Johann Jakob Wilhelm Heinse
Hildegard von Hohenthal
Vorrede.
Die Personen der folgenden Geschichte leben zum Theil noch; und selbst die Begebenheit hat sich in Rom wirklich zugetragen, ob man es gleich dort, aus begreiflichen Ursachen, nicht eingestehen will. Der Verfasser sah sich desswegen genothigt, den mehrsten andre Namen beyzulegen. Der Prinz befindet sich nun im Auslande, und ist ein beruhmter Held, welcher schwerlich mehr an das leichtsinnige, gewohnliche Unternehmen rascher Jugend denkt. H o h e n t h a l fuhrt, geliebt und wegen seiner kuhnen und klugen Thaten bewundert, ein Geschwader Reiterey an.
Die vortreflichen Scenen einiger beschriebenen Opern, die jetzt wenig oder gar nicht mehr bekannt sind, konnen, so wie die andre Musik in dem namlichen Fall, wenn sich eine hinlangliche Zahl Liebhaber dazu findet, leicht in Partitur herausgegeben werden. Die Nachwelt wurde die kleine Anthologie wohl gern haben, wenn die grossen Werke selbst, wie zu befurchten steht, bald ganz verschwunden sind.
Im Dezember 1794.
Erster Theil
"Die Sonne loscht alle Freuden der Nacht aus! wie die schonen Sterne, so die sussen Melodien und Harmonien der Phantasie, und die starksten Gefuhle der Vergangenheit und Zukunft. Die Nacht hat etwas Zauberisches, was kein Tag hat; so etwas Grenzenloses, Inniges, Seliges. Das Mechanische der Zeitlichkeit, das einen spannt und festhalt, weicht so sanft zuruck, und man schwimmt und schwebt, ohne Anstoss, auf Momente im ewigen Leben."
Mit diesen Worten erhob sich L o c k m a n n von seinem Lager, und sprang aus dem Bette. Sein Wesen war noch Widerhall der Musik zur Oper Achill in Skyros, von welcher er die Nacht den Plan getraumt, und wachend gegen Morgen ausempfunden hatte.
Er war vor wenig Wochen von Neapel zuruckgekommen, und gestern mit seinem Fursten aufs Land gezogen.
Die jungen Strahlen der Sonne uber das Gebirge blitzten ihn von seinem Fortepiano weg, auf dem er einige Lustgriffe that. Er ging aus Fenster, betrachtete mit Entzucken, wie die Sonne im dunnen blendenden Purpur der leichten Streifwolkchen empor stieg; und weidete seine Augen, auch nach drey Jahren in Italien, aufs neue an der schonen Gegend.
Ueberhaupt ist der Fruhling in Deutschland bey seiner kurzen Zeit viel uppiger, und eben dadurch, und wegen des Kontrastes mit dem Winter, viel erfreulicher als in Italien. Die ganze Flur stand in stolzer Fruchtbarkeit von Kornsaaten und andern Feldfruchten, die in der Ferne das Gebirg' in herrlicher Pyramidenform begrenzte, um dessen Rucken sich Eichen und Buchenwalder zogen, und an dessen Fuss und Seiten die kostliche Rebe sprosste.
Um und in dem Orte prangten Garten, durch welche von verschiedenen Seiten zwey volle krystallhelle Bache rauschten, die sich am Ende in einen Kanal fur Muhlen vereinigten, und hernach mehrere aufnahmen, die zu einem ansehnlichen Fluss anschwollen, und dem Vater Rhein ihren Tribut brachten.
Das Schloss, worin L o c k m a n n zwey schone Zimmer bewohnte, war in edler Bauart zu Anfang des Jahrhunderts auf einen festen Felsen gegrundet. Vorher stand eine Gothische Burg darauf, von welcher man die frischen geraumigen Keller der Vorfahren zu grossen Weinlagern beybehielt. Es beherrschte mit seinen Aussichten die ganze Gegend, worin mehrere vom altesten Adel ihre Rittersitze hatten.
Mildester Strich, Krone von Deutschland, bist du auch zu rauh fur den Oelbaum und die noch zartere Zitrone und Pomeranze, und der Allgegenwart des gottlichen Meers von Neapel und Lissabon beraubt; so wirst du doch vom schonsten Strom in Europa, und vielleicht der Welt, getrankt, und er wallt langsam wie im Genusse durch dich, als seine anmuthigsten Ufer, wo doch auch in gunstigen Jahren ein Nektar reist, der an Gesundheit, eigentlichem Mark und geselligem Wesen die zu heissen flussigen Feuer vom Kap, von den Kanarischen Inseln, Griechenland und Spanien noch ubertrift.
L o c k m a n n hatte vor seiner Reise nach Italien die Gegend nur ein paarmal in Gesellschaft zur Kurzweil durchzogen, und sich noch niemals in eigentlichen Besitz davon gesetzt; welches er sich nun fest vornahm. Er dachte einmal fur allemal sich hier eine Hutte anzubauen, und in Musse bey einer lieben Gattin, wenn er eine fur Herz und Geist finden konnte, der Vollkommenheit seiner Kunst fur Deutschland nachzuhangen.
Indem er so sein kunftiges Leben ausspahete, nahm er, in Gedanken verloren, ein Fernrohr in die Hand, das auf einem Tische liegen geblieben war; fand es vortreflich fur sein Auge, richtete es nach dem Gebirge, durchstreifte damit Wald und Flur, und suchte wie ein Feldmesser die Hauptpunkte zu seinen Pfaden aus.
Unvermerkt drangen seine Blicke unter die Schatten des Lindengewolbes in einem Garten, etwa funf bis sechs hundert Schritt entfernt, wo ein Frauenzimmer sein Morgengewand ablegte, nackend, gottlich schon wie eine Venus, da stand, die Arme frey und muthig in die Luft ausschlug, und, mit dem Kopf voran in fliegenden Haaren, sich in eine grosse Wasservertiefung sturzte, darin verschwand, wieder hervorkam, das nasse Kopfchen schuttelte, herumgaukelte, den Oberleib weit empor hielt, auf dem Rucken schwamm, sich auf die Seite legte, geschickt und gewandt mit dem Kopf sich wieder untertauchte, dass das himmlische Kolorit der gewolbten Huften und Schenkel wie ein Blitz auf der Oberflache hervor leuchtete, verschwand; dann die ganze zauberische Madchengestalt wie ein Delphin sich wieder empor warf, und Wasserstrahlen und Schaum von sich schleuderte.
Eine Viertelstunde, die wie eine Minute voruberflog, mochte dieses Schauspiel gedauert haben, als sie aus dem geschmeidigen Element, das stolzer von einer solchen Schonheit schimmerte, wieder unter die heilige Lindendammerung trat, in der warmen Luft es war ein heisser Tag gegen Ende des May auf dem grunen Schmelze sich trocken wandelte, sich ankleidete, und verlor.
L o c k m a n n stand die ganze Zeit wie eine Bildsaule mit seinem Fernrohr, verwandte nicht einen Blick, und schaute, noch lange nachher das reizende Schauspiel im Auge, wie einer geblendet noch lange nachher die aufgehende Sonne hat, in die er zu lustern hineinschaute. Die Nachtigallen im Schlossgarten, welche mit einander wetteiferten, immer starker schlugen, und welche er bisher wie taub nicht gehort hatte, weckten ihn endlich von seinem Staunen. Er rief nicht mehr: "Die Sonne loscht alle Freuden der Nacht aus;" sondern: "Wie ist mir? wo bin ich?" taumelte in seinem Zimmer auf und ab, und sah oft wieder nach dem schonsten Platzchen des weiten Paradieses.
Darauf stromte er seine Gefuhle in die Saiten, und
die hochst lebendige Scene ging von selbst in eine einzige Melodie von dem sussesten Charakter uber, die er mit der schmeichelhaftesten Begleitung gleichsam durch alle Irrsale des menschlichen Lebens fuhrte.
Er fruhstuckte, kleidete sich an, ging aus, und
nahm den kurzesten Weg, den ihm die hohen alten Linden zeigten. Sie bildeten einen kleinen Hayn auf einer Anhohe am Ende des Gartens, hinter welchem ein wohlangelegter Weinberg sich ferner fortstreckte.
Den Garten umschlossen hohe Mauern, uber wel
che die gesundesten Fruchtbaume mit laubvollen Zweigen schatteten. Voran stand ein geraumiges Landhaus, so schon und schon dem Aeussern nach so zweckmassig, wie irgend eins von Vignola. Er erfuhr bald von einem Bedienten, der ihm begegnete: es gehore der Familie v o n H o h e n t h a l ; der Herr sey mehrere Jahre ***scher Gesandter zu London gewesen, und im vorigen Jahre dort gestorben; die Wittwe wohne seit dem Merz hier mit einem Sohn, der bald auf Universitaten ziehen werde, und einer erwachsnen Tochter.
Diese Nachricht fiel ihm gewaltig aufs Herz; er wollte nichts weiter horen, ging hastig zuruck, und suchte sich die ganze Morgenscene mit dem Fernrohr aus dem Sinne zu schlagen. Er kannte durch den Ruf und aus Handlungen den Herrn v o n H o h e n t h a l als einen der geschmackvollsten und vortreflichsten Manner seines Standes, und hatte manches unpartheyische Lob von seinem Eifer fur alles Schone und Gute selbst zu Rom und Neapel gehort.
Den Nachmittag hielt er die erste Probe des beruhmten Miserere von G r e g o r i o A l l e g r i , der im Jahre 1629 in die papstliche Kapelle kam.
Der Furst liebte die alte Musik, besonders Kirchenmusik, und konnte die Kunsteleyen, das Bunte und Verzierte der neuern nicht vertragen. Auch mocht' es ihm an Gelegenheit gefehlt haben, die Meisterstucke der letztern in ihrer hochsten Vollkommenheit zu horen; oder er hatte, von weit wichtigern Geschaften abgehalten, nicht den gehorigen Fleiss darauf wenden konnen, die Fortschritte und den Wachsthum der Kunst bis zur hochsten Hohe zu verfolgen; und haftete, wie die Alten pflegen, bey diesen Nebendingen an dem Zeitvertreib und den Freuden seiner Jugend.
Er war ein Herr an die sechzig; klug, leutselig, gerecht, freygebig, standhaft, und voll Menschenkenntniss. Als Prinz war er Inhaber eines kaiserlichen Regiments, machte den siebenjahrigen Krieg mit, und that sich hervor in der Schlacht bey Collin. Bald darauf kam er zur Regierung, und legte seine Stelle nieder; widmete sich ganz der Wohlfahrt seines Landes, strebte, die beste Kultur der Produkte und des Fleisses zu befordern, seine Unterthanen in jeder Klasse zu treflichen Menschen zu bilden, und ihnen, eben dadurch aber auch sich, den angenehmsten Genuss des Lebens zu verschaffen. Auch waren sie stolz auf ihn, und man horte keine Klage. Er suchte alle Talente hervor, unterstutzte, und belohnte sie hernach, indem er jedes an seinen Posten stellte.
Sein Kriegswesen bestand nur aus zwey Regimentern; aber es waren die ausgesuchtesten Leute, und die Offiziere eine Pflanzschule fur grosse Armeen: jeder in den kriegerischen Leibesubungen, in der Geographie, Mathematik, Geschichte fur sein Fach, Behandlung der Untergebnen wohl unterrichtet. Sie wurden immer, so wie die Reihe an sie kam, zu den Musterungen nach Berlin und Wien geschickt, um die Bewegungen grosser Massen zu studiren, und sich nicht ans Kleinliche, Unwesentliche, das bloss zur Parade dient, zu gewohnen. Sein Grundsatz war, jeder Furst musse geubte Starke nach Verhaltniss seiner Volksmasse haben, und diese die Grundlage von allem andern seyn.
Er erkannte inzwischen wohl, dass der Kaiser und
der Konig von Preussen mit ihren geubten stehenden Heeren fast allein die Starke und den Stolz von Deutschland gegen die Fremden ausmachen, und deren Unterthanen die Kosten fur die Unterthanen der ubrigen Stande tragen, die wenig Truppen halten, folglich auch nicht so viel bezahlen, und sich in grossem Vortheil dabey befinden.
Der Erbprinz, sein einziger Sohn, altere und
jungre Prinzen und Prinzessinnen starben meistens in zarter Jugend war wieder als General bey der kaiserlichen Armee, und hielt sich mit seiner Gemahlin gewohnlich in Prag auf, kam aber oft nach Wien.
Es war Gebrauch, dass der Furst und die Furstin, so
oft sie im Fruhling aufs Land zogen (es mochte fruher oder spater geschehen), und die von den Hofleuten, welche das Bedurfniss fuhlten, gleich anfangs beichteten, sich der Sunden der Hauptstadt entledigten, das Abendmahl empfingen, und dem Volke so ein gutes Beyspiel gaben. L o c k m a n n hatte die Musik zu der feyerlichen Handlung schon vorbereitet, und suchte sie nun so gut wie moglich aufzufuhren.
Bisher hatte der Kapelle ein alter Meister S e b a
s t i a n S t a h l vorgestanden, welcher nun zur Ruhe gesetzt werden sollte. Dieser war noch aus der Bachischen Schule, und machte sich eine Ehre daraus, den Vornahmen ihres grossen Stifters zu fuhren; ubrigens ein herzensguter Mann, grundlich zwar, aber ohne viel Geschmack und besondern Erfindungsgeist in seiner Kunst.
Der Furst hatte den jungen L o c k m a n n auf einer Reise, in Erfurt, dessen Heimath, bey einem Fest kennen lernen, wo er in der Kirche auf dem Petersberge gerade die Orgel spielte, und alsdann eine Messe von seiner Komposizion auffuhrte. In einer glucklichen Stimmung, am Grabe und uber die Geschichte des Ritters von Gleichen mit seinen zwey Weibern, ward er von dieser Musik bis ins innerste bewegt, so wie noch niemals von einer andern. Er erkundigte sich, wer das heilige gewaltige Instrument so zweckmassig nach seinem Sinn gespielt, und die Messe so voll Andacht und Salbung gesetzt, und so meisterlich aufgefuhrt habe; liess den Kunstler vor sich kommen, unterredete sich mit ihm, und Person und Wesen und alles gefiel. Er nahm ihn mit sich, schickte ihn bald darauf nach Italien, mit dem besondern Auftrag, die grossten Meisterstucke der Kunst dort zu sammeln und zuruck zu bringen.
Bey der Kapelle waren brauchbare, dienstwillige Leute, die mehrsten aus dem Lande selbst, und darunter einige, besonders fur blasende Instrumente, von der entschiedensten Anlage zu den grossten Virtuosen; und in dem engen Kreise, worin sie lebten, dachten sie glucklicher Weise uber ihren wirklichen Werth noch bescheiden. L o c k m a n n suchte die vorzuglichen sogleich durch die grosste Aufmerksamkeit, gefalligen Unterricht und treffendes Lob bey Gelegenheiten, wo es sie am mehrsten freuen, und zum Wetteifer anspornen musste, fur sich einzunehmen; und machte jedem in der Stille, mit ihm allein, seine Fehler und bosen Angewohnheiten gutherzig, aber doch streng, begreiflich.
Er hatte sich vorgenommen, bey jeder Musik, die er
auffuhren wurde, sie allemal vorher mit dem Geiste des Ganzen, und dann mit dem vorzuglichen Ausdruck einzelner Stellen recht vertraut zu machen, damit sie in Masse auf einen Zweck wirken, und er so endlich nach und nach das Ziel des Dichters sowohl, als des Tonkunstlers erreichen mochte. Dass die von langsamen Begriffen es mit Musse uberlegen konnten, wollt' er das Wesentliche bisweilen zu Papier bringen, und es ihnen zum Abschreiben auch fur die Zukunft mit nach Hause geben. Er machte also mit dem Miserere1 von A l l e g r i sogleich den Anfang.
"Diese Musik ist, nebst den Werken des P a l e
s t r i n a , vielleicht die alteste, die heutiges Tages noch aufgefuhrt wird; und, sonderbar! es macht ihr wohl, was Wirkung betrift, keine andre Musik ihrer Art den Rang streitig."
"Sie ist abwechselnd fur zwey Chore, in funf und
vier Stimmen, geschrieben: zwey Sopranen, Alt, Tenor, und Bass; bey den vier Stimmen bleibt der Tenor weg. Dieses lautet etwas jugendlicher, und bringt Kontrast hervor."
"Bey dem letzten Vers: Tunc imponent super Altare tuum vitulos, kommt der erste und zweyte Chor zusammen, und die Harmonie wird neunstimmig. Dieser letzte Vers wird langsam und leise gesungen; die Tone schmelzen in einander, und verlieren sich gleichsam nach und nach."
"Die Stimmen haben gar keine Begleitung von Instrumenten, nicht einmal der Orgel. Die blosse Vocalmusik ist eigentlich, was in den bildenden Kunsten das Nackende ist."
"Ich habe dieses Miserere zweymal in der Sixtinischen Kapelle zu Rom mit den besten Stimmen auffuhren horen; und es hat so tiefen zerschmelzenden Eindruck auf mich gemacht, dass ich bis zu Thranen geruhrt worden bin."
"Diess wird bewirkt durch die Einfachheit der Harmonie, den breiten Umfang derselben bis zu drittehalb Oktaven, und die Verwickelung und Auflosung der Stimmen; auch dadurch, dass meistens bloss die Lange und Kurze der Sylben, und der Sinn der Worte den Takt ausmacht; oder vielmehr, dass man das, was wir Takt nennen, fast gar nicht merkt."
"Noch ein Umstand, keine Kleinigkeit, mag zur Wirkung beytragen, namlich dass diese Musik alle Jahr nur einmal aufgefuhrt wird, und also immer neu und heilig bleibt." "Dieselben Strophen von Musik werden funfmal wiederhohlt; und noch das sechstemal, jedoch mit Auslassung eines Gliedes." "Das erste Glied des Gesangs ist funfstimmig, geht aus dem G moll in B dur, F dur; und kommt durch mancherley Windungen in die Quinte D mit der grossen Terz." "Dann das zweyte Glied vierstimmig, wieder aus G moll, geht ebenfalls aus in D dur." "Dann das dritte Glied vierstimmig aus C moll, welches in G dur schliesst." "Und so wird dieselbe Strophe noch viermal wiederhohlt." "Die sechste Wiederholung lasst, wegen Mangel an Worten, das zweite G moll aus, und geht gleich in C moll uber." "Da die Worte keine Verse sind, und keine gleiche Sylben haben, und dieselbe Musik doch funfmal wiederhohlt werden soll: so werden sie bloss nach der Aussprache untergelegt. Darum mussen sich denn die Sanger mit einander dazu einstudirt haben, dass sie uberein ihre Stimmen zur ganzen Harmonie passen." "Und aus diesem allen zusammen entspringt die hochste Wirkung, welche Musik leisten kann; namlich der Sinn der Worte geht in die Zuhorer mit seiner ganzen Starke und Fulle uber, ohne dass man die Musik, ja so gar die Worte nicht merkt, und in lauter reine Empfindung versenkt ist."
"Schauder der Reue, Auf- und Niederwallen beklommner Zartlichkeit, Hofnung und Schwermuth, Seufzer und Klagen einer liebenden Seele. Das Zusammenschmelzen und Verfliessen der reinen Tone offenbart das innre Gefuhl eines himmlischen Wesens, welches sich mit der ursprunglichen Schonheit wieder vereinigen mochte, von der es Schulden trennen."
"Der letzte Vers ist mit grosser Kunst gemacht; jeder von den zwey Choren bildet fur sich ein Ganzes, und beyde begatten sich gleichsam auf das innigste; und das Adagio, piano und smorzando, macht den Triumph der Kunst vollkommen."
"Zwischen den Strophen des Gesanges werden immer Verse im blossen Einklang von den Bassen und Tenoren declamirt; welches die ganze Gemeinde vorstellt."
"Dieses mochte wohl die schicklichste Musik fur Hebraische Poesie seyn, die aus kurzen lyrischen fast gleichformigen Satzen bestand, welche meistens Chore wechselten, und noch keine Verse von gezahlten Sylben hatte." Darauf declamirte L o c k m a n n ihnen den ganzen Text des Psalms in einer getreuen und kraftigen Uebersetzung; gab ihnen diese von Wort zu Wort dem Text untergelegt; und sang mit der vollen Harmonie des Fortepiano die erste Strophe vor, um ihnen die Art des Zeitmaasses und die Natur des Ausdrucks bekannt zu machen; liess dann zusammensingen, erst unter Begleitung des Instruments; und es ging das nachstemal ohne Begleitung gut uber sein Erwarten.
Er fuhr nun fort durch alle Strophen bis zu Ende. Alle beeiferten sich, es recht nach seinem Sinn zu machen; kein Blick, kein Ohr, kein Herz ward von dem Ganzen verwendet, und es fing schon an gediegen und zu einem Gusse zu werden. Es freute Alle, und noch mehr ihn, inniglich.
Er sagte ihnen zur Aufmunterung, es sey ihm, als ob er in der Sixtinischen Kapelle ware; wiederhohlte es einmal, zweymal und zum drittenmal, zeigte dazwischen dieser und jener Stimme Verbesserungen, machte sie ihnen vor, liess sie einzeln nachsingen; und zum funftenmal gluckte es fast zur Vollkommenheit.
Er gab ihnen Lehren unter Lobspruchen mit nach Hause, und morgen um dieselbe Zeit sollte die zweyte Probe seyn.
Was er jedoch fur sein Ohr vermisste, waren die vortreflichen Romischen Kastratenstimmen. Dafur hatte er zwey Bassstimmen, Z o r n und D a m m , von so grossem Umfang, solcher Starke, Tiefe und Reinheit fast durch alle Tone, dass die besten, die er in Italien horte, neben diesen hatten verschwinden mussen; mehrere gute, jedoch nicht ausgebildete, Tenore; und so drey bis vier brauchbare Altstimmen. Mit den Sopranstimmen allein war er nicht zufrieden; keine hatte genug gebildeten Ton, Reinheit, Empfindung, und Charakter. Vier Buben hatten zwar Sussigkeit der Kehle, aber gar zu wenig Umfang, und ihr Ton sagte wenig; jedoch liess sich aus diesen etwas machen. Drey Weiber waren die besten: die schone junge Frau des Virtuosen auf dem Horn, E w a l d , hatte nur einige reine silberne ausgebildete Tone, die auch ruhrten und entzuckten, wenn Melodien dazu vorkamen; aber von wenig Geschmeidigkeit fur Schwache und Starke. Die zwey andern, Tochter von geschickten Geigenspielern, hatten die Manieren und Laufe ihrer Herren Vater erlernt, nie die einzelnen Tone gehorig geubt, und verzierten alles, um ihre Kunst zu zeigen. L o k k m a n n s Bitten und Ermahnungen, und der Eifer, ihm zu gefallen, brachten sie inzwischen dahin, dass sie sich nach seinem Willen fugten.
Das Gebirge leuchtete glanzend vom Widerschein der letzten Strahlen, der untergehenden Sonne. Er ging hinunter in den Schlossgarten, und gesellte sich auf einer Anhohe, wo man die ganze Gegend ubersah, zu dem alten Baumeister R e i n h o l d , welcher lange in Rom gewesen, und ein eigner Denker war. Dieser liebte die Musik mit Leidenschaft, ohne selbst sie auszuuben, hatte die grossten Meister personlich gekannt, die vortreflichsten Werke auffuhren horen und war dem jungen L o c k m a n n von Herzen gewogen. Das Gesprach kam gleich auf dessen Probe und die Sopranstimmen. Nach einem angenehmen Wortwechsel fuhr endlich der Alte fort und behauptete:
"Eine schone jugendliche vollig ausgebildete Kastratenstimme geht uber alles in der Musik. Kein Frauenzimmer hat die Festigkeit, Starke und Sussigkeit des Tons, und so aushaltende Lungen. Bey den Kastraten kann man recht sehen, dass es darauf ankommt, was gesagt wird, und nicht, in welchem Ton es gesagt wird. Die beste Musik an und fur sich ist weiter nichts, als die hochste Gefalligkeit und der bezauberndste Reiz des Ausdrucks."
L o c k m a n n ging in seinen Sinn ein: "Viel Wahres, besonders fur die neuere Musik; doch nicht so ganz richtig. Gewiss, ich ward uberrascht zu Venedig, als P a c c h i a r o t t i den Helden Giulio Sabino bey Weib und Kindern in der Sopranstimme so tauschend machte, dass alles, wie in der Stille der Mitternacht, helle Thranen vergoss."
"Die Diskantstimme bleibt immer die passendste fur Melodie; die Stimme der Melodie soll vor allen andern herrschen, und die hohen Tone herrschen uber die niedrigen. Man vergisst desswegen gar bald das Unnaturliche."
"Inzwischen war es doch ein ausserst glucklicher Gedanke, dass G l u c k in seinem beruhmten Chor der unterirdischen Gotter einmal den Grundton der Harmonie durchschneidend herrschen, und die Melodie diesen in allerley Straubungen und Beugungen begleiten liess. Ein achter Zug des Genies. Nichts konnte die eiserne unerbittliche Gewalt dieser Damonen besser ausdrucken."
R e i n h o l d fugte hinzu: "Was R o u s s e a u in seinem moralischen Eifer gegen die Kastraten einwendet, ist hochst ubertrieben. Ihre Stimme dauert freylich nicht so lange, wie Tenorstimmen, wegen der Starke der Tone durch die kleine Oefnung der Kehle; aber immer lange genug, um auf allen Theatern von Europa zu entzucken. Dass sie unformliche Bauche bekommen, geschieht nicht immer, und auch andern Mannern. Dass sie den Buchstaben R nicht aussprechen konnen, ist ganz falsch; eben so, dass sie ohne Feuer und Leidenschaft sangen. Dass Manner, die auch noch so mannbar sind, keine Kinder hinterlassen, ist bey unsern Regierungsverfassungen und zu starken Bevolkerungen etwas Gewohnliches."
L o c k m a n n erwiederte: "Ihr Hauptfehler bey lyrischen theatralischen Vorstellungen ist wohl der Mangel des Kontrastes zwischen Mann und Weib, und auch der Stufen des Alters; und dass die Vocalmusik uberhaupt dadurch armlich wird: besonders auf den Romischen Theatern, wo lauter Mannspersonen spielen. Und diejenigen, deren Stimmen nicht gerathen, welches nicht selten der Fall ist, sind gewiss recht elende Geschopfe."
R e i n h o l d zuckte die Achseln, lachelte und antwortete: "Die Vollkommenheit ist uberall eine seltne Erscheinung. Und ist sie hier da, so denkt gewiss jeder fur das allgemeine Vergnugen Empfindliche, wenn er es auch nicht, wie jener lebhafte Italianer, offentlich ausruft: Benedetto il coltello, u.s.w."
Die Sonne war eben voll Pracht untergegangen, und der westliche Himmel schwebte mit Strahlenstreifen gluhend in Brand und Segen, als eine andre schonere fur Manneraugen und Herzen aufging. H i l d e g a r d v o n H o h e n t h a l trat aus einem Park von Buchen und Eichen mit dem Fursten hervor, leicht in Schritt und Gang, und stolzem Wuchs, voll Geschmack gekleidet, wie eine junge Konigin der Amazonen. Ihnen folgte H i l d e g a r d s M u t t e r mit dem jungen Herrn von H o h e n t h a l , und die F u r stin.
Das Blut schoss L o c k m a n n e n ins Gesicht, und sein Herz wallte, wie sie den Blick ihrer schonen blauen Augen auf ihn lenkte.
Der Furst ging mit ihr gerade auf ihn und R e i n h o l d e n zu, und sagte lachelnd: "Ich mache Sie hier mit meinem jungen Kapellmeister bekannt, der die Sirenen von Neapel bezwungen, und so eben in unsre Gegend gebracht hat. Wenn sie nur kein Unheil da anfangen!"
L o c k m a n n antwortete: "Unter der Regierung eines so weisen Ulysses, neben welchem Pallas steht, wurde diess nicht zu besorgen seyn. Mein Bestreben war nur, einige von den guten Musen des L e o , P e r g o l e s i , T r a e t t a , M a j o , J o m e l l i zu Begleiterinnen zu haben, und sie mit den Musen unsrer H a n d e l , B a c h e , G r a u n und G l u c k in Gesellschaft zu bringen."
H i l d e g a r d fasste ihn so ganz mit ihrem seelenvollen Blick, und sagte: "Schon nach diesen wenigen Worten werden Sie mir ein treflicher Ersatz fur London seyn."
Inzwischen gingen sie auf den Wink des Fursten zusammen weiter. Rosen und Schassminen dufteten frischer und starker umher, und die Nachtigallen thaten lebhaftere Liebesschlage; ein sanfter Wind wiegte sich auf den zarten Zweigen, und flisterte durch die Blatter, und der lichte Himmel spiegelte sich in den Brunnenbecken zwischen den braunen Schatten. Die Morgenscene lebte gewaltig in L o c k m a n n s Einbildungskraft, und das Gewand der gottlichen Schonheit war ihm kaum ein dunner Schleyer.
Er selbst war einer der wohlgebildetsten jungen Manner; und wenn von den zehn Kreisen in Deutschland jeder den auserwahltesten zu einem Wettstreit der Schonheit auf eine Kunstlerakademie unter dem Vorsitz eines M e n g s abgesendet hatte: so wurd' er vielleicht den Preis davon getragen haben. F u g e r machte aus Lust fur sich sein Portrat zu Neapel in Miniatur, ein Meisterstuck; und B a t t o n i mahlte ihn zu Rom in Lebensgrosse, unbezahlt, zu einem Kunstwerk, jedermann lieblich anzuschauen mit dem edlen Geniuskopf in seinen schwarzen naturlich herum und herabfallenden Locken, den grauen Mantel uber die Schulter geworfen, im Schritt vom Winde verweht, zwischen Gestrauch auf neue Melodien und Harmonien sinnend, nachdem L o c k m a n n einige Abende am Klavier ihn ergotzt, und ein leichtes rasches entzuckendes Spiel wie mit Ballen zwischen der sussen fertigen Kehle seiner Tochter, und seiner ruhrenden Tenorstimme in himmlischen Melodien getrieben worden war.
H i l d e g a r d und er weideten ihre Blicke an einander in den hellen Augen, an den reinen Stirnen, dem edlen geraden Zug der Nasen, dem lieblichen Suadamund, bluhenden Oval der Wangen, und hohen uppigen Wuchse, so gut es unbemerkt geschehen konnte, voll Bewunderung und nie gefuhlter Regungen.
L o c k m a n n betrachtete nun auch die M u t t e r : eine schlanke Gestalt an die vierzig, und noch schoner Kopf in edlen Formen.
Der junge Herr v o n H o h e n t h a l sah fast wie ein Zwillingsbruder seiner Schwester aus; doch war er an Alter etwas junger: voll Lebhaftigkeit, Geist und Anstand.
Die F u r s t i n , eine gute Matrone, hatte vorzuglich ihr Geschlecht im Lande zum Augenmerk, und sorgte fur alles, was dieses betraf. Sie unterhielt sich mit der Mutter, und wandelte langsamer mit dieser einen Seitengang hinter drein.
Der Furst wendete sich wieder an R e i n h o l d und L o c k m a n n , und sagte: "Ihr zwey Italianer wart im Gesprach begriffen. Fahrt fort, wenn es nichts Geheimes ist; vielleicht finden wir auch etwas dabey zu erinnern."
R e i n h o l d versetzte: "Wir sprachen von der Menschenstimme, vorzuglich vom Sopran; und bemerkten, dass in Deutschland nicht so viel Sorgfalt darauf verwendet wird, als in Venedig, Rom und Neapel."
H i l d e g a r d nahm darauf bey einiger Stille das Wort, und sagte: "Alle gestehen ein, dass das Bluhen der Kunste in einem Lande dessen schonste Zierde sey; aber fast uberall geht man damit verkehrt zu Werke. Man giebt viel Geld aus, ohne Plan und Zusammenhang. Man kauft alte Gemahlde auf, bezahlt theuer Portrate und Virtuosen; an Pflanzung, an das Lebendige und Volksmassige wird wenig gedacht."
"Musik ist unter den Kunsten die allgemeinste; sie wirkt am mehrsten auf das Volk, und sieht oben an bey jeder Feyerlichkeit und Freude. Wenn die Regenten ihre Unterthanen glucklich machen wollen: so ist sie gewiss die vorzuglichste unter allen Kunsten, und zugleich die wohlfeilste."
"Die Menschenstimme ist unstreitig das Wesentlichste bey der ganzen Musik; und an vortreflichen Menschenstimmen fehlt es uberall, auf dem Theater, in Kirchen, und im gemeinen Leben. In Stadten von vielen tausend Einwohnern sind drey oder vier schone reine nur einigermaassen ausgebildete Menschenstimmen in Deutschland, und noch mehr in England und dem Norden, eine wahre Seltenheit."
"Die mehrsten schonen Menschenstimmen findet man in Gegenden, wo reine heitre Luft und gutes Wasser ist; gewohnlich gar keine, wo Kropfe einheimisch sind. Man sollte einen Kenner ordentlich in Besoldung nehmen, und darauf herumreisen lassen. Ein Furst, fuhr sie lachelnd fort, konnte sich allein mit dieser Anstalt verewigen. Und dieser Ruhm kostete ihm des Jahrs vielleicht nicht mehr, als er fremden Virtuosen fur ihre Konzerte bezahlt. In seinem Lande durfte ihm schlechterdings keine gute Stimme verloren gehen, und hatte sie ein Junker oder Fraulein vom altesten Adel und grossten Reichthum."
Der Furst horte aufmerksam zu; er liebte, welches wohl bekannt war, bis auf den Grad, wo die gehorige Wurde nichts leidet, freymuthige +++Reden, besonders vom Frauenzimmer, und hasste Heuchler und Schmeichler. H i l d e g a r d gab L o c k m a n n e n mit Hand und Blick ein Zeichen fortzufahren. Dieser war erstaunt, entzuckt sie so reden zu horen, und schon dadurch uberzeugt, dass sie wenigstens Kennerin seyn musse. Er benutzte die gute Stimmung und Gelegenheit, und fuhr so freymuthig fort, wie sie angefangen hatte.
"Da wir keine Kastraten machen, so sind alle unsre Sopranstimmen weiblich. Buben, auch mit den reinsten Kehlen, haben noch keinen Charakter, und sind von zu kurzer Dauer; ihr Uebergang in die Tenoroder Bassstimme ist immer sehr misslich. Doch konnte man sie auf Gerathewohl vortreflich in Kirchen und auf dem Theater bey Choren brauchen; und, so bald bey der Mannbarkeit die schone tiefere Stimme entschieden ware, ihnen die vollige musikalische Erziehung geben. So hat der Kurfurst Clemens von Bonn aus einem Bauerbuben den grossen R a a f gebildet, zur Bewunderung auf den ersten Buhnen von Europa."
"Die Stimmen von weitem Umfang und wichtigem Gehalt sind niemals gleich von Natur da; sie werden nur durch unaufhorliche Uebung gestarkt und gebildet. Zum Beweise kann einer der jetzigen grossten Sanger, und eine der ersten grossten Sangerinnen in Europa dienen, M a r c h e s i und die T o d i , welche nach ihrem eignen Gestandniss anfangs sehr unbedeutend waren, und nach langer Uebung erst das wurden, was sie jetzt sind."
"Die Hofnungen schlagen auch hier manchmal fehl; doch nicht so haufig, wie beym Genie. Mancher Knabe verspricht einen grossen Mahler, Dichter, General, Staatsmann; und es wird hernach doch nichts aus ihm. Manches kleine Madchen verspricht eine himmlische Schonheit, und verwachst sich hernach zu einem ganz gewohnlichen Dinge. Man darf bey einigen fehlgeschlagenen Versuchen den Muth nicht sinken lassen. So bald nur einmal ein verstandiger Plan ins Werk gesetzt worden ist, geht alles leichter. Die Schulen sind ja uberall schon da; man hat nur das Aussuchen, und das Misslingen verursacht keinen grossen Aufwand."
"Bey Auswahl der Stimmen muss man hauptsachlich auf den Charakter sehen, ob Empfindung im Ton ist, Zartlichkeit, Adel, heroisches Wesen; man kann solche auch mit wenig Umfang vortreflich brauchen."
"Es ist erstaunlich, wie unendlich mannigfaltig der Mensch die wenige Luft verandert, die er mit einem Zug einathmet! Man muss zugleich die Geschmeidigkeit und Gewalt des Elements und der Werkzeuge, womit er es bildet, bewundern. Welche Menge von Stimmen, Tonen, Worten, Sprachen!"
"Die Werkzeuge sind der Thorax, oder Brustkasten, die Lungen, die Luftrohre, der Kehlkopf, vorzuglich dessen Stimmritze, die Zunge, der Gaumen, die Nasenhohlen, die Zahne, der Mund, und die Lippen."
"Bloss aus Ton und Wort kann ein feines und erfahrnes Ohr die Beschaffenheit aller dieser Werkzeuge an einem Menschen erkennen, und Gefuhl und Verstand nicht wenig an ihm empfinden und uber ihn urtheilen."
"Das Auge ist ein reicher Sinn im Geben und Nehmen; aber gewiss sind es auch das Ohr und die Sprachwerkzeuge. Das Auge hat nur den Vorzug, dass Geben und Nehmen unmittelbar in demselben Sinne vereinigt sind. Dafur aber haben Ohren und Sprachwerkzeuge mehr Masse vom Lebendigen am Menschen, und lassen mit weit mehr Gewalt auf sich wirken."
"Der Brustkasten und die Lungen machen den Blasebalg; die Luftrohre mit ihrem Kehlkopf ist gewissermaassen, namlich was Hohe und Tiefe betrift, Orgelpfeife; der Kehlkopf und seine Stimmritze geben den Ton, wie ein zusammengesetztes Blas- und Saiteninstrument, indem sie durch Erzitterung ihrer vermittelst der Nerven und Muskeln gespannten Bander und Knorpel die Luft in gleichformige Bewegung setzen; das Gewolbe des Gaumens und die Nasenhohlen verstarken denselben, wie die Rohren von Trompeten, Hornern und Floten, wie die Gewolbe von Geigen und Bassen; die Zunge bildet ihn am Gaumen, mit den Zahnen und Lippen, auf unendliche Weise zu Buchstaben, Sylben und Wortern."
"Messbar und erklarbar wirken die Tone an und fur sich durch ihre Hohe und Tiefe, Starke und Schwache; und dann durch ihre Dauer, Folge und Verbindung. Man konnte diess d i e r e i n e M u s i k nennen. Sie greift die Nerven und alle Theile des Gehors an, und verandert dadurch das innre Gefuhl ausser allen andern Vorstellungen der Phantasie. Schon das Wasser pflanzt den Schall mehr als doppelt starker und weiter fort, als die Luft; noch besser die festen Theile unsers Korpers. Der ganze Mensch erklingt gleichsam, und es entstehen Empfindungen nach dem Verhaltnisse der Tone und der Beschaffenheit der Massen, wodurch sie hervorgebracht werden."
"Unser Gefuhl selbst ist nichts anders, als eine innre Musik, immerwahrende Schwingung der Lebensnerven. Alles, was uns umgiebt, was wir Neues denken und empfinden, vermehrt oder vermindert, verstarkt oder schwacht den Grad ihrer vorigen Bewegung. Die Musik ruhrt sie so, dass es ein eignes Spiel, eine ganz besondre Mittheilung ist, die alle Beschreibung von Worten ubersteigt. Sie stellt das innre Gefuhl von aussen in der Luft dar, und druckt aus, was aller Sprache vorhergeht, sie begleitet, oder ihr folgt."
"Gottliche Kunst, welche die Existenz fuhlender Wesen so unmittelbar unter ihrem gewaltigen Scepter hat!"
"Bey dem gesungnen vollen Tone sind gleichsam alle Segel der Sprachwerkzeuge aufgezogen: alles ist gespannt, und der Thorax presst mit Gewalt die Luft der Lungen durch die Rohre dahinein; der Kehlkopf schwebt und erzittert und bewegt sich alsdann nach den Leidenschaften des Herzens, dem Willen der Seele in beliebigen Graden, und ubertrift mit den Melodien seiner kleinen Stimmritze aus dem Mund eines F a r i n e l l i , einer F a u s t i n a , die Wirkungen ungeheurer Orchester."
"Bey der Fistel oder Falsetstimme wird der Kehlkopf mehr oder weniger uberspannt hinaufgezogen, die Stimmritze mit Gewalt verengt, und nur ein Theil des Ganzen in der Hohe gebraucht. Dasselbe geschieht bey den zu tiefen Tonen durch gewaltsame Herunterziehung des Kehlkopfs und Erweiterung der Stimmritze."
"Und so braucht man nur einen Theil der Tonwerkzeuge, wenn man spricht und nicht singt. So kann ein Redner eine schone Aussprache haben, und ein schlechtes Organ zum Singen, weil er bloss die Theile ubt, die zur Sprache gehoren, vielleicht auch von Natur nur diese fest und rein hat: und so kann ein vortreflicher Sanger unangenehm sprechen, weil die Werkzeuge, die dazu gehoren, bey ihm nur einen Theil zum Ganzen ausmachen, und an und fur sich selbst mangelhaft zu einem fur sich bestehenden Ganzen sind."
"Unter allen Thieren hat der Mensch das vollkommenste Stimmorgan; die Nachtigall unter den Vogeln das einfachste."
"Die Methode, die Stimme zum Gesang zu bilden und zu uben, ist in Neapel, Rom, Venedig, Mailand, Turin so bekannt, wie bey den Preussen das Marschiren und Exerziren; jeder musikalische Korporal weiss sie."
"Wer singen lernen will, muss furs erste eine Anzahl Tone rein in der strengsten Bestimmung, und rund in hochster Starke und leisester Schwache, wie ein Despot in seine Gewalt zu bekommen suchen. Er fangt an mit dem Tone, der ihm am naturlichsten ist, woraus, wenn ich mich so ausdrucken darf, sein ganzes Wesen geht, und worin er gewohnlich spricht. Wenn er diesen rein und voll hat: so geht er einen tiefer, und ebenso zwey und drey und vier tiefer; und dann einen, zwey, und drey in die Hohe, bis er eine Oktave richtig und rund hat, ohne bey irgend einem Tone Hinderniss und Schwierigkeit zu finden, zu straucheln und zu wanken."
"Dann sucht er sie zu verbinden, zu verschmelzen."
"Dann geht er immer weiter in die Tiefe und die Hohe; in die Fistel uber; und sucht die ganz vollen Tone mit den Tonen dieser, so unmerklich wie moglich, zu vereinbaren."
"Alles dieses geschieht mit dem blossen Vokal A ohne Konsonanten."
"Ein voller Ton mehr in der Hohe oder Tiefe, und sollte dessen Besitz Monate kosten, ist so wichtig, wie ein Zoll mehr beym Maasse der Menschenlange."
"Hat man einmal eine hinlangliche Anzahl von Tonen: so fangt man damit allerley einfache Uebungen an. Furs erste schwellt man jeden vom Leisen bis zur hochsten Starke, und lasst ihn so wieder bis zum Leisen sinken; steigt dann die ganze diatonische Leiter hinauf und hinunter; ubt nun die Sprunge in Terzen, Quarten, Quinten, Sexten, und so weiter, hinauf und herunter, haarscharf abgemessen, bis zur grossten Richtigkeit und Fertigkeit, Verbindung und Gleichheit. Endlich steigt man die Leiter durch die halben Tone hinauf und herunter, welches das Schwerste ist, aber bis zur Richtigkeit erlernt werden muss."
"Dabey darf keine Ungeduld und Uebereilung statt finden; mehrere Jahre gehoren zu dieser himmlischen Reifheit der Kehle. Und dann erst kommen Triller, Verbindung der Tone mit den Sylben, Aussprache, Declamazion, Manieren, Laufe; Seele, Geist und Leben."
"Die Hauptsache ist das Mundstuck, der Kehlkopf und dessen Stimmritze, bey einem zarten und reinen Gehor. Wenn die Natur diese Mundung nicht uberein geschmeidig und festsehnicht gebildet hat, der Ton wankend und falsch daraus hervorkommt: so ist alle Muhe und Uebung vergeblich. Und gutes Ohr und vortreflicher Kehlkopf sind nach der Erfahrung so selten, wie achtes Genie und hohe Schonheit2."
"Bey blasenden Instrumenten kommt es hauptsachlich auf die Lungen, Zunge und Lippen an; und bey den andern auf Arm und Hand. Gutes Gehor und Herz und Geist muss ubrigens allezeit im Menschen seyn, sonst wird nie etwas Grosses. Neapel und Venedig haben in Besorgung der musikalischen Erziehung den Vorzug vor allen Stadten der Welt. Bey ihnen geht so leicht keine gute Stimme verloren. In Neapel sind drey Stiftungen, wo an die vierhundert Zoglinge aufgenommen werden, denen immer die besten Meister vorstehen. Auch sind beyde vorzuglich dadurch glucklich."
"Doch vergeben Ew. Durchlaucht, und Sie reizende junge Dame. Die Aufmerksamkeit, deren Sie mich wurdigten, hat mich uber die gehorige Grenze, und vielleicht bis zum Pedantischen verleitet."
Hierbey waren sie bis zum Eingang des Schlosses gekommen. H i l d e g a r d schopfte frischen Athem, so voll Lust hatte sie zugehort. Sie sagte mit leiser susser Stimme, wie fur sich: "Vortreflich!" und konnte sich nicht enthalten, mit unbeschreiblicher Grazie ihm fluchtig die Hand zu beruhren; welches wie ein elektrischer Schlag ihm durch sein Wesen drang.
Der Furst blickte heiter und freundlich auf ihn, und gab zur Antwort: "Es scheint, dass die Natur zu gewissen Zeiten fur die Erspriesslichkeit und den raschen Wachsthum der Kunste schopferische Geister hervor und durch mancherley Umstande zur Reife bringen musse, die hernach dem Ganzen Stoss und Richtung geben. Wenn man diese nicht hat, entsteht bey dem besten Willen nur ein ekelhaftes Nachaffen. Wahr aber ist es, der Verstand und die Pflegung eines machtigen A u g u s t und L u d w i g , und Stadte wie Neapel, Rom, Venedig, Paris, London, Wien, Berlin sind alsdann dafur gedeihliches Wetter, Sonne, Mond und Sterne."
Die Furstin und die Mutter, und andre Herren und Damen, theils vom Hofe, theils aus dem Orte, die da schone Hauser und Garten besassen, und sich den Sommer uber auch da aufhielten, hatten sich inzwischen eingefunden. Die Gesellschaft ging in den Speisesaal. R e i n h o l d umarmte herzlich seinen jungen Freund, und Beyde schieden, jeder nach seiner Wohnung.
L o c k m a n n ging auf seinem Zimmer, voll unaussprechlicher Empfindungen, langsam und oft stille stehend, auf und ab; ass ein wenig, trank aber desto mehr von einem alten wohlthatigen Hochheimer, und legte sich mit folgendem Stossseufzer zu Bette: "Soll unsre hochgepriesene Vernunft die Staatsverfassungen nie dahin bringen, dass zwischen Menschen, die fur einander geboren und erzogen sind, keine so ungeheure Kluft mehr seyn muss!"
H i l d e g a r d sprach sehr wenig an der Tafel; doch was sie sagte, war voll Sinn und Verstand, und aller Augen waren auf ihre bluhende Schonheit gerichtet. Der Furst schatzte sich glucklich, einen solchen Meister, wie L o c k m a n n , fur seine Musik gefunden zu haben; er erzahlte die Geschichte mit ihm auf dem Petersberge zu Erfurt, und beschrieb die schonen Knochen des Grafen von Gleichen und seiner zwey Weiber. Neben H i l d e g a r d e n sass Herr v o n W o l f s e c k , Sohn des Ministers, welcher sie mit allerley Tand und Aberwitz zu unterhalten suchte; er war ein geschickter Rechtsgelehrter, aber widrig von Gestalt in seiner langen Figur, und hatte keinen Funken Geschmack und Gefuhl fur alle Kunst. Sie sahen einander bey ihrer Ankunft, wo er gerad' in Geschaften auf dem Schloss ihnen einige Hoflichkeitsbesuche abstattete.
Der junge Tag und das Schwalbengezwitscher weckten L o c k m a n n e n von lieblichen Traumen. Er sprang auf, und betrachtete die Morgenrothe, eine wahre Glorie der Sonne, wie sie kein T i z i a n und C o r r e g g i o mit Farben darzustellen vermag. Sie nahert sich selbst; und ein gluhendes Roth durchdringt die Pforten des Aufgangs, wie die Wangen eines unerfahrnen Madchens. Schon ist sie da, und wollustig gleitet der Blick von ihrer feurigen Majestat ab, bis sie ganz in schone Rundung sich erhoben hat, und das geblendete Aug' ihre Strahlen nicht mehr aushalt. Frische Kuhle mit dem Duft der Blumen durch das offne Fenster vom Garten starkten alle Glieder aus dem warmen Bette bis zum lebendigsten Bewusstseyn.
L o c k m a n n ergriff das vortrefliche Fernrohr von Ramsden; legte es aber schnell wieder hin, als ob er sich die Finger daran verbrannt hatte; und nahm den festen Entschluss, sich von der Zauberin entfernt zu halten, und seine Neigungen gleich anfangs zu unterdrucken, damit sie nicht zur Leidenschaft anwuchsen, die nicht anders als unglucklich seyn konnte.
Um sich sogleich zu beschaftigten, und seinem Geist eine ganz andre Richtung zu geben, legte er die Stimmen des Messias von H a n d e l fur die erste Probe zurecht; nahm die Partitur, setzte sich ans Klavier, und schrieb Folgendes zum Unterricht fur seine Messias;ein Oratorium von Handel. "I. Verkundigung, Geburt. II. Leiden und Tod. III. "H a n d e l s Melodie und Darstellung hat fast "Darstellung, wenn man so sagen darf, wird merk"E s w a r e n H i r t e n b e y s a m m e n a u f "U n d d i e K l a r h e i t d e s H e r r n u m "Der Wechselgesang: e r w e i d e t s e i n e "Nur in der Begleitung kommen zuweilen die lan
Zweyter Theil.
"Die Chore sind fast immer meisterhaft. U n d "Die kurze Arie: s c h a u h i n u n d s i e h , "L i e b l i c h i s t d e r B o t e n S c h r i t t , "Der Chor: H a l l e l u j a , mit Trompeten und Pau
Dritter Theil.
T o d , grave; so kam durch Einen die Auferstehung, allegro."
"D e n n w i e d u r c h A d a m a l l e s t e r
b e n , grave. Dieses ist beydemal bloss vierstimmig, ohne alle Begleitung, von grosser Wirkung. A l s o wird wer starb durch Christum aufe r w e c k t , allegro."
"M e r k t a u f , i c h k u n d i g ' e i n G e
h e i m n i ss a n ; Recitativ mit Begleitung, von der Bassstimme vortreflich declamirt. Schone Arie dazu, mit der Trompete Solo: s i e s c h a l l t d i e P o s a u n e . Der zweyte Theil ist ganz unbegleitet. Sie macht mit den andern guten Kontrast."
"Die letzten Chore sind vollendete grosse Meister
stucke. W u r d i g i s t d a s L a m m , d a s d a s t a r b , Largo; und die Fuge: P r e i s u n d A n betung und Ehre und Macht sey ihm, der da sitzet auf seinem T h r o n ; im schonsten naturlichsten Thema zur Declamazion, Larghetto; sie zeigt recht die allerstarkste Gewandtheit in dieser Form. So wie gleich darauf die Fuge: A m e n , allegro; welches einen muthigen wilden sturmischen Beschluss macht."
"Die wahre Musik ist nur Eine, so lange der
Mensch seine Natur, und die Accorde, Konsonanzen und Dissonanzen ihr ewiges Verhaltniss behalten. Sie ist dieselbe bey dem Miserere von A l l e g r i , und bey Leo, Pergolesi, bey Hasse, Traetta, Jomelli, Majo; Handel, G l u c k ; nur bey den letztern von mindrer Schonheit und Mannigfaltigkeit, als bey den Neapolitanern. Sie geht uberall auf den Zweck los, den Sinn der Worte und die Empfindung in die Zuhorer uberzutragen, so leicht und angenehm, dass man sie selbst nicht merkt; und das Ohr, wo moglich, dabey zu bezaubern." Um neun Uhr ging er in den Konzertsaal. Alle waren schon da versammelt. Wie ward er aber uberrascht, als H i l d e g a r d , ganz zur Andacht weiss gekleidet, nur eine kaum aufgebluhte Rose in den schonen blonden Locken, unter den Sangerinnen hervortrat und ihn mit diesen Worten anredete: "Auch ich bin gekommen, mich in die hohe Kunst, als eine gehorsame Schulerin von einem so vortreflichen Meister einweihen zu lassen, wenn er meine Stimme und geringen Fahigkeiten wurdig genug dazu findet."
L o c k m a n n antwortete ernsthaft darauf: "Gehorsamst bitten wir vielmehr um Ihren guten Unterricht, gnadiges Fraulein, bey der Auffuhrung des Meisterstucks von unserm grossen Landsmann, der die himmlische Kunst so entzuckend unter die Britten verpflanzte, dass noch jetzt seine Melodien und Harmonien ihm wie einem Heiligen in ihren Tempeln widerhallen. Von den Jubelorkanen, Donnerwettern, Niagarakatarakten in Westminster konnen Sie hier freilich nur einen ausserst schwachen Nachlaut horen."
"O, ich glaube nicht, versetzte sie eben so ernsthaft, dass der Instrumentensturm, der die Menschenstimmen, immer doch die Seele des Ganzen, so uberrauscht, dem Unsterblichen gefallen konne, der die ruhrendsten Melodien, die er ihr gegeben hat, meistens nur, wenn ich mich so ausdrucken darf, gleichsam in ein zartes Griechisches Gewand hullte; und hoffe bey Ihrer Auffuhrung mehr wahre Nahrung fur Herzen und Religionsgefuhle zu finden. Doch war die Begleitung auch in Westminster nicht so stark, als man auswarts sich vorstellt; die Stimme steht weit voran, und alles gleichsam nach der Ohrenperspektiv."
Beyder Blicke glanzten in einander bey diesen Reden, wie von einem gemeinschaftlichen Geistesquell.
Er liess sich inzwischen nicht storen, theilte die Stimmen aus, und uberreichte ihr die Sopranstimme; sie nahm diese gefallig an, und stellte sich an den gehorigen Posten.
Darauf machte er Alle nach seinem fluchtigen kurzen Aufsatze mit dem Ganzen bekannt, zeigte jedem, wie die Hauptstellen vorzutragen waren; setzte sich an den Flugel, und fing an. Die Gegenwart und Mitwirkung der Schonheit selbst, von der Themse heruber, brachte die gespannteste Aufmerksamkeit zuwege. Er fuhrte wie ein junger Apoll an, und die Probe war in der That ein reizendes Schauspiel.
Sie gelang auch sogleich zum Verwundern. Niemand unter ihnen, und selbst L o c k m a n n hatte noch je so reine, volle, susse, Ohr und Herz schmeichelnd ergreifende Tone gehort, als bey den Worten: e r w e i d e t s e i n e H e e r d e ; und: l i e b l i c h ist der Boten Schritt, sie kundigen F r i e d e n u n s a n ; aus der gewaltigen Kehle und von den holdseligen Lippen der H i l d e g a r d , wie der Cacilia selbst aus dem Himmel auf Erden, hervorstromten, in Bescheidenheit und Unschuld, ohne die allergeringste Kunsteley, nur mit den Accenten hoher Grazie und den netten Laufen rascher Jugend und Fertigkeit da und dort verziert und geschmuckt.
So wie sie ihn, entzuckte er sie; er sang mit ihr den zweyten Sopran, anstatt der Sangerin, die ihn singen sollte, zuweilen im Tenor, mit der Entschuldigung, ihr fur die nachste Probe nur den gehorigen Ausdruck zeigen zu wollen. Beyde hatten solche Vollkommenheit von einander nicht erwartet; er nur viel weniger von ihr. Nach ihren ersten Arien sprang er vom Flugel, fiel vor ihr nieder voll Gluth des Enthusiasmus, fasste ihre zarten Hande, kusste sie inbrunstig, und stammelte: "Wunderwesen, ich bete Sie und Ihre Kunst an. O, die Italianer haben Recht, dass sie einer G a b r i e l i , einem P a c c h i a r o t t i , M a r c h e s i funf- und zehnmal mehr dafur geben in einer Oper zu singen, als einem S a r t i , P a e s i e l l o , die ganze Musik dafur zu setzen. Die vortreflichsten Noten sind durres Geripp, wenn ihre Melodien nicht durch solche Stimmen schon und reizend und jugendlich lebendig in die Seelen gezaubert werden."
Sie ergriff ihn bey der Hand, zog ihn in die Hohe, und sagte lachelnd: "Zu viel, zu viel Lob fur eine Anfangerin! ich werde sonst Nichts lernen."
"Nichts lernen? Muthwillige!"
Dieser Vorfall kam allen so naturlich vor, dass er fast nicht bemerkt wurde. Mann und Jungling und so gar die Weiber sagten wie aus Einem Munde: solche gottliche Stimme hatten sie noch nie gehort, mit so viel Fertigkeit und Ausdruck.
Darauf ging die Probe fort, von ihrer Seite immer mit neuer Schonheit uberraschend bis zu Ende.
Sie hielt sich nicht lange mehr auf, bat nur, dass man nichts von ihrer Anwesenheit sagen mochte; verneigte sich vor L o c k m a n n und der Gesellschaft, und verschwand wie eine Gottheit. Ein freudiges Murmeln entstand im Saal, wie von den Wogen an den Ufern des Meers, wenn die Weste nicht mehr in den Luften gehort werden.
L o c k m a n n bestellte Sanger und Sangerinnen zur zweyten Probe des Miserere auf den Nachmittag; und zugleich zu einer neuen fur ein kleines Werk von dem Patriarchen der Kirchenmusik, P a l e s t r i n a . Und die Gesellschaft ging hochst vergnugt aus einander.
"Das ist wieder ganz etwas anders!" sagt' er laut fur sich, als er nach seinem Zimmer ging. "Aber was will daraus werden!" endigte er mit einem tiefen Seufzer.
Er dachte schon auf Plane; aber es war ihm, wie einem Wandrer, der in ein reizendes Thal sich verirrt, voll Bache, Quellen, und Wassersturze und anmuthiger Waldung, wo er aber lauter unersteigliche Gebirge vor sich sieht, und keinen andern Ausweg findet, als wieder zuruck zu kehren. Sie dachte auch auf Plane, mit viel erfreulichern Aussichten.
Kurz vor der Probe schrieb er die wenigen Worte nieder:
"Fratres, ego enim accepi a Domino. Di Palestrina."
"Der Text sind die Einsetzungsworte beym Abendmal."
"Fratres, ego enim accepi a Domino, quod et tradidi vobis; quoniam Dominus Jesus, in qua nocte tradebatur, accepit panem, et gratias agens fregit et dixit: Accipite et manducate, hoc est corpus meum. Hoc facite in meam commemorationem."
"Vortrefliche Musik. Der Anfang besteht aus den reinsten Konsonanzen, zweystimmig; Quinten, Oktaven, Quarten, Terzen, Sexten. Darauf imitirt der Alt und Bass."
"Es wechseln immer zwey Chore ab, und verflechten sich zuweilen bey den Hauptstellen. Sie bestehen beyde aus zwey Sopranen, Alt und Bass. Die Harmonie geht nur zweymal drittehalb Oktaven auf dem tiefen B im Basse aus einander, bey 'gratias agens' und 'in meam commemorationem.'"
"Der Hauptton ist G moll."
"Der Name Jesus wird durch die Harmonie meisterlich herausgehoben; Dominus ist im Accord C dur, Je in B dur und fallt durch eine Kadenz in F dur. Und im ersten Chor sogleich von Dominus in F dur, Je in Es dur, und die Sylbe sus in B dur. Diess scheint Kleinigkeit, ist aber bey der Auffuhrung von der grossten Wirkung, und stellt das Gefuhl der Glaubigen dar. Es ist gerade dasselbe, als wenn der Prediger auf der Kanzel bey dem Namen sein Kappchen abnimmt."
"Bey Accepit panem, et gratias agens, winden sich beyde Chore wie im Taumel achtstimmig voll Kunst durch einander. Accipite et manducate: hoc est corpus meum; ist am oftesten wiederhohlt, und vortreflich ausgefuhrt durch die schonsten Verflechtungen."
"Hoc facite in meam commemorationem, wird mit aller Pracht ausgefuhrt in C dur, F dur, B dur, F dur, C dur, G moll, D dur, und G dur."
"Ich habe diese Musik in der Peterskirche zu Rom auffuhren horen. Die Kapelle sass in einem Gegitter, und man konnte keinen Sanger sehen. Die Harmonie ward dadurch noch mehr zu einem Ganzen; welches in seinen Windungen und gleichsam verwirrtem Dialog von Choren das Geheimnissvolle der Handlung, und die Gefuhle glaubiger Christen dabey vortreflich darstellt. Jeder Chor scheint ein Ganzes fur sich zu machen; das Zusammenpassen und Schmelzen ist eben die grosse Kunst bey so vielstimmigen Sachen." Die Probe des Miserere ging gut genug, so dass keine mehr nothig war; und in das kleine Werk von P a l e s t r i n a studirten sie sich bald ein. Freytag Morgens, es war Mittewoch, sollte noch einmal eine Probe von allem gehalten werden.
Darauf machte L o c k m a n n einen Strich ins Feld
hinein, ergotzte sich an der Fruchtbarkeit und Schonheit des Landes, sah auf den Hohen von fern den Vater Rhein wie einen breiten Lichtstrom prachtig vom Himmel hernieder blinken; und pries sich glucklich, in dieser herrlichen Gegend zu leben. Dazwischen war aber immer sein geheimes heftiges Verlangen H i l d e g a r d ; doch konnt' er noch nichts Klares daruber in seinem Kopf hervorbringen. Er hatte den Tag Bewegung genug gehabt, und ging, als schon die Lyra uber ihm durch das blaue Heiter der Luft glanzte, nach Hause, um gut zu essen, zu trinken und zu schlafen.
Den folgenden Morgen war die Sonne so eben uber das Gebirg' empor, als ihn ihr starkes Licht weckte. Das Fernrohr fiel ihm ins Auge, und mit einem Sprung hatte er es in der Hand, das Fenster offen, und schaute. Er konnte an den Linden Stamm und Zweig und jedes Blatt unterscheiden, als ob er sie auf wenig Schritte vor sich hatte; sah ein klares und helles Bachlein zwischen Blumen auf grunem Rasen darunter weg in die Wasservertiefung rinnen, und entdeckte endlich hinten in der Dammerung erhoben eine Quelle, in schoner Rundung eingefasst. Der Garten war lauter Fruhling, Paradies und Reiz; aber das Schonste darin erschien nicht. H i l d e g a r d hatte vorgestern, als sie sich wieder ankleidete, zu spat mit ihrem scharfen Blick in die Ferne, ihn wie etwas Weisses und Buntes noch im Fenster des hohen Schlosses gesehen; wusste aber nicht, wer und was es war; und, wenn es ein Mann war, ob er sie vielleicht mochte beobachtet haben; und wahlte nun, wenn sie sich zuweilen baden wollte, die Stunden der Nacht. Gestern, um dieselbe Zeit, ging sie desswegen im Garten spaziren, und betrachtete mit einem kleinen Fernglas die Fenster dieser Seite im dritten Stocke des Schlosses, von welchem allein die Wasservertiefung uber die hohe Mauer und zwischen den Baumen konnte gesehen werden. Da sie nichts bemerkte, so war sie ohne Sorge, blieb aber doch bey ihrem Entschluss.
Einige Stunden darauf kam ein Bedienter, und lud ihn, im Namen der Mutter, des Sohns, und der Tochter v o n H o h e n t h a l , zum Mittagsessen ein. Er wollte um drey Uhr, die bestimmte Zeit, gehorsamst aufwarten. Dieses setzte sein ganzes Innres und seine Einbildungskraft heftig in Bewegung, und er ging hastig in seinem Zimmer auf und nieder.
H i l d e g a r d herrschte zu Hause, und that, was sie wollte; obgleich voll kindlicher Ehrerbietung und des zartlichsten Gehorsams gegen ihre Mutter. Diese folgte ihr in allem; sie war aus einer Menge Proben uberzeugt von der klugen Auffuhrung, Einsicht und Menschenkenntniss ihrer Tochter. H i l d e g a r d hatte schon manchem jungen Herrn in London und zu Spaa den Kopf verruckt, sich selbst aber nie bethoren lassen; und war jederzeit den gefahrlichen Gelegenheiten schlau und fein ausgewichen. Sie trieb ihr obgleich muthwilliges doch unschuldiges Spiel immer nur bis auf einen gewissen Punkt, uber dessen Grenze sie bisher nichts verleiten konnte. Die Worter, Phrasen und Dithyramben von ihrer Schonheit, ihren Talenten und Vollkommenheiten, von Grausamkeit, Kalte, Eis, Fluchtigkeit der Jugend horte sie bald nur zum blossen Zeitvertreib. Da sie London uberstanden hatte, so konnte bey der Deutschen Redlichkeit fast keine Verfuhrung mehr fur sie moglich seyn.
Sie war der Augapfel ihres vortreflichen Vaters, seine Hauptfreude und Sorge gewesen, und ihre Erziehung in allen Punkten reiflich uberlegt worden; was sie jedoch unnothig machte, da sie, gerade so wie er wollte und wunschte, sich fast ganzlich aus sich selbst bildete, und nur die besten Meister zum Unterricht, und die vorzuglichsten Personen besonders ihres Geschlechts zum Umgang erfordert wurden.
Das Gluck begunstigte sie in allem. Schon als Kind war sie uber Falschheit, Verstellung, Verratherey, Neid und Bosheit bey den Menschenpflanzen, ihren Gespielinnen und Gespielen, ohne grossen Schaden klug geworden; und hatte an die ersten aller Tugenden: Schweigen, und fur sich zu bestehen, Bescheidenheit und gerechte Wurdigung eines Jeden; und was auf die Dauer gefallen und missfallen muss, ihr Herz, ihre lebhaften Sinnen und immer klare heitre Seele fruh gewohnt.
Nur ein schlimmer Zug war in England bey den Wettrennen und grossen Spielen ihrem edlen Charakter gleichsam angeflogen; und dieser bestand darin, dass sie es zuweilen wagte, eine Summe, die sie jedoch aus ihrer Sparbuchse und von ihrem Taschengelde musste entbehren konnen, auf ein Kartenblatt zu setzen. Das letztemal, als sie kurze Zeit mit ihrem Vater zu Spaa sich aufhielt, hatte sie unvermerkt im Pharao an die tausend Louisd'or gewonnen.
Ihr Vater, der davon erfuhr, und dem sie aus Furcht nicht die Halfte angab, machte ihr zum erstenmal die bittersten Vorwurfe daruber. Er stellte ihr die entsetzlichen Folgen, die daraus entstehen konnten, zum Theil noch unter Augen, mit den schrecklichsten Beyspielen vor. Sie vergoss heisse Thranen bey der harten Strafpredigt, fiel vor ihm nieder, betheuerte und schwur: sie sey von einer guten Freundin gereizt und verleitet worden, und werde es nie wieder thun. "Diess verlang' ich nicht," sagte der strenge, doch zartliche Vater; "ich habe die Hofnung und das Zutrauen zu deinem guten Verstande, dass es in Zukunft allezeit dein eigner freyer Wille seyn wird, dich nie in ein solches Spiel zu mischen, wo ein blindes Ungefahr den Ausschlag giebt, die Bank offenbar den Vortheil hat, und nur zu oft Betrugerey obwaltet, die mit einigen glucklichen Fallen zur Leidenschaft hinreisst."
Inzwischen liess er ihr das gewonnene Geld, war aber was ihr in der Seele weh that auf der Reise nach London nicht mehr so gutherzig und freundlich; und starb dort bald darauf.
Ihre Hauptleidenschaft war Gesang und Musik, und lyrische und dramatische Poesie dafur; diese uberwog bey ihr alles andre.
Als L o c k m a n n am Hause schellte, fing ihm das Herz starker an zu klopfen. Diese Bekanntschaft schien ihm schnell und plotzlich eine neue volle sprudelnde Quelle in sein Leben zu werden. Das Innre der Wohnung traf er so reinlich an, alles so schon angelegt, die Zimmer meistens mit kostbarem Englischen Hausrath versehen, zum Theil mit Gemahlden und Kupferstichen behangen, und alles mit so viel Geschmack eingerichtet, dass es ihn ergotzte und aufheiterte.
Als er in das Besuchzimmer eingefuhrt wurde, fand er da die Frau v o n H o h e n t h a l mit ihrem S o h n , dessen H o f m e i s t e r , und einem jungen schonen klug aussehenden Weibchen, welches sie ihm als Frau v o n L u p f e n bekannt machte. Sie waren alle gleich um ihn, und empfingen ihn hoflich und herzlich; besonders freute sich Frau v o n L u p f e n und der S o h n fur den Sommer auf seine Gesellschaft.
H i l d e g a r d kam bald nachher in einem Kleide von gruner Seide, das Haar leicht gelegt und gelockt, und brachte in einem Korbchen voll Blumen den schonsten Fruhling zur Tischverzierung; redete ihn traulich an und sagte: "Wir werden Sie haben ein paar Stunden fasten lassen; und doch geben wir schon eine Stunde von London nach. Nachstens wollen wir wieder gute Deutschen seyn. Zwar assen die klassischen Nazionen, wie Herr F e y e r a b e n d sagt, (so hiess der Hofmeister) die Griechen und Romer, noch spater, als die Englander."
"Gewiss, versetzte L o c k m a n n , gewinnt man bey uns desto mehr brauchbare Zeit, je spater man isst. Jedoch scheint mir die neuere Lebensart der Italianer viel naturlicher fur ihr Klima. In der grossten Hitze von zwolf bis vier Uhr ist man, besonders in Rom und Neapel, und noch weiter gegen Suden, nicht wohl zur Arbeit fahig; und schlaft da sehr vernunftig."
"Wahrscheinlich, fugte H i l d e g a r d hinzu, ist das spate Essen der Alten auch nur vom Winter und den angrenzenden Jahrszeiten zu verstehen, wo die gutliche Mittagswarme Korper und Geist den besten Ton gab zu handeln. Und so sollten auch wir uns nach den Jahrszeiten richten, der Natur gemass leben, und bald fruher, bald spater essen; immer aber in den nordlichen Gegenden, dunkt mich, die Hauptmahlzeit zu Abend halten: denn was bleibt uns sonst wahrend des Winters, besonders in Schottland, Danemark und Schweden, vom Tag ubrig? Und Sie, Herr F e y e r a b e n d , mussen diese Meinung, die zu Ihrem Namen passt, mit mir behaupten. Aber zu Tische, zu Tische!"
Anfangs wurde nur gegessen, wenig oder nichts gesprochen, und die Blicke spielten gefallig um einander. Die Speisen, das Beste der Jahrszeit, waren schmackhaft zubereitet, kraftig und einfach. H i l d e g a r d legte vor, und besorgte alles.
Das Essen war fur L o c k m a n n das Geringste; er liess sich besser, doch massig, einen kostlichen Markbrunner schmecken, und weidete seine Augen an den herrlichen Verzierungen des Speisesaals, welcher in der schonsten Grosse und Proporzion, die Hohe gerade die Halfte der Lange und Breite, erbauet war und die angenehme Aussicht in den Garten hatte.
An der grossen Wand hing die Hochzeit von Kanaan, die Figuren in Lebensgrosse, lebendig in schonen erfreulichen Gestalten und voll Kleiderpracht, aus der Venezianischen Schule; an den Seitenwanden zwey Seestucke von V e r n e t : ein wuthender Sturm; und das zweyte die Brandung der Wogen am Ufer nach demselben. Die Kunst kam in beyden der Natur ausserst nahe; er glaubte das Rauschen des unbandigen schaumenden Wellenschlags zu horen, und sah die ungeheure Tiefe im grunlichen Seewasser. Die Lufte glichen der Wirklichkeit. Alles war mit einem festen sichern Feuerblick aufgefasst, und mit geubter Meisterhand fertig hingemahlt.
Er hatte das Beste der Mahlerey mit Ueberlegung fast durch ganz Italien gesehen; und erkannte gleich diese zwey Stucke fur unschatzbare Kopien der zwey vortreflichsten Seestucke zu Rom von dem Niederlander B a c k h u i s e n im Pallast Colonna.
Nach allerley kleinen komischen und witzigen Nek
kereyen zwischen der Frau v o n L u p f e n , H i l d e g a r d , und ihrem B r u d e r , wobey Personliches und Hausliches mit unterlief, kam das Gesprach bald auf Italien, wohin die Mutter die letzte Reise mit ihrem Gemahl gemacht hatte. Sie erzahlte interessante Anekdoten von dortigen Hofen, charakterisirte einige der vortreflichsten Menschen beyderley Geschlechts, die sie hatte kennen lernen, hochst lehrreich fur ihre Kinder; kam dann, bey den Vergnugungen der Gesellschaften, auch auf die Musik, und ruhmte den starken einfachen Ausdruck der Sanger und Sangerinnen, die sie gehort hatte, als den G u a d a g n i , C a f f a r e l l i , die A g u j a r i und die noch sehr junge G a b r i e l i . Die Action, und was man in Gesellschaften den guten Ton nennt, der zuweilen bis zum Witz und zur Persiflage ging, bewunderte sie im Vortrag der letztern vorzuglich; und glaubte, dass sie dadurch einen nicht geringen Theil ihres Ruhms eingearntet habe.
L o c k m a n n erwiederte: "Gewohnlich fehlt es in
Italien den Sangern entweder an Action, oder den Acteurs an Stimme; und selten findet man beydes zusammen. Ueberhaupt ist jetzt die Musik dort fast nur Mode geworden; man will immer neue Manieren, Floskeln, und der grosse Haufe mag uber das Ganze eines Stucks nicht nachdenken. Desswegen sind die heutigen Opern der Italianer meistens im Grossen auch nicht viel werth. Das Publikum, und dann die Sanger sind Schuld daran; die Meister mussen schreiben, wie diese wollen. Zehn Tone nach einander schnell weg sind leichter zu singen, als ein einziger von Gewicht, der so lange, wie sie alle, dauert, in Geschmeidigkeit, Starke, Schonheit. Wer eine schwache Stimme hat, oder durch die Fistel singt, sucht diese neuen Manieren, Laufe, uberraschenden Sprunge. Wenn wir wieder die grossen Sanger haben, so wird auch das Vortrefliche, wenn ich mich so ausdrucken darf, der antiken Musik wieder aufleben."
"Gewiss hat T r a e t t a seine schonsten Scenen grossentheils der G a b r i e l i zu verdanken. Ohne sie wurd' er die erhabnen Melodien: O di tranquilla pace amabil sede, ascolta, o sacro tempio, i voti miei; Dove mi guidi, o Dio! Ombra cara, che t'aggiri; und die ganze gottliche Oper Antigona nicht hervorgebracht haben. Solche vortrefliche Sangerinnen und Sanger sind dem Tonkunstler eben das, was P h r y n e dem P r a x i t e l e s , und die K a m p a s p e des A l e x a n d e r , in jeder Rucksicht eines Helden, dem A p e l l e s waren."
"Ihre geschmackvolle Bemerkung, gnadige Frau, bringt mich darauf, hier ein Wort daruber zu sagen, worin ich glaube, dass die Vollkommenheit der Sanger und Sangerinnen, oder uberhaupt der Meister, die fur die dramatische Kunst arbeiten, bestehe."
"Zu den vortreflichen gehort wesentlich dreyerley: Genie; Kunst; und Welt, oder Kenntniss der ersten Menschen ihrer Zeit."
"Erstens Genie. Der Meister muss sich in den Charakter seiner Personen und deren Leidenschaften versetzen konnen, und diess mit Tonen ausdrucken."
"Zweytens Kunst. Es muss den ganzen Umfang der Harmonie, der Kehlen und Instrumente kennen."
"Drittens Welt. Er muss wissen, was schicklich, guter Ton und Vortrag ist."
"Es giebt vielleicht keinen, oder doch nur wenige, die in allen diesen drey Stucken gleich vollkommen sind."
"Selbst bey unserm G l u c k kommt zuweilen der Pedant und der Wilde zum Vorschein. Bey J o m e l l i oft der Pedant, oder Musikmeister. P i c c i n i , S a c c h i n i , S a r t i , P a e s i e l l o haben viel Welt; aber es fehlt ihnen oft bald an Genie, bald an Kunst."
"Uebrigens kenn' ich kein gluckseligeres Leben, setzte er hinzu, als mit so erstaunlichen Vorzugen, wie die G a b r i e l i , auf den ersten Theatern von Europa die Herzen, Ohren und Augen zu entzucken, zu glanzen, und auch nur die kurze Spanne ihrer Jugend so bewundert zu werden."
Das Herz hupfte H i l d e g a r d e n im Leibe bey diesen Worten; die jungen Spharen hoben machtiger das Gewand auf und nieder, und ihre schonen grossen Augen strahlten ein hellbrennendes susses Licht.
Auch L o c k m a n n sass heiter; Leben und Seele gluhte in ihm, und er dunkte sich zum Halbgott im Olymp aufgenommen, als sie ihm gegen Ende der Mahlzeit einen feurigen lieblichen Syrakuser mit zarter Hand einschenkte, darauf den Andern, und sich selbst ein Spitzglaschen voll goss, anstiess, und scherzend sagte: "Neapel und die Musen! mir bald dahin eine gluckliche Reise!"
Nach dem Lobe dieser anmuthigsten Stadt und Gegend von Europa, und nach andern Reden, wobey das Gesprach allgemeiner und lebhafter wurde, stand man auf und ging in den Garten, um unter den Linden den Kaffee zu trinken.
L o c k m a n n bewunderte die schonen Anlagen, bequemen Spaziergange, und auserlesenen Pflanzen, Blumen, Stauden und Baume; besonders aber den himmlischen Platz der alten Linden um die klare frische volle Quelle, wovon der kleine Bach in die Wasservertiefung rann. Die angenehmsten Aussichten, welche die Gegend darbot, waren sowohl im Hause, als im Garten mit Kennerblick benutzt.
Der junge H o h e n t h a l erzahlte, wie sein Vater den ganzen Raum dazu, der Quelle, der alten Linden und der Anhohe wegen, von verschiednen Besitzern zusammengekauft habe; und beruhrte dessen Grundsatze in Anlegung desselben.
"Ein Garten, fuhr er fort, ist das Pflanzenreich im Dienste des Menschen."
"Die Englander schwarmen, wenn sie in ihren Garten die Natur haben wollen, wie sie ist, sich selbst uberlassen. Die Anarchie kann hier eben so wenig statt finden, als in der burgerlichen Gesellschaft. R i c h a r d s o n affektirt so die Natur in seinen Romanen, und wird unertraglich langweilig."
L o c k m a n n erwiederte: "Sie haben Recht; alle Kunst geht auf Zweck fur Menschen."
F r a u v o n L u p f e n . Die Franzosen in ihren alten Garten waren Tyrannen, und machten die Baume zu Kruppeln, oder schnitten sie in alberne Figuren. H i r s c h f e l d ist jedoch komisch, wenn er Alleen so haben will, wie die Baume in Waldern wachsen.
H o h e n t h a l . Die Natur im Dienst des Menschen braucht nie zur Unnatur zu werden.
F e y e r a b e n d . Die S c i p i o n e n waren edel, gross und herrlich, erhabne Menschen, und dienten doch dem Romischen Volke; S u l l y H e i n r i c h dem Vierten; Turenne Ludwigen; S c h w e r i n und W i n t e r f e l d und Z i e t e n dem grossen Konig F r i e d e r i c h . Man kann aber gleich an einem grossen Garten sehen, ob der Besitzer ein M a r k A u r e l , ein Tyrann, oder blosser Affe ist.
Frau v o n L u p f e n . Man muss die Natur nehmen, so wie man sie vor sich hat; und dann zum Nutzen und Vergnugen treflicher Menschen verschonern und brauchen.
L o c k m a n n . Alpen und Genferseen, und die prachtigen Wasserfalle der Schweiz wird man dieser wohl lassen mussen; und so Rom seine Wasserleitungen, Tempel, Theater und Amphitheater in Trummern. Ueberhaupt ergotzt das Spiel auch noch so gut nachgemachter Ruinen nur wenige Tage und Stunden. Die Evidenz des Unnaturlichen und Unzweckmassigen ist fur Verstand und Sinn zu auffallend.
H o h e n t h a l . Aber nichts desto weniger kann man Bache rauschen lassen, wo sie von Natur nicht rauschen; Brunnen springen lassen, um die Luft zu erfrischen, ohne Issland gesehen zu haben, wo die Quellen von selbst so ungeheuer hoch springen sollen; und die Pfirsich- und Aprikosenbaume an die Wande ziehen und pfropfen, um kostlichere Fruchte zu erhalten. Auch das erhebt den Menschen, dass die Natur ihm dienen muss, und ist gar kein schlecht Gefuhl; wenn er nur ein guter und verstandiger Herr ist.
H i l d e g a r d schwieg zu diesem allen, um ihr Geheimniss nicht zu verrathen; namlich alle Kunst und Feinheit so viel wie moglich zu verbergen.
Sie sonderte sich unvermerkt mit dem jungen Meister von der Gesellschaft ab, wandelte mit ihm durch die schattigsten Gange, und liess sich in ein trauliches Gesprach ein. Frau v o n L u p f e n , sagte sie, sey ihre Gespielin von Kindheit an gewesen; und noch ihre beste Freundin, von vortreflichem erprobten Charakter. Ihr Gemahl, hiesiger Oberjagermeister, habe sie vor einem Jahre geheurathet; sie ware vor kurzem aus dem Kindbette von einem reichen Gut in Schwaben zuruckgekommen. Unglucklicher Weise habe sie dabey ihre schone Stimme fast ganzlich verloren, da sie vorher eine der besten Sangerinnen gewesen sey. Nichts desto weniger aber liebe sie noch die Musik mit Enthusiasmus, und errege Bewunderung auf dem Klaviere; spiele die schwersten Sachen von den B a c h e n , M o z a r t , S t e r k e l und C l e m e n t i mit einer seltnen Fertigkeit, und habe sehnlichst gewunscht, mit ihm bekannt zu werden.
F e y e r a b e n d sey stark in der Griechischen und Romischen Litteratur, mache artige Deutsche Gedichte, vertiefe sich zugleich in die Philosophie, habe viel Herzensgute, eine wesentliche Eigenschaft fur seinen Stand, und nichts von Schulmeisterdunkel.
Dann sah sie ihn nach einer Pause von etwa hundert Schritten mit schuchternem freundlichen Blick an, und sagte: "Wenn Ihre Geschafte gestatten, die Woche wenigstens einmal zu uns zu kommen, um mir von Ihren Schatzen aus Italien etwas mitzutheilen, und ich einiges Unterrichts von einem so grossen Meister nicht unwurdig bin; so werden Sie von meiner Mutter und mir, jedoch ohne die geringste Zudringlichkeit, darum ersucht. Mein Bruder spielt ziemlich fertig die Geige, Herr F e y e r a b e n d die Bratsche; Sie konnten vielleicht manchen Abend, wo Sie nichts Besseres thun wollen, gesellschaftlich diesen Sommer bey uns zubringen."
L o c k m a n n antwortete: "Sie kommen meinem eifrigsten Wunsche, seitdem ich Sie sah und horte, zuvor; nicht, um Ihnen Unterricht zu geben, sondern an Ihren Vollkommenheiten zu lernen und zu studiren. Hatte mir die Natur nur einige Funken von der schopferischen Kraft eines H a n d e l , L e o und J o m e l l i verliehen, welche Schonheiten und Reize, welchen Reichthum fande ich da nicht fur meine Kunst! Noch nichts auf der Welt, weder in Deutschland, noch in Italien, hat mich nur einigermaassen so zur Verehrung und Anbetung hingezogen."
Gewiss that ihr diess von dem holden jungen Mann in ihrem Innern wohl. Sie nahm es aber, jedoch mit einer wie plotzlich entstehenden und wieder verschwindenden leichten Bewegung, einer Art von Ruhrung des schonen geistreichen Kopfes, bloss als hofliche Gefalligkeit auf; und versetzte, indem sie nicht weit von sich die L u p f e n mit ihrer Mutter erblickte: "Wenn Sie Lust haben, so gehen wir gleich auf unsern Musiksaal."
"Mit Freuden!" war die Antwort.
Die Gesellschaft vereinigte sich wieder, und nahm den Weg dahin.
Im Saale, welcher schon ausgetafelt zur reinen Verstarkung des Tons fast eben so eingerichtet war, wie L o c k m a n n in Florenz N a r d i n i ' s Zimmer gesehen hatte, stand eins der schonsten Englischen Pianoforten, und, was ihn sehr freute, mit Pedal.
Er setzte sich gleich daran; probirte erst die einzelnen Tone und Tasten; that einige Griffe, machte Lauft mit beyden Handen, dann uberraschende Gange von Harmonie, und brauchte dabey wie ein geubter treflicher Organist das Pedal; pries das ganze Instrument sehr, vorzuglich aber zur Begleitung, ruhmte den Ton und die Gleichheit. Alle aber kamen darin uberein, dass die Klavierinstrumente von dem Augsburger S t e i n angenehmer wegen Beziehung und Proporzion der Saiten, Leichtigkeit des Anschlags und des Spiels uber die Tasten waren.
Nur die Stimmung billigte L o c k m a n n nicht so ganz. Er meinte: es sollte in der gleichschwebenden Temperatur gestimmt seyn. Jedoch sey diess das Ungluckliche von dem Instrument uberhaupt, und die grossten Meister waren hieruber noch nicht einig. Jeder Klavierspieler sollte billig sein Instrument leicht selbst stimmen konnen.
Frau v o n L u p f e n bat ihn instandig desswegen um Unterricht.
Er fuhr fort.
"Wenn der Klavierspieler ein achter Freund der Musik ist, und reine Begriffe und Empfindungen liebt, so muss es ihm den angenehmsten Zeitvertreib gewahren; besonders wenn er an einem vortreflichen Instrumente sitzt, nachher die Tone mit fertiger Kunst und glucklicher Phantasie zusammengreifen, und ihre Wirkung in Melodie und Harmonie versuchen kann. Mit je mehr Lust und Liebe er es thut, desto tiefer wird er in die geheimste Wissenschaft, gleichsam die erste Schopfung der Musik, eindringen."
"Nehmen wir hier den harten Dreyklang von C. Die Quinte ist ein wenig zu niedrig, und die Terz E zu hoch; obgleich vielleicht treflich abgemessen nach der gleichschwebenden Temperatur."
"Jetzt hab' ich die Quinte und grosse Terz vollkommen rein gestimmt, wie sie die Natur schon selbst angiebt auf der tiefen Saite. Gewiss hat der Accord einen andern Ausdruck, und die hochste Reinheit vollkommner Existenz lebt und regt sich, wie ein A l k i b i a d e s , eine P h r y n e aus dem Bade nur je dem Auge konnte, fur ein zartes Ohr in der Luft."
"Wir konnen nicht alle Accorde so rein stimmen, weil es mit der Anzahl von zwolf Tonen nicht moglich ist in einer Oktave auf dem Klavier, und weil derselbe Ton, wie ihn die Reihe trift, alle Konsonanzen und Dissonanzen machen muss."
"Um Ihnen dieses deutlich fur den Sinn des Auges vorzustellen, wunscht' ich ein Monochord zu haben. Doch wenig Zahlen und Beschreibung sind fur den Verstand schon genug."
"Wenn man auf dem Monochord eine Saite von vier oder funf Fuss zum Beyspiel so spannt, dass der Ton das so genannte ungestrichene C entsteht, und ich einen Steg gerad' unter die Halfte derselben stelle: so giebt jede Halfte den Ton des eingestrichnen C, folglich die Oktave; und diese verhalt sich also genau wie 1 zu 2."
"Bringt man einen andern Steg unter den vollkommen richtig gemessenen dritten Theil der Saite: so giebt dieser den Ton des eingestrichnen G, oder die reine Quinte zu dem eingestrichnen C. Diese verhalt sich also wieder genau zu diesem C wie 2 zu 3."
"Bringt man einen dritten Steg unter den vierten Theil: so erhalt man die Quart F zu C; und diese verhalt sich wie 3 zu 4."
"Die grosse Terz verhalt sich wie 4 zu 5; die kleine Terz wie 5 zu 6."
"Durch gehorige Mittel hat man dem Auge sichtbar gemacht, dass der Ton durch Schwingung elastischer Korper entsteht, die dem zarten Elemente der Luft eine gleichformige Bewegung mittheilen, und dass die Zahl der Schwingungen sich gerade verhalt, wie die angegebnen Langen."
"Drey grosse Terzen, als C E, E Gis, Gis His (= C) mussen auf unserm Klavier gerade eine Oktave ausmachen. Wenn sie aber rein sind, wie das Ohr und ihr Verhaltniss sie erheischen: so fehlen zur Oktave drey Vierundsechzigtheile, wie in Zahlen leicht zu sehen ist; Und vier kleine Terzen, als C Es (Dis), Dis Fis, Fis A, A C auch genau eine Oktave. Wenn sie fur das Ohr und nach Verhaltniss gestimmt sind, so ubersteigen sie dieselbe; "Der Fortschritt von zwolf Quinten, woraus alle Accorde unsers musikalischen Systems entstehen, muss gleichfalls eine reine Oktave ausmachen. Wenn sie aber alle rein sind: so kommt ein Abstand hervor in dem Verhaltniss von 531441 zu 524288."
"So beschwerlich diess fur die Polizey der eingefuhrten Ordnung unsrer neuen Harmonie ist: so muss Sinn und Verstand, von dem erhabnen Trieb alles Lebendigen, nirgendwo stehen zu bleiben, doch dabey zur Bewunderung hingerissen werden. Die Quinten der Natur gleichen den Monaten der Sonne; sie lauft in einem Jahre immer etwas weiter, als die zwolf Gestirne des Thierkreises. Alles Wesen strebt ewig fort nach dem Unendlichen."
"Um diese Kinder der Natur, die reinen Quinten, grossen und kleinen Terzen, nach dem schlechterdings nothwendigen burgerlichen Gesetz unsrer Kirchen, Theater und Konzertsale zu modeln und zu erziehen: haben Philosophen und Meister der Kunst verschiedne Methoden angegeben; und die der gleichschwebenden Temperatur hat so ziemlich die Oberhand gewonnen. Man hat in der Verzweiflung den Knoten aufgehauen, nicht gelost, und alles muss in das Bett des P r o k r u s t e s passen. Man theilte die Oktave mit dem Maassstab in zwolf halbe vollkommen gleiche Tone ein; und die reinen Quinten, grossen Terzen, kleinen Terzen und Sexten in Kehlen und Instrumenten mogen sehen, wie sie sich dazu fugen. Mit dem Unkraut, den Dissonanzen, macht man vollends gar keine Umstande. Kein Accord ist mehr oder weniger als der andre. Die verworfnen Bosewichter Ges dur und Es moll treten so heiter und sanft einher, wie Unschuld, Friede und zartliche Ruhrung in C dur und A moll."
"Fur unsre neueste Musik, wo man anfangt, alle Charakter zu vermischen, und in demselben Stuck, besonders mit blossen Instrumenten, um neu zu thun, die Kreuz und die Quer in alle vier und zwanzig Tonarten ausschweift, mag es gut seyn. Keine Quinte ist vollkommen rein, alle etwas zu niedrig; alle grosse Terzen sind etwas zu gross, und alle kleinen etwas zu klein. Die susse kleine Septime hat gerade dasselbe Verhaltniss, wie der herbe Schmerz der ubermassigen Sexte. Wer ein zartes Gefuhl fur Schonheit in ihrer ganzen Reinheit hat, mochte wohl den geringen Umfang der Kunst beym P y t h a g o r a s oder P l a t o zuruck wunschen, und sich an der Melodie von wenig reinen Quinten, Quarten, Terzen in dem abwechselnden mannigfaltigen Takt der Griechischen lyrischen Versarten einer S a p p h o , eines A l k a i o s und S o p h o k l e s , und dem einfachen Nachklang der Harmonie eines Barbitons, einer antiken Guitarra, begnugen."
"Das Ohr ist gewiss unser richtigster Sinn; und selbst das Gefuhl, welches man bisher fur den untruglichsten gehalten hat, bildet sich nach ihm. Das geubteste Aug' eines Mahlers und Messkunstlers ist bey weitem nicht im Stande, nur so die leichten Verhaltnisse der Halften, Drittel, Viertel, Funftel und Sechstel einer Linie, irgend einer Lange und Grosse in Wirklichkeit auf ein Haar zu treffen; geschweige die schweren Verhaltnisse, welche die nach dem Gehore lange geubten Fingerkoppen eines T a r t i n i , P u g n a n i , L o l l i , K r a m e r , V i o t t i in verwegnen Sprungen, Laufen, Uebergangen zum Erstaunen der Kenner auf ihrer Geige, dem vollkommensten unter allen Instrumenten, richtig greifen. Desswegen sind die Taubgebornen auch um so vieles trauriger und unglucklicher, als die Blinden, weil sie den Hauptsinn des Verstandes, der die andern zur Richtigkeit gewohnt, nicht haben; und so giebt die Musik unter allen Kunsten der Seele den hellsten und frischesten Genuss3."
"Wahrscheinlich ubertrift das Ohr des Menschen an feiner und mannigfaltiger Aufnehmung und Unterscheidung der Tone auch das Ohr aller andern Thiere. Mich dunkt, schon die Menge der Sprachen allein ware hinlanglicher Beweis. So wie der vortrefliche Lehrmeister des Gefuhls, ist es noch Lehrmeister der Zunge und der Kehle. Ein vollkommen zartes, festes, reines, und noch mehr, ausgebildetes Gehor ist freylich auch eben so selten, wie alle hohe Schonheit; und durch bose Gewohnheiten kann man diesen gottlichen Sinn sehr verderben. Wer ihn aber nicht einigermaassen in Vortreflichkeit hat, soll sich nicht mit Gesang und Instrumenten plagen, wo er nothwendig entscheidet."
"Doch ich muss um Vergebung bitten, dass ich Ihre Geduld ermude."
Alle betheuerten, dass sie keine angenehmere Unterhaltung haben konnten. H i l d e g a r d erwartete ihn bey seiner Methode, das Klavier zu stimmen, und war aus mehrern Grunden schon fur die gleichschwebende Temperatur entschieden. Sie sagte: "Es freut mich innig, dass Sie sogleich das wahre Wesen unserm Geist vorhalten. Ohne strenge Untersuchung der ersten Elemente dieser hohen Kunst kann man zu keiner Sicherheit darin gelangen."
Er fing aufs neue an.
"Die gleichschwebende Temperatur gefallt, weil sie einige stolze, hoch daher fahrende, grelle grosse Terzen, einige schlaffe Quinten und ungluckliche kleine Terzen nicht hat, und alles bey ihr galant und gewandt ist. Dafur fehlt ihr aber auch die vollkommne Schonheit, und der mannigfaltige Ausdruck."
"Wenn man das Klavier nach Quinten stimmt: so ist sie mit blossem Gehor schwerlich vollkommen zu erhalten; man muss ein Zwolftel Ueberschuss von 524288 zu 531441, um wie viel zwolf Quinten die Oktave uberschreiten, jeder gerade abnehmen; und das Verhaltniss einer solchen temperirten Quinte ist selbst nicht leicht fur die Rechnung."
"Die beste Methode dazu, wenn man kein dafur berechnetes Monochord hat, dunkt mich: man bringt furs erste die drey grossen Terzen C E, E Gis, Gis His (= C) so gleich getheilt wie moglich in die Oktave. Dann stimme man zu C die Quinte G ein wenig schwebend, und zu G eben so die Quinte D. Zwischen diese nun rein gestimmten Tone C D E theile man die zwey halben Tone Cis (nach der schon gefundnen Quinte Gis) und Dis nach G und C ein; und wenn dieses geschehen ist: bringe man die neun grossen Terzen von Cis, D und Dis, von jedem Tone drey, eben so wie bey C, in ihre Oktaven; und man hat ausserst geschwind, und so gut, als mit blossem Gehor moglich ist, die ganze gleichschwebende Temperatur. Die grossen Terzen sind die Probe derselben: die Quinten entstehen von selbst zahm, und man braucht sie nicht erst mit vieler, oft vergeblicher Muhe, wo sie zuweilen gar ubermassig werden, gleich wilden Fullen zu bandigen."
"Die andern Arten von Temperatur unterscheiden sich, nachdem man mehr oder weniger vollkommen reine Quinten, vollkommen reine grosse und kleine Terzen erhalt, und nach den Accorden, in welche man sie bringt."
"Die Mitte der gesammten Anzahl von Tonen, welche das menschliche Ohr bestimmt zu fassen vermag, ist das eingestrichne C. Bey diesem hat man die Grenze der Diskantstimme angenommen; weil sie bey mannbaren Jungfrauen und unschuldigen Junglingen wirklich so weit reicht."
"Wer Musik treibt und versteht, hat seine Wissenschaft nach unserm Notensystem von C dur angefangen. Von diesem Tone steigen wir durch Quinten in die Hohe und in die Tiefe weiter zu andern. Die Tonleiter C dur bleibt uns also gleichsam Stand der Natur; jungfrauliche Keuschheit und Reinheit, holde Unschuld des Junglings, patriarchalisches Leben, goldnes Zeitalter."
"Dieses C im Kammerton, eingestrichen, macht also den Mittelpunkt der ganzen musikalischen Sphare aus. Das reife Leben im Jungling und Madchen erreicht diese Grenze. Die folgenden Stufen des menschlichen Alters treten beym Mann auch in der Musik tiefer. Die Erfinder der Noten, welche unser musikalisches System anlegten, haben nach der Natur den ersten harten Dreyklang mit ihm angefangen."
"Das Klavier, das herrschende Instrument in der Harmonie, ist ganz darnach eingerichtet. C ist der Ton, nach welchem wir alle andern messen, und mit welchem alle andern in Kontrast stehen."
"Die Quinte davon, G, ist gleichsam die erste Stufe uber dem Stande der Natur; D die zweyte; A die dritte; E die vierte."
"Bis dahin konnen wir steigen; der Ausgang und Kontrast von C ist noch sehr merklich; E ist die grosse schone Terz davon. Wir geben desswegen dem E dur den Charakter himmlisch. Er ist das Hochste, wohin die schone Natur steigt. Im H dur verschwindet schon der Stand der Natur einigermaassen; und noch mehr in Fis dur, das vollig gekunstelt ist."
"Das namliche Verhaltniss herrscht beym Niedersteigen. F dur ist, wenn ich mich so ausdrucken darf, schon um einen Grad besonnener, als das junge frohe Leben im C dur. B dur hat gleichsam die Wurde von Magistratspersonen; und Es dur geht in das Feyerliche der Priesterschaft. As dur ist Majestat von Konig und Konigin. Des dur geht in den Schauder uber vor verborgnen Persischen Sultanen, oder Damonen. Des dur und Fis dur bleiben desswegen auch die Grenze der musikalischen Welt."
"Diese verschiednen Charakter aussern sich jedoch in ihrer Starke nur bey Musiken von weitlaufigem Umfang, als in ernsthaften Opern und grossen Kirchenstucken, wo der Ton C dur auf irgend eine Weise als die reine vollkommen schone Natur in die Seelen gebracht seyn sollte. Bey kleinen Sachen werden und sind diese besondern Charakter nicht sehr merklich. Ein Lied ohne Begleitung singen Madchen und Jungling ohne viel Unterscheidung aus dem Tone, der sich am besten fur ihre Kehlen schickt."
"Auf diese Weise betrachtet geben also die zwolf Dur- und zwolf Moll-Tone schon allein durch ihre blossen Accorde vier und zwanzig Arten verschiedner Existenz; und es erwachst der Musik daraus ein erstaunlicher Reichthum von Ausdruck, wenn der Tonkunstler Kopf und Herz genug hat, die Kontraste in einem grossen Ganzen fuhlbar zu machen."
"Die Musik uberhaupt hat Kontraste, wie Tag und Nacht, wie schwarz und weiss, suss und bitter, hart und weich. Die auffallendsten sind die enharmonischen Gange. Aus dem C dur in Cis dur, plotzlich, ist ein Ruck, wie in eine andre Welt. Diese sind nur bey starken Katastrophen zu brauchen; man darf nie bloss damit spielen, sonst verlieren sie ihre Wirkung. Bey Texten: e r k a n n i h n n i c h t m e h r f a s s e n , den Schmerz, der ihn allmachtig druckt; in jeder Ader wuhlt ein D o l c h 4! oder: Mors stupebit et natura, dum resurget creatura5, ist ihre rechte Stelle."
"Der so genannte harte Dreyklang druckt uberhaupt volle Existenz aus."
"Der weiche Dreyklang zeigt an, dass uns etwas fehlt; und daruber Zartlichkeit, Ruhrung, Traurigkeit allerley Art."
"Der verminderte Dreyklang, wo zur kleinen Terz noch die kleine oder falsche Quint hinzukommt, zeigt einen so grossen Mangel der Existenz in dem Wesen, dass es damit nicht bestehen kann."
"Der vergrosserte Dreyklang, wenn man ihn annehmen will, wo zur grossen Terz die ubermassige Quinte kommt, zeigt Zorn und Wuth und Grimm in voller Existenz, oder fast ganzliche Veranderung derselben."
"Nur die zwey erstern Arten konnen lange Dauer haben, weit mindre die vorletzte; und die letzte ist nur ein plotzlicher Uebergang."
"Alle drey Arten von Existenz entwickeln sich aus einem Grundton, und werden durch die Melodie zu Leben und Handlung."
"Die Terz darin entscheidet hauptsachlich den Charakter, und gestattet eine weit grossere Mannigfaltigkeit, als die Quinte, welche nur ein wenig vermindert von ihrem reinen Verhaltniss noch ertraglich ist."
"Ein musikalischer S h a k e s p e a r sollte den verschiednen Ausdruck der Terz in den verschiednen Accorden von dem geringsten Grad ihrer Kleinheit, wo sie an die Sekunde grenzt, bis zur hochsten Grosse, die sie vertragt, aus seinem Herzen schildern: die tiefste Angst und Bangigkeit, die ruhrendste Zartlichkeit, die Heiterkeit gesunden frohen Lebensgenusses, und die hochste Sussigkeit, dann Muth und Tapferkeit bis zur Wuth, welche Batterien sturmt beym wilden Schall der Kriegstrompete6. Die Terz ist gleichsam das Herz, der Sitz der Leidenschaft; und die Quinte der himmlische Geist, den der Schopfer dem Menschen einhauchte. Sie vertragt gar wenig Veranderung, wenn sie nicht aus einem Engel des Lichts zum Teufel, oder zur elenden kranken Kreatur werden soll."
"Wenn man die verschiednen Accorde nach den vorhin beschriebenen Charaktern stimmen konnte: so ware diese Temperatur ohne Zweifel die beste fur den Ausdruck. Die alte Methode, nach welcher unsre Orgeln und Klaviere gestimmt wurden, bringt diesen auch hervor; und es scheint, dass die verschiednen Charakter der Grundtone durch Gewohnheit und Erziehung endlich nach und nach auch in die Ohren der Sanger, Geiger und in die blasenden Instrumente waren verpflanzt worden. Ein guter Geiger, der aus C dur spielt, greift gleichsam aus Instinkt die Terz rein; und wenn er aus E dur spielt, sie hoher. Wenn Dichter und Tonsetzer die Leidenschaft gut getroffen haben: so treibt das zarte Gefuhl einer G a b r i e l i sie von selbst, Terzen zu erhohen und zu schwachen nach diesem Charakter."
"Man stimmt also den Accord C dur rein mit vollkommner Quint, und der Terz in dem naturlichen Verhaltniss. Damit die grosse Terz E zu A eine noch gute Quinte mache, mildert man die Quinten von G zu D und D zu A etwas. Die Quinte von A zu E sollte nach der Strenge in folgendem Verhaltniss seyn:
C 1, G 3, D 9, A 27, und E 81."
"E zu C als reine grosse Terze giebt aber folgendes Verhaltniss: 4/5, die doppelte Oktave namlich als 4, die Terz als 5; nun vervielfaltigt: 5, 10, 20, 40, 80."
"Also ist der Unterschied der Terz E zwischen der Quint E wie 80 zu 81; und diesen Unterschied muss die Temperatur mildern."
"Alsdann stimmt man die Quinte H zu E vollkommen rein; und die Quinte Fis zu H mildert man."
"Jetzt hat man schon die Halfte der zwolf Quinten; und sechs Grundtone zu zwolf Dur- und Mollaccorden vortreflich fur den gehorigen Charakter und Ausdruck von jedem."
"Nun stimmt man die Quinten ruckwarts in die Tiefe von C zu F: die erste ganz rein; die andern mildert man nach und nach fast unmerklich, am starksten die Quinten As zu Es, und Des zu As; so dass die Terzen C zu As und F zu Des zwar herbe, doch ertraglich werden. Und so passt man noch die Quinte Fis zu Des oder Cis."
"Auf diese Weise erlangt man die allerreichste Mannigfaltigkeit von Harmonie, deren unser musikalisches System nur fahig ist: kleine Terzen, grosse Terzen, reine und gemilderte Quinten, und so die Sexten und Dissonanzen fur jede Leidenschaft und jeden vorubergehenden Ausdruck. Das zartliche A moll hat eine reine kleine Terz, E moll eine ahnliche; eine bussende das traurige F moll, und so weiter."
H i l d e g a r d hatte noch aufmerksamer zugehort, als ihre Freundin. Das gutherzige, freymuthige Wesen, womit L o c k m a n n alles vorbrachte, das Verlangen, aus seinen Kenntnissen und eignen Ideen noch viel Nutzen zu schopfen, und die Zuneigung, die sie fur ihn fuhlte, machten, dass sie Anstand nahm, ihm so in Gesellschaft ihre andre Meinung zu gestehen. Vom Gesprach verleitet, und die Sache mehr aufgeklart zu sehen, that sie es endlich doch.
"Das Instrument hat mir schon so viel Vergnugen gemacht, sagte sie, dass ich wohl wagen mochte, zum Scherz seine gleichschwebende Temperatur zu vertheidigen, wenn ich nicht befurchtete, fur so viel Schones, was Sie uns aus Ihrer Fulle mitgetheilt haben, undankbar zu scheinen. Inzwischen hoff' ich, dass Sie dabey nur die wissbegierige Schulerin leicht erkennen werden."
"Ich weiss nicht, ob mein Gefuhl mich tauschte: die Orgeln und Klaviere, die nach einer andern Temperatur gestimmt waren, kamen mir nicht selten verstimmt vor; die Tone verbanden sich nicht recht, und hatten keinen naturlichen Lauf in der Melodie. Es mag seyn, dass die Stimmung nicht nach der guten Methode verrichtet wurde."
"Der Harmonie bey Begleitung, wo Violinen sind, scheint die Ihrige auch nicht gunstiger, als die gleichschwebende. Giebt man diesen den Ton A zur Stimmung an, so passt keine ihrer Quinten zum Klavier: E ist zu hoch, und D und G zu tief."
"Was den Ausdruck betrift: so wird er auf Instrumenten uberhaupt immer ziemlich unbestimmt bleiben; und einige ungluckliche wimmernde kleine Terzen, oder trube Quinten, die ihre stolze Schonheit verschleyern, werden ihn nicht entschiedner machen."
"Die kindliche Liebe zum Vortreflichen des Alterthums, die den Menschen so erhoht, kann einen doch auch zuweilen verleiten und von der wahren Vollkommenheit zuruckhalten. Sollt' Ihnen diess nicht ein wenig widerfahren seyn, als Sie Sanger und Virtuosen die grossen Terzen rein und hoher und so heftig, als sie nur seyn konnen, und so die kleinen Terzen zartlich rein und dann engbrustiger und immer schwermuthiger nach den verschiednen Tonarten der alten Orgelstimmung singen, blasen und geigen horten?"
"Mich dunkt, diejenigen, welche gute Instrumente und gute Ohren haben, bringen sie so rein hervor, wie moglich, es sey in einer Tonart, in welcher es wolle; so rein in Es und E dur, als in C dur."
"Den Charakter der Grundaccorde, und die Entstehung ihrer Verschiedenheit haben Sie treflich angegeben; ich glaube, die Ursach ist hinlanglich fur einen guten Philosophen, und es bedarf nicht der Zierung der grossern und kleinern grossen und kleinen Terzen. Gewiss erhalten die andern Dur- und Mollaccorde hauptsachlich ihren Charakter, nachdem sie in dem Verhaltnisse mit dem Ton C stehen. Es dur ist so edel, so feyerlich, so wurdig, weil Es als kleine Terz dem sanft klagenden C diente, nun aber von seinem traurigen Geschaft zu der herrlichen eignen Existenz erhoben worden ist, dass ihr selbst dessen schone Quinte G als reizende grosse Terz, und dessen ruhrende kleine Septime, als prachtige Quinte dient. Zartlich erinnert sie sich bey ihrem Gluck zuweilen ihres vorigen Zustandes."
"Auf gleiche Art ist das Schoosskind die grosse Terz des C in E dur zu seinem erhohten himmlischen Leben gekommen."
"So dessen Quart, die so klug den Zweifel ausdruckt, in F dur zur frohen Gewissheit und Zuversicht; in F moll hingegen ganz zur Verzweiflung."
"So klagt C selbst in A moll, seiner schonen grossen Sext, und geht dahin uber, wenn es Kummer druckt."
"Was C am starksten abharmte, und sich am mehrsten mit ihm entzweyte, H, die tragische grosse Septime, und Cis, die schmerzliche kleine Sekunde, sind auch von ihm am entferntesten, als eigne Existenzen."
"Das an und fur sich kleine nothwendige Uebel, unter die zwolf gewaltigen Gotter des himmlischen Tonreichs gleich vertheilt, wurde so vielleicht am leichtesten zu ertragen. C dur soll Saturnus, das goldne Zeitalter bleiben; Cis dur Jupiter seyn; D dur Bacchus; Es dur Konigin Juno; E dur Urania Venus. Aber ich will mit meinen Gleichnissen und Grillen Sie nicht langer in Ihrem meisterhaften Unterrichte storen."
"Vortreflich!" rief L o c k m a n n lachelnd; "und mit dem zartesten Gefuhl aufgefasst! Wer konnte der Beredtsamkeit von so zauberischen Lippen widerstehen! Jedoch der Wahrheit zur Steuer hab' ich Sie selbst schon gestern mit erhohten grossen Terzen und verminderten kleinen von Ihrer gottlichen Stimme beflugelt die Herzen in die tiefste Ruhrung und gewaltigste Erschutterung setzen sehen."
"Die Quinten sollen forthin von mir unverfuhrt, der besten Ordnung gehorsam, auf den Klavieren gleichschweben; nur gestatten Sie Sich selbst und der Musik die reichste Mannigfaltigkeit der Intervallen, so wie einem T i z i a n und C o r r e g g i o der Farben, die feinsten Tinten des Lebendigen auszudrukken. Eine der seltnen Dissonanzen, die verkleinerte Sext, ward selbst von E m a n u e l B a c h , eben kalt in der Theorie, mit Geringschatzung angesehn; und der Gebrauch derselben vom achten Genie entschied wesentlich fur den Triumph unsterblicher Scenen von Meistern wie H a n d e l , J o m e l l i und T r a e t t a . Wieder Sie selbst haben gestern mit ihr, wie mit einem bittern Pfeil, bey der Stelle: 'aber da war k e i n e r , k e i n e r d e r d a Trost dem Dulder gab7;' das Gefuhl durchbohrt. Vortreflich braucht sie G r a u n in seinem Tod Jesu: 'seine Tage sind abgekurzet.'"
Er sang im Reden dieser Worte, und begleitete sich nur mit dem Grundton und der Terz.
H i l d e g a r d errothete, blickte ihn an, und legte unbemerkt von den Andern den Finger auf den Mund. Auch er errothete. Und so endigte sich reizend der Streit.
Frau v o n L u p f e n fugte hinzu: "Wenn man beyde Stimmungen mit einander vereinigte, so wurde wohl die vollkommenste entstehen; wenigstens kann sie leicht jeder nach seinem Belieben mit dem vortreflichen Maassstab der grossen Terzen finden. Viermal drey grosse Terzen ist ohne Vergleich sichrer und bequemer, als der trugerische Zirkel von zwolf Quinten. Und dann kann man zur volligsten Gewissheit mehrere Maasse anwenden, Quinten, grosse Terzen; und warum nicht auch noch kleine Terzen und Quarten? Auf solche Weise muss wohl endlich jedes Intervall seine mogliche Reinheit erhalten, Sinn und Verstand einander zur Idee der Vollkommenheit verhelfen, und die falsche Hypothese weichen."
"Ich bitte Dich, H i l d e g a r d , sing einmal Deine Leiter, eine Oktave, oder zwey, wie Du willst; aber geschwind, ohne Dich lange zu besinnen."
H i l d e g a r d folgte, wie ein Kind; zwey Oktaven hinauf und herunter; und fragte dann: "Und nun?"
"Nun die Terzen."
Sie folgte wieder; und fragte weiter.
"Nun die Quarten." Und die L u p f e n sagte dann:
"Die fatalen Quinten schenk' ich Dir."
L o c k m a n n bewunderte die erstaunliche Rich
tigkeit, und sagte: "Sie haben Sich doch von Ihrer gleichschwebenden Temperatur nicht verfuhren lassen. Schade, dass man die Intervallen nicht so rein, nach keiner Temperatur, auf dem Klaviere haben kann! und dass kein Monochord da ist, um zu zeigen, wie haarscharf richtig Sie Ihre Tonleiter sangen! die Sekunde C D in dem Verhaltniss von Acht zu Neun; die Sekunde D E wie Neun zu Zehn; die halben Tone E F, und H C wie Funfzehn zu Sechzehn; wie C D die Sekunden F G und A H; und wie die Sekunde D E so G A."
"Diess sind auch genau die Verhaltnisse unsers neu
ern diatonischen Systems. Man leitet sie her aus den harmonischen Halften. Die harmonische Halfte der Oktave giebt die reine Quinte; die harmonische Halfte der Quinte die grosse Terz; und die harmonische Halfte der grossen Terz den grossen und kleinen Ton."
"Die nahere Ursach ist: das Ohr verlangt die Kon
sonanzen in der Leiter vollkommen rein; desswegen nehmen wir dabey ein doppeltes Maass an: der Quinte, und der grossen Terz."
"Ein Franzosischer Gelehrter, der Abt R o u s
s i e r , glaubte beweisen zu konnen, die Aegyptier, Griechen und Chinesen hatten bey ihrer diatonischen Leiter nur den einfachen Maassstab der Quinte gebraucht; die ganzen Tone waren durchaus der Ueberschuss von zwey Quinten gewesen, in dem Verhaltnisse von Acht zu Neun; die grosse Terz und die halben Tone hatten sich darnach richten mussen."
"Hauptsachlich daraus erklart er die wunderbaren Wirkungen der Musik der Alten, dass ihr heroisches Ohr sich das weichliche Vergnugen der neuern grossen Terz versagt habe; und diese Hypothese putzt er aus mit den Aegyptischen Planeten und Tagen der Woche."
"Einige Franzosische Geistlichen hielten dafur, dass diese Meinung eine Revoluzion in der Musik hervorbringen musse; und dass die Kapelle D a v i d s und S a l o m o n s dadurch wieder hergestellt werden konne. Es hat aber naturlich kein Hahn darnach gekraht."
"Gewiss bringt die grosse Terz in dem Verhaltnisse von 64 zu 81 eine andre Wirkung hervor, als in dem von 4 zu 5; und es ist nicht zu leugnen, dass die diatonische Leiter einen einfachern mannlichern Schritt, und dabey einen erhabnern Charakter erhalt, welcher mit d e m zu vergleichen ware, was W i n k e l m a n n in den bildenden Kunsten den s e v e r e n G r i e c h i s c h e n S t y l nennt: aber wahr bleibt es immer, dass die grosse Terz in dem Verhaltnisse von 4 zu 5 dem Ohr in der reinsten, freyesten Schonheit lautet, und dass sie die tiefe Saite im Nachklang darin schon selbst, wie in ihrer gehorigen Natur und Vollkommenheit, wo nichts zu viel und zu wenig seyn kann, angiebt, und die alte in einem angestrengten Zustand ist."
"Gegen seine Beweise mochte ubrigens bey einer so dunklen Sache, wie die Musik der Alten, manches einzuwenden seyn. Die gewaltige Wirkung, die sie zuweilen soll hervorgebracht haben, lasst sich leichter aus mehrern andern Ursachen erklaren; und Gegenden, Menschen, und Umstande, wo die Leidenschaften reger waren, geringer Umfang der Kunst, und Reiz der Neuheit mussen dabey in Rechnung kommen. Auf ahnliche Weise machte wohl der Chor der Scythen in G l u c k s Iphigenia in Tauris auf einen Amerikanischen Wilden zu Paris einen starkern Eindruck, als dessen Se mai senti spirarti sul volto lieve fiato je auf einen Neapolitaner."
"Dabey glaub' ich jedoch selbst, dass die Alten die Verhaltnisse der Tone weit lebendiger und tiefer in ihren langsamern Bewegungen und der einfachen Begleitung gefuhlt haben, als wir."
Hier mischte sich F e y e r a b e n d ins Gesprach, und sagte: "Die Musik der Griechen ist uns ganz fremd und unbekannt, und wir konnen nicht einmal ihr klassisches Zeitalter bestimmen. Welch ein ganz andres Ansehen hat nicht die Musik nur seit funfzig Jahren in Neapel gewonnen!"
"Wahrscheinlich war die Dorische Tonart ungefahr das, was bey uns C ist; und die Phrygische, die Lydische, Aiolische, Ionische u.s.w. hatten schon daher, (noch ausser der besondern Lage der Halbtone, den eingefuhrten langsamem oder raschern Bewegungen, der verschiedenen Poesie, auch den verschiednen Instrumenten, die sie begleiteten, und den verschiednen Volkerschaften,) ihren besondern Charakter. Ohne Zweifel hat die Griechen hauptsachlich die beschwerliche Art, die Tone und ihre Dauer zu bezeichnen, von einer hohern Vollkommenheit und unsrer Harmonie zuruckgehalten."
L o c k m a n n antwortete darauf: "Man erzahlt von unsern Urgrossvatern im zehnten, elften und zwolften Jahrhundert, dass sie in ihrem musikalischen System nur die sieben Tone c, d, e, f, g, a und h gehabt hatten, aus welchen sechs verschiedne Tonarten entsprangen, nachdem jeder von denselben der Grundton wurde; das H, welches damals B hiess, ausgenommen, weil dieses keine reine Quinte hatte. Der Ton, welchen wir jetzt B nennen, soll zuerst zu den sieben Tonen erfunden worden seyn, um eine reine Quarte zu F zu erhalten, und damit das F zugleich eine vollkommne Quint in der Tiefe hatte. Alsdann waren nach und nach Cis und Dis, Fis und Gis noch dazu erfunden worden, und unser heutiges System erst spat in dem sechzehnten Jahrhundert zu Stande gekommen."
"Diesen sechs Tonarten gab man alte Griechische Namen, und nannte C als Grundton die J o n i s c h e , D die D o r i s c h e , E die P h r y g i s c h e , F die L y d i s c h e , G die M i x o l y d i s c h e , und endlich A die A i o l i s c h e Tonart."
"Nach der Lage der zwey Halbtone in der Leiter entstand fur jede Tonart ein besondrer Charakter, der auch in den altesten Choralen herrscht. Wie viel davon wirklich Griechisch sey, ist wohl schwerlich zu entscheiden. V o m Himmel hoch da k o m m ' i c h h e r , ist Jonisch. M i t F r i e d u n d F r e u d f a h r i c h d a h i n , Dorisch, und s.w."
"Der Hauptmangel bey diesem rohen System war der Halbton, womit die Natur verlangt, in die Oktave der Leiter uberzugehen, gleichsam die glanzende Morgenrothe der wieder neu aufgehenden Sonne. D hatte ihn nicht, weil das Cis fehlte; E nicht, weil das Dis fehlte; und so G und A bey dem Mangel von Fis und Gis. Die Franzosen nennen diesen Halbton la note sensible, weil man den Hauptton schon zum Voraus darin empfindet; und den Accord der kleinen Septime auf der Quinte des Grundtons, welche sie mit gleich richtigem Gefuhl die Dominante nennen, l'Accord sensible, weil er die Harmonie dazu ist."
"Da ferner die Tone darin entweder nur eine grosse, oder eine kleine Terz hatten, und dem H die Quinte fehlte: so konnte man sich gar wenig regen und bewegen, und musste sich in der Musik gleichsam mit Wasser und Brod behelfen."
"Nachdem man die zwolf Tone erfunden hatte: fing man an, auf verschiedene Weise zu temperiren, damit jeder Ton, wenigstens ertraglich, jedes Intervall seyn konnte; bis man endlich zur gleich schwebenden Temperatur gelangte."
"Doch betrift diess hauptsachlich nur Instrumente, wo man den Ton nicht in seiner Gewalt hat, und besonders das Klavier; bey der Stimme und auf Geigen entscheidet das Gehor im lebendigen Vortrag."
"Sanger und Virtuosen sollten aber vorher die Wirkung der verschiednen Verhaltnisse der Intervallen wohl untersucht haben. Und dafur giebt es keinen bessern Lehrmeister, als ein zartes reines Gehor und lebendiges Herz bey einem guten Monochord. Schon der Stammvater der neuern Musik, G u i d o von Arezzo, preist dieses in seinem kurzen Unterricht uber die Musik auf der ersten Seite vorzuglich an8."
"P y t h a g o r a s , der erhabne Erfinder desselben9, empfahl es auf dem Sterbelager seinen Freunden, als den einzigen untruglichen Wegweiser in dieser gottlichen Kunst."
"Der grosse Haufe der gewohnlichen Tonkunstler bekummert sich darum sehr wenig, und halt diess fur Grillen; sie bringen aber auch oft so falsche Intervallen hervor, dass sie ein reines geubtes Ohr foltern."
