Jean Paul
Die unsichtbare Loge
Eine Lebensbeschreibung
Motto
Der Mensch ist der grosse Gedankenstrich im Buche
der Natur
Auswahl aus des Teufels Papieren
Erster Teil
Entschuldigung
bei den Lesern der samtlichen Werke in Beziehung
auf die unsichtbare Loge
Ungeachtet meiner Aussichten und Versprechungen bleibt sie doch eine geborne Ruine. Vor dreissig Jahren hatte ich das Ende mit allem Feuer des Anfangs geben konnen, aber das Alter kann nicht ausbauen, nur ausflicken, was die kuhne Jugend aufgefuhrt. Ja man setze sogar alle Krafte des Schaffens ungeschwacht, so erscheinen ihnen doch nicht mehr die vorigen Begebenheiten, Verwicklungen und Empfindungen des Fortsetzens wert. Sogar in Schillers Don Carlos hort man daher zwei Zeiten und zwei Stimmen.
Noch ein Werk, die biographischen Belustigungen unter der Hirnschale einer Riesin, steht in der Reihe dieser Sammlung ohne Dach und Baurede da aber es ist auch das letzte; und sind denn zwei unausgebaute Hauserchen so gar schwer zu verzeihen in einem Korso von Gebauden aller Art von Gartenhausern grossen Sakristeien, wenn auch ohne Kirchen Irren- und Rathausern kleinen Horsalen vier Pfahlen Dachstuben Erkern und italienischen Kellern? Wenn man nun fragt, warum ein man nur nicht fragt, warum es angefangen. Welches Leben in der Welt sehen wir denn nicht unterbrochen? Und wenn wir uns beklagen, dass ein unvollendet gebliebener Roman uns gar nicht berichtet, was aus Kunzens zweiter Liebschaft und Elsens Verzweiflung daruber geworden, und wie sich Hans aus den Klauen des Landrichters und Faust aus den Klauen des Mephistopheles gerettet hat so troste man sich damit, dass der Mensch rund herum in seiner Gegenwart nichts sieht als Knoten, und erst hinter seinem Grabe liegen die Auflosungen; und die ganze Weltgeschichte ist ihm ein unvollendeter Roman.
Baireuth, im Oktober 1825.
Jean Paul Friedrich Richter.
Vorrede zur zweiten Auflage
Wer einigen wohlwollenden Anteil an den kleinen Haus-, ja Studierstubenfesten der Schriftsteller nimmt: der lauft gewiss ihre Vorreden zu zweiten Auflagen mit Vergnugen durch; denn in diesen feiern sie ihr Buch-Jubilaum und haben darin fast nichts zu sagen als das Angenehmste, namlich von sich. Wenn der Schriftsteller in der Vorrede zur Probier-Auflage sich so gar matt und scheu handhaben muss und aus weit getriebner und doch unentbehrlicher Bescheidenheit so viele Besorgnisse und Zweifel (sie betreffen seine Gaben) an den Tag zu legen hat: wieviel ungebundner und heiterer geht es dagegen her nach dem Ubergange des Jubel-Autors aus der streitenden Kirche der ersten Vorrede in die triumphierende der zweiten, und der Jubilarius bringt sich selber ohne Angst sein Standchen und sein vivat und vivam!
Gegenwartiger Schreiber ist auf diesem Bogen selber im Begriffe, zu jubilieren und ein Familienfest mit einem seiner liebsten Kinder eben dem gegenwartigen Buche, seinem romantischen Erstling zu begehen, und redet hier zur zweiten Auflage vor.
Aber mitten im Feste erwagt er wohl, dass ein Autor wie er auf diese Weise am Ende mehr Vorreden als Bucher macht z.B. zu einem dreimal aufgegangnen Hesperus drei Vorreden als Morgenroten und dass folglich beinahe des Redens mehr ist als des Machens. Das Alter spricht ohnehin gern von sich; aber nachteilig genug vermehren sich eben mit den Jahren die neuen Auflagen und mithin die Vorreden dazu, worin man allerlei uber sich vorbringt.
Das wenige, was ich hier von mir selber zu sagen habe, beschrankt sich auf das gewohnliche vorrednerische Eigenlob und auf den als Lobfolie untergelegten Eigentadel.
Stehende Verbesserungen aller meiner Auflagen blieben auch hier die Land- oder Buch-Verweisungen von faulen Tag- oder Sprachdieben oder Wortfremdlingen und die Ausrottung falscher Genitiv-S und Ungs. Ferner auf allen Blattern, wo es nottat, wurden Lichter und Schatten und Farben gehoben oder vertieft, aber nur schwach; und da bloss meistens in komischen Stellen. Denn wenn ich hatte um mit dem Lobe fortzufahren an den ernsten starken oder andern wollen, welche die Natur und die Liebe und das Grosse in uns und uber uns malen: so hatt' ich es in meinem spatern Alter nicht zu machen vermocht, indem ich bei jenen Stellen schon Gott danken muss, dass ich sie nur das erste Mal gemacht. Diese Not wird sich erst recht zeigen so dass ich lieber und leichter nach den vier gedruckten Flegeljahren noch so viele neue, als ich Jahre habe, gabe , wenn ich einmal den dritten oder Schlussband dieser Loge bauen muss; und ich wunschte herzlich, irgendein anderer Nachahmer von mir als ich selber ubernahme die Last.
Denn die Grunde liegen offen da. Der Verfasser dieses blieb und arbeitete nach den im 19ten Jahre geschriebnen Skizzen noch neun Jahre lang in seiner satirischen Essigfabrik (Rosen- und Honigessig lieferte aus ihr die Auswahl aus des Teufels Papieren), bis er endlich im Dezember 1790 durch das noch etwas honigsauere Leben des Schulmeisterlein Wutz1 den seligen Ubertritt in die unsichtbare Loge nahm: so lange also, ein ganzes horazisches Jahrneun hindurch, wurde des Junglings Herz von der Satire zugesperrt und musste alles verschlossen sehen, was in ihm selig war und schlug, was wogte und liebte und weinte. Als es sich nun endlich im achtundzwanzigsten Jahre offnen und luften durfte: da ergoss es sich leicht und mild wie eine warme uberschwellende Wolke unter der Sonne ich brauchte nur zuzulassen und dem Fliessen zuzusehen und kein Gedanke kam nackt, sondern jeder brachte sein Wort mit und stand in seinem richtigen Wuchse da ohne die Schere der Kunst. Gerade ein lange zugedrucktes ubervolles Herz bewahrt in seiner Flut mehr das Richtige und Gemassigte als ein immer offen gelassnes, sich leer rinnendes in seiner Ebbe, das Wellensprunge machen muss fur die nachste Buchhandlermesse. Ach! man sollte alles Beste, zumal des Gefuhls, nur einmal aussprechen! Die Bluten der Kraftbaume sind schmal und haben nur zwei einfache Farben, die weisse und rote, Unschuld und Scham; hingegen die Blumen auf ihren dunnen Stengeln sind breiter als diese und schminken sich mit brennenden Farben. Aber jedes erste Gefuhl ist ein Morgenstern, der, ohne unterzugehen, bald seinen Zauberschimmer verliert und durch das Blau des Tags verhullt weiterzieht .....
Ich gerate hier beinahe in dasselbe blumige Unwesen durch Sprechen daruber; aber eben wieder aus der angefuhrten Ursache, weil ich uber die jungfrauliche Kraft und Schonheit, womit frische Gefuhle zum ersten Male reden, schon so oft und besonders in Vorreden gesprochen (ich verweise in dieser zur zweiten Auflage der Mumien auf die neueste zur zweiten Auflage der gronlandischen Prozesse); und so beweiset sich der Satz schon dadurch, wie er sich ausspricht.
Man wird vielleicht dem Verfasser es nachsehen, dass er seinen ersten Roman zwei Jahre zu fruh geschrieben, namlich schon in seinem 28ten; aber im ganzen, gesteht er selber, sollte man Romane nicht vor dem Jahre schreiben, wo der alte Deutsche seinen spielte und ihn sogleich in Geschichte durch Ehe verwandelte, namlich im 30ten Jahre. An Richardson, Rousseau, Goethe (nicht im lyrischen Werther, sondern im romantischen Meister), an Fielding und vielen bewahrt sich der Satz. Der Verfasser der unsichtbaren Loge hatte von Lichtenberg so starke Busspredigten gegen die Menschenunkunde der deutschen Romanschreiber und Dichter gelesen und gegen ihre so grosse Unwissenheit in Realien ebensowohl als in Personalien, dass er zum Gluck den Mut nicht hatte, wenigstens fruher als im 28ten Jahre das romantische Wagstuck zu ubernehmen. Er furchtete immer, ein Dichter musse so gut wie ein Maler und Baumeister etwas wissen, wenn auch wenig; ja er musse (die Sache noch hoher getrieben) sogar von Grenzwissenschaften (und freilich umgrenzen alle Wissenschaften die Poesie) manches verstehen, so wie der Maler von Anatomie, von Chemie, Gotterlehre und sonst. Und in der Tat hat sich niemand so stark als Goethe der unter allen bekannten Dichtern die meisten Grundkenntnisse in sich verknupft, von der Reichspraxis und Rechtslehre an durch alle Kunststudien hindurch bis zur Berg- und Pflanzen- und jeder Naturwissenschaft hinauf als den festen und zierlichen Pfeiler des Grundsatzes hingestellt, dass erst ein Dichter, welcher Licht in der einen und andern Sache hat, sich kann horen lassen, so dass sichs hier verhielte mit den Dichtungen wie mit den Pflanzen, welche bei aller Nahrung durch Warme, Feuchte und Luft doch nur Fruchte ohne Geschmack und Brennstoff bringen, wenn ihnen das Sonnenlicht gebrach.
Glucklicherweise hat sich freilich seitdem seit dem eingegangnen Predigtamte Lichtenbergs und anderer Prosaisten sehr vieles und zwar zum wahren Vorteile der Dichter geandert. Menschenstudien vorzuglich werden ihnen von Kunstverstandigen und Leihlesern willig erlassen, weil man dafur desto mehr im Romantischen von ihnen erwartet und fodert. Daher sind sogenannte Charaktere wie etwa die vorkommlichen bei Goethe, oder gar bei Shakespeare, ja wie nur bei Lessing gerade das, wodurch sich die neueren Roman- und Drama-Dichter am wenigsten charakterisieren, sondern es ist ihnen genug sobald nur sonst gehorige Romantik da ist , wenn die Charaktere bloss so halb und halb etwa etwas vorstellen, im ganzen aber nichts bedeuten. Ihre Charaktere oder Menschen-Abbilder sind gute Konditor- oder Zuckergebilde und fallen, wie alle Kandis- und Marzipanmanner, sehr unahnlich, ja unformlich, aber desto susser aus und zerlaufen mild auf der Zunge. Ihre gezeichneten Kopfe sind gleichsam die Papierzeichen dieser hohern Papiermuller und bedurfen keiner grossern Ahnlichkeit mit den Urbildern als die Kopfe der Konige von Preussen und Sachsen auf dem preussischen und sachsischen Konzept-Papiere, die und deren Unahnlichkeit man erst sieht, wenn man einen Bogen gegen das Licht halt. Da nun gerade neue Charaktere so schwer und ihrer nur so wenige zu erschaffen sind, wenn man sich nicht zu einem Shakespeare steigern kann, hingegen neue Geschichten so leicht zu geben, zu deren Zusammensetzungen schon vorgeschriebene Endreime der Willkur die organischen Kugelchen oder den Froschlaich darbieten: so wird durch stehende Wolkengestalten von Charakteren, welche unter dem Anschauen flussig aus- und einwachsen und sich selber eine Elle zusetzen und abschneiden, dem Dichter unglaubliche Muhe und Zeit, die er fruchtbarer an Begebenheiten verwendet, im Schaffen erspart, und er kann jede Messe mit seinem frischen Reichtum neuer Geschichten und alter Charaktere auftreten; er ist der Koch Andhrimmer (in der nordischen Mythologie) und hat den Kessel Eldhrimmer und kocht das Schwein Sahrimmer, das jeden Abend wieder lebendig wird, und bewirtet damit die Helden in Walhalla jeden Tag.
Dieser romantische Geist hat nun in Romanen und Trauerspielen eine Hohe und Vollkommenheit erreicht, uber welche hinaus er ohne Selbstverfluchtigung schwerlich zu gehen vermag, und welche man in der ganz gemeinen Sprache unbedenklich schon Tollheit oder Wahnwitz nennen kann, wenn auch nicht in der Kunstsprache. Von den Trauerspielen an des ohnehin nicht verstandreichen Werners bis hinauf zu dem Yngurd und der Albaneserin des verstanduberreichen Mullners regiert ein seltner, luftiger, keines Bodens bedurftiger Wahnwitz die Charaktere und dadurch sogar einen Teil der Geschichte, deren Schauplatz eigentlich im Unendlichen ist, weil verruckte und verruckbare Charaktere jede Handlung, die man will, motivieren und rucken konnen. Sogar bei den grossten Genien anderer Volker und fruherer Zeiten sucht man Kunst-Verruckungen und Anamorphosen und Anagrammen des Verstandes, wie z.B. in des gedachten Proselyten Luther oder Attila, umsonst. Sogar ein Sophokles glaubte, von seinen erbsuchtigen Kindern des Alterwahnwitzes angeklagt, sie durch ein so verstandreiches Trauerspiel wie der Odipus zu Boden zu schlagen; aber in unserer Zeit wurde wohl ein deutscher Sophokles vor Gericht den Beweis seines Verstandes durch kein anderes Gedicht fuhren als durch eines, worin er seinen Haupt-Charakteren den ihrigen genommen hatte.
Dieser romantische Kunst-Wahnwitz schrankt sich glucklicherweise nicht auf das Weinen ein, sondern erstreckt sich auch auf das Lachen, was man Humor oder auch Laune nennt. Ich will hier der VorredenKurze wegen mich bloss auf den kraftvollen Friedrich Hoffmann berufen, dessen Callotische Phantasien ich fruher in einer besondern Vorrede schon empfohlen und gepriesen, als er bei weitem weniger hoch, und mir viel naher stand. Neuerer Zeit nun weiss er allerdings die humoristischen Charaktere zumal in der zerruttenden Nachbarschaft seiner Morgen-, Mittag-, Abend- und Nachtgespenster, welche kein reines Taglicht und keinen festen Erdboden mehr gestatten zu einer romantischen Hohe hinaufzutreiben, dass der Humor wirklich den echten Wahnwitz erreicht; was einem Aristophanes und Rabelais und Shakespeare nie gelingen wollen. Auch der heitere Tieck tat in fruhern Werken nach diesen humoristischen Tollbeeren einige gluckliche Sprunge, liess aber als Fuchs sie spater hangen und hielt sich an die Weinlese der Bacchusbeeren der Lust.
Dieses wenige reiche hin, um zu zeigen, wie willig und freudig der Verfasser den hohen Stand- und Schwebepunkt der jetzigen Literatur anerkenne. Unstreitig ist jetzo die Belladonna (wie man die Tollkirsche nennt) unsere Muse, Primadonna und Madonna, und wir leben im poetischen Tollkirschenfest. Desto erfreulicher ist es, dass auch die Lesewelt diese poetische Hinaufstimmung auf eine freundliche Weise begunstigt durch ihre Teilnahme, und dass sie, wie das Morgenland, Verruckte als Heilige ehrt, und was sie sagen, fur eingegeben halt. Uberhaupt eine schone Lorbeer- und Kirschlorbeerzeit!
Bei allen neuen zweiten Ausgaben wird es dem Verfasser, der sie so gern zu recht verbesserten machen mochte, von neuem schmerzhaft, dass keine seiner Dichtungen ein um- und eingreifendes Kunsturteil uber Charaktere und Geschichte und Sprache jemal hat erobern konnen. Mit einem allgemeinen Lobe bis zur Ubertreibung und mit einem ahnlichen Tadel bis zu einer noch grossern ist einem rechtschaffenen Kunstler nicht gedient und geholfen. Naturlicherweise wurden zweite Auflagen noch weniger beurteilt und gepruft als erste, und der Verfasser sah jeden Abend vergeblich auf ein Lob seiner Strenge gegen sich selber auf. Wie gern er aber bessert und streicht noch mehr als ein Wiener Schauspieldirektor, der bloss fremde Stucke zerstuckt und wie emsig er aus jedem bedornten oder gestachelten Tadel, sei er entweder Rose oder Wespe, den Honig der Besserung saugt, dies konnte ein Kunstrichter erfahren, ohne mehr Bucher zu lesen als zwei, namlich die zweite Ausgabe neben der ersten; ja sogar aus einem einzigen konnte er alles wegbekommen, wenn er einen Herrn Verleger bloss um gefallige Vorzeigung des letzten, mit weisen Runzeln und mit Druck- und Dintenschwarze zugleich durchfurchten Alt-Exemplars ersuchte: der Mann wurde im Buchladen sich wundern uber das Bessern, ihm so gerade gegenuber.
Aber, wie leider gesagt, gegenwartig wird in Deutschland wenig Belletristisches rezensiert, und die Taschenkalender sind hier wohl die einzigen Ausnahmen von Belang, namlich ihre verschiedenen kleinen Aufsatze und die verschiedenen kleinen Urteile dazu.
Es ist eigentlich ziemlich spat, dass ich erst nach 28 Jahren sage, was die beiden Titel des Buchs sagen wollen. Der eine "unsichtbare Loge" soll etwas aussprechen, was sich auf eine verborgne Gesellschaft bezieht, die aber freilich so lange im Verborgnen bleibt, bis ich den dritten oder Schlussband an den Tag oder in die Welt bringe. Noch deutlicher lasst sich der zweite Titel "Mumien" erklaren, der mehr auf meine Stimmung, so wie jener mehr auf die Geschichte, hindeutet. Uberall werden namlich im Werke die Bilder des irdischen Voruberfliegens und Verstaubens, wie agyptische Mumien und griechische KunstSkelette, unter den Lustbarkeiten und Gastmahlen aufgestellt. Nun soll aber die Poesie mehr das Entstehen als das Vergehen zeigen und schaffen und mehr das Leben auf den Tod malen als das Gerippe auf das Leben. Der Musenberg soll als der hochste, alle Wolken uberflugelnde Berg, der uns sowohl den Himmel als die Erde heller schauen lasst und zugleich die Sternbilder und den blumigen Talgrund uns naher bringt, dieser soll der Ararat der im Wasser arbeitenden und schiffbruchigen Menschheit sein; wie sich in der Mythe2 Deukalion und Pyrrha aus der Sundflut auf dem Parnassus erretteten. So verlangt es besonders unser Goethe und dichtet darnach; die Dichtkunst soll nur erheitern und erhellen, nicht verdustern und bewolken. Und dies glaub' ich auch; ja ohne eine angeborne unwillkurliche was man eben Hoffnung und Erinnerung nennt ware keine Wirklichkeit zu ertragen, wenigstens zu geniessen.
Aber ebenso gewiss ist es, dass gerade die Jugend, diese lebendige Poesie, mitten unter ihren Blutenasten (fur sie aber schon Fruchtaste) und auf ihren sonnigen warmen Anhohen nichts lieber dichtet und gedichtet liest als Nachtgedanken; und nicht nur vor der liebekranken Jungfrau, sondern auch vor dem liebestarken Jungling der darum einem Schlachttode weit begeisterter entgegenzieht als ein Alter schweben die Gottesacker als hangende Garten in Luften, und sie sehnen sich hinauf. Die Jugend kennt nur grune blumige Grabhugel, aber das Alter offne Graber ohne grunende Wande.
Diese jugendliche Ansicht komme nun dem Verfasser, der in einem fur ihn noch jugendlichen Alter schrieb, bei seinen zu haufigen Grablegungen und seinen Nachtstucken der Verganglichkeit in diesem Werke zugute. Indes ist hier eben eine nicht zu furchtsame Rechtfertigung notwendig; denn da wir doch einmal alle in der immer vernichtenden und vernichtet-werdenden Zeit fortschwimmen und wir auf den kleinen Grabchen jeder Minute in das grosse der letzten Stunde steigen mussen: so kann hier kein scheues Seitwartsschielen der Poesie was etwa bei Ubeln gelten konnte, die nur einzelne und nur zeitweise ergreifen , sondern bloss ein tapferes Aufwartsschauen dichterisch und erquickend werden. Die Poesie mache nur keck die Erdgruft auf, aber sie zeige auch, wie sie zwischen zwei Halbhimmeln liegt und wie wir aus dem zugedeckten uns dem aufgedeckten zudrehen. Und wenn wir nur als spielende Eintagmucken, eigentlich Einabendmucken in den Strahlen der untergehenden Sonne uns sonnen und dann senken: so geht nicht bloss die Mucke, auch die Sonne unter; aber im weiten Freien der Schopfung, wo kein Erdboden sich dazwischenstellt, haben Sonnen und Geister keinen Untergang und kein Grab.
Und so mogen denn diese zwei Mumien, weniger mit neuen Gewurzen zur Fortdauer einbalsamiert als hie und da mit den Zeichen-Binden anders eingewikkelt, sich wieder der fruhern Zuziehung und Einladung zu den Gastmahlen der Leser zu erfreuen haben! Und die dritte oder Schlussmumie soll nachgeschickt werden als die dritte Parze im schonen griechischen Sinne , wenn nicht den Mumien-Vater selber vorher das Schicksal zur grossen Mumie macht. Also im einen und im andern Falle kann es an einer dritten Schlussmumie nicht fehlen.
Baireuth den 24ten Jun. 1821.
Jean Paul Fr. Richter.
Fussnoten
1 Es steht am Ende des zweiten Bandes der Loge; wurde aber fruher als diese gemacht; und das Schulmeisterlein zog denn als Logemeister und Altmeister und Leithammel meinen romantischen Helden Gustav, Viktor, Albano etc. voran. 2 Ovid. Metamorph. VI.
Vorredner
in Form einer Reisebeschreibung
Ich wollte den Vorredner anfangs in Sichersreuth oder Alexandersbad bei Wonsiedel verfertigen, wo ich mir das Podagra wieder in die Fussen hinunterbaden wollte, das ich mir bloss durch gegenwartiges Buch zu weit in den Leib hinaufgeschrieben. Aber ich habe mir meinen Vorredner, auf den ich mich schon seit einem Jahre freue, aus einem recht vernunftigen Grunde bis heute aufgespart. Der recht vernunftige Grund ist der Fichtelberg, auf welchen ich eben fahre. Ich muss nun diese Vorrede schreiben, damit ich unter dem Fahren nicht aus der Schreibtafel und Kutsche hinaussehe, ich meine, damit ich die grenzenlose Aussicht oben nicht wie einen Fruhling nach Kubikruten, die Strome nach Ellen, die Walder nach Klaftern, die Berge nach Schiffpfunden, von meinen Pferden zugebrockelt bekomme, sondern damit ich den grossen Zirkus und Paradeplatz der Natur mit allen seinen Stromen und Bergen auf einmal in die aufgeschlossene Seele nehme. Daher kann dieser Vorredner nirgends aufhoren als unweit des Ochsenkopfs, auf dem Schneeberg.
Das notigt mich aber, unterweges mich in ihm an eine Menge Leute gesprachsweise zu wenden, um nur mit ihm bis auf den Ochsenkopf hinauf zu langen; ich muss wenigstens reden mit Rezensenten Weltleuten Hollandern Fursten Buchbindern mit dem Einbein und der Stadt Hof mit Kunstrichtern und mit schonen Seelen, also mit neun Parteien. Es wird mein Schade nicht sein, dass ich hier, wie es scheint, in den Klimax meiner Pferde den Klimax der Poeten verflechte .....
Der Wagen stosset den Verfasser dermassen, dass er mit Nro. 1, den Rezensenten, nichts Vernunftiges sprechen, sondern ihnen bloss erzahlen will, was sein guter grauer Schwiegervater begeht namlich alle Tage seinen ordentlichen Mord und Totschlag. Ich geb' es zu, viele Schwiegervater konnen hektisch sein, aber wenige sind dabei in dem Grade offizinell und arsenikalisch als meiner, den ich in meinem Hause ich hab's erst aus Hallers Physiologie T. II. erfahren, dass Schwindsuchtige mit ihrem Atem Fliegen toten konnen statt eines giftigen Fliegenschwamms mit Nutzen verbrauche. Der Hektiker wird nicht klein geschnitten, sondern er gibt sich bloss die kleine Muhe, den ganzen Morgen statt einer Seuche in meinen Stuben zu grassieren und mit dem Schirokkowind seines phlogistischen Atems aus seiner Lunge der Fliegen ihre anzuwehen; aber die Rezensenten konnen sich leicht denken, ob so kleine Wesen und Nasen, die sich keinen antimephitischen Respirator vom Herrn Pilatre de Rozier applizieren konnen, einen solchen abscheulichen Schwaden auszuhalten fahig sind. Die Fliegen sterben hin wie Fliegen, und statt der bisherigen Mucken-Einquartierung hab' ich bloss den guten giftigen Schwiegervater zu bekostigen, der mit ihnen auf den Fuss eines Mucken-Freund-Hein umgeht. Nun glaub' ich, den ordentlichen guten Rezensenten einem Schwiegervater von solchem Gift und Wert gleichsetzen zu durfen; ja ich mochte jenen bei der Hand anfassen und, auf den grassierenden Phthisiker hindeutend, ihn anfeuern und fragen: "ob er nicht merke, dass er selber gar nicht zu verachten sei, sondern dass er wenn der Hektikus, mit seinen Lungenflugeln das feinste und notigste Miasma unter die Fliegen wehend, ein edles seltenes Glied in der naturhistorischen Welt vorstelle ein ebenso nutzliches in der literarischen ausmache, wenn er, in der Gelehrtenrepublik auf- und abschleichend, das summende Insektengeflugel mit seinem atzenden Atem so treffend anhauche, dass es krepiere wie eine Heuschreckenwolke ; ob er dieses und noch besseres, mocht' ich den Rezensenten fragen, nicht merke und nicht daraus schliesse, dass der Vorredner zu der unsichtbaren Loge dies zehnmal weitlaufiger haben werde?"
Er hat es aber naturlicherweise viel kurzer, weil ich sonst auf den Ochsenkopf hinaufkame mitten in der Vorrede, ohne nur der Weltleute gedacht zu haben, geschweige der andern.
Diese wollen nun die zweite Nummer und Sprosse meines Aufklimmers abgeben Campe wirft nicht ungeschickt durch dieses Wort den Klimax aus seinen und meinen Buchern ; allein ich werde wenig mehr bei ihnen anzubringen haben als eine Rechtfertigung, dass ich mich in meinem Werke zu oft anstellte, als macht' ich mir aus der Tugend etwas und aus jener Schwarmerei, die so oft den Namen Enthusiasmus tragt. Ich besorge wahrhaftig nicht, dass vernunftige Leute meine Anstellung gar fur Ernst ansehen; ich hoffe, wir trauen beide einander zu, dass wir das Lacherliche davon empfinden, statt der Namen der Tugenden diese selber haben zu wollen und heutzutage sind die wenigsten von uns zu den tollen Philosophen in Lagado (in Gullivers Reisen) zu rechnen, die aus Achtung fur ihre Lunge die Dinge selber statt ihrer Benennungen gebrauchten und allemal in Taschen und Sacken die Gegenstande mitbrachten, woruber sie sich unterhalten wollten. Aber ob man mir nicht eben dies verdenken wird, dass ich Namen so oft gebrauche, die nicht viel modischer als die Sache selber sind und deren man sich in Zirkeln von Ton, so wie der Namen "Gott, Ewigkeit", gern enthalt, daruber lasset sich disputieren. Inzwischen seh' ich doch auf der andern Seite auch, dass es mit der Sprache der Tugend wie mit der lateinischen ist, die man jetzo zwar nicht mehr gesprochen, aber doch geschrieben duldet und die deswegen langst aus dem Mund in die Feder zog. Ich berufe mich uberhaupt auf einsichtige Rezensenten, ob wir dichtenden Schriftsteller ohne tugendhafte Gesinnungen, die wir als poetische Maschinen gebrauchen so wie die ebenso fabelhafte Mythologie, nur eine Stunde auszukommen vermogen und ob wir nicht zum Schreiben hinlangliche Tugend haben mussen als Wagenwinde, Steigeisen, Montgolfiere und Springstab unsrer (gedruckten) Charaktere widrigenfalls gefallen wir keiner Katze; und es ergeht den armen Schauspielern auch nicht anders. Freilich Autoren, die uber Politik, Finanzen, Hofe schreiben, interessieren gerade durch die entgegengesetzten Mittel Eben damit kann sich ein Schreiber decken, der in seine Charaktere das, was die Poeten und Weiber ihr Herz nennen, eingeheftet; es muss drin hangen (nicht nur in geschilderten, auch in lebenden Menschen), es mag Warme haben oder nicht; ebenso versieht der Buchsenmacher die Windbuchsen so gut mit einer Zundpfanne wie Feuergeschoss, ob gleich nur mit Wind getrieben wird .... Es kann wahrlich um den ganzen Fichtelberg kein so kalter pfeifen als gerade im Holzweg, wo eben mein Wagen mitten im Auguste geht ....
Mit Nro. 3, den Hollandern, wollt' ich mich in meinem Kasten zanken wegen ihres Mangels an poetischem Geschmack: das war alles. Ich wollte ihnen vorwerfen, dass ihrem Herzen ein Ballenbinder naher liege als ein Psalmist, ein Seelenverkaufer naher als ein Seelenmaler, und dass das ostindische Haus keinem einzigen Poeten eine Pension auswerfen wurde als bloss dem alten Orpheus, weil seine Verse Flusse ins Stocken sangen und man also sein Haberrohr und seine Muse anstatt der belgischen Damme gebrauchen konnte. Ich wollte den Niederlandern den kaufmannischen Unterschied zwischen Schonheit und Nutzen nehmen und ihnen es hinunterschreiben, dass Armeen, Fabriken, Haus, Hof, Acker, Vieh nur das Schreibund Arbeitszeug der Seele waren, womit sie einige Gefuhle, worauf alle Menschentatigkeit auslauft, errege, erhebe und aussere, dass den indischen Kompagnien Schiffe und Inseln dazu dienten, wozu den poetischen Reime und Federn taugten, und dass Philosophie und Dichtkunst die eigentlichen Fruchte und Bluten am Baume des Erkenntnisses ausmachten, aber alle Gewerb- und Finanz- und Staat-Wissenschaften und Kameralkorrespondenten und Reichsanzeiger bloss die einsaugenden Blatter waren und der Splint, der Wurzeln-Efeu und das unter dem Baume treibende Aas. Ich wollt' es sagen; liess es aber bleiben, weil ich besorgte, die Deutschen merkten es, dass ich unter Hollandern bloss sie selber meine; denn wie kam' ich auch sonst unter die mit Tee ausgelaugten belgischen Schlafrocke? Ich habe ohnehin wenig mehr zu fahren und viel noch abzufertigen.
Ich untersag' es den europaischen Landstanden, mein Werk Nro. 4 einem Fursten zu geben, weil er sonst dabei einschlaft; welches ich da ein furstlicher Schlaf nicht halb so spasset wie ein homerischer recht gern geschehen lasse, sobald die europaischen Landstande das Gesetz wie ein Arcuccio1 so uber die Landeskinder wolben, dass sie der Landesvater im Schlafe nicht erdrucken kann, er mag sich darin werfen, wie er will, auf die Seiten, auf den Rucken oder auf den Bauch.
Da hundert Buchbinder Nro. 5 mich unter den Arm und in die Hande nehmen werden, um mich ganze Wochen fruher zu lesen als zu beschneiden und zu pressen gute Rezensenten taten gewiss das Widerspiel : so mussen die guten Rezensenten auf die Buchbinder warten, die Leser auf die Rezensenten und ich auf die Leser, und so darf ein einziger Ungluckvogel uns alle verhetzen und in den Sumpf ziehen; aber wer kanns den Buchbindern verbieten als ich, der ich in dieser Nachricht an Buchbinder mein Buch fur dergleichen Binder eigenhandig konfisziere?
Mit dem Einbein, der sechsten Nummer, viel zu reden, wie ich verhiess, verlohnt der Muhe gar nicht, da ich das Ding selber bin und noch uberdies der einbeinige Autor heisse. Die Hofer (die Einwohner der Stadt Hof, der 7ten Nr.), worunter ich hause, mussten mich mit diesem anti-epischen Namen belegen, weil mein linkes Bein bekanntlich ansehnlich kurzer ist als das andre und weil noch dazu unten mehr ein Quadrat- als Kubikfuss dransitzt. Es ist mir bekannt, Menschen, die gleich den ostindischen Hummern eine kurze Schere neben der langen haben, konnen allerdings sich mit der chaussure behelfen, die ihre Kinder ablegen; aber es ist ebenso unleugbar, dass das Zipperlein einem solchen Mann dennoch an beiden Fussen kneift und diesen den verdammtesten spanischen Stiefel anschraubt, den je ein Inquisit getragen.
Ich hatte gar nicht sagen sollen, dass ich mit meinem lieben Hof in Voigtland schriftlich am Fichtelberge sprechen wollte, da ichs mundlich kann und mein eigener Kerl daraus her ist. Mein Wunsch und Zweck in einem solchen Werke wie diesem ist und bleibt bloss der, dass diese betagte und bejahrte Stadt den Schlaf, den ich ihr darin mit den harten Federn einer Gans einflossen will, auf den weichen dieses Tiers geniessen moge .....
Endlich hab' ich nun den Ochsenkopf.
Diese Zeile ist kein Vers, sondern nur ein Zeichen, dass ich droben war und da viel tat: meine Sanfte wurde abgeschnallet und ich mit geschlossenen Augen hineingeschafft, weil ich erst auf dem Schneeberg, der Kuppel des Fichtelgebirgs, mich umsehen will .... Unter dem Aussteigen stromte vor meinem Gesicht eine atherische Morgenluft voruber; sie druckte mich nicht mit dem schwulen West eines Trauerfachers, sondern hob mich mit dem Wehen einer Freiheitfahne .... Wahrhaftig ich wollte unter einem Luftschiffe ganz andre Epopoen und unter einer Taucherglocke ganz andre Feudalrechte schreiben, als die Welt gegenwartig hat ....
Ich wunschte, Nro. 8, die Kunstrichter wurden in meiner Sanfte mitgetragen und ich hatte ihre Hande; ich wurde sie drucken und sagen: Kunstrichter unterschieden sich von Rezensenten wie Richter von Nachrichtern Ich wurde ihnen gratulieren zu ihrem Geschmack, dass er, wie der eines Genies, dem eines Kosmopoliten gleiche und nicht bloss einer Schonheit rauchere etwa der Feinheit, der Starke, dem Witze , sondern dass er in seinem Simultantempel und Pantheon fur die wunderlichsten Heiligen Altare und Kerzen dahabe, fur Klopstock und Crebillon und Plato und Swift .... Gewisse Schonheiten, wie gewisse Wahrheiten wir Sterbliche halten beide noch fur zweierlei zu erblicken, muss man das Herz ebenso ausgeweitet und ausgereinigt haben wie den Kopf .... Es hangt zwischen Himmel und Erde ein grosser Spiegel von Kristall, in welchen eine verborgne neue Welt ihre grossen Bilder wirft; aber nur ein unbeflecktes Kindes-Auge nimmt sie wahr darin, ein besudeltes Tier-Auge sieht nicht einmal den Spiegel .... Nur einen offentlichen Richter, den mein Herz verehrt, schenke mir dieses Jahr, und war' er auch wider mich parteiisch; denn ein parteilicher dieser Art fallet ein lehrreicheres Urteil als ein unparteiischer aus der Wochentag-Kaste.
Uber den Plan eines Romans (aber nicht uber die Charaktere) muss man schon aus dem ersten Bande zu urteilen Befugnis haben; alle Schonheit und Runde, mit der die folgenden Bande den Plan aufwikkeln, nimmt ja die Fehler und Sprunge nicht weg, die er im ersten hatte. Ich wusste uberhaupt keinen Band und kein Heft, worin der Autor recht hatte, den Leser zu argern. Die Nahe des Schneeberges hindert mich, es zu beweisen, dass die franzosische Art zu erzahlen (z.B. im Candide) die abscheulichste von der Welt und dass bloss die umstandliche, dem Homer oder Voss oder gemeinen Manne abgesehene Art die interessanteste ist. Ferner kam' ich auf dem Schneeberg an, eh' ichs nur halb hinaus bewiesen hatte, dass wir Belletristen (ein abscheulicher Name!) insgesamt zwar den Aristoteles fur unsern magister sententiarum und seine Gebote fur unsre 39 Artikel und 50 Dezisionen halten sollten dass wir aber doch fur nichts von ihm so viele Achtung zu tragen hatten als fur seine drei Einheiten (die asthetische Regeldetri), gegen die nicht einmal Romane sundigen sollten. Der Mensch interessiert sich bloss fur Nachbarschaft und Gegenwart; der wichtigste Vorfall, der in Zeit oder Raum sich von ihm entfernt, ist ihm gleichgultiger als der kleinste neben ihm; so ist er, wenn er die Vorfalle erlebt, und mithin auch so, wenn er sie lieset. Darauf beruht die Einheit der Zeit und des Orts. Also der Anfang in der Mitte einer Geschichte, um daraus zum anfangenden Anfang zuruckzuspringen das zeitwirre Ineinanderschutteln der Szenen Episoden so wie das Knupfen mehrer Hauptknoten, ja sogar das Reisen in Romanen, das den Maschinengottern ein freies, aber uninteressantes Spiel erlaubt kurz alle Abweichungen von dem Tom Jones und der Klarissa sind Sekunden und Septimen im Aristotelischen Dreiklang. Das Genie kann zwar alles gutmachen; aber Gutmachen ist nicht aufs beste machen, und glanzende verklarte Wundenmale sind am Ende doch Locher am verklarten Leibe. Wenn manche Genies die Kraft, die sie aufs Gutmachen ubertretner Regeln wenden mussen, in der Befolgung derselben arbeiten liessen: sie taten mehr Wunder als der heilige Martin, der ihrer nicht mehr bewerkstelligte als zweihundertundsechs Goethe in seiner Iphigenie und Klinger in seiner Medea tuns vielleicht dem heiligen Martin zuvor ....
Gegenwartig tragt man das Einbein (mich) uber den Fichtelsee und uber zwei Stangen, die statt einer Brucke uber diese bemooste Wuste bringen. Zwei Fehltritte der Gondelierer, die mich aufgeladen, versenken, wenn sie geschehen, einen Mann in den Fichtelsumpf, der darin an seinem Vorredner arbeitet und der mit acht Nummern Menschen gesprochen und dessen Werk zum Gluck schon in Berlin ist .... Berge uber Berge werden jetzo wie Gotter aus der Erde steigen, die Gebirge werden ihre Arme langer ausstrecken und die Erde wird wie eine Sonne aufgehen und dann wird ihre weiten Strahlen ein Menschen-Blick verknupfen und meine Seele wird unter ihrem Brennpunkt gluhen ..... Nach wenigen Schritten und Worten ist die Vorrede aus, auf die ich mich so lang gefreuet, und der Schneeberg da, auf dem ich mich erst freuen soll. Es ist gut, wenn ein Mensch seine Lebensereignisse so wunderbar verflochten hat, dass er ganz widersprechende Wunsche haben kann, dass namlich der Vorredner dauere und der Schneeberg doch komme.
In diesen Gegenden ist alles still, wie in erhabnen Menschen. Aber tiefer, in den Talern, nahe an den Grabern der Menschen steht der schwere Dunstkreis der Erde auf der einsinkenden Brust, zu ihnen nieder schleichen Wolken mit grossen Tropfen und Blitzen, und drunten wohnt der Seufzer und der Schweiss. Ich komme auch wieder hinunter, und ich sehne mich zugleich hinab und hinauf. Denn der irre Mensch die agyptische Gottheit, ein Stuckwerk aus Tierkopfen und Menschen-Torsos streckt seine Hande nach entgegengesetzten Richtungen aus und nach dem ersten Leben und nach dem zweiten: seinen Geist ziehen Geister und Korper. So wird der Mond von der Sonne und Erde zugleich gezogen, aber die Erde legt ihm ihre Ketten an, und die Sonne zwingt ihn bloss zu Ausweichungen. Diesen Widerstreit, den kein Sterblicher beilegt, wirst du, geliebter Leser, auch in diesen Blattern finden; aber vergib ihn mir wie ich dir. Und ebenso habe fur unverhaltnismassige Ausbildung die Nachsicht des Menschenkenners. Eine unsichtbare Hand legt den Stimmhammer an den Menschen und seine Krafte sie uberschraubt, sie erschlafft Saiten oft zersprengt sie die feinsten am ersten nicht oft nimmt sie einen eilenden Dreiklang aus ihnen endlich wenn sie alle Krafte auf die Tonleiter der Melodie gehoben: so tragt sie die melodische Seele in ein hoheres Konzert, und diese hat dann hienieden nur wenig getonet.
.... Ich schrieb jetzt eine Stunde nicht; ich bin nun auf dem Schneeberg, aber noch in der Sanfte. Erhabne Paradiese liegen um mich ungesehen, wie um den eingemauerten Menschengeist, zwischen dem und dessen hoherem Mutterland der dunkle Menschenkorper innen steht; aber ich habe mich so traurig gemacht, dass ich in das schmetternde Trommeten- und Laubhuttenfest, das die Natur von einem Gebirge zum andern begeht, nicht hineintreten will: sondern erst wenn die Sonne tiefer in den Himmel gesunken und wenn in ihren Lichtstrom der Schattenstrom der Erde fallt, dann wird unter die stummen Schatten noch ein neuer begluckter stiller Schatten gehen. Aufrichtiger zu sprechen, ich kann bloss von euch ihr schonern Leser, deren getraumte, zuweilen erblickte Gestalten ich wie Genien auf den Hohen des Schonen und Grossen wandeln und winken sah nicht Abschied nehmen; ich bleibe noch ein wenig bei euch, wer weiss, wann und ob die Augenblicke, wo unsre Seelen uber einem zerstiebenden Blatte sich die Hande geben, je wiederkommen vielleicht bin ich hin, vielleicht du, bekannte oder unbekannte teuere Seele, von welcher der Tod, wenn er vorbeigeht und die unter Kornern und Regentropfen gebuckte Ahre erblickt, bemerkt: sie ist schon zeitig. Und gleichwohl was kann ich jenen Seelen in den Augenblicken des Abschieds, die man so gern mit tausend Worten uberladen mochte und eben deswegen bloss mit Blicken ausfullt, noch zu sagen haben oder zu sagen wissen, als meine ewigen Wunsche fur sie: findet auf diesem (von uns Erdball genannten) organischen Kugelchen, das mehr begraset als beblumet ist, die wenigen Blumen im Nebel, der um sie hangt seid mit euren elysischen Traumen zufrieden und begehret ihre Erfullung und Verkorperung (d.h. Verknocherung) nicht; denn auf der Erde ist ein erfullter Traum ohnehin bloss ein wiederholter von aussen seid, gleich eurem Korper, von Erde, und bloss innen beseelt und vom Himmel; und haltet es fur schwerer und notiger, die zu lieben, die euch verachten, als die, die euch hassen und wenn unser Abend da ist, so werfe die Sonne unsers Lebens (wie heute die draussen) die Strahlen, die sie vom irdischen Boden weghebt, an hohe goldne Wolken und (als wegweisende Arme) an hohere Sonnen; nach dem muden Tage des Lebens sei unsre Nacht gestirnt, die heissen Dunste desselben schlagen sich nieder, am erkalteten hellen Horizont ziehe sich die Abendrote langsam um Norden herum, und bei Nord-Osten lodere fur unser Herz die neue Morgenrote auf ......
.... Nun tritt auch die Erdensonne auf die Erdengebirge und von diesen Felsenstufen in ihr heiliges Grab; die unendliche Erde ruckt ihre grossen Glieder zum Schlafe zurecht und schliesset ein Tausend ihrer Augen um das andre zu. Ach welche Lichter und Schatten, Hohen und Tiefen, Farben und Wolken werden draussen kampfen und spielen und den Himmel mit der Erde verknupfen sobald ich hinaustrete (noch ein Augenblick steht zwischen mir und dem Elysium), so stehen alle Berge von der zerschmolzenen Goldstufe, der Sonne, uberflossen da Goldadern schwimmen auf den schwarzen Nacht-Schlakken, unter denen Stadte und Taler ubergossen liegen Gebirge schauen mit ihren Gipfeln gen Himmel, legen ihre festen Meilen-Arme um die bluhende Erde, und Strome tropfen von ihnen, seitdem sie sich aufgerichtet aus dem uferlosen Meer Lander schlafen an Landern, und unbewegliche Walder an Waldern, und uber der Schlafstatte der ruhenden Riesen spielet ein gaukelnder Nachtschmetterling und ein hupfendes Licht, und rund um die grosse Szene zieht sich wie um unser Leben ein hoher Nebel. Ich gehe jetzo hinaus und sink' an die sterbende Sonne und an die entschlafende Erde.
Ich trat hinaus
Auf dem Fichtelgebirg, im Erntemond 1792.
Jean Paul
Fussnoten
1 Das ist ein Gehause in Florenz in Krunitz' okon. Enzykl. 2. B. ists abgebildet , worin die Mutter bei Strafe das Kind unter dem Saugen legen muss, um es nicht im Schlummer zu erquetschen.
Erster Sektor
Verlobung-Schach graduierter Rekrut
Kopulier-Katze
Meines Erachtens war der Obristforstmeister von Knor bloss darum so unerhort aufs Schach erpicht, weil er das ganze Jahr nichts zu tun hatte als einmal darin der Gast, die Santa Hermandad und der teure Dispensationbullen-Macher der Wildmeister zu sein. Der Leser wird freilich noch von keiner so unbandigen Liebhaberei gehort haben, als seine war. Das wenigste ist, dass er alle seine Bediente aus dem Dorfe Strehpenik verschrieb, wo man durch das Schach so gut Steuerfreiheit gewinnt als ein Edelmann durch einen sachsischen Landtag, damit er (obwohl in anderem als katonischen Sinne) ebenso viele Gegner als Diener hatte oder dass er und ein oberysselscher Edelmann in Zwoll mehr Postgeld verschrieben als verreiseten, weil sie Schach auf 250 Meilen nicht mit Fingern, sondern Federn zogen Auch das kann man sich gefallen lassen, dass er und die Kempelsche Schachmaschine Briefe miteinander wechselten und dass des holzernen Moslems Konviktorist und Adjutant, Herr v. Kempele, ihm in meinem Beisein aus der Leipziger Heustrasse im Namen des Muselmanns zuken daruber haben, dass er noch vor zwei Jahren nach Paris abfuhr, um ins Palais royal und in die Societe du Salon des Echecs zu gehen und sich darin als Schachgegner niederzusetzen und als Schachsieger wieder aufzuspringen, wiewohl er nachher in einer demokratischen Gasse viel zu sehr geprugelt wurde, da er im Schlafe schrie: gardez la Reine Bloss frappieren kanns einen und den andern, dass seine Tochter ihm nie einen neuen Hut oder eine neue Soubrette, die ihn ihr ansteckte, anders abgewann als zugleich mit einem Schach Aber daruber wundert und argert sich alles, was mich lieset, Leute von jedem Geschlecht und jedem Alter, dass der Obristforstmeister geschworen hatte, seine Tochter keiner andern Bestie in der ganzen Ritterschaft zu geben, als einer, die ihr ausser dem Herzen noch ein Schach abgewanne und zwar in sieben Wochen.
Sein Grund und Kettenschluss war der: "Ein guter Mathematiker ist ein guter Schachspieler, also dieser jener ein guter Mathematiker weiss die Differentialrechnung zehnmal besser als ein elender und ein guter Differentialrechenmeister versteht sich so gut als einer aufs Deployieren und Schwenken1 und kann mithin seine Kompagnie (und seine Frau vollends) zu jeder Stunde kommandieren und warum sollte man einem so geschickten, so erfahrnen Offizier seine einzige Tochter nicht geben?" Der Leser hatte sich gewiss sogleich ans Schachbrett hingesetzt und gedacht, der Zug einer solchen Quaterne aus dem Brette, wie die Tochter eines Obristforstmeisters ist, sei ja ausserordentlich leicht; aber er ist verdammt schwer, wenn der Vater selbst hinter dem Stuhle passet und der Tochter jeden Zug angibt, womit sie ihren Konig und ihre Tugend gegen den Leser decken soll.
Wers horte, begriff gar nicht, warum die Frau Obristforstmeisterin, welche lange Gesellschaftdame einer Grafin von Ebersdorf gewesen, bei ihrem feinen Gefuhl und ihrer Frommigkeit eine solche Jagerlaune dulde; sie hatte aber eine herrnhutische durchzusetzen, welche begehrte, dass das erste Kind ihrer Tochter Ernestine fur den Himmel sollte gross gezogen werden, namlich: acht Jahre unter der Erde "Meinetwegen achtzig Jahre", sagte der Alte.
Ob man gleich in jedem Falle Teufelsnot mit einer Tochter hat, man mag Abonnenten an sie anzulocken oder abzutreiben haben: so hatte doch Knor bei der Sache seinen wahren Himmel auf Erden unter so vielen Schachrittern, die samtlich seine Ernestine bekriegten und verspielten. Denn mit einem Kopfe, in den der Vater Licht, und mit einem Herzen, in das die Mutter Tugend eingefuhrt hatte, eroberte sie leichter, als sie zu erobern war; daher argerte und spielte sich an ihr eine ganze Brigade ehelustiger Junker halb tot. Und doch waren unter ihnen Leute, die auf allen nahen Schlossern den Namen susser Herren behaupteten, weil sie keine Matrosensitten hatten, wie man in Vergleichung mit dem Seewasser unser schales susses nennt.
Aber ich und der Leser wollen uber die ganze spielende Kompagnie wegspringen und uns neben den Rittmeister von Falkenberg stellen, der bei dem Vater steht und auch heiraten will. Dieser Offizier ein Mann voll Mut und Gutherzigkeit, ohne alle Grundsatze als die der Ehre, der, um sich nichts hinter seine Ohren zu schreiben, die sonst bei einiger Lange das schwarze Brett und der Kerbstock empfangner Beleidigungen sind, lieber andre Christen hinter die ihrigen schlug, der feiner handelte, als er sprach, und dessen Kniestuck ich nicht zwischen diesen zwei Gedankenstrichen ausbreiten kann warb in dieser Gegend so lange Rekruten, bis er selber wollte angeworben sein von Ernestinen. Er hasste nichts so sehr als Schach und Herrnhutismus; indessen sagte Knor zu ihm: "abends um 12 Uhr fingen, weil er so wollte, die sieben Spiel-Turnierwochen an, und wenn er nach sieben Wochen um 12 Uhr die Spielerin nicht aus dem Schlachtfelde ins Brautbette hineingeschlagen hatte: so tat' es ihm von Herzen leid, und aus der achtjahrigen Erziehung brauchte dann ohnehin nichts zu werden."
Die ersten 14 Tage wurd' in der Tat zu nachlassig gespielt und geliebt. Allein damals hatten weder andre gescheite Leute noch ich selber jene hitzigen Romane geschrieben, wodurch wir (wir habens zu verantworten) die jungen Leute in knisternde, wehende Zirkulierofen der Liebe umsetzen, welche daruber zerspringen und verkalken und nach der Trauung nicht mehr zu heizen sind. Ernestine gehorte unter die Tochter, die bei der Hand sind, wenn man ihnen befiehlt: "Kunftigen Sonntag, so Gott will, werde um 4 Uhr in den Herrn AZ, wenn er kommt, verliebt." Der Rittmeister biss im Artikel der Liebe uberhaupt weder in den garenden Pumpernickel der physischen noch in das weisse kraftlose Weizenbrot der parisischen noch in das Quitten- und Himmelbrot der platonischen, sondern in einen hubschen Schnitt Gesindebrot der ehelichen Liebe: er war 37 Jahre alt.
Sechzehn Jahre fruher hatt' er sich einen Bissen vom gedachten Pumpernickel abgeschnitten: seine Geliebte und sein und ihr Sohn wurden nachher vom ehrlichen Kommerzien-Agenten Roper geheiratet.
Wir Belletristen hingegen konnens recht sehr bei unsern Romanen gebrauchen, dass es unserem Magen und unserer Magenhaut guttut, wenn wir in einem Nachmittage jene vier Brotsorten auf einmal anschneiden; denn wir mussen aller Henker sein, um allen Henker zu schildern; wie wollten wirs sonst machen, wenn wir im namlichen Monat aus dem namlichen Herzen, wie aus dem namlichen Buchladen (ich argere hier Herrn Adelung durchs Wort "namlichen") Spottgedichte Lobgedichte Nachtgedanken Nachtszenen Schlachtgesange Idyllen Zotenlieder und Sterbelieder liefern sollen, so dass man hinter und vor uns erstaunt ubers Pantheon und Pandamonium unter einem Dache mehr als uber des Galeerensklaven Bazile nachgelassenen Magen, in welchem ein Mobiliarvermogen von 35 Effekten hausete, z.B. Pfeifenkopfe, Leder, Glasstucke und so fort.
Wenn die beiden jungen Leute am Schachbrett sassen, das entweder ihre Scheidewand oder ihre Brukke werden sollte: so stand der Vater allemal als Markor dabei; es war aber wirklich nicht notig nicht bloss weil der Rittmeister so erbarmlich spielte und seine Gegenfusslerin so philidorisch; auch darum nicht, weil ihr die weibliche Kleiderordnung ohnehin verbot, matt oder verliebt zu werden (denn am Ende kehren Weiber und Ruderknechte allzeit eben den Rucken dem Ufer zu, an das sie anzurudern streben) sondern aus einem noch sonderbarern Grunde war der Auxiliarforstmeister zu entraten: die Ernestine wollte namlich um alles gern schachmatt werden, und eben deswegen spielte sie so gut. Denn aus Rache gegen das zogernde Schicksal arbeitet man gerade Dingen, die von ihm abhangen, absichtlich entgegen und wunschet sie doch. Die beiden kriegenden Machte wurden zwar sich einander immer lieber, eben weil sie einander einzubussen furchteten; gleichwohl stands in den Kraften der weiblichen nicht, nur einen Zug zu unterlassen, der gegen ihre doppelseitigen Wunsche stritt: in funf Wochen konnte der Werbeoffizier nicht einmal sagen: Schach der Konigin. Die Weiber spielen ohnehin dieses Konigspiel (wie andre Konigspiele) recht gut ... Da aber das eine Digression der Natur zu sein scheint und doch keine ist: so kann eine schriftstellerische daraus gemacht werden, aber erst im 20ten Sektor; weil ich erst ein paar Monate geschrieben haben muss, bis ich den Leser so eingesponnen habe, dass ich ihn werfen und zerren kann, wie ich nur will.
Ware die Liebe des Rittmeisters von der Art der neuern gigantischen Liebe gewesen, die nicht wie ein aufblatternder Zephyr, sondern wie ein schuttelnder Sturmwind die armen dunnen Blumchen umfasset, welche sich in den belletristischen Orkan gar nicht schicken konnen: so ware das wenigste, was er hatte tun konnen, das gewesen, dass er auf der Stelle des Teufels geworden ware; so aber wurd' er bloss bose, nicht uber den Vater, sondern uber die Tochter, und nicht daruber, dass sie das Schachbrett nicht zum Prasentierteller ihrer Hand und ihres Herzens machte, oder dass sie gut gegen ihn spielte, sondern daruber, dass sie so sehr gut spielte. So ist der Mensch! und ich ersuche den Menschen, meinen Rittmeister nicht auszulachen. Freilich hatt' ich die weiblichen Reize und die Rolle Ernestinens gehabt und hatt' ich ihm, indes er seine Kontraapproche aussann, ins betretne Gesicht geschauet, auf dessen gerundetem Munde der Schmerz uber unverdiente Krankung stand, der so ruhrend an Mannern von Mut aussieht, sobald ihn nicht die Gichtknoten und Hautausschlage der Rache verzerren: so war' ich rot geworden und ware wahrhaftig geradezu mit der Konigin (und mir dazu) ins Schach hineingefahren: denn was hatt' ich da geliebt als strenge Selberbussung?
Beinahe hatte am 16. Junius Ernestine diese Bussung geliebt, wie man aus ihrem Briefe sogleich ersehen soll. Denn allerdings ist eine Frau imstande, zweimal 24 Stunden lang eine und dieselbe Gesinnung gegen einen Mann (aber auch gegen weiter nichts) zu behaupten, sobald sie von diesem Manne nichts vor sich hat als sein Bild in ihrem schonen Kopfchen; allein steht der Mann selber unkopiert funf Fuss hoch vor ihr: so leistet sie es nicht mehr ihre wie eine besonnete Muckenkolonne spielenden Empfindungen treibt auseinander, widereinander und ineinander ein Fingerhut voll Puder am besagten Mann zu viel oder zu wenig eine Beugung seines Oberleibs ein zu tief abgeschnittener Fingernagel eine sich abschalende schurfichte Unterlippe der PuderAnschrot und Spielraum des Zopfs hinten auf dem Rock ein langer Backenbart alles. Aus hundert Grunden schlag' ich hier vor den Augen des indiskreten Lesers Ernestinens Brief an eine ausgediente Hofdame in der Residenzstadt Scheerau auseinander: sie musste jede Woche an sie schreiben, weil man sie zu beerben gedachte und weil Ernestine selber einmal so lange bei ihr und in der Stadt gewesen war, dass sie recht gut eilftausend Pfiffe mit wegbringen konnte drei Wochen namlich.
"Die vorige Woche hatt' ich Ihnen wirklich nichts zu schreiben als das alte Lied. Unser Gespiele ennuyiert mich unendlich, und es dauert mich nur der Rittmeister; es hilft aber bei meinem Vater kein Reden, sobald er nur jemand haben kann, den er spielen sieht. War's nicht besser, der gute Rittmeister liesse seinen Kutscher, der den ganzen Tag in unserer Domestikenstube schnarcht, aufwecken und anspannen und fuhr' ab? Seit dem Sonntage martern wir uns nun an einer Partie herum, und ich habe mir schon den Ellenbogen wund gestutzt abends soll sie zu Ende.
Abends um 12 Uhr. Er verlierts allemal mit seinen Springern und durch meine Konigin. Wenn er einmal geheiratet hat: so will ich ihm seine Fehlgriffe und meine Kunstgriffe zeigen. Ich bin recht verdrusslich, gnadige Tante.
Den 16. Jun. In vier Tagen bin ich von meinem Spieler und Schachbrett los, und ich will dieses nicht zusiegeln, bis ich Ihnen schreiben kann, wie er sich gegen seine mude und unschuldige Korbflechterin benommen. Heute spielten wir oben im sinesischen Hauschen. Da die Abendrote, die gerade in sein Gesicht hineinfiel, verwirrte Schatten unter die Figuren warf und da mich sein rechter Zeigefinger dauerte, der von einem Sabelhiebe eine rote Linie hat und der auf der Schachbande auf lag: so kam ich aus Zerstreuung wahrhaftig um meine Konigin, und das abscheuliche Kindtaufgelaute des sinesischen Glockenspiels liess mir fast kein Dessein zum Gluck kam mein Vater wieder und half mir ein wenig ein. Ich fuhrte ihn nachher in unsern neuen Anlagen im Waldchen herum, und er erzahlte mir, glaub' ich, die Historie seines linierten Fingers; er ist gegen seinesgleichen sehr wild, aber dabei ungemein verbindlich gegen Frauenzimmer.
Den 18. Jun. Seit gestern sind wir alle etwas lustiger. Abends brachten zwei Unteroffiziere funf Rekruten, und da man sagte, es war' ein Mensch darunter, der eine ganze geschlagene Armee zum Lachen brachte, gingen wir alle mit hinunter. Unten erzahlte der Mensch gerade halblaut einem andern Rekruten ins Ohr, er habe ein eingesetztes Gebiss von lauter falschen Schneidezahnen, und sie fielen alle bis auf einen Eckzahn heraus, wenn er eine Patrone anbisse; er habe aber bloss das Handgeld wegkapern wollen. Er schraubte unsertwegen den Hut vom Kopf ab, aber eine weisse Mutze, die sich bis uber die Augenbraunen hereinsenkte, zerrete er noch tiefer nieder: 'zog' er sie ab,' sagt' er, 'so kam' er in seinem Leben nicht zum Regiment.' Der eine Unteroffizier fing an zu lachen und sagte: 'Er tuts bloss, weil er drei abscheuliche Muttermaler darunter hat, weiter nichts' und ein Kamerad streifte ihm heimlich die Mutze von hinten herunter. Kaum war zu unserem Erstaunen ein Kopf daraus vorgesprungen, der an beiden Schlafen zwei brennende Muttermaler wies, eine Silhouette mit einem naturlichen Haarzopf und gegenuber zwei IltisSchwanzchen: so fasste zu unserm noch grosseren Erstaunen der Rittmeister den bemalten Kopf an und kusste ihn so heftig wie seinen leiblichen Bruder und wollte sich totlachen und totfreuen. 'Du bist und bleibst doch der Doktor Fenk!' sagt' er. Er muss sehr vertraut mit dem Rittmeister sein und kommt unmittelbar von Oberscheerau. Kennen Sie ihn nicht? Der Furst lasset ihn als Botaniker und Gesellschafter mit seinem naturlichen Sohn, dem Kapitan von Ottomar, nach der Schweiz und Italien reisen, wie Sie schon wissen werden. Er setzt tolle Streiche durch, wenns wahr ist, was er schwort, dass dieses seine 21te Verkleidung sei und dass er ebenso viele Jahre habe. Er sieht ubel aus; er sagt selber, sein breites Kinn stulpe sich wie ein Biberschwanz empor und der Bader rasier' ihm im Grunde die halbe Wuste gratis, so viel wie zwei Barte seine Lippen sind bis zu den Stockzahnen aufgeschnitten, und seine kleinen Augen funkeln den ganzen Tag. Er spasset auch fur Leute, die nicht seinesgleichen sind, viel zu frei."
Ernestine silhouettiert hier den aussern Menschen des Doktors, der wie viele indische Baume unter aussern Stacheln und dornigem Laub die weiche kostbare Frucht des menschenfreundlichsten Herzens verstekkte. Ich werd' ihn aber ebenso gut zeichnen konnen wie die Briefstellerin. Da Humoristen wie er selten schon sind weibliche Humoristinnen noch weniger und da der Geist sich und das Gesicht zugleich travestiert: so wurde ja, sagt' er, seine schonste Kleidung keinem Menschen etwas nutzen ihm selber und den Schonen am wenigsten als bloss den Schnitthandlern. Daher waren seine Montierstucke in zwei Facher gesondert, in kostbare (damit die Leute sahen, dass er die elenden nicht aus Armut truge) und in eben diese elenden, die er meistens mit jenen zugleich anhatte. Stachen nicht die Klappen-Segel der schonsten gestickten Weste allemal aus einem fuchsbraunen Uberrock heraus, der fast in seiner HaarMause verschied? Hart' er nicht unter einem Hut fur 11/2 Ld'or einen schimpflichen Zopf aufgehangen, den er fur nicht mehr erstanden als fur drei hiesige Sechser? Freilich wars halb aus Erbitterung gegen diesen so geschmacklosen Krebsschwanz des Kopfes, gegen dieses wie ein Tubus sich verkurzendes und verlangerndes Nacken-Gehenk an der vierten gedankenvollen Gehirnkammer. Sein Schreib-Geschirr musste schoner als sein Ess-Geschirr und sein Papier feiner als seine Wasche sein; er konnte nirgends schlechte kleine Federn leiden als bloss auf seinem Hute, den sein Bette und seine den Ehelosen naturliche Unordnung sozusagen in einen adeligen Federhut umbesserte; indessen setzte er seinen Bettfedern in den Haaren gute Seekiele hinter den Ohren an die Seite der Prinzipalkommissarius hatte sie auf dem Reichstag mit Ehren hinter seine stecken konnen!
Um aber keinen Anzugs-Sonderling und KleiderSeparatisten zu machen, liess er sich von Jahr zu Jahr nach den besten Moden des Narrheit-Journals abkonterfeien und schutzte vor, er musse den Leuten doch zeigen, dass er oder sein Kniestuck vielleicht gleichen Schritt mit den neuesten Elegants zu halten wussten. Der untere Saum seines Uberrocks war gleich dem Menschen oft aus Erde gemacht; allein er drang darauf, man sollt' es ihm sagen, was es verschluge, wenn ers leibhaftig wie der Strumpfwurker triebe, dessen Historie ich sogleich erzahlen will, um nur nicht ohne alle Moral zu schreiben. Der Mann hatte namlich das Gute und Tolle an sich, dass er den kotigen Anschrot, womit sich sein Uberrock besetzte, wenn er seine Strumpfe in die Stadt auf seinem Rucken ablieferte, niemals herausburstete oder ausrieb: sondern er griff in eine breite Schere und zwickte damit den jedesmaligen Schmutzkragen und kotigen Horizont mit Einsicht herunter je langer es nun regnete, desto kurzer schurzte sich sein Frack hinauf, und am kurzesten Tage ging der Epitomator wegen des unerhorten Wetters im kurzesten Uberrock herum, in einer niedlichen Sedez-Ausgabe der vorigen Langfolio-Ausgabe. Die Moral, die ich daraus holen kann, mochte die Frage sein: sollte ein gescheiter Staat, der doch gewiss siebzigmal kluger ist als alle Strumpfwurker zusammengenommen, die ja selber nur Glieder desselben sind, den eingesaumten Strumpfwurker nicht dadurch am besten einholen, dass er auch seine schmutzigen Glieder (Diebe, Ehebrecher etc.), statt lange an ihnen zu reiben und zu saubern, mit dem Schwerte oder sonst frisch herunterschnitte? ...
Der Doktor Fenk zerstreuete durch launigen Trost die einsamen Fluche, die sein Freund Rittmeister statt der Seufzer tat. Er sagte, er habe an Ernestinen mehr als einmal uber einen besonders guten Zug, den er getan, kein andres Erschrecken bemerkt als ein freudiges. Er wolle sein Reisegeld daransetzen, dass sie, da sie ihn liebe, einen Pfiff in ihrem Kopfe grossbrute, der die Treppe zum Brautbette zimmern werde er riet ihm, sich zerstreuet und achtlos anzustellen, damit er sie nicht im Ausbruten des Pfiffes ertappe und wegstore er fragte ihn: "Kennst du den kleinen Dienst der Liebe vollkommen?" Kein Deutscher verstand Metaphern weniger als der Rittmeister. "Ich meine," fuhr er fort, "kannst du denn nicht der listigste Vokativus von Haus aus sein? Kannst du nicht die Schachfigur, die du ziehen willst, lange fassen, um deine Hand lange uber deiner Schachmiliz zu behalten und die Generalissima mit der Hand irre und verliebt zu machen? Kannst du nicht deine Positionen jede Minute gegen diese Feindin wechseln und besonders Anhohen suchen, weil ein stehender Mann einer sitzenden Frau schoner vorkommt als einer stehenden? Ich und sie sollten dich bald auf den Stuhl zuruckgebogen, bald vorwarts, bald links, bald rechts gerankt, bald im Schatten, bald ihre Hand, bald ihren Mund fixierend erblicken im Spiele. Ja du solltest drei oder vier Bauern ins Zimmer herunterstossen, bloss um dich zum Aufheben nachzubucken, damit etwa dein schwellendes Gesicht auf ihr Herz Eindrucke machte und damit du das Blut in deinen und ihren Kopf zugleich emportriebest. Lass deinen Zopf eine AchtelsElle dem Hinterkopfe naher oder ferner schnuren, falls etwa diese Schnurung und diese Elle sich bisher eurer Ehe entgegengesetzet hatte." Der arme Rittmeister begriff und tat vom ganzen Dienstreglement kein Jota, und dem Doktor wars ebenso lieb; denn er redete aus Humor in nichts lieber als in den Wind. Ernestine schreibt in ihrem Briefe fort:
"Morgen gehen gottlob meine Karwochen zu Ende, und es ist ein Gluck fur den Rittmeister, der alle Tage empfindlicher wird, dass nur der Doktor da ist, der uber jede gezogne Figur einen Einfall weiss. Sein Witz, sagt er, beweise, dass er selber jammerlich spiele, weil gute Spieler uber und unter ihrem Spielen niemals ein Bonmot hatten.
Den 20. Jun. um 3 Uhr. Heute abends um 12 Uhr werd' ich endlich vom Schach-Fussblocke losgeschlossen. Er will an der Definitiv-Partie nennt sie Fenk den ganzen Tag spielen; er lasset aber, weil er aus seinen Tags-Kampagnen den Ablauf der nachtlichen errat, nachts den Kutscher mit dem Wagen halten, um sogleich wie ein Leichnam traurig abzufahren. Er sollte mir nur nicht zumuten, so schlecht zu spielen wie er. Er ist aber in allem so hastig und halt vor allen Vorstellungen die Ohren zu.
Um 12 Uhr nachts. Ich bin ausser mir. Wer hatt' es von meinem Vater geglaubt? Mein Spiel konnte kaum besser stehen es war auf meines Vaters Sekundenuhr, die neben dem Schachbrett lag, schon viel uber halb Zwolf er hatte nur drei Offiziere und ich noch alle meine ohn' ein Wunderwerk war er in 18 Minuten matt eine fliegende Rote spannte einmal ums andre sein ganzes Gesicht wir wurden zuletzt ordentlich beklemmt, und selbst der Doktor sagte kein lustiges Wort mehr bloss mein weisses Miezchen marschierte schnurrend auf dem Spieltisch herum kein Mensch denkt naturlicherweise auf die Katze, und er bietet mir im Spiele das erste Schach nun mocht' er (oder war ichs? denn ich schlage zuweilen auch solche Pralltriller auf dem Tische) mit den Fingern einen auf der Bande machen wie der Blitz fahrt die Bestie, die es fur eine Maus halten muss, darauf hin und schmeisset uns das ganze Spiel um und da sitzen wir! Stellen Sie sich vor! Ich halb froh, dass ihm diese Mittelsperson die Beschamung des formlichen Korbes abnimmt er mit einem Gesicht voll Trostlosigkeit und Zorn mein Vater mit einem voll Verlegenheit und Zorn und der Doktor, der in der Stube mit den zehn Fingern herumschnalzet und schwort: 'der Rittmeister hatt' es gewonnen, so gewiss wie Amen!' Kein Mensch wich mit seiner Fusssohle von der Stelle, der Doktor blieb keine Minute auf der seinigen und warf sich endlich in einem Enthusiasmus, den unsre verlegne Stille immer mehr erhob, vor einer weissen Amorbuste, vor einem Miniaturportrat meines Vaters und vor seinem eignen Bilde im Spiegel auf die Knie hin und betete: 'Heiliger Herr von Knor! heiliger Amor! heiliger Fenk! bittet fur den Rittmeister und schlagt die Katze tot! Ach wurdet ihr drei Bilder lebendig: so wurde Amor gewiss die Gestalt des Doktor Fenks annehmen, und der lebendig gewordene Amor wurde die Hand des lebendig gewordenen Knors ergreifen und ihr die der Spielerin geben seine gabe ihre dann vielleicht weiter. Ihr Heiligen! bittet doch fur den Rittmeister, der gewonnen hatte!' Das ist aber nicht wahr, und zum Ungluck war nur der Termin zu einem neuen Spiele zu kurz." ...
Da nun der Iltis-Doktor (ich selber erzahle als Autor wieder) aufstand und wirklich die Hand von Knor in Ernestinens ihre legte und sagte, er sei der Amor da uberhaupt durch die Versicherungen des Doktors und durch die Unentschiedenheit des Spiels die Ehre des empfindlichen, von Menschen und Katzen geneckten Spielers ebensoviel zu verlieren hatte als die Liebe desselben da ich in einem ganzen Sektor zeige, dass Falkenberg vom altesten Adel im ganzen Lande war und da zum Gluck im Obristforstmeister die Sitten seiner rohen Erziehung (wie bei mehren Landedelleuten) halb unter dem Firnis der Sitten seines feinern Umgangs verborgen lagen wie seine alten Mobel unter modischen: so ging der elektrische Enthusiasmus des Doktors in grossen Funken in des Vaters Busen uber, und Knor legte hingerissen die Hand Ernestinens, die zum Scheine erstaunte, in des Rittmeisters seine, ders im Ernste tat und der Brautigam drangte und warf sich in einem Sturm von Dankbarkeit an den Hals des neugebornen Schwiegervaters, eh' er, weil seine Ehre mehr als seine Liebe triumphierte, etwas kalter die geschickte Hand nachkusste, welche ihm bisher diesen doppelten Triumph entzogen.
Dies verdachte ihm die Inhaberin der Hand; aber ich verdenk' es wieder ihr; mit welchem Grund will sie dem Manne, der gar keine Seele, seine eigne kaum und eine weibliche nie erriet, ansinnen, dass er seine Weisheitzahne und seinen Philosophen-Bart soll so ausserordentlich lang gewachsen tragen, wie der geneigte Leser beide tragt, dem es freilich nicht erst hier vorgedruckt zu werden braucht er merkte alles schon vor drei guten Stunden , dass hinter der Kopulierkatze etwas stak und steckte, Ernestine namlich selber.
Es war so ... Ich brauch' es aber dem Leser kaum zu berichten, da ers schon langst gewusst, dass Ernestine die Kitt- und Heftkatze vier Abende vorher taglich privatissime auf den Tisch stellte und sie abrichtete, auf die Finger loszufahren, wenn sie trillerten und ich freue mich, dass der Scharfsinn des Lesers kein gewohnlicher ist, weil er weiter mutmasset; denn sie liess also auch am letzten Abend das Kleisteralchen von Katze als Leimrute nachschleichen, versenkte es bis um 111/2 Uhr in ihren Schoss und hob endlich mit dem Knie diesen Katzen-terminus medius aus dem Schosse auf den Spieltisch, und der terminus tat nachher das Seinige. Armer Rittmeister!
Nachdenklich ist es aber. Denn wenn auf diese Art Weiber Anordnung fur Zufall und Zufall fur Anordnung auszumunzen wissen wenn sie schon vor den Verlobnissen (folglich nachher noch mehr) in die erste Linie gegen die Manner, wie Kambyses gegen die Agypter2, Bundeskatzen stellen, die wie Untergotter ex machina das mannliche Spiel umwerfen und das weibliche aufstellen wenn unter hundert Menschen nur funf Manner sind, welchen tierische Katzen oder gar menschliche ausstehlich sind, und nur zehn Weiber, denen sie es nicht sind wenn also ganz offenbar die besten Weiber entsetzliche Bundel Mannergarn unter den Armen halten, Hasengarne, Steckgarne, Spiegelgarne, Nacht- und Hanggarne: was soll da das Einbein3 machen, das am namlichen Tag, wo es einen Roman zu schreiben anfing, zugleich einen zu spielen anhob und so beide wie auf einem Doppelklavier nebeneinander zu Ende fuhren wollte? Am vernunftigsten, seh' ich, mach' ich, wenn meine Frau den ganzen Tag am Barenfange steht und Zweige darauf wirft, damit ich hineinstolpere, nur durchaus keinen Baren, obwohl auch keinen Affen. Nein! ihr gefugigen gedrangten Geschopfe! ich setze mirs noch einmal vor und gelob' es einer von euch hier offentlich im Druck. Geschah' es dennoch, dass ich die eine nach den Flitterwochen qualen wollte: so les' ich bloss diesen Sektor hinaus und ruhre mich mit dem kommenden Gemalde eurer ehlichen Pilatus, das ich deswegen hieher trage wie namlich der dummste Mann sich fur kluger halt als die klugste Ehefrau; wie diese vor ihm, der vielleicht ausser dem Haus vor einer Gottin oder Gotzin auf den Knien liegt, um begluckt zu werden, gleich dem Kamele auf die ihrigen sinken muss, um befrachtet zu werden; wie er seine Reichskammergericht-Erkenntnisse und seine Plebiszita nach den sanftesten, nur mit zweifelhafter Stimme wie verloren gewagten Gegengrunden mit nichts versusset als mit einem "wenn ichs nun aber so haben will"; wie eben die Trane, die ihn bezauberte im freien Auge der Braut, ihn entzaubert und ganz toll macht, wenn sie aus dem ankopulierten fallt, so wie in den arabischen Marchen alle Bezauberungen und Entzauberungen durch Besprengen mit Wasser geschehen wahrhaftig das einzige Gute ist doch dies, dass ihr ihn recht betrugt. Ach! und wenn ich mir erst denke, wie weit ein solcher Ehe-Petz gegangen sein muss, bis ihr so weit ginget, dass ihr, um nicht von ihm gefressen zu werden, euch (wie man auch bei den Waldbaren tut) gar ohnmachtig anstellet; und der Petz schritt mit seinen mussigen Tatzen um die Scheintote herum! ....
"In meinem Alter soll das Einbein schon anders pfeifen!" sagt der verheiratete Leser; allein ich bin selber schon neun Jahre alter als er, und noch dazu unverheiratet.
Fussnoten
1 Das wusst' er nicht, wenn ers nicht aus den neuen Taktikern, Herrn Hahn und Herrn Miller, hatte, die den jungen Offizier die Differentialrechnung lehren, damit es ihm nicht schwer werde, mitten im Treffen beim Deployieren und Schwenken die Grundwinkel herauszurechnen. Ebenso hab' ich hundertmal ein Buch schreiben und darin die armen visierenden Billardspieler in den Stand setzen wollen, bloss nach einigen Auflosungen aus der Mechanik und hoheren Mathesis mit zugemachten Augen zu stossen. 2 Kambyses eroberte Pelusium mit Sturm, weil er unter seine Soldaten heilige Tiere, Katzen u.s.w., mengte, auf welche die agyptische Garnison nicht zu schiessen wagte und an die sie statt der Pfeile Gebete abschickte. 3 Das Einbein bin ich selber. Ich habe die Vorrede, die man wird uberschlagen haben, und diese Note, die nicht zu uberschlagen ist, gemacht, damit es einmal bekannt werde, dass ich nicht mehr habe als ein Bein, wenn man das zu kurze wegrechnet, und dass sie mich in meiner Gegend nicht anders nennen als das Einbein oder den einbeinigen Autor, da ich doch Jean Paul heisse. Siehe das Taufzeugnis und die Vorrede.
Zweiter Sektor oder Ausschnitt
Ahnen-Preiskurant des Ahnen-Grossierers der
Beschaler und Adelbrief
Es gibt in der ganzen entdeckten Welt keine verdammtere Arbeit als einen ersten Sektor zu schreiben; und durft' ich in meinem Leben keine andern Sektores schreiben, keinen zweiten, zehnten, tausendsten, so wollt' ich lieber Logarithmen oder publizistische Kreisrelationen machen als ein Buch mit asthetischen. Hingegen im zweiten Kapitel und Sektor kommt ein Autor wieder zu sich und weiss recht gut im vornehmsten Cercle, den es vielleicht gibt (Knasen sitzen in meinem), was er mit seinen schreibenden Handen anfangen soll und mit seinem Hute, Kopfe, Witz, Tiefsinn und mit allem.
Da ich durch das Ehepaar, von dessen Verlobung durch Schach und Katze wir samtlich zuruckkommen, mir in neun Monaten den Helden dieses Buches abliefern lasse: so muss ich vorher zeigen, dass ich nicht unbesonnen in den Tag hineinkaufe, sondern meine Ware (d.i. meinen Helden) aus einem recht guten Hause, um kaufmannisch zu reden, oder aus einem recht alten, um heraldisch zu sprechen, ausnehme. Denn der reichsfreien Ritterschaft, den Landsassen und bewiesen werden, dass mein Heldlieferant, Herr von Falkenberg, von alterem Adel ist wie sie alle; und zwar von unechtem.
Namlich Anno 1625 war Maria Empfangnis, wo sein Urgrossvater sich ungemein besoff und dennoch aus dem Glucktopfe die volle Hand mit etwas Ausserordentlichem herausbrachte, mit einem zweiten Adeldiplom. Denn es trank mit ihm, aber siebenmal starker, ein gescheiter Rosstauscher aus Westfalen, auch ein Herr von Falkenberg, aber nur ein Namenvetter; ihre beiden Stammbaume bestreiten und anastomosierten sich weder in Wurzelfaserchen noch in Blattern. Ob nun gleich der Sippschaftbaum des Westfalingers so alt und lang im Winde und Wetter des Lebens dagestanden war, dass er mit manchem Veteranen auf den Bergen Libanon und Atna zugleich aus der Erde vorgeschossen zu sein schien, kurz, obgleich der Rosshandler 64schildig war, indes der Urgrossvater zu seiner grossten Schande und zu dessen seiner, der ihn in seinen Roman mithineinnimmt, wirklich sowohl Zahne als Ahnen mehr nicht zahlte als 32: so wars doch noch zu machen. Der alte Westfale war namlich der Stammhalter und die Schlussvignette und das hogarthische Schwanzstuck seines ganzen historischen Bildersaals; nicht einmal in beiden Indien, wo wir alle unsre Vettern haben und erben, hatt' er noch einen. Darauf fusste der Urgrossvater, der ihm sein Adeldiplom abzufluchen und abzubetteln suchte, um es fur sein eignes auszugeben: "Denn wer Teufel weiss es," sagte er, "dir hilft es nichts, und ich heft' es an meines." Ja der Ahnen-Kompilator, der Urgrossvater, wollte christlich handeln und bot dem Ross- und Ahnentauscher fur den Brief einen unnaturlich schonen Beschaler an, einen solchen Grosssultan und Ehevogt eines benachbarten Ross-Harems, wie man noch wenige gesehen. Aber der Stammhalter drehte langsam den Kopf hin und her und sagte kalt "ich mag nicht" und trank Zerbster Flaschenbier. Da er ein paar Glaser von Quedlinburger Gose bloss versucht hatte, fing er schon an, uber das Ansinnen zu fluchen und zu wettern; was schon etwas versprach. Da er etwas Konigslutterischen Duckstein, denk' ich, daraufgesetzt hatte (denn Falkenberg hatte einen ganzen Meibomium de cerevisiis, namlich seine Biere, auf dem Lager): so ging er gar mit einigen Grunden seines Abschlagens hervor, und die Hoffnung wuchs sehr.
Als er endlich den Breslauer Scheps im Glase oder in seinem Kopfe so schon milchen fand: so befahl er, das Luder von einem elenden Beschaler in den Hof zu fuhren und da er ihn etwa zwei- oder dreimal mochte haben springen sehen: so gab er dem Urgrossvater die Hand und zugleich die 128 Ahnen darin. Da nun der Falkenbergische Urgrossvater das erkaufte Adelpatent, das einige Ahnenfolgen tausendschildiger Motten fast aufgekauet hatten, mit einem Pflasterspatel, weil es poros wie ein Schmetterlingfittich war, auf neues Pergament aufstrich und aufpappte, Buchbinderkleister aber vorher: so tat, kann man leicht denken, das Pergament seiner ganzen adeligen Vorwelt den namlichen Dienst der Veredlung, den der Beschaler in Westfalen der Rossnachwelt leistete, und uber hundert begrabene Mann, an denen kein Tropfen Blut mehr adelig zu machen war, kamen wenigstens zu adeligen Knochen. Also brauchen weder ich noch irgendeine Stiftdame uns zu schamen, dass wir mit dem kunftigen jungen Falkenberg so viel Verkehr haben, als man kunftig finden wird. Ubrigens mocht' ich nicht gern, dass die Anekdote weiter auskame, und einem Lesepublikum von Verstand braucht man dies gar nicht zu sagen.
Die Hochzeit-Luperkalien hab' ich samt ihrem langsten Tage und ihrer kurzesten Nacht niemals hersetzen wollen; doch den Einzug darauf wollt' ich gut beschreiben. Allein da ich mich gestern zum Ungluck mit dem Vorsatze ins Bett legte, heute morgen das Schach- und Ehepaar mit drei Federzugen aus dem Brautbette ins Ehebette zu schaffen, das 19 Stunden davon steht, namlich im Falkenbergischen Rittersitz Auenthal und da ich ganz naturlich nur mit drei kleinen Winken das wenige schildern wollte, das wenige Pfeifen, Reiten und Pulver, womit die guten Auenthaler ihre gnadige Neuvermahlten empfingen: so ging die ganze Nacht in meinem Kopfe der Traum auf und ab, ich sei selber ein heimreisender Reichsgraf und der Reichs-Erb-Kasperl und wurde von meinen Untertanen, weil sie mich in 15 Jahren mit keinem Auge gesehen, vor Freuden fast erschossen. In meiner Grafschaft wurde naturlicherweise tausendmal mehr Bewillkommunglarm und Honneurs gemacht als im Falkenbergischen Feudum; ich will deswegen die Honneurs fur den Rittmeister weglassen und bloss meine bringen.
Erstes Extrablatt
Ehrenbezeugungen, die mir meine Grafschaft nach
meiner Heimkehr von der grand tour antat
Wenn grafliche Untertanen einem Grafen seine sechs nicht naturlichen Dinge1 nehmen: so weiss ich nicht, wie sie ihn besser empfangen konnen. Nun liessen mir die meinigen kein einziges nicht naturliches Ding.
Sie nahmen mir das erste unnaturliche Ding ohnehin weg, den Schlaf. Da ich von Chalons nach Strassburg, so watend langsam, als war' ich schwanger, gefahren war, um von da aus so donnernd, dass ich mehr hupfte als sass, meinen Laufer umzufahren: so war' ich Grafschaft) fur mein Leben gern schlafend (und war das nicht im Traume so leicht zu machen?) vorubergeflogen; allein gerade an der Grenze und einer Brukke, da ich die Augen bergunter auf- und bergauf zumachte, wurd' ich uberfallen, nicht morderisch, sondern musikalisch, von 16 Mann besoffnem Ausschuss, der schon seit fruh 7 Uhr mit dem musikalischen Gerumpel und Ohrenbrechzeug hier aufgepasset hatte, um mich und meine Pferde zu rechter Zeit mit Trommeln und Pfeifen in die Ohren zu blessieren. Glucklicherweise hatten die Sturm-Artisten den ganzen Tag zum Spasse oder aus Langweile vorher mehr getrommelt als aus Ernst und Liebe nachher. Unter dem ganzen Weg, wahrend Orchester und Kaserne neben meinen Pferden ging, zankt' ich mich aus, dass ich Florzhubel vor 17 Jahren zu einer Stadt habilitiert und graduiert hatte, "Ich meine nicht deswegen," sagt' ich zu mir, "weil nachher das landesherrliche Reskript dem Florzhubel das Stadtrecht und seiner Gendarmerie die Monturen wieder auszog, oder deswegen, weil wir die uberzahligen Monturen in Kassel versteigern wollten sondern weil sie mich jetzt nicht schlafen lassen, welches doch das erste nicht naturliche Ding bleibt." Essen liessen sie mich gar nicht, weils das zweite unnaturliche Ding eines regierenden Herrn ist. Sann mir nicht der florzhubelsche Restaurateur, der fur mich das ganze gekochte und gesottene Mussteil meiner Grafschaft ans Feuer gesetzet hatte, geradezu am Kutschenfusstritt an, ich sollte anbeissen, und da ich ihn wir Grossen setzen nicht ungern den Pobel durch Verschmahen beneideter Kost in ein hungriges Erstaunen mit eignem Munde nur um eine Biersuppe ansprach: machte da nicht der Restaurateur eine eitle Miene und sagte: "im ganzen Hotel hatt' er keine; und hatt' er sie: so sollten ihm doch die kunftigen Traiteurs nicht nachsagen, er habe unter so vielen jus und bouillons seinem gnadigsten Herrn nichts prasentiert als einen Napf Biersuppe"?
Um das dritte Ding, um die Bewegung und Ruhe zugleich, hatte mich bei einem Haare die Ehrenpforte meines Begrabnisdorfes gebracht, massen sie mich beinahe erschlug, weil sie und die musizierende Galerie auf ihr hart hinter meinem letzten Bedienten einpurzelten, aber zur Freude der Grafschaft keinem Menschen etwas zerbrachen als dem Bader die GlasSchropfkopfe, die er der Ehrenpforte angesetzt und vorgestreckt hatte, damit doch etwas daranhinge, worein die nicht schlechte Illumination zu stecken ware. Ich wollte schon an und fur sich etwas toll werden uber die satirischen Schropfvasen, die ich fur satirische Typen und Nachbilder meines graflichen Ausschropfens der vollen Allodial- und Feudaladern nehmen wollte, und ich fragte den Schultheiss, ob er dachte, es fehle mir echter Witz; allein sie taten samtlich Eide, an Witz ware bei der ganzen Ehrenpforte gar nicht gedacht worden.
Luft, das vierte nicht naturliche Ding eines ReichsErb-Kasperls, hatt' ich schon haben konnen; denn bloss etwa des kurzen Missbrauchs wegen, den die Instrumente und Lungen meiner Vasallen von einem so herrlichen Elemente machten, hatt' ich wahrlich nicht mich und den Luftsektor um mich so fest in meinen Wagen eingesperrt, als ich wirklich tat ich muss das ausdrucklich sagen, damit nicht der gute Kelzheimer Kantor sich einbilde, es habe mir nicht gefallen, dass mir sein musikalisches Feuerrohr, seine Trompete, doppelt aus dem Schalloch, sowohl seines Kirchturms als seines Korpers, dermassen entgegenstach, dass die melodischen Luftwellen aus beiden mir vier Acker weit entgegengingen, indes noch dazu unten im Turm seine Frau die Glocken melkte, als wurd' ich begraben und nicht sowohl empfangen als verabschiedet wie gesagt, des musikalischen Ehepaars wegen hatt' ich den Wagen gar nicht zugeschlossen; aber der Todesgefahr wegen; denn ein freudiges Pikett Fronbauern schoss mir aus 17 Vogelflinten und einem paar Taschenpuffern sowohl Ehrensalven als einige Ladstokke entgegen.
Sitzt ein Graf einmal ohne vier nicht naturliche Dinge da: so darf er an das funfte gar nicht denken, an Ausleerung; der Sphinkter aller, selbst der grossten Poren bleibt samt der Wagenture zu. Es war also kein Wunder, da ich gar kein Hephata zu irgendeinem Porus sagen konnte, dass ich auffuhr: "Den Henker hab' ich davon von meinem Sitzen auf der Grafenbank in Regensburg, wenn ich hier auf dem Kutschkissen hocken muss und nichts verrichten kann, nicht einmal ...."
Echte Leidenschaft, die das sechste nicht naturliche Ding des Menschen ist, wird von nichts so leicht erstickt als von einem atlassenen Hundekissen, auf dem die Pfarrer, Schuldiener und Amtleute, die ein ReichsErb-Kasperl hat, ihm die Carmina uberreichen, die sie auf ihn haben fertigen lassen: denn daruber ist weder zu lachen, noch zu greinen, noch zu zanken, noch zu loben, noch zu reden.
Meine Lehnleute und Hintersassen, die mir so viel von meinen sechs unnaturlichen Dingen abfischten, gaben mir eben dadurch die Halfte des ersten wieder, das Wachen sie hatten sich aber meinetwegen so in Schweiss gesetzt, dass ich ihrentwegen auch darin lag. Da ich aufwachte: dacht' ich anfangs, es war' ein Traum; aber bei mehrem Aufwachen merkt' ich, dass es, die Namen ausgenommen, die gestohlne Geschichte meiner Nachbarschaft war. Freilich argert michs so gut, als wurde die Illumination und der musikalische Larm meinetwegen veranstaltet, dass die Untertanen beide bloss in der boshaften Absicht machen, ihren grossen oder kleinen Regenten durch Ekel und Plage wieder auf seine Reise zuruckzujagen; was sie offenbar den orientalischen Karawanen abgelernt, die gleichfalls durch Trommeln und Feuerschlagen wilde Tiere sich vom Leibe halten.
Fussnoten
1 Darunter meinen die Arzte 1) Wachen und Schlafen, 2) Essen und Trinken, 3) Bewegung, 4) Atmen, 5) Ausleerungen, 6) Leidenschaften.
Dritter Sektor oder Ausschnitt
Unterirdisches Padagogium der beste Herrnhuter
und Pudel
Jetzo geht erst meine Geschichte an; die Szene ist in Auenthal oder vielmehr auf dem Falkenbergischen Bergschlosse, das einige Ackerlangen davon lag. Das erste Kind der Schachamazone und des sterbenden Fechters und Rittmeisters im Schach war Gustav, welches nicht der erhabene schwedische Held ist, sondern meiner. Sei gegrusset, kleiner Schoner, auf dem Schauplatze dieses Lumpenpapiers und dieses Lumpenlebens! Ich weiss dein ganzes Leben voraus, darum beweget mich die klagende Stimme deiner ersten Minute so sehr; ich sehe an so manchen Jahren deines Lebens Tranentropfen stehen, darum erbarmet mich dein Auge so sehr, das noch trocken ist, weil dich bloss dein Korper schmerzet ohne Lacheln kommt der Mensch, ohne Lacheln geht er, drei fliegende Minuten lang war er froh. Ich habe daher mit gutem Vorbedacht, lieber Gustav, den frischen Mai deiner Jugend, von dem ich ein Landschaftstuck ins elende Fliesspapier hineindrucken soll, bis in den Mai des Wetters aufgehoben, um jetzo, da alle Tage Schopfungtage der Natur sind, auch meine Tage dazu zu jeder Schritt vier Zolle weiter und das Auge weniger vom Augenlid verhangen wird, mit fliegender Hand zu schreiben und mit einer elastischen Brust voll Atem und Blut!
Zum Gluck bleibt es vollends vom 2ten bis zum 27ten Mai (langer beschreib' ich nicht daran) recht hubsches Wetter; denn ich bin ein wenig ein meteorologischer Clair voyant, und mein kurzes Bein und mein langes Gesicht sind die besten Wetterdarmsaiten in hiesiger Gegend.
Da Erziehung weit weniger am innern Menschen (und weit mehr am aussern) andern kann, als Hofmeister sich einbilden: so wird man sich wundern, dass bei Gustav gerade das Gegenteil eintrat; denn sein ganzes Leben klang nach dem Chorton seiner uberirdischen, d.h. unterirdischen Erziehung. Der Leser muss namlich aus seinem ersten Sektor noch im Kopfe haben, dass die herrnhutisch gesinnte Obristforstmeisterin von Knor ihre Tochter Ernestine nur unter der Bedingung sich selber durch das Schach ausspielen liess, dass der gewinnende Brautigam in den Ehepakten verspreche, das erste Kind acht Jahre unter der Erde zu erziehen und zu verbergen, um dasselbe nicht gegen die Schonheiten der Natur und die Verzerrungen der Menschen zugleich abzuharten. Vergeblich stellte der Rittmeister Ernestinen vor: "so verzog' ihm ja die Schwiegermutter den Soldaten zu einer Schlafhaube, und man sollte nur warten, bis ein Madchen kame." Er liess auch wie mehre Manner den Unmut uber die Schwiegermutter ganz am Weibe aus. Aber die Alte hatte schon vor der Taufe einen himmlischschonen Jungling aus Barby verschrieben. Der Rittmeister konnte wie alle kraftvolle Leute das herrnhutische Diminuendo nicht ausstehen; am meisten redete er daruber, dass sie so wenig redeten; sogar das war nicht nach seinem Sinne, dass die herrnhutischen Wirte ihn nicht sowohl uberschnellten als zu sehr uberschnellten.
Allein der Genius diesen schonen Namen soll er vorjetzt auf allen Blattern haben lag nicht an jenen das Herz einschraubenden Krampfen des Herrnhutismus krank, und er nahm bloss das Sanfte und Einfache von ihm. Uber seinem schwarmerischen trunknen Auge glattete sich eine ruhvolle schuldlose Stirne, die das vierzigste Jahr ebenso unrastriert und ungerunzelt liess wie das vierzehnte. Er trug ein Herz, welches Laster, wie Gifte Edelsteine, zerbrochen hatten; schon ein fremdes von Sunden durchackertes oder angesaetes Gesicht beklemmte schwul seine Brust, und sein Inneres erblasste vor dastehenden Schmutzseelen, wie der Saphir an dem Finger eines Unkeuschen seinen Blauglanz verlieren soll.
Gleichwohl musste eine solche vieljahrige Aufopferung fur ein Kind sogar auf eine so schone Seele wie des Herrnhuters schwer und hart aufdrucken; aber er sagte: "o welche himmlische Anlasse hab' er dazu, die er aber nur seinem Gustav, der gewiss mit Gottes Hulfe so aufbluhe, wie er hoffe, kunftig vertraue; und niemand solle sich doch uber sein scheinbares SelbstHinopfern zu einem wahren tiefen Erden-Leben wundern." Und in der Tat werden feinere Leser, die weit denken, hoff' ich, nicht sich wundern, sondern vielmehr sich anstellen, als fanden sie ein solches ErziehHeldentum eben recht naturlich. Ubrigens ist wohl die Tugend der meisten Menschen mehr nur ein Extrablatt und Gelegenheitgedicht in ihrem Zeitung- und Alltagleben; allein zwei, drei und mehre Genien sind doch vorhanden, in deren epischem Leben die Tugend die Heldin ist und alles ubrige nur Nebenpartie und Episode und deren Steigen vom Volke mehr angestaunet als bewundert werden kann.
Die ersten dunkeln Jahre lebte Gustav mit seinem Schutzengel noch in einem uberirdischen Zimmer; er trennte ihn bloss von den heillosen Kipperinnen und Wipperinnen der Kindheit, denen wir ebenso viele lahme Beine als lahme Herzen zu danken haben Magden und Ammen. Ich wollte lieber, diese Unhuldinnen erzogen uns im zweiten Jahrzehend als im zweiten Jahr.
Der Genius zog darauf mit seinem Gustav unter eine alte ausgemauerte Hohlung im Schlossgarten, von der es der Rittmeister bedauerte, dass er sie nicht langst verschutten lassen. Eine Kellertreppe fuhrte links in den Felsenkeller und rechts in diese Wolbung, wo eine Kartause mit drei Kammern stand, die man wegen einer alten Sage die Dreibruder-Kartause nennte; auf ihrem Fussboden lagen drei steinerne Monche, welche die ausgehauenen Hande ewig ubereinander legten; und vielleicht schliefen unter den Abbildern die stummen Urbilder selber mit ihren untergegangnen Seufzern uber die vergehende Welt. Hier waltete bloss der schone Genius uber den Kleinen und bog jeden knospenden Zweig desselben zur hohen Menschengestalt empor.
Elende Umstandlichkeit, z.B. uber die Lieferanten der Wasche, der Betten und Speisen, werden mir Frauenzimmer am liebsten erlassen; aber sie werden begieriger sein, wie der Genius erzog. Recht gut, sag' ich, er befahl nicht, sondern gewohnte und erzahlte bloss. Er widersprach weder sich noch dem Kinde, ja er hatte das grosste Arkanum, ihn gut zu machen er wars selbst. Ohne dieses Arkanum konnte man ebensogut den Teufel zum Informator dingen als sich selber, wie die Tochter schlimmer Mutter zeigen. Der Genius glaubte ubrigens, beim ersten Sakramente (der Taufe) gehe die Bildung des Herzens an, beim zweiten (Abendmahl) die des Kopfes.
Von guten Menschen horen ist so viel als unter ihnen leben, und Plutarchs Biographien wirken tiefer als die besten Lehrbucher der Moralphilosophie zum Gebrauche akademischer Lehrer. Fur Kinder vollends gibts keine andere Sittenlehre als Beispiel, erzahltes oder sichtbares; und es ist erzieherische Narrheit, dass man durch Grunde Kindern nicht diese Grunde, sondern den Willen und die Kraft zu geben meinet, diesen Grunden zu folgen. O tausendmal glucklicher als ich neben meinem Tertius und Konrektor lagst du, Gustav, auf dem Schosse, in den Armen und unter den Lippen deines teuern Genius, wie eine trinkende Alpenblume an der rinnenden Wolke, und sogest dein Herz an den Erzahlungen von guten Menschen gross, die der Genius samtlich Gustave und Selige nennte, von denen wir bald sehen sollen, warum sie mit Schwabacher gedruckt sind! Da er gut zeichnete, so gab er ihm, wie Chodowiecki dem Romanenmacher, die Zeichnung jeder Geschichte und umbauete den Kleinen mit diesem orbis pictus guter Menschen wie der allmachtige Genius uns mit der grossen Natur. Aber er gab ihm die Zeichnung nie vor, sondern nach der Beschreibung, weil Kinder das Horen zum Sehen starker zieht als das Sehen zum Horen. Ein anderer hatte zu diesem padagogischen Hebebaum statt der Reissfeder den Fiedelbogen oder die Klaviertaste genommen; aber der Genius tat es nicht; das Gefuhl fur Malerei entwickelt sich wie der Geschmack sehr spat und bedarf also der Nachhulfe der Erziehung. Es ist der fruhesten Entwicklung wert, weil es das Gitter wegnimmt, das uns von der schonen Natur absondert, weil es die phantasierende Seele wieder unter die aussern Dinge hinaustreibt und weil es das deutsche Auge zur schweren Kunst abrichtet, schone Formen zu fassen. Die Musik hingegen trifft schon im jungsten Herzen (wie bei den wildesten Volkern) nachtonende Saiten an; ja ihre Allmacht busset vielmehr durch Ubung und Jahre ein. Gustav lernte daher als Taubstummer in seiner taubstummen Hohle so gut zeichnen, dass ihm schon in seinem dreizehnten Jahre sein Hofmeister sass, ein schoner Mann, der weiter unten im Buche auftreten muss.
Und so floss beiden ihr Leben sanft in der Katakombe wie eine Quelle davon. Der Kleine war glucklich; denn seine Wunsche langten nicht uber seine Kenntnisse hinaus, und weder Zank noch Furcht rissen seine stille Seele auseinander. Der Genius war glucklich; denn die Ausfuhrung dieses zehnjahrigen Baues wurd' ihm leichter als der Entschluss desselben; der Entschluss drangt alle Schwierigkeiten und Entbehrungen auf einmal vor die Seele. Die Ausfuhrung aber stellet sie weit auseinander und gibt uns erst das Interesse daran durch die sonderbare Freude, ohne die man bei tausend Dingen nicht ausdauerte etwas unter seinen Handen taglich wachsen sehen.
Fur beide Menschen war es gut, dass unten in diesem moralischen Treibhaus ein Schulkamerad des Gustavs mit wohnte, der zugleich ein halber Kollaborator und Adjunktus des Genius war, indes von der ganzen Erziehung wegen gewisser Mangel seines Herzens nur schlechten Vorteil zog, ob er gleich so gut wie Gustav zu den Tieren mit zwei Herzkammern und mit warmen Blute gehorte. Wenn ich sage, dass der grosste Fehler des Mitarbeiters war, dass er keinen Branntwein trinken wollte, so sieht man wohl, dass er klein, wie Gustav gross gezogen werden sollte, weil er der netteste schwarzeste Pudel war, der jemals uber der Erde mit einer weissen Brust herumgesprungen war. Dieser verstandige Hund und Unterlehrer losete den Oberlehrer oft im Spielen ab; zweitens konnten die meisten Tugenden nicht sowohl von als an ihm durch Gustav ausgeubt werden, und er hielt dazu die notigen ungleichnamigen Laster bereit: im Schlaf biss der Schulkollege leicht um sich nach lebendigen Beinen, im Wachen nach abgezauseten.
In diesem unterirdischen Amerika hatten die drei Antipoden ihren Tag, d.h. es war ein Licht angezundet, wenn es oben bei uns Nacht war Nacht, d.h. Schlaf hatten sie, wenn bei uns die Sonne schien. Der schone Genius hatte des aussern Larms und seiner Tagausfluge wegen es so eingerichtet. Der Kleine lag dann unten in seiner Kartause, wahrend sein Lehrer Luft und Menschen genoss, mit zugeschnurten Augen, weil dem Zufall und der Kellertur nicht zu trauen war. Zuweilen trug er den schlafenden verhullten Engel in die frische Luft und in die beseelenden Sonnenstrahlen hinauf, wie Ameisen ihre Puppen den Brutflugeln der Sonne unterlegen. Wahrlich war' ich der zweite oder dritte Chodowiecki: so stand' ich jetzo auf und stache zu meinem eignen Buche den Auftritt in schwedisches Kupfer, nicht bloss wie unser herausgetragner blassroter Liebling unter seiner Binde in einem gegitterten Rosenschatten schlummert und, ahnlich einem gestorbenen Engel, im unendlichen Tempel der Natur still mit kleinen Traumen seiner kleinen Hohle vor uns liegt Es gibt noch etwas Schoners, du hast deine Eltern noch, Gustav, und siehst sie nicht; deinen Vater, der mit dem von der Liebe verdunkelten Auge neben dir steht und sich freuet uber den reinern Atem, der die kleine Brust beweget, und daruber vergisset, wie du erzogen wirst und deine Mutter, die an dein Angesicht, auf welchem die zweifache Unschuld der Einsamkeit und der Kindheit wohnt, die liebehungrigen Lippen presset, die ungesattigt bleiben, weil sie nicht reden und nicht schmeicheln durfen ... Aber sie druckt dich aus deinem Schlummer heraus, und du musst nach einer kurzen Zeit wieder in deine PlatosHohle hinunter.
Der Genius bereitete ihn lange auf die Auferstehung aus seinem heiligen Grabe vor. Er sagte zu ihm: "Wenn du recht gut bist und nicht ungeduldig und mich und den Pudel recht lieb hast: so darfst du sterben. Wenn du gestorben bist: so sterb' ich auch mit, und wir kommen in den Himmel" (womit er die Oberflache der Erde meinte) "da ists recht hubsch und prachtig. Da brennt man am Tage kein Licht an, sondern eines so gross wie mein Kopf steht in der Luft uber dir und geht alle Tage schon um dich herum die Stubendecke ist blau und so hoch, dass sie kein Mensch erlangen kann auf tausend Leitern und der Fussboden ist weich und grun und noch schoner, die Pudel sind da so gross wie unsere Stube im Himmel ist alles voll Seliger, und da sind alle die guten Leute, von denen ich dir so oft erzahlet habe, und deine Eltern," (deren Abbilder er ihm lange gegeben hatte) "die dich so lieb haben wie ich und dir alles geben wollen. Aber recht gut musst du sein." "Ach wenn sterben wir denn einmal?" fragte der Kleine, und seine gluhende Phantasie arbeitete in ihm, und er lief unter jeder solchen Schilderung zu einem Landschaftgemalde, worin er jede Grasspitze betastete und befragte.
Auf Kinder wirkt nichts so schwach als eine Drohung und Hoffnung, die nicht noch vor abends in Erfullung geht bloss solange man ihnen vom kunftigen Examen oder von ihrem erwachsenen Alter vorredet, so lange hilfts; daher manche dieses Vorreden so oft wiederholen, dass es nicht einmal einen augenblicklichen Eindruck mehr erzeugt. Der Genius setzte daher den langen Weg zur grossten Belohnung aus kleinern zusammen, die alle den Eindruck und die Gewissheit der grossen verstarkten und die im folgenden Sektor stehen.
Apropos! Ich muss es nachholen, dass es unter allen Ubeln fur Erziehung und fur Kinder, wogegen das verschriene Buchstabieren und Wichsen golden ist, kein giftigeres, keinen ungesundern Misspickel und keinen mehr zehrenden padagogischen Bandwurm gibt als eine Hausfranzosin.
Vierter Sektor oder Ausschnitt
Lilien Waldhorner und eine Aussicht sind die
Todes-Anzeigen
Auf allen meinen Gedachtnisfibern (diesen Denkfaden und Blattergerippen von so manchem schlechten Zeug) schlaft keine schonere Sage als die aus dem Kloster Corbey: wenn der Todesengel daraus einen Geistlichen abzuholen hatte: so legte er ihm als Zeichen seiner Ankunft eine weisse Lilie in seinem Chorstuhl hin. Ich wollt', ich hatte diesen Aberglauben. Unser sanfter Genius ahmte dem Todesengel nach und sagte dem Kleinen: "Wenn wir eine Lilie finden: so sterben wir bald." Wie alsdann der Himmellustige, der noch keine gesehen, uberall darnach suchte! Einmal, da sein Genius ihm den Genius des Universums nicht als ein metaphysisches Robinets-Vexierbild, sondern als den grossten und besten Menschen der Erde geschildert hatte: zog sich ein nie dagewesenen Wohlgeruch um sie herum. Der Kleine fuhlt, aber sieht nicht; er tritt zur Klause hinaus und drei Lilien liegen da. Er kennt sie nicht, diese weissen Juniuskinder; aber der Genius nimmt sie entzuckt von ihm und sagt: "Das sind Lilien, die kommen vom Himmel, nun sterben wir bald." Ewig zitterte die Ruhrung nach fort, und gewiss gaukelt einmal in seiner wahren Todesstunde eine Lilie als das letzte glanzende Viertel der verloschenden Monderde vor ihm.
Der Genius hatte vor, ihn am ersten Junius, seinem Geburttage, aus der Erde zu lassen. Aber um seine Seele noch hoher zu spannen (vielleicht zu hoch), liess er ihn in der letzten Woche noch zwei heilige Vorfeste des Sterbens erleben. Als er ihm namlich die Seligkeiten des Himmels, d.h. der Erde mit seiner Zunge und mit seinem Gesichte vorgemalet hatte, besonders die Herrlichkeiten der Himmel- und Spharenmusik: so endigte er mit der Nachricht, dass oft schon zu Sterbenden, die noch nicht oben waren, dieses Echo des menschlichen Herzens hinuntertonte und dass sie denn eher sturben, weil davon das weiche Herz zerflosse. In das Ohr des Kleinen war Musik, diese Poesie der Luft, noch nie gekommen. Sein Lehrer hatte langst ein sogenanntes Sterbelied gemacht; in diesem bezog naturlicherweise Gustav alles, was es vom zweiten Leben sagte, auf das erste, und sie lasen es oft, ohne es zu singen. Aber in der letzten Woche erst fing der Genius auf einmal an, seine milde Lehrstimme zu der noch weichern Singstimme des herrnhutischen Kirchengesanges zu verklaren und das sehnsuchtige Sterbelied vorzutragen, indes er durch Veranstaltungen sich oben von einem Waldhorne dieser Flote der Sehnsucht begleiten liess; und die ziehenden Adagio-Klagen sanken durch die dampfende Erde in ihre Ohren und Herzen wie ein warmer Regen nieder ....
Gustavs Auge stand in der ersten Freudentrane sein Herz drehte sich um er glaubte, nun sturb' es an den Tonen schon.
O Musik! Nachklang aus einer entlegnen harmonischen Welt! Seufzer des Engels in uns! Wenn das Wort sprachlos ist, und die Umarmung, und das Auge, und das weinende, und wenn unsre stummen Herzen hinter dem Brust-Gitter einsam liegen: o so bist nur du es, durch welche sie sich einander zurufen in ihren Kerkern und ihre entfernten Seufzer vereinigen in ihrer Wuste!
Wie bei einem wahren Sterben naherte der Genius seinen Zogling in diesem nachgeahmten auf der Stufenleiter der funf Sinne dem Himmel. Er schmuckte den scheinbaren Tod zum Vorteile des wahren mit allen Reizen aus, und Gustav stirbt einmal entzuckter als einer von uns. Anstatt dass andere uns die Holle offen sehen lassen: verhiess er ihm, er werde wie Stephanus an seinem Sterbetage den Himmel schon offen sehen, eh' er in ihn aufsteige. Dies geschah auch. Ihr unterirdisches Josaphats-Tal hatte ausser der erwahnten Kellertreppe noch einen langen waagrechten Kreuzgang, der am Fusse des Bergs ins Tal und ins Dorfchen darin offen stand, und den zwei Turen in verschiedenen Zwischenraumen versperrten. Diese Turen liess er in der Nacht vor dem ersten Junius, als bloss die weisse Mondsichel am Horizonte stand und wie ein altergraues Angesicht sich in der blauen Nacht nach der versteckten Sonne wandte, mitten in einem Gebete unvermerkt aufziehen und nun siehst du, Gustav, zum ersten Male in deinem Leben und auf den Knien in das weite, 9 Millionen Quadratmeilen grosse Theater des menschlichen Leidens und Tuns hinein; aber nur so wie wir in den nachtlichen Kindheitjahren und unter dem Flor, womit uns die Mutter gegen Mucken uberhullte, blickest du in das Nachtmeer, das vor dir unermesslich hinaussteht mit schwankenden Bluten und schiessenden Feuerkafern, die sich neben den Sternen zu bewegen scheinen, und mit dem ganzen Gedrange der Schopfung! O! du glucklicher Gustav; dieses Nachtstuck bleibt noch nach langen Jahren in deiner Seele wie eine im Meere untergesunkne grune Insel hinter tiefen Schatten gelagert und sieht dich sehnend an wie eine langstvergangne frohe Ewigkeit .... Allein nach wenigen Minuten schloss der Genius ihn an sich und verhullte die suchenden Augen mit seinem Busen; unvermerkt liefen die Himmelturen wieder zu und nahmen ihm den Fruhling.
In zwolf Stunden steht er darin; aber ich werde ordentlich beklemmt, je naher ich mich zu dieser sanften Auferstehung bringe. Es ruhrt nicht bloss daher, dass ich nur ein einziges Mal in meinem Leben einen solchen des Himmels werten Geburttag wie Gustavs seinen in meinem Kopfe auf- und untergehen lassen kann, einen Tag, dessen Feuer ich an meinem Pulse fuhle und wovon nur Widerschein aufs Papier herfallt auch nicht bloss daher kommt es, dass nachher der schone Genius ungekannt von Autor und Leser wegziehet sondern daher am meisten, dass ich meinen Gustav aus der stillen Demantgrube, wo sich der Demant seines Herzens so durchsichtig und so strahlend und so ohne Flecken und Federn zusammensetzte, hinauswerfe in die heisse Welt, welche bald ihre Brennspiegel auf ihn halten wird zum Zerbrockeln, aus seiner Meerstille der Leidenschaften heraus in den sogenannten Himmel hinein, wo neben den Seligen ebenso viele Verdammte gehen. Aber da er alsdann auch der grossen Natur ins Angesicht schauen darf: so ists doch nicht sein Schicksal allein, was mich beklommen macht, sondern meines und fremdes, weil ich bedenke, durch wieviel Kot unsere Lehrer unsern innern Menschen wie einen Missetater schleifen, eh' er sich aufrichten darf! Ach hatte ein Pythagoras, statt des Lateinischen und statt der syrischen Geschichte, unser Herz zu einer sanft erhebenden Aolsharfe, auf welcher die Natur spielet und ihre Empfindung ausdruckt, und nicht zu einer larmenden Feuertrommel aller Leidenschaften werden lassen wie weit da das Genie, aber nie die Tugend Grenzen hat und jeder Reine und Gute noch reiner werden kann konnten wir nicht sein! So wie Gustav eine Nacht wartet, will ich auch meine Schilderung um eine verschieben, um sie morgen mit aller Wollust meiner Seele zu geben.
Funfter Sektor oder Ausschnitt
Auferstehung
Vier Priester stehen im weiten Dom der Natur und beten an Gottes Altaren, den Bergen, der eisgraue Winter mit dem schneeweissen Chorhemd der sammelnde Herbst mit Ernten unter dem Arm, die er Gott auf den Altar legt und die der Mensch nehmen darf der feurige Jungling, der Sommer, der bis nachts arbeitet, um zu opfern und endlich der kindliche Fruhling mit seinem weissen Kirchenschmuck von Bluten, der wie ein Kind Blumen und Blutenkelche um den erhabenen Geist herumlegt und an dessen Gebete alles mitbetet, was ihn beten hort. Und fur Menschenkinder ist ja der Fruhling der schonste Priester.
Diesen Blumenpriester sah der kleine Gustav zuerst am Altar. Vor Sonnenaufgang am ersten Junius (unten wars Abend) kniete der Genius schweigend hin und betete mit den Augen und stummzitternden Lippen ein Gebet fur Gustav, das uber sein ganzes gewagtes Leben die Flugel ausbreitete. Eine Flote hob oben ein inniges liebendes Rufen an, und der Genius sagte, selber uberwaltigt: "Es ruft uns heraus aus der Erde, hinauf gen Himmel; geh mit mir, mein Gustav." Der Kleine bebte vor Freude und Angst. Die Flote tonet fort sie gehen den Nachtgang der Himmelleiter hinauf zwei angstliche Herzen zerbrechen mit ihren Schlagen beinahe die Brust der Genius stosset die Pforte auf, hinter der die Welt steht und hebt sein Kind in die Erde und unter den Himmel hinaus ...... Nun schlagen die hohen Wogen des lebendigen Meers uber Gustav zusammen mit stockendem Atem, mit erdrucktem Auge, mit uberschutteter Seele steht er vor dem unubersehlichen Angesicht der Natur und halt sich zitternd fester an seinen Genius .... Als er aber nach dem ersten Erstarren seinen Geist aufgeschlossen, aufgerissen hatte fur diese Strome als er die tausend Arme fuhlte, womit ihn die hohe Seele des Weltall an sich druckte als er zu sehen vermochte das grune taumelnde Blumenleben um sich und die nickenden Lilien, die lebendiger ihm erschienen als seine, und als er die zitternde Blume tot zu treten furchtete als sein wieder aufwarts geworfnes Auge in dem tiefen Himmel, der Offnung der Unendlichkeit, versank und als er sich scheuete vor dem Herunterbrechen der herumziehenden schwarzroten Wolkengebirge und der uber seinem Haupt schwimmenden Lander als er die Berge wie neue Erden auf unserer liegen sah und als ihn umrang das unendliche Leben, das gefiederte neben der Wolke fliegende Leben, das summende Leben zu seinen Fussen, das goldne kriechende Leben auf allen Blattern, die lebendigen, auf ihn winkenden Arme und Haupter der Riesenbaume und als der Morgenwind ihm der grosse Atem eines kommenden Genius schien und als die flatternde Laube sprach und der Apfelbaum seine Wange mit einem kalten Blatt bewarf als endlich sein belastet-gehendes Auge sich auf den weissen Flugeln eines Sommervogels tragen liess, der ungehort und einsam uber bunte Blumen wogte und ans breite grune Blatt sich wie eine Ohrrose versilbernd hing .....: so fing der Himmel an zu brennen, der entflohenen Nacht loderte der nachschleifende Saum ihres Mantels weg, und auf dem Rand der Erde lag, wie eine vom gottlichen Throne niedergesunkene Krone Gottes, die Sonne. Gustav rief: "Gott steht dort" und sturzte mit geblendetem Auge und Geiste und mit dem grossten Gebet, das noch ein kindlicher zehnjahriger Busen fasste, auf die Blumen hin .....
Schlage die Augen nur wieder auf, du Lieber! Du siehest nicht mehr in die gluhende Lavakugel hinein; du liegst an der beschattenden Brust deiner Mutter, und ihr liebendes Herz darin ist deine Sonne und dein Gott zum ersten Mal sieh das unnennbar holde, weibliche und mutterliche Lacheln, zum ersten Male hore die elterliche Stimme; denn die ersten zwei Seligen, die im Himmel dir entgegengehen, sind deine Eltern. O himmlische Stunde! Die Sonne strahlt, alle Tautropfen funkeln unter ihr, acht Freudentranen fallen mit dem milderen Sonnenbilde nieder, und vier Menschen stehen selig und geruhrt auf einer Erde, die so weit vom Himmel liegt! Verhulltes Schicksal! wird unser Tod sein wie Gustavs seiner? Verhulltes Schicksal! das hinter unsrer Erde wie hinter einer Larve sitzet und das uns Zeit lasset, zu sein ach! wenn der Tod uns zerleget und ein grosser Genius uns aus der Gruft in den Himmel gehoben hat, wenn dann seine Sonnen und Freuden unsere Seele uberwaltigen, wirst du uns da auch eine bekannte Menschenbrust geben, an der wir das schwache Auge aufschlagen? O Schicksal! gibst du uns wieder, was wir niemals hier vergessen konnen? Kein Auge wird sich auf dieses Blatt richten, das hier nichts zu beweinen und nichts dort wiederzufinden hat: ach wird es nach diesem Leben voll Toter keiner bekannten Gestalt begegnen, zu der wir sagen konnen: willkommen? ....
Das Schicksal steht stumm hinter der Larve; die menschliche Trane steht dunkel auf dem Grabe; die Sonne leuchtet nicht in die Trane. Aber unser liebendes Herz stirbt in der Unsterblichkeit nicht und vor dem Angesichte Gottes nicht.
Sechster Sektor oder Ausschnitt
Gewaltsame Entfuhrung des schonen Gesichts
wichtiges Portrat
Das Erstaunen Gustavs, zu dem ihn den ganzen Tag ein Gegenstand nach dem andern anstrengte, und die Entbehrung des Schlafs endigten seinen ersten Himmeltag mit einem Fieberabend, den er wurde verweint haben, auch ohne einen Grund. Aber er hatte einen: sein Genius war wahrend des Tumultes im Garten mit einem sprachlosen Kusse von dem Liebling fortgezogen und hatte nichts zuruckgelassen als der Mutter ein Blattchen. Er hatte namlich ein Notenblatt in zwei Halften zerschnitten; die eine enthielt die Dissonanzen der Melodie und die Fragen des Textes dazu, auf der andern standen die Auflosungen und die Antworten. Die dissonierende Halfte sollte sein Gustav bekommen; die andere behielt er: "Ich und mein Freund", sagt' er, "erkennen einmal in der wusten Welt einander daran, dass er Fragen hat, zu denen ich Antworten habe." Auch den Pudel, der immer grosser wurde, nahm er mit ..... Wo werden wir dich wiedersehen, unbekannter schoner Schwarmer? Du erfahrst es nicht, wie dein verwaiseter Zogling abends rufet und schluchzet nach dir, und wie ihm der neue gemit dir, und wie ihm die Lichtkerzen jedes Zimmer zur stillen Hohle ummalen, in der er dich geliebt hatte und du ihn. Ebenso bucken wir uns am Lebens-Abend an alten Grabern unsrer fruhen Freunde, die niemand bedauert als wir; bis endlich den letzten Greis aus dem liebenden Zirkel ein fremder Jungling beerdigt; aber keine einzige Seele erinnert sich der schonen Jugend des letzten Greises!
Am Morgen war er wieder gesund und froh; die Sonne trocknete sein Auge aus, und das Nebelbild seines Genius zog in der Hulle der letzten Nacht sich weit zuruck. Es tut mir leid, dass ichs seinen Jahren und seinem Charakter beizumessen habe, dass er, die Abendstunden der schmerzlichsten Sehnsucht ausgenommen, ein wenig zu leicht das Bild eines Freundes durch nahere Bilder in den Hintergrund verschieben liess. Alle Blumen waren jetzo Spielzeug fur ihn, jedes Tier ein Spielkamerad und jeder Mensch ein Vogel Phonix; jede Himmelsveranderung, jeder Sonnenuntergang, jede Minute uberschuttete ihn mit Neuigkeiten.
Es war ihm wie vornehmen Kindern, die aufs Land hinauskommen; alles begucken, betasten, bespringen sie in der neuen Erde und dem neuen Himmel. Denn es ist ein unbeschreibliches Gluck fur stiftfahige Kinder, dass ihre Eltern, die sonst aus der Natur sich wenig machen, sie dennoch zwischen hohen Zimmern und hohen Hausern, die nicht 38 Quadratschuhe vom Himmel sichtbar lassen, wie in Treibgarten mit hohen Mauern erziehen, damit die Natur ihnen so wenig als ihre Eltern unter die Augen komme; dadurch erhalt sich ihr Gefuhl fur beide ebenso unverhartet uber der Erde, als wurden sie wirklich unter ihr erzogen; ja sie sehen den Sonnenaufgang zum ersten Male fast noch spater als Gustav, auf der Postkalesche oder in Karlsbad.
Seine Eltern liessen ihn als einen Neugebornen ungern von der Seite, kaum in den Schlossgarten und nicht zum Berg hinunter, wo ihm die Poststrasse gefahrlich war. Auch hatt' er aus seiner unterirdischen Schulpforte eine gewisse Verlegenheit mit heraufgebracht, die mittelmassige Menschen und fast sein Vater fur Einfalt nehmen, welche aber hohere Menschen, sobald sie in Gesellschaft eines nicht stieren, sondern uberfullten schwarmerischen Auges wie bei ihm erscheint, fur das Ordenkreuz ihres Ordenbruders halten. Gleichwohl bereueten es seine Eltern acht Tage darauf, nicht, ihn eingesperrt, sondern, ihn hinausgelassen zu haben.
Die Obristforstmeisterin von Knor und ein Faszikel Herrnhuter und Herrnhuterinnen waren mit ihr gekommen, den Zogling des Grabes zu horen; ein Grummetschober alter Fraulein hatte schon vier Wochen vorher eingesprochen, und jetzo wieder, um nur ein solches Wunderkind ansichtig zu werden. Die herrnhutischen Bruder waren lebhaft und frei mit Anstand; die Schwestern mauerten sich samtlich um eine Standuhr, deren Gehause mit Engeln als Hornisten gerandert war sie waren von den Hornisten nicht wegzubringen. Beizubringen war ihnen auch nichts; Maul und Augen machten sie auch nicht auf, und der Rittmeister wurde schwarz vor verhaltenem Arger. Endlich tippte die Lippe einer Schwester an ein Weinglas, die andern tippten nach so viel die eine vom Gebacknen abknickte, so viel brockelten die andern sich zu ein Zuck regte die ganze obligate Kompagnie dieser auf zwei Fusse gestellten Schafe. Der Frauleinschober hingegen hieb in alles ein; im Flussigen und Festen war er wie ein Amphibium zu Hause, sie hatten in ihrem kauenden und klappernden Leben nie etwas gereget als die Zunge. Als nun fur so viele Zuschauer das Wundertier her sollte: wars weg. Alles wurde ausgestobert, langverlorne Dinge wurden gefunden, in alles hineingeschrien, in jeden Winkel und Busch kein Gustav! Der Rittmeister, dessen anfangende Betrubnis immer eine Art Zorn war, liess die ganze sehlustige Schwesterschaft sitzen; die Rittmeisterin aber, deren Betrubnis noch weichere Teile angriff, setzte sich kosend zu ihr. Als aber alle angstliche, fragende, laufende Gesichter immer trostloser zuruckkamen und als man gar hinter dem offnen Schlosstor, wo der Kleine abgerissne Blumen in kleine beschattete Beete steckte, diese noch nass von seinem Begiessen fand: so zerknirschte die Verzweiflung die Gesichter der Eltern; "ach der Engel ist gewiss in den Rhein gesturzt", sagte sie, er aber sagte nichts dagegen. Zu einer andern Zeit hatt' er einen solchen Fehlschluss mit den Fussen zerstampft; denn der Rhein floss eine halbe Stunde vom Schlosse; aber hier schloss in beiden die Angst, die weit tollere Sprunge tut als die Hoffnung. Ich rede hier deswegen von einer andern Zeit, weil mir bekannt ist, wie sonst der Rittmeister war: namlich aus Mitleiden aufgebracht gegen den Leidenden selber. Niemals z.B. fluchten seine Mienen mehr gegen seine Frau, als wenn sie krank war (und ein einziges schnelles Blutkugelchen stiess sie um) klagen sollte sie dabei gar nicht war das, auch nicht seufzen war auch das, nur keine leidende Miene machen gehorchte sie, uberhaupt gar nicht krank sein. Er hatte die Torheit der mussigen und vornehmen Leute, er wollte stets frohlich sein.
Hier aber, da einmal sein Glucktopf in Scherben lag, versussete ein fremder Seufzer seinen eignen und seinen Zorn uber die unachtsame Hausdienerschaft und uber den durren Schwester- und Grummetschober.
Als das Kind die Nacht ausblieb und den ganzen Vormittag und als man gar im Walde auf der Kunststrasse sein Hutchen antraf: so verwandelten sich die Stiche der Angst in das forteiternde Schmerzen dieser Stichwunden. Gegen keine Gemuterschutterung ist ein guter Gegenbeweis so schwer zu fuhren als gegen die Angst; ich fuhre daher gar keinen seit Jahr und Tag, sondern ich gebe ihr das Argste, was sie behauptet, sofort willig zu und falle dann bloss die andere Gemutbewegung, die aus dem besorgten Argsten kommen kann, mit der Frage an: "Und wenns nun ware?"
Jeder Fliegenschwamm im Walde wurde breitgetreten und jeder Baumspecht aufgejagt, um den Kopf zum Hut zu finden aber vergeblich; und am dritten Tage ging der Rittmeister, dessen Gesicht eine Atzplatte des Schmerzes war, ohne Absicht zu suchen so vertieft im Walde herum, dass er einen mit Koffern und Bedienten ausgelegten Reisewagen durch das Gebusch schwerlich hatte fliegen sehen, wenn nicht daraus wie ein Freuden-Donnerschlag die Stimme seines verlorenen Sohnes ihn erschuttert hatte. Er rennt nach, der Wagen schiesset voraus, und im Freien sieht er ihn schon hinter seinem Schlosse stauben. Ausser sich kommt er in Schlosshof angesturmt, um nachzusprengen und um es bleiben zu lassen. Denn oben an der Hausture stand die in einen Knaul zusammengelaufne Schloss-Genossenschaft schon um den Gustav, die Schlosshunde bellten, ohne einen gescheiten Grund zu haben, und alles sprach und fragte so, dass man gar keine Antwort des Kleinen vernahm. Der vorbeifliegende Wagen hatte ihn ausgesetzt. Am Halse hing in einem schwarzen Bande sein Portrat. Seine Augen waren rot und feucht von den Qualen der Heimsucht. Er erzahlte von langen langen Hausern, wofur er Gassen hielt, und von seinem Schwesterchen, das mit ihm gespielet, und vom neuen Hute; es war' aber keine Seele daraus klug geworden, hatte nicht der Koch eine entfallne Karte zu seinen Fussen erblickt. Diese las der Rittmeister und sah, dass er sie nicht lesen sollte, sondern seine Frau. Er verdolmetschte es aus dem mit weiblicher Hand geschriebenen Italienischen so:
"Kann sich denn eine Mutter bei einer Mutter entschuldigen, dass sie ihr Kind ihr so lang entzogen? Wenn Sie mir auch meinen Fehler nicht vergeben: ich kann ihn doch nicht bereuen. Ich traf Ihren lieben Kleinen vor drei Tagen im Walde irrend an, wo ich ihn in meinen Wagen stahl, um ihn vor schlimmern Dieben zu bewahren und um seine Eltern auszufinden. Ach, ich will es Ihnen nur sagen: ich hatt' ihn auch mitgenommen, wenn auch beides nicht gewesen ware. O nicht, weil er so himmlisch schon, sondern weil er so ganz, sogar bis auf die Haare, wie mein teuerer verlorner Guido aussieht, kann ich ihn kaum lassen. Ach es sind schon viele Jahre, dass mir das Schicksal auf eine sonderbare Art mein liebstes Kind lebendig aus dem Schoss genommen. Ihres kommt heute wieder, meines vielleicht nie! Das Hals-Gehenk verzeihen Sie. Das Portrat werden Sie fur seines halten, so ahnlich ist er meinem Sohn; aber es ist das meines Guido. Sein eignes liess ich mir auch malen und behalt' es, um das Ebenbild meines Guten doppelt zu haben. Sollt' ich einmal Ihren Gustav aufgebluht zu Gesicht bekommen: so wurd' ich ihn lange anschauen, ich wurde denken: so muss mein Guido jetzt auch aussehen, so viel Unschuld wird er auch im Auge haben, so sehr wird er auch gefallen. Ach meine Kleine weint, dass ihr Spielgenosse wieder wegfahren soll und ich tu' es auch; sie gibt nur einen Bruder, aber ich einen Sohn zuruck. Mogen Sie und er glucklicher sein! Meinen Namen schenken Sie mir."
Sie rieten alle uber die Verfasserin hin und her. Der Rittmeister allein sagte traurig nichts; ich weiss nicht, ob aus Kummer uber die Erinnerungen an seinen ersten verlornen Sohn, oder weil er gar wie ich uber die ganze Sache dachte. Ich vermute namlich, der verlorne Guido ist eben sein eignes Kind; und die Briefstellerin ist die Geliebte, die ihm der KommerzienAgent Roper aus den Handen gewunden hatte. Ich werde erst nachher sagen warum.
Gustavs Schonheit kann man erstlich aus der Vernunft oder von vornen dartun, zweitens von hinten. Sein Treibhaus, das ihn auferzog und zudeckte, bleichte ganz naturlich seine Lilienhaut zu einem weissen Grund, auf welchen zwei blasse Wangenrosen oder nur ihr Widerschein und die dunklere feste Rosenknospe der Oberlippe geblasen waren. Sein Auge war der offne Himmel, den ihr in tausend funfjahrigen und nur in zehn funfzigjahrigen Augen antrefft; und dieses Auge wurde noch dazu von langen Augenwimpern und von etwas Schwarmerischen verschleiert oder verschonert. Endlich hatten weder Anstrengung noch Leidenschaften ihren Waldhammer und die scharfen Lettern desselben in dieses schone Gewachs geschlagen, und ihm war noch kein Todesurteil, das seinen Fall bezeichnet, in seine Rinde eingeschnitten. Alles Schone aber ist sanft; daher sind die schonsten Volker die ruhigsten; daher verzerret heftige Arbeit arme Kinder und arme Volker.
Es ist aber noch kein Jahr, dass ich Gustavs Schonheit von hinten beweisen kann. Denn da der Auktionproklamator damals mein intimster Freund war: so beging er mir zu Gefallen den kleinen Schelmenstreich, dass er die Gemalde und Kupferstiche gerade an einem Tage versteigerte, wo der Maskerade wegen kein Mensch gerade von der grossen Welt aus Unterscheerau in die Versteigerung kam, mich ausgenommen; ich erstand fur Sundengeld tausend Dinge. Die ganze Stadt und Vorstadt hatte zu diesem Schutthaufen von Moblen zugetragen und war Verkauferin und Kauferin zugleich. In dieser Auktion erschienen alle europaische Potentaten, aber elend gezeichnet und koloriert; und ein Edelmann von bon sens hielt seine beiden Eltern feil und wollte sie als gute Kniestucke verstechen in Rom verhandelten umgekehrt die Eltern die Kinder, aber in natura. Der Edelmann hoffte, ich wurde auf seinen Papa und seine Mama bieten; aber ich war bei nichts der Mehrbieter als bei Gustavs Portrat, das er auch losschlug. Der Edelmann hiess Roper, von dem ich oben gesagt, dass er an einem Tage Ehemann und Stiefvater geworden.
Und hier hangst du ja, Gustav, mir und meinem Schreibtisch gegenuber, und wenn ich uber etwas sinne, so stosset mein Auge immer auf dich. Viele tadeln mich, mein kleiner Held, dass ich dich hier zwischen Shakespeare und Winckelmann (von Bause) aufgenagelt; aber hast du nicht das bedenken zu wenige einen Nasen-Schwibbogen, auf dem schwere und hohe Gedanken ruhen, einen solchen, der oft unter der Hand des Todes sich noch schoner wolbt, und hast du nicht unter dem Knochen-Architrav ein weites Auge, durch das die Natur wie durch eine Ehrenpforte in die Seele zieht, und ein gewolbtes Haus des Geistes und alles, womit du deine in Kupfer gestochne Nachbarschaft verdienest und aushaltst?
Der Leser sollte wissen (es geschieht aber weiter hinten), was mich jetzo notigt, meinen Sektor plotzlich auszumachen und einzusperren ....
