1793_Hippel_038 Topic 3

Theodor Gottlieb von Hippel

Kreuz- und Querzuge des Ritters

A. bis Z.

Erster Theil.

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Der Name

meines Helden ist kurz und gut: A.B.C. bis X.Y.Z., des h e i l i g e n Romischen Reiches Freiherr von, in, auf, nach, durch und zu Rosenthal, Ritter vieler Orden trauriger und frohlicher Gestalt, von der Ceder auf Libanon bis zum Ysop, der aus der Wand w a c h s t . Da er das goldene A.B.C. bei der heiligen Taufe zu seinen Vornamen empfangen hatte, so ward er A.B.C. F r e i h e r r v o n u n d z u R o s e n t h a l , zuweilen auch, wer weiss ob beliebter Kurze oder der Euphonie wegen, A l p h a - u n d O m e g a - R i t t e r genannt. Seine

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Familie

ist eine der urururaltesten auf Gottes ergiebigem Erdboden, so dass sie das Wort n e u selbst bei den heiligsten und unschuldigsten Dingen so leicht nicht ertragen mochte. Ob sie das A l t e Testament fur den Ableger hielt, blieb ein Familiengeheimniss, so wie wir noch mehr auf dergleichen stossen werden. Ausser Zweifel schien es, dass sie das N e u e bloss als die Fortsetzung des A l t e n aus christlicher Liebe gelten liess. War vom n e u e n B u n d e die Rede, so wollten die Rosenthaler vom a l t e n B u n d e seyn, ob man gleich zur Steuer der Wahrheit nicht unangezeigt lassen kann, dass sie das Sacrament der heiligen Taufe dem Sacramente der heiligen Beschneidung ruhmlichst vorzogen und uberhaupt nicht in Abrede stellen wollten und konnten, recht altglaubige, zur evangelisch-lutherischen Kirchenordnung gehorige Christen zu seyn. Als ein junger Zweig des von Rosenthalschen Geschlechtes mit gewichsten Stiefeln von Universitaten zuruckkehrte, ward im vaterlichen Hause ein Buss- und Bettag angeordnet; und wer nicht aufhoren konnte, uber die wachsernen Nasen zu seufzen, die man aus Gottes Wort und aus den Rechten in dieser letzten betrubten Zeit machte war die Frau Grossmama, deren wackelnder Kopf bei dieser Leichenpredigt sich ruhmliche Muhe gab, dem entzahnten Munde schrecklich und erwecklich nachzuhelfen. Die alten Damen dieses Ehrengeschlechtes waren Todfeindinnen jeder neuen Mode; und wenn diese auch den altesten Trachten auf den Familiengemalden wie Ein Ei dem andern glich, so machten sie es sich doch zur Pflicht, bei einem gothischen Geschmacke Verschwenderinnen zu seyn. Dessen ungeachtet circulirte von allem Neuen eine getreue Controle in der Familie, wiewohl nur als Praservativ, um uber diese Grauel ein desto grundlicheres A c h und W e h ausrufen zu konnen. Die jungern Damen traten diesen Gesinnungen nicht vollig bei; indess sohnten sie sich mit ihren Gothinnen durch eine gemeinschaftliche Sitte aus, nach welcher weder Damen noch Herren respective neue Schuhe und Stiefel trugen, sondern sie erst durch andere austreten liessen. Der Missbrauch einer bekannten Spruchstelle, wodurch man noch zu dieser Frist das Inconsequente lacherlich zu machen sucht: Gleich wie der Lowe ein grimmiges Thier ist, also sollen wir auch in einem heiligen Leben wandeln, schreibt sich aus dieser Familie her. Wegen der apokalyptischen Worte: S i e h e , i c h m a c h e a l l e s n e u ! waren sie mit den Herren Geistlichen in ewigem Zwist, und die altfrankischen Worter, bei denen in den Worterbuchern Warnungstafeln zu stehen pflegen, hielten sie fur die ersten und besten. Es war erbaulich, ihre Briefe zu lesen! wenigstens hundert Jahre konnte man sie zuruck datiren. Ob ich nun gleich bei der Stange zu bleiben und mich auf meinen Helden einzuschranken entschlossen bin (mit dem ich gewiss alle Hande voll zu thun haben werde, wobei ich indess vielleicht den Kopf zu schonen hoffen darf), so will es doch der Zusammenhang, dass ich auch ein paar Kreuz- und Querzuge von seinen Ahnherren in beliebter Kurze und Einfalt bestehe; und da muss ich Schande halber das Wort

. 3.

Stammbaum

zuerst beherzigen.

Der Stammbaum dieser Altenbundes Familie hatte, wie E u r o p a , die Gestalt einer sitzenden Jungfer; nicht als ob Europa schon das weiteste Ziel ware, das dieses ausgebreitete Geschlecht sich zum Territorio vorgezeichnet hatte; nicht als ob die Jungfer hier etwa ein Bild der Fruchtbarkeit vorstellte (denn die Familie wusste so gut wie ein anderer und irgend jemand, dass Jungfrauen nicht, wie Aecker, durch Fruchtbarkeit im Anschlage steigen), sondern weil Europa der Sitz des wahren Grossen und alles Erhabenen und Schonen ist; und zunachst, um die Makellosigkeit, Pracht, kurz, die reine Jungfrauschaft der Rosenthalschen Familie anzudeuten. Der Stammbaum lag bei dem Seniori Familiae, um die Ehrerbietung fur das Alter auszudrucken, was auch die Zahl bezeichnen sollte, die mit der Welt lief und jahrlich am Charfreitage abgeandert ward; wohl zu merken, zum Christi stand, und mit dem die Familie (obgleich nur vermittelst eines Streifschusses, wie sie Hochselbst im Scherz es zu nennen pflegte) verwandt zu seyn nicht undeutlich zu verstehen gab. In dem jetzt laufenden Jahre hat die Stammtafel nach Sethi Calvisii Rechnung die Nummer 5741. Diess Ehrenwerk war ubrigens auf hollandische Leinwand geklebt, um theils den Reichthum der Familie, und theils auch, in Rucksicht des Kleisters, die Bluts- und Gemuthsubereinstimmung des Geschlechtes zu versinnbilden. Ob es ubrigens aus Pergament oder blossem Papiere bestanden habe, wird leider! in meinen Nachrichten nicht bemerkt; und da ich es vorzuglich darauf anlege, treu befunden zu werden, so will ich diesen Umstand weit lieber mit bescheidenem Stillschweigen ubergehen, als ihn voll Eigendunkel mit falschen Vermuthungen ausstatten. Vielleicht finde ich noch loco congruo Gelegenheit, diese Stammtafel anzufuhren. Der dritte Paragraph mag sich mit dem Postscripte von Anmerkung begnugen, dass dem Familienkasten, in welchem dieses Kleinod von Stammbaum lag, die Form des Kastens Noa beigelegt war, so dass (obgleich, wie es sich von selbst versteht, nach verjungtem Massstabe) dreihundert Ellen seine Lange, funfzig Ellen die Breite und dreissig Ellen seine Hohe hielt. Auch war er von Tannenholz und (des weisen Sittenspruchs: "wer Pech angreift, besudelt sich," ungeachtet) mit Pech, Notabene nur inwendig, nicht v e r - , sondern a u s gepicht, und verdiente sonach, caeteris peribus, mit allem Rechte der K a s t e n N o a genannt zu werden. Ausser dem Seniori Familiae gehorten zu dieser Bundeslade vier Assessoren, welche die vier an Jahren auf den Senior folgenden Freiherren von Rosenthal waren und im gemeinen Leben schlechtweg K a s t e n h e r r e n hiessen. Jeder von den Kastenherren hatte einen Schlussel, nach Anzahl der funf besondern Schlosser; dem Seniori kam das Schloss in der Mitte zu, das die ubrigen vier an Grosse bei weitem ubertraf und auch, wie Rechtens, einen grossen Schlussel erforderte, welcher gewohnlich der K a m m e r h e r r n s c h l u s s e l genannt zu werden pflegte. Ich will dieser heiligen Rolle nicht zu nahe treten, die mit so vielen Randglossen verbramt war, dass die Tressen das Tuch, die Noten den Text kaum frische Luft schopfen liessen. Nur auf das, was unumganglich nothig ist, wollen wir uns einschranken. Dahin gehort unter andern, dass vier Arme von der Rosenthalschen Familie sich ergossen hatten. Einer war g r a f l i c h , einer bestand, wie man sagte, aus s i m p e l n E d e l l e u t e n , zwei Arme, und bei weitem die zahlreichsten, waren f r e i h e r r l i c h . Die Graflichen schrieben sich ausschlussweise Grafen v o n u n d z u R o s e n t h a l , und hiessen zuweilen die E d e l s t e i n e der Familie; die simpeln Edelleute von R o h s e h n t h a a h l , weil sie, nach unwiderlegbaren Urkunden, von jeher des Buchstabirens ruhmlichst unbeflissen gewesen waren, wobei sie sich denn auch bis auf den heutigen Tag hochansehnlich zu erhalten um so mehr Muhe geben, da sie sonst sehr leicht den Ruhm des Alterthums aufs Spiel setzen konnten. Was hulf' es dem Menschen, wenn er das Buchstabiren gewonne und nahme doch Schaden am grauen Alterthum seiner Familie? Zuweilen wurden sie die F a m i l i e n e c k s t e i n e genannt. Was die beiden freiherrlichen Arme betrifft, so schrieb sich der eine m i t , der andere o h n e Circumflex am Ende des Namens, so dass jene, m i t diesem Circumflex, auch C i r c u m f l e x e r hiessen. Zuweilen wurden sie E l e p h a n t e n genannt, und obgleich diese Benennung ihnen nicht zur Schande gereichte und von keinem Spotter erfunden zu seyn schien, so sahen sie doch diesen Namen als einen Spitz- oder Ekelnamen an. Auch hiessen in dieser steinreichen Familie die o h n e : Flintensteine, die m i t : Steine des Anflosses. Die Circumflexer waren wieder nach ihren Hausern unterschieden und hiessen M u h l - , R e i b - und N i e r e n s t e i n e , womit ich aber weder meinen Lesern noch mir einen Stein in den Weg legen will. Wer es seiner geben wollte, nannte jene mit dem Circumflex bloss: m i t , z . B . F r e i h e r r v o n R o s e n t h a l m i t . Man hatte zu dieser Ellipsis noch eine besondere Ursache; es ging namlich die Rede, dass, so lange die Circumflexer existirt hatten, zwei Dritttheile von ihnen einen Buckel gehabt. Ob es bloss ein artiger Scherz oder eine unartige Wahrheit gewesen, dass der Stamm o h n e den Stamm m i t durch Brief und Siegel, durch Urtheil und Recht, gezwungen hatte, bukkelig zu seyn (welcher Rechtsspruch bei Gelegenheit eines dreissigjahrigen Lehnsprocesses rechtskraftig geworden war), lass' ich dahin gestellt seyn. Wie viel durch Urtheil und Recht moglich ist, wissen wir alle. Dieser Hokuspokus macht das Gerade krumm, das Krumme gerade, erklart Menschen fur todt und spricht: kommt wieder Menschenkinder! je nachdem es im Rathe der Schoppen beschlossen ist. Ich selbst habe drei Rosenthaler gekannt, welche diesen Auswuchs (dieses Harz, wie es die anderen Arme der Rosenthalschen Familie, um es sein und lieblich zu geben, auch wohl zuweilen nannten) nicht laugnen konnten, indess gar merklich dass widerlegten, was man in der Regel zu behaupten pflegt: dass dergleichen Ausgewachsene oder Harzige sich in Hinsicht der Seelen durch Verschlagenheit und Lift und dem Fleische nach durch korperliche Starke auszeichnen. Wenn die Spruchstelle: "Hute dich vor dem, den Gott gezeichnet hat," (so wie die meisten Exegeten der hockerigen Meinung sind) geradezu auf die Buckeligen geht, so kann man mit Bestande der Wahrheit hinzufugen: Excipe die Circumflexer. Unser Held war aus dem S t a m m o h n e . Wie der S t a m m m i t z u d e m M i t gekommen, erhellt aus einer

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Legende,

die bei der Familie durch Tradition, und also nicht im Kasten Noa mit funf besondern Schlossern, aufbewahrt wurde, und die ich curiositatis gratia, so wie ich sie empfangen habe, erzahlen will.

Es war einmal A d a m S e m H a m J a p h e t F r e i h e r r v o n R o s e n t h a l , der wegen seiner Starke, um bei der heiligen Schrift zu bleiben, S i m s o n , und wegen seiner Schonheit J o s e p h heissen konnte. Ich wurde ihn mit dem Konigssohne A b s a l o m vergleichen, wenn der Herr Vater des Prinzen A b s a l o m von alter Familie gewesen ware, und Se. Majestat nicht in Dero Jugend das liebe Vieh gehutet hatten. Hierzu kommt, dass Se. konigliche Hoheit an einer Eiche hangen blieben. (Schade, nicht um den Prinzen, sondern um sein schones Haar! ) Das schwarzbraune Haar unseres Adam Sem Ham Japhets, das Absalom gewiss nicht kostlicher haben konnte; seine Ritterstirn, die sich wie ein Facher in Falten legte und offnete, je nachdem es Styli war; sein Potsdamer Wuchs alles und jedes erhob ihn zu dem seltsamsten Manne seiner Zeit. Jeder Theil seines Korpers schien es auf eine besondere Festung anzulegen und auf sichere Eroberung Anspruch zu machen. Er war vom Schlage der Antinousse, ging ubrigens, wie es sich eignet und ziemet, landlich sittlich, ehrlich und ordentlich zu Werke, und spannte alle diese Natursegel nur auf, um den Hafen eines einzigen schonen und reichen Frauleins zu erreichen. Diese Bescheidenheit gab allen seinen Eigenschaften ein reizendes Colorit. Sein Haus ward durch diese Heirath, durch Fleiss und Oekonomie gross, und allgemein erscholl die Rede, er werde sich, wie man es nannte, g r a f i r e n (in den Grafenstand versetzen) lassen. Bei allem, was dem Publikum zum Besten gegeben wird, ist Wahrheit die Basis; indess, um es schmackhaft zu machen, mischt, wer die Kunst versteht, etwas fur den Gaumen hinzu; er bemuht sich (um ein anderes Bild aufzustellen), durch seine falschen Steine eine Wahrheit zu erspiegeln, und jedem seiner Lugenschlosser legt er ein Fundament von richtigen Umstanden; nur selten bauet er auf Sand, wie Stumper, die entweder nicht lange genug im Dienste des Lugenvaters gewesen sind, oder denen es an Genie fehlt, seinem Unterrichte Ehre zu machen. Unser Freiherr hatte wirklich ofters den Gedanken, fur sein so reich gewordenes Haus den Grafenstand zu suchen, den er auch eben so wirklich gesunden haben wurde. Bloss der weise Umstand, dass die von der graflichen Familienlinie a l t e r e Grafen gewesen waren, erzeugte die reifere Ueberlegung, lieber zu bleiben, was er war, und sich auf andere Art unsterblich zu machen. Man weiss z.B., dass er einen prachtigen Kirchthurm, drei neue Glocken und einen Riss zu einem neuen Beichtstuhle veranstalten, dem Pfarrer loci eine Speisekammer und was sich bei Kuche und Speisekammer von selbst versteht anlegen liess; und wenn gleich einige naseweise Kluglinge ihm den Rath gaben, den Theilhabern der in seinem selbsteigenen Hospitale befindlichen Armen ein paar Pfennige zuzulegen, so fand er es doch weit ruhmlicher, das Hospital durch eine schone Uhr zu zieren, als diese Zulage einzuraumen, da es wohl auffallend den Vorzug verdient, ganz richtig zu wissen, wenn es Mittag ist, als etwas zu essen zu haben. Sein Geld trug, wie sein Acker, tausendfaltig, ohne dass er den Boden und alles, was sonst um und an ihm war, anders als landublich behandelte. Die Glucksumstande unseres Freiherrn wurden zu gross, als dass sie nicht die todten Kohlen des Neides hatten ins Leben hauchen und sie gluhend machen sollen, obgleich der Kohlendampf den Neidern oft mehr als den Beneideten schadet. Der gemeine Mann schrieb in beliebter Kurze und Einfalt dieses fast unerklarliche Gluck dem Alp zu, der nicht allein druckt, sondern auch begluckt; die Philosophen damaliger Zeit behaupteten: es hatte sich im Rosenthal'schen Schlosse ein Schatz gefunden; die Juristen, die am seltensten den Punkt treffen, waren der federleichten Meinung: er hatte seine Schwager bei der Theilung hintergangen; die Politiker sagten sich ins Ohr: er ware ein Spion und geheimer Brieftrager einer benachbarten Macht; die Theologen, die er Ehren halber weidlich bewirthete, machten alle jene Aus- und Einfalle durch die fromme Belehrung caput: Gottes Segen, an dem alles gelegen sey, habe ihn reich gemacht ohne Muhe! Niemand traf den Nagel auf den Kopf; und freilich konnte man so leicht nicht errathen, dass allein die frommen Wunsche und Einlenkungen der Unterirdischen diess Hans so glucklich machten. Diese Unterirdischen hatten ihre Wohnung in diess Schloss verlegt, und zwar wegen eines unangenehmen Vorfalles, der ihnen in ihrem vorigen Quartier zugestossen war. (Bekanntlich sind kleine Leute sehr leicht aufzubringen.) Den Schwerglaubigen unter meinen Lesern zu Nutz und Frommen bemerk' ich, dass die Unterirdischen angeblich kleine, fingerlange Menschlein seyn sollen, die mit einer unbeschreiblichen Leichtigkeit in ihre unterirdische Wohnung hinab und zu uns herauf kommen und, wenn sie um uns sind, sich mit der leichtesten Muhe, und fast naturlich, unsichtbar machen konnen. Sie haben die vortrefflichsten Augen, die ihnen selbst in der Dammerung und bei Nacht nicht ungetreu werden. Ach! nicht nur z w i s c h e n Himmel und Erde, sondern auch i n und u n t e r der Erde gehen, nach alter Rosenthal'scher Meinung, Dinge vor, die keinem Philosophen ausgenommen den Grafen G a b a l i s getraumt haben! Wer horte nicht, wenn am schwulen Sommertage, wo der Hirsch nach frischem Wasser schrie, die Natur sich schnell mit Flor uberzog, so wie der Hof, wenn der Furst das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselt? Wer horte nicht beim Donner und Blitz, bei Hagel und Schlossen und dem heftigsten Sturme seine pfeifende Stimmen, die so ein alter grauer Kerl, wie der Sturm, um alles in der Welt nicht herauszugurgeln im Stande ist? Wer vernahm nicht furchterlich heisere Stimmen, die zuletzt nur pfiffen und zischten? Und wer zweifelt an der unerschutterlichen eisernen Brust des Sturms, dem es schier eine Kleinigkeit ist, alles Stimmbegabte und den tapfersten Bassisten zu uberkreischen? Wer kann es erklaren, wenn Hunde, oft mir nichts dir nichts, anschlagen und ihre Leute aus dem angrenzenden Quartiere durch ein Feldgeschrei ins Gewehr rufen und, wie es uns dunkt, ohne alle Ursache schneidend heulen und jammernd wehklagen? O, des grasslichen Weh's, das in diesen Klagen liegt! Wer sah nicht Fenster zittern und beben, ohne dass weder Schlossen noch ein heftiger Regen dazu Anlass gaben? Wem blitzte nicht oft ein kalter Schauer durch alle Glieder, obgleich nichts als ein sanftes, fast unmerkliches Sauseln in der Luft seine Nerven beruhrte? Wie oft wimmern nicht unsere Hausthiere und selbst das Schoosshundchen (das sich doch nicht sicherer befinden kann), ohne allen korperlichen Schmerz und ohne alle Luftveranderung? Wer wird nicht aufmerksam gemacht durch so manchen Aufruhr unter dem Federvieh, der ohne Schatten von Ursachen entstand? Wer kann es erlautern, warum die altesten holzernen Mobilien, die alle mogliche Jahreszeiten ein ganzes Saculum hindurch und langer erduldeten, die von Grossmutter auf Mutter, und von Mutter auf Tochter vererbt wurden, auf einmal in Laute ausbrechen, uber die ein Feldmarschall aufspringt und derentwegen der gespensterunglaubige Philosoph die Feder fallen lasst, die er sich in sechs Minuten nicht aufzuheben getraut? Wenn nicht Besuche von Unsichtbaren hieran Schuld sind, was kann es sonst seyn?

Langst hatte der Mensch die Hunde, an die er sich so unerklarlich gewohnt, mit dem Hunderechte, das diese Creaturen, so gut wie die Tauben das ihrige, behaupten, aufgegeben; langst hatte der Mensch eine Balanz von Kosten und Vortheil gezogen und das augenscheinlichste Missverhaltniss zwischen den Diensten der Hunde und dem Aufwande, den man ihretwegen treibt, uberschlagen wenn Hunde nicht so sichere Witterung von dergleichen Erscheinungen hatten. Eine Abschweifung! Wahr! allein ein Auszug von funfzig Folioseiten meiner Legendennachrichten, bei dem meine Leser nichts verloren haben. Damit wir indess unsere Fingermenschen nicht unter den Handen verlieren, so setzt meine Tradition zum voraus, dass sie gar gern sich in Schlossern aufhalten, je alter je besser; nur mussen diese Schlosser bewohnt seyn, weil die Menschlein sich gar zu gern mit Menschen messen, und, wiewohl fast unsichtbar, ihres Umganges geniessen. Ein besonderes Volkchen! So lange hat man vergebens E l d o r a d o gesucht, und es bis jetzt nirgends als in Romanzen gefunden; unter der Erde ist es, ihr Herren Sucher und Versucher! Ach! glaubt mir nirgends anders, als u n t e r d e r Erde!

Ob ubrigens etwa eine Verwunschung, die in dergleichen alten Gebauden zu Hause gehort, an der Figur unserer Kleinen Schuld sey, oder ob wirklich dergleichen Geschopfe gleich anfanglich und schon bei der Schopfung so klein gewesen, das bleibt in meinen Nachrichten weislich oder unweislich unbemerkt. Allenfalls musste D. S w i f t daruber Auskunft geben. Dass ihrer weder bei einem Tagwerk in der Schopfungsgeschichte M o s i s , noch bei dem Inventario von dem K a s t e n N o a der alten Welt, noch vermittelst einer Registratur bei dem Rosenthalschen Kasten Noa gedacht worden, ist nicht zu laugnen; indess konnen solche Kleine leicht von Geschichtschreibern ubersehen worden seyn, besonders da sie sich so gerne verstecken und die Gewohnheit haben, mit den Menschen Blindekuh zu spielen. Sie leiden nichts mehr, als das Wiedervergeltungsrecht, wenn sie ubersehen werden. Genug, dergleichen F i n g e r l e i n , wie man sie in der Familie nannte, befanden sich bei oder unter dem altvaterischen Schlosse des Herrn F r e i h e r r n Adam Sem Ham Japhet, Freiherrn von Rosenthal. Schon zu seines Herrn Grossvaters Zeiten hielten sie ihren Einzug in dieses Schloss; und so sehr man sich auch Muhe gab, die eigentliche Ursache zu ergrunden, welche die Fingerlein bewogen haben konnte, diese Wanderung vorzunehmen, so war dennoch dieses Geheimniss nicht zum Stehen zu bringen. Man hielt die Familie in dem Schlosse, dem die Fingerlein den kleinen Rucken zugekehrt hatten, fur eine der glucklichsten im Lande, ohne dass sie wusste, wie sie zu diesem Segen kam. Was sie anfing, ging fort, wie die Weiden an den Wasserbachen; ihre Rechnung war ohne Wirth gemacht, und doch richtig. Selbst der Neid schwieg. "Der Himmel gibt es ihnen im Schlafe;" mehr getraute er sich nicht ihnen nachzureden. O, des beneidenswerthen Glucks! Nach dieser boslichen Verlassung ging es der Familie nicht viel anders, als dem Kreuz- und Quertrager H i o b ; doch mit dem Unterschiede, dass sie nicht wie er zu sagen vermochte: Ende gut, alles gut. Man konnte nicht ausfahren, ohne ein Rad zu brechen; nicht bei dem Fursten des Landes essen, ohne von einer bauchlauten (ventriloque) Kolik ubel geplagt zu werden. Ward etwas Kluges gesprochen, so uberfiel die Cavaliere ein so schlafriges Gahnen, dass sie wegen dieser Idiosynkrasie zum Sprichwort wurden. Gegen die Fraulein, die sich so geheim zu halten wussten, wie eins im Lande, hatte man, der aussersten jungfraulichen Behutsamkeit ungeachtet; in puncto puncti gar ubel Verdacht, so dass nicht Stern, nicht Gluck weiter, in der Familie war. Der Name dieser verlassenen Familie ist nicht mehr unter den Lebendigen, und hauset nur noch auf Leichensteinen und in Gebeinhausern, wo man, wiewohl doch nur sehr verstummelte Ueberbleibsel ihrer vorigen Bedeutung findet; denn selbst im Grabe horte die Rache der Unterirdischen diessmal nicht auf! Diebe haben die Hauptstucke dieser Grabesherrlichkeiten verfalscht und Donner und Blitz sich an den Ruinen auf eine so gewaltsame Weise vergriffen, dass diese Ruinen (wenn man den elenden Ueberbleibseln ja diesen Ehrennamen verstatten wollte) nur Schrecken und Rache verkundigen. Einer von den Fingerlein, und wie man sagt nicht der geringste, kam zum Grossvater des Adam Sem Ham Japhet Freiherrn von Rosenthal fruh Morgens um drei Uhr. Den eigentlichen Tag hat man nicht ausfindig machen konnen; indess soll es entweder der kurzeste oder der langste im Jahre gewesen seyn. Sonst wird bemerkt, dass die Fingerlein in der Regel des Morgens zwischen zwei und drei Uhr ihren Anzug zu melden und zwischen elf und zwolf Uhr Nachts Abschied zu nehmen gewohnt waren. Sie wurden von dem Grossvater mit Freuden auf- und angenommen; wer wird sich auch nicht freuen, Gaste in seinem Hause zu haben, die mehr einbringen, als kosten? Man hort, man sieht sie nicht; bloss Sonntagskindern war es gegeben, sie zu erblicken, und nur diese wussten ein Wort von ihnen zu seiner Zeit zu erzahlen. Zwar gaben sie keine verabredete Miethe; indess stromte dem Grossvater Geld und Gut von allen Ecken und Enden zu, er und sein ganzes Haus gingen auf einer Art Rosen, die keine Dornen hatte, man lebte, wie man sagt, in floribus. Der Grossvater, ward d e r G l u c k l i c h e genannt, und all sein Dichten, all sein Trachten ging herrlich von statten. Die Erbschaft dieses Gluckes fiel seinem Sohne glucklichen Andenkens zu, und auch sein Enkel Adam Sem Ham Japhet grunte und bluhte, so dass der Wohlstand der von Rosenthalschen Familie weit und breit bekannt und des Redens und Singens daruber kein Ende war Sela!

So war und blieb es, bis ein durchlauchtiges Beilager unter den Fingerlein sich ereignete, der erste Vorfall dieser Art, den man bei Familiengedenken erlebte. Zwar sind es bloss Bruchstucke, die man von der Sache weiss; ist es indess uberhaupt mehr als Bruchstuck, was von den Fingerlein mit Bestand Rechtens gewusst und erzahlt werden kann? Selbst da, wo sie Wohnung machen, haben nur drei, sieben, hochstens neun und allerhochstens zehn von dem Geheimniss ihres Aufenthalts Wissenschaft. Das Geheimniss der Zahlen ist nicht jedermanns Ding. Die wenigsten Menschen verstehen D r e i z u z a h l e n ; Geweihte kennen S i e b e n u n d N e u n , und Auserwahlte, deren es in der ganzen Welt nicht uber d r e i , hochstens s i e b e n , geben kann, haben es bis Z e h n gebracht. Die z a h l r e i c h e n Betrachtungen, die meine Tradition bei dieser Gelegenheit preisgibt, muss ich ubergehen, um den extraordinaren Gesandten, der des Morgens zwischen zwei und drei Uhr am freiherrlich von Rosenthalschen Ehebette seine Cour machte, nicht langer warten zu lassen. Unser Herr Adam Sem Ham und Japhet legte bei dieser Gelegenheit keinen Beweis der ihm beiwohnenden Entschlossenheit ab; denn er fiel, unter uns gesagt, in ein so panisches Schrecken, dass die Frau Gemahlin ihm ein Riechflaschchen holen musste. Auch war' er sicher und gewiss in seinen Sunden geblieben und auf der Stelle Todes verblichen, wenn etwa, Gott sey bei uns! ein Riese als Gesandter erschienen ware. Se. Excellenz verbaten mit unausdrucklicher Hoflichkeit diese Riecherei, da sie Dero Nerven zu sehr angriffe; und es war ein Gluck, dass unser Adam Sem Ham Japhet sich schon von selbst erholt und frischen Muth geschopft hatte, wurde er sonst wohl im Staude gewesen seyn, Nase und Ohren zu offnen, um zu vernehmen, wess Geistes Kind der Gesandte ware? Diejenigen aus meiner Lesewelt, welche glauben, dass dieser Ambassadeur extraordinaire etwa den Auftrag gehabt, zur Hochzeit einzuladen, kennen die Weise der Fingerlein noch nicht. Ihre Art und Sitte verdiente wohl einen besondern Folianten, den ich, wenn sie mir die Ehre erweisen und das alte Haus auf meinem Gute zu beziehen geruhen wollten, sehr gern ex officio schreiben wurde. Das wenigste war' es, mir bei diesem Anlass von diesen Hochmogenden ein Privilegium exclusivum auszuwirken, dergestalt und also, dass alle Nachdrucker dieser Schrift den Nachdruck zur ewigen Scham und Schande an ihrem Leibe tragen mussten. Wer weiss, was sie mir unter der Hand v o n w e g e n dieses Riesen von . schon jetzt zu Gefallen thun ! Wornach man sich zu achten und v o r S c h a d e n z u h u t e n h a t ! Kommt Zeit, kommt Rath.

Se. Excellenz nieseten wegen des Geruchs, der Sie hart angegriffen, dreimal, und erbaten Sich (damit ich meine Leser nicht aufhalte) den Saal, der beinahe uber das ganze Schloss ging und der den Fingerlein schon in vorigen Zeiten bei festlichen Anlassen war eingeraumt worden. Gern ward er bewilligt, und eben so gern die Bitte, dass sich niemand unterstehen sollte, auch nur durch die kleinste Ritze sich einen Blick zu Schulden kommen zu lassen. Der Frau Baronin Gnaden war bei dieser Gelegenheit, als eine in das Fingerleingeheimniss langst eingeweihte, nicht nur eben so schnell, sondern noch vorschneller, auf die Bitte der Fingerlein in Absicht des Saales ein deutliches und aufrichtiges J a anzugeloben. Wenn es indess auf Beweise ankame, dass unsere Damen uberhaupt zum J a und wir zum N e i n geneigter sind, so konnte dieser Vorfall zu keinem Belege dienen, denn die zweite Bitte blieb hinterlistig unbeantwortet, und es war allerdings ein grosser Fehler, dass seine Fingerleinsche Excellenz, ohne uber den zweiten Punkt diess Ja auch von der gnadigen Frau zu vernehmen, sich bloss mit dem Ja des Herrn Barons begnugte, um, wie diese Excellenz sich gar zierlich und manierlich ausdruckte, sich dankbarlichst zu beurlauben. Da die Fingerlein schon vorher oft bei solchen Feierlichkeiten den altvaterischen gothisch-prachtigen Saal inne gehabt hatten, ohne durch ein neugieriges Auge gestort zu werden, so glaubten Se. Excellenz unfehlbar, keiner so grossen Peinlichkeit zu bedurfen, und welcher Gesandte wird auch gleich einem Notario publico jurato und immatriculato, ein Protokoll uber seinen Auftrag aufnehmen, oder, wie ein Testamentsdeputirter, die Fragdreistigkeit besitzen, die sich bis auf den Umstand erstreckt: ob auch respective der Herr Testator und die Frau Testatricin sich bei gesundem Verstande befinden? Si vales bene est, ego valeo: (Wenn die Herren nur bei gesunden Sinnen sind; ich befinde mich Gott Lob ganz wohl!) ist keine unschickliche Antwort, die einst bei einer solchen Fraggelegenheit fiel.

Der Tag erscheint. Die meisten Hausbedienten werden verschickt; und, um so viele Hindernisse, wie nur moglich, aus dem Wege zu raumen, wird den ubrigen, mannlichen und weiblichen Geschlechts, ein froher Tag gemacht. Sie sollten uber die Freude (wie es gemeiniglich der Fall mit der Freude zu seyn pflegt) der Neugierde ausweichen. Die Traurigkeit ist unaufhorlich neugierig, welches, wie ich fast glaube, der Drang der Hoffnung verursacht. Die freiherrliche Familie selbst behalf sich mit kalter Kuche, da der Koch, der von hochst neugieriger Complexion war, verschickt und aus dem Schloss entfernt werden musste, ob er gleich, so wie der eben so neugierige Nachtwachter, sehr gern an dem frohen Tage des Hausgesindes theilgenommen hatte und wirklich darum ansuchte, indess abschlagig beschieden ward. Herr und Dame des Hauses unterhielten sich, wie wohl nicht anders zu vermuthen ist, von dem Feste der Fingerlein, welches diese in grosser Stille anfingen, bis nach drei Stunden, gegen ihre sonstige Gewohnheit, alles ins Laute ausbrach, woraus man aber, wie die gnadige Frau sich ausdruckte, keinen Vers machen konnte. Da sie indess, weil diessmal alles ausser der Weise ging, lustern auf einen Vers war, so ging es hier wie mit Adam und Eva im Paradiese. Man sagt, unser Adam wurde nun und nimmermehr nachgegeben haben, wenn nicht die Stunde des Rendezvous mit einer Kammerzofe der Frau Gemahlin gekommen ware, die sich unvermerkt von ihrem g r o ss e n Feste schleichen sollte, um dem gnadigen Herrn ein k l e i n e s zu geben. Er hatte es darauf angelegt, dass Eva eine Promenade machen und ihn allein lassen sollte; allein der Mann denkt, die Frau lenkt. Was war zu thun? Sie schutzte Kopfweh vor, das die Damen gleich bei der Hand haben, wenn sie nicht spazieren gehen wollen. "Meinethalben," sagte Adam, da die gnadige Frau dringend vorstellte und bat, und da es dem gnadigen Schafer so vorkam, als horte er schon die Schaferin lauschen "Meinethalben," wiederholte er starker, und er wurde es zum drittenmal sogar geschrien haben, wenn die gnadige Frau so viel Zeit gehabt hatte, das drittemal abzuwarten. Wohl ihm; denn es war schon ein Viertel uber die verabredete Schaferstunde. Adam ass vom verbotenen Baum, wahrend dass Eva in einen Apfel anderer Art biss. Auf Strumpfen schlich sie sich an das heilige Schlusselloch. O, des unglucklichen, des dreimal unglucklichen Ganges! Kaum hatte sie ihr Auge eingepasst, so ging alles her, wie bei einem Ameisenhaufen, den man durch einen Stock aufschreckt. Die Lichter wurden mit Mund und Handen ausgeloscht, und in weniger als drei Minuten war alles aus, und zum unseligen Ende.

Bei dieser Stelle entfiel meiner Erzahlerin, einer wohlbeleibten Matrone der von Rosenthalschen Familie, der letzte Zahn, den sie mit einer solchen Ruhrung in ihren Nahbeutel begrub, dass ich nicht wusste, woruber ich hier am ersten und besten condoliren sollte. Ich will hoffen, dass man dieser Geschichte das Zahnlose ansehen wird, denn sonst liegt die Schuld an mir, und nicht an der Erzahlerin, die nach dem Leichenpomp ihres Weisheitszahnes fortfuhr, wie folget.

Die besturzte Baronin kam zu ihrem Gemahle, der sein Zimmer aus Furcht vor einem Nachschlussel verriegelt hatte was sie um so weniger befremdete, da er in dem Geschrei stand, dass er Betstunden hielte. "B e t s t u n d e n ?" Allerdings! Ist es etwa das erstemal, dass diese sich in S c h a f e r s t u n d e n verwandeln ? Die gnadige Frau musste es sich gefallen lassen, einen Umweg zu nehmen; und auch von dieser Seite waren Riegel vorgeschoben. In der grossen Verlegenheit, worin sie sich befand, fiel ihr die Verlegenheit des Herrn Gemahls nicht auf, der nicht Zeit und Raum hatte, die Zofe wo anders, als in seinem Bucherschranke zu verbergen und ihr nicht viel weniger zerstreut, als sie es selbst war, entgegen kam. Gewiss wurde er, nach der Manner Weise, uber den Sundenfall der Frau Gemahlin ein lauteres Zeter erhoben haben, wenn er nicht noch vom verbotenen Apfel den Mund voll gehabt hatte. Nach dem ersten Schreck, der nun allmahlig voruberging, fand die Baronin manchen Trostgrund in der Nahe und in der Ferne, den sie ihrem Gemahl mittheilte; indess hatte er wegen des Bucherschrankes dringenden Anlass, diese Trostungen in einem andern Zimmer zu vernehmen und ihnen nach und nach beizutreten. Besonders beruhigte es ihn, dass die Augen der Frau Eva gar nicht waren aufgethan worden, und dass sie weder Gutes noch Boses, sondern gerade gar nichts gesehen hatte. Umsonst! Nach neun Tagen zwischen 11 und 12 Uhr erschien der Bote, der den Abzug eroffnete und zugleich das Todesurtheil des Ambassadeur extraordinaire beilaufig bekannt zu machen, in commissis hatte. "Ach!" sagte der bedrangte Baron, "darum zu sterben, weil man nur einmal Ja gehort hat!" Die Baronin war in Verzweiflung, an dem Tode eines Ministers Schuld zu seyn, der es an Gefalligkeit und Hoflichkeit gewiss nicht hatte ermangeln lassen. Sie nahm sich die Erlaubniss, von seinen letzten Stunden Nachricht einzuziehen und zu fragen, ob er durch einen Geistlichen zum Richtplatz ware begleitet worden? Zu ihrem nicht kleinen Troste erfuhr sie, dass er mit grosserer Resignation, als viele, welche diesen Weg vor ihm gingen, den Richtplatz bestiegen und der gnadigen Eva das hinterlistig zuruckgehaltene Ja mit christlicher Fassung vergeben und nicht vorbehalten hatte. "Was ist mein Verbrechen?" sagte mit andern Worten der wohlselig Hingerichtete zu den Umstehenden. "Verrieth ich mein Vaterland? Sucht' ich Wittwen und Waisen in falschem Justizspiel um das Ihrige zu bringen? Ward ich reich auf Kosten des Durftigen? Machte ich, wie N e c k e r , Rechnungen ohne Wirth? Ward ich Minister, weil ich eine schone Frau hatte, oder weil mich der Castrat, oder der Harfenist, oder sonst ein bedeutender Hofschranze dem Monarchen empfahl? Verfuhrt' ich Weiber oder Tochter, indem ich Manner, Vater und Bruder durch Aemter und Pensionen gewann oder einschlaferte? Macht' ich einen Lahmen zum Ballet-, oder einen Tauben zum Kapellmeister? Gab ich als Staatsdiener den Menschen auf? Der Mensch ist schon, die Menschheit ist erhaben; nur ein Haufen Menschen, ein Menschenkomplott, taugt gemeiniglich wenig oder gar nichts. Vielleicht wird es mit der Zeit besser, wozu indess unser guter Oberhofprediger und seine schwere und leichte Infanterie und Cavallerie sicherlich nie etwas beitragen werden. Das Reich Gottes ist in euch, sagt der weiseste aller Lehrer auf Erden. Ihr wisst mein Verbrechen: ich fragte nicht, was sich von selbst verstand; ich glaubte, dass unter Einem Ja, wie bei der Ehe, sich tausend Ja's von selbst verstanden; ich bedachte nicht, dass Weiber zwar nicht bose, indess neugierig sind. Ich fluche ihr nicht, der guten Eva der Oberwelt; ich segne sie vielmehr. Sie ist keine aus der siebenten Bitte; ihr Fehler ist Leichtsinn: und wer ist davon frei bei Lebhaftigkeit und Offenheit des Charakters ? Man frage sie, was sie weiss! und ich gebe mehr als ein Leben hin (falls ich mehr als das Eine hatte, dessen Faden man gewaltsam abzureissen im Begriffe steht), wenn sie das mindeste gesehen hat. Ihr schones, grosses Auge ist viel zu stolz, um sich sogleich in ein Schlusselloch einpassen zu lassen. Brachte sie einen Nach-, einen Diebsschlussel in Anwendung? Bediente sie sich nicht vielmehr des allen Weibern zustehenden Rechtes des Schlussellochs, das ihnen wegen der Untreue der meisten Ehemanner durchaus nicht zu entziehen ist? Ich sterbe, nicht weil die Baronin gesehen hat, sondern weil sie hatte sehen konnen; so wie die meisten des Beispiels halben zum Schaffot gefuhrt werden und diese sterben dann als Heilige, als Martyrer der Gesetze. So, Freunde, sterb' auch ich. Ich murre nicht; ich danke meinen Richtern; sie thaten, was sie zu thun schuldig waren; ich danke den Gesetzen, sie sind nicht fur einen einzelnen, sondern fur alle Falle gegeben. Gin Gesetz auf den gegenwartigen Fall gemacht, ist ein Machtspruch, und ein altes ist selten oder gar nicht anwendbar! Was taugt also die Justiz? Ich danke dem Gesalbten, der bei der ganzen Sache kein anderes Interesse genommen, als dass er sich die Muhe gegeben, seinen Namen zu unterschreiben. Der seinige moge dafur, und zwar kalligraphischer, eingeschrieben werden in allen unsern Jahrbuchern bis auf den jungsten Tag! Mein Andenken kann nicht in Unsegen unter euch bleiben; und an meinem Blute hat niemand Schuld, als der Moloch, der Staat, der sich so viele seiner Kinder opfern lasst. Selten schlachtet er wie B r u t u s ; N e r o und seines Gleichen sind seine Vorbilder. Doch wie? ich schelte, weil man m i c h schilt? Ich vergelte Boses mit Bosem, und bin ungehalten, weil ich leide? Wohlan, meine Lieben! ich will segnen; und es ist nicht gut, dass bisweilen Einer stirbt fur Viele ? Ich verzeihe allen, die mir je unrecht thaten; verzeihet auch mir! Und ihr, die ihr euch fur beleidigt hieltet, Grosse und Kleine, Vornehme und Geringe, vergebt, so wird euch vergeben! Wer kann wissen, wie oft er fehle ? Lasst uns versohnt scheiden! Was ist am Leben? Die hochste Lebensweisheit ist: an den Tod denken und sterben lernen. Geht! ich werde heute examinirt, und ich hoffe zu bestehen in der Wahrheit. Im Tode fallt der Schein: die Schminke wird abgewischt, und wir sind in eigener Person sichtbar. Starb doch die Konigin M a r i a als eine Heldin, welche eine andere Konigin, die Putzhandlerin E l i s a b e t h , zwar rechtskraftig, aber doch bloss darum mordete weil M a r i a schoner war als sie! Starben doch so viele Menschen ohne dass die Gesetze einen Buchstaben, geschweige denn den Geist auf sie bringen konnten bloss durch feile Richter! Heil mir! das Gesetz, dass mich verurtheilt, ist so z i e m l i c h klar; ganz klar ist fast keine, wenn es mit dem Fakto zusammen gepasst wird. Niemand ist vor seinem Tode glucklich, sagte S o l o n ; im Tode sind wir alle glucklich alle! Guter Oberhofprediger, alle! Ich sterbe. Jeder, wer mich hort und sieht, wird auch sterben. Ich habe in einer Viertelstunde vollbracht (bei diesen Worten bereitete sich der Scharf und Nachrichter vor, indem er seinen rothen Mantel von sich warf und sich mit dem blinkenden Schwert furchterlich in Positur setzte), und uber den Hauptern dieser Trauerversammlung schwebt noch immer der F e l s d e s S i s y p h u s . Ich bin nach wenigen Augenblicken gewesen, und die meisten unter ihnen werden nach Stunden, Tagen und Jahren gewesen seyn! Gewesen!! Wer sein Leben lieb hat, wie konnen den Ananas, Caviar, Austern, Forellen, Haselhuhner und dergleichen reizen? Der Gedanke, dass er auf den Tod sitzt, vergallt ihm alles. (Der Scharf- und Nachrichter winkte seinem geistlichen Collegen, dem Oberhofprediger; dieser verstand den Wink, und bat Se. Excellenz, sich kurz zu fassen. ) Kurz und gut! Lebt wohl, vergesst mich nicht, nehmt euch meines Weibes und meiner Kinder an. Der alteste ist der nachste zur Schwadron bei den grunen Husaren, und sein Bruder will sich den Rechten widmen. Freilich konnt' er etwas Klugeres thun. Der Stabsrittmeister ist keinem vorgezogen; er hat die gewohnliche Schule gemacht, und war drei Jahre Junker, ehe er Cornet ward. Lebt wohl!"

Die arme Baronin war dreimal in Ohnmacht gefallen, und hatte sich dreimal erholt. Der Oberhofprediger loci hatte eine sehr ruhrende Beschreibung von diesem Vorgange und den Wirkungen seiner Bemuhungen zum Preise der gottlichen Gnade edirt woruber sich die Baronin nicht der heissesten, bittersten Thranen enthalten konnte; und es war ein Gluck dass etwas vorkam, woruber sie weinen konnte, denn eine neue Ohnmacht ruckte heran, und hatte sich ohne den Ableiter des Oberhofpredigers gewiss nicht abweisen lassen. Die Furchtsamkeit des Barons bei der Anmeldung, das Riechflaschchen und die Ohnmacht des wohlseligen Herrn Ministers, die ihn, als hatte er Knoblauchsgeruch eingesogen, anwandelte, wurden jetzt als die treffendsten Omina anerkannt, und der Engel des Todes schien nicht ungehalten uber die Langwierigkeit dieses Wortwechsels, da die wohlselige Excellenz sein Vetter war, und da er ungern zu seinem eigentlichen Auftrage schreiten mochte. Endlich ermannte er sich. Die Schuld ist getheilt, fing er ex abrupto an; der Sohn, den die Frau des Hauses unter ihrem Herzen tragt, wird unglucklich, und ein Dritttheil der Familie, ohne Unterschied, ob fraulich oder mannlich, tragt die Zeichen unzeitiger Neugierde am Leibe sichtbarlich. "Sichtbarlich!" seufzte die Baronin. Sichtbarlich, wiederholte der Unglucksbote. "Unglucklich!" fuhr der Baron fort. Unglucklich, hallte der Wurgengel nach. Beides ist Ja und Amen worden. Das Ungluck des unschuldigen Sohnes, den die Baronin unter ihrem Herzen trug, traf leider zu seiner Zeit baar und richtig ein, so wie man uberhaupt die Erfahrung haben will, dass prophezeietes Ungluck sich richtiger, als verkundigtes Gluck, einstellen soll. Was die Zeichen der unzeitigen Neugierde betrifft, welche ein Dritttheil der Nachkommenschaft, ohne Unterschied, ob fraulich oder mannlich, am Leibe zu tragen verflucht ward, so ist auch dieser Fluch erfullt bis auf den heutigen Tag. Da indess die Damen der Sichtbarkeit aller solcher Auswuchse machtiglich zu widerstreben pflegen, so wurde die hochste Rechenkammer in der Welt, die doch in Rucksicht der Auswuchse eine unverkennbare Starke besitzt, das eine Dritttheil arithmetisch herauszubringen Muhe haben. Noch einen Fluch hauchte unser Thaumaturge aus, der den auf das Alterthum seiner Familie so stolzen Baron bei der Pusillanimitat, die ihn wieder anwandelte, vollig zu Boden schlug. Sein Stamm namlich sollte, nach hundert Jahren und sieben Tagen sein Ende erreichen. Die Baronin, welcher das Zeichen am Leibe und das Ungluck ihres noch ungebornen Sohnes bis zum Verstummen nahe gingen, wollte den kleinen Gesandten bestechen und ihm e i n e P a t h e n s t e l l e antragen, zu welchem Ende sie sich seinen Vornamen erbat; indess er gab auf alle diese Hoflichkeitserweisungen kein Wort, raunte dem Baron etwas ins Ohr (woruber die arme Frau in Puncto eines artigen jungen Herrn, der sie vor der Schwangerschaft sehr oft zu besuchen nicht ermangelte und jetzt, da sein Regiment er war Fahnrich ein entlegenes Standquartier erhalten hatte, nur schriftlich aufwarten konnte, sich allerlei Gedanken machte, ob es gleich nichts mehr und nichts weniger als die B i b l i o t h e k e n -Geschichte war) und nun verschwand er wie gewohnlich vor ihm Tag, hinter ihm Nacht.

Das Saculum ist abgelaufen, ohne dass es diesem Familienzweige an Stammhaltern und Mannern gebricht, die vor dem Riss stehen; woraus sich denn ergibt, dass die neueren Propheten unter diesem kleinen Volke eben den schlechten Ruf verdienen, wie die bei uns, oder dass ihre Jahre eine andere Breite und Lange haben mussen, als die man auf der Oberwelt zu kennen das Vergnugen hat. Sind doch schon die Jahrwochen des Propheten Daniel aus einem ganz anderen Kalender zu berechnen! Vielleicht interpretirt man ihre Orakel, so wie die unsrigen, mehr aus dem Erfolg, als aus der Anzeige! Bei Gesetzen und Prophezeiungen thut immer, die Auslegung das beste. Vielleicht s c h i e n dieser Familienzweig auch nur zu leben, da er, genau genommen, langst lebendig tobt war. In der That vegetirte ein grosser Theil der Familie bloss, und schon ein gemeiner Geistlicher ware im Stande gewesen, diese Weissagung bei so bewandten Umstanden punktlich erfullt zu finden. Was kummert mich indess jenes Fingerlein-Saculum, da das unsrige, welches sein Haupt neigt, alle Sacula in der Ober- und Unterwelt zu Spott und Schanden macht! Und wer kann das Wort Saculum ohne ein: S t e h , W a n d e r e r ! aussprechen? Nicht wahr? das beste ist, so lange in Sprichworten zu reden, bis unser Stundlein kommt und sich in Legenden zu zerstreuen, bis die Morgenrothe der Wahrheit aufgeht. Wozu mich das Wort S a c u l u m bringt? Noch hab' ich zwei

Legenden:

Eine

vom ungebornen Unglucklichen;

und die andere

vom Gevatterstande.

Beide sind bestimmt, diesen Paragraphen, welcher der Form nach gewiss kein Fingerlein ist, noch naher zu erlautern.

Legende vom Gevatterstande.

Den Fingerlein geht es, wie der Gelehrsamkeit: beide haben die Gewohnheit, sich bei gewissen Familien einzuquartieren und mit dem zu begnugen, was da ist. So geschah es denn, dass die Fingerlein, nachdem sie jenes von Rosenthalsche Schloss mit den kleinen Rucken angesehen hatten, ihre Wohnung in einem andern eben derselben Familie aufschlugen und durch die Fourierschutzen das Quartier einrichten liessen. Je langer sie hier hauseten, je zufriedener wurden sie mit ihrem Wirthe und seiner Gemahlin, so dass sie, wenn sie es gleich wollten, ihren inneren Hang, mit beiden sich naher zu verbinden, nicht bergen konnten. Zwar ging es so weit nicht, wie vor der betrubten Sundfluth, wo die Kinder Gottes nach den Tochtern der Menschen sahen, wie sie schon waren, und zu Weibern nahmen, welche sie wollten; indess brachen die Fingerlein oft die Gelegenheit vom Zaun, um dem Herrn oder der Frau des Hauses einen Besuch abzulegen, der, ob er gleich durch keine Erfrischungen aufgeheitert ward, ungewohnlich lange wahrte und dem guten Baron, noch mehr aber seiner Gemahlin, der mit keinem Fingerlein gedient war, lastig fiel. Unsre beiden Eheleute wurden oft von dem schrecklichen Gedanken ergriffen, ob die Fingerlein nicht etwa eine Gegenvisite verlangen wurden, welche ihnen einer Hollenfahrt nicht unahnlich schien; indess trosteten sie sich mit dem Umstande, dass ihre Gaste sich jederzeit ein Gewerbe bei diesen Visiten machten, so dass keine derselben zwecklos, leer und aus blossem Ceremoniell gemacht zu seyn schien. Die Baronin befand, sich, mit Vorbewusst, gepflogenem Rath und angewandter That des Herrn Gemahls, in gesegneter Verfassung, und naherte sich ihrer Entbindung, so dass bereits eine von den beruhmtesten Wehemuttern der Gegend sich gegen Wartgeld im Hause aufhielt, und der Geistliche seit vier Wochen jeden Sonntag fur Geld und gute Worte um eine gluckliche Entbindung der Frau Kirchenpatronin gebetet hatte. Eines Morgens erschien ein Abgeordneter, welcher der Baronin eine baldige gluckliche Entbindung wunschte, und es nicht etwa bloss fallen liess, sondern punktlich den Antrag that, dass eine Dame furstlichen Standes bei der Taufe zu Gevatter gebeten werden mochte. Dieses Verlangen kam der armen Dame so unerwartet, dass sie, bei der grossen Verlegenheit, in welche sie fiel, sich nicht anders zu helfen wusste, als dass sie sich zu ihrer Erklarung drei Tage Befristung erbat, um wahrend dieser Zeit dem Herrn Gemahl daruber Vortrag thun und gemeinschaftlich mit ihm einen Entschluss fassen zu konnen. Der Abgeordnete lachelte dienstfreundlich, als wollte er sagen: er wisse wohl, dass dieser Aufschub bloss zu einem Vorwande diene, indem es auch unter der Erde Sitte sey, dass nicht die Damen, sondern die Herren die Referendarien in Hausangelegenheiten waren. Bei dieser Gelegenheit erfuhr die Baronin, dass das Kind, welches sie unter ihrem Herzen trug, ein Fraulein sey; denn Ihro Hochfurstliche Durchlaucht hoffte, dass man Ehre dem Ehre gebuhre erweisen, und nach wohlhergebrachtem Gebrauch ihr, als der Vornehmsten in der Gesellschaft, aus christlicher Demuth nachlassen wurde, das neugeborne Fraulein uber der Taufe zu halten. Bloss die Angst, die bei diesem Umstande am hochsten stieg, hielt die gute Baronin zuruck, laut zu lachen. Das kleinste Menschenkind, dachte sie, ist ein Riese gegen Ihro Hochfurstliche Durchlaucht; und es war in der That ein Gluck fur die gute Dame, dass sie so dachte, und dass die Angst dem Lachen den Weg vertrat; denn ganz ohne alle Veranlassung fing jetzt der Abgeordnete an, die Hauptstucke des christlichen Glaubens zu beten, und sang darauf den Glauben so wortlich und treu, dass wenn hier nicht die Frommigkeit, wie vorher die Angst (ist der Unterschied unter beiden gross?) bei der Baronin ins Mittel getreten ware, und das Lacheln uber den possierlichen seinen Ton des Gesandten verhindert hatte, es ihr vollig unmoglich gewesen ware, sich zuruck zu halten. Die Baronin wollte bemerkt haben, dass der Tit. Herr Abgeordnete die Bitte: F u h r e u n s n i c h t i n V e r s u c h u n g , mit Thranen in den Augen gebetet hatte; und so schied denn unser katechismusfestes Fingerlein von dannen. Er sang den Tenor. Den dritten Tag verfehlte er nicht, zu rechter Zeit und Stunde sich einzufinden, um die Antwort zu erfahren; und da die gnadige Frau bereits in der Dammerung des ersten Fristtages diese Sache mit dem Herrn Gemahl, der alles, wie naturlich, der Frau Gemahlin anheimstellte, rechtskraftig abgeredet hatte: so erhielt der Herr Abgeordnete, der schon wegen seiner ersten vorlaufigen, wiewohl nicht hoffnungslosen Antwort mit einem Orden verziert worden war, dessen Stern einem Fixstern ahnlich blitzte, ein volles Ja. Beilaufig ward jetzt noch die Etikette verabredet.

