltisch zusah und uber die ganze Assemblee sich innerliche Vorlesungen hielt, lectures upon heads106, wo er sich statt der Kopfe aus Pappendeckel bloss mit dickern behalf: so fiel durch die Erinnerung an die stille Menschenbildung, womit Klotilde sich in eben diese Menschen ihren Eltern zu Liebe bequemet hatte, der ganze Eispanzer, der sich um sein Herz wie um eine Blume gelegt hatte, zerflossen herab, und sein erwarmtes Herz sagte mit der ersten heutigen Freude: "Warum hass' ich denn diese ebenso gequalten als qualenden Gestalten so hart? Sind sie nur meinetwegen? Haben sie nicht auch ihr Ich? Mussen sie sich mit diesem mangelhaften, gepeinigten Selbst nicht durch die ganze Ewigkeit schleppen? Wird nicht jeder von irgendeiner fremden Seele noch geliebt? Warum willst denn du nur Stoff zum Abscheu an ihnen sehen und aus jeder Miene, aus jedem Laute Saure ziehen? Nein, ich will die Menschen bloss lieben, weil sie Menschen sind" Jawohl! die Freundschaft kann Vorzuge begehren, aber die Menschenliebe bloss Menschengestalt. Daher haben wir eben alle eine so kalte, eine so wechselnde Menschenliebe, weil wir den Wert der Menschen mit ihrem Recht vermengen und nichts an ihnen lieben wollen als Tugenden.

Unserm Viktor wurde so leicht wie nach einem Gewitter; das Bitterste, womit uns Beleidigungen angreifen, ist, dass sie uns zu hassen notigen. Auf der andern Seite fuhlte er jetzo, wie unrein unser fur Tugend ausgegebener Widerstand gegen Schlimme sei, und wie sauer es selber einer edeln Seele werde, Feinde zu bekampfen, ohne sie anzufeinden; denn dieses ist noch schwerer, als sie zu beglucken und zu beschutzen, ohne sie zu lieben.

So strichen einige Wochen unter seinen erzwungnen Landungen am feindlichen Hofe voruber denn die Bitte seines Vaters beherrschte sein Herz und unter vergeblichen Hoffnungen auf Klotildens Entscheidung und unter tranendem Zurucksehnen in die innehaltenden Tage der Liebe und in die verheerten Tage der Freundschaft. Klotildens Schweigen willigte aber eben in seine Ankunft ein; doch meldete er ihr durch einen zweiten Brief noch zum Uberfluss den Tag derselben. Ubrigens wurde ihm so an den Thron wie an eine Saule zum Geisseln gebunden, so aus allen Gegenstanden seiner Liebe herausgeschleudert, so auf nichts geheftet als auf eine von weitem donnernde Zukunft, in der sein Emanuel nach vierzehn Tagen unter die Erde einsinkt und seine Klotilde in tausend Schmerzen die Gegenwart schwul und eng. Um ihn ging ein unreifes Gewitter herum, und wie an den Tag und Nachtgleichen ruhten die Wolken unbeweglich wie ein grosser Nebel uber ihm, und das verborgne Arbeiten im hohen Gewolke des Schicksals hatte noch nicht das Zusammenfliessen in Tranen entschieden oder das Zerteilen in Blau.

Endlich ging er nach St. Lune... Wahrlich nur wehmutigbegluckt! O! konnt' er auf den Luner Fusssteig blicken oder auf das Pfarrhaus, das die Buhnen der begrabnen Freundschaft bedeckte, ohne das Auge uberfliessend abzuwenden, ohne daran zu denken, wie viel eitler das Lieben als das Leben der Menschen sei, wie das Schicksal gerade die warmsten Herzen zur Zerstorung der besten anwende (so wie man nur Brennspiegel zum Einaschern der Edelsteine gebraucht), und wie manche stille Brust nichts ist als der gesunkne Sarg eines erblassten geliebten Bildes? Es ist ein namenloses Gefuhl, einen Freund lieben zu wollen aus Erinnerung und ihn fliehen zu mussen aus Ehre: Viktor wunschte, er durfte seinem betorten Liebling vergeben; aber vergeblich: das arsenikalische Wort, das mich in seinem Namen schmerzt, blieb trotz aller, aller versussenden Safte, mit denen ers einwickelte, doch unaufgeloset und fressend und todlich in seiner Seele liegen. Guter Flamin! ein Fremder konnte dich lieben, ich z.B., aber dein Jugendfreund nicht mehr!

Viktor schritt zogernd vor dem Bilder- und Musiksaal seiner nachgespielten und nachgetonten Kindheit vorbei, vor dem Pfarrhaus, desgleichen vor der scheuernden Apollonia, die er gern tiefer grusste, als sein Stand zuliess, und vor dem alten Mops, der sich in keinen Familienzwist einmengte, sondern ihn freimutig mit dem Schwanz invitierte. Nicht sein Stolz hielt ihn ab, die (vorgeblichen) Eltern seines Widersachers zu besuchen, sondern die Angstlichkeit tats, die ihn besorgen liess, die guten Menschen wurden sich vielleicht vor ihm im verlegenen Kampfe zwischen Hoflichkeit, zwischen alter Liebe und neuem Groll abqualen. Aber er beschloss, durch einen Brief an die edelmutige Pfarrfrau seine Liebe zu befriedigen und ihre Empfindlichkeit.

Dann trat er vor seine Geliebte! Ich hab' es vorvorgestern unter dem Lesen der deutsch-franzosischen Geschichte, wo bekanntlich auch der gekronte Name Klotilde regiert, an den verdoppelten Schlagen meines Herzens gemerkt, wie mir erst sein wurde, wenn ich diese Klotilde, die ich seit drei Vierteljahren gelobt habe, vollends gar sahe; denn dass Knef so wie der Hund keine Spitzbuben sind, und dass die ganze Historie nicht bloss vorgefallen ist, sondern auch noch vorfallt, erseh' ich aus hundert Zugen, die wohl keine Phantasie erfinden kann. Wurde der Biograph der Heldin ansichtig: dann entstande nichts als ein neues Heft und ein neuer Held, welcher ich ware....

Sie war krank; jener Abend war wie ein Stossvogel auf ihr Herz gefahren und hatte die blutigen Krallen noch nicht herausgezogen. Ihre Seele schien nur der Engel zu sein, der die entseelte Hulle eines Frommen hutet. Der Kammerherr begegnete dem Hofmedikus, als ob er von keinem Duellieren wisse. Was sonst Mutter tun, tat der Vater: er vergab jedem, der von Stande war und der die Tochter wollte. Der Antrag, den ihm Viktor endlich machte, frappierte ihn nur, weil er bisher gedacht hatte, dieser verschieb' ihn bloss wegen der Ungewissheit uber Klotildens Erbschaft und Verwandtschaft. Seine Antwort bestand in unendlichem Vergnugen, in unendlicher Ehre etc. und andern Unendlichkeiten; denn bei ihm war alles eine; daher auch Platner mit Recht behauptet, der Mensch konne im Grunde bloss das Endliche nicht denken. Le Baut hatte die Tochter hergegeben, wenn er auch nicht gewollt hatte; er konnte ins Gesicht nichts abschlagen, nicht einmal eine Tochter. Auch konnte keiner kommen und um Klotilden ansuchen, der nicht in irgendeines seiner Projekte (seine vier Gehirnkammern lagen bis an die Decke davon voll) hineingepasset hatte. Naturlicherweise war ihm also ein Schwiegersohn jetzt am meisten erwunscht, da ihm etwan die Tochter gar mit Tod abgehen konnte, ohne dass er sie noch zu einem Springstab und Hebebaum seines Leibes gebraucht hatte und da ihm zweitens das DuellGerede das Herz anfrass; nicht als ob er nicht durch gesunde wurmformige Bewegungen die hartesten Dinge verdauet hatte, sondern weil er, wie gebildete Menschen ohne Ehre, bei kleinen Beleidigungen gern mit Larmkanonen und Feuertrommeln erschien, um sich das Recht zu erschleichen, bei vollstandigen, aber ergiebigen und mit Silberadern durchzognen Entehrungen mausestill dazuliegen. Das einzige, was der Kammerherr nicht gern sah, was er aber sogleich dadurch hob, dass er dem Hofmedikus das Wort (uber die Tochter) gab, das war, dass er vorher das namliche Wort (ingeheim) unserem Matz gegeben hatte. Da ihm der bald wiederkommende Lord mehr schaden und helfen konnte als der Minister: so brach er gern das alte Wort, um das neueste zu halten; denn nicht bloss den letzten Willen, sondern auch jeden kann der Mensch andern, wie er will, und wenn er ein Mann von Wort ist, so wird er gern ganz entgegengesetzte Versprechungen tun, um sich zum Halten zu notigen. Wenn das lugende Betragen des Kammerherrn nach solchen Entschuldigungen noch eine braucht: so hat er die fur sich, dass er gewiss hoffte, Klotilde werde, wenn er sein Ja gegeben, Nein antworten und statt seiner wagen und bussen. Wenigstens schutzte er diese Hoffnung bei seiner zornigen Gemahlin vor und verwies sie auf Klotildens ehemaliges Nein, das unserem Viktor so schwere Stunden aufgelegt, und auf ihre Unveranderlichkeit. Ich wunschte, man hatte nachher sein Gesicht in der Verfassung versteinern oder in Gips abgiessen konnen, in die es durch die Nachricht von Klotildens Ja geriet. Was konnte die Schwiegermutter, die Kammerherrin, die immer die Waffentragerin und Liguistin des Evangelisten war, weiter dabei machen als ein freundliches Gesicht und die Bemerkung: niemand ist schwerer zu regieren als ein Ehemann, den jeder regiert.

Die Formalien der Verlobung selber warteten auf die Zuruckkehr des Lords und auf andere Verhaltnisse. Lasset mich nichts sagen von der durch so viele Leiden veredelten Liebe dieses Paars. Wenn mit der Liebe sich gar die Menschenliebe noch vermahlt (welches mancher gar nicht verstehen wird); wenn im Atem der Liebe alle andere Reize des Herzens schoner werden, alle feine Gefuhle noch feiner, jede Flamme fur das Erhabne noch hoher, wie in der Feuer- und Lebenluft jeder Funke ein Blitz und jedes Johanniswurmchen eine Flamme wird; wenn beide Menschen einander selten mit den Augen, und oft mit den Gedanken begegnen; wenn Viktor ein Herz fast zu behalten scheuet, dem er soviel kostet, soviel dunkle Tage, soviel Sorgen und fast einen Bruder; und wenn Klotilde eben dieses zarte Scheuen errat und ihn fur ihre Leiden belohnt: dann ists unmoglich, vielen Menschen den Umriss einer solchen Atherflamme, geschweige die Farben derselben zu geben; fur wenige ists unnotig.

Gegen eine geliebte Person fangt in jedem neuen Verhaltnis, worein sie kommt, die Liebe wieder von vornen und mit neuen Flammen an, z.B. wenn wir sie in einem andern Hause oder unter neuen Personen finden oder als Reisende oder als Hauswirtin oder als Blumengartnerin oder als Tanzerin oder (das wirkt am meisten) als Verlobte. Das war Viktors Fall; denn von der Stunde an, wo der Wunsch der Neigung sich zu einem Gebot der Pflicht erhebt, und wo die teuere Seele sich und alle ihre Hoffnungen und den Zugel ihrer ganzen Zukunft in die geliebten Hande liefert, muss es in jedem guten Mannerherzen rufen: "Nun hat sie niemand auf der Erde mehr als dich nun sei sie dir heilig, o! nun schone und bewahre und belohne die liebe Seele, die an dich glaubt!" Viktor wurde von diesem Verhaltnis noch durch den Nebenumstand unaussprechlich geruhrt, dass eben diese Klotilde, diese feste stolze Ball- und Himmelkonigin, die mit so vielen Kraften und so unabhangig uber die mannlichen Schlingen und unter den mannlichen Lorbeerkranzen wegging, nun durch die Verlobung ihre Independenzakte mit sanftem Lacheln in Viktors Hande gibt und jetzo nichts mehr wunscht, als zu lieben und geliebt zu werden; fur dieses holde Beugen einer so grossen Gestalt wusste Viktor kein Opfer, keine Wunde, keine Gabe, die ihm gross genug geschienen hatte, es zu bezahlen. So muss man lieben; und jedes neue Recht und Opfer, das den gemeinen Menschen erkaltet, macht den guten warmer und zarter.

Obgleich Viktor durch die Rechte seiner neuen Verwandtschaft ein mehr einheimisches und bequemes Leben unter seinen Schwiegereltern fand: so tat es ihm doch wehe, dass er taglich die unvergesslichen Pfarrleute in ihrem Garten sehen musste, und doch durch das eiserne Stabgelander des vorigen Duells und der jetzigen Verlobung von ihren Herzen abgeloset blieb. Daher musst' er auch die Briten und ihren fortwahrenden Klub entbehren. Le Baut fand es aber vorsichtig: "denn man wisse von sicherer Hand, es seien Jakobiner und verkappte Franzosen."

Aber Klotildens Seele konnte den erratenen tiefen Schmerz ihrer Freundin, der Pfarrerin' nicht langer tragen; sie bestellte sie durch ein Blattchen zu einem Spaziergange. An der Warte trafen sich beide; und Viktor sah mit innerster Ruhrung, wie Klotilde sogleich die Hand seiner altesten Freundin nahm und sie auf dem ganzen Weg nicht mehr aus ihrer gab.

Klotilde kam wieder mit einem froh erhelleten Angesicht und mit Augen, die sehr geweinet hatten, und mit himmlischen Zugen, in denen eine unnennbare, nicht sowohl heissere als weichere Liebe glanzte. Erst spat war sie ihrer Ruhrungen machtig genug, um Viktor etwas von der Unterredung mitzuteilen: denn ich glaube zu erraten, dass es nicht alles war. Die Pfarrerin erzahlte Klotilde empfing sie mit einer Miene voll druckender Schmerzen, aber weder mit Kalte noch Verdacht. Beide konnten anfangs gar nichts als weinen und sprachen nicht; Klotilde war noch mehr erweicht, und ihre Tranen flossen noch fort, als sie anfing, ihre Verlobung zu erzahlen. Sie legte die Hand ihrer Freundin auf ihr Herz und sagte: "Jetzo wird unsere Freundschaft hart gepruft. Ich glaube an die Ihrige fort glauben Sie an meine. O bleibe, teure Freundin, nur diesesmal fest! Schwere Geheimnisse, uber die ich kein Recht und wenig Aufschluss habe, bringen uns alle diesen grausamen Missverstandnissen so nahe. Nur diesesmal vertrauen Sie fest, dass ich und Sie so wenig unser Verhaltnis gegeneinander andern wie unsern Charakter." Hier sah die Pfarrerin sie mit einem grossen Blicke, in dem noch die alte Liebe fur Viktor nachglimmte, an und umarmte sie denn auf einmal mit trocknen Augen und mit diesen Worten: "Ja, ich vertraue auf Sie, tun Sie, was Sie wollen, und blieb' ich zuletzt die einzige Seele." Der letzte Zusatz hatte zu einer andern Zeit Klotilden beleidigt; ach jetzt konnt' ers nicht; o sie war froh, dass sie etwas zu verzeihen hatte.

Nach der Erzahlung sagte sie ihrem Freunde, sie unternehme vielleicht, falls die Unsichtbarkeit und das Schweigen des Lords noch langer dauere, lieber die muhsame Reise zu ihrer und Flamins Mutter nach London, um diese als die Auflosung aller dieser gefahrlichen Ratsel nach Deutschland zu bereden. Ach konnte Viktors aufopferndes Herz eine Einwendung gegen fremde Aufopferungen machen? Nein! sein Kummer wurde verdoppelt, aber auch seine Achtung und Liebe.

In dieser Lage kam an Klotilde ein kleiner Brief von Emanuel:

"Gestern abends kam mein Julius mit einem Korb voll Gartenerde zu mir und bat mich um Blumentopfe und um Hyazinthen, weil er fur beide die Erde bringe. Er hatte den Boden fur seine Blumen von dem Hugel deiner Giulia geholt. Ich nahm sein weiss- und rotbluhendes Angesicht, das der Federnelke mit dem roten Punkte gleicht, an meine Brust und sagte: 'Ach, wer wartet die Blumen des Menschen, wenn er voruber ist?' Und ich meinte auch ihn mit seiner zarten Blute, in welche der Schmerz nie seinen schweren Regen werfe! O Viktor und Klotilde, wenn mich die Lilien der Erde betauben und in den letzten Schlummer legen, so nehmet meinen blinden Julius auf, und diese Seele voll Liebe werde durch liebende Seelen behutet!

Klotilde! ich bitte oder wunsche jetzo von dir etwas, was du mir wohl schwerlich geben kannst. Ach komme am langsten Tage nach Maienthal, du schone Seele! Kann es dein Herz nicht ertragen? Hast du nicht deine Giulia bis an das blinde Tor des Grabes begleitet und da ihre Seele auffliegen sehen und ihren Korper niederfallen! O wenn du und dein Freund in der letzten Stunde, wo das Leben seine schillernden Pfauenspiegel zusammenfaltet und sie farbenlos und schwer in das Grab einsenkt, bei mir blieben als die zwei ersten Engel der kunftigen Welt! Denn in der Minute, wo die ganze Erde wie eine Rinde vom Herzen abbricht, hangt das nackte Herz fester an Herzen und will sich erwarmen gegen den Tod, und wenn alle Bande der Erde abreissen, so bluhen die Blumenketten der Liebe fort. O Klotilde! wie himmlisch schlosse sich vor deiner elysischen Gestalt mein Leben! Ich wurde schon entfesselt auf den Flugeln der Ewigkeit um dich schweben, um dich anzublicken, und ich wurde, wenn ich mit der atherischen Hand nicht deine Tranen nehmen konnte, dein schweres Herz mit einer fremden Entzuckung trosten! Ja, und wenn der Mensch im Vorhof der zweiten Welt erblindete, so wurde deine Gestalt wie ein nachleuchtendes Sonnenbild vor meinen geschlossenen Augen bleiben! O Klotilde, wenn du kamest! Ach, du kommst wohl nicht; und nur der Ewige, der die Stunden des zweiten Lebens zahlet, weiss, wenn ich dich wiedersehe auf der zweiten Erde und wie gross auf ihr die Schmerzen der Sehnsucht sind. Und so lebe denn wohl und ziehe, hohe Seele, deine Bahn unter den Wolken hindurch wenn ich deinen Freund erblicke, wirst du ruhrend vor mir stehen und wenn ich an seinem Herzen sterbe, werd' ich fur dich beten und zu Gott sagen: gib mir sie wieder, wenn auf ihrem Haupte der Blumenkranz der Erde gross genug ist oder die Dornenkrone zu gross! Klotilde, andre dich nie, und dann frag' ich das Verhangnis nicht: wie lange wird sie drunten lacheln, wie lange wird sie drunten weinen? Andre dich nie!

Emanuel."

*

Sie fielen beide einander sanft ans Herz und schwiegen uber ihre Gedanken; Emanuels Liebe verherrlichte die ihrige, und Viktor achtete seinen Freund und seine Freundin zu gross, um diese zu trosten. Er fragte sie gar nicht, wie sie Emanuels Bitten beantworte; er wusste, dass sie es versagen musse, weil sonst ihr Herz neben dem geliebten brache.

Da er endlich von ihr und St. Lune schied, und da sie daran denken musste, dass er in wenigen Tagen nach Maienthal gehe und da in ihren und seinen Augen Tranen standen, die mehr als einen Schmerz bezeichneten, und die nicht der Mensch abtrocknet, sondern der Tod oder Gott; so schauete Viktor sie unter dem Abschiede mit der stummen Frage an: "Sag' ich unserem Geliebten nichts?" Klotildens Seele blieb unter Lasten am meisten aufrecht, und sie erschien nie grosser als hinter Tranen, wie die Sterne am Himmel voll Regen lichter und grosser herankommen; sie sah gen Himmel, gleichsam fragend: "Konntest du, Allgutiger, uns so tief zerschlagen?" dann wog sie gepresset den schweren Schmerz dann fand sie ihn zu gross fur die Sprache und zu gross fur ihre Kraft und sie glaubt' ihn nicht mehr und sagte doppelsinnig mit nassen Augen und mit doppelsinnigem Lacheln: "Nein, Viktor, wir sehen uns ja alle einmal wieder!"

Viktor ging nicht lange vorher fort, eh' die zwei gekronten Badgaste mit einigem Gefolge ankamen. Ich bemerk' es mit ebenso wenigem Groll, als Viktor dabei empfand, dass Agathe, ungeachtet des mutterlichen Beispiels, ganz, erstlich von Viktor, d.h. vom Antipoden und Antichrist ihres geliebten Bruders, abfiel; zweitens von Klotilden noch mehr.

Es kann kund werden, dass ich den vorigen Brief Emanuels bloss darum in der ersten Auflage unterdruckte denn in meinen Handen hatt' ich ihn fruhe genug, so gut wie viele andere Dokumente dieser Historie, die gleichwohl (aus Grunden) niemals publizieret werden , weil ich besorgte, er ruhre; eine weiche Seele findet ohnehin zu viele Schmerzen in diesem Band! Allein eben darum wollen wir nichts aus der ersten Ausgabe weggeben, was scherzt, und ich fahre demnach fort:

Wir Leser wollen wie Viktor uns vom Kammerherrn beurlauben, der mit seinen halbaufrechten Augenbraunen bei der Nasenwurzel neigen sie einander sich in Gestalt des mathematischen Wurzelzeichens zu mit wahrer verbindlicher Hoflichkeit sich von uns trennt. Ich weiss, wenn wir fort sind, lasst er uns Gerechtigkeit widerfahren und macht zuviel aus uns; denn er verleumdet nie, weder aus Bosheit noch Leichtsinn, und wen er verleumdet, den hat er die ernsthafte Absicht zu sturzen, weil er lieber unglucklich als schwarz macht. Als ich ihn sich so bucken sah gegen uns: verfertigte ich in Gedanken eine halbe Satire auf ihn, wovon das Wahre und Ernsthafte das sein mag: dass die Menschen wirklich dazu erschaffen sind, sich so krumm zu machen, wie der spiritus asper ist. Ich baue eben nicht darauf viel, dass Geometer geschrieben haben, wenn die Gotter eine Gestalt annahmen, so musst' es die vollkommenste, die eines Zirkels sein; ich konnte zwar daraus folgern, ein krummer Rucken sei wenigstens eine Annaherung zur Gottergestalt, weils ein Bogen aus einem Zirkel sei aber ich mag nicht; denn das Physische ist Kinderei dabei und nur insofern von Belang, als es das innere Krummen und Kriechen der Seele teils anzeigt, teils (z.B. durch Verengerung der Brust) befordert. Sogar am Hofe wurde man das aussere Krummen erlassen, wenn man gewiss wissen konnte, dass das edlere, innere der Denkart da ware, ohne das Zeichen; denn da nach Kant Unterwurfigkeit und Niederschlagung unsers Eigendunkels die Foderung der reinern und der christlichen Moral ist: so muss einer, der gar keine moralischen Vorzuge hat, mit dem Selberbewusstsein davon noch tiefer nieder als zur Demut, die schon der Tugendhafte hat, er muss zu dem sinken, was ich ein edles Kriechen nenne. Ich gestehe, ich verachte die Ubung nicht, die darin die kleinen Regeln der Lebensart gewahren, die ja ohnehin nichts sein soll als die Tugend in Kleinigkeiten, die Regeln namlich, dass man sich buckt, wenn man widerspricht wenn man lobt wenn man eine Beleidigung erfahrt wenn man eine antut wenn man den andern buckt wenn man gerade eben des Teufels werden mochte. Aber gut ists, dass eine solche Tugend der Krummung ihre eigenen Exerzierplatze hat und nicht vom Zufall abhangt. Am Hofe wurde ein Mensch mit geradem Leibe und Geiste als hofisch-tot ausgeschossen werden, wie ein Krebs mit einem geraden Schwanze' den nur ein krepierter fuhret. Wenn sonst die Einsiedler niedrige Zellen erwahlten, um nicht aufrecht zu stehen: so braucht der Weltmann dies nicht; ihn drucken die hohen Speisesale, die Lusttempel, die Tanzsale desto tiefer nieder, je hoher sie sind. Es ware schlimm, wenn diese so wichtige Tugend der Niederbuckung erst eine besondere geistige oder korperliche Starke, die sich ja niemand geben kann, voraussetzte; aber gerade umgekehrt will sie nur Schwache haben, welches bei Pferden nicht so ist, die den Schwanz nicht mehr niederbringen, wenn dessen Sehnen abgeschnitten sind. Wenn die Pharisaer Blei in den Mutzen fuhrten, um sich das Bucken zu erleichtern:107 so tut das Blei, das man auf die Welt bringt und das im Kopfe liegt, vielleicht noch grossere Dienste. Daher ists eine schone Einrichtung, dass aus grossen Seelen, denen wie langen Staturen das Bucken sauer fallt, zum Gluck (aber zu ihrer Strafe) nichts wird, anstatt dass mittelmassige, die sich nichts daraus machen, gedeihen und eine schone Krone treiben; so sah ich oft beim Brotbakken, dass jeder massige Laib im Backofen sich schon erhob und wolbte, der grosse aber blieb platt und miserabel sitzen. Wir waren aber bedauernswurdig, wenn eine Tugend, die den Wert des burgerlichen Menschen ausmacht, die Tugend, nicht bloss wie Kinder zu werden, sondern wie Fotus, die sich im Mutterleibe zusammenstulpen, wenn diese nur an dem hochsten Orte gediehe, wie man fast denken sollte, da der Hofmann nach dem Falle auf seinem Landgute schon wieder aufrecht geht anstatt dass die Schlange vor dem Falle und unter dem Verfuhren nicht kroch. Allein in allen burgerlichen Verhaltnissen sind Erziehanstalten zu Krummlingen vorhanden; uberall streckt sich in der Luft bald ein geistlicher, bald ein weltlicher Arm mit Handen aus, die uns ordentlich einkrempen, und noch hoher sind die allerlangsten angebracht, die uber ganze Volker reichen. Der Gelehrte selber buckt sich am Schreibepult unter der Geburt der Zueignungen und Hofschriften und Urtel. Durch das blosse graue Alter reift sowohl der Korper zum verknocherten Bucklinge als die Seele. Und die niedrige Geistlichkeit arbeitet sich, weil sie immer niederwarts ins Grab sieht, in die gekrummte Stellung hinein. Ich schliesse mit dem Troste, dass Bucken Aufgeblasenheit nicht ausschliesse, sondern ein; da eben der Zirkel, dessen Ausschnitt man wird, unzahlig um die geschwollne Kugelflache lauft.....

Ich wurde wahrhaftig dieses Extrablatt eines uberschrieben haben so dass es also der Leser hatte uberspringen konnen , wenn ich nicht gewollt hatte, dass ers lase, um sich zu zerstreuen und die truben Stunden meines Viktors leichter mit ihm auszudauern. Denn jeder Glockenschlag ist der aus einer Totenglocke gehende Totenmarsch seiner schonern gescheiterten Stunden.

Noch am Abend, da er in Flachsenfingen eintrat, kamen ihm ebenso fatale als wahrscheinliche Geschichten zu Ohren: Matz hatte dem Apotheker viel erzahlt; aber dasmal pflicht' ich seinen Sagen bei.

Der Pfarrer hatte sich namlich, sobald er die Verlobung vernommen, auf den Weg in die Stadt gemacht, um Mordtaten und Duelle seines Sohnes zu hintertreiben. Da unter dem Ankleiden nicht augenblicklich seine ganze Reiseuniform um ihn lag, so warf er seiner Familie leichte Rotelzeichnungen von den blutigen Auftritten und Blutgerusten hin, auf die er sich, sagt' er, Rechnung mache, da er wahrscheinlich wegen des Anziehens zu spat ankomme. Der eingeschrumpfte Stiefel, den Appel am Feuer ein wenig abgetrocknet hatte, war nicht an das Bein zu bringen Eymann keuchte zerrete "es ist moglich," sagt' er, "dass sie jetzt schon einander zu Leibe gehen"; endlich liess er die Arme kraftlos zuruckfallen und setzte sich ruhig und aufrecht fest und wartete schweigend auf Anfeuern und Anfragen. Da nichts kam, sagt' er ergrimmt: "Welcher Satan nun in meinem Hause mir den Stiefel so hat einlaufen lassen (in einen ledernen Zopf, durch ein Nadelohr wollt' ich den Fuss treiben, aber darein nicht), der hat den Mord meines Kindes auf seiner Seele. Ist denn kein Ungluckkind da, das mir nur die Ferse mit ein wenig Schmierseife poliert?"- Unter dem Einfahren sah er Appeln noch eifrig an seinem Halbhemd platten: "Genug, Appel, recht gut!"- sagt' er "ich knopfe mich wahrlich nicht auf." Sie glitt auf der Platte, dem Schrittschuh ihrer Hand, leicht dahin. "Tochter, das Hemd! wunscht dein Vater. Das Leben deines eignen Bruders wird von dir hasardiert es ist so viel, als gibst du ihm noch einen Gnadenstoss." Sie fuhr auf ihrem Handschlitten nur noch einmal behend uber das Ganze und reichte ihms dann gern.

Unterweges entwarf sich der Kaplan einen haltbaren Geschaftgang bei der Sache. Er wollt' ihm erstlich nichts von der Verlobung eroffnen dann wollt' er ihm nur den Busstext uber den Maienthaler Zweikampf lesen dann ihm die Urfehde oder den Eid, zu ruhen, abgewinnen und erst zuletzt mit dem Bericht hervorbrechen. Unter dem Uberdenken des Geschaftganges und der Gefahr lief er sich in eine immer heissere Angst hinein. So wie er sich und einen Patienten, der ein leichtes Ohrenbrausen hatte, einmal durch langes Folgern so weit hinauftrieb, dass sie beide in der nachsten Minute auf Schlagfluss und halbseitige Lahmung aufsahen: so benahm er sich durch eine malerische Behandlung der einzelnen Umstande eines gedenklichen Zweikampfs zuletzt so sehr alle Zweifel uber einen schon vorgegangnen, dass er mit der festen Meinung unter dem Stadttor ankam, der Regierrat liege entweder in Ketten oder auf der Bahre. "Gott sei Dank, dass ich dich ohne Wunden sehe und ohne Ketten!" entfuhr ihm beim Eintritte; und er hatte beinahe seinen ganzen Geschaftgang verdorben, oder doch umgekehrt. Flamin bezog es auf das erste Duell: Eymann konnte desto leichter der Prozessordnung und Aderlasstafel seiner Massregeln nachkommen und sich sozusagen mit dem Duelle duellieren. Der schweigende Sohn setzt' ihm nichts entgegen als Weissbier. Unter der Anschaffung hatte der Pfarrer an allen Stokken den Knopf gezogen, um zu sehen, ob es keine Stockdegen waren. Ein Pistolenfeuerzeug blieb ihm von weitem verdachtig. Eine nahe Doppelflinte an der Wand entzog ihm mit dem auf ihn gerichteten Schafte viel von seinem Mut. Flamin entschuldigte seine Sprachlosigkeit mit der juristischen Uberfullung und Uberfracht seines Kopfs und zeigte auf den Stoss Kriminalakten vor ihm. Als er ihm einen Erzahlauszug daraus geben musste und als naturlich die Schlachtworter Kerker, Blutschuld, Richtschwert wie ein zischender Kugelregen um Eymanns Ohren schweiften: so streckte sich die Angst, die er durch die schnellere Dusche des Weissbiers reizte, so gewaltig in ihm aus, dass die Doppelflinte in die Kammer gehangen werden musste: "Ich habe", sagt' er, "nichts davon, wenn sie losbrennt und zerspringt und mir das Flintenschloss ins Gesicht sprengt, oder wenn der Schaft mich gar umbringt!" Jetzt fing er geruhrt und trunken zugleich zu weinen und zu ermahnen an: dass ein Mensch an die funfte Bitte im Vaterunser denken musse dass ein Landgeistlicher mit schlechtem Erfolge seinem geistlichen Schafstall Versohnung predige, wenn er seinen Sohn in der Stadt habe, der unter der Predigt sich schiesset und dass Flamin nie sagen solle, er sei sein Sohn gewesen, wenn er in einem Duelle entweder umkomme oder umbringe. Bei nichts fuhr in Flamin der Sturmwind seines Zorns so leicht aus der Hohle als bei einer klaglichen Stimme und bei langen Religionedikten: "Um Gottes willen," schrie Flamin, "lassen Sie es nun genug sein Gott soll mich strafen, in alle Ewigkeit will ich verloren sein, ich schwor's Ihnen, ruhr' ich ihn nur noch an." Dieser entfahrne Eid war herrlicher Lederzucker und weiches Gefrornes fur den heissen Hofkaplan, der aus Vergessen seines Geschaftganges jetzo in der Meinung stand, die Verlobung sei dem Regierrate schon ganz gut bekannt: "Meinst du nicht, Sohn," (sagt' er froh) "dass ein solcher Schwur einen besorgten Vater wie Spatregen erfrischt und letzt, zumal da ich mich seit ihrer Verlobung mit ihm gar nichts Bessers zu versehen hatte als Mord und Totschlag? Hab' ich recht oder nicht?" Flamin hob durch eine einzige Frage die Decke von diesem morderischen gewaffneten Gespenste seines Herzens ab und nun horte er seinen Vater nicht mehr; bleich, voll Krampfe sass er still da die Lehne des Stuhls knarrte unter seinem Druck die Uhrkette wickelte und schnurte er um seine Finger und riss sie ab und klemmte das Trumm wieder um den wunden Finger und zerbrockelte es in seinen glasernen Augen standen zwei dicke feste kalte Tropfen sein Herz kroch leer und entkraftet vor einer nahen grasslichen Todeskalte zusammen, die allemal, wenn eine Freundschaft in unserer Brust gemordet wird, dem brennenden Grimme daruber vorausgeht. Ach welchen von uns dauert die ungluckliche verlassene Seele nicht? Eymann schied getauscht und hielt diese Ruhe fur blosse Ruhe und die erstickte gebrochne Stimme fur Ruhrung.

Und in dieser blutigen Lage fand ihn Matthieu, der eben gekommen war, um dem Regierrate (aus einem Handbriefchen der Kammerherrin) Viktors Sieg uber sie alle, gleichsam mit 24 blasenden Postillons, zu melden. Dieser setzte nun erst den Eisberg in einen Vulkan um und machte, dass Flamin in eingesperrtem Grimm gern einen Weltteil an dem andern zersplittert hatte.

Viktor horte jetzt einige Tage nichts. Flamin sperrte sich ein. Matthieu besuchte ihn oft, aber nicht des Apothekers Haus. Das gekronte Paar reisete endlich ins St. Luner Bad.

So blieb alles bis an den Morgen, wo Viktor vom Apotheker Abschied nahm, um nach Maienthal vor den Vorhang einer schweren Szene zu gehen. Hier konnte sich der Apotheker das Vergnugen nicht versagen, dem Hofmedikus seines zu nehmen, indem er die (wahrscheinlich falsche) Botschaft brachte, der Hofjunker habe den Kammerherrn gefordert wegen des uber Klotilden gebrochnen Versprechens. Wenig oder nichts ist an der Botschaft schon darum, weil der Apotheker nur sein Eigenlob loshusten und in das Lob Viktors verkleiden wollte, dass dieser mit so unendlicher Feinheit seine neulichen Winke, den Evangelisten zu untergraben, zu vollfuhren gewusst. Die Winke waren, wie man sich erinnert, die zwei Vorschlage, der Liebhaber der Furstin und der Ehemann Klotildens zu werden, um den Fursten zu gewinnen und, wie ein Schwein die Klapperschlange, so Matzen ohne Schaden zu verschlucken. Man muss der von einem Wurmstock von Schmerzen angenagten Seele Viktors vergeben, dass er aufbrauste und mit einem Auge voll tiefster Verachtung Zeuseln anfuhr: "Ich weiss nicht, wer verdiente, solche Vorschlage anzuhoren wenns nicht einer ist, der sie machen kann."

Der Korrespondent hort traurig und kurz mit den Worten auf: "Abends kam Viktor spat und mit geschwollnen Augen in Maienthal an, um zu sehen, ob am andern Tage der schonste Lehrer und der grosste Freund verwelke." Wir konnen uns alle denken, wie die Umarmung eines Geliebten wenige Schritte von seinem Grabe sein musste. Der Freund, der uns sein Sterben drohet, greift schmerzhaft unsere Seele an, auch wenn wir es bezweifeln. Wir konnen uns alle das nasse Auge denken, das Viktor uber die noch bluhende Statte seines verwelkten Rosenfests geworfen. Was ihn trostet, ist die Unwahrscheinlichkeit des prophezeiten Sterbens, da Emanuel sich wie sonst befindet, und da der Selbermord noch unmoglicher bei diesem frommen Geiste ist, der den Selbermorder schon langst mit dem Hummer verglich, der die eine Schere, die er selber mit der andern aus Stumpfsinn zerknirscht und kneipt, nicht herauszieht, sondern absprengt. Moge mir der Leser zur Beschreibung des langsten Tages108, die ich einsam unter der erhebenden Stille der Nacht machen werde, ein Herz wie des Indiers mitbringen, das gleich alten Tempeln stumm und dunkel, aber weit und voll heiliger Bilder ist!

38. Hundposttag

Die erhabene Vormitternacht die selige

Nachmitternacht der sanfte Abend

Heute ubergeb' ich Emanuels langsten Tag, der nun erloschen und abgekuhlt unter den Tagen der Ewigkeit liegt, mit bleichen Abrissen den Phantasien der Menschen. Meine Hand zittert und mein Auge brennt vor den Szenen, die in Leichenschleiern um mich treten und so nahe an mir die Schleier aufheben. Ich schliesse mich diese Nacht ein ich hore nichts als meine Gedanken ich sehe nichts als die Nachtsonnen, die uber den Himmel ziehen ich vergesse die Schwachen und die Flecken meines Herzens, damit ich den Mut erhalte, mich zu erheben, als war' ich gut, als wohnt' ich auf der Hohe, wo um den grossen Menschen wie Sternbilder nichts als Gott, Ewigkeit und Tugend liegen. Aber ich sage zu denen, die besser sind zum stillen grossen Herzen, das seine Pflichten vermehrt, indem es sie erfullt, und das sich beim Wachstum seines Gewissens taglich bloss mit grossern Verdiensten befriedigt zu den hohen Menschen, welche die Hand des Todes warm gedruckt haben, die ihn, wenn er auf Morgenauen herumgeht, friedlich fragen konnen: "Suchest du mich heute?"- zur lechzenden Seele, die sich unter dem Zypressenbaum kuhlet zu den Menschen mit Tranen, mit Traumen, mit Flugeln, zu allen diesen sag' ich: "Verwandte meines Emanuels, euer Bruder streckt nach euch seine Hand durch die kurzeste Nacht aus, ergreifet sie, er will von euch Abschied nehmen!"

Die erhabene Vormitternacht

Viktor stand aus seinen Traumen, in denen er nichts als Graber und Trauergeruste fur seinen Freund gesehen hatte, wehmutig auf; aber er fasste beim Morgengruss geheime Hoffnungen, da er ihn ohne Fieber, ohne Beklemmungen, ohne Anderungen in seinen angeblichen Todesmorgen treten sah. Ihm war bloss vor dem Eindruck bange, den die getauschte Hoffnung des Scheidens auf das schon halb aus dem irdischen Boden gerissene und von Erde entblosste Herz des Geliebten machen wurde. Dieser hingegen hielt noch seine Traume fest, denen sogar seine nachtlichen Nahrung gaben; und er sah sehnend in das ungestirnte Blau und berechnete den langen Weg bis zur zwolften Nachtstunde, wo aus dem Himmel die Sterne und der Tod mit seinem dunkeln unermesslichen Mantel, in dem er uns durch sein kaltes Reich tragt, vordringen wurden. Sein Herz lag in einer sussen Mittagruhe, die zum Teil vom korperlichen Ermatten und vom schonen Tag herkam. Eine innere Windstille, die nirgends so gross und so magisch ist als in Seelen, an denen Wirbelorkane hin und her gerissen haben, uberdeckte sein ganzes Wesen mit einer sehnsuchtigen Wonne, die in andern Augen als seinen in Tranentropfen zerflossen ware.

O Ruhe, du sanftes Wort! Herbstflor aus Eden! Mondschein des Geistes! Ruhe der Seele, wann haltst du unser Haupt, dass es still liege, und unser Herz, dass es nicht klopfe? Ach eh' jenes bleich und dieses starr ist, so kommst du oft und gehst du oft, und nur unten bei dem Schlafe und bei dem Tode bleibest du, indes oben die Sturme die Menschen mit den grossten Flugeln gleich Paradiesvogeln am meisten umherwerfen!