Zweites Extrablatt
Strohkranzrede eines Konsistorialsekretars, worin er
und sie beweisen, dass Ehebruch und Ehescheidung
zuzulassen sind
Ich gesteh' es hier, unser aufgeklartes Jahrhundert sollte man das ehebrechende nennen. Ich sagte allerdings einmal auf dem Marktplatz zu Marseille, ich hielt' den Bettel fur recht, den Ehebruch schon weit vor Munchen sagt' ich, man sollte an die Mutterkirche des Ehebettes noch ein Ehefilial stossen im Obersachsischen sagt' ich, wenn jene Grafin ein ganzes Jahr fortgebar, jeden Tag etwas: so ware noch jetzo bei Grafinnen wenigstens das vorhergegangene Jahr zu haben in den zehn deutschen Kreisen druckt' ich mich gewiss auf zehn verschiedene Arten aus; aber es war damals nirgends der Ort, die Sache klar aus der Physiologie darzutun, als bloss hier.
Sanktorius wars1, der sich auf einen delphischen Nachtstuhl setzte und da die Wahrheit aussass, dass der Mensch alle 11 Jahre einen neuen Korper umbekomme der alte wird wie der deutsche Reichs-Korper stuckweise fluchtig, und es bleibet von der ganzen geschabt in einem Teeloffel eingeben will. Bernoulli widersprach gar diesem ganz und rechnete uns vor, Sanktorius stolpere, denn nicht in 11, sondern in 3 Jahren dampfe der eine Zwilling-Bruder weg und schiesse der andere an. Kurz Russen und Franzosen wechseln den Korper ofter als das Hemd des Korpers, und eine Provinz bekommt allzeit neue Leiber und einen neuen Provinzial miteinander, in 3 Jahren, wie gesagt.
Die Sache ist gar nicht gleichgultig. Denn es ist sonach unmoglich, dass ein Kahlkopf, der sein Ehejubilaum begeht, an seinem ganzen Leibe auf ein Stuckchen Haut hellersgross hinweise und anmerke: "Mit diesem Lappchen Haut stand ich vor 25 Jahren auch am Altar und wurde samt dem ubrigen an meine jubilierende Frau hinankopuliert." Das kann der Jubelkonig unmoglich. Der Ehering ist zwar nicht herunter, aber der Ringfinger langst, um welchen er sass. Im Grunde ists ein Streich uber alle Streiche, und ich berufe mich auf andre Konsistorialsekretare. Denn die arme Braut steigt freudig mit der Statua curulis von einem Brautigamkorper unter den Betthimmel und denkt was weiss sie von guter Physiologie , am Korper habe sie etwas Solides, ein eisernes Stuck, ein Immobiliargut, kurz einen Kopf mit Haaren, von denen sie einmal sagen konne: an meinen und an meiner Haube sind sie grau geworden! Das hofft sie; indes schafft unter ihrem Hoffen der Schelm von einem Korper seine samtliche Glieder, wie ein Student sein verschuldetes Studentengut, nach 3 Jahren infinitesimalteilchenweise bei Nacht und Nebel fort. Wendet sie sich am Neujahrabend um: so liegt im Ehebette bloss ein Gipsabguss oder eine zweite Auflage neben ihr, die der vorige Korper von sich darin gelassen und in welcher kein altes Blatt der alten mehr ist. Was soll nun eine Frau, wenn der Kubik-Inhalt des Brautbettes und der des Ehebettes so verschieden sind, von der Sache denken? ich meine, wenn z.B. ein ganzes weibliches Konsistorium (z.B. die Frau Konsistorialprasidentin, die Vizeprasidentin, die Konsistarialsekretarin) nach 3 Jahren auf dem Kopfkissen ein ganz anders mannliches Konsistorium antrifft, als das aufgeloste war, das die Ehe versprach: was soll eine Frau da anstellen, die, wenns eine Konsistorial-Halfte ist, recht gut weiss quid juris? Sie, sag' ich, die es hundertmal uber dem Essen gehort haben muss, dass eine solche Entweichung des mannlichen Korpers eine verfluchte bosliche Verlassung oder desertio malitiosa ist, die sie von ihren Ehepflichten ganz losknupfet und es kann vollends eine solche Strohwitwe gar Lutherum de causis matrimonii gelesen haben und sich daraus entsinnen, dass er einer boslich Verlassenen nach einem oder einem halben Jahre eine neue Ehe nicht verbeut ..... Sich in besagte neue Ehe zu begeben, wird offenbar die erste Pflicht und Absicht einer solchen Verlassenen sein; da aber der neue restierende Ehemanns-Korper nichts fur den fortgedunsteten kann: so wird sie es, um ihn nicht zu kranken, ohne sein Wissen und ohne Rachsucht tun, wenn er etwan auf der Borse ist oder auf dem Katheder oder auf der Messe oder zu Schiffe oder hinter dem Sessiontisch oder sonst aus.
Inzwischen ist der Mann kein Narr, sondern so viel hat er von der Physiologie allemal innen, dass auch die Frau ihren Korper ebensooft als ihre Magde tausche; mithin braucht er auf nichts zu passen. Nov. 22. c. 25. reicht ihm das Recht der Ehescheidung schon, wenn sie auf eine Nacht von ihm gelaufen; hier aber ist die Konsistorialratin gar auf immer weggedunstet und repetiert noch dazu in jedem Dreijahr diese Wegdunstung, sie, die doch nach "Langens geistlichem Recht" dem Konsistorialrat, ders selber in seiner Buchersammlung hat, nachziehen musste, wenn er Landes verwiesen wurde, gesetzt sogar, in den Ehepakten hatte sie sich ausbedungen, zu Hause zu bleiben. So redet Lange mit den Mannern aus der Sache. In der grossen Welt, wo echte Keuschheit und Vielwissen und also auch Physiologie zu Hause ist, traktierte man den Punkt langst mit Anstand und Verstand und trieb Gewissenhaftigkeit weit. Denn da ein Mann allda an seiner Gemahlin 3 Jahre nach dem Vermahlungfest nicht ein Apothekerlot Blut, nicht eine dunne Vene, worins lauft, mehr von der alten auszuspuren hofft; da er mithin die weggewanderten Teile seiner guten Gemahlin an jeder andern viel eher und sicherer wiederzufinden glaubt als an ihr selbst; da er also vielmehr Liebe zur ankopulierten fur eigentlichen Ehebruch an ihr und mit ihr halten muss und, genau genommen, ists auch so : so ists ihm jetzo hauptsachlich um reine Sitten zu tun; er lasset also zwar derjenigen Sammlung von Pulsadern, Nervenknoten, Fingernageln und edlern Teilen, die man insgemein seine Frau benennt, seinen Namen, seinen halben Kredit und seine halben Kinder, weil man uberhaupt in der grossen Welt ungern offentliche Verbindungen offentlich aufhebt und lieber am Ende an tausend aus Luft geflochtenen Ketten geht; aber das gestattet ihm seine Achtung fur Moral und Publikum nicht, eine und dieselbe Wohnung Tafel Gesellschaft mit einer Frau zu haben, die einen andern Korper hat; er erscheint sogar (welches vielleicht zu skrupulos ist) ungern mit ihr offentlich und enthalt sich wenigstens in seinem Hause alles dessen, wozu er oder Origenes sich unfahig machten.
Es sind schlechte abgefarbte Katheder, die mir den Einwurf machen konnen, die verehelichten Seelen blieben ja doch zuruck, wenn die Leiber verrauchten. Denn mit der Seele (also mit dem Gedachtnis, mit dem Denkvermogen, sittlichen Vermogen u.s.w.) lasset man sich heutzutage wenig oder nicht kopulieren, sondern mit dem, was um sie herumhangt. Zweitens ist es ja bei jedem Materialisten auf der philosophischen Borse zu erfahren, dass die Seele nichts ist als ein Wassersprossling des Korpers, der also bei Mann und Frau mit dem Leib zugleich weggeht. Man braucht es aber gar nicht, sondern man darf nur Humen beifallen, welcher schreibt, die Seele ware gar nichts, sondern blosse Gedanken leimten sich wie Krotenlaich aneinander und krochen so durch den Kopf und dachten sich selbst. Bei solchen Umstanden kann das Brautpaar Gott danken, wenn sein Paar kopulierter Seelen nur so lange halten will, wie die zwei Paar Tanz-Handschuhe des Hochzeitballs. Auch sieht man es am Vormittag nach den Flitterwochen.
Also, wie gesagt, alle Kanonisten konnen die Woche, wo Mann und Frau zum Ehebrechen schreiten darf, nicht weiter hinausschieben als ins vierte Jahr nach der Verlobung; allein fur Leute von Welt und von Stand ist das hart und zu rigoros, zumal wenn sie aus ihrem "Keil" (dem Anatomiker) wissen, dass schon in einem Jahre der ganze alte Korper wegtauet, bloss elende 16 Pfund Fleischgewicht ausgenommen. Daher warens oft meine Gedanken, dass ich, wenn ich meinen Ehebruch schon ins erste Jahr verlegte (wie's viele tun), wirklich nur sehr wenigen Pfunden meiner Gattin, die 107 hat, untreu wurde, den 16 Pfund namlich, die noch restierten.
Auf den namlichen Korpertausch, worauf man seinen Ehebruch grundet, muss das Konsistorium seine Scheidung grunden. Denn wenn Leute oft 9, 18 Jahre nach der Trauung offenbar noch in der Ehe beisammen bleiben, indes alle Physiologen wissen, dass zwei neue Ehekorper und zwar ohne priesterliche Einsegnung beisammen sind: so ist nun das Konsistorium verbunden, dreinzusehen und dreinzuschlagen und die zwei fremden Leiber zu scheiden durch ein paar Dekrete. Daher wird man auch niemals horen, dass ein gewissenhaftes Konsistorium Schwierigkeiten macht, Christen, die schon in der Ehe sind, zu trennen; man wird aber auch von der andern Seite ebensowenig horen, dass es solche, die sich die Ehe bloss versprochen, ohne die grossten Schwierigkeiten scheide : eben ganz naturlich; denn dort bei der langen Ehe ist wahrer Ehebruch durch die Scheidungbulle abzuwenden, weil unkopulierte Leiber da sind; hier aber bei der Verlobung sind die Korper, die den Vertrag gemacht, noch vollig da, und sie mussen erst lange in der Ehe leben, bevor sie zur Scheidung taugen. Das ist die wahre Auflosung eines Scheinwiderspruchs, der so viele Schwache schon verleitet hat, uns samtlich im Konsistorio fur sportelsuchtig, mich fur den Markor und unsre grunen Sessiontische fur grune Billarde zu halten, um welche sich Prasident und Rate mit langen Queues herumtreiben, um die Partien auszuspielen; ach, ein Konsistorialsekretar schneidet ohnehin mehr Federn als Geld.
Warum wird uns uberhaupt nicht von den Pastoren jedes eingepfarrte Ehepaar, das uber 3 Jahre beisammen geschlafen, einberichtet, damit mans scheide zu rechter Zeit? Eine solche Scheidung, wozu man keine weitern Grunde braucht als den, dass die zwei Leute lange beisammen waren, hat in allen Landern ja keine andere Absicht als die, dass sie nachher sich wieder ordentlich kopulieren lassen mit den erneuerten Leibern. Das Konsistorium und ich fahren am fatalsten dabei, falls die Sache sich nicht etwa bessert, wenn der neue Minister den Thron besteigt. Wahrlich, ein solches geistliches Landeskollegium legt oft die lange Sage an und zersagt Eheblocher oder Betten, in denen Ehepaare 21 Jahre lang gehauset hatten, die in so langer Zeit wenigstens siebenmal (alle drei Jahre sind Ehebruch und Ehescheidung fallig) waren zu scheiden und zu trauen gewesen: was fur Sportelneinbusse, da wir die Scheidungkosten, die wir hatten versiebenfachen konnen, vervierfachen mussten! Es ist ohnehin an einer solchen Scheidliquidation wenig, weil sie bekanntlich moderiert wird, und zwar vom Konsistorium selber. Man gebraucht noch dazu im Konsistorialzimmer die Vor- und Nachsicht, dass ich allemal den Sportelzettel, wenn ihn das geschiedne Paar abgezahlt hat, nach 15, 20 Jahren wieder extrahiere und dem Konsistorialboten und Pfennigmeister von neuem mitgebe, nicht sowohl um die Sporteln zweimal einzukriegen (welches Nebensache ist), als um zweimal daruber zu quittieren, falls das getrennte Paar die erste Quittung etwa verloren hatte, und auch, um es vor einer dritten Zahlung sicherzustellen. Man will dem Paare alles leicht machen, wenn man es in mehren und grossen Terminen zahlen lasset.
.... Und heute vor drei Jahren kopulierte man mich fur meine Person auch .... aber die damalige Strohkranzrede war zu schlecht ....
Fussnoten
1 In Hallers grosser Physiologie steht es, dass der Mensch nach Sanktorius alle 11 Jahre den alten Korper fahren lasse nach Bernoulli und Blumenbach alle 3 Jahre nach dem Anatomiker Keil jedes Jahr.
Siebenter Sektor oder Ausschnitt
Robisch der Star Lamm statt der obigen Katze
Nach einer solchen Entfuhrung schrankte man Gustavs Spieltheater und Lustlager ganz auf den Wall des Schlosses ein; in die wogende Flur und ins Dorfchen Auenthal, das wohl eine 1/17 deutsche Meile davon ablag, durft' er nur hinein sehen. Dieses blumige Empor-Eiland umkreisete er den ganzen Tag, um jeden roten Kafer niederzuschlagen, jedes marmorierte Schneckenhauschen von seinem Blatte abzudrehen und uberhaupt alles, was auf sechs Fussen zappelte, einzufangen in seinem eignen Kerker. Auf Kosten seiner unerfahrnen Finger unternahm er anfangs auch die Biene an ihrem Hinterleibe aus ihrem Freudenkelche zu ziehen. Die bunten Arrestanten drangte er nun wie Fursten alle Menschenklassen in eine Hauptstadt samtlich in einen schonen SalomonsTempel oder in eine Silberschlag-Noachitische Arche von Pappendeckel mit mehr Fenstern als Mauer zusammen. Der Baumeister dieses vierten salomonischen Tempels war nicht, wie bei dem ersten, der Teufel oder der Wurm Lis1, sondern ein Mensch, der leicht beiden glich, der sogenannte Kammerjager Robisch. Dieser Hintersasse des Rittmeisters besuchte jahrlich die besten Zimmer und Garten des ganzen Landes, um beide nicht sowohl von ihren schlimmsten als von ihren kleinsten Bewohnern zu saubern von Mausen und Maulwurfen. Ich will die GelehrtenRepublik eben nicht bereden, dass dieser Mausschachter so viele unterirdische Maulwurfe aus der Welt fortschickte, als jahrlich schriftstellerische hineintreten, um sich auf die Hinterfusse zu setzen und dann mit den Vorderfussen, die an beiden Maulwurfarten Menschenhanden gleichen, in den Buchladen und auf dem Leipziger Buchhandlermarkte ihre Erdhaufchen als kleine Musenberge aufzuwerfen; inzwischen bezahlt wurde Robisch gerade so, als habe der Kammerjager alles Ungeziefer verjagt. Denn die Leute glaubten, wenn man diesen Kelchvergifter der Nagetiere erbose und nicht bezahle: so mach' er Moses' Wunder nach und verdoppele durch dagelassene Kolonien das Ungeziefer, das man seinem Konigs- und Blutbann entziehe. Ich will von dieser morastigen Seele, die sich nie meinem Gustav naher walze, mich wegbegeben, wenn ich geschrieben habe, dass er oft im Falkenbergischen Hause war, dass er, wenn Fremde da waren, den Extra- und Kasualbedienten, und wenn Rekrutenwildpret zu fangen war, fur den Rittmeister den Leithund machte, und dass er sich an den kleinen Gustav mit seinen Fabrikaten drangte. Ein solches Anhakeln an Kinder ist ohne elterliche Kindlichkeit zweideutig. Kinder aber lieben Bediente besonders; und Gustav vollends, der schlechterdings auch spater nicht vermochte, jemand zu hassen, den er in seiner Kindheit lieb gehabt; von allen Untaten, die Robisch an ihm verubt hatte, ware gleichwohl das Band der Dankbarkeit fur das elende Insektenstockhaus, das den Wall entvolkerte, nicht entzwei gegangen.
Was in der salomonischen Schlosskirche war und sumsete, sollte Zucker fressen, weil Kinder ihn fur das Vortisch- und Nachtisch-Essen ansehen; und es waren die schonsten Inhaftaten verhungert, wenn nicht ihr Fronvogt, Gustav, vom Kammerjager noch einen Starmatz zum Geschenk bekommen hatte; denn den Matz liess er auch in das Pantheon hineinspringen, und der frass alles, was nichts zu fressen hatte .... Wenn ich hier unter die Flugeldecken der Insekten und in den Schnabel des Matzes die nachsten Reflexionen und die kuhnsten Winke versteckt habe: so hoff' ich, man finde sich in dergleichen schon.
Ausser mir hatte wohl niemand Gustavs Namen so oft im Schnabel als der Star, der gleich Hofleuten nichts weiter im Kopfe hatte als ein nomen proprium. Der Kleine dachte, der Star denke und sei so gut ein Mensch wie Robisch und liebe ihn fur alles; daher konnt' er sich nicht satt an ihm horen und lieben. Er konnte sich eben an nichts satt umarmen. Bloss lebendige Geschopfe waren sein Spielzeug. Der Pachter hatte dazu noch ein schwarzes Lamm gesellt, das er mit einem roten Band und mit Brotrinden um den Wall herumlockte. Das Lamm musste wie ein Dorfkomodiant alle Rollen machen, bald musst' es der Genius, bald der Pudel sein, bald Gustav, bald Robisch. So spielte also unser Freund seine ersten Erdenrollen Solo und war zugleich Regisseur, Einblaser und Theaterdichter. Solche Komodien, die sich Kinder machen, sind tausendmal nutzlicher als die, die sie spielen, und waren sie aus Weisses Schreibtisch: in unsern Tagen, wo ohnehin der ganze Mensch Figurant, seine Tugend Gastrolle und seine Empfindung lyrisches Gedicht wird, ist diese Verrenkung der armen Kinderseelen vollends gefahrlich. Indes ist es zuweilen auch nicht wahr: denn ich machte den vollstandigen Filou bloss ein-, zwei- oder dreimal in meinem Leben, aber wirklich noch, eh' ich zum erstenmal gebeicht hatte.
Die Verordnung, die ihn nicht vom Schlossberg hinunterliess, unterschied sich von den Verordnungen unserer transzendenten Eltern, der Obrigkeit, dadurch ruhmlich, dass sie erstlich der Partei bekannt gemacht, und zweitens dass sie wenigstens 14 Tage lang gehalten wurde. Gustav hatte fur sein Leben gern sich und das Lamm vom Walle hinab an den Fuss des Berges getrieben. Da nun der Rittmeister aus Quistorps peinlichen Beitragen wusste, dass man an die Stelle der Verstrickung oder Konfination (Einsperrung auf den Wall) die Distrikt- oder Gebietraumung setzen kann: so diktierte er die letzte Strafe statt der ersten und sagte: "Kann man denn nicht das Lamm des Pachters Regel (Regina) mitgeben, solang sie da am Berge weidet? Meinetwegen kann der Junge mittreiben, wenn ich ihn nur immer im Gesicht behalte." Ich muss es noch abwarten, was die Reichsritterschaft dazu sagen oder schreiben wird, dass ein Ehrenmitglied derselben, mein Held, nachmittags um 4 Uhr sich allemal eine lange Haselgerte abdrehte und damit ein Ochsenjunge wurde und neben der eilfjahrigen Strossners Regina die Schaf- und Rindherde und das Lamm am Band mit solchem Stolze und mit solchen Jupiters-Augenbraunen austrieb, dass er leicht andeutete, er lenke den ganzen Stall und die Reichsritterschaft solle ihm nur jetzo kommen.
Nur im tausendjahrigen Reiche gibt es solche Nachmittage, wie Gustav an der Anhohe, gleichsam auf dem Schosse der Erde hatte. Mein Vater hatte mich in die Zeichenschule senden sollen: konnt' ich nicht jetzt die ganze Landschaft in meinem Farbenstrom statt im Dintenstrom auffangen und hinausspiegeln? Wahrhaftig ich konnte jedes Gebusch mit dem hineinschlupfenden Vogel dem Leser in die Augen zuruckspiegeln, jede lippenfarbige Rotbeere der Felsen-Abdachung, jedes von Anflug uberwachsene Schaf und jeden Baum, den das Eichhornchen mit zerbrockelten Tannzapfen umsaete. Inzwischen gibt es Dinge, an denen wieder die Iltishaare des Pinsels vergeblich bursten, die aber schon aus meinem Kiele rinnen das auf Genussen schwimmende Auge Gustavs schifft leicht hinuber und heruber zwischen dem Lamme, dem hellen Blumengrund mit der Schatten-Landspitze und zwischen dem Zauber-Gesichte Reginens und braucht nirgend wegzublicken.
Warum sagt' ich ein Zauber-Gesicht, da es ein alltagliches war? weil mein kleiner Apollo und Schafhirt mit trinkenden Augen auf dieses Gesicht wie auf eine Blume flog. Unter einer Hirnschale wie seine, zu welcher den ganzen Tag die weisse Flamme der Phantasie, und kein blaues Branntewein-Flammchen des Phlegma auffackelte, musste jedes weibliche Gesicht mitverguldeten Reizen in Gotterfarbe und nicht in Totenfarbe dastehen. Alle Schonen hatten bei ihm den Vorteil noch, dass er sie nicht seit zehn Jahren, sondern seit zehn Tagen sah. Indessen ist das nicht seine erste Liebe, sondern nur ein Fruhgottesdienst, ein Vorfest, ein Protevangelium irgendeiner ersten Liebe, mehr nicht.
Zwei ganze Wochen trieb er sein Lamm auf die Weide, eh' sein Mut so weit stieg, dass er nicht sich neben ihr Strickzeug hinsetzte, dies uberstieg Menschenkrafte, sondern nur dass er das Schaf an seinem postillon d'amour festhielt, nicht um es zu Reginen hinzuziehen, sondern um selber von ihm hingezogen zu werden; denn die beste Liebe ist am blodesten, wie die schlimmste am kuhnsten. Wie ein stillender Mond legte sich alsdann, wenn sie mehr in seinen Gedanken als in seinen Augen war, ihr Bild an seine traumende Seele, und so viel war ihm genug. Sein zweites Mittel, ihr Akzessist zu werden, war der runde Schatten eines tiefer unten schwankenden Lindenbaums, hinter dem die Abendsonne wie hinter einem Jalousieladen sich zersplitterte. Mit diesem Schatten rutscht' er nun der Regina immer naher; unter dem Vorwand, als mied' er die eine Sonne, ruckte er einer andern rotern zu. Von solchen kleinen Spitzbubereien lauft die Liebe uber; sie werden aber alle erraten und alle verziehen; und sie werden oft mehr vom Instinkt als vom Bewusstsein eingegeben. Wenn freilich der Abend langsam aus dem Tal sich in die Hohe richtete wenn die einschlummernde Natur in abgebrochenen Lauten des zu Bette gegangnen Vogels gleichsam noch ein paar Worte im halben Schlafe sagte wenn das Glokkenspiel am Halse der Herde, die unschuldige Blumen der Freude aus Wiesen pfluckte, und der eintonige Guckguck und das verwirrte Abendgerausch die Tasten der leisesten Saiten gedruckt hatten: so nahm sein Mut und seine Liebe um ein Namhaftes und nicht selten in dem Grade zu, dass er den Kuchen, den er fur sie eingesteckt, offentlich aus der Tasche holte und ohne Bedenken ins Gras legte, um ihr wirklich den Antrag dieses Backwerks zumachen, sobald sie in der Dammerung beim Schlosstor auseinander mussten: hier stiess er ihr die Schenkung mit hastiger Verwirrung zu und sprang mit freudiger Beschamung davon. Gelang es ihm, ihr dieses Abendopfer zu insinuieren: so war jede Pulsader seines Arteriensystems ein entzuckt klopfendes Herz (denn die Sprache und Freude seiner Liebe war Geben), und unter seiner Bettdecke pflanzte er die ganze Nacht kuhne Plane auf morgen, die der Nachmittag-Glockenhammer mit vier Schlagen samtlich bis auf ihre Herz-Wurzel in die Erde schlug. Sie tat immer das breite Halstuch ihrer Mutter um; daraus musste sein Philosoph von Verstand ableiten, dass ihm spater die grossen Halstucher der Damen gefielen, die ich selber den vorigen Tandelschurzen des Halses vorziehe; aus dem namlichen Grunde gefielen ihm wie mir auch breite Kopfbinden und breite Schurzen. Ich habe schon mit Philosophen L'hombre gespielt, die es umwandten und behaupteten, alles das gefalle ihm, nicht, weil das Zeug an der Schonheit (Reginens) war, sondern weil die Schonheit am Zeuge war.
Im Grunde scham' ich mich, dass ich hier, wahrend die zerrissendsten Bakkalaureen eintunken und den ubrigen Bakkalaureen die feinsten Sponsalien von Koniginnen und Marquisinnen ausmalen, meine Schreibmaterialien auf das Weiden und Verlieben zweier Kinder verwende. Beides lief bis in den Herbst hinein fort, und ich mochte es abschildern; aber, wie gesagt, die Scham vor den Bakkalaureen! Und doch gonn' ich dir, winziger Traumer, so sehr diese weisse Sonnenseite deines Lebens an deinem Berge und dein Lamm und dein Auge! Und ich mochte so gern die Tage, die vor dir voruberlaufen und deinen kleinen Schoss mit Blumen uberlegen, zum Stehen bringen, damit der Leichenzug der bewaffneten Tage hinten halten musste, die deinen Schoss entlauben konnen dein Lustholzchen lichten dein Lamm stechen deiner Regina Dienstgeld zur Magd geben!
Aber im Oktober fahrt alles nach Unterscheerau; und die Kinder wissen noch nicht einmal, dass es Lippen und Kusse gibt!
O Wochen der vorersten Liebe! warum verachten wir euch mehr als unsre spatern Narrheiten? Ach an allen eueren sieben Tagen, die an euch wie sieben Minuten aussehen, waren wir unschuldig uneigennutzig und voll Liebe. Ihr schonen Wochen! ihr seid Schmetterlinge, die aus einem unbekannten Jahre2 heruberlebten, um unserem Lebens-Fruhlinge vorzuflattern! Ich wollte, ich dachte von euch noch so enthusiastisch wie sonst, von euch, wo weder Genuss noch Hoffnung an Grenzen stockten! Du armer Mensch! wenn der zarte weisse, die ganze Natur uberzaubernde Nebel deiner Kinderjahre herunter ist: so bleibst du doch nicht lange in deinem Sonnenlichte, sondern der gefallene Nebel kriecht wieder als dichtere Gewitterwolke unten rings am Blauen herauf, und am Junglings-Mittage stehest du unter den Blitzen und Schlagen deiner Leidenschaften! Und abends regnet dein zerschlitzter Himmel noch fort!
Fussnoten
1 Nach den Rabbinen half der Teufel den Tempel mit bauen, und der Wurm nagte die Steine zurecht. 2 Die Schmetterlinge im Fruhling haben sich (durch das Zolibat) aus dem vorigen Jahre hergefristet; die im Herbst sind Kinder des gegenwartigen Jahres.
Achter Sektor
Abreise weibliche Launen zerschnittene Augen
Da die Edelleute und Waldratten im Sommer das Land, im Winter die Stadt bewohnen: so tats der Rittmeister auch; denn die schone Natur (meint' er und sein Gerichthalter) lauft am Ende auf nichts als auf ein Inventarium von Bauern hinaus, deren Ellbogen und Schenkel in einer Scheide halb von Zwillich, halb von aufgeflicktem Leder stecken, auf Sumpfwiesen, auf Brachfelder und auf Schweinvieh, und es gibt da nichts zu empfinden als Gestank in der Stadt hingegen ist doch ein Stuck Fleisch zu haben, ein Spiel franzosischer Karten, einiger wahrer Spass und ein Mensch. Es ist jugendliche Unduldsamkeit, einem Manne, der kein Gefuhl fur Musik und Gegenden hat, auch das fur fremde Not und Ehre abzusprechen, besonders dem Rittmeister.
Noch viel wichtigere Grunde trieben ihn nach Scheerau; er suchte da 13000 Rtlr., eine Menge Rekruten und einen Hofmeister. Den letzten zuerst! Seine Frau sagte: "Gustav muss jemand haben, es fehlt ihm noch an Lebensart!" Aber Hofmeistern fehlts nicht daran diese Infanten aus dem Alumneum, die nichts hebt als eine Kanzeltreppe, die so lange die Seelenhirten des jungen Edelmanns sind, bis sie die Seelenhirten der Gemeinde werden, welche ihr Zogling regiert, diese Erzieh-Poussierer sind imstande, nicht bloss den Kopf des Junkers wie der Vater hofft , sondern auch den Rumpf desselben wie die Mutter hofft recht gut zu formen und zu glatten, erstlich ohne eigne Glatte, zweitens in Lehrstunden, drittens mit Worten, viertens ohne Weiber, funftens auf eine sechste Art, dadurch, dass der Hofmeister das weiteste Lowenherz zu einem schlafrigen Dachsherzen einkrempt.
Der zweite metallische Sporn, der den Rittmeister nach der Stadt forttrieb, war das Geld. Niemand kam so leicht in den Fall, ein Glaubiger sowohl als ein Schuldner zu werden, als er: die halbe Nachbarschaft hatt' er, weil er weder sich noch andern etwas abschlug, zuletzt in seine Gaste und seine Schuldner verwandelt; aber jetzt verwandelte er daruber sich beinahe selber in beides, wenn nicht der Landesherr seinen zerrollenden Geldhaufen wieder aufbauete. Er musste also nach der Residenz Oberscheerau die missliche Bitte mitbringen, dass ihm jener 13000 Rtlr. nicht sowohl schenken oder leihen das ware zu machen gewesen als bezahlen mochte, als ein Kapitel von sieben Jahren. Der scheerauische Sophi hatte namlich die Gewohnheit, keine Geliebte abzudanken, ohne ihr ein Landgut, oder ein Regiment, oder einen gestirnten Mann mitzugeben; er liess von einer Geliebten allzeit noch so viel ubrig, dass noch eine Ehefrau fur einen Ehetropfen daraus zu machen war, wie der Adler und Lowe (auch Fursten der Tiere) allemal ein Stuck vom Raube unverzehrt fur anderes Vieh liegen lassen. Mithin trennte er sich auch von der Mutter seines naturlichen Sohnes des Kapitan von Ottomar auf dem Rittergute Ruhestatt, das er an einem Tage (mit Falkenbergs Gelde) kaufte und verschenkte.
Drittens wollte der Rittmeister in Scheerau seinen Unteroffizieren, die meistens da lagen, ein paar Schritte ersparen; denn er schlug zwar mit dem Stock so leicht wie eine Dame mit dem Facher zu, aber er brach nicht gern einer Heuschrecke das sechste Bein aus, und daher schonte er die seiner Leute, die viere weniger hatten, um so mehr.
Endlich packen sie ein, die Falkenbergischen: wir wollen dabei sein. Da Falkenbergs Seele, wie Uhren und Pferde, nur unter dem Reisen nicht stockte: so war er am Abzugmorgen am frohesten und raschesten; liebte keine Fortschreitung durch Sekunden, sondern durch Nonen; fluchte uber samtliche Hande und Fusse im Schloss, weil sie nicht flogen; druckte und stauchte das weibliche Schiff und Geschirr mit ehernen Handen in die nachste Schachtel hinein; und hatte keine andern abfahrenden Haarseile seiner ungeduldigen Langweile als seine Fusse, die stampften, und seine Hande, mit denen er teils den Kutscher aus solchen Grunden, wie dieser die Pferde, auswichste, teils die Zuruckbleibenden im Schlosse samtlich recht gut beschenkte.
Die Rittmeisterin aber weiss alles so komplett und vernunftig zu tun, dass sie mit nichts fertig wird. Hatte sie drei Sprunge zu tun, um dem herunterplumpenden Monde auszuweichen: so streifte sie doch, eh' sie sprange, noch eine Falte aus der Fenstergardine heraus beim Platten war's noch arger. Gleich Gelehrten liegt sie neben dem Brotstudium noch einem Nebenstudium und Beiwerk ob und tut mit jeder Sache die benachbarten mit. "Ich kann nun einmal nicht so luderlich sein wie andre Weiber", sagte sie eben zum knirschenden Ehemann, der acht stumme Minuten ihr zusah. "Ich wollt' ins Teufels Namen lieber, du warest die luderlichste in der ganzen schriftsassigen Ritterschaft" sagt' er. Da sie nun, sooft sie Sturm und unrecht hatte, bloss auf den zornigen Hyperbeln des andern ankerte, wie ich als appellatischer Sachwalter haufig muss: so bewies sie auch dasmal geschickt, dass an luderlichen Frauen wenig ware und da einen hitzigen Rittmeister nichts noch mehr aufbringt als ein stolzer Beweis dessen, was er gar nicht leugnet: so gings wie allemal los die Zungen-Streitflegel bewegten sich seine Speicheldruse, ihre Tranendruse und beider Lebern mit Gallenblasen sonderten so viel ab, als in christlichen Ehestunden gesondert werden muss aber 15 Minuten und 15 Packereien sogen wie Blutadern alle diese ehelichen Absonderungen wieder ein. Beim Abreisen hat kein Mensch Zeit, sich zu erbosen.
Sie war auf meine Ehre eine recht gute Frau, aber nur nicht allemal, z.B. beim Abreisen am wenigsten: sie wollte erstlich dableiben und keifte in alle horende Wesen hinein, zweitens wollte sie fort. Niemals, wenn ihr Mann am Morgen sich und seinem Hunde den Halsschmuck umlegte, um Besuche zu machen, begehrte sie mit (sie musste denn die vollige Unmoglichkeit mitzukommen vorausgesehen haben): sondern wenn er am zweiten Tage nur ein Wort von einer Dame, die mit dagewesen, schiessen liess: so klagte sie ihm ihre Not: "Unsereine riecht nun den ganzen Sommer nicht aus dem Hause hinaus." Wollt' er sie das nachste Mal mitzwingen: so war entsetzlich zu tun, es war zu bleichen, zu jaten, Fleischfasser und Serviettenpressen zuzuschrauben, Waschzettel und alles zu machen, oder das vorzuschutzen: "Ich bin am liebsten bei meinem Kleinen." Allein ihre Absicht, die wenige errieten, war bloss, an zwei Orten auf einmal zu sein, in und ausser dem Hause und es ist fur unsre Weiber schlimm, wenn unsre Philosophen und Manner nicht so viel einsehen, wie die katholischen Philosophen und Manner, die kombrischen, Ariaga, Bekanus, langst einsahen1, dass der namliche Korper leicht zur namlichen Sekunde an zwei Orten oder mehren nicht nur auf einmal sitzen, reden, wachsen, sondern auch in der einen Stadt empfinden konne, indem er in der andern denkt, zu gleicher Zeit in der Kirche lachen und in dem Theater weinen konne.
Extrablattchen
Sind die Weiber Papstinnen?
Alle Fragen dieses Blattchen tat ich an eine Abtissin, die lieber Munzen als Fromme machen liess. Ist nicht die dreifache Krone des Papstes jetzt auf den weiblichen Kopfen als eine vier-, funffache da, und schossen nicht ihre Hute in die Hohe wie Salat in den Hundstagen? Ists nicht den Weibern selber schon bekannt, dass sie so untruglich sind wie der Papst, und wenn dieser es mehr in dogmatischen als in historischen Dingen ist, wie die Jansenisten glauben, ist es bei den Papstinnen nicht umgekehrt?- Und wer hat den Mut, eine zu widerlegen, die er nicht geheiratet? Der Papst ist Gottes Vizekonig oder gar Gott selbst, wenn dem Felinus2 zu glauben; sind aber die Papstinnen nicht bekannte Gottinnen? Allerdings sagt ein Papst selbst, Klemens VI., dass er Engeln befehlen konne, jeden Kerl aus dem Fegefeuer in den Himmel zu spedieren3; brauchen aber unsre Papstinnen Engel dazu? Bloss eine Woche brauchen sie, um uns ins Fegefeuer, und eine Stunde, um uns zuruck in den Himmel zu werfen. Marianus Soccinus, welcher behauptet4, dass ein Papst aus Nichts Etwas, aus Unrecht Recht und aus allem Henker allen Henker machen konne, muss nur nicht glauben, dass unsre Papstinnen es nicht auch vermogen, und sind ihm ihre Ohrenbeichten nicht erinnerlich? Wer exkommuniziert seine Ketzer, oder dispensieret seine Rechtglaubigen ofter, Papste oder Papstinnen? Und wer macht heutzutage, durchlauchtige Abtissin, allmachtigere Augenbreven und Lippenbullen, wer kreieret mehr Heilige, mehr Selige und mehr Nuntien a und de latere? Petri Nachfolger oder Petri Nachfolgerinnen? Papste sollen sonst immerhin Konigreiche weggeschenkt oder abgenommen haben; beherrschen nicht Papstinnen diese Konigreiche? Papste konnten von Amerika nichts verschenken als den Namen; ist aber nicht das, was einige Papstinnen von diesem Lande uns mitteilen, etwas viel Reelleres? Konige, die sonst von Papsten gequalt wurden, werden jetzt von Papstinnen begluckt; und wenn jene hochstens einen oder ein paar Konige schufen, werden nicht die Konige unter den meisten europaischen Thronhimmeln von Papstinnen gemacht, und zwar in niedlichem Taschenformat, bis sie aus der Taufschussel nach und nach heranwachsen, dass sie so lang sind wie ich oder ihr Thron? Kussen wir ihnen nicht den Pantoffel ofter als dem seligsten Vater, indem die zwei Arme vom Professor Moskati zu Padua langst als zwei Vorderfusse befunden worden, auf deren lederne oder seidne Schuhe wir alle Wochen unsre Lippen drucken? Legen nicht Papst und Papstin den alten Namen ab, wenn sie den Thron beschreiten, den der eine durch Alter, die andre durch Jugend behauptet? Und wenns wahr ware, dass Papst und Papstin ursprunglich nur Bischofe einer Provinz (eines Mannes) sein sollen und dass es weiter keine Papstin gibt als die gute Johanna: wurd' ich wohl gerade das Gegenteil offentlich in einem Extrablattchen oder heimlich zu Ihnen zu sagen wagen, durchlauchtige Abtissin?
Ende des Extrablattes
Fortsetzung des vorigen Sektors
Wahrend ich die Abtissin befragte: kam ich von der wildlaunischen Rittmeisterin weg. Ich will setzen, ich oder der Leser hatten sie geheiratet: so wurden wir zwar dem Himmel danken, an ihren Ringfinger unsern wurden wir uns taglich, wie man sieht, mit ihr herumzubeissen haben: so gewiss bleibts, dass nicht die weiblichen Laster, sondern die weiblichen Launen so viel Pferdestaub und Dornen in das Ehelager saen, dass oft der Satan darauf liegen mochte.
Ohne Gustav, der so viel zuschleppt, kamen wir vor zehn Minuten nicht aus dem Schlosse. Mein Leser malt sich ihn wider meine Erwartung ganz falsch vor, traurig namlich, weil er aus seiner Kindheit-Erdenwiege, aus seinem Adamsgarten und von seinem Abendberge weichen soll. So falsch! Ein anderer Leser wurde sich ihn freudig denken, weil fur Kinder, denen noch jede andre Szene eine neue ist, Reisen die Schopfung eines neuen Himmels und einer neuen Erde wird und weil die Phantasien eines Kindes noch keine kummerhaften sind. Scheerau musste in seinen Vermutungen durchaus die Stadt mit langen Hausern sein, worin er mit seiner Schwester gespielt. Noch dazu wurde was allen Kindern eine Naturalisationakte ist sein Spielmagazin eingeschifft; sogar den Starmatz, der als geschuttelter Hierarch in der salomonischen Filialkirche auf- und absprang, hielt er auf den stauchenden Knien. Jeden Winkel des Schlosses bedauerte er samt dem, was darin war, dass es nicht mit einsteigen durfte; dieses ganze Konchyliengehaus kam ihm so eng, so abgegriffen, so abgeschossen vor! Leute, die wenig gereiset, schauen ihre Stube in den Augenblicken der Abreise der Ankunft und in den ubrigen mit drei verschiedenen Gefuhlen an; aber fur Zugheuschrecken und Zuggeflugel sind die Kunststrassen und Residenzstrassen nur Korridore zwischen den Zimmern.
Schon eine halbe Stunde sass er auf dem nackten Kutschenkasten voraus, mit den Beinen in Gepack eingekeilt und in zappelnder Erwartung, wann die Pferde den ersten Riss taten. Endlich wurde die Wagenture zugeworfen, und alles rollte dahin, den Berg hinab, den Gemeindeanger hinuber, auf welchem der weissgeschalte Baum, der zur Kirchweih sich mit gerotelter Fahne und Banderwimpeln noch einmal in die Erde bohren sollte, unserem Gustav ganz verachtlich wurde, der jetzt in Scheerau hundert schonern Maienbaumen und Kirchweihen entgegenfuhr. Aber als es vor der an Freuden fruchtbaren Region seines Berges voruberging: so zog er vom Trauergeruste der gestorbnen Nachmittage, vom klingenden Vieh, das am Gipfel grasete, von einem Weideadjunktus, der ihm schlecht gefiel, vom zusammengetragenen Steinpferch, in den er sein Lammchen gestellt, das nun ohne Band und ohne Liebe droben stand, und endlich vom Markstein, auf dem sonst seine Traute, seine Schone strickte, davon freilich zog er die zuruckgewandten Blicke sehnend langsam weg. "Ach", dacht' er, "wer wird dir Zitronenkuchen geben und meinem Lammchen Brotrinden? Ich will euch aber schon alle Tage recht viel herschicken!"
Es war ein reiner Oktobermorgen, der Nebel lag zusammengefaltet dem Himmel zu Fussen, der wegfliegende Sommer schwebte mit seinen blauen Schwingen noch hoch uber den Asten und Blumen, die ihn getragen, und schauete mit dem weiten, still erwarmenden Sonnenauge den Menschen an, von dem er Abschied nahm. Gustav wollte aus dem Wagen, um den betaueten fliegenden Sommer, der zartgesponnen wie ein Menschenleben die Erde uberzog, zusammenzuwickeln und mitzunehmen. Aber du, Mensch, hangst so oft als stinkende Pest- und Nebelwolke in die reine Natur herein!
Denn sie mochten kaum eine Stunde gefahren sein, nach der er schon jedes Dorf fur Scheerau hielt .... Ich will aber erst angeben, wo's war. Bei Issig schrie er im Wald. "O! nun dort wird der schwarze Arm hineinlangen und mich hinausziehen!" Als sich der Alte noch daruber wunderte, woher der Kleine wusste, dass jetzt eine Armsaule komme, die wirklich aus den Baumen herauswies: so fings auf einmal darhinter an zu schreien: "Ach meine Augen, meine Augen!" Den Kleinen und die Mutter versteinerte der Schrecken; aber der Rittmeister sturzte sich aus oder durch den Wagen, zerstiess die Glaser und prallte in den Wald hinein und an ein kniendes feines Kind hinan, aus dessen zerschnittenen Augen Tranen und Wasser liefen. "Ach tu mir nichts, ich kann nimmer sehen!" sagt' es und griff mit den Handchen um sich, um die Lanzette wegzuschlagen, die zu seinen Knien lag. "Wer hat dir denn das getan?" sagt' er mit der sanftesten, vom heftigsten Mitleid brechenden Stimme; aber eh' es sprach, kam ein altes verwustetes Bettelweib naher und sagte, im Gebusch war' ein Bettler hingeschossen, ders Kind blenden hatte wollen, um darauf zu betteln. Allein das Kind krummte sich mit grossern Konvulsionen an seine Hand und sagte: "O! sie will mich wieder schneiden." Der Rittmeister erriet die Spitzbuberei, schlitzte den nachsten Ast herab, peitschte die Elende mit verfehlender Wut ins Angesicht und lief mit dem Blinden auf dem Arm dem furchtsamen Wagen zu. Es war ein herzerdruckender Anblick, der unschuldige Wurm mit feinen Zugen und Bewegungen in Lumpen und mit rot eingerunzelten Augen!
Fussnoten
1 Affirmant idem corpus existens in duobus locis habere posse utrobique formas absolutes non dependentes ita ut hic moveatur localiter, illic non, hic calidum sit, illic frigidum, etc. hic moriatur, illic vivat, hic eliceret actus vitales tum sensitivos tum intellectivos, illic non. Voetii disp. theol. T.I. p.432. Bekanus beschrankt es mit philosophischem Scharfsinn so weit, dass ein solcher Korper also eine Frau nicht an einem Orte fromm und zugleich am andern gottlos sein konne; dieses leuchtet mir auch ein. 2 Wolfii lect. memorab. Cent. XVI. p. 994. etc. 3 loco cit. 4 loco cit.
Neunter Sektor
Eingeweide ohne Leib Scheerau
Nicht bloss Lugner und L'hombrespieler, sondern auch Romanenleser mussen ein gutes Gedachtnis haben, um die ersten 10 oder 12 Sektores gleichsam als Deklinationen und Konjugationen auswendig zu lernen, weil sie ohne diese nicht im Exponieren fortkommen. Bei mir steht kein Zug umsonst da; in meinem Buche und in meinem Leib hangen Stucke Milz; aber der Nutzen dieses Eingeweides wird schon noch herausgebracht. Da ein Romanschreiber wie ein Hofmann bloss darauf hinarbeiten muss, dass er seinen Freund und Helden sturze und in geladene Gewitter fuhre: so bild' ich seit einem Quartale am Himmel hie ein graues Wolkchen, das schwindet, dort eines, das zerlauft; aber wenn ich endlich alle Zellen des Horizonts unsichtbar elektrisiert habe: fass' ich den ganzen Teufel in ein Donnerwetter zusammen nach dem Abdruck von 14 Bogen kann der Setzer das Krachen schon horen und setzen. Im Grunde ist freilich kein Wort wahr; aber da andre Autoren ihre Romane gern fur Lebensbeschreibungen ausgeben: so wird es mir verstattet sein, zuweilen meiner Lebensbeschreibung den Schein eines Romans anzustreichen.
Das Kind gab statt seiner Geschichte bloss die Klagen uber seine Geschichte. Es schien uber sieben Jahre alt, akzentuierte das Deutsche italienisch, und sein kranklich zarter, blassroter Korper legte sich um seine Seele, wie ein bleiches Rosenblatt um das Wurmchen darin. Sein Vater hiess Doktor Zoppo, kam aus Pavia, botanisierte sich aus Italien nach Deutschland und liess die Kleinen unterwegs gelbe Blumen reissen. Der blinde Amandus wollte in diesem Walde auch Krauter pflucken; aber die teuflische Augenarztin traf ihn, half ihm gelbe Blumen finden und lockte ihn damit so tief in den Wald hinein, dass sie ihm Kleider und Augen rauben konnte.
Gustav fragte ihn jede Minute, ob er noch nicht sahe, schenkte ihm sein Morgenbrot, damit er nicht mehr weinen sollte, und konnte seine Blindheit, da seine Augen so offen waren, nicht begreifen. Im nachsten Landstadtchen liess sich Falkenberg rasieren und Amandus verbinden. Ich sah einmal auf der letzten Station vor Leipzig eine so reizende Querbinde uber der Stirn und dem Auge eines Madchens, dass ich wunschte, meine Frau wurde von Zeit zu Zeit dorthin geritzt, weil es nett ausfallt; hingegen Amandus' Verband uber zwei Augen machte ihn zu einem Kinde des Jammers.
Da Amandus in besserer Einkleidung und mit der traurigen Binde im Wagen sass: konnte Gustav gar nicht zu weinen aufhoren und wollte ihm seinen Matz herauslangen und schenken; denn nicht die Grosse, sondern die Gestalt des Leidens bestimmt das Mitleiden.
Wenige Menschen, die nach Scheerau fahren, werden das narrische Gluck haben, dass ihnen zwei Stunden davor ein einsamer Magen ohne den PertinenzMenschen aufstosset; Falkenberg und seine Leute und Pferde hatten dieses Gluck. Es kam angefahren der Magen, das dunne und dicke Gedarm, die Leber, worin die Fursten ihre Galle sieden, die Lunge, deren Luftblaschen die furstliche Gallenblase sind, wie die Luftrohre der Gallengang derselben ist, und das Herz; aber kein Leichnam kam mit; denn der Leichnam, der regierender Herr von Scheerau war, lag schon in der Erbgruft. Dieser ganze Magen verdaute so viel wie sein Gewissen, namlich ganze Hufen Landes; und besser als sein dunner Kopf, dem Wahrheiten und Gravamina eine schwere Speise waren; die papinianische Magenmaschine blieb noch im Alter feurig, als schon alles andre kindisch war. Er ritt, kurz vor seinem Tode, stundenlang einen Kammerherrn, den er wohl leiden konnte; gleichwohl schob er wie ein ganz Verstandiger den Teller und das Glas weg, wenn nicht der alte rechte Inhalt in beiden war. Hinter dem Eingeweidesarge dem Reliquienkastchen des Unterleibes fuhren der Obristkuchenmeister, einige Beikoche, der Hofkellereiadjunkt und noch grossere Glieder des Hofetats z.B. der Medizinalrat Fenk. Dieser und Falkenberg bemerkten einander nicht. Letzter stiess heute auf lauter Seltenheiten, auf den Doktor, den er in Italien, und den Fursten, den er noch auf der Erde suchte. Die gekronten insolventen Eingeweide, die ihm auf diese Weise das Geld nicht zahlten, verwickelten ihn nun mit dem Kronerben in ein Glaubigergefecht.
Der Leichenzug des furstlichen Gedarms ging in die Abtei Hopf, wo das Erbbegrabnis derer furstlichen Glieder war, die wenn dem Plato ein Wort zu glauben ist wahres Vieh sind und mit denen der Mensch, er uberschnure sie mit Ordenbandern oder Tragriemen, allemal seine Hollennot hat. Ich will der Darmkapsel nur drei Schritte nachziehen, weil der Medizinalrat jetzo nach seiner lustigen Sitte, an allen Orten, in Theater- und Kirchenlogen und Gasthofen, nur in seinem Museum nicht, zu schreiben in der Begrabniskirche der Eingeweide seine Schreibtafel aufwickelte und Sachen hineinschrieb, die wahrhaftig so lauten: "Da Fursten sich an mehren Orten auf einmal beerdigen lassen, wie sie auch so leben, so mocht' ichs auch allein nicht anders als so: mein Magen musste in die Episkopalkirche beigesetzt werden meine Leber mit ihrer bittern Blase in eine Hofkirche das dicke Gedarm in ein judisches Bethaus die Lungenflugel in eine Simultan- oder doch Universitatkirche das Herz in die triumphierende, und die Milz in ein Filial. Wenn ich aber erster Leichenprediger eines gekronten Unterleibes ware: so hatt' ich einen andern Gang; ich nahme den Schlund zum Eingange der Trauerrede und den Blinddarm zum Beschluss! Und konnt' ich nicht in den drei Teilen der Predigt die drei Konkavitaten durchgehen, darin die edlern Teile des Korpers fluchtig beruhren und endlich auf den letzten Wegen desselben mich weinend und preisend aus dem Staube machen? Denn so scherzt man hienieden." Es gibt einen poetischen Wahnsinn, aber auch einen humoristischen, den Sterne hatte; aber nur Leser von vollendetem Geschmack halten hochste Anspannung nicht fur Uberspannung.
Der Falkenbergische Reisezug kam in Scheerau abends an, abends, der schonsten Zeit, um anzulangen, daher so viele abends in der andern Welt anlangen. Gustav schien schon dort gewesen zu sein, wahrend seiner Entfuhrung. Da aber von meinen Lesern die wenigsten der Schonheit wegen nach Scheerau sind entfuhrt worden und sie also die Stadt nicht kennen: so soll sie ihnen der zehnte Ausschnitt vorzeigen.
Zehnter Sektor
Ober-, Unterscheerau Hoppedizel Krauterbuch
Besuchbraune Furstenfeder
Es ist noch keinem Geographen und Oberkonsistorialrat das Ungluck begegnet, das Herr Busching hatte, dass er in seinem topographischen Atlas ein ganzes gutes Furstentum ausliess, das auf der wetterauischen Grafenbank mit sitzt und Scheerau heisset das nach dem Reichsmatrikularanschlag 8/9 zu Ross und 92/3 zu Fusse und zum Kammerzieler 21 Fl. l/19 Xr. gibt das unter Karl IV. gefurstet wurde das seine funf hubschen Landesstande hat, die allerhand zu sagen, aber nichts zu tun haben, namlich den Kommentur des deutschen Ordens, die Universitat, die Ritterschaft, die Stadte und die Dorfer und das unter andern Einwohnern auch mich hat. Ich mochte nicht an der Stelle eines solchen Schreib-Mannes sein, der sonst in jede Sackgasse mit seinem geographischen Spiegel kriecht, um sie zuruckzuspiegeln, der aber hier ein ganzes Furstentum samt seinen funf paralytischen Landstanden rein ubersprungen hat; ich weiss, wie es ihn krankt, aber nun, da ich mit der Welt daruber gesprochen, ist ihm nicht mehr zu helfen.
Die Hauptstadt Scheerau besteht eigentlich aus Furst residiert, und aus Alt- oder Unterscheerau, wo der Rittmeister logiert. Ich meines Orts bin langst uberzeugt, dass die Sachsenhauser nicht halb so weit von den Frankfurtern abstehen als die Altscheerauer von den Neuscheerauern, in Ton, Gesicht, Kost und allem. Der Neuscheerauer hat Hofton genug, um Anstand und Schulden und Wut zu ausserhauslichen Freuden zu haben, und doch wieder zu viel Kanzleiton (weil alle hochste Landeskollegien da sind), um nicht uberall steife Subordination entweder anzuerkennen oder abzufodern und um nicht aus dem Kammerherrn in den Kanzelisten und Rechnungrevisor zuruckzufallen. Das sieht nun der Altscheerauer ein. Der Neuscheerauer hingegen sieht ein, dass jener folgende Zuge hat: wenn in China die Mauler einer Tischgenossenschaft sich wie ein Doppelklavier zu gleicher Zeit bewegen mussen; wenn in Monomotapa das Land dem Kaiser nachzuniesen pflegt: so gehe man nach Altscheerau, wo es noch viel besser ist; in derselben Minute mussen alle Gassen weinen, husten, beten, laxieren, hassen und pissen ihre Konduitenliste sieht wie eine Partitur aus, aus der alle das namliche Stuck, nur mit verschiednen Instrumenten und Stimmen spielen (bloss in der Musik regiert sie einiger wahre Freiheitgeist, und keiner bindet seinen Ellen- oder Fiedelbogen oder Tangenten sklavisch an seines Nachbars seinen) sie hassen schone Wissenschaften so sehr wie sich untereinander unfahig, gesellschaftliches Vergnugen zu entbehren, zu veranstalten, zu geniessen, unfahig zu wagen, einander offen zu hassen und zu lieben und zu ertragen, bohren sie sich in ihre Geldhugel und achten offentlich den Reichsten und geheim den Verwandten oder gar niemand ohne Geschmack und ohne Patriotismus und ohne Lekture ...
Ich mach' es aber gar zu toll; kein Leser wird hinter dem Rittmeister einen Fuss nach Unterscheerau setzen wollen. Ihr grosster Fehler ist, dass sie nichts taugen; aber sonst sind sie fleissig, voll lauter Kaufleute, enthaltsam und fegen die Gassen und Gesichter hubsch. Residenzstadte haben wie Hofe Familienahnlichkeit; aber Landstadte haben je nachdem nicht kaufmannische, militarische, juristische, bergmannische, seemannische Safte in ihnen rinnen ein verschiednes Vollgesicht und Halbgesicht.
Vor der uberblechten Haustur des Professors der Moral Hoppedizel stieg die Falkenbergische Schiffgesellschaft aus ihrer fahrenden Arche; sie hielt in des Professors zweitem Stockwerk gewohnlich ihr Winterquartier. Gleich hinter der Hausture stiess der Rittmeister auf ein tolles Melodrama. Namlich der Flossinspektor Peuschel lehnte sich an die Wand und vomierte und schimpfte; und wechselte mit beidem regelmassig, wie mit Pentameter und Hexameter Der Professor der Moral schrieb mit einem uneingetunkten Finger ruhig die Zuge folgender Worte an die Wand, die er unaufhorlich ablas: "Ekelhaft wars wohl, verteufelt ekelhaft!" Jeden andern hatte ein eintretender alter Freund wie Falkenberg sogleich in der ganzen Szene gestort; aber der Professor war nicht aus seinem Spass zu ziehen, sondern hob seine Umhalsung in unverandertem Tone mit dem Rapport des gegenwartigen Vorfalls an: "gegenwartiger Herr Flossinspektor Peuschel", begann Hoppedizel, "zeche gern, Wein namlich es habe nichts verfangen, dass die Frau Inspektorin" denn schonende Diskretion war nie auf Hoppedizels Lippen "ihn habe umbessern wollen durch einen lebendigen Frosch, den sie in seinem Weine krepieren lassen. Er selber habe daher heute Hand angelegt, ihm das Nippen zu verleiden. Denn er habe zum Gluck einen Blasenstein so dick wie eine Muskatellerbirn aus einem Universitatkadaver geschnitten; den hab' er zu einer Trinkurne ausgebohret und Herr Peuscheln weisgemacht, aus Lava sei sie; und heute habe er seinen vomierenden Freund echten ungarischen Ausbruch daraus saugen lassen; damit es ihn nun geekelt und zu einem andern Ausbruch genotigt hatte, hab' ers vor einem Paar Minuten dem Patienten klar dargetan, dass das vulkanische Spitzglas wahrer Harn- oder Nierenstein gewesen. Und er hoffe, sein Freund schlage sich das urinose Steingut eine Zeitlang nicht aus dem Kopf." Der Professor ging den Inspektor an, ihm den Gefallen zu tun und, sobald der Ekel nachliesse, heute abends in der Gesellschaft des Herrn Rittmeisters zu einem Loffel voll Suppe dazubleiben.
Man komme noch so oft in gewisse Hauser, so erblickt man alles revidiert und umgesetzt und umgesturzt; aber im Hoppedizelschen am meisten; und des Rittmeisters Winterlager sah immer aus wie ein Gartenhaus im Winter. Menschen von feinem Gefuhl bezaubern durch eine gewisse zartliche Aufmerksamkeit auf kleine Bedurfnisse des andern, durch ein Erraten seiner leisesten Wunsche, durch eine stete Aufopferung ihrer eignen, durch Gefalligkeiten, deren seidenes Geflecht sich fester und sanfter um unser Herz herumlegt als das schneidende Liebeseil einer grossen Wohltat. Hoppedizel bediente sich weder des Flechtens noch Seiles und fragte nach nichts. Es war nicht Abwesenheit des feinen Gefuhls, sondern Ungehorsam gegen dasselbe, dass er wenn der Rittmeister die erste Woche Quartier und Verleiher verfluchte dazu lachte.
Der zarte Amandus bewohnte den ganzen Abend das Siechbett, und Gustav kroch an seine Seite, um mit ihm zu spielen. Wie heitern uns im steinichten Arabien der hassenden Welt Kinder wieder auf, die einander lieben und deren gute kleine Augen und kleine Lippen und kleine Hande noch keine Masken sind!
Am andern Tage nahm beide Kinder ein Zufall wieder auseinander. Der Rittmeister fuhrte sie durch alle Gassen der Stadt wie durch eine Bildergalerie und hielt endlich mit den zwei Herzensmilchbrudern vor seines Freundes, des Doktor Fenks Hause still und sah sehnend das Gemalde desselben an es bildete eine Doktors-Kutsche vor mit einem Arzt innen, mit dem Tode vorn, der in die Gabel eingespannt war, und mit dem Teufel oben, der auf dem Bock sass. "Der gute Narr", dacht' er, "konnt' auch einmal aus seinem Italien abziehen und seinen Freunden eine Freude machen!" Denn er wusste von seiner Ankunft nichts. "Mandus! Mandus! lauf rauf!" schrie plotzlich ein zappelndes Madchen oben und kam selber gesprungen und zerrte und guckte am Kleinen. Der gutmutige Rittmeister wanderte gern aus dem grossen Parterre den Kindern nach ins vertraute Haus, und seine Verwunderung uber alle Zeichen der Ruckkehr Fenks endigte nichts als der hereinbrechende Doktor selbst. Dieser prallte vom halben Wege zu seiner Umarmung auf den kleinen Blinden zuruck und riss unter Tranen und Kussen die Bandage auf besah die Augen lange am Fenster und sagte nach einem tiefen Atemzug: "Gott Lob und Dank! er wird nicht blind!" Erst jetzt schlug der Doktor seine Arme mit doppelter Warme um den Freund: "Verzeihs, es ist mein Kind!" Gleichwohl nahm er Amandus wieder ans Licht und beschauete ihn noch langer und sagte mit hinaufgezogenen Augenbrauen: "Bloss die Sclerotica scheint ladiert; die Okulistin zapfte die wasserige Feuchtigkeit heraus. In Pavia sah ichs alle Wochen an Hunden, denen die Zahnarzte (unsre medizinischen Lehnsvettern) die Augen aufschnitten und eine dumme Salbe daraufstrichen. Wenn nachher die Feuchtigkeit und das Gesicht von selber wiederkamen: so hatt' es die Salbe getan."
Ich ubergehe den Strom von gesprachiger und freudiger Ergiessung beider Freunde, vor dem sie kaum mehr horten und sahen, am wenigsten die Uhr "Ach sie kommen!" sagte Fenk, namlich die Gaste. Da meine Leser Verstand genug haben: so konnen sie mich, hoff' ich, auserzahlen lassen, eh' sie ihre Zornrute gegen den bildlichen Steiss des Doktors hinter dem Spiegel vorholen.
Niemand als er hasste so brennend das Enge, das Unduldsame und Kleinstadtsche der Unterscheerauer, womit sie sich ein so kurzes Leben verkurzten und ein so saueres versauerten. "Mich ekelts, von ihnen gelobt zu werden", sagt' er nicht bloss, sondern er erboste auch gern mit dem schlimmsten Anstrich seiner reinsten Sitten alles von einem Tore zum andern; indes vermocht' er aus Herzens-Weichheit mehr nicht zu argern als die ganze Stadt in grosso, einen allein nie. Deswegen grassierte er am zweiten Morgen seiner Ankunft wie eine Influenza von einem Hause zum andern und bat alle Muhmen, Basen, Blutfeinde, Leute, die ihn nichts angingen als die liebe Christenheit, z.B. den Flossinspektor Peuschel, den Lottodirektor Eckert mit seinen vier Spatbirnen von Tochtern, und was nur unterscheerauschen Atem hatte, das bat er samtlich zusammen auf den Nachmittag, auf eine Reiseseltenheit, namlich auf ein Herbarium vivum, das er zeigen werde: "es sei kein lebendiges Krauterbuch, sondern etwas ganz Besondres, und von den Gletschern ware das Beste her."
Diese kamen eben jetzo alle nicht weil sie das geringste nach einem Krauterbuch fragten, sondern weil sie es doch sehen wollten und die Haushaltung des unbeweibten Doktors nebenbei. Ich muss den europaischen Hofen so viel gestehen, dass sich die Landsmannschaft und Basenschaft mit Grazie hineinhustete, hineinfegte und -rausperte; und den vier Spatbirnen fehlt' es nicht an Welt, sondern sie machten statt der Verbeugung eine Vertiefung und bewegten sich sehr gut steilrecht. Der Hauswirt trug alsdann zwei lange Krauterfolianten herein und sagte freundlich, er wolle gern alles herweisen nun zundete er die Holle an, in die er die Gesellschaft warf er kroch mit Raupenfussen und Schneckenschleim von Blatt zu Blatt des Buches sowohl als des Krautes er zeigte nichts oberflachlich er ging die Pistillen, die Stigmen, die Antheren eines jeden Gewachses genau durch er sagte, er wurde sie ermuden, wenn er weitlaufiger ware, und beschrieb also Namen, Land, Naturgeschichte eines jeden Grases ganz kurz alle Gesichter brannten, alle Rucken bruhten sich, alle Fusszehen zuckten. Vergeblich versuchte eine Base, dem blinden Amandus mit den Augen nachzulaufen, um nur etwas Animalisches zu ersehen; der Krauterkenner befestigte sie an einen neuen Staubbeutel, den er gerade anpries. Schon bis an die Pentandria hatte er seinen Klub geschleift, als er sagte: "Der heutige Abend soll uns nahe um die Dodecandria finden; aber Schweiss und Fleiss kostets." Er wurde beim allgemeinen Jammer uber einen solchen Fegfeuer-Nachmittag, dergleichen noch kein Scheerauer erlebt hatte, immer vergnugter und sagte, ihre Aufmerksamkeit feuere am meisten ihn an. Gleichwohl liessen sich die botanischen Magistranden aus einem Blatte ins andere martern und wollten verbindlich bleiben bis der Rittmeister, ob er gleich den Scherz erriet, teufelstoll wurde und fort wollte. Der Doktor sagte: "den zweiten Folianten musst' er ohnehin fur eine andre Stunde versparen; aber er wunschte, sie kamen bald wieder, das soll' ihm erst ein Beweis sein, dass es ihnen heute gefallen." Der blosse Gedanke an den zweiten Torturfolianten wogegen der Theresianische Kodex mit seinen Folterabrissen nur ein Taschenkalender mit Monatkupfern ist fuhrte etwas von einem Fieberschauer bei sich. So hatten sie also einen ganzen halben Tag schandlich ohne eine Verleumdung, ohne eine Erzahlung verloren, die hatte nach Haus konnen mitgebracht und von da weitergegeben werden. Die altern Damen besuchten Konzerte und Balle gewohnlich, aber gar nicht, um gesehen zu werden, sondern um zu sehen und darin physiognomische Fragmente zur Beforderung der Menschenkenntnis, obwohl nicht der Menschenliebe, auszuarbeiten; ja sie besuchten auch ihre erklarten Feindinnen gern, wenn uber eine abwesende Feindin loszufallen war, wie Wolfe, die einander fliehen, sich doch verbunden zum Tode eines andern Wolfs. Ich habe immer mit Vergnugen bemerkt, wie ein Paar Scheerauerinnen sich einander so herzlich und mit reiner Freundschaft dann mitteilen, wenn sie gerade das geheimste Schlimme von einer dritten auszupacken haben. Nur, wenn zwei auf dem Kanapee nicht mehr nebeneinander sitzen, sondern sich die Gesichter statt der Huften zuwenden, so mag ich der nicht sein, den sie gerade handhaben.
Extrazeilen uber die Besuchbraune, die alle
Scheerauerinnen befallt bei dem Anblick einer
fremden Dame
Mannern schadet daselbst der Anblick einer fremden Dame wenig; bloss alle Friseure und Barbiere kommen spater als sonst; auf dem Billard zeichnen die Queues oder die Tabakpfeifen ihre Gestalt in die Luft, und die Lehrer des loblichen Gymnasiums horen gar nicht darauf Hingegen die Weiber!
Auf der Insel St. Kilda geschieht, wenn ein Fremder da aus dem Schiff aussteigt, ein Ungluck, das noch kein Philosoph erklaren konnte das ganze Land hustet seinetwegen1. Alle Dorfer, alle Korperschaften, alle Alter husten kauft sich der Passagier etwas ein, so umhustet ihn der Nahrstand unter dem Tor tuts der Wehrstand; und der Lehrstand hustet in seine Lehren hinein. Es hilft gar nichts, zum Arzt zu gehen der bellt selber arger als seine Kunden und ist sein eigner Kunde ....
In Unterscheerau ist dasselbe Ungluck, aber grosser. Eine fremde Dame setze ihren netten Fuss in das Posthaus, in den Konzert- oder Tanzsaal, in irgendein Visitenzimmer: sogleich sind alle Scheerauerinnen genotigt zu husten und was allzeit von einem schlimmen Hals herkommt leiser zu reden allen fliegt die Braune an, d.h. die angina vera. An den armen Damen erscheinen alle Zeichen der giftigsten Halsentzundung, Hitze (daher das Fachern), Kalte, schweres Atemholen, Phantasien, aufgeblahte Nasenflugel, steigender Busen. Kuhlende Mittel, Wasser, Entledigung der Luftrohren tun den Patientinnen noch die besten Dienste. Ist aber (welches der Himmel abkehre) die eintretende Fremde die schonste die bescheidenste die reichste die geehrteste die am meisten gefeierte die geschmackvolleste so wird keine einzige Leidende im Krankensaale kuriert; ein solcher Engel wird ein wahrer Todesengel, und man sollte am Tor gar keine Fremde von Verdienst einpassieren lassen.
Die Besuchbraune grassiert wie jede andre am meisten im Herbste und Winter unter den Winterlustbarkeiten und Wintergasten. Diese Braune schreibt Witz oder Verstand zwei Grunden zu: erstlich den aussern oder Schalenverdiensten (innern nie); so glaubt auch Unzer, dass Schaltiere auf den Hals am meisten wirken, daher z.B. Austern schweres Schlucken, kalzinierte Krebse gegen Wasserscheu, Dunst von Krebsen Stummheit, Skorpionen Zungenlahmung wirken. Der zweite Grund ist, dass Damen in einer Stadt wie auf einem Isolatorium wohnen und dass, wenn eine Fremde, die mit ihnen sich nicht in Rapport gesetzt, die manipulierten Clairvoyanten beruhrt, oder auch nur in der Ferne von ihnen steht, diese lauter hassliche Empfindungen in allen Gliedern spuren.
Ende der Extrazeilen
Den weggehenden Scheerauerinnen gab Fenk nach dem botanischen Gottesdienste noch die Nachricht als einen Altarsegen mit nach Haus, bei welchem er das Kreuzmachen ihnen selber uberliess: "dass die beiden Kinder, die man gesehen, den Kleinen und die Kleine, keine andere Wiege gehabt als den Reisewagen; dass aber er gegenwartig Pestilenziarius samt Medizinalrat geworden; jedoch nur Frauen kurieren wolle und mit der Zeit eine ehelichen, und er bitte instandig."
Wenn die Unterscheerauer etwas, das suss, sauer und toll zugleich scheint, vorbekommen: so horchen sie erstlich auf dann lacheln sie an dann sinnen sie nach dann sehen sie es nicht ein dann mutmassen sie drei Tage darnach nichts Gutes und endlich werden sie daruber recht aufgebracht. Fenk fragte nichts darnach und sagte von Zeit zu Zeit etwas, was sie nicht verstanden oder er selber nicht.
Er erklarte alsdann dem Rittmeister, und ich dem Leser, alles. Die aufgeklebten Krauter, sagt' er, hielten von nun an alle Basen und Tropfe und Visitenameisen von seiner Stube ab, wie umzaunender Hanf und ein paar Ratsel daraus zeig' er nur halb, weil man sich fur die Menschen am meisten interessiere, an denen man noch etwas zu erraten suche, und die neugierigen Patientinnen wurden die seinigen sein. Ob er verheiratet sei, wiss' er selber nicht; und andere solltens auch nicht wissen, weil man ihn in alle Hauser, wo ein Warenlager von Tochtern steht, als Arzt hineinrufen werde, damit er als Brautigam wieder herausgehe. Endlich nehm' er deshalb nur weibliche Kranke an, weil diese die haufigsten waren; weil man zu ihm fur diese ausschliessende Praxis ein besonderes Zutrauen fassen wurde; weil dieses Zutrauen das ganze Dispensatorium eines Weiberdoktors sei; weil die meisten Krankheiten der Weiber bloss in schwachen Nerven und deren ganze Kur in Enthaltung von Arzeneien bestande; weil Apotheken nur fur Manner, nicht fur Weiber waren und weil er sie ebensogern anbetete als kurierte.
Ein anderer Punkt war der, wienach er so geschwind nach Scheerau und so geschwind zum Medizinalrat gekommen. Es ist so: der Erbprinz, der jetzt auf dem hohen Thronkutschersitz mit dem Staatwagen zum Teufel fahren wird, liebt niemand; auf seiner Reise spottete er uber seine Matressen; seine Freundschaft ist nur ein geringerer Grad von Hass, seine Gleichgultigkeit ist ein grosserer; den grossten aber, der ihn wie Sodbrennen beisset, hegt er gegen seinen unehelichen Bruder, den Kapitan von Ottomar, Fenks Freund, der zu Rom in der schonsten naturlichen Natur sowohl als artistischen geblieben war, um im Genuss und Nachahmen der romischen Gegenden und Antiken zu schwelgen. Ottomar schien ein Genie im guten Sinne und im bosen auch. Er und der Erbprinz ertrugen einander kaum in Vorzimmern und waren dem Duelle oft nahe. Nun hasset der scheerauische Grossfurst auch den armen Fenk, erstlich weil dieser ein Freund seines Feindes ist, zweitens weil er dem dritten Bruder des Erbregenten einmal das Leben und mithin die Apanagengelder wiedergab, drittens weil der Furst weit weniger (oder gar keine) Grunde brauchte, um jemand zu hassen, als um zu lieben.
Nun ware der Doktor schon unter der vorigen Regierung, deren Magen uns entgegenfuhr, gern Medizinalrat geworden; unter der kunftigen Regierung, deren Magen sich noch in Italien fullte, war wenig zu machen. Der Doktor suchte also sein Gluck noch ein paar Wochen vor der neuen Kronung festzupflanzen. Er fand den alten Minister noch, der sein Gonner war und dessen Gonner der Erbprinz aus dem Grunde wenig war, aus welchem Erbprinzen gewohnlich glauben, dass sie die Kreaturen des verstorbenen Vaters ebensowohl, nur delikater und langsamer unter die Erde bringen mussen als wilde Volker, die auf den Scheiterhaufen des Konigs auch seine Lieblinge und Diener legen. Als Fenk kam, machte ihn der verstorbene Regent zu allem, was er werden wollte; denn es war so:
Da der selige Landesvater ein Landeskind im physiologischen Sinne geworden war, d.h. wieder so alt, als er gewesen, da man ihm das erste Ordenband statt eines Laufbandes umflochten, namlich 61/2 Jahr: so wurde dem Fursten das ewige Unterschreiben seiner Kabinettdekrete viel zu sauer und zuletzt unmoglich. Da er indessen doch noch regieren musste, als er nicht mehr schreiben konnte: so stach der Hofpetschierstecher seinen dekretierenden Namen so gut in Stein aus, dass er den Stempel bloss einzutunken und nass unters Edikt zu stossen brauchte: so hatt' er sein Edikt vor sich. Auf diese Weise regierte er um 15 Prozent leichter; der Minister aber um 100 Prozent, welcher zuletzt aus Dankbarkeit, um dem geschwachten Fursten sogar das schwere Handhaben des Stempels abzunehmen, das schone Petschaft (er zog es Michel-Angelos seinem vor) selber in sein eignes Dintenfass eintunkte; so dass der alte Herr ein paar Tage nach seinem eignen Tode verschiedene Vokationen und Reskripte unterschrieben hatte aber dieser Poussiergriffel und Pragstock der Menschen wurde der Legestachel und Vater der besten Regierbeamten und laichte zuletzt den Pestilenziarius.
Extragedanken uber Regentendaumen
Nicht die Krone, sondern das Dintenfass druckt Fursten, Grossmeister und Kommenturen; nicht den Zepter, sondern die Feder fuhren sie mit so vieler Beschwerde, weil sie mit jenem bloss befehlen, aber mit dieser das Befohlne unterschreiben mussen. Ein Kabinettrat wurde sich nicht wundern, wenn ein gequalter gekronter Skribent sich, wie romische Rekruten, den Daumen amputierte, um nur vom ewigen NamenMalen, wie diese vom Kriege, loszukommen. Aber die regierenden und schreibenden Haupter behalten den Daumen; sie sehen ein, dass das Landeswohl ihr Eintunken begehrt, das wenige Unleserliche aus Kabinettbefehlen, was man ihren Namen nennt, macht wie eine Zauberformel Geldkasten, Herzen, Tore, Kaufladen, Hafen auf und zu; der schwarze Tropfe ihrer Feder dunget und treibet oder zerbeizet ganze Fluren. Der Professor Hoppedizel hatte, da er erster Lehrer der Moral beim scheerauischen Infanten war, einen guten Gedanken, wiewohl erst im letzten Monat: konnte der Oberhofmeister nicht dem Unterhofmeister befehlen, dass er den Kron-Abcschutzen, der doch einmal schreiben lernen musste, statt unnutzer Lehnbriefe lieber mitten auf jedem leeren Bogen seinen Namen schmieren liesse? Das Kind schriebe ohne Ekel seine Unterschrift auf so viele Bogen, als es in seiner ganzen Regierung nur bedurfe die Bogen legte man bis zur Kronung des Kindes zuruck und dann, fuhr er fort, wenn es genau uberschlagen ware, wie oft ein Kollegium seinen Namenzug jahrlich haben musste, wenn folglich am Neujahrtage die notige Zahl signierter Ries Papier zum Gebrauche aufs ganze Jahr den Kollegien zugeteilt wurde: was hatte nachher das Kind unter seiner Regierung fur Not?
Ende der Extragedanken
Noch ein Wort: nach neun Wochen tat dem Doktor die Rache mit dem Krauterbuche, wie jedem guten Menschen die kleinste, wieder wehe. "Das Herbarium", sagte er, "argert mich, sooft ich hineinklebe; aber es ist gewiss wahr, ein Mann sei immerhin durch alle Residenzstadte bescheiden passiert: unter dem Tor seiner Vaterstadt fahrt der Hochmutteufel in ihn und macht mit ihm die ersten Besuche seine guten Landsleute, will er haben, sollen wahrend seiner Reise vernunftig geworden sein."
Fussnoten
1 Sogar Kinder im Mutterleibe. S. Allgem. deutsche Bibl. Bd. 67. S. 138.
Eilfter Sektor
Amandus' Augen das Blindekuhspiel
Die Sympathie, welche Erwachsene in der ersten Viertelstunde ablaktiert, fugt auch oft Kinder aneinander. Unser Paar lief einander taglich uber vierzigmal in die Arme und herzte sich. Ihr guten Kinder! seid froh, dass ihr eure Liebe noch starker ausdrucken durfet als durch Briefe. Denn die Kultur schneidet dem Ausdruck der Liebe das Gebet des Korpers immer kleiner vor diese hagere Gouvernante nahm uns erstlich den ganzen Korper dessen weg, den wir lieben dann die Hand, die wir nicht mehr drucken durfen dann die Knopfe und die Achseln, die wir nicht mehr beruhren durfen und von einer ganzen Frau gab sie uns nichts zum Kussen zuruck als (wie ein Gewolle) den Handschuh: wir manipulieren einander jetzt alle von ferne. Amandus hing mit seinem mehr weiblichen Herzen an Gustavs mehr mannlichem mit aller der Liebe, die der Schwachere dem Starkern reichlicher gibt, als er sie ihm abgewinnt. Daher liebt die Frau den Mann reiner; sie liebt in ihm den gegenwartigen Gegenstand ihres Herzens, er in ihr ofter das Gebilde seiner Phantasie; daher sein Wanken kommt. Dieses Vorredchen soll nur eine Anfurt zu einer kleinen Schlagerei zwischen unserem kleinen Kastor und Pollux sein.
Sie waren namlich ungern so lange auseinander, als die Augen auf- und zugebunden wurden. Sooft der Verband wegkam, stellte sich Gustav vor ihn und verlangte durchaus, er sollte ihn sehen, und tat seinen Finger sich an die Nase und sagte: "Wo tipp' ich jetzt hin?" Aber er examinierte den Blinden nicht sehend. Nach einer wochentlichen Abwesenheit fuhr Amandus auf ihn zu: "Schieb mein Band auf," sagte er, "ich kann dich gewiss auch sehen wie meinen Katzenheinz!" Da Gustav es aufgeluftet hatte und da er wirklich in das Auge des operierten Freundes einging, ganz wie er war, mit allem, mit Rock, Schuhen und Strumpfen: so war er froher als ein Patriot, dessen Furst die Augen oder den Verband aufmacht und ihn sieht. Er inventierte sein ganzes Bilderkabinett vor seinen Augen mit einem ewigen "Guck!" bei jedem Stuck. Aber weiter! Die Welt wird wenig davon wissen die kleinen Partikelchen derselben ausgenommen, die Kinder, von denen eben ich reden will , dass diese bei Hoppedizel Blindekuh gespielet. Ein fatales Spiel! wenn Madchen dabei sind, wie hier war, zumal so schlimme wie des Professors seine! Amandus liess sich in das Spiel ein und rannte hinter seinem Schnupftuch, das weibliche Pfiffigkeit uber seine Augen gefaltet hatte, im Zimmer umher, nichts fangend als entkorperte Kleider. Zum Ungluck stiessen die Madchen unter dem Ofen, worunter sie gegen alle gute Spielordnung geschlichen waren, auf die volle Milchschussel des Spitzhundes. Da sie nun damals zu wenige Moralphilosophen gelesen, obgleich deren genug gesehen hatten: so schoben sie, aus Mangel an reiner praktischer Vernunft, die Schussel so weit leise vor, dass der greifende Hascher ohne Muhe hineintrampelte und druberschlug. Gustav musste als Kind ein wenig lachen. Auf ihn schoben es die Sunderinnen und riefen: "O du! wenn nun Amandus ein Ungluck genommen hatte!" Er riss sich von den nassen Scherben auf und puffte dem Gustav, der ihn trostend bei den Handen fasste, ein wenig hinten ans Schulterblatt, da, wo nach den Kompendien der Milchsaft mit dem Blut zusammenrinnt. "Ich hab's doch nicht hingestellte", sagt' er. "Ja, ja! und hast mir nichts gesagt", versetzte der Blinde und stiess ihn wieder, aber heftiger und doch weniger zornig. "Schlag immer! ich hab' dir nichts getan", und die Stimme brach meinem guten Helden jener schlug wieder nach und sagte: "Ich bin dir auch gar nimmer gut", aber so, als wurd' er sogleich zu weinen anfangen. "Ach du hast dir gewiss einen Splitter eingestochen?" fragte Gustav mit der mitleidigsten Stimme mitten im Versuch zu einem neuen Stosse glitt die dunne Eisrinde vom erwarmten Herzen Amandus' herunter, er umfasste den Unschuldigen und sagte unter hellen Zahren: "Du hasts ja nicht getan, und ich geb' dir all meine Spielware: schlag mich doch recht!" und schlug sich selber. Bloss die Empfindung der Liebe kampft mit solchen bittersussen Sonderbarkeiten. Amandus gestand oft, noch immer wandle ihn, wenn er jemand unrecht getan, mitten in seiner Krankung daruber die Neigung an, fortzubeleidigen, um sich selber so weit fortzukranken, dass er endlich vor Schmerz sich mit der heissesten Liebe ans versehrte fremde Herz werfen musste. Aber, o lieber Amandus! wenn gerade ein Padagog in Gestalt einer Moral die Tur aufgemacht hatte!
Man muss niemals glauben, als wollt' ich hier personlichen Groll an samtlichen Hofmeistern auslassen: denn erstlich hatt' ich gar niemals einen Hofmeister, zweitens war ich selber einer und ein rechter.
Zwolfter Sektor
Konzert der Held bekommt einen Hofmeister von
Ton
Ich habe mich in einen neuen Ausschnitt begeben, weil ich darin dem Leser eine neue Person zu prasentieren habe den Hofmeister meines Helden.
Ich brauche keinen Menschen daran zu erinnern, dass der Rittmeister ein so narrisches, bald zu gefugiges, bald zu sprodes, moralisierendes, mutloses Ding, als ein Informator ist, in Scheerau suchte, damit sein Kind zu gleicher Zeit mit dem Lande einen Regenten bekame. Nun hatt' er eine Pate da, welche advozierte, musizierte, badinierte, lorgnierte und Welt hatte; aber er hatte nicht den Mut, ihr in einem Padagogium, dessen Schuljugend auf einen Mann belief, die Lehrstelle anzutragen. Ich will es nur heraussagen, dass ich selber diese Pate und diese neue Person bin; aber es wird meiner Bescheidenheit mehr zustatten kommen, wenn ich mich in einem Sektor, wo ich so viel zu meinem Lobe vorbringen muss, aus der ersten Person in die dritte umsetze und bloss sage Pate, nicht ich.
Diese Pate blies im Unterscheerauer Konzert, um mit der Flote in die Spharenstimme eines sehr jungen Frauleins von Roper zu spielen, dessen Kehle sich oft dieses Madchens ist ein Nachtigallton unter Blutenuberhang; der Leib desselben ist eine fallende himmelreine Schneeflocke, die nur im Ather dauert und auf dem Kot des Bodens zerlauft. Dem Flotenisten fiel wahrend den Pausen ein schones, in phantasierende Aufmerksamkeit verlornes Kind in die Augen und auf das Herz: Gustav wars. Der erste Blick nach der Begleitung war auf die Nachbarschaft des Kindes, um den Eigner desselben zu finden der erste Schritt, den die Pate tat, war zur andern Pate, zum Rittmeister, dessen Freundschaft mit mir bekannt genug ist. Das mannliche Geschlecht ist glucklicher und neidloser als das weibliche, weil jenes imstande ist, zweierlei Schonheiten mit ganzer Seele zu fassen, mannliche und weibliche; hingegen die Weiber lieben meistens nur die eines fremden Geschlechts. Ich hab' aber vielleicht zu viel Enthusiasmus fur die erhabne mannliche Schonheit, so wie fur poetische Schwarmerei, ungeachtet ich wenigstens letzte selber nicht habe. Aus Gustav wirkte die doppelte Zauberei auf mich, ich vergass alle Zauberinnen des Konzerts uber den Zauberer; aber ich ward am Ende traurig, dass ich dem Schonen mehr Blicke als Worte abzuschmeicheln vermochte. Auf das Konzert gab ich, gleich andern Zuhorern, ohnehin nur so lange acht, als ich selber ein Mitarbeiter war oder als eine meiner Schulerinnen spielte; denn die Scheerauer Konzerte sind bloss in Musik gesetzte Stadtgesprache und prosaische Melodramen, worin die Sesselreden der Zuhorer wie gedruckter Text unter der Komposition hinspringen. Ubrigens unterzeichnen wir auf unsere Konzerte mehr unserer Kinder als unserer selber wegen; die musikalische Schuljugend bekommt darin einen Tanz- und Tummelplatz ihrer Finger, und von meinen artistischen Katechumenen kantschuet wochentlich wenigstens einer den Flugel. Ich frische die Eltern dazu an und sage, in einem solchen Konzertsaal lernen die Kleinen Takt, weil da nicht nur genug, sondern auch uberflussig Takt ist, indem jeder dasige Musikoffiziant seinen eignen originellen pfeift, hackt, streicht, stampft, den erstlich kein anderer neben ihm pfeift, hackt, streicht, stampft und den er zweitens selber von Minute zu Minute umbessert. "Und wenn auch das nicht ware," sag' ich, "so ist doch wahrer musikalischer Ausdruck im Uberfluss da; jeder druckt darin seine Empfindungen, die der Verlegenheit, des Erstarrens, auf seinem Instrumente aus; und Bachs Regel, Dissonanzen stark und Konsonanzen schwach vorzutragen, weiss in einem Saale jeder, wo die Konsonanzen so sanft eingeschmolzen werden, dass man fast keine hort und nur die Dissonanzen zu vernehmen meint."
Am andern Morgen flog ich unfrisiert zum Rittmeister und da ich den guten Kleinen um keinen niedern Preis erhalten konnte brachte ihn ganz ans erste Ziel seiner Reise hinan, namlich das, einen Hofmeister mitzubekommen. Man muss nicht denken, dass ich Informator geworden, um Lebensbeschreiber zu werden, d.h. um pfiffigerweise in meinen Gustav alles hineinzuerziehen, was ich aus ihm wieder ins Buch herauszuschreiben trachtete; denn ich brauchte es erstlich ja nur wie ein Romanen-Manufakturist mir bloss zu ersinnen und andern vorzulegen; aber zweitens damals wurde an eine Lebensbeschreibung gar nicht gedacht.
Mir ist weit weniger daran gelegen, meine scheerauischen Verhaltnisse bekannt zu sehen, als der Welt; denn ich kenne sie schon. Aber die Welt nicht. Ich formierte eine Dreieinigkeit von Personen da: ich war Klaviermeister, Rechtskonsulent und Weltmann. Drei narrische Rollen! Ich studierte in der Stadt, die sonst die grossten Juristen und jetzo die kleinsten Hunde liefert, in Bologna, zwei ganz entgegengesetzte Lieferungen, wie Paris sonst die Universitat aller europaischen Theologen war, jetzo der Philosophen. In Paris war ich auch, hatte auch da ein geschickter Parlamentsadvokat werden konnen; ich wollt' aber nicht und nahm nichts daraus mit (so wie aus Bologna und aus einigen deutschen Reichsstadten) als die schwarze juristische Kleidung, die ihren Grund hat; denn da unsere Klienten uns ernahren und bezahlen und mehr Recht und Not als Geld behalten: so trauern wir Patronen um sie schwarz; hingegen bei den Romern legten die Klienten, die mehr bekamen als gaben, fur den Patronus, wenn es ihm schlimm erging, Trauerkleider an.
Zweitens war ich Klaviermeister, aber vielleicht kein gesetzter; denn ich verliebte mich im ersten Quartal in alle meine Schulerinnen (fur Schuler dankte ich) und richtete mich nach meinen Stunden mit meinen Empfindungen. Ich hegte wahre Zartlichkeit, erstlich gegen eine Dame von Rang, die ich nie kompromittieren werde zweitens gegen ihre Schwester, eine Abtissin, weil sie Generalbass bei mir lernte drittens gegen *** viertens gegen die Hofkaplanin, die zwar hektisch, aber geschmackvoll ist und die eher zu viel als zu wenig Zieraten an (nicht auf) dem Klaviere liebte und es auf das schonste wichste, uberzog und aufstellte funftens in die Residentin von Bouse, die gar nicht einmal die Sache weiss und an deren Huften und Reizen ich ordentlich vor Bewunderung dumm wurde, bis ich zum Gluck ihre allgemeine Koketterie und ihre Untreue gegen ihren InkognitoLiebhaber verspurte sechstens in den ganzen Scheerauer Hof, wo ich nach dem Recht der toten Hand den Empfang einer lebendigen Hand, die eine Schulerin der meinigen werden wollte, fur eine Investitur zum ganzen Herzen und Vermogen ansah siebentens sogar in ein wahres Kind, in Beata (die obgedachte Tochter von Roper), fur welche ich alle Wochen einmal bei schlechtem Wetter und ebenso schlechtem Honorar aufs Land lief und bei der an gar nichts anders zu denken war als an Liebe kurz in alles, in Laubknospen, Blutknospen, Bluten und Fruchte verschiesset sich ein Mensch, der ein Klaviermeister ist.
Nun kommt der Weltmann. Ich kann mich zwar meinen Lesern (wovon ich mir die Volkmenge und richtigere Tabellen wunschte) nicht personlich zeigen; aber die Scheerauer, denen dieses Blatt vorkommt, werden hier aufgefordert, ihre Gedanken zu sagen und abzuurteln, ob ein Mann, der der grossen Welt taglich drei Klavierstunden gibt, mehr ihr Lehrer als ihr Schuler ist. Anstand, Gang, geschmackvoller Anzug, Attituden, steilrechte, waagrechte und quere, sind zwar nicht die geforderten Vorzuge des Autors, obwohl des feinen Gesellschafters, und konnen nicht gedruckt werden; aber ich verfechte nur so viel: bloss an einem Hofe lernt mans, zumal bei einigem Einfluss, und wenn man mitspielt, es sei am L'hombretisch oder am Klaviertisch1, der, wie manche Brust am Hofe, unter der stummen Holzplatte ein holdes Saitenspiel verbirgt. Wenn man freilich wieder in seinem Museum auf- und abgeht, unter grossen Buchern und grossen Mannern, begleitet von der ganzen republikanischen Vergangenheit, emporgerichtet zur tiefen Perspektive der unendlichen Welt hinter dem Grabe: so verachtet selber der Inhaber seine Konchylien-Vorzuge; er fragt sich: gibt es nichts Bessers als uber seinen Korper (anstatt uber Leidenschaften) Herr zu sein und ihn so leicht zu tragen wie nach den drei ersten Glasern Champagner seinen Ton in den allgemeinen Ton hineinzustimmen, weil an Hofen und Klavieren keine Taste uber die andre hinausklingen darf auf dem dunnen schaukelnden Brette der weiblichen Launen so fliegend wegzueilen, dass unsere Tritte die Schwankungen bloss begleiten schon zu tanzen und zu gehen, soweit es mit einem langen Bein tunlich ist (denn freilich wenn ein Klaviermeister mit einem Kurzbein zu kampfen hat: so mag der Henker auf beiden so zierlich aufstehen wie der Prinz von Artois) kurz allen Verstand zu Narrheit zu sublimieren, alle Wahrheiten zu Einfallen, alle Kraftgefuhle zu pantomimischen Nachaffungen? Nichts Bessers, fragt der Laufer im Museum, gibt es?
Etwas viel Bessers gibts: ein Informator zu werden in Auenthal bei so einem Himmel-Kinde, wie Gustav ist, und den ganzen Spuk drucken zu lassen.
Fussnoten
1 Ich meine ein in die Gestalt eines Tisches verstecktes Klavier.
Dreizehnter Sektor
Landestrauer der Spitzbuben Scheerauer Furst
furstliche Schuld
Der Kronprinz, auf dessen Zahlen der Rittmeister wartete, war noch auf der auslandischen Kunststrasse, von der er auf den Thron wie auf einen Turm hinauffuhr. Drei arme Spitzbuben hielten ihren Einzug noch fruher als er. Es kann erzahlet werden: Seitdem Tode des Hochstseligen der Papst ist der Allerseligste wurde eine Kirche um die andre im Scheerauischen nicht ausgestohlen, sondern ausgekleidet; die Kirchendiebe schalten bloss das Landtrauertuch, das unsere Kanzeln und Altare anhatten, wieder ab. Die Kirchner und Kantores fanden alle Morgen skalpierte heilige Statten, und die Pfarrer mussten darin stehen in dem Fruhgottesdienst. Nun hatte neulich der Geldgreifgeier, Kommerzien-Agent Roper, in der Maussenbacher Kirche Altar und Kanzel am Busstage mit einem Frack von schwarzem Tuch buntes war ihm nicht heilig und wohlfeil genug ubersohlen lassen. Diese schwarze Emballage blieb daran als Landtrauer. Der alte Roper hatte mithin wenig Schlaf mehr, weil er besorgte, die Kirchen-Greifgeier zogen dem Maussenbacher Altar das Ehrenkleid aus und nahmen nahten Schuldschein mit, welcher besagte, wer alles hergeschenkt. Sein Gerichthalter Kolb, dem ein Diebfang Zobelfang und Perlenfischerei ist, umgab daher die Kirche mit allerlei Falkenaugen; es ware auch nichts gewesen, wenn nicht der Falkenbergische Bediente Robisch am Sonntage abends, sobald die Kirche zugeschlossen war, zum Schulmeister gesagt hatte: "er solle sie zulassen, er habe die Kirchleute gezahlet, und drei waren nicht mit herausgegangen." Kurz man blockierte den Tempel bis nachts und zog glucklicherweise drei versteckte Tuchkorsaren aus dem Andachtorte heraus. Am Morgen erstaunt alles, die drei Kirchganger fahren auf einem Leiterwagen zum Scheerauer Tor hinein und haben samtlich schwarze Rocke und Unterkleider an abends sind sie verschwunden. Fur den Hof (wenn er nicht noch geschlafen hatte) wars ein hasslicher Prospekt, dass eine Rauberbande so gut wie er Hoftrauer angelegt und sich deswegen die Trauergarderobe aus Kirchen gestohlen hatte.
"Henken sollte man dich," sagte der Rittmeister zu seinem Kerl "arme Diebe ins Ungluck zu bringen, die keinem Menschen etwas nehmen, sondern nur Kirchen." "Aber fur solche Schufte" (sagt' ich) "gehort doch auch keine Hoftrauer, schon des Aufwands wegen. Warum darf man uberhaupt nicht seinen leiblichen Vater1, aber wohl den Landesvater betrauern? Oder warum verstattet die Kammer den Landeskindern noch das Weinen, da doch das die Tranendrusen des Staats erschopft und da die Tranen noch steuerfrei sind?"
"Sie greifen zu weit," sagte der Rittmeister; "gerade so wie bisher muss die zeitige Regierung bleiben, wenn sie sich von allen vorigen durch die Sorgfalt auszeichnen soll, womit sie uber unsern Flor, uber alle unsere Pfennige und Pulsschlage wacht."
"Die Negermarketender" (sagte der Doktor, aber unpassend genug) "wachen noch mehr; denn einen Sklavenhandelsmann kummert die Unpasslichkeit eines solchen Stuck-Menschen oder Sklaven mehr als seiner Frau ihre. Sogar Bewegung und Tanz soll sein menschlicher Viehstand haben, und er prugelt ihn dazu."
"Ackerbau," (fuhr er fort) "Handel, Fabriken, Volksreichtum und Volkswohlleben sogar, kurz die Korper der Untertanen kann der schlimmste Despot erheben und nahren aber fur ihre Seelen kann er nichts tun, ohne alles wider seine zu tun."
Ich bin oft auf den Gedanken gefallen, ob nicht die Trauerordnungen oder -abordnungen haben wollen, dass der pfiffige und traurige Staatsburger die Erlaubnis der Landtrauer benutze und seine Haustrauer mit ihr zusammenwerfe. Konnt' er nicht seinen Einzelkummer uber die Sterblichkeit seiner Tanten, seiner Vettern aufheben, bis ein allgemeiner einfiele, und so, wenn das Land den Kondolenzflor um Arm und Degen gewickelt hatte, alles in Pausch und Bogen wegtrauern und sich hinter dem namlichen Flor uber eine Landsmutter und eine Stiefmutter betruben? Hofen war's leicht. Ja konnten diese nicht in der Landestrauer ihre Sippschaft gar voraus betrauern? Konnte man uberhaupt nicht die ganze Narrheit bleiben lassen?
Mein neuer Landesherr stieg endlich aus dem Reisewagen auf den Thron und verwechselte den Kutschenhimmel mit dem Thronhimmel. Der Rittmeister hielt vor der Kronung eine Bittschrift bereit, worin er so trotzig wie ein Sattler sein Geld verlangte; nach der Kronung hatte der Furst wie ein Demant so viel Feuerglanz aus seiner Krone und seinem Zepter eingeschluckt, dass sein Glaubiger vom Gerichthalter ein neues Memoriale machen liess und bloss um die Zinsen anhielt. Da er nichts bekam, nicht einmal eine Resolution: so wollt' er mehr fordern. Denn er bedachte nicht, dass unsere regierende Brotherrn in Scheerau selten Geld haben. Wenn wir ausserordentliche Gesandtschaften bekommen oder senden, wenn wir taufen oder begraben lassen, der Kriege gar nicht zu erwahnen: so haben wir wenig oder nichts als Extrasteuern, diese metallischen Stutzen und Klammern des murben Thrones. In dem Kammerbeutel deuten wir, wie in der Heraldik, das Silber durch leeren Raum an.
Aber dem Schuldner und Glaubiger war bald geholfen. Letzter, der Rittmeister, marschierte als Cicerone mit seinem Gustav durch das Kadettenhaus und zeigte ihm alles, um ihm alles zu loben, weil er mit seinem Kopf einmal in einen Ringkragen hinein sollte als der junge Furst auch ankam und auch alle Gemacher besah, nicht um alles wieder auf dem nachsten Sattel zu vergessen, sondern um gar nichts zu bemerken. Es tat mir leid denn ich war auch mitgekommen , dass jeder Professor sich darauf verliess, der Regent zahle, wenn nicht jedes Haar auf seinem Haupte, doch jede Locke an seiner Perucke; denn er wurde nicht einmal meiner und meines Anstandes ansichtig; aber ganz naturlich, da ihm ein solcher Anstand in den feinsten Salen aller Lander schon etwas Altes geworden war. Er trug denn wie lang' war er vom Reisen heim? den Furstenhut mit der Ungezwungenheit eines Damenhutes; keine lange Regierung hatte noch die Krone finster hereingedruckt, und die geraden Menschen brachen sich in den Medien, Feuchtigkeiten und Hauten seines Auges noch nicht zu krummen Baugefangnen. Seine Worte bot er mit der Freigebigkeit eines Weltmanns noch wie Schnupftabak herum. Endlich erhielt auch Falkenberg eine Prise. Ich sehe meine beiden Prinzipale noch gegeneinander stehen meinen adeligen und verborgenden Prinzipal mit dem festen, aber gehorchenden Anstande eines Soldaten, in Embonpoint und aufquellende Muskeln gedruckt, und mit dem leichtglaubigen Wohlwollen, das gutmutige Menschen fur jeden hegen, der gerade mit ihnen spricht den gekronten und insolventen Prinzipal aber mit dem malerischen Anstand, worin jedes Glied sich in den andern hinein verbeugt und worin selbst die Stellung eine fortdauernde Schmeichelei ist, mit einem vielblatterigen Faltenwurf im lahmgespannten Gesicht, mit einer Gefalligkeit, die weder verweigert noch halt. Meine Pate sah die allgemeine Gefalligkeit des Krontragers fur eine ausschliessende gegen sich an; sie dachte, er tue seine Fragen, um eine Antwort zu haben; und als vollends mein gnadigster Furst und Landesherr geaussert hatten: "der kleine Gustav sei hier an seiner Stelle, er interessiere durch sein air de reveur starker, als man sich selber die Rechenschaft zu geben wisse, und man wurde ihn, sobald er fur diese Zimmer gross genug ware, dem Vater mit 13000 Rtlr. Handgeld abkaufen": so war der Rittmeister ausser sich, oder vielmehr aus seiner Bitte; seine Bittschriften wurden Dankadressen; sein Wunsch war, dass ich schon acht Jahre Hofmeister bei ihm gewesen ware; seine Hoffnung war, das Geld komme nach; und der wahre Vorteil war, dass der Sohn ins beste deutsche Kadettenhaus kame.
Man tut mir keinen Gefallen, wenn man ihn auslacht. Freilich schwur er auf seinem Schlosse, "Hofleuten traue er keine Hand breit und die ganze Nation stink' ihn an"; hingegen solchen Hofleuten, mit denen er gerade zu tun hatte, traut' er mehr allein militarische Unwissenheit der Rechte ist bei ihm an vielem schuld; wie soll er als Soldat wissen, dass ein Furst zu keiner Bezahlung verbunden ist? Vielleicht ists nicht einmal allen Lesern so bekannt, als sie vorgeben werden. Ein Regent braucht aus drei Grunden nicht einen Heller zu bezahlen, den er seinen Landeskindern abgeliehen (borgte sein Herr Vater: so versteht sichs von selber). Erstlich: ein Gesandter, er sei vom ersten oder dritten Rang, stiesse die altesten Publizisten vor den Kopf, wenn er seine Schulden abtruge; nun kann er, der ja der blosse Reprasentant und die abgedruckte Schwefelpaste des Regenten ist, unmoglich Rechte haben, die dem Urbilde abgehen, folglich wird nicht bezahlt. Zweitens: der Furst ist oder wir durfen unsern akademischen Nachmittagstunden kein Wort mehr glauben der wahre summarische Inbegriff und Reprasentant des Staates (wie wieder der Envoye ein Reprasentant des Reprasentanten ist oder ein tragbarer Staat im kleinen) und stellet folglich jedes Staatsglied, das ihm einen Kreuzer leihet, so vor, als wenn ers selber ware; mithin leihet er sich im Grunde selber, wenn ein solches zu seinem reprasentierenden Ich gehoriges Glied ihm leihet. Gut! man gesteht es; aber dann gestehe man auch, dass ein Furst sich so lacherlich machen wurde, wenn er seinen eignen Landeskindern wieder bezahlen wollte, als sich der Vater des Generals Sobouroff machte, der die Kapitalien, die er sich selber vorstreckte, sich ehrlich mit den landesublichen Interessen heimzahlte und sich nach dem Wechselrecht bestrafte. Woher kam' es denn als aus der Verwandtschaft mit dem Throne und dessen Rechten, dass sogar Grosse im Verhaltnis ihres Standes und ihrer Schuldenmasse fallieren durfen? Oder warum ist ein gerichtliches Konsens- oder Hypothekenbuch der richtigste Hofadresskalender oder almanac royal?
Drittens: der geflickteste Untertan kann sich von seinem Fursten Anstandbriefe oder Moratorien verschaffen; wer soll sie aber dem Fursten geben, wenn ers nicht selber tut? Und tut ers Gewissens halber nicht: so kann er sich doch wenigstens alle funf Jahre ein erneuertes Quinquennell bewilligen.
Einen vierten Grund wusst' ich aber nicht.
Fussnoten
1 Im Scheerauischen war damals, wie in noch einigen Staaten, den Untertanen alle Trauer verboten.
Vierzehnter Sektor
Eheliche Ordalien funf betrogene Betruger
Einen Hofmeister hatte Falkenberg also jetzt und die Hoffnung der 13000 Rtlr. und eine Kadettenstelle fur seinen Sohn Rekruten braucht' er nur noch. Auch diese fuhrte ihm und seinen Unteroffizieren der Maulwurfs-Moloch Robisch reichlich zu; ich weiss aber nicht, was die Kerle wollten, dass sie, wenn Robisch seinen Kuppelpelz und sie ihr militarisches Patengeld hatten mit letztem meistens davongingen. Im Maussenbacher Wald fielen Diebe den Transport an, und nach dem Ende der Schlacht waren Feind und Transport vom Schlachtfelde geflohen. Den Rittmeister druckt' es sehr, weil er, der fur sich und seine Familie nicht die nutzlichste Ungerechtigkeit beging, zuweilen auf dem Werbplatz eine kleine verstattete.
Dem stillen Gustav machte der laute Stadtwinter die langsten Stunden. Er sah keine weisse Kopfbinde und kein schwarzes Lamm vorbeitragen, ohne auf einem Seufzer hinuber zu seinem zauberischen Wall und unter seine Sommerfreuden zuruckzufliegen. Wenn ihn die ungezogne Nachkommenschaft Hoppedizels fur dumm hielt, weil er nicht listig, fur stolz, weil er nicht laut war: so stillte er das Bluten seines Innern, das verlacht und geneckt wurde, mit dem Gedanken an die Menschen, die ihn geliebt hatten, an seinen Genius und an seine Schaferin. Um seinen Amandus hatt' er so gern eine andere als Hoppedizelische Nachbarschaft gehabt, so gern die Fluren und den freien Himmel seiner Heimat! Er liebte das Stille und Enge neben sich und das Unermessliche in der Natur. O wenn du bei mir bist, Trauter, wie will ich dich schonen und lieben! Dein Auge soll nie trube neben meinem Lehrstuhle werden, dein Herz nie schwer! Du zarte Pflanze sollst nicht mit einschneidendem Bindfaden um mich wie um eine richtende Hopfenstange geschnuret sein, sondern mit lebendigen Efeuwurzeln sollst du selber mich als etwas Lebendiges umfassen!
Uberhaupt hatte man im Hoppedizelischen Hause ein verdammtes Hundeleben, wie ich selber oft sah, wenn ich und der Hausherr einander uber die ersten Prinzipien der Moral bloss moralisch bei den Haaren hatten: denn alles hatte da einander dabei, aber physisch, ein Hund den andern die Knaben die Madchen die Dienerschaft einander die Herrschaft die Dienerschaft der Professor die Professorin, wovon ein merkwurdiges Faktum abgedruckt werden soll und alle diese einander wechselseitig nach der Vermischrechnung. Zum Ungluck hatte Hoppedizel nie Achtung fur irgendeinen Menschen (mithin Verachtung auch nicht);er borgte alles, besudelte alles, kompromittierte jeden, verzieh jedem und zuerst sich. Im Winterquartier des Rittmeisters waren die olfarbigen Tapeten (Elle zu 24 Gr.) eine spanische Wand zwischen des Rittmeisters leerem Raum und zwischen der Wanzen Wandspalten; der Ofen war gut, aber wie der Babylonische Turm ohne Kuppel; die Zimmerdecke drohte (wiewohl gleich manchen Thronhimmeln schon lange ohne Schaden) einzubrechen und den grossten Philosophen die Kopfe einzuschlagen, die von Stein auf dem Spiegeltische standen. Er hatte oft darum wenig Zartheit fur die Leute, weil er sich darauf verliess, dass sie deren zu viele hatten, um die Unsichtbarkeit der seinigen zu rugen in Unterscheerau machen wirs nicht anders. Aber nun kommt der Zufall, der uns alle eher daraus wegtrieb.
Der Professor hatte namlich, wie die meisten Leute, keinen Geschmack in Mobeln; am liebsten stellte er die besten unter die elendesten, die feinste Pissvase unter ein Grossvaterbett und gegenuber einem sandigen Waschgefass, eine geputzte Livree seines Bedienten hinter versaumten Anzug seiner Kinder u.s.w. Nun beging er allemal einen Friedensbruch an seiner Frau dadurch, dass er nie leer heimkam; er hatte immer etwas erhandelt, das nichts taugte; er hatte die Schwachheit unzahliger Manner, sich weiszumachen, er verstande die Haushaltkunst so gut wie die Frau, wenn er nur anfangen wollte Sachen, die man lange treiben sieht, glaubt man zuletzt selber treiben zu konnen Sie hatte die Schwachheit unzahliger Weiber, sich vorzuschmeicheln, der Eheherr sei ein wahrer Ignorant im Haushalten und konn' es nicht einmal erlernen, wenn er auch wollte. "Red' ich in deine Buchersachen auch?" fragte die sehr grob verkorperte Professorin. Man konnt' es also bei jeder Mobelversteigerung oder auf jedem Jahrmarkt in einer Kalenderpraktika neben den Kriegen der grossen Herren prophezeien, dass hier ein kleiner zwischen dem Ehepotentaten und der andern feindlichen Macht ausbrechen werde; weil diese seinen Kommerzien-Traktat nicht leiden konnte; das Ehepaar feierte dann seine olympischen Spiele der Zunge und Hande und konnte die Zeitrechnung der Ehe nach diesen Olympiaden abteilen.
Weiter! Unser neue Regent liess da das Volk in Italien den Palast des verstorbnen Papstes und Doge gratis erhalt die Mobeln seines Herrn Vaters um Weniges versteigern; er tats wie alle Kronprinzen aus Achtung gegen ihn, damit das Volk ein Andenken vom Seligen, wie das romische die Garten von Casar, erben konnte. Der Professor wollte auch erben und erstehen. Er bot also zum Besten des Rittmeisters, in dessen Zimmer die Kommode, der Spiegel und die Sessel jammerlich waren, nicht auf diese drei Dinge, sondern auf drei benachbarte auf zwei schone Bronze-Vasen mit Ziegenkopfen und Myrtenblattern fur die elende Kommode, auf einen gerad- und spitzbeinigen Spiegeltisch unter den elenden Spiegel, auf eine prachtige Bergere zwischen die elenden Sessel. Es wurde ihm zugeschlagen. Sein erstes Wort, als er aus dem Auktionzimmer in seines trat, war an seine Frau: "Ist der Rittmeister droben? Ich hab' schone Dinge fur ihn erstanden." Jetzo sang sie schon den ersten Vers ihres Kriegliedes, ohne ein Kaufstuck noch zu kennen. Er nannte ihr keines; denn er hatte das grosste Ungluck eines Ehemannes, namlich Verachtung gegen seine Frau, so wie sie hingegen ihm gegen alle Menschen, sogar gegen die besten, beitrat, ausser gegen sich nicht. Unter dem Abholen der Kaufstucke antwortete er auf den ersten Vers des Krieggesanges und nannte doch keines; und so antiphonierten sie bloss. Endlich wurden die Ziegenkopfe und Spitzbeine ins Haus gesetzt. Da ging das Krieggeschrei los: "Das ist dumm, dumm, dumm! Ei du dummer Mann du! das Zeug! den Bettel! wo waren heute deine funf Sinne? Ich bezahle keinen Deut." (sie war ohnehin nie Kassierer) "Und so teuer! Aber wenn man Kinder und Narren zu Markt etc." Er sagt ganz kalt: "Lasse nur nichts drankommen und schaff es hinauf zum Rittmeister, mein Schatz!" Sie gehorchte den Augenblick; ging aber in seine Stube und offnete alle Schleusen ihres rauschenden Zorns. Spat unter diesem Rauschen sagt' er endlich drohend: "Du weisst, Frau! ...." Nun wurde in ihrem Munde aus dem Wind ein Sturm. Er war kein Mann, den Zorn oder irgendeine Leidenschaft fortrissen, sondern ein echter Stoiker war er und immer bei sich; daraus lasset sichs erklaren, warum er, da Epiktet und Seneka Stoikern den verbotnen innern Zorn durch den aussern Schein desselben zu ersetzen raten, um die Leute zu bandigen, sich sogar dieses zornigen Scheins befliss und gelassen seine Faust petrifizierte und diesen Knauf als eine Leuchtkugel auf diejenigen Gliedmassen seiner Gattin warf, die ohne Licht in der Sache waren. Dieser stumpfe Wilsonsche Knopfableiter ihres Zorns zog erst die grossten beredten Funken aus ihr hervor; und in der Tat ists in der Ehe wie in den alten Republiken, die (nach Homes Bemerkung) nie grossere Redner trugen als in sturmenden kriegerischen Zeiten. Er machte das Sinnliche bloss zum Fahrzeug des Geistigen und begleitete seine Hand mit ausgewahlten Bruchstucken aus Epiktets Handbuch: "Ich bin wahrlich ganz bei mir;" (sagt' er) "aber du schreiest gar zu sehr, wenn ich mich nicht dreinschlage." Sein weltlicher Arm bewegte sich auf ihr fort. "Ich fahre immer fort" (fuhr er fort) "inzwischen danke Gott, dass dein Mann so viel Gelassenheit hat, dass er alles abwagen kann, was er tut." Sie wurde nicht eher kalt, als bis er hitzig wurde; dieses merkte sie daraus, wenn er wie Sokrates stumm wurde und seine Hand mit seiner herabgerissenen Schlafmutze bewaffnete und beflugelte. So heiss ihr vor seinem einschlagenden Gewitter seine stechende Sonnenfreundlichkeit vorkam: so unangenehm kalt war ihr nach demselben sein Gewolke; kurz beide spielten vor und nach dem Kampfe umgekehrte Rollen. Diesesmal traf ihr Zorn eine Wetterscheide an und zog sich ganz uber den, der unter den ziegenkopfigen Vasen auf der Bergere sass, auf den Rittmeister. Dieser liess auf die erste Zeitung dieses ekelhaften Krieges sein Wintergerate in Scheerau einpacken und das Sommergerate in Auenthal auspacken und ging zwar.
Aber er ware beinahe geblieben.
Ubrigens wunsch' ich dieses geschilderte schlagfertige Ehepaar mit seinen Ehe- und Schlagringen nicht zu sehr von der feinern Ehewelt, die sich nie ausprugelt, verachtet zu sehen; denn wahrlich die atzenden Giftworte, die das raffinierte Ehepaar einander zutropfelt, das verhaltene, wie ein Blasenpflaster ziehende Kranken, womit sie einander wund und heil machen wollen, reisset die Wunde bloss tiefer unter der Haut und macht zwar nicht den Chirurgus, aber wohl den Doktor notig.
Jetzt will ich berichten, warum der Rittmeister beinahe geblieben ware.
Hoppedizel hatte ausser ihm an einem Nachmittag funf Leute bei sich, den Gerichthalter Kolb, den Flossinspektor Peuschel, einen alten Karmenmacher, einen Hofzimmerfrotteur und einen Hofjunker; denn was wird der Leser nach Zunamen dieses Volks fragen? Er zog erstlich den Gerichthalter beiseite und sagte zu ihm: "heute sollt' er einen Spass machen und den vier andern Herren mit gefarbtem Wasser, das sie fur Wein hielten, zutrinken, damit diese sich in wahrem Wein besoffen." "Recht gut!" sagte der Gerichthalter, "sie sollen alle an den Gerichthalter gedenken." Das namliche sagte der Professor dem Flossinspektor, dem Karmenmacher u.s.w.; alle antworteten: "Recht gut! sie sollen alle an den Flossinspektor, an den Karmenmacher u.s.w. gedenken." Jeder wollte vier Mann zum Narren haben; der Professor wollte funf Mann dazu haben allen gelang es.
Abends wurden funf Korbe gefarbtes Wasser ins Zimmer getragen; jeder ruckte hinter sein Schenktischchen und schraubte den Korkstopsel vom QuasiWein ab. Die ersten Flaschen Bouteillenwasser wurden still von der Gesellschaft eingezogen; wahre Pfiffigkeit musste der Lust- und Wasserpartie diesen Schein stufenweiser Berauschung vorschreiben.
Nun aber hob das Sonnensystem sein Wasserziehen an. "Der Wein konnte starker sein", sagte jeder und wollte jeden betrugen. Der Gerichthalter mit rosenroter Nasenknospe spritzte seinen Kadaver statt des Spiritus mit mehr Wasser aus, als er in seiner ganzen Ewigkeit a parte ante selbst getrunken oder gepsst, oder aus fremden Augen gedruckt. Ein Mensch, der so wasserhaltig wie er wird, dass er sich schwer aufrecht erhalt vor Nuchternheit, macht andern Trunkbundnern leicht glaublich, es sei vor Betrunkenheit; und alle lachelten sehr, da er lachte.
Der Flossinspektor Peuschel leitete einen ganzen Wasserschatz in den Magen und machte seine Blutadern zu Wasseradern; aber er argerte sich halb, dass er die andern mit seinem Schein-Gesoff betrugen musste, und sehnte sich heimlich statt der verstellten Betrunkenheit nach echter.
Der Zimmerfrotteur mazerierte und laugte sich im Grunde durch das geschminkte Wasser aus und ersaufte beinahe sein gallisches Ubel so schluckte der Schadenfroh.
Dem Hofjunker, der sich fast den Magen entzweisoff, schlugs schlechter zu; drei Tage nachher schmolz er an einer incontinentia urinae hin. Bloss durch den zellulosen Karmenmacher fuhr eine ganze aufgefarbte Sundflut ohne Schaden glatt hinein und hinaus; er sah aber munter und satirisch herum und lauerte darauf, wenn sein Nachster hinter den vier Tischen besoffen ware.
Etwan eine flammende Scheune ware mit ihren Walfisch-Bescheiden zu retten gewesen .... Nun kam die Zeit, da jeder betrunken scheinen musste, wer Spass verstand sie diskutierten und lallten widereinander mit uberschweppender baumender Zunge der Junker und Frotteur streckten sich gar in die Stube als zwei Lagerbaume hin, und ihre bauschenden Unterleiber, sollte die Welt denken, lagen als Weinschlauche auf den Baumen der Amtmann machte die Augen zu, das Maul auf der Karmenmacher stellte sich vor, am tollsten und plausibelsten wurd' ers machen, wenn er erstlich gleich wahren Betrunknen vorschwure, er sei nuchtern, und zweitens, wenn er so gegen die Bettpfoste umsanke, dass er ein wahres Lochelchen kriegte. Er hatte sich auch glucklicherweise eine Wunde verschafft, die grosser war als seine Trunkenheit, und wollte aus Rache mit der Nachricht vorbrechen, er habe die Vierherren zum Narren und bloss Wasser gehabt der Professor wollte auch alles heraussagen, wie alles und der Wein ware die andern wolltens auch und lachten schon samtlich voraus: als zum Ungluck der langst ubersattigte Flossinspektor sich zum Frotteur abgeschlichen und diebisch statt eines Gegengiftes und Konfortativs gegen seinen nachgedruckten Wein die vorgebliche Originalausgabe desselben gekredenzt hatte aus des Frotteurs oder Reibers Kelch .... es war auch Wasser darin wie in seinem blitzschnell und halbnarrisch kredenzte er die Kelche aller Wassergotter in allen war Wasser da fuhr er mit allen heraus und die ganze Marine kredenzte fliegend herum, und jeder sollt' es im Ernste sagen, ob er toll und voll ware. Leider war die ganze Spassbruderschaft nuchtern. Der Rittmeister, dem solche Scherze lieber waren als Fastnachthuhner, verwandelte aus Liebe zur Moral die allgemeine Verstellung der Betrunkenheit in reine Aufrichtigkeit und vollfuhrte es durch echten Wein. Als nachher das Funfeck nach Hause hupfte und diese funf torichte Jungfrauen als funf kluge, wiewohl mit der Wasser-Plethora, heimzogen, so sagt' er: "Bei meiner Seele! so etwas sollte man drucken lassen." Und wahrhaftig, hier lasset man es ja drucken.
Ich mochte gern von diesem Hoppedizel, eh' ich und der Leser aus seinem Hause ziehen, ein Medaillon, eine Abschattung zum Andenken mit uns nehmen; aber es grauet mir vor der Arbeit lieber bossier' ich alle Charaktere dieses Werkchens in Papier oder Wachs als diesen Mann. Sein Charakter besteht aus hundert kompilierten Charaktern, seine Kenntnisse aus allen Kenntnissen, sein Scharfsinn aus Skeptizismus, seine Laster aus Stoizismus, seine Tugend aus einem System uber die Tugend und seine Handlungen aus Schnurren, Schnacken und Charakterzugen.
Dennoch oder demnach liebte ihn der Rittmeister, weil er ihn oft sah (er war fast jedem gram, der ihn nicht besuchte) und weil beide lustig waren und weil hundertmal Menschen einander lieben, ohne dass ein Teufel weiss warum. Falkenberg hatte sich fur jeden Freund, selbst fur den, der ihn erst beruckt hatte, mit dem Behemoth selber geschossen aus Ehre und Gutherzigkeit; der Professor hingegen zog reine Moral, gleichsam als reine Mathematik, der angewandten weit vor und handelte selten. Man erinnert sich daher gern an seine schone Selbstandigkeit in Grundsatzen, die er einmal in Auenthal als Gast bewies, da nachts um 12 Uhr statt des Rittmeisters aus dem aufgeturmten Schnee bloss der leere Gaul heimkam. Ein andrer, z.B. der Rittmeister selber, ware auf demselben Gaule aufgesessen und hinausgeritten, um den Ausgebliebenen zu suchen und zu retten; allein der Professor schneuzte nett das Talglicht und setzte sich an die trostlos fortweinende Ehefrau welche schon fruher bei einem blossen kurzen Verspaten in jeder Nacht sich abangstigte, ob sie gleich an jedem Morgen darauf sich ausschalt und sagte mit Fassung zu ihr: "sie moge nur weinen, so viel sie wolle, er erlaub' es gern; es schade wenig, erleichtere vielmehr das Herz; und wasche dabei die Augapfel ab und breche zu heftiges Licht; die ubrigen Tranen mussten ohnehin durch die Nasenhohle in den Schlund und Magen sickern und dem Verdauen helfen; ihren Mann aber anbelangend, so konne das Schlimmste, was ihm zugestossen, ohnehin nur sein, dass er erfroren ware; er kenne aber halb aus Erfahrung kein sanfteres Sterben als das aus Kalte denn es sei im Grunde so viel, als werde man gehenkt oder ersauft; denn man sterbe am Schlagfluss."
Aber, wie gesagt, der Rittmeister liebte und verliess ihn doch.
Funfzehnter Sektor oder Ausschnitt
Der funfzehnte Sektor oder Ausschnitt
Vor der Abreise gab ich allen, besonders der Residentin von Bouse, die geborgten Musikalien zuruck; und dieser, die mir so viel aus Italien geliehen, lieh ich noch etwas Bessers aus Deutschland, meine Schwester Philippine namlich: diese soll da die kleine Tochter der Residentin bilden helfen; aber sie wird unter den zarten Fingern einer solchen talentvollen Dame selber mehr gebildet werden, als sie bildet. Moge sie da nur nie ihr rasches, zitterhaftes, scherzendes und doch fehlendes Herz zu einem koketten umsetzen! Moge sie ihrer Laura (eben der Tochter der Residentin) das Joch der koketten Erziehung luften, da das arme Kind bestandig unter der Glasglocke des Fensters schmachtet, den Leib unter der Bettdecke in 4 Lot Fischbein einkeilt, die Handchen auch wieder nachts in die Handschuh-Hulsen sperret und das Kopfchen mit einem Blei an Haaren ruckwarts gewohnt. Bekanntlich lebt die Mutter, die Residentin, eine halbe Stunde von der Stadt zu Marienhof, im sogenannten neuen Schloss, das mit einem alten zusammenstosset, welches, glaub' ich, vermietet ist.
..... Aber zu meinem Gefolge in dieser Lebensbeschreibung stossen mit jedem Bogen, seh' ich, mehr Leute und machen mir das Lenken und Schwenken sauerer. Ich wollte lieber, ich war' ein Reichstand und hatte Millionen zu regieren und einzunehmen als hier dieses fatale Menschen-Siebeneck, das mit Muhe in die rechten Ausschnitte zu treiben ist und worunter ich selber der widerhaarigste bin. Denn mir, als blossem Lebensbeschreiber, stehen weder Reichskammergericht noch Exekutiontruppen gegen mein Siebeneck bei; war' ich aber ein Reichstand, so taten sie schon manches versprechen.
Unsern Abschiedwagen in Scheerau umgab die lustige Kalte des Professors das arbeitsam Geschrei seiner Stoikerin das zartliche Lacheln des Pestilenziarius mit Iltisschwanzen das gute Herz seines Sohnchens, das kaum mit Lugen von Gustav abzuschneiden war und meine dankbaren Erinnerungen an unsichtbare Stunden, an geliebte Menschen und an alle meine Schulerinnen O dass doch der Mensch hier so viel vergehen sieht, eh' er selber vergeht.
Unterweges weinte Gustav im Wagen immerfort in unsere Gedankenstille hinein; aber der Alte, dem doch selber das Herz so leicht zerlauft, wurde endlich daruber toll und sagte zu mir: "Ich sehe immer mehr, dass mir ihn der Herrnhuter" (er meinte den Genius) "zu einer Milchsuppe eingeruhrt hat; und wenn Sie ihn nicht, Herr Hofmeister, ein bisschen kernhaft machen, so wird einmal ein weinerlicher Soldat herauskommen, der kaum zu einem Feldprediger taugt; denn auch der muss manchmal sich auf einen Kernfluch verstehen."
Den Herrnhuter brachte er im Kopfe nach dem Stadtchen Issig, als folgendes Selbgesprach vor unserem Wagen vorbeiging: "Ich bin ein Esel und ein rechter Spitzbube von Hause aus, ich elender Schlingel. O ich Racker allzumal und verflucht-bekannter alter Hollenbrand! Sollte man mich denn nicht entzweisagen und braten, mich Teufel, mich Matz und Vieh!" sagte ein Schulknabe, den alle Schulkameraden umliefen und beklatschten. "Er spricht", sagte mein Prinzipal, "wie eine herrnhutische Bestie, die sich heruntersetzt, um jeden andern noch mehr herabzusetzen." Aber nicht im geringsten; ein armer Teufel wars, der Hunger hatte und Humor, und fur welchen die ganze Schule Brotkrumen und Apfel zusammengeschossen hatte, wenn er ihr den Gefallen tate und auf sich entsetzlich schimpfte ....
Schones Auenthal! dein Schnee ist schon weg?
Sechzehnter Sektor
Erzieh-Vorlegblatter
Da ich meine Pretiosen (Manuskripte warens) und meine Effekten (das Guterbuch derselben war uber dreissig Zeilen dick) und mein Vaterliches und Mutterliches (das war ich selber) in meiner Wohn- und Schulstube herumgestellet hatte; da ich schon vorher mit drei langen Schritten an meine Fensteraussicht getreten war, die in einer Windmuhle, in der Abendsonne und einem Starenhauschen an einer Birke bestand: so konnte ich sogleich ein ausgemachter Hofmeister sein, und ich durfte nur anfangen; ich konnte jetzt die ganze Woche ernsthaft aussehen und meinen Zogling auch dazu notigen alle meine Worte konnten Wochenpredigten, alle meine Gesichter Gesetztafeln sein ich hatte sogar zwei Wege vor mir, ein Narr zu sein: ich konnte eine unsterbliche Seele sich halbtot deklinieren, konjugieren, memorieren und analysieren lassen im Lateinischen ich konnte aber auch seine junge Zirbeldruse in hohere Wissenschaften eintunken und versenken, so sehr, dass sie ganz aufschwolle und sich gross anschluckte von Logik, Politik und Statistik ich konnte mithin (wer wehrte es) die Beinwande seines Kopfes zu einem durren Bucherbrett aushobeln, den lebendigen Kopf zu einem Silhouettenbrett, woran sich gelehrte Kopfe abschatten, entzweidrukken; sein Herz hingegen liess sich verarbeiten aus einem Hochaltar der Natur zu einem Drahtgestell des alten Testaments, aus einer Himmelkugel zu einem engen Paternosterkugelchen der Frommelei, oder gar zu einer Schwimmblase der Weltklugheit wahrhaftig, ich konnte ein Tropf sein und ihn zu einem noch grossern machen ....
Dich Trauten! Dich Arglosen, Freundlichen, der du dich mit deinem ganzen Schicksal, mit deiner ganzen Zukunft in meine Arme warfst! O es tut mir schon wehe, dass so viel von mir abhangt!
Da aber vom Hofmeister meiner kunftigen Kinder ebensoviel abhangt: so will ich fur ihn hier folgende Erzieh-Vorlegblatter drucken lassen, die er nicht ubelnehmen kann, weil ich den guten Mann ja noch nicht kenne und nicht meine.
"Mein lieber Herr Hofmeister!
War' ich der Ihrige: so setzten Sie sich gewiss nieder und schrieben mir folgende recht gute Regeln auf: Die Naturgeschichte sei das Zuckerbrot, das der Schulmeister dem Kinde in der ersten Stunde in die Tasche steckt, um es anzukodern, so auch Geschichten aus der Geschichte. Aber nur nicht komme die Geschichte selber! Was konnte nicht diese hohe Gottin, deren Tempel auf lauter Grabern steht, aus uns machen, wenn sie uns zum ersten Male dann anredete, wann unser Kopf und Herz schon offen waren und beide die grossen Worter ihrer Ewigkeitsprache Vaterland, Volk, Regierform, Gesetze, Rom, Athen verstanden! Was Herrn Schrockh anlangt, der noch ehrliche Gelehrtenhistorie und reine Waisenhaus-Moral mit beigeschaltet, so schneiden Sie mir, Herr Hofmeister, nur nicht aus seinem Buche die Kupferblatter mit heraus, und am englischen Einband ist mir auch gelegen.
Geographie ist ein gesundes Voressen der kindlichen Seele; auch Rechnen und Geometrie gehort zum fruhen wissenschaftlichen Imbiss; nicht weil sie denken lehren, sondern weil sie es nicht lehren (die grossten Rechenmeister und Differentialisten und Mechaniker sind oft die seichtesten Philosophen) und weil die Anstrengung dabei die Nerven nicht schwacht, wie Rechenrevisoren und Algebraisten beweisen.
Philosophie aber oder Anspannung des Tiefsinns ist Kindern todlich oder knickt die zu dunne Spitze des Tiefsinns auf immer ab. Tugend und Religion in ihre ersten Grundsatze bei Kindern zuruckzerspalten, heisset, einem Menschen die Brust abheben und das Herz zerlegen, um ihm zu zeigen, wie es schlagt. Philosophie ist keine Brotwissenschaft, sondern geistiges Brot selber und Bedurfnis; und man kann weder sie noch Liebe lehren; beide, zu fruh gelehrt, entmannen Leib und Seele.
Es gefallet mir, dass Sie selber erklarten, Sie wurden das Franzosische dem Lateinischen, das Sprechen den grammatischen Regeln (d.h. den Laufwagen den Theorien von der Muskelbewegung) vorausschicken und die toten Sprachen spater vornehmen, weil sie mehr durch den Verstand als durch das Gedachtnis gefasset werden. Latein wird zum Teil darum so schwierig, weil es so fruhzeitig vorkommt; im funfzehnten Jahre tut man darin mit einem Finger, wozu man fruher die Hand brauchte.
Abscheulich ists, dass auch schon unsere Kinder lesen und sitzen und den Steiss zur Unterlage und Basis ihrer Bildung machen sollen. Das belehrende Buch ersetzt ihnen den Lehrer nicht, das belustigende das gesundere Spielen nicht; die Dichtkunst ist fur ein unbartiges Alter noch zu unverstandlich und ungesund; der Lehrer, der vorlieset, muss erbarmlich sein, wenn er nicht weit nachdrucklicher spricht. Kurz keine Kinderbucher!
In ein padagogisches Stammbuch wurden wir beide schreiben: Vergeblich tadeln ist schlimmer als gar nicht tadeln Fehler, die das Alter nimmt, nehme der Lehrer nicht, der dauerhaftere zu bekampfen hat, u.s.w. Ihr Katechismus sei Plutarch und Feddersen (aber ohne seinen elenden Stil); d.h. keine Moralien, sondern Erzahlungen darnach und noch dazu in keiner besondern Stunde, sondern zur rechten, damit der Kopf meiner Kinder nicht ein Vokabelnsaal von Moralen, sondern ihr Herz eine durchgluhte Rotunda der Tugend werde.
Da der blode, enge, angstliche Anstand der dummste und unnaturlichste ist, so lehren Sie den Kindern den besten, wenn Sie ihnen keinen befehlen; von Natur achten sie weder silberne Sterne noch silberne Kopfe gewohnen Sie ihnen dergleichen nicht ab.
Meine grosste Bitte ist die ich viele Jahre vorher drucken lassen , dass Sie der spasshafteste Mann in meinem Hause sind; Lustigkeit macht Kleinen alle wissenschaftliche Felder zu Zuckerfeldern. Meine mussen bei Ihnen durchaus nach ihrem Wohlgefallen scherzen, reden, sitzen durfen. Wir Erwachsene standen den abscheulichen Schulzwang unserer Abkommenschaft keine Woche aus, so vernunftig wir sind; gleichwohl muten wir es ihren mit Ameisen gefullten Adern zu. Uberhaupt: ist denn die Kindheit nur der muhselige Rusttag zum geniessenden Sonntag des spatern Alters, oder ist sie nicht vielmehr selber eine Vigilie dazu, die ihre eigne Freuden bringt? Ach, wenn wir in diesem leeren niederregnenden Leben nicht jedes Mittel fur den nahern Zweck (wie jeden Zweck fur ein entferntes Mittel) ansehen: was finden wir denn hienieden? Ihr Prinzipal (ein abscheuliches Wort!) hat sich auf seine Verlobung ebensosehr gefreuet als auf seine Hochzeit.
Spielender Unterricht heisst nicht, dem Kinde Anstrengungen ersparen und abnehmen, sondern eine Leidenschaft in ihm erwecken, welche ihm die starksten aufnotigt und erleichtert. Nun taugen dazu durchaus keine unlustigen Leidenschaften z.B. Furcht vor Tadel, vor Strafe etc. , sondern freudige; spielend wurden alle Madchen von Scheerau das Arabische erlernen, wenn ihre Liebhaber in keiner andern Sprache an sie schrieben als in dieser synonymischen. Hoffnung des Lobs ist es, das Kindern (das Lob ausserer Vorzuge ausgenommen) weit weniger schadet als Tadel und gegen welches sich keines, am wenigsten das beste, verstecken kann. Ich will Ihnen hier sagen, was mein eigner Hofmeister fur Erzieh-Ranke anwandte: er nahte sich ein Zifferbuch; in diesem gab er jedem Glied seines Lyzeums (19 waren es) fur jede Arbeit eine grosse oder kleine Zahl; diese Zahlen erwarben, wenn sie auf eine gewisse festgesetzte Summe gestiegen waren, einen Adel- und Fleissbrief, worauf man sein Lob mit nach Hause nahm. Da Belohnungen kraftlos werden, die zu oft oder erst von weitem kommen: so setzte er auf diese geschickte Art den Weg zur entfernten Belohnung aus taglichen kleinen zusammen. Wir konnten ferner unsere Zahlen zusammensparen; und Kinder heftet nichts so sehr an Fleiss als ein wachsendes Eigentum (von Ziffern oder von Schreibbuchern). Solche Zahlen wegstreichen war Strafe. Er machte uns alle dadurch so fleissig, besonders mich, dass ich wenige Jahre darauf imstande war, eine Biographie zu schreiben, die noch jetzt gelesen wird.