Ihro Hochfurstliche Durchlaucht, sagte der Herr Ritter, verlangten gar nicht eingeladen zu werden, da die Posten in der Unterwelt sehr unrichtig gingen und alles durch Gesandte und Couriere abgemacht wurde. Hochstdieselben wurden Sich von Selbst zu rechter fruher Tageszeit einstellen; indess musste Ihnen eine Art von Thronhimmel mit Purpur beschlagen (wozu der Herr Abgeordnete die Zeichnung uberlieferte, die vom Oberbaudepartement entworfen war) nahe am Wochenbett errichtet werden. Uebrigens wurde sie, wie der Ritter es nannte, nur beitreten, und beifassen, so dass immer eine andere Dame das Kind vor der sichtbaren Welt halten konnte. Endlich wurde sie der Frau Baronin eine besondere Wochenvisite nicht entziehen. Bei der Taufhandlung selbst wollte sie im strengsten Incognito seyn; das heisst: das Elternpaar sollte sich mit keiner Sylbe zu ihr wenden, obgleich die ihr zukommende korperliche Verbeugung (wiewohl unvermerkt) nicht erlassen ward. Das Kind sollte B a n i s e heissen. "Banise?" B a n i s e , erwiederte der besternte Abgeordnete, und fugte mit anstandigem Ernste hinzu: Wie ich sage, B a n i s e . Gern hatte die Baronin diesen Namen verbeten; da indess alle Punkte und Klauseln bereits bewilligt waren, so konnte freilich der Banisische keinen Anstand veranlassen. Nach vielem Hin- und Her-, Vor- und Nachdenken erinnerte sich unser freiherrliches Ehepaar des Umstandes, dass die Gemahlin des Adam Sem Ham Japhet den Gesandten des Fluchs mit einer Pathenstelle bestechen wollte, der er aber, ob sie gleich sich gar hoflich seinen Vornamen erbat, mit einer Art von Verachtung auswich; und so war die Vermuthung nicht unrichtig, dass jener Vorfall Gelegenheit zu dem gegenwartigen gegeben, der immer mitlaufen konnen, wenn nur der verwunschte Name B a n i s e nicht das Spiel verdorben hatte. Nie war die Wochnerin, die sonst immer schwere Geburten gehabt, so leicht abgekommen. Die weise Frau bediente sich des merkwurdigen Ausdrucks, sie nahme diessmal das Honorarium mit Sunden; und der Baron, der, er wusste selbst nicht warum, sich eine Tochter gewunscht hatte, war vor Freuden ausser sich. Die vornehmsten Personen der Gegend wurden zu Taufzeugen erkoren, und als der Tauftag erschien, der unsichtbaren Furstin ihr besonderer Sitz nach der eingehandigten Zeichnung des Oberbaudepartements hingestellt. Dieser Sitz gehorte, wenn gleich eine unsichtbare Person ihm die Ehre erweisen wollte, ihn einzunehmen, doch zu den sichtbaren Dingen, und war so wenig das vornehmste darunter, dass vielmehr dessen Possierlichkeit einem jeden, der Autoritat des Oberbaudepartements ungeachtet, auffiel. Besonders konnte die Grafin v. **, die an sich eine stolze, ubermuthige Dame war, nicht umhin zu wunschen, sie mochte das Schoosshundchen kennen lernen, welches hier ruhen wurde. Die Sechswochnerin sah sich einer Nothlugenverlegenheit ausgesetzt, und gab diess Unwesen fur Spielzeug ihres jungsten Sohnes aus, der indess, als er es nur betasten wollte, sehr ernstlich von diesem Noli me tangere abgewiesen ward. Naturlich stand der Name B a n i s e obenan, und commandirte die sechs anderen, welche dem Fraulein sonst beigelegt werden sollten. Die Grafin, die noch vor der heiligen Taufe diesen Umstand erfuhr oder erfahren musste, weil sie sich darnach erkundigte, liess des Namens B a n i s e halber, da er i h r e m Namen vorzutreten die Dreistigkeit hatte, ihrer Spottlaune noch mehr freien Lauf; und da sie es nicht wagen wollte, sich nach der Ursache dieses wildfremden Namens zu erkundigen (den sie aus dem B l i t z -, D o n n e r u n d H a g e l r o m a n vortheilhafter zu kennen Gelegenheit nehmen konnen, falls dieser Roman damals schon existirt hatte), so ersah sie sich (nach Art des Unwillens, der immer unruhig einen Gegenstand sucht, auf den er seine Pfeile schiessen kann) den furstlichen Sitz zum Ziel. Die vornehmste und kleinste Taufzeugin trat mit dem Geistlichen zu gleicher Zeit ins Zimmer. Der Baronin, die sich durch die Stachelreden der Grafin bis jetzt nicht im mindesten hatte verstimmen lassen, fiel die Figur der Furstin nicht wenig auf. Ihro Durchlaucht erschienen nicht en parure, sondern in Kronungspracht; die Konigin E l i s a b e t h hatte ihr an Ziererei weichen mussen. Es war ohnehin die erste Dame von den Fingerlein, welche die Baronin jemals sah. Der Reifrock war erschrecklich, und der ganze Anputz kam der aufgeweckten Wochnerin so abenteuerlich vor, dass sie Muhe hatte, ernsthaft zu bleiben. Das Derriere des Dames, worauf jeder, der den Putz versteht, am meisten zu sehen pflegt, schien vollig verfehlt, und schon eine Provinziale (welches die Baronin doch nicht im eigentlichen Sinne war, da sie die Ehre hatte, den Hof von Zeit zu Zeit zu sehen und sich von ihm sehen zu lassen) hatte alle die possierlich angebrachten Arabesken, Guirlanden und Devisen auf den ersten Blick als Grammatikalfehler des Putzes entdecken mussen. Der Taufaktus begann, und Se. Wohlehrwurden hielten eine lange Rede. Wahrend derselben geruhten Ihro Durchlaucht Sich auf das Taufbecken zu erheben, worin, wohl zu merken, noch kein Wasser war. Die Baronin, die bis jetzt ihr Lachen, wiewohl nicht ohne saure Muhe, verbissen hatte, konnte es jetzt, da es an die Tauffragen ging, nicht langer uberwinden. Die Furstin wurgte ihr Ja so sein heraus, dass sich alles umsah, als ware ein Katzchen so dreist, eine christliche Handlung storen zu wollen. Besonders fiel diess Katzen-Ja der Sechswochnerin auf, als es die Frage, galt: E n t s a g s t du dem Teufel und allen seinen Werken und allem seinem Wesen? Denn die Furstin legte einen so besondern Accent auf dieses T e u f e l s - J a , dass die Wochnerin, bei, aller Anstrengung sich zuruckzuhalten, nicht langer in die Faust, sondern laut auflachen musste; und diess horte die Furstin so klar und deutlich, dass sie sich nicht entbrechen konnte, der Frau Gevatterin einen strafenden Blick zuzuwerfen, der indess, wie es in dergleichen Fallen oft zu geschehen pflegt, die besondere Wirkung hatte, dass die Baronin noch herzlicher und lauter lachen musste. Sobald das Taufwasser im Bekken war, und wahrend der Fragen und Antworten, hatte die Furstin sich auf die Perucke des wohlehrwurdigen Taufredners gesetzt. Dieser argerte sich gewaltiglich, dass so viel Puder auf sein Kleid und sogar in das Taufwasser fiel; und da er aus blossem, unverstandigem Widerwillen seine Perucke gleichsam abstrafen und sie ihre Unart fuhlen lassen wollte, indem er sie nicht eben sauberlich zurechtsetzte, so waren Ihro Durchlaucht bei einem Haare ins Wasser gefallen das, bei aller seiner Weihe und Heiligkeit, Hochstdenenselben doch an Leib und Leben hatte gefahrlich werden konnen, wie denn Ihro Durchlaucht wohl am wenigsten in dieser Kleiderpracht aufgelegt schienen, das Lauchstadter Bad zu brauchen. Der bestellte Name B a n i s e war nicht im Stande, die Furstin fur alles diess Herzeleid zu entschadigen; vielmehr schied sie nachdem die Grafin sich wegen des Namens B a n i s e verblumt, und wegen des furstlichen Sitzes schier offentlich, in furstlicher Gegenwart lustig gemacht, der Pfarrer den Kuster wegen des seiner Perucke ubermassig gegebenen Puders ausgescholten, eine zweite Dame sich nach dem feinen Echo, das bei dem Tauf-Ja sich horen lassen, erkundigt, eine dritte, um sich bei der Grafin beliebt zu machen, den furstlichen Sitz auf einen Finger genommen und ihn leichter als einen Ball in die Hohe geschleudert hatte voller Unwillen von hinnen. Freilich ware schon e i n e dieser Anzuglichkeiten hinreichend gewesen, ein anderes furstliches Blut in Wallung zu bringen; indess hatte unsere Furstin so viele Zuruckhaltung, dass sie sich damit begnugte, an der Thure der Sechswochnerin mit zwei Fingern der rechten Hand, namlich dem Zeige- und Mittelfinger, zu drohen, welches der armen Baronin einen nicht geringen Schreck zuzog, so dass sie von diesem Drohaugenblick an ausserst missmuthig und verdriesslich ward. Sie nahm der Grafin die Bitterkeit uber B a n i s e n , dem Pfarrer seine unzeitigen Scheltworte uber den Kuster, der zweiten Dame das naseweise Echo, und der dritten das Ballspiel so ubel, dass alles bitter und bose auseinander schied und die vieljahrige gute Harmonie in dieser Nachbarschaft, die bis dahin wegen guter Freundschaft allgemeinen Ruf gehabt hatte, nie wieder in den vorigen Stand gesetzt werden konnte. Bei der armen Baronin wechselte von Stund' an Hitze und Kalte, und dem neuen Tochtervater war dabei so ubel zu Muthe, dass er sehr gern gegen die Furstin von deren unerklarlichem, unzeitigem Appetit zu einem Gevatterstande auf der Oberwelt doch alles hiess Unheil, bis auf den verstreuten Puder und den Namen B a n i s e (mit dem er besonders sehr unzufrieden schien), gekommen war ein A n a t h e m a M a h a r a m M o t h a ausgestossen hatte, wenn er nicht vor den hitzigen und kalten Folgen, die er sichtbarlich an seiner Gemahlin sah, in Furcht gewesen ware. "Que de bruit pour une omelette!" konnte er sich nicht uberwinden auszustossen, in der festen Hoffnung, dass die Fingerlein es nicht verstehen wurden, wenn sie es auch wider Vermuthen horen sollten. Bis in den dritten Tag ging alles im freiherrlichen Hause nicht viel besser, als in diesem Buche, in die Kreuz und in die Quer. Jetzt liess die Furstin sich zur Wochenvisite melden, die angenommen und mit vielem Pomp abgelegt wurde. Die furstlichen Begleiter waren zwei Kammerherren und funf andere Diener, zusammen s i e b e n , und, was auffiel, keine Person weiblichen Geschlechtes es ware denn, dass die Kammerherren, die ausserst weibisch aussahen, sich aus unerklarlicher Fingerlein-Etikette verkleidet gehabt hatten, wovon die Geschichte indess in keiner Randglosse etwas besagt. Es wurde schwer seyn, wirkliche Kammerherren von Weibern zu unterscheiden, und warum sollten wir bei diesem Umstande ohne Noth verweilen? Nach einigen kalten Complimenten fing die Furstin mit der Bemerkung an, dass sie sich von ihrer Freundschaft mehr versehen hatte, als bei so wichtigen Fragen und noch wichtigeren Antworten durch ein so befremdendes Lachen gestort zu werden. Die wohlvorbereitete Baronin hatte zwar gleich die S a r a bei der Hand, welche bei einem Besuche von drei Engeln auf die gesundesten Schusseln in der Welt, Butter und Milch, Kalbsbraten und Kuchen, gelacht hatte. Auch vergass die gute Baronin nicht, wohlbedachtig zu bemerken, dass die exemplarische Sara (bis auf den Fall, da sie ziemlich unexemplarisch sich fur Abrahams Schwester ausgeben liess) das Muster aller Weiber hoher und niedriger Abkunft ware. Ihro Durchlaucht waren indess nicht gemeint, sich durch 1. Buch Mose XVIII, 12 besanftigen zu lassen; doch geruheten Sie, hochlich zu versichern, die Ungezogenheiten der Mitpathen nicht auf die Rechnung der Baronin, die ohnehin gross genug ware, setzen zu wollen. Viel Gute von einer Furstin! Jetzt folgten die Fluche, die sie uber alle, welche sie beleidigt hatten, aussprach, und ob sie gleich in gar keinen Verhaltnissen mit den begangenen Fehlern standen, so schienen sie doch recht ausgedacht zu seyn, um den Interessenten schwer zu fallen. (Geht es mit den powar, eine Furstin zu werden, wird e s n i c h t . "W i e G o t t w i l l !" erwiederte die Baronin. "Und nun hangt es von Ihrer Wahl ab: Soll sie mit einem Fursten einen Sprossling erzielen, der sich einen Namen mache? Oder soll sie das Weib eines Privatmannes werden, der vom Gesalbten und den von i h m Gesalbten, das heisst von seinen Ministern, nicht gekannt, froh und glucklich unter einem gutmuthigen Landvolke lebe, schwebe und sey?" "Ich wahle das letzte," erwiederte die Baronin. "Es sey also," beschloss die Furstin; "und weit Sie weise wahlten," fugte sie hinzu, "so wahlen Sie noch von drei Dingen e i n s fur Ihre Tochter, und es soll ihr gewahrt seyn: Soll sie es in ihrer Gewalt haben, d i e Herzen zu gewinnen, welche sie gew i n n e n w i l l ? Oder z u w e i n e n o d e r z u s c h l a f e n , w e n n s i e w i l l ?"

Die Wahl wurde keiner Dame schwer geworden seyn, da sie, wie man glaubt, es alle auf das Herzensspiel anlegen und ihre Gewinnluft ausser Zweifel ist. Da die arme Baronin drei nach einander folgende Nachte kein Auge hatte schliessen konnen, so wahlte sie den Schlaf, ohne sich auf das Hazardspiel der Herzen und auf die Thronen (welche letzteren, wie man sagt, der schonen Welt ohnehin sehr leicht zu Diensten stehen) einzulassen. Kaum hatte sie gewahlt, als die Prinzessin verschwand und die Baronin auf der d i d e in der besten Welt gab), und nachdem sie gar liebreich hinzugefugt hatte, dass es noch weit unglucklichere K o n i g i n n e n gegeben und noch gebe, so fand er Trost in ihrer Wahl des Schlafs, indem er ein grosser Schlafverehrer war. "Hatte die Furstin unter den drei zur Wahl ausgestellten Dingen einen Gurtel angeboten, vermittelst dessen man sich unsichtbar machen kann: ich wusste nicht, was ich gewahlt hatte," sagte die Baronin; und diese Aeusserung beruhigte ihn vollig. Er schien kein Gurtelliebhaber zu seyn. Als ein vernunftiger, welterfahrner Mann hat er zu diesem Gurtelwiderwillen gewiss seine Ursachen gehabt und wer hat sie nicht? Spat erinnerte die Baronin sich des furstlichen Beifalls bei dieser Wahl des Schlafs. "W o h l g e s p r o c h e n !" hatte die Furstin erwiedert; "d e n S e i n e n g i b t e r ' s i m S c h l a f e ." Wahr! Eldorado ist unter der Erde!

Dankbarlich verehrte Fraulein B a n i s e die Weisheit ihrer Mutter lebenslang. Sie konnte schlafen, wenn sie wollte, und bemuhte sich nicht nur, alles Uebel des Lebens sanft und selig zu verschlafen, sondern hatte auch das Gluck, durch susse und angenehme Traume eins der frohlichsten Weiber zu seyn, die je auf Gottes wachendem Erdboden gelebt haben. Es war ihr immer und in alle Wege so, wie es uns nur zuweilen ist, wenn wir recht ausgeschlafen haben. Jener weise Konig erwiederte dem Schmeichler auf die Versicherung, dass das gemeine Wesen so lange bluhen wurde, so lange er nicht aufhorte, so wohl zu befehlen: "Nicht also, sondern so lange das Volk nicht aufhoren wird, so wohl zu gehorchen." Nicht auf das Wachen, sondern auf das Schlafen kommt es an. Dass ihr eine gute Sentenz erhaltet, eine erbauliche Predigt hort, dass unser Heer siegte, und dass dein Kleid so wohl passt macht, weil Richter, Prediger, Feldherr und Schneider gut geschlafen hatten. Zum Laufen hilft nicht schnell seyn. Alexander schlief an dem Tage, der zur entscheidenden Schlacht mit Darius bestimmt war, so fest, dass sein S c h w e r i n P a r m e n i o ihn mit Muhe aufwecken musste, weil es Zeit zur Schlacht war. Wer nicht schlafen kann, versteht der zu wachen? Wer nicht ruht, kann der arbeiten? Unsere B a n i s e ward von ihrem Gemahl, einem schonen reichen Junglinge, zum erstenmal gesehen, als sie recht charakteristisch in einer Laube schlief. Wer so schlafen kann, dachte er, ist ein edles, liebenswurdiges Geschopf. Sie ward seine Gemahlin und die Mutter von sieben wohlgerathenen Kindern. Ihre Unterthanen liebten sie, wie ihre Mutter, und sie wollte auch nicht gefurchtet seyn. Die Worte: g u t e N a c h t a n g e n e h m e R u h e ! sprach sie liebevoll und zuweilen mit einer Art von magischer Kraft aus, so dass die, welche diesen Segenswunsch von ihr empfingen, des Schlafes, der sie geflohen hatte, wieder gewurdigt wurden. Ihren Mann und ihre Kinder hat sie oft auf diese Art curirt. Wenn sie nach abgelaufenem Leben noch einmal hatte zu leben anfangen sollen sie wurde durchaus kein anderes Leben gewollt haben, so schon war ihr Schlafleben. Ihre Krankheiten verschlief sie, und nach spaten Jahren sagte man im Geist und in der Wahrheit von ihr: sie sey nicht gestorben, sondern eingeschlafen. Sie ruhe wohl !

Bei der

Legende vom ungebornen

Unglucklichen

will ich mich kurzer fassen. Der ungeborne Ungluckliche kam glucklich auf die Welt und war ein allgemein geliebter, schoner und fester Junge, der uberall auf Handen getragen und gestreichelt wurde. Sein Milchbruder, der Sohn seiner Amme, brach in seiner Gesellschaft dreimal den Fuss und siebenmal den Arm, ward aber allemal so wohl geheilt, dass man bei jedem Bein- und Armbruche Gottlob! sagte, weil es nicht der Hals war. Unser Unglucklicher zerbrach sich nichts und auch nicht den Kopf, indess wusste er mehr als seine Kameraden; es kam ihm alles im Spielen. Die Eltern, welche wegen der Prophezeiung den Knaben fast aufgaben, wurden bei ewigen ausserordentliglauben anfingen, die Drohung der Fingerlein hatte einen verborgenen Sinn, und die Bangigkeit, die sie der Mutter und dem Vater des Ungebornen halber auferlegt, ware die einzige Strafe, die man beabsichtigt hatte. Auf den grunen Auen dieses sussen Traumes weideten sie sich so lange, bis ein irrender, ein landfahrender Philosoph oder Scholasticus ambulans, wie sie zu unsrer Vater Zeiten genannt wurden, und deren es oft so viele wie der irrenden Ritter, aber weniger als der ewigen Juden (Juifs errants) gegeben haben soll diese Strasse zog unfrohlich. Da sein Beruf bloss dahin ging, alles, was guter Dinge schien, zu betruben, so erzahlte er den in ihrem Glauben begluckten Eltern die Geschichte des Polykrates, dem alles gelang, und der, als sein Freund Amasis, weiland Konig in Aegypten, ihn ersuchen liess, seinem Gluck einen etwas bittern Geschmack zu geben, seinen kostlichen Ring ins Meer warf, nicht um mit diesem, wie die Dogen von Venedig, eine Art von Liebesverbundniss einzugehen, sondern um sich etwas, das ihm werth war, zu entziehen. Siehe da! nach einigen Tagen erhielt Polykrates einen Fisch zum Geschenk, der, als aus ihm eine stattliche Fastenschussel bereitet werden sollte, dem glucklichen Polykrates den Ring, den er verschluckt hatte, mit den harten Zinsen seines eigenen Lebens wiederbrachte. Amasis, der viel zu klug war, es mit einem so glucklichen Freunde langer zu halten, kundigte ihm das Capital seiner Freundschaft auf, und das Ende vom Glukksliede war ein schrecklicher Tod am Kreuze, obgleich die Tochter, die ein Traum unterrichtete, den glucklichen Vater vergebens warnen liess, sich nicht unglucklich zu machen. Wer nicht zuvor glucklich ist, kann nicht unglucklich werden, fugte der schwarze Magus hinzu, und verstreute so viel s i e b e n S a c h e n uber Gluck und Ungluck, dass das erstaunte Elternpaar den Entschluss fasste, die Vorsehung nicht um Gluck, sondern um Ungluck zu bitten. Das Gluck, sagte er, ist eine Katze: es kratzt, wenn es leckt; eine Spitzbubin: es stiehlt dort dem verdienten Manne Geld und Gut, um es dem unverdienten zuzuwenden; es ist ein Glas, das, eben wenn es recht fein und reizend ist, am leichtesten und gemeiniglich in froher Gesellschaft bricht, wenn man mit Wohlgefallen trinken will. Schade um den schonen Wein, der hierbei verschuttet wird! Wisst ihr nicht die Geschichte des Sesostris, Konigs in Aegypten? Er hatte einen Wagen, worin Jupiter zu sitzen, sich nicht hatte schamen durfen, und den er von vier Konigen ziehen liess. Phobus ausgenommen, wer hatte je ein besseres Fuhrwerk? Da eins der vier Konigpferde mit unverwandtem Blick die Rader ansah, wollte Sesostris wissen, was an diesem, aus Elfenbein, Gold und Edelsteinen bestehenden Wagen seine Aufmerksamkeit reize, und erhielt zur Antwort: Ich sehe den schnellen Umlauf der Rader, woran das hochste sobald das niedrigste wird! Was that Sesostris? Er liess ausspannen. So schnell, setzte Magus hinzu, so schnell, wie ich anspannen lasse. Alles Bittens ungeachtet, ein Glas sussen Wein fur diese bitteren Wahrheiten aus einem ehrenfesten Glase zu trinken, und Zuckerzwieback statt der bittern Salze seiner Rede, zu geniessen setzte dieser ewige Jude seinen Stab weiter, welches er durch den bildlichen Ausdruck a n s p a n n e n andeutete.

Diese Lehren schlugen das Elternpaar gewaltig nieder; besonders schwebte ihnen das Kreuz, an welches Polykrates geschlagen worden, unablassig vor Augen. Sie ermahnten ihren Sohn, den sie nicht lieben wollten und eben darum desto inbrunstiger liebten und wer konnte umhin, es zu thun? Der Neid selbst hatte es gethan, dem es uberhaupt wenige oder gar keine Muhe kostet, gluckliche Leute zu lieben, wenn er gewiss weiss, dass sie uber ein Kleines unglucklich seyn werden. Ob man das zuweilen wissen konne? Ich glaube, ja!

Das Polykratische unseres Unglucklichen dauerte sehr lange. Er ward Soldat, und sein Vater beforderte seinen Entschluss, weil es eben einen grossen Krieg gab, damit eine Kugel ihn treffen und das K r e u z von ihm abwenden mochte. Tausend fielen zu seiner Rechten, und Tausend zu seiner Linken. Er stand, schlug Feinde und Freunde, und spielte den Meister, wo sein Auge und sein Schwert sich hinneigten. In kurzer Zeit brachte er es bis zum Feldherrn. Seine Nebenbuhler fielen, wie die Fliegen im Zimmer des Kaisers Domitian, oder zogen sich auf ihre Landhauser zuruck, da sie wohl merkten, dass sie mit einem solchen Manne nicht Schritt halten konnten. Sein Weib war so liebenswurdig und so treu, dass kein Fahnrich es wagte, ihren Reiz anders als in Gedanken zu bewundern. Als er siebenmal sieben Jahre alt war, kam sein boses Stundlein! Sein liebenswurdiges Weib sank in eine unerklarliche Schwermuth. Sie glaubte, ihr Mann wolle sie heimlich vergiften; und da sie von dieser schrecklichen Idee nicht abzubringen war und sich ihretwegen alles Genusses von Speise und Trank enthielt, so starb sie unter bitteren Klagen uber ihren Ehemann, den sie so herzlich geliebt hatte. Seine Tochter, der Abglanz det Mutter an Leib und Seele, ward von einem Jungling geliebt, dessen Verstand und Schonheit aller Augen auf ihn zog, und der ein so getreuer Verehrer seiner Vielgeliebten war, dass alles, was lieben wollte, sich auf dieses Paar, als das Ideal reiner Liebe, bezog. "Liebt euch, so wie Hans Greten," sagten die Schonen; und die Junglinge: "so wie Grete Hansen" und siehe! Vater und Tochter werden an Einem Tage krank und die Tochter durch die Blattern vollig entstellt, so dass nicht Gestalt und Schone an ihr ist. Sie starb endlich nach ihrem Wunsche, dem ihr betrubter Liebhaber indess auf keine Weise beitreten wollte; denn er betheuerte, dass die Blattern seiner Liebe, wie Unglucksfalle der Tugend, nur einen neuen Glanz beigelegt hatten. Der Vater vergass seine Tochter, um den uber ihren Hintritt verzweifelnden Jungling zu beruhigen. Seine Krafte nahmen seit geraumer Zeit von Tage zu Tage ab; jetzt schwanden sie von Stunde zu Stunde. Er machte ein Testament, wendete seinem Schwiegersohne sein ganzes Vermogen zu, und schien beruhigt zu seyn; allein leider nicht auf lange: er erlebte das Ungluck, dass sein Erbe seine Verlobung mit einer Dirne bekannt machte, die seiner und der Seligen so unwerth war. O, des Ruchlosen! Nicht einmal den so nahen vaterlichen Tod abzuwarten! So vieler Liebe ware ein weit minder gutiger Vater werth gewesen. Man sagte, die Dirne hatte zu diesem Drang Ursache gehabt. Der Vater schwankte ob er sein Testament andern, oder diesen Undankbaren mit Grossmuth strafen sollte. Er entschloss sich zum letzteren. Von aller Welt und von seinem Schwiegersohne verlassen, hatte der Ungluckliche noch einen einzigen Freund, der in Gluck und Ungluck ihm treu geblieben war; einen Freund, auf den seine Gattin, selbst in den Tagen ihres schwermuthigen Argwohns, nicht einen Argwohn hatte; einen Freund, der, wie er sicher annehmen konnte, auf seinem Grabe seinen Tod finden wurde: seinen Hund; und dieser wird wuthend. Ohne Hulfe? Allerdings. Er selbst muss das Todesurtheil uber seinen Freund aussprechen. Ein Flintenschuss! Es verstand sich in mehr als Einer Rucksicht von selbst, dass der Jager ihm diesen Liebesdienst in freiem Felde erweisen wurde; und, siehe da, unser Unglucklicher musste diesen Schuss horen, den er gewiss mehr als sein Freund fuhlte. O! was ist da das Kreuz des Polykrates, welches das Elternpaar unseres Unglucklichen so erschreckte! Und der grausame Tod! Will er denn durchaus nicht anders als ungebeten kommen? Unser Unglucklicher lebte und musste leben, der Nachricht halber, dass der Bruder seiner Frau, den er todt geglaubt, in der grossten Durftigkeit in einem Gefangnisse schmachte, wohin ihn bestochene Richter hineingeurtheilt hatten B.R.W. Und eben, da der Ungluckliche in der grossen Noth war, sich noch einige Stunden Leben zu wunschen, eben da die Gerichtsdeputirten des Ortes sich schon versammelt hatten, ein Codicill diesem Gefangenen zum Besten zu verzeichnen, verlassen ihn Gedachtniss und alle Sinne, und so liegt er sieben und siebzig Tage, bis endlich der Tod allem seinem Elend ein Ende macht! Was fehlte zum moglich hochsten Gipfel des Unglucks? Dass er Gott laugne und die Hoffnung der kunftigen Welt. In der That, unser Unglucklicher starb zwei Jahre zu spat, und bewies auf eine schreckliche Weise, was ausser dem schwarzen Magus viele Weise des Alterthums und neuerer Zeit behaupten: Das Gluck des menschlichen Lebens lasst sich nur in der Sterbestunde berechnen.

Doch es ist Zeit, die Familie m i t an ihren Ort zu stellen, und zur Familie o h n e und zu unserm Helden heim zu fliegen.

. 5.

Sein Vater

war der Hochwurdige und Hochwohlgeborne Caspar Sebastian des heiligen romischen Reiches Freiherr von Rosenthal und des heiligen Johanniter-Ordens Ritter, so dass mithin zweimal h e i l i g in seinem Titel vorkam. "Geheiligt werde sein Name," pflegte er in den Tagen des Glucks zu sagen und vor sich selbst ein Knie zu beugen. Zur Scheinheiligkeit hatte er nicht die mindeste Anlage, wozu sein eben nicht splendider Kopf ihm auch keine Dienste geleistet haben wurde, indess war es eine besondere Heiligung, der er, nach dem Ausdruck seines Geistlichen, nachjagte, wovon unten eine genaue Beschreibung vorkommen wird. Es war im ganzen Leben unsres zweials der Ritterschlag, und eben darum hatte dieser Vorgang einen ausserordentlichen Eindruck auf Seine Heiligkeit gemacht. Seine Feinde nannten diesen Eindruck: b l a u e F l e c k e n . Unser Freiherr war so wenig in guten Glucksumstanden, dass man vielmehr, ohne eine Unwahrheit zu begehen, das gerade Gegentheil von ihm behaupten konnte; doch waren die Fingerlein an dieser seiner Lage vollig unschuldig. Sein Vater hatte durch lateinische, das ist, einfaltige Wirthschaft, viel eingebusst; und da sein Herr Sohn auf der Akademie seine Stiefeln, gewichst und von der alten Weise seiner Ahnherren und Ahnfrauen schnode abgewichen war, so kostete beiden das Latein sehr viel. Wenn es meine Art ware, abzuschweifen, so wurd' ich hier fragen: warum man einen schlechten Wirth, so wie einen schlechten Reiter, einen l a t e i n i s c h e n nenne? Warum nicht, wenn doch eine alte Sprache hier ins Spiel kommen soll, einen griechischen? und antworten: weil die Herren Geistlichen, welche (besonders die von einer gewissen Kirche) es nicht uber das Latein gebracht haben, sowohl schlechte Reiter, als schlechte Wirthe sind; allein ich gehe weit lieber dergleichen Nebendingen aus dem Wege, um nur desto kurzer und einfaltiger zu seyn. Eins der freiherrlichen Guter, und bei weitem das vorzuglichste, stand in Subhastation, und niemand wollte weiter auf dieses so sehr verschuldete und vernachlassigte Gut zwei Drittheile der darauf haftenden Schuldenlast bieten, oder, wie man es nannte, aus Bein binden. Kurz, es ging mit des heiligen romischen Reiches Freiherrn vollig auf die Neige, als er zum Ritterschlage aufgefordert ward. Einige silberne Gefasse, die von urururalten Zeiten von einem von Rosenthal auf den andern gekommen waren, mussten, so wie jene silbernen Apostel, in alle Welt gehen. Da dieses unter der Hand geschah, und die silbernen Gefasse der alten Form halber in der modischen Welt zu weiter nichts als zum Einschmelzen gebraucht werden konnten, so trug ein jeder dieser beiden Umstande noch obendrein zum wohlfeileren Preise das seine bei. Die Pachter mussten zum voraus ihre Arrende berichtigen, und den Kirchen und Hospitalern lieh der Freiherr auf Handschriften die Vorrathe ab. Mit diesem Gelde, aus wenigstens funfzehn Kassen, trat er seine Reise zum Ritterschlag, nicht nach dem gelobten Lande, sondern nach S o n n e n b u r g an. S o n n e und B u r g waren ihm schon einzeln ein Paar ehrenvolle Worter; als doppelte Schnur rissen sie nicht. Der Kandidat zur heiligen Ritterschaft hatte, aller seiner Rechnungssorgfalt ungeachtet, doch seine Rechnung ohne Wirth gemacht, und sah sich nothgedrungen, in Berlin auf einer hohen Schule, wie er es nannte, Credit zu suchen, den er auch, wohl zu verstehen, auf seiner Ruckreise, bis auf 900 Rthlr. bei einem Juden gegen ansehnliche Zinsen fand. Ihm schien dieser Umstand ein Beweis, dass die Zeit kommen wurde, in welcher das Kreuz diesem Voll nicht mehr ein Aergerniss seyn, sondern es auch bekehrt werden und leben wurde, so wie er dagegen von der Harte der christlichen Banquiers auf die je langer je mehr erkaltende christliche Liebe keinen ungrundlichen Schluss zog, indem er sich hinreichend uberzeugte, dass bei so wenig christlichem Lebenswandel es wohlverdienter Lohn ware, wenn der Leuchter von her heiligen Statte genommen wurde. So beschwerlich ihm nun auch hiess Geld-Negoce geworden war, so kam ihm doch das Kreuz als kein unbedeutender Cavent vor, der ihm wenigstens bei Juden Dienste leisten konnte. Es gab Rechtsconsulenten, die immer einen Zeugen bei der Hand hielten, und ohne diesen Helfershelfer keinen Schritt thaten warum sollte ein Kreuz nicht als Burge dienen? Diese Caution indess fing in Berlin an, und horte in Berlin auf, da in seinem Vaterlande weder Christ noch Jude weiter einen Thaler auf sein Kreuz borgen wollte. In gerechtem Grimm sah er alle Leute, die ihn mit einer abschlagigen Antwort krankten, fur Unglaubige und Turken an, die er gern mit Stumpf und Stiel ausgerottet haben wurde, um sich das gelobte Land ihres Vermogens zuzueignen, wenn er nicht die Justiz, der man den Beinamen h e i l i g (wiewohl spottweise) beilegt, gefurchtet hatte. Seine Unterthanen nannten den neuen Ritter: K r e u z i g e i h n , k r e u z i g e ihn! Und es muss ein formlich komischer Anblick gewesen seyn, als ein altes Mutterchen sich zuvor ein Kreuz, wie beim: d a s W a l t e , schlug, eh' es sich herausnahm, dem Hochwurdigen Herrn den untertanigen Gluckwunsch abzustatten. Wahrlich, das Scherflein dieses alten Mutterchens galt mehr als alle Produkte der Redekunst, welche Sokrates und viele andere Weisen der alten und neuen Zeit gar richtig die Kunst zu betrugen nannten. Gern hatte unser Ritter dieser Kreuzschlagerin ein Trink- oder Stekknabelgeld gereicht, wenn er es gehabt hatte. Einer seiner witzigen Nachbarn, den er vergebens um Geld angesprochen hatte, war so dreist gewesen, ihn den Schacher am Kreuz zu nennen; ein andere hatte sich des satyrischen Ausdrucks bedient: er ware geschlagen, ja wohl recht geschlagen; und man sagt, dass diese Spottreden ihn bis zur Verzweiflung gebracht haben wurden, falls er nicht in seinem Kreuz auch seinen Trost gefunden hatte. Recht ritterlich rang er, in seiner Burg eine Sonne von allerlei Anspielungen auf den Ritterschlag anzubringen; allein es fehlte ihm, wie man sagt, am Besten, am unwurdigen, am leidigen Gelde. Zu diesem Kreuz anderer Manier kam, wie doch uberhaupt kein Leiden allein bleibt, sondern Gesellschaft sucht und findet, noch eine ganze Menge anderer Trubsale. Seine Guter sollten wirklich veroffentlicht werden. Einer seiner Nachbarn hatte ihn hochst unbefugt wegen seiner Grenzen in Anspruch genommen, und er wurde, bloss weil er keine Kosten zum Rechtsstreit anwenden konnte, die Sache, mit ihr aber ein Hauptstuck seines Gutes, eingebusst haben. So angstigten ihn auch einige Handwerker, und unter diesen besonders ein Schneider, der ihm ein Ordenskleid gefertigt und alle Auslagen gemacht hatte; und, was mehr als alles war, so kam der berlinische

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Wechsel

in die Hande eines christlichen Banquiers in , der uber die Vorrechte des Wechselrechtes die Wurde unseres Freiherrn so tief vergass, dass er ihn zum Spass den W e c h s e l b a r o n hiess, indess in seinem Mahnbriefe ihm alle Gerechtigkeit erwiesen zu haben glaubte, indem er ihn Ew. E d l e n nannte. "Ueber den Dummkopf!" sagte der Ritter; "E d e l ! der Teufel ist edel!" Er war fast argerlicher, dass der Banquier das H o c h w u r d i g ausgelassen, als dass er ihn mit den Folgen des hollandischgroben Wechselrechtes bedroht hatte, welche nichts geringeres als der personliche Arrest sind. Nach einigen Tagen legten sich diese hochwurdigen Wellen, und unser besanftigter Ritter

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Antwort

Sr. Edlen selbst zu uberbringen, um die unedlen Folgen des Wechselrechtes von sich abzulehnen. Wahrlich, dieser Gang war so glucklich, wie jener der neugierigen Baronin an das Schlusselloch unglucklich ausfiel. Unser Ritter war so wenig ein Schacher seinem Korper nach, dass der naseweise adelige Nachbar mit diesem Ausdruck bloss auf seine Glucksumstande, und, wie mich dunkt, sehr uneigentlich, angespielt hatte; und da er sein Kreuz sehr wohl zu legen wusste, dem unbezahlten Kleide es auch nicht anzusehen war, dass der Schneider noch ein Laus Deo in Handen hatte, es vielmehr ihm links und rechts nicht ubel stand: so ging es mit ganz naturlichen Dingen zu, wenn unser Wechselbaron sogleich in den Saal genothigt wurde, wo er, in Abwesenheit des Wechslers, dessen Frau und eheleibliche Jungfer Tochter, auch noch obendrein ein altes Frauenzimmer von Adel, die alle Sonn- und Festtage bei unserm Banquier einen Freitisch hatte, antraf. Dem zweimal heiligen Ritter blitzte die eheleibliche Jungfer Tochter, so sehr ins Auge, wie dieser das ritterliche Kreuz die Augen blendete oder brach. Kurz, sie verliebte sich schon in zu einem vollen und herzgefahrlichen Brande zu verstarken. Mama fand, den Ritter so fein und lieblich, dass sie selbst, wenn es Gottes Wille gewesen ware, ihn geehelicht haben wurde. Nur der Freitischdame stieg das adeliche Blut, sobald sie den Ritter sah, sympathetisch ins Gesicht, weil sie sich herabgewurdigt fuhlte, ihr Brod bei Sr. Edlen zu essen. Der alte Wechsler ward von diesen drei Grazien belagert, und er mochte wohl ob ubel wollen, er musste durch die Finger sehen. Die Fristen, die unser Ritter wegen des Wechsels sich personlich erbat, sahen die drei Grazien als so viele sinnreiche Erfindungen der Liebe an. Der Banquier ward durch das sehr hofliche Betragen des Wechselbarons selbst nachgiebiger, so wenig er sonst das Wort: N a c h g a b e kannte; er liess sich indess, Lebens und Sterbens wegen, noch eine besondere Schrift, und, weil er mit einem Baron zu thun hatte, auf Stempelpapier ausstellen, worin dieser ausdrucklich stipuliren musste, auch die Verzogerungszinsen mit vom Hundert bankbarlichst zu getreuen Handen berichtigen zu wollen. Der Emsige fand, wie er sich sonst erklarte, keine Bedenklichkeit, Zehn von Hundert zu nehmen, da selbst der Gott Abrahams und Isaaks sich durch den Erzvater Jakob den Zehnten oder zehn Procent versprechen lassen (1. B. Mose 28, 22). Indess begehrte er vom Wechselbaron keinen Pfennig uber die landesublichen Zinsen. Ob sich nun gleich nicht laugnen lasst, dass die Liebe allemal und in alle Wege (und wie man zu sagen pflegt: s t o c k -) b l i n d ist, so soll sie es doch, wenn man in ein Kreuz verliebt ist, noch mehr als gewohnlich seyn. Die eheleibliche Jungfer Tochter war sterblich oder bis zum Tode in unsern Ritter verliebt, und auch er hatte aus der Noth eine Tugend gemacht. So wie die Noth vieles lehrt, so lehrte sie auch hier ritterliches Fleisch und Blut kreuzigen und sich bis zur ehelichen Zuneigung zu einer Burgerlichen herablassen. Dass ubrigens die Freitischdame zu dieser

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Ueberwindung

sehr viel beigetragen, bedarf noch einer naheren Auseinandersetzung. Sie ward, da sie, der Sage nach, noch Fraulein war, und die Burden des ehelosen Standes aus der ersten Hand kannte, von der baronlustigen Mutter zur Unterhandlerin erkoren.

"Glauben Sie denn, Baron, dass mir der Freitisch an Sonn- und Festtagen nicht Ueberwindung kostet?"

Desto schlimmer! Geschieht diess am grunen Holz. Der Schluss vom Freitisch an Sonn- und Festtagen auf alle Tage und vom Tisch aufs Bett. Mann und Weib sind ein Leib! durch Sie adelich "

Freiherrlich, wollen Sie sagen. Wahr !

"Wahr, und ?"

Aber auch ritterlich?

"S i e bleiben Ritter nun und in Ewigkeit."

Und die ritterfahige Nachkommenschaft halten Sie fur nichts?

"Ein jeder fur sich, Gott fur uns alle."

Sie sind Fraulein

"Weiss aber, was Nachkommenschaft sagen will "

Will nicht hoffen

"Die Liebe ist blind"

Bei Argusaugen, um Geld zu sehen.

"Noth bricht Eisen"

Kleinigkeit! Auch den Willen sollte sie brechen! Ach! auch den Willen, wenn er uns verrath und verkauft. Was ist Eisen gegen Willen? Mit der linken Seite liebt unser einer, was und wie viel er will; gilt es aber die rechte ha! wird da nicht der Furst Unterthan?

"Gingen nicht auch Regenten ins Kloster ?"

Wir gehen alle zu Bette, wenn wir des Tages Last und Hitze getragen haben.

Ein dergleichen langes und breites Fur und Wider fiel unter dem Fraulein und dem Baron vor, die bei aller Wechsel- und Freitisch-Abhangigkeit sich doch so himmelweit uber das Haus Sr. Hoch-Edlen emporhoben.

Noch ein Korbchen dergleichen

Brocken.

R i t t e r . Ein wahrer Fall Adams! Weg ist das gottliche Ebenbild, das einmal Heilig.

F r a u l e i n . Die Menschen leben im Stande der Sunden, immer noch artig genug

R i t t e r . Ach Fraulein! in mir fallen alle meine Descendenten bis an den jungsten Tag!

F r a u l e i n . Schrecklich! Doch wer kann Ihren Nachkommen bis an den jungsten Tag das heilige romische Reich nehmen? Wer Ihren Kindern den Vater?

R i t t e r . Gilt er beim Ritterschlage ohne Mutter?

Was zu machen? Mit den heissesten Thranen bedauerte das Fraulein diesen betrubten Sundenfall. Der Apfel war schon und der Wechsel fallig. Wechselschuld, sagte die Freiwerberin, ist freilich nicht Blutschuld; doch hab' ich es von vornehmen Verwandten, dass es hier wie im Himmel zugehe, wo kein Ansehen der Person ist, und wie in der Holle, wo alles in Ein Gefangniss kommt und Hoch und Niedrig Eine g e s c h l o s s e n e Gesellschaft ausmacht. Der Ritter hatte sich von dem Freitischfraulein keine solche theologische Beichtandacht versehen, und in der That leicht nicht gespielt worden ist. Der zweimal Heilige ward am Ende durch diesen Wortwechsel vollstandig uberzeugt, dass, wenn gleich seine Nachkommenschaft auf das eine Heilig Verzicht thate, und der K a s t e n N o a und die s i t z e n d e J u n g f e r (ein paar Familienhieroglyphen) groblich befleckt wurden, ein verfallener Wechsel dennoch alle diese hochfreiherrlichen Vorzuge uberwiege; und nach genau angestellter Subtraction brachte der Ritter, ohne Wechsler zu seyn Summa Summarum heraus, dass er in diesen sauren Apfel heissen und das Paradies verlassen musse. Auch ausser dem Paradiese leben Menschen, und hinter dem Berge wohnen Leute. Sein Stolz uberredete ihn, dass es nur auf sein herablassendes Ja ankame. Wie konnten wohl, dachte er, eine eheleibliche Jungfer Tochter und ihre eheleibliche Familie einem freiherrlichen Ja widerstehen? Der Banquier, welcher auf der Borse d e r E m s i g e hiess (Spotter nannten ihm die A m e i s e ), hatte seine Tochter S o p h i e (diess war, zu nicht geringer Krankung unseres Ritters, ihr einziger, noch dazu ziemlich alltaglicher Name) mit Herzen, Mund und Handen seinem lieben getreuen Nachbar und dessgleichen, einem furnehmen und beruhmten Kauf- und Handelsmann, zugewandt, verschrieben und zugesichert, der Valuta baar besass und dem auch, genau genommen, nichts weiter abging, als das Johanniterkreuz, welches auf das Wechselnegoce und den Cours, wie der Emsige wohl wusste, keinen Einfluss hat. Die Ehefrau der Ameise war indess mit dieser Verbindung desto zufriedener, und das Sonn- und Festtagsfraulein hatte ihre Rolle so vollgultig gemacht, dass kein Hefen von Bedenkkeit zuruckblieb. Der Umstand, dass der Herr Brautigam aus einer sehr alten Familie und sogar mit Fraulein man denke den Vorzug! vetterlich verwandt war, schien Madame von entschiedener Wirkung zu seyn. Der Emsige hatte nun zwar die Wechseldreistigkeit zu behaupten, dass alle Edelleute von A und alle Burgerliche von d a m abstammten, und insoweit auch verwandt waren; indess wusste das in der Heraldik und Genealogie nicht unerfahrene Fraulein ihm die Verdienste einer adeligen Abkunft so weitlaufig und meisterhaft auseinander zu setzen, dass er vor lauter Ueberzeugung einschlief. Sie erniedrigte sich zuweilen zur Probe, wenn sie allein waren, Madame und ihre Tochter C o u s i n e zu nennen. Das erstemal, da dieser Name durchbrach und, wenn ich so sagen soll, durch das Schlusselloch ausgesprochen wurde, war das Fraulein im Begriff, einen Haufen Holz von der neuen Cousine zu erbitten, den diese ihr denn mit zuvorkommender Freundschaft dreidoppelt bewilligte, so dass sie in drei Haufen ihre vetterliche Zuneigung lichterloh brennen liess. Ich wette, es ware ihr Cederholz zugestanden worden, wenn sie es darauf angelegt und der Emsige nicht peremptorische Einreden dagegen gehabt hatte. Madam behauptete ubrigens (weil der Emsige um die Hausregierung sich zu kummern nicht viel Zeit hatte oder sich nahm) manchen Vorzug, den sie ihrem Eheherrn abgewonnen hatte; sie war grosstentheils zum genere masculino ubergetreten. Landlich sittlich Madam verlangte auf den Grund dieses Vorzuges ein vollstimmiges Ja zur Heirath; indess wusste er es doch, wiewohl mit genauer Noth, dahin zu bringen, dass man, statt dieser Formlichkeit, sich mit blossem Kopfneigen begnugte. Der Geist C a p r i z z i o ist sauber und unsauber, je nachdem der Ort beschaffen ist, wo er einkehrt. In der Seele des Emsigen war er so unsauber, dass die Sauberkeit des Frauleins Cousine dazu gehorte, alles ins Geleise zu bringen. "Wer sollte denken, Fraulein," liess der Emsige im Zorn sich aus, "dass Sie auch zu m a k e l n verstehen?" Und ein andermal: "So wie ich m e i n e p r o p r e (eigene) H a n d l u n g f u h r e , s o hatt' ich mir auch einen Schwiegersohn mit proprer Handlung oder wenigstens mit proprem Vermogen g e w u n s c h t ." Cousine fing an, ihrer neuen Verwandten die Feile zu geben, und rieth z.B. der kunftigen Frau Baronin, etwas weniger gesund zu seyn und sich ruhmlichst einer blassen Farbe zu befleissigen. Ein gar zu gesundes Aussehen sey so unvornehm, sagte sie, dass es ins Baurische falle. Das allerliebste Madchen (das einen Konig hatte beglucken konnen, wenn er nicht eine Prinzessin zu ehelichen verbunden ware), sollte sich Muhe geben, krank zu werden! Da indess die Liebe eine Krankheit ist, so machte ihr diese Rolle keine grosse Muhe, wozu freilich die vaterliche Begegnung, welche der mutterliche Trost nicht vollig unkraftig machen konnte, auch das ihrige beitrug. Ein merkwurdiges

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Gesprach

fiel zwischen dem Emsigen und Madam uber das Kreuz vor, das ihren kunftigen Herrn Schwiegersohn bezeichnete.

"B l i n d !" sagte der Emsige, da er den Abend seinen Posttag fruher als gewohnlich beendigt, und wegen eines gestrandeten, nicht verassecurirten Schiffes, das ihm im Kopfe noch einmal strandete, Verfugungen getroffen hatte: "blind! blind! blind!"

Wer blind? erwiederte Madam.

"Sophie blind! Du blind! Alles blind!"

Sophie?

"Ja sie, sie und Du und die neue Cousine; der Baron hat euch Augen und Verstand ausgestochen "

"Wer ist leidig!"

Du, der Nachbar und alle die nicht einsehen, dass der Baron

"Arm wie Hiob ist, der aber sehr reich wurde, ohne dass er einem ehrlichen Manne seine Tochter stahl "

Wenn die Mutter einen Schwiegersohn hat, bindet sie es eher mit ihrem Manne an, und erwartet von dem Schwiegersohn Unterstutzung; als ob er ihr mehr, als dem Schwiegervater zugehorte. Der Emsige verstummte vor seiner Schererin, zuckte die Achseln, und sagte nach vielen Hin- und Ruckreden auf eine kaufmannisch witzige Art: der Wechsel des Herrn Baron sey par onore di lettera bezahlt. "Lettera," sagte die Frau Schwiegermutter, und verstand keinen Laut von allem, was ihr zu Ohren gekommen war. "Lettera!" beschloss der Emsige und knirschte mit den Zahnen. Ware die Cousine dabei gewesen, sie hatte auch lettera gesagt, und keinen als der Emsige, der mit dem Kalbe des Wechselrechts gepflugt hatte, wurde den Sinn dieser Redensart verstanden haben.

Der Nachbar, fing der Emsige an, hat sich Leides gethan

"Den Hals abgeschnitten?" fiel Madame ein.

Die Borse einmal versaumt, erwiederte der Emsige; und s i e fiel so in's Lachen, dass der Emsige aus der ganzen Connexion kam, und ein Punctum statt eines Comma's machte.

Bin ich denn nicht Vater? fing er zu einer andern Zeit an.

"Was das fur eine Frage ist!" erwiederte sie, ohne sich uber diesen Umstand weiter auszulassen. Es ward vielmehr eine so bedenkliche Stille, dass beide streitende Parteien es gern zu sehen schienen, als Fraulein Cousine, die sich eine kleine Bewegung gemacht hatte, damit der Abend dem Mittage nichts nachgebe, wie gerufen dazwischen kam. Das Gesprach fiel auf die

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Hochzeit.

