Sophie Mereau
Das Bluthenalter der Empfindung
Ein paar Worte uber das Folgende
Es giebt eine Zeit in unserm Leben, wo unser Gefuhl in seiner ersten vollen Bluthe steht, wo das trunkne Herz, selbst in seinen Verirrungen noch unschuldig, nach jedem Schattenbilde der Phantasie hascht, wo wir in holden Traumen schwelgen, an Erfahrung Kinder, an Genuss Gotter sind, wo selbst der Kummer noch suss ist. Wir denken, wir fuhlen da wohl manches, was eine grossere Reife des Geistes uns spaterhin in ganz anderm Lichte erscheinen lasst; aber auch der Irrthum ist Uebung unsrer Krafte, und wuchert fur das kunftige Erkenntniss der Wahrheit. Diese Zeit, die die verschiedenen Verhaltnisse der Dinge ausser uns bei dem Einem verlangern und bei dem Andern abkurzen, nennen wir den Fruhling unsers Lebens, und selbst der weisere Mensch schaut oft, wenn sie verschwunden, mit dem Blikke der Sehnsucht auf sie zuruk. Doch sie verschwindet b a l d ! Der helle Stral der Vernunft wekt uns aus dem lieblichen Schlummer, wir fuhlen, dass uns ein hoheres Gesez vonnothen ist, und das Bedurfniss, nach deutlichbestimmten Grunden zu handeln, regt sich immer lauter und lauter in uns.
Ob es mir gelungen ist, die Aeusserungen eines r e i n e n G e f u h l s , unter gewissen aussern Verhaltnissen, befriedigend darzustellen, dies bleibt dem Urtheil jedes Einzelnen uberlassen. Die hohern Forderungen einer r e i f e r n V e r n u n f t zu entwikkeln, das lag nicht in meinem Plane.
Uebrigens soll das eben Gesagte die Aufmerksamkeit weder von dem folgenden ab- noch auf dasselbe hinziehen, ziehen, sondern blos ganz einfach den Gesichtspunkt andeuten, woraus dieser erste kleine Versuch betrachtet zu seyn wunscht.
Die Verfasserinn.
Das Bluthenalter der Empfindung
Seit vier Wochen' war ich in G e n u a . Hier erst verschwand der Unmuth, der wie ein Nebel die schonen Erscheinungen der Geister und Sinnenwelt fur mich bis jezt verschleiert hatte. Ich war in meiner Heimath gluklich gewesen, und hatte mich mit gnugsamer Empfanglichkeit innigst an die stillen Freuden eines eingeschrankten Wirkungskreises, wo unsre Krafte nur g e u b t , nicht angespannt werden, gewohnt. Ohne beim Genuss sehr lebhaft ihren Reiz zu fuhlen, thut uns ihre Entbehrung doppelt weh. Mein Vater wunschte mich vor Einseitigkeit gesichert zu wissen, er wollte meine Kenntnisse vervielfaltigen, meine Begriffe berichtigen, und meiner Urtheilskraft eine freiere und festere Richtung geben. Deshalb liess er mich reisen, und ich befolgte seinen Willen gern. Aber die lieblichen Bilder der Kindheit und des ersten Junglingsalters schwebten noch so lebhaft vor meinen Blikken, dass ich mitten im Gewuhl der neuen Gegenstande nur die vaterlichen Fluren meiner Heimath sah, und unter allen fremden Tonen, die mein Ohr umsummten, nur die Stimmen meiner Gespielen vernahm. Nach und nach wurden diese Bilder verdunkelt. Im Vollgenuss der Gesundheit, in keine Verhaltnisse verwikkelt, von keinen Vorurtheilen gefesselt, stand ich da ein freier Mensch! Gleich einem rein gestimmten Instrument, das nur auf den Kunstler wartet, welche Harmonien er darauf hervorrufen will, war mein Herz fur jeden Eindruk empfanglich, von sussen Ahndungen beflugelt, und mit heitern Bildern erfullt. Ich drukte die ganze Welt an meinen Busen, und durstete nach dem Genuss aller der Herrlichkeiten, die ich in susser Trunkenheit verworren vor mir verbreitet sah. Die ganze Natur schien in mein Schiksal verwebt zu seyn. Das frohe Aufstreben ihrer Krafte, das lebendige Spiel ihrer Erzeugnisse, der jugendliche Reiz ihrer Formen, alles trug so sichtbar die Farbe meiner innern Erscheinungen. Im frohen Taumel gab ich mich allem hin, und fand mich in allem wieder. Ich kannte keinen andern Fuhrer, keinen andern Richter, als mein innres Gefuhl; es rein zu erhalten, war meine einzige Sorge, und mit gluklicher Selbstzufriedenheit lachte ich der kuhnen Geister, die durch kalte Grubeleien sorgfaltig den Menschen in sich erstikken wollen, und zulezt all' ihr erkunsteltes todtes Wissen gern fur einen Funken lebendiges Gefuhl hingeben mochten. Damals war es, als ich mit sanfter Entzukkung in dem gluklichen Clima, wo ich jezt lebte, alle Erzeugnisse der Natur in frohlichem Ueberfluss neben einander aufquellen und gedeihen sah, wo ich mit dem Bild eines gluklichen Menschenvolks meine seligsten Stunden ausfullte. Sorgfaltig entliess ich alle Vorurtheile auf ewig aus ihren verjahrten Diensten. Ich sah nur einen fruchtbaren Boden, wo alles in uppiger Fulle neben einander aufwachst und gedeiht ein froliches Gewuhl von aufstrebenden geistigen und korperlichen Kraften. Dass ich meinen Traum noch in der Wirklichkeit wiederzufinden, dies grosse Geschenk vielleicht selbst dem Menschengeschlecht zu bringen hoffte dies war das Criterium meines jugendlichen Wahnsinns, das glukliche Vorrecht meiner gutherzigen Unerfahrenheit. Es schien mir s o l e i c h t , gluklich zu seyn, dass ich mein Geheimniss a l l e n a n d e r n mitzutheilen hoffte. Fand ich die Menschen fur meine Empfindungen kalt, so vergass ich bei dem innigen Einklang der Natur bald meinen misslungnen Versuch. Die Kehle des Vogels hatte willkuhrlichen Ausdruk; das Wehen des Bluthenbaums war Zeichen innrer Gefuhle. Beides wirkte innig auf mich; mit beiden fuhlte ich mich verwandt, und es schien mir, als verstunde ich ihre stille Sprache, ohne sie in Worte ubersezzen zu konnen. Gieng ich dann aus meinen Bluthenwaldern hervor, und trat auf die Hohen hin, wo ich in die unermessliche Sphare von Gewasser hinaussah ha! wie ergriff mich da der Anblik dieser ungeheuern Wasserwelt, die, wie die Phantasie keine Granzen hat! Es drohte mir die Brust zu zersprengen; verschlungen in die Unermesslichkeit des Weltalls, verschmolzen in die allgemeine Harmonie der Wesen, fuhlte ich mich selbst in dieser Grosse untergehen. Ich kannte keinen entzukkendern Gedanken als den, mit allen Geistern ein Ganzes auszumachen, und fuhlte mich durch diese Einigung von allen Menschen aufs innigste angezogen. Was fur ein ganz anderes Wesen ist der Mensch, wenn er allein ist! wie Eins mit der Natur, wie mit sich selbst verstanden! Ein magischer Flor umzieht die Wirklichkeit, und nur veredelte Gestalten haben das Recht hier aufzutreten. In seiner idealischen Schopfung hindert, drangt, verzehrt sich nichts. Der seligste unter seinen Gottern, steht er da in seinem Himmel, und schaut mit unbeschreiblicher Zufriedenheit auf sein gelungnes Werk. Ganz andere Vorstellungen warten seiner, wenn er in die Gesellschaft tritt. Hier legen ihm die Verhaltnisse, die Anspruche seiner Mitburger, ganz andere Verbindlichkeiten auf. Ueberall umgeben ihn die Ringmauern des Gebrauchs, die Manen des verflossnen Zeitalters; uberall ragt ihm das stolze Selbst eines Andern hochmuthig entgegen; uberall lauft er Gefahr, dass eine fremde Vernunft ihr Siegel auf seine Eigenthumlichkeit drukke. Er kampft um die naturlichsten Rechte qualt sich mit erkunstelten Bedurfnissen und ubt Gerechtigkeit auf Kosten seiner Ruhe. Und doch bildete die Natur ihren Menschen fur ein geselliges Leben. Sie verlieh ihm nicht allein Sprachorgane; auch auf seine Stirn, in seine Augen legte sie den zarten Ausdruk seiner innern Gefuhle. Kaum ist das zarte Gebilde seiner Empfindungen vollendet, so erscheint es auch auf seinem Gesicht. Warum trachteten die Menschen diese gottliche Schrift zu verwischen? Warum fanden so wenig Nationen das Geheimniss, das Gluk des Einzeln im Wohl des Ganzen zu begrunden? Diese und ahnliche Betrachtungen waren mir ein unerschopflicher Stoff zu Gemalden, die ein schuldloses Herz entwarf, und wozu eine lachende Imagination die Farben mischte.
Einst hatte ich mich, von meinem Herumlaufen ermudet, unter die Zweige eines Limonienbaums niedergeworfen. Ich hatte gelesen bis mein Lesen in Empfinden ubergegangen war, und ich mich in meine gewohnlichen sussen Traumereien verloren hatte. Der Ort war wenig besucht; ein kleines Rosengebusch versteckte mich den Vorubergehenden. So wohl mir war, so sehnte ich mich doch aufs herzlichste nach einem Wesen, dem es ein gleiches Bedurfniss ware, die Menschen gluklich zu wissen, vor dem ich meine geheimen Seligkeiten aufschliessen, und in dessen Umgang ich neue Schazze finden konnte. Ich weiss nicht, warum mir meine Phantasie, so oft ich daran dachte, immer ein weibliches Bild vorhielt, aber ich konnte mich nicht davon trennen, und ich wollte es auch nicht. Ich schloss die schone Erscheinung mit Innbrunst in meine Arme, und schwelgte unersattlich in dieser lachenden Vorstellung. Ganz nahe Schritte storten mich endlich. Ja, Undankbare, horte ich sagen, eh' ich mich noch aufrichten konnte, ich will nicht langer einer Neigung frohnen, die mich entehrt! Ich will diese Fesseln zerreissen, ohne grosse Anstrengung, hoff ich. D u s e l b s t warst meiner Liebe nicht werth, nur die Liebe lieh dir Reize, die du nicht wirklich hast. Signor, erwiederte eine melodische weibliche Stimme, ich danke Ihnen fur Ihre Aufrichtigkeit. Aber, wenn die Liebe Reize leiht, warum entlehnten S i e keine von ihr? Wars der reine Wohllaut einer unverdorbnen Jugend, wars diese edle Haltung bei beleidigter Selbstliebe, oder die leichte Wendung, mit der sie die Spitze auf ihren Gegner wandte, genug, ich fand in dieser Antwort Etwas, was mir unbeschreiblich, was mir uber alles wohlgefiel die gluklichste Mischung von ruhiger Feinheit und treffendem Wizze. Ich rafte mich auf, denn ich brannte vor Begierde, den Mund zu sehen, der noch unsichtbar so sehr zu bezaubern verstand. Durch einen Umweg kam ich ihnen entgegen. Sie begegneten mir.
Der Kunstler, der aus bescheidnem Misstrauen gegen seine Kunst, den Amor zuerst mit verbundnen Augen malte, nicht um dadurch die Blindheit dieses Gottes anzudeuten, sondern weil er die Augen v e r b e r g e n wollte, die er nicht m a l e n konnte, nothigt mir Achtung fur sein feines Gefuhl ab. In welche Farben taucht der seinen Pinsel, der die Augen der Liebe malen will? Dieses lebendige Spiel der innern Erzeugnisse, dieser wechselnde Ausdruk, dieses Meer von Gefuhlen, worinn man sich so gern verliert wer fasst, wer halt dies? Was ich hier sah, war mehr als Amor. Der ruhige, sanfte Ausdruk ihres Gesichts, der geistvolle Zug der um Mund und Auge schwebte, die zarte Frische ihrer Formen, die gefallige Anmuth, die alle ihre Umrisse uberfloss: alles dies vollendete die Schopfung ihrer Augen. Als sie sich um eine Ekke bogen, sah sie sich noch einmal nach mir um. Ich weiss nicht was es war, aber das unbedeutende Ruckblicken der Neugierde war es nicht; noch weniger das angstliche Forschen geschmeichelter Eitelkeit, oder das zuversichtliche Tributfordern einer sieggewohnten Herzenbezwingerin.
Die holde Gestalt war in meine Seele ubergegangen, ich sah sie noch, als sie schon langst nicht mehr da war. Das innige Wohlgefallen, mit dem ich mich an ihr weidete, liess einen Himmel von Glukseligkeit uber mir aufgehen, in dessen Lichtmeer sich alle andern Gefuhle verklarten, oder untergiengen. Ich wusste von keiner Leere, keinen Wunschen mehr. Meine Seele hatte sich mit der Vorstellung des schonen Geschopfs vereinigt, und genoss in dieser Vereinigung auch Augenblikke des hochsten Entzukkens. Ach! dieser Zustand dauerte nicht lange! Bald suchten die Sinne ihre Anspruche geltend zu machen. Ich wollte sie sehen, horen, umfassen. Jezt fuhlte ich, dass ich liebte; denn nur dann heisst Liebe L i e b e , wenn sie Pfeile hat und fliegen kann; das heisst, peinlich und unruhig ist. Ich rief meinen vorigen Lieblingsbildern, aber keines wollte erscheinen. Wie auf einem verheerten Paradies schwebte das Bild der schonen Fremden einsam uber den Trummern meiner vollendetsten Schopfungen. Zum erstenmal war mir das Gefuhl meiner Selbst zur Last.
Ich versuchte es, meinen Zustand zu zergliedern, aber weiss der Trunkene im Augenblik des Rausches, was mit ihm vorgeht? Die treffendste wahrste Schilderung der Liebe ist, dass sie nicht geschildert werden kann. Sie, die jeden Augenblik Gestalt und Farbe wechselt, kann kein Maler festhalten und darstellen. Alle haben sie e m p f u n d e n , aber noch keiner hat sie e r k a n n t . Die Liebe der Philosophen ist so blind, wie die Liebe der Dichter, und mit welcher Anstrengung wir auch in nuchternen Augenblikken uber ihren Ursprung nachdenken, so sind wir doch alle zu dem Gestandniss genothigt, dass ein heiliges Dunkel ihn einhullt, und hier Etwas gottliches im Spiel ist, das unser Verstand vergebens zu erkennen trachtet.
Einige Tage vergingen, und ich fuhlte mich ruhiger. Meine Einbildungskraft hielt das Bild der schonen Unbekannten fest, aber die Sinne waren noch zu wenig dabei im Spiel, um durch ihre ungestumen Forderungen meine Ruhe auf lange zu zerrutten. Einem elektrischen Funken ahnlich, hatte jedoch diese neue Erfahrung alle jene zartlichen Gefuhle, die die Natur gleich einem gefahrlichen Zunder fur das Bluthenalter unsres Lebens bereitet, in mir angezundet. Jedes weibliche Wesen erregte einen hohern Grad von Interesse als vorher bei mir, schien ein doppeltes Recht auf meine Aufmerksamkeit zu haben, ich freute mich der holden Geschopfe doch war das Bild, das ich im Busen trug, unvermerkt mein Ideal von Liebenswurdigkeit geworden, woran ich alle andere weiblichen Geschopfe hielt und das keines erreichte.