"Unser Klavier sollte hauptsachlich gleichsam zum Kompass auf dem weiten Ozean der Musik dienen. Wir finden darin jede Seite ihrer Sphare in hochster Richtigkeit, so vollkommen, wie die Alten sie nicht kannten; und konnen sie die Kreuz und die Quere, wie das geschmeidigste Element, nach Belieben, ohne zu irren, umschiffen. Aber bey einzelnen Intervallen und Melodien aus wenig Grundtonen kann gar wohl die reine Natur uber die gesammte Kunst herrschen. G a b r i e l i , P a c c h i a r o t t i , T a r t i n i und P u g n a n i konnen ihre Konsonanzen und Dissonanzen so rein wie moglich und in den ausdruckvollsten Verhaltnissen hervorbringen, ohne sie nach dem Bedurfnisse der zwolf Tone in eine Oktave zu modeln. Dieses thun sie auch zum Entzucken; und es bleibt wahr, das Hochste der Kunst besteht im lebendigen Vortrag und in der Auffuhrung."
"Die Griechen hatten die Musik noch nicht fur die allgemeine Natur ausgearbeitet; und ihre Tonleitern, mocht' ich sagen, waren nur fur besondre Charakter. Fur Melodie konnten sie einem musikalischen Genie ubrigens noch sehr ergiebig seyn."
H i l d e g a r d dankte L o c k m a n n e n aufs verbindlichste fur diesen Anfang; und sagte dann zur Frau v o n L u p f e n : "Ich will Dir nicht umsonst gesungen haben, und Du sollst dafur Dich auch horen lassen. Also geschwind aus Klavier."
Frau v o n L u p f e n straubte und weigerte sich; aber man suchte Musik. Sie wahlte aus; inzwischen stimmte L o c k m a n n in kurzer Frist das Klavier wieder in die gleichschwebende Temperatur. Und nach einigen angenehmen Modulazionen spielte sie eine meisterhafte Phantasie von M o z a r t so fertig, mit so viel Ausdruck und Gewalt uber alle Eigenschaften des Fortepiano, dessen leiseste Zartheit und allerhochste Starke, dass L o c k m a n n einmal uber das andre ihr Beyfall zurief.
Sie war kaum zu Ende, als sie den jungen H o h e n t h a l ergriff, und zu ihm sagte: "Nachdem Sie Ihre Stimme wie ich verloren haben, so sollen Sie Sich mit mir auf Ihrer Violine horen lassen."
Sie spielten dann mit einander noch eine der schonsten Sonaten von demselben Meister zu allgemeiner Freude. Man horte wohl, dass H o h e n t h a l Sanger gewesen war; er griff die Tone so rein, trug alle Melodie so geschmeidig vor, und begleitete sie uberhaupt mit so viel Geschmack, dass L o c k m a n n am Ende leise fur sich in folgende unerwartete Apostrophe ausbrach: "O vortreflicher Vater, das muss dich noch im Himmel freuen! Warum durftest du das Gluck einer so musterhaften Erziehung mit einer so wurdigen Gattin nicht langer auf Erden geniessen!"
Diess ruhrte alle bis zu Thranen; die Mutter begab sich weg, und man ging darauf bald aus einander.
"Welch eine Familie! was fur ein Madchen!" sprach er oft fur sich unterwegs, eine Symphonie von Empfindungen durch sein ganzes Wesen.
Den andern Morgen war Generalprobe. H i l d e g a r d stellte sich mit ihrem Bruder dazu ein; sie hatte den Abend zu Hause erzahlt, dass sie dem Verlangen nicht habe widerstehen konnen, dem unsterblichen H a n d e l mit ihrer Stimme ein Opfer zu bringen.
Miserere und Fratres gewannen unbeschreiblich durch sie; und Messias entzuckte doppelt aufs neue.
Das Miserere ward Sonnabends zur Vesper in der grossen Kirche aufgefuhrt, so gut, und vielleicht mit mehr Andacht und Gefuhl, als zu Rom.
Hof und Volk und Herren und Damen aus dem Ort und der Nachbarschaft wurden von der ruhrenden Neuheit des Gesangs uberrascht und entzuckt; sie hatten ihn beym Schlusse gern noch einmal und zweymal horen mogen. Der Furst war davon im Innersten durchdrungen.
Sonntags fruh horte man mit gleicher Andacht und Seelenlust die heiligen Chore des P a l e s t r i n a bey der Messe; aber der Messias ubertraf den Nachmittag bey weitem die Wirkung der beyden vorigen Werke. H i l d e g a r d trat darin auf mit allem Zauber jugendlicher Schonheit in himmlischer Stimme, Gestalt und Kleidung; eine wunderbare, entzuckende Erscheinung. Alle Gefuhle der Religion wallten nach und nach mit hohem Leben in die Herzen der Zuhorer; die bittern Dolchstiche des Leidens verstarkten die Sussigkeit der Erlosung, und den Vorgeschmack ewiger Wonne; und bey der Fuge: P r e i s u n d A n b e tung und Ehre und Macht sey ihm, d e r d a s i t z e t a u f s e i n e m T h r o n , wollten Alle mit singen, wenn sie nur gekonnt hatten. Es war ein allgemeiner Jubel. Beym Ausgang aus dem Tempel sagte jeder: so etwas Himmlisches haben wir noch nicht gehort, solch ein Fest noch nicht gehabt.
Der Furst belohnte Abends L o c k m a n n e n mit einer goldnen Repetiruhr von grossem Werth, und mit gefuhlten und verdienten Lobspruchen. Aber H i l d e g a r d erhielt die mehrste Bewunderung: ein Engel des Lichts vom Himmel auf Erden konnte nicht mehr Erstaunen erregen. Der Furst wusste zwar, dass sie Musik trieb, sang und eine schone Stimme hatte; aber solche Ausbildung und Vollkommenheit mit so wahrem Ausdruck hatte er nicht erwartet. Noch gefiel ihm uber die Maassen, dass sie ihm eine so unverhoffte Freude hatte machen wollen, und nicht zu stolz gewesen war, zugleich auch das Volk zu ergotzen. Gleich nach der Musik dankte er ihr tief geruhrt herzlich fur sich und fur alle; und begluckte mit seinem kraftig ausgedruckten Beyfall den Meister und die ganze Kapelle.
Gleich den Montag darauf Nachmittags ging L o c k m a n n zu H i l d e g a r d e n , und nahm Musik mit sich. Er traf sie bey ihrer Mutter; sie stickte an einer Weste fur ihren Bruder, und hatte Feldblumen von den schonsten Bluthen und Farben vor sich liegen. Sie sagte: "Es muss bey der Mode immer etwas Seltnes seyn; und wer die Botanik nur ein wenig versteht, findet Vorrath von den schonsten Blumen in Menge."
Die Mutter fragte ihn dann, was er fur Musik mit sich bringe.
Er antwortete: "Miserere und nichts als Miserere! Weil wir vorgestern mit dem von A l l e g r i grossen Beyfall erhalten haben, und es fur ein heilig gesprochnes Werk gehalten wird: so hab' ich die Musik einiger andern grossen Meister zu denselben Worten mit mir genommen, um sie mit der von A l l e g r i zu vergleichen, damit wir Sinn und Verstand uns nicht durch fremdes Urtheil bestechen lassen."
"Wohl, sehr wohl, vortreflich!" sagten Beyde, standen auf, und gingen mit ihm nach dem Musiksaal.
Das erste war das Miserere von L e o .
"Was das von A l l e g r i fur Rom ist, ist das von L e o fur Neapel; jenes nur ungefahr um hundert Jahr alter."
"Nur was Wirkung, aber nicht was Kunst betrift, lassen sich beyde vergleichen. Wenn A l l e g r i ein holder schoner Jungling ist, der in einem Schafertanz mit wenig gemessnen Schritten in dem sussen Reize der Unschuld erscheint, und, denselben Tanz warmer und gluhender wiederhohlend, entzuckt: so ist L e o ein V e s t r i s , ihm nichts damit zum Nachtheil gesagt, der die hochste Kunst und deren ganzen Reichthum in seiner Gewalt hat. Seine Musik ist so recht eine Quelle von Klang, und erquickt Ohr und Seele. Dieses Werk gleicht in seiner Art der Arbeit am Torso des Herkules."
"Das Ganze ist nicht zusammengereiht und gestickt; es ist eine erhabne Einheit, die wie ein Strom von unzahlbaren reinen Quellen und Bachen immer mehr anschwillt, und in Wonnefluthen und Strudeln bald die Herzen herumtreibt, woraus Entzucken entsteht und ein neues Leben kommt."
"Welche Ruhrung uberwallt das Gefuhl gleich beym Anfang: Miserere mei Deus! so recht die reuende Klage sinnlicher verfuhrter Menschheit in sich schamender holder Nacktheit. Secundum magnam misericordiam tuam; wie die Tone bey dem misericordiam gleichsam die Knie umschlingen!"
"Wie die Feyerlichkeit des Volksgebetes beym dritten Verse immer mehr sich verstarkt, und das Ganze in den Luften tiefe Wurzel fasst! und das ab iniquitate, wie ein eingebohrter Pfeil des Uebels aus dem Leben gezogen, oder wie der Schlamm und Koth von dem Kinde scharf abgerieben wird, dass es weint, und ihm die Augen dabey ubergehen!"
"Beym funften fangt der Strom schon an zu schwellen, und der zweyte Chor tritt in die Harmonie ein; oder vielmehr zwey Strome wallen neben einander fort, und vermischen sich bey et vincas und cum judicaris."
"Der siebente Vers Ecce enim gleicht einem tiefen Genfersee voll Majestat, doch uberall noch im Zuge des Stroms, und tausendfach lebendig. Wie klar und entzuckend sich das verschlingt und in einander quillt: ecce enim veritatem dilexisti, und das incerta et oculta wie eine Offenbarung hervorgeht! Es ist ganz erhaben. Und der Jubel dabey mit vollem Gefuhl: manifestasti mihi! Es ist ganz gross, und wie ein prachtiger Triumph; die Seele wird gleichsam untergetaucht, und am Ende kommt sie aus den tiefen Wonnestrudeln hervor, und schwebt still im Schwimmen, und schaut mit entzuckten Blicken in den heitern Aether des unendlichen Himmels."
"Das laetitiam geht wie Nektar herunter. Welch ein lyrischer Schwung bey et exultabunt ossa, wie die Stimmen zu ihrem Anstand gar nicht mehr auf einander Acht zu geben scheinen, und jede nach der andern wie Strahlen von Brillanten hervorbricht!"
"Und wie das humiliata bis in den Mittelpunkt des Wesens Kontrast alter Krankung macht; gerad' auf die letzt die Momente eines Gefangnen, wo er sich wieder ganz frey und glucklich fuhlt; wie sich das bindet und lost und in einander schmilzt!"
"Cor mundum crea ist reine liebliche Schonheit mit Rosen gekranzt; et spiritum rectum innova, wie Thetis im H o m e r den Zevs bittet; und so fort bis zu visceribus meis."
"Libera me; das lyrische Feuer schlagt in hohere hellere Flammen, und die Begeisterung erreicht den hochsten Flug."
"Quoniam si voluisses ist hohe Tempelpracht; man glaubt in dem zu Ephesos zu sitzen und zu horen; es ist alles schon so ganz eingeweiht und heilig."
"Sacrificium Deo spiritus contribulatus: cor contritum et humiliatum Deus non despicies: ist der concentrirteste Lebenspunkt vom Ganzen. Dieser Vers ist wie der Kopf der Mutter Niobe in der Gruppe, nur alles von S k o p a s selbst; und gehort unter das Erhabenste der Musik. Es ist so bittend, so voll Seele schmeichelnd, dass ein P h a l a r i s nicht dagegen aushalten konnte. Man meint, einen Chor auserwahlter Griechischer Junglinge und Jungfrauen im Tempel des Apollo bey einer allgemeinen Landplage zu horen."
"Der Schluss vollendet so recht in Majestat das grosse Ganze voll Plan und Ueberlegung, wozu ein gottlicher Verstand die Idee entwarf. Wie voll Heiligkeit, tiefer Andacht und Ehrfurcht das Tunc imponent super altare hervorgeht! Man kann davon sagen, dass diess so recht voller Klang ist, und jeder geheime schone Ton aus der Natur dazu hervorgelockt und gezaubert."
"Aber man muss auch wurdiger Mensch genug seyn, um so etwas klar geniessen zu konnen. Die hohe Kunst erfordert Verstand und Wissenschaft, und gelauterte Sinne. Sie ist desswegen nicht Kunsteley, weil sie der Bauer oder rohe Mensch nicht fasst; der zwar auch ein angenehmes und oft ruhrendes Geschwirr von Tonen hort, aber nicht den auf jede Fiber eindringenden erquickenden Genuss hat. Nur Wenige sehen das Weltsystem an wie K e p p l e r und N e w t o n ; aber ist die Natur, die es hervorbrachte, desswegen eine Grillenfangerin, und sind sie Pedanten, weil sie sich ganz anders daruber freuen, als der grosse Haufen? Unwissende, eingebildete Gecken mochten freylich bey hoher Kunst zuweilen so etwas behaupten."
"Es ist in diesem Werk alles vereinigt, tiefes Gefuhl, erstaunlicher Reichthum der Kunst, reine Schonheit und Proporzion im Ganzen und in den Theilen; keusche Verzierungen und edler Schmuck."
H i l d e g a r d musste zuweilen uber L o k k m a n n s schwarmerische Ausdrucke lacheln; sagte aber, nachdem sie alles mit ihm durchgegangen war, und das Schonste mit ihm gesungen hatte: "Das Miserere von A l l e g r i , so himmlisch es ist, und so vielen Seelenklang es hat, der voll schmelzender Sussigkeit ins innerste Wesen hinunter steigt, muss doch diesem weichen. Es ist bloss Traube oder Most, und diess ist Wein."
L o c k m a n n fugte hinzu: "Verschiedne neuere Lieblingsdissonanzen sind sehr sparsam bey ihm ausgesat, als die ubermassige Sext, verkleinerte Septime; aber dafur hat das Ganze auch einen mannlichern ununterbrochnern Charakter. Die ubermassige Sext ist wenigemal da, und immer sehr vorbereitet, so dass sie mit ihrem Stachel nur einschleicht; als bey spiritum rectum, in visceribus, und bey contribulatus, wo kurz voran zugleich die ubermassige Sekund' ihre herrliche Wirkung thut." etc.
Sie sprachen alsdann von L e o uberhaupt, mit D u r a n t e dem grossten Stifter der Schule von Neapel, dem Lustort der Sirenen. Hildegard selbst hatte von ihm nur die Solfeggi und La Morte d'Abel, ein Oratorium nach der Poesie von M e t a s t a s i o , und hohlte beydes.
Sie gingen geschwind das letztre durch. Er bemerkte dabey: "In der Poesie ist nicht genug Stoff zu einem Morde da; es fehlt ganz die poetische Wahrscheinlichkeit. Nach dem Grundtrieb im Menschen, der Geselligkeit, musste Abel die andre Halfte von Kain seyn, da dieser ihn allein als mannlichen Spielkameraden auf der weiten Erde hatte. Die Einbildungskraft des damals zu jungen M e t a s t a s i o war noch nicht stark und reich genug, so etwas Schweres tauschend darzustellen; die Poesie ist zu gekunstelt und hat nicht die Natur der ersten Menschen. Fur musikalischen Ausdruck ist wenig da; moralische und theologische Sentenzen erlauben wenig Abwechslung der Stimme. Auch gehen in der Musik altvaterisch die Formen gar wenig hervor. Die immer trocknen Recitative, ohne alle Begleitung, ermuden; ob sie gleich in der Harmonie Abwechslung, und oft gluckliche Declamazion haben. Die Arien, wo lange Laufe auf unbedeutenden Worten sind, ermuden noch mehr; blosse Musik in ernsthaftem Styl. Im Ganzen, das in zwey Theilen besteht, ist nur ein einziges Recitativ mit Begleitung; das der Eva am Ende, wo Abel erschlagen gefunden wird. Der Kontrast thut Wirkung, als ob es eins von J o m e l l i ware."
"Die Meisterstucke darin aber sind die zwey Chore am Ende des ersten Theils, und am Ende des zweyten. Solche erhabne Musik horen wir nicht mehr in unsern Kirchen; solche feyerliche Modulazionen, ruhrende und herzergreifende Verschmelzungen, die so wahr die Gefuhle einer leidenschaftlichen Seele ausdrukken. Der erste Chor fangt an:
Oh di superbia figlia, d'ogni vizio radice, nemica di te stessa invidia rea."
"Der Anfang in lauter Oktaven ist prachtig, der Ausdruck sinnlich."
"Der letzte Chor: Parla l'estinto Abelle, ist noch feyerlicher; die Harmonie geht Pindarisch ins Ausserordentliche, aus D dur in E dur, Cis moll und Cis dur; und ist so recht erhabner Kirchenstyl."
L o c k m a n n hatte angefangen, H i l d e g a r d e n dabey das Italianische ins Deutsche zu ubersetzen; sie sagte ihm aber zu seiner grossen Freude, dass diess nicht nothig sey, und sie die Sprache hinlanglich verstehe.
Dann sang sie zur Uebung einige von den Solfeggen vortreflich ohne Fehler, wozu L o c k m a n n sie begleitete.
Sie sprachen wenig uber das Miserere, oder Pieta Signore, von J o m e l l i , welches H i l d e g a r d schon kannte. L o c k m a n n sagte: "Es ware ohne Zweifel besser, wenn J o m e l l i die bekannten Lateinischen Worte genommen hatte. Die Lingua volgare, auch in einer treflichen Uebersetzung, wie hier nicht immer der Fall ist, passt nicht zu dem feyerlichen Psalm."
"Die Musik ist merkwurdig, weil J o m e l l i sie in seiner letzten Passionszeit, kurz vor seinem Tode, geschrieben hat. Es ist auch, meinem Gefuhl nach, wenig Lebendiges mehr darin; aber sehr viel strenge einschneidende Kunst der Harmonie. Wenn man die Worte nicht schon weiss, so wird man ihren Sinn wenig merken. Der wahre Geschmack, oder die eigentliche Schonheit ist diess gewiss nicht."
"Mit den grossen klassischen Werken der Kirchenmusik, seinem Requiem aeternam, und seinem erhabnen erschutternden Benedictus dominus Deus Israel fur die Peterskirche zu Rom, lasst es sich, was Vollkommenheit betrift, in gar keine Vergleichung stellen."
Fluchtig zum Beschlusse nahmen sie noch das Miserere von S a r t i vor. Die Begleitung machen drey Bratschen, und das Violoncell Solo, mit Abwechslung der ersten Bratsche.
L o c k m a n n nannt' es ein Meisterstuck der neuern Kirchenmusik, worin das alte Vortrefliche mit dem neuern vereinigt ware: Geschmeidigkeit und Geschwindigkeit der Kehlen und Instrumente in den Solos, und volle ernste Harmonie in den Choren; und durchaus gefalliger Vortrag, und ruhrende reizende Melodie in der schonsten Ausbildung. Die Begleitung bloss von drey Bratschen und dem Violoncell, sagte er, benehme der Musik das Theatralische. Auch auf den Ausdruck sey immer gesehen; das Ganze mit einer angenehmen und vortreflich ausgefuhrten Fuge beschlossen.
Unterdessen fand sich H i l d e g a r d s B r u d e r ein. Sie gingen, weil es kuhl geworden war, und der Abend einsank, in den Garten; und unterredeten sich uber die Frage: ob man die neuern Erfindungen in der Musik, und das Ausgebildete der Melodie und Begleitung auch bey Kirchenmusik brauchen solle?
L o c k m a n n fuhr, nach wechselseitiger Erzahlung von verschiednen Beyspielen, ferner fort: "Die mehrsten und wichtigsten Stimmen sagen nein. Die Ursache, welche man dazu angiebt, ist, dass es an das Theater erinnere, und die Kirche entweihe."
"Wenn man aber reizende Melodie und ausgebildete Harmonie brauchte, die nicht auf dem Theater vorkame? Es ist doch hohere Vollkommenheit; und sie wurde sehr fur eine liebenswurdige schwarmerische Frommigkeit passen."
"Die wahre Ursache mag wohl seyn, dass die hochste Ausbildung der Kunst sich nicht fur unsern Glauben schickt; und dass so, wie die Lateinischen Worte dieselben sind, auch immer die Musik gewissermaassen dieselbe bleiben musse. Wahr ist es jedoch auch, dass man schon, wenn man mit einer hohen Person, einem Fursten und Monarchen, spricht, sich ernst und wurdig ausdrucken soll; zierlich kann man wohl dabey seyn, aber es durfen keine Luftsprunge, oder Seiltanzereyen vorkommen. Inzwischen giebt es Feste von Heiligen, die Witz und Laune und alle Feinheiten der neuern Kunst vertragen sollten."
"Bey den Italianern, wo die Musik am mehrsten lebendig und volksmassig ist, braucht man sie auch oft in ihrem ganzen Umfang in den Kirchen; jedoch besonders ausschweifend zu Venedig. Es ist ein erstaunlicher Kontrast, wenn man eben von den erhabenen Psalmen des B e n e d e t t o M a r c e l l o zu Hause weg manche neuere Musik in ihren Ospitaletten hort; S a r t i ist dagegen noch sehr bescheiden zu Werke gegangen."
H i l d e g a r d erwiederte darauf: "Ihre Bemerkungen scheinen gegrundet zu seyn. Wenn man aber bey einem solchen Text, wie die Worte des Miserere, die Musik des A l l e g r i und L e o mit der von S a r t i vergleicht, so kann wohl kein Mensch von Verstand und Geschmack zweifeln, wo Wahrheit, Wurde und Schonheit, und wo Ziererey und oft nur leeres Tongeprange sey. Und doch ist S a r t i s Werk ein Meisterstuck der neuern Kunst; und ohne den A l l e g r i oder L e o gehort, oder noch in frischem Gedachtnisse zu haben, hort es wahrscheinlich jedermann mit Vergnugen. So viel kommt auf Gewohnheit und Vorurtheil in der Musik an."
Sie dankte ihm dann mit holdem Blick fur die Mittheilung und Erklarung der besondern Schonheiten in dem Meisterstucke des grossen L e o n a r d o L e o . Er sagte ihr, durchdrungen von Zartlichkeit und Bewunderung, als die Dammerung die Aussichten schon in ihren magischen Schleyer hullte, mit gedampftem Ton der Stimme: "Kein grosseres Gluck fur mich, als wenn ich alles, was ich weiss und vermag, Ihnen zu Fussen legen kann, und Sie es gutig annehmen wollen."
Sie waren eine Strecke voran, und bey der Umkehr in einen andern dunklen Gang, fasst' er ihr, geschwind wie der Blitz, die zarte Rechte. H i l d e g a r d wollte sie zuruckziehn, vermochte es aber nicht. Er druckte die Hand feurig an seine Lippen, indess sie, halb spottend und halb in Furcht gesehen zu werden, sich zuruck wandte, und empfahl sich.
Er war kaum auf seinem Zimmer, und sah zum Fenster hinaus nach der Wasservertiefung, als ein Bothe, der schon einmal da gewesen war, vom Fursten kam, dass er ihn sprechen wolle.
Der Furst sagte: "Ihr Ruhm verbreitet sich schon im Lande. Die Aebtissin im Gebirge verlangt von Ihnen, dass Sie ihr eine Musik auffuhren sollen, und bittet mich darum, und um die Leute, die Sie dazu brauchen. Es ist grosse Wallfahrt zu einem alten wunderthatigen Marienbild in ihrem Kloster, und nachsten Donnerstag halten sie Fest und Prozession damit. Die kurze Spazierfahrt dahin wird Ihnen ganz angenehm seyn."
L o c k m a n n antwortete, dass er es mit Freuden thun werde.
Den andern Morgen liess er einen grossen Theil der Kapelle um zehn Uhr bestellen; und ging bey guter Zeit zu H i l d e g a r d e n .
Sie spielte Federball mit ihrem Bruder im Speisesaal, und beyde waren munter und heiter. Er erzahlte gleich den Auftrag des Fursten; und fragte, ob sie wohl Lust hatten, eine Spazierfahrt insgesamt mit nach dem Kloster zu machen. Es wurde mit froher Begierde der Mutter vorgetragen; welche zwar anfangs einige Bedenklichkeit ausserte, doch endlich es erlaubte. Sie kannte die Aebtissin; hatte aber sie und das schon gelegne Kloster seit ihrer Ruckkehr aus England nicht wieder gesehen, und wollte selbst dabey seyn.
Darauf ging es nach dem Musiksaal. L o c k m a n n zog zuerst das Salve regina von P e r g o l e s i hervor. Sie kannten es alle; und H i l d e g a r d sang es vortreflich. Darauf das vom Londoner B a c h . Auch dieses kannten sie; und es wurde gleichfalls vortreflich gesungen. Man sprach uber den Unterschied beyder Musiken; und kam im Urtheil ziemlich uberein.
"Wahrheit und Verstellung. B a c h schrieb die seinige bey Champagner und Burgunder, gesund und in Wohlleben; P e r g o l e s i , als er selbst bald seine Seele aushauchen wollte. Dieser fur schwarmerisch fromme Lazzaroni und ihre Weiber, Sohne und Tochter; jener, ohne einen Funken Glauben, fur eine Hofkapelle. B a c h steht durchaus an Wahrheit des Ausdrucks unter dem Italianer; hat aber dafur mehr Anstand, fromme Hofmiene, die er jedoch hier und da vergisst, als bey lacrimarum valle, wo man eben so gut Paradies, Baja und Tempe unterlegen konnte. P e r g o l e s i weint bey diesen Worten im Gegentheil zu sehr, gegen die Regel der Schonheit."
"Gefuhlvolle Menschen, denen es in dieser Welt wirklich ubel geht, und die sich nach etwas Besserm sehnen, wurden ohne Zweifel mehr in den Ausdruck des P e r g o l e s i einstimmen. Aber auch bloss als Musik betrachtet, ist ohne Vergleichung mehr Kern und schone Natur in seiner Komposizion."
"Wie wahr und schon gefuhlt im ersten Largo: Vita, dulcedo, et spes nostra, Salve! und mater, vita, dulcedo, Regina! so lyrisch am Ende. Und hernach das Ostende Jesum, wie eine Madonna von R a p h a e l ! Und das letzte: O clemens, o pia, o dulcis virgo Maria! Wahre Accente einer Heiligen; so innig, dass der Umfang der ganzen Melodie nur wenig Tone betragt."
"B a c h hat inzwischen doch auch schone Zuge, und sein Werk ist mehr gerundet zur Auffuhrung: Gementes et flentes ist vortreflich; und Eja ergo advocata hat selbst Pergolesischen Ausdruck, wenn es nur nicht wie das meiste andre zu gedehnt ware. Welch ein Pomp gleich der Anfang vier Takte im Largo auf die Sylbe Sal----ve! wenn diess nicht theatralischer Prunk ist, was soll es sonst seyn? Und gleich hernach wieder zwey Laufe darauf, und hernach gegen Ende noch ein ellenlanger. Und eben so ist das Clamamus."
Nachdem eins um das andre diess bemerkt hatte, und inzwischen die Zeit verstrichen war: bat er H i l d e g a r d e n und ihren Bruder, sie mochten mit ihm in den Konzertsaal kommen; dort wolle er sie noch ein drittes Salve horen lassen, welches er aufzufuhren gedenke; jedoch solle ihre Wahl entscheiden.
H i l d e g a r d wunscht' es noch vor der Probe zu sehen. L o c k m a n n sagte, er habe diess bey ihrer grossen Fertigkeit nicht fur nothig erachtet; jedoch zog er die Partitur aus seiner linken Rocktasche nun auch hervor. Er setzte sich wieder ans Klavier, und sie sang.
Salve Regina, mater misericordiae, vita, dulcedo; dulcedo et spes nostra; et spes nostra salve! Salve Regina! Salve mater! Salve mater misericordiae! Salve Regina! Salve! Salve!
Alle riefen fast einstimmig aus: "Gottlich! gottlich! Nichts kann schoner seyn! es ist das Hochste! Wie weit bleibt P e r g o l e s i zuruck, auch an Ausdruck!"
"Diess ist ein Werk," sagte L o c k m a n n , um alles Missverstandniss zu vermeiden, "von dem himmlischen Genius der Musik, dem jungen Neapolitaner F r a n c e s c o M a j o , der in einem kurzen Zeitraum den grossten und bewundertsten Meistern seiner Zeit den Rang ablief, und leider zu fruh Italien und Europa durch den Tod entrissen ward."
H i l d e g a r d sang und musste gleich diese erste Stelle noch einmahl singen. Sie that es mit der Begeisterung einer jungen schwarmerischen Priesterin zum Entzucken. L o c k m a n n strengte mit Gewalt allen seinen Verstand an, um nicht vor ihr auf die Knie zu fallen. Die Feuchtigkeit der Wonne quoll tropfenweise in seine Augen; so zauberisch hatt' er ihr inneres schones Wesen noch nicht in den Luften vernommen. Melodie und Harmonie war ganz wie aus ihrer Seele.
Er sagte nach der Wiederholung: "Hohe, susse Schonheit muss an und fur sich schon bey allen Kunsten sehr in Anschlag gebracht werden. Diess gilt bey diesem Werk in vollem Maasse. P e r g o l e s i ubertrift ihn vielleicht, und kaum, bey einer oder zwey Stellen im Ausdruck; M a j o aber steht an Schonheit weit uber ihm. Bey dieser ersten Hauptstelle steht er auch an herzergreifendem Ausdruck im begleiteten Recitativ, welches fur die Worte viel naturlicher ist, uber seinem desswegen allgemein bewunderten Landsmann. Der letztere gleicht in seinem Ausdruck einer leidenden abgeharmten Matrone; und M a j o der schonsten Tochter der Niobe."
Sie sang weiter.
In hac lacrimarum valle dunkte alle uber die Maassen ruhrender im schonsten Ausdruck; er halt darauf im eingestrichnen C, und die Begleitung spielt und weht pittoresk darum.
"Eja ergo advocata nostra illos tuos misericordes oculos ad nos converte; ist, obgleich mit aller Pracht der Begleitung von zwey obligaten Trompeten, zwey Fagotten, und einer Hoboe Solo, nebst noch zwey Ripientrompeten, doch ausserst zartlich bittend vorgetragen, in solcher glanzenden Stimme der Begeisterung wie der ihrigen, die freylich dazu gehort, um dadurch immer hervor zu strahlen. P e r g o l e s i ist dagegen kleinlich und angstlich; im M a j o athmet uberall mehr Schonheit, und ohne Vergleich mehr Wurde des Menschen."
"Man muss diese Begleitung als achten herrlichen festlichen Schmuck ansehen, der jedermann erheitern und erfreuen soll; es ist gleichsam eine Volkshymne zur Ehre der Jungfrau. Solche Gesange sind schlechterdings nicht, die Gefuhle eines Lazareths auszudrukken; sondern die eines Volks, das nach Drangsalen Hofnung schopft, und wieder glucklich wird."
"Et Jesum benedictum fructum ventris tui nobis post hoc exilium ostende ist bey P e r g o l e s i wie eine Madonne von R a p h a e l ; gewiss aber auch bey M a j o , wie eine Madonne von C o r r e g g i o mit allem Zauber des Kolorits und Helldunkeln."
"Wahr ist es, im O clemens bleibt P e r g o l e s i unubertroffen. Uebrigens muss man noch dessen Zeiten bedenken; er ist hier gleichsam M a n t e g n a , wie schon gesagt, zu C o r r e g g i o ."
"Jeder setzt seinen Charakter durch. Gestehen muss man inzwischen immer, dass P e r g o l e s i tieferes Gefuhl von Leiden gehabt hat; verkleinerte Sekunden, Quarten, Nonen damit ist alles bey ihm verschmolzen. Es ist kein grosser Styl, aber ein ausserst darstellender bis ins Feinste. Zu seiner Zeit war man noch nicht so weit in der freyen Schonheit von Melodie und Harmonie gekommen."
"Man weidet sich recht an menschlicher Kunst, und menschlichem tiefen hohen und schonen Gefuhl, wenn man von einer so sussen und gewaltigen Kehle beyde nach einander hort und vergleicht."
"Im Schlusse noch ist M a j o gottlich; die Wiederholung des Anfangs: Salve! rundet recht das reizende vollkommne Ganze."
Selbst die Mutter stimmte meistens mit diesem Urtheil L o c k m a n n s uberein; und freute sich auf die Auffuhrung mit voller Begleitung.
H i l d e g a r d kleidete sich zum Ausgehen an. Die Probe war ein allgemeiner Jubel. Besonders entzuckte der Wettstreit des beliebten Virtuosen F r a n k auf der Hoboe mit H i l d e g a r d s unvergleichlicher Stimme; und das prachtige Spiel der Trompeten und Fagotten dazwischen wurde gleichsam von den Ohren angestaunt, wie ein neues himmlisches Wunder.
L o c k m a n n studirte alsdann, auf jeden Fall, mit seinen Leuten noch andre Sachen ein, einige bloss fur blasende Instrumente zur Begleitung der Prozession; und eine der vortreflichsten Symphonien von H a y d n , die zum Beschlusse fur das Volksfest sich wohl schicken konnte.
Den folgenden Tag bereitete man sich recht darauf vor, besonders der junge Hoboist und die Solotrompeten; und den Donnerstag in aller Fruhe fuhr L o c k m a n n mit seinen Leuten voraus, und H i l d e g a r d mit Mutter und Bruder zu gehoriger Zeit nach.
Das Kloster war nur drey kleine Stunden entlegen, hochst erfreulich in der Tiefe eines fruchtbaren Thals, das ringsum bis zum Eingang desselben waldiges Gebirg' umschloss. Ein Bach rann durch eine Seitenvertiefung hinter dem Kloster herunter, erfrischte mit Fruchtbaumen eingefasste kleine Teiche voll Forellen und Krebse; alles war reinlich, saftig grunend, und erschien fur klosterliche Betrachtungen eingeweiht.
Sie trafen schon eine Menge Landvolk an, und einzelne Zuge stromten noch herbey.
L o c k m a n n s Leute erhielten gleich ein gutes Fruhstuck; und ihn bewillkommte die Aebtissin mit gefalligem Anstand und vieler Freundlichkeit. Er meldete die Ankunft der Frau v o n H o h e n t h a l mit Sohn und Tochter, welche sie hochlich freute; zugleich aber, dass sie Mittags wieder zuruckkehren wurden. Sie war eine Dame vielleicht an die Vierzig, aus der Familie v o n F r i e d e b o r n , und hatte ihre angenehme Gestalt wohl erhalten. Die vornehmsten Klosterfrauen gesellten sich bald zu ihnen; auch fur L o c k m a n n ward ein Fruhstuck gebracht, wovon er nur ein Paar Glaser Xeresersekt, den er noch nie getrunken hatte, mit einigen Bissen Brod zu sich nahm.
Er verlangte gleich nach der Kirche und Orgel; und eine bluhende junge Elsasserin, die das Werk fur das Kloster dirigirte, begleitete ihn dahin mit zwey viel altern Schwestern, welche die Balge treten sollten.
Die Kirche war ein ziemlich grosses altes Gothisches Gebaude mit Kreuzgangen, und bemahlten Glasscheiben von prachtigen Farben in den Fenstern; die Orgel aber ein neueres Werk.
Die sittsame reizende junge Nonne zeigte ihm bescheiden die besten und am reinsten gestimmten Register. Er setzte sich auf die Bank, versuchte verschiedne einzeln, und dann zusammen. Sie lachelte dem jungen treflichen Meister bald Hochachtung, und dann Bewunderung zu, und ein lange zuruckgedrangtes Gefuhl fing an in den schonen schwarzen Augen zu wetterleuchten, als er sich von mehrern andern umringt sah, die, gleich den Schwalben beym warmen Hauch der Fruhlingslufte, aus ihren Zellen hervorgeflattert kamen. Er phantasirte ihnen zu gefallen die ruhrendst verflochtensten Gange, mit kurzen zartlichen Melodien und Imitazionen ausgeschmuckt, die man fur warme Andacht nehmen konnte; und ehe man sichs versah, war fast die ganze Kirche schon voll Leute, die durch Seitenthuren geschlupft waren, bevor man die grossen Pforten noch geofnet hatte.
L o c k m a n n musste plotzlich aufhoren; die Nonnen zogen sich zuruck. Die bluhende Elsasserin, welcher er unterwegs nur mit einem Handedruck seine Verwunderung bezeigen konnte, ein so liebliches Kind wie sie von der Welt geschieden zu sehen, begleitete ihn, mit einem schmachtenden Blick gen Himmel, wieder zur Aebtissin, gerad' als diese ihnen selbst entgegen kam. Sie ordneten alsdann den ganzen Gottesdienst mit dem Pater, einem Kapuziner. L o c k m a n n sagte, er habe Musik genug bey sich; wenn ihnen das Salve Regina vielleicht zu kurz schiene, so woll' er noch eine Messe auffuhren. Beyde baten instandig darum; das Volk, sagten sie, wolle immer gern recht viel Musik.
"Lassen Sie uns also gleich anfangen, fuhr der Pater fort, da die Kirche schon voll Menschen ist." I n z w i s c h e n waren H i l d e g a r d , Mutter, Sohn und Hofmeister angekommen, und wurden freundschaftlichst empfangen.
L o c k m a n n theilte zuerst die Stimmen der Messe von J o m e l l i aus D dur herum, die mit Hoboen und Hornern durchaus fur ein Freudenfest bestimmt ist.
Messe und Musik wurde angefangen.
Das Kyrie eleison machte ein prachtiges Ganze schon an und fur sich, und fullte Ohr und Seele. Die Begleitung, welche das Nahern zu Gott ausdruckt, bindet es meisterhaft. Das Thema zur Fuge ist gleichsam im Korinthischen Styl.
Das Gloria voll Jubel. Et in terra pax, voll Ausdruck. Qui tollis miserere nobis eben so, die Begleitung uberall glanzend in herrlicher Musik.
Cum sancto spiritu in Gloria Dei patris vortrefliche Fuge die ganze Oktave von unten herauf; wahres Meisterstuck mit der Begleitung.
Das Credo wieder ein Ganzes fur sich. Stimmen einzeln, Stimmen verflochten auf mancherley Weise, und was nur etwas fur die Musik darbietet, schon ausgedruckt. Damit es nicht zu einformig werde, geht J o m e l l i mehrere Tone durch, aus dem D dur bis ins C dur und C moll. Et resurrexit voll Ausdruck; et ascendit in coelum eben so; wie resurrectionem mortuorum. Das Credo ist immer Chorus, und stellt in Oktaven die Gemeinde vor.
Das dona nobis pacem machte prachtvollen Beschluss.
Ein schones Werk des Meisters, welches mit allgemeiner Lust und Freude angehort wurde, aber noch weit von seiner Todtenmesse absteht.
Die Messe war vorbey. Das wunderthatige Marienbild wurde von den vier jungsten Nonnen herbeygetragen und vor den Hauptaltar gestellt. Alles fiel auf die Knie.
Das Bild war uralt, wenigstens aus dem vierzehnten Jahrhundert. Im Kopf der Mutter Gottes ist wirklich etwas Erhabnes, und dabey etwas stolz jungfraulich Mutterliches; ob er gleich verzeichnet, die Nase zu lang, und das Kinn zu klein ist. Die Kleidung Griechisch. Maria sitzt auf einem Sopha wie auf einem Thron. Auch das Kind hat Majestat im Gesicht, legt das Kopfchen ins Genick, wie ein junger Despot, und schlagt in seinem grunen Rockchen, welches unter den Armen ein rother Streif Seide zusammen halt, auf ihrem linken Arm getragen, die Beine ubereinander. Sie hat ein rothes Unter- und ein himmelblaues Obergewand.
Man war wirklich im Himmel, nicht mehr auf Erden, als nun von H i l d e g a r d s reiner und gewaltiger Stimme durch die weiten geraumigen Gewolbe des Tempels in lieblichster Begleitung schmeichelnd bittend die Worte drangen: Salve regina, mater misericordiae, vita, dulcedo; dulcedo et spes nostra; et spes nostra salve! Salve Regina! Salve mater! Salve mater misericordiae! Salve regina! Salve! Salve!
Zu den Thronen des Himmels keine andre Tochter der Sterblichen, als H i l d e g a r d ; diese Empfindung lebte und schwebte in aller Herzen.
Bey den letzten Worten: O clemens, o pia, o dulcis virgo Maria; und dem letzten Gruss: Salve regina, dulcedo et spes nostra, salve, salve! wollten diejenigen, die ihre Augen wieder von der Musik zuruck auf das Bild hatten wenden konnen, einen lichten Glanz um die Kopfe strahlen, und die Mutter Gottes sich wirklich bewegen und nicken gesehen haben.
Als die Musik eine lange Weile zu Ende war, und die Prozession schon ihren Anfang hatte nehmen sollen: horten alle immer still zu, als ob die Musik noch fort wahrte; besonders sahen sie gleichsam in den Luften die gottliche Menschenstimme die obgleich vortrefliche Hoboe, wie den Falken einen andern Vogel uberflugeln, und dann die heroischen Trompeten und alle Instrumente der entzuckenden Schonheit huldigen.
Endlich zog die Prozession aus. Der ganze Himmel war heiter, und ein kuhles Luftchen spielte mit den Zweigen. Mit dem Wunderbilde voran, fuhrten die Aebtissin und die Nonnen, ungefahr dreyssig an der Zahl, in ihren schonen Gewandern und Schleyern vom Orden des heiligen Benedikt, den Zug. Ihnen folgten die Kinder, nach einem Zwischenraum, den die Klarinetten, Horner und Fagotten einnahmen; dann H i l d e g a r d und ihre Mutter mit einer langen Reihe Madchen und Weiber. Nun schmetterten abwechselnd die Trompeten und wirbelten die Pauken in die Walder, und nach diesen kamen Junglinge und Manner, alle in festlichem Schmuck.
Es ging um das Kloster herum, und dann die sanfte reine grune Wiese am rechten Ufer des klaren Bachs hinab, bis zur Oefnung des Thals, wo an einem Wirthshause fur die Ortschaften, welche zur Kirche gehorten, die Jager des Forsts paradirten, die, als die Prozession ihnen zu Gesichte kam, sie mit dem Donner ihrer Buchsen begrussten, dass es weit und breit, und mit verschiednen Schlagen, im Gebirge widerhallte. Als der Zug vor ihnen voruber war, feuerten sie noch mehrmals ab. Es ging nun uber die Brucke, und am linken Ufer des Bachs die Anhohe hinauf durch ein Stuck Wald hoher starker Buchenstamme wieder nach der Kirche. Unter der feyerlichen Musik der Klarinetten und Horner, Trompeten und Pauken, und dem Donnerschall des Gewehrs murmelte, wie das Brausen der Meeresfluth zwischen Felsen, immer: "Gegrusset seyst du Maria! und, heilige Mutter Gottes bitte fur uns!" mit inbrunstigen Schlagen an die Brust, von allem Volke.
Der Himmel schien sich aufzuthun, und ein hellerer Glanz von ihm herab zu leuchten. Hehr und heilig und friedlich stand die Gegend, als sie zum Tempel hinein zogen.
Sie stellten das Bild wieder an den alten Ort. Die Aebtissin kniete davor nieder, nach ihr alle, und jagte mit so starker Stimme, als sie vermochte: "Sey gegrusset grosse Fursprecherin! walte ferner uber uns, wende alles Uebel ab, segne die Fruchte, und beschutze das Land!"
L o c k m a n n hatte unterdessen seine Schaar auf dem Chor wieder zurecht gestellt, und die Symphonie von H a y d n mit einer Menge von Geigen und Bassen und allen blasenden Instrumenten vortreflich aufgefuhrt, schloss bezaubernd und berauschend.
Wenn das Volk die Sitte der hochst sinnlichen Romer und Neapolitaner verstanden hatte: so wurd' es ihn und H i l d e g a r d e n auch noch um das Kloster und durch das Thal in Prozession unter Jubel herumgetragen haben; so voll Bewunderung und Dankbarkeit war alles fur beyde.
Sie und Mutter und Bruder wollten nun nach Hause zuruckkehren; aber Aebtissin und Nonnen baten und flehten, und es ward ihnen nicht gestattet.
Man hatte sich fur diesen Tag mit einem reichlichen Vorrath von Speisen versehen, und einige geschickte Kochinnen waren schon aus der Nachbarschaft herbey gerufen worden. Es mangelte ausserdem im Kloster nie an allerley kostlich Eingemachtem, so wie an niedlichem Zuckerwerk, welches selbst zuzubereiten, verschiedne Schwestern ausgelernt verstanden. Die Aebtissin nahm fur diesesmal an ihre Tafel, ausser den zwey vornehmsten Alten, die immer mit ihr speisten, drey der schonsten und wohlerzogensten Nonnen, unter welchen sich die Elsasserin befand, und H i l d e g a r d wie die himmlische Venus neben ihren Grazien sass, wenn man Vestalinnen mit diesen vergleichen darf. Sie trug ein weiss seidnes Kleid uber einem rosenfarbnen Untergewande; und uberbluhte alle an Gestalt, wie die konigliche Rose die andern Blumen.
Unten im Kloster und in den Seitengebauden waren mehrere Tafeln fur die Kapelle und andre Gaste.
Der Kapuziner war lange in Rom gewesen, fing bald das Gesprach mit Lob uber H i l d e g a r d s Stimme an, und sagte, dass er binnen zwolf Jahren nie eine schonere in Italien gehort habe, nicht eine, die damit zu vergleichen ware.
Wie erstaunte L o c k m a n n , als er sie im besten Toskanischen mit der wohllautendsten Romischen Aussprache antworten horte: "Guter Vater, es schickt sich nicht fur Sie, eine von Evens Tochtern, die sich leicht verfuhren lassen, mit Ihren Lobspruchen eitel machen zu wollen."
Der Kapuziner streichelte seinen grauen langen Bart vor Freude, und erwiederte im Italianischen ferner: "Sie sind ohne Zweifel, obgleich so jung, schon in Italien gewesen, da Sie dessen Sprache so gut reden?"
"Nein, noch nicht, antwortete sie; aber ich habe gute Lehrmeister und Lehrmeisterinnen gehabt: Vater und Mutter, und Virtuosen und Sangerinnen aus diesem Lande der Schonheit und Kunste. Jedoch nichts weiter in dieser Sprache! die frommen Schwestern hier mochten sonst glauben, Sie, ehrwurdiger Vater, hatten Ihren Zweck erreicht."
Geschwind wie ein Blitz war diess vorbey; L o c k m a n n aber himmelweit davon entfernt nur die geringste Ahndung zu haben, warum sie gerade jetzt mit diesem neuen Reiz erschien.
Wie sich die Weiber selten einander etwas der Art gonnen, und auch die besten und wirklich keuschen eifersuchtig sind: so hatte H i l d e g a r d schon auf dem Chore bemerkt, dass die Elsasserin und der schone junge Mann sich einander verstohlen lustern angafften, indess sie ziemlich fertig, doch immer Nonnenmassig gehudelt, die Einleitungen und Antworten zur Declamazion des Priesters am Altare auf der Orgel griff, und sich desswegen ofter, als nothwendig war, mit dem Kopfe rucklings wandte. Als sie zur Tafel traten, bemerkte H i l d e g a r d diess noch starker; und so ging das Spiel, allen andern Augen verborgen, daran fort. Auch hatte die allerschlaueste nicht undeutliche Spuren von Absichten der Aebtissin selbst wahrgenommen. Als sie die wenigen Italianischen Worte sprach, richtete sie nicht einen Blick auf L o c k m a n n e n ; aber hernach redete sie bey Gelegenheit freundlich und gefallig mit ihm, jedoch ohne die mindeste Verletzung jungfraulicher Sittsamkeit und ihrer Wurde.
Dieser konnte nicht unterlassen, ihr in eben der Sprache lebhaft sein Vergnugen zu bezeigen, dass sie so gut Italianisch sprach. Die Nonne war fur ihn ein blosses neues Augen-, hochstens leichtes Sinnenspiel der warmen Jahrszeit; und von einer Vergleichung zwischen ihr und H i l d e g a r d e n in seinem ganzen Wesen nicht die geringste Spur. Die Aebtissin pries beyde, sie und ihn, hochlich, und sagte, dass sie noch niemals auch nur eine ahnliche Musik gehabt hatten.
Der Kapuziner ruhmte den schonen Ausdruck und das Glanzende der ganzen Musik im Salve Regina von M a j o . Er kannte die grossten neuern Kirchenkomponisten in Italien, wie er sie nannte, den Pater M a r t i n i zu Bologna, Pater V a l l o t t i zu Padua, und Pater Z u c c a r i zu Assisi personlich. Ihre Musik, sagte er, sey strenge, heilig, gleiche der ehrwurdigen der unsterblichen P a l e s t r i n a und M a r c e l l i , und reisse, wenn sie von Sangern wie G u a d a g n i vorgetragen werde, wie ein Strom mit sich fort; aber mit solcher Melodie, mit so etwas Himmlischem, kurz mit solcher Schonheit hatten sie sein Herz nie in Bewegung gesetzt, als M a j o mit seinem ersten Salve. G u a d a g n i und P a c c h i a r o t t i wurden es aber auch nicht wagen, so etwas nach ihr, alles andere dazu gerechnet, singen zu wollen.
H i l d e g a r d gab dem guten Pater einen neuen Verweis; aber er liess sich von ihrem Lobe nicht abbringen.
"Man glaubt falschlich, fuhr er fort, dass das Klima von Italien allein die bey weitem allervollkommensten Organe zum Singen hervorbringe, die zarten und zugleich hochst elastischen Fibern, Nerven und Muskeln zur Lunge, Brust und Kehle; und dass eine ausserordentliche Stimme so wenig ausserhalb Italiens zu finden sey, als eine andre mit einer vortreflichen Cremoneser Geige konne verglichen werden."
Er beschrieb dann mit einer wirklich angenehmen Beredtsamkeit verschiedne grosse Feste dort, wobey er zugegen gewesen war; als das Fest des heiligen Franziskus zu Assisi, das Fest der Portiuncula, wobey er die schone Kirche, und die Hutte des Heiligen noch unter der Kuppel, worin ihm der erste Gedanke zu seinem Orden war eingegeben worden, und die zwolf springenden Brunnen aus der einen Mauerwand der Kirche fur die ungeheure Menge Volks von allen Landen her, nicht vergass; so wie das fruchtbare Paradies das ganze lange Thal hin um Assisi. Er erzahlte ferner die letzte Wahl des ersten Vorstehers seines Ordens, eines Deutschen, zu Rom; und beschrieb die schone Lage ihres Klosters da, und den Reichthum der beruhmten Gemahlde in demselben.
L o c k m a n n fiel hier ein, und sagte: "Der Erzengel Michael daselbst ist wirklich eins der schonsten Bilder von G u i d o , und noch lebendig in meiner Einbildungskraft. Der grosse Meister gefalliger Schonheiten hat einen himmlischen Jungling darstellen wollen von zauberischer Gewalt. Der Kopf desselben ist die innigste Vereinigung reizender Mannlichkeit und Weiblichkeit mit dem sussesten Ausdruck von Unschuld, besonders im Munde. Alles aufgebluht an ihm wie Blume ohne Anstrengung zeigt von der reinsten Seele, fahig alles Vollkommnen. Die Rothe auf den Wangen giebt ihm allein etwas Zorniges; sonst sieht er bloss aus, als ob er die Befehle eines Andern ausfuhrte, gehorsam nicht eigenwillig. Das in die Hohe wallende Haar bildet reizend die Bewegung und das Niederschweben."
Der Pater fugte hinzu: "Alles Nackende ist von hoher Schonheit, das linke Bein, der rechte Arm, die linke Faust voll gottlicher Kraft. Die Rustung zeigt das Wunderbare seiner Starke; so wie der Satan unter seinen Fussen."
L o c k m a n n fuhr weiter fort: "Die Bekleidung allein, dunkt mich, ist ein wenig zu mahlerisch, und hat nicht genug Wahrscheinlichkeit. Aber das Ganze bleibt immer eins der reizendsten Gemahlde voll hoher Schonheit; es vergnugt, entzuckt, und erweckt Heiterkeit in der Seele."
Der Pater unterbrach ihn: "Man kann den Jungling nicht ansehen, ohne ihm hold zu seyn; er ist so recht der Inbegriff von Schonheit und Gute mit hohem Geiste vereinigt; was man auf dieser Erde fast nicht findet. Mit einem Worte: G u i d o hat das Centrum getroffen; jeder Mensch, wess Standes er sey, wurde sagen, wenn er so etwas in Wirklichkeit sahe, und kennen lernte: es ist ein wahrer Engel."
Einmal im Zuge, konnt' er nicht aufhoren, die reichen Kloster und prachtigen Kirchen in Italien zu beschreiben; das Wohlleben, das gute Essen und Trinken, die kostlichen Fische und wohlfeilen vortreflichen Weine.
Die Elsasserin unterbrach ihn mitten in seiner Begeisterung mit der naiven Frage: ob sie dort auch wohl einen so schonen Thurm hatten, wie den Strassburger?
"Nein, war die Antwort nach einiger Ueberlegung, nur das nicht; und keine solche Sangerin."
H i l d e g a r d musste laut auflachen uber die Kapuzinade; welche die andern auch andachtig anhoren wollten.
Das Gesprach ging dann uber auf das Kloster, die Zeit seiner Stiftung, was es fur Einkunfte, Prozesse habe, u.s.w.
Mittlerweite legte die Aebtissin selbst L o k k m a n n e n freundlichst den grossten, und ausgesucht grunen Spargel vor, und nothigte ihn zum Trinken; und der Ton von blosser Hoflichkeit, womit sie den jungen Herrn von H o h e n t h a l und dessen Hofmeister nothigte, entging H i l d e g a r d e n nicht. L o c k m a n n fing an stiller zu werden, und sass in Gedanken, zuweilen vor sich hin blickend. Sie legte es mit Recht fur sich aus; aber auch die bluhende Elsasserin legte es fur sich aus, und nicht weniger die Aebtissin.
F e y e r a b e n d suchte bey Gelegenheit der Musik das Gesprach auf England zu lenken, und pries dessen Wohlstand und vortrefliche Regierungsform. Mutter und Sohn stimmten zwar ein; aber es wollte naturlicher Weise nicht haften. Man ergotzte sich zu guter letzt an dem unvergleichlichen Zuckergeback, den kostlichen eingemachten Aprikosen, und andern frischen Fruchten. Dann trank man verschiedne Gesundheiten in achten auslandischen Weinen der besten Arten. Die letzte Gesundheit war: noch viele solche frohe Feste! und lange leben und gesund seyn!
Man stand auf. Die Aebtissin zog L o k k m a n n e n bey Seite, und steckte ihm ein Geschenk zu fur seine Musiker; fur ihn selbst zwar nur eine schildkrotene Dose, worauf aber eine meisterhafte Kopie in Miniatur von R a p h a e l s beruhmtem Gemahlde der heiligen Cacilia zu Bologna stark mit Gold eingefasst war. Er weigerte sich anfangs sie anzunehmen; aber bey dem Blick auf die Schonheit der Vorstellung liess er sich doch leicht dazu bewegen. Er kusste ihr aus Dankbarkeit die schone Hand, und fuhlte wohl den sanften Zug und Druck derselben auf seine Lippen.
Selbst H i l d e g a r d musste den Werth und das Passende des Geschenks loben. Die Aebtissin hatte die Miniatur von einem jungen durchreisenden Mahler B r a n d , welcher ihr Portrat machte, und bald darauf zu fruh verstarb, fur wenig Geld erkauft. Das letztre verschwieg sie schicklicher Weise.
Es entstanden wahrend des Kaffeetrinkens verschiedne Gruppen im Saale. Herr von H o h e n t h a l scherzte mit den drey jungen Nonnen; die Mutter, die Aebtissin, F e y e r a b e n d , und die zwey alten blieben am Tische sitzen, und unterhielten sich von ernsthaften Dingen; H i l d e g a r d , L o c k m a n n und der Pater standen am Fenster, und sprachen lebhaft Italianisch uber Musik mit so gelaufiger Zunge, dass man es in dem Kaffeehause zu Monte Citorio in Rom, wo gewohnlich eine auserlesene Gesellschaft Advokaten es am besten in ganz Italien spricht, nicht reiner und schoner hatte horen konnen. Die Elsasserin blickte und bewegte sich immer nach ihnen.
H i l d e g a r d schlug endlich der Mutter einen Spaziergang durch das schone Thal vor, und beyde kamen uberein, dass sie den Wagen an das Wirthshaus vorfahren lassen, und dort einsteigen wollten, um wieder zuruck zu kehren.
Der Zug ging alsdann die Treppe hinab; L o c k m a n n wurde von H i l d e g a r d e n am Arme gefasst. Als sie unten waren, hatte er sein schones Rohr vergessen; er flog zuruck, um es auf dem Wege zu haben, und traf im Zimmer die bluhende Elsasserin allein, welche am Fenster stand, ihnen traurig nachzusehen. Die zwey andern jungen Nonnen waren schon durch Seitenthuren wieder bey ihren Gespielinnen, um diesen den Abzug anzuzeigen, und alles zu erzahlen. Als L o c k m a n n die Thur aufriss und hineinsprang, drehte sie sich um. Wie konnt' er der vollen Gewalt der Natur widerstehn? ein Kuss auf ihre sussen zarten Lippen: o es war erquickendes Labsal fur den Brand, den H i l d e g a r d in ihm erregte! und noch ein Kuss, wo er ihre schmachtende Unterlippe an seine feuchte Zunge schlurfte: Zahren glanzten uber das Wonnelicht ihrer Augen, und die jungen Bruste wallten hoch in sein Wesen. Der zweyte Kuss hielt an; er musste fort. Den dritten gab das reizende Madchen, als Nonne, die nicht lange sprode thun und sich verbergen darf, ihm selbst, gluhte uber und uber, und sagte dann: "Ach, ich Ungluckliche!" und so schieden sie von einander.
Er stolperte die Treppe hinunter. H i l d e g a r d wartete auf ihn; sie bemerkte wohl an seinem verirrten Blick und an den rothern Lippen, dass etwas vorgefallen seyn mochte; liess sich aber klug nichts merken, und verfugte sich mit ihm zu der Gesellschaft.
L o c k m a n n fing wieder an zu denken: du hast mit einem seligen Augenblick die Langeweile ihres Zustandes beseelt; was ist es weiter! H i l d e g a r d ging neben ihm, wie die stolzeste Zierde der Schopfung. Die Nonne, und der fatale Kreis, wohinein sie gebannt war, verschwand nach und nach; wie erfrischt und gestarkt, ward er lebendiger, frohlicher und heitrer.
Vor dem Wirthshause und im grossen Saal desselben mit ausgehobnen Fenstern machten sich seine Leute, Madchen und Weiber, und das junge Landvolk lustig, und tanzten bey furstlicher Musik von Klarinetten, Hornern und Fagotten, wozu zuweilen die Trompeten in Wald und Gebirge schmetterten. Er wollte mit F e y e r a b e n d e n zu Fuss nach Hause, um sie nicht zu storen: aber H i l d e g a r d gestattete es nicht; der Wagen war geraumig, und Platz genug, dass die drey Herren beysammen sitzen konnten.
Man dankte, nahm Abschied, stieg ein; die Aebtissin empfahl zuletzt sich und ihre Kirche noch einmal dem schonen, jungen, wohlgebauten L o c k m a n n . Der Wagen rollte fort, dass der Staub flog; und Kloster, Thal und Wald und Gebirge blieben zuruck.
Die Mutter verlangte nun noch einmal die Dose zu sehen; sie ruhmte das Gemahlde. Nach ihr nahm sie H i l d e g a r d in die Hand; und bemerkte: "Die Heilige und Paulus sind die zwey besten Figuren, voll tiefer schoner Empfindung im Ganzen, in Stellung und Geberde. Sie ist verzuckt in himmlische Melodien; Paulus mit etwas mehr Gedanke. Aber alle Gestalten sind nicht so edel und schon, als man sie von dem Meister aller Meister erwarten sollte. Cacilia und Johannes haben ganz gemeine Gesichter; nur der Ausdruck erhebt sie uber das Gewohnliche. Vermuthlich ist diess jedoch Schuld des Kopisten."
L o c k m a n n versetzte: "Selbst zu Bologna ist es keins von seinen besten Gemahlden; Ihre Bemerkungen wurden vielleicht auch dort gegrundet seyn. Aber die Empfindung des Gottlichen macht alles von ihm anziehend."
Dann erhielt F e y e r a b e n d die Dose, und sagte: "Wenn es ein andrer gemahlt hatte, so wurd' es nicht so beruhmt seyn. Selbst fur R a p h a e l mag das Vorurtheil zuweilen nicht wenig thun."
Er schopfte frische Luft, gab die Dose zuruck, und sagte: "Aber wie es Menschen, vernunftige Geschopfe geben kann, die im Ernst an wunderthatige Marienbilder glauben, das fallt mir hart auf."
"Warum nicht? antwortete L o c k m a n n , nachdem er um sich her gesehen und uberlegt hatte; sie durften nur erst an die Mutter Gottes selbst glauben, das andre war leicht. Da die mahlerischen Phantasien so selten sind, selbst bey den Mahlern, und sie ihre Gestalt im leeren Luftraum sich nicht vorstellen konnten: so sahen sie sich bald das Bild lebendig, und endlich vollig verkorpert. Unerwartetes Gluck, unverhofte Befreyung von Uebeln, Krankheiten, wesswegen sie zu ihr unter dieser Gestalt flehten, da sie keine andre hatten, alle gunstige Zufalle, wovon sie die Ursachen nicht erkannten, wurden dann, zuverlassig kindisch, aber doch wahr und aufrichtig, und wenn Sie wollen, Griechisch, dem Bilde selbst zugeschrieben. Alte und erwachsene Kinder sahen es wohl noch die Augen bewegen; vielleicht den Kopf gar, durch klosterliche Betrugereyen, denen doch solche Erfahrungen, auf die man sich verliess, vorhergehen mussten."
"Der gewohnliche Mensch kann sich uberhaupt kein Wesen, sey es noch so machtig, als Sonne, Luft und Elemente, anders vernunftig und verstandig und hulfreich auf Bitten in der Noth vorstellen, als unter seinem Bilde. Selbst die grossten Philosophen sehen alles in der Natur als nothwendige Erscheinungen an, und die Thoren verzweifeln endlich an ihrem eignen freyen Willen."
F e y e r a b e n d erwiederte: "Vielleicht mehr werth, als der ganze dicke Atlas Marianus; aber gerade die klosterlichen Betrugereyen, um goldne und silberne Opfer zu gewinnen, sollte man nicht gestatten. Die Religion soll nicht allein glucklich, sondern den Menschen auch besser und rechtschaffener machen; und nicht auf der einen Seite fetten Mussiggang, und auf der andern magern und armen Fleiss ins Land bringen."
H i l d e g a r d suchte das Grelle des Hofmeisters zu mildern, und sagte: "Man darf uberall nie zu streng seyn. Auch die guten Kunste der Einbildungskraft leben auf Kosten der Starke. Wenn das Unkraut nur nicht zu haufig unter dem Weizen ist! mit allzu genauem Ausjaten zertritt und verderbt man endlich selbst die Saat. Da so viele Madchen an keinen Mann kommen konnen: warum wollte man zwanzig oder dreyssig alten Jungfern ein wenig Feinheit ubel nehmen, die sie sich erlauben, eine bequeme Pflegestatte zu haben? Und dann unterstutzen sie wieder die Armen und Kranken; und ihre Ceremonien sind ein erfreuliches Schauspiel fur das Volk."
Ihr Bruder stand nun seinem F e y e r a b e n d bey: "O ja, die Kloster sind gar etwas Erbauliches. Wenn es auf die Damen ankame: so hatten wir ihrer noch einmal so viel. Inzwischen als gemeinschaftliche Hulfsquellen, und nicht zu zahlreich besetzt, konnte man immer ein Paar auf einige Meilen in der Runde dulden."
L o c k m a n n sass H i l d e g a r d e n gegenuber, liebenswurdiger, als sie ihn noch gesehen hatte; obgleich ihre Augen in der Bekanntschaft den Worten weit voraus waren. Ein Geist der Liebe umleuchtete seine Locken, glanzte auf seinen Wangen, und rothete suss die Lippen. Sie betrachteten oft einander, und ihre Seelen unterhielten sich lebhaft im Stillschweigen. Nicht weit vom Hause warf ein Stoss des Wagens von einer Anhohe herunter sie fast in seine Arme; ihre Knie beruhrten die seinigen, und ihre rechte Hand kam gerade flach mit dem zartesten Sinn des Gefuhls auf seine gewolbte breite warme Brust. O, wie ihm das wohl that! O, wie auch ihr das wohl that! Aber sie war geschwind wieder auf ihrer Stelle. Man scherzte uber den Zufall, kam an, und ging aus einander.
Dass H i l d e g a r d so fertig und gut Italianisch sprach, war fur L o c k m a n n e n die angenehmste Entdeckung, das unverhofte Gluck, und das Liebste der ganzen Spazierfahrt. Die drey Kusse, recht schmackhaft, frisch und voll, waren auch etwas werth, und er fuhlte sich noch mit der bluhenden Weiblichkeit verschlungen und verdoppelt; aber der Gedanke: Nonne! verdarb alles; und dann war es nur Schatten gegen H i l d e g a r d e n , ein Husarenraub, geschwind erhascht, genossen und vergessen.
Er wahlte noch denselben Abend Musik fur sie aus, um sie in allerley Gestalten erscheinen zu sehen, und verlangte sehnlichst, sie von ihr zu horen. Um ungestorte Musse zu bekommen, wandt' er die folgenden Morgen zu Proben an fur die nachsten Sonntage und Feste; und vertheilte das Geschenk der Aebtissin. Eine prachtige Messe im hohen Styl von P i c c i n i , welche dieser jungst fur die Spanische Kirche zu Rom gesetzt, als man ihn zum Kapellmeister daran ernannt hatte, mit der Freyheit abwesend bleiben zu durfen, und der blossen Pflicht, nur zuweilen dafur zu schreiben, war das Schwerste und Schonste.
Den andern Tag nach der Klosterfeyerlichkeit traf ihn wieder im Schlossgarten der F u r s t mit H i l d e g a r d e n , Mutter und Bruder, der Frau v o n L u p f e n und ihrem Gemahl, welche am Hofe gespeist hatten, und, nach einer Spazierfahrt, nun zu Fuss durch den Garten wieder zuruckkehrten. Die Rede kam gleich auf die beste Einrichtung eines wochentlichen Konzerts, welches allezeit Mittwochs sollte gehalten werden; und der F u r s t befragte L o k k m a n n e n um seine Meinung.
Der Inhalt ihres Gesprachs war ungefahr folgender.
"K o n z e r t
ist eine musikalische Versammlung, Akademie; nach der ursprunglichen Bedeutung des Worts, ein Wettstreit, Concertatio, Certamen. In der neuern Bedeutung kommt das Wort aus dem Franzosischen, und heisst so viel, als musikalische Probe; Tonkunstler kommen zusammen, verabreden sich, und probiren die grossern Musiken, bevor sie dieselben vor dem Volke auffuhren. Jetzt ist die ursprungliche und neuere Bedeutung zugleich in dem Worte. Man fand die Proben so angenehm und bequem, dass man sie selbst zu wirklichen Vorstellungen machte."
"Jetzt ist ein Konzert ungefahr das, was bey den Griechen Rhapsodie war: ein einzelnes Stuck, oder mehrere einzelne Stucke, aus einem oder mehrern grossen Ganzen, von Virtuosen und Liebhabern vorgetragen."
"In Paris und London sind sie zuweilen ein formlicher Wettstreit, ein Olympisches musikalisches Spiel, wo die beruhmtesten Sanger und Sangerinnen und Virtuosen aus allen Landern von Europa zusammentreffen. Man sieht dabey weiter gar nicht auf ein Ganzes, sondern nur auf angenehme Abwechslung und schickliche Eintheilung fur den bestimmten Zeitraum."
"In kleinern Stadten und an Hofen ist es eine wounterreden will, und die leeren Augenblicke mit Musik ausfullt; oder das stumme Spiel der Karten mit Musik begleiten lasst, und dadurch die ode Stille wegbringt."
"Man konnte sie auf mancherley Art zu wahren Schulen der Musik machen."
"1. Mit einem Theil der Einkunfte die grossten Meisterstucke der Musik aller Zeiten und Gegenden, die noch ubrig sind, da sammeln, aufbewahren, und nach einander studiren, auffuhren, und mit einander vergleichen. Diess ware unstreitig der allerhochste Zweck, den man dabey sich vorsetzen konnte. Die Geister der grossen Erfinder in der Musik kampften hier mit einander; und man hatte den Genius verschiedener Zeiten und Volker am sinnlichsten vor Ohr und Seele. Um diesen Zweck vollkommen zu erreichen, gehoren freylich Stadte dazu wie London, Paris, Neapel, Wien, Berlin; und Unterstutzung von Konigen, Fursten, und reichen Liebhabern."
"Wenn man inzwischen nur einmal den Anfang damit machte! Man brauchte nicht ganze grosse Komposizionen aufzufuhren, sondern nahme nur die schonsten und bedeutungsvollsten Stucke daraus. Kunstler und Kenner konnten nachher die Partituren fur sich besser studiren. Man brauchte anfangs auch nicht bis zu den Griechen und Chinesen zuruckzukehren und auszuschweifen; sondern nahme nur die Hauptsachen von P a l e s t r i n a an bis auf unsre Zeiten."
"Durch starke Kontraste wurde das Vergnugen sehr erhoht werden. Zum Beyspiel nach einander ein Stuck von D u r a n t e oder V i n c i ; und darauf eins von P a e s i e l l o oder C i m a r o s a ; eins von dem beruhmten Kapellmeister Karls des Sechsten Fux: und darauf eins von G l u c k oder N a u m a n n ."
"Ein Konzert, auf diese Art mit Geschmack eingerichtet, wurde bald alle mittelmassige theure Opern zu Schanden machen. Das namliche verstande sich auch von Instrumentalmusik. Die Virtuosen mussten sich in den Genius der Zeit so viel wie moglich einstudiren, wenigstens anfangs von C o r e l l i und V i v a l d i an, und T a r t i n i , bis zu unserm Ariost H a y d n . Die Kunst der Musik wurde dadurch nach und nach mehr Tiefe in der Geschichte der Menschheit gewinnen."
"2. Was noch geschieht, aber mehr von ungefahr, als aus Zweck: alle Anfanger da prufen durch das Publikum; und leicht die Stimmen sammeln, ob sie fortfahren sollen in dieser Kunst, unterstutzt zu werden verdienen, oder nicht; und ihnen guten Rath ertheilen, so wohl was Komposizion, als Ausubung betrift."
"3. Nachrichten einsammeln von neuen Werken und Virtuosen in den verschiednen Stadten Deutschlands und andrer Lander durch musikalische Korrespondenzen."
"4. Sich unterreden, wie Kirchen-, Theater- und andre Musik in einen bessern Zustand zu versetzen sey."
"5. Die beruhmtesten Sanger, Sangerinnen und Virtuosen auf ihren Reisen da horen, ihr Vortrefliches und ihre Eigenheiten prufen."
"Um diese und mehrere Zwecke zu erreichen, mussten Kenner und in der Geschichte der Musik Erfahrne an der Spitze stehen, regieren und leiten."
"Die angenehmsten Konzerte heutiges Tags sind solche, wie sie die Italianer haben. In ihren haufigen Opern jedes Jahrs werden gewohnlich nur einige Scenen vorzuglich gut ausgearbeitet; und diese aus verschiednen Stadten fuhren sie darin nach einander auf. Ihre Konzerte sind also gleichsam die Ernte von jedem Jahre. Und so geht es noch mit der Instrumentalmusik."
"Unsre gewohnlichen Konzerte erfordern nothwendig wenigstens diese Verbesserung, dass man bey den Scenen und Arien, welche da in fremden Sprachen gesungen werden, die Worte ubersetze, und das Ganze angebe, worin sie sich befinden; denn sonst ist ein blosses Gurgeln und Trillern, mit Larm von Instrumenten, wobey die mehrsten schlechterdings nicht wissen, was sie denken und empfinden sollen."
Der Furst endigte die Unterredung, indem er sagte: "Ritterliche Wettstreite werden wir an unserm Hofe halten, wenn sich Gegner fur solche Bradamanten und Marfisen finden sollten; und die andern guten Ideen zur Ausfuhrung zu bringen, wird nicht wenig von dem treflichen Meister abhangen, der sie uns mittheilte. Aufmerksame Zuhorer, wahrscheinlich; einen eifrigen Befordrer hat er gewiss."
H i l d e g a r d gewann immer mehr des Fursten Gunst; wenn er sie einmahl bey sich hatte, konnte sie so leicht nicht wegkommen. Sie betrug sich mit gehorigem Anstand gegen L o c k m a n n , und sprach weniger mit ihm, als das erste mal, doch immer gefallig. Statt ihrer aber gesellte sich besonders die Frau von L u p f e n zu ihm, welche ihn mit ihrem Gemahl bekannt machte. Diesem musste er Duetten fur Waldhorner versprechen; wofur er freye Jagd und ein vortrefliches Gewehr dazu bekommen sollte.
Montags gleich nach dem Fruhstuck war L o c k m a n n bey H i l d e g a r d e n . Sie empfing ihn wieder bey ihrer Mutter. Er brachte eine Oper mit sich, die er fur eine der besten unter allen Italianischen hielt: die A r m i d a v o n J o m e l l i . Er fing an.
"Die Kirchenmusik ist viel allgemeiner, als die Musik der Oper, welche weit mehr ein Werk des Genies ist, und einzelne Menschen und deren Leidenschaften darstellen soll."
"Darstellen uberhaupt heisst Merkmale von etwas geben, wodurch es der Seele gegenwartig wird."
"Jeder, der sich Kenntnisse sammeln und andern mittheilen will, muss diese Kunst besitzen; und alle Wissenschaften und andre Kunste beruhen auf ihr. Sie ist die erste und unentbehrlichste von allen. Die andern sind gleichsam nur ihre Kinder, und theilen sich in ihren Reichthum, ihr Vermogen."
"Die Bildhauerkunst hat die Form zum Erbtheil erhalten; die Mahlerey die Farbe; die Tanzkunst, im weitlauftigen Verstande genommen, die Bewegung am Menschen; die Musik den Ton; die Poesie die Sprache; deren Vasallen sind Beredtsamkeit, Geschichte, und alle Wissenschaften, die durch die Sprache mitgetheilt werden. Mathematik, die durch den blossen Raum darstellt, hat das weiteste Reich."
"Wenn sich aber auch die Kunst der Darstellung mit ihrer ganzen Familie vereinigt: so kann sie doch die Wirklichkeit nicht ganz geben; es ware gegen den Satz des Widerspruchs und des nicht zu Unterscheidenden. Diess soll sie auch nicht. Alle Kunst der Darstellung geht immer auf den bestimmten Zweck, das besondre Wesen einer Sache und ihr Bild tief in die Seele zu pragen, zu deren Nutzen und Vergnugen. Ob sie gleich die Wirklichkeit nicht ganz giebt: so giebt sie doch das Brauchbare davon, das Gediegne fur den Menschen herausgehoben, von allen Schlacken gereinigt; und ergreift mehr, als die Wirklichkeit selbst, weil sie alles Zerstreuende davon entfernt, und die Merkmale jeder Art in einen Brennpunkt bringt."
"Die Darstellungskunst kann sich mit dem grossten
Theil ihrer Familie am mehrsten im Schauspiel vereinigen. In ihrer hochsten Vortreflichkeit wird sie sich aber da vielleicht so selten zeigen, als Sonne, Mond, Merkur und Venus, Mars, Jupiter, Saturnus und Uranus am Himmel um die Erde in einem harmonischen und lieblichen Kranze auf einer Stelle zusammenkommen. Ein S o p h o k l e s , ein G l u c k , ein T i z i a n , die G a b r i e l i , M a r c h e s i , P u g n a n i , die N o v e r r e , die V e s t r i s stehen in Zeit und Ort immer weit von einander."
"Die besten Merkmale sind diejenigen, welche den
besondern Charakter einer Sache bezeichnen; denn eben dadurch wird sie der Seele am gegenwartigsten. Wer tauschen will, muss diese treffen; und derjenige tragt den Preis davon, der sie am besten trift."
"H o m e r hat die hochsten Muster personlicher
Tapferkeit mit allen Schattirungen aufgestellt; und ist desswegen als Heldendichter der erste. A c h i l l , A j a x , D i o m e d , O d u s s e u s , bleiben noch unubertroffen. Ein Dichter, welcher einen A l e x a n d e r , H a n n i b a l , C a s a r darstellte, einen T r o m p und R u y t e r , T u r e n n e , F r i e d e r i c h , meisterhaft das Unterscheidende trafe, wodurch sie sich von andern Heerfuhrern auszeichneten, wurde gewiss einen hohern Rang einnehmen; aber dazu gehort so viel Leben und Erfahrung, dass es noch keiner gethan hat. Sie lassen sich eben nicht so sinnlich darstellen, als ein A c h i l l . Wie leicht und ergreifend fangt die Iliade an, die Sie in der Uebersetzung von P o p e gelesen haben werden, mit einem Wortwechsel! und wie schmachtet alles auf die Wiederversohnung, wie durres zerrissnes Land auf einen Sommerregen!"
"Das hochste aller Kunst besteht in dem von allem andern Unterscheidenden, Individuellen, Tauschenden; nicht gerad' in der Vollkommenheit der Formen, Farben, Tone, Worte, Harmonie und Schonheit derselben. Desswegen sagt man von den Figuren, welche bloss fleissige Kunstler den Antiken nachmachen: es ist keine Seele darin; das ist: es ist nichts darin, was das Ganze zusammenhalt und individuell lebendig macht. Die Formen konnen schon, proporzionirt; die Farben, Licht und Schatten harmonisch, kurz, alles nach der Regel treflich seyn: und stellt doch nichts dar, und tauscht nicht."
"Was einer darstellen will, muss er erst in Natur recht gefasst haben. Welch ein sichrer scharfer Blick, welche feste geubte Hand gehort nicht dazu, eh einer nur den Umriss von der geringsten Sache rein aufnimmt!"
"Die Griechische Kunst war weit reicher, als die unsrige, an individuellen Formen. Die alten Griechen und Romer stellten die alten Griechen und Romer am besten dar. Wir Neuern haben die vollkommne Natur aller Art nicht so beysammen; desswegen sollten unsre Kunstler herumreisen, das Vortrefliche studiren und aufnehmen."
"Um das Unterscheidende zu treffen, muss man erst das Allgemeine der Klasse kennen; und folglich viel Individuelles. Desswegen setzt ein Meisterstuck die Schonheit, Vollkommenheit des Allgemeinen schon voraus. Die feinen Abweichungen sind am schwersten aufzufassen. Wie ist der Charakter der A s p a s i a von dem der P h r y n e unterschieden? wie von jedem schonen Weibe? Wer diess in einem Hauptzuge, oder in wenigen angiebt, der ist fur den Mann von Verstand und Kenner der Meister; durch die neue Idee, wie auf einen hohen Berggipfel hingezaubert, ubersieht dieser nachher selbst alles. Solche Zuge, aus der edeln Natur gleichsam hervorgebluht, sind hernach Brillanten und Sterne in jedem Kunstwerk."
"H o m e r lasst die Helden ihr Leben erzahlen. Diess ist freylich am wirksamsten; nur muss man das Langweilige vermeiden."
"Portrate, vortrefliche, von beruhmten Personen, besonders die man aus ihren eignen Worten kennt, sind wahre Schatze fur den Kunstler. Die Charakter grosser Menschen von treflichen Geschichtschreibern sind Schatze fur den Dichter."
"Was stellt die Musik dar"
"Masse, und zugleich Bewegung derselben, durch Tone; das reine, von allem abgesonderte, Leben in der Natur und im Menschen."
"Ton ist die sinnlichste Darstellung der Seele, und gleichsam das wahrste Bild ihres reinen sich in sich selbst regenden Wesens. Veranderung desselben, Melodie, Harmonie, Disharmonie zeigt ihr Leben."
"So wie die Seelen, sie mogen bestehen, woraus man will, an und fur sich selbst in ihrem Wesen verschieden sind: so sind es auch die Tone nach Art der Massen und der Gefasse, die sie hervorbringen, und worin sie hervorgebracht werden."
"Jeder, der nur einigermaassen ein gutes Gehor hat, wird im Dunkeln seine Bekannten und Freunde auch am blossen Ton der Stimme kennen, und von einander unterscheiden. Im Ton der Stimme liegt etwas Charakteristisches, was die besondre Art der Nerven anzeigt, woraus ein Mensch besteht. Fur einen Blindgebornen ist er die sinnliche Schonheit. Eine quikende, grelle, heisere, schreyende Stimme benimmt einer H e l e n a , einem P a r i s an Gestalt den Reiz. Ein erfahrnes zartes Ohr ist eben so gut physiognomischer Sinn, als ein erfahrnes scharfes Auge."
"Die mehrsten Instrumente sind Nachahmungen vom Ton der Menschenstimme; erreichen sie aber an Mannigfaltigkeit bey weitem noch nicht, geschweige an lebendigem Vortrage."
"Die verschiedne Art des Tons allein verandert schon den Ausdruck eines und eben desselben Zweyklanges. Die grosse Terz zum Beyspiel in stiller Nacht auf einer Laute in Andalusien vor dem Schlafzimmer einer holden Jungfrau geklimpert; und die grosse Terz in stiller Nacht von einer Trompete an die Felsen eines Lagers vor dem Feinde geschmettert: welch ein Unterschied!"
"Durch die Klaviere besonders scheinen wir in der neuern Musik das Gefuhl fur Mannigfaltigkeit von Ton gestumpft zu haben; und doch giebt es einen Unterschied zwischen einem und demselben, sogar schonem und reinem, wie zwischen Wasser und Kapwein. Das meiste bey unsrer Musik besteht endlich bloss in einer Abwechslung von Konsonanzen und Dissonanzen."
"Die erste Eigenschaft eines Komponisten muss immer seyn, dass er ein ausserst seines und zartes Gehor fur Ton hat, fur die Harmonie und Disharmonie, den besondern Charakter von verschiednem Einklang. Dann kommen erst die Konsonanzen und Dissonanzen; dann deren Zusammensetzung und Abwechslung zu einem Ganzen, klein und gross. Darauf kommt es an, dass jede Art von Ton ist, wo es die Natur, Empfindung und Leidenschaft erfordert."
"Dieselbe Oper von einer andern Gesellschaft vorgestellt, ist nicht mehr dieselbe. Desswegen hat man in einem so musikalischen Lande wie Italien eingefuhrt, dass Dichter und Komponisten fur bestimmte Sanger und Sangerinnen schreiben."
"Warum machen zwey gleich vortrefliche Meister, oder mehrere, zu denselben Worten verschiedne Musik, auch wenn die Worte die bestimmteste Leidenschaft enthalten?"
"Man darf nicht mehr von der Kunst verlangen, als sie leisten kann. Zwey gleich vortrefliche Bildhauer konnen, ohne von einander etwas zu wissen, von derselben Person dasselbe Portrat machen. Nicht so wohl zwey gleich vortrefliche Mahler; die blosse Form, die jene nachbilden, bleibt ganz dieselbe: bey diesen wechselt schon Kolorit, Wendung und Stellung in Licht und Schatten."
"Nun nehmen wir zwey gleich vortrefliche Tonkunstler, zum Beyspiel S a r t i und P a e s i e l l o . Diese sollen das Leidenschaftlichste, was eine grosse Monarchin, die sie beyde personlich kennen, bey der wichtigsten Begebenheit ihres Lebens sagte, in Melodie und Harmonie bringen. Wie weit werden diese am Individuellen von der Bildhauerkunst abstehen, und von einander selbst abweichen!"
"Wenn sie ein Drama von dieser grossen Begebenheit zu Neapel auffuhren sollten, was vermochten sie vom Individuellen oder Eigenthumlichen, dem wahren Charakter und dem achten Ausdruck der Leidenschaft darzustellen?"
"Das Sinnlichste und Tauschendste unter allem ist: sie suchen 1. eine Sangerin aus, die der Monarchin an Gestalt
und damaligem Alter gleicht; 2. hauptsachlich denselben Ton der Stimme hat. Was
aber 3. Melodie und Harmonie betrift: diese mussen sie
aus ihrem eignen Gefuhl schopfen; denn sie hat
bloss gesprochen und nicht gesungen. Die Erho
hung und Erniedrigung der Stimme, den Accent
konnen sie bezeichnen, hochstens! das ist alles.
Uebrigens ahmt die Sangerin 4. noch ihr Mienen- und Geberdenspiel nach."
"Also bleibt der Ton der Stimme, deren Umfang und Geschmeidigkeit, das Wesentlichste vom Individuellen, was ein Tonkunstler nachzuahmen hat. Deren Charakter muss durch das ganze Drama herrschen; suss fur die Edeln, heroisch fur die Kriegsschaaren, nie furchtsam und verworfen."
"Menschen von vieler Biegsamkeit, Geschmeidigkeit haben auch einen weiten Umfang von Stimme; wenigstens muss man diess in der Kunst annehmen. Einem so rauhen Charakter wie C a t o war, kann man nur einen geringen Umfang von Tonen geben; P i c c i n i , der ihn wie einen Kastraten gurgeln lasst, hat ihn ganz verfehlt. Eben so verfehlte S a r t i den Kaiser T i t u s im Giulio Sabino."
"Die begleitenden Instrumente mussen alle zum Charakter der Stimme und des Ausdrucks passen."
"Gewaltige Leidenschaften treiben die Stimme aus einander. Wenn sie bey einer Armida, Sophonisbe, einem jungen Achill, Orest, den Umfang von drittehalb Oktaven haben kann: so doch nicht bey einem Themistokles, der sein Innres mehr in Gewalt haben soll; und bey Personen in ruhigem Zustande."
"Ferner hat der Tonkunstler zur Bezeichnung des Charakters das Konvenzionelle unsers musikalischen Systems, welches jedoch auf Natur gegrundet ist. Manner, durch ihren Stand erhaben, bezeichnet treflich Es dur; Weiber und deren susse Leidenschaften E dur, A dur. Und so die Molltone bey Traurigkeit und Leiden nach eben dieser Stufe."
"Das Leben der Tonkunst ist ubrigens so sinnlich, dass zwey vortrefliche Komponisten voll Gefuhl leicht dieselben Konsonanzen und Dissonanzen in Melodie und Harmonie treffen konnten, wenn sie auf den wahren Ausdruck arbeiten wollten. Aber bey keiner andern Kunst herrscht so stark die Sucht, neu zu seyn und zu uberraschen durch fremde Melodie und Harmonie."
"In der Melodie ist jedoch weit mehr Willkurliches und Augenblickliches als in der Harmonie."
"Und dann denkt sich der Dichter sowohl, als der Tonkunstler eine Dido, einen Alexander jeder nach seinem Fassungsvermogen und seiner Erfahrung; so wie manche Gans von Schauspielerin eine Elisabeth, eine Roxelane macht. Und die Zuschauer und Zuhorer haben eben so wenig ein achtes Bild davon in der Seele."
"Die meisten Tonkunstler suchen also uberhaupt etwas Angenehmes fur das Ohr, und Ruhrendes fur das Herz zu machen; und, wenn zwolf Musiken auf denselben Text gemacht worden sind, die dreyzehnte verschiedne neue, sie mag dazu passen oder nicht. Sanger und Sangerinnen wagen auf die Unwissenheit des Publikums endlich gar so viel, dass sie andre Scenen von ganz anderm Inhalt und Charakter, die sie fertig singen konnen, in Opern und Operetten einflikken. Ein so ganz blosses Ohrenspiel ist die Musik fur den grossen Haufen."
"Da die Auswahl der Stimme nach Ton und Umfang so ausserst selten in des Komponisten Gewalt steht: so fallt das Hauptindividuelle von selbst weg. Derselbe Sanger, und dieselbe Sangerin stellen mehrere Personen von dem verschiedensten Charakter vor. Der Dichter muss alles thun; und der Komponist trachtet bloss nach schoner Melodie und Harmonie, und "P e r g o l e s i druckt in seinem Se cerca, se dice "Das Klassische gleicht einem Wald von hohen M a j o , G l u c k und andern. Neid und Kabale, seichtes Gefuhl und schwache Einbildungskraft, obgleich zuweilen bey guter Theorie, welche mittelmassige Werke ausposaunen, und vortrefliche lastern; kindische Liebhabereyen des rohen gemissleiteten Pobels mussen endlich vor dem Urtheil der Kenner und der grossen dauernden Wirkung verstummen. Das Klassische, wenn es keine teufelische Zerstorung angreift, halt sich mit der Zeit selbst fest. Verstand und Klugheit aber ist es, der Zeit zu Hulfe zu kommen, und dessen Wirkungen zu vervielfaltigen. Man sollte die entschiednen grossen Meisterstucke wenigstens jahrlich einmal wieder in die Seelen bringen; aber nicht verhunzt sondern vortreflich. Bey den Kirchenmusiken geschieht es mit einigen; bey den Opern noch nicht. Das Brodstudium der lebenden Komponisten wird es aber nicht lange mehr hindern."
H i l d e g a r d antwortete: "Es ist eine wahre Lust fur mich, solche Unterredungen zu horen, und daruber nachzudenken. Ein verzweifelter Streich aber war' es, wenn die Monarchin, von der Sie sprachen, keine gute Stimme hatte!"
L o c k m a n n versetzte: "Nach aller Ohrenphysiognomik muss sie eine haben, oder sie konnte die grosse Frau, das Wunder ihres Jahrhunderts nicht seyn."
H i l d e g a r d erwiederte: "Wie aber, wenn sie nur die Sprachorgane, und nicht die Singorgane ausgebildet hatte?"
L o c k m a n n sagte lachend darauf: "Nun, so muss man sie bey dem lyrischen Drama fur passend und ausgebildet annehmen; es bleibt nichts anders ubrig."
H i l d e g a r d hohlte alsdann ihren Bruder und F e y e r a b e n d e n herbey, fur die Bratsche und Geige; und es ging nach dem Musiksaal.
Sie kannte schon die schonsten Scenen dieser Armida, und hatte sie zu London mehr als einmal gesungen.
Er sagte daruber noch Folgendes.
"Die Armida abbandonata von J o m e l l i ist die schonste Rhapsodie aus dem befreyten Jerusalem des T a s s o , und macht ein grosses reiches Ganze fur die lyrische Buhne. Es gleicht einem Gewitter in schonen Fruhlingstagen, das mit furchterlichen Blitzen und Wetterschlagen schnell voruber rollt."
"Um eine volle Oper zu machen, hat der Dichter noch einige andre Personen aus dem grossen Gedicht in diese Episode hineingezogen, den Widerstand gegen die Armida durch den Tankred verstarkt, und mit dem bezauberten Walde pittoresk beschlossen."
"Das Wesen, der Hauptcharakter derselben ist die Leidenschaft der Liebe mit ihren Leiden und Freuden in dem Herzen einer gewaltigen jungen Zauberin, durch die treffendsten Seelenklange dargestellt und ausgedruckt; Eifersucht, Genuss, und Friede, Verlassung und Verzweiflung, Zorn und Rache, mit dem hochsten Reiz und brennendsten Feuer; und diese Oper mag wohl unter dem Klassischen uber diese Leidenschaft den ersten Rang behaupten. Es ist wenig Pracht und Pomp darin, aber Melodie, Rhythmus, und Begleitung, die so rein und scharf und schon und sicher die Gefuhle darstellt, wie die Kunst des P r a x i t e l e s oder eines A p e l l e s die Formen und Gestalten auserwahlter Menschen."
"Der ganze erste Akt ist nur Vorspiel und Einleitung, bis auf das gottliche Duett am Ende, wo die volle Gluth der Liebe in den reinsten Himmelsmelodieen und Harmonieen die Herzen in Entzucken schmelzt. Rinald wird vorher reizend mit tanzenden Madchen aufgefuhrt in Eifersucht unter der Anfuhrung einer schonen Ciacconne."
"Ueberhaupt sind Rinald und Armida zwey acht lyrische Personen, immer in Leidenschaft, und nie in Ruhe. Die erste Arie des Rinaldo, und die erste der Armida sind fast nur zur Bravour, um ihre Kehlen in Bewegung zu setzen. Besser war' es gewesen, wenn sie gleich ins Ganze gegriffen hatten. Das Duett samt dem Recitativ gehort unter die schonen der Italianischen Musik; die edelste und susseste Melodie, die reizendste Begleitung, und Abwechslung in den Stimmen; und vortreflicher Ausdruck durchaus."
"Der zweyte Akt ist der Kern vom Ganzen. Nach meinem Gefuhl gehort er unter das allerhochste der Musik."
"Schon geht das Heitersusse in Bangigkeit uber, und es entsteht Kampf, der noch einmal sich selig auflost in der wahrhaft zartlichen Arie des Rinaldo Caro mio Ben, mia Vita, deh! non turbar que' rai10."
"Nun kommt die Ahndung der schrecklichen Katastrophe bey der Armida in dem meisterlichen Recitativ mit Begleitung Misera me! und der kummervollen Arie Ah, ti sento mio povero core11! Alles ist so recht ausgearbeitet, immer in neuer Melodie und Harmonie! nach dem Texte, nichts von Schlendrian."
"Die Arien des Ubald und Tankred dienen zur Abwechslung, und sind voll harmonischer Kunste."
"Endlich ruckt die grosse Katastrophe heran, bey der Scene, wo Armida zu Rinalden sagt: dove corri o Rinaldo? Wie vortreflich alles declamirt ist! Griechischer Rhythmus. Und nun kommt das Tragische, wo Rinald von Instrumenten begleitet spricht: Jo gia ti lascio, gia ti lascio Armida; alles lauter innigst gefuhlte Seelenaccente tiefer Zartlichkeit."
"Die heftigen Ausbruche von Armidens Leidenschaft darauf gehoren unter das erhabenste Lyrische der Musik; und ich kenne wenig, das sich ihm an die Seite stellen kann, recht hell und heftig brennendes Feuer; wahr klassisch, keine Note zu viel und zu wenig."
Vivi felice? Indegno, perfido, traditore
"Wenn man hier so fuhlt, wie die Instrumente den Ausdruck verstarken, und wie mit Blitzen in die Seele brennen: so lasst sich an dem Vorzug der neuern Musik vor der Griechischen nicht mehr zweifeln. Welche Stellen: l'inferno tutto svolgero contro te! Vanne, vanne! ma pensa, che nudo spirto ed ombra m'avrai sempre seguace!12 und wie ganz vollkommen sinnliche wahre Natur sichs schliesst: Chiamarmi a nome, e sara tardi allora13. Gottliche Darstellung durchaus."
"Diese Scene mit der Arie Rinalds: Guarda chi lascio, guarda! ist der Triumph der Italianischen Musik uber alle andre. Man kann nicht mit mehr wahrer Leidenschaft, mit reinerer Keuschheit und zartem Gefuhl von Harmonie und schonerm Kontur und treflicherm Rhythmus in der Melodie, mit mehr Fulle von Leidenschaft, und Adel, Grazie im Ausdruck solche Worte und Situazion in Tone bringen. Deh, amato Bene, non partiro! oh pene, oh barbaro dolore! ah mi si spezza il cor fra tanti affanni14! Wie gottlich! welche Begleitung! Man fuhlt so recht lebendig, wie der Meister die Sprache der Tone in seiner Gewalt hat."
"Und eben so ist das Misera Armida der Verlassnen der Triumph der Italianischen Musik; klassisch durchaus mit dem Odio, furor, dispetto. Und das Udite, o Furie, udite! vi muova il mio tormento15. Donnerkeil des A i s c h y l o s ."
"So wie das Folgende ein wahres ganzes tragisches Gewitter, lauter reine Starke und Gewalt ohne Ueberladung. Il ciel s'oscura bis auf or che fara lo sdegno? Wie pittoresk die Abfahrt der Armida durch die Luft!"
"Im dritten Akt ist die Scene vom bezauberten Wald die Hauptscene; der Uebergang uber den Fluss pittoresk, Horner und Hoboen begleiten wie Strom; die Zaubergegend lieblich; die Nymphen aus den Buschen naive Madchenmusik; u.s.w."
"Diese Oper rundet sich schon zu einem Ganzen. Die Hauptpersonen strahlen immer hervor, und die andern weichen zuruck. Bey den wenigen Instrumenten ist doch die Einformigkeit vermieden; sie sind aber auch meisterhaft gebraucht."
Sie fingen gleich mit dem Duett an, und es ging vortreflich; L o c k m a n n machte den Rinald.
Im zweyten Akt aber bey der grossen Scene dunkte diesen, als ob er H i l d e g a r d e n noch gar nicht gehort hatte. Sie konnte die Scene auswendig, und spielte sie, als ob sie auf dem Theater ware, mit einer Leichtigkeit, Freyheit, mit solcher Leidenschaft, so starkem Ausdruck, ganz die wollustige verfuhrerische junge reizende Zauberin in ihrem nachlassigen Morgenanzug, mit so neuen eignen uberraschenden Laufen und Manieren, einer solchen Sussigkeit, Reinheit, Gewandtheit, Gewalt der gottlichen Stimme, wo die Tone wie Perlen gross und klein entzuckend im reichsten erstaunlichen Umfang hervorrollten, dass er gar nicht mehr wusste, wo er war, ob in Neapel bey der G a b r i e l i , oder in einem Zauberrevier bey der T o d i ; und beyde verschwanden bey H i l d e g a r d s himmlischer Gestalt und vor ihren Reizen.
Kurz, so etwas hatte er noch gar nicht gehort. Er wusste nicht, wie er in Gegenwart der beyden andern seine Gefuhle auslassen sollte; seine Brust schwoll, seine Wangen gluhten, seine Augen brannten. "Was verliert die Welt, dass Sie nur uns in solchen Wonnestrudeln herumtreiben! welche Kehle, welcher Vortrag, welches wahre leidenschaftliche Spiel! und wie eine gebohrne Romerin die Sprache! welcher neue glanzende passende Reiz in den Verzierungen!" war ein Ausruf uber den andern.
Ob es sie gleich inniglich freute, so lachte sie doch muthwillig daruber; und war uberhaupt ausgelassner in Abwesenheit der Mutter, als er sie noch gesehn hatte. Wahrend der Action ofnete sich bey der heftigen Bewegung das Gewand: und beyde Bruste blickten hervor in herber jungfraulicher Rundlichkeit, zart und schwanenweiss. Die Fenster standen alle offen, ein Luftchen blies herein, und verwehte das Haar, nur in einen Knoten gebunden, reizend daruber. Die wahre Armida, wie T a s s o seine schonste Tochter schilderte! Der Bruder und F e y e r a b e n d waren auf die Noten erpicht, und bemerkten es nicht; L o c k m a n n aber war ganz lusternes Auge, nur versteckte sie die Unschuldigen zu geschwind wieder.
Man wurde zu Tische gerufen; wie schnell verstrich die Zeit! H i l d e g a r d fasste ihn heiter und huldreich am Arm. Er sagte, mit kuhnem Blick in ihre Seele: "Als Armida wird Ihnen keine Sangerin auf der Erde den Rang streitig machen; als solche konnen Sie auftreten, wo Sie wollen."
Bey Tische sprach er nur wenig von ihr, ruhmte aber desto mehr die Fertigkeit im Lesen, das gute Ohr, und den reinen Griff ihres Bruders, und auch Feyerabends.
H o h e n t h a l antwortete: "Die Musik ist, als Liebhaberey betrachtet, mehr eine Sache fur Frauenzimmer, als fur Mannspersonen. Die Stimme der Melodie, oder der Sopran ist uberhaupt das Vorzuglichste der ganzen Musik; und diesen haben naturlicher Weise die Frauenzimmer allein: denn von Kindern ist nicht die Rede. Wenn ein guter Kopf das Vortrefliche nicht haben kann: so giebt er sich mit dem Geringern weniger ab."
H i l d e g a r d widersprach ihm hierin, und sagte: dass eine schone Tenorstimme bey Mannern dasselbe sey, was beym Frauenzimmer der Sopran.
"Gewiss nicht so ganz fur das Ohr, erwiederte er, und das Tiefere darf und kann nicht die leichte Schnelligkeit haben. Doch daruber wollen wir nicht streiten. Ferner, und was das Wichtigste ist, mussen wir unsre Zeit zu andern Dingen anwenden; und vollkommen kann keiner in irgend einer Kunst werden, wenn er nicht seine ganze Zeit darauf verwendet. Also ist die Musik bey mir nur Erhohlung, Zeitvertreib, den ich aber unendlich hoher schatze, als Kartenspiel und andre elende Beschaftigungen."
"Wenn einer leistet, was er vermag und im Stande ist, nicht heuchelt und schmeichelt, und sich nicht uber seinen Grad von Vollkommenheit erhebt, und sollte er auch mittelmassig seyn: den muss man schonen. Freylich kommt es einem schwer vor, wenn andre diess ruhmen und preisen. Wenn einer aber bey seiner Mittelmassigkeit ubermuthig ist, die Vortreflichen lastert und Kabalen schmiedet: da muss man streng seyn. Es ist nichts unertraglicher, als wenn Pigmaen auf Stelzen einher schreiten, und es fur naturliche Grosse ausgeben wollen."
"Sie, Herr L o c k m a n n , und alle Kunstler, meine Schwester und alle Frauenzimmer, die es so gemachlich haben, wie Sie, sind weit besser daran, als wir, wenn wir das leisten wollen, wozu uns unsre Bestimmung fordert. Sie konnen frey nach Vollkommenheit streben: wir mussen es nach Verdienst und Nutzen."
H i l d e g a r d , die neben ihm sass, druckte ihm die Hand dafur, und sagte: "Wie freut es mich, Dich so sprechen zu horen! Es ist schon, edel und wahr. Doch mussen wir etwas genauer bestimmen, was eigentlich Vollkommenheit und Verdienst, und Nutzen und Vergnugen von einander unterscheide."
Ihr Bruder erwiederte: "Um mich durch ein Exempel zu erklaren; ein Europaer am Kap giebt zehn und mehr Negern fur ein Arabisches Pferd, weil es das ausnehmende Verdienst hat, dass er schnell und bequem darauf reiten kann; denn es ist doch wohl keine Frage, welches das vollkommnere Geschopf ist."
F e y e r a b e n d fugte hinzu: "Wenn ein Konig gesund und stark und der Wollust ergeben ist, und ihm mangelt der Verstand und die Tugend der Gerechtigkeit: so haben die P o m p a d u r e n , die d u B a r r y das erste Verdienst; liebt er die Jagd: vielleicht schon ein guter Buchsenspanner; furchtet er sich vor Tod und Holle: vielleicht ein Scharlatan von Mediziner, ein Kapuziner. In Rom war ein M a r i u s mehr, als H o m e r und A r i s t o t e l e s . Bey Verdienst kommt es immer auf das Bedurfniss der andern an: bey Vollkommenheit auf den Grad der Vortreflichkeit unter seines gleichen, unter seinem Geschlecht, in der ganzen Natur."
H i l d e g a r d . Wohl! ich begreife. Es gehort mehr warmer zarter Sinn, scharfer Verstand, Kunst und Erfahrung dazu, eine Armida wie J o m e l l i zu machen, als diese und jene Schlacht zu gewinnen, wo oft das Gluck entscheidet. Nur Menschen vom ersten Range konnen richtig uber Vollkommenheit urtheilen; der Janhagel weiss von nichts als Verdienst.
L o c k m a n n . Es giebt Staaten, wo die vollkommensten Menschen fast nicht gebraucht werden, und man sie als unnutz betrachtet. So hat ferner ein mittelmassiger Mensch in jeder Kunst bey einem rohen Volke mehr Verdienst, als ein vortreflicher. Kanonenstucke und Staatsactionen kann manches Publikum besser fassen, als einen Tartuffe oder Misanthrop. So findet ein Niederlander mehr Vergnugen an einem Gemahlde von O s t a d e , als an der Verklarung R a phaels.
F e y e r a b e n d . Nutzen uberhaupt bezieht sich mehr auf die Dauer der Existenz; und Vergnugen auf Genuss derselben. Beyde greifen in einander ein. Wir sind nicht bloss da, dass wir leben, sondern dass wir auch das Leben geniessen sollen. Wenn der Vogel sich gesattigt, und seine Jungen gefuttert und ausgebrutet hat: so singt und spielt er, und fliegt zur Lust in den Luften herum. Ein Mensch, der auf weiter nichts denkt, als Geld und Gut zusammen zu scharren, vergisst ganz, wesswegen er da ist. Es giebt keine Freude, die nicht, wenn sie in gehorigem Mvasse genossen wird, auch wieder zur Erhaltung des Lebens beytruge.
Die nutzlichen Wissenschaften und Kunste dienen den schonen Wissenschaften und Kunsten zur Grundlage; so wie in den Staaten, die vom Ackerbau leben, auf dem Bauer alles ruht. Poesie, Mahlerey und Musik in hoher Vortreflichkeit sind in jeder burgerlichen Gesellschaft Phanomene von Wohlstand. Auch haben sie sich immer auf die Erdstriche eingeschrankt, wo man fur Nahrung, Kleider und Wohnung wenig zu sorgen hat, wo die Schoosskinder der Natur sind.
L o c k m a n n . Sie sind Aufbewahrerinnen der starksten und sussesten Gefuhle der Menschen, und der hochsten Vollkommenheiten der Natur. Nach grossen und schonen Thaten zur Erhaltung und Verstarkung der Existenz schmeckt das Vergnugen am besten. Wo grosse Krafte reifen, und in ihrer hochsten Gewalt sich aussern, da sind die Zeiten der Kunst. Wo kein Stoff, kein Gehalt ist, ist bey der schonsten Form nur Traum und Schatten, und ein leeres Luftgebilde.
H i l d e g a r d . Das grosste Vergnugen, die grosste Freude, Gluckseligkeit, und wie die Worte alle lauten, bleibt immer, seine Fahigkeiten im hochsten Grad anzuwenden; so wie hingegen der grosste Schmerz, das grosste Leiden, wenn eines Menschen oder Geschopfes Krafte im hochsten Grad unterdruckt, oder gar vernichtet werden. Die Kunste wiederhohlen diese Gefuhle an erdichteten Gegenstanden.
Diese Worte sagte H i l d e g a r d mit vielem Nachdruck.
Die Mutter beschloss diese Materie, indem sie sagte: "Es scheint, dass die Natur Freude und Leid jedem Wesen mit gleicher Wagschale zugewogen habe."
Dieser Anfang des Gesprachs hatte alle etwas angegriffen. H i l d e g a r d suchte es auf leichtere, und ganz leichte Gegenstande bis zum Scherz zu leiten; und erzahlte: dass S a c c h i n i , der ihr einige Zeit zu London Unterricht gab, ihr die schonsten Scenen aus der Oper des J o m e l l i mitgetheilt, wie er sie bewundert;
und die Mutter erzahlte ferner, wo sie dieselben mit P a c c h i a r o t t i gesungen habe, mit mehrern Umstanden.
L o c k m a n n bemerkte, dass er P a c c h i a r o t t i ' n in derselben Oper, aber mit der alltaglichen Musik von B e r t o n i , zu Venedig die Rolle des Rinaldo recitiren gehort; und wie leid es diesem habe thun mussen, sich in Erinnerung aus Neapel vom Pferd auf den Esel zu setzen.
Man sprach dann von dem ausserst angenehmen Cantabile des S a c c h i n i , von der M a r a und T o d i ; und die jetzt so bekannten Anekdoten von den Wortspielen uber ihre Namen zu Paris: c'est bientot dit; und Bravo und Brava, Mara, und Maro, mit der Bedeutung des letztern im Franzosischen, wurden beygebracht.
Man sprach nun uber Namen uberhaupt; und L o c k m a n n fragte hierbey, wie sie den schonen Namen H i l d e g a r d bekommen habe.
Die Mutter antwortete: "Er ist alt in meiner Familie; meine Grossmutter hiess so, und meine Tochter hat ihn von meiner Mutter Schwester, ihrer Pathe."
F e y e r a b e n d fugte hinzu: "Man sollte mehrere altdeutsche Namen wieder einfuhren, die so bedeutend waren, wie die Griechischen, und selbst neue nach dem Charakter der Personen endlich einmal wieder erfinden. Es ist gar zu leer und gedankenlos, an allen Ecken und Enden nichts als Anna, Maria, Elisabeth und Lotte, Johann und Peter zu horen."
H o h e n t h a l fuhr ferner fort: "Diess schickte sich wohl fur uns, da wir uberhaupt in Europa die erfinderische Nazion sind. Die Erfindungen in England werden mehrentheils von Deutschen gemacht, welche sich dann mit einem reichen Londoner in Verbindung setzen, um sie in Gang zu bringen."
H i l d e g a r d bestatigte diess mit wichtigen Beyspielen; und sagte: "Ohne Eitelkeit! der Deutsche ist unter allen neuern Nazionen der beste von Natur fur eigne erste Ideen."
Sie schenkte dann aus einer Flasche alten Hochheimer die Glaser voll. Man stiess an: "Zum ruhmlichen Andenken der S c h w a r z , G u t e n b e r g , K o pernik, Leibnitz, Kant, Handel, G l u c k , H e r s c h e l ! und auf gluckliche Nacheifrung der Unsterblichen!"
Man stand auf, und trank den Kaffee in einem Zimmer der Mutter. Hier sah L o c k m a n n zuerst das Portrat des verstorbnen Vaters in Lebensgrosse; es war durchaus so vortreflich, wie lebendig, von R e y n o l d s , und schien recht mit Liebe gemahlt zu seyn, so meisterhaft und entschieden in der Nahe die Arbeit.
Die Mutter sah es mit zartlicher Ruhrung an, und sagte: "Sie werden vielleicht einmal in London wenig Gemahlde von diesem grossen Mahler so wohl erhalten sehen. Es wurde gleich nach der Verfertigung hieher gebracht. Die Fettigkeit vom Rauch und Dunst der Steinkohlen fullt dort die Zwischenraume der Lasur an. Dadurch bekommen die Gemahlde in kurzer Zeit ein verdorbnes Ansehen; und man weiss noch kein Mittel, diese Fettigkeit herauszubringen."
L o c k m a n n weidete Sinn und Herz an der geistreichen, edeln und einnehmenden Gestalt.
H i l d e g a r d nahm ihn dann mit ihrem Bruder bey Seite, und sagte zu ihm: "Wenn Sie noch einige Zeit haben, und nichts Bessers zu thun wissen, so gehen wir wieder auf unsern Musiksaal. In meiner Sammlung finden Sie noch eine gute Gesellschaft Armiden; und uberhaupt ist es dort luftiger und kuhler."
Alle und die Mutter selbst gingen dahin. H i l d e g a r d hohlte ihrer mehrere hervor. Die erste war:
Armide par Gluck. Text von Quinault.
L o c k m a n n kannte sie gar gut, und sagte daruber: "Ob sie gleich in Paris am mehrsten ist aufgefuhrt worden; so steht sie doch, selbst im Theatralischen, weit unter seiner Iphigenia in Tauris. Im Ganzen ist wenig Natur; die Teufel und die Person H a ss sind zu kunstlich; und die Chore meistens hinein gezwungen. Nur einige Scenen ragen hervor; die, wo Armida den schlafenden Rinald todten will, noch eine andre, und die letzte, wo sie allein bleibt von Rinalden verlassen."
"G l u c k s Musik ist hier meistens Declamazion; und die Begleitung oft voll wie ein Wasserfall. Tanze und Chore geben seinen Opern vor den Italianischen grossen Reichthum. Was ihn darin von allen unterscheidet, ist die Einheit der Instrumentalmusik durch das Ganze; und die immerwahrend eigne Declamazion der Stimmen voll Rhythmus. Es ist Gluckischer Accent, Gluckische Originalitat. Der vortrefliche Ausdruck des Heftigen, Gewaltigen und Leidenden setzt ihn unter die ersten tragischen Meister. Wir werden nachstens seine Bahn durchgehen, und wollen uns das Vergnugen nicht unterbrechen."
"G l u c k s Armida muss mit allem ihrem Pomp doch der von J o m e l l i weichen. Die einzige Scene, wo sich Armida in den schlafenden Rinald verliebt, fehlt diesem. Sie macht einen reizenden Anfang der Leidenschaft. Der Italianische Dichter liess sie aus, um das Ganze nicht zu weitlauftig zu machen. Der Schluss ist bey G l u c k e n voll Feuer; kommt aber dem im zweyten Akt von J o m e l l i an Schonheit, Pittoreskem und Leidenschaft nicht gleich." Renaud. Tragedie lyrique en trois Actes, par Sacchini.
Auch diese kannte L o c k m a n n .
"Eigentlich die Aussohnung der Armida mit Rinalden. Das Gedicht ist nach dem T a s s o , und hat nichts Hervorstechendes; doch ist es oft gut fur die Musik mit einzeln schonen Stellen."
"Die Musik ist rein, Neapolitanisch schon durchaus; nichts beleidigt, oder greift zu rauh an; sie macht Vergnugen, ergreift aber selten, und erschuttert fast nie. Sich an den sussen Tonen schoner Kehlen zu weiden in den geschmeidigsten Melodien und Harmonien, scheint immer S a c c h i n i ' s Zweck fur die Zuschauer gewesen zu seyn."
"Der dritte Akt ist das Vortreflichste darin. Die erste Scene, die einen Wald beym Schlachtfeld vorstellt, hat Pathos und Pittoreskes; aber doch mehr angenommenes, als eigentliche Natur. Fur die Menge "Unter den Stucken zum Tanze sind die reizend"Bey den Choren merkt man, dass er die von "Den Charakter der Armida haben alle drey besser "Unter dem Allervortreflichsten dieser drey Opern m e l l i ' s vortreflichen Scenen den ersten Rang. S a c c h i n i hat nichts, was diesem gleich zu stellen ware."
Il Trionfo d' Armida di Traetta.
Der Text nach Q u i n a u l t .
Man fand die ganze Oper mager, und meistens Schlendrian; die Scene allein, wo sich Armida in Rinalden verliebt, indess sie ihn ermorden will, vortreflich; und nebst der Ankunft des Rinald, seiner Bezauberung und seinem Einschlafen, das einzig Gute.
"Die altern Opern, fuhr L o c k m a n n fort, sind fast alle bloss so bearbeitet, dass eine oder zwey Gruppen, wie Gemahlde, hervorspringen; das Uebrige ist Ausfullung, um in den Logen dabey spielen zu konnen. Landlich, sittlich. Diese Scene gewinnt viel, wenn man weiss, dass sie fur die G a b r i e l i geschrieben ist. Zur Zeit selbst, wo sie neu und Erfindung war, muss sie entzuckt haben. Der Ausdruck ist meisterhaft. Aber wahr ist es, alles andre ware jetzt unertraglich."
Armida von Salieri.
"Gute Italianische Musik; nichts Neues, und wenig Vorzugliches. Die einzige gute Scene des T r a e t t a zeigt mehr Genie. S a l i e r i hat viel bessere Werke Beste; und doch scheint auch im Leidenschaftlichen der Begleitung J o m e l l i nachgeahmt zu seyn."
"R i g h i n i , der jungst denselben Text von C o l t e l i n i , jedoch nur im Auszuge, zu Wien bearbeitete, und einige Scenen von andern Meistern einschaltete, ubertrift ihn bey den Hauptscenen, hat neue Melodie, neue Begleitung, und ist zuweilen stark im Ausdruck."
"C o l t e l i n i hat eine glanzendere poetische Sprache, als J o m e l l i ' s Dichter, und plundert hier und da den M e t a s t a s i o ; aber dieser hat das Naturliche des Ganzen reiner herausgegriffen."
Noch gingen sie einige Scenen einer Armida von H a y d n durch, und das Terzet: Partiro, ma pensa ingrato; und der bezauberte Wald, die beyde jedoch nicht zum Wesentlichen gehoren, gefielen. Doch dunkten sie ihnen nicht originell Haydnische Musik, sondern nachgeahmte Italianische. Der Gottliche kam ihnen beym Texte zuweilen vor, wie ein zusammengekuppeltes Windspiel im Laufen.
Gegen Abend wurden H o h e n t h a l und F e y e r a b e n d von einem guten Freund in Gesellschaft abgehohlt; und L o c k m a n n empfahl sich gleich darauf. Als er unten im Hofe war, sah er die Gartenthur offen; und im Betrachten, dass sie von beyden Seiten konnte verschlossen, und innen verriegelt werden, lockte ihn das muthwillige Spiel der himmlischen Gestalt, auf einmal wieder hochst lebendig im Gedachtnisse, zur Wasservertiefung am Ende unter den hohen alten Linden. Lauter susse volle Empfindung, wandelte er schuchtern durch die schattigen Gange dahin; sah die erste reizende Scene nur noch viel gegenwartiger, und setzte sich in eine Laube von duftendem bluhendem Geisblatt, recht wie ein verliebter Schafer in Gedanken versunken und verloren.
Nachdem er lange so gesessen, traten ihm die Thranen in die Augen, und er brach in die Worte aus: "Wie willst du sie losreissen aus dem Schooss ihrer Familie, aus dem Zirkel der Bewunderung! wie willst du dich losreissen! Mit wie viel schonern Aussichten stiegst du den Gotthard herunter, an Begierde den kuhnen Sturzen der Reuss nach in das Paradies deines Vaterlandes! Aber o wallendes klopfendes Herz, du kannst ohne sie nicht leben."
Und sie rauschte vor ihm hin, und streifte sich schon das leichte Gewand ab, sich in der Dammerung von der Gluth des Tages abzukuhlen in dem reinen Quellwasser.
Sie konnten keine Worte finden, die Ueberraschung auszudrucken.
Der Obertheil ihres Leibes war entblosst. Sie wollte fliehen; aber verwegne Leidenschaft ergrif sie, und hielt sie fest.
Sie trieb ihn mit beyden verschrankten Armen auf seine Brust mit aller Gewalt von sich: "L o c k m a n n , L o c k m a n n ! Wurdiger, Vortreflicher! nichts Laffenmassiges!"
Ihre Augen blitzten Gewitterzorn, und der Donner des furchtbarsten Einschlagens rollte vor seinen Ohren. Er musste sie loslassen; doch hatt' er ihr einige Kusse auf Mund und Wangen gedruckt.
Sie blieb. Kaum war das Gewand, noch immer offen, nur wieder uber die Schultern gezogen: so fasste sie seine Rechte mit ihrer Rechten, hielt sie warm und herzlich, und sprach, indess er Entschuldigungen und Ueberfulle von Liebe stammelte, mit feyerlichem Ernst die Worte: "Freundschaft, wahre achte Freundschaft bey jedem Wechsel des Glucks, diese sollen Sie von mir haben; und Traulichkeit, wenn Sie Sich ihrer werth machen, wie ich hoffe und wunsche; aber nichts weiter. Befurchten Sie jedoch nicht, dass ich einem Andern so bald zu Theil werde. Die hundische Liebe, wenn ich das edle Wort missbrauchen darf, hat wie eine Pest die ganze neuere Welt angesteckt, hemmt die schonsten Thaten, und erdruckt den Adlerflug himmlischer Geister. Wohl mir, wenn ich den Deinigen, wahrhaftig schoner junger Mann, davon retten kann! Zage nicht; der Lohn fur diese Anstrengung wird allen, bald schalen, wie selbst die N i n o n s und die neuern Gedichte und Romane zeigen, welche ich kenne, gewohnlichen Genuss ubertreffen. Eine immer reine edle Jungfrau als Freundin am Herzen kannst Du noch einen schonen Strich durch das Leben machen, und mit erhabnen Melodien und Harmonien die Sterblichen bezaubern. Und damit Du uberzeugst seyst, dass meine Worte die Wahrheit der innern Empfindung selbst sind: so empfange von mir diesen keuschen Kuss zum Siegel."
So schloss sie ihn an sich, und ihre Seele hing an seinen Lippen, und ihr schoner jugendlicher Korper an dem seinigen, wie zu lauter verklartem Geist geworden.
Sie druckte ihm noch einmal zartlich die Hand, mit den Worten: "Freundschaft und Traulichkeit, aber nichts weiter! Nun bedenke, und uberlege." Und entwich.
Wenigstens hatte sie sich damit gut aus der Schlinge gezogen. Ein R i c h e l i e u wurde die Gelegenheit, jedoch umsonst, besser zu gebrauchen gesucht haben. Es war der allergefahrlichste Auftritt: die Gartenthur verriegelt, sie schon halb entkleidet, der Ort entlegen, sie vollig in seiner Gewalt. Vielleicht sah sie diess alles, gab gleich gute Worte; sonst wurd' er wahrscheinlich sie so geschwind so weit nicht gebracht haben; und entschlupfte.
Erstaunt, geruhrt, betroffen, und doch nicht zufrieden mit sich, sprach er, als sie mit behendem Gang ihm aus den Augen war: "Blosse Freundschaft; und eine Jungfrau mit solchem Korperbau, solchen Reizen in meinen Armen! Die Wirklichkeit der Fabel vom Tantalus. Jetzt so kalt und keusch wie der Mond: und diesen Morgen ganz Wollust, Gluth und Leidenschaft mit allem Verfuhrerischen einer Armida? Unbegreiflich! Inzwischen hat sie doch Wahrheit gesagt; ich fuhl' es, o ich fuhl' es. Immer ein grosser Schritt weiter; die Freundschaft wird das Eis zur Liebe aufthauen und schmelzen."
Nachdem er diess mit vielen Pausen fur sich gesprochen, und uberlegt hatte: fand er die Thur offen, und begab sich nach Hause; denn er musste von diesem allen ausrasten.
Kaum hatte sie ihn fortgehen sehen: so war sie auch schon unten wieder im Garten; aber mehr um frische Luft zu schopfen, als sich zu baden.
Sie setzte grosse Hofnung auf ihn: "Er ist gut und folgt, auch im Sturm der Leidenschaft; das hast du gesehen. Das letztre hattest du vielleicht nicht thun sollen! aber es war Zug der Natur; und doch es ist gut, auf einmal, ungekunstelt, rein und rund. Es wird alles leichter, edler und schoner." Ihre Mutter allein lag ihr im Sinn.