Die Hochzeit ist die Zahl Z e h n , sagte mir ein weiser Mann, und es ware eine herrliche Sache, dergleichen Haupt- und Kernworte auf Zahlen zu bringen. Mir macht es eine nicht geringe Freude, dass der Vater meines Helden eben . 10. Hochzeit halt. Der Brautigam drang, nachdem der Emsige den berlinischen Wechsel (bis auf die Zinsenhefen, wie der Emsige sich ausdruckte) bezahlt und dem Herrn Schwiegersohn die Schuldverschreibung eingerissen zuruckgegeben hatte, auf Ehebett und priesterlichen Segen. Der Emsige nannte diese beiden Stucke: H o c h z e i t ; Madam und der Brautigam: B e i l a g e r , an welchem Anstosses fand, dass er sich des lautesten Unwillens uber die galanten Greuel dieser letzten betrubten Zeit nicht enthalten konnte. Nach vielen weitschweifigen Deliberationen ward man uber folgende Umstande eins, die der Rechtsfreund des Hauses zu Hauf brachte.

1) Das Beilager, alias Hochzeit, ist uber sechs

Wochen; (Alias! seufzte der Emsige, als der Rechtsfreund sich bei diesem ersten Punkte rausperte.)

2) wird zum Andenken des Stammvaters Adam im

Garten,

3) incognito,

4) ohne Klang und Sang gehalten.

5) Beide Hochverlobte treten in Adam-Evaische

Gemeinschaft der Guter, damit eins dem andern nichts vorrucke, es mogen Capitalien oder Ahnen seyn. (Was Gott zusammenfugt, soll kein Ehepakt scheiden.)

6) Lieben einander bis in den Tod, und zeugen

Kinder, die ihrem Bilde ahnlich sind von Rechtswegen fur und fur.

7) Der S.T. Nachbar wird ehrenhalber zur Hochzeit

gebeten.

Ich wette, fiel die Frau Schwiegermutter bei S.T.

ein, ich wette hundert gegen eins, er wird an diesem Tage die Borse nicht versaumen!

"Und kein Leichenbegleiter seyn wollen," setzte

der Emsige hinzu.

Dieser Incidentpunkt endigte das Protocoll des Rechtsfreundes, so dass mit der Sieben diese Punktation abgeschlossen ward. "Ein schlechtes Omen!" meinte der Emsige, da der Rechtsfreund die Feder zur Ruhe brachte. Was braucht es denn hier des Omens? erwiederte Madame.

Guter Emsiger, ziehe aus deine Schuhe, denn die Zahl Sieben ist heilig! Hatte der Nachbar sich auf das N e g o c i i r e n besser, als der Emsige auf die Zahl S i e b e n verstanden Sophie ware Madam Nachbarin und nicht Frau Baronin geworden fur und fur. Zu spat liess er dem Baron die Valuta der Wechselschuld nebst den Verzogerungszinsen, und obendrein ein siebenmal so grosses Capital, als Reukaufsgeld, wie er es nannte, anbieten. Zu spat, Freund Nachbar! die Sache ist zu weit gekommen. Doch machte der Baron von diesem Antrage nicht den mindesten Gebrauch zu seinem Vortheil und des Nachbars Nachtheil. Fraulein Freitisch war die einzige Depositarin dieses Geheimnisses.

Die Hochzeitfackel ist fertig zum Anzunden, und es wird Zeit, dass wir uns auf eine Schussel G e r n g e s e h e n , wie der Emsige sein burgerlich zu reden pflegte, in dem Garten des Brautvaters vor dem Thore einfinden. Dieser so nothwendigen Kurze ungeachtet, muss ich den sieben Punkten des Rechtsfreundes noch hinzufugen, dass Madam und der Emsige bei dieser Eheangelegenheit ein siebenpunktliches Pactum dotale, freilich etwas spat im Jahr, indess doch immer gultig, wiewohl ohne Rechtsfreund, abgeschlossen hatten. Nun und nimmermehr wurde einer von diesen sieben Ehepaktspunkten zu Stande gekommen seyn, wenn nicht der Emsige sich hierdurch eine noch weit schwerere Last hatte abkaufen konnen. Es war auf nichts geringeres angesehen, als dass er, zur Ehre und auf Kosten seines adeligen Eidams, CommerzienRath werden sollte. "Warum nicht gar!" erwiederte er einem Schmeichler, der ihm vorschussweise diesen Namen beilegte. "Wo es Commerzien-Rathe gibt, da geht es mit dem Handel schlecht; und ist es Wunder, dass diese Herren nicht zum Handeln, sondern zum Rathen sind? Weit lieber," fugte er wohlbedachtig hinzu, "nach den Specien der hochedlen Rechenkunst Numerations-, Additions-, Subtractions-, Multiplications-, Divisions-Rath." In der That nicht sieben, sondern siebenzigmal sieben Punkte hatte unser Emsige eingeraumt, um dem Commerzien-Rath auszuweichen. Und die sieben Punkte?

1) Der Commerzien-Rath wird an seinen Ort ge

stellt, der wahrlich schon sehr voll ist.

2) Madam will nicht mehr L i e b e F r a u , son

dern m e i n e L i e b e heissen. Er dagegen heisst nicht l i e b e r M a n n , sondern m e i n L i e b e r . Anfanglich ward auf mon cher und ma chere bestanden.

3) Zu Hause bleibt das Band der Ehe unverletzt, in Gesellschaft je langer, je lieber; wie Madam sich ausdruckte: je fremder, je angenehmer.

4) Die Tochter wird nach der Hochzeit die Baronin genannt, und

5) Der Schwiegersohn heisst nicht H e r r S o h n , sondern H e r r B a r o n .

6) In Abwesenheit werden sie der gnadige Herr und die gnadige Frau pradicirt.

7) Das Wort: W e c h s e l , wird sorgfaltig vermieden, und alles mit dem Mantel der christlichen Liebe bedeckt.

"Wo nur ein Mantel helfen kann!" fiel der Emsige ein; und so ward auch diese Punktation mit der bosen Sieben beschlossen.

Wieder Sieben! fuhr der Brautvater erschrocken auf. Wenn es nur nicht ein T r a u e r m a n t e l wird! setzte er mit einer Betrubniss hinzu, die allen auffiel. Die Tochter sah ihn zartlich an, die Mutter war stumm. Das unbedeutende Wort T r a u e r m a n t e l traf sie so, dass man sagen konnte, sie sey auf der Stelle geblieben. Es gibt solcher Art Worte, die man zur Erkenntlichkeit S c h l a g w o r t e nennen konnte; und man kann sicher glauben, dass viele Leute an dergleichen Worten sterben sie wissen nicht wie. Sieben Tage vor der Hochzeit klagte Madam uber Kopfweh. Der Emsige, den sonst dergleichen Zufalle s e i n e r L i e b e n , als sie noch seine F r a u war, sehr zu interessiren pflegten (falls sie nicht so ungezogen waren, ihm an einem Posttage beschwerlich zu fallen), blieb, da jetzt zweimal sieben Punkte ihn beugten, bei der gegenwartigen Kophfkrankheit s e i n e r L i e b e n gleichgultig; und ohne ihr, wie sonst, Hofmanns Lebensbalsam auf Zucker zu traufeln oder ihr einen Aderlass in Vorschlag zu bringen, liess er der Krankheit freien Lauf, wie er bis jetzt im Durchschnitt seiner Lieben uberhaupt freien Lauf hatte lassen mussen. Den zweiten Tag vor der Hochzeit konnte sie sich weiter nicht auf den Beinen halten; sie legte sich, und ob es gleich ihrem Manne nicht in Sinn und Gedanken kam, Aufschub der Hochzeit zu verlangen, so kam sie doch diesem Gedanken weislich zuvor, weil der Herr Schwiegersohn von keinem Aufschub horen und wissen wollte. Madam liess den Emsigen vorladen. Er erschien; und eh' er noch Zeit hatte, sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, versicherte sie ihn hoch und theuer, dass sie sich von Minute zu Minute erhole. Desto besser! Denn, dacht' er, ohne es zu sagen, die Opferthiere sind geschlachtet und alles bereitet. "Du bist feuerroth im Gesicht, liebe" liebe F r a u , wollt' er sagen, strich aber F r a u punktationsgemass aus. Sie schwieg.

Den heiligen Abend vor der Hochzeit um 7 Uhr Morgens liess Madam ihren Mann nicht v o r l a d e n , sondern bitten.

Ich sterbe, lieber Mann! sagte sie, da sie ihn sah; ich sterbe! "Gott im Himmel! Du stirbst?" erwiederte der Emsige, und vergass die zweimal sieben Punkte und alle bosen Sieben, die uber ihn ergangen waren. "Du stirbst?" Ich sterbe, und Dich segne Gott, und lohne Dir alles, alles! Vergib! Hier vertraten Thranen ihr den Ausdruck. Herzlich nahm der Emsige die Hand seiner L i e b e n , die nun so ganz wieder seine F r a u war. "Ach, sagte sie, vergib!" Alles, erwiederte er, und stiess selbst das Wort W e c h s e l , das unzeitig sich vordrangen wollte, von seiner Lippe, so dass es bebend heimging. O des theuren und werthen Wortes: L e h r e u n s b e d e n k e n , d a ss w i r sterben mussen, auf dass wir klug w e r d e n ! sagte Madam. "Und keine Wechsel stellen," wandelte den Emsigen an hinzuzufugen; indess wusste er zeitig genug seine Zunge zu zahmen, und nicht bloss seine Lippen, sondern auch sein Herz rein zu halten, alle arge Gedanken bis auf jeden letzten Heller derselben aus seinem Gemuthe zu verstossen, so dass er ihr keine einzige Sunde behielt. Nur den Loseschlussel hatte er in seiner Hand. Sie weinten beide. Wer hatte das dem Emsigen zugetraut! Der Kaufmannsstand hat in der ganzen Welt etwas von der Manier der Hollander. Wenn Mann und Frau in Holland, will's Gott! dreissig bis vierzig Jahre Thee zusammen getrunken haben, so wird keins von beiden, falls Gott Eins lieber hat, je nachdem es gut oder bose war, sich freuen oder betruben. Was Zuneigung und Liebe heisst, gehort in Hinsicht der Kauf- und Handelsmanner auf der Borse zu Hause, wo sie mit Inbrunst, Herzensbeklemmung und einer Art von verliebter Exstase zittern und froh sind, vor Empfindung verstummen oder beredt werden, schwer oder leicht Athem holen, seufzen oder jubeln, sich die Hande reichen oder wegstossen Als Braut und Brautigam zu der Sterbenden wollten, war sie in Verlegenheit; und, siehe! selbst ihre Tochter wollte sie in den letzten Lebensaugenblicken nicht bei sich haben. An den Baron war vollends nicht zu denken; ihr lieber Mann allein sollte sie nicht verlassen noch versaumen. Die Tochter nannte sie, wie ehemels, S o p h i e , und hatte sie gestern und ehegestern und seitdem sie zu sterben glaubte, ermahnt, ihrem Vater gehorsam zu seyn bis in den Tod! Der Emsige hatte bei sich geschworen, alles anstassige, und vornehmlich das Wort W e c h s e l , zu vermeiden; indess entfuhr ihm doch hiess confiscirte Wort, und lichterloh war es zu bemerken, wie der Sterbenden vor dieser losen Speise ekelte. Vergib! war ihr letztes Wort, nachdem sie kurz vorher den Nachbar zu grussen gebeten hatte. Dieser Hartherzige blieb den Dank schuldig; er hatte danken sollen! Er vernahm ihre Reue, und hoch vergab er nicht; vielmehr war er so bitterbose, dass ich fast glaube, er wird den Himmel verbitten, wenn Madam sich dort aufhalt. Viel wurd' er dabei nicht einbussen, weil dort ohne Zweifel keine Borse ist. Ob der Himmel verlieren wird, ist noch weniger die Frage. Freilich war es die Sterbende gewesen, die dem Nachbar Hoffnung zur Hand ihrer Tochter gemacht, ehe beide den Stern gesehen hatten. Darum aber einer Sterbenden zu fluchen! Hat Sophie verloren, dass sie nicht Frau Nachbarin ist? Ich glaube nein. Der Emsige, der an sich ohne alle Beobachtungsfahigkeit war, verwunderte sich hochlich, dass seine liebe Frau sich nur auf eine allgemeine Beichte einliess. Freund, die allgemeine Beichte liegt in der Natur des andern Geschlechtes. Er hatte vielleicht Ursache gehabt, uber das Wochenbett, wodurch er rechtskraftig zum Vater der freiherrlichen Braut erklart ward, sich einige Aufschlusse zu erbitten, woruber, wie es hiess, viel zu sagen ware; doch fiel es ihm nicht ein, es auf eine dergleichen Ohrenbeichte anzulegen. Sie blieb ihm unter den Handen. Der Emsige, der wahrend seines ganzen vieljahrigen Ehestandes bestandig sich ein Auge zugedruckt hatte, druckte jetzt seiner lieben Frau, mit einem vollig ausgesohnten Herzen, beide zu, und kam mit einem Gesicht, das malerisch war, zu den Verlobten. Sie ist todt, sagte er. Die Tochter weinte und gab sich Muhe, durch das Johanniterkreuz sich aufzurichten, welches ihr indess durch das mit Thranen bedeckte Auge so reizend nicht dunkte. Der Emsige dachte gewiss an seinen Tod, auf dass er klug wurde; sonst hatte er nicht so kenntlich den Zug im Gesichte stehen lassen, der so laut sagte: Friede sey mit euch! Es ward eine Conferenz angezettelt, ob die Hochzeit aufgeschoben werden sollte. Der Baron drang auf Nein, da die Hochzeit still, ohne Klang und Sang ware. Der Emsige trat bei: wir wissen warum. Die Braut schien zwar nicht vollig unzufrieden, dass die Pluraliat schon vorhanden war, ohne dass sie ihr Votum abgab; sie hatte indess ihre Mutter zartlich geliebt, und wurd' es eben so gern gesehen haben, wenn die Aussetzung der Hochzeit per plurima ware entschieden worden. Dessen ungeachtet ward beliebt, das Consilium des Geistlichen, der die Seelenangelegenheiten des Hauses besorgte, einzuholen. Dieser Ehrenmann fand es bedenklich, dass Madam ohne sein Vorwissen und seine Genehmigung die Zeit mit der seligen Ewigkeit verwechselt hatte; aber nachdem ihm der leidtragende Herr Wittwer zu verstehen gegeben, dass der Tod, ohne sich melden zu lassen, gekommen (a la fortune du pot, wurde das alte Fraulein gesagt haben), und dass die Selige in den Worten: "Herr, lehre mich bedenken, dass ich sterben muss, auf dass ich klug werde!" viel Heil und Segen gefunden, so schien der Hausgeistliche diese Worte auch auf seinen selbsteigenen Seelenzustand zu nutzanwenden, und begnugte sich sein sauberlich (in Miterwagung, dass er seine Gebuhr schon bei der Trauung einholen konne), dem entseelten Korper auf dem Leichenbrette und nachher in der Erde eine sanfte Ruhe, und am jungsten Tage eine frohliche Auferweckung zur Auferstehung der Gerechten zu wunschen. "Ihre Seele," fuhr er fort, "ist in Gottes Hand, und keine Qual ruhrt sie an." Keine Qual ruhrt sie an, wiederholte der Emsige, und sah dem Baron, ich glaube ganz von ungefahr, ins Gesicht. In der Hauptsache eroffnete der Herr Gewissensrath, nachdem ihm der Casus vom Vater und Brautigam uno ore vorgetragen worden war, seine Meinung praemissis praemittendis dahin: dieweil Ehen im Himmel geschlossen wurden, die selig verstorbene Brautmutter nachstdem auch, wie wir nach der Liebe hofften, sich in den frohlichen Wohnungen der Gerechten befande, und christliche Todesfeier weit eher ein Freuden-, als ein Trauerfest ware, sie auch selbst den Tag der Hochzeit gewusst und ihn sogar besorgt hatte, so dass man ihn in gewisser Rucksicht als ihren letzten Willen ansehen konne: so sey nichts unbedenklicher, als ohne Aufschub die Hochzeit zu feiern. Die Aegyptier, fuhr er fort, hatten die Gewohnheit, ein Todtengerippe bei ihren Gelagen aufzustellen; und wenn man der Sache naher tritt, so war ausser diesem theatro anatomico der Magen das zweite, theatrum anatomicum, und ist es noch! Man merkte aus allem, dass der Baron den Herrn Gewissensrath schon zu diesem Voto vorbereitet und ihm mit vollwichtigen Grunden an die Hand zu gehen nicht ermangelt hatte. Den Emsigen wurden diese geistlichen Ursachen sicherlich nicht uberzeugt haben, wenn nicht seine Ochsen und sein Mastvieh geschlachtet gewesen waren; und so ging denn die Hochzeit vor sich, und der gute Prediger mischte essentia amara und essentia dulcis, Tod und Hochzeit, um doch hier und da auf die veranderten Umstande Rucksicht zu nehmen, wie ein Spiel Karten unter einander, so dass man nicht wusste, was Trumps und wie man geschoren war. Einer seiner Collegen, den man einer weitlaufigen Verwandtschaft halber als Hochzeitsgast eingeladen hatte, bemerkte, dass man nach dieser Rede seines Herrn Collegen ungewiss bliebe, ob man zur Hochzeit oder mit Abraham, Isaak und Jakob zu Tische gehen sollte. Dass Ehen im Himmel geschlossen wurden, in welchem sich die Brautmutter befande, war die Achse, um welche sich die Rede drehte. Der Emsige freute sich innerlich, dass der himmlisch gesinnte Geistliche die Hochzeit und Standrede so artig zu verbinden gewusst hatte, und dass er doppelten Gebuhren entgangen war, obgleich, unter uns gesagt, der Geistliche so wenig einbusste, dass, wenn auch der Baron als latus per se ihn nicht bestochen hatte, er doch hinreichend durch das Geschenk entschadigt worden ware, welches der Emsige ihm gleich nach dem Dixi in die Hand druckte. Das Wechselrecht hatte ihn prompt seyn gelehrt. Unserm Himmelsboten schmeckte denn auch das Essen und Trinken besser, weil er sich so meisterlich darauf verstand, in der Tasche die Siegel zu brechen und die Dukaten zu zahlen, dass es ihm selbst nicht entging, ob sie gerandert waren oder nicht. Das

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Paradebegrabniss

geschah funf Tage nach der Hochzeit, ohne mehr Parade, als hochst nothig war. Bei aller Muhe, die der Gewissensrath sich gab, in der Stadt diese Angelegenheit zu bemanteln, liess das Gerede sich doch nicht ausrotten. Er selbst busste sechs Beichtkinder ein, bei denen er aber wenig verlor. Dem Nachbar wurden von der studirenden Jugend, welche die Volksjustiz auszuuben gewohnt ist, die Fenster eingeworfen, und dem Emsigen konnte man es nicht vergeben, dass er aus leidigem Geize die Hochzeit nicht ausgesetzt, und dass er seine Frau, der freiherrlichen Verbindung halber, gegen die er sich zu wechselrechtlich erklart, in die Staub seiner Gattin zu besuchen, und sich von ihrem entflohenen Schatten eine Erscheinung zu erflehen, oder sich gar einzubilden, dass sie seine Seufzerlein behorche, seine Thranen zahle und auf ihn herablachle. Wer wollte auch so viel von einem Kauf- und Handelsmanne verlangen, der gewiss schon mehr that, als von Hunderten seines Gleichen zu erwarten ist! Indess betrauerte er sie wirklich, so wenig auch seine Herzenstrauer bei dem Publikum, das einmal seines Geizes halber den Stab uber ihn gebrochen hatte, Glauben fand. Die selig frau kam am besten bei dem Volksgerichte davon, weil sie todt war. Unter der Erde liegt Eldorado nirgends anders, als unter der Erde. Das

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junge Paar,

dem nun freilich sein beschiedenes Theil auch nicht vorenthalten blieb, machte sich sehr zeitig aus dem Stadtstaube, und entging dem Wespenstiche der bosen Zungen durch seinen Einzug auf den freiherrlichen Gutern, wo alles, was lebte und Odem hatte, dem jungen Ehepaare jubilirend entgegenkam. Man hat sich zu sehr an den Soldaten die Augen verdorben; sonst ist ein Menschenhaufe, jung und alt, Mann steht und fallt, ein contrastirendes, ein herrliches, malerisches Bild: ein englischer Garten, wenn ein Soldatenhaufe einem hollandischen ahnlich steht. Auf die Baronin, deren Seele (bis auf die Stern- und Kreuzseherei) gut und unverfalscht war, machte das Landleben einen lebendigen Eindruck, der, wie der lebendige Glaube, in Liebe thatig ist. Das neue Ehepaar lebte, wie fast jedes neue Ehepaar, nach dem Vorbilde des A d a m - E v a s c h e n P a a r e s in den ersten Tagen im Paradiese; und ob es gleich dem Afterreden und dem bosen Leumund des benachbarten Adels nicht entging, sondern in dieser Rucksicht aus dem Regen in die Traufe kam, so setzte es sich doch uber diese Verleumdung hinaus, und war vorzuglich nur daruber bekummert, dass der Emsige vielleicht noch einmal heirathen mochte. An einem nebeligen Morgen warf man sogar auf das alte Fraulein Verdacht, da man ihre Ehenetze kannte, und es ward beschlossen, sie, wenn es Ernst wurde, bonis modis auf das Land zu ziehen. Die Anerbietung, ihr nicht nur E i n e n , sondern a l l e T a g e in der Woche den Freitisch decken zu wollen, hatte sie bis jetzt abgeschlagen. Die Ursachen blieben ein Geheimniss und unterstutzten den Verdacht. Doch dieser Verdacht gehorte bloss auf die Rechnung des Nebels und war so ungegrundet, dass der betrubte Wittwer, von Gram und Kummer auf Wegen und Stegen begleitet, sich begnugte, in dem Spiegel von des Herrn Nachbars Kaufmannsgluck das Kreuz seines Schwiegersohnes tagtaglich zu erblicken. Zwar konnte nicht gelaugnet werden, dass der Emsige, der das Freitischfraulein in jenen Wechseltagen formlich angefeindet hatte, sich jetzt ausserordentlich gutig gegen sie betrug; allein was that das zur Sache? Es ist eine weit sicherere Speculation, Menschen zu seinen Wohlthatern, als zu seinen Schuldnern zu machen, wenn man sie benutzen will: sind sie das letztere, so wird es ihnen beschwerlich, uns zu sehen, weil sie gemahnt werden; sind sie das erstere, so sehen sie uns als gute Werke an, mit denen man gern prahlt, und an denen man, durch zweckmassige Bemuhung, ein Meisterstuck in seiner Pflichterfullung gemacht zu haben sich einbildet. Der Emsige wusste selbst nicht, wie er zu dieser Gemuthsveranderung gegen Fraulein Cousine kam; indess war diess auch sein wenigster Kummer. Wer macht seinem guten Herzen nicht gern ein Compliment, und wer findet sich durch dasselbe nicht mit dem lieben Gott und mit sich selbst ab? Wer glaubt nicht, durch den Begluckten die Erfolge einer vernunftigen Thatigkeit vermehrt zu haben? Wer eignet sich nicht dadurch ein Recht auf jene Zwecke zu, die der Gegenstand, gegen den wir wohlthatig waren, bewirkte? Der Emsige hatte gewiss diese Ursachen seiner Zuneigung gegen Fraulein Cousine nicht auseinander gesetzt; vielmehr begnugte er sich, diese als ein Vermachtniss seiner seligen Frau anzusehen. Auch gut! Selbst wenn wir durch einen minder edlen Beweggrund Wohlthatigkeit bekommen haben, gewinnt sie doch uber kurz oder lang durch jene edleren Reize, und wir sangen zuweilen an, sie, aus reineren Quellen abfliessen zu lassen. Das neue Paar war ubrigens so wenig gewohnt, sich auf Gnade und Ungnade des ersten Eindrucks zu ergeben, dass an die Befurchtung, die Ameise mochte, zum zweitenmale heirathen, nicht weiter als an diesem und anderen nebeligen Tagen gedacht ward. Die Nachricht, dass seine Tochter sich in mutterlichen Umstanden befande, war der Kreuzkrankheit des Emsigen ein wohlthatiges Kraut und Pflaster; und da er sich entschloss, auf die Guter seiner Kinder zu wallfahrten, bewirkte die schone Natur, wozu seine gesegnete Tochter vorzuglich mit gehorte, auf dem eingefallenen, verbleichten Gesichte dieses Mannes einen so lieblichen Marzschein, dass man mit Grund vermuthen konnte, das Landleben wurde unserm Leidtragenden eine wohlthatige Medicin geworden seyn, wenn ihn nicht der Posttag und der Wechselkurs zuruckgerufen und aus einem unbekummerten, das heisst g l u c k l i c h e n Sterblichen auf's neue wieder einen Kreuztrager gemacht hatten. Uebrigens hatte unser Emsige nicht das mindeste Ansehen; denn da er von seinem Vermogen keinen aussern Gebrauch machte, und das Geld, so wie alles auf Erden, nur durch Anwendung seinen Werth bekommt, so zog kein Bauerjunge den Hut vor ihm ab, welches ihm indess, weil er den seinigen gern schonte, so unwillkommen nicht war, ob er sich gleich ganz augenscheinlich und wie durch das Einmal-Eins uberzeugte, dass einzig und allein auf der Borse der Ruf des Reichen hinreichend gilt, da er dort der Hahn auf dem Mist ist. Die

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Niederkunft

der Frau Baronin erfolgte den 17**. Ein S o h n brach die Rosen ihres keuschen Busens. In der That, sie war schon, und der Nachbar hatte nicht Unrecht, ihretwegen einmal die Borse zu verabsaumen; der Mutter dieses lieben Geschopfes aber hatte er vergeben und fur ihren Gruss danken sollen. Da dieser S o h n der Held der gegenwartigen Kreuz- und Quergeschichte ist, so wird wohl jeder nach Stand, Wurden und Verdiensten belieben, hier bei diesem Kindbette (nach Art des Bischofs, wenn Ihro Majestat die Konigin von England in die Wochen kommen will) sich aufzuhalten und sich die Zeit nicht lang werden zu lassen. Lange soll es nicht wahren. Die Wochnerin hatte den ersten Sieg ohne Verlust errungen, und war, frohlich wegen des Vergangenen, und voll guter Hoffnung wegen des Kunftigen. Den ritterlichen Herrn Vater indess wandelten auf einmal Wehen an, indem der Gedanke wie ein Gewaffneter ihn ergriff: Dein Sohn ist Johanniterritter- unfahig. Er unterlag diesem Turken von Gedanken, und fand keinen Trostgrund, der ihn entband. Schwerlich wurde das FreitischFraulein ihm diesen Dienst haben leisten konnen. Zwar hatte er so viele christliche Liebe und mannliche Zuneigung zu seinem auch in den Wochen nach schonen und liebenswurdigen Weibe, dass er sich bemuhte, ihr seinen Schmerz auf alle Weise zu verbergen; indess harmte ihn diess schleichende Fieber so ab, dass, wenn man den Lauf der Natur nicht besser gekannt, der Zweifel sich hatte einschleichen konnen: ob er oder sie in Wochen gekommen ware? Kind und Mutter waren frisch und munter; nur der Herr Vater lag (nach Art gewisser Volker bei denen die Ehemanner die Sechswochen halten) am Verlust, der JohanniterEhre in Hinsicht seiner Descendenz so gefahrlich

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krank,

dass alles im ganzen Hause seinetwegen in Besorgniss stand. Niemand war verlegener bei diesem sonderbaren Zufalle, als der grundgelehrte Hausdoktor, indem er in seiner vollstandigen Receptensammlung nichts von dieser Krankheit fand; wie ihm denn auch in seiner lange, todtreichen Praxi nie ein Johanniter-Fieber in den Weg gekommen war. Er verschrieb den Teich Bethesda, die Brunnenkur, welche der Baron nicht so ganz unrichtig den faulen Knecht der Aerzte hiess. So wie indess in Fallen, wo die Kunst verzweifelt, die mutterliche Gute hat, zu Hulfe zu kommen oder zuzuspringen, so schien auch hier eine Krankheit der andern den Lauf zu hemmen, indem

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ein Schwindel

den Emsigen, und zwar an heiliger Statte, auf der Borse, unvorbereitet befiel, so dass seine Fusse ihm Knall und Fall den Dienst aufkundigten, und er nach Hause getragen werden musste. Man sagt, die Nachnoch uberdiess falsch war, habe dem Emsigen diesen Streich versetzt oder gespielt. Es war eben Freitag, als dieser Sterbefall sich ereignete, und die Cousine hatte sich ungewohnlich, nach formlicher Einladung, zum Mittagsmahl eingefunden. Sowohl der Nachbar, welcher der Hauptleichentrager war, als das heisshungrige Fraulein bewiesen bei dieser Gelegenheit augenscheinlich, wie sehr Dienstpflicht und Erkenntlichkeit von Freundschaft und Liebe unterschieden sind. Gottlob! dass sie es sind! Was ware auch sonst in dieser Zwangs- und Dienstwelt anzufangen? Zwar ist man des officiellen Dafurhaltens, dass Liebe und Freundschaft ein paradiesisches, arkadisches, goldenzeitliches Produkt, ein ubertriebenes Etwas waren; was nennen aber diese Kaltherzigen Uebertreibung?

Liebe und Freundschaft lassen die Landstrasse bei Seite, und schlagen den Richtsteig ein; sie wandeln die enge Strasse, die wenige finden und die von wenigen gesucht wird. Dienstpflicht thut, was vorgeschrieben war, ist genau auf Wort und Werk, behutsam auf Punktum und Komma, Kolon und Semikolon; beobachtet eine kalte Vorsicht, einen gewissen Anstand, so dass alles, was hier vorfallt, zur Noth auf Stempelpapier sein sauberlich verzeichnet werden konnte. Dienstpflicht schreibt kanzleimassig; Theilnehmung hat zu viel zu thun, um auf Buchstaben Zeit zu verwenden. Nicht Gelehrte, sondern Freunde, schreiben schlecht. Beim Verlust des Freundes will der Freund nachsterben; was soll ihm das Leben, da seine Halfte nicht mehr ist? Nichts als dieser Verlust interessirt ihn, und es ist eine schrecklich schone Lage der Freundschaft, nach jenem Verluste nichts mehr zu verlieren zu haben! Wenn gleich die Zeit, welche die besten Feueranstalten besitzt, den Brand der Leiden des Freundes zuweilen zu loschen scheint, so bricht doch alles sehr leicht wieder in neue Flammen aus, und ein Wort, ein Laut, kann sie aufregen. In dem Hause des Emsigen war alles kalt wie der Tod! Der Emsige schlug die Augen auf und sah Cousinen, die vorschriftsmassig ein paar Thranen aus dem Schatzkastlein ihres guten Herzens hervorzog und zum Besten gab. Diess nothigte den Sterbenden, in der Ordnungen zu bleiben, und sie dem Nachbar in bester Form Rechtens fur die Sonn- und Festtage abzutreten und sogleich zu ubergeben. Dieser hatte die Eiskalte, wahrend dass der Emsige starb, mit Cousinen zu capituliren und zum ersten Eingange der Capitulation den Umstand weislich zu uberlegen, dass er noch unverheirathet sey. Sie blieb die Antwort nicht schuldig, dass ihre beiderseitige Tugend uber denVerdacht erhaben ware; mit Fleiss vermied sie ihr graues Haupt, das sie stadtkundig mit Ehren trug. Nach diesem ins Reine gebrachten Hauptzweifel wurden noch andere Nebenpunkte in Erwagung gezogen, weil es doch hier weiter nichts zu thun gab, als die Kleinigkeit dass der Emsige starb. Der Nachbar hatte namlich wegen eines schrecklichen-Bankrotts, woraus der liebe Gott, wie er sagte, ihn wie Lot aus dem Feuer gezogen, dem Herrn schon vor sechs Jahren ein Gelubde gethan, alle Sonn- und Festtage zu fasten; er tauschte also mit Tagen, welches Cousine, wenn sie gleich an Tagen verlor, doch um so lieber einging, da sie Sonntags einer alten Verwandtin leicht fiel, deren Willen sie in gewisser Art unter dem Schlussel hielt, und die sie mit Rath speisete, wenn jene ihr That auftischen liess. Und so starb denn unser Emsigen, verlassen von allem, was Liebe und Freundschaft vermag, wahrend des Freitischhandels, und nahm noch den vollig abgeschlossenen und berichtigten Gedanken mit, dass die Cousine nicht alle Sonn- und Festtage, sondern Freitags, excipe den Charfreitag, und wenn Weihnachten auf den Freitag fiele, als auf welche Tage sich das Gelubde des Nachbars mit erstreckte, bei dem Nachbar essen wurde. Ein Feind selbst wurde dem Emsigen mehr Liebe erwiesen, sein Blut wenigstens in sanfte Bewegung gewacht, und seiner Krankheit vielleicht etwa hierdurch eine glucklichere Wendung gegeben haben. Unsere Lebendigtodten nicht also. Zur Steuer der Wahrheit muss ich bemerken, dass es in Absicht des Leibes an innerlichen und ausserlichen Aerzten nicht fehlte; nach dem Seelenarzte ward ein Bote geschickt, der indess zur Uebereilung keinen innern Beruf fuhlte. Der Nachbar, und nicht der Emsige, fiel auf diese geistliche Arznei. Da aber der Seelenarzt nach einer Traurede bei dem Hochzeitsmahle beschaftigt war und zu der Natur des Emsigen das gute Vertrauen unterhielt, dass er dem Tode doch wenigstens so lange Widerstand leisten wurde, bis der wohlehrwurdige Magen die erste Verdauung vollendet hatte, so nahm es der Chirurgus uber sich, dem Gewissensrathe Gang und Muhe zu sparen und sich wenigstens des Magens eines Mannes anzunehmen, der diessmal seines Beutels so wenig eingedenk schien. Ob die Nachricht des dienstfertigen Chirurgus die Essund Trinkfreude des Gewissensrathes unterbrochen, oder dieser aus Ueberzeugung von der freiherrlichen Freigebigkeit sich in den erlitteten Verlust gefunden habe, lass' ich an seinen Ort gestellt. Der

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Nachruhm,

den man den Credit nach dem Tode nennen konnte, hatte den Emsigen nicht sonderlich interessirt; vielmehr war sein Dichten und Trachten dahin gegangen, seinen Credit bei seinem Leben, wie er selbst sich ausdruckte, gleich einem rohen Ei zu schonen. Er vor dem Tode, der Emsige. Die Stadt behauptete, der Wohlselige sey am Johanniter-Kreuz und Leiden, und zwar wohlverdient, gestorben obgleich der vermeintliche Bankerott in Amsterdam die einzige Ursache seines plotzlichen Hintrittes war. Hatte man gewusst, dass, als der Emsige seine Tochter besuchte, die schone Natur auf den Rosenthalschen Gutern, wozu seine Tochter einen so reizenden Beitrag darstellte, dem Emsigen so wenig missfiel, dass ihm vielmehr die Landluft bei einem Haar einen lebendigen Odem in seine Nase geblasen hatte! Doch konnte ein solcher Baum nicht auf den ersten Schlag fallen. Es ging ihm wie dem Felix, der auf gelegenere Zeit zur Landluft wartete; und noch blieb unser in Stadtsunden t o d t e s t e r T o d t e r ohne Auferstehungsregung. Die Eilbotschaft von seinem naturlichen Tode bewirkte bei dem Vater unseres neugeborenen Helden einen Geruch des Lebens zum Leben. Seine JohainniterGrillen zerstreueten sich wie Spreu vor dem Winde; nicht, als ob er uber diesen Hintritt frohlich gewesen ware wahrlich nicht! sondern weil er jetzt mehr nach e i g e n e r M e l o d i e leben zu konnen glaubte. In diesem Verhaltnisse hat das Geld einen entschiedenen Trost. In der That, der Ritter nahm den Hintritt des Emsigen nicht wenig zu Herzen. Er kannte seine Sophie und wusste, wie heilig ihr die Kindespflicht war; diess vermehrte seinen Schmerz. Dieser Schmerz erhielt indess eine andere Wendung, und eine Seelenkrankheit, die den Leib ausserordentlich angreift, ist nicht besser als durch einen Ableiter zu heilen, welches unsere Herren Aerzte nur zu oft vernachlassigen. Mit der innigsten Verlegenheit ging er zu seinem lieben Weibe. "Du kommst ja heute wie die aufgehende Sonne?" Und doch bring' ich Regen, erwiederte der Baron. Wie lange ist es, dass Deine Mutter starb? fuhr er fort; und s i e : "Der Vater ist todt!" Er neigte kunstlich sein Haupt. Sie blieb naturlich, faltete die Hande, und freute sich, dass er in Segen und nicht in Fluch zum letztenmal ihr Angesicht gesehen hatte. Die hofliche Antwort, welche der Emsige auf die Anmeldung der Tochter, dass sie die Mutter eines Sohnes sey, auf dem Comtoir durch den altesten Buchhalter schreiben lassen, und zwar mit Buchstaben, die Hilmar-Curas nicht schoner wurde gemacht haben, hatte, ausser den herrlichen Buchstaben, im eigenhandigen Postscript auch ein paar vaterliche Stellen, und die Beilage eines Wechsels a 5000 Rthlr., schreibe funftausend Reichsthaler, mitgebracht. Ueberhaupt war diess Postscript (bis auf den Umstand, dass der Alte rieth, das Kino nicht nach der Art der Mennoniten so lange liegen zu lassen, bis es Taufe und Communion auf einmal erhalten konnte, und bis auf das Fraktur-Marginale: "Eine Tochter ware mir lieber gewesen!") vaterlich und in Rucksicht des Emsigen zartlich. Die Thranen, welche die Tochter fallen liess, konnten keine bessere Stelle finden, als ihren lieben Sohn, den sie bethauten, und zwar so warm, dass der Kleine keinen Misslaut vorbrachte. Sie liess den letzten vaterlichen Brief mit Hilmar-Curasschen Lettern holen, und druckte ihn an ihr Herz. Der Baron umarmte Mutter und Sohn zartlich, um in das Trauerhaus zu eilen. Den Brief entriss er mit einiger Gewalt den zartlichen Handen einer edlen Tochter, "Zieh in Frieden," sagte die Baronin, "und sey des vaterlichen Postscripts eingedenk!" So ging alles seinen Weg zartlich und guter Dinge. Selten sterben Kaufleute, die an Brief und Siegel gewohnt sind, ohne Testament; indessen mochte unser Emsiger, aus blossem Abscheu gegen die Justizgebuhren, keinen zierlichen letzten Willen gemacht haben. Bloss auf einen unzierlichen Zettel hatte er einige Stiftungen angeordnet, wodurch er sich mit dem lieben Gott in Rucksicht so mancher Handlungsgewissensstiche in aller Stille abfinden wollte. "Lasst der Baron sie nicht gelten," soll er, wie der siebenmal sieben reiche Punktirer versicherte, gesagt haben, "nun, so weiss doch der liebe Gott, dass es nicht an mir gelegen hat." Der Baron erfullte jede Stelle dieses unzierlichen Zettels, deren keine von der Hilmar-Curas-Hand des altesten Buchhalters, vielmehr sehr unleserlich geschrieben war, als wenn der Tod dem Emsigen auf die Hand gesehen hatte. Ueber eine Null bei einem dergleichen Legat, waltete ein nicht geringer Zweifel ob; denn da alle Nullen, wenn sie hinter einer Eins sind, so wie alle Taugenichtse, wenn sie einem regierenden Herrn nachtreten, von einer nicht geringen Bedeutung sind, so war auch hier die Frage zwischen T a u s e n d und Z e h n t a u s e n d . Der Baron setzte es nicht einmal auf das Gutachten des Rechtsfreundes aus, den er den siebenharigen nannte, sondern nahm geradezu und gutwillig zehntausend an, und fand bei all diesen Vermachtnissen so wenig Anstand, dass der Nachbar selbst sich nicht in die Grossmuth des Barons finden konnte, und nicht nur von ihm, sondern von allen Baronen in der Christenheit, wider Willen eine andere Meinung bekam: ob als Kaufmann, ist nicht ausgemacht als Mensch gewiss; und vielleicht gab es alle Jahre im Durchschnitt zehn Stunden, in denen er noch nicht aufgehort hat, Mensch zu seyn! Besonders auffallend war ihm der Umstand, dass der Baron, noch ehe er die Erbschaftsmasse mit einem arithmetischen Auge uberblickte, sich schon erklarte, diese unzierlichen. Zettel erfullen zu wollen. Die mit Nullen verstarkten Anordnungen des selig Verstorbenen fielen dem Baron bei weitem nicht so hart, wie

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die Leichenpredigt,

die der Emsige auf dem unzierlichsten aller unzierlichen Flicke verfugt hatte. Der Baron fuhlte, dass ihm diess eine Art von ranger seyn wurde; indess war ihm auf diese Anordnung, die er herzlich gern mit drei Nullen hinter der Eins mehr abgekauft hatte, heilig, so das er sich, ruhmlichst entschloss, sie als die letzte Oelung, zu der er sich als Schwiegersohn bequemen musste, zu ertragen, und dem Gewissensrathe nur beliebte Kurze empfahl, da er wohl wusste, dass mit dieser Leichenpredigt all sein Wechseljammer und Elend, welches er als Schwiegersohn erduldet, begraben seyn und nicht mehr auferstehen wurde. Der Baron fand es unertraglich, den Wohlseligen und sich so schrecklich lobpreisen zu horen; indess war das Volk m Rucklicht der milden Stiftungen so sehr mit Schwiegervater und Schwiegersohn zufrieden, dass sich hier und da die Stimme horen liess, der Vater sey wohlselig, der Schwiegersohn hochselig, obgleich dem Schwiegersohne mit der Hochseligkeit sehr wenig gedient war, und er sie gewiss ganz gern so weit als moglich von sich entfernt wunschte. Da wir einmal einer Leiche zu ihrer Ruhestatte folgen und an fe ich diese Gelegenheit, das Fraulein Cousine mit ihrem ehrenvollen grauen Haar zu ihrer Ruhe zu bringen. Meine Leser und Leserinnen werden mir die Gerechtigkeit gewiss nicht versagen, dass ich beilaufige Personen in diesen Kreuz- und Querzugen nicht lange qualen lasse; und warum sollt' ich auch? Zwar wurde mir diese rollenfuchtige Schauspielerin keinen Dank dafur wissen, dass ich ihr in dieser Geschichte bloss eine Soubrettenrolle zugetheilt habe, und sie nur so auf- und abtreten lasse; indess bin ich hier der Wahrheit und Natur zu viel schuldig, als dass ich die Rollen parteiisch verteilen sollte. Fraulein Cousine hielt sich wahrend der Leichenpredigt in einem vergitterten Stande auf, wo sie, sich selbst uberlassen, nicht anders scheinen durfte, als sie wirklich war. Die Erinnerung, dass der Sonn- und Feiertagstisch begraben wurde, brachte eine Thrane in Bewegung; allein die Erinnerung, dass dieser Tisch ihr Freitags (exclusive des Charfreitags und wenn Weihnachten auf einen Freitag fielen) beim Nachbar gedeckt sey, liess diese Thrane nicht zum Fluss kommen. Ein Schwert hielt das andere in der Scheibe; und das gute Fraulein wurde die ganze Zeit uber in dem vergitterten Stande zwischen Thur und Angel geblieben seyn, wenn ihr nicht ihr Liebhaber Unseliger eingefallen ware, der vor 45 Jahren die Gottesvergessenheit gehabt hatte, sie boslich zu verlassen. Das, was sie vor aller Welt zu verbergen gewusst, konnte sie in diesem Gegitter Gott und ihrem Gewissen nicht vorenthalten, und in der That, es war gut, dass sie wieder einmal Gelegenheit fand, an einen Jugendfall zu denken, der ihr diessmal schwerer als sonst fiel. Sie entschloss sich vor Gott, zu thun was sie noch konnte; und diess war? Ein Testament zu machen, welches ich sogleich entsiegeln und publiciren werde. Der Freitags-Freiwirth heirathete ein schones und, wohl zu bemerken, reiches Madchen, die eheleibliche Tochter des Johann Peter Hankel, Vater, Sohn et Compagnie. Weder Vater noch Compagnie hatten zur Existenz der Braut einen Beitrag geliefert; vielmehr war bloss und allein der in der Firma genannte Sohn Vater der Braut. Entweder hatte die Cousine bei dieser Ehegelegenheit sich die Sache zu sehr angelegen seyn lassen, oder ihr Magen war mehr uberladen worden, als er tragen konnte; kurz und gut, Fraulein Cousine starb, und, wie man nach ihrem Tode ganz ohne alle Zuruckhaltung sagen konnte, im 60sten Jahre ihres grauen Alters, oder ihrer b l u h e n d e n J u g e n d : wie man will; beides war in der Wahrheit gegrundet. Ihren Nachlass hatte sie, dem im vergitterten, Stande genommenen Entschlusse gemass, einem Menschen zugewendet, der auf einem kleinen Freigute sass 45 Jahr alt war und, wie man sagte, viele Aehnlichkeit von Fraulein Cousine hatte. Er hiess wie das Dorf, und war, nach der Behauptung aller seiner Vorzeitgenossen, ein Findling. Dieser Umstand konnte indess, wie naturlich, der Cousine keinen Abbruch an ihrer fraulichen Ehre thun; vielmehr hatte der Rechtsfreund quaestionis die Sache so in die Sieben geleitet, dass Cousine, welche wo wohlbedachtig alles was Leichencerimoniell ist und heisst, per expressum verbeten hatte, dennoch bei der Danksagung vom Gewissensrath als F r a u l e i n proclamirt, und so in die selige Ewigkeit als eine unbefleckte, reine Braut eingefuhrt wurde. Der Nachbar war glucklich, indem er das Legat gewann. Warum Cousine nicht auf den Rosenthal'schen Rittergut ihr Leben beschlossen? Eine neugierige Frage! Die Wohnung des 45jahrigen war den Rosenthal'schen Gutern in der Nahe.

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Die Taufe

unseres Helden, die ich nicht langer aussetzen kann, wenn auch das Postscript des Emsigen mir nicht den Ausweg vertrate war eine Nothtaufe. Auf der Reitbahn von Entwurfen, wo der Vater unseres Helden sich befand, brachte ihn die Nachricht von der Schwachlichkeit seines ritterunfahigen Sohnes auf den Gedanken, zuruckzukehren und sich vorderhand mit Ueberblick in bester Form annahm: dass er ein Erbherr von dreimalhunderttausend Thalern ware. Geld und Liebe haben die grossten Reize, wenn man ihnen nicht zu nahe ist. Ueberhaupt enthalt d a s N a h e wenig oder gar nichts, was uns befriedigen kann; in tiefe Ferne zu blicken, eine Aussicht, die, wenn ich so sagen darf, ins Unendliche geht, macht uns glucklich: sie ist ein Bild, das uns bloss vorgaukelt und verschwindet, wenn dagegen das Nahe uns so steif und fest vorschwebt, und auswendig gelernt wird, dass es uns oft beschwerlich fallt. Diess ist ein Bild der Zeit, jenes ein Bild der Ewigkeit. Selige Ewigkeit! Unser Baron konnte in der That nicht glucklicher seyn, als er durch diesen Vorschmack der Zukunft geworden war. Die Imagination begnugt sich nicht mit landublichen Zinsen; sie erbauet fur das Geld, wovon kaum eine Hutte zu Stande kommt, einen Palast. Unser Baron hatte sich so tief in diess weite Feld ververloren, dass er Muhe hatte sein eigenes Haus zu kennen, wohin er, ohne zu wissen wie, gelangt war. Es kam ihm jetzt alles so klein vor, dass er nicht begreifen konnte, wie bis dahin Raum fur ihn in der Herberge gewesen ware. Der Sohn seines Leibes war ausserordentlich schwach; und diess brachte ihn aus den Wolken auf die Erde. Er schickte einen Courier zum Prediger loci, und gleich hinterher feurige Rosse und Wagen, um die heilige Taufe zu beschleunigen. Wahrend dieser Extrapost-Veranstaltung war es ihm eingefallen, ob er nicht selbst in hochwurdiger Person, versteht sich, nur dann, wenn der Pfarrer nicht zu Hause ware, den Taufactum ubernehmen konnte; und dieser Gedanke eroffnete allem andern, was sonst in seinem Kopf und Herzen vorging, eine andere Bahn. Da stand er, der geistliche Ritter, in Lebensgrosse! Auf einen Berg Gottes hatt' er sich in seinem hohen Sinne postirt! Ein Hoherpriester dunkt' er sich, unter dessen Fussen die andern Priester ihr Werk trieben; ein Adler, der zur Sonne fliegt, und unter dem tief gesunkene Krahen schreien, und Sperlinge Fliegen fangen. Erwunscht! Der Pfarrer hatte zu einer unglucklichen Stunde den Entschluss gefasst, seinen Schwager zu besuchen, und nicht etwa uber Feld, sondern uber Land zu ziehen. Erst nach drei Tagen sollte er zuruckkommen. Freilich hatte unser Ritter nach einem andern benachbarten Geistlichen schicken, oder auch die Heimkunft des Herrn Ordinarii abwarten konnen, da das Kindlein seit der Zeit sich wenigstens nicht verschlimmert hatte; indess sah er diesen Vorfall als gottlichen Ruf an, und so ward denn zur Vorbereitung geschritten. Bei der Komodie ist die Probe das beste; und wer hat nicht bemerkt, dass die Anstalten zu jeder Feierlichkeit das Hauptstuck bei der Sache sind? F r i e d r i c h II., Konig von Preussen, fragte bei Gelegenheit eines Gevatterstandes den taufenden Geistlichen, dem er beliebte Kurze hatte empfehlen lassen: ob er auch etwa einen nothwendigen Tropfen des Formulars ausgelassen habe? (Der Taufactus kam ihm namlich zu sehr epitomirt vor.) Sollte denn nun wohl nach dieser Frage des allerchristlichsten Konigs F r i e d r i c h s II. jemand scheel sehen, dass ich meinen Helden umstandlich nothtaufe? Noth hat kein Gebot; und wer ist es, der mir hier Regeln vorzeichnen will? Der erste Vorbereitungsumstand war der Ort, wo die Taufhandlung geschehen sollte; und da ward nach genauer Hausvisitation beliebt, dass kein schicklicherer Ort, als die verfallene Capelle, dazu gebraucht werden konne. Zwar war sie seit undenklichen Jahren zu einer Taubenkammer entwurdigt worden; indess ward sogleich der Befehl zur Lauterung und Reinigung erlassen. Unmoglich konnte der Taubenrost von so geraumer Zeit, der sich hier uberall angesetzt hatte, so schnell ausgefegt, und eine Taubenkammer in so kurzer Zeit wiedergeboren werden, dass der alte Adam nicht immer auf die Aergerniss suchenden funf Sinne hatte wirken konnen. Der Stall des Augias schien dagegen ein Kinderspiel. An Geld fehlte es nicht; aber obgleich selbst die Hochseligkeit feil ist, so hat doch das Geld in gewissen Fallen, z.B. in Hungers- und Durstnoth, in Gewissenssachen keinen wirklichen Werth. Auch verlor es seinen Valeur in der Taubenkammer. Zum Gluck wusste unser Hochwurdiger durch ganz andere Mittel dieser Nothtaufhandlung eine Wurde beizulegen, die ein gewohnlicher Geistlicher zu leisten nicht vermag. Hier kann ich den Wunsch nicht bergen, mit den Gaben eines schriftstellerischen Apelles ausgerustet zu seyn, denn ich bekenne frei, dass mir diese Scene fast zu schwer zu malen scheint. Lieber wollt' ich die weiland Konigin Elisabeth von England darstellen, die, wie bekannt, durch v o n G o t t e s G n a d e n schon seyn und aus einer Taubenkammer eine Taufcapelle erzwingen wollte. Zu Gevattern wurden nach der Zahl der Buchstaben 24 regierende Herren, den heiligen Vater mit eingeschlossen, gebeten. Wenn gleich unser Ritter lange in gerechtem Zweifel war, ob und in wie weit Se. Heiligkeit diesen Gevatterstand in einer evangelisch-lutherischen Taubenkammer anzunehmen geruhen wurde, so entschloss er sich doch, bei Gelegenheit dieser Taufhandlung dem heiligen Vater den Pantoffel zu kussen, und war ausser sich vor Jubel, dass Se. Heiligkeit nach allen gehobenen Schwierigkeiten am Ende kein Bedenken trug, Ja zu fragen. Das darf denn auch wohl keinen Wunder nehmen, da die andern Dreiundzwanzig Herren waren, deren Se. Helligkeit sich nicht schamen durfte. Beilaufig dient zur Nachricht, dass das Gevatterbitten im geheimsten Incognito geschah, und dass die, welche die Pathen vorstellten, wahrlich zu Gesandten nicht erkoren zu seyn schienen. Indess kommt es in allen grossen Dingen vorzuglich auf die Einbildung an. Was fur Junger werden nicht oft in alle Welt gesandt, um die regierenden Herren vorzustellen! Und doch sollen diese Herren Reprasentanten, wie man sagt, ihre Originale ubertreffen und ihre Rollen oft besser machen, als sie. Unser Ritter bewirkte diese wichtige Sache in der stillsten Stille und so einsam, wie weiland Se. kaiserliche Majestat Domitian der Fliegenschutze sich von seinen Regierungssorgen erholte. Bloss die Frau Sechswochnerin war von dem Vorhaben des Herrn Gemahls unterrichtet, und sie zerbrach sich denn auch sehr den Kopf, wie doch diese gekronten Haupter unter einander wegen des Ranges einig werden, und besonders, welchen Platz Se. Heiligkeit sich zueignen wurde? Ihr fiel Ihro Durchlaucht die Furstin Fingerlein ein; indess hatte sie nicht nothig sich gegen das Lachen zu waffnen da wohl gewiss bei einer hohen Versammlung. in Menschengoss kein Lachen besorgt werden konnte. Auch erfuhr es nach der Zeit der Pastor loci, welcher gegen die Gebuhr von 24 Ducaten diese 24 regierenden Herren in das Kirchenbuch eintrug, und wohlbedachtig die alphabetische Ordnung wahlte, um in Hinsicht des Ranges aller Verantwortlichkeit fur jetzt und in Zukunft, wenn sein Taufbuch hochsten Orts requirirt werden sollte, auszuweichen. Man sagt, einer unter den Ducaten sey ein Kremnitzer, und zwar ein beschnittener, gewesen, und der Pastor loci habe sich die Freiheit genommen, ihn auf die Rechnung des heiligen Vaters zu setzen. So leicht es um und um genommen dem Ritter ward, die hohen Taufzeugen zu vermogen, dass sie die Pathenstelle ubernahmen, und sie beilaufig in der Taubenkammer in eine geistliche Verwandtschaft zu bringen, so ward es ihm doch ausserst schwer, die ubergangenen Potentaten zu beruhigen, dass er sie nicht zu Taufzeugen gebeten hatte; denn uber die Buchstabenzahl hinaus zu gehen, war nicht sein Wille. Auch mussten sich die Majestaten und Durchlauchten, Se. Heiligkeit nicht ausgeschlossen, in hochsten Gnaden gefallen lassen, dass dem Tauflinge nicht ihre Namen beigelegt wurden, indem er hierdurch mit dem goldenen A B C, das er sich einmal zur Richtschnur auserkoren hatte, in tausend Handel gekommen ware. Durchaus wollt' er es nicht mit dem A B C verderben, wozu er auch sehr viele gute Grunde hatte. Jetzt schrieb er auf sein Taflein, und strich aus, dass es Schand' und Sunde war, bis er denn endlich, wie Zacharias, den Nagel auf den Kopf traf. Schwert und Lanze haben ihre Zeit; allein kleine Steine haben auch die ihrige, und sind dem Magen und dem Kopfe, ware das Ziel auch der Flugelmann Goliath, und der Schleuderer der ahnenlose Konig David, gleich gefahrlich. "Ja, ja; nein, nein: das Druber und Drunter kann den Kohl nicht fett machen;" sagte unser Ritter, und schrieb und sprach: er soll A B C heissen. "So," fuhr er fort, "hat er, wenn man's in abstracto nimmt, alle Namen in der ganzen Welt, und in concreto die ersten und besten Namen, die von Anbeginn gewesen sind und bis aus Ende seyn werden, Sela! Auch kann man unter A den Vokal der Seele, den lebendigen Odem aller Buchstaben, den Adam, den Stammvater aller Lebendigen, verstehen." Ad vocem A d a m kam er noch auf andere, weit tiefere Bemerkungen, die zur Sache gehorten. Adam, fuhr er fort, gab allen Thieren und allem Dinge, was Selbstlauter war, Namen, oder er holte sie aus dem Wesen dieser Vocal-Dinge heraus, indem er sie, so zu sagen, dem Dinge nachhallte, das er taufen wollte. Er schopfte das Taufwasser aus dem Dinge selbst, konnte man sagen, oder sein Taufwasser war Springquell und nicht Fluss- oder Teichwasser. Diess Adamslexikon scheint denn nun wirklich in Dingen, welche Vokale und nicht Consonanten sind, bei nur einigem musikalischen Gehor auch so schwer nicht; was aber die Consonanten-Dinge, deren es freilich so viele in der Welt gibt, betrifft: so hat der junge Adam sich hier freilich als Meister bewiesen. Die ritterliche Nutzanwendung? Wie geht es zu, fragte er, dass der Sohn meines Leibes, der, wenn er gleich nicht Johanniterfahig ist, doch immer ein Vocalis genannt zu werden verdienen wird, mir in puncto der Namen so hoch zu stehen kommt?