Emanuels Ruhe, womit er die Gastrolle des Lebens bis aufs letzte Merkwort ausspielte, womit er alles einpackte zurechtstellte anbefahl verabschiedete, trieb im gequalten Freunde Tranen und Sturme zusammen. Sein Herz war zwar vom Schicksal uber einem steinichten Weg wund geschleift, aber die Entzundungen desselben kuhlte jetzt der Gedanke des Todes sanft ab; doch konnt' er es beim grossten Unglauben an Emanuels Tod nicht aushalten, es zu horen, wie ihm Emanuel den blinden Julius, dem man diesen Tod verbarg, von weitem mit den leisen Worten ubergab: "Hab' ihn lieb wie ich, versorge, beschirme den Armen, bis du ihn dem Lord Horion ubergeben kannst." Seine bebenden Hande konnten kaum ein Paket an diesen Lord annehmen, das ihm der Freund mit zartlichen Augen und mit den Worten reichte: "Wenn diese Siegel geoffnet werden, so haben meine Eide aufgehort, und du erfahrst alles." Denn sein zartes Gewissen verstattete ihm nur den Inhalt, nicht das Dasein von Geheimnissen zu verbergen. Es wird uns nicht wundern, da Viktors Adern eine Wunde um die andere empfingen, dass er, um nicht durch Wallungen ihr Bluten zu vermehren, den Flotenspieler bat, heute nicht zu spielen; Musik hatte an diesem Tag uber sein zerflossenes Herz zu viele Gewalt gehabt.

Den Morgen verbrachten sie in Abschiedbesuchen bei alten Steigen, Lauben und Anhohen; aber Emanuel machte hier nicht die grelle, tobende Gewaltrolle des funften Akts; er schlug auf einer Erde, wo der Tod graset, keinen unphilosophischen Larmen daruber auf, dass er die Blumen und die Saaten nicht mahen und das grune Obst nicht gelben werde sehen; sondern mit einem hohern Entzucken, das sich jenseits des ErdenLenzes noch schonere versprach, machte er sich von jeder Blume los, ging er durch jedes Laub-Gewinde und Schatten-Nachtstuck hindurch, zog er seine gleichsam in der Erde liegende verklarte Gestalt aus jedem Spiegelteiche, und eine liebevollere Aufmerksamkeit auf die Natur zeigte an, dass er heute nachts dem naher zu kommen hoffte, der sie geschaffen. Er versuchte und Viktor vermied von allem diesen zu reden. "Nur nicht zum letzten Male!" sagte dieser. "Nicht?" (sagte Emanuel) "Geschieht nicht alles nur einmal und zum letzten Male? Scheidet uns nicht der Herbst und die Zeit so gut wie der Tod von allem? Trennt sich nicht alles von uns, wenn wir uns auch nicht von ihm trennen? Die Zeit ist nichts als ein Tod mit sanftern dunnern Sicheln; jede Minute ist der Herbst der vergangenen, und die zweite Welt wird der Fruhling einer dritten sein. Ach wenn ich einmal wieder aus der Blumenflache einer zweiten weiche, und wenn ich am himmlischen Sterbetag das Zwielicht von der Erinnerung zweier Leben sehe o in der Zukunft ruht eine Anlage zur unendlichen Wonne so gut wie zur Qual; warum schauert der Mensch nur vor dieser?" Viktor bestritt die kunftige Erinnerung. "Ohne Erinnerung" (sagte Emanuel) "gibts kein Leben, nur Dasein, keine Jahre, nur Terzien kein Ich, nur Vorstellungen desselben Ein Wesen zerfahrt in so viel Millionen Wesen, als es Gedanken hat Erinnerung ist bloss Bewusstsein der gegenwartigen Existenz." Auch der Dichter philosophiert, wenigstens fur Dichtung und gegen Philosophie. Viktor dachte: "Du Guter! mir, nicht dir macht' ich diese Einwurfe."

Es war gegen Mittag: der Himmel war rein, aber schwul; die Blumen meldeten das Zusammenziehen der Blitze durch ihr Verschliessen an; alle Auen waren Rauchaltare, und Dufte gingen als Propheten der Gewitterwolken voraus. Mit der physischen Gewittermaterie haufte sich in Viktor die moralische an er dachte daran, dass oft ein heisser Tag den Schwindsuchtigen das Leben nehme; er verwechselte zuweilen die Bitterkeit des Abschieds mit der Wahrscheinlichkeit desselben; denn der von der Luftperspektive der Furcht betrogne Mensch findet ein Schreckenbild desto naher, je grosser es ist; er weinte, wenn er bloss daran dachte, dass er weinen konnte; aber gleichwohl wurde die Vernunft die Oberhand uber die Gefuhle behalten haben, hatte nicht beide folgender Zufall betaubt.

In Maienthal wohnte ein Wahnsinniger, den man bloss das tolle Totengebein hiess. Aus drei Grunden wurd' er so genannt: erstlich weil er ein Knochenpraparat von Magerheit war; zweitens weil er die fixe Idee herumtrug, der Tod setze ihm nach und woll' ihn an der linken Hand, die er deswegen verdeckte, ergreifen und wegziehen; drittens weil er vorgab, er seh' es denen, die bald sterben wurden, am Gesichte an, uber welches sich alsdann schon die Einschnitte und Abszesse der Verwesung ausbreiteten. In Moritz' Erfahrungseelenkunde109 ist ein ahnlicher Mensch beschrieben, der auch imstande sein soll, die Vorposten des Todes und seine zerreibende Hand auf Gesichtern vorauszusehen, die andern glatt und rot vorkommen, indes er sie mit dem Hollenstein der Verwesung ausgestrichen erblicket. Dieses Totengebein wars, das in der Nacht des vierten Pfingsttages, als Klotilde auf dem Kirchhof war, ausrief: "Tod! ich bin schon begraben." Viktor und Emanuel gingen unter dem Gelaute der zwolften Stunde nach Hause und vor einem Hugel voruber, woran das Totengebein beklemmt sass; es bohrte sich die linke Hand, wornach der Tod griff, tief unter die Achsel: "Brrr!" (sagt' es schuttelnd zu Emanuel) "Er hat dich, aber nicht mich! Lauter Moder hangt an dir 'runter! Die Augen sind weg! Brr!"

Die Worte der Wahnsinnigen sind dem Menschen, der an der Pforte der unsichtbaren Welt horcht, merkwurdiger als die des Weisen, so wie er aufmerksamer den Schlafenden als den Wachenden, den Kranken als den Gesunden zuhort. Viktors Blut erstarrte unter dem eiskalten Griff in sein warmes Leben. Das tolle Gebein rannte fort, die linke Hand mit der rechten verbauend. Viktor nahm seines Freundes linke, blickte zur warmen Sonne auf und suchte sich zu verbergen und zu erwarmen und konnte nichts sagen. Unten am tiefblauen Himmel rauchten kleine Nebel auf, die Keime eines Abendgewitters; und in der schwulen Luft flog nichts als Gewurm.

Emanuel war stiller und fast angstlich, aber es war nicht die Bangigkeit der Furcht, sondern jene Bangigkeit der Erwartung, mit der wir allemal auf die Falten und Bewegungen des Vorhangs grosser Szenen blikken. Die stechende Sonne erhielt das Paar zu Hause. Dem vom schwulen Dunstkreis gedruckten Emanuel wurde fast der letzte Nachmittag zu lange. Aber sein Freund sah in diesem Dunstgewolbe immer ein moderndes Angesicht hangen, das sich in das geliebte frische einzuarbeiten schien, und immer hort' er das tolle Totengebein in seine Ohren sagen: "Seine Augen sind 'raus!"

In der schwulen Stille, wo die Sonne die Miniergange des Donners grub und lud, und wo die zwei Freunde vor den Ohren des blinden Julius nur mit Blicken von der heutigen Zukunft reden durften, stand gegen 4 Uhr ein fachelnder Abendwind auf, der alle hangende Flugel und Haupter erfrischte. Emanuel liess diese kuhlen Wogen herein, die einwiegend und beruhigend uber die gebuckten Blumen am Fenster liefen und an den schwankenden Falten der Vorhange niederflossen und verirrt durch das duftende Laubwerk des Zimmers platscherten. Da kam eine unendliche Stille, eine auflosende Wonne, ein unaussprechliches Sehnen in Emanuels Herz. Seine Kindheitfreuden die Zuge seiner Mutter die Bilder indischer Gefilde alle geliebte verstaubte Gestalten der ganze gleitende Widerschein des Jugendmorgens floss vor ihm glimmend voruber eine wehmutige Sehnsucht nach seinem Vaterland, nach seinen gestorbnen Menschen dehnte seinen Busen mit sussen Beklemmungen aus. Dieses immergrune Palmenlaub der Jugenderinnerung legte er als kuhlendes Kraut um seine und Horions Stirne, und den ganzen ersten Kreis seines Daseins trug er aus dem indischen Eden in dieses enge Gehause vor seine zwei letzten Geliebten heruber. Aber da er so die Asche der Freuden Phonixe auf dem Altar der Abendsonne aufhaufte da er so am Ausgange uber alle hintereinander liegende elysische Felder seines Lebens hinubersah da vor ihm die ganze Erde und das Leben, mit Morgentau und Morgenrot uberzogen, sich in den dammernden Spielplatz des Menschen verwandelten: so war er seiner Ruhrung und seines zerschmolznen Herzens nicht mehr machtig, sondern im seligen Zittern, im bebenden Dank gegen den Ewigen bat er den Blinden, die Flote zu nehmen und ihm das Lied der Entzuckung, das er sich allemal am Morgen des neuen Jahrs und seines Geburttages spielen liess, als Echo des austonenden Lebens nachzusenden.

Julius nahm die Flote. Horion ging hinaus unter einen laut rauschenden Baum und sah in die tiefere Abendsonne. Emanuel stellte sich am wehenden Fenster dem Purpurstrom des Abendlichtes entgegen, und das Lied der Entzuckung fing an und floss in Stromen in sein Herz und um die eingesunkne Sonne.

Und da die Spharen-Laute von der Sonne auszuwallen schienen, die in der Abendrote wie ein Schwan, in Melodien aufgeloset, in Goldrauch und in Freudentau vor Gott aus Entzucken starb und da vor Emanuel alle Blumen, womit die ewige Gute unser Herz bedeckt, und alle Wonnegefilde, durch die ihre sanfte Hand den ungewissen Menschen fuhrt, wie Engel voruberflogen und da er die kunftigen Himmel naherrucken sah, in die der Weg des Lebens geht und da er sah diese unendlichen Arme alle wunde Herzen decken, uber alle Jahrtausende reichen, alle Welten tragen und ihn, ihn kleinen Erdensohn doch auch: o da konnte er unmoglich das volle Herz mehr halten, es brach ihm vor Dank, und aus seinen Augen fielen wieder die ersten Tranen nach langen langen Jahren. Diese heilige Tropfen verwischte er nicht; in ihnen zerlief die Abendrote in ein loderndes Meer; die Flote verhallete; Viktor fand die schimmernden Augen noch; Emanuel sagte: "O sieh, ich weine vor Freude uber meinen Schopfer" Dann gab es unter den erhobnen Menschen, an dieser heiligen Statte keine Worte mehr der Tod hatte seine Gestalt verloren eine erhabne Trauer betaubte die Schmerzen der Trennung die Sonne, mit Erde bedeckt, beruhrte mit ihren aufgerichteten Strahlen den Himmel und die Nacht und den Boden der Wolken die Erde schimmerte magisch wie eine Traum-Landschaft, und doch war es leicht, aus ihr zu weichen, denn den Himmel bedeckten die andern Traum-Landschaften.

Die Erden der Nacht (die Planeten) traten schon auf, die Sonnen der Nacht (die Fixsterne) gingen schon nach ihnen hervor, der Mond hatte schon das sudostliche Gewitter um sich gehullt: als Emanuel sah, dass es Zeit sei, die Szenen des Tals zu endigen und auf sein Tabor zu gehen, um dem Tod das Flugelkleid seiner Seele zu geben. Stockend bat er seinen Viktor, ein wenig vorauszugehen, damit er nicht das Trennen vom Blinden sahe und sich etwan durch eine Teilnahme verriete; denn bei dem Blinden hatte Viktor die Reise in die andre Welt nur fur eine auf dieser ausgegeben. Er stellte sich unglucklich hinaus vor die verstummten schwulen Gefilde, in denen einmal die Paradieses-Strome seiner Liebe gegangen waren, auf denen er einmal an Klotildens Seite schonere Abende gesehen hatte; auf der Erde war Totenstille wie in einer Kirche nachts, bloss den Himmel umbrausete ein auf die Erde gekrummtes Bleigewolk, und der Tod schien von Wolke zu Wolke zu gehen und sie zur Schlacht zu ordnen.

Endlich hort' er Julius' Weinen. Emanuel floh heraus, aber in seinen Augen hingen schwerere Tropfen, als seine vorigen waren. Und da der verlassene Blinde sein dunkles Haupt unter der Haustur von seinen Freunden wegdrehte, entweder weil er ihren Weg nicht wusste oder weil er horchen wollte, welchen sie nahmen, so konnte Viktor dem Gebeugten, der in einer doppelten Nacht wohnte, kaum vor inniger Wehmut zuruckrufen: er komme nach zwolf Uhr wieder.

In dem kahlen Abendgruss: "Gute Nacht, schlaft wohl", den Emanuel gab und bekam, war mehr Tranenstoff als in ganzen Elegien und Abschiedreden: so sehr sind die Worte nur die Inschriften auf unsern Stunden und die Ripienstimmen und die Bezifferung unserer Grundnoten.

Sobald Emanuel vor den Nachthimmel, vor den daran angeketteten Orkan und vor seinen Totenberg trat: so hoben Engel seine erweichte Seele wieder er sah den Tod vom Himmel steigen und auf seinem Grabe den Freiheitbaum aufrichten er sah die freundlichen Sterne naherkommen, und es waren die himmlischen Augen seiner Freunde und aller seligen Wesen. Viktor durfte seine dichterischen Hoffnungen durch keine Grunde storen; vielmehr wurd' er selber von Stunde zu Stunde tiefer in den Glauben an seinen Tod hineingezogen; wenigstens furchtete er, dass der heutige Entzuckung-Sturm die murbe Wohnung dieses schonen Herzens und seiner Seufzer zertrennen und dass der Tod so lange um die edle Seele schleichen wurde, bis er sie an ihren Flugeln, wenn sie in Wonne sie aufrichtete, vom Leben pflucken konnte, wie Kinder den Schmetterling so lang umgehen, bis er auf seiner Blume die Schwingen aneinandergefaltet in die rauberischen Finger erhebt.

Emanuel verschob durch Umwege das Ersteigen des Berges, um seinen gebrochnen Freund, dessen Augen nicht mehr trocken wurden, von einer Sonne in die andre zu heben, damit er in dieser hohen Stellung aus Lichtern herunterblickte auf diese Schattenerde und darauf den befreundeten Leichnam vor Kleinheit kaum bemerkte. "Darum" (sagt' er) "wird ja diese Erde alle Tage verfinstert, wie Kafige der Vogel, damit wir im Dunkeln leichter die hoheren Melodien fassen. Gedanken, die der Tag zu einem dunkeln Rauch und Nebel macht, stehen in der Nacht als Flammen und Lichter um uns, wie die Saule, die uber dem Vesuv schwebt, am Tage eine Wolkensaule scheint und in der Nacht eine Feuersaule ist." Viktor merkte die Absicht zu trosten und wurde desto untrostlicher und schwieg immer.

Sie gingen nicht an der Seite des Berges zur Trauerbirke hinauf, sondern an seinem langsam aufsteigenden Rucken. Sie ubersahen das Theater der Nacht, uber welches der Mond und das Gewitter verhullet heraufruckten. Emanuel stand still und sagte: "O blick hinauf und sieh die ewig funkelnden Morgenauen, die um den Thron des Ewigen liegen! Hatte aus dem Himmel nie ein Stern geschienen, nur dann wurde sich der Mensch angstlich in den letzten Schlaf auf einer wie ein Leichengewolbe uberbauten dunkeln Erde ohne Offnung legen." Vor den Augen, die sich an Sonnen hefteten, schweiften blinkende Johanniswurmchen, und eine Fledermaus zischte nach einem grauen Nachtschmetterling drei Johannisfeuer, vom Aberglauben angeschurt, zogen drei ferne Hugel aus der Nacht alles Leben schlief unter seinem Blatt, unter seinem Zweig, naher an seiner Mutter, und in den herumgestreueten Traumen waren Gewitter Fische taumelten wie Leichen auf der Wasserflache als Vorboten des Donners.

Plotzlich fing Emanuel mit einer unpassenden, nicht genug bezwungnen Stimme an: "Wahrlich wir wurden gefasster neben dem Genius stehen, der die letzten Schlummerkorner auf die Augen unsrer Lieben fallen lasst, wenn sie nachher nicht in Kirchengewolben, in Kirchhofen, sondern auf Auen ausschliefen, unter dem Himmel, oder als Mumien in Zimmern.... Jetzt, mein Geliebter," (sie horten schon das Wehen der Trauerbirke) "herrsche also uber deine Phantasie; du wirst neben der Birke meine Ruhehohle offen sehen ich habe sie seit vier Wochen mit Blumen ausgesaet und uberkleidet, die jetzt meistens bluhen du legst mich morgen ohne alles andre so in meinem Schlafkleide unter die Blumen und deck es morgen zu gib aber nicht, du Guter, meinem kleinen Blumenstuck solche harte Namen wie andre Menschen morgen, sag' ich; heute geh sogleich heim zu deinem Julius, wenn ich...." (gestorben bin, wollt' er sagen, konnt' aber die weiche Umschreibung vor Ruhrung nicht finden.)

Ach das gebrochne Auge riss Horion mit einem Seufzer heraus aus der kalten offnen Grotte seines Geliebten, und er konnte nicht hinabsehn zu dem Blumenflor darin. Er schluchzete laut und sah aus Tranen zergangen in Emanuels Angesicht, um zu sehen, ob er lebe oder sterbe. Zwei Johanniswurmchen durchkreuzten einander in glimmendem Bogen uber dem Grabe, sie senkten sich daneben hin und loschten aus, denn ihr Licht vergeht mit ihrer Bewegung.

In Viktors Wunden griff jetzt der Donner mit seinem ersten Schlag den ostlichen Horizont deckte ein zerfliessender Blitz, und die Flamme lief uber die Alpengebirge die Gewitterstange auf dem Pulverturm schimmerte, seine Gewittersturmer erklangen, die Irrwische spielten um den Turm, und mitten in der Luft ruckte ein schwebender Lichtpunkt furchterlich auf ihn zu.

In Maienthal wurde elf Uhr ausgerufen um zwolf Uhr glaubte Emanuel dahin zu sein. Endlich fiel Emanuel, selber vom fremden Kummer ubermannt, an seinen Freund und sagte: "Was hast du mir noch zu sagen, mein Geliebter, mein unaussprechlich teurer Freund? Meine Stunden sind dahin unser Lebewohl kommt sage deines und store dann mein Sterben nicht. Sei still, wenn der Tod den Berg heraufsteigt, und jammere nicht nach, wenn er mich erhebt. Was hast du mir noch zu sagen, mein ewig Geliebter?" "Nichts mehr, du Engel des Himmels! ich kann auch nicht", sagte der verblutete Mensch und legte das gedruckte Haupt mit Tranenstromen auf Emanuels Schulter.

"Nun so brich dein Herz von meinem ab und lebe wohl sei glucklich, sei gut, sei gross ich habe dich sehr geliebt, ich werde dich noch einmal lieben und dann unendlich Guter! Treuer! Sterblicher wie ich! Unsterblicher wie ich!"

Die Gewittersturmer lauteten heftiger der schwebende Licht- punkt trat an den Pulverturm alle eingehullten Wolken-Vulkane tobten nebeneinander und warfen ihre Flammen zusammen, und die Donner gingen wie Sturmglocken zwischen ihnen die beiden Menschen lagen aneinander dicht, stumm, keuchend, druckend, zitternd vor dem letzten Wort.

"O sprich noch einmal, mein Horion, und nimm Abschied von deinem Freund sage nur zu mir: Ruhe wohl! und lasse den Sterbenden."

Horion sagte: "Ruhe wohl!" und liess ihn. Seine Tranen horten auf, und seine Seufzer verstummten. Der Donner schwieg furchterlich. Die Natur ordnete stumm ihr Chaos im Gewitter. Kein Blitz schimmerte durch das Trauergeruste am Himmel. Bloss das Totengelaute der Gewittersturmer sprach noch fort, und der Lichtpunkt ruckte noch fort.

Unter der weiten Stille lag der Schlaf, die Traume und eines Freundes trostloses Herz.

In dieser Ewigkeit-Stille trat Emanuel ohne eine fremde Hand an die hohe Pforte, die schwarz hinaufsteigt uber die Zeit.

Die Stille ist die Sprache der Geisterwelt, der Sternenhimmel ihr Sprachgitter aber hinter dem Sternengitter erschien jetzt kein Geist, und Gott nicht.

Es kam die Minute, wo der Mensch seinen Korper ansieht und dann sein Ich und dann schaudert. Das Ich steht allein neben seinem Schatten ein Schaumglobus von Wesen zittert, knistert und wird niedriger, und man hort die Blaschen verschwinden und ist eines.

Emanuel schaute hinein in die Ewigkeit, sie sah wie eine lange Nacht aus.

Er sah um sich, ob er keinen Schatten werfe ein Schatten wirft keinen Schatten.

Ach ein Stummer legt den Menschen in die Wiege, ein Stummer druckt ihn ins Grab. Wenn er eine Freude hat, sieht es aus, als lachte ein Schlafender wenn er jammert und weint, sieht es wie das Weinen im Schlafe. Wir blicken alle zum Himmel auf und bitten um Trost; aber droben im unendlichen Blau ist keine Stimme fur unser Herz nichts erscheint, nichts trostet uns, nichts antwortet uns.

Und so sterben wir....

O Allgutiger! wir sterben froher; allein der arme Emanuel kampfte in der stillen Finsternis mit grimmigen Gedanken, die er so lange nicht gesehen hatte und die nach seinem erbleichenden Angesicht krallten. Aber diese Larven rennen davon, wenn ein freundliches Bruderangesicht vor dich tritt und dich umarmt. Horion richtete sich auf und erwarmte den Gebeugten durch einen stummen Abschied wieder. Ein Sturmwind sturzte sich aus dem klaren Westen in die stumme arbeitende Holle und jagte alle Blitze und alle Donner heraus. Siehe da flog aus dem zuruckgewehten Gewolke der lichte Mond wie ein Engel des Friedens in das unbesudelte Blaue heraus da unterschied sich im Lichte Emanuel von seinem Schatten da beschien der Mond einen Regenbogen aus blassen Farbenkornern, der in Sudosten (der Pforte nach Ostindien) durch die dunklen Flutsaulen drang und sich uber die Alpen bog da sah Emanuel die vorige Himmelleiter wieder uber die Erdennacht gelehnt da kam die Entzuckung ohne Mass, und er rief mit ausgebreiteten Armen: "Ach dort in Morgen, in Morgen, uber die Strasse nach dem Vaterland, da schimmert der Triumphbogen, da offnet sich die Ehrenpforte, da ziehen die Sterbenden hindurch"...

Und da es jetzt zwolf Uhr schlug: so breitete er seine Hande verzuckt gegen den Himmel, der blau war uber dem Berge, und gegen den Mond, der heiter neben dem Gewitter ruhte, und rief brechend mit seligen Tranen: "Habe Dank, Ewiger, fur mein erstes Leben, fur alle meine Freuden, fur diese schone Erde."

Um Maienthal zogen Julius' Flotentone, und er sah auf die Erde nieder.

"Und bleibe du gesegnet, du gute Erde, du gutes Mutterland, bluhet, ihr Gefilde Hindostans, lebe wohl, du schimmerndes Maienthal mit deinen Blumen und mit deinen Menschen und ihr Bruder alle, kommt mir nach einem langen Lacheln selig nach. Jetzt, o Ewiger, nimm mich hinauf und troste die zwei Bleibenden."

Die Todesengel standen auf allen Wolken und zogen ihre blitzenden Schwerter aus den Nachten ein Donner schlug hinter dem andern, wie wenn aufgeworfen wurde eine Gefangnistur des Erdenlebens nach der andern.

Der schreckliche Lichtpunkt hatte sich verkrochen aus der Mitte der Luft in den Pulverturm.

Die Todesstunde war schon voruber und doch das Leben noch nicht.

Emanuel zitterte sehnend und bange, weil er noch kein Sterben fuhlte bewegte die Hande, als wenn er sie jemand geben wollte starrte in die Blitze, als wenn er sie auf sich ziehen wollte....

"Tod! fasse mich," rief er ausser sich "ihr gestorbnen Freunde! o Vater! o Mutter! brecht ab mein Herz, nehmet mich ich kann, ich kann nicht mehr leben."

Da fuhr ins Gewitter eine lodernde rasselnde Weltkugel hinauf, und der Pulverturm zerschoss wie eine auseinandergesprengte Holle.

Der Knall warf den flammenden Emanuel erblasst in sein Blumengrab; der ganze donnernde Osten zitterte; der Mond und der Regenbogen wurden zugehullt....

Die selige Nachmitternacht

Viktor regte, sinnlos darniedergeworfen, endlich den Arm und tastete damit an das kalte Angesicht, aus dem heute das tolle Totengebein diese Nacht gelesen hatte und das aus dem Grabe ragte, gen Himmel gekehrt. Er warf sich daruber und druckte seins an das bleiche. Eh' noch seine Tranen durch den harten Schmerz sich durchgerissen hatten: trugen die Wolken ihre Sturmfasser und ihre Leichenfackeln zuruck, und durchsichtige Schaumflocken uberflossen weichend den Mond und senkten sich endlich uber das ganze Tal und uber das stille Paar in tausend warmen Tropfen nieder, die den Menschen so leicht an seine erinnern. Der von einem der drei Englander aufgesprengte Pulverturm hatte das Seetreffen der brennenden Wolken zertrennt.

Das zerstuckte Gewitter hatte sich in kleinen Wolken herumgezogen und stand uber der Mitternachtrote in Nordosten, als die kalte Betaubung die beiden Menschen noch zusammenheftete; endlich kam von oben herab eine heisse Hand zwischen ihre Angesichter, und eine furchtsame Stimme fragte: "Schlafet ihr?"

"O Julius," (sagte Horion) "komm ins Grab, dein Emanuel ist gestorben"....

Ich mag die grausamen Minuten nicht zahlen, die zwei Ungluckliche liegen liessen mit dem Stachelgurtel des Jammers an einen Erblassten gebunden. Aber schonere kamen, die vorher jedes Wolkchen aus dem Himmel druckten und den angelaufnen Mond abwischten und dann die heissen Augen offneten vor der gereinigten abgekuhlten Silbernacht.

"Ach er ist wohl nur ohnmachtig?" sagte Viktor sehr spat. Sie richteten sich seufzend auf. Sie zogen mude den Geliebten aus dem Grabe. Sie wollten ihn in seine Wohnung hinuntertragen, um da die Sonnenwende dieser schonen Seele wie der Johannissonne wieder zu erzwingen. Mit den dunnen Kraften, die ihnen der Gram noch ubrig gelassen, und mit dem wenigen Licht, das noch in zwei nasse Augen kam, rangen sie sich mit dem zerknickten Engel, indes zwei arbeitende Schatten neben ihnen furchterlich einen dritten im Schimmer trugen, vom Berge in die Wiesen herunter. Hier ging Viktor allein ins Dorf, um vielleicht einen trostlichern als einen Leichenwagen zu besorgen. Der Blinde hielt sich an einen Birkenbaum, Emanuel schlief wie die andern Blumen, und auf ihnen, vor dem Monde... Aber Julius horte plotzlich den Toten reden und ihn durch das Gras streifen; und er rannte, von Entsetzen verfolget, davon....

Genius der Traume! der du durch den neblichten Schlaf der Sterblichen trittst und vor der einsamen, in einen Leichnam gesperrten Seele die glucklichen Inseln der Kindheit heraufziehest, o der du darin unsern verwesten Freunden wieder Wangenblute gibst und unserm armen wahnsinnigen Herzen vergangne Himmel zeigst und Eden-Widerschein und rinnende Auen auf Wolken! Magischer Genius! tritt in diese heilige Nacht vor einen Menschen, der nicht schlaft, und wende deinen uberflorten Spiegel auf mein offnes Auge, damit ich darin die elysische Lichtwelt, die mit unserm Erdschatten kampfet, in der doppelten Verfinsterung als eine blasse Luna sehe110 und male!

Die entzuckte Stimme des Toten rief: "Sei gegrusset, du stilles Elysium! o du schimmerndes Land der Ruhe! nimm den neuen Schatten auf- ach wie glimmst du sanft wie wehest du sanft wie ruhest du sanft"....

Emanuels Augen waren aufgegangen; aber in seinem Gehirn brannte der elysische Wahnsinn, er sei gestorben und erwache in der zweiten Welt. O du Uberseliger! dich umfing ja auch ein blinkendes Eden ach dieses Schimmern, dieses Wehen, dieses Duften, dieses Ruhen war zu schon fur eine Erde. Der Mond uberwebte mir Silberfaden wie mit fliegendem Sommergespinste das Nacht-Grun von Blatt zu Blatt, von Baumen zu Baumen reichte die Funkendekke des uberstrahlten Regens uber allen Wassern wankten flimmernde Nebelbanke ein leises Wehen warf tropfende Edelsteine von den Zweigen in die Silberflusse die Baume und die Berge stiegen wie Riesen in die Nacht der ewige Himmel stand uber den fallenden Funken, uber den eilenden Duften, uber den spielenden Blattern, er allein unveranderlich, mit festen Sonnen, mit dem ewigen Welten-Bogen, gross, kuhl, licht und blau. So glimmte, so duftete, so lispelte, so zauberte niemals ein Tal....

Emanuel umarmte den funkelnden Boden und rief aus der brennenden, der Wonne erliegenden, stockenden Brust: "Ach ist es denn wahr? halt' ich dich wirklich, mein Vaterland? Ja, in solchen Gefilden der Ruhe werden die Wunden geheilt, die Tranen gestillt, keine Seufzer gefodert, keine Sunden begangen, da zerfliesset ja das kleine Menschenherz vor zu voller Wonne und erschafft sich wieder, um wieder zu zerfliessen So hab' ich dich langst gedacht, seliges, magisches, blendendes Land, das an meine Erde grenzt... O! liebe Erde, wo bist du wohl?"

Er hob das trunkne Auge in den mit Sternen betaueten Himmel und sah den erniedrigten Mond gelb und matt in Suden hangen; diesen hielt er fur die Erde, aus der ihn der Tod in dieses Elysium getragen habe. Hier zerging seine Stimme in Ruhrung uber den geliebten ersten Garten seines Lebens, und er redete die oben uber die Sterne fliehende Erde an:

"Kugel der Tranen! Wohnung der Traume! Land voll Schatten und Flecken! Ach auf deinen breiten Schattenflecken111 werden jetzt die guten Menschen beben und untersinken! ... Ein Ring aus Nebeln112 umkreiset dich, und sie sehen das Elysium nicht..... Ach wie still tragst du durch den seligen stillen Himmel dein Schlachtgeschrei deine Sturme deine Graber; deine Dunstkugel schliesset wie ein Sarg alle Klagstimmen um dich ein, und du rinnest mit uberdeckten Gebeugten bloss als eine blasse stille Kugel uber das Elysium hinuber! ...

Ach ihr Teuern, mein Horion! mein Julius! ihr seid noch droben im Gewitter, ihr deckt meinen Leichnam zu, ihr blickt weinend gen Himmel und konnt das Elysium nicht sehen... O! dass ihr durch das nasse Gewolk des Lebens schon durch waret aber vielleicht hab' ich schon lange geschlafen und gewacht, vielleicht geht die Zeit auf der Erde anders als in der Ewigkeit Ach dass ihr hernieder kamet in die stillen Gefilde!" Er sah im magischen vergrossernden Schimmer zwei Gestalten gehen. "O wer ists?" rief er, entgegenfliegend. "O Vater! o Mutter! seid ihr hier?" Aber da er naher kam: sank er in vier andre Arme und stammelte: "Selig, selig sind wir jetzt, mein Horion! mein Julius!" Endlich sagt' er: "Wo sind meine Eltern und meine Bruder und Klotilde und die drei Brahminen? Wissen sie nicht, dass ihr Dahore in Elysium ist?"

Viktor sah trostlos dem wahnsinnigen Entzucken seines Geliebten zu und sagte weder Ja noch Nein. Dieser schauete himmlisch-lachelnd und liebe-stromend in Julius' Angesicht und sagte: "Blick mich an, du hast mich auf der Erde nicht gesehen." "Du weisst ja, dass ich blind bin, mein Emanuel!" sagte der Blinde. Hier floh der Wahnsinnige mit wegzuckenden Augen und mit einem Seufzer gegen den Mond von den Freunden hinweg und sagte leise zu sich: "Die zwei Gestalten sind nur Schattentraume aus der Erde ich will sie nicht ansehen, damit sie zerfliessen. So reichet also der Schatten- und der Traumkummer der Erde bis ins Eden heruber. Ich bin wohl noch im Totentraum, denn die Gegend hier sieht wie die Gegenden in meinen Lebenstraumen aus oder ist dieses nur der Vorhof des Himmels, weil ich meine Eltern nicht finde".... Er sah gegen die hohen Sterne: "Wo steh' ich jetzt unter euch? Neue Himmel liegen an neuen Himmeln. Ach sehnet man sich hier denn auch?"

Er seufzete, und wunderte sich, dass er seufzete. Er lehnte sich an den perlenden Blumenhugel, gekehrt mit dem Rucken gegen die geliebten Schatten, und mit den Augen gegen das anglimmende Morgenrot, und suchte und traumte aber endlich deckte die Morgenkuhle die suchenden, geblendeten, brennenden Augen, die heute bald auf Schreckgestalten, bald in Wonnemeere gefallen waren, mit leisem Schlummer und mit ahnlichen Traumen zu.... "Ruhe sanft, du muder Mensch!" sagte sein Freund; aber der Schlafer ergluhte mit dem Horizont, und der alte Wahnsinn spielte in ihm weiter....

Ein Traum und der Morgen legten fur ihn ein noch hoheres Elysium an.

Ihm traumte, Gott werde von seinem Sonnenthrone steigen und in Gestalt eines unsichtbaren unendlichen Zephyr-Wehens uber das Elysium gehen.

Der erste Morgen des Sommers haufte um ihn den Brautschmuck der Erde er durchzog die Gefilde mit Perlenbanken von Tau und warf uber die wuhlenden Bache das Zitter- und Glanzgold des herabgeschwommenen Morgenrots und legte den Buschen das Armgeschmeide von brennenden Tropfen an. Aber erst als er alle Blumen auseinandergespalten alle freudigzitternde Vogel in den Glanzhimmel gestreuet in alle Gipfel Singstimmen gehullt -als er den verwelkten Mond unter die Erde versenkt und die Sonne wie einen Gotterthron uber aufgebluhte Wolkenkranze aufgerichtet und uber alle Garten und um alle Walder ineinandergewundne Regenbogen von Tau gehangen hatte und als der Selige traumend stammelte: "Allgutiger, Allgutiger, erscheine im Elysium!" da weckte ihn der langsam fliessende Morgenwind und fuhrte ihn in die tausendstimmigen Jubelchore der Schopfung hinein und liess ihn erblindend ins brausende flammende Elysium taumeln.

O siehe! jetzo uberfloss ein unermessliches Atmen kuhlend, regend, lispelnd das ganze entbrannte Paradies und die kleinen Blumen bogen sich schweigend nieder und die grunen Ahren walleten sauselnd zusammen und die erhabnen Baume zitterten und brausten aber nur die grosse Brust des Menschen trank den unendlichen Atem in Stromen ein, und Emanuels Herz zerfloss, eh' es sagen konnte: "Das bist du, Alliebender!"

Du, der du mich hier liesest, leugne Gott nicht, wenn du in den Morgen trittst oder unter den Sternenhimmel, oder wenn du gut oder wenn du glucklich bist!

Aber, unglucklicher Emanuel!

Du sahest funf spielenden Trauermanteln zu und hieltest die schonen Schmetterlinge fur selige Psychen. Du hortest hinter deinem Hugel in die Erde hauen, als mache man ein Grab. Du sahest deinen guten Blinden an und sagtest doch: "Schatten! Weiche..... Furchte dich vor Gott, der voruberging, und verschwinde!" Aber du sagtest vorher noch etwas, was ich heute nicht enthulle

Mein Herz zittert vor der kunftigen Zeile!

Heulend vor Schmerz, grinsend vor freudiger Wut, sprang das tolle Totengebein in die selige Ebene hinter dem Hugel hervor und trug in seiner Rechten eine abgehauene blutige Hand und schuttelte aus dem linken Stumpfe, dem sein Wahnsinn sie abgehacket hatte, rieselnde Blutbogen und druckte mit dem rechten Arme ein Grabscheit an sich, um die Hand zu begraben, und schrie jubelnd und greinend: "Der Tod erschnappte mich daran, ich hab' sie aber abgezwickt und wenn er das Grab der Faust sieht, ist er so dumm und denkt, ich lieg' drin... Ach! du da! Leg dich doch in den Sarg zu Bett; er hat dir die Augen ausgebohrt und das Maul mit Moder beklebt Brr!"

"O Allgutiger, du hast mich verdammt!" stammelte Emanuel; aus seiner zermalmten Lunge riss sich das gejagte Blut, und der Trostlose schwankte sterbend auf die vollgebluteten Blumen seines verlornen Himmels nieder....

So nimmt ein Tag dem andern den Himmel, und eh' der beraubte Mensch dort in das letzte Paradies eintritt, hat er hier zu viele verloren! Ach eine von Wunden geoffnete Brust tragen wir in jede Fruhlingluft dieses Lebens und in den Ather des zweiten; und sie muss erst zugeschlossen werden, eh' sie sich fullen kann!....

Der sanfte Abend

Gegen Mittag macht' er die muden Augen auf, aber bloss um sie ins Grab fallen zu lassen, das der Tod neben ihm unter seinem Schlafe aufgeschlossen hatte. Jedoch der eine Wahnsinnige war der Arzneigott des andern gewesen; sein Traum vom Elysium war ausgetraumt, kurz vorher, eh' er erfullet zu werden schien, und er war wieder vernunftig. Viktor sah aus allen Zeichen, dass wenigstens gegen Sonnenuntergang der Tod mit seinem Obstpflucker diese weisse Frucht von ihrem Gipfel brechen werde; aber er sah es ruhiger als gestern. Da er schon die Proberolle der Trostlosigkeit gemacht hatte, so sagten die Werkzeuge des Grams keinen neuen Riss ins Herz, sondern gingen nur im alten blutig hin und her. Wer einen im Sarg Erwachten nach Jahren zum zweitenmal hineintragt, trauert schwerlich so heftig wie das erstemal.

Mit welchen veranderten Augen erwachte Emanuel in der Abendstube, wo er gestern die ersten Tranen vor Freude vergessen hatte! Seine Seele hatte, wie der traurige Baum von Goa, am Tage das nachtliche Gedrange von Bluten fallen lassen; seinem erkalteten Haupte kehrte die Erde nicht mehr die Auen-Seite der Dichtkunst zu, sondern die lichte der kalten Vernunft. Er gestand jetzt, dass er die edlern Teile seines innern Menschen auf Kosten der niedern vollblutig gemacht dass seine Todes-Hoffnung zu gross gewesen, wie seine dichterischen Flugelfedern dass er die Erde nicht aus der Erde, sondern zu sehr aus dem Jupiter betrachtet, auf dessen Sternwarte sie zu einem Feuerfunken einkriechen musste, und dass er also die Erde verloren, ohne doch den Jupiter dafur zu bekommen. Vergeblich widersprach ihm Viktor mit dem wahren Satze, dass der hohere Mensch, gleich den Malern mit Wasserfarben, allezeit sein Lebensstuck mit dem Hintergrunde und mit dem Himmel anfange, welchen Olmaler und niedere Menschen zuletzt machen; seine Antwort war die Klage, dass er leider nicht fortgemalet bis zum Vorgrunde. Endlich warf er sich auch vor, dass er zu viele Umstande bei einer so kleinen Trennung gemacht, als der Tod wenigstens fur den, der gehe, sei, da die andern Trennungen auf der Erde doch langer, herber und doppelseitig waren.