Sie kam an die Wasservertiefung, betrachtete die Stelle des Auftrittes, und stand voll tiefer Empfindung und weiter Ahndung unbewegt eine lange Weile; eine wahre Minerva von P h i d i a s . Endlich kleidete sie sich doch aus, warf sich hinein, und schwamm nur einigemal hinuber und heruber, herum, und stieg wieder heraus; kleidete sich an, und ging zuruck.
Kaum eine halbe Stunde allein, liess die Mutter sie rufen.
Welch ein neuer Auftritt!
Diese wandelte in ihrem Zimmer auf und ab, und empfing sie mit Blicken, die Unruhe und etwas Wichtiges anzeigten. H i l d e g a r d glaubte schon, ihr Eingang und Ausgang im Garten, und L o c k m a n n nachher ware von ihr bemerkt worden; mit reiner Seele war sie auf alles gefasst.
"Liebe Tochter," sprach die Mutter freundlich zu ihr, nachdem sie mit einander einigemal auf und ab gegangen waren, "Du hast nun alle Eigenschaften, eine vortrefliche Gattin zu werden, und einem Hauswesen wohl vorzustehen. Zwar bist Du noch jung; aber die Schonheit bey uns ist eine Blume, die bald vergeht, und welcher mancherley Gefahren drohen. Herr von W o l f s e c k , ein stattlicher Mann, von altem Adel, grossem Reichthum und vielen Gutern, dessen Vater des Fursten rechte Hand ist, verlangt Dich zu besitzen, und sich mit unsrer Familie zu verbinden. Die Furstin unterstutzt ihn, und hat gleich bey ihrer Ankunft mir den Antrag gethan, immer mit mir daruber gesprochen, und so eben geschrieben. Ich habe alles wohl uberlegt, Dein Bestes darin gefunden, und thue den Antrag jetzt Dir; Dein seliger Vater selbst wurde ihn billigen."
"O nein, theure Mutter, das wurd' er nicht!" versetzte H i l d e g a r d , indem sie die Rechte ihrer Mutter fasste, tief bewegt kusste, und an ihr Herz druckte.
"Ich erkenne das alles, was Sie am Herrn von W o l f s e c k ruhmen; aber er ist der Mann nicht, mich glucklich zu machen. Unsre Neigungen sind ganz verschieden. Und dann fuhl' ich noch nicht den mindesten Trieb und Beruf in mir zu heurathen.
Lassen Sie mich, liebe theure, verehrte Mutter, noch einige Zeit froh und vergnugt, wie ich bin. Bey allen andern Dingen, nur in diesem wichtigsten aller Punkte nicht, kann ich Ihnen leicht gehorchen."
"Prufe Dein Herz," antwortete sie, mutterlich geruhrt und erschrocken, "ob es nicht blosse vorgefasste Meinung bey Deinem gewohnlichen Zeitvertreibe sey, dem Du auch gewiss nichts desto weniger ungestort wirst nachhangen konnen; und sieh Dich mit Deinem guten Verstand um. Bey unserm Stande sind solche Gelegenheiten selten. Herr von W o l f s e c k hat das nicht, was beym ersten Anblick und Umgang jungen Frauenzimmern gefallt; jedoch grundliche Kenntnisse in seinem Fache, um als ein Mann von Ehre zu bestehen. Und die andern Vortheile uberwiegen solche Kleinigkeiten weit."
"O liebe Mutter, liebe Mutter", sagte sie, warf sich vor ihr nieder, und umfasste ihre Knie, "dringen Sie damit nicht in mich; es ist mir unmoglich. In Ketten und Banden konnt' ich meine Einwilligung dazu nicht geben."
Frau v o n H o h e n t h a l hob sie auf, und schloss sie erweicht an ihren Busen. "Wie kannst Du solche Worte brauchen gegen Deine gute Mutter, deren Augapfel Du bist!"
H i l d e g a r d bat um Vergebung, dass sie nicht langer bleiben konne, und begab sich auf ihr Zimmer.
Sie schlief die ganze Nacht nicht. Den andern Morgen liess sie zum Fruhstuck sagen: sie befinde sich nicht wohl, und konne nicht hinunter.
Mutter und Bruder waren gleich bey ihr. Sie lag noch im Bette; die Wangen gluhten, und ihr Puls ging voll und heftig. Man schickte schleunig zum Arzte; die Mutter rang die Hande.
Er kam geschwind; es war der Leibarzt des Fursten, ein bejahrter Mann, mit Namen S c h w e i g e r . Nach Erkundigung, dass sie noch nie krank, und immer gesund und stark gewesen ware: schrieb er die Krankheit einer Verkaltung zu; und dachte bey sich, indem er scharf in die Sonne ihrer Augen blickte, und Verlegenheit bemerkte, vielleicht heftiger Gemuthsbewegung.
Und so wars auch. Nach den verschiednen Anstrengungen des gestrigen Tages war ihr das Quellenbad hochst schadlich. Er verschrieb die gehorigen Mittel, empfahl Ruhe; und versprach baldige Wiederherstellung.
Unterdessen kam L o c k m a n n , um sie und ihren Bruder zu bitten, bey der Probe des Konzerts zu seyn, wo sie die Scenen der Armida nur mit halber Stimme singen mochte.
Wie erschrak er, als der Bediente ihm sagte: das Fraulein sey die Nacht plotzlich krank geworden, und der Arzt bey ihr. Er besann sich, was fur ihn zu thun ware; und ging zu F e y e r a b e n d e n . Bey diesem traf er H i l d e g a r d s Kammerjungfer, welcher er nur einigemal begegnet war, die er aber noch nicht gesprochen hatte; ein Londoner Madchen, wohl gebildet und wohl gewachsen, fast eben so jung als H i l d e g a r d , mit einem Auge voll Geist, und Leben in jeder Bewegung. Sie hiess F a n n y , sprach schon fertig Deutsch, und sagte: es sey weiter nichts, als eine starke Verkaltung. H o h e n t h a l kam dazu, und versicherte dasselbe. Etwas getrostet ging L o c k m a n n fort, und begegnete auf der Treppe der Mutter, welche das namliche wiederhohlte; aber mit einer Thrane im Auge bekummert aussah.
Er probirte mit seinen Leuten aus der Armida, so viel ohne die Hauptperson zu probiren war; und dann inzwischen Symphonien von P u g n a n i , von H a y d n , und leichte Scenen von neuern Meistern fur seine Sangerinnen und Sanger zu einem gewohnlichen Konzerte; hatte aber bey der ganzen Probe gar nicht die gewohnliche Gegenwart des Geistes.
H i l d e g a r d , welche fuhlte, dass es nothig war, nahm ohne Ueberredung von den verordneten Arzeneymitteln ein, und fiel, unter immerwahrender Ueberlegung der Verbindung, die mit aller Gewalt sie besturmen, und in jeder Rucksicht ihr Verdruss verursachen wurde, in einen unruhigen Schlaf, welcher der Absicht gemass mehrere Stunden dauerte.
Der Arzt, ein Mann, wie sie seyn sollen, ein philosophischer Kopf aus der Schule des H i p p o k r a t e s , blieb im Hause, und suchte wahrend der Zeit alles zu erforschen; welches ihm aber nicht gelang. Er erfuhr nur von ihrem Bruder, dass sie gestern Morgen, wie so oft, Musik gemacht, wobey sie sich etwas mehr angegriffen habe. Eine Hauptperson fischte er doch gut heraus, den jungen schonen Kapellmeister; hinter die andern Gange und Wege und Vorfalle konnt' er aber nicht kommen.
Er befuhlte darnach den Puls, fand das Fieber etwas vermindert; beobachtete das Athemhohlen, und ihre Gesichtszuge. Einige Minuten mit ihr allein, sprach er ihr zu, als ein Mann von Charakter, der Zutrauen verdient: sie mochte alle Gedanken zu entfernen, und alle Gemuthsbewegungen zu stillen suchen, die sie vielleicht beunruhigten, durch andre, die ihr gewohnlich Vergnugen machten, und ihre bluhende Jugend und Schonheit nicht verderben. Es that ihr wohl, dass er ihr diess allein sagte; sie antwortete ihm freundlich und gefallig: sie hoffe, unter Besorgung eines so wurdigen Mannes bald wieder hergestellt zu seyn.
Er bat sie, nun aufzustehen; verordnete, was sie essen und trinken sollte. Nach Tische konne sie leichte Musik machen, sich aus ihrem liebsten Buche etwas vorlesen lassen, mit ihren angenehmsten Freunden scherzen; und so mochte sie sich des Schlafs bis zur gewohnlichen Zeit erwehren. Gegen Abend werd' er wieder aufwarten, und mit Vergnugen vernehmen, dass sie sich viel besser befinde. Bey allem, was die Gesundheit des Menschen angreife, hebe man gleich anfangs das Uebel am leichtesten mit Verstand und Klugheit.
Sie versprach mit Hand und Mund, ihm in allem zu folgen.
Es kamen oftere Boten von dem Fursten und der Furstin, sich nach ihrem Befinden zu erkundigen.
Sie stand auf, ging auf ihrem Zimmer herum, ass dann ein wenig; und ihre Mutter blieb endlich bey ihr allein, und sagte: "Ich erstaune, wenn das, wovon wir gestern mit einander gesprochen haben, zum Theil Schuld an Deiner Krankheit seyn sollte. Wer wird Dich zwingen wollen! Man spricht nur furs erste daruber, und giebt hin und wieder seine Grunde an."
Hildegard antwortete: "Herr von W o l f s e c k hat seine Sachen gleich mit Form und Ceremonie angefangen. Hatt' er sich vorher beworben, meine Gesinnungen in Rucksicht seiner auszuforschen, so wurd' er leicht erfahren haben, dass er wenigstens nicht fur mich ist. Aber die Furstin voran zu schicken! Die schlechtesten Ehen unter allen sind gewohnlich die Hofehen. Doch, liebe Mutter, lassen Sie uns jetzt nicht mehr davon reden; es greift meinen Kopf an."
"Liebe Tochter, das wollen wir auch nicht; nur versichre ich Dir, dass Du hieruber meinetwegen ohne Sorge seyn kannst. Sey wieder heiter und gutes Muthes."
Hand und Mund kusste H i l d e g a r d ihr fur diese erfreulichen Worte; denn sie enthielten alles, was sie verlangte. "O gute zartliche Mutter, wie ich Sie liebe!"
Die Frau v o n L u p f e n trat daruber herein: "Du krank? Du Gottin der Gesundheit, H i l d e g a r d ? und so plotzlich? Es ist nicht moglich!"
"Wer sollte nicht krank werden! Der fatale lange W o l f s e c k will mich heurathen, und hat die Furstin desswegen an meine Mutter abgeschickt; weil weder er noch sie den Muth hatten, mir den Antrag ins Gesicht zu machen. Ihr Sinn war kluger als ihr Verstand, und versagte, wie ich oft bemerkte, beyden hieruber die Rede. Doch Verschwiegenheit! wir kennen uns. Auch Deinem Manne davon keine Sylbe."
Der Bruder kam uber den Musiksaal herbey, und spielte auf der Geige ein Solo fur eine Bacchantin aus einem neuen Ballet, die nettesten Laufe, Staccato, mit so gewaltigem Bogen, wie C r a m e r selbst; wiederhohlt' es, immer reizender verandert, und sagte: "Singen sollst Du heute nicht, zartes Kind, aber vielleicht Deine Verkaltung wieder aus dem Leibe tanzen."
Von dem gestrigen kalten Bade hatte die Kluge noch nicht ein Wort gesprochen. Niemand kannte die Krankheit besser, als sie; am wenigsten L o c k m a n n , der sich zu Hause die wunderlichsten Vorstellungen davon machte.
"Was das fur ein reizbares Geschopf ist! von einer Umarmung so krank zu werden, dass das ganze Haus in Allarm kommt, man den Doctor hohlt, und alles trauert. Es ist eben ein genialisches Wesen, bey welchem von einem einzigen Gefuhl, einem Gedanken alles andre, Tage lang, verschlungen wird, und zuweilen Blut und Lebensgeister in die heftigste Wallung gerathen. Etwas schwarmerisch, aber edel und liebenswurdig, gewiss, o gewiss! im hochsten Grade."
Man ging in den Musiksaal; und ihr Bruder und die Frau v o n L u p f e n suchten sie mit kurzweiligen Dingen aufzuheitern und zu zerstreuen. Erst spielten sie muntre Tanze voll Rhythmus von glanzenden Ballen zu London, wo auch sie von der Partie gewesen, und vor andern war bewundert worden.
Dann sangen sie Italianische verliebte Kantaten, wechselsweise, sie den Sopran, er den Alt, mit Petrarchischen klaglichen Texten, welche beyder ausgeartete Stimmen zu Scenen einer Opera buffa machten. Es waren zwar die beruhmten von P o r p o r a , einem der grossten Stifter der Schule von Neapel; aber nun so altvaterisch in Melodie und Begleitung, dass H i l d e g a r d sich nicht erwehren konnte zu denken, es sange sie ein Greis von siebenzig Jahren einem jungen Madchen; oder, was noch arger ist, ein Kastrat von sechzig bis siebenzig Jahren.
Darauf sangen sie doch zusammen einige neuere hochst schone Duetten und Terzetten und Kanons.
Und nun erzahlten sie lustige Anekdoten; einige damals ganz neu. Zum Beyspiel nur eine von der Frau v o n L u p f e n , die bey der Begebenheit zugegen war.
"In einer benachbarten Residenz ward die letzte Charwoche in der Schlosskirche das Miserere von S a r t i aufgefuhrt. Unten standen eine Menge Offiziere in Parade. Oben uber diesen hatte der alte Staatsminister B** seinen Stand, welcher, schon an und fur sich eine komische Figur, immer bey dem Gottesdienst in einem Pohlnischen Gebetbuche ziemlich laut zu lesen pflegte. Den vorigen Tag war in die Loge mit Fenstern ein schlafender Pudel eingesperrt worden. Als B** die Thur aufschloss, hineintrat, und sie wieder zumachte, bemerkte er mit seinem kurzen Gesicht diesen nicht; ofnete das Fenster und fing, als man mit der Musik in der Mitte war, und die feyerlichste Stille herrschte, an zu lesen. Kaum horte der Pudel die Zauberformeln der ungewohnten Sprache: so that er vor Angst einen Satz zum Fenster hinaus, und sprang, schwarz wie der exorzisirte Satanas, den Offizieren auf die gepuderten Kopft. Dem Minister fiel vor Schrecken die Brille von der Nase, der Hof erstaunte, die Helden fluchten, und die ganze fromme Versammlung brach aus in ein allgemeines Gelachter."
"Zum Gluck hatte der Pudel nur das Steife einiger Locken zertreten, sich selbst keinen Schaden gethan, und lief schreyend davon."
Gegen Abend kam der Arzt, fand H i l d e g a r d e n lebhaft und aufgeraumt, aber den Puls noch immer unregelmassig, und das Fieber etwas starker. Er verordnete, mit ein wenig Veranderung, dieselben Mittel; und sagte: so bald sie darauf Schlaf spure, mochte sie sich zu Bette legen. Eine ruhige Nacht, mit der Heiterkeit in der Seele, und der junge Stamm von Gesundheit werde das Uebel gewaltig verdrangen.
L o c k m a n n zauderte um das Haus herum, bis er, wie von ungefahr auf der Strasse, von einem Bedienten erfuhr, dass es besser stande.
Den folgenden Morgen befand sie sich so gut, wie vollkommen wieder hergestellt; brauchte keine Arzeney mehr, und nahm ihre gewohnlichen Beschaftigungen wieder vor.
Gegen Abend machte die Mutter der Furstin einen Besuch, und erzahlte, was geschehen war. Es blieb nichts anders zu thun ubrig, als dem Herrn v o n W o l f s e c k das Korbchen auf die feinste Weise beyzubringen, und den Verliebten von fernern Bemuhungen und Zudringlichkeiten abzuhalten. "Die Furstin habe nur ihre Gesinnungen sanft ausgeforscht; sie fuhle sich noch zu jung, das Joch der Ehe bis jetzt uberhaupt nicht fur ihren freyen Nacken."
Der Mutter von der Furstin weg begegnete L o c k m a n n , als er zum Konzert ging, und vernahm zu seinem grossten Vergnugen, dass H i l d e g a r d sich wieder vollkommen wohl befinde. Er hatt' es noch nicht gewagt, ihr unter die Augen zu kommen. Wahrend der Zeit war er aber oft die Beschaftigung ihrer Gedanken.
Den andern Tag um Abendzeit ging er wieder zu ihr, mit dem Vorsatze, das reine, himmlische, genialische Wesen, so selten unter ihrem Geschlecht, zu schonen; und traf sie allein auf dem Musiksaal, an welchen ihre Zimmer stiessen. Er errothete, naherte sich schuchtern, kusste ihr bescheiden die Hand. Auch sie errothete, uberliess sie seinem zartlichen Druck und sagte: "Ohne den geschickten Herrn S c h w e i g e r und meine gute Mutter hatt' ich vielleicht gefahrlich krank werden konnen. Gottlob, dass es vorbey ist!"
Er freute sich daruber unaussprechlich; scheute sich aber, nach der Ursache der Krankheit zu forschen.
"Lieber Freund, fuhr sie fort, doch diess unter uns allein! denn die Welt versteht es nicht, und braucht es nicht zu wissen. Was bringen Sie hier mit sich?"
Die Mutter hatte ihn uber die Strasse kommen sehen, und die Kammerjungfer unten ihm sagen horen: "Mein Fraulein ist auf dem Musiksaal. Gehen Sie nur hinauf, Herr Kapellmeister; die Verkaltung ist ganz vorbey, und sie so gesund und munter, wie vorher."
Der naturliche Gedanke war ihr so gut wie S c h w e i g e r n aufgestiegen, dass der schone junge Mann, von Charakter, Kunst und Wissenschaft so ganz fur sie, wahrscheinlich mehr Eindruck auf ihr Herz gemacht, als noch je ein andrer, besonders da sie in London mehr Zerstreuung gehabt hatte, und nach dem Tod ihres Vaters nun auch ein Jahr alter geworden ware. Was sie bey ihrer H i l d e g a r d noch nie that, that sie jetzt; sie schlich ihm nach, und wollte wenigstens die erste Zusammenkunft nach der Krankheit belauschen.
Fur die letztern Worte H i l d e g a r d s aber war sie zu spat gekommen; sie horte nur an der angelehnten Thur, was L o c k m a n n antwortete.
"Vorgestern Morgens war ich hier, Sie mit Ihrem Herrn Bruder zur Probe des zweyten Akts der Armida zu bitten. Diese heben wir also fur das nachste Konzert auf, wenn Sie Lust finden. Fur heute hab' ich etwas Leichtes mitgenommen, wobey Sie gar nicht zu singen brauchen; etwas fur die Hofsangerinnen und Hofsanger; und was Sie wahrscheinlich beynahe schon vergessen haben: la buona figliola von P i c c i n i ."
"Die Opera buffa ist ganz zu Neapel einheimisch, besonders unter dem jetzigen Konig, der sie liebt; und wird uber die Alpen hin fast immer unglucklich verpflanzt."
"Die Operetten der Franzosen stehen an entschiednem Charakter weit unter ihr, und sind meistens bloss kleine ruhrende Komodien, Mitteldinge zwischen Tragischem und Komischem. Die Opera buffa soll weiter nichts als Farce, Spassmacherey seyn, die zuweilen verzweifelt ins Ernsthafte komisch ubergeht; Karrikaturen, wo viel Talent dazu gehort, den Charakter der Natur beyzubehalten. Schade, dass die Neapolitaner noch keinen M o l i e r e dafur haben! mit dem A r i s t o p h a n e s der grosste komische Genius aller Zeiten."
"Die Franzosen und auch die Deutschen mochten gern das edle Komische in Musik haben; aber dieses schickt sich selten dazu, es ist zu wenig Leidenschaft da. Witz und Ranke gehoren in das Reich des Verstandes und der Feinheit; die Musik verlangt Abwechslung von Tonen, und die Gescheidtheit vertragt nur die meistens monotone gewohnliche Aussprache."
H i l d e g a r d unterbrach ihn hier, und sagte: "Man scheint diess so gefuhlt zu haben, dass man das Recitativ ganz weggelassen, und nur Arien, Finalen und Chore beybehalten hat."
Er fuhr fort: "Unnaturlich genug! Die Italianer beobachten die Einheit, und zeigen dadurch ein weit feineres Gefuhl."
"Die vornehmen gesitteten Leute, welche Spassmacher nicht leiden konnen, sollten in keine Opera buffa gehen."
"So bald die Leidenschaften nicht mehr schicklich sind in den Augen der Vernunft, werden sie komisch, ihr Vortrag mag auch noch so ernsthaft seyn. Ein hasslicher kleiner Kerl S c a r r o n , das Z, und die hohe junge Schonheit M a i n t e n o n machen allezeit ein komisches Paar; das geistreichste Betragen auf seiner, und das sittsamste auf ihrer Seite konnen das Komische nicht wegbringen, sondern erheben es vielmehr. (Diess schoss der guten Mutter auf.) Ein eifersuchtiger Alter, eine verliebte Alte, eine koquette Alte sind Personen der Opera buffa; ein Don Quischott, der allein eine Armee angreift. Das Lacherliche sowohl in der Poesie als Musik entsteht gewohnlich durch Kontrast."
"Die neuere Opera buffa hat durch Erfindung der
Finalen eine ganz eigne Form erhalten. Sie sind eine Nachahmung der Katastrophen in den tragischen Opern; das heroisch-Furchtbare ist menschlich und gesprachig geworden; das schreckliche Tragische gar suss gemildert. Die Finalen von S a r t i , P a e s i e l l o und C i m a r o s a sind Meisterstucke. Die Form ist so glucklich schon, dass man nun schon viele Jahre nach einander sich an derselben nicht satt horen kann."
"Die ersten bekannten Finalen dieser Art sind eben
in der buona figliola von P i c c i n i ; welcher sie von einem unbedeutenden Palermitaner aufgenommen haben soll."
"Der Stoff zu dieser Operette ist etwas Gewohnli
ches, und es giebt viel bessere altere Texte. Das gute Madchen ist ein Findling, dient als Gartnerin; der Marchese della Conchiglia verliebt sich in sie, und will sie heurathen. Seine Schwester ist mit dem Cavaliere Armidoro versprochen, welcher desswegen die Ehe ruckgangig machen, will. Sie wird also weggebracht; durch einen Deutschen Soldaten jedoch dabey bekannt, dass sie die Tochter eines Deutschen Obersten ist, die wahrend des Kriegs in Italien verloren wurde; und alles lauft glucklich ab."
"Paoluccia, die Kammerjungfer der Marchesin, und eine Bauerin Sandrina machen die Intriguen; ein Bauer Mengotto den Liebhaber von ihr; und das gute Kind wird auf mancherley Weise gefoppt und verfolgt."
"Der Gang des Stucks ist ziemlich gut gehalten; das Ganze aber mehr naiv als komisch; der Deutsche Soldat allein niedrig komischer Charakter. Sonst springt keine acht komische Situazion hervor. Kurz, das Gedicht ist ein ziemlich ordentliches mittelmassiges Werk, und zeigt wenig von komischem Genie. Schade, dass die Musik dazu unter die ersten Hauptwerke der Opera buffa gehort!"
"P i c c i n i schreibt einen guten komischen Styl. Muster davon sind hier im ersten Akt die Arie des Marchese E pur bella la Cecchina, mi fa tutto giubilar. Und Muster zugleich des Naiven: Una povera ragazza, padre e madre che non a, die Arie der Cecchina. Hauptsachlich aber das Quintett, oder Finale."
"Wenn diess das erste, und P i c c i n i der Erfinder dieser Form ist: so hat er's gleich sehr weit gebracht; denn nach ihm ist nur Abwechslung dazu gekommen."
"Cecchina fangt an: Vo cercando e non ritrovo la mia pace e il mio conforto, che per tutto meco porto una spina in mezzo al cor."
"Aber gewiss hat man die Form von den Quintetten, Quartetten der Opera seria entlehnt, und nur komischen Styl hinzugebracht. Hochlich schon und ergotzend bleibt sie immer, und ubertrift an Mannigfaltigkeit die Chore."
"Im zweyten Akt hat die Arie des Deutschen, Tagliaferro, Charakter, und macht Spass auf dem Theater mit den Instrumenten. Viel besser, rund und vortreflich ist die Erzahlung der Paoluccia und Sandrina: per il buco della chiave."
"Cecchina hat schone Arien, die aber nicht ins komische Fach gehoren; als Vieni il mio seno di duol ripieno dolce riposo a consolar16. So wie auch im ersten Akt die Lucinde. Diess giebt dem Ganzen eine gute Mannigfaltigkeit."
"Das Quintett Si Signora di la su si e veduto che quagiu col Soldato fortunato si badava a divertir, mag zu seiner Zeit sehr schon gewesen seyn; jetzt ist vieles zu gemein geworden. Hier gehort es zur Erfindung der neuen Form."
"Noch ist das Duett schon und dramatisch zwischen dem Marchesen und der Cecchina, wo alles entdeckt wird: la Baronessa, amabile Idolo mio, sei tu. Und das kleine Quintett, womit sich das Stuck schliesst."
L o c k m a n n hatte von Verschiednem bey der Erklarung das Thema auf dem Klavier angegeben, und dazu gesungen.
H i l d e g a r d sagte nun: "Ein Paar Arien der Cecchina, die mir ausserordentlich gefallen, mocht' ich wohl noch singen. Erlauben Sie, dass ich meinen Bruder rufe und F e y e r a b e n d e n , mich zu begleiten. Dann wollen wir den Untergang der Sonne im Garten geniessen."
"Das wird mir grosse Freude machen;" versetzte Lockmann.
Die Mutter hatte bis jetzt zugehort, zum Theil auch gesehen, und begab sich weg, beschamt uber ihren Argwohn.
H o h e n t h a l und F e y e r a b e n d kamen. Mit dem ruhrendsten und sussesten Ausdruck sang H i l d e g a r d zuletzt die Arie: Vieni il mio seno di duol ripieno dolce riposo a consolar; und beschloss: "Diess ware mir vorgestern vielleicht so gut gewesen, als das Recept des Herrn S c h w e i g e r . Gottliche Tonkunst, du bist die beste Arzeney der Seelen!"
Ihr Bruder und F e y e r a b e n d uberhorten diess, indem sie ihre Instrumente bey Seite legten; und L o c k m a n n e n quoll eine Thrane in die Augen, da er sich einbildete, dass diess ihn betrafe.
Sie gingen in den Garten, wohin die Mutter folgte, sahen den prachtvollen Untergang der Sonne, welche die ganze Gegend mit ihrem Purpurlicht zu einem Eden uberglanzte, hielten unter den Linden ein angenehmes Gesprach uber die Gestade des Ozeans; und beym Weggehn erhaschte L o c k m a n n noch, mit H i l d e g a r d e n allein in der Dammerung, einen freundschaftlichen Kuss, der unterwegs seinem Wesen einigermaassen die angenehme friedliche Stimmung gab, welche sie verlangte.
Die folgenden Tage fing er an, mit Eifer, Feuer und Fulle, den ersten Akt des Achill in Skyros in Musik zu setzen. H i l d e g a r d s Stimme leitete ihn immer bey der Hauptrolle, sie war sein Modell; und die kriegerischen Ausbruche des jungen Helden schopfte er dabey aus seinem eignen Herzen.
Ob er gleich der junge schone Mann war, so hatte bis jetzt die volle Leidenschaft der Liebe doch noch nicht in ihm geherrscht; lusterne Weiber verfuhrten ihn nur einigemal zu Venedig und Neapel, wie auf den Raub. Sinnenlust und weiter nichts. Die Vollkommne durchaus fur Herz und Geist und Sinn war noch nicht erschienen; und der gewaltige Trieb, die hochsten Gipfel seiner Kunst zu ersteigen, besiegte alles. H i l d e g a r d allein fesselte ihn zuerst mit den unsichtbaren unzerreisslichen Ketten, sanft aber unwiderstehlich. Alles, was er nun begann und that, that er fur sie.
Das nachste Konzert fuhrten sie die vortreflichen Scenen aus der Armida des J o m e l l i auf. L o c k m a n n hatte in einem gedruckten halben Bogen den Plan angegeben, und den Text der Scenen mit der Uebersetzung beygefugt. H i l d e g a r d erregte Bewunderung und Erstaunen; betrug sich aber dabey sehr anstandig, und war bey weitem nicht die Armida bey der Probe auf ihrem Musiksaal. Der alte R e i n h o l d wankte sehr in seiner Meinung, dass eine schone Kastratenstimme alle weiblichen ubertrafe. Auch L o c k m a n n arntete als Rinald viel Lob ein. Allen fiel auf, wie wohl er sich fur diese Armida schicke; am mehrsten aber der Furstin und dem Herrn v o n W o l f s e c k . Dieser lernte nun blosse Hoflichkeit von Gefalligkeit und Neigung besser unterscheiden. Fein, und aller aussern Bewegungen machtig, stellte H i l d e g a r d sich gegen ihn, als ob in Rucksicht seiner gar nichts vorgegangen ware. Er aber vermochte diess nicht, und hielt sich anfangs in Entfernung; er hatte geglaubt, wie auch die Furstin, sie wurde als ein kluges Frauenzimmer die vortheilhafte Partie mit beyden Handen ergreifen. Zwar besass ihr Bruder reiche Guter in Franken und der Pfalz, die von ehrlichen und verstandigen Pachtern verwaltet wurden; aber die Schwester hatte darauf keinen Anspruch zu machen. Sie kannten ihren Charakter nicht, der sich in dem freyen London ausbildete. Was L o c k m a n n e n betraf: so wussten sie nicht die geringste Spur; und beyde schienen lediglich mit ihrer Kunst beschaftigt. Selbst S c h w e i g e r n verging sein Verdacht bey der leichten Genesung. Inzwischen entstand nun erst durch den Widerstand eigentliche Leidenschaft bey dem Herrn v o n W o l f s e c k ; die Furstin hatte ihm nach Hofsitte nicht alle Hofnung benommen, und ihn nur zuruckgescheucht.
Diese war als Vorsteherin der weiblichen Geschafte bey dem missgluckten Brautwerben empfindlich gereizt worden, und brachte bey dem kalten Lobe des angenehmen gesellschaftlichen Talents der H i l d e g a r d unvermerkt die Rede auf die Erziehung uberhaupt, und zog den Hofmeister F e y e r a b e n d , der zugegen war, in Beyseyn des Fursten und der Mutter, mit in das Gesprach, um an ihm dieser ihre Unzufriedenheit zu zeigen; sie hielt die ganze Krankheit der H i l d e g a r d fur blosse Verstellung.
"Man klugelt jetzt so viel an der Erziehungskunst, dass die Eltern den Kindern bald werden gehorchen mussen; ich lobe mir die alte!" Diess war nach einigen vorlaufigen Bemerkungen der ziemlich bittre Ausfall.
F e y e r a b e n d antwortete: "Wenn Ihro Durchlaucht darunter vortreflich eingerichtete offentliche Schulen verstehen, so war der selige Herr v o n H o h e n t h a l ganz derselben Meinung: auch hat sein Sohn den offentlichen Unterricht zu London genossen, und ich war mehr sein Gehulfe und Begleiter, als dass ich dessen Erziehung besonders und allein auf mich genommen hatte."
"Das Wichtigste fur den Menschen uberhaupt ist Menschenkenntniss; denn der Mensch selbst bleibt doch der Hauptquell der Gluckseligkeit fur Menschen. Kinder konnen sie platterdings nicht besser erlangen, als bey andern Kindern, die gleiche Neigungen und Bedurfnisse haben; die altern Menschen konnen sie noch nicht fassen. Und so muss es immer stufenweise fortgehen, bis zu offentlichen Aemtern, bey Frauenzimmern und Mannspersonen bis zur Vermahlung. Wer den besten Mann, die beste Frau aussuchen will, muss erst viele andre kennen; sonst kann er sich leicht etwas weis machen lassen, und ist dann elend auf sein ganzes Leben."
Die Mutter, ob sie gleich uber die letzten Worte erschrak, hatte ihn doch kussen mogen fur die Gegenpille, die er Ihro Durchlaucht so derb und rund in aller Unschuld beybrachte, dass sie vor widrigem Geschmack nicht wusste, wie sie die Lippen bewegen sollte. Da sie jedoch nichts sagte, so fuhr er ferner fort, um sich bey dieser Gelegenheit vielleicht zu empfehlen.
"Die offentlichen Schulen bey uns haben nur den Fehler, (wenn auch ausgesucht vortrefliche Manner darin Unterricht ertheilen, welches bey manchen nicht immer der Fall seyn soll,) dass die Wissenschaften da zu sehr zerstuckelt werden; fruh Morgens um acht Uhr dieses, um neun Uhr jenes, um zehn Uhr wieder ganz etwas anders, u.s.w. Auf diese Weise kann nichts vollstandig in einem Zug in die Seele kommen; kein vortreflicher Mann in irgend einem Fache ist es so geworden."
"Dieser Fehler findet jedoch auch bey der gewohnlichen Privaterziehung Statt. Die Meister geben ihre Lehren stundenweise; und lassen sich so dafur bezahlen. Der Sprachmeister geht diese Stunde dahin, die andre dorthin."
"Ein Fehler unsrer Erziehung uberhaupt ist, dass die Kinder mehr Worte als Sachen lernen. Wer Mann und Weib noch nicht kennt, wie soll der Geschichte verstehen und Nutzen daraus ziehen? Wer noch nicht Meer, Gebirg und Thal, Lauf von irgend einem grossen Strom, Ursprung der Quellen, vielleicht noch keinen Zimmermann und Maurer arbeiten sah, wie will der Geographie, Reisebeschreibungen verstehen? Wer weder Menschen noch Thiere und Pflanzen einigermaassen kennt, wie will der vortreflich reden und schreiben lernen in irgend einer Sprache, wenn die Quelle der Beredtsamkeit und des guten Styls erfahrner Sinn und geubter Verstand ist?"
"Man soll Kinder lernen lassen, was sie lernen konnen. Das Wichtigste ist, Leibesubungen treiben, die sich fur sie schicken; als tanzen, schwimmen, laufen, marschiren, exerziren, hungern, dursten, Hitze und Frost ausstehen, wachen; uberhaupt den Korper lenken und bilden, und mit der Seele Gewalt daruber bekommen. Diess war des seligen Herrn v o n H o h e n t h a l Grundsatz. Und selbst unser Fraulein schwimmt trotz einem in Europa; und hat ihren schonen Korper dadurch abgehartet."
"Dann die Natur um sie herum kennen; und rechnen, Geometrie und zeichnen dabey. Die Elemente, so viel sie, und vielleicht wir alle, davon verstehen konnen; unser Sonnensystem, mathematische Geographie, unser Dutzend Fixsterne der ersten Grosse; und dann erst die Geographie im Grossen, und Wind und Wetter, Fruhling, Sommer, Herbst und Winter, Thiere, Pflanzen und Steine zur Nothdurft."
"Und dann die andern Kunste und Wissenschaften und Sprachen nach ihrer Bestimmung von Natur oder Stand."
"Ferner ist noch ein Hauptfehler, dass man die Kinder mit Stunden uberhauft. Man lasst ihnen keine Zeit, sich selbst zum Urtheilen zu gewohnen; und erstickt durch den zu fruhzeitigen Worterkram allen Trieb und Reiz."
"Was Religion und Theologie betrift, die leider in unsern Schulen die mehrste Zeit wegnimmt: so darf man mit Kindern daruber gar nicht rasonniren, sondern sie mussen ihren Morgen- und Abendsegen beten und in die Kirche gehen nach Landesgebrauch. Metaphysik, und das Schwerste derselben, ist wahrlich nicht fur sie; und spotten uber altere sollen sie auch nicht. So wenig als moglich von Theologie; denn es bleiben doch blosse Worte fur die Kleinen."
Die Furstin konnte nichts anders darauf antworten, so gern sie auch dem Freymuthigen den Kopf hatte waschen mogen, als: "Im Allgemeinen lasst sich so etwas wohl horen; aber die Ordnung, die Sie mir zu tadeln scheinen, ist bey der Erziehung die Hauptsache, man kann die Kinder nicht streng und fruhzeitig genug dazu angewohnen. Die Religion fertigen Sie gar zu kurz ab; und es ist gut, sie bey Zeiten grundlich zu verstehen."
F e y e r a b e n d erwiederte: "Wenn Ihro Durchlaucht die gute Ordnung, oder die Ordnung nach der Natur der Dinge, meinen; so hab' ich mich vielleicht nur nicht deutlich genug ausgedruckt. Niemand kann mehr dafur seyn als ich. Und was die Religion betrift: so war es ganz auch meine Meinung, dass die Kinder das Wesentliche wissen sollen."
Der Furst legte sich dazwischen, und sagte: "H o h e n t h a l wird auch fleissig die klassische Litteratur getrieben haben?"
Die Mutter antwortete: "Ich wunschte, dass Sie, gnadigster Herr, selbst einmal ihn prufen mochten. Alles, was wir sagen, kann doch nur partheyisch lauten. Und so bitt' ich, wendete sie sich darauf zur Furstin, mit gebuhrender Bescheidenheit um den hohern Unterricht einer so erhabnen Frau uber ihr Geschlecht fur meine Tochter."
Daruber ging es zur Tafel. Herr v o n W o l f s e c k fasste doch den Muth, H i l d e g a r d e n wie gewohnlich dahin zu fuhren, und sagte ihr einige aufgeraffte Worte uber ihren Gesang. Sie begegnete ihm gerade so hoflich wie sonst.
Die Rede kam bald auf das Vogelschiessen, welches kunftige Woche gehalten werden sollte. Hohenthal pries dieses Volksfest in Deutschland, und die vortrefliche Einrichtung des wochentlichen Scheibenschiessens mit Herrn v o n L u p f e n . Man ging davon uber auf den Zweykampf. Hierbey zeigte sich Herr v o n W o l f s e c k , und sagte:
"Was wird durch den Zweykampf entschieden? Nach der Vernunft platterdings nichts mehr, als wer der beste Fechter oder Pistolenschutze sey."
"Wessen Ehre, vorzugliche Ehre, besteht darin? Die der Fechtmeister und Pistolenschutzen. Auch die der Offiziere, Hauptleute, Generale, Edelleute?"
H o h e n t h a l antwortete: "Vorzugliche Ehre? gewiss nicht. Es gehort bey diesen nur zur guten Erziehung, und ist theils nothwendig fur ihre Laufbahn, dass jeder diese Kunst getrieben hat; und niemals wird verlangt, dass einer sie bis zur hochsten Vollkommenheit getrieben haben sollte, um wichtigere Eigenschaften dagegen zu vernachlassigen."
W o l f s e c k erwiederte: "Wenn einer aus dieser Klasse von dem andern beleidigt worden ist, und denselben zum Zweykampf herausfordert, was will er dadurch erreichen? beweisen? Doch warlich nicht, dass er ein besserer Fechter, Pistolenschutze sey! sondern dass der andre ihn mit Unrecht beleidigt habe. Wird diess durch den Erfolg entschieden? Auf keinen Fall; den einzigen ausgenommen, wenn die Beleidigung, das Unrecht darin bestande, dass der andre ihn einen schlechten Fechter, Pistolenschutzen gescholten hatte. Was will also die eingefuhrte Gewohnheit sagen? Der beste Fechter, der beste Pistolenschutze, oder der Starkere kann thun, was er will, und er hat wahrscheinlich allezeit Recht."
Herr v o n W o l f s e c k war hier in seinem Elemente, und sprach wie ein Buch. H o h e n t h a l gab ihm hierin vollig Beyfall; und fugte noch hinzu:
"Um sich gegen die Frechheit, den Uebermuth dieser Gladiatoren zu schutzen, wenn die Regierung nicht schutzt und die Kultur der Gesellschaft, ist bey den gebildetern Nazionen, den Griechen, Romern, Italianern, gegen die Barbaren der Meuchelmord entstanden."
Er entwickelte diese Materie noch weiter.
"Man sagt: meine Ehre ist mir lieber als mein Leben. Deine Ehre besteht also darin, dass du die Tollheit hast, dich von einem Fechtmeister niederstossen zu lassen?"
"Mit einem Fechtmeister braucht man sich nicht zu schlagen."
"Also weisst du vorher, dass dein Gegner kein ausgelernter Fechter ist, oder dass du ihm in dieser Kunst uberlegen bist? Bleibt dann, wenn du gewiss bist, ihn zu erlegen, der Zweykampf etwas anders als Mord? Wenn ein St. G e o r g e einen ungeubten Deutschen Baron zu Paris vor sich hat, ist der Unterschied viel grosser, als wenn einer den Dolch heimlich einem Unbewafneten, einem Weibe ins Herz stosst?"
"Heimlich? Diess macht einen gewaltigen Unterschied! Der Junker kann die Ohrfeige einstecken, und braucht sich nicht zu schlagen."
"So lang' er aber muss, wenn er in Gesellschaft, in eurer menschlichen Gesellschaft bleiben will? Ist diess nicht auf alle Weise Mord?"
"Also Meuchelmord, Mord, Zweykampf ist nicht so sehr verschieden."
"Soll das Gluck entscheiden, wie ungefahr auf dem Billard zwischen zwey gleich vortreflichen Spielern, oder zwey ganz ungeschickten: so ist der Wurfel viel bequemer; und der Gewinner stosse den andern nieder."
"Diess mag wohl das Starkste seyn, was sich gegen die eingefuhrte Sitte sagen lasst. Allein es ist nicht immer der Tod auf dem Spiel; sondern es soll oft nur ausgemacht werden, wer der Starkere sey, und Ehrerbietung von dem andern zu fordern habe, wie in allen Kunsten; und damit diess nachdrucklicher eingescharft werde: so nimmt man statt des Rappiers den blanken Degen. Ein offenbarer Krieg, nur zwischen Zweyen. Beym Pistolenschiessen ist er zwischen zwey vortreflichen Schutzen jedoch ein volliges Wurfelspiel; wer den ersten Schuss hat, erlegt den andern. Und diess sollte nie gestattet werden."
"Mit dem Degen ist der Zweykampf aber oft nur Kampf, wie zwischen Stieren und Hirschen; man sucht dem andern nur ein wenig das hitzige Blut abzuzapfen. Dergleichen Sachen konnen nicht wohl vor Gerichten ausgemacht werden; und auch bey andern lasst es ein gewisser edler Celtischer Stolz nicht zu, dass Philister entscheiden durfen, wie ich gerade Manches empfinden und daruber denken soll. Unsre Starke aussert sich nun einmal mit Degen und Schiessgewehr, und nicht mehr mit Prugeln, Ringen und Fauststossen. Wer sich selbst nicht vertheidigt, vertheidigt schwerlich auch mit Gefahr seines Lebens Vaterland oder das Recht seines Fursten; und es zeigt allemal wenig Gefuhl ursprunglicher Vortreflichkeit an, wenn man den Tod allzusehr scheuet, und seinen Balg allzusehr schont."
"Wer das Recht hat, einen Degen zu tragen, mit dem muss man sich auch schlagen. Wer in einer Gesellschaft leben will, muss sich nach den eingefuhrten Gewohnheiten richten, oder so wenig Neigung zur Geselligkeit haben, um sich von ihr verachten lassen zu konnen."
"Ferner, wer das Recht haben will, einen Degen zu tragen, muss ihn auch zu gebrauchen wissen; um diess zu zeigen, tragt er ihn. Wer nicht Griechisch lesen kann, braucht keine prachtige Ausgabe des Homer in seiner Handbibliothek zu haben; wenigstens darf er nicht damit prahlen."
"Man soll die Leute kennen, mit denen man umgeht, und umgehen muss. Offiziere, Edelleute, die mit einander leben, sollen immer wissen, welches die geschicktesten sind im Fechten und Pistolenschiessen, und sich in Acht nehmen, diese zu beleidigen."
"Kriegerische Starke behauptet immer den ersten Rang; denn sie ist zur Erhaltung die nothwendigste."
"Wenn sich ein Mensch aber darauf verlasst, und muthwillig und frech Unschuldige beleidigt, verwundet und todtet: dann werden sich mehrere bald gegen ihn verschworen, bis endlich Meuchelmord erfolgt, wo die Regierung nicht schutzen kann. Oder man schickt einen starkern, ausgelernten Fechtmeister unbekannt uber ihn, wie in Frankreich geschieht; und vertilgt ihn aus der Gesellschaft."
"Bey einem Volke, ja bey Standen, wo der Zweykampf nicht im Gebrauch ist, herrschen auch grobe Sitten. Die beruhmten Athenienser, Philosophen, Redner, Dichter, und noch zuweilen unsre Gelehrten, schimpfen sich einander wie die Sachsenhauser. Die Messerstiche machen die heutigen Romer zu den feinsten Gesellschaftern. Und die Vernunft gewinnt dabey; man gerath nicht ins Wilde, die Leidenschaft wird im Zugel gehalten."
Der Furst antwortete auf dieses alles: "Ich liebe das jugendliche Feuer, und schatze zugleich die Beredtsamkeit, womit Sie die Sitte Ihres Standes zu vertheidigen suchen. Aber in einem wohlgeordneten Staate darf kein Mitglied das Leben eines andern angreifen; besonders wegen Kleinigkeiten und Zankereyen, wie meistens der Fall ist. Dieses Uebel ist uns noch aus den Faustrechtszeiten ubrig, wo Ritter und Rauber unumschrankt und im Stande der Natur zu seyn wahnten."
"Das Gelindeste, was man thun kann, ist, dass man bey sonst vortreflichen Mannern, die das noch nicht ausgerottete Vorurtheil von Schande zwingt, sich so zu vertheidigen, zuweilen durch die Finger sieht."
H o h e n t h a l machte Miene, noch etwas, wahrscheinlich zum Lobe des Fursten, darauf zu erwiedern; aber die Mutter winkte ihm zu schweigen; und so sprach man gleich von andern Dingen. Jedoch gefiel den mehrsten, besonders den Damen, die sich die Ritterzeiten gar reizend vorstellen, was er gesagt hatte.
L o c k m a n n setzte einen neuen Marsch fur die Schutzengesellschaft und Jager, woruber sie grossen Jubel bezeigten; und suchte unter seinen alten Sachen Duetten fur Waldhorner, Quartetten, Quintetten und Sextetten fur mehrere blasende Instrumente hervor.
Montags Nachmittags zog man in aller Pracht aus.
Der Schiessplatz war in einer angenehmen Gegend von den Bachen umflossen, und mit hohen Baumen eingefasst, der Sicherheit wegen beynah eine halbe Stunde weit; die Vogelstange stand auf einer Anhohe. Der Furst that in Person den ersten Schuss, und traf so glucklich, dass der Reichsapfel sturzte. Die Damen schmuckten das Fest, und einige kamen zu Pferde, H i l d e g a r d mit ihrem Bruder heroisch und reizend auf zwey raschen schonen Englandern, sie auf einem milchweissen Rammeskopp, er auf einem stolzen Rappen. Sie wurden von Trompeten und Pauken bewillkommt, womit Horner und Klarinetten freudig abwechselten. Der Himmel war mit einem dunnen Gewolk uberzogen, welches vom Donner der Buchsen bald aus einander ging, und den blauen Aether zeigte.
Aus der ganzen Gegend herum hatten sich Menschen herbeygesammelt. Buden mit allerley kostbaren Sachen waren aufgeschlagen. In allen Ecken Spiel und Tanz und Gelag. Manches schone Kind in der Nachbarschaft entdeckte man hier zuerst. Die ganze liebenswurdige Geselligkeit des Menschen erschien bey Lust und Vergnugen.
Der Furst und die Furstin und Herr v o n L u p f e n hatten ansehnliche Geschenke ausgesetzt.
Dann schossen zwey Offiziere die Krallen ab; gegen Abend H o h e n t h a l den rechten Flugel; und dem Kapellmeister sprach man auf der Scheibe wenigstens den zweyten Preis zu.
Den andern Morgen wurde da herrlich gefruhstuckt, und weiter fort geschossen; Musik gemacht, Preise gewonnen, gesotten, gekocht, gebraten, und geschmaust, Andenken eingehandelt, gespielt, getanzt und gezecht, erzahlt, gekusst, und gelacht, bis am Abend der Korper des Vogels nach langem Wackeln und Tauschungen von einem Kernschuss endlich abfiel, und unter allgemeinem Jauchzen die Hohe herabrollte. Eine Stimme rief der andern K a t t zu; K a t t , der junge geschickte Jager aus dem Hennebergischen, im Dienst des Herrn v o n L u p f e n , that den Schuss fur den kleinen Junker W i l h e l m .
Man behangte ihn sogleich in dessen Namen als Konig mit der Pracht der Schilde. Die Trompete schmetterte das Zeichen zum Einzug; und nachdem alle sich einfanden, erscholl feyerlich froh der Marsch. Man schritt in muthiger Heldenreihe voran, und so vom jubelnden Volk auf beyden Seiten und vorn und hinten umgeben, den nur zu kurzen Weg im Triumph wieder in den Ort, zum nachtlichen Schmaus und Ball.
Den folgenden Abend ging es in eben dem lustigen
Tone bey der Buona figliola im Konzert fort, von welcher L o c k m a n n das Beste auffuhrte. Die schone junge Madam E w a l d machte die Cecchina treflich, und eben so die Demoisellen B u s c h und L o f f l e r die Paoluccia und Sandrina; Z o r n den Tagliaferro meisterlich. Das Stuck war schon die vorige Woche probirt worden, und sie hatten es wahrend der Zeit so einstudirt, als ob sie es auf einem Theater von Neapel spielen sollten. H i l d e g a r d sang diesesmal nicht mit, theilte aber reichlich Lob aus, besonders der E w a l d und dem Z o r n . Der Furst kannte das Stuck schon, und hatte besonders an den Finalen grosse Freude, so wie alle.
Wahrend des Zwischenraums vor dem zweyten Akt
wollt' er den jungen H o h e n t h a l uber seine Studien versuchen; er fing gleich mit der Romischen Litteratur an, und den Nachrichten Casars uber den Gallischen und burgerlichen Krieg, die er am besten kannte.
Der edle Jungling hatte sie mehr als einmal mit vie
ler Aufmerksamkeit und Ueberlegung gelesen; und sagte: "Bey ihm kann man recht die Philosophie des Kriegs studiren. Er ist zwar nur der einzige unter den Romischen Schriftstellern dafur: aber an ihm und dem Feldzuge Xenophons, meinem liebsten Griechischen Buche, findet man genug zu denken."
Der Furst ging ins Besondre; es ware ausserst anziehend, die Schweizer, Gallier und unsre Urvater daraus kennen zu lernen. Zum Beyspiel gleich Anfangs den festen Charakter der Schweizer und ihre Beharrlichkeit.
"Aber auch Blindheit und Verwegenheit, versetzte der Jungling. Bey der erstaunlichen Mauer zu Genf fuhrten sie sich zwar ehrlich aber dumm auf. Eben so unvorsichtig lassen sie sich an der Saone schlagen; ihn darauf mit aller Bequemlichkeit uber den Fluss gehen; und bekummern sich weiter in ihrem Marsche weder um hinten, noch vorn, und auf den Seiten und oben und unten. Gewiss ein hochst tapferes, aber auch dummes und trotziges Volk; ich glaube, die Wilden in Amerika streiten mit mehr Klugheit."
"Welch ein unendlich hoherer Mensch ist Casar gegen sie in allem! Welche erstaunliche Thatigkeit, eigne Bestandigkeit, sich auf Niemand anders zu verlassen, Menschenkenntniss, Geschwindigkeit in der Ausfuhrung, Kuhnheit und Klugheit, immer nur das Ziel vor Augen zu haben; ob er gleich bey dieser ersten Campagne sich auch wohl ein paarmal ubereilte!"
Der alte Krieger musste uber die letztern Worte lacheln; doch horte er ihm mit Lust zu, und fuhr dann ferner fort: "Fur die Franzosen ist Casar nur ganz klassisch."
"Wenn sie ihn fort lesen, versetzte H o h e n t h a l , so werden sie nie einen machtigern zu Hulfe rufen. Das kriegerische Genie C a s a r s blickt hier immer mehr hervor; wie ein Fechter gerade das Fleckchen zu bemerken, den wesentlichen Punkt, auf den loszugehen ist. Beym Ariovist, der ohne Vergleich kluger war als die Schweizer, verpasst er ihn einmal, und erzahlt es ehrlich fur diejenigen, welche durchsehen. Sein Styl ist nachlassig, wie ein grosser Mann eben etwas fur sich aufschreibt."
"Es ist schon, wie er von allem Kundschaft einzieht, seine Feinde so recht studirt, nie verachtet, seine Lager und die vortheilhaftesten Platze zu Schlachten durchaus so vortreflich wahlt, bey den grossten Gefahren nie die Thatigkeit verliert, immer die kalteste Gegenwart des Geistes behalt; und keine tapfre That seiner Leute, die er alle kannte, gut gezogen hatte, und mit denen er sich nichts fur zu schwer hielt, unbelobt lasst."
"Grausam war er gewiss einigemal gegen die Deutschen, aber noch mehr gegen die Gallier, und verbrei"Unter den barbarischen Nazionen zeichneten sich Der Furst erstaunte uber die Bemerkungen. Ihn ent"Gerad' in diesem, verfolgte der seltne Schuler, er
Aequam memento
rebus in arduis servare mentem; non secus
in bonis ab insolenti temperatam laetitia."
"In Alexandrien allein scheint ihm die junge reizende Kleopatra etwas Kraft und Zeit weggenommen zu haben; manserat in fide praesidiisque ejus, sagt Hirtius; sonst hatten die Alexandriner ihm gewiss nicht so lange zu schaffen gemacht."
"Nach solchen Thaten war sie ihm ein voller Becher Nektar aus dem Olymp. Er ist auch so klug gewesen, den Alexandrinischen Krieg nicht selbst zu beschreiben. Nachdem er beynahe die ganze Romische Welt besass, war es wenigstens Unklugheit, in einem solchen Mordloche Leib und Leben und sein ganzes Gluck aufs Spiel zu setzen. Aber der Held wollte dem Himmelskinde, der Kleopatra, fur den Genuss, den sie ihm gemacht hatte, ein Konigreich geben; und fuhrte es aus. Er wagte hier ein paarmal alles, so wie sonst nirgends; ausser wie er uber das Meer von Brundusium setzte."
"Gluck hat er viel gehabt, wie auch unser F r i e d e r i c h ; ohne diess kein beruhmter Held. Seine grossen Thaten vollbrachte er ubrigens in dem reifsten Alter."
Der Furst konnte sich nicht enthalten, gewaltig von fentlich zu umarmen, und ihm einen Kuss zu geben; woruber sich jedermann, als etwas ganz Ausserordentliches, verwunderte.
Fussnoten
1 Dem 51sten Psalm. 2 S o m m e r r i n g , mein Freund, hat mir zu dieser Unterredung folgende meisterhafte anatomische Schilderung mitgetheilt, die alles erschopft. "Zu einem guten Sanger gehort, ausser guten und geubten Hororganen, einem regelmassig gewolbten, bequem, gemachlich und kraftig im eigentlichen Verstande nachdrucklich zu bewegenden Thorax, weiten, starken, leicht und frey ausdehnbaren Lungen, einem nicht zu gestreckten noch zu gestauchtem Halse, noch insbesondre: ein genau richtiges Verhaltniss der Theile des Kehlkopfs zu einander, eine nicht zu straffe, noch zu schlaffe Zusammenfugung derselben, eine massige Biegsamkeit derselben, gleichmassige Kraft der Muskeln desselben auf beyden Seiten, vorzuglich gleiche Dicke, Lange, Einfugung, Geschmeidigkeit und Spannung der Stimmritzenbander, gleiche Hohe der Taschen, ein nicht zu hoch geendigtes, noch zu tief hinab hangendes, nicht zu schlotterndes, noch zu scharf angezogenes Gaumensegel, ein regelmassig geformtes, nicht zu langes, noch zu kurzes, nicht zu breites, noch zu schmales, nicht zu rundes, noch zu parabolisches, nicht zu flaches, noch zu krummes Gewolbe des fegelmassigen Gaumen vollkommen passende, schnell umzuformende, und doch kraftige Zunge, regelmassig symmetrische, willig nachgebende Zungenbeine, gehorig offne, und doch an den Eingangen und Ausgangen gradweis leicht zu schliessende rein widerhallende Nasenhohlen, eine nicht zu dichte, noch zu sehr unterbrochne, nicht zu hohe, noch zu niedrige Zahnreihe, ein weder wulstig noch schmal gesaumter, nett und pracis geendigter Mund, der daher auch nett und pracis wirkt, folglich weder ein fremdes Gesprudel beymischt, noch der Schonheit, der Reinheit, dem Wohlklang der vollkommen schon geformten Tone den mindesten Abbruch thut. Selten sind aber der Kehlkopf und die ubrigen Theile zusammen so regelmassig und symmetrisch gebaut. Gesetzt nun, eins der Stimmritzenbander ist langer oder kurzer, mehr oder weniger gespannt als das andre Stimmritzenband: so bewirkt es auch in der namlichen Zeit eine andre Anzahl von Erzitterungen in der Luft, als das andre; folglich konnen auch seine Tone unmoglich mit den Tonen des andern ubereinstimmen." 3 S o m m e r r i n g glaubt in seiner neuesten, wichtigen, noch ungedruckten Schrift uber das Sensorium commune den physischen Grund fur die Wahrheit dieser Behauptung angeben zu konnen. "Unter allen Nerven namlich, sagt er, ist keiner, der so unmittelhohlen (worin er das Organ des Sensorium commune sucht) in Beruhrung steht; folglich auch so u n m i t t e l b a r das gemeinsame Sensorium ruhrt. Denn der Anfang, oder das ausserste Hirnende dieses Nerven ist so offenbar und deutlich von der Natur selbst dargelegt, dass es wahrlich ungereimt seyn wurde, in Rucksicht der Hirnenden des Hornervenpaars noch etwas mehr durch die Kunst entdecken zu wollen." 4 In R a m l e r s Tod Jesu. 5 Im Requiem aeternam. 6 Zu Anfang des dritten Bandes wird man dieses deutlicher und mit klassischen Beyspielen erklart finden. 7 In Handels Messias. 8 Qui nostram disciplinam petit, in monochordi usu manum exerceat, hasque regulas saepe meditetur, donec vi et natura vocum cognita ignotos vt et notos cantus suaviter canat. Sed quia voces, quae hujus artis prima sunt fundamenta, in monochordo melius intuemur, quomodo eas ibidem ars naturam vocum imitata discrevit, primitus videamus etc. Micrologus, id est, brevis sermo in Musica. Auffallend ist es, dass er alsdann die diatonische Leiter noch im elften Jahrhundert, wo er lebte, nach Quarten in denselben Vertiern und Griechen zuschreibt, und mit der letzten Quarte F beym runden B endigt. 9 Die Griechischen musikalischen Schriftsteller halten ihn einstimmig dafur. Die wissenschaftlichen Kenntnisse der altern Aegyptier in dieser Kunst konnten alsdann nur gering gewesen seyn. Doch scheinen schon die Thebanischen Harfen, die B r u c e abgezeichnet hat, dawider Zweifel zu erregen. Gewiss ist das Monochord der Eingang ins Heiligthum. 10 Mein Abgott, mein Leben, o trube diese Blicke nicht! 11 Ach, ich Ungluckliche! O, ich fuhle dich mein armes Herz! 12 Die ganze Holle will ich gegen dich aufbewegen! Geh nur, geh nur! aber gedenke, dass du mich als blossen Geist und Schatten immer hinter dir haben wirst! 13 Du wirst mich bey Namen rufen, und es wird alsdann zu spat seyn. 14 Ach, mir bricht das Herz unter so viel Marter. 15 Hort, o Furien, hort! euch ruhre meine Pein. 16 Komm, o susse Ruhe, meine Brust mit Kummer beladen zu erleichtern.
Zweyter Theil
Den zweyten Tag darauf ging er wieder zu H i l Dann erblickte er ihre kleine Bibliothek in der Ecke T a s s o , und Komodien von G o l d o n i , die letztern wegen der lebendigen Sprache; den C o r n e i l l e , R a c i n e , M o l i e r e ; die Fabeln des L a F o n t a i n e ; Verschiednes von F e n e l o n , von V o l t a i r e und R o u s s e a u ; den H a l l e r , H a g e d o r n , K l e i s t ; die Kriegslieder, Halladat und andre Gedichte von G l e i m ; K l o p s t o c k s Oden und Hermanns Schlacht; G o t h e ' n s Gotz von Berlichingen und Werther; R a m l e r s Oden und Kantaten; L e s s i n g s Dramaturgie, Fabeln, Minna von Barnhelm, Emilia Galotti, Nathan; W i e l a n d s Agathon, Musarion und andre Gedichte; G e ss n e r s Idyllen, J a c o b i s Werke, B u r g e r s Lieder, V o s s e n s Odyssee, u.s.w. Neuere Meisterstucke der Deutschen Litteratur fur sie waren damals noch nicht erschienen.
Die besten Uebersetzungen des S o p h o k l e s und E u r i p i d e s ; mit unter Kochbucher und Modejournale; Gesprache des P l a t o , die Leben des P l u t a r c h im Franzosischen; Flora Parisiensis, B u s c h i n g s Geographie, Reisebeschreibungen, Homanns kleinen Atlas, und einige Englische Karten.
Dabey nahm L o c k m a n n eine Sammlung Zeichnungen in die Hand; es waren ihre eignen, lauter treu aufgenommene schone Gegenden, durch die sie auf ihren Reisen gekommen war, und wo sie sich aufgehalten hatte. Er erkannte darunter nur zwey der schonsten vom Rheinstrom: eine bey Bingen, und die andre bey Kaub. Die letztre vorzuglich war mit Kennerblick im besten Standpunkt aufgefasst, und voll Liebe ausgefuhrt. Der Strom drangte die breite Fulle seiner Wasser im Schlangenpfad allgewaltig durch das Gebirge hin, das vom Fruhling geschmuckt sich in sussem warmen Abendduft wie eine Braut des Himmels in ihrer Reinheit spiegelte, und verlor sich freudig in ferner Waldung.
Sie sagte bescheiden: "Es sind nur Erinnerungen fur mich; ich habe diese Kunst nie mit dem erforderlichen Fleisse getrieben. Die Zeichnungen von meinem Bruder, besonders was militarische Architektur betrift, werden Ihnen ohne Vergleich besser gefallen."
Die musikalische Bibliothek mit einigen theoretischen Werken befand sich zum gemeinschaftlichen Gebrauch auf dem Musiksaal.
L o c k m a n n wagte noch nicht, mehr zu sagen, als: "Ich muss Sie immer hoher schatzen und bewundern!" aber seine Blicke konnten nicht verbergen, was er fuhlte. Sie gingen einige Minuten auf und ab. Er schlang seinen Arm endlich um den ihrigen, druckte ihre Hand an sein Herz; und da sie es gutig und hold geschehen liess: so war es ihm nicht moglich, sich langer zu bandigen; in einem Schwung war Brust an Brust und Mund an Mund, sie mit Gewalt ergriffen und aufgehoben.
"Nicht das, nicht das!" sagte sie, und zog sich aus seinen Banden; "das ist nicht freundschaftlich." Ihr Blick war ernst und unwillig. Was geschehen war, massigte sein Feuer, und er entschuldigte sich mit einem starken Seufzer: "O, waren Sie minder schon, weniger im allerstrengsten Verstande liebenswurdig! so aber musst' ich Stock und Stein seyn, um bestandig so vielen Reizen zu widerstehen."
"Trauter," antwortete sie ihm lachelnd, "die Leidenschaften bilden sich viel ein, was nicht ist. Nur Verstand und Beschaftigung, bis wir mit der gehorigen Art unsers Umgangs in Gewohnheit kommen; und dann sind wir so glucklich, als ich wunsche."
So leitete sie ihn bis zum Klaviere, auf das er eine neue Oper hingelegt hatte. Sie nahm sie in die Hand, las:
Sofonisba di Verazi, Musica di Tomaso Traetta;
1762.
und freute sich, weil sie von K r a m e r n viel davon hatte sprechen horen, und dabey auch von D o r o t h e a W e n d e l i n g , der Deutschen Melpomene der goldnen Zeit zu Mannheim.
Diess brachte ihn einigermaassen wieder zu sich. Sie setzten sich zusammen, und er fing an, daruber zu reden.
"Sophonisbe ragt fast zu sehr uber alle die andern Personen in der Musik hervor; eine junge Konigin voll Gefuhl, doch noch mehr Adel der Seele."
"Sie ist weit mehr ein Geschopf des Tonkunstlers, als des Dichters. Bey den Hauptsituazionen, den einzig bedeutenden, ist des erstern Ausdruck entschieden vortreflich, ganz Natur, so rein, dass nicht zu denken ist, wie er besser seyn konnte. Und nicht allein der Ausdruck ist vortreflich, sondern die Musik uberhaupt: schone neue Melodie, schone neue glanzende Begleitung, grundliche passende abwechselnde Harmonie. Kurz, T r a e t t a zeigt sich hier als ein wahres grosses Originalgenie, das in der Musik als Erfinder da steht, und Andre geleitet hat. Diese Oper gehort aber auch unter seine besten Werke."
"Im ersten Akt
ist die vierte Scene der Sophonisbe ein Meisterstuck reizender weiblichen Schonheit voll Italianischen Accents: Intesi; ti basti, s' io cesso d'odiarti1. Hier ist so gar nichts von Schlendrian, alles neu, die susseste Melodie, nichts uberflussig."
H i l d e g a r d trug die Scene sogleich mit dem sproden Ton einer hohen Konigin vor.
"Die zweyte Meisterscene in diesem Akt ist die zehnte letzte des Siface; hauptsachlich der Arie wegen. Die Geschichte der Musik muss entscheiden, ob s i e das Original ist, oder G l u c k s Se mai senti spirarti sul volto, die der letztre hernach mit eignem Wohlgefallen in der Iphigenia von Tauris wiederhohlt hat. Ueberhaupt braucht er die Art mehrmals, als bey Ombre, larve in der Alceste:
Terrore m'inspira, d'orrore m'ingombra
Un' ombra gelosa."
"Desswegen bleibt jeder doch ein grosser Meister, und beydes gottliche Gesange; keiner kann in einer Kunst alles erfinden. Inzwischen muss man jedem sein Recht angedeihen lassen."
"Im zweyten Akt
ist die Arie der sechsten Scene von der Sophonisbe ganz in der Art, welche M a j o so oft braucht. Ich sage nicht, dass M a j o kopirt hat; aber man sieht dabey so recht, wie das Ganze der Kunst fortruckt."
"Noch ist die zehnte Scene, die letzte in diesem Akt, schon und dramatisch; das Recitativ der Sophonisbe reiner tragischer Styl, und das Terzett leidenschaftlich."
"Der dritte Akt
enthalt das Vortreflichste vom Ganzen. Die vierte Scene ist ein rechter Strom und fruchtbarer Fruhling von Musik, eine wahre Seelen- und Ohrenweide. Das Horn und die Hoboe Solo, die schon im herrlichen Recitativ eintreten, machen in der Arie entzuckende Wirkung."
"Dell' umana miseria, Sofonisba infelice, eccoti al colmo; die Arie Sventurata in van mi lagno2; vortrefliche leidenschaftliche Melodie, und eine der schonsten Bravourarien; vortrefliche Begleitung mit ausgewahlter Harmonie; und die Stelle der zweyten Violine, mit der kleinen Sekunde so anhaltend, ruhrend."
"Das Spiel mit dem Echo ist freylich gegen das Pathos, und der Dichter hat es zu verantworten; aber in der Musik ist es, mit susser Kehle und Virtuosen auf der Hoboe und dem Horn, die lieblichste Fulle fur das Ohr."
"Ein neuer Meister hat diese Arie oft nachgeahmt, und damit, jedoch nicht unverdienter Weise, viel Lob eingearntet."
"Man muss diese Sachen als schone musikalische Verzierungen betrachten, wenn sie nur im Ton des Ganzen sind; wie Zierrathen an Gebauden, Saulen."
"Mit der siebenten Scene fangt der Kern vom Ganzen an. Che fier destin, che strano caso e il mio3. Das ganze Recitativ ist ein Meisterstuck edler tragischer Declamazion; die verkleinerte Septime ist in der Begleitung hochst reizend angebracht. Vortreflich die Lesung des Briefs; bange Erwartung mit den Instrumenten ausgedruckt; und das Lesen selbst ohne alle Begleitung. Als sie das Gift nun hat, wie gottlich der Ausruf: Oh caro dono! oh fido amico! ein rechter Jubel der Errettung! mit wie wenig, und wie unubertreflich! es ist so recht die Empfindung, die sich nicht mit Worten sagen lasst, durch die Begleitung ausgedruckt, und man kann diese Zeile als ein Muster aufstellen."
"Die achte und neunte Scene von J o m e l l i hineingearbeitet sind schon, und unterscheiden sich durch den netten Styl."
"Die zehnte Scene der Sophonisbe aber gehort unter das Allerhochste von T r a e t t a , und ist ganz klassisch in der Italianischen Musik."
"Sofonisba, che aspetti? Wie herrlich der Uebergang aus dem C dur bey Ecco al mio labbro gia la tazza letal in A moll, worin nun die Begleitung zu dem gottlichen Ma ohime! beginnt. La mano perche mi trema! Qual si spande intorno fasco vapor! sotto l'incerte piante il suol perche vacilla! alles im Zwolfachteltakt, Pulsschlag des Schauderns von einem Gefuhl ins andre. Und nun Besinnung und Entschluss in neuen Absatzen: dove son? che m'avenne? e questo forse il natural ribrezzo al tremendo passaggio? und nun aus dem E moll ins C dur, und durch den Accord der kleinen Septime auf der Dominante die ganz gottliche Stelle: ah, non credei, che si terribil fosse l'aspetto della morte in der ganzen Fulle mit dem Schauder durch alle Glieder; wohinein der Romische Marsch hinter dem Theater mit Hoboen, Hornern und Fagotten fallt."
"Und nach Stillschweigen, sie dazwischen: ma qual suono lieto insieme e feroce? donde? s' osservi! aprite!
Oh vista atroce! le navi, i prigioneri
Invano m'attendete, o superbi. Jo non verro; la mia difesa e questa. Bevvasi!"
"Nun noch einmal Besinnung; wie treflich die Begleitung! Oh Dio, ma dunque ho da morir cosi! wie weiblich! und wieder der starkre Adel: i ferri, le catene! Wie gottlich: mi lascian tutti, misera, in abbandono; e sol m'avanza, che soccorso crudel! la mia costanza. Und sie trinkt gierig das Gift4."
"Diese Scene behauptet gewiss mit den ersten Rang unter allem Klassischen, was je ist geliefert worden; und ich glaube nicht, dass die ganze Griechische Musik etwas gehabt hat, das mit dieser in Vergleichung kommen konnte."
"Das Quintett, wo Sophonisbe stirbt, macht einen pathetischen Beschluss; voll Ausdruck in neuer einfacher Begleitung."
"Auch die andern Personen in dieser Oper haben schone Sachen, besonders Massinissa und Siface; aber es ist alles unter dem Angefuhrten."
"T r a e t t a hat ein erstaunlich reines zartes Gefuhl. In seinem Herzen muss manche Leidenschaft in ihrer Fulle gekampft haben; er trift auf ein Haar den Ton von Traurigkeit, Schauder, Schrecken, kuhnen Entschlussen, Uebergangen aus einer Leidenschaft in die andre; und besonders von dem Leiden edler Seelen."
H i l d e g a r d hatte sich bey der erhabnen Scene nicht geregt: so ganz war sie Ohr und Empfindung. Sie versuchte nun deren Vortrag gleich selbst; und er gelang zu L o c k m a n n s Entzucken. Alsdann rief sie Mutter, Bruder und F e y e r a b e n d e n , um an dem neu entdeckten Schatze sich mit ihnen zu ergotzen. Alle bewunderten die Scene als eins der grossten Meisterstucke, und sagten, diese Rolle sey ganz fur H i l d e g a r d e n gemacht.
L o c k m a n n setzte hinzu: "Wenn es Ihnen beliebt, im nachsten Konzert als die gefuhlvolle und zugleich heroische Konigin, die mit der Kleopatra der Stolz ihres Geschlechts in Afrika ist, aufzutreten; so will ich morgen Nachmittags meine Leute zur Probe versammeln." Diess wurde mit Freuden versprochen.
H i l d e g a r d bat ihn noch, ihr diese Oper, und die Armida von J o m e l l i , beyde ganz abschreiben zu lassen. Es sollte sogleich geschehen; er hatte mehrere gute Kopisten.
Probe und Auffuhrung gelangen nach Wunsch. Alle, die Musik liebten, bildeten dabey ihren Geschmack mehr; und wer sie noch nicht nach Wurden schatzte, fing an Achtung fur diese gewaltige Kunst zu bekommen.
Selbst die Furstin musste das Hohe des Charakters in H i l d e g a r d s Darstellung, und ihre geschmeidige Zauberkehle bewundern. H i l d e g a r d und ihr Bruder waren die Lust des Fursten.
Nach der Musik unterhielt sich der letztre mit dem jungen H o h e n t h a l uber die Zeitperiode der Sophonisbe. Die Rede kam auf den S a l l u s t , und er forschte nach, wie ihn der Jungling kannte. Dieser antwortete mit seiner gewohnlichen Freymuthigkeit, wie folgt.
"Sein Jugurtha und Catilina sind die reinsten Quellen der Romischen Geschichte, und gehoren zu dem Vortreflichsten der ganzen Romischen Litteratur."
"Geschichte von Volkern uberhaupt ist fur Fursten, Minister, Feldherren und Philosophen, fur diejenigen, welche an der Spitze der Menschheit stehen; und fur diese sind S a l l u s t s Werke vollendete Meisterstukke."
"Er erzahlt kurz, wahr und klar, voll Darstellung hinreissend. Nichts ist bey ihm uberflussig, und alles ausgelassen, was den Blick auf das Ganze zerstreuen konnte; seine Sprache gedrangt und lauter Kern; seine Beschreibungen von Charaktern und Landern tief ge"Er erzahlt Begebenheiten der Zeit, wo Rom in sei"T a c i t u s steht, was Materie betrift, weit unter "P o l y b i o s schreibt in dem, was wir von ihm "L i v i u s erzahlt in dem, was wir von ihm ubrig g u s t , als ein Welscher Gallier, und hatte wenig zur Darstellung unter Augen; obgleich ein heller scharfsinniger Kopf und vortreflicher Schriftsteller."
"Die ganze Romische Geschichte ist ein langwieriges Studium. Es ist gut, sie einigemal durchgegangen zu haben, und die interessantesten Perioden derselben zu kennen; aber S a l l u s t s kleines Buch giebt einem in wenig Stunden die reichhaltigste Anschauung eines der lebendigsten Stucke vom Ganzen. Und die Zeit ist kostbar."
"Was einer nicht gegenwartig vor seinen Sinnen gehabt hat, kann er aus der Wirklichkeit, auch mit noch so viel Einbildungskraft und Verstand, nicht darstellen. Beydes ist zwar wesentlich fur einen guten Geschichtschreiber; denn er kann nicht alles sehen und horen: aber auch hochst betruglich, wenn er von vergangenen oder auswartigen Dingen spricht; er tauscht und blendet die Unerfahrnen. Diess mag zuweilen der Fall beym L i v i u s seyn."
"S a l l u s t kannte fast alle Manner, deren Thaten er beschreibt, personlich, und Menschen und Gegenden, mit denen, und wo sie handelten; kannte sie nicht bloss, sondern studirte sie mit allem Fleisse. Die Staatsverfassung seines Landes verstand er bis aufs Innerste; von der Kriegskunst so viel, als ein vortreflicher politischer Geschichtschreiber nothig hat."
"Was das Unmoralische seines eignen Lebens betrift, so darf uns, dunkt mich, dieses, auch alles fur erwiesen angenommen, im Lesen seiner Schriften nicht storen. So war der Strom der Zeit; er liess sich darin forttragen, wie ein kuhner und erfahrner Schiffer; wollte nicht den Helden der Tugend machen, und glucklich nach den Umstanden leben. Grosser bleibt es gewiss, als ein S o k r a t e s unter den Tyrannen hervorzuragen."
"Durch dieses Leben bey solchen Einsichten sind
im Gegentheil eben S a l l u s t s Schriften so lehrreich, ist alles mit Staatsweisheit wie mit Nerve, Fleisch und Blut und Kraft und Starke durchzogen, so recht zu seinem Zweck; selbst erzeugt, aus der Natur geschopft, gottlich, und keine Kompilazion."
Dieses Urtheil freute den Fursten wieder in der
Seele; er sah, was aus dem Jungling werden konnte, und setzte sich vor, ihn auf alle Weise zu befordern. Um ihn durch zu fruhzeitiges, und vielleicht zu stark ausgedrucktes Lob, wie vorher, nicht eitel zu machen, sagte er darauf nur: "Vortreflich, lieber H o h e n t h a l ! man konnte Sie wohl mit Ehren schon zum Professor der Romischen Geschichte machen."
H o h e n t h a l versetzte darauf lachend, indem
sich nun einige Herren vom Hofe hinzugesellten: "Ich mochte dann vielleicht Ewr. Durchlaucht antworten, wie ohne fernere Vergleichung K a r l d e r S e c h s t e seinem Hofkapellmeister F u x : wir haben es halter so besser!" Er erzahlte das Geschichtchen, wo der Kaiser offentlich zu einer Oper von F u x den Flugel spielte.
W o l f s e c k suchte unterdessen mit allerley schwerfalligen Possen sich H i l d e g a r d e n gefallig zu machen. Sie war die Zeit uber immer, wie vorher, gegen ihn so hoflich gewesen, dass er daraus den Schluss machte, sie musse seinen Antrag nur fur so obenhin, und nicht fur ernstlich und ordentlich aufgenommen haben, oder durch Schuld der Furstin vielleicht noch gar nichts Rechtes davon wissen. Als er zudringlicher wurde, ihr auf die letzt die Hand fasste und mit Bedeutung kusste: sah sie sich genothigt, ihn mit einem eiskalten Blick und wie befremdet zu betrachten. Diess that Wirkung; aber er legte es doch nicht so sehr zu seinem Nachtheil aus, sondern wohl nur fur erst erregte Aufmerksamkeit.
Wie Verliebten so leicht nichts entgeht: so bemerkte auch L o c k m a n n , dass W o l f s e c k seinen langen Rucken beugte, und tiefgebuckt mit vorliegenden Augen H i l d e g a r d s zarte schone Rechte an seinen breiten Mund druckte. Ihr Blick und Gesicht dabey war von ihm abgewandt, und er konnte also nicht sehen, wie sie es aufnahm. W o l f s e c k hatte ihn selbst, vorher und jetzt, einigemal besonders betrachtet, als ob er etwas gegen ihn im Schilde fuhre. Reich war er, das wusste L o c k m a n n ; eben so, was sein Vater vermochte; kurz, dass diess vielleicht die grosste Partie im Lande war. Bey diesem Gedanken lief es ihm heiss im Leibe auf und ab. "Sie ist fur dich verloren!" Diese Idee rollte ihm durch alle Nerven und Adern und im Kopfe herum, dass ihm anfing die Stirn zu schwitzen.
"Befurchten Sie jedoch nicht, dass ich so bald einem Andern zu Theil werde." "Aber wenn du musst, Kind! Bey euch fragt man nicht lange; es ist genug, wenn eure aussern Verhaltnisse zu einander passen."
Er gab auf alles Acht, wie er sie zur Tafel begleitete. Hier bemerkte er zu grossem Trost, dass sie ihr schones Gesicht von dem Unhold wegwandte, und bitter aussah: fur ihn der gottlichste Reiz, den er je an ihr erblickt hatte.
Er konnte nicht ruhig werden, bis er sie daruber selbst sprach. Etwas musste vorgehen, oder vorgegangen seyn; so viel schien ihm klar.
Den andern Tag lauerte er die Zeit ab, wo er sie allein zu finden glaubte, nahm eine schone Oper voll Liebe mit, und traf sie glucklich wieder auf ihren Zimmern.
Er sagte gleich das Starkste, um geschwind hinter die Wahrheit zu kommen. Sie sah es in seinen scharfen Gesichtszugen, dass er etwas auf dem Herzen hatte. "Ich werde bald Serenaten, Epithalamia und Tanze zu Ihrer Hochzeitfeyer mit Herrn v o n W o l f s e c k setzen mussen!"
"Ich glaube, Sie traumen," versetzte sie mit einer angenehmen Art von Zorn. "Oder wo haben Sie etwas gehort und gesehen, das Ihnen Anlass geben konnte, mir diess zu sagen?"
Der grosste Theil seiner Angst war von diesen Worten zu Boden geschlagen, wie Sommerstaub vom ersten frischen Gewitterguss.
Er wusste nicht, was er darauf antworten sollte, und musste also mit seiner ganzen Wahrheit hervorrucken.
"Gestern kusste W o l f s e c k Ihnen so zartlich die Hand; und darf ich so eitel seyn es zu sagen? sah Ihren unwurdigen Musikmeister, gewiss ohne dessen Verschulden, wie Ihre feinste Aufmerksamkeit ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen wird, schon einigemal mit besondrer Ueberlegung an."
Sie lachte uber die Beichte; doch regten sich einige unwillige Zuge des Nachdenkens an ihrer sonst ewig heitern Stirn. Sie befurchtete die Leidenschaft des Holden zu reizen, wenn sie ihm nur etwas entdeckte; und antwortete: "Herr v o n W o l f s e c k ist ein Hofpedant; da er nichts von Musik versteht, so hat er mir seinen Beyfall nur auf diese ungeschickte Art ausdrucken konnen. Lassen Sie Sich so etwas nicht kummern."
"Aber Sie wendeten doch hernach, als er Sie wegfuhrte, Ihr himmlisches Gesicht zu meinem sussen Trost bitter von ihm ab!"
"Weil ich das Laffenwesen, besonders von einer solchen Figur, nicht leiden kann."
O goldne Zeit der Jugend und Schonheit, Frauen und Jungfrauen, wo ihr einen Wald von Schatten wunscht, um mit den heissen Strahlen eurer Sommersonnen selbst den edelsten Bluthen und Fruchten eurer Neigung dadurch nur liebzukosen und sie kostlich zur Reife zu bringen, nicht im Freyen sie zu versengen und zu verbrennen!
Welch eine Lust, wenn das Herz von der Gewalt der Natur allein getrieben, unerkunstelt, euch die Fulle seines Gefuhls opfert!
Diess heiterte L o c k m a n n e n wieder auf, und stillte seine Besorgnisse.
Weil er zogerte, so eilte sie selbst, um von dieser Materie abzukommen, an das Klavier, that einige Griffe; fing dann in Gedanken an darauf zu phantasiren, und wand sich zu seinem Erstaunen glucklich durch die schwersten Gange, in welche sie hinein gerieth.
"Auch das noch!" rief er.
"O," antwortete sie lachelnd, "ich weiss selbst nicht, wie ich es gemacht habe, wenn es Ihnen gefallt. Ich habe das Klavier immer nur zur Begleitung gebraucht, hochstens Tanze, einige gar leichte oder sehr angenehme Sachen gespielt, und mich auf das kunstreiche Fingerspiel der B a c h e , M o z a r t und C l e m e n t i nie eingelassen. Ich schatze das Instrument, ausser der Harmonie, fur sich allein nicht genug; und habe mir nur Muhe gegeben, die Regeln der Harmonie wohl zu fassen, und mich in dieser Rucksicht oft darauf geubt."
L o c k m a n n hatte sie zwar sich einigemal nett, rein und richtig begleiten horen, glaubte sie aber nicht so weit. Er ruhmte sie sehr desswegen. Sie erwiederte:
"Noch niemand hat mich so gut begleitet, als Sie; ich wunschte, dass Sie mir uber Ihre Art einigen Unterricht ertheilten."
Inzwischen kam die Mutter die Treppe herauf gegangen; sie hatte H i l d e g a r d e n spielen horen, vermuthete den Meister bey ihr, und wollte sie doch nicht immer mit ihm allein lassen. Ihre Tochter sass am Klaviere, und beyde waren im Gesprache. Sie bat, sich nicht darin storen zu lassen, setzte sich mit ihrer Naharbeit, und horte zu.
L o c k m a n n erwiederte H i l d e g a r d e n : "Der Spieler muss bey der Begleitung dem Orchester den Takt, der Stimme den Ton angeben, und sie darin erhalten. Die Instrumente dazu sind der Flugel, oder das Fortepiano, die Guitarre, und in der Kirche zuweilen die Orgel."
"Wir Deutschen schweifen hierin oft aus. Es ist nichts unertraglicher, als das unaufhorliche Einhacken mit den Accorden; alle Begleitung der andern Instrumente wird dadurch verhunzt, und mit der Stimme geht man so pedantisch um, wie ein Schulmeister mit seinen Knaben."
"Die Italianer begleiten, wenn ein besondrer Director da ist, ohne Ziffern, und ohne Partitur, bloss nach dem Gehore. Doch ist es gewiss am besten nach der Partitur; wie kann einer sonst der Stimme beystehen, wenn er das Ganze nicht schon durch oftere Proben kennt? Sie geben, hauptsachlich in den Recitativen, die Harmonie nur leicht mit einem Schlag an, und zeigen bloss deren Veranderung. Und diess ist auch der Zweck, weil die Stimme es nicht immer kann, ohne dem schonen Vortrag zu schaden. Wo die Stimme schon selbst die Harmonie angiebt, bedarf es nicht einmal des Klaviers. Der Begleiter soll die Stimme nur fuhren, wie ein junger Mann eine beherzte Dame, ihr den Pfad ausspahen bey misslichen Uebergangen, und sie nicht behandeln wie Kruppel und Lendenlahme."
"Die Orgel schickt sich mit ihrem anhaltenden Gepfeife gar nicht zur Begleitung, und uberschreyt alle Grazie der Stimme; es ist als ob der Riese Goliath mit einem Kinde spielen wollte."
"Nichts ist ferner unertraglicher, als wenn die Violoncelle sich dabey hervorthun wollen, und den Zuhorern das Gehor zerhacken."
"Lauten, Guitarren, Harfen und Flugel oder Fortepianos sind die, naturlichsten Instrumente zur Begleitung."
Alsdann fuhr L o c k m a n n ernsthaft fort: "Ich habe Ihnen hier eine der beruhmtesten Opern von M e t a s t a s i o , die Olimpiade, mitgebracht, woran, wenigstens bey einzelnen Scenen, die grossten Meister ihre Kunst versucht haben. Diese Musik ist von J o m e l l i ; er fuhrte sie zu Stuttgard im Jahre 1761 auf5."
"Das Gedicht ist zu kunstlich angelegt, als dass es im Ganzen tauschen konnte; man muss gar zu viel dabey merken, so verflochten ist es. Ueberdiess sind die Personen Italianer in Griechischer Tracht. Im dritten Akt besonders, wo in der ersten Scene Megakles und Aristea auf beyden Seiten des Theaters sterben wollen, einander nicht sehen, und vom Amint und der Argene aufgehalten werden, hernach ausreissen und einander in die Arme laufen, und Aristea, die den Megakles schon todt glaubte, ihm sagt:
Ingrato! e tanto
m' odi dunque, e mi fuggi,
che, per esserti unita
s'io m' affretto a morir, tu torni in vita6?
wird es ein wahres Puppenspiel." "Doch sind einige ergreifende Situazionen darin, hochst schone Arien, und das vortreflichste Duett der ganzen Italianischen lyrischen Poesie." "J o m e l l i erscheint hier in der Fulle seiner Kraft. Wir wollen nur, das Vortreflichste durchgehen."
Erster Akt.
Scene 3.
Quel destrier, ch' all' albergo e vicino
Piu veloce s'affretta nel corso.7
"Diese Arie gehort unter die vortreflichsten der pittoresken Musik; der Galopp des Pferdes herrscht durchaus in der Begleitung der zweyten Violine; und es ist in der Melodie und der gesammten Harmonie eine Pracht und ein Jubel, die bezaubern."
"L o l l i konnte sich dabey hervorthun. Man muss sie als eine reizende Verzierung betrachten."
"In dem Schaferchor
O care selve! o cara
Felice liberta!
der den einfachen gehorigen Charakter der Frohlichkeit hat, ist merkwurdig, dass auch J o m e l l i den Sylben lang declamirte, wie die altern Komponisten, besonders P e r g o l e s i , bey der so bitter getadelten Stelle: Cujus animam gementem. Man muss ein grausamer Pedant seyn, wenn man wegen einer solchen Naivetat einem Meister, der so viel edle und gewiss geschmackvolle Menschen entzuckte, Genie und Kunst absprechen will. Es tragt allerdings zum Ausdrucke bey, wenn es selten, nur bey Leidenschaft, und nicht zu anhaltend lange gebraucht wird, in welchen Fehler P e r g o l e s i verfallen seyn mag."
S c e n e 8. "Ganz vortreflich fur eine Contrealtstimme. Das Recitativ mit Begleitung ist voll Grazie und Fulle von Klang, und meisterhaft declamirt. Es macht noch mehr Lust, wenn man weiss, dass J o m e l l i mit der B u o n a n i in einem Liebesverstandnisse lebte. Besonders ist die einfache Begleitung der zweyten Violine neu und voll Wirkung. Die plotzliche Abwechslung von Ton bey Imparate inesperte donzelle Ognuno vi chiama suo ben von G dur in A moll, F dur, Es dur, C moll, G moll; und Guadartevi da lor son tutti inganni8, beschliesst voll Grazie."
S c e n e 9. "Dieser Monolog des Megakles: Che intesi eterni dei, quale improviso fulmine mi colpi9! gehort zum Kern der ganzen Oper, und macht gleichsam das Herz derselben aus. J o m e l l i zeigt einen grossen Kunstverstand, und ein feines richtiges Gefuhl fur Poesie, dass er bey allen seinen Opern immer so das Wesentliche heraushebt. Diese Stelle ist klassisch bearbeitet; der Sieg der Freundschaft in der Seele uber die Liebe. Das hochste Opfer wird ihr in einer heftig und zartlich Geliebten gebracht. Jomelli schwingt hier recht die tragische Keule. In der Declamazion und Begleitung liegt eine erstaunliche Kraft von Darstellung: alle innern Gefuhle des hochst leidenschaftlichen Menschen werden horbar hervor in die Luft gezaubert; und da ist nichts von Schlendrian, nichts von dem weichlichen Neuern der P i c c i n i und P a e s i e l l o : alles aus der hohern menschlichen Natur, wovon der Meister selbst war."
"Das Ueberraschende, das Erstaunen, vortreflich
gleich anfangs durch die Begleitung; und die Blitze der Gedanken: e, che non sono rigide a questo segno le leggi d'amista! perdoni il prence10 die Ueberlegung des eignen Interesse vortreflich wieder durch die Begleitung. E questa vita di Licida non e? u.s.f. Diese edlen Fragen eben so meisterhaft durch die Begleitung; non fu suo dono? non respiro per lui? Diese Gefuhle werden erstaunlich durch die Begleitung verstarkt; blosse Declamazion kann sie unmoglich so ausdrucken: so etwas konnte die Griechische Musik nicht leisten."
"Voi soli ascolto oblighi d'amista; vortreflich mit
dem Uebergang in das reine C dur. Palpito, e sudo solo in pensarlo; nur nicht in Gegenwart der Aristea schliesst recht lyrisch leidenschaftlich."
S c e n e 10. "Diese letzte gehort unter die aller
schonsten Scenen des M e t a s t a s i o . Die Situazion ist einzig, und wirklich Griechisch reizend und schon. Der Charakter der Aristea ist hochst edel zartlich. Das Duett: Ne' giorni tuoi felici, kront das Ganze, welches mit dem feinsten Kunstgefuhl bearbeitet ist."
" J o m e l l i hat das Duett als ein grosser Meister
bearbeitet; der Gesang, die Melodie ist entzuckend, und in der Harmonie viel Schonheit. Unruh und Begierde bey der Aristea, das Wahre zu erfahren; Zuruckhaltung der Leidenschaft und des Wahren beym Megakles: machen dessen Charakter; und doch spricht susse heftige Liebe. Ich glaube, dass J o m e l l i den Charakter besser getroffen hat, als z.B. P a e s i e l l o , dessen Musik dazu unter den neuern man fur die schonste halt. Megakles musste seinen Vorsatz ausfuhren, und konnte bey doppeltem Kampf und Sieg also nicht den weichlichen F mollton in der Seele haben, aus dem dieser ihn singen lasst. J o m e l l i ' s und P e r g o l e s i ' s A dur, welches in das erhabne E dur ubergeht, ist viel treffender."
Zweyter Akt.
S c e n e 7. "Die Begleitung der Arie des Clistene: den von den Instrumenten, ist merkwurdig, und zeigt, dass J o m e l l i , und nicht M a j o , der Erfinder davon war."
"Licida machte eine armselige Figur in der Poesie. Welche Albernheiten: Crede Megacle sposo, e se ne affanna? und in der achten Scene: L'amor mio, caro amico, non soffre indugio. Man begreift am Ende gar nicht, warum er den Konig auf der Strasse anfallt."
S c e n e 9. "Sie hat Aehnlichkeit mit der, wo Armida verlassen wird."
"Aristea:
Senti, ah no dove vai?
Ah t'oppresse il dolor, cara mia speme "
"Das ganze Recitativ ist voll von achtem Pathos, und gehort unter das Vortreflichste. Bey dem im ersten Akt war der Entschluss; und hier die That. Das Ganze bildet sich stuckweise auf diese Art in der Phantasie des Zuhorers. Die neuern Pariser Opernschreiber haben mehr Verschmelzung ausgefunden."
"Bey Ah che farem di nuovo a quest' orrido passo, macht der enharmonische Gang gute Wirkung. Der Ausgang ist voll Leidenschaft und vortreflich."
"Die Arie darauf: Se cerca, se dice, ist ein Meisterstuck von Ausdruck und musikalischer Schonheit; sie gehort unter das Vortreflichste der Italianischen lyrischen Buhne." S c e n e 11. "Aristea:
Tu me da me dividi,
Barbaro, tu m'uccidi,
ist ganz vortreflich nach dem leidenschaftlichen Texte gearbeitet, so dass man die Musik gar nicht merkt."
"Der zweyte Akt schliesst sich mit einem begleiteten leidenschaftlichen Recitativ, und der prachtigen Bravourarie des Licida; doch von so wenig Kern, als der Charakter selbst hat."
Dritter Akt.
S c e n e 1. "Die Arie der Aristea ist eine Perle, solch ein schoner Gesang, und so schone Begleitung mit den synkopirten Accorden, und alles neu; mit dem allgemeinen Text treflich fur ein Konzert: Cara son tua cosi, che per virtu d'amor risento anch'io i moti del tuo cor."
S c e n e 3. "Die Arie des Megakles ist meistens Kunst zur Verzierung mit dem obligaten Horn und der obligaten Hoboe: Lo seguitai felice. Jomelli hat nachher diese Art viel vortreflicher ausgearbeitet."
"Die Arie der Argene: Fiamma ignota nell' alma mi scende, ist ein Meisterstuck von Schonheit und wenig Stimme hat und glanzen will. Die Melodie ist immer in der Mitte, und geht nur ein paarmal bis in das zweygestrichne Gis. Der Text, und der Ton E dur ist feyerlich, und die Begleitung, selbst Melodie, vom hochsten Reiz."
"Es ist in dieser Oper alles ausgearbeitet; auch die Arie des Aminta darauf: Son qual per mare ignoto naufrago passaggiero, hat die Begleitung von einem emporten Meere."
"Marsch und Chor sind, obgleich nicht ausserordentlich, doch gut und passend."
S c e n e 7. "Signor tu piangi; ein vortrefliches Recitativ mit Begleitung. J o m e l l i hat es hernach zu Neapel mit viel mehr Ausdruck wieder gebraucht. Die Arie ist schon mit der Begleitung."
"Noch ist das Terzett schon mit dem Chor: I tuoi strali terror de' mortali; so wie der Schluss."
H i l d e g a r d wollte den andern Morgen die ganze Oper fur sich durchstudiren; und beyde sangen jetzt nur die zwey grossen Scenen mit dem Duett: ne' giorni tuoi felici; und der Arie: Se cerca, se dice, nachdem H i l d e g a r d ihren Bruder und F e y e r a b e n d e n dazu gerufen hatte.
Alsdann wurden dieselben Scenen von P e r g o l e s i , und alles, was noch von ihm da war, auf Verlangen der Mutter herbeygehohlt, und die erstern damit verglichen.
Man kam darin uberein, dass P e r g o l e s i Ne' giorni tuoi felici fur seine Zeiten ganz vortreflich ausgedruckt hatte; J o m e l l i ihn aber an Wurde und achtem Ausdruck der zwey ersten Verse ubertrafe, so wie in den folgenden
Ah! che parlando o dio! tu mi trafiggi il cor,
Ah! che tacendo o dio! tu mi trafiggi il cor, P e r g o l e s i gottlich ware, und J o m e l l i ihm nachstehen musse.
Man wiederhohlte die Melodie besonders, und die Melodie mit Begleitung noch einmal von beyden recht mit Lauterkeit und Besonnenheit; und es entstand folgendes Urtheil:
"Wenn man unpartheyisch das Ganze betrachtet; so gleicht die Komposizion von P e r g o l e s i einem schonen Gemahlde von R a p h a e l , und bleibt in ihrer Einfachheit wahrer und keuscher, als die von J o m e l l i , in welcher schon Uebertreibung, und nicht genug Wahrheit, inzwischen weit mehr Fulle von Musik ist."
L o c k m a n n fuhr fort: "Eben so ist das Se cerca von P e r g o l e s i ganz Raphaelisch, so recht die Natur in ihrer nackten Unschuld. Ich glaube nicht, dass die Musik seiner Zeit etwas Schoneres dieser Art aufzuzeigen hat."
"Wahr ist es jedoch, J o m e l l i ' s Schonheiten sind beym letztern von edlerer und hoherer Natur, die Formen weit kraftiger, gebildeter, und athletischer, mocht' ich sagen. P e r g o l e s i ' s Formen sind mehr schafermassig, der Ausdruck desgleichen; es fehlt die hohere durchgearbeitete Kunst und Menschheit."
"Die ubrigen Arien, die ich noch von P e r g o l e s i aus dieser Oper gesehen habe, kommen aber den zwey Stucken bey weitem nicht gleich; sie sind wohl klar, aber meistens leer."
" P e r g o l e s i uberhaupt ist kein Meister, der mit J o m e l l i ' n zu vergleichen ware. Sein Genie, so viel aus dem zu sehen ist, was wir von ihm haben, war von geringem Umfang, und nicht von grosser Kraft und Starke. Das Leiden guter schwacher Menschen druckt er hauptsachlich, aber auch ganz vortreflich aus; und so Hofnung von Rettung. Von dem Tragischen eines T r a e t t a , J o m e l l i , G l u c k steht er sehr weit ab."
"Sein Stabat mater ist das Wichtigste, was wir von ihm haben, und diess wird auch noch lange bleiben. Es ist ein Meisterstuck in seiner Art, und originell: gleich das erste Duett ein schones Kunstwerk; die Melodie in zwey Stimmen verschmolzen, so dass keine sie ganz hat; die Darstellung tauschend."
"Das Pertransivit gladius im zweyten Absatze vortreflich und schneidend. O quam tristis, voll Ausdruck. In quae moerebat, eine gewisse bescheidne Art von Enthusiasmus. Dolentem cum filio hochst vortreflich; so in tanto supplicio, das Ganze voll Religion und Salbung. Pro peccatis in tormentis et flagellis voll Darstellung. Eben so vidit suum dulcem natum; Eja mater, fons amoris gleichfalls: ein heiliger Eifer der Frommigkeit athmet aus allem."
"Fac ut ardeat cor meum, eine sehr angenehm verwickelte kleine Fuge, gleichsam Stempel von Kirchenmusik, welche gut zu Eifer passt."
"Sancta mater istud agas ist zwar auch gut, wird aber bey dem Largo etwas langweilig. Fac ut portem, eben so. Inflammatus et accensus will es wieder mit frommer Grazie im Allegretto gut machen."
"Quando corpus morietur, fac, ut animae donetur paradisi gloria, gehort unter die vortreflichsten Sachen der Musik vom ersten Range; man kann es zu den Magdalenen und Johannes von R a p h a e l , C o r r e g g i o und G u i d o stellen. Das Amen macht damit einen schonen fugenartigen Beschluss."
"Man mag aus Neid und jugendlichem Uebermuth sagen, was man will: das Stabat mater gehort unter die klassischen Werke der Kirchenmusik, und ist ganz gemacht fur ungeheuchelte Christen. Es liegt wunderbar viel christliches Gefuhl darin."
Noch war die Kantate Orfeo von P e r g o l e s i vorhanden. L o c k m a n n sang das erste Recitativ: nel chiuso centro, und begleitete sich dazu. Dann sagte er: "Welcher voll und rein fuhlende Nerve von Musik! es kann an Schonheit und Ausdruck von Declamazion und Begleitung durch alle Zeiten dauern."
P e r g o l e s i war der Liebling der Mutter. Alles, was L o c k m a n n zu seinem Lobe sagte, that ihr wohl; und bey jedem Wort zu seinem Nachtheil zog sie die Augenbraunen ein. Als L o c k m a n n ihn im Tragischen so weit unter T r a e t t a , J o m e l l i und G l u c k setzte, erschrak H i l d e g a r d , und trat ihn mit allem Fleisse recht hart auf seine rechte kleine Fusszehe, dass er beynahe laut geschrieen hatte. Doch als H i l d e g a r d dann mit verzuckter Frommigkeit wie eine junge heilige Theresia Quando corpus morietur himmlisch sang, und die Begleitung ihre Stimme wie mit Fittichen empor hob: war alles wieder gut gemacht; die Thranen flossen der Mutter vor Ruhrung aus den Augen. "Gutes Land, Italien," sagte sie; "aus dir ist doch viel schones menschliches Gefuhl in die andern Erdstriche ausgegangen!"
Der Nachmittag war sehr schwul gewesen, die Sonne schon unter; man wollte die Abendmahlzeit zwischen den kuhlen Linden halten, und L o c k m a n n wurde dazu eingeladen.
Alle gingen in den Garten, und in den Gangen auf und ab, wahrend die Bedienten zubereiteten.
Man sprach viel uber Italien; und die Mutter bemerkte, welch ein unvergleichliches Land es sey fur fromme Seelen, und welche reizende einsiedlerische Gegenden in den Gebirgen des Apennin fur diejenigen waren, die sich von dem sturmischen Leben entfernen und den Rest ihrer Tage mit Betrachtung des Ueberirdischen zubringen wollten.
"Den Rest der Tage, o ja!" erwiederte ihr Sohn; "nur sollte man die neuern jungen Cornelien, die Scipionen, nicht so von der menschlichen Gesellschaft absondern, und die jungen geistvollen Theresien nicht zur Schwarmerey verleiten: diese sind fur das thatige Leben bestimmt. That allein macht wirklich glucklich; das geschaftige Leben allein ist das wahre. Zur heissen Zeit, bey schwuler Luft, und nach Musik von P e r g o l e s i , mogen einen jedoch zuweilen in aller Unschuld solche Gedanken anwandeln."
Man setzte sich daruber zu Tische, und die heilige Theresia ward einige Zeit das Gesprach. H i l d e g a r d schnitt eine kostliche eben reif gewordne Zukkermelone in Achtel, und theilte sie aus. F e y e r a b e n d verstand Spanisch, und besass selbst eine schone Ausgabe von den Werken der Heiligen. Er sagte: "Ihr Styl ist verfuhrerisch; lauter Lieblichkeit, und die reinste Kastilianische Sprache."
Vivo sin vivir en mi,
y tan alta vida espero,
que muero porque non muero.
und hoffe ein so hohes Leben,
dass ich sterbe, um nicht zu sterben.
"Ein ganzes Lied nach dieser Strophe voll Verzukkung, und voll Bitterkeit gegen das Irdische, dessen Inhalt manche unerfahrne Seele hinreissen kann."
"Theresia las in ihrer Kindheit mit ihrem Bruder die Lebensbeschreibungen der Heiligen und Martyrer; beyde wunschten eben so zu sterben, und wollten den Tod bey den Sarazenen suchen. Als sie diess nicht bewerkstelligen konnten, spielten sie die Eremiten, und machten sich Einsiedeleyen in ihren Garten. Nach dem Tod ihrer Mutter las Theresia in ihrer ersten Jugend ohne Maass und Ziel Geschichten irrender Ritter. Dann that man sie zur Erziehung in ein Nonnenkloster. Und so erzahlt sie mit reizender Naivetat fort, wie sie endlich Stifterin eines neuen Ordens ward."
L o c k m a n n schilderte dazu ihre Gestalt in Marmor von B e r n i n i , die ihm hieruber lebhaft wieder in Erinnerung kam, in der Kirche der Maria Vittoria zu Rom, und hielt es fur wahrscheinlich, dass der Kunstler den Ausdruck nach ihrem Liede, und vielleicht die Hauptzuge nach einem jugendlichen Portrat von ihr, gebildet habe.
"Der Kopf bleibt ein Meisterstuck von Ausdruck," fuhr er fort; "es ist eine erhabne ernste Verzuckung, unter welcher die Natur leidet und in Ohnmacht sinkt. blitzen, wenn ich das Wort brauchen darf, Wollust; der offne uberlassne Mund fuhlt eine hohere Kraft, und liegt uberwunden in bangen sussen Gefuhlen. Die ganze Gestalt scheint die schwarmerische Spanierin."
"Sie wird auf Wolken liegend emporgehoben, und Hande und Fusse sinken, ganz von der Erde und Wirklichkeit weg, willig ein. Feuerstrahlen regnen von oben herab auf sie."
"Im Ganzen herrscht gewiss viel Empfindung; auch ist Schonheit in den Formen, die freylich von den Griechischen auch in der Bearbeitung abstehen, und man merkt das Jahrhundert des M a r i n o . Die Wolken in Marmor thun nicht die gehofte Wirkung, so wie das verzettelte Nonnengewand. Albern ist der Engel vor ihr mit dem Pfeil in der Rechten nach ihrem Herzen, und mit der zartlichen Miene."
"Das Ganze zeigt einen allgemeinen Taumel der Sinne, und verlangt, um gehorig genossen zu werden, schon erhohte Welsche Einbildungskraft."
Nach einigem Stillschweigen, fing F e y e r a b e n d wieder an: "Ein achter Einsiedler musste sich selbst genug seyn, seine Gluckseligkeit in den grossen Massen der Natur finden, fern von den kleinlichen Leidenschaften der Gesellschaft; und mit tiefer Empfindung der Reihe der organischen Formen immer in erhabnen Betrachtungen schweben."
Als er so sprach, flisterten die Blatter; ein Wind regte sich, und plotzlich rauschten Wipfel und Zweige. Es erhob sich ein Sturm; der Staub flog, die Lichter wurden ausgeloscht, Blitze flammten, und von fern rollte der Donner. Man machte sich ins Freye; ein starkes Gewitter kam herangezogen. Dichte Nacht walzte sich uber die Gegend.
Die Mutter eilte mit dem Sohne voran, fast vom Winde getragen, auf ihre Zimmer, F e y e r a b e n d hinter drein; L o c k m a n n nicht so schnell mit H i l d e g a r d e n , von deren rechter Brust er die zarte nackte warme susse straffe Form mit raschem Griffe der linken Hand zum erstenmal, entzuckt durch sein ganzes Wesen, fuhlte. Sie riss sie ihm hastig weg; indess flatterte ihr Kleid um ihre und seine Beine, dass sie sich, wie in einem Walzer, durch Umdrehen loswinden mussten. Dabey raubt' er ihr noch einen vollen Kuss zum Abschied, und kam unter Blitz, Donner, Sturm und dem ersten Regenschauer mit fliegenden Haaren glucklich nach Hause.
"Sie liebt dich, o sie liebt dich! wenigstens das, was an ihr fuhlt und empfindet, so streng und kalt auch das, was in ihr denkt, nur Freundschaft gebieten mag. Welch ein Tritt!" so sagte er freudig, indem er sich zu Bette legte, und streichelte seine Fusszehe, die ihm noch weh that. "O, so glucklich, du kleine, fuhr er fort, bist du in deinem ganzen Leben nicht gewesen! Welch eine wollustige Form! (Er mass noch mit schwebender Hand das Gefuhl ihrer Brust.) Eine goldne unten zugespitzte Schale fur Hochheims alleredelsten Nektar will ich mir so runden lassen. O es geht; es muss gehen! Nur darf mir die erste gute Gelegenheit nicht entschlupfen." So sank er nach und nach in susse Traume hin, und schlief ein.
Nach fleissiger Probe wurde die Olympiade mit erhohtem Beyfall aufgefuhrt. Madam E w a l d , fur welche die Rolle der Argene ganz geschrieben war, that sich sehr hervor. Aber vorzuglich glanzte den Abend L o c k m a n n ; er machte den Megakles mit einer Wahrheit bis zur Tauschung, und verzierte seinen Gesang zuweilen mit so schonen neuen Manieren, besonders im Duett, dass H i l d e g a r d vor Lust zu horen einmal vergass mit zu singen, und die Stelle lachelnd pausirte. Als sie aber wieder kam, wiederhohlte H i l d e g a r d selbst seine Art von Manier noch schoner, und es war ein Schwung, ein Flug zum Entzucken.
Nach dem Konzerte wurde uber die zwey beruhmten Scenen, wie gewohnlich, viel gesprochen. Beyde machten nun dem Fursten das Vergnugen, und sangen sie nach P e r g o l e s i ' s Musik; aber auf einmal wie funfzig Jahr in der Zeit zuruckgesetzt: so die einfache Begleitung, so von aller neuern Zier entfernt der Vortrag, und so ihr Spiel dabey.
J o m e l l i blieb uberwunden; der Enthusiasmus des Fursten entschied; L o c k m a n n getraute sich nicht, ein Wort fur ihn zu reden.
Herr v o n W o l f s e c k wurde auf diesen nun in der That eifersuchtig; er glaubte, bey dem Duett ein Verstandniss bemerkt zu haben, das nicht bloss musikalisch sey, und schnitt ihm ein paarmal bey den zartlichsten Stellen, unuberlegt, ganz mechanisch, essigsaure Gesichter. Schon dacht' er auf Mittel, wie der verzweifelt hubsche und verfuhrerische Mann zu entfernen ware; doch durft' er nicht mit der Thur ins Haus fallen.
L o c k m a n n bemerkte diess wieder sehr genau; und eben so H i l d e g a r d , der er sich von neuem aufdrangte. Da weder Kalte, noch Stillschweigen helfen wollte, so suchte sie sich durch die Frau v o n L u p f e n zu retten, bat diese leise, dass sie ihn ihr abnehmen mochte, und fluchtete sich alsdann zum Fursten. Der Furstin wegen, die es doch mit ihr gut gemeint, und sie auf diese Weise an ihrem Hofe hatte fest halten wollen, hielt sie es nicht fur rathsam, ihn mit Worten lacherlich zu machen; doch sollte diess in der Folge nicht ausbleiben.
Den andern Tag traf L o c k m a n n sie zur gewohnlichen Zeit wieder allein. Er wollte gleich einen Kuss nehmen; aber sie empfing ihn mit muthwilliger Kalte. "Freund, ich darf Sie nicht verwohnen," sagte sie scherzend; "das Kussen bleibt nur fur etwas Ausserordentliches." Und als er liebkosend Gewalt brauchen wollte, hielt auch sie ihn mit Gewalt ab; denn sie war keine von den Schwachen. "Guter, Vortreflicher," sagte sie dann ernsthaft weiter; "soll ich wiederhohlen, was ich Ihnen schon gesagt habe? Nein, Sie sind zu verstandig."
Darauf sprach sie gleich von ihren Woollets, und
den Landschaften von Claude, auf die er verstort den Blick richtete. " C l a u d i u s ," fuhr sie fort, "entzuckt immer die Seele mit himmlisch sussen Gefuhlen. Welche Heiterkeit haben seine Lufte, welche Empfindung seine Thaler, Wasser und Berge, Baume und Fernen!"
"Woollets Ruinen von Rom nach ihm ubertreffen
alles. Wenn man die meisterhafte Dreistigkeit der Zeichnung von A u d r a n , die Eleganz von E d e l i n g , die Kraft von B a l e c h o u ..."
L o c k m a n n sah, dass sie ihn zum besten hatte,
und wollte nichts weiter davon horen. Durch die kleinen Traulichkeiten maasste er sich schon halb und halb ein Recht an, und unterbrach sie kurz damit: "Ich bin so schoner Bemerkungen jetzt nicht wurdig."
"Nun, so wollen wir Musik machen, so gut ich
kann!" versetzte sie ihm empfindlich.
Das Hohe dieser Antwort fasste ihn wie eine Adler
kralle. "Herr v o n W o l f s e c k ," wollt' er fortfahren
"Herr v o n W o l f s e c k ?" erwiederte sie; "was
geht mich der Herr v o n W o l f s e c k an, und ein Dutzend W o l f s e c k e? Ich habe Ihnen meine Meinung daruber schon gesagt." Und so musst' er ihr zum Klaviere folgen.
Er hatte wieder eine Oper von J o m e l l i mitge
bracht, die Didone abbandonata, welche dieser Komponist 1763 zu Stuttgard auffuhrte. Er setzte sich und liess seinen Zorn an dem armen Dichter aus.
"Der Text, fing er an, ist eine von den mittelmassig
sten Opern des M e t a s t a s i o ; die Personen darin sind fast alle wahnwitzig. Dido selbst erregt nur wenig Interesse; besonders wenn man an die im V i r g i l denkt. Es ist unbegreiflich, dass M e t a s t a s i o das Schone und Grosse in ihrem Charakter bey dem Romer nicht benutzt hat. Sie ist mit ihrer Liebe zur Theaterprinzessin herabgewurdigt. Die einzige schone Scene ist die, worin sie sich mit dem Narren Jarbas, in Beyseyn des Aeneas, um diesen eifersuchtig zu machen, verlobt. Wenn Aeneas sich nicht zu verliebt noch anstellte: so war' er der beste Charakter; ein Chevalier d'industrie, der sich aus dem Staube macht. Die Selene ist eine gar zu alberne Fratze. Der Anfang des zweyten Akts, wo sie mit dem Araspe schon wie mit einer Kammerjungfer spricht, ist erbarmlich, und wie sie dem Aeneas ihre Liebe erklart, und auf die letzt der Dido selbst."
"Araspe und Osmida sind nun vollends poetische Thiere, die unter solchen Umstanden in der Natur gar nicht seyn konnen."
"Doch schon zu viel davon. Schone Arien finden sich, wie in allen Opern von M e t a s t a s i o , und Pracht des Schauspiels."
H i l d e g a r d biss sich einigemal in die Lippen, um nicht zu lachen; und er sah unverwandt auf die Partitur.
Erster Akt.
S c e n e 5. "Der Marsch des Jarbas ist voll Pracht, und einer der schonsten, die ich kenne." Er spielte ihn voll Feuer.
"Son Regina ist eine herrliche Bravourarie der Dido. Die Begleitung der zweyten Violine soll das Erzurnte, Gereizte im Herzen dabey anzeigen. Die Melodie hat achten koniglichen Charakter." H i l d e g a r d sang sie sotto voce.
"Quando saprai, chi sono, si fiero non sarai, ist ganz vortreflich declamirt; eine ganz eigne Art von Heroischem im Accent. Edler Zorn und Spott; Muster einer Heldenarie. Das Gleichniss im zweyten Theil ist freylich eine poetische Floskel. J o m e l l i steigt in dieser Arie weit uber den Dichter; und der Charakter des Aeneas gewinnt dadurch erstaunlich. Hier sind
"Son qual fiume des Jarbas ist ein prachtiges pittoreskes Instrumentenspiel, und passt gut fur den Barbaren. J o m e l l i ist in dieser Art grosser Meister."
"Das lange Recitativ mit Begleitung, und das Duett beym Schlusse des ersten Akts gehoren unter J o m e l l i s Vortreflichstes; besonders sind im Recitative die starksten Zuge von Genie. Di Giove il cenno, l'ombra del genitor, la patria, il ciel, la promessa, l'onor, la fama, alle sponde d'Italia oggi mi chiama11, ist ein wahres Meisterstuck musikalischer Fortschreitung und Beredtsamkeit."
"Und ein noch viel grosseres: vil rifiuto dell'onde io l'accolgo dal lido12 "
"Diese Scene ist wieder gerade der Kern vom Ganzen, auch das Beste in der Poesie, dem V i r g i l nachgeahmt, das Heisse der ersten Trennung und das Heftige. Gottlicher Verstand herrscht durchaus; die Charaktere sind in der Musik vortreflich gehalten. Der Inhalt ist ungefahr derselbe, wie bey der Armida; doch alles anders. Welch ein Reichthum! Dido ist nur nicht so jugendlich feurig, reizend und buhlerisch; doch hat M e t a s t a s i o sie von der Romischen Wurde sehr italianisirt, und J o m e l l i bringt erst die wahre Darstellung hinein."
"Das Duett, welches im M e t a s t a s i o selbst sich nicht befindet, fallt treflich sogleich ein; es ist voll Leidenschaft und schoner Melodie, und auch als Kunst betrachtet ein Meisterstuck. Non ha raggione, ingrato, un core abbandonato da chi giurogli fe; alles hochst sinnlich declamirt. Zu jener Zeit war Erfindung darin, die hernach gemein geworden ist."
Zweyter Akt.
S c e n e 2. "Die Arie des Araspe, wieder nicht im M e t a s t a s i o befindlich, D'atri nubi e il ciel ravvolto, macht einen grossen feyerlichen Anfang, und hat viel Schones."
S c e n e 4. "Come! ancor non partisti? Eine schone Scene in der Poesie, in gutem Ton geschrieben. Auch treflich in der Musik; und die Arie voll bittender Zartlichkeit. Der Sturm hat sich etwas gelegt; gute Gradazionen."
S c e n e 11. "Gia vedi Enea, che fra nemici, die feinste weibliche Scene der Dido hat auch J o m e l l i gut dargestellt; er lasst nichts aus, wo er die Schonheiten seines Dichters verstarken kann. Das lange Recitativ wird immer begleitet, und schliesst sich mit einem ganz vortreflichen Terzett; welches das Ganze sehr theatralisch macht. Diese Scene gehort gewiss unter die besten des M e t a s t a s i o . Das Terzett aber ist nicht von ihm; und J o m e l l i , auch Dichter, machte es wahrscheinlich selbst hinzu."
"Aeneas fangt an, da er es nicht langer aushalten amor. Die Gelegenheit zu einem Terzett und hohem Kampf verschiedner Leidenschaften ist erwunscht, und recht lyrisch; so etwas ist ganz eigenthumlicher Stoff fur die Musik. Die komische Oper hat sich zu glucklich solche Scenen allein in ihren Finalen angemaasst. Dido hoft wieder bey dem Schmerz der Eifersucht im Aeneas; und Jarbas wird rasend uber den ausgelassnen Spott. J o m e l l i ' s Musik dazu ist ein Meisterstuck."
"Im dritten Akt
scheint J o m e l l i mude geworden zu seyn; ausser dem prachtigen Schluss ist nichts Ausserordentliches darin. Doch immer Jomellische Musik; und die begleiteten Recitative sind vortreflich declamirt."
"Das Duett im ersten Akt, das Terzett im zweyten, und der pittoreske Schluss des dritten erheben das Ganze ungemein, und machen es zu einem so interessanten Schauspiel, als man beym blossen Lesen der Metastasischen Oper nie denken sollte. Vom Schlusse des zweyten Akts hat J o m e l l i viel Vortheil gezogen; Aeneas erscheint dadurch etwas besser, ohne dass Dido bey dem Zuschauer verliert. Jarbas macht freylich den Schluss fast zu einem komischen Finale."
"Eine ganz unertraglich alberne Person bleibt jedoch Selene; Osmida und Araspe hochst unnaturlich Aeneas noch am besten gehalten, doch zu sehr Grandison. Er hatte am ersten eines Vertrauten bedurft, um seine ungereimte Abreise wahrscheinlich zu machen. Die Dido hat M e t a s t a s i o durch Modernisirung, besonders am Ende des zweyten Akts, dramatischer gemacht, als sie im V i r g i l ist; doch hatte er dabey alles Edle und Schone des Romischen Dichters beybehalten konnen. Aeneas musste weniger verliebt dargestellt werden; auf der Jagd trug sich der Fall zu, wo ein Mann von Gefuhl nicht anders handeln konnte. Desswegen verpflichtete er sich nicht Zeit Lebens, und opferte ihr alle seine reizenden Aussichten auf. Gerade diess nothwendige Leiden giebt hernach die wahrhaft tragische Person. Aeneas sollte nur ganz andre Hofnung und Zuversicht haben, in Italien das ungeheure Romische Reich anzupflanzen, als den blossen Traum. V i r g i l hat doch noch die Erscheinung der Venus."
"Der H e r z o g v o n W i r t e m b e r g muss diese Oper wohl fur eine der besten von J o m e l l i halten, da er sie jungst bey Anwesenheit des Grossfursten von Russland hat auffuhren lassen. Die zweyten Theile der Arien blieben indess alle weg. Wahr ist es, dass sie die altern Italianischen Opern monotonisch machen."
Die Deutsche Redlichkeit und der biedre Kunsteifer L o c k m a n n s ruhrten H i l d e g a r d e n . Er sagte freylich nichts in Rucksicht der Dido, was sie nicht fur sich schon tiefer uberlegt hatte. Nachdem sie die Hauptscenen noch einmal durchgegangen waren: blickte sie ihn heiter, und wieder hold und gutig an, ruhmte seine litterarischen Kenntnisse, und wunschte von seiner Heimath und Erziehung etwas zu erfahren.
Er erwiederte nach einiger Ueberlegung: "Virtuosen in verschiednen Kunsten ich will meine Wenigkeit damit nicht so hoch hinauf setzen! sind diess hauptsachlich dadurch geworden, dass man sie in ihrer Jugend davon abhalten wollte; so naturlich ist dem Menschen Freyheit, und Liebe zu eigner That, als wovon man allein Verdienst hat, und so sehr reizt ihn alles Gegenstreben. So wird die Erziehung, die man fur die beste halt, oft die schlechteste, und die schlechte gut; das Kind thut gerade das, was die letztre verbietet, wenn es reine volle Empfindung und Starke zu denken hat, thut, was wahrhaftig Vergnugen bringt."