Seit ich in G e n u a war, wohnte mir eine alte einsame Wittwe gegenuber. Dass sie dies sey, schloss ich, weil ich nie ein mannliches Wesen bei ihr sah, und weil ich jedoch in ihrem Gesichte gewisse Spuren fand, die nur durch die Leiden und Freuden des hauslichen Lebens eingegraben seyn konnten. In meiner gluklichen Stimmung, wo mir alles gefiel, was ich horte und sah, war auch sie mir interessant geworden. Taglich sah ich sie am Fenster, und mein Gruss wurde immer mit einer Freundlichkeit erwiedert, die von Herzen zu gehen schien. Einst war ich von einem fruhen Spaziergange zurukgekehrt. Die ganze Natur schwamm in einem Meere von Liebe und Entzukken. Ueberall Emporstreben und Entwikkeln jugendlicher Krafte; uberall Genuss und Freude. Ein Strom von Duften durchfluthete die Luft, und drangte sich mit unsichtbarem Reize an die Herzen der Jugend. Der allgemeine Taumel ergriff auch mich, machtiger, allgewaltiger als je. Susse Schauer durchzukten meine Nerven, und mein Geist schwelgte ahndungsvoll in den Bluthenhainen einer regellosen Phantasie. Ich f u h l t e zu lebhaft, um d e n k e n zu konnen. Keine Beschaftigung wollte mir schmekken mein Zimmer schien mir auf einmal zu klein geworden zu seyn. Mechanisch trat ich ans Fenster. Die Alte war da, aber sie sah mich nicht. Ihre Augen, die unverwandt die Strasse hinabschauten, zogen meine Blikke unwillkuhrlich mit sich dahin. Eine weibliche Gestalt war es, worauf sie hafteten, und mit namenlosem Entzukken sah ich in ihr meine Unbekannte wieder. Sie kam ganz nahe, gab ein kleines Zeichen mit der Hand, und gieng schnell voruber. Die Alte winkte ihr verstohlen. Ich warf mich die Treppe hinab, und sah sie noch von fern durch eine Kirchthur schlupfen. Als ich athemlos hinkam, kniete sie schon. Die nachste Minute fand mich an ihrer Seite.
In vollkommner Betaubung brachte ich die ersten Augenblikke zu. Eine neue Gluth durchflog meine Seele; die Schonheit der ganzen Welt schien mir hier in eins zusammengedrangt zu seyn, und in dieser sonderbaren Mischung von Bewundrung und Freude berauschte und verlor ich mich selbst. Hundert verschiedne Wunsche und Plane entstanden und starben; Hoffnung und Verzweiflung, Verwegenheit und Furcht, Freude und Schmerz erschienen und flohen; alle Leidenschaften begegneten sich; jeder Augenblik gieng mit neuen Empfindungen schwanger. Endlich gelang es mir, dies liebliche Angesicht mit mehr Fassung betrachten zu konnen. Ihr Blik war ernst; Etwas wichtiges schien sie ausschliessend zu beschaftigen und fur alles andre fuhllos zu machen. Andacht war es nicht. Irgend ein Entschluss arbeitete sichtbarlich in ihrer Seele.
Der Zufall denn so nennen wir alles, dessen Grund und Zwek uns verborgen ist der Zufall wollte, dass ihr Blik zulezt dem meinigen begegnete, und eine leichte Erinnerung schien bei meinem Anblik dunkel vor ihrer Phantasie zu schweben. Auf ihren Wangen begann ein sanfter Rosenschimmer aufzubluhen, und ein unschuldiges Wohlgefallen verklarte ihren Blik. Die Natur bedarf keines kunstlichen Behelfs, um verstandlich zu werden; ihrer Wirkung gewiss, wahlt sie immer die sichersten Mittel fur ihren Zwek. Was bei kunstlichen Menschen halbe Jahrhunderte kaum bewerkstelligen konnen, vermag bei Kindern der Natur oft ein einziger Augenblik. Wir kannten und verstanden uns. Meine Seele war in meinen Augen, und genoss der hochsten Wollust menschlicher Geister der sussen Ahndung, hier sich selbst verschonert wiederzufinden. Ich sah nur sie und waren alle Heilige des Himmels in voller Glorie sichtbar an mir vorubergerauscht, ich hatte nicht den Kopf gewandt, sie anzusehen. Der holde Laut ihrer Stimme wekte mich zulezt mit sussem Schrekken aus meinem Taumel auf. Wer sind Sie? fragte sie mit liebenswurdiger Unbefangenheit, mir ist als sollte ich Sie kennen. Ich bin ein Schweizer, Signora, und Sie? Der Zauber ihrer schwarzen Augen verschlang meine Rede, und liess mich nicht auf Worte denken. Ich heisse Nannette, erwiederte sie mir, mit dem heitern Lacheln eines Alpenmadchens. In dem namlichen Augenblik sah ich sie erblassen und aufstehen. Ein altlicher Mann, der sie zu erwarten schien, stand an der Kirchthure. Sie sah sich besorglich nach mir um; meine Gegenwart schien ihr drukkend zu werden. Ihre Aengstlichkeit vermehrte sich, als sie sah, dass ich ihr noch immer folgte. Endlich wandte sie sich schnell. Ich muss dort mein Portfeuille verloren haben, sagte sie verlegen, wenn ich hoffen durfte Ich flog zuruk es zu suchen, und suchte lange, aber vergebens. Auf einmal fiels wie Nebel von meinen Augen; die Angst goss siedende Gluth uber meinen Korper und beflugelte meine Schritte. Athemlos sturzte ich nach der Kirchthure, athemlos schaute ich mich um; mein Blut ward Eis ich sah niemanden!
Sinnlos stand ich einige Minuten lang im Boden eingewurzelt. Sie kann nicht weit seyn, flusterte zulezt die Hoffnung "Sie wird dich erwarten," die Eigenliebe. Tausend Vielleicht drangten sich vor meine Phantasie; die Lebensgeister sturzten sich von neuem in die aussern Theile, die todte Bildsaule wandelte sich schnell in lauter Auge, Ohr und Fuss. Ich ereilte einen Trupp der andachtigen Beter, die ich noch in der Ferne wallfahrten sah; unter ihnen hoffte ich sie zu finden. Ich fand sie nicht, ich fand sie nirgends.
Rastlos hatte ich die ganze Gegend durchsucht, nach allen Fenstern gespahet, alle Vorubergehende gefragt, mich hundertmal il pazzo! schelten lassen und alles war fruchtlos gewesen. Ermudet kam ich zuruk, und warf mich auf den Sopha. Meine Unruhe liess mich nicht ruhen. Zur Alten, zur Alten! sturmte es in mir, und in zwei Augenblikken war ich an der Thur. Ich flog hinuber. Unter dem Vorwand einer dringenden Angelegenheit begehrte ich bei ihr eingelassen zu werden. Sie war fort. Man wusste nicht, wer sie ware, woher sie gekommen, und wohin sie gegangen sey. Gleich dem, der nie wiederzukehren gedenkt, hatte sie alles in Richtigkeit gebracht. Sie war ganz fort. Wie einer, der sein Liebstes vor seinen Augen in eine schwindelnde Tiefe sinken sieht, stand ich da. Ein weiter Abgrund hatte sich zwischen mich und Nanetten gedrangt. Es war mir, wie man zuweilen im Traume, an allen Kraften gelahmt, nicht gehen, nicht fliehen, nicht schreien kann. Das Schiksal hatte allen meinen Wunschen die nakte felsenharte Unmoglichkeit entgegen gestellt. Wer war sie? warum fragte, warum verschwand sie? wo ist sie, wo ist sie? Dieser Wunsch verschlang alle ubrigen.
Aengstlich strengte ich meine ganze Erfindsamkeit an, mir einen Ausweg zu suchen; muhsam bot ich alle Seelenkrafte auf, hier meiner Leidenschaft zu Hulfe zu kommen. Meine Kraft versiegte der Mensch, der mit seiner Stirn einen Felsen fortbewegen will was ist er anders als ein Thor? Zweklos seine Krafte verschwenden ist Sunde, und die Natur lasst keine derselben ungerochen. Eine finstere Schwermuth uberfiel mich. Zu spat wollte ich mit meinem Gram vernunfteln; ich gerieth mit mir selbst und mit der ganzen Welt in Streit. Alle meine Bilder von Gluckseeligkeit hatten die schimmernde Folie, die ihnen unterlag, verloren, und weil ich auf e i n e n Misston stiess, so war ich eben so bereitwillig, dem Leben alle die entzukkenden Harmonien abzusprechen, die ich im sussen Taumel froher Empfindungen ihm so uberschwenglich zugetheilt hatte.
Meine gesunde Vernunft und eine glukliche Organisation retteten mich endlich aus einem Zustande, der bei so gluhender Einbildungskraft und so auflodernden Gefuhlen leicht hatte gefahrlich werden konnen. Ich verliess den Ort, der so entscheidend auf mich gewurkt hatte. Mit jedem Tage lernte ich die wirkliche Welt naher kennen, wurde vertrauter mit den Spielen des gesellschaftlichen Lebens. Unvermerkt ward ich aus dem B e o b a c h t e n d e n zum M i t h a n d e l n d e n ; und die neuen Erfahrungen, die ich machte, zerstreuten mich taglich mehr. Ich fuhlte es der Mensch muss h a n d e l n . Die wirkliche Uebung seiner Krafte ist fur sein Wohlbefinden unentbehrlich. Wir gehoren der Sinnenwelt eben sowohl an, als dem Gebiete der Geister. Ein beschadigtes Organ kann es nicht die Gottlichkeit des hellsten Verstandes besiegen, und mit einem Stukchen Gehirn einem Menschen der ganze gesammelte Vorrath einer Wissenschaft verloren gehen? Unsere Begriffe schopfen den Stoff aus der Sinnenwelt, den unser Geist verarbeitet, und den wir in unserm Lebensplan mitzuberechnen nicht vergessen durfen; und nur d e r darf hoffen, den Zwek der Natur erfullt und sich fur einen bessern Zustand erzogen zu haben, der alles erfullt, was ihm der jezzige auflegt, alle Krafte ubt, und ganz das ist, was er seyn kann.
Das Gewebe der wirklichen Welt umschlang mich unvermerkt immer fester, und die mannichfaltigen Bilder, die sich vor meine Seele drangten, gewannen mit jedem Tage der Schwermuth einen neuen Sieg ab. Mein Herz erwarmte sich von neuem an dem Feuer einer allgemeinen thatigen Menschenliebe; meine Krafte versuchten und starkten sich im Umgange mit Menschen, und das Morgenlicht der Jugend uberzog von neuem alle Gegenstande mit seinem rosenfarbenen Schimmer. Damals gerieth ich in einen Umgang, welcher mir eine neue Quelle von Seeligkeiten aufthat. Ich kenne die Natur des Zaubers nicht, der mich zuerst so unwiderstehlich an L o r e n z o fesselte, aber ich habe seine Wirkung empfunden. Oft wies er mich unfreundlich zuruk, oft verachtete er meine zudringliche Freundschaft, aber immer wuchs mein unerschutterlicher Vorsaz, den Stolzen durch Liebe zur Gegenliebe zu zwingen. L o r e n z o war ein seltner Mensch. Schon auf seinem Gesichte las man die furchterlichen Kampfe, die er uberstanden, die verheerende Gewalt, die er sich angethan hatte. Sein lebhafter Geist hatte allzusichtbar auf seinen Korper gewirkt, und ihm fur den blos sinnlichen Menschen alle Schonheit benommen. Nie hab ich einen Menschen gesehen, dessen edleres Selbst so sehr die Sinnlichkeit zu beherrschen verstanden hatte und von ihr so oft besiegt worden ware. Er hatte seine lezte Stuzze freiwillig fur das anerkannte Recht eines Andern zerbrochen, und er konnte kleinmuthig zagen, wenn ihm die Umstande den Genuss einer Lieblingsspeise verwehrten. Diese Schwache machte ihn liebenswurdig fur die, die seine Grosse sonst in Verzweiflung gesturzt hatte, aber i h n machte sie ungluklich. Der ewige Kampf mit sich selbst rieb seine Krafte auf, und bewurkte eine Erschlaffung der Lebensgeister, die ihn immermehr zur Schwermuth stimmte. Sein Schiksal hatte ihn die Menschen von ihren schlimmsten Seiten kennen gelehrt. Er war oft verkannt, oft hintergangen, oft zurukgestossen worden, und dies hatte ein Misstrauen in ihm hervorgebracht, das nicht selten bis zur Ungerechtigkeit gieng. Er liebte die M e n s c h h e i t , aber die M e n s c h e n verachtete er. Klugheit kannte er nicht. Sein Eifer fur Wahrheit war so rein und so gleichformig, dass er ihr selbst dann treu blieb, wenn sie mehr Nachtheil als Nuzzen von sich erwarten liess. Er hatte wenig gelesen, und war eben darum auch mehr E r s e l b s t geblieben. Was er dachte, war scharf, und seine Bemerkungen trafen immer nah ans Ziel. Ob sein Name unbemerkt mit grosser Fluth hinunter walle oder nicht, das kummerte ihn wenig: er wollte wirken, aber unsichtbar wie ein Gott. Ein Gedanke zur rechten Zeit entwikkelt eine des edlen Menschen wurdige That, die in die Seelen drang, dies war ihm alles, und erfullte ihn mit himmlischer Ahndung seines Fortwirkens ins Unendliche. Nur d i e Grosse, nach welcher er selber rang, schazte er auch an andern. Nie vermochte der Glanz eines gefeierten Namens seine Urtheilskraft zu blenden, aber sein Scharfsinn wusste den verborgenen Edelstein zu finden, und oft an einem Menschen das einzige selbst erworbene Gut zu entdekken, und mit stiller Wollust zu geniessen. So war d e r Mensch, dessen Liebe das unverrukte Ziel meiner Bemuhungen war. Wohl ein Jahr lang hatte ich mich vergebens darum beworben, und wahrend dieser Zeit fur wenig andres Sinn gehabt. Zulezt gelang es mir seinen Widerstand zu besiegen. A l b e r t , rief er in der ersten schonen Stunde, wo er mich in seine Arme schloss, du hast mir e i n H e r z gegeben, ich bin nicht mehr allein in der Welt. Von nun an waren wir unzertrennlich. Welche Begeisterung fuhlte ich in seinem Umgange! Welche Seeligkeit, wenn es mir gelang, seine schwarzen Phantasien durch eine hellere Beleuchtung zu mildern, und zu seinen schon fur tod beweinten Schopfungen noch eine Wirklichkeit aufzufinden! Sein schaffender Geist liess neue Ideen in mir hervorgehen, und ergozte sich an dem Eifer, mit dem ich sie verarbeitete und mir zueignete, und mein frohlicher Jugendsinn erhielt und nahrte die versiegende Flamme seiner Heiterkeit. So waren wir uns unentbehrlich geworden. Zwar hatte er mir noch wenig oder nichts von seinem vorigen Leben mitgetheilt, aber niemand verstand so wie er die Kunst, Geheimnisse zu haben, ohne zu beleidigen. S e i n S c h w e i g e n war mir ehrwurdig; s e i n v o l l e s V e r t r a u e n , hoffte ich, werde einst der schonste Lohn meines Strebens nach Vervollkommung und meiner Treue seyn. Er wars zufrieden, mich auf meiner Reise zu begleiten, und der allenthalben durch dieselben Gesezze geleitete Gang, in den scheinbar r e g e l l o s e n Verschiedenheiten der menschlichen Leidenschaften unter allen Himmelsstrichen, gab mir unter L o r e n z o s Leitung, Stoff zu unerschopflichen Betrachtungen. Er verachtete die kalte Buchgelehrsamkeit, die sich nur mit todten Zeichen ins Gehirn drukt; unmittelbar aus der Natur zu schopfen, dunkte ihm der nachste Schritt zur Selbsterziehung.