Sie kamen dadurch auf die Erkennungen jenseits dieses Theaters. Viktor sagte, er konne Vermutungen uber die Erde hinaus nicht so verschreien wie mancher Weise; denn wir mussten doch uber die Erde hinaus vermuten und denken, wir mochten bejahen oder verneinen. "Ohne die Fortdauer der Erinnerung" (sagte er) "ist mir die Fortdauer meines Ich so viel wie die eines fremden, d.h. keine; sobald ich mein jetziges Ich vergesse, so konnte ja jedes fremde statt meiner unsterblich sein. Auch folgt der Untergang meiner Erinnerung nicht aus der irdischen Abhangigkeit von meinem Korper; denn diese Abhangigkeit haben alle geistige Krafte mit ihr gemein, und es musste dann aus dieser Abhangigkeit auch der Untergang der andern folgen; und was bliebe denn noch zur Unsterblichkeit ubrig?" Emanuel sagte: der Gedanke der Wiedererkennung, so viel er auch Sinnliches voraussetze, sei so suss und hinreissend, dass, wenn sich die Menschen gewiss davon machen konnten, keiner eine Stunde hier wurde zogern wollen, besonders wenn man den Himmels-Gedanken ausmalte, alle grosse und edle Menschen auf einmal zu finden. "Ich habe mir oft" (sagt' er) "die kunftige Erinnerung nach Ahnlichkeit der jetzigen ausgebildet und musste immer vor Entzuckung aufhoren, wenn ich mir dachte, wie in jener Erinnerung die Erde zu einer dunkeln MorgenAue und unser Leben zu einem weit entruckten, mit Mondschein erhellten Tag eingehen werde. O wenn wir schon vor dem Bilde einiger Kinderjahre zerfliessen, wie sanft wird uns einmal das Bild aller Kinderjahre anblicken." Viktor wehrte diese todlichen Entzuckungen ab, und nachdem er zum Ubergange gesagt: "Eine Verbindung muss in jedem Fall diese Erde mit der zweiten haben", kam er auf etwas anders, das ihm in dieser Nacht so aufgefallen war .................

Ich verhull' es heute noch, was Viktor fragte und was Emanuel entdeckte; die neue Perspektive wurde unser Auge zu lange vom grossen Kranken abziehen.

Der Blinde hielt angstlich die heisse Hand desselben in einem fort, um den geliebten Vater nicht zu verlieren; und wenn ihm Emanuel lange sanften Trost uber seinen Tod, gleichsam kuhle Blatter um die entzundeten Schlafe herumgelegt hatte: so sagte er nichts als innigst flehend: "Ach Vater, wenn ich dich nur gesehen hatte, nur einmal!"

Emanuel schien gefasst zu sein; aber er tauschte sich; seine jetzige Gleichgultigkeit gegen die Erde war im Grunde schneidender als die nachtliche, die bloss ein anderer, mit den Zaubertranken der Phantasie vermischter Genuss des Lebens war. In seine Reue uber seinen dichterischen Selbermord schien sich fast Freude uber die Folgen zu mengen. Daher sagte er mit einem ruhrend-gewissen Blicke: "heute gegen Abend werd' er gewiss gehen und seine zwei letzten und besten Freunde nicht mehr mit diesen Verzogerungen des Abschiedes qualen. Der Genius der Welten werde ihm seine letzten Fehler vergeben und auf die hiesige Entfernung von ihm, die ihm zu lange wurde, dort keine zweite folgen lassen."

Je langer er sprach, desto mehr ruckte das alte Bluten-Eden wieder in seine matte Seele ein. Jetzt tat er eine sonderbare herzzerschneidende Bitte an seine Freunde. Da bekanntlich das Gehor den Sterbenden am langsten bleibt, indes schon alle andere Sinnen sich gegen die Erde zugeschlossen haben: so sagte Emanuel zu Viktor: "Sobald du siehest, dass es sich mit mir andern will, so gib deinem Julius die Flote, und du! spiele mir dann das alte Lied der Entzukkung, damit ich an den Tonen sterbe, wie ich schon oft wunschte, und spiele es auch noch einige Minuten nach dem Ende fort."

Er dachte nun daruber nach, wie schon um seine letzten Gedanken Tone ziehen wurden, wie Vogelgesang um die untergehende Sonne; und in seinem erloschenen Geiste flogen wieder die alten Funken auf: "Ach ich werde selig von hinnen ziehen. O meine Seele konnte in dieser Nacht schon diesem Erdboden einen uberirdischen Schmuck anlegen und ihn fur Eden halten: ach erst wenn der Boden schoner und die Seele grosser ist..."

Er wurde wieder ohnmachtig, aber der Puls schlug noch leise. Und hier in diesem Hinbruten war es, wo er von der Erde als letzte Gabe den schauderhaftsussen Traum empfing, in welchen der Korper die Gefuhle seiner Kranklichkeit mischte und den er nach seiner Wiederbelebung mit einem neuen Nachtraumen erzahlte. Es ist der letzte sanfte Dreiklang unsers Korpers mit unserer weichenden Seele, dass er ihr noch in seiner Auflosung (wie wir von Ohnmachtigen, von Scheintoten unter dem Wasser etc. wissen) susse Spiele und Traume zufuhrt.

Traum Emanuels, dass alle Seelen eine Wonne

vernichte

Er ruhte verklart in einem durchsichtigen farbichtdunkeln Tulpenkelch, der ihn hin- und herwiegte, weil ein sanftes Erdbeben die Tulpenlaube auf der gebognen Stutze zu taumeln zwang. Die Blume stand in einem magnetischen Meer, das den Seligen immer starker zog; endlich druckte er, hinausgesogen, sie nieder und sank als eine Tauperle aus dem umgebognen Kelche heraus...

Welch eine Farben-Welt! Ein Flockengewimmel von Athergestalten wie seine stand schwebend uber einer weiten Insel, um welche ein rundes Gelander von grossen Blumen aufgeblattert spielte mitten uber den Himmel der Insel flogen Abendsonnen hinter Abendsonnen tiefer neben ihnen liefen weisse Monde nahe am Horizont kreiseten Sterne und sooft eine Sonne oder ein Mond hinunterflog, schaueten sie himmlisch wie Engelaugen durch die grossen Blumen am Ufer hindurch. Die Sonnen wurden von den Monden durch Regenbogen geschieden, und alle Sterne liefen zwischen zwei Regenbogen und stickten silbern die bunte Ringkugel des Himmels. Ubereinander stiegen hinauf bunte Wolken, in denen ein Kern von Gold, von Silber, von Edelsteinen brannte von Schmetterlingflugeln waren Staubwolken abgestreift, die wie fliegende Farben den Boden uberhullten, und aus dem Gewolke blitzten reissende Lichtflusse, die sich alle ineinander verschlangen...

Und in diesem Farben-Getummel ging eine susse Stimme umher und sagte uberall: Vergehet susser am Lichte.

Aber die Seelen erblindeten nur und vergingen noch nicht.

Da uberfielen Abendwinde und Morgenwinde und Mittagwinde miteinander die Aue und wehten die hell-blauen und goldgrunen Wolken nieder, die aus Blumenduft entstanden waren, und falteten den Blumenring am Horizonte auf und trieben den sussen Rauch an die Herzen der Seligen. Der Blutennebel schlang sie in sich ein, das Herz wurde in die dunkeln Dufte wie in ein Gefuhl aus der tiefsten Kindheit eingetaucht und wollte, vom heissen Blumendunste uberflossen, darin auseinandertropfen. Jetzo kam die unbekannte Stimme naher und lispelte sanft: Vergehet susser am Duft.

Aber die Seelen taumelten nur und vergingen noch nicht.

Tief in der Ewigkeit aus der Mitternacht bog sich auf und nieder ein einziger Ton ein zweiter stand in Morgen auf ein dritter in Abend endlich tonte aus der Ferne der ganze Himmel, und die Tone uberstromten die Insel und ergriffen die erweichten Seelen... Als die Tone auf der Insel waren, weinten alle Menschen vor Wonne und Sehnsucht... Dann liefen plotzlich die Sonnen noch schneller, dann stiegen die Tone noch hoher und verloren sich wirbelnd in eine schneidende, unendliche Hohe ach dann gingen alle Wunden der Menschen wieder auf und warmten sanft mit dem rinnenden Blute jede Brust, die in ihrer Wehmut erstarb ach dann kam ja alles fliehend vor uns, was wir hier geliebet haben, alles, was wir hier verloren haben, jede teure Stunde, jedes beweinte Gefild', jeder geliebte Mensch, jede Trane und jeder Wunsch. Und als die hochsten Tone verstummten und wieder einschnitten und langer verstummten und tiefer einschnitten: so zitterten Harmonikaglocken unter den Menschen, die auf ihnen standen, damit das einschneidende Schwirren jeden Bebenden zerlegte. Und eine hohe Gestalt, um die ein dunkles Wolkchen zog, trat auf in einem weissen Schleier und sagte melodisch: Vergehet susser an Tonen.

Ach! sie waren vergangen und gern vergangen an der Wehmut der Melodie, wenn jedes Herz das Herz, nach dem es schmachtete, an seiner Brust gehalten hatte; aber jeder weinte noch einsam ohne seinen Geliebten fort.

Endlich schlug die Gestalt den weissen Schleier auf, und der Engel des Endes stand vor den Menschen. Das Wolkchen, das um ihn ging, war die Zeit sobald er das Wolkchen ergriffe, so wurde ers zerdrukken, und die Zeit und die Menschen waren vernichtet.

Als der Engel des Endes sich entschleiert hatte: lachelte er die Menschen unbeschreiblich lieblich an, um ihr Herz durch Wonne und durch das Lacheln zu zertreiben. Und ein sanftes Licht fiel aus seinen Augen auf alle Gestalten, und jeder sah die Seele vor sich stehen, die er am meisten liebte und als sie einander vor Liebe sterbend anschaueten und aufgeloset dem Engel nachlachelten: griff er nach dem nahen Wolkchen aber er erreichte es nicht.

Plotzlich sah jeder neben sich noch einmal Sich das zweite Ich zitterte durchsichtig neben dem ersten, und beide lachelten sich zerstorend an und wurden miteinander hoher das Herz, das im Menschen bebte, hing noch einmal bebend im zweiten Ich und sah sich darin sterben.

O da musste jeder von seinem Ich zu seinem Geliebten wegfliehen und, ergriffen von Schauder und Liebe, die Arme um fremde teure Menschen winden. Und der Engel des Endes offnete die Arme weit und druckte das ganze Menschengeschlecht in eine Umarmung zusammen. Da glimmt, duftet, tont die ganze Au da stocken die Sonnen, aber die Insel wirbelt sich selber um die Sonnen die zwei gespaltnen Ich rinnen ineinander ein die liebenden Seelen fallen aneinander wie Schneeflocken die Flocken werden zur Wolke die Wolke schmilzt zur dunkeln Trane.

Die grosse Wonnetrane, aus uns allen gemacht, schwimmt durchsichtiger und durchsichtiger in der Ewigkeit.

Endlich sagte leise der Engel des Endes: Sie sind am sussesten vergangen an ihren Geliebten.

Und er zerdruckte weinend das Wolkchen der Zeit.

*

In Emanuels Augen glanzten die Fieberbilder des Todes, mit denen sich jeder Schlaf, sogar der letzte, anfangt. Sein Geist hing wiegend in seinen schlaffen Nerven, von sanften Luften angeweht; denn er war schon in jener zersetzenden Nerven-Entzuckung der Ohnmachtigen, der Gebarenden, der Verbluteten, der Sterbenden. Aber seine ausgeleerte Brust stieg leichter auf, sein ziehender Geist dehnte den Lebensfaden dunner aus.

Viktor wurde den Trost der dumpfen Betaubung genossen haben, womit ubereinander gehaufte Schmerzen uns zusammendrucken, wenn er nicht dem armen Blinden jede Minute diese Schmerzen, d.h. alle Zurustungen des Todes, hatte sagen mussen. Ach der Blinde besorgte vielleicht, seinem Lehrer zu spat mit dem Liede der Entzuckung nachzurufen.

Es kam der Abend. Emanuel wurde stiller und sein Auge starrer, und es schien die Phantasien seines arbeitenden Gehirns in der Stube zu sehen, bis der Goldstreif der vorgesunknen Abendsonne, den ein Spiegel auf ihn richtete, gleichsam wie ein Blitz durch seine Traumwelt fuhr. Leise, aber mit anderer Stimme sagte er: "In die Sonne!" Sie verstanden ihn und ruckten sein Bette und sein Haupt dem schonen Abendregen der Abendsonne, dem er sonst so oft sein weiches Herz aufgeschlossen hatte, entgegen. Viktor erschrak, als er sah, dass seine Augen der Sonne ungeblendet und unbeweglich offenstanden.

Es war erhaben-still um drei zerruttete Menschen; bloss ein Abendluftchen flatterte in den Lindenblattern des Zimmers, und eine Biene zog um die Lindenbluten; aber draussen ausserhalb dem Theater der Beangstigung ruhete ein seliger Abend auf den rot ubersonnten Fluren unter freudigen, flatternden, singenden, trunknen Wesen.

Emanuel schauete still in die Sonne, die tiefer in die Erde drang; er krallte nicht am Deckbette wie andre, sondern hob seine Arme empor wie zu einem Fluge oder zu einer Umarmung. Viktor nahm seine geliebten Hande, aber sie hingen ohne Druck in seine nieder. Und als die Sonne wie eine lodernde Welt am Gerichtstage untersank in einer aufschiessenden letzten Lohe: so blieb der Stille mit kalten Augen an der leeren Stelle der Sonne und merkte den Untergang nicht; und Viktor sah plotzlich wechselnde Blitze der Todessense gelb uber das unverruckte Antlitz gehen. Da gab er zerruttet dem Julius die Flote und sagte gebrochen: "Spiele das Lied der Entzuckung, jetzt stirbt er."

Und Julius presste mit stromenden verfinsterten Augen den schluchzenden Atem in die Flote und erhob seine Seufzer zu himmlischen Tonen, um die entrinnende Seele unter ihrer Auswurzelung mit dem Nachklange der ersten Welt, mit dem Vorklange der zweiten Welt zu verhullen und zu betauben.

Und als unter dem Liede ein seliges Lacheln uber einen unbekannten Traum das erkaltende Gesicht verklarte und als bloss eine Zuckung der Hand die Hand des trostlosen Freundes druckte, und bloss die Zuckung mit dem Augenlid winkte und weiter hinab die blassen Lippen offnete und verging und als die Abendrote die bleiche Gestalt bedeckte siehe da trat der Tod, kalt gegen die Erde und unsern Jammer, eisern, aufgerichtet und stumm, durch den schonen Abend unter die Lindenblute hin zur uberdeckten Seele im beruhigten Leichnam und reichte die verhullte Seele mit unermesslichem Arm von der Erde durch unbekannte Welten hindurch in deine ewige warme vaterliche Hand, die uns geschaffen hat in das Elysium, fur das du uns gebildet hast unter die Verwandten unsers Herzens in das Land der Ruhe, der Tugend und des Lichts....

Julius stockte aus Schmerz, und Viktor sagte: "Spiele das Lied der Entzuckung fort, er ist erst gestorben." Unter den Tonen druckte Viktor dem Geliebten die Augen zu und sagte mit einem Herzen uber der Erde: "Nun schliesset euch zu der Geist ist uber der Erde, dem ihr das Licht gegeben du blasse geheiligte Gestalt, du geheiligtes Herz, der Engel in dir ist ausgezogen, und du fallst in die Erde zuruck." Und hier umschlang er noch einmal die leere kalte Hulle und druckte das Herz, das ja nicht mehr schlug, ihn nicht mehr kannte, an sein heisses an; denn die Flotentone rissen seine bleichen Wunden zu weit auseinander. O es ist gut, dass bei dem Menschen, wenn er im grimmigen Weh zu festem Eis erstarrt, keine Tone sind: die weichen Tone leckten aus der durchbohrten Brust alles traurige Blut, und der Mensch wurde an seinen Qualen sterben, weil er vermochte, seine Qualen auszudrucken....

Hier falle mein Vorhang vor alle diese Szenen des Todes, vor Emanuels Grab und vor Horions Schmerz! Ich und du, mein Leser, wollen nun aus dem fremden Sterbezimmer gehen, um in nahere zu schauen, wo wir selber erliegen, oder wo unsere Teuersten erlagen. Wir wollen in jenen Zimmern unser Totenbette erblicken, aber unser Auge falle nicht nieder; die Flamme der Liebe und der Tugend lodert aufwarts uber die Verwesungen wir sehen um das Totenbette eine Bahre als Ruhebank, auf die alle Lasten abgelegt sind und das auseinandergedruckte Herz auch wir sehen um das Totenbette eine grosse unbekannte Gestalt, die vom Ebenbilde Gottes den ErdenRahmen bricht. Aber wenn das Herz gross wird neben unserem Ruheort, so wird es weich neben dem fremden. Wenn du, mein Leser, und wenn ich jetzt mit dieser bewegten Seele in die Zimmer blicken, wo wir die ewigen Wunden der Erde empfingen, so werden uns die blassen Gestalten, die darin ihre Totenaugen noch einmal gegen uns aufheben, zu sehr erschuttern und verwunden. Ach, das durft ihr auch, ihr geliebten Stummen was haben wir euch denn noch zu geben als eine Trane, die uns schmerzet, als einen Seufzer, der uns beklemmt? Ach wenn der Trauerflor auf unserm Angesicht so bald zerreisset wie der Leichenschleier auf eurem wenn der Grabmarmor mit eurem Namen sich auf eurer Leiche umkehren muss, um eine neue mit ihrem neuen Namen zu bedecken o! wenn wir alle die ewige Liebe, das ewige Erinnern so leicht vergessen, das wir euch in eurer letzten Stunde versprochen haben; ach so ist ja in diesen brausenden Tagen des Lebens eine stille Stunde wie diese heilig und schon, wo wir uns gleichsam an die eingefallnen Graber mit den Ohren niederlegen und tief aus der Erde, obwohl jeden Tag dunkler, die Stimmen, die wir kennen, rufen horen: "Vergesset uns nicht vergiss mich nicht, mein Sohn mein Freund meine Geliebte, vergiss mich nicht!"

Nein, wir wollen euch auch nicht vergessen. Und wenn es uns immerhin zu wehe tut: so rufe doch jeder von uns in dieser Minute die teuersten Gestalten aus ihren Ruhestatten vor sich und schaue die verwesten Zuge, die wieder geoffneten Augen voll Liebe, die so lange geschlossen waren, und das teure aufgedeckte Angesicht recht lange an, bis ihm die alten Erinnerungen an die schonen Tage ihrer Liebe das Herz zerbrechen, und er nicht mehr weinen kann.

39. Hundposttag

Grosse Entdeckung neue Trennungen

Ich will jetzt enthullen, was ich im vorigen Kapitel verbarg. Da Emanuel an jenem elysischen Morgen des Wahnsinus zu Julius gesagt hatte: "Schatten! weiche!" so fuhr er fort: "Gaukle den blinden Sohn meines Horions (des Lords) nicht nach, der mich noch fur seinen Vater halt furchte dich vor Gott, der voruber ging, und verschwinde!" Und zu Viktor wandte er sich: "Schatten! wenn du nicht weisst, wer du bist, und deinen Vater Eymann nicht kennst: so falle wieder auf die Erde hinab und in den Schatten hinein, den dort mein Viktor wirft." Und da Viktor am andern Tag den Sterbenden auf diese Worte fuhrte: so fragte er beklommen: "Ach hab' ichs denn nicht im Wahnsinn gesagt, als ich wahnte, im Lande jenseits der Erden-Eide zu sein?" und er kehrte stumm das erschrockene Angesicht gegen die Wand....

Er hat es also im Wahnsinn des Todes herausgesagt, dass Julius der Sohn des Lords und Viktor der Sohn des Pfarrers Eymann ist.... Aber welche helle weite Beleuchtung gibt nicht dieser Vollmond unserer ganzen Geschichte, auf die bisher nur eine Mondsichel schien!

Ich gesteh' es, schon beim ersten Kapitel fiel es mir auf, dass Viktor ein Arzt war: jetzt ists erklart; denn der medizinische Doktorhut war die beste Montgolfiere und das Wunschhutlein fur einen burgerlichen Legaten des Lords, um damit leichter um den Thron zu schweben und auf den murben Jenner einzuwirken; auch konnte Viktor nach seiner kunftigen Devalvation und nach dem Verlust des Federhuts am besten in den medizinischen sein tagliches burgerliches Brot einsammeln sah der Lord. Das war ein Grund, warum dieser jenen fur seinen Sohn ausgab. Ein an derer ist: Viktor war der Rolle beim Fursten durch seine Laune, Gewandtheit, Gefalligkeit u.s.w. am meisten gewachsen, wozu noch die empfehlende Ahnlichkeit trat, die er mit dem funften, bis jetzt noch verlornen Sohne, den Jenner so liebte, in allem, das Alter ausgenommen, besass. Da nur ein Leibarzt der Gunstling sein sollte: so konnte der Lord keinen von den furstlichen Sohnen dazu nehmen, weil diese Juristen werden mussten, um in die kunftigen Amter einzupassen. Seinen eignen Sohn Julius konnt' er nicht brauchen, weil er blind war beilaufig! der Lord war auch einmal blind und vermehret also die Beispiele der von Vater auf Sohn forterbenden Blindheit durch seines ; aber auch ohne die Blindheit konnt' er wegen seiner uneigennutzigen Delikatesse unmoglich seinen Sohn die Vorteile der furstlichen Gunst erbeuten lassen, indes er die eignen Sohne Jenners von ihnen entfernte.

Du guter Mann ohne Hoffnung! wenn ich jetzt deine dichterische Erziehung des Blinden mit deinen kalten Grundsatzen vergleiche, wenn ich berechne, wie du abgestorben den lyrischen Freuden verhartet fur die Tranen des Enthusiasmus gleichwohl die mit Augenlidern verhangne dunkle Seele deines Julius von seinem Lehrer fullen lassest mit dichterischen Blumenstucken mit Tauwolken der Ruhrung und mit dem Nebelstern des zweiten Lebens: so vermehret es ebensosehr meine Schmerzen als meine Hochachtung, dass du nichts auf der Erde findest, was du an dein ausgehungertes Herz drucken kannst, und dass du dein auf leeren Tranendrusen verwelktes Auge kalt aufhebst gegen den Himmel und auch da nichts siehest als ein wustes odes Blau!

Diese schmerzliche Betrachtung machte Viktor noch fruher als ich. Aber zur Geschichte! Die vergangne zog tausend Stacheln durch sein Herz. Wir kennen jetzt unsern sonst frohen Sebastian nicht mehr er hat vier Menschen verloren, gleichsam um die vier Pfingsttage damit abzuzahlen: Emanuel ist verschwunden, Flamin ist ein Feind geworden, der Lord ein Fremder und Klotilde eine Fremde. Denn er sagte zu sich: "Jetzt, da sie so weit uber mich geruckt ist, will ich der Leidenden, der ich schon so viel genommen, nicht gar alles kosten, nicht gar die Liebe ihres Vaters und ihren Stand ich will nicht auf ihre in der Unwissenheit meiner Verhaltnisse geschenkte Liebe dringen. Nein, ich will gern meine Seele von der teuersten ablosen unter tausend Wunden meiner Brust und mich dann einsam hinlegen und zu Tod bluten." Jetzt wurd' ihm dieser Vorsatz leicht; denn nach dem Tode eines Freundes nehmen wir ein neues schweres Ungluck gern auf unsere Brust, es soll sie eindrucken, denn wir wollen sterben.

Doch hatte das Schicksal in seinen zwei Armen noch zwei Geliebte gelassen: seinen Julius und seine Mutter. In jenem liebt' er so viele schone Beziehungen; sogar das war eine, die es macht, dass man allzeit den liebt, mit dem man verwechselt wurde; und er wollte Vaterstelle bei jenem vertreten wie der Lord bei ihm, um diesem edlen Manne nicht sowohl zu danken als nachzueifern. Und noch heisser umfing er mit seiner Seele die vortreffliche Pfarrerin, der schon bisher sein Herz in der sanften Warme eines Sohnes entgegengeschlagen hatte. Ach wie wohl hatte es der kindlichen Brust, von welcher der bisherige Vater weggestossen war, in ihrem Sehnen getan, ans mutterliche Herz gedruckt zu werden und von der Mutter die Worte zu horen: "Guter Sohn, warum kommst du so unglucklich und so spat zu mir?" Aber er durfte nicht, weil er sonst den Schwur, die Abkunft Flamins unter der Decke des Geheimnisses zu lassen, gebrochen hatte.

Er sperrte sich vier Tage mit dem Blinden ins Sterbhaus ein er sah niemand besuchte das trauernde Kloster nicht, wo aus allen schonen Augen ahnliche Tranen flossen tat Verzicht auf den duftenden Park und auf den blauen Himmel und liess den Blumenflor dem Verstorbenen nachwelken. Er trostete den verlassenen Blinden, und den ganzen Tag ruhten sie aneinander geschlungen und malten sich weinend ihren Lehrer und seine Lehren und die lichten Stunden ihrer Kindheit vor. Endlich am vierten Tage fuhrte er den Blinden auf immer aus dem schonen Maienthal die Abendglocke sandte ihnen weit das Totengelaute eines ganzen eingesargten Lebens nach Julius weinte laut aber Viktor hatte nur ein feuchtes Auge und trostete nicht sich, sondern den Blinden; denn seine Seele war jetzo anders, als man erraten wird: seine Seele war erhoht uber dieses Abend-Leben, sein Verstorbner hielt sie wie ein Genius hoch empor uber die Wolken und uber die Spiele einer kleinen Zeit. Viktor stand auf dem hohen Gebirg, wo man am BegrabnisTage eines Freundes steht, unten am Gebirge ging das Totenmeer des Abgrunds weit hin113 und sog an einem ausgedehnten zitternden Nebel, der sich auf dem Meere aufrichtete und auf dem Nebel waren bunte Stadte gefarbt, und schwankende Landschaften hingen in ihm, und die kleinen Volker mit roten Wangen liefen auf den Landschaften aus Duft und alles, Volker und Stadte, tropften wie Tranen hinab ins saugende Meer bloss am Horizont war unten im dustern Nebel ein angeglommener Saum wie Morgenglut: denn eine Sonne steigt hinter der Dammerung auf, und dann ist der Nebel vergangen, und eine neue grune feste Welt liegt in die Unermesslichkeit hinein.

Er wollte die ganze Nacht gehen, aber er wurde durch etwas Furchterliches im nachsten Dorfe, das Obermaienthal heisset, angehalten. Er erkannte in der Wagenremise des Gasthofs den Wagen des Kammerherrn am Wappen. Er liess den Blinden auf einer steinernen Bank an der Ture nieder, wo dieser dem Gerausche des Heu-Abladens zuhorchte. Viktor bekam im Hause auf seine Frage die Nachricht: "es waren zwei Damen droben, die eine kenne man nicht" (er entdeckte aber im ersten Abriss ihres Anzugs sogleich die Pfarrerin) "die andere sei oft hier durchpassiert, es sei die Tochter des Obrist-Kammerherrn und habe Ganz-Trauer an, weil ihr Vater vor einigen Tagen totgeschossen worden im Duell mit dem Regierrat Flamin, und beide reiseten, wie ihre Leuten sagten, nach England."

Er schrie vergeblich, halb in Blut und Qual erstikkend: "Es ist unmoglich, mit dem Hofjunker von Schleunes meint ihr." Aber es war doch so Flamin war im Gefangnis Matthieu ausser Landes Le Baut schon unter der Erde.... Fodert aber die Geschichte dieses Mordes jetzo nicht! Viktor zog langsam die Uhr des glucklichen Zeidlers heraus und sah starr den Zeiger froher Stunden an, der schon einige Tage unaufgezogen stockte; in ihm riet etwas der wilden Verzweiflung an, er sollte sie gegen den steinernen Boden schleudern und schmettern. Aber drei Lauten-Hauche der Flote, mit der der Blinde eine schonere warmere Vergangenheit vor die erstarrte Seele zog, loseten sein gerinnendes Herz in ein nasses Auge auf, und er hob es uberfliessend empor und sagte bloss: "Vergib mirs, Allgutiger ach ich will gern nur weinen!" Wenn die Schmerzen in uns zu reissend werden: so knirscht etwas in uns gegen das Schicksal, und das Herz ballet sich gleichsam zur Wehre ergrimmt zusammen aber diese Starke ist Lasterung. O! es ist schoner gegen dich, Allgutiger, mit dem entzweigepressten Herzen hinzurinnen und zur Trane zu werden und so lange zu lieben und zu schweigen, bis man stirbt!

Die bekannten Flotentonen drangen in Klotildens dicke Regenwolke des Grams sie zitterte ans Fenster sie sah den Blinden aber sie ging schnell zuruck und hullte ihr Herz tiefer in die kalte Wolke denn jetzo wusste sie alles: der Blinde war der Todesbote, dass ihr grosser Freund die Erde und die Trostlosen verlassen habe. "Mein Lehrer ist auch tot", sagte sie zur Begleiterin; und als Viktor um eine Unterredung bitten liess: konnte sie nur sprachlos mit dem Kopfe nicken. Dann bat sie die Pfarrerin, in ein anderes Zimmer zu treten, weil ihr der Anblick Viktors aus vielen Grunden druckend sein musste. Viktor stieg die Treppe gleichsam zu einem Blutgerust hinauf, auf dem ihm das Schicksal sein Herz herausnehmen werde, namlich die gute Klotilde, von der er heute sowohl durch ihre Reise als durch seinen Vorsatz, sie zu entbehren, abgeschieden wurde. Als er aufmachte und die Bekummerte erblickte, bleich und mude an die Wand gelehnt; und als beide einander mit niedergesunknen Handen in die rotgeweinten Augen sahen und bebten in dem dustern Zwischenraum zwischen dem Anblick und dem ersten Wort wie in der schrecklichen Zeit zwischen dem Feuer eines grossen Geschosses und zwischen der Ankunft der Kugel, und da endlich Klotilde leise fragte: "Es ist alles wahr?" und er sagte: "Alles!" so legte sie ihr schones Haupt langsam um gegen die Wand und wiederholte in einem fort, aber leise-klagend, mit den sanften gedampften Trauertonen des ermudeten Jammers die Worte: "Ach! mein guter Lehrer, mein unvergesslicher Freund! Ach du grosser Geist! du schone Himmelseele, warum zogest du so bald meiner Giulia nach! O, teuerster Freund, zurnen Sie nicht, ich wunschte jetzo bloss zu sein, wo mein Vater ist, im stillen Grabe." Viktor fing bebend die Frage an: "Hat ihn Flamin...." aber er konnte nicht dazusetzen: "umgebracht": denn sie richtete das Haupt empor und blickte ihn an mit einem schwellenden, mit einem arbeitenden unsaglichen Schmerz, und dieser Schmerz war ihr Ja.

Sie wollte, von der Tranenverblutung erschlafft und zuckend unter den Erinnerungen, die wie Gehirnbohrer die Seele betasteten, endlich an der Wand zusammensinken; aber Viktor fasste sie mit unaussprechlichem Mitleid auf und erhielt sie aufgerichtet an seiner Brust und sagte: "Komm, unschuldiger Engel, komm an mein Herz und weine dich aus daran wir sind unglucklich, aber unschuldig o ruhe aus, du gequaltes Haupt, ruhe sanft unter meinen Tranen." Aber im hochsten Weh fing allezeit eine Bergluft um ihn zu flattern an, ihm war, als richtete ein Hebeisen die eingebrochne Hirnschale auf, als zoge Lebenluft durch die angebohrte, innen modernde Brust hinein; es war ihm darum so, weil ihm das Leben der Menschen klein wurde, der Tod gross und die Erde zu Staub. "Schlafe, Gequalte" sagt' er zu Klotilde, die welkend an ihm lehnte "verschlafe das Weh das Leben ist ein Schlaf, ein gedruckter heisser Schlaf, Vampyren sitzen auf ihm, Regen und Winde fallen auf uns Schlafende, und wir greifen vergeblich aus zum Erwachen o das Leben ist ein langer, langer Seufzer vor dem Ausgehen des Atems. O dass aber die elende Lufterscheinung gerade diese gute Seele, gerade dich, dich so qualen darf!" "Ach," sagte Klotilde, "wenn doch die zu traurige Flote aufhorte! Mein Herz zerspringt vor Qual"; aber ihr Freund riss grausam alle Quellen ihrer Tranen weiter auf und goss seine in die ihrigen und malte ihr die Vergangenheit ab: "Vor vier Wochen war es anders, da gingen die Flotentone uber ein schoneres Land durch die glucklichen Klagen der Nachtigall hindurch in unsere Herzen, die damals so froh waren am ersten Pfingsttage fand ich dich, als die Nachtigall schlug am zweiten sank ich vor Wonne und Hochachtung vor dir nieder, als der Regen um uns glanzte am dritten ging oben an der Abendfontane ein weiter Himmel auf, und ich sah einen einzigen Engel glanzend und lachelnd darin stehen. Unsere drei Tage waren Traume von schonen Blumen, denn Traume von Blumen bedeuten Jammer."- Er hatte bisher seine weiche Seele gegen dieses grausame Gemalde verhartet; aber als er gar mit gepresster Stimme dazugefugt hatte: "Damals lebte unser Emanuel noch und besuchte abends sein offnes Grab....": so musste sein Herz zerreissen, und alle Tranen quollen uber das tief hineingedruckte Schwert wie blutige Tropfen heraus, und er sagte, sie heftiger an sich fassend: "O komm, wir wollen weinen ohne Mass: wir wollen uns nicht trosten. Wir sind nicht lange mehr beisammen: o ich mochte mich jetzt zerrutten durch Kummer. Erhabner Dahore! schau diese Sterbende an und ihre Tranen um dich und vergilt ihre Trauer und gib der muden Seele einmal Ruhe und deinen Frieden und alles, was den Menschen fehlt!"

Die zwei Seelen sanken verschlungen hin in eine einzige Trane, und die Stille der Trauer heiligte den Augenblick und mehr lasset mich mit dem beklommenen Atem nicht davon sagen.

Wie erwachend zog sie ihr Haupt von seinem Herzen und nahm mit einem entkrafteten Lacheln seine Hand denn sie liebte ihn aller Ungluck-Zufalle ungeachtet unaussprechlich und war eben auf dem Wege nach Maienthal, um ihn noch einmal zu erblikken und sagte: "Ich gehe nach England zu meiner Mutter, um den Lord auszufinden und zu erbitten, dass er fruher komme und sich ins Mittel schlage und fremde Schmerzen und meine endige."- Ihr Stocken, das ihr Blick ausfullte, entdeckte ihm soviel, als es der unglucklichen Pfarrfrau verschwieg, die im Nebenzimmer vieles horen konnte was sie verdeckte, war, dass sie bei dem Lord die Beschleunigung der Entdeckung, dass Flamin der Sohn des Fursten sei, betreiben wollte. Ausserdem ruckte dieser Weg ihre Augen von so vielen Bildern des Grames, so wie ihre Ohren von so manchem Missgeton des Gespottes hinweg. Freilich war die Absicht, auf dem Kutschkissen und auf dem Schiffe die Bewegung wie eine Eisentinktur einzunehmen, nur ihr Vorwand bei Hofe gewesen, wo man ehrerbietige Unwahrheiten nicht bloss vergibt' sondern auch verlangt.

Viktor verhiess ihr, in dunkler Ahnung seiner Kraft und Uneigennutzigkeit- denn der Ungluckliche opfert freigebiger und leichter als der Gluckliche auf : "er wolle wie eine Schwester fur ihn sorgen."- Ihre Augen trugen einander ihre Geheimnisse und eben darum ihre Liebe vor, und Klotilde floss von weinender Liebe uber, erstlich der Reise wegen (weil fur ihr Geschlecht eine Reise der Seltenheit wegen etwas Wichtiges ist), zweitens des Kummers wegen, da die Liebe ein weibliches Herz in ganzer Trauer warmer macht als eins in halber, wie Brennspiegel schwarz gefarbte Dinge starker erhitzen als weisse.

Gerade heute, wo sie ihm mit so viel erneuter Liebe in die Augen blickte, sollt' er von ihr abgerissen werden. Er verschonte sie zwar mit der Entdeckung seiner Geburt und seiner ewigen Trennung, um an ihr zerrissenes Herz nicht neue ziehende Qualen zu hangen; aber er wollte diese letzte Minute seiner schonen Liebe, diese Nachlese und diesen Nachflor seines Lebens ganz abernten. Ach er wollte sie anschauen wie nie er wollte ihr die Hand drucken heftig wie nie er wollte ihr ein Lebewohl sagen wie ein Sterbender Denn es ist alles, rief unaufhorlich sein Innerstes, zum letzten, letzten Male! Nur kussen wollt' er sie nicht: eine scheue Ehrfurcht, der Gedanke an die ausgespielte Liebhaberrolle verbot es ihm, von ihrer Unwissenheit einen eigennutzigen Gebrauch zu machen. Aber als er den letzten Blick der Liebe auf sie richten wollte: so schlug das Schicksal alle die geschliffnen Waffen, die bisher in seine Nerven gedrungen waren, noch einmal in die blutenden Offnungen, wie man in die Wunden der Ermordeten die alten Instrumente wieder halt, um zu sehen, obs dieselben sind ach es waren dieselben das Zimmer benebelte gleichsam ein Lichterdampf die Flotentone erstickten im innern Brausen er musste sie ansehen und konnte doch nicht vor Wasser er musste sie lange, fassend ansehen, weil er ihr schones Angesicht als ein Schattenbild des Schatten-Edens auf ewig niederlegen wollte in seine Seele Endlich konnt' ers, mit tausend Schmerzen blickte er ihr betrantes Angesicht, durch das die Tugend wie ein Herz schlug, ergreifend an und schattete es ab in seiner oden Seele bis auf jede Linie, bis auf jeden Tropfen So viel nahm er mit von ihr, mehr nicht; ihr liess er alles, sein Herz und seine Freude Ach weiche Klotilde! wenn du es erraten hattest! Das Schluchzen seiner Mutter riss ihn ans Nebenzimmer, er stiess die Tur auf, rief zertrummert der weggekehrten Mutter zu: "Teuerste! Beim Allmachtigen, Ihr Sohn ist kein Morder und kein Verlorner"- und druckte die ihm hinter dem Rukken gegebne Hand sinnlos zusammen.

Seht dem dustern Augenblicke, meine Freunde, jetzo nicht zu, wo er zum letzten Male Klotildens Hand nimmt und sein Herz von ihrem spaltet und doch nur sagt: "Reise glucklich, Klotilde, lebe ruhig, Klotilde, werde froh, Klotilde!"

Und weit vom Dorfe fiel er neben dem Blinden auf die Knie mit einem stummen Gebet fur das trauernde Herz, das er nun zum leztenmal verloren hatte.

Erst morgens um 4 Uhr kam er ohne Mudigkeit und ohne Tranen und ohne Gedanken in Flachsenfingen mit dem Blinden an.

40. Hundposttag

Das morderische Duell Rettung der Duelle

Gefangnisse als Tempel betrachtet Hiobsklagen des

Pfarrers Sagen meiner biographischen Vorzeit,

Kartoffelnstecken

Indem ich in den 40sten Tag mit der Anmerkung einschreiten will: "Die Historie des Duells ist noch voll Banal-Chiffern und ein wahrer unbezifferter Generalbass" langt ein Stuck vom 43sten an und beziffert den Bass oder punktiert die hebraischen Konsonanten. Diesem jungen Vorlauf aus dem 43sten Kapitel hat man es zu danken, dass ich die Schuss-Historie mit froherem Mut erzahlen kann. Man wird es nicht erraten, wer uber Klotildens Verlobung am meisten aufkochte der Evangelist namlich. Ihn verdross die kuhne Treulosigkeit des Kammerherrn, uber dessen Hoflichkeit er bisher durch Grobheit regiert hatte, darum so sehr, weil eine menschliche Mixtur von Kraftlosigkeit und Schmeichelei, wie Le Baut, uns unsaglich erbittert, wenn sie von Schmeicheleien zu Beleidigungen ubergeht. Noch mehr hetzte ihn, der Flamin aufhetzte, die Witwe des Kammerherrn auf und schurte in sein Elementarfeuer sanftes Ol und einige Zundruten nach; sie hasste Klotilden, weil diese geliebt wurde, und unsern Helden, weil er nicht, wie der Evangelist, die Stiefmutter uber die Stieftochter erhob. Eine Frau, die fur einen Mann in den Tod gegangen ist, d.h. in einen kurzen Schlaf (welches der Tod fur Fromme ist), namlich in eine Ohnmacht wie eben die Frau Witwe im 8ten Posttage , darf schon diesen Mann hassen, wenn er sich nicht lieben lasset. Der Evangelist, der bisher Klotildens und Viktors Liebe nur fur die zufallige Galanterie einer Minute gehalten und der die fluchtige Verbindung mit seiner Schwester Joachime auch fur keine langere angesehen hatte, war teufelstoll uber den Fehlschuss im ersten Falle und uber den Konigschuss im zweiten; und er beschloss, sich und seine Schwester, die er mehr als seinen Vater liebte, an jedem zu rachen.