Reden Sie mit meinen Lieben nie kurz, nie allgemein, sondern sinnlich, und erzahlen Sie so ausfuhrlich wie Voss seine Idyllen.
So hab' ich die Poussiergriffel und Formzeuge an meinem Gustav gebraucht, wahrhaftig nicht, um ihn seiner Lebensbeschreibung, die ich verfasste, sondern dem Leben anzupassen; ich wollt' aber, der Henker holte das Menschenherz, das fur eigne Kinder nicht tun will, was es fur ein fremdes tat.
Meine Tochter hingegen, werter Herr Hauslehrer, die altern sowohl als die jungern, geb' ich Ihnen nicht in die namliche Schulstunde Madchen konnten mit Knaben ebensogut Schlafzimmer als Schulstube teilen und in gar keine. Ein Hofmeister, der Madchen zu erziehen wusste (und Sie konnens), musste so viel Welt, so viel Weiberkenntnis, so viel Witz, so viel launige Gewandtheit bei ebenso vieler Festigkeit besitzen inzwischen erzieht eine recht gescheite Gouvernante die meinigen: hausliche Arbeit unter dem Auge einer gebildeten Mutter.
Ehe ich diese geheime Instruktion beschliesse, merk' ich noch an, dass sie ganz unnutz ist erstlich fur Sie, weil ein Mann von Genie auch mit jeder andern Methode allmachtig bleibt, zweitens fur den lahmen Kopf, weil er Kindern die Geisteskrafte, er mags machen, wie er will, wie ein alter Schlafgenoss einem jungen die korperlichen, stets auszehren wird. Ich habe uberhaupt diesen padagogischen Schwabenspiegel lange vor meinen Kindern in die Welt vorausgeschickt mithin gar nicht fur Sie, sondern fur ein Buch."
Namlich fur dieses.
Um meinem Prinzipal zu zeigen, was ich in der Erziehung getan hatte, sagt' ich so: "Der Superintendent in Oberscheerau hat einen Wachtelhund, Hetz genannt, den er fur keine Menagerie Schosshunde weggibt. Nun sollte man denken, der Mann, da er Beichtkinder, eigne Kinder und Weine und indianische Huhner genug hat, ware gut daran; aber falsch: Hetz leidet es nicht. Denn sobald die Suppe auf dem Tische raucht: so umschifft Hetz den Tisch, springt in die Hohe seine Schnauze liegt dann wasserpass in einer Ebene mit der Rehkeule und billt und stochert mit dem Kopfe an jedes Knie so sehr, besonders ans geistliche, dass der Mann seines Orts wie in einem Fegefeuer fortschlucket und haufig nicht weiss, kauet er Zucker oder Salz. Es rettete ihn nicht, dass er oft den Hund selber anboll; die Radikalkur dagegen aber ware bloss die, Hetzen nie einen Bissen zu geben. Er hielt es auch oft tagelang: aber in der nachsten Mahlzeit bewarf er aus Vergessen oder Unwillen den Plagegeist mit einem Knochen. Dieser einzige Knochen verhunzte den ganzen Hund. Dem Seelenhirten ist, besorg' ich, so lange nicht zu helfen, bis Hetz, der von selbst sich nicht andert, etwa verreckt. Mir hingegen begegnet Hetz mit Vernunft und Schonung: warum? Solang ich an jenem Tische ass, schenkt' ich Hetzen keine Faser, ohne Ausnahme. Auf Hetze und Menschen wirkt Festigkeit allmachtig. Wer keinen Hund erziehen kann, Herr Rittmeister, kann auch kein Kind erziehen; ich wurde Hofmeister, welche in mein Brot wollten, an keinen Probierstein streichen als an den, dass sie mir Eichhornchen und Mause zahmen mussten: wers am besten verstande, zog' ein, z.B. Wildau wegen seiner Bienenzahmung." Aber meine gnadige Pate lachte nie herzhaft uber meine oder Fenkische Scherze; hingegen uber einen Hoppedizelischen lachte sie sehr, und doch hat sie uns beide lieber.
Wenn ich noch zwei Erzieh-Idiotismen wovon der eine ist, dass ich den Witz meines Zoglings so stark als seinen Verstand ubte, der zweite dass ich lauter Autores aus Zeitaltern von unedlen Metallen mit ihm traktierte in einem Extrablatt werde gerettet haben: so gehen wir weiter in sein Leben hinein.
Extrablatt
Warum ich meinem Gustav Witz und verdorbne
Autores zulasse und klassische verbiete, ich meine
griechische und romische?
Ich muss vorher mit drei Worten oder Seiten beweisen, dass und warum das Studium der Alten niedersinke1 und dass es zweitens wenig verschlage.
Wir sind bekanntlich jetzt aus den philologischen Jahrhunderten heraus, wo nichts als die lateinische Sprache an Altaren, auf Kanzeln, auf dem Papier und im Kopfe war und wo sie alle gelehrte Schlafrocke und Schlafmutzen von Irland bis Sizilien in einen Bund zusammenknupfte, wo sie die Staatsprache und oft die Gesellschaftsprache der Grossen ausmachte, wo man kein Gelehrter sein konnte, ohne ein Inventarium alles romischen und griechischen Hausrats und einen Kuchen- und Waschzettel dieser klassischen Leute im Kopfe zu fuhren. Jetzt ist unser Latein Deutsch gegen das eines Camerarius, ders also nicht notig gehabt hatte, seinen schmalkaldischen Krieg griechisch abzufassen; jetzo wird selten eine Predigt lateinisch, geschweige wie sonst griechisch geschrieben und kann Deutsche ubersetzt werden. In unsern Tagen drangt keine Frau mehr ihren eingepuderten infulierten Kopf durch das klassische enge Kummet, wenns nicht Hermes' Tochter tun. Dieses war meinem Leser noch eher bekannt als mir, weil ich junger bin so wie uns beiden auch das jetzige bessere Kommentieren, Rezensieren und Ubersetzen der Alten bekannt genug ist. Nur wuchs mit dem Werte ihrer Verehrer nicht die Zahl dieser Verehrer; alle andre Wissenschaften teilen sich jetzt in eine Universalmonarchie uber alle Leser; aber die Alten sitzen mit ihren wenigen philologischen Lehnleuten einsam auf einem S. Marino-Felsen. Es gibt jetzo nichts als Vielwisser, die alles gelesen haben, nur die Alten nicht.
Der Geschmack am Geiste der Alten muss sich so gut abstumpfen als der an ihrer Sprache. Ich behaupte nicht, dass man in den klassischen Papageien-Jahrhunderten diesen Geist besser fuhlte als jetzo; denn Vossius hing am Lukan, Lipsius am Seneka, Kasaubon am Persius; ich sage nicht, dass damals ein Faust, eine Iphigenie, eine Messiade, ein Damokles geschrieben wurden wie jetzt. Allein ich rede vom jetzigen Geschmack des Volks, nicht des Genies.
Wenn der Geist der Alten in ihrem geraden festen Gang zum Zweck bestand, in ihrem Hasse des doppelten dreifachen Manschetten-Schmucks, in einer gewissen kindlichen Aufrichtigkeit: so muss es uns immer leichter werden, diesen Geist zu fuhlen, und immer schwerer, ihn in unsre Werke zu hauchen; mit jedem Jahrhundert mussen in unserm Stile die Ein-, Uber- und Rucksichten mit unserm Lernen schimmernd wachsen; die Fulle unserer Komposition muss ihre Runde verwehren; wir putzen den Putz an, binden den Einband ein und ziehen ein Uberkleid uber das Uberkleid; wir mussen den weissen Sonnenstrahl der Wahrheit, da er uns nicht mehr zum ersten Male trifft, in Farben zersetzen, und anstatt dass die Alten mit Worten und Gedanken freigebig waren, sind wir mit beiden sparsam. Gleichwohl ists besser, ein Instrument von sechs Oktaven zu sein, dessen Tone leicht unrein und ineinander klingen, als ein Monochord, dessen einzige Saite sich schwerer verstimmt; und es ware ebenso schlimm, wenn jeder, als wenn niemand wie Monboddo schriebe.
Mit unserer Unfruchtbarkeit an Werken im alten Stil nimmt zugleich der Geschmack fur diese Werke zu. Die Alten fuhlten den Wert der Alten nicht; und ihre Einfachheit wird bloss von denen genossen, von denen sie nicht erreicht werden, von uns. Ich denke, aus diesem Grunde: die griechische Einfachheit ist von der der Morgenlander, Wilden und Kinder2 nur durch das hohere Talent verschieden, womit das heitere griechische Klima jene Simplizitat auszeichnete. Das ist die angeborne, nicht erworbene. Die kunstliche erworbene Einfachheit ist eine Wirkung der Kultur und des Geschmacks; die Menschen des 18ten Jahrhunderts waten erst durch Sumpfe und Giessbache zu dieser Alpen-Quelle hinauf; wer aber droben bei ihr ist, verlasset sie nie mehr, und nur Volker, nicht einzelne konnen von Monboddos Geschmack zu Balzacs seinem herabfallen. Dieser erworbne Geschmack, den das junge Genie immer antastet und das bejahrte meistens bekennt, muss von Messe zu Messe durch die Ubung an allem Schonen bei Einzelwesen empfindlicher und scharfer werden: die Volker selber aber verlieren sich jedes Jahrhundert weiter von den Grazien weg, die sich, wie die homerischen Gotter, in Wolken verstecken. Die Alten konnten mithin die naturliche Einfachheit ihrer Hervorbringungen so wenig empfinden, als das Kind oder der Wilde die der seinigen. Die reinen einfachen Sitten und Wendungen eines Alplers oder Tirolers bewundert weder der eigne Besitzer, noch sein Landsmann, sondern der gebildete Hof, der sie nicht erreichen kann; und wenn die romischen Grossen sich am Spielen nackter Kinder labten, mit denen sie ihre Zimmer putzten: so hatten die Grossen, aber nicht die Kinder die Labung und den Geschmack. Die Alten schrieben also mit einem unwillkurlichen Geschmack, ohne damit zu lesen wie die jetzigen genievollen Autoren, z.B. Hamann, mit weit mehr Geschmack lesen als schreiben daher jene Speckgeschwulste und Hitzblattern an den sonst gesunden Kindern eines Plato, Aschylus, sogar eines Cicero; daher beklatschten die Athener keine Redner mehr als die Antithesen-Drechsler und die Romer die Wortspieler. Zur ubermassigen Bewunderung Shakespeares fehlte ihnen nichts als Shakespeare selber. Eben deswegen konnten diese Volker, wie das Kind, von der naturlichen Einfachheit zum gleissenden, lakkierten Witzeln heruntergehen.
Zweitens versprach ich auf drei Seiten zu behaupten, dass die Vernachlassigung der Alten wenig schade. Denn was nutzet denn ihre Bearbeitung? Sie werden wie die Tugend weit weniger gefuhlt und genossen, als man sagt3. Das Vergnugen an ihnen ist die richtigste Neuner-Probe des besten Geschmacks; aber dieser beste Geschmack setzt eine solche geistige Aufschliessung fur alle Arten von Schonheiten, ein solches Rein- und Schonmass aller innern Krafte voraus, dass nicht bloss Home Geschmack unvereinbar mit einem bosen Herzen findet, sondern auch dass ich nachst dem Genie, das ihn nach Entladung seiner geistigen Vollsaftigkeit immer bekommt, nichts Seltners kenne als ihn, den vollendeten Geschmack. O ihr Konrektoren und Gymnasiarchen, die ihr uber die Devalvation der Alten winselt und greint, wenn sie noch Augen hatten, sie wurden uber euere Valvation weinen! O es gehoren andre Herzen und Seelenflugel (nicht blosse Lungenflugel) dazu, als in euren padagogischen Rumpfen stecken, um einzusehen, warum die Alten Plato den Gottlichen nannten, warum Sophokles gross und die Anthologen edel sind! Die Alten waren Menschen, keine Gelehrten; was seid ihr? Und was holt ihr aus ihnen? ...
Copiam vocabulorum In mittlern Jahrhunderten war auch jeder kleine Nutzen der Alten ein grosser; aber jetzt im 18ten, wo alle Volker gradus ad parnassum in den Musen-Granit eingehauen, kommt es auf zwei Treppen mehr oder weniger nicht an. Haben denn die jetzigen Nationen nichts im alten Geschmakke geschrieben? War' es so: so wurden ohnehin Muster, die sich in keinen Ebenbildern vervielfaltigt haben, leicht zu entraten sein; es ist aber nicht einmal so, und die Omarsche Verbrennung aller Alten konnte uns nur ein wenig mehr entreissen, als wenn man den ganzen noch stehenden Herbstflor von einigen griechischen Tempeln und andern Ruinen umbrache: wir wurden doch noch Hauser im griechischen Geschmack bekommen. Die Muster haben ja selber ohne Muster geschrieben, und Polyklets Bildsaule wurde nach keiner Polyklets Bildsaule geregelt. Trotz dem Studium der geschriebenen Antiken lag sonst in Deutschland und liegt noch in Italien die dichtende Schopferkraft auf dem Siechbett.
Wer wie Heyne die alten Sprachen zur formalen Ausbildung der Seele dingen will: der vergisset, dass jede Sprache es kann, und dass eine unahnlichere, wie die orientalischen, es noch besser kann, und dass diese Ausbildung uns zuweilen so teuer zu stehen kommt als manchem Baron sein Franzosisches. Die Griechen und Romer wurden Griechen und Romer ohne die formale Bildung von griechischen und lateinischen Autoren sie wurden es durch Regierung und Klima.
Es ist ein Ungluck fur das Schonste, was der menschliche Geist geboren hat, dass dieses Schonste unter den Handen der Primaner, Sekundaner und Tertianer zerrieben wird dass das Scholarchat glauben kann, die bessere Ausgabe oder die besseren Nominal- und Real-Erklarungen setzten die jungen Gymnasiasten mehr instand, die erhabenen klassischen Ruinen zu fassen, als eine bessere von Druckfehlern gesauberte Ausgabe des Shakespeares und die beigefugten Novellen nebst den Noten einen Schulmann oder Franzosen instand setzen wurden, die Augen vor diesem englischen Genius aufzuschliessen dass sonach das Scholarchat sich einbildet, einen Hamling oder Taufling erhalte nichts kalt gegen die Reize einer Kleopatra als die Hullen dieser Reize und dass die Scholarchate nicht mir und der Natur nachgehen4.
Die Natur erzieht namlich unsern Geschmack durch vorragend Schonheiten fur feinere; der Jungling zieht den Witz der Empfindung vor, den Bombast dem Verstand, den Lukan dem Virgil, die Franzosen den Alten. Im Grunde hat dieser minderjahrige Geschmack nicht darin unrecht, dass er gewisse niedere Schonheiten starker empfindet als wir, sondern dass er die damit verbundnen Flecken und hohere Reize schwacher empfindet als wir alle; denn wir wurden nur desto vollkommner sein, wenn wir zugleich mit dem jetzigen Gefuhl fur das griechische Epigramm das verlorne Jugend-Entzucken uber das franzosische verknupfen konnten. Man sollte also den Jungling sich an diesen Leckereien, wie der Zuckerbacker seinen Lehrjungen an andern, so lange sattigen lassen, bis er sich daran uberdrussig und fur hohere Kost hungrig genossen hatte; jetzo aber ubersetzt er sich umgekehrt an den Alten satt und bildet und reizet damit seinen Geschmack fur die Neuern. In unserer Autoren-Welt erscheinen die traurigen Folgen davon, dass Scholarchate den Anfang mit dem Ende machen und von Schriftstellern, die bloss dem zartesten besten Geschmacke die letzte Runde geben, den gymnasiastischen aus dem Groben wollen hauen lassen und so weder der Natur folgen noch mir.
Die Scholarchate besorgen freilich, "dadurch kame unter die jungen Leute mehr Witz, als schicklich ist, wenn man den Seneka, Epigrammen und verdorbne Autores lese". Meine erste Antwort ist, dass die Konstitution des Deutschen robust und gesund genug ist, um dem Fleckfieber des Witzes weniger ausgesetzt zu sein als andre Volker. Z.B. das witzige Buch "Uber die Ehe" oder Hamanns Schriften machen wir durch tausend reine Werke wieder gut, wo der Witz nicht darin ist. Ich habe daher oft gedacht, so wie der Deutsche von seinen Vorzugen wenig weiss, so weiss er auch von dem nichts, dass er nicht uberflussigen Witz hat, obgleich die Rezensenten mir und den Verfassern der Romane diesen Uberfluss oft genug vorwerfen. Aber ich und diese Verfasser verlangen unparteiische Richter hieruber; sogar diese sonst unbedeutenden Rezensenten selber sind hierin einem Seneka und Rousseau, die beide den witzigen Stil verdammten, bekampften und doch haschten, zu ihrem Ruhm so wenig ahnlich, dass sie den Fehler des Witzes strenge an andern rugen und glucklich selber vermeiden.
Meine zweite Antwort ist tiefer: eh' der Korper des Menschen entwickelt ist, schadet ihm jede kunstliche Entwicklung der Seele; philosophische Anstrengung des Verstandes, dichterische der Phantasie zerrutten die junge Kraft selber und andre dazu. Bloss die Entwicklung des Witzes, an die man bei Kindern so selten denkt, ist die unschadlichste weil er nur in leichten fluchtigen Anstrengungen arbeitet; die nutzlichste weil er das neue Ideen-Raderwerk immer schneller zu gehen zwingt weil er durch Erfinden Liebe und Herrschaft uber die Ideen gibt weil fremder und eigner uns in diesen fruhen Jahren am meisten mit seinem Glanze entzuckt. Warum haben wir so wenig Erfinder und so viele Gelehrte, in deren Kopfen lauter unbewegliche Guter liegen und die Begriffe jeder Wissenschaft klubweise auseinandergesperrt in Kartausen wohnen, so dass, wenn der Mann uber eine Wissenschaft schreibt, er sich auf nichts besinnt, was er in der andern weiss? Bloss weil man die Kinder mehr Ideen als die Handhabung der Ideen lehrt und weil ihre Gedanken in der Schule so unbeweglich fixiert sein sollen wie ihr Steiss.
Man sollte Schlozers Hand in der Geschichte auch in andern Wissenschaften nachahmen. Ich gewohnte meinem Gustav an, die Ahnlichkeiten aus entlegnen Wissenschaften anzuhoren, zu verstehen und dadurch selber zu erfinden. Z.B. alles Grosse oder Wichtige bewegt sich langsam: also gehen gar nicht die orientalischen Fursten der Dalai Lama die Sonne der Seekrabben; weise Griechen gingen (nach Winckelmann) langsam ferner tut es das Stundenrad der Ozean die Wolken bei schonem Wetter. Oder: im Winter gehen Menschen, die Erde und Pendule schneller. Oder: verhehlt wurde der Name Jehovas der orientalischen Fursten Roms und dessen Schutzgottes die sibyllinischen Bucher die erste altchristliche Bibel die katholische der Vedam etc. Es ist unbeschreiblich, welche Gelenkigkeit aller Ideen dadurch in die Kinderkopfe kommt. Freilich mussen die Kenntnisse schon vorher da sein, die man mischen will. Aber genug! der Pedant versteht und billigt mich nicht; und der bessere Lehrer sagt eben: genug!
Fussnoten
1 Diese Bemerkung uber den Verfall hat seit 20 Jahren, wenn nicht in Frankreich, doch in Deutschland viel von ihrer Ausdehnung verloren. 2 In der Erzahlung des Kindes ist die namliche Verschmahung des Putzes, der Seitenblicke und der Kurze, dieselbe Naivetat, die uns oft Laune zu sein scheint und keine ist, und dasselbe Vergessen des Erzahlers uber die Erzahlung, wie in den Erzahlungen der Bibel, der altern Griechen etc. 3 Was die Neuern im Geschmack der Alten schreiben, wird wenig verstanden; und die Alten selber sollen so haufig verstanden werden? 4 Fuhlen denn alle Deutsche die Messiade, die der deutschen Sprache und biblischen Geschichte kundig sind?
Siebzehnter Sektor
Abendmahl darauf Liebemahl und Liebekuss
O geliebter Gustav! die ausgewinterten Tage unserer Liebe schlagen in meinem Dintenfasse wieder in Bluten aus, indem ich sie vorzeichne! Hast du, Leser, irgendeinen Fruhling deines Lebens gehabt, und hangt noch sein Bild in dir: so leg es im Wintermonat des Lebens an deinen warmen Busen und gib seinen Farben Leben, wie Erwarmung das unsichtbare Fruhlinggemalde des Ofens enthullt und belebt denk dir alsdann deine Blumentage, wenn ich unsere zeichne ..... Unsere vier kleinen Wande waren die Staketen eines reichern Paradieses, als sich durch einen Augarten ausstreckt, unser Kirschbaum am Fenster war unser Dessauisches Philanthropinwaldchen, und zwei Menschen waren glucklich, ob sie gleich befahlen und gehorchten. Das Maschinenwerk des Lobes, das ich in dem Regulativ meinem Hofmeister so sehr anpries, legt' ich beiseite, weil es nicht an einen, sondern an eine ganze Schule anzusetzen ist: mein Paternosterwerk war seine Liebe zu mir. Kinder lieben so leicht, so innig; wie schlimm muss ders treiben, den sie hassen! Auf der Skala meiner Strafen-Karolina oder Theresiana standen statt der padagogischen Ehren- und Leibesstrafen Kalte, ein trauernder Blick, ein trauernder Verweis und die hochste, das Drohen, fortzugehen. Kinder von zartem Herzen und von einer immer durch den Wind aufgehobnen Phantasie wie Gustav sind am leichtesten zu wenden und zu drehen; aber auch ein einziger falscher Riss des Lenkseils verwirrt und verstockt sie auf immer. Besonders sind die Flitterwochen einer solchen Erziehung so gefahrlich wie die in der Ehe mit einer feinfuhlenden Frau, bei welcher ein einziger kakochymischer Nachmittag durch keine kunftigen Jahr- und Tagzeiten wieder auszutilgen ist. Ich wills nur bekennen: eben einer solchen sensitiven Frau wegen bin ich Hofmeister geworden. Da die Weiber (hiess es in mir) in einem auffallenden Grade alle Vollkommenheiten der Kinder haben die Fehler derselben schon weniger : so kann ein Mensch, der an den so weit auseinanderstehenden Asten der Kinder sein Gespinste anzukleben und anzuziehen weiss, d.h. der sich in Kinder schicken kann, so sehr schlimm unmoglich fahren als andre, wenn er heiratet.
Wo der Tadel das Ehrgefuhl des Kindes versehrte, da unterdruckte ich ihn, um meine Kollegen in der Runde durch das Beispiel zu lehren, dass das Ehrgefuhl, das unsere Tage nicht genug erziehen, das Beste im Menschen sei dass alle andre Gefuhle, selbst die edelsten, ihn in Stunden aus ihren Armen fallen lassen, wo ihn das Ehrgefuhl in seinen emporhalt dass unter den Menschen, deren Grundsatze schweigen und deren Leidenschaften ineinanderschreien, bloss ihr Ehrgefuhl dem Freunde, dem Glaubiger und der Geliebten eine eiserne Sicherheit verleihe.
Sieben Tage fruher, als recht war, kommunizierte mein Gustav; denn das Konsistorium die Ferne der Pfarrherren, die Ponitentiaria der Gemeinden und die Widerlage der Regierung schickte uns mit Vergnugen als geistige Fastendispensation oder Alters-Erlass (venia aetatis) diese sieben Tage, um welche sein Kommunion-Alter zu leicht war, fur ebensoviel Gulden geschenkt aufs Schloss heraus. Mein Zogling musste also der geschickteste Religionlehrer sass vergeblich zu Hause wochentlich zweimal zum dummen Senior Setzmann in Auenthal abmarschieren, der zum Gluck kein Jurist wie ich war und in dessen Pfarrwohnung ein Rudel Katechumenen die Schnauzen in geronnene Katechismus-Milch stecken mussten Gustav brachte statt des Tier-Russels einen zu kurzen Mund mit.
Gleichwohl war der Senior Setzmann nicht ubel; auf einem Parlaments-Wollensack hatt' er sich zu einem Redner gesessen, d.h. zu einem Ding, das unter den Personen, die ihm anfangs nicht glauben, zuerst seine eigne uberredet Ein Redner ist so leicht zu uberreden, als er uberredet Der Senior war jeden Sonntag in den ersten Stunden nach der Predigt fromm genug; er kann zwar verdammt werden, aber bloss Mangel an Predigten wurd' es tun und der an Bier. Eine vernunftige Betrunkenheit kommt beides dem aszetischen und dem poetischen Enthusiasmus unglaublich zustatten. Die Leser sind meine Freunde nicht, welche sagen, aus blossem Arger und Neid dass mein Gustav seine Stunden horte schrieb' ich es hier in die Welt hinaus, dass der Keller die Pauls- und Peterskirche des Seniors war dass seine Seele, wie geflugelte Fische, nur so lange emporflog, als die Schwingen eingeolet waren dass er immer betrunken und geruhrt zugleich erschien und eher nicht in den Himmel hineinbegehrte, als bis er ihn nicht mehr sehen konnte. Hermes und Oemler sagen, ich wurde Argernis vermeiden obgleich das Beispiel Setzmanns ein grosseres geben muss als der Spass daruber , wenn ichs lateinisch vortruge, dass die aquae supra coelestes seiner Augen allemal seine zwei Schuh tiefern humores peccantes begleiteten.
Gustav ging an wehenden Fruhlingnachmittagen auf jungem Grase zu ihm und freuete sich unterwegs auf zwei hubsche Dinge : erstlich auf diesen Missionar der heidnischen Dorfjugend selber, dessen schwarmerischer Atem Gustavs Ideen, deren jede ein Segel war, wie ein Sturmwind bewegte und der besonders in der letzten, sechsten Woche, wo er die jungen Sechswochner uber den Leisten des sechsten Hauptstucks schlug, meines Gustavs Ohren so verlangerte, dass zwei Flugel daraus wurden, die mit seinem Kopfchen davongingen. Zweitens spitzte dieser sich auf eine breite Binde uber einem breiten Halstuch und dergleichen Schurze, welches alles noch dazu so blutenweiss war wie er und am schonsten Leibe in der ganzen Pfarrei sass an Reginens ihrem, welche darin sich auf das zweite Kommunizieren vorbereitete. So etwas, mein Gustav, machte dich ganz naturlich aufmerksamer als zerstreuet und wenn mir das Scholarchat nur eine halbe solche Muse statt des Bauchkissens meines lecken Konrektors auf dem Lehrstuhle entgegengestellt hatte: Himmel! ich wurde gelernt haben, ferner memoriert, ferner dekliniert, desgleichen konjugiert, und endlich exportiert! Deshalb war es zweitens eben keine Hexerei, Gustav da bloss dein Ohr der Windseite vom Pastor entgegenlag, das Auge aber der Sonnenseite von Reginen , dass du wenig dir aus der halben Stunde machtest, die der Senior daruber gab, um sein Gewissen zum Narren zu haben. Er hielt, um den Frais- und Zentherrn und Feimer im Herzen, das Gewissen, stille zu machen, seine Kinderlehren eine halbe und seine Predigten dreiviertel Stunden langer als die ganze Diozes. Der Mensch tut lieber mehr wie seine Pflicht als seine Pflicht.
Da Gustav nicht wusste, dass Madchen nichts ubersehen und alles uberhoren: so war ihm der ganze Katechismus ein Liebebrief, in dem er sich mit ihr unterredete. Wenn sie dem Senior zu antworten hatte: wurd' er rot; "der Senior", dacht' er, "kann sein Fragen und Qualen nicht verantworten", und sein Sehnerve wurzelte auf ihrem Gesichte.
Da die Falkenbergischen kein besonderes Kommunizierzimmer mit samtnen Dielen hatten: so ging meine Pate, der Rittmeister, an der Spitze ihrer Lehnleute um den Altar; also auch Gustav.
Am Beichtsonnabend O ihr stillen Tage meiner frommsten Entzuckungen, geht wieder vor mir voruber und gebt mir euere Kinderhand, damit ich euch schon und treu beschreibe! Am Sonnabend ging Gustav nach dem Essen schon unter demselben konnt' er vor Liebe und Ruhrung seine Eltern kaum ansehen die Treppe hinauf, um nach einer so schonen Sitte den Seinigen seine Fehler abzubitten. Der Mensch ist nie so schon, als wenn er um Verzeihung bittet oder selber verzeiht. Er ging langsam hinauf, damit seine Augen trocken und seine Stimme fester wurde, aber als er vor die elterlichen kam, brach ihm alles wieder, er hielt lange in seiner gluhenden Hand die vaterliche, um etwas zu sagen, um nur die drei Worte zu sagen: "Vater, vergib mir"; aber er fand keine Stimme, und Eltern und Kind verwandelten die Worte in stille Umarmungen. Er kam auch zu mir ... in gewissen Verfassungen ist man froh, dass der andre in der namlichen ist und also unsre vergibt ... Ich wollt', Gustav, ich hatte dich jetzt in meiner Stube. Wenn Kinder sich Gott nicht wie Erwachsene als ihresgleichen, namlich als ein Kind, sondern als einen Menschen denken: so ist das fur ihr kleines Herz genug. Gustav ging nach diesen Abbitten wankend, zitternd, betaubt, wie wenn er das sahe, was er dachte Gott , in die verlassene Kindheithohle hinab, wo er unter der Erdrinde erzogen wurde und wo seine ersten Tage und ersten Spiele und Wunsche begraben lagen. Hier wollt' er knien und in dieser zerbrochnen Andachtstellung, worin der Genius der Sonnen und Erden in jener vielleicht frommsten Zeit unsers Lebens alle gefuhlvolle Kinder erblickt, seine ganze Seele in einen einzigen Laut, in einen einzigen Seufzer verwandeln und sie opfern auf dem Dankaltar; aber dieser grosste menschliche Gedanke riss sich wie eine neue Seele von seiner los und uberwaltigte sie Gustav lag, und sogar seine Gedanken verstummten ... Aber die Stimme wird gehort, die in der Brust bleibt, und der Gedanke gesehen, der zurucksinkt unter den Strahlen des Genius; und in der andern Welt betet der Mensch seine hiesigen verstummten Gebete hinaus.
Am Abende dieses heilig-seligen Tages trug eine wiegende Ruhe auf ihren sichern Handen sein uberfulltes Herz; er schlug nicht gewaltsam die kurzen Kinder- und Menschen-Arme um die Freude, sondern diese schloss die Mutterarme leis' um ihn. Dieser Zephyr der Ruhe wehte anstatt dass der Orkan des Jauchzens den Menschen durch und wider alles reisset noch am Pfingsttage spielend um sein Leben voll kleiner Bluten, und sein Wesen lag wie auf einer sanft tragenden Wolke, da die heitere Pfingstsonne ihn fand; aber als der Blumengeruch der geschmuckten Brust, das Gefuhl des pressenden, rauschenden Anzugs, das Glockengelaute, dessen fortlaufende Tone wie goldne Faden um alle einzelne Auftritte liefen und sie in einem verbanden, der Birkenduft und das grune Helldunkel der Kirche, sogar das Fasten, da all dies seine Gefuhle und seine Blutkugelchen in fliegende Kreise warf: so stand in seiner Brust eine angezundete Sonne; das Bild eines tugendhaften Menschen brannte nie in so grossen, uber die Wolken hinaustretenden Umrissen vor ihm als da!
Aber der Abend! Die kleinen Kommunikanten spazierten da mit leichterem Herzen und vollerem Magen in sittsamen Gruppen herum und fuhlten Essen und Putz. Gustav von dessen Flammen das Abendessen einiges uberleget hatte, wiewohl sich noch eine sanfte Glut verhielt wandelte seinen Garten, da sein Kopf kein Tanzplatz, sondern eine Moosbank froher Gefuhle war, langsam auf und ab und zog die eingeschlafnen Tulpenblatter auseinander, um aus diesem Blumenkerker manches verspatete Bienchen loszulassen. Endlich lehnte er sich an den Turstock des hintern Gartenturchens und sah sehnend uber die Wiesen ins Dorfchen hinab, wo die gereiheten Eltern zusammen plauderten und den Kindern mutterlicheitel nachschaueten, welche heute zum ersten und wohl zum letzten Male spazieren gingen, weil Bauern und Morgenlander nur Sitzen lieben. Da ruckte ein scheues Bauerkinder-Pikett behutsam um die Gartenmauer herum, weil dasselbe den alten Starmatz, den Gustav heute mit seinem Bauer ins Freie getragen, gern naher horen wollte in seiner echt-ironischen Laune voll derber Schimpfworter. Kinder sind in fremden Kleidern und an fremden Orten sich fremd; aber Gustav hatte seinen Leitton, um mit ihnen ins Gesprach uberzugehen, zum Glucke bei der Hand, den Matz, mit welchem er bloss in eines zu geraten brauchte. Und alles gelang; und die redenden Kunste des Vogels machten bald die Konversation so allgemein und unbefangen, dass man uber alles mit allen sprechen konnte. Gustav fing an Geschichtchen zu erzahlen, aber vor einem jungern und billigern Publikum als ich; seine Geschichtchen erdachte und erzahlte er im namlichen Augenblick, und seine Phantasie stiess mit ihren Flugeln im unermesslichen Tummelplatz an nichts. Uberhaupt erfindet man gescheitere Contes unter dem Sprechen als unter dem Schreiben, und Madame d'Aunoy, die ich lieber heiraten als lesen mochte, wurde uns grossen Kindern bessere Feenmarchen gegeben haben, wenn sie solche vor den Ohren der kleinen erfunden hatte.
Unter dem Vorwande des Niedersetzens lud und bat er sein ganzes Hor-Publikum auf einen Altan, der um einen Lindenbaum im Garten samt einer Treppe geflochten und gewolbet war .... Ich lasse so zeitig meine Leser nicht herab; denn Bienen, Bildschnitzer und ich lieben Linden sehr, jene des Honigs, diese des weichen Holzes und ich des weichen Namens und des Duftes wegen.
Aber hier ist noch etwas ganz anders zu lieben Drei Kommunikantinnen horchten zur offnen Gartentur hinein und verdoppelten von weitem den Horsaal: mit einem Worte, Regina war darunter und ihr Bruder schon mit droben; die Galerie oder die Logen mussten endlich da das Hinaufrufen nichts half das weibliche Parterre hinaufzerren. Ich erzahle selber jetzt feuriger nach; kein Wunder, dass auch Gustav es tat. Regina setzte sich am weitesten von ihm, aber ihm gegenuber. Er fing eine ganz frische Historie an, weil das bureau d'esprit viel starker geworden. Ein elendes blutjunges Madchen Kinder wollen in der Geschichte am liebsten Kinder malte er vor, eines ohne Abendbrot, ohne Eltern, ohne Bett, ohne Haube und ohne Sunden, das aber, wenn ein Stern sich putzte und herunterfuhr, unten einen hubschen Taler fand, auf dem ein silberner Engel aufgesetzt war, welcher Engel immer glanzender und breiter wurde, bis er gar die Flugel aufmachte und vom Taler aufflog gen Himmel und dann der Kleinen droben aus den vielen Sternen alles holte, was sie nur haben wollte, und zwar herrliche Sachen, worauf der Engel sich wieder auf das Silber setzte und sehr nett da sich zusammenschmiegte. Welche Flammen schlugen unter dem Schaffen aus Gustavs Worten heraus, aus seinen Augen und Mienen in die Zuhorerschaft hinein. Noch dazu stickte nebenbei der Mond die Lindennacht auf dem Fussboden mit wankenden Silber-Punkten eine verspatete Biene kreuzte durch den gluhenden Kreis und ein schnurrender Dammerungvogel um einen bekranzten Kopf auf dem Doppel-Grund von Lindengrun und Himmelblau zitterten Blatter neben den Sternen der Nachtwind wiegte sich auf dunnem Laube und auf Goldflittern der geputzten Regina und bespulte mit kuhlen Wellen ihre Feuerwange und Gustavs Flammenatem .... Aber wahrhaftig ich behaupte, den Katheder brauchte er nicht einmal, so herrlich waren Katheder und Redner. Wie konnt' ihm dieser notig sein, da er der Braut Christi und seiner eignen erzahlte; da der ganze heutige Tag mit seinem blendenden Nimbus wieder aufstand; da er das Mitleid in die Brust der unbefangenen Kinder einfuhrte und aus ihren Augen es wieder vorpresste; und da er gewisse weibliche sich benetzen sah .... Seine eignen zergingen in Wonne, und er dehnte sein Lacheln immer weiter auseinander, um damit sein Auge zu bedecken, das sich schon schoner bedecket hatte. "Gustav!" hatt' es schon zweimal vom Schlosse her gerufen; aber in dieser seligen Stunde horte es keiner; bis zum dritten Male die Stimme nahe unten im Garten erklang. Die betaubte geheime Gesellschaft rollte die Treppe hinab; neben Gustav verweilte nur noch Regina unter der dunkeln Laube, um eiligst mit ihrer Schurze die Spuren der Erzahlung aus den Augen zu bringen und mit einer Nadel sich etwas hinaufzustecken er stand dem Gesichte, auf dem so viele schone Abendroten seines Lebens untergegangen waren, so nahe und so stumm und hielt sie ein wenig, als sie nachwollte ware sie stille gestanden, so hatt' er sie nicht halten konnen; aber da sie riss: so umfasste er sie fester und im grossern Bogen ihr Ringen vereinigte beide, aber seiner trunknen Seele ersetzte die Nahe den Kuss das Strauben fuhrte seine zuckende Lippen an ihre aber doch erst als sie seine Brust von ihrer wegstemmte und seine mit der Nadel zerritzte, dann erst strickte er sie mit unaussprechlicher vom eignen Blute berauschter Liebe an sich und wollte ihren Lippen ihre Seele aussaugen und seine ganze eingiessen sie standen auf zwei entfernten Himmeln, zueinander uber den Abgrund herubergelehnt und einander auf dem zitternden Boden umklammernd, um nicht loslassend zwischen die Himmel hinunterzusturzen ....
.... Konnt' ich seinen ersten Kuss tausendmal brennender abmalen: ich tat' es; denn er gehort unter die ersten Abdrucke der Seele, unter die Maiblumen der Liebe, er ist die beste mir bekannte Dephlegmation des erdigen Menschen. Nur ist es in diesem deutschen und belgischen Leben nicht moglich zu machen, dass der Mensch uber funf oder sechs Male zum ersten Male kusse. Spater sieht er allezeit in seine Sachdefinition, die er von einem Kusse im Kopfe hat, ordentlich hinein und zitiert den Paragraphen, wo's steht; der ganze Inhalt des dummen Paragraphen ist aber der, die eigentliche Sache sei ein Zusammenplatten roter Haute. Wahrlich ein Autor von Gefuhl kann sich nicht niedersetzen und bedenken, dass ein Kuss eines von den wenigen Dingen ist, die nur genossen werden, wenn unter dem Geistigen das Korperliche nicht vorschmeckt ohne dass ein solcher Autor von Gefuhl (es ist niemand als ich) die ausfilzet, die nicht so viel Verstand haben wie er er filzet nicht bloss die Herren Veit Weber und Kotzebue, in deren Schriften zu viele Kusse stehen, sondern auch andre Leute aus, in deren Leben zu viele kommen, namentlich ganze Pikkenicks, die einander nach dem Tischgebet die Wangen mit den Lippen abbursten und anschropfen. Kommt es gar so weit, dass diese schone Lippenblute unsers Gesichts sich an Hauten von Schafen und von Seidenraupen, an Handsandalen, zerknullen muss: so will ein Autor von so viel Empfindung der leidenden Partei die Hande und der tatigen die Lippen wegschneiden ....
Ich begiesse den vom letzten Kusse erhitzten Leser mit diesem kalten Wasserschatze wirklich nicht deshalb, um mit ihm so umzuspringen wie das Schicksal mit mir; denn dieses hat sichs einmal zum Gesetz gemacht, jedesmal wenn ich mitten im Freudenol solcher Auftritte wie der Gustavische oder auch nur der Beschreibung solcher Auftritte stehe, mich sogleich in Salzlaken und Vitriolole unterzutauchen. Sondern ich wollte gerade umgekehrt die hassliche Empfindung uber den Tausch entgegengesetzter Szenen dem Leser halbieren, die der arme Gustav ganz bekam, da es unten rief:
"Wollt ihr gleich!" Die Rittmeisterin legte in den Ton mehr Beleidigendes, als mein unschuldiger Gustav noch zu fuhlen verstand. Die Liebhaberin verliert in solchen Uberraschungen den Mut, den der Liebhaber bekommt. Die ersten Versikel des abgefluchten Strafpsalms durchlocherten das Ohr der schuldlosen Regina, welche stumm und weinend aus dem Garten schlich und so den freudigen Tag trube beschloss. Die sanftern Verse erfassten den Geschichtdichter, der seine Contes moraux asthetisch und mit Pathos1 auszumachen vorhatte und nun selber von einem fremden Pathos erwischt wurde. Ernestinens Herz, Lippen und Ohren waren hinter den strengsten Gittern erzogen; daher wich ihre so melodische Seele (bei einem blossen Kuss) in eine fremde harte Tonart aus; sie gab vom schonsten Madchen nichts zu, als: "Ein gutes Madchen ists." Uberhaupt ist mir die Frau, die gewisse Fehltritte einer andern sehr schonend beurteilt, mit ihrer Duldung verdachtig: eine ganz reine weibliche Seele erzwingt an sich hochstens die Miene dieser Toleranz fur eine weniger reine.
Auf unschuldige Lippen druckte Gustav den ersten und letzten Kuss; denn in der Pfingstwoche zog die Schaferin nach Maussenbach als Schloss-Dienstbote. Wir werden nichts mehr von ihr horen. So wird es durch das ganze Buch fortgehen, das wie das Leben voll Szenen ist, die nicht wiederkommen. Nun tritt schon die Sonne hoher an Gustavs Lebenstage und fangt an zu stechen eine Blume der Freude um die andre buckt sich schon vormittags zum Schlummer nieder, bis nachts um 10 Uhr der gesenkte Flor mit verschwundnen Bluten schlaft ....
Fussnoten
1 Gustavs Mut zum Kuss ist ubrigens naturlich. Unser Geschlecht durchlauft drei Perioden des Muts gegen das schone die erste ist die kindliche, wo man beim weiblichen Geschlecht noch aus Mangel an Gefuhl etc. wagt die zweite ist die schwarmerischer wo man dichtet, aber nicht wagt die dritte ist die letzte, wo man Erfahrung genug hat, um freimutig zu sein, und Gefuhl genug, um das Geschlecht zu schonen und zu achten. Gustav kusste in der ersten Periode.
Achtzehnter Sektor
Scheerauische Molukken Roper Beata
offizinelle Weiberkleider Oefel
Ich wurde narrisch handeln und schreiben, wenn ich da uns alle, Leser sowohl als Einwohner dieser Biographie, Scheerau so nahe angeht; da Gustav, der Held, dahin als Kadett kommt; da ich, der Hofmeister, daraus komme; da Fenk, der Doktor, noch daselbst ist und da Fenk in dieser Geschichte noch wichtig werden kann drei Papiere von Dr. Fenk trotz aller dieser Grunde nicht einruckte. Die Rede ist von zwei Zeitungsartikeln und einem Brief, die der Pestilenziar geschrieben.
Ich weiss gewiss, dass es einigen hohen Fremden, die durch die scheerauischen hohern Zirkel gereiset, bekannt ist, dass der Doktor eine Zeitung schreibt, die nicht gedruckt wird, namlich eine geschriebne Gazette oder Nouvelles a la main, wie mehre Residenzstadte sie haben. Dorfer haben gedruckte Neuigkeiten, kleine Stadte mundliche, Residenzstadte schriftliche. Das Papier ist Fenks Marforio und Pasquino, der seine satirischen Arzneien austeilt.
Seinen ersten Zeitungartikel flecht' ich ein, schon bloss des Journals fur Deutschland wegen. Dieses so weder von noch fur Deutschland geschrieben ruckte eine gute Abhandlung von mir nicht ein, die ich uber den ausserordentlichen Handelflor in Scheerau eingeschickt, weil vielleicht keine Regierung in Deutschland weniger bekannt ist als die scheerauische. Wahrhaftig man sollte denken, dieses Furstentum verstecke sich wie ein Walfisch unter die Eisrinde der Polarmeere, so unbekannt sind die wichtigem Nachrichten von ihm; z.B. solche wie die, dass wir Scheerauer seit der neuen Regierung den ganzen ostindischen Handel und die Molukken an uns gezogen, von denen wir jetzo unsere Gewurze selber holen, welche letzte die Regierung eigenhandig dazu aus Amsterdam verschreibt. Aber das steht ja eben im ersten Zeitungsartikel.
Nro. 16
Gewurzinseln und Molukken in Scheerau
Der Brandenburger Weiher bei Baireuth ist ein ausgegrabner Landsee von 500 Tagwerken, und vor einigen Monaten sass ich eine Stunde darin; denn man trocknet ihn jetzt zum Besten seiner bleichen Kustenbewohner aus. Der scheerauische Weiher, an dem vier Regenten weitergraben liessen, hat 129 Tagwerke mehr und ist fur Deutschland wichtig: denn durch seine aerostatischen Dunste wird er so gut wie das Mittellandische Meer das Wetter in Deutschland andern, sobald der Wind uber beide geht. Die Ebbe und Flut muss genau genommen sogar auf einer Trane oder im Saufnapfchen eines Zeisigs stattfinden, wie viel mehr auf einem solchen Wasser: die Diozes von Inseln, die diesen Teich so putzt und furniert, z.B. Banda, Sumatra, Zeylon und das schone Amboina, die grossen und kleinen Molukken, traten erst unter der jetzigen Regierung aus dem Wasser oder vielmehr ins Wasser. Herrn Buffon, wenn er noch lebte, und andre Naturforscher musst' es frappieren, dass die Inseln auf dem Scheerauischen Ozean nicht durch Aufturmungen von Korallen entstanden auch nicht durch Erdbeben, die den Dromedar-Rucken des Meergrundes aus dem Wasser aufkrummten selber durch keinen Vulkan in der Nahe, der diese Berge ins Wasser hineingesaet hatte; denn Sumatra, die grossen und die kleinen Molukken wurden bloss in kleinen Partien auf unzahligen Schubkarren und Leiterwagen an die Kusten herbeigeschoben und weil auf den Karren Steine, Sand, Erde und alle Ingredienzien einer hubschen Insel waren, so brachten die Fronbauern, landesherrliche sowohl als ritterschaftliche, die ebenso viele (Tabak-) rauchende und Inseln bildende Vulkane waren, in kurzem die Molukken fertig, indes die ritterschaftlichen Brucken uber landesherrliche Wasser noch nicht angefangen sind. Die Absicht des Landesherrn ist, den ganzen ostindischen Handel bei Asien in Scheerau so bei der Hand zu haben wie eine Rappemuhle und ich denke, wir haben ihn; nur mit dem Unterschiede, dass die scheerauischen Gewurzinseln noch besser sind als die hollandischen. Auf den letzten muss man erst das Reifen des Pfeffers, der Muskatnusse etc. abpassen; aber auf unsern liegt schon alles reif und trocken da, und man darfs nur ans Essen reiben: das macht, weil wir alle diese Fruchte schon ganz zeitig aus Amsterdam verschreiben. Es ist namlich so:
"Entweder alles oder nichts ist ein Regale. Der Rechtskundige kann es nicht billigen, dass die Fursten, wiewohl sie die kostbarsten, aber seltensten Produkte zu ihren Regalien erheben, gleichwohl die gemeinen, aber desto ergiebigern in den Handen der Landeskinder lassen und dadurch den Fiskus schwachen. Der Jurist findet bei den sudasiatischen Fursten, so despotisch sie sonst sind, mehre Folgerichtigkeit, welche nicht das Wild, oder Salz, oder Bernstein, oder Perlen, sondern das ganze Land und den ganzen Handel nehmen und beide bloss jahrlich verpachten. Die deutschen Fursten haben hiezu grossere Befugnis als alle andre; denn alle europaische Reiche haben indische Besitzungen, haben ein Neu-England, NeuFrankreich, Neu-Holland; aber ein Neu-Deutschland hat das Alt-Deutschland nicht, und das einzige Land, welches ein Furst noch wegzunehmen hat, ist sein eignes, man musste denn aus Polen oder der Turkei ein Neu-Osterreich, Neu-Preussen etc. zu machen wissen.
Allein dieses sah bisher kein Regent als der scheerauische ein, der diese Grundsatze seinem geheimen Kabinette vorlegte, aber schon vor dem Abstimmen seinen Entschluss gefasset hatte: dass nun die Leute alles Gewurz bei ihm nehmen sollten. Er selber schafft nun, gleich der Natur, auf seinen Molukken die Gewurze, die sein Land isset, indem er sich durch den Kommerzien-Agenten von Roper den Samen dieser Gewurze Pfeffer-Korner, Nusse etc., aber nicht zum Pflanzen, sondern zum Kochen aus Amsterdam spedieren lasset. Daher umschnuret (weil die Molukken bei der Gewurz-Defraudation litten) ein Pfefferund Zimt-Kordon von Kadetten und Husaren das Land; niemand konnte eine Muskatnuss einschwarzen als die Muskattaube in ihrem dicken Gedarm. Alles, was meine scheerauische Leser aus den Laden nehmen, der Kaufladen mag einem grossen Hause gehoren, das mehr Schiffe und Reisediener auf den Beinen erhalt als ich Setzer, oder er mag von einem armen Hoker gemietet sein, dessen Schilderung mich schon dauert, dessen Strazza eine Schiefertafel ist und dessen Kapitalbuch eine schmierige Stubentur und dessen Kaufmannsguter nicht zu Schiffe, sondern als Landfracht unter dem Arme oder auf der Achse, d.h. an einem Stocke auf der Achsel gebracht werden in beiden Fallen kauet der scheerauische Leser Erzeugnisse aus Molukken, die vor seiner Nase sind.
Einer, der dergleichen beurteilen kann, fallet nachher dem Gewurz-Inspektor von Herzen bei, welcher im scheerauischen Intelligenzblatte schreibt, 1) dass jetzt das Land Pfeffer und Ingwer um niedrigern Preis erhalten konnte, weil bloss der Fiskus imstande ware, sie in grossern, mithin in wohlfeilern Partien zu beziehen 2) dass der Regent jetzt vermogend sei, diese Leckereien, die unsern Beutel uber Indien leeren, unter allen Deutschen zuerst den Scheerauern abzugewohnen, indem er bloss den Preis betrachtlich zu steigern brauchte 3) und dass eine neue Dienerschaft ihr Brot hatte.
Ich brauch' es nicht zu verteidigen, dass unser Furst da die russische Kaiserin Dorfern das Stadtrecht gibt Schutt-Hugeln das Inselrecht erteilt, oder dass er ihnen ostindische Namen schenkt, da jeder Tropf von Schiffer bei der grossten Insel, die er noch dazu mehr entdeckt als macht, Patenstelle vertreten darf. Unser Sumatra ist uber 1/4 Quadratviertelstunde gross und hat hauptsachlich Pfeffer die Insel Java ist noch grosser, aber noch nicht fertig auf Banda, das dreimal so gross als der Konzertsaal ist, liefert die Natur Muskatnusse, auf Amboina Gewurznelken auf Teidor steht ein artiges Landhaus eines bekannten Scheerauers (des Doktors hier selber) die kleinen Molukken, die in den Weiher hineinpunktiert sind, kann ich samt ihren Produkten in die Westentasche stecken, sie haben aber ihr Gutes. Wer noch in keiner Seestadt, in keinem Hafen war: der kann hieher in den Scheerauer reisen und selber nachmittags ein Zeuge davon werden, was in unsern Tagen der Handel ist, den die verbundnen Hande aller Volker heben hier kann er sich einen Begriff von Kauffahrteiflotten machen, von denen er so viel, aber nur blind gelesen und die er hier wirklich uber unsere Teich segeln sieht er kann die sogenannte Gewurzflotte des Herrn Kommerzien-Agenten von Roper sehen, die gleich einem hitzigen Klima die notigen Gewurze, die er verschrieben, unter alle Inseln austeilt er kann auch auf arme Teufel stossen, die auf ein wenig Flossholz sich aus Ostindien die wenigen Kaufmannsguter abholen, die sie kreuzerweise absetzen am Hafen und Ufer, wo er selber steht, kann er bemerken, was der Kustenhandel ist, den da sogenannte Fratschler-Weiber mit Pfeffer- und Welschen-Nussen im kleinen treiben."
Ende von Nro. 16
Schilderung eben dieses Kommerzien-Agenten von Roper ohne seinen Namen. Wenn der Leser diese Abschweifung gelesen hat: so wird er sagen, es war gar keine.
Nro. 21
Ein unvollkommner Charakter, so fur
Romanenschreiber im Zeitungkomptoir zu verkaufen
steht
Im Roman gefallen wie in der Welt keine vollkommen-gute Menschen; aber auch auf der andern Seite wird einer weder Lesern noch Nebenmenschen gefallen, der ganz und gar ein Schelm ist bloss halb oder dreiviertel muss ers sein, wie alles in der grossen Welt, Lob und Zote und Wahrheit und Luge.
Im Zeitungkomptoir steht ein halber Schelm und wird allen Romanschreibern im Scheerauischen um das wenige, was sie dafur geben konnen, verkauflich erlassen. Ich versichere die Herrn Schreiber, dass ich etwa nicht die Unvollkommenheiten dieses Schelms ubertreibe, um ihn teuerer abzusetzen; der Inhaber nimmt den Schelm wieder zuruck, wenn er nicht Bosheit genug hat.
Dieser unvollkommne Charakter wurde im Kiren geboren; und kaufte sich, nach seiner Taufe und Mundigkeit, Hecheln und Mausfallen. Die wenigsten Deutschen wissen, dass sie die Italiener, bei denen dieser Handelzweig bluhet, reich auskaufen. Unser Charakter schwang sich bald von einem Hechel-Kommissionar zu einem Hechel-Associe empor; er verfertigte die Mausfallen, die er aus Italien bezog, in Deutschland, und die Mauslocher waren sein Ophir und die Flachsfelder seine Munzstadte. Die Hechel, die er vor dem Einkauf seines Adeldiploms an gegenwartigen Tiermaler verkaufte, schlug er ihm fur sechstehalb Gulden los.
Er muss schon vor seiner Geburt in der andern Welt in einem grossen Hause gehandelt haben; denn er brachte eine Kaufmann-Seele schon fertig mit. Es war nicht klug von mir, dass ichs nicht eher erzahlet habe, dass er als Knabe von neun Jahren in seiner Blatterkrankheit einen kleinen Kaufladen aufsperrte und mit dem Pockengifte feil hielt, das man aus seiner Apotheke, namlich von seinem Korper nahm zum Einimpfen. Er gab keine Blatter umsonst her, sondern verlangte sein Geld dafur und sagte, er sei ein PockenSamereihandler, aber noch ein junger Anfanger. Diesen Handel mit eigner Manufaktur legt' ihm bald der Arzt und die Natur, und der Doktor sagte, er sei so teuer wie ein Apotheker. Daher wollt' er sogar selber einer werden.
Er wurd' auch einer, aber nach dem mecklenburgischen Idiotikon; denn in diesem heisset jeder Materialladen eine Apotheke. Namlich in Unterscheerau anderte er die Religion und den Nahrzweig und bauete sich einen Laden, der bloss fur Kaufer Hechel und Mausfalle war. Hier hielt er sich einen Ladenjungen, ein Kuchenmensch, einen Friseur, einen Barbier und einen Vorleser des Morgensegens alle diese Personen machten nur eine Person aus, seine eigne; diese war und tat wie ein Ensoph alles.
Da bei unserem Schelm als einem unvollkommnen Charakter Tugenden in Fehler vererzt sein mussen ich wurd' ihn sonst keinem Roman-Bauherrn antragen : so nehme man mirs nicht ubel, dass ich auch seine weisse Seite neben seine schwarze bringe, wie man auf boheimischen Tafeln immer weisse und schwarze Gerichte nebeneinander stellet.
Er ging damals Sonntags aus seinem Laden bei aller erlaubter Sparsamkeit doch gut gekleidet heraus. Seinen Hut, seine Ringfinger und seine Weste bordierte echtes Gold; seinen Magen und seine Waden spann der Seidenwurm ein und seinen Rucken das englische Schaf. Es ist ganz der menschlichen Bosheit gemass, das Verschwendung zu nennen, was hier seltene verheimlichte Wohltatigkeit war; alles, was der unvollkommne Charakter anhatte, waren Pfander; denn um die Leute vom Verpfanden abzubringen, drohte er jedem, jedes Pfand, worauf er leihe, wurd' er so lange anziehen, als es bei ihm stande. Auf diese Art hielt er manchen ab, und die Kleidung dessen, bei welchem menschenfreundliches Warnen nichts verfing, legte er wirklich Sonntags nach dem Essen an. Es war daher weniger Mangel an Geschmack als an Geiz und Harte, dass er an sich, so wie mehre DienstPersonen, so auch mehre Kleider vereinigte und so bunt aufschritt wie ein Regenbogen oder wie eine Kleidermotte, die sich von Tuch zu Tuch durchfrisst.
Da ich so gewiss weiss, dass Verschwendung ihn nicht verunzierte, so sehr es den Anschein hat: so will ich allen Anschein durch die Nachricht wegnehmen, dass er jeden Sonnabend sein Pfund Fleisch im Zolibate kaufte, aber denn sonst bewiese es noch nichts nicht ass. Er ass allerdings eines und mit dem Loffel; aber es war vom vorigen Sonnabend. Der unvollkommne Charakter holte namlich jeden Sonnabend sein Andachtfleisch aus der Bank und veredelte und dekorierte damit sein Sonntag-Gemus. Aber er nahm nichts zu sich als den vegetabilischen Teil. Am Montag hatt' er den tierischen noch und wurzte mit ihm ein zweites Gemus am Dienstage arbeitete das abgekochte Fleisch mit neuem Feuer an der Kultur eines frischen Krautes am Mittwoch musst' es vor ihm mit matten Fettaugen auf einer andern Krautersuppe liebaugeln und so ging es fort, bis endlich der Sonntag erschien, wo das ausgelaugte Fleischgeader selber zum Essen, aber in einem andern Sinne, kam und Roper das Pfund wirklich ass. Ebenso kann man mit einem Pfund Leibnizischer, Rousseauischer, Jakobischer1 Gedanken ganze Schiffkessel voll schriftstellerischen Blatterwerks kraftig kochen.
Diese Sparsamkeit legierte der unvollkommne Charakter noch mit einigem Betrug. Er interpolierte die Guter, die er gut bekam, und schrieb zuruck, er habe sie schlecht bekommen, sie waren so und so und er konnte sie nur um den halben Preis gebrauchen. Ein Drittel des Preises spielt' er so dem Kaufmann geschickt genug aus der entfernten Tasche. Waren, Fasser, Sacke, die in seinem Hause nur ein Absteig-Quartier hatten und weiterreisen mussten, gaben ihm den Transito-Zoll durch ein kleines Loch heraus, das er in sie hineinmachte, um das wenige daraus sich zu entrichten, was dem Fuhrmann aufgeburdet werden konnte, wenns fehlte. Er legte ein Munzkabinett oder Hospital fur arme invalide amputierte Goldstukke an. Andern verrufenen Munzen gab er den ehrlichen Namen, den sie verloren, wieder und zwang seine Faktore, sie als legitimiert und rehabilitiert anzunehmen. Ein Goldstuck mochte noch so schlecht in sein Haus gekommen sein, er dankte es wie einen Offizier nie ohne Avancement ab. So decken solche edlere Seelen sogar die Mangel des Geldes mit dem Mantel der Liebe zu.
Auf diese Art breiteten sich seine Kaufmanns- und Feldguter immer mehr aus, und in seinem von der freundschaftlichen Warme des Publikums angebruteten Herzen regte sich, wie ein Ei-Infusiontierchen, ein federloses durchsichtiges mattes Ding, das er Ehre nannte. Der unvollkommne Charakter liess sich also einen Charakter als Kommerzienrat kommen.
Jetzt, da er die Ehre recht beim Flugel und aufs Papier befestigt hatte, konnt' er sie eher beleidigen als vorher, als er sie noch nicht unter seinen Papieren besass. Er machte also seine Lieberklarung dem reichsten und geizigsten Vater einer schonen Tochter, welche die Liebe gegen einen Offizier zum letzten Schritte hingerissen hatte. Die Tochter hasste seine Lieberklarung; aber der Charakter mit Hulfe des Vaters bemachtigte sich ihrer straubenden Hand, zog sie daran zum Altar, schraubte den Ring ihr an und pfahlte ihre Hand in seine. Ihr zweites Kind war sein erstes.2
Da indessen seine Ehre sich nach diesem Blutverlust und diesen Ausleerungen schlecht auf den Fussen erhalten konnte: so musst' er daran denken, ihr ein recht starkendes Amulett, ein Ignatius-Blech, einen Lukas- und Agathazettel umzuhangen ein Adeldiplom. Sie wurde aus der Reichshofrats-Kanzlei von Wien auch glucklich hergestellt.
Da er nicht mit seiner Frau, sondern nur mit seinen Glaubigern Guter-Gemeinschaft hatte: beurlaubte er sich vom Kaufmannstande mit einem unschuldigen Falliment und rettete sich und sein reines Gewissen und die Guter seiner Frau und seine eigne auf seinen Landgutern, um da seinem Gott zu dienen.
Ich meine seinen Gottern. Freunde hatte ubrigens der unvollkommne Charakter nicht. Seine Begriffe von Freundschaft waren zu edel und hoch und verlangten die reinste uneigennutzigste Liebe und Aufopferung vom Freunde; daher ekelten ihn die niedrigen Tropfe um ihn an, die nicht sein Herz, sondern seinen Beutel verlangten und die ihn bloss an sich druckten, um etwas aus ihm herauszudrucken. Er konnte einen solchen Eigennutz nicht einmal vor sich sehen, und sein Haus litt daher, wie die menschliche Luftrohre oder wie Sparta, nichts Fremdes in sich. Er glaubte mit Montaigne, man konne nicht mehr als einen Freund, so wie eine Geliebte, recht lieben; daher schenkt' er sein Herz einer einzigen Person, die er unter allen am hochsten schatzte seiner eignen namlich diese hatt' er gepruft; ihre uneigennutzige Liebe gegen ihn selber vermochte ihn, dass er Ciceros Ideal erreichte, welcher schrieb, dass man fur den Freund alles, sogar das Schlimme tun konne, was man fur sich nicht tate.
Er ist der grosste Stoiker im Scheerauischen; er sagt nicht bloss, an allen Vergnugungen sei nichts: sondern er verachtet auch alle zeitliche Guter, weil sie ihn nicht glucklich machen konnen. Diese Verachtung derselben ist vom heftigsten Bestreben nach ihnen wohl nicht zu trennen, weil ein Weiser, wie die Stoiker in der Note3 sagen, ein Leben, in dessen Mobiliarvermogen nur eine Kratzburste oder ein Stallbesen druber ist, einem Leben, dem bloss dieses wenige fehlte, vorziehen wird, ob er gleich nicht durch jenes glucklicher wird. Daher legt der unvollkommne Charakter auf die kleinsten Effekten, wie der alte Shandy auf die kleinsten Wahrheiten, einen so grossen Wert wie auf die grossten; daher muss er mit den Nussschalen heizen, mit abgelosten Siegeln siegeln, auf fremde leere Briefraume eigne Briefe schreiben etc. Der unvollkommne Charakter hat hierin Ahnlichkeit mit dem Geizigen, der mit ahnlichen Kleinigkeiten wuchert und den keine Grunde widerlegen konnen: denn wenn ich einen Groschen nicht wegwerfen darf, so darf ich auch keinen Pfennig, keinen halben Pfennig, keinen 1/100000 Pfennig; die Grunde sind dieselben.
Im Menschen liegt ein entsetzlicher Hang zum Geiz. Den grossten Verschwender konnte man zu noch etwas Schlimmern, zum grossten Knicker machen, wenn man ihm so viel gabe, dass er es fur viel und der Vermehrung wert hielte; und umgekehrt. So will der Wassersuchtige desto mehr Wasser, je hoher er davon geschwollen ist; mit seinem Wasser fallet zugleich der Durst darnach.
Der unvollkommne Charakter dankt dem Himmel fur zweierlei, erstlich dass er in keinen Geiz, zweitens in keine Verschwendung gefallen sei dass er seiner Frau und seinem Kinde nichts versagt, alles gibt und bloss dummen Leuten, die Stoff zur Verschwendung behalten wollen, diesen Stoff aus den Handen nimmt, wie die alten Deutschen, Araber und Otaheiter nur Fremde, nie aber Inlander bestehlen dass er keusch ist und lieber die Geldkatze eines Kaufmanns als den Gurtel der Venus loset dass er Armen ganz anders beispringen wollte, wenn er so viel Pfennige hatte wie der und der dass er aber gleichwohl sein bisschen sich so wenig wie der Traurige seinen Kummer nehmen lasse und dass er einmal am Jungsten Tage werde befragt werden, ob er mit seinen Pfunden (Sterling) gewuchert.
Dieser verkaufliche Charakter im Zeitungkomptoir ist wie ein englischer Missetater Ware und Verkaufer zugleich und will vom Romanschreiber nichts fur sein ganzes Wesen haben als gratis den Roman, in den er geworfen wird. So weit Fenk, der alle Menschen trug, aber keinen Unmenschen, keinen Filz. Ich habe diesen unvollkommnen Charakter fur meine Biographie an mich gehandelt (denn er selber existiert auch biographisch unter dem Namen Roper); es fehlet ihr ohnehin an echten Schelmen merklich; ja wenn ich auch Ropern mit den Teufeln der epischen Dichter vergleiche und mich mit den Dichtern selber: so sind wir beide doch nicht sehr gross.
Wenn die Leser einen Brief vom Doktor Fenk hatten, der seine vorige Harte entschuldigte der uns an Scheerau, an den Doktor und an eine mir so liebe Person erinnerte und der zum Ganzen recht passte: so wurden sie den Brief in die Lebensbeschreibung mit einknupfen. Ich habe den namlichen Brief und das namliche Recht; und schicht' ihn hier ein.
Fenk an mich
"Nimm den armen Uberbringer dieses zum Klienten an; der Maussenbacher hat seine Saug- und Schopfwerke dem armen Teufel eingeschraubt und zieht. Die samtlichen Spitzbuben von Advokaten in Scheerau dienen ihm gegen keinen reichen Edelmann zu Patronen, den sie einmal zu ihrem eignen zu bekommen wunschen.
Ich bin zwar selber taglich in Maussenbach und advoziere; aber der Knicker nimmt keine uneigennutzigen Grunde an; und sonst hat Roper fur alles andre Gefuhl und Vernunft. Es wird einmal eine Zeit kommen, wo man unsre vergangne Dummheit so wenig begreifen wird als wir kunftige Weisheit, ich meine, wo man nicht bloss, wie jetzo, keine Bettler, sondern auch keine Reichen dulden wird.
Vom Vater einer schonen Tochter zwingt man sich gut zu denken. Ich notige mich auch: an deiner Klavierschulerin Beata sahest du nur die grunen Blatter unter der Knospe; jetzo konntest du die aufbrechenden Rosenblatter selber sehen und den Duft-Nimbus darum. Eine solche Tochter eines solchen Vaters! Das heisst, die Rose bluht auf einem schwarzen, im Schmutze saugenden Wurzelgeflecht.
Ich bin dort, sie zu heilen; der Alte will fur sein Geld was haben; aber in Maussenbach bedenkt kein Mensch, dass der Abt Galiani, den man vier Tage vor meiner Abreise aus Italien begrub, gesagt hat, dass die Weiber ewige Kranke sind. Jedoch bloss an Nerven; die Gefuhlvollsten sind die Kranklichsten; die Vernunftigsten oder Kaltesten sind die Gesundesten. Wenn ich ein Furst ware: ich resolvierte furstlich und setzte in einem allerhochsten Reskript Hausarrest darauf, wenn eine Frau auch nur einen einzigen Medizinloffel austranke. Ihr armen hintergangnen Geschopfe, warum habt ihr so viel Zutrauen zu uns Mannern uberhaupt und zu uns Doktoren insbesondere und lasset es euch gern gefallen, dass wir, die Arzneiglaser wie in einer Reiheschank verzapfend, euch auf einem Medizinwagen so lange spazieren fahren, bis wir euch auf den Leichenwagen abladen? ... So sagt' ich manchmal zu ihnen; und dann nahmen sie alle Arzneien noch lieber ein, die ich ihnen verordnete.
Die einzigen Arzneien, die Weibern mehr nutzen als schaden, sind hochstens Kleider. Nach vielen Naturforschern verlangert das Mausern das Leben der Vogel; aber auch das der Weiber, setz' ich dazu, die allemal so lange siechen, bis sie wieder ein neues Gefieder anhaben. Aus der Therapeutik lasset sichs schlecht erklaren; aber wahr ists; und je vornehmer eine ist, mithin je kranklicher, desto ofter muss sie sich mausern, wie auch der Sumpfsalamander sich alle funf Tage hautet. Ein weiblicher Krebs, der auf eine neue Schale wartet, hockt erbarmlich in seinem Loche. Jedes Gift kann ein Gegengift werden; und da gewiss ist, dass Kleider Krankheiten geben konnen, z.B. die Hektik, Pest etc.: so mussen sie unter Anleitung eines vernunftigen Arztes auch Krankheiten heben konnen. Ein aufgeklarter Medikus wird meines Bedunkens, wenn die Hallische Hausapotheke, d.i. die Kleiderkommode, nichts hilft, aus keiner Apotheke als aus dem Auerbachischen Hofe in Leipzig rezeptieren. Da du mancher Presshaften damit beispringen kannst: so will ich dir aus meiner weiblichen materia medica folgende offizinelle Halstucher, Kleider etc. hersetzen:
Stahlarzneien sind Stahlrosetten und Stahlketten. Der Stahl- und Magenschild des atlassenen Gurtels erwarmt den Magen und andre intestina sehr.
Die Edelsteine, die sonst aus Apotheken gegeben wurden, sind noch jetzo ausserlich gut zu gebrauchen.
Blumenbouquets, sobald sie von Seide sind, sind probate Arzneipflanzen und starken durch den Geruch das Gehirn.
Schals sind Brustarzneien, und nicht ein roter Faden (welches Aberglaube ist), sondern ein Halsband mit einem Medaillon ist nach neuern Arzten kranken Halsen dienlich.
Mit der peruvianischen Rinde wird viel betrogen, aber echte ist ein Rock a la peruvienne.
Da alle Wunden nach der neuern Chirurgie durch blosse Bedeckung geheilet werden: so tut statt des englischen Taftpflasters blosser Taft am Leibe dieselben Dienste.
Ein neuer Visitenfacher ist bei starken Ohnmachten unentbehrlich; ob aber ein Muff unter die erweichenden Mittel, falsche Touren unter die Haarseile, und ein Sonnenschirm unter die kuhlenden Mittel, und eine Kleidgarnitur unter die Bruchbander und Bandagen gehore das konnen ein oder dreihundert Beispiele noch nicht erweisen.
Wir halten uns lieber daran, dass ein Frisierkamm ein Trepan gegen Kopfubel, eine Repetieruhr gegen intermittierenden Puls und ein Ballkleid ein Universale gegen alles ist.
So ist also, scherzhaft zu reden, der Damenschneider ein Operateur, sein Nahfinger ein Arzneifinger, sein Fingerhut ein Doktorhut ....
... Warum vergass ich dich, edle Beata? Dich heilt eine Parure nicht; und wenn kunftig einmal dein schones Herz erkrankte so wurde nichts es heilen als das beste Herz, oder es sturbe.
Wundere dich uber mein Feuer nicht. Ich komme gerade von ihr und vergesse alle Fehler, die ich vor vierzehn Tagen noch von ihr wusste. Madchen, die oft krank sind, gewohnen sich eine Miene von geduldigem Ergeben an, die 'zum Sterben schon' ist. Ich habe ihren Lieblingausdruck unterstrichen, aber nur von ihrer Zunge kann er im schonsten sterbenden sinkenden Laute fliessen. Diese Geduld gewohnet ihr ausser ihren ewigen Kopfschmerzen auch ihr Vater an, der sie gleich sehr qualt und liebt und der ihr zu Gefallen (nach dem Egoismus des Geizes) eine Welt abschlachtete. Wenn die Seele mancher Menschen (sicher auch diese) zu zart und fein fur diese Morast-Erde ist: so ist es auch oft der Korper mancher Menschen, der nur in Kolibri-Wetter und in Tempe-Talern und in Zephyrn ausdauert. Ein zarter Korper und ein zarter Geist reiben einander auf. Beata hangt, wie alle von dieser Kristallisation, ein wenig zur Schwarmerei, Empfindsamkeit und Dichtkunst hin; aber was sie in meinen Augen hoch hinaufstellt, ist ein Ehrgefuhl, eine demutige Selberachtung, die (meinen wenigen Bemerkungen nach) ein Erbteil nicht der Erziehung, sondern des gutigsten Schicksals ist. Diese Wurde sichert ohne prude Angstlichkeit die weibliche Tugend. Wenn man aber dieses weibliche point d'honneur erst einerziehen, ja einpredigen muss ach wie leicht ist nicht eine Predigt besiegt! Weiber, die sich selber achten, umringt eine so volle Harmonie aller ihrer Bewegungen, Worte, Blicke! ... Ich kann sie nicht schildern, aber die sind zu schildern, die der Rose gleichen, welche unten, wo man sie nicht bricht, die langsten und hartesten Dornen hat, aber oben, wo man sie geniesset, sich nur mit weichen und umgebognen verpanzert.
Ich weiss nicht, ob es dir etwas Altes ist, dass Tochter ihren Muttern jede Wahrheit und alle Geheimnisse sagen; mir ists etwas Neues, und nur eine beste Tochter, wie Beata, kann es.
Vor vierzehn Tagen erinnerte ich mich eines Fehlers von ihr nicht so schwach als heute, welcher der ist, dass sie zu wenig Freude an der Freude und zu grosse an traurigen Phantasien hat. Es gibt zu weiche Seelen, die sich nie freuen konnen (so wie nie beleidigt fuhlen), ohne zu weinen, und die ein grosses Gluck, eine grosse Gute mit einem seufzenden Busen empfangen. Wenn aber diese vor rohen Seelen stehen, die den verborgnen Dank und die stumme Freude nicht erraten konnen: so werden sie gezwungen, nicht Empfindung, aber den Ausdruck derselben vorzuheucheln. Beatens Vater will fur jedes seiner Geschenke, deren Wert er bis zu Apothekergranen auswiegt, eine springende Freude; sie hingegen fuhlt hochstens spater darauf eine; die Erscheinung irgendeines lichten Glucks selber blitzet ihr auf einmal uber alle traurige Tage hin, die wie Graber in ihrer Erinnerung liegen. Auch an dieser Beata seh' ichs wieder, dass der weibliche Leib und Geist zu zart und zu wallend, zu fein und zu feurig fur geistige Anstrengung sind und dass beide sich nur durch die immerwahrende Zerstreuung der hauslichen Arbeit erhalten; die hohern Weiber erkranken weniger an ihrer Diat als an ihren exzentrischen Empfindungen, die ihre Nerven wie den Silberdraht durch immer engere Locher treiben und sie aus Fadennudeln in geometrische Linien zerdehnen. Eine Frau, wenn sie Schillers Feuerseele hatte, sturbe, wenn sie damit eines seiner Stucke machte, im funften Akte selber mit nach.
Ich verstehe deine verliebte Fragartikel recht gut: freilich steigt der geheime Legationrat von Oefel hier oft aus. Er scheint zwar keine zartlichern Geschafte hier zu haben als kaufmannische und vom Kommerzien-Agenten nichts verschrieben zu fodern als Pfeffer fur Zeylon und Muskatnusse fur Sumatra, folglich seine Tochter und ihre Guter am allerwenigsten. Desgleichen ist die Ministerin, dieser Zoll- und Almosenstock voll mannlicher Herzen, zwar auch mit da und hat Oefels angeohrtes oder gehenkeltes schon an ihren Reizen hangen; aber der Teufel trau' geheimen Legationraten, zumal Oefeln. Ich sage dir, er mag Beaten kapern oder nicht, so wundert mich jedes. Du wirst dich freilich damit trosten, lieber Jean Paul, dass du erstlich grossere Reize hast als er und zweitens gar nicht weisst, dass du die Reize hast, welches in der Konversation viel tut. Es ist wohl etwas daran; denn Oefel will nicht sowohl gefallen als bloss zeigen, dass er gefallen konnte, wenn er nur wollte, und er erlaubt sich daher alle Launen, bloss damit man etwas zu tadeln und zu vergeben und er gutzumachen habe; er ist auch weil ein Hofmann und ein Demant ausser der Harte noch reine Farbenlosigkeit haben mussen, um fremde Farben und Lichter treuer nachzustrahlen sogar zu einem Hofmann zu eitel und kauft sich mit fremder Gunst nur seine eigne. Ich will dich mit noch mehr 'Zwars' trosten, bis ich meine Aber hole. Beata sieht zwar aus, als ob sie sich alle Minuten frage: 'warum bewunder' ich ihn nicht?'; die Ministerin sieht aus, als ob sie jene alle Minuten frage: 'warum beneidest du mich nicht, da mein Lehnmann ein Forte-Piano mit hundert Zugen und Tritten ist wie ich selber?' denn er behalt keine Stellung und kann sich in jede wagen; jede Bewegung scheint aus der andern herzufliessen; seine Seele andert ebenso spielend wie der Korper die Positionen und biegt sich, wie ein Springbrunnen bei Wind, in die entlegensten Materien hinuber; ihn macht nichts irre, er jeden; er weiss hundert Eingange zu einer Predigt, fangt an, um anzufangen, bricht ab, um abzubrechen, und weiss selber nicht eher als seine Zuhorer, was er will kurz es ist ein Nebenbuhler, lieber Paul! Ich kann jetzt das versprochene Aber nicht recht hereinbringen.
Aber obgleich meine schone Patientin ihn so kalt uberblickt wie einen, der uns ein Kleid anprobiert, so setzt er doch das Gegenteil voraus und wirft Leuchtkugeln zu seiner Erhellung und Dampfkugeln zu ihrer Verfinsterung in sie und sticht schon im voraus die Munzstempel fur seine kunftige Eroberung-Medaillen. Manner oder Mannchen wie Oefel haben einen solchen Uberfluss von Treue, dass sie ihn nicht einer, sondern unter tausend Weibern verteilen mussen; Oefel will ein ganzes weibliches Sklavenschiff kommandieren: er fragt dabei nach dir so wenig wie nach der Ministerin, die ihn liebt, weil es ihr letzter Liebhaber ist, und die er liebt, erstlich weil er an ihrem Triumphwagen, vor welchem sonst mehre Tropfe eingespannt waren, gern als Gabelpferd allein ziehen will, zweitens weil sie mehr List und weniger Empfindung als er besitzt und ihn beredet, es sei gerade umgekehrt.
Da ich nun unsere Beata, die du gern in dein Leben und in dein Buch hineinhaben mochtest, in das Leben und das Buch des Oefels (er ist auch uber einem) verflechte, so hab' ich, trauter Paul, dem alten Roper so viele Kabinett-Predigten daruber gehalten, dass die Kranklichkeit seiner Tochter nicht durch einen, sondern durch ein paar hundert Arzte zu besiegen sei, d.h. durch Gesellschaft dass der Alte ihr eine Gesellschaft oder vielmehr sie einer geben will, ohne selber fur eine die Alimentengelder auszugeben. Er will sie auf irgendein Beet des Hofgartens verpflanzen: 'Sie soll auch Welt mitkriegen', sagt er und hat selber keine. Er wurde, wenn er durfte, die ganze weibliche Welt von ihren Altaren und Bilderstuhlen und Prasidentenstuhlen und ordentlichen Sesseln auf Melkstuhle und Werkstuhle und Schemel herabziehen und drucken; gleichwohl sollen seiner Tochter durch Juden und durch Diamant-Pulver Facetten oder Glanzecken angeschliffen werden, die er selber hasset. Ist sie am Hofe, so sieht sie nachher der Legationrat alle Tage und Jean Paul hat nichts.
Dieser Jean fragte mich auch pfiffigerweise, ob er nicht Gerichthalter beim Vater der besagten Tochter werden konne, weil er, der Jean, von dem Abdanken des jetzigen gehort habe Herr Kolb (eben der Gerichthalter) ist aber noch da, zankt sich noch, sagt jede Woche: 'Wenn jeder die Streiche von Roper wusst', die ich' ....; Roper sagt jede Woche: 'Wenn jeder die Streiche von Kolb wusste, die ich' ...., und so sind beide aneinander durch wechselseitige Besorgnisse geleimt. Jetzt ist ohnehin nicht daran zu denken; denn in vierzehn Tagen lasset sich der alte Roper von seinem Rittergute huldigen. Ein Geiziger scheuet sich, zu andern und zu wagen.
'Warum lassest du deine gute Schwester so lange im giftigen Huttenrauche des Hofes stehen? Ist das, was sie dort gewinnen kann, wohl so viel wert wie das, was sie mitbringt und dort verlieren kann, ihr reines, weiches, obgleich fluchtiges Herz? Auf meinen Reisen dacht' ich anders, aber jetzt in der Einsamkeit ist mir ein kokettes Insekt, eine kokette Krebsin, die bald vor-, bald ruckwarts kriecht, die ihre grosse und kleine Scheren immer aufsperrt und sie immer wieder erzeugt, wenn man sie abgerissen, die in der Brust statt des Herzens einen Magen tragt und doch kaltblutig ist wie alle Insekten, eine solche inkrustierte Krebsin ist mir widerlicher als eine schalenlose in der Mause der Empfindsamkeit, die zu weich ist und aus der Romanschreiber die empfindsame Krebsbutter machen. Empfindelei bessert sich mit den Jahren, Koketterie verschlimmert sich mit den Jahren. Warum schaffst du deine Philippine nicht nach Haus?' Auf diese Fragen hat mir Jean Paul nicht geantwortet; ich aber auf seine: denn ich rache mich nicht; ich wunschte vielmehr, besagter Paul druckte Beatens Finger heute an unrechte Finger mehr als auf die rechten Tasten und jetzt im Lenz-Alter sahe sie sich neben dem Klavier fragend nach Paulo um und uberleuchtete ihn mit dem blauen Himmel ihres weiten Auges; der arme Teufel, eben der Paul, wurde sich nicht mehr kennen und dann sagen: 'Ohn' ein schones Auge geb' ich fur alles andre Schone nicht einen Deut, geschweige mich; aber uber ein Himmels-Augenpaar vergess' ich alle benachbarte Reize und alle benachbarte Fehler und den ganzen Bach und Benda, wie er ist, und meine Mordanten und die falschen Quinten und weit mehr.' Leb wohl, Vergesslicher!
Dr. Fenk."
Wir verstehen uns, herzlicher Freund; wer selber einmal Satiren geschrieben hat, vergibt alle Satiren auf sich, zumal die boshaftesten, bloss die dummen nicht. Aber, ob es der Doktor gleich im Scherze verfochten hat, so muss ich doch solche Leser, die weit von Scheerau wohnen, ohne Rucksicht auf mich benachrichtigen, dass der besagte Legationrat Oefel die unbedeutendste Haut ist, die wir beide nur kennen, wie er denn bloss unter Weibern weniger, aber unter Manmehr als im grossen, zu geschweigen, dass er immer die Aufmerksamkeit aufsucht und auch erjagt, welche bescheidne Leute geschickt vermeiden, die allgemeine namlich. Wenn ihm diese uberall gelingt: so soll er sie doch nicht in meinem Buche haben .... Die folgende Sache ist freilich unmoglich zumal meiner verdammten lang- und kurzbeinigen oder spondaischen Stellage und Konsole wegen, auf die mein ubrigens von Kennern beurteilter Torso gelagert ist aber ausmalen kann sich doch ein Mensch die unmogliche Sache, welche diese ist, dass ich mich einmal Beaten mit einer Lieberklarung zeigte und so wider eigne Erwartung selber der Held dieser Lebensbeschreibung und sie die Heldin wurde ich bin ordentlich verdutzt, denn ich wollte wahrhaftig nur sagen und setzen, dass ich bei Roper Gerichthalter wurde und hernach im Grunde weil ich jeden Gerichttag zartlich ware, oder eine zartliche Bestie, wie eine Frau sich ausdruckt, die mehr zum schonen als schwachen Geschlecht gehort gar sein Schwiegersohn Mit Freuden wollt' ich dem so guten Leser, der Mitfreude fuhlt, alles biographisch beschreiben und ihn ergotzen .... Aber, wie gesagt, die Sache ist fatalerweise wohl unmoglich, so weit ich in die Zukunft schauen kann; und dies bloss eines verdammten unsymmetrischen Drahtgestelles wegen, das doch der, den sein Ungluck darauf geheftet, durch tausend Glasuren und Rasuren wieder gutmachen will und auf welchem ja Epiktet gleichfalls lange stand.
Im Feuer bin ich ganz aus meinem biographischen Plan herausgegangen; es sollte bisher der Lesewelt geschickt verhalten werden (und gluckte auch), dass alle diese Avanturen noch nicht alt sind und dass in kurzem das Leben dieser Personen mit meiner Lebensbeschreibung davon Hand in Hand gleichzeitig gehen werde jetzt aber hab' ich alles losgezundet Es muss nun uberhaupt ein neuer Sektor angefangen werden, worin mehr Vernunft ist ...
Fussnoten
1 Friederich Jakobi in Dusseldorf. Wer an seinem Woldemar das Beste, was noch uber und gegen die Enzyklopadie geschrieben worden oder an seinem Allwill wodurch er die Sturme des Gefuhls mit dem Sonnenschein der Grundsatze ausgleichet oder an seinem Spinoza und Hume das Beste uber, fur und gegen Philosophie die zu grosse Gedrungenheit (die Wirkung der altesten Bekanntschaft mit allen Systemen) oder den Tiefsinn oder die Phantasie oder einige Zuge, die gewisse seltnere Menschen heben, bewundert: einem solchen wird dabei das erste Anbellen, unter welchem Jakobi in den Tempel des deutschen Ruhms treten musste, sehr widrig ins Ohr fallen; aber er muss sich nur erinnern, dass in Deutschland (nicht in andern Landern) neue Kraftgeister immer an der Tempelschwelle anders empfangen werden (z.B. von bellenden Dreikopfen) als im Tempel selber, wo die Priester sind; und sogar einem Klopstock, Goethe, Herder ging es nicht anders. Aber vollends du armer Hamann in Konigsberg! Wie viele Mardochais haben in der Allgemeinen deutschen Bibliothek und in andern Journalen an deinem Galgen gezimmert und an deinem Hangstrick gesponnen! Inzwischen bist du doch glucklicherweise nur scheintot vom Galgen gekommen. 2 Gebe doch der Himmel, dass der Leser alles versteht und sich hier nur einigermassen noch der ersten Sektoren erinnert, wo ihm erzahlt wurde, dass die Frau des Kommerzien-Agenten Roper die erste Geliebte des Rittmeisters Falkenberg gewesen und dem Agenten ihren Erstgebornen von dem Rittmeister als Morgengabe zugebracht. 3 Si ad illam vitam, quae cum virtute degatur, ampulla aut strigilis accedat, sumturum sapientem eam vitam potius quo haec adjecta sint nec beatiorum tamen ob eam causam fore. Cic. de finib. bonor. et mal. Lib. IV.
Neunzehnter Sektor
Erbhuldigung Ich, Beata, Oefel
Vierzehn Tage nach Fenks Brief .... Ist aber auf Leser zu bauen? Ich weiss nicht, wohers beim deutschen Leser kommt, ob von einem Splitter im Gehirn oder von ergossener Lympha oder von todlichen Entkraftungen, dass er alles vergisset, was der Schriftsteller gesagt hat oder es kann auch von Infarktus oder von versetzten Ausleerungen herruhren: genug der Autor hat davon die Plackerei. So hab' ichs schon auf einer Menge Bogen dem Leser durch Setzer und Drucker sagen lassen (es hilft aber nichts), dass wir 13000 Taler beim Fursten stehen haben, welche kommen sollen dass ich zwar keine Jura studiert, dass ich aber doch, wahrend ich mich zum Advokaten examinieren lassen, manchen hubschen juristischen Brocken weggefangen, der mir jetzo wohl bekommt dass Gustav Kadett werden soll und ich Gerichthalter werden will dass Ottomar unsichtbar und sogar unhorbar ist und dass mein Prinzipal zu viel verschleudert!
Leider freilich: denn solang' er noch ein Zimmer oder einen Pferdestand ohne tierischen Kubik-Inhalt weiss: so hangt er seine Angelrute nach Gasten ein. Er ist wie die jetzigen Weiber nirgends gesund als im gesellschaftlichen Orkan und Visiten-Dickicht er und diese Weiber steigen aus einem solchen lebendigen Menschen-Bad so verjungt und neugeboren wie aus einem Ameisen- und Schnecken-Bad. Er kann sich nie schmeicheln, hier nur die geringste Ahnlichkeit (geschweige mehr) mit dem Kommerzien-Agenten Roper zu haben, der in der Einsamkeit eines Weisen und Rentierers stille nachdenkt uber Hausprozesse und ruckstandige Zinsen und der es weiss, dass sein Schloss nur Schenk- und Kruggerechtigkeit besitzt und also niemand uber Nacht beherbergen darf. Falkenberg! hor auf den Biographen! Ziehe deinen Beutel, dein Schlosstor und dein Herz zuweilen zu! Glaube mir, das Schicksal wird deine grossmutige Seele nicht schonen, das rennende Gluck wird dein weiches Herz mit seinem Rade uberfahren und zerschneiden, um sein Lottorad hinter seiner Binde vor einem Roper auszuladen! O Freund! es wird dir alles nehmen, was du dem fremden Elend oder der eignen Freude geben willst, nicht einmal den Mut wird es dir lassen, dein beschamtes Herz mit seinen Wunden an einem Freunde zu verbergen! und wie soll es dann deinem Sohn ergehen?
Und doch! ich tadle dich nur vorher; aber nachher, wenn du dich einmal unglucklich gemacht durch Glucklich-Machen: so findest du Achtung in jedem guten Auge, Liebe an jeder guten Brust!
... Also vierzehn Tage nach Fenks Briefe, als mein Zogling schon achtzehn Jahre, aber noch ohne die Kadettenstelle war, sass bei meinem Prinzipal ein bureau d'esprit boheimischer Edelleute und hatte feurige Pfingst-Zungen und Marz-Bier. Ich hatte nichts, war aber mit drunter: ich konnt' es meinem guten Rittmeister nie abschlagen, sondern vermehrte, wenn nicht die Gesellschafter man schatzet Menschen von einer gewissen zu grossen Feinheit erst dann am meisten, wenn man von ihnen weg ist unter Menschen von einer gewissen Grobheit , doch die Leute. Manche Menschen sind wie er Visiten-Pressknechte und konnen nicht genug Leute zusammenbitten, ohne zu wissen weswegen, ohne sie zu lieben; Taubstumme lude Falkenberg ein. Es hat fur die Leser Folgen, dass ich sagte: "Heute lasset sich Roper huldigen." Falkenberg, der gern Boses von andern sprach und ihnen nichts als Gutes tat und der seinen abwesenden Erbfeinden, d.h. Geizigen, gern Erbsen auf den Weg streuete und diese doch wieder wegfegte, wenn jene fallen wollten, dieser war froh uber meinen Gedanken und uber seinen : "Wir sollten", sagt' er, "ihm (Roper) zum Argernis heute alle hinreiten." In sechs Minuten sass das trinkende bureau d'esprit und der Hofmeister auf den Gaulen; Gustav nicht: er war fur ein schoneres Schwarmen gemacht als fur ein lautes. Daher verwickelte Gustavs inneres Leben mich oft bei seinem Vater, der ausseres forderte, in den verdrusslichen und vergeblichen Versuch, dass ich ihm beibringen wollte, worin eigentlich der hohe Wert seines Sohnes lage fur einen Hofmeister, der auf Ehre halt, ist dergleichen zu fatal.
Wir sahen auf unsern Pferden Maussenbach, das vor seinem adeligen Bojaren stand und ihm die Feudal-Krone auf seinen italienischen Kopf setzte. Neben dem gehuldigten Lehenherren stand sein Justiz-Departement, sein Akzis-Kollegium, seine geheime Landesregierung, sein Departement der auswartigen Angelegenheiten namlich Herr Kolb, der Gerichthalter, der alle diese Kollegien vorstellte. Dieses MiniaturMinisterium des Miniatur-Souverans hatte auf einer Wiese das konnten wir von weitem sehen einen langen Brief in der Hand, woraus es den Leuten alles vorlas, was zu beschworen war; die hundert Hande der Eidgenossenschaft zogen sich dann durch die hartenden zwei Hande Ropers und Kolbes hindurch und versprachen, dem Edelmann gern zu gehorchen, falls er seines Orts versprechen wollte, zu befehlen.
Aber nach Freud' kommt Leid, nach Erbhuldigung ein bureau d'esprit ... Im achtzehnten Jahrhundert sind allerdings viele Menschen erschrocken und sehr, z.B. die Jesuiten, die Aristokraten, auch Voltaire und andre grosse Autores erschraken oft ziemlich aber es erschrak doch keiner im ganzen aufgehellten Jahrhundert so als der Kommerzien-Agent, da er sah, was kam; da er sah 15 Menschenkopfe und 15 Rosskopfe zwischen einem Artillerietrain von Hunden oben uber den Berg hinunterziehen, die samtlich in seinem Schlosse nichts zu suchen hatten, aber zu finden genug. Da aber auch zweitens niemand im achtzehnten Jahrhundert seltner zu Hause war als er er war es zwar, hockte aber hinter Spiegelglas-Fenstern wie hinter Brandmauer und Schanzkorb, weil sie ihm wie ein Gyges-Ring die Sichtbarkeit benahmen , so hatt' er sich helfen und fur so viele Saugetiere ebenso viele Meilen entfernt sein konnen; aber auf der Wiese wars nicht zu machen. Ein frohlicher Mensch, und war' es ein Geiziger, will Frohliche machen: Roper erschrak erstaunte resignierte und empfing uns freudiger, als wir errieten. Er blieb im Geben heute, weil er einmal im Geben war.
Denn seine Lehnleute, die heute den Verstand verschworen hatten, sollten ihn auch vertrinken; einige sauer erworbene und ebenso sauer schmeckende zwei Eimer hatt' er als Gefangne aus ihrem Burgverlies am Krontage losgelassen er hatte die Fasser ihnen mit doppelter Kreide weniger angeschrieben als getunchet und leuteriert und Fleckkugeln von Kreidenerde so lange in Hangbettchen darein eingesenkt gehabt, dass das Gesoff fast am Ende zu gut war, um verschenkt zu werden. Der Filz sucht zu ersparen, sogar indem er verschenkt. Ubrigens sprang er mit seinen Lehn-Untertanen zutraulicher und freigebiger um als mit uns geadelten Gasten; "so handelt ein Mann stets, der keinen Adelstolz besitzt", sagt der Rezensent; aber "so handelt der Knicker stets, dem geringere, aber silberhaltige Leute lieber sind als standmassige nehmende Gaste und der einen eignen Bedienten uber einen fremden Freund und uber den Stand die Nutzbarkeit hinaufsetzt", sag' ich. Luise, die KommerzienAgentin von Roper, legte jeder Bier-Arche ihres Mannes noch eine kleine Schaluppe zu; seine Geschenke waren ihr allemal ein Vorwand, geheime Zusatze dazu zu machen. Nur befahl sie dem Dorfrichter, ein wachsames Auge darauf zu haben, dass ihr von der Bierhefe nichts verloren gehe. Die Natur hatte ihr eine freie liebende Seele gegeben; aber eben diese Liebe fur ihren Mann liess ihr von seinen Fehlern wenigstens den Schein.
Du treues Herz! Lasse mich einige Zeilen bei deiner ehelichen Uneigennutzigkeit verweilen, die alle eigne Wunsche fur Sunden und alle Wunsche ihres Mannes fur Tugenden halt, und der kein Lob gefallet als eines auf den, welchen du ubertriffst! Warum bist du nicht einer Seele zugefallen, die dich nachahmt und kennt und belohnt? Warum waren dir fur deine Aufopferungen, fur deine Herzensrisse hienieden keine schmerzstillenden Tropfen als die beschieden, die deinetwegen aus den schonen Augen deiner Tochter fallen? Ach du erinnerst mich an alle deine Leidens-Mitschwestern. Ich weiss es zwar aus meiner Seelenlehre recht gut, ihr armen Weiber, dass euere Leiden nicht so gross sind, als ich mir sie denke, eben weil ich sie denke und nicht fuhle, da der Blitz, der in der Ferne der Vorstellung zu einer Flammen-Schlange wird, in der Wirklichkeit nur ein Funke ist, der durch mehre Augenblicke schiesset; aber kann sich ein Mann, ihr weiblichen Wesen, die Seelen-Schwielen und Bruche denken, die sein grober, von Waffen geharteter Finger in euere weichen Nerven drucken muss, da er nicht einmal so sanft mit euch umgeht, wie ihr mit ihm, oder er selber mit saftvollen glatten Raupen, die er nur mit dem ganzen Blatte, worauf sie liegen, wegzutragen wagt? ... Und vollends eine Luise und eine Beata! Aber ware Jean Paul nur euer Gerichthalter, wie ihm der Alte zugesagt, er wollt' euch trosten genug ....
Es ist aber auf den Alten schlecht zu bauen: schleicht er nicht in ganz Unterscheerau umher und voziert im voraus alle Advokaten zu seiner Gerichthalterei, um uns Rechtsfreunde durch die Hoffnung, unter ihm zu dienen, vom Entschlusse wegzubringen, gegen ihn zu dienen? Inzwischen muss ers doch mit einem ehrlich meinen, der ich wohl bin.
Als die boheimische Ritterschaft und ich von der Wiese ins Schloss eintraten: so stiess sie und ich auf etwas sehr Schones und auf etwas sehr Tolles. Das Tolle sass beim Schonen. Das Tolle hiess Oefel, das Schone hiess Beata. Der Himmel sollte einem Autor eine Zeit geben, sie zu schildern, und eine Ewigkeit, sie zu lieben; Oefeln kann ich in drei Terzien ausmalen und auslieben. Es gereichte mir und ihr zur Ehre, dass sie in ihrem alten Klavier-Lehrer sogleich den Bekannten wiederfand; aber es gereichte mir zu keiner Freude, dass sie am Bekannten nichts Unbekanntes entdeckte und dass sie bei meinem Anblick sich nicht erinnerte, aus einem Kind ein Frauenzimmer geworden zu sein. Es gibt ein Alter, wo man Schonen doch verzeiht, wenn sie uns auch nicht bemerken und nicht annehmen. O ich verzieh dir alles, und der grosste Beweis ist der, dass ich davon spreche. Der junge Jungling bewundert und begehrt zugleich, der altere Jungling ist fahig, bloss zu bewundern. Beatens Empfindungen und Worte sind noch der blendend weisse und reine frische Schnee, wie sie vom Himmel gefallen sind: noch kein Fusstritt und kein Alter hat diesen Glanz beschmutzt. Sie wurde noch schoner, weil sie heute tatiger war als sonst und ihre schonen Schultern den Lasten der Mutter lieh; die blasse Mond-Aurora, die sonst auf ihren Wangen den ganzen Himmel weiss liess, uberfloss ihn mit einem Rosen-Widerschein; auch die fremde Freude, fur die sie heute tatig war, gab ihr das erhohte Kolorit, das sie sonst durch eigne verlor. Die Madchen wissen nicht, wie sehr sie Geschaftigkeit verschonere, wie sehr an ihnen und den Taubenhalsen das Gefieder nur schillere und spiele, wenn sie sich bewegen, und wie sehr wir Manner den Raubtieren gleichen, die keine Beute haben wollen, welche festsitzt.
Ihre Mutter sagte mir freudig die Ursache, weswegen der Legationrat dasitze: er hatte Beaten eine Einladung von der Residentin von Bouse gebracht, auf ihr Landgut zu kommen, wo meine Schwester auch ist. Das neue Schloss Marienhof liegt eine halbe Stunde von der Stadt; am neuen hat Oefel das alte innen, das vielleicht durch geheime Turen mit jenem zusammenhangt. Er gab unhoflicherweise zu erraten, ohne sein feines Intrigieren d.h. er machte, wie die Advokaten, uber den schmalsten Bach eine Brucke statt eines Sprunges war' es hinkend gegangen. Unmoglich kann ein solcher eitler Narr von seinem Herzen einen Schiefer-Abdruck in einen so edlen Stein, als Beata ist, auspragen. Wenn sie auch der Faselhans kunftig alle Nachmittage im neuen Schlosse umlagert, wie er tun wird: so kann ich mich doch darauf verlassen ja ich wollte dafur schworen. Ein Haselant seiner Grosse kann zwar ein paar eckige begrasete Landfraulein (wie heute geschah) zu einem verliebten Erstaunen uber seine Glockenpolypen-Drehungen, uber seinen Mut, uber seinen Verstand (d.h. Witz) und seine Unverschamtheit zwingen, statt Damen und Schonen bloss zu sagen Weiber das kann er und mehr, sag' ich; aber von Beatens Herz werden ihn ewig alle ihre Tugenden trennen; sie wird neben seiner Liebe zur Ministerin seine zu ihr selber gar nicht sehen und nicht glauben; sie wird ihre Seele keinen Oefelschen empfindelnden Floskeln offnen, die, wie das falsche Geld, bald zu gross sind, bald zu klein. Sie wird vielmehr finden, mit einem ehrlichen Jean Paul sei mehr anzufangen; sie wird, hoff' ich, besagtem Paul die Ahnlichkeit, die er mit Oefel in einigen Vorzugen haben mag, gern verzeihen, da er ohne seine Fehler ist und mit einem treuen bescheidenen Herzen vor ihr steht, das kaum den Mut hat, ihr das feinste Goldblatt des Lobes leise aufzuhauchen, und welches schweigt, auch missverstanden, und zuruckweicht, auch ohne versucht zu haben ...... Sie wird in ihrem Urteile gerade so von den alten Landfraulein abweichen wie ich von den jungen Landjunkern, die mit dasassen. Denn Oefels Erscheinung nahm ihnen allen vorigen Witz und Verstand, und sein quecksilberner Anstand goss alle ihre Glieder mit Blei aus; sie zogen in einer Falkenbeize, wo ein solcher Vogel die weiblichen Herzen stiess, ihre plumpen Schwingen an sich und bewunderten vermoge der mannlichen Aufrichtigkeit statt der weiblichen Reize seine Hingegen Jean Paul blieb, wie er war, und liess sich nichts anhaben.
Ich wurde manchen deutschen Kreis auf die Vermutung einer heimlichen Eifersucht bringen, wenn ich gar nichts zum Lobe Oefels sagte: er versprach am namlichen Nachmittag meinem Zogling einen grossen Dienst. Er hielt sich namlich, ob er gleich das alte Schloss neben der Residentin zur Miete hatte, nicht darin, sondern im Scheerauer Kadettenhause auf und ruckte von Zimmer zu Zimmer, um da ihm sein hoher Stand verbot, sich sonderbar zu kleiden wenigstens sonderbar zu handeln; er wollte da Menschen studieren, um sie in Kupfer stechen zu lassen. Er setzte namlich einen Roman als eine kurze Enzyklopadie fur Erbprinzen und Kronhofmeister auf und schrieb auf den Titel "Der Grosssultan" Dieser Fenelon machte den Harem seines Telemachs zu einem Spiegelzimmer, das den ganzen weiblichen Scheerauer Hof widerspiegelte, sein Werk war ein Herbarium vivum, eine Flora von allem, was auf und am Scheerauer Throne wachset, vom Fursten an bis, wenn er sich noch erinnert, zu mir. Wenns erscheint, verschlingen wirs alle, weil er uns selber darin verschlungen. Die Rezensenten werden nichts darin finden, sondern sagen: "Triviales Zeug!" Da er nichts tat, was er nicht vorher und nachher aller Welt vortrompetete: so hatt' es sogar mein Rittmeister gehort, dass er beim Kadettengeneral so lange und so fein intrigiert hatte, bis er statt eines aufsehenden Offiziers die Zimmer des Kadettenschulhauses bewohnen und wechseln durfte; und so kam unser Furst diesem Menschen-Naturforscher ebenso mit einer menschlichen Menagerie zu Hulfe, wie Alexander dem Aristoteles mit einer tierischen. Der Rittmeister trat also mit seiner siegenden Menschenfreundlichkeit zu ihm und bat ihn, sich fur seinen Gustav beim Kadettengeneral geschickt zu verwenden, damit er einmal unter dessen Fahne kame. Der Protektor Oefel sagte, nunmehr sei es schon so gut als richtig; er entzuckte sich selber mit der Vorstellung, einen unter der Erde erzognen Sonderling zum Stubenkameraden und zum sitzenden Urbilde zu bekommen.
Die Strahlenbrechung zeigt Schiffern das Land allezeit um etliche hundert Meilen naher, als es liegt, und starkt durch so einen unschuldigen Betrug sie mit Hoffnung und Genuss. Aber auch in der moralischen Welt ist die wohltatige Einrichtung, dass Fursten und ihre Ministerien uns Bittsteller (so will Campe statt Supplikant horen) dadurch froh und munter erhalten, dass sie uns durch eine Augen-Tauschung die Hofstellen, Amter, Gnaden, die wir haben wollen, allzeit um einige hundert Meilen oder Monate naher wir konnen sie mit der Hand erlangen, denken wir sehen lassen, als sie wirklich sind. Diese Tauschung der Annaherung ist auch alsdann nutzlich und gewohnlich, wenn die geistliche oder weltliche Bank, die den Sitzern auf der langen Expektantenbank naher gewiesen wird, am Ende gar bloss eine Nebelbank ist.
"Der Kommerzien-Agent", sagte unterwegs der Rittmeister zu mir, "ist doch kein so ubler Mann, als sie ihn machen und der Legationrat braucht nur vollends in die Jahre zu kommen."
Zwanzigster Sektor
Das zweite Lebens-Jahrzehend
Gespenstergeschichte Nacht-Auftritt
Lebensregeln
Oefel hielt Wort. Vierzehn Tage darauf schrieb uns der Professor Hoppedizel, er werde den neuen Kadetten abholen. Nun wurde unser bisheriger Wunsch unsre Pein. Gustavs und mein Bund sollte auseinandergedehnt und verrenkt werden; jedes Buch, das wir nun zusammen lasen, krankte uns mit dem Gedanken, dass es jeder allein zu Ende bringen wurde; ich wollte meinem Gustav kaum etwas mehr lehren, dessen Ausbau ich an fremde Architekten ubergeben musste, und jeder schone Blumenplatz war uns die Gartentur des Edens, die ein bewaffneter Cherub abschloss. Die Sturmmonate seines Herzens ruckten nun auch naher. Ich hatte ohnehin den Flugeln seiner Phantasie nicht Federn genug ausgerisssen und ihn aus seiner Einsamkeit nicht oft genug verjagt. In dieser trieb seine Phantasie ihre Wurzeln in alle Fibern seiner Natur hinein und verhing mit den Bluten, die seinen Kopf auslaubten, die Eingange des aussern Lichts.
Wahrhaftig weder der klappernde Mentor noch seine Bucher, d.h. weder die Gartenschere noch die der Himmel und die Erde, zwischen denen sie steht d.h. die Einsamkeit oder Gesellschaft, in der das Kind seine ersten Knospen-Minuten durchwachset. Gesellschaft treibt im Alltagkind, das seine Funken nur an fremden Stossen gibt. Aber Einsamkeit zieht sich am besten uber die erhabnere Seele, wie ein oder Platz einen Palast erhebt; hier erzieht sie sich unter befreundeten Bildern und Traumen harmonischer als unter ungleichartigen Nutzanwendungen. Um so mehr haben General-Akziskollegien darauf zu sehen, dass grosse poetische Genies im Grunde taugt keines zu einem gescheiten Kammer- oder Kanzleiverwandten vom zehnten Jahre bis zum funfunddreissigsten in lauter Besuch-, Schreib- und Votierzimmern herumgehetzet werden, ohne in eine stille Minute zu kommen; sonst ist keines in einen Archivar oder Registrator umzusetzen. Daher halt auch das Marktgetose der grossen Welt allen Wuchs der Phantasie so glucklich am Boden.
Daran dacht' ich oft und warf mir manches vor. Wurde nicht (hielt ich mir vor) ein grundlicherer Schulkollege deinen Gustav, wenn er mit dem Rucken auf dem Grase liegt und in den blauen Himmelkrater hinaufzusinken oder auf Flugeln an den Schulterblattern durch das All zu schwimmen traumt, mit dem Spazierstock an ein Buch von Nutzen treiben? Und, sagt' ich, wenn ich zum grundlichern Kollegen sagte, es sei einerlei, woran eine kindliche Phantasie sich aufwinde, ob an einem lackierten Stabchen, oder an einer lebendigen Ulme, oder an einem schwarzen Raucherstecken: wurde der Kollege nicht witzig versetzen, eben deshalb, es sei also einerlei?
Inzwischen besass' ich meines Orts auch Witz; ich wurde auf die Replik verfallen: "Glauben Sie denn, Herr Konfrater, dass unter dem grossten Spitzbuben und dem grossten komischen Dichter, den Sie vertieren, ein Unterschied ist? Allerdings; ein guter Plan des Cartouche ist von einem guten Plan des Dichters Goldoni darin verschieden, dass der erste die Komodie selber ausfuhret, die der letzte von Schauspielern ausfuhren lasset."
Gustav war jetzt in der Mitte des schonsten und wichtigsten Jahrzehends der menschlichen Flucht ins Grab, im zweiten namlich. Dieses Jahrzehend des Lebens besteht aus den langsten und heissesten Tagen; und wie die heisse Zone zugleich die Grosse und den Gift der Tiere mehrt so kocht sich an der Junglingglut zwar die Liebe reif, die Freundschaft, der Wahrheit-Eifer, der Dichtergeist, aber auch die Leidenschaften mit ihren Giftzahnen und Giftblasen. In diesem Jahrzehend schleicht das Madchen aus ihren durchlachten Jahren weg und verbirgt das trubere Auge unter derselben hangenden Trauerweide, worunter der stille Jungling seine Brust und ihre Seufzer kuhlt, die fur etwas Nahers steigen als fur Mond und Nachtigall. Glucklicher Jungling! in dieser Minute nehmen alle Grazien deine Hand, die dichterischen, die weiblichen und die Natur selber, und legen ihre Unsichtbarkeit ab und schliessen dich in einen Zauberkreis von Engeln ein. Ich sagte: selber die Natur; denn an ihr gluhen noch hohere Reize als die malerischen; und der Mensch, fur dessen Auge sie ein meilenlanges Kniestuck voll Zaubereien war, kann ihr ein Herz mitbringen, das aus ihr ein Pygmalions-Gebilde macht, welches tausend Seelen hat und mit allen eine umschlingt .... O sie kehrt niemals, niemals wieder, die zweite Dekade des armen Lebens, die mehr hat als drei hohe Festtage: ist sie voruber, so hat eine kalte Hand unsre Brust und unser Auge beruhrt; was noch in diese dringt, was noch aus ihnen dringt, hat den ersten Morgenzauber verloren, und das Auge des alten Menschen offnet sich dann bloss gegen eine hohere Welt, wo er vielleicht wieder Jungling wird!
Drei Tage, eh' der Professor kam, war Gespensterlarm im Schloss; zwei Tage vorher wahrte er noch fort; einen Tag zuvor machte der Rittmeister Anstalten zur Entdeckung der Schelmerei. Er hatte einen Wasserscheu vor Gespenstergeschichten und gab jedem Bedienten, der eine wie Bokaz erzahlte, als ein Honorar seiner Novelle nach der Bogenzahl Prugel. Die Rittmeisterin argerte ihn durch ihren Leichtglauben, und sie bekam oft den Blick von ihm, den Manner werfen, wenn die Hoffnungen oder Befurchtungen ihrer Weiber Hasensprunge wie Erdhalbmesser tun. Sie hatte nachts ein dreifussiges Gehen durch den Korridor gehort, ein Blitz war durch ihr Schlusselloch gefahren, und eine andre Taschenuhr als ihre hatte 12 geschlagen, und alles war verflogen.
Er lud also seine Doppelpistolen, um den Teufel mit dem Pulver, das er nach Milton fruher als die Sineser erfunden, anzufallen; sein Gustav musste mit dabei sein, um mutig zu werden. Die Schlossuhr schlug 11, es kam nichts sie schlug 12, wieder nichts sie schlug 12 noch einmal ohne Hulfe des Uhrwerks: jetzo wickelte sich auf dem Schlossboden ein hieroglyphisches Gepolter heran, drei Fusse traten die vielen Treppen herab und erschuttern den Korridor. Er, der selten in Leiden, aber immer in Gefahren mutig war, ging langsam aus dem Zimmer und sah im langen Gange nichts als die ausgeblasene Hauslaterne an der Haupttreppe; etwas ging im Finstern auf ihn zu und indem er auf das stumme Wesen feuern wollte, rief er: "Wer da?" Plotzlich blitzte funf Schritte von ihm und hier fasste der Tetanus der Angst Gustavs Nerven das Licht einer Blendlaterne auf ein Gesicht, das in der Luft hing und das sagte: "Hoppedizel!" Der wars; warf sein Stiefelholz und andern Apparat dieser Farce weg, und niemand hatte etwas darwider als der Rittmeister, weil er seinen Mut nicht beweisen konnte, und die Rittmeisterin, weil sie keinen bewiesen hatte.
Aber in Gustavs Gehirn riss dieses in der Luft hangende Gesicht mit der Atznadel ein verzerrtes Bild hinein, das seine Fieberphantasien ihm einmal wieder unter die sterbenden Augen halten werden. Bloss heftige Phantasie, nicht Mangel an Mut schafft die Geisterfurcht; und wer jene einmal in einem Kinde zum Erschrecken aufwiegelte, gewinnt nichts, wenn er sie nachher widerlegt und sie belehrt: "Es war naturlich." Daher furchten sich in der namlichen Familie nur einige Kinder, d.h. die mit geflugelter Phantasie daher zieht Shakespeare in seinen Geisterszenen die Haare des Unglaubigen in der Frontloge zu Berge, offenbar vermittelst seiner aufgewiegelten Phantasie. Die Geisterfurcht ist ein ausserordentliches Meteor unserer Natur, erstlich wegen ihrer Herrschaft uber alle Volker; zweitens weil sie nicht von der Erziehung kommt; denn in der Kindheit schauert man zugleich vor dem grossen Baren an der Ture und vor einem Geiste zusammen, aber die eine Furcht vergeht, warum bleibt die andre? Drittens des Gegenstandes wegen: der Geisterfurchtsame erstarret nicht vor Schmerz oder Tod, sondern vor der blossen Gegenwart eines ganz fremdartigen Wesens; er wurde einen Mond-Insassen, einen Fixstern-Residenten so leicht wie ein neues Tier erblicken konnen, aber in den Menschen wohnt ein Schauer gleichsam vor Ubeln, die die Erde nicht kennt, vor einer ganz andern Welt, als um irgendeine Sonne hangt, vor Dingen, die an unser Ich naher grenzen ....
Ich musste den einfaltigen Professor-Spass aufschreiben, weil er nach zwei Tagen um den fliegenden Gustav folgende Szene erzeugte, die ihm ebensogut das Herz zerquetschen als erheben konnte.
In der Frist vor seiner Abreise trug er sein schweres Herz und schweres Auge an alle Orte, die er liebte und verliess, in das heilige Grab seiner Kinderjahre, unter jeden Baum, der ihm die Sonne genommen, auf jeden Hugel, der sie ihm gezeigt hatte er ging zwischen lauter Ruinen des sanften Kinderlebens hindurch; uber seinem ganzen Jugendparadies lag die Vergangenheit wie eine Flut; vor ihm, hinter ihm zog sich das Marsch- und Ackerland, worein das Schicksal so bald den Menschen treibt .... Das war die Minute, wo ich vor der Sonne, die wie er von dannen ging, und vor der ganzen grossen Natur, die mit unsichtbaren Handen den blinden Menschen in weite, reine, unbekannte Regionen hebt, meinem geliebten Schuler das Bild seines Guido1, das ich ihm bisher entzog, ans Herz druckte; in solchen Minuten sind Worte nicht notig, aber jedes, das man spricht, hat eine allmachtige Hand: "Hier, Gustav," (sagt' ich) "hier vor dem Himmel und der Erde und vor allem Unsichtbaren um den Menschen, hier ubergeb' ich dir aus meinen bewahrenden Handen funf grosse Dinge in deine: ich ubergebe dir dein unschuldiges Herz ich ubergebe dir deine Ehre den Gedanken an das Unendliche dein Schicksal und deine Gestalt, die auch um Guidos Seele liegt. Die grossen Stunden stehen nicht auf der Erde, die dich fragen werden, ob du diese funf grossen Dinge erhalten oder verloren hast aber sie werden einmal deine kunftige Seele mit deiner jetzigen vergleichen ach! lass mich an mich nicht denken, wenn du alles verloren hast!" ...
Ich ging und umarmte ihn nicht; die besten Gefuhle haften starker, wenn man ihnen nicht erlaubt, sich auszudrucken. Er blieb, und seine Gefuhle wendeten sich an Guidos Bild; aber das konnte ihn nicht an seine eigne Gestalt erinnern denn eine Mannsperson kann 20 Jahre alt werden, ohne ihre Zahne, und 25 Jahre, ohne ihre Augen-Wimpern zu kennen, indes ein Madchen dahinter kommt vor der Firmelung , sondern das Bild regte alles, was in ihm von dem Andenken und der Liebe gegen seinen Genius, den ersten Erzieher, schlummerte, wieder auf; ja er fand am Bilde lauter Ahnlichkeiten mit seinem weggeflohenen Freunde aus und sah dessen Gestalt im gemalten Nichts wie in einem Hohlspiegel.
Sein Gehirn brannte wie eine glimmende Steinkohlenmine im Traume auf dem Kopfkissen fort. Ihm kams darin vor, als zerlief' er in einen reinen Tautropfen und ein blauer Blumenkelch sog' ihn ein dann streckte sich die schwankende Blume mit ihm hoch empor und hob' ihn in ein hohes hohes Zimmer, wo sein Freund, der Genius, oder Guido mit dessen Schwester spielte, dem der Arm, sooft er ihn nach Gustav ausstreckte, abfiel und dem die Schwester ihn wieder reichte. Auf einmal knickte die Blume zusammen, und niederfallend sah er drei weisse Mondstrahlen seinen Freund in den Himmel ziehen, der die Blikke abwarts gegen den Gefallnen drehte. Er erwachte ausser dem Bette am offnen Fenster lehnend, das uber den Garten ins schlafende Auenthal sah. Der Himmel sank in einem stummen Strahlen-Regen nieder am leuchtenden Universum regte sich nichts als die Strahlenspitzen der Fixsterne die Hauser standen wie Grabmaler, in denen die Sterblichen ausschliefen die Traume gingen in den geschlossenen Sinnen der Sterblichen aus und ein, und der Tod trat zuweilen ein Haupt und den Traum darin entzwei. Der Himmel schien Gustaven an sein Fenster gesunken. "O kehr um, komm wieder, Geliebter!" (rief er, durch Traum und Gegenwart dahingerissen) "o du warst da, du suchest mich! Erscheine mir, tote mich! Ach du tausendfach Geliebter! sende mir von deinem Himmel wenigstens deine Stimme!" Unversehends schnitt etwas vor dem Fenster die Luft entzwei und rief "Gustav", und im fernen Weiterfliegen riefs zweimal hoher herab "Gustav, Gustav". Ein Eisberg fiel auf seine starrende Haut in der ersten Sekunde; aber in der zweiten gluhte er wieder an, gab seine Arme dem Tode und dem Freunde und schlug das Auge an einer Luftstelle unter dem Mondblenden ein, um etwas zu sehen. Die zwei Welten waren nun fur ihn in eine zusammengefallen; gefasst erwartete er den Freund aus der Welt hinter den Sonnen und wollte an seine Atherbrust sturzen mit einer von Erde. Er gluhte sich ab, und ging endlich mit dem Schaudern der Seele und der Haut ins Bett zuruck. Aber lange werden von dieser Stunde her, wie von der Gegend eines Gewitters die Winde, die Bewegungen seiner Seele wehen.
Der alte Starmatz tats vermutlich, der, so viel ich weiss, aus dem Bauer entkommen war. Gustav erfuhr es nicht. Ob eine Seele Wellen gleich einem Setzteich, so hoch wie Hemd-Jabots, oder gleich dem Ozean solche wie Alpen schlage, das ist zweierlei; ob diese hohen Bewegungen ein Star erregt oder ein Seliger, das ist einerlei.
Der Professor lehrte ihm unter meinen Ohren guldne Brokardika der Menschenkenntnis, die er durch das Lehren selber ubertrat z.B.: Nicht bloss die Liebe, sondern auch der Hass der Menschen ist veranderlich, und beide sterben, wenn sie nicht wachsen. Die meisten reden bloss gegen die Laster, die sie selber haben. Je grosser das Genie, je schoner der Korper ist, desto mehr verzeiht ihnen die Welt; je grosser die Tugend ist, desto weniger verzeiht sie ihr. Jeder Jungling denkt, keiner gleiche ihm in Gefuhlen etc.; aber alle Junglinge gleichen sich. Man muss sich nie entschuldigen; denn nicht die Vernunft, sondern die Leidenschaft des andern zurnt auf uns, und gegen diese gibt es keinen Grund als die Zeit. Die Menschen lieben ihre Freuden mehr als ihr Gluck, einen guten Gesellschafter mehr als den Wohltater, Papageien, Schosshunde und Affen mehr als nutzliche Lasttiere. Man errat die Menschen, wenn man ihnen keine Grundsatze zutraut; und der Argwohnische hat allemal recht, er errat, wenn nicht die Handlungen des andern, doch seine Gedanken; die Niederlagen des Schlimmen und die Versuchungen des Guten. Die Sunde gegen den heiligen Geist, die dir keiner vergibt, ist die gegen seinen Geist, d.h. gegen seine Eitelkeit; und der Schmeichler gefallet, wenn nicht durch seine Uberzeugung, doch durch seine Erniedrigung etc.
Es gibt gewisse Regeln und Mittel der Menschenkenntnis, die der bessere hohere Mensch verschmaht und verdammt, und die gerade diesen nicht erraten helfen und die ihn weder belehren noch erforschen. Der Professor riet noch meinem Gustav, sein Gesicht zu formen, Tugend auf demselben zu silhouettieren, es vor dem Spiegel auszuplatten und es mit keinen heftigen Regungen zu zerknullen. Ich weiss es selber, fur Weltleute ist der Spiegel noch das einzige Gewissen, das ihnen ihre Fehler vorhalt und das man, wie das Gehirn, ins grosse und kleine einteilen muss; das grosse Gewissen sind Wand- und Pfeilerspiegel, das kleine steckt in Etuis und wird als Taschenspiegel herausgezogen; fur die Weltleute; aber fur dich, Gustav? du, der du den obigen Dekalogus fur Spitzbuben nicht annehmen, nicht einmal verstehen oder nutzen kannst denn man nutzt und versteht nur solche Lebensregeln, von denen man die Erfahrungen, worauf sie ruhen, so durchgemacht, dass man die Regeln hatte selber geben konnen du, den ich gelehrt, dass Tugend nichts sei als Achtung fur das fremde und fur unser Ich, dass es besser sei, an keine Laster als an keine Tugend zu glauben, dass die Schlimmsten nur ihre eigne Kaste und die Besten noch eine mehr kennen? ... Wenn Gustav nicht gegen jene Lehren, die meistens Wahrheiten sind, und gegen den Lehrer aufgefahren ware; wenn er nicht geschworen hatte, dass diese ekelhafte Kanker-Philosophie nie uber eine Ecke seines Herzens sich spinnen und kleben sollte: so hatt' ich von ihm nicht einmal so gut gedacht als von der Residentin von Bouse, der das System des Helvetius so schon wie sein Gesicht vorkommt; denn in ihrem Stande hat oft das beste Herz die schlimmste Philosophie.
Es wird kaum die Muhe verlohnen, dass ichs hersetze, dass der Spitzbube Robisch zum Henker gejagt wurde, weil er einen entwischten Rekruten fur einen neuen ausgab und verrechnete. Wenn ich sagte: zum Henker gejagt, so satirisierte ich; denn zum Herrn von Roper wars, der keine Bediente annimmt als die, welche Livree-Polyhistore wie Robisch sind, d.h. zugleich Jager, Gartner, Schreiber, Bauern und Bediente.
Fussnoten
1 Das Bild des verlornen Kleinen, das er an seinem Halse von der Entfuhrerin mitbrachte, und das ihm so ahnlich sah.
Einundzwanzigster oder Michaelis-Sektor
Neuer Vertrag zwischen dem Leser und Biographen
Gustavs Brief
"Ziehe hin, Geliebter," (sagt' ich) "den das WeltMeer mitnimmt; das Sonnenbild deines verborgen fuhlenden Herzens lachle aus dem Meergrund und schwimme mit dir! Dein junges Herz bringest du nicht mehr nach Auenthal! O dass doch die Fruchte am Menschen ein andres Wetter haben mussen als seine Bluten statt des Hauches des Lenzes den Stich des Augusts und den Sturm des Herbstes!" Ich dachte dies, solange sein Wagen in meinen Augen blieb; nachher ging ich in die Gartenhohle hinunter zu den zwei Monchen; und als ich dachte: in euerer kalten Stein-Brust wohnt kein Wunsch, kein Sehnen, kein Schmerz, kein Herz: "Eben darum", sagt' ich in anderem Sinn.
Heute ist Michaelis, und heute ich kann mich nicht langer verstellen bejahrt sich seine Abreise. Heute fangt zwischen mir und dem Leser ein ganz neues Leben an, und wir wollen ruhig alles miteinander vorher ausmachen.
Erstlich bin ich zwar ein Jahr hinter Gustavs Leben zuruck; aber in acht Wochen gedenk' ich solches ereinem halben Jahre, nun kam' ich ihm nach; aber ein Leben ist leichter zu fuhren als zu schildern, zumal gut stilisiert. Uberhaupt kann ein Autor ein guter leichter die Sterne des Himmels zahlen als seine zukunftigen Bogen, die auch Sterne sind. Schlusslich erwartet man, dass die Literatur-Zeitung wenigstens so viel bedenke, dass ich ein Rechtsfreund bin und unmoglich fur sie so viel zu schreiben vermag wie fur ganze Kollegien, Fakultaten und hochste Reichsgerichte. Kennt die Literatur-Zeitung meine entsetzlichen Arbeiten? Man muss meinen Speiseschrank voll Manualakten gesehen haben, in denen noch dazu kein Wort steht, weil ich sie erst aus der Papiermuhle holen liess, oder man muss in meiner Gerichthalterei in Schwenz, worin die 12 Untertanen und der Lehn- und Gerichtherr selber Bauern sind, gewesen sein, um von mir nicht mehr zu fordern als jahrlich ein Buch. Wer ist um ganz Scheerau derjenige Sachwalter, der in einem Prozesse dient, welcher mit nachstem der Teufel musste sein Spiel haben zum Wetzlaer Tor unter die Sessiontische des Reichskammergerichts, das von gutem Stil weiss, durfte hingetrieben werden? Und doch diente der Prozess, wie Peter der Grosse, von unten auf und bestieg, wie die Styliten-Sekte, immer hohere Stuhle.
Zweitens oder das ist noch erstlich: ich kann folglich, gleich den Juden, nur am Sabbat oder Sonntag auf die Plastik meines Seelen-Fotus denken, an Wochentagen wird nichts geschrieben als zwar auch Biographien, aber nur von Schelmen, man meint Protokolle und Klaglibelle.
Zweitens oder drittens bin ich der Insass eines Schulmeistertums. Der gute Rittmeister wollte mich, da sein Sohn zur Tur hinaus war, mit Personalarrest belegen, der bei mir zugleich Realarrest ist, weil mein Mobiliar-Vermogen in meinem Korper und mein Immobiliar-Vermogen in meiner Seele besteht; ich sollte auf seinem Schlosse so lange advozieren und satirisieren, als ich wollte. Es ware zu wunschen, sein alter Gerichthalter verbliche: so wurde ich der neue; denn abdanken kann sein gutes Herz dem doch mein spitzbubisches, an Hoffeinheiten verwohntes den Mangel der letzten nicht allemal vergeben mag keinen Menschen. Behalte deinen gesunden Nord-Ost-Atem, behalte deine Hande mit dem prugelnden Stab Wehe und deine Zunge mit ihrem Paar Donnerwettern und tausend Teufeln, mein Falkenberg!
Ich blieb auch bei ihm im Winter; aber heuer im Fruhjahr zog ich an den Ort herab, wo ich dieses schreibe in die obere Stube des Auenthaler Schulmeister Sebastian Wutz1. Ich hatte vielleicht die drei vernunftigsten Grunde von der Welt dazu; ich schwind' erstlich nirgends mehr ein als in einem Vatikan voll oder Klufte, in Sara-Wusten von leeren Zimmern; ein Esssaal mit seiner Moblen-Armut ist fur mich ein Patmos, und bloss in kleinen Stubchen wird man grosser. Der Mensch sollte von Jahr zu Jahr in immer kleinere Zellen kriechen, bis er in die kleinste schlupfte, d.h. ins engste Loch dieses gequetschten Silberdrahts. Der zweite Grund war Herr Fortius (in Morhof. Polyhist. L. II. c. 8.), welcher Gelehrten anrat, alle halbe Jahre die Stadte zu wechseln, damit sie besser schrieben und in der Tat schreibt man besser nach jeder Veranderung, und ware es eine des Schreibepults. Ohne solche auffrischende Luft schreibt sich die Seele so tief in ihren Hohlweg hinein, dass sie darin steckt, ohne Himmel und Erde zu sehen. Aus gegenwartigem Werke konnte vielleicht etwas werden; aber jeden Monat und jeden Sektor muss ich in einer andern Kajute schreiben.
Der dritte und vernunftigste Grund ist meine Schwester: sie ist wieder von der Residentin von Bouse zuruck, erstlich, weil sie ihre Stelle einer schonen Bucherpatientin leer zu machen hatte, der guten Beata namlich, welche der Vater, der Doktor, der Liebhaber der dumme Oefel (er wird aber gar nicht begunstigt) endlich mitten in diese Zusammenstromung aller Freuden und Visiten hinberedeten; zweitens ist meine Schwester da, weil ichs so haben wollte, aber Schwester, Schwester, warum hab' ich dich nicht eher aus diesem ubersinternden Mineral-Strudel gerissen? Warum hast du dich so verandert? Wer kann dich zuruck verandern? Wer will dir aus dem Herzen scheuern deine Gedanken an fremde Blicke, deine Gier, bewundert, aber nicht geliebt zu werden, deine Gefallsucht, welche Liebe nur erregen, nicht erwidern will, und alles das, was dein Herz unterscheidet von deinem vorigen Herzen und von Beatens ewigem? Mit meiner Schwester wollt' ich also nicht gern das Schloss verengern, auf dem sie ubrigens alle Tage ein paar Stunden versitzet.
Jetzt hab' ich dem Leser beigebracht, woran er ist: wir wenden uns wieder zu Gustavs Wagen und sind alle zufrieden, Leser, Setzer und Schreiber.
Gustav fuhr in einer Trunkenheit des Schmerzes, die der schone Himmel in Tranen auflosete, nach Scheerau und hielt jede Schwalbe und Biene, die unserem Schlosse zuflogen, fur glucklich; die nachsten zehn Jahre hingen als zehn Vorhange vor ihm duster nieder, "und liegen", fragt' er sich, "Totengerippe, Raubtiere oder Paradiese hinter den Vorhangen?" Was ohne Vorhang vor ihm sass und dozierte, sah er auch nicht, den Professor. Zwei Stunden vor Scheerau schrieb er mir mit jener flammenden Dankbarkeit, die aus dem Menschen nur in seinem zweiten Jahrzehend so strahlend bricht. Wie bei allen Seelen, die sich mehr von innen heraus als von aussen hinein verandern, stand in ihm der Barometer seines Herzens oft unbeweglich auf demselben Grade. Die Regenwolken und den Regenbogen in seinem innern Himmel brachte er nach Scheerau mit; er trug sein uberhulltes Herz in das weite widerhallende Kadettenhaus und in dessen Jahrmarktlarm auf den Treppen und in das Kadetten-Feldgeschrei wie unter die Schlage einer Kupferschmiede und Walkmuhle hinein er wurde noch trauriger, aber mit mehr Schmerzen.
Das Merkwurdige im Zimmer, das er betrat und bewohnte, waren nicht drei Kadetten denn sie waren Kurrent-Menschen, Scheidemunze und prosaische Seelen, d.h. lustig, witzig, ohne Gefuhl, ohne Interesse fur hohere Bedurfnisse und von massigen Leidenschaften , sondern der Stuben-Ephorus, Herr von Oefel, der mit dem Degen wie eine gespiesste Fliege mit der Nadel lief. Oefel fing ihn sogleich zu beobachten an, um ihn abends zu beschreiben; in Gesellschaften aber beobachtete er jeden, nicht um fremde Pfiffe zu erlauschen, sondern um seine vorzuweisen. So lobte er auch, ohne zu achten, und schwarzte an, ohne zu hassen: glanzen wollt' er bloss.
Unter diesen Verhaltnissen, ehe Gustav den schweren Gang uber Schmerzen zu Geschaften tat, kam der Trost in der Gestalt der Erinnerung zu ihm, und Gustav sah, was er nicht hatte vergessen sollen seinen Amandus, seinen Kindheitfreund. Aber der gute Jungling trat vor ihn nicht in der ersten Gestalt eines Blinden, sondern in der letzten eines Sterbenden; er hatte die Nervenschwindsucht, die alles sein Mark aus der noch stehenden Rinde ausgezogen hatte an der Rinde grunte nichts mehr als hangende Zweige mit fahlem gesenkten Laub. Er bereitete sich auf kein Amt und kein Leben vor, sondern erwartete und wollte empfangen an der Schwelle des Erbbegrabnisses den Tod, der die Treppe heraufstieg. Aber dass seine Seele in einer lebendigen Wunde lag, daran kann uns nichts wundern als das Geschlecht; denn die schonsten weiblichen Seelen wohnen selten anders; aber die Manner schonen diese Wunde nicht; es erweicht sie gegen ein so weiches Geschlecht der Anblick nicht, dass die meisten nicht von einem Tage zum andern, sondern von einem Schmerze zum andern leben und von einer Trane zur andern ....
In Gustav wohnte das zweite Ich (der Freund) fast mit dem ersten unter einem Dache, unter der Hirnschale und Hirnhaut; ich meine, er liebte am andern weniger, was er sah, als was er sich dachte; seine Gefuhle waren uberhaupt naher und dichter um seine Ideen als um seine Sinne; daher wurde oft die Freundschaft-Flamme, die so hoch vor dem Bilde des Freundes emporging, durch den Korper desselben gebogen und abgetrieben. Daher empfing er seinen Amandus, weil uberhaupt eine Ankunft weniger erwarmt als ein Abschied, mit einer Warme, die aus seinem Innern nicht vollig bis zu seinem Aussern reichte aber Oefel, der beobachtete, hatte mit sechs Blicken heraus, der neue Kadett sei adelstolz.