"Musik, mein gnadiges Fraulein, und alles, was damit in Verbindung steht, war von Kindheit an meine Hauptleidenschaft; mich der Rechtsgelehrsamkeit zu befleissigen, und alles dessen, was damit in Verbindung steht, als des Kanzleystyls, der Geringschatzung und Verachtung jeder schonen Kunst und Wissenschaft, weil sie davon abziehe, den gehorigen Geschmack verderbe das eifrige und dringende Verlangen meines Vaters. Auf Schulen ubt' ich mich im Klavierspielen und Singen bey einem meiner Kameraden, der gerade beydes studiren sollte, und vernachlassigte; dazu verwendete ich heimlich jede freye Stunde."
"Auf Universitaten uberliess ich mich aber meinem Hange, und verschlief oft die Pandekten. Gluckliche Bekanntschaften mit talentvollen Liebhabern aus Wien, Dresden und Berlin, und mit einigen grossen Meistern bestarkten und befestigten ihn ganzlich."
"Wie ich dem Fursten bekannt wurde, wissen Sie schon; und hiermit hab' ich die Ehre, mich Ihnen gehorsamst zu empfehlen."
Er nahm dabey den Hut, machte ihr seinen Reverenz, und wollte davon eilen.
"L o c k m a n n , L o c k m a n n !" rief sie ihm nach; "wohin so geschwind? Ich habe Ihnen noch etwas einzuhandigen."
Er erschrak, und stand bey diesen Worten, als ob er vom Blitze getroffen ware. "Etwas einzuhandigen?" stammelte er nach.
"Ja, ja!" versetzte sie lachend, lief fort, und hohlte und brachte: Didon, Tragedie lyrique en trois Actes; P i c c i n i ' s Meisterstuck, das sie eben den Morgen aus Paris von einer jungen Englischen Dame, ihrer besten Freundin in London, geschickt bekommen hatte.
Er musste nun selbst lacheln, nachdem er die Zeit wie ein armer Sunder dagestanden. "Nehmen Sie die Oper mit; kommen Sie morgen wieder, und sagen Sie mir Ihr Urtheil." Sie reichte ihm, als er die Oper schon unter dem Arme hatte, mit dem allerhellsten Freundschaftsblick, der in die Seele geht, die schone Rechte; und er konnte sich nicht enthalten, sie zu fassen, zu kussen, und mit zartlichem Druck zuruck zu stossen.
"Guter, holder, lieber Junge!" sagte sie vor sich selbst, als er weg war; "wer konnte der Schonheit und dem immer neuen Leben, womit er Aug' und Ohr, Herz und Geist erquickt, widerstehen, und sich von ihm nicht wenigstens zuweilen in die liebkosenden Arme fassen lassen, und die Feuerbluthe seiner Lippen beruhren! Nur die gehorigen Schranken! und Gott im Himmel kann es einem Madchen nicht ubel nehmen; damit ist noch nichts versprochen und nichts verloren."
Er hielt indess ganz andre Monologen, als nach dem Gewitter, und fing an, die grossen Schwierigkeiten mit einem solchen Madchen, das so viel Gewalt uber sich hatte, zu ermessen. "Aber was ist mir die ganze Welt ohne H i l d e g a r d e n ! Glaube, Liebe und Hofnung uberwindet alles. Wir sind fur einander geschaffen, geboren, und erzogen. Wo war' ich lieber, als vor der lebendigen Gottheit ihrer schonen Augen; lusterner, als vor ihrem sussen Munde, der so angenehm und sinnreich spricht, dass Stunden zu Augenblicken werden!" Diess und vieles Andre der Art war doch das Lied am Ende.
Zu der bestimmten Zeit kam er, nun wieder ganz Gehorsam, so wie sie wollte; und traf sie am Klavier bey den schonen Scenen der Dido von J o m e l l i . Er ergriff ihre Hand, kusste sie, druckte sie an sein Herz, und wagte nichts weiter. "Nun, lieber L o c k m a n n , wie gefallt Ihnen die Franzosische Dido?" Mit dieser Frage machte sie ihm Platz, und liess ihn sich setzen.
Er antwortete: "Das Gedicht ist im Ganzen ohne Vergleich besser, als das von M e t a s t a s i o , jedoch nach diesem gemacht. Das mehrste Alberne ist weggeblieben, Selene nicht dumm verliebt, Osmida einfaltig treulos, Araspe einfaltig tugendhaft; doch behielt der Franzose, wahrscheinlich M a r m o n t e l , den Jarbas bey, welcher unsinnig genug der Dido noch in ihrer eignen Residenz droht."
"Die Musik ist ausserst gefallig; wird aber dadurch beynahe charakterlos, und sehr einformig. Die schonsten Scenen sind die der Dido, fur welche sich Piccinische Musik auch am besten schickt."
"Aeneas und Dido sind beyde in der Poesie bis zur hohen Franzosischen Vollkommenheit getrieben: Dido ein wenig zu weit; denn sie verzeiht dem Grausamen noch auf dem Scheiterhaufen. Ich weiss nicht, so eine Wittwenliebe will mir auf dem lyrischen Theater nicht recht behagen; Armida ist dagegen doch etwas ganz Anderes. Aeneas scheint mir fur einen antiken Helden allzuglatt. Bey dem allen ist es ein sehr gutes Franzosisches Schauspiel."
"Der dritte Akt ist in der Musik bey weitem der beste."
"Die erste Scene mit der Arie Helas! pour nous il s'expose, ist ein wahres Meisterstuck besorgter Liebe; vortreflich der Ton gewahlt, und Melodie und Begleitung empfunden. Sie gehort unter das Beste von P i c c i n i ."
"Das lange Gesprach darauf, wo Aeneas auf seinen Abschied beharrt, ist von: Non, c'est un indigne detour! gleichfalls durchaus vortreflich. Schon sind dabey die Arien; besonders: Ah, prends pitie de ma faiblesse! beynah in G l u c k s Styl."
"Das Leidenschaftlichste im Ganzen ist die Stelle der Dido: Va pour ta course vagabonde; der Affekt steigt fast wie bey J o m e l l i . Vortreflich alles declamirt, wahre Suada auch in der Musik. Der Fluch: Puissent renaitre de ma cendre des vengeurs alteres du sang de tes neveux, vom Des in D, und durch die Sextquint in Es; darauf in E, und so in F moll, und dann in C moll, ist wirklich erhaben."
"Der Ruck in Oktaven mit der ganzen veranderten Harmonie in der Melodie durch halbe Tone ist von erstaunlicher Wirkung; und so die der umgekehrten kleinen Septime bey Qu'ils portent le fer et les feux au rivage ou tu vas descendre! gewaltiger Rhythmus; c'est la le dernier de mes voeux."
"Ich halte diese Stelle fur eine der schonsten der gesammten Musik; und kenne von P i c c i n i nichts, das ihr gleich kame."
" M a r m o n t e l hat weit mehr und bessere Grunde zur Abreise, als M e t a s t a s i o . Den besten, besonders fur die Musik, hat er jedoch nur angedeutet, und nicht dargestellt; namlich dass die Trojaner fortwollen nach Italien. Die Erscheinung des Vaters soll den Knoten zerhauen."
"Gewiss gehort diese Oper unter die besten Franzosischen. Als Werk des Genies betrachtet, steht die von J o m e l l i doch uber ihr; und mag P i c c i n i ' n eben bey der erhabnen Stelle zum Muster gedient haben."
" P i c c i n i gleicht in der Musik nicht selten seinem Landsmann L u c a G i o r d a n o , Luca fa presto, in der Mahlerey; bey dieser Stelle hat er sich selbst ubertroffen."
"Auch T r a e t t a hat eine Dido geschrieben; aber sie enthalt wenig Vortrefliches, ausser dem Schlusse, welcher recht gross und pathetisch und recht im klassischen tragischen Styl ist. Jammer und Schade, dass dieser Meister immer ums Brot arbeiten, und so viel mittelmassiges Zeug mit unterlaufen lassen musste!"
H i l d e g a r d machte sich gleich an die schonen Scenen der Franzosischen Oper. Sie hatte zu London bey ausgelernten Pariser Damen voll Geschmack schon die eigne Art von Vortrag wohl gefasst, und vermied nur mit edlerem und gebildeterm Gefuhl deren ubertriebnes Pathos, das bis zum Geschrey geht, und das Weinerliche des Accents.
L o c k m a n n lernte von ihr; sie schickten sich bald auch hier gut zusammen, und gelangten zum Vortreflichen bey der Natur und Wahrheit des Inhalts.
Alsdann wurden Mutter, Bruder und F e y e r a b e n d gerufen, der neue Schatz wieder mitgetheilt; mit Lust studirt und gehort; und beschlossen, das Beste im nachsten Konzert aufzufuhren.
Lockmann nahm die Oper mit nach Hause, um die Scenen geschwind ausschreiben zu lassen.
Den nachsten Montag war in der Waldung im Gebirge, noch eine Stunde weit hinter dem Kloster, grosses Treibjagen, welches der Herr v o n L u p f e n meisterlich veranstaltet hatte. Der Furst und die Furstin fuhren fruh an den bestimmten Ort; wohin andre Wagen vom Hof und aus dem Ort sie begleiteten. Auch H i l d e g a r d e n lockte der schone Morgen, mit ihrem Bruder und der Frau v o n L u p f e n einen Spazierritt dahin zu machen.
Zu ihnen gesellte sich der Graf v o n T o r r i n g , Graf v o n T o r r i n g , ein Mann schon in die Mit ihm aber zugleich noch ein Dritter, ein junger Beyde gingen viel feiner zu Werke, als Herr v o n W o l f s e c k ; sie bestrebten sich furs erste, durch allerley Zeitvertreib und Gefalligkeiten H i l d e g a r d s Neigung zu erhalten, und suchten sich dabey ihren Bruder zum Freunde zu machen. W a l l e r s h e i m hatte viel Welt; er war einige Zeit zu Paris, auch im sudlichen Frankreich gewesen, und durch die Schweiz zuruckgekehrt. W o l f s e c k studirte zu Wirzburg, hielt sich nachher in Wezlar auf, kam weiter nirgends hin, und ging dann wieder nach Hause.
Schon waren Spazierritte und Spazierfahrten eingeleitet worden; dabey wurden an schonen Platzen prachtige Fruhstucke gegeben, Musik dazu bestellt, H i l d e g a r d zu einem Tanzchen mit andern jungen Damen aus Lust ergriffen, Spaziergange dabey gesellschaftlich ins Kuhle gemacht, darauf verzogert, eingehalten, susse Blicke, susse Worte, sanfter Druck der Hand, gewagte Umarmung angebracht. Glatt und schlau wich sie aber allem aus, was sie nur einigermassen hatte fesseln konnen. Nur beym l'Hombre konnte man sie zuweilen halten; man brauchte aber nicht mit Fleiss an sie zu verlieren: denn sie hatte in Gluck, schneller Ueberlegung und Spielerkenntniss wenig ihres Gleichen. Herr v o n W o l f s e c k wollte mitmachen, und sich dabey auch zeigen; er musste aber bald zum Spott der Andern einige hubsche Summen auszahlen, von welchen H i l d e g a r d immer das mehrste erhielt, ohne dass er einen Schritt weiter kam. Bey dem unschuldigen Zeitvertreib mit ihrem musikalischen Gesellschafter widerstand sie um so leichter allen Verfuhrungen.
W a l l e r s h e i m wusste, dass sie kamen, und erwartete sie unterwegs. Das Wetter war heiter, die Gegenden schon und mahlerisch, das Gesprach angenehm und lebhaft; sie langten daher erst an, als so eben die Jagd anfing, und schon mehrere Damen und Herren aus der Nachbarschaft, die zum Theil dazu geladen waren, sich eingefunden hatten.
L o c k m a n n war mit dem Herrn v o n L u p f e n bey Anbruch des Tages ausgezogen.
Aus dem ersten Rudel schoss der Furst einen Hirsch von sechzehn Enden sogleich gerad' aufs Blat. Diess freute ihn hochlich und Alle, besonders die Jager; und so begann die Jagd glucklich. Es ward dabey erzahlt, wie klug eben dieser Hirsch sich versteckt gehabt, und den Treibern habe ausweichen wollen.
Graf T o r r i n g that sich dann hervor, und traf einige der stolzesten mit Kernschussen. Eben so H o h e n t h a l und L o c k m a n n . Nur liebten sie diese Jagd nicht; ihnen war es ohne Vergleich lieber, beym Morgen- oder Abendroth im dunkelsten Wald dem Wild aufzulauern, mit den vortreflich abgerichteten klugen Leit- und Schweisshunden des Herrn v o n L u p f e n , welcher aus Pflicht und Hoflichkeit nur einige Meisterschusse that.
Auch Frau v o n L u p f e n feuerte mehrmals ab, und traf einigemal glucklich. H i l d e g a r d hatte zwar mit den Gewehren ihres Vaters und Bruders zuweilen in England nach dem Ziel geschossen, aber nie nach etwas Lebendigem. Der Furst und Graf v o n T o r r i n g suchten sie zu bereden, es jetzt zu thun. Der Furst selbst zwang ihr eine leichte Purschbuchse in die Hande. Beym dritten Rudel legte sie endlich an, zielte, und schoss einem Spiesser, der in der Angst hoch uber die andern wegsetzte, und eben schwebend in der Luft wie fest hing, uber den Vorderlauften ins Herz, dass er augenblicklich sturzte.
Es erhob sich ein Jubel; die Jagdmusik ertonte, obgleich dazu noch kein Befehl gegeben war. H i l d e g a r d stand lachelnd da; die wahre Diana auf Spartas Hohen bey ihrem ersten Probeschuss. Der Oberjagermeister, ein galanter Mann, kniete vor ihr nieder, und kusste ihr huldigend voll Ehrfurcht die Hand. Klug und fein liess sie sich aber zu keinem andern Schusse bereden, weil sie ihren Ruhm mit nach Hause bringen wollte.
Nur an die hundert Hirsche und Thiere wurden den Vormittag erlegt; der Furst liess des Landmanns wegen das Wild nie zahlreich werden.
Nach vollendeter Jagd wurde freye Tafel unter prachtigen Eichengewolben gehalten, und bey herrlicher Musik wacker gezecht. Man sprach viel uber die Natur des Edelwilds. Herr v o n L u p f e n erzahlte Seltenheiten, die er in seinen Revieren beobachtet hatte; W a l l e r s h e i m manches von den Jagden des Konigs in Frankreich, auch beschrieb er einige von dessen Parforcejagden, welche der Furst verabscheute.
Nach der Tafel schlug man die erfreulichsten Spaziergange ein. Die Aussichten in die grunen Thaler, von klaren Bachen erfrischt, und in die weiten Fernen waren den wonnetrunknen Augen romantisch. Man bewunderte die hochsten und schonsten Eichen und Buchen; und auf dem Gipfel des Gebirgs Edeltannen und Fichten.
Erst gegen Abend zog man in verschiednen glucklichen Gruppen wieder nach Hause.
L o c k m a n n gesellte sich zum Trupp um H i l d e g a r d e n . Ihm fing das Herz an zu wallen, als man nah an dem Kloster vorbey kam; ein hoheres Roth gluhte auf seinen Wangen. Nicht Liebe war es, was er fuhlte, aber tiefes Mitleiden fur die bluhende Elsasserin. Ein Sonnenstrahl von H i l d e g a r d e n durchspahete dabey sein Wesen. W a l l e r s h e i m und T o r r i n g kamen sich einander oft in den Weg.
H o h e n t h a l hatte zum Scherz sich selbst gezeichnet, wie er den Auerhahn schoss; und brachte den andern Morgen den Pendant zum Fruhstuck: H i l d e g a r d e n mit dem Spiesser, wie er von der Hohe in die Geweihe der andern Hirsche sturzte; wofur sie ihm einen recht zartlichen Kuss gab.
L o c k m a n n hielt diesen Tag doppelte Probe der Scenen aus der Dido von P i c c i n i , wozu sich bey der zweyten, Nachmittags, H i l d e g a r d und ihr Bruder einfanden.
Den folgenden Tag gaben sie im Konzert das allerneuste Pariser Schauspiel zu allgemeiner Freude und Bewunderung.
Die Mutter des Herrn v o n W o l f s e c k und ihre zwey Tochter waren dabey zugegen, die er abgehohlt hatte, und die denselben Tag angekommen waren, um den Sommer uber da zu bleiben. Die jungste, ungefahr achtzehn Jahr alt, hatte schlanken Wuchs und eine angenehme Gesichtsbildung.
Es waren noch mehrere Herren, Damen und Fraulein im Konzert, und einige zum erstenmal, die von ihren Rittersitzen in der Gegend sich aufgemacht hatten, um das beruhmte Fraulein v o n H o h e n t h a l , und die neue Pariser Musik zu horen, uber welche man bey der Jagd gesprochen hatte. Bey den Familien B l a n k e n h e i m und S e e b u r g , die mehr in der Nahe wohnten, war desswegen die folgenden Tage Schmaus und Ball.
Nach der schonen Musik von P i c c i n i fuhrte L o c k m a n n zum Scherz einige der besten Sachen aus der Elisa von dem alten F u x , Kapellmeister Kaiser Karls des Sechsten, auf: eben die Geschichte der Dido, nur bis zur Grotte auf der Jagd, wo Venus, Amor, Hymen, und Iris sie mit dem Trojanischen Helden zusammenpaaren. Elisa halt dann eine Rede an die Kaiserin zu ihrem Geburtstage, womit sich die Oper endigt.
Alles lachte; und der Furst selbst gestand, man musse Pedant seyn, wenn man nicht erkennen wolle, dass die theatralische Musik hier fast noch in ihrer Kindheit sey. Das Jagdchor allein gefiel; die Horner darin thaten gute Wirkung; es hatte Aehnlichkeit selbst mit dem P i c c i n i s c h e n . Ohne dass L o c k m a n n wusste, woher, war an ihn schon eine Flaschenkiste von dem allerbesten Champagner und Burgunder aus einem Frachtwagen abgeliefert worden. Man hatte ihm dafur weiter nichts als den Schein wegen des Empfangs abgefordert, und nur den nachsten Uebersender gemeldet, welcher auf Befragen wieder einen andern berichtete. Den folgenden Morgen erhielt er wieder eine Kiste. H i l d e g a r d wollte nicht eingestehen, dass sie von ihr kamen, und hatte ihn mit allerley Geschichten daruber zum Besten.
Als die Feste in der Nachbarschaft voruber waren, traf er H i l d e g a r d e n Nachmittags wieder auf dem Musiksaal allein, und bey der besten Laune. Sie fing an, allerley Spielereyen mit ihrer Stimme zu machen, Laufe hinauf und herunter, die halsbrechendsten Sprunge, Triller verschiedner Art; und dann zwang sie ihn, in Terzen und Sexten, langsam und geschwind, leis' und stark, die Kurzweil mit zu treiben, mit ihr zu wetteifern, und allein bald vor bald nach zu singen; wo er zuerst recht erkannte, welch ein unendlich reicher Schatz musikalischen Wesens sie ware. Er warf sich auf alle Weise uberwunden ihr zu Fussen, und sagte: "Ihr Bajazzo bin ich, und weiter nichts."
"Nein;" sagte sie lachend, und hob ihn auf: "mein Herr und Meister, sobald Sie reden, und am Klaviere sitzen." Dabey sanken sie einander in die Arme, und mit einem schnellen, aber hoher feurigen Kuss, als je, riss sie sich von ihm.
Nun setzte er sich an seinen Posten; und sie sprachen uberhaupt von den Manieren. Er sagte: "Auf jedem Instrumente kann man besondre Zierden anbringen; die wirksamsten aber sind diejenigen, womit die Menschenstimme den Gesang schmuckt. Sie dienen, um den Hauptton sicher zu treffen, die Melodie zu verschmelzen, die Schonheit und Fertigkeit in ihrem Glanze zu zeigen, und befordern oft gewaltig die Darstellung."
"Die Manieren veraltern, wie die Moden; man will immer neue. Jeder grosse Sanger, jede grosse Sangerin sucht sich dadurch von andern zu unterscheiden; und eben so die Virtuosen auf Instrumenten. Sie sollen augenblickliche Empfindung ausdrucken, gleichsam Impromptus seyn; und geben Sangern und Virtuosen etwas reizend Individuelles. Bloss erlernt und erkunstelt taugen sie nie viel; sie kommen selten auf den rechten Fleck, und passen nicht zum Charakter. Die schlechtesten unter allen sind, wenn die Menschenstimme Manieren und Kadenzen und Laufe der Instrumente nachmacht. Jedoch kann eine gewaltige schone Stimme viel wagen, wie ein schones junges Frauenzimmer bey Moden. Je alberner diese zuweilen sind, desto mehr erhohen sie durch den Kontrast die nackte Schonheit. Bloss erlernte fremde Manier ohne Natur ist jedoch das Widerlichste unter allem. Ein reiner schoner Ton in allen Graden von Starke und Schwache erquickt Ohr und Herz mehr, als wenn er zu zwolf und zwanzig andern verziert wird."
"Einen solchen hat vorzuglich die Menschenstimme; er fehlt allen Klavierinstrumenten. Die Geigen haben ihn nach ihr am besten; die blasenden konnen ihn nicht so fest halten. Wo die Empfindung, das Gefuhl tragisch und tief, der Charakter des Gesangs einfach ist, passen sie selten. Bey Bravourscenen ist ihre eigentliche Stelle."
"Was die Kadenzen betrift: so lassen die Franzosen sie nicht zu, und binden sich zu sklavisch an ihre Komponisten. Fur das zu Haufige bin ich selbst nicht; die Italianer ubertreiben es. Bloss bey den hochsten Leidenschaften, oder als Spielwerk der Phantasie, konnen sie gut angebracht werden. Sie sind nur fur grosse Sanger und Virtuosen. Genug fur jetzt daruber."
"Ich habe Ihnen hier noch drey Opern von Jomelli herbringen lassen, von denen wir das Beste durchgehen wollen, und Sie selbst durchgehen mogen. Dieser Meister vertragt das Ausschweifende, Willkurliche der Sanger und Sangerinnen am allerwenigsten, weil er am allerwenigsten die gewohnlichen Phrasen schreibt. Seine Werke sind die beste Uebung fur die Folge. Wie einer, der ein starker Fechter werden will, vorher die allerschwersten Rappiere braucht, wogegen hernach eine Schilfklinge ihm eine Feder in der Hand ist: so sind J o m e l l i ' s klassische Scenen das erspriesslichste Studium fur Sanger. Wir nehmen zuerst den
Vologeso."
"Das Gedicht ist von A p o s t o l o Z e n o ; der Stoff einer der glucklichsten."
"Vologeso, Konig der Parther, und Berenize, Konigin von Armenien, griffen die Romer mit Krieg an; wurden unter Anfuhrung des Lucius Verus geschlagen, und Berenize, Braut des Vologeso, kam in des Siegers Gefangenschaft, welcher sich in ihren jungen Reiz verliebte, obgleich schon feyerlich verlobt mit
"Vologeso ward fur erschlagen ausgegeben, und machte sich verstellt als Bedienter zu Ephes an den Hof des Lucius Verus."
"Das Wesentliche des Ganzen ist: die allerhartesten Proben der Treue der Berenize; und die allerheftigste Leidenschaft der Liebe des Vologeso, die keine Gefahr scheut. Das Gedicht gewinnt viel durch die Geschichte."
"Die Musik von J o m e l l i ist durchaus meisterhaft gearbeitet; aber eigentliches Genie, und Darstellung voll Gefuhl herrscht vorzuglich nur in zwey Scenen, die auch den Kern vom Ganzen machen."
"Berenize ist die Hauptperson. Im zweyten Akt tragt ihr Lucius Verus die Wahl vor: sich ihm zu ergeben; oder den Tod ihres geliebten Vologeso, der schon erkannt und eingekerkert worden war. Wenn sie sich ihm ergiebt, so soll er Reich und Leben wieder haben."
"Das Leidenschaftliche fangt an zu schwellen im Recitativ darauf, bey den Worten: Povero Vologeso! Ah, ch'io ti perdo! e ti perdo per sempre! u.s.f. Il mio cor, ah Tiranno, non l'otterai13."
"Die Arie darauf gehort unter das Vortreflichste von J o m e l l i . Tu chiedi il mio core, il core ti daro. (Da se) Ma infida! che parlo? Crudel, non sperarlo no, no! Ma ferma, ma intendi, ma l'ira sospendi; si, il cor ti daro."
"Che abisso d'affanno! per tutto e periglio, non o piu consiglio, ragion piu non o14."
"Aus dem C dur, mit Hoboen, die treflich gebraucht werden, und mit Hornern."
"Der Zweifel und die Unentschlussigkeit voll Pein und Leiden in der reinen zartlich und heftig liebenden Seele ist vortreflich ausgedruckt; der Styl acht klassisch, und in hoher Vollkommenheit. Es ist alles so weiblich, und doch kein schwacher Zug darin. Eine unaussprechliche Sussigkeit und Schonheit voll Geist und Empfindung."
"Die zweyte klassische Scene ist im dritten Akt gegen das Ende, wo Berenize ihren Geliebten fur ermordet halt."
"Der Ausdruck ist hochst pathetisch und feyerlich; die Horner sind meisterhaft dazu gewahlt und gebraucht. Das Recitativ fangt an: Qual lugubre apparato di spavento e di lutto! qual di tenebre e d'ombre regia dolente e fiera! Horner, Hoboen und Fagotten. Ahime! Sogno, o son desta? Odo, o parmi di udir la voce, il pianto del moribondo sposo, die Begleitung vortreflich; e quella oscura caligine, che la s'inalza; sie erblickt endlich den Schatten selbst. Das Tempo ist sehr sinnlich, bis endlich zum Presto. Ah barbaro tiranno, il mio sposo uccidesti!15"
"Darauf kommt die gottliche Arie aus dem Es dur mit obligaten Hornern: Ombra, che pallida fai qui soggiorno, Larva che squallida mi giri intorno, perche mi chiami? che vuoi da me16? Mit Hornern, Hoboen und Fagotten."
"Es ist eine entzuckende Schonheit von Musik darin; die blasenden Instrumente und die Gewalt der Geige werden vortreflich gebraucht."
"Alsdann wird das Becken mit verdeckter Krone und Scepter gebracht, worin sie den Kopf ihres Geliebten glaubt. Vortrefliche Stelle mit der Begleitung: Ah! che in pensarlo io manco, sudo, agghiaccio17. Sieben verkleinerte Septimen, die Melodie durch halbe Tone, hinter einander."
"Als sie im Begriff ist, die Decke wegzunehmen: Su quel caro volto esangue vuo finir l'egro respiro18, mit blossen Floten und dem Violoncell ist auch sehr schon."
"Dann findet sie erstaunt die Krone. Alles endigt sich glucklich. Lucilla und Berenize erhalten ihre Geliebten; und alle reisen ab."
Al mare invitano placide l'onde,
dal cielo spirano l'aure seconde,
e tutto giubila nel nostro cor!
"Das Ganze schliesst sich mit einer prachtigen Chaconne, die gleich in den Chor einfallt." "Es giebt wenig Opern, wo der Stoff so viel hochst lyrische Situazionen darbietet; sie sind hier weder in der Poesie, noch in der Musik erschopft. J o m e l l i hat nur die zwey gewaltigsten herausgehohlt, und als grosser Meister dargestellt."
"Der schwarzausgeschlagne Trauersaal, wohin Krone und Scepter verdeckt gebracht werden; und wo Lucius Verus auf dem Throne sitzt: entweder Tod, oder Reich und Scepter mit ihm giebt eine herrliche Verzierung, und macht uberhaupt das Ganze ausserst romantisch und reizend fur die Einbildungskraft."
"Auch das Anerbieten der unerwartet angekommenen Lucilla ist erhaben: Lucius Verus soll wahlen, sie oder Berenizen; und glucklich seyn. Wenigstens die Pille schon vergoldet; kurz, das Ganze eine der erfreulichsten Opergeschichten."
"Der Anfang gleich ist uberraschend, wie Vologeso dem Lucius Verus und der Berenize als Bedienter den Wein auftragt, sie ihn erkennt; und er den vergifteten, dem Lucius Verus bestimmten Wein, wovon sie diesem aber zutrinken soll, von ihren Lippen wegstosst, und sich alsdann selbst zu erkennen giebt."
"Obgleich das Andre den angefuhrten Scenen nicht gleich kommt, so ist doch viel Schones darunter; als im ersten Akt die Arie des Lucio Vero: Luci belle piu ferene, piu tranquille a me splendete, voll schmeichlerischer Melodie fur einen Tenor. Die erste Arie der Berenize mit begleitetem Recitativ: Se vive il mio bene, le pene non sento, voll weiblicher Freude. Das Quartett am Ende sehr schon; und hiernach gar keine Frage, dass die komische Oper ihre Finalen von der ernsthaften genommen, oder ihr nachgeafft hat."
"Im zweyten Akt ist die Arie des Lucio Vero: Sei tra ceppi, e insulti sehr dramatisch; die Arie des Vologeso: Cara, deh serba mi costante il core, voll Zartlichkeit in Melodie und Begleitung."
"Sie haben mir damit wieder grosse Freude gemacht, beschloss H i l d e g a r d ; ich werde die zwey Scenen recht einstudiren, und denke, Berenize soll sich auch nach der Pariser Dido noch mit Vergnugen horen lassen."
So schickte sie ihn fort; ein keuscher Kuss war sein susser Lohn.
Er sah zwar nicht, wie es ausgehen, und was es werden sollte; doch schatzt' er sich hochst glucklich, dass er es so weit gebracht hatte. Bey ihrem ersten Kusse war ein Flugelschlag leise wehend von Begierde, deren Regung ihr Verstand nicht einzuhalten vermochte. Mit frohem Blick in die Zukunft daruber stand er, wie C o l u m b bey der ersten sichern Spur seiner neuen Welt. Ihm blieb bis jetzt der Vortheil vor jedem; er zog mit den Sirenen von Neapel auf, indess die jungen Herren am Hofe sich begnugen mussten, mit Etiquette um sie herum zu flattern, und einen zuchtigen, ehrbaren Morgenbesuch bey der Mama abzulegen. Noch sah er keine Gefahr; aber sie stellte sich nur zu bald ein.
In dieser Zeit quoll zu seiner Oper die schonste Musik, heroisch und lieblich, aus seinem Wesen. Schon wunscht' er H i l d e g a r d e n als jungen Achill mit seinen Melodien entzucken zu horen, und den Kampf zwischen Ruhm und Liebe in ihrem hohen Herzen. Aber er wollte hierin mit nichts voreilig seyn, und alles recht zeitig werden lassen.
H i l d e g a r d und Musik beschaftigten ihn auch so, dass er fur Niemand und fur nichts anders Musse hatte.
Den folgenden Abend war er schon wieder bey ihr. Er hatte immer bey ihr seyn mogen. Er traf sie bey ihrem Bruder, und horte vor der Thur ein Gelachter. Als er in das Zimmer trat, sah er sie uber J o m e l l i ' s Fetonte sich lustig machen. "Welch ein Einfall," sagte H o h e n t h a l , "den Sturz Phaetons, Himmel und Erde und die Elemente in Brand, auf dem Theater vorstellen zu wollen!"
L o c k m a n n versetzte gleich darauf: "Es ist gewiss das albernste Bretterspiel, durchaus ohne Verstand und Empfindung. Vielleicht hat der Herzog selbst dem unsinnigen Dichter aus altern Operntiteln19 das Thema angegeben, und der grosse Tonkunstler musste sein Genie dabey missbrauchen. Es ist aber auch in der Musik meistens nur sein Styl sichtbar. Wo der Text einigermaassen gut wird, ist er jedoch vortreflich; welches nur bey wenigen Fallen Statt findet. Fast alles ist bloss fur Phantasie und Ohr gearbeitet."
"Die zwey Konige Epaffo von Aegypten, und Orcano von Aethiopien," fuhr H o h e n t h a l fort, "sind die albernsten Fratzen, die ich auf dem Theater kenne; und diese machen die ganze Verwickelung aus. Sie zwingen den Phaeton zu beweisen, dass er ein Sohn des Phobus sey."
"Der Ausgang ist wirklich das possierlichste Zeug. Himmel und Erde brennt; Jupiter zerschmettert den Wagen Phaetons mit einem Donnerkeil; Libia, dessen Geliebte, stirbt in Ohnmacht; und Climene, die Mutter, schwatzt noch lange mit den hundstollen Konigen, und sturzt sich darauf ins Meer. Kein Schauspieler erstickt oder verbrennt, welches ordentlich zum Lachen seyn muss, bey dem ungeheuern Aufruhr aller Elemente; und das Stuck endigt sich mit Dunst und Rauch und dem Davonlaufen Aller."
"Sehr wahr," sagte L o c k m a n n lachend; "aber der Schluss in der Musik ist doch pittoresk und prachtig."
"Der Herzog hat mit seinen grossen Kunstlern das Unmogliche moglich machen, und ein glanzendes Feenspiel zum Erstaunen der guten Schwaben fur Augen und Ohren geben wollen."
"Der Anfang gleich ist eine Zauberey nach der andern; die Symphonie schon und neu. Das Andante macht die Anrufung der Climene an die Thetis mit einem Chor tanzender Priester. Im Presto sturzt alles zusammen, und Thetis erscheint in aller Pracht auf einem Thron. Die Arien sind fur ausserst geubte hohe Sopranstimmen. Der Chor der Tritonen ist ein Meisterstuck fur ihren Charakter. Das Duett der Thetis und Climene hat schone Stellen; dann kommt freylich auch in der Musik Leeres und Langweiliges. Der Abzug des Phaeton zur Sonnenburg ist das Beste; und sein Duett mit der Fortuna, deren vom Vater erbetenen Beystand er aus Stolz nicht annehmen will, das Wesentliche vom Ganzen."
"Es ist nutzlich, auch solche Ausschweifungen kennen zu lernen, und sich davor zu huten; selten ist ein so herrlicher Verstand wie der Ihrige dabey gegenwartig."
"Die andre Oper Cajo Fabrizio ist viel besser. Auch das Gedicht hat schone leidenschaftliche Scenen und Arien fur Musik; doch ist die ganze Verwickelung platt und unwahrscheinlich. Namlich Decius, der Geliebte und Brautigam der Giunia, Tochter des Fabrizius, soll, eben nach einem Sieg und Triumph, Rom an den Feind verrathen. Die Geschichte ist die mit dem Pyrrhus, den einer von seinen Leuten vergiften wollte, welchen Fabrizius acht gross Romisch auslieferte; wovon aber hier fast gar kein Gebrauch gemacht wird, ausser dass gegen Ende desswegen die Gefangnen frey gegeben werden."
"Ein Tarentiner, Sergalio, hat sich in die Giunia
verliebt; er will den Decius als Verrather hinrichten lassen, und endlich den Pyrrhus selbst vergiften."
"Die interessante Person ist Giunia, Gefangne des
Pyrrhus, zartlich verliebt in den Decius. Sie hat zwey Arien, die unter die reizenden von J o m e l l i gehoren; und die letzte im dritten Akt, wo sie fur ihn bey ihrem Vater bittet, ist eins seiner grossten Meisterstukke."
"Er ubernahm erst nur die Komposizion der Arien
fur die grosse Sangerin D o r o t h e a W e n d e l i n g , welche die Rolle der Giunia machte; und schrieb hernach alles, die mittelmassigen Arien im ersten Akt ausgenommen, welche Giuseppe Colla, der Mann der B a s t a r d i n a , setzte. Die Oper gehort unter seine guten Werke; er wollte bey den Mannheimer Kunstlern Ehre einlegen."
"Der Marsch zu Anfange ist prachtig."
Sie gingen dabey auf den Musiksaal, spielten ihn,
und probirten sogleich das Folgende.
Akt II. Sc. 4.
"Die Arie der Giunia: Tutti gl'affetti miei spiegagli tu per me. Digli ma che? Non so. Che fida io parto.
"Sie hat durchaus den Charakter einer schonen keuschen jungfraulichen Seele," fuhr L o c k m a n n ferner fort; "Melodie und Begleitung ist voll Heiterkeit und Reiz. Sie gehort unter die schonsten weiblichen Sachen von J o m e l l i . "
"Das Duett zwischen der Giunia und dem Decio ist treflich nach dem Text gearbeitet. Lasciami in pace, o perfido; leidenschaftliche Musik voll Wirkung."
"Das Terzett am Ende ist ein Meisterstuck; Il pianto ti muova, ti plachi il dolor; es kann unter die klassischen gezahlt werden, so wohl was Ausdruck, als was Kunst betrift."
"Im dritten Akt
ist die Arie des Decio: Ceppi, fasci, minaccie di morte, no, non hanno terrore per me, ein Meisterstuck von Heldenmuth und Zartlichkeit, welches beydes einen reizenden Kontrast macht. Ihm ist nur fur seine Geliebte bange."
"Das Vortreflichste aber der ganzen Oper ist die Arie der Giunia:
Parto; ma attendimi,
Faro ritorno:
Un ombra squallida
Avrai d'intorno" u.s.w.
"Die zweyte Violine macht durchaus eine ausserst passende originelle Begleitung; und die Flote wetteifert im schonsten Ausdruck mit der Singstimme. Es ist ein wahrer Kapwein von musikalischem Genuss, und tragt recht den Stempel des Genies."
Beyder Gefuhl bekraftigte L o c k m a n n s Urtheil. H i l d e g a r d nahm die letzte Arie, die ganz fur ihre Stimme, zum Triumph uber alle Instrumente, gesetzt war, unter ihre liebsten auf.
Einen der nachsten Tage war L o c k m a n n sehr fruh ausgegangen, um der frischen Morgenluft zu geniessen, und sich eine starke Bewegung zu machen. Auf der Ruckkehr traf er den alten guten R e i n h o l d unter einer hohen freystehenden Eiche, deren weit verbreitete zweigevolle Aeste kuhl umschatteten, ins weiche Gras gelagert; wo nicht weit davon ein klarer Bach, mit Pappeln und Erlen eingefasst, in ein kleines anmuthiges Thal rann.
L o c k m a n n gesellte sich gleich zu ihm, und streckte sich auch hin, zwischen Krauter, die eben in voller Bluthe standen, mit dem rechten Arm auf die bemooste Wurzel des koniglichen Baums gestutzt. Sie sprachen freundschaftlich mit einander von diesem und jenem, und geriethen bald auf ein Hauptthema, den Ausdruck in der Musik, und endlich in einen muthwilligen Zwist daruber, wo jeder sein Recht durchsetzen wollte; als H i l d e g a r d und ihr Bruder mit dem Herrn von W a l l e r s h e i m und der Frau v o n L u p f e n herbey geritten kamen, und sie angenehm uberraschten und storten.
H i l d e g a r d , die voraus war, hatte die letzten lebhaften Worte ihres Streits noch vernommen; da aber die Andern herbeyeilten, so ward sie zu bald erblickt. Man hielt eine Weile bey ihnen an, ergotzte sich an dem anmuthigen Platze, und bevor man wieder fortritt, lud H i l d e g a r d , mit ihnen besonders, sie auf den Mittag beyde zu Tisch ein.
O, wie die Lust in L o c k m a n n s Herzen wallte, als er der stolzen hohen Schonheit nachsah, und zuruckempfand, wie er sie, Mund an Mund und Brust an Brust, in seinen Armen hatte!
Sie kamen, liessen es sich nach der Bewegung wohl schmecken, und man unterhielt sich erfreulich.
Gegen Ende der Mahlzeit, als der edelste Hochheimer beyder Lebensgeister befeuerte, wiederhohlte sie, nach einer kleinen Stille, R e i n h o l d s letzte Worte.
"O, das ist boshaft, rief L o c k m a n n ; Sie haben uns diesen Morgen belauscht."
"Ich wunschte," erwiederte sie lachelnd, "dass es zu meinem grossten Vergnugen und zu meinem Unterricht langer hatte geschehen konnen."
"Ich mochte meinem vortreflichen jungen Freunde, fing R e i n h o l d an, gern leichte Arbeit machen; aber er dunkt sich mit seiner Sirenenkunst Herkules am Scheidewege, und wahlt das Schwerste. Sie, himmlische Muse selbst, sollen Richterin seyn, wer Recht hat."
"Das muss ich mir zu Ihrem Vortheil verbitten," versetzte H i l d e g a r d ; "ich wurde vielleicht fur meinen Lehrmeister partheyisch seyn."
L o c k m a n n sagte daruber: "Am Ende durften wir sehr wohl einig werden, und die zufalligen Dissonanzen sich in eine reine Harmonie auflosen."
H i l d e g a r d machte den Antrag: "Eine erquikkende Ostluft spielt uber den Garten durch die Fenster, und wir konnen hochst angenehm noch einige Zeit bey Tische bleiben. Herr R e i n h o l d , treflicher Meister aus Italien, theilen Sie also zuerst uns Ihre interessante Meinung mit."
R e i n h o l d liess sich nicht lange bitten, und sagte: "Ob ich gleich befurchten muss, dass mir von neuem ubel mitgespielt werde; so kann ich doch dem edlen Begehren von so schonen Lippen nicht widerstehen."
"Man lasse zwey glucklich organisirte Freundinnen, die gute Kehlen und Lungen haben, aber weder von Musik noch von Declamazion etwas wissen, jede nach langer Abwesenheit, bey stiller Luft, an dem entgegen gesetzten Ufer eines gehorig breiten angeschwollnen Flusses, woruber sie nicht konnen, einander einsam zu Gesichte kommen, und sich erstaunlich wichtige Neuigkeiten erzahlen; hore nun, in einem Busche verborgen, bey welchen Sylben und Wortern, bey welchen Perioden der Ton stark wird, sich erhoht und vertieft: und man wird grossen Aufschluss uber die Grundsatze der Melodie in der Musik, und des Accents in der Declamation finden; wenn sie nicht zu bald vor Begierde ins Wasser fallen."
"Das Wort, worin das Thema des Gesprachs liegt, wird hoch und stark gesprochen werden; die Nebensachen, die sich fast von selbst verstehen, minder hoch und stark, und die Leidenschaft sich in mannigfaltigen Beugungen der Stimme zeigen. In kurzen Satzen kann man schon des Nachts bey Schildwachen vernehmen, die in Ernst rufen: W e r d a ? a b g e l o s t ! wie stark der Accent auf W e r, und der Sylbe a b liegt."
"Der singbare Ton hat seinen Ursprung daher, dass man sich weit und breit verstandlich machen konne; die Melodie, dass jedes Wort leicht fasslich sey; wiederhohlte Melodie bey Strophen, dass die Worte immer fasslicher werden. Die Wiederholung derselben Worte bey Arien in Opern und Recitativen mit Begleitung hat eben die Ursache zum Grunde. T e l e m a n n in Hamburg hat also nichts Abgeschmacktes mit den Worten gesagt: man konne einen Thorzettel singen; wenn man ihn fur einen in der Ferne ablesen soll."
"Wie die Quinte und Terz auf einer langen Saite von selbst entstehen, wenn die Bewegung derselben sich schwacht: so hat es gleiche Bewandtniss bey der menschlichen Stimme. Nur heftige Leidenschaft giebt Dissonanzen; bey gefalligen Gegenstanden sucht die Stimme, oder trift sie von selbst, fur das Ohr das Angenehme. Nur geht auf der langen Saite der schwachere Ton in die Hohe, und bey der Menschenstimme in die Tiefe."
"Durch die Instrumente haben die schon sprechenden Menschen den Ton von der Sprache abzusondern gelernt, und eine eigne Kunst aus blossen Tonen gebildet. Wo einmal schon Sprache ist, lassen sich die Tone der Stimme allein fur sich selten horen. Es kommt hauptsachlich darauf an, was gesagt wird, nicht wie der Ton ist. I c h g e b e d a f u r t a u s e n d T h a l e r ; gilt dasselbe in allen Tonen. J a , i c h w i l l i h n h e u r a t h e n ; gilt eben so in allen Arten von Tonen. Wenn etwas nur in klarem vernehmlichen Ton gesagt wird, so ist es genug. Dieser und jener sagt es mit einer besondern Grazie? Schon! aber es ist nicht wesentlich."
"Daraus kann man erklaren, wie verschieden Melodie und auch Harmonie zu denselben Worten seyn konnen. Derselbe Meister ist nicht im Stande zu demselben Text dieselbe Musik wieder zu machen, wenn er die erste nach acht oder vierzehn Tagen halb oder ganz vergessen hat. Selbst P e r g o l e s i ' s Melodien lassen sich nicht als w a h r demonstriren. Schon bloss neue angenehme Musik geht Ohr und Menschen uber angebliche Wahrheit; so wenig Gewisses herrscht da."
"Die Musik macht den Text nur gefalliger, und dadurch tiefer eindringend. Wir bilden uns ein, die Musik thue das Meiste; es sind die Worte und Sachen. Wer fuhlt etwas Bestimmtes bey Instrumentalmusik allein, wenn man nicht vorher schon die Bedeutung weiss; als beym Ruf der Trompete in Lagern und Schlachten, bey Tanzstucken?"
"Musik wirkt hauptsachlich durch Ruhrung und Erschutterung des Nervensystems, damit es die Gegenstande und Leidenschaften, die durch Worte und Action gegeben werden, leichter auffasse; und bestimmt zu den Bewegungen das allerkurzeste Zeitmaass, besser als Sekundenuhren, Flugelmanner und Vortanzer."
"Daraus kann man sehen, wie weit die Musik von der Ursache ihrer Entstehung abgewichen ist. Jetzt muss man die Worte gedruckt herumgeben, damit man wisse, was Sanger und Sangerinnen hervorgurgeln."
"Und die blosse Instrumentalmusik in Konzerten ist nun weiter gar nichts als Zeitvertreib und Spielerey: eine Seiltanzerey von Tonen. Man sagt nicht, was sie bedeuten soll; und wenn man es sagt, so kann selten ein Andrer, als der Komponist, finden, worin es stekke. Auch hort man haufig die Klage, dass man bey einem wohlgespielten Konzert ungefahr dieselbe Empfindung, wie bey allen andern Konzerten habe; und dass man aus Furcht vor langer Weile keins mehr horen mag; zumal wenn Fursten und Liebhaber viel Geld dafur ausgeben sollen."
Man lachelte uber die sonderbare Meinung, ward aber doch von dem Wahren, was darin lag, betroffen.
H o h e n t h a l redete zuerst, und sagte: "Ich sehe, dass Sie in der Theorie der Musik das sind, was man im Fechten einen vortreflichen Naturalisten nennt. Halten Sie Sich tapfer!"
L o c k m a n n antwortete: "Die neuere Italianische Musik hat gar wenig Dissonanzen; auch bey den heftigsten Leidenschaften ist sie geschmeidig, und der wilde Schrey der Natur ist sittsam geworden. Alles geht ins Schone; man hore nur zum Beyspiel die ernsthaften Komposizionen von P a e s i e l l o . Es fehlt ihr aber dadurch an Starke, und mancherley Kontrast, so wohl bey Freude als Leid. Gange in der verkleinerten Septime, die G l u c k so haufig braucht, sind bey ihr schon sehr selten."
"Die neuern Italianischen Komponisten arbeiten hauptsachlich darauf, dass sich ihre Kastraten und Sangerinnen mit ihren Stimmen hervorthun konnen; und dass alles, wie im gemeinen Leben bey vornehmen Gesellschaften, in einem guten Tone gesagt wird. Die altern, P o r p o r a , L e o , P e r g o l e s i , und noch T r a e t t a u n d J o m e l l i , sind in einer ganz andern Welt zu Hause. Uebrigens muss man gestehen, dass die neuern sich mehr in ihren eleganten M e t a s t a s i o einstudirt haben."
"Aber so ist der Gang bey allen Kunsten; aus dem
Wahren, Individuellen kommt man zu allgemeinen schonen Formen."
"Dieses vorlaufig."
"Mein theurer Freund, ich g e b e d a f u r t a u
s e n d T h a l e r ! mag dasselbe in jedem Ton bey einem Juden oder Finanzminister gelten. Eben so: j a , i c h w i l l i h n h e u r a t h e n , bey einem Freyer auf Rechnung. Aber gewiss nicht, weder bey Ihnen, gutherziger Mann, noch bey diesen vollkommnen Personen."
"Bravo!" rief R e i n h o l d .
L o c k m a n n . "Wir haben hier zwey grosse Phi
losophen, die uns zuhoren, und die beyden Damen konnen in dieser Materie auf jeder hohen Schule dafur gelten; wir mussen also grundlich zu Werke gehen."
"Was ist Musik uberhaupt?"
"Wenn ich nicht irre, so ist sie die Kunst, durch ge
messene Tone das Leben im Menschen, und alles, was sich in der Natur durch Ton und Bewegung aussert, darzustellen; ohne Metapher zu reden, dem, Sinn des Ohrs horbar zu machen."
"Da diess der Stimme des Menschen oft zu schwer wird, nicht selten zu niedrig, ja unmoglich ist: so hat er Instrumente dazu erfunden, welche die gottliche Stimme einer H i l d e g a r d , der Sultanin aller Feen im Luftreich, gehorsamst und mit Lust bedienen."
"Vortreflich, mein theurer junger Freund!" rief R e i n h o l d weiter.
L o c k m a n n . "Und um die Darstellung, so viel als moglich, zu bestimmen, die Worter der Sprachen."
"Eine starke Aussprache ist noch keine Musik, wenn die Tone dabey in keiner gemessenen Leiter stehen; und so kann man dem leisesten zartlichen Gesang einer G a b r i e l i oder T o d i diesen Namen nicht absprechen."
" J o m e l l i stellt durch die Geige den Galopp eines schnellen Pferdes dar, weil dieses fur die Stimme zu unedel ware; mit Hornern, Klarinetten und andern Instrumenten einen angeschwollnen Waldstrom, der alles niederreisst, was ihm in seinem Lauf begegnet; M a j o , J o m e l l i und G l u c k durch die gewaltige Geige den Wetterstrahl, der die Wolken durchzackt und trummernd herniederfahrt; und warum sollte man die allergrosste Janitscharentrommel nicht brauchen durfen, wenn man den Donner der Kanonen darstellen wollte? den schrecklichen Hall der Posaunen fur Sturmwinde, und die mit zartem Finger geruhrten Saiten der Harfe fur das gelinde Sauseln holder Fruhlingslufte?"
"Ohne pedantisch zu werden, kann man bey Melodien fur sich von grossem Umfang die Harmonie nicht bestimmt genug fur den Ausdruck angeben; von diesem Bedurfnisse getrieben, hat man zuerst die Begleitung der Instrumente erfunden. Mit dieser ist ein Ton der Melodie hinlanglich, den ganzen Ausdruck zum Beyspiel des schmelzenden Accords der kleinen Septime auf dem vollkommnen Dreyklang hervorzubringen, und die Stimme kann uberdiess noch wahlen, welchen sie will von vieren, fur jeden besondern Reiz. Sie steht dadurch wie eine Semiramis und Tomiris, wie Alexander und Casar, gleichsam an der Spitze von geubten Heeren; und es ware hochst ungerecht, wenn man eine Melodie fur sich allein aus einer Iphigenia in Tauris von G l u c k nehmen, das Madchen barbarisch frech von ihrer furchtbaren Pallasrustung in der Partitur entkleiden, und anatomisch zeigen wollte, dass es ein schwaches Geschopf wie andre auch sey, und nicht einmal so stark, wie manche Westphalische Magd."
"Die Tone an und fur sich genommen, und nach dem blossen Verhaltniss, sind freylich so allgemein, wie das Element der Luft, woraus sie bestehen, und wie die Zahlen; aber die Verschiedenheit der Kehlen und Instrumente, wodurch sie hervorgebracht werden, bestimmt schon sehr ihren Gehalt: und sie unterscheiden sich wie hundert Goldstucke und hundert Rechenpfennige. Jedoch kann man auch in ihrem allgemeinsten Ausdruck bey der Verbindung nicht die Zahlen verwechseln. Die Dreyklange, das alltagliche Leben, haben schon entschieden ihren bestimmten. Da diese zu haufig gebraucht werden, so will ich mich bey ihnen nicht aufhalten; ob man gleich auch hierin harte Fehler begeht. Bey den seltnern Accorden, die auch nur seltne Leidenschaften bezeichnen, lasst sich aber leicht darthun, wie richtig das Gefuhl grosser Meister, eines L e o , P e r g o l e s i , T r a e t t a , J o melli, Majo, Handel, Hasse, Graun, G l u c k , Benda sie auf ein Haar uberein trift und anwendet; und zuverlassig haben diese Originalgeister einander nicht ausgeschrieben."
"Diess verlang' ich zu sehen und zu horen, erwiederte R e i n h o l d ; und wir werden bald einig seyn."
"Daran soll es nicht fehlen!" fuhr L o c k m a n n ferner fort.
"Was die Sprache der Musik, und die Musik der Sprache leistet, ist so schwer als gefahrlich zu beantworten und zu entscheiden. Ein Rodomont von Dichter, und ein Mandrikart von Tonkunstler konnten sich in ihren gut geharteten Rustungen wenigstens heillose blaue Flecken stechen und hauen."
"Die Sprache ist das Kleid der Musik, wurde der letztre behaupten, und nicht die Musik das Kleid der Sprache. Wenn sie sich nach der Sprache richtet: so thut sie es, wie der menschliche Korper nach den Kleidern. Nicht die Italianische Sprache hat die Welsche Musik geschaffen, sondern das Welsche Herz und Feuer, die Neapolitanische Schonheit des Himmels, der Erde und des Meeres; und freylich ist die Welsche Sprache leichter Schleyer, Griechisches Gewand der Empfindungen oder Tone."
"Der Dichter stellt mit Worten, willkurlichen Zeichen die Gefuhle dar, in so weit ihm Darstellung dadurch moglich ist; und der Tonkunstler mit Tonen. Diese sind die allgemeinen naturlichen Aeusserungen und Merkmale des Lebens, und der Veranderungen des Lebens, und in der Menschenstimme so das Leben und dessen Veranderungen selbst, als ein P r a x i t e l e s , wenn ich mich so ausdrucken darf, den Stamm der Schonheiten einer P h r y n e mit seinen blossen Formen nur je darzustellen vermag. Der Dichter bestimmt Personen, Ort und Umstande, Leidenschaften, Minuten, Stunden, Tags- und Jahrszeiten, Reden und Handlungen: der Tonkunstler bringt das Gediegne der Gefuhle lebendig mit seinen Tonen hinzu, und zwingt die Zuhorer und Zuschauer, die Herzen und Seelen haben, wenn er vortreflich ist, zu fuhlen, was der Dichter fuhlte, oder vielmehr, was der hohe Mensch uberhaupt bey gleichen Situazionen fuhlen muss, zuweilen unendlich erhabner und wahrer, als der mittelmassige Dichter selbst fuhlte."
"Welcher Mensch von Geist und Geschmack will nicht lieber die Musik des T r a e t t a zur Sophonisbe gemacht haben, als die mittelmassige Poesie des V e r a z i dazu, und ein Dutzend solcher Operntexte? Welcher Mensch von Geist und Geschmack nicht lieber die Musik des J o m e l l i zur Dido, als den Text? Wirklich armselige Gewander um die lebendigen Formen der Schonheit."
"Wer eine Melodie ohne Worte singt, braucht dazu die Buchstaben, welche am leichtesten auszusprechen sind: da, da, da; oder la, la, la; oder a, a, a; und andre."
"Diesem nach wurde d i e Sprache am singbarsten seyn, welche am mehrsten solche Sylben und Worter hatte, wobey der Ton am reinsten und vollsten aus der Kehle in die Luft kame. Melodie und Harmonie herrschten darin am mehrsten in ihrer eignen Starke und Schonheit. Bezeichnete eine solche Sprache noch ausserdem vortreflich die Natur der Dinge und Empfindungen: so ware sie gewiss fur die Musik die vollkommenste. Diess mag jedoch schwer zu vereinigen seyn."
"Bittre, schmerzhafte Gefuhle, gewaltige, furchtbare und verheerende Dinge und Begebenheiten, rauhe Gegenstande werden durch glatte leichte Worte gewiss nicht naturlich dargestellt. Das Allgemeine vergnugt nur den ewigen Verstand; das Individuelle allein reizt das zeitliche Leben. Das Interesse erzeugt die Leidenschaften; und mit diesen hat es die Musik vorzuglich zu thun. Fur den Ausdruck wurde also d i e Sprache die vollkommenste seyn, welche Gefuhle und Gegenstande schon durch blosse Worte sinnlich darstellte."
"Die Italianische Sprache hat beydes; doch das letztre vielleicht in manchem schon zu abgeschliffen. Der Deutsche ist nicht reich genug an singbaren Sylben; hat aber eine Menge unverdorbner vortreflicher Worter fur den Ausdruck."
"Man hat im Accent der Sprache die Quelle der Musik, und in jeder besondern die Quelle der Nazionalmusik gesucht und zu finden geglaubt. Aber die hohern und tiefern Tone, das Melodische der Declamazion liegt nicht in der Sprache an und fur sich, sondern im Charakter des Menschen, der sie spricht, und in den Sitten der Stadt und Nazion."
"Bey Uebersetzung des Originaltextes der Musik in eine andre Sprache muss naturlich allezeit viel verloren gehn; viel namlich von der Sprachmusik zu Melodie und Harmonie."
"Nur furs erste eine kleine Bemerkung," unterbrach ihn R e i n h o l d .
"Wenn man Melodie und Harmonie der Worte beraubt; so ist es eben, als wenn ich den Geist abziehe von Blumen, Bluthen und Krautern: es bleibt das Allgemeine; das Individuelle geht verloren. Das Wort ist die Form des Tons; und menschliche Musik ist auch vom Wort unzertrennlich. Poesie und Musik waren ursprunglich Eins. Nur durch Erfindung mehrerer und vollkommner Instrumente sind sie getrennt worden. Was wir jetzt besonders Musik nennen, ist weiter nichts, als Schonheit von der Musik der Sprache. Wo die Sprache schon an und fur sich viel Musik hat, ist die Komposition leicht; man merkt auch das Willkurliche da weit weniger."
Um beyde nicht ausschweifen zu lassen, warf H i l d e g a r d folgende Frage auf: "Ist der Gesang beym Menschen entweder Natur, oder bloss Kunst, oder beydes zugleich?"
L o c k m a n n antwortete:
"Durch ein Gleichniss ware die Sache leicht entschieden. Der Gesang ist gegen gewohnliche Rede, was Tanz gegen gewohnlichen Schritt und Gang, oder Sylbenmaass gegen Prose ist. Wie Sprung und abgemessner Schritt schon im gemeinen Leben, wie Verse zuweilen schon im gewohnlichen Gesprach vorkommen: so schon auch Gesang."
"Nach diesem ware der Gesang bloss erhohte idealische Aussprache. Der Mensch treibt es bey allen seinen Fahigkeiten und Bedurfnissen bis zur Vollkommenheit. Die Musik ware also Kunst, die Tone der gewohnlichen Aussprache, und, in weitlauftigem Verstande, die Tone der ganzen Natur, zur hochsten Vollkommenheit zu bringen."
"Bey allen drey Kunsten zeigen die Virtuosen wie die reichen Leute ihren Luxus: ein V e s t r i s in Schritten und Sprungen; ein S o p h o k l e s in Worten und Sylbenmaassen; ein M a r c h e s i in starken reinen Tonen, und schnellen Laufen von erstaunlichem Umfang. Alle Drey steigen weit uber das blosse Bedurfniss, den Ausdruck, hinaus, und wir bewundern die Kraft und Vollkommenheit dieser Menschen. Das, was sie darstellen, ist zuweilen bloss Nebenwerk, und dient nur, dass sie ihre Kunst dabey zeigen konnen."
"Inzwischen ist der Stoff bey der Musik von weit hoherer Art und tiefrer Natur, als bey den andern Kunsten. Wenn ein Mensch singt; so ist es, als ob er auf einmal seine Kleider abwurfe, und sich im Stande der Natur zeigte: so etwas Inniges, Himmlisches liegt in dem Kontrast von abgemessnen Tonen. Die gewohnliche Aussprache scheint eher ein armseliges Ueberbleibsel, ein Ruin, ein Aschenhaufchen von der Melodie, als deren Wurzel oder Quelle zu seyn. Vortrefliche Musik ist vollkommen reine Natur; die gewohnliche Aussprache Convenienz. Vortrefliche Melodien sind wiederhergestellte Tone der Natur; und die Kunst verstarkt und verziert dieselben durch die Begleitung von Instrumenten. Die Griechen scheinen unter den bekannten Volkern, schon nach der spatern Erfindung ihrer Accente zu schliessen, am mehrsten Melodie in ihrer gewohnlichen Aussprache gehabt zu haben."
"Die Hauptquelle der Musik liegt also im Herzen, und wenigstens bey uns nicht in der Aussprache. Ein Komponist kann diese nicht nachahmen, wie ein Mahler sein Modell; er ist, wenn er das Gewohnliche nicht nachleyert, mehr Schopfer, als irgend ein andrer Kunstler."
"Die Aussprache im gemeinen Leben," unterbrach ihn R e i n h o l d hier wieder, "richtet sich nach dem Ton von Vernunft und Verstand; die Aussprache in der Musik richtet sich nach dem Ton der Leidenschaften. Musik im strengsten Verstand ist die Sprache der Leidenschaften; und wenn auch kalte Vernunft hinzu kommt: so wird sie zum Ton der Leidenschaft gespannt und erhoht."
"Warum erhoht man den Ton der Aussprache uberhaupt; oder lasst ihn sinken? Warum bleibt er gleich?"
"Wenn ich einen Schluss der kalten Vernunft vortrage: so brauch' ich den Ton, der meiner Kehle und der ganzen Stimmung meiner Existenz der naturlichste ist; und ich erhohe ihn bloss, um mit meinem Athem einen frischen Ansatz zu nehmen, oder auch nur, meine Sprachorgane ohne weitere Bedeutung anzustrengen, um das Einschlafernde des Einklangs zu vermeiden; ich lasse ihn sinken, weil mein Athemzug, oder auch die Periode, die ich sage, zu Ende geht. Der Ton meiner Aussprache ist hier bloss Mittel, meinen Gedanken oder meine Empfindung zu offenbaren. So bald aber Leidenschaft mein Wesen spannt, bekommt der Ton auch mehr Gehalt."
"Sehr wohl, mein alter Freund, erwiederte L o c k m a n n . Jeder Ton ist das Resultat unsrer momentanen Existenz. Bleibt unsre Existenz im gewohnlichen Zustande: so bleibt auch der Ton derselbe."
"Diesen Ton der Stimme muss der Komponist von jedem Sanger und jeder Sangerin wohl fassen; dieser ist ihr eigentliches C, alle andern Tone stehen damit in Kontrast. Was hinauf oder herunter steigt, ist Leidenschaft, so bald es uber Quarten und Quinten geht; erhohter oder erniedrigter Zustand."
"Soll ich zu guter letzt noch den Rodomont machen? Den Mandrikard haben Sie schon ziemlich gespielt!" Mit diesen Worten blickte der Alte L o k k m a n n e n feurig an, und wendete sich dann lachelnd zu H i l d e g a r d e n . "Mein Starkstes, was ich diesen Morgen sagte, muss wenigstens das verstandige Fraulein ganz horen."
"Vocalmusik ist verstarkte und verzierte Aussprache; Instrumentalmusik Nachahmung derselben."
"Musik uberhaupt ohne Worte ist eine Sprache in lauter Vocalen, und steht an Nachahmung oder Darstellung der Natur weit unter jeder Sprache; sie hat gar keine Konsonanten, und kann alle die Eigenschaften, welche diese ausdrucken, nicht bezeichnen. Musik ohne Worte ist ein Mittelding zwischen Stummseyn und Reden. Ihre wirkliche Existenz ohne Worte gehort in den rohesten Zustand der Menschheit. Doch ist zu zweifeln, dass Musik ohne Worte selbst bey den ersten Menschen da war. So gar die Thiere, Papageyen, Raben, Ochsen, Schafe und Hunde, brauchen schon Konsonanten."
"Heutiges Tages ist ihr wesentlichster Dienst, dass sie die Gefuhle im Menschen, und die Gegenstande, wozu uns die Worte fehlen, ausdruckt. Ein Volk, das arm an Sprache ist, muss sie haufig brauchen; bey einem an Sprache reichen Volk ist sie blosser Luxus. Die Freude an ihr entsteht daher, dass wir gern bewegt, geruhrt und erschuttert werden, es sey, wovon es will; wenn es nur nicht weh thut, oder doch nur angenehm weh thut."
"Der Verstand hat uber diess sein Spiel dabey im Dunkeln mit den Proporzionen der Bewegungen der Luft; und es giebt wenig Dinge, wo Empfindung und Verstand so beysammen sind, dass man die eine von dem andern nicht unterscheiden kann."
"Blosse Instrumentalmusik ist oft nichts mehr, als ein leerer Ohrenkitzel, wie Taback fur Nasen und Zungen; wir vergnugen uns daran aus Gewohnheit, um immer etwas zu empfinden, unsre Existenz anzuwenden."
"Und diess waren die letzten Worte, die Sie diesen Morgen horten. L o c k m a n n hat gesagt, was zu sagen war; ich bekenne in manchem nun meinen Muthwillen und Irrthum, freue mich aber, wenn Sie Gelegenheit gaben, strengere Untersuchungen anzustellen. Die himmlische Musik hat keinen grossern und innigern Verehrer als mich; und wo ich nur ein Paar Horner und Klarinetten hore, muss ich alter Knabe ihnen nachlaufen."
H i l d e g a r d fing nun an zu reden, und sagte: "Das grosste aller gesellschaftlichen Vergnugen ist, wenigstens fur mich, bey solchen Untersuchungen gegenwartig zu seyn. Nur muss da Freyheit herrschen, das Allerausserste und Verwegenste fur seine Meinung zu sagen; und kein Vernunftiger, der fur die hohen Freuden der Geselligkeit gebildet ist, wird das ubel nehmen. Da spruhen und fliegen zuweilen die Funken des Genies herum, wie vom Amboss der Kuklopen, wenn sie mit gewaltigen Hammerschlagen den Donnerkeil des Zevs schmieden, oder Vulkan Rustung, Schwert und Lanze eines Halbgotts. In der Gluth des Kampfs erhalten die noch rohen Materien nach und nach und endlich die schonsten Formen. Die neuen Ideen erzeugen sich dabey wie von selbst, wie der Blitz am Himmel sich entzundet und glanzend das Wetter durchflammt."
"Wenn ich es wagen darf, auch noch ein Wortchen hinzuzufugen: so scheinen Sie mir, Herr R e i n h o l d , in Italien zu sehr von den schonen Stimmen verfuhrt zu seyn und die Instrumentalmusik nicht nach Verdienst und Wurden zu schatzen. Es lasst sich viel und Wahres zu ihrem grossen Lobe sagen."
"Sie verstarkt und bestimmt den Ausdruck der singenden Personen; druckt ihre stummen Gefuhle aus, so wie die Gefuhle der Nebenpersonen, und der ganzen Gesellschaft, und alles Leben der Natur, das sich durch merkliche Bewegung aussert."
"Und selbst das Stillschweigen und den Tod," setzte L o c k m a n n hinzu, "durch die Gefuhle der Menschen dabey."
"Sie hat also einen viel weiteren Umfang, als die Menschenstimme; sie ist das Meer und die Luft, worin diese schwimmt und ihre Fittiche schlagt."
"Fur sich allein, fuhr H i l d e g a r d ferner fort, ist sie ein ergotzendes Spiel fur die Phantasie, und schmeichelt dem Ohre durch Neuheit von Melodie und Harmonie und Fertigkeit des Vortrags, und ruhrt, erschuttert wohl noch das Herz mit unbestimmten Gefuhlen und Ahndungen von Leidenschaften. Wenn Sie eben Symphonien und Quartetten von H a y d n oder unsern andern grossen Deutschen Meistern gehort hatten, so wurden Sie gewiss nicht, auch nur zum Scherz, so gering von ihr gesprochen haben."
"Mich bezaubert," erwiederte R e i n h o l d , "die hochste aller Tugenden, die Gerechtigkeit, von einer so jungen Dame, mit so gottlicher Stimme, die mich besonders zur Ungerechtigkeit verleitete. O H a y d n , Phonix der Instrumentalmusik, Stolz von Deutschland!"
"Das haben Sie gut gemacht," rief H o h e n t h a l ; "es lebe H a y d n ! H a y d n , mein Mann!"
"Die Melodie muss in der Musik die Harmonie verbergen, wie Blatter, Bluthen und Fruchte die Aeste und das Holz der Zweige an den Baumen. Musik, wo das nicht ist, gleicht dem Winter; da ist kein Leben."
"Bey der Instrumentalmusik muss Phantasie herrschen, glanzende, und kuhn abwechselnde. Das Sentimentale wird gar bald schal; denn es sagt doch nichts bestimmt, stellt platterdings nichts dar, und hat keine Localfarbe."
"Nirgendwo kann man Genie und bloss nach Regeln Gemachtes besser unterscheiden, als bey der Musik. Man hore H a y d n , und hundert Andre!"
"Dafur wollen wir Ihnen auch zugeben, nicht wahr, treflicher Meister L o c k m a n n ? dass die Musik eine verstarkte Aussprache sey, und ihre Regeln aus dem anhaltenden gemessnen Ton fliessen."
"Die erste Musik war vielleicht die Rede eines Anfuhrers, eines T y r t a i o s , an eine Menge, der, um verstandlich zu seyn, in Terzen, Quarten und Quinten sprach; oder der Ausbruch der Gefuhle eines Glucklichen, oder Unglucklichen in der Einsamkeit, in starken Tonen, um sich Luft zu machen."
"Bey den grossen Theatern der Alten in freyer Luft," bemerkte F e y e r a b e n d , "war die Musik, oder verstarkte Aussprache in gemessnen Tonen, nothwendig, um verstanden zu werden; und der Vers eine Folge davon. Bey uns ist sie mehr Vergnugen an schonen Tonen und deren Verhaltnissen zu einander."
"Der Text giebt dem Herzen und der Einbildungskraft das Bestimmte. Ein grosser Gedanke, eine tiefe schone Empfindung mussen aber schon in Worten gut gesagt seyn, wenn sie die gehorige Wirkung thun sollen. Schone Tone machen sie nur noch eindringender, und bewegen die Seele starker."
L o c k m a n n beschloss das Gesprach, indem er sagte: "Die Musik herrscht vorzuglich, wo sie ausdruckt, was die Sprache nicht vermag, oder wo die Sprache zu augenblicklich ist."
"Die Sprache geht meistens der That vor, oder folgt ihr nach; bey der That selbst bedurfen wir ihrer wenig. Wenn ich einen Freund aus der Noth reisse, oder, wie M e g a k l e s , mich fur ihn aufopfre, so brauch' ich ihm nicht erst zu sagen: ich liebe dich. Hier ist die Musik an ihrer eigentlichen Stelle, wie P e r g o l e s i und J o m e l l i gezeigt haben."
"Der Jubelton bey gewissen Momenten ubertrift alle andre Sprache. So lasst sich das innere Gefuhl bey andern Thaten, das Wallen des Herzens, die hohe Fluth in Adern und Lebensgeistern durch nichts besser ausdrucken. Worte sind Erfindungen der ruhigen Besonnenheit. Der heilige A u g u s t i n u s halt blosse Tone des Entzuckens ohne Worte fur die beste Sprache gegen Gott."
"Bey Leidenschaften also ist die Musik an ihrer rechten Stelle; besonders bey heftigen, wo man nicht mehr an Worte denkt, sondern von den Sachen selbst durchdrungen wird. Wir stossen einen Theil von dem Leben aus, das in uns ist. Und diess geschieht am leichtesten durch Vocale. Die Konsonanten ahmen die Oberflache der Dinge nach, oder wie sie sich durch Gerausch aussern, oder Gefuhl und andre Sinne etwas Besonderes dabey und daran gewahr werden. Fur alles, was aus unserm Innern unmittelbar selbst kommt, ist der Vocal der wesentliche Laut. Der Wilde sieht etwas Schones von weitem, und ruft: A! Er nahert sich, erkennt es deutlich, und ruft: E! Er beruhrt es, wird von ihm beruhrt, und beyde rufen: I! Eins will sich des andern bemachtigen, und das, welches Verlust befurchtet, ruft: O! Es unterliegt, leidet Schmerz, und ruft: U!"
"Die funf Vocale mit ihren Doppellautern sind die Man stand auf. Die Mutter selbst schenkte noch Auf Bitten R e i n h o l d s sang H i l d e g a r d im Es war den Abend Gesellschaft bey der Frau v o n "Heilige Luft," rief R e i n h o l d noch ausser sich, Im folgenden Konzert wurden die schonen Scenen m a n n sang sein Cara, deh serbami costante il core mit dem hochsten Ausdruck, als ob er selbst der geliebte Vologeso ware. T o r r i n g und W a l l e r s h e i m beneideten sein fur Weiber so verfuhrerisches, bey der Liebe so unterhaltendes Talent; und wunschten sich ein gleiches. W o l f s e c k sah ihn bey seinen zartlichsten Accenten wieder ein paarmal wild an. Doch lenkte bald H i l d e g a r d bey der tragischen Scene ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich. "Himmlisches Wesen, H i l d e g a r d !" Mit diesen Worten fasste L o c k m a n n zartlich ihre Rechte, als er sie den andern Nachmittag allein im Musiksaal fand. Sie antwortete ihm lachelnd, fast eben so zartlich: "Lieber L o c k m a n n ! " Beyde schlugen sich einander die Arme um Brust und Nacken, schmolzen in einander mit einem seelenvollen Kuss und den sussesten Blicken; und bogen dann in unaussprechlichem Gefuhl einander wie die Schwane die Kopfe Wangen an sanfte Wangen und um die schlanken Halse. Aber dabey blieb es; sie entschlupfte wie ein Aal, so bald er etwas weiter wagen wollte. Nur diesesmal gestattete die wohlthatige Natur einen Moment langer seine fliegenden Raubgriffe auf die rundlichen zarten Zwillingsformen, der gierigen Hand lauter Entzucken. Schuchtern that sie, als ob sie etwas kommen horte; und beyde sassen unbeschreiblich schon bluhend und gluhend am Klaviere. Gut, dass Niemand kam! Alles war still; Strahlen schoss sein Auge; das weisse Sommergewand verhullte nur leicht die herrlichen Saulen des stolzen Korperbaus. Von Leidenschaft uberwaltigt, wollt' er mit beyden Handen wie ein kuhner Adler darauf sturzen; aber plotzlich in reizenden Zorn verwandelt sprang H i l d e g a r d auf, und stiess ihn bitter von sich. Beschamt ergriff er die Oper, die er mitgebracht hatte, unter so gewaltigem Herzklopfen, dass man die Pulsschlage an Hemd und Weste zahlen konnte.
Himmel und alle Heiligen! wenn jetzt deine Mutter oder dein Bruder kame! dachte sie voll jungfraulicher Angst, und wollt' es nie wieder so weit kommen lassen. Sie war im Begriff, sich zu entfernen, ihn zuruck zu lassen, und auf ihr Zimmer zu eilen; aber er versprach bittend und flehend, sich zu bandigen und gehorsam zu seyn. "Nichts wieder von der Art!" sagte sie mit dem allerstrengsten Ernste.
Die Oper war
Montezuma von F r a n c e s c o M a j o . Der Blick auf die Musik seines Lieblings brachte ihn nach und nach wieder zu sich. "Er ist ein wahrer lebendiger Quell," fing er mit gebrochnen Worten an, "von naturlicher Melodie und Kein andrer Tonkunstler erweckt eine solche Heiterkeit in meiner Seele."
Sie konnte sich nicht enthalten, wider Willen uber die Gewalt, die er sich anthat, zu lacheln. "Grausame!" rief er leise, als er es bemerkte. "Nur zu gelind und gutig!" antwortete sie, noch erzurnt, doch etwas versohnt. "Nur weiter! weiter, Ungenugsamer!"
"Ich habe eigentliche Liebe zu ihm," fuhr L o c k m a n n fort.
"Die Geschichte ist die Gefangennehmung des Montezuma durch Cortes; und die Poesie hat gluckliche Stellen fur Musik. Das Heroische herrscht durch das Ganze; und in dieser Art sind darin von dem jungen Tonkunstler klassische Sachen, die, so viel ich weiss, ihres gleichen noch nicht haben."
"Wahrer Jammer und Verlust, dass die grossten Neapolitanischen Tonkunstler so fruhzeitig starben, P e r g o l e s i , V i n c i , L e o , M a j o !"
"Die erste Arie des Montezuma mit begleitetem Recitativ giebt den prachtigsten Ton an in der zweyten Scene. Dove son? che m'avenne? Die Arie Numi Tiranni, non tanto rigor! calmate gli affanni d'un povero cor20. Alles ist durchaus neu und eigen."
"Guacozinga, Geliebte und bald Vermahlte des Montezuma, tritt in der vierten Scene reizend auf: al sembiante sconvolto, turbato oltre il costume; und dann mit der Arie voll neuer Grazie: Ah, che in un mar d'affanni ho gia penato assai."
"Die zwey Marsche im ersten Akt und zu Anfang des zweyten sind ganz Pracht und neu in Melodie und Harmonie."
"Das Vortreflichste im ersten Akt, und mit im Ganzen, ist die zwolfte Scene des Montezuma: Pur troppo e ver, ma che far posso! mit der Arie: A morir se mi condanna la tiranna ingrata sorte, ah! si cada almen da forte, senza un ombra di vilta."
"Parli poi con suo stupore de' miei casi il mondo intero, e le stelle abbian rossore, della loro crudelta21."
L o c k m a n n sang sie nur mit halber Stimme; aber H i l d e g a r d ward davon entzuckt, und sagte: sie habe im Heroischen an Neuheit, Glanz und Ausdruck, Melodie und Harmonie nichts von so hoher Schonheit gehort; und der junge M a j o uberblende alles.
"Im zweyten Akt, fuhr L o c k m a n n weiter fort, haben Cortes und Teutile Vortrefliches; aber das Duett am Ende zwischen Montezuma und der Guacozinga ist das Erfreulichste: es hat die allergefalligste Gewandtheit in Melodie und Begleitung. Ah se mi sei fedele, cangia pensier ben mio."
"Im dritten Akt hat Guacozinga die Meisterscene, voll noch grossrer Schonheiten in der Musik, als die Scene des Montezuma im ersten Akt. Sie ist allein wahrend des Gefechts: Eccomi sola alfine, eccomi abbandonata al mio dolore. Schon im Recitativ sind herrliche pittoreske Sachen, als bey Odo il nitrir de' fervidi destrieri 22. Die drey einzeln angeschlagnen halben Taktnoten in Oktaven von drey Takten thun schauerliche Wirkung; bey der plotzlichen Stille glaubt man alles zu horen."
"Die Arie darauf ist ganz gottlich: Ombre dolenti e pallide, che v'aggirate intorno. Es ist hier manches Neue, womit hernach die Kunst der Musik, selbst bey G l u c k e n , sich bereichert hat, und welches bey den ersten Nachahmern noch fur neu durchging; als die ganz bezaubernde Begleitung auf Ombre dolenti, ombre pallide, deh, per pieta, deh, lasciatemi, so gezogen fortlaufend der zweyten Violine zu der entzukkenden Melodie, und der nachgeschlagnen Harmonie der ersten Violine. Hier ist die erste frische Quelle: und wie gleich so vollkommen!"
"Das No, piu trovar non sa, aus dem Es moll die kleine Terz in die grosse hinubergezogen, ist hernach, nur grell, nachgeahmt worden; hier glanzt die Empfindung in ihrer ersten naturlichen Unschuld, Wahrheit und Schonheit."
"Es fehlt dieser Oper zwar der Pomp der so oft erzwungnen Franzosischen Chore; aber wie jugendlich schon und bluhend ist alles!"
H i l d e g a r d rief gleich ihren Bruder dazu. Beyde weideten sich recht, und konnten nicht aufhoren, das Gottliche zu wiederhohlen. Sie sprachen alsdann mit einander von Melodie uberhaupt, von Harmonie und Begleitung.
L o c k m a n n sagte unter andern: "Melodie ist eine Folge von einzelnen Tonen, die in abwechselnden Satzen und Perioden, damit die Kehle wieder Luft schopfen kann, eine Empfindung oder Leidenschaft darstellt. Die Darstellung macht ein Ganzes aus, wie die Empfindung oder das Gefuhl, welches naturlich in verschiedne Theile zerfallt. Je mehr diese zu einander, und fur den Ausdruck passen, desto grosser die Schonheit. Bey Liedern sind sie klein, bey hohen Empfindungen in Operscenen gross; wo ein starker Athem dazu gehort."
"Der Vorzug der guten Italianischen Musik besteht in dem edlen leichten Gang der Melodie, dem Ebenmaass ihrer Perioden, der Klarheit, Reinheit passender mannigfaltiger Harmonie, und uberhaupt der schonen Proporzion des Ganzen. Kurz, die Musik wird so viel als moglich selbst Natur."
"Bey jeder Melodie ist Darstellung von Person, oder eines besondern Wesens, dessen Leben in Bewegung mit der Zeit fortruckt."
"Wenn bey Arien das Orchester die Melodie vorspielt: so druckt es die Vorgefuhle des Sangers zum Gesang aus; doch immer pedantisch! Die Vorgefuhle sollen noch nicht die Melodie selbst seyn sondern ihr Werden."
"Die Melodie zeigt vorzuglich den Charakter. Der Chinese schreitet darin anders fort, als der Neapolitaner; in demselben Klima fuhlt darin der freye Mensch anders, als der Sklav."
"Sklaverey und Kriecherey, Bescheidenheit, Freyheit, Frechheit haben alle ihren verschiednen Gang, und ihre eigne Melodie. Die Vierteltone und halben Tone, ganze Gange darin, scheinen sich mit, Bescheidenheit, Freyheit und Adel nicht zu vertragen. Die sklavischen Chinesen haben sie noch; die freyen Griechen erhielten sie mit ihrer Musik von den weichlichen Kleinasiaten, Unterthanen der Perser. Was einmal zur Gewohnheit geworden ist, lasst sich so leicht nicht vertilgen; nur nach und nach kann die starkste Vernunft unnaturliche Gebrauche abschaffen."
"Die Musik aus dem Anfang unsers Jahrhunderts hat noch kleinliche Melodie. Bey P o r p o r a , D u r a n t e , L e o , P e r g o l e s i ist sie sehr merklich; bey H a n d e l herrscht sie in vielen Arien. Gerade wie in der Mahlerey der Styl des P e t e r v o n P e rugia, Johann Bellino, Mantegna, bevor die hohen Geister M i c h e l A n g e l o , R a p h a e l , T i z i a n u n d C o r r e g g i o erschienen."
"Freylich giebt es Leidenschaften, wo sie so gar im edeln Styl schone Natur ausdruckt; als in Kirchenmusiken Niederwerfung vor Gott, in der Oper die sussen Zartlichkeiten, Schmeicheleyen der Liebe, Besorgnisse der Eifersucht: so allgemein ist der Ausdruck der Tone. Doch dauert diess nur Augenblicke, und herrscht nicht durch das Ganze. Wo es die Natur erfordert, brauchen noch jetzt grosse Sanger sogar Vierteltone, wie Virtuosen auf Instrumenten, ob wir sie gleich aus unserm musikalischen System in Folge verbannt haben."
"Die Neapolitanische Musik liebt von den mittlern Zeiten J o m e l l i ' s an einen edlen freyen Gang, und bey heftigen Leidenschaften einen kuhnen Flug. Armida wagt in ihrer Wuth Sprunge, wie eine gejagte Gemse."
"Man kann diess wohl das klassische Zeitalter der Musik nennen; die Schonheit der Melodie druckt das hochste Ideal edlen freyen, Lebens aus. M a j o ' s gottliches Genie strahlt recht darin hervor, und ruckte die Kunst jugendlich gewaltig der Vollkommenheit naher."
"G l u c k fallt schon wieder etwas zuruck, und nicht selten, den Franzosischen Ohren zu gefallen, in das Kleinliche; doch herrscht in seinen besten Werken der klassische Styl."
"Der kleinliche Fortschritt der Melodie bey Ungluck ist gegen allen Adel, selbst bey Weibern; und druckt nur niedrige Natur aus."
"In den Melodien unsrer Musik unterscheidet man jedoch gewiss noch nicht genug das Weib vom Manne. Was beym Manne kleinlich ist, kann beym Weibe Sittsamkeit, Bescheidenheit, edle Natur seyn. In Opern konnte man den Gang beyder durch den Kontrast gut unterscheiden."
"Auch die Musik, wie alle Kunste, stellt sinnliche Denkmaler auf von dem Charakter ihres Zeitalters."
" J o m e l l i , S a r t i , und Andre haben wahrscheinlich ihr Heroisches, wodurch sie sich auszeichnen, Deutschland und dem Norden zu verdanken."
"Eine Melodie besteht entweder fur sich allein, das ist, sie hat so viel Klang und Harmonie in sich, dass sie keiner andern bedarf, ja dass jede andere unschicklich ist; oder sie lasst sich in Gesellschaft, von einer Stimme oder mehreren, horen."
"So sollten Melodien zu Volksliedern seyn, die nur fur Eine Person gedichtet sind. Auch finden sich alte dieser Art bey uns, bey den Schottlandern, bey den Franzosen, Spaniern, und allen Nazionen; Romanzen, wo nur Eine Person erzahlt, Liebeslieder, Hirtenlieder, Jagerlieder. Und so finden sich noch einfache Melodien fur Nazionaltanze voll Rhythmus. Sie sind Schatze, Modelle zur Charakteristik fur den Tonkunstler."
"Weit kunstlicher sind Nachahmungen solcher Melodien fur besondre Instrumente allein, ohne alle Begleitung, wo das Ohr keinen Mangel von Harmonie merkt, und keine andre ohne Unschicklichkeit, sich dazu horen lassen darf."
"Sangen mehrere Personen Volkslieder in solchen harmonischen Melodien: so konnt' es nur im Einklang und in Oktaven geschehen, wie die Kontrapunktisten von den Griechen behaupten."
"Alsdann erfand man Instrumente, die Melodien der Stimme zu erleichtern, und die Zwischenzeit der Verse und Strophen auszufullen. Diess ist der Ursprung der Begleitung. Die altesten mogen nur die wenigen vollkommensten Konsonanzen gehabt haben: die Oktave, Quinte, Quarte und s.f.; und nach und nach mag man bis zu den Accorden der heutigen Guitarre gekommen seyn. Noch entzuckt diese erste jugendliche Natur der Musik selbst Neapolitaner, Romer, und Venezianer, und alte ausgelernte Kontrapunktisten. Diese Art Harmonie diente den Melodien A n a k r e o n s so leicht, so schon und reizend, wie sein B a t h y l l ."
"Nach der fur sich bestehenden harmonischen Melodie kommt das Duett, Wechselgesang zwischen zwey Stimmen. Wenn man nicht einen Despoten mit einem Sklaven darstellen will: so muss die Melodie zwischen beyde Stimmen vertheilt seyn, und eine Harmonie ausmachen."
"Dann eben so das Terzett, und der vierstimmige Satz; wo die tiefen Stimmen nach der Theorie des Klangs sich doch mehr zur blossen Grundharmonie neigen. Bey funf-, sechs-, und mehrstimmigen Sachen werden die wohllautendsten Tone Oktaven, Quinten, Quarten, Terzen, Sexten verdoppelt und verdreyfacht."
"Das Duett und Terzett, auch die mehrstimmigen melodischen Sachen in Choren und Finalen, sollen in Opern ihren Charakter behalten, obgleich bey aller Pracht der Instrumente."
"Bis zu den spatern Zeiten des J o m e l l i bediente die Harmonie der Instrumente die Sanger und Sangerinnen ziemlich sklavisch; die Geige wagte es selten, die Melodie der Stimme mit einer eignen andern untergeordneten zu begleiten; M a j o liess sie noch mehr als Grazie neben der Venus erscheinen."
"Wo besondre Melodie ist, sollte freylich auch Darstellung eigner Person, wenigstens eignen Gefuhls, seyn. Ein Doppelgefuhl kann gar wohl in einer Person zugleich sich regen, bey Zweifel beydes herrschend, und in Entscheidung der Leidenschaft eins dem andern untergeordnet; zum Beyspiel der Trieb, der Zug der Natur, und das Gefuhl des Schicklichen, der burgerlichen Convenienz. Ein Instrument konnte also das eine oder das andre horen lassen, da die singende Person mit Einer Melodie beydes nicht zugleich kann. J o m e l l i schildert, wie H o m e r in seinen Gleichnissen, durch Instrumente das Leben der Natur um sie her, den Galopp des Pferdes, das emporte Meer, Strome und Sturmwinde."
"Ueberhaupt aber hat man noch nicht einmal die Frage aufgeworfen, was unsre ungeheuern Orchester bey einer dramatischen Begebenheit eigentlich vorstellen und bedeuten. Etwa die harmonischen Wande der Scene? oder die Nebengefuhle der singenden Personen? oder die Gefuhle der mithandelnden? oder die Gefuhle des zuhorenden Publikums? oder alles zusammen?"
"Das wahrscheinlichste ware fast: den Chor der Griechen. Auch scheinen Tonkunstler aus Instinkt darauf zuweilen hingearbeitet zu haben. Eine Akademie sollte einmal den Unglucklichen, die bis jetzt in den Tag hinein schreiben, und gegen die Alten so stolz darauf sind, mit einer recht hohen Preisfrage Licht daruber zu verschaffen suchen."
"Inzwischen will ich Ihnen die beste Antwort darauf ins Ohr sagen: das Orchester stellt, nach dem gewohnlichen Lauf der Dinge, vor das Orchester!"
L o c k m a n n setzte die Tage darauf die schonsten Sachen seiner Oper, besonders entzuckend die Scene, wo Achill als Pyrrha an der Tafel auf der Guitarre spielt, und dazu singt: Se un core annodi; kein M i l l i c o hatte die Kleinigkeit reizender machen konnen. Und eben so den Spott des Ulysses: Achille in gonna avolto, unter hinreissender Beredtsamkeit. In der Hauptscene, wo Achill mit den Waffen in der Hand wieder Achill wird: Ove son? che ascoltai? konnte L o c k m a n n sich mit den grossten Meistern messen, so neu und kuhn und voll Feuer waren Melodie und Begleitung, und zugleich so wahr und schon; alles aber fur ein grosses Theater und ein zahlreiches Orchester geschrieben. Er hatte in seinem Kopfe weite Aussichten.
Diese Woche sah er H i l d e g a r d e n nur einmal, als er ihr die Probe zu den Scenen des Montezuma meldete, in Gesellschaft des Herrn v o n W a l l e r s h e i m , bey ihrem Bruder, kurz vor einer grossen Theegesellschaft bey der Mutter; und dann mit ihrem Bruder in der Probe selbst, wo seine Leute sich uber die neue Art von Musik des M a j o hochlich freuten, den sie bis jetzt nur aus dem Salve Regina. kannten.
Als man den Abend darauf schon die Geigen fur das Konzert stimmte, und nun alles versammelt war: kam ein fremder Wagen schnell in das Schloss gefahren. Und wer stieg aus? Prinz K a r l , der seinen Vater, den Fursten, unerwartet uberraschte, von einem jungen Offizier begleitet. Es entstand ein allgemeiner Jubel, als Vater und Sohn sich einander zartlich umarmten, und die Furstin herbeyeilte, den einzigen an ihr Mutterherz zu drucken. Sie hatten sich fast zwey Jahre nicht gesehen; er war wahrend der Zeit in Paris, und hernach in Geschaften in der Lombardey gewesen. Seine Gemahlin blieb in der Mitte ihrer zweyten Schwangerschaft in Wien zuruck, um den Erschutterungen der Reise sich nicht auszusetzen.
Er war ein schlanker schoner Herr, noch nicht in die dreyssig; das Auge voll Feuer, und sein ganzes Aussehen kriegerisch. Er glich auffallend seinem Vater.
Nach einem Viertelstundchen Fragen und Antworten in einem Seitenzimmer, trat die furstliche Familie wieder in den Saal, und das Konzert ward angefangen.
Der Prinz erwartete, zerstreut und ohne Aufmerksamkeit, gegen Wien hochstens eine kleine artige Provinzialmusik. Er spielte selbst das Klavier von seiner ersten Jugend her, ohne besondre Fertigkeit; hatte aber ein gebildetes und erfahrnes Ohr fur die Schonheiten der Kunst.
Eine fur die Folge passende Symphonie von H a y d n , die ihm schon bekannt war und ausserst richtig im Tempo und Charakter vorgetragen wurde, machte ihn jedoch geneigt, ferner zuzuhoren. Wie erstaunte er aber, als L o c k m a n n , weit mehr als R a a f , was Geist und heroischen Charakter betraf, die gottliche Arie des Montezuma sang: A morir se mi condanna la tiranna ingrata sorte! Solche! neue reizende Schonheit in Melodie und Harmonie hatte er noch nicht empfunden. Bey der erhabnen Stelle: Ah, si cada almen da forte! stand er hingerissen vom Sitz auf, und trat leise weit in den Saal hinein, bis nahe vor die edle Liebesgestalt des Sangers.
Nach Endigung der Arie konnt' er diesem und dem Fursten seine Bewunderung nicht genug ausdrucken. Auch er kannte Majo nicht, setzte im Gesang ihn weit uber G l u c k e n , und bat, auf die schmeichelhafteste Weise, um die Wiederholung der ausserordentlichen Scene.
L o c k m a n n sang sie mit den angenehmsten Veranderungen, die alle zu dem Heroischen des Ausdrucks passten; und erhielt neue Lobspruche. Der Prinz sagte: "Schonheit geht bey den Kunsten uber alles."
Alsdann musste H i l d e g a r d zum Duett auftreten. Der Furst gab sie fur eine fremde Sangerin aus, und hatte, wahrend der Prinz mit L o c k m a n n e n sprach, sie beredet, es geschehen zu lassen. Sie kannte den Prinzen kaum, und er sie gar nicht. Er sah sie anfangs unter den andern Damen wie versteckt; doch leuchtete das schone Gesicht, bey einer schnellen Wendung, ihm wie bey reiner Nacht ein funkelnder grosser Stern in die Seele.
Sie trug ein grunes Kleid, das lange Haar nachlassig gelockt; edel schritt sie heran, jungfraulich sittsam in Blick und Geberde, und die stolzen Formen des Wunderbaus ihres Korpers erschienen in solcher Erhabenheit, wie er noch nie etwas Weibliches gesehen hatte. M a j o war fast aus seinem Ohre verschwunden, und sein Auge ward der einzige, aber tief herrschende, Sinn seines Wesens.
Man liess ihm nicht Zeit, viel Fragen anzustellen. Als er die ersten Melodien ihrer Stimme vernommen hatte, rief er: "Gott, welch ein Ton!" und bald darauf: "Welcher Vortrag!" und weiter: "Welch ein susser Ausdruck! Das brennt recht von Feuer und Starke." Kurz, M a j o und L o c k m a n n verschwanden, und er horte nur H i l d e g a r d e n allein.
Als sie fertig waren, sagte er geschwind leise dem Fursten: "Die M a r a konnte sie seyn nach der Stimme, durch ganz Europa bewundert; aber nicht an Gestalt und Jugend, und geschmeidigem Ausdruck. Wer ist sie? wie heisst sie? damit ich nicht aus Unwissenheit fehle."
Der Furst sagte: "Sie heisst H i l d e g a r d , und ist eine Deutsche."
Alsdann naherte der Prinz sich ihr mit diesen Worten: "Ich habe grosse beruhmte Sanger und Sangerinnen gehort, aber noch keine Stimme, die so ganz schone reine vollkommne Menschenstimme ware. Nichts von Instrument, weder Flote, noch Hoboe ist darin; durchaus Nachtigall ihrer Art."
Sie verneigte sich, und ausserte in wenig Worten ihre Freude uber den Beyfall eines so hohen Kenners; wobey sie vor seinem Blick errothete.
Furst und Furstin zogen ihn die Zwischenzeit von ihr ab.
Aber was er gehort hatte, war Kleinigkeit gegen die letzte Scene: Eccomi sola a fine, eccomi abbandonata al mio dolore; mit der Arie: Ombre dolenti e pallide, che v'aggirate intorno.
So ein feiner Hofmann er war, so gerieth er doch ausser sich uber den gottlichen Gesang und die himmlische Musik. H i l d e g a r d brachte zu ihrem eignen Vergnugen gegen das Ende einen ihr ganz eigenen Lauf an, den L o c k m a n n selbst noch nicht gehort hatte, und den weder Floten noch Geigen nachmachen konnen; die Tone rollten dabey immer etwas wieder zuruck, aber zugleich doch mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit hinauf; und dann herunter schwebte sie in der Mitte des weiten Umfangs ihrer Stimme auf Einem Tone, wahrhaftig wie ein Falk mit ausgebreiteten Fittichen in der Luft, so dass man nicht wusste, ob sie ganz in die Tiefe, oder wieder vorwarts wollte; doch gegen Erwarten ging es wieder in die Hohe, und es folgte der Schluss mit einem entzuckend netten vollen reinen Triller.
Alle Hande, die nur da waren, klatschten vor Freude. Der alte R e i n h o l d kam dabey von seiner Vorliebe fur die Kastratenstimmen ganzlich zuruck.
Der Prinz sagte zu dem Offizier, seinem Begleiter, unter dem Jubel und Larmen, bey Seite: "Eine stolze Kreatur!" Er fasste gleich den festen Entschluss, das Wunder nach Wien zu bringen; und fragte H i l d e g a r d e n , ob sie sich irgendwo verpflichtet hatte?
H i l d e g a r d blickte dem Fursten zu, dass die Rolle anfinge ihr beschwerlich zu werden. Sie wollte sich, in gewissen Rucksichten, nicht langer verkennen lassen; und der ganze Scherz ward entdeckt.
Das Gesprach war nun auf einmal traulicher, wie zwischen Gleichem und Gleichem; der Prinz sagte die allerangenehmsten Sachen mit Witz, Geschmack und Gefuhl, konnte aber seiner Unzufriedenheit uber die Entdeckung nicht so vollig, wie bey andern Gelegenheiten, Meister werden.
Mit der aussersten Achtung fuhrte er H i l d e g a r d e n selbst zur Tafel; und nahm den Sitz zwischen ihr und seiner Mutter, der Furstin.
Wie es bey plotzlicher Ueberraschung und Freude zu geschehen pflegt, wurde vieles bunt durch einander gesprochen, uber Wien, Paris, London, beruhmte Personen. Auch H i l d e g a r d sagte bey Gelegenheit ihre Meinung, zwar frey, aber bescheiden; und der Prinz merkte, dass er eine Person von geubtem Verstande vor sich hatte.
Der Furst stand bey Zeiten auf, um die Herren von der Reise ausruhen zu lassen; und man ging bald aus einander.
L o c k m a n n hatte den andern Morgen seine Leute zur Probe fur eine Kirchenmusik auf den nachsten Sonntag bestellt, und dazu das Dixit von M a j o gewahlt, weil der Prinz diesen Meister nicht kannte.
Text und Sinn der Worte wussten sie alle; er erklarte ihnen nur kurz die musikalische Behandlung derselben, und sagte:
"Ein himmlischer Genius voll Leben, Geist und Grazie, unter ernsten Kirchenvatern mit Silberbarten. Das neue gewandte Spiel bey dem Canto fermo und dem alten Kirchenstyl hier und da ist ungemein reizend, wie ein Edelstein mit zierlicher prachtiger Einfassung. Es ist eben der Grad getroffen, der auch der Strenge eine susse Heiterkeit abgewinnt; alles Bunte vermieden, und Reinheit, Klarheit durch und durch herrschend. Dieses Dixit hat unter den neuern Kirchensachen einen ganz eignen originellen Charakter, und behauptet einen vorzuglichen Rang."
"Dixit Dominus Domino meo: sede a dextris meis, donec ponam inimicos tuos scabellum pedum tuorum23. Dieses macht ein prachtiges ausgefuhrtes Ganze mit der herrlichen Begleitung."
"Nun kommen Solos."
"Virgam virtutis tuae emittet Dominus ex Sion: dominare in medio inimicorum tuorum. Klar, schon, und voll Einfalt."
"Tecum principium in die virtutis tuae in splendoribus sanctorum: ex utero ante luciferum genui te. Dieses gehort mit der reizenden Begleitung unter die schonsten Bassarien fur Kirchengesang."
"Dominus a dextris tuis confregit in die irae suae reges: ist fast durchaus zweystimmig, so einfach begleitet, um den Ausdruck recht klar zu machen. Es erinnert mich lebhaft an die Gewalt einer himmlischen Stimme in Venedig, die durchaus Solo, vom blossen Orgelbass in der tiefern Oktave der Melodie begleitet, einen Psalm bey, Nacht in der Kirche sang. Was fur einen Larm wurde ein Tonkunstler ohne Erfahrung, ohne Kenntniss dessen was wirkt, auf confregit gemacht haben!"
"Judicabit in nationibus, (Solo, und darauf immer Chorus) implebit ruinas. Mit vortreflicher Begleitung, prachtig und reizend."
"Conquassabit capita in terra multorum, bloss Chorus von Stimmen, in Absatzen von Instrumenten verstarkt, fugirt, von grosser Wirkung im alten Kirchenstyl. Diess macht gewissermaassen den Kern. Horner und Hoboen fallen herrlich ein, und die Harmonie ist klar und leicht bey der Verflechtung der Stimmen."
"Nun wieder Solo. De torrente in vis bibet, propterea exaltabit caput. Eine Leichtigkeit, Musik hinzuzaubern, die schon an und fur sich selbst entzuckt bey so schoner Melodie und Begleitung."
"Das Solo darauf: Gloria patri, gloria filio et spiritui sancto, ist hier und da zu leichtfertig behandelt. Zwey Accorde, A moll und G dur, folgen ganz ohne Verbindung zu grell auf einander. Dieses ist aber auch das einzige Mittelmassige im Ganzen."
"Das Sicut erat in principio et nunc et semper, erhebt sich darauf desto prachtiger in himmlischen Solos und Choren, und schliesst und rundet majestatisch das Ganze mit Wiederholung der Begleitung im Anfang."
"Das Amen ist recht feyerlich mit Windungen der Stimmen auf Orgelpunkten ausgearbeitet. Das Schonste vom Ganzen wird wiederhohlt, das Amen fugirt; ein Chor des Paradieses."
Das Schwere ward einigemal probirt, bis es nach Wunsch gelang; und dann gab L o c k m a n n jedem seine Stimme mit nach Hause.
Des Abends ging er zu H i l d e g a r d e n , um sich mit ihr wegen des, nachsten Konzerts zu besprechen. Sie kamen mit einander uberein, ihm mehr Abwechselung als gewohnlich zu geben. Frau v o n L u p f e n sollte sich auf dem Klavier, und F r a n k auf der Hoboe horen lassen.
Er hatte den Alessandro nelle Indie von M a j o bey sich; sie wahlten daraus nur das gottliche Duett zwischen Poro und der Cleofide: Se mai turbo il tuo riposo, pace mai non abbia il cor24. H i l d e g a r d sagte selbst, dass die Melodie wahrer Engelsgesang sey, besonders durch die halben Tone bey der letzten Stelle.
In der Scene Poro dunque mori, und der Arie dazu: Se il ciel mi divide dal caro mio sposo25, zog H i l d e g a r d P i c c i n i ' s Komposition, die unter ihrer Musik war, fur ihre Stimme vor. L o c k m a n n sagte: "Weder P i c c i n i , noch M a j o , noch T r a e t t a haben Cleofiden so als verliebte Schwarmerin dargestellt, wie sie nach dem Texte seyn sollte; besonders bey den lyrischen Worten: Non vivo, non moro."
Alsdann machte er ihr die gefuhltesten Lobspruche wegen ihres gestrigen Gesangs, die ihr sehr wohl thaten; und wollte wieder anfangen, wo er es hatte lassen mussen. Sie hielt ihn in den gehorigen Schranken, und fragte: "Wie gefallt Ihnen der Prinz?"
"Das ist die Frage nicht," antwortete er; "die Frage ist: wie gefallt er Ihnen?"
"Ausserordentlich!" versetzte sie ihm boshaft; sagte ihm aber nicht, dass der Prinz schon den Morgen, wahrend seiner Probe, bey ihr und ihrer Familie gewesen war. Bis zum traulichen Gesprach uber ihn konnt' er es nicht bringen; und musste so abziehen. Inzwischen war er des Prinzen wegen unbekummert; die andern jungen Herren, die um sie her flatterten, machten ihm mehr Sorge.
Den folgenden Morgen war Fruhstuck in einem anmuthigen Thal voll schoner, unter einander verstreuter Baume: Buchen, Eichen, Linden, Kastanien, Tannen. Die jungen Herren und Damen ritten dahin; der Prinz, H i l d e g a r d und ihr Bruder, der Furst selbst, die Furstin, und Andre folgten in Wagen nach. Man ergotzte sich mit allerley Scherz und Spiel, wozu schon langst an diesem Lustort Vorbereitungen gemacht waren.
Der Prinz lernte bey dieser Gelegenheit H i l d e g a r d e n naher kennen, und fand sie immer reizender; auch den hellen Kopf ihres Bruders voll verdauter Kenntnisse, und dessen edlen freyen Charakter. Der Furst hatte ihm nicht zu viel von dem jungen H o h e n t h a l gesagt.
Abends, und die kuhlere Nacht hindurch, war prachtiger Ball.
Schon spat, als der Furst und die Furstin weg waren, hatte sich L o c k m a n n unter die Musik gestellt, um dem Fest zuzusehen.
Wie ward er gleich bey einem Franzosischen Tanz entzuckt von der seltnen Fertigkeit und Grazie seiner H i l d e g a r d ! Ihre schonen Fusse schwebten und gaukelten hoch empor, und beruhrten kaum den Boden, wie von Stahlfedern in die Hohe geschnellt. Alle Wendungen machte sie mit einer Fulle von Lust, jugendlicher Kraft und Ueppigkeit, dass man nichts Reizenders auf der Welt sehen konnte. Der Prinz und W a l l e r s h e i m , Meister in der Kunst, konnten nicht mit ihr in Vergleichung kommen: sie ubertraf bey weitem Alle; das Hochste schien bey ihr nur leichter Scherz, und sie glanzte, gleich der ersten Person im besten Theaterballet unter gewohnlichen Tanzern, die sich lustig machen. O, wie ihr schones Gesicht gluhte, die Locken herumwallten, die grossen Brillanten in ihren Ohrgehangen und dem reichen Hauptschmuck Strahlen warfen, das Kleid flog, die netten Beine sich zeigten, und Arm und Hand, mit den schonsten Perlen geziert, lustlebendig sich regten und bewegten!
Einige Zeit nach dem Tanze begab sich H i l d e g a r d mit ihrem Tanzer, dem Prinzen, in ein Seitenzimmer, sich zu erfrischen und abzukuhlen. Nicht weit davon winkte dieser mit erhobnen Augenliedern dem Offizier, der ihn begleitete, dass er zuruckbleiben sollte. L o c k m a n n konnte weiter nicht nachsehen.
Sie waren, gegen H i l d e g a r d s Erwarten, den Moment allein. Der Held, von unwiderstehlicher Begier entflammt, umfasste sie an einem Sopha rasch mit dem einen Arm; um weniges war Mund an Mund, den sie gewandt noch wegbog, die linke Hand mit einem frechen geschickten Brautigamsgriff nah am Ziel, und sie im Fallen die Lange lang auf die Breite des Sopha: als sie sich hastig zusammen raffte, alle ihre Starke aufbot, und der kecke Ritter, durch den abgenothigten allerstarksten Schlag ihres rechten Beins und einen Stoss ihres Elbogens auf die Brust, vom Boden glitt, plotzlich rucklings auf den Hintern prallte, den Kopf mit den Handen in der Hohe kaum vor dem Aufschlagen bewahren konnte, und wie ein niedergeworfner Knabe da sass.
Er versuchte vergebens sie beym Kleide zu erhaschen; von edlem jungfraulichen Zorn entbrannt, flog sie weg in den Saal.
Sie erschien noch an der Thur in der schnellsten Bewegung, drehte den Rucken des Offiziers weg, und mengte sich dann wieder schnell unter die andern Personen. L o c k m a n n glaubte, dass sie etwas Nothwendiges entweder vergessen oder zu bestellen habe; bemerkte jedoch, auch in der Ferne, Unwillen und Zorn in den fest geschlossnen Lippen.
Der Offizier machte sich gleichfalls unter die Andern. Einige Minuten hernach trat der Prinz langsam hervor, mit den Worten auf den Lippen: "Die ist noch ganz scheu und wild; eine starke Hexe!" und sah verstort im Gesichte aus, bey einem erzwungnen Lacheln.
Er erblickte sie vorn an der Reihe zu einem Englischen Tanz mit dem Grafen v o n T o r r i n g , dem sie es versprochen hatte. Vor dem, Abendessen, das nur in Gefrornem, kalten Pasteten, Fasanen, Fruchten, andern Erfrischungen, allerley Backwerk und den besten Weinen auf Tischen zerstreut in einem Nebensaale zum Zugreifen bestand, tanzte sie schon eine Menuet mit dem Herrn v o n W o l f s e c k , dessen lange Figur und wuste Gestalt sich komisch genug dabey ausnahm; und alsdann einen Englischen Tanz mit dem Herrn von W a l l e r s h e i m .
Den Letztern mochte sie wohl leiden. Er war ein muntrer Gesellschafter, erzahlte gut, und wagte wenig; T o r r i n g hingegen war trocken, ernsthaft, heftig, aber doch sittsam. Jener nicht reich, aber wohlgebildet und liebenswurdig; dieser, wie schon gesagt, ein Herr von vielen Gutern, nicht so schlank und nicht so sanft, sondern derb und masericht, wahrscheinlich ein eifersuchtiger Ehegatte.
H i l d e g a r d erforschte dieses alles wenig, da sie in mehreren Jahren noch nicht ans Heurathen denken wollte; sie begegnete ihren drey Freyern so hoflich wie moglich, und war gutmuthig genug, den beyden letztern, so bald sie ihre ernsthafte Absichten zu erkennen gaben, bey Gelegenheit mit der sichern Erklarung ihrer Gesinnungen, zuvorzukommen. Aber alle Drey kannten sie nicht genug, um das Wahre darin zu fuhlen; sie hielten die Aeusserung fur gewohnliche Sprodigkeit, zumal bey solchen Vollkommenheiten und Reizen. H i l d e g a r d war nur deshalb gefallig gegen sie, weil sie den Verdacht von ihrem jungen schonen Musikmeister, dem Einzigen nach ihrem Herzen, entfernen wollte; und dieser fuhrte sich auch so klug auf, dass er nicht den geringsten Anlass dazu gab.
Der Prinz hatte schon von seiner Mutter den Antrag des Herrn v o n W o l f s e c k , nebst der abschlagigen Antwort darauf, vernommen; und verwegen vor Leidenschaft den Angriff gethan, alsdann die Heurath mit dem rechten Mann fur sich durchzusetzen.
Mit Anordnung des neuen Tanzes und mit Gesprachen beschaftigt, wurden die Andern nichts gewahr. Graf T o r r i n g , der am ersten etwas hatte bemerken konnen, hatte den Saal auf die kurze Zeit verlassen, und fand, als er wieder herein kam, H i l d e g a r d e n unter den andern Frauenzimmern.
Wahrend sie und T o r r i n g die Reihe durchtanzten, hatte der Prinz sich wieder herbey gemacht, und rief ihnen oft seinen Beyfall zu. Sie tanzte zerstreut und nachlassig, und konnte ihren Blick voll Verachtung nicht immer von ihm wegwenden.
Nach dem Englischen Tanze fing man einen Walzer an, worauf sie sich aber nicht einliess. Sie hohlte ihren Bruder, und beyde gingen zur Mutter. Bald entfernten sie sich unvermerkt, und fuhren nach Hause.
Der Prinz war noch ganz erhitzt von dem obgleich nur augenblicklichen Griff in die zarte Haut der vollen festen kraftigen Schenkel, schon grossere Wollust fur ihn, als er bey nachgiebigern Schonen je empfunden hatte. Er sann auf neue Plane, und warf sich schlaflos in seinem Bette herum bis gegen Morgen. Hildegard hingegen setzte sich vor, mit der aussersten Wachsamkeit gegen die Nachstellungen des Gefahrlichen und Machtigen auf ihrer Hut zu seyn, und war erbittert, dass ihm auch nur so viel hatte gelingen konnen.
Damit ihr Zorn Zeit hatte, zu verrauchen, fuhr der Prinz den nachsten Sonntag sehr fruh nach der Residenz, sich dem Volke zu zeigen. Der Minister hatte dort schon alles veranstaltet, ihn wurdig zu empfangen. Dessen Sohn, Herr v o n W o l f s e c k , begleitete den Prinzen. Unterwegs sprach er von den seltnen Eigenschaften H i l d e g a r d s , doch kalt in Rucksicht seiner selbst, und machte den Verliebten noch verliebter. In ganz Wien, sagte er, das doch wegen reizender Frauenzimmer in Ruf stehe, sey keins, welches nicht von ihr ubertroffen werde. W o l f s e c k glaubte, mit der Prinzessin eine Ausnahme machen zu mussen.
Der Prinz wurde mit Jubel empfangen, und die Menge stromte uberall um ihn.
Nachdem die Vornehmsten, welche gegenwartig waren, sich ihm empfohlen und er manches Neue besichtigt hatte: kehrte er, in Gesellschaft des Ministers, und von mehreren Herren und Damen in andern Wagen begleitet, wieder zuruck, und traf gerad' um die Zeit des Konzerts ein, welches bald darauf anfing.
H i l d e g a r d hatte sich gern davon los gesagt, wenn es schicklich gewesen ware. Sie sang also, nachdem sich F r a n k auf der Hoboe mit vielem Beyfall hatte horen lassen, das himmlische Duett, Se mai turbo il tuo riposo, mit dem jungen Kapellmeister unubertreflich. Nun war die Reihe an dem Minister, ihr seine Lobspruche zu machen; diess that er auch mit Gefuhl, und kusste ihr dabey ehrerbietig die Hand.
Er unterhielt sich angenehm mit ihr in der Zwischenzeit; und der Prinz erzahlte dabey lebhaft und witzig musikalische Anekdoten von Wien, Paris und Turin, und suchte sich unvermerkt wieder einzuschmeicheln.
Alsdann bezauberte sie in der Scene von P i c c i n i ; und Frau v o n L u p f e n machte den Beschluss mit einem neuen meisterhaften Konzert von M o z a r t , und ward wegen ihrer Gewalt uber das Fortepiano, ihrer glanzenden Manieren und ihres reinen Vortrags allgemein bewundert.
Der Prinz betrug sich gegen H i l d e g a r d e n mit der allerstrengsten Sittsamkeit und Wurde; sprach viel mit andern Damen, uberliess sie an der Tafel ganz der Familie v o n W o l f s e c k , Vater und Sohn, Mutter und Tochtern; und wendete sich nur zuweilen bey Gelegenheit an sie, ihr etwas Schmeichelhaftes, das nicht die entfernteste Absicht verrathen konnte, zu sagen.
O, wie freute sie sich, als sie auf ihrem Zimmer wieder allein war! Sie ofnete die Fenster, und schopfte frische Luft. "Ist es billig, dass du von den Menschen so geplagt wirst, da du allen, wie sie sagen, so viel Vergnugen machst?" So seufzte sie bekummert; und Lyra, Schwan und Adler leuchteten bey der stillen Sommernacht vom heitern Himmel ruhrend in die schone Seele. "Aber weder die Herren von W o l f s e c k , noch der Prinz sollen dich dir selbst rauben!"
"Freylich sind wir Blumen," fuhr sie nach einer Pause fort, "die von jedem rauhen Hauch der offentlichen Meinung leiden, und die jeder Gefuhllose brechen will, um sich damit zu schmucken. Ewige Vorsehung, du hast mich zu etwas Edlerem bestimmt! und es giebt tausend Andere, die gut genug und vortreflich zu dem einzigen Zwecke sind, das Geschlecht der W o l f s e c k e fur Stifter und Hofstellen fortzupflanzen."
L o c k m a n n hatte H i l d e g a r d e n die ganze Woche nicht allein gesehen und gesprochen, weil sie immer in Gesellschaft, oder bey der Frau v o n L u p f e n , gewesen war. Er freute sich innig, als er sie den Tag nach dem Konzerte um die gewohnliche Zeit wieder im Musiksaal antraf. "Ich sehe Sie noch mit dem Prinzen tanzen," waren seine ersten Worte; "ein neues Talent, und in welcher Vortreflichkeit! O, wie leuchtete dabey Ihre gottliche Schonheit mit neuen Reizen in Wendungen und Stellungen, in Schritt, und Sprung und Flug hervor! Sie konnen auf dieser Welt keinen Feind haben; alles muss Sie anbeten." Dabey hielt er ihre schonen zarten Hande in den seinigen. Mit holdem Blick und Lacheln horte sie seinem sussen Reden zu, liess sich dann von ihm umarmen, sank selbst an seine Brust, umschlang seinen Nacken, sah ihm still in die Seele, und hauchte dann ein paar geistige Kusse auf seine schonen Augen. Als seine Leidenschaft daruber auffuhr, bandigte sie dieselbe sogleich mit der Zauberformel: "Bleiben nur Sie mein Freund, und schlagen Sie Sich nicht zu meinen Feinden."
Es war in der That ein hohes Gefuhl fur sie, einen so raschen feurigen Jungling im Arm, und dessen Vernunft und Leidenschaft, beyde so reizend, in gleicher Wagschale zu halten! Entzuckende Seelenmusik von Gefuhlen und Ideen, wo die herbsten irdischen Dissonanzen in den heitern Aether der Dreyklange des Verstandes sich auflosen. Es war ihr nicht anders, als ob sie die sussesten und ausdruckvollesten Harmonien aus einer unvergleichlichen Laute lockte, wie sie diess alles so in seinem Gesicht und an seinem Herzen empfand. Ein Freudenschauer uberlief sie dabey, so dass sie ihn noch einmal an sich schloss; dann aber zog sie sich aus seinen Banden und Schlingen.
Sie war im Begriff, ihm Verschiednes anzuvertrauen; doch wurde sie von einer gewissen Furcht zuruckgehalten, die, wie man sehen wird, nicht unbegrundet war.
Er hatte den Demofoonte von M a j o bey sich.
Sie verbat sich aber gleich, im nachsten Konzert zu singen. Er habe, sagte sie, noch trefliche Virtuosen, die sich auch horen lassen mochten; inzwischen wolle sie doch das Schonste mit ihm durchgehen.
"Nach Ihrem Belieben!" erwiederte er; "ich kann etwas neueres Komisches nehmen, das Sie morgen auswahlen sollen, und das jetzt fur die Hoffeste auch besser passt."
Sie setzten sich an das Klavier, und er fuhr ferner fort:
"Der Text des Demofoonte ist ein kunstliches Gewebe, und beruht auf Erkennung, die, wenn man sie einmal weiss, wenig mehr tauscht. Dazu sind Cherint und Creusa ohne Natur hineingeflickt. Doch giebt es darin schone lyrische Stellen. Das Wesentliche besteht in ehelicher Liebe, die getrennt werden soll und bis zur hochsten Leidenschaft anschwillt."
"Die Musik ist eins von M a j o ' s Anfangswerken; doch uberall quillt das Genie in Melodie hervor. Demofoonte war seine erste Oper zu Rom, und machte ihn sogleich beruhmt. Man bewunderte, wegen des Ausdrucks voll jugendlichen Feuers in den schonsten Melodien: Sono in mar, non veggo sponde; und per lei fra l'armi, dove guerriero; besonders aber den Monolog des Timante im dritten Akt: Misero me."
Sie sang sogleich die vorletzte Scene im ersten Akt der Dircea: Padre perdona, oh pene! und fand sie ganz nach den Worten leidenschaftlich und reizend; ward aber entzuckt von dem Klassischen des Timante: La dolce compagna vedersi rapire26; so wohl von der Melodie in der hochsten, edlen Sussigkeit, als von der zartlichen Begleitung.
L o c k m a n n erzahlte dabey, dass S a r t i 1783 zu Rom diese Arie mit wenig Veranderung ganz in seine Komposition aufgenommen, dafur als Autor die grossten Lobspruche eingeerntet, den Raub so bloss fur den Moment waren die Italianer, und so sehr vergassen sie das Alte niemand bemerkt habe, und uberall in Italien La dolce compagna, als das neuste Meisterstuck von S a r t i , den ganzen Fruhling und Sommer nach dem Karneval gesungen worden sey.
H i l d e g a r d verwunderte sich daruber; er machte es ihr aber ganz begreiflich, und fugte hinzu: M a j o hatte seinen Demofoonte, nur etwas uber zwanzig Jahre fruher, in demselben Theater zu Rom aufgefuhrt. Des Jahrs gabe man in Italien ungefahr dreyssig bis vierzig neue Opern, freylich kaum Ein Meisterstuck darunter; und diese wurden wie die andern vergessen.
Er sang dann das ruhrende Misero pargoletto, il tuo destin non sai27 des Timante, wo die zartlichste Vaterliebe auf die einfachste Art voll Empfindung ausgedruckt ist. "Schone Seelenklange!" rief H i l d e g a r d dabey aus.
Und dann sang sie die Arie der Dircea: Ah, tu volgi altrove i rai28, mit der originellen Begleitung, wo die Violine immer ihre besondre untergeordnete Melodie in den angenehmsten Laufen hat.
"J o m e l l i ," fuhr L o c k m a n n fort, "hat kurz vor seinem Tode zu Neapel dieselbe Oper in Musik gesetzt. Es ist ein netter, aber meistens zu gelehrter und kunstlicher Styl, und wenig Natur darin. Doch hat er die Hauptscene, wie gewohnlich, am meisterhaftesten bearbeitet." (Sie war der Oper von M a j o beygelegt.)
"Dircea son io, vado a morire, non ho delitto29, u.s.f. mit erhabner Begleitung. Ihre ganze Anrede ist klassisch; neu, schon und tragisch; auch die Tonart treflich gewahlt: F moll und As dur. Die Arie darauf: Se tutti i mali miei io ti potessi dir, dividerti farei per tenerezza il cor30, gehort unter das Hochste der Musik, und ist allein eine Oper werth: so voll weiblicher Grazie und tragisch zugleich, in Melodie und Begleitung."