Joachime war noch dazu bitter gegen Viktor erzurnt, da sie sich und ihre Liebe zum blossen Deckmantel der seinigen gegen Klotilden bisher gemissbraucht glaubte. Ich habe oben berichtet, dass Matthieu nach dem Besuche Eymanns den seinen bei Flamin machte. Als ihm der Rat die Unterredung mit dem Pfarrer und seinen Haupteid eroffnet hatte: fasste sich Matz und walzete viel auf den Kammerherrn: "dieser sei ein kleiner Filou und ein grosser Hofmann er habe vielleicht mehr als der Liebhaber Klotildens Badreise nach Maienthal vermittelt er, und nicht so sehr Viktor, suche aus der Tochter ein Nachtgarn des furstlichen Herzens und einen gradus ad Parnassum des Hofes zu machen." Flamin war ordentlich froh, dass seine Rachbegierde noch einen andern Gegenstand bekam als den, dessen Fehde er seinem Vater abgeschworen hatte. Indessen verbarg er dem Rate (um unparteiisch zu sein) doch nicht, dass der Apotheker uberall aus Erbitterung gegen Sebastian aussagte, dieser habe den Plan dieser Heirat als eines Erhoh-Mittels bloss von ihm, von Zeuseln. Flamin griff bei solchen Knochenzersplitterungen der Brust nur zur Stahlkur des Degens, zum Bleiwasser der Kugeln und zum Brenneisen des Sabels; und da ihn das Duell mit dem adeligen Viktor verwohnt hatte, wollt' ers in der ersten Hitze dem Dreiknopfler Le Baut auch vorschlagen, als Matz den turnierunfahigen Roturier auslachte. Flamin vermaledeite in vergeblichem Grimm seinen Ahnen-Defekt, der ihn hinderte, sich erschiessen zu lassen von einem Ahnen-Beguterten; ja er ware da er schnell angluhte und doch langsam erkaltete fahig gewesen, bloss eines adeligen Schimpfwortes wegen (wie schon einmal einer tat) Soldat zu werden, dann Offizier und Edelmann, bloss um nachher den stift- und schussfahigen Injurianten vor seine Pistolenmundung zu laden.

Aber der treue Matthieu dessen fleckige Seele sich vor jedem anders drehte, der Sonne gleich, die nach Ferguson sich ihrer Flecken wegen um sich wendet, um allen Planeten gleiches Licht zu schenken wusste zu raten; er sagte, er wolle in seinem eignen Namen den Kammerherrn fodern, und zwar auf ein vermummtes Duell, und dann konne in der Verkappung Flamin seine Rolle nehmen, indes er selber unter dem Namen des dritten Englanders dabei ware und die zwei andern als Sekundanten.

Flamin wurde durch Schnelligkeit ubermannt; aber nun fehlte es wieder an etwas, das noch weniger als der Adel zu einem Fechterspiel zu entraten ist an einer guten ordentlichen Beleidigung. Matthieu war zwar mit Vergnugen bereit, dem Manne eine anzutun, die zu einem Duelle hinlanglich befugte; aber der Mann mit dem kammerherrlichen Dietrich liess befahren, er werde sie vergeben und niemand kame zum Schuss. Recht glucklicherweise entsann sich der Evangelist, dass er ja selber schon eine von ihm erhalten habe, die er nur nutzlich und redlich zu verwenden brauche: "Le Baut hab' ihm ja vor drei Jahren die Tochter so gut wie versprochen; und so gleichgultig dieser Meineid an sich sei, so behalt' er doch als Vorwand zur Zuchtigung fur einen grossern Fehler seinen guten Wert."... So nimmt auf einer schmutzigen Zunge die Wahrheit die Gestalt der Luge an, sobald sich die Luge nicht in die der Wahrheit kleiden kann. Und Flamin ahnete nicht, dass sein angeblicher Brautfuhrer nichts sei als sein wahrer sabinischer Rauber derselben.

Ich bin in Angst, man denke, dass Matthieu einem Kammerherrn, zumal einem, bei dem Versprechen und Halten die weitlauftigsten Vettern waren, die Machtvollkommenheit zu lugen mehr abspreche als einem Hofjunker, und dass er vergesse, wie man uberhaupt uber den Strom des Hofs und Lebens wie uber jeden physischen nie gerade hinubergelange, sondern die Quere und schief. Aber der Schlimme verachtet den Schlimmen noch mehr, als er den Guten hasset. Noch dazu handelte er so nicht bloss aus Leidenschaft, sondern auch aus Vernunft: wurde Flamin totgemacht, so musste er von Agnola, die jetzt immer mehr die Furstin des Fursten wurde, und fur die naturlicherweise ein Nachflor von Jenners und des Lords vorigen Samereien ein Distel Gehege war, das Schiessgeld und Messgeschenk empfangen und eine hohere Stelle auf der Meritentafel des Hofs; ferner konnte dann der Lord nicht mehr zum Tor hereinrollen und hinterbringen: "Ew. Durchlaucht Sohn ist zu haben und am Leben." Wurde der Kammerherr erlegt, so wars auch nicht zu verachten; dieser vorige Kostganger und Prezist der furstlichen Krone war doch zum Teufel, und der Lord musste sich wenigstens schamen, durch sein Schweigen den Regierrat in das morderische Verhaltnis mit einem Manne verflochten zu haben, dem er in jedem Falle offentlich die Verehrung eines Sohnes abzutragen hatte. Matthieu konnte nicht verlieren noch dazu konnte er seine Wissenschaft um Flamins Abkunft verstecken oder aufdecken, wie es etwa not tat.

Da gar die Englander die Sekundanten sein konnten: so sagte Flamin Ja; aber Le Baut sagte Nein, als er das Manifest und Krieginstrument von Matzen erhielt; des Todes war er fast schon uber ein Todes-Rezept ohne das Ingredienz der Kugel. Ich werde einen Hofmann nie so verkleinern, dass ich vorgebe, er lehne einen solchen Kartoffelnkrieg aus Tugend ab oder aus Feigherzigkeit solche Menschen zittern gewiss nicht vor dem Tode, sondern bloss vor einer Ungnade ; aber eben die letzte, die Le Baut vom Minister und Fursten besorgte, schreckte ihn ab. Er hielt daher auf feinem Papier und mit feinen Wendungen, die den Streusand uberschimmerten, Matzen die vorige Freundschaft vor und verbindliche Abmahnungen von diesem auffallenden "Gozsurthel" und erklarte sich uberhaupt bereitwillig, gern alles zu leisten, was seine Ehre beleidigte, falls er nur nicht durch das Lusttreffen gegen das Duellmandat verstossen musste. Aber er musste Matthieu schrieb zuruck, er verburge sich fur das Geheimnis so wie fur das Schweigen der Sekundanten, und er schlage ihm zum Uberfluss vor, sich einander in der Nacht und in Masken die DrachenPechkugeln zu insinnieren; "ubrigens bleib' er auch in Zukunft sein Freund und besuch' ihn, denn nur die Ehre fodere ihm diesen Schritt ab."... Und dem Kammerherrn auch; denn diese Leute verschlucken wohl grosse, aber nicht kleine Beleidigungen, so wie die von tollen Hunden Gebissenen zwar feste Sachen, aber keine flussigen hinunterbringen und damit ist in meinen Augen ein Hofmann wie Le Baut genugsam entschuldigt, wenn er sich stellt, als war' er ein redlicher Mann oder als ginge er von denen sehr ab, die das ganze Jahr ihre Ehre zum Pfand einsetzen und das Pfand wie Reichspfandschaften oder wie lebendige Pfander der Liebe nie einlosen.

Auf den Abend, wo Viktor in Maienthal trauernd eintraf, war alles festgesetzt das Kriegstheater war zwischen St. Lune und der Stadt.

Extrablatt zur Rettung der Duelle

Ich glaube, der Staat begunstigt die Duelle, um der Vermehrung des Adels Grenzen zu stecken, wie eben darum Titus die Juden einander fodern liess. Da in Kanzleien immerfort Edelleute gemacht werden, aber keine Burgerliche da noch dazu allemal ein Burgerlicher darangewendet und eingerissen werden muss, eh' die Reichskanzlei einen Edelmann auf seiner Baustatte auffuhren kann da die stehenden Armeen und die Kronungen zugleich zunehmen und folglich die Bauten Adeliger mit: so wurde der Staat sicher eher zu viel als zu wenig Edelleute (wie doch nicht ist) besitzen, ware ihnen nicht gegenseitiges Erschiessen oder Erstechen verstattet. In Rucksicht der kleinen Fursten, die in der Kanzlei Backerei gemacht werden, ware weiter nichts zu wunschen, als dass zugleich auch Untertanen ein oder ein paar Rudel mit jedem Fursten mit abfielen von der Drehscheibe; so wie ich uberhaupt auch nicht weiss, warum die Reichskanzlei nur Poeten machen will, da sie doch ebensogut Geschichtschreiber, Publizisten, Biographen, Rezensenten von ihrer Salpeterwand abkratzen konnte. Man wende mir nicht ein, am Hofe schiesse man sich selten; hier hat die Natur selber auf eine andere Art wohltatige Grenzen der Hofleute gesteckt, etwan so wie bei den Hamstern, bei denen Bechstein die weise Absicht ihrer Entvolkerung darin findet, dass sie, so boshaft bissig sie auch sonst das Ihrige verfechten, gleichwohl ihre Brut nicht zum Ihrigen rechnen, sondern sie gern fahren lassen. Auch durfte Doktor Fenk mehr Recht haben, der ihre Partei nimmt und sagt, er gebe zu, sie nutzten nichts den wichtigern Gliedern des Staats, dem Lehr-, dem Bauernstande etc., aber doch viel den kleinern unnutzen Gliedern, den Messhelfern des Magens und des Luxus, den Matressen, der Lakaienschaft etc., und ein Unparteiischer musse sie mit den Brennnesseln vergleichen, auf denen sich, da sie fur Menschen und grosse Tiere wenig Nutzen haben, die meisten Insekten bekostigen.

Ende dieses rettenden Extrablattes

Flamins Seele arbeitete sich den ganzen Tag in Bildern der Rache ab. In einem solchen Sieden des Bluts wurden ihm moralische Leberflecken zu Beinschwarz, die Druckfehler des Staats kamen ihm wie Donatschnitzer vor, die peccata splendida des Regierkollegiums wie schwarze Laster. Heute sah er noch dazu den Fursten immer vor Augen, den er in den Klubs der Drillinge und noch mehr in Hinsicht auf Klotilden todlich hasste. Er verschmahte das belastete Leben, und in dieser Hitze, worin alle Materien seines Innern in einem einzigen Fluss zerlassen waren, suchte die innere Lava einen Ausbruch in irgendeinem Wagstuck. Seine heutige Ergrimmung war am Ende eine Tochter der Tugend, aber die Tochter wuchs der Mutter uber den Kopf. Die Drillinge, die, obwohl nicht mit der Zunge, doch mit dem Kopfe so wild waren wie er, zundeten gar den ganzen Schwaden seiner vollen Seele an.

Endlich ritten nachts die zwei Sekundanten und Flamin und der in den dritten Englander verlarvte Matthieu auf den Schiessplatz hinaus. Flamin kampfte entflammt mit seinem aufsteigenden dampfenden Hengst. Spater trug in Kurbetten ein Schimmel den Kammerherrn daher. Stumm misset man die Mordund Schussweite und tauschet das Geschoss. Flamin als Beleidigter bricht zuerst wie ein Sturm gegen den andern los; und auf dem schnaubenden Pferde und im Zittern des Grimms schiesset er seine Kugel uber das fremde Leben hinaus. Der Kammerherr feuerte absichtlich und offenbar weit vor dem Gegner vorbei, weil die Niederlage des (vermeintlichen) Matthieu sein ganzes Hofgluck mit niedergeschlagen hatte. Matthieu, bei aller Schlauheit zu jahzornig und zu kraftvoll, schon unter den Zurustungen des Gefechtes schaumend und noch mehr ergrimmt uber das Verfehlen seines Wechsel-Ziels und zu stolz, um sich vor den Englandern mit dem Geschenk seines Lebens unter einem fremden Namen und von einem so verachtlichen Widerpart beschamen zu lassen, stiess seine eigene Maske herab und Flamins seine dazu und ritt kalt auf den Kammerherrn zu und sagte, um ihn durch die Entdeckung seines ahnenlosen Gegners zu demutigen: "Sie haben sich im Stande geirrt aber jetzt schiessen wir uns."... Le Baut stotterte verwirrt und beleidigt aber Matthieu drangte sein Pferd zuruck stand schrie schoss mit versteinertem Arme und traf und zerstorte todlich das kahle Leben des armen Le Baut... Blitzschnell sagte er allen: "Zum Grafen O!" und trabte mit dem Bewusstsein der fruhen, leichten Vergebung von seiten des Furstenpaars und der Witwe uber die Grenze hinuber nach Kussewitz.

Flamin wurde ein Eisberg dann ein Vulkan dann eine wilde Flamme dann ergriff er die Hande der Briten und sagte: "Ich, bloss ich habe den hier getotet. Mein Freund hatte nichts mit ihm gehabt. Aber da er fur mich gesundigt hat: so ists Pflicht, dass ich fur ihn busse. Ich will sterben; ich gebe mich bei den Richtern fur den Morder aus, damit ich hingerichtet werde und ihr musset wie ich aussagen." Aber er entdeckte ihnen jetzt einen viel hohern Antrieb zu seiner kuhnen Luge: "Wenn ich sterbe," sagt' er immer gluhender, "so mussen sie mich auf dem Richtplatz sagen lassen, was ich will. Da will ich Flammen unter das Volk werfen, die den Thron einaschern sollen. Ich will sagen: seht, hier neben dem Richtschwert bin ich so fest und froh wie ihr, und ich habe doch nur einen Nichtswurdigen aus der Welt geworfen. Ihr konntet Blutigel, Wolfe und Schlangen und einen Lammergeier zugleich fangen und einsperren ihr konntet ein Leben voll Freiheit erbeuten, oder einen Tod voll Ruhm. Sind denn die tausend aufgerissenen Augen um mich alle starblind, die Arme alle gelahmt, dass keiner den langen Blutigel sehen und wegschleudern will, der uber euch alle hinkriecht und dem der Schwanz abgeschnitten ist, damit wieder der Hofstaat und die Kollegien hinten daran saugen? Seht, ich war sonst mit dabei und sah, wie man euch schindet und die Herren vom Hofe haben eure Haute an. Seht einmal in die Stadt: gehoren die Palaste euch, oder die Hundshutten? Die langen Garten, in denen sie zur Lust herumgehen, oder die steinigen Acker, in denen ihr euch totbucken musset? Ihr arbeitet wohl, aber ihr habt nichts, ihr seid nichts, ihr werdet nichts hingegen der faulenzende tote Kammerherr da neben mir"... Niemand lachelte; aber er kam zu sich. Die Drillinge, fur die der Korper und die Zeit und der Thron eine Brandmauer oder ein Ofenschirm ihrer in sich selber zuruckbrennenden Freiheitlohe war, gelobten ihm gebundene Zungen, feste Herzen und tatige Hande; doch waren sie schweigend entschlossen, ihn nach der spruhenden Rede mit ihrem Blute zu retten und seine Unschuld zu enthullen. Eine Folge dieses Freiheit-Dithyrambus war, dass Kato der Altere den Tag darauf den Pulverturm bei Maienthal, der das einzige Pulvermagazin im Lande war (Kornmagazine hatte man nicht so viele), ins Gewitter aufsprengte, als er nach Kussewitz zu Matthieu ritt.

Nun trugen sie die Luge ins Dorf, Flamin habe die Verkappung Matthieus benutzt und in einer ahnlichen dem Kammerherrn, den er wegen Mangel an Ahnen nicht erschiessen konnte, mit der Pistole das Lebenslicht ausgeputzt. Der Regierrat wurde auf einer kleinen scheinbaren Flucht inhaftiert und als eine gottliche Statue allein in jenen Tempel gesetzt, der, wie die alten Tempel, ohne Fenster und Geratschaft war, und den die darin sesshaften Gotter, wie Diogenes sein Fass, mit Inschriften versehen, und den der gemeine Mann bloss ein Gefangnis nennt. Ich will aber vor allen Dingen diese und die folgenden Worte ein

Extrablatt

benennen. Die Kapelle oder das Filial eines solchen Tempels heisset man ferner ein Hundeloch. Die Priester und Sodalen dieser Pagoden sind die Stockmeister und Stadtknechte. Uberhaupt sind die Zeiten nicht mehr, wo die Grossen gleichgultig gegen Wahrheiten waren; jetzo suchen sie einen Mann, der wichtige gesagt hat, vielmehr auf und setzen ihm nach und machen ihn (mit mehr Recht als die Tyrier ihren Gott Herkules) in besagten Tempeln mit Kettchen und eisernen postillons d'amour fest, damit er da auf diesem Isolierschemel (Isolatorio) sein elektrisches Feuer und Licht besser beisammen behalte und anhaufe. Ist einmal ein solcher Merkur so fixiert, und hat er mit den Fixsternen ausser dem Lichte auch die Unbeweglichkeit lange genug gemein gehabt: so kann man ihn, wenn mehr aus ihm geworden ist, endlich gar an den Dreifuss so heisst der Galgen als ein hangendes Siegel der Wahrheit schaffen, wo er zur ordentlichen aufgetrockneten Naturalie ausdorrt, weil er sonst als kein taugliches Exemplar in das Herbarium vivum des philosophischen Martyrologium geklebt werden kann. Ein solches Hangen ist eine wurdigere und nutzlichere Nachahmung der Kreuzigung Christi, als ich in so vielen katholischen Kirchen an Karfreitagen sah, und im Grunde um nichts schwacher als die, so Michelangelo nach der Sage veranstaltete, der den Menschen, der ihm zum Gekreuzigten sass, oder vielmehr hing, re vera kreuzigte. Daher sind in katholischen Landern neben den unblutigen Messopfern mehre blutige; denn ein solcher Quasichristus, der nicht in den dritten Himmel, aber doch in den Zitterhimmel114 (coelum trepidationis) erhoht wird durch ein wenig Hanf, soll deswegen erlegt man ihn seinen Lehren durch seinen Tod die Dienste erweisen, die der hohere Kreuzestod einmal erwies. Und wahrlich die Toten predigen fort fur die Wahrheit sterben ist ein Tod nicht fur das Vaterland, sondern fur die Welt die Wahrheit wird wie die Mediceische Venus in dreissig Trummern der Nachwelt ubergeben, aber diese wird sie in eine Gottin zusammenfugen und dein Tempel, ewige Wahrheit, der jetzt halb unter der Erde steht, ausgehohlt von den Erdbegrabnissen deiner Martyrer, wird sich endlich uber die Erde heben und eisern mit jedem Pfeiler in einem teuern Grabe stehen! Ende! Kato ritt dem nach Kussewitz gefluchteten Matthieu nach und legte ihm mit franzosischer Beredsamkeit den Plan Flamins, zu sterben, und ihren eignen, ihn zu retten, vor. Matz genehmigte alles, aber er glaubte nichts; er blieb noch ausser Landes. Doch erbat er sich, es ihm nicht ubelzunehmen, wenn er Flamins edle Aufopferung mit etwas vergelte, was wider ihren Plan, aber uber ihre Hoffnungen ware. Will er etwan dem Fursten es sagen, dass sein Sohn in der Haft sitzt? In drei Minuten gehen die Leser und ich in die Apotheke zum Helden, wenn nur vorher berichtet worden ist, dass, als der leere blutige Gaul des Kammerherrn und die Drillinge mit der lugenhaften Hiobspost des Mordes ans Pfarrfenster kamen, der Hofkaplan eingeseift und halb rasiert war. Er musste daher stillsitzen und nur langsam unter dem Messer reden: "O Jammer uber allen Jammer scher' Er doch fixer zu, mein Herr Feldscher Frau, heule fur mich." Er schwenkte in seiner verhaltenen Pein die Hand schlotternd, um den Arm und das Kinn nicht zu erschuttern: "Um Gottes willen, kann Er mich denn nicht hurtig schinden? Er hat einen armen Hiob unter dem Messer es ist mein letzter Bart man wird mich und mein Haushalten gefanglich einziehen. Du Rabenkind, dein Vater kann deinetwegen dekolliert werden, du Kain du!" Er lief an alle Fenster: "Dass Gott erbarm'! das wird schon im ganzen Pfarrspiel ruchtbar. Siehst du, Frau, einen solchen Satanas haben wir miteinander erzogen und geboren, du bist schuld. Was lauscht Er denn da! Scher' Er sich einmal fort zu Seinen Kunden, Herr Feldscher, und schwarz' Er Seinen Seelenhirten nirgends an, und breit' Ers nicht aus!" Jetzo kam die sanfte Klotilde, niedergesenkt und mit dem Schnupftuch in der Hand, weil sie erriet, was das Herz einer untrostlichen Mutter bedurfe, namlich zwei liebende Arme als einen Verband um die zerschmetterte Brust und tausend Balsamtropfen fremder Tranen auf das unter den Splittern schwellende Herz. Sie ging auf die Mutter mit offnen Armen zu und schloss sie darin sprachlos weinend ein. Der narrische Pfarrer fiel ihr zu Fussen und schrie: "Gnade! Gnade! wir samtlich wussten um nichts. Ich hab' den Totschlag erst unter dem Balbieren gehort. Ich bejammre nur Dero hochseligen Herrn Vater und dessen Relikten. Wer hatt' es vor zehn Jahren sagen sollen, gnadiges Fraulein, dass ich eine Ranke aufzoge, die meinen eignen Patronatsherrn niederschiesst? Ich bin ein geschlagner Mann und meine Frau dazu. Ich kann nun aus Scham nicht mehr Senior Consistorii werden ich darf keinen Patenbrief an Se. Durchlaucht erlassen, gesetzt auch, meine Frau kreisete auf dem Platze. Und wenn sie meinen armen Sohn kopfen, so werd' ich vor Jammer grau in die Grube fahren." Als ihm Klotilde, ohne zu lacheln, mit ihrem heiligen Worte zusicherte, es gebe ein unfehlbares Mittel der Rettung womit sie Flamins furstliche Abkunft meinte : so sah der Kaplan sie mit funkelnden Augen und verblufften Mienen an und nannte sie immer halblaut dazwischen: Himmelsengel! Gottesengel! Erzengel! Aber die zwei Freundinnen zogen sich begierig in ein Kabinett zuruck; und hier goss Klotilde das erste Wundwasser in die weit aufgerissene Seele der Mutter, indem sie ihr die Dazwischenkunft eines rettenden Geheimnisses beteuerte und verburgte und mit ihr deswegen die Reise nach London abredete. Diese Entfernung wurde ihr zum Teil noch durch ihr Missverhaltnis mit der Kammerherrin abgedrungen, deren letzter Windenschmied samt allen Hebemaschinen ihres gesunknen Schicksals nun mit ihrem Manne begraben worden, und welche, da sie alle Schuld auf Klotildens Betragen schob, diesen trauernden Geist durch ein absichtliches Ubermass eigner Trauer noch mehr zu kranken suchte. Da die Le Baut ubrigens nichts so lieb hatte als Gebetbucher und Freigeister: so ersetzte sie jetzo sich diese durch jene.

Einige meiner Leser werden mir schon vorgeflogen sein und in den Erker Viktors hineingeschauet haben, um seinen von vier Wanden versteckten Gram zu finden furchterlich steht die Einsamkeit vor ihm und faltet ihm ein grosses schwarzes Gemalde mit zwei frischen Grabern auf; in einem grossen Grabe liegt die verlorne Freundschaft, im andern die verlorne Hoffnung. Ach er wunscht das dritte, worein auch er sich verlore. Er hatte die erhabne Stimmung Hamlets. Der verhullte Julius kam ihm wie ein zuckender Toter vor. Er mied ganz den Hof; denn sein Selbgefuhl war viel zu bescheiden und stolz, um mit dem gestohlnen Adel und den erschlichenen Rechten eines Lords-Sohnes ein fluchtiges Geprange zu treiben. Auch setzte sich an seinem Herzen eine kleine Frostbeule durch den Gedanken an, dass der Lord, nach der Unart aller Staatsleute und Staatsmaschinenmeister, die Menschen zu handhaben nur wie Korper, nicht wie Geister, nur wie Karyatiden, nicht wie Mietleute des Staatsgebaudes, kurz bloss wie Tanzerinnen von Golkonda115, die sich zum Lastvieh eines einzigen Reiters mit ihren Gliedern zusammenschlingen und verschranken dass der Lord, sag' ich, diese sonst erhabene Seele, auch seinen Viktor zu sehr zum Arbeitzeuge seiner Tugend verbrauchet hatte. Aber er vergabs dem Mann, dem er doch nichts vorzuwerfen hatte, als dass er nur die Gutigkeiten eines Vaters gehabt, ohne die Rechte desselben.

Da Viktor niemand den Hof mehr machte: so wollte naturlich der Apotheker ihm auch keinen mehr machen. Jener lachelte dazu und dachte: "So sollte jeder gute Hofmann handeln und, wie ein geschickter Fahrmann in seinem Boote, allemal die Seite verlassen, die sinkt, und auf die andere ubertreten." Zeusel trat uber zum begunstigten Brunnendoktor Kuhlpepper, dessen Einsichten man die Heilung Jenners zuschrieb, die vom Sommer herkam, und er legte sich hin, um mit seiner kleinen Schlangenzunge die Fusse zu lekken, in deren Ferse er vorher mit seinem Giftgebiss gestochen hatte aber Grobiane vergeben nie; Kuhlpepper verachtete den "Neunundneunziger" und der Neunundneunziger wieder meinen Hofmedikus, wiewohl er ihn aus Furcht wie der Furst aus Gemachlichkeit weder vor den Kopf noch aus dem Hause zu stossen wagte.

Armer Viktor! der Ungluckliche braucht Tatigkeit, wie der Gluckliche Ruhe; und doch musstest du gebunden in die Zukunft wie in ein ausgedehntes herantreibendes Gewitter schauen. Du konntest sie weder verdrangen noch lenken noch beschleunigen und hattest nicht einmal den Trost, dem Schmerze die Waffen zu schmieden und wie Simson den Krampf der Qual durch Erschutterungen der Saulen auszulassen und auszuloschen! Er konnte nicht einmal fur den gefangenen Liebling etwas tun, den er in einen noch grossern Jammer getrieben; denn Flamins Leiden fuhrten wieder die Freundschaft fur ihn in seinen Busen ein, obwohl verkappt in den Domino der Menschenliebe. Er musst' es erwarten, aber er konnt' es nicht erraten, ob der Lord komme oder lebe welches beides durch dessen Schweigen und durch die Unsichtbarkeit des funften Furstensohnes wenig fur sich hatte. Zuletzt stand er in Furcht vor dem Schlaf, zumal dem nachmittaglichen; denn der Schlummer legt zwar seine Sommernacht uber unsere Gegenwart wie uber eine Zukunft, er zieht zwei Augenlider wie den ersten Verband uber die Wunden des Menschen und deckt mit einem kleinen Traume ein Schlachtfeld zu; aber wenn er wieder weggeht mit seinem Mantel, so fallen die hungrigen Schmerzen desto heisser auf den nackten Menschen los, unter Strichen fahrt er aus dem ruhigern Traume empor, und die Vernunft muss die ausgesetzte Kur, den vergessenen Trost von vorn anfangen. Und doch du gutes Schicksal! zeigtest du unserem Viktor noch einen abendrotlichen Streif an seinem weiten Nachthimmel; es war die Hoffnung, von Klotilden, die sein Herz nicht mehr die Seinige nennen durfte, vielleicht einen Brief aus London zu erhalten....

Ich wollte dieses Kapitel erstlich mit der Nachricht schliessen, dass die Kapitel in immer weiterm Zeitraume und in kleinerem Format einlaufen welches das Ende der Historie bezeichnet , und nachher mit der Bitte, es nicht ubelzunehmen, dass die Leute darin immer romantischer spielen und spekulieren; das Ungluck macht romantisch, nicht der Biograph.

Aber ich schliesse gar nicht eben der letztern Bitte wegen , sondern frische lieber im Kopf des Lesers das Bild des alten lustigen Viktors ein wenig auf, den er sich kaum mehr wird denken konnen. Es ist ein ungemein glucklicher Zufall, dass mir der Hund am dritten Hundposttage eines und das andere Faktum eingeliefert, das ich damals gar ausgelassen habe. Deswegen kann ichs jetzo unvermutet hinterbringen. Es muss ordentlich mir und dem Leser das grosste Vergnugen machen, wenn mein Schilderei sie war damals schon ganz fertig hier auf diesem Blatte aufgehangen wird.

Der Hiatus des dritten Kapitels, worin ich Viktors Ankunft aus Gottingen im Pfarrhaus male, lautet, vollgemacht, also:

Der Kaplan hatte das Eigne mancher Leute, dass er mitten im Freuden- und Visiten-Chor an seine winzigsten Geschafte dachte, z.B. am Hochzeittage an seine Maulwurffallen. Heute schnitt er in der Gesindestube wahrend der Lord dem Hofmedikus die geheime Anleitung erteilte die Saekartoffeln entzwei. Er konnte den Schnitt dieser Fruchte wenigen anvertrauen, weil er wusste, wie selten ein Mensch Stereometrie des Auges genug besass, um eine Kartoffel in zwei gleiche Kegel- oder Kugelschnitte zu zerfallen. Er hatte lieber die Saezeit versessen, als einen Keimglobus in ungleiche Sektores zerlegt, und sagte: "Nur Ordnung will ich haben."- Es kann meinen Helden verschatten, wenn es auskommt und durch den Druck muss es ja und wenn es zumal Nurnberger Patriziern und Leuten in Amtern und reichsgerichtlichen membris zu Ohren gelangt, dass Viktor nachmittags hinter dem Kaplan und Appeln einen Ehrenzug auf den Krautacker hielt und daselbst das vollfuhrte, was man in einigen Provinzen Kartoffelnstecken nennt. Man liess ihm das Lob, dass er in ebenso symmetrischen Fernen wie der Kaplan die unterirdische Brotfrucht dem Boden einverleibe; uberhaupt sannen beide der Kartoffelnallee scharf nach, und ihre Augen waren die Linienteiler der Beete. Der Kaplan hatte schon vorher dem Ackerpflug hinter einem Diopterlineal nachgesehen und nachgeholfen, damit das Feld, um welches ich und die reichsgerichtlichen membra jetzo stehen, in gleiche Prismata oder Beete ausgeschnitten wurde. Als beide abends nach Hause kamen mit grossem Ernst und kleinen Wamsern: so hatt' ihn das ganze Haus lieb zum Fressen; und die Pfarrerin fragte ihn, was er in seinem Wams, wenn ihm die Kammerherrin begegnet ware, gemacht hatte, eine Verbeugung, eine Entschuldigung oder nichts?

"O du liebes Deutschland!" (rief er und schlug die Hande zusammen) "soll sich denn das ganze Land keinen Spass machen, als den der Hof dekretiert?" (Viktor sah hier den alten tauben Kutscher Zeusel an; denn jede humoristische Ergiessung richtete er ordentlicherweise an den, der sie am wenigsten verstand; ich wills aber hier an die Patrizier und membra gerichtet wissen.) "Gibts denn, mein lieber Mann, hierzulande nichts als Galgen und Zimmerleute und Justizbeamten, ich meine so, dass also die ersten keine Axt anruhren, wenn nicht die letzten damit den ersten Hieb getan? Will Er denn alle Narrheiten wie die Moden von oben herab bekommen, wie ein Wind allemal in den obern Luftgegenden sauset, eh' er unten an unsere Fenster anpfeift? Und wo ist denn ein Reichsabschied oder ein Vikariatkonklusum, das einem Reichs-Deutschen verbote, narrisch zu sein? Ich hoffe, Zeusel, es soll noch eine Zeit kommen, wo Er und ich und jeder so viel Verstand hat, dass er seinen eigenen hat und seine eigene, aus seinem Fleisch und Blut gezeugte Privat-Narrheit, als Autodidaktus in jeder Toll- und Weisheit. O ihr armen Menschen! fangt doch nach den Flugel- und Schwanzfedern der Freude unter den Gewalt-Marschen euerer Tage! O ihr Armen! Will denn kein guter Freund einen Imperialfolianten zusammenschmieren und euch dartun, dass ihr wenig Zeit habt, gleich dem Teufel in der Apokalypsis? Ach der Genuss verspricht so wenig die Hoffnung halt so wenig der Sae- und Pflanztage der Freude stehen im berlinischen Kalender so wenige wenn ihr nun vollends so dumm waret und ganze Stunden und Olympiaden voll Lust als Eingemachtes wegsetztet und aufhobet im Keller, um, der Henker weiss wenn, daruber zu geraten uber ganze eingepokelte marinierte 60 Jahre ich sage, wenn ihr nicht an jeder Stundentraube die Minutenbeere auskeltertet wenigstens mit einigen Zitronendruckern was wurde denn am Ende daraus werden? ... weiter nichts als die Moral zu meiner ersten und letzten Fabel, die ich einmal vor einem Hannoveraner gemacht"...

Ich wollt', der Leser wollte sie; denn sie lautet so:

"Der dumme Hamster, heisst der Titel. Diesen brachte einmal der volle Kropf einer Taube, den er ausfrass, auf die Preisfrage, ob es nicht besser ware, wenn er statt einzelner Kornchen lieber Tauben mit ganzen Kornmagazinen am Halse eintruge. Er tats. An einem langen Sommertag inhaftierte er einen halben Taubenflug mit gefullten Kropfen; aber er riss keinen Kropf entzwei, sondern sparte sich hungernd alles zusammen auf Abend und Morgen, erstlich um recht viel Tauben einzufangen, zweitens um den KornerKnaul abends durchgeweicht zu schmausen. Er schlitzte endlich abends seinen Zehend-Offizianten die Kropfe auf, sechsen, neunen, allen kein Kornchen war mehr da, die Inhaftaten hatten alles schon selber verdaut; und der Hamster war so dumm gewesen wie ein Geizhals."

So weit der dritte und der vierzigste HundposttagArmer Viktor!

Nachschrift. Die Geschichte halt jetzt im Monat August und der Geschichtschreiber vorn am Oktober bloss ein Monat liegt zwischen beiden.

41. Hundposttag

Brief zwei neue Einschnitte des Schicksals des

Lords Glaubensbekenntnis

Man schenke einem Menschen, der, gleich Pferden, in der Nahe der Nacht und der Heimat starker lauft, den zehnten Schalttag; am Ende eines Lebens und eines Buchs macht der Mensch wenig Ausschweifungen.

Ich hab' es schon gesagt, dass nichts das Seelenund Ruckenmark mehr aus einem Menschen presset, als wenn ihm sein Ungluck kein Handeln vergonnt; das Schicksal hielt unsern Viktor noch fest mit der einen Hand, um ihn wund zu schlagen mit der andern, als in diesen Trauerwochen das Schopfrad der Zeit zwei neue Tranenkruge im Herzen der Menschen einschopfte und in die Ewigkeit hinausgoss. Erstlich kam die trube Nachricht wie Trauergelaute an Viktors Ohr, dass sein ehemaliger Jugendfreund Flamin einen Schritt, zu dem es ohne das Uberwerfen mit ihm nie gekommen ware, wohl mit dem Tode bussen werde. Einige Tage nach den Kanikularferien gerade als vor einem Jahre der arme Gefangne sein neues Amt mit so vielen menschenfreundlichen Hoffnungen angetreten hatte zog jenes Gerucht wie eine Pestwolke aus den Sessionzimmern heraus. Viktor fluchtete eilig und unglaubig und doch zitternd zum Apotheker, um ihm die Widerlegung abzufragen. Dieser schlug vor ihm eben weil er den Hofmedikus verachtete und beschamen wollte aufrichtig alle Hof- Rapportzettel und Cercle- oder Kreis-Berichte auseinander und las ihm daraus so viel vor: es sei nicht anders. Viktor horte, was er schon voraussetzte, dass jetzt der Furst den Laufzaum oder das Stangengebiss seiner eignen Frau umhabe, und dass sie ihm durch Klotildens Entfernung naherkomme und mit dem Ohr-und Ring-finger den in den Nasenring eingefadelten Zugel bewege, als ware sie in der Tat nichts Geringeres als seine Matresse, welches ein neues trauriges Beispiel ist, wie leicht in den jetzigen Zeiten eine feine Ehefrau sich die Rechte einer Kebsfrau erschleiche. Zeusel fand es naturlich, "dass sie, als die Freundin des Ministers, der, so wie sein Sohn Matthieu, der Freund des Kammerherrn gewesen, den Tod des letztern an Flamin zu rachen suche, und dass der Minister, um seine Hand besser in die Griffe der Parzenschere zu bringen und dem Regierrat den Lebensfaden entzweizuschneiden, selber die fortdauernde Entfernung seines Sohns verhange und unterhalte, damit dieser nicht etwan den unglucklichen Liebling decke". Nicht ein wahres Wort war daran, das wusste Viktor besser; aber desto schlimmer; o verrat nicht alles, dass Matthieu die Furstin durch Winke uber Flamins Geburt in sein treuloses Interesse gezogen, um, wie Zauberer, in der Ferne und durch wenige Charaktere umzubringen? Wurd' ihn wohl bloss die Furcht vor der Ruge der Ausfoderung so lange ausser den Grenzsteinen des Landes festhalten? Noch dazu brutete die Furstensonne den ministerialischen Krotenlaich immer lebendiger an. Es ist wahr und Viktor leugnete es nicht man darf erwarten von der Furstin, dass sie die Matthaus- oder Jakobsleiter, auf der sie das furstliche Herz erstieg, da sie vorher nur an Jenners Hand reichte, mit der Zeit umschnellen wird mit dem Fuss, so wie der Marder sich vom schlaftrunknen Adler in die Hohe reissen lasst und ihn erst droben so lange zerhackt, bis der Trager fallt und stirbt; aber jetzt ist, glaub' ich, ihre fortdauernde Dankbarkeit gegen Schleunes schon genugsam bei Rechtschaffenen dadurch entschuldigt, dass noch mehr zu holen steht von der unvollendeten Gabe. Ein alter Gesetzmacher setzte auf jeden Undank Strafe; ich glaube, man verfallt in den namlichen Fehler wie er, wenn man jede Dankbarkeit tadelt und bestraft, da oft der Eigennutzigste am Hofe zu ihr seine guten Grunde haben kann.

Viktor ging trube in sein Zimmer und sah Flamins Bild an und sagte: "O! das wolle der Himmel nicht, dass du Armer nicht mehr zu retten warest." Viktor konnte sich uberhaupt drei Tage nach einer Beleidigung nicht mehr rachen: "Ich vergebe jedem," sagt' er sonst, "nur Freunden und Madchen nicht, weil ich beide zu lieb habe." Aber welche Hand, welchen Zweig konnt' er dem sinken den Flamin hinunterreichen ins Gefangnis? Alles, was er vermochte, war, zum Fursten zu gehen mit einer nackten Bitte um dessen Begnadigung. Tausend Aufopferungen unterbleiben, weil man nicht ganz gewiss ist, dass sie ihre rechten Fruchte bringen. Aber Viktor ging doch; er hatte sich die goldne Regel gemacht: fur den andern euch dann zu handeln, wenn der Erfolg nicht gewiss zu hoffen ist. Denn wollten wir erst diese Gewissheit abwarten: so wurden Aufopferungen ebenso selten als unverdienstlich werden.

Er ging zum Fursten nach langer Zeit zum erstenmal hatte den Nachteil wider sich, eine lange Abwesenheit mit einer Bitte zu endigen sprach mit dem Feuer des Einsamen fur seinen Flamin flehte den Fursten um den Aufschub des Schicksals desselben an, bis der Lord wiederkehrte erhielt die Entscheidung: "Ihr Herr Vater und ich mussen es bloss der Justiz uberlassen" und wurde kalt und stolz verabschiedet.

Jetzo, gerade am 5. September dieses Jahres, wo eine grosse Sonnenfinsternis die Seele wie die Erde trube und bange machte, jetzo hatte das Wasserrad des Schicksals den ersten Tranenkrug in seiner Brust gefullt es walzte sich weiter, und der zweite floss uber: Klotildens Brief kam den 22. September zu Herbstes-Anfang an.

"Teurer Freund!