Damals fesselten die neuen Scenen, die in Galliens Hauptstadt spielten, die Aufmerksamkeit von ganz Europa. Ich schwelgte in dem entzukkenden Traume, meine kuhnen Ahndungen hier schon erfullt zu finden, und staunte mit susser Ueberraschung den ersten Schritt zur neuen Volkerbildung an. Der kaltere L o r e n z o spottete meiner allzuhochgespannten Erwartung, und fand da nur erst Saamen, wo meine rasche Ungeduld schon die goldne Erndte winken sah. Gleichwohl blieb es bey meinem Entschluss, in seiner Gesellschaft nach Paris zu reisen, und mit hochschlagendem Herzen kam ich daselbst an.
Wenig Tage nach meiner Ankunft feierte die Nation ihr grosses Freiheitsfest. An diesem Tage, der fur die Menschheit ewiges Interesse behalten wird, sah auch ich die Freude des trunknen Franken, und um ganz den Genuss dieses Tags zu fuhlen, zog ich meine Blikke von Vergangenheit und Zukunft ab, und heftete sie blos auf die Gegenwart. Es war mir leicht, den hohen Enthusiasmus des Franken zu erreichen; und das gottliche Bild eines freigewordnen gluklichen Volks drukte sich rein und unausloschbar in meine Seele. So stand ich auf dem Marsfelde, verloren in dies einzige grosse Gefuhl. Heilige Freiheit! so horte ich mit einemmale einen Flotenton hinter mir lispeln. Ich sah mich um. Ein grosses schwarzes Auge, von Freiheitssinn und Enthusiasmus verklart, begegnete mir. Es war Nanettens Auge; sie war es selbst.
O! N a n e t t e ! rief ich, und presste ihre Hand an meine Lippen. Ein sanfter Druk antwortete mir; ihr Auge glanzte; ein atherischer Schimmer schien uber ihrer ganzen Gestalt zu schweben. Alles um mich her hatte kein Interesse mehr fur mich. Ich vergass die Welt, die ausser mir war, vergass die Welt von Gefuhlen in meinem Busen; sie allein war meine Welt. Keine Vergangenheit; keine Zukunft. Meine ganze Existenz war in diese Augenblikke zusammengedrangt. Welch ein Gefuhl, worinn sich alle Krafte vereinten! eine Ewigkeit lag in diesem Augenblikke. O! Entzukken der Liebe! du susse Trunkenheit der Seele! wollustathmend schmachten alle Wesen nach einigen Tropfen aus deinem Zauberkelche! in Augenblikke zusammengedrangt fuhlt dich der eine und wird zum Gott, indess ein dumpfer Trubsinn sein ubriges Leben beschleicht; mit kaltern Lippen schlurft der andere den verdunnten Trank, der fur sein ganzes Leben ausreicht. Ist der nuchterne Trinker der von dir begunstigtere, oder ists der gluhende Schwelger?
Allmahlig loste mein Taumel sich in Worte auf. Ich fuhlte w e n i g e r , da ich s a g e n konnte, wie v i e l ich fuhle. Die Sprache ist nur F o l g e der Emfindung. Der wahre Augenblik der Empfindung duldet keine Sprache. Meine Gedanken knupften sich wieder an vorige Ideen an, und die Bilder der Vergangenheit drangten sich aus der Dammerung hervor. Bald ward es hell; mein Bewusstseyn kehrte wieder. Jenes erste Begegnen, die kurze Unterredung, alles, die kleinsten Umstande standen wieder so lebhaft vor mir da. Mit diesen Erinnerungen wachte plozlich ein Gefuhl in mir auf, das wie ein Sturm auf einen Augenblik alle andre ubertaubte; es war das machtigste im mannlichen Herzen das Gefuhl g e k r a n k t e n S t o l z e s . Hieruber Erklarung dachte ich, und redete schon. Warum jene Erdichtung mit dem Portfeuille? warum so grausam mit mir spielen? so wollte ich klagen, aber die Liebe verwandelte meine Klagen in zartliche Bitten. Sie errothete n i c h t . Es war Pflicht, mein Freund, sagte sie mit festem, liebevollen Tone und schon schwieg der Sturm in meinem Busen.
Sie sprechen hier von einem Portfeuille, sagte ein Offizier von der Burgerwache, und drangte sich zwischen uns, eben ist eins von grosser Wichtigkeit verloren gegangen; wissen Sie etwas davon? wir lachelten heide; er wiederholte seine Frage, wir verneinten sie. Misstrauisch gegen uns, gab er den Befehl, uns wegzufuhren. Nanettens Begleiter, jezt erst sah ich, dass sie einen hatte sagte dem Offizier ein paar Worte, und er liess sie gehn. Mich fuhrte man fort. Wer ist sie? Wer ist sie? fragte ich, und niemand antwortete mir. Man durchsuchte mich, fragte mich, fuhrte mich hiehin und dorthin, fand mich unschuldig, und liess mich gehn. Als ich in meine Wohnung zurukkam, fand ich keinen L o r e n z o mehr. Die wichtigste Angelegenheit, schrieb er mir, nothige ihn, Paris und mich zu verlassen. Betrafe es nur ihn selbst, so wurde er mich, auch mit Gefahr seines Lebens, von dem Orte seines kunftigen Aufenthalts unterrichten; hier aber sey mehr als er und er musse schweigen. Ich erstaunte; doch machte sein Verschwinden jezt nicht den Eindruk, den es sonst hatte machen konnen. Freund und Geliebte wer weis nicht, wohin die Schaale sinkt?
Ich hatte Sie aufs Neue gefunden und verloren, die mir mehr als Tageslicht, mehr als F r e i h e i t war. Ein schwacher Hoffnungsstral dammerte durch das Dunkel. Sie in dieser kleinen Welt aufzusuchen, das war's, was ich wollte. Tage lang stand ich im Palais royal, durchspahte jedes weibliche Wesen, gukte unter jeden Hut, durchblikte jeden Schleier, und fand sie nicht. Mein eigensinniges Herz verschmahte jeden andern Liebreiz. Ich durchstrich die Garten, besuchte alle Theater, war auf allen Versammlungsplazzen, und thats vergebens. Meine Wangen bleichten, mein Auge verlosch. Der Damon fehlgeschlagener Hoffnung zehrte sichtbarlich an meiner Lebenskraft. Wie aus einem tiefen Schlaf erwachte ich endlich. Was ist aus dir geworden? fragte ich mich selbst. Du mordest die unnachlasslichen Forderungen, die die Welt an dich zu thun hat. Unter der Last blos eigennuzziger Sorgen, worinn die Seele gefangen liegt, erlischt und stirbt die gottliche Flamme, die den Geist zum Himmel emporhebt, jene edle Kraft, die ihn zu schonen Handlungen beflugelt, und seine Bluthe welkt ungenuzt im Sonnenbrand der Leidenschaft.
Ich raffte alle Energie, die noch in mir lag, zusammen, um mich zu ermannen. Ich nahm an allem Theil. Ich gieng in die Nationalversammlung, mischte mich unter das Volk, horte die Feuerrede M i r a b e a u s , und vergass mich selbst uber dem Antheil, den ich an andern nahm. Aber wenn ich nun am Abend in mein einsames Zimmer zurukkehrte, alle die am Tage uber aufgefassten Ideen in immer tieferes Dunkel sanken, das Herz von seinen Bedurfnissen nun lauter zu sprechen begann dann schwebte i h r Bild vor meinen Blikken wie die stralende Erscheinung einer bessern Welt. Voll Sehnsucht strekte ich meine Arme aus, die holde Gestalt zu umfassen; geistig wallte sie voruber, und Augenblikke des tiefsten Unmuths folgten dem kurzen Schattengenuss von Freude.
Noch konnte ich mich nicht von Paris entfernen. Ein magischer Stral der Hoffnung hielt mich in seiner Atmossphare fest; noch immer hoffte ich sie hier zu finden und immer hoffte ich vergebens.
Mein Vater schrieb mir endlich zurukzukommen, und wie elektrisch Feuer fuhr mir das durchs Herz. In diesem Augenblikke vergass ich den Zwischenraum, der mich von der Vergangenheit trennte, und schloss mich wieder mit Innigkeit an meine vorigen Ideen an. Die heitere Magie der Erinnerung beflugelte die Sehnsucht nach einem gleichen Genuss, und die Fulle ihrer Darstellungen gab meinem tragen Herzen neue Spannkraft und meinen halb verloschenen Augen neues Feuer wieder. Im Nachhall meines sussen Taumels reiste ich ab, und neue Lebensluft schien mir mit jedem Schritte balsamischer entgegen zu wehen. Ach! nur zu bald empfand ich, dass wir n i e das wieder werden konnen, was wir einmal aufgehort haben zu seyn. Die Erfahrungen die wir machen, die Gefuhle, die in uns entwikkelt werden, andern unaufhorlich an unserm Wesen und kein Gott kann ihre Wirkung aufhalten! Jezt stand ich wieder da auf mutterlicher Erde, sah ihre hohe Natur, ihre bluhenden Erzeugnisse wieder, die mir auch in der Ferne oft so freundlich gewinkt hatten. O! einziges himmlisches Gefuhl! Mein Herz schwoll auf, fand in der ganzen Welt nichts seiner Sehnsucht werth, wie diesen kleinen Raum, und fand in diesem Raume eine Welt. Ich schaute hin in die Ferne, die grau und ungewiss vor meinen Blikken lag, und ein Schwarm von strebenden Gefuhlen wallte in mir auf. O! Nanette, Nanette, dachte ich. Nur einen Pulsschlag lang hatte ich sie vergessen. Der erste Eindruk, wieder im Vaterlande zu seyn, hatte mich uberwaltigt; doch unausloschbar stand ihr Bild vor meiner Seele. Sie war mein vollendetster Gedanke, der sich innigst mit jedem meiner Genusse verwebte.
Mein Vater und meine Verwandten empfingen mich mit tausend Freuden. Ich war ihr Liebling gewesen, als ich von ihnen schied, und ich war es noch. Tausend Beweggrunde regten mich nun zu neuer Thatigkeit an. Dieser allmachtige Trieb, der, unter welchen schonen, tausendfachen Modificationen! auf dem ganzen Erdboden sichtbar wird, der Trieb zu w i r k e n , ergriff auch mich. Ich arbeitete fur das Wohl, fur die Ruhe anderer, aber meine eigene Ruhe schien mir unwiederbringlich verloren zu seyn. Die ahndungsvolle Seeligkeit, die mein Gefuhl aus dem Zauberkelche der Liebe gekostet, die geistige Wollust, die ich in L o r e n z o s Umgange genossen, was konnte mir sie ersezzen, was sie zurukbringen? Ich widerstand dem Schmerz uber ihren Verlust nicht langer, und die Ungewissheit uber ihr Schiksal verstarkte ihn taglich mehr. Zu s c h w a c h , den zweklosen Gram mit Vernunftgrunden besiegen zu konnen zu s t a r k , um mich von seiner Rechtmassigkeit zu uberreden, war ich doppelt ungluklich, weil es mir an innrer Harmonie gebrach. Wie mit einer lichtscheuen, menschenfeindlichen Krankheit behaftet, suchte ich nur Dunkel und Einode; Schweigen und Einsamkeit war das Einzige, was mir in der Welt noch ertraglich dunkte. Alles, was mir sonst so begehrungswerth geschienen, war mir gleichgultig. Ein paar Jahre hatten meine Jugendgespielen grosstentheils von mir getrennt, oder sie wiegten sich noch in den Traumen einer gluklichen Unerfahrenheit, oder unser Schiksal hatte Welten zwischen unsre Denkart gedrangt. Die Wirklichkeit war tod fur mich, und die Erinnerung einer hier vertaumelten, einst gluklichen Jugendzeit konnte mir nur Stoff zu schmerzlichen Vergleichungen geben. Vergebens nahm ich zu den einfachsten Mitteln meine Zuflucht; erwartete von der Natur, was keine Kunst zu geben vermochte; vergebens lauschte ich mit kindlichem Herzen ihren leisesten Trostungen selbst ihr allmachtiger Zauber konnte mein gelahmtes Gefuhl nicht aus seiner Versunkenheit retten. Wie nach einem verlornen Paradies sah ich zuruk nach den Freuden, die ich genossen, die ich hatte geniessen k o n n e n , und eine furchterliche Ermattung folgte stets jedem gewaltigen Auflodern meiner kranken Imagination. Ich w o l l t e nicht vergessen um diesen Preis verlangte ich kein Gluk. Mein Schiksal schien mir Einzig zu seyn, das Wunderbare desselben webte einen geheimen Reiz in meine Leiden und machte meine Genesung immer unmoglicher. So versank ich rettungslos in die unseligen Traumereien einer gespannten Phantasie; zu sehr gewohnt den Eingebungen des Gefuhls zu folgen, verhallte die Stimme der Vernunft ungehort in seinen allgewaltigen Accorden, und mein Zustand ward gefahrlicher, je minder ich den Wunsch empfand, ihn zu verbessern.
Nur ein gewaltsam erschutternder Schlag konnte
mich aus diesem Seelenschlafe wekken und das Schiksal gonnte mir ihn. Es fasste mein Herz an der einzigen noch fuhlbaren Seite. M e i n V a t e r s t a r b . In ihm hatte ich das hochste Ideal menschlicher Gute angebetet, ihn hatte ich unaussprechlich geliebt. Er war kein g r o ss e r Mensch, aber er war ein guter Mensch, bis in seine entschiedensten Vorurtheile ehrwurdig und menschlich. Was andre l e h r e n , u b t e er. Ein gottlicher Instinkt schien seinen Geist immer an das Wahre und Gute zu fesseln, und sein Leben war der redendste Beweis fur Moralitat und Sittengesez. Nur mit langsamen Schritten folgte er im Denken dem Geist seines Zeitalters; aber sein Herz ware die Ehre jedes Jahrhunderts gewesen. Er hasste die Menschen nicht, die anders dachten wie er; aber er hielt sich nicht fur verpflichtet zu denken wie sie. Oft schien er ohne zureichende Grunde seiner Meinung getreu bleiben zu wollen, doch nicht selten zeigte ein unerwarteter Ausbruch, wie er im Stillen seinen Gang verfolgt, und dann der bessern Ueberzeugung beigetreten war. Ein unversiegbarer Quell von Rechtschaffenheit und Wohlwollen trieb unablassig die schonsten Bluthen der Humanitat aus seinem Innern hervor, und ergoss sich wie ein seegensreicher Strom uber alles was ihn umgab. Viele liebten ihn keiner war sein Feind. Selbst seine Schwachen machten ihn liebenswurdig und vollendeten das edle Bild des Menschenfreundes in ihm. Das war der Mann, dem mich das Schiksal so nahe gebracht, von dem es mich jezt auf immer getrennt hatte. Es war eine Erschutterung, die mein ganzes Wesen aufreiben zu wollen schien. Doch die unabweislichen Foderungen Anderer liessen mir nicht Zeit meinem Schmerz nachzuhangen, und rissen mich gewaltsam wieder ins thatige Leben hinein. Hier gelang es mir zuerst, wieder uber mich selbst nachdenken zu konnen, und es war beschlossen waren diese Pflichten gegen Andre erst erfullt, unablassig an meiner eignen Heilung zu arbeiten. Ich wollte reisen. Den eigentlichen Zwek verschwieg ich mir desto tiefer war er in das Innerste meines Wesens eingesenkt.