"M a j o hat sein Hauptwerk in La dolce compagna gelegt, welches J o m e l l i ich weiss nicht warum ganz weggelassen hat. Jener ist gewiss weit gefalliger, und ubertrift diesen ferner im Misero pargoletto, und allem Uebrigen. Aber J o m e l l i behauptet mit dieser einzigen Scene den Rang in dieser Oper uber ihn; dazu gehort ein Geist von mehr Erhabenheit."
H i l d e g a r d stimmte ungern in diesen Ausspruch; so lieb war ihr M a j o schon geworden.
Den folgenden Morgen wahlten sie mit ihrem Bruder unter mehrern komischen Opern Il Convito31 von C i m a r o s a , als die neueste und angenehmste.
"Es zwingt auch dem Ernsthaften ein Lacheln ab," sagte L o c k m a n n dabey, "wie sich das Element der Musik zu allem bequemt. Es sind Saturnalien, wo sich die Gottliche herunter lasst bis zum gemeinen Volke."
"C i m a r o s a hat ganz den leichten lachenden Genius, der sich dem Grotesken anschmiegt. Es ist eine wahre Erhohlung: viel denken darf man dabey nicht; man uberlasst sich nur, wie in der heissen Zeit einem kuhlen Luftchen, das einen fachelt: ein Zeitvertreib fur Mude und Erschopfte, die nichts aus sich hervorbringen wollen oder konnen."
"Die Finalen in der heutigen Opera buffa sind das beste, wo alle die verschiednen Charakter zusammenkommen, und in Melodie, Harmonie, Ton, Takt und Begleitung durch mancherley ein buntes Ganze machen."
"Das Finale im ersten Akt ist auch das beste darin. Die Arien sind gar zu leicht und leer, wie sie auch seyn sollen; Laune und Grazie kommt hier und da zum Vorschein."
"Sono in mar, non vedo sponde, mi confonde il mio periglio; Parodie, die sich recht fur Saturnalien schickt, aber fur den eigentlichen gefuhlvollen Menschen immer widrig bleibt. Es ist mit viel Geschmack und Geschicklichkeit ausgefuhrt; und man erkennt deutlich die grossere, nach P i c c i n i ausgebildete Fertigkeit."
"Leichtigkeit, und gelaufige Volkssprache, die bey Uebersetzungen in der Musik ziemlich matt wird, bleibt die Haupteigenschaft eines komischen Tonkunstlers. C i m a r o s a hat sie in hohem Grade."
"Im zweyten Akt ist die komisch-ernsthafte Scene, wo die Wittwe Alfonsina sich narrisch stellt, und thut, als ob sie in Elisium ware, um wieder zu ihrem verstorbenen Mann zu kommen, vortreflich; das Recitativ schon; noch schoner die Arie: Cara voce del mio bene, gia ti sento e ti reviso32, mit der Hoboe und Violine Solo, die mit der Stimme konzertiren. Gewiss eine der schonsten des komischen Theaters, voll Grazie und Laune; der Stoff recht schicklich zu Persiflage und reizender Musik. C i m a r o s a hat sie auch mit meisterhafter Fertigkeit ausgefuhrt."
"Das zweyte Finale ist vortreflicher als das erste; ein Meisterstuck in seiner Art, voll Abwechslung und zugleich Einheit in der Begleitung, und voll Buffonerien: Umidetta e tenebrosa sorge gia la notte oscura33."
"Eine reiche, junge und schone Wittwe, die ihre Freyer zum Besten hat, giebt den Stoff zum Ganzen, und wahlt sich einen jungen hubschen Menschen. Zwey machen den verstorbnen Mann nach als Geist, ohne etwas von einander zu wissen, und furchten sich auch vor einander. Das ganze Stuck voll Laune und Lustigkeit gehort unter die besten Opere buffe."
Zur Entschuldigung und zum Lobe C i m a r o s a ' s merkte L o c k m a n n noch an, dass er seine mehrsten Sachen, nach der in Italien eingefuhrten ubeln Gewohnheit, ausserst geschwind habe schreiben mussen, manche Oper binnen vierzehn Tagen, drey Wochen; und dass er einer von den wenigen Meistern sey, die allen moglichen Vortheil aus den Stimmen ihrer Sanger und Sangerinnen zu ziehen wussten.
Den Abend war Spielgesellschaft bey Hofe, wovon H i l d e g a r d schicklich nicht wegbleiben konnte. Es wurde so eingerichtet, dass sie, der Prinz und der Minister zu einer l'Hombrepartie kamen; und das Loos wollte, dass sie dem erstern gegenuber sass.
Diess war ihr hochst unangenehm, liess sich aber nun nicht andern. Sie setzte sich vor, ihm, und beyden, mit blossem kalten Verstande zu begegnen, und sich so viel als moglich nur mit ihrem Spiel zu beschaftigen; besonders da der Prinz es ziemlich hoch vorschlug.
Sie spielten kaum eine halbe Stunde, so war er schon oft Labet geworden, und H i l d e g a r d hatte Gluck. Der Furst kam, eben als sie Karte gab, und bat um einen Augenblick Unterredung mit dem Minister, die aber fast eine Viertelstunde wahrte. H i l d e g a r d und der Prinz blieben nun allein an ihrem Tisch, von den Andern so entfernt, dass man wohl sprechen konnte, ohne verstanden zu werden. Sie wendete sich, um noch Jemanden zur Gesellschaft zu haben, und wollte selbst aufstehen; aber er hielt sie zuruck mit hochst bescheidnen Blicken, und fing gleich an mit diesen Worten:
"Vergebung! fussfallig, wenn Sie allein waren, H i l d e g a r d , nicht anders zu nennen, Einzige! Wer hatte in dem Augenblick so vieler Schonheit, so unendlichen Reizen widerstehen konnen? Ich nicht."
"Einen Wurdigen, einen der an Vollkommenheit Ihnen gleich ware, werden Sie auf Erden schwerlich antreffen; Sie mussen also immer eine ungleiche Heurath machen. Ledig werden Sie doch nicht bleiben wollen? Pfui! dazu sind Sie nicht bestimmt. Ich wusste keinen bessern Mann fur Sie, als W o l f s e c k . Er hat alles, um eine kluge Frau zur glucklichen Despotin uber ihn zu machen, wenn sie nur will; und der Herzensgute wartet auch noch."
"Ach, dass ich schon vermahlt bin! dass wir Europaer so eingeschrankt seyn mussen! Ich wurde alles thun, mich Ihnen gefallig zu machen, zu einer Verbindung auf mein Leben."
Sie sah ihn mit einem hellen zuruckstossenden Blick an, und gab ihm dann kalt zur Antwort: "Man kann nicht mit mehr Verstand sprechen, als Sie, Prinz. Wohl dem Lande, dessen Furst Sie werden, wenn Sie zuvor noch Herr uber Ihre vielleicht nur zuweilen voruberfliegenden Leidenschaften geworden sind! Was die kluge gluckliche Despotin des Herrn v o n W o l f s e c k betrift: so uberlass' ich die Rolle einer Andern, da es mir, nach meiner Art zu empfinden und zu denken, nicht moglich ist, weder so klug noch so glucklich zu werden."
"Dass auch an dem geschliffensten Verstande," erwiederte er, "sich Rostflecken der Erziehung ansetzen, bey denen die beste Lebensphilosophie Noth hat, sie wieder wegzubringen!"
"Wir wollen nicht mit Worten spielen," erwiederte sie darauf, und fuhr fort: "Prinz, Sie haben eine tugendhafte Gemahlin, der Sie Treue schuldig sind. Ueberlassen Sie mich meinem Schicksal. Besondrer Geist, Zeit und Umstande haben uns in gewissen Jahren schon so fest gebildet, dass auch die beste Lebensphilosophie nichts daran zu andern vermag. Was Ihnen Rostflecken zu nennen beliebt, nannten die wurdigsten Manner durch alle Zeitalter: e d l e M e n s c h h e i t ; wenigstens bey unserm Geschlecht."
"Manner! unwurdige Ehemanner!" fing er an zu antworten, als sie schon aufgestanden war, zu ihrer Mutter zu gehen, indess Minister und Furst herbey eilten und um Vergebung baten.
Das Spiel dauerte bis zur Tafel. H i l d e g a r d behielt immer gleiche Gegenwart des Geistes, verlor zuweilen mit Fleiss, und konnte doch nicht umhin, eine starke Summe zu gewinnen, wenn sie nicht das Spiel zur Posse machen wollte. Dann sprach sie mit ihren Freyern voruberschlupfend, und sagte jedem etwas Scherzhaftes. Bey der Tafel war sie ernsthaft und frohlich, wie es das Gesprach mit sich brachte. Inzwischen schien bis jetzt W a l l e r s h e i m einigermaassen begunstigt.
Den Sonntag, Morgens, fuhrte L o c k m a n n das Dixit von M a j o auf, welches verdienten Beyfall erhielt. D a m m s herrliche Bassstimme, und das Solo fur die tiefen Tone, in meisterhafter Melodie, ward besonders bewundert.
Im Konzert ergotzten die Finalen von C i m a r o s a hochlich, und Madam E w a l d glanzte in der schonen Arie der Wittwe Alfonsina. Aber Alle verlangten noch H i l d e g a r d s Zauberkehle zu horen; wozu sie sich jedoch nicht erbitten liess.
Der Prinz bemuhete sich, mit H i l d e g a r d e n allein, wenigstens nur in ein Gesprach, zu kommen; es gluckte ihm aber nicht, weil sie alle Gelegenheiten dazu klug und fein vermied.
Solchen Widerstand hatte er, bey seiner wirklich schonen Gestalt und seinem verfuhrerischen Wesen, noch nicht gefunden. Sein Vorsatz war, auf kurze Zeit nach Spaa zu reisen, mit einem unwichtigen Auftrag fur Brussel. Aus Hofnung, vielleicht noch seine Absicht zu erreichen, gab er jenen auf, und schickte seinen Begleiter ab, diesen auszurichten.
Der Minister, ein erfahrner Weltmann, schatzte H i l d e g a r d e n hoch, wie sie es verdiente, und wunschte sich zwar herzlich eine solche Schwiegertochter, erkannte aber ziemlich unpartheyisch das Unharmonische zwischen ihr und seinem Sohn, bezeigte gar keinen Eifer fur die Verbindung, und reiste wieder ab zu seinen Geschaften.
L o c k m a n n fuhr fort, seinen Tag nicht zu versaumen, und kam zu der gewohnlichen Zeit mit zwey neuen Opern. Er traf gerade den Herrn v o n W a l l e r s h e i m bey H i l d e g a r d e n , mit Mutter und Bruder, im Musiksaal. "Sie kommen eben recht, Herr Kapellmeister," redete H i l d e g a r d ihn, zwar freundlich aber mit einem gewissen gebieterischen Wesen, an; "Herr v o n W a l l e r s h e i m hat die Musik von S t e r z e r zu N o v e r r e ' n s Ballet Les Horaces et les Curiaces aus Wien erhalten, und ist so gutig gewesen, sie mir zu bringen. Sie werden Sich mit uns daruber freuen."
"Gewiss, erwiederte er; ich selbst besitze von dem klassischen Meister fur dieses Fach nur Adele de Ponthieu." Er nahm die Partitur, setzte sich damit aus Klavier, las sie nebst der Beschreibung geschwind durch, und spielte dabey einige Stellen. Indessen unterhielten sich die Andern in den Zimmern vor dem Saal gegen die Strasse zu.
Als L o c k m a n n fertig war, spielte er sie mit einigen Griffen wieder herbey, und fing an uber das Ballet zu reden.
"Ein Ballet, sagte er, ist die Darstellung einer Begebenheit durch Mienen und Geberden, Tanz, und Gruppirungen fur das Auge: gleichsam eine Mahlerey in lebendiger Folge. Man muss also Begebenheiten dazu aussuchen, an denen das Wesentliche und Interessanteste gerade den Sinn des Auges trift."
"Die Musik druckt die Gefuhle dabey aus, und giebt das Maass zu den Bewegungen. Je mehr der Korper dabey handelt, und je weniger die Sprache dabey nothig ist: desto besser die Begebenheit. Grosse Massen; Ferne, wo man glauben kann, dass man die Worte nicht mehr vernehme; Krieg und Streit in Wirklichkeit; Liebesscenen, wo Hand und Arm, Fuss und Auge hauptsachlich im Spiel sind: Landschaften; Sturm und Wetter; alle Jahrszeiten in ihrem Lebendigen; Meer, und Strome und Walder; Ernten, Jagd, Weinlese, Fischfang, Vogelfang, Hochzeiten; Wirthshauser, Lager, Festungen, Seehafen; kurz, Alles, was dem Auge Genuss giebt, wobey unter den Menschen Instrumentenspiel gebraucht wird, bey Festen und Schlachten, ist dazu vortreflich."
"Diese Bemerkungen als richtig vorausgesetzt: so gehort wohl die Begebenheit zu diesem Ballet unter Nummer Eins in der ganzen Geschichte, fur theatralischen Tanz. Sie liegt ganz gediegen da, und N o v e r r e brauchte wenig kunstliche Form hinzu zu bringen."
"Drey junge Manner von beyden Seiten; eine reizende Jungfrau der Preis auf jeder; zwey Volker, die, weit uber diesen Preis, ihre Herrschaft fur bestandig aufs Spiel setzen; zwey Armeen; zwey Konige; die pittoreske Romische Gegend; und, zum recht Dramatischen, die eine Jungfrau Schwester des Siegers, und Geliebte des einen Erlegten: nie war eine Begebenheit von grosserm Interesse."
"S t e r z e r s Musik ist ihm eigen. Er hat wenig Glanzendes in der Melodie, aber ergreifenden Rhythmus, welcher hier das Wesentliche ist, und passende Harmonie."
"Sonderbar ist es, dass er das herrliche Instrument fur den Krieg, die wilde Klarinette, nicht gebraucht hat. Gewiss ein wahrer Mangel. Er braucht meistens Trompeten, Horner, Floten, Hoboen, Fagotten und Pauken, nebst den Geigen."
"Der erste Akt
ist bloss Vorbereitung. Anfangs tritt Kamilla auf, Schwester der Horazier, voll zartlicher Liebe fur den altern der Kuriazier, dem sie eine Scharpe gestickt hat fur den Kampf, und der selbst erscheint. Ihre Lage ist verzweifelt."
"Die Trompeten erschallen; er entfernt sich."
"Die Horazier nehmen darauf von ihr Abschied. Der alte Horazius kommt noch dazu; auch Proculus, und Fulvia, seine Tochter, welche der Preis des Siegers, des altern Horaziers, seyn soll."
"Kamilla fallt zu Ende vom Kampf der Leidenschaften in Ohnmacht."
"Der zweyte Akt
ist das Wesentliche und Vortreflichste vom Ganzen. Das Ballet zeigt sich dabey in seiner hochsten Pracht: Feld, Armeen, Konige, Opfer auf Altaren, feyerlicher Schwur, alles auf den Grenzen von Alba und Rom."
"Kriegerische, heroische Musik. Die Armeen strekken die Waffen, und fallen auf die Knie. Darauf geben die Trompeten das Zeichen zum Angriff."
"Die Luft erschallt von den Streichen."
"Der Kampf ist zweifelhaft, und der Sieg lenkt sich bald auf die eine, bald auf die andre Seite."
"Diess ist alles nach der Geschichte vortreflich ausgefuhrt; die Musik dazu voll Genie, ausserst einfach, meistens im Einklang, von heftigem Rhythmus. Die Geigen machen den Schritt mit dem Bass in Oktaven; die Hoboen zeigen die Streiche an, und, wenn der Kampf recht lebhaft wird, die Trompeten mit den Hornern. Die Trompeten schmettern zuerst mit den Hornern in Oktaven in C moll; dann in C dur."
"Wie der Horazier die zwey letzten erlegt, ist voll Darstellung in der Musik. Beym Schmettern der Trompeten, und dem Donnerhall der Pauken ist das Siegsgeschrey bald auf der einen, bald auf der andern Seite."
"Dritter Akt."
"Der Marsch auf das Kapitol zum Triumph, und Tanz der Ritter dazwischen, vortreflich; die Chaconne mit abwechselnden Scenen ein Meisterstuck; so wie die Ermordung der Kamilla eben dazwischen. Ein grosses herrliches Ganze in der Musik."
"Vierter Akt."
"Das Gefangniss und Fulvia."
"Ein wenig geziert ist es von N o v e r r e ' n , dass Fulvia dem Horaz den Dolch reicht, sie zu erstechen; und dass sie, als er nicht will, in Ohnmacht fallt. Doch schon ist es, wie sie daraus wieder erwacht, und in seinen Geberden den Inhalt der Sentenz liest."
"Funfter Akt."
"Schmaus, Hochzeit und Ball; recht fur ein Ballet, voll reizender Sachen." L o c k m a n n und H o h e n t h a l hatten auf dem Klavier und mit der Geige alles gespielt, was sich davon auf diesen beyden Instrumenten vortragen liess. W a l l e r s h e i m pries die Fertigkeit beyder, besonders aber L o c k m a n n s , in jeder Rucksicht. Sie gingen den zweyten Akt noch einmal durch; und die heroische Erhabenheit ergriff sie gewaltig. Man liess alsdann die Musik, und die Mutter fing das Gesprach an. "Die Ballete gefallen so leicht, sagte sie geruhrt, weil sie jeden in die Feste seines Lebens versetzen; und dann, weil sie, gleich der Mahlerey, eine allgemeine Sprache sind. Ja, sie ubertreffen die Mahlerey noch, weil sie die Natur selbst scheinen." W a l l e r s h e i m fuhr fort: "In der Tanzkunst behaupten die Franzosen den ersten Rang. Sie haben es darin bis zu einer Vollkommenheit gebracht, von der man in andern Landern kaum eine Idee hat. Ich glaube, dass man in Paris die vorzuglichsten Stucke von C o r n e i l l e , R a c i n e und M o l i e r e durch blosse Pantomime auffuhren konnte."
F e y e r a b e n d hatte sich, als er H o h e n t h a l s Geige horte, auch herbey gemacht, und mit grossem Vergnugen das ganze Ballet angehort. Er versetzte: "Man sollte Pantomime und Tanz wohl unterscheiden; es sind zwey verschiedne Kunste."
L o c k m a n n stand ihm bey, und fugte hinzu: "Gewiss sind die Chaconnen und Passecaillen in den tragischen Handlungen oft erzwungen."
H i l d e g a r d trat bescheiden dazwischen, und sagte: "Die Ballete sind wahrscheinlich aus den Maskenballen entstanden. Der eigentliche Tanz blieb bey diesen immer die Hauptsache; nur schlich sich eine vermummte Gesellschaft von acht, zwolf, sechzehn und mehr Personen ein, und stellte eine Begebenheit aus der Mythologie, Geschichte, oder der neuern Fabel dar. Und so ist in den Balleten der Tanz noch immer mehr oder weniger die Hauptsache."
F e y e r a b e n d liess sich nicht unterbrechen, und sprach ferner fort, so wie er angefangen hatte.
"Pantomime begreift allen Ausdruck des Innern, und Mahlerey oder Bezeichnung der aussern Gegenstande durch Miene und Geberde des Gesichts, uberhaupt durch Bewegung des Korpers und seiner Glieder. Sie ist eine Kunst fur das ganze menschliche Leben, und steht zunachst an der Sprache. Ob sie gleich bey den verschiednen Nazionen des Erdbodens manches Willkurliche hat, so behalt sie doch immer mehr Naturliches, als die Sprache, und ist deren getreueste Auslegerin, ohne welche man oft nicht wusste, was und in welchem Grade von Starke jene etwas sagt. Sie bestimmt Rede und Gesang; und giebt beyden das sichtbare Leben."
"Der eigentliche Tanz ist der Ausbruch uppiger Starke, Gesundheit und Freude, die sich nicht mehr verbergen kann, in gemessnen Schritten, Sprungen der Fusse und Beine, Bewegungen der Hande und des ubrigen Korpers, nach den Melodien von Instrumenten, oder Stimmen, oder nach dem blossen Takt einer Handtrommel."
W a l l e r s h e i m erwiederte: "Mich dunkt, Sie schranken den Tanz zu sehr nach den bey uns eingefuhrten gesellschaftlichen Tanzen ein. Warum soll man mit dem Tanze nicht auch etwas nachahmen konnen? Ein Holzhacker, zum Beyspiel, der nach dem Takt einen Baum umhaut, ist schon ein Tanzer; das ist nicht bloss Pantomime."
Es erfolgte eine kurze Stille. L o c k m a n n nahm darauf das Wort, und sagte: "Tanz ist Nachahmung einer Handlung, die man mit dem Korper verrichtet, in gemessner Bewegung, oder in Bewegung, nach dem Takt der Musik; kurz, Mimik nach Musik."
"Der Marsch ist der einfachste unter allen Tanzen."
"Menuet ist gleichsam ein zartlicher Spaziergang zweyer Personen um einander, in gemessnen Schritten; kurzer Inbegrif einer Liebesgeschichte."
"Der Deutsche Tanz ist ein freudiges Walzen auf und ab."
"In den Contretanzen wird beydes von einer Gesellschaft vermischt, und mit Jubelsprungen vermehrt."
"Bey andern Nazionaltanzen geschieht diess gleichfalls, komisch oder ernsthaft, kriegerisch oder demuthig, bittend und schmeichelnd, nach dem Charakter des Volks."
"In den Balleten will man zuweilen Handlungen nachahmen, wo das wenigste durch den Korper, und das meiste mit dem Verstande, durch Beyhulfe der Sprache, verrichtet wird; aber alles, was nicht in musikalische Bewegung gebracht werden kann, taugt wenig fur den Tanz."
"Schritte und Sprunge, mein lieber F e y e r a b e n d , machen jedoch den Tanz nicht allein aus. Wir finden bey den Griechen Beschreibungen von Tanzen, in welchen wollustige Jonierinnen mit einander wetteiferten, wo Fuss und Hand gar nicht wesentlich ins Spiel kamen."
Er sagte das letzte mit einer Wendung zu F e y e r a b e n d e n , dass die Andern es kaum verstanden, und die Mutter, die am entferntesten war, es gar nicht horte.
"Nur muss alles nach dem Takt und nach Noten gehen; diess ist das Wesentliche."
"Der Tonkunstler muss die Arten der Bewegung, und die Leidenschaften sehr wohl kennen, Gefuhl genug in seinem Herzen, und Schwung der Phantasie haben, um dazu vortrefliche Musik voll Rhythmus und Melodie hervorzubringen."
"Unsre Meister hudeln sie oft hin, als das Leichteste; und bilden sich albern genug ein, es sey schon hinlanglich, wenn nur das Metrum beobachtet werde. Allerdings giebt es auch H o r a z e , S a p p h o e n und P i n d a r e fur die Tanzmusik; aber sie sind so selten, wie jene fur die lyrische Poesie."
Die Mutter antwortete: "Was Sie da sagen, gefallt mir ungemein; gewiss sollte der Tonkunstler in Balleten seine Tanzer und Tanzerinnen studiren, wie die Sanger und Sangerinnen in der Oper. N o v e r r e , den ich in Stuttgard oft gesprochen habe, war auch ganz der Meinung, dass Tanzer und Tanzerinnen die Musik, und nicht ihre erlernten Schritte und Sprunge, tanzen sollten."
"Ich war gerade zugegen, als V e s t r i s eine Chaconne tanzte, welche J o m e l l i fur ihn geschrieben hatte. Sie wird noch lange unubertroffen bleiben, so erhaben ist sie in ihrem Rhythmus, und so reizend in ihrer Melodie; mir gleichsam noch ein lebendiges Bild von dem unvergleichlichen Tanzer."
"N o v e r r e war Genie fur seine Kunst, und ist auch der Mann, der sie auf ihren Gipfel gebracht hat. Er hielt die edle Pantomime fur die Seele des Ballets; nicht die Capriolen, acht und zehnfache Entrechats, und kunstliche Schritte. Seinen Tanzern und Tanzerinnen empfahl er nichts so sehr, als sich ihren eignen Empfindungen zu uberlassen, damit sie den wahren Ausdruck trafen; auch verbot er ihnen streng alles Nachaffen. Kein Balletmeister hat je von dem Charakter, den Talenten, den Schonheiten seiner Personen so viel Vortheil zu ziehen, und sie so ins rechte Licht zu stellen gewusst."
"Er war zugleich vortreflicher Dichter und Mahler. In seinen guten Balleten herrscht Einheit der Handlung, schon durch das Ganze vertheilt, an die sich das Interesse hangt. Dadurch entstand, wie von selbst, eine Reihe von Gemahlden in lebendiger Folge, in reizenden Gruppirungen. Er hatte deshalb die Meisterstucke der bildenden Kunste wohl studirt, trieb die Magie der nachtlichen Beleuchtung sehr weit, und schuf sich, zur Vollkommenheit der Tauschung, ein Ideal von Theaterperspektiv."
"Ueberall war er zugegen; bey dem Zeichner der Kleidungen: keine Tanzerin durfte sich nach ihrer blossen Laune kleiden; bey dem Theatermahler: die Hintergrunde mussten zu seinen Drapperien passen, die Figuren darauf in gehoriger Proporzion hervorgehn; bey dem Maschinisten: um die Scenen leicht und schnell zu verandern; (er ruhmte sehr die erstaunliche Einfachheit und Fertigkeit der Englander in der Maschinerie); besonders bey dem Tonkunstler: er selbst schrieb D e l l e r n zuweilen Melodien und Instrumente vor. Der Tonkunstler war sein Hauptmann; mit diesem arbeitete er ganz gemeinschaftlich."
"Es ist eine Lust," sagte L o c k m a n n sehr vergnugt und heiter, "sich mit Personen von so viel Geschmack und Kenntnissen uber solche Gegenstande zu unterreden."
"Die Hauptregel bleibt immer, dass ein Kunstler nichts wagen soll, was er mit seiner Kunst entweder gar nicht, oder gegen andre Kunste nur langweilig und schwerfallig, leisten kann."
"Pantomime allein ist eigentlich fur Personen, die sich der Worte nicht bedienen durfen, aus Furcht von Feinden gehort oder verstanden zu werden; oder die sich der Sprache nicht bedienen konnen, weil die einen Peruanisch und die andern Kastilianisch reden: oder uberhaupt, weil sich das, was sie empfinden, fuhlen, denken und bedurfen, mit Worten entweder gar nicht, oder doch nur schwach, sagen lasst."
"Zwischen solchen wird ein Ballet, ja schon eine
Scene, immer hochst reizend seyn, und alles andre dagegen matt und schwach werden, wenn die Schauspieler es in der Mimik bis zur Vollkommenheit und Grazie gebracht haben."
"P y l a d e s und B a t h y l l , die freygelassnen
Griechen, trieben sie auch in jenen Zeiten, wo es oft gefahrlich war, sich mit Worten auszudrucken, bis zu ihrem weitesten Umfang. Sie gebrauchten wahrscheinlich manche willkurliche Mienen, Geberden, Bewegungen des Korpers, die in Syrakus unter den D i o n y s e n , und in Rom wahrend der burgerlichen Kriege, ihren leicht verstandlichen Sinn erhalten hatten. Ihre Vorstellungen waren unter dem A u g u s t u s ein angenehmer Schatten freyer Gesinnungen. Da die Komodien aufhorten, so ward dieser Zeitvertreib doppelt willkommen."
"Die Romer wurden in dem ersten, zweyten und
dritten Jahrhundert unsrer Zeitrechnung so davon entzuckt und bezaubert, dass jedes andre Schauspiel seinen Reiz fur sie verlor. Und noch jetzt scheinen in dem sudlichen pantomimischen Italien einige willkurliche Zeichen davon ubrig zu seyn."
"Aus Florenz kam in den neuern Zeiten das Ballet
mit den Mediceischen Prinzessinnen nach Frankreich. Q u i n a u l t verwebte es hernach als einen wesentlichen Theil in das Wunderbare seiner Opern. R a m e a u ' s beredte und leidenschaftliche Musik ruckte es, nach N o v e r r e ' n s eignem Gestandniss, seiner Vollkommenheit naher; und der letztre scheint es, mit den ausserordentlichen Kunstlern und Kunstlerinnen D u p r e , den V e s t r i s , D u m o u l i n , L a n y , den Demoisellen L a n y und S a l l e zur hochsten Vollendung gebracht zu haben."
"Aber man kann zweifeln, ob es sich mit den Worten der Poesie in den Opern je zu einem reinen gediegnen Gusse werde bringen lassen, einzelne Scenen ausgenommen."
"In unsern neuern Balleten herrschen die einmal angenommenen bestimmt ausgebildeten Formen von Chaconnen, Passecaillen, und so weiter; und die Pantomime dient diesen nur zur Abwechselung und Veranderung."
W a l l e r s h e i m erwiederte: "Diese Verzierungen oder Ausschmuckungen mogen wohl nothwendig seyn, da Sie die Pantomime fur sich allein so sehr einschranken. Das Kunstgefuhl der Zuschauer, die sich mit Fleiss tauschen lassen wollen, sollte ubrigens gern erganzen, was noch fehlte."
"Der Tanzer will nun einmal Geschicklichkeit haben, sein Inneres durch blosse Mienen, Geberden und Bewegungen des Korpers auszudrucken. Wenn er es treflich kann, so entzuckt er, und reisst zur Bewunderung hin."
H o h e n t h a l fugte noch hinzu: "Gewiss machen die Tanzer manches, was wenig oder gar nichts sagt, und doch zur hochsten Kunst gerechnet wird; ihre Sprunge und schnellen Bewegungen der Fusse und Beine. Dazu passt denn das bloss Kunstliche der Musik von Virtuosen auf Instrumenten vortreflich: Schwarmer, die bloss die hochste Gewandtheit ihrer Krafte zeigen, ohne einen andern Zweck zu haben. Man lachelt daruber, und bewundert, was der Mensch thut, um sich von andern zu unterscheiden und zu gefallen; und was fur eine Menge von Kraften wir zu unserm Spielwerk ubrig haben, ohne sie zu unsern Bedurfnissen zu brauchen."
F e y e r a b e n d beschrieb nun einige Tanze der Griechen nach dem L u c i a n , und der Sammlung des M e u r s i u s . Dann zeigte er, wie treflich bey ihnen auch die Tanzkunst in Staat, Religion, Erziehung und hausliche Gluckseligkeit verwebt war, und wie sie den Korper zu allen Arten von Bewegung bildete; wie armlich wir dagegen mit unsern ewigen Menuetten, Walzern und Contretanzen erscheinen; dass der Tanz bey uns nur eine offentliche Lustbarkeit ist, und nie die geheime Freude, die hochste Sussigkeit des Lebens, in einem vertrauten jugendlichen Zirkel wird; u.s.f.
H o h e n t h a l suchte nun, auf Verlangen der Mutter, die Chaconne von J o m e l l i hervor; und man fuhrte sie zu guter letzt auf. W a l l e r s h e i m hatte gern den Versuch gemacht, seine Fusse, Beine und Arme nach ihr in Bewegung zu setzen; aber er scheute sich vor der grossen Kennerin, die in ihrer Jugend, so wie jetzt ihre Tochter, eine der besten Tanzerinnen gewesen war. Und so gingen sie, als die Dammerung einsank, hochlich erfreut aus einander.
Den folgenden Nachmittag traf L o c k m a n n H i l d e g a r d e n allein auf ihrem Zimmer, und wagte jetzt bey Kuss und Umarmung, was er schon sonst vergebens versucht hatte, schneller und behender und ungestum: dasselbe was der Prinz sich erfrechte. Er war glucklich, jedoch nur wie der Blitz verfliegt. Sie zurnte heftig, schlug ihm aber kein Bein unter, und stiess ihn nicht mit dem Elbogen auf die Brust, sondern drangte ihm nur den verwegenen gierigen Griff mit beyden Handen weg, und fuhr oder zog sich zuruck, so sehr sie konnte. "O Himmel! Engel, Angebetete, einziges Kleinod auf Erden, Unvergleichliche, Unaussprechliche!" So rief er, und fiel, ganz ausser sich und wie von Sinnen, vor ihr nieder.
"L o c k m a n n , kommen Sie zu Sich!" Mit diesen Worten fasste sie ihn an den Schultern, ihn von sich zu stossen, indess er, mit dem Gesicht in ihrem Schooss, ihre Beine fest umschlungen hielt. "Es kommt Jemand, Unsinniger! mein Bruder!" Diese Worte rissen ihn plotzlich in die Hohe; er fuhr mit dem Kopfe zum Fenster hinaus, um die Gluth in seinem Gesicht zu verbergen. Sie zog ihn schnell zuruck, damit ihn niemand sahe; denn die Ankunft des Bruders war nur Erfindung.
"Noch einmal so etwas, L o c k m a n n , und wir sind auf immer geschieden!" sagte sie ihm auf das allerstrengste; aus ihren Blicken aber sprach eine gewisse, nicht ganz so strenge Gluth, welche sie nicht vollig zu unterdrucken vermochte.
"Fort! fort!" sagte sie, nahm ihn beym Arm, nachdem sie einigemal, jedes fur sich, die Kreuz und die Quer auf und ab gegangen waren, und fuhrte ihn an das Klavier zu seinen Opern, die sie den Morgen fur sich schon durchgesehen hatte.
Ihre Blicke auf einander am Klavier? O, wenn es dafur eine Mahlerey gabe!
"Nun, angefangen!" sagte sie voll Zorn. Er stammelte:
"Ifigenia in Tauride di Majo. Ifigenia in Tauride di Jomelli."
"Text von Verazi."
Sie liess ihn auf keine Weise von den auf dem Pulte liegenden Werken weg sehn, indess die Mutter wie ein furchtbarer Damon in den Saal trat. einem tiefern Roth. Die Mutter hatte auf dem Gange zu ihrem Zimmer L o c k m a n n e n an H i l d e g a r d s Fenster bemerkt, und war unruhig geworden uber ihre Sorglosigkeit.
Sie schwieg, und ging mit einem sehr auffallend misstrauischen Blick langsam nach dem Sopha. L o c k m a n n stand auf, und verneigte sich etwas ungeschickt; nahm aber inzwischen doch sein ganzes Bewusstseyn zusammen, und fuhr nun mit Gegenwart des Geistes fort, als ob ihre Ankunft ihn unterbrochen hatte:
"J o m e l l i , der sie zu Neapel im Jahre 1771 nach M a j o schrieb, hat Verschiednes weggelassen und verandert, besonders in der Rolle des Orestes."
H i l d e g a r d horte wenig von dem, was er vorbrachte, und sagte sittsam und zartlich zu ihrer Mutter: "Wir haben eben angefangen, die Iphigenien von M a j o und J o m e l l i durchzugehn."
Die Mutter schwieg noch immer, nahm einen Stuhl, und setzte sich naher.
L o c k m a n n dachte: gesehen hat sie doch nichts! Er fasste Muth, blatterte in der Partitur, und fing von neuem an.
"Es ist unbegreiflich, wie man nach dem Meisterstucke des E u r i p i d e s so etwas Mittelmassiges machen konnte! Der Kaffern-Konig Merodates, und die Tomiris mussen erbarmlich den Knoten auflosen und die Griechen wegbringen. Einige schone Arien und die Situazionen ausgenommen, herrscht in dieser Oper gar nichts von dem Gefuhl, das im E u r i p i d e s so aus der innersten Natur gehohlt ist und uberall entzuckt. Schade, dass zwey der grossten Tonkunstler ihr Genie daran verschwendet haben!"
"Das Wahre der Fabel besteht in Folgendem: Orestes muss, dem Verhangnisse der Gotter zufolge, nach manchen Trubsalen noch die Todesangst wegen des Muttermordes ausstehen; seine jungste herrliche Schwester und sein himmlischer Freund retten ihn endlich, und machen ihn wieder glucklich. Das Ganze wird durch Religion reizend verschleyert und verziert."
"Der Opernmacher V e r a z i hat gar keine Ahndung davon gehabt. Kindisch verandert er die Fabel und lasst den Orestes wider Willen seine Mutter Klytamnestra ermorden, weil sie unversehens dazwischen lauft, als er den Aigisth ersticht."
"Aber die Musik selbst? Es ist ein wahrer Ohrenund Seelenschmaus, den alten grossen J o m e l l i am Ende seiner Laufbahn den Zauber des himmlischen Genius M a j o bekampfen zu sehen! Wahrscheinlich wahlte er V e r a z i ' s im Grunde armselige Oper desswegen, weil er sich mit diesem bewunderten Jungling messen wollte. Neapel hat gewissermaassen zum Vortheil des letztern entschieden, und der Alte, wie man sagt, sich daruber zu Tode gegramt. Heftige Eifersucht war ja immer bey grossen Talenten. Zeit und Umstande konnen auf das Urtheil Einfluss gehabt haben; die Nachwelt soll unpartheyisch richten."
"Ich selbst kann nicht umhin, so sehr ich auch J o m e l l i ' n bewundre, M a j o ' n , was diese Oper betrift, meine Stimme zu geben; ob ich gleich bekennen muss, dass J o m e l l i das Wesentliche des Stucks richtiger gefasst, und ohne Vergleich vortreflicher dargestellt hat. Das Wesentliche ist ohne Zweifel das Leiden und die Raserey des Orestes uber den Muttermord. J o m e l l i hat eben hier den Text verandert und Neues hinzu gefugt. Seine Musik hat den eigentlichen Charakter, den der edle Orest haben soll; sie ist voll des tiefsten Gefuhls und der hochsten Schonheit. Man kann nichts Gottlicheres horen, als die vierte Scene des ersten Akts: Per pieta, deh nascondimi almeno di quel seno l'acerba ferita! deh per pieta! non mi dir, che ti tolse la vita, quel ingrato chi l'ebbe da te34."
"Diess hat M a j o gar nicht; und im Folgenden: Grazie ai Numi! parti; auch in der Arie: Tardi rimorsi atroci, besonders bey Odo il suon delle querule voci, wird er himmelweit ubertroffen. M a j o hat hier den Charakter des Orestes verfehlt; Pomp giebt er, und prachtige Musik, aber wenig treffendes Gefuhl."
"Und so ganz im edlen Charakter voll tiefen Gefuhls nimmt Orestes bey J o m e l l i in der Arie der achten Scene des zweyten Akts vom Pylades Abschied: Prendi l'estremo addio, non mi lasciar cosi! Ah quante volte, oh Dio, misero in questo di morir degg'io35!"
"M a j o hat diese Arie wieder nicht; sie ist unendlich mehr werth, als bey ihm die Trennung in der zehnten Scene des ersten Akts im begleiteten Recitativ nebst dem Duett; welches J o m e l l i mit gutem Verstande weggelassen hat. Die Poesie ist Empfindeley, und wird, auch noch so schon declamirt und gesungen, im Largo der Musik unertraglicher."
"Diess ist aber auch das Beste im J o m e l l i . M a j o vergutet und uberwiegt es mit andern unnachahmlichen Schonheiten."
"So wie M a j o den Charakter des Orestes verfehlt hat, so J o m e l l i den Charakter der Iphigenia, dem es bey ihm noch uberdiess an Einheit mangelt, und der fur jede Scene besonders gemacht ist."
"Die Scene, worin J o m e l l i hauptsachlich mit dem Jungling wetteifert, ist die neunte oder letzte des ersten Akts, wo der Dichter den Schmerz der Iphigenia, nachdem ihr Orestes, noch unbekannt, gesagt hat, dass er der Morder der Klytamnestra sey und zugleich ihre Begierde, den Mord zu rachen, so ubertrieben schildert."
"Diese Scene gehort unter das Vortreflichste, was M a j o im Ausdruck tragischer und schmerzlicher Gefuhle geliefert hat; sie zeigt, wie viel Italien und die Musik an diesem jungen Manne fur die Zukunft verloren. Der Charakter der Iphigenia ist so rein, so voll Gefuhl und Unschuld in Melodie und Harmonie, und dabey so voll neuer und hoher Schonheit, dass sie entzucken wird, so lange Musik dauert. Man merkt dabey sogar das Uebertriebne des Dichters nicht mehr, und denkt nur an die Situazion."
"Das Recitativ Chi resister potria, ist auch bey J o m e l l i vortreflich; aber ohne Vergleich grosser, naturlicher und schoner bey M a j o . Der Text selbst verdient hier Lob. Im Majo ist diese Scene die achte des zweyten Aufzugs."
"Doch ist bey J o m e l l i schon etwas Kleinliches, Empfindendes in der Begleitung zu der Stelle: Sospendi, o madre, i rimproveri tuoi, le tue querele. Wie schon bittet sie dagegen bey M a j o ! J o m e l l i liebt zuweilen die Mahlerey einzelner Stellen und Worte; diese zerstort aber meistens den Ausdruck des Ganzen, und fallt ins Kleinliche. Das dolente, sbigottita, pallida, lacera, insanguinata haben beyde vortreflich ausgedruckt; doch M a j o naturlicher, schoner, und mit mehr Mannigfaltigkeit."
"Zu Anfange der Arie: Ombra cara, che intorno t'aggiri, frena il pianto, sospendi i lamenti36, hat M a j o ' s Iphigenia den wahren Ausdruck einer bis zur Schwarmerey tief geruhrten und ergriffnen Seele; die Tone der Melodie sind eigentlicher Accent Griechischer Grazie."
"J o m e l l i ' s vier lange Takte auf O mbra, und zwey auf ca ra, die ersten durchaus in demselben Tone, sind ubertrieben, bloss theatralisch, und ausser der Natur: sie dienen nur dazu, dass eine schone starke Kehle und Brust sich hervorthun kann; und so ist die Mahlerey auf dem intorno hier gewiss kleinlich, und fast eben so kleinlich der Ausdruck auf sospiri und flebili accenti. In der Mitte lasst J o m e l l i das Wort Ombra, gar acht Takte lang auf zwey Tonen halten. Del tuo scempio hat er nicht sehr glucklich im drey Achteltakt gesetzt. M a j o geht viel vortreflicher in der Einheit der Empfindung, wie in einem Strome, fort; und was Schonheit und Neuheit der Musik betrift, so findet gar keine Vergleichung statt: J o m e l l i ist gegen ihn mager und armselig."
"M a j o bleibt diesem Charakter der Iphigenia immer treu. Welche schone Scene, wo Iphigenia sich mit dem Thoas vermahlen und hernach umbringen will, wenn Orestes dadurch fortgekommen ist! Accresca pietoso al viver tuo quei giorni il cielo, ch' a me scema il rigor d'averso fato! und welche bezaubernde Arie: Se il labbro si lagna, mi basta se dice, per me l'infelice la vita perde! J o m e l l i hat dafur zu Ende des zweyten Akts eine lange Scene mit einem Duett angebracht, worin die augenblickliche Empfindung sehr langweilig bis zum Unsinn aus einander gedehnt ist."
"In der funften Scene des zweyten Akts hat J o m e l l i der Iphigenia eine Arie in den Mund gelegt, die im Charakter der Mamsel A r n o u l d zu Paris ware: so witzig und sinnreich ist Melodie und Begleitung; ein Meisterstuck. Aber wie kann dieselbe Person kurz vorher O mbra acht Takte lang halten? Die Arie ist: Ah non voler ch'io sueti, quel che mi piace ascondere."
"Uebertroffen wird J o m e l l i von M a j o , wie etwas Unbedeutendes von einem grossen Meisterstukke heroischen Jubels, in der Arie, die Orestes singt, nachdem er alle Gefahr uberstanden hat: Torno la mia speranza nel seno a germogliar, vinto ha la mia constanza, io corro a trionfar37! Mit einem so naturlich schonen Produkt und Gewachs lasst sich etwas bloss von der Kunst Zusammengereihtes gar nicht vergleichen."
"Eben so vortreflich ist noch die letzte Scene des Ganzen, wo die Begleitung die Seele furchtbar lieblich umflicht, ganz eigen in M a j o ' s Styl."
"J o m e l l i hat noch einige kunstreiche schone Nebenarten; M a j o auch manches andere Schone, als gleich die erste Arie der Iphigenia: De tuoi mali esultarei; wo J o m e l l i ihm schon nicht gleich kommt, und bey esultarei in kleinliche Mahlerey verfallt, so wie die Laufe auf crudelta nichts bedeuten. M a j o macht, durch Veranderung des Takts, und sehr glucklich durch Einmischung des Recitativs, das Ganze mannigfaltig."
"Nach der strengsten Kritik kann man J o m e l l i ' n , was das Ganze betrift, nur bey Einer Hauptscene mehr Verstand zuschreiben. Uebrigens ist M a j o ' s Komposizion weit reicher an naturlichen Schonheiten; und es gehort eben so viel Genie dazu, die Leiden der Iphigenia in Musik darzustellen, als die Qualen des Orest. Wenn die Rede von der Poesie ware: so mocht' es streitiger seyn, wem der Preis gebuhre."
H i l d e g a r d wahlte sich fur das Konzert gleich M a j o ' s Scene: Chi resister potria, die sie mit den Hornern und mit voller Musik horen wollte.
L o c k m a n n , als Orestes, wahlte sich die Scene von J o m e l l i : Per pieta, deh nascondimi almeno di quel seno l'acerba ferita! und die Jubelarie: Torno la mia speranza, von M a j o .
H i l d e g a r d wollte ihren Bruder rufen; L o c k m a n n ging aber geschwind noch die besten Scenen aus einer Ifigenia in Tauride von T r a e t t a durch, welche er, ausser denen von J o m e l l i und M a j o , mitgebracht hatte. Er sagte dabey: "Die Poesie der ganzen Oper ist ebenfalls mittelmassig, obgleich von C o l t e l l i n i ; die interessanten Situazionen im E u r i p i d e s sind ausgelassen: weder Freundschaft, noch Erkennung, noch Gefahr ruhrend geschildert. Pylades erzahlt, als es zum Tode gehen soll, ganz kalt, wer sie sind; und Iphigenia ersticht den Tyrannen, der sie dennoch morden will."
"Zwey Scenen, beyde im zweyten Akt, sind unstreitig das Beste vom Ganzen. Die erste stellt Iphigeniens Situazion auch in der Poesie vortreflich dar; sie fangt an: Ah, qual s'apre al mio cor tragica scena di spavento e d'orror; und wird von Hornern, Floten und Fagotten meisterhaft begleitet. Die Arie:
Che mai risolvere! che far poss'io!
mi struggo in lacrime, morir desio,
ne basta a uccidermi il mio dolor38;
ist erhaben und klassisch; vortrefliche Musik durchaus, und zugleich edler Ausdruck. T r a e t t a ist der Vater dieser Art Bravourarien, in denen eine schone Stimme sich mit aller Pracht hervorthun kann, und die der Schmuck des Ganzen sind."
"Die Quart ist bey der Frage auf: risolvere? in ihrem allereigentlichsten Ausdruck, Ungewissheit, gebraucht, und ergreift Ohr und Herz in der hochsten ursprunglichen Schonheit. Wie schwebt die Stimme hernach auf che far, che far poss'io hinunter!"
"Das wirklich Pathetische der Oper besteht in der vierten Scene dieses Akts, wo die Furien den schlafenden Orestes bestreichen."
"Ihr Gesang und Chor ist schone Musik, vortrefliche Melodie, von Hornern und Hoboen begleitet. Es scheint, als ob T r a e t t a mit L e s s i n g geglaubt hatte, die Furien waren von den Griechen schon vorgestellt worden; seine Musik gleicht wirklich dem reizend furchtbaren Medusenkopf im Pallast Rondanini zu Rom."
"Crude Larve! wird vom Orestes im Schlafe vortreflich ausgedruckt. Eben so das Vendetta der Furien. Der Fall aus dem Es und B dur des letzten Chors in D dur bey Nere figlie del Erebo, thut gewaltige Wirkung, und druckt recht die Starke der Gerechtigkeit aus."
"Gewiss ist Strafe von Adel und Schonheit furchtbarer, als von Wuth."
H i l d e g a r d hohlte nun ihren Bruder. Die Mutter hatte sich, da L o c k m a n n die Hauptstellen so treffend bezaubernd vortrug, und so viel Gegenwart des Geistes zeigte, ziemlich wieder beruhigt.
Sie wiederholten das Schone. Auch H o h e n t h a l weidete sich an den neuen Schatzen, und begleitete seine Schwester bey der herrlichen Scene von M a j o wie ein Meister. Man sprach noch, als es schon anfing dunkel zu werden, uber den Charakter der drey grossen Kunstler der neuern Zeit in Italien. L o c k m a n n beschloss: "Wenn T r a e t t a es trift, so ist er der wahrste, und gleicht dem T i z i a n in seinem Kolorit. Schade nur, dass diess selten geschieht, und er eine solche Menge Chocolatenarien gemacht hat!"
Der Prinz wusste nicht mehr, wie er angreifen sollte; H i l d e g a r d liess sich nie anders sehen und von ihm sprechen, als in Gesellschaft. Er und der Graf von T o r r i n g waren eifersuchtig auf den Herrn v o n W a l l e r s h e i m , mit dem sie doch nur scherzte, sich auf nichts Ernsthaftes einliess, und den sie nur aufstellte, um den Verdacht wegen L o c k m a n n s zu entfernen. W o l f s e c k , der wenig mehr in Betrachtung kam, war wohl auch eifersuchtig auf den H e r r n v o n W a l l e r s h e i m ; aber sein eigentlicher Grimm ging, wie anfangs, noch immer auf L o c k m a n n e n , doch nur aus Instinkt, und ohne dass er etwas wusste. W a l l e r s h e i m fing an zu wittern, und merkte an dem leeren Gehalt etwas von der Rolle, die er gern oder ungern spielte; wusste aber auch nichts, als was jedermann sah und horte, welches nicht den entferntesten anstandigen Grund geben konnte. Die gewohnliche Eitelkeit auch nur zum Schein einigermaassen begunstigter Liebhaber machte, dass er kaum eine Sylbe davon bey sich selbst beruhrte. Seine Leidenschaft war ausserdem bey weitem nicht so stark als die Leidenschaft des Prinzen und des Grafen. Der Prinz, der Feinste unter allen, verbarg die seinige mit ausserordentlicher Klugheit. Nicht so der Graf, welcher den Herrn von W a l l e r s h e i m wegen seiner Gaukeleyen um die Damen, die gewohnlich nur Zeitvertreib zur Triebfeder hatten, schon bitter anzapfte, und ihn aus unwillkurlicher Besorgniss scheel ansah.
Die vortreflichen Scenen von M a j o und J o m e l l i wurden im Konzert mit neuer Bewunderung gehort. W a l l e r s h e i m stellte sich recht in seiner angenehmen Gestalt vor die unvergleichliche Iphigenia hin, und fing jeden Laut von ihr mit Entzucken auf. Graf v o n T o r r i n g und W o l f s e c k horten von verschiedenen Seiten zu; aber die Eifersucht im Herzen, und zu wenig Kenntniss, besonders bey dem letztern, gestatteten ihnen keinen rechten Genuss. Der Prinz blieb als Kenner in gehoriger Ferne; er hatte sich mit der Frau v o n H o h e n t h a l und dem Fursten den besten Punkt erwahlt, und sprach hernach auch am besten unter Allen uber Musik und Vortrag.
Er meinte, auch der starkste Ausdruck lasse sich mit der hochsten Schonheit der Melodie und Harmonie vereinigen, wie hier die zwey Neapolitaner zeigten; und die Musik wirke so weit mehr, als wenn man sie zum Schrey der Natur, oder zur bloss erhohten Declamazion der Worte, herunter setzen wolle. Die Worte, wiederhohlt und mit neuen Wendungen und Gefuhlen in Melodie und Harmonie, nach der von V i n c i an bis zur Vollkommenheit ausgebildeten Form, drangen um so viel starker ein. G l u c k sey zu streng auf einmal zuruckgegangen. Seine lyrischen Schauspiele machten eine eigne Gattung zwischen Tragodie und Oper; diese Gattung konne nur von wahrem Genie sowohl des Dichters als des Tonkunstlers bearbeitet werden, und das Mittelmassige sey darin unertraglich. Die Kunst musse sich auch nach den Bedurfnissen der Menschen richten. Man gehe nicht immer in die Schauspielhauser, um Tumult und Aufruhr im Innern zu werden; das Ohr, dieser gottliche Sinn, verlange auch etwas zu seinem besondern Vergnugen. G l u c k selbst habe in seiner Iphigenia in Tauris auch schon sehr viel nachgegeben.
"Keine himmlischere Wonne verlangt mein Herz und Ohr, gnadiges Fraulein, als Sie die Rolle dieser Iphigenia zum Entzucken und Erstaunen, selbst der Pariser, in jener Menschenwelt, unter der vollen, von dem Meister selbst geubten Gewalt der Begleitung, spielen zu sehen."
Diese Apostrophe fasste sie recht, und durchfuhr ihr Innres. Wenn er etwas hatte ausrichten konnen, so war' es auf diese Weise gewesen; doch sagte er diess nicht aus Absicht.
Sie blickte ihn darauf minder streng als vorher an, und antwortete gefallig: "Prinz, Sie denken zu hoch Der Prinz baute gleich sehr viel auf diese gunstigen L o c k m a n n aber fing an besorgt zu werden bey Vom Herrn v o n W o l f s e c k befurchtete er d e n oder andern Bekannten ging, seinen Degen immer bey sich.
Er setzte sich vor, alles zu wagen und das Aeusserste zu thun, damit sie ihm nicht entrissen wurde. Den Tag darauf nahm er die besten Scenen der vortreflichsten Oper mit sich, die er in Italien hatte auffuhren horen; traf aber bey H i l d e g a r d e n auf dem Musiksaal schon die Mutter, welche sich auch vorgesetzt hatte, die beyden gefahrlichen jungen Leute weniger aus den Augen zu lassen.
H i l d e g a r d war eben beschaftigt, alles zusammen zu suchen, was sie von G l u c k besass, und bat L o c k m a n n e n , dessen wichtigste Werke mit ihr durchzugehn.
Sie fingen gleich an mit
Orfeo ed Euridice.
"Diess, sagte L o c k m a n n , ist der erste Versuch des grossen Deutschen Kunstlers, die neue Revoluzion in der Musik zu bewirken. Er wagte ihn zu Wien im Jahre 1764, in einem Alter von acht und vierzig Jahren, nach mancherley auf den Theatern von Italien, London und Deutschland gemachten Erfahrungen von dem, was eigentlich dauernde Wirkung hervorbringt. C a l s a b i g i , ein guter Italianischer Dichter, ward leicht von seinen Grunden eingenommen, und liess entwarf unter seinem Rath und Beystand das Gedicht, und beyde arbeiteten dann mit einander gemeinschaftlich."
"Die Italianische Oper war bey dem ausschweifenden Luxus einzelner Sanger und Sangerinnen im Ganzen meistens doch nur ein armseliges Wesen, und glich so ziemlich dem neuern Romischen Staate, worin nur wenige papstliche Familien reich sind; passte so auch gut fur Rom und das ubrige Italien. Es lasst sich nicht laugnen, dass drey Akte lang weiter nichts als trocknes Recitativ und Arien nach einander, mogen einige auch noch so schon seyn, Zuhorern von Kopf und Herzen, welche in den Logen nicht die meiste Zeit spielen, Gefrornes essen und Chocolate trinken, endlich langweilig werden mussen. Auch ward man schon vorher gezwungen, durch oftere und starkere Begleitung bey Recitativen, und durch Ballete in den Zwischenakten, dem Schauspiel Abwechselung zu geben."
"Noch weit republikanischer wollt' es G l u c k machen: die F a r i n e l l i , die C a f f a r e l l i , die G a b r i e l i , die T o d i sollten nicht mehr Pracht und Reichthum zeigen, als ihr Text verdiente; das Volk der Sanger nicht allein auch etwas bedeuten, sondern die grosse Masse der Harmonie in Choren behaupten; und die ubrige Natur der Instrumente mit allen Schatzen des Luftreichs immer der menschlichen Stimme, dieser Despotin der musikalischen Schopfung, gehorig zu Gebote stehen."
"Die Fabel des Orfeo ist zwar ein reicher, aber kein tragischer und theatralischer Stoff. Das Ganze lasst sich dem Sinn des Auges nicht wohl darstellen: es ist mehr episch, oder fur die Phantasie, und die Katastrophe beruht auf der Zerstreuung eines Poeten und Verliebten. Vielleicht ware es treflich fur eine ruhrende komische Operette, wie ein Geistlicher im Schwabenlande den Apfelbiss unsrer ersten Eltern behandelt hat. Aber es scheint, dass Orpheus, wie bey den Griechen, auch bey den neuern Nazionen in der Kunst voran gehen solle: P o l i z i a n fing mit ihm das neuere Schauspiel an; und R i n u c c i n i hundert Jahr nachher die Oper."
"Das Wesentliche der Fabel ist Liebe, Gewalt der Musik, selbst uber die Gotter des Tartarus, und doch Schwachheit der menschlichen Natur am Ende."
"C a l s a b i g i hat den Stoff einzeln gut behandelt, und nur in der Anlage, wenn man will, gefehlt. Da er tragisch seyn sollte, so durfte das Ganze nicht, gegen die Fabel selbst, glucklich ausgehn, und Orpheus die Euridice doch noch bekommen. Der Dichter richtete sich aber nach der neuern verzartelten Natur, besonders der Italianer, die nichts Tragisches mehr vertragen kann. Das Ganze rundet sich desswegen auch nicht, zerfallt in vier Akte, und wird gleichsam vierekkig."
"Der erste Akt ist Leichenfeyer; und Erscheinung Amors, als Beystand. Der z w e y t e , Kampf und Sieg uber die Unterwelt. Der d r i t t e , Erliegung der Menschheit, und Verlust. Der v i e r t e , Geschenk und Gnade."
"G l u c k ist in seiner neuern Musik wirklich Originalgenie; er arbeitet bestandig auf den Ausdruck, und sein Zweck dabey ist tiefe Wirkung des Ganzen. Als Mann von Verstand, Gefuhl und grosser Kunstkenntniss erreicht er diesen Zweck auch in seinen besten Werken."
"Allein diess ist noch nicht genug. Vollkommne Kunst besteht in Darstellung nicht der Natur uberhaupt, oder dieser und jener Art von Natur, sondern der gebildeten Natur in ihrer Starke und Fulle, der hohen, schonen, der edelsten und schonsten Natur. Kein Drama, kein Gemahlde, keine Bildsaule, wenn sie nicht blosses Portrat seyn soll, kann in die erste Klasse gesetzt werden, falls sie nicht auch vortreflicher Ausdruck, vortrefliche Darstellung der ersten Klasse von Menschen ist."
"Nach dieser Regel, die zu allen Zeiten wahr bleibt, kommt G l u c k , was hohe Schonheit betrift, den grossen Neapolitanischen Meistern, L e o , J o m e l l i , T r a e t t a , M a j o selten gleich, wenn man ihr Vortrefliches mit dem seinigen in Vergleichung stellt. Dabey aber behauptet er doch, was tiefen Eindruck des Ganzen betrift, mit den hochsten Rang unter den ersten dramatischen Tonkunstlern."
"Seine gute Musik (denn auch unter seinen neuern Werken nach dem Orfeo sind mittelmassige und ganz unertraglich leere Sachen, als zum Beyspiel seine Belagerung von Cythere) ist kernig, und ersturmt oft mit der grossten Tonfulle der Chore und Instrumente die Herzen der Zuhorer. Seine besten einzelnen Arien sind acht Deutsch in Melodie und Harmonie: so etwas Herzliches, Gutes und Gefuhlvolles, ein so rechtschaffner Adel, eine so reizende Wurde von Keuschheit und Mannlichkeit, spricht in ihren Accenten."
"E r s t e r A k t ."
"Der Chor ist voll Gefuhl, in dem einfachsten Ausdruck der Trauer; der doppelte Ausruf und Seufzer des Orpheus: E u r i d i c e ! dazwischen, naturlich und hochst ruhrend. Die Klarinetten und Posaunen passen vortreflich fur die Leichenfeyer, und verstarken beym Gesange durch ein Paar Nachhalle den Ausdruck unvergleichlich. Die verkleinerte Septime und die kleine Septime auf dem verminderten Dreyklang in ihren Umkehrungen machen den Reiz der Harmonie aus." "Orpheus Verlangen allein zu seyn, der Tanz um das Grabmal, die verstarkte Wiederhohlung des Chors, ein wenig lebhafter abgewechselt, und dessen Abzug, machen einen sehr einnehmenden Anfang, und sind das Beste dieses Akts."
"Die erste Arie des Orpheus scheint zu leicht an Gehalt, hat aber eben dadurch etwas Gutes und Herzliches, welches die Schalmey im Einklang, und die Flote in der Oktave mit dem Gesang, der Unschuld der ersten Zeiten naher bringt. Dass doppelte Orchester, bey der zweyten Wiederhohlung mit Englischen Hornern und Fagotten verstarkt, und die begleiteten Recitative dazwischen, machen die Scene sinnlich und tauschend."
"Das Recitativ darauf Numi d'Acheronte, wo der Vorsatz ausgedruckt wird, in den Orkus hinab zu steigen, gewinnt durch die Begleitung viel an Pathos."
"Amor, welcher dem Orpheus zum Trost erscheint, und den Willen des Zevs dabey bekannt macht, hatte im Recitativ: t'assiste Amore gleich froher sprechen und das Thranengewolk der verkleinerten Septimen mit himmlischem Licht erhellen konnen."
"Doch ist die folgende Arie heitrer, im Charakter eines gutherzigen Knaben, und Gluckische Melodie, die der Meister ofter gebraucht hat."
"Der erste Akt schliesst sich mit dem feuervollen Recitativ des Orpheus, worin er sich selbst reizt, das Abentheuer zu bestehen."
"Z w e y t e r A k t :
Triumph der Musik."
"Die Annaherung des Sangers zu den Pforten des Tartarus, voll Leidenschaft und zugleich schuchtern, kurz und sinnlich dargestellt; sein Vorspiel auf der Harfe besteht in wenig einfachen Griffen, und der Chor der Furien fallt dann sogleich ein."
"Dieser ist, wie Musik der Griechen, in lauter Oktaven, zuweilen dreyfachen, und vortreflich declamirt. Es wird recht fuhlbar, dass die Oktave die vollkommenste Konsonanz ist. Das kurze Instrumentenspiel zum Tanze dazwischen thut als Abwechselung gute Wirkung, und die Geigen, am Ende des Chors, drukken in der Begleitung das Bellen des Cerberus naiv aus."
"Das Cantabile: deh, placatevi con me! von der Harfe begleitet, ist gewiss hochst ruhrend; und das harte No der Furien macht einen furchtbaren Kontrast damit. Das deh placatevi! bey der Wiederhohlung im zweyten Abschnitt, mit dem halben Ton in der Melodie, der in der Harmonie zur ubermassigen Sekunde wird, und einen Anstrich von der beklommenen verkleinerten Terz bekommt, ist ein Meisterzug; die Furien antworten eben darin noch greller das bewunderte No. Die verkleinerte Septime hat ihren Ausdruck hier in der hochsten Starke. Eine susse tonvolle Stimme kann in dieser Scene bezaubern."
"Der gemilderte Chor darauf: Misero giovine, in der einfachsten Harmonie, mit blossen Oktaven vermischt, setzt die Handlung vortreflich fort; so das Cantabile, wieder mit der Harfe: Mille pene, ombre moleste, immer tiefer eindringend; und der Chor eben so, mehr besanftigt, in Ah quale incognito affetto. Das men tiranne ah voi sareste, besturmt noch mehr mit lebhafterer Begleitung und susser, in halbe Tone verschmolzner Melodie. Lauter Dialog zwischen Orpheus und dem Chor in kurzen Absatzen, bis der letztre nach einem Orgelpunkt voll Ausdruck mit dem: al vincitor, verschwindet."
"Diese Musik hat wirklich das, was sich nur von der vortreflichsten sagen lasst; man vernimmt namlich bloss den Sinn der Worte, und wird getauscht, in die Scene hingezaubert, ohne dass man die Musik, die es bewirkt, selbst merkt: so nackend und rein ist die Darstellung."
"Nun dringt der Sanger frey in Elisium. Das lange Recitativ, worin er seine Empfindung von sich athmet, macht durch die heitre und zugleich ruhrende Begleitung einen entzuckenden Kontrast mit dem Vorigen. Die Harmonie, obgleich in aller Fulle von Hoboen, Floten, Hornern, Fagotten, ist doch sehr einfach, und die Declamazion darunter vortreflich. Die Worte sind schon, zum Theil aus dem Virgil: Che puro ciel! che chiaro sol! che nuova serena luce e questa mai! Die Instrumente konzertiren hochst reizend mit einander, und die Begleitung der ersten Violine halt wie ein liebliches Murmeln alles zusammen. Der Chor der Seligen ist in G l u c k s herzlicher Art."
"D r i t t e r A k t ."
"An der Klippe der Katastrophe scheitert aber die Dichtung, und naturlich muss das Kolorit und Helldunkel, wie G l u c k seine Musik nennt, der Zeichnung folgen."
"Euridice ist gar ein armseliges poetisches Geschopf: nicht die schone, junge, von einer Schlange in Blumen getodtete Griechin voll Adel und Unschuld des heroischen Zeitalters, sondern eine narrische Italianerin; und der Zuruckblick des antiken Dichters in der unglucklichen Zerstreuung, da sein Herz voll ist von Leidenschaft der Liebe, und seine Phantasie von allen den Wunderdingen, die er gesehn und gehort hat, und die ihn noch umgeben bis zur widerlichsten erzwungnen Handlung verzerrt. Wie albern, dass Euridice ihre Reize schildert, und sich verachtet glaubt! Blosse Instrumentalmusik und Pantomime, welche stumme Gefuhle ausdrucken, waren hier wohl an ihrer rechten Stelle gewesen."
"Aber die Arie, die Orpheus, wie ein Amphion auf dem Delphin, in dem Schiffbruch der Oper singt: Che faro senza Euridice! dove andro senza il mio ben! che faro, dove andro senza il mio ben!
Euridice, oh Dio, rispondi! io son pur il tuo fedel!
Ah, non m'avanza, piu soccorso, piu speranza, ne dal mondo, ne dal ciel! ist gottlich, und gehort unter G l u c k s Vortreflichstes. Sie ist durchaus reine nackte Darstellung der allerheftigsten Leidenschaft; die Melodie hat nichts von irgend einer Nazion, sondern ist allgemeine schone menschliche Natur. Auch hat G l u c k die reinste harte Tonart zum Ausdruck der Starke meisterhaft gewahlt."
"Im v i e r t e n A k t
will Orpheus sich umbringen; Amor aber erscheint ihm wieder, und giebt ihm endlich doch seine Euridice zum Lohn fur so treue und starke Liebe. Tanz und Chor machen den Beschluss."
"Es bleibt immer eine Oper, worin viel Gold- und Silberadern sind; aber rechte Einheit von Originalitat herrscht in ihr noch nicht. Sie ist eine Zusammensetzung von eigenen und fremden Formen. Inzwischen gab sie dem schlafrigen Schlendrian einen ermunternden Stoss."
L o c k m a n n setzte hinzu: "Um Ihnen die Art Gluckischer Musik im hochsten Adel der Natur, und zur hochsten Schonheit gebildet, zu zeigen, will ich morgen die Antigone bringen, die T r a e t t a 1772, acht Jahre nachher, fur die G a b r i e l i in Petersburg schrieb; und worin der grosste Italianische Tonkunstler im Tragischen, besonders was den ersten Chor des Orfeo betrift, offenbar mit dem Deutschen rang."
"O, wenn wir die Antigone doch schon jetzt hier hatten!" antwortete ihm H i l d e g a r d voll Begierde. "Die Scene Ombra cara amorosa darin, soll der Triumph der G a b r i e l i gewesen seyn. Ich habe sie nie erhalten konnen. Sie werden mir eine unaussprechliche Freude damit machen."
"Der Tag dauert noch lange," erwiederte L o c k m a n n ; "wir konnen die ganze Oper durchgehen." Er eilte fort, und kam bald wieder. Indessen konnte H i l d e g a r d sich nicht enthalten, im Enthusiasmus, und in aller Unschuld, der Mutter zu sagen: "Kein anderer Mensch, ausser unserm Hause, hat mir je so viel Vergnugen gewahrt!" Diese Worte gingen der Mutter tief zu Gemuthe. H i l d e g a r d hohlte inzwischen den S o p h o k l e s , und las den Inhalt der Geschichte, um das Ganze gegenwartig zu haben.
Antigone.
"Der Text" fing L o c k m a n n an, wandelte mit H i l d e g a r d e n im Saale auf und ab, und die Mutter ward mehr als je von einem besondern Gefuhl uberrascht, als sie die schonen jugendlichen Gestalten, und die ausserordentlichen Reize des unvergleichdas Gedicht, ist von C o l t e l l i n i , nach dem Lieblingsstucke der Athenienser von S o p h o k l e s ; das Ganze aber, so wie E u r i p i d e s die Fabel behandelte. Antigone begrabt den erlegten Bruder Polynikes gegen das Verbot ihres Oheims Kreon, welcher die Todesstrafe darauf gesetzt hatte. Dieser verzeiht ihr endlich in der Grube, worin sie verhungern sollte, und sie vermahlt sich mit Hamon, seinem Sohne."
"S o p h o k l e s ist ohne Vergleich lebendiger, als der Italianer. Jener stellt die Antigone in dem von ihrem Vater geerbten Charakter dar: erhaben uber alles Ungluck, unbeugsam bey einer edlen That, und doch dabey weiblich, erzurnt und erbittert gegen ihre schwache Schwester und den Oheim; durchaus voll Gefuhl und Verstand."
"S o p h o k l e s lasst weislich die gerechte Sache des Polynikes unberuhrt, damit Kreons Verbot nicht allzu unwahrscheinlich und tyrannisch werde. Vielleicht hatte das Ganze gewonnen, wenn Eteokles als ein liebenswurdiger Regent ware geschildert worden; jetzt muss man nur rathen, dass er es ist, weil ihm die Thebaner so beystehen. Polynikes fehlte gewiss, dass er sein Vaterland verwustete, um wieder zur Regierung zu gelangen. Beym S o p h o k l e s ist es doch ein Kampf sehr wahrscheinlicher Leidenschaften; der Italianer aber macht den Kreon gar zu unertraglich."
"Antigone ist inzwischen hochst interessant, und durch T r a e t t a ' s Zauber eine wahre tragische Person: leidend, voll Gefuhl und Adel; das letztre nur nicht so schon, wie bey dem Griechen. Auch behandelt dieser das Begrabniss viel feiner, und nicht so ohne Wahrscheinlichkeit, wie der Italianer."
"Doch ist T r a e t t a dabey wahrhaft erhaben, und greift bis ins Innerste. Dichter und Komponist haben vorzuglich fur die Antigone gearbeitet, und sie den Reizen der G a b r i e l i zum Opfer gebracht.
Im
ersten Akt
ist nichts Ausserordentliches. Die Chore darin sind schon; die Recitative gut declamirt; und die erste Arie der Antigone voll einfachen Ausdrucks: D'una misera famiglia, tutta sai l'istoria amara39.
Der Anfang des
zweyten Akts
gehort aber unter das Allervortreflichste der Italianischen Musik; es ist so recht der eigentliche wahre edle tragische Ton aus der Seele gehohlt, was der Mensch von hoher Kultur empfinden muss, wenn er die erhabensten Stellen im S o p h o k l e s und E u r i p i d e s liest. Auch die Worte sind schon:
Ascolta il nostro pianto,
i gemiti, i sospiri,
ombra, che qui t'aggiri
al mesto rogo accanto!
E passa poi felice
d'eterna pace in sen40."
"Ganz erhaben ist der Seufzer der Antigone zwischen dem Chor ausgedruckt:
Ah, misero Polinice!"
"Nach dem Chor: O voi dell' Erebo pietosi Numi, kommt aber erst der rechte Kern, Antigone in dem Recitativ:
Ombra cara amorosa, ah perche mai tu corri al tuo riposo, ed io qui resto!
Tu tranquilla godrai nelle sedi beate, ove non giunge ne sdegno ne dolor, ne sdegno de dolor! ricopre ogni cura mortale eterno obblio.
Ne piu ramenterai fra gli amplessi paterni il pianto mio, ne questo di dolor soggiorno infesto.
Ombra cara amorosa, ah, perche mai tu corri al tuo riposo, ed io qui resto!41 Und in der Cavatine sogleich darauf: Io resto sempre a piangere, dove mi guida ogn'or, d'uno in un altro orror, la cruda sorte. E a terminar le lagrime pietoso al mio dolor, ahi, che non giunge ancor per me la morte42!"
"Diese Musik ist, nebst der Poesie, so Accent und Ausdruck der Natur, dass sie bey allen Volkern und in allen Zeitaltern ergreifen und ruhren muss. Sie ist auch weiter nichts, als die gefuhlvollste und zugleich edelste Declamazion; und die Arie geht in demselben Tone, nur im schnellern Pulsschlag des Sechsachteltakts, so fort, dass man den Unterschied gar nicht merkt. Ich kenne nichts Vollkommneres im ganzen Reiche der Musik; der schonste Ausdruck schwesterlicher Zartlichkeit und tiefer Trauer."
"Der Chor fallt alsdann wieder prachtig ein: O folle orgoglio umano! und Antigone beschliesst himmlisch: O reliquie funeste! Dieses alles zusammen macht das vollkommenste Ganze, und die erhabenste Leichenfeyer. Es kann neben J o m e l l i ' s Requiem aeternam stehen; nur dass alles dramatisch ist, und, was Genie betrift, einen hohern Rang behauptet."
"Noch sind in diesem Akte gute Chore. Antigone hat auf die letzt, ein schones Recitativ mit Begleitung, und eine glanzende Bravourarie, die der Kehle der G a b r i e l i Ehre macht."
"Der d r i t t e A k t
fangt mit einem vortreflichen Chor an: Piangi o Tebe! Antigone fallt ein: O Tebe, o Cittadini, o voi vicine sacre ombrose foreste, e voi di Dirce pure sorgenti, addio! wozwischen der Chor immer erhaben tragisch fortgeht."
"Ismene, ihre Schwester, will nun mit ihr sterben, und ihr Gesang dient zur Abwechslung. Darauf hat Antigone wieder ein begleitetes Recitativ: O germana, o Tebani; und eine Arie: Non piangete i casi miei. Alles voll Gefuhl."
"Kreon, Adrast, Hamon haben gute Sachen, besonders der letzte; aber nichts davon kommt der Antigone gleich."
"Die Scene, wo sie in der Grube verhungern soll, Misera, ove m' inoltro, ist wieder vortreflich; und so das Duett zwischen ihr und Hamon."
"Kreon kommt dazu, bereuet, was er gethan hat, und alles schliesst mit der Vermahlung. Der Ausgang wird in der Musik, wie in der Poesie, grell. Man ist nicht mehr aufgelegt, die festlichen Sachen zu geniessen. Die Chore und Tanze sind ubrigens schon, besonders die Chaconne."
"In der Poesie ist Hamons Erzahlung, wie er zu Antigonen in die Grube kommt, unwahrscheinlich. Man begreift nicht, wie er hinein kam, eben so wenig warum beyde nicht wieder heraus konnen, und sich selbst das Leben nehmen wollen."
"Die Musik zu dieser Oper ist ohne Zweifel T r a e t t a ' s Meisterstuck."
H i l d e g a r d sang nun die gottliche Scene einmal und zweymal mit so wahrem Gefuhl und so ruhrenden Seelentonen, dass sie selbst den S o p h o k l e s und Athen entzuckt haben wurde. Der Mutter und auch ihr traten dabey Thranen in die Augen; sie dachten zugleich an das, was sie verloren. Nach einer langen Stille, worin beyde ihre Gesichter wegwendeten, ging L o c k m a n n unbemerkt fort, und uberliess sie ihren Empfindungen.
Den Tag darauf hielt er Probe, und liess seine Leute den Chor dazu einstudiren; auch andere Sachen fur die Kirche und das Konzert.
Den folgenden, Nachmittags, ging er schon wieder zu H i l d e g a r d e n , mit dem Wunsche, sie allein zu finden; ein unwiderstehlicher Zug trieb ihn zu ihr. Ihm war es jetzt, als ob er sie nicht gesehen hatte, wenn er sie nicht allein sah; sie schien dann nicht s e i n e H i l d e g a r d , sondern die H i l d e g a r d der M u t t e r , des B r u d e r s , der G e s e l l schaft.
Zu seinem Missvergnugen traf er sie wieder nicht allein, sondern im Garten mit der Frau v o n L u p f e n , welche bald nach Schwaben auf ihre Guter abzureisen gedachte, wohin Geschafte sie riefen.
"Es freut mich sehr, dass Sie kommen," sagte H i l d e g a r d freundlich zu ihm; "wir haben noch drey Opern von G l u c k durchzugehen, und konnen, wenn Sie beyde wollen heute mit der Alceste ein paar Stunden angenehm zubringen."
"Schon langst, Herr L o c k m a n n ," fuhr Frau von L u p f e n fort, "bin ich begierig gewesen, Ihre Gedanken uber G l u c k s neue Art von Musik zu horen."
"Ich werde Damen von so viel Kenntniss, Verstand und Geschmack wenig Neues zu sagen wissen;" erwiederte er darauf. Und Frau v o n L u p f e n fragte ferner: "Worin besteht denn eigentlich G l u c k s Revoluzion, von der man so viel spricht?"
Er antwortete: "Die Frage ist, ob in der Oper, oder uberhaupt, ob bey Singemusik, die Poesie oder die Musik herrschen soll. G l u c k hat bey weitem der Poesie den Vorrang gegeben, nach ihr als ein gehorsamer Diener gearbeitet, und dadurch die grosse Menge der Tonkunstler und Liebhaber beleidigt. Er selbst widerlegt sich aber am besten: denn eben in seinen guten Opern herrscht die Musik mehr, als in andern; nur flattert sie nicht herum, und treibt kein Spielwerk, sondern druckt die Gefuhle mit machtiger Entscheidung aus. Und so herrscht im Gegentheil die Poesie bey manchem Italianer; denn wenn man die Worte nicht wusste, so fuhlte man oft gar nichts."
"Doch wir mussen die Sache genauer untersuchen."
"G l u c k s neuere Opern unterscheiden sich von andern dadurch, dass das Ganze mehr Einheit und Zusammenhang hat, dass es nicht durch die eingefuhrten Formen, besonders der Arien, und die unzweckmassige Kunst der Sanger und Virtuosen unterbrochen oder in seinem Gange aufgehalten wird, und dass alles Wesentliche in gehoriger Haltung hervorstrahlt."
"Darin hat er vollig Recht; und es war Zeit, dass die ubeln Gewohnheiten und Missbrauche abgeschaft wurden. Doch haben grosse Meister vor ihm nach eben diesen Grundsatzen gearbeitet."
"Darin aber hat er Unrecht, dass die Poesie nur Zeichnung seyn soll, und die Musik nur Kolorit und Licht und Schatten. Jede von den beyden Kunsten hat ihre Zeichnung, ihr Kolorit und Helldunkel. Dieses springt, dunkt mich, so in die Augen, und wird so allgemein fur wahr angenommen, dass es keines Beweises bedarf."
"Die Musik macht in der Oper ein Ganzes fur sich aus: die Worte vereinigen sich damit, nicht als etwas Fremdes und Verschiednes, sondern als etwas Gleichartiges in Melodie und Harmonie; und sie bestehen in eben solchen abgemessnen, nur durch Konsonanten bestimmter geformten Tonen, wie die Vocale der blossen Musik. Die Personen der Sanger, und die Worte, stellen das Individuelle und Bestimmte dar; was die blossen Vocale der Musik nicht vermogen."
"G l u c k s Hauptverbesserung besteht in der Form der Arien. Die seit L e o ' s und V i n c i ' s Zeiten eingefuhrte Italianische Hauptform war bey weitem nicht mannigfaltig genug, und passte in vielen Fallen gar nicht. Auch diess ist schon so oft gerugt worden, dass ich mit Wiederhohlung davon Ihnen nicht beschwerlich fallen will."
"Inzwischen hat man noch immer keine bestimmte Idee, was A r i e uberhaupt eigentlich ist."
"Das Wort Aria ist Italianisch, und hat vielerley Bedeutungen. In der Oper bedeutet es nichts anders, als das Werden eines besondern Ganzen im Strome der Handlung. A r i e ist, in Musik und Poesie, die sich sammelnde Empfindung, das sich sammelnde Gefuhl einer Situazion, welches sich nicht selten in einem Bilde, in einer Sentenz aussert, wobey der Tonkunstler alsdann nicht sowohl das Pittoreske des Bildes, den Inhalt der Sentenz, sondern, wo moglich, das Gefuhl, woraus beyde entstehen, darzustellen hat. Arien sind gleichsam reizende Thuner- und GenferSeen nach den wuthenden Sturzen des Rhodan und der Aar, deren beym Einstromen trube Fluthen das vorangehende, von Instrumenten begleitete Recitativ ausmachen; und ihre Formen konnen unendlich verschieden seyn."
"Aria, nach dem Wortverstande, ist die Dauer des Ausdrucks einer Empfindung. Quell' aria dolce del bel viso, der susse Ausdruck des schonen Gesichts; der himmlische Schein gleichsam, den ein schones Gesicht von sich strahlt."
"Die Hauptform der Italianischen Arien ist aus einer solchen Sammlung der Empfindungen entstanden. Die Worte werden verschiedentlich wiederhohlt, damit das Ganze derselben tiefer eindringe und von allen Seiten gezeigt werde."
"Bey solchen Sammlungen scheint auch die Handlung still zu stehen; der Strom derselben wird unmerklich; die Kehlen grosser Sanger und Sangerinnen konnen darin, vollkommen der Natur gemass, ihre ganze Gewalt, ihren ganzen Reichthum, zeigen. Ein zu rascher Fortgang beraubt die Musik ihrer grossten Schonheiten, die Oper ihres vorzuglichsten Reizes vor der Tragodie, die solche Stellen nur durch Pantomime und Stillschweigen, bey weitem nicht so lebendig, Herz und Sinn ergreifend durch glanzende Laufe, entzuckendes Schweben auf sussen Tonen in allen Graden von Starke und Schwache, und durch den Zauber der Manieren, auszudrucken vermag."
"Anstatt, dass die Handlung darunter leiden sollte, gewinnt sie vielmehr an Kraft, und schreitet dann mit genahrtem und gelautertem Feuer kuhner fort."
"Von seinem System verfuhrt, wollte T i t a n G l u c k alle die schonen Seen, auf denen die F a r i n e l l i s und F a u s t i n e n so lange zu unaussprechlicher Freude herumschwammen, herumschifften, abgraben und hochstens nur in breite Kanale verwandeln. Und das ware in der That grausam und unvernunftig gewesen. Jedoch hat er sich bald eines Bessern besonnen, und das Seichte, Magre einiger von seinen Arien wohl gefuhlt."
"Was G l u c k den Arien entzog, sollte durch die Fulle der Chore, den Rhythmus der Tanze, die Mannigfaltigkeit und Starke des Instrumentenspiels uberhaupt, reichlich wieder ersetzt werden."
"Chor ist eine Menge, die zusammensingt; Bache und Flusse, die zusammenstromen und sich in Einen Lauf vereinigen."
"Das Bedurfniss, die Leidenschaft, muss gross und heftig seyn, wenn eine Menge auf einmal sprechen und singen soll. Die Worte mussen dann einen sehr bestimmten Ausdruck haben. Zum Beyspiel die Israeliten in der Wuste: W a s s e r ! w i r v e r s c h m a c h t e n ! Harmonie in Oktaven, in Fugen, ist dann gewiss die beste. Solche Chore sind weiter nichts, als ein Schreyen der Noth, des allgemeinen Verlangens und Willens, und machen, recht angebracht, erstaunliche Wirkung. F e u e r ! F e u e r ! Hulfe! Wir ertrinken; rettet! Zu d e n W a f f e n ! d i e F e i n d e ! Das No! der Furien im Orfeo."
"Diess ist der eigentliche theatralische Chor."
"Der Griechische stellte eine Person vor; der Anfuhrer sprach im Namen der Menge. Die Dichter Athens mussten sich vom festlichen Ursprung des Schauspiels her lange damit plagen; und er zerstorte was auch ihr eifrigster Bewundrer nicht leugnen wird, wenn er nur an die Medea des E u r i p i d e s denkt die Tauschung in ihren besten Werken."
"Unsre mehrsten Chore sind kunstlich, wohin die in der Kirchenmusik gehoren. Man nimmt an, ein Volk, eine Gemeinde singe schon gemachte Psalmen; ein Tonkunstler habe die beste Melodie und Harmonie dazu in Noten gesetzt."
"Solche Chore sind nicht fur das Theater; sie hindern die Tauschung."
"Inzwischen wenn sie einmal schon im Gebrauch sind, wie bey den Franzosen, so fallt ihr Unnaturliches und Gekunsteltes weniger auf. Man will eben bey jedem grossen Ganzen, wie eine Oper ist, von einzelnen Stimmen an, bis zu Duetten und Terzetten, die hochste Gewalt und Starke aller Kehlen und Instrumente beysammen haben."
"Wo der Stoff es mit sich bringt, ist es schon und gut und prachtvoll. Wo es aber herbey gezwungen wird, macht es fur jeden Vernunftigen ein tolles Geplarr; und die Wirkung fallt, durch den haufigen Missbrauch von Stumpern, auch bey guten und naturlichen Choren weg. Das Volk, dessen taubes Gehor hauptsachlich nur dadurch gereizt werden kann, wird einem ein Grauel."
"Chore, Tanze und Posaunen konnen eben so ubel angebracht werden, als Ritornelle und Laufe."
"Um die Einheit des Ganzen desto mehr hervorzubringen, und das Abstechende zu entfernen oder zu verschmelzen, hat G l u c k das Recitativ meistens mit Instrumenten begleitet."
"Fur die Franzosische Sprache mag diess sehr dienlich seyn; die Italianische bedarf der Kleiderpracht weit weniger. Das Geschleppe, gleichsam von vielen Bedienten, wird endlich doch lastig. Die Italianer regen sich in ihrer blossen Declamazion weit freyer und leichter. Fur eine Konigin Alceste, fur den Hof eines Agamemnon, einer Klytamnestra, ist das Geprange schicklich; man darf es nur nicht zur Regel und allgemein machen wollen."
"Um wieder dahin zuruck zu kommen, wo wir ausgingen ein Deutscher Kunstrichter hat, im Zorn uber G l u c k s Reformazion, die Poesie gewaltig herunter zu setzen geglaubt, indem er R o u s s e a u ' s Worte in dessen musikalischem Worterbuche: Les Airs de nos Opera sont, pour ainsi dire, la toile, ou le fond sur lequel se peignent les tableaux de la Musique, folgendermaassen dolmetschte:"
"Die Worte der Arien unsrer Opern sind gleichsam die Leinwand oder der Grund, worauf die Gemahlde der Musik gebracht werden."
"Armer M e t a s t a s i o ! du bist, nach dem Ausspruch eines grossen Philosophen, nichts weiter als ein Drillichmacher fur die Mahlereyen der Tonkunstler!"
"Das Wort Air wird im Franzosischen nur von der Melodie oder uberhaupt der Musik zu einem Liede gebraucht, wie kurz vorher R o u s s e a u selbst sagt, und hochstens, wie er hinzufugt, von der Musik und den Worten zusammen; niemals von den Worten allein."
"R o u s s e a u wollte bloss sagen: vorzuglich in den Arien stellt der Komponist Charakter und Gefuhl dar."
"Fur musikalische Poesie ware daraus abzunehmen: dass die Worte der Arien das Schonste enthalten mussen, weil Arien die Hauptsache in der Musik sind."
H i l d e g a r d erwiederte darauf: "Ich kann solche platte Ungerechtigkeiten nicht leiden. Wer stellt eigentlich die Armiden, die Sophonisben, die Antigonen, die Oreste, die Iphigenien dar: der Tonkunstler oder der Dichter? Ohne den letztern wussten wir ja nichts von allen jenen Personen. Sie selbst haben schon gesagt: in dem Schauspiel der Oper treten verschiedne Kunste in einen freundschaftlichen Bund, um in ihrer gemeinschaftlichen Darstellung so viel wie moglich der Natur gleich zu kommen. Bald thut diese, bald jene, mehr Wirkung; aber alle greifen so in einander ein, dass von Oberrang gar nicht die Rede seyn sollte, wenn jede leistet, was sie vermag. Am besten war' es freylich, wenn Dichter und Tonkunstler, wie bey den Griechen, in Einer Person vereinigt waren: so in Eins mussen sie in einer guten Oper zusammen stimmen. Ich will Ihre Erklarungen daruber nicht wiederhohlen."
"Welche Wunder wurde nicht G l u c k gethan haben, wenn er wie ein S o p h o k l e s erzogen worden ware! Es freut mich, dass der grosse Mann so edel und bescheiden fur die Dichter dachte. Welcher wird noch fur die unwissenden Tonkunstler etwas arbeiten wollen, wenn sie ein se cerca, se dice, oder ein ne' giorni tuoi felici, so unertraglich eitel herunter setzen?"
Frau v o n L u p f e n fuhr fort: "Jede Kunst hat ihre besondern Mittel zu wirken; und wo im Mittel schon die weit grossre Kraft liegt, sollte der Kunstler bescheiden seyn, und nicht sich die grossre Wirkung zuschreiben. So behauptet ein S t . G e o r g e im Zweykampf mit dem Degen bey jedem Vernunftigen einen hohern Rang, als ein Konstabler, der seine Kanone ladet, richtet, abbrennt, und eine Mauer uber den Haufen wirft, wovon jener nicht einen Stein losstechen wurde, wenn er so thoricht seyn konnte, es zu wollen."
L o c k m a n n erwiederte: "Vortreflich, meine Damen! Ihr schoner Eifer entzuckt mich. Die Worter Z e i c h n u n g , K o l o r i t , und H e l l d u n k e l , womit so viel gespielt wird, dienen nur, wie alle Gleichnisse, die Sache sinnlicher zu machen. Kolorit soll nur 'l e b e n d i g ' anzeigen; und Licht und Schatten 'd a s L e b e n i n d e r N a t u r rund herum.' Dichter und Komponist vermogen diess nur anzudeuten; eine H i l d e g a r d , ein M a r c h e s i , mit einem L e B r u n , einem V i o t t i u.s.f. stellen es in hohen lyrischen Situazionen eigentlich allein dar, und Dichter und Komponist liefern dazu nur die Materialien."
"Auch die Schauspielkunst, und die Singkunst," sagte H i l d e g a r d , schon an der Treppe im Hause zum Musiksaal, "sollen nicht den ersten Rang erhalten, sondern diejenigen, welche die hochste gebildete Starke, die erhabenste Menschheit haben, und sie zum Nutzen und Vergnugen der Gesellschaft anwenden."
Sie hohlte dann sogleich die Alceste von G l u c k herbey. L o c k m a n n setzte sich ans Klavier, und fing an daruber zu reden.
"Die Fabel der Alceste ist ganz in die Griechische Religion verwebt, und fur unsre Zeiten bleibt davon nur das Allgemeine ubrig, dass eine Frau fur ihren Mann sterben will, und fur so viel Liebe begnadigt wird."
"E u r i p i d e s , Schuler und Freund des S o k r a t e s , hat bey dieser Gelegenheit ein Stuck Moral aus dem wirklichen Leben aufgestellt. In seinem Drama herrscht eine ausserordentliche Starke von Verstand. Nur kann man eben nicht sagen, dass er in der Scene des Admet mit dem Vater den Grazien huldigte; vielmehr scheint T i m o n selbst sie hineingebannt zu haben. Aber er wollte die menschliche Natur in ihrer Blosse zeigen."
"Das Ganze ist bey dem Griechen ein Spiel des Apollo, der den Parzen das Leben des jungen Konigs fur ein andres abdrangt, weil dieser ihn nach seiner Verbannung aus dem Himmel, als Hirten, so edel aufgenommen hatte. Alceste konnte nicht wohl anders handeln, ohne nach dem Tode des Gemahls ein schmahliches Leben zu fuhren. Der Meister im Tragischen lasst sie von Schritt zu Schritt alle Bitterkeit fuhlen, dass sie, von Pflicht genothigt, in der Bluthe der Jugend und Schonheit aus dem hochsten Wohlleben von ihren zarten Kindern scheiden muss. Die harte Rolle beyder Gatten wird fur den Zuschauer gleich anfangs durch die Ankundigung der Rettung gemildert; und Herkules erscheint am Ende, als Bezwinger selbst des Todes."
"C a l s a b i g i hat fur unsre Zeiten und die Oper nur wenig von dem Griechischen Drama beybehalten; doch ist diess Wenige vielleicht schon zu viel. Bey den Griechen bewirkte der Glaube an das Wunder die Tauschung, welche bey uns im Ganzen nicht mehr statt findet; nur einzelne schone fur die Musik sehr ergiebige Scenen konnen daraus hervorspringen."
"Die Symphonie kundigt eine grosse Begebenheit erhaben und e i g e n an. Sie tragt den Stempel des Gluckischen Genies, und ist warm und heiss von Leidenschaft."
"Der Anfang der Handlung ist ein uberraschendes Schauspiel mit der Trompete, dem Herold und dem Chor."
"Der Herold hat gleich in einem Recitative von zwanzig Takten sechs volle Takte verkleinerte Septimen, die schon in der Symphonie oft vorkommen."
"Der erste Chor ist vortreflich. Die verkleinerten Septimen werden in ihrer hochsten Bitterkeit angebracht, so wie in den Recitativen dazwischen."
"Der Chor der zweyten Scene: Misero Admeto, povera Alceste! ist noch starker. Die verkleinerte Septime wird viel haufiger, und macht das Kolorit und den Schatten trauriger und schwarzer."
"Das Recitativ der Alceste ist vortreflich declamirt, und voll Ausdruck. Die Arie darauf: Io non chiedo, mit dem kleinen Duett der Kinder darin, ist ein Meisterstuck: mehr Recitativ in Arienform mit abwechselndem Takt und Tempo, als Arie selbst; und etwas Neues ihrer Art. Man fuhlt dabey die Kunst fur das Ganze."
"Die Recitative der Alceste sind bis hieher ohne alle Begleitung, aber vortreflich declamirt. Derselbe Chor schliesst herrlich verstarkt und verziert."
"Der Marsch der Priester des Apollo ist ein grosses Meisterstuck voll Charakter zu heiligen Schleppgewandern, durchaus neu."
"Der Ruf des Hohenpriesters: Dilegua il nero turbine, che freme al trono intorno, mit Fagotten, Hornern und Posaunen im blossen C dur-Accord, ist erhaben in Melodie und Harmonie; das Blasen druckt wirklich Sturmwind aus."
"Der Chor mit eben den Worten, und weiter fort, steigt immer hoher, und die Begleitung ist voll rascher Begeisterung. In der That ein grosses Meisterstuck, und alles neu. Die Italianischen Chore verschwinden gegen diesen."
"Des Oberpriesters Gebet fur den Konig dazwischen: A te nume del giorno, a te del cielo ornamento e splendor, in As dur angefangen, und in Es dur geendigt, ist ganz gottlich."
"Wieder eben derselbe Chor."
"Der Priester kundigt die Ankunft der Konigin an."
"Derselbe Marsch."
"Nun Alcestens Gebet: Nume eterno, immortal; in E dur angefangen, voll hohen Reizes."
"Wieder derselbe Chor."
"Nun der Oberpriester: I tuoi prieghi, o Regina, i doni tuoi propizio oltre l'usatto Apollo accoglie. Diess Recitativ, nebst dem Orakel, gehort unter das Erhabenste in dem ganzen Vorrathe der Musik, und ich kenne wenig, was ihm gleich kame. Man glaubt in der That zu Delphi zu seyn: so stark und gewaltig ist die Darstellung."
"Mit dem Chor darauf: Che annunzio funesto! macht es ein feyerliches Ganzes; der Chor muss aber gehorig gesungen werden, wenn er die verlangte Wirkung hervorbringen soll."
"Das Recitativ der Alceste darauf ist meisterhaft declamirt und begleitet, und die Arie: Ombre, larve, compagne di morte, schon und herzlich."
"Alsdann nach ein paar Recitativen Beschluss des ersten Akts: ein Chor des Volkes."
"Dieser ist in der That ganz gediegen, durchaus vortreflich, neu und klassisch; alles voll Kraft und Starke. Es ist ein erstaunlicher Schritt vom Orfeo zur Alceste."
"D e r z w e y t e A k t
eroffnet sich, nach einem kurzen Vorspiel von Geigen, mit einem unbegleiteten Recitativ zwischen der Ismene und Alceste. Darauf folgt eine kurze passende Arie der Ismene; und dann kommt die herrliche Scene, wo Alceste im Walde, allein, sich dem Tode widmet. Das Recitativ ist pittoresk mit der Hoboe, dem Fagott und Schalmeyen, ganz neu in der Begleitung, und meisterhaft declamirt: Tu tiranno dell' ombre, tu signor dell' abisso, sehr feyerlich; und in der nachtlichen Stille das: che chiedi Alceste? schauerlich. Durchaus herrscht der Accord der verkleinerten Septime."
"Die Arie darauf ist ein Meisterstuck von Declamazion; nur die Begleitung, obgleich der Rhythmus an und fur sich vortreflich, doch zu einfach bey der langen Dauer der immerwahrenden Wiederhohlung: sie wird auf die letzt zu trocken, und thut den Ohren weh, obschon die blasenden Instrumente dazwischen einfallen. Ueberdiess hat der Dichter Alcesten hier zu schwach aufgestellt; und der Tonkunstler macht sie durch seinen Ausdruck noch verzagter. Mit Einem Wort: diese Arie ist ein fataler Zug im Charakter der Alceste, der sonst bewundernswurdigen Schwarmerin."
"Der Chor der unterirdischen Gottheiten: E vuoi morire o misera! welche in Einem Tone fort singen, um den sich Geigen und Posaunen winden, und den die Horner in Oktaven gewaltig verstarken, ist ein grosser Zug von G l u c k s Genie. Die Melodie besteht aus Einem Tone, und macht den Bass ganz neu, furchtbar und schrecklich."
"Alceste fahrt in einem vortreflichen begleiteten Recitative fort, und erhebt sich. Die verkleinerte Septime wird wieder haufig. Der Chor der Damonen unterbricht sie in dem Tone, und der Harmonie um ihn her, wie zuvor. Das Recitativ ferner eben so vortreflich. Es ist eine hinreissende Einheit und Gewalt der Darstellung."
"Die Bassarie: Dunque vieni, des unterirdischen Gottes, mit ihrer Scythischen Starke, von Hoboen, Hornern, Fagotten und Posaunen begleitet, macht einen herrlichen Kontrast mit der schonen Weiblichkeit."
"Das Recitativ der Alceste darauf ist schon; und die Arie: Non vi turbate, no pietosi Dei, gehort unter G l u c k s Allervortreflichstes: so entzuckende herzvolle Melodie, und rhythmusvolle Begleitung ist darin; die Melodie recht originell, und ein Kleinod Deutscher Musik; G l u c k dabey im Mittag seiner Laufbahn."
"Der Konig wird auf der Stelle gesund; man stimmt einen frohen Jubel daruber an, und tanzt. Evander singt eine Arie. Darauf wird wieder getanzt, und Admet erscheint. Er erstaunt uber das Wunder; und als er erfahrt, dass Jemand sich fur ihn aufgeopfert hat, fragt er nach Alcesten."
"Diese kommt; und die Sache wird bekannt. Sie haben schone Recitative, worin wieder durchaus die verkleinerte Septime herrscht. Vor der Entdeckung noch ein vortrefliches kleines Duett, ganz neu und ruhrend dialogirt: Ah, perche con quelle lagrime m'avveleni il mio contento?"
"Das Recitativ, worin die Entdeckung geschieht, ist voll von Leidenschaft; die verkleinerte Septime und die vielen Sextquinten erheben den Ausdruck machtig. Admets Arie: No, crudel, non posso vivere, aus dem A moll, fallt gleich mit der Stimme ein, und gehort zu den grossten Meisterstucken dieser Oper. Die Musik ist so vortreflich, dass man sie gar nicht merkt; die Melodie durchaus im stilo stretto, oder Note auf Sylbe, gar kein Instrumentenspiel, bis auf zwey Takte zum Athemhohlen; die herbste und bitterste Pein ewiger Trennung gottlich ausgedruckt; der Rhythmus naturlich hinreissend; das non posso vivere zuletzt auf dem hochsten Ton, dem eingestrichnen A, der Leiter fur den Tenor, ganz Natur; die verkleinerte Septime, welche in die kleine Sext ubergeht, mit dem halben Ton in der Melodie: tu lo sai, non mi salvi, ma m'uccidi se da me dividi la piu viva, la piu tenera cara parte del mio cor, ein Muster vom tragischen Ausdruck derselben, und dieser Accord hier gleichsam im hochsten Lichte. E un si barbaro abbandono, auf der verkleinerten Sexte mit der reinen Quinte, die Melodie in dem Sturze der grossen Septime selbst, ist ein Zug der hochsten Kunst. Virtu credi e chiami amor, wieder die verkleinerte Septime mit dem Uebergang in die kleine Sext, und das amor auf der ubermassigen Sext wiederhohlt, verstarkt den Ausdruck durch alle Grade."
"D'una vita cosi misera peggior forte, durch die halben Tone in Harmonie und Melodie mit verandertem Takt und schnellerer Bewegung, zur hochsten Starke der Leidenschaft in C dur, ist ganz vortreflich; so wie die abgekurzte Wiederhohlung des Anfangs, und das verdoppelte schmerzliche Crudel. Die Melodie ist durchaus eigen, und in ihren Fortschreitungen hochst leidenschaftlich: weder Italianisch, noch Deutsch, sondern Ausdruck allgemeiner edler Menschheit."
"Das kurze Recitativ der Alceste, die den Tod herankommen fuhlt, (in der sechsten Scene) ist vortreflich; und der Chor: Oh come rapida, im stilo stretto wie Griechisch. Eben so das folgende Recitativ und der folgende Chor."
"Der Gesang der Alceste in F dur, mit der prachtigen Begleitung von Schalmeyen und Posaunen: Vesta, tu che fosti, giebt ihrem Charakter Heroismus. Dazwischen wieder der Chor, O come rapida, schon zur Abwechslung."
"Das Oh casto, o caro nuzial mio letto, ist gottlich heiter und keusch, von Posaunen, Schalmeyen und Englischen Hornern begleitet. Der Chor: Cosi bella, cosi giovane, vortreflich wiederhohlt."
"Der Abschied von den Kindern hat viel Schonheiten; aber der Gang des Ganzen scheint dadurch aufgehalten zu werden. Wenn eine junge schone Schauspielerin diese Scene bis zur Tauschung bringen kann, so ist sie doch vortreflich. Der Uebergang von der verkleinerten Septime in die Sextquarte, bey e lasciarli nel pianto cosi, ist glanzend und reizend. Oh come rapida, schliesst den zweyten Akt sehr gut."
Dritter Akt.
"Die erste Scene ist durchaus schon; Admets Situazion in Recitativ, und Arie vortreflich dargestellt."
"Aber gewiss wird die Handlung endlich langweilig. Wenn Admet ohne seine Frau nicht leben kann, so hilft ihm eben ihr Tod nichts, und das Ganze wird eine Ziererey. Er muss g e r n leben, und das Leben und den Genuss der Welt lieber haben, als sie selbst; sie hingegen soll ein reizendes Beyspiel von ausschweifender Leidenschaft der Liebe seyn, die man bey ihrem Geschlecht sehr suss und angenehm findet. So wird alles ordentlich, und gewinnt naturliche Haltung."
"Scene 2. 3. bittet sie ihn, ihr zu schworen, dass er nicht wieder heurathen wolle; im E u r i p i d e s stehen die Grunde, warum. Die Musik erhalt sich durchaus im tragischen Charakter. Dann kommen die Todesgotter, fordern und nehmen sie mit sich unter feyerlichen und schauerlichen Choren."
"Admet will sich das Leben rauben. Apollo erscheint in Sonnenstrahlen, und bringt Alcesten in lichten Wolken; die Gotter wollten so grosse Liebe nicht zerstort wissen."
"Diese Oper ist voll einzelner schoner, reizender, erhabner Formen, die sich nach und nach zu einem mannigfaltigen majestatischen Ganzen erheben. Der Gedanke, sich uber die alten Vorurtheile wegzusetzen, ist kuhn mit viel Genie und Kunst ausgefuhrt; und sie macht in der Geschichte der Musik Epoche."
"Was sie von allen vorigen unterscheidet, sind die breiten Massen zu einem grossen Ganzen, und das Gediegene."
"G l u c k erreicht diess hauptsachlich durch die Chore, welche durch Wiederholung die Recitative und Arien binden; durch den immerwahrenden stilo stretto, wo man nur auf Poesie und Inhalt geheftet wird; durch die blasenden Instrumente, von welchen er einige ganz neu einfuhrt; (uberhaupt hat noch kein Tonkunstler die Gewalt verschiednen Tons schon im Einklang so wie G l u c k gefuhlt und angewendet;) durch die haufige Begleitung der Recitative, die jedoch, immer so, auch bey andern Opern, langweilig werden mochte; und endlich besonders durch den Accord der verkleinerten Septime, die in allen Umkehrungen, in allerley Tonarten in allen Instrumenten das Ganze gleichsam in ein tragisches Dunkel bringt, und ihm feste Haltung giebt. Zuweilen sind Sextquinten und die ruhrendsten Dissonanzen reizend damit verschmolzen."
"Das Volk wird hingerissen, ohne zu wissen, wie; selbst der Kenner giebt endlich nicht mehr auf die Kunst der Harmonie Acht, und lasst sich ebenfalls tauschen."
H i l d e g a r d und L o c k m a n n hatten dabey einige der schonsten Arien gesungen; und Frau v o n L u p f e n bezeugte geruhrt beyden ihr inniges Wohlgefallen.
"Ich weiss nicht," fuhr H i l d e g a r d fort, "wie ich mich daruber ausdrucken soll, dass ein in der musikalischen Welt so hervorragender Mann, ausser einigen Kleinigkeiten, nichts fur sein Vaterland, dessen Stolz er ist, nichts fur die Deutsche Sprache schreibt; und wer eigentlich die Schuld hat, ob er selbst, oder die Fursten, die Dichter, das Publikum."
L o c k m a n n erwiederte: "Die Produkte der Kunst mussen in Deutschland wie das Unkraut wachsen; da ist keine Pflege und Wartung, und sie gehen selten ins wirkliche Leben uber. Das, was man bey uns g u t e G e s e l l s c h a f t nennt, der Hof und der Adel, und die Gelehrten selbst, welche alle, gleich der Fruhlingssonne, sie erziehen und zur Reise bringen sollten, bekummern sich wenig um sie, betrachten sie als unnutz, als blossen Zeitvertreib, und haben sie niemals zur eigentlichen Beschaftigung gemacht, um achten guten Geschmack an ihnen zu gewinnen. Kurz, wir sind Barbaren fur alle Arten von Schonheit. Es scheint, als ob fur die Kunste, die sich mit ihr beschaftigen, da eine Grenzscheide gezogen ware, wo die Sprachen aufhoren, die von der Lateinischen abstammen; Sitten und Regierung sind ihnen da zuwider. Alles Vortrefliche derselben wachst in Deutschland wild fur sich auf; und die Fremden nehmen heraus, was das Beste ist, oder was sie fur gut befinden."
"Die Dichter haben es am schlimmsten, weil sie zu
Hause bleiben mussen, und ihre Sprache nirgend anderswo gilt."
"Die Mahler mussen bloss Kopfe und Kleider mah
len; das Andre wird nicht nach Verdienst geschatzt und belohnt, und man kauft lieber alte und fremde Werke. Schlosser, Pallaste und katholische Kirchen sind schon versehen; und die Protestanten wollen lieber weisse Wande."
"Die Bildhauer haben alle halbe Jahrhunderte ein
Denkmal zu verfertigen, und wissen nicht, ob sie Romische Gewander, oder Uniformen und steife Zopfe machen sollen. P h i d i a s , P r a x i t e l e s und L y s i p p mussten in Deutschland verhungern."
"In der Musik werden nur Sanger und Geiger, nicht
gebildet, sondern bezahlt, wenn sie da sind. Die Komponisten kritisirt man nur. Unsre grossten wurden von Englandern, Italianern und Franzosen versorgt43."
"In der Baukunst behelfen wir uns mit Zimmerleu
ten und Steinmetzen; oder kleben unsre Hauser selbst zusammen, wie die Schwalben."
"Die Kunst der Stolz der ersten Menschen, der Griechen, der Romer in ihrer hochsten Macht und Starke, des schonen sechzehnten Jahrhunderts in Italien, der Franzosen und Englander in ihren glucklichsten Zeitpunkten ist bey uns nichts anders als Schmarotzerpflanze; Enthusiasten, oder Pedanten und Professoren, Leute ohne Welt und Klugheit, mogen sich mit ihr beschaftigen."
Frau v o n L u p f e n erwiederte darauf, tief ergriffen: "Wir sind arm, und haben alle Hande voll zu thun mit unsern Bedurfnissen."
Und H i l d e g a r d setzte hinzu: "Unsre Millionen Soldaten in Friedenszeiten, und manche kostbare Person in den dicken Staatskalendern ...! Jedoch druckten Sie Sich in der Aufwallung Ihres gerechten Eifers viel zu hart und grell aus; es giebt und gab, dem Himmel sey Dank! Ausnahmen von Stadten und Fursten."
L o c k m a n n erwiederte: "Die Kunst hat zwar an verschiedenen Hofen einige gluckliche Perioden gehabt; aber es waren gleichsam nur Treibhauser fur auslandische Gewachse."
H i l d e g a r d antwortete: "Geduld und frohe Hoffnung, Edler! Wir gewinnen nach und nach immer mehr an Bildung; das Gletschereis uber den Herzen der Reichen fangt an fur lebendige Kunst zu schmelzen. Vielleicht schon binnen wenig Jahren, wenn eine Nationaloper erscheint, das ist, eine Deutsche Oper mit Volksmelodien, die allgemein gefallen, gleichen Frankfurt und Hamburg, Dresden, Munchen, Berlin und Wien an Enthusiasmus Neapel, Paris und London."
Nach einer kurzen Stille stand Frau v o n L u p
f e n auf, und sagte lachelnd: "Die Musik ist ja uberdiess eine allgemeine Sprache; und Vaterlandsliebe lasst sich mit Italianischen Opern, so wie mit Italianischen Gemahlden, noch wohl vereinigen, wenn die Feste nur nicht ausschweifend sind, und auch das Volk sein Vergnugen hat. Eine Nazion ist in d i e s e m gross, eine andre in j e n e m . Wir sind es in der Kriegskunst, in der Philosophie, wenn ich es nach dem Urtheil der Kenner sagen darf, in der Gelehrsamkeit; und einzelne Manner ragen noch jetzt in den mehrsten Wissenschaften und Kunsten hervor uber die vorzuglichsten unter allen Volkern. Personen von unserm Geschlecht Sie werden das nicht als weibliche Eitelkeit auslegen strahlen bewundert auf den ersten Thronen von Europa."
"F e y e r a b e n d erklarte uns neulich die d r e y
Spruche, welche die Amphiktyonen mit goldnen Buchstaben uber die Thuren des Tempels zu Delphi eingraben liessen; war darunter nicht auch dieser: Nichts zu viel; nichts zu weit get r i e b e n ? Aber wir sind in eine uble Stimmung L o c k m a n n nahm seinen Hut, und begleitete sie Frau v o n L u p f e n gab ihm zwar, was das letzAuf dem Ruckwege stiess dem unruhigen L o c k "Der Stoss ins Posthorn," fuhr endlich der Alte fort, a u s , A d i e u ! ist mir doch erquickend durch Mark und Bein gedrungen, als ich aus Italien zuruckkehrte."
"B r u d e r t r i n k ! W i l l s t d u B r o t , S c h w a g e r ? sagte ein Postknecht zum andern. Und wie gesprachig die gutherzige Kellnerin dazwischen war, in ihrem grunen Hute, voll bluhender Gesundheit, mit Beutel und Schlusseln an einer Kette, die das Mieder herunter hing!"
"Die Weiber thaten hier schon fast alles bey der Wirthschaft; in Italien fast nichts. Wie man in Rom die Manner auf den Strassen und in den Kuchen sieht: so in Tyrol die Weiber und Madchen. Frisch und munter sind sie alle."
"Fussboden von Holz und grosse Kachelofen sieht man nach langer Zeit zum erstenmal wieder."
"Das letzte Welsche Dorf S. Martino war ganz armselig, und die Post hatte nur vier Pferde; einen andren Reisenden hatten Ochsen ziehen mussen, und wenn er ein Prinz gewesen ware. Die erste Deutsche Stazion, Salorn, obgleich vor Kurzem ein starker Brand da gewuthet hatte, sah doch lebendig und muthig aus, und die Pferde rannten wie Englische."
"Ueberall sprach man mit unter noch Italianisch; doch ist, so bald man nur von S. Micheli um den Berg herum kommt, alles vollig Deutsch, Sitten und Luft."
"Freilich muss ich gestehen, dass mir die Zunge "Die Grenzen von Italien und Deutschland hat so "So bald man in Deutschland heruber tritt, fuhlt "Die grossre Freyheit in den Kunsten," erwiederte Sie sprachen dann viel und mancherley durch eing a r d mit allen ihren Reizen schwebte vor des entzuckten L o c k m a n n s Blick in die Zukunft. Doch in der Leidenschaft noch mehr, als bey nuchterner Ueberlegung, auf seiner Hut, nannt' er ihren Namen mit keiner Sylbe, obgleich R e i n h o l d ihr Lob einigemal hoch angestimmt hatte. Diess erkannte er nur fur gerecht, und setzte noch einiges Wenige hinzu, lenkte aber gleich wieder davon ab. Ein Muster von einem verschwiegnen Liebhaber!
Kurz vor Mitternacht, ehe sie sich trennten, kamen sie noch auf das Thema L e b e n s p h i l o s o p h i e ; und es flogen dabey folgende wilde unbestimmte Phrasen aus seinem Munde.
"Das Gluck des Lebens besteht in der Abwechselung; selbst die grosste Muhseligkeit wird dadurch zum Vergnugen."
"Immerwahrende Freude von einerley Art wird bald zur Pein. Der Urquell unsers Lebens will immer neue Formen; er behilft sich mit den albernsten Fabeln und Mahrchen, wenn die Wirklichkeit um ihn stille steht."
"Die Veranderungen, welche Poesie, wie alles Geschriebne, Gedruckte und Erzahlte, gewahrt, sind die schwachsten, ersetzen aber durch das Haufige und Zahlreiche, was ihnen an Starke abgeht."
"Dann kommt der Strahl des Lichts, Bildhauerey, Mahlerey, Baukunst fur das Auge."
"Starker wirkt die Luft durch Musik auf das Ohr."
"Korperlicher die Blumen und Bluthen des Fruhlings und andre wohlriechende Dufte auf unsern schwachsten Sinn, den Geruch."
"Starker Getrank und Speisen auf unsre Zunge und unsren Gaumen, wozu noch das Wohlbehagen der Gesundheit kommt."
"Die allerstarksten Empfindungen aber hat das Gefuhl, der Sinn der Liebe."
"Harmonie und Abwechselung unter allen diesen Veranderungen, so viel unsere Komposizion vertragt, desswegen entstand die Schopfung, das ist die Seligkeit auf dem Erdboden."
"That allein, die schone Folgen hat, macht glucklich."
"Die eigentliche wahre Liebe ist der Drang, mit einer Person vom andern Geschlecht ein Kind zu zeugen. Sie dauert ihrer Natur nach so lange, bis das Kind geboren ist, und als es den Eltern Freude macht."
"Wenn man unsre Heldengedichte, von den Griechischen an, unsre Schauspiele und Romane liest: so findet man diese Leidenschaft fast nie in ihrer Fulle. Alles ist darin gewissermaassen nur Vorspiel dazu, ein leeres Wortgeklingel, welchem Leser und Zuhorer ihr eignes Gefuhl beylegen, das oft nicht darin ist."
"Bey der Liebe des Paris zur Helena, des Aeneas zur Dido, des Rinaldo zur Armida, und in den meisten Schauspielen, kommt von Kindern selbst, und was sich darauf bezoge, wenig vor. Diese Leidenschaft, so viel tausendmal sie auch schon dargestellt worden ist, hat also in ihrer Tiefe noch volle und mannigfaltige Neuheit fur den Kunstler. H o m e r hat jedoch beym Abschied des Hektor von der Andromache, in den wenigen Worten an den kleinen Astyanax, ein Stuck davon, ewig gottlich und schon, herausgehoben."
"Alles Andre, was noch den Namen Liebe fuhrt, ist Freundschaft, Geselligkeit, Wollust; welche letzte selbst bey dem hochsten Reiz einer N i n o n von achtzehn Jahren, einer L a i s und P h r y n e , eines A l k i b i a d e s , ein unbedeutendes Spiel ist gegen den gottlichen Ernst und Ungestum dieser Leidenschaft."
"Wenn ein Dichter ein Madchen der Liebe schildern will, so kommt es also warlich wenig darauf an, ob es einen kleinen Fuss und s.w. hat, sondern ob der Bau ihres Korpers vortreflich ist, gesunde und starke Kinder zu empfangen und zu gebaren; ob ihre Lenden gut dazu gewolbt sind; ihre Bruste kraftig und derb, die Kinder zu stillen; ob ihre Augen und Lippen gutherzig aussehen, und versprechen, dass sie alles Ungemach der ersten Erziehung zartlich auf sich nehmen werde; ob sie stark genug ist, die Geburtsschmerzen auszuhalten."
"Nach diesen Regeln, die doch wohl die einzigen wahren sind, prufe man nun einmal die Schreibereyen unsrer Dichter; und man wird sich wundern, wie wenig Ahndung sie von diesen Regeln hatten, die ihnen doch so nahe vor Augen liegen."
R e i n h o l d lachelte; sagte aber, im Begrif fortzugehen, noch gutherzig: "Das ist ein reizender Stoff zur Untersuchung fur Deine Jahre, lieber Freund. Was mich betrift, so freu' ich mich, dass ich des Tyrannen Amors so ziemlich los bin. Ich wunschte, dass ich eben so fruh scharf daruber nachgedacht hatte; in Italien bin ich von ihm in manches gefahrliche Labyrinth getrieben und gepeitscht worden. Bey keiner Leidenschaft ist Verstand und Klugheit mehr nothig, und doch so selten; sie entscheidet, nach unsern Sitten und Gebrauchen, oft uber das Gluck oder Ungluck unsers ganzen Lebens."
L o c k m a n n begleitete den Alten nach Hause, um sich in der freyen Luft abzukuhlen. Dessen letzte Worte machten zwar Eindruck auf ihn, hafteten aber nicht lange, da sie von Sinn und Phantasie bald verdrangt wurden.
Den nachsten Sonntag, der sehr warm und schon gewesen war, ging L o c k m a n n s Zimmer gegen uber, ungefahr eine Stunde vor Mitternacht, der beynahe noch volle Mond auf. Er nahm sein gutes Fernrohr, welches er sich gleich nach seiner Ankunft vom Fursten zu weiterm Gebrauch ausgebeten hatte, ihn dadurch zu betrachten. Ein innrer Zug richtete es dann nach dem Paradiese, und er erblickte auf einmal plotzlich in der lichten Dammerung von neuem das himmlische Schauspiel, das er so oft vergebens wieder zu sehen getrachtet hatte. H i l d e g a r d legte ihr Gewand ab, (wodurch er sie leicht von ihrem Bruder unterscheiden konnte, den er mehrmals, nur immer des Nachmittags und gegen Abend, dasselbe Spiel hatte treiben sehen); dann sturzte sie sich in ihr Quellenbad, dass die Wellen in goldnem Feuer herumsprudelten. O, wie sein Herz schlug, und alles in ihm nach ihr hin strebte! Er sah zwar, so sehr er auch seinen Blick anstrengte und die Glaser vorn und am Ende rein wischte, nur den glanzenden Schein ihrer gottlichen Gestalt; aber seine Einbildungskraft schwelgte an den sich verlierenden Formen, wie an entzuckender susser Wirklichkeit. Sie blieb nicht lange, schwamm und gaukelte nur einigemal herum, trat heraus, und stand da wie Venus in Marmor von P r a x i t e l e s , trocknete sich ab, und verschwand.
"Kein Hinderniss soll dich mehr abhalten! sie ist die Einzige fur dich in der ganzen Natur!" Das war wieder sein fester Vorsatz, und er schlummerte vor Planen und Entwurfen die ubrige Nacht nur wenig.
Den Nachmittag darauf fand er abermals die Mutter auf dem Musiksaal mit weiblicher Arbeit beschaftigt; und H i l d e g a r d selbst stickte Blumen in ein Halstuch. Diese konnte sich nicht enthalten, mit dem Gesicht von der Mutter abgewendet, ihm muthwillig entgegen zu lacheln, weil sie wohl sah, dass er sie gern allein gefunden hatte.
"Verzeihen Sie, sagte L o c k m a n n , dass ich jetzt ofter komme; ich suche Ihrem gottlichen Gesange noch einige Reize abzulauern zur Ausbildung eines Werkes, das ich Ihnen bald zu Fussen legen werde."
"Mein angenehmstes Vergnugen, antwortete sie gefallig, sind immer die Stunden Ihres vortreflichen Unterrichts; und mein eifrigstes Studium wird Ihre neue Musik seyn."
Sie setzten sich an das Klavier, und fingen an, die Iphigenie en Aulide durchzugehen. L o c k m a n n sagte dabey:
"Die Franzosische Musik und die Italianische kampften in Paris mit einander; und es war zweifelhaft, welche den Sieg davon tragen wurde. G l u c k hatte mit seinem Orfeo und seiner Alceste fur Italien und Deutschland schon den Versuch gemacht, die Musik, seiner Meinung nach, zu ihrer wahren Bestimmung zuruckzubringen, und in beyden Landern bittre und hamische Widersacher an neidischen Kunstverwandten gefunden; mit richtigem Blick sah er in Frankreich gerade jetzt den besten Zeitpunkt fur seine neue Art."