Ihr Herr Vater war in London noch zu Anfang des Februars und hatte viel franzosischen Briefwechsel; dann ging er ab nach Deutschland, und seitdem weiss meine Mutter nichts von ihm. Das Schicksal wache uber sein wichtiges Leben. An drei Eiden116, die seine Abwesenheit unaufloslich macht, hangen viele Tranen, viele Herzen und, o Gott! ein Menschenleben. Ich lege ein Blatt von Ihrem Herrn Vater bei, das er bei meiner Mutter geschrieben und worin eine Philosophie ist, die meinen Geist und meine Aussichten immer truber macht. Ach, ob Sie gleich einmal sagten: weder die Furcht noch die Hoffnungen des Menschen treffen ein, sondern immer etwas anders: so hab' ich doch das traurige Recht, meiner Bangigkeit und allen Traumen der Angst zu glauben, da ich mich bisher in nichts irrte als in der Hoffnung. Wie ungenugsam ist der Mensch! Aber wenn auch alles eintrafe und ich zu unglucklich wurde: so wurd' ich doch sagen: wie konnt' ich jetzt zu unglucklich sein, war' ich nicht einmal zu glucklich gewesen?

Sie werden mir es gern vergeben, dass ich uber London und uber den Eindruck schweige, den es auf ein so zerstreutes Herz wie meines machen konnte. Das tatige Gewuhl der Freiheit und der Schimmer des Luxus und des Handels beklemmen eine kummerhafte Seele bloss und machen nicht froher, wenn man es nicht vorher ist. Sei glucklich, geliebte Vaterstadt, sagte mein Herz, sei es lange und sehr, wie ichs in dir gewesen bin in meiner Jugend! Aber dann eil' ich lieber mit meiner Mutter auf ihr Landhaus zu, wo einmal drei gute Kinder117 so frohlich grunten, und da werd' ich unaussprechlich erweicht, und dann bild' ich mir ein, ich sei hier glucklicher als unter den Glucklichen. Ich bilde mir es wohl nur ein; denn wenn ich da das gesammelte Spielzeug dieser guten Kinder, ihre Exerzitienbucher und ihre engen Kleider anschaue; wenn ich mich unter drei aneinandergesaete Kirschbaume setze, die sie scherzend in dem zu engen Kindergarten eingelegt hatten; und wenn ich dann denke, auf dieser Buhne zogen sie ihre Herzen fur ein glucklicheres Leben gross, als sie gewonnen, fur eine hohere Tugend, als die Verhaltnisse zugelassen, und fur bessere Menschen, als sie gefunden haben: dann werd' ich sehr betrubt, und dann ist mir, als musst' ich weinen und durft' ich sagen: auch ich bin in England geboren und wurde in Maienthal von Emanuel erzogen.

Ach ich kann mein Herz nicht verbergen, wenn ich den Namen dieser grossen Seele schreibe. Er war hier oft auf einem Berge, wo eine auseinandergefallene Kirche liegt, und wo er auf eine noch nicht umgeworfene Saule stieg, um sein Auge zu den Sternen zu erheben, uber denen er nun wohnt. Ich wollte Ihnen jetzo das schreiben, was mir meine Mutter von seinem Abschied erzahlte; aber es tut mir zu wehe, und ich werd' es Ihnen mundlich sagen. Ich besuche diesen Berg sehr oft, weil man die ganze Ebene nach Osten hinuntersehen kann: hier hangt noch der alte Baum mit seinen Wurzeln und Zweigen in den Steinbruch hinunter, der voll zerstuckter Tempelsaulen liegt; Emanuel nahm oft abends das Kind dahin, das er am meisten liebte118 und das, wenn er auf der Saule betete, mit dem einen Arm um den Baum geschlungen, sehnsuchtig und singend uber die weite Gegend hinuberblickte und sich hinauslehnte und, ohne es zu wissen, in susser Beklommenheit uber die eignen Tone und die entlegnen Gefilde weinte und uber das blasse Morgenrot, das von der Abendrote zuruckglimmte. Einmal, da der Lehrer das Kind fragte: 'Warum bist du so still und singest nicht mehr?' gab es zur Antwort: 'Ach, ich sehne mich in die Morgenrote, ich mochte darin liegen und dadurch gehen und in die hellen Lander dahinter hineinschauen.' Ich setze mich oft unter jenen Baum und lehne den Kopf an ihn und verfolge stumm die Entfernung bis an den Horizont, der vor Deutschland steht, und niemand stort mein Weinen und mein stilles Beten.

Ich war heute zum letzten Male dort, denn morgen gehen wir mit meiner Mutter, ohne die mein verwaistes Herz nicht mehr leben kann, nach Deutschland zuruck zum besten Freunde der

treuesten Freundin

Kl."

*

O du gute Seele!

Hart klingt jetzt das sonderbare Blatt vom Lord, das kein Brief, sondern eine kalte Schutzrede seines kunftigen Betragens zu sein scheint:

"Das Leben ist ein leeres kleines Spiel. Wenn mich meine vielen Jahre nicht widerleget haben: so ist eine Widerlegung durch die wenigen ubrigen weder notig noch moglich. Ein einziger Unglucklicher wiegt alle Trunkne auf. Fur uns nichtige Dinge sind nichtige Dinge gut genug; fur Schlafer Traume. Darum gibt es weder in noch ausser uns etwas Bewundernswertes. Die Sonne ist in der Nahe ein Erdball, ein Erdball ist bloss die oftere Wiederholung der Erdscholle. Was nicht an und fur sich erhaben ist, kanns durch die oftere Setzung so wenig werden als der Floh durchs Mikroskop, hochstens kleiner. Warum soll das Gewitter erhabner sein als ein elektrischer Versuch, ein Regenbogen grosser als eine Seifenblase? Los' ich eine grosse Schweizergegend in ihre Bestandteile auf: so hab' ich Tannennadeln, Eiszapfen, Graser, Tropfen und Gries. Die Zeit zergeht in Augenblicke, die Volker in Einzelwesen, das Genie in Gedanken, die Unermesslichkeit in Punkte; es ist nichts gross. Ein oft gedachter trigonometrischer Satz wird zum identischen, ein oft gelesener Einfall schal, eine alte Wahrheit gleichgultig. Ich behaupte wieder: was durch Stufen gross wird, bleibt klein. Wenn die Dichtkraft, die entweder Bilder oder Leidenschaften malt, nicht in der Erfindung des alltaglichsten Bildes schon zu bewundern ist, so ist sie es nirgends. In die Stelle eines andern kann sich jeder, wie der Dichter, wenigstens in irgendeinem Grade setzen. Die Begeisterung ist mir verhasst, weil sie ebensogut durch Likore als durch Phantasien entsteht, und weil man in und nach ihr am meisten sich zur Unduldung und zur Wollust neigt. Die Grosse einer erhabnen Tat besteht nicht in der Ausfuhrung, die auf korperliche Armseligkeiten, auf Bewegen, Stehen, auslauft, nicht im einfachen Entschluss, weil der entgegengesetzte, z.B. der, zu morden, ebensoviel Kraft bedarf als der, zu sterben, nicht in der Seltenheit, weil wir alle in uns dieselbe Tuchtigkeit dazu, nur aber nicht die Beweggrunde dazu empfinden, nicht in allen diesem, sondern in unserer Prahlerei. Wir halten unsern allerletzten Irrtum fur Wahrheit, und nur den vorletzten fur keine, unser Heute fur fromm, und jeden kunftigen Augenblick fur den Kranz und Himmel der vorigen. Im Alter hat der Geist nach so vielen Arbeiten, nach so vielen Stillungen denselben Durst, dieselbe Qual. Da alles sich verkleinert in einem hohern Auge: so musste ein Geist oder eine Welt, um gross zu sein, es sogar dem sogenannten gottlichen Auge sein; aber dann musst' er oder sie grosser sein als Gott, weil man nie sein Ebenbild bewundert. In meiner Jugend gab ich in einem Trauerspiel dem Helden alle jene Grundsatze und liess ihn kurz vorher, eh' er sich den Dolch ins Herz trieb, noch sagen: 'Aber vielleicht ist der Tod erhaben; denn ich fass' ihn nicht. Und so will ich denn die Blutbogen, die aus dem Herzen aufspringen und so spielend das Menschenhaupt und MenschenIch in der Hohe erhalten, wie ein Springbrunnen die daraufgelegte Hohlkugel schwebend tragt, diesen Springbrunnen will ich mit dem Dolche ableiten, damit das Ich niederfalle.' Ich schauderte damals uber diesen Charakter; aber ich dachte nachher uber ihn nach, und es wurde mein eigner!"

*

Furchterlicher Mensch! Dein Blut-Strahl und das Ich daruber ist vielleicht schon umgefallen, oder bricht bald darnieder. Und eben diese schwarze Weissagung ist auch im Herzen Klotildens und Viktors O mochtest du, anderer gebuckter Mann, den ich hier vor dem Publikum nicht nennen darf, es erraten, dass ich dich meine, dass du ebenso wie der ungluckliche Lord dein eigenes Ich abfrissest gleich blutsaugenden Leichen, und dass du in der Sternennacht des Lebens noch einen eignen todlichen Nebel um dich tragst! O der Anblick eines grossmutigen Herzens, das sich bloss durch Ideen hulflos macht, und das unzuganglich und betaubt in seiner Laube aus philosophischen Giftbaumen liegt, farbt oft Tage schwarz! Glaube nicht, dass der Lord irgendwo recht habe! Wie kann er etwas klein finden, ohn' es gegen etwas Grosses zu halten? Ohne Achtung gab' es keine Verachtung, ohne das Gefuhl der Uneigennutzigkeit keine Bemerkung des Eigennutzes, ohne Grosse keine Kleinheit. So wenig du aus dem Schwanken der Saiten die Tranen des Adagio oder aus den Blutkugelchen und dreifachen Hauten eines schonen Gesichts deine Achtung fur dasselbe erklarst: ebensowenig kannst du dein Entzucken fur das Geistige in der Natur mit den korperlichen Fasern derselben rechtfertigen wollen, die nichts sind als die Floten-Ansatze und Dis- und Fisklappen der ungespielten Harmonie. Das Erhabne wohnt nur in den Gedanken, es sei des Ewigen, der sie ausdruckt durch Buchstaben aus Welten, oder des Menschen, der sie nachlieset! Ich verschiebe die Widerlegung des Lords auf ein anderes Buch, obwohl dieses auch eine ist.

42. Hundposttag

Aufopferung Valetreden an die Erde

Memento-mori Spaziergang Herz von Wachs

Es gibt einen Schmerz, der sich mit einem grossen Saugestachel ans Herz legt und Tranen durstig zieht das ganze Herz rinnt und quillt und druckt zuckend die innersten Fasern zusammen, um zu einem Tranenstrom zu werden, und fuhlt den Zug des Schmerzens nicht unter der todlich-sussen Ergiessung... So todlichsuss schmerzte unsern Viktor Klotildens Brief.

Aber todlich-bitter war der des Lords. "O dieser mud-gequalte Geist" rief er aus "sehnte sich ja schon auf der Insel der Vereinigung nach Toten-Ruheach er ist gewiss schon aus der schwulen Erde geflohen, die ihm so klein und druckend vorkam." War das: so waren alle Schwure, an deren Erlassung Flamins Leben hing, ewig gemacht und dieser verloren. Wars nicht, so war wenigstens keine Zuruckkehr zu hoffen, da Emanuels Tod und Gestandnis, Flamins Gefangenschaft und alle bisherigen Zufalle, die der Lord alle erfahren konnte, seinen ganzen schon liniierten Plan ausgestrichen hatte. Jetzo riefs laut in Viktors Seele: "Rette den Bruder deiner Geliebten!" Ja, es war ein Mittel dazu da; aber der Meineid wars. Wenn er namlich den beging, dass er dem Fursten entdeckte, wer Flamin sei: so war er erloset. Aber sein Gewissen sagte: Nein! "Der Untergang einer Tugend ist ein grosseres Ubel als der Untergang eines Menschen nur Sterben, aber nicht Sundigen muss sein soll es mich noch mehr kosten, mein Wort zu brechen, als mich bisher kostete, es zu halten?"

Bekanntlich war am Tage der heurigen Tag- und Nachtgleiche, wo er die zwei Londner Blatter empfangen hatte, ein kalter schneidender regnender Sturm, aus dem nachher der Sommer gleichsam zum zweitenmal aufbluhte. Viktor grubelte weiter nach. Er zog jenen grossen Tag auf der Insel der Vereinigung noch einmal mit allen Minuten vor sich und fand, dass er dem Lord durchaus geschworen hatte, immer zu schweigen, ausgenommen eine Stunde vor seinem eigenen Tode. Wir werden noch wissen, dass er sich diesen besondern Artikel damals ausbedungen, weil er einmal Flamin zugeschworen hatte, sich mit ihm von der Warte zu sturzen, wenn sie sich feindlich trennen mussten, und weil er jetzt, da ihm Klotildens Verschwisterung berichtet wurde, voraus befurchtete, es konne zu jenem Trennen und Sturzen kommen. Dann wollte er sich wenigstens die Freiheit vorbehalten, nur eine Stunde vor dem Sterben seinem Freunde zu sagen, dass er unschuldig und die Geliebte Flamins nur eine Schwester sei.

"Also eine Stunde vor meinem Tode darf ich alles offenbaren? O Gott! Ja! Ja! ich will sterben, damit ich reden kann!" rief er entzundet, pochend, aufgeweht, uber das Leben gehoben. Der Sturmwind schlug die Giessbache des Himmels und die zerstaubten Eisfelder an die Fenster, und der Tag sank dunkel unter in der zusammenschlagenden Flut "O!" (sagte unser Freund) "wie sehn' ich mich aus diesem schwarzen Sturm des Lebens hinaus in den stillen lichten Ather an die feste unbewegliche Brust des Todes, die den Schlaf nicht stort...."

Wenn er dem Fursten es entdeckte, dass Flamin sein eigner Sohn sei: so war dieser errettet, und er brauchte nur eine Stunde darauf sich umzubringen.

Und das wollt' er gern; denn was hatt' er auf der Erde noch als Erinnerungen? O der Erinnerungen zu viel, der Hoffnungen zu wenig! Wen kummert sein Fall? die Geliebte, die ihn doch entbehret, oder ihren Bruder, den er rettet und fliehet, oder seinen guten Lord, der vielleicht schon im Erdball ruht, oder seinen Emanuel, dessen liebende Arme schon zerfallen? "Ja bloss diesen geht mein Sterben an," (sagt' er:) "denn er wird sich sehnen nach seinem treuen Schuler, er wird in einer Sonne die Arme offnen und auf den Weg zur Erde niederschauen, und ich werde heraufkommen mit einer grossen Wunde auf der Brust, und mein stromendes Herz wird nackt auf der Wunde liegen o Emanuel, verschmah mich nicht, werd' ich schreien, ich war ja unglucklich, seit du gestorben bist, nimm mich an und heile die Wunde!"

"Siehst du meinen Vater?" sagte der blinde Julius, und sein Angesicht nahte sich einer lachelnden Entzuckung. Viktor erschrak und sagte: "Ich rede mit ihm, aber ich sehe ihn nicht!" Aber dies hemmte sein Erheben. Er war bisher der Paraklet und Krankenwarter des armen Blinden gewesen; er konnt' ihn nicht verlassen, er musste den Retraiteschuss des Lebens verschieben auf Klotildens Ankunft, damit diese den Hulflosen beschirme. Ach der gute Nachtwandler und Nachtsitzer (im eigentlichen Sinn) hatte anfangs jeden Tag seinen Viktor gebeten, ihm ins Auge zu stechen und das Licht wiederzugeben, eh' sein teuerer Vater auseinandergefallen ware, damit er das schone, von Wurmern noch nicht untergrabene Angesicht nur einmal sahe, nur noch einmal, ja er wollte wenigstens die kalte Larve blind betasten das hatt' er anfangs gebeten; aber in wenig Wochen hatt' er seine Arme unter dem Toten weggezogen und sie ganz (wie ein wahres Kind) mit aller seiner liebkosenden Liebe um den immer bei ihm zu Hause bleibenden Viktor geschlungen. Auch in der Nacht reichten sie sich aus ihren zwei nahen Betten die warmen Hande zu und gingen, so verknupft, in die Abendlander der Traume hinein. Den kindlichen Blinden hatte sogar das fortklingende Getose des Stadtgetummels, das seinem Dorfe abgegangen war, getrostet....

Viktor erwartete also vorher die Ankunft Klotildens ach, er hatt' es auch ohne den Blinden getan. Musst' er nicht seine gute Mutter noch einmal sehen, seine unvergessliche Geliebte noch einmal horen? Ich kann es ubrigens nicht verheimlichen, dass ihm nicht bloss die Rettung Flamins, sondern eigentlicher Lebensekel die Hand bei seinem Todesurteil fuhrten. Im Urteil des morderischen Ekels standen als Entscheidgrunde der Sonnenuntergang Emanuels Viktors gelaufige Nachtgedanken uber unser Lukubrieren des Lebens seine ganzliche Umsturzung seiner burgerlichen Verhaltnisse das ahnliche vergangene oder kunftige Muster des Lords sein Lechzen nach einer Tat voll Starke und am meisten die Todeskalte um seine nackt gelassene Brust, die sonst von so vielen warmen Herzen zugedeckt wurde. Man kann Liebe und Freundschaft nur so lange entbehren, als man sie noch nicht genossen hat aber sie verlieren und ohne Hoffnung verlieren, dies kann man nicht, ohne zu sterben. Seinem Gewissen macht' er den optischen Betrug und Theaterstreich vor, dass er es fragte, ob er nicht seinen Freund aus dem Wasser mit Gefahr des Lebens holen, ob er nicht vom Brette, das nur einen truge, in die Wellen sturzen durfe, um den Tod zum Kaufschilling eines andern Lebens zu machen. Zwei sonderbare Vorstellungen versusseten ihm seinen Todes-Entschluss am meisten.

Die erste war, dass er am Todestage (nach der Entdeckung beim Fursten) hingehen konnte ins Gefangnis zu Flamin und seine Hand anfassen und sagen durfte: "Komm heraus heute sterb' ich fur dich, damit ich dir beweisen kann, dass Klotilde deine Schwester war und ich dein Freund ich losche das schwarze Wort, das erst am Todestage vergeben werden kann, mit meinem unschuldigen Blute aus, und der Tod druckt mich wieder in deinen Arm. O ich tu' es gern, damit ich dich nur noch einmal recht lieben und zu dir sagen kann: mein guter, teuerer, unvergesslicher Jugendfreund!" Dann wollt' er ihm mit tausend Tranen um den Hals fallen und ihm alles vergeben: denn neben dem Tode und nach einer grossen Tat kann und darf der Mensch dem Menschen alles, alles verzeihen.

Die weichere Seele errat leicht die zweite Versussung seines Todes. Diese, dass er noch einmal zur Geliebten hingehen und es vor ihr denken, obwohl nicht sagen konnte: ich falle fur dich. Denn er fuhlte es jetzo doch, dass die beschlossene Scheidung durch das Leben zu schwer sei und nur eine durch Sterben leicht o recht leicht und suss, empfand er, ists, vor der Geliebten das nasse Auge zu schliessen, dann nichts mehr weiter anzusehen auf der Erde, sondern mit den hohen Flammen des Herzens und mit dem an die Brust gedruckten teuren Bilde, wie die eingesargte Mutter mit dem toten Liebling, blind an den Rand dieser Welt zu treten und sich hinabzusturzen ins stille, tiefe, dunkle, kalte Totenmeer... "Du bist", sagt' er oft, "in mein Ich gemalt, und nichts macht dein Bild von meinem Herzen los; beide mussen, wie in Italien Mauer und Gemalde darauf, miteinander versetzet werden." Und da er jetzo nichts mehr nach seinem Korper zu fragen brauchte: so durft' er die Tranen, die ihn zerrutteten, absichtlich vorreizen er wollte ordentlich etwas von seinem Leben Klotilden bringen daher macht' er einige Tage hintereinander die Proberolle der blutigsten Abschiedszene bis zur Erschopfung und zeichnete seinen Schmerz mit Dinte ab und sagte zu sich, wenn ihn daruber Kopfschmerzen und Herzklopfen befielen: "So kann ich doch etwas fur sie leiden, wenn sie es auch nicht weiss."

Hier ist ein solches Trauerblatt: "O du Engel! Tat' es dir nur nicht zu wehe, so ging' ich zu dir und fullete vor deinen Augen mein Herz so lange mit Tranen an, mit Bildern der schonern Zeit, mit den bittersten Schmerzen, bis es zersprengt ware und sanke oder ich erlegte mich in deiner Gegenwart, ach es ware suss, wenn ich mein Herz mit Blei zerschlitzte, indem es an deinem Busen lehnte, und wenn ich mein Blut und Leben an deiner Brust abrinnen liesse. Aber o Gott! nein, nein! Sondern, Gute, lachelnd will ich zu dir gehen, wenn du wiederkommst lachelnd will ich vor dir weinen, als war' es bloss vor Freude uber deine Wiederkehr nur die Federnelke mit dem roten Tropfen werd' ich von dir bitten, damit mein geschmucktes Herz unter der letzten Blume des Lebens verwese. Ich werde wohl so nah vor dir bluten, himmlische Morderin, wie die Leiche vor der Morderin, aber doch nur innerlich, und jeder Bluttropfe wird bloss von einem Gedanken auf den andern fallen. Dann endlich werd' ich lange verstummen und gehen und auf immer und nur sagen und mehr nicht: 'Denk' an mich, Geliebte, aber sei glucklicher als bisher.' Wo werd' ich dann gehen nach einer Stunde? Ich werde gehen auf dem oden stummen Wege zum giftigen Buo-Upas-Baum119, zum einsam stehenden Tode, und dort ganz allein sterben, ganz allein. Die Toten sind Stumme, sie haben Glocken, und ein Stummer wird im Blauen schweben und die Totenglocke lauten... O Klotilde, Klotilde, dann ist unsere Liebe auf der Erde voruber!"

*

Kennst du, Leser, noch die Stimme, die in seinem Innern allzeit unter dem Weinen der Musik im Tonfall der Verse erklang? Hier klingt sie wieder. Aber sein Orkan des Entschlusses machte bald sanfteren Taten und Stunden Platz, so wie der Herbststurm der Tag und Nachtgleiche sich in stille Nachsommertage auflosete. Der Gedanke: "In einigen Wochen fluchtest du unter die Erde" machte ihn zum Freigebornen und zum Engel. Er verzieh jedem, sogar dem Evangelisten. Er fullte seine kleine Sphare mit einem LebensNachflor von Tugenden; und widmete seine kurzen Stunden nicht sussen Phantasien, sondern durftigen Kranken. Er untersagte sich jeden Aufwand, um seinem Julius das vaterliche Vermogen ungeschmalert zu lassen. Er war weder eitel noch stolz. Er sprach freimutig uber und gegen den Staat; denn was ist so nahe neben dem Sturm- und Wetterdache des Sargdeckels wohl zu furchten? Aber eben weil er bloss die Liebe zum Guten und keine Leidenschaften und keine Feigheit in seinem Innern spurte: so widerstand er sanft und ruhig; denn sobald nur der Mensch fur sich selber uberfuhrt ist, dass er Mut fur den Notfall verwahre: so sucht er nicht mehr ihn vor andern auszukramen. Der Gedanke des Todes machte ihn sonst zu humoristischen Torheiten geneigt; jetzo aber nur zu guten Handlungen. Ihm war so wohl, ihm erschienen die Menschen und die Szenen um ihn in dem milden stillenden Abendlichte, worin er beide allemal in den Krankheiten seiner Kindheit erblickte. Es schien, als wollt' er (und es gelang ihm) durch diese Frommigkeit sein Gewissen zur leserlichen Unterschrift seines eigenhandigen Todesurteils bestechen. Wie dem verewigten Emanuel kamen ihm die Menschen wie Kinder vor, das Erdenlicht wie Abendlicht, alles sanfter, alles ein wenig kleiner, er hatte keine Angst und Gier; die Erde war sein Mond: jetzt erriet er erst die Seele seines Dahore....

Und du, mein Leser, fuhlest du nicht, du wurdest dich so nahe vor der Klosterpforte des Todes ebenso veredeln? Aber ich und du stehen ja schon davor; ist unser Tod nicht so gewiss als Viktors seiner, wiewohl in einem langern Zwischenraum? O wenn jeder nur gewiss glaubte, nach Jahren an einem bestimmten Tage fuhrte ihn die Natur auf ihren Richtplatz: er war' anders; aber wir alle werfen das Bild des Todes aus unserer Seele, wie die Schlesier es am Latare-Sonntag aus den Stadten werfen. Der Gedanke und die Erwartung des Todes bessern so sehr als die Gewissheit und Wahl desselben.

Jetzo zogen die schonen blauen Nachsommertage des heurigen Oktobers auf zarten Phalanenflugeln von Spinnengeweben uber den Himmel. Viktor sagte zu sich: "Schoner Erdenhimmel, ich will noch einmal unter dir wandeln! Gutes Mutterland, ich will dich noch einmal mit deinen Bergen und Waldern uberschauen und dein Bild in die unsterbliche Seele heften, eh' dein gelbes Grun mein Herz uberwachset und darin einwurzelt ich will dich sehen, St. Lune meiner Kindheit, und meine schonen Pfingstwege und dich, du seliges Maienthal, und dich, du guter alter Bienenvater120, und will dir deine FreudenstundenUhr zuruckgeben und dann werd' ich genug gelebt haben."

Er fragte sich: "Bin ich denn reif fur die Obstkammer des Kirchhofs? Aber ist denn irgendein Mensch reif? Ist er nicht im 90sten Jahr noch unvollendet wie im 20sten?" Jawohl! der Tod nimmt Kinder ab und Feuerlander; der Mensch ist Sommerobst, das der Himmel brechen muss, eh' es zeitigt. Die andere Welt ist keine gleichgestellte Allee und Orangerie, sondern die Baumschule unserer hiesigen Samenschule.

Ehe Viktor mit Kussen und Weinen vom Blinden ging: beschied er abends vorher die arme Marie ins Kabinett und empfahl ihr (wie dem italienischen Bedienten) die Pflege des Blinden. Aber seine Absicht war, der zerbrochenen kraftlosen Seele die Hoffnung einiger 100 fl. soviel durft' er schon als Erbschaft von seinem bemittelten Vater Eymann begehren vorauszugeben und anzukundigen. Der Eigennutz dieser Erniedrigten, der andere kalt gemacht hatte, ruhrte gerade sein Innerstes; schon langst hatt' er gesagt: "man sollte mit keinem Menschen Mitleid haben, der philosophisch oder erhaben dachte, am wenigsten mit einem Gelehrten bei einem solchen gingen die Wespen-Stiche des Schicksals kaum durch den Strumpf hingegen mit der armen Pobelseele leid' er und wein' er unendlich, die nichts Grosseres kenne als die Guter der Erde, und die, ohne Grundsatze, ohne Trost, bleich, hulflos, zuckend und erstarret niederfalle vor den Ruinen ihrer Guter." Es verdoppelte daher bloss sein Mitleiden, da diese Marie in sinnloser Dankbarkeit vor ihm mit abgerissenen Danksagungen Ausrufungen Freudengussen mit Rockkuss, einfaltigem Lachen und Niederknien wechselte.

Als er den andern Morgen ging zuerst auf St. Lune und vor dem Marienkloster voruberkam, wo einmal die angenommene Tochter des Italieners Tostato einen sechsten Finger opfern wollte: so kam Marie aus einer Glieder-Bude121 heraus und hatte zwei wachserne Herzen erhandelt. Viktor brachte durch langes und kunstliches Fragen aus ihr heraus: sie wolle das eine, das ihres vorstelle, der heiligen Marie umhenken, weil ihres ihr nicht mehr so wehe tue und nicht so eingepresset sei wie vorige Woche. Uber das zweite wollte sie lange nicht heraus; endlich gestand sie: es sei Viktor seines, das sie der heiligen Mutter Gottes opfern wollte, weil sie dachte, es tu ihm auch recht weh', da er so bleich aussehe und so oft seufze. "Gib mirs, Liebe," (sagte er zu tief bewegt) "ich will mein Herz selber opfern."

"Ja," wiederholt' er unter dem stillen Himmel draussen, "das Herz hinter der Brust will ich opfern es ist auch von Wachs und der Mutter Erde will ichs geben, damit es heile heile...."

Lasset ihn immer weinen, meine Freunde, jetzo da er lachelnd die stille blasse Erde anblickt, hinauf bis zu ihren Bergen voll Duft. Denn Weichheit der Empfindung vertragt sich gern mit Versteinerung und Passauer Kunst gegen das verletzende Geschick. Lasset ihn immer weinen, da er diese blumenlose, gleichsam in die Seide des fliegenden Sommers sich einspinnende Erde ansieht und ihm ist, als muss' er niederfallen und die kalte Aue wie eine Mutter kussen und sagen: bluhe fruher wieder auf als ich, du hast mir Freuden und Blumen genug gegeben! Das stille Auseinander gehen der Natur, auf deren Leiche die vollbluhende Zeitlose gleichsam wie ein Totenkranz stand, legte durch dieses auf losende Reiben seine Krafte sanft auseinander er war ermudet und gestillt die Natur ruhte um ihn, er in ihr die Erschopfung floss beinahe in eine susse kitzelnde Ohnmacht uber die Tranendruse schwoll und druckte nicht mehr, eh' sie ubertrat, sondern ihr Wasser lief wie Tau aus Blumen leicht und ohne Stocken nieder, wie das Blut durch seine Brust.

Er sah jetzo St. Lune liegen, aber gleichsam entruckt von ihm, in einem Mondschein. Er ging nicht hindurch, um nicht die Wachsstatue zu erblicken, deren Leichenpredigt er gehalten und zu der er auch ein Herz aus Wachs besass, sondern er ging aussen herum: "Werde immer breiter und lauter, schoner Ort, nie umzingle dich ein Feind!" Mehr sagt' er nicht. Denn als er vor dem Kirchhof voruberging, dacht' er: "Haben denn nicht diese auch alle von dem Orte Abschied genommen; und tu' ichs allein?" -Bloss der Zuruckblick nach dem Pfarr-Schieferdach entzundete noch einen Blitz des Schmerzens durch den Gedanken an die mutterlichen Tranen uber seinen Tod; aber er sagte sich bald den Trost, dass das an Flamin gewohnte Mutterherz der Pfarrerin den Kummer uber das Opfer heilen werde durch die Freude uber den geretteten Liebling.

Er ging nun auf Maienthal zu und zog mit Fleiss seine traumenden Gedanken von dessen erhabnen Stellen ab, um (abends bei der Ankunft) desto mehr Schmerz zu geniessen. Aber nun spann sich sein Ich in ein neues Gedankengewebe ein: er uberdachte das Vergnugen, ohne alle Krankennachte hell und gerade, nicht liegend, sondern aufgerichtet wie der Riese Canaus122 in die Erde einzusinken er fuhlte sich geschirmet gegen alle Unfalle des Lebens und gereinigt von der stets in jedem Herzen fortnagenden Furcht alles dieses und die Freude an erfullten Pflichten und an bezwungnen Trieben und die Lichter des blauen, gleichsam im Blumenstaube stehenden Tages klarten seinen umgeruttelten Lebensstrom so auf, dass er zuletzt langer (wenns ihm nicht sein Beschluss verbote) im hellen Strome hatte spielen wollen... So gross wird durch die Verachtung des Todes die Schonheit des Lebens so gewiss ist jeder, der mit kaltem Blut sich das Leben abspricht, vermogend, es zu ertragen so wahr rat Rousseau, vor dem Tode eine gute Tat zu unternehmen, weil man jenen dann entbehren kann.... Als Viktor so dachte: trat das Schicksal vor ihn und fragte ihn zurnend: "Willst du sterben?"- Er antwortete: "Ja!" da er vor Sonnenuntergang in Obermaienthal Klotildens Wagen, den er da bei der Abreise gesehen, wieder erblickte. Jetzo fiel die Todeswolke uber die Gegend nieder. Er eilte voruber am Fenster sah er seine Mutter und die Lady, die Mutter Flamins sein Inneres brauste seine Augen gluhten trocken denn er wahlte unter den Waffen des Todes. Warum ging er so spat, im Dunkeln, mit einem sturmenden Innern, das alle sussen Traume verfinsterte, noch nach Maienthal? Er wollte zu Emanuels Grabe: nicht um da zu trauern, nicht um da zu traumen; sondern um sich da eine Hohle zu suchen, namlich die letzte. Der reissende Gram hatte ein Gemalde seines Sterbens entworfen, und er hatte den Riss gebilligt: er wollte namlich, sobald das Verhangnis die Notwendigkeit seines Todes durch das Verschwinden seines Vaters und durch die Gefahr Flamins entschieden hatte, neben der Trauerbirke sein Grab aushohlen, sich hineinlegen, sich darin toten und sich dann von dem blinden Julius, der nichts wissen und sehen kann, mit Erde uberschutten lassen und so, verhullt, unbekannt, namenlos aus dem Leben fliehen an die modernde Seite seines Emanuels....

Schwarze Leichenzuge von Raben flogen langsam wie Gewolk durch den sonnenlosen Himmel und senkten sich wie Gewolk in die Walder nieder der halbe Mond hing uber der Erde ein kleiner fremder Schatten, so gross wie ein Herz, lief furchterlich neben ihm, er sah auf, es war der Schatten eines langsam schwebenden Geiers. Er riss sich durch Maienthal, er sah nicht den entblatterten Garten und Dahores verschlossenes Haus, sondern lief durch die Kastanienallee der Trauerbirke entgegen.

Aber unter den Kastanien am Orte, wo ihn Flamin toten wollte, sah er Klotildens welke Federnelke mit dem blutigen Kelch-Tropfen liegen... Und da noch eine Lerche, die letzte Sangerin der Natur, uber dem Garten zitterte und allen Fruhlingen des Lebens mit zu heissen Tonen nachrief und das Herz mit einem unendlichen todlichen Sehnen durchschnitt: so weinte mein Viktor laut hinauf, und als er oben auf dem Grabe die grossen dustern Tranen abgewischt hatte, stand Klotilde vor ihm.

Er erzitterte einmal und verstummte.... Sie kannte kaum die abgebleichte Gestalt und fragte zitternd: "Sie sinds? Sehen wir uns wieder?" Seine Seele war auseinandergetrieben, und er sagte, aber in anderem Sinn: "Wir sehen uns wieder." Sie bluhte, durch die Reise genesen. Aber Blut war in ihrem Schnupftuch es war das Blut, das Emanuel unter dem Duell in der Allee aus seinem Busen vergossen. Er starrte fragend das Blut an sie wies auf das Grab und verhullte ihr weinendes Auge. Mit der Frage: "Ist Ihr Herr Vater gekommen?" wollte die Gute sanft ablenken aber sie lenkte ihn an sein Grab sein Auge suchte wild den Raum zur letzten kuhlen Grotte des Lebens sie hatte ihren sanften Geliebten niemals so gesehen und wollte seine Seele mildern durch stilles Erinnern an Emanuel sie fullte die leere Stelle ihres Briefes aus und erzahlte, wie gefasst und still der Tote aus England gegangen und vorher beim Abschiede in eine ausserordentlich tiefe Hohle des verfallnen Tempels alle seine ostindischen Blumen, drei Bilder, beschriebene Palmblatter und geliebte Aschensammlungen hinabgesenkt habe....

Viktor war ausser sich er stemmte seine Hand aufs taukalte nasse gelbe Grab er weinte in einem fort und konnte die Geliebte nicht mehr sehen er sturzte an ihren bebenden Mund und gab ihr den Abschiedkuss des Todes. Er durfte sie kussen, denn Tote haben keinen Rang. Er fuhlte ihre stromenden Tranen, und eine harte Sehnsucht ergriff ihn, diese Tranen hervorzureizen; aber er konnte nur nicht reden. Er erstickte ihre Worte durch Kusse und seine durch Qual. Endlich konnte er sagen: "Lebe wohl!" Sie wand sich erschrocken los und blickte ihn an mit grossern Tranen und sagte: "Wie ist Ihnen? Sie brechen mir das Herz!" Er sagte: "Nur meines muss brechen!" und riss das Herz von Wachs heraus und quetschte es auf dem Grabe auseinander und sagte: "Ich opfre dir mein Herz, Emanuel, ich opfre dir mein Herz." Und als Klotilde furchtend entflohen war: konnt' er ihr nur mit erschopften Tonen noch nachrufen: "Lebe wohl, lebe wohl!"

43. Hundposttag

Matthieus vier Pfingsttage und Jubilaum

Es ist ein Kunstgriff, dass ich wahre Spitzbuben-Szenen in den hohern Standen vorher franzosisch niederschreibe und dann verdolmetsche, wie Boileau seine welken Verse vorher in Prose aufsetzte. Da mir am 43sten Hundtage gelegen ist weil der edle Matz darin seinen Flamin sogar mit Aufopferung seiner Tugend und des Lords zu retten sucht : so gedenk' ich ihn aus dem Franzosischen, worin ich ihn geschrieben, so getreu ins Deutsche zu ubersetzen, dass mein franzosischer Autor selber mir seinen Beifall schenken soll.

Kaum horte Matthieu, dass Klotildens und Flamins Mutter aus London gekommen: so marschierte dieser Reineke aus seinem Fuchshau nach Flachsenfingen, weil er sich die Ehre, Flamin zu erlosen, von niemand nehmen lassen wollte. Er griff, seines Feuers ungeachtet, dem Zufall selten vor, sondern er passte und schob nur da oder dort nach; wie in einem Roman, so hakeln sich im Leben tausend leise zusammengeruckte Geringfugigkeiten endlich fest ineinander, und ein guter Matz zwirnet aus zertragenen Spinngeweben des Zufalls zuletzt einen ordentlichen Seidenstrick fur seinen Nebenmenschen. Er liess sich kuhn beim Fursten eine geheime Audienz auswirken, "weil er lieber der Strafe (wegen der Foderung zum Duell) entgegenkommen, als uber einige wichtige Dinge langer schweigen wolle". Wichtige und gefahrliche waren langst bei Jenner verwandt, jetzt aber gar identisch, weil ihn die Furstin an jedem Morgen mit einigen Strophen aus dem Buss und Eulenliede uber Aufruhr, Ankerstrome und Propagandisten ansang. Sie und Schleunes bliesen in ein Horn, wenigstens aus ihm eine Melodie.

Matthieu trat ein und langte das grosse Wichtige hervor die kahle Bitte um Flamins Leben. Jenner sagte ein ebenso kahles Nein; denn der Mensch ist ebenso unwillig auf den, der ihn in eine ungegrundete Furcht, als auf den, der ihn in eine gegrundete jagt. Matthieu wiederholte kalt sein Gesuch: "Ich bitte Ew. Durchlaucht bloss, nicht zu glauben, dass ich jemals die blosse Freundschaft fur eine hinlangliche Entschuldigung einer solchen kuhnen Bitte halten wurde die Pflicht eines Untertanen ist meine Entschuldigung." Jenner, den das unhofliche Zuruckziehen verdross, brach es ab: "Der Schuldige kann nicht fur den Schuldigen bitten." "Gnadigster Herr," sagte der Evangelist, der ihn in Furcht und Harnisch zugleich zu jagen suchte "zu jeder andern Zeit als in der unsrigen wurd' es ebenso straflich sein, gewisse Dinge zu erraten oder zu weissagen, als sie zu beschliessen aber in unserer sind diese drei Dinge leichter. Auf den Tag, wo der Regierrat sein Leben verlieren sollte, ist ein Plan berechnet, den einige zur Erhaltung des seinigen auf Kosten des ihrigen gemacht haben." Der Furst entrustet uber die Kuhnheit, die sonst nicht in der Schneelinie123 der Hofe, sondern nur in der demokratischen Gleicherlinie wohnt sagte mit dem Todesurtel, das Matz langst in sein Gesicht hineinhaben wollte: "Ich werde Ihnen morgen die Namen der Elenden abfodern lassen, die ihr Leben preisgeben wollen, um die Gerechtigkeit zu storen" Hier fiel dieser vor ihm nieder und sagte schnell: "Mein Name ist der erste jetzt ists meine Pflicht, unglucklich zu werden mein Freund hat niemanden getotet, sondern ich er ist nicht der Sohn eines Priesters, sondern der erstgeborne Sohn des getoteten Herrn Le Baut"...

Solang' es noch Pfeilerspiegel gab, so sah nie ein so besturztes auseinandergefahrnes Gesicht aus ihnen als heute. Jenner liess ihn abtreten, um sich wieder zusammenzulesen.