Unter allen Kriegs-Katechumenen hatte Gustav die meiste Not. Aus einer stillen Kartause war er in ein Polter-Zimmer verbannt, wo die drei Kadetten ihm den ganzen Tag die Ohren mit Rapierstossen, Kartenschlagen und Fluchen beschossen aus einer Dorfburg war er in ein Louvre geworfen, wo die Trommel das Sprachorgan und die Sprachmaschine war, wodurch das Scholarchat mit den Schulern sprach, wie die Heuschrecke allen ihren Larm mit einer angebornen Trommel am Bauche macht. Zum Essen, zum Schlafen, zum Wachen wurden sie wie das Parterre eines Dorfkomodianten zusammengetrommelt. Im Marschschritt und hinter dem Kommandowort erstieg diese Miliz den Speisesaal als ihren Wall und nahm von der Festung nichts weg als die Mundportion auf einen halben Tag. Der Kommandozuck riss sie von ihren Stuhlen auf und lenkte sie zur Zitadell wieder hinaus. Man konnte nachts die Schritte eines einzigen Kadetten zahlen, und man wusste die aller ubrigen, weil der kommandierende Luftstoss diese Rader auf einmal trieb. Eben deswegen, ich meine, weil der Dank vor dem Essen ordentlich kommandiert wurde, hatte das ganze Korps die gleiche Andacht; keine Sekunde sprach einer langer mit Gott als der andre. Ich weiss nicht, in welchem scheerauischen Regimente der Kerl stand, der einmal bei der Kirchenparade, wo der Offizier die Seelen einmal zu Gott kommandierte, die er sonst zum Teufel gehen hiess, so sehr wider vernunftige Subordination verstiess, dass er wenigstens vier Minuten langer dem Himmel auf seinem frommen Knie dankte als der Flugelmann ich sag' es deswegen, weil ich nachher, als der Beter daruber Fuchtel bekam, offentlich die Frage tat, ob nicht eben auf diese Weise den Kompagnien die Logik beizubringen ware, die ihnen so notig ist wie die Schnurrbarte und noch nutzlicher, da man diese, aber nicht jene zu wichsen braucht. Konnte man nicht kommandieren und das Wortchen "macht" weglassen: "Macht den Vordersatz macht den Hintersatz macht den Schluss"? So war' ich nicht zu tadeln, wenn ich mir eine Kompagnie kaufte und sie die drei Teile der Busse etwa so durchmachen liesse: bereuet glaubt bessert namlich euch, oder sonst soll das liebe .... in euch fahren, wie jungere Offiziere beisetzen.
Der ostreichsche Soldat hatte bis Anno 1756 zweiundsiebzig Handgriffe zu lernen, nicht um damit den Feind zu schlagen, sondern den Satan.
In dieser Stimmung, worin Gustav gegen Krieg und seine Kameraden war, schrieb er mir einen Brief, dessen Anfang hier wegbleibt, weil unser Briefsteller dabei allemal so kalt wie beim Empfang zu sein pflegte.
*
"Das Exerzieren und Studieren machen mich zu einem ganz andern Menschen, aber zu keinem glucklichern. Ich argere mich oft selber uber meine Weichheit, uber meine Augen, aus denen ich die Spuren ingeheim wegzuwaschen suche, und uber mein Herz, das bei Beleidigungen, die ich jetzo haufig, aber gewiss ohne Absicht der Beleidiger erfahre, nicht hart aufschwillt, sondern sich zusammenpresst, wie zu einer grossen Trane uber die unheilige Welt. Meine Stubenkameraden, unter denen ich nichts hore als Rapiere und Fluche, lachen mich uber alles aus. Sogar dieses Blatt schreib' ich nicht unter ihnen, sondern unter freiem Himmel im stillen Lande2 zu den Fussen und auf dem Fussgestell einer Blumengottin, von welcher Arm und Blumenkorb abgebrochen sind. Der gute Herr von Oefel ist unterdessen im alten Schlosse bei der Residentin.
Sobald ich nicht arbeite, druckt jedes Zimmer, jedes Haus, jedes Gesicht auf mich herein Und doch, wenn ichs wieder tue zwar wenn trubes Wetter ist, wie in voriger Woche, mach' ich mein mathematisches Reisszeug so gern wie ein Schmuckkastchen auf; aber wenn ein Flammenmorgen unter dem Geschrei aller Vogel, sogar der gefangenen, von den Dachern in unsere Gassen niedersinkt, wenn der Postillon mich mit seinem Horn erinnert, dass er aus den eckigen, spitzigen, verwitternden, unorganisch zusammengeleimten Schutthaufen der getoteten Natur, die eine Stadt heissen, nun hinauskomme in das pulsierende, drangende, knospende Gewuhl der nicht ermordeten Natur, wo eine Wurzel die andre umklammert, wo alles mit- und ineinander wachset und alle kleinere Leben sich zu einem grossen unendlichen Leben ineinander schlingen: da tritt jeder Bluttropfen meines Herzens zuruck vor den Pechkranzen, Trancheekatzen und vor den Wischkolben, womit die Artillerie unsere blauen Morgenstunden ausstopfet. Dennoch vergess' ich die grunende Natur und die Kontraminen, womit wir sie in die Luft aufschleudern lernen, und sehe bloss die langen Flore, die an den Stangen aus dem Hause eines Farbers gegenuber in die Hohe fliegen, schon wie Nachte uber den Gesichtern armer Mutter hangen, damit der Tau des Jammers im Dunkeln hinter den Leichen falle, die wir am Morgen machen lernen. Ach! seitdem es keinen Tod mehr fur, sondern nur wider das Vaterland gibt; seitdem ich, wenn ich mein Leben preisgebe, keines errette, sondern nur eines binde: seitdem muss ich wunschen, dass man mir, wenn mich der Krieg einmal ins Toten hineintrommelt, vorher die Augen mit Pulver blindbrenne, damit ich in die Brust nicht steche, die ich sehe, und die schone Gestalt nicht bedaure, die ich zerschnitze, und nur sterbe, aber nicht tote ..... O da ich noch aus Kartausen, noch aus Ihrem Studierzimmer in die Welt hinaussah, da breitete sie vor mir sich schoner und grosser aus mit wogenden Waldern und flammenden Seen und tausendfach gemalten Auen jetzo steh' ich auf ihr und sehe das kahle Nadelholz mit kotigen Wurzeln, den schwarzen Teich voll Sumpf und die einmahige Wiese voll gelbes Gras und Abzuggraben.
Vielleicht konnt' ich aber doch meine Traume, den Menschen zu nutzen, mehr verwirklichen, wenn ich eine andre Laufbahn einschluge und statt des Schlachtfeldes den Sessiontisch wahlen und den Zweck der Aufopferung veredeln durfte3..... Die rote Sonne steht vor meiner Feder und bewirft mein Papier mit laufenden Schatten: o du wirkst stehend, Himmeldiamant, und machst licht wie der Blitz, aber ohne seinen morderischen Knall! Die ganze Natur ist stumm, wenn sie erschafft, und laut, wenn sie zerreisset. Grosse, im Abendfeuer stehende Natur! der Mensch sollte nur deine Stille nachahmen und bloss dein schwaches Kind sein, das deine Wohltaten dem Durftigen hinaustragt!
Wenn Sie heute von Auenthal zu den im Sonnengolde wogenden Fenstern unsers Schlosses aufsehen: so schauet jetzt meine Seele auch hinuber, aber mit einem Seufzer mehr." etc. Die Offiziere sehen ein, dass Gustav keiner werden will; aber er hat seinen ganzen Vater wider sich, der bloss den sturmenden Krieger liebt und ruhigere Geschaftmanner ebenso verschmahst, wie diese den noch ruhigern geschaftlosen Gelehrten verachten.
Fussnoten
1 Den ganzen Lebenslauf seines Vaters, Maria Wutz, hab' ich dem Ende des zweiten Bandes beigegeben. Allein ob er gleich eine Episode ist, die mit dem ganzen Werke durch nichts zusammenzuhangen ist als durch die Heftnadel und den Kleister des Buchbinders: so sollte mir doch die Welt den Gefallen erweisen und ihn sogleich lesen nach dieser Note. 2 So hiess der englische Garten um Marienhof, den die Gemahlin des verstorbenen Fursten mit einem romantischen, gefuhlvollen, uber Kunstregeln hinausreichenden Geiste angelegt. Der Kummer gab ihr den Namen und die Anlage des stillen Landes ein. Jetzt ist ihrer sterbenden Seele selbst dieses Land zu laut, und sie lebt verschlossen. Diejenigen Leser, die nicht da waren, will ich mir durch eine Beschreibung des Gartens verbinden. 3 Ich kann nichts dafur, dass mein Held so dumm ist und zu nutzen hofft. Ich bins nicht, sondern ich zeige unten, dass das Medizinieren eines kakochymischen Staatskorpers (z.B. bessere Polizei-, Schul- und andre Anstalten, einzelne Dekrete etc.) dem Arzneieinnehmen des Nerven-Schwachlings gleiche, der gegen die Symptome und nicht gegen die Krankheitmaterie arbeitet und der sein Ubel bald wegschwitzen, bald wegbrechen oder weglaxieren oder wegbaden will.
Zweiundzwanzigster oder XVIIII.
Trinitatis-Sektor
Der echte Kriminalist meine Gerichthalterei ein
Geburttag und eine Korn-Defraudation
Als ich am Donnerstag darauf meinen Gustav besuchen und ein wenig belehren will: hat ihn Herr von Oefel aus einer Ursache, die bloss ein ganzer Sektor vor- und auswickeln kann, mit einigen Husaren an die Grenze verschickt, wo sie einen Frucht-Kordon bildeten, der kein Korn hinaus- und keinen Pfeffer hereinliess. Da die meisten Bewegungen des Volks sich von peristaltischen anfangen: so wollten es manche feine Leute gerochen haben, der Landesvater tate die Sache, damit seine Landskinder etwas zu brocken und zu beissen hatten.
Ich bekam aber am Ende die grosste Teufelei damit, und man soll es jetzo horen, aber nur von vornen an.
Namlich so: das grosse Rittergut Maussenbach hat, wie bekannt, die Obergerichtbarkeit, obgleich ich und der Rittergutbesitzer, Herr Kommerzien-Agent von Roper, daruber aus entgegengesetzten Grunden argerlich sind. Ich bin argerlich, weil ich das Leben, wenigstens die Ehre von einigen hundert Menschen nicht in den Handen eines ganzen romischen Volks, sonGerichtherr ist argerlich, weil der Blutbann nichts eintragt, da es mehr kostet, das Richtschwert schleifen zu lassen, als alles abwirft, was damit in den Beutel hineinzumahen ist. "Ehebruch ist fur eine malefizische Obrigkeit noch das einzige!" sagt der Erbherr. Ganz das Gegenteil sagte sein Gerichthalter Kolb; hohe Frais war seine hohe Oper, peinliche Akten waren ihm Klopstocks Gesange und ein Scherge sein Orest und Sancho Pansa Er hatte die Welt in zwei Reihen zerteilet, in die aufhangende und in die aufgehangne Reihe, und er ware Kriminalist geblieben Ein unrasierter Malefikant im Karzer war ihm ein sinesisches Goldfischchen in einer glasernen Bowle, beide wurden Gasten vorgestellt Freie Spitzbuben-Pursch nur in ein paar Weltteilen ware seine Sache und Lust gewesen Mich hasste er auf den Tod, weil ich ihm einmal einen vom Tode ins Zuchthaus wegdefendieret hatte Er besass die Sterbelisten aller Hingerichteten und eine Matrikul oder ein genealogisches Saatregister aller Rauber (Ehrenrauber ausgenommen), die in allen deutschen Kreisen zu ernten standen, und wahre Spitzbuben waren fur ihn, was fur den biographischen Plutarch gutgesinnte Menschen. Kurz er war ein echter Kriminalist, ganz wie ihn die alten deutschen oder neuen englischen Gesetze haben wollen; denn nach beiden soll jeder bloss von seinesgleichen gerichtet und verdammt werden; Kolben aber musste jeder Spitzbube und Morder fur einen ebenso grossen halten, und Inkulpat konnte mithin sagen, dass er die Rechtswohltat genosse, von einem seinesgleichen gerichtet zu werden. Ich kenne nicht viele ebenburtige Malefizrate und Fakultisten, auf welche dieses anzuwenden ware.
Das verdross Ropern ungemein; denn sein Malefizrat zog ihm alle Monate einen kostensplitterigen Fraisfall zu; und hohen Frais-Gerichtherrn ist doch nicht sowohl mit der Einfangung als Beerbung der Inquisiten gedient. Kurz als der Amtmann eine neue Galgenrekruten-Aushebung im Maussenbacher Walde vorzunehmen gedachte woran vielleicht Robisch schuld war : so stellte Herr von Roper diese DiebPressgange dadurch ab, dass er seinem Malefizrat so viel Grobheiten antat, als dazu vonnoten waren, dass der Amtmann nichts tun konnte als abdanken.
Er tat doch noch etwas, der Schelm, er malte meine Wenigkeit ab. Da er mein Defensorat nicht vergessen konnte, so verwaltete er das Fiskalat und sagte zu Ropern, ich taugte nichts, ich ware ein Mensch, der ihn und mehre Edelleute hasste und der den feinsten Hofton hatte; Paul nahme jeden Prozess von Untertanen gegen ihre Lehnherrn an und hatte selber einmal gegen den Herrn Kommerzien-Agenten die Feder gefuhret. Du elender Kolb! warum sollen Einbeine das nicht tun? Meine wichtigsten Prozesse sind noch heute keine andern. Und warum soll nicht gar ein Vorschlag wirklich werden, den ich sogleich tun will? Der, dass man nach dem Muster der Armen-Advokaten Untertanen-Advokaten einfuhrt, die bloss gegen Patrimonialgerichte wie die Malteserritter gegen Unglaubige fechten.
Ich hab' es aus Ropers eignem Munde; denn kurz, er installierte mich doch zum Maussenbacher Amtmann, die Advozier- und Lesewelt erstaune, wie sie will. Die Kolbischen Angriffe waren eben meine Wendeltreppe zu diesem Gerichtstuhle. Mein Gerichtprinzipal muss zu seinen ewigen Kampfen mit allen Instanzen und Edelleuten einen juristischen Taureador, einen hitzigen Federmesser-Harpunierer haben; Kolb sagte aber, ich ware einer. Zweitens prasentierte mir Herr von Roper den Gerichtstuhl, weil ich weder ritt (des kurzen Beines wegen) noch fuhr (des seekranken Magens wegen) und mithin zur Justizpflege ohne den Pferde-Nachtrab, den sein Stall bisher zu apanagieren hatte, gegangen kam. Fur Rezensenten und deren Redakteurs wird der Wink kein Schade sein, dass sie bedenken mogen, dass sie von nun an Papier nehmen und einen Mann rezensieren, der nicht etwa wie sie nichts ist, sondern einen, der so gut richtet wie sie, aber uber ein reelleres Leben als das literarische, und der solche Rezensenten selber henken kann, wenn sie in seinem Gerichtsprengel etwas anders stellen als Ehre.
Jetzt kommt die Hauptsache. Ich war zum erstenmal als Richter in Maussenbach und trat meine Amtmannschaft an. Es ging alles recht gut, ich und Untertanen wurden einander vorgestellt, und ich hatte an diesem Tage uber funfhundert Hande in meiner. Freilich muss ich noch manches saure Gesicht wegscheuern, das sie mir mit machen, weil sie es meinem weniggeliebten Prinzipal machen; denn Volk und Adel liegen nicht bloss in Rom, sondern auch in heutigen Dorfern stets einander in Haaren und Zopfen und fechten uber Schuldensachen. Ausser meiner Gerichthalterei feierte heute noch etwas seinen Geburttag der Verleiher derselben, Roper; wir assen also recht gut, zweierlei Dingen zu Ehren; erstlich weil das von ihm aufgeloste Parlament in mir heute wieder zusammenberufen und zweitens weil der Berufer vor vielen Jahren geboren worden. Ich kann sagen, mir war wohl dabei trotz meiner Verschiedenheit von dem Wiedergebornen von dir ist gar nicht die Rede, Luise und Gerichtprinzipalin! Welches lahme Herz schluge nicht mit deinem in sympathetischer Harmonie zusammen, wenn es dein Auge uber das Vergnugen deines Mannes und von Wunschen fur sein Leben glanzen sieht. Sondern von deinem Eheherrn selber red' ich: er sei nun, wie er will, mir ist es unmoglich, von einem Manne, mit dem ich unter einer Stubendecke sitze, das Schlimme zu denken, das ich bisher von ihm gehort oder auch geglaubt, und es ist wahrlich nicht einerlei, ob uns ein Tisch oder eine Kunststrasse trennt. Wenn du einen Menschen von Horensagen hassest: so gehe in sein Haus und sehe zu, ob du, wenn du in seinen Gesprachen so manchen freundlichen Zug, in seinem Betragen gegen das Kind oder Weib, das er liebt, so manches Zeichen der Liebe aufgefunden hast, ob du da mit dem hineingebrachten Hasse wieder hinausgehest. War gegenwartiger Verfasser in seinem Leben gegen etwas eingenommen, so waren es die Grossen; seitdem er aber in seinen Klavierstunden zu Scheerau Gelegenheit gehabt, mit manchem Grossen unter einem Deckengemalde zu stehen, seitdem er selbst unter diesen Riesen mit herumspringt: so sieht er, dass ein Minister, der ein Volk druckt, seine Kinder lieben und dass der Menschenfeind am Sessiontisch ein Menschenfreund am Nahpult seines Weibes sein kann. So haben die Alpenspitzen in der Ferne ein kahles steiles Ansehen, in der Nahe aber Platz und gute Krauter genug.
Ich gesteh' es also, da nach altvaterischer Sitte (an Geburttagen bei Hofe speist' ich dergleichen nie) eine Biskuit-Torte aufgetragen wurde, auf der das Vivat und der Name Roper mit Typen von Mandeln aufgesaet zu lesen und zu essen war da ferner der Inhaber des Namens zwar sagte: "Solche dumme Streiche machst du nun", aber sogleich das Auge voll bekam und beifugte: "Schneid unsern Leuten draussen auch einen Bissen" ich gestehe, sagt' ich, ich wunschte alsdann manche Sage von ihm aus meinem Gedachtnis, die sich mit dem lapidarischen Mandelstil nicht wohl vertrug, und ich hatte besonders etwas darum gegeben, die Krebse am allerliebsten, wenn er, weniger um das Steingut in ihren Kopfen besorgt, seine Luise nicht angebrummt hatte, die in der Freude einige Beitrage zu seiner Krebs-Daktyliothek verschuttet hatte. Ich will nur aufrichtig sein: der Henker hatte mich holen mussen, wenn ich hart wie ein Krebsauge hatte bleiben wollen, da du, meine Musik-Schulerin, geliebte Beata, welche aus der Hofluft1, wie andre Blumen aus der mephitischen, nichts eingesogen als zartere Reize und hohern Schmelz, da du, holde Schulerin, mit dem weiblichen Gefuhle des vaterlichen Ansehens hingingest und dem Vater, mit dem Munde auf seiner Hand, die aufrichtigsten Wunsche brachtest und da du erst am Halse deiner Mutter, die euch beide mit Blicken der Liebe uberschuttete, dein Herz in ein naheres ubergossest ....
Erst jetzo kommt die versprochne Hauptsache namlich mein Gustav. Ich wollt', er war' ausgeblieben. Er tritt vor zwei Husaren voraus, die einen Kornwagen eskortierten. Der Wagen wollte sich uber der Grenze das Furstentum Scheerau stosset wie der menschliche Verstand uberall auf Grenzen abladen; die zwei Husaren wollten sich bestechen lassen, es war alles gut; aber Gustav wars nicht; der Kondukteur, der Pachter, hatte die Schleichware fur Roperisches Gut ausgegeben und vor Roper straubte sich der ganze Gustav schon vom Vater her zuruck. Zweitens lebte er jetzt mit der Tugend im Brautstand und in den Flitterwochen, wo man gute Werke und moralische hors d'oeuvre fur einerlei nimmt und wo zugleich Stil und Tugend zu viel Feuer haben. Kurz der Pachter und Wagen mussten zuruck; und der Kadett war ins Geburttagzimmer getreten, um es mit uberwallendem Hasse gegen Roperische Betrugereien anzusagen. Aber war er dies imstande, als er mich nach vielen Wochen und meine Schulerin zum ersten Male sah und unter die frohlich geroteten Gesichter trat, aus denen er auf einmal Blut und Freude jagen wollte? Er konnte nichts als mich beiseite ziehen und mir alles entdecken; aber das Belauschen und das anfahrende corpus delicti entdeckten dem KommerzienAgenten das namliche. Er geriet ohne weiteres in eine schimpfende Wut gegen den Kadetten, den die Sache, wie er sagte, nichts angehe, und steigerte sich so lange darin, bis ihm ein Heilmittel gegen das ganze Ungluck beifiel. Ich musste mit ihm vor die Haustur hinaus, und er sagte mir, ich wurde als sein Amtmann leicht einsehen, dass man das Getreide fur das Getreide seiner Pachter ausgeben musste, weil der Furst mit einem Beamten kein Schonen hatte. Das letzte sah ich als sein neuer Amtmann ein, dass der geizige Arsenikkonig, der den Amter-Handel, Justiz-Unfug und ahnliches duldete, doch auf Ungehorsame gegen ihn wie ein giftiger Wind zufahret; aber das sah ich nicht ein, dass eine zweite Betrugerei der Verhack und Advokat der ersten sein musse. Zu unserem Gefechte stiess endlich der Gegenstand desselben, der Pachter selber, der mit zerruttetem Gesicht und mit der stotternden Bitte zulief, "Ihro Gnaden sollten es nicht ungnadig vermerken, dass er in der Angst sein Korn fur Ihro Gnaden Ihres ausgegeben hatte". Nun war der Knoten auseinander: mein Prinzipal hatte bisher bloss seine glucklich uber die Grenze gebrachte Schleichware mit der ertappten fremden vermengt. Dem Pachter hielt er sogleich als gesunder Moralist die Bosheit vor, auf einmal ihn, das Land und den Fursten zu betrugen, "und er wunschte, er brache jetzt das Schreiben der Regierung auf, er wurde ihn auf der Stelle ausliefern". Zu meinem Gustav eilt' er hinein und warf ihm mit der Hitze der verkannten Unschuld so viel Grobheiten entgegen, als man von einem beleidigten Halb-Millionar erwarten kann, da Besitzer des Goldes, wie Saiten von Gold, am allergrobsten klingen. Mich dauerte mein lieber Gustav mit seiner Tugend-Plethora; ihn dauerte das Ungluck des armen Pachters; und Beaten dauerte unsere allseitige Beschamung. Mit reissenden Gefuhlen floh Gustav aus einem stummen Zimmer, wo er vom weichsten Herzen, das noch unter einem schonen Gesicht gezittert, von Beatens ihrem, die Blumen kindlicher Freude weggebrochen und herabgeschlagen hatte.
Im Grund ging jetzt der Henker erst los namlich das Roperische Gebelle gegen das Falkenbergische Haus und gegen dessen abscheuliche Verschwendung und gegen den Kadetten. Beata schwieg; aber ich nicht: ich ware ein Schelm gewesen (ein grosserer, mein' ich), wenn ich dem Rittmeister die Verschwendung in dem Sinne, worin sie der Gegner nahm, hatte beimessen lassen ich ware auch dumm (oder dummer) gewesen, wenn ich ihn nicht in meinem ersten Amtmanns-Aktus an Widerstand zu gewohnen getrachtet hatte, sondern erst im zehnten, zwanzigsten Aber das Ol, das ich herumfliessen liess, um seine Wellen zu glatten, tropfte statt ins Wasser ins Feuer. Es half uns beiden wenig, dass uns meine Schulerin mit den silberhaltigsten Stellen aus Bendas Romeo anspielte der alte Spass war nimmer zuruckzubringen wir zuckten und lenkten vergeblich an unsern Gesichtern, Roper sah wie ein indianischer Hahn aus und ich wie ein europaischer. Ich hatte vorgehabt, gegen Abend nach Mondaufgang etwas sentimentalisch zu sein in Beisein von Beaten, da sie mir ohnehin der Hof entriss; ich weiss gewiss, ich hatte hinlanglich empfunden und gefuhlt; ich wurde unter einem Schatten oder Baum mein Herz hervorgenommen und gesagt haben: "prenez"; ja ich schien sogar heute Beaten mir weit naher heranzuziehen als sonst, welches bei allen Madchen gelingt, mit deren Eltern man die Geschafte teilt. Das war nun samtlich zum Henker; ich musste kalt und zahe davongehen wie ein Kammergerichtbote und empfand schlecht. War der neue Amtmann verdriesslich, den man in sein Amt hineingeargert hatte: so wars sein Prinzipal noch mehr, der in sein Jahr hineingezankt geworden. So hinkte ich davon und sagte unter dem ganzen Weg zu mir: "So und mit dem Gesicht und Aussehen ziehest du also, glucklicher Paul, von deiner Maussenbachischen Gerichthalterei heim, von der du schon in deinen Sektoren voraus geplaudert. Du brauchst meinetwegen nicht aufzugehen, Mond, ich brauche dein Puder-Gesicht heute nicht der einzige verdammte Korn-Karren! und der Furst! und der Filz dazu! und auch die Junglingtugend! Ich wollt', dass ihr alle .... War' ich aber nur so gescheit gewesen und hatte gleich vormittags gefuhlt und hatte vor dem Essen etwas von meinem Herzen vorgezeigt, nur ein Herzohr, nur eine Faser."
"Ei! Herr Amtmann!" (fuhr mir mein Wutz entgegen) "wieder da? Hats hubsche Ehebruche gegeben, Hurenfalle, Raufereien, Injurien?" "Bloss einige Injurien", sagt' ich.
Fussnoten
1 Der Leser muss sich erinnern, dass sie von der Residentin von Bouse bloss zur Feier des vaterlichen Geburttags hierhergereiset war.
Dreiundzwanzigster oder XX. Trinitatis-Sektor
Andrer Zank das stille Land Beatens Brief die
Aussohnung das Portrat Guidos
Noch am heutigen Sonntag hab' ichs nicht heraus, warum Gustav funf Tage spater in Scheerau eintraf, als er konnte; er wich sogar meinen Erkundigungen angstlicher als listig aus. Oefel liess sich alles rapportieren und machte daraus ein paar Sektores in seinem Roman, den ich und der Leser hoffentlich noch zu sehen bekommen. Ich wollte, seiner kame eher als meiner in die Welt, so konnt' ich den Leser darauf verweisen oder vielleicht einige Anekdoten daraus nehmen. Gustav schien ein geistiges Wundfieber zu haben. Er trug sein vom bisherigen Bluten erkaltetes Herz zu Amandus, um es an des Freundes heisser Brust wieder auszuwarmen und anzubruten und um die Achtung gegen sich selber, die er nicht aus der ersten Hand bekommen konnte, aus der zweiten zu erhalten. Und dort erhielt er sie stets aus einem besonderen Grunde. In seinem Charakter war ein Zug, der ihn, wenn er unter einer Brudergemeinde ware, langst als Wildenbekehrer aus ihr nach Amerika hinabgerollet hatte: er predigte gern. Ich kann es anders sagen: seine quellende Seele musste entweder stromen oder ihr denn ein freundschaftliches Ohr auftat: so regnete sie nieder in Begeisterung uber Tugend, Natur und Zukunft. Dann wehte eine heitere frische Luft durch seine Ideenwelt die niedergesturzten Ergiessungen deckten den schonen lichten tiefblauen Himmel seines Innern auf, und Amandus stand unter dem offnen Himmel entzuckt. Dieser, dem die Ubermacht seines herzlich Geliebten ein Postament war, das ihn nicht belastete, sondern emporhob, genoss im fremden Wert seinen eignen; ja in seinem minder ausgelichteten Kopf entstand noch grossere Warme, als im redenden war, wie etwa dunkles Wasser sich unter der Sonne starker als helles erwarmt. Gustav erzahlte ihm den Vorfall und sprach mit ihm so lange uber sein Recht und Unrecht dabei, bis sein Schmerz daruber weggesprochen war; dies ist das freundschaftliche Besprechen des innern Schadenfeuers. Bloss Liebe und ein wenig Schwache war es, dass Amandus mit grosserer Teilnahme eine herausgeweinte als eine hervorgelachte Trane aus dem geliebten fremden Auge wischte; er kam deswegen, um sich das Interesse an fremdem Kummer zu verlangern, noch einmal auf die Sache und tat die zufallige Frage, wo mein Held die ubrigen funf Tage war. Gustav uberhorte es angstlich und rot jener drang heftiger an dieser umfasste ihn noch heftiger und sagte: "Frage mich nicht, du qualest dich nur." Amandus, dessen hysterisches Gefuhl nicht so fein als konvulsivisch war, feuerte sich erst recht damit an Gustavs Herz war innigst bewegt, und daraus kamen die Worte: "O! Lieber, du kannst es nie erfahren, von mir nie!" Amandus war wie alle Schwache leicht zur Eifersucht in Freundschaft und Liebe geneigt und stellte sich beleidigt ans Fenster. Gustav, heute nachgiebiger und warmer durch das Bewusstsein seiner neuesten Vergehung in der Korn-Anklage, ging hin zu ihm und sagte mit nassen Augen: "Hatt' ich nur keinen Eid getan, nichts zu sagen" Aber an Amandus' Seele waren nicht alle Stellen mit jenem feinen Ehrgefuhl bekleidet, an welchem Wortund Eidbruch fressender Hollenstein ist. Auch setzten in ihm wie in allen Schwachen die Bewegungen seiner Seele, sogar wenn die Ursache dazu gehoben war, wie die Wellen des Meers, wenn auf den langen Wind ein entgegenblasender folgt, noch die alte Richtung fort. Er sah also weiter durchs Fenster und wollte vergeben, musst' aber die mechanisch aufspringenden Wellen allmahlich zusammenfallen lassen. Hatte Gustav sich weniger um seine Vergebung beworben: so hatt' er sie fruher bekommen; beide schwiegen und blieben. "Amandus!" rief er endlich im zartlichsten Ton. Keine Antwort und kein Umkehren. Auf einmal zog der einsame Gequalte das Portrat des verlornen und ihm ahnlichen Guido, das in seinen schonen Kindheittagen uber seine Brust gehangen worden und das er ihm heute zu zeigen willens gewesen, vom Schmerze ubermannt, hervor und sagte mit zerschmelzendem Herzen: "O du gemalter Freund, du geliebtes FarbenNichts, du tragst unter deiner gemalten Brust kein Herz, du kennst mich nicht, du vergiltst mir nichts, und doch lieb' ich dich so sehr. Und meinem Amandus war' ich nicht treu?" Er sah plotzlich im Glase dieses Portrats sein eignes mit seinen Trauerzugen nachgespiegelt: "O blicke her;" (sagte er in einem andern Tone) "ich soll diesem gemalten Fremden so ahnlich sehen, sein Gesicht lachelt in einem fort, schau aber in meines!" und er richtete es auf, und weit offne, aber in Tranen schwimmende Augen und zuckende Lippen waren darauf. Die Flut der Liebe nahm beide in fester Umfassung hinweg und hob sie und als Amandus erst darnach seine halbeifersuchtige Frage: "er habe geglaubt, das Portrat sei Gustavs" mit Nein und mit der ganzen Geschichte beantwortet erhielt: so tat es keinen Schaden; denn die Bewegungen seines Herzens zogen schon wieder im Bette der Freundschaft hin.
Nach solchen Erweiterungen der Seele bietet eine Stube keine angemessenen Gegenstande an; sie suchten sie also unter dem Deckengemalde, von dem nicht ein gemalter, sondern ein lebendiger Himmel, nicht Farbenkorner, sondern brennende und verkohlte Welten niederhangen, und gingen hinaus ins stille Land, das keine halbe Stunde von Scheerau liegt. Ach, sie hattens nicht tun sollen, wenn sie ausgesohnet bleiben wollten!
Willst du hier beschrieben sein, du stilles Land, uber das meine Phantasie so hoch vom Boden und mit solchem Sehnen hinuberfliegt oder du stille Seele, die du es noch in der deinigen bewachst und nur ein irdisches Bild davon auf die Erde geworfen hast? Keines von beiden kann ich; aber den Weg will ich nachzeichnen, den unsre Freunde dadurch nahmen, und vorher teil' ich noch etwas mit, das den sonderbaren Ausgang ihres Spaziergangs gebar.
Ich wusste ohnehin nicht recht, wohin ich den Brief tun sollte, welchen Beata sogleich nach meiner und ihrer Ruckkehr von Maussenbach an meine Schwester schrieb. Sie war in den wenigen Tagen, die sie mit meiner Philippine bei der Residentin zugebracht, ihre Freundin geworden. Die Freundschaft der Madchen besteht oft darin, dass sie einander die Hande halten oder einerlei Kleiderfarben tragen; aber diese hatten lieber einerlei freundschaftliche Gesinnungen. Es war ein Gluck fur meine Schwester, dass Beata keine Gelegenheiten hatte, ihrem sie halb bestreifenden Widerschein von Gefallsucht zu begegnen; denn Madchen erraten nichts leichter als Gefallsucht und Eitelkeit, zumal an ihrem Geschlecht.
"Liebe Philippine,
ich habe bisher immer gezogert, um Ihnen einen recht muntern Brief zu schreiben Aber, Philippine, hier mach' ich keinen. Mein Herz liegt in meiner Brust wie in einer Eisgrube und zittert den ganzen Tag; und doch waren Sie hier so freudig und niemal betrubt als bei unserem Abschiede, der fast so lange wahrte wie unser Beisammensein: ich bin wohl selber schuld? Ich glaub' es manchmal, wenn ich die lachenden Gesichter um die Residentin sehe oder wenn sie selber spricht und ich mir in ihrer Stelle denke, was ich ihr mit meinem Schweigen und Reden scheinen muss. Ich darf nicht mehr an die Hoffnungen meiner Einsamkeit denken, so sehr werd' ich von den Vorzugen fremder Gesellschaft beschamt Und wenn mich eine Rolle, die fur mich zu gross ist, freilich niederdruckt: so weiss ich mit nichts mich aufzurichten, als dass ich ins stille Land wegschleiche: da hab' ich sussere Minuten, und mir gehen oft die Augen plotzlich uber, weil mich da alles zu lieben scheint und weil da die sanfte Blume und der schuldlose Vogel mich nicht demutigen, sondern meine Liebe achten; dann seh' ich den Geist der trauernden Furstin einsam durch seine Werke wandeln, und ich gehe mit ihm und fuhle, was er fuhlet, und ich weine noch eher als er. Wenn ich unter dem schonsten blauesten Tage stehe: so schau' ich sehnend auf zur Sonne und nachher rings um den Horizont herum und denke: 'Ach wenn du deinen Bogen hinabgezogen bist, so hast du doch auf keine Stelle der Erde geschienen, auf der ich ganz glucklich sein konnte bis zu deinem Abendrot; und wenn du hinunter und der Mond herauf ist: so findet er, dass du mir nicht viel gegeben.' ... Teure Freundin! verubeln Sie mir diesen Ton nicht; schreiben Sie ihn einer Krankheit zu, die mich allemal hinter diesem Vorboten anwandelt. O konnt' ich Sie mit meinem Arme an mich ketten: so war' ich vielleicht auch nicht so. Gluckliche Philippine! aus deren Munde schon wieder der Witz lachelnd flattert, wenn noch uber ihm das Aug' voll Wasser steht, wie die einzige Balsampappel in unserem Park Gewurzdufte ausatmet, indes noch die warmen Regentropfen von ihr fallen. Alles ziehet von mir weg, Bilder sogar; ein totes stummes Farbenbild hinter einer Glastur war der ganze Bruder, den ich zu lieben hatte. Sie konnen nicht fuhlen, was Sie haben oder ich entbehre jetzo scheidet sogar sein Widerschein von mir, und ich habe nichts mehr vom geliebten Bruder, keine Hoffnung, keinen Brief, kein Bild. Ich vermisse dieses Portrat zwar seit meiner Ruckkehr von Maussenbach; aber vielleicht ists schon langer weg; denn ich hatte mich bisher bloss einzurichten; vielleicht hab' ichs selber mit unter die Bucher, die ich Ihnen gab, verpackt Sie werden mich benachrichtigen. Ich weiss gewiss, in unserem Hause war noch ein zweites, etwas unahnlicheres Portrat meines Bruders; aber seit langem ists nicht mehr da." etc.
*
Naturlich! denn der alte Roper hatt' es publice versteigert, weil es das von Gustav war. Aber wir wollen wieder ins stille Land unsern beiden Freunden nach.
Sie mussten vor dem alten Schlosse vorbei, das wie eine Adams-Rippe das neue ausgeheckt, das seinerseits wieder neue Wasseraste, ein sinesisches Hauschen, ein Badhaus, einen Gartensaal, ein Billard u.s.w., hervorgetrieben hatte. Im neuen Schlosse wohnte die Residentin von Bouse, die diesen architektonischen Fotus das ganze Jahr nicht zweimal bewunderte. Hinter dem zweiten Rucken des Schlosses fing sich der englische Garten mit einem franzosischen an, den die Furstin stehen lassen, um den Kontrast zu benutzen oder um den zu vermeiden, in welchem sich ein brillantierter Gala-Palast neben die patriarchalische Natur im Schaferkleide postiert. Wer nicht vor den beiden Schlossern vorbei wollte: konnte durch ein Fichtenwaldchen in den Park gelangen und vorher in eine Klausnerei, deren Vater der alte Furst und sein Favorit-Kammerherr gewesen waren. Beide waren in ihrem Leben nicht einen halben Tag allein gewesen, ausser wenn sie sich auf einer Jagd oder sonst verirrten; daher wollten sie doch allein sein und setzten deswegen (was fragten sie darnach, dass sie ein Plagiat und einen Nachdruck der vorigen Baireuther Eremitage veranstalteten?) neun Hauserchen aufs Papier, nachher auf den Tisch und endlich auf die Erde, oder vielmehr neun bemooste Klafter Holz. In diesen ausgehohlten Vexier-Klaftern steckte sinesisches Ameublement, Gold und ein lebendiger Hofmann, wie man etwa in lebendigen Baumstammen auf eine lebendige Krote mit Erstaunen stosset, weil man nicht sieht, wo ihr Loch ist. Die Klafter umrangen eine Klause, die man weil am ganzen Hof keine Seele zu einem lebendigen Einsiedler Ansatz hatte einem holzernen anvertrauete, der still und mit Verstand darin sass und so viel meditierte und bedachte, als einem solchen Manne moglich ist. Man hatte den Anachoreten aus der Scheerauischen Schulbibliothek mit einigen aszetischen Werken versehen, die fur ihn recht passten und ihn zu einer Abtotung des Fleisches ermahnten, die er schon hatte. Die Grossen oder Grossten werden entweder reprasentiert oder reprasentieren selber; aber sie sind selten etwas; andere mussen fur sie essen, schreiben, geniessen, lieben, siegen, und sie selber tun es wieder fur andre; daher ist es ein Gluck, dass sie, da sie zum Genuss einer Einsiedelei keine eigne Seele haben und keine fremde finden, doch holzerne Geschafttrager, welche die Einsiedelei fur sie geniessen, bei Drechslern auftreiben; aber ich wunschte nur, die Grossen, die nie mehr Langweile erleiden als bei ihrer Kurzweile, liessen auch vor ihre Parks, vor ihre Orchester, ihre Bibliotheken und ihre Kinderstuben solche feste und unbelebte Geschaft- und Himmeltrager oder Genuss-Curatores absentis und Schonwetterableiter machen und hinstellen, entweder in Stein gehauen oder bloss in Wachs bossiert.
In die Decke der Klause sollte (wie an der Decke der Grotte beim Kloster S. Felicita) hinlangliche Baufalligkeit, sechs Ritzen und ein paar Eidechsen, die daraus fallen, eingemalet werden. Der Maler war auch schon auf Reisen, blieb aber so lange darauf und aus, dass sich die Sache zuletzt selber hinaufmalte und gleich offnen Menschen nichts war, als was sie schien. Allein als die kunstliche Einsiedelei sich zu einer naturlichen veredelt hatte, war sie langst von allen vergessen. Ich halt' es daher mehr fur Persiflage als fur reine Wahrheit, dass der Kammerherr wie so viele Oberscheerauer sagten Holzwurmer hatte zusammenfangen und in den Stuhl des Eremiten impfen lassen, damit die Tiere statt der Haarsagen und Trennmesser daran arbeiteten und den Sessel fruher antik machten wahrhaftig das Gewurm beisset jetzo Stuhl und Monch um! Noch lacherlicher ists, wenn man einem vernunftigen Mann weismachen will, anfangs hatte der architektonische Kammerherr ein kunstlich laufendes Raderwerk mit einem Mausfell kuvertiert und papillotiert, damit die Kunst-Eidechse oben eine Korrespondenz-Maus unten hatte und so fur Symmetrie hinten und vorn gesorgt ware, hernach hatte der Herr sich der Natur genahert und uber eine lebendige rennende Maus ein kunstliches zweites Mausfell als Uberrock und Frack gezogen, damit Natur und Kunst ineinander steckten lacherlich! Mause fahren zwar stets um den Einsiedler herum, aber sicher nur in einer Unterzieh-Haut ....
Unsere zwei Freunde sind weit von uns und schon im sogenannten langen Abendtal des Parks, durch welches aus der untergehenden Sonne ein schwebender Goldstrom fiel. Am westlichen, sanft erhohten Ende des Tales schienen die zerstreuten Baume auf der zerrinnenden Sonne zu grunen; am ostlichen sah man uber die Fortsetzung des Parks hinuber bis ans gluhende Schloss, auf dessen Scheiben sich die Sonne und das Abend-Feuerwerk verdoppelten. Hier sah die alte Furstin allemal den ersten Untergang der Sonne; dann hob sie ein sanft aufgewundner Weg auf das hohe Gestade dieses Tals, wo der Tag noch in seinem Sterben war und noch einmal mit dem brechenden Sonnen-Auge vaterlich den grossen Kinderkreis anblickte, bis ihm seine Nacht das Auge zudruckte und diese in ihren mutterlichen Schoss die verlassene Erde nahm.
Gustav und Amandus! hier versohnet euch noch einmal der rote Sonnenrand steht schon auf dem Rande der Erde das Wasser und das Leben rinnen fort und stocken unten im Grabe nehmet euch an den Handen, wenn ihr auf das zerstorte Ruhestatt1 hinuberschauet und auf seine stehende Kirche, das Bild der unglucklichen Tugend oder wenn ihr auf die Blumeninseln blickt, wo jede Blume auf ihrem grunen Weltteilchen einsam zittert und ihr kein Verwandter entgegenschwankt als ihr gemalter Schatten im Wasser druckt euch die Hande, wenn euere Augen fallen auf das Schattenreich, wo heute Licht und Schatten wie Leben und Schlafen nebeneinander und ineinander zitternd flatterten, bis die schwarze Schattenflut uber allem, was an der Erde blinket, steht und den Tod nachspielt und wenn ihr an des stummen Kabinetts dreifachem Gitter Alphorner und Aolsharfen lehnen sehet: so mussen euere Seelen die Harmonien im Einklang nachbeben .... Es ist eine elende rhetorische Figur, die ich aufstelle, dass ich hier so lange an- und zugeredet habe: sind denn nicht die zwei Freunde in einem grossern Enthusiasmus als ich selbst? Ist nicht Amandus uber freundschaftliche Eifersucht emporgehoben und halt eigenhandig das heutige angeredete Portrat des unbekannten Gustavischen Freundes vor sich hin und sagt: "Du konntest der Dritte sein"? Ja legt er nicht in der Begeisterung das Bild ins Gras, um mit der linken Hand Gustav zu fassen und mit der rechten auf ein Zimmer des neuen Schlosses zu deuten, und gesteht er nicht: "Hatt' ich auch in der rechten das, was ich liebe: so waren meine Hande, mein Herz und mein Himmel voll, und ich wollte sterben"? Und da man nur in der grossten Liebe gegen einen Zweiten von der gegen einen Dritten sprechen kann: konnen wir unserem Amandus mehr ansinnen, der hier auf dem Berge seine Verliebung in Beaten bekennt?
Das Ungluck war, dass sie eben selber heraufstieg, um am Sterbebette der Sonne zu stehen noch schoner als die, die ihre Augenlust war immer langsamer gehend, als wollte sie jeden Augenblick still stehen mit einem Auge, das erst sah, nachdem sie es einigemal schnell auf- und zugezuckt kein lebender europaischer Autor konnte Amandi Entzuckung vormalen, wenn es dabei geblieben ware; aber ihr kleines Erstaunen uber die zwei Gaste des Berges floss plotzlich in das uber den dritten auf dem Grase uber. Eine hastige Bewegung gab ihr das bruderliche Bild, und sie sagte, unwillkurlich zu Amandus gekehrt. "Meines Bruders Portrat! Endlich find' ichs doch!" Aber sie konnte nicht vorbeigehen, ohne aus jenem weiblichen feinen Gefuhl, das in solchen Manual-Akten zehn Bogen durchhat, ehe wir das erste Blatt gelesen, zu beiden zu sagen: "sie dankte ihnen, wenn sie das Bild gefunden hatten" Amandus buckte sich tief und erboset, Gustav war weg, als stande sein Geist auf dem Berg Horeb und hier bloss der Leib sie wandelte, als war' es ihre Absicht gewesen, gerade uber den Berg hinuber, mit den eignen Augen auf dem Bilde und mit den vier fremden auf ihrem Rucken ....
"Jetzt sind ja deine funf Tage heraus, und ohne deinen Meineid", sagte Amandus erzurnet, und die hohe Oper des Sonnen-Untergangs ruhrte ihn nicht mehr; Gustaven hingegen ruhrte sie noch starker; denn das Gefuhl, Unrecht zu leiden, floss mit dem irrigen Gefuhle, Unrecht angetan zu haben zarte Seelen geben in solchen Fallen dem andern allzeit mehr Recht als sich , in eine bittere Trane zusammen, und er konnte kein Wort sagen. Amandus, der sich jetzt uber seine Versohnung argerte, wurd' in seinem eifersuchtigen Verdachte noch dadurch befestigt, dass Gustav in der pragmatischen Relation, die er ihm von der Maussenbacher Avanture gemacht, Beaten vollig ausgelassen; allein diese Auslassung hatte Gustav angebracht, weil ihn beim ganzen Vorfall gerade der Zarten Gegenwart am meisten schmerzte und weil vielleicht in seinem warmsten Innersten eine Achtung fur sie keimte, die zu zart und heilig war, um in der freien harten Luft des Gesprachs auszudauern. "Und sie war naturlich neulich mit in Maussenbach?" sagte der Eifersuchtige im fatalsten Tone. "Ja!" aber so viel vermochte Gustav nicht beizufugen, dass sie da kein Wort mit ihm gesprochen. Dieses dennoch unerwartete Ja zerstuckte auf einmal des Fragers Gesicht, der seinen Stumpf in die Hohe gehalten (falls die Hand ware abgeschossen gewesen) und geschworen hatte: "es brauche weiter keines Beweises Gustav halte Beaten sichtlich in seinem magnetischen Wirbel schweig' er nicht jetzt? Liess er ihr das Bildnis nicht sogleich? Wird sie, da sie die Kopien verwechselte, nicht auch die Originale verwechseln, da sie sich alle vier so gleichen u.s.w.?"
Amandus liebte sie und dachte, man lieb' ihn auch, und man merke, wo er hinauswolle. Er hatte Delikatesse genug in seinen eignen Handlungen, aber nicht genug in den Vermutungen, die er von fremden hegte. Er hatte namlich oft an der medizinischen Seite seines Vaters die sieche Beata in Maussenbach besucht; er hatte von ihr jene freimutige Zutraulichkeit erfahren, die viele Madchen in siechen Tagen immer aussern, oder in gesunden gegen Junglinge, die ihnen tugendhaft und gleichgultig auf einmal vorkommen; das gute Partizipium in dus, Amandus, mutmasste daher nach einigem Nachdenken, dass ein Brief, den Beata als ein Spezimen aus Rousseaus Heloise auf feinem Papier auf grobes schreibt keine verdolmetschet hatte und der an den seligen St. Preux geschrieben war, an das Partizipium selber gerichtet ware. Madchen sollten daher nichts vertieren; Amandus war in einen Liebhaber vertiert.
In Gustavs wogendem Kopf brach endlich die Nacht an, die ausser ihm vortrat; Sturme und Mondschein waren in seiner nebeneinander, Freude und Trauer; er dachte an einen unschuldigen, vom Verdacht angefressenen Freund, an das eingebusste Portrat, an die Schwester, mit der er einmal in seiner Kindheit gespielt hatte, an den unbekannten abgemalten Freund, der also der Bruder dieses schonen Wesens sei u.s.w. Amandus brach einseitig auf; Gustav folgte ihm ungebeten, weil er heute nichts als verzeihen konnte. Noch unter dem Hinuntergehen rangen Hass und Freundschaft mit gleichen Kraften in Amandus, und erst ein Zufall war einem von beiden zum Siege vonnoten der Hass errang ihn, und der Auxiliar-Zufall war, dass Gustav parallel an Amandus' Seite ging. Gustav hatte voraus- (oder hochstens hintennach-)schleichen sollen, zumal mit seiner freundschaftlich gebeugten Seele: so hatte die Freundschaft vermittelst seines Ruckens gesiegt, weil ein Menschenrucken durch den Schein von Abwesenheit mehr Mitleiden und weniger Hass mitteilt als Gesicht, Brust und Bauch .... Man kann die Menschen gar nicht oft genug von hinten sehen
Ihr Bucherleser! keift nicht mit dem armen Amandus, der sein morsches Leben verkeift. Ihr solltet nur nachsehen, wie in einem Nervenschwachling der Sitz der Seele ist, verteufelt hart, ausgepolstert mit keinen drei Rindhaaren, einschneidend wie eine Schlittenpritsche; kurz alle mir bekannte Ich sitzen weicher Dennoch wird mein Mitleiden gegen den wunden Schelm durch ganz andre Dinge als durch seine harte steinige Zirbeldruse der Seele erregt: es sind Dinge, die den Leser weich machen wurden und zu denen ich mich trotz meines Austunkens nur leider noch nicht habe hinzuschreiben vermocht!
Uberhaupt versteck' ichs vergeblich, wie sehr es meiner Historie noch mangelt an wahrem Mord und Totschlag, Pestilenz und teuerer Zeit und an der Pathologie der Litanei. Ich und der Bucherverleiher finden hier das ganze weiche Publikum im Laden, das aufpasset und schon das weisse Schnupftuch dieses sentimentalische Haarseil heraushat und das Seinige beweinen will und abwischen und doch bringt keiner von uns viel Ruhrendes und Totes ... Von der andern Seite bleibt mir wieder die besondere Not, dass das deutsche Publikum seinen Kopf aufsetzt und sich nicht von mir angstigen lassen will; denn es bauet darauf, ich konne als blosser platter Lebensbeschreiber es zu keinem Morde treiben, ohne welchen doch nichts zu machen ist. Aber ist denn nur der RomanenFabrikant mit dem Blut- und Konigsbann beliehen, und ist nur sein Druckpapier ein Greveplatz? Wahrhaftig Zeitungschreiber, die keine Romane schreiben, haben doch von jeher eingetunkt und niedergemacht, was sie wollten, und mehr, als rekrutieret war Geschichtschreiber ferner, diese Grosskreuze unter den gedachten Kleinkreuzen (denn aus 100 Zeitung-Annalisten extrahier' ich hochstens einen Geschichtschreiber als Absud), sind fortgefahren und haben so viel umgebracht, als der Plan ihrer historischen Einleitungen, ihrer Abreges, ihrer Kaiserhistorien und Reichsgeschichten durchaus erforderte .... Kurz ich bin nicht zu entschuldigen, wenn ich hier gar nichts tot und interessant mache; und ich erschlage am Ende aus Not einen oder ein paar Lakaien, die noch dazu ausser Scheerau kein Henker kennt.
Ich fahre aber in meiner Geschichte fort und rucke aus des Pestilenziarius Nouvelle a la main folgenden Artikel in meine fur mehre Weltteile geschriebene Nouvelle a la main herein:
"Es bestatigt sich aus Maussenbach, dass der dasige Bediente Robisch Todes verfahren ist wie seine Mause. Sein Tod hat zwei medizinische Schulen gestiftet, wovon die eine verficht, sein Sekten stiftender Tod komme von zu vielem Prugeln, und die andre, vielmehr von zu wenigem Essen."
Es ist nicht ein Wort daran wahr; der Mensch hat zwar Striemen und Appetit, lebt aber noch dato, und der Zeitungartikel ist erst seit einer Minute von mir selber gemacht worden. Das kuhne Publikum ziehe sich aber daraus auf immer die Witzigung, dass es keinen Lebensbeschreiber reize und aufbringe, weil auch der durch die Kelchvergiftung seines Dintenfasses und durch das Rattenpulver seiner Streusandbuchse Robische und Fursten und jeden umwerfen und auf den Gottesacker treiben konne; es lerne daraus, dass ein rechtschaffenes Publikum stets unter dem Lesen beben und fragen musse: "Wie wirds dem armen Narren (oder der armen Narrin) ergehen im nachsten Sektor?"
Fussnoten
1 Diese wenigen Partien beschreib' ich nur kurz: Ruhestatt ist ein abgebranntes Dorf mit stehender Kirche, die beide bleiben mussten, wie sie waren, nachdem die Furstin den Einwohnern Platz und alles eine Viertelstunde davon mit den grossten Kosten und durch Hulfe des Herrn von Ottomars, dem es gehort und der noch nicht da ist, vergutet hatte. Die Blumeninseln sind einzelne abgesonderte Rasenerhohungen in einem Teiche, jede mit einer andern Blume geputzt. Das Schattenreich besteht in einem mannigfaltigen Schatten-Gegitter und -Geniste, durch grosses und kleines Laubwerk, durch Aste und Gitterwerk, durch Busche und Baume verschieden auf den Grund von Kies, Gras oder Wasser gemalt. Sie hatte die tiefsten und die hellsten Schattenpartien angelegt, einige fur den abnehmenden Mond, andre fur das Abendrot. Das stumme Kabinett war ein schlechtes Hauschen mit zwei entgegengesetzten Turen, uber deren jeder ein Flor hing und die durchaus keine Hand aufschliessen durfte als die der Furstin. Noch jetzo weiss man nicht, was darin ist, aber die Flore sind zerstort. Vierundzwanzigster oder XXI. Trinitatis-Sektor
Oefels Intrigen die Infammachung der Abschied
Schlecht genug ergehts ihm, wenn das fragende Deutschland anders unsern Gustav meinte. Oefel ist daran schuld. Ich will aber dem erschrocknen Deutschland alles eroffnen; die wenigsten darin wissen, warum dieser ein Romanschreiber und ein Legationrat ist.
Kein empfindsamer Offizier im Kadettenhause trug er Uniform hat weniger Kugeln und mehr Hemden und Briefe gewechselt als Oefel. Letzte wollt' er an alle Leute schreiben; denn seine Briefe liessen sich lesen, weil er selber las, und zwar belletristische Sachen, die er noch dazu nachmachte. Er war namlich ein schoner Geist, hatte aber keinen andern. Samtliche franzosische Buchhandler sollten eine narrische Dankadresse an ihn erlassen, weil er ihr samtliches Zeug einkaufte sogar gegenwartige Lebensbeschreibung, worin er selber steht, wird einmal wieder bei ihm stehen, wenn er von ihrer Ausgabe und von ihrer Ubersetzung ins Franzosische hort. Sich selber, Leib und Seele namlich, hatt' er schon in alle Sprachen ubersetzt aus seinem franzosischen Mutter-Patois. Die schonen Geister in Scheerau (vielleicht auch mich) und in Berlin und Weimar verachtete der Narr, nicht bloss weil er aus Wien war, wo zwar kein Erdbeben einen Parnass, aber doch die Maulwurfs-Schnauzchen von hundert Broschuristen Duodez-Parnasschen aufstiessen und wo die daraufstehenden Wiener Burger denken, der Neid blicke hinauf, weil der Hochmut herunterguckt sondern er verachtete uns samtlich, weil er Geld, Welt, Verbindungen und Hofgeschmack hatte. Der Furst Kaunitz zog ihn einmal (wenns wahr ist) zu einem Souper und Ball, wo es so zahlreich und brillant zuging, dass der Greis gar nicht wusste, dass Oefel bei ihm gespeiset und getanzt. Da sein Bruder Oberhofmarschall und er selber sehr reich war: so hatte niemand in ganz Scheerau Geschmack genug, seine Verse zu lesen, als der Hof; fur den waren sie; der konnte solche Verse wie die Graspartien des Parks ungehindert durchlaufen, so klein, weich und beschoren war ihr Wuchs zweitens gab er sie nicht auf Druckpapier, sondern auf seidnen Bandern, Strumpfbandern, Bracelets, Visitenkarten und Ringen heraus. Unter andern Flohen, die auf dem Ohrentrommelfell des Publikums auf- und abspringen und sich horen lassen, bin auch ich und donnere mit; aber Oefel ahmte keinen von uns nach und verachtete dich sehr, mein Publikum, und setzte dich Hofen nach: "Mich", sagt' er, "soll niemand lesen, wenn er nicht jahrlich uber 7000 Livres zu verzehren hat."
Kunftigen Sommer reiset er als Envoye an den **schen Hof ab, um die Unterhandlungen wegen der Braut des Fursten, die schon neben ihrer Wiege angesponnen und abgerissen wurden, neben ihrem DoktorGrahams-Bette wieder anzuknupfen. Der Furst musste sich im Grunde mit ihr vermahlen, weil ein gewisser dritter Hof, der nicht genennt werden darf, sie dadurch einem vierten, den ich gern nennen mochte, entziehen wollte. Man glaube mir aber, es glaubt kein Mensch am ganzen Hofe des Brautigams, dass er an den Hof der Braut verschickt werde, weil dort etwa schone Geister und schone Korper gesuchte Ware sind: wahrhaftig in beiden Schonheiten war er von jedem zu uberbieten; aber in einer dritten Schonheit war ers nur leider nicht, die einem Envoye noch notiger und lieber als die moralische ist im Geld. An einem insolventen Hof hat der Furst die erste und der Millionar die zweite Krone. Ich habe oft den verdammten Erbschaden des scheerauischen Furstentums verflucht und besehen, dass selten genug da ist, und wir halfen uns gern durch einen Nationalbankerutt, wenn wir nur vorher Nationalkredit bekamen. Aber ausser diesem Furstentum hab' ich auf meinen Reisen folgende vier Regionen nirgends angetroffen als am Atna selber: erstlich die fruchtbare und zweitens die waldige Region unten am Throne, wo Fruchte und grasendes und jagdbares Pobelwild zu haben ist, drittens die Eisregion des Hofes, die nichts gibt als Schimmer, viertens die Feuerregion der Thronspitze, wo ausser dem Krater wenig da ist. Ein Thron-Krater kann selber Goldberge einschlucken, verkalken, auswerfen als Lava.
Zum Ungluck gefiel ihm Gustav, weil er seine jugendliche Menschenfreundlichkeit fur ausschliessende Anhanglichkeit an sich ansah, seine Bescheidenheit fur Demutigung vor Oefelscher Grosse, seine Tugenden fur Schwachheiten. Er gefiel ihm, weil Gustav fur die Poesie Geschmack und folglich, schloss er, fur die seinige den grossten hatte: denn Oefels adeliges Blut lief wider die Natur in einer dunnen poetischen Ader, und in einer satirischen dazu, dacht' er. Vielleicht fand auch Gustav in seinen Jahren des Geschmacks, wo den Jungling die poetischen kleinern Schonheiten und Fehler entzucken, zuweilen die Oefelschen gut. Wie nun schon Rousseau sagt, er konne nur den zum Freund erwahlen, dem seine Heloise gefalle: so konnen Belletristen nur solchen Leuten ihr Herz verschenken, die mit ihnen Ahnlichkeit des Herzens, Geistes und folglich des Geschmackes haben und die mithin die Schonheiten ihrer Dichtungen so lebhaft empfinden als sie selber.
Was indessen Oefel an Gustav am hochsten schatzte, war, dass er in seinen Roman zu pflanzen war. Er hatte in der Kadetten-Arche siebenundsechzig Exemplare studiert, aber er konnte davon keines zum Helden seines Buchs erheben, zum Grosssultan, als das achtundsechzigste, Gustav.
Und der ist gerade mein Held auch. Das kann aber unerhorte Leselust mit der Zeit geben, und ich wollte, ich lase meine Sachen und ein andrer schriebe sie.
Er wunschte meinen Gustav zum kunftigen Erben des ottomanischen Throns auszubilden, ihm aber kein Wort davon zu sagen, dass er Grossherr wurde weder im Roman noch im Leben; er wollte alle Wirkungen seines padagogischen Lenkseils niederschreiben und ubertragen aus dem lebendigen Gustav in den abgedruckten. Aber da setzte sich dem Bileam und seiner Eselin ein verdammter Engel entgegen; Gustav namlich. Oefel wollte und musste aus dem Kadettenhause, wo seine Zwecke befriedigt waren, ins alte Schloss zuruck, wo neue seiner warteten. Erstlich aus dem alten Schloss konnt' er leichter in die kartesianischen Wirbel des neuen, der Visiten und Freuden springen und sich von ihnen drehen lassen; zweitens konnt' er da mit seiner Geliebten, der Ministerin, besser zusammenleben, die alle Tage hinkam und welche der Liebe die Tugend und die Liebe der Assembleen-Jagd aufopferte drittens ist die zweite Ursache nicht recht wahr, sondern er machte sie der Ministerin nur weis, weil er noch eine dritte hatte, welche Beata war, die er in ihrem Schlosse aus dem seinigen zu beschiessen, wenigstens zu blockieren vorhatte. Fort musst' er also; aber Gustav sollte auch mit.
"Das ist den Augenblick zu machen," (dachte Oefel) "er soll mich am Ende selber um das bitten, um was ich ihn bitte." Ihm war nichts lieber als eine Gelegenheit, jemand zu seinem Zweck zu lenken das Lenken war ihm noch lieber als das Ziel, wie er in der Liebe die Kriegzuge der Beute vorzog. Er hatte als Gesandter aus Krieg Frieden und aus Frieden Krieg gemacht, um nur zu unterhandeln. Er zog, um Gustaven nahezukommen, seine erste Parallele, d.h. er stach ihm mit seiner spitzen Zunge ein schones Bild der Hofe aus: dass sie allein das savoir vivre lehren und alles und das Sprechen, wie denn auch die Hunde, je kultivierter sie sind, desto mehr bellen, der Schosshund mehr als der Hirtenhund, der wilde gar nicht dass durch sie ein Paradieses-Strom von Freuden brause dass man da an der Quelle seines Glucks, am Ohre des Fursten und am Knoten der grossten Verbindungen stehe dass man intrigieren, erobern etc. konne. Es war in Oefels Plan, dem kleinen Grosssultan nicht einmal die Moglichkeit, ins alte Schloss mitzukommen, zu verraten: "Um so mehr reiz' ich ihn", dacht' er. Es ging aber nicht mit dem Reizen, weil Gustav noch nicht aus den poetischen Idyllen-Jahren, wo der aufrichtige Jungling Hofe und Verstellung hasset, in die abgekuhlten hinuber war, wo er sie sucht. Oefel studierte, wie Hofleute und Weiber, nur Einzelwesen, nicht den Menschen.
Nun wurde die zweite Parallele gezogen und der Festung schon naher geruckt. Er ging einmal an einem Vormittage mit ihm in den Park spazieren, als er gerade die Residentin da zu treffen wusste. Wahrend er sie unterhielt, beobachtete er Gustavs Beobachten oder errotendes Staunen, der noch in seinem Leben vor keiner solchen Frau gestanden war, um welche sich alle Reize herumschlangen, verdoppelten, einander verloren, wie dreifache Regenbogen um den Himmel. Und du, Blumen-Seele, Beata, deren Wurzeln auf dem irdischen Sandboden so selten die rechte Blumenerde finden, standest auch dabei, mit einer Aufmerksamkeit auf die Residentin, die eine unschuldige Maske deiner kleinen Verwirrung sein sollte. Gustav brachte fur seine grosse keine Maske zustande. Oefel schrieb diese Verwirrung nicht wie ich der gegenseitigen Erinnerung an die Guido-Bildersturmerei, sondern die Gustavische der Residentin, und die weibliche sich selber zu.
"So hab' ich ihn denn, wo ich ihn haben will!" sagt' er und liess sich von ihm bis ins alte Schloss bereiten. "A propos! Wenn wir nun beide dablieben!" sagt' er. Die aus anderen Grunden herausgeseufzete Antwort der Unmoglichkeit war, was er eben begehrte. "Gleichviel! Sie werden mein Legationsekretar!" fuhr er mit seinem feinen, auf Uberraschung lauersamen Blicke fort, den er eigentlich niemal mit einem Augenlide bedeckte, weil er stets alles zu uberraschen glaubte.
Es lief aber einfaltig fur Oefel ab: Gustav wollte nicht, sondern sagte: nie! sei es nun aus Furcht vor Hofen, vor seinem Vater, aus Scham der Veranderung, aus Liebe der Stille; kurz Oefel stand dumm vor sich selber da und sah den schwimmenden Stucken seines gescheiterten Baurisses nach. Es ist wahr, es blieb ihm doch der Nutzen daraus, dass er den ganzen Schiffbruch in seinen Roman tun konnte nur aber der Sekretar war fort! Er hatte ihn auch nicht unvernunftig schon im voraus zum Gesandtschaft-Sekretariat voziert; denn an den Scheerauer Thron ist eine Leiter mit den tiefsten und den hochsten Ehrensprossen angelehnt, die Staffeln aber stehen sich so nahe, dass man mit dem linken Beine auf die unterste treten und doch die hochsten noch mit dem rechten erspannen kann wir hatten ja beinahe einmal einen Oberfeldmarschall erschaffen. Zweitens hangt und picht an Hofen wie in der Natur alles zusammen, und Professores sollten es den kosmologischen Nexus nennen; jeder ist Last und Trager zugleich; so klebt am Magnet das eiserne Lineal, an diesem ein Linealchen, an diesem eine Nadel, an dieser Feilstaub. Hochstens nur was auf dem Throne oben sitzt und was unter ihm unten liegt, hat nicht Nexus genug mit der wirksamen Kompagnie: so werden in der franzosischen Oper nur die fliegenden Gotter und schiebenden Tiere von Savoyarden gemacht, alles ubrige von der ordentlichen Truppe.
Also musste Oefel die dritte Parallele ziehen und daraus auf den Kadetten schiessen. Er machte ihm namlich seine Uniform taglich um einen Daumen spannender und knapper, um ihn aus ihr hinauszuangstigen. Er hatte ihn schon neulich in dieser Absicht zum Getreide-Kordon versenden helfen, wo dem warmen, nur an mildes Geben gewohnten Jungling scharfe Neins neue und harte Pflichten waren; aber nun wurde der Dienst von unten auf noch mehr erschwert, und die militarischen Ubungen zerbrachen beinahe seinen feinen porzellanenen Leib, so oft und strenge schleppte ihn der Romancier in die Gesellschaft des Vaters aller Friedenschlusse, namlich des Kriegs.
Wie schmerzlich musste die rauhe Aussenwelt seine wunde innere beruhren! Vor ihm stand, seit seinem Zerfallen mit seinem sterbenden Liebling, fest jener Trauerabend mit seinen Tranen und wich nicht; auf sein verlassenes Herz schimmerte noch die blutrote Sonne und ging nicht unter. Der stumme Abschied seines Amandus, der ihn und andre Wunsche verlor, die abnehmenden Herbsttage seines Lebens und die vorige Liebe druckten sein Auge und Herz zum Trauern zusammen. Die Freundschaft duldet Misshelligkeiten weniger als die Liebe; diese kitzelt damit das Herz, jene spaltet es damit. Amandus, der ihn so missverstanden und betrubet und doch dessen innigste Liebe nicht verloren hatte, verzieh ihm alles bis abends um 5 Uhr dann hort' er (oder es war ihm genug, wenn er sichs nur dachte), dass Gustav den Park (und mithin die Spaziergangerin) besucht hatte dann nahm er seine Versohnung bis auf 11 Uhr abends zuruck dann legte die Nacht und der Traum wieder einen Mantel auf alle Fehler der Menschen und auf diesen. Abends um 5 Uhr fing es von vornen an. Lacht ihn aus, aber ohne Stolz, und mich und euch auch; denn alle unsre Empfindungen sind ohne ihre Lowen- und Narrenwarterin, die Vernunft ebenso toll, wenn nicht in unserem Leben, doch in unserem Innern! Aber endlich hatte er seine Verzeihung so oft zuruckgenommen, dass ers bleiben lassen wollte, falls nur Gustav anklopfte und von ihm alle die Beschuldigungen anhorte, welche er ihm zu verzeihen vorhatte. Man schiebt oft das Vergeben auf, weil man das Vorwerfen aufzuschieben gezwungen ist. Aber, trauter Amandus, konnt' er denn kommen, Gustav, und liess ihn der Romancier?
Letzter triebs noch weiter und kartete es listig ab, dass Gustav, dieser Grosssultan, dieser Held zweier gut geschriebner Bucher, an einem Abend, wo der Kadettengeneral grosses Souper gab, vor dessen Haus kam als Schildwache. Beim Henker! wenn die schonsten Damen vorfahren, die bekannte Residentin die mit einem zufalligen Blick unsre gute Schildwache ausbalgte und ausgestopft unter ihrer Hirnschale aufstellte und ihr Gesellschaftfraulein Beata, und wenn man vor solchen Gesichtern das Gewehr prasentieren muss: so will mans viel lieber strecken und uberhaupt statt stehen knien, um nicht sowohl den Feind zu verwunden als die Freundin .... Beim Henker! ich werde hier mehr Witz gehabt haben, als wohl gern gesehen wird; aber es versuch' es einmal ein lebhafter Mann und schreib' uber die Liebe und entschlage sich des Witzes! Es geht fast nicht. Ich behaupt' es nicht und widerleg' es nicht, dass Oefel vielleicht aus den Traumen Gustavs, die immer sprechend und oft nach dem Erwachen nachwirkend waren, die Namen der gedachten weiblichen Schonheit-Ambe mag vernommen haben. Der Romanschreiber hat also einen Vorteil vor dem Lebensbeschreiber (ich bins) voraus: er schlaft neben seinem Helden.
Er angstigte seinen und unsern Helden, ders aber
nur im asthetischen, nicht im militarischen Sinne war, mit der Herbstheerschau; denn jeder kleine Furst spielt dem grossen Soldaten auf der Gasse nach neben noch kleinern Kindern; daher haben wir Scheerauer eine niedliche Taschen-Landmacht, eine tragbare Artillerie und eine verjungte Kavallerie. Es macht ein Landesherr ohnehin einen Spass, wenn er einen Menschen zu einem Rekruten macht: es widerfahrt dem Kerl nichts, sondern nur Bewegung soll er haben, weil jetzt1 unsre wichtigern Kriege, wie sonst die italienischen, in nichts bestehen als in Marschieren, aus Landern in Lander. So bestehen auch die Feldzuge auf dem Theater bloss in wiederholten Marschen um das Theater, aber in kurzern. Ich ging vor einem Jahre zum Scherze 1/2 Stunde neben einem Regimente her und machte mir weis: "Jetzt tuest du im Grunde einen halbstundigen Feldzug gegen den Feind mit; aber die Zeitungen gedenken deiner schwerlich, ob du und das Regiment gleich durch diese kriegerische Vexier-Prozession ebensoviel Landplagen abwenden als die Klerisei durch geistliche singende Prozessionen."
Er angstigte ihn, sagt' ich; er schilderte die Heerschau namlich: "Friedrich II. tat kleinere Wunder, als man da vom Kadetten-Korps fordern wird! Mehr Blessierte als Blessierende wird es geben! Unter allen Zelten und Kasernen wird man reden von der letzten Scheerauer Heerschau!" Gustav hatt' es im kleinen Dienst langst so weit gebracht, dass er imstande war, mit der Fortifikation seines Leibes wenigstens einen zu verwunden, diesen Leib selber. Ich werde die Angst der Welt sicher nicht vermindern, wenn ich noch erzahle, dass Gustav regelmassig alle sieben Wochen auf funf Tage verreiset, woraus seine Freunde und der Biograph selber gerade so klug werden als die altesten Leser dass Oefel ihm durch geheimes Intrigieren seinen Urlaub so sauer machte, dass er ihn um diesen Preis kein zweites Mal begehren konnte dass Gustav vom letzten Verreisen an den Dr. Fenk einen Brief von Ottomar heimbrachte, den man zwar dem Leser nicht vorenthalten wird, von dessen Uberkommung man ihm aber nichts entdecken kann, weil man selber nichts davon weiss.
Aus allen diesen Dornen und aus der blessierenden Heerschau rettete unsern Gustav eine fremde Infamie. Nach der gedachten Ruckkehr wurde in Oberscheerau ein Offizier, dessen Namen und Regiment man hier aus Schonung seiner vornehmen Familie unterdrucken will, fur ehrlos erklart, weil er mit Spitzbuben Verbindung gehabt. Als der Profos ihm in der Mitte des Regiments, das er entehret hatte, den Degen und das Wappen zerknickte und die Uniform abriss und ihm alles nahm, was den gebuckten Menschen noch in die Hohe richtet im Ungluck: so sturzte Gustav, dessen Ehrgefuhl sogar aus den Wunden eines fremden blutete und der noch nie den schwarzen Anblick einer offentlichen Bestrafung erlebt hatte, in Ohnmacht zusammen; sein erster Laut nach der Belebung war: "Soldat gewesen auf ewig! Wenn der arme Offizier unschuldig war oder wenn er besser wird: wer gibt ihm die ermordete Ehre wieder? Nur der untrugliche Gott kann sie nehmen; aber der Kriegsrat sollte nichts nehmen als das Leben! Die Bleikugel, aber nicht die Infamie!" rief er wie in einer Verzuckung. Ich denke, er hat recht. Zwei Tage war er krank, und seine Phantasien schleiften ihn in die Rauber-Katakomben des Infamierten hinein zum neuen Beweis, dass die Fieberbilder der armen, aus dem Krankenbette ins Grab hineingefolterten Menschen nicht immer die Steckbriefe und Abdrucke ihres Innern sind! Gemarterte Bruder! wie lieb' ich euch jetzt und den sanften Gustav in dieser Minute, wo meine Phantasie unter euch alle hineinblickt, wie ihr, vom Zickzack des Schicksals herumgetrieben, mit eueren Wunden und Tranen mude nebeneinander stehet, einander umfasset, einander beklagt und einander begrabet!
Solang' er krank war und phantasierte: hing Amandus an seinen gluhenden Augen und litt so viel wie er und vergab ihm alles. Als der Doktor Fenk versicherte, am Morgen sei er genesen: so kam Amandus am Morgen nicht und wollte wieder hartherzig sein.
Oefel genoss den Sieg seines Plans. Er trug sich selber die Einlenkung des alten Falkenbergs auf und schrieb eigenhandig an den Mann. Da er mit Dinte den guten Vater auf den mosaischen Berg stellete, hinter dem Berg den Prospekt des gelobten Landes der Gesandtschaft, und mitten ins Kanaan den jungen Legationsekretar: so hatte der gute Mann die Freude vieler Eltern, die ihre Kinder gern das werden sehen, was sie selber zu werden hasseten oder nicht vermochten. Er kam zu mir mit dem Briefe und ritt unter mein Fenster. Alles, was Gustav noch innerlich gegen seine Versetzung ins alte Schloss zu sagen hatte, war, dass die schone Beata im neuen wohnte, welches vom alten bloss durch eine halbierte Mauer abgeschieden war, und dass er Amandus' Verdacht bewahrte. Aber zum Gluck verfiel er nach dem Entschlusse auf den eigentlichen Beweggrund, der ihm denselben eingegeben hatte und der Veredlung und Erweiterung seines Wirkkreises war: "er konnte", sagte er, "nach der Ablosung vom Gesandtschaftposten in einem Kollegium angestellet werden und da dem liegenden Lande aufhelfen u.s.w." Kurz die grosste Schonheit Beatens hatt' ihn nun nicht dahin bringen konnen, sie zu meiden.
Uberhaupt schalte ihn der Romanschreiber so eifrig aus seiner militarischen Hulse, dass man, da er, wie Ehemanner und Fursten, den Zugel ofter im passiven Munde als in den aktiven Handen hatte hatte denken sollen, er werde gelenkt, um zu lenken; aber ich denk' es nicht.
Gustav legte den Abschiedbesuch bei Amandus ab. Ein gutes Mittel, dem zu vergeben, den eine eingebildete Beleidigung auf uns erbitterte, ist, ihm eine wahre anzutun Gustav dachte in den freiwilligen Umwegen von Gassen, durch die er zu seinem gekrankten Amandus ging, an Beata, die nun seine Wandnachbarin wurde, an die Liebe und den Verdacht seines Freundes, an die Unmoglichkeit, den Verdacht zu heben; und da gerade um 6 Uhr vom eisernen Orchester um den Stephansturm die abendliche Spharenmusik in die Gassen niederfloss: so sank sein Herz in die Tone hinein, und er brachte seinem Freunde das weichste mit, das es ausser der Brust Beatens gab. Ich und der Leser haben hieruber unsre Gedanken: eben diese versohnliche Weichheit schrieb sich bloss vom versteckten Bewusstsein her, dass er halb den Verdacht der Nebenbuhlerei verdiene; denn sonst hatt' er, von Stolz gehoben, dem andern zwar auch vergeben, aber ihn darum nicht starker geliebt. Er fand ihn in der schlimmsten Stimmung fur seine Absicht in der freundschaftlichsten namlich; denn in Zartlich-Kranken ist jede Empfindung ein gewisser Vorbote der entgegengesetzten, und alle haben abwechselnde Stimmen. Amandus war im AnatomierZimmer seines Vaters der Sonnenstrahl fiel vor seinem Untergang in die leere Augenhohle eines Totenschadels in Phiolen hingen Menschen-Bluten, kleine Grundstriche, nach denen das Schicksal den Menschen gar ausziehen wollte, Menschchen mit verhangendem grossen Kopf und grossen Herzen, aber mit einem grossen Kopfe ohne einen Irrtum und einem grossen Herzen ohne einen Schmerz auf einer Tafel lag eine schwarze Farbers-Hand, an deren Farbe der Doktor Proben machen wollte .... Welche Nachbarschaft fur eine Aussohnung und einen Abschied! Drei Blicke machten und versiegelten jene schon Blicke reden in dieser nackten Entkorperung der Seelen eine zu schreiende Sprache ; aber als Gustav diesen, vom schonsten Enthusiasmus uber Verdacht und Furcht hinubergehoben, seinem Freunde ansagte; als er ihm, der noch nichts davon begriff, seine neue Wandnachbarschaft und den Verlust der alten kundtat: zerflogen war der Freund, und ein schwarzer Feind sprang aus seiner Asche heraus diese Minute benutzte der Tod und schlug die letzten Wurzelfasern seines wankenden Lebens gar entzwei .... Gustav stand zu hoch, um zu zurnen aber er musste sich noch hoher stellen er fiel um ihn und sagte mit entschlossener reiner Stimme: "Zurne und hasse, aber ich muss dir vergeben und dich lieben mein ganzes Herz mit allem seinem Blut bleibet deinem getreu und sucht es auf in deiner Brust und wenn du mich auch kunftig verkennest: so will ich doch alle Wochen kommen, ich will dich ansehen, ich will dir zuhoren, wenn du mit einem Fremden redest, und wenn du mich dann mit Hass anblickst: so will ich mit einem Seufzer gehen, aber dich doch lieben ach ich werde alsdann daran denken, dass deine Augen, da sie noch zerschnitten waren, mich schoner anblickten und besser erkannten .... o stosse mich nicht so weg von dir, gib mir nur deine Hand und blicke weg."
"Da!" sagte der zertrummerte Amandus und gab ihm die kalte schwarze Farbers-Faust .... Der Hass uberlief wie ein Schauer das liebreichste Herz, das sich noch in einer menschlichen Brust verblutete Gustav zerstampfte auf der Erde seine Liebe und seinen Hass und ging verstummt mit erstickten Empfindungen aus dem Hause und am andern Tage aus Oberscheerau.
Kaum hatte Amandus den gemisshandelten Jugendfreund uber die Gasse zittern sehen: so ging er in sein Zimmer, hullte sich mit dem Kopfkissen zu und liess, ohne sich anzuklagen oder zu entschuldigen, seine Augen so viel weinen, als sie konnten. Wir werden es horen, ob er sein krankes Haupt wieder vom Kopfkissen erhob und wann er wieder von Gustav ins stille Land begleitet wurde, aus dem er ihn zuruckzustossen suchte. O der Mensch! warum will dein so bald in Salz, Wasser und Erde zerbrockelndes Herz ein anderes zerbrockelndes Herz zerschlagen Ach eh' du mit deiner aufgehobnen Totenhand zuschlagst: fallt sie ab in den Gottesacker hin ach eh' du dem feindlichen Busen die Wunde gegeben, liegt er um und fuhlt sie nicht, und dein Hass ist tot oder auch du.
Fussnoten
1 Namlich 1791.
Funfundzwanzigster oder XXII.
Trinitatis-Sektor
Ottomars Brief
Wenn wir Ottomars Brief gelesen: so wollen wir uns an Gustavs neues Theater stellen und ihm zuschauen. Im folgenden Briefe herrscht und tobt ein Geist, der wie ein Alp alle Menschen hoherer und edler Art druckt und oft bewohnt und den bloss so viel er auch hollandische Geister uberwiege ein hoherer Geist ubertrifft und hinausdrangt. Viele Menschen leben in der Erdnahe, einige in der Erdferne, wenige in der Sonnennahe. Fenk sehnte sich so oft nach seinem Ottomar, zumal nach seinem Stillschweigen von einigen Jahren, und er sprach so oft von ihm gegen Gustav, dass es gut war, dass die Adresse des Briefes von fremder Hand und an Doktor Zoppo in Pavia war: sonst hatte der Doktor sogleich gegen die erste Zeile des Briefes gesundigt.
"Nenne, ewiger Freund, meinen Namen dem Uberbringer nicht; ich muss es tun. Auf meinem letzten Lebensjahre liegt ein grosses schwarzes Siegel; zerbrich es nicht, halte die Vergangenheit fur die Zukunft ich mache sie zur Gegenwart fur dich, aber jetzo noch nicht und wenn ich sturbe, ich trate vor dich und sagte dir mein letztes Geheimnis der Erde.
Ich schreibe dir, damit du nur weisst, dass ich lebe und dass ich im Herbste komme. Mein Reisedurst ist mit Alpen-Eis und Seewasser geloscht; ich ziehe nun heim in meine Ruhestatt, und wenn mich dann unter meiner Hausture wieder uber die Berge hinuberverlangt: so denk' ich: in den Guadiana- und in den Wolgastrom sieht das namliche lechzende Menschenherz hinein, das in dir neben dem Rheine seufzet, und was auf die Alpen und auf den Kaukasus steigt, ist, was du bist, und wendet ein sehnendes Auge nach deiner Hausture heruber. Wenn ich aber hier sitze und alle Morgen auf den Nachtstuhl gehe und froh bin, dass ich hungrig, und nachher, dass ich satt werde, und wenn ich alle Tage Hosen und Haarnadeln ausziehe und anstecke: ach! was ists denn da am Ende? Was wollt' ich denn haben, wenn ich in meiner Kindheit auf dem Stein meines Torwegs sass und sehnend dem Zug der langen Strasse nachsah und dachte, wie sie fortliefe, uber Berge schosse, immer immerfort ...? und endlich? ... Ach alle Strassen fuhren zu nichts, und wo sie abreissen, steht wieder einer, der sich ruckwarts herubersehnt. Was wollt' ich denn haben, wenn mein kleines Auge sonst auf dem Rhein mitschwamm, damit er mich hinnahme in ein gelobtes Land, in welches alle Strome, dacht' ich, zogen, ach sonst, wo ich nicht wusste, dass er, wenn er manches schwere Herz getragen, neben mancher zerquetschten Gestalt vorbeigebrauset, die nur er von ihren Qualen erlosen konnte, dass er dann wie der Mensch sich zersplittere und zertrummert einsickere in hollandische Erde? Morgenland, Morgenland! auch nach deinen Auen neigte sich sonst meine Seele wie Baume nach Osten: 'Ach wie muss es da sein, wo die Sonne aufgeht!' dacht' ich; und als ich mit meiner Mutter nach Polen reiste und endlich in das nach Morgen liegende Land und unter seine Edelleute, Juden und Sklaven trat .... Weiter gibts aber auf dieser optischen Kugel kein Morgen-Sonnenland als das, welches alle unsere Schritte weder entfernen noch erreichen. Ach ihr Freuden der Erde alle, ihr sattigt die Brust bloss mit Seufzern und das Auge mit Wasser, und in das arme Herz, das sich vor euerem Himmel auftut, giesset ihr eine Blutwelle mehr! Und doch lahmen uns diese paar elenden Freuden, wie Giftblumen Kindern, die damit spielen, Arme und Beine. Nur keine Musik, diese Spotterin unserer Wunsche, sollt' es geben: fliessen nicht auf ihren Ruf alle Fibern meines Herzens auseinander und strecken sich als so viele saugende Polypenarme aus und zittern vor Sehnsucht und wollen umschlingen wen? was? ... Ein ungesehenes, in andern Welten stehendes Etwas. Oft denk' ich, vielleicht ists gar nichts, vielleicht geht es nach dem Tode wieder so, und du wirst dich aus einem Himmel in den andern sehnen und dann zerdrucke ich unter diesem phantastischen Unsinn die Klaviersaiten, als wollt' ich aus ihnen eine Quelle auspressen, als war' es nicht genug, dass der Druck dieses Sehnens die dunnen Saiten meines innern Tonsystems verstimmt und absprengt ....
In Rom wohnte ein Maler, der Kirche von S. Adriano gegenuber, der unter dem Regen sich allemal unter die Dachrinnen stellte und sich toll lachte; der sagte oft zu mir: 'Einen Hundetod gibts nicht, aber ein Hundeleben.' Fenk! nimm wenigstens, was der Mensch wird oder tut: so gar gar wenig! Welche Kraft wird denn an uns ganz ausgebildet, oder in Harmonie mit den andern Kraften? Ists nicht schon ein Gluck, wenn nur eine Kraft wie ein Ast ins Treibhaus eines Hor- oder Buchersaals hineingezogen und mit partialer Warme zu Bluten genotigt wird, indes der ganze Baum draussen im Schnee mit schwarzen harten Zweigen steht? Der Himmel schneiet ein paar Flocken zu unserem innern Schneemann zusammen, den wir unsre Bildung nennen, die Erde schmelzt oder besudelt ein Viertel davon, der laue Wind loset dem Schneemann den Kopf ab das ist unser gebildeter innerer Mensch, so ein abscheuliches Flickwerk in allem unseren Wissen und Wollen! Vom Einzelwesen auf die ganze Menschheit mag ich gar nicht ubergehen; ich mag nicht daran denken, wie ein Jahrhundert untergeegget und untergeackert wird zur Dungung des nachsten wie nichts sich zu etwas runden will, wie das ewige Bucherschreiben und Aufschlichten des Scibile kein Ziel, kein Ende hat und alle nach entgegengesetzten Richtungen graben und laufen! Was tut der Mensch? Noch weniger, als er weiss und wird. Sage mir, was verrichten denn vor dem furstlichen Portrat uber dem Prasidentenstuhl, oder gar vor einem verschnittenen regierenden Gesicht selbst, dein Scharfsinn, dein Herz, deine Schnellkraft? Die zuruckgepressten ineinander sich krummenden Zweige drucken das Fenster des Winterhauses, der Regent lasset in der compotiere ihre Frucht vor seinem Teller vorubergehen, der blaue Himmel fehlet ihnen, das Gescheiteste ist noch, dass sie verfaulen! Was tun denn die edelsten Krafte in dir, wenn Wochen und Monate verstromen, die sie nicht brauchen, nicht rufen, nicht uben? Wenn ich oft so der Unmoglichkeit zusah, in allen unsern monarchischen Amtern ein ganzer, ein edel tatiger, ein allgemeinnutzlicher Mensch zu sein selbst der Monarch kann nicht mit denen unendlich vielen schwarzen subalternen Klauen und Handen, die er erst als Finger oder Griffe an seine Hande anschienen muss, etwas vollendet Gutes tun sooft ich so zusah, so wunscht' ich, ich wurde gehenkt mit meinen Raubern, war' aber vorher ihr Hauptmann und rennte mit ihnen die alte Verfassung nieder! .... Geliebter Fenk! dein Herz reisset mir niemand aus meiner Brust, es treibet mein bestes Blut, und nie kannst du mich verkennen, ich sei so unkenntlich, als ich wolle! Aber, o Freund, es kommen Zeiten heran, wo dir dieses Verkennen doch leichter werden kann!
Verhullter Genius unserer verschatteten Kugel! ach war' ich nur etwas gewesen, hatte meine Gehirnkugel und mein Herz nur, wie Luther, mit irgendeiner dauerhaften, weit wurzelnden Tat das Blut abverdient, das sie rotet und nahrt: dann wurde mein hungriger Stolz satte Demut, vier niedrige Wande waren fur mich gross genug, ich sehnte mich nach nichts Grossem mehr als nach dem Tode und vorher nach dem Herbst des Lebens und Alters, wo der Mensch, wenn die Jugend-Vogel verstummen, wenn uber der Erde Nebel und fliegender Faden-Sommer liegt, wenn der Himmel ausgeheitert, aber nicht brennend uber allem steht, sich entschlafend auf die welken Blatter legt. Lebe wohl, mein Freund, auf einer Erde, wo man weiter nichts Gutes tun kann als in ihr liegen; im nachsten Herbst sind wir aneinander!"
*
Zu diesem Briefe, der meine ganze Seele nimmt und meine Irrtumer sowohl als meine Wunsche erneuert, kann ich nichts mehr sagen, als dass heute der erste Mensch in dieser Geschichte auf einem Berg begraben worden ist. Wenn ich nach vier oder funf Sektoren von seinem abendrotlichen Tode rede: so werden schon die Zuge seiner Gestalt bleicher und zerrissen sein, sowohl im Sarge als im Herzen der Freunde!
Extrablatt
Von hohen Menschen und Beweis, dass die
Leidenschaften ins zweite Leben und Stoizismus in
dieses gehoren
Gewisse Menschen nenn' ich hohe oder Festtagmenschen, und in meiner Geschichte gehoren Ottomar, Gustav, der Genius, der Doktor darunter, weiter niemand.
Unter einem hohen Menschen mein' ich nicht den geraden ehrlichen festen Mann, der wie ein Weltkorper seine Bahn ohne andere Abirrungen geht als scheinbare noch mein' ich die feine Seele, die mit weissagendem Gefuhl alles glattet, jeden schont, jeden vergnugt und sich aufopfert, aber nicht wegwirft noch den Mann von Ehre, dessen Wort ein Fels ist und in dessen von der Zentralsonne der Ehre brennenden und bewegten Brust keine anderen Geendlich weder den kalten von Grundsatzen gelenkten Tugendhaften, noch den Gefuhlvollen, dessen Fuhlfaden sich um alle Wesen wickeln und zucken in der fremden Wunde und der die Tugend und eine Schone mit gleichem Feuer umfasset auch den blossen grossen Menschen von Genie mein' ich nicht unter dem hohen, und schon die Metapher deutet dort waagrechte und hier steilrechte Ausdehnung an.
Sondern den mein' ich, der zum grossern oder geringem Grade aller dieser Vorzuge noch etwas setzt, was die Erde so selten hat die Erhebung uber die Erde, das Gefuhl der Geringfugigkeit alles irdischen Tuns und der Unformlichkeit zwischen unserem Herzen und unserem Orte, das uber das verwirrende Gebusch und den ekelhaften Koder unsers Fussbodens aufgerichtete Angesicht, den Wunsch des Todes und den Blick uber die Wolken. Wenn ein Engel sich uber unsern Luftkreis stellte und durch dieses trube mit Wolkenschaum und schwimmendem Kot verfinsterte Meer herniedersahe auf den Meergrund, auf dem wir liegen und kleben wenn er die tausend Augen und Hande sahe, die geradeaus waagrecht nach dem Inhalte der Luft, nach Geprange, fangen und starren; wenn er die schlimmern sahe, die schief niedergebuckt werden gegen den Frass und Goldglimmer im morastigen Boden, und endlich die schlimmsten, die liegend das edle Menschengesicht durch den Kot durchziehen; wenn dieser Engel aber unter den Seetieren einige aufrecht gehende hohe Menschen zu sich aufblicken sahe und er wahrnahme, wie sie, gedruckt von der Wassersaule uber ihrem Haupte, umstrickt vom Geniste und Schlamm ihres Fussbodens, sich durch die Wellen drangten und lechzeten nach einem Atemzuge aus dem weiten Ather uber ihnen, wie sie mehr liebten als geliebt wurden, das Leben mehr ertrugen als genossen, gleich fern von stehendem Emporstaunen und rennendem Geschaftleben Hande und Fusse dem Meerboden liessen und nur das aufwarts steigende Herz und Haupt dem Ather ausser dem Meere gaben und auf nichts sahen als auf die Hand, die das Gewicht des Korpers, das den Taucher mit dem Boden verbindet, von ihm trennt und ihn aufsteigen lasset in sein Element .... o dieser Engel konnte diese Menschen fur untergesunkne Engel halten und ihre Tiefe bedauern und ihre Tranen im Meer .... Konnte man die Graber eines Pythagoras (dieser schonsten Seele unter den Alten) Platos Sokrates' Antonins (aber nicht so gut des grossen Kato oder Epiktets) Shakespeares (wenn sein Leben wie sein Schreiben war) J.J. Rousseaus und ahnlicher in einem Gottesacker zusammenrucken: so hatte man die wahre Furstenbank des hohen Adels der Menschheit, die geweihte Erde unserer Kugel, Gottes Blumengarten im tiefen Norden. Aber warum nehm' ich mein weisses Papier und durchstech' es und bestreu' es mit Kohlenstaub oder Dintenpulver, um das Bild eines hohen Menschen hineinzustauben; indes vom Himmel herab das grosse, nie erblassende Gemalde herunterhangt, das Plato in seiner Republik vom tugendhaften Manne aus seinem Herzen auf die Leinwand trug.
Die grossten Bosewichter sind einander am unkenntlichsten; hohe Menschen einander in der ersten Stunde kenntlich. Schriftsteller, die darunter gehoren, werden am meisten getadelt und am wenigsten gelesen, z.B. der selige Hamann. Englander und Morgenlander haben diesen Sonnen-Stern ofter auf ihrer Brust als andre Volker.
Ottomar fuhrte mich auf die Leidenschaften: ich weiss, dass er, wenigstens sonst, nichts so hasste als Kopfe und Herzen, die von der stoischen Stein-Rinde uberzogen waren dass er in seine Pulsadern Katarakten hineinwunschte und in seine Lungenflugel Sturme dass er sagte, ein Mensch ohne Leidenschaft sei noch ein grosserer Selbstling als einer mit heftigen; einen, den das nahe Feuer der sinnlichen Welt nicht entzunde, flamme das weite Fixsternlicht der intellektuellen noch viel weniger an; der Stoiker unterscheide sich vom abgenutzten Hofmann nur darin, dass die Erkaltung des ersten von innen nach aussen fortgehe, die des andern aber von aussen nach innen .... Ich weiss nicht, obs bei dem innen brennenden, aussen glatteisenden Hofmann so ist; aber beim Glase ists so, dass es, wenn es von aussen und nach dem gluhenden Kern zu erkaltet, hohl und zerbrechlich wird; es muss umgekehrt sein ....
Alle Leidenschaften tauschen sich nicht uber die Art oder den Grad, sondern uber den Gegenstand der Empfindung; namlich so:
Darin irren unsere Leidenschaften nicht, dass sie irgendeinen Menschen hassen oder lieben denn sonst verfiele alle moralische Hasslichkeit und Schonheit ; auch darin nicht, dass sie uber etwas jammern oder frohlocken denn sonst war' auch die kleinste Freuden- oder Kummertrane uber Gluck und Ungluck unerlaubt, und wir durften nichts mehr wunschen, nicht einmal wollen, nicht einmal die Tugend. Auch irren die Leidenschaften uber den Grad dieser Ab- und Zuneigung, dieses Freuens und Betrubens nicht; denn sobald ihnen die Sinne und die Phantasie den Gegenstand mit tausendmal grosseren moralischen oder physischen Reizen oder Flecken vorlegen, als sie andre sehen: so muss doch das Lieben und Hassen nach Verhaltnis des aussern Anlasses zunehmen, und sobald irgendein ausserer Reiz den geringsten Grad von Liebe und Hass rechtfertigt: so muss auch der vergrosserte Reiz den vergrosserten Grad der Leidenschaft rechtfertigen. Die meisten Grunde gegen den Zorn beweisen nur, dass die vermeintliche moralische Hasslichkeit des Feindes mangle, nicht, dass sie da sei und er doch zu lieben die meisten Grunde gegen unsre Liebe beweisen nur, dass unsre Liebe weniger den Grad als den Gegenstand verfehle u.s.w. Nicht bloss ein massiger, sondern der hochste Grad der Leidenschaften wurde zulassig sein, sobald sich ihr Gegenstand vorfande, z.B. die hochste Liebe gegen das hochste gute Wesen, der hochste Hass gegen das hochste bose. Da aber alle Gegenstande dieser Erde die Beschaffenheit nicht haben, die solche Seelensturme in uns verdienen kann; da also das Grosste, was uns zu sich reissen oder von sich stossen kann, in andern Welten stehen muss: so sieht man, dass die grossten Bewegungen unsers Ich nur vielleicht ausserhalb des Korpers ihren vergonnten geraumigern Spielraum antreffen.
Uberhaupt ist Leidenschaft subjektiv und relativ: die namliche Willensbewegung ist in der starkern Seele unter grossern Wellen nur ein Wollen und in der schwachern auf der glattern Flache ein innerer Sturm. Unser ewiges Wollen fliesset immerfort durch uns und in uns, wie ein Strom, und die Leidenschaften sind nur die Wasserfalle und Springfluten dieses Stroms; sind wir aber zur Verdammung derselben bloss durch ihre Seltenheit befugt? Ist nicht dem kleinen Bach das Flut, was dem Strom nur Welle ist? Und wenn wir im Feuer unsre Kalte und in der Kalte unser Feuer schelten: wo haben wir recht? Und gibt die Dauer des Scheltens das Recht?
Ich fuhle Einwurfe und Schwierigkeiten voraus, ja ich weiss es und fuhle, dass auf dieser umwolkten Regen-Kugel uns nichts gegen die aussern Sturme einbauen und bedecken kann, als das Besanftigen der innern gleichwohl fuhl' ich auch, dass alles Vorige wahr ist. Sechsundzwanzigster oder XX. Trinitatis-Sektor
Diner beim Schulmeister
Wenn ein Autor wie ich so viele Wochen hinter seiner Geschichte zuruckgeblieben, so denkt er: mag der Henker den heutigen Post-Trinitatis auch gar holen ich will also darin von nichts reden als vom heutigen Post-Trinitatis, von meiner Schwester, meiner Stube und von mir. Wenige Geschichtschreiber werden heute hinter ihren Dintenfassern einen solchen guten Tag haben wie ihr Zunftgenoss.
Ich sitze hier in des Schulmeister Wutzens EmporStube und halte seit einem Vierteljahr meinen Arm als Armleuchter zum Fenster hinaus mit einem langen Licht, um in die zehn deutschen Kreise hineinzuleuchten. Ich werde in jedem Herbst und Winter alle meine Sektores wie den heutigen am Morgen um 41/2 Uhr bei Licht zu machen anfangen; denn wie die erhabne Finsternis vor Mitternacht den Menschen uber die Erde und ihre Wolken hinaushebt: so legt uns die nach Mitternacht wieder in unser Erd-Nest herein schon nach 12 Uhr nachts fuhl' ich neue Lebenslust, die so zunimmt, wie das herubergegossene Morgenlicht die Finsternis verdunnt und durchsichtig macht. Gerade die feinsten und unsichtbarsten Fuhlfaden unserer Seele laufen wie Wurzeln unter der groben Sinnenwelt fort und werden von der entferntesten Erschutterung gestossen. Z.B. wenn der Himmel gegen Osten licht- und wolkenlos, gegen Westen mit Wolkenschlauchen verhangen ist: so kehr' ich mich scherzhafterweise mehr als zehnmal um steh' ich gegen Osten, so fliegen alle innern Wolken aus meinem Geiste weg fahr' ich gegen Westen um, so hangen sie sich wieder um ihn her und auf diese Art zwing' ich durch schnelles Umdrehen die entgegengesetztesten Empfindungen, vor mir ab- und zuzulaufen.
An logische Ordnung ist in diesem Lust-Sektor gar nicht zu gedenken; einige geschichtliche soll zu finden sein. Nur wird mancher Gedanke mit tausend Schimmerecken von meiner Lichtschere erdruckt werden, wenn ich das Licht schneuze, oder in meiner Tasse ersaufen, wenn ich gestrigen Kaffee daraus trinke. Dem Publikum ist letzter mehr anzuraten: unter allen warmen Getranken ist kalter Kaffee zwar vom abscheulichsten Geschmack, aber doch von der geringsten Wirkung. Der schlafende Tag wird schon wie eine schlafende Schone, in der die Morgentraume gluhen, rot und muss bald das Aug' aufschlagen. Sein erstes wird poetisch zu reden sein, dass er meine Schwester weckt und mit ihr als Schlafgenoss in meine Stube tritt. Ich sollte wie ein mahrischer Bruder ein paar tausend Schwestern haben, so lieb' ich sie uberhaupt alle. Wahrlich manchmal will ich mit den stossigen Satyrs-Bockfussen gegen das gute weibliche Geschlecht ausschlagen und lass' es bleiben, weil ich neben mir die kleinen Kirchenschuhe meiner Philippine sehe und mir die schmalen weiblichen Fusse hineindenke, welche in so manches Dornengeniste und manche Gewitterregenlache, die beide leicht durch die dunnen weiblichen Fusstapeten dringen, treten mussen. Die leeren Kleider eines Menschen, zumal der Kinder, flossen mir Wohlwollen und Trauern ein, weil sie an die Leiden erinnern, die das arme Einschiebsel darin schon muss ausgestanden haben; und ich hatte mich einmal in Karlsbad leicht mit einer Bohmin ausgesohnet, wenn sie mich ihre Hauskleidung, ohne dass sie darin war, hatte beschauen lassen ..........................................................................
Diese Punkte stellen verrollte Zeitpunkte vor. Jetzt sind die Blinden heil, die Lahmen gehen, die Tauben horen wach ist namlich alles; unter meinen Fussen zerhammert der Schulmeister schon den Sonntagzukker; meine Schwester hat mich schon viermal ausgelacht; der Senior Setzmann hat schon aus seinem Fenster meinem Hausherrn die notigsten heutigen Religionedikte zugepfiffen; die Uhr ist, wie Hiskias Sonnenuhr, von der Wunderkraft des dekretierenden Pfeifens eine Stunde zuruckgegangen, und ich kann eine langer schreiben; bin aber dadurch mit meinem Pinsel aus meinem Morgen-Gemalde gekommen. Die Sonne steht meinem Gesichte gegenuber und macht mein biographisches Papier zu einem blanken MosisAngesicht; daher ists mein Gluck, dass ich ein Federmesser und Ostreich oder Bohmen oder das JesuiterDeutschland nehme namlich Homannische Karten davon und mit dem Messer diese Lander uber meinem Fenster aufnagele und einpfahle; ein solches Land halt allemal die Morgensonne so gut ab und wirft so viel Schatten heruber, als hatt' ich die Tandelschurze oder das Pallium eines Fenstervorhangs daran.
Meine Feder fahrt nun im Erdschatten des Globus so fort: Wutz fuhrt in seinem Hause nicht drei gescheite Stuhle, keine Fenstervorhange und HautelisseTapeten. Indes mein viel zu prunkendes Ameublement in Scheerau steht: letz' ich mich hier an dem jammerlichsten und sage, ein Furst weiset kaum in einer Kunst-Einsiedelei ein elenderes vor. Sogar den Kalender schreiben wir uns, ich und mein Hausherr, eigenhandig, wie Mitglieder der Berliner Akademie aber mit Kreide und an die Stubenture; jede Woche geben wir ein Heft oder eine Woche von unserem Almanach und wischen die Vergangenheit aus. Auf dem vierschrotigen Ofen konnen drei Paare tanzen, die er wie die jetzigen Tragodien trotz der unformlichen Zurustung und Breite schlecht erwarmen wurde. Es muss beilaufig noch zu Hand- und Taschenofen kommen, wenn man einmal aus den Bergwerken statt der Metalle das Holz, womit man sie jetzt ausfuttert, wird holen mussen ....
Ein Schops wird entsetzlich geprugelt, namlich sein toter Schenkel die zinnernen Patenteller der zwei Wutzischen Kinder werden abgestaubt mein Silber-Besteck wird abgeborgt das Feuer knackt die Wutzin rennt ihre Kinder und Vogel schreien. Alle diese Zurustungen zu einem viel zu grossen Diner, das heute unten gegeben wird, hor' ich in mein Studierzimmer herauf. Vielleicht sind solche Zurustungen dem Range der beiden Gaste, die das Traktement annehmen sollen, angemessener als dem Stande der beiden Schulleute, die es geben. Gegenwartigem Geschichtschreiber und seiner Schwester durfen sie namlich ein Essen geben und selber mit am Tische sitzen. Der Schulmeister hatte viel von seinem ausgeraumten Ameublement eine Woche lang in meine Stube einpfarren durfen, weil die seinige endlich nach langem Bittschreiben denn das Konsistorium sieht Reparaturen an der sichtbaren wie an der unsichtbaren Kirche nicht gern reformiert, d.h. repariert, namlich geweisset wurde. Daher invitierte er mich (aus Hofton) zum Dinieren, und ich nahm (ebenfalls aus Hofton) die Karte an.
Ich werde den Sektor erst abends ausschreiben, teils um mir nicht die Esslust wegzudenken, teils um mir draussen noch einige zu erhinken, wo ich noch dazu ein paar Emmerlinge und die Kirchenleute singen horen kann. Uberhaupt ist der Nachsommer, der heute mit seinem schonsten himmelblauen Kleide und der Orden-Sonne darauf auf den Feldern draussen steht, ein stiller Karfreitag der Natur; und wenn wir Menschen hofliche Leute waren: so gingen wir da ofter ins Freie und begleiteten den verreisenden Sommer hoflich bis an die Ture. Ich seh' es voraus, ich wurde mich heute an der milden Sonne, die ein sanft um uns schleichender Mond geworden ist, und die im Nachsommer den weiblichen Artikel verdient, nicht satt sehen konnen, wenn ich nicht mein Auge nach Scheeraus Berge richten, musste, wo meine Guten wohnen und von wannen heute mein Doktor mich besuchen wird.
Unter die Erde ist nun der Tag und seine Sonne. Komme glucklich heim, geliebter Freund! Auf den Silber-Grund, den der Mond auf deinem Weg anlegt, male deine Seele das verlorne Eden der Jugend, und der schwarze Schatten, den du und dein scheues Ross auf den Strahlenboden werfen, musse euch nachschwimmen, aber nicht voraus!
Warum sind die meisten Einwohner dieses Buchs gerade Fenks Freunde? Aus zwei recht vernunftigen Grunden. Erstlich verquickt sich das humoristische Quecksilber, das aus ihm neben der Warme des Herzens glanzt, mit allen Charakteren am leichtesten. Zweitens ist er ein moralischer Optimist. Zehn metaphysische Optimisten wurd' ich fur einen moralischen auszahlen, der nicht ein Kraut, wie die Raupe, sondern einen ganzen Blumenflor von Freuden, wie der Mensch, zu geniessen weiss der nicht funf Sinnen, sondern tausend hat fur alles, fur Weiber und Helden, fur Wissenschaften und Lustpartien, fur Trauer- und Lustspiele, fur Natur und fur Hofe. Es gibt eine gewisse hohere Toleranz, die nicht die Frucht des Westfalischen Friedens noch des Vergleichs von 1705, sondern die eines durch viele Jahre und Besserungen gesichteten Lebens ist diese Toleranz findet an jeder Meinung das Wahre, an jeder Gattung des Schonen das Schone, an jeder Laune das Komische und halt an Menschen, Volkern und Buchern die Verschiedenheit und Eigentumlichkeit der Vorzuge nicht fur die Abwesenheit derselben. Nicht bloss das Beste muss uns gefallen; auch das Gute und alles.
Als die Leute aus der kleinen und ich aus der grossen Kirche zuruck waren, fing man im Wutzischen Hause das Dinieren an. Unser Brotherr empfing das Gast-Paar mit seiner gewohnlichen Freundlichkeit und mit einer ungewohnlichen dazu; denn er hatte heute aus seiner Kirchenkollekte er kroch nach dem Gottesdienst in alle Stuhle und zog alle unter dem Einlegen niedergefallnen Pfennige magnetisch an sich eine ansehnliche Silberflotte von 18 Pfennigen mitgebracht. Die Pracht des Mahls erdruckte in dieser Stube das Vergnugen nicht. Messer und Gabel waren, wie schon gesagt, von Silber und von mir; aber wer sollte nicht damit mit Vergnugen an einer Tafel agieren, wo der Braten und die Sauce aus einer Pfanne gespeiset werden? Unsere Schaugerichte waren vielleicht fur einen Kurfursten zu kostbar: denn sie bestanden nicht etwa aus Porzellan, Wachs oder aus Alabaster-Samereien auf Spiegelplatten und waren nicht etwa bloss wenige Pfund schwer: sondern die beiden Schaugerichte wogen sechzig und waren vom namlichen Meister und von der namlichen Materie wie die Kurfurstenbank, von Fleisch und Blut, namlich Wutzens Kinder. Ein geistlicher Kurfurst wurde vor Vergnugen keinen Bissen essen konnen, wenn er, wie wir, neben seiner Riesen-Tafel ein Zwerg-Tafelchen mit seinen Kleinen darum stehen hatte. Ihr Tisch war nicht viel grosser als eine Heringschussel; sie sahen aber auf Verhaltnis und speiseten auf dem lilliputischen Tafel-Service, wovon sie seit Weihnachten mehr spielenden als ernsthaften Gebrauch gemacht hatten. Die Kleinen waren ausser sich, ihr Fleisch auf Oblaten von Tellern und mit Haarsagen von Messern zu zerschneiden; Spiel und Ernst flossen hier wie bei essenden Schauspielern ineinander; und am Ende sah ich, dass es bei mir auch so war und dass mein Vergnugen von erkunstelter Kleinheit und Armseligkeit kame.
An der grossen Tafel ging andere Tafeln kehren es um das individuelle Gesprach bald ins allgemeine uber; ich und der Kantor sagten jeden Augenblick der Preusse, der Russe, der Turk und verstanden (gleich dem Premierminister) unter der Nation den Regenten derselben. Ich hatte heute eine solche besondre Freude an erbarmlichen Sitten, dass ich mir jeden Bissen hineinpredigen liess und dass ich uber zwanzig Gesundheiten trank. Frauenzimmer von Stande konnen sonst nicht so leicht wie Manner sich zu unfrisierten Leuten herunterbucken, am wenigsten zu solchen von weiblichem Geschlecht; aber meine Schwester verdienet, dass ihr Bruder ihr in seinem Buche das Lob der schonsten liebreichsten Herablassung erteilt. Je weiblicher eine Frau ist, desto uneigennutziger und menschenfreundlicher ist sie; und die Madchen besonders, die das halbe menschliche Geschlecht lieben, lieben das ganze von Herzen. Z.B. von der Residentin von Bouse weiss man nicht, schenkt sie Armen oder Mannern mehr. Alte Jungfern sind geizig und hart. Mein Doktor und eine Flasche Wein kamen als Nachtisch. Da er im gegenwartigen Buche alle Wochen lieset: so will ich ihn darin lieber schelten als preisen. Am besten ists, ich webe hier ein Zwitterding, was ihn bei manchen weder lobt noch tadelt, ein seine herzliche Zuneigung gegen das weibliche Geschlecht, die zwischen gefuhlloser Galanterie und Feuer-Liebe mitten innen steht. Diese namliche Zuneigung stehet unserem Geschlechte gut, aber dem weiblichen nicht, und meine Schwester ist doch von diesem. Die Sache kam bloss von ihrem linken Ohre her. Das Ohrgehenk hatte sich durch das Ohrlappchen durchgerissen; sie hatte aber fuglich bis auf den Montag warten konnen, wo ihr Bruder das Lappchen ihr, wie einem judischen Knecht, auf die geschickteste Weise wurde durchlochert haben. Allein heute sollte es sein, und sein Doktorhut war der Bettschirm ihrer Absicht. Es hatte gemalet werden sollen, wie der arme Pestilenziarius das Ohrlappchen zwischen den drei Vorderfingern scheuerte und rieb wie ein offizinelles Blatt, an das man riechen will , um es geschwollen und unempfindlich zu machen. Nichts ist mir und dem Medizinalrat gefahrlicher, als wenn wir nur mit zwei, drei Fingern an ein Frauenzimmer picken und anstreichen mit dem ganzen Arm hinanzukommen, ist fur uns ohne alle Gefahr; so wie etwa die Nesseln weit mehr brennen, leise bestreift als hart gefasset. Vielleicht ists mit diesem Feuer wie mit dem elektrischen, das durch die Fingerspitzen mit grosserem Strome in den Menschen fahrt als durch eine grosse Flache. Meine Schwester ging weiter und brachte einen Apfel; der Doktor musste mit seinen Pulsfingern den roten Ohrzipfel an den Apfel pressen und dann eine Zitternadel oder was es war durch dieses Sinnwerkzeug, das die Madchen weit seltener als das nachste spitzen, drucken nun konnte hinangeschnallet und hineingeknopfet werden, was dazu passt. Der Stahl kettete beinahe den Kunstler selber an ihr Ohr. "Mit nichts strickt eine Schone uns mehr an sich, als wenn sie uns Anlass gibt, ihr eine Gefalligkeit zu tun", sagte der Doktor selber und erfuhr es selber. Daher klagte der Operateur und OhrenMagnetiseur, es sei schwer, eine Schone zu heilen und doch nicht zu lieben, und seine erste Patientin hab' ihn beinahe zu einem Patienten gemacht. Gegen den Doktor hab' ich nichts; er sei immer ein Weltburger in der Liebe aber, Schwester, ich wollte, du warest schon zu Bette, weil ich keine Minute, in der ich nur drei Schritte auf- und abtue, sicher bin, dass du nicht in meine Sektoren schielest und liesest, was ich an dir tadle! Ach ich tadle weniger als ich bedauere deine so niedlich um fremden und eignen Kummer spielende Laune und dein aus den weichsten Fibern gesponnenes Herz, dass die blanke Krone scheuer Weiblichkeit, die alle diese Vorzuge erst putzt und hebt, in den volkreichen Zimmern der Residentin ein wenig schwarzlich angelaufen ist, wie Silber im sumpfigen Holland, und dass deiner Tugend, der nichts fehlet, die Gestalt der Tugend fehlt! Ihr Eltern! euere Jungen machen sich in der Holle kaum schwarz; aber fur euere Tochter und ihren schneeweissen Anzug ist kaum der Himmel gescheuert und sauber genug!
Sie sind selten schlechter als ihre Gesellschaft, aber auch selten besser. Dieser geistige Wein zieht den Obstgeschmack der Evas- und Paris-Apfel, die um ihn liegen, ein; er schmeckt alsdann noch gut, aber nur wie Wein nicht.
Der Doktor gab mir uber Gustavs Lage viel Licht, das zu seiner Zeit den Lesern wieder gegeben werden soll.
Eine gewisse Person, die fast alle vierzehn Tage nachlieset, was ich geschrieben, ist satirisch und fragt mich, auf welchem Bogen, ob auf dem Bogen Aaa oder Zzz, der fernere Liebehandel zwischen Paul und Beata bearbeitet werde sie fragt ferner, obs dem Leser schon erzahlt ist, dass der kokettierende Paul Verse, Schattenrisse, Strausser und Adagios seitdem gemacht, um sein Herz auf diesen Deserttellern, auf diesen durchbrochnen Fruchttellern, in diesen Konfektkorbchen zu bringen und zu prasentieren diese fatale mokante Personage fragt endlich, ob es der Welt schon berichtet ist, dass aber Beata sich nichts ausgebeten als das leere Korbchen und den leeren Desertteller .... Im Grund' argert mich diese Maliz niemal; aber der Doktor Fenk und der Leser haben offenbar die boshafteste Geschicklichkeit, Herzens-Sachen falsch zu stellen und zu sehen Wahrhaftig es war bisher lauter Scherz, meine vorgegebene Liebe; und wenn sie keiner war: so musste sie einer werden, weil ich einen so schonen und so verdienstvollen Nebenbuhler, als ich, wie es scheint, an Gustav bekommen soll, nicht einmal uberflugeln und verdunkeln mochte, wenn ich auch konnte oder durfte, wie doch wohl nicht ist ....
Ende des ersten Teils
Zweiter Teil
Siebenundzwanzigster oder XXI.
Trinitatis-Sektor
Gustavs Brief Furst mit seinem Frisierkamm
Nun ist Gustav im alten Schlosse sein Schauplatz hob sich bisher taglich, von der Erdhohle in eine Ritterburg, dann in ein Kadetten-Philanthropin, endlich in ein Furstenschloss. Der reiche Oefel mietete es, weil es an das neue anstiess, wo der Blocksberg der grossen Welt von Scheerau war. Die Residentin von Bouse hatte beide von ihrem Bruder geerbt, der hier unter ihren Kussen und Tranen verschied. Die Natur hatte ihr alles gegeben, was das eigne Herz erhebt und das fremde gewinnt; aber die Kunst hatte ihr zu viel gegeben, ihr Stand ihr zu viel genommen sie hatte zu viele Talente, um an einem Hofe andre Tugenden zu behalten als mannliche; sie vereinigte Freundschaft und Koketterie Empfindung und Spott Achtung der Tugend und Philosophie der Welt sich und unsern Fursten. Denn dieser war ihr erklarter Liebhaber, welchem sie ihr Herz mehr aus Ehre als aus Neigung liess. Sie war zu etwas Besserem gemacht als zu schimmern; allein da sie zu nichts Gelegenheit hatte als zum Schimmer: so vergass sie, dass es jenes Bessere gebe. Aber wer zu etwas Hoherem geboren ist als zur Welt- oder Hofgluckseligkeit: der fuhlt in bittern Stunden seine versaumte Bestimmung. Es wird sich hieher eine neue Ursache anzugeben schicken, die Oefeln aus Scheerau warf: er sollte und wollte auf furstlichen Befehl fur den Geburttag der Residentin ein Drama auf der Drehscheibe seines Pultes auskneten. Das Drama sollte Beziehungen haben. Auf dem Liebhabertheater zu Oberscheerau wo der Furst nicht wie auf dem Kriegtheater Figurant, sondern erster Akteur war und wo er eine ordentliche Hoftruppe ersetzte und ersparte sollte es vom Fursten, von Oefel und einigen andern gespielt werden. Der Furst hatte noch Augen, die Residentin anzublicken, noch eine Zunge, sie zu lieben, noch Tage, es ihr zu beweisen, noch ein Theater, ihr zu huldigen: gleichwohl hasste er sie schon, weil sie zu edel fur ihn war; denn seine Theaterrolle sollte (wie unten gedruckt werden soll) mehr ihm als ihr Dienste tun. Oefel (welcher Ambassadeur und Hoftheaterdichter und Akteur auf einmal war, weil ein schlechter Unterschied ist) malte in sein Drama Beaten hinein und wollte ihr durch ihr Abbild schmeicheln und verhoffte, sie werde mit agieren und ihr Portrat zu ihrer Rolle machen. Alles dies glaubte er von Gustav auch; aber unten werden wir eben sehen.
Gustav fuhlte im alten Schlosse indes uber seine Ohrennerven alle Visitenrader gingen und alle Besuch-Prozessionen um seine Augen schwarmten sich toten-allein. Er arbeitete sich in seine kunftige Bestimmung hinein. Mehr als funfzig Gesandtschaftschreiber werden daher denken, er lernte Briefe und Herzen aufmachen, Weiber und Berichte dechiffrieren, Amour, Cour und Spitzbubereien machen die funfzig Schreiber irren; sie werden ferner denken, er lernte klein schreiben, um das Porto zu schwachen, ferner Chiffern und Titel machen, ferner wissen, wessen Name im offentlichen Instrument, das an drei Potenzen kommt, zuerst stehe und dass jede Potenz in ihrem Instrument zuerst stehe sie haben recht; aber er tat mehr: er lernte in der Einsamkeit die Gesellschaft ertragen und lieben. Fern von Menschen wachsen Grundsatze; unter ihnen Handlungen. Einsame Untatigkeit reift ausser der Glasglocke des Museums zur geselligen Tatigkeit, und unter den Menschen wird man nicht besser, wenn man nicht schon gut unter sie kommt.
Seine Geschafte gingen in schone Unterbrechungen uber. Denn vor seinem Fenster draussen stand die schone und fast kokette Natur von Paris-Apfel umhangen und mitten in ihr eine Spaziergangerin, die die Apfel alle verdiente. Wer kann es sein als Beata? Ging sie in den Park: so wars ihm ebenso unmoglich, ihr nachzuspazieren, als ihr nicht nachzuschauen durchs Fenster, und seine Augen suchten aus dem Gebusche alle vorbeiblinkende Bander heraus. Wandelte sie ruckwarts mit dem Gesichte gegen seine Fenster: so trat er nicht bloss von diesen, sondern auch von den Vorhangen so weit wie moglich zuruck, um ungesehen zu sehen. Vielleicht (aber schwerlich) kehrten sich die Rollen um, wenn er nach ihr sich auf ihre Gange wagte, die fur ihn Himmelwege waren. Eine herabgewehte Rose, die er einmal in der dunkelsten Nacht unter ihrem Fenster aufhob, war eine Ordenrose fur ihn, ihr welker Honigkelch war das Potpourri seiner schonsten Traume und seines Freudenflors: so legest du, hohes Schicksal, fur den ewigen Menschen seinen Himmel oft unter ein falbes Rosenblatt, oft auf den Blutenkelch eines Vergissmeinnichts, oft in ein Stuck Land von 305000 Quadrat-Meilen.
Wer zu viel verziehen hat: will sich nachher rachen. Gustavs Freundschaft gegen Amandus war in eine so hohe Flamme aufgeschlagen, dass sie notwendig Asche auf ihren Stoff herunterbrennen musste. Wenn er Beaten nachblickte, blickte er auf Amandus zuruck und tadelte sich so oft, dass er anfangen musste, sich zu rechtfertigen. Was vom Aschenberg, worunter seine Liebe glimmte, abgetragen wurde, wurde dem Aschenberge seiner Freundschaft zugeschuttet. Gleichwohl wurde er zu jeder Stunde fur Amandus alles geopfert haben, was das Volk Freuden nennt; denn in der neuen Zeit einer ersten Freundschaft werden Opfer noch warmer gesucht, als in der spatern gebracht, und der Geber ist begluckter als der Empfanger. O! die rechte Seele hat nicht bloss die Kraft, sondern auch die Sehnsucht, aufzuopfern. Das Leben, das Gustav jetzo von Fruhling und Garten und von Wunschen der Liebe umgeben genoss, soll er selber malen in seinem Briefe an mich. Diesen Brief werden freilich die verwerfen, die vor dem Natur-Schauspiel als kalte Zuschauer, als entfernte Logen-Pachter stehen; aber es gibt bessere und seltnere Menschen, die sich fur hineingerissene Spieler halten und jede Grasspitze fur beseelt ansehen, jedes Kaferchen fur ewig und das unbandige Ganze fur ein unendliches schlagendes Adersystem, in welchem jedes Wesen als ein saugendes und tropfendes Astchen zwischen kleinern und grossern pulsiert und dessen volles Herz Gott ist.
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Gustavs Brief
"Heute stieg ich zum zweiten Male aus meiner Hohle in die unendliche Welt alle meine Adern fluten noch vom heutigen Nachmittage, mein Blut mochte sich mit den Erden um die Sonnen drehen und mein Herz mit den Sonnen um das funkelnde Ziel, das neben dem Schopfer steht ....
Die Nachtluft, die mein Licht umkrummt, kuhlet mich vergeblich ab, wenn ich nicht die brennende Brust vor dem Auge des Freundes aufdecke und ihm alles sage. Ich nahm nachmittags mein Reisszeug, womit ich bisher statt der Landschaften die Festungen, die sie verwusten, schaffen mussen, und ging ins stille Land hinaus. Der Erdball glitt so leise wie der Schwan unter den Blumeninseln, an die ich mich lagerte, durch den Ather-Ozean dahin, der freundliche Himmel buckte sich tiefer zur Erde nieder, es war dem Herzen, als musst' es im stillen weiten Blau zerfliessen, als musst' es von fernen ein verhalltes Jauchzen horen, und es sehnte sich nach arkadischen Landern und nach einem Freund, vor dem es zerginge Ich setzte mich mit der Reissfeder auf einen kunstlichen Felsen neben dem See und wollte meine Aussicht zeichnen die einander umarmenden Erlenbaume, die das Ende des umgekrummten Sees zuhullten und belaubten die bunte Reihe der Blumeninseln, um deren jede schon ein doppeltes Blumenstuck ihrer geschmuckten Insulanerin gemalet schwamm, namlich das bunte Blumenbild, das unter dem Wasser zum Spiegel-Himmel hinabging, und der Schattenriss, der auf dem zitternden Silbergrunde schwankte und die lebendige Gondel, der Schwan, der zu meinen Fussen sich in hungriger Hoffnung drehte; aber als die ganze hoch aufgerichtete Natur mir sass und mich mit ihren Strahlen ergriff, die von einer Sonne zur andern reichen: so betete ich an, was ich nachfarben wollte, und sank Gott und der Gottin zu Fussen ....
Ich stand auf mit gelahmter Hand und ubergab mich dem steigenden Meere, das mich hob. Ich ging an alle Ecken der grossen Tafel mit Millionen Gedekken fur riesenhafte Gaste und fur unsichtbare; denn meine Brust war noch nicht voll, und ich liess die Wellen, die hineinschlugen, leidend in mir steigen. Ich drangte mich in den tiefsten Schatten der Schattenwelt, in welcher die in einen Stern zergangene Sonne entlegner schimmerte. Ich ging im Fichtenwald vor dem Gezank der Kohlmeise und vor dem einsamen Wustenlaut der Drossel voruber unter die singende Lerche hinaus. Ich ging im langen Abendtal an dem bewohnten Bach hinauf, und ein entzucktes Wesenchor wandelte mit mir, die hineingetauchte Sonne und die Mucke mit ihren Schrittschuh-Fussen liefen neben mir auf dem Wasser weiter, die grossaugige Wasserlibelle floss auf einem Weidenblatte dahin, ich watete durch grunes aus- und einatmendes Leben, umflogen, umsungen, umhupfet, umkrochen von freudigen Kindern kurzer warmer Augenblicke. Ich stieg auf den Eremitenberg, und meine Brust war noch nicht von dem Weltstrome voll, dem sie leidend offen stand. Aber dort richtete sich die liegende Riesin der Natur vor mir auf, in den Armen tausend und tausend saugende Wesen tragend und als meine Seele vom Gedrange der unzahligen, bald in Mukkengold gefasster Seelen, bald in Flugeldecken gepanzerter, bald mit Zweifalter-Gefieder uberstaubter, bald in Blumenpuppen eingeschlossener Seelen angeruhret wurde in einer unendlichen, unubersehlichen Umarmung und als sich vor mir uber die Erde legten Geburge und Strome und Fluren und Walder, und als ich dachte, alles dieses fullen Herzen, die die Freude und die Liebe bewegt, und vom grossen Menschenherzen mit vier Hohlungen bis zum eingeschrumpften Insektenherzen mit einer und bis zum Wurmschlauch nieder springt ein fortschaffender, ewiger, eine Zeugung um die andre entzundender Funke der Liebe ....
.... Ach dann breitete ich meine Arme hinaus in die flatternde zuckende Luft, die auf der Erde brutete, und alle meine Gedanken riefen: o warest du sie, in deren weitem wogenden Schoss der Erdball ruht, o konntest du wie sie alle Seelen umschliessen, o reichten deine Arme um alles wie ihre, die da beugen das Fuhlhorn des Kafers und das bebende Gefieder des LilienSchmetterlings und die zahen Walder, die da streicheln mit ihrer Hand das Raupenhaar und alle Blumen-Auen und die Meere der Erde, o konntest du wie sie an jeder Lippe ruhen, die vor Freude brennt, und kuhlend um jeden gequalten Busen schweben, der seufzen will. Ach, hat denn der Mensch ein so schmales versperrtes Herz, dass er vom ganzen Reiche Gottes, das um ihn thront, nichts lieben, nichts fuhlen kann, als was seine zehn Finger fassen und fuhlen? Soll er nicht wunschen, dass alle Menschen und alle Wesen nur einen Hals, nur einen Busen haben, um sie alle mit einem einzigen Arm zu umschliessen, um keines zu vergessen und in gesattigter Liebe nicht mehr Herzen zu kennen als zwei, das liebende und das geliebte? Heute wurd' ich mit der ganzen Schopfung verbunden, und ich gab allen Wesen mein Herz ....
Ich kehrte mich nach Osten gegen das neue Schloss und gegen Auenthal. Hinter dem Auenthaler Wald brausete durch einen zerbrochnen Regen-Schwibbogen ein aufgerichteter Ozean ich stand hier einsam in einer weiten Stille ich wandte mich zur heruntergegangnen Sonne, ich dachte daran, dass ich sie einmal fur Gott gehalten, und es fiel heute schwer auf mich, dass ich den, ders war, bisher so selten gedacht 'O Du, Du!' rief so nahe an ihm mein ganzes Wesen aber allen Sprachen und allen Herzen und allen Gefuhlen entfallt vor ihm die Zunge, und Beten ist Verstummen, nicht bloss mit den Lippen, auch mit dem Gedanken .... Aber der grosse Geist, der die Schwache des guten Menschen kennt, hat ihm Mitbruder herabgesandt, damit der Mensch sich vor dem Menschen offne und vor ihnen das Gebet, in dem er verstummte, vollende.
O Freund meiner schonsten Jahre! der du Dankbarkeit und Demut in meinem Innersten befestigt hast, diese hab' ich empfunden, als ich auf dem Eremitenberg mich einsam uber das geschaffne Gewurm erhob und fuhlte, was der Mensch fuhlt, aber nur er auf der Erde als ich einsam vor dem bis in das Nichts hinausreichenden grossen Spiegel, an den sich das Insekt mit Fuhlhornern stosset, mit Menschenaugen knien konnte, vor dem Spiegel, aus dem der unendliche Sonnen-Riese flammt .... Nein! In Erdfarben und auf der Leinwand von Tierfellen und auf allem, was vor mir liegt, ist bloss das Bild des Ur-Genius; aber im Menschen ist nicht sein Bild, sondern er selbst ....
Die Sonne gluhte noch halb uber dem Erdball, der sie zerschnitt; aber ich sah sie durch mein zerrinnendes Auge nicht mehr, vergangen, verstummt, verhullt, versunken im treibenden, flammenden, reissenden, uferlosen Meere um mich ....
Die Sonne nahm den entzuckten Tag mit hinunter; und jetzo steht der Ather-Diamant, den die Nacht schwarz einfasset, der Mond, uber diesen zugehullten Szenen und strahlet wie andre Diamanten den entlehnten Schimmer aus .... O du stille MitternachtSonne! du schimmerst, und der Mensch ruht, deine Strahlen besanftigen das irdische Toben, deine herunterrinnenden Funken wiegen wie ein schimmernder Bach den liegenden Menschen ein, und der Schlaf bedeckt dann wie eine Graberde das ruhende Herz, das trocknende Auge und das schmerzenlose Angesicht .... Leben Sie wohl, und die weisse Luna-Scheibe zeige Ihnen alle Paradiese der vergangnen und alle Paradiese der zukunftigen Jugend ......
Gustav."
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So weit war er, als Oefels Bedienter mit einem Paket an ihn in seine Stube trat, welches leichter als die kalteste Nachtluft und der warmste Brief die Bewegungen seiner Seele anhielt und abkuhlte. Ein Brief vom Doktor lag mit der Nachricht darin, dass die Frau von Roper ihm in Maussenbach gegenwartiges Portrat mitgegeben, das ihre Tochter fur ihr eignes verlornes gehalten, auf dessen Rucken aber der Name Falkenberg stehe, der alle ubrige Ahnlichkeiten widerlege. So lieb ihm das Portrat war, so argerlich wars ihm, da es nun ein neuer Beweis seiner Vermutung war, Mutter und Tochter hasseten ihn wegen des Korn-Avertissements. Die Spinne des Hasses, die bei jedem Menschen uber eine Ecke der Herzkammer ihr Gespinste hangt nur uberspinnen grosse Kanker in manchen auf ihren Faden hervor, die Amandus erschuttert hatte, und verlangte Fang; kurz die kalte Farber-Hand beruhrte sein Herz und macht' es ein wenig kalter gegen seinen Amandus, dessen seines durch das zuruckgehende Portrat warmer geworden war. Die gestorte Liebe macht den besten Menschen nicht besser, bloss die gluckliche.
In sieben Minuten war alles vorbei; denn im geistigen Menschen ist die namliche herrliche Einrichtung wie im physischen, dass um eine bittere, scharfe Idee so lange andre Ideen als mildere Safte zufliessen, bis sie ihre Scharfe verdunnt und ersauft haben. Das Portrat wurde nun die zweite gefundene Rose; es war angehaucht mit Leben und Rosenduft durch die schonsten Augen und Lippen, die auf ihm gewesen waren.
Jetzo sah er Beata einige Zeit nicht im Garten, aber dafur den Fursten mit und ohne die Residentin. Gehet beide aus dem stillen Lande in euer rauschendes! Ihr geniesset doch die schone Natur nur als eine grossere Landschaft, die in euerem Bilderkabinett oder an der Leinwand euerer Operntheater hangt, oder als eine nur breitere Tafel- und Kamin-Verzierung, wo euch die Felsen von Bimsstein und die Baume von Moos geformet vorkommen, hochstens als den grossten englischen Park, der neuerer Zeiten in Europa an irgendeinem Hofe anzutreffen ist. In allen Sessionzimmern war wegen der Kanikularferien ArbeitWindstille im Winter konnte man wegen der Kalte Frostferien erlauben und ebensogut einen Winterschlaf der Geschafte als die Sommer-Sieste derselben in Gebrauch setzen, wie denn auch die bekannten Tiere beider Extreme wegen aus Scheu vor ihrer Wasserscheu zu Hause bleiben mussen mithin konnte der Minister leichter mit dem Fursten abkommen, und beide waren langer da. Ohne mich wurde der Leser nie erfahren, warum das furstliche Dasein Anlass war, dass Beata das stille Land gegen ihr stilles Zimmer vertauschte. So wars: Unser Furst ist zwar ein wenig hart, ein wenig geizig und weidet seine Herde ofter mit dem Hirtenstabe als mit der Hirtenflote; aber er wird ebensogern ein Schafer in einem schonern Sinne und geht gern vom Throne, wo ihn die Landeskinder anbeten, zu jeder Staffel desselben herunter, um selber ein schones anzubeten er kann zwar das Volk, aber keine Schone seufzen horen; er wendet emsiger eine gesellschaftliche Verlegenheit als eine Teuerung ab; er bleibet lieber den Landstanden als seinem Gegenspieler etwas schuldig und bauet keine abgebrannte Stadt, aber eine eingerissene Frisur willig wieder auf. Kurz der Landesvater und der Gesellschafter sind in seinen Herzkammern Wandnachbaren, aber Todfeinde. Dieser Gesellschafter subdividierte sich wieder in zwei Liebhaber, in den kurzen und in den langen. Seine lange oder weitergrunende Liebe besteht in einer kalten verachtenden Galanterie und in dem Vergnugen an der Feinheit, an dem Witze und an der Grazie, womit er und der geliebte Gegenstand ihre gegenseitigen Siege zu verzieren wissen. Seine kurze Liebe besteht in seinem Vergnugen an jenen Siegen, insofern sie jene Dekoration nicht haben. Damit man dieses unschuldige Pasquill auf einen nicht fur Satire auf die meisten Grossen halte, so will ich so fortfahren
Lange Liebe hegte er gegen die Residentin, von deren Gunstbezeugungen man nicht sagen konnte: das ist die unschuldigste die erste die letzte. Eine solche Immobiliarliebe durchflocht er zu gleicher Zeit mit hundert kursorischen Sekunden-Ehen oder Liebschaften, und uber dem schleichenden Monatzeiger der langen fixen Liebe oder Ehe wirbelte sich der fliegende Terzienweiser der abbrevierten Ehen unzahligemal um.