Es ist gewiss eine Denkwurdigkeit, dass ich die eigentlichen Namen unseres Helden, aller ersinnlichen Muhe, die ich angewendet, ungeachtet, nicht habe herausbringen konnen. Im Kirchenbuche war nichts als A B C D E F G H I bis X Y Z, nebst den hohen Taufzeugen verzeichnet; und ich habe Ursache zu glauben, dass unser Held seine 24 Namen selbst nicht gewusst haben mag; denn in der That, es gehort viel Gedachtniss dazu, 24 unbedeutende Worte zu behalten. Auch weiss ich nicht, warum man nicht so gut A B C, als Gregor heissen konnte; Namen sind Zeichen. Dass unter A A d a m zu verstehen gewesen sey, ist wohl keinem Zweifel unterworfen, und da die hohen Taufzeugen wegen dieses Mangels an Aufmerksamkeit abgefunden sind, so weiss ich in der That nicht, wie irgend sonst jemand es sich herausnehmen konne, bedenklich zu thun.

Weit wichtiger scheint mir der Einwand: Wie unser Ritter nach der Zahl der Buchstaben ein vier und zwanzigmaliges Falsum begehen und dazu gegen 24 Dukaten in gewisser Art auch den Pastorem loci habe verleiten konnen. Hier ist die Auflosung, die er seinem lieben Weibe, wiewohl lange nach der Taufhandlung, zuwandte. Das gute Weib ist viel zu gefallig, als dass es nicht erlauben sollte, an dieser Auflosung Theil zu nehmen.

Nicht auf das, was vor Augen ist, sondern auf das Herz und die Gesinnungen kommt es an. Ich habe nun einmal 24 Regenten zu Taufzeugen erkoren; ob sie wirklich dazu schriftlich eingeladen worden sind, und diese Einladung angenommen haben darauf kommt es wohl nicht an. Die Sache nach christlichen Sitten genommen, konnten sie nicht Nein sagen. Hatten sie wirklich eine abschlagige Antwort ertheilt, so wurden sie unrecht gehandelt haben, und es war sehr gut, dass ich sie zu dieser wirklichen Sunde nicht kommen liess. Nahmen sie es aber an, wie wohl zu vermuthen ist, so kam ich durch einen Richtsteig weit kurzer an Ort und Stelle, wohin ich auf dem geraden Wege weit langsamer gelangt ware. Hab' ich nicht das Porto erspart, wodurch sich die Postbedienten mehr als der Staat bereichern? Ein negativer Pathen- und Ehrenpfennnig! Ich verlange nichts, als die hohen Namen der Regenten, und auch diese nur im Kirchenbuche, das, so Gott will, ausser dem Pastore loci niemand lesen wird. Ob nun diese Namen, die in jedem Fingerleinkalender stehen, beilaufig auch im Taufbuche vorkommen was will das sagen? That ich mehr, als dass ich diese Namen aus den Kalendern in das Kirchenbuch eintragen liess? Erhohte ich nicht, was erniedrigt war? Sollte mein A B C- Sohn der Hulfe seiner hohen Pathen bedurfen, so wurd' es niedrig seyn, sich auf einen Umstand zu berufen, der so wenig zur Sache thut, wie eine Pathenstelle. Hat er Verdienste bedarf er wohl dieses Mittels, um uberall Hulfe zu finden? Der edle verdienstvolle Mann hat uberall Pathen. Ist es Anreiz fur meinen A B C, sich emporzuheben, so nehme man es doch mit dem Beweggrunde zum Guten nicht so genau. Nur auf den Umstand, dass das Gute geschieht, kommt es in der Welt an. Dass die Herren Volksreprasentanten nicht wissen, wen sie vorstellen, ist nichts ungewohnliches; wie selten wissen sie das? Und dass ihrer nicht eben 24, sondern mehr in der Taufkapelle waren was thut das zur Sache? Die Anzahl der Reprasentanten von England im Unterhause belauft sich auf 489, derer von Wales auf 24, derer von Schottland auf 45, uberhaupt auf 558 Mitglieder. So unverhaltnissmassig als moglich! Und wem ist es unbekannt, dass die Herren Kandidaten von den Wahlmannern die Stimmen, wie der Emsige, seliger, Weizen, Roggen, Gerste, Hafer u. dgl., erhandeln? Man sagt, dieses Wahlgeschaft sey in England ein Handelszweig, und dieser Seelenkauf und Verkauf bringen 3 Millionen Pfund Sterling in Umlauf, und komme selbst der Regierung an 500,000 Pfund Sterling zu stehen. Geschehen dergleichen Dinge am grunen Holze warum sollten sie am durren bedenklich seyn? Was in London geschieht, kann auch in Rosenthal geschehen. Oder konnten sich etwa die regierenden Herren fur beleidigt halten? Bin ich nicht Edelmann, Ritter und reich? Wird nicht alles im allerstrengsten Incognito getrieben? Auch kann diese Sache den regierenden Herren nicht schwer fallen, da sie von diesem Geschafte (wie es wohl oft der Fall ist) selbst nichts wissen. In der That, wenn es ihnen nicht viel Muhe macht, thun sie nicht ungern Gutes. Der Gevatterstand ist etwas Gutes, das ihnen gar keine Muhe kostet; sie wissen nicht, dass sie es thun. Verlang' ich fur den Pathen eine Fahnrichsstelle? Eben so wenig wie einen Doctorhut! Mag er sich alles selbst verdienen, und mogen Schleicher ihre Windelsohne zu Fahnrichen wachen; ich nicht also.

Die Baronin war vollig uberzeugt, und konnte nicht begreifen, warum man uberhaupt zu Gevatter bate, und warum man nicht schon langst die Gewohnheit eingefuhrt hatte, nach Wohlgefallen in das Kirchenbuch einschreiben zu lassen, wen man wolle. Gewiss, sagte sie, werden die gekronten und furstlichen Haupter es hoch aufnehmen, dass man sie bloss unter ihres Gleichen eingeladen hat. Nicht immer werden sie es so gut haben wie bei dieser Taufhandlung. Die Toleranz war ein Hauptzug bei dieser Feierlichkeit. Da kamen von allen Confessionen, Zungen und Sprachen die Volkshaupter zusammen, und vertrugen sich bruderlich. Den turkischen Kaiser hatte der Ritter nicht gebeten, und wie konnt' er auch, da er ein Hauptfeind des Ordens ist, und das heilige Grab noch bis auf den heutigen Tag von diesem Vater des Unglaubens so schnode vorenthalten wird?

Doch es ist Zeit, dass wir den Ritter als Taufer sehen! Es wird ein Zeichen durch die Essglocke gegeben, dass jedes, wess Standes, Geschlechtes und Wurden es ware, sich in die Kapelle, oder, damit man nicht X fur U nahme, in die Taubenkammer, zur Abgabe seines Ja einfinden sollte. Ich darf wohl nicht bemerken, dass es an Ja-Herren und Frauen nicht gefehlt haben wird. Man dunkte sich viel, dass der gnadige Herr geruhte, seine unterthanigen Knechte und Magde in solchen Gnaden anzusehen. Nur der lose Schulmeister, der im Herzen des Dafurhaltens war, dass nicht der Ritter, sondern er, ein eigentlicher Nothtaufer vigore officii ware, schuttelte den Kopf und flusterte dem Gevatter Nachtwachter ins Ohr, dass heute dem Dorfe gebratene Tauben in den Mund fliegen wurden, welches der Nachtwachter sich lachelnd ad notam nahm.

Der Ritter hatte seinen schwarzen Mantel mit dem weissen Kreuz umgehangt, und war in Stiefeln und Sporen und in vollstandiger Rustung, als es hiess: das Taufwasser sey warm.

Gut, sagte er; und schnell fielen ihm uber die Sporen Zweifel ein, die denn auch, nach einem grundlichen Fur und Wider, von der Wochnerin mit vielen Grunden verbeten wurden. "Wie kann man an Gott glauben, wenn ihn ein Teufel predigt?" meinte der rebellische Schulmeister, und der Nachtwachter trat durch ein kritisches Kopfnicken bei. Hatte Freund Schulmeister gewusst, dass er, als der einzige Geistliche, naturlich allein fahig war, Se. Heiligkeit zu reprasentiren, sein Neid wurde sich in Dank verwandelt haben. Ungewohnliche Saat bringt ungewohnliche Fruchte. Der Ritter erhebt seine Stimme; das Volk staunt. Fast wortlich wusst' er die Taufformel auswendig, welches dem Volke, wie alles, was ihm aus dem Gedachtnisse mit Parrhesie verkundigt wird, als Eingebung vorkommt. Da er an den Exorcismus kam, that es ihm doch leid, dass er seine Sporen abgelegt hatte, weil er desto nachdrucklicher hatte auf die Erde stampfen konnen. Was ihm indess an Rustung abging, ersetzte er durch das Pathos seiner Zunge. Was seine Stimme erheben heisst, konnte man hier kennen zu lernen die Ehre haben.

Fahr aus, schrie er, als ob er den Satan auf Pistolen herausforderte fahr aus, du unreiner Geist! Einige von den Ja-Sagern und Ja-Sagerinnen wollten den Teufel lichterloh in Gestalt eines Strahls gesehen haben; sie behaupteten, dass sie einen hasslichen Gestank empfunden hatten. Indess konnten diesen wohl ehrwurdige Ruinen von der Taubenkammer verursacht haben, und jenes war dagegen ganz fuglich von dem Kreuze des Taufers abzuleiten, das an seiner Brust hing. Allgemein ward gewunscht, dass der Exorcismus bei der Taufe bestandig von einem geistlichen Ritter und nicht von einem Geistlichen ausgesprochen wurde, damit der Teufel nicht zuruckbliebe, wie es oft, weil er sich vor dem Geistlichen entweder nicht furchtete, oder wohl gar mit ihm in heimlicher Verbindung stande, der Fall ware.

Als unser Ritter an die Worte in dem Taufformular kam: "Nimm hin das Zeichen des heiligen Kreuzes, beides an der Stirn und an der Brust!" war alles in Bewegung. Jedes schlug sich ein Kreuz; so elektrisch wusste unser Ritter das Kreuz zu schlagen. Ueberhaupt schien unser Ritter (bis auf den Schulmeister, der viel zu tadeln fand, was er indess einzig und allein seinem Freund Nachtwachter anvertraute) vielen Beifall einzuernten; und die Dorfschaft hatte um vieles ihre Kinder nicht mehr bei Sr. Wohlehrwurden, sondern bei Sr. Hochwurden taufen lassen. Indess hatte der Pastor loci sich in die Zeit geschickt und Gelegenheit genommen, in der nachsten Sonntagskinderlehre die Falle naher zu entwickeln, in denen einzig und allein eine Nothtaufe stattfinden konne. Auch vergass er nicht, zu bemerken, dass, wenn sie selbst etwa in diese Feuersgefahr oder Wassersnoth, wie man es nennen wollte, gefallen waren, dem Geistlichen doch seine Gebuhren bezahlt werden mussten wenn anders namlich der liebe Gott das Kind in seinen Gnadenbund auf- und annehmen solle. Dass unser Ritter diese Katechisation nicht mit angehort habe, fuhre ich bloss beilaufig an. Das besonderste war, dass unser Held ABC bis XYZ nach der Nothtaufe sich von Stunde zu Stunde erholte, so dass die Dorfleute in den Aberglauben verfielen, der Johannitermantel sey ein Abkommling von Elias Mantel und habe hier mitgewirkt. Einige nannten den Actum: F e u e r t a u f e ; zum Unterschiede von der, die der Pastor zu geben gewohnt war. Selbst die Taubenkammer brachte auf herrliche Ideen, und bei Menschengedenken ist keine solche Taufe gewesen. Der Baronin hatte dieser Actus ausserordentlich gefallen. Ist es Wunder, da die Hauptpersonen, Mann und Kind, ihr so nahe am Herzen lagen? Ihr Beifall ging so weit, dass sie die Taufe eines gewohnlichen Predigers fur eine Nothtaufe hielt, und dass in ihren Augen nur ein geistlicher Ritter ein Taufer in einem erhabenen Verstande seyn konnte. Sie ward so verliebt in den schwarzen Mantel, dass ihr Gemahl ihn nach vollbrachtem Taufactus auf das Wochenbett legen musste; und wenn gleich dieses Auflegen nicht im Stande war ihr die verlornen Krafte wieder zu ersetzen, so blieb es ihr doch feierlich, indem dieser Mantel sie nebenher an ihren Vater erinnerte und den Wechsel von Freude und Leid, das unwandelbare Loos der Sterblichen, versinnbildete! Die Feierlichkeit des Mantelauflegens geschah bei verschlossenen Thuren caetera textus habet. Wer nothtaufen kann, der kann auch mehr. Schon wissen wir, dass der Ritter Taufer sich Muhe gegeben, seiner Frau Gemahlin den Hintritt ihres Vaters auf eine gute Manier in einem Saftchen beizubringen; jetzt mochte es ihm wirklich so vorkommen, als fanden sich bei seiner Frau Gemahlin die verlornen Krafte unter dem Mantel schneller wieder ein, oder hielt er es fur den bequemsten und angenehmsten Zeitpunkt, seine liebe Frau in sein Netz zu ziehen? Kurz, er dachte zu schmieden, da das Eisen warm war, und gab sich Muhe, die Ritterin zu vermogen, ihm die Erbschaftsgeschafte und die Anlegung des Geldes zu uberlassen; allein er hatte es nicht nothig gehabt, so peinlich auf diesen Augenblick zu denken. Die Baronin kam ihm auf halbem Wege zuvor; diese Stunde war langst bei ihr gekommen. Alles stellte sie ihm anheim; und warum auch nicht? Sie war ein edles Weib; doch blieb sie Weib, das heisst: sie war nach der Weise der jetzigen Weiber erzogen. Da den Weibern bei keiner andern feierlichen Gelegenheit des Lebens eine Rolle zugetheilt wird als wenn sie sich verheirathen (welche Festlichkeit indess durch das Ehebett so viel von ihrem Pathos verliert, dass man am Brautmorgen nicht weiss, wie man daran ist, und wesshalb so viel Zwang und Streit und Widerstreben hat vorausgehen mussen, um sich so bald und so enge zu vereinigen), so ist es naturlich, dass besonders junge, mit der Welt und ihrem eigentlichen Gehalte noch unbekannte Weiber, einen rechten Drang nach Feierlichkeiten verspuren. Sie lieben nicht nur Manner, die offentlich ihr Licht leuchten lassen und mit Glanz auftreten, sondern mogen auch ausserordentlich gern pompvollen Anlassen beiwohnen. Sie konnen sich nicht vorstellen, dass unter diesen Reverenden nichts weniger als Ehrwurde verborgen sey; der Mantel macht bei ihnen den Philosophen. Werden sie alter, so sehen sie freilich ein, dass nichts hinter den meisten unserer Feierlichkeiten steckt, dass der Kern der Schale, die Glocken der Predigt, die Poesie der Musik nicht werth ist; und nun fallen sie von einem Extrem auf das andere, und lachen gemeiniglich uber etwas, das ihnen zuvor so wunderbar, hehr und hoch schien. Unserer Ritterin fehlte es gewiss so wenig an Kopf, wie es ihr an Herz gebrach; indess hatte sie vom Johanniterorden und dessen Stiftung aus der teilnehmenden Relation ihres Gemahls eine so grosse Idee, dass sie ihn fur nichts geringeres als einen Original-Nothtaufer hielt; und in der That, sie traf nicht weit vom Ziele. Um alles in der Welt wunschte ich, dass das gute Weib bei meinen Lesern durch ein gehaltenes C o n s i l i u m nichts verlore, wovon ich meiner Leserwelt nur die Resultate, ihr zum Besten, mittheilen will. Es ward b e s c h l o s s e n , d e m O r d e n im Rosenthalschen Schlosse hier und da ein A n d e n k e n zu stiften; und so sehr auch unser Ritter ins Weite und Wilde ging, so wurden doch die sieben Hauptpunkte mit dem grossten Beifall der Ritterin verabredet und abgeschlossen, so dass alles Ein Herz und Eine Seele war. Sie spielten beide unter Einer Decke und unter Einem Mantel, und uber ein Kleines werden wir die Ehre haben, die Folgen dieses Plans zu ersehen. Die

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Trauer.

uber den Emsigen ward so ausgekunstelt, dass man nicht wusste, ob es hier dem Vater oder einem andern weniger nahen Verwandten gelte, oder ob nicht vielmehr der Johanniterorden, der immer in Halbtrauer ist, diese Einrichtung erfordere. Sit divus, modo non vivus, ist zwar fast immer das Ende vom Liede, und eine jede Erbschaft verknochert das fleischerne Herz einigermassen; allein diess war bei unserer Ritterin der Fall nicht. Selbst durch den Umstand, dass sie in den Augen der Welt dem Andenken des Vaters etwas von der Trauer entzog, gewannen er und ihre Mutter im Herzen. Zwar nahm man hiervon Anlass zu der Nachrede, dass sie sich ihrer Eltern schame; wie kann man das aber, wenn sie todt sind? Wahrlich, sie ward eine herrliche Rustung aufgestellt. Nur bei der Nothtaufe hatte sie die Sporen verbeten; sonst war sie nicht dagegen. Da das brave Weib sich nie so sehr auf eine Seite neigte, wie der Herr Gemahl, so blieb sie sicherer vor dem Fall. A silentio, war ihr Hauptargument; weder eine witzige Schwachlichkeit, noch ein unvernunftiger Uebermuth kam ihr so leicht zu Schulden. Sie hiess gnadige Frau, und war in gewiss tausend Rucksichten ein kreuzbraves Weib. Wer sie verachtet, weil sie zu sehr nachgab, und weil sie sich die Ideen des Ritters zu bald eigen machte, uberlegt nicht, dass sie eben dadurch als Weib gewann. Was helfen mehr Segel, wenn auch mehr Ballast im Schiffe ist? Es war mit unserer Ritterin etwas anzufangen; allein weder der Witzling, noch der Vernunftler durfte diess geradezu seyn; der Witz musste sich, so wie die Vernunft, fein landlich sittlich in Empfindung kleiden, und dann machte man mit ihr, was man wollte. An Verstand war sie dem Ritter ohne Zweifel uberlegen; an guten Gesinnungen gingen sie Hand in Hand. Wer mag ihm sein Spiel verderben? Ist er nicht einer der eifrigsten Johanniterritter, die der Orden je gehabt hat? Kann er diese Ordensfreude an seiner Descendenz erleben? Und kennen wir nicht die S t e r n - u n d K r e u z s e h e r e i der Ritterin? Ende gut, alles gut! Immerhin, da er alles mit dem Johannitermantel, als dem wahren Mantel her Liebe, bedeckte! Der

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Saugling

ward gleich fruh mit der Mutter- oder Ammenbrust und mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes bekannt. Die Windeln, die Bettchen und Hemdlein waren alle mit einem Kreuze gestempelt, und die Amme konnte sich nicht genug verwundern, dass unser ABC-Kind, ohne auf das Kreuz in den Windeln Rucksicht zu nehmen, es mit ihnen machte, wie andere kleine Kinder es mit unbekreuzten Windeln zu machen pflegen; freilich besser, als Kaiser Wenzel, doch noch immer unverzeihlich. Die

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Veranderung,

welche der Todesfall des Emsigen in dem hochfreiherrlichen Schlosse bewirkte, gewann ein so geschwindes Fortkommen, dass es fast stundlich etwas neues zu bewundern gab. Unter andern liess der Ritter sich dreimal malen, und en gros wie en detail, in Lebensgrosse wie in Miniatur, hing ein schwarzer ManDrei Schlafrocke auf einmal, von dunkler Farbe, damit das darauf gestickte Kreuz sich desto besser ausnahme. Einer dieser Schlafrocke war wie ein Mantel gefertigt, und der Ritter sah darin ungefahr so aus, als ob er zum Ritterschlage vorknien sollte. Die Communion empfing er, ob er gleich die Taufhandlung an seinem Sohne nicht mit Sporen und Rustung verrichtet hatte, in formlicher ritterlicher Kleidung. Dass besonders zu Anfange das ganze Dorf, und zum Theil auch die benachbarten Honoratioren, vel quasi zusammenliefen, um den Ritter communiciren zu sehen, war naturlich. Da trat denn Monachus armatus auf, und empfing kniend die heilige Communion, welches ihm noch obendrein als eine grosse Demuthigung ausgelegt ward. Der Pastor loci gewann stillschweigend hierdurch in den Augen des Volkes zehnfach bei dem Sacramente des Altars, was er beim Sacramente der heiligen Nothtaufe eingebusst hatte; denn wenn gleich Se. Hochwurden gewiss nicht vor Sr. Wohlehrwurden auf den Knien lagen, so weiss man ja doch, wie selten die Person des Geistlichen bei seiner geistlichen Handhabung abgesondert wird. Wer den Baron nicht Ew. Hochwurden nannte, bekam, wenn er etwas hat, zwar keine a b s c h l a g i g e , wohl aber beim "Fiat, wie gebeten" eine u n f r e u n d l i c h e Antwort. Seinen Bauern ward durch einen Anschlag in den Schenken bekannt gemacht, dass sich niemand unterstehen sollte, ihn anders zu tituliren, indem er durch strenge Gelubde verpflichtet ware, hochwurdig zu seyn oder zu heissen; was denn die gemeinen Leute in eine nicht geringe Verwirrung brachte, da sie die Gewohnheit hatten, den Pfarrer loci Ew. Wohlehrwurden zu nennen, und mit diesen Ehrwurden sehr ins Gedrange kamen. Da ubrigens die Kreuze in Rosenthal sich ausserordentlich mehrten und hierbei nicht auf Kosten gesehen ward, um diese Verzierung recht reichlich und prachtig auszuspenden, so hiess es spottweise: es sey kein Haus in der Christenheit, das so viel Kreuz habe. Der Schulmeister, der wie wir schon wissen, ein Schleicher war, glaubte noch tiefer gesehen zu haben, und furchtete heimlichen Katholicismus, welchen er vorzuglich in der religiosen Rittermanier und Kreuzausspendung fand, wodurch er jesuitisch beabsichtigte, die Herzen des Pobels (der, um zu beweisen, wie klein er ist, sich so gern an alles, was gross ist, hangt) von der Nothtaufe des Ritters und andern unzeitigen Anhandlichkeiten loszumachen. Ob nun gleich der Schulmeister seinen Hirtenstab nicht gegen das Schwert des Ritters heben konnte, sondern wohlbedachtig bloss in Emblemen, einsylbig und (was nicht viel auseinander ist) zweideutig zu Werke ging, so wirkte doch dieses Stuckwerk von geausserter Befurchtung, eben wegen dieser Oekonomie und Heimlichkeit, gewaltiglich, so wie alles, wovon man Ein Drittheil, und diess noch brockenweise, ins Ohr entdeckt, die beiden andern Drittheile aber zuruckhalt und im Schatzkastlein seiner Gewissenhaftigkeit verschliesst, wiewohl so laut, dass man die Schlosser rasseln horen kann. Uebrigens hatte unser Schulmeister immer noch mehr sagen konnen, da sich unser Hektor nur mit einem Achill ohne Schande messen konnte, und unser Ritter zu keinem Duell auf kleine Steine fundirt war, selbst wenn der ahnenarme Konig David ihn dazu herausgefordert hatte.

Als der Stammhalter ein Jahr alt war, sollte er, und neben ihm auch seine Mutter, zu Jerusalem im Tempel dargestellt oder eigentlicher in den

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Stammbaum.

verzeichnet werden. Schon . 3 ist dieses Stammbaums ruhmlichst erwahnt worden. Von jeher hielt es die Familie so, dass die neuen Sprossen in dem Wohnsitze des Senioris familiae intabulirt wurden. Diess schien gegenwartig bei einer wirklichen Firmelung um so nothwendiger; indess ward mit unserm Ritter eine preiswurdige Ausnahme gemacht. Und warum? Senior familiae war, die Wahrheit zu sagen, ein armer Schlucker, bei dem die Fingerlein nie Wohnung genheit gehabt hatte irgend einen Emsigen zu beerben, so dass der Kasten Noa zwar seinem Hause, das Haus aber dem Kasten keinen Glanz beilegte. Er selbst sagte schmarotzerisch, dass die Bundeslade bei ihm weder im Salomonischen noch im zweiten Tempel stande. Auch erscholl das Gerucht von der furstlichen Einrichtung unseres Ritters weit und breit, und alles war voll Lust und Liebe, ein Augen- und Magenzeuge dieser Pracht zu seyn und lustern zur Wallfahrt nach Rosenthal. Unser Ritter, der sich durch diese seinetwegen gemachte Ausnahme von der Formularregel oder den Schmalkaldischen Artikeln, wie man sich zuweilen ausdruckte, nicht wenig beehrt fand, ermangelte nicht, diess Anerbieten zu begunstigen und zu den sieben Modifikations-Artikeln die Hande zu bieten. Einer dieser schmalkaldischen Artikel war, dass die Bundeslade unter Bedeckung von 24 Mann zu Schimmel von nach Rosenthal geholt werden sollte. Sowohl Senior als die vier Assessores oder K a s t e n h e r r e n wurden alle auf Einen Tag nach Rosenthal beschieden, und es ist nicht zu laugnen, dass dieser Aufzug einzig in seiner Art genannt zu werden verdiente. Die 24 Kastenbegleiter waren nun freilich nichts mehr und nichts weniger als vierundzwanzig ehrliche Rosenthalsche Bauern; indess hatte man sie aufgefordert, Feierkleider, das heisst schwarze Rocke anzulegen, welche den Schimmeln, so wie die Schimmel den schwarzen Rocken zu einem nicht kleinen Ansehen verhalfen. Die herabgekrampten Hute kamen mit den fliegenden Haaren in einen ununterbrochenen Zank, so dass es schien, als wollten die Haare sich an den Huten vergreifen. Den besten Abstich bewirkten die weissen Pferde, welche diese Bedeckung so feierlich machten, dass man, wie der Krittler Schulmeister selbst eingestehen musste, in die Verlegenheit gerieth, vor diesem Leichen-Condukt den Hut abzuziehen; er hatte gewiss hinzugefugt: "und ein Vater Unser zu beten," wenn er nicht der wohlgelahrte Schulmeister gewesen ware. Der Baron ritt mit zwei Assessoren, die sich schon zeitiger eingestellt, dem Kasten entgegen; und da diess Triumvirat den Stern gesehen hatte, kehrt' es heim hocherfreut und blieb beim Wagen des Senioris, der den Zug anfuhrte. Als man sich der Kirche naherte, liess unser Ritter, vermoge des Patronatsrechts, lauten. Der Prediger kam, weil er wohl wusste, dass es sein Schade nicht seyn wurde, auf diess Signum exclamandi sogleich und beim ersten Glockenanschlage in vollstandigem Ornat zum Vorschein, und so blieb er auch, ohne zu weichen, bis vom Zuge kein Staubkorn mehr zu sehen war. In dieser Melodie ging es denn bis nach Rosenthal, wo ein herrliches Souper des Senioris und seiner vier Assessoren nebst ihren Frauen und Kindern wartete. Die gute Baronin hiess nicht anders als allerliebste, schonste, beste Cousine, englische Frau; und es gebrach an nichts, um diesem Familienfeste Wurde beizulegen, die bei dem Vater unseres Helden gewiss zu Hause gehorte. Man gedachte bei dem Feste der in Gott ruhenden Vorvater, und es ward, nach der in dieser Familie wohlhergebrachten Sitte, auch deren Gesundheit und zwar so kraftig getrunken, dass bei allem Nachdruck, den man seinen Kraften gab, es doch zuletzt am ritterlichen Vermogen fehlte, den Wein ertragen zu konnen. Senior sagte: die Rosenthaler sind seit Menschengedenken von nichts anderem als vom Wein uberwaltigt worden.

Der folgende Tag war eigentlich dazu bestimmt, die Baronin und ihren Sohn zu legitimiren. Die Ceremonie war folgende. Die beiden jungsten Assessoren erhoben sich zum Senior, um ihn zu befragen: wann die Festlichkeit ihren Anfang nehmen sollte? So stand es in der Rolle; da aber Senior sich nicht bloss vom Wein, sondern auch vom Bett hatte uberwaltigen lassen, und wegen der gestrigen zu guten Aufnahme ganz aus seinem Concepte gedruckt war, so verpfuschte man den ersten Auftritt dieses weinerlichen Lustspiels vollig. Nur mit vieler Muhe konnten sie den Senior zu sich selbst und in seine Rolle bringen, der er ubrigens weit mehr als sein Haus der Bundeslade gewachsen war. Die Damen hatten nicht Stimme und Sitz, und mussten sich begnugen, den Zug anzusehen. Bei Parlamentsversammlungen, sagte die Frau Seniorin, ist es den Damen erlaubt, den Streit und Widerstreit anzuhoren. "Weil er," erwiederte einer der Assessoren, "mit Ew. Gnaden Erlaubniss, gemeiniglich bloss pro forma gefuhrt wird. Der Staat lasst sein Licht leuchten vor den Leuten, dass sie seine gute Werke horen und den Konig und die Freiheit lobpreisen." Die allerliebste, schonste, beste Cousine und englische Frau erschien jetzt den Damen nicht viel anders als eine arme Sunderin, die man auf dem Richtplatze begnadigen will. In der That die ganze Ceremonie war nicht viel mehr als eine Pardonsertheilung, ein Fahnenschwung und ubrigens Paternosterwerk und Rosenkranzandacht.

D e r e r s t e A u f z u g . Senior ging allein und die vier Assessoren folgten ihm paarweise in das Familienheiligthum. Das Collegium kann eine gute Stunde bei verschlossenen Thuren zugebracht haben. Es war Probe.

B e i m z w e i t e n A k t wurden die Vorhange aufgezogen. Ehe man aufzog, klingelte Senior dreimal, und ehe das eigentliche corpus delicti eintrat, ward unser Ritter allein vorgelassen, den der Senior anredete wie folgt:

Hochwurdiger Ritter,

Hochwohlwohlgeborner Freiherr,

Freundlich geliebter Herr Vetter!

Wir haben gesehen, was wir schon zum voraus von Ihrer angeerbten Weisheit erwarten konnten, dass Sie Ihr Herz mit keiner Gattin theilen wurden, die nicht auch ein Herz in die Theilung zu bringen hatte. Ihre F r a u , kann ich sie statutengemass noch nicht nennen; es sey mir erlaubt, sie B r a u t zu heissen: ist sie denn nicht die Braut dieses Tages? Ihre B r a u t also hat alle Eigenschaften, welche man haben muss, um sich selbst und einen Cavalier glucklich zu machen. Sie hat Verstand, ohne dass sie Verse macht; sie hat Willen Gutes zu thun, ohne auf ihre Tugend stolz zu seyn und einen andern Herold fur dieselbe zu brauchen als ihr Gewissen und dessen zwei ausserliche Stellvertreter: ein Paar grosse, lebendige, ungezwungene Augen. Die Leuchter zu diesem Lichte, die Augenbrauen, sind Meisterstucke der Kunst wurd' ich sagen, wenn sie nicht geradeswegs aus der Hand der Natur gekommen waren. Doch fehlt ihr etwas, das kein Kaiser und Konig, das ihr Gott selbst nicht ersetzen kann: der leibliche Adel, der wie ein Kleid den Seelenadel erhebt und ziert. Wir konnen nicht, wenn wir auch wollten; und wir wollen auch nicht, weil wir nicht konnen. Schon der Gedanke und der Wunsch, von alten Sitten und altem Brauch abzuweichen, wurde uns unwerth machen dieses heilige Feuer zu bewahren, welches so viele Jahre mit vestalischer Keuschheit bewacht worden. Nur was Recht und Gebrauch ist, und nichts, weder zur Rechten noch zur Linken, kann und soll und wird geschehen.

Der Ritter, welcher stehenden Fusses die Rede angehort hatte, buckte sich tief, ohne ein Wort zu erwiedern. Und nun ward aufs neue, wiewohl nur Einmal geklingelt. Senior nannte diessmal das Glockchen: das Transsubstantiations-Glockchen.

Die Baronin trat, in einem weissem Kleide, mit fliegenden schwarzen Haaren, die auf ihrem warmen, weissen und marmorfesten Busen mit einander liebkoseten, ins Gericht, wo an einem Tische mit einer pompvollen rothen Decke der Senior und die vier Assessoren auf Lehnstuhlen sassen, der Ritter aber in einiger Entfernung stand. Das gute Weib machte eine tiefe vorschriftmassige Verbeugung, die sie auch ohne Anweisung in puncto der rothen Decke gemacht haben wurde. Man hat vor allem Respect was bedeckt ist; und rothe oder grune Tischdecken sind darum noch ehrwurdiger, weil wir die weissen in der Regel alle Tage zweimal uber unsern Esstischen sehen. Unsere arme Sunderin fuhlte die Wirkung der rothen Decke in allen funf Sinnen; da sie aber in einer Art von desorganisirtem (entsinntem) Zustande, aus reinem, klarem Herzensgrunde, und der Vorschrift gerade zuwider ihrem Manne die Hand reichte, die er, weil ihre Zeit noch nicht kommen war, verbitten musste, so gerieth das arme Weib in eine so andachtige Verlegenheit, dass der Senior selbst sie nicht ohne Sinnverdoppelung und Sensation ansehen konnte, und bei einem Haar blitzschnell aus der Rolle gefallen ware. Noch zu rechter Zeit griff er in seine Patrontasche.

"Was bewog Sie," fing er, nachdem er sich fest gemacht hatte, in einem starken Ton an, um sein Herz zu uberkreischen, das ganz seinen Worten entgegen war "Was bewog Sie, da Sie eine Null vor der Eins waren, eine hinter der Eins werden zu wollen? Wissen Sie nicht, dass der Weg zur Ehre schmal und es nur wenigen Auserwahlten beschieden ist, ihn zu finden? Verleiteten Sie nicht unsern Vetter zur verbotenen Frucht, wovon er und Ihre Nachkommen den Fluch tragen mussen? Reichthum und Schonheit waren die beiden Baume, die er hatte meiden sollen; allein warum legten Sie ihm Ihre verbotenen Reize so nahe?"

Nachdem er dem guten Weibe ganz evident gezeigt hatte, dass ihr Vater nur ein Emsiger gewesen ware, dessen Schatze, und hatte er deren auch noch weit mehr gehabt, keinen Fingerhut, ja keinen Tropfen freiherrliches Blut aufwiegen konnten, fugte er wohlmeinend hinzu, dass ein unadeliger Lazarus, wenn selbst Abraham noch in der andern Welt ihm erlaubte, seinen Flecken mit himmlischem Wasser wegzuwaschen, denselben so wenig, wie ein Leopard die seinigen, verlieren wurde in Ewigkeit.

Die Ritterin, welche durch ihren Gemahl mit den sieben Sachen dieser Ceremonie zur Noth bekannt gemacht worden war, hatte sich vorgesetzt, sich alles gefallen zu lassen, was man nach Herkommen und Brauch beginnen wurde. Sie war, wie man schon weiss, uberhaupt keine Feindin von Feierlichkeiten, welches sie bei der Nothtaufe und bei der Stern- und Kreuzseherei bewies; und es gibt wenige Weiber, die Ceremonien widerstehen konnen, auch wenn sie nicht, wie hier, einen roth beschlagenen Tisch vor sich haben. Selbst die Vorwurfe, als ob sie dem Ritter zuvorgekommen ware und ihn zu dieser Missheirath, wie Eva den Adam zum Apfelbisse, verleitet hatte, brachten sie nicht aus der Fassung, so beleidigend sie auch waren. Als indess der Herr Senior sich nicht entbrach, die Asche des Emsigen zu beunruhigen, konnte die redliche Tochter nicht umhin, ihren Entschluss plotzlich zu andern, und, wie es bei dergleichen Gelegenheit nicht auszubleiben pflegt, gerade noch einmal so viel zu sagen, als sie gesagt haben wurde, wenn sie nicht zuvor den pythagoraischen Entschluss gefasst gehabt hatte. Meine Herren, fing sie trotz der rothen Decke an, ich bin weit entfernt, dem Geburtsadel zu nahe zu treten; vielmehr betracht' ich ihn als heilige Reliquien des Apollo, die zu sehen man nach Italien wallfahrtet. Indess gehort doch immer der kleine Umstand dazu, dass man in die Kunst verliebt seyn und eine nicht kleine Imagination besitzen muss, wenn man dem Ahnen-Cicerone den Beifall geben soll, auf den seine redselige Zunge richtige Rechnung macht. Wenn man von 16 und 32 A h n e n , und von 16 und 32 T h a t e n die Rede ist, so weiss ich, was ich wahle. Schon muss man Grundsatze mit Thaten vermischen, wenn man vor jenen Achtung haben soll, sie mogen mit noch so hohen Farben im gemeinen Leben aufgetragen werden; und was hilft der Glaube an die Vorwelt, wenn er nicht durch Werke der Zeitgenossen lebendig wird? Dass das Johanniterkreuz meines Gemahls sehr viel zu meinem ehelichen Ja beigetragen hat, laugne ich nicht; wenn aber der Orden mehr auf brave Manner, als auf die Ahnenreihe Rucksicht zu nehmen geruhete wurde er nicht mehr ausrichten, als jetzt? Ich will niemanden unter Ihnen, am wenigsten meinem lieben Gemahl, Vorwurfe machen; aber Sie werden mir zugestehen, dass selten ein adeliges Geschlecht sein Alterthum vor das eilfte und zwolfte Jahrhundert hinauszufuhren im Stande seyn wird, und dass die Genealogienkunstler es nicht viel besser machen, als die Maler, die, wenn sie die Sundfluth malen, alle die mit ertrinken lassen, gegen die sie etwas haben. Bei der Sundfluth in unserer Kirche kommen Pontius Pilatus, Herodes und Kaiphas ums Leben; auch Judas wurde ihnen gewiss Gesellschaft geleistet haben, wenn er sich nicht noch zu rechter Zeit erhangt hatte. Sie selbst werden den Jakob gepudert und frisirt auf manchem Bilde gesehen haben, wie er um Rahel wirbt; und eben in unserer Kirche hat Isaak sich einen Haarbeutel angelegt, als er sich auf die Freierei begibt. Was gilt die Wette: in allen Genealogien werden sich Pontius Pilatus, Herodes und Kaiphas im Wasser der Sundfluth, Jakob gepudert und frisirt, und Isaak mit einem Haarbeutel finden! Wenn man dem Ursprunge der alten adeligen Familien nachspurt wann entstanden sie? Zu einer Zeit, wo Strassenraub Modetugend, hochstens Mode-Untugend war; wo der Mordbrenner bei seinen Zeitgenossen mehr gewann, als verlor, wenn seine Unthat bekannt wurde; zu der Zeit des Faustrechts, der Befehdung und der Tollkuhnheit. Wie oft sind die Grundsteine des Adels Landesverrathereien und Beforderungen einer himmelschreienden Tyrannei? Mein Vater war ein Emsiger; und was ist entwurdigender: vermittelst kleiner Papiere, die man (mit Erlaubniss meines Gemahls) W e c h s e l nennt, Staaten auszukaufen, Regenten in Stand zu setzen, dass sie Krone und Scepter erhalten konnen, und Schatze aus fremden Gegenden durch Schiffe herbei zu fuhren; oder auf seinem Gute tausend Thaler intabuliren zu lassen, den Einschnitt des currenten Jahres in der nachsten Stadt zum p i t e r verschmelzen, dem er einen der heiligsten Platze im Tempel gab. Alles betete diess Bild an; und nun erhob A g a t h o k l e s seine Stimme und sprach: Ihr Manner und Weiber von Sicilien, wisset, ihr, wen ihr anbetet? "Jupiter." Freilich Jupiter, den ich aber aus verachtlichem Geschirr meiner Kammer machen liess! Und wie? ihr tragt Bedenken, uber m e i n e n Jupiter den Topfer zu vergessen? Diess wirkte; und der weise A g a t h o k l e s verfehlte nicht, neben den goldenen Geschirren auch irdene zum Andenken seiner Abkunft zu gebrauchen. In der andern Welt, meine Herren, werden wir weder freien noch uns freien lassen: da werden nur die guten Thaten des A g a t h o k l e s gelten und seiner Topfer-Abkunft weiter nicht gedacht werden. Wahrlich, jeder edle Mensch ist in der Welt keine Null; er ist nicht Mittel, er ist Zweck. Je mehr er sich der Unehre, bloss Mittel zu seyn, nahert, je unedler ist er in dem herrlichen Sinne, wenn e d e l und a d e l i g gleichbedeutende Worter sind. Menschenrecht und Menschenehre sind Dinge, die wir jedem lassen mussen, und die auch uns jeder lassen muss, vermoge eines Traktats, den die Tugend (verzeihen Sie mir den emsigen Ausdruck, der auch politisch ist) n e g o c i i r t hat, und der, wie Vernunft und Wahrheit ewig bleibt (ich rede wie die Tochter eines Kaufmanns) der uns bei der g e f a h r l i c h e n S c h i f f f a h r t dieses Lebens leiten muss. Menschen sterben; das Geschlecht ist unsterblich. Ich liebe meinen Gemahl zartlich; allein, war ich seine Anfuhrerin? Er rede, ob ich ihn unglucklich gemacht habe! Ich kenne sein Herz, und weiss gewiss, dass er das meinige kennt; oder hab' ich je in der grossten Ehestille ein Wort gegen ihn von dem verloren, was ich jetzt gezwungen bin laut zu sagen? Hab' ich mich nicht mit seinem Johanniter-Mantel bedeckt, und ist mir seine Nothtaufe nicht so erbaulich gewesen, dass ich ihn taglich nothtaufen sehen mochte? Ich werde gewiss meinen Stand als Konigin von Sicilien nicht verkennen; allein ich hoffe auch, dass man meinen Vater nicht verkennen wird, der durch sein Topferhandwerk mich zur Konigin von Sicilien gemacht.

Diese Rede schlug den Herrn Senior zu Boden, und d e r d r i t t e K a s t e n a s s e s s o r war versteinert. Er hatte die Dreistigkeit gehabt, nicht weniger als funfzigtausend Thaler ohne Zinsen von unserm Ritter zu verlangen; und da ihm dieses Darlehen abgeschlagen ward, so ergriff er mit beiden Handen die Gelegenheit, jene so harte Rede fur den Herrn Senior zu stylisiren. Die andern Assessoren, besonders der jungste, den die Ritterin, schon ehe sie zu reden anfing, bezaubert hatte, nahmen das Wort und versicherten, dass die liebe Cousine keine Narbe oder Schmarre, wie sie es nannten, von diesem bosen Stundlein behalten sollte, dass auf den Charfreitag Ostern, auf Peterkettenfeier Peterstuhlfeier folgen wurde, und dass alles nur Formalien waren. Vorzuglich beruhigte der Ritter sein braves Weib. Sie selbst brachte den gelahmten Senior wieder zu Kraften und versicherte ihn, dass er nach dieser Erklarung sagen konnte, was er wollte, ohne im mindesten weiter von ihr unterbrochen zu werden. Da er in der Verwirrung nichts an dem Aufsatze, den er von dem erbitterten Herrn Assessor erhalten hatte, andern konnte, so suchte er alles durch einen sanften Ton zu ersetzen, und befragte die Ritterin liebreich, ob sie ihrem vorigen Stande vollig entsagen, sich ihres heutigen Taufbundes erinnern, ihren Kindern und Kindeskindern eine adelige Erziehung angedeihen lassen, Sohne und Tochter bis ins tausendste Glied vor Missheirath warnen und durch Segen und Fluch sie vor diesem Falle bewahren wolle fur und fur? Sie antwortete: Ja! und ein noch lauteres auf die Schlussfrage: Ob sie der Familie ihres Gemahls treu seyn und bleiben wolle bis in den Tod? Dass der Vetter Schriftsteller hier an die funfzigtausend Thaler ohne Zinsen dachte, war sichtbar; indess hatte die Baronin ihrem Ja andere und viel engere Grenzen gesteckt, ohne zu wissen, dass der Funfzigtausendthaler-Assessor der rachsuchtige Verfasser des Uriasaufsatzes gewesen war. Nun erhob sich der Senior vom Stuhle und besprengte sie dreimal mit wohlriechendem Wasser aus einer Patene (einem Oblatenschusselchen).

Nachdem Vater und Mutter meinen Helden gemeinschaftlich auf einem Kissen dem Senior dargebracht, und dieser auch ihn dreimal mit dem Wasser des Lebens besprengt hatte, ward das Resultat publicirt:

dass dem Herrn Vetter der verbotene Biss zu ver

zeihen, und der A B C des heiligen romischen

Reiches Freiherr von Rosenthal nachstdem unbe

denklich in den Stammbaum einzutragen sey.

Was die Mutter anbetrafe, so sollte sie zwar, da ohne Mutter kein Sohn zur Welt kommen konne, auch ins Grune gebracht werden; indess musste sie sich gefallen lassen, dass auf ihren Namen ein Kleck kame. V.R.W.

Ihr Mann, ein zweiter Brutus, war unbeweglich bei diesem Urtheil, und wurde, wenn es ihm Amtshalber ware aufgetragen worden, selbst der Scharf- und Nachrichter gewesen seyn, um diesen Brandmark in Erfullung zu setzen. Heroismus steckt an wie die Liebe; und so war denn auch die Baronin ihres feierlichst gegebenen Wortes eingedenk, zumal da sie ohnehin wohl wusste, dass Stande in der Welt seyn mussen, und dass nach Peterkettenfeier Peterstuhlfeier eintritt. Willig erduldete sie den

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Kleck,

und war hinreichend befriedigt, dass man ihren Vornamen gewurdigt hatte, ihn ohne Kleck in den Stammbaum auf- und anzunehmen. Der jungste Assessor, dem die Cousine je langer, je mehr gefiel, und der sein hassliches, wiewohl sechzehn Ahnen reiches Weib den Augenblick mit ihr vertauscht hatte, ohne einen Dreier als Zugabe zu begehren, trat zu der armen Sunderin, als ob er sie mit Trost zum Richtplatz und Staupenschlage begleiten wollte. Sie dankte ihm anstandig fur seine Bemuhung, zeigte, dass sie keines Zuspruchs bedurfe und starb wie eine Martyrin den Tod des Kleckes, ohne einen Seufzer fallen zu lassen, was denn allen wohlgefiel. Das Urtheil ward sogleich zur Vollstreckung gebracht, und da dem Senior, welcher Ehren halber diese Hinrichtung zur Pflicht hatte und vigore officii die Namenseintragung besorgte, die Hand zitterte, so ward auch der letzte Buchstabe im Namen S o p h i e mit Tinte ersauft und mit dem Zunamen zugleich vertilgt, so dass nur S o p h und der Punkt auf dem i zu sehen blieb. Man schuttelte, ohne auf den ersten Edelmann A d a m , der auch nur einfach benamt war, Rucksicht zu nehmen, Vornamen hatte, und um so mehr bat der Senior sie um Verzeihung, dass er an dem unschuldigen i und e bis auf den Punkt sich widerrechtlich vergriffen, da sie so wenig an Namen zu verlieren hatte. Wahrend der ganzen Verhandlung musste die Baronin stehen; selbst ihrem Gemahl ward zur Kirchenbusse erst in der Folge, und zwar nur ein Tabouret gesetzt. Man gab sich das Wort, von a l l e m , was vorgefallen war, keine Sylbe zu verlautbaren, obgleich dieses Gelubde der Verschwiegenheit schon an sich zu den Familienstatuten gehorte; indess schien zu diesem a l l e m die Gegenrede der Baronin, die man Einspruch nannte, nicht gerechnet zu seyn, wobei es ihr ubrigens nicht viel besser ging, als jenem Alchymisten, der es auf Gold anlegte und Porzellan zur Welt brachte. Auch gut! Ist Porzellan zu verachten? Sie hatte sich, wie wir gesehen haben, schon lange zuvor gegen etwaige Vorwurfe ihrer Geburt in Vertheidigungsstand gesetzt. Schade! denn gewiss hatten wir sonst ein weniger gelehrtes, allein ein ihrem Verstande und Herzen angemesseneres Gluck erhalten. Jetzt machte man, so wie es hingegangen war, seinen Ruckweg. Nach dem Senior gingen unser Ritter und sein braves Weib, die ihr A B C trug. In pleno, wo die weibliche Gesellschaft, welche bis jetzt in der Gemeinde geschwiegen hatte, zutrat, ward ein Archengang verabredet, der nach Tische gehalten werden sollte; denn diess D r a m a , bei dem die Baronin ihr A B C und ihr Gemahl die weinerlichen Rollen gemacht, beschloss ein herrlicher Schmaus cum applausu aller, die am rothen Tische gesessen hatten, und derer, die draussen geblieben waren. Die in effigie bemakelte Baronin war nun wieder ganz die allerliebste, schonste, beste Cousine, und der Senior hatte um vieles den Tintenfleck von dem e und i sondern mogen, wobei er sich doch herzlich freute, dass wenigstens der Punkt zum i unversehrt geblieben war. Man ass und trank frohlich und guter Dinge. Nach aufgehobener Tafel ging man paarweise nach der Bundeslade und hupfte mit einer solchen Wohlanstandigkeit um sie herum, dass sich viele der Damen bei diesem Tanz aus Ruhrung der Thranen nicht enthalten konnten. In der Familie hiess er der Todtentanz. Der Bundeslade ward ein Prunkzimmer eingeraumt, wo sich alle drei Stunden sieben Mann zur Wache ablosten, die vom Senior Parole und Feldgeschrei erhielten; denn diese Bundeslade konnte nur zu ihrer Zeit wieder, so wie sie hergekommen war, nach Hause gebracht werden. Der Senior musste sie geleiten! Die Gesellschaft blieb sieben Tage (nach der Zahl des Seniors und seiner Assessoren, wobei Senior fur zwei gerechnet ward) einmuthig bei einander. Man hatte den Pfarrer loci am letzten Tage zur Familientafel gezogen, oder ihr einverleibt; und da vieles von dem Vorgegangenen, insoweit es ins Auge fiel und zum Aeusserlichen des Familienfestes gehorte, zu seiner Wissenschaft gediehen war, so konnte er nicht Worte genug finden, die Feierlichkeit zu lobpreisen. Sein unvorgreifliches Gesuch, die Arche unbedeckt zu sehen, ward ihm indess abgeschlagen Die wachehabenden Bauern dienten ubrigens zu Fuss und ohne Schimmel; doch waren sie mit Unter- und Obergewehr knappenmassig versehen, welches den Schulmeister am meisten verdross, der gerne bis zum Allerheiligsten der Bundeslade hohepriesterlich vorgedrungen ware, jetzt aber aus verbissenem Aerger gegen den Gevatter Nachtwachter behauptete: dieses Unwesen wurde mit einer sonnenklaren Finsterniss verdeckt, damit ihm von christfrommen Herzen desto weniger gesteuert werden konnte. Er gab unverschamt vor, die Nuss dieser Handlung mit den Backzahnen aufgebissen zu haben und den Kern zu besitzen. Und dieser Kern war? Die Baronin hatte eine Feuerprobe ihrer Jungferschaft aushalten mussen. Rosenfest nach der Hochzeit, versetzte der Nachtwachter. O, des Unbeschnittenen, schrie der Schulmeister, an Herzen und Ohren! Aus der Mutterschaft wird der sicherste Beweis der Jungferschaft gefuhrt. Das nennt man a posteriori; der Beweis a priori, Gevatter, ist und bleibt eine kitzliche Sache.