Es war Fruhling. Ein neues Leben durchflog die Natur, aber mein Herz lieh ihren Schopfungen nicht mehr die magische Beleuchtung einer lachenden Phantasie. Zertrummert waren meine Traume; schmerzhaft tonte mein Gefuhl in die frohen Harmonien der Schopfung; vergebens wunschte ich in diesem Meer von Liebe und Freude mich versenken, mich auflosen zu konnen mein Herz sog nur neue Nahrung, neue Wunsche und keine Befriedigung in sich. Unstat irrte ich in den Bergen umher, warf mich mit hochschlagendem Herzen in das sprossende Gras, fuhlte nicht Ruhe, nicht Ermudung. Ein einziges Plazchen nur schien mir Frieden ahnden zu lassen. Es war ein reizendes Thal, das heimlich zwischen Bergen verstekt lag, wo kleine bebuschte Hugel sich sanft uber die Ebne strekten. Zauberisch an den Berg gelehnt stand hier eine kleine einsame Hutte, in grune liebliche Dammerung gehullt, und von kleinen Bachen umschlungen. Eine Hirtinn bewohnte sie ganz allein mit ihren Kindern. O! so ein liebes Weib allein wars werth, diesen Himmel zu bewohnen! Innigst verwebt mit dem Schmelz ihrer Wiese, den Schiksalen ihrer Heerde, dem goldnen Schimmer an den Bergspizzen waren alle ihre Gedanken, ihre Traume; aber o! wie schon, wie rein, wie heilig! Thatigkeit und Ruhe, Menschenliebe und Treue und Wahrheit, alles hatte sie in diesem kleinen Cirkel gelernt und geubt. Gastfreiheit war bei ihr nicht Tugend nur Natur. Zurnend dass sie das Vergnugen zu g e b e n erst durch n e h m e n kaufen sollte, wollte sie die ihr gebotene Kleinigkeit nie annehmen. Oft stand ich staunend vor ihr, hier als a n g e b o r e n zu finden, was mancher oft so schwer sich a n z u b i l d e n strebt, den reinen Trieb Gerechtigkeit zu uben, die warme Thatigkeit fur sich und andre, den tief aus der Seele athmenden Frieden. Was dem Denker die V e r n u n f t lehrt, ubte hier das G e f u h l in jeder ungekunstelten Aeusserung, jeder anspruchlosen Handlung. Hier entzundete sich die Fakkel meiner Menschenliebe aufs neue, wenn das egoistische Gewebe der Welt sie zu erstikken drohte; hier huldigte ich mit inniger Empfindung der Gottlichen, die in der kunstlosen Wiesenblume, und in den schuldlosen Sitten einer Hirtinn so schon sich verherrlicht.
Ein lieblicher Zauber schien diese Hutte zu beleben. Mit pochenden Pulsen trat ich ein: beruhigt verliess ich sie. Es war als wenn durch das leise Auf- und Niederwehn des Bluthenbaums vor dem kleinen Fenster, alle Sorgen unwiderstehlich von mir verscheucht wurden.
Einst war ich in kochender Hitze unter den Bergen herumgeirrt. Die Lufte brannten, kein Blattchen zitterte; kein Graschen wankte; es schien der vergluhten Natur der Athem zu fernerm Leben zu fehlen. Mit einemmale walzte der starke Fittig des Sturms die Wolken zusammen. Wasserfluthen stromten, Blitze verschlangen die Lufte, der Donner erschutterte die Berge, die Eichen bebten. Muhsam erreichte ich die kleine Hutte. Athemlos sturzte sich hinter mir ein andres Wesen herein. Ich sah mich um, es war, und alle Pulse stokten es war N a n e t t e !
Wo hat noch je ein gluklicher Maler den hohen Augenblik des Wiedersehens in seiner ganzen Fulle gefasst und dargestellt? Schwelgerisch feiert ihn das Gefuhl, armselig verkaltet ihn der Ausdruk. Ein innres, innigers Leben gluht in den Herzen der Liebenden. Ohne Worte verstehen sie sich im sussen idealischen Einklange aller ihrer Empfindungen.
Wir traten heraus aus der Hutte. Ein neues, tausendfaches Leben war uber mich ausgegossen. Unbemerkt von uns hatte der Sturm fortgerast; unbemerkt hatte er geschwiegen. Der Himmel stralte wieder in seiner vorigen Klarheit. Rings umher schwammen die Berge im Flammengold der untergehenden Sonne. Sprachlos, im sussen Einklang mit der hohen Feier dieser Scene, stand die Liebenswurdige da, und in ihren Augen fand ich eine noch weit herrlichere Schopfung als selbst die, die vor uns lag. Wie gluklich war ich! Ich fuhlte es tief, es war der erste, heilige Moment eines neuen seligern Daseyns.
Die Riesenschatten der Berge dehnten sich tiefer uber das Thal hin; in blassgraue Dammrung verlosch allmahlig die Rosengluth des Abends. Wir mussen scheiden, sagte mir N a n e t t e , mit dem sussen Handedruck eines unschuldigen Wohlwollens, meine Mutter wird langst auf mich warten. Ich wagte es nicht ihr zu widersprechen, so heilig war mir ihr kleinster Wille. Auch begleiten durft ich sie nicht. Morgen sehen wir uns hier wieder, fuhr sie fort, und der stille Ernst ihrer Zuge gieng mit einemmal in die susseste unbefangenste Freude uber. Welches Leben in diesen Zugen! welche feine Mischung von gluklichem Scharfsinn und warmer Empfindung! welche zarte Verwebung von ungekunstelter Natur und feinerer Bildung, von jugendlichem Frohsinn und ruhiger Vernunft! meine Phantasie wusste nichts hinzuzusezzen, und fand hier ihr kuhnstes Ideal erreicht. Leicht betrat sie einen Felsenpfad, der sich heimlich durch die Klippen hinauf wand. Unbeweglich sah ich die schlanke liebliche Gestalt durch die Felsen empor klimmen, sah, wie sie mir noch einmal liebevoll winkte, und zulezt hinter Gebuschen verschwand. Mit ihrem Bilde im Busen gieng auch ich, ein neuer Mensch, nach meiner Wohnung zuruk. Wie sonderbar! Einst uberflog meine brennende Sehnsucht die stillen Granzen meines Vaterlands; mit jugendlicher Starke umschlang ich die Welt; mein unersattliches Herz wollte mit unbesiegbarem Drange alle Schatze des Lebens aufsuchen und geniessen jezt war eine kleine Hutte das einzige Ziel meiner Gedanken, Nanettens Auge meine Welt, ihr Kuss mein hochstes Ideal von Glukseligkeit.
Mein Erwachen am andern Morgen ich werde es nie vergessen! Das erste Gefuhl der Ueberraschung war mehr Trunkenheit als Gluk, ein qualendes Uebermaas von uberirdischem Entzukken was ich jezt empfand, war ein reines, namenloses susses Bewusstseyn meines Gluks. Dies lebendige Gefuhl der Wirklichkeit, deren Moglichkeit ich zuvor beinahe bezweifelte; der freudige Glaube an eine seelige Zukunft, verbunden mit der Gewissheit einer gluklichen Gegenwart; das unaussprechliche Wohlgefallen, mit dem ich an Nanetten gedachte dies alles wirkte so harmonienvoll, schmolz so entzukkend in eins zusammen, dass alle meine Gefuhle sich allgewaltig zu Einem freudigen Accord zusammenfugten. Ich eilte ins Freie. Die Sonne stralte uber den Bergen, die sich dunkel erhoben. Rund um mich her ruhten die freundlichen Dorfer im Kranze rothlich bluhender Obstbaume. Ein frisches Lebensluftchen sauselte, und kusste die Regentropfen auf, die noch auf den Blattern standen. Tausend Kehlen sangen aus den Gebuschen, tausend Blumen sendeten mir ihre sussen Geruche zu. Es war die Welt nicht mehr, worinn ich noch gestern so ungluklich gewesen war. Eine neue Sonne war uber mir heraufgegangen. Leicht wie das Athmen der Morgenluft durchflog mein Geist die Schopfung, und verlor sich in ihrem unermesslichen Lebensmeere. Das, was dem naturlichen Menschen so susses Bedurfniss ist, wenn er sich gluklich fuhlt, das innigste Dankgefuhl durchdrang mich jezt. Wie hatte ich in dieser lebendigen Schopfung den todten Zufall ertragen konnen? Mein Geist verlangte ein Wesen, dem er sein Entzukken z u r e c h n e n , dem er durch seine Seeligkeit seinen Dank weihen konnte. Dieses Wesen unerweislich und unableugbar kein Gegenstand der Erkenntniss, sondern des Gefuhls ich fand es in der ganzen Natur. Fur mich gab es keine todten Formen mehr; mit heiliger Ahndung sah ich aus allen Wesen geheime Deutung hervorsprossen, und vernahm im Innersten meines Seyns ihren gottlichen Sinn. Ungetheilt uberliess ich mich meinen Entzukkungen. Sind Empfindungen nicht heilig? sind sie nicht die reine gottliche Sprache, durch welche die Natur zu uns redet? Vernunft soll sie l e i t e n , nicht verdrangen und die dunklen Ahndungen des Gefuhls zu verdeutlichen, bedarf es ihrer hohern Kraft.
Ich berauschte mich von neuem in der entzukkenden Vorstellung meines Gluks. So uberraschend, so alles ubertreffend hatte ich es nie erwartet, nie getraumt! Mit der Erfindsamkeit eines Schwelgers rief ich mir gewissenhaft alle Scenen des Kummers zuruk, suchte alle Wunden wieder aufzureissen um sie nun alle, alle in diesem Jubel der Empfindung vergessen zu konnen. Ich sollte N a n e t t e n sehn! N a n e t t e hasste mich nicht! dies wusste ich, was brauchte es zur vollkommensten Gluckseeligkeit mehr?
Ich sah sie wieder; ich sah sie taglich. Welche Entzukkungen fuhlte ich in ihrem Umgange! Nein, nie hab ich, selbst wo ich mit der strengsten Unpartheilichkeit zu prufen strebte, ein ihr gleiches Geschopf finden konnen! Diese tief aus dem Herzen hervorquellende Heiterkeit, dies unerreichbare Talent Freude zu fuhlen und fuhlen zu lassen, die holde Malerei ihrer Phantasie, die hohe Wahrheit ihres Geistes, bei so viel feiner Bildung, dieser rein durchdachte Widerwille gegen alle Ungerechtigkeit, verbunden mit einer so himmlischen Gestalt! alle Gefuhle vereinigten sich, mich auf den hochsten Gipfel menschlicher Gluckseeligkeit empor zu heben.
Als ich sie zum zweitenmal wieder sah, fragte sie mich mit ungeduldiger Eile, ob ich vielleicht das Geheimniss ihres Aufenthalts schon an einen dritten verrathen hatte? ich hatte es nicht meine Empfindung war mir zu heilig, zu einzig ich furchtete sie durch eine misslungne Schilderung zu entweihen, und die selbstsuchtige Gefalligkeit eines Vertrauten, der im ahnlichen Fall auf gleiche Nachsicht rechnet, dunkte mir unertraglich. Nanette e m p f a h l mir die strengste Verschwiegenheit Versicherungen verlangte sie nicht; sie selbst war ja die Seele meiner Handlungen; die leiseste Ahndung ihres Willens war mir Gesez; es konnte ihrem Scharfsinn nicht entgehen, dass auch ohne Schwur ihr Verlangen mir heilig bleiben wurde. Sie fuhrte mich den steilen Pfad hinauf, den ich sie Tags zuvor hatte betreten sehen; der Weg drangte sich immer heimlicher durch ein dicht verwachsnes Gebusch, und endete nach einer kurzen Wallfarth vor der Thur eines kleinen Hauses, das sein Aeussres in nichts von gewohnlichen Bauerhutten unterschied. Desto lieblicher war der Eindruk, welchen sein gefalliges, aber kunstloses Innre auf die Sinnlichkeit machte. Hier Mutter, sagte N a n e t t e mit der sussesten Anmuth, und stellte mich vor eine schon etwas bejahrte Frau hin, hier bring ich dir ihn selbst. Mein erster Blik uberzeugte mich, dass ich hier nur eine alte Bekannte wiederfand. Es war eben die Alte, die ich in G e n u a , ohne zu ahnden, wie interessant sie mir einst werden wurde, so gern gesehen hatte. Sie nahm mich freundlich auf. Der Ruf hatte ihr Fragmente von mir geliefert, aus denen sie, wie ich bald fuhlte, kein ungunstiges Resultat gezogen haben musste. Auch sie verlangte Verschwiegenheit; aber, mit mehr Klugheit vielleicht, doch gewiss mit weniger Scharfsinn, forderte sie da ein feierliches Versprechen, wo N a n e t t e auch ohne dasselbe sich weit sichrer geachtet hatte. Ich durfte sie nun taglich sehn. Die Tante denn das war sie N a n e t t e n vermehrte mit jedem Tage meine Ehrfurcht fur ihr stilles und doch so tiefwirkendes Verdienst. Sie war ein ungewohnliches Weib. Von den wenigen Menschen eine, die die eine Halfte ihres Lebens durch stillen Fleiss zu ihrer Selbsterziehung verwenden, und in der zweiten ihre gesammelten Schazze zur Beglukkung eines andern nuzzen; keinen weitern Genuss kennen als diesen; ihm ihr ganzes Leben aufopfern, und mit wuchernder Sparsamkeit, in Hinsicht auf einen kunftigen uberschwenglichen Ersatz, gern allen Freuden der Gegenwart entsagen. Aber die Schopfung, die sie h i e r hatte aufbluhen sehen o sie wars wohl werth, ein ganzes Menschenalter dafur hinzugeben!