Darwider hatte die Residentin nichts sie konnte auf dieselbe Weise durchflechten darwider hatte er nichts.
In diesen kurzen Ehen tun die Grossen vielleicht manches Gute, uber welches Moralisten zu leicht wegsehen, die lieber ihre Druckbogen als die Geburtlisten voll haben wollen. Gleich jungen Autoren lassen junge Grosse ihre ersten Ebenbilder anonym oder unter geborgten Namen erscheinen; und ich kann zu Montesquieus Bemerkung, dass das Namengeben der Bevolkerung nutze, weil jeder seinen fortzupflanzen trachte, nichts setzen als meine eigne, dass die Namenlosigkeit ihr noch besser forthelfe. In der Tat geht es hierin den erhabensten Personen wie den griechischen Kunstlern, die unter die schonsten Statuen, womit ihre Hand Tempel und Wege ausschmuckte, ihren Vaternamen nicht setzen durften; indessen findet der pfiffige Phidias auch seine Nachahmer, der statt des Namens sein altes Gesicht an der Statue Minervens einhieb.
Der Furst hatte im Sinn, Beaten, die ihm zu viel Unschuld und zu wenig Koketterie zu haben schien, eine kurze Liebe anzubieten. Ihr Widerstand machte, dass er auf eine langere dachte. Unter den Augen der Residentin waren vor ihm alle ihre Sinne gesichert, nur das Ohr nicht im Park keiner. Die Residentin, die wusste, dass ihr Geist sich fur jede Minute in einen neuen Korper umwerfen konne, indes ihre Nebenbuhlerin nicht mehr hatte als einen, in welchem noch dazu weiter nichts als Unschuld und Liebe steckte, diese sah die ganze Sache mit keinen andern Augen an als mit satirischen. So weit wars, als der Furst in dem Hundtags-Interregnum kam und am andern Morgen statt des Zepters nichts in der Hand hatte als den Frisierkamm und den Kopf der Residentin. Er hatte es an seinem Hofe Mode gemacht; jeder Kammerherr bis auf den Hofdentisten herunter hatte seitdem seine preteuse de tete, um an ihrem Kopfe so viel zu lernen, als er am Kopfe einer schonern preteuse auszuuben hatte Es war ebenso notwendig, dass man frisierte, als dass man frisiert war.
Ich konnt' es in der Note sagen, dass eine preteuse de tete ein Madchen in Paris ist, das an einem Tage hundertmal frisieret wird, weils die Innung daran lernen will unmoglich kann es unter ihrer Hirnschale so viele Veranderungen und Versuche geben als uber derselben die Koalition und Einkindschaft der unahnlichsten Frisuren ist so gross, Dappieren und Auskammen kommen hintereinander so schnell, oder Aufbauen und Umreissen, dass es nur auf dem Kopfe der Gottin der Wahrheit noch arger zugehen kann, den die Philosophen frisieren und aufsetzen, oder in ganzen Staatkorpern, an denen die Regenten sich uben.
Am namlichen Morgen, wo unserer die Regentin coiffierte, sagte er der traumerischen Beata, am andern Tage komm' er mit dem Friseur zu ihr. Die Residentin sagte nichts als: "Die Manner konnen alles, aber das Leichte selten; sie wirren leichter zehn Prozesse als zehn Haare ein." Beata konnte nicht reden nachts konnte sie nicht schlafen. Ihr ganzes Innere entsetzte sich vor des Fursten Frostgesicht und stechendem Feuerblick, der (so wenig sie es deutlich dachte) die Praliminarsiege im neuen Schlosse so abzukurzen brannte, als war' er im Palais royal. Am andern Morgen hatte sich ihr Wunsch, krank zu werden, beinahe in die Uberzeugung, es zu sein, verwandelt. Sie sah mit lebenssatter Leerheit zum Fenster in das stille Land hinaus, in dem zwei Kinder des Hofgartners eine bunte Glaskugel herumkegelten, als der Kanarienvogel, der auf den Achseln des Fursten wohnte und der ihn wie eine Mucke umflog, von seinem Kopf, der durch sechs Fenster von ihr geschieden war, auf ihren geflattert kam. Sie zog den Kopf mit dem Vogel hinein aber auch mit dem Inhaber des Tiers, der sogleich ohne Bedenken kam und sagte: "Bei Ihnen hat man das Schicksal, zu verlieren aber meinem Vogel konnen Sie die Freiheit nicht nehmen". Leuten seiner Art entfliesset dies alles ohne Akzent; sie reden mit gleichem Tone vom Sternen- und vom Kutschen-Himmel und von der Bewegung beider.
Ohne Umstande wollt' er ihr den Pudermantel umtun; sie nahm ihn aber aus andern Rucksichten selber um und sagte, sie ware schon fur den ganzen Tag aufgesetzt bis aufs Pudern. Allein sie mochte ihren Weigerungen immerhin die schonsten Gestalten umgeben, die ihr sein Stand und die von ihrer Mutter anerzogene Hochachtung gegen sein Geschlecht befahlen: am Ende sah sie, sein Widerlegen sei nicht viel besser als sein Frisieren. Als er das letzte anfing und so nahe vor ihr stand, sah sie wieder das Gegenteil. Jedes Haar wurd' an ihr zu einem Fuhlfaden, und ihr war, als beruhrte er ihre wunden Nerven, als ginge mit ihm eine flammende Holle um sie. Auf einmal quoll ihre Bangigkeit, nach den Gesetzen der weiblichen Natur, von der mittlern Stufe zur hochsten auf ich mochte wissen, obs von seinen eigennutzigen Stellungen kam, die ihm nichts halfen, oder von einem Kusse, als der Einnahme der Benefizkomodie, die er zu seinem Besten auffuhrte, oder von ihrem Blick auf die Pyramide des Eremitenbergs, der ihre zagende Brust mit dem Bilde und Ebenbild ihres Bruders uberfullte genug sie sprang fieberhaft auf, und nach den Worten: "sie hatte so gewiss versprochen, der Residentin den Hut aufsetzen zu helfen, und ware noch hier!" erwartete sie gewiss, dass ihn dieser demutig-stolze Vorwurf forttriebe. Er war nicht fortzutreiben. Dieses Misslingen zerriss ihre zarten Krafte, und sie lehnte sich wankend mit dem Arme und frisierten Kopfe an die Tapete. Er, vielleicht gelangweilt oder froh, sie an seine Nachbarschaft gewohnt zu haben, nahm seinen Vogel und sie und fuhrte sie selber zur Residentin; hier holte er mit ihr das Belachen der Benefizkomodie nach und so fort.
Indessen hatten sich dennoch die Qualen des aussern Kopfs in die Migrane des innern aufgeloset; sie blieb von der Tafel und solang' er dasmal da war auch aus dem Parke.
Welches letzte zu erweisen nicht sowohl als zu erklaren war.
Achtundzwanzigster oder Simon Juda-Sektor
Gemalde Residentin
Vorgestern (den 26. Oktober) war dein Namentag, Amandus! Hast du wohl in deinem Leben einen mit freudigen Augen gefeiert? Hast du je am Ende eines Jahrs gesagt: moge das neue ebenso sein? Ich will nicht darauf antworten, um nicht trauriger zu werden ....
Gustav sah nichts mehr im Garten, als was er nicht suchte, den Fursten und dergleichen; er trug unnotiges, d.h. verliebtes Bedenken, sich bei jemand uber Beatens Unsichtbarkeit zu erkundigen bei den zwei Gartners-Kindern ausgenommen, die nichts wussten, als dass Beata, wie er, noch immer mit ihnen tandle und sie beschenke. Vielleicht gab sie ihnen, weil er ihnen gab; denn er gab ihnen, weil sie es tat. Die einzigen Reliquien von ihr, ihre Spazierwege, zogen ihn desto ofter an sich. O ware doch der Kies weicher oder das Gras langer gewesen, damit beide ihm den matten Abriss einer Spur, dass sie dagewesen, aufgehoben hatten; so wurde dieser Dornengarten seiner Unsichtbaren seinen Wunschen noch grossere Flugel, und seiner Wehmut grossere Seufzer gegeben haben. Denn ich muss es nur einmal dem Leser und mir gestehen, dass er jetzt in jenem schwarmerischen, sehnenden, traumenden Zustand war, der vor der erklarten Liebe ist. Dieser Traumflor muss uber ihm gelegen haben, da er einmal statt des Schlangenbachs im Abendtal, den er zeichnen wollte, die schone Statue der Venus, die aus diesen Wellen gezogen schien, abgerissen hatte; und zweitens, da er nicht sah, wer ihn sah die Residentin. Er kam ihr vor wie ein schones Kind, das funf Fuss hoch gewachsen ist; er konnte mit allen seinen innern Vorzugen noch nicht imponieren, weil auf seinem Gesicht noch zu viel Wohlwollen und zu wenig Welt geschrieben war. Mit jener scherzhaften Koketten-Freimutigkeit, die die erstgeborne Tochter der Koketten-Geringschatzung des mannlichen Geschlechts ist, sagte sie: "Ich geb' Ihnen fur die Zeichnung das Original" und nahm die erste und besah sie mit schoner (uber etwas anders) denkenden Bewunderung. Oefel, dem ers erzahlte, schalt ihn, dass er nicht fein gesagt hatte: "Welches Original?" Denn er hatte zur lebendigen Venus nichts gesagt.
Er war es auch nicht imstande; denn sie stand vor ihm mit allen Reizen, die einer Juno bleiben, wenn man ihr die holde Farbe der ersten Unschuld nimmt, mit ihrem Plumagen-Walde, den ihr in Unterscheerau hundert nachtragen, weil sie mit wenigen meiner Leserinnen, die auch mehr Federn aufsetzen, als sie in ihrem Leben Federn schliessen werden, so viel herausgebracht haben, dass jede Juno eine Gottin und jede Gottin eine Juno sein und dass man Damenkopfe und Klaviere stets bekielen musse.
Sie fragte ihn nach dem Namen seines Zeichenmeisters (des Genius); seinen eignen sagte sie ihm selbst. Sie konnte Achtung sich erwerben, bei allen ihren Fehltritten, und ihre Sunden und der Teufel schienen ihr nur als Kammermohren nachzutreten; ihr Gesicht wie ihr Benehmen trug das innere Bewusstsein ihrer nachgebliebnen Tugenden und ihrer Talente. Gleichwohl merkte sie an der scheuen Ehrfurcht, die Gustav weniger ihrem Stande und Werte als ihrem Geschlecht erwies, dass er wenig Welt habe. Sie verliess alle Umwege und ging ihn geradezu um eine Abzeichnung des ganzen Parks fur ihren Bruder in Sachsen an. Ich nenne das Bitte, was sie eigentlich allemal im scherzhaften Tone einer Kabinettordre an Manner komponierte und man konnte ihren weiblichen Ukasen nichts entgegensetzen als mannliche.
Eine Frau trage dir nur einmal ein Geschaft auf: so bist du mit Leib und Seele ihr; alle deine sauern Tritte, alle deine Muhwaltungen fur sie legen sich an ihrem Bilde, das du an die Beinwande deines Kopfes ausgebreitet, als Reize an. Eine retten rachen lehren schutzen ist fast nicht viel besser (bloss ein wenig) als sie schon lieben. Gustav horte nie eine willkommnere Bitte. Den Park riss er in kurzem ab, und er konnte den Vormittag kaum erwarten, an dem er ihn uberreichen durfte. Wir wissen alle, was er in der Residentin Zimmer noch ausser der Residentin zu erblicken suchte aber alles, was er ausser ihr da fand, war die kleine Elevin (Laura) der abwesenden Beata am Silbermannischen Klavier.
Die Residentin heftete einen langen Blick in die Zeichnung. "Haben Sie" (sagte sie) "Stucke von unserem Hofmaler gesehen? Sie sollten sein Schuler werden und er Ihrer er hat noch kein schones Portrat gemalt und noch keine schlechte Landschaft Sie machen einen schonern Fehler und geben dem Bewohner, was Sie der Landschaft nehmen in Ihrer Zeichnung sind die Statuen schoner als der Garten behalten Sie Ihren Fehler und verschonern Sie Menschen" und sah ihn an. Meines geringen artistischen Erachtens denn man liess noch keines aller meiner Stucke als Akzessist in eine Bildergalerie, auch suche ich mit mehr Ehre solche Ausstellungen lieber offentlich zu rezensieren als zu bereichern ist gerade das Gegenteil wahr, und mein Held macht (gleich seinem Biographen) weit bessere Landschaften als Portrate. "Versuchen Sie es", fuhr sie fort, "mit einem lebendigen Original" er schien verlegen uber die Absicht ihres Rats "nehmen Sie eines, das Ihnen so lange sitzt, als der Maler selber sitzt." Oefels Eitelkeit mit Gustavs Voreiligkeit hatten hier eine dumme Hoflichkeit zusammenbringen konnen "Hier! das darin mein' ich" und sie wies auf einen Spiegel; jetzt wollt' er doch mit der palingenesierten Hoflichkeit herausfahren, ihre Gestalt sei uber seinem Pinsel, als sie zum Gluck dazufugte "Malen Sie sich und zeigen Sie mirs." Uber eine zufallig verschluckte Sottise wird man ebenso rot wie uber eine herausgestossene du schoner, rotgluhender Gustav!
Daher schreib' ich hier fur Kinder, die noch nicht auf Winterballen getanzt, diesen Titel aus der Kleiderordnung heraus: Leuten, die euch eine Erklarung geben wollen, eine in den Mund zu legen, ist ebenso unhoflich als misslich.
"Ich will Ihnen nur zeigen warum", sagte sie und ging mit ihrer Hand den halben Weg zu seiner und wieder zuruck und nahm ihn mit durch ihr Lesekabinett, durch ihr Bucherzimmer in ihr Bilderkabinett. Wenn sie ging: konnte man selber kaum gehen; weil man stehen wollte, um ihr nachzusehen. Bilder waren neben ihr noch schwerer anzuschauen. Sie wies ihm im Kabinett eine bunte Kette Abbilder, welche die beruhmtesten Maler von sich mit eigner Hand gemalet hatten und welche die Residentin aus der Galerie zu Florenz kopieren lassen. "Sehen Sie, wenn Sie ein beruhmter Maler wurden und das mussen Sie werden , so hatt' ich Ihr Portrat noch nicht in meiner Sammlung." Auf dem Fenster lag der steilrechte weibliche Sonnenschirm, ein gruner Spazierfacher, den er vor einem gesessenen Gericht fur Beatens ihren eidlich erklaret hatte Einige Heuwagen von Wouvermans Gras, einige Zentner von Salvatore Rosas Felsen und eine Quadratmeile von Everdingens Grunden hatt' er hingeschenkt fur den blossen Facher.
Aber das ihm abgedrungne Versprechen, sich selber zu malen, wurde einem Natursohne wie er, welchem die Kunst noch keine Eitelkeit gegeben, zu erfullen ausserst schwer. Hundert jetzige Junglinge zeigen mehr Kraft, sich in einer Gesellschaft vor dem Spiegel zu besehen, als er hatte, es in der Einsamkeit zu tun. Er furchtete ordentlich, er begehe in einem fort die Sunde der Eitelkeit.
Auf diese Weise wird mein Held, der sich aus dem Spiegel zu holen sucht, von drei Zeichenmeistern auf einmal besehen und gemalet: von dem Lebensbeschreiber oder mir vom Romancier oder Herrn von Oefel, der in seinen Roman ein Kapitel setzt, worin er von Gustavs Liebe gegen die Bouse anonymisch handelt und vom Maler und Helden selber. So muss er denn wohl wohl getroffen werden.
Von Oefels Roman "Grosssultan" erscheinet in der Hofbuchhandlung kunftige Messe nichts als das erste Bandchen; und es wird dem minorennen Publikum, das unsre meisten Romane lieset und macht, angenehm zu horen sein, dass ich in den Oefelschen Grosssultan ein wenig geblickt und dass darin die meisten Charaktere nicht aus der elenden wirklichen Welt, die man ja ohnehin alle Wochen um sich hat und so gut kennt wie sich selber, sondern meistens aus der Luft gegriffen sind, diesem Zeughaus und dieser Baumschule des denkenden Romanmachers; denn wenn (nach dem System der Dissemination) die Keime des wirklichen Menschen neben dem Samenstaub der Blumen in der Luft herumflattern und aus ihr, als dem Repositorium der Nachwelt, von den Vatern mussen niedergeschlagen und eingeschluckt werden: so mussen Autoren noch vielmehr die Zeichnungen von Menschen aus der Luft, wo alle epikurische Abblatterungen wirklicher Dinge fliegen, sich holen und auf das Papier schmieden, damit der Leser nicht brumme.
Einige Tage war die von Bouse nicht zu sprechen, als das Original seine Kopie zu ihr tragen wollte. Endlich schickte sie nach beiden. Sein Gesicht wurde dem gemalten sehr unahnlich, als sein Blick bei dem Eintritt auf seine physiognomische Schwester fiel, die mit der kleinen Bouse am Klaviere sang, auf Beata. Wir armen Teufel, die wir nicht an Stammbaumen, sondern von Stammgebusch herauswuchsen, werden von vier Wanden so nahe aneinander geruckt, dass wir uns warm machen; hingegen die veloutierten Wande der Grossen halten ihre Insassen so sehr als Stadtmauern auseinander, und es ist darin wie in Wirtzimmern, wo unser Interesse nur einige vom ganzen Haufen abloset. Beata fuhr also fort; und er fing an: fur ihn wars so viel, als sah' er sie durch das Fenster im Garten. Sein Portrat fand die gunstigste Rezensentin. Sie flog damit durch einige Zimmer hindurch. Gustav konnte nun seine Augen dahin tun, wo seine Ohren langst waren: sein einziger Wunsch war, die Elevin ware ausserordentlich dumm und sange alles falsch, bloss damit die reizende Diskantistin ihr ofter vorsange. Es war jenes gottliche "Idolo del mio cuore" von Rust, bei dem mir und meinen Bekannten allemal ist, als wurden wir vom lauen Himmel Italiens eingesogen und von den Wellen der Tone aufgeloset und als ein Hauch von der Donna eingeatmet, die unter dem Sternen-Himmel mit uns in einer Gondel fahrt .... Durch solche verderbliche Phantasien bring' ich mich im Grunde um allen wahren Stoizismus und werde noch vor dem dreissigsten Jahre achtzehn Jahre alt.
Um so leichter kann ich mir denken, wie es dem jungen Gustav war, der Augen und Ohren so nahe an der magnetischen Sonne hatte: wahrhaftig tausendmal lieber will ich (ich weiss recht gut, was ich wage) mit der Schonsten im Furstentum Scheerau ganz durch letztes fahren und sie nicht nur in, sondern auch (was weit schadlicher ist) aus dem Wagen heben; noch mehr: lieber will ich ihr das Beste, was wir aus dem poetischen und romantischen Fache haben, geruhrt vorlesen ja lieber will ich mich mit ihr aus einem Redoutensaale in den andern tanzen und sie, wenn wir sitzen, fragen, ob sie heiter ist und endlich (starker kann ichs nicht ausdrucken) lieber will ich den Doktorhut auftun und ihre matte Hand an den Aderlassstock mit meiner anschliessen, indes sie, um nicht den Blutbogen uber dem Schnee-Arm zu erblikken, mir in einem fort erblassend in das Auge schauet lieber, versprech' ich, will ich (Wunden hol' ich mir freilich mehre und weitere als das Aderlassmannchen im Kalender) alles das tun, als die Schonste singen horen; dann war' ich leck und weg; wer wollte mir helfen, wer wollte meine Notschusse horen, wenn sie in der ruhigsten Stellung den rechten Schnee-Arm weich uber irgend etwas Schwarzes hinschneiete, die Knospe der Rosen-Lippen halb voneinander schlosse, die tauenden Augen auf ihre Gedanken senkte und darein verhullete, wenn der weiche Dunen-Busen1 wogend wie ein weisses Rosenblatt auf den Atem-Wellen lage und mit ihnen auf- und niederflosse, wenn ihre Seele, sonst in den dreifachen Uberzug der Worte, des Korpers und der Kleider geschlagen, sich aus allen Hullen wande und in die Wellen der Tone stiege und im Meer des Sehnens untersanke ....? Ich sprang' nach.
Gustav war noch im Nachspringen begriffen, als die Residentin mit zwei Portraten wiederkam. "Welches ist ahnlicher?" sagte sie zu Beata und hielt ihr beide entgegen und heftete ihr Auge statt auf die drei Gesichter, die zu vergleichen waren, bloss auf das, welches verglich. Das mitkommende war namlich das echte bruderliche und verlorne, um das Beata an meine Philippine geschrieben hatte. "O mein Bruder!" sagte sie mit zu viel Bewegung und Akzent (welches zu vergeben ist, da sie erst vom Klavier herkam); unter dem schnellen Ergreifen erschrak sie so lange, bis sie mit einem ungezwungnen Blick uber den Rucken des Bildes heruntergeglitscht war und keinen Namen darauf gefunden hatte. Von solchen Erdstaubchen hangt das Pochen des menschlichen Herzens oft ab: den Zentnerdruck der ganzen LebensAtmosphare tragt und hebt es, allein unter dem schwulen Atem einer gesellschaftlichen Verlegenheit fallt es kraftlos zusammen. Wer nicht hat, wohin er sein Haupt hinlegt, leidet oft kleinere Pein, als der nicht hat, wo er seine Hand hinlege.
"Ich dachte, Ihr Bruder ware ein weitlauftiger Verwandter von Ihnen", sagte die Residentin vielleicht boshaft-doppelsinnig, um sie in die Wahl irgendeines Sinnes zu verstricken. Allerdings standen der Residentin alle Worte, Ideen und Glieder so behend zu Gebote, dass die Kraft in Beatens und Gustavs Verstand und Tugend kaum, wie sonst in der Mechanik, zureichte, die Geschwindigkeit zu ersetzen. Aber Beata erzahlte standhaft, ohne Entschuldigung, ohne Ubergange alles von diesen Bildern, was die Leser aus meinem Munde wissen. Gustav hatte eine solche Erzahlung nicht liefern konnen. Die Nachricht, wie es in der Residentin Hande gekommen, vergass die Residentin zu geben, weil sie hundert Antworten dazu wusste; Beata vergass sie zu verlangen, weil sie das eben merkte.
"Fur Ihr Gesicht" sagte sie im lustigsten Tone, in dem sie ohne Bedenken das Gute von ihren Reizen sagte, das andre im ernsthaften davon sprachen "konnt' ich Ihnen keines geben als mein eignes; das muss ich aber meinem Bruder in Sachsen samt dem Garten schicken malen konnen Sie es mit zum Park, damit beide Stucke einen Meister hatten." Dem scherzhaften Tone ist weit schwerer etwas abzuschlagen als dem ernsthaften hochstens nur wieder im lustigen; aber zu diesem waren in Gustav alle Saiten abgerissen. Beata hatte die Anspielung auf den Park nicht verstanden; Bouse brachte die ganze Landschaftzeichnung und fragte sie, was ihr am meisten gefiele. Diese war fur das Schattenreich und Abendtal (warum liess sie den Eremitenberg aus?). "Aber die Menschen im Garten?" fuhr sie fort (die arme Inquisitin heftete ihren stillen Blick fester aufs Abendtal); "besonders die schone Venus hier im Abendtal?" Sie musste endlich reden und sagte unbefangen: "Der Bildhauer wird sich nicht uber den Zeichner zu beschweren haben, aber vielleicht der Maler uber den Bildhauer; vielleicht hat auch bloss der Frost diese Venus ein wenig verdorben." Die Residentin machte durch ihr Lachen und ihr witziges Anblicken Gustavs ein Bonmot daraus, sie ein wenig rot, ihn flammendrot, sie durch letztes wieder roter und vollends durch die Antwort: "So wurde mein Bruder auch denken, wenn er die Venus so bekame; Sie tun mir aber den Gefallen, meine Liebe, und sitzen unserem Herrn Maler mit, so kommt in unsern Park eine schonere Venus. Es ist mein Ernst. Die zwei nachsten Morgen geben Sie unsern Gesichtern, Herr von Falkenberg!" Die Gute schwieg; Gustav, der schon eingewilligt hatte, mit seinem Pinsel Bousens Antlitz zu verdoppeln, ware bei einem Haare mit der Anmerkung losgebrochen, Beaten ihres vermog' er nicht mit seinem nachzudrucken. Zum Gluck fiel ihm ein, dass sie sich zur Tafel ankleiden wurde (Am Sonntag uber acht Tage muss ich meinen Sektor mit "Denn" anfangen ).
Fussnoten
1 Denn bekanntlich ist die mannliche Brust viel harter und unbiegsamer und dem ahnlich, was zuweilen von ihr umschlossen wird. Sonderbar ists, dass die Eltern ihre Tochter Dinge mit allem Gefuhle singen lassen, die sie ihnen nicht erlaubten vorzulesen.
Neunundzwanzigster oder XXII.
Trinitatis-Sektor
Die Ministerin und ihre Ohnmachten und so weiter
Denn er war in jenem grunen Gewolbe, das Scheeraus grosste Schonheiten umfing, in Bousens Zimmer, nur vormittags; nachmittags und spater rauschten durch dasselbe die Strome des Vergnugens, aus den Freudenkelchen von Freuden-Najaden ausgeschuttet. Der halbe Hofstaat fuhr aus Scheerau her. Bekanntlich hat dieser, indes das Volk nur Sabbate hat, lauter Sabbatjahre, und die nahern Diener des Fursten suchen sich von den Dienern des Staates dadurch auszuzeichnen, dass sie gar nichts arbeiten; so wurden auch schon in den alten Zeiten den Gottern nur Tiere, die noch nichts gearbeitet hatten, auf den Altar gelegt. Ich weiss es recht gut, dass mehr als einer der paralytischen grossen Welt Arbeit zumutet, die namlich, sich und andre in einem fort zu amusieren; diese ist aber so herkulisch schwer und nutzt alle Krafte so sehr ab, dass es genug ist, wenn sie samtlich nach einer Fete morgens bei dem Auseinanderfahren oder am Tage darauf sich verstellen und sagen: "Bei alledem wars heute ein delizioser Abend und uberhaupt alles so brillant!" Grosse Quartanten-Theologen haben langst bewiesen, dass Adam vor dem Falle kein Vergnugen aus dem Essen und andern Vergnugungen geschopfet habe unsre Grossen sind vor ihrem Falle ebenso schlimm daran und verrichten alles das in ihrer Unschuld, ohne den geringsten Spass dabei zu haben. Ich wollt', ich konnte dem Hofstaat helfen.
Ein Mensch, der eine festgesetzte Arbeitstunde (und ware sie nur 30 Minuten lang) hat, siehet sich fur emsiger an als einer, der gerade heute seinem 12stundigen Pensum 30 Minuten abgebrochen. Oefel warf sich selber seine ubertriebene Anspannung vor und sagte, er wusste sich nicht zu entschuldigen, dass er jeden Morgen eine volle Stunde schreibe am "Grosssultan". Erst darnach waren die ernsthaften Geschafte des Tages zu Ende; er liess sich nun zum ersten Male frisieren und einstauben, um als Tagschmetterling gegen alle Toilettenspiegel anzuflattern; auf den Blumenkopf der Defaillante (so hiess noch die Ministerin) liess er sich nieder. Alsdann liess er sich zum zweiten Mal frisieren und beflugeln, um als bestaubter Dammerung- und Nachtschmetterling zwischen den Spielmarken und Schaugerichten und ihren Ebenbildern herumzusausen. Ich wurde auf dieses Gleichnis nicht gekommen sein, wenn mich nicht sein gehorntes und in eine Kapsel zusammenlaufendes Abendhaar auf die Raupen der Nachtschmetterlinge gefuhret hatte, denen auch hinten ein Horn oder Zopf ansitzt den Tagraupen sitzt nichts an, so wie sein abbreviertes aufgestecktes Morgenhaar es verlangte, damit sie diesem glichen.
Da ich die Ministerin die Defaillante genannt, und da man ihr uberhaupt die Einfalt zutrauen konnte, als ob sie dem Legationrat treuer ware als er ihr, so will ich alles sagen und fur sie reden. Die Eitelkeit, die ihn wie eine eingeschrankte Monarchin beherrschte, regierte wie eine uneingeschrankte uber sie sie hatte und machte italienische Verse, Epigrammen und alle schone Kunste und es ist stadtkundig, dass sie, weil sie aufgehort hatte, zur schonen Natur zu gehoren, sich unter die Werke der schonen Kunste warf und sich aus einem Modell durch Schminke in ein Gemalde veredelte, durch Pantomime in eine Aktrice, durch Ohnmachten in eine Statue.
Das letzte ist der Kardinalpunkt sie starb wochentlich und ofter, wie jede wahre Christin, nicht ihrer Keuschheit wegen, sondern sogar vor ihrer Keuschheit, ich meine ein paar Minuten sie und ihre Tugend fielen hintereinander in Ohnmacht. Wenn ich uber so etwas nicht weitlaufig bin: so bin ich nicht wert, eine Feder zu schneiden, und der Henker soll meine Produkte holen. Die Tugend also war bei der Ministerin so verdammt schlimm daran wie bei einem Kind die junge Lieblingkatze. Ich will von Tagzeiten gar nicht reden, sondern nur von Wochentagen: ich will setzen, an jedem Tage hatte ein andrer Antichrist und Erbfeind ihrer Tugend statt der Visitenkarte seinen Leib geschickt: so hatt' es etwa so gehen konnen: am Montag war ihre Tugend im strahlenlosen Neumond fur Herrn v. A. am Dienstag im Vollmond fur Herrn v. B., der sagte: "Zwischen ihr und einer Devote ist kein Unterschied als das Alter" am Mittwoch im letzten Viertel fur Herrn v. C., der sagt: "je la touche deja", namlich ihre ame am Donnerstag im ersten Viertel fur Herrn v. D., der sagt: "Peut-etre que" und so fort mit den ubrigen Feinden der Woche; denn jeder Gegner sah, wie seinen eignen Regenbogen, so an ihr seine eigne Tugend. Ehre und Tugend waren bei ihr keine leeren Worter, sondern hiessen (ganz gegen die Kantische Schule) der ZeitZwischenraum zwischen ihrem Nein und ihrem Ja, oft bloss der Ort-Zwischenraum. Ich sagte oben, sie hatte immer eine Ohnmacht, wenn der Montag ihrer Tugend war. Es lasset sich aber erklaren: ihr Korper und ihre Tugend sind an einem Tag und von einer Mutter geboren und wahre Zwillinge, wie die Gebruder Kastor und Pollux nun ist der erste, wie Kastor, menschlich und sterblich, und die andre, wie Pollux, gottlich und unsterblich wie nun jene mythologische Bruderschaft es pfiffig machte und Sterblichkeit und Unsterblichkeit gegeneinander halbierten, um miteinander in Gesellschaft eine Zeitlang tot und eine Zeitlang lebendig zu sein: so macht es ihr Korper und ihre Tugend ebenso listig, beide sterben allezeit miteinander, um nachher miteinander wieder zu leben. Das artistische Sterben solcher Damen lasset sich noch von einer andern Seite anschauen: eine solche Frau kann uber die Starke und die Proben ihrer Tugend eine Freude haben, die bis zur Ohnmacht gehen kann; ferner uber die Leiden und Niederlagen derselben eine Betrubnis, die auch bis zur Ohnmacht reichen kann: nun denke man sich, ob eine Frau beim vereinigten Anfall von zwei Gemutbewegungen, wovon jede allein schon toten kann, noch aufrecht zu verbleiben vermoge. Bekanntlich stirbt die Ehre der Damen von Welt so wenig wie der Konig von Frankreich, und es ist das eine bekannte Fiktion; wenigstens ist dieser Ehre der Tod, wie den Frommen, ein Schlaf, der uber 12 Stunden nicht dauert. Ich kenne an unserem Hofe eine Art Ehre oder Tugend, die gleich einem Polypen an nichts stirbt; sie kann, wie die alten Gotter, verwundet, aber nicht umgebracht werden gleich Hornschrotern zappelt sie an der Nadel und ohne alle Nahrung fort Naturforscher von Stand tun oft einer solchen Tugend, wie Fontana den Aufgusstierchen, tausend Martern an, an denen burgerliche weibliche Tugenden sogleich verscheiden: nichts! kein Gedanke von Sterben. Es ist eine wohltatige Anordnung der Natur, dass gerade in den hohern Damen die Tugend eine solche achilleische Lebens- oder Wiedererzeugkraft hat, damit sie erstlich leichter die einfachen und doppelten Bruche, Knochensplitterungen und Gliederabnehmungen und uberhaupt das Schlachtfeld jenes Standes ausdauere zweitens damit jene Damen (im Vertrauen auf die Unsterblichkeit und lange Lebenslinie ihrer Tugend) ihren Freuden, deren physische Grenzen ohnehin so enge sind, wenigstens keine moralischen zu setzen brauchen.
Ich komme wieder zu den tugendhaften Ohnmachten oder erotischen Sterben der Ministerin zuruck; ich will mich aber nicht dabei aufhalten, dass ich etwa sagte, wie die alte Philosophie die Kunst sterben zu lernen sei, so sei es auch die franzosische Hof-Philosophie, nur aber angenehmer oder dass ich witzigerweise sagte: qui (quae) scit mori, cogi nequit oder dass ich Senekas Ausspruch uber Kato auf die Ministerin zoge: majori animo repetitur mors quam initur; sondern ich erzahle bloss, warum sie uberall in Oberscheerau die Defaillante heisset bloss darum, weil ein gewisser Herr auf die Frage, wie sie einen wichtigen Prozess trotz dem versaumten Praklusiontermin doch gewonnen hatte, doppelsinnig erwiderte: en defaillant ....
Ich komme zuruck .... Aber ich ware ein glucklicher Mann, wenn die Zeit sich niedersetzte und mich heranliesse; so aber setz' ich ihr, in einer Entfernung von mehren Monaten, nach; die Avanturen-Fracht wird taglich schwerer; ich muss Papier zu einer doppelten Geschichte zu der jetzt geschriebnen und zu der jetzt vorfallenden haben, ich angstige mich ab, und am Ende werd' ich mit Muhe gelesen! Ist mir aber zu helfen?
Amandus lag damals auf dem hartesten Bette von der Welt die Dornen- und Stein-Matrazen der alten Monche fuhlen sich dagegen wie Eiderdunen an , auf dem Krankenbette; sein odes Auge ruhte oft auf der Stubenture, ob sie kein Gustav offne, ob nicht der Tod in der Gestalt einer Freude, einer Aussohnung eintrete und die Blume seines Lebens mit einem Liebe-Druck gelinde niederlege; aber Gustav lag von seiner Seite auf einem Zauberbette, an das ihn ein besserer Gott als Vulkan mit unsichtbaren Kettchen heftete; kaum regen konnt' er sich unter seinem Drahtgeflecht.
Am Morgen, wo er sich vorbereitete, der Residentin das Portrat und die Visite zu machen, zundete Oefel um ihn eine Menge Raketen des Witzes an und gestand ihm mit der Zufriedenheit, mit welcher ein Belletrist stets die Armut an leiblichen Gutern und die schwerere an geistigen, an Verstand etc., ertragt, so viel geradezu, er habe an Gustav die Neigung zur Residentin vielleicht eher entdeckt als beide Interessenten selbst. Jede Gustavische Verneinung war ein neues Blatt in seinen Lorbeerkranz. "Ich will aufrichtiger sein", sagt' er; "ich will mein eigner Verrater werden, weil ich keinen fremden habe. Im Zimmer, wo Sie einen Altar haben, steht einer fur mich; es ist ein Pantheon1; Sie knien mehr vor einem Gott als einer Gottin ich aber finde da meine Venus (Beata). Ihr mangelt zu einer Mediceischen nichts als die Stellung; ich weiss aber nicht, welche Hand ich ihr dann in dieser Stellung kussen wurde." ... Vor Gustavs reiner Seele flog zum Gluck dieser Klumpe von boue de Paris vorbei, in die an Hofen sogar gute Menschen ohne Bedenken treten; selber Schriftstellern aus dieser Zone hangt dieser Schmutz noch an.
Ihm gefiel an Beaten (und an jedem Madchen) nichts als dieses, dass er, wie er dachte, ihr gefalle; er wurde die funfhundert Millionen Weiber auf der Erde alle lieben, wenn er ihnen allen gefiele, er wieder keine einzige, wenn er keiner einzigen. Er erzahlte jetzt dem Gustav, durch welches Fenster er im Winterhaus von Beatens Herzen ihre Liebe zu ihm habe bluhen sehen. Ausser einem gewissen Tropf, den ich in Leipzig gekannt, und ausser einer Katze, die neun Leben hat, hatte kein Mensch mehre Leben als er er busste eines ein: sogleich hatt' er wieder ein frisches, ich meine, er hatte mehr Ohnmachten als ein andrer Einfalle. Einen solchen Vexier-Selbstmord konnt' er begehen, wenn er wollte und wenn er ihn in seinen Dramen so notig hatte als ein ruhrender Theaterdichter; am haufigsten aber taten er und der Tropf in Leipzig sich diesen Tod in effigie an, wenn sie unter einem Bundel Frauenzimmer das herauszuvisitieren hatten, das in sie am verliebtesten war. Denn sie unterschieden, sagten die beiden Tropfe, sich samtlich voneinander nicht im Dasein, sondern im Grade der Liebe gegen beide Ohnmachtige. Der grosste Schrecken uber den pantomimischen Schlagfluss ist, sagte das ohnmachtige Paar, das Notariatsiegel der grossten Liebe. Da also Oefel vor drei Wochen Beaten seinen Sondier-Tod vormachte: so zitterte unter allen Schal-Fichus, die da waren, kein so zartes und mitleidiges Herz als ihres, das weder fremden Betrug noch eigne Harte kannte. Gleichgultig legte sich Oefel in den optischen Tod; verliebt stand er wieder auf, und er hatte mit seiner scheinbaren Ohnmacht beinahe eine wahre gewirkt. "Ich konnte sie nur seitdem nicht daruber sprechen", sagt' er. Gustav kampfte mit einem grossen Seufzer nicht uber Oefels gefuhllose Eitelkeit, sondern uber sich selbst und uber Oefels Gluck. "O Beata, in dieser Brust" redete sie sein Innerstes an "hattest du ein verschwiegneres und aufrichtigeres Herz gefunden, als das ist, das du ihm vorziehest es wurde sein Gluck verborgen haben, wie jetzt seine Seufzer es ware dir ewig treu geblieben ach es wird dir doch treu bleiben!" Dennoch empfand er das Ekelhafte in Oefels Eitelkeit nicht ganz, weil ein Freund sich unserem Ich so sehr inokuliert und damit verwachset, dass wir seine Eitelkeit so leicht wie unsre eigne und aus gleichen Grunden ubersehen.
Da es meinem Gustav im Buche wie im Leben gehen kann, so hatt' ich folgende Anmerkung noch eher machen sollen: niemand war leichter zu verkennen als er alle Strahlen seiner Seele brach die Wolkenhulle milder Demut, ja seitdem Oefel ihm Stolz auf dem Gesichte vorgeworfen, sucht' er gerade so demutig auszusehen, als er war sein Ausseres war still, einfach, voll Liebe, ohne Anspruche; aber auch ohne durchbrechenden Witz und Humor Phantasie und Verstand arbeiteten in ihm, wie in einem einsamen Tempel, Altarblatter mit grossen Massen und liessen mithin nicht, wie andre, Dosenstucke und Medaillons von der Zunge purzeln er war, was Descartes von der Erde glaubt, eine inkrustierte Sonne, aber unter den phosphoreszierenden Lichtern des Hofes ein dunkler Erdkorper er war das aussere Gegenteil von Ottomar, der mit seiner Sonne seine Kruste durchgebrannt hatte und nun vor den Leuten stand blitzend, knisternd, gluhend, anreissend, einaschernd und ausbrutend Gustavs Seele war ein gemassigtes Land ohne Sturme, voll Sonnenschein ohne Sonnenhitze, ganz mit Grun und Knospen uberzogen, ein magisches Italien im Herbst; Ottomars seine aber war ein Polarland, das sengende lange Tage, lange Eis-Nachte, Orkane, Eis-Berge und Tempische Taler-Fulle durchstrichen.
Der Gustavischen Bescheidenheit kam also nichts naturlicher vor, als dass Beata einen, der seinen Geist und Korper so gut zu zeigen wusste, uber ihn stellte, der beides nicht konnte und der dazu einmal ihren Vater halb tot geargert hatte. Sein Blut ging mithin langsam traurig, da er zur Residentin schlich. Es war ihm, als konnt' er heute sie als seine Freundin ansehen das tat er wirklich halb, als sie ihm noch dazu ein ebenso trauriges Air und Gesicht entgegentrug, dem ahnlich, in dem eine Frau eine Woche nach dem Verlust ihres Geliebten mit leeren Augen und erkalteten Wangen am meisten ruhrt. Es sei, sagte sie, der Sterbetag ihres jungsten Bruders, den sie und der sie am meisten geliebt. Sie liess sich in Trauerkleidung malen. Nichts wirkt starker als der Lustige, der einmal in die Halbtone des Kummers fallt. Gustav hatte uberhaupt zu viel Zuneigung fur Menschen, in deren Ohren das Trauergelaute irgendeines Verlustes widertonte; ein Unglucklicher war ihm ein Tugendhafter. Die Residentin sagte ihm, sie hoffe, er werde den heutigen Kummer aus ihrem wirklichen Gesichte wegmalen und ihn bloss ins gemalte bannen sie habe deswegen diese Zerstreuung auf heute verlegt morgen sei ihr gewiss besser sie spielte nachlassig mit der blossen rechten Hand einige Tanze, aber nur ein paar Takte und mit vergeblichem Kampfe gegen ihren Trubsinn er sollte ihr etwas erzahlen, eh' er anfinge, damit er nicht einem Gesicht, das sie nur ein paar Tage im Jahr truge, ein ewiges Leben in seinen Farben gabe. Aber er hatte noch am Hofe weder Stoff noch Manier zu erzahlen gewonnen endlich fiel sie auf seine unterirdische Erziehung. Bloss ihrem heutigen Gesichte war er so etwas in dem Wolkenbruch von Herzergiessung, den er seit Amandus' Groll entbehret hatte, zu erzahlen fahig. Da er fertig war, sagte sie: "Zeichnen Sie nur; Sie hatten mir etwas anders erzahlen sollen."
Sie nahm ihre kleine Laura auf den Schoss dem Fursten, der ein leidenschaftlicher Tiermaler ist, musste sie statt mit der Kleinen mit einem Seidenpudel sitzen welche Gruppe fallt aber jetzt sein Auge, sein Herz und seine Zeichenfeder an, um diese drei Dinge zu verrucken! Sie zittern wenigstens alle, indem die Mutter die Handchen der Laura in eine malerische und kindliche Umschlingung legt indem sie schweigend, traurend, mit den Lippenwellen gegen den Kummer des Auges streitend, ihm denkend in das seine blickt und mit der nachsten Hand das Haar der Kleinen spielend krummt Wahrhaftig zehnmal dacht' er: wenn ein Engel einen Korper umtun wollte, der menschliche ware nicht zu schlecht dazu, und er konnte in dieser Reise-Uniform in jeder Sonne erscheinen!
Seine Zeichnung wurde so treffend, dass der Residentin vielleicht ein paar Unahnlichkeiten lieber gewesen waren sie hatten grossere Ahnlichkeit ihres zweiten Bildes in ihm angesagt. Sie kam jetzt durch sanfte, nicht wie sonst scherzhaft-springende Ubergange von seinem Maler-Lohn und von den Nachteilen seiner Erziehung auf die Vorbereitungen zu seiner Legationrolle sie deckte ihm, aber mit langsamer vertraulicher Hand, seinen Mangel an Welt auf sie bot ihm ihren Zutritt zu sich an und lud ihn zum Souper auf morgen ein. "Aber vormittags", setzte sie lachelnd hinzu, "kommen Sie nicht schon; Beata will durchaus nicht gemalet sein."
Der Leser hat im ganzen Buche noch nicht drei Worte reden oder schreiben durfen: jetzt will ich ihn ans Sprachgitter oder ins Parloir lassen und seine Fragen nachschreiben. "Was hat denn" fragt er "die Residentin vor? Will sie aus Gustav ein gezahntes Kammrad schnitzen, das sie in irgendeine unbekannte Maschine setzet? Oder bauet sie den Jagerschirm und zwirnt die Prallnetze, um ihn zu fallen und zu fangen? Wird sie wie jede Kokette dem ahnlich, der ihr nicht ahnlich werden will, wie nach Platner der Mensch das, was er empfindet, so sehr wird, dass er sich mit der Blume buckt, und mit den Felsen hebt?"
Der Leser bemerke, dass der Leser selber hier Witz hat, und gehe weiter!
"Oder" (geht er also weiter) "geht die Residentin nicht so weit, sondern will sie aus Edelmut, woruber man oft die optischen Kunststucke ihrer Koketterie verzeiht, den schonsten uneigennutzigsten Jungling aus den schonsten uneigennutzigsten Grunden aufsuchen und ausbilden? Oder konnens nicht auch alles blosse Zufalle sein und nichts leuchtet mir so ein , an welche sie, als Rennerin durch Lusthaine, die flatternde Schlinge eines halben Planes fliehend befestigt, ohne in ihrem Leben am andern Tag nach dem strangulierten Fang der Dohnenschnait im mindesten zu sehen? Oder irr' ich ganzlich, lieber Autor, und ist vielleicht von allen diesen Moglichkeiten keine wahr?" Oder, lieber Leser, sind sie alle auf einmal wahr, und du erratest darum eine Launenhafte nicht, weil du ihr weniger Widerspruche als Reize zutrauest? Der Leser bestarket mich in meiner Bemerkung, dass Personen, die niemals die Gelegenheit haben konnten, der grossen Welt tagliche Klavierstunden zu geben (wie z.B. leider der sonst treffliche Leser), zwar alle mogliche Falle irgendeines Charakters vorzurechnen, aber nicht den wirklichen auszuheben vermogend sind. Ubrigens verlasse sich der Leser auf mich (der ich schwerlich ohne Grund Vorzuge verkleinern wurde, die mir selber ansitzen), ubrigens hat er die Armut an gewissen konventionellen Grazien, an gewissen leichten modischen und giftigen Reizen, die ein Hof nie versagt, weit weniger zu bedauern, als andre Hoflinge der Autor wunschte, nicht darunter zu gehoren ihren Reichtum an dergleichen Gift-Spezies wirklich zu beklagen haben; denn auf diese Art blieb er ein ehrlicher und gesunder Mann, der Herr Leser; aber wer ihn kennt, wurde der Burge gewesen sein, dass er, falls alle Bander und Zugel der grossen Welt an ihm gezuckt und gezogen hatten, ausser seiner Ehrlichkeit auch seine Unahnlichkeit mit den Leuten von Ton behalten hatte, die die Misshandlung des schonsten Geschlechts mit verlorner Stimme und verlornen Waden bussen, wie (nach den altesten Theologen) die Weiber-Versucherin, die Schlange, die vorher reden und gehen konnte, durch die aktive Verfuhrung Sprache und Beine verscherzte? ...
Fussnoten
1 Im romischen Pantheon standen nur zwei Gotter, der Mars und die Venus.
Dreissigster oder XXIII. Trinitatis-Sektor
Souper und Viehglocken
Heut' arbeit' ich im Hemd wie ein Hammerschmied, so abscheulich lang und schwer ist der dreissigste Sektor. Da Gustav von Oefel erfuhr, dass ein kleines Souper bei der Residentin so viel heisse wie bei uns das grosste, so teilte er in seinem Kopf, eh' er es zieren half, Personen und Rollen aus, und sich die langste: den einzigen Fehler beging er allemal, dass, wenn er endlich auf die Buhne kam und spielen sollte, er nicht spielte. Eh' er in eine grosse Gesellschaft ging, wusst' er Wort fur Wort, was er sagen wollte; kam er wieder heraus, so wusst' er (in der Kulisse) auch, was er hatte sagen sollen aber gesagt hatt' er darin weiter nichts. Es kam nicht von Menschenfurcht; denn es war ihm fast leichter, etwas Kuhnes als etwas Witziges zu sagen; sondern davon kams, dass er das Gegenteil einer Frau war. Eine Frau lebt mehr ausser als in sich, ihre fuhlende Schnecken-Seele legt sich fast aussen um ihre bunte Korper-Konchylie an, sie zieht ihre Fuhlfaden und Fuhlhorner nie in sich zuruck, sondern betastet damit jedes Luftchen und krummt sie um jedes Blattchen mit drei Worten: das Gefuhl, das der Arzt Stahl der Seele von der ganzen Beschaffenheit ihres Korpers zuschreibt, ist bei ihr so lebendig, da sie in einem fort fuhlt, wie sie sitzt und steht, wie das leichteste Band aufliegt, welchen Zirkelbogen die gekrummte Hutfeder beschreibt mit zwei Worten: ihre Seele fuhlt nicht nur den Tonus aller empfindlichen Teile des Korpers, sondern auch den der unempfindlichen, der Haare und der Kleider mit einem Worte: ihre innere Welt ist nur ein Weltteil, ein Abdruck der aussern.
Bei Gustav aber nicht; seine innere Welt steht weit abgerissen neben der aussern, er kann von keiner in die andre, die aussere ist nur der Trabant und Nebenplanet der innern. Seiner Seele in den Gehirn-Weltglobus, den der Hut bedeckt, eingesperret verbauen die bunten eignen Gewachse, auf denen sie sich wiegt und vergisset, die Aussicht auf die Gegenstande jenseits ihres Korpers, die nur dunne Schatten auf ihre Gedanken-Auen werfen; sie sieht also die aussere Welt nur dann, wenn sie sich ihrer erinnert; dann ist diese in die innere versetzt und verwandelt. Kurz Gustav beobachtet nur das, was er denkt, nicht was er empfindet. Daher weiss er niemals seine Ideen und Worte mit den voruberschiessenden Ideen und Worten andrer Leute zu amalgamieren. Der Hofmann schraubt auf und zu, und die Kaskaden seines Witzes springen und schimmern Gustav hingegen wirft erst den Eimer in den Ziehbrunnen und will darin den Trunk mit der Zeit herausdrucken. Eine feinere Ursache geb' ich unten an.
Oefel ruhmte ihm am Morgen dieses wichtigen Souper so viel von Beaten vor, er wurde heute ihr coeur so sehr im Gleichgewichte mit dem esprit der Residentin sehen, dass er alles Sehen verwunschte und einen zweiten Grund bekam, sein schweres Herz ins stille Land zu tragen. Sein erster war: er schickte sich allemal zu einer grossen Gesellschaft dadurch an, dass er vorher in die grosste ging unter den grossen blauen Himmel. Hier unter kolossalischen Sternen, an der Brust der Unendlichkeit, lernt man sich erheben uber metallene Sterne neben das Knopfloch genaht; von der Betrachtung der Erde bringt man Gedanken mit, durch die man die Erdstaubchen, die man Menschen nennt, kaum wirbeln sieht und die farbigen Gold-Insekten, womit sich das Gewachsreich musivisch stickt, werden von der Gold- und Juwelenstickerei der Hofpracht nicht ubertroffen, nur nachgeahmt. Gegenwartiger Verfasser stattete allemal dem grossen Erd- und Himmelzirkel einen Besuch vor und einen nach dem Besuche ab, den er einem kleinern Cercle machte, damit der grosse die Eindrucke des kleinen verhutete und verloschte.
Ich werde rot, wenn ich mir denke, wie unbehulflich sich mein Gustav durch zwei Vorzimmer in einen Salon mag haben fuhren lassen, wo wenigstens schon an sieben Spieltischen Streiter sassen. Feinheit der Denkart ist Anlage, Feinheit des Ausdrucks ist eine Frucht, wozu nicht gerade Hofgartner notig sind; aber Feinheit des aussern Anstands ist nirgends zu holen als da, wo sie alles gilt in der grossen Welt voll Mikrokosmen. Sollt' ich von letzterer Feinheit mehr aufzuweisen haben, als man gewohnlich bei meinem Advozier-Stand sucht: so bin ich nie so eitel, sie aus etwas anderem abzuleiten als aus meinem Leben am Scheerauer Hof. Die Residentin (Beata ohnehin nicht) spielte selten, und mit Recht: eine Frau, die mit ihrem Gesichte andre Herzen gewinnen kann als lakkierte auf der Karte und die den Mannern einen andern Kopf nehmen kann als den auf Metalle gedruckten, tut ubel, wenn sie sich mit dem Kleinern begnugt, sie musste denn mit den schonsten Fingern taillieren und coupieren konnen, die ich noch in weiblichen Handschuhen und Ringen gesehen. Vor dem funfzigsten Jahre sollte keine spielen und nach ihm nur die, die der Mann und die Tochter verspielen sollte. Hingegen der poetische Gladiator, Herr von Oefel, diente unter der Armee, die (nach dem Modejournal) in jeder Winternacht 12000 Mann stark ist in den vordern deutschen Reichskreisen namlich mit und gegen L'hombre-Spieler. Die Residentin war eine brillante Sonne, der immer Beata als Abendstern nachzog. Sanfter holder Hesperus am Himmel! du wirfst deine Strahlen-Silberflitter auf unser Erden-Laub und schliessest leise unser Herz fur Reize auf, die so sanft wie deine sind! Alle Sommerabende, die mein Auge in Traumen und Erinnerungen auf deinen uber mich erhohten Unschuld-Auen verlebte, belohn' ich dir, versilberter schonster Tautropfe in der blauen AtherGlockenblume des Himmels, indem ich dich zu einem Bilde der schonen Beata mache! O konnt' ich doch ihre Heiligengestalt aus meinem Herzen heben und hieher auf meine Blatter legen, damit es der Leser sahe, nicht bloss begriffe, wie von der junonischen Bouse, aus der alle weibliche Reize brechen, selber seltene Uneigennutzigkeit, doch aber Unschuld und weibliche bescheidne Zuruckgezogenheit nicht, wie von ihr alle diese holzernen Strahlen abfallen, wenn sich neben ihr mehr verhullt als zeigt Beata, welche uber die heftigsten weiblichen Wunsche den innern Sieg erhalt und doch weder Sieg noch Kampf verrat die, ohne Bousens Trauer-Hulse und Trauerspielen, ein erweichtes Herz dir gibt und deinen Blick unwiderstehlich beherrschet und mit der du im Mondschein gehen kannst, ohne sie oder den Nachthimmel auf der Erde minder zu geniessen! Gustav fuhlte noch mehr als ich; und ich fuhle in meinen biographischen Stunden wieder mehr als sonst in meinen musikalischen.
Bei Gelegenheit! wenn sie essen: werd' ich auch die ubrigen Gaste abfarben. Unter dem gesellschaftlichen Tumult, der sowohl Gustavs Sinnen als Ideen betaubte, fiel freilich nur Beatens halbes Sonnenbild in seine Seele. Aber nachher freilich! Vorher aber lagen beide mit der Residentin unter dem Fensterbogen, die ironisch Gustaven vor Beaten entschuldigte, dass er heute nicht mit dem Pinsel gekommen eine Menge zufalliger Zwischenredner zu geschweigen. Die Residentin wurde ihnen entrissen; die nahe und einsame Stellung notigte beide zum Sprechen und Beaten zum Bleiben. Gustav, der schon vor der Assemblee im Kopfe hatte, was er sagen wollte, sagte nichts. Aber Beata endigte das vorige Gesprach uber das Abzeichnen und sagte: "Wenn Sie mich nicht schon entschuldigt haben, so kann ich mich nicht entschuldigen." Ein andrer von mehr Wendung hatte geradezu Nein gesagt und so im Scherze, der keine Verlegenheit zuliess, die Faden der Vogelspinne um das arme Kolibri herumgewunden. Gustav hatte zu starke Gefuhle, um hier zu scherzen. An einer Menge schwerer Materien, wovon euch alle Handhaben abbrechen, halt bloss die des Scherzes fest, und ihr konnt sie damit regieren; besonders wenn ihr mit Madchen unter Fensterbogen sprecht.
Gustav suchte langst Gelegenheit, Beaten andre Teile seiner Seele zu zeigen, als damals in der KornSache zum Vorschein gekommen; jetzo hatt' er die Gelegenheit, obwohl keine Mittel gehabt, wenn nicht der Park mit dem Abend-Schmuck sich vor das Fenster gelagert hatte. Aber Natur-Schonheit war die einzige Sache, woruber er mit andern Schonheiten begeisternd und begeistert sprechen konnte; und er konnte am frischesten alle Weltreize in einen Morgen zusammendrangen, wenn er seinen Eintritt aus der Erde hinauf in das hohe Weltgebaude beschrieb. Auf jedes Wort und Bild, das er sagte, oder sie zuruckgab, war eine Seele gepragt, die sie einander zugetrauet hatten. Plotzlich schwieg er mit weiten glanzenden Augen ihm war, als gehe in seiner Seele ein Zauber-Mond auf und scheine uber ein weites dammerndes Land und ein Engel seiner Kindheit steh' im Blutenlande und nehm' ihn in seine Arme und druck' ihn so an sich, dass das Herz an ihm zerflosse .... Und worauf ruhte dieses innere Landschaftstuck? Worauf das beruhmte Strassburger Uhrwerk ruht auf einem Tierhals: dieses liegt namlich auf einem Pegasus-Nacken; seines trugen die Halse des zufallig vor dem Schlosse heimgehenden Weideviehs, an denen solche Glocken hingen, die denen der Herde Reginens ahnlich klangen und die mithin die ganze Jugendszene mit ihren Tonen wieder in seine Seele setzten .... In einer solchen Stimmung hatt' er in einer National-Versammlung geredet; auch machte der Tumult, der beide einfasste, sie einsamer und vertraulicher: kurz er erzahlte ihr mit Feuer und historischen Auslassungen seine Schaferei mit einem Lamm auf dem Berg. Dieses Schwarmen steckte sie (wie jedes alle Weiber) so sehr an, dass sie anfing zu schweigen.
Die Not zwang beide, jetzt einen aussern Gegenstand (wie ein Schwert im furstlichen Bett) zwischen ihre zusammenfliessenden Seelen zu bringen sie sahen auf die beiden Gartners-Kinder unten hinab, und zwar so begierig, dass sie nichts sahen. Der Junge sagte: "Mich hat das Fraulein (Beata) so lieb" und streckte beide Arme auseinander das Madchen sagte: "Mich hat der Herr (Gustav) so gross lieb, wie das Schloss" "und mich", replizierte er, "so gross wie den Garten" "und mich", exzipierte das Madchen, "so gross wie die ganze Welt." Daruber konnten die Flugel des Jungen nicht hinaus, und hatten seine Schwanzfedern uber den Katheder-Horst hinausgestochen. Jedes zahlte dem andern die Liebepfander, die es von den oben uber gegenseitiges Lob erfreueten Zuhorern erhalten hatte, und sagte bei jedem Stuck: "Hast du das g'kriegt?"
Mit jenem hastigen Sprung der Kinder zu einem neuen Spiel sagte das Madchen: "Jetzo musst du der Herr (Gustav) sein; und ich will das Fraulein (Beata) sein. Jetzo will ich dich liebhaben, nachher musst du mich." Sie strich ihm sanft die Backen und dann die Augenbraunen und endlich die Arme und manipulierte den Herrn. "Jetzo mich!" sagte sie mit schnell herunterhangenden Armen. Der Junge warf seine Arme so eng um ihren Hals, dass die zwei Ellenbogen sich durchschnitten und schurzten und als uberflussige Bandschleifen uber den Liebeknoten hinausragten; er kusste sie derb. Plotzlich fand ihre kritische Feile einen verdammten Anachronismus an diesem historischen Schauspiele, und sie sagte fragend: "Ja, der Herr und das Fraulein haben sich ja nicht lieb?"
Das war zu viel fur die Frontloge oben, die zugleich das Auditorium und das Original der kleinen Spieler war, und die Kopie derselben zu werden in Gefahr geriet. Gustav hielt das Augenlid gewaltsam offen, damit es das Wasser, worin sein Auge stand, zu keiner sichtbaren auf die Wange fallenden Trane vereinigte und die geruhrte Beata liess, ohne oder mit Absicht, ihre Rose abgeknickt zu Boden zittern: er buckte sich nach ihr lange und liess seine Trane verborgen wegsinken; aber da er ihr die Rose gab und beide furchtsam die gesenkten Augen auf der Blume versteckten und hefteten und da sie ein herspringender Tropf unterbrach: so standen plotzlich ihre aufgeschlagnen Augen einander wie der aufgehende Vollmond der untergehenden Sonne gegenuber und sanken ineinander, und in einem Augenblick unaussprechlicher Zartlichkeit sahen ihre Seelen, dass sie einander suchten.
Der springende Tropf war Oefel, der Beatens Arm haben wollte, sie in den Speisesaal zu fuhren. Jetzt, Leser, trag' ich dir statt lebendiger Rosen (wie unser Seelen-Paar ist) lauter in Butter gesottene Rosen auf. Sechs- oder siebenundzwanzig Gedecke, glaub' ich, waren. Ich will hier statt eines Kuchenzettels einen Passagierzettel der Gaste verfertigen. Erstlich waren am Tische und im Schlosse zwei keusche Menschen Beata und Gustav; welches ein Beweis ist, dass schone Seelen an allen Orten wachsen, sogar an den hochsten: so liess der Kaiser Joseph jahrlich einige Nachtigallen in den Augarten werfen, damit man da was horte.
Nro. 2 war der Furst, der in seinem kurzen Leben mehr Weiber in der Nahe gesehen als der Ochs Apis, dessen Leben doch so lang war wie das agyptische Alphabet. Er war an dieser Tafel, was er auf seinen Reisen an mancher table d'hote nicht zu sein vermochte, der Bruder Redner und der Hauptwind unter 63 andern Nebenwinden. Seine Krone hatten samtliche Damen auf.
Nro. 3 war sein apanagierter Bruder, den der gekronte hasste, nicht weil er zu viel Volkliebe hatte und verdiente, sondern weil er einmal todkrank war und nicht starb, sondern von der Apanage fortlebte. Das Gerippe dieses Bruders wurde den Fursten, wie ein jedes Gerippe Agypter und Griechen, zu einem freudigern Genuss des Gastmahls uberredet haben.
Nro. 4 war ein Michaelisritter aus Spaa (Herr v. D.), dessen Ordenstern in Scheerau noch Strahlen abschickte, nachdem er in Paris langst vernichtet war. So sagt Euler, dass ein Fixstern am Himmel noch wegen seiner Entfernung sein Schimmern fortsetzen kann, ob er gleich langst eingeaschert worden.
Nro. 5 war Cagliostro, der unter so vielen pointierenden Kopfen das Schicksal der Arzte und Gespenster und Advokaten hatte, dass seine offentlichen Spotter zugleich seine geheimen Junger und Klienten sind.
Nro. 6 war mein Gerichtherr von Roper, der, weil er mit dem Fursten etwas zu sprechen hatte, dageblieben war. Er war der einzige im ganzen Esskonvent, der zweierlei tat: erstlich dass er alle Weinsortiments des Bousischen Wein-Inventariums sich reichen liess, um von allen Weingutern der Residentin denjenigen deutlichen oder doch klaren Begriff in seinen Magen zu bringen, worauf die altern Logiken so sehr dringen zweitens dass er einen so grossen Wert auf das frikassierte, marinierte etc. Essen legte, als wenn ers gabe und nicht bekame, und immer hoflicher und gebuckter wurde, je satter und voller er wurde, gleich einer Wurst, die sich krummt, wenn man sie fullet.
Nro. 7, 8, 9 waren zwei grobe Regierungrate ** und ein grober Kammerprasident *, wovon die zwei ersten den ganzen Hof verachteten, weil er keine andern Pandekten im Kopfe hatte als literarische, und der dritte, weil er sich es ausmalte, wie viel Pensionen und Gagen der ganze Hof ohne die Kammer, d.h. ohne ihn wohl hatte, und samtliche drei, weil sie glaubten, sie hielten den Thron, ob sie gleich nichts hatten tragen konnen als in Salomons Tempel das eherne Meer.
Nro. 10 war die Residentin, die sich nach dem Tone eines jeden stimmte und doch durch ihren eignen sich von allen Weibern unterschied gleich dem Konig Mithridates redete sie die Sprachen aller ihrer Untertanen.
Nro. 11, 12 war eine durchreisende Abtissin und eine verwittibte Furstin von **, die ihrem Stande gemass einsilbig und hautain waren.
Nro. 13 war die Defaillante, deren grosste Reize und Anziehkraft in den kleinen Fussen angebracht waren, wie in den zwei Fussen eines armierten Magneten. Der Kopf, ihr zweiter Pol, stiess ab, was der untere zog.
Nro. 00000 gehen mich nichts an; es waren alte, in den Schminksalpeter eingepokelte Damen-Gesichter, denen aus dem Schiffbruch ihres untergesunknen Lebens nichts geblieben war als ein hartes Brett, auf dem sie noch sitzen und herumfahren, namlich der Spieltisch.
Nro. 00000 gehen mich auch nichts an; es waren eine Garbe Hofdamen, verschnittene Spaliergewachse an den Tapeten, oder vielmehr Einfassunggewachse um fruchtbare Beete sie hatten Witz, Schonheit, Geschmack und Betragen, und wenn man zur Flugeltur hinaus war, hatte mans schon wieder vergessen.
Nro. 0000 war eine Kompagnie Hofleute, mit roten und blauen Ordenbandern durchschnitten, welche an ihnen wie die rote und blaue Farbe des Spiritus in Thermometern stehen, damit man ihr Steigen besser sehen konne die gleich dem Silber glanzten und alles, was sie beruhrten, schwarz machten die keinen hohern und breitern Himmel sich denken konnten als den Thronhimmel und keinen grossern Tag im Jahr als einen Courtag die in ihrem Leben weder Vater waren, noch Kinder, noch Ehegatten, noch Bruder, sondern bloss Hofleute die Verstand hatten ohne Grundsatze, Kenntnisse ohne Glauben daran, Leidenschaften ohne Krafte, satirisches Gefuhl der Torheiten ohne Hass derselben, Gefalligkeit ohne Liebe und Freimutigkeit zum Spass deren Echtheit man wie die des Smaragds daran pruft, dass sie wie er kalt bleiben, wenn man sie mit dem Munde erwarmen will und die, die Wahrheit zu sagen, der Satan schildern mag und nicht ich ....
Oefel war zwischen Beata und die Ohnmachtige eingemauert; Gustav wars ihnen gegenuber zwischen zwei kleine witzige Damchen: aber er vergass die Nachbarschaft seiner Arme uber die seiner Augen. Aus Oefels Gliedern schossen Witzfunken, als wenn ihn die Seide, die ihn umlag, elektrisieren halfe. Die Ohnmachtige war ihrer Lehnherrschaft uber ihn so gewiss, dass sie es fur keinen Lehnfehler ansah, wenn ihr Lehnmann Beaten, seiner Teller-Nachbarin, die schonsten Dinge sagte; "Er wird sich" (dachte sie) "argern genug, dass er aus Hoflichkeit nicht anders kann." Dem Herrn von Oefel war am Ende nie um etwas anders zu tun als um den Herrn von Oefel; er lobte, nicht um seine Achtung, sondern um seinen Witz und Geschmack auszukramen; er unterdruckte weder Schmeicheleien noch Satiren, wenn sie gut und ungegrundet waren; er tadelte die Weiber, weil er beweisen wollte, er erriete sie, und weil er das fur schwer hielt; und ich halte ihn fur einen Narren.
Drei Bergbohrer setzte er gewohnlich an einem Madchenherzen an, um eine Lucke darein zu bringen, in die er das Schiesspulver legte, womit er die vererzte Liebeader aus dem Madchen hervorsprengen wollte. Seine erste Miniergrube, die er heute wie allemal im weiblichen Herzen lud, war bei Beaten, dass er mit ihr lange von ihrem Anzug sprach es ist ihnen, behauptete er, einerlei, ob man von ihren Gliedern oder ihren Kleidern redet; aber ich behaupte, die Hassliche tragt ihren Anzug als ihre Frucht, die Kokette als die blosse Gartenleiter oder den Obstbrecher und die Gute als das Laub der Frucht. Beata trug ihn wie Eva als Laubwerk.
Zweitens stellte er um Beaten die Schlag- und Garnwande der Metaphern, um sie darin zu jagen er behauptete, wie die Madchen das singen, was sie nie sagen wurden (gleich denen, die zu stammeln aufhoren, wenn sie zu singen anfangen), so lassen sie in Bildern und Allegorien alle die Gestandnisse ihres Innern aus sich winden, die man ihnen mit eigentlichen Worten nie abfochte, ob es gleich einerlei ware ich hingegen behaupte, diese taugen nichts und die, die so viel taugen als Beata, konnen nicht mit Worten gefangen werden, weil ihre Gedanken nie schlimmer sind als ihre Worte. Freilich aus einem Zimmer (oder Herzen), wo es innen brennt und raucht, lodert die Flamme aus der ersten Offnung heraus, die du aufmachst.
Seine dritte Behauptung und List war, Manner fuhlten den Wert des Einfachen und das Erhabene der Aufrichtigkeit und der geraden Versicherung "ich habe dich lieb", aber Madchen wollten tournure und Feinheit und Umschweife in diese Versicherung, die turkische Briefstellerei durch gewachsene Blumen war' ihnen lieber als die mit poetischen, eine tatige Schmeichelei lieber als eine wortliche ich aber behaupte, dass er recht hat. Daher liess er z.B. seine Repetieruhr vor der Ohnmachtigen allemal die Stunde ihres letzten Rendezvous repetieren, und er gefiel ihr unendlich; daher sah er eine allemal, wenns zu machen und zu merken war, schielend hinter dem Rukken im Spiegel an daher steckt' er gegen Beaten voll Teufeleien, die ich fast alle nennen sollte. Zwei nenn' ich auch. Er erinnerte sich erstlich, dass er sich zu vergessen und auf ihre Hand die seinige im Feuer des Redens zu legen habe; darauf stellt' er sich, als besann' er sich, als nahm' er seiner Hand ein Lot ums andre in der Absicht, sie unvermerkt wegzuheben, sobald sie mehr nicht woge als ein Fingerglied "So handelt" (sagt' er zu sich) "feinere Delikatesse immer; und ich werd' es sehen, was sie verfangt." Seine zweite Teufelei war, dass er in der Spiegelplatte, woran er sass, ihr Gesicht (seinem eignen gab er statt des Preises nur das Akzessit) anschielte und bewunderte, da er doch das Original naher hatte. Eine Schaferin von Porzellan trieb Schafchen uber den Spiegel: "Ich habe noch keine schonere Schaferin unter Glas gesehen", sagt' er doppelsinnig; "aber ich ein schoneres Schaf", sagte die Defaillante und meinte ihn.
Diese Spiegelplatte kam mit ihrer Schaferin, die uber ein umblumtes Ufer in das glaserne Wasser sah, und mit ihrem Lamm und Schafer fast dem Gustavischen Kindheitspiele nahe. Beatens Auge verlor sich unwillkurlich zwischen diese Blumen und nahm ihr Ohr mit sich, in welches der Legationrat vergeblich mit seinem krieglistigen Witze einzubrechen trachtete. Gustavs Augen suchten und mieden nur Augen, nicht Szenen; aus dem gesellschaftlichen Gewuhl, unter dem seine innern Flugel erlagen, konnt' er nur durch einen Springstab von aussen in die Hohe. Denn die ausgenommen, die ihm ahnlich war, ritzten und beizten die andern alle, die es nicht waren, sein Inneres so sehr mit ihren Tischreden, dass er nie in grosserer Beklemmung war als heute. Ich will das fliegende Tischgesprach, das die Tugend betraf, in Gedankenstrichen abgemarket hersetzen, weil mehre Kopfe daran sprachen, wie am Bauern-Tischgebet die ganze Familie antiphonierend betet.
"Man hat keine Tugend, sondern nur Tugenden Die Weiber haben sie, die Manner bekriegen sie Tugend ist nichts als eine ungewohnliche Hoflichkeit Tugend ist un peu de pavillon joint a beaucoup de culasse1; mais le moyen de n'etre que l'un ou que l'autre? Sie ist, wie die Schonheit, uberall anders; die Kopfe sind hier spitz, dort breit; so ists mit den Herzen, die darunter sind Schonheit und Tugend zanken und lieben sich wie ein Paar Schwestern, und doch geben sie einander ihren Putz (bezog sich) Man denkt nie so gern an die Tugend, als wenn man die Rosenmadchen in Salency sieht Sie wird auch an andern Orten gekront (bezog sich wieder) u.s.w."
Kurz jeder Ton und Blick erwies nicht, sondern setzte es schon voraus, dass Tugend nichts ware als der Okonomus des Magens, die Konviktoristin der Sinne, die Offiziantin und Tochter des Korpers. Der Liebe gings wie der Tugend. "Die Julie des Jean Jaques" (sagte einer) "ist wie tausend Julien oder wie Jean Jaques selber: sie beginnt mit Schwarmen, endigt mit Beten aber das Fallen ist zwischen beiden."
Niemand, als wer einmal in Gustavs Lage war, wer einmal das verheerende Besturmen seiner tiefsten Uberzeugung von der Moglichkeit und Gottlichkeit der Tugend in einem Kreise witziger und entscheidender Leute von Stande erlitt; wen unter solchen Erschutterungen, deren jede ein Riss in die Seele ist, sein eignes Unvermogen krankte, solche Tugend- und Heiligen-Sturmer zu beschamen, geschweige zu bekehren; wen unter diesen Herodes-Beschimpfungen seiner Heilandin nicht einmal der Stolz aufrichtete, der zwar gern mit uns auf unserm besondern Zimmer isset, aber an der table d'hote aus unserem Innern eilt bloss also wer in solchen Lagen keuchte, kann sich Gustavs Alpdrucken in der seinigen denken.
Selbst Beatens Angesicht, das die Partei der Tugend und der Liebe nahm, konnt' ihn nicht gegen jene persiflierenden Frostgesichter decken, aus denen, wie aus Gletscher-Spalten bei wechselnder Witterung, schneidende Winde bliesen und die das Herz zerphilosophierten und das Gefuhl des eignen Werts zerrissen. In Gustavs Alter machen die Gustave zwei grundfalsche Schlusse sie suchen erstlich unter jeder tugendhaften Zunge ein tugendhaftes Herz, zweitens aber auch unter jeder schlimmen ein schlimmes.
Gustav wurde wenig darnach gefragt haben, dass er nicht viel antworten, geschweige fragen konnte, waren ihm nicht zwei Ohren gegenuber gesessen, die etwas Bessers wert waren, als was sie zu horen bekamen. Er glitschte allemal neben der rechten Taste hinaus und griff Konsonanzen, wo Dissonanzen in der Partitur geschrieben standen, und umgekehrt. Bald erstaunte er uber die fremden freimutigen Lizenzen, bald erstaunten seine Nachbarn uber seine; und Witz war' ihm leichter gewesen, als einen Ton zu treffen, der ihm bald zu kuhn, bald zu feig vorkam. Das wars aber nicht eigentlich: sondern sein wichtiger Fehler, der wie ein Fussblock seine Fusse hielt, war,
dass er logisch richtig dachte.
Den Fehler haben viele; und ich selber musste mich viele Vormittage uben und mit der Seele voltigieren, eh' ich einigermassen unzusammenhangend und hupfend denken konnte nur wie ein halber Narr. Ich hatt' es am Ende doch zu nichts gebracht, wenn ich mich nicht zu Weibern in die Schule und auf die Schulbank gesetzet hatte. Diese denken weit weniger logisch, und wer bei ihnen den guten Ton nicht erlernt, aus dem ist nichts zu machen als ein deutscher Metaphysiker. Antworten sie wohl jemals Ja oder Nein, statt dessen, was nicht zur Sache gehoret? Drucken sie sich uber das Wichtigste bedachtsam und mit prozessualischen Weitlauftigkeiten aus oder uber das Frivolste frivol? Horen und uben sie Persiflieren ungern, oder legen sie Ballkoniginnen und Gouvernanten der bureaux d'esprit freilich ausgenommen wohl je den geringsten Akzent, Accent und Wert auf ihre Tisch-, Nachttisch-, Spiegel- und andre Reden? Oder legen sie einen auf Wahrheiten? Zum Gluck nimmt diese Feinheit des Tons, die das Fakultatsiegel und der Handwerkgruss der Weiber ist, mit der Feinheit der Stoffe zu, die eine umhat. Ein paar kleine deutsche Stadte, etwa Unterscheerau u.a., mussen sich mir nicht entgegenwerfen, wo freilich die dasigen Weiber, die sich lieber Damen nennen horen, mit nichts Laute von sich geben als mit dem artikulierten Facher und Schlepprock, den Insekten gleich, deren Stimme nicht aus dem Munde, sondern aus dem schwirrenden Flugwerk und Bauchtrommelfell hervorsauset.
Viele muten mir zu, diese Ahnlichkeit des weiblichen und des Hoftons gar hinaus zu beweisen: ich habe ja die Feder in der Hand und brauche bloss einzutunken. Ein Sopranist im guten Ton (ich werde des Wohlklangs wegen "Hof- und guter Ton" abwechselnd gebrauchen) wird stets den Blitz der Wahrheit durch Pointen so zuzuleiten und zu entkraften wissen, wie den elektrischen durch Spitzen. Der wirkliche Sopranist schneidet aus dem ewigen Zirkel der Wahrheit bunte Segmente und Bogen aus, die auf nichts hangen und ruhen, wie die farbigen herausgeschnittenen Fragmente des Regenbogens. Er ists, von dem man fordert, dass er wie Spiegelquecksilber alles, was vor ihm voruberrennt, fremde Charaktere und eigne Meinungen, abfarbend abschatte und alles Aussere zeige und alles Innere berge. Wird es fur einen Weltmann genug sein es reiche immer fur einen Gelehrten zu , wenn er ein Feld ist, das satirische Dornen umstecken, und mussen diese nicht vielmehr statt des Raines alle Furchen erfullen und mehr die Frucht als der Zaun des Ackers sein? Und wer anders als er und die Schwefelleber die sich aber nur auf Metalle einschrankt muss alle Heilige und alle Teufel schwarz zu prazipitieren wissen? Allein Leute, die so hohe Forderungen zu machen wagen, bedenken nicht immer, dass nur ein Latitudinarier und Indifferentist aller Wahrheiten sie befriedigen konne, d.h. ein Mann, der ganzlich sich uber den Katheder-Eilander erhebt, welcher vielleicht jahrelang die namlichen Meinungen und Hosen behalt. Nichts verengert den Tanzplatz des Witzes so sehr, als wenn eigne Meinungen und Wahrheitliebe darin als feste dicke Saulen stehen.
Dieses sind eben die Mittel, wodurch Weltleute sowohl andre als sich selber im feinsten lacherlichen Lichte darzustellen wissen. Der Hofmann kann allerdings den deutschen Komodienstellern vorwerfen, dass sie das attische Salz und das feine Komische, das er stets an seiner Person zu haben weiss, unter ihren Schwielen-Handen meistens verfliegen lassen. Er, der Hofmann, macht sich stets auf eine feine, nie niedrige Weise lacherlich und wurzet mit einem echten hohen Komischen, das seinem hohen Stande anpasst, seine Person leicht; aber er kann fragen: "Studieren mich die deutschen Tropfe, oder salzet Terenz, den sie studieren, seine Charaktere so delikat wie ich meinen eigenen?" ...
Ich denke, durch meine Verirrungen hab' ich den Umstand in meiner Geschichte zureichend motiviert, dass Gustav am Ende, weil er niederlag unter so schnell witzigen Damen und unter dem zu bescheidnen Gefuhle fremder Talente und etwa, weil von ihm die Residentin durch ihre Gesellschaft und Beata durch ihren Herrn Vater abgezogen wurde sich gar fortmachte. Aber draussen richtete sich unter dem kuhlenden Nachttau die hangende Blume erfrischt wieder auf; im stillen Lande ging er vor dem viereckigen Schimmer, den die Wandleuchter ins Gras herunter warfen, ohne Sehnen voruber und drehte sich rund umher, um alle Wande des weiten schwarzgemalten Ballhauses, wo das Schicksal den Sonnen-Ball in grosse und den Erdball in kleine Kreise wirft, ins Auge zu nehmen. Als er hier den grossen Schattenriss des Tages, die Nacht, wie den einer weggegangnen Freundin, kuhlend und trostend an seinem Busen hatte: so dachte er, aber ohne Stolz: "O zu dir, grosse Natur, will ich allzeit kommen, wenn ich mich unter den Menschen betrube; du bist meine alteste Freundin und meine treueste, und du sollst mich trosten, bis ich aus deinen Armen vor deine Fusse falle und keinen Trost mehr brauche." ....
"Konnen Sie mich nicht berichten, wo hier der junge Herr von Falkenberg logiert?" redete ein Nachtbote ihn an. Er uberbrachte ihm einen Brief, den er eilig im Fixsternlicht der fernen Wandleuchter durchlief. Aber sie schienen heute lauter trube Auftritte beleuchten zu sollen. Amandus hatte ihm darin auf dem Deckbette seines Krankenlagers so geschrieben:
Fussnoten
1 Bekanntlich heisset an einer Doublette der in der Fassung versteckte Kiesel oder Bergkristall culasse, und der darauf bluhende Demant pavillon. Einunddreissigster oder XXIIII. Trinitatis-Sektor
Das Krankenlager die Mondfinsternis die
Pyramide
"Wenn du wieder mein Freund geworden bist: so gehe zu deinem, der bald sterben wird. Sohne dich aus mit mir, eh' ich in das ewig stille Land ziehe, wie wir das letztemal taten, eh' wir in das irdische stille Land hinausgingen. Ach unaussprechlich Geliebter! ich habe dich zwar oft beleidigt, aber allezeit geliebt! O komm, lasse nicht den kurzen Atem meiner brechenden Brust, der auf dieser Erde aus lauter unerfullten Seufzern bestand, mit dem letzten vergeblichen Seufzer nach dir versiegen. Du sahest mich das erste Mal, als meine Augen blind waren; sieh mich zum letzten Male, wenn sie es wieder werden!"
Dieses Blatt riss ihn in dieser Stunde, wo ihm die Liebe eines Menschen so wohl tat, aus dem Schlosse fort, aber die Stellen des Herzens, an denen es ihn anfasste, bluteten. Ein solcher Gang durch die Nacht beugt die Seele nieder, und seinen Freund sah er auf diesem kurzen Wege mehr als zehnmal sterben. Bei jedem Vogel, den sie aus dem Bette jagten, dacht' er: wie wirst du im Finstern dein Astchen wiederfinden? bei jedem zerfliessenden Licht, das weit von Seufzern, welchen sauern Schritten wird es jetzt den langweiligen Steig beleuchten? und es war ihm, als sah' er das menschliche Leben gehen. Es machte ihn nicht frohlicher, als er einige Sonnenwagen, von einem Sonnenhof aus Fackeln umlegt, die unnutzen Gaste des Souper, das sie wie er verliessen, so fliegend heimrollen sah, als fuhren sie einem sterbenden Freunde entgegen. Endlich wickelte sich die schlummernde Stadt aus den Schatten heraus; das Pharuslicht des Turmers und einige weit auseinander gesaete Lichter, die wahrscheinlich die lange Nacht eines Kranken trube und ungeputzt abmassen, fielen auf den Trauer-Grund seines Innern.
Leise pochte er am Krankenhause, leise wurde auf
gemacht, leise stieg er hinauf; bloss die Uhr larmte wie ein Trauergelaute ins stumme Trauerhaus, mit ihren zwolf Schlagen, die er da so oft gehort. Ach im Bett litt eine Gestalt, der man alles verzeihen will und die man noch ein wenig zu lieben und zu erfreuen eilt, eh' sie sich nicht mehr regt. Nicht das schmutzige eingedorrte Krankengesicht, nicht die von Fiebern weggebeizte Lebensfarbe, nicht die Runzeln der Lippe waren es an Amandus (oder sind es an andern Kranken), was Gustavs Herz und Hoffnungen zerschnitt, sondern das schwer gedrehte, aufflackernde, wilde und doch ausgebrannte verglasete Krankenauge, in das alle Leiden der vorigen Nachte und die Nahe der letzten so leserlich geschrieben waren.
Amandus streckte ihm seine Totenhand weit heraus entgegen, als ob es moglich ware, dass jemand anders als er sich noch an die fremde schwarze Farber- oder Totenhand erinnerte, die er ihm neulich gereicht. Fur ihn war die Wiedervereinigung susser als fur Gustav, der hinter ihr die lange Trennung warten sah.
Der Morgen und die Freude hielten den Vorhang seines Lebens ein wenig im Niederfallen auf. Gustav trat als Krankenwarter an die Stelle der Krankenwarterin, erstlich weil diese alles so gut und mit so vielen Umstanden und Randnoten zu machen wusste, dass sie noch in seine letzten Minuten Galle schuttete, zweitens weil es ja in der Stunde, wo die ganze Natur in Gesellschaft des Todes mit harten Griffen dem Menschen allen Putz und alle Kleidungstucke abzieht, die sie ihm geliehen, fur die ohnmachtigen Freunde, die diese unerbittliche Hand nicht halten konnen, noch der einzige Trost ist, unter dem Entkleiden, Erfrieren und Einschlafen des Bekannten durch Lacheln, durch unbedingte Gefalligkeit gegen alle seine Launen, durch Erfullung seines Eigensinns stille zu sein. Auf solche Herz- und Liebedienste gegen arme Sterbende schauet man nach vielen Jahren mit mehr Zufriedenheit zuruck als auf die gegen alle Gesunde auf einmal und doch sind beide nur um ein paar Stunden verschieden; denn du steigest nicht oft in deinem Bette aus und ein, so bleibst du darin liegen ....
Lieber Tod! ich denke jetzt an mich. Wenn du einmal in meine Stube trittst: so erweise mir den Gefallen und schiesse mich an meinem Secretaire oder Schreibtische Knall und Fall tot; wirf mich, lieber Tod, nicht hinter die Vorhange aufs Krankenbette und suche mit deinem Trennmesser langsam jede Ader, um sie vom Leben loszutrennen, so dass ich dir ganze lange Nachte ins zergliedernde Gesicht sehen muss oder dass unter deinem langen Seidenzupfen meines Seelenkleides alles herlauft und gesund zuschaut, der Rittmeister, der Pestilenziarius und meine gute Schwester. Reitet dich aber der Henker, dass du keine Vernunft annimmst: so, lieber Tod da keine Holle ewig dauert scher' ich mich auch nichts darum, um die letzte Schererei nach tausend Scherereien.
Der Doktor Fenk hatt' in seinem Gesicht nicht die Angstlichkeit vor einem kommenden Verlust, sondern das Trauern uber einen dagewesenen; er hielt seinen Sohn fur ein zerschlagenes Porzellan-Gefass, dessen Scherben man noch in der alten Zusammensetzung auf den Putzschrank stellt und das von dessen kleinster Erschutterung auseinanderfallt. Er verbot ihm daher nichts mehr. Er nahm sogar einige mannliche Patienten an, "weil er zu Hause einen hatte und sich den Gedanken an ihn wegkurieren wollte". Der Kranke selber horte schon den Abendwind seines Lebens wehen. Vor einigen Wochen glaubte er zwar noch, im Fruhlinge konnt' er den Scheerauer Gesundbrunnen in Lilienbad trinken, und dann wurd' es schon anders mit ihm werden. (Armer Kranker! es ist eher anders mit dir geworden.) Allein ein gewisses Fieberbild, das er nicht entdeckte, sprach ihm sein krankes Leben ab; und sein Aberglaube an diesen Traum war so fest, dass er seitdem seine Blumenstocke nicht mehr begoss, seine Vogel weggab und alle Wunsche ausloschte, bloss den Wunsch nach Gustav nicht.
Es war am andern Tage gerade Markttag. Dieses Getose hatte fur seine der Todesstille geweihten Ohren zu viel Leben; und Gustav musste sich an sein Bette setzen, damit er unter dem Sprechen und Horen nicht auf den Markt hinunterhorchte. Gustav erschrak, als er endlich lebhaft fragte: "ob er Beaten noch liebe." Er wich dem Ja aus; aber Amandus raffte das wenige Leben, das noch in seinen Nerven warmte, zusammen und sagte, wiewohl in langen Pausen zwischen jedem Satze: "Ach, nimm ihr dein Herz nicht o! wenn du sie kenntest wie ich ich war oft bei ihrem Vater ich sah, wie sie mit stummer Geduld seine Hitze trug wie sie die Fehler ihrer Mutter auf sich nahm voll Gute, voll Sanftmut, voll Demut, voll Verstand so ist sie ach ohne ihr Bild war' in meinem Leben wenig Freude gewesen gib mir die Hand, dass du sie mehr liebest wie mich." Er nahm sie selber; aber den Freund schmerzte das Nehmen.
Plotzlich drangte sich in seine eingesunkenen Wangen-Adern vielleicht die letzte Schamrote, die oft wie Morgenrote vor einer guten Tat voreilt: er verlangte seinen Vater her. An diesen tat er mit so viel Feuer, mit so viel Sehnsucht in Aug' und Lippe die Bitte, Beaten herzuholen, die ja einem Sterbenden nicht die letzte Bitte versagen konne, dass sein Vater es auch nicht konnte; sondern versprach (trotz dem Gefuhle der Unschicklichkeit), zu ihrer Mutter zu fahren und durch diese jene herzubereden und beide zu bringen. Fenk wusste, dass in seiner ganzen Krankheit kein Abschlagen etwas verfing dass er, wenn er ihn am letzten vergeblichen Wunsche gestorben sahe, den Gedanken nicht tragen konne, dem Leichnam die Todesminuten, die er noch ausschlurfte, verbittert zu haben und dass Mutter und Tochter zu gut waren, um nicht gegen seinen Sohn zu handeln wie er: kurz er fuhr.
Als der Vater hinaus war, sah der Kranke unsern und seinen Freund mit einem solchen Strom von lachelnd versprechender Liebe an, dass Gustav von der treuen muden Seele, deren Scheiden so nahe war, den langsten Abschied dieses Lebens nehmen wollte: "Meine Lippen", dacht' er, "sollen nur noch einmal gedruckt auf seinen liegen und meine Brust auf seiner nur noch einmal will ich den warmen Leichnam umschliessen, da noch eine Seele darin mein Umfassen fuhlt nur noch einmal will ich seinem wegziehenden Geiste, da ich ihn noch erreiche, nachrufen, wie ich ihn geliebt habe und lieben werde." Unter diesen Wunschen heiligte das schonste Weihwasser des Menschen sein Auge. Aber er unterliess dennoch alles, weil er besorgte, unter diesem Sturm des letzten Liebens liessen die gerissenen Bande des Korpers die bewegte Seele los und an seinem Munde sturbe der Schwache ....
Diese Zartlichkeit, die sich selbst aufopfert und nicht aus der Nonnenzelle des Herzens tritt, gefallt mir mehr als ein belletristischer und theatralischer Final-Orkan, wo man empfindet, um es zu weisen, um eine Tranen- und Dinten-Fistel zu haben wie andre, um von seinen Empfindungen, wie vom Schnupftuch, womit man sie trocknet, einen Zipfel aus der Tasche herauszuhenken.
Der Doktor, von dem man in Maussenbach noch kein betrubtes Gesicht gesehen, gewann schon durch seine uberflorte Heiterkeit seine traurige Bitte. Mein Gerichtherr, der sein angebornes Mitleid allezeit gewaltsam dammte, weil es gleich einem Papagei sein Geld wegtrug, uberliess alles dem fremden wohltatigen Tranenstrom hier desto williger, weil er ihm nichts davonfuhrte als auf eine Stunde Frau und Tochter. Der schlimmere Mensch hat eine grossere Freude uber eine sich abgerungene gute Tat als der bessere. Roper schrieb selber an die Tochter seinen Befehl, mitzufahren, und brachte die besten Grunde dafur aus der naturlichen und der theologischen Moral kurz bei. Aber der beste Grund, welchen der Doktor Beaten ins neue Schloss mitbrachte, war ihre Mutter: ohne sie hatte sie ihre scheuen, politischen und weiblichen Besorgnisse schwerlich uberwaltigt.
Sie kamen unter Gebeten in dem Sterbezimmer an, dieser Sakristei eines unbekannten Tempels, der nicht auf dieser Erde steht. Ich fahre fort, obgleich hier so manches meinem Herzen und meiner Sprache zu gross wird .... Als der Kranke die Geliebte seines sterbenden Herzens sah: so schimmerten seine untergegangnen Jugendtage mit ihren goldnen Hoffnungen tief unter dem Horizont hinauf wie das Abendrot der Juniussonne gegen Mitternacht, er druckte dem schonen Leben noch einmal die Hand, vom Hauch der letzten Freude glimmten noch einmal seine blassen Wangen an, und der Engel der Freude liess ihn am Seile der Liebe langsam ins Grab hinab. Ein Sterbender sieht die Menschen und ihr Tun schon in einer tiefen Entfernung verkleinert; ihm sind unsre kleinen Hoflichkeitregeln wenig mehr alles ist ihm ja nichts mehr. Er bat, ihn mit Gustav und Beata allein zu lassen; seine Seele hielt noch den sich niederbeugenden Korper; mit einer abgebrochnen, aber genesenen Stimme redete er das bebende Madchen an: "Beata, ich werde sterben, vielleicht heute Nacht in meinen schonern Tagen hab' ich dich geliebt, du hast es nicht gewusst ich gehe mit meiner Liebe in die Ewigkeit O Gute! reiche mir deine Hand" (sie tats) "und weine nicht, sondern spreche, ich habe dich so lange nicht gesehen und nicht gehort Aber weinet ihr beide nur; euere Tranen machen mich nicht mehr weich, in meine heissen Augen kamen, solang ich liege, keine o weinet sehr bei mir: wenn man traumt, man wein' auf einen Toten, so bedeutet es Gewinn. Ja, ihr zwei schonen Seelen, ihr findet niemand, der euch gleichen, der euere Liebe verdienen kann, ihr seid allein O Beata, auch Gustav liebet dich und sagt es nicht Wenn du dein schones Herz noch hast, so gib es ihm, auf der ganzen Erde verdient nur ers, gib es ihm du machest ihn und mich glucklich, aber gib mir kein Zeichen, wenn du ihn nicht lieben kannst." Jetzt ergriff er noch die Hand Gustavs, dessen Gefuhle gegeneinander wehende Sturme waren, und sagte mit aufgerichteten Augen der begluckenden Tugend: "Du unendliches gutiges Wesen! das mich zu sich nimmt, schenke diesen zwei Herzen alle schone Tage, die mir vielleicht hier beschieden waren ja nimm sie aus meinem kunftigen Leben, wenn ich etwa in diesem keine mehr zu erwarten hatte." Hier zog der fallende Korper die fliegende Seele zuruck; ein Tropfen in seinem Auge verkundigte die schwere Erinnerung an seine zertrummerten Tage; drei Herzen bewegten sich heftig; drei Zungen erstarrten; diese Minute war zu erhaben fur den Gedanken der Liebe bloss die Gefuhle der Freundschaft und der andern Welt waren gross genug fur die grosse Minute ....
Ich bin jetzt nicht imstande, von den Folgen der letzten und von jemand anders zu reden als vom Sterbenden. Seine zuruckgespannten Nerven bebten in einem entkraftenden Schlummer fort. Die erschopfte, betaubte Beata ging mit ihrer Mutter ab. Gustav sah nichts mehr, kaum jene. Der Vater hatte keinen Trost und keinen Troster.
Der Fieberschlummer wahrte fort bis nach Mitternacht. Eine totale Mondfinsternis hob den Himmel und zog das erschrockne Auge des Menschen empor. Gustav sah, bewegt und gequalt, nass zu dem weltenhohen Erdschatten hinauf, der am Monde wie an einem Silhouettenbrette lag. Er verliess die Erde, sie wurd' ihm selber ein Schatten: "Ach!" dacht' er, "in dieser hohen fliegenden Schatten-Pyramide werden jetzt tausend rote Augen, wunde Hande und trostlose Herzen stehen und werden eingegraben, damit der Tote noch finstrer liege als der Lebendige. Aber ruckt denn nicht dieser Schatten-Polyphem (mit einem Mondauge) taglich um diese Erde herum, und wir bemerken ihn nur dann, wenn er sich auf unserem Mond anlegt .... Und so denken wir, der Tod komme nicht eher auf die Erde, als bis er unsern Garten abmahet .... und doch ist nicht ein Jahrhundert, sondern jede Sekunde seine Sense." .... Auf diese Art betrubte und trostete er sich unter dem beflorten Mond Amandus wachte angstlich auf; beide waren allein; der Mond ruhte mit seinem Schimmer auf seinem kranken Auge; "Wer hat denn den Mond zerschnitten," (sagt' er sterbheiss), "er ist tot bis auf ein Schnitzchen." Auf einmal wurden die Stubendecke und die entgegengesetzten Hauser flammend rot, weil die Leichenfackeln mit einem Edelmann, der auf sein Erbbegrabnis gefahren wurde, durch die stumme Gasse zogen. "Es brennt, es brennt", rief der Sterbende und suchte aus dem Bette zu eilen. Gustav wollt' ihm verbergen, wie ahnlich ihm der sei, der unten zum letzten Male uber die Gasse ging; aber Amandus, angstlich als wenn ihn der Tod erdruckte, wankte uber das halbe Zimmer in Gustavs Arme ..... eh' er die Leiche sah, legte ihn ein Nervenschlag tot in diese Arme ....
Gustav trug, so kalt wie der Tote, den Eingeschlafnen aufs verlassene Lager ohne Trane, ohne Laut, ohne Gedanken setzte er sich ins verhullte Mondlicht und ins herflimmernde Leichenlicht der starre Freund ohne Bewegung lag ihm gegenuber Amandus war eher als die Mondkugel aus dem Erdschatten geflogen Gustav sah nicht auf den Toten, sondern auf den Mond (in der dichtesten Trauerstunde sieht man vom Gegenstande weg auf den kleinsten hin): "Streife nur hin," dacht' er, "Schatten der Kugel aus Staub, du liegst noch uber mir .... aber ihn erreicht deine Spitze nicht .... alle Sonnen liegen nackt vor ihm .... o Eitelkeit, o Dunst, o Schatten, wo ich noch bin." ... Plotzlich schlug die Flotenuhr ein Uhr und spielte ein Morgenlied des ewigen Morgens, so aufrichtend, so herubertonend aus Auen uber dem Mond, so schmerzenstillend, dass die Tranen, unter denen sein Herz ertrank, den Schmerzendamm umbrachen und sanftern, weniger todlichen Empfindungen ein Bette liessen .... Es war ihm, als lage sein Korper auch ausgeleert neben dem kalten und seine Seele floge auf der breiten, durch alle Sonnen gehenden Lichtstrasse der vorausgeeilten nach .... er sah sie vorausziehen .... er sah durch den Dunst der paar Jahre, die zwischen ihr und ihm selber lagen, deutlich hindurch ....
Und mit seiner Seele im Gesicht trat er aus dem Totenzimmer in das Zimmer des Vaters und sagte mit irdischer Wehmut im Auge und himmlischer Heiterkeit im Angesicht: "Unser Freund hat unter der Mondfinsternis ausgekampft und ist dort."
Ach sein Leben in seinem wurmstichigen Korper war ja eine wahre totale Mondfinsternis; sein Austritt aus dem Leben war der Austritt aus dem Erdschatten und sein Verweilen im Schatten nur kurz.
Gustav war durch kein Zureden im Trauerhause zu erhalten. Wenn dem Herzen der Korper zu enge ist: so wird es ihm auch die Stube. Er ging nach Marienhof. Unter dem blauen Gewolbe, an dem kristallisierte Sonnentropfen hangen, und unter dem kampfenden Monde, der wie er von seiner Beschattung rot gluhte, begegneten ihm Gedanken, die uber die menschlichen Farben erhaben sind so wie uber die Erde. Wer in solchen Stunden nicht die Kahlheit dieses Lebens und das Bedurfnis eines zweiten so lebendig fuhlt, dass das Bedurfnis feste Hoffnung wird: mit diesem streite keiner uber das Hochste unsers tiefen Lebens.
Unter dem Getummel des Sterbetages, der ihn sonst in eine ganz dunkle Einsamkeit fortgetrieben hatte, ging er doch nach Marienhof; der Verstorbene hatte ihn gebeten, es zu machen, dass er sein Winterlager fur seine Gebeine auf dem Eremitenberg bekame, den er so oft bestiegen hatte und dessen Erscheinungen uns bekannt sind. Gustav hofft' es leicht von der Residentin auszuwirken, da sie ohnehin selten und nur gewisse Partien des stillen Landes betrat. Oefel sagte aber am Morgen, wo er ihn bei seiner Bitte zu Rat zog, gerade umgekehrt, wenn ihr um den Park und dessen bauliche Wurden zu tun ware: so musste sie da etwas recht gern begraben lassen, weil es den besten englischen Garten an Toten und wahren Mausoleen so sehr fehlte, dass sie bloss nachgemachte Vexier-Mausoleen hatten. Oefel erbot sich, einige Verzierungen in einem Geschmacke, dass sie der Hof goutierte, fur das Grabmal zu entwerfen. Gustav war bloss heute zu weich, ihn heute zum ersten Male zu verachten. Wie ganz anders horte die Residentin seiner Bitte und gedrangten Stimme zu, ob er gleich kein Zeichen seines Schmerzes zu geben arbeitete! Wie teilnehmend mit einer Miene, als legte sie leise eine Rose in des Toten Hand schenkte sie dem letzten das Stuckchen Erde zum Ankerplatz! Wie schon begleiteten ihre vollen Augen dieses Geschenk mit dem Geschenk aus ihrem weichen Herzen! Und als der fremde Kummer seinem eignen den Sieg wiedergab: mit welchem schonen Trost nie ist die weibliche Stimme schoner als im Trosten bestritt sie ihn! Er fuhlte hier den Unterschied zwischen Freundschaft und Liebe lebendig; und er gab ihr die erste ganz. Er war froh, den Gegenstand der letzten nicht da zu finden, weil er die Verlegenheit der ersten Blicke scheuete. Beata lag krank.
Er sperrte sich ein; er machte seine Brust jenem Schmerze auf, der nicht wohltatige blutende Wunden in sie schneidet, sondern ihr dumpfe Schlage gibt, jenem namlich, der in dem Zwischenraum zwischen dem Todes- und dem Begrabnistage bei uns ist. Der letzte war am Sonntage, wo ich meinen Sektor betrubt bloss mit Ottomars Briefe ausfullte und wo ich so traurig schloss. Ich tats gerade in der Stunde, wo der Entschlafne aus dem kleinen Sterbebette ins grosse Bette aller Menschen getragen wurde, wie die Mutter die auf Banken entschlummerten Kinder in die grossere Ruhestatte legt. Sonntags floh Gustav aus dem Schlosse, wo die larmenden Staatswagen und Bedienten gleichsam uber sein Herz gingen, mit eingehullten Sinnen hinaus. Er fuhlte zum ersten Male, dass er auf der Erde nicht einheimisch sei, das Sonnenlicht schien ihm das in unsere Nacht gewebte Dammerlicht eines grossern Monds zu sein. Ob er gleich jetzo seinem weggeruckten Freunde sich auf dieser Erde weder nahern noch entziehen konnte: so sagte sein Schmerz doch, es wurde ihm, wenn er auch nicht den Leichnam, nicht den Sarg, sondern nur das Grabes-Beet umfasste, das auf diesen Samen einer schonern Erde druckte, es wurde ihm Trostung werden; und er stellte sich daher auf einen entfernten Hugel, um zu sehen, ob noch Leute auf dem Eremitenberge waren.
Sein Auge begegnete gerade dem grossten Jammer, den es an diesem Abend fur ihn hienieden gab: der durch den Abend hindurch blinkende weisse Sarg wurde herausgehoben eine entzweifallende Rose, eine durchlocherte Puppe, ein sich ausspannender Schmetterling, der jene als Wurmchen zernagt hatte, waren auf die Sargpuppe gemalet und kamen mit ihren beiden Urbildern unter die Erde der kinderlose Vater stutzte sich mit Hand und Kopf an die Pyramide und horte hinter seinen verhullten Augen jede Erdscholle wie den Flug eines niederbohrenden Pfeiles der kalte Nachtwind kam vom Totenberg zu Gustav heruber Zugvogel eilten wie schwarze Punkte uber sein Haupt davon, und der Naturtrieb, nicht die Landerkunde fuhrte sie durch kalte Wolken und Nachte zu einer warmern Sonne der Mond arbeitete sich aus einem Blutmeere von Dunsten ohne Strahlen herauf endlich verliessen die Lebendigen den Berg und den Toten bloss Gustav blieb auf dem andern Hugel bei ihm, die Nacht ruhte schwer hingestreckt um beide .... Genug!
Schenkt mir diese Totengraberszene! Ihr wisset nicht, welche herbstliche Erinnerungen dabei mein Blut so leichen-langsam machen wie meine Feder: ach in diese Geschichte schreib' ich ohnehin ein Blatt, ein Trauerblatt, dessen breiter schwarzer Rand kaum den Zugen und Klagen mit Tranen eine weisse enge Stelle lasset ich schenk' euch diese Szene auch; denn ich weiss auch nicht, Leser mit dem schonern Herzen, wen ihr schon verloren habt, ich weiss nicht, welche liebe dahingegangne Gestalt, deren Grab schon so eingesunken ist als sie selber, ich gleich einem Traume wieder auf ihrer Grabplatte in die Hohe richte und eueren tranenden Augen von neuem zeige, und an wie viel Tote ein einziges Grab erinnere!
Verschwundner Amandus! in dem grossen breiten Heer, welches das Leben dem feindlichen Tod von Jahrhundert zu Jahrhundert entgegenschickt, gingest du wenige Schritte mit, er verwundete dich oft und bald; deine Kriegkameraden legten Erde auf deine grossen Wunden und auf dein Angesicht sie kampfen fort, sie werden dich von Jahr zu Jahr unter ihrem Kriege mehr vergessen in ihre Augen werden Tranen kommen, aber um dich keine mehr, sondern um Tote, die erst begraben werden und wenn deine Lilien-Mumie sich auseinander gebrockelt hat, so denkt man nicht mehr an dich; bloss der Traum lieset noch deine in den Erdball gemengte Pastell-Gestalt zusammen und schmucket mit ihr im graugewordnen Kopfe deines Gustavs seine hinter dem Leben ruhenden Jugend-Auen, die wie der Venusstern am Himmel des Leben-Morgens der Morgenstern und am Himmel des Leben-Abends der Abendstern sind und flimmern und zittern und die Sonne ersetzen .... Ich mag nicht zu deiner Seelen-Scheide, zum Leichnam, sagen: Amandus! liege sanft. Du lagst in ihr nicht sanft; o noch jetzo dauert mich dein unsterbliches Ich, dass es mehr in seinem knappen Nervengebaude als im weiten Weltgebaude leben musste, dass es den edeln Blick nicht zu Sonnenkugeln aufheben, sondern auf seine qualenden Blutkugelchen einkrummen und fur die grosse Harmonie des Makrokosmus seltner Wallungen fuhlen als fur die Misslaute seines Mikrokosmus! Die Kette der Notwendigkeit schnitt tief in dich ein, nicht bloss ihr Zug, auch ihr Druck fuhrte dich Narben zu .... So jammerlich ist der Lebendige! Wie konnen von ihm die Toten ein Andenken verlangen, da er schon, indem er daruber redet, ermattet ....
Als nun Gustav zu Hause war, setzte er einen Brief an den Doktor auf; der ringende Kummer, worin dieser sich an die Pyramide gelehnt und gehalten hatte, bewegte ihn unaussprechlich; und er fiel im Briefe ihm an diese zersplitterte wunde Brust und mehrte ihre Schmerzen durch seinen Liebedruck, indem er ihn bat, ihn zum Sohne anzunehmen und sein vaterlicher Freund zu werden.
Mit der hohen Flut der Traurigkeit entschuldige man es, dass Gustav, der bisher immer die Paroxysmen seiner Empfindungen zum Besten des andern versteckte, sie hier auf Kosten eines andern hervorbrechen liess. Sein Schmerz ging so weit, dass er vom Vater den Alltagrock und Hut des Seligen statt seines Kniestuckes begehrte; er fuhlte wie ich, dass Alltagkleider die besten Schattenrisse, Gipsabgusse und Pasten eines Menschen sind, den man lieb gehabt und der aus ihnen und dem Korper heraus ist. Die Antwort des Doktors lautet so: "Ich habe mich oft an die Polster meines medizinischen Wagens gelehnt und mir vorgestellt und vorgenommen, wenn ich einmal graue Augenbraunen und Kopfhaare oder gar keine mehr habe wenn mir alle Jahrzeiten immer kurzer und alle Nachte darin immer langer vorkommen, welches vor der Annaherung der langsten vorausgeht wenn ich dann in den ersten Fruhlingtagen ins stille Land hinausgehe, um meinen kalten interpolierten Korper zu sonnen wenn ich dann aussen die klebenden treibenden Knospen sehe, unter denen ein ganzer Sommer steckt, und in mir innen das ewige Abblattern und Umbeugen, das kein Erdenfruhling heilt wenn ich mich dann doch an meine eigne Jugend erinnere, an meine Spazier-Gallopaden um Scheerau, an die in Pavia und an die Leute, die mit mir gingen wenn ich mich dann naturlicherweise nach denen umsehe, die mir vom gefallnen Tempel meiner Jugend noch als hohe Ruinen stehen geblieben und wenn mich dann, weil ich mich umdrehe, um zu schauen, ob keiner aus Waldern, uber Wiesen, von Bergen an einem so schonen Tage zu mir gegangen kommt, der Gedanke wie Herzklopfen anfallt, dass nach allen vier Welt-Ecken, wohin ich mich gedrehet, Gottesacker und Kirchen liegen, in denen die, die mich jetzo trosten und begleiten sollen, unter der undurchsichtigen Erdrinde und ihrem Blumenwerk mit geraden Armen versteckt und gefangen liegen, und dass bloss ich allein aussen geblieben und den Herbst in meiner Brust hier im Fruhling herumtrage: so werd' ich gar nicht ins stille Land gehen, sondern einsam nach Hause gehen und mich einschliessen und meinen Kopf auf den Arm mit den Augen legen und wunschen, dass mir das Herz breche, so gut wie meinen Bekannten; ich werde sagen, ich wollt', es ware vorbei. Dann, geliebter Sohn, geliebter Freund (der du als der Jungste meiner Freunde mich schon uberleben wirst), wird deine Gestalt vor meine satten muden Augen treten, dann werde ich sie auswischen und mich an alles erinnern, und deine Hand wird mich doch ins stille Land hinausfuhren, ich werde den Fruhling der Erde so lange geniessen, als ich ihn besehen kann, und ich werde dir mit druckender Hand ins Gesicht sagen: es tut mir heute recht wohl, dass ich dich vor vielen Jahren zum Sohne angenommen ....
Morgen will ich kommen, um meinen Freund zu einer Reise auf die nachsten Tage mitzunehmen, damit wir den vergangnen aus dem Wege gehen." Am andern Morgen geschahs.
Zweiunddreissigster oder 16. November-Sektor
Schwindsucht Leichenrede in der Kirche des stillen
Landes Ottomar
Es ware mir vielleicht auch besser, ich suchte beiden weniger mit der Feder nachzukommen als zu Fuss. Die Lesewelt kann jetzt an meinen Sachen kosten und naschen, indes ich der Ostermesse entgegenhuste, weil ich mir an jenen Sachen und am Schreibtisch, woran ich mich niederkrumme, eine hubsche vollstandige Hektik in die zwei Lungenflugel geschrieben. Das samtliche Publikum sagt nicht "hab Dank" zu mir, dass ich mich um meinen gesunden Atem und um meine sedes gedacht und empfunden: es ist fast alles an mir zu, und es kann wegen der doppelten Sperrordnung nach entgegengesetzten Richtungen wenig durch mich passieren. Ich wandele daher hinter den Pflugscharen aller Auenthaler, um den Broden der Furchen wie die besten britischen Hektiker tun1 einzuziehen als Mittel gegen meine Luftsperre und andere Sperre. Gleichwohl wurde mich das einfaltige Publikum, in dessen Dienst ich mich so elend gemacht, auslachen, wenn es mich den Pflug-Ochsen wie eine Krahe nachschreiten sahe. Ist das Rechtschaffenheit? Muss ich nicht ohnehin alle Nacht zwimit meiner Lungensucht anstecken will, wie ein Ehemann von Stande? Bin ich aber dann, wenn ich die zwei Beischlafer durch Nacht- und Morgengabe mit meinem Ubel dotiert habe, des Malums selber los, oder sagt nicht vielmehr Herr Nadan de la Richebaudiere, neue Hunde musst' ich kaufen und infizieren, weil eine halbe Hunde-Menagerie zum Auslader eines einzigen Menschen notig ist? So kann ich mein Honorar bloss in Hunden vertun. Ich will den Schaden sogar verschmerzen, den meine Rechtschaffenheit dabei leidet, weil ich mich gegen die armen einsaugenden Hunde, deren Lungenflugel ich lahmen und beschneiden will, so freundlich wie Grosse gegen die Opfer ihrer Rettung stellen muss.
Inzwischen ist doch das noch das verdrusslichste Skandal, dass ich gegenwartig im Viehstall schreibe; denn dieser soll auch (nach neuern schwedischen Buchern) eine Apotheke und einen Seehafen gegen kurzen Atem abgeben. Meiner wollte sich indes noch nicht verlangern, ob ich gleich schon drei Trinitatis hier sitze und drei lange Sektores (gleichsam JosephsKinder) am Geburtorte viel dummerer Wesen in die Welt setze. Man muss selber an einem solchen Orte der Hektik wegen im juristischen oder asthetischen Fache (weil ich beides Belletrist und Rechtskonsulent bin) gearbeitet haben, um aus Erfahrung zu wissen: dass da oft die ertraglichsten Einfalle viel starkere Stimmen als die der literarischen und juristischen Richter gegen sich haben und dadurch zum Henker gehen.
Wahrend Fenk und Gustav mehr Traurigkeit als Geld verreiseten, ob sie gleich nicht so lange ausblieben wie alle meine inrotulierten Akten: so ging auch Oefel weiter, namlich in seinem romantischen Grosssultan, und tockierte mit dem grossten Vergnugen den Kummer seines Freundes hinein. Oefel dankte Gott fur jedes Ungluck, das in einen Vers ging, und er wunschte zum Flor der schonen Wissenschaften, Pest, Hungernot und andre Grasslichkeiten waren ofter in der Natur, damit der Dichter nach diesen Modellen arbeiten und grossere Illusion daraus erzielen konnte, wie schon den Malern, welche gekopfte Leute oder aufgesprengte Schiffe malen wollten, mit den Urbildern dazu beigesprungen wurde. So aber musst' er oft aus Mangel an Akademien selber seine sein und war einmal einen ganzen Tag genotigt, tugendhafte Regungen zu haben, weil dergleichen in seinem Werk zu schildern waren ja oft musst' er eines einzigen Kapitels wegen mehre Male ins B-- gehen, welches ihn verdross.
Es geht andern Leuten auch so: der Gegenstand der Wissenschaft bleibt kein Gegenstand der Empfindung mehr. Die Injurien, bei denen der Mann von Ehre flutet und kocht, sind dem Juristen ein Beleg, eine Glosse, eine Illustration zu dem Pandekten-Titel von den Injurien. Der Hospital-Arzt repetiert am Bette des Kranken, uber welchen die Fieberflammen zusammenschlagen, ruhig die wenigen Abschnitte aus seiner Klinik, die herpassen. Der Offizier, der auf dem Schlachtfeld dem Fleischhacker-Stock der Menschheit uber die zerbrochnen Menschen wegschreitet, denkt bloss an die Evolutionen und Viertel-Schwenkungen seiner Kadettenschule, die notig waren, ganze Generationen in physiognomische Fragmente auszuschneiden. Der Bataillenmaler, der hinter ihm geht, denkt und sieht zwar auf die zerlegten Menschen und auf jede daliegende Wunde; aber er will alles fur die Dusseldorfer Galerie nachkopieren, und das reine Menschen-Gefuhl dieses Jammers weckt er erst durch sein Schlachtstuck bei andern und wohl auch bei sich. So zieht jede Erkenntnis eine Stein-Kruste uber unser Herz, die philosophische nicht allein.
Beata opferte fast ihre Augen dem Anteil auf, den sie an niemand anderem (wie sie dachte) nahm als an dem Hingeschiednen. Ihre schweren Blicke waren oft nach dem Eremitenberg gerichtet; abends besuchte sie ihn selbst und brachte dem Schlafenden das Letzte, was die Freundschaft dann noch zu geben hat, im Ubermass. So dringen also die Griffe des Unglucks in weiche Herzen am tiefsten; so sind die Tranen, die der Mensch vergiesset, desto grosser und schneller, je weniger ihm die Erde geben kann und je hoher er von ihr steht, wie die Wolke, die hoher als andre von der Erde sich entfernt, die grossten Tropfen wirft. Nichts richtete Beaten auf als die Verdopplung des Almosens, das sie gewissen Armen wochentlich oder nach jeder Freude gab; und der einsame Umgang mit der Residentin, mit ihrer Laura und den beiden GartnersKindern.
Die zwei Reisenden waren besser daran. Da der Doktor Fenk die Arzte des Landes ex officio visitierte, welche Arzneien machten, nebst den Apothekern, die Repressalien gebrauchten und Rezepte machten: so argerte er sich zum Gluck so oft, dass er keine rechte Stunde hatte, sich zu betruben; auf diese Weise brachten Landphysici, die immer auf dem Lande waren (es mussten denn gerade Seuchen grassieret haben), und Hebammen, die in der Nottaufe die Wiedergeburt junger Nichtchristen noch besser besorgen als deren Geburt, und welche Pharao hatte haben sollen, diese brachten den bekummerten Pestilenziarius wieder etwas auf die Beine. Zorn ist ein so herrliches Abfuhrmittel der Betrubnis, dass Gerichtpersonen, die bei Witwen und Waisen versiegeln und inventieren, diese nicht genug argern konnen; daher legier' ich kunftig meinen Erben, die mein Tod zu sehr krankt, nichts testamentarisch als das Mittel dagegen, Erbosung uber den Seligen.
Beide kehrten endlich unter entgegengesetztem Herzklopfen wieder zuruck, und ihr Weg fuhrte sie vor Ruhestatt, dem Rittersitze Ottomars, und neben dem verwaiseten Tempel des Parks vorbei. Der Tempel war aber erleuchtet; es war weit in die Nacht; um den Tempel hing ein summender Bienenschwarm von Jagdkleidern, in denen der halbe Hof steckte. Fenk und Gustav drangten sich also durch immer grossere Herren und Pferde hindurch, gingen wie Kometen vor einem Stern nach dem andern vorbei und in die Kirche hinein: darin waren ein oder zwei unerwartete Dinge der Furst und ein Toter; denn das hinten am Altar fechtende Ding war kein unerwartetes, sondern der Pastor. Gustav und Fenk hatten sich in den Beichtstuhl gestopft. Gustav konnte sein Auge kaum vom Fursten reissen, der mit jenem edeln gleichgultigen Gesicht, das Leuten von Ton oder aus grossen Stadten und Leichenbittern selten mangelt, uber den Toten wegstreifte der Furst hatte jenes Herz der Grossen, das ein Petrefakt im guten Sinne und unter ihren festen Teilen der erste ist und das recht schon verrat, dass sie sich an die Unsterblichkeit der Seele halten und dass sie, wenn sie einen von den Ihrigen begraben lassen, nicht zu Hause sind.
Auf einmal legte sich der Doktor auf das Pult des Beichtstuhls nieder und bedeckte das Gesicht; er stand wieder auf und sah mit einem Auge, das er nicht abtrocknen konnte, nach dem aufgedeckten Leichnam hin und suchte vergeblich zu sehen. Gustav schauete auch hin, und die Gestalt war ihm bekannt, aber kein Name, um welchen er vergeblich den sprachlosen Doktor fragte endlich nennte der Leichenredner den Namen. Ich brauch' es nicht erst in Doppelfraktur zu sagen, dass der Tote, auf dem jetzo so viele harte Augen und ein Paar trostlose ruhten, so aussah wie der Schauspieler Reinecke, dessen edle Bildung nun auch der schwere Grabstein auseinanderdruckt ich hab' es nicht notig, dem Pastor den Namen Ottomar nachzusprechen. Der arme Doktor schien seit einiger Zeit bestimmt zu sein, dass der Schmerz seine Nerven zu einem Nerven-Praparat herauslosete und sich daran ubte. Sonderbar wars, dass Gustav nicht am gestorbenen, sondern bloss am traurenden Freunde Anteil nahm.
Der gute Medizinalrat knullte das Gesangbuch, das unter seiner Hand lag, gewaltsam zusammen; er horte nicht das Abreiten des Fursten, der nur drei Minuten dagewesen, um sich den Totenschein zu holen, aber jedes Wort des Pastors vernahm er, um von der neuesten Krankheitgeschichte seines Freundes etwas zu erfahren; allein er erfuhr nichts als seine Todesart (hitziges Fieber). Endlich war alles vorbei, und er ging stumm und zwischen die Trauerkerzen hineinstarrend auf die Bahre zu, schob, ohne Blick und Laut, was ihn hindern konnte, weg mit der linken Hand und zuckte hin nach des Schlafers seiner mit der rechten. Als er endlich die Hand, welche Alpen und Jahre von seiner abgerissen hatten, wieder damit umschlossen hielt, ohne doch dem naher zu sein, nach dem er sich so lange gesehnet, und ohne die Freude des Wiederfindens: so war sein Schmerz noch dicht, dunkel und warf sich schwer uber seine ganze Seele her, ohne eine Gestalt zu haben. Aber als er in jener Hand zwei Warzen wiederfand, die er sonst bei ihrem Druck so oft gefuhlet hatte: so nahm der Schmerz die Schleiergestalt der Vergangenheit an; Mailand ging mit den Bluten seiner Weinberge und mit den Gipfeln seiner Kastanien und mit den schonen Tagen unter beiden voruber und sah traurig die zwei Menschen an, die nichts mehr hatten Hier war' er mit den zwei giessenden Augen auf die zwei ewig trocknen gefallen, wenn nicht der Leichenmarschall gesagt hatte: "Das tut man nicht gern, es ist nicht gut." Bloss eine Locke gab ihm das Grab vom ganzen geraubten Freunde zuruck, eine Locke, die fur das Auge so wenig und fur den fuhlenden Finger so viel ist. Er schlichtete die Hand, die den letzten Brief so traurig geschlossen, sanft wieder uber die unberuhrte und verliess seinen Ottomar auf lange.
Er hatte nicht bemerkt, dass des Verstorbnen Spitzhund und zwei tonsurierte fremde Menschen da waren, wovon der eine sechs Finger hatte. Ausser der Kirche auf dem Wege, dessen eine Richtung nach dem Ottomarschen Schloss und dessen andre um den Eremitenberg lief, sahen Gustav und Fenk einander mit einer stummen trostlosen Frage an sie antworteten einander durch den Abschied. Der Doktor kehrte um und setzte seine Reise fort Gustav ging in den Park und dachte unten am Fusse des Eremitenberges dem Schicksale nicht seines Freundes noch seinem eignen, sondern dem aller Menschen nach ....
Und wann schreib' ich dies? Heute, am 16. November, wo der Namentag des eingesargten Ottomars ist.
Fussnoten
1 Die drei Kuren, die ich oben im Texte gegen meine Lungensucht gebrauche, hab' ich von drei Volkern: das Nachspazieren in frisch gepflugten Furchen raten die Englander das Starken durch eine Hunde-Schlafgenossenschaft rat ein Franzos (de la Richebaudiere) das Atmen der Luft in Vieh-Stallen wird schwedischen Hektikern vorgeschrieben.
Dreiunddreissigster oder XXV. Trinitatis-Sektor
Grosse Aloe-Bluten der Liebe: oder das Grab der
Traum die Orgel nebst meinem Schlagfluss,
Pelzstiefel und Eis-Liripipium
In Gustav ruckten die hochsten Lichter aus des Freundes Bild langsam in das der Geliebten uber. Jetzt trat erst ihr Gesicht, das am Totenbette ewige Strahlen in ihn geworfen hatte, aus dem Zypressen-Schatten vor. Die einsame Pyramide stand erhaben als Wach-Engel neben dem Begrabnen. Er trug sich hinauf, mit Schmerzen, aber mit sanftern; er hatte nun doch den unbeschreiblich sussen Trost, den Menschen in der Erde nie gekrankt, und ihm oft verziehen zu haben; er wunschte, Amandus hatte seine Verzeihung noch ofter veranlasset; sogar dies deckte seinen wunden Busen mit warmem Troste zu, dass er jetzt ihn so liebe, so betrauere, ungesehen, unbelohnet.
Oben trat er noch in einige Leidens-Dornen, woruber man laut aufschreiet; aber bald flogen seine Augen sehnend auf der Licht-Brucke, die von einer Lampe aus Beatens Zimmer uber den Garten zum Berg hinuberlief, gleich andern Phalanen ihren hellen Fenstern nach. Er sah nichts als bald das Licht, bald einen Kopf, der es verbauete; aber diesen Kopf Frau den ihrigen. Er legte und lehnte sich, halb kniend und halb stehend, mit dem Blick gegen den langen Lichtstrom zugewandt, an das Postement der Pyramide an. Mudigkeit und schlaflose Nachte hatten seine Tranen-Drusen mit jenen druckenden und doch reizenden Tranen gefullet, die oft ohne Anlass und so bitter und so suss kurz vor Krankheiten oder nach Ermattungen ausstromen. Dieselben Ursachen breiteten zwischen ihn und die aussere Welt gleichsam einen dunkeln Nebeltag oder Heerrauch; seine innere Welt hingegen wurde aus einer Federzeichnung ohne seine Anstrengung ein gleissendes Olgemalde, dann ein musivisches, endlich eines in erhobner Arbeit Welten und Szenen bewegten sich vor ihm auf und ab endlich schloss der Traum die ganze nachtliche Aussenwelt mit seinen Augenlidern zu und machte hinter ihnen eine neu geschaffne paradiesische auf; gleich einem Toten lag sein schlummernder Korper neben einem Grabmal und sein Geist in einer uber den ganzen Abgrund hinuberreichenden Himmel-Au. Ich werde den Traum und sein Ende sogleich erzahlen, wenn ich dem Leser die Person gezeigt habe, die den Traum zugleich verlangerte und endigte.
Namlich Beata kam. Sie konnte weder seine Wiederkunft noch seine letzte Station wissen. Die Nahe des Ottomarschen Leichenbegangnisses, die Entfernung Gustavs, dessen Bild seit dem letzten Auftritt tief in und gleichsam durch ihr Herz gepresset war, und die Entfernung des Sommers, der sein buntes bluhendes Gemalde taglich um einige Zoll wieder zusammenrollte, alles das hatte sich in Beatens Brust zu einem druckenden Seufzer gesammelt, den das laute Jagdschloss mit seinen Dunstkreisen einklemmte und mit dem sie reinere Atherkreise suchte, um ihn an einem Grabe auszuhauchen und aus ihm den Stoff zu neuen einzuatmen. Schwarmerisches Herz! du treibest mit deinen fieberhaften Schlagen freilich dein Blut zu reissend um und spulest mit deinen Gussen Ufer, Blumen und Leben fort; aber dein Fehler ist doch schoner, als wenn du mit phlegmatischem Getriebe aus dem stehenden Wasser des Blutes blossen Fett-Schlamm anlegtest!
Die Nachtwandlerin fuhr zusammen, da sie den schonen Schlafer sah; sie hatte im ganzen Garten, den sie in diesen stillen Minuten durchstrichen hatte, niemand vermutet und gefunden. Er lag auf einem Knie sanft zusammengesunken; sein blasses Gesicht wurde von einem schonen Traum, vom aufgehenden Monde und von Beatens Auge angestrahlt. Ihr fiel nicht ein, dass er sich vielleicht nur schlafend stelle; sie zitterte also um einen halben Schritt naher, um erstlich gewiss zu sein, wers ware, und um zweitens mit vollem Auge auf der Gestalt zu ruhen, vor der sie bisher nur voruberstreichen durfte. Unter dem Anschauen wusste sie nicht recht, wann sie es eigentlich endigen sollte. Endlich wandte sie ihrem Paradiese den Rucken, nachdem sie noch einmal ganz an ihn getreten war; aber unter dem tragen Ruckwartsgehen fiel ihr (ohne Schrecken) ein: "Er wird doch nicht gar tot sein?" Sie kehrte also wieder um und behorchte seine wachsenden Atemzuge. Neben ihm lagen zwei spitze Steinchen, so gross wie mein Dintenfass; sie buckte sich zweimal neben ihm nieder (sie wollt' es nicht auf einmal oder auch mit dem Fusse tun), um sie wegzunehmen, damit er nicht in ihre Spitzen hineinfiele ....
Wahrhaftig ein Alphabet oder 23 Bogen sollt' ich mit diesem Auftritt vollzumachen haben; zum Gluck geht er erst recht an, wenn er erwacht, und der Leser ist heute der glucklichste Mann ....
Sie war nun schon wie ein Veteran vertrauter mit der Gefahr und war so gewiss, er wurde nicht erwachen, dass sie aufhorte, es zu befurchten, und beinahe anfing, es zu wunschen. Denn es fiel ihr ein: "die Nachtluft konnt' ihm schadlich sein." Es fiel ihr ferner ein, wie beide Freunde so erhaben nebeneinander ruhten; und ihr blaues Auge befreiete sich von einem Tautropfen, von welchem ich nicht weiss, ging er fur das ausser der Erde pochende oder fur das in ihr stillstehende Herz herab. Endlich machte sie ernsthafte Anstalten abzugehen, um uberhaupt in der Entfernung ihn durch ein Gerausch zu wecken und um ihren Ruhrungen ohne Furcht seines Erwachens nachzuhangen. Sie wollte bloss noch bei ihm vorbeigehen (denn 41/2 Schritte stand sie ab), weil sie auf der andern Seite des Berges hinunter musste (sie hatte denn umkehren wollen). Sein Lacheln verkundigte immer grossere Entzuckungen, und sie war freilich begierig, wie es noch auf seinem Gesichte ablaufen wurde, aber sie musste den lachelnden Traumer verlassen. Da sie also zwei zogernde Schritte sich ihm genahert hatte, um sich mehre von ihm zu entfernen: so fing auf einmal die Orgel der einsamen Kirche von Ruhestatt, wo heute Ottomar begraben worden, mitten in der Nacht so ernst und klagend zu gehen an, als wenn der Tod sie spielte; und Gustavs Angesicht wurde plotzlich vom Widerschein eines innern Elysiums verklart; und er richtete sich mit zugeschlossnen Augen auf, erhaschte schnell die Hand der erstarrenden Beata und sagte schlaftrunken zu ihr: "O nimm mich ganz, gluckliche Seele, nun hab' ich dich, geliebte Beata, auch ich bin tot."
Der Traum, der mit diesen Worten ausging, war der gewesen: Er sank in eine unabsehliche Aue nieder, die uber schone, aneinander gestellte Erden hinuberlief. Ein Regenbogen von Sonnen, die wie zu einer Perlenschnur aneinander gereihet waren, fasste die Erden ein und drehte sich um sie. Der Sonnenkreis sank untergehend dem Horizonte zu und auf dem Rande der grossen runden Flur stand ein Brillanten-Gurtel von tausend roten Sonnen und tierliebende Himmel hatte tausend milde Augen aufgetan. Haine und Alleen von Riesen-Blumen, die so hoch wie Baume waren, durchzogen im durchsichtigen Zickzack die Aue; die hochstammige Rose bewarf diese mit einem goldroten Schatten, die Hyazinthe mit einem blauen, und die zusammenrinnenden Schatten von allen bereiften sie mit Silberfarbe. Ein magischer Abendschimmer wallete wie ein freudiges Erroten zwischen den Schattenufern und durch die Blumenstamme uber die Flur, und Gustav fuhlte, das sei der Abend der Ewigkeit und die Wonne der Ewigkeit. Begluckte Seelen tauchten sich, weit von ihm und naher den weggleitenden Sonnen, in die zusammengehenden Abendstrahlen und ein gedampftes Jauchzen stand verhallend wie eine Abendglocke uber dem himmlischen Arkadien; nur Gustav lag verlassen im Silberschatten der Blumen und sehnte sich unendlich, aber keine jauchzende Seele kam heruber. Endlich dufteten in der Luft zwei Leiber in eine dunne Abendwolke auseinander und das fallende Gewolk entblosste zwei Geister, Beata und Amandus dieser wollte jene in Gustavs Arme fuhren, aber er konnte nicht in den Silberschatten hinein Gustav wollte ihr in die ihrigen entgegenfallen, aber er konnte nicht aus dem Silberschatten hinaus. "Ach, du bist nur noch nicht gestorben," rief Amandus' Seele, "aber wenn die letzte Sonne hinunter ist: so wird dein Silberschatten uber alles fliessen und deine Erde von dir flattern und du wirst an deine Freundin sinken" eine Sonne um die andre zerging Beata breitete ihre Arme hernieder die letzte Sonne versank ein Orgelton, der Welten und ihre Sarge zerzittern konnte, klang wie ein fliegender Himmel heruber und losete durch sein weites Beben die Faser-Hulle von ihm ab und uber den ausgebreiteten Silberschatten wehte ein Entzucken und hob ihn empor und er nahm die wahre Hand von Beata und sagte, indem er wachte und traumte und nicht sah, die Worte zu ihr: "O nimm mich ganz, gluckliche Seele, nun hab' ich dich, geliebte Beata, auch ich bin tot." Ihre Hand hielt er so fest wie der Gute die Tugend. Ihr versuchtes Loswinden zog ihn endlich aus seinem Eden und Traum; seine glucklichen Augen gingen auf und vertauschten die Himmel; vor ihnen stand erhaben der weisse, vom Monde uberschwemmte Grund und die Aue des Parks und die tausend zu Sternen verkleinerten Sonnen und die geliebte Seele, die er vor dem Untergange aller Sonnen nicht erreichen konnte. Gustav musste denken, der Traum sei aus seinem Schlafe ins Leben ubergezogen und er habe nicht geschlafen; sein Geist konnte die grossen steilen Ideen vor ihm nicht bewegen und nicht vereinigen. "In welcher Welt sind wir?" fragte er Beata, aber in einem erhabnen Tone, der beinahe die Frage beantwortete. Seine Hand war mit ihrer ziehenden fest verwachsen. "Sie sind noch im Traume", sagte sie sanft und bebend. Dieses Sie und die Stimme stiess auf einmal seinen Traum in den Hintergrund aus der Gegenwart zuruck; aber der Traum hatte ihm die Gestalt, die an seiner Hand kampfte, lieber und vertrauter gemacht und die getraumte Unterredung wirkte in ihm wie eine wahre und sein Geist war noch eine erhaben-fortbebende Saite, in die ein Engel seine Entzuckung gerissen und da jetzt druben im oden Tempel die Orgel durch neues Ertonen die Szene uber den irdischen Boden erhob, wo beide Seelen noch waren; da Beatens Stellung schwankte, ihre Lippe zitterte, ihr Auge brach: so war ihm wieder, als wurde der Traum wahr, als zogen die grossen Tone ihn und sie aus der Erde weg ins Land der Umarmung hinauf, sein Wesen kam an alle seine Grenzen "Beata", sagt' er zu der schonen, an bekampfenden Empfindungen dahinsterbenden Gestalt, "Beata, wir sterben jetzt und wenn wir tot sind, so sag' ich dir meine Liebe und umarme dich der Tote neben uns ist mir im Traum erschienen und hat mir wieder deine Hand gegeben." ... Sie suchte auf das Grab desselben aufzusinken aber er hielt den fallenden Engel in seinen Armen auf er liess ihr entschlummertes Haupt unter seines fallen und unter ihrem stockenden Herzen gluhten die Schlage des seinigen es war eine erhabne Minute, als er, die Arme um eine schlummernde Seligkeit gelegt, einsam ansah die auf der Erde schlafende Nacht, einsam anhorte die allein redende Orgel, einsam wachte im Kreise des Schlafs ....