"B a i l l i d e R o u l e t , der sich eben in Wien aufhielt, richtete R a c i n e ' n s beruhmte Tragodie, Iphigenia in Aulis, fur die lyrische Buhne ein; und G l u c k s Genie, ganz Herz und Ohr fur die Pariser Menschenwelt, fuhlte alsdann wachend und in Traumen die Musik dazu aus."
"Der Stoff gewahrt das ergreifendste Schauspiel."
"Die Armee der Griechen ist bereit nach Troja hinuber zu schiffen, um die Schmach des Vaterlandes zu rachen, wird aber von ungunstigen Winden unerhort lange zuruckgehalten. Kalchas, der Oberpriester, muss das Orakel befragen; und es antwortet schrecklich: Diana sey erzurnt, und konne nur durch das Blut einer reinen Jungfrau, der Tochter des Konigs der Konige, der Iphigenia, versohnt werden."
"Heldenruhm, Konigsehre und Vaterliebe kampfen in Agamemnons Herzen, als Klytamnestra mit der jungen und gottlich schonen Tochter in das Lager kommt, um sie mit dem grossten aller Helden, Achilles, zu vermahlen. Das Heer, grausam ungeduldig, und barbarisch fromm, verlangt das Opfer. Held und Mutter und selbst der Heerfuhrer streiten dagegen; die Unschuld ergiebt sich heroisch in ihr Schicksal, um an der Spitze der Griechischen Glorie zu stehen: sie nimmt ruhrend Abschied von dem Geliebten, der uber alles wuthet und sie retten will; von der zartlichen trostlosen Mutter. Schon kniet sie vor dem Altare, von dem geschliffenen Dolch den Todesstoss ins Herz zu empfangen: als die Gottin dem Priester das Zeichen giebt, dass sie versohnt sey, erwachende Weste plotzlich die Luft in Bewegung setzen, durch die Wipfel rauschen, und Achilles seine Braut vom Tode wegfuhrt."
"Das Drama gehort unter die schonen des E u r i p i d e s , und er hat die vier Charakter als grosser Meister aufgestellt, besonders aber den Charakter der Iphigenia. Die Franzosen haben der Erhabenheit des letztern grossen Abbruch gethan. Ueberhaupt durchwassern sie ihre Werke mit moderner Liebe, und stehen an Natur und Darstellung weit unter dem Griechen."
"Man muss G l u c k s Musik auffuhren horen, wenn man nicht selbst etwas von seiner Phantasie und seinem dichterischen Gefuhl hat, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; es kommt hier immer darauf an, dass der Nagel auf den Kopf getroffen wird, wenn es auch an und fur sich hart lautet, und nicht auf hubsche Phrasen und Artigkeit darum her."
"So halt jedermann von Sinn, Gefuhl und Verstand, der die Ouverture vor dem Schauspiel gehort hat, sie fur die Konigin aller Ouverturen; und sie ist in der That ein gewaltiger Polyphem, der sich baumt und schuttelt, und voll Zorn zum Kampfe rustet. Der reizende neue Eingang, der die Gefuhle Agamemnons ankundigt, alsdann die Einheit des Ausdrucks vom wilden Charakter des tobenden Volks, und die ruhrenden zartlichen und tragischen Accente dazwischen, erheben sie uber jede andre; alles in ihr bedeutet. Der Satz, wo sich die Instrumente in den Einklang sturzen und darin und in Oktaven furchtbar aufsteigen, stellt gerade das sich emporende Volk vortreflich dar, das sich wie ein wildes Ross baumt und nicht mehr leiten und bandigen lasst. Die Griechen wurden diese Ouverture in ihrer Art vielleicht noch uber jenes beruhmte Gemahlde setzen, welches das Volk von Athen vorstellte."
"Komisch fuhlte die Wahrheit dieses Ausdrucks so gar ein Kunstrichter, der, bloss die Noten vor Augen, nicht die geringste Ahndung von dem Gegenstand in der Natur dazu hatte, als er das Urtheil niederschrieb, welches ich unter andern zu Ihrem Zeitvertreib mitbringe: 'Die abgestossnen acht Achttheile gegen die folgende sforzando gehaltne Dreyviertheilnote, plumpen so ungeschickt auf einander, dass man glauben muss, der Herr Ritter habe uns ein Beyspiel eines musikalischen Satzes geben wollen, durch den man jedermann stutzig machen konne. Auch haben wir die Probe damit gemacht, und befunden, dass er seine vollkommne Wirkung thut und richtig jedermann zum Erstaunen bringt. Diese Wirkung aussert sich gewohnlich zuerst durch die mit einem verwunderungsvollen Ton ausgesprochne Frage: Was? ist das moglich?'"
"Man braucht nur hinzuzufugen: konnen Griechen so barbarisch seyn, und eine reizende junge Konigstochter abschlachten wollen? sich emporen gegen ihren Heerfuhrer, den Vater, und gegen ihren grossten Helden, den Verlobten derselben, weil ihnen zur Abfahrt der Wind ausbleibt?"
"Diese Symphonie kundigt mit erstaunlicher tragischer Majestat erst in der Wehmuth der bittersten Dissonanzen, und dann in der grossten Fulle und Starke von breiten Tonmassen, durch Geigen und Basse, Hoboen, Floten, Horner, Trompeten und Pauken, das Ganze an. Sie ist viel ausgebildeter und leidenschaftlicher, als die vor der Alceste. Der Anfang ist traurig in C moll, neunzehn Takte lang. Darauf kommt C dur in wilder Starke und der grossten Masse, dreyssig Takte nach einander; dann G dur, G moll, A moll mit den klaglichen Accenten der Hoboe dazwischen, bis durch die Tiefen der Harmonie von neuem machtig C dur herrscht; und so fort G dur, C moll wie anfangs, und endlich noch einmal C dur, und durch G dur44 der Uebergang zu den Worten Agamemnons: Diane impitoyable, gerade wie der Anfang der Ouverture; welches die grosse Masse vortreflich zusammenhalt und rundet. Das Arioso geht dann gleich in das Recitativ."
"In der ersten Scene tritt Agamemnon allein auf, und bereut, dass er seine Tochter, unter dem Vorwand, noch vor der Abfahrt der Flotte ihre Vermahlung zu feyern, hat kommen lassen, um der Diana geopfert zu werden. Er will nun einen Getreuen absenden, welcher der Mutter und ihr noch vor der Ankunft den Befehl uberbringen soll, wieder zuruckzukehren, weil Achill in eine Andre verliebt sey; und bittet den Apollo, sein Vorhaben zu begunstigen."
"Die Musik hat durchaus wahren Ausdruck, und edlen tragischen Ton."
"Die zweyte Scene aber ist das Meisterstuck des ersten Akts. Ein Chor der Griechen kommt mit dem Oberpriester Kalchas, und zwingt diesen, das Orakel zu offenbaren, welches er bis jetzt nur dem Agamemnon und seinem Bruder bekannt gemacht hatte."
"C'est trop faire de resistance; il faut des Dieux irrites nous reveler les volontes, o Calchas, rompez le silence."
"Melodie, Harmonie und Rhythmus drucken in der hochsten Vortreflichkeit den Ungestum junger rascher Helden aus: es ist eine reizende Behendigkeit darin; die Worte werden meisterhaft wiederhohlt und in die Stimmen vertheilt."
"Kalchas muss das Orakel entdecken; doch verschweigt er noch den Namen des Opfers."
"D'une sainte terreur tous mes sens sont saisis," u.s.w.
"Die Musik geht ins hohe Tragische uber, und hat an den gehorigen Stellen Schwung des Erhabnen. Die Begleitung der Geigen und Horner verstarkt den Ausdruck gewaltig. Der Schluss, wo Agamemnon in die Worte des Kalchas einfallt: O divinite redoutable, adoucis tes rigueurs! ist erschutternd."
"Der Chor darauf: Nommez nous la victime, et prompts a l'immoler sur les autels des dieux tout son sang va couler, wird feuriger."
"O Diane sois nous propice, conduis nous au bord Phrigien, que notre fureur s'assouvisse dans le sang du dernier Troyen; beschliesst voll Inbrunst und Eifer. Die verkleinerte Septime macht den Accent der Leidenschaft."
"Kalchas verspricht ihnen, dass noch heute das Opfer geschlachtet werden soll."
"In der dritten Scene ist die Arie des Agamemnon: Peuvent-ils ordonner, qu'un pere presente a l'autel u.s.w., ein heftiger Ausguss des Vaterherzens, ganz gediegen und rein in Melodie und Harmonie. Die Worte: et si tendre a cet, ordre inhumain sind meisterhaft ausgedruckt; und j'entends retentir dans mon sein le cri plaintif de la nature, ist wahre leidenschaftliche Beredtsamkeit: die Hoboe und der Fagott machen mit ihren abwechselnd einfallenden Accenten und Tonen den Ausdruck sehr sinnlich und ruhrend."
"In der vierten Scene lauft das Volk schon, und jubelt, aus der Natur im Fluge dargestellt, uber die Ankunft der Mutter und Tochter, zu Agamemnons Entsetzen. Kalchas bringt dabey eine gute Moral an."
"Der Chor darauf: Que d'attraits! que de majeste! que de grace! que de beaute! macht mit dem vorigen einen entzuckenden Kontrast, und das ruhrendste und reizendste Schauspiel. Klytamnestra und Iphigenia erscheinen, und das Ballet beginnt unter dem Gesange. Die Mutter fuhlt sich dabey hochst glucklich, lasst ihre Tochter allein unter den Freudenbezeugungen, und eilt zum Gemahl."
"Die Musik zu den Balleten ist fur die Komponisten der Franzosischen Opern sehr beschwerlich; sie macht eine eigne Gattung aus, zerstreut die Aufmerksamkeit auf das Ganze, und muss die Formen streng beobachten. G l u c k s hoher tragischer Genius hat sich ziemlich glucklich durchgeholfen, und es finden sich schone Melodien voll Rhythmus unter seinen Tanzen, als z.B. die meisterhaft ausgearbeitete Passecaille im Ballet des zweyten Akts. Er nahm manches dazu aus seinen altern Werken. Sie sind heitrer Himmel zwischen den Wetterwolken."
"Bey einem Ruhepunkt des Ballets vernimmt man zuerst die Stimme der Iphigenia in Accenten voll Grazie zu der naturlichen Empfindung: Les voeux, dont ce peuple m'honore, peuvent-ils flatter mes souhaits! Achille a mes yeux inquiets ne s'offre point encore."
"Die Mutter kommt am Ende desselben wieder, und bringt die verhasste Nachricht, dass Achill in eine Andre verliebt sey, ermuntert Iphigenien zur Standhaftigkeit, und sucht sie in einer Arie voll Heftigkeit zum Zorn anzufeuern."
"Klytamnestra lasst die Tochter allein, und diese hat daruber eine Scene voll schoner Weiblichkeit."
"Achilles trift sie darauf von ungefahr an, und verwundert sich uber ihre Ankunft. Sie empfangt ihn kalt und bitter. Er erstaunt. Die Nachricht der Mutter klart sich bald als falsch auf. Iphigenia entschuldigt sich voll Zartlichkeit uber seine leidenschaftlichen Vorwurfe; und der seelenvolle Accent ihres schonen Charakters herrscht in ihren Melodien. Sie versohnen sich dann in einem Duett, wo ihre Liebe in hellern Flammen auflodert; welches den ersten Akt schliesst."
Zweyter Akt.
"Iphigenia druckt in einer schonen Arie ihre Furcht aus, dass Achill wegen der erdichteten Nachricht sich mit ihrem Vater entzweyen mochte. Die Mutter kommt dann, und verkundigt, dass die Vermahlung sogleich gefeyert werden soll. Achill erscheint mit dem Patroklos; und alles ist voll Freude und Jubel daruber in Choren und Tanzen."
"Bey diesem allen ist nichts Ausserordentliches in der Poesie, und folglich auch nicht in der Musik. Es dient zur Ausfullung des Ganzen. So wie der Mensch nur Ein Herz hat, und Eine Seele, Ein Paar Augen und Einen Mund, u.s.w.: so hat G l u c k auch seine Hauptkraft nur in das Wesentliche gelegt, und es in der hochsten Vortreflichkeit darzustellen gesucht."
"Die Katastrophe beginnt in der vierten Scene, wo Arkas, Agamemnons Getreuer, Iphigenien, dem Achill und der Mutter entdeckt, dass die Tochter des Heerfuhrers Dianen geopfert werden soll, und dass die Vermahlung nur ein Vorwand war und ist."
"Erstaunen und Entsetzen daruber. Die Truppen des Achilles wollen eher sterben, als es geschehen lassen. Die Mutter fleht den Helden um Rettung an. Dieser gerath in Wuth. Iphigenia sucht beyde zu besanftigen. Diess giebt ein Terzett voll Leidenschaft, welche sie gegen das Ende, wo Worte nichts mehr sagen und helfen, durch blossen angehaltnen Ton am starksten von sich stromen."
"Achill verlasst beyde mit seinen Worten im Terzett: devoue a ma rage un inhumain sans foi, o ciel! und sagt in der Scene darauf: Suis moi, Patrocle. Dieser erwiedert: Et que voulez vous faire? voulez vous, n'ecoutant qu'un aveugle transport, aussi cruel que les dieux et son pere, voulez vous donner la mort? Diese Frage besturzt ihn; er ruft aus: Qui? moi? und fahrt nach kurzer Ueberlegung fort mit den Worten der Arie: Cours, et dis lui, qu'elle n'a rien a craindre, qu'outrage, furieux, mais vaincu par l'amour, quelque soit mon courroux, je saurai me contraindre, et respecter celui qui lui donna le jour; in entzuckender Melodie und Harmonie, welche den Charakter des jungen Helden in seiner ganzen Liebenswurdigkeit darstellt. Sie gehort, nebst der Arie, worin Iphigenia von ihm Abschied nimmt, unter das Schonste der Oper. Schade, dass sie so kurze Dauer hat, und nur ein voruber fliegender Reiz ist. Aber sie sollte ihrer Natur nach nichts Anders seyn."
"Achilles stosst auf den Agamemnon; sie gerathen beyde gleich heftig an einander, und werden noch heftiger in einem Duett, alles nach der Natur ausgedruckt. Agamemnon will sich nicht drohen und nichts vorschreiben lassen; und Achilles sagt ihm beym Weggehn, dass er ihm erst das Herz durchbohren musse, bevor er rasend seine Geliebte opfern wolle."
"Die siebente Scene darauf ist das wichtigste Stuck des zweyten Akts; Vater und Heerfuhrer wird darin am ruhrendsten dargestellt. Im Zorn uber den Achill will er die Tochter aufopfern, und ruft Soldaten; besinnt sich aber bald anders: o Dieux, que vais-je faire! c'est ta fille, cruel, que tu leur vas livrer! u.s.w. Doch regen sich, bey der sturmischen Abwechselung von Gefuhlen, Stolz und Zorn wieder: faut-il sacrifier l'interet de la Grece, faut-il d'Achille endurer le mepris? Der Kampf wird starker; aber endlich siegt die Natur. Er stellt sich die grausame Handlung recht lebhaft vor, fuhlt schon die Gewissensbisse daruber in ihrer ganzen Schrecklichkeit, und schickt seinen Getreuen ab, Mutter und Tochter sogleich aus dem Lager heimlich fortzubringen. Recitativ und Arie machen ein vollendetes Meisterstuck."
"O toi l'objet le plus aimable
que tant de vertus font cherir,
pardonne a ton pere coupable
en faveur de son repentir!
ist Kern und Herz der Oper; und der Rhythmus ausserst sinnlich nach der Situazion."
Dritter Akt.
"Die Griechen halten den Arkas an mit der Iphigenia:
Non, non, nous ne souffrirons pas,
qu'on enleve aux Dieux leur victime;
ils ont ordonne son trepas,
notre fureur est legitime.
Nun folgen die schonen Scenen der jungen Heldin." "Sie bittet den Getreuen des Vaters, nicht langer vergebens sie zu vertheidigen." "Achilles kommt dazu, und will sie durch das Geschrey und die Wuth des Volks fuhren. Sie weigert sich, und sagt: ihr Schicksal sey entschieden; die zartlichste Liebe habe zwar ihr Leben ihm gewidmet gehabt, und es sey ihr desswegen theuer. Aber, Il faut de mon destin subir la loi supreme, ist dann die erste Arie voll heroischen tragischen Seelenklanges, gleichsam Einleitung zu der nach einem kurzen Recitative darauf folgenden, worin sie mit hochst ruhrender wehmuthiger Zartlichkeit von ihm Abschied nimmt."
"Es ist Musik aus den lebendigsten Quellen der Natur geschopft in ihrer reinsten Gottlichkeit, ewig schon und entzuckend; die Tone sind aus dem Innersten der Situazion hervorgezaubert, und die Worte glanzen darin wie Perlen; Adel des Charakters und Gefuhl der bittern Trennung wunderbar mit einander vereinigt."
"Von der lyrischen Erhabenheit der Iphigenia des Griechen wird nur Folgendes in den Recitativen beybehalten: Partez, la gloire vous appelle; elle offre a vos regards la carriere immortelle, ou vous devez courir: ma mort seule peut vous l'ouvrir."
"Avez vous cru, qu' Iphigenie put oublier sa gloire et son devoir? ils lui sont plus chers, que la vie."
"G l u c k hat diess ganz trocken und fluchtig behandelt, weil es nicht wohl zur hohern Kultur der Franzosischen Iphigenia passte, bey der, so wie bey der Mutter und dem jungen Helden, man zu deutlich merkt, dass sie nicht an die Gottheit der Diana glauben."
"Das unschuldige, so tief eindringende: N' oubliez pas, qu' Iphigenie, digne d'un moins funeste sort, pour seul cherissoit la vie, in der Arie, treibt den Achill zur Wuth. Er verlasst sie mit den Worten: Calcas d'un trait mortel perce sera ma premiere victime; l'autel prepare pour le crime par ma main sera renverse. Et si dans ce desordre extreme votre pere offert a mes coups frappe tombe et perit lui meme, de sa mort n'accusez que vous."
"Die Melodie dazu hat Flug und Feuer des Blitzes; und die Harmonie von Trompeten und Pauken, Hornern, Floten, Hoboen und Geigen die furchterlichste Grausamkeit und Starke der Schlacht zu Mord und Verderben."
"Diese Arie entzuckte und riss alle Offiziere und Chevaliers hin, und entschied G l u c k s Sieg."
"Das Schauspiel wird dann immer ergreifender. Man bringt Iphigenien, unter den Choren von Abtheilungen der Armee, zum Altar am Meere; und als sie geopfert werden soll, erscheint Achill mit seiner Schaar. Diana und ihr Priester besinnen sich eines Bessern, und alles geht glucklich aus. Nach einem erfreulichen mit Choren abgewechselten Ballet, kront das Ganze ein wilder Kriegsgesang in der heroischen Starke von lauter Oktaven; und Horner und Trompeten schmettern in Rache schnaubenden Anapasten den Beschluss."
"Gehemmte Gewalt, und dadurch leidende Unschuld, mit zartlichen Klagen und wilden Ausbruchen heroischen Feuers sind das Wesentliche dieser Oper. Das Treffendste, was Musik fur solchen Ausdruck vermag, hat G l u c k in verschiednen Meisterstucken geleistet. Das minder Wesentliche und Gewohnliche ist zuweilen sehr trocken und nachlassig; aber man muss wenig Opern kennen, wenn man ihm allein diess so hoch anrechnen will. Ueberhaupt brechen die Italianischen Formen hier und da wieder hervor."
H i l d e g a r d hatte das Ganze noch nie so sinnlich vor sich gehabt, und gab L o c k m a n n e n ihr Wohlgefallen mit Blicken zu erkennen. Der Mutter selbst war es die angenehmste Unterhaltung; sie horte aufmerksam zu, und ward tief geruhrt von beyder Gesange. Nur meinte sie, dass die Rolle der Klytamnestra so wohl vom Dichter als vom Tonkunstler vernachlassigt sey; und jene hielten ihr Urtheil fur gegrundet.
L o c k m a n n fuhr alsdann fort und sagte:
"Worin sich G l u c k noch von Andern unterscheidet, ist die innere Form seines Takts, die einen ganz eignen Reiz hat."
"Diese zarte, aber hochst wichtige Materie hat man bey uns noch gar wenig untersucht. Sie ist auch so verwickelt, dass ich befurchte, langweilig, pedantisch zu werden, und Ihnen beschwerlich zu fallen, wenn ich nur das Wesentlichste auseinander setze."
H i l d e g a r d fasste ihn bey der Hand mit sanftem Druck, der ihm suss durch alle Nerven fuhr, und bat instandigst, ihr diess Vergnugen nicht zu versagen.
"Sie werden die Geduld verlieren," erwiederte er, und hohlte Bleystift und Papier aus seiner Brieftasche. "Um die Sache Ihrem Gedachtnisse zu erleichtern, will ich Ihnen die fremden Worter dabey aufschreiben."
"Poesie, auf den ersten Anblick, ist die Kunst, mit Worten in abgemessnen Sylben ein Ganzes fur die Einbildungskraft darzustellen. Und so ist Musik die Kunst, mit abgemessnen Tonen, durch Kehlen und Instrumente dasselbe zu bewirken."
"Maass haben also beyde gemeinschaftlich: durch die Verschiedenheit desselben entstehen bey jener verschiedne Sylben, Fusse und Versarten; bey dieser Tone, die an Hohe, Tiefe und Dauer verschieden sind."
"Takt ist ein bestimmtes fortgehendes Maass der Bewegung, die vom feyerlichen Schritt hoher Priester und Konige, bis zur Eile des Blitzes, alle Grade haben kann."
"Rhythmus ist Verhaltniss derselben nach der Natur der Gegenstande, Empfindungen und Gefuhle durch die Theile des Ganzen; und gleichsam Flugelschlag und Schweben. Obschon der Mensch keine korperliche Flugel hat, so scheint doch seine Seele sie zu haben, um von einer Idee, einer Empfindung, einem Gedanken auf andre zu kommen: ein schones sinnliches Bild, das P l a t o n eingefuhrt hat. Nach seiner Lust frey fortfliegen; angreifen, jagen und fangen; fliehen und sich retten: diess alles hat seinen besondern Rhythmus in Tonen, in Prosa und in Versen. Musik, und schon Poesie fur sich, verlangt kurzere Absatze, als Prose, weil man darin in starkern Tonen spricht, und ofter Athem schopfen muss."
"Zwey, drey, oder vier gleiche Theile machen wieder den Takt aus; alle Arten desselben sind aus zwey, drey, oder vier zusammengesetzt."
"Die Musik unterscheidet sich von der gewohnlichen Aussprache durch bestimmt abgemessene Tone; und darin liegt bereits die Nothwendigkeit des Takts."
"Mit dessen Theilen verhalt es sich, wie mit den Sylben der Fusse bey Versen. In der Poesie der Griechen mussen wir dessen Mannigfaltigkeit und Vollkommenheit aufspuren, da alle andern Sprachen, besonders die neuern, selbst die Italianische, von der Vollkommenheit der ihrigen so weit abstehen."
"Ihr schnellster und kurzester Fuss besteht aus zwey kurzen Sylben."
Pyrrichios.
"Ein Waffentanz hatte den Namen davon. Dieser Takt fehlt uns; er musste der Zweysechzehnteltakt seyn. In Balleten findet man jedoch zuweilen dessen Charakter, in den fortlaufenden vier Achteln des Zweyvierteltakts."
"Nach diesem kommt der Fuss von drey kurzen Sylben:
T r i b r a c h y s ."
"Der Dreysechzehnteltakt. H a n d e l setzte noch Tanze darin. Bey uns ist er abgekommen; doch hat unser Dreyachteltakt bey raschen Walzern denselben Charakter."
"Die Griechen nahmen an: eine lange Sylbe ist immer gerade zwey kurzen gleich, und zwey kurze Sylben sind gleich einer langen. Folglich waren dem T r i b r a c h y s an Dauer der Zeit gleich:
der J a m b o s ;
der T r o c h a i o s ."
"Die Griechischen Dichter und unsre Tonkunstler vermischen sie mit dem vorigen; die letztern nur nicht nach so bestimmten, dem Ohr abgelauschten Regeln. Jambos und Trochaios sind in ihrem Charakter einander entgegen." Zeit fuhlt: so druckt auch Eine Note schon alle drey Kurzen aus; welches bey Versen auch der allerlangsten Sylbe nicht gestattet wurde. Hierin weicht die Musik von der Poesie vollig ab; ein ganzer Schlag kann sogar zwey und dreyssig Kurzen ausdrucken."
"Dann folgt
der S p o n d e i o s ."
"Unser Zweyvierteltakt."
"Bey diesem entsteht schon mehr Mannigfaltigkeit von Sylben und Fussen. Ihm gleich an Dauer der Zeit sind:
der P r o k e l e u s m a t i k o s .
der D a k t y l o s .
der A n a p a i s t o s.
der A m p h i b r a c h y s ."
"Die Tonkunstler verwechseln diese wieder nach Belieben. Den Amphibrachys nahmen die Griechen in ihre anapaistische Versart nicht auf; und ausserst selten den Prokeleusmatikos."
"Darauf kommen funf kurze Sylben."
"Dieser Fuss besteht aus dem P y r r i c h i o s und T r i b r a c h y s , wird von den Griechen nicht gebraucht, und hat keinen besondern Namen. Ihm gleich sind:
der B a k c h i o s ;
der A m p h i m a k r o s , auch K r e t i k o s
genannt;
der A n t i b a k c h i o s ;
der e r s t e P a i o n ;
der z w e y t e P a i o n ;
der d r i t t e P a i o n ;
der v i e r t e P a i o n ."
"Diese Fusse geben fur unsre Musik keinen besondern Takt. Bey den Griechen war die paionische Versart daraus zusammengesetzt. Unser verwohntes Ohr kann den Funfschlag nicht fassen." "Dann folgt unser Dreyvierteltakt:
der M o l o s s o s . Diesem gleich sind:
der J o n i k o s , welcher mit zwey l a n g e n
der J o n i k o s , welcher mit zwey k u r z e n
Sylben anfangt;
der C h o r i a m b o s ;
der A n t i s p a s t i k o s ;
der D i i a m b o s ;
der D i t r o c h a i o s ."
"Aus diesen Fussen setzten die Griechen ihre antispastischen und Jonischen Versarten zusammen. Unsre Tonkunstler brauchen sie nach Willkuhr in den Takten, die aus drey Theilen bestehen."
"Alsdann kamen Fusse von sieben Kurzen:
der e r s t e E p i t r i t o s ;
der z w e y t e E p i t r i t o s ;
der d r i t t e E p i t r i t o s ;
der v i e r t e E p i t r i t o s ;
die zum Theil in der antispastischen Versart gebraucht wurden."
"Und endlich schliesst:
der D i s p o n d e i o s , unser Viervier
telakt; in welchem alle Fusse vorkommen konnen." "Wenn man alle diese Fusse wieder unter sich zusammensetzt, welche erstaunliche Mannigfaltigkeit gegen unsre neuern Reimereyen!"
"Hatten wir nur noch die Melodien zu einigen Tanzen der Griechen! besonders der Jonier und Jonierinnen, die in jeder Rucksicht wegen der Gelenkigkeit ihrer Korper beruhmt waren."
"Wer den Charakter dieser Fusse nicht in den Schauspielen des S o p h o k l e s , E u r i p i d e s und A r i s t o p h a n e s , oder den Oden des P i n d a r studiren kann, muss ihn mit seinem eignen Gefuhl fur sich zu fassen suchen. Dass der J a m b eine andre Art von Bewegung ausdruckt, als der T r o c h a i o s , wird auch einem Ungebildeten auffallen; und so der A n a p a i s t o s gegen den D a k t y l o s ; und so der v i e r t e P a i o n gegen den e r s t e n ; so der C h o r i a m b o s gegen den A n t i s p a s t i k o s ; und so der J o n i e r gegen die J o n i e r i n ."
"Wie ein P r a x i t e l e s die Formen, ein A p e l l e s die Formen und Farben in der Natur nachbildet und zur hochsten Schonheit bringt: so lauert ein G l u c k auf Tone und Bewegungen, auf deren Langsamkeit, Geschwindigkeit, Schwierigkeit, und Hindernisse, Verwickelungen, Verflechtungen, leichte Schwalbenwendungen, hohe Adlerfluge, und die Stosse des Falken, der seine Beute fangt. Er hat von Kindheit an seine Lust am Spiel und den Balgereyen der Knaben, an dem zarten Gange und dem Freudentanz der Jungfrau, an dem leichten Laufe des Junglings, und dem kuhnen unaufhaltbaren Tritt der Manner zum Kampf und zur Schlacht. Sein Entzucken ist das Sauseln der Weste in heiligen Haynen, der Orkan, der auf Wasserkolossen im Meere reitet, und die gebrochne Woge, die wieder zur Ruhe wallt."
"Aus seiner Phantasie und seinem Herzen schopft er alsdann, wie ein Gott, das Spiel der zwey und dreyeinem H a n n i b a l und C a s a r , die F a u s t i n e n und G a b r i e l i , die F a r i n e l l i und P a c c h i a r o t t i , die L o l l i , K r a m e r , L e b r u n und P u n t o in Schlachtordnung: ein Z e v s , allgegenwartig bey dem furchtbaren Gewitter; und der Donner rollt erschutternd mit vollem warmen Sommerregen uber die schmachtenden Saaten seiner Welt."
"Unsre heutige Musik hat einen unendlich grossern Reichthum an Sylben zu ihren Takten, als die Griechische Sprache; und diese selbst ware fur ihren lustigen Genius nicht gelenk genug."
"In unserm Viervierteltakt zum Beyspiel sind doppelte Langen: Viertel, Achtel; und doppelte Kurzen: Sechzehntheile, Zwey- und Dreyssigtheile. Die letztern sind bey massiger Bewegung schon wahrer Flug gegen den Atalantalauf des Griechischen Prokeleusmatikos. Auch keuchen, stohnen und hinken die terrestrischen Nordischen Sprachen dem luftigen Wesen oft erbarmlich nach. Wie muss sich Achilles zum Beyspiel plagen, die Worte, selbst der Franzosischen, die im gewohnlichen Leben so geschmeidig ist, Calcas d'un trait mortel perce, mit dem flammenden Strahl der Gluckischen Melodie zu gatten !"
"Man sollte glauben, die Geschwindigkeit ware ubertrieben; aber sie hat wirklich Grund in den Verhaltnissen unsers Funf- oder Sechsoktavensystems. Das tiefste C auf unsern Kontrebassen verhalt sich schon gegen das dreygestrichne der Geigen gerade wie Eins zu Zwey und dreyssig. Wenn also die Basse ein Paar Polyphemsschritte thun, laufen oder stiegen vielmehr die Geigen, Floten und Hoboen, und auch die Stimmen der M a r c h e s i und T o d i , ganz naturlich deren zwey und dreyssig."
"Wir konnen, besonders in der Instrumentalmusik, aus ganzen und halben Schlagen, Vierteln, Achteln, Sechzehntheilen und Zwey- und Dreyssigtheilen eine solche Menge verschiedner Fusse oder Takte zusammensetzen, dass die zwey Dutzend Griechischen weit zuruckbleiben mussen. Man sollte sie wohl einmal zahlen und ordnen, und die verschiednen schonsten Formen nach vortreflichen Mustern in Klassen bringen. Bis jetzt sind sie bloss dem Instinkt uberlassen worden. Die Kunst der Musik erhebt sich schon dadurch allein uber den Ausdruck der Sprachen in allem, was Bewegung, Leben und Leidenschaft betrift; und kann in der Folge zu einer weit hohern Vollkommenheit gelangen."
"O, wie wunscht' ich," fiel H i l d e g a r d ein, "dass der gute alte R e i n h o l d hierbey zugegen ware!"
"Wollen wir tiefer philosophiren," fuhr L o c k m a n n ferner fort, "so giebt uns die Musik in ihrer Mannigfaltigkeit gleichsam die allerfeinsten Elemente der Zeit. Die Sekunde, womit wir die Minute, und die Minute, womit wir die Stunde messen, passen so ziemlich fur die gewohnlichen Pulsschlage unsers Lebens. Die Vocale der Tone und Sprachen aber konnen wie Blitze nach der Schnelligkeit unsrer Gedanken, Gefuhle und Handlungen entstehen und verschwinden."
"Die Fusse insgesamt sind die mannigfaltigen Formen der Bewegung in ihrer Reinheit von der Materie abgesondert. Die Mittel, wodurch sie sich dem Gehor aussern, sind Tone und Worte; und durch Tone und Worte stellt die Kunst die Wirklichkeit in der Natur selbst dar."
"Wir wollen also zum Beyspiel nur d i e Wirklichkeit aufsuchen, die der allgemeinste Fuss in allen Sprachen, der J a m b o s , darstellt ; und diess am Menschen. Er bewegt sich am oftesten mit Handen, Armen, Fussen und Beinen. Wir finden gleich die Form, wenn er mit der Rechten aushohlt und zuschlagt. Die kurze Sylbe druckt die Bewegung aus, und die lange die auffallende Kraft. An den Beinen ist sie ein Sprung, ein rasch fortgesetzter Doppelschritt. Wollen wir noch andre Theile des Korpers nehmen? Ein zum Kusse gehaschter Madchenkopf. Nun die Worte, welche diese Handlung ausdrucken: i c h schlug, ich sprang, ich schritt, ich k u ss t e s i e . Die Form kommt ganz mit der Bewegung uberein."
"Dem J a m b folgt der A n a p a s t , und der v i e r t e P a i o n . Die Kraft wird machtiger bewegt: von dem Gebirg' in das Thal herab zu der vertilgenden Schlacht."
"G l u c k geht mit seiner lebendigen Kunst in der Arie des Achilles noch viel weiter, bey
Calcas d'un trait mortel perce;
man hort und sieht den Wurfpfeil fliegen, und mit furchterlicher Gewalt durchbohren."
"Die diesen entgegen gesetzten Fusse haben nichts Angreifendes, und sind furchtsam, schuchtern, zartlich, weichlich, freudig, oder auch sicher und majestatisch; Kraft im Genuss ihrer selbst und des Lebens; und so weiter."
"Die Sylben und Worter der Sprachen sind wahrscheinlich erst nach blossen Tonen entstanden und erfunden worden; und so scheint auch der Vers seinen Ursprung der Melodie zu verdanken zu haben. Fur das epische Gedicht hat ihn hernach schon die verstarkte Aussprache eingefuhrt. Eine gewisse Harmonie des Zeitmaasses erleichterte nicht allein die Anstrengung der Stimme, sondern machte auch den Vortrag fasslicher und gefalliger."
"Der Vers richtet sich nach der Verschiedenheit der Sprachen, und nach dem Inhalt und Umfang des Ganzen."
"Die Stammsylbe, das Wesentliche des Worts, erfordert zwar an und fur sich langere Dauer, als die Nebensylben; doch kann die Natur des Dinges, die Beschaffenheit und das Verhaltniss desselben zu andern, in der Verbindung sie ausserst kurz machen."
"Der Reim in den neuern Sprachen ist meistens nur ein sinnliches Zeichen des vollendeten Zeitmaasses."
"Eben weil der Vers ein grosseres Zeitmaass als ein Fuss seyn soll, muss er aus mehreren Fussen bestehen; und so eine Strophe aus mehreren Versen."
"Die Theile der langsten Taktarten, und die Sylben aller Fusse, lassen sich, wie jede Zahl, auf gleich oder ungleich zuruck bringen; jedoch nicht auf ein Maass von zwey oder drey. Es giebt so erhabene Gefuhle und Gegenstande, fur die ein solches zu kleinlich ware, wenn man es merkte. Sogar die langsten Taktarten sollten bey hohen lyrischen Scenen nur horbar seyn, wie Geripp in lebendiger Schonheit erscheint."
"Obgleich die Worte der Opern im Italianischen und Franzosischen fast durchaus Jamben sind, so kommen doch alle Fusse der Griechischen Poesie darin vor: aber nur wild und von ungefahr, nicht durch die Kunst fur sichre Wirkung gebildet; welche hoherer Genuss und Verstand mit der Zeit doch wieder einfuhren wird45."
"Der Jambische Vers der Griechischen Schauspiele bestand aus sechs Fussen. Im zweyten, vierten und sechsten Fusse musste der Schwung des J a m b o s immer rein herrschen; nur im vierten durfte der T r i b r a c h y s bey der Majestat der Tragodie sich noch blicken, lassen, ausserst selten im zweyten und letzten. Die Komodienschreiber hatten grossere Freiheit. Im ersten, dritten und funften Fusse nahmen zwar zur Abwechselung noch der S p o n d e i o s , A n a p a i s t o s und D a k t y l o s ihre Stelle ein; aber nie erschien der T r o c h a i o s . So zart war das Ohr der Athenienser!"
"Die Italianer sind schon zufrieden, wenn in ihren funffussigen Jambischen Versen nur zwey ertragliche Jamben vorkommen, und sie nehmen darin alle andern Fusse auf Sie haben weiter keine Regel, als den Wohlklang. Eben so die Franzosen. Daraus entsteht bey ihren Versen, Arien und Stanzen eine unendliche Mannigfaltigkeit; die entgegen gesetztesten Fusse vereinigen sich da zusammen. Zuweilen findet sich nach der gewohnlichen Aussprache, selbst bey den besten Dichtern, nicht Ein Jamb. Man nehme den A r i o s t in einer Menge Verse."
"Si perfetto destrier, donna si degna,
A un ladron non mi par che si convegna;
ruft Rinald dem Sacripant in vortreflichem Rhythmus zu. Es sollen Jamben seyn, sind aber
Anapaisten, Daktylen, und T r o c h a i e n ."
"Die Deutschen Dichter gestatten in ihren Jambischen Versen keinem andern Fusse den Zutritt, und foltern in langern Gedichten Natur und Sprache, so dass das Ohr bey ihren besten Werken sich nach einer guten Prose und den gottlichen Knittelversen des H a n s S a c h s zurucksehnt."
"Bey Opern, die in ihren Jamben geschrieben sind, muss der Tonkunstler fur die Menschenstimme, das Wesentliche, seinem unendlichen Reichthum entsagen, und sich mit einer ekelhaften Armuth gatten. Wahrscheinlich flickten die altern desswegen in der Verzweiflung Italianische Arien ein, da die Dichter hartnackig taub waren und von ihrer Gewohnheit nicht lassen wollten."
"Es ist eine Lust anzuhoren, wie G l u c k die Jamben der Franzosischen Dichter in alle moglichen Fusse der Griechischen Poesie verwandelt; nicht an einzelnen Stellen, sondern uberall. Wir wollen bey dieser Oper gleich von vorn anfangen." "Diane impitoyable, envain vous l'ordonez Cet affreux sacrifice! Envain vous promettez De nous etre propice; De nous rendre les vents, par votre ordre enchaines. Non, la Grece outragee Des Troyens a ce prix ne sera pas vengee! Je renonce aux honneurs, qui m'etoient destines; Et dut-il m'en couter la vie! On n'immolera point ma fille Iphigenie." "Die mehrsten Jamben sind in der Musik in Anapaisten verwandelt:
cet affreux sacrifice,
de nous etre propice,
de nous rendre les vents par votre ordre enchaines.
Des Troyens a ce prix ne sera pas vengee.
Je renonce aux honneurs, qui m'etoient destines.
Et dut il m'en couter la vie,
On n'immolera point." "Beym S o p h o k l e s selbst findet man nirgends in so wenig Zeilen der anapaistischen Versart deren so viele."
"Im Chor der Griechischen Soldaten werden die schnellsten andern Fusse damit vermischt."
Il faut des Dieux irrites
Nous reveler les volontes.
"Dreymal nach einander der v i e r t e P a i o n . Die Generale fallen eben so in die Stimmen des Heers ein:
Pour calmer leur courroux
Quel sacrifice exigent ils de nous?"
"Man muss weder Ohr noch Herz haben, wenn man die furchtbare Gewalt des Rhythmus hier nicht fuhlen will, und sich einbildet, er habe bey dem Reichthum der neuern Musik nicht viel zu bedeuten." "Kalchas antwortet gleichfalls darin:
Pourquoi me faire violence?
und so weiter dann in Anapaisten:
D'une sainte terreur tous mes sens sont saisis, u.s.w. und das Volk darauf immer in Musik in derselben Versart:
Nommez nous la victime
Et prompts a l'immoler
Sur les autels des dieux
Tout son sang va couler
Que notre fureur s'assouvisse
Dans le sang du dernier Troyen."
"Nun auf einmal ganz andre Griechische Fusse im Chor des Volks bey dem reizenden Aufzug der Iphigenia mit der Mutter:
Que d'attraits! que de majeste!
Que de grace! que de beaute!
Qu'aux auteurs de ses jours elle doit etre chere!
Agamemnon est a la fois
Le plus fortune pere
Le plus heureux epoux et le plus grand des Rois." "Der am oftesten gebrauchte K r e t i s c h e F u ss macht hier den Ausdruck susser Bewunderung; und der J o n i s c h e bey que de majeste, geht in Erstaunen uber. Der M o l o s s o s zeigt recht die Fulle bey que de beaute, und Gewalt und Starke bey et le plus." "Man sieht wohl, dass G l u c k , um Einheit des musikalischen Ausdrucks zu erhalten, einigen Sylben mit dem Kretischen Fusse Gewalt anthat, als bey Agamemnon est a la fois 46." "Und eben so hernach bey den frohen Daktylen der Mutter:
Que j'aime a voir ces hommages flatteurs
Pour une mere tendre
Que ce spectacle a des douceurs."
"Gerade bey den leidenschaftlichsten Scenen braucht G l u c k den Griechischen Accent am haufigsten; und er hat gewiss zur starken Wirkung derselben nicht wenig beygetragen." "Zum Beyspiel noch die beruhmte Scene der Reue Agamemnons:
O toi l'objet le plus aimable,
Que | tant de ver|tus font cherir,
Par|donne a ton | pere cou|pable
En faveur de | son repen|tir."
"Man muss die Melodie horen, um zu fuhlen, wie der Kretische Fuss hier das Herz angreift! einmal, wo der gewaltige M o l o s s o s darauf folgt; und dann, wie er doppelt hinter einander gleichsam schluchzt."
"Und den eben so beruhmten Abschied der Iphigenia:
Adieu! conservez dans votre ame
Le souvenir de notre ardeur;
Et qu'une si parfaite flamme
Vive du moins dans votre coeur.
N'oubliez pas, qu Iphigenie,
Digne d'un moins funeste sort,
Pour vous seul cherissoit la vie
Et vous aima jusqu' a la mort."
"Der v i e r t e P a i o n , der Fuss heftiger Leidenschaft, herrscht hier durchaus; er kommt nicht weniger als zehnmal vor, und nach der gewohnlichen Aussprache kaum ein einziges mal, bey Qu'une si parfaite. Die sogenannte gute Taktzeit mildert die Kurzen, dass das Fremde nicht auffallt. Am mehrsten greift der C h o r i a m b o s mit dem v i e r t e n P a i o n vereinigt das Herz an bey
digne d'un moins funeste sort,
G l u c k verstarkt ihren Ausdruck noch durch die Begleitung der Melodie in Oktaven."
"In der dann folgenden Arie des wuthenden Achilles braucht er den heftigsten unter allen, den P r o k e l e u s m a t i k o s , , bey, den Worten
Et | si dans ce des|ordre extreme
Votre pere offert a mes coups
Frappe tomb|e et perit lui meme, u. so weiter."
"Der B a k c h i o s Frappe tombe schlagt ein, recht wie ein Wetterstrahl."
"G l u c k hat schwerlich den Rhythmus der Griechischen Dichter in ihren Werken studirt, und dieser war also blosser Instinkt seines gottlichen Genies. Man kann wohl sagen, dass er der Franzosischen Sprache zuerst eigentlichen lyrischen Accent, Tanz und Beine gegeben hat. Die reizende Neuheit entzuckte; kein Mensch beschwerte sich daruber; man konnte nicht mude werden, das Wunder anzustaunen."
H i l d e g a r d sagte L o c k m a n n e n warmen herzlichen Dank fur seinen neuen Unterricht; und gestand ihm mit der lebhaftesten Freude, dass sie den eigenthumlichen Reiz Gluckischer Musik nie so klar erkannt habe. Sie fugte hinzu:
"Warum vereinigte sich statt B a i l l i ' s d e R o u l e t nicht einer von unsern Deutschen klassischen dramatischen Dichtern mit dem grossen Meister! und warum trieb und lockte und reizte nicht beyde J o s e p h oder F r i e d e r i c h , K a r l T h e o d o r , oder ein Nachkommling von dem A u g u s t u s d e r H a s s i s c h e n M u s e , ein unsterbliches vaterlandisches Werk der hochsten Kunst hervorzubringen, wesswegen uns die drey stolzen Nazionen, bey denen H a s s e , G l u c k und H a n d e l Epoche machten, beneiden wurden!"
L o c k m a n n antwortete:
"G l u c k tragt lange diesen Gedanken mit sich
herum, und es ist seine liebste Beschaftigung, auf die treffendsten Melodien und Harmonien zu K l o p s t o c k s H e r m a n n s S c h l a c h t zu sinnen. In seiner Phantasie sind die mehrsten Gesange schon ausgearbeitet, und er singt sie zuweilen am Klavier, obgleich noch keine Note davon aufgeschrieben ist. M i l l i c o , der ihn, wie S a l i e r i , und mancher beruhmte Meister, mit dem ich mich uber ihn unterhalten habe, fur das grosste musikalische dramatische Genie halt, das je gelebt hat, und uber alle seine Neapolitaner setzt, sprach mit mir daruber noch voll Entzucken; und sagte, die Italianische Nazion wurde nichts, weder in lyrischer Poesie noch Musik, aufzuzeigen haben, was damit in Vergleichung gesetzt werden konnte."
"Nur ist zu befurchten, dass verschiednes seinen
Eifer erkaltet habe47."
Sie sprachen mehr hieruber; und gingen dabey im Saal auf und nieder. Es fing schon an dunkel zu werden; um so weniger wich die Mutter von der Stelle. L o c k m a n n zogerte, und zogerte; musste aber endlich fort gehn. O, wie so ungern verliess er H i l d e g a r d e n ! Wie setzte der susse Blick ihrer schonen Augen, das holdselige Lacheln ihres schonen Mundes alles bey ihm in Wallung! O wie sehr schmachtete er nur nach einem Kuss, einer Umarmung! Aber auch nicht ein Augenblick war dafur zu erhaschen.
Er stand auf der Treppe, und unten im Hofe, wo er den Schlussel an der Gartenthur erblickte, noch einigemal still. Niemand liess sich sehen; nun konnte er sich nicht bandigen, und schlich sich hinein.
Er taumelte vor Begierde, wie ein lusternes Kind, nach der Wasservertiefung, und lauschte zwischen den Lindenstammen, ob Jemand kame. Es wurde vollig dunkel, und noch kam Niemand. Der Tag war wieder warm gewesen, und jede Fiber in ihm verlangte und hoffte voll Entzucken und Bangigkeit, dass H i l d e g a r d zum Bade kommen sollte. Die Sterne schwebten am Himmel funkelnd im ewigen Freudenfeuer ihre Strasse fort; Lyra, Kassiopeja, Andromeda blickten freundlich in sein Wesen. H i l d e g a r d , schoner als sie alle, die Zierde der Schopfung, erschien nicht. Die Glocken schlugen Viertel und Stunden in sein hochlebendiges Gefuhl, bis das Silberlicht vom Aufgang des Mondes in Osten sich zeigte, er selbst dann gross und hehr am Wald empordrang, und Blumen und Gestrauch, Zweig' und Wipfel des Gartens uberglanzte. Wie ein Nimrod stand L o c k m a n n auf der Lauer; aber das scheue fluchtige Reh erschien nicht.
Er trat im Schatten leise auf und ab, und wagte sich wieder bis vor den Eingang. Mitternacht war vorbey; nichts regte sich mehr im Hause. Er fand die Thur noch unverschlossen. Kaum konnt' er so viel Besinnung fassen, dass er dem Versuch widerstand, sich wie ein Dieb die Treppe hinauf bis in ihr Heiligthum zu stehlen. Larm das fuhlte er durfte sie doch nicht machen, wenn er einmal bey ihr ware. Bewunderung und Anbetung ihres hohen Wesens, die Charitinnen der Venus Urania, hielten ihn wie sichtbar selbst an der Rechten zuruck, und Amor schwebte mit raschen Fittichen voran, und zog ihn machtig bey der Linken: als ein Wind sich regte, und ein Fenster zuschlug, die Zweige rauschten, die Luftbilder verschwanden, und er sich plotzlich in Sicherheit entfernte.
Heftiger im Innern bewegt, ging er wieder zu der Wasservertiefung. O, wie die Quellenfluth ihm so lieblich in die Seele blinkte! Er sprach mit ihr, und dem Mond, dem Orion, Sirius und Stier am ostlichen Himmel, mit Blumen und Gestrauch; kleidete sich gegen Morgen aus, und senkte seine Gluth in das entzuckend frische reine gottliche Element, an einer Stelle, wo er bis an die Brust Boden fand, weil er nicht schwimmen gelernt hatte; tauchte dann den Kopf hinein, rauschte mit den Armen umher, und hatte sich vor schmachtender Lust ersaufen mogen, in dem Versuch, wie sie herumzuwallen. Abgekuhlt trat er heraus, that einige Satze in die Luft, wandelte kindisch, wie sie das erstemal, auf dem Rasen herum, trocknete sich dann ab, kleidete sich wieder an, und spahte nun die beste Stelle aus, wo er bequem uber die hohe Mauer klettern konnte; denn zu bleiben hielt er fur allzu gefahrlich. Am Ende des Gartens fand er eine Buche, von welcher ein paar starke Aeste sich uber die Mauer streckten. Er hohlte noch eine nicht vollig glatte Stange, woran man sich festhalten konnte, um auf der andern Seite sich daran niederzulassen; schnitt dann in die zarte Rinde der Buche den Nahmen I p h i g e n i a zum Andenken, kletterte hinauf, zog die Stange nach, und stellte sie auf der andern Seite fest. So kam er glucklich herunter, und durch die oden Strassen in das Schloss, nur von der da stehenden Wache bemerkt, die ihn erkannte, und ungestort auf seine Zimmer gehen liess.
Er uberblickte noch einmal aus dem Fenster seine Pfade, und die reizende, lieblich vom Mond beleuchtete Gegend; kleidete sich dann aus, ass noch ein nahrhaftes Stuck kalten Kalbsbraten, und trank dazu eine Flasche kostlichen Burgunder; legte sich, als schon der Morgenschimmer lebendig in Osten auftrat, zu Bette, voll von H i l d e g a r d e n und ihrem Zauberkreise, und wiegte sich damit in einen erquickenden Schlaf ein.
Fussnoten
1 Ich habe vernommen; sey zufrieden, wenn ich aufhore dich zu hassen. 2 Ungluckliche Sophonisbe, nun bist du auf dem Gipfel des menschlichen Elends! Ohne Hofnung beklag' ich mich vergebens. 3 Welch ein wildes Schicksal, welch ein seltner Fall ist der meinige! 4 Sophonisbe, was wartest du?
An meinen Lippen hab' ich schon den todtlichen Becher. Warum zittert mir die Hand? Welch eine Dunkelheit verbreitet sich rings um mich! Unter den unsichern Tritten warum wankt mir der Boden! Wo bin ich? Was ist mir geschehen? ist diess vielleicht der naturliche Schauder vor dem furchtbaren Uebergange? Ha, ich glaubte nicht, dass der Anblick des Todes so schrecklich ware!
Aber welch ein froher und zugleich wilder Schall? Woher? man sehe! macht auf!
O entsetzlicher Anblick! die Schiffe, die Gefangnen! Vergebens erwartet ihr mich, ihr Stolzen! ich werde nicht kommen, meine Vertheidigung ist diese. Ge
O Gott! aber muss ich endlich so sterben! Die Bande, die Ketten!
Ich Elende! Alle weichen von mir weg, und mir bleibt allein ubrig welche grausame Hulfe! meine Standhaftigkeit. 5 Dieses ist die einzige, welche der vorige H e r z o g v o n W i r t e m b e r g von den Opern, die J o m e l l i fur seine Feste schrieb, hat herausgeben lassen. Durch wessen Schuld die andern zuruckgeblieben seyn mogen?
Wer sie, so wie einige der folgenden, nicht kennt, kann, wenn er will, die wenigen Blatter, die sie betreffen, uberschlagen. Manchem Freund der grossen Kunstler ist es doch wohl angenehm, daraus wenigstens ihre Existenz bestimmt zu vernehmen; auch ohne das Anerbieten im Vorbericht dieses Werks. 6 Undankbarer! so sehr hassest du mich also, und fliehst mich, dass du, wenn ich eile zu sterben, um mit dir vereinigt zu seyn, ins Leben zuruckkehrst? 7 Ein Ross, das sich der Wohnung nahert, beschleunigt schneller seinen Lauf. 8 Lernt unerfahrne Madchen! jeder nennt euch sein Liebstes Nehmt euch vor ihnen in Acht! es ist lauter Betrug. 9 Was hab' ich vernommen, ewige Gotter! welch ein unerwarteter Donnerschlag! 10 O die Gesetze der Freundschaft sind nicht bis auf diesen Punkt streng; der Prinz verzeihe! 11 Der Wille Jupiters, der Schatten meines Vaters, das Vaterland, der Himmel, das Versprechen, die Ehre, das verbreitete Gerucht ruft mich zu den Kusten Italiens. 12 Als einen schlechten Auswurf der Fluthen nehm' ich ihn vom Ufer auf. 13 Armer Vologes! ach, dass ich dich verliere! und dich verliere auf ewig! Mein Herz aber, ha Tyrann! das wirst du nicht erhalten. 14 Du verlangst mein Herz? Das Herz will ich dir geben. (Vor sich.) Aber treulos! was red' ich! Grausamer, hoff' es nicht, nein, nein! Aber warte, aber hore, aber hemme den Zorn; ja, das Herz will ich dir geben.
Welch ein Abgrund von Qualen! uberall ist Gefahr; ich habe keinen Rath, keine Vernunft mehr. 15 Welch eine dustre Zurustung von Schrecken und Trauer! welch eine klagliche und wilde Wohnung von Finsterniss und Schatten! O weh! traum' ich, oder wach' ich? Ich hore, oder mich dunkt zu horen die Stimme, das Aechzen des sterbenden Gatten.
Und diese schwarze tiefe Dunkelheit, die da aufsteigt! Ha, barbarischer Tyrann, du hast meinen Gemahl ermordet. 16 Blasser Schatten, der du hier dich aufhaltst, blutige Gestalt, die du um mich her irrst, was rufst du mich? was willst du von mir? 17 Bey der blossen Vorstellung vergeht mir der Athem, bricht mir der Schweiss aus, erstarr' ich. 18 Auf diesem todten Gesichte will ich mein krankes Leben aushauchen. 19 Schon im Jahre 1632 wurde eine Oper Phaeton zu Rom aufgefuhrt. Auch G r a u n musste einen in Musik setzen. 20 Tyrannische Gotter, nicht so viel Strenge! besanftigt den Kummer eines armen Herzens. 21 Verdammt mich das harte ungunstige Schicksal zu sterben: ha! so will ich wenigstens als ein Tapfrer fallen, ohn' einen Schatten von Feigheit.
Die ganze Welt rede dann zu ihrem Erstaunen von meinen Unfallen; und die Sterne mogen errothen uber ihre Grausamkeit. 22 Ich hore das Wiehern der erhitzten Rosse. 23 Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Fusse lege; u.s.f. Ps. 110. 24 Stor' ich je deine Ruhe, so habe mein Herz keinen Frieden! 25 Porus starb also! Wenn der Himmel mich von meinem theuren Gatten trennt; u.s.f. 26 Die susse Gattin sich rauben sehn. 27 Armer Kleiner, du weisst dein Schicksal nicht. 28 Ha, du wendest den Blick anders wohin! 29 Dircea bin ich, gehe zum Tode, habe kein Verbrechen. 30 Wenn ich dir alle meine Leiden sagen konnte, so wurd' ich dir vor Wehmuth das Herz zertheilen. 31 Das Gastmal. 32 Theure Stimme meines Geliebten, ich hore dich, erkenne dich wieder. 33 Feucht und nebelicht steigt schon die dunkle Nacht herauf. 34 O, aus Barmherzigkeit, verbirg mir wenigstens die herbe Wunde dieser Brust! O, aus Barmherzigkeit! sage mir nicht, dass der Un35 Empfange das letzte Lebewohl, lass mich nicht so! Ach, wie vielmal, o Gott, soll ich Armer an diesem Tage sterben! 36 Theurer Schatten, der du herumschwebst, weine nicht, halte mit Klagen ein. 37 Die Hofnung grunt mir wieder im Busen; meine Standhaftigkeit hat den Sieg davon getragen; ich eile zum Triumphe. 38 Wozu mich entschliessen? Was kann ich thun? Ich verzehre mich in Thranen, verlange zu sterben, und der Schmerz vermag nicht mich zu todten. 39 Du weisst die ganze bittre Geschichte einer unglucklichen Familie. 40 Hor' unsre Klage, das Aechzen, das Seufzen, o Schatten, der du hier am traurigen Scheiterhaufen schwebst! und wandle dann glucklich in den Schooss des ewigen Friedens. 41 Theurer, zartlicher Schatten, ach, warum eilst du zu deiner Ruhe, und ich bleibe hier?
Heiter wirst du der Wonne in den seligen Wohnungen geniessen, wo weder Zorn noch Schmerz hinlangt, weder Zorn noch Schmerz! wo ewige Vergessenheit jede sterbliche Sorge einhullt. Unter den vaterlichen ken, noch an diesen verhassten Sitz des Leidens. Theurer zartlicher Schatten, ach! warum eilst du zu deiner Ruhe, und ich bleibe hier? 42 Ich bleibe, um immer zu weinen, wo mich das harte Schicksal von einem Grauen ins andre leitet. Ach warum erscheint, die Thranen zu enden, holdselig der Tod fur mich noch nicht! 43 M o z a r t starb, so sehr er auch bewundert wurde, in Armuth und Durftigkeit. Der alte H a y d n , der Jubel aller Konzerte in Europa, erwirbt sich seinen Unterhalt in London. 44 M o z a r t hat, von dieser Ouverture entzuckt und bezaubert, einen Schluss dazu gemacht, ganz im Geiste G l u c k s , und wirklich erhaben, zum Triumph uber alle Symphonien in Konzerten, die H a y d n i s c h e n nicht ausgenommen. 45 Man wird sogleich sehen und fuhlen, was ein S o p h o k l e s , selbst im Franzosischen, und ein G l u c k mit einander hatten bewirken konnen. Jener wurde sich von der ganz unnutzen eingebildeten Form der Jamben gar nicht haben storen lassen. 46 Die Franzosen lassen sich diess leicht gefallen; dans nos chants, heisst es bey ihnen, la valeur des notes determine la quatite des syllabes. 47 Es ist, leider! auch nichts davon zum Vorschein gekommen, und alles mit ihm begraben worden.
Dritter Theil
Im nachsten Konzert wurden die gottlichen Scenen der Antigone von T r a e t t a aufgefuhrt; und Alle hielten sie fur die hochste Vollkommenheit der Kunst. So ganz sich und alles um sie her vergessend hatte man H i l d e g a r d e n noch nicht gesehen: sie war leibhaftig die erhabne zartliche Griechin, welche auf dem nachtlichen Schlachtfelde vor Theben die heilige letzte Pflicht gegen den geliebten erschlagnen Bruder erfullt; auch so in dem weissen Trauergewand und Schleyer. Den Kaltesten traten die Zahren des Mitleids in die Augen bey der feyerlichen Klage des Chors, ihren seelenruhrenden Accenten dazwischen, und den wehmuthigen gefuhlvollen reinen Nachlauten an den abgeschiednen Geist, von der hohen jungfraulichen Schonheit. Es herrschte dabey die tiefste Stille: nichts regte sich; Luft und Herzen fullte nur susse Trauer von Melodie und Harmonie.
Der Prinz war der erste, welcher eine Weile hernach zu H i l d e g a r d e n sagte: "Unsere Empfindungen gestatten keinen Ausdruck von Worten; wir alle schweben bey dem Zauber Ihrer Tone zwischen Erd' und Himmel. Mit welcher wunderbaren Gewalt entzuckt und fesselt Ihre Stimme!"
Er wendete sich dann zu dem jungen Kapellmeister, und sagte: "Noch hat keine Musik so starken Eindruck auf mich gemacht; sie fasst ruhrend das Loos der Menschheit in sich."
Die Damen wollten die Scenen wiederhohlt haben; aber H i l d e g a r d und der Prinz gestatteten es nicht: "So etwas," sagten sie, "verliert durch die Wiederhohlung, und bekommt einen Anstrich vom Gemeinen. Alles Erhabne und Ausserordentliche zeigt sich nur einmal in der Natur, feyerlich voruberschreitend; und so soll es auch in der Kunst seyn: wenigstens muss eine Zeitperiode dazwischen fallen, wo die Kunst alsdann wieder neu und nicht mehr gemerkt wird."
L o c k m a n n kam den Tag darauf um die gewohnliche Zeit. Die Mutter war wieder mit ihrer Arbeit beschaftigt, und schien sich nun den Musiksaal zu ihrem gewohnlichen Aufenthalt gewahlt zu haben. H i l d e g a r d sass schon mit der I p h i g e n i a i n T a u r i s am Klavier.
Sie hielten alle drey diese Oper, nebst der Alceste, fur G l u c k s grosstes Meisterstuck.
"Der Plan des Gedichts," fing L o c k m a n n an, "ist mit Verstand und Kenntniss dessen, was wirkt, angelegt. G u i l l a r d hat das Ganze fur seine Zeit bearbeitet, und Scenen erdacht, die, mit der Gewalt der Musik, wie Pfeile das Herz treffen. Er hatte zwar mehr Schonheiten vom E u r i p i d e s hineinbringen konnen; aber er hat auch manches Unnutze weggelassen. Was beym blossen Lesen zu kunstlich ist und die Tauschung stort, verschwindet bey der lebendigen Fulle und dem Zauber der Tone im wirklichen Schauspiel. Man kann diese Oper kuhn unter die wenigen hochst vollkommnen Werke ihrer Art rechnen."
"Es ist nichts Mittelmassiges darin; alles greift ein, und macht das ruhrendste Schauspiel tiefer Leiden von drey grossen vortreflichen Menschen: der gefuhlvollen unter Barbaren verbannten Iphigenia; des achten Helden Orestes; und des achten Helden und Freundes Pylades. Die schonen Chore der Griechischen Priesterinnen, Scythen, Eumeniden, und endlich der Griechen, die alle nicht erzwungen, sondern naturlich herbeykommen, geben dem Ganzen Pracht und Haltung."
"Der Charakter der drey Hauptpersonen ist durchaus meisterhaft beobachtet."
"Die Gewittersymphonie mit dem bald einfallenden Chor der Priesterinnen, unter Anfuhrung der Iphigenia, ist ganz in Einem Guss, originell pittoresk, besonders in dem Zug der Wolken, welchen die Horner durch den vier Takte lang angehaltenen Ton bey dem Zephyrspiel der andern Instrumente im Andante vortreflich darstellen; und sie ergreift, vorzuglich durch das hohe Pfeifen der Piccolfloten, gleich sturmisch erhaben."
"Man kann in Musik nicht leidenschaftlicher ausdrucken, als Iphigeniens Traum ausgedruckt ist, besonders bey den Worten: Mon pere perce de coups c'etoit ma mere c'est Oreste."
"Reizender Seelenklang gleich in der ersten Arie der Iphigenia: O toi, qui prolongea mes jours."
"Die Chore sind durchaus schon und voll Gefuhl."
"Thoas tritt dann auf, und macht einen herrlichen Kontrast mit dem zarten Jungfraulichen der Priesterinnen, besonders in der Arie: Des noirs pressentimens. Eine Stelle von grosser pittoresker Wirkung ist: Je crois voir sous mes pas la terre s'entrouvrir, et l'enfer pret a m'engloutir dans ses abimes effroyables. Und eben so: Tremble! ton supplice s'apprete! Melodie, Rhythmus und Begleitung stellen recht den Charakter des barbarischen Konigs dar."
"Der Anfang
des zweyten Akts
ist lauter zarte Empfindung im kurzen Vorspiel von Instrumenten. Vortreflich sind die Gefuhle beyder Freunde ausgedruckt, wie sie im Tempel allein sich sammeln. Schone leidenschaftliche Musik in der Arie des Orestes: Dieux, qui me poursuivez. Diess ist gerade das Tragische, wenn ein grosser Mensch in verwikkelte Umstande kommt, wo er nicht anders handeln kann."
"Der Charakter des Pylades, als eines zartlichen, klugen und standhaften Freundes, ist gut gehalten; seine Arie: Unis de la plus tendre enfance, himmlisch."
"Vortrefliches Recitativ im Duett, wie beyde von einander getrennt werden, voll Wirkung auf dem Theater."
"Gottliche Scene des Orestes darauf, wie er, allein, zur Ruhe kommt und einschlummert; das Sinken der Wellen nach dem Sturm, ist in der Begleitung hochst sinnlich ausgedruckt."
"Der Chor der Eumeniden in der vierten Scene, schrecklich, und voll Darstellung des Wesentlichen vom Ganzen; welches nichts anders ist, als Qual und Pein uber Muttermord, und Erduldung der Todesangst; alles im reizenden Gewande der Fabel und alten Sage. G l u c k s Musik ist zugleich pittoresk, und giebt den Schwung der Fackeln an. Die blasenden Instrumente Floten, Hoboen, Klarinetten, Fagotten, und besonders Posaunen thun grosse Wirkung."
"Iphigenia kommt gegen das Ende dazu, und das Gesprach zwischen Orestes und ihr, worin sie ihn ausfragt, ist ganz gottlich. Die Musik steigt durch mancherley Tone bey A g a m e m n o n bis in Des dur, und kommt hernach, wo er seine Mutter als Morderin nennt, in B moll. Es ist das Hochste von musikalischer Declamazion."
"Die Schlussarie der Iphigenia: O malheureuse Iphigenie, hat grossen lyrischen Schwung, und druckt die gewaltige Fulle des Leidens im Herzen vortreflich aus. Doch merkt man, dass sie sich von der andern Musik unterscheidet. Mit geringer Veranderung ist es die gottliche, in Neapel beruhmte Musik zu se mai senti spirarti sul volto."
"D e r d r i t t e A k t
ist von der grossten Wirkung auf dem Theater."
"Die wehmuthige Declamazion und Melodie der Iphigenia schmelzt vorher das Herz, damit die heftigen Schlage hernach desto tiefer eindringen. Das Spiel der schwesterlichen Sympathie ist in der Poesie vortreflich. Himmelschone Seelenaccorde in Iphigeniens Arie: D'une image, helas! trop cherie."
"Die Scene, wo sie den Orestes wahlt, um ihn nach Argos zu senden, ist in der Poesie, vorzuglich aber in der Musik, ausserst ruhrend und zart behandelt, voll der naturlichsten Darstellung und meisterhaftesten Declamazion."
"Das Duett in der vierten Scene: Et tu pretens encore, que tu m'aimes? ist erhabner Wetteifer der Freundschaft und Heldengrosse; es gehort unter die allerruhrendsten und schonsten. Der Dichter hat die Scene vortreflich behandelt, damit sie nicht blosse alltagliche Moral wurde. Der Ton C moll ist gut gewahlt."
"Das nun folgende Recitativ des Orestes gehort aber zu dem Allerstarksten, was ich auf dem Theater kenne: Quoi! je ne vaincrai pas ta constance funeste! Die Wiederhohlung des ne sais-tu pas? mit immer hoher steigender Leidenschaft, die Verstarkung und Erhohung der Stimme bis zum Schreyen, und die Fulle der Begleitung, hauptsachlich die Accorde der sturmenden Posaunen, mit den Klarinetten und Hoboen, und gegen das Ende mit den rauschenden Geigen setzen die kleinste Fiber der Zuhorer in Erschutterung, und machen den Triumph der Musik uber alle Kunste; denn keine andre kann solche gewaltige Empfindungen hervorbringen."
"Die Arie des Pylades nach diesem Sturm: Ah, mon ami, j'implore ta pitie; ist entzuckend: sie thut durch ihre reine Seelenaccente dem Herzen wohl."
"In der funften Scene setzt Orest es endlich durch in einem vortreflichen kurzen Gesange, worin er drohet, dass er sich selbst das Leben nehmen will."
"Pylades beschliesst den Akt mit einer schonen Arie an die Freundschaft, worin er den Vorsatz aussert, seinen Freund zu retten."
"Die mehrsten vorhergehenden Arien haben Griechischen Rhythmus, und geben der Handlung etwas Antikes, welches die Tauschung noch befordert."
Vierter Akt.
"Vortrefliche Darstellung der Iphigenia, wie sie nun bald den Orestes opfern soll."
"Die Arie: Je t'implore et je tremble, o Deesse implacable, druckt den Widerwillen und innern Kampf gut aus. G l u c k hat in dieser Oper einige Arien im gemilderten Italianischen Styl angebracht, die dem Ganzen Zierde geben; unter andern diese, welche den Charakter einer Arie der Berenize von ihm hat."
"Nun kommen die traurigen Chore der Priesterinnen, ganz vortreflich und voll weiblicher Grazie: O Diana, sois nous propice; und: Chaste fille de Latone; immer nur in zwey Sopranstimmen."
"Gottliches Recitativ der Iphigenia und des Orestes dazwischen; ganz aus der Seele declamirt: Voila le terme heureux de mes longues souffrances! und die kurze Cavatine: Que ces regrets touchants pour mon coeur ont de charmes!"
"Grosser Theaterstreich, wie Iphigenia das Messer in die Hand nimmt, und Orestes, knieend, vor dem Stosse noch ausruft: Ainsi tu peris en Aulide, Iphigenie, o ma soeur! Die Erkennung, recht auf Einen Punkt gesammelt, brennt und lodert. Sie ruft: Mon frere Oreste! und der Chor der Griechischen Priesterinnen: Oreste, notre Roi!"
"Mit Genie ausgefuhlte zarte Zuge. I p h i g e n i a : O mon frere! in A dur, Melodie in der grossen Terz. O r e s t e s : O ma soeur, oui, c'est vous! in A moll, der kleinen Terz."
"Gottlich darauf Iphigenia: O mon frere, o mon cher Oreste! in E moll; und weiter hernach: Laissons la ce souvenir funeste! Laissez moi ressentir l'exces de mon bonheur! jubelnd im ganz heitern C dur. Eine himmlische Cavatine!"
"Der Ausgang wo Thoas kommt und erfahrt, dass der Fremde Orestes ist, ihn grausam barbarisch dennoch geopfert haben will, und von Pylades, der mit einer Schaar Griechen herbeyeilt, umgebracht wird, worauf denn Diana erscheint hat gute passende Musik. Der letzte Chor: Les Dieux long tems en courroux, ist vortreflich."
"G l u c k umwindet sein Lieblingskind gleichsam mit einem Zaubergurtel, indem er das Gewitter, wie in der Ferne ein Muster vom Gebrauch des Orchesters!1 bey dem Gefecht der Griechen und Scythen im vierten Akt; und die Begleitung der Arie des Orestes im zweyten Akt, wahrend deren dieser zur Ruhe kommt und einschlummert, als Diana erschienen ist, passend wieder anbringt.2"
"Um einem recht fuhlbar zu machen, was Musik ist und bewirken kann: lasse man dieses Drama, o h n e Musik von treflichen Schauspielern auffuhren. Es wird eine unertragliche Nuchternheit entstehen, und der grosste Theil vom Rausche der Leidenschaft verschwinden."
"Die Pariser haben nicht ubel geurtheilt, als sie von G l u c k s Musik sagten: sie sey antiker Schmerz, Griechische Thranen, und jungfrauliche Frischheit. Alles dreyes trift in den Iphigenien zusammen."
"Zuhorer," fuhr L o c k m a n n fort, "die das Ganze nicht kennen, verlieren zu viel, wenn man einzelne Scenen aus G l u c k s neuern Werken fur sie herausheben will; die Musik ist fast immer mit Poesie und Handlung unzertrennlich vereinigt, und alle Scenen bekommen ihren wahren vollen Gehalt durch das Vorhergehende und Nachfolgende. Ausserdem gehort Musik, deren Wirkung das Genie fur eine Peterskirche, fur ein Theater von S. Carlo berechnet hat, nicht fur Sale und Zimmer; die Sphare ist schon viel zu beschrankt fur die Gewalt der Posaunen, Trompeten und Pauken, und solche Musik passt so wenig hinein, als Figuren aus einer Kuppel des C o r r e g g i o , oder aus der Kreuzabnehmung von R u b e n s . Dergleichen Sachen muss man an Ort und Stelle selbst sehen und horen, wie den Mont blanc in Natur, das Wetterund Schreckhorn, die Sturze des Rheins, Rhodans und der Aar, und die Wuth des Boreas in den schaumenden Wogen des Weltmeers. Nur ein Kenner von viel Erfahrung und lebhafter Einbildungskraft kann, abgesondert von dem Ganzen, dem Kunstler einigermaassen nachempfinden. Ein blosser Theoretiker lese die Partitur vom Recitativ des Orestes: Quoi, je ne vaincrai pas ta constance funeste! hor' es dann mit vollem geubten Orchester in einem weiten Schauspielhause: und er wird die Wahrheit des hier Gesagten auch wider Willen empfinden."
"Doch wollen wir in der Folge zu unserm eignen Genuss einige Rhapsodien wagen."
"Ehe wir mit G l u c k anfingen, bracht' ich Ihnen, weil ich die Abschrift damals noch nicht ganz erhalten konnte, die schonsten Scenen der besten Oper, die ich in Italien gehort habe. Ich hoffe, dass man sie in unserm Konzert mit grossem Vergnugen horen wird."
H i l d e g a r d hatte sich schon an den herrlichen Melodien geweidet, ohne noch den Sinn der Worte recht fassen zu konnen. Sie hohlte die Scenen gleich von ihrem Zimmer. L o c k m a n n legte sie nach einander in Ordnung, und sagte:
"Die Oper heisst Giulio Sabino; die Musik ist von S a r t i . Er selbst fuhrte sie zu Venedig, wahrend des Karnevals von 1781, im Theater S. Benedetto vortreflich auf. P a c c h i a r o t t i war Giulio Sabino, und die P o z z i machte die Epponina, dessen Gattin."
"Der Stoff aus der Geschichte ist anziehender als gewohnlich, und uns viel naher, als die Griechischen und Romischen Helden. J u l i u s S a b i n u s wurde fur einen Enkel des J u l i u s C a s a r gehalten, der mit dessen Aeltermutter, einer Gallierin, vertrauten Umgang gehabt hatte. Die Poesie ist treflich fur eine Oper eingerichtet, und hat die ergreifendsten Situazionen; die Worte der Arien sind aber weit fleissiger bearbeitet, als das Andre."
"Bey der Auffuhrung war immer, ungewohnlicher Weise, alles so ganzlich still, dass auch der leiseste Ton nicht verloren ging. Ich habe dabey susse Thranen weinen sehn, und oft in Entzuckung, mit gleichen Gefuhlen, ausrufen horen: O caro! o cara! o cari! Ein Nobile, der einen geheimen Groll gegen P a c c h i a r o t t i haben mochte, rausperte sich anfangs einigemal; aber die Volksstimme gebot ihm bald Stillschweigen: Non ha il senso comune."
"T a c i t u s beruhrt die Geschichte des Julius Sabinus, und erzahlt, dass er, nachdem er von den Romern abgefallen war, und eine Schlacht verloren hatte, sein Schloss anzundete, aussprengen liess, er sey darin verbrannt, und sich neun Jahre lang verbarg, ohne von seinen Freunden verrathen zu werden."
"Nach Verlauf dieser Zeit beginnt das Schauspiel."
"Titus verliebt sich, auf seinem Zug gegen die Rebellen, in des Sabinus treue Gattin Epponina; sieht ihn selbst unerkannt, als einen Deutschen Helden, der bey ihm Dienste nehmen will; entdeckt alsdann, wer er ist, und nimmt ihn in seiner unterirdischen Wohnung gefangen."
"La tu vedrai, chi sono, non ti parlo invano3; ist die erste Arie des Helden bey der Zusammenkunft mit dem Titus. Sie gehort, mit dem begleiteten Recitativ vorher, unter das klassische Heroische der Musik, und ist Glanz und Muth von jugendlicher Tapferkeit, in Melodie und Harmonie eines Diomedes wurdig. Es brennt recht auf das Herz, wenn bey e della tromba il suono, che oggetto e di spavento4, die Trompeten anstatt der Horner einfallen, und die Bewegung rascher wird. Die Laufe gleichen einem brunstigen Wiehern nach der Schlacht. Beym Anhoren zuckte es mir immer in der Faust. Ein gottlicher Gesang! Vortrefliche Begleitung im Recitative zu Balenar il lampo (della spada)5. Der Anfang der Arie ist recht straff und gespannt; dann die Laufe meisterhaft fur die Stimme. Die Harmonie halt sich fast durchaus in C dur, und besteht meistens in Konsonanzen. Diess erhebt die Seele ungemein."
"Trema il cor, non v'e piu speme6. Eine Bravourarie fur die P o z z i zur Verzierung. Die Laufe und das lange Halten auf Einem Tone sind blosse Kunst; aber reizende Musik."
"Das Duett fur die Epponina und den Sabino: Come partir poss'io; muss man von schonen Kehlen horen. Es ist vollendet in der neuern Zartlichkeit."
"Cari figli un altro amplesso, dammi, o Sposa, un altro addio, o figli, o Sposa, cari pegni del cor mio, ah non posso, o Dio, lasciarvi, ne celarvi il mio dolor"7! ist eine von den grossen Scenen der neuern Musik. Sie macht auf dem Theater erstaunliche Wirkung. Sabinus wird in der unterirdischen Wohnung mit seiner ganzen Familie von Titus uberrascht, und gefangen genommen. Heldencharakter voll Gefuhl herrscht durchaus. Das lange Recitativ mit Begleitung ist ein Meisterstuck von Declamazion, Darstellung und Kunst. Venite, o figli, al vostro sen stringete il piu misero padre8; die Begleitung bey si, son Sabino9 Violinen und Basse in Oktaven und hastigen Absatzen macht einen vollkommen heroischen Ausdruck. Epponina bittet, zum herrlichen Kontrast, meistens in der Harmonie von verkleinerten Septimen. Gottlich sagt er dazwischen: Il mio sangue avilisci10!
"Gewaltiger tragischer Ausdruck ist in der Stelle: Io gia lo sento, quel che invita alla tomba, orribile di morte atro lamento11; worauf die traurigen Tone der Hoboe und des Fagots im Einklang immer fortgehen E intorno errar mi veggo lo stuol funesto delle larve orrende12; schoner enharmonischer, ausserst leichter Uebergang aus Es mol in E dur, durch die Sexte H zu Dis. Addio miei cari figli! vortreflich das cari in der Melodie ausgedruckt durch den fremden halben Ton des, c, h, c c, Sextquintenaccord auf g. Gerad' in solchen Kleinigkeiten liegt das hochst Lebendige der Darstellung bey der Auffuhrung."
"Gottliche Melodie alsdann in der Arie. Der weite Umfang der melodischen Perioden verstarkt die Leidenschaft gewaltig; ne celarvi il mio dolor, ist ein Sprung vom zwey gestrichnen F ins ungestrichne B und G, und in einem Athem das lar ins zweygestrichne G zwey Oktaven hinaufgerissen. Dazu gehoren freylich Sanger wie P a c c h i a r o t t i . Wenn man die ganze gesammte Musik als einen Baum betrachten wollte; so stande diese Scene wie ein zarter schlanker bluhender Spross im hochsten Gipfel."
"Noch mehr kann man diess von dem Rondo sagen: In qual barbaro momento io ti do l'estremo addio! mit dem Recitativ und dem Marsch vorher D'una vita, infelice ecco l'infausto fine13."
"Rechte Muster von schonen Darstellungen tiefer tragischer Gefuhle! S a r t i hat sich dadurch zu den ersten Meistern der Kunst hinaufgeschwungen. Auch mag ihn P a c c h i a r o t t i ' s Vortrag nicht wenig begeistert haben."
"Wieder ein reizender enharmonischer Gang von As dur in E dur, durch einen blossen Nachschlag der kleinen Terz, bey Costanza, anima mia! pochi momenti restano al tuo penar14."
"Bey der Stelle: Un passagio e la morte, ah, non l'oscuri un ombra di timor!15 sieht man mit Lust, wie die Musik, in der vollkommensten Kunst des Helldunkels, sich sogleich nach dem Sinn andert."
"Herrlich geht das Rondo in ein Duett aus: Ah, si compia il fato rio!16"
H i l d e g a r d musste selbst gestehen, dass vortrefliche Italianische Musik, von vortreflichen Neapolitanischen, Romischen und Venezianischen Stimmen vorgetragen, einen Reiz und Zauber, eine Sussigkeit, einen Flug, und ein Feuer habe, wodurch sie mehr als jede andre Herz und Ohr unaussprechlich entzucke. "Man muss diesem sinnlichen schwarmerischen Volke die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass es in der Musik Erfindung und Ausfuhrung zusammengenommen oben an steht!" So endigten sie fast mit Einem Munde.
Alsdann sprachen sie von andern Dingen; und L o c k m a n n blickte dabey H i l d e g a r d e n oft verstohlen zartlich an. Eine Weile hernach, gegen Sonnenuntergang, gesellte sich der junge H o h e n t h a l zu ihnen.
H i l d e g a r d e n selbst verlangte, wieder mit ihrem Liebling allein zu seyn; doch war sie nach der letzten Scene in ihrem Zimmer schuchtern: ihr Verstand hatte einen geheimen Kampf mit ihrer Empfindung, ihrem Gefuhl; eben desswegen war sie unentschieden, und nahm keine andre Massregel.
Als Mutter und Tochter sich noch etwas umgekleidet hatten, gingen sie zusammen in das Schloss, wo L o c k m a n n sich von ihnen trennen, und traurig die himmlische Schonheit der Gesellschaft uberlassen musste.
Den folgenden Morgen, bey heiterm blauen Himmel und warmen Sonnenschein, begegneten H i l d e g a r d und ihr Bruder auf einem kurzen Spaziergange in dem angenehmsten Schatten des Schlossgartens L o c k m a n n e n und dem alten guten R e i n h o l d . Die Freude uber die Zusammenkunft glanzte in aller Augen, lachelte auf ihren Lippen, und ausserte sich in gefalligem Scherz und Muthwillen.
Sie gingen so unter allerley Gesprach langer als eine Stunde auf und ab, und kamen endlich von der Baukunst in allen Welttheilen der Vogel, der wilden Thiere, der Biber und Menschen wie immer wo H i l d e g a r d und L o c k m a n n waren, auf die Musik. Man erinnerte sich noch lebhaft an den Streit, welchen der Baumeister mit dem letztern angefangen hatte. Das Wesentliche desselben ward wiederhohlt. Der Alte ergriff den jungen Kunstler bey der Hand, und sagte: "Mein Sohn, noch immer hast Du Dein Versprechen nicht erfullt; Du wolltest mir ja zeigen, wie grosse Meister dieselbe Leidenschaft, dieselbe Empfindung mit denselben Tonen ausdrucken, und zwar aus naturlichem Gefuhl, ohne dass einer es dem andern nachmacht."
L o c k m a n n erwiederte: "Ich werde nichts schuldig bleiben, und getraue mir, mein Versprechen noch heute zu erfullen."
H i l d e g a r d fasste ihn gleich beym Wort, und sagte, mit einem Blick auf ihre Uhr: "Wir haben noch zwey Stunden bis zu Tische; die Zeit ware jetzt so recht heiter dazu. Begleiten Sie uns nach Hause, und seyn Sie unsre Gaste, wenn Sie nichts Wichtigeres zu thun haben und nicht schon versprochen sind."
Mit Freuden nahmen beyde die Einladung an, und man machte sich nun sogleich auf den Weg.
L o c k m a n n fuhr fort: "Wir haben schon so viel Musik durchgegangen, dass es keiner andern dazu bedarf."
"Eigentlich aber sind nur ein gutes Fortepiano, die Stimme einer H i l d e g a r d , ein reines wohlgebildetes Gehor, und ein fuhlendes Herz dazu nothig, um die an und fur sich wesentlich verschiednen Charakter der Accorde zu erkennen. Die Ausbildung derselben zum wirklichen Leben richtet sich freylich nach den Worten und Personen, wie alles Einzelne in der Natur nach Ort und Umstanden. Die Eiche bleibt aber immer Eiche, sie mag hundert Fuss hoch seyn, oder nur so eben aus dem Kern hervorsprossen; die Zeder bleibt Zeder, sie mag auf den Hohen des Libanon den Sturmen Trotz bieten, oder in einem Englischen Garten zur Verzierung angepflanzt seyn. Die Bildung des Menschen richtet sich nach jedem Klima; doch uberall ist er der Herr der Schopfung."
"Die Tone bestehen aus einem so zarten Elemente, dass sie sich geschmeidig nach der Verschiedenheit aller Kehlen und Instrumente, und uberhaupt der Materie, durch die sie hervorgebracht werden, richten. Doch uberall bleibt das Allgemeine, ihr Verhaltniss von Hohe und Tiefe und Dauer zu einander; und der Charakter, der Ausdruck desselben."
Wahrend dieser Einleitung waren sie nach Hause, und bis in den Musiksaal gekommen. H i l d e g a r d hielt sich noch ein wenig in der Kuche auf; unterdessen stimmte L o c k m a n n das Klavier, und fing an, als sie hereintrat.
"Das Bestandige und Allgemeine des Ausdrucks liegt in der Harmonie und dem Rhythmus; die Melodie schopft aus beyden ihr Lebendiges."
"Die Griechen vernachlassigten die erstre; wir Neuern den letztern."
"Harmonie und Disharmonie ist leichtes oder schweres Verhaltniss der Luftschwingungen in verschiednen Formen, und verschiednen Graden von Geschwindigkeit fur das menschliche Ohr."
"Die verschiednen Formen entstehen durch Verschiedenheit der Kehlen und Instrumente. Diese Art von Harmonie und Disharmonie ist, was Wirkung betrift, noch wenig untersucht worden; man hat sie, ungeachtet ihrer grossen Wichtigkeit, immer dem eignen Gefuhl der Komponisten, und ubrigens meistens dem Ungefahr uberlassen."
"Die leichten und angenehmen Verhaltnisse gehen bis auf die Zahl Sechs, von 1, 2, 3, 4, 5 und 6; und bis auf die mehrfache Verdoppelung dieser Zahlen. Die Natur selbst hat das Ohr des Menschen darnach geformt; d i e B o g e n g a n g e d e s L a b y rinths sind gerad' in den Verhaltn i s s e n d e r H a u p t k o n s o n a n z e n der Oktav, reinen Quinte und grossen Terz 2, 3, 517."
"Wenn das grosse tiefe E E i n e Schwingung macht, so macht in derselben Zeit das ungestrichne C deren z w e y , das ungestrichne G d r e y , das eingestrichne C v i e r , das eingestrichne E f u n f , und das eingestrichne G s e c h s ."
"Und hier haben wir alle Tone, die man Konsonanzen nennt, wenn man die dritte Oktav (a c h t ) im zweygestrichnen C noch hinzunimmt."
"Ueberhaupt sind K o n s o n a n z e n die T o n e d e r D r e y k l a n g e , die zu ihrer Vollstandigkeit keinen vierten nothig haben. Der verminderte Dreyklang ist schon ein Bruchstuck der kleinen Septime."
"Die Oktave, 1 und 2, stimmt so mit dem Grundton zusammen, dass die Tone dem Ohr fast nur zu Einem Ton werden. Sie ist die vollkommenste Konsonanz, und will durchaus rein seyn. Die Griechen liebten sie vor jeder andern; ihr Chor soll in ihrem besten Zeitalter nur daraus bestanden haben. Sie gleicht Vater und Sohn. Auch das Auge liebt dieses Verhaltniss; und in der Baukunst giebt es die schonsten Thuren und Fenster."
"Die vier Oktaven unsers Systems sind wie Knabe und Jungling, Mann und Greis; der Umfang von Gefuhlen des menschlichen Lebens. Was wir an Tiefe von Kenntnissen gewinnen, verlieren wir an Starke und Behendigkeit."
"Der Oktav am nachsten kommt die Quinte, in dem Verhaltniss von 3 zu 2. Sie ist der himmlische Geist, der den schon organischen Stoff ausbildet, und darin strahlt und glanzt."
"Dann erhebt sich die Quart, 4 zu 3, in der zweyten Oktave zur hohern Ausbildung und Festigkeit."
"Und endlich die grosse Terz, 5 zu 4, als das Herz, der Sitz vom Leben und vom frohen Gefuhl des Daseyns in hochster Vollkommenheit."
"O, war' ich P y t h a g o r a s , um Ihnen die entzukkende Vollkommenheit aller Urgeschopfe in den geheimnissvollen Verhaltnissen von 1, 2, 3, 4 und 5 tief genug auszuempfinden und zu schildern!"
"Dann ertont die Oktav, 6, von der Quinte 3; und es entsteht die kleine Terz, das eingestrichne G zu dem eingestrichnen E, in dem Verhaltnisse von 5 zu 6: der Geist schon nicht mehr im Schaffen und freyen Wirken, sondern wie vom Himmel verbannt, hienieden auf der Erde umherschauend; wenn ich das Bild noch ferner anwenden darf."
"Die grosse und kleine Sext sind nur umgekehrte "Das Verhaltniss von 1 zu 7, oder nach der zwey"T a r t i n i , welcher ihn die konsonirende Septime aber nannte diese 7 einen verlornen Ton, und schloss ihn von der Harmonie aus."
"Das Verhaltniss von 6 zu 7, zum Beyspiel von dem eingestrichnen G zu einem Ton zwischen dem eingestrichnen A und B, der zum eingestrichnen C weder die ubermassige Sext (welche sich dazu wie 1/2 2/2 8/5 verhalt), noch die kleine Septime ware, die in dem Verhaltnisse 9/16 mit diesem Tone steht; ingleichen das Verhaltniss von 7 zu 8 fallt also weg, und die erste Dissonanz fangt in dem Verhaltnisse von 8 zu 9 an, welches die grosse Sekunde, das zweygestrichne C zum zweygestrichnen D, ausmacht."
"Alle Theile einer Saite kommen bey dem Anschlag oder Strich nach und nach, mit der g e s a m m t e n Bewegung auch in e i n z e l n e ; bey langer Dauer vom Ton des grossen C kann sich endlich das viergestrichne C horen lassen; und dieses Nachund Zusammentonen macht den Klang aus."
"Die Quinte, Quarte, Terz und Sext brauchen zu ihrer harmonischen Fulle nur Einen Ton; daraus entsteht der Dreyklang mit seinen Verwechselungen: die keuscheste Vereinigung von Konsonanzen, bey welcher nichts zu viel und nichts zu wenig ist."
"Der Dreyklang mit der grossen Terz und reinen Quinte, der so genannte h a r t e , ist der Ausdruck von Vollkommenheit, Schonheit, Starke; welche von so vielerley Art seyn kann, als Wesen in der Natur und Kehlen und Instrumente vorhanden sind. Alles kann dadurch ausgedruckt werden, wenn es in Vollkommenheit hat, was es haben soll; sowohl das Angenehmste: Vereinigung, Aussohnung zweyer Liebenden; als das Furchtbarste: der Tod."
"Der Dreyklang mit der kleinen Terz und reinen Quint, der so genannte w e i c h e , druckt geringere Vollkommenheit und Starke aus; es fehlt zum glucklichen Ganzen etwas, dem Weibe der Mann, dem Manne das Weib: Sehnsucht, Zartlichkeit, Traurigkeit von allerley Art; eben deswegen aber zuweilen auch tieferes Gefuhl, als der harte."
"Der verminderte Dreyklang, wo zur kleinen Terz noch die falsche Quinte hinzukommt, zeigt eine solche Lucke in der Vollkommenheit an, dass alles darauf treibt, sie bald zu ersetzen."
"Der Ausdruck dieser Dreyklange wird etwas verandert, wenn man die Tone verwechselt, und entweder die Terz oder die Quinte zum Grundton nimmt. Bey der Terz als Grundton, entsteht die Sext; gleichsam eine hohere Stufe, auf welche das Wesen steigt, oder Fluss und Regung; und bey der Quint als Grundton, die Quart und Sext, worin die Existenz, das Leben, auf seine hochste Stufe gebracht wird. Nichts kann in der Musik mehr blitzen und strahlen, als wenn der harte Dreyklang von den Instrumenten eines grossen Orchesters so aus einander gebreitet in der ganzen Fulle und Verdoppelung durch alle Oktaven des Sextquartenaccords in der Luft schwebt. Die Kadenzen werden auf ihm gemacht, damit die Stimme, oder die Melodie der Instrumente, aus seinem hohen Leben sich nach und nach, wie ein Adler oder Falk, in weiten Kreisen aus dem Aether, wieder herablasse; wozu auch das Wort (Kadenz) erfunden ward. Er ist der Accord des Enthusiasmus. Wahrscheinlich schrieb R o u s s e a u , als er eben matt und von der Arbeit erschopft war, in seinem musikalischen Worterbuche unter andern seichten und falschen Zeilen, auch die: La Fadeur de Sixte-Quart. Welche Pracht und Herrlichkeit, welcher Inbegriff von allen Gefuhlen des Ganzen, herrscht nicht darin am Ende der Komposizionen von grossen Meistern!"
"Freylich kann man in dieser Hohe ein Stuck weder anfangen noch endigen; und die Natur verlangt in der Musik immer Grund und Boden, sowohl beym Anfang als am Ende."
"Das Wort A c c o r d hat nach und nach einen weitlauftigen Sinn bekommen. Vorher verstand man darunter den Zusammenklang von vier Konsonanzen, oder von mehrern bey der Verdoppelung einiger von denselben; jetzt bedeutet es den Zusammenklang von vier oder mehrern T o n e n u b e r h a u p t , sie mogen Konsonanzen oder Dissonanzen unter sich seyn."
"Die vier Hauptaccorde, nachst den Accorden der
Dreyklange, sind v i e r S e p t i m e n a c c o r d e , von denen jeder mit vier Tonen in der diatonischen Tonleiter liegt. Sie machen in ihren unendlich mannigfaltigen Umkehrungen, Verwechselungen und Vorhaltungen gleichsam fast alle ubrigen Elemente der musikalischen Welt aus."
"Der e r s t e ist der Accord der k l e i n e n S e p
t i m e mit dem harten Dreyklang der Dominante, oder Quinte des Grundtons. Er kommt in der diatonischen Leiter nur Einmal vor, ist der erste Matador, und entscheidet. Aus seinen Verwechselungen entstehen, so wie aus den Verwechselungen aller Septimenaccorde, der Quintsext-, der Terzquartsext-, und der SecundAccord; je nachdem die Terz, die Quinte, oder Septime in der Tiefe liegen."
"Sein Ausdruck ist das Zeugen und Werden des
Dreyklangs, und alles dessen, was dieser fur Leben, Geist und Gehalt hat."
"Wenn er nicht der Accord der Quinte des Grund
tons vom Ganzen ist: so ist er der Accord der Dominante einer neuen Existenz, wohin die vorige ubergeht."
"Am schonsten klingt er, wenn die grosse Terz, la
note sensible, oben schwebt; schmachtende Lippen am vollen Becher der Lust, Beruhrung des heiss verlangten Zieles. Im Allgemeinen ist er Uebergang in irgend eine Existenz, sie sey hochst glucklich, oder hochst schrecklich."
"Eins der vortreflichsten Muster vom Ausdruck des Schrecklichen findet man in der Sophonisbe von T r a e t t a , (Akt III. Sc. 10.) bey den Worten: Ah, non credei, che si terribil fosse l'aspetto della morte. Die ganze Melodie bewegt sich, in Mark und Bein dringend, durch alle Tone desselben auf der Dominante G, halt am meisten in der Note sensible, und sturzt sich bey Morte furchterlich in die grosse Terz des harten Dreyklangs von C."
"Eben so vortreflich, und noch tragischer, braucht diesen Accord S a r t i in der gottlichen Scene, wo Giulio Sabino von seinen zarten Kindern und seiner geliebten Gattin Abschied nimmt; bey der Stelle: Jo gia lo sento quel che invita alla tomba orribile di morte atro lamento. Auch hier sturmt die Melodie durch alle Tone desselben (nach der Grundharmonie, auf der Dominante B, in Wirklichkeit aber im Sextquintenaccord auf D der Terz) bis bey lamento in Ges Es."
"G l u c k braucht ihn eben so in der Alceste (Akt II. Scene 6.) bey den Worten: Ah gia s'avanza il momento fatale."
"Als Uebergang vom Leiden zum Gluck braucht ihn eben dieser Meister zu Anfang des dritten Akts im Orfeo bey den Worten: Fra poco il nostro cielo, il nostro sole il mondo di bel nuovo vedrai; und in der zweyten Scene des vierten Akts der Iphigenia in Tauris, bey der gottlichen Stelle des Orestes: Voila le terme heureux de mes longues souffrances."
"Er geht in allen seinen Verwechselungen entweder in den Grundton, oder in eine neue Harmonie uber: die Septime in die Terz, und die grosse Terz in den Ton."
"Den verschiednen mannigfaltigen Reiz und Ausdruck im Auseinanderbreiten, oder Zusammenziehen dieses Accordes, und in Bestimmung des Tons, welcher die Melodie fuhren, welcher der Harmonie zur Grundlage dienen; ferner, ob die Dissonanz, welche in allen Umkehrungen dieselbe bleibt, der Stimme oder einem der sussesten Instrumente gegeben werden; ob sie verborgen, versteckt, voruberschlupfend seyn; welcher Ton ausgelassen, welcher verdoppelt werden soll: alles dieses muss der Tonkunstler in seinem Herzen und gutem Gehor fuhlen; so wie auch alle Verzierung des Accords."
"Jeder Ton darin andert sich, nachdem er in Verhaltniss und Verbindung steht."
"Wenn die grosse Terz, oder die Septime dieses Accords ein Instrument oder eine Stimme hat, welche diese Tone gar nicht ruhrend hervorbringen kann; so geht aller Reiz und Ausdruck verloren. Der vortreflichste Sanger und die vortreflichste Sangerin werden zu Schanden, wenn sie gerade diese wesentlichen Tone nicht naturlich rein und stark nach allen gehorigen Graden in ihrer Kehle haben. So viel kommt darauf an, ob ein Komponist seine Leute kennt! Daher richtet ein verstandiger zuweilen durch mittelmassige Personen mehr aus, als ein unverstandiger durch die vortreflichsten. Ich habe in Rom gesehen, dass Sanger bey der ersten Oper, von einem andern Meister, fast vom Theater gejagt wurden, welche bey der zweyten, von C i m a r o s a , bezauberten und wie verwandelt schienen."
"Der z w e y t e S e p t i m e n a c c o r d ist der Accord der kleinen Septime mit der kleinen Terz und reinen Quinte. Er kommt am oftesten, dreymal, in der diatonischen Leiter vor: auf der Secunde, grossen Terz und grossen Sexte; diess giebt ihm Mannigfaltigkeit von Uebergang und Regung."
"Sein Ausdruck ist Beharrlichkeit und Festigkeit in der Existenz, dem Leben und dem Vorsatze, worin man sich befindet. Er zeigt so recht die Muhe des Erdenlebens und die Anwendung der Kraft an; doch schwebt darin das entzuckende Gefuhl der Starke. Alles ist mit Nerve durchzogen. Er fallt durch die Sussigkeit des vorigen gar leicht wieder in die schone frische reine Existenz, oder uberhaupt den Charakter derselben. Durch die verschiednen Verwechselungen verandert er sich mehr oder weniger, eben so wie der vorige."
"Ein D e m o s t h e n e s , der in der grossen Volksversammlung einen Wetterstrahl herniederdonnert, und dadurch alle Verrather, alle Widersacher, zu Boden wirft und verscheucht; ein H e r k u l e s , der den Anteus mit gewaltigen Armen emporhebt, und in der Luft erdruckt; eine S o p h o n i s b e , die den Giftbecher ergreift, um sich von den Romischen Raubern nicht im Triumph auffuhren zu lassen; eine I p h i g e n i a , E l e k t r a , A n t i g o n e , wenn sie ihre schonsten Thaten beginnen: das sind die schonen Bilder zu diesem Accord."
"In einer anhaltenden Reihe von Septimengangen, mit Klarinetten, Hornern, Fagotten und starken Bassen, leuchtet sein Charakter erst recht hervor. Er muss in Scenen, worin Kampf und Ueberwindung vorkommt, herrschen, und mit andern schicklichen abwechseln."
"In J o m e l l i ' s Todtenmesse sind mehrere Muster seines Ausdrucks; als gleich bey requiem aeternam, lux perpetua, rex gloriae, de ore leonis, peccata mundi."
"G l u c k braucht den Secundenaccord davon treflich im Orfeo zu Ende des zweyten Akts, bey den Worten des Chors: Che piu diviso sia da te; wo er eine dauernde unzertrennliche Gluckseligkeit ausdruckt. Von seinem Ausdruck in einfacher Reinheit ist ein schones Muster in eben dieses Meisters Iphigenie en Aulide (Akt II. Sc. 5.) bey den Worten: Qu'elle n'a rien a craindre. Und zwey andre herrliche Beyspiele seiner Fulle in einem Chore der Iphigenie en Tauride (Akt II. Sc. 6.) bey den Worten: Patrie infortunee, ou par des noeuds si doux notre ame est encore enchainee; und in der ersten Scene des vierten Akts derselben, bey Iphigeniens Worten: Dans le fond de mon coeur mets la ferocite."
"Er macht recht das aus, was man im Kolorit s a f
t i g nennt."
"Der d r i t t e S e p t i m e n a c c o r d ist der Ac
cord der kleinen Septime mit der kleinen Terz und falschen Quinte. Er kommt in der diatonischen Leiter nur einmal vor. Wenn er wesentlich, und die Dissonanz kein blosser Vorhalt ist: so druckt er Kampf und Leiden aus, und gehort unter die tragischen."
"G l u c k braucht ihn in der Verwechselung der
Sextquinte gleich beym ersten Ausruf des Orestes zu Ende des ersten Akts der Iphigenie en Tauride zu den Worten: O mon ami, c'est moi, qui cause ton trepas. Eben so darin wieder Orestes zum Pylades, in der ersten Scene des zweyten Akts: Je t'ai donne la mort. Und in der zweyten Scene des vierten Akts, wo Orest sterben will: Les dieux m'en avoient fait un devoir necessaire, in der Verwechselung der Secunde19. L e o bringt im Miserere durch ihn die ruhrendsten Stellen hervor. Die herzergreifendste ist: Et spiritum rectum innova in visceribus meis. Bey rectum ist er in der Verwechselung der Terzquartsext mit dem herben Vorhalt der grossen Septime. Bey visceribus meis geht ihm dann die grosse Septime und ubermassige Sext erschutternd vor; und, in visceribus, wird zweymal in der Verwechselung der Sextquinte darin wiederhohlt. Man kann nichts Flehenderes horen, als die, drey Takte lang angehaltne Quinte des Soprans und Sexte, mit Abwechselung des hohern halben Tons in der Melodie, des Tenors dazu. Die ganze Stelle ist noch ein Meisterstuck von melodischem Auseinanderbreiten der Stimmen."
"Bey Septimengangen, wo er in die Dissonanzen der vorigen ubergeht, merkt man recht die Schwermuth, die darin liegt."
"Der Accord, wo die kleine Septime auf dem verminderten Dreyklange nur einen Vorhalt der kleinen Sexte macht, ist die kostlichste, susseste und erquikkendste Frucht des ganzen Tonreichs; bey keinem schmelzen so reizende Tinten zur ausdruckvollsten hochsten Schonheit zusammen; R a p h a e l , C o r r e g i o und T i z i a n konnen durch die ausempfundenste Mischung der Farben nichts Lieblicheres in Blick, Kuss und Umarmung holder Jungfrauen und Junglinge, zartlicher treuer Freunde, darstellen."
"In der Septime schwebt erstlich das Gefuhl des eigentlichen dritten Septimenaccords, nur nicht tragisch, sondern gemildert und gereinigt; dann ihr eignes, als zartlicher Vorhalt; dann etwas von dem Herben der None, nach der Grundharmonie; ferner im Ganzen desselben das Schmachtende des verminderten Dreyklanges; dann in der Quinte und der bald auf die Septime folgenden Sext dazu das Entzuckende des ersten Septimenaccords in der ersten Verwechselung, der Sextquinte; und auf der Note sensible zittert alles vor Lust, und glanzt wie Wonnethrane."
"Auch haben die grossten Komponisten, so wie die bewundertsten Sangerinnen und Sanger, mit diesem Accord ihre hochsten Zaubereyen verrichtet. Er hat etwas ausserst Bittendes und Flehendes; sein eigentlicher Charakter ist die susseste Zartlichkeit; und er gehort ohne allen Zweifel zu den entzuckendsten Accorden fur den Ausdruck."
"M a j o braucht ihn meisterhaft in dem herrlichen Duett am Ende des zweyten Akts vom Montezuma:
Caro ti lascio addio!
Ben mio addio! Er lasst in ihm auf der Silbe di eine Kadenz halten, und bringt ihn, zur hochsten Verstarkung des Ausdrucks, gleich wieder auf einem andern Tone bey den Worten: Mi si divide il cor."
"J o m e l l i im zweyten Akt des Vologeso (Scene 2) bey Lascia mi, o cara, la pace in sen. Und in der gottlichen Arie der Berenize im zweyten Akt eben dieser Oper bey L'ira sospendi, sospendi l'ira!"
"So in G l u c k s Alceste bey Io moriro d'amor in der schonen Arie Non vi turbate, no! (letzte Scene des zweyten Akts.) Und doppelt bey den Worten des Achilles in der Iphigenie en Aulide (Akt II. Sc. 5.): Je saurai me contraindre."
"Noch eins der schonsten Muster seines Ausdrucks ist in desselben Meisters Iphigenia in Tauris (Akt III. Sc. 4.) bey den Worten des Pylades: Oreste, helas! peut-il me meconnaitre20!"
"Der v i e r t e S e p t i m e n a c c o r d ist der Accord der grossen Septime mit der reinen Quinte und grossen Terz. Er kommt in der diatonischen Leiter zweymal vor."
"Bey diesem ist die Kraft am angestrengtesten, und er gelangt erst durch die Tiefen der vorigen wieder zur Ruhe, oder reinen Existenz. In seinen Verwechselungen ist er der ungelenkigste unter allen."
"Ein vortrefliches Muster seines hochst tragischen Ausdrucks ist in Admets No, crudel, in G l u c k s Alceste bey den Worten: E un si barbaro abbandono, in der ersten Umkehrung desselben, der verkleinerten Sext; wo aber die Melodie den Sturz der grossen Septime des Grundaccords selbst hat. Die reine Quinte wird hier herbe Dissonanz, und kampft recht, wie gottlicher heroischer Charakter in den Tragodien des S o p h o k l e s und E u r i p i d e s , mit den Uebeln der Welt."
"Viel verstarkter ist sein Ausdruck in der sechsten Scene des zweyten Akts der Iphigenia in Tauris, wo der Chor in Iphigeniens Worte: Melez vos cris plaintifs a mes gemissemens; einfallt. Die eingeleitete und dauernde Dissonanz in der Hohe der Melodie zerreisst das Herz."
"Am schneidendsten wird er in derselben Oper von diesem grossen Meister des Ausd r u c k s angebracht, wo Iphigenia dem Orestes das Herz durchstossen soll: Je tremble, et mon bras plus timide Chor: Frappez!"
"Nicht so in regelmassiger Folge, sondern nur als Accent der Wehmuth, Bitterkeit, des Abscheus und Entsetzlichen, thut schon die verkleinerte Sext die grosste Wirkung; und die Meister im Tragischen bringen dadurch die vortreflichsten Stellen hervor."
"So gebraucht sie T r a e t t a fur Muttermord im Chor der Furien, die den schlummernden Orestes peinigen, bey den Worten: D'una madre svenata da te, zu zvenata. G l u c k fuhlte nicht so tief, als er dieselbe Empfindung bey Il a tue sa mere, zwey Takte lang in der ubermassigen Sext ausdruckte; hier gleichsam R u b e n s gegen R a p h a e l . Im Orfeo hat er sie doch treflich bey den Worten Cosa sia languir d'amour; und so in der Iphigenia in Aulis, wo Agamemnon klagt: D'une victime si tendre et si chere."
"So gebraucht sie J o m e l l i im Cajo Fabrizio in der dritten Scene des dritten Akts: La vita mi sento mancar; und in der letzten Scene des ersten Akts der Dido, Mi sento morir."
"P e r g o l e s i in seiner beruhmten Arie: Se cerca se dice bey piangendo parti; und mehrmals im Stabat mater und Salve regina."
"Der Grundbass der wesentlichen Septimenaccorde schreitet mit der Quart in die Hohe, und mit der Quint in die Tiefe, wodurch man sie am leichtesten von blossen Vorhalten unterscheiden kann."
"Ein uneigentlicher Septimenaccord ist der Accord der verminderten Septime auf dem verminderten Dreyklang: er gleicht in seinem Ursprung dem mit der kleinen Septime darauf, und ist, wie dieser, ein Septnonenaccord; die verkleinerte Septime geht eben so in die Sext vom Quintsextenaccord der ersten Versetzung des ersten Septimenaccords uber."
"Er ist der sinnlichste Ausdruck des Leidens: nichts straubt und wehrt sich mehr darin; lauter Elegie und Wehklage; der Zusammenklang aller Gefuhle und Empfindungen, besonders nach der tragischen Katastrophe; in einer Reihe nach einander fast zu weiblich fur edle Junglinge und Manner. G l u c k braucht ihn zu haufig; aber nichts druckt den Moment der tiefsten Niederbeugung besser aus. Bey Entzucken, das an Schmerz grenzt, ist er im Taumel der Lust noch an seiner Stelle. Er gestattet nur weiche zarte Tone."
"Eine verlassne Ariadne; ein Petrarca, der den Tod seiner Laura beweint; junge Trojaner und Trojanerinnen, die zur Sklaverey abziehen: das sind die traurigen ruhrenden Bilder dazu; Saiteninstrumente die schicklichste Begleitung."
"Reizende Beyspiele dieses Ausdrucks findet man bey den grossen Meistern uberall. Eins der schonsten mag wohl gleich zu Anfang der Kantate Orfeo von P e r g o l e s i seyn, bey den Worten: E qui nel muto orrore in dolci accenti, wo dieser Accord nach der verkleinerten Sext auf orrore entzuckende Wirkung thut."
"In den Verwechselungen wird er durch den Kontrast doch zuweilen grell und schneidend."
"Auf ihm werden eigentlich die enharmonischen Gange gemacht; er ist gleichsam der Kapitalschlussel der Harmonie, und man kann mit ihm uberall hingehen."
"Wenn die verkleinerte Septime auf dem verminderten Dreyklang nur Vorhalt der Sexte ist: so schwebt sie auf der Note sensible der weichen Tonart; und Septime und Note sensible drucken eben so die Begierde aus in eine beruhigende Harmonie sich aufzulosen, als die kleine Septime auf der Note sensible der harten Tonart. Beyde sind zartliche oder entzukkende Beruhrung zur Vereinigung. Die Note sensible schwillt unwiderstehlich in den Grundton; die Septime schmilzt in die reine Quinte, entweder unmittelbar, oder indem sie durch die Sext sie erst betastet, und die Fulle der kleinen Terz und falschen Quinte bildet sich zur Terz des Dreyklangs."
"Man streitet uber den Ursprung des Accords der ubermassigen Sext; je nachdem man die Quart oder die Quinte dazu nimmt, kann man ihn von zweyerley Septimenaccorden herleiten: dem Accord der kleinen Septime auf dem verminderten Dreyklange, und dem Accord der verkleinerten Septime. Die erste Herleitung hat die Geschichte der Musik fur sich. Die Alten brauchten den Terzquartenaccord, um zu einer Art von Schluss auf der Dominante der weichen Tonarten zu gelangen. Wir thun diess ebenfalls, und erhohen nur die Sext einen halben Ton, um zur Dominante die Note sensible zu erhalten, welche jenen fehlte."
"Andre behaupten, er sey eine Umkehrung des verkleinerten Septimenaccords, und wollen dazu die Quinte, oder, wegen Gefahr verbotner Quinten, nur die Terz, welche man verdoppeln kann; der Bass aber, sagen sie, werde einen halben Ton niedriger genommen, um den Charakter der weichen Tonart im Absteigen beyzubehalten. Wenn man den Accord versetze, so komme die Septime sogleich, nur mit der verminderten Terz, zum Vorschein."
"Die ubermassige Sext ist herber Uebergang in die Dominante oder Quinte eines Molltons. Ihr Ausdruck ist tiefes Weh, ausserster Schmerz, der seiner Natur nach wenig Momente dauern kann, wie wenn man eine Wunde bekommt durch Stich oder Hieb. Sie druckt gewissermaassen die Scharfe, die Spitze aus, wodurch das Leiden entsteht."
"Im Stabat mater von P e r g o l e s i ist sie an ihrer rechten Stelle bey den Worten: In tanto supplicio. In der Kantate Orfeo braucht dieser Meister sie dreymal hinter einander bey Euiridice, dove sei, e dove, dove sei!"
"So braucht J o m e l l i sie recht wesentlich, wo Aeneas der Dido ankundigt, dass er sie verlassen muss; und sie darauf in plotzlichem Erschrecken ausruft: A chi, misera me, daro piu fede! tief aus der Seele."
"Im Ippolito ed Aricia von T r a e t t a ist ein Meisterstuck von ihrem Gebrauch gleich in der ersten Scene. Aricia soll aus Politik des Theseus sich der ewigen Keuschheit im Tempel der Diana und zu ihrer Nymphe widmen; liebt aber den Hippolyt, der ihr seine Leidenschaft schon zu erkennen gegeben hat. Diese Situazion ist durch die Musik ganz vortreflich aus der zarten jungfraulichen Seele dargestellt; ein Triumph der G a b r i e l i ."
"Als die fromme Unschuld in dem feyerlichen Tempel auftritt, ruft sie voll Kummer aus: O di tranquilla pace amabil sede, ascolta, o tempio, i voti miei."
"Auf einem Worte, wo man es nicht denken sollte, auf amabil, herrscht in der Musik der Schmerz der ubermassigen Sext; und vortreflich, aus dem Innersten geschopft! Nichts konnte das Misshellige des Gegenstandes fur das innre Gefuhl besser ausdrucken. Die Scene ist recht im grossen Styl; das Gold vom Genie hervorgegraben und herausgeschmolzen, die Wortschlacke den Schulmeistern uberlassen. Alsdann folgt die susse Wehmuth der verkleinerten Septime durch das Ganze."
"P a e s i e l l o braucht in seiner Passion bey den Worten: Tutto geme il mondo afflitto, zu geme erst die verkleinerte Septime selbst, und giebt der Melodie die verkleinerte Terz davon, anstatt der kleinen, in einem Abstand von zwey Oktaven, wo sie dem Gehor fasslich wird."
"Noch mehr wird sie es in einem Abstand von drey Oktaven; naher klappt sie eher als dass sie klange, druckt aber Stohnen von beklemmtem Herzen und hochste Wehmuth vortreflich aus. Bey afflitto kommt dann die ubermassige Sext durch die Umkehrung."
"In grossen Werken darf man nicht damit spielen, nicht das Pulver zur leeren Pracht vergebens verschiessen, um das mit der Kugel geladne Gewehr zur rechten Zeit abfeuern und den bestimmten Fleck treffen zu konnen."
"Die ubermassigen Intervallen drucken uberhaupt
heftige Leidenschaft aus, die sich nicht mehr verbergen kann. Als Beyspiel von der ubermassigen Secunde: Padre, regina, deh! questo cor lasciate; Hippolyt im dritten Akt, bey T r a e t t a ."
"J o m e l l i braucht dieselbe vortreflich mit der
ubermassigen Quart siebenmal nach einander, bey den Worten des Orestes: Cessa, di lacerarmi, di lacerarmi il core."
"So T r a e t t a , zweymal die ubermassige Quart
bey der Phadra, die uber den Hippolyt erbittert ist: Perderlo vorrei, perderlo vorrei."
"So wieder J o m e l l i die ubermassige Quinte bey
der Stelle des Orestes: Nascondimi di quel seno l'acerba ferita."
"Uebrigens kann man den Ausdruck der einzelnen
Intervallen, auch fur die blosse Melodie, weder im Aufsteigen, noch im Heruntergehen bestimmen, wenn man nicht schon in der Harmonie der Dreyklange damit anfangt. Zwey Tone machen noch kein Ganzes aus; wenigstens muss der dritte hinzugedacht werden. Wer zum Beyspiel sagt: die kleine Terz ist t r a u r i g , die reine Quinte f r o h l i c h ; der musste den weichen Dreyklang aus t r a u r i g - f r o h l i c h bestehen lassen. Und wenn er den Ausdruck der grossen Terz im Heruntergehen m e l a n c h o l i s c h schildert: so konnte ein Ding zum Vorschein kommen, das traurig-frohlich-melancholisch zu gleicher Zeit ware."
"Die Vorhalte sind gleichsam Mitteltinten, die Harmonie zu verschmelzen; sie konnen bey allen Accorden und deren Verwechselungen angebracht werden, geben denselben oft einen starken Reiz, und machen die zufalligen Dissonanzen aus. Sie drucken entweder ein Strauben, oder eine Begierde aus bey Freude und Leid. Es kommt auf Ort und Umstande an, ob sie edel oder unedel sind, ob sie Kraft und Starke, oder blosse Ziererey, Empfindeley und unertragliche Kunsteley zeigen."
"Der wichtigste unter ihnen ist der Vorhalt der None, welche die Terz und Quinte bey sich hat, und sich dadurch von der Secund, unterscheidet. Das Strauben darin kann Widerwille und Hass werden."
"Und nachst der None der Vorhalt der Quarte, die sich zuweilen von ihrem vorigen Vergnugen noch nicht losreissen kann, oder lustern den neuen Genuss beschaut."
"Secunde, Quart, Sext, Septime und None konnen, jede einzeln, und mehr oder weniger beysammen, den Vorhalt ausmachen; sie bleiben allezeit aus dem vorigen Takt in dem neuen liegen. Quart und Sext sind die angenehmsten; besonders ist die Sext ein ungemein reizender Uebergang bey den Accorden der kleinen Septime: ganz Jungfraulichkeit, die sich straubt, doch von der Natur unuberwindlich hingerissen wird. Sie sind die Quellen der Manieren im Singen und Spielen; und aus ihnen entsteht gleichsam die gute Lebensart im Gesang."
"Das beste System fur die Musik ist das, worin man das Ganze der Harmonie am leichtesten ubersehen, und die Regeln, nach welchen die grossen Meister gearbeitet haben, am richtigsten und fasslichsten entwickeln kann. Ein bequemeres, als das alte war, erdachte R a m e a u ; man sollte seine Verdienste nicht verkennen, und endlich einmal in Deutschland aufhoren, den Franzosen in ihm zu verfolgen. K i r n b e r g e r machte es nur einfacher, und dabey vollstandiger; einiges Falsche, das man schon vorher bemerkt hatte, ward darin ausgemerzt. Aber noch immer finden sich Schwierigkeiten in den Versetzungen der Septimenaccorde, und den Vorhalten, wo beyde sich in einander verlieren; die Natur unterwirft sich nirgends so ganz der Regel."
R e i n h o l d hatte mit der grossten Aufmerksamkeit zugehort, und sagte: "Man kann fast nicht zweifeln, dass der wahrste und eigentlichste Ausdruck bey allen diesen Stellen in der gebrauchten Harmonie liege, besonders wenn sie von solchen Kehlen und mit solchem lebendigen Gefuhl vorgetragen werden. Inzwischen glaube ich doch, dass bey einigen, fur den grossern Theil des Publikums, schonere Melodie das vollig ersetzen konnte, was ihr an achtem Gehalt bey andrer Harmonie abgehen mochte."
L o c k m a n n erwiederte: "Warum sollte nicht die schonste Melodie mit der wahrsten Harmonie vereinigt seyn konnen?"
"Der vortreflichste musikalische Ausdruck irgend einer Empfindung, einer Leidenschaft, beruhet furs erste auf der Harmonie; nach deren Verhaltnissen kommt dann der Vortrag in der gefalligsten Melodie, und mit dieser der ergreifendste Rhythmus."
"Alle drey mussen vereinigt seyn; aber die erste ist das Wesentlichste: sie enthalt die Elemente, aus denen die andern beyden bestehen. Man mag Messing noch so schon pragen, und auch etwas von dem koniglichen Metall hinzu gethan haben: die Kunst der Bildung wird, was den inneren Werth betrift, nie die Gediegenheit des Goldes ersetzen."
Der Alte erwiederte lachelnd: "Wir wollen keinen neuen Streit anfangen; sonst konnt' ich sagen: Luft ist Luft, und nicht so verschieden, wie Metalle. Ich fuhl' es, dass man bey so gewaltigen Gefuhlen, wie zum Beyspiel in der Iphigenie en Tauride herrschen, in der Harmonie so tief gehen muss, als man kann; dass der Accord der grossen Septime hierbey ein ungleich machtigerer Hebebaum ist, als die andern, und dass die schonsten Phrasen in Terzen und Sexten dagegen kindisch sind."
"Friede! Friede und Freude, Lust und Wonne fur den reizenden Unterricht, den ich vor vielen Jahren genossen zu haben wunschte! Man lernt dadurch Kern von Schale richtiger unterscheiden."
Es ging nun zu Tische. Auch die Mutter war ausgegangen, und hatte die Frau v o n L u p f e n , die ihr unterweges begegnete, mitgebracht. Als man an der Tafel in Ordnung war, fing H i l d e g a r d an, den Alten wegen seiner vorigen Geringschatzung der Instrumentalmusik zum Besten zu haben, und sagte: "Sie scheinen nun mit Herrn L o c k m a n n einverstanden zu seyn, dass jeder Accord seinen besondern Ausdruck habe, und dass man etwas Besonderes dabey empfinde, auch ohne dass Worte es bezeichnen. Musik an und fur sich ware demnach die reine und allgemeine Kunst; und Vocalmusik nur ein Theil davon. Die allgemeine stande weit uber dieser, und liesse sich nur zu ihr hernieder."