Wir wollen jetzo in dem Vorzimmer drei Worte uber den Abwesenden reden. Mir sagte einmal ein feiner Mann, er habe einmal zu einem grossen Weltkenner gesagt: "der Fehler der Grossen ware, sich selber nichts zuzutrauen, und daher wurden sie von jedem gelenkt"; und der Weltkenner habe geantwortet: er treff' es. Jenner war Matzen gram, und das bloss seines satirischen und wollustigen Gesichts wegen aber nicht etwan seiner Laster wegen. Ich setze voraus, der Leser wird doch Hofe genug gesehen haben auf dem Theater, wo die hoheren Stande ihre Begriffe von Landleuten und wir unsere von ihnen abholen , um zu wissen, was man da hasset keine Lasterhaften, nicht einmal Tugendhafte, sondern beide liebt man wirklich (gerade wie dasige Bratschisten, Handwerker, Wetzlarer Prokuratoren, Intendanten), sobald man sie notig hat.

Der Junker kam wieder vor. Jenner hatte das susse vaterliche Wallen uber die Neuigkeit, da er bisher alle seine Kinder verloren gegeben, gestillt, aber er begehrte jetzt den Beweis, dass Flamin der (angebliche) Sohn des Kammerherrn sei. Ums Duell kummerte er sich gar nicht. Der Beweis war der aufrichtigen Seele leicht zu fuhren: die Seele berief sich geradezu auf die Mutter, die eben gerade aus London eingetroffen, um den Sohn zu retten, und auf die Schwester selber. Die Seele hatte wieder den Vordersatz, dass beide Kenntnis davon hatten, zu erweisen; Matthieu berief sich auf den Brief der Mutter, den er vor einigen Jahren dem blinden Lord mit der angenommenen Stimme Klotildens vorgelesen, und auf der Schwester Ausruf unter dem Duell im Maienthaler Park: "Es ist mein Bruder" und zuletzt fuhrt' er noch einen Hauszeugen in der Sache auf, den Nachsommer, der jetzt bald erscheinen und das Apfel-Muttermal, das Le Bauts Sohn auf der Schulter trage, neu aufmalen werde.

Matthieu hatte zu viel Hochachtung gegen seinen Fursten und Herrn, um den Herrn des Sohns den Vater des Sohns zu nennen. Jetzt horte er damit auf: "er wisse nicht, aus welchen Grunden der Lord Horion bisher Flamins Abkunft verborgen habe welche es aber auch seien, alle Entschuldigungen desselben waren auch seine, warum er selber bisher geschwiegen um so mehr, da ihm der Beweis dieser Abstammung schwerer fallen mussen als dem Lord. Nur jetzt durch die Ankunft der Mutter sei die Leichtigkeit des Beweises so gross wie die Notwendigkeit desselben. Alles, was er tun konnen als ein Hausfreund des Kammerherrn, sei gewesen, Flamins Vertrauter zu werden, um sein Wachter zu werden."

Dadurch wurde notwendig der Furst auf die Materie des Duells zuruckgefuhrt, die jener anfangs nach wenigen Winken fallen lassen. Es war sein Geschaftgang, von einer ihm wichtigen Angelegenheit bald abzubrechen, uber andere Dinge ebenso lange zu sprechen, dann jene wieder vorzuholen und so das Wichtige unter ebenso grosse Lagen von Unwichtigem zu verpacken, wie die Buchhandler konfiszierte Bucher bogenweise unter weisses oder anderes Papier verschlichten. Auch war jetzt Flamins Unschuld am Mord fur Jenner wichtiger; dieser fragte also naturlicherweise, warum er seinen Freund dem Scheine des Zweikampfes preisgegeben habe.

Matthieu sagte, es werde lange, und es sei kuhn, Se. Durchlaucht um so viel Aufmerksamkeit zu flehen. Er hob an zu berichten, was die Hundposttage bisher berichtet haben. Er log wenig. Er hinterbrachte, er habe, um Flamins Liebe fur seine unbekannte Schwester Klotilde zu brechen wenigsten mehren wollt' er sie , ihn eifersuchtig machen wollen, aber er habe ihn mit niemand entzweien konnen als mit dem Liebhaber; ja, es habe nicht einmal etwas gefruchtet, dass er ihn selber den Ohrenzeugen der sehr verzeihlichen Untreue Klotildens werden lassen, sondern jener habe noch zuletzt uber die Verlobung der Schwester eine Wut geaussert, die er durch nichts als durch die Vorspiegelung eines verkappten Duells mit dem Vater befriedigen konnen denn um einen zweiten Kampf zwischen Vater und Sohn, den das Schweigen des Lords angezettelt, abzuwenden, hab' er ihn selber unternommen, aber leider zu unglucklich.

So weit der Edle. Die uns bekannten wahren Einschiebsel unterschlag' ich. Jenner, der nun dem Evangelisten fur die Wegnahme einer Furcht gewogen wurde, in die er ihn selber gesetzt hatte, tat die naturliche Frage: "warum Flamin den Mord auf sich nehme?" Matthieu: "Ich fluchtete sogleich, und es stand nicht bei mir, seine Unwahrheit, deren ich mich nicht versehen konnte, zu verhuten; aber es stand bei mir, sie zu widerlegen." Jenner: "Fahren Sie in Ihrer Freimutigkeit fort, sie ist Ihre Schutzschrift, weichen Sie nicht aus!" Matthieu mit einer freiern Miene: "Was ich zu sagen wusste, hab' ich schon gesagt im Anfange, um ihn zu retten; und jetzt ist er gerettet." Jenner sann zuruck, begriff nichts und bat: "Noch deutlicher!" Matthieu mit der absichtlichen Miene eines Menschen, der Versilberungen seines Vortrags zurechtmacht: "aus Grossmut wurd' er fur den gestorben sein (fur Matzen), der fur ihn gesundigt hatte, wenn ihn nicht seine Freunde retteten." Jenner schuttelte unglaubig den Kopf. "Denn", fuhr jener fort, "da er seinen hohern Stand nicht kennt, so nahm er einige franzosische Grundsatze leichter an, die ihm seinen Tod ebensosehr erleichtert hatten, als einige Englander sie wurden beim Volke genutzt haben, um ihn zu verhuten." Zum Beweis fuhrt' er den angezundeten Pulverturm nebenher an.

Jenner sah staunend ein Licht in eine dunkle Hohle gleiten und sah weit in die Hohle hinein.

Man tut dem vortrefflichen Evangelisten unrecht, wenn man denkt, es tu' ihm genug, bloss seinen Freund gerettet zu haben; sein gutes Herz war auch noch darauf aus, dem Lord eine Ehrensaule zu setzen und ihn unter die Saule als Grundstein zu legen. Er quartierte gern (wie in Hamlet) in dem Schauspiel wieder eines ein und zog zwei Theatervorhange auf. Wir wollen uns in die erste Loge setzen. Sein bisheriges Betragen gegen den Regierrat zeigt genug, wie weit er wahre Freundschaft zu treiben fahig war, ohne andere Freunde, z.B. die Furstin, vor den Kopf zu stossen; denn fur die letzte war der Wiederfund des verlornen Sohns des Fursten ohne sonderlichen Nachteil, da der Sohn als jakobinischer Logenmeister und als Rebell gegen den Stief- und den Vater zugleich prasentiert wurde, und da noch dazu der Lord so entsetzlich dabei verlor. Aber weil Matthieu sich nichts dabei vorzuwerfen hatte als sein Ubermass an Menschenliebe: so suchte er diesem Ubermass durch ein entgegengesetztes in der Bosheit zu begegnen, weil Bako schreibt: Ubertreibungen werden am besten durch entgegengesetzte kuriert. Nach seinen zu feurigen Begriffen von der Freundschaft konnt' er auch kein echter Freund des Lords sein, da man nach Montaigne nur einen echten, wie einen Liebhaber, haben kann, und der Lord schon einen dergleichen an Jennern aufzeigte.

Man vergonne mir, mit drei Worten kurz zu sein und angenehm: wenn die Araber 200 Namen fur die Schlange haben, so sollten sie gar den 201sten dazulegen, den eines Hoflings ferner erlaube man mir zu sagen, dass ein Mann von Einfluss und Ton durch sogenannte Blutschuld ebensogut bluhe als ein ganzer Staat durch elendere metallische.

Jenner war jetzo vorbereitet, alles zu glauben, was die vorigen sonderbaren Dinge erklarte. Eine Luge, die einen Knoten loset, ist uns glaublicher als eine, die einen knupft. Matthieu fuhr fort: "er habe allen republikanischen concerts spirituels beigewohnt, um Massregeln gegen Flamins Ansteckung zu nehmen; und er ubertreibe die Freundschaft gegen die drei Englander und den Lords-Sohn (Viktor) nicht, wenn er jene und diesen mehr fur Arbeitzeug irgendeiner andern verborgnen Hand ansehe als fur Arbeiter an einem Plane selber. Das bestatige der bisher vom unschuldigen Flamin gemachte Missbrauch." Um Viktor zu entschuldigen, sagt' er wobei er ihn immer den Hofmedikus benamsete, so dass Jenner in dieser Verfassung an einen Hofvergifter eher dachte als an etwas anderes um also ein vorteilhaftes Licht auf diesen zu werfen, sagt' er, selbiger liebe bloss das Vergnugen und fuhre nur gehorsam das aus, was sein Vater entworfen Viktor habe sich in einen Italiener verkleidet, um die Prinzessin zu beobachten, und um es nachher dem Lord, auf dessen Befehl ers vermutlich getan, in einer geheimen Zusammenkunft auf einer Insel zu berichten. Als Italiener hab' er der Furstin eine Uhr uberreicht, in die er ein Blattchen versteckt, worin er den hohern Rang vergessen, um dem seinigen zu schmeicheln.

Der Furst, der seine Gemahlin mit grosserer Eifersucht liebte als seine Braut, fegte mit dem schlagenden Puterhahns-Flugel den Boden und machte den Nasen-Zapfen lang und fragte stolz: wie er das wisse? Matthieu versetzte ruhig: "von Viktor selber denn die Furstin wiss' es selber nicht"....

Mir verdankt es der Leser, dass er tausend Dinge besser weiss Agnola wusste den Inhalt der Uhr gewiss recht gut; ja ich stelle mir sogar vor, sie habe, da ihr die erzurnte Joachime Viktors gerades Gestandnis seines concepit hinterbrachte, Matzen oder Joachimen erlaubt, den gegenwartigen Gebrauchzettul zu entwerfen, nach welchem hier der Eheherr das Sebastiansche billetdoux einzunehmen bekommt.

"sie habe vielmehr" (fuhr er fort) "seiner Schwester lange dar auf die Uhr mit dem Blattchen geschenkt Joachime hab' es in Viktors Gegenwart herausgezogen, und der hab' es fur schicklich gehalten, ihr eben dieses frei zu bekennen, was sie und er selber aus Ehrfurcht noch nicht der Furstin entdeckt hatten. Inzwischen sei ihm seine Schwester darauf ausgewichen worauf er sich Klotilden genahert, vielleicht nach einer vaterlichen Instruktion, um den Bruder in nahern Verhaltnissen zu haben. Aber allemal misch' er in vaterliche Plane des Ehrgeizes eigne des Vergnugens und sei gutgesinnt, so wie die Englander, die er fur verkappte Franzosen halte."

Der Furst versteckte unter dem ganzen Vorhalten dieser artigen Schlangenpraparate seine Furcht unter Zorn; Matthieu, der die Maske und das Gesicht sah, schnitt bisher alles nach jener zu und machte den scheinbaren Mangel an Furcht zum Deckmantel seiner Kuhnheit, sie zu erregen. Und so ging er vom Fursten weg in einen unbestimmten spasshaften Arrest fur den Mord; Jenner fing aber an, die Sachen und Zeugen zu untersuchen.

Vor dem Berichte des Erfolges lasset mich es gern gestehen, dass Matz, der Edle, schon lugen kann, um so mehr, da er die Wahrheit als Sparrwerk seines Lugen-Mortels hinsetzt. Wie im polnischen Steinsalzbergwerk lasset der gute Lugner beim Untergraben immer so viele Wahrheiten zu Saulen stehen, als gegen das Einbrechen des Gewolbes notig sind. Uberhaupt ist jede Luge ein gluckliches Zeichen, dass es noch Wahrheit in der Welt gibt; denn ohne diese wurde keine geglaubt und also keine versucht. Bankerutte machen dem Rechtschaffenen Freude als neue Belege des unerschopften Religionfonds von fremder Ehrlichkeit, die vorhanden sein musste, wenn sie sollte betrogen werden. Solange noch Krieg- und Friedentraktate schandlich gebrochen werden, so lange ist noch Hoffnung genug da, und so lange fehlt es Hofen an echter Redlichkeit nicht; denn jeder Bruch eines Vertrags setzet voraus, dass man einen gemacht hat und gemacht konnte keiner mehr werden, wenn kein einziger mehr gehalten wurde. Es ist mit den Lugen, wie mit den falschen Zahnen, die der Goldfaden nur an ein paar echte hinterbliebene schliessen kann.

Jenner fing die Munzprobationtage des Matthaischen Evangeliums an.

1) Der Pfarrer wurde vorgeladen, um in Gegenwart der landesherrlichen Hoheit zu bekennen, was er fur Zusammenrottungen im Priesterhause geduldet. Der schlug in Oemlers Pastoraltheologie nach, um zu ersehen, wie sich ein Pfarrer zu benehmen habe, der gehenkt werden soll. Ohne Murren legte er jetzo den Hals vor kleinern massigen Ungluckfallen auf den Block und unter das Beil, vor dem Rattenkonig, der durch seine Behausung sausete, vor dem Strumpfband, das unter dem Gehen langsam uber die Kniescheibe abglitt, und vertauschte die Angstlichkeit des Glucklichen gegen die Angst des Unglucklichen. Im Verhore sagt' er, er habe an heiliger Statte und an anderer auf die Klubs so gut als einer geschmalet und sich deswegen den Girtanner gekauft. Auf die Frage: ob Flamin sein Sohn sei? versetzte er traurig: er hoffe, seine Frau breche seine und ihre Ehe nie. Als er wieder nach Hause kam, nahm er, um nur nicht in der Angst der Verhaftung zu sein, einen Bundel alter Predigtmanuskripte in einen Steinbruch hinein und lernte sie da auf drei bis vier Sonntage vorher auswendig.

2) An demselben Tage stattete der Minister von Schleunes (aus Gefalligkeit gegen die Furstin) einen Besuch in Le Bauts Hause ab und teilte der Lady und Klotilden aufrichtig die laufenden Geruchte uber Flamins Abkunft mit. Beide Damen mussten glauben, Viktor habe die letzte dem Fursten entdeckt, um den Unglucklichen zu retten. Wie hatten sie ihm nicht nachahmen sollen, da ihnen die eiserne Birn des Schwurs von der Zunge und aus dem Munde genommen war, und da man ein Geheimnis verletzen darf, wenn man sonst die Wahrheit verletzen musste, und da die zarten Seelen sich nun so herzlich uber diese offne Jubeljahrtur im Gefangnis ihres Lieblings freueten? Mit einem Wort: der Minister brachte nichts zuruck als Bekraftigungen der Hypothesen seines Sohnes.

3) An demselben Tage wurde der Kaufmann Tostato vom Grafen O uber seinen Buden-Mitarbeiter und Viktor vom Pater uber den Verfasser des Hirtenoder Schaferbriefes in der Uhr erforscht und dann vernommen. Auch hier hatte Matthieu, wie zu erwarten, die Wahrheit ganz auf seiner Seite; Viktor war jetzt zu stolz, zu fromm, zu resigniert, um zu verhehlen.

4) Alle Sunden-Kerbholzer in Kussewitz und uberall griffen ineinander ein; sogar aus Viktors vorigem Mittleramt, das er sonst beim Fursten fur Agnola versah, aus seinen kleinen Unbesonnenheiten, aus seinen Satiren, aus seiner Hosen-Einkleidung der Soldatenjungen, aus seiner Reise mit dem Fursten wurde nun lauter Zugwerk und Grundstriche einer gegen den Thron entworfenen Schlachtordnung zusammenbuchstabiert. Uberhaupt wars notwendig, Jenner musste, je mehre Sehrohre er auf diese Lufterscheinung der Luge richtete, sie nur desto grosser erblicken.

Ich habe die Furstin vergessen, die sich bei Jenner uber das Billet sehr beleidigt und unwissend anstellte und kaum mit der Strafe zufrieden war, dass dem Helden der Hundposttage der Hof verboten wurde. Der Hof- dir, guter Viktor! der du bald die Erde dir verbieten willst!

Jenner ubersah leicht vergangne Beleidigungen, aber er rugte streng zukunftige. Und da noch dazu Matz wie eine Klapperschlange so arg klapperte, nicht um zu warnen, sondern um, wie auch die Nevern an der andern fanden, den Raub steif und scheu zu machen: so war der Lord so uber alle Thronstufen aus Jenners Herzen herabgepurzelt, dass es ihm nicht einmal etwas helfen konnte, wenn er sogleich aus der Luft herausgetreten ware. Flamin war ohne ihn gefunden. Den drei Englandern schickte man die Erlaubnis in das Haus, nach ihrer Insel (England) abzusegeln, wenn sie wollten. Sie liessen zurucksagen, sie brauchten nur einen Tag, um auf ihrer Insel anzukommen, und warteten nur auf ihren Reisegefahrten. Unter der Insel meinten sie aber die Insel der Vereinigung und unter dem Reisegefahrten den gefesselten Flamin, den sie mit bereden wollten.

Es gefallt mir, dass meinem Viktor der Hof verboten wurde. Das Hof-Verbot ist sonst eine Wohltat diesen Namen verdient nun wohl eine Befreiung von den Hofdiensten , die sonst nicht immer an den Wurdigsten erteilt wird, sondern oft einem Teufel wie Louvois so gut als einem Apostel wie Tessin. Heisset aber das nicht einer vorzuglichen Gnade, einem Orden pour le merite allen Wert benehmen, wenn man sie Schelmen zuwirft, da sie doch nur fur den rechtschaffensten, freimutigsten, altesten Mann am Hofe als die grosste und letzte Belohnung, als ein Treff- und Spiessfolgedank, als eine Ovation sollte aufgehoben bleiben?

Im nachsten Kapitel kann man sich auf einen Larm gefasst machen, dergleichen man in wenig deutschen Kapiteln hort; die Larmkanonen der Hofpartei, das Herabpoltern der Buhnen und das Umschmeissen der Stuhle nach gehegtem peinlichen Gericht werd' ich bis in meine Insel heruber horen konnen. Der schwarzhaarige und schwarzherzige Hofjunker wird, wenn er aus dem Arreste los ist, mit seiner ironischen Miene und mit der eignen leisen Stimme die Ripienstimme seines boshaftesten Hohns, wie sie bei andern die des erhabensten Enthusiasmus ist uberall herumstreichen und sagen: er wunsche, der Lord erschiene, er habe bisher in seinen Sachen nach Vermogen gearbeitet. Am Hofe ist man zuweilen erhaben durch eine vorstehende Bosheit, wie nach Burke kein Geruch erhaben ist als der allerstinkendste und kein Geschmack als der bitterste. Und ebenso verbirgt allda jeder die mitleidige Teilnahme am fallenden Gunstling leicht, ahnlich dem weisen Vater, der beim Fall eines Kindes das mitleidige Gesicht unter ein lustiges versteckt.

Den 21. Oktober kommt Matthieu los und darf zu Flamin gehen er hat sichs ausgebeten und ihm die Freiheit und die Standerhohung miteinander ansagen In wenig Tagen konnten die Begebenheiten und mein Protokoll derselben aus einem Zeit-Stundenglase rinnen, wenn der Hund ordentlich kame; aber er kommt, wenn er will.

44. Hundposttag

Die Bruderliebe die Freundliebe die Mutterliebe

die Liebe

Der Hund ist da, aber der Lord nicht der Larm ist klein, aber die Freude nicht alles ist vorbereitet, aber doch unerwartet das Laster behauptet das Schlachtfeld, aber die Tugend die elysischen Felder. Kurz es ist recht narrisch, aber recht hubsch.

Ich denke, das ist das letzte Kapitel dieses Buchs. Ich schaue ordentlich den Posthund meinen pommerischen Boten124 der Schwanz ist sein Botenspiess mit Ruhrung an, und mich argerts, dass er mit Adam gefallen und einen Knochen unter dem verbotenen Baum gefressen hat: denn im Paradies leuchteten die ersten Hundeltern wie Diamanten, und man konnte durch sie sehen, wie Bohme behauptet. Eben darum, da der Berghauptmann bald ausgeschrieben hat, verzeih' mans ihm, dass er in diesem Kapitel der Liebe feuriger und angenehmer ist als je und uberhaupt jetzo schreibt, als war' er besessen.

Anfangs ziehen den Himmelwagen noch Trauerpferde.... Sehr fruh den 21. Oktober 1793 wars, wo der Hofjunker ins Stockhaus Flamins lief aus dem eigenen und diesem darin bussenden Bruder alles verkundigte, seine Entlassung seine Verschwisterung mit Klotilden seine Einkindschaft ins furstliche Haus seine aufsteigende Laufbahn und zugleich die Amnestie des morderischen Boten, die eigne namlich. O wie gluhte die Freude uber Matthieus Lossprechung und Vorsprache und uber die eigne Standerhohung seine stockenden Adern an. Denn Flamin bestieg den hohern Stand als eine Anhohe, um seine Wohltaten und Entwurfe weiter zu werfen; Viktor hingegen war uber seinen Standes-Bankerutt froh gewesen, weil er Stille begehrte, wie jener Getose. Viktor wollte mehr sich, jener mehr andere umbessern. Flamin stiess lebendiges Schiffvolk uber den Bord ins Meer und nagelte den Staats-Bucentauro mit Rudersklaven voll, um ihn schneller gegen Winde anzutreiben. Viktor aber erlaubte sich nur eine Leiche zur Erleichterung des Kaperschiffs zu machen seine eigne. Er sagte zu sich: "Wenn ich nur den Mut allezeit heilig aufbewahre, mich selber aufzuopfern: dann brauch' ich keinen grossern; denn der grossere opfert doch gestohlne Guter. Das Schicksal kann Jahrhunderte und Inseln opfern, um Jahrtausende und Weltteile zu beglucken125; der Mensch aber nichts als sich."

Jubelnd lief Flamin mit seinem Erloser nach St. Lune, um die treue Schwester in der untreuen Geliebten dankend und abbittend zu umfassen ach als die hohe Warte in seine Augen aufstieg: so zog sich blutig und schmerzhaft wie ein Augenfell die Decke von ihnen herab, die bisher die Unschuld seines besten Freundes, Viktors, verfinstert hatte. "Ach wie wird er mich hassen! O hatt' ich ihm mehr getrauet!" seufzete er, und nichts freuete ihn mehr; denn den Schmerz eines guten Menschen, der ungerecht gewesen, auch in der Meinung der vollesten Gerechtigkeit, kann nichts trosten, nichts als viele, viele Aufopferungen. Er schlich sich seufzend nicht zur neuen Mutter, sondern sank den treuen Drillingen sanft an das unbeleidigte Herz. Die redlichen Seelen bewillkommten alle den Evangelisten als einen helfenden Freund; und diese bunte Spinne kroch mit ihren unreinen Spinnwarzen auf allen diesen edeln Gewachsen einer offenen Liebe herum; die Spinne horte alles, sogar die Abrede, dass die Englander den Befehl, nach der Insel abzugehen, nach dem Buchstaben nehmen und sich in die englische Insel des Lords so lange einsperren wollten, bis Flamin und die Lady mit ihnen allen in ihre grossere Insel ins Werkhaus der Freiheit in den klassischen Boden aufgerichteter Menschen abzuschiffen imstande waren.

Denselben Morgen zog der Kaplan in seinen Steinbruch und legte sich da vor Anker, weil er vom Neuesten noch nichts wusste. Draussen versass er die Angst, und nachts zog er wieder ein. Er ging da mit niemand um als mit seinem Korper wie manche sich mit ihrer Seele, so unterhalten sich andere mit ihrem Korper und sah von Zeit zu Zeit nicht die Natur, sondern sein Wasser an, um daraus da dessen Farbenlosigkeit nach der Physiologie Kummer bedeutet die Kenntnis zu schopfen, ob er sich sehr abharme oder nicht; wiewohl kein Protomedikus fur ihn stehen wird, dass er nicht urinam chyli oder sanguinis fur urinam potus wird angesehen haben. Da die Arzte behaupten, dass Seufzer nutzen, den Puls schneller und die Lungenflugel leichter machen ein Regent kann also ganzen Landern auf einmal nutzen, wenn er sie zu seufzen notigt : so schrieb sich Eymann eine bestimmte Anzahl Seufzer vor, die er zum Besten seiner Lunge taglich zu holen hatte.

Denselben Morgen ging die Lady zur Pfarrerin, um ihr zu sagen, dass Flamin ein Unschuldiger, aber ihr Sohn nicht sei; und Klotilde ging mit ihr, um die Hande der zwei Tochter zu nehmen und ihnen zu sagen: ihr habt einen andern Bruder. Denn Viktor hatte seine Abkunft noch verhehlt. "O Gott!" (sagte die verarmende Pfarrerin und schloss Flamins Mutter und Schwester an die schmachtende Mutterbrust, die mit heissen Seufzerzugen einen Sohn begehrte) "wo ist denn mein Kind? Fuhren Sie meinen wahren Sohn mir zu! Ach ich ahnete es wohl, dass mich das Duell doch ein Kind kosten wurde! Er findet alles wieder, aber ich busse alles ein. O Sie sind eine Mutter, und ich bin eine Mutter, helfen Sie mir!" Klotilde schauete sie mit dem weinenden Wunsche des Trostes an; aber die Lady sagte: "Ihr Sohn lebt und ist auch glucklich, aber mehr kann ich nicht sagen."

Und denselben Morgen war dieser Sohn, unser Viktor, nicht glucklich. Ihm war, bei dem Geruchte von Flamins Loskettung und von Matthieus Dienstfertigkeit, als wenn er das Zischen und den Kugelpfiff des herabschiessenden Stossvogels vernahme, der bisher unverruckt gleichsam mit angenageltem Fittich hoch im Blauen uber dem Raub geruhet hatte. Verarget es dem Doktor nicht gar zu sehr, dass ihn die verlorne Gelegenheit krankte, seinen Freund aus dem engen Gefangnis und sich aus dem weiten des Lebens loszumachen. Denn er hat zu viel verloren und ist zu einsam; die Menschen kommen ihm wie die Leute in dem polnischen Steinsalzbergwerk vor, die herumtappen mit einem an dem Kopf gebundnen Licht, das sie ein Ich nennen, vom genusslosen Blinken des Salzes umzingelt, weiss gekleidet und mit roten Binden, als waren es Aderlassbinden. Die Sprache seiner Bekannten ist, wie die der Sineser, einsilbig. Er muss dem beschamenden Tag entgegenleben, wo Jenner und die Stadt die Niedrigkeit seines Standes ihm zum Betrug anrechnen. Vor jedem Auge steht er in einem andern Lichte oder Schatten vielmehr: Matthieu halt ihn fur grob, Jenner fur intrigant, die Weiber fur tandelnd, so wie Emanuel fur fromm und Klotilde fur zu warm , denn jeder vernimmt an einem vollstimmig besetzten Menschen nur sein Echo. Welches Herz konnt' ihn nun noch bewegen seines ohnehin nicht , das Ruder im Sklavenschiff des Lebens langer zu halten? O eines konnt' es, ein machtiges warmes, das mutterliche: "Sturze dich nur aus der Erde," sagte sein Gewissen "dann stirbt dir deine Mutter voll Liebe nach und tritt in der zweiten Welt vor dich mit so vielen Tranen, mit allen heissen Wunden und sagt: Sohn, dieser Schmerz ist dein Werk!" Er gehorchte und sah ein, wenn es edel ist, fur eine Geliebte zu sterben, so sei es noch edler, fur eine Mutter zu leben.

Daher beschloss er, noch heute abends abends, damit die Nacht sich vor einige verwitternde Ruinen der bessern Zeit, vor einige voruberziehende Nachtleichen der Erinnerung stellte nach St. Lune zu gehen, seine Mutter zu rufen und ihr mudes sieches Herz wenigstens mit einer Freudenblume zu starken und ihr da ihn kein Eid mehr band zu sagen: du gibst mir jetzt zum zweitenmal das Leben. Wie wohl wurd' ihm! Ein einziger guter Vorsatz bettet und luftet das scharfe Siechbette eines zerrissenen Lebens.

Aber am Abende, ihr guten Bedrangten, am Abende nicht des Lebens, sondern des 21. Oktobers wird euch leichter und frischer werden, und die Kugel eurer Fortuna wird sich aus der Wetterseite in die Sonnenseite drehen!

Abends kam Viktor in St. Lune an und hullte sich in die Laube des Pfarrgartens ein, wo er Klotilden die ersten Tranen der Liebe gegeben. Das Pfarrhaus, das Schloss, die Warte, die zwei Garten lagen wie verfallne Ritterschlosser um ihn, aus denen alle Freuden und Bewohner langst gezogen sind! Alles so herbststill, so stehend um ihn die Bienen sassen stumm auf dem Flugbrett neben hingerichteten Drohnen sogar der Mond und ein Wolkchen standen fest nebeneinander die Wachsmumie war mit dem starren Gesicht gegen das stille Zimmer umgewandt! Endlich kam die Pfarrerin durch den Garten, um ins Schloss zu gehen. Er wusste, wie sehr sie ihn wieder lieben musste, da seine Treue gegen den eifersuchtigen Flamin jetzt ans Licht gekommen war. O sie sah so mude und kranklich aus, so rotgeweint und verblutet und veraltet! Ihn dauerte es, dass er erst ein gleichgultiges Wort sagen musste, um sie in die Laube zu rufen. Als sie hineintrat: erhob er sich und buckte sich tief und legte sich ausloschend an die teure Brust, hinter der eine Welt voll Seufzer und ein Herz voll Liebe war, und sagte: "O Mutter, ich bin dein Sohn nimm mich auf, dein Sohn hat nichts, er liebt nichts mehr auf der ganzen weiten Erde, nichts mehr als dich O liebe Mutter, ich habe viel verloren, bis ich dich fand. Warum siehst du mich so an? Wenn du mich verschmahest: so gib mir deinen Segen und lass mich entfliehen... O! ich wollte ohnehin nur deinetwegen leben bleiben." Sie schauete ihn, zuruckgebogen, mit einem nassen Blick voll unaussprechlicher Zartlichkeit und Trauer an und sagte: "Ists denn wahr? O Gott! wenn Sie mein Sohn waren! Ach, gutes Kind! ich habe dich langst geliebt wie eine Mutter. Aber tausche mich nicht, mein Herz ist so wund!" Der Sohn schwur.... und hier sinke der Vorhang langsam an der mutterlichen Umarmung herab, und wenn er Sohn und Mutter ganz bedeckt: so schaue ein gutes Kind in seine eigne Seele zuruck und sage: hier wohnet alles, was du nicht beschreiben kannst!

Jetzt abends schlich der Kaplan vom Felde heim und durch den Garten hindurch und rief seinem neuen Sohne entgegen: "Ach! Herr Hofmedikus, ich schwinde lasterlich ein. Ich sehe ja offenbar aus wie ein Ecce homo und Fieberhafter. Es wird mir zugesetzt ich soll eine persona miserabilis, einen souffre douleurs, einen Patropassianer abgeben." Da Viktor ihm berichtet hatte: "es sei alles voruber, der Regierrat sei los und unschuldig": so blickte Eymann fest auf die Warte und sagte: "Wahrlich droben sitzt der Rat und guckt 'ruber" und wollte hinauf zu ihm; aber Viktor hielt ihn sanft und sagte zartlich: "Ich bin Ihr Sohn" und offenbarte ihm alles. "Wie? Sie? Du? Der Sohn eines so vornehmen Lords ware mein Sohn? Meinen Herrn Gevatter hatt' ich gezeugt? Das ist unerhort, ein Bruder der Pate des andern zwei Sebastiane hab' ich auf einmal im Hause." Er wurde die Pfarrerin ansichtig und fing einen Hader an welches allemal ein Zeichen seiner Freude war. "So, Frau? Das weisst du heute den ganzen Tag, und mich lassest du draussen im Steinbruch im Notstall sitzen, mitten im Harm, und ich laute bis nachts an der Armensunderglocke? Hattest du nicht den Kalkanten hinauslassen konnen zum Notifizieren? Das war recht schlecht die Frau steckt zu Hause und trinkt Bitterwasser, in das ihr ganze Zuckerfasser und Konfektteller hineingeworfen sind und der Mann halt sich in Steinbruchen auf und sauft seine bittern Extrakte aus einem Brechbecher fort."- Sie antwortete nie darauf.

Jetzt erfuhr erst Viktor von seiner Mutter, dass Flamin bloss fur den Freund (Matthieu) und fur das Vaterland habe sterben wollen dass er seine eifersuchtige Ungerechtigkeit bereue und die verscherzte Freundschaft bejammere und dass sie ihn eben darum abhole, um ihn in die Hande der wahren Mutter und vor das Angesicht der gekrankten Schwester zu fuhren. Es war heute am Morgen menschliche Schwache gewesen, dass das erfrorne Glied der Freundschaft, sein Herz, ein wenig kalter und unempfindlicher gegen Flamin geworden war, da er dessen Rettung aus dem Gefangnis vernahm aber es war jetzt abends menschliche Gute, dass Flamins grosser Entschluss, zu sterben, wie eine Frostsalbe seinem starren Herzen Warme und Bewegung wiedergab. Sein Inneres regte sich gewaltsam, quoll auf, uberstromte den erdruckten Groll, und das Bild des Jugendfreundes stand auf und sagte: "Viktor, gib dem Schulfreund wieder deine Hand o er hat so viel gelitten und so edel gehandelt!" Tranen schossen ihm aus den zuckenden Augen, als er sich entschloss, auf die Warte zu gehen und zum alten Liebling zu sagen: "Es sei vergessen komm, wir wollen miteinander zu deiner Schwester gehen." Er ging allein auf die Warte, um ihn nachher der Lady vorzustellen. Die Pfarrerin sprang einige Minuten von Viktor ab, um seine zwei Schwestern zu benachrichtigen und zu bringen und den blinden Julius aus der Stadt fuhren zu lassen, damit in der goldnen Halskette der Liebe kein Gelenk abginge.

Welche Himmelleiter, in der jede Minute eine hohere Sprosse ist, steht in dieser Nacht auf der wankenden Erde, und gute Menschen steigen hintereinander hinauf!

Unten an der Treppe des Thrones der Versohnung arbeitete Viktors Herz gewaltsam im heissen durchwuhlten Blute. Flamin sah ihn langsam hinaufsteigen; aber er kam ihm nicht entgegen, weil es ungewiss war, komme Viktor zurnend oder vergebend. Als dieser endlich oben war: so stutzte Flamin sein abgekehrtes Gesicht beschamt in das Gezweig; denn er konnte dem so sehr gemisshandelten Geliebten nicht ins Auge blicken, bis er wusste, dass er ihm verziehen habe. Sie schwiegen schauerlich nebeneinander unter dem rieselnden Lindengipfel sie errieten einander nicht ganz, und das machte das Schweigen finsterer und das Versohnen zweifelhaft. Endlich reichte ihm Flamin, heftig atmend und mit dem ins Laub gelegten Gesicht, die zitternde Hand entgegen. Da Viktor diese stumme, um Versohnung flehende Hand zittern sah: so tropften siedende Tranen durch sein Herz und zertrennten es, und nur aus Wehmut und liebender Schonung verschob er es, die demutige Hand zu nehmen. Aber hier kehrte sich Flamin (im falschen Argwohn) stolz, errotend und voll Tranen und voll alter Liebe um und sagte: "Ich bitte dich recht gern um Vergebung, dass ich gegen dich Engel ein Teufel war; aber dann, wenn du mir keine erteilst, so schleudere ich mich hinunter, damit mich nur der Teufel holt." Sonderbar! dieses Erpressen der Verzeihung zog Viktors offne Seele ein wenig zusammen; aber er umfasste doch den freundschaftlichen Wilden und sagte mit der milden Stimme der stillen Liebe: "Aus dem Grunde der Seele hab' ich dir heute vergeben; aber geliebt hab' ich dich immer und allezeit, und in wenig Wochen wurd' ich fur dich gestorben sein, um dein Leben zu retten." Nun traten ihre Seelen nahe und unverhullt voreinander und deckten ihr Leben auf und da sich beide alles erzahlt und Viktor ihm eroffnet hatte, dass er an seine Stelle ein geruckt und der Sohn der beraubten Mutter geworden sei: so wollte Flamin vor Reue vergehen und druckte verschamt sein Angesicht tiefer nur an Viktors Brust und ihre Seelen feierten neuvermahlt auf dem Traualtar der Warte ihre Silberhochzeit unter der Brautfackel des Mondes, und ihre Seligkeit wurde von nichts erreicht als vor ihrer Freundschaft.

Sie wandelten im zartlichen Taumel langsam in Le Bauts Garten, und der Strom der Wonne wurde immer tiefer; aber eiskalte Wellen wie vom Flusse Styx erschreckten plotzlich den sanft erwarmten Viktor, da er in die Trauerlaube kam, wo er gerade heute vor einem Jahre, am 21sten Oktober also ist heute Klotildens Geburttag , aus seinem zerrutteten Herzen ihr Bild gerissen hatte, und wo er wieder ankam, um es aus den alten Narben vielleicht wieder auszureissen. Denn das Senken seines Standes hatt' ihn ein wenig stolzer gemacht und seine Liebe fur Klotilden scheuer. Die Wahrheit zu sagen, so glaubt' ers selber nicht recht, dass ihr seine niedrige Abkunft unbekannt gewesen; er schloss vielmehr das Widerspiel aus dem Anteil, den sie der Lord an seinen Briefen und an allen Geheimnissen nehmen lassen aus ihrem anfanglichen Kampf gegen ihre aufkeimende Liebe und aus dem kleinen Stolze gegen ihn am ersten Tage aus ihrem Lobe der Missheiraten aus ihrer Begunstigung der Liebe Giulias gegen Julius, den sie als LordsSohn kannte aus ihrer leichten Einwilligung in die Verlobung, die ja sonst ihr Vater nach der Erkennung nicht mehr zugelassen hatte und aus andern Zugen, die man bei der zweiten Lesung dieses Werks leichter selber sammelt. Wie gesagt, diese Hoffnung, dass sie ihn allemal gekannt, widerlegte einige Einwurfe seiner Delikatesse und seiner Entsagung; und bluhte heute noch hoher auf unter so vielen Freuden und schonen Zufallen. Ach! wenn er ohne alle Hoffnung gewesen ware: so hatt' er ja mitten im Kreise so vieler Begluckten als die letzte Opferleiche niederfallen mussen! Aber das Etwas im Menschen, das ihm allemal einen grossen Verlust so wahrscheinlich und einen grossen Gewinn so unwahrscheinlich vormalt, qualte, vereinigt mit wehmutigen Erinnerungen, ihn jetzo.

Er bat daher Flamin, ihn ein wenig in der Laube zu lassen und allein (da die Pfarrerin schon im Garten war) in die befreundeten Arme der gefundenen Schwester und Mutter zu eilen, und setzte dazu, er komme bald nach. Als Flamin fort war: fing Viktor immer vor Klotildens Erschutterung zu zittern an, die sich ihrer vielleicht bei der Nachricht seiner Abstammung bemeistern werde; und es druckte ihn sehr, da er dachte, dass fur alle im Garten die Trauer von dem schwarz ausgeschlagnen Trauerzimmer der Erde abgenommen werde, nur fur ihn wohl nicht.

Aber da kam, von neuen Entzuckungen widerscheinend, seine Mutter und trocknete ihm, eh' sie fragte, erst die Augen ab. Ihre neuen Entzuckungen kamen davon her, dass Klotilde ihr, da sie seine Abkunft erzahlet hatte, um den Hals gefallen und sie um Verzeihung des so langen Verhehlens, des so lange fortgesetzten Raubes des Kindes gebeten und dass sie die Mutter an ein auf dem Spaziergang nach der Verlobung gegebenes und nun gehaltenes Versprechen erinnert hatte. Der Mutter und ich sorge, dem Leser war vieles entfallen, und Klotilde flog nur eilig und errotend uber die Sache weg; hatte sie aber dort nicht zu ihr gesagt: "Wir andern unser Verhaltnis nicht", namlich das einer Schwagerschaft? Die Pfarrerin beschloss den Bericht mit dem Gesuch der Lady, ihr den neuen Sohn recht schnell zu bringen. Viktor konnte vor weinendem Entzucken nichts sagen als: "Ist denn meine gute Agathe und der Blinde noch nicht da?" Und beide standen hinter ihm; und er verbarg das Ubermass seiner Wonne unter Liebkosungen der Schwester und des Freundes; sein weiter Leidenkelch war ja ganz mit Freudentranen vollgegossen.