Die erhabne Minute verging, die seligste fing an: Beata erhob ihr Haupt und zeigte Gustav und dem Himmel auf dem zuruckgebognen Angesicht das irre uberweinte Auge, die erschopfte Seele, die verklarten Zuge und alles, was die Liebe und die Tugend und die Schonheit in einen Himmel dieser Erde drangen konnen. Da kam der uberirdische durch tausend Himmel auf die Erde fallende Augenblick hier unten an, der Augenblick, wo das menschliche Herz sich zur hochsten Liebe erhebt und fur zwei Seelen und zwei Welten schlagt der Augenblick vereinigte auf ewig die Lippen, auf denen alle Erdenworte erloschen, die Herzen, die mit der schweren Wonne kampften, die verwandten Seelen, die wie zwei hohe Flammen ineinanderschlugen ....
Begehrt kein Landschaftstuck der bluhenden Welten von mir, uber welche sie in jenem Augenblikke hinzogen, den kaum die Empfindung, geschweige die Sprache fasset. Ich konnte ebensogut einen Schattenriss, von der Sonne geben. Nach jenem Augenblicke suchte Beata, deren Korper schon unter einer grossen Trane wie ein Blumchen unter einem Gewittertropfen umsank, sich aufs Grab zu setzen; sie bog ihn sanft mit der einen Hand von sich, indem sie ihm die andre liess. Hier schloss er seine weite Seele auf und sagte ihr alles, seine Geschichte und seinen Traum und seine Kampfe. Nie war ein Mensch aufrichtiger in der Stunde seines Glucks als er; nie war die Liebe bloder nach der Minute der Umarmung als hier. Bei Beaten schwamm, wie allemal, das Freudenol dunn auf dem Tranenwasser; ein vor ihr stehendes Leiden sah sie mit trocknen festen Blicken an, aber kein erinnertes und keine vor ihr stehende Freude. Sie hatte jetzo kaum den Mut zu reden, kaum den Mut, sich zu erinnern, kaum den Mut, entzuckt zu sein. Zu ihm hob sie das scheue Auge nur hinauf, wenn der Mond, der uber eine durchbrochne Treppe von Wolken stieg, hinter einem weissen Wolkchen verschattet stand. Aber als eine dickere Wolke den Mond-Torso begrub: so endigten beide den schonsten Tag ihres Lebens, und unter ihrer Trennung fuhlten sie, dass es fur sie keine andre gebe.
Im einsamen Zimmer konnte Beata nicht denken, nicht empfinden, nicht sich erinnern; sie erfuhr, was Freudentranen sind; sie liess sie stromen, und als sie sie endlich stillen wollte, konnte sie nicht, und als der Schlaf kam, ihre Augen zu verschliessen, lagen sie schon unter himmlischen Tropfen bedeckt.
Ihr unschuldigen Seelen, zu euch kann ich besser wie zu Verstorbnen sagen: schlaft sanft! Gemeiniglich gefallen uns, namlich mir und dem Leser, die Bravour- und Force-Rollen der Romanen-Liebhaber schlecht, weil entweder die eine Person nicht wurdig ist, solche Lichtwolkenbruche der Freude zu geniessen, oder die andere, sie zu veranlassen; hier aber haben wir beide gegen nichts etwas .... Wollte nur der Himmel, ihr Liebenden, euer lahmer Lebensbeschreiber konnte seine Feder zu einem Blanchards-Flugel machen und euch damit aus den Grubenzimmerungen und Grubenwettern des Hofes in irgendeine freie Pappelinsel tragen, sie sei im Sud- oder im Mittelmeer! Da ichs nicht kann, so denk' ich mirs doch; und sooft ich nach Auenthal oder Scheerau gehe, so zeichne ich mir es aus, wie viel ich euch schenkte, wenn ihr in jenem Pappel- und Rosental, das ich in Wasser gefasset hatte, ohne den deutschen Winter, unter ewigen Bluten, ohne die Schneide-Gesichter der moralischen Febrikanten, ohne ein gefahrlicheres Murmeln als das der Bache, ohne festere Verstrickungen als die in verwachsenen Blumen und ohne den Einfluss harterer Sterne als der friedlichen am Himmel, in schuldloser Wonne und Ruhe Atem holen durftet nicht zwar immerfort, aber doch die paar Blumenmonate eurer ersten Liebe hindurch.
Das ist aber unmenschlich schwer, und ich bin am wenigsten der Mann dazu. Ein solches Gluck ist schwer zu steigern und eben darum schwer zu halten. Werde lieber hier ein Wort vom Glucke eines schreibseligen Kranklings vorzubringen erlaubt, der doch auch eines haben will und der eben der Beschreiber der vorigen Seligkeit selber ist, ich meine namlich ein Wort von meiner kranken Personlichkeit. Vom Kuhstall bin ich wieder herauf und von der Lungensucht glucklich genesen; nur der Schlagfluss setzet mir seitdem mit Symptomen zu und will mich erschlagen wie einen Maulwurf, gerade indem ich, wie letzter seinen Hugel, so den babylonischen Turm meines gelehrten Ruhms aufwerfe. Zum Gluck geb' ich mich gerade mit Hallers grosser und kleiner Physiologie ab und mit Nikolais materia medica und mit allem Medizinischen, was ich geborgt bekomme, und kann also mit meinen medizinischen Kenntnissen auf den Schlagfluss ein tuchtiges Kartatschenfeuer geben. Das Feuer mach' ich an meinen Fussen, indem ich das lange Bein in einen grossen Pelzstiefel wie eine Vorholle setze, und das zusammengegangne in ein Pelz-Schnurstiefelchen: ich habe die altesten Mond-Doktores und Pestilenziarien auf meiner Seite, wenn ich mir einbilde, dass ich gleich einem Demokraten durch diese Stiefel und ein breites Senfpflaster, womit ich wie mehre Gelehrte meine Fusse besohle die materia peccans aus den obern Teilen in die niedern heruntertreiben konne. Gleichwohl geh' ich weiter, wenns gefriert. Ich schabe und kerbe mir namlich eine hohe Eismutze1 aus und denke unter der gefrornen Schlafmutze: alsdann wirds kein Wunder sein, wenn die Apoplexie und ihre Halbschwester, die Hemiplexie durch mich angefallen von oben und unten, am einen Pol durch den heissen Fuss-Sokkus, am andern durch den Eis-Knauf oder die gefrorne Marterer-Krone hingeht, wo sie herkam, und mich der Erde schenkt, deren einer Pol gleichfalls unten Sommer hat, wenn der andre oben Winter ..... Der Leser werfe aber einmal von guten Buchern ein philanthropinisches Auge auf uns, deren Verfasser: wir Verfasser strengen uns an und verfertigen Fibeln, Mordpredigten, periodische Blatter oder Reinigungen, Ausschnitte und andern aufklarenden Henker; aber unsern Madensack zerzausen und schaben wir ja daruber entsetzlich ab und doch meints kein Teufel ehrlich mit uns. So steh' ich und die ganze schreibende Innung aufrecht da und verschiessen gern lange Strahlen uber die ganze Halbkugel (denn mehr ist auf einmal von Welt- und andern Kugeln nicht zu beleuchten, und dem ganzen Amerika fehlen unsre Kiele), indes wir doch den ersten Christen gleichen, die das Licht, womit sie, in Pech und Leinwand eingeklemmt, als lebendige Pechfackeln uber Neros Garten schienen, zugleich mit ihrem Fett und Leben von sich gaben ....
"Und hier" sagen Romanen-Manufakturisten "erfolgte ein Auftritt, den der Leser sich denken, ich aber nicht beschreiben kann." Das kommt mir viel zu dumm vor. Ich kann es auch nicht beschreiben, beschreib' es aber doch. Haben denn solche Autoren so wenig Rechtschaffenheit, dass sie bei einer Szene, nach der die Leser schon im voraus geblattert haben, z.B. bei einem Todesfall, auf den alle, Eltern und Kinder, lauern wie auf einen Lehnfall oder Hangtag, vom Sessel aufspringen und sagen: das macht selber? Es ist so, als wenn die Schikanedrische Truppe vor den verzerrendsten Auftritten des Lears an die Theater-Kuste ginge und das Publikum ersuchte, es mochte sich Lears Gesicht nur denken, sie ihres Orts konnte es unmoglich nachmachen. Wahrhaftig was der Leser denken kann, das kann ja der Autor beim vollen Puls aller seiner Krafte sich noch leichter denken und es mithin schildern; auch wird des Lesers Phantasie, in deren Speichen einmal die vorhergehenden Auftritte eingegriffen und die sie in Bewegung gesetzt, leicht in die starkste durch jede Beschreibung des letzten Auftritts hineinzureissen sein ausser durch die jammerliche nicht, dass er nicht zu beschreiben sei.
Von mir hingegen sei man versichert, ich mache mich an alles. Ich redete es daher schon auf der Ostermesse mit meinem Verleger ab, er sollte sich um einige Pfund Gedankenstriche, um ein Pfund Frage- und Ausrufungszeichen mehr umtun, damit die heftigsten Szenen zu setzen waren, weil ich dabei um meinen apoplektischen Kopf mich so viel wie nichts bekummern wurde.
Fussnoten
1 Ausgehohltes Eis wird bekanntlich auf den Kopf gelegt, wenn Kopfschmerzen, Schwindel, Tollheit darin sind.
Vierunddreissigster oder I. Advent-Sektor
Ottomar Kirche Orgel
Am andern Morgen war ein Larm im Schlosse uber eine Sache, die der Doktor Fenk um eine Woche spater durch einen Brief von Ottomar erfuhr.
Nie hab' ich einen Sektor oder Sonntag so traurig angefangen als heute; mein vergehender Korper und der folgende Brief an Fenk hangen wie ein Hutflor an mir. Ich wollt', ich verstande den Brief nicht ach es ware dann eine unvergessliche Novemberstunde nie in mein Leben getreten, die, nachdem so viele andre Stunden bei mir vorubergegangen, bei mir stehen bleibt und mich immerfort ansieht. Dunkle Stunde! du streckest deinen Schatten uber ganze Jahre aus, du stellest dich so vor mich, dass ich den phosphoreszierenden Nimbus der Erde hinter dir nicht flimmern und rauchen sehen kann, die 80 menschlichen Jahre sehen in deinem Schatten wie der Ruck des Sekundenweisers aus ach nimm mir nicht so viel! ... Ottomar hatte dieselbe Stunde nach seinem Begrabnis und beschreibt sie dem Doktor so:
*
"Ich bin seitdem lebendig begraben worden. Ich habe mit dem Tode geredet, und er hat mich versichert, es gebe weiter nichts als ihn. Als ich aus meinem Sarg heraus war, so hat er die ganze Erde dafur hineingelegt und mein bisschen Freude oben darauf .... Ach guter Fenk! wie bin ich verandert! Komm nur bald zuruck! Seitdem stehen vor mir alle Stunden wie leere Graber hin, die mich oder meine Freunde auffangen! Ich hab' es wohl gehort, wer meine Hand noch einmal am Sarge gedruckt .... komm recht bald, Teurer!
Weisst du nicht mehr, wie ich mich von jeher vor dem lebendigen Begrabnis gefurchtet? Mitten im Einschlafen fuhr ich oft auf, weil mir einfiel, ich konnte ohnmachtig und so beerdigt werden und meine aufwollenden Arme triebe dann der Sargdeckel nieder. Auf Reisen drohte ich uberall, wo ich kranklich wurde, ich wollte ihnen, wenn sie mich innerhalb acht Tagen beisetzten, als Gespenst erscheinen und auflasten. Diese Furcht war mein Gluck: sonst hatte mich mein Sarg getotet.
Vor Wochen kam meine alte Krankheit wieder zu mir, das hitzige Fieber. Ich eilte mit ihr nach meinem Ruhestatt, und mein erstes Wort zu meinem Hausverwalter da ich dich nicht haben konnte war, mich sogleich, als ich ohne Leben ware, zu beerdigen, weil die Gewolbluft leichter erweckt, aber nichts zuzusperren, weder Sarg noch Erbgruft die einsame Kirche am Park steht ohnehin offen. Auch sagt' ich ihm, meinen Spitzhund, der nicht von mir bleibt, uberall mitzulassen. Noch in der Nacht nahm das Fieber zu; aber beim Blutlassen bricht meine Zuruckerinnerung ab. Ich weiss bloss noch, dass ich das Blut mit einigem Schauder um meinen Arm sich krummen sah; und dass ich dachte: 'Das ist das Menschenblut, das uns heilig ist, welches das Kartenhaus und das Sparrwerk unsers Ichs auskuttet und in welchem die unsichtbaren Rader unsers Lebens und unserer Triebe gehen.' Dieses Blut sprutzte nachher an alle Phantasien meiner Fiebernachte; das eingetauchte All stieg blutrot daraus herauf, und alle Menschen schienen mir an einem langen Ufer einen Strom zusammenzubluten, der uber die Erde hinaus in eine saufende Tiefe hinabsprang Gedanken, hassliche Gedanken ruckten vor mir grinsend voruber, die kein Gesunder kennt, keiner nachschafft, keiner ertragt, und die bloss liegende Krankenseelen anbellen. Ware kein Schopfer: so musst' ich vor den verborgnen Angst-Saiten erzittern, die im Menschen aufgezogen sind und an denen ein feindseliges Wesen reissen konnte. Aber nein! du allgutiges Wesen! du haltst deine Hand uber unsre Anlage zur Qual und legest das Erden-Herz, woruber diese Saiten aufgewunden sind, auseinander, wenn sie zu heftig beben! ...
Der Kampf meiner Natur wurde endlich zu einem ohnmachtigen Schlummer, aus dem so viele bloss erwachen, um unter der Erde zu sterben. Darin trug man mich in die einsam stehende Kirche. Der Furst und mein Spitz waren mit dabei; aber bloss der erste ging wieder fort. Ich lag vielleicht die halbe Nacht, bis das Leben durch mich zuckte. Mein erster Gedanke riss die Seele immer auseinander. Von ungefahr trat der Hund auf mein Gesicht; plotzlich senkte sich eine Beklemmung, wie wenn eine Riesenhand meine Brust boge, tief auf mich herein, und ein Sargdeckel schien mir wie ein aufgehobnes Rad uber mir zu stehen .... Schon die Beschreibung schmerzt mich, weil die Moglichkeit der Wiederholung mich angstigt .... Ich stieg aus der sechseckigen Brutzelle des zweiten Lebens, der Tod streckte sich vor mir weit hin mit seinen tausend Gliedern, den Kopfen und Knochen. Ich schien mir unten im chaotischen Abgrund zu stehen, und oben weit uber mir zog die Erde mit ihren Lebendigen. Mich ekelte Leben und Tod. Auf das, was neben mir lag, sogar auf meine Mutter sah ich starr und kalt wie das Auge des Todes, wenn er ein Leben zerblickt. Ein rundes Eisengitter in der Kirchenmauer schnitt aus dem ganzen Himmel nichts heraus als die schimmernde zerbrochne Scheibe des Mondes, der als ein himmlisches Sarglicht auf den Sarg, der die Erde heisset, herunterhing. Die ode Kirche, dieser vorige Markt des redenden Gewimmels, stand ausgestorben und untergraben von Toten da die langen Kirchenfenster legten sich, vom Mond abgeschattet, uber die Gitterstuhle hinuber an der Sakristei richtete sich das schwarze Toten-Kreuz auf, das Ordenkreuz des Todes die Degen und Sporen der Ritter erinnerten an die zerbrockelten Glieder, die sie und sich nicht mehr bewegten, und der Totenkranz des Sauglings mit falschen Blumen hatte den armen Saugling hieher begleitet, dem der Tod die Hand abgebrochen, eh' sie wahre pflucken konnte steinerne Monche und Ritter machten das langst verstummte Gebet an der Mauer mit verwitternden Handen nach nichts Lebendiges sprach in der Kirche als der eiserne Gang des Perpendikels der Turmuhr, und mir war, als hort' ich, wie die Zeit mit schweren Fussen uber die Welt schritt und Graber austrat als Fussstapfen ...
Ich setzte mich auf eine Altarstufe, um mich lag das Mondlicht mit trubenden eilenden Wolkenschatten; mein Geist stand hoch: ich redete das Ich an, das ich noch war: 'Was bist du? was sitzt hier und erinnert sich und hat Qual? Du, ich, etwas wo ist denn das hin, das gefarbte Gewolk, das seit dreissig Jahren an diesem Ich voruberzog und das ich Kindheit, Jugend, Leben hiess? Mein Ich zog durch diesen bemalten Nebel hindurch ich konnt' ihn aber nicht erfassen weit von mir schien er etwas Festes, an mir versickernde Dufttropfen oder sogenannte Augenblikke Leben heisset also von einem Augenblick (diesem Dunstkugelchen der Zeit) in den andern tropfen .... Wenn ich nun ware tot geblieben: so war' also das, was ich jetzo bin, der Zweck gewesen, weswegen ich fur diese lichtervolle Erde und sie fur mich gebauet war? Das ware das Ende der Szenen? und uber dem Ende hinaus? Freude ist vielleicht dort hier ist keine, weil eine vergangne keine ist, und unsre Augenblicke verdunnen jede gegenwartige in tausend vergangne Tugend ist eher hier; sie ist uber die Zeit Unter mir schlaft alles; aber ich werd' es auch tun, und wenn ich mir noch dreissig Jahre weismache, dass ich lebe, dann legen sie mich doch wieder hieher die heutige Nacht kommt wieder ich bleibe aber in meinem Sarg: und dann? ... Wenn ich nun drei Augenblicke hatte, einen zur Geburt, einen zum Leben, einen zum Sterben: zu was hatt' ich sie denn? wurd' ich sagen Alles aber, was zwischen der Zukunft und Vergangenheit steht, ist ein Augenblick wir haben alle nur drei.' ... Grosses Urwesen fing ich an und wollte beten du hast die Ewigkeit, ... aber unter dem Gedanken an den, der nichts als Gegenwart ist, erhalt sich kein menschlicher Geist aufrecht, sondern beugt sich an seine Erde wieder, 'O ihr abgeschiedenen Lieben,' dacht' ich, 'ihr waret mir nicht zu gross, erscheinet mir, hebt das Gefuhl der Nichtigkeit von meinem Herzen ab und zeigt mir die ewige Brust, die ich lieben, die mich warmen kann.' Von ungefahr sah ich meinen armen Hund, der mich anschauete; und dieser ruhrte mich mit seinem noch kurzern, noch dumpfern Leben so, dass ich bis zu Tranen weich wurde und mich nach etwas sehnte, womit ich sie vermehrte und stillte.
Das war die Orgel uber mir. Ich ging zu ihr wie zu einer loschenden Quelle hinauf. Und als ich mit ihren grossen Tonen die nachtliche Kirche und die tauben Toten erschutterte und als der alte Staub um mich flog, der auf ihren stummen Lippen bisher gelegen war: so zogen alle vergangliche Menschen, die ich geliebt hatte, nebst ihren verganglichen Szenen voruber, du kamest und Mailand und das stille Land; ich erzahlte ihnen mit Orgeltonen, was zu einer blossen Erzahlung geworden war, ich liebte sie alle im Fluge des Lebens noch einmal und wollte vor Liebe an ihnen sterben und in ihre Hand meine Seele drucken aber nur Holztasten waren unter meiner druckenden Hand. Ich schlug immer wenigere Tone an, die um mich wie ein ziehender Strudel gingen endlich legt' ich das Choralbuch auf einen tiefen Ton und zog die Balge in einem fort, um nicht den stummen Zwischenraum zwischen den Tonen auszustehen ein summender Ton stromte fort, wie wenn er hinter den Flugeln der Zeit nachginge, er trug alle meine Erinnerungen und Hoffnungen und in seinen Wellen schwamm mein schlagendes Herz .... Von jeher machte ein fortbebender Ton mich traurig.
Ich verliess meine Auferstehungstatte und sah nach der weissen Pyramide des Eremitenberges, wo nichts auferstand und wo das Leben fester schlief; die Pyramide stand in Mondschimmer getaucht, und mit mir wandelte ein langer Wolkenschatten. Blatter und Baume krummte der Herbst; uber die stachlichten Wiesenstoppeln wiegte sich die Blume nicht mehr, die im Maule des Viehs verging; die Schnecke sargte sich in ihr Haus und Bett mit Geifer ein; und als am Morgen sich die Erde mit vollgebluteten fleckigen Wolken gegen die matte Sonne drehte: so fuhlt' ich, dass ich meine vorige frohe Erde nicht mehr hatte, sondern dass ich sie auf immer in der Gruft gelassen, und die Menschen, die ich wiederfand, schienen mir Leichname, die der Tod hergeliehen und die das Leben aufrichtet und schiebt, um mit diesen Figuren zu agieren in Europa, Asia, Afrika und Amerika ....
So denk' ich noch. Ich werde auch zeitlebens den Trauer-Eindruck von dieser Gewissheit herumtragen, dass ich sterben muss. Denn das weiss ich erst seit acht Tagen; ob ich mir gleich vorher recht viel auf meine Empfindsamkeit an Sterbebetten, an Theatern und Leichenkanzeln einbildete. Das Kind begreift keinen Tod, jede Minute seines spielenden Daseins stellet sich mit ihrem Flimmern vor sein kleines Grab. Geschaft- und Freuden-Menschen begreifen ihn ebensowenig, und es ist unbegreiflich, mit welcher Kalte tausend Menschen sagen konnen: das Leben ist kurz. Es ist unbegreiflich, dass man dem betaubten Haufen, dessen Reden artikuliertes Schnarchen ist, das dicke Augenlid nicht aufziehen kann, wenn man von ihm verlangt: sieh doch durch deine paar Lebenjahre hindurch bis ans Bett, worin du erliegst sieh dich mit der hangenden plumpen Toten-Hand, mit dem bergigen Kranken-Gesicht, mit dem weissen Marmor-Auge, hore in deine jetzige Stunde die zankenden Phantasien der letzten Nacht heruber diese grosse Nacht, die immer auf dich zuschreitet und die in jeder Stunde eine Stunde zurucklegt und dich Ephemere, du magst dich nun im Strahl der Abendsonne oder in dem der Abend-Dammerung herumschwingen, gewiss niederschlagt. Aber die beiden Ewigkeiten turmen sich auf beiden Seiten unsrer Erde in die Hohe, und wir kriechen und graben in unserem tiefen Hohlweg fort, dumm, blind, taub, kauend, zappelnd, ohne einen grossern Gang zu sehen, als den wir mit Kaferkopfen in unsern Kot ackern.
Aber seitdem ists auch mit meinen Planen ein Ende: man kann hienieden nichts vollenden. Das Leben ist mir so wenig, dass es fast das Kleinste ist, was ich fur ein Vaterland hingeben kann; ich treffe und steige bloss mit einem grossern oder kleinern Gefolge von Jahren in den Gottesacker ein. Mit der Freude ists aber auch vorbei; meine starre Hand, die einmal den Tod wie einen Zitteraal beruhrt hat, reibet den bunten Schmetterlingstaub zu leicht von ihren vier Flugeln, und ich lasse sie bloss um mich flattern, ohne sie zu greifen. Bloss Ungluck und Arbeit sind undurchsichtig genug, dass sie die Zukunft verbauen; und ihr sollt mir willkommen in meinem Hause sein, zumal wenn ihr aus einem andern ausziehet, wo der Mietherr die Freude lieber hineinhat. O euch, ihr armen bleichen, aus Erdfarben gemachten Bilder, ihr Menschen, lieb' und duld' ich nun doppelt; denn wer anders als die Liebe zieht uns durch das Gefuhl der Unverganglichkeit wieder aus der Todesasche heraus? Wer sollt' euch euere zwei Dezembertage, die ihr 80 Jahre nennt, noch kalter und kurzer machen? Ach wir sind nur zitternde Schatten! Und doch will ein Schatten den andern zerreissen?
Jetzo begreif' ich, warum ein Mensch, ein Konig in seinen alten Tagen ins Kloster geht: was will er an einem Hofe oder auf einer Borse machen, wenn die Sinnenwelt vor ihm zuruckweicht und alles aussieht wie ein ausgespannter grosser Flor, indes bloss die hohere zweite Welt mit ihren Strahlen in dieses Schwarz hereinhangt? So leget der Himmel, wenn man ihn auf hohen Bergen besieht, sein Blau ab und wird schwarz, weil jenes nicht seine, sondern unsrer Atmosphare Farbe ist; aber die Sonne ist dann wie ein brennendes Siegel des Lebens in diese Nacht gedruckt und flammt fort ....
Ich schauete gerade zum Sternenhimmel auf; aber er erhellet meine Seele nicht mehr wie sonst: seine Sonnen und Erden verwittern ja ebenso wie die, worein ich zerfalle. Ob eine Minute den Maden-Zahn, oder ein Jahrtausend den Haifisch-Zahn an eine Welt setze: das ist einerlei, zermalmt wird sie doch. Nicht bloss diese Erde ist eitel, sondern alles, das neben ihr durch den Himmel flieht und das sich nur in der Grosse von ihr trennt. Und du holde Sonne selber, die du wie eine Mutter, wenn das Kind gute Nacht nimmt, uns so zartlich ansiehest, wenn uns die Erde wegtragt und den Vorhang der Nacht um unsre Betten zieht, auch du fallest einmal in deine Nacht und in dein Bette und brauchst eine Sonne, um Strahlen zu haben!
Es ist also sonderbar, dass man hohere Sterne oder gar die Planeten und ihre Tochterlander zu Blumenkubeln macht, in die uns der Tod steckt, wie etwa der Amerikaner nach dem Tode nach Europa zu fahren hofft. Die Europaer wurden seinen Wahn erwidern und Amerika fur die Walhalla der Abgeschiednen halten, wenn nur unsre zweite Halbkugel statt 1000 Meilen etwa 60000, wie die bekannte des Mondes, entfernt von uns hinge. O mein Geist begehrt etwas anders als eine aufgewarmte, neu aufgelegte Erde, eine andre Sattigung, als auf irgendeinem Kot- oder FeuerKlumpen des Himmels wachset, ein langeres Leben, als ein zerbrockelnder Wandelstern tragt; aber ich begreife nichts davon ....
Komm nur recht bald zu meinem Kopfe, dem du die eine Locke genommen: solange ich lebe, soll die Seite, an der du den Lockenraub begangen, zum Andenken, was ich war und werde, ohne Zierde bleiben. etc.
Ottomar."
*
Dichtende Genies sind in der Jugend die Renegaten und Verfolger des Geschmacks, spater aber Proselyten und Apostel desselben, und den verzerrenden, mikroskopischen und makroskopischen Hohlspiegel schleift das Alter zu einem ebnen ab, der die Natur bloss verdoppelt, indem er sie malt. So werden die handelnden und empfindenden Genies aus Feinden der Grundsatze und aus Sturmern der Tugend grossere Freunde von beiden, als fehlerlosere Menschen niemals werden. Ottomar wird einmal die ubertreffen, die ihn jetzo tadeln konnen. Ubrigens werd' ich ihn im Verfolge dieser Viel-Lebensbeschreibung nicht schelmisch behandeln, sondern ehrlich, ob ers gleich nicht heissen Brennpunkt seiner Fehler geriet, zerfielen wir ein wenig miteinander: seitdem glaubt er, ich hass' ihn von Herzen; allein ich glaube, ich lieb' ihn von Herzen, hab' aber, wie hundert andre, eine besondre Freude an meiner verheimlichten leidenden Liebe.
Funfunddreissigster oder Andreas-Sektor
Tage der Liebe Oefels Liebe Ottomars Schloss
und die Wachsfiguren
Ich tunke heute schon wieder in mein biographisches Dintenfass, weil ich nunmehr mit meinem Gebaude bald an die Gegenwart stosse am heiligen Weihnachtfeste hoff' ich nach zu sein ; ferner weil heute Andreastag ist und weil mein Hausherr unter dem Geschrei seiner Kinder einen Birkenbaum in die Stube und in einen alten Topf eingestellt hat, damit er zu Weihnachten die silbernen Fruchte trage, die man ihm anbindet. Uber so etwas vergess' ich Gerichttage und Termine.
Gustav wachte am Morgen nach der Liebeerklarung, nicht aus seinem Schlafe denn darein konnte nach diesem Konigschuss im Menschenleben nur ein menschlicher Dachs oder eine Dachsin fallen , sondern aus seinem brausenden Freuden-Ohrenklingen auf. Entzuckungen zogen im Ringeltanz um sein inneres Auge, und sein Bewusstsein langte kaum zu seinem Geniessen zu; welcher Morgen! In einem solchen Brautschmuck trat die Erde nie vor ihn. Es gefiel ihm alles, sogar Oefel, sogar das Oefelsche Prahlen mit Beatens Liebe. Das Schicksal hatte heute den Verkeinen eiternden Splitter, den er nicht gleichgultig in seine von der ganzen Seligkeit bewohnte und gespannte Brust eingelassen hatte. So ersetzt oft die hochste Warme die hochste Kalte oder Apathie; und unter der Taucherglocke einer heftigen Idee sei es eine fixe oder eine leidenschaftliche oder eine wissenschaftliche stecken wir beschirmt vor dem ganzen aussern Ozean.
Beaten gings ebenso. Diese sanfte fortvibrierende Freude war ein zweites Herz, das ihre Adern fullte, ihre Nerven beseelte und ihre Wangen ubermalte. Denn die Liebe steht indes andre Leidenschaften nur wie Erdstosse, wie Blitze an uns fahren wie ein stiller durchsichtiger Nachsommertag mit ihrem ganzen Himmel in der Seele unverruckt. Sie gibt uns einen Vorschmack von der Seligkeit des Dichters, dessen Brust ein fortbluhendes, tonendes, schimmerndes Paradies umfangt und der hineinsteigen kann, indes sein ausserer Korper das Eden und sich uber polnischen Kot, hollandischen Sumpf und siberische Steppen tragt.
O ihr Wollustlinge in Residenzstadten! wo reicht euch die Gegenwart nur eine solche Minute, als hier die Vergangenheit meinem Paare ganze Tage vorsetzt; euch, deren harte Herzen vom hochsten Feuer der Liebe, wie der Demant vom Brennspiegel, nur verfluchtigt, aber nicht geschmolzen werden?
Aber wie Abendrot am Himmel so umherfliesset, dass es die Wolken des Morgenrots besaumt: so war auf Beatens Wangen neben dem Rot der Freude auch das der Schamhaftigkeit wiewohl nicht langer, als bis des Geliebten Gestalt, wie ein Engel, durch ihren Himmel flog. Beide sehnten sich, einander zu sehen; beide furchteten sich, von der Residentin gesehen zu werden; die Entdeckung und noch mehr die Beurteilung ihrer Empfindungen hatten sie gern gemieden. Es gibt einen gewissen stechenden Blick, der weiche Empfindungen (wie der Sonnenblick das Alpen-Tierchen Sure) zersetzt und umbringt; die schonste Liebe schlagt ihre Blumenblatter zusammen vor dem Gegenstande selber; wie sollte sie den sengenden Hofblick ausdauern?
Mit Einsicht ergreift hier der Lebensbeschreiber diese Gelegenheit, die Ehen der Grossen mit zwei Worten zu loben; denn er kann sie mit den unschuldigen Blumen vergleichen. Wie Florens bunte Kinder bedecken Grosse ihre Liebe mit nichts wie sie gatten sie sich, ohne sich zu kennen oder zu lieben wie Blumen sorgen sie fur ihre Kinder nicht sondern bruten ihre Nachkommen mit der Teilnahme aus, womit es ein Brutofen in Agypten tut. Ihre Liebe ist sogar eine dem Fenster angefrorne Blume, die in der Warme zerrinnt. Unter allen chymischen und physiologischen Vereinigungen hat also bloss eine unter Grossen das Gute, dass die Personen, die miteinander aufbrausen und Ringe wechseln, eine entsetzliche Kalte verbreiten: so findet man die namliche Merkwurdigkeit und Kalte bloss bei der Vereinigung des mineralischen Laugensalzes und der Salpetersaure, und Herr de Morveau sagt aus Einfalt, es fall' auf.
Da Beata sich so sehr sehnte, ihren und meinen Helden zu sehen: so ging sie, um ihren Wunsch zu verfehlen, einige Tage nach Maussenbach zu ihrer Mutter. Ich will ihr Schirmvogt sein und fur sie reden. Sie tat es, weil sie ihm niemals anders aufstossen wollte als von ungefahr; bei der Residentin aber wars' allemal mit Absicht gewesen. Sie tat es, weil sie sich gern selber krankte und wie Sokrates den Becher der Freude erst weggoss, eh' sie ihn ansetzte. Sie tat es, weswegen es selten eine tate um ihrer Mutter um den Hals zu fallen und ihr alles zu sagen. Endlich tat sie es auch, um zu Hause das Portrat Gustavs, das der Alte versteigert hatte, aufzusuchen.
Ich erfuhr alles schon am Tage ihrer Ruckreise, da ich in Maussenbach als eine ganze adlige Rota anlangte, um eine arme Wirtin weniger zu bestrafen als zu befragen, weil sie wie man in der Pariser Oper fur wichtige Rollen die Spieler doppelt und dreifach in Bereitschaft halt die erhebliche Rolle ihres Ehemannes anstatt mit einem Double sogar mit zwolf Leuten aus der Gegend vorsichtig besetzt hatte, damit fortgespielet wurde, sooft er selber nicht da ware. Und hier war es, wo ich abnehmen konnte, wie wenig mein Herr Gerichtprinzipal zum Ehebruch geneigt sei, sondern vielmehr zur Tugend; er war ordentlich froh, dass das ganze Floz von eingepfarrten Ehebrechern gerade vor seinem Ufer vorbeikam und dass er das Werkzeug wurde, womit die Gerechtigkeit diese geheime Gesellschaft heimsuchte und auswichste. Daher suchte er in der Wirtin wie in Jochers Gelehrten-Lexikon mit Lust nach den Namen wichtiger Autoren, und sie war seinem tugendhaften Ohr ein Homer, der die verwundeten Helden samtlich bei Namen absingt; daher schenkte er ihr aus Mitleiden, weil sie gar nichts hatte, seine Geldstrafe ganz; aber die ehebrechende Union und Truppe wurde unter die Stampfmuhle und in die Kelter gebracht, oder ihr Saugwerke und Pumpenstiefel angelegt.
Also in Maussenbach beim Auspressen des ehebrechenden Personale erzahlte mir die Gerichtprinzipalin, was ihr die Tochter erzahlet um mich zu bitten, dass ich als voriger Mentor des Liebhabers das Paar auseinanderlenken sollte, weil ihr Mann die Liebe nicht litte. Ich konnte ihr nicht sagen, dass ich uber der Biographie vom Paare und ihrer eignen ware und dass die Liebe das Heftpflaster und der Tischlerleim sei, der die ganze Lebensbeschreibung und das Paar verkittete, und ohne welchen mein ganzes Buch in Stukken zerfiele, dass ich also die Jenaer Rezensenten beleidigen wurde, wenn ich ihm seine Liebe nehmen wollte. Aber so viel konnt' ich ihr wohl sagen, es sei unmoglich, denn die Liebe eines solchen Paars sei feuerfest und wasserdicht. Ich kam ihr mit meinem Gefuhl ein wenig einfaltig vor; denn sie dachte an ihre eigne Erfahrung. Ich fugte verschlagnerweise hinzu: "das Falkenbergische Haus hebe sich seit einigen Jahren und tue hubsche Kapitalien aus." Sie antwortete mir bloss darauf: "zum Gluck erfahr' es ihr Mann nie" (denn eine Menge Geheimnisse sagte sie allen Menschen, aber nicht ihrem Manne) "denn der habe ihrer Beata schon eine ganz andre Partie zugedacht." Mehr konnt' ich nicht erforschen.
Aber eine hubsche Suppe wird da fur den Helden nicht bloss, sondern auch fur den Lebensbeschreiber eingebrockt; denn letzter hat am Ende doch das meiste wegen der Schilderung heftiger Auftritte auszubaden und muss oft an solchen Sturm-Sektoren ganze Wochen verhusten. Ich wills dem Leser nur aufrichtig vorausgestehen: ein solcher Schwaden und Sturmwind ist schon am vorigen Freitag uber das neue Schloss gesauset und am Sonnabend durch Auenthal und meine Stube gefahren, wo Gustav zerstoret zu mir kam und bei mir Nachricht einzog, ob die Rittmeisterin von Falkenberg, die mit ihrer Mitteltinten-Katze meinen ersten Sektor einnimmt und die bekanntlich Gustavs Mutter ist, ob die sie wirklich sei .... Inzwischen wird doch mutig fortgeschritten; denn ich weiss auch, dass, wenn ich mein biographisches Eskurial und Louvre ausgebauet und endlich auf dem Dache mit der Baurede sitze, ich etwas in die Bucherschranke geliefert habe, dergleichen die Welt nicht oft habhaft wird und was freilich vorubergehende Rezensenten reizen muss, zu sagen: "Tag und Nacht, Sommer und Winter, auch an Werkeltagen sollte ein solcher Mann schreiben; wer kann aber wissen, obs keine Dame ist?"
Nun fallet also auf allen nachsten Blattern das Wetterglas von einem Grad zum andern, eh' der gedrohte Sturmwind emporfahrt. Wie Gustav die abwesende Beata liebte, errat jeder, der empfunden hat, wie die Liebe nie zartlicher, nie uneigennutziger ist, als wahrend der Abwesenheit des Gegenstandes. Taglich ging er zum Grabe des Freundes wie zum heiligen Grabe, an den Geburtort seines Glucks, mit einem seligen Beben aller Fibern; taglich tat ers um eine halbe Stunde spater, weil der Mond, das einzige offne Auge bei seiner Seelen-Vermahlung, taglich um eine halbe spater kam. Der Mond war und wird ewig die Sonne der Liebenden sein, dieser sanfte Dekorationmaler ihrer Szenen: er schwellet ihre Empfindungen wie die Meere an und hebt auch in ihren Augen eine Flut. Herr von Oefel warf den Blick des Beobachters auf Gustav und sagte: "Die Residentin hat aus Ihnen gemacht, was ich aus dem Fraulein von Roper." Hier rechnete er meinem Helden die ganze Pathognomik der Liebe vor, das Trauern, Schweigen, Zerstreuetsein, das er an Beaten wahrgenommen und woraus er folgerte, ihr Herz sei nicht mehr leer er sitze drin, merk' er. Mit Oefeln mochte eine umgehen, wie sie wollte, so schloss er doch, sie lieb' ihn sterblich. Gab sie sich scherzend, erlaubend, zutraulich mit ihm ab, so sagte er ohnehin: "Es ist nichts gewisser, aber sie sollte mehr an sich halten"; bediente sie sich des andern Extrems, wurdigte sie ihn keines Blicks, keines Befehls, hochstens ihres Spottes und versagte sie ihm sogar Kleinigkeiten, so schwor er. "unter 100 Mann woll' er den herausziehen, den eine liebe: es sei der, den sie allein nicht ansehe." Schlug eine die Mittelstrasse der Gleichgultigkeit ein, so bemerkter: "die Weiber wussten sich so gut zu verstellen, dass sie nur der Satan oder die Liebe erraten konnte." Es war ihm unmoglich, so viele Weiber, die in die Rotunda seines Herzens wollten, darin unterzubringen; daher steckt' er den Uberschuss sozusagen in den Herzbeutel, worin das Herz auch hangt, wie in einen Verschlag hinein mit andern Worten, er verlegte den Schauplatz der Liebe vom Herzen aufs Papier und erfand eine dem Brief- und Papier-Adel ahnliche Briefund Papier-Liebe. Ich habe viele solche chiromantische Temperamentblatter von ihm in Handen gehabt, wo er wie Schmetterlinge bloss auf poetischen Blumen Liebe treibt ganze Rotuln von solchen Madrigalen und anakreontischen Gedichten an Damen, welche (die Madrigale, nicht die Damen) sowohl die Sussigkeit als die Kalte der Geleen haben. So ist der Herr von Oefel und fast die ganze belletristische Kompagnie.
Da man nur vor Leuten, vor denen man nicht rot wird, sich selber lobt, vor gemeinen, vor Bedienten, vor Weib und Kindern; und da ers gegen Gustav im Punkte der Liebe tat: so war seine Eitelkeit einer lauteren Rache wert, als Gustav an ihm nahm; dieser malte sich bloss im stillen vor, wie glucklich er sei, dass er, indes andre sich tauschten oder sich bestrebten, das Herz seiner Geliebten zu haben, zu sich zuversichtlich sagen konne: "Sie hat dirs geschenkt." Aber diese aussergerichtliche Schenkung dem Nebenbuhler und Botschafter zu notifizieren, oder uberhaupt jemanden, das verbot ihm nicht bloss seine Lage, sondern auch sein Charakter; nicht einmal mir eroffnete er sie eher, als bis er mir ganz andre Dinge zu eroffnen und zu verbergen hatte. Ich weiss recht gut, dass diese Diskretion ein Fehler ist, dem neuere Romane nicht ungeschickt entgegenarbeiten; hat darin ein Romanheld oder Romanschreiber ein Herz bei einer Romanheldin erstanden (und das gibt sie so leicht her, als sass' es vorn wie ein Kropf daran): so zwingt der Held oder Schreiber (die meistens einer sind) die Heldin, das Herz heraus- und hineinzutun wie der Stockfisch seinen Magen ja der Held holet selber das Herz aus der verhullenden Brust und weiset den eroberten Globus uber zwanzig Personen, wie der Operateur ein geschnittenes Gewachs handhabt den Ball wie eine Lorenzodose fuhrt ihn ab wie einen Stockknopf und versteckt das fremde Herz so wenig wie das eigne. Ich gesteh' es, dass die Zuge solcher Gottinnen von den Schreibern aus keinen schlechtern Modellen zusammengetragen sein konnen, als die waren, wornach die griechischen Kunstler ihre Gottinnen oder die romischen Maler ihre Madonnen zusammenschufen, und man musste wenig Weltkenntnis haben, wenn man nicht sahe, dass die Furstinnen, Herzoginnen etc. in unsern Romanen sicher nicht so gut getroffen waren, wenn nicht dem Autor an ihrer Stelle Stuben- und noch andere Madchen gesessen hatten; und so, indem sich der Verfasser zum Herzog und sein Madchen zur Furstin machte, war der Roman fertig und seine Liebe verewigt, wie die der Spinnen, die man gleichfalls in Bernstein gepaaret und verewigt antrifft. Ich sage dies alles, nicht um meinen Gustav zu rechtfertigen, sondern nur zu entschuldigen; denn diese Romanschreiber sollten doch auch bedenken, dass die angenehme Sittenroheit, deren Mangel ich an ihm vergeblich zu bedecken suche, auch bei ihnen fehlen wurde, wenn sie so wie er mehr durch Erziehung, Umgang, zu feines Ehrgefuhl und Lekture (z.B. Richardsons) waren verdorben worden.
Ich schame mich, dass Gustav eine solche Ignoranz in der Liebe hatte, dass er in einigen der besten Romanen nachsehen wollte, ob er jetzt einen Liebebrief an Beata zu schreiben habe ja dass ihre Abwesenheit ihn in Sorgen wegen ihrer Gesinnung und in Verlegenheit uber sein Betragen setzte. Aber die Starke der Gefuhle macht so gut die Zunge arm und schwer als der Mangel derselben. Zum Gluck hupfte ihm oft die kleine Laura nicht im Park (denn nichts macht mehr Dinten- und Kaffeekleckse auf eine schone Haut als die schone Natur), sondern unter vier Mauern entgegen, und die Schulerin ersetzte die Lehrerin.
Aber eine auferstandene hohere Gestalt betrat jetzo das Land seiner Liebe. Ottomar, von dessen beidlebigem Korper als Amphibium zweier Welten bisher so viel Redens in Vorzimmern gewesen, trat damit selber im Zimmer der Residentin auf. Sein erstes Wort zu dieser war: "sie mog' ihm verzeihen, dass er nicht eher in ihrem Vorzimmer erschienen er ware beerdigt worden und hatte nicht eher gekonnt. Aber er sei der erste, der nach dem Tode so bald ins Elysium" (hier sah er schmeichelhaft an den Landschaftstucken der Tapeten herum) "und zu den Gottern kame." Das war bloss satirische Bosheit. Bekanntlich ists schon ein bewahrter Paragraph in der Asthetik aller Elegants, dass sie und ist mein Bruder in Lyon anders? den Schmeicheleien, die sie den Weibern sagen mussen, den Ton und die Miene der Aufrichtigkeit vollig zu benehmen haben, womit die antiken Stutzer sonst ihre Fleuretten versahen. In diese SpottSchmeicheleien kleidete er seinen Unmut uber Weiber und Hofe. Die Weiber brachten ihn auf, weil sie wie er glaubte in der Liebe nichts suchten als die Liebe1, indes der Mann damit noch hohere, religiose, ehrgeizige Empfindungen zu verschmelzen wisse weil ihre Regungen nur Eilboten und jede weibliche Hitze nur eine fliegende ware und weil sie, wenn Christus selber vor ihnen dozierte, mitten aus den grossten Ruhrungen auf seine Weste und seine Strumpfe gucken wurden. Die Hofe erzurnten ihn durch ihre Gefuhllosigkeit, durch seinen Bruder, durch den Volkdruck, dessen Anblick ihn mit unuberwindlichen Schmerzen erfullte. Daher war seine Reisebeschreibung anderer Lander eine Satire seines eignen, und wie die franzosischen Schriftsteller unter den Sultanen und Bonzen des Orients einige Zeit die des Okzidents abmalten und abstraften: so war in seinen Erzahlungen der Suden der Lehntrager und Pasquino des Nordens. Die sanfte Menschen-Duldung, die er sich in seinem letzten Briefe vorgesetzt, hielt er nicht langer, als bis er ihn gestippt und gesiegelt hatte oder solang' er spazieren ging oder wahrend der sanften Nerven-Herabschraubung nach einem Weinrausch. Auch war ihm wenig daran gelegen, von denen geachtet zu werden, die er selber nicht achtete; mitten unter grossen philosophischen, republikanischen Ideen oder Idealen wurden ihm die Kleinigkeiten der Gegenwart unsichtbar und verachtlich, jetzt zumal, wo die kunftige Welt oder die kunftigen Welten die dunne verfinsterte, auf der er nach jenen hinsah, wie man durch das geschwarzte Sehrohr keinen Gegenstand erblickt als die Sonne. So brachte er z.B. funf groteske Minuten bei der Residentin damit zu, dass er da den eigentlichen Korper der Seele nur Gehirn und Ruckenmark und Nerven ausmachen den vernunftigsten Hofdamen und den schonsten Hofherrn die Haut abschund in Gedanken, ihnen ferner die Knochen herauszog und das wenige Fleisch und Gedarm, was sie umlag, wegdachte, bis nichts mehr auf der Ottomane sass als ein Mark-Schwanz mit einem Gehirn-Knauf oben dran. Darauf liess er diese umgekehrten Kloppel oder aufgerichteten Schwanze gegeneinander anlaufen und agieren und Fleuretten sagen und lachte innerlich uber die gescheitesten Leute von Geburt, die er selber skalpiert und abgeschuppet hatte. Das nennen viele das philosophische Pasquill.
Aus dem neuen Schloss eilt' er ins alte zu Gustav, der ihn zu fliehen schien. Aber auf welche Art er mit Gustav schon langst bekannt geworden, wie er ihm den ersten Brief geben konnen, warum er wie Gustav (noch jetzt) sich an einen unbekannten Ort regelmassig verfugte, warum er von ihm geflohen wurde, und was sie miteinander im alten Schlosse fur ein dreistundiges Gesprach gehalten, das sich mit der warmsten Liebe in beiden Herzen schloss daruber deckt sich noch ein langer Schleier, den meine Mutmassungen nicht aufheben konnen; denn ich habe allerdings verschiedene, aber sie klingen so ausserordentlich, dass ichs nicht wage, sie dem Publikum eher vorzulegen, als bis ich sie besser rechtfertigen kann. Jede Ader, jeder Gedanke und Herz und Auge wurden in Gustav weiter und vergrosserten sich fur eine neue Welt, da er mit dem genialen Menschen sprach. O was sind die Stunden der seelenverwandtesten Lekture, selbst die Stunden der einsamen Emporhebung, gegen eine Stunde, wo eine grosse Seele lebendig auf dich wirkt und durch ihre Gegenwart deine Seele und deine Ideale verdoppelt und deine Gedanken verkorpert?
Gustav nahm sich vor, sich aus dem Schlosse zu Ottomar zu begeben, um es zu vergessen, wer noch weiter darin fehle. Es war ein stummer ausgewolkter Abend, ein Schatte nicht des schon weit weggezognen Sommers, sondern des Nachsommers, als Gustav aufbrach, nachdem er vergeblich auf die Ruckkehr und Gesellschaft des Doktors gewartet hatte. In der leeren Luft, durch die keine gefiederte Tone, keine klopfende Herzen mehr flogen, zeigte sich nichts Lebendiges als die ewige Sonne, die kein Erdenherbst bleicht und fallet und die ewig offen unsern Erdball immerfort ansieht, indes unter ihr tausend Augen sich offnen und tausend sich schliessen. An einem solchen Abend springt der Verband von alten Wunden auf, die wir in uns tragen. Gustav kam still im Dorfe an; am Eingange des Gartens, der das Ottomarsche Schloss halb umlief, stand ein Knabe, der die erhabene Melodie eines erhabenen Lieds2 auf einer Drehorgel dem Gehor eines Kanarienvogels vordrehte, der sie singen lernen sollte. "Ich krieg' schon viel, wenn ers pfeifen kann", sagte der winzige Organist. An einen Baum gelehnt stand Ottomar der weiten Abendrote und diesen Abendtonen gegenuber; die Sonne ausser ihm ging, hinter einer bleifarbenen grossen Wolke in ihm, unter. Gustav musste, eh' er ihn erreichte, vor einer dichten Nische und einem alten Gartner darin vorbei, an welchem ihn zweierlei wunderte, dass er ihm erstlich mit keinem Worte fur seinen Gutenabend dankte, und zweitens, dass so ein alter vernunftiger Mann ein Kindergartchen auf dem Schosse hatte und besah. Durch die Laube nahm er an einer Sonnenuhr eine Erhohung wie ein Kindergrab und einen Regenbogen von Blumen wahr, der es umbluhte und uberlaubte; auf der Erhohung lagen die Kleider eines Kindes so geordnet, als war' etwas darin und hatte sie an. Ottomar empfing ihn mit einer Sanftheit, die man nur in heftigen Charakteren in so unwiderstehlichem Grade findet, und sagte mit leiser Stimme: "er feiere den Todestag aller Jahrszeiten, und heute ware des Nachsommers seiner." Sie kamen, indem sie ins Schloss gingen, vor dem Gartner vorbei, und er nahm den Hut nicht ab ferner vor dem leeren Kleid auf dem Grab, und es lag noch unter den Blumen, und vor dem Klavieristen, der noch das Lied spielte: "Jungling, den Bach der Zeit etc." Da wir das Feierliche nur in Buchern, selten im Leben finden: so wirkt es im letzten nachher desto starker.
Man muss noch merken, dass in Ottomar der Ausdruck der starksten Gefuhle durch eine gewisse Sanftheit, womit sein Weltumgang und sein Alter sie brach, unwiderstehlich in den stillen Strudel zog. Er offnete Kinder waren die Lakaien ein Zimmer des dritten Stockwerks. Die Hauptsache waren nicht darin die Gemalde mit schwarzen Grunden und weissen Sargen, oder die Worte uber den Sargen: "Darin ist mein Vater, darin meine Mutter, darin meine Fruhlinge", auch der sehr grosse gemalte Sarg nicht, woruber stand: "Darin liegen sechs Jahrtausende mit allen ihren Menschen." Sondern das Wichtigste war das Ungemalte, wovor sich Gustav tief buckte: eine schone Frau, die sich zu einem unserm Gustav fast ahnlichen Kinde herabneigte, weil es ihr etwas leise sagen wollte; ferner buckt' er sich vor einem alten Offizier in Uniform, der eine zerrissene Landkarte, und vor einem schonen jungen Italiener, der ein fliegendes Stammbuch hielt. Das Kind hatte einen Vergissmeinnicht-Strauss auf der Brust, die Frau und die zwei Manner hatten einen schwarzen Strauss. Aber was noch mehr ihn uberraschte, war der Doktor Fenk am Fenster, mit einer Rose an der Brust.
Gustav eilte ihm zu; aber Ottomar hielt ihn. "Es ist alles von Wachs", sagt' er, nicht mit einem kalten, gegen das Schicksal erbitterten Ton, sondern mit einem ergebenen. "Alles, was mir in meinem Leben Liebe und Freude gab, steht und bleibt in diesem Zimmer wer gestorben ist, dem gab ich schwarze Blumen bei meinem verlornen Kinde weiss ichs noch nicht, und seine Kleider liegen draussen im Garten .... O wem Gott Ruhe in den Busen schickt, dass sie das nackte Herz umwickele und seine Zuckungen besanftige, dem ist so wohl wie denen, die er betrauert er tut sanft und fest sein Auge auf, wenn ihm das Schicksal holde Gestalten zuschickt, und wenn sie wieder gehen und grassliche heranfahren, so schliesst ers ruhig wieder zu."
O Ottomar! das kannst du nicht, bevor deine wogenden Krafte am Alter sich gebrochen haben! Mach immer dein Herz drei Tage lang fur die Ruhe weit; am vierten zieht es der Krampf der Freude oder des Schmerzens zusammen und druckt sie tot!
Manche Menschen konnen ohne Schauder keine Wachsfiguren sehen: Gustav gehorte darunter; er nahm Ottomars Hand, um sich gleichsam ans Leben zu klammern gegen so viel Spiele und Nachaffungen des Todes .... Plotzlich larmt etwas durch das stille Schloss ... die Treppen herauf, ins Zimmer hinein ... an Ottomars Hals hinan .... Fenk wars, der ihn hier nach der Auferstehung von Toten zum ersten Male umfing und dem unter der engen Umarmung keine Entfernung von dem, zwischen welchem und ihm sich Lander und Jahre und Tod gelegt hatten, klein genug zu sein vermochte. Gustav, noch an der Hand Ottomars, wurde in den Bund der Liebe mit hineingeschlungen, und ware der Tod selber vorbeigegangen, er hatte seine kalte Sichel nicht durch drei eng, sprachlos und warm verknupfte Herzen gedrangt. "Rede, Ottomar," sagte der Doktor, "das letztemal warst du stumm." Ottomars Ruhe war nun zergangen: "Auch die (die Wachsfiguren) reden ewig nimmer" (sagt' er mit zerdruckter Stimme) "sie sind nicht einmal bei uns wir selber sind nicht beisammen Fleisch- und Bein-Gitter stehen zwischen den Menschen-Seelen, und doch kann der Mensch wahnen, es gebe auf der Erde eine Umarmung, da nur Gitter zusammenstossen und hinter ihnen die eine Seele die andre nur denkt?"
Alle wurden still die Abendglocke sprach uber das schweigende Dorf hinuber und tonte klagend auf und nieder Ottomar hatte wieder seine erschreckliche Vernichtung-Minute, wie er sie nennt er trat zur wachsernen Frau und nahm das schwarze Todes-Bouquet und steckt' es uber sein Herz er besah sich und seine zwei Freunde und sagte kalt und eintonig: "Sonach leben wir drei das ist das sogenannte Existieren, was wir jetzt tun wie still ists hier, uberall, um die ganze Erde eine recht stumme Nacht steht um die Erde herum, und oben bei den Fixsternen wills nicht einmal Lichter werden." Zum Gluck trabte und waldhornierte der Furst und seine Jagd-Genossenschaft durch das Dorf und verscheuchte die Nacht aus drei Menschen: so sehr hangen wir vom Gehor ab, so sehr gibt die aussere Welt unsrer innern Lichter und Farben.
Ich habe von allem, was sie nachher in andern Zimmern taten, keine Merkwurdigkeit, und von allem, was sie darin sahen, nur dreie einzurucken die, dass Ottomar fast lauter Kinder zu Bedienten, lauter ganz junges Vieh und lauter Blumen um sich hatte: denn heftige Charaktere hangen sich gern ans Sanfte.
Das Schulmeisterlein Wutz tritt eben in meine Stube herein und sagt, er fur seine Person habe noch an keinem Andreastage so viel geschrieben. Nun, so soll denn aufgehort werden.
Fussnoten
1 Desto schoner, antwortet ihm die Note zur zweiten Auflage, dass sie sich die Empfindung der Liebe rein und dadurch allmachtig erhalten; andere Empfindungen schwimmen darin, aber aufgelost und undurchsichtig; bei den Mannern stehen jene bloss neben ihr und selbstandig. 2 "Jungling, den Bach der Zeit hinab schau' ich, in das Wellengrab des Lebens, hier versank es etc." Der Anfang heisset eigentlich: "Traurig ein Wandrer sass am Bach, sah den fliehenden Wellen nach." Volkslieder.
Sechsunddreissigster oder II. Advent-Sektor
Kegelschnitte aus vornehmen Korpern
Geburttag-Drama Rendezvous (oder, wie Campe
sich ausdruckt, Stell dich ein) im Spiegel
Auf dem Steindamm nach dem neuen Schlosse furchtete Beata sich, in diesem ihren Gustav zu finden; im Schlosse selber wunschte sie das Gegenteil, sobald sie horte, er sei in Ruhestatt. Ihre Mutter hatte ihr, indem sie mit ihr die Regimenter der Roben, Mantel etc. teils reduzierte, teils uberkomplett machte, so viel bewiesen, Beata werde von ihrer eignen Empfindung getauscht und das Paradies ihrer unschuldigsten Liebe sei nach ihrer mutterlichen Empfindung blutschlecht und wirklich ein pontinischer Sumpf die Blutenbaume darin seien Giftbaume der Blumenflor bestehe teils aus giftigen Kupfer-, teils aus falschen PorzellanBlumen auf den Grasbanken darin sitze man sich Schnupfen an und das sanfte Wiegen des magischen Bodens sei eine Erd-Erschutterung. Diese Eidesverwarnung nach dem Eide der Liebe liess sich noch horen; aber dass sie noch Beatens Jugend einwandte die gewohnlichste, einfaltigste, unwirksamste und am meisten aufbringende Einwendung gegen eine lebendige Empfindung , das begann den kleinen Eindruck wendung gar wegloschte: dass ihr Vater ihr schon den Gegenstand ihrer Liebe halb und halb gewahlt .... Meine Gerichtprinzipalin war recht gescheit; aber, meinem Gerichtprinzipal zuliebe, auch oft recht dumm.
Beata brachte also dem Gustav ein durch dieses Zersetzen ausserst weiches und zartliches Herz uber den Steindamm mit und er kam auch mit einem solchen wunden an, um welches kein Blattchen eines Kallus mehr hing. Ottomars salomonische Predigten uber und gegen das Leben hatten seine Puls- und Blutadern mit einer unendlichen Sehnsucht gefullet, die armen zerfallenden Menschen zu lieben und mit seinen zwei Armen, eh' sie auf die Erde fielen, das schonste Herz an sich zu ziehen und zu pressen, eh' es unter die Erdschollen niedersanke. Die Liebe heftet ihre Schmarotzerpflanzen-Wurzeln an alle andre Empfindungen.
Es war Zeit, dass sie kamen, des Herrn von Oefels wegen. Denn am Hofe vermisste man sie, wie uberhaupt jeden, gar wenig. Ein russischer Furst von *** ein Mulatte und Deponens von Hofmann und Vieh, dessen sichtbare Extremen sich in die unsichtbaren Extreme von Kultur und Wildheit endigten war samt einem Rudel von Franzosen und Italienern dagewesen, die samtlich wie ihr Altmeister die fur die grosse Welt alltagliche Sonderbarkeit hatten, dass sie nicht ganz waren; fur einen Weltmann ist heutzutage nichts schwerer, als aus seinem Korper nicht das zu machen, was ich mit Recht aus meiner Lebensbeschreibung mache einen Sektor oder Ausschnitt. In der Tat sah diese fragmentarische Division wie ein Phalanx von Kruppeln aus, der zu einem Wundertater reiset. Der meisten Glieder, die wir bei der Auferstehung nicht wiederkriegen, z.B. Haare, Magen, Fleisch, H-- und andre1 daher freilich der grosse Connor leicht verfechten kann, ein auferstandner Christ falle nicht grosser aus wie eine Stechfliege solcher Glieder hatte sich die amputierte Junta schon vor der Auferstehung entladen oder doch viel davon weggetan.
Ich hab' oft daruber nachgedacht, warum tuns die Grossen und machen sich zu Kleinen im physischen Sinn; aber ich war zu unwissend, andre Grunde zu erraten als folgende: der Sitz des Zorns (wofur nach Winckelmann die Griechen die menschliche Nase hielten) kann nicht bald genug ausgerottet werden, weil weder ein Hofmann noch ein Christ Zorn beweisen soll. Zweitens: verkleinerte Korper sind wenig von bucklichten, auch in der Grosse, verschieden; diese aber, wie wir an Asop, Pope, Scarron, Lichtenberg und Mendelssohn sehen, haben viel Witz. Nun zieht der Weltmann aus den starken Fassern unserer Vorfahren geschickt den Spiritus auf kleine KorperFlaschen, und solche Einschnitte und optische Verkurzungen und Kuren des Leibes machen unfahig, etwas anders zu werden als witzig oder hochstens stupid: so kann eine Flote, in die Risse kamen, keine andre Tone von sich geben als feine und hohe. Witz wird aber bekanntlich in der grossen Welt, wenn nicht mehr, doch ebensoviel geschatzt wie Unmoralitat. Drittens: wie die alten Patriarchen darum ein langes Leben bekamen, um die Erde zu bevolkern, so haben sich viele Kosmopoliten in der namlichen Absicht ein kurzes vorgenommen und gern das Leben von andern Menschen mit einem Curtius-Sturz in den todlichen Schlund erkauft. Es ist aber noch die Frage, ob ich recht habe. Die vierte Ursache kenn' ich aus geheimen mystischen Gesellschaften, wo eben jene Menschen-Segmente sie kennen lernten. Heutiges Tages muss jede Seele von Stand desorganisiert und entkorpert werden. Hier hat man nun nicht mehr als zwei ganz verschiedne Operationen. Die kurzeste und schlechteste meines Erachtens ist die, dass sich der Mensch aufhenkt und dass so die Seele den Korper von sich wie eine Warze abbindet. Ich wurde keinen Grossen deshalb tadeln, wenn ich nicht wusste, dass er die weit bessere und sanftere Operation vor sich habe, wodurch er seinen Leib gleichsam als die Form, worein die geistige Statue gegossen ist, bloss gliedweise ablosen kann. Ich will hier nicht in den Fehler der Kurze, sondern lieber in den entgegengesetzten fallen. Also: der Korper ist nach Philosophen, die auch eine Seele haben, bloss ein Werkzeug, ihre und unsre auszubilden und sie an die Entbehrung dieses Werkzeugs zu gewohnen. Die Seele muss alle Faden, die sie an den Klumpen schnuren, nach und nach zerfressen und abbeissen. Er ist ihr das, was den Kindern, die schwimmen lernen, der korkene Kurass2 ist: taglich muss sie diesen Kurass zu verkleinern suchen, um endlich ohne ihn zu schwimmen. Der philosophische Mann von Welt und das Mitglied geheimer desorganisierender Unionen schafft also von diesem Schwimm-Panzer anfangs nur das Fleisch an Beinen und Backenknochen beiseite. Das ist noch wenig. Darauf brennt er durch Gluhfeuer Gehirn, Nerven und anders Zeug weg, weil sie das Kuchenfeuer aushielten. Die Haare oder das menschliche Rauchwerk bringt jeder ohne Muhe weg. Der wichtigste Schritt bei dieser Kurass-Sektion ist der, dass man ohne das Barbiermesser des Origenes so viel bewerkstellige nur sanfter wie er. Ist das vorbei: so hat man zu jener volligen Ertotung nicht mehr weit, wo der ganze Kurass rein herunter ist und wo die Seele im Meere des Seins endlich schwimmen gelernt hat, ohne von ihrem Schwimmkleid nur so viel, als man zum Verkorken einer Flasche bedarf, noch um sich zu haben. Nachher wird man beerdigt. So wenigstens tragt man in geheimen Gesellschaften von Ton die menschliche Entkorperung vor.
Diese zerbrochne Gesellschaft deckte unsern und jeden Hof so schon wie zerbrochne Porzellan-Gefasse hollandische Beete; zweitens hatte sie die hoflichste Art von der Welt, grob zu sein. Ware unter diesen Leuten ein gewisses je ne sais quoi nicht der Unterschied zwischen Laune und Grobheit, zwischen Feinheit und Beleidigung: so fehlte er.
Ich sagte oben, es war Zeit, dass unser Paar ankam, des Herrn von Oefels wegen. Denn das Geburtfest der Residentin ruckte heran, gleichwohl hatte noch kein Mensch eine Seite von seiner Rolle memoriert. Die Leser haben noch ebensowenig vom GeburttagDrama im Kopfe als die Spieler; daher soll ihnen hier ein dunner Absud dieser Oefelschen Pflanze vorgesetzt werden.
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Dekokt aus dem Geburttag-Drama
In einem franzosischen Dorfe waren zwei Schwestern so gut, dass jede verdiente, das Rosenmadchen zu werden, und so uneigennutzig, dass jede wollte, die andre wurd' es. Marie hiess die eine und Jeanne die andre. Am Tage vor der Austeilung der Preismedaille von Rosen stritten sie sich daruber, wer sie ausschlagen sollte: denn sie wussten von recht guter Hand, dass bloss auf eine von ihnen die Rosenkrone fallen wurde. Jeanne von der Ministerin gespielt wischte durch den schonen Einfall unter der Laubkrone hinweg, dass sie ihren Liebhaber Perrin Oefel stellte den vor ofter und offentlicher um sich hatte, als eine RosenKompetentin soll. Marie (die Rolle von Beata) konnte also die Kronung nicht von sich, wie es schien, abwenden indessen bat sie ihren Bruder Henri (Gustav wars), der sie besonders liebte und der seit seiner Kindheit aus ihrem Hause durch seine Reisen weggewesen, diesen bat sie um Sieg in diesem uneigennutzigen Wettstreite. Er suchte sie zum entgegengesetzten Siege zu bereden; endlich aber, da er die Unerbittlichkeit ihrer schwesterlichen Liebe so entschieden sah, versprach er, fur eine rechte Belohnung ihr die ihrige zu ersparen. "Aber du musst noch grossere Liebe fur mich haben", sagt' er; "die schwesterliche", sagt sie; "eine noch starkere", sagte er; "die freundschaftlichste", sagte sie; "eine noch viel starkere", sagt' er; "weiter gibts keine grossere", sagte sie; "o doch! ich bin ja dein Bruder nicht", sagt' er und fiel mit liebetrunknen Augen vor ihr nieder und gab ihr ein Papier, das sie aus ihrem bisherigen Irrtum zog und sie dafur in eine kleine Freuden-Ohnmacht sturzte. Sie erschienen alle vier vor dem Gutsherrn und Kranz-Kollator (der Furst spielte diese Rolle sogar auf dem Theater), und jede kam seiner Wahl durch eine Bitte und Lobrede fur ihre Schwester und durch feine Invektiven auf sich selber zuvor. Der kokettierende Wicht Perrin quastionierte: sollte die Liebe andre Rosen brauchen als ihre eigne? Marie gab eine fliegende Schilderung von den Vorzugen, denen eine solche Bekronung gebuhre und die zum Teil feine Zuge aus Bousens Bilde waren. Der Gutsherr sagte: diese schwesterliche Unparteilichkeit, die so sehr zu bewundern sei wie die Verdienste, die sie zu belohnen suche, verdiene zwei Rosenkronen, eine, um belohnt zu werden, und eine, um selber zu belohnen; (niemand, fiel der scheinbar den Damen und wirklich dem Fursten schmeichelnde Oefel ein, teilt Kronen schoner aus, als wer sie selber tragt;) und sie wurden sich von ihm in nichts als in der Unparteilichkeit und Schonheit unterscheiden, wenn sie an seiner Statt vielleicht wie er wahlten, wem der Rosenkranz, eh' der Schmetterling von ihm floge einer von Brillanten war mit einer Zitternadel in die grosste Rose gesteckt , aufzusetzen sei .... "Unserer Rosen-Konigin!" riefen die Schwestern und brachten den Kranz der Residentin hin.
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So weit das Drama. Oefel war nichts lieber und glucklicher als die schmeichelnde Folie des andern. Ubrigens sah sein Stuck wie eine Idylle von Fontenelle aus. Die Phantasie, die den von der Kultur dunn geschliffnen Leuten gefallen will, muss schimmern, aber nicht brennen, muss das Herz kitzeln, aber nicht bewegen; die Aste einer solchen Phantasie werden nicht von schweren gedrangten Fruchten, sondern von Schneelast niedergebogen. An solchen Hof-Poeten und an Ohrwurmern sind die Flugel gleichsam unsichtbar und winzig, aber beide finden leichter die Wege zum Ohr. An deutschen Gedichten ist nichts; hingegen die meisten franzosischen riechen nicht nach der Studier- und Sparlampe, sondern eher nach parfumierten Strumpfbandern, Handschuhen u.s.w., und je weniger sie haben, was den Menschen interessiert, desto mehr haben sie, was den Weltmann reizt, weil sie nicht mehr die Natur und Himmel und Holle, sondern ein paar Besuchzimmer abmalen und so nicht ungeschickt in immer engere Windungen des Schnekkenhauses sich zuruckdrangen.
Oefel war zugleich Theater-Dichter, Spieler und Rollen-Schreiber. Er zog aus dem Drama die Rolle Beatens heraus, die er mit den feinsten Anspielungen auf ihr gegenseitiges Liebeverstandnis (dacht' er) oder auf ihr einseitiges (denk' ich) in die Welt gesetzet hatte. Die zartlichsten Winke hatt' er in den Stellen, wo er mit Beata zusammen spielte, hinein versteckt. Er zog deswegen unter manche feine Liebeerklarung und Empfindung bei dem Abschreiben eine exegetische Linie und bezifferte verstandig seinen Generalbass. "Uber tausendmal wird die Schalkhafte das uberlesen", sagt' er zu sich.
Darauf uberreichte er ihr bald nach ihrer Ankunft ihre Rolle mit weit mehr scheuer Ehrfurcht, als er selber wusste. Zum Ungluck fur unsern guten dramatisierenden Hasen fiel Beata in zwei Fehler auf einmal aus einer Ursache. Die Ursache war bloss, der Amor hatte in ihrem Herzen sein Laboratorium aufgerichtet und hatte seine chemischen Ofen und alles hineingesetzt: daraus musste ihr erster Fehler entstehen, dass sie schoner aussah als sonst ohne diese Warme; denn jede Empfindung und jede innere Streitigkeit nahm auf ihrem Gesicht die Gestalt eines Reizes an. Von der Liebe kam auch ihr zweiter Verstoss, dass sie sich gegen Oefel heute weit zutraulicher und freimutiger betrug als sonst; denn ein liebendes Madchen hat von allen ubrigen Gegenstanden (d.h. von den eignen Empfindungen fur sie) nichts mehr zu befahren. Herr von Oefel aber addierte auf seiner Rechenhaut ein ganz andres Fazit heraus; er nahm alles fur Freude, dass er nun wieder zu haben sei. Er ging folglich mit einem Herzen fort, das der Amor so mit lilliputischen Pfeilen vollgeschossen hatte wie ein Nahkissen mit Nadeln.
Er sagte noch an jenem Tage: "Ist das Herz einer Frau einmal so weit, so braucht man nichts zu tun, als dass man sie tun lasset." Das war ihm herzlich lieb; denn es ersparte ihm die Bedenklichkeit, sie zu verfuhren. Sooft er Lovelacens oder des Chevaliers3 Briefe las: so wunschte er, sein einfaltiges Gewissen liess' ihm zu, ein ganz unschuldiges widerstrebendes Madchen nach einem feinen Plane zu verfuhren. Aber sein Gewissen nahm keine Vernunft an, und er musste sein ganzes Kaper-Vergnugen auf die Verfuhrung solcher unschuldigen Personen, die er in seinem Kopfe oder in seinem Roman agieren liess, einschranken: so sehr herrschet im schwachen Menschen die Empfindung uber die Entschliessungen der Vernunft, sogar in philosophischen Damen. Mithin blieben der Weiberkenntnis Oefels statt der Fangeisen fur die Unschuld nur die fur die Schuld zu legen ubrig, und das einzige, wo er noch mit Ruhm arbeiten konnte, war das, der Verfuhrer von Verfuhrerinnen zu sein.
Man erlaube mir, eine scharfsinnige Bemerkung zu machen. Der Unterschied zwischen Lovelace und dem Chevalier ist der moralische Unterschied zwischen den Nationen und Jahrzehenden von beiden. Der Chevalier ist mit einer solchen philosophischen Kalte ein Teufel, dass er bloss unter die Klopstockschen Teufel gehort, die nie zu bekehren sind. Lovelace hingegen ist ein ganz anderer Mann, bloss ein eitler Alcibiades, der durch einen Staats- oder Ehe-Posten halb zu bessern ware. Sogar dann, wo seine Unerbittlichkeit gegen die bittende, kampfende, weinende, kniende Unschuld ihn mehr den Modellen aus der Holle zu nahern scheint, mildert er seine gleissende Schwarze durch einen Kunstgriff, der seinem Gewissen einige und dem Genie des Dichters die grosste Ehre macht und welcher der ist, dass er, um seine Unerbittlichkeit zu beschonigen, den wirklichen Gegenstand des Mitleidens, die kniende etc. Klarisse, fur ein theatralisches, malerisches Kunstwerk ansieht und, um nicht geruhrt zu werden, nur die Schonheit, nicht die Bitterkeit ihrer Tranen, nur die malerische, nicht die jammernde Stellung bemerken will. Auf diesem Wege kann man sich gern gegen alles verharten; daher schone Geister, Maler und ihre Kenner bloss oft darum fur das wirkliche Ungluck keine oder zu viele Tranen haben, weil sie es fur artistisches halten.
Ich muss aber schneller zum Festtage der Residentin eilen, dessen Gewebe unsern Gustav mit Faden so vieler Art beruhrt und ankittet.
Er brachte mit dem grossten Vergnugen seine Rolle im Drama, wovon noch viel wird gesprochen werden, seinem Gedachtnis bei und wunschte nichts, als er konnte sie noch nicht auswendig. Beata macht' es auch mit der ihrigen so: der Grund war, ihre Rollen waren auf dem Theater aneinander gerichtet, mithin waren es jetzt ihre Gedanken auch; und fur die scheue Beata war es besonders suss, dass sie zarte Gedanken der Liebe fur ihn, die sie kaum zu haben und nicht zu aussern wagte, mit gutem Gewissen memorieren konnte. Um nicht immer an ihn zu denken, zerstreuete sie sich oft durch das Geschaft des Auswendiglernens der besagten Rolle. Gute Seele! suche dich immer zu tauschen; es ist besser, es zu wollen, als garnichts darnach zu fragen! Ihr Adoptiv-Bruder konnte bisher durchaus kein Mittel finden, ihr zu begegnen; die Residentin hatte ihn und dadurch dieses Mittel uber den russischen Sektor und Torso vergessen; er selber hatte nicht Zudringlichkeit genug, noch weniger den Anstand, der sie schon und pikant macht bis ihm Herr von Oefel mit einer feinen Miene sagte, die Residentin woll' ihm einige Gemalde, die der Knase dagelassen, zu sehen geben. "Ich wollt' ohnehin schon lange das Kopieren im Kabinett anfangen", sagt' er und tauschte weniger jenen als sich. Uber seine errotende Verwirrung sagte Oefel zu sich. "Ich weiss alles, mein lieber Mensch!"
Endlich fuhrte ein schoner Vormittag die zwei Seelen, die sich leichter als ihre Korper fanden, bei der Residentin zusammen. Das Taglicht, die bisherige Trennung, die neue Lage und die Liebe machten an beiden alle Reize neu, alle Zuge schoner und ihren Himmel grosser als ihre Erwartungen aber schauet euch weder zu viel noch zu wenig an, man blickt auf euer Anblicken! Oder tut es nur: einer Bouse verbirgst du es doch nicht, Gustav, dass dein Auge, das der Scharfsinn nicht zusammenzieht, sondern die Liebe aufschliesset, immer nur bei benachbarten Gegenstanden sich aufhalt, um ein Streiflicht von ihr wegzufangen; es hilft auch dir nichts, Beata, dass du es mehr wie sonst vermeidest, ihm nahe zu stehen und ihn zu veranlassen, dass seine Stimme und seine Wangen seine Verrater werden! Es half dir, wie du selber sahest, nichts, dass du der Wiederholung des "Idolo del mio cuore" bei seiner Ankunft auszuweichen suchtest; denn bat ihn nicht die Residentin, deiner Stimme auf dem Klaviere mit den Fingern nachzufliessen und seinen innern Freuden-Sturm durch den Schimmer des Auges und durch den Druck der Tasten und durch die Sunden gegen den Takt zu offenbaren? Diejenigen meiner Leser, die die Residentin frisiert oder bedient oder gesprochen oder gar geliebt haben, konnen mir es gegen andre Leser bezeugen, dass unter anderen Kaminverzierungen ihres Toilettenzimmers weil die Grossen nichts als Zieraten essen, bewohnen, anziehen, besitzen und beschlafen etc. mogen auch Schweizerszenen waren und unter diesen eine tragantene Kopie des Eremitenberges: auf diesen FreudenOlymp stiegen vor den Augen Gustavs Beatens ihre nicht mehr, sooft diese auch vorher den Berg beschienen hatten endlich befeuchteten sich auch beider Augen, wenn Amandus' Name beide durchtonte, mit einer sussern lebhaftern Ruhrung, als die uber einen Dahingegangnen ist. Kurz sie wurden sich wie alle Liebende weniger verraten haben, wenn sie sich weniger verborgen hatten. Die Residentin schien heute, was sie allemal schien: sie hatte eine stille, denkende, nicht leidenschaftliche Verstellung in ihrer Gewalt, und auf ihrem Gesicht sah man nicht die falschen Mienen die aufrichtigen erst verjagen. Das schonste Gemalde aus dem Nachlasse des Russen war nicht zu Hause, sondern unter dem Kopierpapiere des Fursten.
So stumm und doch so nahe muss Gustav der Geliebten gegenuber bleiben; nur mit drei Worten, nur mit einem Druck der ziehenden Hand wenn er seine von Empfindungen elektrisierte Seele zu entladen wusste! Warum wollen alle unsere Empfindungen aus unserem Herzen in ein fremdes hinuber? Und warum hat das Worterbuch des Schmerzens so viele Alphabete und das der Entzuckung und der Liebe so wenige Blatter? Bloss eine Trane, eine druckende Hand und eine Singstimme gab der Welt-Genius der Liebe und der Entzuckung und sagte. "Sprecht damit!" Aber hatte Gustavs Liebe eine Zunge, als er (bei einem Abwenden der Residentin auf 7 Sekunden) im Spiegel, dem er am Klavier gegenubersass, mit seinen durstenden Augen das darin flatternde Bild seiner teuren Sangerin kusste und als das Bild ihn ansah und als das blode Bild vor dem Feuerstrom seines Auges das Augenlid niederschlug und als er sich plotzlich nach dem nahen Urbild des wegblickenden Farben-Schattens umdrehte und sitzend in das gesenkte Auge der stehenden Freundin mit seiner Liebe eindrang und als er in einem Augenblicke, den Sprachen nicht malen, sich nicht einmal in eine, nicht einmal in einen Laut ergiessen durfte? Denn es gibt Augenblicke, wo der tief aus der fremden Seele emporgehobne Schatz wieder zurucksinkt und im Innersten verschwindet, wenn man redet ja wo das zarte, bewegliche, schwimmende, brennende Gemalde der ganzen Seele sich kaum in oder unter dem durchsichtigen Auge wie das zerstiebende Pastellgebilde unter dem Glase beschutzt ....
Deswegen wars meiner Einsicht nach recht wohl getan, dass er zu Hause sofort einen Liebebrief verfasste. Durch einen solchen Assekuranzbrief des Herzens verbriefte der Lebensbeschreiber von jeher seine Liebe im eigentlichen Sinne. Aber als ihn Gustav fertig hatte, wusst' er nicht, wie er zu insinuieren sei, auf welcher Penny-Post. Er trug ihn so lange herum, bis er ihm nicht mehr gefiel dann schrieb er einen neuen bessern und trug ihn wieder so lange bei sich, bis er den besten schrieb, den ich im nachsten Sektor hereinschreiben will. Bei dieser Gelegenheit kundige ich dem Publikum auf Ostern meinen "expediten und allzeitfertigen Liebebrief-Steller" an, den alle Eltern ihren Kindern bescheren sollten.
Apropos! Der Pelz-Kurierstiefel und der Beschlag mit Senf und die Eis-Krone haben glucklich mein Blut in die Fusse gefullet und dem Kopfe nicht mehr davon gelassen, als er haben muss, um fur ein deutsches Publikum anmutige Ab- oder Ausschnitte aufzusetzen.
Fussnoten
1 Nach den altern Theologen (z.B. Gerhard loc. theol. T. VIII. p. 1161) stehen wir ohne Haare, Magen, Milchgefasse etc. auf. Nach Origenes stehen wir auch ohne Fingernagel und ohne das, was er selber schon in diesem Leben verloren, auf. Nach Connor. med. mystic. art. 13 kommen wir mit nicht mehr Materie aus dem Grabe, als wir bei der Geburt oder Zeugung umhatten. 2 Zuckert in seiner Diatetik schlagt einen korknen Kurass vor, der uber dem Wasser aufrecht erhalt und den man, so wie die Fertigkeit, oben zu schweben, wachse, beschneiden konne. 3 In den Liaisons dangereuses.
Siebenunddreissigster oder heil.
Weihnacht-Sektor
Liebebrief Comedie Souper bal pare zwei
gefahrliche Mitternachtszenen Nutzanwendung
Ich habe in dieser frohlichen Zeit keinen recht frohlichen Sinn: vielleicht weil mein auseinander wollender Korper so wenig wie eine Langen- und Seeuhr richtig geht vielleicht liegt mir auch der Inhalt dieses Sektors im Kopfe vielleicht schleicht auch, beim Anblick der allgemeinen Kinderfreude, das Blut so traurig fort zwischen dem Wintergrun und Herbstflor jener Erinnerung, wie es sonst war, wie die Freuden des Menschen dahinrollen, wie sie ihre Entfernung von uns durch einen aus fernen Ufern heruberblinkenden Widerschein bezeichnen und wie unsre langsten Tage uns selten so viel geben, als dem Kind der kurzeste oder die Christnacht im Geniessen oder Hoffen gibt.
Von Gustavs herzlichem Brief hatte ich vor vierzehn Tagen nicht so leichtsinnig reden sollen, als ich tat. Er heisst so:
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Teuere, mit Lauren den Park hinauf, um die ermattende Sonne, die zwischen zwei grossen Wolken herabschien, noch ein wenig zu geniessen; zu Ihren Seiten flogen Wolkenschatten dahin, aber mit Ihnen ging der Sonnenschein. Ich dankte dem Laube, dass es zu Ihren Fussen lag und mir Sie nicht verdecken konnte; aber ich hatte alle dornichte Blatter von der Stechpalme pflucken wollen, hinter denen Sie verschwanden und von mir gingen. 'O konnt' ich ihr' dacht' ich 'den herbstlichen Weg mit jungen Blumen und Schmetterlingen bestreuen, konnt' ich sie mit Bluten und Nachtigallen umzingeln und vor ihr die Berge und die Walder mit dem Fruhling uberdecken: ach! wenn sie dann vor Freude bebte und mich ansehen und mir danken musste ...' Aber diese Bluten, diese Nachtigallen, diesen Fruhling haben Sie mir gegeben; Sie haben uber mein Leben einen ewigen Mai gesandt und aus einem Menschen-Auge Freudentranen gepresset allein was vermag ich zu geben? Ach, Beata, was hab' ich Ihnen zu geben fur dieses ganze Elysium, womit Sie das schwarze Erdreich meines Lebens durchwinden und uberblumen, und fur Ihr ganzes, ganzes Herz? Meines das hatten Sie ja schon ohne das, und weiter hab' ich nichts; fur alle schone Stunden, fur alle Ihre Reize, fur alle Ihre Liebe, fur alles, was Sie geben, hab' ich nichts als nur dieses treue, gluckliche, warme Herz ....
Ja, ich habe nur dieses; aber wenn der gottliche Funke der hochsten Liebe im Menschen-Herzen gluhen kann, so ruht er in meinem und brennt fur die, die ich nur lieben, aber nicht belohnen kann. Du hoherer Funke wirst in meinem Herzen fur sie fortglimmen, wenn es Tranen uberschwemmen, oder Ungluck zusammendruckt, oder der Tod einaschert .... Beata! auf der Erde kann kein Mensch dem andern sagen, wie er ihn liebe. Die Freundschaft und die Liebe gehen mit verschlossenen Lippen uber diese Kugel, und der innere Mensch hat keine Zunge. Ach, wenn der Mensch draussen im ewigen Tempel, der sich bis an die Unendlichkeit hinaufwolbt, mitten im Kreise von singenden Choren, heiligen Statten, opfernden Altaren, vor einem Altare betaubt niederfallen und beten will: o so sinkt er ja so gut wie seine Trane zu Boden und redet nicht! Aber die gute Seele weiss, wer sie liebt und schweigt, sie ubersieht das stille Auge nicht, das sie begleitet, sie vergisset das Herz nicht, das starker klopft und doch nicht reden kann, und den Seufzer nicht, der sich verbergen will. Aber, Beata, doch! wenn einmal dieses Auge und dieses Herz ihr Schweigen geendigt, wenn sie in der seligsten Stunde mit allen Kraften der liebenden Natur zur geliebten Seele haben sagen durfen: 'Ich liebe dich': so ists hart und schwer, wieder stumm zu werden, es tut so wehe, das emporgehobne flammende drangende Herz wieder in eine enge kalte Brust zuruckzudrucken dann will im Innersten die stille Freude in stillen Kummer zerrinnen und schimmert traurig in diesen, wie der Mond in den Regenbogen, den die Nacht aufrichtet .... Beata! ich kann keine Bitten haben und keine wagen; ich kann mir das Eden malen, das mir Beatens Blicke und Worte geben konnen, aber ich darf es nicht begehren; ich muss ans Ufer des Silberschattens, der uns schon im Traum und jetzo wie ein breiter Strom im Leben scheidet, mich mit allen meinen Wunschen heften; aber, Teuere, wenn ichs nicht zuweilen hore, wem das kostbarste Herz sich geschenket hat, wie soll ich den Mut behalten, es zu glauben? Wenn ich dieses holde Herz unter so viel guten und erhohten Menschen erblicke und dann zu mir sagen muss: ach ihr alle verdient es gleichwohl nicht: so sinkt ein freudiges Staunen auf mich, dass es meiner Seele sich gegeben, und ich glaub' es kaum. Geliebte! tausend waren Deiner wurdiger; aber keiner ware durch Dich glucklicher geworden, als ich es bin!"
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Das Schwerste war jetzt, den Brief auf andern Flugeln als unter denen einer Brieftaube Venus hing wahrscheinlich einen Postzug Brieftauben ihrer Gondel vor an Ort und Stelle zu schaffen. Zu so etwas sah er keine Moglichkeit, weil er unter allen Moglichkeiten solche am schwersten sieht. Meine Schwester sieht solche am leichtesten.
Es gab sich alles in der Komodienprobe.
Ordentliche Komodien werden namlich nicht, wie ihre Schwestern, die politischen, aufgefuhrt, ohne probiert zu sein. Ich will gern zwischen der Komodienprobe und der Komodie einen so schmalen papiernen Zwischenraum als moglich lassen; aber der Leser muss seines Orts auch behend zublattern und nicht sowohl die Hande in den Schoss legen als das Buch. Die Probe war im alten Schlosse Oefel machte seine Sache gut genug Beata noch besser und Gustav am aller- schlechtesten. Denn die Gesichter des Fursten und der Ohnmachtigen setzten wie Salpetersaure und Salz sein Herz fast zu einem Eiskegel um; vor manchen Menschen ist man schlaff und unfahig, begeisterte Gefuhle zu haben. Sonderbar! nur die seinigen, aber nicht Beatens ihre wurden von dieser durchs Theater streichenden Nordluft erkaltet. Es ist aber doch nicht sonderbar; denn die Liebe wirft den Jungling aus seinem Ich hinaus unter andre Ich, das Madchen aber aus fremden in das ihrige hinein. Kaum oder wenig nahm Beata die Approchen des regierenden Akteurs oder agierenden Regenten wahr Oefel aber sah es und dachte seinem Siege uber den hohen Nebenbuhler nach , welcher sich ihr in einer nicht sehr grossen Schneckenlinie naher drehte, was er an Hofdamen gewohnt war, die nur in der Jugend ihre Tugend a la minutta weggeben, im Alter hingegen einen grossern Handel damit in grosso treiben. Ich sagte eben etwas von einer Schneckenlinie, weil ich einen Einfall im Kopfe hatte, der so heisset: dass Weiber von Welt und die Sonne die Planeten unter dem Schein, sie in einem Kreise um ihre Strahlen herumzulenken, in der Tat in einer feinen Schneckenlinie zu ihrer brennenden Oberflache hinanreissen.
Mitten im Probe-Drama, gerade als Gustav oder Henri der Marie das leere Papier als ein Diplom hinreichte, das ihre Verwandtschaft fur null erklarte, fiel ihm das als Henri ein, was einem andern langst als Gustav eingefallen ware, dass auf dem leeren Papier etwas konnte geschrieben stehen, und zwar das beste Etwas, sein Liebebrief, den wir schon langst gelesen haben. Kurz er nahm sich vor, seinen Brief in der Gestalt jenes Diploms ihr im Drama zuzustecken, wenns nicht anders zu machen ware. Sogar das Romantische des Entschlusses, seine theatralische Rolle in seine wirkliche hineinzuziehen und so vielen Zuschauern eine andre Tauschung zu machen als eine poetische, hielt ihn nicht ab, sondern trieb ihn an. Ich will es nur gestehen, lieber Gustav und fiele mein Gestandnis selber in deine Hande , auf deine himmlische Bescheidenheit war der Honigtau des Beifalls, den du an einem solchen Orte nicht einmal fur Schmeichelei, sondern bloss fur eine Facon zu reden berechtigt warest anzusehen, zerstorend gefallen! Unter allen Dingen ist menschliche Bescheidenheit am leichtesten totgerauchert oder totgeschwefelt, und manches Lob ist so schadlich wie eine Verleumdung. Im Narrenhause sehen wir, dass der Mensch andern aufs Wort glaubt, er sei narrisch1, und in Palasten sehen wir, dass er ihnen aufs Wort glaubt, er sei weise. Uberhaupt war Gustav denn ein Mann ist oft an einem Abend bestimmt, nicht nur lauter schlechte Spiele hintereinander zu machen, sondern auch oft lauter unbedachtsame Streiche am Komodienabend fast zu letztem ausersehen.
.... Endlich ist Bousens Geburtfest da .... Mein Gustav! Noch heute weinen deine Augen nach!
Das Fest zerspallt sich in drei Gange Comedie Souper und bal pare. Im Grunde ist noch ein vierter Gang: ein Fall.
Am Tage des Drama leerte sich das neue Schloss in das furstliche zu Oberscheerau aus. Gustav dachte unterwegs (im Wagen Oefels) an seinen Brief, den er ubergeben wollte, und an den guten Doktor Fenk ein wenig; aber die abgekurzten Tage gaben ihm zu Besuchen keine Musse. Sein Fehler war, dass die Gegenwart vor ihm allemal wie ein Wasserfall alle ferne Laute uberrauschte, und er ware vielleicht nicht einmal zu mir gekommen, wenn mich mein beschwerter juristischer Arbeittisch in die Stadt gelassen hatte.
Er sah seine Marie zehnmal hunderttausend neue Reize .... ich will aber uber mich herrschen: so viel ist psychologisch wahr, dass ein bekanntes Madchen uns an einem fremden Orte auch fremd, aber nur desto schoner wird. Dieses hatte Beata mit der strahlenden Residentin gemein, aber ein gewisser Hauch von bescheidner Furchtsamkeit verschonerte sie mit seinem Schleier allein. Warum war Gustav diesesmal von ihr verschieden? Darum: die mannliche Blodigkeit liegt bloss in der Erziehung und in Verhaltnissen; die weibliche tief in der Natur der Mann hat innerlichen Mut und bloss oft ausserliche Unbehulflichkeit; die Frau hat diese nicht und ist dennoch scheu jener druckt seine Ehrfurcht durch Hinzutreten, diese durch Zuruckweichen aus.
Die Ohnmachtige, die sogenannte Defaillante, oder die Ministerin heute ausgenommen! Ihr Winken und Blinken, ihr Lispeln und Zappeln, ihr Witzeln und Kitzeln, ihr Furchten und Wagen, ihr Kokettieren und Persiflieren wie soll das der einbeinige Jean Paul biographisch kopieren in gemeiner schlechter Prose? Gleichwohl ists gar nicht anders zu machen, und er muss. Wenn die bunten Kopfe der Weiber im grossen Garten der Natur die blauen, roten Glaskugeln auf lackierten Stativen vorzustellen hatten (welches unter hundert Mannern nicht einer glaubt): so wurd' ich in meiner Schilderung so fortfahren: der Ministerin ihrer war nicht ubel, sondern bunt; dieser Kopf war ein kurzer pragmatischer Auszug aus zehn andern Kopfen, die namlich Haare, Zahne, Federn dazu zusammenschossen.
Sie war eine Antike von grosser Schonheit, die aber nach den Verwustungen der Jahre und Menschen nicht mehr unbeschadigt zu haben war; sie musste also durch geschickte Bildhauer mit neuen Gliedern z.B. Busen, Zahnen erganzet werden.
Auf den Wangen war die Legierung mit Rot, die tiefere Nachbarschaft wurde mit Weiss2 legiert.
Diejenigen Zahne, die den Menschen in die Reihe der grasfressenden Tiere setzen, die Schneidezahne, waren um so mehr so weiss wie Elfenbein, weil sie selber eines waren, und waren aus dem Munde eines grasfressenden Tieres; ich mag nun darunter einen Elefanten oder einen gemeinen Mann verstehen, der die Zahne, die er als Ableger einem edlern Stamm einimpfet, selten in etwas anders als Vegetabilien setzet: so ist doch so viel gewiss, dass kein andrer Nachsatz dieses Periodens herpasset als der: sie hatte noch einmal so viel Zahne als andre Christinnen, und zwei Goldfaden dazu, weil der Zahnarzt die einen allemal im Hause und unter der Burste hatte, wahrend die andern die Dental-Buchstaben aussprachen.
Da man nach den neuesten Lehrbuchern die Trigonometrie und die Busen bloss in ebene und spharische einteilen kann, und da sie ganz die scheinbare Wahl vor sich hatte: so zog ihr messkunstlicher Geist diejenigen Grossen, die dem Messkunstler die meiste Anstrengung und das meiste Vergnugen geben, vor die spharischen.
Der Anzug selber suchte, von den Schuhrosetten bis zu den Hutrosetten, seinen Wert in der Form weit weniger als in der Materie und konnte mithin weniger mit den Augen als auf Juwelier-Waagen geschatzet werden, weniger nach Schonheitlinien als nach Karats es blieb also zwischen ihr und ihrer gesetzgebenden Puppe immer ein Unterschied; ubrigens musste sie sich nach dieser so gut wie jede andre tragen. Ich will nur ein Wort zu seiner Zeit uber die Puppen sagen.
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Das Wort uber die Puppen
Diese Holzer haben bekanntlich die gesetzgebende Macht uber den schonern Teil der weiblichen Welt in Handen; denn sie sind die Legaten und Vizekoniginnen, welche aus Paris von der im Putz regierenden Linie abgeschickt werden, damit sie die weiblichen deutschen Kreise regieren und diese holzernen Plenipotentiare senden wieder ihre Kopfe (Haubenkopfe) als missi regii weiter herunter, damit diese die gemeinem Honoratiorinnen beherrschen. Konnen diese regierenden Haupter von Holz nicht selber kommen: so schicken sie wie lebende Fursten im geheimen Rate ihre Stelle durch ihr Portrat versehen lassen ihre Gesetze und ihre Bildnisse in Schmaussens Corpus aller Reichsabschiede der Mode, welches Corpus wir alle unter dem Namen Modejournal in Handen haben. Bei solchen Umstanden da ein Holz dem andern in die Hande arbeitet, aber uneigennutziger als ganze Kollegien, da ferner jahrlich neue wie die Prokonsule gewahlet werden wunder' ich mich nicht, dass es mit dem Regimentwesen an den Toiletten gut bestellet ist, und dass das ganze weibliche gemeine Wesen, das Manner nicht beherrschen konnen, von den in Bassgeigenfutteralen geschickten Wahlregentinnen, die in dieser Aristokratie von Petersburg bis nach Lissabon stehen und lenken, vortrefflich in Ordnung und unter Gesetzen erhalten wird.
Ich bin der Mann nicht, dem man es erst zu sagen braucht, dass die Puppen, auch die holzernen, uberkleidete Statuen sind, die man verdienten Frauen (in Rucksicht des Anzugs) setzet; vielmehr bin ich uberzeugt, dass diese offentlichen Denkmaler, die man dem ankleidenden Verdienste errichtet, schon recht viele zur Nacheiferung angefrischet haben und hoffentlich noch mehre anfrischen werden, da ein grosser Mann selten so viel Gutes wirkt als seine Statue, die man verehrt; aber ein Hauptpunkt, ohne den sonst alles hinkt, ist offenbar der, dass die Statuen zu sehen sein mussen. Ohne den geb' ich keinen Deut fur alles. Was Sokrates an der Philosophie tat, mocht' ich an den besten Puppen tun und sie vom Himmel der Grossen auf die Erde des Pobels ziehen. Ich meine, dass, wenn man die Marienbilder oder auch selber Apostel und Heilige, die man in katholischen Kirchen bisher ohne den geringsten Nutzen und Geschmack aus- und anzog, vernunftiger und zweckmassiger ankleidete, namlich so wie die franzosischen Puppen wenn die Kirche sich allemal jedes Monat des Modejournals kommen liesse und nach dessen farbigen Vorbildern die Marien (als Damen) und die Apostel (als Herrn) umkleidete und um die Altare stellte: so wurden diese Leute mit mehr Lust nachgeahmet und verehret werden, und man wusste doch, weswegen man in die Kirche ginge und was sie gerade in Paris oder Versailles anhaben; man wurde die Moden zu rechter Zeit erfahren, und selbst der Pobel wurde etwas Vernunftigeres umlegen, die Apostel wurden die Flugelmanner des Anzugs und die Marie die wahre Himmel-Konigin der Weiber werden. So mussen kirchliche Vorurteile zu Staats-Vorteilen genutzet werden; ebenso wendete der Dominikaner-Monch Rocco in Neapel (nach Munter) die Verschwendung, am Altar der Maria auf der Strasse Lampen zu brennen, zur Vermehrung dieser Gassen-Altare und zur StrassenErleuchtung an.
Ende des Worts uber die Puppen
Ich bin dem Leser noch die Ursache schuldig, aus der die Ministerin sich zur Jeannen-Rolle drangte es war, weil ihre Rolle ihr einen kurzern Rock erlaubte, oder mit andern Worten, weil sie alsdann ihre lilliputischen Grazien-Fusse leichter spielen lassen konnte. An ihrer Schonheit waren sie das einzige Unsterbliche, wie am Achilles das einzige Sterbliche; in der Tat hatten sie, wie des Damhirschchen seine, zu Tabakstopfern getaugt.
Wie viel besser nahm sich Oefel aus! Der ist ein Narr geradezu, aber in gehorigem Masse. Die Residentin uberholte jene in jeder Biegung des Arms, den ein Maler, und in jeder Hebung des Fusses, den eine Gottin zu bewegen schien; sogar im Auflegen des Rots, woran die Bouse ihre Wangen bei einer Furstin angewohnen musste, welche von allen ihren Hofdamen diese fluchtige Fleischgebung zu fodern pflegte ihr Rot bestreifte, wie der Widerschein eines roten Sonnenschirms, sie nur mit einer leisen Mitteltinte .... In Rucksicht der Schonheit unterschied sich die ihrige von der ministeriellen, wie die Tugend von der Heuchelei ....
Das Drama wurde von den funf Spielern nicht im Operhause, sondern in einem Saale des Schlosses, der die Kronung der Residentin begunstigte, in die Welt geboren. Ich war nicht dabei; aber man hinterbrachte mir alles. Die gute Marie, Beata, hatte zu viele Empfindung, um sie zu zeigen; sie fuhlte, dass sie die Wiederholung ihres Schicksals dramatisiere, und sie besass zu viele von den guten Grundzugen des weiblichen Charakters, um sie vor so vielen Augen zu entblossen. Ihre beste Rolle spielte sie also innerlich. Henri, Gustav, spielte ausser der innerlichen auch die ausserliche gut, aus der namlichen Ursache. Nebst der Musik isolierte und hob ihn gerade die Menge, die ihn umsass, aus der Menge; und das Feierliche gab seinen innern Wellen die Starke und Hohe, um die aussern zu uberwaltigen. Der Brief, den er uberreichen wollte, verwirrte seine Rolle mit seiner Geschichte, die ich schreibe; und das falsche Lob, das die Ministerin seiner neulichen Proberolle aus eben der unuberzeugten Affektation gegeben hatte, woraus sie die ihrige uberspannte, half ihm wahres ernten. Der blodeste Mensch ist, wenn viel Phantasie unter seinen Taten glimmt, der herzhafteste, wenn sie emporlodert.
Es ware lacherlich, wenn mein Lob von der Warme seines Spiels bis zur Feinheit desselben ginge; aber die Zuschauer vergaben ihm gern, weil die Armut an letzter3 sich mit dem Reichtum an erster verband, um sie in die Tauschung zu ziehen, er sei von Lande und bloss Henri.
Dieses Feuer gehorte dazu, um seiner geliebten Marie Beata an der Stelle, wo er ihr die Bruderschaft aufkundigt, den wahren Liebebrief zu geben sie faltete ihn zufolge ihrer Rolle auf unendlich schon hatt' er die sein ganzes Leben umschlingende Worte gesagt: "O doch, ich bin ja dein Bruder nicht" sie blickte auf seinen Namen darin sie erriet es schon halb aus der Art der Ubergabe (denn sicher mankierte noch kein Madchen einer mannlichen List, die es zu vollenden hatte) aber es war ihr unmoglich, in eine verstellte Ohnmacht zu fallen denn eine wahre befiel sie die Ohnmacht uberschritt die Rolle ein wenig Gustav hielt alles fur Spass, die Ministerin auch und beneidete ihr die Gabe der Tauschung. Henri weckte sie bloss mit Mitteln, die ihm sein Rollen-Papier vorschrieb, wieder auf, und sie spielte in einer Verwirrung, die der Kampf aller Empfindungen, der Liebe, der Besturzung und der Anstrengung, gebar, und in einer andern als theatralischen Verschonerung bis zu Ende Henris Geliebte, um nicht Gustavs seine zu spielen. Nach dem Spiele musste sie allen ubrigen Lustigkeiten des heutigen Abends entsagen und in einem Zimmer, das ihr der Furst so wie der Doktor mit vielem empressement aufdrang, Ruhe fur ihre nachzitternden Nerven und im Briefe Unruhe fur ihren schlagenden Busen suchen. Ich hebe, Teure, den Vorhang immer hoher auf, der damals noch das verhullte, was jetzt deinen Nerven und deiner Brust die Ruhe nimmt!
Gustav sah nichts; an der Tafel, woran er sie vermisste, hatt' er nicht den Mut, seine fremden Nachbarinnen um sie zu fragen. Andre Dinge fragt' er kuhner heute; nicht bloss der heutige Beifall war eine Eisenund Stahlkur fur seinen Mut gewesen, sondern auch der Wein, den er nicht trank, sondern ass an den narrischen Olla Potridas der Grossen. Dieses gegessene Getrank feuerte ihn an, die Bonmots wirklich zu offenbaren, die er sich sonst nur innerlich sagte. Und hier bezeug' ich offentlich, dass es mich noch bis auf diese Minute krankt, dass ich sonst bei meinem Eintritte in die grosse Welt ein ahnlicher Narr war und Dinge dachte, die ich hatte sagen sollen. Besonders bereu' ich dies, dass ich zu einer Tranchee-Majorin, die ihr kleines Madchen an der Hand und eine Rose, aus deren Mitte eine kleine gesprosset war, am Busen hatte, nicht gesagt habe: Vous voila! und dass ich nicht auf die Rose gewiesen, ob ich gleich das ganze Bonmot schon fertig gegossen im Kopfe liegen hatte. Ich fuhrte nachher die Saillie lange in den Gehirnkammern herum und passte auf, brennte sie aber zuletzt doch auf eine recht dumme Weise los und darf die Person hier nicht einmal nennen.
Da eine Winterlandschaft mit einem kunstlichen Reife, der in der Warme des Zimmers zerfloss und einen belaubten Fruhling aufdeckte, unter den SchauGerichten, den optischen Prunk-Gerichten der Grossen, mit stand: so hatte Gustav einen hubschen Einfall daruber, den man mir nicht mehr sagen konnte. Gleichwohl ob er gleich unter dem schonsten Deckenstucke und auf dem niedlichsten Stuhle ass: so nahm er doch, als ein blosser Hof-Anhanger, an allem Anteil, was er sagte, und an jedem, mit dem er sprach; dir war noch, du Seliger, keine Wahrheit und kein Mensch gleichgultig. Aber er steht dir noch bevor, jener herbe Ubergang von Hass und Liebe zur Gleichgultigkeit, welchen alle auszustehen haben, die mit vielen Menschen oder mit vielen Satzen, fur die sie kalt bleiben mussen, sich abgeben!
Die Residentin zog seine scheuen Talente heute mehr als sonst ans Licht und beschonigte den Anteil, den sie an ihm nahm, leicht mit seinen Theater-Verdiensten um sie. Endlich fing das dritte Schauspiel an, worin mehre als in den beiden andern glanzen konnten; denn es wurde nur mit den Fussen gespielt der Ball kam. Tanzen ist der weiblichen Welt das, was das Spielen der grossen ist eine schone Vakanzzeit der Zungen, die oft unbeholfen, oft gefahrlich werden. Fur einen Kopf wie der Gustavische, der so viele Besturmungen seiner Sinne heute zum ersten Male erfahren, war ein Tanzsaal ein neues Jerusalem. In der Tat ein Tanzsaal ist etwas; sehet in den hinein, wo Gustav springt! Jedes Saiten- und Blasinstrument wird zum Hebebaum, der die Herzen aus dem kargen misstrauischen Alltagleben aufhebt: die Tanze mengen die Menschen wie Karten in- und auseinander, und die tonende Atmosphare um sie fasset die trunkne Masse in eines ein so viele Menschen und zu einem so freudigen Zwecke verknupft, durch umringende Helldammerung, geblendet, durch ihre klopfenden Herzen begeistert, mussen den Freudenbecher wenigstens kredenzen, welchen Gustav gar austrank; denn ihn, dem jede Dame eine Dogaressa4 ist, begeisterte jede Hand-Beruhrung, und der Tumult von aussen weckte seinen ganzen innern so auf, dass die Musik, wie zuruckprallend, ihren aussern Geburtort verliess und nur in seinem Innern unter und neben seinen Gedanken zu entspringen und herauszutonen schien .... Wahrhaftig wenn man seine Ideen um einen lodernden Kronleuchter herumtragt, so werfen sie ein ganz anderes Licht zuruck, als wenn man damit vor einer okonomischen Lampe hockt! In phantasiereichen Menschen liegen, wie in heissen Landern oder auf hohen Bergen, alle Extreme enger aneinander: bei Gustav wollte jeden Augenblick die Entzuckung zur Wehmut werden und die Freude zur Liebe, und alle die Empfindungen, die ihm die Tanzerinnen einflossten, wollt' er seiner Einzigen bringen, die einsam wegstand. Gleichwohl war ihm, als wurde sie durch diese alle nicht sowohl als durch die Residentin ersetzt. Sogar durch das Drama, das mit dieser sich geschlossen und worin er fur ihre Kronung gespielet, wurde sie ihm lieber; ja ihr heutiger Geburttag selber war einer ihrer Reize in seinen Augen. Anders oder vernunftiger empfindet der Mensch nie. Kurz die Residentin gewann bei allem, wessen ihn heute das Wegsein seiner Beata beraubte. Er hatte heute zum ersten Male von der Residentin, die er ausserordentlich achtete, mehr angefasset als einen Handschuh mehr, namlich ihre Arm- und Ruckenschienen, mit andern Worten ihr Kleid daruber: an Arm und Rucken, obwohl nicht an Handen, ist Bekleidung so viel wie keine. Gustav! philosophiere und schlafe lieber ....
Aus ist der bal pare aber der Teufel geht erst an. Oefels Wagen fuhr hinter dem Bousischen; am letzten entzundet sich eine versaumte Radachse unter der unnutzen Eiligkeit. Freilich wars Zufall, aber gewisse Menschen kennen keinen schlimmen, und ihre Absichten legen sich um jeden an. Oefel musst' ihr seinen anbieten. Die gute Beata war in ihrem Krankenzimmer mit einer kleinen weiblichen Dienerschaft gelassen. Er nahm ein Pferd von dem Wagen der Residentin; ihr liess er (ich weiss nicht, ob aus Galanterie gegen ihr Geschlecht oder aus Scharfsinn und Freundschaft fur seines und fur seinen Roman) meinen und ihren Helden. Ich wollt' es vor einem akademischen Senat ausfuhren, dass es fur einen, der erst ein Engel werden will, nichts Fataleres gibt als mit einer, die er schon fur einen halt, nachts aus einem Tanzsaale nach Hause zu fahren dennoch wurde meinem Helden kein Haar gekrummt, und er krummte auch keines.
Aber verliebter wurd' er, ohne zu wissen in wen.
Beata hatte keine ebenso gefahrliche Mitternacht oder Nachmitternacht; aber ich will erst seine abfertigen. Er kam mit der Residentin in ihrem Zimmer an. Er konnte und wollte von seinen heutigen Szenen gar nicht los. Dieses Zimmer stellte ihm alle die vergangnen dar, und in den Saiten des Klaviers verbarg sich eine ferne geliebte Stimme und hinter der Folie des Spiegels eine ferne geliebte Gestalt. Sehnsucht reihete sich wie eine dunkle Blume unter den bunten Freuden-Strauss; die Residentin gewann auch bei dieser dunkeln Blume. Sie war keine von den Koketten, welche die Sinne fruher zu bewegen suchen als das Herz; sie fiel erst in dieses mit dem ganzen Heer ihrer Reize ein und fuhrte nachher aus diesem, gleichsam in Feindes Land, den Krieg gegen jene. Sie selber war nicht anders zu erobern, als sie bekriegte. Wenn die Weiber der hohern Klasse, wie die Epigrammen, in solche, die Witz, und in andre, die Empfindung haben, einzuteilen sind: so glich sie mehr dem griechischen als dem gallischen Sinngedicht, wiewohl die griechische Ahnlichkeit taglich kleiner wurde. Die Maienluft ihres fruhern Lebens hatte einmal eine weisse Blute edler Liebe an ihr Herz geweht, wie oft ein Blutenblatt zwischen die gebeizten Federn oder Brillanten-Blumen des Damenhuts herunterzittert aber ihr Stand formte bald ihren Busen zu einem Potpourri um, auf dem gemalte Blumen der Liebe und in welchem ein faulender Bluten-Schober ist. Alle ihre Verirrungen blieben jedoch in den engern und schonern Grenzen, an denen eine unsichtbare Hand eines unausloschlichen Gefuhles sie anhielt. Die Ministerin hatte dieses Gefuhl nie gehabt, und ihre Herzens-Schreibtafel wurde immer schmutziger, je mehr sie hineinschrieb und herauswischte. Diese konnte durchaus keinen edlen Menschen blenden; jene konnt' es.
Jetzo nach dieser Abschweifung kann der Leser nicht mehr irre werden, wenn Bousens Betragen gegen Gustav weder aufrichtig noch verstellt, sondern beides ist. Sie zeigte ihm das Nachtstuck, das der russische Furst dagelassen und das sie der richtigern Beleuchtung wegen in ihrem Kabinette aufgehangen hatte. Es stellte bloss eine Nacht, einen aufgehenden Mond, eine Indianerin, die ihm auf einem Berge entgegenbetet, und einen Jungling vor, der auch Gebet und Arme an den Mond, die Augen aber auf die geliebte Beterin an seiner Seite richtete; im Hintergrund beleuchtete noch ein Johanniswurmchen eine mondlose Stelle. Sie blieben im Kabinett, die Residentin verlor sich in die gemalte Nacht, Gustav sprach daruber; endlich erwachte sie schnell aus ihrem Schauen und Schweigen mit den schlaftrunknen Worten: "Meine Geburtfeste machen mich allemal betrubt." Sie zeichnete ihm zum Beweise fast alle dunklern Partien ihrer Lebensgeschichte vor; das Trauer-Gemalde nahm seine Farben von ihrem Auge und ihrer Lippe, und seine Seele von ihrem Ton, und sie endigte damit. "Hier leidet jeder allein." Er ergriff in mitfuhlender Begeisterung ihre Hand und widerlegte sie vielleicht durch einen leisen Druck.
Sie liess ihm die Hand mit der unachtsamsten Miene; schien aber bald eine Laute neben ihnen, die sie ergriff, zum Vorwand zu nehmen, um die schone Hand zuruckzufuhren. "Ich war nie unglucklich," fuhr sie bewegt fort, "solange mein Bruder noch lebte." Sie nahm nun das Bild desselben, das sie auf ihrem schwesterlichen Busen trug, nach einer leichten, aber notwendigen Enthullung hervor und teilte es karg seinen Augen mit, und freigebig den ihrigen. Ob Gustav bei der Enthullung so verschiedner Geheimnisse bloss auf das gemalte Brustbild hingesehen das beurteilt mein Konrektor und sein Fuchspelzrock am vernunftigsten, welcher glaubt, es gebe keine schonere Runde als der Perioden ihre, und keine neuern Evas-Apfel als die im Alten Bunde. Mein PelzKonrektor hat gut vordozieren; aber Gustav, der der trauernden Residentin gegenubersitzt, welche sonst bloss die Form, nie die Farbe jener umlaubten verbotnen Frucht erraten liess, hat schwer lernen.
Die wenigsten waren, wie ich und der Konrektor, imstande gewesen, ihr das Bild eigenhandig wieder einzuhandigen.
"Dieses Kabinett", sagte sie, "lieb' ich, wenn ich traurig bin. Hier uberraschte mich mein Alban (Name des Bruders), da er aus London kam hier schrieb er seine Briefe hier wollt' er sterben, aber der Arzt liess ihn nicht aus seinem Zimmer." Sie liess unbewusst einen in die Luft versinkenden Akkord aus ihrer Laute schlupfen. Sie blickte Gustav traumerisch an, ihr Auge umzog sich mit immer feuchterem Schimmer. "Ihre Schwester ist noch glucklich!" sagte sie mit einem Trauerton, der allmachtig ist, wenn man ihn das erstemal von schonen und sonst lachenden Lippen hort. "Ach ich wollte," (sagte er mit sympathetischem Kummer) "ich hatte eine Schwester." Sie sah ihn mit einer kleinen forschenden Verwunderung an und sagte. "Auf dem Theater machten Sie heute gerade die umgekehrte Rolle gegen die namliche Person." Dort namlich gab' er sich falschlich fur einen Bruder der Beata, hier falschlich fur keinen aus, oder vielmehr, hier kundige er ihr seine Liebe auf. Sein fragendes Erstaunen hing an ihrem Munde und schwebte angstlich zwischen seiner Zunge und seinem Ohre. Sie fuhr gleichgultig fort: "Freilich sagt man, dass leibliche Bruder und Schwestern sich selten lieben; aber ich bin die erste Ausnahme; Sie werden die zweite sein." Sein Erstaunen wurde Erstarren ....
Es wurde dem Publikum auch so gehen, wenn ich nicht einen Absatz machte und es belehrte, dass die Residentin gar wohl die Luge geglaubt haben kann (im Grunde muss), die sie ihm sagte. Leute ihres Standes, denen das Furioso der Lustbarkeiten-Konzerts immer in die Ohren reisset, horen unebenburtige Neuigkeiten nur mit tauben oder gar halben sie kann mithin noch leichter als der Leser (und wer steht mir fur den?) den verlornen Sohn der Roperin und des Falkenbergs mit dem gegenwartigen der Rittmeisterin und des Falkenbergs vermenget haben. Ihr bisheriges Betragen ist so wenig wider meine Vermutung, als das bisherige des angeblichen Geschwisterpaars gegen ihre war; gleichwohl kann ich mich verrechnen.
Dieses Verrechnen wird aber durch ihr weiteres Betragen ganz unwahrscheinlich. Seine Verlegenheit gebar ihre; sie bedauerte ihre Voreiligkeit, ein Geschwisterpaar fur glucklich und liebend gepriesen zu haben, das sich meide und ungern von seinen Verhaltnissen spreche. Sie verbarg mit ihren Mienen ihre Absicht nicht, das Gesprach abzulenken, sondern zeigte sie mit Fleiss; aber zu ihrem Kummer, keinen Bruder zu haben, gesellete sich der Kummer, dass Gustav zwar eine Schwester habe, aber nicht liebe, und sie druckte ihre Sympathie mit dem ahnlichen Ungluck auf ihrer Laute immer schoner und leiser aus. Gustavs getauschte Seele, auf der noch das heutige Fest mit seinem Glanze stand, uberzogen die heftigsten und unahnlichsten Wogen Misstrauen kam nie in sein Herz, ob er gleich in seinem Kopfe genug davon zu haben meinte jetzt hatt' er die Wahl zwischen dem Throne und dem Grabe seiner heutigen Freude.
Denn starke Seelen kennen zwischen Himmel und Holle nichts kein Fegefeuer, keinen limbus infantum.
Die Residentin entschied sein Schwanken. Sie nahm sein Mienen-Chaos (- oder schien es, weil ich nicht das Herz habe, der Schoppenstuhl und die letzte Instanz so vieler tausend Leser zu sein ) fur die doppelte Verlegenheit und Betrubnis uber die Kalte, womit seine (angebliche) Schwester ihn behandle, und uber seine Familiengeschichte. Sie hatte bisher in seinen Augen ein Sehnen gefunden, das schonere Reize suchte als die ubrigen Hof-Augen sie hatte den Morgen, wo er Amandus' Grab erbat, und die Augen voll Liebe, die er vor ihr trocknete, in ihrem gefuhlvollen Herzen aufbewahrt folglich goss sie den zartlichsten Blick auf seinen heissen zog die zartlichste Stimme ihrer sympathetischen Brust aus ihren Lauten-Saiten wollte zuhullen ihr pochendes Herz und konnte nicht einmal sein Schlagen verstecken und fiel, als er die Bewegung des heftigsten Affektes machte, verloren, hingerissen, mit zitterndem Auge, mit uberwaltigtem Herzen, mit irrender Seele und mit dem einzigen grossen langsamen, tief heraufgeseufzeten Laute: "Bruder!!" an ihn.
Er an sie! ... Sie fuhlte das erstemal in ihrem Hofleben eine solche Umarmung; er das erstemal eine empfangne; denn an Beatens reinem Herzen hatt' er ihre Arme nie gefuhlt. O Bouse! hattest du ihr doch geglichen und warest eine Schwester geblieben! Aber du gabest mehr, als du bekamest, und reizetest zum Nehmen du rissest ihn und dich in einen verfinsternden Gefuhl-Orkan an deinem Busen verlor er dein Gesicht dein Herz sein eignes und als alle Sinne mit ihren ersten Kraften sturmten, alles, alles .....
Schutzgeist meines Gustavs! Du kannst ihn nicht mehr retten; aber heil ihn, wenn er verloren ist, wenn er verloren hat, alles, seine Tugend und seine Beata! Ziehe, wie ich, den traurigen Vorhang um seinen Fall und sage sogar zur Seele, die so gut ist wie seine: "Sei besser!"
Ehe wir zur Seele gehen, der ers sagt, zu Beata, wollen wir wenigstens einen einzigen Verteidiger fur den armen Gustav vernehmen, damit man ihn nicht zu tief verdamme. Der Verteidiger gibt bloss dieses zu bedenken: wenn die Weiber so leicht zu besiegen sind, so ist es, weil in allen Krieg-Verhaltnissen der angreifende Teil die Vorteile vor dem angegriffenen voraushat; kehret sich aber einmal der Fall um, und tritt eine Versucherin statt eines Versuchers auf: so wird derselbe Versuchte, der nie eine Unschuld angefeindet hatte, die seinige verlieren in der ungewohnlichen Umkehrung der Verhaltnisse, und zwar um so leichter, je mehr die weibliche Versuchung zarter, feiner und durchdringender ist als die mannliche. Daher verfuhren zwar Manner; aber Junglinge werden gewohnlich anfangs verfuhrt und eine Versucherin bildet zehn Versucher.
Verzeihe, reine Beata, uns allen den Ubergang zu dir! Du hutest in dieser Spatnacht ein Zimmer des furstlichen Schlosses ganz einsam, aber mit Freuden an Freuden; denn du hattest Gustavs Brief an dich in der Hand und an der Brust; und im ganzen Palast war heute die kranklichste Seele die glucklichste; denn der Brief, den sie einsam lesen, kussen, ohne innere und aussere Sturme ausgeniessen konnte, leuchtete ihrem zarten Auge milder als die Gegenwart des Gegenstandes, dessen Gluhfeuer erst durch eine Entfernung zur wehenden Warme fiel; seine Gegenwart uberhaufte sie mit Genuss zu sehr, und sie umarmte da jeden Augenblick den Genius ihrer Tugend, wenn sie glaubte, bloss ihren Freund zu umfassen. In dieser Lenz-Entzuckung, als sie in der einen Hand den Brief und in der andern den Genius der Tugend hatte, storte sie der scheerauische Furst. So schiebt sich auf dem Bauch eine Krote in ein Blumenbeet.
Einer Frau wird ihr Betragen in solchem Fall nur dann schwer, wenn sie noch unentschlossen zwischen Gleichgultigkeit und Liebe schwankt; oder auch wenn sie trotz aller Kalte aus Eitelkeit doch gerade so viel bewilligen mochte, dass die Tugend nichts verlore und die Liebe nichts gewonne; hingegen im Fall der vollendeten tugendhaften Entschlossenheit kann sie sich frei der innern Tugend uberlassen, die fur sie kampfet, und sie braucht kaum uber Zunge und Mienen zu wachen, weil diese schon verdachtig sind, wenn sie eine Wache begehren. Die Art, wie Beata den Brief einsteckte, war der einzige kleine Halbton in dieser vollen Harmonie einer gerusteten Tugend. Der scheerauische Thron-Insass entschuldigte seine Erscheinung mit seiner Sorgfalt fur ihre Gesundheit. Er setzte sein folgendes Gesprach aus der franzosischen Sprache der besten, wenn man mit Weibern und mit Witzigen sprechen will und aus jenen Wendungen zusammen, mit denen man alles sagen kann, was man will, ohne sich und den andern zu genieren, die alles nur halb und von dieser Halfte wieder ein Viertel im Scherze und alles mehr verbindlich als schmeichelnd und mehr kuhn als aufrichtig vortragen.
"So hab' ich Sie" sagt' er mit einer verbindlichen Verwunderung "heute den ganzen Abend in meinem Kopfe abgemalt gesehen; meine Phantasie hat Ihnen nichts genommen, ausser die Gegenwart. Wenn das Schicksal mit sich reden liesse: so hatt' ich auf dem ganzen Ball mit ihm gezankt, dass es gerade der Person, die uns heute so viel Vergnugen gab, das ihrige nahm."
"O" sagte sie "das gute Schicksal gab mir heute mehr Vergnugen, als ich geben konnte." Obgleich der Furst unter die Personen gehort, mit denen man uber nichts sprechen mag: so sagte sie dieses doch mit Empfindung, die aber nichts als ein Dank ans Schicksal fur die vorherige frohe Lese-Stunde war.
"Sie sind" (sagt' er mit einer feinen Miene, die einen andern Sinn in Beatens Rede legen sollte) "ein wenig Egoistin. Das ist Ihr Talent nicht Ihres muss sein, nicht allein zu sein. Sie verbargen bisher Ihr Gesicht wie Ihr Herz; glauben Sie, dass an meinem Hofe niemand wert ist, beide zu bewundern und zu sehen?" Fur Beata, die glaubte, sie hatte nicht notig bescheiden zu sein, sondern demutig, war ein solches Lob so gross, dass sie gar nicht daran dachte, es zu widerlegen. Sein Blick sah nach einer Antwort; aber sie gab ihm uberhaupt so selten als moglich eine, weil jeder Schritt die alte Schlinge mit in die neue tragt. Er hatte ihre Hand anfangs mit der Miene gesucht, womit man sie einem Kranken nimmt: sie hatte sie ihm gleichgultig gelassen; aber wie einen toten Handschuh hatte sie ihre in seine gebettet alle seine Gefuhlspitzen konnten nicht das geringste Regsame an ihr aushorchen; sie zog sie weder langsam noch hurtig bei der nachsten Erweiterung aus der rostigen Scheide heraus.
Der Tanz, der Tag, die Nacht, die Stille gaben seinen Worten heute mehr Feuer, als sonst darin lag. "Die Lose" sagt' er und spielte pikiert mit einer Munze der Westentasche, um die geflohene Hand zu ersetzen "sind unglucklich gefallen. Die Personen, die das Talent haben, Empfindungen einzuflossen, haben zum Ungluck oft das feindselige, selber keine zu erwidern." Er heftete seinen Blick plotzlich auf ihre Hemdnadel, an der eine Perle und das Wort "l'amitie" glanzte; er sah wieder auf seine bolognesische Munze, auf der wie auf allen bolognesischen das Wort "libertas" (Freiheit) stand. "Sie gehen mit der Freundschaft wie Bologna mit der Freiheit um beide tragen das als Legende, was sie nicht haben." Die edleren Menschen konnen die Worte "Freundschaft, Empfindung, Tugend" auch von den unedelsten nicht horen, ohne bei diesen Worten das Grosse zu denken, wozu ihr Herz fahig ist. Beata bedeckte einen Seufzer mit ihrer steigenden Brust, der es nur gar zu deutlich sagen wollte, was Empfindung und Freundschaft ihr fur Freuden und fur Schmerzen gaben; aber den Fursten ging er nichts an.
Sein haschender Blick, den er nicht seinem Geschlecht, sondern seinem Stande verdankte, erwischte den Seufzer, den er nicht horte. Er machte auf einmal wider die Natur der Appellation und der Natur einen dialogischen Sprung: "Verstehen Sie mich nicht?" sagt' er mit einem Tone voll hoffender Ehrerbietung. Sie sagte kalter, als der Seufzer versprach, sie konne heute mit ihrem kranken Kopfe nichts tun, als ihn auf den Arm stutzen, und bloss der mache ihr es schwer, die Ehrfurcht einer Untertanin und die Verschiedenheit ihrer Meinungen von den seinigen mit gleicher Starke auszudrucken. Gleich Raubtieren haschte er, wenn Schleichen zu nichts fuhrte, durch Sprunge. "O doch!" (sagt' er und machte Henris Liebeerklarung zur seinigen) "Marie! ich bin ja Ihr Bruder nicht." Eine Frau gewinnt, wenn sie zu lange gewisse Erklarungen nicht verstehen will, nichts als die deutlichsten. Er lag noch dazu in Henris Attitude vor ihr. "Erlassen Sie mir", antwortete sie, "die Wahl, es fur Scherz oder fur Ernst zu halten ausser dem Theater bin ich unfahiger, den Rosen-Preis zu verdienen oder zu vernachlassigen; aber Sie sinds, die Sie ihn uberall bloss geben mussen." "Wem aber?" (sagt' er, und man sieht daraus, dass gegen solche Leute keine Grunde helfen) "ich vergesse uber die Schonen alle Hasslichen und uber die Schonste alle Schonen ich gebe Ihnen den Preis der Tugend, geben Sie mir den der Empfindung oder darf ich mir ihn geben?" und hastig zuckten seine Lippen nach ihren Wangen, auf denen bisher mehr Tranen als Kusse waren; allein sie wich ihm mit einem kalten Erstaunen, das er an allen Weibern warmer gefunden hatte, weder um einen Zoll zu viel noch zu wenig aus und reichte bei ihm in einem Tone, in dem man zugleich die Ehrfurcht einer Untertanin, die Ruhe einer Tugendhaften und die Kalte einer Unerbittlichen fand, kurz in einem Tone, als hatte ihre Bitte mit dem Vorgegangnen gar keine Verbindung, auf diese Art reichte sie ihre untertanige Supplik ein, er mochte allergnadigst sich, da ihr der Doktor gesagt hatte, sie konne heute nichts Schlimmers tun als wachen, sich wie ich mich ausgedruckt haben wurde zum Henker scheren. Eh' er so weit ging: badinierte er noch einige Minuten, kam daruber beinahe wieder in den alten Ton, legte seine InhasivPro-Reprotestationen ein und zog ab.
Nichts als die Ruhe, die sie aus den Handen der Tugend und der Liebe und des Gustavischen Briefes hatte, gab ihr das Gluck, dass dieser Jakob oder Jack sich an diesem Engel eine Hufte ausrenkte; was freilich den matten Jaques um so mehr verdross, je mehr der Engel sich unter dem Ringen verschonerte, da jede weibliche Unruhe bekanntlich ein augenblickliches Schmink- und Schonheitmittel wird.
In euerem ganzen Leben, Gustav und Beata, schluget ihr eure Augen nie mit so verschiednem Gefuhl vor einem Morgen auf als an dem, wo sich Beata nichts und Gustav alles vorzuwerfen hatte. Uber den ganzen versunkenen Fruhling seines Lebens schlichtete sich ein langer Winter; er hatte ausser sich keine Freude, in sich keinen Trost und vor sich statt der Hoffnung Reue.
Er riss sich mit so vieler Schonung, als seine Verzweiflung zuliess, von den Gegenstanden seines Jammers los und jagte sein sprudelndes Blut nach Auenthal zu Wutz in meine Stube. Ich sah an nichts mehr, dass er noch Gefuhl und Leben hatte, als am Gewitterregen seiner Augen. Er fing vergeblich an; unter Blut, Ideen und Tranen sanken seine Worte unter endlich wandte er sich, hochaufgluhend, von mir gegen das Fenster und erzahlte mir, auf einen Ort blickend, seinen Fall, den er von sich selbst herunter getan. Darauf, um sich an sich selber durch seine Beschamung zu rachen, liess er sich ansehen, hielt es aber nicht langer aus, als bis er zum Namen Beata kam: hier, wo er mich zum ersten Male vor den gewichnen Blumengarten seiner ersten Liebe fuhrte, musst' er sich das Gesicht zuhullen und sagte: "O ich war gar zu glucklich und bin gar zu unglucklich."
Die Tauschung der Residentin, welche ihn fur den Bruder Beatens gehalten, konnt' ich ihm leicht aus der Ahnlichkeit der Bildnisse von ihm und dem ersten Sohne ihrer Mutter erklaren. Zuerst sucht' ich ihm den wichtigsten Kredit wieder zu geben den, den man bei sich selber finden muss: wer sich keine moralische Starke zutrauet, busset sie am Ende wirklich ein. Sein Fall kam bloss von seiner neuen Lage; an einer Versuchung ist nichts so gefahrlich als ihre Neuheit; die Menschen und die Pendul-Uhren gehen bloss in einerlei Temperatur am richtigsten. Ubrigens bitt' ich die Romanenschreiber, die es noch leichter finden, als das Gefuhl und die Erfahrung es bestatigen, dass zwei ganz reine seelenvolle Seelen ihre Liebe in einen Fall verwandeln, nicht meinen Helden zum Beweise zu nehmen; denn hier mangelte die zweite reine Seele; hingegen die Vereinigung aller Farben von zwei schonen Seelen (Gustavs und Beatens) wird immer nur die weisse der Unschuld geben.
Sein Entschluss war der, von Beaten sich auf immer in einem Briefe abzureissen das Schloss mit allen Gegenstanden, die ihn an seine schonen Tage oder an seinen unglucklichen erinnerten, zu verlassen den Winter bei seinen Eltern, die ihn allemal in der Stadt zubrachten, zu verleben oder zu verseufzen und dann im Sommer mit Oefel die Karten zum Spiel des Lebens von neuem zu mischen, um zu sehen, was es noch, wenn die Seelenruhe verloren ist, zu gewinnen oder einzubussen gabe .... Schoner Unglucklicher! warum legt gerade jetzt deine gegenwartige Geschichte, da ich mit ihr meine geschriebne zusammenfuhren konnte, Flore um? Warum fallen gerade deine kurzen truben Tage in die kurzen truben des Kalenders hinein? O in diesem Trauer-Winter wird mich keine Himmelleiter des Enthusiasmus mehr in die Hohe richten, um die Bluten-Landschaft deines Lebens zu uberschauen und abzuzeichnen, und ich werde wenig von dir schreiben, um dich ofter in meine Arme zu nehmen!