Auch L o c k m a n n neckte ihn: "Oder die Dichter erhoben sich zuweilen bis zu dem Tonkunstler, und ersannen Worte zu dessen Melodien; wie man es bey H a y d n und bey vielen reizenden Liedermelodien in mehreren Sprachen versucht hat. Man machte das Hemde und den Rock nach dem Leibe."
Die Frau v o n H o h e n t h a l selbst fugte lachelnd hinzu: "N o v e r r e behauptete, ein Tonkunstler, der fur das Ballet schreiben wolle, musse, wo nicht selbst Tanzer seyn, doch die Tanzkunst vollkommen verstehen. So wie der Tonkunstler zu den Texten des Dichters Melodie und Harmonie erfande: so sollte eigentlich der Balletmeister seine Tanze zu dem Rhythmus der Musik und zu ihrem Ausdruck uberhaupt, erfinden."
R e i n h o l d antwortete: "Ich alter Mann bin seit Kurzem noch von mancher Meinung zuruckgekommen. So glaubt' ich zum Beyspiel, dass keine Sangerin in der Welt mit ihrer Stimme F a r i n e l l i ' n und C a f f a r e l l i ' n gleich kommen konne; und hier vor mir bluht und strahlt in uppiger Schonheit die lebendige Widerlegung: aber auch die Widerlegung alles jetzt Gesagten."
"Zugegeben, wenn Sie wollen, dass die reine allgemeine Musik fur die Region der Geister seyn mag. Fur mich ist die Musik bloss menschliche Kunst; der Mensch brachte sie aus sich selbst hervor, und sie hat aller andern Natur wenig zu danken. Die menschliche Stimme ist der erste Quell derselben, gute Vocalmusik das Muster aller; und die Sprache davon unzertrennlich."
L o c k m a n n erwiederte: "Die Musik ist eine Kunst, die hauptsachlich das Innere, Unsinnliche, weit umher fur das Ohr in die Lufte verbreitet, und allgemein ausdruckt, was die Sprache oft nur rauh und eckicht andeuten kann. Wer keine gute Stimme hat warum sollte der es nicht mit Instrumenten thun?"
Frau v o n L u p f e n fiel ein: "Nicht wahr, lieber R e i n h o l d , Krucken und Stelzen? Die menschliche Stimme allein kann Empfindungen durch Tone ausdrucken, welche nicht mehr allgemein sind, sondern etwas ganz Bestimmtes von Person zu Person sagen." Dann wendete sie sich zu H i l d e g a r d e n , und sagte: "Boshafte! Dein Sieg uber uns sollte Dir, auch unerortert genug seyn."
Diese errothete, und erwiederte: "Boshafte, Du selbst! Instrumentalmusik, worin Fluss wahren Gefuhls, und Schwung, Flug origineller Phantasie herrscht, von Virtuosen in hochster Fertigkeit vortreflich vorgetragen, druckt ein so eignes geistiges Leben im Menschen aus, dass es jeder anderen Sprache unubersetzbar ist. Herr R e i n h o l d muss die Meisterstucke von T a r t i n i und P u g n a n i ganz vergessen haben."
H o h e n t h a l hemmte den Zwist sogleich dadurch, dass er der Frau v o n L u p f e n , neben welcher er sass, scherzend ins Ohr raunte: "Meine Schwester ist unschuldig; warum haben wir unsre schonen Stimmen verloren!"
Der Alte ergotzte sich an dem Muthwillen, und fing nun wirklich an, die Instrumentalmusik zu preisen. Er ruhmte sie fur den Tanz, fur die Jagd, fur die Kriegsschaaren, und uberhaupt als umgebende Pracht und Herrlichkeit der Menschenstimme aus der Natur um sie her. Auch erzahlte er dazu manche Beyspiele.
Es war eine Lust, ihn reden zu horen, und zu sehen, wie die bluhende Jugend ihm dafur liebkoste.
Das machte ihn weichherzig, und er fuhr dann fort: "Nun kann ich zufrieden den Ueberrest meines Pfades wallen. Ich habe viel Schones und Gutes auf dieser Welt empfunden und genossen; und noch die letzten Sonnenblicke des Lebens erheitern warm und erfreulich meine Seele. Auch bleiben in den angenehmsten Gegenden von Europa Denkmahle von mir zuruck, bey denen man sich meiner vielleicht mit Wohlwollen erinnern wird."
Diess ruhrte die Frau v o n H o h e n t h a l innig, und sie wunschte die Risse von seinen merkwurdigsten Gebauden zu sehen. Selbst in Italien hatte er einige, unter andern ein Theater, aufgefuhrt; auch in der Provence und der Schweiz; in Deutschland mehrere bequeme Wohnungen. Dann war er Erbe eines sehr wohlhabenden Oheims in Hollandischen Diensten geworden, und hatte sich in der schonen Gegend am Rheinstrom, seinem Vaterlande, zur Ruhe gesetzt.
Er versprach, einige von seinen Rissen hervorzusuchen, und fugte hinzu: "Das Ohr ist ein weit feinerer Sinn, als das Auge: es empfindet die Verhaltnisse viel richtiger, und bildet den Geist, dass er die Schonheit derselben erfinden und beurtheilen kann. Was Ihnen an meinen Arbeiten gefallen mag, hab' ich wohl der Musik zu verdanken. L o c k m a n n hat mich recht ergriffen, als er das Verhaltniss der Oktave mit der schonsten Form der Thuren und Fenster verglich. Eben so haben wir in der Baukunst Quinten, Quarten, Terzen und Sexten, und uberhaupt, was er die vollkommne Existenz in der Tonkunst nennt. Ich kann sie Ihnen selbst an diesem Hause zeigen, welches mir unter allen meinen Gebauden das liebste ist."
Diess war nun wie zur Erkenntlichkeit aus L o k k m a n n s Seele. F e y e r a b e n d nahm ihm das Wort vor dem Munde weg, und sagte:
"So war die Erziehung der Griechen ein immerwahrendes Gefuhl von Harmonie: Gymnastik fur den Korper; Musik fur Herz und Geist. W i e d i e Musik: so beruht die ganze Moral, und endlich jede Kunst, auf Verh a l t n i s s e n . Glucklich der Mensch dessen moralischer Sinn die Harmonie der Tugenden so leicht erkennen kann, wie unser gottliches Ohr die Reinheit der Konsonanzen!"
L o c k m a n n fuhr fort: "Warum sollt' es nicht auch bey uns einmal wieder so werden? Wie viele mussige Stunden hat nicht der junge Burger, selbst der Landmann, der Soldat, der Jager, der Kunstler, und die Jugend uberhaupt, wo sie nicht wissen, was sie vor langer Weile anfangen sollen? Es fehlt nur zweckmassige Anleitung; die mehrsten wurden sich gern mit Musik beschaftigen. Doch zeichnen sich Bohmen, Thuringen und Sachsen, nachst Italien, schon jetzt durch musikalische Erziehung vor allen Landern der Welt aus."
Unter diesen und andern angenehmen Gesprachen, kam man mit der Mahlzeit bis zu den schonen Fruchten. Endlich schenkte H i l d e g a r d aus einer Flasche aromatisch duftendem Johannisberger die Glaser voll, stiess mit dem guten heitern R e i n h o l d an, indess die Andern das Beyspiel frohlich befolgten, und sagte: "Ewige Lust und Wonne den Erfindern der Trompete, des Horns und der Pauke, der Geigen und Klaviere!" Frau v o n L u p f e n fuhr in dem Tone fort: "Die edle Menschenstimme sey uberall die Konigin, der sie huldigen!"
Man stand auf, und ging in ein Nebenzimmer zum Kaffee. H o h e n t h a l musste hernach einige von seinen Zeichnungen hohlen.
Er brachte bald architektonische und andre; auch eine von einem Englischen Kriegsschiffe mit vollen Segeln in See. Der alte Meister lobte ihn nach Verdienst wegen der Richtigkeit, Schonheit und zweckmassigen Manier, gab ihm gefallig hier und da erspriesslichen Unterricht, und ruhmte, ganz frey von Neid und Eifersucht, die Englischen Architekten, nach deren Gebauden er zwey aufgenommen hatte. Auch L o c k m a n n bewunderte die Fertigkeit des Junglings. H i l d e g a r d und Frau v o n L u p f e n sagten ihm mit Empfindung angenehme Worte; so dass der Edle errothete, und die Zeichnungen geschwind wegtrug. Zur fernern erfreulichen Unterhaltung kam er mit den Ruinen von Palmyra und Balbeck wieder.
R e i n h o l d hatte in Rom den B o r r a , welcher sie zeichnete, personlich gekannt, und eben dort den geistreichen gefuhlvollen W o o d einigemal gesprochen; bey der Erinnerung an sie machten diese Meisterstucke ihm doppelte Freude.
Nachdem sie bey dem Schonsten sich eine Weile aufgehalten hatten, sagte er: "Nach dem P e r i k l e s ist das erste Jahrhundert die dritte goldne Periode der Baukunst. Die Peterskirche muss an Schonheit und Pracht den zwey Sonnentempeln weichen. Sonderbar, dass in dem kleinen Bezirk, von wo die grossen weitverbreiteten Religionen uber unsern Erdball ausgingen, die Denkmahle von Verehrung der sichtbaren ungeheuern Lebensquelle, auch in Ruinen, alle anderen Tempel uberblenden!"
F e y e r a b e n d bemerkte ferner, indem er die drey hundert und vier und achtzig haushohen Marmorsaulen vom Hof des einen berechnete: "Verehrung der Universalwesen, wovon wir und alle einzelnen Dinge abstammen, ist bey dem sich selbst uberlassenen Menschen ganz naturlich. Er halt, wenn nicht ubernaturliche Offenbarungen ihn eines Bessern belehren, Sonne und Feuer im April, May und Junius sehr leicht fur den allgemeinen elastischen Zeugungsgeist, und die andern Elemente fur die reizenden Grazien, mit denen er sich begattet."
Das Gesprach kam nun auf die Z e n o b i a , das in jeder Rucksicht, auch im Genusse der Liebe, ausserordentliche Weib. H o h e n t h a l ubersetzte R e i n h o l d e n W o o d s meisterhafte Schilderung von ihr, bis dahin wo sie wieder zum Gewohnlichen und Niedrigen herabsinkt, und in der Gefangenschaft ihre erhabnen Freunde verrath.
Die Geschichte machte auf H i l d e g a r d e n tiefen Eindruck, den sie nicht verbergen konnte. Sie druckte P a l m y r a an ihr Herz, und sagte dabey: "O edle Kunst, Stolz und Zierde des Menschen! du machst uns allgegenwartig."
Sie und L o c k m a n n mussten dem Alten noch ein paar Duette singen. H i l d e g a r d dankte ihrem Lehrer dann scherzhaft, dass er wenigstens von einigen Provinzen Deutschlands gut gesprochen habe; und so gingen sie aus einander. Unterdessen feyerte der Prinz nicht. Er suchte Mittel und Wege, H i l d e g a r d e n allein zu erhaschen; diess war ihm aber bis jetzt noch nicht gelungen, da sie sich so klug und fein vor ihm hutete. Er hatte, um Gelegenheit zu finden, schon ofters ihre Mutter und ihren Bruder besucht; durch seinen Kammerdiener L u x , einen durchtriebnen Vogel, aller Schelmstucke voll, ihr Kammermadchen zu gewinnen getrachtet; und dieses, durch Veranstaltung auf einem Spaziergange, wo Lux aus Ehrerbietung sich absonderte, selbst gesprochen: aber alles war vergeblich; F a n n y stand schon in Verbindung, die sie unbestechlich machte. Das viel altere Kammermadchen der Mutter, S u s a n n a , eine Betschwester und eine Deutsche, schien fur seine Absichten unbrauchbar.
Mit W o l f s e c k war nichts auszurichten: das sah er wohl ein. Nun ging sein Plan darauf, sich Zeit und Spielraum zu verschaffen. Er wollte H i l d e g a r d e n , auch wider ihren Willen, nach Wien bringen: in eine grossere Sphare, wo Zerstreuungen und Verfuhrungen aller Art weit leichter seyn wurden. Mit dem jungen schonen L o c k m a n n argwohnte er, bald nach seinen ersten Angriffen, ein tieferes Verstandniss. Ein so kluges Frauenzimmer, meinte er, das von der Natur so reichlich zum hochsten Vergnugen ausgesteuert sey, konne auf dieses unmoglich so ganz Verzicht thun. W a l l e r s h e i m e n hielt er fur zu leicht und zu geckenhaft, als dass sie an eine ernsthafte Verbindung mit ihm denken sollte; und er hatte bey ihm das Wahre getroffen. Von dem reizenden Kapellmeister getrennt, glaubte er, wurde sie wohl zahmer werden. An eine Verheurathung mit T o r r i n g , um nicht sitzen zu bleiben, dachte sie wahrscheinlich eben so wenig, als an eine mit W o l f s e c k .
Die Hauptstadt von Oestreich war fur den jungen H o h e n t h a l gewiss der beste Ort, sich fur seine kunftige Bestimmung zu bilden. Dagegen konnte nichts eingewendet werden. Die Mutter reiste wenigstens auf ein halbes Jahr mit ihm dahin; wo konnte sie in Deutschland den Winter angenehmer zubringen, besonders da sie in der Residenz des Fursten keine Wohnung hatte? Dass die Tochter beyde begleitete, war hochst schicklich. Fur sie besonders musste Wien, der Musik wegen, viele Reize haben; auch konnte er sagen: dort sey Gelegenheit fur sie, eine grosse Partie zu machen. Er fuhlte wohl, dass der Furst, der von ihrem Umgang bezaubert war, sie ungern entbehren wurde; aber er durfte ja nur vorstellen: es ware bloss auf einen Winter, und sie kame im Fruhling mit neuen Vollkommenheiten zuruck. Die Furstin sollte getreulich dazu helfen.
Furs erste suchte er den jungen H o h e n t h a l nach diesem Aufenthalt lustern zu machen, und schilderte ihm mit Beredtsamkeit alle die Vortheile, die er dort fur seine kunftige Laufbahn hatte. Diess gelang ihm gleich nach Wunsch.
Alsdann wendete er sich an die Mutter, in Gesellschaft der Furstin. Die Sache war so klar, dass sie wenig Bedenklichkeiten gestattete; H o h e n t h a l konnte nirgends seine Studien mit mehr Nutzen fortsetzen, und bessere Bekanntschaften fur die Zukunft machen. H i l d e g a r d regte ihr zwar dabey das Herz auf, und sie blickte dem Prinzen hell in die Augen; inzwischen verliess sie sich darauf, dass ihre Tochter den edelsten Charakter hatte, und der grossen Welt schon gewohnt war.
Der Prinz redete mit seinem Vater daruber, wie sich leicht denken lasst, nur in Rucksicht H o h e n t h a l s ; und erhielt dessen ganzen Beyfall. Es konne nicht fehlen, meinte der Furst: der heroische, verstand- und kenntnissreiche Jungling musse bey dem erhabnen J o s e p h bald wohl angeschrieben stehen.
Man dachte auf baldige Ausfuhrung des Plans.
Es fiel H i l d e g a r d e n sehr auf, als die Mutter ihr zuerst Nachricht davon gab. Sie wurde davon ganz durchdrungen, wusste sich nicht sogleich zu fassen, und schwebte mit der Mutter im Zimmer auf und nieder. Der angelegte Plan war ihr deutlich; und sie brach nur deshalb nicht los, weil ihre Mutter hinzusetzte: "G l u c k und H a y d n sind jetzt die grossten Meister der Musik in Deutschland, und wohl in ganz Europa. Auch kommen die besten Italianischen Sanger und Sangerinnen nach Wien; deren Bekanntschaft wird Dir schon allein sehr angenehm seyn und viel Vergnugen machen."
"O gewiss!" antwortete H i l d e g a r d leise obenhin, in andres tiefes Nachdenken verloren.
Der Mutter selbst lag es am Herzen, sie bey dieser Gelegenheit aus den gefahrlichen Verbindungen zu bringen, in welche sie unschuldiger Weise gerathen war. W a l l e r s h e i m stand ihr nicht an; uberdiess hatte sie in Erfahrung gebracht, dass er vorher Neigung fur die junge W o l f s e c k habe blicken lassen, und wollte nicht doppelte Feindschaft auf sich laden. T o r r i n g war ein heftiger Mann; und bey seinen Jahren liess sich keine gute Ehe mit ihm erwarten. Der schone Kapellmeister, den H i l d e g a r d so oft sah, musste doch endlich Verdacht erregen. Aus allen diesen Grunden hatte die Mutter den Vorschlag angenommen.
Es ward daruber ein Besuch angemeldet; so konnte H i l d e g a r d sich entfernen und weiter fur sich uberlegen.
"Armer L o c k m a n n !" das war ihr erstes Wort, als sie in ihr Zimmer trat. "Doch vielleicht ist es in dieser Rucksicht gut; was hatte endlich daraus werden sollen? Ach, der Holde liebt mich zu zartlich, zu feurig, als dass ich eine blosse freundschaftliche Verbindung mit ihm wagen konnte. Genug, ich habe mich mit ihm zu weiter nichts verpflichtet. Er muss sein Schicksal standhaft ertragen, und es soll nur kurze Zeit dauern. O, konnte ich aus einem Schiffbruch an die Kusten von Sicilien, Spanien oder Portugall schwimmen, und, jedem unbekannt, mein Gluck mir selbst schaffen! Welche Fesseln! Verzeih es mir, herzlich geliebte Mutter! Theurer Bruder! Doch wenigstens soll dem Prinzen seine Absicht nicht gelingen."
Den neuesten Brief der Herzogin D****, welche ihr die Dido von P i c c i n i aus Paris geschickt, hatte sie erst vor einigen Tagen aus Lucern erhalten. Ihre Freundin meldete ihr darin, dass sie, nach kurzen Spazierreisen in die Runde, sich einige Wochen in Basel aufzuhalten gedachte, wohin sie ihre Antwort richten konnte. Wie ein Blitz flog der Gedanke in H i l d e g a r d s Seele: "Wenn du mit der D**** eine Zusammenkunft veranstaltetest, die L u p f e n auf ihr Gut begleitetest, und jene dorthin, oder auch an einen Mittelort beschiedest! In London waren wir ja Ein Wesen. Sie ist kuhn, und hat Geist, wie Keine von unserm Geschlecht. Es ist keine Zeit zu verlieren. Mir drohen die neuen Bekanntschaften in Wien; aus denen werde ich mich nie wieder los wickeln und los reissen. Man wird mir mit Gewalt die Flugel beschneiden."
Mit diesen Gedanken sass sie bey der Abendmahlzeit, behielt sie beym Einschlummern, wachte mit ihnen auf, und brutete den ganzen Tag uber ihnen, so dass sie uberall zerstreut war; doch in diesen Momenten ein doppelt reizendes Geschopf: wirklich genialisch lebhaft. Den Abend, kurz vor dem Abgange der Post, bat sie ihre Freundin in einer Nachschrift zu dem schon fertigen Briefe: sie mochte in Basel noch einen andern von ihr abwarten. Vielleicht konnte sie bey Gelegenheit der Reise nach Wien, die sie ihr gemeldet hatte, es moglich machen, dass sie in der Nahe von Basel einander wieder sahen und sprachen.
Uebrigens stellte sie eben dieselben Betrachtungen an, wie ihre Mutter: dass der Kreis, worin sie lebe, nicht mehr fur sie tauge, dass sie den Nachstellungen des Prinzen hier eben so ausgesetzt sey, als an jedem andern Orte, und dass es sich nicht schicke, ihr gewohnliches Stillschweigen uber ihn zu brechen, weil die Mutter sonst nur zu neuer Furcht und unnothiger Vorsicht veranlasst werden, und in sie dringen wurde, eine Partie zu nehmen.
H o h e n t h a l freute sich wie ein Kind auf Wien. F e y e r a b e n d pries den Aufenthalt daselbst aus allen Grunden; die M u t t e r sah dort die grossten Vortheile. H i l d e g a r d musste von ihrer Verstellungskunst Gebrauch machen, und stimmte jungfraulich schuchtern mit in diese Aeusserungen. Der Prinz hielt sich nun kluglich zuruck, wie ein Vogelsteller, nachdem er genug gelockt hat, hinter dem Herde bleibt. Uebrigens wurde von dem Vorhaben noch nichts bekannt gemacht.
Im nachsten Konzert sang H i l d e g a r d nur das Duett aus S a r t i ' s Giulio Sabino: Come partir poss'io; aber fast zerstreuet, und nicht mit der Lust wie gewohnlich. Doch entzuckten ihre sussen Tone. Die heroische Arie des Giulio Sabino von L o c k m a n n gesungen: La tu vedrai, chi sono, no, non ti parlo invano; ergriff den Prinzen ganz sonderbar. So wie hierin, wurde L o c k m a n n auch in dem gottlichen Rondo: In qual barbaro momento io ti do l'estremo addio! allgemein bewundert. Der Prinz erstaunte bey diesen ersten Worten; doch horte er bald, dass sie nicht weiter auf die gegenwartigen Umstande passten. H i l d e g a r d that sich Gewalt an, ihn gelassen anzublicken, und ihm hier und da eine Antwort zu geben. Er machte immer gewandt und fein den Hofmann.
L o f f l e r spielte dazwischen mit seltner Fertigkeit ein Violin-Konzert von V i o t t i .
L o c k m a n n hatte seine Oper schon seit einigen Wochen zu Ende gebracht, sie doppelt abschreiben, und die drey Akte des einen Exemplars, jeden besonders, leicht und zierlich Italianisch einbinden lassen. Am folgenden Nachmittag, wo er auf einige Augenblicke mit H i l d e g a r d e n allein war, uberreichte er ihr sein Werk, und nahm sich gleich dafur einen himmlisch sussen Kuss, nach welchem er, wie ein gejagter lechzender Hirsch nach frischen Quellen, so lange geschmachtet hatte.
"Ach Gott!" rief sie, voll wehmuthigen Mitleidens, aus.
Die Mutter war eben bey ihrem Sohne auf der andern Seite; sie kam aber bald wieder, so dass er nur noch sagen konnte: sie mochte verschweigen, dass die Musik von ihm ware. Er hatte nicht die geringste Ahnung von dem, was vorging, legte den Ausruf zu seinem Vortheil aus, setzte sich, erquickt und gestarkt, ans Klavier, und fing an.
"Achille in Sciro,
von einem jungen neuern Tonkunstler."
"Das Gedicht von M e t a s t a s i o ist das ergreifendste und erfreulichste Schauspiel fur diejenigen, die den Achill aus der Iliade kennen."
"Das Heer der Griechen war versammelt, und schon bereit, nach Troja hinuber zu schiffen, um die Schmach des Vaterlandes zu rachen. Nur ging die Sage: diese Stadt konne ohne den jungen Achill nicht eingenommen werden."
"Thetis, seine Mutter, wusste aber schon, dass er nach dem Verhangnisse dort umkommen sollte, und hatte ihn durch einen Getreuen, den Nearch, in Frauenzimmerkleidern am Hofe des Lykomedes auf der Insel Skyros versteckt. Er wird da unerkannt unter die nommen. Achilles giebt sich dieser bald zu erkennen; beyde verlieben sich in einander, und so weiter."
"Ulysses wird auf ein dunkles Gerucht nach Skyros geschickt, ihn dort auszukundschaften. Es gelingt dem Schlauen. Nach einem harten Kampfe zwischen Ruhm und erster Junglingsliebe in dem Herzen des Helden, bey der hohen Schonheit und dem zauberischen Widerstand der Geliebten, segelt der Kuhne mit ihm ab."
"Der Stoff gehort gewiss unter die anziehendsten; und der Dichter wusste ihn fur die Italianischen Theater, besonders fur das Romische, reizend zu bearbeiten. Er hatte im V i r g i l , A r i o s t , und T a s s o bewunderte Muster vor sich. Die Fabel ist indess viel reiner und naturlicher, als die von der Dido, und von der Armida. Das Unschickliche darin, namlich dass man einen Achilles verkleidet unter Madchen steckt, ohne an den Erfolg zu denken, geht voraus, und fallt nicht auf den Vater der Deidamia; man denkt nun wenig daran, Thetis mag es lachelnd verantworten: es ist nun einmal geschehen, wird fur bekannt angenommen, und Dichter sowohl als Zuhorer bekummern sich weiter nicht darum."
"Achilles in weiblicher Kleidung muss noch die Sopranstimme haben; sonst wurde alle Tauschung verloren gehen. Die Rolle desselben kann bey uns in Deutschland nur eine Sangerin machen, deren Gestalt und Charakter dafur passt."
"Das Wesentliche ist: erste Leidenschaft der Liebe, und heroisches Wesen, das sich bey dem Anblick der kriegerischen Gegenstande nicht mehr verbergen lasst; kurz: Kampf zwischen Ruhm und Liebe in dem Herzen eines jungen Helden. Ein Lieblingsthema der Italianer. Ich selbst habe eine junge Dame in Florenz, F a n t a s t i c i , uber dieses Thema eine Menge vortreflicher Strophen, einige voll des hochsten lyrischen Feuers, improvisiren horen, und mit Lust ihren Gesang auf dem Fortepiano begleitet."
"Ihre Geschmeidigkeit und Kunst, gnadiges Fraulein, hab' ich schon in den schwersten Rollen bewundert. Mochten Sie doch diese Melodien wurdig finden, mich auch durch sie noch zu bezaubern!"
Er spielte ohne weitere Vorrede sogleich die Symphonie: voll edler Zartlichkeit im Andante, und voll heroischen Wesens im Allegro, das in einen raschen Kontretanz uberging, begleitet von Hornern, Klarinetten. Floten, Cymbeln, und Handtrommeln fur das festliche Getummel der Bacchantinnen, die aus dem Tempel ihres Gottes ziehn, und dann mit ihren Thyrsusstaben ein kurzes Ballet unter folgendem Wechselgesange beginnen:
Coro.
Ah, di tue lodi al suono,
Padre Lieo, discendi!
Ah, le nostr' alme accendi
Del sacro tuo furor!
Parte del Coro.
O fonte de' diletti,
O dolce obblio de' mali,
Per te d'esser mortali
Noi ci scordiam talor.
Tutto il Coro.
Ah, le nostr' alme accendi
Del sacro tuo furor!
Parte del Coro.
Per te, se in fredde vene
Pigro ristagna e langue,
Bolle di nuovo il sangue
D' insolito calor.
Tutto il Coro.
Ah le nostr' alme accendi
Del sacro tuo furor.
Parte del Coro.
Chi te raccoglie in seno,
Esser non puo fallace;
Fai diventar verace
Un labbro mentitor.
Tutto il Coro.
Ah le nostr' alme accendi
Del sacro tuo furor.
Parte del Coro.
Tu dai corragio al vile,
Rasciughi al mesto i pianti,
Discacci dagli amanti
L'incommodo rossor.
Tutto il Coro.
O fonte de' diletti,
O dolce obblio de' mali,
Accendi i nostri petti
Del sacro tuo furor.
Chor.
Beym Schall deines Lobes, o Vater Bacchus, steige
herab vom Olymp! Entzund' unsre Seelen mit dei
ner heiligen Wuth!
Ein Theil des Chors.
O Quelle des Vergnugens, o susse Vergessenheit
der Sorgen, du erhebst an deinen Festen uns uber
Der ganze Chor.
Entzund' unsre Seelen mit deiner heiligen Wuth!
Ein Theil des Chors.
Durch dich, wenn in kalten Adern trage das Blut
schleicht und matt wird, wallt es von neuem mit
ungewohnlicher Warme.
Der ganze Chor.
Entzund' unsre Seelen mit deiner heiligen Wuth.
Ein Theil des Chors.
Wer dich in den Busen aufnimmt kann kein Betru
ger seyn. Durch dich vergisst sich der Lugner, und
redet Wahrheit.
Der ganze Chor.
Entzund' unsre Seelen mit deiner heiligen Wuth.
Ein Theil des Chors.
Du giebst dem Feigen Muth, trocknest dem Betrub
ten die Thranen, verjagst von liebenden Seelen die
beschwerliche Schuchternheit.
Der ganze Chor.
O Quelle des Vergnugens, o susse Vergessenheit
der Sorgen, entzund' unsre Seelen mit deiner heili
gen Wuth.
Der Gesang war fur zwey Soprane und einen Alt. Die Melodien schmolzen reizend in eine Harmonie, einfach, und abwechselnd voll; die Instrumente flogen jubelnd dazwischen.
H i l d e g a r d ward von der schonen, so ganz Griechischen Natur entzuckt. Ihr Gesicht glanzte von susser Empfindung; sie rief einmal uber das andre ihm zu: "Vortreflich!" Selbst die Mutter stand dazwischen auf, liess ihre Arbeit, und lauschte. L o c k m a n n war hochst glucklich.
H i l d e g a r d sagte noch: "Der Chor bleibt der Musik eigen, und ist ihr hochster Triumph uber die andern Kunste; weder die Poesie noch die Mahlerey kann das ubereinstimmende Gefuhl einer Menge so stark ausdrucken. B e y j e n e r ist das Wort zu willkuhrlich, als dass viele eben dasselbe treffen sollten; d i e s e hat nur Moment, und zu wenig Dauer. Die Worte der Poesie zeigen sich hier nur wie Wellen im Sturm auf der Tiefe. Und welch ein treflicher Rhythmus zum Tanze!"
L o c k m a n n fuhr fort: "Die Trompete schmettert plotzlich in der Ferne, unweit des Gestades; sie verkundigt die Ankunft zweyer Schiffe, und hemmt Gesang und Tanz." "Deidamia tritt daruber hervor, und sagt zu Achill, der als Pyrrha verkleidet ist: Udisti? Achille. Udii. Deidamia. Chi temerario ardisce Turbar col suon profano Dell' Orgie venerate il rito arcano?" D e i d a m i a . Hast Du gehort? A c h i l l . Ich habe. D e i d a m i a . Welcher Verwegne wagt es, mit fremdem Laut den geheimen Gebrauch der heiligen Orgien zu storen? "Und so beginnt reizend das Schauspiel."
"Deidamia flieht. Ulysses landet, sucht den Achill zu entdecken, und findet ihn nach verschiednen Proben in der Pyrrha."
"Um dem Ganzen Fulle und Abwechselung zu geben, lasst der Dichter noch vorher den Prinzen Theagenes, welchem Lykomedes seine Tochter zur Gattin bestimmt hatte, auf einer andern Seite der Insel landen."
"Nearch kundigt diess dem Achill gleich in der dritten Scene an, um seine Liebe noch mehr zu entflammen; und dieser druckt sein Gefuhl daruber in folgender Arie aus:
Involarmi il mio tesoro!
Ah, dov' e quest alma ardita?
A da togliermi la vita.
Chi voul togliermi il mio Ben.
M' avvilisci in queste spoglie
Il poter di due pupille;
Ma lo so, ch'io sono Achille,
E mi sento Achille in sen."
Mir mein Kleinod rauben? Ha, wo ist diese kuhne
Seele? Der muss mir das Leben rauben, der mir die
Geliebte nehmen will.
Die Macht zweyer Augen erniedrigt mich in diese
Kleidung. Aber ich weiss, dass ich Achilles bin, und
fuhle mich Achilles in der Brust.
H i l d e g a r d sang sie gleich voll Feuer. In der Melodie blitzten und strahlten die ersten schonen Charakterzuge des Helden.
Deidamia fertigt dann den Prinzen bald ab, in einer Arie, wozu L o c k m a n n Melodie und Begleitung in die Seele und Kehle seiner H i l d e g a r d ausempfunden hatte.
Del sen gli ardori
Nessun mi vanti;
Non soffro amori,
Non voglio amanti;
Troppo mi e cara
La liberta.
Niemand sage mir zartlich vor seine Flamme im
Busen. Ich dulde die Liebe nicht, will keine Lieb
haber; die Freyheit ist mir allzutheuer.
Herbe Jungfraulichkeit und Dianenwesen, obgleich verstellt, herrschte darin durch und durch. Sie merkte es, und musste daruber lacheln.
"Alles dient bloss zum Vorspiel im ersten Akt," fuhr L o c k m a n n fort; "doch ist es Lust zu sehen, was Deidamia und Nearch zu thun haben, den Achill einigermaassen in die gehorigen Schranken zu bandigen. Ulysses hat dagegen zu leichte Arbeit."
"Der Kern vom Ganzen ist die siebente, achte und neunte Scene des zweyten Akts; sie gehoren unter das Schonste der Italianischen Oper."
"In der siebenten giebt Lykomedes dem Ulysses bey Nacht ein Gastmal, in einem prachtigen, herrlich erleuchteten Saale."
"So bald sie an der Tafel sitzen, fangt die Musik an, und der Chor beginnt nach einer festlichen Einleitung von Instrumenten:"
Lungi, lungi fuggite, fuggite
Cure ingrate, molesti pensieri!
No, non lice del giorno felice
Che un istante si venga a turbar.
Dolci affetti, diletti sinceri
Porga amore, ministri la pace;
E da' moti di gioia verace
Lieta ogni alma si senta agitar.
Lungi, lungi fuggite, fuggite
Cure ingrate, molesti pensieri!
No, non lice del giorno felice
Ch'un istante si venga a turbar.
Fliehet, fliehet weit weit unangenehme Sorgen, be
schwerliche Gedanken! Nein, es ist nicht erlaubt,
einen Augenblick des glucklichen Tages zu storen.
Susse Gefalligkeiten, lautere Vergnugen erzeige die
Liebe, bringe der Friede dar; und von den Gefuhlen
einer wahrhaften Freude sey jede Seele froh durch
drungen.
Fliehet, fliehet weit weit unangenehme Sorgen,
u.s.f.
"Achill, als Pyrrha, steht hinter seiner geliebten Deidamia, und bedient sie. Die Scene ist von dem Dichter mit seltner Grazie behandelt; und die Rolle des verkleideten jungen Helden, des grossten unter allen Homerischen, gestattet das erfreulichste Theaterspiel."
"L y k o m e d e s fragt bald:
Quando da' Greci lidi i vostri legni
L'ancora scioglieranno
Ulisse. Al mio ritorno; altro non manca
Ch'il soccorso di Sciro.
Licomede. O qual mi toglie
Spettacolo sublime
La mia canuta eta!
Ulisse. (Non si trascuri
L'opportuno momento!)
E di te degna,
Gran Re, la brama."
L y k o m e d . Wann werden Eure Schiffe von den
Griechischen Ufern die Anker lichten?
U l y ss . Bey meiner Zuruckkunft; nur der Beystand
von Skyros fehlt noch.
L y k o m e d . O, welch ein erhabnes Schauspiel
raubt mir das graue Alter!
U l y ss . (Der gunstige Augenblick werde nicht ver
saumt!) Das Verlangen, grosser Konig, ist Deiner
wurdig.
"Hier fangt die Begleitung von kriegerischen Instrumenten an, und schwillt nach und nach immer hoher." L o c k m a n n sang, und schlug machtig die Fulle heroischer Accorde mit den ergreifendsten Uebergangen.
"Ove mirar piu mai
Tant' armi, tanti Duci,
Tante squadre guerriere,
Tende, navi, cavalli, aste, e bandiere?
Tutta Europa v'accorre. Omai son vuote
Le selve, e le citta. Da padri istessi
Da vecchi padri invidiata, e spinta
La gioventu proterva
Corre all' armi fremendo.
Chi d'onore
Sente stimoli in sen, chi sa, che sia
Desio di gloria, or non rimane."
Wo konnte man je so viel Zurustungen, so viel
Heerfuhrer sehen, Zelte, Schiffe, Rosse, Lanzen,
Fahnen!
Ganz Europa lauft herbey; die Walder, die Stadte
beneidet und fortgetrieben, eilt die wilde Jugend to
bend zu den Waffen.
Wer in der Brust den Stachel der Ehre fuhlt, wer
weiss, was Verlangen nach Ruhm ist, bleibt nicht
zuruck.
"Achill gerath ausser sich.
Deidamia. Ma Pirra!"
D e i d a m i a . Aber Pyrrha!
H i l d e g a r d selbst gluhte, und rief dazwischen: "Wahre Beredtsamkeit in der Musik, erst durch sie recht hinreissend."
"Lykomed fordert ihn zum Singen auf; Deidamia muss ihn selbst bitten."
"Er setzt sich, ruhrt die Guitarre, und fangt das reizende Lied an:
Se un core annodi,
Se un alma accendi,
Che non pretendi
Tiranno Amor?
Vuoi, che al potere
Delle tue frodi
Ceda il sapere,
Ceda il valor.
Coro.
Se un core annodi,
Se un alma accendi,
Che non pretendi
Tiranno Amor?
Pirra.
Se in bianche piume
De' Numi il Nume
Canori accenti
Spiego talor:
Se fra gli armenti
Muggi negletto:
Fu solo effetto
Del tuo rigor.
Coro.
Se un core annodi, etc.
Pirra.
De' tuoi seguaci
Se a far si viene,
Sempre in tormento
Si truova un cor.
E vuoi, che baci
Le sue catene,
Che sia contento
Del suo dolor.
Coro.
Se un core annodi,
Se un' alma accendi,
Che non pretendi,
Tiranno Amor?"
Wenn du ein Herz fesselst, eine Seel' entflammst;
was verlangst du nicht, Tyrann Amor?
Du willst, dass der Macht deines Truges die
Klugheit und die Starke weichen.
Chor.
Wenn du ein Herz fesselst, eine Seel' entflammst;
was verlangst du nicht, Tyrann Amor?
Pyrrha.
Wenn in weissen Federn der Gott der Gotter einst
zartliche Accente lispelte; wenn er unter Heerden
ohne Verehrung brullte: das wirktest du allein
durch deine Strenge.
Chor.
Wenn du ein Herz fesselst, eine Seel' entflammst,
u.s.w.
Pyrrha.
Wenn ein Herz unter dein Gefolge kommt: so ist es
stets in Marter.
Und du willst, dass es seine Ketten kusse, sich
weide an seinem Schmerz.
Chor.
Wenn du ein Herz fesselst, eine Seel' entflammst:
was verlangst du nicht, Tyrann Amor!
In der Melodie aus H i l d e g a r d s frischen lachelnden Lippen, und dem Zephyrspiel um sie her, war ein solcher Zauber, dass die Mutter selbst glaubte, noch nie etwas so Liebliches gehort zu haben.
"Jetzt bringen einige von dem Gefolge des Ulysses Geschenke fur den Lykomed; unter andern eine herrliche Rustung mit Schwert und Schild. Achill ruft dabey vor sich aus:"
"O ciel, che miro!
Licomede. Mai non si tinse in Tiro
Porpora piu vivace! (ammirando le vesti)
Teagene. Altri sin ora (ammirando le vasi)
Sculti vasi io non vidi
Di magistero egual
Deidamia. L'Eoa marina (ammmirando le gemme)
Non a lucide gemme al par di quelle.
(Si leva per andare a veder piu da vicino le armi.)"
A c h i l l . O Himmel, was seh ich!
L y k o m e d . Glanzender ward nie in Tyrus ein
Purpur gefarbt! (die Kleider bewundernd.)
T h e a g e n e s . Von gleich meisterhaftem Grabsti
chel (die Gefasse bewundernd) sah ich bis jetzt noch
keine Gefasse ausgearbeitet.
D e i d a m i a . So hellleuchtend wie diese (die
Edelsteine bewundernd) haben die ostlichen Gestade
keine Edelsteine.
A c h i l l e s . Ach, wer sah je schonere Rustung
und Waffen! (Er steht auf, und geht, die Waffen
mehr in der Nahe zu betrachten.)
"Diess ist ganz nach dem schonen antiken Basrelief.
Deidamia. Pirra, che fai? ritorna
Agli interrotti carmi.
Achille. (Che tormento crudele!)
(di dentro) All' armi! all' armi!"
D e i d a m i a . Pyrrha, was machst Du? kehre zu
ruck zum unterbrochnen Gesange.
Achilles. (Welche grausame Marter!)
(Hinter der Scene) Zu den Waffen! zu den Waffen!
der Burg selbst, ein verstelltes Gefecht angeordnet. Alles lauft davon; nur Achilles bleibt, und, in einen Winkel versteckt, Ulysses mit seinem Vertrauten." "Nun kommt die gottliche achte Scene."
"Achille. Ove son? Che ascoltai? mi sento in
fronte
Le chiome sollevar! Qual nebbia i lumi
Offuscando mi va! che fiamma e questa
Onde sento avvamparmi!
Ah, fernar non mi posso. All' armi! all' armi!"
A c h i l l . Wo bin ich? was hort' ich? mir strauben
sich die Haare auf dem Haupte! Welch eine
Dunkelheit befallt meine Augen! Welch eine
Flamme fuhl' ich in mir auflodern! Ha! ich kann
mich nicht mehr fassen! Zu den Waffen! zu den
Waffen!
"Hohes Muster heroischer Accente!" sagte Hildegard entzuckt vor sich.
Ulisse. Guardalo! (ad Arcade)
Achille. E questa cetra
Dunque e l'arme d'Achille?
Ah no; la sorte
Altre m'offre, e piu degne.
A terra, a terra
(Getta la cetra, e va all' armi portate co' doni di
Ulisse)
Vile stromento. All' onorato incarco
Dello secundo pesante (Imbraccia lo scudo)
Torni il braccio avvilito: in questa mano
Lampeggi il ferro. (Impugna la spada) Ah
ricomincio adesso
A ravvisar me stesso! Ah, fossi a fonte
A mille squadre e mille!
U l y s s e s . Betracht' ihn! (zum Arkas)
A c h i l l . Und diese Zitter ist also, die Rustung
Achills? Ha, nein! das Schicksal zeigt mir andre,
und wurdigere Waffen. Auf den Boden, auf den
Boden, (er wirft die Zitter weg, und geht zu den
Waffen, die mit den Geschenken des Ulysses her
beygetragen worden sind) niedriges Instrument! Der
verunehrte Arm kehre zuruck zur ruhmlichen
Last des schweren Schildes! (er nimmt den
Schild an den Arm.) In dieser Hand blitze das
Schwert! (er ergreift das Schwert.) Ha, jetzt fang ich
an, mich selbst wieder zu erkennen. O, war' ich
an der Spitze von tausend und wieder tausend
Schaaren!
"Diess alles muss unter Begleitung der dazu gewahlten
Ulisse. E qual sara, se non e questo Achille?
(Palesandosi.)
Achille. Numi? Ulisse, che dici?
Ulisse. Anima grande,
Prole de' Numi, invitto Achille, al fine
Lascia, che al sen ti stringa.
Eh non e tempo
Di finger piu. Si, tu la speme sei
Tu l'onor della Grecia,
Tu dell' Asia il terror. Perche reprimi
Gl' impeti generosi
Del magnanimo cor? Son di te degni;
Secondali, Signor. Lo so, lo veggo,
Raffrenar non ti puoi.
Vieni: io ti guido
Alle palme, a trofei. La Grecia armata
Non aspetta che te. L' Asia nemica
Non trema, che al tuo nome.
Andiam.
U l y s s e s . Und wer sollt' Achill seyn, wenn die
ser nicht Achill ist? (Er tritt hervor und zeigt
sich.)
A c h i l l . Gotter! Ulysses, was sagst du?
U l y s s e s . Grosse Seele, Abkommling der Gotter,
unuberwindlicher Achilles, lass mich Dich end
Dich langer zu verstellen! Ja, Du bist die Hof
nung, Du die, Ehre Griechenlands, Du der
Schrecken Asiens. Warum unterdruckst Du die
Aufwallungen der Heldenbrust? sie sind Deiner
wurdig. Folg ihnen, Herr. Ich weiss, ich sehe, Du
kannst dir nicht mehr Einhalt thun. Komm! ich
fuhre Dich zu Palmen, zu Siegszeichen. Nur
Dich erwartet das bewafnete Griechenland. Das
feindliche Asien zittert nur bey Deinem Namen.
Lass uns gehn!
L o c k m a n n declamirte diess voll Begeistrung; eben so das Folgende. Er hatte die Rolle des Ulysses ganz fur sich ausgearbeitet.
Achille. Si vengo.
Guidami, dove vuoi ma
Ulisse. Che t'arresta?
Achille. E Deidamia?
Ulisse. E Deidamia un giorno
Ritornar ti vedra cinto d'allori,
E piu degno d'amore.
Achille. E intanto
Ulisse. E intanto
Che d'incendio di guerra
Tutta avvampa la terra, a tutti ascoso
Qui languir tu vorresti in vil riposo?
Diria l' eta futura:
Di Dardano le mura
Diomede espugno; d'Ettore ottenne
Le spoglie Idomeneo; di Priamo il trono
Miser tutto in faville
Stenelo, Ajace. E che faceva Achille?
A c h i l l . Ja, ich komme. Fuhre mich, wohin Du
willst aber
U l y s s e s . Was halt Dich?
A c h i l l . Und Deidamia?
U l y s s e s . Und Deidamia wird Dich, eines Tages,
mit Lorbeern umgeben, und der Liebe wurdiger
zuruckkehren sehen.
A c h i l l e s . Und wahrend
U l y s s e s . Und wahrend, dass von den Flammen
des Krieges die ganze Erde lodert, wolltest Du,
Allen verborgen, hier in feiger Ruhe hinsinken?
Was wurde die kunftige Welt sagen! Diomedes
ersturmte die Mauern des Dardanus; Idomeneus
erhielt die Rustung Hektors; Sthenelos, Ajax
setzten den Thron des Priamos in Brand und
Flammen Und was that Achilles?
"Ulysses parodirt hier in der Musik das Liedchen, das Achill als Pyrrha sang."
Achille, in gonna avvolto
Traea misto e sepolto
Fra le ancelle di Sciro i giorni sui,
Dormendo al suon delle fatiche altrui.
Achilles, in Weibertracht versteckt, verlebte seine
Tage, unter die Zofen von Skyros begraben, und
schlief bey dem Schall fremder Thaten.
H i l d e g a r d rief dabey: "O, ein entzuckendes Schauspiel, die Oper, worin Dichter und Tonkunstler so zu einem gottlichen Wesen vereinigt sind!"
Ah non sia verl Destati alfine: emenda
Il grave error. Piu non soffrir, che alcuno
Ti miri in queste spoglie. Ah, se vedessi
Quale oggetto di riso
Con que' fregi e un guerriero! In cuesto scudo
Lo puoi veder. Guardati, Achille! (Gli leva lo
scudo) Dimmi,
Ti riconosci? (Presentandogli lo scudo)
Achille. Oh vergognosi, oh indegni
Impacci del valor, come finora
Tollerar vi potei! Guidami, Ulisse
L'armi a vestir. Fra questi ceppi avvinto
Piu non farmi penar.
Ulisse. Seguimi! (O vinto!)
Ha, es sey nicht wahr! Erwach endlich; verbessre
den schweren Irrthum. Erdulde nicht langer, dass
Dich einer in dieser Kleidung betrachtet. Ach,
wenn Du sahest, welch ein Gegenstand des Ge
lachters ein Krieger mit diesen Zierrathen ist! In
diesem Schilde kannst Du es sehen. Betrachte
Dich Achilles! (Er nimmt ihm den Schild ab.) Sage
mir, erkennst Du Dich? (Er halt ihm den Schild
vor).
A c h i l l . O schimpfliche, o unwurdige Hindernis
se der Tapferkeit, wie hab ich euch bis jetzt er
tragen konnen! Fuhre mich, Ulysses, die Ru
stung anzulegen! lass mich nicht langer in diesen
Banden leiden!
U l y s s e s . Folge mir. (Ich habe gesiegt!)
"Neunte Scene. Nearch kommt herbey."
Nearco. Pirra, Pirra, ove corri?
Achille. Anima vile,
Quel vergognoso nome
Piu non t' esca da' labbiri! i miei rossori
Non farmi rammentar! (partendo)
Nearco. Senti! tu parti?
E la tua Principessa?
Achille. A lei dirai
Ulisse. Achille, andiam.
Achille. Dille, che si consoli;
Dille, che m' ami; e dille
Che parti fido Achille,
Che fido tornera.
Che a suoi begli occhi soli
Vuo' che il mio cor si stempre,
Che l' Idol mio fu sempre,
Che l' Idol mio sara.
N e a r c h . Pyrrha, Pyrrha, wo laufst Du hin?
A c h i l l . Niedrige Seele, dieser schimpfliche
Name gehe nicht mehr uber Deine Lippen. Erin
nere mich nicht wieder an das, woruber ich erro
the! (im Fortgehen.)
N e a r c h . Hore! Du verlasst uns? und Deine Ge
liebte?
A c h i l l . Du wirst ihr sagen
U l y s s e s . Achill, lass uns gehen!
N e a r c h . Was kann ich ihr sagen ...?
A c h i l l . Sag ihr, sie solle sich trosten; sag ihr, sie
solle mich lieben; sag ihr, Achilles verlasse sie
getreu, er komme getreu zuruck.
Sag ihr, dass mein Herz an ihren schonen Augen
allein sich erweichen soll, dass sie immer mein
Abgott war, immer mein Abgott seyn wird.
Edle Zartlichkeit mit heroischer Harmonie vereinigt schwellten H i l d e g a r d s Brust. Sie sang die Arie zweymal, und fing sie aus Lust zum drittenmal wieder an. Der Rhythmus war heftig nach der Natur: kein Wort in der Melodie mehr wiederhohlt, als in der Poesie; alles lauter schnelle Blitze dankbarer susser Gefuhle.
"Sie eilen fort. Deidamia erhalt durch den Nearch die entsetzliche Nachricht."
"Im d r i t t e n A k t
tritt Achilles in strahlender Rustung mit dem Ulysses auf, um an Bord zu gehen. Deidamia eilt herbey, und sucht ihn aufzuhalten. Nun beginnt der grosste Kampf zwischen Ruhm und Liebe."
"Achilles sagt endlich:
A compiacerti (a Deidamia) (o stelle!)
E debolezza; a seguitarti (ad Ulisse) (oh Numi!)
E crudelta. Si, ma la gloria esige
No, l'amor mio non soffre oh gloria! oh
amore!"
In Dein Verlangen einzuwilligen (zur Deidamia) (o
Himmel!) ist Schwachheit; Dir zu folgen (zum
Ulysses) (o Gotter!) ist Grausamkeit. Ja, aber der
Ruhm erfordert Nein, meine Liebe duldet
nicht O Ruhm! O Liebe!
Die Musik dazu war reiner Seelenklang, abwechselnd nach den gewaltigen Bewegungen im Herzen.
"Deidamia sinkt in Ohnmacht. Ulysses kann ihn nicht mehr losreissen.
Eh! tu pretendi
Prove di crudelta, non di valore.
Scostati, Ulisse!"
Ha! Du verlangst Proben von Grausamkeit, nicht
von Muth. Ulysses, weg von meiner Seite!
"Dieser muss nun Gewalt brauchen. Er geht, und entdeckt die ganze Geschichte dem Vater." "Deidamia kommt wieder zu sich. Nearch sagt ihr dessen Vorhaben; sie ruft:
Misera! oh Dei
Che fia di me! Se m' abbandoni, Achille,
A chi ricorrero?
Achille. Ch'io t'abbandoni
In periglio si grande! ah no: sarebbe
Fra le imprese d'Achille
La prima una vilta. Vivi sicura;
Lascia pur di tua sorte a me la cura.
Tornate sereni
Begli astri d'amore!
La speme baleni
Fra il vostro dolore;
Se mesti girate,
Mi fate morir.
Oh Dio! lo sapete,
Voi soli al mio core
Voi date e togliete
La forza e l' ardir."
Ich Ungluckliche! o ihr Gotter, was soll aus mir
werden! Wenn mich Achilles verlasst, zu wem
soll ich meine Zuflucht nehmen?
A c h i l l e s . Ich Dich in so grosser Gefahr verlas
sen! Ha nein! unter den Thaten des Achilles
wurde die erste eine Niedertrachtigkeit seyn. Sey
sicher! und uberlass mir die Sorge fur Dein
Schicksal.
Werdet wieder heiter schone Gestirne der Liebe!
Die Hofnung blitze unter euerm Schmerz. Wenn
ihr traurig blickt, so todtet ihr mich.
O Gott! Ihr wisst es, ihr allein gebt meinem Her
zen Starke und Kuhnheit, und nehmt sie ihm
wieder.
Die Melodie zu dieser Arie, aus dem E dur, von Hoboen, Fagotten und Hornern begleitet, war ganz aus L o c k m a n n s Herzen, Engelsgesang, und konnte neben den schonsten von M a j o stehen. Er selbst sang sie mit so zerschmelzender Zartlichkeit, dass H i l d e g a r d ihre Gefuhle dabey nicht mehr unterdrucken konnte. Ihr Busen wallte auf und nieder; sie musste mehr als einmal tiefen Athem schopfen. Die Thranen glanzten im himmlischen Licht ihrer Augen, und die Mutter selbst ward tief geruhrt. Sie sagte: "Solche Musik, mit solchem Ausdruck vorgetragen, kann von Niemand anderm seyn, als von Ihnen selbst."
Die Tochter schwieg; auch L o c k m a n n schwieg, und fuhr dann weiter fort:
"Achilles geht; er will sie bey ihrem Vater in Schutz nehmen, und lasst sie bey dem Nearch."
"Nun in der Poesie noch eine vortrefliche Scene der Deidamia."
Numi clementi
Se puri, se innocenti
Furon gli affetti miei: voi dissipate
Questo nembo crudel. Voi gl'inspiraste:
Protegeteli voi. Se colpa e amore,
Si lo confesso, errai.
Ma grande e la mia scusa:
Achille amai.
Chi puo dir, che rea son io,
Guardi in volto all' idol mio:
E le scuse del mio core
Da quel volto intendera.
Da quel volto, in cui ripose
Fausto il ciel, benigno Amore
Tante cifre luminose
Di valore e di belta.
Gutige Gotter, wenn meine Neigungen rein und un
schuldig waren: so zerstreut dieses grausame Unge
witter! Ihr gabt sie mir: nun beschutzt sie auch.
Wenn Liebe ein Verbrechen ist: so bekenn' ich, ich
habe gesundigt. Aber gross ist meine Entschuldi
gung: ich liebte den Achilles.
Wer sagen kann, dass ich strafbar bin, sehe meinem
Geliebten ins Gesicht: und wird die Entschuldi
gung meines Herzens aus diesem Gesichte verneh
men.
Aus diesem Gesicht, in welches der gunstige Him
mel, die wohlthatige Liebe, so viel glanzende Zuge
von Tapferkeit und Schonheit legten.
Das Ganze war ein Muster der ruhrendsten musikalischen Elegie, aus dem A moll. "Der Vater ist naturlich bald zufrieden gestellt. Selbst der Prinz, ihr bestimmter Brautigam, unterstutzt beyde; so dass Lykomedes endlich ausruft:
(a Licomede.) L'esser padre a tal figlio e gran mer
cede.
Gl' illustri sposi unisca
Il bramato da lor laccio tenace;
E la gloria e l'amor tornino in pace."
Der Vater eines solchen Sohns zu seyn ist eine
grosse Belohnung.
Die erhabnen Verlobten vereinige das von ihnen
gewunschte feste Band; und Ruhm und Liebe
mogen wieder friedlich beysammen wohnen.
"Das Ganze schliesst ein feyerlicher Chor."
"Theagenes, Lykomedes und Nearch haben in der Poesie schone Scenen und Arien; sie dienen aber meistens nur zur Verzierung und Ausfullung des Ganzen."
"Ulysses hat, ausser dem Angefuhrten, noch einiges Vortrefliche, das ins Wesentliche eingreift; als in der ersten Scene des dritten Akts, wo Achilles ganz als grosser Held erscheint, und Ulysses ausruft:
Oh sensi! oh voci! oh pentimento! oh ardori
Degni d' Achille! e si volea di tanto
Fraudar la terra? e si spero di Sciro
Nell' angusto recinto
Celar furto si grande! Oh troppa ingiusta,
Troppa timida madre! E non previde,
Che a celar tanto fuoco
Ogni arte e vana, ogni ritegno e poco?
Del terreno nel concavo seno
Vasto incendio se bolle ristretto,
A dispetto del carcere indegno
Con piusdegno gran strada sifa.
Fugge allora; ma, intanto che fugge,
Crolla, abbatte, sovverte, distrugge
Piani, monti, foreste, e citta."
O Gefuhl! o Worte! o Reue! o Gluth! wurdig des
Achilles. Und um so vieles wollte man die Erde be
trugen? und man hofte, in dem engen Bezirk von
Skyros einen so grossen Raub zu verbergen!
O allzuungerechte, allzufurchtsame Mutter! Und
sah sie nicht voraus, dass ein so grosses Feuer zu
verbergen, jede Kunst eitel, jede Ruckhaltung zu
wenig ist?
Wenn im hohlen Schooss der Erde eine ungeheure
mit grossrer Wuth aus dem unwurdigen Kerker in
weiter Oefnung.
Sie flieht dann; aber indess sie flieht, erschuttert sie,
wirft nieder, kehrt um, zerstort Ebnen, Berge, Wal
der und Stadte.
Alles war im Charakter des Ulysses, und doch mit hoher lyrischer Begeisterung vorgetragen; und im zweyten Theil der Arie ein meisterhafter doppelter Kontrapunkt.
"Deidamia," fuhr L o c k m a n n fort, "hat noch erhabne lyrische Stellen; besonders die dritte Scene im dritten Akt, wo sie den Achilles mit der feurigsten Beredtsamkeit der hochsten Leidenschaft zuruckzuhalten, strebt. Aber sie ist hier zu sehr nach T a s s o ' s Armida kopirt. Welche Worte zum Beyspiel fur die zarte jungfrauliche Seele:
Parti; ma prima
Quel glorioso acciaro
Immergi in questo sen. L' opra pietosa
Giova ad entrambi. Ad avvezzarti, Achille,
Tu cominci alle stragi; io fuggo almeno
Un piu lungo morir. Tu lieto vai
Senza aver, chi t' arresti
Ah perfido! ah spergiuro!
Barbaro! Traditor! Parti; e son questi
Gli ultimi tuoi congedi? Ove s' intese
Tirannia piu crudel! Va scellerato,
Va pur; fuggi da me; l'ira de' Numi
Non fugirrai. Se v'e giustizia in cielo,
Se v'e pieta, congiureranno a gara
Tutti tutti a punirti. Ombra seguace
Presente ovunque sei
Vedro le mie vendette. Jo gia le godo
Immaginando; i fulmini ti veggo
Gia balenar d'intorno" etc.
Geh; aber tauche das glorreiche Schwert erst in
diese Brust. Die mitleidige That hilft beyden: Dir
Achilles, dass Du anfangst, Dich zu Mord und Ver
derben zu gewohnen; und ich vermeide wenigstens
ein langsameres Sterben. Du gehst froh davon,
ohne dass jemand da ist, der Dich aufhalt.
Ha, Treuloser! ha Meineidiger! Barbar! Verrather!
Du gehst; und das ist Dein letzter Abschied? Wo
horte man je eine grossere Tyranney! Geh Bose
wicht, geh nur! fliehe von mir! dem Zorn der Gotter
wirst Du nicht entfliehen. Wenn Gerechtigkeit,
wenn Erbarmen im Himmel ist: so werden sie alle,
alle um die Wette sich verschworen, Dich zu stra
fen. Als ein folgender Schatten, gegenwartig wo Du
weid' ich mich daran in der Vorstellung; schon seh'
ich die Wetterstrahlen um Dich blitzen .
"M e t a s t a s i o war hier als Nachahmer auf das Vorbild, a u ss e r sich, geheftet, und schopfte nicht i n sich. Andre Dichter nach ihm schrieben glucklicher seine Kopie fur ihre Armiden fast nur ab."
"Es ist in dieser Oper kein Duett und kein Terzett; aber warum sollen ewig dieselben Formen in jeder wiederhohlt werden? Selbst dieses giebt der Musik im Ganzen nun wieder eine neue reine Keuschheit nach dem immerwahrenden Franzosischen Larmen."
H i l d e g a r d hatte bey dieser Musik neue unaussprechliche Empfindungen; mit solcher Allgewalt und Vertrautheit ruhrte noch nie ein Meister ihr Herz.
"Ich huldige Ihrem Genius," sagte sie endlich; "Sie haben ganz das so seltne Gefuhl und die Kunst der Sprache der Tone, und reden sie mit einer solchen Gewandtheit und Fertigkeit, und immer nach den Gegenstanden, schmeichelnd, edel-lieblich und zartlich, heroisch, strahlend und blendend, und klagend und drohend den Schmerz der Verzweiflung, dass Sie vollig Tyrann Ihrer Zuhorer sind, und mit ihnen machen konnen, was Sie wollen."
Die Mutter fugte hinzu: "Achilles hat in der Musik Ihre Physiognomie; und wer Sie kennt, sieht S i e in seinen Melodien."
Die Tochter fiel ein: "O, alles regt, alles bewegt sich darin, und ist hohes Werk der Natur. Ich mochte ihn schon auf dem Theater sehn!"
Glucklich und froh erwiederte L o c k m a n n : "Stolze Erhebung und der susseste Lohn fur mich ist Ihr so lebhafter Beyfall; doch bitt' ich Sie, meinen Namen zu verschweigen. Es ist immer eine gefahrliche Sache um das erste Urtheil des Publikums! Nur Wenige empfinden gleich anfangs klar und zuverlassig: die Menge entscheidet, und folgt nur zu oft den Anregungen von Neid und Kabale. Die grossten Meisterstucke der neuern Zeit, ein Tartuffe von M o l i e r e , ein Se cerca se dice von P e r g o l e s i ich bin ubrigens weit davon entfernt, mein jugendliches Produkt mit ihnen in Vergleichung zu stellen haben so unterliegen mussen."
"Wohl wahr," versetzte H i l d e g a r d ; "der nahe geborgte Glanz des Mondes wird oft mehr verehrt, als das ewig lodernde Quellenfeuer des Sirius. So soll es Ihrem Werke freilich nicht ergehen. Doch schweigen wollen wir."
Der junge Kunstler konnte nicht langer bleiben; bis zum Rausch und Taumel begeistert, und doch bescheiden, kusste er Mutter und Tochter dankbar die Hand, versprach im nachsten Konzert die Hauptscenen mit voller Musik aufzufuhren, und entfernte sich.
"Gewiss," fuhr die Mutter selbst nun ferner fort, "ein ausserordentlicher junger Mann, der bald allgemeine Bewunderung erregen muss!"
H i l d e g a r d , noch in die Fulle ihrer Empfindungen verloren, setzte sich still und rasch an das Fortepiano. Die Mutter ging in Gedanken auf und ab, setzte sich aber, als ihre Tochter das Vortreflichste wiederhohlte, bald neben sie. Das Tornate sereni begli astri d'amore, einen wahren Zauber, sang diese zweymal und dreymal. Die Mutter hohlte den Sohn; auch er hatte noch nie etwas so Schones, Schmeichelndes und Zartliches gehort. Sie konnte nicht umhin, ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit den Komponisten zu nennen. Er erstaunte; so auch uber das Dille che si consoli; doch am meisten uber das erhabne und feurige Ove son? Che ascoltai! Mi sento in fronte le chiome sollevar. Das Guitarreliedchen, Se un core annodi, spielte er gleich auswendig, so sehr gefiel es ihm; und eben so den dithyrambischen Kontretanz am Schlusse der Symphonie. F e y e r a b e n d kam herbey; es war ein Fest und ein Genuss.
Nach Tische ward vor dem Schlafengehen das Kostlichste noch einmal gesungen und gespielt. H i l d e g a r d konnte nicht einschlummern; sie stand nach Mitternacht auf, setzte sich im blossen Hemde aus Fortepiano, lispelte:
Se un core annodi,
Se un alma accendi,
Che non pretendi
Tirrano Amor?
Vuoi, che al potere
Delle tue frodi
Ceda il sapere,
Ceda il valor;
und tastete leise leise in der nachtlichen Dammerung die Begleitung dazu. O, hatte L o c k m a n n hier das susseste Leben auf Erden erlauschen und erblicken konnen!
Die hohe Schonheit schwebte ein paarmal auf und ab, und seufzte: "Ach, dass er so leidenschaftlich ist! dass du ihn zurucklassen musst! Ach, dass nichts so ganz vollkommen glucklich seyn kann und darf! Hartes Loos der Menschheit!"
So legte sich die Unschuld wieder in ihr Bett, hullte sich ein, und sank in einen Schlummer hin von Phantasien der Zukunft.
Den folgenden Morgen ward die Neuigkeit der Frau v o n L u p f e n , ebenfalls unter dem Siegel der Verschwiegenheit, anvertrauet. Solche mannigfaltige neue entzuckende Schonheiten hatte sie nicht erwartet, so hoch sie den jungen Kunstler auch schatzte.
L o c k m a n n hielt doppelte Probe, und beydemal waren H i l d e g a r d , ihr Bruder und F e y e r a b e n d zugegen. Er gab die Oper fur das Werk eines jungen Neapolitaners, P a s s i o n e i , aus, und sagte: sie sey ihm vor wenig Wochen zugeschickt worden. Alle freuten sich hochlich daruber, und behaupteten, dass die Italianische Musik gewiss nicht im Fallen sey. Besonders bewunderte man, wie leicht und gut die glanzendsten Laufe und Sprunge fur die Instrumente gesetzt waren. H i l d e g a r d wollte nur mit halber Stimme singen; aber alles fiel ihr so in die Kehle, alles war fur den Umfang ihrer Stimme, fur ihre Art und Weise, so leicht, dass sie aus Lust das Schonste, wie auf einem grossen Theater, sang.
Die Fulle und Pracht des Instrumentenspiels hob manche Melodie ganz anders hervor, ohne sie zu bedecken, oder zeigte sie in dem Lichte, wo sie am mehrsten Reiz hatte. Alle behaupteten, Neapolitanische Melodie gehe uber alles. L o c k m a n n sagte diessmal nichts uber den Werth der Musik; so kamen denn Alle mit ihren eignen naturlichen Empfindungen zum Vorschein, und man horte, wie sehr ihr Geschmack fur Harmonie, Melodie und Rhythmus wahrend der kurzen Zeit durch die hohen Muster und den vortreflichen Unterricht sich ausgebildet hatte.
H i l d e g a r d in der Rolle des Achilles, und L o c k m a n n selbst als Ulysses entzuckten durch ihren Gesang bis zum Jubel. Fur die erste Probe nahm er nur das Wesentliche. Bey der zweyten aber wollten H i l d e g a r d und ihr Bruder das Werk ganz horen. Nun bemerkte man erst, mit wie viel Gefuhl und Kunst es angelegt und ausgefuhrt war: so blitzten und strahlten die Hauptscenen hervor, und so wich das weniger Bedeutende zuruck. Selbst L e o und J o m e l l i , H a n d e l und G l u c k wurden in dieser jungen Pflanzschule mit frohem und vergnugtem Lacheln zugegen gewesen seyn.
Den Tag vor dem Konzerte war eine wilde Schweinsjagd, zu Ehren eines durchreisenden Pohlnischen Fursten, welcher den Prinzen von Wien aus kannte. H i l d e g a r d konnte sich davon nicht lossagen, so gern sie auch gewollt hatte. Auf dieser Jagd geriethen T o r r i n g und W a l l e r s h e i m in einen bittern Wortwechsel.
Im Konzerte wurden P a s s i o n e i und H i l d e g a r d allgemein bewundert. Der fremde Furst erstaunte uber die seltne Schonheit und hohe Kunst in jeder Rucksicht. Der Prinz zeichnete sich durch richtige und fertige Urtheilskraft aus; er setzte den neuen jungen Neapolitaner an Mannigfaltigkeit des Ausdrucks, an Reinheit und Zweckmassigkeit noch uber M a j o , und an Schonheit origineller Melodie diesem wohl gleich. Man konne hier, ausserte er, bey keiner Arie sagen, wie G l u c k einmal bey einer sonst meisterhaften von S a l i e r i : puzza di Musica. Das hier und da bluhende jugendlich Ueppige bekranze, ziere nur festlich und lebendig, wie frische Morgenblumen eine reizende Gestalt. Kurz, P a s s i o n e i konne die Kunst zu ihrer wahren hohen Vollkommenheit bringen. Zugleich machte der Prinz H i l d e g a r d e n und dem Kapellmeister uber Vortrag und Auffuhrung die angenehmsten Lobspruche. Wer Musik verstand, und Werth, Gehalt unterscheiden konnte, stimmte damit laut uberein; und fugte noch dieses und jenes im Besondern hinzu.
H o h e n t h a l konnte jetzt nicht langer an sich
halten; er nahm L o c k m a n n voll Eifer bey der rechten Hand, zog ihn hervor, und sagte zu der umstehenden Menge: "Es ist nicht erlaubt, dem bescheidnen Meister seinen ihm gebuhrenden Ruhm langer vorzuenthalten. P a s s i o n e i , der junge N e a p o l i t a n e r , das neue strahlenvoll aufgehende Gestirn, ist L o c k m a n n , der D e u t s c h e ."
Dieser errothete uber und uber, als rund umher fro
hes Erstaunen auf ihn blickte.
"Willkommen unter uns, hoher schopferischer
Geist!" rief der Prinz, umfasste ihn mit beyden Armen, druckte ihn an seine Brust, und zollte dem Adel der Natur den Kuss der Bewunderung.
"Nachstens solche Musik zu der Poesie eines
K l o p s t o c k oder G o t h e , lieber L o c k m a n n !" rief der Furst, und druckte ihm warm und herzlich die Hand. Der alte R e i n h o l d eilte, mit Zahren des Entzukkens in den Augen, herbey, umfasste ihn voll Enthusiasmus, und rief: "Segen Dir, mein Sohn, fur die Freude, die Du mir verschafst!" Es war eine schone Scene. Ove son? che ascoltai? musste wiederhohlt werden; und H i l d e g a r d sang es mit neuen Verzierungen unubertreflich.
Tornate sereni
Begli astri d'amore! sang L o c k
m a n n selbst, auf ihr dringendes Verlangen. Zum Beschlusse ward der Anfangschor nebst der Symphonie wiederhohlt:
Ah, di tue lodi al suono,
Padre Lieo, discendi!
Ah, le nostr' alme accendi
Del sacro tuo furor!
Alles drang jetzt noch weit tiefer ein. Der fremde Furst, den das unvorbereitete doppelte Schauspiel uberrascht, ergotzt und ergriffen hatte, schickte dem Meister noch denselben Abend einen Ring mit einem prachtigen Brillant, nebst einem angenehmen Billet.
Den andern Nachmittag war Spazierfahrt; und Abends bis tief in die Nacht Ball, wozu sich Mehrere aus der Nachbarschaft schon Tags zuvor eingefunden hatten.
H i l d e g a r d betrug sich gegen W a l l e r s h e i m , der sie gefahren hatte, und gegen ihren andern Liebhaber, mit der grossten Vorsicht. Diess machte, dass sie nicht mit dem gewohnlichen Leben tanzte; doch an Kunst und Fertigkeit ubertraf sie auch so alle Andren bey weitem. Sie tanzte mit dem Grafen v o n T o r r i n g , und dem Herrn von W a l l e r s h e i m gleich freundlich und gut; konnte aber doch nicht hindern, dass beyde noch in eben dieser Nacht sich auf den andern Morgen an einen entlegenen Ort beschieden. Mit dem fremden Fursten, einem guten muntern Herrn in die Dreyssig, uberliess sie sich nur einmal schon spat ganz der Freude in einem kosakischen Tanze. Beyde wurden bewundert; vorzuglich H i l d e g a r d , die das wilde Spiel mit unbeschreiblichem Reiz im naturlichsten Charakter trieb.
L o c k m a n n hatte sich zu F e y e r a b e n d e n unter die Zuschauer gestellt, und verwendete in hohem Entzucken kein Auge von ihr; aber bald hernach sank er von seinen herrlichen Aussichten in einen tiefen Abgrund, als F e y e r a b e n d gegen ihn den unschuldigen Wunsch ausserte, dass er den Winter mit der Familie H o h e n t h a l in Wien seyn mochte.
"Wie? in Wien?" fragte L o c k m a n n erstaunt.
Die hastige Frage fiel F e y e r a b e n d e n auf. Man hatte ihm zwar gesagt, er mochte noch nichts davon bekannt werden lassen; aber er glaubte, L o c k m a n n , als Freund vom Hause, wisse alles, wie er selbst.
In der Zerstreuung entdeckte er diesem mit wenig Worten das ganze Vorhaben. H o h e n t h a l , sagte er, solle da seine Studien fortsetzen, und Mutter und Schwester wurden ihn begleiten und den nachsten Winter in Wien zubringen.
Diese Nachricht fiel L o c k m a n n e n sehr aufs Herz. Zum Gluck brachte das Gedrange sie bald von einander; das Orchester fing den Kontretanz von L o c k m a n n s Oper an, und seine heftigen Empfindungen blieben unbemerkt.
Alles um ihn her war nur ein verwirrtes buntes Gaukelspiel; er musste freye Luft haben, machte sich fort, tappte wie betaubt auf sein Zimmer, und murmelte zwischen den Zahnen: "O die Falsche! die Falsche!" Nun ging er eine Zeitlang hastig auf und ab; sann tief nach, und endlich kamen die Worte aus seinem Munde: "Nicht einmal bis zur Vertraulichkeit hast du es mit ihr bringen konnen! Es ist nichts! alles umsonst! Du musst das Aeusserste wagen."
Er kleidete sich aus, warf sich auf sein Bett, und brachte die Nacht zu, wie auf der Folter.
Den folgenden Morgen es war der warmste Tag zu Anfang des Septembers, und das schonste Wetter schlugen sich T o r r i n g und W a l l e r s h e i m im Wald auf der Grenze. T o r r i n g parirte sich eine Streifwunde in die linke Seite, und traf zugleich W a l l e r s h e i m e n mit einem starken Gegenstoss zwischen die rechte Schulter. Ihre beyden Begleiter brachten sie nun aus einander.
L o c k m a n n ging den Nachmittag nicht zu H i l d e g a r d e n . Er dachte: "Es ware doch nur wieder die alte Leyer; da sasse die Mutter, und es wurde dir nicht moglich seyn, deine Empfindungen zu verbergen."
H i l d e g a r d hatte sich auf jeden Fall schon zur Abreise vorbereitet; sie erwartete ihn voll Unruhe, Sorge und Ueberlegung, wie sie ihm die Neuigkeit beybringen konnte. Es war ihr recht und auch nicht recht, als er gegen Abend sich noch immer nicht hatte sehen lassen.
Schon glanzte Jupiter am ostlichen Himmel. In Gedanken versunken und verloren, doch fest in dem Entschlusse, sogar bis in H i l d e g a r d s Schlafgemach zu dringen, ging L o c k m a n n die Schlosstreppen hinunter, und eilte nach der Stelle des Gartens, wo er uber die Mauer gestiegen war. Er fand noch die Stange da liegen, und der Abendstern funkelte ihm Muth ein. Weil sich niemand sehen liess, so Diessmal hatte er den rechten Zeitpunkt getroffen. Bald sah er sie in einem weissen Gewande den Er versteckte sich tiefer. Sie drehte den schonen, in d e g a r d sich endlich das Hemd uber dem Kopf, und bekam die Arme frey. Nun begann der Kampf. Sie war ubermannt: er hielt sie fest; doch vermocht' er nicht, etwas auszurichten.
"Falsche!" sagte er leise mit sussem Tone, und liess Kuss uber Kuss auf ihre Lippen regnen: "Heimlich wolltest Du von hier weg, nach Wien, und Deinen Getreuen verspottet zurucklassen? O, wir sind fur einander geboren und erzogen, himmlisches Wesen, susses reizendes Leben! Wir werden mit einander glucklich seyn, glucklicher als irgend ein andres Paar. Nur in die weite Welt! Ich muss Dich mit Gewalt von Deinem mutterlichen Boden los reissen!"
Sie trat unterdessen mit beyden Beinen nach ihm, suchte ihn von sich zu stossen, konnte es nicht, biss nun, und flehte, weil er sie geschickt der Anwendung ihrer Starke beraubt hatte.
"Lassen Sie mich, L o c k m a n n ! Sonst ewige, bittere Feindschaft! Sie sollen mir nachfolgen, ich will alles thun; nur lassen Sie mich jetzt."
Vor Wuth der Leidenschaft sah und horte er nicht. Er flehte nur: "Barmherzigkeit, Mitleiden! Sey gutig, sey hold, Engel! O, alles in mir ist unuberwindliches Feuer der Liebe fur Dich, fur alle Deine unaussprechliche Schonheiten und Reize!" Mit diesen Worten druckte er sein flammendes Gesicht an ihre Brust.
"Morder! Rauber!" schrie sie endlich, rang sich daruber die Hande los, walzte sich auf die Seite, und in einem listigen Ruck sturzte sie mit ihm er unten, sie oben ins Wasser, wo es am tiefsten war. Auch jetzt hielt er noch fest, bis ihm das Wasser in Nase, Ohren und Mund drang. Schon sanken sie beyde; jetzt griff er aus Instinkt um sich, und liess sie, um sich selbst zu retten.
Wie ein Schwan schwamm sie nun empor, und davon. Schon im Ertrinken, ganz unter der Fluth, umklammerte er noch ihr linkes Bein; und so ward er von ihr fortgezogen, bis in seichtes Wasser, und ans andre Ufer, wo keine Gefahr mehr war.
Ganz von sich und sinnlos lag er da. Von neuem erschreckt, zog sie ihn mit den Handen aufs Trockne, und ruttelte und schuttelte an ihm, bis er anfing, sich zu regen, und das Wasser ihm wieder zum Munde herausquoll. Sie zupfte ihn in der Angst an der Nase, und kneipte ihn in die Seiten. Als er sich endlich hob und erbrach, gab sie ihm, damit er desto besser zu Bewusstseyn kame, eine hinlangliche Zahl derber Ohrfeigen links und rechts, und rechts und links. Er stutzte sich daruber mit beyden Handen auf, und wurgte sich aus allen Kraften.
Sie eilte zu ihrem Gewand und Hemde, trocknete sich geschwind, warf beydes uber sich, und sah nach ihm hin. Als er sich noch mehr aufrichtete, und um sich blickte, vergass sie die Pantoffeln, und lief wie eine Atalanta davon. Sie musste aber unwillkuhrlich ein helles Gelachter aufschlagen, als sie sah, wie er sich so wurgte, wodurch er vollig wieder zu sich kam.
Inzwischen war sie den langen Garten zu Ende, schon vorn, schloss auf, schlupfte durch die Thur, schloss zu, und ging nun bedachtsam mit nackten Fussen in das Haus, und die Treppe hinauf in ihre Zimmer. Noch ganz in Wallung und in Furcht blickte sie zum Fenster hinaus, wo sie aber nichts mehr von ihm sehen konnte.
"O L o c k m a n n ! Du schlimmer als alle Andre!" Mit diesen Worten ging sie nun auf und ab, und freute sich, dass sie glucklich entkommen war. Dann wusch sie sich die niedlichen Fusse, einen nach dem andern, und kleidete sich um. "Nein, nein," sagte sie dazwischen; "so weit soll es nicht kommen, guter L o c k m a n n !"
Er stand unterdessen, nun wieder zu sich gekommen, stumm und verzweifelt an der Wasservertiefung. Die Nasse troff ihm von Kleid und Haaren. Er war schon im Begriff, sich von neuem hinein zu sturzen, als seiner Phantasie auf einmal vorschwebte, welche lacherliche und erbarmliche Figur er todt darin machen wurde. Langsam ging er unter die Linden, und fing an, die Bisse zu fuhlen, die sie ihm mit ihren perlenartigen, aber scharfen Zahnen in die Lippen und ins Kinn gegeben hatte; auch summte ihm der Kopf noch von den gewaltigen Ohrfeigen.
Jetzt blieb ihm kein andrer Versuch ubrig. Wehmuthig und traurig, doch dabey noch voll seliger Empfindung uber das ihm ganz neue Ringspiel, kletterte er die Buche hinauf, und liess sich an der Stange die Mauer wieder hinunter, schweifte noch einige Zeit wild im Felde herum, und begab sich dann in das Schloss. Hier begegnete ihm, als er nach seinem Zimmer eilte, auf der zweyten Treppe der Prinz.
Diesen dunkte, beym Lampenschein L o k k m a n n s Haar und Kleidung durchaus nass gesehen zu haben; aber er trauete seinen Blicken nicht, weil er sie nur so fluchtig geworfen hatte.
Der Biss in die Unterlippe war heillos. Er wusch die Wunde, so wie die andern, mit Essig aus. Naturlicher Weise schmerzten sie ihn heftig; aber sie waren noch in der Ursache entzuckend. Nun fing er an vernunftiger zu denken: "Immer ein starker Schritt weiter! die Abreise wird nicht so geschwind vor sich gehen."
Etwa eine Stunde nachher kam der junge H o h e n t h a l nach Hause, und H i l d e g a r d wurde zu Tische gerufen. Sie war daran, obgleich wieder in Ordnung, sehr zerstreut, doch ausserst lebhaft. Um ihren Muthwillen an irgend etwas auszulassen, neckte sie ihren Bruder mit seinem kriegerischen Wesen, und F e y e r a b e n d e n zum Kontrast mit seinem Stubensitzen. Beyde wehrten sich tapfer; doch blieb etwas Komisches, das sie nicht von sich abwalzen konnten. Der Mutter schmeichelte H i l d e g a r d auf die angenehmste Weise.
Vor dem Schlafengehen war ihr Bruder einige Augenblicke mit ihr allein auf dem Musiksaal. Hier sagte er ihr im Vertrauen, dass W a l l e r s h e i m und T o r r i n g einander in einem Zweykampf verwundet hatten. Sie erschrak daruber, und beyder Thorheit that ihr leid; doch kam der Vorfall ihr gerade gelegen.
Den folgenden Morgen nach dem Fruhstuck erzahlte sie ihn der Mutter, und diese erschrak daruber weit mehr. Tief bewegt, mit Thranen in den Augen, fasste H i l d e g a r d ihre Rechte, kusste sie zartlich, druckte sie an ihr Herz, und sagte: "O, liebe theure Mutter, ich kann hier nicht langer bleiben. Die L u p f e n reist in den ersten Tagen der nachsten Woche ab. Lassen Sie mich mit ihr gehen. Wir treffen einander dann binnen Kurzem in Regensburg. Vierzehn Tage, drey Wochen was will das sagen? Meine beste Freundin nachst der L u p f e n , die Herzogin D****, ist jetzt in Basel, und verlangt sehnlich, mich einmal wieder zu sprechen. Das Gut der L u p f e n ist nicht weit davon; ich konnte die D**** dahin bescheiden. O, liebe theure Mutter, schlagen Sie mir diese Bitte nicht ab. Vielleicht bered' ich die Herzogin, uns nach Wien zu begleiten."
Die Mutter antwortete nicht sogleich, und dachte eine Weile nach. H i l d e g a r d schmiegte sich an ihren Busen: "O, beste Mutter, ich bin bey der L u p f e n gut aufgehoben. An meiner Auffuhrung haben Sie, glaube ich, nichts auszusetzen; lassen Sie mich nicht vergebens bitten!"
"Liebe Tochter, was machst Du mir fur Sorge!" sagte die Mutter dann geruhrt; und fuhr mit kluger Miene fort: "O, wie wird L o c k m a n n e n zu Muthe seyn, wenn Du so plotzlich wegreisest!"
"L o c k m a n n e n ? " erwiederte H i l d e g a r d schnell, und errothete; "dem mag zu Muthe seyn, wie ihm will. Es ist wahr, der junge schone vortrefliche Mann voll Geist und Talent hat, bey ofterm Umgange und gleicher Beschaftigung, Neigung, ja Leidenschaft fur mich bekommen, und es auch gewagt, sie mir zu entdecken; ich habe ihn aber mit Spott und Vernunft davon zuruckzubringen gesucht, und die letzte Zeit, wie Sie wissen, ihn fast niemals allein gesehen. Ihre Vorsorge, dass Sie bey seinen Stunden immer zugegen waren, habe ich innerlich gepriesen. O, es ist sehr gut, dass ich auch von d e m schnell wegkomme! Er wurde mir, bey langerem Aufschub, ganz naturlich die Ohren voll jammern. Doch, liebe Mutter, schonen Sie ihn, und lassen Sie Sich nichts merken."
Sie sagte diess mit so viel Unschuld, und einem Ausdruck so voll Wahrheit, dass die Mutter ihr Herz erleichtert fuhlte, und beynahe schon nachgab.
H i l d e g a r d drang noch einmal in sie, und stellte vor: was fur ein Gerede die W o l f s e c k e , W a l l e r s h e i m e , und die Furstin anfangen wurden; und wie stolz oder kindisch sie dabey erscheinen musste. Endlich sagte die zartliche Mutter: "Nun denn! ich verlasse mich auf Deinen guten Verstand; wir, Dein seliger Vater und ich, haben nichts an Dir verabsaumt. Du denkst und lebst nun fur Dein eignes Wohl. Kinder muss man huten; Erwachsene konnen nicht mehr gehutet werden, und verdienen es auch nicht, wenn sie ihr eignes Gluck verscherzen wollen."
"O, gottliche Worte!" erwiederte H i l d e g a r d freudig; "sie sollen tief in mein Gedachtniss eingegraben bleiben."
Sogleich eilte sie zu ihrem Bruder, und sagte ihm: "Freue Dich; binnen vierzehn Tagen, hochstens drey Wochen, wirst Du abreisen. Ich gehe, vielleicht schon kunftigen Montag, mit der L u p f e n voraus auf ihr Gut, und schreibe der Herzogin, die jetzt mit ihrem Gemahl in Basel ist, dass wir uns dort treffen wollen. Wenn ich sie nur bereden kann, den Winter mit uns in Wien zu bleiben!"
Er drohte ihr schalkhaft mit einem Finger, und sagte: "Die Mutter ist sehr gut, dass sie diess geschehen lasst. Ihr drey Weiber beysammen konnt in Schwaben, auch wahrend der kurzen Zeit, eine Menge Unheil anfangen."
Sie erwiederte lachend: "Wir kommen bald in Regensburg wieder zu einander;" gab ihm einen schwesterlichen zartlichen Kuss, und verliess ihn, um geschwind der Herzogin zu schreiben. Auch der L u p f e n , mit der sie schon in der engsten Vertraulichkeit des Prinzen wegen Verabredung genommen hatte, machte sie hochst vergnugt die Einwilligung ihrer Mutter bekannt.
Wegen L o c k m a n n s war ihr Bruder immer ohne Sorgen gewesen; er kannte sie von London aus hinlanglich, und hielt ihren Umgang mit diesem Kunstler fur weiter nichts als fur Spielerey aus Liebe zur Musik. Doch mochte er sich wohl betrogen haben, wenn L o c k m a n n seine Plane schlauer betrieben hatte, und nicht so ehrlich, so hastig gewesen ware.
Sonntags Abends beurlaubte sich H i l d e g a r d mit ihrer Mutter bey dem Fursten, und dann bey der Furstin. Ihre plotzliche Abreise wurde bey beyden auf eine nothwendige Zusammenkunft mit der Herzogin von D**** geschoben. Der Furst erfuhr jetzt zuerst, dass Mutter und Tochter fest entschlossen waren, das erste halbe Jahr mit dem jungen H o h e n t h a l in Wien zu bleiben. Es that ihm ausserst leid, H i l d e g a r d e n so lange zu entbehren. Er gab ihr zum Andenken sein reichstes Portrat in Miniatur von dem beruhmten M e n g s , woran die blosse Einfassung mit Edelsteinen uber tausend Louisd'or werth war, umarmte sie dabey als zartlicher Vater, und kusste sie auf Mund und Stirn und Augen, und wieder, wie verliebt, recht mit Genuss, auf den zarten Purpur der Lippen. Dann sagte er lachelnd: "O die sussen, gewaltigen Tone, und die sinnreichen Reden, die mich aus ihnen entzuckt haben! Kommen Sie bald wieder!" Er trennte sich von ihr mit Thranen in den Augen.
Als sie die Zimmer der Furstin verlassen hatten, begegnete ihnen im Saale der Prinz. Sie sagten ihm fluchtig dasselbe; er erstaunte druber, musste sich aber doch fassen. Die ganze furstliche Familie hatte inzwischen noch nichts von dem Zweykampf der beyden Nebenbuhler gehort; er wurde auch noch einige Zeit geheim gehalten, und der Furst that hernach weislich, als ob er nichts davon erfahren habe. H i l d e g a r d zeigte bey dem Abschied uberhaupt bewundernswurdige Gegenwart des Geistes, und sagte dem Fursten, der Furstin, und auch dem Prinzen die angenehmsten Dinge.
Noch denselben Abend schrieb sie, obgleich im Innersten bewegt, doch klug und fein, ihrem L o c k m a n n . Sie dankte ihm herzlich fur seinen vortreflichen Unterricht, fur die hohen Meisterstucke, mit denen er sie bekannt gemacht, und fur das viele Vergnugen, das sie in seinem Umgange genossen habe. Dann sagte sie ihm: eine nothwendige Zusammenkunft mit einer Dame aus London veranlasse ihre plotzlliche Abreise; im nachsten May komme sie gewiss zuruck, hoffe, dann wieder durch einen neuen Achill von ihm entzuckt und bezaubert zu werden, u.s.w.
Diess Billet legte sie, nebst einer nicht geringen Summe, in ihr eignes kostbares Englisches Schreibzeug, das er einmal sehr gelobt hatte, und setzte noch in einigen Zeilen hinzu, dass er es von ihr zum Andenken annehmen musse und solle.
Sie brachte das Schreibezeug ihrer Mutter, zeigte ihr alles, und bat sie, es ihm morgen nach ihrer Abreise einhandigen zu lassen. Die Mutter war froh, dass dieser gefahrliche Umgang sich glucklicher endigte, als sie erwartet hatte, und versprach gutmuthig, was die Tochter wollte.
Noch denselben Abend ward alles auf einen schonen leichten Englischen zweysitzigen Wagen gepackt, den die Mutter ihr mit gab. Den andern Morgen bey Tagesanbruch ging es fort. Der Abschied war kurz; doch flossen Zahren wehmuthiger dunkler Gefuhle, ob man gleich einander bald wieder zu sehen hoffte.
K a t t , der vortrefliche Jager des Herrn v o n L u p f e n , welcher letztre bis den Winter zuruckblieb, fuhr mit den beyden Kammermadchen voraus, um uberall die Posten zu bestellen; und H i l d e g a r d mit der Frau v o n L u p f e n gleich nach.
Fast eine Stunde Wegs wurde wenig oder nichts gesprochen. Endlich sagte H i l d e g a r d lachelnd, vom lieblichsten Purpur der Morgenrothe beleuchtet: "War es doch bey einem so leichten Geschopfe, wie ich bin, als hatte ein grosses Floss auf dem Rheinstrom sollen flott gemacht werden. Ein paar Dutzend Anker wurden erst gelichtet." Vor sich dachte sie hinzu: "Aber nun soll es auch unaufhaltbar fortgehen."
Die Frau v o n L u p f e n pries die Englanderinnen, im Punkte des Reisens, vor den Weibern jeder andern Nazion glucklich; und setzte hinzu: "Sie allein fuhren das wahre menschliche Leben."
Der Postillion fuhr scharf, und die Pferde jagten in der Kuhle mit Lust. Schon sahen sie auf den Hohen die schonen Gewasser des Vater-Rheins blinken, aus welchen hier und da ein dunner Nebel dampfte. Die ganze Gegend war eine pittoreske Masse, ein grosses harmonisches Werden. Die Sonne stammte und gluhte durch das Gewolk; und nun strahlte sie weit und breit durch die freyen Raume des Aethers.
Am Gebirge schoss ein Falk auf, und verlor sich bald in hohem Fluge. "Gluckliche Vorbedeutung!" riefen beyde.
H i l d e g a r d fuhr fort: "Es gehort viel Uebung dazu, die Verschiedenheit des Lichts rein empfinden zu konnen; von dem leisesten Piano und den zarten Melodien der ersten Morgendammerung, bis zu den grossen Accorden und starken Tonen in ihren Verbindungen, Dissonanzen und Auflosungen. Die Natur ist auch hierin unendlich reich. O, der Mensch hat viel zu geniessen!"
Eine Weile hernach sprachen sie von der Herzogin D****. H i l d e g a r d erzahlte dabey, dass diese, noch unverheurathet, mit ihrer Mutter schon zweymal ganz Italien durchreist ware. Nach verschiedenen andren Anekdoten von der Herzogin und ihrem Gemahl, setzte sie hinzu: die erste Frucht ihrer Liebe sey gleich nach der Geburt gestorben; und jetzt reisten sie, um sich zu zerstreuen, von einem angenehmen Ort zum andern.
Nun erst brachte Frau v o n L u p f e n das Gesprach auf den komischen W o l f s e c k , die Herren v o n W a l l e r s h e i m und T o r r i n g , den schlauen P r i n z e n , und den vortreflichen Meister, den schonen jungen L o c k m a n n . Die Eigenschaften Aller, und zuletzt der ganze Hof, wurden mit weiblicher Feinheit und vieler Kenntniss beurtheilt. "Ach, der arme L o c k m a n n !" brach die Frau v o n L u p f e n schalkhaft noch einmal uber ihn aus, als sie eben bey der ersten Stazion anlangten; "dass so etwas doch so umstandlich ist, und man es nicht so leicht mit sich nehmen kann!" H i l d e g a r d hatte keinen Moment mehr, ihr darauf zu antworten.
L o c k m a n n wusste noch nichts von der plotzlichen Abreise, und machte sich allerley Grillen, als das Schreibezeug mit dem Billet uberbracht wurde. Wie erstaunte er, als er dieses las! "Wann ist sie abgereist?" fragte er den Bedienten hastig. "Diesen Morgen, mit der Frau v o n L u p f e n ." Er erkundigte sich nach der ubrigen Begleitung, und fertigte den Bedienten geschwind ab, um mit seinen Empfindungen allein zu seyn.
Ihr nach, ihr nach, wallte jeder Blutstropfen in ihm. Unzahligemal betrachtete er die holden Zuge ihrer Hand mit nassen Augen, und druckte sie an Mund und Herz. Dann erofnete er das schone Schreibezeug. Die Goldstucke, welche er darin fand, sah er mit dem hochsten Widerwillen an; doch beruhigte er sich endlich auch daruber mit dem Gedanken: es war der Mutter wegen schicklich. "O, ein langer, langer trauriger Winter! Ach, sie kehrt nie wieder zuruck! O Natur, ich habe dein schonstes Kleinod verloren! Welchem Unwurdigen wird es zu Theil werden! Ich bin ein Schatten; mein Leben ist fort!" So tobten die Gefuhle in ihm auf und ab.
Der Prinz vermuthete eine Verabredung zwischen beyden, auf diese feine Weise durchzugehen, und hielt L o c k m a n n e n streng im Auge. W a l l e r s h e i m und T o r r i n g argerten sich uber ihre Wunden, als sie die Abreise erfuhren. Der letztre glaubte noch immer, jener habe hauptsachlich Schuld daran, dass er nicht glucklicher gewesen sey. W o l f s e c k fing endlich an zu begreifen, dass er ein dummes Unternehmen gewagt habe. Die Weiber, welche Anspruch auf Eroberungen machten, waren froh uber H i l d e g a r d s Entfernung. Aber alles fuhlte, dass der Hof seiner schonsten Zierde beraubt sey. R e i n h o l d besuchte das nachste Konzert in Trauerkleidung; die ganze Kapelle sah verstort aus, und nichts wollte klingen. Selbst Madam E w a l d und die andern Zofen krachzten wie die Raben. Niemand horte zu. Im Hohenthalischen Hause machte man Anstalten, der Schonheit so bald wie moglich nachzufolgen. Man vermisste sie uberall, und die Gesellschaft hatte gar keinen Reiz mehr.
Die Reise der beyden Damen war eine immerwahrende Lustbarkeit. Frau v o n L u p f e n hatte den Weg oft gemacht, und ihre Bekannten beeiferten sich, H i l d e g a r d e n fest zu halten. Die Manner dunkte, nie etwas Schoneres gesehen zu haben; und doch sang sie nirgends: sie trieb nur, fort zu kommen, und gab auf dem letzten Drittel des Weges keinen Besuch mehr. Wenn sie einen Wagen hinter sich rollen horte, so dachte sie immer, ihre Mutter und ihr Bruder waren darin.
Es schien ein hoheres Wesen im Spiel zu seyn. Den andern Tag, als sie auf dem Gute der Frau v o n L u p f e n angekommen waren, traf auch schon die Herzogin ein. Welche Herrlichkeit und Wonne! Die beyden Freundinnen konnten sich an einander nicht satt sehen, nicht genug kussen und umarmen; und alle drey wurden ein Kleeblatt. Frau v o n L u p f e n fand die Herzogin so recht nach ihrem Geschmack: gut, lebhaft, voll Geist, und fern von aller Ziererey. Sie hatte die neue Freundin gern den ganzen Winter bey sich behalten mogen; aber H i l d e g a r d ging bey ihrem Anliegen rasch zu Werke. Schon den andern Morgen, wo sie eine Unterredung mit der Herzogin allein hatte, ward beschlossen, dass sie in ihrer Gesellschaft den Winter, und vielleicht noch den Sommer, eine Reise durch Italien machen wollte. "Es ware kindisch und einfaltig," sagte die Englanderin, "Gefahren, oder wenigstens verdriesslichen Handeln, die wir vor uns sehen, nicht klug und vernunftig ausweichen zu wollen! Schreib das Deiner Mutter und Deinem Bruder. Sie werden nach und nach schon zufrieden seyn, wenn sie sehen, dass sie nicht anders konnen; und wir ziehen uber den Brenner in das gelobte Land. Sind die vortreflichsten Menschen im Ungluck, dann sagt mancher Tropf: hatten sie nur dieses oder jenes gethan! und doch wurde er eben dasselbe vorher sehr bitter getadelt haben."
Frau v o n L u p f e n , auf die das Unangenehme des Entschlusses fallen musste, fand ihn etwas grell; doch ergab sie sich endlich aus zartlicher Freundschaft. Damit der Weg dem Prinzen nicht verrathen werden konnte, wurde ferner beschlossen, der Mutter zu melden: sie waren nach den Hierischen Inseln gereist, und wollten den Ueberrest des Winters in dem einsamen Nizza zubringen. Frau v o n L u p f e n versprach, das Geheimniss getreulich zu verschweigen.
H i l d e g a r d studirte dann den Brief an ihre Mutter aus, und schrieb ihn den folgenden Morgen unter Herzklopfen. Sie erzahlte alles von dem Prinzen, auch das Gesprach bey dem l'Hombrespiel, und erklarte, weshalb sie diess nicht sogleich entdeckt habe. Ueberhaupt schilderte sie den Prinzen als einen zweyten L o v e l a c e ; und setzte hinzu: ihr Geschlecht habe an Einem weiblichen Messias genug; sie wolle sich nicht zur zweyten Clarisse kreuzigen lassen.
Es koste ihr, hiess es in dem Briefe weiter, viel Ueberwindung, diesen Schritt zu thun; aber er sey nothwendig. Uebrigens gelobte sie die untadelhafteste Auffuhrung an, und wiederhohlte die eignen Worte der Mutter. Endlich schloss sie mit der Aeusserung: Binnen einem halben Jahre wurde sie hoffentlich ohne Gefahr wieder bey ihr seyn konnen, wonach sie sehnlich verlange.
Beyde Freundinnen fanden den Brief vortreflich; und Frau v o n L u p f e n versprach, ihn durch einen Kurier zur gehorigen Zeit nach Regensburg zu uberschicken. "Drey solche Weiber," sagte die Herzogin, "werden doch wohl mit einem Deutschen Prinzen fertig werden!"
Damit sie nicht ubereilt wurden, fuhren sie gleich den folgenden Tag nach Inspruck ab. Den Leuten im Hause ward eine ganz andre Fahrt, und nur die nachste Stazion gesagt.
Wie auch die geistreichsten Weiber immer etwas, und zuweilen das Wichtigste, vergessen: so schrieb die D**** erst in Inspruck selbst an die Frau v o n H o h e n t h a l ; versprach ihr die hochste Sorgfalt fur ihre Tochter; und bat sie ruhrend, dass sie ihr das unschatzbare Gluck gonnen mochte, nur die kurze Zeit, sechs Monate lang, die Gesellschaft derselben geniessen zu durfen. Sie werde, setzte sie noch hinzu, bey ihr besser aufgehoben seyn, als bey einem Herrn v o n W o l f s e c k ; in welchem Fall sie deren Begleitung doch auch wurde haben entbehren mussen.
Den Brief datirte sie von dem Gute der Frau v o n L u p f e n , und schickte ihn dieser durch eine Stafette.
Von eben daher meldete mit dieser Gelegenheit auch H i l d e g a r d ihre Ankunft; und beschrieb bey guter Laune, wie galant die Herren in Franken und Schwaben auf ihrer Reise gewesen waren; fugte aber einige dunkle Worte von den Gefahren hinzu, die sie in Wien erwarteten.
Nun ging es ohne Saumen von dem Thal, durch welches die Inn schnell wie ein Pfeil schiesst, den steilen Brenner hinauf, und von dessen Marmorhohen mit Lust hinab durch die pittoresken Felsenwande von Tyrol, den Weg entlang, welchen die Etsch zeigt, in eine Stadt nach der andern. In dem angenehmen geraumigen Kessel von Gebirgen zu Roveredo, von wo schon der Monte Valdo anfangt sich in die mildere Luft gegen Verona hin zu erheben, rasteten sie einige Tage.
Bey der Familie F o n t a n a lernten sie die gebildeten Menschen des Orts kennen. H i l d e g a r d war hier die Schwester des Herzogs. Ihre hohe Schonheit bezauberte Aller Augen, so dass die D**** und ihr Gemahl daruber vernachlassigt wurden. Noch weit mehr that diess der reizbare Italianische Sinn zu Verona und Mantua, so dass H i l d e g a r d e n die allgemeine Huldigung bald unertraglich ward, und sie aus zarter Achtung fur ihre Freundin auf dem Wege nach Mayland sich in deren Bruder verwandelte. Welch ein himmlischer Jungling war sie nun, mit dem sonnichten Blick und den Absalonslocken unter dem runden Hut, und mit dem schlanken Wuchs unter dem Venezianischen Scharlachmantel!
Sie ergotzten sich eben zu Turin an dem gottlichen Spiel und der Eitelkeit des alten Fauns P u g n a n i , der sich mehr als gewohnlich angriff: als in Regensburg der Frau v o n H o h e n t h a l der Brief der Frau v o n L u p f e n eingehandigt wurde.
Sie liess im ersten Schrecken das Papier aus der Hand fallen. Ihr Sohn, der von der Brucke kam, an deren einem Pfeiler ein Schiff gescheitert war, trat in das Zimmer, hob den Brief besturzt auf, und las ihn. "O Gott!" sagte sie; "das hab ich nicht von ihr erwartet!" Der junge H o h e n t h a l ging in Ueberlegung einmal auf und ab, und sagte dann:
"Das Ungluck ist nicht so gross! vielleicht ist es gar keins, und so recht gut. Sie will nach Italien, und hat die Zeit nicht erwarten konnen. Nur sollte sie gegen uns nicht mit dem Popanz von Lovelace, dessen ertraumten Bubenstucken, und der ewigen Briefstellerin Clarisse aufgezogen kommen! ... Das verdammte Romanlesen! ... Der Prinz und sie sind ganz andre Menschen. Sie ist ja so erstaunlich vor ihm auf ihrer Hut; und hatt' es also wohl mit ihm aufnehmen konnen. Der Herzog ist ein rechtschaffner Mann, nur zu verliebt in seine Frau, und zu nachgiebig gegen sie; die Herzogin freylich voll wilder Einfalle und Launen, aber doch tugendhaft. H i l d e g a r d hat in ihrem Charakter manches mit ihr gemein. Fur ihre Person bin ich ausser Sorge; wenn nur ihre Leidenschaft fur die Musik sie nicht zu thorichten Streichen verleitet!"
Die Mutter fasste darauf wieder etwas Muth, und sagte: "H i l d e g a r d denkt edel, und war in ihrer Auffuhrung immer untadelhaft. Der Prinz hat etwas Falsches im Auge, und bey viel Verstand und Feinheit Die L u p f e n schrieb: H i l d e g a r d habe sich "O, die heillosen drey Weiber!" sagte H o h e n F a n n y , ihr schones Kammermadchen, lag ihm Kurz, sie schrieben beyde ein halbes Dutzend BrieH i l d e g a r d hatte in Mayland wo sie sich nach Achilles vor. Diese konnte sich daran nicht satt horen, und erstaunte zugleich uber die vollendete Kunst im Gesang ihrer Freundin. Sie war eine ausgebildete Kennerin, spielte selbst die Harfe vortreflich, und brauchte ihre Fingerkoppen nicht, wie ihre Lehrerin Madame K r u m h o l z , mit Pomaden zu erweichen; sondern lockte auch ohnediess die leisesten Tone, so zart wie ein Windhauch, aus dem Instrument hervor. H i l d e g a r d erzahlte auf ihr Verlangen manches von dem jungen Meister, und machte sie zugleich mit den schonsten Scenen von J o m e l l i , M a j o und T r a e t t a bekannt. Von dem letztern hatte sie die Sophonisbe ganz bey sich. Die erhabne Scene, wo die heroische Konigin das Gift trinkt, machte auf die Herzogin und ihren Gemahl, der die Geige nicht ubel spielte, und H i l d e g a r d e n sehr gut begleitete, den tiefsten Eindruck. Beyde wunschten, sie auf dem Theater mit voller Musik zu horen und zu sehen.
H i l d e g a r d ging wenig in Gesellschaft, und sah mit Begierde und Lust nur das Merkwurdigste in dem schonen Lande. Doch machte sie uberall, auf offentlichen Spaziergangen, in den Kirchen und an der Tafel, Bekanntschaft mit den interessantesten Personen. Dabey konnte sie ein Abentheuer mit drey der schonsten Damen nicht vermeiden, die ihretwegen hochst eifersuchtig auf einander wurden, und lange in bittrer Feindschaft blieben, als H i l d e g a r d und ihre Gesellschaft nach dem Empfang der Briefe plotzlich abreisten. Es wurde zu weitlauftig und gegen unsern Zweck seyn, wenn wir solche Novellen, deren sich in der Folge noch manche zutrugen, erzahlen wollten. H i l d e g a r d ward dabey immer gewandter und geschickter, den unerfahrnen Jungling zu spielen.
Die Briefe von Hause freuten H i l d e g a r d e n hochlich, obgleich die zartliche Besorgniss und einige zornige Worte der Mutter sie bis zu Thranen ruhrten.
In Cremona sahen und horten sie die besten Geigen in der Welt von A m a t i , S t e i n e r und S t r a t u a r i u s , die bey einigen Familien immer vom Vater auf den Sohn kommen, nicht veraussert werden durfen, und folglich immer in dem Orte bleiben. Der atherreine, gewolbtvolle, susse Kapweinklang des vortreflichsten unter allen Instrumenten bringt hier auch immer Virtuosen hervor, und die Reisenden bewunderten mehrere edle junge Herren, die mit grosser Gefalligkeit ihretwegen einen Wettstreit hielten.
Sie setzten uber den koniglichen Po, den Rheinstrom von Italien. H i l d e g a r d konnte der Begierde kaum widerstehen, sich hinein zu sturzen, wie eine Najade durch seine Quellenwasser zu gaukeln, und sich mit ihm zu vermahlen.
Den andern Morgen, als sie zu Parma angekommen waren, wallfahrteten sie sogleich zu C o r r e g g i o ' s Zaubereyen; spielten in Lust und Vergnugen mit dem heitern Knaben Jesus auf der Flucht nach Aegypten; vergossen Thranen mit der in den tiefsten Schmerz versunknen Magdalena bey dem vom Kreuz abgenommenen Geliebten im Schoosse der erblassenden Mutter, und schwebten mit dem Verklarten in den Hohen des Himmels.
Den Nachmittag weideten sie Herz und Auge an der Erscheinung der Madonna mit dem Kleinen bey dem heiligen Hieronymus. O, wie so lieblich der holde Knabe mit dem zarten Handchen in den blonden Locken der schonen Magdalena spielt! Der Herzog sagte scherzend: er mochte wohl mehr als eine Ewigkeit mit der Magdalena beysammen seyn. Die Herzogin bemerkte unterdessen, dass die Kinder der Lombardey an Schonheit und Lebhaftigkeit alle andern ubertrafen, und dass T i z i a n und C o r r e g g i o die gottlichsten Modelle gehabt hatten. Mit einem schmachtenden Blick gen Himmel erbat sie sich einen solchen Engel. H i l d e g a r d stand schwebend in dem lichten See von Schonheit.
Die Sonne senkte sich schon nach den Alpen hinab, als sie noch das alte jetzt ungebrauchte Theater besahen. Sie massen es mit ihren Schritten, und fanden es gerad' in zwey gleiche Theile getheilt: funfzig Schritte des Herzogs nahmen die zwolf Banke und die achtzehn Logen, jede mit Toskanischen Saulen ein; und funfzig die Buhne. Die grosste Breite hielt ihrer vierzig. Fur Scenen zur See konnte es drey Fuss unter Wasser gesetzt werden. Es gefiel der ganzen Gesellschaft ungemein; der Herzog und die Herzogin wunschten es nach London.
H i l d e g a r d war aus geheimer Lust auf der Buhne geblieben, indess ihre Freundin, und, ausser andern Personen, die sie hinein begleitet hatten, auch ein Unbekannter auf die hintersten Logen stiegen. Die Herzogin rief ihr zu: sie mochte einige Tone singen, damit sie vernahme, wie es fur die Zuhorer ausfiele.
Sogleich trat H i l d e g a r d an das ausserste Ende, und gab leise das zweygestrichne C an. Der Ton flog suss und rein durch den ganzen Raum. Sie gab ihn noch einmal leise an, schwellte ihn bis zu einer betrachtlichen Starke, und liess ihn allmahlig sinken, dann langsam verschwinden, und zwar mit einer solchen Festigkeit und Klarheit, dass alle Anwesenden erstaunten.
Bravissimo, bravone! rief der Unbekannte, ganz ausser sich.
Sie trat etwas hervor, und machte erst einen leisen Lauf, dann einen starkeren, dann einen in weitem Umfang und mit der grossten Fulle. Es war, als ob bey einem majestatischen Gewitter Blitze zum Einschlagen am Himmel flammten.
Sogleich erhob sich ein Jubel von Beyfall, woruber H i l d e g a r d vergnugt lachelte.
Der Unbekannte sagte vor sich: "Wer ist der Musico, der unter allen, die ich je gehort habe, bey weitem die vortreflichste Stimme hat, dass ich ihn nicht kenne!"
Die Herzogin betrachtete ihn aufmerksamer; er war ein wohlgewachsner Mann in den Vierzig, mit geistreicher Physiognomie, schonen grossen Augen voll Feuer, und, nach seiner Kleidung zu urtheilen, von Vermogen.
Sie rief H i l d e g a r d e n zu: Se un core annodi! H i l d e g a r d sang es zum Entzucken.
Die Herzogin rief weiter: Tornate sereni! Die Welschen Herzen brannten, und konnten ihren Rausch von Beyfall nicht bandigen.
Der Unbekannte fragte in loderndem Enthusiasmus die Herzogin: "Ist er auf das Karneval schon versprochen? Wer ist der gottlich schone Jungling? Er fallt mir wie vom Himmel."
H i l d e g a r d fing inzwischen, ihrer Seits ebenfalls voll Enthusiasmus, an, das erhabne Recitativ zu deklamiren: Dove son? che m'avenne? Ihre Action dabey war die Natur der Leidenschaft selbst. Die Herzogin hatte wahrend dessen Zeit eine ganze zusammenhangende Geschichte fur den Unbekannten den Hauptunternehmer des Theaters Argentina zu Rom auszudenken. Der erste Sanger, welchen er fur das nachste Karneval angenommen hatte, lag in Turin gefahrlich krank, und er reiste nun herum, einen andern aufzusuchen. Das von H i l d e g a r d e n gesungene Recitativ bestarkte ihn vollends in seinem Entschlusse, diesen Sanger anzunehmen, es mochte auch kosten, was es wollte; und wenn er sich auch schon anderswohin versprochen hatte.
Er kannte den Achill von M e t a s t a s i o sehr
wohl, und auch die Musik dazu von verschiednen Meistern; aber diese ubertraf bey weitem alle andren, und war ihm ganz neu. Er fragte die Herzogin noch einmal: "In Vertrauen! wie heisst der schone Sanger? wo kommt er her? wo geht er hin? Ich frage zu seinem und meinem Vortheil."
Die Herzogin antwortete: "Er heisst P a s s i o n e i .
Sein Vater, ein vortreflicher Tenorist, nahm ihn, als er noch keine zehn Jahr alt war, ich glaube aus dem Kirchenstaate, mit nach England, und reiste mit ihm, als er seine Stimme ausgebildet hatte, an den Nordischen Hofen herum, und alsdann durch Deutschland. Vor Kurzem starb er in den Niederlanden, und hinterliess seinem Sohn ein ansehnliches Vermogen. Achill war die letzte Oper, die er in Musik setzte. Diese und seine vorletzte, Sophonisbe, sind nie aufgefuhrt worden, und beyde vollig neu. Die Melodien zu den Hauptscenen sind meistens von dem jungen P a s s i o n e i selbst. Er will nun eine Reise durch sein Vaterland machen, aus der Quelle schopfen, und den gegenwartigen Zustand der Musik kennen lernen, eh' er sich irgendwo offentlich horen lasst."
Der Romer war uber diese Nachricht entzuckt, und erwiederte: "Das braucht er nicht; ein solches Original ist vom Himmel bestimmt, seinen eignen Flug zu nehmen. Ich stehe fur den Erfolg. Mir fehlt der erste Sanger fur das Theater Argentina, in Rom, dessen Unternehmer ich bin. Er soll gleich in der Hauptstadt der Welt strahlen und glanzen. Ich wag' es, ihm fur das nachste Karneval achthundert Zechinen anzubieten, und bezahle ihm die beyden Opern dazu, wie dem besten Meister."
H i l d e g a r d war inzwischen auf der Buhne verschwunden, kam nun, begeistert und in der besten Laune, am aussersten Ende wieder zum Vorschein, sang den Dithyramb:
Ah di tue lodi al suono
Padre Lieo discendi!
und machte Satze, wie ein fluchtiges Reh; wie der wahre schnellfussige Achill als Pyrrha. Man konnte nichts Reizenders sehen und horen, obgleich der Taumel von Instrumenten fehlte.
Der Romer und alle Andren waren vor Jubel ausser sich. Die Herzogin antwortete ihm, als er ihr im Eifer die Hand druckte und kusste: er mochte sich von dem, was sie ihm gesagt hatte, gegen den jungen P a s s i o n e i noch nichts merken lassen. Sie wolle zu ihrem eignen Vergnugen alles nach seinem Wunsche einzuleiten suchen. Der grosse Kunstler ein seltner Fall! denke zu bescheiden von seinem Werth.
Der Romer begleitete sie bis an ihr Wirthshaus,
und machte unterwegs H i l d e g a r d e n die feinsten Lobspruche, als ein ausgelernter Kenner. Sobald sie in ihren Zimmern allein waren, fing die Herzogin laut an zu lachen, und sagte: "Madchen, Du hast diesen Abend Deine Sachen gut gemacht. Nun hor' aber auch, was fur ein Gluck Dir bevorsteht!"
"Du heissest P a s s i o n e i . Dein Vater, ein vor
treflicher Tenorist, nahm Dich, als Du noch keine zehn Jahr alt warst, aus dem Kirchenstaate mit nach England, und zog mit Dir, als Deine Stimme sich ausgebildet hatte, an den Nordischen Hofen herum, alsdann durch Deutschland. Vor Kurzem starb er in den Niederlanden, und hinterliess Dir ein ansehnliches Vermogen. Achill war die letzte Oper, die er in Musik setzte; Sophonisbe seine vorletzte. Beyde sind nie aufgefuhrt worden, und vollig neu. Die Melodien zu den Hauptscenen sind meistens von Dir, dem jungen P a s s i o n e i , selbst. Du willst nun eine Reise durch Italien, Dein Vaterland, machen, und aus der Quelle schopfen, ehe Du Dich irgendwo verpflichtest!"
"Gut, und nicht gut!" versetzte H i l d e g a r d ; "und weiter?"
"Du trittst, obgleich ein solches Original vom Himmel bestimmt ist, seinen eignen Flug zu nehmen, dessen ungeachtet dazu genothigt und erbeten, wahrend des nachsten Karnevals in dem Haupttheater Argentina zu Rom als Achill und Sophonisbe auf; erhaltst achthundert Zechinen, vielleicht auch mehr, und die beyden Opern werden Dir obendrein bezahlt. Der Grunmantel, der uns nach Hause begleitete, und dessen erster Sanger in Turin todt krank liegt, ist der Unternehmer des Theaters."
"Bist Du unsinnig, Frau?" rief H i l d e g a r d , sprang auf, und fasste die Herzogin bey den Schultern. "Weisst Du nicht, dass kein Frauenzimmer ein Romisches Theater betreten darf? Und wenn nun Personen dort waren, die mich in Deutschland gesehn und gehort hatten! Es gabe eine saubre Geschichte, wenn heraus kame, wer ich bin! Und mit unsrer alten Oper wurden wir schone Ehre einlegen!"
"Das alles habe ich schon uberdacht;" erwiederte die Herzogin. "Die Romer sind Phantasten mit ihrem Theaterwesen; und die Kinder verdienen keine so mutterliche Zuchtigung. Hat doch im neunten Jahrhundert ein Englischdeutsches Madchen einmal den Papst gemacht! naturlicher Weise ohne Bart; denn damals wahlte man sie noch jung21. Du geistreiches Geschopf wirst Dich doch also wohl nicht scheuen, auf sehr kurze Zeit einen armseligen Kastraten zu spielen? Wie lange hat der Chevalier d ' E o n England und Frankreich getauscht! Wenn auch einer oder ein Paar Deutschen, die Dich gesehen und gehort hatten, in Rom seyn sollten, wie man doch, da Du erst so kurze Zeit von Hause weg bist, gar nicht erwarten kann: so erkennen sie Dich unter der Travestirung zuverlassig nicht, und finden hochstens nur sonderbare Aehnlichkeit. Das Theater und die nachtliche Beleuchtung verandern ubrigens so sehr, dass oft der Freund seinen Freund nicht erkennt. Und bedenke den Ruhm, wenn es gelingt, woran ich gar nicht zweifle! Von T r a e t t a ' s Sophonisbe ich will meinen Kopf darauf verwetten weiss Niemand in Rom eine Note und Sylbe. Wir konnen sogleich eine Probe an dem Unternehmer machen. Das Geld theilst Du, heilige Cacilia, unter die Armen aus. Ich habe machtige Freunde in Rom; doch werd' ich mich bis auf die Letzt unbekannt halten. Die Gefahr ist auf jeden Fall nicht gross. Auch alles dieses bey Seite gesetzt: warum soll der offentliche Unterricht auf dem Theater, der oft so viel wirkt und so tief eindringt, immer Lohnbedienten, und nicht selten Personen von den verderbtesten Sitten uberlassen werden, und Mannern oder Frauenzimmern aus den hohern Klassen von ausnehmendem Genie und der ausgebildetsten Kunst versagt bleiben! Es ist Zeit, einmal ein untadelhaftes reizendes Beyspiel zu geben."
H i l d e g a r d sank bey diesen Reden auf einen Sopha, und stutzte ihren schonen Kopf nachdenkend auf den rechten Arm.
Die Herzogin fuhr fort: "In Frankreich ist durch ein Gesetz entschieden, dass auch eine Person vom altesten Adel, die sich dem Theater widmet, dadurch nichts von ihren Vorzugen und Rechten verliert. Konig L u d w i g d e r V i e r z e h n t e hat sich selbst auf dem Theater gezeigt. Sollte sich ein junges schones Deutsches Fraulein, voll Leben, Geist und Talent, erniedrigen, wenn es auf einer Reise im Vorbeygehen muthwillig den Romern durch Kontrast ihre Thorheit darstellte? Eine H i l d e g a r d ist von der Natur dazu bestimmt, noch lange Zeit das Auslesen unter den edelsten Mannern aller Nazionen zu haben. Ich wusste nicht, was ich thate, wenn ich an ihrer Stelle ware. Und T r a e t t a ' s Oper? die wollen wir n a c h dem Achill geben. Es ist endlich einmal Zeit, die alten Meisterstucke nicht vermodern zu lassen, und sie wieder aufzufuhren, wenn die neuen Ernten schlechten Ertrag geben. Sollte auch was doch gar nicht zu befurchten ist ein musikalischer Cerberus in Rom den Schatz bewachen: so ist er doch fur die ubrigen hundert und sechzig tausend Seelen gewiss ganz neu. Und ubrigens wird jeder Vernunftige die Entschuldigung des geschmackvollen Betrugs fur gerecht erkennen. Ferner soll L o c k m a n n seinen verdienten Preis erhalten. Was kann er mehr verlangen, als dass sein erstes Werk in Rom aufgefuhrt, und von einer H i l d e g a r d gesungen wird! Wir brauchen kein Geld. O, wenn eine neuere durftige F a u s t i n a so auftreten konnte! Es entschiede ohne allen Zweifel fur das Gluck ihrer ubrigen Laufbahn. Ein Wunder, dass der schone kuhne Gedanke noch keiner eingefallen ist! Und endlich, Kind, kann alles verborgen bleiben; es ist leicht so einzurichten, dass selbst Deine Kammerjungfer nichts davon erfahrt. Damit der Unternehmer von der Sophonisbe nicht nachtheilig denke: so soll er, anstatt dafur zu bezahlen, die Einnahme von einer Vorstellung derselben geben."
Der Herzog hatte stillschweigend mit vieler Ueber
legung zugehort, und sagte nun: "Der Gedanke ist kuhn, aber schon, edel, wenn er glucklich ausgefuhrt werden kann. Ich mag freylich nichts damit zu thun haben; doch will ich alles Mogliche beytragen, wenn die Sache ins Missliche gerathen sollte, sie wieder gut zu machen."
Die Herzogin erwiederte in dem Schwung und
Eifer, worin sie nun einmal war: "O, es kann nicht anders als gut gehen."