Die Damen machten Schwesterschaft, ohne sich zu dutzen. Die Funfzigtausend Reichsthaler-Schwester, die unter vielen andern Hasslichkeiten schwarze Zahne hatte, wie sie so leicht kein Hollander vom heissen Thee gehabt haben mag, konnte nicht umhin, sich einige Anspielungen auf die Gegenrede oder den Einspruch herauszunehmen. Gern wollte die Ritterin reinen Mund halten; konnte sie aber die Frau Schwester wohl vermogen, dass auch sie die Hand auf den Mund legte? Scharfsinnig wich die Ritterin aus, und brachte unter andern das Kapitel von der Verschwiegenheit mit der Behauptung vor: unser Geschlecht ware weniger zum Schweigen aufgelegt, als das weibliche. Vielleicht, fuhr sie fort, substituirte man in dieser Rucksicht dem Worte M a n n das beschriene Wortlein M u n d : V o r m u n d , statt V o r m a n n . Allein die Frau Schwester wollte nun einmal ihr Muthlein kuhlen. Selbst nicht das herrliche Mahl war im Stande, sie zu bandigen, ob es gleich davon nicht heissen konnte, so viel Mund, so viel Pfund; sondern: so viel Mund, so viel Centner. Und am Ende was wird es seyn, das die Frau Schwester auf dem Herzen hat? Auf dem Herzen, wahrlich nichts mehr und nichts weniger, als die funfzigtausend Reichsthaler ohne Zinsen. Noch wich die Mutter unseres Helden ritterlich aus. Gibt es indess nicht Gedanken und Worte, die man nicht verschmerzen kann? Diese pflegen gemeiniglich mit einer korperlichen Bewegung verbunden zu seyn; sie erregen eine Art von Seelenstoss; sie klopfen nicht bei uns an, sie schlagen eine Thure ein und wir mogen wollen oder nicht, wir mussen erwiedern.

"Der Papst, liebe Schwester, bedarf keiner Ahnen."

Hat aber keine Kinder "Und wie viele gekronte Haupter waren aus der Volksklasse!" An gekronte Haupter sollte eine ehrbare Frau schon Schande halber nicht denken. "Es wird mir doch erlaubt seyn, des Konigs David, des Mannes nach dem Herzen Gottes, zu erwahnen?" Der liebe Gott kann Ahnen beilegen, so viel er will; das lasst man sich nach der himmlischen Heraldik ganz gern gefallen. Nach der irdischen konnte Konig David so wenig wie sein Herr Sohn Salomo, Johanniter-Ritter werden "Wenn Salomo nur den Namen des W e i s e s t e n behalt, und Konige und Fursten sich glucklich dunken, dass sie nach ihm S a l o m o n e heissen!" Es ist Zeit, dass ich an das

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Inventarium

denke, welches ohne Subtilitatenklauberei in optima forma abgeschlossen ward. Der Nachbar war bei dem Abschlusse so thatig gewesen, dass der Baron eine grosse Meinung von ihm bekam, da er bei einer Sache, die doch ausser seinem Geschaftskreise lag, so viele Einsicht und Thatigkrit bewiesen hatte. Zwar hiess es, der Nachbar habe im Truben gefischt, und wenn gleich die eheleibliche Tochter des Emsigen ihm nicht zu Theil geworden, doch in casu den besten Theil erwahlt; indess war alles schwarz auf weiss, und dem Ritter lag nur daran, zu wissen, woran er ware, und nicht quid juris. Wenn die Herren Juristen nur so gutig seyn wollten, diess gegen dreimal so viel Kartengeld, als sie jetzt einziehen, den armen Leuten in kurzerer Zeit zu verkaufen, als jetzt, wo denn auch nichts mehr fur das Geld gegeben wird, als Geduldslehre! War' es wahr, dass es nur drei Reihen G e s c h r i e b e n e s braucht, um jemanden mit Ehren an Galgen und Rad und, was naturlich leichter ist, um Ruf und Vermogen zu bringen, so verdiente unser Nachbar das Zutrauen, welches ihm der Ritter durch das Anerbieten bewies, das Geld auf landubliche Zinsen in seine keiten, und bloss wegen des grenzenlosen Zutrauens, welches der Ritter in ihn setzte, erfolgte endlich ein aufrichtiges Jawort; und der Ritter entging durch dieses Ja der gewiss nicht kleinen Sorge, ein so ansehnliches Capital unterzubringen. Dazu kam noch, dass er nun die Antrage so mancher Ritter und Herren, womit man ihn, ausser dem Kasten-Assessor Nr. 3., gleich nach des Emsigen Tode besturmt und besauselt hatte, geradezu von der Hand weisen konnte. Da sehen die Frau Schwester mit den Hollanderzahnen, wenn der Ritter auch wollte kann er? Die Wechsel, die der Ritter acht Tage nach dem Ableben des Emsigen gestellt hatte, und die wegen ihres sonderbaren Verfalltages erwahnt zu werden verdienen, wurden bis zum letzten Heller bezahlt, und doch blieb unser Ritter schuldenfrei, und besass herrliche, Guter, welche, ohne die Kreuze mitzurechnen, zu den ersten im Lande gehorten, und ausserdem noch ein Capital von einhundert und funfzigtausend Thalern. Die

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Erziehung

unseres Helden war vollig diesen Vermogensumstanden angemessen, die, so wie sie zu allen Dingen nutze sind, sich auch bei Erziehungsanstalten ihre Stimme nicht nehmen lassen. Man kann nicht sagen, dass unser Held schwachlich war, und dass er die erhaltene Nothtaufe korperlich bewies; doch gehorte er auch nicht zu jenen Felsenfesten, die unser Ritter, wiewohl sehr uneigentlich, geborne Atheisten nannte die sich vor nichts furchten und deren Starke ihr Gott ist. Die Schwachlichkeit unseres Helden verhinderte gewiss keine seelen- und leibesritterliche Uebung, die der Herr Vater seinem Erstgebornen zudenken mochte. Der vaterliche Plan indess war in Hinsicht dieser ritterlichen Uebung so eingeschrankt, dass man ihm sogleich ansah, es sey mit dem A B C-Junker auf keinen Johanniterritter angelegt. Die Mutter eignete sich die Erstlinge der Erziehung zu, und jede Mutter, wenn gleich ihr Kind ein Sohn ist, bleibt dazu berechtigt. Ohne Zweifel werden wir finden, dass unser Held sich durch so manches Muttermal und durch recht viele Eindrucke, die er von seiner Mutter empfing, und wozu die Stern- und Kreuzseherei gehorte, sein ganderte die Mutter nicht, dass schon zeitig unlautere Leidenschaften genahrt wurden, um dem Junker eine Elle zuzusetzen, womit die weit klugere M u t t e r N a t u r (die aber freilich keine Baronin ist) den Menschen nicht ausgestattet zu haben scheint! War er denn aber nicht zu dieser wohlriechenden Erziehung besprengt? Da mussten Neid, Stolz, Ehrgeiz den glimmenden Docht der Fahigkeiten in dem Junker aufblasen, und mit so mancher Vernachlassigung des Menschen ein Baron ausgearbeitet werden. Das arme Weib war ihrer naturlichen Herzensgute und ihr Sohn seiner Nothtaufe wegen zu keinen grossen Leidenschaften aufgelegt. Gut! warum benutzte man indess den Boden nicht so, wie man ihn fand? Leidenschaft ist Poesie der Seelen, und Poeten werden geboren Warum Ilias ante Homerum? Warum liess man den Kleinen durchaus vom Tanzmeister gehen lernen? Das schlimmste war, dass das arme Weib selbst bei dieser Gelegenheit zusehends einen guten Theil ihres naturlichen Ganges verlor, und es zwischen Kunst und Natur so manchen Zwist gab. Die Natur behielt freilich den Sieg; sollte aber Streit seyn, wo alles entschieden ist? Bedachten die Vornehmen, dass die Pluralitat doch immer auf der Seite des Volkes, und dass mit Recht dessen Stimme die gottliche ist; bedachten sie, dass ihre Vota wie Tropfen gegen den Ocean sind, sie wurden mehr Achtung fur das Ganze beweisen und furchten und lieben lernen da, wo sie jetzt ohne Furcht und Liebe bloss befehlen. Durch das Befehlen ist wahrlich wenig oder gar nichts ausgerichtet, wenn die, welche gehorchen sollen, nicht zum Gehorsam vorbereitet und geneigt sind. Ist bei einer Baronserziehung an einen individuellen Charakter zu denken? Umstande sollte man, so wie Neigungen, dem Kinde unter seine Botmassigkeit bringen lehren; und wie weit leichter ware diess olympische Ziel zu erreichen, wenn man die unendlich mannichfaltigen Anlagen des Kindes zu benutzen wusste, und wenn man es mit Umstanden und Schwierigkeiten bekannt zu machen suchte! Lernte der Lehrer den Zogling k e n n e n , machte ihn mit sich bekannt, und waffnete ihn gegen alle sehr leicht auf ihn zu berechnende Umstande; verstarkte man die individuelle Natur durch kunstliche Nachhulfe: wie leicht musste es, wo nicht gewiss, so doch wahrscheinlich zu bestimmen seyn, was aus dem Kindlein werden wurde? Jetzt soll schlechterdings aus jedem Holz ein Merkur werden; und wie selten gibt es Aepfel, die weit vom Stamme fallen! Neigungen lassen sich verpflanzen, und wenn Krafte und innere Beschaffenheiten des Kindes ein Wunder in unsern Augen sind was werden wir ausrichten? Sagt nicht: es befanden sich Anlagen zu allen Neigungen im Menschen; auf seinen Acker konne so gut Weizen als Roggen gesaet werden, und es komme nur auf den Lehrer an, aus seinem Schuler zu machen, was ihm beliebe. Solchen Neigungen, welche die Natur zu Hauptzugen des Charakters bestimmte, kann der Mensch so leicht nicht entsagen. Oft heisst Kampf wider die Natur: Erziehung, und doch sollte Erziehung Naturveredlung seyn. Gemeiniglich fangt die Erziehung unserer Vornehmen nicht vom Menschen an, um zum bedeutenden Menschen uberzugehen, sondern man sagt dem Zoglinge: er sey schon von Natur bedeutend, und werde nicht ubel thun, wenn er bei dieser Bedeutung geruhen wolle ein Mensch zu seyn. Man complimentirt ihm den Menschen bloss auf, ohne ihm denselben zum Gesetz zu machen. Was Sie vor sich sehen, sagt man ihm, ist Ihr Untergebener; Gott setzte Sie, wie weiland Adam, ins Paradies, um zu herrschen und zu regieren. Leibes- und Seelenkrafte sind zwar liebe Gottesgaben; indess gegen Geburt und einmal hundert und funfzigtausend Reichsthaler baares Geld (ohne die schonen schuldenfreien Rosenthal'schen Guter) wie gar nichts! Es ist schon alles, was man thun kann, wenn man ihm Gnade und Huld gegen die Wurmer, seine Unterthanen, anpreist, weil der liebe Gott ihnen doch die Ehre erwiesen hat, Nase und Ohren an ihren Kopf zu hangen. Wer ist unser Nachster? und sollen wir nicht unsern Nachsten lieben als uns selbst? Warum diese Ausholung? Unser Junker erhielt eine wohlriechende Erziehung, bei der es nur auf gutes Wetter angelegt ward. An den drukkenden Sonnenstrahl des Sommers und an den Nordwind des Winters, als an die beiden Jahreszeiten des Burger-, und an den noch muhseligern Herbst, als an die Jahreszeit des Bauernstandes, ward gar nicht gedacht, obgleich wahrlich! nur der als Mensch erzogen ist, der, wenn Noth an Mann geht, alle vier Jahreszeiten in den vier Tagszeiten mir nichts dir nichts und so zu uberstehen vermag, dass er weder von einem physischen noch von einem moralischen Catarrh oder Fieber oder etwas dergleichen befallen zu werden furchten darf. Jetzt musste nichts, auch nur einen Strohhalm breit, aus seinen einmal angenommenen Grenzen verruckt werden, wenn der Junker nicht der Kalte und Hitze unterliegen sollte. Kein Dreier Zinsen von dem ansehnlichen Capital musste ausbleiben, kein Kreuz im freiherrlichen Schlosse angegriffen werden, kein Dachziegel sich verschieben, kein Mensch, selbst den regierenden Herrn nicht ausgenommen, sich in einen andern Ton umstimmen. Es musste immerwahrender Fruhling auf Erden bleiben und Rosenthal Arkadien werden; Nektar und Ambrosia immer fur Geld, nota bene o h n e gutes Wort zu haben seyn, wenn unser ABC-Junker grunen und bluhen sollte. Freund und Feind, dass ihr euch nur in den Schranken zu halten wisst; denn wenn sich nicht alles in der Welt wie im Einmal-Eins folgt, so kann es unserm Junker nicht wohlgehen und er nicht lange leben auf Erden. Nicht fur Gottes Erdball, fur Rosenthal ward er erzogen. Vielleicht andert sich unser Held, da die Scene sich verandert. Seht! zeitiger als es sonst Sitte im Lande ist, wird ihm durch einen Hofmeister unter die Arme gegriffen: gewohnlich die zweite Amme, welcher die liebe Jugend an die Brust gelegt wird. Der Ritter zu seinem Ruhme sey es gesagt vergass nicht, die Milch dieser Amme zu untersuchen, eine Ammeninstruktion zu entwerfen, und selbst an seinem Theil dem Hofmeister mit Rath und That zur Hand zu gehen. Er wollte aber nicht die zweite Amme seines Sohnes, sondern die Amme seiner Amme seyn; das ist freilich leichter! Und diese Instruktion? Der Ritter meinte kraft derselben, dass sein Sohn keines griechischen oder romischen Piedestals bedurfe, um sein Licht leuchten zu lassen vor den Leuten, indem er schon ohne Piedestal gross genug sey, um aufzufallen. Da er nicht uberzeugt war, dass der Massstab unserer Grosse bloss in den Handen der Nachwelt ist, so ward es nur auf den Schein angelegt, obgleich hierdurch der Geist der Herrschsucht, der Heuchelei und des Priesterbetrugs eingehaucht wird. Die Erklarung der Biene in der Fabel, die man vor giftigen Blumen warnte: "das Gift lass' ich darin," war ihm zu hoch, und die ganze freiherrliche Instruktion war ein Gangelband, wodurch eigentlich dem freien Willen ein Streich gespielt werden sollte. Ein paar Stellen dieser Instruktion schienen wirklich auf Veranderung des Wetters calculirt zu seyn; indess wurde in diesem Falle, da Gott vor sey! ein Amulet von Worten, ein Universale von schonen Phrasen vaterlich empfohlen, um, wenn sich Wolken zusammenzogen und Unfalle erhoben, sie durch Scheltworte oder Sentiments abzuwenden. Das ist der Lauf der Welt! So wie der Blitz (eigene Worte) sich nie selbst trifft, das Feuer sich nicht selbst verbrennt, das Wasser sich nicht selbst ersauft: so auch der Mann von Geburt und Vermogen. In der Natur und in der Menschenwelt ist alles wider einander. Der edle Mann muss sich durch erhabene Gesinnungen sichern lernen; und wenn Gleich und Gleich sich mit einander balgen was ist sein Beruf? Durch einen Vorsprung befehlen, richten und strafen, ohne das Gelubde des Gehorsams zu ubernehmen und sich richten und strafen zu lassen. Da ist er denn vor einem blauen Auge sicher, wie im Schooss Abrahams. Ein so wohlerzogener Held wird so selten von seinen Thaten eine Wunde heimbringen, als sich ein Kleck im Grunen in alten Familien findet. Alle jene schone Reden des Alterthums uber Vaterland und Heroismus waren hier Schulredensarten, die man zu Ehren und Unehren brauchen kann, je nachdem das Exercitium es will. Zu den geheimen Artikeln der Instruktion gehorte, dass der ABC-Junker ohne Schlage gross werden sollte. Strafen, hiess es, sollen durch Empfindung des Unangenehmen bessern; und da es Seelen- und Korperstrafen gibt, so mussen Kinder, je nachdem sie mehr Seele oder mehr Korper haben, mit Seelen- oder Korperstrafen belegt werden. Der Ritter war nicht ganz auf unrichtigem Wege; nur gehort der Kopf eines Meisters dazu, zu bestimmen ob und wie viel das Kind Seele und Korper habe; der Baron thut hier wahrlich nichts zur Sache. Kurz, bei der Art wie unser Held erzogen ward, schien es freilich nicht darauf angelegt, dass der Junker selbst etwas versuchen, selbst etwas erfahren sollte; vielmehr ward die Geschichte ihm als Spiegel, Regel und Riegel aufgeschlagen und ihm die Versicherung gegeben, dass schon andere fur ihn versucht und erfahren hatten. Wer wird denn auch auf eine franzosische Revolution und dergleichen calculiren? Mein Held ward ein Held aus Buchern und lernte reden, handeln aber nicht. Wenn das Dichten und Trachten des Menschenkenners dahin geht, dass der Lehrling alles aus sich selbst herausziehe, dass das Kind durch seine eigenen Handlungen lerne, dass seine Handlungen ihm Fibel und Katechismus werden, so war hier die Geschichte das Gotzenbild, welches angebetet ward. Wahrlich! was in der Geschichte nicht ubertrieben wird und das ist vom Uebel geht taglich vor unsern Augen vor. Ob Fingerlein oder Goliath, ob in Seide oder im Kittel Mensch ist Mensch. V o l t a i r e ist wahrlich einer der ehrlichsten Geschichtschreiber; denn er dichtete so unverhohlen und war so dreist, dass ein jeder wusste, woran er war. Die aber, die sich angstlich den Kopf zerbrechen, welches doch wohl die geheime Triebfeder gewesen sey, die diess und das ans Licht gebracht habe, die sich Muhe geben, Wahrheit von lugenhaften Nachrichten zu destilliren, bedenken nicht, dass wenn zwei Menschen einerlei sehen, wenn zwei Menschen einerlei horen, jeder anders gesehen und gehort hat, und dass niemand weiss, was im Menschen ist, als der Geist in ihm. Kindern die Geschichte! Ein Mann, dem der Kopf am rechten Orte sitzt, weiss freilich zur Noth, was ein ehrlicher Kerl thun kann, und da die Menschen einander erschrecklich gleichen, wie es denn so ungefahr zugegangen seyn wird. Ihm kann die Geschichte nutzlich und selig werden. Ein Kind aber was soll das mit der Geschichte, die seine Jahre und seine Krafte ubersteigt? Legte man Kindern Kinder- und Junglingen Junglingsgeschichte vor: immerhin! Dann ware dieser Einwand gesturzt, allein darum auch jeder andere? Was soll aber dem Kinde und dem Junglinge die Rustung des Mannes? Ich fand diese Einwendungen als Glossen und mit vergelbter Tinte hinzugefugt: "Quae qualis quanta!" Mit dem

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Turken

ward die Geschichte angefangen. Naturlich! da der Herr Vater des Lehrlings Johanniterordensritter war. Der Hofmeister hatte einen gottlichen Beruf, mit dem Volke Gottes anzuheben, um, wie er sich ausdruckte, die Pferde nicht hinter den Wagen zu spannen; aber was war zu machen, da der Ritter den Turken auf den Leib gebannt war? in der Geschichte namlich. Nie konnte unser Ritter an den elenden Anfang der Turken denken, ohne zu bedauern, dass nicht schon damals der Johanniterorden existirt hatte. Freilich! warum, sagte er, liess man es zur P f o r t e kommen? Eine Thur ist eher einzuschlagen. Otmann! Otmann! Stifter der Ottomannischen Pforte, dir Gerechtigkeit! Doch konnte ich bei der Gerechtigkeit, die ich deinem Muth erweise, Holle und Verderben aufrufen. "Aber, lieber Ritter," fiel die liebe Ritterin ein, "ohne Turken, wer hatte wohl an die Johanniterritterschaft gedacht? und ohne Ottomannische Pforte, was den Orden so gehoben? was und wer?" Und der Hofmeister, der blindlings aus Rache beitrat, weil dem Volke Gottes so sonnenklar Unrecht geschehen war, fugte hinzu: je grosser der Feind, je grosser die Ehre ihn zu Paaren zu voller, auf Lowen und Ottern, auf Schlangen und Drachen zu gehen, als auf Regenwurmern?

Ob nun gleich das Grab unseres Herrn schwerlich durch den Vater unseres Helden erobert werden wird, so erstreckte sich doch seine Todfeindschaft gegen alles, was Turk hiess und nicht war in der That etwas weit, so dass er gegen turkischen Weizen, turkisches Papier und gegen die unschuldige Blume, welche turkischer Bund genannt wird, die seltsamste Antipathie hatte, die je zwischen einem Johanniter-Ordensritter und einem wirklichen Turken gewesen seyn mochte. Kennen muss man seinen Feind, pflegte er zu sagen; und eben darum musste sein Sohn auch die turkische Geschichte vor der Geschichte des Volkes Gottes lernen. "Kennen," fragte der naseweise Hofmeister, "um zu verfolgen?" Bis in den Tod! erwiederte der Ritter; wesshalb er denn auch ruhmlichst an dem turkischen Weizen, dem turkischen Papier und dem turkischen Bund schreckliche Exempel statuirte. Oft dankte er dem Himmel, dass er nicht zu dem sonst so alten und beruhmten Geschlechte der Turken gehore; er behauptete, dass bloss wegen dieses Steins des Anstosses ein Zweig von ihnen sich T u r k v o n R a m s t e i n geschrieben hatte.

Als der Hofmeister mit Ehren die turkische Geschichte geendigt hatte, dankte er Gott, dass er aus dieser Mordergrube wie Daniel errettet ware; als wenn es nicht auch andere Mordergruben in der Geschichte gabe! Jetzt glaubte er, ohne allen Widerstand zu dem Volke Gottes ubergehen zu konnen; doch legte unser Ritter sich diesem abermals in den Weg, und achtete nicht darauf, als ihm der angehende Mann Gottes bewies, dass es wegen der Beschneidung, wegen des gelobten Landes, wegen der Barte und wegen vieler andern Umstande, halbe Arbeit seyn wurde.

Der Ort, fugte er hinzu, wird nicht verandert; es hebt nur ein neuer Akt an. Alle diese Umstande galten nicht und konnten nicht gelten, da selbst der Gedanke des alten Testaments dem Ritter nicht uberwiegend war. Auf Specialbefehl musste die

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Romische Kaiserhistorie

an die Reihe. Gleichviel! waren die Menschen nicht von jeher einander ahnlich? Der Hofmeister bat fur Romulus und Remus um geneigtes Gehor, es ward abgeschlagen, und nur nach so vielen Missgriffen sah er denn endlich ein, wovon er, ohne Oedip zu seyn, sich gleich anfanglich hatte uberzeugen konnen, dass der Ritter (nach Art gewisser Leute, die nichts achten, was sich nicht mit einer Pointe endet) bei jedem Theile der Geschichte seinen Herrn Sohn in freiherrliche jener Theil der Geschichte dazu Stoff enthielt, je fruher sollte sie, des Eindrucks halber, den man (nach der Instruktion) in den ersten Jahren am sichersten bewirken kann, der Gegenstand des Unterrichts seyn. Todte Fliegen, sagte der Ritter, verderben das kostlichste Salbol. Mag! dachte der Hofmeister; ich will bloss die Nester voll Eier ausbruten, die mir uberliefert werden. In der romischen Geschichte war es sehr mit auf die Christenverfolgungen gemunzt, die der Hofmeister nach allen Kraften einwasserte. Es kostete ihm wenige Muhe; zu den bekannten

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zehn Verfolgungen

noch einige andere kritisch beizufugen, wozu er z.B. den Kindermord zu Bethlehem rechnete, welches unser Ritter in besondern Gnaden vermerkte. So erfinderisch unser angehender Geistlicher in Rucksicht der Verfolgungen schien, so schwach war er in der

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Heraldik,

die ihn noch mehr als die Turkengeschichte, angstigte. Doch, wollte er wohl oder ubel, er musste dieser brodlosen Kunst Zeit und Raum gonnen, um, wenn vom Ursprunge der Wappen, deren Eigenschaften und den Regeln, die beim Aufriss und bei der Anfertigung, Visirung und Auslegung eines Wappens erforderlich sind, die Rede war, nicht langer wie jetzt ein Stillschweigen der Unwissenheit beobachten zu durfen, welches sich vom Stillschweigen der Weisheit etwa wie schleichen von behutsam wandeln unterscheidet. In kurzer Zeit konnte er den Ritter auf einen heraldischen Zweikampf herausfordern; und da er sein Studium in der Stille getrieben hatte, so erschrak der Ritter nicht wenig, als er, anstatt den Wappenunterredungen auszuweichen, sie selbst auf freiem Felde aufsuchte. Wappen sind Aushangeschilde, fing er an. "Halt! sagte der Ritter; der Begriff muss veredelt werden. Ich leite die Genealogie dieses Namens von den W a f f e n ab; diese Unterscheidungszeichen fuhrte man anfanglich auf Schild und Helm!" Der Hofmeister wurde sein Schild gewiss noch nicht so bald eingezogen haben, wenn sich nicht die gnadige Frau in dieses seine heraldischen Ikarus-Flugel versuchte, zu verstehen gegeben hatte, dass, wenn gleich jedes Handwerk einen goldnen Boden habe, der Schuster doch wohl thue, bei seinem Leisten, und der Schneider bei seiner Nadel zu bleiben. Ob nun gleich die gute Frau den Schuster vorausgehen liess, so fuhlte doch der Schneiderssohn den Nadelstich so heftig, dass er in eine Art von kurzer Raserei fiel, und (nach Art der Menschen, die, wenn sie von der Tarantel gestochen sind, vom Tanzen nicht ablassen konnen) sich durch Reden aushelfen wollte, und sich wie ein Kreisel durch Worte herumdrehte. Fassung ist das einzige Mittel, das erforderliche Gleichgewicht zwischen Leiden und Thun herzustellen, sie ist ein Extrakt der Geduld. Anstatt den Schuster aufzufangen und den Schneider seine Wege gehen zu lassen frohlich fiel er auf die Kleider im Paradiese, die von dem lieben Gott selbst gefertigt waren; indess musste er, da der Bediente hinter dem Stuhl der gnadigen Frau in Lachen ausbrach, eine andere Tarantelmaterie aus der Luft greifen. Noch nie hatte die Baronin eine Verwirrung dieser Art gesehen, die aus einer Unschicklichkeit in die andere, und zwar immer aus einer kleineren in eine grossere bringt. Die Gabel entfiel dem jungen Mann; er wollte sie aufheben und verschuttete ein Glas mit rothem Wein auf das herrliche damastene Tischtuch. Es fehlte nicht viel, so war' er vom Stuhle gefallen; so wenig konnt' er sich an Leib und Seele halten. Der Baronin schien ihr Nadelstich wehe zu thun, weil er den jungen, welt-unerfahrnen Jungling so sichtbarlich verwundet hatte. Sein Vater benahte das hochst-freiherrliche Haus, und durch den Vater war der Sohn zur Informatorwurde empfohlen worden; indess glaubte die gnadige Frau verbunden zu seyn, dem Junglinge, der seit einiger Zeit und je langer je mehr uber die Nadel ging, zu seinem eigenen Besten Schranken zu setzen. Die gewohnlichen Tischreden wurden zwar auch in der Folge aus der Heraldik geschopft; indess hutete sich der Schneiderssohn, Blossen zu geben. Der Ritter, dessen Vorliebe fur das alte Testament wir schon kennen, verfehlte nicht, den Adam, Sem, Ham und Japhet, die judische Nation und deren Stamme mit Wappen zu beehren. Im Segen Jakobs fand er vielen Stoff zur Heraldik. Dem ahnenarmen Koninge David selbst, der G o t t sein Schild nennt, konnt' es die Wappenehre nicht abschlagen; und ob er es gleich nicht vollig zu laugnen im Stande war, dass man erst zu Ende des zwolften und zu Anfange des dreizehnten Jahrhunderts Spuren von Wappen antreffe, so hielt er doch das werthe seinige fur weit alter, und sah es als ein brennendes Licht unter dem Scheffel an. Auch setzte er den Ausdruck: Helm zu Ernst und Schimpf, oder zu Krieg und Turnieren, ins Reine. Bekanntlich leidet keine heraldische Figur so viele Veranderungen wie das K r e u z ; und es war erwecklich, das heraldische Collegium u b e r d a s K r e u z aus seinem Munde zu horen welches der Ritterin um so mehr Freude machte, da es sie so lebhaft an ihren Brautstand erinnerte. Ueberhaupt sind Wappen eine Bilderschrift, und haben etwas Geheimnissvolles, Hieroglyphisches; und da die Damen wohlbedachtig von den Altaren der Geheimnisse, die wir generis masculini halten, entfernt werden, so ist nichts naturlicher, als dass sie sich gern dazu einweihen lassen mochten und dass sie sich auch gern mit Brosamen begnugen, die von unsern wohlbesetzten Geheimnisstafeln fallen. Wahrlich, diese Brosamen sind bei weitem der beste Theil!

"Wenn ein Collegium von Zwanzig, eine Innung von Funfzig, nur Ein Wappen hat," sagte der Ritter eines Mittags "was folgt naturlicher, als dass diesen Zwanzigen und diesen Funfzigen zusammen auch nur Ein Kopf gebuhrt!"

Ei, guter Ritter, wenn der gestochene Hofmeister eingewandt hatte, dass auch die ganze Rosenthalsche freiherrliche Famille M i t und O h n e nur E i n Wappen in vielen vidimirten Kopien besitze und Ewr. Hochwurden die Schlussfolge zu ziehen selbst uberlassen hatte! Doch verdarb dieser junge Mann seit dem Stich der gnadigen Frau fast alles; und wenn er sich ja herausnahm, feurige Kohlen auf das Haupt Sr. Hochwurden und Gnaden zu sammeln, so waren es ein paar Kohlen aus dem Rauchfass, und immer solche, an denen noch Weihrauch hing. Wenn er sich unter seines Gleichen befand, behauptete er, dass die Manier, mit vornehmen Leuten umzugehen, die in diesem Fall ohne allen Unterschied Eines Geistes Kind sind und alle zusammen nur Ein Wappen fuhren, noli me tangere, welches verdolmetscht ist: honny soit qui mal y pense, leider! so allgemein ware, dass nur demjenigen Lebensart zugestanden wurde, der mit Menschen einer hohern Region umzugehen verstande; ob es gleich nicht nur weit schwerer, sondern auch weit nutzlicher sey, sich in jede Menschenklasse sich in das Volk zu schicken. Vor Gott dem Herrn, dem vaterlichen Beherrscher, setzte er hinzu, ist alles gleich weit und gleich nahe: Cherubim und Seraphim sind nicht himmlische Grafen und Freiherren; Allvater, Alleinherrscher ist Gott, und alle Lande sind seiner Ehren voll. Diese theologische Zweizungigkeit legte sich gar bald, je mehr der junge Mensch aus seinem Compendio in die Welt kam, und je mehr er sah, dass die Welt, wenn gleich nicht die beste, so doch leidlich war, desto mehr genas er. Jetzt war er vor jedem Nadelstiche der guten Baronin sicher, und konnte auf ein ruhiges und stilles Leben in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit rechnen sein Leben lang. Der gute F r a n k l i n , der seinen Sohn vor Voltaire auf die Knie fallen liess, verglich den Adel mit Thieren, die im alten Testament ein Greuel sind, und die sich mit den unsaubern Geistern vor den Augen der Gergesener auf eine wunderbare Weise fleischlich vermischten. In der That, der Vergleich ist so wenig hoflich, als vollig anpassend. Unser Ritter verglich ihn, als er ein Glas Champagner uber Verordnung getrunken hatte, zu nicht geringer Verwunderung des Hofmeisters, mit Hunden, die man doch zur Zeit unserer in Gott ruhenden Vorfahren zur Beschimpfung und zur Strafe tragen liess, und die man, nach romischen Grundsatzen, schweren Verbrechern beipackte, wenn sie am Leben gestraft werden sollten. Bei unserm Ritter indess waren Hunde kein unedler Vergleich. Er besass Hunde, die er zwar nicht, nach dem Beispiel des Tyrannen, der sein Pferd zum Maire in Rom erkor, beehrte und an die Tafel zog, denen er indess sein Bild und Ueberschrift, sein Wappen (das Johanniterkreuz selbst nicht ausgeschlossen), angehangt hatte. "So wie der Mensch Hunde braucht, Thiere, ihres Gleichen, zum Gehorsam zu bringen und sich unterwurfig zu machen, sagte der Ritter etwas leise, wie in Parenthesi: so auch der Regent den Edelmann. Der Lohn ist ein Band." Der Regent? fragte die Baronin. Der Regent, erwiederte der Ritter; er sey Furst oder Gesetz.

S i e . Oder Gesetz?

E r . Denn Geber und Handhaber sind alsdann Edelleute.

Wenn aber der Hund gereizt wird, erwiederte S i e , beisst er nicht seinen eigenen Herrn?

So wie das Unrecht ihn schlagt, beschloss der Ritter. Jener Ernst und Scherz, der sich nur bei Gleich und Gleich einfindet, und mit Herz und Herz vertragt; jener Gedankenfluss, der das Wohlgefallen bei einem geschmackvollen Tisch erregt, jene Artigkeit gegen das schone Geschlecht, die fern von aller Zweideutigkeit und Verfuhrungsanlage ist, jene Offenherzigkeit, bei der niemand von den Anwesenden sich unter dem Schlussel halt, sondern jeder spricht und jeder hort, ohne sich bloss auf den nachsten Nachbar einzuschranken, der uns doch gewiss nicht fur eine ganze in Feuer gesetzte Gesellschaft entschadigen kann; jene Aussaat, die schon so oft dem Weisen in seinem Studirzimmer eine reiche Ernte brachte, war im ritterlichen Hause gewiss nicht in die Acht erklart und verbannt. So wie die Freiheit in der treuen Beobachtung selbst gemachter Gesetze besteht, so besteht Lebensart in der Weisheit, das Wort, oder die Flucht des Schweigens zu nehmen. Man liess dem Champagner seine Kraft, wenn man einen Einfall, anlockte, und dampfte den Einfall nicht wie die Erbsunde, damit keine wirkliche daraus entstehe. Um in der Gunst seiner hohen Patronen desto tiefer Wurzel zu fassen, schlug der Schneiderssohn ein

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Examen

vor, und eroffnete es mit einer Anrede uber den Ausdruck W a p p e n - K o n i g , welchen Namen er sehr gelehrt von W a p p e n k u n d i g ableitete. Was meinen Sie, sagte er zu dem Junker, wollen Sie nicht, wenn Gott Leben und Gesundheit verleiht, WappenKonig werden? Nein, erwiederte der Junker, Wappen-Kaiser. Dieser Kaiserschnitt von Antwort setzte den Hofmeister in eine nicht geringe Verlegenheit. Wer Menschen kennen lernen will, muss sie nach ihren Wunschen beurtheilen, fing die Baronin an. Heil mir, dass ich Mutter ward! Beim Wunsche zwingt man sich nicht; man glaubt keinem in seine Grenze zu fallen. Die grosste Unbescheidenheit findet man verzeihlich, und das Gebot: du sollst nicht begehren, scheint bei weitem nicht auf Wunsche anwendbar zu seyn. Zwar sollten nach Art der Examinum dem Junker gelehrte Daumenschrauben angesetzt und er uber einige Special-Artikel peinlich vernommen werden; indess hatte der Hofmeister, wie wir aus der kritischen Frage vom Wappen-Konig ersehen, sich schon in die Zeit schicken lernen; und anstatt aus dem Crestand eine Balanz zu ziehen, wusst' er es so zu kehren und zu wenden, dass die Frage die Antwort, und die Antwort die Frage enthielt. Eine Hand wusch, wie in unseren Katechismen, die andere.

Das romisch-kaiserliche Wappen ward gar zierlich zerlegt, wobei der Ritterin der zweikopfige Adler, seiner Zweikopfigkeit ungeachtet, nicht missfiel. Des vierten Quartiers sechzehntes silbernes Feld brach Sr. Hochwurden das Herz. Die Worte: "im sechzehnten silbernen Felde ist ein von vier kleinen in den Seitenwinkeln besetztes goldenes Kruckenkreuz wegen Jerusalem," kamen kaum zum Vorschein, als ein Examen-, Waffen- und Wappen-Stillstand einbrach, und alles mit dem Worte: "J e r u s a l e m " sich endigte.

Der Hofmeister, der bloss ex libro doctus war, dankte nun freilich dem Himmel, dass er so unversehens den rechten Fleck getroffen hatte; indess that es ihm herzinniglich leid, dass er seine Schlussrede, welche von den redenden Wappen handelte, nicht anzubringen Gelegenheit fand. Er setzte sich dieser Rede halber vieler Gefahr aus, und wagte einige Saracenische Ueberrumpelungen, konnte aber gegen die Tapferkeit unseres Ritters nicht aufkommen. Bloss an der Tafel hatte er Gelegenheit, den Inhalt seiner abgeblitzten Schlussrede anzudeuten und ad unguem zu zeigen, worin er das Wesentliche, das Zufallige und das Modische des Rosenthalschen Wappens setze. Diese Dreiheit fuhrte ihn uberhaupt auf die drei Ingredienzien eines Wappenrecepts, und zu einer lehrreichen Unterhaltung. Zum Wesen, wenn anders diese Kunst ein Wesen hat, rechnete er, wie Rechtens, das Feld oder den Schild, die Tinkturen und die Figuren; zum Modischen den Helm, die Helmzierrathen, und zu dem Zufalligen, das nur einigen Wappen zusteht, die Standes- und Ordenszeichen, Schildhalter, Wappenzelte und Mantel, Sinnspruche, Familienparole, Symbola. Wie schrecklich unser Ritter mit seiner Lanze bei dieser Gelegenheit uber die Mode herfuhr und ihr den verdienten Lohn gab, wird man sich sehr leicht vorstellen, wenn man sich des naturlichen Rosenthalschen Abscheues gegen alles, was Mode ist und heisst, erinnert. Die Mode sollte auch so viel Bescheidenheit haben, sich dem Gothischen Tempel der Heraldik mit mehr Ehrerbietung zu nahern, und ihre Arabesken anderswo loszuschlagen suchen! Ist es nicht ein elendes, jammerliches Ding um die gepriesene menschliche Freiheit? Da, wo lex scripta den Menschen loslasst, bindet ihn die Mode, um ihn auch da nicht frei zu lassen, wo er sich vollig frei zu seyn glaubt und frei seyn konnte. Der Uebergang des Hofmeisters von den drei Ingredienzien des Wappenreceptes auf den Umstand, dass aller guten Dinge drei waren, Geist, Seele und Leib, Rock, Weste und Beinkleider, brachte den Baron auf die ritterkecke Behauptung, dass jedes Ding von Wichtigkeit drei Worter in und zu seinem Dienste habe. Unter vielen Beweisen war der Ritterin merkwurdig, dass das Wort s t u r z e n dem Vieh, das Wort s t e r b e n von gemeinen Menschen, das Sonnenwort u n t e r g e h e n dagegen von vornehmeren gebraucht werden sollte. So war der in Gott ruhende hochwohlselige Herr Vater unseres Ritters u n t e r g e g a n g e n , der Vater seiner Frau Gemahlin Gnaden nur g e s t o r b e n , sein Hund ob er gleich bebandert war, g e s t u r z t . Wer hatte gedacht, dass das Wesentliche, Modische und Zufallige bei den Wappen mit so vielen Anlassen zu erbaulichen Betrachtungen an die Hand gehen konnte!

Der Ritter, eingedenk, dass er seinem Sohne, ausser der von ihm entworfenen Instruktion, auch Hochselbst Unterricht zu geben verheissen hatte, bereitete sich schon langst auf dieses Geschaft im Stillen vor; und im Stillen, wiewohl mit Zuziehung der Frau Gemahlin, ward beschlossen, dass, da man diesen Unterricht in der Dammerung ertheilen wurde, er auch

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die Dammerung

heissen sollte. Wer jedes bildliche Wort mit der Hand malen will, ist ein Geck, und wer keins mit der Hand bezeichnet, ist ein Metaphysikus. Ausdrucke, die mit der Hand begleitet werden, verdienen dadurch den Beinamen handgreiflich; und so wie das Schwert den Ritter ausmacht, so adelt auch dergleichen Handgriff den Ausdruck.

Diese Lehre, welche der Ritter dem Hofmeister theoretisch einband, ward von ihm selbst praktisch meisterhaft in Erfullung gesetzt, und wenn es gleich wahr ist, dass Hande, die gewissen Leuten im gemeinen Leben los zu seyn scheinen, ihnen allen Dienst versagen, sobald es zu Ernst oder That und Wahrheit kommt, so ist es doch auch wahr, dass jeder Schwache noch einen Schwacheren findet, an dem er zum Ritter zu werden, wo nicht Ueberlegenheit, so doch das Gluck hat. Wer den Lowen mit einer gewissen Art auszusprechen im Stande ist, scheint sich wenigstens so etwas von Lowen eigen zu machen, was fur den ersten Anlauf gilt; und so gibt es eine Art Lowenworte, die ein gewisses konigliches Gebrull an sich haben.

Die D a m m e r u n g s s t u n d e des Ritters hiess Einbildung stark gewurzt, welches uberhaupt ein Rosenthalsches Losungswort schien, so wie das Wort F r e i h e i t das Schlagwort, der Wahlspruch des Volkes ist. Einbildung, pflegte der Ritter zu sagen, ist der Thron der Menschheit, den kein regierender Herr, kein Tyrann angreifen kann. Sie ist zollfrei. Der Tyrann selbst hat den Eid der Treue an diesem Throne geleistet und dieser Menschenalleinherrscherin gehuldigt. Ohne das Gluck, hier ein Unterthan zu seyn, ware der Furst unglucklicher als sein letzter Sklave. Man konnte die Einbildungskraft einen Hang zur Unwahrheit nennen, den alle Menschen haben. In der Bibel werden alle Menschen Lugner genannt. Oft scheint die Unwahrheit sogar das Gewurz zu seyn, welches der Wahrheit den Geschmack beilegt. Die meisten Worte sind Lugen; und wo ist der Denker, der sich diese Wortlugen nicht zu Schulden kommen lasst, der nicht in Gedanken aufschneidet?

Der Gegenstand der geheimen Stunde, welcher sich indess bei der Ausfuhrung gar sehr verkleinerte, war nichts Geringeres, als eine Geschichte der in Europa verbluhten und noch bluhenden Ritterorden, welche der Ritter mit einer solchen Lebhaftigkeit, wiewohl in nuce (in einer Nuss, ob einer aufgebissenen oder nicht, wird die Folge lehren) vorzutragen Willens war, dass sein Vortrag von einer wirklichen Ordensaufnahme nicht sehr verschieden seyn sollte. Diess Ding von Wichtigkeit hatte wenigstens dreimal drei Worte in und zu seinem Dienste. Ein grosser Stein des Anstosses ward dem dammerungsschwangern Baron und seiner Ritterstunde in den Weg gelegt, und welch ein Ding von Wichtigkeit hat deren nicht drei und dreimal drei aus dem Wege zu raumen? Hier war der Stein des Anstosses und der Fels des Aergernisses ein tertius interveniens, ein wackerer Edelmann, der diese Strasse absichtlich zog, um mit unserm Ritter eine Lanze zu brechen. Dieser Gast war kein geschlagener, allein, wie unser Ritter es sein gab, ein beschlagener Cavalier, der sein Ring-, Kopf- und Qwitenrennen, Freibalg und Scharfrennen und was man sonst in unsern gesitteten Zeiten zum Turnier rechnet, keck und wohl verstand, und der diese Reise, wie man nachher aus vielen Umstanden schloss, vorzuglich aus Neugierde unternommen hatte, um zu sehen, was an den Funken sey, welche der Ruf von unserm Ritter und seinen ritterlichen Anlagen weit und breit umhergeschlagen hatte. Da alles, was ins Abenteuerliche fallt oder schlagt, das Schicksal hat, ubertrieben zu werden, so ging es auch dem Ritter und seiner Burg nicht anders. Man hatte behauptet, er habe sein Kind, das wirklich maustodt gewesen sey, durch eine besondere Art von Taufe auferweckt; in seinem Schlosse wohne die Kraft, weibliche und mannliche Unfruchtbarkeit in ein tausendfaltiges fruchtbares Erdreich, Spreu, die der Wind zerstreut, in Weizen zu verwandeln, unedle Metalle in edle umzuschaffen und an Menschen und Vieh vermittelst des heiligen Kreuzes Wunder zu thun, die bei Menschengedenken nicht gesehen und gehort, und in unsern letzten Zeiten nur etwa von G a ss n e r n , dem C a f f e t i e r S c h r o p f e r und wenigen andern hochst seltenen Menschen bewirkt worden. Der Gast war zu fein und zu gutdenkend, um eitle Neugierde aus seinem Besuche hervorschimmern zu lassen. Er kam, sah und schamte sich, es bei dieser Angelegenheit auf eine Wette angelegt zu haben, die schon a priori unmoglich anders, als wie es am Tage z.e.w., ausfallen konnte. Als weitlaufiger Verwandter des Barons fand sich gar bald der Apellessche Vorhang, der philosophische Mantel, und der Anstand, womit er seine Blosse deckte. Hier ist ein Extract ihrer Kreuz- und Querzuge uber Licht oder Wahrheit, Freiheit, Gleichheit, Ordenswesen oder Unwesen u.s.w. Ich will mit Fleiss in diesem Extract nicht bezeichnen, was dem Gastvetter und dem Ritter zugehort. Wir werden finden, dass ein tertius interveniens dieser Art im Stande war, unserm guten Ritter eine herrliche Wendung beizulegen!

Bestehen die Wappeningredienzien nicht aus dem Wesentlichen, Modischen und Zufalligen? Hat nicht jedes Ding von Wichtigkeit drei, und wenn das Gluck gut ist, dreimal drei Worte in und zu seinem Dienst? und gibt es nicht bei jedem Dinge von Wichtigkeit eben so viele Hindernisse wegzuraumen ? W e i s h e i t , R e i c h t h u m (sonst auch S t a r k e , V e r m o g e n genannt) und S c h o n h e i t sind die drei Hauptwunsche, wozu alle Menschen sich neigen. Wenn diese drei Hauptbegierden alle in liebenswurdiger Person, in Eva's Gestalt, erscheinen; wenn dem Adam gesagt wird, dass er nur Einer huldigen konne, und ihm die Wahl uberlassen bleibt, welcher von diesen dreien Even er den untheilbaren Huldigungsapfel, wie der Sultan das Schnupftuch, zuwerfen wolle: ist es nicht misslich, ob P a l l a s , J u n o oder V e n u s das grosse Loos ziehen werde? Konnen diese drei Neigungen nicht, veredelt, in Verbindung treten und Eins werden? Ist es nicht sogar das wahre Tugendrecept: von allen dreien Undredienzien gleich viel? Was daruber ist, ist vom Uebel. Kann der Mensch die Schatze der Natur nicht wohl anwenden und mit einer gleichdenkenden Gattin sich Gottes, seines Lebens und seines Todes freuen? Dienen nicht viele den drei Gotzen, der A u g e n l u s t , F l e i s c h e s l u s t , und dem h o f f a r t i g e n W e s e n zusammen? und sind es nicht noch die leidlichsten Lasterhaften, die unter diesen dreien Gotzen keinem den Vorzug einraumen? Sollt' es denn nicht moglich und ein kostlich Ding seyn, z u c h t i g , g e r e c h t und g o t t s e l i g zu leben in dieser Welt? Das war vielleicht der Geist der d r e i G e l u b d e , welche die ersten Ritter ableisteten, da sie einen ihren Zeiten angemessenen Entschluss fassten, das Grab Christi zu erobern. Gelegenheit ist Gelegenheit; der Entschluss verdient Andenken. Auch wenn der Anfang dieser Kreuzzuge (wie gar vieles in der Welt) ein Gedanke ohne Plan und Absicht war macht es dem Menschen nicht Ehre, dass er nach der Zeit ein neues Testament diesem alten hinfugte, dieses Chaos ausbildete, Geist und Leben in diese rohe Idee legte und einen Merkur aus diesem Block zu schaffen im Stande war? Gewiss fuhlte ein Theil jener Streiter die Ohnmacht des einzelnen Menschen, einen gewissen Gipfel der Tugend zu ersteigen und heilig zu seyn; vielleicht wollten sie hohere Kraft zur Heiligkeit vom Grabe Christi einholen, um ihre Leidenschaften sammt den unzeitigen Lusten und Begierden zu kreuzigen! Gesegnet sey uns heute und immerdar ihr Andenken! Und, um ihren Gelubden naher zu treten wer kann g r o ss seyn, wenn er e i n S k l a v e d e r L i e b e bleibt, falls s i e nicht geistig gerichtet ist? Es gibt eine irdische und eine himmlische Braut, thorichte und kluge Jungfrauen, korperliche- und Seelenneigung Jungfrauen mit und ohne Oel. Was helfen alle Schatze der Natur, wenn man sie nicht geniesst? Kann es aber nicht Genuss (Zinseneinnahme) fur diese und die andere Welt, fur das Sichtbare und das Unsichtbare, fur das Zeitliche und das Ewige zugleich geben? Ist nicht die Liebe das Gewurz des Lebens? wirkt sie nicht auf den ganzen Menschen? Heisst es nicht oft von ihr: wenn ich schwach bin, bin ich stark? Gewinnt der Mensch nicht durch sie an Leib und Seele? Sie erhebt, erhoht und verstarkt die Sinne, und nicht allein diese, sondern auch den Geist. Wer bei Liebe bloss auf den Geist saet, vergisst, dass er ein Mensch ist; wer aber bloss auf das Fleisch saet, erniedrigt sich der nicht unter den Menschen? Die Geschlechterneigung in Ordnung bringen, heisst die Welt reformiren. Ein Mensch, der hier von keinem verbotenen Baume isst was gilt der nicht in seinen eigenen und in aller Kenner Augen? und wo ist W e i s h e i t ohne G r u n d s a t z e ; wo ist sie ohne treuen G e h o r s a m gegen die Befehle, die Gott durch Vernunft und Gewissen vorschreibt, als wovon weise Manner manchen Volkskatechismus zu jedermanns Wissenschaft bekannt machten. Das Fleisch gelustete von Anbeginn, und auch hier, wider den Geist! Und was ist aus diesem Geiste der drei ehrwurdigen Gelubde geworden? Wenn, anstatt einer aus unserer Rippe abstammenden, uns so nahe liegenden, mit uns gleichdenkenden Eva, ein Mondfraulein mit Namen Dulcinea gesucht wird, die nirgends ist und uberall; die vor uns gaukelt und Kopf und Herz unnaturlich angreift was wird dann aus uns? was? Wenn alle jene Uebertreibungen, welche d e r L i e b e schon an sich eigen sind, zur wirklichen unmenschlichen, unnaturlichen Schwarmerei erhoben oder herabgesturzt werden ist es nicht eine geistige Hur ei, die eben so unnaturlich, eben so schadlich ist, wie die leibliche? Wenn der G e h o r s a m bloss der Unfehlbarkeit e i n e s Menschen, oder vielmehr seinem Stuhl oder seinem Pantoffel, geleistet wird; wenn endlich V e r m o g e n (es mag nun in klingender Munze oder in Talenten, in der Tugend selbst und den Anlagen dazu bestehen, welche die Vorsehung diesem und jenem zum Besten der Menschheit zuwies) unter Pauken und Trompeten in einen Gotteskasten gelegt wird, wo man es zur Aufrechterhaltung des Mussiggangs verschwendet was meinen Ew. Hochwurden? In Wahrheit, das ist eine Ehre, ein Kreuz zum Andenken zu tragen, dass dergleichen Unnatur aufgehort hat, welche Manner aus dem Lehr-, Wehr- und Nahrstande, von regierenden Herren bis zum Schuhflicker, auf die Beine brachte und zu Wanderburschen heiligte, indem sie alle gen Jerusalem gingen. An den frommen Betrug, welchen Vater Papst bei diesem heiligen Blindekuh-Spiel beabsichtigte wer denkt d a r a n ohne Aerger?