Wochen vergingen und reihten sich zu Monaten, ohne dass ich N a n e t t e n nur durch eine Frage, einen Wunsch um Aufschluss uber ihre sonstige Handlungsweise, den schnellen Wechsel ihres Aufenthalts, die tiefe Heimlichkeit, worinn sie jezt lebten, gebeten hatte. Ganz in ihren immer neuen, immer holden Liebreiz verschlungen, fesselte eine glukliche Gegenwart alle meine Gedanken, meine Wunsche. Ihre Achtung war die erste Bedingung meines Gluks ihr Wohlwollen der Preis, um den ich alles wagte. Was kummerten mich aussere Verhaltnisse? was die Vergangenheit? Es gnugte mir, von ihr die Art des Eindruks zu erfahren, den mein erster Anblik auf sie gemacht hatte. Damals, sagte sie mir, that es mir wohl, unter Gesichtern, die theils durch unnaturliche Begierden widrig gespannt, oder unter dem Druk eines unmassigen Genusses erschlafft waren, endlich E i n s zu sehen, das noch das heilige Geprage von Unverdorbenheit unverkennbar an sich trug. Ich folgte einem instinktartigen Gefuhl, welches ein unbedingtes Vertrauen auf solche Zuge von mir forderte. Der erste Eindruk, wenn noch keine vorgefasste Idee unser Urtheil leitet, kann uns immer wichtig seyn; das zarte Gefuhl unterscheidet auch hier, was der Verstand noch auf keine deutlichen Grundsazze zu bringen vermag. Aber als ich nun den Grund dieses gunstigen Eindruks erforschen wollte, und mir keine Rechenschaft daruber zu geben vermochte, da glaubte ich zulezt, vielleicht einen meiner vorigen Freunde in Ihnen wiedergesehn zu haben. Unter dieser Gestalt wie war mir Ihr Andenken so lieb! wie sehnte ich mich nach einem zweiten Begegnen! Ich sah Sie in der Kirche meine vorigen Ideen kamen wieder, die Augenblikke waren kostbar, und ich widerstand meinem Herzen nicht. Die Nation die Sie mir nannten der susse Ausdruk Ihres offnen Blikkes beides wekte eine ganze Reihe freudiger Erinnerungen in mir auf; beides offnete mir einen Himmel seeliger Schwarmerei! und Ihr Bild schien von diesem Augenblik an sich ein Recht auf mein Andenken erworben zu haben.
Wie dankte ich N a n e t t e n fur dies susse Gestandniss! wie allgenugthuend, allbelohnend war es mir! das wichtigste, glaubte ich, wisse ich nun; alles ubrige musse d a g e g e n nur von geringer Bedeutung seyn. Wie sonderbar fuhlt ein liebendes Herz! so genugsam und so unersattlich! so die Welt umfassend und nur fur eins lebend! so mit Freude und Schmerz sich qualend! Verweht waren alle die truben Phantome, mit denen ich mich geangstet hatte; mein entwolkter Sinn sah nur reine, himmlische Formen, fuhlte nur das Allbeseeligende des Lebens. Eben das Gefuhl, das alle Hoffnung auf Freudengenuss auf ewig zu erstikken drohte, war jezt die Quelle meines unnennbaren Gluks. So ist Liebe d i e W a r m e d e r m o r a l i s c h e n W e l t , sie erzeugt und zerstort wie diese, bringt hier Bluthen und dort Vulkane hervor.
Jeder Tag brachte mich N a n e t t e n naher. Das ewig Bluhende unsrer Phantasien, das frohe jugendliche Aufwallen unsrer Herzen, der susse Einklang unsrer Seelen webte ein zartes, unsichtbares, unauflosliches Band zwischen uns. Wir l e b t e n im eigentlichsten Sinne des Worts. Die zarten Bluthen des Gefuhls, diese reinen Quellen menschlicher Gluckseeligkeit, wurden von uns sorgfaltig geschont und vor Schaden gehutet. Sattigung ohne Ueberdruss Sehnsucht ohne Qual. Natur und Vernunft unsre Gotter. Wir waren frei von allen lastigen, gesellschaftlichen Verhaltnissen, die in dem Menschen Wunsche nahren, ohne sie zu erfullen, ihm Bedurfnisse aufzwingen, die sein Herz nicht kennt, und deren Befriedigung nicht gluklich macht. Aber wir waren nicht gleichgultig gegen die Erscheinungen, die nicht unmittelbar auf unsre Eigenthumlichkeit Bezug hatten. Alles, was der Menschheit im Allgemeinen wichtig seyn, Vorurtheile bekampfen, Irrthumer ans Licht ziehen, Wahrheiten entwikkeln konnte, hatte fur uns unbeschreibliches Interesse. So genossen wir unsre Existenz tausendfaltig. N a n e t t e war fern von allem erkunstelten Wissen; ihr ganzes Studium schrankte sich blos auf die Kenntniss des Menschen ein, aber von naturlichem Scharfsinn unterstuzt, hatte sie sich in Beurtheilung und Schazzung der Menschen eine Fertigkeit erworben, die ich nie habe fehlen sehen. Dieser tief eindringende, geubte Blik, machte ihren Umgang zu einer unerschopflichen Nahrung fur den Geist. Ihre Urtheile waren immer voll Eigenthumlichkeit und Tiefe, nie nachgebetet und seicht. Die Wahrheit ihrer Begriffe von dem reinsten Gefuhl begleitet, machte sie gerecht gegen andre, gab ihr Frieden mit sich selbst, Selbststandigkeit im Gedrange der Umstande. Ein freundlicher Genius schien unablassig den Eingang ihres Herzens zu bewachen, und keiner ublen Laune den Zutritt zu verstatten. Fur zweifelhafte Uebel hatte sie Erfindsamkeit, ihnen auszuweichen, fur gewisse, Muth, sie zu ertragen. Die glukliche Mischung ihrer Safte verlieh ihr eine unzerstorbare Heiterkeit, die beneidenswertheste Fertigkeit, an allem die geniessbare Seite aufzufinden und zu benuzzen. Sie war reizbar ohne Schwache, heiter ohne Unempfindlichkeit; gefuhlvoll, ohne sich selbst zu qualen, vernunftig ohne Anmassung. In ihrem Umgange fuhlte auch ich mich taglich besser. Der unbeschreibliche Zauber ihres Wesens schien mein ganzes Seyn zu verandern, und mich ihr selbst ahnlicher zu machen. Alles was im Dunkel das Labirinth des Herzens durchwandelt, konnte ich ihr vertrauen, ohne Missdeutung und Ruge zu befurchten denn sie liebte d e n M e n s c h e n kein uberirdisches Wesen einer erhizten Einbildungskraft in mir. Unser Wirkungskreis war klein nichts Ausserordentliches drangte sich in die susse Einfachheit unsers Lebens aber N a n e t t e n s sinnreiche Wohlthatigkeit vermehrte im Stillen die Summe menschlicher Glukseligkeit rund um uns her, und ihr reiner Sinn wusste mit edler Sorgfalt auch die kleinsten Bluthen der Humanitat aus allen Herzen, die sie erreichen konnte, hervorzulocken und zu pflegen. In diesen reinen Akkorden des Gefuhls, diesem schonen, erquikkenden Zusammenklange aller Forderungen der Vernunft und des Herzens, ist, ich fuhlte es, allein das einzige wahre Gluk des Lebens enthalten. Einfachheit ist die Bedingung desselben. Der gemeine Menschenverstand muss es fassen, begreifen konnen, es muss fur alle erreichbar, fur alle hinreichend, fur alle geniessbar seyn. Wir stiehen es oft, indem wir es suchen. Damals besass ich es, und ich besass es doppelt denn ich liebte.
In susse Traumereien eingewiegt, schwand mein Leben, einem schonen Maitage gleich, dahin. Ein sanfter Sonnenblick, der sich auf den Zweigen wiegte, der liebliche Eindruk einer lebendigen Gegend, das romantische Sturzen des Waldbachs, der bedeutende Schlag eines Vogels konnte mein Gefuhl in seine innersten Saiten erschuttern, und alle Ideen in eine neue lieblichere Schwingung versezzen. Oft wenn wir gearbeitet hatten, ruhten wir in den freundlichen Schatten der Baume, und die erschlafften Nerven erholten sich mit sanftem Nachhall in der erquikkenden Abendluft. Oder wenn das Mondenlicht freundlich auf den Wellen des Sees tanzte, winkte mir N a n e t t e in den schwankenden Kahn. Sie selbst fasste das Ruder und wir schwammen dahin. Dann sezte sie sich still an meine Seite, susse Schwarmerey in ihrem Blikke, und mir war es vergonnt dies gefuhlvolle Schweigen zu deuten. Oder sie sang, wenn eine frohliche Laune ihre Nerven hoher spannte, mit reizender, biegsamer Stimme in das melodische Flustern der Baume am Gestade, die ein lauer Nachtwind durchirrte. Oft war die Tante mit uns; ihre Gegenwart erhohte nicht selten unsere Lust, verminderte sie nie.
Ich war so gluklich, so uber alle Hoffnung gluklich, dass ich lange vor jedem neuen Wunsche wie vor einem Verbrechen zurukschrak, und mich dadurch meines Himmels unwerth zu machen glaubte. Aber wir m u s s e n w u n s c h e n . Es ist die Feder, die das ganze Kunstwerk unsrer Thatigkeit in Bewegung erhalt, unsre Krafte entwickelt, und am Baum des Zieles unaufhorlich Bluthen des Vergnugens fur uns hervorsprossen lasst. Was die Natur selbst in unser Wesen eingeflochten, was sie zur Bedingung unsrer Erdenseeligkeit gemacht durfen wir uns dessen schamen? Ich sah Nanetten o f t , aber ich wunschte sie unaufhorlich zu sehn, ich besass ihr Vertrauen, aber ich rang nach dem hochsten innigsten Grad desselben, ich fuhlte es mit jedem Augenblikke, dass sie mich liebte, aber ich verlangte aufloderndes Gefuhl, Leidenschaft. Meine Sehnsucht nach ihr ward Qual, ihre Abwesenheit Tod. Ihr Bild verwebte sich in meine Traume; war ich fern von ihr, so beschaftigte sie mich unaufhorlich, und sah ich sie, so sturzte mich das oft in Verzweiflung, dass ich ihr nicht so ausdrukken konnte, was ich fuhlte. Endlich unternahm ich es, ihr meine Leiden, meine Sehnsucht und meine Wunsche zu schildern. Es that mir weh, ihr bekennen zu mussen, dass der freundliche Zauber ihrer Gegenwart allein nicht mehr alle andre Wunsche auszuschliessen, nicht mehr mein hochstes Gluk auszumachen vermochte; aber es war nun einmal so sollte ich sie hintergehen? Ich bat sie, ihr Schiksal ganz an das meinige zu ketten, und durch Befolgung der gesezlichen Formen hierbei allen lastigen Folgen auszuweichen. Diese Erklarung machte sie nachdenkend; die Tante noch mehr. Beide hielten jezt eine Erzahlung fur nothwendig, die uns allen so lange entbehrlich geschienen hatte. Was sie mir in Fragmenten, bald mehr, bald minder weitlauftig mittheilten, war ungefahr folgendes.
N a n e t t e war in Genua geboren, und hatte ihre Aeltern so fruh verloren, dass ihr Gehirn kaum ein bleibendes Bild von ihnen aufzufassen vermochte. Zwei Bruder, der eine fast in gleichem Alter mit ihr, der andere beiden weit in Jahren uberlegen, theilten dies traurige Schiksal. Indessen war der personliche Verlust ihrer Aeltern damals das einzige, woruber sie sich zu beklagen hatten. Durch die hinterlassenen Reichthumer derselben war fur alle ihre Bedurfnisse z u b i l d e n was sie in ihnen fand; a n b i l d e n wollte sie ihnen nichts. Ihre Hoffnung, ganz ihr Werk vollendet zu sehen, ward nur zur Halfte erfullt. Der Knabe ward ihr zu bald entrissen, aber durch N a n e t t e n genoss sie der Wollust, ein edles Weib in seiner hohen angestammten Wurde rein und unentweiht ihren Zeitgenossen dargestellt zu haben.
Indessen hatte der altere Bruder unaufhorlich in
Vergnugungen aller Art geschwelgt. Naturlich, dass es ihm zulezt an Mitteln zur Befriedigung seiner immer wachsenden Bedurfnisse gebrach, naturlich dass er nun mit der Kraft zu g e n i e ss e n auch die Kraft zu e n t b e h r e n verloren hatte, und nun auf unrechtmassige Behelfe sann, da keine rechtmassigen mehr in seiner Gewalt waren. Was konnte ihm naher liegen, als das ihm anvertraute Vermogen seiner Geschwister; was konnte bei der Verfassung seines Landes leichter seyn, als sich selbst einen Theil desselben zuzueignen, wenn er sie zum klosterlichen Leben uberreden konnte? O f f e n b a r e Gewaltthatigkeiten erschrekten seinen entnervten Geist, aber kein h e i m l i c h e r Kunstgriff konnte ihm zu schwarz und unedel seyn. An seinem Bruder wollte er den ersten Versuch wagen, und als einen vierzehnjahrigen Jungling liess er ihn zu sich kommen. Er fand in ihm ein Wesen von unbiegsamer Rechtschaffenheit, trozziger Anhanglichkeit an seine Pflichten, alle Leidenschaften noch in tiefem Schlafe, durch hohe Schwarmerei zu jeder Resignation bereit und sein Plan war gemacht. Der Scharfsinn, den er besass, wenn es darauf ankam, seinen eignen Vortheil zu finden, half ihm bald einen Plan entwerfen, der ihm nur allzugluklich gelang. Er wusste dem Junglinge, was er fur ihn gethan, so ans Herz zu legen, wusste ihm seine eignen Verhaltnisse so unzerreissbar, seine Lage so verwikkelt, seine Bedurfnisse so dringend darzustellen, dass jener es kaum des Dankes werth hielt, wenn er ihm mit allen seinen Rechten, allen Aussichten auf Lebensgenuss ein unwiederbringliches Opfer brachte, und nur beweinte, dass es ihm nicht mehr Ueberwindung kostete. Mit der grossten Freudigkeit liess er sich einkleiden. Aber bald entfaltete sich sein Geist mit Riesenschritten. Seine aufwachende helle Vernunft stellte ihm das Unzwekmassige, Naturwidrige seines jezzigen Lebens im furchterlichsten Lichte vor Augen. Er schauderte zuruk vor den Fesseln, mit denen verjahrte, geheiligte Vorurtheile seine Denkkraft zu entnerven drohten. Sein Orden war nicht streng genug, um ihn g a n z von der Welt zu entfernen; er lernte sie genug kennen, um zu wissen was er in ihr verloren, sah seinen Bruder im Ueberflusse schwelgen, wahrend er seiner vermeinten Rettung das hochste Gut des Menschen, seine Freiheit, aufgeopfert hatte. Seine Zweifel wurden Gewissheit, sein Wanken, Entschluss. Er entfloh, und entzog sich der Rache seines unversohnlichen Bruders und des beleidigten Ordens.