Und ihr entsetzlichen Seelen, die ihr einen Fehltritt, an dem Gustav sterben will, unter eure Vorzuge und eure Freuden rechnet, die ihr die Unschuld nicht, wie er, selber verliert, sondern fremde mordet, darf ich ihn durch eure Nachbarschaft auf dem Papier besudeln? Was werdet ihr noch aus unserem Jahrhundert machen? Ihr gekronten, gestirnten, turnierfahigen, infulierten Hamlinge! Davon ist die Rede nicht und ich hab' es nie getadelt, dass ihr aus euren Standen die sogenannte Tugend (d.h. den Schein davon), die ein so sproder Zusatz in euren weiblichen Metallen ist, mit so viel Glasfeuer, als ihr zusammenbringen konnt, herausbrennt und niederschlagt denn in euren Standen hat Verfuhrung keinen Namen mehr, keine Bedeutung, keine schlimme Folgen, und ihr schadet da wenig oder nicht aber in unsere mittleren Stande, auf unsere Lammer schiesset, ihr Greif- und Lammergeier, nicht herab! Bei uns seid ihr noch eine Epidemie (ich falle, wie ihr, in eine Vermischung, aber nur der Metaphern), die mehr wegreisset, weil sie neuer ist. Raubet und totet da lieber alles andre als eine weibliche Tugend! Nur in einem Jahrhundert wie unsers, wo man alle schonen Gefuhle starkt, nur das der Ehre nicht, kann man die weibliche, die bloss in Keuschheit besteht, mit Fussen treten und wie der Wilde einen Baum auf immer umhauen, um ihm seine ersten und letzten Fruchte zu nehmen. Der Raub einer weiblichen Ehre ist so viel als der Raub einer mannlichen, d.h. du zerschlagst das Wappen eines hohern Adels, zerknickst den Degen, nimmst die Sporen ab, zerreissest den Adelbrief und Stammbaum; das, was der Scharfrichter am Manne tut, vollstreckest du an einem armen Geschopfe, das diesen Henker liebt und bloss seine unverhaltnismassige Phantasie nicht bandigen kann. Abscheulich! Und solcher Opfer, welche die mannlichen Hande mit einem ewigen Halseisen an die Unehre befestigt haben, stehen in den Gassen Wiens zweitausend, in den Gassen von Paris dreissigtausend, in den Gassen von London funfzigtausend. Entsetzlich! Todes-Engel der Rache! zahle die Tranen nicht, die unser Geschlecht aus dem weiblichen Auge ausdruckt und brennend aufs schwache weibliche Herz rinnen lasst! Miss die Seufzer und die Qualen nicht, unter denen die Freuden-Madchen verscheiden und an denen den eisernen Freuden-Mann nichts dauert, als dass er sich an ein andres Bett, das kein Sterbebette ist, begeben muss!
Sanftes, treues, aber schwaches Geschlecht! Warum sind alle Krafte deiner Seele so glanzend und gross, dass deine Besonnenheit zu bleich und klein dagegen ist? Warum beweget sich in deinem Herzen eine angeborne Achtung fur ein Geschlecht, das die deinige nicht schont? Je mehr ihr eure Seelen schmukket, je mehr Grazien ihr aus euren Gliedern machet, je mehr Liebe in eurem Herzen wallet und durch eure Augen bricht, je mehr ihr euch zu Engeln umzaubert: desto mehr suchen wir diese Engel aus ihrem Himmel zu werfen, und gerade im Jahrhundert eurer Verschonerung vereinigen sich alle, Schriftsteller, Kunstler und Grosse, zu einem Wald von Giftbaumen, unter denen ihr sterben sollt, und wir schatzen einander nach den meisten Brunnen- und Kelchvergiftungen fur eure Lippen!
Fussnoten
1 Denn man konnte einen Menschen durch die Versicherung narrisch machen, er sei narrisch. Die Freunde vom jungern Crebillon beredeten sich einmal, an einem geselligen frohen Abende uber keinen Einfall von ihm zu lachen, sondern nur mitleidig zu schweigen, als hab' er nun allen Witz verloren. Und die Sache wurd' ihm auch glaublich gemacht. Wieder andere Schriftsteller werden durch ihre Freunde gerade mit dem umgekehrten Irrtum noch lebhafter getauscht, dass sie glauben, Witz zu haben. 2 Legierung des Goldes mit Kupfer heisset die mit Rot, die mit Silber heisst die mit Weiss. 3 Namlich bloss an konventioneller; denn es gibt eine gewisse bessere, von der nicht allemal jene, aber wohl allemal gebildete Gute des Herzens und Kopfes begleitet wird. 4 Frau des Doge.
Achtunddreissigster oder Neujahr-Sektor
Nachtmusik Abschiedbrief mein Zanken und
Kranken
Ich hatte auf heute vor, Spass zu machen, meine Biographie einen gedruckten Neujahrwunsch an den Leser zu nennen und statt der Wunsche scherzhafte Neujahr-Fluche zu tun und dergleichen mehr. Aber ich kann nicht und werd' es uberhaupt bald gar nicht mehr konnen. Welches plumpe ausgebrannte Herz mussen die Menschen haben, welche im Angesichte des ersten Tages, der sie unter 364 andre gebuckte, ernste, klagende und zerrinnende hineinfuhret, die tobende schreiende Freude der Tiere dem weichen stillen und ans Weinen grenzenden Vergnugen des Menschen vorzuziehen imstande sind! Ihr musset nicht wissen, was die Worter "erster" und "letzter" sagen, wenn ihr nicht daruber, sie mogen einem Tage oder einem Buche oder einem Menschen gegeben werden, tiefern Atem zieht; ihr musset noch weniger wissen, was der Mensch vor dem Tiere voraushat, wenn in euch der Zwischenraum zwischen Freude und Sehnsucht so gross ist und wenn nicht beide in euch eine Trane vereinigt! Du Himmel und Erde, eure jetzige Gestalt ist ein Bild (wie eine Mutter) einer solchen hineinblickende Lichtwelt, die Sonne, verwandelt den blauen Ather um sich in eine blaue Nacht, die sich uber den blitzenden Grund der beschneiten Erde noch tiefer schattiert, und der Mensch sieht sehnend an seinem Himmel eine herubergezogene Nacht und eine Licht-Ritze: die tiefe Offnung und Strasse gegen hellere Welten hin ....
Die vergangne Nacht fuhrt noch meine Feder. Es ist namlich in Auenthal wie an vielen Orten Sitte, dass in der letzten feierlichen Nacht des Jahrs auf dem Turm aus Waldhornern gleichsam ein Nachhall der verklungnen Tage oder eine Leichenmusik des umgesunknen Jahrs ertont. Als ich meinen guten Wutz nebst einigen Gehulfen in der untern Stube einiges Gerausch und einige Probe-Tone machen horte, stand ich auf und ging mit meiner langst wachen Schwester ans enge Fenster. In der stillen Nacht horte man den Hinauftritt der Leute auf den Turm. Uber unser Fenster lag jener Balken, unter dem man in prophetischen Nachten hinaushorchen muss, um die Wolkengestalten der Zukunft zu sehen und zu horen. Und wahrhaftig, ich sah im eigentlichen Sinn, was der Aberglaube sehen will ich sah wie er Sarge auf Dachern und Leichengefolge an der einen Ture und Hochzeitgaste und Brautkranz an der andern, und das MenschenJahr zog durch das Dorf und hielt an seiner rechten Mutterbrust die kleinen Freuden, die mit dem Menschen spielen, und an seiner linken die Schmerzen, die ihn anbellen; es wollte beide nahren, aber sie fielen sterbend ab, und sooft ein Schmerz oder eine Freude abwelkte, so oft schlug einer von den zwei Kloppeln zum Zeichen an die Turmglocken an .... Ich sah nach dem weissen Wald hinuber, hinter welchem die Wohnungen meiner Freunde liegen. O junges Jahr, sagt' ich, zieh zu meinen Freunden hin und leg ihnen in ihre Arme die Freuden aus deinen und nimm die zuruckgebliebnen zahen Schmerzen des alten mit, die nicht sterben wollen! Geh in alle vier Weltstrassen und verteile die Sauglinge deiner rechten Brust und mir lasse nur einen die Gesundheit!
Die Tone des Turms verstromten in die weite mondlose Nacht hin, die ein grosser, mit Sternbluten ubersaeter Wipfel war. Bist du glucklich oder unglucklich, kleiner Schulmeister Wutz, dass du auf deinem Turm der weissen Mauer und einem weissen Stein des Auenthaler Gottesackers entgegen stehest und doch nicht daran denkest, wen Mauer und Stein verschliessen, denselben namlich, der sonst an deinem Platze in dieser Stille auch wie du das neue Jahr begrusste, deinen Vater, der wieder ebenso ruhig wie du uber die verwesenden Ohren des seinigen hinuberblies? ... Ruhiger bist du freilich, der du am neuen Jahre an kein anderes Abnehmen als an das der Nachte denkst; aber lieber ist mir meine Philippine, die hier neben mir ihr Leben von neuem uberlebt und gewiss ernsthafter als das erstemal, und in deren Brust das Herz nicht bloss Frauenzimmer-Arbeit tut, sondern auch zuweilen zum Gefuhl anschwillt, wie wenig der Mensch ist, wie viel er wird und wie sehr die Erde eine Kirchhof-Mauer und der Mensch der verpuffende Salpeter ist, der an dieser Mauer anschiesset! Gute weinende Schwester, in dieser Minute fragt dein Bruder nichts darnach, dass du morgen nicht viel darnach fragest; in dieser Minute verzeihet er dirs und deinem ganzen Geschlechte, dass eure Herzen so oft Edelsteinen gleichen, in denen die schonsten Farben und eine Mucke oder ein Moos nebeneinander wohnen; denn was kann der Mensch, der dieses verwitternde Leben und seine verwitternden Menschen besieht und beseufzet, mitten in diesem Gefuhle Bessers tun, als sie recht herzlich lieben, recht dulden, recht ... Lass dich umarmen, Philippine, und wenn ich einmal dir nicht verzeihen will, so erinnere mich an diese Umarmung! ...
Meine Lebensbeschreibung sollte jetzo weiterrukken; aber ich kann meinen Kopf und meine Hand unmoglich dazu leihen, wenn ich nicht auf der Stelle mich aus der gelehrten Welt in die zweite schreiben will. Es ist besser, wenn ich bloss den Setzer dieser Geschichte mache und den schmerzhaften Brief abschreibe, den Gustav seiner verscherzten Freundin schickte. "Treue tugendhafte Seele! Die jetzige dunkle Minute, die nur ich verdienet habe, aber nicht du, quale dich nicht lange und verziehe sich bald! O! zum Gluck kannst du doch nicht mein Auge, nicht meinen von Schmerzen zitternden Mund und mein zertrummertes Herz erblicken, womit ich nun allen meinen schonen Tagen ein Ende mache. Wenn du mich hier schreiben sahest: so wurde die weichste Seele, die noch auf der Erde getrostet hat, sich zwischen mich und meinen schlagenden Kummer stellen und mich bedecken wollen; sie wurde mich heilend anblicken und fragen, was mich quale .... Ach, gutes treues Herz! frage mich es nicht; ich musste antworten: meine Qual, meine unsterbliche Folter, meine Vipern-Wunde heisset verlorne Unschuld .... Dann wurde sich deine ewige Unschuld erschrocken wegwenden und mich nicht trosten; ich wurde einsam liegen bleiben, und der Schmerz stande aufrecht mit der Geissel bei mir; ach ich wurde nicht einmal das Haupt aufheben, um allen guten Stunden, die sich in deiner Gestalt von mir wegbegeben, verlassen nachzusehen. Ach es ist schon so, und du bist ja schon gegangen! Amandus! trennt dich der Himmel ganz von mir, und kannst du, der du mir die Lilien-Hand Beatens gegeben, nicht meine befleckte sehen, die nicht mehr fur die reinste gehort? Ach, wenn du noch lebtest, so hatt' ich ja dich auch verloren .... O dass es doch Stunden hienieden geben kann, die den vollen Freudenbecher des ganzen Lebens tragen und ihn mit einem Fall zersplittern und die Labung aller, aller Jahre verschutten durfen!
Beata! nun gehen wir auseinander; du verdienst ein treueres Herz, als meines war, ich verdiente deines nicht ich habe nichts mehr, was du lieben konntest mein Bild in deinem Herzen muss zerrissen werden deines steht ewig in meinem fest, aber es sieht mich nicht mehr mit dem Auge der Liebe, sondern mit einem zugesunknen an, das uber den Ort weint, wo es steht .... Ach, Beata, ich kann meinen Brief kaum endigen; sobald seine letzte Zeile steht, so sind wir auseinander gerissen und horen uns nie mehr und kennen uns nimmer. O Gott! wie wenig hilft die Reue und das Beweinen! Niemand stellet das heisse Herz des Menschen her, wenn nichts in ihm mehr ist als der harte grosse Kummer, den es, wie ein Vulkan ein Felsenstuck, empor- und herauszuwerfen sucht und der immer wieder in den lodernden Kessel zurucksturzt; nichts heilt uns, nichts gibt dem entblatterten Menschen das gefallne Laub wieder; Ottomar behalt recht, dass das Leben des Menschen, wie ein Vollmond, uber lauter Nachte ziehe ...
Ach es muss doch sein! Lebe nur wohl, Freundin! Gustav war der Stunde, die du haben wirst, nicht wert. Dein heiliges Herz, dem er Wunden gegeben, verbinde ein Engel, und im Bande der Freundschaft trage du es still! Meinen letzten freudigen Brief, wo ich mich nicht mit meinem uberschwenglichen Gluck begnugte, leg in diesen trostlosen, in dem ich nichts mehr habe, und verbrenne sie miteinander! Kein Voreiliger sage dir kunftig nach vielen Jahren, dass ich noch lebe, dass ich den langen Schmerz, mit dem ich mein versunknes Gluck abbusse, wie Dornen in meine verlassene Brust gedruckt und dass in meinem truben Lebenstage die Nacht fruher komme, die zwischen zwei Welten liegt! Wenn einmal dein Bruder mit einem schoneren Herzen an deines sinkt: so sag es ihm nicht, so sag es dir selber nicht, wer ihm ahnlich sah und wenn einmal dein Tranen-Auge auf die weisse Pyramide fallt: so wend es ab und vergiss, dass ich dort so glucklich war. Ach! aber ich vergess' es nicht, ich wende das Auge nicht ab, und konnte der Mensch sterben an der Erinnerung, ich ginge zu Amandus' Grabe und sturbe Beata, Beata, an keiner Menschenbrust wirst du starkere Liebe finden, als meine war, wiewohl starkere Tugend leicht aber wenn du einmal diese Tugend gefunden hast, so erinnere dich meiner nicht, meines Falles nicht, bereue unsre kurze Liebe nicht und tue dem, der einmal unter dem Sternen-Himmel an deiner edlen Seele lag, nicht unrecht .... O du meine, meine Beata! in der jetzigen Minute gehorest du ja noch mir zu, weil du mich noch nicht kennest; in der jetzigen Minute darf noch mein Geist, mit der Hand auf seinen Wunden und Flecken, vor deinen treten und um ihn fallen und mit erstickten Seufzern zu dir sagen: liebe mich! ... Nach dieser Minute nicht mehr nach dieser Minute bin ich allein und ohne Liebe und ohne Trost das lange Leben liegt weit und leer vor mir hin, und du bist nicht darin aber dieses Menschen-Leben und seine Fehltritte werden vorubergehen, der Tod wird mir seine Hand geben und mich wegfuhren die Tage jenseits der Erde werden mich heiligen fur die Tugend und dich dann komm, Beata, dann wird dir, wenn dich ein Engel durch dein irdisches Abendrot in die zweite Welt getragen, dann wird dir ein hienieden gebrochnes, dort geheiligtes Herz zuerst entgegengehen und an dich sinken und doch nicht an seiner Wonne sterben, und ich werde wieder sagen: 'Nimm mich wieder, geliebte Seele, auch ich bin selig' alle irdischen Wunden werden verschwinden, der Zirkel der Ewigkeit wird uns umfassen und verbinden! ... Ach, wir mussen uns ja erst trennen, und dieses Leben wahret noch lebe langer als ich, weine weniger als ich und vergiss mich doch nicht ganzlich. Ach hast du mich denn sehr geliebt, du Teure, du Verscherzte? ...
Gustav F."
*
Abends unter dem Zusiegeln des Briefs fuhr Beata zum Schloss-Tor hinein. Als er ihre Lichtgestalt, die bald mit so vielen Tranen sollte bedeckt werden, heraussteigen sah: prallte er zuruck, schrieb die Aufschrift, ging zu Bette und zog die Vorhange zu, um recht sanft zu weinen. Dem Romanen-Steinmetz Oefel eilte er vorzuglich aus dem Wege, weil seine Mienen und Laute nichts als unedle Triumphe seines weissagenden Blickes waren; und sogar Gustavs Niedergeschlagenheit rechnete er noch unedler zu seinen Triumphen ....
Im Grunde wollt' ich, der Henker holte alle Weltteile und sich dazu; denn mich hat er halb. Wenige wissen, dass er mich diese Biographie nicht zu Ende fuhren lasset. Ich bin nun uberzeugt, dass ich nicht am Schlage (wie ich mir neulich unter meinem gefrornen Kopfzeug einbildete) noch an der Lungensucht (welches eine wahre Grille war) sterben kann; aber burgt mir dieses dafur, dass ich nicht an einem Herzpolypen scheitern werde, wofur alle menschliche Wahrscheinlichkeit ist? Zum Gluck bin ich nicht so hartnackig wie Musaus in Weimar, der das Dasein des seinigen, gross geatzet, nicht eher glaubte, als bis der Polype sein schones Herz verstopft und ihm alle Wiegenfeste und alle Wunsche fur die seiner Gattin genommen hatte. Ich sage, ich merke besser auf Vorboten von Herzpolypen: ich verberge mir es nicht, was hinter dem aussetzenden Pulse steckt, namlich eben ein wirklicher Herzpolype, der Zundpfropf des Todes. Die fatale literarische Ferne, der Rezensenten-Bund, schleicht mit Stricken um uns gutwillige Narren herum, die wir schreiben und gleich Schmetterlingen an der Umarmung der Musen sterben aber keine Kreuzer-Piece, nicht eine Zeile sollten wir edieren fur solche gewissenlose Stossvogel: wer dankt mirs, dass ich Szenen aufstelle, die den Prospektmaler beinahe umbringen, und biographische Seiten schreibe, die auf mich nicht viel besser wirken als vergiftete Briefe? Wer weiss es nach Scheerau komm' ich jetzo selten als meine Schwester, dass ich in diesem biographischen Lustschloss, das mein Mausoleum werden wird, oft Zimmer und Wande ubermale, die mir Puls und Atem dergestalt benehmen, dass man mich einmal tot neben meiner Malerei liegen finden muss? Muss ich nicht, wenn ich so in die Schlagweite des Todes gerate, aufspringen, durch die Stube zirkulieren und mitten in den zartlichsten oder erhabensten Stellen abschnappen und die Stiefel an meinen Beinen wichsen, oder Hut und Hosen auskehren, damit es mir nur den Atem nicht versetzt, und doch wieder mich daran machen und so auf eine verdammte Art zwischen Empfindsamkeit und Stiefelwichsen wechseln? Ihr verdammten Kunstrichter allzumal!
Dazu gesellen sich noch tausend Plackereien, die mich seit einiger Zeit viel ofter zwicken, weil sie etwa merken, dass der Polype mir bald den Garaus versetzen und sie mich nicht lange mehr haben werden. Meinen Maussenbacher Hummer, der mich immer zwischen seine gerichtherrlichen Scheren nimmt und der glaubt, ein armer Gerichthalter musse an nichts anderm sterben als an Arbeiten ex officio, diesen agyptischen Fronvogt will ich uberspringen; auch meine Schwester und Wutzen unter mir, die beide wider alles Mass lustig sind und mich fast tot singen. Aber was mich druckt, ist der Druck der Untertanen, das metallene Druckwerk, das man unsern Fursten nennt.
Ich hatte mich beinahe neulich in einer Exzeptionschrift in einen ehrenvollen Festungarrest hineingeschrieben. Hier aber auf dem biographischen Papiere kann ich schon eher meine Orangen ohne Karzer-Gefahr an den gekronten Kopf werfen. Pfui! bist du darum Furst, um eine Wasserhose zu sein, die alles, woruber sie ruckt, in ihren Krater hinaufschlingt? Und wenn du uns einmal bestehlen willst, tu es mit keinen andern Handen als mit deinen eignen, fahre terminierend vor allen Hausern durch das Land und erhebe selber die ordentlichen Steuern in deinen Wagen: aber so wie bisher, langen unsre Abgaben nach dem Transitozoll, den sie den Handen aller deiner Kassenbedienten geben mussen, so mager wie weitgereisete Heringe oben in deiner Schatulle an, dass du im Grunde von beschwerlichen Summen nicht mehr bekommst als bequeme Logarithmen. Die Fursten haben, wie die ostindischen Krebse, eine RiesenSchere zum Nehmen, und eine Zwerg-Schere, den Fang an den Mund zu bringen.
Und so ist die ganze Hauptstadt, wo jeder sich fur regierendes Mitglied ansieht und doch jeder daruber schreiet, dass der andre sich ins Regieren mengt und dass die Kinder unter den Hermelin wie unter den vaterlichen Schlafrock kriechen und vereinigt den Vater nachmachen wo die Palaste der Grossen aus Hollensteinen gemauert sind, die wie aussatzige Hauser kleinere zernagen wo der Minister den Fursten auf seiner unempfindlichen Hand, wie der Falkonier den Falken auf der beschuhten, tragt wo man die Laster des Volks fur die Renten ihrer Obern ansieht und alles moralische Aas, wie die Bienen ihr physisches, bloss mit Wachs umklebt, anstatt es aus dem Bienenkorb zu tragen, d.h. wo die Polizei die Moral ersetzen will wo, wie an einem jeden Hofe, eine moralische Figur so unausstehlich und so steif gefunden wird als in der Malerei eine geometrische wo der Teufel vollig los und der heilige Geist in der Wuste ist und wo man Leuten, die in Auenthal oder sonst krumme Sonden in den Handen halten und damit die fremden Korper und Splitter aus den Wunden des Staates heben wollen, ins Gesicht sagt: sie waren nicht recht gescheit ....
Ich wollt', es war' wahr: so war' ich wenigstens recht gesund. Nach einem solchen Klumpen von Ich, woraus ein Staatskorper wie aus Monaden besteht, ist das meinige zu winzig, um vorgenommen und besehen zu werden. Sonst konnt' ich jetzo nach den Besorgnissen um den Staat die um mich selber erzahlen.
Und doch will ich dem Leser meine Qualen oder Sieben Worte am Kreuze sagen, wiewohl er selber mich an das Kreuz, unter welchem er mich bedauern will, hat schlagen helfen. Im Grunde fragt kein Teufel viel nach meinem Siechtum. Ich sitze hier und stelle mir aus unvergoltener Liebe zum Leser den ganzen Tag vor, dass Feuer kann geschrien werden, das gleich einem Autodafe alle meine biographischen Papiere in Asche legt und vielleicht auch den Verfasser. Ich stelle mir ferner vor und martere mich, dass dieses Buch auf dem Postwagen oder in der Druckerei so verdorben werden kann, dass das Publikum um das ganze Werk so gut wie gebracht ist, und dass es auch nach dem Druck in ein Hetzhaus und eine Marterkammer geraten kann, wo ein kritischer Brotherr und Kunstrichter-Ordengeneral seine Rezensenten mit ihren langen Zahnen sitzen hat, die meiner zarten Beata und ihrem Amanten Fleisch und Kleider abreissen und deren Stube jener Stube voll Spinnen gleicht, die ein gewisser Pariser hielt und die bei seinem Eintritt allemal auf seine ausgezognen blutigen Taubenfedern zum Saugen von der Decke niederfuhren und aus deren Fabrikaten er mit Muhe jahrlich einen seidnen Strumpf erzielte .... Alle diese Martern tu' ich mir selber an, bloss des Lesers wegen, der am meisten verlore, wenn er mich nicht zu lesen bekame; aber es ist diesem harten Menschen einerlei, was die ausstehen, die ihn ergotzen. Hab' ich endlich meine Hand von diesen Nageln des Kreuzes losgemacht: so ekelt mich das Leben selber an als ein so elendes langweiliges Ding von Monochord, dass jedem Angst werden muss, ders ausrechnet, wie oft er noch Atem holen und die Brust auf- und niederheben muss, bis sie erstarret, oder wie oft er sich bis zu seinem Tode noch auf den Stiefelknecht oder vor den Rasierspiegel werde heben mussen. Ich betrachte oft die grosste Armseligkeit im ganzen Leben, welche die ware, wenn einer alle in dasselbe zerstreuet umhergesaete Rasuren, Frisuren, Ankleidungen, Sedes hintereinander abtun musste. Der dunkelste Nachtgedanke, der sich uber meine etwa noch grunenden Prospekte lagert, ist der, dass der Tod in diesem nachtlichen Leben, wo das Dasein und die Freunde wie weit abgeteilte Lichter im finstern Bergwerk gehen, mir meine teure Geliebten aus den ohnmachtigen Handen ziehe und auf immer in verschuttete Sarge einsperre, zu denen kein Sterblicher, sondern bloss die grosste und unsichtbarste Hand den Schlussel hat .... Hast du mir denn nicht schon so viel weggerissen? Wurd' ich von Kummer oder von Eitelkeit des Lebens reden, wenn der bunte Jugend-Kreis noch nicht zerstuckt, wenn das Farbenband der Freundschaft, das die Erde und ihren Schmelz noch an den Menschen heftet, noch nicht voneinander gesagt ware bis auf ein oder zwei Faden? O du, den ich jetzo aus einer weiten Entfernung weinen hore, du bist nicht unglucklich, an dessen Brust ein geliebtes Herz erkaltet ist, sondern du bists, der ists, der an das verwesende denkt, wenn er sich uber die Liebe des lebendigen Freundes freuen will, und der in der seligsten Umarmung sich fragt: "Wie lange werden wir einander noch fuhlen?" ...
Neununddreissigster oder 1ter Epiphania-Sektor
Erst jetzt ists toll: die Krankheit hat mir zugleich die juristische und die biographische Feder aus der Hand gezogen, und ich kann trotz allen Ostermessen und Fatalien in nichts eintunken ........
Vierzigster oder 2ter Epiphania-Sektor
Mich wird, wie es scheint, nebenbei auch der schwarze Star befallen; denn Funken und Flocken und Spinnweben tanzen stundenlang um meine Augen; und damit sagen Plempius und Ritter Zimmermann meldet sich stets besagter Star an. Schielen sagt Richter, der Starstecher, nicht der Starinhaber, in seiner Wundarzeneikunst (B. III, S 426) lauft untruglich dem Stare voraus. Wie sehr ich schiele, sieht jeder, weil ich immer rechts und links zugleich nach allem blicke und ziele. Werd' ich denn wirklich so stockblind wie ein Maulwurf: so ists ohnehin um mein bisschen Lebensbeschreiben getan ....
Einundvierzigster oder 3ter Epiphania-Sektor
Ich besitze ein paar Fieber auf einmal, die bei andern glucklichern Menschen sonst einander nicht leiden konnen: das dreitagige Fieber das Quartanfieber und noch ein Herbst- oder Fruhlingfieber im allgemeinen. Indessen will ich, solang' ich noch nicht eingesargt bin, dem Publikum alle Sonntage schreiben und es etwa zu zwei oder drei Zeilen treiben. Auch der Stil sogar wird jammerlich; hier wollen sich die zwei Verba reimen ....
Zweiundvierzigster oder 4ter Epiphania-Sektor
O ihr schonen biographischen Sonntage! ich erlebe keinen wieder. Zu den Ubeln, die ich schon bekannt gemacht habe, stosset noch eine lebendige Eidechse, die sich in meinem Magen aufhalt und deren Laich ich im vorigen Sommer aus einem unglucklichen Durst muss eingeschluckt haben ....
Dreiundvierzigster oder 5ter und 6ter
Epiphania-Sektor
Von Kirschkernen, die im Magen aufgekeimt, wie von Erbsen im Ohre hat man Beispiele. Noch aber hab' ich nicht gelesen, dass der Same von Stachelbeeren, den man gewohnlich mit einschluckt, in den Gedarmen getrieben hatte, wenn diese durch Verstopfung etwa zu wahren Lohbeeten des gedachten Staudengewachses gediehen waren. O guter Himmel, was wird endlich meine Krankheit sein, deren unsichtbare Tatze meine Nerven ergreift, erdruckt, ausdehnt, entzweischlitzt ....
Vierundvierzigster oder Septuagesima-Sektor
Wenns eine Krankheit gibt, die aus allen Krankheiten, aus allen Kapiteln der Pathologie auf einmal kompiliert ist: so hat sie niemand als ich. Apoplexie Hektik Magenkrampf oder eine Eidechse dreierlei Fieber Herzpolypus aufgehende Stachelbeerstauden: das sind die wenigen sichtbaren Bestandteile und Ingredienzien, die ich bisher an meinem Ubel auskundschaften konnen; eine vernunftige tiefere Sektion meines armen Leibes wird auch gar die unsichtbaren, wenn ihn beide Bestandteile erlegt haben, noch dazu gesellen ....
Funfundvierzigster oder Sexagesima-Sektor
Eine bedenkliche Pleuresie wenn man anders der ganzen Semiotik und den harten Pulsschlagen und Bruststichen glauben kann umarmt und halt mich seit vorgestern und ist willens, mein gemisshandeltes Leben und diese Lebensbeschreibung zu schliessen es musste denn durch eine gluckliche Kur der Tod in ein Empyema gemildert werden oder in eine Phthisis oder Vomica oder in einen Scirrhus oder auch in einen Ulkus. Nach dieser Heilung braucht man bloss meine Brust anzubohren, um aus ihr, aus der einmal ein Buch voll Menschenliebe kam, das Leben und die Krankheitmaterie miteinander herauszuziehen ....
Sechsundvierzigster oder Esto Mihi-Sektor
Ihr guten Leser! die ihr mit eurem vergebenden Auge vom Schachbrett des ersten Sektors an bis zum Sterbelager des letzten mir nachgezogen seid, meine Bahn und unsre Bekanntschaft haben ein Ende das Leben mog' euch niemals drucken euer Geschaftblick moge nie uber das kleine Feld das grosse vergessen, uber das erste Leben das zweite, uber die Menschen euch euer Leben mogen Traume bekranzen, und euer Sterben mogen keine erschrekken .... Meine Schwester soll alles beschliessen .... Lebt froh und entschlaft froh! ....
Siebenundvierzigster oder Invokavit-Sektor
Mein guter und gemarterter Bruder will haben, dass ich dieses Buch ausmache. Ach, seine Schwester wurd' es ja vor Schmerzen nicht vermogen, wenns so ware. Ich hoff' aber zum Himmel, dass mein Bruder nicht so kranklich ist, als er meint. Nach dem Essen denkt ers wohl. Und ich muss ihn, wenn wir beide Friede haben sollen, darin bestarken und ihn fur ebenso krank ausgeben, wie er sich selber. Gestern musst' ihm der Schulmeister an die Brust klopfen, damit er horte, ob sie hallete, weil ein gewisser Avenbrugger in Wien geschrieben hatte, dieses Hallen zeige eine gute Lunge an. Zum Ungluck hallete sie wenig; und er gibt sich deshalb auf; ich will aber ohne sein Wissen an den Herrn Doktor Fenk schreiben, damit er seine Qualen stille. Ich soll noch berichten, dass der junge Herr von Falkenberg krank in Oberscheerau bei seinen Eltern ist und dass meine Freundin Beata auch kranklich bei den ihrigen ist .... Es ist fur uns alle ein finstrer Winter. Der Fruhling heile jedes Herz und gebe mir und den Lesern dieses Buchs meinen lieben Bruder wieder!
Achtundvierzigster oder Mai-Sektor
Der hammernde Vetter Kur Bade-Karawane
Er ist wieder zu haben, der Bruder und Biograph! Frei und froh tret' ich wieder vor; der Winter und meine Narrheit sind voruber, und lauter Freude wohnt in jeder Sekunde, auf jedem Oktavblatt, in jedem Dintentropfen.
Es ging so. Eine jede eingebildete Krankheit setzt eine wahre voraus; aber eingebildete Krankheitursachen gibts dennoch. Mein Wechsel zwischen Gesundund Siechsein, zwischen Froh- und Traurig-, zwischen Weich- und Hartsein war mit seiner Schnelligkeit und seinen Abstichen aufs hochste gekommen: ich konnte vor Mangel an Atem kein Protokoll mehr diktieren, und die Szenen dieser Lebensbeschreibung durft' ich mir nicht einmal mehr denken: als ich an einem rotgluhenden Winterabend durch den rotgeschminkten Schnee draussen herumschritt und in diesem Schnee das Wort "heureusement" antraf.
Ich werde an dieses Wort der Schnee-Wachstafel immer denken; es war mit einem Bambusrohr lapidarisch schon hineingezeichnet. "Fenk!" rief ich mechanisch. "Weit kannst du nicht weg sein", dacht' ich; denn da jeder Europaer (sogar auf seinen Plantagen) den Schnitt seiner Feder an einem eignen Worte prufet und da der Doktor schon ganze Bogen mit dem Probierlaut "heureusement" als erstem Abdrucke seiner Feder vollgemacht: so wusst' ich sogleich, wie es war.
Und bei mir sass er; und lachte (sicher mehr uber die Krankheithistorie von meiner Schwester als uber meine Invaliden-Gestalt) mich solange aus, dass ich, da ich nicht wusste, sollt' ich lachen oder zurnen, am besten eines um das andre tat. Aber bald kam er in meinen Fall und musste auch eines um das andre tun bei einer Historie, die uns, namlich dem ganzen hypochondrischen Wohlfahrtausschusse, zur Schande gereicht und die ich doch erzahle.
Es befand namlich ein naher Vetter von mir, Fedderlein genannt, sich auch in der Stube, der beides ein Scheerauer Schuster und Turmer ist; er sorgt fur die Stiefel und fur die Sicherheit der Stadt und hat mit Leder und Chronologie (wegen des Lautens) zu tun. Mein naher Vetter war kohlschwarz und betrubt, nicht uber meine Krankheit, sondern uber die seiner Frau, weil sie daran verstorben war. Diesen Krankheit- und Totenfall wollt' er mir und dem Doktor auch hinterbringen, um den letzten zu belehren und den ersten zu ruhren. Es ware auch gegangen, hatt' er nicht zum Ungluck ein Trennmesser meiner Philippine erwischt und damit, wahrend seiner eignen Aufmerksamkeit auf die Todespost, sehr auf den Tisch gehammert. Ich setzte mirs sogleich vor, es nicht zu leiden. Meine Hand kroch daher meine Augen hielten seine fest dem gedachten Hammer naher, um ihn zu hindern.
Aber des Vetters Hand wich ihr hoflich aus und klopfte fort. Ich hatte mich gern tief geruhrt, denn er kam den letzten Stunden meiner seligen Base immer naher aber ich konnte meine Ohren vom MesserHammerwerk nicht wegbringen. Zum Gluck sah ich den kleinen Wutz dort stehen und lieh eiligst dem Klopfer das ungluckliche Trennmesser ab und schnitt dem Kinde damit ein paar halbe Fastnachtbrezeln vor in der Angst.
Nun stand ich gerettet da und hatte selber das Messer. Aber er begann jetzt auf der Klaviatur des Tisches mit den entwaffneten Fingern zu spielen und versah in seiner Novelle seine Frau mit dem heiligen Abendmahl. Ich wollte mich und meine Ohren uberwinden; aber da mich teils der innere Krieg, teils meine horchende Aufmerksamkeit auf seine trommelnden Finger, die ich nur mit der grossten Muhe vernehmen konnte, ganzlich von meiner guten Base wegzogen, die gewiss eine Frau und Turmerin war wie wenige, so hatt' ichs satt und fing nach seiner orgelnden Qual-Hand, legte sie in Arrest und brach aus: "O mein lieber Herr Vetter Fedderlein!" Er mutmasste, ich sei geruhrt; und wurd' es selber immer mehr, vergass sich und schnipsete mit den linken, noch arrestfreien Fingern zu stark an den Tisch.
Ich wollte mir wie ein Stoiker auf dieser neuen Ungluck-Station von innen heraus helfen und stellte mir wahrend des aussern Schnipsens hinter mir meine gute Base und ihr Totenlager vor: "Und so" (sagt' ich beredt zu mir selber) "liegst du arme Abgebluhte denn drunten und bist steif und unbeweglich und sozusagen tot!" Er schnipsete jetzo ganz toll. Ich konnte mir nicht helfen, sondern ich zog auch die linke Hand des Historikers gefanglich ein und druckte sie halb aus Ruhrung. "Sie konnen beide denken," (sagt' er) "wie mir erst war, als fiele der Turm auf mich, da sie einer wie einen Sack auf den Rucken fassen musste und sie die sieben Treppen so heruntertrug." Ich war ausser mir, erstlich daruber und zweitens weil ich in meiner Hand die Anstrengung der seinigen zu neuem Schnipsen verspurte; uberwaltigt sagt' ich: "Ums Himmels willen, mein teurer Herr Vetter, um der guten Seligen willen, wenn Er seinen eignen Vetter lieb hat ..."
"Ich will schon aufhoren," sagt' er, "wenn Sie's so angreift."
"Nein," sagt' ich, "schnips' Er mir nur nicht so! Aber so eine Base bekommen wir beide schwerlich so bald wieder!" Denn ich besann mich nicht mehr.
Und doch besteht das Leben wie ein Miniaturgemalde aus solchen Punkten, aus solchen Augenblikken. Der Stoizismus halt oft die Keule der Stunde, aber nicht den Muckenstachel der Sekunde ab.
Mein Doktor nahm mich ernsthaft (unter dem unbefangnen Fragen meines Vetters: "Wie wollte mein Herr Vetter?") aus der Stube hinaus und sagte: "Du bist, lieber Jean Paul, mein wahrer Freund, ein Regierungadvokat, eine Maussenbacher Audienza, ein Schriftsteller im lebensbeschreibenden Fache aber ein Narr bist du doch, ich meine ein Hypochondrist."
Abends tat er mir beides dar. O an jenem Abend zogest du mich, guter Fenk, aus dem Rachen und aus den Giftzahnen der Hypochondrie heraus, die ihren beissenden Saft auf alle Minuten sprutzen! Deine ganze Apotheke lag auf deiner Zunge! Deine Rezepte waren Satiren und deine Kur Belehrung!
"Setz in deine Biographie," fing er an und steckte seine Hande in seinen Muff "dass es bei dir keine Nachahmung des Herrn Thummels und seines Doktors und ihres medizinischen Kollegiums ist, das halb aus dem Patienten, halb aus dem Arzte bestand dass ich dich auch ausfilze; denn ich will es in der Tat tun. Sag mir, wo hast du bisher deine Vernunft, ja nur deine Einbildkraft gehabt, dass du des Henkers lebendig warest? Antworte mir nicht, dass die Gelehrten hier zu verschiedner Meinung waren dass Willis die Einbildkraft in die Hirnschwiele verlegte Posidonius hingegen in die Vorderkammer, wie auch Aetius und Glaser ins eiformige Zentrum. Die Sach' ist nur eine lebhafte Redensart; weil du mich aber damit irre machst: so will ich dich anders angreifen. Sag mir oder sagen Sie mir, liebe Philippine, wie konnten Sie zulassen, dass der Patient bisher so viel erhabne, ruhrende und poetische Empfindungen hatte und niederschrieb fur andre Menschen? Hatten Sie ihm nicht das Dintenfass oder den Kaffeetopf umwerfen konnen oder den ganzen Schreibtisch? Die Anstrengung der empfindenden Phantasie ist unter allen geistigen die entnervendste; ein Algebraist uberlebt allemal einen Tragodiensteller."
"Und auch", sagt' ich, "einen Physiologen: Hallers verdammte und doch vortreffliche Physiologie hatte mich beinahe niedergearbeitet, die acht Bande hier."
"Eben darum," fuhr er fort "diese anatomische Oktapla spannt die Phantasie, die sonst nur uber fliessende poetische Auen zu schweben pflegte, auf scharf abgeschnittene und noch dazu kleine Gegenstande an; daher ..."
"Zum Gluck" unterbrach ich ihn "richtete ich mich und meine Phantasie ziemlich durch braunes Bier1 wieder auf, das ich (wenn ich Atem holen wollte) so lange nehmen musste, als ich uber dem Herrn von Haller sass. In diesem Vehikel und in dieser Verdunnung bracht' ich diese Arznei des Geistes, die Physiologie, leichter hinein. Ich kann also, wenn ich nicht der grosste Trinker werden will, unmoglich der grosste Physiolog werden."
"Es ist gut," sagt' er ungeduldig und zog aus seinem Muff den Schwanz heraus "aber so wird nichts. Ich und du stehen hier in lauter Ausschweif-Reden, anstatt in vernunftigen Paragraphen; die Rezensenten deiner Biographie mussen glauben, ich ware wenig systematisch.
Ich will jetzt reden wie ein Buch oder wie eine Doktordisputation; ich sollte ohnehin eine fur einen Doktoranden mit der Doktorsucht schreiben und wollte darin entweder den nervus ischiaticus oder den nervus sympatheticus durchgehen; ich wills bleiben lassen und hier und in der Disputation von schwachen Nerven uberhaupt reden.
Jeder Arzt muss eine Favorit-Krankheit haben, die er ofters sieht als eine andre die meinige ist Nervenschwache. Reizbare, schwache, uberspannte Nerven, hysterische Umstande und deine Hypochondrie sind viele Taufnamen meiner einzigen Lieblingkrankheit.
Man kann sie so zeitig wie den Erbadel bekommen der Erbadel selber, fast die hohern Weiber und hochsten Kinder haben sie aus dieser ersten Hand dann kann sie durch alle Doktor-Hute gleich den ewigen Hollenstrafen nicht weggenommen, sondern nur gelindert werden.
Du aber hast sie dir wie den Kaufadel durch Verdienste erworben."
"Sie ist vielmehr selber ein Verdienst," sagt' ich "und ein Hypochondrist ist der Milchbruder eines Gelehrten, wenn er nicht gar selber dieser ist; so wie die Blattern, die den Affen so gut wie uns befallen, auf seine Verwandtschaft mit dem Menschen das Siegel drucken."
"Aber dein Verdienst" fuhr er fort "ist viel leichter zu kurieren. Wenn man dir dreierlei, namlich deine pathologischen Fieberbilder deine Arzneiglaser und deine Bucher nimmt: so wird die Krankheit mit dreingegeben. Ich vergesse immerfort, dass ich wie eine Disputation reden will. Also die Fieberbilder! Die jammerlichste Semiotik ist sicherlich nicht die sinesische, sondern die hypochondrische. Deine Krankheit und eine stoische Tugend gleichen sich darin, dass, wer eine hat, alle hat. Du standest als eine tragende Pfanderstatue da, der die Pathologie alle ihre Insignien und Schilde aufpackte und umsteckte jammerlich schrittest du herum unter deinem medizinischen Gewehrtragen und deiner semiotischen Landfracht von Herzpolypus, mazerierten Lungenflugel, Magen-Insassen u.s.w."
"Ah!" versetzte ich, "alles ist abgeladen, und ich trage bloss noch auf der Gehirnkugel ein Kapillaroder Haarnetz von geschwollnen Blutadern, oder so eine Art Taucherkappe des Todes, welche die Leute sehr gemein einen Schlagfluss benamsen."
"Eine Narrenkappe hast du innen auf; denn die Sache ist nicht anders als so: im Hypochondristen sind zwar alle Nerven schwach, aber die am schwachsten, die er am meisten gemissbraucht. Da man sich diese Schwache meistens ersitzt, erstudiert und erschreibt und mithin gerade dem Unterleib, der doch der Moloch dieser Geisteskinder sein soll, alle die Bewegung nimmt, die man den Fingern gibt: so vermengt man den siechen Unterleib mit siechen Nerven und hofft, Kampfs Viszeral-Sprutze sei zugleich eine Doppelflinte gegen jenen und gegen diese. Glaub es aber nicht; es kann ein hypochondrisches Bruststuck auf einem rustigen Unterleib sitzen. Nicht deine Lungenflugel sind zerknickt, wenn sie zuweilen erschlaffen, sondern deine Lungennerven sind entseelt, von denen sie gehoben werden sollten, oder auch deine Zwerchfellnerven. Spannen sich deine Magennerven ab, so hast du so viel Schwindel und Ekel, als lage wirklich diatetischer Bodensatz im Magen oder irgendeine Aderflut im Kopfe. Sogar der schwache Magen ist nicht immer im Gefolge schwacher Nerven; sieh nur zu, wie ein matter Hektiker frisst und verdaut eine halbe Stunde vor seinem Sterben. Daher hat deine gelbe Herbstfarbengebung, deine fleischlose Knochen-Versteinerung, dein aufhorender Puls, sogar deine Ohnmachten haben nichts zu sagen, mein lieber Paul."
"Ei! den Henker!" sagte der Patient.
"Denn", sagte der Doktor, "da alles durch Nerven, wovon oft Gelehrte nicht einmal die Definition wissen, worunter ich gehore, ausgefuhret wird: so mussen die periodischen und wandernden, aber fluchtigen Krampfe und Ermattungen der Nerven nach und nach die ganze Semiotik durchlaufen, aber nicht die ganze Pathologie. Jetzt tritt mein zweiter Paragraph in der umgoldeten Disputation hervor."
"Wo war denn der erste?" fragt' ich.
"Schon da gewesen! Daher wirft der zweite alle Arzneiglaser auf die Gasse, blaset alle Pulver in die Luft, legt mit Bannstrahlen alle verdammte MagenArzneien in Asche, giesset sogar warme und oft kalte Badewannen aus und schiebt Kampfs Klistier-Maschinen weit unter das Krankenbett und tobt sehr .... Denn die Nerven werden so wenig in einer Woche (es sei die beste Eisenkur da) gestarkt, als in einer Woche (es sei die grosste Ausschweifung da) entmannt; ihre Starke kehret mit so langsamen Schritten zuruck, als sie sich entfernte. Die Arzneien mussen sich also in Speisen und da dieses schadet mithin die Speisen sich in Arzneien verwandeln."
"Ich esse vom Wenigsten."
"Das ist die unangenehmste Unmassigkeit; und der Magen treibt alsdann nach seinen Kraften eine Art von Skeptizismus oder Fohismus oder doch Apathie. Kehre lieber die literarische Regel (multum, non multa) um und esse vielerlei, aber nicht viel. Die Diatetik hat in Essen, Trinken, Schlafen etc. nichts uber die Art, aber alles uber den Grad zu befehlen. Hochstens hat jeder seinen eignen Regenbogen, seinen eignen Glauben, seinen eignen Magen und seine eigne Diatetik. Und doch ist das alles nicht mein dritter Doktoranden-Paragraph, sondern erst dieses: bloss Bewegung des Korpers ist erster Unterarzt gegen Hypochondrie; und da ich schon Hypochondrie und Bewegung vereinigt im beweglichen tiers etat gesehen bloss Mangel aller Bewegung der Seele ist der erste Leibarzt gegen den ganzen Teufel. Leidenschaften sind so ungesund wie ihr Feind, das Denken, oder ihr Freund, das Dichten; bloss ihre samtliche Koalition ist noch giftiger."
"Unter den Leidenschaften" fuhr er fort "loset Kummer wie Tauwetter alle Krafte auf so wie Vergnugen unter allen Nerven-Hebmitteln das starkste ist. Jetzo will ich alle deine medizinischen Schnitzer und Waldfrevel auf einen Haufen bringen, damit du nur horest, was du bist." ...
"Ich hore nicht darauf", sagt' ich.
"Du hast aber doch, wie alle Hypochondristen und alle lecke Weiber, fatal gehandelt und bald den Magen, bald die Lunge, d.h. bald das Kammrad, bald das Hebrad, bald das Zifferblattrad olend eingeschmiert, indes der treibende Gewicht-Stein abgerissen oder abgelaufen auf der Erde lag. Du sogest dich, wie die einbeinige Muschel, an deinen Studierfelsen an; und dies war im Grunde das einzige Schlimme drucktest dich mit der brennenden und matten Brust einer Bruthenne auf deine biographischen Eier und Sektores und wolltest den Lebenden nachkommen. Wo blieb dein Gewissen, deine Schwester, dein gelehrter Ruhm, dein Magen?" ...
"Wedele nicht so heftig, Fenk, mit dem MuffSchwanz und wirf ihn lieber ins Bett!"
"Meine Doktor-Disputation und deine Krankheit sind auch aus, wenn deine Tatigkeit sich, wie in einem Staate, von oben herab vermindert; den Kopf untatig, das Herz in heiteren Schlagen, die Fusse im Laufe, und dann komme der Marz nur heran." ...
Ich tats einige Monate hintereinander, um den armen Leib wieder in integrum zu restituieren und als ich mich so des gelben Ratzenpulvers und Mehltaues fur die Nerven, namlich des Kaffees und des Witzes enthielt und statt zu beiden zu braunem Bier und zu meinem Wutze griff, so wurde einmal plotzlich die Stube hell, Auenthal und der Himmel flammend, die Menschen legten ihre Fehler ab, alle Flachen grunten, alle Kehlen schlugen, alle Herzen lachelten, ich niesete vor Licht und Wonne und dachte: entweder eine Gottin ist gekommen oder der Fruhling es war gar beides, und die Gottin war die Gesundheit.
Und bloss auf deinem Altar will ich meine biographischen Blatter weiterschreiben! der Pestilenziar leidet es nicht anders; seine Schlusse und Rezepte sind die: "Ich wurde" sagt' er "in meiner Biographie, gleich der heissen Zone, den ganzen Winter mit allen seinen Tatsachen uberspringen, da er ohnehin nur, wie der in jener Zone, im Regnen (der Augen) besteht. Ich wurde, wenn ich an deiner Stelle sasse, sagen, der Doktor Fenk wills nicht haben, nicht leiden, nicht lesen, sondern ich soll, statt in einer Entfernung von 365 Stunden der vorausschreitenden saenden Geschichte keuchend mit der Feder nachzueggen, lieber hart hinter der Gegenwart halten und sie ans Silhouettenbrett andrucken und sogleich abreissen. Ich wurde" (fuhr Fenk fort) "dem Leser raten, bloss den Doktor Fenk anzupacken, der allein schuld sei, dass ich vom ganzen Winter nur folgenden schlechten Extrakt gabe: Der gute Gustav verschmerzte den Winter in des Professor Hoppedizels Hause bei seinen Eltern, welche da ihr gewohnliches Winterquartier hatten er mattete seinen Kopf ab, um sein Herz abzumatten und ein anderes zu vergessen; bereuete seinen Fehler, aber auch seinen voreiligen Abschiedbrief; setzte seine Wunden dem philosophischen Nordwind des Professors aus, der auf einem zarten Instrument, wie Gustav, wie auf einem Pedal mit den Fussen orgelt; und zehrte durch Einsperren, Denken und Sehnen seine Lebenbluten ab, die kaum der Fruhling wieder nachtreiben oder ubermalen kann".
Beata wurde zu Hause denn ihr weibliches Auge fand wahrscheinlich die Parze ihrer Freuden leicht heraus, von der sie sich unter dem ihr verdankten Vorwand der Kranklichkeit ohne Muhe geschieden hatte noch mehr sich entblattert und umgebogen haben, ware mein romantischer Kollege Oefel nicht gewesen: der argerte sie hinlanglich und mischte ihrem Kummer die Erfrischungen des Zornes bei, indem er immer kam und im schonsten gebrochnen eingeschleierten Auge der verlornen Liebe seine eigne aufsuchte und herausforderte. Jetzt trinkt sie, auf Fenks Treiben, den Brunnen in Lilienbad und lebt allein mit einem Kammermadchen der Mai hebe die gesenkte Blumen-Knospe deines Geistes empor, den dein Flockenleib, wie Blumen neu gefallner Schnee, umlegt und druckt und aus dessen aufgerissenen Blumen-Blattern die Schnee-Rinde erst unter der Fruhlingsonne des entfernten zweiten Himmels rinnen wird!
Ottomar hat den Winter verzankt und verstritten; hat viele Korrespondenz; advoziert wie ich, aber gegen jeden giftigen Stammbaum und Hundstern auf dem Rock, am meisten gegen den Furstenhut seines Bruders, der damit Untertanen wie Schmetterlinge erwirft und fangt. Er glaubt, ein Advokat sei der einzige Volktribun gegen die Regierung; nur sei das bisherige Lesen der Advokaten schlimmer gewesen als selbst das Buchstabieren, das der selige Heinecke fur schlimmer ausschrie als Erbsunde und Pest. Ich mochte ihn fast fur den Verfasser einer Satire uber den Fursten halten, die im Winter vor den Thron kam und die der Patenbrief eines Raubers mit der Bitte war, der Furst mochte dem kleinen Diebs-Dauphin seinen Namen geben, wie einem Minister, und sich seiner annehmen, wenn die Eltern gehenkt waren. Am meisten fielen mir einige pasquillantische Zuge auf, die eine feinere Hand verraten; z.B. der Staat sei eine Menschenpyramide, wie sie oft die Seiltanzer formieren, und die Spitze derselben schliesse sich mit einem Knaben Das Volk sei zahe und biegsam wie das Gras, werde vom Fusstritt nicht zerknickt, wachse wieder nach, es moge abgebissen oder abgeschnitten werden, und die schonste Hohe desselben fur ein monarchisches Auge sei die glattgeschorne des ParkGrases Diebe und Rauber wurden fur Separatisten und Dissenters im Staate gehalten und lebten unter einem noch argern Druck als die Juden, ohne alle burgerliche Ehre, von Amtern ausgeschlossen, in Hohlen wie die ersten Christen und ebensolchen Verfolgungen ausgesetzt; gleichwohl fahre man solchen Staatsburgern, die den Luxus und Geld-Umtrieb und Handel starker beforderten als irgendein Gesandter, bloss darum so hart mit, weil diese Religionsekte besondere Meinungen uber das siebente Gebot hegte, die im Grunde nur im Ausdruck sich von denen anderer Sekten unterschieden etc.
Der Verfasser kann aber auch ein wirkliches Mitglied dieser geheimen Gesellschaft sein, die uberhaupt weit humoristischer und unschadlicher stiehlt als jede andre. Neulich hielten sie den Postwagen an und nahmen ihm nichts als ein Grafen-Diplom, das jemand zugefahren wurde, der kaum die Emballage desselben verdiente ferner sie forderten einmal, wie ein hoherer Gerichtstand, dem Beiwagen gewisse wichtige Akten ab, uber die ich hier nichts sagen darf und vor vierzehn Tagen hielten ihre Kaper-Schiffe vor den Schranken der Theater- und der Redouten-Garderobe und warfen ihre Zuggarne uber die darin hangenden Charaktere aus; es waren nachher keine Kleider zum Agieren und Maskieren da als bauerische. Ich halte sie fur dieselben, die, wie der Leser weiss, vorlangst den leidtragenden Kanzeln und Altaren die schwarzen Flugeldecken abgeloset haben.
So ware also der biographische Winter abgetan und weggeschmolzen. "Hast du so viel geschrieben," sagte Fenk "so reise nach Lilienbad und gebrauche den Brunnen und den Brunnen-Doktor, welches ich bin, und den Brunnen-Gast, welches Gustav ist: denn dieser heilet ohne das Lilien-Wasser und ohne die Lilien-Gegend dort nicht aus; ich muss ihn hinbereden, es mag dort schon sein, wer will. Freue dich, wir gehen einem Paradies entgegen, und du bist der erste Autor im Paradiese, nicht Adam."
"Das schonste Beet" sagt' ich "ist in diesem Eden das, dass mein Werk kein Roman ist: die Kunstrichter liessen sonst funf solche Personen auf einmal wie uns nimmermehr ins Bad, sie wurden vorschutzen, es ware nicht wahrscheinlich, dass wir kamen und uns in einem solchen Himmel zusammenfanden. Aber so hab' ich das wahre Gluck, dass ich bloss eine Lebensbeschreibung setze und dass ich und die andern samtlich wirklich existieren, auch ausser meinem Kopfe." ...
Jetzt kann der Leser den Geburttag dieses Sektors erfahren: er ist gerade einen Tag junger als unser Gluck kurz morgen reisen wir, ich und Philippine, und heute schreib' ich an ihm. Gustav wird bloss durch einen Strom von freundschaftlichen und medizinischen Vorstellungen mit fortgefuhret und morgen von uns fortgezogen. Die Fortuna hat diesesmal keine Vapeurs und keine einseitigen Kopfschmerzen; alles gluckt uns; eingepackt ist alles meine Fristgesuche sind geschrieben aus Maussenbach darf mich niemand storen der Himmel ist himmlisch blau, und ich brauche nicht meinen Augen, sondern dem Cyanometer2 des Herrn von Saussure zu glauben ich sehe wie der Fruhling und seine gaukelnden Schmetterlinge aus und bluhe kurz: meinem Gluck fehlte nichts, als dass gar der heutige Sektor glucklich geschrieben war, den ich bis heute hinausspielte, um die ganze Vergangenheit hinter mir zu haben und morgen nichts beschreiben zu mussen als morgen ....
Und da der nun auch fertig ist: so blauer Mai breite deine Liebe-Arme aus, schlage deine himmelblauen Augen auf, decke dein Jungfrauen-Angesicht auf und betrete die Erde, damit alle Wesen wonnetrunken an deine Wangen, in deine Arme, zu deinen Fussen fallen und der Lebensbeschreiber auch wo liege!
Fussnoten
1 Da keine Leser weniger Ernst verstehen als die, die keinen Spass verstehen: so merk' ich fur diese Klasse hier unten an, dass die Sache oben wirklich so ist und dass ich (als gleich unmassiger Wasser- und Kaffeetrinker) kein andres nervenstarkendes Mittel gegen aussetzenden Puls und Atem und andre Schwachen, die mir alle innere Anstrengung verbitterten, von solcher Wirkung fand als Hopfen-Bier. 2 Ein Blau-Messer, um die Grade des Himmelblaues abzumessen.
Neunundvierzigster oder 1ter Freuden-Sektor
Der Nebel Lilienbad
Nimm uns in dein Blumen-Eden auf, eingehulltes Lilienbad, mich, Gustav und meine Schwester, gib unsern Traumen einen irdischen Boden, damit sie vor uns spielen, und sei so dammernd schon wie eine Vergangenheit!
Heute zogen wir ein, und unser Vorreiter war ein spielender Schmetterling, den wir vor uns von einer Blumen-Station auf die andre trieben. Und der Weg meiner Feder soll auch uber nichts anders gehen.
Der heutige Morgen hatte die ganze Auenthaler Gegend unter ein Nebel-Meer gesetzt. Der Wolkenhimmel ruhte auf unsern tiefen Blumen aus. Wir brachen auf und gingen in diesen fliessenden Himmel hinein, in welchen uns sonst nur die Alpen heben. An dieser Dunst-Kugel oben zeichnete sich die Sonne wie eine erblassende Nebensonne hinein; endlich verlief sich der weisse Ozean in lange Strome auf den Waldern lagen hangende Berge, jede Tiefe deckten glimmende Wolken zu, uber uns lief der blaue Himmelzirkel immer weiter auseinander, bis endlich die Erde dem Himmel seinen zitternden Schleier abnahm und ihm froh ins grosse ewige Angesicht schauete das zusammengelegte Weisszeug des Himmels (wie meine Schwester sagte) flatterte noch an den Baumen, und die Nebelflocken verhingen noch Bluten und wogten als Blonden um Blumen endlich wurde die Landschaft mit den glimmenden Goldkornern des Taues besprengt, und die Fluren waren wie mit vergrosserten Schmetterlingflugeln uberlegt. Eine gereinigte hebende Maienluft kuhlte mit Eis den Trank der Lunge, die Sonne sah frohlich auf unsern funkelnden Fruhling nieder und schaute und glanzte in alle Taukugelchen, wie Gott in alle Seelen .... O wenn ich heute an diesem Morgen, wo uns alles zu umfassen schien und wo wir alles zu umfassen suchten, mir nicht antworten konnte, da ich mich fragte: "War je deine Tugend so rein wie dein Vergnugen, und fur welche Stunden will dich diese belohnen?" so kann ich jetzo noch weniger antworten, da ich sehe, dass der Mensch seine Freuden, aber nicht seine Verdienste durch die Erinnerung erneuern kann, und dass unsre Gehirn-Fibern die Saiten einer Aolsharfe sind, die unter dem Anwehen einer langst vergangnen Stunde zu spielen beginnen. Der grosse Weltgeist konnte nicht die ganze sprode ChaosMasse zu Blumen fur uns umgestalten; aber unserem Geist gab er die Macht, aus dem zweiten, aber biegsamern Chaos, aus der Gehirn-Kugel, nichts als RosenGefilde und Sonnen-Gestalten zu machen. Glucklicherer Rousseau, als du selber wusstest! Dein jetziger erkampfter Himmel wird sich von dem, den du hier in deiner Phantasie anlegtest, in nichts als darin unterscheiden, dass du ihn nicht allein bewohnest ....
Aber das macht eben den unendlichen Unterschied; und wo hatt' ich ihn susser fuhlen konnen als an der Seite meiner Schwester, deren Mienen der Widerschein unsers Himmels, deren Seufzer das Echo unserer verschwisterten Harmonie gewesen. Sei nur immer so, teure Geliebte, die du vom Kranken so viel littest als ich von der Krankheit! Ich weiss ohnehin nicht, was ich ofter von dir zurucknehme, meinen Tadel oder mein Lob!
Wir langten unter sprachlosen Gedanken in Unterscheerau an und fanden unsern bleichen Reisegenossen schon bereit, meinen Gustav. Er schwieg viel, und seine Worte lagen unter dem Drucke seiner Gedanken; der aussere Sonnenschein erblich zu innerem Mondschein, denn kein Mensch ist frohlich, wenn er das Beste sucht oder zu finden hofft, was hienieden zu verlieren ist Gesundheit und Liebe. Da in solchen Fallen die Saiten der Seele sich nur unter den leichtesten Fingern nicht verstimmen, d.h. unter den weiblichen: so liess ich meine ruhen und weibliche spielen, die meiner Schwester.
Als wir endlich manchen Strom von Wohlgeruch durchschnitten hatten denn man geht oft draussen vor Blumen-Luftchen vorbei, von denen man nicht weiss, woher sie wehen ; und als alle Freuden-Dunste des heutigen Tages im Auge zum Abendtau zusammenflossen und mit der Sonne sanken; als der Teil des Himmels, den die Sonne uberflammte, weiss zu gluhen anfing, eh' er rot zu gluhen begann, indes der ostliche Teil im dunkeln Blau nun der Nacht entgegenkam; als wir jedem Vogel und Schmetterling und Wanderer, der nach Lilienbad seine Richtung nahm, mit den Augen nachgezogen waren: so schloss uns endlich das schone Tal, in das wir so viele Hoffnungen als Samen kunftiger Freuden mitbrachten, seinen Busen auf. Unser Eingang war am ostlichen Ende; am westlichen sah uns die zur Erde herabgegangene Sonne an und zerfloss gleichsam aus Entzucken uber ihren angewandten Tag in eine Abendrote, die durch das ganze Tal schwamm und bis an die Laub-Gipfel stieg. Nie sah ich so eine; sie lag wie herabgetropfet in dem Gebusch, auf dem Grase und Laube und malte Himmel und Erde zu einem Rosen-Kelch. Einzelne, zuweilen gepaarte Hutten hullten sich mit Baumen zu; lebendige Jalousie-Fenster aus Zweigen pressten sich an die Aussichten der Zimmer und bedeckten den Glucklichen, der heraus nach diesen Gemalden der Wonne sah, mit Schatten, Duften, Bluten und Fruchten. Die Sonne war hinabgeruckt, das Tal legte wie eine verwittibte Furstin einen Schleier von weissen Duften an und schwieg mit tausend Kehlen. Alles war still still kamen wir an still war es um Beatens Hutte, an deren Fenster ein Blumentopf mit einem einzigen Vergissmeinnicht noch vom Begiessen tropfelte still wahlten wir unsere gepaarte Hutten, und unsre Herzen zergingen uns vor ruhiger Wonne uber diesen heiligen Abend unsrer kunftigen Festtage, uber diese schone Erde und ihren schonen Himmel, die beide zuweilen wie eine Mutter sich nicht regen, damit das an sie gesunkene Kind nicht aus seinem Schlummer wanke.
O sollten einmal unsre Tage in Lilienbad auf Dornen sterben, sollt' ich statt der Freuden-Sektores einen Jammer-Sektor schreiben mussen wenns einmal ist: so sieht es der Leser daran voraus, dass ich das Wort "Freude" vom Sektor weglasse und statt der Uberschrift nur Kreuze mache. Es ist aber unmoglich; ich kann meinen Bogen ruhig beschliessen. Beata haucht noch ein leises Abendlied in ihr mit Saiten uberzognes Echo; wenn beide ausgetonet, so wird der Schlaf das Sinnenlicht der Menschen in Lilienbad ausloschen und das Nachtstuck des Traums in den dammernden Seelen ausbreiten ....
Funfzigster oder 2ter Freuden-Sektor
Der Brunnen die Klagen der Liebe
Ich bin im ersten Himmel eingeschlafen und im dritten aufgewacht. Man sollte an keinen Orten aufwachen als an fremden in keinen Zimmern als denen, in welche die Morgensonne ihre ersten Flammen wirft vor keinen Fenstern als denen, wo das Schattengrun wie ein Namenzug im himmlischen Feuerwerk brennt und wo der Vogel zwischen den durchhupften Blattern schreiet ....
Ich wollte, mein kunftiger Rezensent lebte mit mir auf der Stube zu Lilienbad; er wurde nicht (wie er tut) uber meine Freuden-Sektores den asthetischen Stab brechen, sondern einen Eichenzweig, um den Vater derselben zu bekranzen ....
Dieser Vater ist jetzt ein Damenschneider, aber bloss in folgendem Sinn: in der Mitte von Lilienbad steht der medizinische Springbrunnen, aus dem man die aus der Erde quellende Apotheke schopft; von diesem Brunnen entfernen sich in regelloser Symmetrie die Kunst-Bauerhutten, die die Badgaste bewohnen; jede dieser kleinen Hutten putzt sich scherzhaft mit dem heraushangenden Malzeichen oder der Signatur irgendeines Handwerks. Mein Hauschen halt eine Schere als eine technische Insignie heraus, um kundzutun, wer darin wohne (welches ich tue), treibe das Damenschneider-Handwerk. Meine Schwester ist (nach dem Exponenten eines holzernen Strumpfs zu urteilen) ein Strumpfwirker; neben ihr schwankt ein holzerner Stiefel oder ein holzernes Bein (wer kanns wissen?) und saget uns so gut wie ein Handwerkgruss den darin sesshaften Schuster an, welches niemand als mein Gustav ist.
Auf Beatens Hutte, die wie jetzige Damen einen Hut oder ein Dach von Stroh aufhat, liegt eine lange Leiter hinauf und kundigt die schone Bauerin darin an und ist die Himmelleiter, unter der man wenigstens einen Engel sieht.
Es ist auch auswarts bekannt, dass unser Furstentum so gut seinen Gesundbrunnen hat und haben muss als irgendeines auf der Furstenbank (denn jedes muss eine solche pharmazeutische Quelle wie einen Flakon bei sich fuhren, um gegen kameralistische Ohnmacht daran zu riechen) ferner kann es bekannt sein, dass sonst viele Gaste hierher kamen und jetzt keine Katze und dass daran nicht der Brunnen, sondern die Kammer schuld ist, die zu viel hineinbauete und zu viel heraushaben will und die so teuer anfing, als der Seltersbrunnen endigte dass mithin unser Brunnen so wohlfeil endigen will, als jener anfing und dass unser Lilienbad bei allen medizinischen Kraften doch die wichtigere nicht hat, einen wenigstens nur so krank zu machen, als eine Kammerjungfer ist ich sagte, das war' alles bekannt genug, und ich hatt' es also gar nicht zu sagen gebraucht.
Freilich ists nicht das Verdienst der andern Gesundbrunnen, wenn sie angenehme Krankheitbrunnen sind, um die sich die ganze grosse und reiche Welt als Priester stellet; hatten wir nur hier in Lilienbad auch solche weibliche Engel wie in andern Badern, die den Teich von Bethesda erschuttern und ihm eine medizinische Kraft mitteilen, die der des biblischen Teiches entgegengesetzt ist; hatten wir Spieler, die zum Sitzen, Brunnenarzte, die zum Brunnensaufen (nicht Brunnentrinken) zwingen: so wurde unsere Quelle so gut wie jede andre deutsche fahig sein, die Zechgaste instand zu setzen, dass sie jedes Jahr wiederkamen. Aber so wird unsere Brunneninspektion ewig sehen mussen, wie die kranke Phalanx der grossen Welt vor uns vorbeirollt und um andre Brunnen sich drangt, wie die wilden Tiere um einen in Afrika; und wenn Plinius1 aus diesen Tierkonventen das Sprichwort in der Note erklart: so wollt' ich auch ahnliche Neuigkeiten aus den Brunnenkongressen erklaren.
Die Kammer ist am Ende am meisten zu bedauern, dass in unserem Josaphats-Tale bloss Natur, Seligkeit, Massigkeit und Auferstehung wohnet.
Heute tranken wir alle am Wasser-Baquet das uber Eisen abgezogne Wasser unter dem Larm der Vogel und Blatter und schlangen das daraus schimmernde Sonnenbild und zugleich ihr Feuer mit hinein. Der Kummer-Winter hat um die Augenlider der Beata und um ihren Mund die unaussprechlich-holden Buchstaben ihres verblichnen Schmerzes gezogen; ihr grosses Auge ist ein sonnenheller Himmel, dem glanzende Tropfen entfallen. Da ein Madchen die Pfauenspiegel ihrer Reize leichter an einem andern Madchen als an einer Mannsperson entfalten kann: so gewann sie sehr durch das Spiel mit meiner Schwester. Gustav war unsichtbar; er trank seinen Brunnen nach und verirrte sich in die Reize der Gegend, um eigentlich den grossern Reizen ihrer Bewohnerin zu entkommen. Das Gluck ausgenommen, sie zu sehen, kannt' er kein grosseres als das, sie nicht zu sehen. Sie spricht nicht von ihm, er nicht von ihr; seine herauswollenden Gedanken an sie werden nicht zu Worten, sondern zu Errotungen. Wollte der Himmel, ich fasste statt einer Lebensbeschreibung einen Roman ab: so fuhrt' ich euch, schone Seelen, einander naher und konstruierte unsern freundschaftlichen Zirkel aus seinen Segmenten wieder; dann bekamen wir hier einen solchen Himmel, dass, wenn der Tod vorbeiginge und uns suchte, dieser ehrliche Mann nicht wusste, ob wir schon darin sassen oder von ihm erst hineinzuschaffen waren ....
Ich habe verstandig und delikat zugleich gehandelt, dass ich einen gewissen Aufsatz, den Beata im Winter machte und zu dem ich auf eine ebenso ehrliche als feine Weise kam, vor Gustav so gut brachte wie vor meine Leser hier. Er ist an das Bild ihres wahren Bruders gerichtet und besteht in Fragen. Der Schmerz liegt auf den weiblichen Herzen, die geduldig unter ihm sich drucken lassen, mit grosserer Last als auf den mannlichen auf, die sich durch Schlagen und Pochen unter ihm wegarbeiten; wie den unbeweglichen Tannengipfel aller Schnee belastet, indes auf den tiefern Zweigen, die sich immer regen, keiner bleibt.
An das Bild meines Bruders
"Warum blickst du mich so lachelnd an, du teures Bild? Warum bleibt dein Farbenauge ewig trocken, da meines so voll Tranen vor dir steht? O wie wollt' ich dich lieben, warest du traurig gemalt!
Ach Bruder! sehnest du dich nach keiner Schwester, saget dirs dein Herz gar nicht, dass es in der oden Erde noch ein zweites gibt, das dich so unaussprechlich liebt? Ach hatt' ich dich nur einmal in meine Augen, in meine Arme gefasset wir konnten uns nie vergessen! Aber so .... wenn du auch verlassen bist wie deine Schwester, wenn du auch, wie sie, unter einem Regen-Himmel und durch eine leere Erde gehest und keinen Freund in den Stunden des Kummers findest ach, du hast alsdann nicht einmal ein verschwistertes Bild, vor dem dein Herz ausblutet! O Bruder, wenn du gut und unglucklich bist: so komm zu deiner Schwester und nimm ihr ganzes Herz es ist zerrissen, aber nicht zerteilt und blutet nur! O es wurde dich so sehr lieben! Warum sehnest du dich nach keiner Schwester? O du Ungesehener, wenn dich die Fremden auch verlassen, auch tauschen, auch vergessen, warum sehnest du dich nach keiner treuen Schwester? Wann kann ich dirs sagen, wie oft ich dein stummes Bild an mich gepresset, wie oft ich es stundenlang angeblicket und mir Tranen in seine gemalten Augen gedacht habe, bis ich selber daruber in stromende ausgebrochen bin? Verweile nicht so lange, bis deine Schwester mit dem ermudeten Herzen unter der Leichendecke ausruhet und mit allem ihren vergeblichen Sehnen, mit ihren vergeblichen Tranen, mit ihrer vergeblichen Liebe in kalte vergessene Erde zerfallt! Verweile auch nicht so lange, bis unsere Jugend-Auen abgemahet und eingeschneiet sind, bis das Herz steifer und der Jahre und Leiden zu viele geworden sind. Es wird auf einmal meinem Innern so wehe, so bitter .... Bist du vielleicht schon gestorben, Teurer? Ach, das betaubt mein Herz wende dein Auge, wenn du selig bist, von der verwaiseten Schwester und erblick' ihre Schmerzen nicht ach ich frage mich schwer im blutenden Innern: was hab' ich noch, das mich liebt? und ich antworte nicht ...."
*
Die Leser haben den Mut, daraus mehr zu Gustavs Vorteil zu erraten als er selber. Ihm als Helden dieses Buchs muss dieses Blatt willkommen sein; aber ich als sein blosser Geschichtschreiber hab' nichts davon als ein paar schwere Szenen mehr, die ich jedoch aus wahrer Liebe gegen den Leser gern verfertige Billionen wollt' ich deren ihm zu Gefallen ausarbeiten. Nur tut es meiner ganzen Biographie Schaden, dass die Personen, die ich hier in Handlung setze, zugleich mich in Handlung setzen und dass der Geschichtoder Protokollschreiber selber unter die Helden und Parteien gehort. Ich ware vielleicht auch unparteiischer, wenn ich diese Geschichte ein paar Jahrzehende oder Jahrhunderte nach ihrer Geburt aufsetzte, wie die, die kunftig aus mir schopfen werden, tun mussen. Die Maler befehlen dem Portratmaler, dreimal so weit vom Urbilde abzusitzen, als es gross ist und da Fursten so gross sind und da sie folglich nur von Autoren gezeichnet werden konnen, die in einer dieser Grosse gleichen Entfernung des Orts oder der Zeit von ihnen wegsitzen: so ware zu wunschen, ich stande nicht neben unserem Fursten, damit ich ihn nicht so vorteilhaft abmalte, als ich tue ....
Fussnoten
1 Nach den Alten versammelten die seltnen Brunnen alle wilde Tiere um sich; und diese Zusammentreffungen gaben wie die in Redouten zu noch sonderbarern und zum Sprichwort "Afrika bringt immer etwas Neues" oder zu Missgeburten Gelegenheit.
Einundfunfzigster oder 3ter Freuden-Sektor
Sonntagmorgen offne Tafel Gewitter Liebe
Welch ein Sonntag! Heut ist Montag. Ich weiss kein Mittel, mich, der ich (wie wir alle durch unser Isolieren) ein Freuden-Elektrophor geworden, auszuladen als durch Schreiben, ich musste denn tanzen. Gustav hor' ich heruber: der hat zum Auslader einen Flugel und spielt ihn. Der Flugel wird mir diesen Sektor sehr erleichtern und mir manchen funkelnden Gedanken zuwerfen. Ich hab' mir oft gewunscht, nur so reich zu werden, dass ich mir (wie die Griechen taten) einen eignen Kerl halten konnte, der so lange musizierte, als ich schriebe. Himmel! welche opera omnia sprossen heraus! Die Welt erlebte doch das Vergnugen, dass, da bisher so viele poetische Flickwerke (z.B. die Medea) der Anlass zu musikalischen Meisterwerken waren, sich der Fall umkehrte und dass musikalische Nieten poetische Treffer gaben.
Vor Tags machten wir uns gestern aus dem Bette, ich und mein musikalischer Souffleur. "Wir mussen", sagt' ich zu ihm, "vier volle Stunden draussen herumjagen, eh' wir in die Kirche gehen" namlich nach Ruhestatt, wo der vortreffliche Herr Burger aus Grossenhayn1 als Gastprediger auftreten sollte. Alles geschah. Bis diese Stunde weiss ich nicht, zieh' ich eine laue Sommernacht oder einen kalten Sommermorgen vor: in jener rinnt das zerschmolzene Herz in Sehnen auseinander; dieser hartet das gluhende zur Freude zusammen und stahlet sein Schlagen. Unsere vier Stunden zu palingenesieren musste man aus hundert Lust- und Jagdschlossern die Minuten dazu zusammentragen, und es hinkte doch. Die Morgendammerung ist fur den Tag, was der Fruhling fur den Sommer ist, wie die Abenddammerung fur die Nacht, was der Herbst fur den Winter. Wir sahen und horten und rochen und fuhlten, wie allmahlich ein Stuckchen vom Tag nach dem andern aufwachte wie der Morgen uber Fluren und Garten zog und sie wie vornehme Morgenzimmer mit Bluten und Blumen raucherte wie er sozusagen alle Fenster offnete, damit ein kuhlender Luftzug den ganzen Schauplatz durchstriche wie jede Kehle die andre weckte und sie in die Lufte und Hohen zog, um mit trunkner Brust der steigenden vertieften Sonne entgegenzufliegen und entgegenzusingen wie der bewegliche Himmel tausend Farben rieb und verschmolz und den Faltenwurf seiner Wolken versuchte und farbte .... So weit war der Morgen, da wir noch im tauenden Tale gingen. Aber als wir aus seiner ostlichen Pforte hinaustraten in eine unabsehliche, mit wachsenden Girlanden und regem Laubwerk musivisch ausgelegte Aue, deren sanfte Wellenlinie in Tiefen fiel und auf Hohen floss, um ihre Reize und Blumen auf und nieder zu bewegen; als wir davor standen: so erhob sich der Sturm der Wonne und des lebenden Tages und der Ostwind ging neben ihm und die grosse Sonne stand und schlug wie ein Herz am Himmel und trieb alle Strome und Tropfen des Lebens um sich herum.
Gustav spielt eben sanfter, und seine Tone halten meinen noch immer leicht in hypochondrische Heftigkeit ubergehenden Atem auf.
Als jetzt die Muhle der Schopfung mit allen Radern und Stromen rauschte und sturmte: wollten wir in susser Betaubung kaum gehen, es war uns uberall wohl; wir waren Lichtstrahlen, die jedes Medium aus ihrem Wege brach; wir zogen mit der Biene und Ameise und verfolgten jeden Wohlgeruch bis zu seiner Quelle und gingen um jeden Baum; jedes Geschopf war ein Pol, der unsere Nadel zu Abbeugungen und Einbeugungen lenkte. Wir standen in einem Kreis von Dorfern, deren Wege alle mit frohlichen Kirchgangern zuruckkamen und deren Glocken die geistige Messe einlauteten. Endlich zogen wir auch der wallfahrtenden Andacht nach und zur Kirchtur der kuhlen Ruhestatter Kirche hinein.
Wenn ein Maitre de plaisirs einem Fursten eine Operndekoration vorschluge, die aus einer aufziehenden Sonne, tausend Leipziger Lerchen, zwanzig lautenden Glocken, ganzen Fluren und Floren von seidnen Blumen bestande: so wurde der Furst sagen, es kostete zu viel aber der Freudenmeister sollte versetzen: einen Spaziergang kostets oder eine Krone, sag' ich, weil zu einem solchen Genuss nicht der Furst, sondern der Mensch zulangt.
In der Kirche liess ich mich auf dem Orgelstuhl nieder, um die plumpe Orgel zu kartatschen zum Erstaunen der meisten Seelen. Als Gustav in eine adelige Loge trat, sass in der gegenuberstehenden Beata; denn eine Predigt war ihr so lieb als einer andern ein Tanz. Gustav buckte sich mit niederfallenden Augen und aufstromender Rote vor ihr und war tief geruhrt uber die blasse gekrankte Gestalt, die sonst vor ihm gegluhet hatte sie wars gleichfalls von der seinigen, auf der sie alle traurige Erinnerungen las, die in ihre oder seine Seele geschrieben waren. Ihre vier Augen zogen sich vom Gegenstand der Liebe zu dem der Aufmerksamkeit zuruck, auf Herrn Burger aus Grossenhayn. Er fing an; ich hatte als zeitiger Organist vor, gar nicht auf ihn acht zu geben ein Kantor macht sich aus einer Predigt so wenig wie ein Mann von Ton ; allein Herr Burger predigte mir mit den ersten Worten das Choralbuch aus der Hand, worin ich lesen wollte. Er trug die Vergebung der menschlichen Fehler vor wie hart die Menschen auf der einen, und wie zerbrechlich sie auf der andern Seite waren; wie sehr jeder Fehler sich ohnehin am Menschen blutig rache und gleich einem Nervenwurme den durchfresse, den er bewohne, und wie wenig also ein anderer das Richteramt der Unversohnlichkeit zu verwalten habe; wie wenig es Verdienst habe, Unvorsichtigkeiten, kleine oder zu entschuldigende Fehler zu vergeben, und wie sehr alles Verdienst auf Ubersehung solcher Fehler, die uns mit Recht erbitterten, ankomme etc. Da er endlich auf das Gluck der Menschenliebe zeigte: so ruhte das brennende und stromende Auge Gustavs unbewusst auf Beatens Antlitz aus; und als endlich ihre Augen sich, dem Pfarrer zugekehrt, mit der wahren Kummer- und Freuden-Auflosung anfullten und als sie unter dem Abtrocknen sie auf Gustav wandte: so offneten sie sich einander ihre Augen und ihr Innerstes; die zwei entkorperten Seelen schaueten gross ineinander hinein, und ein voruberfliegender Augenblick des zartlichsten Enthusiasmus zauberte sie an den Augen zusammen .... Aber plotzlich suchten sie wieder den alten Ort, und Beata blieb mit ihren an der Kanzel.
Ich kanns nicht behaupten, ob er, Herr Burger, diese nutzliche Predigt schon unter seine gedruckten getan oder nicht; gleichwohl soll mich dieses Lob nicht hindern zu gestehen, dass seinen an sich guten Predigten eigentliche Kraft einzuschlafern vielleicht fehle, ein Fehler, den man sowohl beim Lesen als beim Horen wahrnimmt. Hier will ich zum Besten andrer Geistlichen einige Extraseiten uber die falsche Bauart der Kirchen einschichten.
Extraseiten uber die falsche Bauart der Kirchen
Ich hab' es schon dem Konsistorium und der Bauinspektion vorgetragen; aber es verfangt nichts. Wir und sie wissen es alle, dass jede Kirche, eine Kathedral-Kirche so gut als ein Filial, fur den Kopf oder das Gehirn der Diozes zu sorgen habe, d.h. fur den Schlaf derselben, weil nach Brinkmann jenes nichts so starkt als dieser. Es ware lacherlich, wenn ich mich hersetzen und erst lange ausfuhren wollte, dass dieser desorganisierende Schlaf auf eine wohlfeilere Art und fur weniger Pfennige und Opium als bei den Turken zu erregen steht; denn unser Opium wird wie Quecksilber ausserlich eingerieben und hauptsachlich an den Ohren angelegt. Nun ist niemand so gut wie mir bekannt, was man in der ganzen Sache schon getan. Wie man in Konstantinopel (nach de Tott) besondere Buden und Sitze fur die Opiumesser, aber nur neben den Moscheen hat: so sind sie bei uns darin und heissen Kirchenstuhle. Ferner brennen ordentliche Nachtlichter auf dem Altar. Die Fensterscheiben haben in katholischen Tempeln Glasgemalde, die so gut wie Fenstervorhange Schatten geben. Zuweilen sind die Pfeiler so geordnet oder vervielfaltigt, dass sie zur kirchlichen Dunkelheit mithelfen, die der Zweck des Schlafens so sehr begehrt. Da die Schlafzimmer in Frankreich lauter matte glanzlose Farben haben: so ist in dem grossen kanonischen Schlafzimmer wenigstens insofern fur den Schlaf gesorgt worden, dass doch die Teile der Kirche, auf die das Auge sich am meisten richtet, Altar, Pfarrer, Kantor und Kanzel, schwarz angestrichen sind. Man sieht, ich unterdrucke keinen Vorzug, und es ist nicht Tadelsucht, wenn ich tadele.
Aber es fehlet einem Tempel noch viel zu einem wahren Dormitorium. Ich stand (ich konnt' auch sagen: ich lag) in Italien und auch in Paris in mehren Theaterlogen, die vernunftig eingerichtet und mobliert waren: man konnte darin (weil alles dazu da war) schlafen, spielen, pissen, essen und mehr ...... Man hatte seine Freundinnen mit. Das haben nun die Grossen gewohnt; wie will man ihnen ansinnen, sie sollen in die Kirche fahren und darin schlafen, da ihnen ihr Geld eher alle Freuden als den Schlaf verschafft? Beim tiers etat, beim Bauer und Burger, selber beim Burgermeister-Kollegium, das sich die ganze Woche matt votiert, ists kein Wunder, sondern freilich leicht dahin zu bringen, dass sie leicht auf jedem Stuhl, auf jeder Empor entschlafen; ich leugn' es nicht; aber der Libertin, der Schlafer auf Eiderdunen, wird euch (und predigte ein Konsistorialrat) auf keinem blossen Sessel schlafen; er geht daher lieber in keine Kirche. Fur solche Leute von Ton mussen daher ordentliche Kirchenbetten in den Logen aufgeschlagen werden, damit es geht; so wie auch Spieltische, Esstische, Ottomanen, Freundinnen u. dergl. in einer Hofkirche so unentbehrliche Dinge sind, dass sie besser an jedem andern Orte mangeln konnten als da.
Man kann es also, ohne mich und die Wahrheit zu beleidigen, kein Schmeicheln nennen, wenn ich verfechte, dass bloss die dumme Kirchen-Architektur und der Mangel alles Haus- und Kirchengerats, aller Betten etc. daran schuld sind, nicht aber die gut und philosophisch oder mystisch ausgearbeiteten Predigten geschickter Hof-, Universitat-, Kasernen- und VesperPrediger, wenn die Leute von Stand weit weniger darin schlafen konnen, als man sich verspricht.
Ende der Extraseiten
Nach der Kirche trafen wir alle an der Sakristei zusammen. Ich gehe uber Kleinigkeiten hinweg und komme sogleich dazu, dass wir samtlich abzogen und dass Gustav unserer schonen Dauphine den Arm gab und nahm. Es war ein ruhiges Wandeln unter der festlichen Sonne und unter den Bluten der Gebusche hinweg. Der Putz, die getafelte Stirn, die wie Fiedelbogen-Haare hinubergespannten Stirn-Haare, die wie Zwiebelhaute ubereinander liegenden Rocke des weiblichen Bauerstandes malten samt dessen anlachendem Angesicht uns den Sonntag heller vor, als alle halbe und ganze Paruren der Stadterinnen konnen. Auch find' ich am Sonntage viel schonere Gesichter als an den sechs Werkeltagen, die alles im Schmutz vermummen.
Das Gesprach musste gleichgultig bleiben ich denke, selbst beim Vergissmeinnicht. Beata sah namlich eines im Grase liegen und eilte hinzu und da wars von Seide. "O ein falsches", sagte sie. "Nur ein gestorbnes," sagte Gustav, "aber ein dauerhaftes." Unter Personen von einer gewissen Feinheit wird leicht alles zur Anspielung! Wohlwollen ist ihnen daher unentbehrlich, damit sie an keine andern Anspielungen als an gutmutige glauben. Ich labte mich unter dem ganzen Wege am meisten daran, dass ich der Hintergrund und der Ruckenwind war, der hintennach ging; denn war' ich vorausgezogen, so hatt' ich den schonsten Gang nicht gesehen, in dem sich noch die schonste weibliche Seele durch ihren Korper zeichnete Beatens ihren. Nichts ist charakteristischer als der weibliche Gang, zumal wenn er beschleunigt werden soll.
Im Tal fanden wir ausser dem Schatten und Mittage noch etwas Schoneres, den Doktor Fenk. Er hatte ein kleines Speise-Concert spirituel unter den Baumen angeordnet, wo wir alle wie Fursten und Schauspieler offne Tafel, aber vor lauter satten musikalischen Zuschauern, vor den Vogeln, hielten. Wir hatten nichts darwider, dass zuweilen eine Blute in den Tunknapf, oder in das Essiggestell ein Blattchen flatterte, oder dass ein Luftchen das Zuckergestober aus der Zuckerdose seitwarts wegblies; dafur lag der grosste plat de menage, die Natur, um unsern freudigen Tisch herum, und wir waren selber ein Teil des Schaugerichts. Fenk sagte und spielte mit einem herabgezognen Aste: "unser Tisch hatte wenigstens den Vorzug vor den Tischen in der grossen Welt, dass die Gaste an unserem einander kennten; die Grossen aber, z.B. in Scheerau oder Italien, speiseten mehr Menschen, als sie kennen lernten; wie im Fette des Tieres, das von den Juden so sehr verabscheuet und nachgeahmet wurde, Mause lebten, ohne dass das Tier es merkte."
Ein Arzt sei noch so delikat im Ausdruck: er ists doch nur fur Arzte.
Unter dem Kaffee behauptete mein lieber Pestilenziar, alle Kannen Kaffee-, Schokolade-, Teekannen , Kruge etc. hatten eine Physiognomie, die man viel zu wenig studiere; und wenn Melanchthon der Missionar und Kabinettprediger der Topfe gewesen, so fehle noch ein Lavater derselben. Er habe einmal in Holland eine Kaffeekanne gekannt, deren Nase so matt, deren Profil so schal und hollandisch gewesen ware, dass er zum Schiffarzt, der mitgetrunken, gesagt, in dieser Kanne sasse gewiss eine ebenso schlechte Seele, oder alle Physiognomik sei Wind: da er eingeschenkt hatte, so war das Gesoff nicht zum Trinken. Er sagte, in seinem Hause werde kein Milchtopf gekauft, den er nicht vorher, wie Pythagoras seine Schuler, in physiognomischen Augenschein nehme.
"Wem haben wirs zuzuschreiben," fuhr er in humoristischem Enthusiasmus fort, "dass um unsere Gesichter und Taillen nicht so viele Schonheitlinien als um die griechischen beschrieben sind, als bloss den verdammten Tee- und Kaffeetopfen, die oft kaum menschliche Bildung haben und die doch unsere Weiber die ganze Woche ansehen und dadurch kopieren in ihren Kindern? Die Griechinnen hingegen wurden von lauter schonen Statuen bewacht, ja die Sparterinnen hatten die Bildnisse schoner Junglinge sogar in ihren Schlafzimmern aufgehangen."
Ich muss aber zur Rechtfertigung von vielen hundert Damen sagen, dass sie dafur ja das namliche mit den Originalen tun und dass damit auch schon etwas zu machen ist.
Da ich in diesem Familien-Schauspiel fur keine Gottin Achtung habe als fur die der Wahrheit: so kann ich sie auch meiner Schwester nicht aufopfern, obgleich ihr Geschlecht und ihre Jugend sie noch unter die Gottinnen stellen. Es argert mich, dass sie zu wenig Stolz und zu viel Eitelkeit ernahrt. Es argert mich, dass es sie nicht argern wird, sich hier gedruckt und getadelt zu lesen, weil ihr mehr am Gewinst der Eitelkeit durch den Druck als am Verlust des Stolzes durch den Tadel gelegen ist.
Stolz ist in unserem kriegslistigen Jahrhundert der treueste Schutzheilige und Lehns-Vormund der weiblichen Tugend. Niemand wird zwar von mir fodern, die Damen von meiner Bekanntschaft offentlich zu nennen, die gewiss wie Mailand 40 mal (nach Keissler) waren belagert und 20 mal erobert worden, waren sie nicht brav stolz gewesen, ja ware nicht eine davon an einem Abende voll Tanz zweiundeinhalbmal stolz gewesen; aber nennen konnt' ich sie, wollt' ich sonst.
Du lehrest mich, liebe Philippine, dass die edelsten Gefuhle nicht immer die Gefallsucht ausschliessen und dass ich ausser dem Geschafte, dich zu lieben, kein besseres haben kann als das, dich zu schelten und deinen Medizinalrat Fenk auch, der gegen dich seiner sorgenlosen Laune zu weit nachhangt: zum Gluck ist sie noch im Alter, wo Madchen allemal den lieben, den sie am langsten gesprochen, und wo ihr Herz wie ein Magnet das alte Eisen fallen lasset, wenn man ein neues daran bringt.
Beata und Gustav beruhrten einander die wunden Stellen wie zwei Schneeflocken; sogar in der Stimme und der Bewegung schilderte sich zartliches, schonendes, ehrliebendes, aufopferndes Ansichhalten. O wenn die Weigerungen der Koketterie schon so viel geben: wie viel mussen erst die gegenwartigen der Tugend geben!
Der Nachmittag war auf den Flugeln der Schmetterlinge, die neben uns ihre tiefern Blumen suchten, davongeeilet; die Gesprache nahmen wie die Augen an Interesse zu, und wir schlenterten (oder schreibt mans mit einem weichen D?) auf der Allee-Terrasse hin, die den Berg wie ein Gurtel umwindet und auf der das Auge uber die Einzaunungen des Tales in die Fluren hinubergehen kann. Gegen Westen ruckte ein Gewitter mit seinem Donner-Tritt uber den Himmel und hing sein Bahrtuch von schwarzem Gewolk uber die Sonne. Die Gegend sah wie das Leben eines grossen, aber nicht glucklichen Menschen aus; der eine Berg gluhte vom Flammenblick der Sonne, der andre verdunkelte sich unter der niederfallenden Nacht einer Wolke druben in der Abendgegend brauste im Himmel statt des Vogelgesangs das himmlische Pedal, der Donner, und in Reihen von weissen Wassersaulen riss sich der warmende Regen vom Himmel los und fullte seine Blumenkelche und Gipfel wieder, aus denen er gestiegen war es war der Seele so feierlich, als wurde ein Thron fur Gott errichtet, und alles wartete, dass er darauf niederstiege.
Gustav und Beata gingen, in den Himmel versunken, auf der Terrasse voraus; der Doktor, meine Schwester und ich in einer kleinen Ferne hinter ihnen. Endlich platzten auf dem Laube der Allee einzelne Regentropfen, die aus dem Saume der breiten Wetterwolke uber uns flogen und fielen; so bestreift ein donnerndes niederblitzendes Ungluck der Nachbarschaft die entlegnen Lander nur mit einigen Tranen, die aus dem Auge des Mitleids entwischen. Wir stellten uns alle unter die nachsten Baume. Gustav und Beata standen seit vielen Monaten zum ersten Male wieder einsam nebeneinander, ohne Ohrenzeugen, obwohl neben Augenzeugen. Sie waren gegen Abend gekehrt und schwiegen. Es gibt Lagen, wo der Mensch sich zu gross fuhlt, ein Gesprach heranzulenken, oder fein zu sein, oder Anspielungen zu machen. Beide verstummten fort, bis Gustav in der heissesten Sonnenwende seiner Empfindungen sich von der uberschwemmten Abendgegend umkehrte zu Beatens Augen hin ihre hoben sich langsam und unverhullt zu seinen auf und der Mund unter ihnen blieb ruhig und ihre Seele war bei niemand als bei Gott und der Tugend.
Die Wolke war verronnen und verzogen. Der Doktor hatte heimzueilen. Niemand konnte aus seinem geniessenden Schweigen heraus. So stumm waren wir alle die Terrasse hinunter gekommen und jedes war auch schon von seinem belaubten Regenschirme hinweg , als auf einmal die tiefe Sonne die schwarze Wolkendecke durchbrannte und entzweiriss und den Leichenschleier des Gewitters weit zuruckschlug und uns uberstrahlte und die glimmenden Gestrauche und jeden feurigen Busch .... Alle Vogel schrien, alle Menschen verstummten die Erde wurde eine Sonne der Himmel zitterte weinend uber der Erde vor Freude und umarmte sie mit heissen unermesslichen Lichtstrahlen.
Die Gegend brannte im himmlischen Feuerregen um uns; aber unsere Augen sahen sie nicht und hingen blind an der grossen Sonne. Im Drang, das Herz von Blut und Freude loszumachen, versank Gustavs Hand in Beatens ihre er wusste nicht, was er nahm sie wusste nicht, was sie gab, und ihre gegenwartigen Gefuhle erhoben sich weit uber geringfugige Versagungen. Endlich legte sich die umdonnerte Sonne wie ein Weiser ruhig unter die kuhle Erde, ihr Abendrot ruhte gluhend unter dem blitzenden Wetter, sie schien wie eine Seele zu Gott gegangen zu sein, und ein Donnerschlag fiel in den Himmel nach ihrem Tode ....
Es dammerte .... die Natur war ein stummes Gebet .... Der Mensch stand erhabener wie eine Sonne darin; denn sein Herz fasste die Sprache Gottes .... aber wenn in das Herz diese Sprache kommt und es zu gross wird fur seine Brust und seine Welt: so hauchet der grosse Genius, den es denkt und liebt, die stillende Liebe zu den Menschen in den sturmenden Busen, und der Unendliche lasset sich von uns sanft an den Endlichen lieben ....
Gustav empfand die Hand, die in seiner pulsierte und aus ihr herausstrebte er hielt sie schwacher und sah in das schonste Auge zuruck seines bat Beaten unendlich ruhrend um Vergebung der vergangnen Tage und schien zu sagen: "O! nimm in dieser seligen Stunde auch meinen letzten Kummer weg!" Als er nun leise mit einem Tone, der so viel war wie eine gute Tat, fragte: "Beata?" und als er nicht weitersprechen konnte und sie das errotende Angesicht zur Erde wandte und aufhorte, ihre Hand aus seiner zu ziehen, und tief geruhrt wieder aufsah und ihm die Trane zeigte, die zu ihm sagte: "Ich will dir vergeben": so wurden aus zwei Seelen, die noch grosser waren als die Natur um sie, zwei Engel, und sie fuhlten den Himmel der Engel sie standen und schwiegen, in unendliche Dankbarkeit und Entzuckung verloren er nahm endlich, zitternd vor hochachtender Freude, ihren bebenden Arm und erreichte uns.
Den Sabbat schlossen stille Gedanken, stille Entzuckungen, stille Erinnerungen und ein stiller Regen aus allen entladenen Gewittern.
Fussnoten
1 Seine vor einem Jahre gedruckten Predigten werden nach dem Geschmack eines jeden sein, der meinen hat.
Vierter Freuden-Sektor
Der Traum vom Himmel Brief Fenks
Seitdem ich neben meinem lebenbeschreibenden Handwerk noch das eines Damenschneiders betreibe, wachst ein ganz neues Leben in mir auf. Gleichwohl muss man dem kunftigen Schrockh, der in sein Bilderkabinett beruhmter Manner mich auch als einen hineinhangen will, den Rat geben, dass er sich massige und aus meiner Schneiderei nicht alles ableite, sondern etwas aus meiner Phantasie. Die letzte hat sich im vorigen Winter und Herbst durch das Malen so vieler Naturszenen so gestarkt, dass der gegenwartige Fruhling an mir ganz andre Augen und Ohren findet als die vorigen alle. Das hatten wir alle, ich und Leser, eher bedenken sollen. Wenn der Reiz gewisser Laster durch die taglich wachsenden Anstrengungen der Phantasie unbezwinglich wird: warum geben wir ihrem hinreissenden Pinsel nicht wurdige Gegenstande? Warum richten wir sie nicht im Winter ab, den Fruhling aufzufassen oder vielmehr auszuschaffen? Denn man geniesset an der Natur nicht, was man sieht (sonst genosse der Forster und der Dichter draussen einerlei), sondern was man ans Gesehene andichtet, und das Gefuhl fur die Natur ist im Grunde die Phantasie fur dieselbe.
In keinem Kopfe aber kristallisierten sich holdere Traum- und Phantasiegestalten als im Gustavischen. Seine Gesundheit und sein Gluck sind zuruckgekommen: das zeigen seine Nachte an, worin die Traume wie Violen wieder ihre Lenzkelche auseinandertun. Ein solcher Edenduft wallet um folgenden Traum:
Er starb (kam ihm vor) und sollte den Zwischenraum bis zu seiner neuen Verkorperung in lauter Traumen verspielen. Er versank in ein schlagendes Bluten-Meer, das der zusammengeflossene SternenHimmel war; auf der Unendlichkeit bluhten alle Sterne weiss und nachbarliche Blutenblatter schlugen aneinander. Warum berauschte aber dieses von der Erde bis an den Himmel wachsende Blumenfeld mit dem rauchenden Geiste von tausend Kelchen alle Seelen, die daruberflogen und in betaubender Wonne niederfielen, warum mischte ein gaukelnder Wind unter einem Schneegestober von Funken und bunten Feuerflocken Seelen mit Seelen und Blumen zusammen, warum wolkte die verstorbnen Menschen ein so susser und so spielender Totentraum ein? O darum: die nagenden Wunden des Lebens sollte der Balsamhauch dieses unermesslichen Fruhlings verschliessen und der von den Stossen der vorigen Erde noch blutende Mensch sollte unter den Blumen zuheilen fur den kunftigen Himmel, wo die grossere Tugend und Kenntnis eine genesene Seele begehrt. Denn ach! die Seele leidet ja hier gar zu viel! Wenn auf jenem Schneegefilde eine Seele die andre umfasste: so schmolzen sie aus Liebe in einen gluhenden Tautropfen ein; er zitterte dann an einer Blume herab und sie hauchte ihn wieder entzweigeteilt als heiligen Weihrauch empor. Hoch uber dem Blutenfeld stand Gottes Paradies, aus dem das Echo seiner himmlischen Tone in Gestalt eines Bachs in die Ebene herniederwallete; sein Wohllaut durchkreuzte in allen Krummungen das Unter-Paradies und die trunknen Seelen sturzten sich aus Wonne von den Ufer-Blumen in den Flotenstrom; im Nachhall des Paradieses erstarben ihnen alle Sinne und die zu endliche Seele ging, in eine helle Freuden-Trane aufgeloset, auf der laufenden Welle weiter. Dieses Blumengefilde stieg unaufhaltsam empor, dem erhoheten Paradiese entgegen, und die durcheilte Himmelluft schwang sich von oben herab und ihr Niederwehen faltete alle Blumen auseinander und bog sie nicht. Aber oft ging Gott in der dunkelsten Hohe weit uber der wehenden Aue hinweg; wenn der Unendliche dann oben seine Unendlichkeit in zwei Wolken verhullte, in eine blitzende, oder die ewige Wahrheit, und in eine warm auf alles niedertraufelnde und weinende, oder die ewige Liebe: alsdann stand gehalten die steigende Au, der sinkende Ather, der nachhallende Bach, das rege Blumenblatt; alsdann gab Gott das Zeichen, dass er vorubergehe, und eine unermessliche Liebe zwang alle Seelen, in dieser hohen Stille sich zu umarmen und keine sank an eine, sondern alle an alle ein WonneSchlummer fiel wie ein Tau auf die Umarmung. Wenn sie dann wieder auseinander erwachten, so gingen aus dem ganzen Blumenfelde Blitze, so rauchten alle Bluten, so sanken alle Blatter unter den Tropfen der warmen Wolke, so klangen alle Krummungen des tonenden Baches zusammen, es wetterleuchtete das ganze Paradies uber ihnen und nichts verstummte als die liebenden Seelen, die zu selig waren ....
*
Gustav erwachte in eine nahere Welt, die ein schones Gegenspiel seiner getraumten war; die Sonne war in einen einzigen gluhenden Strahl verwandelt, und dieser Strahl knickte auch an der Erde ab; die Wolke der Dammerung zog herum, Blumen und Vogel hingen ihre schlafenden Haupter in den Tau hin und bloss der Abendwind kramte noch in den Blattern umher und blieb die ganze Nacht auf ....
So schleichen unsere grunen Stunden durch unser unbesuchtes Tal, sie gleiten mit einem ungehorten Schmetterling-Fittich durch unsern Luftkreis, nicht mit der schnurrenden Kafer-Flugeldecke die Freude legt sich leise wie ein Abendtau an und prasselt nicht wie ein Gewitterguss herab. Unsere gluckliche Badzeit wird uns zum Mut, zu Geschaften, zum Erdulden auf lange, auf immer erfrischen; das grune Lilienbad wird in unserer Phantasie eine grune Rasenstelle bleiben, auf der, wenn einmal die Jahre alle elysische Felder, die ganze Gegend unserer Freude tief uberschneiet haben, unter ihrem warmen Hauche aller Schnee zergeht und die uns immer angrunet, damit wir auf ihr, wie Maler auf grunem Tuche, unsere alten Augen erquicken .... Ich wunsch' euch, meine Leser, fur euer Alter recht viele solche offen bleibende Stellen und jedem Kranken sein Lilienbad.
Tat' ichs nicht dem deutschen Publikum zu Gefallen: so wurd' ich schwerlich vor Freude zur Beschreibung derselben gelangen. Und doch werd' ich keinen neuen Freuden-Sektor anfangen vor dem Geburttage Beatens. Dieser wird auf der kleinen Molukke Teidor begangen, dahin sind wir vom Doktor eingeladen; der hat sein Landhaus auf dieser Insel; das Wetter wird auch schon verbleiben. Ich kann so viel ohne grosses prophetisches Talent leicht voraussehen, dass der Geburttags- oder Teidors-Sektor alles Schone, was je in der Alexandrinischen Bibliothek verbrannt oder in Ratbibliotheken vermodert oder in andern erhalten worden, nicht sowohl vereinigen als vollig uberbieten werde.
Im namlichen Brief, der uns nach der molukkischen Insel lockt, schreibt mir der Doktor eine Neuigkeit, die insofern hier einen Platz verdient, weil einer da ist und ich den Sektor gern voll haben mochte, indem ich bloss abschriebe.
"Der Professor Hoppedizel, der ausser dem Philosophieren und Prugeln nichts so liebt als Spassmachen, will, sobald der Mond wieder spater aufgeht, den machen, dass er ein Spitzbube ist. Ich traf ihn vor einigen Tagen an, dass er sich einen langen Bart zurechtsott, ferner Brecheisen versteckte und Masken wahlte. Ich fragte ihn, auf welcher Redoute er stehlen wolle. Er sagte, in der Maussenbachschen kurz er will deinen Gerichtprinzipal dadurch, dass er mit der kleinen Bande einbricht und statt Beute Spass macht, in einen theatralischen Kunst-Schrecken jagen. Zu wunschen ware, dieser artistische und satirische Rauberhauptmann wurde fur einen wahren genommen und mit seinem Brech-Apparat auf einen Arrestanten-Wagen gebracht und offentlich hereingefahren nicht etwa, damit der gute Hoppedizel dabei versehret wurde sondern nur damit dieser korsarische Stoiker auf die Folter kame und dadurch drei Menschen auf einmal ins Licht setzte: erstlich sich, indem er weniger das Verbrechen als seine stoischen Grundsatze bekennte zweitens den Pestilenziar oder mich, indem ich bei der Tortur (wie wir bei allen Schmerzen tun) die Rucksichten auf seine Gesundheit vorschriebe drittens den Justitiar oder dich, der du zeigen konntest, dass du deine akademischen Kriminalhefte schon noch im Koffer hattest."
Ich glaube, es wird dem Leser auch so gehen wie mir, dass uns auf dem Blumengestade unter den Wohllauten der Natur dieses Seetreffen des grossen Weltmeers und dieses Schiessen desselben eine schreiende Dissonanz zu machen scheint.
Dreiundfunfzigster oder der grosste
Freuden-Sektor oder der Geburttags- oder
Teidors-Sektor
Der Morgen der Abend die Nacht
Heute ist Beatens Fest und wird immer schoner mein Schreibepult ist neun Millionen Quadratmeilen breit, namlich die Erde die Sonne ist meine Epiktets-Lampe, und statt der Handbibliothek rauschen die Blatter des ganzen Naturbuchs vor mir .... Aber von vornen an! Ubrigens lieg' ich jetzt auf der Insel Teidor.
Die Tage vor schlechtem Wetter sind auch meteorologisch die schonsten. Da wir heute als die friedlichste Quadrupel-Allianz, die es gibt, durch unser singendes Tal, eh' noch die Morgenstrahlen hereingestiegen waren, hinausgingen, um noch vor neun Uhr recht gemachlich auf der kleinen Molukke Teidor anzukommen: so streckte sich ein ganzer kristallener quellenheller Tag auf den weiten Fluren vor uns hin wir waren bisher an schone gewohnt, aber an den schonsten nicht. Die Erdkugel schien eine helle, aus Dunsten und Luften herausgehobene Mondkugel zu sein die Berg- und Waldspitzen standen nackt im tiefen Blau, sozusagen ungepudert von Nebeln alle Aussichten waren uns naher geruckt und der Dunst war vom Glase, wodurch wir sahen, abgewischt die Luft war nicht schwul, aber sie ruhte auf den GewurzFluren unbeweglich aus und das Blatt nickte, aber nicht der Zweig, und die hangende Blume wankte ein wenige aber bloss unter zwei kampfenden Schmetterlingen .... Es war der Ruhetag der Elemente, die Sieste der Natur. Ein solcher Tag, wo schon der Morgen die Natur eines schwarmerischen Abends hat und wo schon er uns an unsere Hoffnungen, an unsre Vergangenheit und an unser Sehnen erinnert, kommt nicht oft, kommt fur nicht viele, darf fur die wenigen, in deren schwellendes Herz er leuchtet, nicht oft kommen, weil er die armen Menschen, die ihm ihre Herzen wie Blumenblatter auftun, zu sehr erfreuet, sie vom kameralistischen Feudalboden, wo man mehr Blumen mahen als beriechen muss, zu weit ins magische Arkadien verschlagt. Aber ihr Finanziers und Okonomen und Pachter, wenn fast alle Jahrzeiten der Haut und dem Magen dienen: warum soll nicht ein Tag zumal fur Brunnengaste bloss dem zu weichen Herzen zugehoren? Wenn man euch Harte vergibt: warum wollt ihr keine Weichheit vergeben? O ihr beleidigt ohnehin genug, ihr gefuhllosen Seelen; die schonere feinere ist euch bloss unbedeutend und lacherlich; aber ihr seid ihr qualend und verwundet sie. Sonderbar ists, dass man andern zuweilen die Vorzuglichkeit der Talente, aber nie die Vorzuglichkeit der Empfindungen zugesteht und dass man seiner eignen Vernunft, aber nicht seinem eignen Geschmack Irrtumer zutraut.
Ein durchsichtiges Dockengelander von Waldbaumen stand bloss noch zwischen uns und dem indischen Ozean, worin Teidor grunte, als uns der Steig durch das hohe Gras, das uber ihn hereinschlug, an einer Einode oder einem isolierten Hause vorubertrug, das zu entzuckend in diesem Blumen-Ozean lag, als dass man hatte vorbeigehen oder -reiten konnen. Wir lagerten uns auf einer abgemahten Rasenstelle, zur rechten Seite des Hauses, zur linken eines runden Gartchens, das sich mitten in die Wiese versteckte. Im armen Gartchen waren und nahrten sich (wie in einem toleranten Staate) auf dem namlichen Beete Bohnen und Erbsen und Salat und Kohlruben; und doch hatte im Zwerg-Garten ein Kind noch sein Infusions-Gartchen. Im blendenden und roten Vogelhauschen betrieb eine flinke Frau gerade ihre wohlriechende Feldbackerei; und zwei Kinderhemdchen hingen am Gartenzaun, und zwei standen an der Haustur, in welchen letzten zwei braune Kinder spielten und uns beobachteten ihnen tat am heutigen Morgen nichts wohl als ihren entblossten Fussen die Sonne. O Natur! o Seligkeit! du suchest wie die Wohltatigkeit gern die Armut und das Verborgne auf!
Das Klugste, was ich heute gesagt habe und vermutlich sagen werde, ist gewiss die Gras-Rede am Morgen neben dem Hauschen. Als ich so den stehenden Himmel, die Wind- und Blatterstille betrachtete, in der der steilrechte Flugel des Schmetterlings und das Harchen der Raupe unverbogen blieb: so sagt' ich: "Wir und dieses Raupchen stehen unter und in drei allmachtigen Meeren, unter dem Luftmeer, unter dem Wassermeer und unter dem elektrischen Meere; gleichwohl sind die brausenden Wogen dieser Ozeane, diese Meilen-Wellen, die ein Land zerreissen konnen, so geglattet, so bezahmet, dass der heutige Sabbat-Tag herauskommt, wo den breiten Flugel des Schmetterlings kein Luftchen ergreift oder um ein gefiedertes Staubchen berupft und wo das Kind so ruhig zwischen den Elementen-Leviathans tandelt und lachelt. Wenn dies kein unendlicher Genius bezwungen hat, wenn wir diesem Genius keine Zusammenordnung unsers kunftigen Schicksals und unserer kunftigen Welt zutrauen " ...
O unendlicher Genius der Erde! an deinen Busen wollen wir unsre kindlichen Augen schmiegen, wenn sich der Sturm von der Kette losreisset an dein allmachtiges heisses Herz wollen wir zurucksinken, wenn uns der eiserne Tod einschlafert, indem er vorbeigeht!
So wandelten wir unschuldig-zufrieden, ohne Hastigkeit und Heftigkeit den Wellen zu, die an Fenks Landhaus spulten. Sonderbar ists, es gibt Tage, wo wir freiwillig unser stilles fort-vibrierendes Vergnugen von den aussern Gegenstanden uns zureichen lassen (wodurch wir ungewohnlich gegen echten Stoizismus verstossen); noch sonderbarer ists, dass manche Tage dieses wirklich tun. Ich meine das: ein gewisses leises wellen-glattes Zufriedensein nicht verdient durch Tugend, nicht erkampft durch Nachdenken wird uns zuweilen von dem Tage, von der Stunde beschert, wo alle die jammerlichen Kleinigkeiten und Fransen, woraus unser ebenso kleinliches als kleines Leben zusammengenaht ist, mit unsern Pulsen einstimmen und unserem Blute nicht entgegenfliessen z.B. wo (wie heute geschah) der Himmel unbewolkt, der Wind im Schlaf, der Fahrmann, der nach Teidor bringt, bei der Hand, der Herr des Landhauses, Doktor Fenk, schon vor einer Stunde gegenwartig, das Wasser eben, das Boot trocken, der AnlandungHafen tief und alles recht ist .... Wahrhaftig wir sind alle auf einen so narrischen Fuss gesetzt, dass es zu den Menschenfreuden, woruber der Zerbster Konsistorialrat Sintenis zwei Bandchen abgefasset, mit gerechnet werden kann in Deutschland; aber in Italien und Polen weit weniger , zuweilen einen oder den andern Floh zu greifen ...... Will man also einen solchen paradiesischen Tag erleben: so muss nicht einmal eine Kleinigkeit, uber die man in stoisch-energischen Stunden wegschreitet, im Wege liegen; so wie sich uber die Sonne, wenn ein Brennspiegel sie herunterholen will, nicht das dunnste Wolkchen schieben darf .... Ich bin jetzt im Feuer und versichere, ich kann mir unmoglich etwas Narrischeres denken als unser Leben, unsere Erde, uns Menschen und unsre Bemerkung dieser Narrheit ....
Der indische Ozean war ein larmender Marktplatz wie ein sinesischer Strom, uberall bewegte sich auf ihm Freude, Leben und Glanz, von seiner Oberflache bis zu seinem Grunde, wo die zweite Halbkugel des Himmels mit ihrer Sonne zitterte. Im Landhause waren die Wande weiss, weil fur einen Menschen (sagte Fenk), welcher aus der in lauter Feuer und Lichtern stehenden Natur in eine enge Klause tritt, kein Kolorit dieser Klause hell genug sein konne, um einen traurigen beschrankten Eindruck abzuwenden.
Alsdann ruhten wir aus, indem wir von einer beschatteten Grasbank der Insel zur andern gingen, von Birkenblattern und indischen Wellen angefachelt dann musizierten dann dinierten wir, erstlich am Tische eines Wirtes, der auf eine lustige Art fein und delikat zu sein weiss, zweitens vor den in alle Weltgegenden aufgeschlossenen Fenstern, die uns noch mehr in alle Strudel der freudigen Natur hineindrehten, als waren wir draussen gewesen, und drittens jeder von uns mit einer Hand, welche die weiche Beere des Vergnugens abzunehmen weiss, ohne sie entzweizudrukken. Ottomar kommt abends die zwei Madchen haben unter Blumen und der gluckliche Gustav unter Schatten sich verloren der Lebensbeschreiber liegt hier wie der Jurist Bartolus auf dem hebenden Grase und schildert alles Fenk ordnet auf Abend an. Erst abends tritt das Vollicht unserer heutigen Freude ein; und ich danke dem Himmel, dass ich jetzt mit meiner biographischen Feder nachgekommen bin und niemals mehr weiss, als ich eben berichte: anstatt dass ich bisher immer mehr wusste und mir den biographischen Genuss der freudigsten Szenen durch die Kenntnis der traurigen Zukunft versalzte. So aber konnt' in der nachsten Viertelstunde uns alle das Weltmeer ersaufen: in der jetzigen lachelten wir in dasselbe hinein.
Da ich so ruhig bin und nicht spazieren gehen mag: so will ich uber das Spazierengehen, das so oft in meinem Werke vorkommt, nicht ohne Scharfsinn reden. Ein Mann von Verstand und Logik wurde meines Bedunkens alle Spazierer, wie die Ostindier, in vier Kasten zerwerfen.
In der I. Kaste laufen die jammerlichsten, die es aus Eitelkeit und Mode tun und entweder ihr Gefuhl oder ihre Kleidung oder ihren Gang zeigen wollen.
In der II. Kaste rennen die Gelehrten und Fetten, um sich eine Motion zu machen, und weniger, um zu geniessen, als um zu verdauen, was sie schon genossen habe; in dieses passive unschuldige Fach sind auch die zu werfen, die es tun ohne Ursache und ohne Genuss, oder als Begleiter, oder aus einem tierischen Wohlbehagen am schonen Wetter.
Die III. Kaste nehmen diejenigen ein, in deren Kopfe die Augen des Landschaftmalers stehen, in deren Herz die grossen Umrisse des Weltall dringen, und die der unermesslichen Schonheitlinie nachblikken, welche mit Efeufasern um alle Wesen fliesset und welche die Sonne und den Bluttropfen und die Erbse rundet und alle Blatter und Fruchte zu Zirkeln ausschneidet. O wie wenig solcher Augen ruhen auf den Gebirgen und auf der sinkenden Sonne und auf der sinkenden Blume!
Eine IV. bessere Kaste, dachte man, konnt' es nach der dritten gar nicht geben: aber es gibt Menschen, die nicht bloss ein artistisches, sondern ein heiliges Auge auf die Schopfung fallen lassen die in diese bluhende Welt die zweite verpflanzen und unter die Geschopfe den Schopfer die unter dem Rauschen und Brausen des tausendzweigigen, dicht eingelaubten Lebensbaums niederknien und mit dem darin wehenden Genius reden wollen, da sie selber nur geregte Blatter daran sind die den tiefen Tempel der Natur nicht als eine Villa voll Gemalde und Statuen, sondern als eine heilige Statte der Andacht brauchen kurz, die nicht bloss mit dem Auge, sondern auch mit dem Herzen spazieren gehen ....
Ich weiss kein grosseres Lob, als dass ich von solchen Menschen leicht auf unser liebendes Paar hinubergleiten kann die Liebe desselben ist ein solcher Spaziergang, das Leben der hohen Menschen ist auch ein solcher. Ich will nur noch, eh' ich mich vom erdruckten Gras aufrichte, so viel bemerken, dass Gustavs Liebe ganz in die Realdefinition einpasset, die von ihr in einer schwarmerischen Sommer-Mitternacht zu machen ist Die edelste Liebe (kann man definieren) ist bloss die zarteste, tiefste, festeste Achtung, die sich weniger durch Tun als durch Unterlassen offenbaret, die sich wechselseitig errat, die auf beide Seelen (bis zum Erstaunen) die namlichen Saiten zieht, die die edelsten Empfindungen mit einem neuen Feuer hoher tragt, die immer aufopfern, nie bekommen will, die der Liebe gegen das ganze Geschlecht nichts nimmt, sondern alles gibt durch das Einzelwesen; diese Liebe ist eine Achtung, in welcher der Druck der Hande und der Lippen sehr entbehrliche Bestandteile sind und gute Handlungen sehr wesentliche; kurz eine Achtung, die vom grossern Teile der Menschen ausgehohnet und vom kleinsten tief geehret werden muss. Eine solche herzerhohende Achtung war Gustavs Liebe, welche edle Augenzeugen nicht nur vertrug, sondern auch erfreuete und warmte, weil sie ohne jenes unschuldig-sinnliche Getandel mit Lippen und Handen war, woran der Zuschauer gerade so viel Anteil wie an rollenmassigen theatralischen Viktualien der Schauspieler nehmen kann. Ein Zeichen der tugendhaften Achtung oder Liebe ist dies, wenn der Zuschauer desto mehr Anteil daran nimmt, je grosser sie ist. Gustavs Liebe hatte seit seinem Petrus-Falle und noch mehr seit der Vergebung dieses Falls (denn viele Fehler fuhlt man erst am tiefsten, wenn sie verziehen sind) einen solchen Zusatz von Zartheit, von Zuruckhaltung, von Bewusstsein des fremden Werts gewonnen, dass er sich mehre Herzen gewann als das weichste, und andre Augen beherrschte als die schonsten an Beaten, vor denen seine Blikke, wie Schneeflocken unter der nackten Sonne im Blauen, rein, schimmernd, zitternd und zerrinnend niederfielen.
Eben langt alles an, Ottomar und die andern.
Meine Uhr schlagt zwei Uhr nach Mitternacht, und noch ist Beatens und des Paradieses Wiegenfest nicht beschlossen: denn ich setze mich jetzt her, es zu beschreiben; wenn ich anders auf dem Stuhl bleibe und nicht wieder in das blaue Gewolbe, das uber so viele heutige Freuden seine Sternenstrahlen warf, hinausirre.
Gegen Abend flog Ottomar uber das Wasser heruber. Er sieht immer aus wie ein Mann, der an etwas Weites denkt, der jetzt nur ausruhet, der die hereinhangende Blume der Freude abbricht, weil ihn seine fliehende Gondel vor ihr voruberreisset, nicht weil er daran denkt. Er hat noch seine erhaben-leise Sprache und sein Auge, das den Tod gesehen. Immer noch ist er ein Zahuri1, der durch alles Blumengeniste und alle Graspartien der Erde durchschauet und zu den unbeweglichen Toten hinabsieht, die unter ihr liegen. So sanft und sturmisch, so humoristisch und melancholisch, so verbindlich und unbefangen und frei! Er behauptete, die meisten Laster kamen von der Flucht vor Lastern aus Furcht, schlimm zu handeln, taten wir nichts und hatten zu nichts Grossem mehr Mut wir hatten alle so viel Menschenliebe, dass wir keine Ehre mehr hatten aus Menschen-Schonung und Liebe hatten wir keine Aufrichtigkeit, keine Gerechtigkeit, wir sturzten keinen Betruger, keinen Tyrannen etc.
Ihn wunderte Beata, die nicht den gewohnlich erzwungenen, sondern steigenden Anteil an unsern Reden nahm; denn er glaubt, mit einer Frau konne man von Himmel und Holle, von Gott und Vaterland sprechen, so denke sie doch unter dem ganzen Horen an nichts als an ihre Gestalt, ihr Stehen, ihren Anzug. "Ich nehme", sagte Fenk, "erstlich alles aus, und zweitens auch die Physiognomik; auf diese horchen alle, weil sie alle sie sogleich gebrauchen konnen."
Der magische Abend trieb immer mehr Schatten vor sich voraus; er nahm endlich alle Wesen auf seinen wiegenden Schoss und legte sie an sich, um sie ruhig, sanft und froh zu machen. Wir funf Eilander wurden es auch. Wir gingen samtlich hinaus auf eine kleine kunstliche Anhohe, um die Sonne bis zur Treppe zu begleiten, eh' sie uber Ozeane nach Amerika hinabschifft. Plotzlich ertonten druben in einer andern Insel funf Alphorner und gingen ihre einfachen Tone ziehend auf und ab. Die Lage wirkt mehr auf die Musik, als die Musik auf die Lage. In unserer Lage wo man mit dem Ohr schon an der Alpenquelle, mit dem Auge auf der am Abend ubergoldeten Gletscherspitze ist und um die Sennenhutte Arkadien und Tempe und Jugend-Auen lagert, und wo wir diese Phantasien vor der untergehenden Sonne und nach dem schonsten Tage fliegen liessen da folgt das Herz einem Alphorn mit grossern Schlagen als einem Konzertsaale voll geputzter Zuhorer. O das Einlassblatt zur Freude ist ein gutes, und dann ein ruhiges Herz! Die dunkeln wolkigen durchschimmerten Begriffe, die der Weltweise von allen Empfindungen verlangt, mussen langsam uber die Seele ziehen oder ganzlich stehen, wenn sie sich vergnugen soll; so wie Wolken, die langsam gehen, schones Wetter, und fliegende schlimmes bedeuten. "Es gibt", sagte Beata, "tugendhafte Tage, wo man alles verzeiht und alles uber sich vermag, wo die Freude gleichsam im Herzen kniet und betet, dass sie langer dableiben und wo alles in uns ausgeheitert und beleuchtet ist; wenn man dann vor Vergnugen daruber weint: so wird dieses so gross, dass alles wieder vorbei ist."
"Ich", sagte Ottomar, "werfe mich lieber in die schaukelnden Arme des Sturms. Wir geniessen nur blinkende, gluhende Augenblicke; diese Kohle muss heftig herumgeschleudert werden, damit der brennende Kreis der Entzuckung erscheine."
"Und doch", sagt' er, "bin ich heute so froh vor dir, untersinkende Sonne! ... Je froher ich in einer Stunde, in einer Woche war, desto mehr sturmte dann die folgende Wie Blumen ist der Mensch: je heftiger das Gewitter werden wird, desto mehr Wohlgeruche verhauchen sie vorher."
"Sie mussen uns nicht mehr einladen, Herr Doktor", sagte lachelnd Beata, aber ihr Auge schwamm doch in etwas mehr als in Freude.
Unter dem Rotauflegen des Himmels trat die Sonne auf ihre letzte Stufe, von farbigen Wolken umlagert. Die Alphorner und sie verschwanden im namlichen Nu. Eine Wolke um die andere erblasste, und die hochste hing noch durchgluhet herab. Beata und meine Schwester scherzten weiblich daruber, was diese illuminierten Nebel wohl sein konnten Die eine machte daraus Weihnachtschafchen mit rosenroten Bandern, eine rote Himmelscharpe die andre feurige Augen oder Wangen unter einem Schleier rote und weisse Nebel-Rosen einen roten Sonnenhut u.s.w. ...
Punsch, denk' ich, wurde endlich fur die Herren gebracht, von denen einer ihn in solcher Massigkeit zu sich nahm, dass er noch um 21/2 Uhr seinen Sektor setzen kann. Wir wandelten dann unter dem kuhlenden rauschenden Baum des Himmels, dessen Bluten Sonnen und dessen Fruchte Welten sind, hin und her. Das Vergnugen fuhrte uns bald auseinander, bald zueinander, und jeder war gleich sehr fahig, ohne und durch Gesellschaft zu geniessen. Beata und Gustav vergassen aus Schonung uber die fremde Liebe und Freude ihre besondere und waren unter lauter Freunden sich auch nur Freunde. O predigt doch bloss die Traurigkeit, die das Herz so dick wie das Blut macht, aber nicht die Freude aus der Welt, die in ihrem Taumeltanz die Arme nicht bloss nach einem Mittanzer, sondern auch nach einem wankenden Elenden ausstreckt und aus dem Jammer-Auge, das ihr zusieht, voruberfliehend die Trane nimmt! Heute wollten wir einander alles verzeihen, ob wir gleich nichts zu verzeihen fanden. Es war nichts zu vergeben da, sag' ich; denn als ein Stern um den andern aus der schattierten Tiefe herausquoll und als ich und Ottomar vor einer schlagenden Nachtigall umgekehret waren, um durch die Entfernung den gedampften Lautenzug ihrer Klagen anzuhoren, und als wir einsam, von lauter Tonen und Gestalten der Liebe umgeben, nebeneinander standen und als ich mich nicht mehr halten konnte, sondern unter dem grossen jetzigen und kunftigen Himmel mein Herz dem zeigte, dessen seines ich langst gesehen und geliebt: so war so etwas kein Verzeihen und Versohnen, sondern ... Davon ubermorgen!
In veranderlichen Gruppen bald die zwei Madchen allein, bald mit einem dritten, bald wir alle betraten wir die in Gras umgekleideten Blumen und gingen zwischen zwei nebenbuhlerischen Nachtigallen, wovon die eine unsre Insel, die andre die nachste Insel besang und begeisterte. In diesem musikalischen Potpourri hatten die Blumenblatter die wohlriechenden Potpourri zugedeckt, aber alle Birkenblatter hatten die ihrigen aufgetan, und wir teilten uns mit Absicht auseinander, um nicht eilig aus unserem zauberischen Otaheiti abschiffen zu konnen.
Endlich gerieten wir zufallig unter einer Silberpappel zusammen, deren beschneiete Blatter durch den Glanz im Abend uns um sie versammelt hatten. "Wir haben hohe Zeit zum Fortgehen!" sagte Beata. Allein da wirs wollten oder wollen mussten: so ging der Mond auf; hinter einem gegitterten Facher von Baumen schlug er so bescheiden, als er still uber die blinde Nacht wegfliesset, seine Wolken-Augenlider auf, und sein Auge stromte, und er sah uns an wie die Aufrichtigkeit, und die Aufrichtigkeit sah auch ihn an. "Wollen wir nur" sagte Ottomar, in dessen heisser Freundschaft-Hand man gern jede weibliche entriet "bleiben, bis es auf dem Wasser lichter wird und der Mond in die Taler hereinleuchten kann wer weiss, wann wirs wieder so haben?" Endlich fuge er hinzu: "Ich und Gustav verreisen ohnehin morgen fruh, und das Wetter halt nicht mehr lange." Es ist das siebenwochentliche unbekannte Verreisen, von dem ich alle Mutmassungen, die es bisher so wichtig und ratselhaft vorstellten, gern hier zurucknehme.
Wir blieben wieder; das Gesprach wurde einsilbiger, der Gedanke vielsilbiger und das Herz zu voll, so wie uns der abnehmende Mond an der Aufgangschwelle auch voll vorkam. Wenn einmal eine Gesellschaft die Hand vom Turdrucker, woran sie sie schon hatte, wieder wegtut: so erregt dieser Aufschub die Erwartung grosserer Vergnugungen, und diese Erwartung erregt Verlegenheit; wir aber wurden bloss um einander stiller, verbargen unsere Seufzer uber die Falkenflugel frohlicher Stunden, und vielleicht brachte manches weggewandte Auge dem Monde das Opfer, das ihm der traurigste und der freudigste Mensch so schwer versagen kann ....
Gerade jetzt drangte ich mich wieder hinaus in seine Strahlen und komme wieder an meinen Schreibtisch und danke dem Schleier der Nacht, der um das Universum doppelt herumreicht, dass er auch uber den grossten Schmerzen und Freuden der Menschen sich faltet .... Wir waren also auf unserer Insel so schwermutig stumm, wie an einer Pforte der frohlichen Ewigkeit; der landerbreite Fruhling zog mit seiner Herrlichkeit mit seinem gesunknen lauen Monde mit seinem schillernden Venusstern mit seiner erhabnen Mitternachtrote mit seinen himmlischen Nachtigallen vor funf Menschen voruber; er warf und haufte in diese funf Ubergluckliche seine Knospen und seine Bluten und seine dammernden Aussichten und Hoffnungen und seine tausend Himmel und nahm ihnen nichts dafur weg als ihre Sprache. O Fruhling! o du Erde Gottes! o du unumspannter Himmel! ach! regte sich heute doch in allen Menschen auf dir das Herz in freudigen Schlagen, damit wir alle nebeneinander unter den Sternen niederfielen und den heissen Atem in eine Jubel-Stimme ergossen und alle Freuden in Gebete, und das hohe Herz nach dem hohen Himmelblau richteten und in der Entzuckung nicht Kummer-, sondern Wonne-Seufzer abschickten, deren Weg so lang zum Himmel wie unserer zum Sarge ist! ... Du bitterer Gedanke, oft unter lauter Unglucklichen der Frohliche zu sein! du susserer, unter lauter Glucklichen der Betrubte zu sein!
Endlich flossen vom Silberblick des steigenden Mondes die trubenden Schlacken hinweg; er stand wie eine unaussprechliche Entzuckung hoher in der Nacht des Himmels, aus dessen Hintergrund in den Vorgrund gemalt. Die Frosche durchschlugen wie eine Muhle die Nacht, und ihr forttonender vielstimmiger Larm hatte die Wirkung eines Schweigens. O welcher Mensch, den der Tod zu einem uber die Erde fliegenden Engel gemacht hatte, ware nicht auf sie niedergefallen und hatte unter irdischem Laub und auf der irdischen, vom Monde ubersilberten Erde (wie von der Sonne ubergoldeten) nicht an seinen verlassenen Himmel gedacht und an seine alten MenschenAuen, seine alten Fruhlinge hienieden und an seine vorigen Hoffnungen unter den Bluten?
Ihr Rezensenten! vergebt mir nur heute und lasset mich fortfahren!
Endlich stiegen wir in die Gondel wie in einen Charons-Nachen ein, wir raumten entzuckt und unwillig das buschige Ufer und den aus dem Wasser an seine Blatter aufgestrahlten Widerschein. Das grosste Vergnugen, der grosste Dank treiben nicht waagrechte, sondern senkrechte, ins Herz greifende versteckte Wurzeln; wir konnten also zu Fenk nicht viel sagen, der von der Freudenstatte heute nacht nicht weggeht. Du Freund! der mir teurer als allen andern ist, vielleicht wenn alles stiller und der Mond hoher und reiner und die Nacht ewiger ist, gegen Morgen hin, wirst du zu weinen anfangen uber beides, was die Erde dir gegeben, was sie dir genommen. Geliebter! wenn du es jetzt in dieser Minute tust: so tu' ich es ja auch! ...
Mit unserem ersten Tritt ins Boot durchdrangen (wahrscheinlich auf Fenks Anordnung) die Alphorner wieder die Nacht; jeder Ton klang in ihr wie eine Vergangenheit, jeder Akkord wie ein Seufzer nach einem Fruhling der andern Welt; der Nacht-Nebel spielte und rauchte uber Waldern und Gebirgen und zog sich wie die Grenze des Menschen, wie Morgenwolken der kunftigen Welt um unsere Fruhlingerde. Die Alphorner verhallten wie die Stimme der ersten Liebe an unseren Ohren und wurden lauter in unsern Seelen; das Ruder und das Boot schnitt das Wasser in eine glimmende Milchstrasse entzwei; jede Welle war ein zitternder Stern, das wankende Wasser spiegelte den Mond zitternd nach, den wir lieber vertausendfaltigt als verdoppelt hatten und dessen sanftes Lilienantlitz unter der Welle noch blasser und holder bluhte. Umzingelt von vier Himmeln dem oben im Blauen, auf der Erde, im Wasser und in uns schifften wir durch schwimmende Bluten hin. Beata sass am einen Ende des Bootes entgegengerichtet dem andern, dem Monde und dem Freund ihrer zarten Seele ihr Blick glitt leicht zwischen dem Monde und ihm hinab und hinauf er dachte an seine morgendliche Reise und an seine langere Gesandtschaftreise und bat uns alle um schriftliche Denkmaler, damit er immer gut bleibe wie jetzt unter uns, und erinnerte Beata an ihr Versprechen, ihm auch eines zu geben. Sie hatt' es schon geschrieben und gab es ihm heute beim Abschied. Der frohe Tag, der frohe Abend, die himmlische Nacht fullte ihre Augen mit tausend Seelen und mit zwei Tranen, die stehen blieben. Sie deckte und trocknete das eine Auge mit dem weissen Tuche und sah Gustav mit dem zweiten rein und stromend an wie ein Spiegelbild .... Du gute Seele dachtest, du verbargest auch das zweite Auge!