Unser Ritter, der nun freilich, Gottlob! nicht bis zum heiligen Grabe gekommen, sondern in Sonnenburg geschlagen, und dem auf dieser Schlagreife dergleichen Gedanken-Kreuzfahrten nicht vorgekommen waren, dem uberhaupt (ausser dem Wechselvorfalle mit dem Juden, den er zusammt den VerzogerungsZinsen durch die heilige Ehe so glucklich beilegte) keine Avanture schwer fiel, kam aus seinem ganzen Concept; indess hatte ihn der Vetter so h i n - und m i t g e r i s s e n , dass ihm ein anderes Licht aufzugehen schien. S c h i e n , sag' ich; denn wenn gleich anfanglich das Brevier seiner Ordensgeschichte ihm als eine wahre Dammerung gegen diese Ideen vorkam, so schwankte er doch bald hernach von der Rechten zur Linken, und wusste selbst nicht, ob er diese Ideen fur profan oder heilig, fur Schimpf oder Ernst halten sollte. P a l l a s , J u n o und V e n u s ; Augenlust, Fleischeslust, hoffartiges Wesen, als der dreikopfige Adler im Wappen des Menschen und was weiss ich, was mehr? waren Umstande, die in seinem Kopfe so gewaltig kreuz und quer zogen, dass er den Gast aus reiner Herzensangst wie vom Himmel gefallen fragte: o b e r b e i m h e i l i g e n G r a b e g e w e s e n s e y ? Oft, sehr oft, erwiederte dieser; aber nur im Geist und in der Wahrheit; wenn ich eine Leidenschaft begrub und einen neuen Menschen auferstehen liess, der vor Gott lebe! Nur dann dunk' ich mich ein Ritter zu seyn, wenn ich mich selbst und wenn ich in meinen Wirkungsgrenzen Vorurtheile uberwinde. Freund! das sind die Turken der Menschheit, und ein Ritter ist der, welcher es sich mit Leibes- und Seelenkraften, das heisst thatig, angelegen seyn lasst, dass das Gute uber das Bose in ihm, und wo moglich uberall siege. Die Turken, welche von den Johanniterrittern gar gewaltiglich, freilich in ihren vier Wanden, verfolgt werden, sind Menschen wie wir, und unsere Bruder, und judische und christliche Ketzer, Glaubige an beide Testamente, da die Christen nur das neue annehmen, ohne recht zu wissen, was sie mit dem alten machen sollen. Auch bedarf es bei Selbstuberwindung und bei den Siegen uber Vorurtheile keiner so hochgepriesenen Mittel. Das erste, das beste; das kleinste, unbetrachtlichste ist schon heilig, hochwurdig, wenn der Zweck, zu dessen Fahne es schwort, hochwurdig und heilig ist, auch wenn dieser durch einen Schleuderwurf von Mittel erreicht wird. Ein Kreuz ist eine Schande, wenn es ein Sinnbild ist, dass ich Seele und Herz, beide Hande und beide Fusse unthatig kreuze, und mich einem gewissen faulenzenden Mysticismus und Fanatismus ergebe, und hier, als auf einer grunen Aue, mich weide. Warum sagen Ew. Hochwurden selbst warum vermogen die Bosen so viel? warum herrscht das Bose in der Welt? warum liegt sie, so zu sagen, im Argen? Weil die Guten unthatig bleiben; weil der Tugendritter so wenige, und weil sie mit zu wenig Muth ausgerustet sind; weil man dem Bosen die Pluralitat, das Uebergewicht noch nicht abgewonnen hat. Ein einzelner Mensch kann nichts, weder physisch noch moralisch; vereinigt konnen die Menschen viel alles. Je mehr Menschen, je mehr Kopfe und je mehr Hande. Auf Einen Kopf gehen zwei Hande; und da jeder Mensch, bis auf die unbetrachtliche Anzahl Kruppel, zwei Hande hat, wenige Menschen dagegen, welche Kopfe h a b e n , Kopfe s i n d : so ist der, welcher ein Kopf genannt zu werden verdient, ein Edelmann; die Hande sind die Bauern. Je mehr gute Menschen, je weniger Aergerniss, je mehr Beispiel. Der Philosoph muss denken; der Edelmann muss denken und thun. Jener kann unsere Begriffe von Tugend und Gluckseligkeit berichtigen und befestigen, wenn er ein blosser Spekulant, und uns das Schone und Erhabene des Himmels auf Erden versinnlichen, wenn er ein Dichter ist. Wenn die Tugend in weiser Thatigkeit besteht, so gehort gemeiniglich theoretische Weisheit zum gelehrten Gebiete; und auch d i e ist nicht jedermanns Ding, und selten dem eigen, der das Recht erhalten hat, einen Kranz oder ein Kreuz der Gelehrsamkeit auszuhangen, sondern dem, der den Doktorhut aus den Handen der Menschen erhielt. Der Denker ist Priester, der Edelmann Prophet und Konig. Beide sind Ritter, wenn sie wirklich sind, was sie seyn sollen, beide sind bemuht, das menschenmogliche Ziel der theoretischen und praktischen Vernunft zu erreichen, die Ehre der Menschheit herzustellen und oft durch das Kleine in das Grosse zu wirken. Trug ich dazu bei, dass ich als Edelmann geboren und, kraft meiner sechzehn Ahnen, zum Johanniterritter geschlagen ward? Wozu ich nichts beitrug, ist das mein? Es gibt Fursten von Gottes, und Fursten von Kaisers Gnaden Jeder Mensch ist ein Furst von Gottes Gnaden: nicht wenn er sein D i p l o m , seinen G e i s t , in ein Schweisstuch der Vorurtheile wickelt; nein, wenn er durch Fleiss und Treue ihn veredelt, verdient er den Namen E d e l m a n n ! Ew. Hochwurden kennen meine Ahnenzahl; allein Sie kennen vielleicht meine Achtung fur Ihren Orden nicht. Alles, was ihr thut, ihr esset oder trinket, ihr seyd Johanniterritter oder seyd es nicht, ihr seyd wer, und was ihr seyd thut alles zu Gottes Ehre, das heisst: zur Ehre der Menschheit, welche die Offenbarung Gottes im Fleisch und sein hergestelltes Ebenbild ist. Der Stifter der christlichen Religion starb am Kreuz, weil ihm sein ubermenschlich grosser Plan, die Menschen moralisch zu verbessern und ein allgemeines Reich Gottes zu stiften, nicht gluckte; und die Johanniterritter tragen ein Kreuz, weil sie die gehorigen Ahnen und keinen Plan haben, die Menschen moralisch besser zu machen.

War unser Ritter zuvor zweifelhaft, so gerieth er jetzt in bohmische Walder. "Freund," fing er an, "wenn ich Sie nicht besser kennte, ich wurde furchten, der Neid flamme Sie zu dieser turkischen Harte gegen mein unschuldiges Kreuz an, das keinem Menschen Schaden und Leides gethan hat, und mit Gottes Hulfe auch nicht thun wird." Fuhrt es nicht auch vom Kleinen zum Grossen, vom Ritter zum Commendator? Und ist es nicht gut, dass oft sinkende Familien dadurch gestutzt und Hauser und Schlosser verwandelt werden, wenn gleich hier die Fingerlein keine Wohnung aufschlagen? Lassen Sie uns doch die Wurde des Adels nicht verkennen, Freund! der Menschen in superlativo! So lange Deutschland Hochstifter und Ritterorden hat, wo 16 oder 32 wohlerwiesene Ahnen mehr gelten, als so viele wohlerwiesene Thaten, sie bestehen nun in Schlachten, wodurch Tyrannen gesturzt, oder in Solonischen Gesetzen, wodurch tausendmal Tausend begluckt worden was ist da zu machen? Ist denn das alte Herkommen durchaus verwerflich? Ich fur meinen Theil bin dem alten Testament sehr gewogen und trag' es in meinem Herzen. Sollten Turken mehr als Christen wissen, was man damit machen soll? Fuhrten nicht viele von unserer Familie alttestamentliche Namen: Adam, Sem, Ham, Japhet ? Sollte der Adel nicht den heiligen Reliquien des Apollo, den Ruinen Roms und Griechenlands die Wage halten? Hat die Natur nicht selbst den Adel erschaffen und erhalt sie ihn nicht noch? Menschen sind geborne Edelleute auf Erden durch Verstand und Willen. Vielleicht gibt es solche Edelleute nicht mehr im ganzen Weltall; und wenn Verstand und Wille sie unter allen Geschopfen, von denen sie ausserlich so viel ahnliches haben, zu Edelleuten macht warum sollten nicht durch vergrosserten Verstand, durch veredelten Willen es auch Menschen unter Menschen seyn? Sind nicht Edelleute die Offiziere unter den Menschen? Und wenn es erst auf die Wahl ankommen soll, wer als Klugerer und Besserer ein Edelmann sey, so stirbt das meiste Gute unter den Handen, so ist ewiger Streit und gewiss noch grosserer Jammer und grosseres Elend unter den Sterblichen als jetzt. Ohne Autoritat und ohne dass man die Knoten auf Erden entzweischlagt, bleiben sie ungelost in Ewigkeit. Wie viele N e p o s w o l l a m s werden der Edelmannswahl den Weg vertreten! Und kommt Verstand vor Jahren? Begeht nicht auch der Klugste und Beste so viele dumme Streiche, dass kein Mensch in der Welt (ausgenommen der heilige Vater, der von der dreifachen Krone seines Hauptes bis auf die Pantoffel seiner Fusse sich zu einer Ausnahme erhebt) Selige und Heilige machen oder entschatten kann? Dass sich Gott erbarme! Die Menschen sind alle zu gleichen Trubsalen und Ungemachlichkeit berufen; allein wahrlich zur Standesgleichheit sind wir nicht da. Ist nicht jeder Hausvater der Edelmann in seinem Hause? ist er es bloss gegen sein Gesinde oder auch gegen Weib und Kind? Ist Herr und Edelmann nicht Eins? und wurden wir mit der Zeit nicht Gott den Herrn selbst verlieren, wenn wir alle Herrschaft vertilgen und allgemeine Gleichheit einfuhren wollten? Ach, Freund! in Republiken gibt es so gut Konige, wie in Monarchien und sie werden bleiben, wenn auch alle N a m e n k o n i g e auf Erden aufhoren sollten. Die heimlichen Jesuiten sind arger als die offentlichen, und die heimlichen Konige verhalten sich ebenso gegen die, welche bloss so heissen. Die Gleichheit der Stande ist der Natur des Menschen, den Staatsverfassungen, den grossern und geringern Geistes- und Leibeskraften einzelner Menschen, der Erfahrung und kurz und gut der menschlichen Vernunft entgegen. Es gibt der Menschen zu viel, und das Eigenthum so vieler unter ihnen ist so verschieden und so betrachtlich geworden, dass es Unterschiede geben muss. K a s t e n nicht, aber U n t e r s c h i e d e , die so allmahlig unter einander verschmelzen, dass alles wie Ein Stuck aussieht. A l s o k e i n E r b - , s o n d e r n w i r k l i c h e r A d e l . Ohne Erbsunde ware keine wirkliche, ohne E r b a d e l kann es w i r k l i c h e n geben. Jene Starke des Leibes, jene Fahigkeiten der Seele erwerben Vermogen, das wir unsern Kindern zurucklassen, wenn wir heimfahren aus diesem Elende, Kyrie eleison! Und diese Glucksguter verewigen den Adel; was Starke des Leibes und der Seele schuf, erhalt das Vermogen. In Polen macht das Vermogen, dass ein Edelmann des andern Diener, Camerad und Oberer ist je nachdem er ihm an Vermogen unterliegt, gleichkommt oder uber ihn hervorragt. Burgt nicht Vermogen fur eine bessere Erziehung? Wurd' ich meinem Einzigen einen so wappenkundigen Fuhrer zugesellen konnen, wenn meine Sophie mit dem Kleck mir nicht zu Theil geworden ware? Wurden sie und mein Sohn in meinem Hause gefirmelt seyn, wenn ich nicht im Stande gewesen ware, den Senior und die vier Kastenassessores besser als Senior familiae zu bewirthen? Freund, warum wollten wir auch etwas vertilgen, das sich schon mit der Natur der Deutschen amalgamirt zu haben scheint? wie der von der Nation angenommene Geheime Secretarius T a c i t u s fast zu schon bezeugt. Hat sich nicht schon zwischen einem Edelmann schlechtweg und zwischen einem edeln und thatenreichen Edelmann ein Unterschied eingeschlichen, der niemals schwerer als in dieser letzten betrubten Zeit zu vertilgen war? Schon in der ersten goldenen Zeit des Adels finden wir von dieser conditione sine qua non, vom adeligen Verdienst, unverkennbare Spuren. F r a n z I., K o n i g v o n F r a n k r e i c h , wollte die ritterliche Wurde von niemanden anders als von B a y a r d , dem Chevalier sans peur et sans reproche, empfangen. Nannten nicht Fursten und Konige die Ritter H e r r e n ? Machten sie sich nicht eine Ehre daraus, ausser der Wurde der Regenten die Wurde grosser, edler Menschen zu besitzen? Hohe Personen hiessen J u n k h e r r oder J u n k e r , so lange sie nicht R i t t e r waren; und gingen nicht Edelknechte, Knappen und Wappner Rittern zur Hand, wie Lehrlinge und Gesellen dem Vater des Hofmeisters und einem jeden ehrbaren Meister? Damals waren edle Thaten zunftig. Diese Zunfte sind aufgehoben: wir sollen jetzt alle Virtuosen seyn; aber leider! sind die echt edlen Thaten mit jenen Thatenzunften zu gleicher Zeit verschwunden. Das Militar macht freilich auch noch jetzt eine kriegerische Zunft aus; allein ihre Gesellenund Meisterstucke sind nur selten edle Handlungen; ihr Dienst wird nur durch Zufall alter Ritterdienst, und Don Quixote ist, wo nicht wirklich, so doch in der Anlage edler als manche Militar-Excellenz, welche kein Bedenken tragt, Menschen fur Windmuhlen anzusehen. Besolden wir nicht oft in unsern Legionen Staatsunterdrucker unter dem preiswurdigen Namen von Staatsbeschutzern und Staatsvertheidigern? Die Soldaten bringen ihre angeworbenen Menschen unter das Mass; allein die Seele wird nicht gemessen. Ich wunschte nicht, dass mein A B C sich diesem Stande widmete, ob es gleich wahre Zierden der Menschheit nicht nur unter Feldherrn und Offizieren, sondern auch unter dem gemeinen Manne gibt. Die Kluft, die nicht nur zwischen M i l i t a r und C i v i l , zwischen S o l d a t und B u r g e r , sondern auch zwischen S o l d a t e n und M e n s c h e n befestigt ist ist diese Kluft nicht unnaturlich? Grosse Armeen bekriegen das Reich Gottes, und so lange diese sind, ist z u m H e i l der Welt sichere Aussicht? Nach verschiedenen Evolutionen siegten die s t e h e n d e n A r m e e n ; und unser Ritter fing auf einem andern Wege an. Ist es nicht gut zu spielen, eh' es zum Ernst kommt? zu lustkampfen, ehe Blut vergossen wird? Das Spiel, Vetter, ist mir immer lehrreicher als der Ernst in der wirklichen Welt und selbst in Buchern. Sehen Sie hier zum frommen Andenken S c h w e r t , S p e e r , L a n z e , W u r f s p i e ss als die ehemaligen Trotz- und Angriffswaffen; S c h i l d , Helm, metallene Schuppen, Harnisch als Schutz- und Schirmrustung! Ich bin ein Freund der alten K e r n - und S t e r n w o r t e , und wurde gewiss den Ausdruck K r e b s , der nur unlangst aus der Mode gekommen ist, beibehalten haben, wenn nicht der wirkliche Krebs dieser Rustung zum Muster gedient hatte, und wenn nicht soviel in der Welt und das alte ehrwurdige Ordensspiel selbst den Krebsgang eingeschlagen ware. Wie gefallen Ihnen G u r t e l , S p o r n e und v e r b l e c h t e H a n d s c h u h e ? Die Kreuzsammlung wird Ihrem strebenden Auge nicht entgangen seyn. Auch Spiel, aber ein ehrwurdiges, seel- und herzerhebendes !

Man lasse doch alles lieber beim Alten, wenn man nichts besseres unterschieben kann. Ehe das heilige Gesetz, die unsichtbare Gottheit uber Menschen die Oberherrschaft fuhren wird, ohne dass ein Hoherpriester ins Allerheiligste geht, werden noch tausend Jahre verlaufen. Die aufgeklartesten, klugsten Volker konnten sich nicht ohne sichtbare Regenten behelfen, ohne etwas Eisen am Scepter und ohne Stab Aarons, der, wenn er mit Masse gebraucht wird, Staaten grunend und bluhend macht. Und was ist besser: vom krummen oder geraden Stabe regiert zu werden, vom Knechte aller Knechte, der eines geringen Handwerkers Sohn seyn und doch mit einer dreifachen Krone auf dem Haupte und mit Pantoffeln an seinen Fussen prangen kann, oder vom Durchlauchtigen Herrn, vom Muth oder von der Furcht? Freund, Muth ist ein herrliches Ding im Leben und im Sterben. Zoge der Adel sein Schild ein wurde nicht der Bannstrahl gelegentlich das Regiment verlangen? Alles ohne Unterschied wurde dann w i r k l i c h e Heerde und jene Herren w i r k l i c h e Hirten seyn, da jetzt der Edelmann so gut und oft mehr ein Schaf ist als die Schafe, die er weidet. Neid, Hoffart, Zank, Zwietracht, Rotten, Saufen, Fressen und die schamlose Begierde sich uber andere zu erheben, gingen mit dem Tiger, dem Drachen und Lowen, mit Wolfen und Baren paarweise aus dem Kasten Noa, und da sie nicht in der Sundfluth ersauft worden sind wer kann sie vertilgen von der Erde? Die Natur thut ihr Mogliches, sie lasst alle frei geboren werden. Alle reden von der Freiheit, aber alle sind Sklaven. Welcher Despotismus ist besser: der weltliche oder geistliche? Jener hort mit dem Leben auf, dieser erstreckt sich bis jenseits des Grabes in alle Ewigkeit! Jener straft, wenn er aufgebracht ist, dieser kreuzet und segnet eine vergiftete Hostie, umarmt uns, dass er uns desto gemachlicher und kalter den Dolch ins Herz stossen kann, kusst uns, um zu verrathen, macht uns ein Hocuspocus, um uns wahrend der Zeit, dass wir auf seine wunderthatigen Hande sehen und sie wohl gar ehrerbietigst kussen, die Taschen leer zu machen, nimmt uns alles Irdische gegen das Himmlische, baare Summen gegen Papiergeld und eine Assignation auf die andere Welt. Nicht auf dieser Welt ist Gluck und Freiheit, sondern in Eldorado! und Eldorado liegt unter der Erde. Ja, Vetter, nirgends anders als unter der Erde !

Ich will abbrechen. Unser Gast, das wird man leicht finden, ist kein ewiger Jude, kein Pilgrim und Fremdling, der Verstand und Willen sucht; es ist ein G a s t a u f E r d e n , der gern B u r g e r wurde, wenn er nur die Stadt Gottes fande, um hier das Burgerrecht gewinnen zu konnen. Er ist es werth, dass er, wenn nicht als ein solcher Burger, so doch als W i r t h in dieser Geschichte erscheine. Jetzt kurz und gut: er ass mit unserm Ritter und seiner Familie an der runden Tafel, sah die aufgepflanzten Ordenszeichen und die vielen Kreuze, und schied nach einem Mahl voll Wohlgefallen von dannen! Thun Sie, sagte er zu dem Ritter, was Sie nicht lassen konnen. Gott starke alle brave Menschen, die auf der Oberflache des Erdbodens zerstreut sind! "Und segne Sie!" erwiederte der Ritter. Mein Held liess kein Auge von diesem Vetter, dessen Ungewohnlichkeit ihn ausserordentlich fesselte, und gewiss entging auch er dem Gaste nicht, der alles, was beobachtet zu werden verdiente, zu Kopf und Herzen nahm. Unser Held schien den Gast sogar zu interessiren. (Warum bat man diesen s e l t e n e n Gast nicht, die vaterliche Instruktion zu prufen und zu erganzen?) "Und die Ritterin nicht auch?" Ist das eine Frage? Syphie konnte, ihrer Stern- und Kreuzseherei ungeachtet, bei jedem klugen Mann auf Verehrung Anspruch machen, und der Vetter glaubte sich durch ihre Bekanntschaft fur die Beschwerlichkeiten seiner Wallfahrt vollig entschadigt.

Ehe wir aus dem Licht in die Dunkelheit zurucktreten, muss ich bemerken, dass der Vetter naturlich dem Ritter in sein Collegium solche Kreuz- und Querstriche gezogen hatte, dass dieser, er mochte wollen oder nicht, den Pastor loci zu Hulfe rufen musste, um die etwas hart gezogenen Striche vermittelst eines scharfen Federmessers auszuradiren, und durch die Gute des wohlthatigen Bleiweisses die Stellen wieder auszuweissen. Freilich eine tiefe Demuthigung fur unsern Ritter, indem der ungeweihte Pastor loci dadurch zum Ordensvertrauten auserkoren ward! Indess trostete sich der Ritter uber diesen Umstand so gut er wusste und konnte, und dankte dem Himmel, dass er dem, obgleich nicht mehr unpolirten Sohne eines Schneiders nicht in die Hande fallen durfte, da dieser ihm bei dem allen doch noch zu jung zu einem so wichtigen Zutrauen schien, das gewiss drei Worte in und zu seinem Dienste haben wird. Jerusalem und das heilige Grab waren und blieben dem Ritter und seinem erkornen Waffentrager, dem Pastori loci, die Aepfel, die er auf dem gluhenden Ofen der Einbildung briet. Wie war' es, wenn ich auf dem Brevier des Ritters et Compagnie, noch ein Brevier machte, und wenn wir mit kalter Uebersehung aller Seiten- und Nebensprunge in ein paar Abenddammerungen (pro hospite) als Pilger und Fremdlinge gingen, ohne im mindesten den Leuchter von seiner Statte zu nehmen und dadurch Lehrer und Horer, welches letztere unser Held und seine Mutter waren, in ihrer Ordensandacht zu storen?

Das Wunderbare thut auf Kinder eine unfehlbare Wirkung, so wie das Tragische auf den Jungling; der Mann liebt das Lustspiel, und im hohen Alter steigt man den Berg hinunter, den man hinaufgestiegen war, bis man wieder ein Kind wird und von Fingerlein erzahlt und erzahlen hort. Das Kreuz, das unser Held bei der ritterlichen Nothtaufe beides an der Stirn und an der Brust empfing, und die Kreuze, welche ihm mit der Milch eingeflosst wurden, hatten eine Art von Eindruck in sein Gesicht gefurcht, und demselben eine gewisse Feierlichkeit, eine Kreuzesform einverleibt, welche der Hofmeister anfanglich als ein Werk der Noth, nachher aber als ein Werk der Liebe, pflegte und vollendete. Er behauptete, mein Held ware seelenkreuzlahm. Das K r e u z war ein Muttermal, das er auf die Welt brachte; warum aber l a h m ? Hatte der ABC-Junker nicht sein beschiedenes Theil von Verstand und Willen? Beides freilich war zum Ritter geschlagen, und, wie es doch bei Schlagen geht: sie treffen selten die rechte Stelle Das Wort A f t e r sagt zu viel, und wurde ihm zu nahe treten; warum auch einen Nothhafen von Namen, da unser Held nicht wie eine Bienenkonigin sich in eine Zelle einschliessen, sondern vor unsern Augen handeln wird? "Handeln?" Freilich scheint er zum Wortmenschen erzogen zu werden. Ist es anders in der Welt? Kommen wir nicht alle aus Wortschulen in das thatige Leben? Und doch gab es von jeher unter uns nicht bloss Horer, sondern auch Thater des Worts. Ich will meinem Helden keinen Namen beilegen; er selbst soll sich taufen! Die Geschichte des unheiligen turkischen Reichs, die zehn Haupt- und die vielen andern kreuz und quer eingeschalteten Nebenverfolgungen trugen das ihrige mit bei, unsern Helden an Leib und Seele zur Geschichte der Hospitaliten vom Orden des heiligen Johannes von Jerusalem anzuschicken. Aristippus sagte, da er durch einen Sophisten uberwunden war: Ich werde besser schlafen als du, ob du mich gleich in die Enge getrieben und gesiegt hast. Lasst es gut seyn; das Ende kront das Werk. Die Mutter unseres Helden war eine Kreuzseherin; sie hatte, wie wir wissen, den Ritter des Kreuzes halber, welches auch in der Dammerung, wie ein Katzenauge, an seiner Brust funkelte, geehlicht, und so konnte sich denn unser Lehrer wohl nicht empfanglichere Herzen wunschen.

Der heilige Orden fing unser Ritter an, und nahm seine Mutze, die eine Art von Inful oder Bischofsmutze war und zugespitzt wie ein Kirchenthurm gen Himmel zeigte, sehr tief und ehrerbietig ab. Schon lange konnte unser Ritter sich nicht ohne Mutze behelfen, und es gibt Menschen, denen sie naturlicher als der Hut ist. Zwar lasst sich nicht laugnen, dass eine Mutze eben nicht die schicklichste Tracht fur einen Ritter sey; indessen war er wegen seiner Neigung zu Hauptflussen zur Mutze verurtheilt; und da in unseren letzten Tagen die Freiheit sich in Frankreich laut und deutlich fur die Mutze erklart und das alte Sinnbild der Freiheit i n d e n v o r i g e n S t a n d gesetzt hat warum sollte es unserm gutgesinnten Aristokraten nicht auch erlaubt seyn, sich einer aristokratisch zugeschnittenen Mutze zu bedienen? Der heilige Orden, sagte der bemutzte, vom Jacobinismus himmelweit entfernte Ritter zum z w e i t e n - , und der heilige Orden, sagte er, nach seiner hochwurdigen Gewohnheit, zum d r i t t e n m a l (wobei die gnadige Frau sich jedesmal ehrerbietig beugte), ist unstreitig unter allen Orden einer der altesten und beruhmtesten; denn obgleich der Orden der Freimaurer sich dunkt, als ob Adam der erste achte und gerechte Maurer gewesen sey, so dient doch zur dienstfreundlichen Antwort, dass die Schurze, welche Freimaurer Adam trug, von Feigenblattern war, und dass auf diese Art die Schlange den Grossmeister des Ordens vorgestellt hatte, welches der Freimaurerorden, wie ich hoffe und wunsche, schwerlich auf sich sitzen lassen wird.

Unser Held, der wohl wusste, dass er das Ebenbild zur Johanniterordens-Ritterschaft verloren hatte und durch Mutter Eva gefallen war, wurde so voll von dem Freimaurerorden, dass er seinen vaterlichen Lehrer mit Kiuberfragen, so wie weiland der Gast mit Mannsfragen, angstigte. Da indess der Ritter wenig oder gar nichts von dem Freimaurerorden wusste, weil zu dieser Frist noch nicht so viele Lehrbucher uber diesen, wenn man will, g e h e i m e n oder v e r r a t h e n e n und z e r s c h m e t t e r t e n O r d e n geschrieben waren, so gingen diese unbeantworteten Fragen, die uberhaupt mit verbissenem Schmerz viel ahnliches haben, unserm Helden durch Mark und Bein. Schuldig gebliebene Antworten sind bewahrte Hausmittel, die fragende Jugend auf Irrwege zu fuhren, und streuten auch hier Samen; ob zu kunftigen Fruchten oder zu kunftigem Unkraut, wird die Zeit lehren. Fur jetzt nahm der Junker vielleicht aus Freimaurerhunger, den die wenigen Brocken eher gereizt als gestillt hatten, vielleicht auch, weil der zuruckgesetzte Hofmeister insgeheim unsern Helden mit so manchem Zweifel ausrustete Gelegenheit, den Johanniterrittern den Vorwurf aufzuburden: warum sie seit so geraumer Zeit nicht entweder mit dem Schwerte des Geistes oder des Leibes gesiegt, und die Turken, welche sich unterstanden, das Grab Mahomets zu Medina dem Grabe Christi, und die Kaaba zu Mecca der santa casa zu Loretto entgegenzustellen, entweder bekehrt oder zu Grabe gebracht hatten? Der Ritter, welcher den leiblichen Eroberungen wohlbedachtig auswich, versicherte in Hinsicht des geistlichen, bis dahin unerfochtenen Sieges, der auch jetzt noch im weiten Felde sey, dass die funf Bruder des reichen Mannes eher zu bekehren waren, als Leute mit Barten. Beweisen diess nicht die Juden sichtbarlich? Hierzu kommt, fuhr er fort, dass die Beschneidung Juden und Turken so fuhlbar an ihre Religion erinnert, und dass die Unterdruckung des Geschlechtes der Eva dem christlichen Glauben in Hinsicht der Turken, dieser bartigen Unglaubigen, unubersteigliche Hindernisse in den Weg legt.

Unser Held merkte es dem ritterlichen Vater mit und ohne Assistenz des Hofmeisters ab, dass er seinen Worten durch Ernst und Wurde (ein Privilegium de non appellando) das letzte Entscheidungsrecht beilegen und seinen Schulern das Opium der Unfehlbarkeit bei seinen Erzahlungen eingeben wollte.

"Im eilften Jahrhundert," fing sich eine Dammerung an, "wunschten Kaufleute aus der Stadt Amalfi im Konigreich Neapolis, welche in Syrien Verkehr trieben und bei dieser Gelegenheit die heiligen Oerter in Jerusalem besuchten, hier eine Kirche zu haben." Die gnadige Frau sowohl, als unser Held fanden bei so bewandten Umstanden die Feuerahnenprobe des Ordens ungerecht, und beide forderten Satisfaction vom Orden wegen dieser Strenge, und von der Familie wegen der Firmelung, wenn sie gleich mit wohlriechendem Wasser an ihnen vollbracht war. Indess konnten sie von wegen der Gestrengigkeit des Ritters nicht aufkommen; vielmehr sahen sie sich in den Umstanden, sich bloss mit Husten oder Protestiren (welches der juristische Husten ist) zu behelfen. So sang der Judenbekehrer S t e p h a n S c h u l z (vulgo S a n f t m u t h S i e g e t ) zu Rom in der Peterskirche das Lutherische Siegeslied: E i n ' f e s t e B u r g ist unser Gott, ein' gute Wehr und Waffen.

"Da Betrug und Handel," fuhr der gestrenge Ritter fort, "wie Haken und Oehse, wie Nagel und Wand, wie Mann und Weib verbunden sind, so wollten diese E m s i g e n , diese N a c h b a r n , um das Gewissen zu beruhigen, den Zehnten dem lieben Gott ablegen; obgleich diese Zehn von den Hunderten, welche auf Kosten des armen Nachsten genommen waren, dem lieben Gott, der nur reine Thiere zum Opfer verlangt, unmoglich ein susser Geruch seyn konnten. (Weder Mutter noch Sohn husteten.) Der damalige Kalif in Aegypten, Almansor von Muftasaph, ward gewonnen (der Ritter setzte kannengiesserlich hinzu: man konne wohl rathen, wodurch ) und gab sein fiat wie gebeten zum Bau einer Kirche in der Stadt Jerusalem. Wenn nun gleich die Herren E m s i g e n und N a c h b a r n es mit dem sechsten Gebot, das weder auf Wasser- noch auf Landreisen zu gehen pflegt, genau nicht so nehmen konnten, da sie bestandig unterwegs waren, wollten sie doch, dass ihre zuruckgebliebenen Weiber demselben strikte Observanz leisten sollten. Um nun dieses Gluckes theilhaftig zu werden, widmeten sie die Kirche der heiligen Jungfrau; und damit es weder ihnen noch andern Pilgern an guter Aufnahme und an den Exceptionen vom sechsten Gebote fehlte, erbauten sie neben dieser Kirche ein Gasthaus oder Kloster, worin sie Benedictiner zu Wirthen machten. Wollte Gott, dass unsere Gastwirthe, die alle eine Art von Benedictinern sind, nicht bloss sich, sondern auch ihre Gaste, da sie das Kreuz in Handen haben, segnen mochten! Auf meiner Reise nach Sonnenburg blieb mir dieser sowohl als vieler andere Segen aus, den ich indess dem Gast auf Erden, unserm lieben Vetter, hiermit reichlich anwunsche, so wenig er ihn auch am Orden verdient."

Ist je etwas im Stande, die Einbildungskraft bis zum hochsten Gipfel zu treiben, so ist es der Pilgerstand. Vier Dammerungen ging man bei diesen Benedictinern aus und ein, und liess es sich mit den andern Pilgrimen herzlich wohl seyn. Der Ritter ergriff diese Gelegenheit, den Kaufmannsstand in Rucksicht des obigen Hustens in integrum zu restituiren, und erlaubte dem S c h u l d n e r N a c h b a r , ob er gleich nicht aus Amalfi war, sich ohne Umstande zu Tische zu setzen und es sich wohl schmecken zu lassen. Eine Hand wascht die andere. Die Zinsen fielen auf die Minute; der Ritter wusste, woran er war, und konnte ungestort und mit Ehren, ohne einen Schritt aus dem Hause zu thun, gen Jerusalem reisen, und den NachSchon gleich bei der Anlage der Congregation des Ob nun gleich dem Ritter keine verschmelzenden W e s t e und B e i n k l e i d e r fanden, und dass jede Sache von Wichtigkeit drei Worter in und zu ihren Diensten hatte. Durch dieses weite Portal des Eingangs kam er geradeswegs zu den drei Gelubden der A r m u t h , der K e u s c h h e i t und des G e h o r s a m s , und zu den drei Klassen, in welche Meister R a y m u n d d u P u y die Hospitaliten theilte.

Auf Prima, sagte der Ritter, sassen die Adeligen, welche er zur Vertheidigung des heiligen Glaubens und zur Beschirmung der Pilgrime bestimmte. Dass sich Gott erbarme! sagte die Ritterin, wiewohl in Gedanken, die den Worten zuweilen erlauben, aus der Schule zu laufen.

Auf Secunda, fuhr der Ritter nach einer Weile fort, sassen die Kaplane und Priester des Ordens zum Gottesdienste; denn wenn gleich die Ritter allerdings Geistliche sind, so konnen sie doch vom Adjectivo g e i s t l i c h das Substantivum R i t t e r nicht trennen. Sie richteten weltliche Sachen geistlich: es waren N o t h t a u f e r .

Auf Tertia sassen die Bruder Unteroffiziere und Gemeinen, die zwar unadelig waren, indess doch alle Fahigkeit hatten, im Kriege todt zu schlagen und sich todt schlagen zu lassen; als in welche Klasse er zu seiner Zeit den Hofmeister anzuwerben nicht abgeneigt schien, der indess sich leicht auf Secunda schwingen konne. Diesem heiligen D r e i fugte er noch Eins (uberhaupt waren ihm die D r e i e n sehr gelaufig) hinzu, indem er die Ordensregel die Regula de tri nannte, welche der Orden sich eigen gemacht, nachdem er zuvor seine Rechnung bloss nach den gemeinen funf Speciebus gefuhrt hatte. Und nun liess sich unser Ritter in Malta bei dem Grossmeister (er nannte ihn G r o ss h e r r n ) melden, wunschte ihm eine frohe Abenddammerung und condolirte von Herzen, dass Se. Allerhochstwurden G r o ss m e i s t e r des Hospitals zu St. Jerusalem hiessen, obgleich Jerusalem, wiewohl bloss wegen der graulichen Sunden der Juden, sich noch jetzt in turkischen Handen befande, und dass er den erhabenen Namen G u a r d i a n d e r A r m e e n J e s u C h r i s t i fuhre, wenn nicht schon bekannt sey, ob, wo, und in wie weit nur eine einzige von diesen Armeen, die himmlischen Heerschaaren ausgenommen, ein Lager aufgeschlagen habe.

Die neue Ordensgeschichte hatte der Ritter gern fur alte verkauft; er war dabei so kleinlaut, dass er bei den acht Zungen, Sprachen und Nationen, in die der Orden pfingstfestlich, wie der Ritter sich ausdruckte, vertheilt ist, seine Sprache verlor und das Collegium nicht endete, sondern brach, welches wohl vorzuglich auf die Rechnung des Gastes gehorte, die zehn Pastores vollig zu berichtigen nicht im Stande waren. Simonides sagte, er sey ofters mit sich unzufrieden gewesen, wenn er geredet, aber nie, wenn er geschwiegen habe. Ich, fugte der Ritter hinzu, umgekehrt.

Damit indess alles seine Art hatte (wofur der Ritter sehr war), und unser Held in eine lebendige Sache gefuhrt werden, und eine Experimentalgeschichte, wie der Ritter es hiess, pragmatisch und praktisch lernen mochte, so liess er von dem Vater des Hofmeisters verschiedene sehr prachtige Kleider entwerfen, als da sind: ein rothes Oberkleid in Gestalt einer Dalmatica, welches die Ritter zur Zeit des Krieges (den Gott in Gnaden abwenden wolle!) uber ihrem Kleide trugen. Dieser Ueberrock war vorn und hinten mit einem breiten Kreuze verziert. Nach der Kriegszeit (die Gott in Gnaden abwenden wolle!) war die Friedenszeit (die Gott in Gnaden zuwenden wolle!) zu sehen in Gestalt eines langen schwarzen Leichenmantels. Beide Stucke wurden so gelegt, dass sich auf der linken Seite das achtspitzige weisse Leinwandzeug zeigte. Das goldene Kreuz, welches die Ritter an einem schmalen schwarzen Bande auf der Brust trugen, lag nicht minder auf diesem castro doloris, und stach in der Abenddammerung so trefflich ab, dass die Ritterin ihren Mann a b l o s t e , wie ein junger Adler sich uber sich selbst schwang und, ohne dass an die Unsichtbaren gedacht ward (auf die Fingerlein sah sie nicht), v o l l k u h ner Phantasie und Diction sie also a n r e d e t e : O ihr, die ihr neugierige (nicht aber wissbegierige) Weiber und ungetreue Manner flieht, und nur wohnt bei denen, die nicht sehen und doch glauben! Wenn es wahr ist, dass ihr in der Dammerung gern ungesehen unter Menschen wandelt und bei aller eurer Behutsamkeit es doch nicht hindern konnt, dass ein heiliger Schauer uns eure Gegenwart verkundigt hort und antwortet uns im heiligen Schauer, als der Sprache der Unsichtbaren! Haben diese Dammerungsvorlesungen und diese ausgebreiteten Kleider, die, ob ich gleich den Schneider kenne, der sie gemacht hat, weil er der Vater unseres Hofmeisters ist, nicht etwas Seelenerhebendes in sich? Von Fingerlein kann ich mir keinen Begriff machen, wohl aber von guten Geistern, die Gott den Herrn loben, und Kinder und Pilgrime geleiten, bis wir zur Stadt Gottes kommen, wo wir, mit weissen Kleidern angethan, fur Ritterpflicht Ritterlohn empfahen werden Amen! Nach Eldorado, sagte der Ritter Nach Eldorado, das unter der Erde ist.

Konnten euch, fuhr sie fort, o ihr Unsichtbaren! diese Kleider und unsere Dammerungsvorlesuugen nicht ruhren, ob sie gleich mir fast das Herz abstiessen o! so ruhre euch meine Ruhrung! Wusstet ihr, wie gern ich einen von euch, fromme und selige Schatten, sehen mochte, wie sehr ich euch liebe und ehre (verzeiht mir diese Ausdrucke, weil ich nicht anders als menschlich zu reden verstehe), ihr wurdet, da ich gern auf Gegenehre Verzicht thue, mir Liebe schenken. Neigung ist der Gegenneigung werth. Mein Herz verdammt mich nicht. Engel! Geister! Selige! oder wie ihr sonst heisst, Schatten mag ich euch nicht nennen, und glaubt (wenn zu diesen Erdenworten euch nicht aller Begriff fehlt), glaubt, eure Erscheinungen werden mich nicht schrecken. Mogen die zittern, d e r e n G e w i s s e n n i c h t b e s t e h e t i n d e r W a h r h e i t . Ist es moglich, so wunschte ich einen jener trefflichen Ritter der Vorwelt, versteht sich in Begleitung seiner Ritterin, zu sehen; und ist diese Bitte zu gross, so lasst mir meine Mutter, meinen Vater oder das Freitisch-Fraulein erscheinen, damit ich uber so manche Erden-Hieroglyphen Licht erhalte und vom Ende vom Liede, vom Ziel meiner Erdenpilgerschaft, vom himmlischen Jerusalem. Bin ich zu kuhn in meinen Wunschen? Begehr' ich eine Gotterscheinung? Schon eine Erscheinung meiner Lieben wird mich befriedigen, meiner Lieben die ich, als sie hier wallten, verstand, ehe sie sprachen, deren Gedanken ich von fern kannte, und deren Innerstes ich errieth. Nur Gedanken mocht' ich mit ihnen wechseln, nicht Worte nicht Blicke ; nur Gedanken! Dann ware das h e i l i g e G r a b , das in der Vorzeit so viele treffliche Menschen zu Licht und Leben brachte, das uns in diesen Dammerungen begeisterte, eine Pforte des Himmels geworden, uns und allen, deren Licht der Hoffnung im Grabe nicht erlischt; dann ware mir die Pilgerschaft dieses Lebens erleichtert. Halleluja!

K i n d , unterbrach der Ritter seine Gemahlin, ich kann zu deinem Halleluja kein Amen sprechen! Lass ab von deinen Bitten, wodurch man nur niedere Seelen fesselt! Ergebung ist der Ton der Menschen, auf den unser Geist gestimmt ist. Die Wolluste der Geister sind geheim, so wie die Wollust der Liebe, die vom Himmel stromt. Wahre Liebe ist ein unsichtbares Band, seiner noch als unsre Nerven, die Lautensaiten in uns, auf denen die Unsichtbaren zuweilen spielen, welche aber, wie Virtuosen, nicht immer dazu aufgelegt sind. Wie anlockend! Oft schlugen sie auch hier, wahrend meiner Vorlesung, einen Triller, machten eine Bebung, und dafur Dank! Was du recht liebst, ist nicht das, was du siehest, sondern das, was du nicht siehest: das Bild, das du dir von dem Gegenstande deiner Liebe abziehst, und von welchem oft der Maler in seiner Begeisterung einen Zug erhascht und trifft, der dich so hinreisst, als sahest du deinen eigenen Geist, bald hatt' ich gesagt leibhaftig! Was soll die Einladung der Himmlischen? so lass uns die Unsichtbaren nennen, die Verwandten des Geistes, der in uns ist, mit denen wir G e d a n k e n unh T h a t e n (die hohe Sprache der Geister) w e c h s e l n , wenn wir g u t sind. Wir sind Geist von einem Geist. Gott spricht, das heisst: Gott schafft. So oft wir uns zu den Vollendeten erheben, so oft lassen sie sich zu uns herab. H i e r f i e l schnell ein Blitz; ein heftiger Knall folgte, und plotzlich flog die T h u r e a u f . Man sprang auf. Grauen und Entsetzen uberfiel alle (die Ritterin ausgenommen, d e r e n Gewissen gewiss und wahrhaftig bes t a n d i n d e r W a h r h e i t ) und jedes hatte, ohne zu wissen wie und warum, die Hande gefaltet. Die Dammerung war zu Ende, man schlich sich ohne Amen, nach etwa dreimal neun Minuten sinnloser Betaubung, davon und hatte das Herz nicht, ein Wort uber das, was so eben vor aller Augen vorgegangen war, zu wagen; ich glaube, man getraute sich nicht daran zu denken. Unser Held entfaltete seine Hande zuerst, ging hin und machte die aufgesprungene Flugelthure zu, aber so leise, dass, wenn wirklich etwas Ueber- oder Unterirdisches sie geoffnet hatte, dieses Etwas es nicht ubel genommen haben wurde.

"Wunderbar!" Freilich wunderbar! noch wunder

barer indess, dass man der Ursache dieses B l i t z - , K n a l l - und T h u r v o r f a l l s nicht im mindesten nachspurte, so dass er unerforscht blieb bis auf den heutigen Tag. Warum sollte denn ein Geist mit Blitz und Knall erscheinen, und, wie regierende Herren, vor sich her Kanonen losen lassen? Was kann einen Geist dem es ein grosserer Vorzug seyn wurde, durch verschlossene Thuren einzudringen bewegen, Thuren zu sprengen und seine Ankunft mit Gerausch zu bezeichnen, das man am wenigsten in der Geisterwelt, die sich leider! so still halt, vermuthen kann?

Vater und Mutter umarmten ihren Sohn herzlich, sobald sie aus der Dammerung zum Licht gekommen waren; und er, edel unbefangen, so dass er diese Umarmung nicht deuten konnte wird er bei denen von seinen und meinen Lesern gewinnen, die ihn wegen seiner vielen Nothtaufen von so verschiedener Art verkannten? Neunmal neun gegen Eins, viele seiner Verkenner hatten die Flugelthuren weit offen gelassen! weit!

Erst jetzt befragten Ritter und Ritterin sich unter einander wiewohl heimlich, und zum ersten- und letztenmal, was jedes gesehen hatte? Beide erwiederten sich, ausser dem Blitz und der geoffneten Thur nichts gesehen, und ausser dem Knall nichts gehort zu haben; doch glaubte keines dem andern! Jedes bildete sich ein, dem andern sey mehr erschienen. Brannten nicht unsere Herzen? fing der Ritter an. Waren nicht unsere Zungen feurig? erwiederte die Ritterin. Bloss in dergleichen Dingen haben die Menschen immer mehr Zutrauen zu andern, als zu sich; und der Hang, jedem Irrlichte von Orden, jedem: h i e r i s t e s , d a i s t e s , d o r t i s t e s , nachzulaufen, entsteht aus diesem sonderbaren Misstrauen in sich selbst, und dem grosseren Zutrauen zu andern.

Wer von meinen Lesern sich uberredete, der Blitzund Knall- und Thurvorfall habe die Dammerungen auf immer verscheucht, irrte sich. Schon den andern Tag ward der abgerissene Faden angeknupft. Man schien, ohne vorher getroffene Verabredung, entschlossen, sich durch nichts weder zur Rechten noch zur Linken bringen zu lassen, und nach diesen Entschlussen fing der Ritter keck an, wie folgt:

Der Blinde hat keinen Begriff von der Farbe, und warum Zuruckhaltung? wir keinen von Entkorperten. Auch haben sie uns nicht zu befehlen! Guten Tag, guten Weg! Sind sie nicht an ihre Pflichten, so wie wir an die unsrigen, gebunden? Gott und das Gewissen, o d e r w i r s e l b s t , haben uns zu befehlen sonst nichts, es sey, was es sey. Wer wollte sich vor Unsichtbaren furchten? wer? Er schwieg, und ein Schauder ergriff alle. Warum er stockte, weiss ich nicht; wohl aber kann ich es verburgen, dass er nicht glauben wollte, und doch glaubte. Ich laugne nicht, fuhr der Ritter nach dieser stummen Scene fort, den Seelenanklang, die elektrischen Funken der Geister; was aber diese Phanomene sind wer kann das ergrunden? Wir wissen nicht, was wir seyn werden, und ich verlange es auch nicht zu wissen. Kommt Zeit, kommt Rath, kommt Ewigkeit, kommt Rath. Ein Korper wurde dort uns zu schwer seyn, und selten bleibt man ohne Hauptflusse, wenn man bekorpert ist. Wird das Kleid der abgeschiedenen Geister im Schattenreich, in der Breite und Lange von den Leibern unterschieden seyn, die wir diesseits als wahre Dalmatiken tragen?

Noch einmal! lasst uns nicht die Unsichtbaren furchten; sie sind unsre Mitgeister. Doch lieben konnen wir sie. Liebe ist das Hauptwort der andern Welt, weil Glaube und Hoffnung sich dort im Genuss und Schauen verlieren werden. Lasst mich, Geliebte meiner Seele, noch mehr von dieser Liebe mit euch lallen!

Gewinnsucht ist das Wasser, welches das Feuer der Liebe bis zum letzten Funken ausloscht. Die eigentliche Liebe ist Seelenliebe; sobald Fleisch und Blut Theil daran nehmen, ist sie nicht mehr Liebe. Selbst in der heiligen Ehe, wo Fleisch und Blut sich ihre Stimme nicht nehmen lassen, muss der Geist wider das Fleisch gelusten, wenn die Ehe seyn soll, wie die unsrige ist, die unsrige, liebe Sophie, wo wir in dem Sinne, den wir beide wissen, Fleisch und Blut kreuzigen sammt den unzeitigen Lusten und Begierden. Verstarken nicht Abwesenheit und Enthaltsamkeit die Liebe? Aller Besitz schwacht das Vergnugen, der Besitz in der Liebe besonders; er ist ein Mordbrenner. Die Liebe muss Widerstand haben. Wenn ich je Muth hatte mich zu balgen, so war es als ich dein Liebhaber war, ob sich gleich keine Gelegenheit zum Schlagen fand; wofur Gott gepriesen sey! Der Nachbar, der jetzt unser erwunschter Schuldner ist, konnte, wenn er gleich aus Amalfi gewesen ware, sich Subordinations halber keine Ausforderung herausnehmen; und glaube mir, Leute, die so viel Geld besitzen, haben, bei meiner armen Seele! kein Herz. Ohne Hinderniss ist keine Liebe. Seht da, worin die geistige Liebe die gemeine, die gemischte Liebe ubertrifft! Unsre Schulmanner, von deren Art der Schneiderssohn auch sein Theil besitzt, behaupten: man konne Gott nicht lieben, weil die Liebe ein Opfer wolle, und weil er unsichtbar ist. O, der Naseweisheit! Will die Liebe denn sehen? ist sie nicht blind? Und was das Opfer betrifft bring' ich nicht Hekatomben Gott dem Herrn, wenn ich mich selbst uberwinde? Ist es nicht, als losten wir unser Wesen in reinster Liebe Gottes auf wenn wir edel und gross handeln? Fliessen nicht in diesen seelerhebenden Lagen Thranen, weil uns verlangt, immer edel und gross zu seyn und weil wir es nicht seyn konnen? Ist durchaus gegenseitiges Opfer bei der Liebe nothig, so ist es eine Art von Opfer, dass Gott den menschenmoglichen Eifer, vollkommen zu werden, dass er den reinen W i l l e n fur reines V o l l b r i n g e n ansieht. Liebe gegen Gott und Gottes gegen uns ist von besonderer Art; und warum hier eine andere Sprache, als die uns so wohl thut und gelaufig ist? Ist sie kindlich; immerhin! Konnen wir diesseits die Kinderschuhe ausziehen? Es ist noch die Frage, ob wir sie in der n a c h s t e n a n d e r n Welt ausziehen werden; und doch konnen wir es wagen zu behaupten, dass wir gottlichen Geschlechts sind, dass wir in i h m l e b e n , w e b e n und s i n d ! Du rufst die Unsichtbaren an, e d l e R i t t e r i n ! Was fur Heil aber konnen sie diesem Hause widerfahren lassen, das, Gottlob! schon genug gekreuzet und gesegnet ist? Konnen sie deinen Vater zum Edelmann und deinen Sohn zum Johanniterritter erheben? Vielleicht ist es gut, dass wir mit der andern Welt in keiner Verbindung stehen; vielleicht sind wir mit den Unsichtbaren verbunden, ohne dass wir es wissen. Der Gast, der uns erschien noch erscheinen uns nicht entkleidete Geister, sondern Geister mit Korper umgeben war er nicht Geist? und wer kann es laugnen, dass er uns nicht Worte, sondern Gedanken zuruckliess, die ich, so lange die Augen meines Geistes und meines Leibes offen sind, nicht vergessen werde, bis ich gen Eldorado komme, welches unter der Erde ist! Hatte er weniger, wie der jungste Tag, gerichtet die Lebendigen und die Todten, er wurde mir lieber seyn; erhabener kann er mir nicht werden. Wir wollen sein gedenken, ob er uns gleich manche Dammerung durch sein Licht verdorben hat. Denke sein, Jungling, den er so fest an sein Herz druckte, als er segnend von hinnen schied! Denke sein, Weib und Mutter, und lass ab von deinen Bitten an die Himmlischen die so dringend waren, dass man inbrunstiger nicht beten kann, als du die Geister citirtest! Doch bist du nicht die Erste, welche das heilige Grab der Welt und allem, was darin ist, entriss! Lass uns, e d l e R i t t e r i n , zufrieden seyn mit dem, was da ist, mit dem, was uns Gott gab, und mit dem, was er uns entzog. Diese Ordenskleider sind nicht fur unsern Sohn; doch wird auch er nicht im Blossen bleiben, sondern seinem ihm beschiedenen Theile nicht entgehen. Kleider erwarmen uns, sagte der Gast, nur in so weit unser Korper ihnen Warme ertheilt, ob sie gleich die Windbeutelei haben, diese Warme fur ihr Eigenthum auszugeben. Der Leib ist das Kleid der Seele. Es gibt ein Ziel, das jeder erreichen kann; das Z i e l d e r V e r n u n f t und d e r M e n s c h h e i t . Sohn! ringe, da du das Johanniterkreuz zu erhalten nicht im Stande bist, dass du doch diesen olympischen Kranz erreichest, wozu Gottes heiliger Geist dir seine Gnade, seine Kraft und seinen Beistand verleihen wolle! Vergiss nicht die weisen Lehren des Gastvetters, die, das Bittere abgerechnet, vorzuglich d i r nutzlich und selig werden konnen. Mancher, sagte der Vetter, hangt einen Kranz aus, weil sein Wein schlecht ist. Der durftigste Gastwirth nimmt sich die Freiheit, Heinrich IV. als Schild auszuhangen, und das feierlichste Gesicht verbirgt einen Alltagskram von Kinderspiel und Puppenwerk. Der Virtuose putzt sein Instrument nicht; der Gelehrte lasst seine Lieblingsbucher broschiren, und nur der Ehemann das Portrait der Frau Gemahlin in einen goldenen Rahmen fassen: der Liebhaber nicht also, um das Bildniss seiner Geliebten uberall mitnehmen zu konnen. Das deinige, liebe Sophie, ist ungefasst. Ich schliesse mit Worten aus dem Schatzkastlein des Gastvetters: d i e V e r n u n f t i s t u n s e r S c h u t z g e i s t . Befrage sie, und denke ans Ende, so wirst du nimmermehr Uebles thun!

Das ganze Auditorium schwieg; und wenn es uberhaupt Geister gibt, und wenn von ihnen wirklich einige gegenwartig gewesen und diese Unsichtbaren anders gute Engel sind, so mussen ihnen die hellen Thranen in den Augen dieses Kleeblatts, wovon immer eine nach der andern den Augen entzitterte, gefallen haben.