Dieser misslungene Versuch konnte den Unersattlichen nicht von einem zweiten abschrekken. Und was hatte auch e r eigentlich dabei verloren? Sein ungluklicher Bruder hatte sich ja auf ewig des Vermogens beraubt, auf seine eigenthumlichen Rechte Anspruch zu machen, wenn er nicht seine Freiheit, sein Leben selbst bei diesem misslichen Versuche aufs Spiel sezzen wollte. Aber es lag in seinem Wesen, vor jeder kundbar werdenden Uebelthat zurukzubeben; er furchtete die Meinung der Menge, und das schon uber ihn gefallte, ungunstige Urtheil derselben war ihm nicht fremd. Doch seine Bedurfnisse sprachen lauter als seine Furcht. Ein argloses Weib zu berukken, glaubte er, sey uberdem ein weit belohnenderes und sicheres Geschaft. Mit allen Ueberredungen der Liebe fuhrte er nun die unbefangene N a n e t t e in sein Haus; nur die Begleitung ihrer Tante, deren scharfen, geubten Blik er scheute, verbat er sich unter mancherlei Vorwand. Aber wie ein schuzzender Seraph schwor sich diese ihren Zogling nicht zu verlassen, und unsichtbar uber seine Sicherheit zu wachen. Heimlich reiste sie zu gleicher Zeit mit N a n e t t e n nach Genua, wo sie in tiefster Verborgenheit lebte, und unentdekt, mit Argus Augen alle Schritte ihres Neffen bewachte.
Der selbstsuchtige, abgestumpfte Weltmann glaubte, durch die reinen gluhenden Aeusserungen eines gefuhlvollen Herzens, die er nicht verstand, irre gefuhrt, es blos mit einer gutherzigen Schwarmerinn zu thun zu haben, und er hielt seinen Zwek fur erreicht, sobald es ihm nur gelungen seyn wurde, ihr das klosterliche Leben von seiner romantischen, heitern Seite dargestellt zu haben. Selbst der Wahn, dass ihr geliebter jungrer Bruder freiwillig diese Lebensart gewahlt, und sein Gluk in ihr gefunden, den er bei ihr so lang als moglich zu unterhalten suchte, sollte ihm, hoffte er, von grossem Nuzzen seyn. Aber er fand gar bald, dass er sich hier sehr verrechnet hatte. Die kalten, unwiderlegbaren Grunde, die N a n e t t e seinen hochgespannten, absichtlich verschonerten Schilderungen entgegen zu sezzen wusste; die sanften, vernunftigen, nur fur ihn nicht ausfuhrbaren Rathschlage, die sie ihm mit herzlicher Theilnahme gab, wenn er mit ihr von seiner misslichen Lage sprach dies alles war ihm unbegreiflich und sturzte ihn in Verzweiflung. Keine Ueberredungen, keine Bitten, keine Grunde, keine noch so bluhende Malereien konnten ihr das leiseste Wohlgefallen an einem Stande abgewinnen, von dem kalte, ruhige Vernunft und warmes inniges Gefuhl sie gleich weit entfernt hielten. Mit Erstaunen sah ihr Bruder hier alle seine fur unfehlbar gehaltenen Kunstgriffe scheitern, und schon dachte er mit heimlichem Widerwillen auf Gewalt, als ihm ein gefalliger Zufall von einer andern Seite zu Hulfe kam. Der Cardinal ** sah N a n e t t e n , und fand ihr ganzes Wesen so unaussprechlich reizend, dass er ihrem Bruder unermessliche Vortheile versprach, wenn er sie bewegen konnte, mit ihm als Gesellschafterinn zu leben. Ihr Bruder hoffte alles; die Proben, die er von Nanettens heller Denkart hatte, schienen ihm dafur zu burgen, dass er hier wenig Vorurtheile zu bekampfen haben wurde. Aber er vergass auch jezt auf die innige Harmonie, die zwischen Nanettens Denk- und Empfindungsweise herrschte, Ruksicht zu nehmen, und ihm, der es verlernt hatte an menschliche Vollkommenheit zu glauben, kam das Naturlichste unbegreiflich vor. Eben das Madchen, welches die entehrende Einschrankung des Klosters mit ruhiger Wurde von sich gewiesen hatte, schlug jezt, eben so entscheidend, den Antrag einer nicht selbstgewahlten Abhangigkeit von einem ihr gleichen Wesen, die sie in die traurige Nothwendigkeit versetzt haben wurde, entweder beherrscht zu seyn, oder durch Kunstgriffe zu herrschen und beides verabscheute sie aus. Sie verlangte gleiche Rechte mit dem Manne, den sie lieben wollte, und die Personlichkeit des Cardinals war ihr noch weit mehr als alle ubrigen Verhaltnisse, ein unabanderlicher Grund ihrer Weigerung. Ohne Achtung wollte sie nicht lieben, und diese verdiente er nicht. So war ihre Antwort bestimmt, durchdacht, und alle Hoffnung auf immer ausschliessend. Im vollen Vertrauen auf sich selbst, sich immer gleich, fiel es ihr jedoch nicht ein, den Umgang ihres Liebhabers fliehen zu wollen. Er war es, in dessen Gesellschaft ich sie zuerst gesehen, und dessen damaliger Zorn sehr bald verraucht war. Nur ihr Bruder war nicht so leicht zu versohnen. Unablassig sann er im Stillen auf neue Entwurfe, die bald in Handlungen uberzugehn drohten. Der wachsamen Tante entgingen seine dunkeln Schopfungen nicht; es schien ihr Zeit, ihren Liebling nicht langer allein zu lassen, und durch geheime Wege erhielt N a n e t t e Nachricht von ihrer Nahe, und von dem Plane mit ihr zu entfliehen. Alles war verabredet, und die Stunde der Ausfuhrung nahte herbei. Damals war es, wo ich sie in der Kirche zum zweitenmal sah, wo der Gedanke an das strenge Verbot ihrer Tante, schlechterdings keinen Mitwisser ihres Geheimnisses zu haben, und die Furcht, durch mich vielleicht unschuldigerweise verrathen zu werden, ihr meine Gegenwart so drukkend machte, und sie zwang, ihre Zuflucht zu einer List zu nehmen, die mir so unendlichen Kummer verursacht hatte. Meine gluhende Ungeduld verhinderte sie hier an der Vollendung ihrer Geschichte. Die Aeusserung, dass diese Flucht der vornehmste Grund sey, warum Nanette einen Schritt nicht thun konne, der die neugierige Aufmerksamkeit des Haufens zu sehr an sie fesseln wurde, war mir zu wichtig, als dass ich in diesem Augenblikke noch fur etwas anders hatte Sinn haben sollen. Ich schwor ihnen, sie gegen alle Beleidigung zu vertheidigen; ich verwies sie auf den Schuz der Gesezze, aber ich uberzeugte sie nicht. Die Rechte, die Nanettens Bruder auf seine Schwester hatte, waren in den burgerlichen Gesezzen gegrundet, wer konnte sie ihm nehmen? sie furchteten fur ihre Freiheit und ich durfte es ihnen nicht verdenken. Wo haben wohl Weiber das Recht, sich unmittelbar des Schuzzes der Gesezze freuen zu durfen? sind sie nicht fast allenthalben mehr der Willkuhr des Mannes unterworfen? wie wenig wird noch jezt auf ihre naturlichen Rechte, auf den ungestorten Genuss ihrer Freiheit und ihrer Krafte Ruksicht genommen! werden sie nicht vielmehr blos g e d u l d e t als b e s c h u z t ?
N a n e t t e , rief ich mit gluhenden Wangen, und presste ihre beiden Hande an mein Herz, so lass denn diese ausserlichen Vorkehrungen, die fur arglose Herzen, wie die unsrigen, nicht gemacht sind. Giebt es eine F o r m , die der I n h a l t nicht heiligt? kann etwas ehrwurdiger seyn als unsre Verbindung? Zwei freie Wesen schliessen den Bund, gemeinschaftlich zu wirken, gemeinschaftlich Gutes zu thun, gemeinschaftlich zu l e i d e n . Unser Bund besteht durch e i g n e K r a f t . Nicht die zerbrechlichen Stuzzen von priesterlichem Seegen, von burgerlicher Ehre, von krankelnder Gewissenhaftigkeit halten ihn. W i r s e l b s t sind uns Burge fur u n s s e l b s t . Weder Natur noch Vernunft lehrten die Menschen diese Vorkehrungen zu gebrauchen. Klugheit that es, eine Tugend, die erst aus den Trummern menschlicher Unschuld und Reinheit hervorwuchs, und durch Verdorbenheit nothig ward. Ob w i r sie bedurfen? Liebe! kennen wir uns nicht? Wir werden ewig so seyn, weil wir es jezt sind!
Die Tante nahm das Wort. Nanette schwieg; aber ein Stral von unbeschreiblicher Liebe und Hoheit drang aus ihrem Auge in meine Seele. Ich sah in ihrem Blikke die hochste Stufe menschlicher Veredlung, das reinste Ideal menschlicher Schonheit, die zarteste Verhullung grosser himmlischer Gefuhle. Sie vergessen junger Mensch, sagte die Tante mit ruhiger Fassung, dass die Gesellschaft, worinn Sie leben, allerdings Gehorsam fur ihre Verordnungen von Ihnen verlangen kann, dass Sie ihr fur die Bildung, fur die Vortheile, die sie Ihnen verliehen, auch Achtung fur ihre Forderungen schuldig sind, und dass es nicht so leicht ist, als Sie jezt glauben, die ruhigen sichern Vortheile burgerlicher Verhaltnisse dem Genuss eines Gutes aufzuopfern, das Leidenschaft Ihnen jezt als das hochste Einzige vor Augen stellt. O Mutter, unterbrach ich sie mit aller Fulle des uberstromenden n e t t e liess mich nicht lange in Zweifel. Mit uberstromender Freude fiel sie mir um den Hals. Fur sie gab es nur e i n e n Lorenzo in der Welt. O! weist du vielleicht wo er jezt ist, rief sie mit zartlichem Ungestumm verbirg mir nichts, ich bin seine Schwester! Ich drukte sie gluhend an mein Herz und was mir unmoglich geschienen hatte ich liebte L o r e n z o ' s Schwester mehr als Nanetten, Nanettens Bruder mehr als Lorenzo. Mein Entzukken war granzenlos. Was unsre gluhende Ahndung uns bereits fur Gewissheit gegeben hatte, bestatigte sich nun durch Thatsachen. Lorenzo, mein Freund Lorenzo, war ihr jungrer Bruder. Sie erzahlte mir nun so gedrangt als moglich, wie sie aus G e n u a gluklich entkommen, und P a r i s zu ihrem Aufenthalte gewahlt, weil sie hier am unbekanntesten zu leben gehofft hatten, wie aber, aller Vorsicht zum Troz, ihr alterer Bruder sie entdekt, und unvermuthet vor ihnen erschienen sey. Unter der Maske der innigsten Bruderliebe hatte er von neuem Nanettens Herz fur sich zu gewinnen, alle gegebene Veranlassungen zum Argwohn von Irrungen herzuleiten, alle seine Handlungen in ein reines uneigennuzziges Licht zu sezzen gesucht. Aber bald ward es sichtbar, dass er noch immer fur den Cardinal warb. Sein Anliegen ward mit jedem Tage dringender, und die besorgliche Tante furchtete neue Gefahren. Damals sah sie L o r e n z o in einem der seltenen, gluklichen Augenblikke, wo sie einer s c h e i n b a r e n Freiheit genossen, denn ein heimlicher Miethling ihres argwohnischen Bruders musste ihm fur jeden gefahrlichen ihrer Schritte Burgschaft leisten. Die Vollendung, welche reifere Jahre N a n e t t e n s und L o r e n z o ' s ganzem Ansehn gegeben hatten, musste sie nothwendig verandert haben, aber sie erkannten sich bald. Der erste Augenblik war Zweifel, der zweite Glaube, der dritte schon Ueberzeugung. Das dringende der Umstande kurzte alle strenge Untersuchung ab. Einige geflugelte Worte benachrichtigten L o r e n z o von ihrer jezzigen Lage. Sein Entschluss war halb gefasst. Was er auch zu wagen hatte, er kannte keine Furcht, wenn es darauf ankam, fur einen Andern zu handeln, und dieser Andere war Nanette! was ihm sonst nur Pflicht geschienen, war ihm hier B e l o h n u n g . Das Gluk begunstigte seine gewagten Unternehmungen, und Nanettens Scharfsinn wusste die Arglist ihres Bruders mit so gutem Erfolge zu hintergehen, dass er ihre Abreise erst dann erfuhr, als es fur ihn zu spat war. Gluklich erreichten sie das kleine einsame Landhaus, ein Eigenthum der Tante, welches sie jedoch jezt zum erstenmal bewohnte. Desto sichrer konnten sie hoffen hier unentdekt zu bleiben. Doch nun verliess sie L o r e n z o . Der Theil der Schweiz, worinn das Landhaus lag, bekannte sich zu der Religion, die er so hochlich beleidigt hatte, und er furchtete die stille, aber weitumfassende Verkettung der Glieder seines verlassenen Ordens. S e i n e Gegenwart, glaubte der Uneigennuzzige, konne ihrer eignen Sicherheit gefahrlich werden, und so edel wie er war, konnte er den Gedanken nicht ertragen, durch seine Schuld Andre auch nur der Moglichkeit ausgesezt zu haben, mit in das Gewebe seines feindseeligen Schiksals verwikkelt zu werden. So trennte er sich freiwillig von allem was ihm lieb war, aber diese Trennung erschutterte sein Wesen bis in seine geheimsten Tiefen. Das Schiksal selbst schien ihn von allen Verhaltnissen loszureissen, von allen Verbindlichkeiten zu entbinden, und der erschutternde Gedanke, auf der ganzen Welt kein trautes Wesen mit sich verbunden zu wissen, der ihn schon ehemals verfolgt hatte, sank jezt in seiner ganzen furchterlichen Starke wieder auf ihn ein. Sein Abschied erfullte N a n e t t e n mit schreklichen Ahndungen. Sie sah ihn, wie er zwischen Leben und Tod wankte, wie alle Faden, die ihn an die Menschen banden, zu zerreissen drohten, wie er in Gefahr war, den Glauben an sich selbst zu verlieren. Ihre Bitten, dass er bleiben sollte, waren erschutternd aber sie blieben ohne Erfolg. L o r e n z o hatte sich einmal uberzeugt, dass es Pflicht fur ihn sey und er schied, wenn auch sein Herz daruber verbluten sollte. Einige Talente im Zeichnen, die ihn zum Stolz seines Zeitalters hatten machen konnen, wenn nicht sein unglukliches Schiksal jede Laufbahn fur ihn verschlossen hatte, wurden ihn, hoffte er, vor ganzlichem Mangel sichern. Nur wenn er gluklich ware, versprach er ihnen Nachricht von sich zu geben bis jezt hatten sie noch keine erhalten. Oft war die Erinnerung an ihn der Grund jener ruhrenden Schwermuth gewesen, die ich in N a n e t t e n s Blikken hatte schwimmen sehen, und deren Ursache sie mir immer verschwiegen hatte. Mit der edelsten Offenherzigkeit hatte sie mir alles anvertraut, was s i e s e l b s t betraf fur f r e m d e Geheimnisse hielt sie mich noch nicht fur genug gepruft; uber das erste glaubte sie allein ein ausschliessendes Recht zu besizzen das zweite war ihr heilig wie das anvertraute Eigenthum eines dritten.