H i l d e g a r d schwieg noch eine Weile, und be
deckte mit den zarten Handen die schonen Augen, aus denen der Trieb ihres Herzens gewaltig hervorstrahlte. Die D**** hatte ganz aus ihrer Seele gesprochen, und alles, was sie von ihrem L o c k m a n n wusste, stimmte damit uberein. Endlich sagte sie unentschieden und leise: "Gewiss, der Zeitpunkt zur That ist da; doch das Unternehmen gefahrlich. Wir mussen es noch reifer uberlegen."
Die Herzogin sagte zum Beschluss: "Was von fern wie Gefahr aussieht, ist in der That oft keine, sondern ein Vergnugen."
Den andern Morgen war der Unternehmer wieder bey ihnen. H i l d e g a r d versprach ihm noch nichts; doch liess sie sich Signor Passionei nennen, und Hofnung von sich blicken.
Sie gingen mit ihm den Achill durch, der ihn entzuckte und bezauberte. Dann auch die Sophonisbe, von der H i l d e g a r d noch am vorigen Abend vor dem Schlafengehen den Namen des Komponisten weggerissen hatte. Er setzte die erhabne Scene darin uber alles, was er kannte; doch hielt er die Oper im Ganzen bey weitem nicht fur ein so vollkommnes Kunstwerk, als die erstere. An T r a e t t a dachte er dabey mit keinem Gedanken. Er liess nicht ab mit Bitten, dass der junge P a s s i o n e i Rom und ihn mit seiner gottlichen Stimme und Gestalt beglucken mochte. Dieser willigte aber aus Schuchternheit noch nicht ein, und sagte: Rom sey ein gar zu gefahrlicher Ort.
Sie assen Mittags bey B o d o n i , dem Raphael der Buchdruckerkunst, dessen Werke der Herzog alle gekauft hatte. H i l d e g a r d trieb, in der ersten Angst vor ihrer Mutter und ihrem Bruder, dass sie noch den Nachmittag nach Reggio abfuhren. Der Unternehmer folgte ihr in Verzweiflung dahin.
Den folgenden Abend, eben als sie das Haus besahen, worin A r i o s t geboren ist, willigte sie endlich ein. Nach dem Vertrage, der in dem Wirthshause aufgesetzt wurde, erhielt sie fur das kurze Karneval achthundert Zechinen, die Einnahme einer Vorstellung, freye Wohnung, freye Tafel mit mehrern Gedecken etc., und zweyhundert Zechinen fur die Opern. Die Herzogin machte noch mit dem Unternehmer allein aus: er sollte von ihr und ihrem Gemal in Rom nichts sagen; P a s s i o n e i wurde sich ubrigens zur gehorigen Zeit einstellen.
Er reiste in ihrer Gesellschaft nach Modena, und von dort sogleich nach Rom, um alles Uebrige zu veranstalten.
H i l d e g a r d hatte sich auf ihrer Reise durch die Lombardey mit so viel Geschmack und Vorsicht gekleidet, auch sich uberall so edel betragen, dass man von ihrem Geschlecht nicht einmal etwas muthmasste. Ihre wenigen Leute waren von erprobter Treue; keiner unter ihnen verstand Italianisch, und konnte von dem Abentheuer, das H i l d e g a r d vorhatte, nur das Mindeste merken.
Von Modena, wo sie bey ihrer Abreise S a l v i n i ' s Iliade kaufte, um den Helden H o m e r s uberall gegenwartig zu haben, fuhren sie nach Ferrara, liessen ihre Wagen da stehen, und machten einen Flug nach Venedig, um dort die Nachtigallen zu horen.
Noch an dem Abend ihrer Ankunft hielten die junge Zauberin J o h a n n a P a v a n und die launichte T h e r e s i a A l m e r i g o in der heiligen Dammerung der Kirche ai Mendicanti einen Wettstreit mit einander. Wahre Herzenslust fur H i l d e g a r d ! Besonders bewunderte sie das reine Metall der erstern. Schade, dass die lyrischen Schwarmerinnen M a r c h e t t i und G i u l i a n a schon weggegangen waren. H i l d e g a r d erstaunte uber die mannliche Auffuhrung der ganzen Musik von den guten Madchen; wobey Orchester und Gesang wie in einem Gusse zusammen stimmten.
Den andern Abend ward sie aufs neue durch den Contrealt der B i a n c a S a c c h e t t i entzuckt, die ihre Melodien mit so viel Grazie auszuzieren wusste.
Der Herzog bemerkte, das andre Geschlecht habe gewiss mehr Natur fur die Musik, als die Manner, denen sie zu sehr blosses Spiel sey. Er hielt diese Erziehungshauser fur ein Meisterstuck guter Politik, da sie zugleich zum Vergnugen der Stadt und der ganzen Nazion dienen.
H i l d e g a r d sammelte schnell fur sich die schonsten neuen Blumen. Der Herzog und seine Gemalin sagten aber: so bescheiden sie auch ware, so standen doch alle unendlich weit unter ihr.
Binnen wenig Tagen sah H i l d e g a r d , unter der vortreflichen Anfuhrung ihrer Freundin, das Merkwurdigste und Ausserordentlichste jeder Art, besser, als Andre vielleicht in so viel Monaten und Jahren.
Eben so zu Ferrara, Bologna und Florenz. Aus der letztern Stadt antwortete sie unter Herzklopfen ihrer Mutter und ihrem Bruder: sie waren noch in Nizza, und wollten nun nach Genua, um den Winter in Italien zuzubringen; aber sie bate dringend und flehend, den Prinzen nichts davon wissen zu lassen.
Die Briefe schickte sie an die Frau v o n L u p f e n , und erzahlte ihr Manches von ihrer Reise, verschwieg aber ihr gefahrliches Unternehmen.
F a n n y , ein kluges Madchen, hing an H i l d e g a r d e n mit seltner Treue, und hatte bis jetzt noch nichts verrathen, da es ihr in keinem Fall nutzen, wohl aber viel schaden konnte. Auch diese schrieb von Nizza aus an die Kammerjungfer der Mutter, wie angenehm sie durch die Provence gereist waren, und wie vergnugt sie lebten.
H i l d e g a r d sah ein, dass es nothwendig sey, F a n n y ' n ihr Vorhaben zu entdecken, und dass diese sich als ihren Bedienten verkleiden musse. Sie wollte in Rom ausser ihr noch einen andern Italianischen annehmen. Auf der Reise, in der freyen Luft, unter andern Menschen, schon fast ganz sich selbst uberlassen, fasste sie Muth, wenn ihr das erste Unternehmen gelingen wurde, die Rolle naturlicher Weise als Frauenzimmer weiter fort zu spielen. Zu einer andern in der Welt fuhlte sie in sich noch wenig Beruf. Ach, ohne seine Leidenschaft ware L o c k m a n n der beste Begleiter fur sie gewesen! und sie hatte ihm nur einen Wink geben durfen.
Im Garten Boboli, auf einem Spaziergange, bey schonem Abendroth, wo sie mit F a n n y allein sich hieran, und an der schonsten Aussicht in Florenz gegen den Berg von San Pelegrino hin, geweidet hatte, leitete sie die Sache ein, ohne vorher ihre Freundin um Rath gefragt zu haben. F a n n y erstaunte. Doch, da sie aus London her an Abentheuer und Katastrophen gewohnt war, so liess sie sich bald willig finden. In dem neuen Lande kam ihr uberhaupt alles romantisch vor. Sie hatte sich schon mehrmals, wenn sie in dem Zimmer allein war, mit H i l d e g a r d s Mantel und Hut vor den Spiegel gestellt, und, bey ihrem schonen Wuchse, Lust bekommen, sich wie ihre Herrschaft zu tragen.
Noch denselben Abend ward mit Hulfe der Herzogin die Kleidung erfunden, und nach dem eignen Geschmack des Madchens gewahlt, das fur alle Art von Putz grosses Talent hatte, und sich hochlich uber die Neuigkeit freute. F a n n y sang auch sehr artig Englische Lieder und Romanzen, und lallte naiv schon die nothigsten Italianischen Worter.
Der Unternehmer hatte s i e noch nicht bemerkt: wohl aber sie i h n zu Modena. Von Reggio war sie in dem andern Wagen hinter drein gefahren.
Nachdem man alles in Bereitschaft gesetzt hatte, ging es rasch den kurzesten Weg uber Siena und Radicofani nach Rom.
Auf der letzten Post wartete H i l d e g a r d einige Stunden, liess den Herzog mit seiner Gemalin vorausjagen, und folgte dann mit ihrer F a n n y , die jetzt einen weissen Mantel und einen dreyeckigen mit Gold bordirten Hut trug.
O, welche Gefuhle durchwallten ihr ganzes Wesen, als sie naher an Rom kam, und die Peterskuppel sich hoch empor in die Luft wolbte, und in der Abendsonne prangte! Der mildere Himmel der ganzen neuen Region schien sie mit liebkosenden Blitzen zu empfangen. Je weiter sie in den heitern Kreis der stolzen blauen Fernen hinein fuhren, desto wonnebanger schlug ihr Herz.
Als der Wagen an den Ponte Molle kam, sprangen einige junge Romer und Romerinnen hervor, und riefen: "Willkommen! Gluck zu Deiner Ankunft!"
Der Postillion hielt an. Sie sahen bald am Wagen, dass sie sich geirrt hatten, und waren uberrascht von dem freundlichen Blick des fremden holden Junglings. Das jungste Frauenzimmer, an Gestalt eine antike F a u s t i n a , entschuldigte die Gesellschaft: dass sie geglaubt hatten, der Wagen brachte ihren Bruder, den sie von Ancona erwarteten. Ihre Augen waren die schonsten in Rom, und strahlten, wie grosse Fixsterne im reinsten Aether. Man wechselte von beyden Seiten die gefalligsten Worte.
Es ging nun schnell nach der Porta del Popolo, und durch eine herrliche Strasse nach der andern schrag durch die Kutschenfahrt des Corso zu dem angenehmen Quartier beym Theater, welches schon langst fur P a s s i o n e i bereitet stand, und wo der Unternehmer selbst, hochlich uber seine Ankunft erfreut, ihn empfing.
Die Sachen wurden abgepackt, der schone Englische Wagen an einen sichern Ort gestellt, und alles bald in Ordnung gebracht.
Noch denselben Abend durchstrich der Unternehmer mit P a s s i o n e i die grossen nahen Platze, bis zum Monte Citorio, wo er im Kaffeehause stolz seine neue Beute auffuhrte. Man erblickte mit Lust die schone Gestalt, den schlanken koniglichen Wuchs unter dem Venezianischen Mantel; und stand und sprach gefallig um den Jungling her, als er ein Glas Gefrornes zu sich nahm.
Gegen Mitternacht hielten sie ein kostliches Mahl,
wozu auch einige Freunde des Unternehmers, der zweyte, kaum sechzehnjahrige Sanger von Siena geburtig, zart und weichlich von Person, aber von unbedeutenden Gesichtszugen, etwas kleiner als P a s s i o n e i und der Tenorist, ein starker Mann in die dreyssig, gut fur die Rolle des Ulysses, eingeladen waren.
Man machte geschwind angenehme Bekanntschaft.
Das Gesprach ward kurzweilig und Italianisch lebhaft. P a s s i o n e i sprach wenig; aber alles, was er sagte, verrieth feinen Sinn und durchdringenden Verstand, welcher zuweilen mit dem ubergrossen Aberwitz der Andren einen auffallenden Kontrast machte. Man ging spat aus einander. Unten, nicht weit von der Thur, kamen Alle darin uberein: P a s s i o n e i sey schon, geschmeidig, klug, verstandig, und gelehrt in seiner Kunst.
H i l d e g a r d schlief sanft und ruhig, und erwach
te, als schon die Sonne zu den Fenstern hereinschien, aus den lieblichsten Traumen.
Noch denselben Morgen nahm sie, auf Empfehlung
des Unternehmers, einen jungen flinken Romischen Bedienten, mit Namen P a o l o , an; und sagte, leichtweg landlich sittlich scherzend, in F a n n y ' s Beyseyn: "Der Name passt gut zu dem Deinigen, Pietro;" so wurde namlich das Kammermadchen jetzt getauft; "und ich hoffe, von dem n e u e n Apostel so gut wie von dem a l t e n bedient zu werden."
Von dem erstem begleitet, besah sie noch diesen Vormittag die Peterskirche, die Rotunde, und das Kolisaum: drey Wunderwerke, die ihre Seele zum Grossen und Erhabnen stimmten.
Mittags war die Gesellschaft bey der Tafel zahlreicher: ausser den schon gestern Abend da gewesenen Sangern, kamen auch die andern, und die Hauptpersonen vom Ballet und Orchester. H i l d e g a r d nahm mit ihrem gefalligen Wesen und sinnvollen Ausdruck bald alle fur sich ein, so wenig Besonderes sie ihnen auch sagen konnte, da sie ihre Eigenschaften und Verhaltnisse noch nicht kannte. Sie ass und trank wenig, und bemerkte fur sich die Theatersitte, und so viel davon zum Vorschein kam das Eigne von denen, die sich auszeichneten.
Den Abend machte sie die Hoflichkeitsbesuche bey den Herren, die das Theaterwesen unter sich hatten; ihnen gefiel H i l d e g a r d s reizende Figur und ihr bescheidnes, doch edles Betragen ungemein. Die nachstfolgenden Abende fuhr sie immer von dem Unternehmer begleitet zu den Romischen Damen und Vornehmen, die in der Musik den Ton angaben. Diese baten, um etwas von H i l d e g a r d s Stimme und Methode zu horen, dass sie einige Kleinigkeiten, Lieder von M i l l i c o , Rondos von S a r t i und C i m a r o s a , singen mochte. Sie that es, obgleich nachlassig und ohne Anstrengung, zu allgemeiner Bewunderung, besonders der Damen. Dabey erzahlte der Unternehmer immer ihre Geschichte mit neuen Veranderungen und Zusatzen.
Erst als dieses beschwerliche Geschaft glucklich vollendet war, ging H i l d e g a r d , und zwar des Nachts, zu der Herzogin, die weit von ihr auf dem Spanischen Platze wohnte. Diese erzahlte ihrer Freundin Wunder, was fur Eroberungen sie schon gemacht, ohne dass man den geringsten Verdacht wegen ihres Geschlechtes hatte.
Gerade den achten Tag nach H i l d e g a r d s Ankunft in Rom sollte Abends die erste Probe gehalten werden. Sehr viele Menschen hatten den neuen Sanger auf seinen Spaziergangen nach dem Vatikan und in die nahen Pallaste, so wie auf seinen Spazierfahrten nach den entfernten, und nach den Villen, schon gesehn und gesprochen. Alles brannte nun vor Verlangen ihn auch singen zu horen. Der ganze Platz vor dem Theater stand gedrangt voll. Ungeachtet des strengsten Befehls, niemanden vom Volke hinein zu lassen, drohten die Verwegensten, das Thor zu erbrechen, wenn man es nicht ofnen wollte. Es war das wuthendste Geschrey und Getummel.
P a s s i o n e i zeigte sich endlich auf einem Balcon; und man gebot Stille, um zu horen, was er sagen wurde.
"Meine Herren," erscholl weit und breit die susse helltonende Stimme, "wir durfen fur uns nicht thun, was Sie verlangen, so gern wir auch wollten. Haben Sie aber Geduld! Ich werde sogleich zum Gouverneur fahren, ihn dringend bitten, und, wie ich hoffe, bald mit der Erlaubniss wieder hier seyn."
"Es lebe der Freundliche, Gute!" rief alles aus Einem Munde.
Wie gesagt, so gethan. Man hielt sich ruhig, bis er durch dringende Vorstellungen und einnehmende Bitten die gewunschte Erlaubniss erhalten hatte, und glucklich wiederkam. Das Thor ward geofnet, und die Menge stromte nun unter Jubel in Parterre und Logen.
Nichts regte sich mehr, sobald das Orchester die Symphonie anfing. Sie gefiel, nebst dem Kontretanz und dem Chor, gleich ausserordentlich.
H i l d e g a r d - P a s s i o n e i sang darauf seine Scenen und Arien meistens nur sotto voce, zeigte aber bey einzelnen schweren Stellen die ausgebildetste Kunst einer reinen tonvollen Kehle. Er hatte sich fur die achtzehn bis zwanzig Vorstellungen der Oper schon seine Oekonomie eingerichtet; und der rauschende Beyfall bey jenen schweren Stellen lockte ihm nur wenig mehr ab, als er geben wollte.
Der beliebteste Kapellmeister in Rom, ein junger Mann in die dreyssig, dirigirte. H i l d e g a r d selbst aber gab fast immer das Tempo an, liess wiederhohlen, was nicht ganz nach ihrem Sinne ging, zeigte, jedoch gefallig und bescheiden, den rechten Vortrag; und man folgte gehorsam ihrer bessern Einsicht. Sie erstaunte uber die vorher unerkannte Wirkung ganzer Scenen in dem weiten Raume des grossen Theaters, und bewunderte L o c k m a n n ' s zweckmassige Kunst: die kuhnsten Striche gleichsam al Fresco, und die herbsten Dissonanzen in den entschiedensten ruhrungvollsten Ausdruck verschmolzen. H i l d e g a r d war oft bey S a c c h i n i ' s Proben in London zugegen gewesen; sie liess sich daher von der Menge nicht storen, sondern sprach und handelte wie ein erfahrner Meister.
Kurz, die erste Probe fiel ausserst gut aus. Alle Zuhorer fanden in der ganzen Oper nichts Mittelmassiges, sondern jede Scene ungewohnlich ausgearbeitet; und die feinsten Kenner bewunderten einen Reichthum klassischer Schonheiten, und den durchaus originellen grossen Styl. Bravone il Maestro! bravissimo Passionei! erscholl oft von einzelnen Stimmen da und dort.
Am allgemeinsten bewunderte man: Se un core annodi; und die Scene: Ove son? che ascoltai? Dille, che si consoli. Aber bey Tornate sereni begli astri d'amore! konnte man das Entzucken und den Jubel nicht bandigen. Eine ruhrende Stimme bat im Namen Aller schmeichelnd um Wiederhohlung. P a s s i o n e i liess sich auch gefallig finden, und zeigte nun, was er vermochte. Man hatte nie etwas Gottlicheres gehort, und gestand sich einander mit Zahren der Wonne in den Augen, dass er in Bravour und Ausdruck gleich stark sey, und alle Sanger, auch die beruhmtesten, ubertreffe.
Als die Zuhorer das Theater verliessen, war auf den
Strassen ein Schwirren in der Luft von der leichten Melodie: Se un core annodi, mit welcher sich hier und da die erhabne: Tornate sereni, durchkreuzte und vermischte.
Zu Mitternacht bey den Abendmahlzeiten ward von
weiter nichts gesprochen, und man liess durch ganz Rom das Lob des unvergleichlichen Sangers hoch leben.
Die folgenden Proben wurden kurz vorher ange
sagt, und deshalb ungestorter gehalten. H i l d e g a r d sah dabey mehr auf das Ganze und den Vortrag des Orchesters. Auch der zweyte Sanger that sich nun hervor, und naherte sich bey seiner Hauptscene: Numi clementi, dem Vortreflichen. Sie gab mit Feinheit Acht auf sein Eigenthumliches, um bey Gelegenheit, wenn der Fall vorkame, es anderwarts in gehoriger Vollkommenheit zu zeigen; aber noch genauer merkte sie auf den Vortrag des Tenoristen, der jenen an Ausbildung und Fertigkeit bey weitem ubertraf.
Die blasenden Instrumente, Hoboen, Fagotten, Horner und Trompeten, waren glucklicher Weise meistens mit Deutschen, Bohmen und Oestreichern, oder mit Schulern von Deutschen besetzt, die der rastlose Unternehmer zum Theil in der Lombardey angeworben hatte.
Schon bey der vorletzten Probe kam alles bis zu einem Gusse: Geigen, Bratschen und Basse begleiteten durchaus meisterhaft; kein Virtuose wollte sich mit seinen Kunsteleyen zeigen. Die letzte aber war wirklich Vollendung. Jeder musste dabey in seiner theatralischen Kleidung auftreten; das antike Griechische Kostume war angenommen, und, wegen des Pittoresken im ersten Chor, zwey der beruhmtesten Mahler zu Rathe gezogen worden. H i l d e g a r d hatte es so klug eingerichtet, dass sie in ihrem Zimmer am Theater, mit F a n n y 'n allein und unbemerkt, sich anziehen, und fur den dritten Akt umkleiden konnte. Sie ertheilte voll Enthusiasmus allen Sangern, Tanzern und Musikern das gebuhrende Lob; aber fur die vernachlassigte Aktion noch erspriesslichen Unterricht.
Endlich kam der grosse Tag der ersten Vorstellung. H i l d e g a r d hatte die Nacht wieder so sicher und ruhig geschlafen, wie A l e x a n d e r vor seiner beruhmtesten Schlacht. Sie ward von dem edlen UnterSchon mehrere Tage vorher war von der bestimmPrachtig erscholl die Symphonie des Bacchanals. Gross und hehr trat Pyrrha mit der Deidamia hervor; Udisti! fragte Deidamia bang und erschrocken; und So fing pittoresk und reizend das Schauspiel an, Bald flieht alles; und nur sie bleibt. Ihre erste Arie: Gleich nachher fing sich in einer Loge nahe bey der d e n hatte gefahrlich werden konnen, wenn Romer und Romerinnen des mindesten Verdachtes fahig gewesen waren. Ein junger Lord, W*** C**, der schon vor zwey Jahren den Sommer uber sich in Rom aufgehalten hatte, und vor wenig Tagen von einer Reise durch Griechenland, Kleinasien, Syrien und Aegypten zuruckgekommen war, sagte ziemlich laut zu einem beruhmten Mahler: "Das Madchen ist schoner, als alles, was ich jemals gesehen habe; und singt und spielt ihre Rolle unvergleichlich. Ich erwartete einen Opern-Achill; aber aus dieser athmet zu meinem grossten Erstaunen H o m e r s Genius. Wer ist sie? wie heisst sie?" Er hatte, in H i l d e g a r d s Schonheit vertieft, und von ihrem Blick gefesselt, gar nicht Acht gegeben, was um ihn her war gerufen und gesprochen worden.
Der Mahler antwortete lachend: "Es ist der Sanger P a s s i o n e i . Auf den Theatern unsrer heiligen Stadt durfen keine Frauenzimmer erscheinen; aber die jungen Kastraten ahmen sie so gut nach, dass sie die feinsten Kenner tauschen, wie wir an Ihnen ein Beyspiel sehen."
Der Englander hatte fur sein Lieblingsstudium, die Naturgeschichte, und auch um mit tieferer Kenntniss sich an den Werken der Kunst zu weiden, von welchen er durch Erbschaft eine reiche Sammlung besass, die Anatomie geubt, und wusste die Verschiedenheit des Mannlichen und Weiblichen nicht bloss aus dem A l b i n i . Er war etwas aufgebracht uber die Zurechtweisung; doch hielt ihn das Sonderbare des Vorfalls zuruck, dem Kunstler die Augen zu ofnen. Die Andern in der Loge verzogen hinter seinem Rucken den Mund.
Der Mahler wollt' es noch besser machen; und, eben als der Sieneser die Arie: Del sen gli ardori nessun mi vanti, gegen den Charakter derselben ziemlich weichlich sang, fuhr er fort: "Eine solche Beraubung in der Kindheit macht zuweilen, dass spaterhin die Formen sich sehr verandern."
Der Lord erwiederte hierbey kalt und lachelnd nur: "D i e s e r hat seinen Bubenkopf glucklich behalten!"
Ein Jungling in der Loge erwiederte feurig: "Konnt' es ein Frauenzimmer geben, das einen so festen sussen Ton der ersten Gattung und solche Lungen hatte; so musst' es gewiss von sonderbarer Laune seyn, wenn es bey so viel Schonheit ..." Das halbe Parterre gebot Stillschweigen. Kurz, es war alles in die Luft gesprochen; man hielt des Lords Aeusserung fur ungereimt, dachte nicht weiter daran, liess sich wahrend des Zwischenakts das Gefrorne wohl schmecken, sprach uber Personen in Parterre und Logen, und freute sich hochlich uber das Ballet, worin Theseus den Minotaurus erlegte.
In der siebenten Scene des zweyten Akts ward bey der schonen Stelle: Ove mirar piu mai tant armi, tanti duci, der Tenorist zuerst bewundert, aber noch mehr der Meister.
Das Lied der Pyrrha: Se un core annodi, erregte allgemeinen Jubel. Doch der Kern des Ganzen: Ove son? che ascoltai? machte den starksten Eindruck. Der Tenorist und H i l d e g a r d wetteiferten; sie war aber unendlich mehr der Griechische Held, und liess sich von seinem Theatralischen nicht missleiten. Das Erstaunen des Lords stieg bis zum hochsten Enthusiasmus; er wusste selbst nicht mehr, was er uber das Geschlecht der Person denken sollte, da er noch keinen Musico genau und oft beobachtet hatte. Gesang, Begleitung und Aktion alles tauschte ihn, wie antik, wie Natur. Er rief ihr auch nach der vorubereilenden Arie:
Dille, che si consoli,
Dille, che m'ami;
so stark zu: Bravissimo Achille! dass H i l d e g a r d nach ihm blicken musste, und die Blitze der Augen in einander flogen. Der Lord war ein schoner junger Mann, und hatte selbst etwas Griechisches in seinem Kopfe, besonders in den runden braunen von Natur gelockten Haaren.
Nach dem zweyten Akt war ein Toben und Larmen der Bewunderung, dass man sein eignes Wort nicht horen konnte; selbst das neue Ballet, die Einschiffung eines Franzosischen Regiments zu Toulon nach Amerika, brachte lange keine Stille zuwege.
Das
Tornate sereni
Begli astri d'amore!
im dritten Akt, ubertraf aber an Wirkung alles Andre bey weitem. Auch zeigte H i l d e g a r d darin, von dem allgemeinen Beyfall begeistert und hingerissen, und nun freyer, muthiger, die Gewalt und Fulle ihrer Kehle, und den Reichthum ihrer Kunst am meisten. Nichts regte sich vor unaussprechlicher Lust. Sie machte Laufe und Sturze und Sprunge von drittehalb Oktaven, und schlug Nachtigallenreine Triller.
Am Ende der Arie richteten sich alle Gesichter mit bittenden Bewegungen nach der Loge des Gouverneurs, weil nur er in Rom das Recht hat, wiederhohlen zu lassen. Der strenge Mann rief auch zu allgemeinem Frohlocken, nach undenklicher Zeit zum erstenmal wieder: Ancora!
Aber man traute seinen Ohren kaum, als der Gesang anfing, und man etwas ganz anders zu horen meinte. Da waren keine Fluge und Sprunge, sondern die lautersten einfachsten Accente wahrer Empfindung, die Natur durchaus in der hochsten Unschuld. Besonders der zweyte Theil:
O Dio, lo sapete,
Voi soli al mio core
Voi date, e togliete
La forza, e l'ardir;
presste auch den Kaltesten Thranen aus: so wahr hatte man die zartlichste Sprache der Liebe noch nicht gehort.
Eine edle Schonheit eben die, welche H i l d e g a r d e n bey ihrer Ankunft in Rom vor dem Ponte Molle anhielt rief dazwischen unwillkurlich, nach einem starken Seufzer, mit lauter Stimme aus: "So hat mich noch kein Mensch geruhrt!" Ihre Nachbarn mussten, lachen; fuhlten aber dasselbe.
Ein uralter, langst vergessener, Kapellmeister mit schneeweissen Haaren, noch aus L e o ' s Zeiten, konnte sich ebenfalls nicht enthalten, dazwischen auszurufen: "Das ist der wahre Gesang; der greift ans Herz, und ist kein Spiel der Phantasie!"
Jeder Ton war ein elektrischer Schlag, und Parterre und Logen eine Fluth von gottlichem Gefuhl.
O, wie glucklich war H i l d e g a r d , als sie diess sah! sie hatte ihr Talent nicht fur Zepter und Kronen vertauscht. Selbst Mutter und Bruder wurden ihr die Ausschweifung vergeben haben, wenn sie zugegen gewesen waren. Ihren L o c k m a n n wunschte sie gutherzig her nach Rom, in den Taumel der Bewunderung.
Die Herzogin schrieb ihr in der Loge: sie musse diese Nacht bey ihr essen. Ach, viele Damen verlangten heftig P a s s i o n e i ' n dasselbe zu schreiben. Der Herzog uberbrachte das Billet seiner Gemalin; er wartete, bis H i l d e g a r d sich umgekleidet hatte, und nahm sie dann gleich mit in seinen Wagen.
Die D**** fiel uber sie her, und erdruckte sie fast vor Liebe. "O, wenn Jemand fur das Theater geboren ist: so bist Du es gewiss, mehr als G a r r i c k Deines Geschlechts!"
Man halt in dem Lande des Improvisirens die erste Vorstellung nur fur die letzte Probe; daher stiegen an den zwey folgenden Tagen die Billete noch hoher. P a s s i o n e i erschien immer mit neuen Reizen, und ward vergottert, angebetet. Nach und nach senkte sich das Sturmische der ersten Empfindungen in einen klaren See von allgemeinem Urtheil. "Es gab seines gleichen nicht, und er ubertraf alles, was man gesehen und gehort hatte." Kenner nannten die Musik ein Meisterstuck; der Vater P a s s i o n e i , sagten sie, habe gezeigt, wie ein Mann von Genie reformiren musse, und sey nicht barbarisch, wie G l u c k , zu Werke gegangen. Der Ausdruck herrsche bey der Der grosse Haufe der Romer schwarmte inzwischen Der Lord erfuhr gleich den zweyten Tag P a s s i o n e i ' s kurze Geschichte, die bald allgemein bekannt wurde. Niemand dachte weiter daruber nach; ihm allein kam sie verdachtig vor. Er hatte in London, von wo er freylich schon seit drey Jahren abwesend war, nie etwas von einem P a s s i o n e i gehort. Sein Verlangen, den Sanger in der Nahe zu sehen und zu sprechen, war brennend; es wollte ihm aber nicht damit glucken. H i l d e g a r d ging wenig aus, und nahm Besuche, von denen sie anfangs besturmt wurde, eben so wenig an, als Einladungen. Sie war jeden Tag mit ihrer Rolle beschaftigt, und erdachte etwas Neues dafur; uberdiess hatte sie noch die Sophonisbe zu studiren, die Klippe, an welcher sie zu scheitern befurchtete. Die erste Probe dieser Oper ward so geheim veranstaltet, dass kein Fremder hinzukam; auch hatten die Romer in sieben Schauspielhausern jetzt so viel zu sehen und zu horen, dass sie wenig deshalb nachforschten!
Die Probe ubertraf bey weitem H i l d e g a r d s Er
wartung. Den Masinissa, machte der Sieneser, freylich zu jung fur diese Rolle; und den Siface der Tenorist, fur welchen diese Rolle so gut geschrieben war, dass er recht darin glanzen wollte. Beyde hatten wenig zu lernen; die Melodien fielen leicht in die Kehle. Ueberhaupt bestand die ganze Oper nur in Sophonisben; alles Andre war Nebenwerk. Die beyden Virtuosen auf der Hoboe und dem Horn freuten sich indess sehr uber ihre Solos in der vierten Scene des dritten Akts.
H i l d e g a r d e n war ein schwerer Stein vom Herzen, als weder der Kapellmeister, welcher die Auffuhrung dirigirte, noch einer von den andern Tonkunstlern nur das Mindeste von einem Betruge ausserten, und alle die Musik der schonen Scenen, besonders der erhabnen im dritten Akt, bewunderten. Sie sagten: manches sey gewohnlich, und das Ganze nicht so neu und gediegen, wie der Achill, aber doch der Styl vortreflich; die letzte Scene klassisch, und allein eine Oper werth. Hiermit urtheilten sie nicht ubel; verstanden sich aber wenig auf Physiognomie der Geister.
Die erste Probe ging so gut, dass man nur noch zwey andre hielt.
Bey der ersten Auffuhrung waren die Billete noch theurer als beym Achill.
H i l d e g a r d hatte sich reich und mit Geschmack gekleidet, und in ihrem gelockten Haar strahlte ein Diadem von grossen Diamanten. In der vierten Scene bey den Worten: Intesi, ti basti, s'io cesso d'odiarti, glaubten alte Kenner in ihr die junge G a b r i e l i zu sehen und zu horen. Niemand aber dachte an Traetta.
Der Tenorist erhielt vollen Beyfall in der letzten Scene des ersten Akts. Dieser gefiel zwar, erregte aber bey weitem nicht so viel Enthusiasmus, wie der erste Akt des Achill.
Im zweyten trank man Chocolate und ass Gefrornes. Man hielt alles darin fur gewohnlich; nur das Terzett erregte Aufmerksamkeit.
Aber im dritten lebte alles wieder auf. Bey der Arie: Sventurata in van mi lagno, zeigte H i l d e g a r d sich in ihrer starksten Bravour, wie man sie noch nicht gehort hatte. Alles erstaunte uber die Neuheit und das Glanzende ihrer Manieren und Laufe; und mehr als Eine Stimme rief: "So etwas kann kein Frauenzimmer!"
Der junge Lord, welcher noch keine Vorstellung versaumt hatte, verwunderte sich seinerseits uber die allgemeine Blindheit. So lange H i l d e g a r d noch den Achill spielte, dunkte er sich nie recht sicher; jetzt aber Doch er wollte warten.
Die zehnte Scene war der Triumph von allem; das ganze Theater lauschte wie gefesselt und gebunden, und jedem lief ein Schauder nach dem andern durch die Glieder.
Ecco al mio labbro gia la tazza letal!
Ma ohime! la mano perche mi trema,
Qual si spande intorno fosco vapor,
Sotto l'incerte piante il suol perche vacilla
Dove son? che m'avenne?
E questo forse il natural ribrezzo al tremendo
passaggio?
Ah, non credei, che si terribil fosse l'aspetto
della morte!
Man horte kaum, und hatte nur Augen: so sehr war die konigliche Gestalt in jeder Stellung, Bewegung und Geberde Sophonisbe. Das hohe Tragische that den Zuschauern wirklich zu weh. Der junge Lord rief ausser sich: "Donna e vera Sofonisba!"
Diess schallte H i l d e g a r d e n schrecklicher in die Ohren, als hinter der Scene der Romische Marsch.
Ma qual suono lieto insieme e feroce? donde?
s'osservi! aprite!
O vista atroce! le navi! i prigioneri!
Invano m'attendete, o superbi! Io non verro,
La mia difesa e questa. Bevvasi!
O dio! ma dunque o da morir cosi?
I ferri! le catene!
Mi lascian tutti, misera, in abbandono; e sol
m'avvanza,
Che soccorso crudel? la mia constanza.
Das Quintett zum Beschlusse, wo sie stirbt, vollendete die ungeheure Wirkung; die Zuschauer waren blass und von Schrecken versteinert.
Erst als der Vorhang fiel, schopften sie wieder recht Athem, und riefen: Bravissimo Passionei!
Die Donna des Lords war ganz und gar in die
blosse Luft gesprochen; er blieb aber uberzeugt, wie von seinem Leben, dass P a s s i o n e i ein Frauenzimmer sey.
H i l d e g a r d hatte, als sie das Donna horte,
grosse Muhe, die Scene gehorig auszuspielen; und konnte sich auch nachher nicht gleich wieder davon erhohlen. Sie wusste nicht, woher das Wort kam. Der Englander war ihr freylich jederzeit in die Augen gefallen, und sie sah seinen schonen Kopf gern, so wie die noch schonern Augen, welche so voll Seele Acht gaben und auf ihr Spiel lauerten. Sie dachte einen Augenblick, die Herzogin oder ihr Gemal mussten sie verrathen haben; doch verwarf sie diesen Argwohn bald.
Als die Gefahr mit T r a e t t a uberstanden war,
glaubte sie endlich das Naturlichste: es habe ein feiner Lobspruch seyn sollen.
Bey den Abendmahlzeiten, und am folgenden Mor
gen in den Kaffeehausern, urtheilte man uber die Oper ziemlich eben so wie das Orchester. Von P a s s i o n e i aber sagte man: er sey ein Phonix von Sanger; alle wesentlichen Eigenschaften vereinigten sich bey ihm in hoher Vollkommenheit.
Bey der zweyten Vorstellung gefiel alles weit mehr;
man ubersah nun das Ganze, und erwartete mit Begierde den dritten Akt. Die erhabne tragische Scene zerriss das Herz nicht mehr so stark, und that nur lieblich weh; der Beyfall war daher froher, besonnener und allgemeiner. H i l d e g a r d s Blicke bewachten fein, doch nicht unbemerkt, den jungen Lord. Sein Herz schlug ihr in vollen Flammen entgegen; doch betrug er sich sehr verstandig.
Den Vormittag darauf kamen die drey Unternehmer des Theaters zu ihrem Abgott P a s s i o n e i , schutteten einen Haufen schoner vollwichtiger Zechinen auf eine Tafel, zahlten ihm achthundert Stuck vor, die er gegen Quittung in Empfang nahm, und sagten ihm, dass der Rest beym Schluss des Karnevals erfolgen wurde. Sie wollten zugleich fur das nachste Jahr einen Kontrakt mit ihm schliessen; er liess sich aber noch nicht ein, ob er gleich ihnen Hofnung machte.
Als sie fort waren, that H i l d e g a r d dreyhundert Zechinen in einen Beutel, rief F a n n y 'n, und druckte ihr denselben, zum Lohn fur ihre Treue und Verschwiegenheit, in die Hand. Das ubrige Geld schloss sie ein.
Mittags speiste sie bey der Herzogin, welche muthwillig daruber scherzte, dass die Romer sich kluger als alle Welt dunkten; und den Nachmittag fuhr sie zu einem Banquier, den ihre Freundin ihr als den sichersten empfohlen hatte, um fur die andern funfhundert Zechinen einen Wechsel zu kaufen.
P a s s i o n e i kam vor dessen Haus, nahe bey der
Villa Aldobrandini, und stieg, als die Thur geofnet wurde, noch in Gedanken verloren, aus dem Wagen. Man fuhrte ihn in ein Zimmer, und welche angenehme Ueberraschung! dieselbe junge schone Romerin, von der er bey seiner Ankunft unweit des Ponte Molle bewillkommt worden war, kam ihm freundlich entgegen.
Sie errothete, als sie den Sanger empfing, der sie,
wie noch kein Mensch, geruhrt hatte. Ihre Augen waren wirklich s c h o n e Gestirne der L i e b e , wie es in der Arie heisst, und die Natur schien sie aus den reinsten und heissesten Sonnenstrahlen gebildet zu haben; ihre Blicke loderten von unwillkurlichem Feuer.
Auch sie war uberrascht von der Zusammenkunft;
und ehe sie noch fragte, was sein Begehren sey, dankte sie ihm mit abgebrochnen Worten fur das unaussprechliche Vergnugen, das er ihr als Achill gemacht habe.
Indessen kam ihr Bruder, der Banquier. P a s
s i o n e i sagte in wenig Worten sein Verlangen, welches sogleich erfullt werden konnte. Er schrieb dem Banquier den Namen Kapellmeister L o c k m a n n auf, zahlte ihm die funfhundert Zechinen vor, und blieb dann wieder mit der schonen Romerin allein, weil der Bruder wegging, ihm den Wechsel auszufertigen.
Sie erzahlte ihm geschwind ihr Familienverhaltniss. Vater und Mutter waren gestorben. Ihr Bruder sey das alteste Kind vom Hause; seine Frau lege so eben einen Besuch ab; und zwey altere Schwestern waren verheurathet: eine in Ancona, die andre in Neapel. Dabey war sie so gut, so freundlich, mit Einem Wort: in P a s s i o n e i verliebt.
H i l d e g a r d fuhlte hier zum erstenmal etwas von dem Uebernaturlichen der S a p p h o . Sie ward blass; ihr Herz schlug, dass sie Muhe hatte, es zu verbergen, und ein Seufzer nach dem andern drangte sich aus ihrer Brust hervor. Der Blick der himmlischen Unschuld flammte auf sie ach! wie eine zartliche Umarmung. Sie konnte sich nicht enthalten, als sie neben dem schonen Madchen am Fenster stand, dessen zarte Hand zu fassen, und an ihre Lippen zu drukken. Und das Madchen liess es lachelnd geschehen, als sie sich nur ein wenig geweigert hatte.
Der Bruder kam daruber wieder, und brachte den Wechsel, der auf die Gebruder B e t h m a n n in Frankfurt am Mayn gestellt war.
Jetzt fing auch er an, P a s s i o n e i 'n Lobspruche zu machen, und erzahlte dabey, dass E u g e n i a so hiess die Schwester ebenfalls sange, und seine Art und Manieren nachzuahmen gesucht hatte. Sie schlug bescheiden die Augen nieder, und sagte: "Warum musst Du meine Verwegenheit dem Unerreichbaren entdecken?"
Er erwiederte: "Vielleicht ist er so gefallig, Dir einige Augenblicke Unterricht zu geben. Von einem solchen Meister sind die mehr werth, als Monate und Jahre von andern." Nun fuhrte er P a s s i o n e i 'n und E u g e n i e n in das andre Zimmer, und langte eine Guitarre herunter.
E u g e n i a stimmte sie schuchtern, legte sie, reizend wie Erato selbst, an, that einige langsame Griffe, als ob sie nicht recht daran wollte, und sang dann plotzlich mit raschen Griffen, wie auf einmal begeistert, in quellreinen vollen Tonen, unter der allerfertigsten Begleitung der zarten Finger:
Se un core annodi,
Se un alma accendi,
Che non pretendi
Tiranno Amor!
Auf Tiranno legte sie einen Nachdruck, der H i l d e g a r d e n durch Mark und Bein drang, so dass sie wirklich vor Schrecken daruber zusammen fuhr. Zum Gluck fur sie sang E u g e n i a gleich weiter fort. Einen solchen Auftritt hatte sie in ihrem Leben noch nicht gehabt; es ward ihr dunkel vor den Augen. Sie stammelte nur dazwischen: "Gottlich!" und nie hatte sie das Wort so gefuhlt. Auf beyden Seiten war die tiefste Inbrunst der Natur fur hohe Schonheit.
P a s s i o n e i horte still zu, und ruhmte am Ende alles, was E u g e n i a vortreflich gesungen und gespielt hatte, nach Verdienst, besonders aber den Ausdruck voll der wahrsten Empfindung. "O," sagte E u g e n i a lachelnd und es war, als ob der Himmel sich aufthate : "gerade den Ausdruck, wenn Sie mir nicht schmeicheln, hab' ich von Ihnen."
P a s s i o n e i beneidete sie wegen ihrer Fertigkeit auf dem so lieblichen Instrument; und machte ihr dann auf ihr Bitten langsam einige von seinen Manieren vor, die sie in ihre Kehle zu bekommen wunschte. O, wie sie ihn dabey anblickte, seine Tone wiederhohlte, und beyde sie in einander schmelzten! Eine grossere Sussigkeit hat der Erdboden nie gehort.
Schade, dass sie darin gestort wurden! Jetzt kam die Frau vom Hause: auch eine schone Romerin, nur nicht von so edler und geistreicher Art, und stark in die Zwanzig; da E u g e n i a kaum sechzehn Jahre haben mochte.
Sie liess, als die kleine Gesellschaft eine Weile angenehme Gesprache gefuhrt hatte, ihre Kinder kommen: ein Madchen von sechs, und einen Buben von acht Jahren; beyde schon wie die Engel; der Bube seinem Vater ein wenig ahnlich, und das Tochterchen der Mutter.
Das Haus hatte eine Lage, die zu den zauberischesten in Rom gehorte. Eben schwebte das Kolisaum im sussen Abendlichte fern aus dem Grunen in die hohe Luft, wie ein Gemahlde voll Empfindung vergangner Zeiten; und durch die hohen Bogen sah man Feld und Himmel. Rechter Hand leuchtete die Villa Casali, wie ein Lustsitz der Liebe hervor; und weiter hin Castel Gandolfo, Rocca di Papa und Frascati. Das schone Gebirge wolbte sich majestatisch herum gen Tivoli, und der hohe Sorakte machte einen prachtigen Beschluss.
Rom lag vor der Hohe in den stolzen Formen seiner Gebaude, und den ruhrenden Ruinen mit Grun uberzogen, woraus hier und da Pinien und Zypressen sprossten und ihr Haupt erhoben.
P a s s i o n e i war uber eine Stunde da gewesen, als er sich empfahl; und musste versprechen, seinen Besuch bald und oft zu wiederhohlen.
Die Ohren brausten H i l d e g a r d e n im Wagen, als sie alles wieder durchempfand. "Wie mancher Einheimische und Fremde wird nach einem solchen Blicke schmachten! ... O, ich mag es nicht ausdenken!" So verstummte sie in sich.
Diesen Abend spielte sie ihre Rolle zum erstenmal sehr zerstreut; doch brachte die Gewalt der Musik im dritten Akt sie wieder zu sich. Am besten machte sie die Scenen von J o m e l l i , worin Sophonisbe von ihren Kindern Abschied nimmt, und deren Schonheit heute auch erst bemerkt wurde.
Den nachsten Morgen schrieb sie folgenden Brief:
"Mein lieber Lockmann,
ich habe mit der Herzogin D**** eine Reise nach Italien gemacht, und wir befinden uns jetzt in Rom. Sie erhalten hierbey zur Belohnung einen Wechsel von funfhundert Ducaten, den sie sogleich heben konnen. Sie hatten funftausend verdient. Wofur? das kann ich der Post nicht anvertrauen. Ich werde Ihnen Wunderdinge erzahlen, wenn ich wieder bey Ihnen bin."
"So bald das Karneval vorbey ist, reisen wir nach Neapel. Melden Sie mir dorthin den Empfang unter der Adresse der Herzogin bey dem G*** H***. Im May segeln wir nach Sizilien und Malta, und kommen durch Kalabrien zuruck nach Neapel. Von da geht es den Sommer im Fluge nach Wien, und wir begleiten meine Mutter an den Rheinstrom. Leben Sie wohl.
H i l d e g a r d ."
Sie uberlas Wechsel und Brief noch einmal; legte beydes wohl zusammen, verklebte das Couvert mit Oblate, siegelte zu, und schrieb die Adresse. Den Nachmittag gab sie den Brief ihrer F a n n y , dass diese ihn Abends richtig bestellen sollte.
Sie ging und fuhr nun oft aus, um die unendlichen
Schatze Roms, die Pracht und Herrlichkeit, die Schonheit der Tempel, Pallaste und Brunnen, und die Majestat der Ruinen zu sehen. Die Oper ging, mit unaufhorlichem und immer neuem Beyfall, ihren Gang fort. H i l d e g a r d e n war die Sophonisbe ohne Vergleich leichter zu spielen, als der Achill, und alle Gefahr schien glucklich uberstanden.
Die Leidenschaft des jungen Lords schlummerte in
zwischen nicht; doch ging er behutsam zu Werke, weil die Erscheinung zu ausserordentlich war.
Er hatte gleich zu Anfang einen Besuch bey der
Herzogin gemacht, mit der er zu London immer nur in grossen Gesellschaften gewesen war. Bey diesem Besuche wurde auch von P a s s i o n e i gesprochen. Die Herzogin bewunderte und pries sein Talent, seine Figur, that aber, als ob sie ihn nicht naher kennte.
Erst bey der Vorstellung der Sophonisbe gelang es
dem Lord, von dem Unternehmer selbst das Gegentheil heraus zu locken. Er erfuhr nun auch, dass beyde Frauenzimmer fast taglich zusammen kamen, und dass man in ihrem Hause glaubte, die Herzogin richte sich nach der Sitte der Romischen Damen, und P a s s i o n e i sey ihr Cicisbeo. Begieriger, hinter die Wahrheit zu kommen, ist wohl noch kein Mensch gewesen, als der Lord. Er und die Herzogin, beydes geistreiche Personen von hoher Kultur, gewannen bald Hochachtung fur einander, die bis zur Traulichkeit ging. In der Folge besuchte er sie ofter; doch traf er nie P a s s i o n e i ' n bey ihr, der, so lange der Achill auf dem Theater war, nur nach den Vorstellungen um Mitternacht zu ihr kam. Wenn von ihm gesprochen wurde, hielt er aus Absichten seinen Verdacht immer zuruck.
Als er die nahere Bekanntschaft zwischen beyden erfahren hatte, suchte er die Herzogin gleich den folgenden Morgen daruber auszuforschen. Diese gestand ihm lachelnd ein, sie ware in Turin bey P u g n a n i mit P a s s i o n e i bekannt geworden, hatt' es aber rathsam, gefunden, hier zu Land' ein Geheimniss daraus zu machen, dass er durch ihre Vermittelung Rom bezaubere. Der Unternehmer, sagte sie, ware ein Plaudermaul. Uebrigens blieb es beym Alten.
Der Lord sah sie mit besonderm Blick an, und drohte ihr mit dem Zeigefinger.
Sie konnte ihm nur darauf sagen: "Geduld, Lord, und Verschwiegenheit! Sie sollen bald Alles erfahren, und von Herzen daruber lachen;" denn eben trat ihr Gemal mit einem Kardinal in das Zimmer, und unterbrach sie.
An den nachstfolgenden Tagen fand der Lord die Herzogin immer in Gesellschaft. Er liess nun auflauern, um irgendwo P a s s i o n e i ' n allein zu haben. Zwey Besuche von ihm wurden nicht angenommen; auf das Theater ging er nicht, weil zu viel Personen hinauf kamen, das Getummel zu gross war, und er kein Aufsehen machen wollte. An einem heitern Nachmittage meldete ihm endlich sein Kammerdiener: P a s s i o n e i sey mit der Herzogin und einem Romischen Antiquar uber die Engelsbrucke, nach der Peterskirche oder dem Vatikan, gefahren. Der Miethwagen des Lords stand immer bereit, und er fuhr in der besten Laune gleich nach.
Als er auf den Petersplatz kam, sah er den Wagen der Herzogin an dem Eingange der Kirche halten. Er stieg aus, und ging hinein. Es war sonst niemand darin als ein Kuster, der an dem Pfeiler der linken Seite wo der Eingang zu der Treppe ist, auf welcher man zum Dache steigt die Thur hinter sich zumachen wollte. Der Lord fragte ihn, ob er nicht eine Dame mit zwey Herren gesehen hatte. Der Kuster antwortete: sie waren so eben hinauf gegangen, um die Einrichtung des Dachwerks und das Gewolbe der Kuppel von aussen zu betrachten. Der Lord bat um Erlaubniss, die Gelegenheit zu benutzen; und sie wurde ihm sogleich bewilligt.
Er eilte voran, und fand oben P a s s i o n e i ' n in seinem Venezianischen Mantel ruckwarts nach dem Platze zu stehen; indess die Herzogin mit ihrem Begleiter in einem Gesprache war, und langsam nach der Kuppel wandelte.
P a s s i o n e i drehte sich um; und ein freudiges "Ha!" der Verwunderung flog dem Lord von ihren lachelnden Lippen entgegen. Nun erfolgte eine Pause, die mehr sagte, als die lieblichsten Worte der Beredsamkeit. Beyder Blicke weideten sich an einander in hoher Schonheit; nur die ihrigen schuchtern und furchtsam, die seinigen mit kuhner Begierde. Er ging zuerst auf sie zu, und fasste sie schon vertraut bey der zarten Madchenhand. Beynahe hatte sie in der Zerstreuung ihm erlaubt, ihr die Hand zu kussen: doch besann sie sich noch, dass sie P a s s i o n e i war; und entzog die Hand seinem warmen Druck.
Der Lord sagte ihr in Englischer Sprache: "Unverhoftes Gluck, dass ich den Sanger, der einzig in seiner Art ist, und mich so oft mehr als irgend etwas in der Welt entzuckt hat, endlich einmal bey der Hand fassen, und ihm meine hochste Bewunderung bezeugen kann!"
Die Herzogin hatte ihr den Lord schon genug geschildert, und beyde einander so oft betrachtet, dass sie ihm in derselben Sprache erwiederte: "Mir sank der Muth, Lord, so bald ich etwas von Ihnen wusste; und ich schamte mich meiner Verwegenheit, den grossten aller Helden, auch nur als verliebten Jungling in Frauenzimmerkleidung, darzustellen. Wie weit muss in Ihren Augen der sanfte zierliche M e t a s t a s i o hinter Ihrem H o m e r zuruckgeblieben, und wie leichtsinnig ich Ihnen vorgekommen seyn! Zu seinem und meinem Gluck sind die heutigen Romer so zahm geworden, dass Ihnen solche heroische wilde Gefuhle ganz fremd sind."
Sie sagte diess in der besten Londoner Aussprache, mit einem solchen Feuer, und so schnell, dass der Lord erstaunte, und augenblicklich wieder anfing, uber ihr Geschlecht zu zweifeln.
Unterdessen hatte der Kuster die Herzogin eingehohlt. Sie wendete sich um, und erblickte den Lord bey H i l d e g a r d e n , eben als er sie fragte: "Wie lange sind Sie in England gewesen? So leicht und vortreflich hat unsre Sprache noch kein Italianer gesprochen."
Die Herzogin rief und winkte beyde herbey, weil sie ganz richtig dachte, das wurde eine Geschichte geben.
Der Lord zogerte; H i l d e g a r d aber eilte zu ihr hin, und antwortete nur, ganz als Italianer: "Ich kam in fruher Jugend, wo die Organe noch geschmeidig sind, nach London; und der gewaltige Trieb, die Sprache der ersten Nazion auf der Erde zu sprechen, machte, dass ich die meinige fast vergass."
Die Herzogin kam ihnen auf halbem Weg entgegen. "Verzeihen Sie, Herzogin," stammelte der Lord verwirrt: "das glucklichste Ungefahr " Die Wangen gluhten, die Augen flammten ihm.
"Es freut mich, erwiederte die Herzogin, dass wir uns endlich alle Drey zusammen finden, was so oft mein Wunsch gewesen ist."
Der Antiquar fuhr in seiner Erklarung fort, und wiederhohlte, wie kostbar, schon und zweckmassig das Dachwerk des ungeheuren Wundergebaudes sey; und welche Papste, welche Architekten im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert sich dadurch verewigt hatten. Dann erzahlte er, wie die Pfeiler der Kuppel gesunken, ein Riss in dieser entstanden, und der starke eiserne Reif darum befestigt worden ware.
Der Kuster fuhr fort, und beschrieb den Knopf der Kuppel. Vier bis funf Personen, sagte er, konnten geraumig darin stehen, so klein er auch unten auf dem Platze aussahe; und alle Englische Damen, die hieher kamen, stiegen hinein.
"Die Verhaltnisse," sagte der Antiquar, "sind bey jedem Theil auf ein Haar berechnet; und diess macht, dass das Ungeheure nirgends hervorspringt und auffallt, so bald man einigermaassen das Ganze ubersieht."
Dabey kam die Gesellschaft in das Gelander oben auf der Kuppel, und genoss der schonsten Aussicht uber Rom hin in die weite herrliche Gegend, und bis an das Seegestade. Von Griechenland her wehete heiter ein gelinder Ostwind.
Jetzt drangte die Herzogin den Lord nach der andern Seite voran, um ein Wort mit ihm allein zu sprechen, und zu horen, was er von P a s s i o n e i denke. H i l d e g a r d e n wandelte, indess der Antiquar anfing, ihn zu unterhalten, die Lust an, auf die Leiter zu steigen, die nach dem Knopfe fuhrt; und in Gedanken schritt sie eine Sprosse nach der andern weiter, bis sie endlich an die schmale Oefnung kam.
Der Lord wollte sich noch nicht uber P a s
s i o n e i auslassen, und langte das Gelander herum gerade unten bey dem Thurchen an, dem Eingang zur Leiter, als H i l d e g a r d den Kopf eben in den hohlen Raum steckte, und sich nun empor hob, und mit den Fussen hinein schritt.
Er versaumte die Gelegenheit nicht, und stieg
schnell hinter drein. H i l d e g a r d wollte, als sie kaum einige Namen gelesen hatte, wieder zuruck; aber jetzt war er schon mit halbem Leibe hinter ihrem Rucken.
Sie erschrak, als sie bey einer plotzlichen Wendung
ihn erblickte; doch konnte sie ihn jetzt nicht wohl mehr aufhalten. Zwar sagte sie, hastig bittend: er mochte sie erst hinunter lassen; aber in dem Augenblick stand er schon vor ihr. Ihr Mantel, in welchen sie sich fest wickelte, flog mit einem Riss aus einander; und so waren ihre Arme, ihre Weste und Halskrause dem Gierigen ein schwacher Widerstand. Er fasste entzuckt die lieblich warmen herblich zarten schonsten Formen des Gefuhls, die er bald von aller Hulle freygemacht hatte.
Sie schrie und rief, und suchte sich los zu winden; ihr war, als ob der Satan sie in Handen habe, aber Satan der Engel des Lichts.
"Wundergeschopf! Wir mussen Eins werden; so wollen es Natur und Schicksal!" Diess flog unter Kuss auf Kuss voll Zartlichkeit aus seinen Lippen.
Die Herzogin war schon an der Oefnung, H i l d e g a r d e n zu Hulfe zu kommen, und rief dem Lord zu: er sollte sich massigen; aber er liess sich nicht storen, und flisterte: "Besanftige Dich! sey gut und hold! Mein Herz und Geist, alle meine Sinne, mein Leben hangt an Dir; ich bete Dich an. Dein Geschlecht war mir den ersten Augenblick, als ich Dich sah, nicht verborgen."
H i l d e g a r d weinte vor Scham und Zorn. "Sie sehen mich fur etwas anders an, als ich bin. Lassen Sie mich! Ich beschwore Sie bey Ihrer edlen Denkungsart."
Die Herzogin hatte ihn einigemal so derb in die Waden gekneipt, dass er endlich nachgab. H i l d e g a r d schlug sogleich den Mantel wieder um sich, und stieg dann mit der Herzogin zuerst hinunter.
Antiquar und Kuster waren gleich anfangs wieder auf das Gelander gegangen; sie verstanden nichts vom Englischen, glaubten, da die Sprache der Fremden so gedampft war, sie trieben Scherz, und redeten der Herzogin zu, ebenfalls hinauf zu steigen.
H i l d e g a r d eilte nun mit dieser die Kuppel hinunter. Die Herzogin verabredete mit ihr in aller Geschwindigkeit, sie fur P a s s i o n e i ' s Tochter auszugeben; und ubrigens sollte alles beym Alten bleiben.
Der Lord kam ihnen schnell nach. Sie fassten sich in Gegenwart des Antiquars und des Kusters, wie Leute von Welt. Die letztern beschrieben noch, wie prachtig die architektonische Erleuchtung des Tempels und der Kuppel am Petersfeste ware. Die Fremden mochten aber nicht langer bleiben, gingen wieder hinunter, und trennten sich unten auf dem Platze: H i l d e g a r d mit zornigem und verschamtem Blick; der Lord mit Augen, worin die Freude uber seine Entdeckung funkelte.
Die Herzogin sagte nachher zu H i l d e g a r d e n : sie stande fur seine Verschwiegenheit. Auch dieser selbst war desswegen nicht sehr bange; nur furchtete sie sich vor seinen Verfolgungen.
Der Lord verlangte unterwegs sehnlich, ihre wahre Geschichte zu wissen. "Wer mag sie seyn? Eine Romerin? und so vertraut mit der Herzogin! So schon, so reizend, so bluhend, so vortreflich: und doch so unbekannt! so fertig in unsrer Sprache! Wie entstand' in London und in ganz England eine solche Sangerin? Ihr Ruhm ginge ja durch Europa, und erschallte in beyden Indien. Ein unerklarliches Rathsel! ... Aber mein muss sie werden, fur alles was ich habe!"
Er nahm sich fest vor, auf jeden Fall ihr jahrlich zwey-, drey-, viertausend Guineen bey seinen reichen Einkunften gar nicht zu viel auf Lebenslang auszusetzen; und mit der Zauberin zu reisen, wohin sie nur wollte.
H i l d e g a r d spielte diesen Abend, gegen alles Erwarten der D****, die Sophonisbe vortreflicher als je, weil sie ganz zur bangen Leidenschaft gestimmt war. Der Lord befand sich in der Loge der Herzogin, erfuhr aber von dieser nichts anders, als das Verabredete. Die reinsten Seelenaccente, alles, was Kunst und Empfindung vermag, durchblitzten und durchflammten sein Wesen.
Am Ende gab er der Herzogin in feinen Ausdrukken seinen Entschluss zu verstehen; diese benahm ihm aber im Ton der ungeheucheltsten Wahrheit alle Hoffnung, auf solche Weise je zu seinem Zwecke zu gelangen. Die P a s s i o n e i , sagte sie, ware ein Muster der strengsten Tugend.
"Wie kommt sie aber auf dieses Theater? und auf welchen andern ist sie schon gewesen?"
"Noch nie auf einem!"
"Nie auf einem Theater?"
"Nie, auf einem offentlichen. Ich allein verleitete sie muthwillig zu diesem Schritte; gegen ihren Willen, obgleich nicht gegen ihre Neigung. Ihr Vater war, als ich sie an einem Deutschen Hofe kennen lernte, vor Kurzem gestorben. Ich nahm sie mit mir, dass sie in Italien die grossen Schulen der Musik kennen lernen mochte."
Dann wiederhohlte die Herzogin voll Enthusiasmus, mit weit mehr Beredtsamkeit, einen Theil von dem, was sie H i l d e g a r d e n in Parma gesagt hatte. Ihre Erzahlung war durch die Thatsachen und den Erfolg so wahrscheinlich, dass der junge Lord glaubte und erstaunte.
Er bat um Erlaubniss, sie nach Hause begleiten zu durfen.
Sie fanden ihren Gemal in Gesellschaft mit zwey Kunstlern, einem Italianer und einem Deutschen, denen er einige ihrer besten Gemahlde abgekauft hatte. Als sie sich zur Tafel setzen wollten, fand zu allgemeiner Freude auch H i l d e g a r d sich ein, und bekam ihren Platz zwischen dem Lord und der Herzogin.
Man sprach bald uber die Erziehung und Bildung der Kunstler in Rom, uber die Urtheile des Publikums, und uber die immer entscheidenden Stimmen.
Die beyden Meister beklagten sich bitter uber Ranke und Kabalen; und erzahlten drollichte Anekdoten.
Dann sprach man uber die vorzuglichsten lebenden Kunstler, und die Hauptwerke, durch welche sie ihren Ruhm erlangt hatten; und verglich sie mit denen im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert, und mit den Antiken. Die Laien sagten frey und edel ihre Meinung.
H i l d e g a r d machte mit reizender Bescheidenheit uber das, was sie gesehen hatte, die feinsten und richtigsten Bemerkungen, worin lebendige Empfindung und geubter Verstand entzuckend schon vereinigt waren. Die Kunstler horten dem unvergleichlichen Sanger, von dem sie so etwas nicht erwarteten, mit Vergnugen zu; und dem Lord schwoll die Brust noch hoher von Leidenschaft.
Auch er sprach dann mit der Suada der Liebe von dem gegenwartigen Griechenland, von Kleinasien, und seinen Reisen durch beyde Lander; er ruhmte C h o i s e u l s Eifer, und glanzte mit dem gebildetsten Geschmack, wie mit den grundlichsten Kenntnissen.
Die Zeit schwand mit Schnelligkeit dahin. H i l d e g a r d vergass beynahe, dass sie P a s s i o n e i war, und hing mit lauschendem Blick an den zarten holden beredten Lippen, deren kuhnen wilden Feuerkuss sie noch fuhlte.
Die Gesellschaft trennte sich erst spat nach Mitternacht, und nur ungern.
Den folgenden Morgen gegen Mittag wollte der
Lord H i l d e g a r d e n einen Besuch machen; aber er ward nicht angenommen.
Den Nachmittag gab H i l d e g a r d - P a s
s i o n e i E u g e n i e n , in Beyseyn der Schwagerin, gefallig eine halbe Stunde Unterricht.
Im Schauspiel erschien er mit neuen Reizen; und
um Mitternacht ass er bey der Herzogin in derselben Gesellschaft, wie gestern.
Den andern Nachmittag sahen beyde die Villa Bor
ghese mit einander, den folgenden die Villa Ludovisi; und so verstrich die Zeit des Karnevals.
Bey der letzten Vorstellung, deren Ertrag H i l d e
g a r d e n gehorte, und wobey die Romer ihre Erkenntlichkeit zeigten, ubertraf sie sich selbst, und jede Beschreibung, so, dass Alles vor jubelndem Enthusiasmus brannte. Sie bestimmte die Einnahme ganz zu Preisen fur junge Kunstler. Man erstaunte uber das unerhorte Beyspiel; aber noch immer blieb sie der S a n g e r P a s s i o n e i , und man schopfte nicht den geringsten Verdacht.
Der junge Lord hatte, wenn er, abgesondert von
den Andern, auf Spaziergangen in den Villen der Stadt sich gluckliche Momente mit ihr allein befand, alles nur Mogliche versucht; aber die leidenschaftlichste Beredsamkeit, die vortheilhaftesten Anerbietungen, Schmeicheleyen, Bitten, nichts brachte ihn weiter. In der Verzweiflung entschloss er sich endlich zu dem einzigen noch ubrigen Mittel: sie zu heurathen; und machte ihr, als er in der Villa Pamfili wieder mit ihr allein war, formlich den Antrag.
Sie konnte daruber, dass er sich ihr so ganz hingeben wollte, die lauterste Zartlichkeit nicht verbergen; die gefuhlteste Hochachtung hatte sie ihm schon oft bezeigt. Mit einem Blick, in welchem ihre schone Seele strahlte, sagte sie ihm: er mochte sich nicht von einer vorubergehenden Leidenschaft tauschen lassen; Gesetz und Gewohnheit habe mit der Ehe gar strenge Fesseln vereinigt, und nicht selten folge nach einem kurzen Zeitraum die bitterste Reue. Er kenne sie noch zu wenig, um sein kunftiges Leben an sie zu wagen. Noch setzte sie muthwillig hinzu: Verstellung sey den Schauspielerinnen eigen. Auf Reisen in andren Gegenden, unter andren Menschen, wurde der fluchtige Eindruck, den sie bey den Zaubereyen der Musik auf seine Sinne gemacht hatte, leicht verschwinden.
Er antwortete schnell und voll Feuer: "Ich reise in Gedanken noch immer herum durch die beruhmtesten Gegenden; aber ich kenne nichts Gottlicheres fur mich, als Sie. Diess geht durchs Innerste, und wird so seyn, so lange ich athme."
Er druckte sie dabey fest an sein Herz, und ihre Seelen ergossen sich durch Blick und Kuss in einander.
Sie bat nur um Frist, bis sie einige Zeit zu Neapel sich ... Er liess sie nicht weiter reden; doch musste er endlich ihrem Willen nachgeben.
Selige Statte der hohen Pinien zwischen bluhenden Mandelbaumen und knospenden Pfirsichen und Aprikosen! Die Abendsonne bestrahlte sie mit ihrer Rosengluth aus dem Gewolk hervor, und ging in den heitersten Luften unter.
Sie warteten nur die Feyerlichkeit beym Schlusse des Karnevals ab. H i l d e g a r d nahm an diesem Tage, Morgens, von E u g e n i e n zartlich Abschied. In einem Momente, wo sie mit ihrer Freundin allein war, hatte sie sich ihr fast entdeckt. Indess sagte sie ihr nur: sie musse nach Neapel reisen, segle von da nach Sizilien, und hoffe zu Ausgang des Mayes wieder dort, und bald nachher in Rom einzutreffen. Dann habe sie ihr ein Geheimniss zu erofnen, woruber sie sich verwundern werde. Ein schmachtender Kuss versiegelte ihren Freundschaftsbund auf Zeit Lebens; und Zahren rollten beyden im Gefuhl himmlischer Schonheit aus den Augen.
Als H i l d e g a r d nach Hause kam, warteten die Unternehmer schon auf sie, ihr den Rest des Geldes auszuzahlen. Sie gab, gegen alle Gewohnheit, ihnen, den Sangern, den Tanzern und dem Orchester, Mittags einen prachtigen Schmaus, dass Alle taumelnd durch die Strassen zogen. Dann entliess sie ihren Italianischen Bedienten, und fuhr, nun wieder in Frauenzimmerkleidern, was man fur einen Fastnachtsscherz hielt mit der Herzogin und den beyden Englandern im Corso auf und ab.
Nach Mitternacht stieg die ganze Gesellschaft von einer uppigen Tafel in ihre Reisewagen. Es ging zum Johannisthore hinaus, dass von den Hufen der Pferde die Funken flogen; und man lachte den Weg fort uber das glucklich bestandne grosse Abentheuer.
In Velletri war schon eine Mittagsmahlzeit fur sie bestellt. Sie kamen bey guter Zeit dort an, und machten erst einen Spaziergang. H i l d e g a r d zeigte sich jetzt, da sie ihrer Rolle und aller Sorgen entledigt war, wieder in ihren naturlichen Reizen, und bezauberte, fesselte den Lord immer mehr durch neue Schonheiten des Korpers und des Geistes.
Sie assen unter Scherz und Muthwillen, und schliefen dann ein paar Stunden: H i l d e g a r d von nun an immer mit der Herzogin in demselben Zimmer.
Dann ging es im Fluge, doch fur das brennende Verlangen des Verliebten noch immer zu langsam, mit steigender Lust fort durch die glucklichen Gefilde von Kampanien, bis sie die konigliche Heerstrasse hinter Kapua erreichten.
Wie im Triumph zog der Lord an einem heitern Morgen mit H i l d e g a r d e n in dem Menschengewimmel der Strada di Toledo auf. "O, welch ein schones Paar!" horten sie uberall bis zum Albergo reale.
Schon gegen Abend kam der Ungeduldige mit einem Notar, der den Ehekontrakt ausfertigen sollte. H i l d e g a r d weigerte sich, und zurnte uber die Eilfertigkeit; die Herzogin aber redete ihr zu, gab ihr einen geheimen Wink, und liess, doch gegen H i l d e g a r d s Willen, schreiben. Als ihr Name kommen sollte, diktirte sie, anstatt C a c i l i a P a s s i o n e i , zu des Lords Erstaunen: H i l d e g a r d v o n H o h e n t h a l . Die Herzogin schob das Papier lachend weg, und schickte mit Freundlichkeit den Notar fort, welcher sehr naturlich glaubte, dass man ihn zum Besten hatte. Und nun erfolgte zu des Lords unaussprechlicher Lust die wahre Entdeckung und Erkennung. Er hatte in London den Gesandten v o n H o h e n t h a l und dessen Gemalin ofters in Gesellschaft gesehn, auch H i l d e g a r d e n selbst einigemal, jedoch fast noch als Kind. Die Ferne der Zeit schwand, und er lag, glucklich wie ein Gott, zu ihren Fussen.
"Ach, dass der edle vortrefliche Mann nicht mehr lebt!" Bey diesen Worten bewolkten Thranen seinen Blick, und H i l d e g a r d seufzte tief.
Sie erklarte ihm nun mit Festigkeit, dass die Vermahlung nicht eher vor sich gehen konne, als bis sie die Einwilligung ihrer geliebten verehrten Mutter und ihres theuern Bruders erhalten habe.
"O Himmel!" rief er aus, wie ein lechzender Wandrer, der noch eine lange Strecke zum Felsenquell hinanklimmen muss. Er und die beyden Damen setzten sich in ihren Zimmern nieder, und schrieben, was ihnen Herz und Verstand eingab. Noch in derselben Nacht ward sein Kammerdiener als Kurier nach Wien abgeschickt.
H i l d e g a r d hatte schon vor drey Wochen in Rom durch die Frau v o n L u p f e n einen Brief von ihrer Mutter erhalten, worin diese ihr sagte: der Prinz ware, bald nachher, als er von ihr erfahren hatte, dass sie mit der Herzogin eine Reise durch die Provence mache, mit seiner Gemahlin nach Prag abgegangen; sie bitte und beschwore sie nun bey ihrer Pflicht und kindlichen Liebe, so bald wie moglich zu ihr zuruckzukehren.
H i l d e g a r d s Antwort auf diesen Brief verspatete sich, weil die wichtigen Begebenheiten sie zuruckhielten; jetzt ward sie aber ein reiner Ausguss des zartlichsten Herzens. Doch verschwieg H i l d e g a r d das grosse Abentheuer in Rom, uber welches sie jetzt, da die genialische Leidenschaft ihr Ziel erreicht hatte, selbst erschrak, obgleich ihre Meinung uber die Wurde des Theaterlebens immer dieselbe blieb. Sie schilderte kurz, aber stark und treffend, die Schonheiten von Italien, sowohl der Natur als der Kunst; ging dann uber zu der Bekanntschaft mit dem jungen Lord, dessen Namen die Mutter wohl kennen musse; und beschrieb mit Grazie seine Person, seinen Charakter, sein Herz und seinen Geist. Noch setzte sie hinzu: ihre Hochachtung konne sie ihm nicht versagen; auch ihre Liebe nicht, wenn die gutigste Mutter und der Bruder in sein Verlangen willigten. Noch habe kein Sterblicher einen so tiefen Eindruck auf sie gemacht; mit keinem andern hoffe sie ihre ubrige Lebenszeit so glucklich zuzubringen; ihre Neigungen stimmten durchaus schon und ruhrend zusammen.
Der Brief des Lords war voll Feuer und mannlich: zwar nur wenige Zuge von H i l d e g a r d e n , aber meisterhaft, Tizianisch. Er bat in den zartlichsten Ausdrucken um ihren Besitz; und ausserte sehnliches Verlangen, die Mutter, welche ihre schone Tochter zur Lust und Bewunderung aller Edeln erzogen und gebildet habe, und eben so den theuern Bruder, wieder zu sehen und zu umarmen.
Die Herzogin sagte in ihrem Briefe: sie wusste keine bessere Partie fur ihre Freundin; H i l d e g a r d ware des Lords werth, so wie der Lord ihrer; die schonsten und reichsten Tochter der besten Hauser in London wurden sie beneiden.
Dem Kammerdiener brauchte fur Eilfertigkeit keine Belohnung versprochen zu werden, da er die Freigebigkeit seines Herrn hinlanglich kannte.
H i l d e g a r d und der Lord machten bald Bekanntschaft mit den vorzuglichsten Menschen in Neapel, die dem unvergleichlichen Paare alle huldigten; auch mit den beruhmtesten Tonkunstlern, die anfangs nur wenig von H i l d e g a r d s Talent zu horen bekamen, von denen sie aber auch schon dafur Bewunderung erhielt.
Damit nicht gleich verrathen wurde, wie sie die Romer zum Besten gehabt hatte, so wurden oftere Spazierreisen in die schone Gegend angestellt; und sie genoss den Unterricht der Liebe uber dieses merkwurdige Stuck Welt. Auch fasste sie alles sehr leicht, und lockte die tiefsten Kenntnisse aus dem Lord hervor, so dass er zuerst den sussesten Genuss von ihnen hatte. Die Aussichten, die er pries, zeichnete sie mit mehr Fleiss und Treue, als gewohnlich; und entzuckte ihn auch durch dieses neue Talent.
Sie waren kaum eine Woche in Neapel gewesen, so erhielt sie schon Antwort von ihrem L o c k m a n n . Die Unschuld errothete bey den Zugen seiner Hand, und freute sich, dass ihr der Brief nicht in Beyseyn ihres Geliebten gebracht war. L o c k m a n n hatte den Wechsel richtig empfangen, und gehoben; auch wusste er, wofur. Er schrieb Hildegarden: "die Arie Begli astri d'amore, ware ihm, klein geschrieben, von seinem Kopisten in Rom auf der Briefpost zugeschickt und dabey gemeldet worden, dass Allen vor Entzucken uber einen neuen Sanger, Namens P a s s i o n e i , verwaisten Sohn des Komponisten, die Kopfe brennten. Zu seinem allerhochsten Vergnugen und Erstaunen sehe er, dass dieser P a s s i o n e i Niemand anders seyn konne, als sie selbst. Er hatte geglaubt, sie befinde sich in Wien; und ware im Begriff gewesen, eben dahin zu reisen."
Der Brief schloss sich mit einem Dithyramb dar
uber, dass sie ihren Beruf vom Himmel erkenne. Noch setzte L o c k m a n n hinzu: sein Hof solle keine Sylbe davon erfahren, bis sie es selbst fur gut finde.
H i l d e g a r d erblasste beym Lesen, weil sie die
Folgen ihres Abentheuers im Geiste voraussah.
Die Herzogin ward betroffen uber den Eindruck.
H i l d e g a r d gab ihr den Brief, der mit Besonnenheit geschrieben war und nichts Verfangliches enthielt; und entdeckte ihr nachher, dass der junge feurige Mann eine ungluckliche Leidenschaft fur sie gefasst habe. Die Herzogin sprach ihr Muth zu, und lachte, dass der Brief nichts Schlimmeres enthielte. Dergleichen Anfechtungen, sagte sie, waren die Glorie ihres Geschlechts. Das wurde sich schon vermitteln lassen.
H i l d e g a r d selbst lachte und scherzte nun; doch
war das nur Verstellung, damit ihre Freundin keinen Argwohn schopfen sollte. Diese dachte indess vor sich: mit dem jungen schonen Kapellmeister mocht' es wohl nicht ganz richtig seyn, wenn auch in der Hauptsache nichts geschehen ware: denn sonst hatte sie, bey ihrer Klugheit und Feinheit, gewiss andre Maassregeln genommen.
H i l d e g a r d betrug sich gross bey ihrem Geliebten; sie zeigte ihm den Brief, und sagte ihm dabey noch, dass sie mit den andern dreyhundert Zechinen die Treue, Verschwiegenheit und guten Dienste ihrer F a n n y belohnt hatte. Dann schilderte sie ihm L o c k m a n n e n nach dem Leben, verschwieg aber doch behutsam dessen Leidenschaft.
Bald schlug H i l d e g a r d eine Reise nach Pestum vor, um sich zu zerstreuen. Sie ward sogleich gemacht, konnte aber den Kapellmeister nicht aus ihren Gedanken bringen.
Den Tag nach der Ruckkehr von dort traf der Kammerdiener wieder ein, und brachte den Segen der Mutter und des Bruders. Die erstere erinnerte sich des jungen schonen vielversprechenden Mannes noch sehr wohl; und wunschte nur, dass die Vermahlung in Wien vollzogen werden mochte.
Der bis zur hochsten Inbrunst verliebte Lord konnte so lange nicht warten, und besturmte H i l d e g a r d e n mit den zartlichsten Bitten. Schon den andern Morgen wurden sie von einem Englischen Geistlichen getrauet; wobey H***, ein alter Freund von dem Vater des Brautigams, und L**, nebst andern Englandern und Deutschen zugegen waren, die alle nie ein reizenderes Paar gesehen hatten.
Der edle Jungling war kein Sterblicher mehr, nur entzucktes ewiges Leben, als sie nun ganz die Seine ward, und er bezaubert die Blume der Schonheit in himmelreiner Knospe lieblich umschattet fand. Diese letzte Entdeckung war die kostlichste Zierde, der wahre Schmuck jeder andern. Er hatte kaum sie zu hoffen gewagt; und schwelgte nun mit wuthender Gierde.
Auch sie genoss, von den neuen brennend-sussen gewaltigen Gefuhlen durchsturmt, die volle Wonne der Keuschheit. Im Taumel der Lust stiegen sie immer hoher und hoher; die Welt schwand vor ihnen, und man konnte sie lange Zeit wenig mehr sehen und sprechen. Sie schweiften allein zu Baja umher, oder am Vesuv, ihrem, jetzt nur ruhigen, Ebenbilde. Noch ofter fuhren sie in einer niedlichen Art von Gondel, am Pausilipp vorbey, wo schon alles grunte und bluhte, nach den schonen Inseln.
Die Herzogin fing an daruber eifersuchtig zu werden, und sagte ihr im Scherz: sie sey fast nur ihre e h e m a l i g e Freundin. H i l d e g a r d erstickte ihre Vorwurfe errothend und lachelnd mit Kussen; und das gluckliche Paar wurde nach und nach wieder gesellig. Hierzu trug ein andrer Umstand nicht wenig bey.
Der alte R e i n h o l d hatte seinen lieben L o c k m a n n inzwischen an Kindesstatt angenommen, und ihn, mit Ausnahme einiger wenigen Vermachtnisse, zum Universalerben eingesetzt. L o c k m a n n konnte sich nun leicht unabhangig machen; und erpresste dadurch von seinem Fursten, dem er sagte, dass er eine besondre Art von Heimweh, das I t a l i e n - W e h , hatte, die Erlaubniss einige Monate zu reisen. Seinem trauten verschwiegnen Vater entdeckte er jedoch das ganze Geheimniss.
Er reiste Tag und Nacht in Trab und in Galopp; so kam er denn bald in Rom an. Hier hielt er sich nur zwey Tage auf, und horte, wie berauscht, welche Verwustung H i l d e g a r d als Achill angerichtet hatte. Aus Zeichnungen und Gemahlden sah er nun augenscheinlich, dass P a s s i o n e i niemand anders gewesen sey, als sie. Ihre Kuhnheit freute ihn, und er lachte uber die doppelte Verkleidung: das reizendere Schauspiel in dem Schauspiel.
Gleich bey seiner Ankunft liess er sich einen Wechsel auszahlen, der von den vortreflichen Gebrudern B e t h m a n n gerade wieder zuruck auf E u g e n i e n s Bruder gestellt war; und sagte diesem, welche Geldsorten er zu bekommen wunschte, da er ubermorgen nach Neapel reisen wollte.
O gewiss, eine sonderbare Fugung das ist kein Aberglaube! sticht auch im menschlichen Leben, wie in der Natur uberhaupt, die Dinge zu einem bessern und schonern Ganzen, als unsre Klugheit je anzuordnen vermochte.
Auch E u g e n i e n s Bruder war eben im Begriff, nach Neapel zu reisen, um dort mit seiner Schwester und seinem Schwager, wie in Ancona, Familienangelegenheiten in Richtigkeit zu bringen. Um den Zauberer P a s s i o n e i wieder zu sehen und zu horen, liebkoste E u g e n i a ihm so lange, bis er versprach, sie mitzunehmen.
L o c k m a n n war schon durch seine Bekanntschaft mit d i e s e m empfohlen; daher wurden sie bald einig, dass sie die Reise mit einander machen wollten.
Sie fuhren, wie man gewohnlich zu thun pflegt, nach Mitternacht ab, als eben das letzte Viertel des Mondes aufging. L o c k m a n n bekam, da er viele Besuche zumachen hatte, E u g e n i e n erst beym Einsteigen zu sehen. Die edle Form ihres Gesichts, der Strahl der Augen, der schlanke und doch vollige Wuchs fiel ihm gleich sehr auf. Die wenigen Worte, die sie mit dem klaren Ton der reinsten Kehle auf seine Hoflichkeiten erwiederte, thaten seinem Ohre wohl; noch viel angenehmer aber war bald im Wagen die jungfrauliche Warme von ihrer Herzensseite seinem Gefuhl. Er musste mit ihr vorwarts sitzen, da der Bruder es nicht anders gestattete. Doch aus Schuldigkeit wechselte er, obgleich ungern, die nachste Stazion, und kam ganz von ihr ab, ruckwarts zu ihrem Madchen.
Als die Rader nicht mehr rasselten, und still auf ebnem feuchtem Sande wegrollten, fing die schone Gefahrtin gleich an, von ihrem P a s s i o n e i zu sprechen, und fragte L o c k m a n n e n : wie lang' er ihn kenne.
L o c k m a n n nahm sich wohl in Acht, H i l d e g a r d e n nicht zu verrathen, und antwortete: "Erst seit dem vorigen Sommer; aber sein gottlicher Gesang hat binnen kurzer Zeit, ob ich ihn gleich nur in Konzerten gehort habe, mehr auf mich gewirkt, als alle andre Musik in meinem ganzen Leben."
Zum Gluck forschte sie nicht weiter nach; und alle Drey erzahlten ihm nun von den Lustbarkeiten des letzten Karnevals, worin P a s s i o n e i alles Andre bey weitem ubertroffen habe. Der Bruder behauptete: M a r c h e s i mit seiner Fertigkeit sey gegen ihn nur Spielwerk, und komme, was Ausdruck und Gewalt des Tons betreffe, gar nicht mit ihm in Vergleichung. Die Schwester bedauerte, dass sein Vater, der unvergleichliche Meister, nicht mehr lebe; sein Tod sey ein allgemeiner und unersetzlicher Verlust.
L o c k m a n n fuhlte bey diesen, von dem heiter ruhrenden Organ gesprochenen Worten recht eigentlich, dass ein solches Lob, selbst dem Ohr eines Kapellmeisters, der susseste Laut ist.
So ging das Gesprach angenehm fort bis zu der ersten Stazion und weiter; gegen Morgen schlummerten dann alle nach einander ein.
Sie erwachten bey der zweyten Stazion, und hielten nur so lange an, bis frische Pferde vorgespannt waren. E u g e n i e n und L o c k m a n n e n verlangte nach Neapel, und sie wunschten daher, dass man nicht erst fruhstucken mochte.
Als der Morgen purpurn uber die Hugel glanzte, und endlich die jungen Strahlen der Sonne durch die heitre Luft in den Wagen spielten, entstand nach und nach auch in ihrem Herzen gleichsam ein neues Werden. Sie betrachteten sich erst in der Dammerung, wo die edlen Formen noch wenig hervorgingen, mit gescharften Blicken, weideten sich dann an einander wie verstohlen im Rosenlicht der Liebe, und wurden entzuckt von den hohen Schonheiten, die Phobus in ihrer reinsten Erhabenheit darstellte. L o c k m a n n s Lowenmahne, die zwar erst vorgestern geschoren, aber doch um seine erhitzten Wangen und sein rundlich schwellendes Kinn in blaulicher Schwarze deutlich zu erkennen war, pragten E u g e n i e n eine gewisse mit Regungen der Zartlichkeit vermischte Ehrfurcht ein, die sie bey ihrem P a s s i o n e i nie gefuhlt hatte.
Und er? er hatte gerade das susse lebendige Feuer ihrer Augen, den Jonisch sudlichen Geist, der alles durchbrennt und durchflammt, und von keinen Verhaltnissen oder Gewohnheiten sich binden lasst, bey seiner H i l d e g a r d vermisst. Doch machten ihre andren zauberischen Eigenschaften, dass solche Gesinnungen bey ihm nicht aufsprossten. Er glaubte, dass Klima, grossere Freyheit, und hinreissender neuer Umgang auch an ihr seinen Einfluss zeigen wurde, und schloss diess besonders aus dem, was sie schon gewagt hatte.
Das Gesprach ward wieder lebendig, und L o c k m a n n machte mit E u g e n i e n bald vollig trauliche Bekanntschaft. Bey einer schonen Gestalt, Annehmlichkeit, und Reizen in dem ganzen Wesen, neigten sie sich leicht zu einander. Die Gutherzigkeit und Ehrlichkeit des Deutschen gefallt den Weibern in der ganzen Welt. L o c k m a n n s Fertigkeit in ihrer Sprache, seine seltne Gewandtheit, seine geistreichen Bemerkungen und kurzweiligen Erzahlungen ergotzten E u g e n i e n , so dass ihre schonen Augen doppelt Feuer spruhten. Er hielt sich jedoch wahrend der ganzen Reise bey ihr immer in den Schranken der strengsten Sittsamkeit und Ehrerbietung; wodurch er sich die volle Achtung ihres Bruders erwarb, und die Neigung, welche sie schon zu ihm gefasst hatte, noch mehr reizte.
Die Zeit verfloss unvermerkt; Thaler und Hugel schwanden eilig zuruck, als sie den andern Vormittag zu Kapua anlangten, wo sie bey dem besten Wirthshause anhielten, um da zu essen.
Wahrend der Mahlzeit kam das Gesprach wieder auf P a s s i o n e i .
Der Sohn des Wirthes klimperte die Guitarre nicht ubel, und eine vortrefliche lockte E u g e n i e n an die Wand des Zimmers, wo sie hing.
Sie hatte auf der Reise Muth bekommen, und nahm das liebliche Instrument herunter. Leicht von ihr in reine Stimmung gebracht, gehorchte es, wie belebt, dem reizenden Fingerspiel; und in sussen Harmonien flogen die Silbertone hervor zu ihrem Engelsgesang: Se un core annodi. Ihr Bruder und L o c k m a n n machten nach ihrer Anfuhrung, bis die Strophen alle durch waren, den Chor; und der letztre gab alsdann ihrem Vortrag, ihrer Stimme und ihrer, Fertigkeit das gebuhrende Lob.
"O, konnten Sie es von P a s s i o n e i horen!" sagte sie, bescheiden errothend. "Doch das ist noch nichts. Konnten Sie von ihm horen: Begli astri d'amore! Aber Sie kennen gewiss durch ihn schon die ganze Musik."
Er antwortete: "Manches daraus;" und bat sie schmeichelnd, ihn noch mit der letztern Arie zu entzucken. Sie erwiederte: "Begleiten wollt' ich wohl Jemand, der sie sange; aber selbst singen kann ich sie nicht. Sie ist meiner Stimme zu hoch, zu tief und zu schwer." Dabey bog sie verfuhrerisch den schonen Kopf uber das Saitenspiel; und der auffordernde Blick brannte in sein Wesen. Die Tone seiner lieblichen Stimme hatten sie schon ruhrend durchdrungen; und sie glaubte gewiss, dass er die Arie wie die andre kenne.
Er erwiederte: "Nun, so will ich den Versuch machen; bloss zu Ihrem Zeitvertreib, und um langer Herz, Ohr und Auge an Ihrem himmlischen Spiel zu weiden."
Der schone Deutsche stand auf, und sie fing an. Zart und stark erklangen und zerflossen die breiten Accorde der Einleitung, die von E u g e n i e n s Meister vortreflich fur das Instrument eingerichtet war; und L o c k m a n n sang so warm, so heiss, wie er ausempfunden hatte, mit der ruhrendsten, reinsten und ausgebildetsten Junglingsstimme: Begli astri d'amore.
Die Natur triumphirte. O, das war und sagte noch etwas ganz Anderes als P a s s i o n e i ' s Diskant; es war so etwas Thatiges, mit voller Starke Angreifendes darin, dass das goldne Geschopf auf die letzt fast ihr Spiel vergass, und, als er aufhorte, eine Weile stumm blieb, und Athem schopfte.
Der Bruder musste die Danksagung machen, und rief aus: "Vortreflich! o, gewiss auch vortreflich! Bravo, bravone, bravissimo!"
"Das glaub' ich! das empfind' ich!" fuhr tief ergriffen und bewegt die holde E u g e n i a fort; "o gewiss, Sie sind ein eben so grosser Sanger!" So stand sie in Gedanken auf, ging mit leisen Schritten, als ob sie seinen Gesang noch horte, nach der Wand, und hangte das Instrument wieder an seine Stelle. P a s s i o n e i wich aus ihrem Herzen, wie ein heftiger unnaturlicher Traum, wie ein vorubergehender Zeitvertreib; L o c k m a n n dunkte sie der wahre Geselle, Freund und Gefahrte fur lange hausliche Gluckseligkeit.
Die Pferde waren schon vorgespannt; man bezahl
te, setzte sich stillschweigend in den Wagen, und es ging schnell weiter.
E u g e n i e n s ernste absichtliche Gefalligkeit
zeigte L o c k m a n n e n unterwegs bald ihr Innres. Er dachte mit unruhigen Blicken nach, die sie fur sich auslegte. Sein Herz war ein Kampfplatz von mancherley Gefuhlen. Der alte Zauber wirkte noch machtig; doch war der neue so suss, so unwiderstehlich! "H i l d e g a r d s Familie wird dich als ihren Verfuhrer hassen; ihr Stand dir in jeder Rucksicht Handel verursachen!" Und endlich drangte sich ihm der Gedanke gewaltig auf: "Sie hat nur mit dir gespielt, sich nie ein Wort von wirklicher Verbindung entschlupfen lassen. F r e u n d s c h a f t war die Losung von Anfang bis zu Ende. Aber die funfhundert Dukaten! das kuhne Unternehmen! Jene sollten fur den Achill seyn. Und dieses? wie konnte die Herzogin es gestatten? Wie kannst du sie von dieser entfernen? O sehr leicht; wenn sie nur will!"
"O, wie schnell das geht!" rief E u g e n i a aus, als sie uber die breite konigliche Heerstrasse kurz vor Neapel wegrollten. "O, wie schnell das geht!" wiederhohlte L o c k m a n n , dem es, wie ihr, nur allzu schnell ging.
Ehe sie es sich versahen, schon bey Sonnenuntergang, waren sie in der Stadt, und eine Strasse nach der andern durch. Bald hielt der Wagen vor dem Hause ihrer Schwester, nicht weit von dem Schlossplatze. Sie wurden mit Freuden bewillkommt, herzlich empfangen, und empfahlen L o c k m a n n e n der Schwester und dem Schwager als ihren Freund. Er nahm sein Quartier in einem guten, nicht weit davon gelegenen Wirthshause. Man lud ihn gefallig zum Abendessen ein; er verbat es sich wegen dringender Geschafte, versprach aber, den andern Mittag zu kommen.
Sein erster Gang war nach des G*** H***'s Hause, um da nach der Wohnung der Herzogin D**** zu fragen. Er kannte Neapel wie seine Vaterstadt, schritt bald hastig, bald langsam, uber die Chiaja, und erfuhr den Augenblick, was er wissen wollte. Die Freude daruber, dass die Herzogin, und folglich auch H i l d e g a r d , noch in Neapel war, brachte ihn schneller zuruck; doch stand er eine Weile vor ihrer Wohnung still, und die Ohren klangen ihm.
Beym Eingange leuchtete eine Laterne. Plotzlich erscholl eine Stimme: "L o c k m a n n ! o, Herr Kapellmeister L o c k m a n n !" F a n n y , die von einer Bekanntschaft nach Hause kam, war auf ihn zu gesprungen, und hielt ihn an beyden Handen. Er gab dem lieben Madchen den frohen Kuss des Wiedersehens.
"Ist sie zu Hause? kann ich sie sprechen? das Fraulein oder Herrn P a s s i o n e i ?"
"Nein, sie ist eben in Gesellschaft. O, das wird ihr leid thun! Aber ich hore, Sie wissen den Anfang, nicht das Ende." Mit diesen Worten zog sie ihn von dem Thor ab nach dem Meere zu, welches in starken Wogen an das Gestade rauschte. "Mein Fraulein ist verheurathet;" (es war ihm, als ob das Ufer die Worte schrecklich brullte, so sanft F a n n y sie auch aussprach.) "Verheurathet!" diess presste ihm plotzlich Herz und Lungen zusammen, dass Mahler und Bildhauer ihn in dem Moment zum Modell eines Anteus hatten brauchen konnen "und hochst glucklich verheurathet! mit einem jungen schonen liebenswurdigen Lord von unermesslichem Reichthum; und Mutter und Bruder, die ihn kennen, haben naturlicher Weise ohne Schwierigkeit ihre Einwilligung dazu gegeben."
Er wankte bey dem Todesurtheil, so dass die unschuldige F a n n y glaubte, er trate in einen Abgrund, und ihn mit dem rechten Arme fasste. Zum Gluck konnte sie in der Dammerung sein bleiches Gesicht und seine starren Augen nicht sehen. Die Zunge klebte ihm am Gaumen, wie bey einem schweren Katarrh, und er war nicht fahig, eine Sylbe mehr hervorzubringen. Alle Quellen seines Lebens schossen zuruck, und es erbrauste furchterlich vor seiner Seele.
Er lehnte und legte die linke Seite uber eine kleine Mauer am Ufer, und eine feuchte Nachtluft wehte mitleidig Erfrischung uber ihn.
F a n n y merkte an seinem Stillschweigen und seiner von ihr abgekehrten Stellung, dass die Neuigkeit ihm gar nicht wohl behagte, und lenkte ihre Rede geschwind auf etwas Angenehmeres.
"O, wie oft haben wir in Rom gewunscht, Sie mochten zugegen seyn, und horen und sehen, welchen erstaunlichen Eindruck Ihre schone Musik machte! Die Leute waren alle wie bezaubert; ich habe in meinem Leben so etwas nicht gesehen. Von meinem damaligen Fraulein war es freylich ein grosses Wagstuck. Die Herzogin D**** hat sie dazu verleitet; ein wenig wohl auch ihr eigner Muthwille, und die Lust, in Ihrer herrlichen Oper aufzutreten. Unser Lord machte ..."
L o c k m a n n horte wenig; doch erhohlte er sich unterdessen einigermassen, und fragte mit gebrochner Stimme: "Wann kommt Ihre junge Lady nach Hause?"
"Das kann ich nicht sagen; aber ich will einen Bedienten zu ihr schicken, und sie wird sogleich da seyn."
Der Anfall von Leidenschaft war bey L o k k m a n n e n so heftig und unerwartet plotzlich, dass keine Besinnung statt fand. So bald diese eintrat, dachte er an E u g e n i e n und an seinen Monolog uber sie im Wagen; jetzt erschien sie ihm, wie das wahre Sankt-Johannisfeuer den Schiffern, wenn der Orkan nicht mehr in den Luften wuthet, die Hofnung der Rettung wieder zuruckkehrt, und das Schiff nur noch auf den Wogen himmelan himmelab sich wiegt. Sein Kopf hellte sich nach und nach wieder auf; es kochte nur noch in seinen Eingeweiden.
Er schopfte Muth, richtete sich empor, nahm F a n n y ' n unter den Arm, ging mit ihr auf und ab, und erwiederte: "Das nicht, liebes Kind! Sagen Sie nichts von meiner Ankunft; ich will die Lady morgen fruh uberraschen. Um welche Zeit werd' ich sie sprechen konnen?"
"O, sie stehen spat auf," antwortete die Boshafte; "so um neun oder zehn Uhr!" (Noch ein wiederholter Windstoss nach dem Sturm.)
"Wohl denn! um zehn Uhr werd' ich da seyn. Aber verrathen Sie ja nichts!" Sie versprach es ihm; doch dachte sie nicht daran, ihr Wort zu halten.
Er sagte nur noch mit einem starken Seufzer: "Es ist mir hochst empfindlich, dass ich sie nun nicht mehr auf einem Theater sehen werde; wesswegen ich doch eigentlich hieher gereist bin."
F a n n y erwiederte: "Nun wohl schwerlich. Vielleicht aber doch, Ihnen zu gefallen; nur auf keinem offentlichen."
So entliess er sie, und schweifte dann noch eine Zeit lang am Meere hin und her, dessen rauschende Wogenschlage ganz zu den Bewegungen seines Herzens harmonirten. "Wenn du da gewesen warest, so hattest du sie!" ... "Das neue Leben," fuhr er, ungerecht in seinem Grimm, weiter fort, "erregte Begierden in ihr. Der Englander kaperte sie weg."
Er ging nach Hause, und trank. "Viele Arbeit vergeblich. O, veranderliches Ziel menschlicher Wunsche! Doch nicht vergeblich. Auch du hast dein Theil empfunden und genossen; und dir winkt ein neues mit gottlichen Reizen auf deiner Pilgrimschaft durch das Leben: vielleicht das wahre, rechte, einzige!"
Die Einsamkeit ward ihm bald zur Last. Er ging wieder aus, und trat unter den Fenstern seiner neuen Gottin langsam auf und ab. In den Zimmern war Herrlichkeit und Freude. Seine Phantasie erhob sich, und gewann Flug.
Er kam wieder nach Hause, und liess sich eine neue, kostlich am Vesuv gereifte Flasche bringen.
Dann ging er noch einmal aus, wandelte langsam uber den Schlossplatz, schritt schuchtern die Chiaja hinunter, und langte eben vor der Wohnung der neuen Lady an, als Wagen mit lodernden Fackeln herbey fuhren. Sie hielten. Die Herzogin und ihr Gemahl stiegen zuerst aus: Personen, die er nicht kannte. Dann trat aus dem andern ein junger schoner schlanker Mann; und endlich o nicht mehr seine! H i l d e g a r d . Sein Herz flog ihr entgegen. Schon war sie noch; aber die Rose, nicht mehr auf ihrem mutterlichen Busche, dunkte ihn blass geworden. Sie hatte fur ihn den hohen Reiz verloren, indess die andre in junger frischer Schonheit prangte. Der Sturm legte sich fast ganz, als die Scene verschwand.
Ziemlich besanftigt kam er wieder in sein Quartier, um endlich da zu bleiben, seine Abendmahlzeit zu halten, und sich von dem schrecklichen Ungewitter bey seiner Ankunft zu erhohlen.
Diess geschah; aber auf eine andre Weise, als er sich einbildete. E u g e n i e n s Schwager, auch ein Banquier, hatte dem Herzog von D**** erst vor Kurzem einen starken Wechsel ausgezahlt, und bey dieser Gelegenheit den Lord und H i l d e g a r d e n kennen lernen. Diese wusste seinen Namen von ihrer schonen Freundin noch sehr wohl, und hatte sich vorgenommen, ihn bald aufzusuchen. So machte sie durch ein gluckliches Ungefahr mit ihm Bekanntschaft, erkundigte sich nach E u g e n i e n , und bat ihn angelegentlich: er mochte es ihr sogleich sagen lassen, wenn sein Schwager, und vielleicht die Schwester mit ihm, noch wahrend ihrer Anwesenheit zu Neapel eintreffen sollten. "Ich liebe," setzte sie hinzu, "E u g e n i e n recht sehr, und kenne keine schoneren Augen in der Welt." Uebrigens entdeckte sie ihm weiter nichts von dem grossen Abentheuer.
L o c k m a n n hatte bey der Ankunft in Neapel kaum seine Reisegefahrten verlassen, so erzahlten diese dem Schwager und der Schwester, wie sie mit ihm bekannt geworden waren, und erkundigten sich nach dem schonen P a s s i o n e i , der in Rom so viel Aufsehen gemacht habe, und jetzt in Neapel sey. Nur seinen Ruhm und Namen kannte man von Rom her; von seiner Anwesenheit wusste man nicht das Geringste. Jene erstaunten daruber.
Bey fernerem Gesprach uber andre Dinge sagte E u g e n i a noch, dass er mit zwey Englandern und einer Englanderin abgereist ware.
"Gut, dass Du mich daran erinnerst!" erwiederte der Neapolitaner; "eine junge schone Lady, die erst seit einigen Wochen verheurathet ist, hat sich sehr genau nach Dir erkundigt, und mich gebeten, ihr sogleich melden zu lassen, wenn Ihr eintrafet. Sie liebe Dich gar sehr, sagte sie noch, und kenne keine schoneren Augen in der Welt."
Diess fuhr E u g e n i e n wie eine Flamme ins Gesicht. Sie stutzte. "Eine junge schone Lady! erst hier verheurathet! Ich kenne keine." Aber wahrend der Rede ahndete ihr schon das Geheimniss: ohne Zweifel dasselbe, welches P a s s i o n e i ihr erofnen wollte! Bey aller ihrer Unschuld hatte sein Betragen sie doch befremdet. "Wie sieht sie aus? Beschreib sie uns doch ein wenig."
"Etwas grosser als Du; blaue Augen, eine Stirn wie Elfenbein, blondes volles langes Haar, schlank und herrlich gewachsen, wie Du, nur nicht ganz so vollig, die Nase fast gerade die Stirn herein, einen Mund zum Kussen, mit zwey Reihen Perlenzahnen "
Der Bruder liess ihn nicht ausreden; er rief: "Das ist P a s s i o n e i ! Die Romer sind angefuhrt!"
E u g e n i a sprach errothend fort: "Gewiss, sie war es. Der junge Deutsche wollte auch nicht mit der Sprache uber ihn heraus."
Der heftige und neugierige Neapolitaner war geschwind entschlossen. "Kommt Kinder! lasst uns zur Lady hingehen! Sie kann es nicht ubel nehmen; hat sie es doch befohlen!"
Um den Weg nicht umsonst zu machen, wollten sie nur erst fragen lassen, ob die Lady zu Hause ware. Diess geschah; und man bestellte dann, dass ihre Ankunft richtig gemeldet wurde.
Bruder und Schwester, die der Neapolitaner schon tuchtig gefoppt hatte, und dieser selbst, machten sich nun auf. Sie wollten L o c k m a n n e n mitnehmen, zu dem sie schon vorher geschickt hatten; aber er kreuzte eben am Meer herum.
Inzwischen hatte F a n n y ihrer jungen Lady dessen Ankunft mit allen Umstanden sogleich erzahlt. Diese erschrak zwar daruber, doch fiel sie ihr nicht unerwartet auf. Zwischen Furcht und Sorge freute sie sich sogar, und meinte, es musse alles glucklich ausgehen.
Die kleine Gesellschaft kam dann in einem grossen Saal zusammen, wo ein vortrefliches Englisches Pianoforte stand, und H i l d e g a r d zuweilen sang.
Der Neapolitaner liess sich allein melden; sein Besuch ward angenommen. Er kam, und Schwester und Bruder gleich hinter drein. Es entstand ein Gelachter und Freudengeschrey. H i l d e g a r d lief auf E u g e n i e n zu, fasste sie zartlich in ihre Arme, und hing an ihren Lippen. Das gute Kind errothete uber und uber.
"Ja, ich war muthwillig, und habe die Romer zum Besten gehabt; jedoch zu ihrem Vergnugen. Ich habe unser Geschlecht geracht, die Unnatur zu verdrangen gesucht, und hoffe guten Erfolg."
"Die Oper Achill ist nicht von meinem Vater, welcher kein Sanger, sondern Gesandter am Englischen Hofe war. Sie ist von einem jungen Deutschen, mit Namen L o c k m a n n , so gut hohem Genius in seiner Kunst, wie Eure grossten Meister. Der kuhne Adler wird in erhabnem Fluge bald alles uberschweben." "Die Sophonisbe schrieb T r a e t t a , der wie ein Zevs den tragischen Wetterstrahl schleuderte, vor zwanzig Jahren in Deutschland. Bey Euch ist er nun vergessen; ich habe ihn gleichsam wieder von den Todten auferweckt." Sie sagte diess mit einem so schonen Feuer, wie die Melpomene des S o p h o k l e s . Der Neapolitaner rief: "Recht so! gottlich!" E u g e n i a flisterte ihrem Bruder zu: "Ha! darum sang er das Begli astri d'amore so vortreflich! der Meister selbst!" H i l d e g a r d , die neben ihr stand, vernahm diess deutlich. "Wie, liebe E u g e n i a ? kennst Du den jungen schonen L o c k m a n n schon?" Der Bruder antwortete ihr: "Wir haben mit ihm glucklich die Reise von Rom hieher gemacht." H i l d e g a r d wusste sich vor Freude uber diese Nachricht nicht zu fassen; die Halfte ihres sehnlichen Verlangens war schon erfullt. "Und er ist noch nicht bey uns?" sagte die Herzogin voll Verwunderung. "Wir sind erst gegen Abend angekommen;" erwiederte Eugenia. "O, er ist schon hier gewesen, hat uns aber nicht zu Hause gefunden;" sagte H i l d e g a r d , ging auf die Herzogin zu, und nahm sie bey Seite.
Nachdem sie eine Minute heimlich mit einander gesprochen hatten, sagte die D**** laut: "Ohne Bedenken! Ehre und Ruhm und die Huldigung der Schonheit ist fur das Genie der grosste Reiz zu unsterblichen Werken. Diess gilt mehr als eine Pension des Konigs von Frankreich. Wir wollen den jungen Kunstler noch diesen Abend, sogleich, in Triumph abhohlen."
Es ward ein Kundschafter nach ihm abgeschickt; und man liess die Wagen anspannen. Inzwischen flochten die Damen ihm einen Kranz von jungen Lorbeerreisern, die sich unter E u g e n i e n s zarten Fingern willig und schon bogen.
L o c k m a n n befand sich in seinem Quartier.
Die drey wahren Grazien setzten sich in den ersten Wagen, und fuhren voraus. Die beyden Italianer und die beyden edlen Britten stiegen lachelnd in den andern, und folgten.
Man denke sich L o c k m a n n s Ueberraschung, als seine Freundin unangemeldet in das Zimmer flog und in himmlischer Heiterkeit rief: "Willkommen in Neapel, theurer Freund, hoher Genius! Empfangen Sie hier den Lohn fur Ihre Verdienste von der Hand der Schonheit."
Sie hielt seine beyden Hande fest, und E u g e n i a band ihm lieblich errothend den frischen Kranz uber die heissen Schlafe, auf die schwarzen Locken.
Vor den gewaltigen Gefuhlen, die ihn uberstromten, vermochte er nur mit einem tiefen Seufzer zu sagen: "O Schauspielerin ohne ihresgleichen!"
Die Manner traten nun herein, und riefen, wie abgeredet: "Willkommen in Neapel, entzuckender Genius der gewaltigsten von allen Kunsten!" Der Gatte seiner Freundin H i l d e g a r d fuhrte das Wort.
Die Damen fuhrten, trugen, und hoben ihn nun in ihren Wagen. Die Herzogin und H i l d e g a r d drangten ihn mit der Romerin im hochsten Stolze der Schonheit auf den Ehrensitz, und fuhren unter tausend Liebkosungen langsam uber den Schlossplatz, wobey der andre Wagen ihnen eben so nachfolgte. Die ausserordentliche Scene hatte die Gaste im Wirthshause um sie her versammelt, und diese und eine Menge Menschen folgten.
Noch in derselben Nacht ward ein grosses Fest gegeben, und ihre ausgewahlten Bekannten dazu eingeladen, die nun erst unter Lachen, Jubel und Bewunderung das seltne Abentheuer erfuhren.
Als sie sich an die Tafel setzten, nahm L o c k m a n n seinen Kranz ab, und brachte ihn gewandt und schnell auf H i l d e g a r d s schones Haar, das reizend in Locken den schneeweissen Hals bis auf den Busen herabfiel; und sagte: "Die hochste Ehre, dem sie gebuhret!"
Diess gefiel der ganzen Gesellschaft. H i l d e g a r d freute sich inniglich uber L o c k m a n n s gute Laune, und war so eine Zeitlang die Konigin des Festes.
Zu Ende des Mahles schwebte der Kranz leicht, wie von selbst, auf das stolze Haupt der Romerin, das in jungfraulicher Rothe damit prangte. Die Guitarre war schon bereit; sie musste ihr Lied singen, und that es gefallig, von Reiz ubergossen. Der Chorus um die neue Zauberin war nun vollstandig. Sie wurde, indess allgemeines Frohlocken um sie tobte, gleichsam unter die Musen aufgenommen, und hier zur hohen Kunst eingeweiht.
Bevor man aufstand, gab sie die kurze Melodie eines alten zweystimmigen Kanons, vielleicht noch aus dem sechzehnten Jahrhundert, auf ihrem Instrument an; und H i l d e g a r d fasste ihn geschwind.
E u g e n i a sang dann in der Sprache der Musik:
Lebe, liebe, trinke, larme,
Kranze dich mit mir;
und fuhr fort, indess H i l d e g a r d eben dasselbe sang:
Schwarme mit mir, wenn ich schwarme:
Ich bin wieder klug mit dir.
Es war die susseste Melodie der Freude, die sich bey dem zweyten Absatze wie von selbst in ruhrende Harmonie verflocht: ein Meisterstuck von Duett. Die alte Griechische Skolie walzte sich dann in Oktaven durch den ganzen Kreis, und druckte so recht den Taumel der Lust aus.
Als nach der Tafel die Gesellschaft sich in Gruppen vertheilte, konnte H i l d e g a r d mit ihrem alten Freund auf einige Momente allein seyn, und sagte ihm noch mit eindringender Zutraulichkeit die wenigen Worte: "Ihr scharfsinniger Verstand und Ihre reife Ueberlegung wird, hoff' ich, mit meiner Wahl zufrieden seyn. Ich habe fur unser beyder Gluck gesorgt; auch Sie werden das Ihrige als kluger Mann ergreifen, und Sich von keinen unseligen Grillen irre fuhren lassen. Albernes Uebel und Weh begegnet uns auf jedem Schritte, wenn wir uber unsre angebornen Verhaltnisse hinaus wollen."
Er erwiederte, von den Andern abgewendet: "Ich erkenne die Gottin, die noch weiser ist, als die Gottin des Achill und Ulysses. Der hat auf jeden Fall hohen Genuss und Lohn, der etwas Vortrefliches liebt."
Man wollte die Reisenden sich ausruhen lassen; und also ging die Gesellschaft bald nach Mitternacht aus einander. Die Wagen sollten vorfahren; aber E u g e n i a machte den kurzen Weg lieber zu Fusse.
L o c k m a n n , der sich, zu H i l d e g a r d s innigem Wohlgefallen, und zu Aller Bewunderung, als ein Held betragen hatte, nahm die holde Jungfrau, bluhender und strahlender als je, in den Arm, welches sie mit sichtbarem Vergnugen geschehen liess. Er dankte mit Gefuhl und Wurde herzlich fur die ehrenvolle Aufnahme. Die Andern folgten. Es war wie ein schoner warmer Sonnenuntergang, der einen entzukkenden Fruhling versprach. H i l d e g a r d e n wallte das Herz, und in ihrem Auge glanzten unaufhaltbare Zahren.
Unterwegs gaben Arm und Hand der sussen Schonheit den ersten Druck der Liebe, der sie wie Feuer durchdrang. Sie entzog ihm zwar sittsam die zarte Hand, aber so lassig und spielend, dass er fuhlen musste, wie gern er aufgenommen ward. Als er zur Thur hinein war, raubte er sich noch, unbemerkt, den ersten Kuss, und sog auf einen Moment den Nektar ihrer Lippen. Sie straubte sich uberwunden, und ward entflammt auf Zeitlebens.
Den andern Morgen hohlte H i l d e g a r d bey guter Zeit ihre neue Freundin, und deren Bruder, Schwester und Schwager zu einem Fruhstuck ab; und machte sie fein und beredt mit allen wirklich vortreflichen Eigenschaften L o c k m a n n s bekannt. Auch dieser war eingeladen, und kam bald.
Man machte dann Musik; und H i l d e g a r d wahlte die Scenen, worin er sich in seiner ganzen Liebenswurdigkeit zeigen konnte.
Alle Italianer wurden so bezaubert, dass sie gern zu Mittag blieben.
Nach Tische ward eine lustige Wasserfahrt zu dem angenehmsten Ort am Pausilipp gemacht. L o c k m a n n erzahlte unterwegs H i l d e g a r d e n , was der alte R e i n h o l d fur ihn gethan hatte. Die Horner und Klarinetten auf der Jacht jubelten dazu, als ob sie die Sprache verstanden.
Auf einem Spaziergange hielt er sich mit E u g e n i e n von der ubrigen Gesellschaft entfernt, machte ihr die gefalligsten Liebkosungen, und sagte die ruhrendsten Zartlichkeiten. H i l d e g a r d unterrichtete indess die Andern von seinen Glucksumstanden, und ging dabey so lockend, aber auch so edel und wahr zu Werke, wie nie eine Brautwerberin.
Die Begebenheit zu Rom hatte sich inzwischen durch Neapel bey allen Musikfreunden verbreitet; und alle ergotzten sich hochlich daruber. L o c k m a n n stand wegen seiner Schonheit, seines Geistes, seines Charakters, und wegen der Komposizionen, die man schon von ihm kannte, in grosser Achtung, und ward nun wegen seines Meisterstucks bewundert. Auch dieses kam der Familie den folgenden Morgen zu Ohren.
Noch war kein Antrag geschehen; aber man hielt den jungen schonen Deutschen fur den angenehmsten Gesellschafter, und in seiner Kunst fur hochst vortreflich. E u g e n i a schwieg dabey, war aber zerstreut, und errothete, so oft man von ihm sprach.
L o c k m a n n benutzte binnen wenig Tagen jede Gelegenheit so gut, dass er ihr bald das zartliche Jawort in Entzucken von den sussen Lippen lockte.
Er that darauf den formlichen Antrag. Die Verlobung erfolgte mit einem prachtigen Gastmahl; und gleich nach Ostern die festlichste Hochzeit. Nun pflanzte L o c k m a n n sich erst recht in die Schonheit und Gluckseligkeit des menschlichen Lebens ein; er empfand die hochste Wonne des Daseyns gluhend und brennend, und theilte sie jauchzend im Uebermasse mit.
Die drey jungen zartlichen Paare machten dann einen verliebten Flug um die reizenden Kusten von Sizilien, kehrten durch das pittoreske wilde Kalabrien zuruck, und schlugen uberall auch in ihrem May wie die Nachtigallen. Bald schwarmten sie nach Rom, wo man zwar aufgebracht uber H i l d e g a r d e n war, aber ihr, und dem ausserordentlichen Deutschen, welcher der Stadt ihre grosste Schonheit entfuhrte, dennoch huldigte.
H i l d e g a r d und ihr Gemahl hielten sich nicht auf; sie reisten mit dem Herzog und der Herzogin bey Nacht schnell durch, voraus nach Terni. L o c k m a n n blieb nur so lange, bis E u g e n i a in Bereitschaft war, die den Unvergleichlichen schon lieb genug gewonnen hatte, um ihm bis an das Ende der Welt zu folgen.
Dann reisten sie eilfertig durch die schonen Thaler des Apennin, an dem Adriatischen Meere hin, und nun zuruck durch die kuhlen Tiefen der Alpen; und dann jedes Paar an den Ort seiner Bestimmung.
Die Herzogin D**** gebar zuerst: leibhaftig das Christkindlein im heiligen Hieronymus von C o r r e g g i o . H i l d e g a r d drey Monate spater eine Hebe voll Gesundheit und Leben. Zu ihrer hochsten Freude verlor sie nichts von der Schonheit und Starke ihrer Stimme, und entzuckte damit noch lange Londen, Paris und M**, an welchen letztern Ort ihr Gemahl bald als Gesandter kam. Die kindische Furcht, durch welche sie, nachst ihrer Tugend, den gefahrlichsten Verfuhrungen entschlupfte, verschwand. Frau v o n L u p f e n hatte ihre Stimme verloren, weil sie in ihrer ersten Jugend geschnurt worden war. Die Schwangerschaft trieb dann ihren Brustkasten so aus einander, dass er seine vorige Kraft einbusste. Der selige H o h e n t h a l gestattete nie, dass man seine Tochter schnurte, und sie war frey, wie eine Spartanerin, eine Georgierin, herangewachsen.
E u g e n i a begluckte ihren L o c k m a n n mit einem andern Achill, uber den er den ersten fast vergass. Sein alter Freund lullte und wiegte den kleinen Schreyer mit Lust zum Stillschweigen, kos'te Romisch und Deutsch mit der reizenden Mutter, und erheiterte den kurzen Rest seines Lebens in ihren Sonnenblicken.
L o c k m a n n bekam schon das zweyte Jahr nachher einen koniglichen Ruf nach M**, welchen er schwerlich angenommen hatte, wenn Vater R e i n h o l d nicht eben plotzlich in die Ewigkeit hingeschlummert ware. Dieser starb an einem Stickflusse. Man fand ihn eines Vormittags todt in seinem Bette. Er hielt noch eine Prise Tabak zwischen dem rechten Daumen und dem Zeigefinger, und lag halb aufgerichtet mit erhohtem Kopfkussen in einer vergnugten Geberde.
Der Furst wollte L o c k m a n n s Flug in eine ihm angemessnere Sphare nicht hemmen. Ihn begleitete dessen Segen, als er von ihm schied. Der dankbare Kunstler versprach ihm aus seinen neuen Komposizionen alle die Ove son? che ascoltai? und die
Tornate sereni
Begli astri d'amore!
Fussnoten
1 Man sehe Th. II. S. 253. 2 M o z a r t hat diesen Kunstgriff, das Ganze zusammen zu halten, in seiner allgemein bewunderten Zauberflote zu Anfange des zweyten Akts, mit einigen Zugen glucklich nachgeahmt. 3 Da wirst Du sehen, wer ich bin; nein, ich rede nicht vergebens mit Dir. 4 Und der Schall der Trompete, der in Erschrecken setzt. 5 Wenn der Blitz des Schwertes flammt. 6 Mir zittert das Herz, es ist keine Hofnung mehr. 7 Theure Kinder, noch eine Umarmung! gieb mir, o Gattin, noch einen Abschiedskuss! O Kinder, o Gattin! theure Pfander meines Herzens! Ach, o Gott, ich kann Euch nicht verlassen, noch meinen Schmerz verbergen! 8 Kommt, o Kinder, druckt den unglucklichsten der Vater an Eure Brust. 9 Ja, ich bin Sabino. 10 Du beschimpfst mein Blut. 11 Schon hor' ich die grauliche dumpfe Stimme des Todes, die mich zum Grabe verlangt. 12 Und sehe um mich herschweifen die verhassten Haufen grasslicher Gestalten. 13 In welchem harten Augenblicke sag' ich Dir das letzte Lebewohl! So naht denn von einem unglucklichen Leben das traurige Ende. 14 Standhaftigkeit, meine Seele! wenig Augenblicke deines Leidens sind ubrig. 15 Der Tod ist ein Uebergang: ihn bewolke kein Schatten von Furcht. 16 Ha, so werde denn das bose Schicksal vollendet! 17 A n d r e a s C o m p a r e t t i . Observationes de aure interna anatomicae. Patavii. 18 Dieser hat ihn, unter dem Namen J, in der Orgel der Dreyfaltigkeits-Kirche zu Berlin anbringen lassen. 19 Oedip bey Kolon angelangt, in S a c c h i n i ' s Meisterstucke, ruft recht eigentlich darin aus: Dieux justes! dieux clemens! Besonders herzzerreissend ist er eben da in der Verwechselung der Terzquartsext. 20 Antigone, die zartliche Tochter, vermischt bey solchen Seelenaccenten ihre Thranen mit den Thranen des Oedip: Jouissons du bonheur de confondre nos larmes. 21 Man wird der Londoner Dame leicht verzeihen, dass sie die alte Sage aus den Zeiten des B o c c a z her zu Hulfe nimmt, um ihren wilden Einfall durchzusetzen.
Wilhelm Heinse
Erzahlungen
Erzahlungen fur junge Damen und Dichter
Erstdruck: Lemgo (Meyersche Buchhandlung),
1775. Die Anthologie von Rokoko-Erzahlungen
unterschiedlicher Autoren wurde von Wilhelm
Heinse im Winter 1773/74 zusammengestellt.
Sie erschien im Herbst 1774, vorausdatiert auf
das Jahr 1775, ohne Angabe von Heinses
Namen.