Als er den schonen Weg zu den lieblichen Verbundeten antrat im gehenden Zirkel drei liebender Seelen: so kamen sie ihm alle entgegen mit glanzenden Zugen mit schwimmenden Blicken mit verschmerzten Erinnerungen, oder vielmehr mit genossenen, denn von den zertretenen Freudenblumen auf dem Lebenswege wehet Wohlgeruch auf die jetzige Stunde heruber, wie ziehende Heere oft aus Steppen den Wohlgeruch zerquetschter Krauter ausschicken. Die Lady wurde von ihren zwei Kindern gefuhrt und sagte verbindlich lachelnd: "Hier stell' ich Ihnen meine geliebten Kinder vor, setzen Sie die Freundschaft gegen sie fort, die Sie ihnen bisher gegeben haben."- Ihr Sohn Flamin flog, gleichgultig gegen Sitte, an seinen Hals. Klotilde buckte sich tiefer, als sie vor einem Fursten getan hatte, und in ihrem Auge schwamm die Frage der wehmutigen Liebe: "Bist du noch unglucklich? hab' ich noch dein Herz? Warum ist dein Auge benetzt, warum deine Stimme gebrochen?" Viktor erwiderte mit ebensoviel Zartlichkeit als Anstand, indem er sich gegen die Lady wandte: "Sie konnten an keinem schonern Tage Ihren Sohn wiederfinden als am Geburttage Ihrer Tochter."....

Daran hatte in den bisherigen Wirbelwinden keiner gedacht. Welches frohe Chaos! Welch eine herzliche liebende Sprachverwirrung von gluckwunschenden Improvisatoren! Welch ein geruhrter Augendank Klotildens fur ein so verbindliches Gedachtnis!

Man zog trunken durch den kuhlen Garten in das Schloss. O, wenn Schwesterliebe, Kindesliebe, Mutterliebe, Geliebtenliebe und Freundschaft nebeneinander auf den Altaren brennen: so tut es dem guten Menschen wohl, dass das Menschenherz so edel ist und den Stoff zu so vielen Flammen verwahrt, und dass wir Liebe und Warme nur fuhlen, wenn wir sie ausser uns verteilen, so wie unser Blut uns nicht eher warm vorkommt, als bis es, ausserhalb den Adern fliessend, im Freien ist. O Liebe! wie glucklich sind wir, dass du, von einer zweiten Seele angeschauet, dich wiedererzeugst und verdoppelst, dass warme Herzen warme ziehen und schaffen wie Sonnen Planeten, die grossern die kleinern und Gott alle und dass selber der dunkle Planet nur eine kleinere, uberzogene, eingehausige Sonne ist.... Alle Seelen standen heute hoch auf ihrer Alpe und sahen wie auf einer physischen den Regenbogen des Menschenglucks als einen grossen vollendeten Zauberkreis zwischen der Erde und der Sonne hangen. Im Schlosse bat die Lady ihre Tochter, allein in das dunkle Zimmer der Mundharmonika zu gehen, sie woll' ihr das Angebinde des Wiegenfestes geben. Klotildens Auge nahm vom bleibenden Freund mit einem zweiten Dank fur seine Seele einen zartlichen Abschied.

Nach ihrer Entfernung gab ihm die Lady einen Wink, mit ihr hinter den andern nachzubleiben da sank er gern vor Klotildens Mutter, die um ihre Einwilligung in seine Liebe noch nicht gebeten war, mit den Worten auf das Knie: "Wenn Sie meine Bitte nicht erraten: so hab' ich nicht den Mut, sie anzufangen." Sie hob ihn auf und sagte: "Bitten, die so stillschweigend geschehen, werden ebenso still erfullt aber jetzt kommen Sie lieber und sehen zu, womit ich meine Tochter beschenke." Aber er musste erst lange die Hand benetzen und kussen, die ihm den Lindenhonig eines ganzen Lebens reichen will.

Beide gingen nun in diesem aus dem tausendjahrigen Reiche herubergeschickten Abende ins dunkle Zimmer zur Tochter. Warum entflossen Klotilden Tranen vor Wonne, noch eh' die Mutter sprach? weil sie schon alles erraten konnte. Die Mutter fuhrte den Geliebten an die Geliebte und sagte zur Braut: "Nimm hin das Angebinde deines Festtages. Wenige Mutter sind reich genug, ein solches zu geben aber auch wenige Tochter sind gut genug, es zu erhalten." Das Brautpaar wurde vom Druck der schweren Wonne, des grossen stummen Dankes vor ihr niedergedruckt auf die Knie und teilte sich in die zwei wohltatigen Hande der Mutter; aber diese zog sie sanft aus fremden weg und legte den Liebenden die ihrigen ineinander und schlupfte davon mit dem Laute: "Hieher will ich unsre Gaste bringen!"

O ihr zwei endlich begluckten, nebeneinander knienden guten Seelen! wie unglucklich muss ein Mensch sein, der ohne eine Trane der Freude oder wie glucklich einer, der ohne eine Trane der Sehnsucht euch sehen kann jetzo stumm und weinend einander in die Arme fallen nach so vielen Losreissungen endlich verknupft nach so vielen Verblutungen endlich geheilt nach tausend, tausend Seufzern doch endlich begluckt und unaussprechlich begluckt durch Herzenunschuld und durch Seelenfrieden und durch Gott! Nein, ich kann heute meine nassen Augen nicht von euch wenden ich kann heute die andern guten Menschen nicht anschauen und abzeichnen sondern ich lege meine Augen mit den zwei Tranen, die der Gluckliche und der Ungluckliche hat, fest und sanft auf meine zwei stillen Geliebten im dunkeln Zimmer, wo einmal der Hauch der Harmonikatone ihre zwei Seelen wie Gold- und Silberblattchen aneinanderwehte. O, da sich mein Buch jetzt endigt und meine Geliebten entweichen: so ziehe dich langsam weg, dunkles Allerheiligstes mit deinen beiden Engeln tone lange nach, wenn du auffliehest mit deinen melodischen Seelen, wie Schwanen in der Nacht mit Flotentonen durch den Himmel ziehen. Aber ach, steht nicht schon hoch und weit von mir das Allerheiligste und hangt als Silberwolkchen am Horizont des Traums? O, diese guten Menschen, dieser gute Viktor, dieser gute Emanuel, diese gute Klotilde, alle diese Lenz-Traume sind aufgestiegen, und mein Herz blickt schmerzlich auf und rufet ohne Hoffnung nach: "Traume des Fruhlings, wann kommt ihr wieder?"

O warum wurd' ichs tun, wenn nicht die Freude, die wir so fest an den Handen fassen, auch Traume waren, die aufsteigen? Aber diesen rufet das auf dem Grabstein zuckende, zuruckgefallne jammernde Herz nicht nach: "Traume des Fruhlings, wann kommt ihr wieder?"

Nachtrag zum 44. Hundposttag

Nichts

Da dieser Nachtrag zu einem Posttaglein zu klein war: so wartete ich immer auf den Hund und auf neuen biographischen Pfeifenton und Teig. Weil aber die poste aux chiens ausbleibt, so will ich nur die wenigen Katzen-Tone, die ich aus dem liebenden Konzert des vorigen Kapitels weggelassen, hier auf meine Noten setzen. Es ist lauter verdrussliches Zeug, was ich hier noch nachzuholen habe, und eben jene Knarrtone konnen wieder eine neue Lauwine herabwerfen und neuen Unfug stiften. Es ist nur dumm, dass so das Buch aus und doch nicht aus ist, da der Hund von einem Hund ganz unerwartet weg ist, wie Schnupftabak.

Die stiefmutterliche Kammerherrin, die vom biographischen Geister- und Korperbanner seit langem aus diesen Blattern landesverwiesen ist, war bei der Ankunft der Lady aus sehr naturlicher Antipathie wegmarschiert auf ein kleines Landgut. Reise zu, du bist ohnehin meine Amancebada nicht! Matthieu war im vorigen Kapitel nach seiner alten Kuhnheit unter lauter Widersachern seines dunkelbraunen Ich ein wenig dageblieben; und sass im Schlosse, als die gluckliche Prozession aus dem Garten einzog. Er wusste noch nicht, dass der Hoffmann Viktor wahrhaftig nichts ist als ein blosser platter Pfarrsohn. Anfangs setzte er den antiken Spass seiner Lieberklarung gegen Agathen fort und reizte den Pfarrer zu Komplimenten und Dankadressen fur die Dienste an, die er allen heute erwiesen. Als er aber zu viel Gleichgultigkeit gegen seine kalte Bosheit vorfand, benahm er seiner Verachtung die Zweideutigkeit. Uberhaupt war sein Herz aufrichtig und stellte sich lieber boshafter als tugendhafter an, als es war; er hasste eine Verstellung, wodurch sich mancher Hofling leicht jene Miene des Tugendhaften gibt, die am besten durch Lavaters Bemerkung zu erklaren ist, dass der Zornige auf seinem Gesicht die Mienen dessen, den er hasset, bekomme.

Endlich erriet Matthieu die Geheimnisse, und der Pfarrer bestatigte sie ihm. Ein solches Wasser fur seine Schneide- und Sagemuhle, auf der er Menschen fur sein Throngeruste zurechtschnitt, war noch nie auf ihn zugeflossen wenn er dieses neue Falsum, diesen neuen entsetzlichen abscheulichen Betrug, den der Lord dem Fursten gespielt, dem Fursten vortragt: so muss schliesset er Jenner ausser sich kommen vor Erstaunen uber Lord Horions Lugen und uber Matthieus Wahrheiten. Jetzt hielt ers fur Pflicht, zu lacheln zwar, aber nicht mehr schadenfroh wie Matz, sondern ordentlich verachtend, wie ein Hof-Lehnmann soll; auch fuhlte er, wie sehr es unter seiner Wurde sei, sich langer in dieses burgerliche Quodlibet, ohne es doch zum Narren zu haben, mit einquirlen zu lassen. Er ging mithin um die Neuigkeit aus seinem Saetuch in gutes Land auszuwerfen nach einem kurzen, aber aufrichtigen Gluckwunsche zur Vermahlung noch dieselbe Nacht an den Hof zuruck und der Teufel folgte ihm als Kammermohr anstandig hinterdrein.

Ich wollte, der Spitzbube tate keinen Tritt mehr in meine biographische Schreibstube und casa santa; er ist sich so vieler unmoralischer Hulfquellen bewusst, dass er ordentlich im Kraftgefuhl derselben mit den Sunden spielt und immer einige mehr wagt, als er braucht; so wie er z.B. in der Maienthaler Allee mit der Stimme der Nachtigall aus blossem Ubermut Viktor und Klotilde in seine Nahe lockte, obgleich Flamin beide ohne jene Philomelenmaschinerie hatte belauschen konnen. Von dieser Seite wunsch' ich fast gar nicht mehr, dass der Posthund weiter kommt; ich muss zu sehr besorgen, dass Matthieu neuen Krotenlaich und eine neue Essigmutter des Elends an die Warme Jenners bringt, damit sie neues giftiges scharfes Ungluck aushecke; denn er wird es gewiss hochsten Orts berichten, dass die drei Englander sich in die Insel wie in eine Katakombe verstecken dass Flamin sich ihnen zugeselle dass Viktor bisher einen Fursten belogen, dessen Untertan er sei noch anderer Dinge zu geschweigen, welche die ministerialische Spionin und Kammerherrin von Le Baut mitteilt und sein so antiklubistischer Vater schwarz farbt, und die jene zeichnet und dieser koloriert. Und wenn ich bedenke, dass in dieser Lebensbeschreibung ein kleines Ungluck immer die Eierschale und das Eiweiss eines grossen war: so bin ich sehr geneigt zu glauben, dass der Ausdruck des Pfarrers am 21. Oktober mehr Witz als Wahrheit enthalte: "dass sie gegenwartig alle statt des Tranenbrots den Brautkuchen der Freude anschnitten."... Ihr guten Menschen! worin mag jetzt in dieser Minute euer Busen auf- und niedergehen, im weichen dunnen Ather der Freude oder im GewitterBrodem der Angst?

Nachtrag zum Nachtrag

Ich habe hierzu, wahrend sich die erste Auflage vergriff, einige recht interessante Umstande fur die zweite erfahren. Julius umhalsete im Garten seinen Viktor recht fest und sagte: "Ich bin sehr froh, dass ich wieder da bin ich war den ganzen Tag so allein und horte keinen Menschen dein italienischer Bedienter ist ganz fortgelaufen." In Viktor stieg uber diese unerklarliche Entweichung eines treuen glucklichen Dieners, wenn nicht eine Gewitterwolke, doch ein Nebel auf. Die stille Marie hatte dem Blinden die Dienste des Fluchtlings emsig getan. "Ich hatte dem Italiener gern vorher seinen Brief gegeben," (fuhr Julius fort) "aber da hab' ich ihn noch." Viktor besah ihn und fand voll Erstaunen die Adresse von der Hand des Lords. Der Brief wurde einige Minuten nach des Menschen Flucht an den Blinden mit der Bitte abgereicht, ihn niemand als dem Welschen zu geben. Wiewohl Flamin und die Lady und die Pfarrerin versprachen, das Erbrechen des Briefes zu verantworten: so ging Viktor doch an diese Auflosung einer neuen Scharade seines Lebens ungern; denn Klotilde schwieg dazu. Hier ist die vidimierte Kopie:

"Sie haben recht. Aber reisen Sie nicht erst morgen, sondern auf der Stelle zum Mr.***. Der Ort bleibt . Aber VI sind notwendig."

Mr. konnte den Monsieur (den funften Sohn) bedeuten. Weiter war aus diesem Wolkenzug nichts vom kunftigen Wetter durch die besten Wetterpropheten zu erraten. Aber nur aus ihrer eignen bangen Wissbegierde nach der Deutung dieser Himmelzeichen konnen sich die Leser eine Vorstellung von der grossen unsers Helden machen.

45stes oder letztes Kapitel

Knef die Stadt Hof Schweissfuchs Rauber

Schlaf Schwur Nachtreise Gebusch Ende....

Ich sage nur so viel voraus: solange man noch Dinte wie den Johannisbeerwein aus Federspulen verzapfte; solange noch Kiele geschnitten wurden, um Friedeninstrumente zu machen oder verkohlet, um Krieginstrumente zu machen (denn die Kohle des Schiesspulvers bereitet man aus Federn) und noch langer vorher: so lange ist der sonderbare Vorfall gar noch nicht vorgefallen, den ich der Welt jetzo zu berichten habe. Wie gesagt, ich sage nur das voraus: der Vorfall ist leidlich.

Weil der Posthund seit dem 44sten Kapitel von diesem gelehrten Werke die Hand oder Pfote abgezogen: so wollt' ichs allein hinausmachen und nur noch ein letztes Kapitel aber nicht dieses als Schlussstein und Schwanengesang gar anstossen, damit das opus einmal auf die Post und auf die Welt kame. Gute Rezensenten, dacht' ich, lassest du uber den Mangel an einer Finalkadenz sich mit dem Posthunde und biographischen Leithammel so lange herumbeissen, als sie wollen Es war schon gegen das Ende des Oktobers und meiner Robinsonade auf der Johannisinsel, als der alte gute Freitag dieses Robinsons, mein Doktor Fenk, von seiner langen botanischen Alpenreise nach Scheerau heimkehrte, aber sogleich wieder in die See stach und auf meinem Johannitermeistertum ausstieg.

Wir setzten uns nieder zu zwei oder drei Gangen mit historischem Eingeschneizel (Ragout) von Reiseanekdoten. Zuletzt macht' ich ihn wie alle Gelehrte tun auf das aufmerksam, was ich schriebe, auf mein neuestes Opusculum, das so verdammt hoch vor uns aufgebettet stand wie ein Sternenkegel: "Es ist ganz fluchtig" (sagt' ich) "von mir gefallen, oft in der Nacht, so wie Voltaire oder die Pfauhennen im Schlafe Eier aufs Stroh herunterspringen lassen. Ich habe die Welt mit diesem Vermachtnis von vier Heftlein gern bedacht; aber das Vermachtnis wartet noch aufs letzte Kapitel sonst wird die Hundarbeit im edeln Sinn eine im schlechten." Er las das ganze Vermachtnis vor meinen Augen durch welches fur einen Autor eine narrisch schwule Empfindung ist und schwepperte oft mit den zwei Armen auf und nieder und wollte den Verfasser rot machen durch ubertreibendes Lob; aber es verfing nichts; denn ein Verfasser hat sich jedes schon vorher tausendmal erteilt und ist zugleich seine eigne Fleischwaage, sein eignes Fleischgewicht und sein eignes Fleisch, weil er wie ein Tugendhafter mit seinem eignen Beifall zufrieden ist.

"Der Held deiner Posttage" sagt' er "ist ein wenig nach dir selber gebosselt." "Das", versetzte ich, "entscheide die Welt und der Held, wenn mich beide kennen lernen; es tuns aber alle Autores, ihr Ich steht entweder abgezeichnet vor dem Titelblatte oder darhinter mitten im Werke, wie der Maler Rubens und der Zeichner Ramberg fast in allen ihren Arbeiten einen Hund anbringen."

Nun aber denke man sich mein staunendes Handezusammenschlagen, als der Doktor mir das Landchen nannte, wo die ganze Geschichte vorging: *** heisset wirklich das Landchen. "Ich solle nur hin," sagt' er, "so konnt' ich das 45ste Schwanz-Kapitel aus der Quelle schopfen. Bei seinem Durchmarsch ware man in Flachsenfingen erst uber dem 40sten Hundposttage her gewesen. Wenn ich eigne Pferde nehmen wollte (das will ich, sagt' ich, ich kaufe mir heute noch eigne): so konnt' ich vielleicht einem vornehmen Passagier nachkommen, der, wenn ihn nicht alles troge, der Lord leibhaftig sei." Wegen einiger Lot Teufeldreck, die Fenk unterweges notig hatte, war er sogar bei Zeuseln in der Apotheke gewesen, dem, sagt' er, die Zahl 99 so leserlich wie dem Nummernvogel (Catalanta) die Zahl 98 anerschaffen sei.

Verdenken kann mans wahrlich keinem Autor, der nach seinem 45sten Schwanz- und Schleppen-Kapitel krebset und fischet, dass er wie unsinnig weglief aufpackte anschirrte einsass fortjagte und so wutig zufuhr im Voruberschiessen vor Hotels, vor Landhausern, vor Prozessionen, vor Sternen und Nachten, dass ich nicht etwan in ** Tagen, sondern schon in *** Tagen (mancher wird gar denken, ich mache Wind) in den Gasthof zum goldnen Lowen bestaubt, aber ungepudert hineinsprang. Besagter Gasthof liegt namlich in der Stadt Hof, die ihrerseits wieder in etwas Grosserem liegt, namlich im Voigtland. Ich nenne mit Fleiss weder die Tage meiner Reise noch das Tor, wodurch ich zu Hof einschoss, damit ichs nicht neugierigen Schelmen und mouchards durch die Marschroute verrate, wie Flachsenfingen heisset. Hof konnt' ich ohne Schaden herausnennen, weil man von da aussobald man uber die Tore hinaus ist nach allen Punkten des Kompasses fahren kann; und so kann man da (welches recht gut ist) auch aus allen Orten ankommen, aus Monchberg, Kotzau, Gattendorf, Sachsen, Bamberg, Boheim und aus Amerika und aus den Spitzbubeninseln und aus dem ganzen Busching und Fabri.

Nicht weit vom goldnen Lowen (eigentlich im Habergasschen) stand ein vornehmer Englander und sah zu, wie seine vier rauchenden Pferde eine Medizin von 2/3 gemeinem Salpeter und 1/3 Rossschwefel gegen das Verschlagen einbekamen. Der Fremde der ungefahr so viel Jahre haben mochte als dieses Buch Tage war schwarz gekleidet, lang, ehrwurdig, reich (nach der Equipage zu urteilen) und mannlich gebildet. Sein heller und fixierter Blick lag wie ein Brennpunkt zundend auf den Menschen sein Gesicht war fein und kalt auf seiner Stirne stand die lotrechte Sekante als der Taktstrich der Geschafte, als Ausrufzeichen uber die Muhen des Lebens mit bleichen waagrechten Linien war dieser Taktstrich rastriert, beide Arten von Linien waren gleichsam als Zeichen in die zu hohe Stirne eingeschnitten, wie hoch das Tranenwasser der Trubsal schon an dieser Stirne, an dieser Seele aufgestiegen sei. "Ich wollte den Lord Horion" dacht' ich "anders geschildert haben, wenn mir dieses Gesicht eher vorgekommen ware." Vielleicht denkt der Leser, das war der Lord selber.

Als der Englander mein Terzett von Schweissfuchsen erblickt hatte: ging er gerade auf mich zu und leitete ein Tauschprojekt ein und wollte meinen Fuchs gegen einen Rappen einwechseln. Er hatte die Phantasie der vornehmen Russen, mit einem ordentlichen Zento ungleichfarbiger Pferde zu fahren so wie er die schonere Sitte der Neapolitaner hatte, ein freies lediges Pferd wie einen Hirsch neben dem Wagen hertanzen zu lassen ; daher, des Ross-Quodlibets halber, wollt' er meinen elenden Fuchs erstehen, der, die Wahrheit zu sagen, nirgends sein eignes Haar trug als hinten auf dem Burzel. Ich sagte es ihm geradezu um ihm keinen Argwohn eines Eigennutzes und einer Absicht zu lassen : "meine drei Fuchse sahen wie die drei Furien aus und stellten die drei Kavitaten der Anatomie ein wenig vor; bloss der Schweissgaul, den er wolle, sei herrlich gebauet, besonders um den Kopf herum, und ich verlor' ihn ungern gerade jetzt, da mir der Kopf erst recht einschlagen will." "So?" sagte der Brite. "Naturlich," sagt' ich, "denn ein Pferdekopf ist das beste Mittel gegen Wanzen, und der muss nun bald, wie eine reife Pflaume, vom Gaul abfallen den Kopf kann ich in mein Bettstroh tun." Der Englander lachelte nicht einmal; unter dem ganzen Handel regte er keinen Finger, keine Miene, keinen Muskel. Erst als ich selber gesagt hatte: "Wenn nur die drei Parzen so lange auf den Beinen bleiben, bis ich das 45ste Kapitel abgeholt habe auf der Achse", so fiel es mir auf, dass er mich auf eine entfernte Art mehr zu studieren und auszufragen getrachtet als den Schweissfuchs und ich geriet auf die Hypothese, ob er nicht gar den ganzen Rosstausch nur zum Deckmantel seiner verdachtigen Ausforschfragen gemissbraucht habe.

Der Leser lese nur weiter! Der Englander fuhr mit meinem Fuchs-Muskelnpraparat davon und ich spater hintennach mit dem Rappen, der so stark, schwarz und gleissend war wie der alte Adam des Menschen.

Aber ich muss erst sagen, was ich in Hof wollte; zueignen wollt' ich. Anfangs sollte jedes dieser Heftlein einer Freundin zugeeignet werden; aber ich musste besorgen, es wurde mich gereuen, weil ich mich jeden Monat mit einer andern mit allen auf einmal nie zu zanken pflege. Ich mochte wissen, unter welcher geographischen Breite der Mann lage, der nicht mit seiner Freundin tausendmal ofter keifte als mit seinem Freund. Der Lebensbeschreiber musste also aus Not weil er zu veranderlich ist mit seinen vier Heftlein quer aus dem goldnen Lowen uber die Gasse ziehen und zu dem einzigen ins Haus gehen, gegen den er sich nicht andert und ders auch nicht tut, und zu ihm sagen: "Hier, mein lieber guter Christian Otto, eigne ich dir wieder etwas vier Heftlein auf einmal hubsch war' es, wenn du jedes wieder an die Deinigen dediziertest, dreie langen gerade zu, und deines bleibt dir auch ich reite nun dem 45sten Kapitel nach, und du schneide und raupe indes an den 44 andern Rabatten so viel ab, als du willst."

Und hier, mein Treuer, musst du das letzte Kapitel auch gar haben, und ich setze nur noch dazu: "Diesen Hesperus, der als Morgenstern uber meinem frischen Lebensmorgen steht, kannst du noch anschauen, wenn mein Erdentag voruber ist; dann ist er ein stiller Abendstern fur stille Menschen, bis auch er hinter seinem Hugel untergeht."

Da alle Briefe an mich, wie bekannt, in der emsigen und etwas gramlichen Stadt Hof abgegeben werden; und da uberhaupt viele Reisende sie passieren: so kann man mir schon den kleinen Platz zu zwei Bemerkungen vergonnen, welche die Stadt uber die Stadt selber gemacht. Die Hofer bemerken namlich alle und tadelns, dass sie sich nicht recht zusammengewohnen konnen; wir sollten uns samtlich, sagen sie' einander recht gut ausstehen konnen und schon dadurch des grossen Montesquieu Bemerkung widerlegen, dass der Handel Volker verknupfe und Einzelwesen zertrenne. Zweitens werfen es alle einander vor, dass sie von Jahr zu Jahr weite Duten voll Balsaminen-, Rosen-, Klee- und Liliensamen und hohe Schachteln voll herrlicher Apfelkerne (besonders Kerne von Herrenapfeln, Violenapfeln, Adams- und Jungfernapfeln und hollandischen Ketterlingen) in Menge antauschten und aufschutteten und in Winterhausern aufspeicherten dass sie aber von diesem Gesame wenig oder nichts versaeten oder aussteckten: "Im Alter", sagen sie, "sollen uns gute Fruchte und Blumen zupasse kommen, wenn wir aus den jetzigen recht viel Samen ziehen und ihn dann versaen." Einem Kandidaten (einem akademischen Stubenkameraden von mir) gaben diese zwei Bemerkungen Anlass zu zwei recht guten Teilen in einer Nachmittagpredigt: im ersten Teile zeigte er seinen Hofern aus der Epistel, dass sie einander in der fluchtigen Lufterscheinung des Lebens nicht raufen, sondern recht lieben sollten, ohne Rucksicht auf die Nummern der Hauser und im zweiten Pars tat er dar, sie sollten sich im kurzen abnehmenden Lichte des Lebens von Zeit zu Zeit einen und den andern Spass machen.....

Als ich kaum einige Stunden Tage Wochen gefahren (denn die Wahrheit sag' ich nicht) und gegen Mitternacht in meinem Wagen bergauf in einem dikken Forste eingeschlafen war: so sturzten zwei Hande, die von hinten durch das Ruckenfenster sich hereingearbeitet hatten, eine Bienenkappe uber meinen Kopf, schnallten sie hurtig um den Hals mit einem Vorlegschloss, verschrankten und verdeckten meine Augen, und mich selber ergriffen, hielten und banden zehn bis zwolf andere Hande. Das Schlimmste bei so etwas ist, dass man denkt, man werde totgeschlagen und von seinen Juwelenkastchen entblosst; nun kann man aber einen Autor, der sein Buch noch nicht hinausgemacht hat, nicht argerlicher und verdriesslicher machen, als wenn man ihn erschlagt. Kein Mensch will in einem Plane sterben; und doch tragt jeder zu jeder Stunde des Tages zugleich aufknospende, grune, halb reife und ganz reife Plane. Ich suchte also mein Leben mit einer Tapferkeit zu verfechten weil mir ums 45ste Kapitel und dessen Kunstrichter zu tun war-, dass ich ich kann es sagen vier bis funf Prinzenrauber leicht ubermeistert hatte, war' es nicht ein halbes Dutzend gewesen. Ich streckte das Gewehr, behauptete aber das Schlachtfeld, namlich das Kutsch-Kissen, und merkte uberhaupt, dass man den Berghauptmann nicht sowohl tot machen wollen als blind. Es wurde noch abenteuerlicher mein eigner Kerl wurde nicht vom Throne seines Bocks gesturzt mein Wagen blieb auf dem Wege nach Flachsenfingen zwei Herren setzten sich zu mir hinein, die, nach ihren Madchenhanden zu urteilen, von Stande waren und noch sonderbarer, es boll ein Hund, der, dem Bellen nach, als Messhelfer und Mitmeister an diesem gelehrten Werke gearbeitet hatte.

Wir soupierten und goutierten unter freiem Himmel. Hier wurde mir ein chirurgisches Ordenband auf blossen Leib umgetan, weil ich unter den Viertelschwenkungen und Hand-Evolutionen meiner Gegenwehr unglucklicherweise mein Schulterblatt in eine Degen-Spitze getrieben hatte. Essen konnt' ich recht gut, weil das blecherne Kanarienbauer-Turchen an meiner Bienen- kappe weit aufgedrehet war. O lieber Himmel! wenn das Publikum den Verfasser der Hundposttage hatte seine Esswaren in die aufhangenden Torflugel von Blech einschieben sehen: er ware vergangen vor Scham! Unter dem Essen lockte ich den Hund mit dem Namen "Hofmann!" zu mir: er kam wirklich; ich fuhlte ihn aus, ob an seinem Halse kein 45stes Kapitel hinge er war leer.

Nach einem langen Wechsel von Fahren Essen Schweigen Schlafen Tagen Nachten wurd' ich endlich in eine See gesetzt und so lange herumgefahren (oder kams von einem Schlaftrunk), bis ich schlief wie eine Ratte. Was darauf geschah: mach' ich so wunderbar es immer ist erst bekannt, wenn ich die Bemerkung ausgeschrieben habe, dass die grosse Freude und der grosse Schmerz die edlern Neigungen in uns beleben und verjungen, dass aber die Hoffnung und noch weit mehr die Angst den ganzen Wurmstock elender Begierden, den Infusionslaich kleiner Gedanken anbruten und auseinanderringeln und ins Nagen bringen so dass also der Teufel und der Engel in uns eine argere Paritat ihrer zwei Religionen, als selber in Augsburg bei zwei andern ist, zu erhalten wissen, und dass jede von den zwei Religionparteien im Menschen ebensogut ihren eignen Nachtwachter, Zensor, Wirt, Zeitungschreiber besoldet als, wie gesagt, in Augsburg....

Ich hatte die Augen noch geschlossen, als ein Lispeln, von tausend Gipfeln weitergewirbelt, mich umschwamm, das getriebene Luftmeer zog durch enge Aolsharfen und schlug daran Wellen, und die Wellen uberspulten mich mit Melodien eine hohe Bergluft, von einer voruberschiessenden Wolke herzuschlagend, fuhr wie ein Wasserstrahl kuhl an meine Brust ich offnete die Augen und dachte, ich traumte, weil ich ohne die eiserne Maske war ich war an die funfte Saule auf der obersten Stufe eines griechischen Tempels gelehnt, dessen weissen Fussboden die Gipfel taumelnder Pappeln umzingelten und die Gipfel von Eichen und Kastanien liefen nur wie Fruchthecken und Gelanderbaume wallend um den hohen Tempel und reichten dem Menschen darin nur bis an das Herz.

Ich muss ja diese wuhlende Gipfelsaat kennen, sagt' ich dort hangen Trauerbirken die Arme da draussen knien Stamme vor dem Donner, der sie getroffen flattern nicht neun Flore und zerstaubte Springbrunnen in gefleckten Zweigen durcheinander? und die Gewitter haben hier ihre Ableiter als funf eiserne Zepter in die Erde gepflanzt. Das ist doch gewiss ein Traum von der Insel der Vereinigung, die so oft bisher den Nebel des Schlafs mit Strahlen durchschnitten und himmlisch und ziehend meine Seele angeschimmert hat.

Es war aber kein Traum. Ich stand von der Stufe auf und wollte in den griechischen durchhellten Tempel, der bloss aus einem griechischen Dache und aus funf Saulen und der ganzen um ihn gelagerten Erde bestand, eintreten, als mich acht Arme umfassten und vier Stimmen anredeten: "Bruder! wir sind deine Bruder." Eh' ich sie anschauete, eh' ich sie anredete: fiel ich gern mit ausgebreiteten Armen zwischen drei Herzen, die ich nicht kannte, und vergoss Tranen an einem vierten, das ich nicht kannte, und hob endlich, nicht fragend, sondern begluckt, die Augen von den unbekannten Herzen auf in ihr Angesicht, und unter dem Anschauen sagte hinter mir mein geliebter Doktor Fenk: "Du bist der Bruder Flamins, und diese drei Englander sind deine leiblichen Bruder."... Die Freude zuckte durch mich wie ein Schmerz ich druckte mich stumm an die Lippen der vier Umarmten und Umarmenden aber ich sturzte dann an den altern Freund und stammelte: "Guter lieber Fenk! sag mir alles! Ich bin zerruttet und bezaubert von Dingen, die ich doch nicht fasse."

Fenk ging lachelnd mit mir wieder zu den vier Brudern und sagte zu ihnen: "Seht, das ist der Monsieur, euer funfter, auf den sieben Inseln verlorner Bruder und euer Biograph dazu nun hat er endlich sein 45stes Kapitel erwischt." Da wandte er sich an mich: "Du siehst doch," (sagt' er) "dass das die Insel der Vereinigung ist dass die Drillinge hier die drei Sohne des Fursten sind, die unser Lord bringen wollte. Deinetwegen, weil du schon lange von den sieben Inseln weg bist, ist er durch alle Marktflecken und um alle Inseln von Europa gefahren. Endlich schrieb ich ihm"....

"Du bist gewiss auch" (unterbrach ich ihn) "mein Korrespondent mit dem Hund gewesen."

"Fahr nur fort", sagt' er.

"Und Knef ist der umgekehrte Fenk und hast dich bei Viktor fur einen Italiener, der kein Deutsch kann, ausgegeben und ihm den ganzen Tag seine eigne Konduitenliste fur den Lord abgeschrieben, und fur mich im Grunde auch, um sein und mein Spion zu sein."

"So ists und habe also" (sagt' er) "dem Lord auch geschrieben, dein franzosischer Name Jean Paul mache dich verdachtig, und da du noch dazu selber nicht weisst, wo du her bist, und dazu gerechnet dein narrisches Stuck Lebensweg, der wie in einem englischen Garten nicht eine Meile lang geradeaus geht"

"Der Biograph", sagt' ich, "sollte uberhaupt sein eigner sein.126"

"Jetzo wird mirs unbegreiflich, wie ich nur nicht gleich darauf fallen konnen; denn deine Ahnlichkeit mit Sebastian, die der funfte Sohn des Fursten haben sollte, merktest du langst selber und dein StettinerDosenstuck auf dem Schulterblatt, das die Herren da alle aufhoben, und das der Lord vorgestern selber unter deinem Verbande angesehen."

"So, so!" (sagt' ich) "Deswegen bekam also euer Biograph die Falkenhaube, die Ruckenwunde, den hubschen Rappen, und der Fremde in Hof war der Lord?"

Kurz bei allem diesen hatte der Lord sich gar vollig uberzeugt, dass ich der sei, den er so lange gesucht; denn vorher hatte er schon lange das Schreiben von Fenk durch funfzehn Hande erhalten, indem es von Hamburg oder auch aus dem Lande Hadeln nach Ziegenhain in Niederhessen lief, dann in die Herrschaft Schwabeck, dann in die Grafschaft Holzapfel, nach Schweinfurt, nach Scheer-Scheer und doch wieder zuruck nach ** und nach *** und endlich nach Flachsenfingen, wo ers erst erhielt: dort, in der Insel der Vereinigung, war er lange versteckt gewesen, bis ihn das Schreiben, der endigende Oktober, der die Muttermaler gleichsam mit roter Dinte unterstrich, und am meisten die drei aus St. Lune verwiesenen Briten, die auf der Insel ausstiegen, nach Scheerau oder vielmehr nach Hof im Voigtland abzureisen zwangen. Hier musst' ich ihm nach einer Verabredung mit dem italienischen Bedienten, d.h. mit dem Doktor Fenk, derenwegen er mich eben aus meiner Insel dem 45sten Kapitel nachschickte und deren Wiederholung in dem vom Blinden aufgefangnen, nun entzifferten Billet vorkam, naturlich begegnen, und mein altes Gesicht, das er sofort mit einem jungern Nachstich vom funften Furstensohne zusammenhielt, warf sogleich im "Habergasschen" uber alles das reichlichste Licht.

Sobald er das wusste, liess er mich allein hinter meiner Bienen- Blechkappe und Mosis-Decke fahren und eilte voraus zum Fursten gerade eine Minute fruher, eh' es zu spat war. Denn Matthieu hatte alles verraten; und die Drillinge wollte man eben aus der Insel, worein sie geflohen waren, und unsern Viktor aus seiner Mutter Hause, worin er schon Hof und Adel uber Patienten und Wissenschaften und Braut vergessen hatte, abholen zum Verhaft, als der Lord sich bei dem Fursten melden liess. Der Furst furchtete von ihm, wie Casar von Cicero, uberredet zu werden. Der Lord dessen Seele ohnehin eine petrographische Karte erhabener Ideen war verwirrte die Massregeln des Fursten durch einen kuhnern Trotz, als die Massregeln berechnet hatten. Er fing mit der Nachricht an, dass er nicht bloss einen Sohn dem Fursten bringe, sondern alle, welches letzte er darum nicht versprochen habe, weil er nicht wissen konnen, inwiefern ihn das Schicksal vielleicht verlasse oder trage. Er drang dem Fursten eine lange kalte Rede auf, worin er ihm den Studienplan der funf Sohne und ihre Entwicklung, Geschichte und Bestimmung vorlegte. Indem er die Beweise ihrer Abstammung vorauszusetzen schien, webte er sie doch in die Schlusse aus der Abstammung kunstlich ein. So sagt' er z.B., niemand habe um das wichtige Geheimnis gewusst als die Lady und Klotilde und Emanuel, dessen heilige, alles mit dem Tode beschworenden Dokumente er ihm hier neben andern fur die Kinder gebe; bloss ein gewisser Hofjunker habe wahrend der Blindheit von funf Geheimnissen eines entwendet und gemissbraucht. Der Lord zerfaserte diese Fallstrick-Seele nicht, da sie, wie er sagte, zu unbedeutend zur Genugtuung, zu schwarz gebeizet zur Strafe sei, und da er selber ohnehin bald aus diesen Gegenden auf immer komme. Kurz, er griff so mit seiner Allmacht den Fursten an und zog so rein der Vergangenheit alle Schleier ab, dass er diesen fast zwang, statt zu verdammen oder loszusprechen, bloss abzubitten und Anklage und Misstrauen mit Dankbarkeit zu vertauschen. Das einzige Gute, endigte Lord Horion, was der Junker getan, sei, dass er durch seine Saemaschinen des Unkrauts die grosse schone Erkennung gerade auf eine Monatzeit gereift und beschleunigt habe, worin die Fruchtschnur der funf Schultern (die Muttermale) in Blute stehe. Der Furst wurde trotz des fremden Eises geschmolzen, denn seine vaterliche Liebe war mit neuen Schatzen bereichert. Doch mischt' er in seinen Dank diesen feinen Vorwurf wegen Viktors vorgeblichen Adel: "Ich bin voll Dankbarkeit fur Sie, ob Sie mir gleich zu bald die Gelegenheit nehmen, sie zu zeigen. Bisher freuet' ich mich, dass ich wenigstens an dem Sohne beweisen konnte, wie sehr ich dem Vater, wenn nicht dankbar, doch verbunden ware. Aber Sie kennen meinen Irrtum." Der Lord jetzo biegsamer durch den Sieg versetzte: "Ich weiss nicht, ob mich gute Absichten und schlimme Verhaltnisse entschuldigen; aber ich konnte nur einen Menschen fur wurdig halten, Ihr Leibarzt zu sein, den ich fur wurdig erkannte, mein Sohn zu sein." Der Furst umarmte ihn aufrichtig; der Lord erwiderte es ebenso warm und sagte: am 31sten Oktober (der ist heute, und gestern sagte ers) woll' er seine redlichen Gesinnungen gegen den Fursten auf eine Weise besiegeln, die mehr als alle Worte entscheide

Edler Mann! Du verzehrst nichts weiter auf der Erde als dich und bist ein Sturmvogel, durch dessen Fett ein Docht des Leuchtens gefadelt ist und den jetzo sein eignes Licht ausbrennt und verkohlt mir ahnet, als wenn deine schone Seele bald auf einer andern, auf einer hohern Insel der Vereinigung sein werde als auf dieser irdischen!

Ich schreibe dieses den 31sten Oktober vormittags um 10 Uhr auf der Insel.

*

Abends um 6 Uhr in Maienthal

Womit wird dieses Buch noch enden? mit einer Trane oder mit einem Jauchzen?