Die uberstromende Freude, die in Nanettens Augen loderte, als sie glaubte, ich konne vielleicht ihre qualende Sehnsucht nach Nachrichten von L o r e n z o stillen, schilderte mir, mehr als Worte, die Grosse ihrer Liebe zu ihm. Ach! es war mir nicht vergonnt, ihre susse Erwartung befriedigen zu konnen, und ihre stille Krankung daruber scharfte das Gefuhl meines Schmerzes. Nur die Hoffnung, durch m e i n e Hulfe bald gluklicher zu seyn, konnte sie trosten. Vielleicht war er nicht fern, vielleicht entdekte mir ein gunstiger Zufall seinen Aufenthalt, vielleicht konnte ihn meine Gegenwart, meine Theilnahme aus seiner Versunkenheit retten. Der Erfolg war ungewiss. Denn w o sollte ich ihn suchen? aber schon die Hoffnung wars werth, alles um sie zu wagen. Sein Kunstlerruf war der einzige Stral, dem ich in dieser Dunkelheit folgen konnte, aber auch dieser, wie unsicher! N a n e t t e hoffte freudiger. Die Lebhaftigkeit ihrer Wunsche uberredete die Liebende, sie fur geheime Ahndungen zu nehmen. Ein neues Interesse kettete sie an mich; aber der erhohte Reiz ihrer Zartlichkeit vermehrte nur das Bittre meiner Resignation. Mich jezt von ihr trennen zu mussen ach! es dunkte mir unertraglich! Nur der Gedanke, fur S i e zu handeln, und L o r e n z o ' s Bild, konnten mich in diesem Kampf empor halten. Ich riss mich los, und suchte sofort alle katholischen Lande: zu meiden, weil ihn hier zu finden, mir am unwahrscheinlichsten dunkte. Dennoch that mir zulezt, nach mancher getauschten Hoffnung, manchem fehlgeschlagnen Versuch, in einem kleinen katholischen Stadtchen ein leises Gerucht die Existenz eines jungen interessanten Kunstlers kund, und diesmal betrog mich das ungedultige Pochen meines Herzens nicht. Er wars, den ich suchte, ach! aber es war der L o r e n z o nicht mehr, den ich in P a r i s zulezt gesehen hatte. Eine schrekliche Veranderung war mit ihm vorgegangen; furchterliche Sturme hatten in seinem Innern gewuthet und alle Bluthen des Lenzes unwiederbringlich zerstort. Er kampfte nicht mehr, er unterlag; eine grassliche Bestimmtheit und Stille lag in seinem Blikke. Unter dem truben Einfluss eines krankelnden, allzureizbaren Korpers konnte keine heitre gesunde Vorstellung mehr in seiner Seele gedeihen, und das matte zweifelhafte Licht, worinn ihm alles erschien, gab auch den heitersten Bildern ein bleiches melancholisches Farbenspiel. Selbst bei meinem Wiedersehn liess die dumpfe Schwermuth, die ihn niederdruckte, kaum einen sterbenden Stral von Freude in seinem Auge flimmern, liess kaum ein Lacheln uber seine Wangen schleichen. Vergebens suchte ich nach Beruhrungspunkten, wo ich sein erstorbenes Gefuhl zu fassen hoffte; die Vergangenheit war fur ihn auf ewig untergegangen und fur ihn gab es keine Zukunft mehr. Ein kurzes schmerzhaftes Zuruksehnen war alles, was die Erinnerung an N a n e t t e n in seinem todten Herzen zu erkunsteln vermochte der kurze Sonnenblick eines Wintertags! Es war sichtbar, es musste etwas mit ihm vorgegangen seyn, was wir nicht wussten, und was er mir verschwieg, und sehnlich erwartete ich den Augenblik, der mir das entrathseln wurde. Als ich ihn bat, mich mit der umliegenden Gegend bekannt zu machen, that er es so mechanisch, als ware die G e w a h r u n g einer Bitte die unausbleibliche, nothwendige Folge derselben. Aber ein geheimer Instinkt schien ihn unwillkuhrlich an die schauderhaftesten Stellen zu leiten, und mir graute vor dem finstern Geiste der Schwermuth, der hier sichtbarlich ruhte. Jezt standen wir auf einem Felsenhange still, und schauten der untergehenden Sonne nach. Eine tiefe Stille herrschte um und neben uns im Himmel und auf der Erde. L o r e n z o sah in die untergehende Sonne mit einer so feierlichen Ruhrung, dann blikte er nach einer Gegend der Stadt mit so schmerzhafter Entsagung es lag etwas in seinen Blikken etwas so schrekliches dass ich es nicht zu deuten wagte. Er schien in Gedanken zu versinken, aus denen ihn nichts herauszureissen vermochte fur ihn gab es kein lebendiges Wesen mehr in der Welt er war allein und ich wagte es nicht ihn zu storen, bis er endlich wie aus einem schweren Traum erwachte. Sterben? wiederholte er sich, als ware diese Frage bis jezt der Inhalt seiner Gedanken gewesen und liegt denn so viel Furchterliches in diesem einzigen Worte? ist es werth, um dieser einzigen zu e n t g e h e n , alle Qualen des Lebens zu e r t r a g e n ? Wiegt nicht so manches Leiden des Daseyns tausendfaltig diese einzige durchseufzte Stunde auf? Darf ich fur noch ungewisse Uebel nicht die gewissen hingeben? Aber eben diese Ungewissheit ist es, die dem Menschen furchterlicher als die schreklichste Gewissheit dunkt. Doch was ists, dass er ihr zu entfliehen strebt? Nothwendigkeit schleppt ihn langsam dahin, wohin ein einziger rascher Schritt der Willkuhr ihn bringen kann, und es wird ihm nicht heller, wenn er von verzehrender Krankheit zerruttet, den lezten entscheidenden Augenblik herannahen sieht. Und hat der freie Mensch nicht vor unedlern Wesen, die ein drukkendes Daseyn langsam dahin schleppen, bis es ein Zufall zerstort, d a s voraus, dass er freiwillig ein aufgezwungnes Daseyn vernichten kann? Welcher kuhne Gedanke, das Schiksal selbst zu beherrschen, und mit stolzer Entbehrung die zu leben vergonnten Tage als uberflussig zuruk zu geben! Hier schwieg er, und ein bedeutendes Lacheln, als freute er sich eines neuen Siegs uber einen schwer zu bekampfenden Feind, durchflog seine Zuge. Mir schauderte, eine furchterliche Hellung hatte sich auf einen Augenblik uber meine Zweifel verbreitet. Sterben! dem jugendlichen, mit hundert sussen Zauberbildern ringenden, in aller Fulle der Gesundheit schlagenden Herzen war dieser Gedanke so fremd! Ich wusste es selbst nicht, dass ich dies Wort so laut und so bedeutend ausgesprochen hatte, aber L o r e n z o sah mich mit Befremdung an. In einem Augenblikke hatte er seine kalte, verschlossne Fassung, seine stille Besonnenheit wieder. Vergebens suchte ich mich in seine Selbstgesprache einzudrangen, vergebens durch neue Zweifel Verwirrung in sein System zu bringen, vergebens alle Saiten seines Gefuhls gewaltsam zu spannen ein Lacheln vor dem ich erschrak, und ein halb unwilliges Schweigen war alles, was ich erhielt. Es war eine schrekliche Nacht; kein Schlummer kam in meine Augen. Unablassig qualte ich mich mit Entwurfen, die mir bald unfehlbar, bald ganz zweklos schienen. Was ihn auch dahin gebracht haben konnte nur ein erschutternder Schlag, das war gewiss, vermochte ihn aus diesem grasslichen Zustande zu retten. Ihm einen solchen zu bereiten, das wars, was die ganze Nacht durch alle meine Seelenkrafte hochst angreifend beschaftigte. In aller Fruhe eilte ich zu ihm. Ich fand ihn nicht, er war ausgegangen, niemand wusste wohin. Eine erschutternde Ahndung durchfuhr mein Herz, und das Blut stokte mir einige Momente lang. Naturlich, dass ich kein Mittel, Nachricht von ihm zu erhalten, unversucht liess. Man sagte mir von einem Kaufmanne, wo er sonst einen grossen Theil seiner Zeit zuzubringen pflegte, und ich eilte dahin. Die erschrokkene Verlegenheit dieses Mannes, noch mehr die angstliche Erschutterung seiner Tochter, die mit todtenblassen Wangen das Zimmer verliess, als ich sie von L o r e n z o ' s Verschwinden benachrichtigte, uberzeugten mich, dass er ihnen kein blosser Bekannter seyn musste. Hier glaubte ich den Grund seiner Schwermuth suchen zu mussen, und je reizender das Madchen war, die ich hier gesehen, desto mehr zitterte ich fur meinen Freund. Einige Tage vergingen in der furchterlichsten Spannung, selten von schwacher Hoffnung erheitert mit einer Wahrscheinlichkeit kampfend, die in jedem Augenblikke in schrekliche Gewissheit uberzugehen drohte. Endlich verbreitete sich ein Gerucht, dass man in einer der verodetsten Gegenden einen jungen Mann mit zerschmettertem Gehirn gefunden habe. Es war L o r e n z o . Ein Pistolenschuss hatte ihn getodtet.
Jezt, zum zweitenmal, fuhlte ich mich mit namenlosem Jammer in den endlosen Labirinthen eines tiefverwundeten Gefuhls verschlungen. Alle meine Traume von kunftigem Glukke verblichen im Nebel der Gegenwart, und selbst das Andenken an die Vergangenheit vermochte es nicht, mich aufzuheitern. Die Phantasie wuchert mit verlornen Gutern, und jeder Verlust erhoht in unsern Augen den Werth des genossnen Gluks. L o r e n z o war mir theuer gewesen jezt betete ich ihn an; ich hatte mich an seiner Vortreflichkeit geweidet, jezt beweinte ich den Ersten aller Menschen in ihm. Naturlich, dass mein Schmerz hiedurch zwiefache Starke erhielt. Auch der Gedanke an N a n e t t e n vermehrte seine Bitterkeit. Von meinen eignen Leiden glaubte ich auf die Grosse der ihrigen schliessen zu konnen. Wie sollte ich mit dieser furchterlichen Nachricht vor ihr erscheinen? und konnte ich sie ihr verbergen? wollte ich es?
Das, was zuerst meine Aufmerksamkeit wieder auf mehrere Gegenstande zog, und mich von jenem starren Verweilen bei Einem, wo alle Krafte zulezt in Stokkung gerathen, zurukke brachte, war der Wunsch, L o r e n z o ' s ganzes Schiksal zu erfahren, es im Zusammenhange zu wissen, was ihn so unabanderlich aus dem Gebiet aller menschlichen Aussichten und Hoffnungen hinausgewiesen hatte. Ich erfuhr es theils aus den wenigen Papieren, die er zurukgelassen, theils aus den mundlichen Berichten jenes Kaufmanns und L u i s e n , seiner Tochter, mit denen ich in nahere Bekanntschaft gerieth.
Mit wundem Gefuhl, gespannter Imagination, in halber Verzweiflung kam L o r e n z o hier an. Sein Herz schlug der Umarmung eines trauten Wesens mit heisser Sehnsucht entgegen und er fuhlte sich allein in der Welt. Er sah L u i s e n ; er musste sie malen, und er studirte sich unbesorgt immer tiefer in diese lieblichen Zuge ein. Die Schonheit ihrer Umrisse lokte seinem Kunstlergefuhl zuerst Bewundrung ab, und Bewundrung ist das Morgenroth der Liebe. L u i s e war ein holdes, Zutrauen erwekkendes Geschopf. Er liebte zum erstenmal; seine Leidenschaft musste bei so hoher Schwarmerei, so reizbarer Organisation, unter diesen Umstanden, bald eine Hohe erreichen, wo wir nur zwischen Befriedigung und Tod wahlen konnen. L u i s e fuhlte fur ihn sie gestand, dass sie ihn liebte und die freundliche Magie eines heitren Sonnenbliks sendete vorubergehend eine frohe Beleuchtung auf die dunkeln Labirinthe seines Lebens. Aber bald vernahm der Vater das Verstandniss seiner Tochter. Dieser Mann war kein boser Mensch; er war weniger. Ohne Charakter, furchtsam und schwach hielt sich seine krankelnde Vernunft angstlich an die seelenlosen Formen des vergangenen Jahrhunderts, deren Geist er nicht einmal verstand. Er forderte L o r e n z o zu einer Erklarung auf, und dieser, so innig er immer fuhlte was es hier galt, kannte keine Ruksicht, die ihn zu einer Untreue an der Wahrheit hatte verleiten konnen. Er erzahlte ihm die ganze Geschichte seines Lebens, ach! und sein Gegner verstand den hohen Werth dieses Zutrauens nicht! Als eifriger Catholik war zwischen L o r e n z o und seiner Tochter an keine Verbindung zu denken. Die Liebe fur sein Kind schuzte er als Bewegungsgrund vor. Aber das dunkte ihm noch nicht genug. Er stellte ihm die Hulflosigkeit seiner Lage mit einer Scharfe vor Augen, die den Ungluklichen auf die Folter spannte, und auch den fernern Umgang mit L u i s e n untersagte er ihm. L o r e n z o erlag unter der Last dieser Vorstellung. Eine furchterliche Muthlosigkeit lahmte alle Krafte seines Geistes. Er w o l l t e an seine Rettung keinen Versuch mehr wagen. Alle Anspruche andrer auf ihn schienen ihm erlassen, so wie seine eignen Rechte auf Gluk unwiederbringlich vernichtet. Fur ihn gab es keinen Beschuzzer in den Wolken, er hielt es fur einen kindischen Stolz der Menschen, einen Gott zu glauben, der jeden ihrer Tage bewachte und mit eignen Handen die kleinsten Begegnisse ihres Lebens bildete und lenkte. Er sah nur den einsamen unabanderlichen Gang eines unbezwinglichen Schiksals, das uber Menschenleben und Menschengluk, wie uber zerschlagne Fluren und erdruckte Wurmchen zu unerforschten Planen, die kein menschliches Auge zu erreichen vermag, dahinschreitet, und die Natur mit allen ihren Erscheinungen und den Menschen mit allem seinen Willen, darinn aufnimmt und berechnet. Aufopferung einzelner Theile zu hohern Zwekken furs Ganze, glaubte er, sey ein allenthalben befolgtes Gesez. Er hasste jene eigennuzzige Tugend, die den Himmel um seine Kronen zu betrugen strebt, und fur die Aussicht eines uberschwenglichen Lohnes geduldig mitten im Jammer der Erde weilt. Der edlere Mensch findet seinen Lohn schon hier, einen gegenwartigen, selbstgemessenen, selbsterworbenen Lohn. So hatte Leidenschaft sich in das ehrwurdige Gewand eines Systems gehullt, und bei dem schreklichen Zusammenklang seiner Neigung und seiner Grundsazze wuchs und gedieh der blutige Entschluss bis zur Ausfuhrung.