Was ist fing der Ritter nach einer Weile an was ist unsere Pflicht in jeder Dammerung, und besonders heute in dieser Dammerung, da wir unsere Vorlesungen schliessen? Zu denken an die Dammerung aller Dammerungen: zu denken, dass unser Leben ein Ziel hat und wir davon mussen. Wenn wir unsterblich waren; wenn unser Sohn nie zum Besitze dieses Schlosses und seiner Kreuze kommen konnte; wenn meine Hauptflusse, derentwegen ich die Mutze trage, nie ein Ende gewonnen, ach! dann wurd' ich deiner Geistercitation beitreten; jetzt aber, da wir nach diesem Leben noch seyn, und, wie wir nach der Liebe hoffen, die Ehre haben werden, vielleicht nicht mit grossern, aber b e s s e r n Wesen, als die Menschen sind und jemals seyn konnen, Bekanntschaft zu machen und uns ihnen anzuschliessen j e t z t ein grosses Jetzt! lasst uns bei der Todtenfarbe dieser Ordenskleider uns freuen, dass Tage unsrer warten, wo Kopfflusse und aller Jammer und alles Elend aufhoren! Der Tod wer kann es laugnen? ist ein Turke, der sich uberwinden lasst; allein dieses Leben, wenn es ewig ware, wurde uns mehr zu stehen kommen, als wir haben und auftreiben konnen. Warum wollen wir so lange am Ufer weilen und uns besinnen? Frisch gewagt ist halb gewonnen! Hinuber! Es ist ein Gott und es ist sein Funke in uns. Getrost! Wer ein reines Gewissen hat was darf der furchten? Lasst uns nicht vergessen, dass der, welcher uns diesseits so viel Gutes zuwandte, uns jenseits nicht aufgeben wird! Tugend bedroht Wind und Meer, und es wird stille! Gewonnen! Der Gast sagte: Nicht die Liebe zum Leben, sondern die Furcht vor dem Tode, macht, dass man sich an das Leben hangt. Vielleicht konnte man es dahin bringen, dass man das Leben furchtete und den Tod liebte. Warum so weit? Lasst uns das Leben lieben und auch den Tod! Lasst uns den Tod furchten und auch das Leben! Diese Lehre hat uns Pastor loci, der zwar kein Gastvetter ist, doch aber gar wohl auf Secunda zu sitzen verdient, in einer Homilie ans Herz gelegt! Der Mensch ist einmal an Tag und Nacht gewohnt, und so wechselt es bei ihm wunderlich. Seine beste Tageszeit ist die Dammerung, wo die Furcht mit der Liebe, und die Liebe mit der Furcht in Streit ist. Wie der Baum fallt, so bleibt er liegen. Eine Eiche bleibt, auch wenn sie hingerichtet ist, eine Eiche, und eine Ceder eine Ceder. Stande, das hoff' ich, werden auch in der andern Welt seyn. Es gibt deren unter guten und unter bosen Engeln; und der Gast sage, was er wolle wer im irdischen Jerusalem als Edelmann treu befunden wurde, wird auch als Edelmann eingehen im himmlischen Jerusalem gen Eldorado, wo Gerechtigkeit wohnet. Wer Weizen saet, erntet Weizen. Roggensaat und Hafersaat tragen homogene Fruchte. Eine andere Klarheit hat die Sonne, eine andere der Mond, eine andere die Sterne. E i n K r e u z i s t d e s S t e r n s F u n d a m e n t , und ohne K r e u z und Leiden was wird gross und was kann gross werden? Was kann in der Natur ohne Kreuz bestehen? was in der Kunst? Der Mensch und seine Wohnung ist kreuzweise. Necket eure Hande aus einander, und ihr seyd ein Kreuz. Wer es hort, der merke darauf! Ich freue mich, meine. Lieben, dass ich diese Vorlesungen mit dem Gedanken schliessen kann, euch ein Licht in mancher Dammerung angezundet zu haben. Auch habt ihr wohl gefunden, dass ich unvermerkt hier und da den edlen Gast freundvetterlich zu widerlegen gesucht! Seine Grundsatze von Selbstadel verdienen vor allen eine Prufung. Gar zu scharf macht schartig. Gott ist von Natur gut, Menschen mussen es durch Erziehung werden; und leisten da nicht Geburt und Ahnen herrliche Dienste? Eben darum in allen deutschen Titeln (bis auf die furstlichen, denen ich auch das Wort zu reden nicht gesonnen bin) das Wort g e b o r e n . Originale sind schon, sagt man, und selbst wenn sie zu weit gehen; ihre Fehler sind besser, als die Schonheiten mittelmassiger Menschen. Mit oder ohne Erlaubniss des Herrn Vetters, ich nicht also! Die Ehre ist in die Originale verliebt, nicht Originale in die Ehre. Ist denn da der Unterschied so gross? Ich sollte denken. Muss man denn entweder der Ehre nachlaufen oder von ihr gesucht werden? Warum immer Extreme, lieber Gastvetter?

Nach dieser Rede, welche der Ritter unvorbereitet hielt, so dass das Feuer in seiner ersten Kraft wirkte, und nach verschiedenen Postscripten von Vortragen, welche er noch auf seinem Herzen und Gewissen hatte, brach die Ritterin in Begeisterung aus, und redete wie folgt: Mein theuerster Gemahl! Es gereicht dir zu keinem Vorwurf, dass du nicht am heiligen Grabe und in Jerusalem gewesen bist. Du hast uns durch die Macht deiner Zunge und den Nachdruck deines Geistes bis ins Allerheiligste gebracht, wo nur dem Hohenpriester im alten Bunde die Erlaubniss des Einganges nachgelassen war. Du hast frei herausgeredet, und nicht wie die alten Orakel und manche verfehlte Witzkopfe, die sich mit Zweideutigkeiten abgaben und noch abgeben. Da die heiligen Oerter nicht auf dem Wege nach Sonnenburg liegen, so wurde ein Umweg dieser Art zu einer Zeit, wo das strenge Wechselrecht dich unbarmherzig verfolgte und gar sehr erbittert gegen dich war, einer der unheiligsten Gedanken gewesen seyn, der dich hatte anwandeln konnen; und auch jetzt, da sich das Blatt jenes strengen Wechselrechtes gewendet hat, legen sich dieser Reise die wichtigsten Bedenklichkeiten wegen deiner Mutze, deren du nicht ohne die betrubtesten Folgen entbehren kannst, in den Weg. Ohne wirkliches Wunder, welches im neuen Bunde nicht zu erwarten ist, bleibst du bei uns und bei deiner Mutze, die dir gewiss nicht schlechter steht, als irgend einem Bischofe, dem sein Theil unter den Glaubigen oder Unglaubigen beschieden ist. Der Hildebrandismus hat unsere Bischofe und Aebte mit Inful und Stab verherrlicht; deine Mutze hat die Natur dir aufgesetzt. Auch bin ich mit deiner Resignation, nichts in originali sehen zu wollen, um so zufriedener, da dein Sohn ErziehungsInstruktionen braucht, wovon du schon so manches Meisterstuck geliefert hast. Ueber das sechste Gebot bist du hinaus, lieber Gemahl; und ich musste deine Umstande weniger kennen, wenn ich nicht dieserhalb eben so sicher, wie im Schoosse Abrahams, seyn wollte. Wie war' es indess, wenn wir jene h e i l i g e n O e r t e r in effigie darstellten? Denn wenn auch nicht die vornehmsten regierenden Herren unsere Gevattern waren, so fand' ich doch bei dieser ganzen unschuldigen Sache keine Bedenklichkeit von Gottes- und von Staatswegen. Das Geld bleibt nicht nur im Lande, sondern wenn Fremde aus fernen Staaten nach diesen Heiligthumern wallfahrten, muss die Geldmasse im Lande sichtbarlich steigen. Reizt die Wahrheit wohl, wenn sie nicht mit etwas Ceremoniell, mit Kunstworterkram, oft selbst mit Wahn, ausgeziert ist? Hypothesen spielen in der Philosophie eine nicht kleine Figur; und eroffnet die Phantasie, wenn sie am Tage kein Privilegium von uns erhalt, nicht in Traumen ihr privilegirtes Theater? Warum sollten wir uns dieses Geschenks der Natur schamen, wenn nur beim Feuer der Phantasie unser Urtheil kalt bleibt? Hatte man mehr als E i n Grab Christi gehabt wurde wohl die werthe Christenheit den unwerthen Turken dessfalls zinsbar geworden seyn? Hat man denn nicht der heiligen Reliquien sehr viele doppelt, drei- und vierfach? und ist es nicht gleich, wenn nur das Andenken von ihnen dadurch befordert wird? Bewahrt man nicht Christi Thranen, und, wenn ich nicht irre, irgendwo einen seiner Seufzer auf? Wurde man von den Ueberbleibseln des Kreuzes Christi, die man weit und breit zeigt, nicht einen ziemlichen Palast erbauen konnen? Die Wallfahrten zu unsern heiligen Orten werden so gefahrlos seyn, dass ohne unsere Erlaubniss kein Turke es wagen wird, sich hier anders als wie ein Gast einzufinden; und dann sey er uns willkommen. Der Kosmopolit, der fern von niedrigem Egoismus das Wohl seiner Nation beherzigt, verdient Liebe; allein, wer das Weltwohl umfasst, Verehrung. An die Erbauung mag ich nicht denken, die hier ein jeder, wenn er Erbauung sucht und dazu empfanglich ist, gar reichlich finden wird. Die guten Werke mussen dem Glauben vorausgehen; nach meinem glaubigen Dafurhalten ist er eigentlich nur da, das Fehlende zu ersetzen. Ach lieber Gemahl! warum sollten wir uns selbst vermessen, besser zu seyn, als wir sind? Der Mensch, man sage was man will, hat eine uberwiegende Neigung zum Bosen. Gott weiss, wie er dazu kommt! War' ich eine eben so grosse Freundin von der Erbsunde, wie du, Geliebter, ein Freund von dem Erbadel bist, ich wurde in die Anfechtung fallen, sie in mein Credo zu nehmen. Und Gott! welch ein Ziel, zu dem wir verpflichtet sind! Ein Ziel, das wahrlich so leicht nicht zu erringen ist! Wer hat es bis zur Heiligkeit gebracht? ausser in seinem Titel, nach welchem dir, mein Gemahl, zum Beispiel, ein zwiefaches H e i l i g gebuhrt. Das Ziel der strengsten Gewissenhaftigkeit ist unsere unablassige Pflicht; und wird diess Kleinod ohne den frischen starkenden Hauch der edlen Empfindungen zu erreichen seyn? Ist es nicht eine Schande, das Ziel zu kennen, Kraft zu haben, und doch nicht an Ort und Stelle zu kommen? Hatte der Gastvetter nur die ersten Spuren zu diesen heiligen Oertern entdeckt wurd' er wohl so. kopfschen gewesen seyn? Was sah er jetzt? Schwert, Speer und Lanze und eine Kreuz-Sammlung, die nicht zu verachten war, gegen die heiligen Oerter aber wie gar nichts ist. Zwar sind d i e selig, die nicht sehen und doch glauben; indess geht s e h e n v o r s a g e n . Und siehe da! Geliebter meiner Seele! Wir werden Verdienste besitzen, ohne die Eifersucht aufzuregen, und unschuldiges Vergnugen geniessen, ohne Feindschaft zu bewirken. Konnen Dichter die tiefste Einsamkeit beleben, und (nach der Versicherung eines von ihnen) Zungen in Baumen, Bucher in Bachen, Predigten in Steinen finden: wie weit herrlicher wird unser Plan ausfallen, wenn wir bei der edelsten Musse, die uns Gott und der Emsige machte, und die uns erlaubt, wir selbst zu seyn, die Seelen der Vorzeit einladen werden, in diesen elysischen Feldern umher zu wandeln! Ruhm und Ehre in der grossen, weiten und breiten Welt, und auf derselben Kreuz- und Querzuge, sind den Kapitalien gleich, die, so wie die Mitgaben geiziger Schwiegervater, nicht eher als nach ihrem Ableben bezahlt werden. Mein Vater, der Emsige, nicht also! Was hilft der Nachruhm? Ich bin fur den Vorruhm, den ich noch im Leben geniesse, und der, ob er gleich ein geistiger Genuss ist, dennoch die Gute hat, auf meinen Credit und meinen Magen Einfluss zu behaupten. Wohl uns, lieber Gemahl, dass wir hier Vorruhm ernten konnen die Hulle und Fulle, ohne dass wir furchten durfen, an Stelle und Ort lacherlich zu werden! Hier wird kein Schauspieler, keine Schauspielerin unser Gesicht, unser Auge, unsern Gang, oder den Schnitt des Kleides oder deiner Mutze leihen, um uns, wie den Sokrates in den Wolken, lacherlich zu machen.

Weib, fiel der Ritter ein, von Stunde an sollst du nie schweigen in der Gemeine! Und hinge es von mir ab, du solltest 16 und 32 Ahnen haben, weil du sie mehr als zehn andere verdienst, die damit ausgestattet sind. Langst war dieser Anbau der geheimste Gedanke meiner Seele; doch wusste ich nicht, ob er bei dir auf ein erwunschtes Land fallen, und, wie es am Tage ist, tausendfaltige Fruchte bringen wurde. Wie viele Jahre haben wir ungenutzt dahin sterben lassen, und wie viel weiter wurden wir seyn, wenn wir fruher angefangen hatten! Was sind die durftigen Ueberbleibsel der Johanniterordens-Ritterschaft gegen einen solchen Anbau? Was jener Detailverkehr gegen diesen Handel en gros? Die Aerzte leiten Flusse, die sie nicht vertreiben konnen, an minder gefahrliche Orte ab; warum soll ich uber den meinigen einen Stab brechen, da er mich nicht mit heroischen Mitteln, sondern durch eine Mutze im Geleise erhalt? Ich werde in kurzem alles, was noch anziehende Reize fur mich hatte und was mich meiner Gemachlichkeit untreu machen konnte, aus meinem Fenster sehen, ohne meine Mutze anders abzunehmen, als aus Ehrfurcht vor Heiligthumern, deren Schopfer wir waren. Wenn andere an die Muhseligkeiten dieses Lebens denken, oder an ihren unsterblichen Ruhm, wie Epikur, oder an die Rache, die unsere tapfern Bruder an ihren Feinden nahmen, um durch diese Nebenwege den Bitterkeiten des Todes auf den Hauptwegen auszuweichen, so wird unser neues Jerusalem die Todesfurcht schwachen, und der i n w e n d i g e Mensch, der sich an diesen heiligen Oertern weidet, den a u s w e n d i g e n so betauben, dass dieser sich uber sich selbst erheben wird, um nicht den bekannten Vorwurf zu verdienen, der die meisten Sterbenden mit Recht trifft, d a ss sie sich wie Kinder geberden, die man mit Gewalt zu Bett bringen m u ss . Es ist leichter, seine Leidenschaft zu andern, als sie zu bezwingen. Hat die Philosophie eine andere Absicht, als uns von der Hauptsache ab, und auf Nebenumstande zu leiten? X e n o p h o n war im Opfer begriffen, als man ihm sagte: dein Sohn ist geblieben. Er nahm seinen Kranz ab, doch nur auf einen Augenblick. Der Gedanke, dass der Tod seines Sohnes eine Pflicht, ein Heldentod gewesen sey, beruhigte ihn; er setzte seinen Kranz wieder auf, und raucherte weiter. Was dem X e n o p h o n der Kranz war, das wird mir diese Mutze seyn; mit dem Unterschiede, dass unser ABC-Sohn sich durchaus nicht der Gefahr aussetzen soll, in einem Treffen zu bleiben.

Die Ritterin war entzuckt uber die Wonne, die ihr Vorschlag ihrem Gemahl im Leben und Sterben vorbereitet und uber die Aufstrebung seines Geistes, die sie besonders seit seinen Kopfflussen selten oder gar nicht an ihm bemerkt hatte; sie benutzte seine Ekstase und bat fur den Schneiderssohn, dem sie weiland einen Stich beigebracht, um Kraut und Pflaster auf diese Wunde zu legen. "Was jener Kritikus dem Jupiter zurief: Du bist bose, also musst du unrecht haben! das hab' ich mir schon oft im Stillen ins Ohr gesagt. Ein guter Schwimmer, wenn er auch untertaucht, kommt doch wieder hervor. Den Armen wird das Evangelium gepredigt! Beim Bau der herrlichen Stadt Jerusalem sind nicht bloss Meister, sondern auch Gesellen nothig, und es trugt mich alles oder der Schneiderssohn ruft sich mehr als ehemals zu: wer da steht, mag wohl zusehen, dass er nicht falle. Wir weinen da bitterlich, wo uncultivirte Menschen auch nicht die kleinste Gelegenheit zur Betrubniss finden; wo jene vor Lachen sich auszuschutten scheinen, finden wir keinen Anlass zum Lacheln. Man muss die Wurzeln, die in jedem Menschen liegen, aufsuchen. Das was uber der Erde ist ist es wohl im Ganzen der Rede und des Gaumens werth?"

Ja!! war das Resultat, und der Junker, der die Thur leise zumachte, als Noth am Mann war, sollte der Herold dieses Avancements seyn, welches im ganzen Hofe viel Aufsehens und Gluckwunschens gab. Wenn unsere Wunsche erhort werden, dunkt es uns, als hatten wir ganz etwas anderes gewunscht; wir kennen das Ding in der Wirklichkeit nicht wieder, das wir in unserer Idee entwarfen; unser Weib ist ein ganz anderes Wesen als unsere Braut. Der Hofmeister war, vielleicht aus Heimtucke, weil er an den Dammerungen keinen Theil hatte, bei diesem Avancement sehr kalt. Er ausserte sogar uber diesen Jerusalemsanbau den Nahnadeleinfall, dass der Ritter es hier nicht viel besser mache als Mahomet, der, nachdem er vergebens den Berg citirt hatte, sich kurz und gut besann, zum Berge zu gehen, weil dieser, nach Art der Berge, so grob gewesen und es rund abgeschlagen, zum Mahomet zu kommen. Die Erfahrung indess hatte unsern Einfallisten gelehrt, dass man zuvor zuschneiden muss, ehe die Nadel anzuwenden ist; so wusste er denn seine Bitterkeit zu kreuzigen sammt ihren Lusten und Begierden, und die Grossmuth zu verehren, welche er der Ritterin zu verdanken hatte. Man wollte den Bau nicht ubereilen oder wie der Ritter es uneigentlich nannte, sich mit dem Bau nicht in die Flucht schlagen. Kommt Zeit, kommt Rath, hiess es. Die Frage, ob der erste oder der zweite Tempel zum Muster dienen sollte, ward unentschieden reponirt. Sowie indess der Salomonische Tempelbau in aller Stille unternommen ward, so sollte es auch bei dem Rosenthal'schen gehalten werden, ohne dass der Herr Vetter, ehe es Zeit ware, einen Hammerschlag horte. Unser Held, der durch das Grab Christi und die Pilger uber den Verlust, den er an den Freimaurern gemacht, furs erste beruhigt und durch so viele schone Schlussreden ausserst bewegt schien, war voll heiligen Posaunentons und voll Jubelsprunge uber so viele Jerusalemsanstalten. Er hatte beim Schlusse der Dammerungen mit Ja und Amen verheissen, da er nach dem Laufe der Natur langer als seine Eltern zu leben erwarten konne, bei dieser Dammerungsstatte ihr Andenken heilig seyn zu lassen. An dem Tage, da der Aufbau eines neuen Jerusalems, mit Zuziehung des Predigers und des Hofmeisters, collegialisch beschlossen ward, gab die Ritterin ein Mahl, das man ein D e n k - und M e r k m a h l nennen konnte. Man kam aus einer finstern Kammer in die der Mond selbst nur ein bescheidenes Licht zu werfen sich unterstand, als wenn er, der Waffentrager der Sonne, nur verstohlen hineinzusehen sich erlauben konnte in einen herrlich erleuchteten Saal. Licht und Klarheit herrschten hier; und da eine gewisse innige Zuruckhaltung sehr zur Feierlichkeit hilft, so ward dieses Ehrenmahl mit einem Anstande gegeben, dass es dem Pfarrer selbst dunkte, als sey es fur diesen Tag zu gross und zu kostlich, und als wurde die Einweihung Jerusalems nicht herrlicher ausfallen konnen. Als man aus der Dunkelheit in das Licht kam, rief der Pastor entzuckt aus: so war es, als Aether aus der ewigen Natur heraus g e s c h l a g e n ward! G e r u f e n , sagte der Ritter, und der Pastor rausperte sich. Nicht die aussere Pracht, sondern die Wirkung, die dergleichen Feste auf Acteurs und Zuschauer machen, entscheidet. Alles war festlich geworden, so dass man sich kaum unter einander kannte. Die vertrautesten Bruder hatten Anstand genommen sich zu dutzen. Baron und Baronin, Junker, Pastor und Hofmeister waren einander so fremd, als ob ein Ungefahr sie zusammengebracht hatte. Die herrlichen Kleider, welche durch die Hande des Hof- und Ordensschneiders gegangen waren, fanden als allerliebste Masken allgemeinen Beifall, und es ward beschlossen, dass auch der grossmeisterliche Anzug, der Schnabelmantel (Manteau a bec), welcher den Rittern bei Ablegung der Gelubde gegeben ward, die Kleidung der Rittergrosskreuze, wenn sie zur Kirche und wenn sie zu Rathe gehen, von eben der Meisterhand dargestellt werden sollten. Der Schneidervater hatte mit vieler Schlauigkeit von seinem Sohne ein Wort aus der Heraldik aufgefangen, und da er bei Gelegenheit dieser Kleidungsstucke gross that, sich brustete und seinen Mitmeistern gar deutlich zu verstehen gab, dass sie Idioten waren, nachstdem zufolge so mancher von dem Ritter aufgefangener Winke sich bemuhte, aus dem Schnabelmantel wie aus dem Hechtskopfe das Leiden Christi zu erklaren, so erhielt er von einigen stichreichen jungen Meistern, die er in der ersten Hitze Grunschnabel zu nennen kein Bedenken trug, den Beinamen: H e r a l d i k u s , ohne dass ihm jemand von allen gewanderten Jung- und Altmeistern die Ehre streitig machen konnte, den ersten Schnabelmantel bei Menschengedenken gefertigt zu haben. Der Schneidervater, voll unbandigen Stolzes, krankte sich uber den unverdienten Spottnamen H e r a l d i k u s zusehends und zwar so, dass sein Sohn, der hierzu Gelegenheit (freilich die unschuldigste von der Welt) gegeben, diesen Schaden Josephs nicht nur kindlich zu Herzen nahm, sondern ihn auch zu heilen bemuht war. Umsonst! unsern welkenden Hypochondriakus konnte nichts erfrischen. Der Spottname Heraldikus war wirklich der Hauptnagel zu seinem Sarge, in welches der Schnabelmantel-Martyrer, nachdem er den Schwanengesang als Ordensschneider gar lieblich gesungen hatte, bald nach diesen Tagen einging. Hatte Nicolaus Copernikus mit seinem neuen Weltsystem ein besseres Schicksal? Die gottlosen Schneiderjungen konnten nicht umhin, noch auf den bescheidenen Stein, welchen der Schneidervater sich auf sein Grab legen liess, H e r a l d i k u s , wiewohl bloss mit Kreide zu schreiben! Der Sohn, welcher den Vater liebte, war nicht so unverschamt, sich seines Vaters zu schamen; indess freute er sich doch im Herzen, als er starb. Er glaubte sein Ansehen auf Secunda desto fester zu grunden und es je langer je mehr dem Flusse der Vergessenheit naher zu bringen, dass er Schneiderssohn sey. Da

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Jerusalem

wohl unbedenklich der Hauptsitz aller Sanctuarien ist, so war J e r u s a l e m unserm Ritter ein theures, werthes Wort. Das Hauptstuck in Jerusalem war der h o h e R a t h . Ging doch, nach der altesten Urkunde, Gott der Herr zu Rathe, ehe er Menschen schuf. Das erste, was von Jerusalem in Rosenthal sichtbar meine Verbeugung mache. Ob nun gleich die in diesen hohen Rath gezogenen beiden Rathsherren, der Pastor und Hofmeister loci, eines Tages es auf Bethlehem anlegen wollten und unwiderlegbar zeigten, dass die Abbildung dieses Fleckens und der Krippe weit weniger als Jerusalem sowohl auf dem Papier als auch unter freiem Himmel zu stehen kommen wurde, zu geschweigen, dass die Hirten loci am Weihnachtsheiligen Abend dieser feierlichen Erinnerung einen sehr naturgemassen Nachdruck zu geben im Stande waren, so blieb der Ritter doch bei der Hauptstadt Jerusalem. Auch schien er es den Herren Rathen ubel zu deuten, dass sie sich nicht entblodeten, Hirten in das Johanniterspiel zu bringen, fur welche er keine Classe hatte, ohne dass sie den Herren Secundanern in jeder Rucksicht zu nahe gekommen waren. Jerusalem blieb das hohe Wort, das Ja und Amen bei allem ritterlichen Dichten und Trachten, und den beiden burgerlichen Rathen blieb nichts weiter ubrig, als ihr Haupt bei dem Worte Jerusalem zu neigen und den artigen Flecken Bethlehem aufzugeben. Zur Nachricht. Wochentlich wurden zwei Sessionen gehalten, die den Namen h o h e r R a t h v o n J e r u s a l e m fuhrten. Von Stiftungsbrief und Rathssiegel hab' ich in den erhaltenen Papieren keine Reliquien gefunden. In diesem hohen Rathe ward alles vorgetragen, was zur Abbildung der heiligen Oerter nur forderlich und dienstlich seyn konnte; indess blieb, wie es in Collegiis wohl zu seyn pflegt, alles auf dem Papier, wo wir es denn auch furs erste werden lassen mussen.

Schon von jeher hatte der Ritter den zehnten Sonntag nach

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Trinitatis

zu seinem Lieblinge erkieset, an welchem d a s o r d e n t l i c h e E v a n g e l i u m Jerusalem zerstort. "So lange," pflegte der Ritter zu sagen, "noch ein Stein auf dem andern bei mir ist, so lange diese meine Augen offen stehen, will ich dein nicht vergessen, Jerusalem. An meinem Busen hab' ich dich gezeichnet!" Die gnadige Frau und unser Held, der im hohen Rathe den Collegen Junker machte, trugen zu allen diesen Denkwurdigkeiten die Wetterbeobachtung bei, dass es seit ihrem Gedenken an diesem Sonntage bestandig schwul gewesen, als wenn Jerusalem nach dem Untergangsbrande rauche! Sonne und Mond werden ihren Schein verlieren, erklarte die Ritterin (ihrem Gemahl zur Seelenwonne) von Gross- und Heermeistern, die leider! ihren Schein verloren hatten. "Die Sterne, die vom Himmel gefallen," sagte sie, "scheinen mir die Johanniterritter, welche Gott wie die Wachteln zum (ganz aus der Wuste ist das judische Volk nie gekommen) vom Himmel fallen lassen, um fur den ersten Anbiss seinem Volke, das sonst vor Hunger gestorben seyn wurde, Helden zu schaffen." Unserm Ritter war die von den Wachteln hergenommene Erlauterung des S t e r n v e r g l e i c h s nicht so ganz in optima forma, und der hohe Rathmann Pastor loci konnte von der Exegetik dieses Textes keinen Gebrauch machen, ob er gleich das Ingenium der gnadigen Frau zu lobpreisen nicht ermangelte. Da er die Hauptperson, so wie jedes, so auch dieses L i e b l i n g s S o n n t a g s des Xten nach Trinitatis war, so gab er sich jahrjahrlich Muhe, dem hohen ritterlichen Hause mit etwas Neuem vom Jahr und etwas Unvermuthetem aufzuwarten, und je nachdem dieses Neue vom Jahre fiel, je nachdem war auch der Ritter erkenntlich.

Im Jahr 17 beschloss der hohe Rath, diesem X. Sonntag nach Trinitatis den Namen K r e u z - oder R i t t e r s o n n t a g beizulegen und seiner Feier eine besondere Etikette vorzuschreiben; denn da der Ritter je langer je hochwurdiger ward, oder, wie er sich ausdruckte, sich ganz dem heiligen Orden und der heiligen Stadt widmete, so hatte er sich mit der unerlasslichen Pflicht belastet, an diesem Sonntage den Johannitermantel anzulegen und so seinen Einzug in die Kirche zu halten, um sowohl hierdurch, als durch Kniebeugen, eben die Ceremonie zu beobachten, als wenn der Ritter des heiligen Johannes, Freiherr des heiligen romischen Reiches, die heilige Communion empfing. Schwarmerei macht oft den Scheinphilosophen zum Scheindichter, den Scheindichter zum Scheinphilosophen, den Narren klug und den Klugen zum Narren. Begeisterung ist der Geist, wovon die Schwarmerei der Schatten ist; und eine gewisse Feierlichkeit, welche eine kalt gewordene, eine verrauchte Begeisterung heissen konnte, hilft der Schwachheit derer aus, die entweder jederzeit arm an Begeisterung sind, oder die nur eben heute nicht dazu aufgelegt waren und wer kann seinen Geist anstrengen, ohne dabei einzubussen? wer immer in hochster Geistesgalla erscheinen, wenn es angesagt wird? Ist das Alltagskleid rein was geht denen ab, die es angezogen haben?

Hierauf (so fing der Pfarrer seinen Text nach einem glaubigen und andachtigen Vater Unser an) wolle eine christliche Gemeinde das heutige ordentliche Sonntagsevangelium vorlesen horen, welches am X. Sonntage nach Trinitatis in der Gemeinde des Herrn pflegt verlesen und erklart zu werden, wie uns solches der Evangelist Lucas im neunzehnten Kapitel vom einundvierzigsten bis achtundvierzigsten Vers beschrieben hat. Es lautet in unserer deutschen Lutherischen Uebersetzung also.

Bei diesen Worten setzte sich unser in der Demuth grosse Ritter in kniebaren Stand; und bei dem ersten Worte des Textes:

"Und als er nahe hinzu kam," fiel er nieder mit seinem ganzen Hause, bis auf den Hofmeister, dem, wenn er gleich aus dem Unter- ins Oberhaus gekommen, und von einem Whig des gesunden Menschenverstands ein Tory des hohen Rathes geworden war, das Knien am X. Sonntage nach Trinitatis bei Vorlesung des ordentlichen Sonntagsevangelii in Rucksicht seines Standes, und weil sein Vater ein bekannter Schneidermeister mit dem Zunamen Heraldikus gewesen, nicht eignete und gebuhrte.

"Und als er nahe hinzu kam," wiederholte der Prediger, "sah er die Stadt an,"

Namlich Jerusalem, sagte der Ritter auf seinen Knien ganz laut, so dass es die ganze Gemeinde horte. Jerusalem! ward von einigen frommen Weibern aus dem Volke klaglich nachgeseufzt:

"und weinte uber sie," fuhr der Prediger fort, um eine lange Pause zu machen: denn er wusste, was in der ritterlichen Rolle stand, und was dieser Vers zu erwarten hatte. Thranen aus einem alten Hause sind Perlen; auch werden sie, falls man dem Dichter glauben darf, wenn das Stundlein vorhanden ist, um das letzte Diadem zu zieren, sich in tausend Perlen verlieren. Es sah nicht viel anders aus, als ob der Pastor den Zapfen in der Hand hielte, um diese Thranen laufen zu lassen. Der Ritter war geruhrt: die Ritterin weinte und unser Nothtaufling accompagnirte beide. Die Gemeinde konnte naturlich einem so grossen Beispiele nicht widerstehen, und zog die andachtigen Schleussen, so dass beinahe, auch ohne das Schluchzen einzurechnen, die Thranen fast horbar fielen. Zum Zeichen, pflegte der Ritter zu sagen, uber sie, zum Zeugniss des Blutes, das in Jerusalem floss. Ueberhaupt waren Wasser und Blut ihm ein wechselseitiges tiefes Symbol; und da er mehr Neigung hatte, Thranen, als Blut zu vergiessen, so waren Weinen und Blutlassen ihm im gewissen Verstande gleicbbebeutende Worter. Blut weinen hiess ihm: grosse Thranen, Platzthranen fallen lassen, die sich, wie bekannt, gemeiniglich mit Schmerz losreissen, ehe sie ins Auge treten Die Kuche und was ihr anhangt, vergiesst nicht Blut; Wasser und Feuer sind ihre Waffen, Thranen und Auto da fe.

"Wenn du es wusstest, so wurdest du auch bedenken zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dient; aber n u n ist es vor deinen Augen verborgen."

Das Wort N u n ward im Stillen gefeiert. Da man sich unter diesem N u n den letzten Athemzug des Lebens dachte, so war jedes bewegt, bis auf den unglaubigen knieunfahigen Hofmeister, der in diesem N u n keinen Todtenkopf, kein Memento finden konnte. Doch ubermannte ihn von Jahr zu Jahr bei Gelegenheit dieses N u n ein grosserer Grad von Ruhrung, den er aber bloss auf die Rechnung der guten Gesellschaft schrieb. Der Ritter wiederholte diess Wort N u n nie, als ob er befurchtete, bei diesem N u n oder N u in seinen Sunden zu bleiben; und so wagte sich auch niemand aus der Gemeinde an diess Nun, als ob es ansteckte. Der Prediger selbst, der zuweilen, besonders wenn er seinem Magen zu viele Nachstenliebe erwiesen hatte, von Krampfen, und seit einiger Zeit, nach dem Beispiele seines Kirchenpatrons, mit der Hauptkrankheit geplagt ward, schlich sich nur so auf den Zehen vorbei, als wenn er mit dem Tode blinde Kuh spielte. Doch wird dich der Tod fressen, guter Pastor! wenn nicht am N u , so an einem andern Worte wenn nicht an Gichten, so an Fiebern.

"Denn es wird die Zeit uber dir kommen, dass deine Feinde werden um dich und deine Kinder mit dir, eine Wagenburg schlagen, dich belagern und an allen Orten angstigen, und werden dich schleifen und keinen Stein auf dem andern lassen, darum, dass du nicht erkennet hast die Zeit, darin du heimgesuchet bist."

Diess waren die Verba probantia fur unsern Ritter, und kein Wort entging Sr. Hochwurden, das er nicht, da der Wurgengel des Wortleins N u n voruber war, mit einer lauten Ruhrung ausgestattet hatte. Bei der Wagenburg pflegte er zu zittern, und diese Gewohnheit brachte ihn im Punkte der Herzhaftigkeit in zweideutigen Ruf, ob ihn gleich nicht seinet- sondern Jerusalems halben Zittern und Zagen ankam, und bei dieser Belagerung, die in seiner friedlichen Patronatskirche vorfiel, nichts zu befurchten war.

Die vier folgenden Verse horte zwar der Ritter nebst den Seinigen knieend, doch aber ohne alles Accompagnement an, bis auf den merkwurdigen Umstand, dass er jedesmal bei dem Worte T e m p e l zwar einen tiefen, doch etwas Hoffnung schopfenden Seufzer, wie Noah seine Taube bei der Sundfluth, fliegen liess.

"Und er ging in den Tempel und fing an auszutreiben, die darinnen verkauften und kauften, und sprach zu ihnen: Es stehet geschrieben, mein Haus ist ein Bethaus; ihr aber habt es gemacht zur Mordergrube."

Bei dieser Stelle sah der Ritter die Ritterin an, als wollte er sagen, in diesen Worten liege der Grund, warum kein Emsiger Johaniterritter werden konne.

Die Schlussworte kamen ohne Bemerkung ab.

"Und er lehrte taglich im Tempel. Aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten und die Vornehmsten im Volk trachteten ihm nach, dass sie ihn umbrachten, und fanden nicht wie sie ihm thun sollten, denn alles Volk hing ihm an und horete ihn."

Jetzt standen unser Ritter und sein kniegebeugtes Haus auf. Der Hofmeister buckte sich vor jedem unter ihnen, als ob sie grossmuthiglich seinetwegen diese Ponitenz ubernommen hatten; und nun erhob sich die Dedikationspredigt, die als ein gutes Wort auch in alle Wege eine gute Stelle fand. Die eine, um von ihr den Spiritus mitzutheilen, behandelte die Geschichte der Thranen Christi. Ein gewisser Thranenverehrer, Robertus Holcoth, hat behauptet: Christus habe s i e b e n m a l geweint; andere, sagte unser Dedikationsprediger, geben vor: er habe v i e r m a l Thranen vergossen, und zwar bei der Beschneidung, beim Grabe des Lazarus, bei der Stadt Jerusalem und endlich am Kreuze. Diese Behauptungen schienen Wasser auf seine Muhle; denn er malte die s i e b e n und v i e r so rein aus, dass nichts als das reine gebeutelte und durchgesiebte Mehl ubrig blieb, namlich, Christus hatte nur dreimal geweint: beim Grabe seines Freundes Lazarus, Joh. 11, 35., beim Anblick Jerusalems, Luc. 19, 41., und ausser diesen beiden Malen, nach dem Berichte des heiligen Paulus Ebr. 5, 7., da er am Tage seines Fleisches Gebet und Flehen mit starkem Geschrei und Thranen geopfert zu dem, der ihm vom Tode konnte aushelfen. Die Thranen Christi brachten den Pastor zum Vergleich zwischen C h r i s t u s und A l e x a n d e r d e m G r o ss e n , welcher neu und, wie der Ritter betheuerte, nicht ohne Scharfblick war: Beide W e l t u b e r w i n d e r ! aber wie verschieden!

Alexander weinte, da man ihm nach dem Lehrbegriffe des Demokritus bewies, dass es unzahlige Welten gebe, weil er noch nicht der Herr einer einzigen zu seyn die Ehre hatte. Wohl dir, Weltuberwinder, dass du nicht zu Herschel's Zeit lebtest! wie klein hatte dir das Sandkorn eingeleuchtet, auf welchem du den Grossen spieltest, und ihn nur sehr klein machtest! Auch vergoss er Thranen in seiner Jugend, wenn sein Herr Vater mit seinen Potsdamern siegte, weil er besorgte, es wurde nichts weiter fur seine Grossmachtigkeit ubrig bleiben.

Nur mit Konigen wollte Alexander als Jungling wettlaufen. Sein Reich war von dieser Welt. Zwar sah er es gern, dass Raketen seines Ruhms in seinem kleinen Geburtsstaate aufstiegen, und dass man hier in den Zeitungen v o n s e i n e n T h a t e n l a s ; doch war sein Plan auf die ganze Welt angelegt, die er nicht befreien, sondern unterjochen wollte.

Sein Geschlecht war furstlich, sein Lehrer ein grosser und feiner Kopf. Wiegt beide ab Seht, wie Aristoteles Schale sinkt, und Alexanders Schale steigt! seht! Doch suchte Alexander, mit seiner Abkunft, kraft deren er des Aristoteles Schuler ward, und mit seiner Menschheit unzufrieden, sich eine Gottheit zu erkaufen.

Sind diess Resultate der Aristotelischen Philosophie?

Seine Logik war in seinem Stolze, so wie viele sie im Magen haben. O, des kleinstadtischen Thoren! des Gottes, der, zugelloser Leidenschaften halber, bei weitem nicht den Namen M e n s c h verdiente, und der im zweiunddreissigsten Jahre starb, ohne gelebt zu haben!

Er wollte im Leben Ruhm und Ehre ernten; doch fallen Ruhm und Ehre keinem wirklich grossen Mann im Leben zu: nach dem Tode wird diese Saat reif. Edle Menschen bitten, wie Buttler, um B r o d , und man gibt ihnen einen S t e i n . Nur durch Hindernisse, Unterdruckung und Leiden werden Menschen gross. Sind Titel und Bander und Ehrenstellen mehr als Schminke, um kleine Seelen zu gewinnen und zu verfuhren?

Er ward an eben dem Tage geboren, an welchem Herostrat den Tempel der Diana in Ephesus, dessen Apostelgeschichte 19. gedacht wird, in Brand steckte, um sich unsterblich zu machen. Schmeichler nahmen sich die Erlaubniss, zu behaupten, Diana hatte der Olympias, der Frau Mutter Alexanders, als weise Frau gedient. War Alexander mehr als ein Welt-Herostrat? und konnte sein Geburtstag durch eine bessere That bezeichnet werden? Ich bin in Versuchung, sie Pathengeschenk zu nennen. Man sagt, die Epheser hatten, um Herostrats Absicht zu vereiteln, im Criminalurtheil festgesetzt, wer ihn nennen wurde, sollte mit dem Tode bestraft werden. Welche Schwache! Sie scheint wohl von jeher das Erbtheil der Richterstuhle gewesen zu seyn. Jene Richter zu Ephesus liegen im tiefsten Todesschlummer, ohne dass ein Mensch ihren Namen weiss, da hingegen Herostrat noch jetzt genannt wird.

Alexander war im zwanzigsten Jahre Konig uber Griechenland. Er zerhieb den gordischen Knoten, anstatt ihn zu losen.

Er erwiederte dem Darius seinen Sack voll Mohnsamen mit einem Sacklein Pfefferkorner, zum Beweise, dass nicht die Zahl, sondern die Wurde es ausmache.

Er eroberte Jerusalem; da ihm aber der Hohepriester und die hochwohlehrwurdige Priesterschaar entgegen kam, zertheilten sich die Donnerwolken und der Wurgengel ging voruber.

Er erstach den Generallieutenant Klitus, der nicht nur seinem Koniglichen Herrn Vater Philippus allerunterthanigst treugehorsamste Dienste geleistet, sondern auch dem Alexander das Leben gerettet hatte. Warum? Weil Klitus nicht schmeicheln konnte! Auch war Alexander voll sussen Weins.

Diogenes verlangte nichts mehr von Alexandern, als dass er ihm die Sonne nicht vertreten mochte. War es Wunder, da Alexander der Knecht der Knechte des Diogenes war, der Leidenschaften, uber welche Diogenes zum Alexander geworden?

Er wollte bloss erobern; nahere Verbindung der Nationen unter sich lag ausser den Grenzen seines Plans. Er war einer der starksten Egoisten, die bei dem Gerausch, alles gethan zu haben nichts thun. Sein Gebet an den Ufern des Ganges, dass kein Mensch nach ihm die Grenzen seiner Eroberungen uberschreiten mochte, ist dem Verdruss angemessen, den er ausserte, als Aristoteles seine Philosophie durch Schriften verbreitete. Nur e r a l l e i n wollte die Ehre haben, Aristoteles Schuler zu seyn.

Seine Verschwendung war grenzenlos Olympias warnte ihn, seine Freunde nicht durch seine Verschwendung zu Konigen zu erheben, weil er dadurch Freunde verlore und Konige gewonne. Kann man schlechter spielen?

Er ward tyrannisch und ein Feind seiner Freunde und Spiessgesellen; heirathete des Darius Tochter, wogegen sich nichts sagen lasst.

So wie sein Reich von dieser Welt war, so ging es auch wieder in alle Welt.

Dem alten Testamente der heidnischen Vorwelt erwies er grosse Ehrerbietung; Homers Gedichte geleiteten ihn auf seinen Wegen und Stegen.

Ehe er Griechenland verliess, wollte er zu Delphi sich seine Schicksale verkundigen lassen. Die Priesterin verbat den Auftrag, und als Alexander sie mit Gewalt in den Tempel stiess, rief sie: "Sohn! dir kann niemand widerstehen!" Gut, rief Alexander, ich weiss jetzt mein Orakel.

Er wollte durchaus ein Gott seyn und verfolgte die, welche ihn nicht anbeteten Er, Aristoteles Schuler; Philipps Sohn!

Alexander fand Nachahmer, die der Menschheit unmenschlich gefahrlich waren. Viele dunkten sich schon Alexanders zu seyn, wenn sie wie er den Kopf schief trugen. O der Kleinheit!

* * *

Christi Advent in der Welt war arm und durftig. Maria und Joseph lebten kummerlich. Sein Geburtsort hiess Bethlehem. Sein Evangelium sollte der Armuth gepredigt werden, um sie reich oder begluckt zu machen. Hirten waren die Herolde seiner Geburt, seine Wiege eine Krippe.

An seine Lehrer wird nicht gedacht. Schon im zwolften Jahre zeigte er im Tempel, wess Geisteskind er sey, ohne den Bucephalus zu uberwaltigen.

Er erniedrigte sich, nannte sich d e s M e n s c h e n S o h n , der nicht kommen ware, dass er bedient wurde, sondern dass er diene.

Seine Ehre suchte er nicht bei Menschen, sondern bei Gott und seinem Gewissen. Nach seinem Tode hat der heilige Geist seiner Lehre die Erde erobert. So hiess es mit Recht von Cato, dass er dem Staate nutzlicher gewesen sey, als Scipio. Dieser war Held und Sieger der romischen Feinde; jener bekriegte die romischen Sitten.

Er war ein geistlicher Konig, der es nicht auf Sklaverei, sondern auf Freiheit bei der Menschheit anlegte, und sie in vieler Rucksicht schon wirklich frei machte; und noch ist nicht erschienen, was wir seyn konnen und seyn werden!

Seine Feinde waren nicht die Mohnkorner des Darius'schen Heeres, sondern die Sunde! Sie war das persische Reich, das er zerstorte um Leben und unvergangliches Wesen der Tugend und Gottgefalligkeit ans Licht zu bringen.

Er vergoss nur Thranen der Menschheit und Freundschaft bei dem Grabe des Lazarus, und Thranen der Grossmuth und des edlen Mitleidens, weil die Menschen, und besonders die Juden, die Finsterniss mehr liebten, als das Licht; denn ihre Werke waren bose.

Gern hatte er das Licht der Wahrheit zuerst in Judaa angezundet; es blieb aber vor den Augen der Juden verborgen.

Im dreissigsten Jahre trat er als offentlicher Lehrer auf. Zwar lehrte er nur drei Jahre; doch ist die Welt durch ihn so belehrt, dass noch jedes philosophische und politische System sein Vorbild im Evangelio suchet und findet.

Jerusalem todtete ihn.

Er hatte nicht, wo er sein Haupt hinlegte.

Seine zwolf Junger nahm er aus der Klasse des gemeinen Mannes, und erwarb sich keinen Phalaux durch Weltweisen. Er liebte seine Junger und seine Freunde bis in den Tod, vergab seinen Feinden, und lehrte sie lieben und sie segnen, um Kinder Gottes zu seyn, dessen Sonne aufgehet uber Bose und Gute, und der regnen lasst uber Gerechte und Ungerechte. Sie wissen nicht, sagte er von seinen Feinden, was sie thun. Seinen Liebling Petrus, den eine Magd aus der Fassung brachte, ob er es gleich kurz vorher mit Malchus, dem Knechte des damaligen Hohenpriesters, anband, sah er nach einer dreimaligen Verlaugnung an; und dieser ging hinaus und weinte bitterlich.

Hatten Se. Heiligkeit nicht wohlgethan, sich einen andern Junger, als den P e t r u s , zum Stammvater zu wahlen? Ich hatte den J o h a n n e s vorgeschlagen.

Er suchte nicht eigene Ehre, sondern die Ehre seines himmlischen Vaters. Alle Menschen wollte er zu Gottes Kindern erhohen; und nach der Kinderlehre seines Evangeliums sind alle Gottes Kinder, die in guten Werken trachten nach dem ewigen Leben.

Sein Muth war gross. Seinem Verrather, einem aus den Zwolfen, ging er mit den gottlich-grossen Worten entgegen: Ich bin's. Dem Petrus gebot er, sein Schwert in die Scheide zu stecken.

Er starb den schmahlichsten Tod des Kreuzes, und nichts ging ihm so nahe, als sein so grosses Werk, das aber nicht starb, sondern auferstand, und dessen Geist er dem Geiste der Geister empfahl!

Das alte Testament sah er als Hieroglyphen an, als Schattenbilder, die er begeisterte. Reine Tugend war seine Lehre; das Herz, die i n n e r e G e s i n n u n g , seine Forderung an die Menschen, und Vollkommenheit sein Ziel!

"Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, nach Vollkommenheit; und alles andere wird euch zufallen," war sein politisches System, das die Probe der Anweisung enthielt, zu geben dem Kaiser was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!

Seine Lehre von der Vorsehung: S e h e t d i e L i l i e n a u f d e m F e l d e und von der andern Welt, nach welcher wir durch den zeitlichen Tod nicht auf ewig sterben, wickeln alle Knoten auf, die er nie gewaltsam zerschlug, sondern menschenfreundlich losete. Wenn ein Kollegium von Gott und Menschen uber den Menschen richten sollen, es hatte gerichtet wie Christus. Selbst die spitzfindigsten Fragen, die eine gerade Abweisung verdienten, beantwortete er auf Kosten des Fragenden.

Nicht mit Verheissungen hoher Ehrenstellen, sondern mit der Verkundigung, dass man sie behandeln wurde, wie ihn, sandte er seine Zwolfe in alle Welt, um sein Evangelium auszubreiten! Er wusste seine Schicksale, ubernahm sie muthig, und starb getrost, um ewig in seiner Lehre zu leben; und s i e von den Toden der Missverstandnisse, der Zusatze und falschen Erklarungen erweckt stirbt hinfort nimmer. Halleluja!

In einem a n d e r n J a h r e wandelte unser Pastor

einen a n d e r n W e g ; doch so, dass er immer ganz richtig in Jerusalem eintraf. Lasst uns, sagte er, bei den Worten unseres Textes bleiben: So viele Worte, so viele Gewichte! Zwar reichte er jenem zu seiner Zeit bewunderten Geistlichen nicht das Wasser, der seiner lieben Gemeinde, unter vielen andern kunstlichen Propositionen, d e n k o n i g l i c h p r o p h e t i s c h e n N a m e n D a v i d vorstellte, und im ersten Theile den D a , und im zweiten den v i d herzruhrend zergliederte; indess fand er in jedem Worte im Worte u n d , im Worte a l s , im Worte e r , und im Worte n a h e so viel Erbauungsreiches, dass ich die beste Gelegenheit von der Welt hatte, meine Leser durch eine Anwaldsweitlaufigkeit recht aus dem Grunde zu erbauen. Ein Thema war: Wer seinen Feind segnet, wenn dieser ihm fluchet, thut Gott und sich einen Dienst, und bringet seinen Feind obendrein um die Hoffnung, die ihn zu Schanden werden lasst. Er nimmt eine Sunde von ihm, und an den feurigen Kohlen, die er auf sein Haupt sammelt, wird sich das Licht der bessern Ueberlegung anzunden lassen. Wohl ihm, dass er so weit ist! zum bessern Willen braucht er nur noch einen Schritt. Eine Predigt hatte zum Motto: d a ss e i n R i c h t e r n i c h t d i e Person, sondern die Sache ansehen m u s s e , um sich nicht durch Geburt, Schonheit Ansehen, Verstand u.s.w. bestechen zu lassen. Geschenke sind Fliegen, die ein jeder sieht, wenn sie ins Essen fallen; aber das Personansehen ist eine weit feinere Verleitung zur Ungerechtigkeit, zu Menschenfurcht und andern dergleichen Schand' und Lastern. Wer ein Weib ansiehet, sie zu begehren, hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen. Christus sah die Stadt an, nicht die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Pharisaer; nicht Pilatus, der Herr im Hause war, und Herodes den Fuchs, die am Tage der Verurtheilung Christi Freunde wurden!

Noch eine andere Predigt war der Bemerkung gewidmet, d a ss e s g u t s e y , a l s B a u m e i ster, besser aber als Menschenkenn e r a u f R e i s e n z u g e h e n . Zwar kamen die meisten Menschen mit der Erzahlung von Grosse, Pracht und Einrichtung der Stadt zuruck, ohne die Augen ihres Leibes und ihres Geistes auf die Menschen zu richten; der Weise indess sahe auf Menschen. Wenn er von Jerusalem spricht, redet er von seinen Einwohnern; auch nicht von den Hefen des Volkes, sondern von dem Schaum desselben: von den Schriftgelehrten und Pharisaern. Zwar gibt es Nationen und Volker, die von der Art sind, dass wenn man funf unter ihnen kennt, man das ganze Volk ergrundet hat; wozu auch die Juden gehoren, die, wenn gleich durch das viele Reisen fast alle Volker sich einen grossen Theil ihrer Eigenheit abschleifen lassen, doch bis auf das schwarze Haar Juden bleiben, zum Zeichen uber sie! wobei er indess dem Judas und seinen, salva venia! rothhaarigen Nachfolgern unter dem Volke das Haar nicht philistrisch abschneiden, sondern nur a posteriori das Volk schwarzhaarig geheissen wissen wollte.

Noch ein anderes Thema: W e n n m a n v i e l e traurige Nachrichten zu verkundigen hat, so muss man nicht von den kleinen zur grossern, sondern von der grossern zu den kleinern uberg e h e n , weil alsdann die minder schreckliche Nachricht, vermittelst des Abstiches, Trostgrund wird. So wurde auch, sagte der Pastor, wie er nach der Liebe hoffe, der Tod leichter als Gicht und Wassersucht seyn, und vortheilhaft contrastiren. Man wird finden, dass unser Pastor, trotz unsern besten Kanzelrednern, aus dem Gluckstopfe seines Textes einen Gewinnst zu ziehen verstand, den man auf tausend Meilen nicht vermuthet hatte. Kam er vollends auf die Thranen; alsdann hatte er die Worte nicht nothig! Oft gedachte er eines Kirchenvaters, Gregorius Nazianzenus, der, wenn er uber die Thranen der armen Sunderin (an der und andern Schwestern der fromme Vater ubrigens keinen Herzens-, sondern bloss Verstandesantheil nahm) predigen sollte, in die Herzensworte ausbrach: "Auch mir fliessen Thranen statt der Worte!" Was die christliche Gemeinde ubrigens aus seiner Predigt ohne besondere Bemerkung wohl von selbst abgenommen haben wurde.

Es sind mir sechs vollstandige Predigten mit dem zu diesen Kreuz- und Querzugen gehorigen Hausrath behandigt worden, ich will indess meine Leser nicht damit heimsuchen, wohl aber durch ein lebensgrosses Meisterstuck des hohen Rathes sie ad unguem usque entschadigen.

Ob nun gleich das Evangelium quaestionis am X. Sonntage nach Trinitatis jederzeit mit den bezeichneten Formalien gegeben und auf Knieen empfangen ward, so publicirte der Pastor doch alle drei Jahre ausser demselben noch einen Auszug von der ganzlichen Zerstorung der Stadt Jerusalem. Diese Aehren waren aus den Geschichtschreibern Josephus, Hegesippus, Eusebius und Nicephorus zusammengelesen.