Endlich o du ewiges unaufhorliches Endlich! brach auch unsere silberne Wellen-Fahrt an ihrem Ufer. Das gegenuberliegende lag ode und uberschattet dort. Ottomar riss sich in der wehmutigsten Begeisterung los, und unter dem Verklingen der SchweizerTone sagte mein erneuerter Freund: "Es ist wieder voruber alle Tone verhallen alle Wellen versinken die schonsten Stunden schlagen aus, und das Leben verrinnt Es gibt doch gar nichts, du weiter Himmel uber uns, was uns fullet oder begluckt! Lebt wohl! ich werde von euch Abschied nehmen auf meinem ganzen Weg hindurch."
Die Alpen-Echos klangen in die weite Nacht zuruck und fielen zu einem tonenden Hauche, der nicht der Erinnerung aus der Jugend, sondern aus der tiefen Kindheit glich. Wir schwankten, ausgefullt vom Genuss, durch tauende Gestrauche und umgebuckte schlaf- und tautrunkne Fluren, aus denen wir entschlummerte Blumen rissen, um morgen ihre zugefaltete Schlafgestalt zu sehen. Wir dachten an die sonnenlosen Pfade des heutigen Morgens; wir gingen ohne Laut vor dem zwerghaften Gartchen und Hauschen voruber, und die Kinder und die brotbackende Frau wurden von den Todesarmen des Schlummers gedruckt und umflochten. Die Zeit hatte den Mond, wie einen Sisyphusstein, auf den Gipfel des Himmels gewalzet und liess ihn wieder sinken. In Osten stiegen Sterne, in Westen sanken Sterne, mitten im Himmel zersprangen kleine von der Erde abgesandte Sternchen aber die Ewigkeit stand stumm und gross neben Gott und alles verging vor ihr und alles entstand vor ihm. Das Feld des Lebens und der Unendlichkeit hing nahe und tief uber uns, wie ein Blitz, herein, und alles Grosse, alles Uberirdische, alle Verstorbne und alle Engel hoben unsern Geist in ihren blauen Kreis und sanken ihm entgegen ....
Wir traten endlich, ich an der Hand meiner Schwester, Gustav an Beatens Hand, stiller, voller, heiliger in unser kleines Lilienbad, als wir es am Morgen verlassen hatten. Gustav schied zuerst von mir und sagte: "In funf Tagen sehen wir uns wieder." Beaten fuhrt' er ihrer Hutte zu, die in Lunens Silberflammen loderte. Die weisse Spitze der Pyramide auf dem Eremitenberge schimmerte tief entfernt uber den langen grunenden Weg zum Tal und durch die Nacht heruber. Neben dieser Pyramide hatten sich die zwei Glucklichen ihre Herzen zuerst gegeben, neben ihr ruhte ein Freund von seinem Leben aus, und ihre weisse Spitze zeigte den Ort, wo sein Fruhling schoner ist. Sie horten die Blatter der Terrasse lispeln und den Lebensbaum, unter welchem sie nach dem Untergang der Sonne sich zum zweiten Mal ihre Seelen gegeben hatten .... O ihr zwei Uberseligen und Guten! Jetzo schopft ein guter Seraph fur euch eine Silber-Minute aus dem Freuden-Meere, das in einer schonern Erde liegt auf diesem eilenden Tropfen blinkt die ganze Perspektive des Edens, worin der Engel ist; die Minute wird zu euch herunterrinnen, aber ach, so schnell wird sie vorubergehen!
Beata gab Gustav, als Wink zum Abschied, das begehrte Blatt er druckte die Hand, aus der es kam, an seinen stillen Mund er konnte weder Dank noch Lebewohl sagen er nahm ihre zweite Hand, und alles rief und wiederholte in ihm: "Sie ist ja wieder dein und bleibt es ewig", und er musste weinen uber seine Seligkeit. Beata sah ihm in sein uberstromendes Herz und ihres floss in eine Trane uber und sie wusst' es noch nicht; aber als die Trane des heiligsten Auges auf die Rosenwange glitt und an diesem Rosenblatte mit erzitterndem Schimmer hing als seine fesselnde und ihre gefesselte Hande sie nicht trocknen konnten als er mit seinem flammenden Angesicht, mit seiner uberseligen zerspringenden Brust die Zahre nehmen wollte und sich nach dem Schonsten auf der Erde wie eine Entzuckung nach der Tugend neigte und mit seinem Gesicht das ihrige beruhrte: dann fuhrte der Engel, der die Erde liebt, die zwei frommsten Lippen zu einem unausloschlichen Kusse zusammen dann versanken alle Baume, vergingen alle Sonnen, verflogen alle Himmel, und Himmel und Erde hielt Gustav in einem einzigen Herz an seiner Brust; dann gingest du, Seraph, in die schlagenden Herzen und gabest ihnen die Flammen der uberirdischen Liebe und du hortest fliehen von Gustavs heissen Lippen die gehauchten Laute: "O du Teure! Unverdiente! und so Gute! so Gute!"
Es sei genug die hohe Minute ist vorubergeflossen der Erdentag schickt sein Morgenrot schon an den Himmel mein Herz komme zur Ruhe, und jedes andre auch!
Fussnoten
1 Die Zahuri in Spanien sehen durch die verschlossene Erde hindurch bis zu ihren Schatzen hinab, zu ihren Toten, zu ihren Metallen etc.
Vierundfunfzigster oder 6ter Freuden-Sektor
Tag nach dieser Nacht Beatens Blatt
Merkwurdigkeit
Ich bitte die Kritik um Verzeihung, wenn ich diese Nacht zu viele Metaphern und zu viel Feuer und Larm gemacht: ein Freuden-Sektor (so wie die Kritik daruber) muss sich dergleichen gefallen lassen, sobald einmal der Verfasser sich eine ahnliche Uberfracht von Zitronensaure, Teeblute, Zuckerrohr und Arrak gefallen lasset, wie ich tat.
Ich legte mich heute gar nicht nieder: die Vogel fingen schon wieder zu singen an, und als der Traum kaum das vergangne Schauspiel einige 40mal wieder vor den zugesunknen Augen aufgefuhret hatte, macht' ich sie wieder auf, weil die Sonne mich umflammte.
Eine durchwachte und durchfreuete Nacht lasset einen Morgen zuruck, wo man in einer sussen Abspannung weniger empfindet als phantasieret, wo die nachtlichen Tone und Tanze unsere innern Ohren immerfort anklingen, wo die Personen, mit denen wir sie verbrachten, in einem schonen Dammerlichte, das unsre Herzen zieht, vor unsern innern Augen schweben. In der Tat, man liebt nie eine Frau mehr als nach einer solchen Nacht, morgens eh' man gefruhstuckt. vor Tage seine funftagige Reise angetreten, und an meinen festen Ottomar, der mit ihm geht. Mochtet ihr an keine Dornen kommen als solche, die unter die Rose gesteckt sind, unter keine Wolke treten als die, die euch den ganzen blauen Himmel lasset und bloss die Glut-Scheibe nimmt, und mochte euren Freuden keine fehlen als die, dass ihr sie uns noch nicht erzahlen konnet!
Alles Sonnenlicht umzauberte und uberwallte mir bloss wie erhohtes Mondenlicht alle Schattengange von Lilienbad; die vorige Nacht schien mir in den heutigen Tag heruberzulangen, und ich kann nicht sagen, wie mir der Mond, der noch mit seinem abgewischten Schimmer wie eine Schneeflocke tief gegen Abend herhing, so willkommen und lieb wurde. O blasser Freund der Not und der Nacht! ich denke schon noch an dein elysisches Schimmern, an deine abgekuhlten Strahlen, womit du uns an Bachen und in Laubgangen begleitest und womit du die traurige Nacht in einen von weiten gesehenen Tag umkleidest! Magischer Prospektmaler der kunftigen Welt, fur die wir brennen und weinen, wie ein Gestorbner sich verschonert, so malest du jene auf unsre irdische, wenn sie mit allen ihren Blumen und Menschen schlaft oder schweigend dir zusieht!
Ich gabe heute die vornehmste Visite darum, wenn ich eine bei den Glucklichen des gestrigen Tages machen konnte; es ist aber nicht zu tun. Sogar Beata hat heute eine von ihrer Mutter; und mein Auge konnte noch nichts von ihr habhaft werden als die funf weissen Finger, womit sie einen Blumentopf an ihrem Fenster aus dem Schatten eines Zweiges wegdrehte. O wenn unser altes Leben und unsre Wandelgange wieder anheben und alles wieder beisammenlebt: was soll da die Gelehrten-Republik nicht zu lesen bekommen!
Heute reich' ich ihr nichts mehr als Beatens Geleitbrief an Gustav, weil ich ihn nur abzuschreiben brauche. Ich schlupfe dann wieder ins Freie, beschiffe nach der Seekarte meines Kopfes den gestrigen Weg noch einmal, und indem ich die verzettelten Blumen, die gestern unsre vollen Hande fallen liessen, als Nachflor auflese, find' ich die hohern auch. Man wird einige Stellen im folgenden Aufsatze Beaten verzeihen, wenn ich voraussage, dass sie vielleicht durch ihr Herz so gut wie durch ihren Vater uberlistet, der nur ein ausserlicher Renegat des Katholizismus war von den Engeln und ihrer Anbetung mehr glaubte, als Nicolai und die Schmalkaldischen (Waren-)Artikel einer Lutheranerin verstatten konnen. Denn das schwache und so oft hulflose Weib, das nicht weit uber diese Erde zu steigen wagt, legt in der Stunde der Not so gern ihre Bitten und ihre Seufzer vor einer Marie, vor einer Seligen, vor einem Engel nieder; aber der festere Mann wird nachsichtig einen Wahn nicht rugen, der so trosten kann.
Wunsche fur meinen Freund
"Es ist kein Wahn, dass Engel um den bedrohten Menschen mitten in ihren Freuden wachen, wie die Mutter unter ihren Freuden und Geschaften ihre Kinder hutet. O! ihr unbekannten Unsterblichen! schliesset euch ein einziger Himmel ein? Dauert euch nie der wehrlose Erdensohn? Solltet ihr grossere Tranen abzutrocknen haben als unsre? Ach, wenn der Schopfer seine Liebe so in euch wie in uns gelegt hat, so sinkt ihr gewiss auf diese Erde und trostet das umsturmte Herz unter dem Monde, fliegt um die gedruckte Seele, deckt eure Hand auf die versiegende Wunde und denkt an die armen Menschen!
Und wenn hienieden ein Geist geht, der euch einmal gleichen wird, konnt ihr euren Bruder vergessen? Engel der Freude! sei mit meinem und deinem Freunde, wenn die Sonne kommt, und lass Ihn schone fromme Morgen angrunen! Sei mit Ihm, wenn sie hoher geht und wenn Ihn die Arbeit druckt! O nimm den entfernten Seufzer einer Freundin und kuhle damit Seinen! Sei mit Ihm, wenn die Sonne weicht, und richte Sein Auge auf den im weissen Trauergewand aufsteigenden Mond und auf den weiten Himmel, worin der Mond und du gehen!
Engel der Tranen und der Geduld! Du, der du ofter um den Menschen bist! Ach, vergesse mein Herz und mein Auge und lass sie bluten sie tun es doch gern ; aber stille, wie der Tod, das Herz und das Auge meines Freundes und zeig ihnen auf der Erde nichts als den Himmel jenseits der Erde. Ach, Engel der Tranen und der Geduld! Du kennst das Auge und das Herz, das sich fur Ihn ergiesset, du wirst Seine Seele vor sie bringen, wie man Blumen in den Sommerregen stellet! Aber tu es nicht, wenn es Ihn zu traurig macht! O Engel der Geduld! ich liebe dich, ich kenne dich! ich werde in deinen Armen sterben!
Engel der Freundschaft! vielleicht bist du der vorige Engel? .... ach! .... Dein himmlischer Flugel hulle Sein Herz ein und warm' es schoner, als die Menschen konnen ach, du wurdest auf einer andern Erde und ich auf dieser weinen, wenn an einem kalten Herzen Sein heisses, wie am gefrierenden Eisen die warme Hand, anklebte und blutig abrisse! .... O bedeck Ihn; aber wenn du es nicht kannst, so sag mir Seinen Jammer nicht!
O ihr immer Glucklichen in andern Welten! euch stirbt nichts, ihr verliert nichts und habt alles! Was ihr liebt, druckt ihr an eine ewige Brust, was ihr habt, haltet ihr in ewigen Handen. Konnt ihrs denn fuhlen in euren glanzenden Hohen droben, in eurem ewigen Seelenbunde, dass die Menschen hienieden getrennt werden, dass wir einander nur aus Sargen, eh' sie untersinken, die Hande reichen, ach, dass der Tod nicht das einzige, nicht das Schmerzhafteste ist, was Menschen scheidet? Eh' er uns auseinandernimmt, so drangt sich noch manche kaltere Hand herein und spaltet Seele von Seele dann fliesset ja auch das Auge, und das Herz fallt klagend zu, ebensogut als hatte der Tod zertrennt, wie in der volligen Sonnenfinsternis so gut wie in der langern Nacht der Tau sinkt, die Nachtigall klagt, die Blume zuquillt!
Alles Gute, alles Schone, alles, was den Menschen begluckt und erhebt, sei mit meinem Freunde; und alle meine Wunsche vereinigt mein stilles Gebet.
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Ich tue sie alle mit, nicht bloss fur Gustav, sondern fur jeden Guten, den ich kenne, und fur die andern auch."
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Ob es gleich schon eilf Uhr nachts ist: so muss ich dem Leser doch etwas Melancholisch-Schones melden, das eben voruberzog. Ein singendes Wesen schwebte durch unser Tal, aber von Blattern und Dammerung verdeckt, weil der Mond noch nicht auf war. Es sang schoner, als ich noch horte:
Niemand, nirgends, nie.
Die Trane, die fallt.
Der Engel, der leuchtet.
Es schweigt.
Es leidet.
Es hofft.
Ich und Du!
Offenbar fehlet jeder Zeile die Halfte, und jeder Antwort die Frage. Es fiel mir schon einige Male ein, dass der Genius, der unsern Freund unter der Erde erzog, ihm beim Abschiede Fragen und Dissonanzen dagelassen, deren Antworten und Auflosungen er mitgenommen; ich denk', ich hab' es dem Leser auch gesagt. Ich wollte, Gustav ware da. Aber ich habe nicht den Mut, mir die Freude auszudenken, dass auch der Genius sich in unsre Freuden-Girlande zu Lilienbad eindrange! Ich hore noch immer die gezognen Flotentone aus diesem unbekannten Busen hinter den Bluten klagen; aber sie machen mich traurig. Hier liegen die ewig schlafenden Blumen, die ich heute auf dem Steige unsrer letzten Nacht zusammentrug, neben aufgefalteten wachenden, die ich erst ausriss sie machen mich auch traurig. Es gibt fur mich und meine Leser nichts Notigeres, als jetzt einen neuen FreudenSektor anzuheben, damit wir unser altes Leben fortsetzen ....
O Lilienbad! du bist nur einmal in der Welt; und wenn du noch einmal vorhanden bist, so heissest du Vzka.
Letzter Sektor
Wir unglucklichen Brunnengaste! Es ist vorbei mit den Freuden in Lilienbad. Die obige Uberschrift konnte noch mein Bruder machen, eh' er nach Maussenbach forteilte! Denn Gustav liegt da im Gefangnis. Es ist alles unbegreiflich. Meine Freundin Beata unterliegt den Nachrichten, die wir haben und die im folgenden Briefe vom Herrn Doktor Fenk an meinen Bruder heute ankamen. Es ist schmerzhaft fur eine Schwester, dass sie allzeit bloss in Trauerfallen die Feder fur den Bruder nehmen muss. Wahrscheinlich wird die folgende Hiobspost dieses ganze Buch so wie unsere bisherigen schonen Tage beschliessen.
"Ich will dich, mein teuerer Freund, nicht wie ein Weib schonen, sondern dir auf einmal den ganzen ausserordentlichen Schlag erzahlen, der unsere glucklichen Stunden getroffen hat und am meisten die unserer beiden Freunde.
Drei Tage nach unserer schonen Nacht erinnerst du dich noch an eine gewisse Bemerkung von Ottomar uber die Gefahrlichkeit der Entzuckungen? will der Professor Hoppedizel seinen unbesonnenen Spass ausfuhren, im Maussenbachschen Schlosse einzubrechen. Der pfiffige Jager Robisch war gerade nicht zu Hause, sondern mit deinem Vorfahrer, dem Regierungrat Kolb, auf einer Streiferei nach Diebgesindel, bei der sie aus Lust mitzogen. Bemerke, eine Menge Umstande und Personen verknupfen sich hier, die schwerlich der Zufall zusammengeleitet hat.
Der Professor kommt mit sechs Kameraden und hat eine Leiter mit, um sie an dem seit Jahren zerbrochnen Fenster, das nach Auenthal hinubersieht, anzulegen. Aber als er unter das Fenster tritt: steht schon eine daran. Er nimmts fur den besten Zufall, und sie steigen samtlich, beinahe hintereinander, hinauf. Oben langt eine Hand eine silberne Degenkuppel heraus und will sie geben der Professor ergreift beide und springt uber das Fenster hinein. Darin war, was er schien, ein Dieb, welcher Handlanger auf der Leiter erwartete. Der diebische Realist fallt den Nominalisten mit wutender Verzweiflung an die Galerie auf der Leiter sturzet gar nach und vermehrt das fechtende Gewimmel. Die Stosse auf dem Fussboden larmen den horchenden Roper weniger aus seinem Schlafe als Bette auf er sein ganzes Haus, und dieses seinen Gerichtdiener es kurz zu sagen: in wenigen Minuten hatt' er mit der Wut, womit der Geizige seine Guter rettet und halt, die spasshaften Diebe und den ernsthaften zu Gefangnen gemacht, der wahre Dieb mochte noch so sehr um sich schlagen und der Professor noch so sehr disputieren. Jetzo sitzt alles fest und wartet auf dich.
Ach! haltst du es aus wenn ich dir alles sage? Die Streifer Kolb und Robisch finden um Maussenbach die Bundgenossen des ertappten Diebs dringen in den Wald gehen einer Hohle zu, als wussten sie, dass sie zu etwas fuhre finden eine unterirdische Menschenwelt O! dass gerade du zu deinem Ungluck da getroffen werden musstest, du Unschuldiger und Unglucklicher! nun schlagt dein sanftes Herz auch an der Kerkerwand! soll ich dir deinen Freund Gustav nennen? Eile, eile, damit es sich anders wende!
Sieh! nicht bloss auf deine, auch auf meine Brust hat dieser Tag sich heftig geworfen. Haltst du es aus, wenn ich noch mehr sage? dass es nur ein Zufall ist, dass Ottomar noch lebt. Ich brachte ihm die Nachricht unseres Unglucks. Mit einem schrecklichen Strauben seiner Natur, in der jede Fiber mit einem andern Schauer kampfte, hort' er mir zu und fragte mich, ob keiner mit sechs Fingern gefangen genommen worden. 'Ich habe in jener Waldhohle' (sagt' er) 'einen schweren Eid getan, unsere unterirdische Verbindung niemand zu offenbaren, ausgenommen eine Stunde vor meinem Tode. Fenk, ich will dir jetzo die ganze Verbindung offenbaren.' Mein Strauben und Flehen half nichts: er offenbarte mir alles. 'Gustav muss gerechtfertiget werden', sagt' er. Aber diese Geschichte ist nirgends sicher, kaum im getreuesten Busen, geschweige auf diesem Papier. Ottomar wurde von seiner sogenannten Vernicht-Minute angefallen. Ich liess seine Hand nicht aus meiner, damit er uber seine Stunde hinauslebte und seinen Eid brache. Es gibt nichts Hoheres als einen Menschen, der das Leben verachtet; und in dieser Hoheit stand mein Freund vor mir, der in seiner Hohle mehr gewagt und besser gelebt hatte als alle Scheerauer. Ich sah es ihm an, dass er sterben wollte. Es war Nacht. Wir waren in der Stube, wo die wachsernen Mumien mit schwarzen Straussern stehen, die den Menschen erinnern, wie wenig er war, wie wenig er ist. 'Beuge', sagt' er (denn ich kettete mich an ihn), 'deinen Kopf weg, dass ich in den Sirius sehe dass ich in den unendlichen Himmel hinaussehe und einen Trost habe dass ich mich hinwegsetze uber eine Erde mehr oder weniger. O mache mir, Freund, das Sterben nicht so sauer und zurne und traure nicht. O schau, wie der ganze Himmel von einer Unendlichkeit zur andern schimmert und lebt und nichts droben tot ist; die Menschen aller dieser Wachs-Leichname wohnen darin in jenem Blau O ihr Abgeschiednen, heute zieh' ich auch zu euch, in welche Sonne auch mein menschlicher Lichtfunke springen moge, wenn der Korper von ihm niederschmilzt: ich find' euch wieder.'
Das Ausschlagen jeder Viertelstunde hatte bisher mein Herz durchstochen; aber die letzte Viertelstunde tonte mich wie eine Leichenglocke an; ich bewachte angstlich seine Hande und Schritte; er fiel um mich. 'Nein! nein!' sagt' ich, 'hier ist kein Abschied ich hasse dich bis ins Grab hinein, wenn du etwas im Sinne hast umarme mich nicht.' Er hatt' es schon getan; sein ganzes Wesen war ein schlagendes Herz; er wollte in der Empfindung der Freundschaft vergehen; er presste seine Brust an meine, und seine Seele an meine: 'Ich umarme dich' (sagt' er) 'auf der Erde in welche Welt auch der Tod mich werfe: ich vergesse deiner nicht; ich werde dort nach der Erde sehen und meine Arme ausbreiten nach dem irdischen Freunde, und nichts soll meine Arme fullen als die getreue, die belastete Brust derer, die mit mir hier gelitten, die mit mir hier die Erde getragen haben .... Sieh! du weinst und wolltest mich doch nicht umarmen! o Geliebter! an dir fuhl' ich die Eitelkeit der Erde nicht du wirst ja auch sterben! ... Grosses Wesen uber der Erde ....' Hier riss er sich von mir und sturzte auf seine Knie und betete. 'Zerstor mich nicht, bestraf mich nicht! ich gehe weg von dieser Erde; du weisst, wo der Mensch ankommt; du weisst, was das Erdenleben und das Erdentun ist Aber, o Gott, der Mensch hat ein zweites Herz, eine zweite Seele, seinen Freund! Gib mir den Freund wieder mit meinem Leben wenn einmal alle Menschenherzen stocken und alles Menschenblut in Grabern verfault: o gutiges, liebendes Wesen! hauch dann uber die Menschen und zeige der Ewigkeit ihre Liebe!' Ein Aufsprung ein Flug an mich eine umarmende Zerdruckung ein Schlag an die Wand ein Schuss aus ihr
Er lebt aber noch.
Fenk."
Leben des vergnugten Schulmeisterlein Maria
Wutz in Auenthal
Eine Art Idylle
Wie war dein Leben und Sterben so sanft und meerstille, du vergnugtes Schulmeisterlein Wutz! Der stille laue Himmel eines Nachsommers ging nicht mit Gewolk, sondern mit Duft um dein Leben herum: deine Epochen waren die Schwankungen und dein Sterben war das Umlegen einer Lilie, deren Blatter auf stehende Blumen flattern und schon ausser dem Grabe schliefest du sanft!
Jetzt aber, meine Freunde, mussen vor allen Dingen die Stuhle um den Ofen, der Schenktisch mit dem Trinkwasser an unsre Knie geruckt und die Vorhange zugezogen und die Schlafmutzen aufgesetzt werden, und an die grand monde uber der Gasse druben und ans Palais royal muss keiner von uns denken, bloss weil ich die ruhige Geschichte des vergnugten Schulmeisterlein erzahle und du, mein lieber Christian, der du eine einatmende Brust fur die einzigen feuerbestandigen Freuden des Lebens, fur die hauslichen, hast, setze dich auf den Arm des Grossvaterstuhls, aus dem ich heraus erzahle, und lehne dich zuweilen ein wenig an mich! Du machst mich gar nicht irre.
Seit der Schwedenzeit waren die Wutze Schulmeister in Auenthal, und ich glaube nicht, dass einer vom Pfarrer oder von seiner Gemeinde verklagt wurde. Allemal acht oder neun Jahre nach der Hochzeit versahen Wutz und Sohn das Amt mit Verstand unser Maria Wutz dozierte unter seinem Vater schon in der Woche das Abc, in der er das Buchstabieren erlernte, das nichts taugt. Der Charakter unsers Wutz hatte, wie der Unterricht anderer Schulleute, etwas Spielendes und Kindisches; aber nicht im Kummer, sondern in der Freude.
Schon in der Kindheit war er ein wenig kindisch. Denn es gibt zweierlei Kinderspiele, kindische und ernsthafte die ernsthaften sind Nachahmungen der Erwachsenen, das Kaufmann-, Soldaten-, Handwerker-Spielen die kindischen sind Nachaffungen der Tiere. Wutz war beim Spielen nie etwas anders als ein Hase, eine Turteltaube oder das Junge derselben, ein Bar, ein Pferd oder gar der Wagen daran. Glaubt mir! ein Seraph findet auch in unsern Kollegien und Horsalen keine Geschafte, sondern nur Spiele und, wenn ers hoch treibt, jene zweierlei Spiele.
Indes hatt' er auch, wie alle Philosophen, seine ernsthaftesten Geschafte und Stunden. Setzte er nicht schon langst ehe die brandenburgischen erwachsenen Geistlichen nur funf Faden von buntem Uberzug umtaten sich dadurch uber grosse Vorurteile weg, dass er eine blaue Schurze, die seltner der geistliche Ornat als der in ein Amt tragende Dr. Fausts-Mantel guter Kandidaten ist, vormittags uber sich warf und in diesem himmelfarbigen Messgewand der Magd seines Vaters die vielen Sunden vorhielt, die sie um Himmel und Holle bringen konnten? Ja er griff seinen eignen Vater an, aber nachmittags; denn wenn er diesem Cobers Kabinettprediger vorlas, wars seine innige Freude, dann und wann zwei, drei Worte oder gar Zeilen aus eignen Ideen einzuschalten und diese Interpolation mit wegzulesen, als sprache Herr Cober selbst mit seinem Vater. Ich denke, ich werfe durch diese Personalie vieles Licht auf ihn und einen Spass, den er spater auf der Kanzel trieb, als er auch nachmittags den Kirchgangern die Postille an Pfarrers Statt vorlas, aber mit so viel hineingespielten eignen Verlagartikeln und Fabrikaten, dass er dem Teufel Schaden tat und dessen Diener ruhrte. "Justel," sagt' er nachher um 4 Uhr zu seiner Frau, "was weisst du unten in deinem Stuhl, wie prachtig es einem oben ist, zumal unter dem Kanzelliede!"
Wir konnens leicht bei seinen altern Jahren erfragen, wie er in seinen Flegeljahren war. Im Dezember von jenen liess er allemal das Licht eine Stunde spater bringen, weil er in dieser Stunde seine Kindheit jeden Tag nahm er einen andern Tag vor rekapitulierte. Indem der Wind seine Fenster mit Schnee-Vorhangen verfinsterte und indem ihn aus den OfenFugen das Feuer anblinkte: druckte er die Augen zu und liess auf die gefrornen Wiesen den langst vermoderten Fruhling niedertauen; da bauete er sich mit der Schwester in den Heuschober ein und fuhr auf dem architektonisch gewolbten Heu-Gebirge des Wagens heim und riet droben mit geschlossenen Augen, wo sie wohl nun fuhren. In der Abendkuhle, unter dem Schwalben-Scharmuzieren uber sich, schoss er, froh uber die untere Entkleidung und das Deshabille der Beine, als schreiende Schwalbe herum und mauerte sich fur sein Junges ein holzerner Weihnachthahn mit angepichten Federn wars eine Kot-Rotunda mit einem Schnabel von Holz und trug hernach Bettstroh und Bettfedern zu Nest. Fur eine andere palingenesierende Winter-Abendstunde wurde ein prachtiger Trinitatis (ich wollt', es gabe 365 Trinitatis) aufgehoben, wo er am Morgen, im tonenden Lenz um ihn und in ihm, mit lautendem Schlussel-Bund durch das Dorf in den Garten stolzierte, sich im Tau abkuhlte und das gluhende Gesicht durch die tropfende JohannisbeerStaude drangte, sich mit dem hochstammigen Grase mass und mit zwei schwachen Fingern die Rosen fur den Herrn Senior und sein Kanzelpult abdrehte. An eben diesem Trinitatis das war die zweite Schussel an dem namlichen Dezember-Abend quetschete er, mit dem Sonnenschein auf dem Rucken, den Orgeltasten den Choral "Gott in der Hoh' sei Ehr'" ein oder ab (mehr kann er noch nicht) und streckte die kurzen Beine mit vergeblichen Naherungen zur Parterre-Tastatur hinunter, und der Vater riss fur ihn die richtigen Register heraus. Er wurde die ungleichartigsten Dinge zusammenschutten, wenn er sich in den gedachten beiden Abendstunden erinnerte, was er im Kindheit-Dezember vornahm; aber er war so klug, dass er sich erst in einer dritten darauf besann, wie er sonst abends sich aufs Zuketten der Fensterladen freuete, weil er nun ganz gesichert vor allem in der lichten Stube hockte, daher er nicht gern lange in die von abspiegelnden Fensterscheiben uber die Laden hinausgelagerte Stube hineinsah; wie er und seine Geschwister die abendliche Kocherei der Mutter ausspionierten, unterstutzten und unterbrachen, und wie er und sie mit zugedruckten Augen und zwischen den Brustwehr-Schenkeln des Vaters auf das Blenden des kommenden Talglichts sich spitzten, und wie sie in dem aus dem unabsehlichen Gewolbe des Universums herausgeschnittenen oder hineingebauten Closet ihrer Stube so beschirmet waren, so warm, so satt, so wohl .... Und alle Jahre, sooft er diese Retourfuhre seiner Kindheit und des Wolfmonats darin veranstaltete, vergass und erstaunt' er sobald das Licht angezundet wurde , dass in der Stube, die er sich wie ein Loretto-Hauschen aus dem Kindheit-Kanaan heruberholte, er ja gerade jetzt sasse. So beschreibt er wenigstens selber diese Erinnerung-hohen-Opern in seinen Rousseauischen Spaziergangen, die ich da vor mich lege, um nicht zu lugen ....
Allein ich schnure mir den Fuss mit lauter Wurzelngeflecht und Dickicht ein, wenn ichs nicht dadurch wegreisse, dass ich einen gewissen ausserst wichtigen Umstand aus seinem mannlichen Alter herausschneide und sogleich jetzo aufsetze; nachher aber soll ordentlich a priori angefangen und mit dem Schulmeisterlein langsam in den drei aufsteigenden Zeichen der Alterstufen hinauf und auf der andern Seite in den drei niedersteigenden wieder hinab gegangen werden bis Wutz am Fuss der tiefsten Stufe vor uns ins Grab fallt.
Ich wollte, ich hatte dieses Gleichnis nicht genommen. Sooft ich in Lavaters Fragmenten oder in Comenii orbis pictus oder an einer Wand das Blut- und Trauergeruste der sieben Lebens-Stationen besah sooft ich zuschauete, wie das gemalte Geschopf, sich verlangernd und ausstreckend, die Ameisen-Pyramide aufklettert, drei Minuten droben sich umblickt und einkriechend auf der andern Seite niederfahrt und abgekurzt umkugelt auf die um diese Schadelstatte liegende Vorwelt und sooft ich vor das atmende Rosengesicht voll Fruhlinge und voll Durst, einen Himmel auszutrinken, trete und bedenke, dass nicht Jahrtausende, sondern Jahrzehende dieses Gesicht in das zusammengeronnene zerknullte Gesicht voll uberlebter Hoffnungen ausgedorret haben .... Aber indem ich uber andre mich betrube, heben und senken mich die Stufen selber, und wir wollen einander nicht so ernsthaft machen!
Der wichtige Umstand, bei dem uns, wie man behauptet, so viel daran gelegen ist, ihn voraus zu horen, ist namlich der, dass Wutz eine ganze Bibliothek wie hatte der Mann sich eine kaufen konnen? sich eigenhandig schrieb. Sein Schreibzeug war seine Taschendruckerei; jedes neue Messprodukt, dessen Titel das Meisterlein ansichtig wurde, war nun so gut als geschrieben oder gekauft: denn es setzte sich sogleich hin und machte das Produkt und schenkt' es seiner ansehnlichen Buchersammlung, die, wie die heidnischen, aus lauter Handschriften bestand. Z.B. kaum waren die physiognomischen Fragmente von Lavater da: so liess Wutz diesem fruchtbaren Kopfe dadurch wenig voraus, dass er sein Konzeptpapier in Quarto brach und drei Wochen lang nicht vom Sessel wegging, sondern an seinem eignen Kopfe so lange zog, bis er den physiognomischen Fotus herausgebracht (- er bettete den Fotus aufs Bucherbrett hin ) und bis er sich dem Schweizer nachgeschrieben hatte. Diese Wutzische Fragmente ubertitelte er die Lavaterschen und merkte an: "er hatte nichts gegen die gedruckten; aber seine Hand sei hoffentlich ebenso leserlich, wenn nicht besser als irgendein Mittel-Fraktur-Druck." Er war kein verdammter Nachdrucker, der das Original hinlegt und oft das meiste daraus abdruckt: sondern er nahm gar keines zur Hand. Daraus sind zwei Tatsachen vortrefflich zu erklaren: erstlich die, dass es manchmal mit ihm haperte und dass er z.B. im ganzen Federschen Traktat uber Raum und Zeit von nichts handelte als vom Schiffs-Raum und der Zeit, die man bei Weibern Menses nennt. Die zweite Tatsache ist seine Glaubenssache: da er einige Jahre sein Bucherbrett auf diese Art voll geschrieben und durchstudieret hatte, so nahm er die Meinung an, seine Schreibbucher waren eigentlich die kanonischen Urkunden, und die gedruckten waren blosse Nachstiche seiner geschriebnen; nur das, klagt' er, konn' er und boten die Leute ihm Balleien dafur an nicht herauskriegen, wienach und warum der Buchfuhrer das Gedruckte allzeit so sehr verfalsche und umsetze, dass man wahrhaftig schworen sollte, das Gedruckte und das Geschriebne hatten doppelte Verfasser, wusste man es nicht sonst.
Es war einfaltig, wenn etwa ihm zum Possen ein Autor sein Werk grundlich schrieb, namlich in Querfolio oder witzig, namlich in Sedez: denn sein Mitmeister Wutz sprang den Augenblick herbei und legte seinen Bogen in die Quere hin, oder krempte ihn in Sedezimo ein.
Nur ein Buch liess er in sein Haus, den Messkatalog; denn die besten Inventarienstucke desselben musste der Senior am Rande mit einer schwarzen Hand bestempeln, damit er sie hurtig genug schreiben konnte, um das Ostermess-Heu in die Panse des Bucherschranks hineinzumahen, eh' das MichaelisGrummet herausschoss. Ich mochte seine Meisterstukke nicht schreiben. Den grossten Schaden hatte der Mann davon Verstopfung zu halben Wochen und Schnupfen auf der andern Seite , wenn der Senior (sein Friedrich Nicolai) zu viel Gutes, das er zu schreiben hatte, anstrich und seine Hand durch die gemalte anspornte; und sein Sohn klagte oft, dass in manchen Jahren sein Vater vor literarischer Geburtarbeit kaum niesen konnte, weil er auf einmal Sturms Betrachtungen, die verbesserte Auflage, Schillers Rauber und Kants Kritik der reinen Vernunft der Welt zu schenken hatte. Das geschah bei Tage; abends aber musste der gute Mann nach dem Abendessen noch gar um den Sudpol rudern und konnte auf seiner Cookischen Reise kaum drei gescheite Worte zum Sohne nach Deutschland hinaufreden. Denn da unser Enzyklopadist nie das innere Afrika oder nur einen spanischen Maulesel-Stall betreten, oder die Einwohner von beiden gesprochen hatte: so hatt' er desto mehr Zeit und Fahigkeit, von beiden und allen Landern reichhaltige Reisebeschreibungen zu liefern ich meine solche, worauf der Statistiker, der MenschheitGeschichtschreiber und ich selber fussen konnen erstlich deswegen, weil auch andre Reisejournalisten haufig ihre Beschreibungen ohne die Reise machen zweitens auch, weil Reisebeschreibungen uberhaupt unmoglich auf eine andre Art zu machen sind, angesehen noch kein Reisebeschreiber wirklich vor oder in dem Lande stand, das er silhouettierte: denn so viel hat auch der Dummste noch aus Leibnizens vorherbestimmten Harmonie im Kopfe, dass die Seele, z.B. die Seelen eines Forsters, Brydone, Bjornstahls insgesamt sesshaft auf dem Isolierschemel der versteinerten Zirbeldruse ja nichts anders von Sudindien oder Europa beschreiben konnen, als was jede sich davon selber erdenkt und was sie, beim ganzlichen Mangel ausserer Eindrucke, aus ihren funf Kanker-Spinnwarzen vorspinnt und abzwirnt. Wutz zerrete sein Reisejournal auch aus niemand anders als aus sich.
Er schreibt uber alles, und wenn die gelehrte Welt sich daruber wundert, dass er funf Wochen nach dem Abdruck der Wertherschen Leiden einen alten Flederwisch nahm und sich eine harte Spule auszog und damit stehendes Fusses sie schrieb, die Leiden ganz Deutschland ahmte nachher seine Leiden nach : so wundert sich niemand weniger uber die gelehrte Welt als ich; denn wie kann sie Rousseaus Bekenntnisse gesehen und gelesen haben, die Wutz schrieb und die dato noch unter seinen Papieren liegen? In diesen spricht aber J.J. Rousseau oder Wutz (das ist einerlei) so von sich, allein mit andern Einkleid-Worten: "er wurde wahrhaftig nicht so dumm sein, dass er Federn nahme und die besten Werke machte, wenn er nichts brauchte, als bloss den Beutel aufzubinden und sie zu erhandeln. Allein er habe nichts darin als zwei schwarze Hemdknopfe und einen kotigen Kreuzer. Woll' er mithin etwas Gescheites lesen, z.B. aus der praktischen Arzneikunde und aus der Kranken-Universalhistorie: so muss' er sich an seinen triefenden Fensterstock setzen und den Bettel ersinnen. An wen woll' er sich wenden, um den Hintergrund des Freimaurer-Geheimnisses auszuhorchen, an welches Dionysius-Ohr, mein' er, als an seine zwei eignen? Auf diese an seinen eignen Kopf angeohrten hor' er sehr, und indem er die Freimaurer-Reden, die er schreibe, genau durchlese und zu verstehen trachte: so merk' er zuletzt allerhand Wunderdinge und komme weit und rieche im ganzen genommen Lunten. Da er von Chemie und Alchemie so viel wisse wie Adam nach dem Fall, als er alles vergessen hatte: so sei ihm ein rechter Gefallen geschehen, dass er sich den Annulus Platonis geschmiedet, diesen silbernen Ring um den Blei-Saturn, diesen Gyges-Ring, der so vielerlei unsichtbar mache, Gehirne und Metalle; denn aus diesem Buche durft' er, sollt' ers nur einmal ordentlich begreifen, frappant wissen, wo Bartel Most hole." Jetzt wollen wir wieder in seine Kindheit zuruck.
Im zehnten Jahre verpuppte er sich in einen mulattenfarbigen Alumnus und obern Quintaner der Stadt Scheerau. Sein Examinator muss mein Zeuge sein, dass es keine weisse Schminke ist, die ich meinem Helden anstreiche, wenn ichs zu berichten wage, dass er nur noch ein Blatt bis zur vierten Deklination zuruckzulegen hatte und dass er die ganze Geschlecht-Ausnahme thorax caudex pulexque vor der Quinta wie ein Wekker abrollte bloss die Regel wusst' er nicht. Unter allen Nischen des Alumneums war nur eine so gescheuert und geordnet, gleich der Prunkkuche einer Nurnbergerin: das war seine; denn zufriedene Menschen sind die ordentlichsten. Er kaufte sich aus seinem Beutel fur zwei Kreuzer Nagel und beschlug seine Zelle damit, um fur alle Effekten besondere Nagel zu haben er schlichtete seine Schreibbucher so lange, bis ihre Rucken so bleirecht aufeinander lagen wie eine preussische Fronte, und er ging beim Mondschein aus dem Bette und visierte so lange um seine Schuhe herum, bis sie parallel nebeneinander standen. War alles metrisch: so rieb er die Hande, riss die Achseln uber die Ohren hinauf, sprang empor, schuttelte sich fast den Kopf herab und lachte ungemein.
Eh' ich von ihm weiter beweise, dass er im Alumneum glucklich war: will ich beweisen, dass dergleichen kein Spass war, sondern eine herkulische Arbeit. Hundert agyptische Plagen halt man fur keine, bloss weil sie uns nur in der Jugend heimsuchen, wo moralische Wunden und komplizierte Frakturen so hurtig zuheilen wie physische grunendes Holz bricht nicht so leicht wie durres entzwei. Alle Einrichtungen legen es dar, dass ein Alumneum seiner altesten Bestimmung nach ein protestantisches Knaben-Kloster sein soll; aber dabei sollte man es lassen, man sollte ein solches Praservations-Zuchthaus in kein Lustschloss, ein solches Misanthropin in kein Philanthropin verwandeln wollen. Mussen nicht die glucklichen Inhaftaten einer solchen Furstenschule die drei Klostergelubde ablegen? Erstlich das des Gehorsams, da der Schuler-Guardian und Novizenmeister seinen schwarzen Novizen das Spornrad der haufigsten, widrigsten Befehle und Ertotungen in die Seite sticht. Zweitens das der Armut, da sie nicht Kruditaten und ubrige Brocken, sondern Hunger von einem Tage zum andern aufheben und ubertragen; und Carminati vermochte ganze Invalidenhauser mit dem Supernumerar-Magensaft der Konviktorien und Alumneen auszuheilen. Das Gelubde der Keuschheit tut sich nachher von selbst, sobald ein Mensch den ganzen Tag zu laufen und zu fasten hat und keine andern Bewegungen entbehrt als die peristaltischen. Zu wichtigen Amtern muss der Staatsburger erst gehanselt werden. Verdient denn aber bloss der katholische Novize zum Monch geprugelt, oder ein elender Ladenjunge in Bremen zum Kaufmannsdiener gerauchert, oder ein sittenloser Sudamerikaner zum Kaziken durch beides und durch mehre, in meinen Exzerpten stehende Qualen appretiert und sublimiert zu werden? Ist ein lutherischer Pfarrer nicht ebenso wichtig, und sind seiner kunftigen Bestimmung nicht ebensogut solche ubende Martern notig? Zum Gluck hat er sie; vielleicht mauerte die Vorwelt die Schulpforten, deren Konklavisten insgesamt wahre Knechte der Knechte sind, bloss seinetwegen auf: denn andern Fakultaten ist mit dieser Kreuzigung und Radbrechung des Fleisches und Geistes zu wenig gedient. Daher ist auch das so oft getadelte Chor-, Gassen- und Leichensingen der Alumnen ein recht gutes Mittel, protestantische Klosterleute aus ihnen zu ziehen und selbst ihr schwarzer Uberzug und die kanonische Mohren-Enveloppe des Mantels ist etwas Ahnliches von der Monchkutte. Daher schiessen in Leipzig um die Thomasschuler, da doch einmal die Geistlichen die Perucken-Wammen anhangen mussen, wenigstens die Herzblatter eines aufkapfenden Peruckchens herum, das wie ein Pultdach oder wie halbe Flugeldecken sich auf dem Kopfe umsieht. In den alten Klostern war die Gelehrsamkeit Strafe; nur Schuldige mussten da lateinische Psalmen auswendig lernen oder Autores abschreiben; in guten armen Schulen wird dieses Strafen nicht vernachlassigt, und sparsamer Unterricht wird da stets als ein unschuldiges Mittel angeordnet, den armen Schuler damit zu zuchtigen und zu mortifizieren ....
Bloss dem Schulmeisterlein hatte diese Kreuzschule wenig an; den ganzen Tag freuete er sich auf oder uber etwas. "Vor dem Aufstehen", sagt' er, "freu' ich mich auf das Fruhstuck, den ganzen Vormittag aufs Mittagessen, zur Vesperzeit aufs Vesperbrot und abends aufs Nachtbrot und so hat der Alumnus Wutz sich stets auf etwas zu spitzen." Trank er tief, so sagt' er: "Das hat meinem Wutz geschmeckt" und strich sich den Magen. Niesete er, so sagte er: "Helf dir Gott, Wutz!" Im fieberfrostigen Novemberwetter letzte er sich auf der Gasse mit der Vormalung des warmen Ofens und mit der narrischen Freude, dass er eine Hand um die andre unter seinem Mantel wie zu Hause stecken hatte. War der Tag gar zu toll und windig es gibt fur uns Wichte solche Hatztage, wo die ganze Erde ein Hatzhaus ist und wo die Plagen wie spasshaft gehende Wasserkunste uns bei jedem Schritte ansprutzen und einfeuchten , so war das Meisterlein so pfiffig, dass es sich unter das Wetter hinsetzte und sich nichts darum schor; es war nicht Ergebung, die das unvermeidliche Ubel aufnimmt, nicht Abhartung, die das ungefuhlte tragt, nicht Philosophie, die das verdunnte verdauet, oder Religion, die das belohnte verwindet: sondern der Gedanke ans warme Bett wars. "Abends", dacht' er, "lieg' ich auf alle Falle, sie mogen mich den ganzen Tag zwicken und hetzen, wie sie wollen, unter meiner warmen Zudeck und drucke die Nase ruhig ans Kopfkissen, acht Stunden lang." Und kroch er endlich in der letzten Stunde eines solchen Leidentages unter sein Oberbett: so schuttelte er sich darin, krempte sich mit den Knien bis an den Nabel zusammen und sagte zu sich: "Siehst du, Wutz, es ist doch vorbei."
Ein andrer Paragraph aus der Wutzischen Kunst, stets frohlich zu sein, war sein zweiter Pfiff, stets frohlich aufzuwachen und um dies zu konnen, bedient' er sich eines dritten und hob immer vom Tage vorher etwas Angenehmes fur den Morgen auf, entweder gebackne Klosse oder ebensoviel ausserst gefahrliche Blatter aus dem Robinson, der ihm lieber war als Homer oder auch junge Vogel oder junge Pflanzen, an denen er am Morgen nachzusehen hatte, wie nachts Federn und Blatter gewachsen.
Den dritten und vielleicht durchdachtesten Paragraphen seiner Kunst, frohlich zu sein, arbeitete er erst aus, da er Sekundaner ward:
er wurde verliebt.
Eine solche Ausarbeitung ware meine Sache ....
Aber da ich hier zum ersten Male in meinem Leben mich mit meiner Reisskohle an das Blumenstuck gemalter Liebe mache: so muss auf der Stelle abgebrochen werden, damit fortgerissen werde morgen um 6 Uhr mit weniger niedergebranntem Feuer.
Wenn Venedig, Rom und Wien und die ganze Luststadte-Bank sich zusammentaten und mich mit einem solchen Karneval beschenken wollten, das dem beikame, welches mitten in der schwarzen KantorsStube in Joditz war, wo wir Kinder von 8 Uhr bis 11 forttanzten (so lange wahrte unsre Faschingzeit, in der wir den Appetit zur Fastnacht-Hirse versprangen): so machten sich jene Residenzstadte zwar an etwas Unmogliches und Lacherliches aber doch an nichts so Unmogliches, wie dies ware, wenn sie dem Alumnus Wutz den Fastnachtmorgen mit seinen Karnevallustbarkeiten wiedergeben wollten, als er, als unterer Sekundaner auf Besuch, in der Tanz- und Schulstube seines Vaters am Morgen gegen 10 Uhr ordentlich verliebt wurde. Eine solche Faschinglustbarkeit trautes Schulmeisterlein, wo denkst du hin? Aber er dachte an nichts hin als zu Justina, die ich selten oder niemals wie die Auenthaler Justel nennen werde. Da der Alumnus unter dem Tanzen (wenige Gymnasiasten hatten mitgetanzt, aber Wutz war nie stolz und immer eitel) den Augenblick weghatte, was ihn nicht einmal eingerechnet an der Justel ware, dass sie ein hubsches gelenkiges Ding und schon im Briefschreiben und in der Regeldetri in Bruchen und die Patin der Frau Seniorin und in einem Alter von 15 Jahren und nur als eine Gast-Tanzerin mit in der Stube sei: so tat der Gast-Tanzer seines Orts, was in solchen Fallen zu tun ist; er wurde, wie gesagt, verliebt schon beim ersten Schleifer flogs wie Fieberhitze an ihn unter dem Ordnen zum zweiten, wo er stillstehend die warme Inlage seiner rechten Hand bedachte und befuhlte, stiegs unverhaltnismassig er tanzte sich augenscheinlich in die Liebe und in ihre Garne hinein. Als sie noch dazu die roten Haubenbander auseinanderfallen und sie ungemein nachlassig um den nackten Hals zuruckflattern liess: so vernahm er die Bassgeige nicht mehr und als sie endlich gar mit einem roten Schnupftuch sich Kuhlung vorwedelte und es hinter und vor ihm fliegen liess: so war ihm nicht mehr zu helfen, und hatten die vier grossen und die zwolf kleinen Propheten zum Fenster hineingepredigt. Denn einem Schnupftuch in einer weiblichen Hand erlag er stets auf der Stelle ohne weitere Gegenwehr, wie der Lowe dem gedrehten Wagenrade und der Elefant der Maus. Dorfkoketten machen sich aus dem Schnupftuch die namliche Feldschlange und Kriegmaschine, die sich die Stadtkoketten aus dem Facher machen; aber die Wellen eines Tuchs sind gefalliger als das knackende Truthahns-Radschlagen der bunten Streitkolbe des Fachers.
Auf alle Falle kann unser Wutz sich damit entschuldigen, dass seines Wissens die Orter offentlicher Freude das Herz fur alle Empfindungen, die viel Platz bedurfen, fur Aufopferung, fur Mut und auch fur Liebe, weiter machen; freilich in den engen Amtund Arbeitstuben, auf Rathausern, in geheimen Kabinetten liegen unsre Herzen wie auf ebenso vielen Welkboden und Darrofen und runzeln ein.
Wutz trug seinen mit dem Gas der Liebe aufgefullten und emporgetriebnen Herzballon freudig ins Alumneum zuruck, ohne jemand eine Silbe zu melden, am wenigsten der Schnupftuch-Fahnenjunkerin selber nicht aus Scheu, sondern weil er nie mehr begehrte als die Gegenwart; er war nur froh, dass er selber verliebt war, und dachte an weiter nichts ....
Warum liess der Himmel gerade in die Jugend das Lustrum der Liebe fallen? Vielleicht weil man gerade da in Alumneen, Schreibstuben und andern Gifthutten keucht: da steigt die Liebe wie aufbluhendes Gestrauch an den Fenstern jener Marterkammern empor und zeigt in schwankenden Schatten den grossen Fruhling von aussen. Denn Er und ich, mein Herr Prafektus, und auch Sie, verdiente Schuldiener des Alumneums, wir wollen miteinander wetten, Sie sollen uber den vergnugten Wutz ein Harenhemd ziehen (im Grund hat er eines an) Sie sollen ihn Ixions Rad und Sisyphus' Stein der Weisen und den Laufwagen Ihres Kindes bewegen lassen Sie sollen ihn halb tot hungern oder prugeln lassen Sie sollen einer so elenden Wette wegen (welches ich Ihnen nicht zugetrauet hatte) gegen ihn ganz des Teufels sein: Wutz bleibt doch Wutz und praktiziert sich immer sein bisschen verliebter Freude ins Herz, vollends in den Hundtagen!
Seine Kanikularferien sind aber vielleicht nirgends deutlicher beschrieben als in seinen "Werthers Freuden", die seine Lebensbeschreiber fast nur abzuschreiben brauchen. Er ging da sonntags nach der Abendkirche heim nach Auenthal und hatte mit den Leuten in allen Gassen Mitleiden, dass sie dableiben mussten. Draussen dehnte sich seine Brust mit dem aufgebaueten Himmel vor ihm aus, und halbtrunken im Konzertsaal aller Vogel horcht' er doppelselig bald auf die gefiederten Sopranisten, bald auf seine Phantasien. Um nur seine uber die Ufer schlagende Lebenskrafte abzuleiten, galoppierte er oft eine halbe Viertelstunde lang. Da er immer kurz vor und nach Sonnen-Untergang ein gewisses wollustiges trunknes Sehnen empfunden hatte die Nacht aber macht wie ein langerer Tod den Menschen erhaben und nimmt ihm die Erde : so zauderte er mit seiner Landung in Auenthal so lang', bis die zerfliessende Sonne durch die letzten Kornfelder vor dem Dorfe mit Goldfaden, die sie gerade uber die Ahren zog, sein blaues Rockchen stickte und bis sein Schatten an den Berg uber den Fluss wie ein Riese wandelte. Dann schwankte er unter dem wie aus der Vergangenheit heruberklingenden Abendlauten ins Dorf hinein und war allen Menschen gut, selbst dem Prafektus. Ging er dann um seines Vaters Haus und sah am obern Kappfenster den Widerschein des Monds und durch ein Parterre-Fenster seine Justina, die da alle Sonntage einen ordentlichen Brief setzen lernte .... o wenn er dann in dieser paradiesischen Viertelstunde seines Lebens auf funfzig Schritte die Stube und die Briefe und das Dorf von sich hatte wegsprengen und um sich und um die Briefstellerin bloss ein einsames dammerndes TempeTal hatte ziehen konnen wenn er in diesem Tale mit seiner trunknen Seele, die unterweges um alle Wesen ihre Arme schlug, auch an sein schonstes Wesen hatte fallen durfen und er und sie und Himmel und Erde zuruckgesunken und zerflossen waren vor einem flammenden Augenblick und Brennpunkte menschlicher Entzuckung ....
Indessen tat ers wenigstens nachts um eilf Uhr; und vorher gings auch nicht schlecht. Er erzahlte dem Vater, aber im Grunde Justinen seinen Studienplan und seinen politischen Einfluss; er setzte sich dem Tadel, womit sein Vater ihre Briefe korrigierte, mit demjenigen Gewicht entgegen, das ein solcher Kunstrichter hat, und er war, da er gerade warm aus der Stadt kam, mehr als einmal mit Witz bei der Hand kurz, unter dem Einschlafen horte er in seiner tanzenden taumelnden Phantasie nichts als Spharen-Musik.
Freilich du, mein Wutz, kannst Werthers Freuden aufsetzen, da allemal deine aussere und deine innere Welt sich wie zwei Muschelschalen aneinander loten und dich als ihr Schaltier einfassen; aber bei uns armen Schelmen, die wir hier am Ofen sitzen, ist die Aussenwelt selten der Ripienist und Chorist unsrer innern frohlichen Stimmung; hochstens dann, wenn an uns der ganze Stimmstock umgefallen und wir knarren und brummen; oder in einer andern Metapher: wenn wir eine verstopfte Nase haben, so setzt sich ein ganzes mit Blumen uberwolbtes Eden vor uns hin, und wir mogen nicht hineinriechen.
Mit jedem Besuche machte das Schulmeisterlein seiner Johanna-Therese-Charlotte-Mariana-KlarissaHeloise-Justel auch ein Geschenk mit einem Pfefferkuchen und einem Potentaten; ich will uber beide ganz befriedigend sein.
Die Potentaten hatt' er in seinem eignen Verlage; aber wenn die Reichshofrats-Kanzlei ihre Fursten und Grafen aus ein wenig Dinte, Pergament und Wachs macht: so verfertigte er seine Potentaten viel kostbarer, aus Russ, Fett und zwanzig Farben. Im Alumneum wurde namlich mit den Rahmen einer Menge Potentaten eingeheizet, die er samtlich mit gedachten Materialien so zu kopieren und zu reprasentieren wusste, als war' er ihr Gesandter. Er uberschmierte ein Quartblatt mit einem Endchen Licht und nachher mit Ofenruss dieses legte er mit der schwarzen Seite auf ein andres mit weissen Seiten oben auf beide Blatter tat er irgendein furstliches Portrat dann nahm er eine abgebrochne Gabel und fuhr mit ihrer druckenden Spitze auf dem Gesichte und Leibe des regierenden Herrn herum dieser Druck verdoppelte den Potentaten, der sich vom schwarzen Blatt aufs weisse uberfarbte. So nahm er von allem, was unter einer europaischen Krone sass, recht kluge Kopien; allein ich habe niemals verhehlet, dass seine Okulier-Gabel die russische Kaiserin (die vorige) und eine Menge Kronprinzen dermassen aufkratzte und durchschnitt, dass sie zu nichts mehr zu brauchen waren als dazu, den Weg ihrer Rahmen zu gehen. Gleichwohl war das russige Quartblatt nur die Bruttafel und Atz-Wiege glorwurdiger Regenten, oder auch der Streich- oder Laichteich derselben ihr Streckteich aber oder die Appretur-Maschine der Potentaten war sein Farbkastchen; mit diesem illuminierte er ganze regierende Linien, und alle Muscheln kleideten einen einzigen Grossfursten an, und die Kronprinzessinnen zogen aus derselben Farbmuschel Wangenrote, Schamrote und Schminke. Mit diesen regierenden Schonen beschenkte er die, die ihn regierte und die nicht wusste, was sie mit dem historischen Bildersaale machen sollte.
Aber mit dem Pfefferkuchen wusste sie es in dem
Grade, dass sie ihn ass. Ich halt' es fur schwer, einer Geliebten einen Pfefferkuchen zu schenken, weil man ihn oft kurz vor der Schenkung selber verzehrt. Hatte nicht Wutz die drei Kreuzer fur den ersten schon bezahlt? Hatt' er nicht das braune Rektangulum schon in der Tasche und war damit schon bis auf eine Stunde vor Auenthal und vor dem Adjudikationtermin gereiset? Ja wurde die susse Votiv-Tafel nicht alle Viertelstunde aus der Tasche gehoben, um zu sehen, ob sie noch viereckig sei? Dies war eben das Ungluck; denn bei diesem Beweis durch Augenschein, den er fuhrte, brach er immer wenige und unbedeutende Mandeln aus dem Kuchen; dergleichen tat er ofters darauf machte er sich (statt an die Quadratur des Zirkels) an das Problem, den gevierteten Zirkel wieder rein herzustellen, und biss sauber die vier rechten Winkel ab und machte ein Acht-Eck, ein Sechzehn-Eck denn ein Zirkel ist ein unendliches Viel-Eck darauf war nach diesen mathematischen Ausarbeitungen das Viel-Eck vor keinem Madchen mehr zu produzieren darauf tat Wutz einen Sprung und sagte: "Ach! ich fress' ihn selber", und heraus war der Seufzer und hinein die geometrische Figur. Es werden wenige schottische Meister, akademische Senate und Magistranden leben, denen nicht ein wahrer Gefallen geschahe, wenn man ihnen zu horen gabe, durch welchen Maschinen-Gott sich Wutz aus der Sache zog durch einen zweiten Pfefferkuchen tat ers, den er allemal als einen Wand- und Taschen-Nachbar des ersten mit einsteckte. Indem er den einen ass, landete der andre ohne Lasionen an, weil er mit dem Zwilling wie mit Brandmauer und Kronwache den andern beschutzte. Das aber sah er in der Folge selber ein, dass er um nicht einen blossen Torso oder Atom nach Auenthal zu transportieren die Krontruppen oder Pfefferkuchen von Woche zu Woche vermehren musse.
Er ware Primaner geworden, ware nicht sein Vater aus unserem Planeten in einen andern oder in einen Trabanten geruckt. Daher dacht' er die Melioration seines Vaters nachzumachen und wollte von der Sekundanerbank auf den Lehrstuhl rutschen. Der Kirchenpatron, Herr von Ebern, drangte sich zwischen beide Geruste und hielt seinen ausgedienten Koch an der Hand, um ihn in ein Amt einzusetzen, dem er gewachsen war, weil es in diesem ebensogut wie in seinem vorigen Spanferkel1 tot zu peitschen und zu appretieren, obwohl nicht zu essen gab. Ich hab' es schon in der Revision des Schulwesens in einer Note erinnert und Herrn Gedikens Beifall davongetragen, dass in jedem Bauerjungen ein unausgewachsener Schulmeister stecke, der von ein paar Kirchenjahren gross zu paraphrasieren sei dass nicht bloss das alte Rom Welt-Konsule, sondern auch heutige Dorfer Schul-Konsule vom Pfluge und aus der Furche ziehen konnten dass man ebensogut von Leuten seines Standes hier unterrichtet, als in England gerichtet werden konne, und dass gerade der, dem jeder das meiste Scibile verdanke, ihm am ahnlichsten sei, namlich jeder selber dass, wenn eine ganze Stadt (Norcia an dem appenninischen Gebirg) nur von vier ungelehrten Magistratgliedern (li quatri illiterati) sich beherrschen lassen will, doch eine Dorfjugend von einem einzigen ungelehrten Mann werde zu regieren und zu prugeln sein und dass man nur bedenken mochte, was ich oben im Texte sagte. Da aber die Note selber der Text ist, so will ich nur sagen, dass ich sagte: ein Dorfschule sei hinlanglich besetzt. Es ist da 1) der Gymnasiarch oder Pastor, der von Winter zu Winter den Priesterrock umhange und das Schulhaus besucht und erschreckt 2) steht in der Stube das Rektorat, Konrektorat und Subrektorat, das der Schulhalter allein ausmacht 3) als Lehrer der untern Klassen sind darin angestellt die Schulmeisterin, der, wenn irgendeinem Menschen, die Kallipadie der Tochterschule anvertrauet werden kann, ihr Sohn als Tertius und Lummel zugleich, dem seine Zoglinge allerhand legieren und spendieren mussen, damit er sie ihre Lektion nicht aufsagen lasset, und der, wenn der Regent nicht zu Hause ist, oft das Reichsvikariat des ganzen protestantischen Schulkreises auf den Achseln hat 4) endlich ein ganzes Raupennest Kollaboratores, namlich Schuljungen selber, weil daselbst, wie im Hallischen Waisenhause, die Schuler der obern Klasse schon zu Lehrern der untern gross gewachsen sind. Da man bisher aus so vielen Studierstuben heraus nach Realschulen schrie: so horten es Gemeinden und Schulhalter und taten das Ihrige gern. Die Gemeinden lasen fur ihre Lehrstuhle lauter solche padagogische Steisse aus, die schon auf Weber-, Schneider-, Schuster-Schemeln sesshaft waren und von denen also etwas zu erwarten war und allerdings setzen solche Manner, indem sie vor dem aufmerksamen Institute Rocke, Stiefel, Fischreusen und alles machen, die Nominalschule leicht in eine Realschule um, wo man Fabrikate kennen lernt. Der Schulmeister treibts noch weiter und sinnt Tag und Nacht auf RealSchulhalten; es gibt wenige Arbeiten eines erwachsenen Hausvaters oder seines Gesindes, in denen er seine Dorf-Stoa nicht beschaftigt und ubt, und den ganzen Morgen sieht man das expedierende Seminarium hinaus- und hineinjagen, Holz spalten und Wasser tragen u.s.w., so dass er ausser der Realschule fast gar keine andre halt und sich sein bisschen Brot sauer im Schweisse seines Schulhauses verdient .... Man braucht mir nicht zu sagen, dass es auch schlechte und versaumte Landschulen gebe; genug wenn nur die grossere Zahl alle die Vorzuge wirklich aufweiset, die ich ihr jetzt zugeschrieben.
Ich mag meine Fixstern-Abirrung mit keinem Wort entschuldigen, das eine neue ware. Herr von Ebern hatte seinen Koch zum Schulmeister investieret, wenn ein geschickter Nachfahrer des Kochs ware zu haben gewesen; es war aber keiner aufzutreiben, und da der Gutsherr dachte, es sei vielleicht gar eine Neuerung, wenn er die Kuche und die Schule durch ein Subjekt versehen liesse wiewohl vielmehr die Trennung und Verdopplung der Schul- und der Herrendiener eine viel grossere und altere war; denn im neunten Sakulum musste sogar der Pfarrer der Patronatkirche zugleich dem Kirchenschiff-Patron als Bedienter aufwarten und satteln etc.2, und beide Amter wurden erst nachher, wie mehre, voneinander abgerissen , so behielt er den Koch und vozierte den Alumnus, der bisher so gescheit gewesen, dass er verliebt geblieben.
Ich steuere mich ganz auf die ruhmlichen Zeugnisse, die ich in Handen habe und die Wutz vom Superintendenten auswirkte, weil sein Examen vielleicht eines der rigorosesten und glucklichsten war, wovon ich in neueren Zeiten noch gehoret. Musste nicht Wutz das griechische Vaterunser vorbeten, indes das Examination-Kollegium seine samtnen Hosen mit einer Glasburste auskammte; und hernach das lateinische Symbolum Athanasii? Konnte der Examinandus nicht die Bucher der Bibel richtig und Mann fur Mann vorzahlen, ohne uber die gemalten Blumen und Tassen auf dem Kaffeebrette seines fruhstuckenden Examinators zu stolpern? Musst' er nicht einen Betteljungen, der bloss auf einen Pfennig aufsah, herumkatechesieren, obgleich der Junge gar nicht wie sein Unter-Examinator bestand, sondern wie ein wahres Stuckchen Vieh? Musst' er nicht seine Fingerspitzen in funf Topfe warmes Wasser tunken und den Topf aussuchen, dessen Wasser warm und kalt genug fur den Kopf eines Tauflings war? Und musst' er nicht zuletzt drei Gulden und 36 Kreuzer erlegen?
Am 13ten Mai ging er als Alumnus aus dem Alumneum heraus und als offentlicher Lehrer in sein Haus hinein, und aus der zersprengten schwarzen AlumnusPuppe brach ein bunter Schmetterling von Kantor ins Freie hinaus.
Am 9ten Julius stand er vor dem Auenthaler Altar und wurde kopuliert mit der Justel.
Aber der elysaische Zwischenraum zwischen dem 13ten Mai und dem 9ten Julius! Fur keinen Sterblichen fallt ein solches goldnes Alter von acht Wochen wieder vom Himmel, bloss fur das Meisterlein funkelte der ganze niedergetauete Himmel auf gestirnten Auen der Erde. Du wiegtest im Ather dich und sahest durch die durchsichtige Erde dich rund mit Himmel und Sonnen umzogen und hattest keine Schwere mehr; aber uns Alumnen der Natur fallen nie acht solche Wochen zu, nicht eine, kaum ein ganzer Tag, wo der Himmel uber und in uns sein reines Blau mit nichts bemalt als mit Abend- und Morgenrot wo wir uber das Leben wegfliegen und alles uns hebt wie ein freudiger Traum wo der unbandige sturzende Strom der Dinge uns nicht auf seinen Katarakten und Strudeln zerstosset und schuttelt und radert, sondern auf blinkenden Wellen uns wiegt und unter hineingebognen Blumen vorubertragt ein Tag, zu dem wir den Bruder vergeblich unter den verlebten suchen und von dem wir am Ende jedes andern klagen: seit ihm war keiner wieder so.
Es wird uns allen sanft tun, wenn ich diese acht Wonne-Wochen oder zwei Wonne-Monate weitlauftig beschreibe. Sie bestanden aus lauter ahnlichen Tagen. Keine einzige Wolke zog hinter den Hausern herauf. Die ganze Nacht stand die ruckende Abendrote unten am Himmel, an welchem die untergehende Sonne allemal wie eine Rose gluhend abgebluhet hatte. Um 1 Uhr schlugen schon die Lerchen, und die Natur spielte und phantasierte die ganze Nacht auf der Nachtigallen-Harmonika. In seine Traume tonten die aussern Melodien hinein, und in ihnen flog er uber 2 BlutenBaume, denen die wahren vor seinem offnen Fenster ihren Blumen-Atem liehen. Der tagende Traum ruckte ihn sanft, wie die lispelnde Mutter das Kind, aus dem Schlaf ins Erwachen uber, und er trat mit trinkender Brust in den Larm der Natur hinaus, wo die Sonne die Erde von neuem erschuf und wo beide sich zu einem brausenden Wollust-Weltmeer ineinander ergossen. Aus dieser Morgen-Flut des Lebens und Freuens kehrte er in sein schwarzes Stubchen zuruck und suchte die Krafte in kleinern Freuden wieder. Er war da uber alles froh, uber jedes beschienene und unbeschienene Fenster, uber die ausgefegte Stube, uber das Fruhstuck, das mit seinen Amt-Revenuen bestritten wurde, uber 7 Uhr, weil er nicht in die Sekunda musste, uber seine Mutter, die alle Morgen froh war, dass er Schulmeister geworden und sie nicht aus dem vertrauten Hause fort gemusst.
Unter dem Kaffee schnitt er sich, ausser den Semmeln, die Federn zur Messiade, die er damals, die drei letzten Gesange ausgenommen, gar aussang. Seine grosste Sorgfalt verwandte er darauf, dass er die epischen Federn falsch schnitt, entweder wie Pfahle oder ohne Spalt oder mit einem zweiten Extraspalt, der hinausniesete; denn da alles in Hexametern, und zwar in solchen, die nicht zu verstehen waren, verfasset sein sollte: so musste der Dichter, da ers durch keine Bemuhung zur geringsten Unverstandlichkeit bringen konnte er fassete allemal den Augenblick jede Zeile und jeden Fuss und pes , aus Not zum Einfall greifen, dass er die Hexameter ganz unleserlich schrieb, was auch gut war. Durch diese poetische Freiheit bog er dem Verstehen ungezwungen vor.
Um eilf Uhr deckte er fur seine Vogel, und dann fur sich und seine Mutter den Tisch mit vier Schubladen, in welchem mehr war als auf ihm. Er schnitt das Brot, und seiner Mutter die weisse Rinde vor, ob er gleich die schwarze nicht gern ass. O meine Freunde, warum kann man denn im Hotel de Baviere und auf dem Romer nicht so vergnugt speisen als am Wutzischen Ladentisch? Sogleich nach dem Essen machte er nicht Hexameter, sondern Kochloffel, und meine Schwester hat selber ein Dutzend von ihm. Wahrend seine Mutter das wusch, was er schnitzte, liessen beide ihre Seelen nicht ohne Kost; sie erzahlte ihm die Personalien von sich und seinem Vater vor, von deren Kenntnis ihn seine akademische Laufbahn zu entfernt gehalten und er schlug den Operationplan und Bauriss seiner kunftigen Haushaltung bescheiden vor ihr auf, weil er sich an dem Gedanken, ein Hausvater zu sein, gar nicht satt kauen konnte. "Ich richte mir" sagte er "mein Haushalten ganz vernunftig ein ich stell' mir ein Saugschweinchen ein auf die heiligen Feiertage, es fallen so viel Kartoffeln- und RubenSchalen ab, dass mans mit fett macht, man weiss kaum wie und auf den Winter muss mir der Schwiegervater ein Fuderchen Buschel (Reisholz) einfahren, und die Stubentur muss total gefuttert und gepolstert werden denn, Mutter! unsereins hat seine padagogischen Arbeiten im Winter, und man halt da keine Kalte aus." Am 29ten Mai war noch dazu nach diesen Gesprachen eine Kindtaufe es war seine erste sie war seine erste Revenue, und ein grosses Einnahmebuch hatte er sich schon auf dem Alumneum dazu geheftet er besah und zahlte die paar Groschen zwanzig Mal, als waren sie andere. Am Taufstein stand er in ganzer Parure, und die Zuschauer standen auf der Empor und in der herrschaftlichen Loge im Alltag-Schmutz. "Es ist mein saurer Schweiss", sagt' er eine halbe Stunde nach dem Aktus und trank vom Gelde zur ungewohnlichen Stunde ein Nossel Bier. Ich erwarte von seinem kunftigen Lebensbeschreiber ein paar pragmatische Fingerzeige, warum Wutz bloss ein Einnahme- und kein Ausgabe-Buch sich nahte und warum er in jenem oben Louisd'or, Groschen, Pfennige setzte, ob er gleich nie die erste Munzsorte unter seinen Schul-Gefallen hatte.
Nach dem Aktus und nach der Verdauung liess er sich den Tisch hinaus unter den Weichselbaum tragen und setzte sich nieder und bossierte noch einige unleserliche Hexameter in seiner Messiade. Sogar wahrend er seinen Schinkenknochen als sein Abendessen abnagte und abfeilte, befeilt' er noch einen und den andern epischen Fuss, und ich weiss recht gut, dass des Fettes wegen mancher Gesang ein wenig geolet aussiehet. Sobald er den Sonnenschein nicht mehr auf der Strasse, sondern an den Hausern liegen sah: so gab er der Mutter die notigen Gelder zum Haushalten und lief ins Freie, um sich es ruhig auszumalen, wie ers kunftig haben werde im Herbst, im Winter, an den drei heiligen Festen, unter den Schulkindern und unter seinen eignen.
Und doch sind das bloss Wochentage; der Sonntag aber brennt in einer Glorie, die kaum auf ein Altarblatt geht. Uberhaupt steht in keinen Seelen dieses Jahrhunderts ein so grosser Begriff von einem Sonntage, als in denen, welche in Kantoren und Schulmeistern hausen; mich wundert es gar nicht, wenn sie an einem solchen Courtage nicht vermogen, bescheiden zu verbleiben. Selber unser Wutz konnte sichs nicht verstecken, was es sagen will, unter tausend Menschen allein zu orgeln ein wahres Erb-Amt zu versehen und den geistlichen Kronung-Mantel dem Senior uberzuhenken und sein Valet de fantaisie und Kammermohr zu sein uber ein ganzes von der Sonne beleuchtetes Chor Territorial-Herrschaft zu exerzieren, als amtierender Chor-Maire auf seinem Orgel-Furstenstuhl die Poesie eines Kirchsprengels noch besser zu beherrschen, als der Pfarrer die Prose desselben kommandiert und nach der Predigt uber das Gelander hinab vollige furstliche Befehle sans facon mit lauter Stimme weniger zu geben als abzulesen ...... Wahrhaftig, man sollte denken, hier oder nirgends tat' es not, dass ich meinem Wutz zuriefe: "Bedenke, was du vor wenig Monaten warest! Uberlege, dass nicht alle Menschen Kantores werden konnen, und mache dir die vorteilhafte Ungleichheit der Stande zunutze, ohne sie zu missbrauchen und ohne darum mich und meine Zuhorer am Ofen zu verachten." Aber nein! auf meine Ehre, das gutartige Meisterlein denkt ohnehin nicht daran; die Bauern hatten nur so gescheit sein sollen, dass sie dir schnakischem, lachelndem, trippelndem, handereibendem Dinge ins gallenlose uberzuckerte Herz hineingesehen hatten: was hatten sie da ertappt? Freude in deinen zwei Herz-Kammern, Freude in deinen zwei Herz-Ohren. Du numeriertest bloss oben im Chore, gutes Ding! das ich je langer je lieber gewinne, deine kunftigen Schulbuben und Schulmadchen in den Kirchstuhlen zusammen und setztest sie samtlich voraus in deine Schulstube und um seine winzige Nase herum und nahmest dir vor, mit der letzten taglich vormittags und nachmittags einmal zu niesen und vorher zu schnupfen, nur damit dein ganzes Institut wie besessen auffuhre und zuriefe: Helf Gott, Herr Kantner! Die Bauern hatten ferner in deinem Herzen die Freude angetroffen, die du hattest, ein Setzer von Folioziffern zu sein, so lang wie die am Zifferblatt der Turmuhr, indem du jeden Sonntag an der schwarzen Liedertafel in offentlichen Druck gabst, auf welcher Pagina das nachste Lied zu suchen sei wir Autores treten mit schlechterem Zeuge im Drucke auf ; ferner die Freude hatte man gefunden, deinem Schwiegervater und deiner Braut im Singen vorzureiten; und endlich deine Hoffnung, den Bodensatz des Kommunion-Weins einsam auszusaufen, der sauer schmeckte. Ein hoheres Wesen muss dir so herzlich gut gewesen sein wie das referierende, da es gerade in deinem achtwochentlichen Eden-Lustrum deinen gnadigen Kirchenpatron kommunizieren hiess: denn der hatte doch so viel Einsicht, dass er an die Stelle des Kommunion-Weins, der Christi Trank am Kreuz nicht unglucklich nachbildete, Christi Tranen aus seinem Keller setzte; aber welche Himmel dann nach dem Trank des Bodensatzes in alle deine Glieder zogen .... Wahrlich jedesmal will ich wieder in Ausrufungen verfallen; aber warum macht doch mir und vielleicht euch dieses schulmeisterlich vergnugte Herz so viel Freude? Ach, liegt es vielleicht daran, dass wir selber sie nie so voll bekommen, weil der Gedanke der Erden-Eitelkeit auf uns liegt und unsern Atem druckt und weil wir die schwarze Gottesacker-Erde unter den Rasen- und Blumenstucken schon gesehen haben, auf denen das Meisterlein sein Leben verhupft?
Der gedachte Kommunion-Wein moussierte noch abends in seinen Adern; und diese letzte Tagzeit seines Sabbats hab' ich noch abzuschildern. Nur am Sonntag durft' er mit seiner Justine spazieren gehen. Vorher nahm er das Abendessen beim Schwiegervater ein, aber mit schlechtem Nutzen; schon unter dem Tischgebet wurde sein Hundshunger matt und unter den Allotriis darauf gar unsichtbar. Wenn ich es lesen konnte: so konnt' ich das ganze Konterfei dieses Abends aus seiner Messiade haben, in die er ihn, ganz wie er war, im sechsten Gesang hineingeflochten, so wie alle grosse Skribenten ihren Lebenslauf, ihre Weiber, Kinder, Acker, Vieh in ihre opera omnia stricken. Er dachte, in der gedruckten Messiade stehe der Abend auch. In seiner wird es episch ausgefuhret sein, dass die Bauern auf den Rainen wateten und den Schuss der Halme massen und ihn uber das Wasser heruber als ihren neuen wohlverordneten Kantor grussten dass die Kinder auf Blattern schalmeiten und in Batzen-Floten stiessen und dass alle Busche und Blumen- und Blutenkelche vollstimmig besetzte Orchester waren, aus denen allen etwas heraus sang oder sumsete oder schnurrte und dass alles zuletzt so feierlich wurde, als hatte die Erde selber einen Sonntag, indem die Hohen und Walder um diesen Zauberkreis rauchten und indem die Sonne gen Mitternacht durch einen illuminierten Triumphbogen hinunter-, und der Mond gen Mittag durch einen blassen Triumphbogen heraufzog. O du Vater des Lichts! mit wie viel Farben und Strahlen und Leuchtkugeln fassest du deine bleiche Erde ein! Die Sonne kroch jetzt ein zu einem einzigen roten Strahle, der mit dem Widerscheine der Abendrote auf dem Gesichte der Braut zusammenkam; und diese, nur mit stummen Gefuhlen bekannt, sagte zu Wutz, dass sie in ihrer Kindheit sich oft gesehnet hatte, auf den roten Bergen der Abendrote zu stehen und von ihnen mit der Sonne in die schonen rotgemalten Lander hinunterzusteigen, die hinter der Abendrote lagen. Unter dem Gebetlauten seiner Mutter legt' er seinen Hut auf die Knie und sah, ohne die Hande zu falten, an die rote Stelle am Himmel, wo die Sonne zuletzt gestanden, und hinab in den ziehenden Strom, der tiefe Schatten trug; und es war ihm, als lautete die Abendglocke die Welt und noch einmal seinen Vater zur Ruhe zum ersten und letzten Male in seinem Leben stieg sein Herz uber die irdische Szene hinaus und es rief, schien ihm, etwas aus den Abendtonen herunter, er werde jetzo vor Vergnugen sterben .... Heftig und verzuckt umschlang er seine Braut und sagte: "Wie lieb hab' ich dich, wie ewig lieb!" Vom Flusse klang es herab wie Flotengeton und Menschengesang und zog naher; ausser sich druckt' er sich an sie an und wollte vereinigt vergehen und glaubte, die Himmeltone hauchten ihre beiden Seelen aus der Erde weg und dufteten sie wie Taufunken auf den Auen Edens nieder. Es sang:
O wie schon ist Gottes Erde
Und wert, darauf vergnugt zu sein!
Drum will ich, bis ich Asche werde,
Mich dieser schonen Erde freun.
Es war aus der Stadt eine Gondel mit einigen Floten und singenden Junglingen. Er und Justine wanderten am Ufer mit der ziehenden Gondel und hielten ihre Hande gefasst und Justine suchte leise nachzusingen; mehre Himmel gingen neben ihnen. Als die Gondel um eine Erdzunge voll Baume herumschiffte: hielt Justine ihn sanft an, damit sie nicht nachkamen, und da das Fahrzeug dahinter verschwunden war, fiel sie ihm mit dem ersten errotenden Kusse um den Hals .... O unvergesslicher erster Junius! schreibt er. Sie begleiteten und belauschten von weitem die schiffenden Tone; und Traume spielten um beide, bis sie sagte: "Es ist spat, und die Abendrote hat sich schon weit herumgezogen, und es ist alles im Dorfe still." Sie gingen nach Hause; er offnete die Fenster seiner mondhellen Stube und schlich mit einem leisen Gutenacht bei seiner Mutter voruber, die schon schlief.
Jeden Morgen schien ihn der Gedanke wie Tageslicht an, dass er dem Hochzeittage, dem 8ten Junius, sich um eine Nacht naher geschlafen; und am Tage lief die Freude mit ihm herum, dass er durch die paradiesischen Tage, die sich zwischen ihn und sein Hochzeitbett gestellet, noch nicht durchware. So hielt er, wie der metaphysische Esel, den Kopf zwischen beiden Heubundeln, zwischen der Gegenwart und Zukunft; aber er war kein Esel oder Scholastiker, sondern grasete und rupfte an beiden Bundeln auf einmal .... Wahrhaftig die Menschen sollten niemals Esel sein, weder indifferentistische, noch holzerne, noch bileamische, und ich habe meine Grunde dazu .... Ich breche hier ab, weil ich noch uberlegen will, ob ich seinen Hochzeittag abzeichne oder nicht. Musivstifte hab' ich ubrigens dazu ganze Bundel.
Aber wahrhaftig ich bin weder seinem Ehrentage beigewohnet, noch einem eignen; ich will ihn also bestens beschreiben und mir ich hatte sonst gar nichts eine Lustpartie zusammen machen.
Ich weiss uberhaupt keinen schicklichern Ort oder Bogen als diesen dazu, dass die Leser bedenken, was ich ausstehe: die magischen Schweizergegenden, in denen ich mich lagere die Apollos- und Venusgestalten, denen sich mein Auge ansaugt das erhabne Vaterland, fur das ich das Leben hingebe, das es vorher geadelt hat das Brautbett, in das ich einsteige, alles das ist von fremden oder eignen Fingern bloss gemalt mit Dinte oder Druckerschwarze; und wenn nur du, du Himmlische, der ich treu bleibe, die mir treu bleibt, mit der ich in arkadischen Julius-Nachten spazieren gehe, mit der ich vor der untergehenden Sonne und vor dem aufsteigenden Monde stehe und um derenwillen ich alle deine Schwestern liebe, wenn nur du warest; aber du bist ein Altarblatt, und ich finde dich nicht.
Dem Nil, dem Herkules und andern Gottern brachte man zwar auch, wie mir, nur nachbossierte Madchen dar; aber vorher bekamen sie doch reelle.
Wir mussen schon am Sonnabend ins Schul- und Hochzeithaus gucken, um die Pramissen dieses Rusttags zum Hochzeittag ein wenig vorher wegzuhaben: am Sonntag haben wir keine Zeit dazu; so ging auch die Schopfung der Welt (nach den altern Theologen) darum in sechs Tagwerken und nicht in einer Minute vor, damit die Engel das Naturbuch, wenn es allmahlich aufgeblattert wurde, leichter zu ubersehen hatten. Am Sonnabend rennt der Brautigam auffallend in zwei corporibus piis aus und ein, im Pfarr- und im Schulhaus, um vier Sessel aus jenem in dieses zu schaffen. Er borgte diese Gestelle dem Senior ab, um den Kommodator selbst darauf zu weisen als seinen Furstbischof und die Seniorin als Frau Patin der Braut und den Subprafektus aus dem Alumneum und die Braut selbst. Ich weiss so gut als andre, inwieweit dieser mietende Luxus des Brautigams nicht in Schutz zu nehmen ist; allerdings papillotierten die gigantischen Mietstuhle (Menschen und Sessel schrumpfen jetzt ein) ihre falschen Rindhaar-Touren an Lehne und Sitz mit blauem Tuche, Milchstrassen von gelben Nageln sprangen auf gelben Schnuren als Blitze herum, und es bleibt gewiss, dass man so weich auf den Randern dieser Stuhle aufsass, als truge man einen Doppelsteiss wie gesagt, diesen Steiss-Luxus des Glaubigers und Schuldners hab' ich niemals zum Muster angepriesen; aber auf der andern Seite muss doch jeder, der in den "Schulz von Paris" hineingesehen, bekennen, dass die Verschwendung im Palais royal und an allen Hofen offenbar grosser ist. Wie werd' ich vollends solche Methodisten von der strengen Observanz auf die Seite des Grossvater- oder Sorgestuhls Wutzens bringen, der mit vier holzernen Lowentatzen die Erde ergreift, welche mit vier Querholzern den Sitz-Konsolen munterer Finken und Gimpel gesponselt sind, dessen Haar-Chignon sich mit einer geblumten ledernen Schwarte mehr als zu prachtig besohlet, und welcher zwei holzerne behaarte Arme, die das Alter, wie menschliche, durrer gemacht, nach einem Insass ausstreckt? ... Dieses Fragzeichen kann manchen, weil er den langen Perioden vergessen, frappieren.
Das zinnene Tafel-Service- das der Brautigam noch von seinem Furstbischof holte, kann das Publikum beim Auktionproklamator, wenn es anders versteigert wird, besser kennen lernen als bei mir: so viel wissen die Hochzeitgaste, die Salatiere, die Sauciere, die Assiette zu Kase und die Senfdose war ein einziger Teller, der aber vor jeder Rolle einmal abgescheuert wurde.
Ein ganzer Nil und Alpheus schoss uber jedes Stubenbrett, wovon gute Gartenerde wegzuspulen war, an jede Bettpfoste und an den Fensterstock hinan und liess den gewohnlichen Bodensatz der Flut zuruck Sand. Die Gesetze des Romans wurden verlangen, dass das Schulmeisterlein sich anzoge und sich auf eine Wiese unter ein wogendes Zudeck von Gras und Blumen streckte und da durch einen Traum der Liebe nach dem andern hindurch sank' und brache allein er rupfte Huhner und Enten ab, spaltete Kaffee- und Bratenholz und die Braten selbst, kredenzte am Sonnabend den Sonntag und dekretierte und vollzog in der blauen Schurze seiner Schwiegermutter funfzig Kuchen-Verordnungen und sprang, den Kopf mit Papilloten gehornt und das Haar wie einen Eichhornchenschwanz emporgebunden, hinten und vornen und uberall herum: "denn ich mache nicht alle Sonntage Hochzeit", sagt' er.
Nichts ist widriger, als hundert Vorlaufer und Vorreiter zu einer winzigen Lust zu sehen und zu horen; nichts ist aber susser, als selber mit vorzureiten und vorzulaufen; die Geschaftigkeit, die wir nicht bloss sehen, sondern teilen, macht nachher das Vergnugen zu einer von uns selbst gesaeten, besprengten und ausgezognen Frucht; und obendrein befallt uns das Herzgespann des Passens nicht.
Aber, lieber Himmel, ich brauchte einen ganzen Sonnabend, um diesen nur zu rapportieren: denn ich tat nur einen vorbeifliegenden Blick in die Wutzische Kuche was da zappelt! was da raucht! Warum ist sich Mord und Hochzeit so nahe wie die zwei Gebote, die davon reden? Warum ist nicht bloss eine furstliche Vermahlung oft fur Menschen, warum ist auch eine burgerliche fur Geflugel eine Parisische Bluthochzeit?
Niemand brachte aber im Hochzeithaus diese zwei Freudentage missvergnugter und fataler zu als zwei Stechfinken und drei Gimpel: diese inhaftierte der reinliche und vogelfreundliche Brautigam samtlich vermittelst eines Treibjagens mit Schurzen und geworfnen Nachtmutzen und notigte sie, aus ihrem Tanz-Saale in ein paar Draht-Kartausen zu fahren und an der Wand, in Mansarden springend, herabzuhangen.
Wutz berichtet sowohl in seiner "Wutzischen Urgeschichte" als in seinem "Lesebuch fur Kinder mittlern Alters", dass abends um 7 Uhr, da der Schneider dem Hymen neue Hosen und Gilet und Rock anprobierte, schon alles blank und metrisch und neugeboren war, ihn selber ausgenommen. Eine unbeschreibliche Ruhe sitzt auf jedem Stuhl und Tisch eines neugestellten brillantierten Zimmers! In einem chaotischen denkt man, man musse noch diesen Morgen ausziehen aus dem aufgekundigten Logement.
Uber seine Nacht (so wie uber die folgende) fliegen ich und die Sonne hinuber, und wir begegnen ihm, wenn er am Sonntage, gerotet und elektrisiert vom Gedanken des heutigen Himmels, die Treppe herablauft in die anlachende Hochzeitstube hinein, die wir alle gestern mit so vieler Muhe und Dinte aufgeschmuckt haben vermittelst Schonheitwasser mouchoir de Venus und Schminklappen (Waschlappen) Puderkasten (Topf mit Sand) und anderem ToilettenSchiff und Geschirr. Er war in der Nacht siebenmal aufgewacht, um sich siebenmal auf den Tag zu freuen; und zwei Stunden fruher aufgestanden, um beide Minute fur Minute aufzuessen. Es ist mir, als ging' ich mit dem Schulmeister zur Tur hinein, vor dem die Minuten des Tages hinstehn wie Honigzellen er schopfet eine um die andre aus, und jede Minute tragt einen weitern Honigkelch. Fur eine Pension auf Lebenlang ist dennoch der Kantor nicht vermogend, sich auf der ganzen Erde ein Haus zu denken, in dem jetzo nicht Sonntag, Sonnenschein und Freude ware; nein! Das zweite, was er unten nach der Ture auftat, war ein Oberfenster, um einen auf- und niederwallenden Schmetterling einen schwimmenden Silberflitter, eine Blumen-Folie und Amors Ebenbild aus Hymens Stube fortzulassen. Dann futterte er seine Vogel-Kapelle in den Bauern zum voraus auf den larmenden Tag und fiedelte auf der vaterlichen Geige die Schleifer zum Fenster hinaus, an denen er sich aus der Fastnacht an die Hochzeitnacht herangetanzt. Es schlagt erst 5 Uhr, mein Trauter, wir haben uns nicht zu ubereilen! Wir wollen die zwei Ellen lange Halsbinde (die du dir ebenfalls, wie fruher die Braut, antanzest, indem die Mutter das andre Ende halt) und das Zopfband glatt umhaben, noch zwei vollige Stunden vor dem Lauten. Gern gab' ich den Grossvaterstuhl und den Ofen, dessen Assessor ich bin, dafur, wenn ich mich und meine Zuhorerschaft jetzt zu transparenten Sylphiden zu verdunnen wusste; damit unsere ganze Bruderschaft dem zappelnden Brautigam ohne Storung seiner stillen Freude in den Garten nachfloge, wo er fur ein weibliches Herz, das weder ein diamantnes noch ein welsches ist, auch keine Blumen, die es sind, abschneidet, sondern lebende wo er die blitzenden Kafer und Tautropfen aus den Blumenblattern schuttelt und gern auf den Bienenrussel wartet, den zum letzten Male der mutterliche Blumenbusen sauget wo er an seine Knaben-Sonntagmorgen denkt und an den zu engen Schritt uber die Beete und an das kalte Kanzelpult, auf welches der Senior seinen Strauss auflegte. Gehe nach Haus, Sohn deines Vorfahrers, und schaue am achten Junius dich nicht gegen Abend um, wo der stumme, sechs Fuss dicke Gottesacker uber manchen Freunden liegt, sondern gegen Morgen, wo du die Sonne, die Pfarrture und deine hineinschlupfende Justine sehen kannst, welche die Frau Patin nett ausfrisieren und einschnuren will. Ich merk' es leicht, dass meine Zuhorer wieder in Sylphiden verfluchtigt werden wollen, um die Braut zu umflattern; aber sie siehts nicht gern.
Endlich lag der himmelblaue Rock die Livreefarbe der Muller und Schulmeister mit geschwarzten Knopflochern und die plattende Hand seiner Mutter, die alle Bruche hob, am Leibe des Schulmeisterleins, und es darf nur Hut und Gesangbuch nehmen. Und jetzt ich weiss gewiss auch, was Pracht ist, furstliche bei furstlichen Vermahlungen, das Kanonieren, Illuminieren, Exerzieren und Frisieren dabei; aber mit der Wutzischen Vermahlung stell' ich doch dergleichen nie zusammen: sehet nur dem Mann hintennach, der den Sonnen- und Himmelweg zu seiner Braut geht und auf den andern Weg druben nach dem Alumneum schauet und denkt: "wer hatt's vor vier Jahren gedacht"; ich sage, sehet ihm nach! Tut es nicht auch die Auenthaler Pfarrmagd, ob sie gleich Wasser tragt, und henkt einen solchen prachtigen vollen Anzug bis auf jede Franse in ihren Gehirn- und Kleiderkammern auf? Hat er nicht eine gepuderte Nasen- und Schuhspitze? Sind nicht die roten Torflugel seines Schwiegervaters aufgedreht, und schreitet er nicht durch diese ein, indes die von der Haarkrauslerin abgefertigte Verlobte durch das Hofturchen schleicht? Und stossen sie nicht so mobliert und uberpudert aufeinander, dass sie das Herz nicht haben, sich Guten Morgen zu bieten? Denn haben beide in ihrem Leben etwas Prachtigers und Vornehmeres gesehen als sich einander heute? Ist in dieser verzeihlichen Verlegenheit nicht der lange Span ein Gluck, den der kleine Bruder zugeschnitzt und den er der Schwester hinreckt, damit sie darum wie um einen Weinpfahl die Blumen-Staude und Geruch-Quaste fur des Kantors Knopfloch winde und gurte? Werden neidsuchtige Damen meine Freunde bleiben, wenn ich meinen Pinsel eintunke und ihnen damit vorfarbe die Parure der Braut, das zitternde Gold statt der Zitternadel im Haar, die drei goldnen Medaillons auf der Brust mit den Miniaturbildern der deutschen Kaiser3 und tiefer die in Knopfe zergossenen Silberbarren ? .... Ich konnt' aber den Pinsel fast jemand an den Kopf werfen, wenn mir beifallt, mein Wutz und seine gute Braut werden mir, wenns abgedruckt ist, von den Koketten und anderem Teufelszeuge gar ausgelacht: glaubt ihr denn aber, ihr stadtischen destillierten und tatowierten Seelenverkauferinnen, die ihr alles an Mannspersonen messet und liebt, ihr Herz ausgenommen, dass ich oder meine meisten Herren Leser dabei gleichgultig bleiben konnten, oder dass wir nicht alle eure gespannten Wangen, eure zuckenden Lippen, eure mit Witz und Begierde sengenden Augen und eure jedem Zufall gefugigen Arme und selber euere empfindsamen Deklamatorien mit Spass hingaben fur einen einzigen Auftritt, wo die Liebe ihre Strahlen in dem Morgenrot des Schamens bricht, wo die unschuldige Seele sich vor jedem Aug' entkleidet, ihr eignes ausgenommen, und wo hundert innere Kampfe das durchsichtige Angesicht beseelen, und kurz worin mein Brautpaar selbst agierte, da der alte lustige Kauz von Schwiegervater beider gekrauselten und weissbluhenden Kopfe habhaft wurde und sie gescheit zu einem Kuss zusammenlenkte? Dein freudiges Erroten, lieber Wutz! und dein verschamtes, liebe Justine!
Wer wird uberhaupt diesen und dergleichen Sachen kurz vor seinen Sponsalien scharfer nachdenken und nachher delikater spielen als gegenwartiger Lebensbeschreiber selber?
Der Larm der Kinder und Buttner auf der Gasse und der Rezensenten in Leipzig hindern ihn hier, alles ausfuhrlich herzusetzen, die prachtigen Eckenbeschlage und dreifachen Manschetten, womit der Brautigam auf der Orgel jede Zeile des Chorals versah den holzernen Engelfittich, woran er seinen Kurhut zum Chor hinaushing den Namen Justine an den Pedalpfeifen seinen Spass und seine Lust, da sie einander vor der Kirchenagende (der Goldnen Bulle und dem Reichsgrundgesetze des Eheregiments) die rechten Hande gaben und da er mit seinem Ringfinger ihre hohle Hand gleichsam hinter einem Bettschirm neckte und den Eintritt in die Hochzeitstube, wo vielleicht die grossten und vornehmsten Leute und Gerichte des Dorfs einander begegneten, ein Pfarrer, eine Pfarrerin, ein Subprafektus und eine Braut. Es wird aber Beifall finden, dass ich meine Beine auseinander setze und damit uber die ganze Hochzeittafel und Hochzeittrift und uber den Nachmittag wegschreite, um zu horen, was sie abends angeben einen und den andern Tanz gibt der Subprafektus an. Es ist im Grunde schon alles ausser sich Ein Tobak-Heerrauch und ein Suppen-Dampfbad woget um drei Lichter und scheidet einen vom andern durch Nebelbanke Der Violoncellist und der Violinist streichen fremdes Gedarm weniger, als sie eignes fullen Auf der Fensterbrustung guckt das ganze Auenthal als Galerie zappelnd herein, und die Dorfjugend tanzt draussen, dreissig Schritte von dem Orchester entfernt, im ganzen recht hubsch Die alte Dorf-La Bonne schreiet ihre wichtigsten Personalien der Seniorin vor, und diese nieset und hustet die ihrigen los, jede will ihre historische Notdurft fruher verrichten und sieht ungern die andre auf dem Stuhle sesshaft Der Senior sieht wie ein Schossjunger des Schossjungers Johannes aus, welchen die Maler mit einem Becher in der Hand abmalen, und lacht lauter, als er predigt Der Prafektus schiesset als Elegant herum und ist von niemand zu erreichen Mein Maria platschert und fahrt unter in allen vier Flussen des Paradieses, und des FreudenMeers Wogen heben und schaukeln ihn allmachtig. Bloss die eine Brautfuhrerin (mit einer zu zarten Haut und Seele fur ihren schwielenvollen Stand) hort die Freuden-Trommel wie von einem Echo gedampft und wie bei einer Konigleiche mit Flor bezogen, und die stille Entzuckung spannt in Gestalt eines Seufzers die einsame Brust. Mein Schulmeister (er darf zweimal im Kuchenstuck herumstehen) tritt mit seiner Trauunghalfte unter die Haustur, deren dessus de porte ein Schwalben-Globus ist, und schauet auf zu dem schweigenden glimmenden Himmel uber ihm und denkt, jede grosse Sonne gucke herunter wie ein Auenthaler und zu seinem Fenster hinein ...... Schiffe frohlich uber deinen verdunstenden Tropfen Zeit, du kannst es; aber wir konnens nicht alle: die eine Brautfuhrerin kanns auch nicht Ach, war' ich wie du an einem Hochzeitmorgen dem angstlichen, den Blumen abgefangnen Schmetterling begegnet, wie du der Biene im Blutenkelch, wie du der um 7 Uhr abgelaufnen Turmuhr, wie du dem stummen Himmel oben und dem lauten unten: so hatt' ich ja daran denken musFreuden des Schulmeisters aus seinem Freuden-Manuale mitzuteilen, besonders seine Weihnacht-, Kirchweih- und Schulfreuden es kann vielleicht noch geschehen in einem Posthumus von Postskript, das ich nachliefere, aber heute nicht! Heute ists besser, wir sehen den vergnugten Wutz zum letzten Mal lebendig und tot und gehen dann weg.
Ich hatte uberhaupt ob ich gleich dreissigmal vor seiner Haustur vorubergegangen war wenig vom ganzen Manne gewusst, wenn nicht am 12ten Mai vorigen Jahrs die alte Justine unter ihr gestanden ware und mich, da sie mich im Gehen meine Schreibtafel vollarbeiten sah, angeschrien hatte: ob ich nicht auch ein Buchermacher ware. "Was sonst, Liebe?" versetzt' ich "jahrlich mach' ich dergleichen und schenke alles nachher dem Publiko." So mocht' ich dann, fuhr sie fort, mich auf ein Stundchen zu ihrem Alten hineinbemuhen, der auch ein Buchmacher sei, mit dem es aber elend aussehe.
Der Schlag hatte dem Alten, vielleicht weil er eine Flechte talersgross am Nacken hineingeheilet, oder vor Alter, die linke Seite gelahmt. Er sass im Bette an einer Lehne von Kopfkissen und hatte ein ganzes Warenlager, das ich sogleich spezifizieren werde, auf dem Deckbette vor sich. Ein Kranker tut wie ein Reisender und was ist er anders? sogleich mit jedem bekannt; so nahe mit dem Fusse und Auge an erhabnern Welten, macht man in dieser raudigen keine Umstande mehr. Er klagte, es hatte sich seine Alte schon seit drei Tagen nach einem Bucherschreiber umschauen mussen, hatt' aber keinen ertappt, ausser eben; "er muss' aber einen haben, der seine Bibliothek ubernehme, ordne und inventiere und der an seine Lebensbeschreibung, die in der ganzen Bibliothek ware, seine letzten Stunden, falls er sie jetzt hatte, zur Komplettierung gar hinanstiesse; denn seine Alte ware keine Gelehrtin und seinen Sohn hatt' er auf drei Wochen auf die Universitat Heidelberg gelassen."
Seine Aussaat von Blattern und Runzeln gab seinem runden kleinen Gesichtchen ausserst frohliche Lichter; jede schien ein lachelnder Mund: aber es gefiel mir und meiner Semiotik nicht, dass seine Augen so blitzten, seine Augenbraunen und Mund-Ecken so zuckten und seine Lippen so zitterten.
Ich will mein Versprechen der Spezifikation halten: Auf dem Deckbette lag eine gruntaftne Kinderhaube, wovon das eine Band abgerissen war, eine mit abgegriffnen Goldflitterchen uberpichte Kinderpeitsche, ein Fingerring von Zinn, eine Schachtel mit ZwergBuchelchen in 128-Format, eine Wanduhr, ein beschmutztes Schreibbuch und ein Finkenkloben fingerlang. Es waren die Rudera und Spatlinge seiner verspielten Kindheit. Die Kunstkammer dieser seiner griechischen Altertumer war von jeher unter der Treppe gewesen denn in einem Haus, das der Blumenkubel und Treibkasten eines einzigen Stammbaums ist, bleiben die Sachen jahrfunfziglang in ihrer Stelle ungeruckt ; und da es von seiner Kindheit an ein Reichsgrundgesetz bei ihm war, alle seine Spielwaren in geschichtlicher Ordnung aufzuheben, und da kein Mensch das ganze Jahr unter die Treppe guckte als er: so konnt' er noch am Rusttage vor seinem Todestage diese Urnenkruge eines schon gestorbenen Lebens um sich stellen und sich zuruckfreuen, da er sich nicht mehr vorauszufreuen vermochte. Du konntest freilich, kleiner Maria, in keinen Antikentempel zu Sanssouci oder zu Dresden eintreten und darin vor dem Weltgeiste der schonen Natur der Kunst niederfallen; aber du konntest doch in deine Kindheit-Antiken-Stiftshutte unter der finstern Treppe gucken, und die Strahlen der auferstehenden Kindheit spielten, wie des gemalten Jesuskindes seine im Stall, an den dustern Winkeln! O wenn grossere Seelen als du aus der ganzen Orangerie der Natur so viel susse Safte und Dufte sogen als du aus dem zackigen grunen Blatte, an das dich das Schicksal gehangen: so wurden nicht Blatter, sondern Garten genossen, und die bessern und doch glucklichern Seelen verwunderten sich nicht mehr, dass es vergnugte Meisterlein geben kann.
Wutz sagte und bog den Kopf gegen das Bucherbrett hin: "Wenn ich mich an meinen ernsthaften Werken matt gelesen und korrigiert: so schau' ich stundenlang diese Schnurrpfeifereien an, und das wird hoffentlich einem Bucherschreiber keine Schande sein."
Ich wusst' aber nicht, womit der Welt in dieser Minute mehr gedient ist, als wenn ich ihr den rasonierenden Katalog dieser Kunststucke und Schnurrpfeifereien zuwende, den mir der Patient zuwandte. Den zinnenen Ring hatt' ihm die vierjahrige Mamsell des vorigen Pastors, da sie miteinander von einem Spielkameraden ehrlich und ordentlich kopuliert wurden, als Ehepfand angesteckt das elende Zinn lotete ihn fester an sie als edlere Metalle edlere Leute, und ihre Ehe brachten sie auf vierundfunfzig Minuten. Oft wenn er nachher als geschwarzter Alumnus sie mit nickenden Federn-Standarten am dunnen Arme eines gesprenkelten Elegant spazieren gehen sah, dachte er an den Ring und an die alte Zeit. Uberhaupt hab' ich bisher mir unnutze Muhe gegeben, es zu verstecken, dass er in alles sich verliebte, was wie eine Frau aussah; alle Frohliche seiner Art tun dasselbe; und vielleicht konnen sie es, weil ihre Liebe sich zwischen den beiden Extremen von Liebe aufhalt und beiden abborgt, so wie der Busen Band und Kreole der platonischen und der epikurischen Reize ist. Da er seinem Vater die Turmuhr aufziehen half, wie vorzeiten die Kronprinzen mit den Vatern in die Sitzungen gingen: so konnte so eine kleine Sache ihm einen Wink geben, ein lackiertes Kastchen zu durchlochern und eine Wanduhr daraus zu schnitzen, die niemals ging; inzwischen hatte sie doch, wie mehre Staatkorper, ihre langen Gewichte und ihre eingezackten Rader, die man dem Gestelle nurnbergischer Pferde abgehoben und so zu etwas Besserem verbraucht hatte. Die grune Kinderhaube, mit Spitzen gerandert, das einzige Uberbleibsel seines vorigen vierjahrigen Kopfes, war seine Buste und sein Gipsabdruck vom kleinen Wutz, der jetzt zu einem grossen ausgefahren war. Alltags-Kleider stellen das Bild eines toten Menschen weit inniger dar als sein Portrat; daher besah Wutz das Grun mit sehnsuchtiger Wollust, und es war ihm, als schimmere aus dem Eis des Alters eine grune Rasenstelle der langst uberschneieten Kindheit vor; "Nur meinen Unterrock von Flanell", sagte er, "sollt' ich gar haben, der mir allemal unter den Achseln umgebunden wurde!" Mir ist sowohl das erste Schreibbuch des Konigs von Preussen als das des Schulmeisters Wutz bekannt, und da ich beide in Handen gehabt: so kann ich urteilen, dass der Konig als Mann und das Meisterlein als Kind schlechter geschrieben. "Mutter," sagt' er zu seiner Frau, "betracht doch, wie dein Mann hier (im Schreibbuch) und wie er dort (in seinem kalligraphischen Meisterstuck von einem Lehnbrief, den er an die Wand genagelt) geschrieben: ich fress' mich aber noch vor Liebe, Mutter!" Er prahlte vor niemand als vor seiner Frau; und ich schatze den Vorteil so hoch, als er wert ist, den die Ehe hat, dass der Ehemann durch sie noch ein zweites Ich bekommt, vor welchem er sich ohne Bedenken recht herzlich loben kann. Wahrhaftig das deutsche Publikum sollte ein solches zweites Ich von uns Autoren abgeben! Die Schachtel war ein Bucherschrank der lilliputischen Traktatchen in Fingerkalender-Format, die er in seiner Kindheit dadurch herausgab, dass er einen Vers aus der Bibel abschrieb, es heftete und bloss sagte: "Abermals einen recht hubschen Cober4 gemacht!" Andre Autores vermogen dergleichen auch, aber erst wenn sie herangewachsen sind. Als er mir seine jugendliche Schriftstellerei referierte, bemerkte er: "Als ein Kind ist man ein wahrer Narr; es stach aber doch schon damals der Schriftstellertrieb hervor, nur freilich noch in einer unreifen und lacherlichen Gestalt" und belachelte zufrieden die jetzige. Und so gings mit dem Finkenkloben ebenfalls: war nicht der fingerlange Finkenkloben, den er mit Bier bestrich und auf dem er die Fliegen an den Beinen fing, der Vorlaufer des armlangen Finkenkloben, hinter dem er im Spatherbst seine schonsten Stunden zubrachte, wie auf ihm die Finken ihre hasslichsten? Das Vogelstellen will durchaus ein in sich selber vergnugtes stilles Ding von Seele haben.
Es ist leicht begreiflich, dass seine grosste Krankenlabung ein alter Kalender war und die abscheulichen 12 Monatkupfer desselben. In jedem Monat des Jahrs machte er sich, ohne vor einem Galerieinspektor den Hut abzunehmen oder an ein Bilderkabinett zu klopfen, mehr malerische und artistische Lust als andre Deutsche, die abnehmen und anklopfen. Er durchwanderte namlich die 11 Monat-Vignetten die des Monats, worin er wanderte, liess er weg und phantasierte in die Holzschnitt-Auftritte alles hinein, was er und sie notig hatten. Es musste ihn freilich in gesunden und in kranken Tagen letzen, wenn er im Jenner-Winterstuck auf dem abgerupften schwarzen Baum herumstieg und sich (mit der Phantasie) unter den an der Erde aufdruckenden Wolkenhimmel stellte, der uber den Winterschlaf der Wiesen und Felder wie ein Betthimmel sich hinuberkrummte. Der ganze Junius zog sich mit seinen langen Tagen und langen Grasern um ihn herum, wenn er seine Einbildung den JuniusLandschaft-Holzschnitt ausbruten liess, auf welchem kleine Kreuzchen, die nichts als Vogel sein sollten, durch das graue Druckpapier flogen und auf dem der Holzschneider das fette Laubwerk zu Blattergerippen mazerierte. Allein wer Phantasie hat, macht sich aus jedem Abschnitzel eine wundertatige Reliquie, aus jedem Eselkinnbacken eine Quelle; die funf Sinne reichen ihr nur die Kartons, nur die Grundstriche des Vergnugens oder Missvergnugens.
Den Mai uberblatterte der Patient, weil der ohnehin um das Haus draussen stand. Die Kirschbluten, womit der Wonnemond sein grunes Haar besteckt, die Maiblumchen, die als Vorsteckrosen uber seinem Busen duften, beroch er nicht der Geruch war weg , aber er besah sie und hatte einige in einer Schussel neben seinem Krankenbette.
Ich habe meine Absicht klug erreicht, mich und meine Zuhorer funf oder sechs Seiten von der traurigen Minute wegzufuhren, in der vor unser aller Augen der Tod vor das Bett unsers kranken Freundes tritt und langsam mit eiskalten Handen in seine warme Brust hineindringt und das vergnugt schlagende Herz erschreckt, fangt und auf immer anhalt. Freilich am Ende kommt die Minute und ihr Begleiter doch.
Ich blieb den ganzen Tag da und sagte abends, ich konnte in der Nacht wachen. Sein lebhaftes Gehirn und sein zuckendes Gesicht hatten mich fest uberzeugt, in der Nacht wurde der Schlag sich wiederholen; es geschah aber nicht, welches mir und dem Schulmeisterlein ein wesentlicher Gefallen war. Denn es hatte mir gesagt auch in seinem letzten Traktatchen stehts , nichts ware schoner und leichter, als an einem heitern Tage zu sterben: die Seele sahe durch die geschlossenen Augen die hohe Sonne noch, und sie stiege aus dem vertrockneten Leib in das weite blaue Lichtmeer draussen; hingegen in einer finstern brullenden Nacht aus dem warmen Leibe zu mussen, den langen Fall ins Grab so einsam zu tun, wenn die ganze Natur selber dasasse und die Augen sterbend zuhatte das ware ein zu harter Tod.
Um 111/2 Uhr nachts kamen Wutzens zwei besten Jugendfreunde noch einmal vor sein Bette, der Schlaf und der Traum, um von ihm gleichsam Abschied zu nehmen. Oder bleibt ihr langer, und seid ihr zwei Menschenfreunde es vielleicht, die ihr den ermordeten Menschen aus den blutigen Handen des Todes holet und auf eueren wiegenden Armen durch die kalten unterirdischen Hohlungen mutterlich traget ins helle Land hin, wo ihn eine neue Morgensonne und neue Morgenblumen in waches Leben hauchen?
Ich war allein in der Stube Ich horte nichts als den Atemzug des Kranken und den Schlag meiner Uhr, die sein kurzes Leben wegmass Der gelbe Vollmond hingt tief und gross in Suden und bereifte mit seinem Totenlichte die Maiblumchen des Mannes und die stockende Wanduhr und die grune Haube des Kindes Der leise Kirschbaum vor dem Fenster malte auf dem Grund von Mondlicht aus Schatten einen bebenden Baumschlag in die Stube Am stillen Himmel wurde zuweilen eine fackelnde Sternschnuppe niedergeworfen, und sie verging wie ein Mensch Es fiel mir bei, die namliche Stube, die jetzt der schwarz ausgeschlagene Vorsaal des Grabes war, wurde morgen vor 43 Jahren, am 13ten Mai, vom Kranken bezogen, an welchem Tage seine elysischen Achtwochen angegangen Ich sah, dass der, dem damals dieser Kirschbaum Wohlgeruch und Traume gab, dort im druckenden Traume geruchlos liege und vielleicht noch heute aus dieser Stube ausziehe und dass alles, alles voruber sei und niemals wiederkomme .... und in dieser Minute fing Wutz mit dem ungelahmten Arme nach etwas, als wollt' er einen entfallenden Himmel erfassen und in dieser zitternden Minute knisterte der Monatzeiger meiner Uhr und fuhr, weils 12 Uhr war, vom 12ten Mai zum 13ten uber .... Der Tod schien mir meine Uhr zu stellen, ich horte ihn den Menschen und seine Freuden kauen, und die Welt und die Zeit schien in einem Strom von Moder sich in den Abgrund hinabzubrockeln! ...
Ich denke an diese Minute bei jedem mitternachtlichen Uberspringen meines Monatzeigers; aber sie trete nie mehr unter die Reihe meiner ubrigen Minuten!
Der Sterbende er wird kaum diesen Namen lange mehr haben schlug zwei lodernde Augen auf und sah mich lange an, um mich zu kennen. Ihm hatte getraumt, er schwankte als ein Kind sich auf einem Lilienbeete, das unter ihm aufgewallet dieses ware zu einer emporgehobnen Rosen-Wolke zusammengeflossen, die mit ihm durch goldne Morgenroten und uber rauchende Blumenfelder weggezogen die Sonne hatte mit einem weissen Madchen-Angesicht ihn angelachelt und angeleuchtet und ware endlich in Gestalt eines von Strahlen umflognen Madchens seiner Wolke zugesunken und er hatte sich geangstigt, dass er den linken gelahmten Arm nicht um und an sie bringen konnen. Daruber wurd' er wach aus seinem letzten oder vielmehr vorletzten Traum; denn auf den langen Traum des Lebens sind die kleinen bunten Traume der Nacht wie Phantasieblumen gestickt und gezeichnet.
Der Lebensstrom nach seinem Kopfe wurde immer schneller und breiter: er glaubte immer wieder, verjungt zu sein; den Mond hielt er fur die bewolkte Sonne; es kam ihm vor, er sei ein fliegender Taufengel, unter einem Regenbogen an eine DotterblumenKette aufgehangen, im unendlichen Bogen auf- und niederwogend, von der vierjahrigen Ringgeberin uber Abgrunde zur Sonne aufgeschaukelt .... Gegen 4 Uhr morgens konnte er uns nicht mehr sehen, obgleich die Morgenrote schon in der Stube war die Augen blickten versteinert vor sich hin eine Gesichtzukkung kam auf die andre den Mund zog eine Entzukkung immer lachelnder auseinander Fruhling-Phantasien, die weder dieses Leben erfahren, noch jenes haben wird, spielten mit der sinkenden Seele endlich sturzte der Todesengel den blassen Leichenschleier auf sein Angesicht und hob hinter ihm die bluhende Seele mit ihren tiefsten Wurzeln aus dem korperlichen Treibkasten voll organisierter Erde ..... Das Sterben ist erhaben; hinter schwarzen Vorhangen tut der einsame Tod das stille Wunder und arbeitet fur die andre Welt, und die Sterblichen stehen da mit nassen, aber stumpfen Augen neben der uberirdischen Szene ....
"Du guter Vater," sagte seine Witwe, "wenn dirs jemand vor 43 Jahren hatte sagen sollen, dass man dich am 13ten Mai, wo deine Achtwochen angingen, hinaustragen wurde!" "Seine Achtwochen", sagt' ich, "gehen wieder an, dauern aber langer."
Als ich um 11 Uhr fortging, war mir die Erde gleichsam heilig, und Tote schienen mir neben mir zu gehen; ich sah auf zum Himmel, als konnt' ich im endlosen Ather nur in einer Richtung den Gestorbnen suchen; und als ich oben auf dem Berge, wo man nach Auenthal hineinschauet, mich noch einmal nach dem Leidenstheater umsah und als ich unter den rauchenden Hausern bloss das Trauerhaus unbewolket dastehen und den Totengraber oben auf dem Gottesacker das Grab aushauen sah, und als ich das Leichenlauten seinetwegen horte und daran dachte, wie die Witwe im stummen Kirchturm mit rinnenden Augen das Seil unten reisse: so fuhlt' ich unser aller Nichts und schwur, ein so unbedeutendes Leben zu verachten, zu verdienen und zu geniessen.
Wohl dir, lieber Wutz, dass ich wenn ich nach Auenthal gehe und dein verrasetes Grab aussuche und mich daruber kummere, dass die in dein Grab beerdigte Puppe des Nachtschmetterlings mit Flugeln daraus kriecht, dass dein Grab ein Lustlager bohrender Regenwurmer, ruckender Schnecken, wirbelnder Ameisen und nagender Raupchen ist, indes du tief unter allen diesen mit unverrucktem Haupte auf deinen Hobelspanen liegst und keine liebkosende Sonne durch deine Bretter und deine mit Leinwand zugeleimten Augen bricht wohl dir, dass ich dann sagen kann: "Als er noch das Leben hatte, genoss ers frohlicher wie wir alle."
Es ist genug, meine Freunde es ist 12 Uhr, der Monatzeiger sprang auf einen neuen Tag und erinnerte uns an den doppelten Schlaf, an den Schlaf der kurzen und an den Schlaf der langen Nacht ....
Fussnoten
1 Die bekanntlich besser schmecken, wenn man sie mit Rutenstreichen totet. 2 Langens geistliches Recht S. 534. 3 In manchen deutschen Gegenden tragen die Madchen drei Dukaten am Halse. 4 Cobers Kabinettsprediger in dem mehr Geist steckt (freilich oft ein narrischer) als in zwanzig jetzigen ausgelaugten Predigthaufen.
Auslauten oder Sieben Letzte Worte an die
Leser der Lebensbeschreibung und der Idylle
Am 21ten Junius oder langsten Tage
Heute wird also meine kleine Rolle, wenigstens fur den ersten Auftritt, aus; sobald ich die sieben Worte gar geschrieben habe: so gehen ich und die Leser auseinander. Aber ich trete trauriger weg als sie. Ein Mensch, der den Weg zu einem weiten Ziel vollendet hat, wendet sich an diesem um und sieht unbefriedigt und voll neuer Wunsche uber die zurucklaufende Strasse hin, die seine schmalen Stunden wegmass und die er, wie eine Medea, mit Gliedern des Lebens uberstreuete. Eh' es heute Nacht wurde, hab' ich alle die Papierspane, die von diesem Buche fielen, eingesargt, aber nicht, wie andre Schreiber, eingeaschert ich habe zugleich alle Briefe der Freunde, die mir keine neue mehr schreiben konnen, als Akten der in der Erden-Instanz geschlossenen Prozesse inrotuliert und hingelegt. So etwas sollte der Mensch stets deponieren und alle Freudenblumen aufkleben, trotz ihrer Vertrocknung, in einem Krauterbuche; nicht einmal seine alten Fracks, Pikeschen und Bratenrocke (die ubrigen Kleiderstucke charakterisieren wenig) sollte er verschenken oder versteigern, sondern hinhenken sollt' er sie als Hulsen seiner ausgekernten Stunden, als Puppengehause der ausgeflognen Freuden, als Gewandfall oder tote Hand, die der Erinnerung heimfallt von den gestorbenen Jahren ....
Sobald ich heute am Tage, der so lang war als dieses Buch, mit dieser Leichenbestattung fertig war: so ging ich in die Nacht heraus, die so kurz ist wie die des Lebens ... und hier steh' ich unter dem Himmel und fuhl' es wieder wie allemal, dass jede uberstiegne Treppe hienieden sich zur Staffel einer hohern verkurzt und dass jeder erkletterte Thron zum Fussschemel eines neuen einschrumpft. Die Menschen bewohnen und bewegen das grosse Tretrad des Schicksals und glauben darin, sie steigen, wenn sie gehen .... Warum will ich schon wieder ein neues Buch schreiben und in diesem die Ruhe erwarten, die ich im alten nicht fand? Ein buschichter Felsen, der sich uber einen Steinbruch buckt, halt mich hier mit meiner Schreibtafel, in der ich dieses Buch zu Ende fuhren will, in der Nacht des Junius empor, den die Maler, wie den Tod, mit einer Sense malen. Es ist uber 11 Uhr; auf dem erloschnen blauen Himmels-Ozean uber mir glimmt nur hier und da ein zitterndes Punktchen der Arkturus wirft aus Westen seine kleinen Blitze auf seine Erden und auf meine der grosse Bar blinkt aus Norden, und die Andromeda aus Osten der breite Mond liegt unter der Erde neben dem Mittage der neuen Welt aber die eingesunkne Abendrote (dieser bunte Sonnen-Schatte) beugt den Tagschimmer der neuen Welt gemildert in die alte herein und wirft ihn uber zehn uberlaubte Dorfer um mich und uber den schwarzen, allein fortredenden Strom, diese lange Wasseruhr der Zeit, die damit ein Jahrtausend ums andre misset.
So jammerlich ist der enge Mensch; wenn er ein Buch hinaus hat, so blickt er zu allen entlegnen Sonnen auf, ob sie ihm nicht zusehen; bescheidner ware es, er dachte, er werde bloss von Europa und dessen indischen Besitzungen bemerkt. Ich wunsche nicht, dass mich hier ein Cherub, ein Seraph oder nur ein Berggeist mit meiner Schreibtafel und meinen Narrheiten gewahr werde. Mich sehe lieber ein Mensch stehen und schreiben: der wird mild sein und von seinem eignen Herzen lernen, die Schwachen eines fremden tragen; der gebrechliche Mensch wird es fuhlen und vergeben, dass jeder das Nest, worin er sitzt und quiekt und welches das einzige ist, woruber er mit Schnabel und H hinaussticht, fur den Fokus des Universums halt, fur eine Frontloge und Rotunda, die samtlichen Nester aber auf den andern Baumen fur die Wirtschaftgebaude seines Fokalnestes ..... O ihr guten Menschen! warum ist es moglich, dass wir uns untereinander auch nur eine halbe Stunde kranken? Ach, in dieser gefahrlichen Dezember-Nacht dieses Lebens, mitten in diesem Chaos unbekannter Wesen, welche die Hohe oder Tiefe von uns entfernt, in dieser verhulleten Welt, in diesen bebenden Abenden, die sich um unser zerstaubendes Erdchen legen, wie ist es da moglich, dass der verlassene Mensch nicht die einzige warme Brust umschlinge, in der ein Herz liegt wie seines und zu der er sagen kann: "Mein Bruder, du bist wie ich und leidest wie ich, und wir konnen uns lieben"? Unbegreiflicher Mensch! du sammelst lieber Dolche auf und treibest sie, mitten in deiner Mitternacht, in die ahnliche Brust, womit der gute Himmel deine warmen und beschirmen wollte! ... Ach, ich schaue uber die beschatteten Blumengrunde hin und sage mir, dass hier sechstausend Jahre mit ihren schonen hohen Menschen vorubergezogen sind, die keiner von uns an seinen Busen drucken konnte dass noch viele Jahrtausende uber diese Statte gehen und daruber himmlische, vielleicht betrubte Menschen fuhren werden, die uns nie begegnen, sondern hochstens unsern Urnen, und die wir so gern lieben wurden und dass bloss ein paar arme Jahrzehende uns einige fliehende Gestalten vorfuhren, die ihr Auge auf uns wenden und in denen das verschwisterte Herz fur uns ist, nach dem wir uns sehnen. Umfasset diese eilenden Gestalten; aber bloss aus euren Tranen werdet ihr wissen, dass ihr seid geliebet worden ....
Und eben dieses, dass die Hand eines Menschen uber so wenige Jahre hinausreicht und dass die so wenige gute Hande fassen kann, das muss ihn entschuldigen, wenn er ein Buch macht: seine Stimme reicht weiter als seine Hand, sein enger Kreis der Liebe zerfliesset in weitere Zirkel, und wenn er selber nicht mehr ist, so wehen seine nachtonenden Gedanken in dem papiernen Laube noch fort und spielen, wie andre zerstiebende Traume, durch ihr Gefluster und ihren Schatten von manchem fernen Herzen eine schwere Stunde hinweg. Dieses ist auch mein Wunsch, aber nicht meine Hoffnung. Wenn es aber eine schone weiche Seele gibt, die so voll ihres Innern, ihrer Erinnerung und ihrer Phantasien ist, dass sie sogar bei meinen schwachen uberschwillt wenn sie sich und ein volles Auge, das sie nicht bezwingen kann, mit dieser Geschichte verbirgt, weil sie darin ihre eigne, ihre verschwundnen Freunde, ihre vorubergezognen Tage und ihre versiegten Tranen wiederfindet: o dann, geliebte Seele, hab' ich an dich darin gedacht, ob ich dich gleich nicht kannte, und ich bin dein Freund, wiewohl nicht dein Bekannter gewesen. Noch bessere Menschen werden dir beides sein, wenn du den schlimmern verbirgst, was du jenen zeigst, wenn das Gottliche in dir, gleich Gott, in einer hohen Unsichtbarkeit bleibet, und wenn du sogar deine Tranen verschleierst weil harte Hande sich ausstrecken, die gern sie mit dem Auge zerdrucken, wie man nach dem Regen alle grunen Spitzen des englischen Gartens niederschleift, damit sie nicht weiterkeimen ....
Der helle Stern oder Tautropfe in der Ahre der Jungfrau fallt jetzt unter den Horizont. Ich stehe noch hier auf meiner blumichten Erde und denke: noch tragst du auf deinen Blumen, alte gute Erde, deine Menschenkinder an die Sonne, wie die Mutter den Saugling ans Licht noch bist du ganz von deinen Kindern umschlungen, behangen, bedeckt, und indes Geflugel auf deinen Schultern flattert, Tiermassen um deine Fusse schreiten, geflugelte Goldpunkte um deine Locken schweifen, fuhrest du das aufgerichtete hohe Menschengeschlecht an deiner Hand durch den Himmel, zeigest uns allen deine Morgenroten, deine Blumen und das ganze lichtervolle Haus des unendlichen Vaters und erzahlest deinen Kindern von ihm, die ihn noch nicht gesehen haben. Aber, gute Mutter Erde, es wird ein Jahrtausend aufgehen, wo alle deine Kinder dir werden gestorben sein, wo der feurige Sonnen-Strudel dich in zu nahe verzehrende Kreise an sich wird gewirbelt haben: dann wirst du, verwaiset, mit Stummen im Schoss, mit Todesasche bestreuet, ode und stumm um deine Sonne ziehen, es wird das Morgenrot kommen, es wird der Abendstern schimmern, aber die Menschen alle werden tief schlafen auf deinen vier Welt-Armen und nichts mehr sehen .... Alle werden es? Ach, dann lege eine hohere trostende Hand unserem Mitbruder, der zuletzt entschlaft, den letzten Schleier ohne Zogern uber das einsame Auge ....
.... Das Abendrot schimmert schon in Norden auch in meiner Seele ist die Sonne hinunter und am Rande zucket rotes Licht und mein Ich wird finster die Welt vor mir liegt in einem festen Schlafe und hort und redet nicht es setzet sich in mir zusammen eine bleiche Welt aus Totengebeinen die alten Stunden stauben sich ab, es brauset, wie wenn an den Grenzen der Erde eine Vernichtung anfinge und ich heruberhorte das Zerbrechen einer Sonne der Strom stockt und alles ist stille ein schwarzer Regenbogen krummt sich aus Gewittern zusammen uber diese hulflose Erde.
Siehe! es tritt eine Gestalt unter den schwarzen Bogen, es schreitet uber die Junius-Blumen ungehort ein unermessliches Skelett und geht zu meinem Berge heran es verschlingt Sonnen, erquetscht Erden, tritt einen Mond aus und ragt hoch hinein in das Nichts das hohe weisse Gebein durchschneidet die Nacht, halt zwei Menschen an den Handen, blickt mich an und sagt: "Ich bin der Tod ich habe an jeder Hand einen Freund von dir, aber sie sind unkenntlich."
Mein Mund lag auf die Erde gesturzt, mein Herz schwamm im Gifte des Todes aber ich horte noch sterbend ihn reden.
"Ich tote dich jetzt auch, du hast meinen Namen oft genennt und ich habe dich gehort ich habe schon eine Ewigkeit zerbrockelt und greife in alle Welten hinein und erdrucke; ich steige aus den Sonnen in euren dumpfen, finstern Winkel nieder, wo der Menschen-Salpeter anschiesset, und streich' ihn ab .... Lebst du noch, Sterblicher?" ....
Da zerging mein verblutetes Herz in eine Trane uber die Qualen des Menschen ich richtete mich gebrochen auf und schauete nicht auf dieses Skelett und auf das, was es fuhrte ich blickte auf zu dem Sirius und rief mit der letzten Angst: "Verhullter Vater, lassest du mich vernichten? Sind diese auch vernichtet? Endigt das gequalte Leben in eine Zerschmetterung? Ach, konnten die Herzen, die zertrummert werden, dich nur so kurz lieben?"
Siehe! da entfiel droben dem nachtblauen Himmel ein heller Tropfe, so gross wie eine Trane, und sank wachsend neben einer Welt nach der andern vorbei Als er gross und mit tausend Farbenblitzen durch den schwarzen Bogen drang: so grunte und bluhte dieser wie ein Regenbogen und unter ihm waren keine Gestalten mehr und als der Tropfen gross-glimmend wie eine Sonne auf funf Blumen lag: so uberfloss ein irrendes Feuer die grune Flache und erhellete einen schwarzen Flor, der ungesehen die Erde umfasset hatte. Der Flor zog sich schwellend auf zu einem unendlichen Zelte und riss von der Welt ab und fiel zu einem Leichenschleier zusammen und blieb in einem Grabe. Da ward die Erde ein tagender Himmel, aus den Sternen staubte ein warmer Regen von lichten Punktchen nieder, am Horizont standen weisse Saulen aufgepflanzt von Westen her walleten kleine Wolken heruber, perlen-hell, grunlich-spielend, rot-gluhend, und auf jeder Wolke schlief ein Jungling und sein Atem-Zephyr spielte mit dem rinnenden Dufte wie mit weichen Bluten und wiegte seine Wolke die Wogen eines lauen Abendwindes spulten an die Wolken an und fuhrten sie. Und als eine Welle in meinen Atem floss, so wollt' in ihr meine Seele dahingegeben in ewige Ruhe auseinanderrinnen weit gegen Westen erschutterte eine dunkle Kugel sich unter einem Gewitterguss und Sturm von Osten her war auf meinen Boden ein Zodiakallicht wie ein Schatten hingeworfen ....
Ich wandte mich nach Osten, und ein ruhig-grosser, in Tugend seliger, wie ein Mond aufgehender Engel lachelte mich an und fragte. "Kennst du mich? Ich bin der Engel des Friedens und der Ruhe, und in deinem Sterben wirst du mich wiedersehen. Ich liebe und troste euch Menschen und bin bei eurem grossen Kummer. Wenn er zu gross wird, wenn ihr euch auf dem harten Leben wundgelegen: so nehm' ich die Seele mit ihren Wunden an mein Herz und trage sie aus eurer Kugel, die dort in Westen kampft, und lege sie schlummernd auf die weiche Wolke des Todes nieder."
Ach! ich kenne einige schlafende Gestalten auf diesen Wolken! ...
"Alle diese Wolken ziehen mit ihren Schlafern nach Morgen und sobald der grosse gute Gott aufgeht in der Gestalt der Sonne: so wachen sie alle auf und leben und jauchzen ewig."
O siehe! die Wolken gen Osten gluhen hoher und drangen sich in ein Glut-Meer zusammen die steigende Sonne nahet sich alle Schlummernden lacheln lebendiger aus dem seligen Traum dem Wachen entgegen
O ihr ewig geliebten kenntlichen Gestalten! wenn ich in eure grossen himmeltrunknen Augen wieder werde schauen konnen ....
Ein Sonnenblitz schlug empor Gott ruhte flammend vor der zweiten Welt alle geschlossene Augen fuhren auf
Ach! auch meine; nur die Erdensonne ging auf ich klebte noch auf der streitenden Abend-Kugel die kurzeste Nacht war uber meinen Schlummer vorubergeeilet, als ware sie die letzte des Lebens gewesen.
Es sei! Aber heute richtet sich mein Geist auf mit seinen irdischen Kraften ich erhebe meine Augen in die unendliche Welt uber diesem Leben mein an ein reineres Vaterland geknupftes Erdenherz schlagt gegen deinen Sternenhimmel empor, Unendlicher, gegen das Sternenbild deiner grenzenlosen Gestalt, und ich werde gross und ewig durch deine Stimme in meinem edelsten Innern: du wirst nie vergehen.
Und so wer mit mir sich einer Stunde erinnert, wo ihm der Engel des Friedens erschien und ihm teuere Seelen aus der irdischen Umarmung zog; ach, wer sich einer erinnert, wo er zu viel verlor der bezwinge das Sehnen und sehe mit mir fest zu den Wolken auf und sage: Ruhet immerhin auf eurem Gewolke aus, ihr entruckten Geliebten! Ihr zahlt die Jahrhunderte nicht, die zwischen eurem Abend und eurem Morgen verfliessen, kein Stein liegt mehr auf eurem bedeckten Herzen als der Leichenstein, und dieser drucket nicht, und euer Ruhen storet nicht einmal ein Gedanke an uns ....
Tief im Menschen ruht etwas Unbezwingliches, das der Schmerz nur betaubt, nicht besiegt. Darum dauert er ein Leben aus, wo der beste nur Laub statt Fruchte tragt, darum wacht er fest die Nachte dieser westlichen Kugel hinaus, wo geliebte Menschen uber die liebende Brust in ein weit entlegenes Leben wegziehen und dem jetzigen bloss das Nachtonen der Erinnerung hinterlassen, wie durch Islands schwarze Nachte Schwanen als Zugvogel mit den Tonen von Violinen fliegen Du aber, den die zwei schlafenden Gestalten geliebt und in dem sie mir ihren und meinen Freund zuruckgelassen, du mein mit ewiger Hochachtung geliebter Christian Otto, bleibe hienieden bei mir!