Was ich jezt empfand, als ich L o r e n z o ' s Ideen Gang, alles was er erlitten, nun so ganz im Zusammenhange ubersah, das ist vielleicht das grosste Ungluk eines fuhlenden Wesens. Die furchterlichsten Zweifel an allem, was den Menschen wichtig ist, zerrutteten meine Ruhe. Ich hatte bis jezt mein Gefuhl gebildet meine Denkkraft hingegen weniger geubt; und doch ist das richtige Verhaltniss zwischen beiden allein die Bedingung unsres Gluks. Ich verzweifelte an allem Vortrefflichen, an allem Gluk in der Welt. Was war der Zwek des Daseyns? eine trostlose Nothwendigkeit schien allenthalben den freien Blik der Untersuchung zu hemmen. Was sollte mir eine Welt, wo Rechtschaffenheit foldert und inniges Gefuhl zum Morder macht, wo zwischen Pflicht und Neigung ein qualender Widerspruch waltet? und wenn mir nur dies ein Recht gegeben hatte, auf eine bessre Welt zu hoffen! aber so wenig wie der giftige Biss einer Natter, oder das verheerende Wuthen des gluhenden Vulkans. Alle Kraft entwikkelt sich und wirkt, w o und w i e sie kann. Aus der unendlichen Masse des Urseyns fliesst alles; zu ihr kehret alles wieder zuruk. Alles Gute findet seinen Lohn; es findet ihn in sich, darf ihn nicht ausser sich suchen. Wo ist das Rathsel, das zur Auflosung einer andern Welt bedurfte? Das einmal gewesene Seyn mischt sich, wenn es nun schwindet, wieder mit der unerschopflichen, schaffenden Urkraft, ohne Spur, dass es war; es ist nun immer und ewig nicht mehr, und mein eignes Daseyn ist blos an Erinnerung geknupft. Wenn diese schwindet, so bin ich selbst nicht mehr, so ist ein andres Wesen an meine Stelle getreten. Der Staub vermischt sich mit dem Staube; der Lebensfunke mit der ewigen Urkraft. Er verlischt nicht; in andern Korpern wird er flammen; aber mein Ich ist dann auf ewig untergegangen.
Wenig fehlte, und auch ich erlag der erdrukkenden Anstrengung eines Zustandes, wo wir bald vor eigner Grosse schwindeln, bald in Staub zerstieben, jezt mit Zweifeln ringen, und jezt einer furchterlichen Gewissheit zu entrinnen streben, bald dem Schiksal trozzen, und jezt der Nothwendigkeit erliegen. Ich fuhlte was ich noch nie in so unbezwinglicher Starke gefuhlt hatte das Bedurfniss, ein System zu haben, das in seiner gottlichen Erhabenheit alle Zweifel aufnehmen und entscheiden, das den sinkenden Geist aufrecht halten und ihn vor Verzweiflung bewahren konnte. Es ist nicht schwer, in unserm Zeitalter das Eine zu finden, dem ein gottlicher Geist das Siegel der Vollendung aufdrukte, die heilige Fakkel, die das sinkende Jahrhundert beleuchtet. Der Grund, warum ich es jezt noch nicht in seiner ganzen Kraft zu erkennen, der ganzen Fulle von Befriedigung mich theilhaftig zu machen strebte, lag in den neuen Verhaltnissen, in denen sich mein Herz unvermerkt immer fester und fester verwikkelt fand.
Weniger beklagt und mehr beklagenswerth als L o r e n z o war L u i s e . Ihre Aeusserungen zwar waren sanft und gemassigt, aber die sichtbare Veranderung ihres Korpers schilderte die Grosse ihrer Leiden weit ruhrender als Worte. Dieser nagende Schmerz bei so viel stiller Ergebung forderte mich zur gluhendsten Theilnahme auf, und das tiefe Gefuhl des hier begangnen Unrechts scharfte meine Bitterkeit gegen die verschrobnen Verhaltnisse der Gesellschaft. Hier sah ich zwei unglukliche Opfer derselben vor meinen Augen untergehen. Und was war ihre Schuld? Ist Liebe, wenn sie nicht wahlt, etwas anders als ein blinder Trieb des Bedurfnisses? Und kann sie bei ihrer Wahl die Verhaltnisse mit in Anschlag bringen, von denen nicht s i e die Stifterinn war, die weit eher Werke des menschlichen Misstrauens und ihres Hasses zu nennen sind, und die sie alle vergessen und entbehren lehrt? Was Liebe fordert, kann Liebe nur gewahren; was sie verdient, nur durch sie belohnt werden; was sie leidet, kann Liebe nur wurdigen. Bedarf es, um zu lieben, erst der Erlaubniss eines Dritten? Der hohe Grad meines Unwillens und der lebendige Gedanke, vielleicht etwas Gutes bewirken zu konnen, machten mir eine Erklarung gegen L u i s e n s Vater nothwendig. Vielleicht hatte ihm noch niemand gesagt, was i c h ihm zu sagen gedachte; vielleicht gelang es mir, an der Fakkel meiner lodernden Empfindung sein erstorbenes Herz zu erwarmen, einen wuchernden Gedanken in seine unfruchtbare Seele zu werfen. Aber ich betrog mich. Die Macht der Gewohnheit hatte sein Herz mit einer dreifachen Rinde umzogen, und keine Vorstellung war machtig genug, ihn aus dem eingezognen Kreis seiner Ideen herauszulokken. Seine Tugend war Eigennuz, seine Redlichkeit ein ausgeliehenes Capital, seine Andacht Worte, seine Liebe thierisches Bedurfniss. Alles andre war ihm Schwarmerei, und unter diesem Namen hatte keine lebendige, edle Empfindung Zutritt in seinem Ideenreiche. Er lebte nicht; er vegetirte. In drukkender Einformigkeit der Begriffe, ewigem Wiederkauen der Ideen verodete sein Kopf und erstarb sein Herz. Unbesorgt verbarg er seine Geistesarmuth in das allumfassende bequeme Gewand der Religion, zu der er sich bekannte, und indem er sich getrost ein fremdes Verdienst zueignete, glaubte er von der beschwerlichen Pflicht, aus eigner Kraft gut zu handeln, entbunden zu seyn. Ich verzweifelte an diesem Automaten, und zurnte mit der wunderbaren Laune des Zufalls, der das heilige Gefuhl einer L u i s e neben diesem Herzlosen aufbluhen liess, und in eine Einode achtlos die Dufte einer Rose verschwendete.
So theuer mir L u i s e war, so innig das zarte Band des Mitleidens und der Theilnahme mein Herz an sie fesselte, so unwiderstehlich ward es doch von jenem allgewaltigen, unausloschlichen Gefuhl, das mich zu N a n e t t e n hinzog, verschlungen. Ich wollte fur L u i s e n handeln, ihr, wo moglich, in ihrem Vater einen Freund erwerben, aber das Schicksal spottete meiner Bemuhungen. Wenn ich ihr nicht fortdauernd nuzzen konnte was konnte ihrem wunden Herzen der Verband eines Tages helfen? Was ist uberdem einer zarten Seele in diesem gespannten Zustande leichter, als sich mit kindlichem Vertrauen an den einzigen Gegenstand, der mit ihr sympathisirt, anzuschliessen, fester, inniger als das zarte Gebaude ihrer wiederkehrenden Ruhe es ertragen mag? und ein zweites losreissen ist fur so weiche Herzen, die nur durch Empfindungen, nicht durch Grundsazze geleitet werden, fast immer todtlich oder entehrend. Sie lernen sich an Verwechslung gewohnen, und verlieren mit ihrem gluhenden zarten Gefuhl ihren schonsten Vorzug. Ich fuhlte dies, und was vorhin nur Wunsch gewesen war, dunkte mir nun Pflicht.
Ich reiste ab; aber der uberstromende Erguss meines Herzens, diese eigne, so vielen befremdliche Sprache, und der ausgezeichnete sonderbare Antheil, den ich an L o r e n z o ' s Schiksal genommen, hatte die Neugierde dieses kleinen Publikums unabweislich auf mich gerichtet. Eine rastlos gespannte Aufmerksamkeit belauerte mit Argus Augen jeden meiner Schritte, und meine Arglosigkeit erleichterte den Erfolg ihrer Bemuhungen. Man erfuhr sofort den Ort meines Aufenthalts und meine ubrigen Verhaltnisse, und was entgeht der gescharften fortgesezten Aufmerksamkeit mehrerer auf einen Zwek? auch N a n e t t e n s stille Verborgenheit blieb kein Geheimniss mehr! L o r e n z o hatte Interesse erregt, seine Geschichte hatte Aufsehen gemacht, ich schien darein verwikkelt, die Lebhaftigkeit meiner Aeusserungen schien zur Erwartung eines wunderbaren Antheils zu berechtigen und so war es kein Wunder, dass bei naherer Beleuchtung auch mein Umgang mit N a n e t t e n und unser Geheimniss eine willkommne Beute fur die unersattliche Neugierde des Haufens ward.
Je naher ich N a n e t t e n kam, desto unbandiger schlug mein Herz! Ich dachte mir ihre sehnliche Erwartung, sah, wie sie mir mit sehnlicher Ungeduld entgegen flog, und verzweifelte, dass ich nun mit e i g n e r Hand die schonen Bluthen ihrer Hoffnungen zerstoren sollte. Unablassig schuf ich mir Plane, wie ich ihre Theilnahme sobald wie moglich auf andre Gegenstande ziehen konnte, und keiner schien mir unfehlbarer als der, mich selbst ihr als ungluklich, als ihres Trostes hochst bedurftig zu zeigen, und so ihr Herz zur Theilnahme zu bereden. Die Consequenz ihrer Denkungsart wurde sie, hoffte ich, dahin bringen, ihre Krafte keinem zweklosen Harm aufzuopfern, sondern lieber zu retten was noch zu retten war. Ich betrog mich nicht meine allzuangstliche Besorglichkeit zeigte vielmehr, dass ich N a n e t t e n s Werth noch nicht in seiner ganzen Grosse kannte. Ihr Geist hatte eine Reife, die der meinige erst noch unter Kampfen zu erringen strebte, und sie hatte in ihrer Selbstbildung viele Schritte vor mir voraus gethan. Hier lernte ich fuhlen und verstehen, was wahre Grosse und Selbststandigkeit ist, und was sie vermag. N a n e t t e hatte ihren L o r e n z o mit voller Seele geliebt; die Nachricht die ich ihr brachte, erschutterte ihr Gefuhl in seinen innersten Tiefen. Sie verliess mich mit dem lebendigsten Ausdruk ihres Schmerzes. Nach einigen Stunden kehrte sie zuruk, als Kampfende hatte sie mich verlassen, als Siegerinn sah ich sie wieder. Mit den Waffen der Vernunft hatte sie mit ihrem Schmerz gerungen, und ihn nicht verdrangt, aber gebandigt. Von Vorurtheilen frei, beweinte sie nur L o r e n z o ' s Verlust, nicht die Art seines Todes; nur die bittern bang durchkampften Stunden, die ihm vorausgegangen seyn mussten. Oft, wenn sie mich in der Folge in laute Klagen uber das Schrekliche seines Todes ausbrechen horte, ergriff sie ihre Laute, und sang mit einem Ausdrukke, der tief eingreifend in die innersten Akkorde des Herzens der unmittelbare innigste Ausdruk der Empfindung zu seyn schien, zu einigen hochst einfachen, ruhrenden Tonen, mit einem unbeschreiblichen Zauber mir Trost ins Herz.
Bald bedurfte ich seiner weniger denn alles wandelt und kein Schmerz vermag dem stillen unbemerkten Einfluss schwindender Minuten zu widerstehen. Aber schneller und allumfassender trostet Liebe, lehrt Liebe alles vergessen. Jede andere Leidenschaft wird von ihr besiegt, und die Forderungen der engsten ubrigen Verhaltnisse verhallen in diesem allgewaltigen Gesange der Empfindungen. Wir lebten wieder auf. Eine liebliche Beleuchtung umfloss von neuem die zarten Umrisse unsrer Lebensfreuden. Naher und mit jedem Tage naher und inniger vereinigte diese glukliche Zusammenstimmung unsre Empfindungen und unsre Grundsazze. Welch ein unerschopflicher und unermudender Genuss liegt in dem innigen Umgange zweier so vertrauten, so nahe verwandten Menschen! Damals verlangte ein Freund, mit dem mich gegenseitige Achtung mehr als Neigung verband, meine Gegenwart wegen einer dringenden Angelegenheit. Das, was er mir zu sagen hatte, war wirklich fur mich von der aussersten Wichtigkeit: Er entdekte mir, dass N a n e t t e n s Bruder ihren Aufenthalt erfahren, dass er von Machtigen unterstuzt, seine Rechte auf sie gerichtlich geltend zu machen gesucht, dass man daran arbeite, sich ihrer Person zu versichern, und dass auch unser Umgang wegen der Verschiedenheit unsrer Religionen uns bald ganzlich untersagt werden wurde. Die Gefahr war dringend; das Ungewitter schwebte uber unsern Hauptern, noch ein Windstoss und es verschlang uns. Ein unwiderstehliches Missbehagen an meiner burgerlichen Lage ubermannte mich. Mir graute vor den gesezlichen Formen, die so vieler Ungerechtigkeit den Weg offen lassen, ich durstete nach einem freiern lebendigern Genuss meiner Existenz. Auf einmal durchblizte ein Gedanke meinen Kopf ein Gedanke, vor dessen Kuhnheit ich zuerst zurukschrak. Doch bald ward ich mit ihm vertrauter. Ich wog die Moglichkeit die Schaale sank. Es gluhte mir durch alle Adern, und mein Entschluss stand fest. Mit einer Eile, die sich selbst uberflog, mit einer Herzensfulle, die den einzigen Weg, sich Luft zu schaffen, die Sprache, beinah unmoglich machte, eilte ich zu N a n e t t e n . Das Ungewohnliche meines Ansehens befremdete sie, und ich erwartete nicht erst die Aeusserung des Wunsches, den ich in ihrer Seele werden sah. Kurzlichst unterrichtete ich sie von allem. Dann schloss ich sie gluhend in meine Arme. N a n e t t e , Geliebte, rief ich mit dem vollen Tone der Liebe, wir sind uns Vaterland und Welt. Was halt uns hier unter Menschen, die uns nicht verstehen, nicht lieben? Ohne Hass lass uns sie fliehen. In A m e r i k a leuchtet eine eben so freundliche Sonne, stralt ein eben so reiner Himmel. Dort wohnt ein freies Volk, dort freut der Genius der Menschheit sich wieder seiner Rechte, dort lassen die neuen gluklichen Verhaltnisse eines jugendlichen Staates noch lange keine widrige Reform befurchten. Lass uns dahin! Alles, was du vielleicht bei dem Tausche zu verlieren glaubst, soll dir die Liebe ersezzen, die dir aus diesem Herzen so frisch, so erquikkend entgegen wallt. Ich finde meinen Himmel, wo N a n e t t e lebt. Ich sah ihr susses Auge sich mit Thranen fullen. Ueberraschung und Liebe kampften in ihrem Herzen. E i n e Thrane floss dem Andenken hier genossener Jugendfreuden die a n d r e schon weihte sich ganz dem Gefuhl unsrer Liebe. Eine feierliche Ruhrung umfloss ihre Stirn; bald rothete das Hochgefuhl des Entschlusses, ihre Wangen, und ihr Blik ward Schwur. Ich wusste, dass einmal gefasste Entschliessung auf ewig alle Reue bei ihr ausschloss. Bei starken Seelen wagt man n i c h t s , wenn man A l l e s wagt. Sie drukte mir die Einwilligung auf meine Lippen. Es war der reinste, susseste Triumpf der gluklichsten Liebe.