Der Doktor Fenk warf bis um 2 Uhr (wo der Lord erst kommen wollte) den Koch- oder Lumpen-Zucker der Laune auf unsere Minuten und Schmerzen; sein narrisches rotes Gesicht war das violette Zuckerpapier der Sussigkeit. Mein guter Viktor war mit Klotilden in Maienthal. Fenk lachte mich in einem fort aus als einen Dauphin. Er macht viel Gleichnisse, er sagt: ich bekame erst am Ende eines Buchs und der ganzen Komodie den rechten Titel' wie man den Journalen den Haupttitel erst im letzten Heft beidruckt oder ich avanciere, gleich einem Schachbauern, erst auf dem letzten Felde zu einem Offizier. Es ist mir aber aus der Geschichte recht gut bekannt, dass in Frankreich schon unter Ludwig XIV. das jetzige Gleichheitsystem, obwohl erst fur Prinzen, da war, die der Konig gleichmachte, sie mochten als Mestizen oder Kreolen oder Quarteronen127 oder Quinteronen oder Eingeborne des Throns ans Leben ausgestiegen sein. Da man nun ebensogut in Deutschland neue Gesetze und Novellen der Reichsgesetze hervorzubringen vermag als ausser den Grenzen desselben: so konnt' es ja bei meinen Lebzeiten geschehen, dass legitimierte Prinzen fur thronfahig erklart wurden wodurch ich freilich zur Regierung kame. Gut war's fur Flachsenfingen, wenns geschahe, weil ich mir vorher die besten franzosischen und lateinischen Werke uber das Regieren kaufen und es darin so studieren will, dass ich nicht fehlen kann. Ich glaube, ich darf mir vorsetzen, das arme Menschengeschlecht, das ewig im ersten April lebt und das nie vom Gangelwagen steigt bloss mehre Rader werden dem Wagen angesetzt , ein wenig auf die Beine zu bringen durch meinen Zepter. Sonst war ein Edelmann und das Pferd eines englischen Bereiters imstande, den Hut abzuziehen, ein Pistol loszuschiessen, Tabak zu rauchen, zu wissen, ob eine Jungfer in der Gesellschaft war u.s.w.; jetzt aber haben sich Pferd und Edelmann durch die Kultur so voneinander getrennt, dass es eine wahre Ehre ist, letzter zu sein, und dass es meinem Adel nichts schadet (ob ichs gleich anfangs besorgte), dass ich mehr als gemeine Kenntnisse habe. In unsern Tagen sind die adeligen Vorderpferde nicht mehr so weit wie vor hundert Jahren vor den burgerlichen Deichselpferden am Staatswagen vorausgespannt; daher ists Pflicht, wenigstens Klugheit (auch fur einen neuen Edelmann wie ich), dass er (oder ich) sich herablasset und das Gefuhl seines Standes warum soll mir das nicht so gut gelingen wie andern? unter die Verzierung einer gefalligen leichten Lebensart versteckt, und sich uberhaupt auf keine Ahnen etwas einbildet als auf die kunftigen, deren samtliche Verdienste ich mir nicht gross genug denken kann, weil die Erde noch blutjung und erst im Flugelkleide und, wie Polen, im polnischen Rockchen ist.

Ich komme zuruck. Um 2 Uhr kam der Lord mit seinem blinden Sohn, gleichsam die Philosophie mit der Dichtkunst. Schoner, schoner Jungling! die Unschuld hat deine Wangen gezeichnet, die Liebe deine Lippen, die Schwarmerei deine Stirne. Der Lord mit der Laudons-Stirne und mit einem heute mehr als in Hof verdunkelten schattigen Gesicht, an das die Flitterwochen der Jugend und die Marterwochen des spatern Alters vermischtes Helldunkel warfen, dieser trat heute fast warmer zu uns, obwohl mit lauter Zugen des Gefuhls, dass das Leben ein Schalttag sei und dass er nur die Menschenliebe, nicht die Menschen liebe. Er sagte, wir sollten ihm und dem Hofmedikus den Gefallen tun, letzten noch heute in Maienthal zu besuchen und herzubringen, weil er hier ohne Augenzeugen noch allerlei Anordnungen fur die Ankunft des Fursten zu vollenden habe; wir sollten aber in der Nacht mit Viktor wiederkommen, weil unser Herr Vater morgen sehr fruhe eintreffe. Der Blinde konnte als Blinder dableiben. Es fiel mir nicht auf, dass er dem guten verhullten Julius verbarg, dass er sein Vater war, denn er sagte zwei- und dreideutig: "Da der Gute schon einmal den Schmerz, einen Vater zu verlieren, uberstanden hat, so muss man ihn diesem Schmerze nicht zum zweiten Male aussetzen." Aber dies fiel mir auf, dass er uns bat, ihn fur das, was er bisher fur Flachsenfingen tun wollen, dadurch zu belohnen, dass wirs selber taten, und ihm eidlich zu versichern, dass wir in den Staatsamtern, die wir bekommen wurden, seine kosmopolitischen Wunsche, die er uns schriftlich ubergab, erfullen wurden, wenigstens so lange bis er uns wiedersahe. Der Furst hatt' ihm dieselbe feierliche Versicherung geben mussen. Wir sahen zu ihm hinauf wie zu einem bewolkten Kometen und schwuren mit Trauer.

Wir traten den Weg nach Maienthal an. Ein Englander erzahlte uns, dass er hinter dem Trauergebusch der Schlafkammer der Mutter des Blinden, der Geliebten des Lords, die unter einer schwarzen Marmorplatte ausruht einen zweiten Marmor habe aufgestellt gesehen, den die anflatternden Flortucher uberdecken sollten und doch nicht konnten. O da sah jeder von uns sich beklommen nach der Insel um, wie nach einer unterminierten Stadt, eh' sie zerrissen aufgeschleudert wird. Aber meine Sehnsucht, Viktor und Maienthal, diesen Irr- und Blumengarten meiner warmsten Traume, zu erblicken, ubertaubte die Angst.

Endlich erstiegen wir den sudlichen Berg, und das bunte Eden wuchs mit seiner Blatter-Fulle und mit dem Gewimmel seiner pulsierenden Zweige rauschend ins Tal hinab druben lag in Asten wie ein Nachtigallennest Emanuels stille Hutte, in der jetzo mein Viktor war naher an uns brauste die Kastanienallee, und oben draussen ruhte der abgemahte Kirchhof. Mir, der ich alles dieses bisher nur im Traum der Phantasie gesehen, war jetzo wieder, als zogen Traume heran; und der undurchsichtige Boden wurde ein durchsichtiger voll Duft-Gebilde und ich sank voll Wehmut auf den Berg.... Ich ging endlich hinab wie in ein gelobtes Land, aber meine ganze Seele wickelte ein weicher Leichenschleier ein.

Und mein Viktor riss den Schleier weg und druckte seine warme Seele an meine, und wir schmolzen ein zu einem gluhenden Punkt. Aber ich will ihm nachher, wenn er wiederkommt aus der Abtei, noch einmal und noch warmer an die Brust fallen und ihm dann erst meine Liebe recht sagen.... O Viktor, wie bist du so milde und so harmonisch, so veredelt und so erweicht, wie schon in der Freudentrane, wie gross in der Begeisterung! Ach Menschenliebe, die du dem innern Menschen das griechische Profil und seinen Bewegungen Schonheitlinien und seinen Reizen Brautschmuck gibst, verdopple deine Wunder- und Heilkrafte in meiner hektischen Brust, wenn ich Toren sehe, oder Sunder, oder unahnliche Menschen, oder Feinde, oder Fremde!

Viktor, der nie die Angst eines Menschen noch grosser machte, gab uns einige Beruhigung uber den Lord. Er ging zu Klotilden ins Stift, um uns bei ihr und der Abtissin anzumelden der spate Besuch wird durch die Notwendigkeit der nachtlichen Zuruckkehr entschuldigt. Bis er wiederkommt, halt' ich mit meiner Geschichte still. Ich sah ihm nach auf seinem Wege zur Braut, und seine Hand, sein Auge und sein Mund waren voll Grusse fur jeden, besonders fur verschmahte Menschen, fur Greise, fur alte Witwen. Die Freude meines Helden wird die meinige; die Zeit arbeitet an dem schonen Tage, wo sein Herz auf immer mit dem verlobten verschmilzt, wo er, ohne ein Gelenke der entzweigeschnittenen Floh- und Affenkette des Hofes, frei durch die Natur geht, nichts ist als ein Mensch, nichts macht als Kuren statt der Cour, nichts liebt als die ganze Welt und zu glucklich ist, um beneidet zu werden. Dann will ich einmal, mein Bastian, abends im Mondschein unter Linden-Dampf und Linden-Gesumse bei dir essen und mich auf den Ballen gerade ausgepackter abgedruckter Hundposttage setzen. Ubrigens bin ich ob ich mir gleich mein eignes Ich sitzen liess, um seines abzufarben nur ein elender zerflossener ausgewischter Schieferabdruck von ihm, nur eine sehr freie paraphrasierte Verdolmetschung von dieser Seele; und ich finde, dass ein gebildeter Pfarrsohn im Grunde besser ist als ein ganz ungebildeter Prinz, und dass die Prinzen nicht wie die Poeten geboren werden, sondern gemacht.

Ich hoffe, ich habe so lange Materie zum Schreiben, bis er wiederkommt. Ich habe uberhaupt in dieser Lebensbeschreibung als Supernumerarkopist der Natur allezeit die Wirklichkeit abgeschrieben z.B. bei Flamins Charakter hatt' ich einen Dragonerrittmeister im Kopf bei Emanuels seinem dacht' ich an einen grossen Toten, einen beruhmten Schriftsteller, der gerade am Tage, wo ich Emanuels Traum von der Vernichtung mit susser schauernder Trunkenheit schrieb, aus der Erde ging und halb unter sie. Die Gottin Klotilde fugt' ich aus zwei weiblichen Engeln zusammen, und ich werde in wenig Minuten selber sehen, ob ich sie getroffen. Verdriesslich ists, dass ich aus Gewohnheit den Leuten dieses Buchs in Gesprachen die hundposttaglichen Namen gebe, da doch Flamin eigentlich ** heisset und Viktor ** und Klotilde gar **. Es ware zu wunschen ich hab' es nicht verschworen ich machte die wahren Namen nach dem Tode einiger moralischer Maroden und Pestkranken dieser Hefte oder nach meinem eignen der Welt bekannt. Tu' ichs, so wird das gelehrte Europa hinter alle die Grunde kommen, die das politische schon weiss, welche den Berghauptmann abgehalten haben, in einige Partien seiner Historie (zumal uber den Hof) so viel Licht einfallen zu lassen, als er wirklich hatte geben konnen; und ich erwarte, ob nach der Ausstellung dieser Grunde der Zeitungschreiber Y. und der Gesandtschaftsekretar Z. die zwei grossten Feinde des flachsenfingischen Hofes und meiner Person noch behaupten werden, ich sei dumm. Ja ich bin so kuhn, mich hier offentlich auf den ** Agenten in ** zu berufen, ob ich nicht manche Personen in der Geschichte ganz ausgelassen habe, die darin mitgehandelt hatten und die in meiner biographischen Zuckermuhle als unterschlachtige Rader mit im Gange gewesen waren; noch mehr, ich gebe meinem WidersacherPaar sogar die Erlaubnis, die weggelassenen Personagen letzte haben einige Gewalt, zu schaden der Welt zu nennen, wenn dieser doppelte Geier das Herz dazu hat....

Der gute Spitzius Hofmann wedelt jetzt und springt vor mir in die Hohe. Guter, fleissiger Posthund! biographische Egerie Jean Pauls! ich werde dich zur Aufmunterung, sobald ich Zeit habe, ausschinden und nett ausbalgen und mit einer Heu-Wurstfulle durchschiessen, um dich in eine offentliche Ratbibliothek als dein eignes Brustbild neben andere Gelehrte von Rang einzustellen! Meusel ist ein billiger Mann, den ich in einem eignen Privatschreiben um einen Sitz im gelehrten Deutschland fur den Spitz ansprechen will. Dieser Gelehrte wird, so gut wie ich, nicht einsehen, warum ein so fleissiger Handlanger und Kompilator und Spediteur der Gelehrsamkeit, als mein Hund ist, bloss darum ein elenderes kalteres Schicksal erleiden soll als andere gelehrte Handlanger, bloss darum, sag' ich, weil er einen Schwanz tragt, der sein SteissToupet vorstellt. Bloss der setzt das arme Vieh auf der Rangliste der Gelehrten herunter.

Ich sehe jetzo Viktor durch die Lauben des Gartens von Lichtern begleitet; ich will nur noch eiligst herwerfen, dass ich in der mit entblattertem Gestrauch vergitterten Sakristei Emanuels sitze. Eile nicht so, Sebastian, der du wegen deiner bisherigen Verwechslungen den drei oder vier Pseudo-Sebastianen in Portugal gleichst, eile nicht, damit ich nur noch zu meiner Schwester sagen kann: du geliebte Ex-Schwester, dein toller Bruder schreibt sich von, aber du hast nur seine Brust, nicht sein Herz verloren. Wenn ich nach Scheerau komme, will ich mich um nichts scheren und an dir unter dem Umarmen weinen und endlich sagen: es hat nichts auf sich. Mein Geist ist dein Bruder, deine Seele ist meine Schwester, und so verandere dich nicht, verschwistertes Herz.

Der gute Viktor geht hastig. Ach Menschen, die der Schmerz oft erkaltet hat, haben weder in den korperlichen noch moralischen Bewegungen die langsame Symmetrie des Glucks, so wie Leute, die im Wasser waten, grosse weite Schritte tun. Armer Viktor! warum weinest du jetzo so und kannst dich gar nicht trocknen? ...

*

Fruh um 4 Uhr in der Insel der Vereinigung

Ach es ist lange, dass ich fragte: wird sich dieses Buch mit einer Trane schliessen? Viktor kam heute nachts um 8 Uhr mit zwei grossen unbeweglichen Tranen auf dem Augenrand zuruck und sagte: "Wir wollen nur ein wenig schnell auf die Insel zuruckeilen; Klotilde bittet uns selber darum, sie lieber ein anderesmal zu sehen. Ein Ungluck (habe ihr getraumt) richte sich jetzo gross und hoch wie eine Meerschlange auf und werfe sich nieder auf Menschenherzen, wie jene auf Schiffe, und drucke sie hinunter." Sie war mit jeder Minute banger und enger geworden, wie man an einer dumpfen Stelle wird, uber der noch der Blitz zielet und zischt. Was setzte dies anders voraus, als dass der Lord seiner treuen Freundin Dinge entdeckt hatte, die wir in dieser Nacht zu erleben besorgten? Und wir konnten uns alle die Sorge nicht mehr verhehlen, dass sein muder Geist vielleicht wie Lykurg das Siegel seiner Leiche auf seine Versicherung drucken wolle, dass wir Jenners Sohne sind, ferner auf unsern Schwur, gut zu sein, und auf den furstlichen, meinen Brudern zu folgen, bis er wiederkomme.

"Weine nicht so sehr, Viktor!" (sagt' ich) "es ist doch noch nicht gewiss." Er trocknete sich still und gern die Augen ab und sagte bloss: "So wollen wir denn auf die Insel jetzo gehen es wird schon 9 Uhr."

Wir gingen fern, fern vor der fleckigen Trauerbirke voruber, die ihr abgerissenes Laub der welken Hulle des grossen Menschen nachwarf. Viktor konnte vor Schmerz nicht hinubersehen; aber ich blickte mit einem kalten Zittern nach ihrem Schwanken im heitern Nachthimmel. Erst seit einigen Tagen, wo Viktor glucklicher geworden war, hatte sich der Staub Emanuels gleichsam wieder in eine blasse Gestalt zusammengezogen und sich auf das Totengrun herausgestellt und die Arme weit fur seinen alten Liebling aufgetan und Viktor jammerte und schmachtete und wollte vergeblich sich sterbend an den weissen Schatten pressen.

Er lachelte schmerzlich, da er uns und sich durch die Worte zerstreuen wollte: "Der narrische Mensch duckt (buckt) sich wie ein Vogel, wenn nur das Ungluck von weitem auf ihn zugeht." Seine Tranen machten ihn zum Blinden, und ich und Flamin waren seine Fuhrer, dennoch grusste er in seinem Schmerze einen Nachtboten.

Ich habe nichts gesagt (denn ich kann nicht) vom Garten des Endes, von dem verbluhenden Boden abgebluhter abgelaubter Freudentage.

Uber die Stoppeln und uber die Puppen der Nachtschmetterlinge (der Gaukler in kunftigen Fruhlingnachten) und uber den festen unterirdischen Winterschlaf fuhren die einsamen Nachtwinde ach der Mensch musste wohl denken: "Lufte, kommt ihr nicht uber Graber her, uber teure, teure Graber?"

Ich sagte: "Wie schmal ist der blassgrune Zwischenraum von Erde zwischen Menschenleibern und Menschengerippen!" Viktor sagte: "Ach die Natur ruht soviel, und warum unser Herz so wenig?"

Es war gegen Mitternacht. Der Himmel blinkte naher an der Erde, der Schwan, die Leier, der Herkules128 schimmerten untergesunken durch ein anderes Himmelblau. Grosser Himmel sagte jedes Herz , gehorest du fur den Menschengeist, nimmst du ihn einmal auf, oder gleichst du nur dem Deckengemalde eines Doms, das die gemauerten Schranken verbirgt und mit Farben die Aussicht in einen Himmel auftut, der nicht ist? Ach jede Gegenwart macht unsere Seele so klein, und nur eine Zukunft macht sie gross.

Viktor war ausser sich und sagte wieder: "Ruhe! dich geben weder die Freude noch der Schmerz, sondern nur die Hoffnung. Warum ruht nicht alles in uns wie um uns?"

Da schlug der von allen Waldern nachgelallte Knall eines Schusses durch die stille Nacht und die Insel der Vereinigung schwamm im Nachtblau auf, und ihr weisser Tempel hing uber ihr und neben dem Trauergebusch, das uber das Zerfallen eines jungen Herzens hinuberwuchs, schossen gen Himmel neun schmale Flammen, die an den neun Floren aufliefen, gleichsam Freudenfeuer zu einem Friedenfeste.

Bleich, eilend, seufzend, schweigend beruhrten wir das erste Ufer der Insel. Das Wasser war vom Boden trocken eingesogen. Das schwarze Morgentor hatte sich weit aufgerissen und seine weisse Farbensonne an Baume gelehnt und verdeckt. Viele Leichenfackeln auf weissen Gueridons knupften sich ans Morgentor an, gingen den langen grunen Weg hinein, flimmerten uber Ruinen, Sphinxe und Marmortorsos und endigten sich dunkel im Trauergebusch.

Flatterndes Getone der Aolsharfen wurde am Eingang von langen Tonen durchzogen. Unter dem Morgentor ruhte still der Blinde und spielte froh auf seiner Flote so wie eine Taube in den Donner fliegt.

Er fiel freudig an seinen Viktor und sagte: "Es ist gut, dass du kommst; ein stiller langer Mann hat sich eine halbe Viertelstunde an mein Herz gelegt und in meine Hand geweint und mir ein Blatt an dich gegeben."

Viktor riss das Blatt zu sich, es hiess: "Ihr alle habt geschworen, so lange meine Bitten zu erfullen, bis ihr mich wieder hort; aber decket den schwarzen Marmor nicht auf." Der Lord hatt' es dem blinden Sohne gegeben. Viktor rief: "O Vater, o Vater, ich konnte dir also nichts belohnen!" und sank an die Brust des Sohns. Er wollte sich von ihr reissen, aber der Blinde umklammerte ihn und lachelte freudig unwissend in die Nacht. Wir eilten ins Trauergebusch und indem darin die zwei Leichenfackeln ausbrannten, so sahen wir, dass ein zweites Grab darin ausgehohlt war, dessen frische Erde daneben lag dass ein schwarzer Marmor die Hohle zudeckte, und dass das schwarze Kleid des Lords ein wenig aus der Hohle vorsah, und dass er sich darin getotet hatte. Und auf seinem schwarzen Marmor stand, wie auf dem Marmor seiner Geliebten, ein blasses Aschenherz, und unter dem Herzen stand mit weissen Buchstaben:

Es ruht

Ende des Buchs

Fussnoten

1 Dessen samtliche Werke. B. 3 S. 68 2 Ein Jude schied sich sonst von seiner Frau, wenn sie mit nackten Armen erschien; es ist aber schwer, die jetzigen haufigen Ehescheidungen in Paris daraus herzuleiten. 3 Er zielt auf den Essenkehrer seiner Perucken. 4 Im obern Elsass, wo alle drei Jahre bloss der beste Jungling Kranz und Schaumunze und die Verwaltung der Aue empfangt. 5 Es ist bekannt, wie wenig ich vom Bergwesen verstehe; ich habe daher Ursache zu haben geglaubt, bei meinen Obern um einen Sporn anzuhalten der mich antriebe, dass ich in einer so wichtigen Wissenschaft etwas tate und so ein Sporn ist eine Berghauptmannstelle allemal. 6 Ausser den zwei Kaisern Silluk und Athnach und den vier Konigen Sgolta, Sakeph Katon etc. bin ich weiter mit keinen umgegangen; und das nur als Primaner, weil wir Juristen mit Teufels Gewalt hebraisch lernen mussten; worin eben die gedachten sechs Potentaten als Akzente der Worter vorkommen. Vielleicht kronten Akzente der Volker. 7 Ihre Ehre leidet z.B. dabei, wenn ihr Wagen einem andern Wagen von Stande nicht vorfahrt. 8 Nach dem Starstechen bildet die empfindlichere Netzhaut alles grosser vor. 9 Das Ideal des Schonen. 10 Wie die Rabbinen nach Eisenmengers Judentum P. II. 7. glauben. 11 Petrarca mied (wie deutsche Rezensenten) die Nachtigallen und suchte die Frosche. 12 Vielleicht eine Anspielung auf das fur die Phantasie liebliche Marchen dass in Neapel ein Kruzifix, da darin Alphons 1439 belagert wurde, den Kopf vor einer Kanonenkugel neigte, die also nur die Dornenkrone nahm. Voyage d' un Francois, T. VI. p. 303. 13 Dieser Klee macht, zufallig gefunden, dass man nicht mehr zu tauschen ist. Bisher fanden ihn nur Fursten und Philosophen. 14 Gerade der Besitz ungleichartiger Krafte in gleichem Grade macht inkonsequent und widersprechend, Menschen mit einer vorherrschenden Kraft handeln gleicher nur nach ihr. In Despotien ist mehr Ruhe als in Republiken; am heissen Aquator ist ein gleicherer Barometerstand als in den Zonen mit vier Jahrzeiten. 15 Die Buste des Vatikanischen Apollo, an der er keine andre Gestalt bilden lernen wollte als seine eigne. 16 Ein Sonnensystem ist nur ein punktiertes Profil des Weltgenius, aber ein Menschenauge ist sein Miniaturbild. Die Mechanik der Weltkorper konnen die mathematischen Rechenmeister berechnen, aber die Dioptrik des unter lauter truben Feuchtigkeiten helle gewordnen Auges ubersteigt unsre algebraischen Rechenkammern, die daher von den nachgeafften Augen (von den Glasern) den Diffusionraum und das enge Feld nicht wegzurechnen vermogen. 17 Hieronym. cont. Jov. L. 2 18 Bayles Dictionnaire art. Francois d'Assise not. C. 19 Sowohl der Hund als ich wissen davon, was das fur eine Insel ist, weiter nichts. 20 Den Schmetterlingen entfallen in ihrer letzten Verwandlung rote Tropfen, die man sonst Blutregen hiess. 21 Wenn man lange ins Himmelblaue schauet: so fangt es an zu wallen, und diese Luftwogen halt man in der Kindheit fur spielende Engel. 22 Dieser Monolog ist ein Stuck aus einer fruhern schwarzen Stunde, die jedes Herz von Empfindung einmal ergreift. 23 So heisset der Fisch, in dessen Maule Petrus die Steuer Christi gefunden. 24 Ein Konig von Frankreich schickte einmal einem Vasallen illum baculum, quo se sustentabat, in symbolum traditionis zu. Du Fresne Gloss. Aus du Fresne' Glossario ist meines Wissens noch kein guter und brauchbarer Auszug fur Frauenzimmer gemacht worden. 25 So wie es Horschwestern (les Tourieres oder Soeurs ecoutes) gibt, die mit den Nonnen ins Sprachzimmer gehen, um auf ihr Reden achtzugeben. 26 Der flachsenfingische Hofstaat kusste zwar die Hand eher; aber man wird schon sehen, warum ichs umkehre. 27 Bekanntlich eine Damenuhr, wie ein Herz gestaltet, auf dem Rucken mit Sonnenweiser und Magnetnadel versehen. Letzte zeigt den Damen, die die Kalte hassen, im Grunde auch Suden, und der Sonnenweiser taugt zum Mondweiser. 28 Rom verbarg den Namen seines Gottes, aber es hatte unrecht; ich verberge meiner Gottin ihren, aber ich habe recht. 29 Eine vierte Ursache ware, dass ihm jetzt jede Liebe gegen eine andre als gegen Klotilde ein Verdienst um seinen Freund zu sein schien. 30 Die unsichtbare Loge; eine Biographie in 2 Teilen. 8. 31 So hiess die Gemahlin des Lords, die im 23sten Jahre der Ruhe in die ewigen Arme fiel. 32 Daher sie auch, solange Viktor im Pfarrhause war, der Gesellschaft Flamins auswich. 33 Es lief glucklicher und ohne Verlust der Steine ab; und ich hatte die Genugtuung, dass keine, welche die erste Auflage dieses Werks gelesen, im weiblichen Rochieren oder Chargentausche des das und lass etwas geandert hat. Ja sogar die Leserinnen der zweiten. Auflage sind sich gleich geblieben. 34 Aufklarung in einem leeren Herzen ist bloss Gedachtniswerk, sie strenge ubrigens den Scharfsinn noch so sehr an; die meisten Menschen unserer Tage gleichen den neuen Hausern in Potsdam, in die (nach Reichard) Friedrich II. zu nachts Lichter setzen liess, damit jeder und selber Reichard denken sollte, sie seien bewohnt. 35 Die meisten Menschen haben vielleicht nur eine noch nicht bestimmt, wie lange der Tugendhafte die guten Gedanken, die weniger als gute Handlungen der aussern Welt bedurfen, durch gleichgultige unterbrechen darf. 36 Denn der edelste Mensch hangt eben am meisten von liebenden Seelen ab, oder doch von seinen Idealen derselben, mit denen er aber nur insofern ausreicht, als er sie fur Pfander kunftiger Urbilder ansieht. Ich nehme den Stoiker (diesen epikurischen Gott) und den Mystiker nicht aus: beide lieben in dem Schopfer nur den Inbegriff seiner Geschopfe; wir jenen in diesen. 37 Der Leser dieses Briefes wird leicht voraussetzen, dass Klotilde, da sie nicht weiss, in wessen Hande er fallen werde ist er doch gar in unsern , uber ihre Verhaltnisse und Geheimnisse (z.B. wegen Flamin, Viktor etc.) in einer Dunkelheit hinubereilen musse, die fur ihren rechtmassigen Leser hell genug war. 38 Der Leser erinnere sich, dass sie so viel von dieser Lebensbeschreibung innen hat wie er, wenn nicht mehr. 39 Sie meint die Giulia, von deren Leichnam sie der Schmerz weggetrieben hatte. 40 "Fliehe mich nicht, weil mich immer ein grosser bauet." 41 Wie die Flecken im Monde Blumen- und Pflanzenfelder sind. 42 Er ist zwar nur gegen die typographische Geschichte gelehrter Werke aufgebracht und verachtet nur das angstliche Forschen nach den Geburttagen etc. verstorbener und dummer Bucher mitten in einer Welt voll Wunder; aber auch hier muss er bedenken, dass Kopfe, die uber nichts als das Drucken selber drucken lassen konnen, doch besser dieses kleine Etwas tun, das den Besseren am meisten wuchert und erspart, als gar nichts, oder etwas uber ihre Kraft. 43 Ein bekannter guter Schriftsteller uber die Augen. 44 Geschabtes Fischbein fanden die Briten als das weichste Lager aus. 45 So heisset der Schimmer um den Kopf, wenn man elektrisiert ist. 46 Kuhlpepper tat ihm nie den Gefallen, um den er ihn so oft bat, dass er dem Fursten ein Klistier verordnete, welches alsdann der Apotheker selber gesetzet hatte, um nur einmal dem Regenten beizukommen und dessen schwache Seite in seine eigne Sonnenseite zu verwandeln. 47 Es ist der mit den langen Schuhen, in seiner "Erziehung eines jungen Prinzen" 1705. 48 So sprach bloss die erste Auflage 1795 von Wienern, eine dritte verbesserte erkennt auch 1819 eine verbesserte von ihnen an, ob sie gleich die Schatten ihrer Vorzeit lebendig aufbewahrt. 49 Der Dezember begunstigt die Beobachtungen der Astronomen am meisten. 50 Ich habe den Buchstaben N ganz umgegossen, weil ich in der ersten Auflage leider einen guten Einfall gehabt den ich ohne mein Erinnern seines ersten Herausgebens als mein eigner geilehrter Dieb im Kommentar der Holzschnitte wieder bekannt gemacht. 51 Ein Beispiel ist jetzo das erste Prinzip der Moral und das der Regierformen. 52 S. dessen amoen. acad., die Abhandlung von der bewohnten Erde. 53 Hysterische Kugel, d.h. die hysterischen Krankenempfindung, als rolle sich eine Kugel die Kehle herauf. 54 Instrument, das Blau des Himmels zu bestimmen. 55 Dieser freche Unsinn steht wirklich in Pascals Briefen. S. den 10ten. 56 d.h. Dadurch, dass sie einen argern, machen sie nur, dass man sie mehr liebt Schmollen ist Lieben O ich bitte Sie instandig, bose zu werden. 57 Der Schlangenstein saugt sich so lange an die Wunde an, bis er ihren Gift weggesogen. 58 Joachime, Klotilde, Viktor und der Teufel. 59 d.h. O Klarisse! Da haben Sie Ihren Lovelace, wollen wir die vier ersten Bande uberspringen und wie Epopoendichter gleich beim Oberrest anfangen. 60 Er irret, Leibniz sagte bloss: alles Schwere werd' ihm leicht, alles Leichte schwer. 61 Adjuvans ist das Ingredienz, das die Krafte der Hauptingredienzien starkt; constituens ist, was der Arzenei die Form einer Pille oder Latwerge oder Mixtur erteilt. 62 Wie man sagt: Erbsenkoch, Nudelkoch. 63 Der Gott des Schlafes wurde von drei Wesen umgeben, von Phantasus, der sich nur in leblose Dinge verwandeln konnte, von Phobetor, der alle Tiergestalten, und von Morpheus, der alle Menschengestalten annehmen und vorgaukeln konnte. Metamorph. L. II. Fab. 10. 64 Auch nicht durch den Luxus, dessen Grosse man indem man ihre Ausgabe mit unserer Einnahme vergleicht ubertreibt, und der ihnen nur dadurch schadete, dass sie die Volker gleichsam wie ostindische Vettern beerbten. Es war der eines Schusters, der das grosse Los gewonnen, es war die Verschwendung eines Soldaten nach der Plunderung. Daher hatten sie Luxus ohne Verfeinerung. Es konnte sich ihre Grosse nur durch Vergrosserung erhalten. Hatte man ihnen Amerika mit seinen Goldstangen vorgeworfen, sie hatten bei grosserm Luxus noch einige Jahrhunderte langer an dieser Krucke gehen konnen. 65 Bekanntlich wird der Kopf des armen Negers in einen hohlen von Eisen gesperrt, der seine Zunge niederdruckt. 66 Im Jahr 1792 geschrieben. 67 Der Millionar setzt Bettler, der Gelehrte Heloten voraus, die hohere Bildung der Einzelnen wird mit der Verwilderung der Menge erkauft. 68 1792 geschrieben. Jetzo liegt sogar das Gewitter, das sonst am Himmel uber ganz Europa stand, dort auf platter Erde. 69 Denn nach 400000 Jahren steht die Erdachse, wie Jupiter jetzt, senkrecht auf ihrer Bahn. 70 Julius wurde erst im zwolften Jahre blind und hatte also Vorstellungen des Gesichts. 71 Planeten mit Monden. 72 Der Professor Hoffmann und seine Zeitschrift, worin er im Anfange der Revolution jeden freien Geist als Thronensturmer gefangen nahm, ist freilich langst vergessen; aber man kann ja den nachsten neuesten deutschen Ultra statt seiner setzen. 73 Daher war es in Athen erlaubt, die Gotter zu verspotten, aber nicht zu verneinen. 74 Emprosthotonus ist der Krampf, der den Menschen vorwarts krummt der Opisthotonus beugt ihn ruckwarts. 75 Siehe die Wochenschrift "Der Jude", S. 380; z.B. nachdem Buch Lebusch Atteret Sahaph ist ein Mensch mit einem Tierkopf eine menschliche Erstgeburt, aber ein Insekt, ein ganzes Tier ist es nicht. 76 Die Spinner nennen das Abfallige der Baumwolle so. 77 Die Hande der Mediceischen Venus sind neu und erganzt. 78 Denn der Sebastian van Dyks soll diesem Maler 79 Aber ich vergesse hingegen mich, wenn ich verzeihe. 80 Nach der gemeinen Meinung, denn ich bin der andern zugetan, nach der sie heissen Ator, Sator, Peratoras. Diese Namen unterscheiden die Konige ganz von den Hirten, die Misael, Acheel, Cyriakus und Stephanus heissen und auch eher kamen, was ich alles aus Casaub. exercit. ad Ann. Baron. II. 10 . hier abschreibe, weil ich mich gar nicht schame, etwas Unnutzes zu wissen, sobald ein Casaubonus sich desselben nicht schamt und sobald es noch dazu ein gelehrtes ist. 81 Uberall ist von den Jahren 1792, 1793 die Rede. 82 Voetii select. disputat. theol. P. I. p. 918. 83 Er nennt den Tod und den Staat einen Pflasterer, obwohl in verschiedenem Sinn. 84 So nennt man eine hohe Felsenpyramide neben dem Montblanc, in der ein Loch ist wodurch man den Himmel sieht. Fur mich ists eine sanfte Phantasie, mir neben dem hochsten Berg, der so viel Himmel als Erde nimmt, einen kleinern vorzustellen, der sich in eine kleine Aussicht auftut, die unserem Auge eine blaue Perspektive reicht, aus welcher unsere Hoffnung die Wolbung des Himmels bauet. 85 Den Florhut. 86 Die Prospekte von Maienthal. 87 Weil die Hofleute auch hierin den ersten Christen gleichen, die nur solche Statuen zerschlugen, die an Gottes Statt Anbetung empfangen hatten. 88 Namlich in den Jahren der Lucinde, der Herders Feinde etc. 89 von den Eisen- und Kohlenhutten. 90 Es war, als er in der Laube mit seinem Vater fur Klotildens Verbindung mit Flamin sprach und als er sich vorsetzte, vor derselben sogar ihre Freundschaft zu entbehren. 91 Die meisten Weiber sind nicht eher Galgenpatres (eigentlich: Galgenmatres) und Kasernenpredigerinnen, als bis sie teufelstoll sind, wie Sterne die meisten Einfalle hatte, wenn er nicht wohl war. 92 Ein vergitterter Platz in Paris, wo man die in der Nacht gefundenen Toten ausstellet, damit jeder Verwandte den seinigen aussuche. 93 Gross ist die Seele, die wie er unter lauter Feinden aller Gewalt entsagt grosser ist das Volk, vor dem mans tun durfte. Ein anderes ware den Lausen Sullas 94 Viktor nahm zu seinem Bunde zehn Personen, vielleicht weil gerade so viele zu einem Tumulte gehoren. Hommel rhapsod. observat. CCXXV. 95 Denn es gibt keine grossen Begebenheiten aus kleinen Ursachen, sondern nur grosse aus 1000000 kleinen Ursachen, wovon man immer die letzte fur die Mutter der grossen Geburt ausgibt. Ist denn das Zundpulver die Ladung des Geschosses? 96 Fur diese Statue konnte namlich kein Bildhauer eine zweite Nase machen, die passte denn die erste war abgebrochen ; endlich nach 400 Jahren fand ein Kind in einem grossen Fische die marmorne, welche anlag. Labats Reisen 5ter Teil. 97 Nach Scheuchzer sind Alpen die beste Arznei gegen Verstopfung. 98 So hiess der Park der Abtei, den der Lord Horion in seinem romantischen Geschmack anfangen, aber nicht vollenden lassen, weil er auf die Insel der Vereinigung fiel. Ich webe die Beschreibung davon nur stuckweise in die Begebenheiten ein. 99 Denn erst als er von Kussewitz zuruckkam, erfuhr er auf der Insel von seinem Vater die Verwandtschaft Klotildens. 100 Man hielt den in Bogen auf- und niedergehenden Silberfaden fur eine herunterrieselnde Quelle; aber die Bogen mehrer schief-springender Springbrunnen waren in solche Entfernungen gestellt, dass der eine den andern fortsetzte. 101 Im Mondschein sondern die Pflanzen Feuer- oder Lebenluft ab. 102 So heisset ein Klavier, das alles aufnotiert, was es vortont. 103 So heisset der unten auf jedem Bogen abgekurzt wiederkommende Titel des Buchs. 104 Das Orientieren durch die praktische Vernunft. 105 So hiess der romische Sklave, der den Kindern die Schulbucher nachtrug. 106 So nannte Steevens sein satirisches Kollegienlesen uber Kopfe aus Pappendeckel, dem halb London zulief. 107 Die Pharisaer taten es wie gewisse Juden, die auch immer gekrummt einherzogen und darum Krummlinge hiessen , um Gott, der die ganze Erde ausfullt, ein wenig Platz zu machen. Altes und neues Judentum. 2. B. S. 47. 108 So nennte Emanuel immer den Johannistag, obwohl nicht ganz astronomisch-richtig. 109 Im zweiten Stuck des 2ten Bandes. 110 Die Sonne wird in ihrer Verfinsterung durch den Mond von uns im beflorten Spiegel angeschaut. 111 Unsere Erdmeere sehen in der Ferne wie die Flekken des Mondes aus. 112 Der Mondhof. 113 Anspielungen auf den mit abgebildeten Landern und Inseln erfullten Nebel, den man am Morgen vom Atna herunter sieht. 114 Die alten Astronomen schalteten zwischen den Fixsternen und den Planeten einen Zitterhimmel ein, um ihm die kleinen Anomalien der letzteren schuld zu geben. 115 Neun Tanzerinnen verstricken sich zu einem Elefanten fur den Konig, eine macht den Russel, viere die Beine, viere den Rumpf. Historie aller Reisen. 10. Band. 116 Diese Eide der Verschwiegenheit hatte sich bekanntlich der Lord von Viktor, von Klotilde und von ihrer Mutter unter jenem tragischen Apparat, der besonders in weibliche Herzen so stark eingreift, ablegen lassen. 117 Viktor, Julius, Flamin. 118 Sie weiss es wohl, dass es Viktor war. 119 Dieser Giftbaum steht in einer kahlen Wuste, weil er alles um sich totet, und der Missetater reiset einsam zu seinem Gift, aber kehret selten zuruck. 120 Zeidler Lind in Kussewitz. 121 Um mehre Kapellen (s. Schlotzers Briefwechsel T. III. Heft XVIII. 45) stehen Warenlager von wachsernen Gliedern und Tieren, die man als Ohren und Armgehenke fur Heilige kauft, damit die Urbilder genesen. 122 Die Zentauern konnten ihn nicht mit Baumen umschlagen, sondern mussten ihn stehend in die Erde drucken. Orph. Argonaut. 168. 123 So heisset die von Bouguer bestimmte Erhebung uber das Meer, auf der die Berge in allen Zonen beschneiet sind. 124 Auf der Universitat Paris dauert noch der Bote von Pommern fort, der jahrlich nach Pommern etc. abging, um von den Eltern Briefe fur die Pariser Studenten abzuholen. 125 Und auch da nur in Beziehung auf Unsterblichkeit, wenn ein Wesen ein Plantagenneger, ein anderes ein Sonnenengel wird; aber ihre Schopfung beginnt ihre Rechte, und der Ewige kann ohne Ungerechtigkeit nicht einmal mit den Schmerzen des winzigsten Wesens die Freuden aller bessern kaufen, wenn es nicht jenem wieder vergutet wird. 126 Und ich mache hier mit Vergnugen dem Publikum zu meiner eignen Lebensbeschreibung Hoffnung, womit ich es, wenn ich nur noch einige notige Kapitel daraus erlebt habe, unter dem Titel beschenken werde: Jean Pauls Apostelgeschichte, oder dessen Taten, Begebenheiten und Meinungen. 127 Quarteronen sind Kinder von Terzeronen, die wieder Kinder von Mulatten und Weissen sind. 128 Der Schwan ist die Giulia, die Leier des Apollo Emanuel, der Herkules erinnerte an den Lord.