Ein jeder, meine Freunde, fing der Prediger bei Gelegenheit eines solchen Schaltauszuges an ein jeder, welcher fuhlt, dass er einer der letzten Menschen ist, gibt sich Muhe, sich durch Stand und Geld emporzuschwingen, und andere, ja am Ende sich selbst, zu uberreden: er sey etwas. Was dem Hofe an Tugend abgeht, wird durch Pracht ersetzt, die zwar allerdings in einen zweideutigen Ruf gerathen ist, indess, wenn sie sich des Kreuzes nicht schamt, etwas Augen- und Herzstarkendes bei sich fuhrt. So ging es der Stadt aller Stadte, dem Tempel aller Tempel und dem Volke aller Volker. Woher kam es, dass das judische Volk sich auf die g o l d e n e n K a l b e r seines T e m p e l s und seine E i n r i c h t u n g verliess, ohne Hand an das Werk einer m o r a l i s c h e n V e r b e s s e r u n g zu legen? Die Bosheit macht schwach, und die Schwache macht boshaft. Ein Mann, der sich bewusst ist, Mann zu seyn, pflegt so wenig in Harte, als in Eigendunkel auszuarten: er geht dem Kinde aus dem Wege. Kleine Leute dagegen sind schon bose, weil sie klein sind. Sie schlagen Wellen, um eine Fliege zu erseufen, und brauchen einen Orkan, um ein Vergissmeinnicht zu entblattern. Niemand ist zu tadeln, weil er das ist, was er ist, sondern weil er das n i c h t ist, wofur er gehalten seyn will. Was war das judische Volk, und was wollte es seyn? Ein tief verderbtes Volk, das zu diesem sauren Wein den Kranz aushangte: V o l k G o t t e s . Ob sich nun gleich fast mit Gewissheit annehmen lasst, dass Adam, der erste Mensch, ein Christ gewesen sey, indem erst Abraham sich beschnitt, und die Juden sich seine Kinder nennen (wogegen Christus der zweite Adam genannt wird von Rechtswegen), so hatte doch diess Tempelvolk, von Abraham, der den ersten Tempel baute, bis auf die Zerstorung Jerusalems, Manner unter sich, die es zur Tapferkeit und zur Tugend aufmunterten. Kleinheit und Unlauterkeit waren ihm indess zur andern Natur geworden. Da diess Volk sich so tief herabgebracht hatte, dass seine Obersten Heuchler, Niedertrachtige, Elende waren, die nicht einmal die Kraft besassen, achte Bosewichter zu seyn, so dass auch Christus der Herr einen einzigen braven, mannhaften Kerl von Sunder, der schon seiner Natur nach der Busse weit naher ist, fur neunundneunzig solche judische heuchlerische Schelme geben wollte; was konnte anders als der Untergang desselben erfolgen? und zwar ein solcher, dass sogar die Turken, ein noch weit elenderes Volk, Jerusalem besitzen, wovon ich heute das Memento mori in aller Kurze zu publiciren in dem Herrn entschlossen bin, und zwar so in That und Kraft, dass man nicht horen, sondern sehen wird.

Wenn ich mein ganzes Leben hindurch uber meinen Kreuz- und Querzugen gebrutet hatte wurde wohl ein Kuchlein herausgebracht seyn, das dieser gackelnden Henne das W a s s e r reichen konnte?

Als sich die Zeit nahte, dass Gott uber Jerusalem und das judische Volk den endlichen Zorn wollte ergehen lassen, wie die Propheten und der Herr Christus selbst ihnen gedrauet und zuvor gesagt hatten, sind diese nachfolgenden Zeichen vorhergegangen.

Es ist am Himmel ein Komet gesehen, wie ein Schwert gestaltet, welcher ein ganzes Jahr uber der Stadt gestanden und von jedermann gesehen worden. Item, eben in den Tagen der gesauerten Brode, am achten Tage des Monats April, um 9 Uhr in der Nacht, ist bei dem Altar im Tempel ein solch hellglanzendes Licht erschienen, dass jedermann gemeint, es ware Tag. Item, ein ehernes grosses starkes Thor am innern Tempel, daran zwanzig Manner heben mussten, wenn man es aufthun wollte, welches mit starken eisernen Schlossern und Riegeln verwahrt war, hat sich um die sechste Nachtstunde selbst ausgethan. (Das Wortlein Item ward vom Ritter und seinem ganzen Hause, mit Ausschluss des Schneidersohns, der es, obgleich er Sekundaner war, bleiben lassen musste, inbrunstig wiederholt.) Item, auf den einundzwanzigsten Tag Juda hat man gesehen in der Luft und Wolken an vielen Orten des Himmels Wagen schweben und wie eine grosse Rustung von Reitern und Knechten in den Wolken zusammenziehen und sich schlagen in der Nacht. (Der Ritter wich dem Schlagen wohlbedachtig aus, und hallte bloss nach: in der Nacht.) Item, vor dem Pfingsttage, als die Priester einwendig haben wollen bereiten was zum Fest gehort, haben sie ein grosses Gepolter und darnach eine Stimme gehort, welche gerufen hat: L a s s e t u n s v o n h i n n e n w e g z i e h e n . (Diese Worte wurden mit aufgehobenen Handen nachgesprochen und von der ganzen Gemeinde wiederholt. Der Hofmeister blieb mit seinem Tenor nicht zuruck. Der Prediger hielt eine ganze Weile inne, und fing, als ob er das ritterliche Haus und die ganze Gemeinde bate, von ihrem Vorsatz abzustehen, in einschmeichelndem Tone an:) Wiewohl etliche sagen, das sey geschehen zur Zeit, da der Vorhang im Tempel unter Christi Leiden zerrissen ist. Item, es ist ein Mensch gewesen, Jesus, genannt Ananias, eines gemeinen Mannes Sohn, selbiger, als er ist gen Jerusalem kommen, auf das Fest Laubrust, hat aus einem besondern heftigen Geist geschrien: O, ein Geschrei vom Morgen! o, ein Geschrei von den vier Winden! ein Geschrei uber ganz Jerusalem und den Tempel! eine elende Klage uber Braut und Brautigam! ein Geschrei uber alles Volk! Und das klagliche Schreien trieb er Tag und Nacht an einander, und lief wuthend in der Stadt umher. Und wiewohl ihn etliche mit Geisseln und Ruthen straften, die diese Worte als eine bose Deutung uber die Stadt nicht gerne horten, so horte er doch nicht auf. Und als man diesen Menschen hat bracht vor den Landpfleger, welchen die Romer da hatten, der ihn auch mit Geisseln hart bis aufs Blut staupen und peitschen liess, hat er doch mit keinem Wort Gnad' gebeten, sondern ohne Unterlass uberlaut geschrien: Weh, Weh, Weh dir, o du armes Jerusalem! (Der Hofmeister und die ganze Gemeinde hatten die Erlaubniss, das Weh! Weh! Weh! mitzurufen, und wenn ich meinen Nachrichten trauen darf, so ist seit der wirklichen Zerstorung Jerusalems kein so herzbrechendes Geschrei gehort worden.) Albinus, der Richter, hat ihn als einen Thoren verachtet. Dieser Mensch ist sieben Jahr an einander nicht viel mit Leuten umgangen, sondern allein gangen, wie ein Mensch, der etwas tief bei sich besinnet und dichtet, und hat immerdar diese Worte von sich horen lassen: Weh! Weh! dir, o du armes Jerusalem! Und von solchem Rufen ist er nicht mude worden. Und als die Stadt nun ist von den Romern belagert gewesen, ist er auf den Mauern umhergegangen und hat immer geschrien: Weh uber den Tempel! Weh uber das ganze Volk! Und zuletzt hat er auf eine Zeit diese ungewohnlichen Worte dazu gesagt: Weh auch mir! und in dem Wort ist er ungefahr von der Feinde Geschoss getroffen und also todt blieben. (Der Ritter bog sich ruckwarts, als ob er getroffen ware.) Diese und andere grosse Zeichen sind vorhergegangen, ehe Jerusalem zerstort ist. (Bei diesen letzten Worten trat der Ritter ins Angesicht der ganzen Gemeine, als ob er zeigen wollte, dass das romische Geschoss ihm, Gottlob! kein Haar gekrummt hatte.)

Kein Held konnte nach dem uberstandenen dreissigjahrigen Kriege; kein Beichtvater kann, wenn er nach so vielen Hindernissen seine Vaterhande unter vier Augen nach der schonen schmachtenden Nonne ausbreitet; kein Freier, wenn er nach allerlei Theatersturmen und Ungemach in den Hafen der ehelichen Verbindung wohlbehalten einlauft so frohlich und guter Dinge seyn, wie unser Ritter, wenn er bei Tafel dem Pastor seine Muhe vergalt und das feierliche Andenken von Jerusalems Zerstorung beschloss. Da blieb bei Tische kein Stein auf dem andern Trauer- und Freudenfeste schliessen mit Essen und Trinken. Indess, wenn gleich dieses Fest dem ritterlichen Hause an Leib und Seele sehr hoch zu stehen kam, so gingen doch Ritter und Ritterin gern in dieses Trauerspiel, so dass sie oft die Zeit nicht erwarten konnten, wenn Jerusalem zerstort werden sollte. Der Schaltsonntag war zwiefacher Ehre werth. Zum Beschluss ward an jedem 10ten Sonntage nach Trinitatis H o h e R a t h s S e s s i o n gehalten; nichts schien naturlicher, als dass nach dem Greuel der Verwustung das Baudepartement auf den Wiederanbau denken musste, um aus dieser Asche einen Phonix zu erwecken. Aus den Protokollbuchern wurden sich, wenn ich ein Freund von S p i n n s t u b e n und P r o t o k o l l e n ware, noch manche rothgefarbte Tage ausheben lassen. So war, zum kleinen Beispiel, am 10ten Tage des Monats Augustus, an welchem beide Tempel zerstort worden, Helden-, Haupt- und Staats-Session, das heisst: es ward eine stattliche Mahlzeit gehalten und dabei gewiss nicht des Magens, wohl aber des Hauptes nothdurftig geschont. Eine dergleichen Kreuz- Session zur Probe, und zwar uber die

. 34.

Geschichte.

Sollte meinen Lesern die Lob- und Trauerrede auf die Einbildungskraft (. 31, Dammerung) noch beiwohnen, wo unser Ritter der Unwahrheit (man nehm' es nicht unrecht!) hochfreiherrliche Gerechtigkeit widerfahren liess, und sie das Gewurz zu nennen geruhete, welches der Wahrheit den Geschmack beibringe; und wo er keinen Menschen ausnahm, der sich nicht Lugen zu Schulden kommen liesse und in Gedanken aufschnitte, so wurde die dreiste Art, womit man uber die G e s c h i c h t e absprach, weniger auffallen. (Lieben g u t e n L e u t e ! wisst ihr denn, wie ihr in der g e g e n w a r t i g e n G e s c h i c h t e abkommen werdet?) Ich will hier, wie sonst, Extracte geben, ben. Von jeher hat der Mensch mehr von sich gehalten, als er sollte. Sein Fall war, und ist und wird seyn, wenn er mehr seyn und mehr wissen will, als ihm eignet und gebuhrt. Er hat Vier; warum sollt' er aber auf allen Vieren wandeln? Er halte sich gerade, nur bieg' er nicht zu sehr den Kopf zuruck; nur steh' er nicht auf den Zehen, als wollt' er sehen, was im Monde Trumpf ist! Mittelmassig sind des Menschen Glukksstand, Tugend und Wissen. Mittelmassigkeit im Wissen heisst: Glaube. Nicht etwa, was der Weltweise nach Vernunftregeln abwiegt, sondern, leider! auch selbst das, was in die Sinne fallt, ist Zweifeln unterworfen, sobald Menschen dabei Rollen spielen. Nur da, wo Menschen nicht mitwirken, ist die Natur in ihrer Ursprunglichkeit in ihrer N a t u r , hatt' ich bei einem Haar gesagt; und da hort und sieht und empfindet man aus der ersten Hand. Was aber kann interessiren, wo nicht Menschen dabei sind? Die beste Landschaft ist todt an sich selbst, wenn sie nicht Menschenspuren zeigt. S i n d aber Menschen auf dem T h e a t e r , gleich fallen wir auf diesen oder jenen unter ihnen, der die ubrigen verdunkelt. Der Verlierende, der Starkere, der Beherztere, der mit der breiten Stirn, mit der Fechterhand, mit der Habichtsnase, der Nothgetaufte, der Mensch, der die Thur nicht offen lasst und so weiter, ist unser Held; und wahrend dieser Zeit ubersehen und uberhoren wir Dinge, die uns sogar oft recht v o r s p r a n g e n , ungeachtet wir uns selbst oft Muhe gaben und Augen und Ohren spitzten, um das Ensemble zu umfassen. Der Feind oder Freund hatte Unkraut unter den Weizen gestreut; schlaft wohl der Verrather? Der Faden unseres Gesichts und Gehors ist, ehe wir es uns versehen, abgerissen. Vor funfzig fremden Gedanken liessen wir uns verlaugnen; der einundfunfzigste platzte mit der Thur ins Haus. Geschichte ist nicht das, was geschah, sondern was, nach dem Dafurhalten des Geschichtschreibers, bei den gegebenen Zahlen hatte geschehen konnen und geschehen sollen; gemeiniglich das Wahrscheinlichste oder Unwahrscheinlichste. Beide Extreme weiss man oft so zu brauchen, dass es eine Lust ist. Ach, Gott! was wird fur Wahrheit ge- und verkauft! Wollen wir andere beobachten, gleich kommt unser Ich uns in die Kreuz und Quer; und wer es auf sich selbst anlegt, den storen andere. Geister lassen sich nicht treffen, wenn man auch noch so sehr seinen Bogen spannt und zielt. Auch ein gewaltiger Jager vor dem Herrn ist nur ein schlechter Geisterschutze; im Fluge zu schiessen, ist hier noch das Erste und Beste. Alles, was die Natur hervorbringt, kann der Mensch so ziemlich genau kennen lernen, in so weit er es mit seinen ausseren Sinnen erreicht. Bei der Kunst hat man einen Geheimnisskram; der menschliche Geist scheint hier, wenn ich so sagen darf, sein Bild der Kunstkenntniss eingedruckt zu haben. Ich muss mich in dieses Geheinmiss einweihen lassen, oder es entwenden. Meine Neigungen und meine Gedanken weiss ich; und wer von dieser Seite sich nicht kennt und in diese Beobachtungen etwas ausserordentliches setzt, weiss nicht, was er spricht oder begehrt. Warum liest man so gern selbsteigene Lebensbeschreibungen? Weil, wenn man gleich weiss, dass der Mensch sich nicht vorgesetzt hat die Wahrheit zu sagen, man sich doch einbildet, er werde, eh' er es selbst merkt, sich verreden, roth werden, und wir dann ausrufen konnen: Erubescit, salva res est. (Es thut nicht noth, denn sie wird roth.) So gibt es Augenblicke, wo wir uns gegen unsern Willen zeigen, wie wir sind. Wir lassen uns aus Schrecken, Furcht oder Freude fallen, und der Beobachter nimmt uns auf. Wer ist es werth, Menschen! wer, dass er zum Leben aufgenommen wird? Und ist es zum Tode sagt, ist der, welcher den Stab bricht, besser, als der, uber den er gebrochen wird? Wir mangeln allzumal des Ruhms, den wir haben sollten! Zu enge Freundschaft, und waren auch Damon und Pythias, David und Jonathan die Freunde, zieht Verachtung nach sich. Nur Mann und Weib konnen ohne Verachtung sich so genau als moglich kennen lernen. Die Geschlechterneigung hebt, duldet, tragt alles; und doch ist selten eine Ehe ohne Reservate. Zwischen Eltern und Kindern, zwischen Geschwistern sind Scheidewande gezogen; und es gehort Erziehung dazu, wenn Kinder ihre Eltern ehren, und wenn Geschwister sich unter einander nicht verrathen und verkaufen sollen; wenn das Gluck gut ist, verrathen an Neider, verkaufen an Buchhandler. Geschwister kennen sich in der Regel am wenigsten, weil sie zusammen aufwuchsen. Kommt es unter ihnen ans Beobachten wo ist mehr Zank, Hass und Widerwille, als hier? Gedenkt des armen Josephs! Gott sey gelobt, dass kein Mensch sich so zeigt, wie er ist! Gott, was wurden wir sehen! Selbst wenn der Mensch sich verliert, selbst wenn er sich preisgibt, ist er noch immer nicht in naturalibus, sondern unter Vorhangen von Feigenblattern: er zeigt den Schaum von seinen Leidenschaften; die Hefen werden zuruckgehalten. Freundschaft ist eine wechselseitige Verbindung, nach welcher einer den andern nicht verachtet, ob er gleich dessen Schwache mit Handen greifen kann. G e s c h i c h t e ist eine durch Volkerrecht und Convention beliebte Art, den Gegenstand von einer gewissen Seite zu zeigen. Mensch, du bist glucklich, wenn du einsam bist; denn du bist von Menschen entfernt! Mensch, du bist unglucklich, wenn du einsam bist; denn du hast dich selbst! Der Mensch hat keinen Hang sein Gluck zu erzahlen; wer von sich sagt, er sey glucklich, will glucklich scheinen. Wenn Nationen Geschichtschreiber suchen, so ist es ein schlechtes Zeichen; sie sind in Verfall. Zu klagen ist dem Menschen eigen; selbst die Prahlerei ist sie mehr als eine ungezogene Klage? Wenn der Stohner nichts hat, sagt das Spruchwort, der Prahler gewiss nicht. Wo ist der Geschichtschreiber, der seine Historie so malt und trifft, dass sie jeder wieder kennt? Jeder steht anders, jeder hort anders, jeder denkt anders. Nicht die Geschichte erzahlen wir, sondern wir erzahlen uns selbst in der Geschichte. "Das bist du," wurde man Alexander dem Grossen, Sokrates, Plato versichern mussen, wenn man sie in die Bildergallerie ihrer Biographien fuhren sollte. Man beschreibt nicht den Helden, sondern seine Handlungen; nicht den Minister, sondern seinen Rath; nicht den Konig, sondern seine Majestat. Das Aeussere und das Innere sind hier so verschieden, wie Leib und Seele. Den Leib kann der Geschichtschreiber todten, die Seele nicht. Hutet euch vor dem, der Leib und Seele todten kann: G o t t u n d s e i n e m S t e l l v e r t r e t e r , d e m G e w i s s e n ! Sandkorner machen den Berg, Minuten das Jahr, fluchtige Gedanken ewige Thaten. Haltet nichts fur Kleinigkeiten, denn der Geschichtschreiber geht umher wie ein brullender Lowe und sucht, welchen er verschlinge. Wer ist, der nicht ein tonend Erz und eine klingende Schelle ware, seinen Panegyriker suchte und ihn fande? Wer schliesst sich nicht an Umstande an? und was ist wahr und was ist Zusatz an ihm? Wo gibt es einen Umstand, der sich selbst wahr macht, der selbstandig ist? Die meisten bedurfen anderer Umstande, welche hulfliche Hand leisten. Im Thun konnen wir andern Exempel geben, im Glauben nicht. Wir glauben insgesammt; ein jeder glaubt anders. Glauben ist der Vernunft Analogon. Dem schwachen Bruder hier beispringen, und wenn Vorurtheile ihm uber den Kopf gewachsen sind, ihn davon befreien, heisst: ihn aufklaren. Seine Kinder von einem Mathematiker bilden lassen heisst nicht: sie aufklaren; wohl aber: praktisch gute Menschen aus ihnen machen wollen! Ihr, die ihr Romane verdammt und auf ihre Kosten die Geschichte erhebt wisst ihr, was ihr thut? Nicht die Sache, der Schreiber ist euch zuwider und seine Unmanier. Geschichte h e i ss t nicht Roman; ist sie es aber nicht gemeiniglich? Die Vernunft richtet hier wie uberall; s i e kennt Lagen und Augenblicke, in denen das Herz auch durch die feinste Ueberlegung durchschimmert; sie, der Geist des Menschen, der in ihm ist, kennt sich und kennt jeden einzelnen Menschen; und hier hat sie sich einen Faden angeknupft, dass sie auch das Labyrinth einer ganzen Gesellschaft durchwandeln und ohne sich zu verwirren nach Hause kommen kann. Um die Welt reisen heisst: die Erde umschiffen. Die Erde ist fur den Menschen die ganze Welt, weil er nichts als nur sie beruhren kann, und wie lange kann sich ein Weltumreiser aufhalten? Das menschliche Leben ist kurz und mit so vielen Schwachheiten durchkreuzt, dass nicht viele Zeit zum Sehen und Horen ubrig bleibt. Durch Glaser sieht man den Himmel und durch die Einbildungskraft Staaten und Volker. Einbildungskraft ist ein Seelenglas; wir entwerfen Reisebeschreibung und Geschichte, je nachdem Lander und Menschen Eindrucke auf uns machen, und noch sind wir nicht so weit gekommen, die Einbildungskraft der Vernunft zu unterwerfen. Jene ist oft auf den ersten Anblick mit allem fertig und greift dieser so unbescheiden vor, dass der ruhige Leser bald sieht, woran er ist. Gemeiniglich sind Monarchen und die Verweser (die vornehme Classe des Volkes), die nur sich unter einander kennen lernen, sehr schlechte Menschenastronomen. Auch thut freilich das Sehen bei der Astronomie es nicht allein, das Rechnen thuts! In der Gesellschaft zeigt jeder einzelne Mensch nur ein Probchen, wie Kramer von Seiden- und Wollenzeugen. Eine artige Gesellschaft ist eine Probekarte; wie verschieden ist das ganze Stuck von diesen Probchen! Wer aus Gesellschaften Menschen abzieht, bekommt nicht s i e , sondern ein kleines E t w a s v o n i h n e n ; und wie lernst du deinen Obern, deinen Freund, deinen Diener kennen? Wenn sie sich raufen? Wenn sie in Wuth und Verzweiflung sind? Wenn sie sich in sanfterm Lichte zeigen, wenn sie lachen, wenn sie weinen, wenn sie nuchtern, wenn sie voll sussen Weins sind, oder wenn sie sich selbst vergessen, wenn sie zusammen fallen, wenn sich ihre Seelen ausziehen und zu Bette gehen wollen? Beobachter, die sich des Trunks bedienen, um Freunde und Feinde kennen zu lernen, sind auf unrichtigen Wegen. Wie verschieden wirkt der Trunk! wie verschieden das Getrank! Legt man es auf einzelne Dinge an, so kann man vielleicht seinen Zweck erreichen; den ganzen Menschen auf diese Probe bringen heisst: im Heiligenschein Tugend suchen, im Ernst die Weisheit, im Lachen den Witz und auf der Tortur die Wahrheit Der Trunk besticht die Seele. Gastmahle, gute Worte sind geistige Torturen. Man kann hier und da durch dergleichen peinliche Fragen einen Umstand herausbringen ex omnibus aliquid, ex toto nihil. Staaten sind wie Kinder, und man behandelt sie auch so. Wenn sie ganz klein sind, erzahlt man Wunderdinge von ihnen. Was die Kinder nicht alles wissen und verstehen! Wenn der Verstand zu reifen, wenn die Staaten sich zu setzen anfangen, wenn sie alter und grosser werden, geht es, wie es immer ging: was reif ist, nimmt ab. Unreife Fruchte sind noch besser als uberreife; jene macht man in Zucker ein, das Ueberreife ist vollig unbrauchbar. So wie viele (vielleicht die besten) Menschen nur nach ihrem Tode beruhmt werden, so auch Volker. Nie werden Handlungen schlechter erzahlt als den Tag nachher, wenn sie geschehen sind; an dem Handlungstage selbst ist jeder von seiner Handlung betrunken. Der Held weiss gerade am wenigsten von seiner That; und in Wahrheit, nicht er, sondern die Sache muss reden. Heisst das aber nicht die Folge? Beim Volke zwar, allein auch beim Weisen, beim denkenden Manne? Wer kann fur die Folgen stehen? Nur Tyrannen lassen sich die Folgen verburgen. Der Hergang der Sache wird, anstatt dass er je langer je bewahrter werden sollte, je langer je unrichtiger und unsicherer, besonders wenn er mundlich fortgewalzt wird, obgleich er zusehends anschwillt; der Schneeberg wird zu Wasser, sobald die Sonne der Kritik wirkt. Je mehr Korper, heisst es auch hier, desto weniger Seele. Man knetet die Geschichtsmasse erst durch und lasst sie aufgehen und ausbacken, ehe sie gegessen werden kann. Die F o l g e n freilich sind hor- und sichtbar, obschon auch hier, wenn gleich alles offen da zu liegen scheint und der Aufrichtigkeit kaum auszuweichen ist, Kunste gesucht werden; die U r s a c h e aber wird nicht gesehen, nicht gehort, sondern h e r a u s g e d a c h t . Sehen und Horen sind die historischen Sinne; kann man aber ohne Vernunft horen und sehen? das heisst: menschlich s e h e n und h o r e n ? Zwar konnen allgemeine Untersuchungen uber historische Dinge angestellt werden; wird aber nicht jeder diese Untersuchungen anders fuhren, jeder die Resultate anders abziehen und jeder anders auf- und annehmen oder glauben? Wenn der Historiker die hochste Glaubwurdigkeit herausbringen will, so bezieht er sich auf A k t e n s t u c k e ; und nun sagt, A k t e n f a b r i k a n t e n , was taglich, was stundlich bei euch vorfallt! Wenn eine Wachtparade von Zeugen die Finger gen Himmel prasentirt und mit Leib und Seele versichert, die reinen Umstande uber etwas abzugeben, das vor ihren sichtlichen Augen vorging was ist das Ende vom Liede? Stimmen die Aussagen der Zeugen, wenn sie gleich sogar Sanctionen ihres Gewissens waren, mit Zeit, Ort und andern Datis und unter einander? Widerspruch uber Widerspruch, ohne dass man der Ehrlichkeit und dem guten Willen dieser Menschen zu nahe zu treten im Stande ist! Und dann Worte! In ihrer Natur liegt schon so viel Stoff zur Unrichtigkeit, dass sie an s i c h verfalschte Gedanken sind. Gedanken sind das rohe Material, Worte sind Fabrikate. Noch besser: Worte und Geld sind einer und derselben Natur. Wenn die Sprache der eiskalten Vernunft, die Memento mori der philosophischen Karthauser je die Sprache des gemeinen Lebens werden konnte wurde mehr Wahrheit in der Welt seyn? wurde die Menschheit selbst an Moralitat gewinnen? Verlieren wurde sie durch diese Haarfeinheit, durch diesen unnaturlichen, klosterlichen Zwang, durch diese K o p f h a n g e r e i . Wohl uns, dass jetzt in die Kreuz und in die Quer gedacht, geglaubt und geredet wird! dass Weisheit, Ernst und Strenge, Thorheit, Schonheit und Hasslichkeit, gerade und krumme Linien in- und durcheinander laufen! In allem, was Lachen verursacht (und Gott erhalt' uns doch bei dieser doppelten Schnur, bei dieser Zwerchfellserschutterung und Seelenmotion!), liegt eine Unrichtigkeit, Carricatur, ein Ueberschritt des Charakters, und wo ist der Mensch, der von aller Erb- und wirklichen Carricatur befreit ware? Man lasse sie ihm! Selbst allgemeiner Geschmack ware er wunschenswerth? Mode ist in vieler Rucksicht die Losung des menschlichen Geschlechts; sie weiss dem Alter einen neuen Anstrich zu geben und Abwechslung, sonach auch Vergnugen in das Leben zu bringen und wenn gleich wenig, so doch etwas zum Fortschreiten der Menschheit beizutragen. Wer Aufklarung anders als das Salz braucht, kennt die Menschen nicht. S a l z i s t e i n g u t D i n g . Was ist indess unertraglicher: v e r salzen oder u n gesalzen? So wie unsere Erde um die Sonne lauft und sich um sich selbst dreht, so geht es mit dem Menschengeschlecht und mit dem einzelnen Menschen. Die Menschheit war, ist und bleibt immer dieselbe; sie wird immer um die Sonne laufen, und so sind ihr verschiedene Jahreszeiten eigen. Es wartet ihrer Fruhling und Sommer, den sie noch nicht erlebt hat (excipe das Paradies, wo nur ein Paar den Genuss hatte); im Herbst ist sie jetzt und auf ihn folgt Sommer. Der Fruhling, als das Summum, ist das tausendjahrige Reich der schwarmenden Prosaisten und der ewige Fruhling der schwarmenden Dichter! Jeder einzelne Mensch dreht sich um sich selbst. Immerhin, wenn er nur seinen grossern Lauf dabei nicht vernachlassigt! Ein andrer Tag aber ist ein Winter-, ein andrer Tag ein Herbst-, ein andrer ein Sommertag. Ein gemilderter Fruhlingstag ist von allen der beste: ein Sonn-, ein Festtag! Wer diess Bild nicht schmecken und sehen kann, wird der fassen, was fur Beziehung allgemeine Aufklarung auf die Tugend und den Seelen- und Leibeszustand des einzelnen Menschen hat? Mehr Verstand, mehr Wille, mehr Treue, mehr Glaube heisst darum nicht: lauter Verstand, lauter Wille, lauter Treue, lauter Glaube. Summa: jede Freude muss mit edlem Schmerz, jeder Schmerz mit einer Art von Freude, jede Vernunft mit Einfalt, jeder Glaube mit Zweifel gewurzt werden, sonst fehlt uberall der Reiz. Das Ende vom Liede: ist es nicht ein andres Ding, den Menschen zu epitomiren und zu paraphrasiren, ihn tanzen, gehen, stehen, sitzen zu lassen und so weiter? Es kommt viel und alles darauf an, wie er g e s t e l l t wird. Im Grunde denkt, spricht, handelt der Furst so wie der Bauer; nicht sie, sondern die Stellung ihres Korpers ist verschieden. Der leidige Korper! ist er uns doch immer im Wege! und doch wer gibt ihn weg um wie vieles! Die Stellung des Korpers macht Provinzen und Kohlgarten, macht Furstenthumer und Meierhofe, andert Ausdruck, Sitten und Ton. Sonst sind wir uns im Leben so gleich, wie im Tode!

Nach diesen Aus- und Einschweifungen ward per Decretum festgesetzt:

a) Der gute Vetter, sonst ein Mann, ist der Intoleranz gegen Adel und Johanniterorden zu zeihen.

b) Glaube gehort zu allem; Glaube ist nicht jedermanns Ding. Zu einer an die mathematische Evidenz grenzenden Gewissheit ist wenig zu bringen. Die sinnliche Evidenz steht der mathematischen oft nach.

c) Ceremonien und Darstellungen sind Glaubenskrucken.

d) Man thut wohl, sich den Glauben in die Hand zu spielen. Diess war der Hauptschlussel zu diesem ganzen Paragraphen; Jerusalem sollte nach Rosenthal hoflich eingeladen, und beliebter Kurze und Einfalt wegen hierher das gelobte Land verlegt werden. Es wird die Einladung nicht abschlagen, sondern die Ehre haben, aufzuwarten. Tragt man gleich die Trauben hier nicht auf Stangen, fliesst gleich in Rosenthal nicht Milch und Honig, wird das gelobte Land sich ubrigens hier nicht ganz wohl befinden? Omne simile claudicat.

e) Der vierzigjahrige Wustengang bleibt an seinen Ort gestellt.

Zu Ehren der Ritterin muss ich bemerken, dass sie auf ein Drittheil, der Ritter auf ein Siebentheil, der Junker auf ein Zehntheil dieses Paragraphen Anspruch haben. Das ubrige gehort auf die Rechnungen des Predigers und des Hofmeisters; und nach dieser Vermessung und Abwiegung ein Stuck vom Prediger und eins vom Hofmeister, den wir lieber Heraldicus junior nennen wollen. Dass er an diesem Spitznamen nicht sterben wird, dafur verburge ich mich.

. 35.

Der Prediger

gehorte nicht zu den Geistlichen, welche glauben, was die Kirche glaubt, und die ein ganzes Leben hindurch von dem Honig zehren, den sie in dem Dreiblatt der akademischen Jahre so ziemlich durftig in die Zellen ihres Kopfes gesammelt haben. Oft ist der Bienenkorb oder Stock des Kopfes auch so klein, dass nicht viel Honig Platz hat; oft hat die Gegend so wenig Honiggewachse. Er war als Ehemann und als Vater so glucklich, wie man es unter dem Monde seyn kann. Seine Stelle, die zwar mittelmassig, doch hinreichend geben, hatte er mit keiner General- und Special-Superintendentenstelle vertauscht. "So ihr Nahrung und Kleider habt, lasst euch begnugen," war die Losung seines Weibes und auch zur Noth die seinige; zur Noth! denn er hatte Gelegenheit gehabt, sich naher zu uberzeugen, dass man sich in die Zeit schicken musse, weil es bose Zeit ist, und in die Menschen, weil es gute Menschen gibt. Grosses Verdienst ist nie ein sicherer Burge fur Lob und Preis; vielmehr verhindert es gemeiniglich, was es befordern sollte. Wir ruhmen den am liebsten, der uns am wenigsten die Sonne in unserm vermeintlichen Verdienstrevier vertritt. Nur dem Nebenbuhler konnen die Menschen, wenn er gleich unendlich uber sie an Wurdigkeit hervorragt, diesen Tribut nicht zugestehen. Diess Lob, denken sie, ware eigne Verachtung. Was gilt ein Prophet in seinem Vaterlande? Durch das Lob derer, die es auf eine andere olympische Bahn anlegen, verlieren wir wenig oder nichts. Der Feuermauerkehrer lobt unbedenklich den Friseur, der Dichter den Philosophen, der Mathematiker den Officianten, der Geistliche den Weltlichen, der Arzt den Barbier. Glauben die Menschen noch uberdiess, dass sie den heterogenen Gegenstand ihres Lobes zu ubersehen im Stande sind, so kommt es ihnen nicht auf Lobpauken und Preistrompeten an.

Die Klippe, an welcher unser Prediger scheiterte, war die Vermuthung, dass in geheimen Gesellschaften der Mensch doch wohl vom Glauben zum Schauen erhoben werden konnte; und ob er gleich Gott und die andere Welt herzlich und sehnlichst glaubte, so war er doch der Meinung, noch diesseits des Grabes zu mehr nicht gelangen und wohl gar das Geisterreich, wie das gelobte Land, nach Rosenthal verlegen zu konnen. Die Freimaurerei, von welcher der schausuchtige Pastor alles glaubte, was er h o r t e , aber nichts, was er l a s , bestarkte diese Hoffnung; und nun griff er nach jedem Mittel, das ihm vorkam: nach einer Eiche und nach einem Strohhalm, nach dem Gastvetter und nach dem Senior familiae mit seinem Kasten. Warum sollte auch nicht einer von den Todten, dem Pastori loci zu Ehren, einen Besuch unter den Lebendigen machen? War er doch keiner von den sieben Brudern des reichen Mannes, dem Abraham mit Recht die Gefalligkeit abschlug! Gern hatte er seinen Kirchhof in ein Elysium umgeschaffen, wo abgeschiedene Geister selige Schatten geleiten! Die Veranstaltung, dass Rosenthal zum gelobten Lande geadelt werden sollte, lag nicht ausserhalb der Grenzen seines Zweckes; es war ihm vielmehr ein Richtsteig. Die alten Ritterorden und andere noch florirende, auf Geheimnisse sich grundende Orden hielt er fur Depositairs einiger hoheren Aufschlusse. Ueberall fand er fur seine Schwarmerei im Rosenthal'schen Kanaan Nahrung, die ihm, meinte er, wenn nicht von Rittern, so doch von einigen Pilgrimen, geliebt's Gott! geleistet werden wurde. Simeon konnte nicht inbrunstiger auf den Trost Israels warten, als unser Geistliche auf eine Geistererscheinung. Ob er doch je etwas sehen wird? Verschweigen wird er es gewiss nicht! Dass seine Grundsatze unvermerkt auch auf die Ritterin gewirkt hatten darf ich das erst anfuhren? Diese Kreuzseherin war geneigt, sich in eine S e h e r i n verwandeln zu lassen; doch alles medice und modice. Es heisst vom Geistlichen: ich will dir des H i m m e l r e i c h s Schlussel geben; doch hat er ihn auch von der E r d e und zum Kopf und Herzen derer, die mit ihm umgehen. Die Geistlichen taufen, sie confirmiren, sie copuliren; sie finden die Menschen, wenn ihr Herz und ihre Seele offen und jedes Eindrukkes fahig sind. Und in der That, die Ritterin kam zuweilen dem Pastor auf halbem Wege entgegen. Secunda war ihm eine wahre Promotion. Was hab' ich zu verlieren? Nichts. Was zu gewinnen? Viel. Freilich viel! Wenn ihm auch niemand von den sieben Brudern des reichen Mannes erscheinen sollte, was ging ihm ab? Wer ist nicht gern im gelobten Lande, wo Milch und Honig fliesst? Der Umgang im ritterlichen Hause entschadigte ihn fur so manchen Lebenskummer; er gewann bei seiner Gemeinde durch die Achtung, die ihm bei Hofe erwiesen ward, und so trieb er unvermerkt diese Schwarmerei als Bedurfnis, zu der er zwar allerdings schon von Natur geneigt war, zu der er sich indess doch anfanglich in Hinsicht der Manier, aus Gefalligkeit und Lebensart, bequemen mochte. Der Ritter ging nicht auf Geistersehen aus; doch leistete er, ohne es zu wissen, dem sehlustigen Pastor loci Vorschub. Schwarmerei und Empfindelei sind Geschwisterkind, und unserm Manne Gottes wurden die obern Seelenkrafte je langer je entfremdeter, wogegen er es sich bei den untern herrlich schmecken liess. Ein achter Secundaner!

. 36.

Heraldicus junior

hat einen unausloschlichen Trieb zu Gleichheit und Freiheit, wozu nun freilich sein Vater (den blauen Montag etwa ausgenommen, den er jedoch in reiferen Jahren aufgab) keine Gelegenheit gegeben hatte. Von der Akademie war ihm diese Sinnesart beigebracht; und nun wollte er mit dem Kopfe durch die Wand! Selbst im ritterlichen Hause glaubte er dieses Evangelium nicht ohne Segen v e r k u n d i g e n z u k o n n e n ; allein siehe da! die Ritterin lenkte ihn ein. Und da er bei allem Freiheitssinn oder Unsinn nur zu deutlich einsah, dass es ihm an der runden Tafel besser ginge als an der Marschalls- und an der BediententaWeiber waren, als das schone Gesindel, das er in seiner Jugend zu verehren Gelegenheit gehabt hatte, so sprach er von Freiheit und Gleichheit, wie Freund J o h a n n J a k o b so dass sich alle beide, R o u s s e a u und E r , im Umgange mit Weibern, deren Gestalt Engel ohne Bedenken annehmen konnen, und mit Mannern, die, wenn sie nicht unsere Gluckseligkeit, so doch unser Gluck zu machen im Stande sind, die schon durch ihren B e s s e r s c h e i n das Herz erheben, die Seele anfeuern und das Leben menschenwurdiger machen, gar nicht ubel befanden. Nie konnte Heraldicus junior die Art vergessen, die, wie er sagte, uber alle Art ging, womit die Ritterin ihm ein Geschenk machte. War es doch so, sagte er, als ob ich gab, und als ob sie nahm! Wo ihr Auge nur hinreicht, verbreitet sie Heil und Segen, und das alles so in der heiligsten Stille, wie das gottliche Wesen oder wie jener herrliche Bach im Lustwaldchen, der, ohne einen Laut von sich zu geben, Menschen, Vieh, Blumen und Krauter erquickt. Stolz zerstort jede Schonheit, macht alles unsymmetrisch und verdirbt unsere Gesichtszuge und Lineamente noch arger, als die Blattern. Edelmuth ubertrifft die drei Grazien und die neun Musen. Heraldicus junior konnte nicht umhin, seiner Schwester zu versichern, dass sich sein voriger und sein jetziger Umgang verhielten wie ungeschmierte Thurangel- gegen Lautentone. Freilich sind oft die Durftigen nur durftig, der gemeine Mann nur gemein, sonst aber bieder und brav; freilich gibt es unter den Grossen wahrhaft kleine Menschen, unter den Reichen bettelarme, unter den Hochgeehrten niedertrachtige, unter den Hochgelehrten unweise, doch gibt es auch unter ihnen viele, die ihres Standes und ihres Reichthums wurdig sind, die beides zu geniessen verstehen, ohne sich zu uberladen. Man erwage, dass Heraldicus junior nicht ohne Talente war; dass seine Burschenmanieren, sein ins Gemeine sinkender Anzug ihn, als er seine Hofmeisterstelle antrat, bei aller Gelegenheit im Herzen fragten: Freund, wie bist du hereingekommen und hast kein hochzeitliches Kleid? Wird man sich noch uber seinen Freiheitssinn und uber seine Abneigung von aller personlichen Convenienz wundern? Der Gastvetter hatte ihn hingerissen, allein nicht eingenommen. Und warum nicht? Weil er kein Schneiderssohn war; weil, obgleich seine Seele einen Adel behauptete, den kein Diplom und keine Stammtafel verleihen kann, er doch so leicht das nicht hatte werden konnen, was er war wenn er nicht ein Edelmann gewesen ware. So manches gute Wort, das der Ritter fallen liess, hatte indess gezundet, und obgleich Heraldicus junior sich allerdings uberzeugte, dass Reichthum und Stand Zeugen und Beklatscher nothig haben, und dass dergleichen Zeugen und Beklatscher, wenn sie sich nicht von selbst melden, von den Reichen und Vornehmen muhsam aufgefordert und eingeladen werden: verdient es Vorwurf, nicht nur sein Brod, sondern auch seinen Reichthum, mit andern zu brechen? Man zeigt seine Pokale; allein es sprudelt Champagner darin. Sehet! zuweilen erhebt Tokayer den Krystall! Man will mit seinem Silbergeschirr prahlen; allein es enthalt die geschmackvollsten, einladendsten Speisen. Ist es denn nicht eine gute Seite der Menschen, dass sie nichts fur sich allein behalten konnen? Newton und Copernicus wurden nicht erfunden haben, wenn sie nicht in Gesellschaft gelebt hatten. Wie gut ist es, dass Edelgesteine nicht strahlen, wenn sie nicht von andern gesehen werden; dass Gold nicht leuchtet, wenn andere es nicht zu bemerken wurdigen; dass der Stolze, der Reiche nichts fur sich, sondern alles fur andere thut, und dass selbst der reiche Schlemmer, dessen Bauch sein Gott ist, doch alles nur halb geniesst, wenn nicht andere Theil daran nehmen! Hat der Eigenthumer von seinem Stein- und Goldreichthum mehr als das Sehen? Ist es nicht eine Art von Mittheilung, sie andern zu zeigen? Fliesst aus dem Satze: "Nur das hab' ich, was ich sehen lasse," nicht naturlich die Betrachtung: "Nur das ist dein, dessen du dich zu entaussern im Stande bist?"

Diess und das brachte den Heraldicus junior aus der spinnbewebten Studirstube in die Welt, wo wir ihn furs erste willkommen heissen wollen. Seine Freiheitsgrundsatze gab er darum im Ganzen nicht auf; er wusste nur aus- und einzubiegen, und, wenn beim fein raffinirten (er nannte es schon stylisirten) Diner oder Souper bonmotisirt wurde, seinen Gleichheitssinn auszusetzen. Oft sagte er dem Pastor, dass ihm manches seine Mahl wie ein Concert vorkame, wo alle Tone sich freundschaftlich einander nahern und das Mannigfaltigste zum Entzucken zusammentrifft. Von seinen Gartengewachsen und von Baumfruchten, die nur durch Gartnernachhulfe zu erziehen sind, war er ein grosser Liebhaber, und diese durch die Kunst erhohete Natur machte ihm den Aristokratismus in Rosenthal so ertraglich, dass er oft nicht wusste, wie er mit dem Demokratismus daran war! Der Mangel an burgerlichem Ansehen und ein zu starkes Selbstgefuhl veranlassen Revolutionare, die den Drang, etwas vorzustellen, nicht besser als auf diesem Wege befriedigen konnen. Herrschsucht ist der Hang aller Menschen. Selbst das Christenthum lehrt: wir waren geistliche Konige, Priester und Propheten. Warum nicht geistliche Bauern und Handwerker? Wer wird der Tyrannei das Wort reden, da sie nicht anders ist, als die Herrschaft des Eigendunkels, der in die Stelle der Herrschaft der Gesetze tritt? Wer wird aber jenen Brausekopfen beitreten, die immer von Gleichheit sprechen und alles zu beherrschen suchen? Nicht nur was v o r ihnen ist, sondern selbst was bescheiden n e b e n ihnen gehen will, hat in ihren Augen tyrannische Absichten. Alles soll h i n t e r ihnen seyn! Kann ein Tyrann anmassender verfahren? Je langer man in der Welt lebt, desto unzufriedener ist man mit jedem Machtspruche und jeder Machtthat; doch desto mehr uberzeugt man sich auch, dass jugendliche Freiheitsherolde nur zu oft Schlosser bauen, die von aussen e r h a b e n und s c h o n glanzen, indess nicht bewohnbar sind; pompvolle Schiffe, die nur den kleinen Fehler haben, dass sie nicht geschickt sind, im Wasser Dienste zu thun. So dachten Ritter und Ritterin; ob richtig oder unrichtig, kann im . Heraldicus junior noch nicht die Frage seyn.

Das Stuck vom Prediger?

Gut! wenn man mich beim Worte halt hier ist es.

Und vom Heraldicus junior?

Wird es nicht zu viel werden?

Ich wette, man wird, die Kupferstiche Nro. 35 und 36 in der Hand, den Prediger so wenig, wie den Heraldicus junior in ihren Arbeiten wieder erkennen; oder ich wette nicht.

Zum Stuck des Predigers in

. 37.

Lebensgrosse,

oder besser in ganzer Figur. V o r b e r i c h t . Ein Gesetz ist ohne Vorbericht; eine Predigt kann sich nicht ohne ihn behelfen, und auch selbst ein Geistlicher selten. Hat jemand von meinen Lesern bemerkt, dass der Ritter kein Feind der katholischen Religion war, so darf i c h es nicht bemerken. Diess that indess seiner evangelisch-lutherischen Confession nicht den mindesten Abbruch. Ohne des Umstandes zu gedenken, dass der Reichsfreiherr, und dass die Originalritter und ersten Hospitaliten vom Orden des heil. Johannes in Jerusalem dieser Religion zugethan waren, hat die katholische Religion ihre Ahnen, ob richtig oder nicht, damit ist es bei Ahnen wahrlich so genau nicht zu nehmen. Pater est quem justae nuptiae demonstrant. Das Kind heisst nach dem Gemahl, ob der Gemahl Vater ist, da siehe du zu! Ausserdem haben alle Kreuze etwas Katholisches in sich, und wenn gleich das Kreuz die gemeinste Strafe war, mit welchen man bei den Syrern, Juden, Aegyptern, Persern und Romern Knechte, Morder und Rauber belegte, so ist doch diese Figur ein Ehrenzeichen geworden durch den gekreuzigten Stifter der christlichen Religion, der Weise ihr Kreuz auf sich nehmen und ihm nachfolgen sollten.

Der Zuneigung, die unser Ritter zu der katholischen Religion hatte, ungeachtet, hielt er es doch nicht mit Klang und Sang, worin diese Kirche ein Hauptstuck ihres Gottesdienstes setzt; vielmehr war er ein Gonner der Prosa. Er hielt dafur, sie sey adlich, und man sehe ihr Wehr und Waffen an. Schon hatte man sich, um den Ritter durch das Alterthum zu gewinnen, Muhe gegeben zu behaupten, dass die Menschen mit der Poesie den Anfang gemacht hatten, und dass das Jauchzen und Springen wahre, achte Poesie ware; indess ward er so wenig in diesem Garn gefangen, dass er sogar das Alter der Poesie in totum und tantum ablaugnete. Und wie das? Gott der Herr, wenn er sprach, redete in Prosa. Adam und Eva mussten naturlich auch so antworten, und haben im Paradiese in keiner andern Art als in Prosa conversirt. Die erste U r v e r w i r r u n g der Sprache ist Poesie und Prosa. Vergebens war alle Muhe, den Ritter zu uberzeugen, dass Poesien Fruchte und Kinder der Imagination waren, die doch beim Ritter galt. Zuweilen schien es wirklich, als ob er mit seinen Behauptungen in Verwirrung kame; doch konnte man dieses Eingestandniss nicht von ihm erhalten. Er glaubte, es ans Tageslicht bringen zu konnen, dass die Behauptung der Dichter: "die Dichtung sey das Chaos, die Mutter der Prosa," schon eine Dichtung ware; dass die Einbildungskraft, in der doch der Dichter, wie der Fisch im Wasser, zu schwimmen vorgebe, nicht zahle und messe, und dass noch die Zeit kommen musse, wo man der Prosa Gerechtigkeit widerfahren lasse. Die hochste Poesie sey nicht eine toll gewordene oder poetische, sondern eine durch ihren innern Gehalt, durch ihren Geist geadelte Prosa. Verbannte nicht Plato, sagte er, die Poeten aus den Vorhofen des Himmels, aus seiner Republik?

Nach diesen Grundsatzen kam der Ritter gemeinig

lich bei den letzten Worten des G l a u b e n s in die Kirche, und so war das Amen des Predigers auch das Zeichen, seinen Hut zu nehmen und in die Melodie des Gebetes zu fallen. Morgen- und Abendandachten waren in Rosenthal seit Menschengedenken eingefuhrt; allein alles ging ohne Klang und Sang ab (welches der Schulmeister, der zugleich die Orgel schlug und die Cantorei zierte, o h n e S a l z u n d S c h m a l z nannte). Der Prediger, der wie fast alle seine Collegen im Gesang seine einzige Erbauung fand, da das Auswendiglernen ihm alle Ruhrung und allen Herzensantheil an der Predigt entwendete, mochte nun so viele Verse in seiner Predigt anbringen, wie kaum in den L e b e n s l a u f e n i n a u f s t e i g e n d e r L i n i e angebracht sind: unser Ritter konnte dieser Gewohnheit keinen Geschmack abgewinnen. "Er will nicht anbeissen," sagte Heraldicus junior etwas zu prosaisch, der auch ein Liederfreund war, indess, wie es sich von selbst versteht, mit mehr Schmalz und Salz, als der Organicus loci. Freiheit und Poesie haben von jeher gute Freundschaft gehalten, wenn gleich die Bemerkung unsres Liedersturmers nicht zu verachten ist, dass Poesie eine gebundene und Prosa eine ungebundene Rede hiess.

An einem X. Sonntage nach Trinitatis uberraschte Pastor loci den Ritter loci, und liess, so wie es bei den Herrnhutern Sitte ist, ehe man sichs versah, ein Liedlein anstimmen, und hiess war: E r h a l t ' u n s Herr bei deinem Wort.

Pastor nannte diese Herrnhutersitte, der man auch in Philanthropinen gehuldigt hatte, die Predigt lardiren.

Nichts in der Welt, nicht die Stimme des castrirtesten Sangers, noch die Poesie des uncastrirtesten Dichters, hatte den Ritter so angreifen und bekehren konnen, wie der "T u r k e n m o r d ." Indess fand er am Morde des Papstes einen nicht kleinen Stein des Anstosses; und nun musste noch ein Strategem von Abhandlung dazu kommen, wenn der Ritter den Gesang mit gnadigern Augen ansehen und sich mit dieser b u r g e r l i c h e n S o p h i e verbinden sollte.

Ich gebe diese Abhandlung in Lebensgrosse; doch mehr als Brocken vom Pastor werden wir nicht sammeln. Fast keine Schrift ist so schlecht, dass nicht etwas von guten Brocken darin vorhanden seyn sollte; auf ganze Korbe voll muss es kein geneigter Leser anlegen.

Diess Korbchen hiess:

. 38.

Unvorgreiflicher Vorschlag

zur

Abanderung des Martin Lutherschen Kirchen- und

Hausliedes:

Erhalt' uns, Herr, bei deinem Wort etc.

allen christliebenden gesanglustigen Seelen,

besonders aber

Sr. Hochwurden und Gnaden

dem

Hochwurdigen Hochwohlgebornen Herrn

Caspar Sebastian,

des heiligen romischen Reiches Freiherr und des

heiligen Johanniter-Ordens Ritter, der weiten und

breiten Rosenthalschen Guter Erbherrn, des im Riss

liegenden Jerusalems und vieler andern schon

gezeichneten heiligen Oerter Eroberer, des hohen

Rathes zu Jerusalem in Gott andachtigen Prasidenten

etc. etc. etc. etc. etc. etc. etc.

seinem gnadigen Kirchenpatron, hochgebietenden

Chef

und Herrn,

namentlich unterthanigst zugedacht, zugeschrieben

und gewidmet

von

einem zu Gebet, Gesang und Dienst

verbundensten Diener.

Dass schon die blinden Heiden bei ihrem Gottesdienste Gesange gebraucht haben, beweisen der hochblinde Homer und viele andere, als Orpheus, Kallimachus, Hesiodus. Nach dem Pausanias war Licius Olenus ein griechischer geistlicher Liederdichter, wiewohl der Streit in der alten heidnischen Singwelt unausgemacht bleibt, wer den ersten Hymnus angeschlagen habe, indem, wenn ich mit Heiden heidnisch reden soll, es das Ansehen gewinnen will, als ob die frohlichen Vogel dem Menschen den Sang und die Poesie, dagegen die vierfussigen Thiere die Prosa kollegialisch beigebracht, unter welchen der beschriene Ochse und der nicht minder beschriene Esel gewiss das ihrige ruhmlichst beizutragen nicht ermangelt haben werden. Dass die Poesie ihr Hupfen und Springen, und die Prosa ihren vierfussigen Gang von ihrer Urabstammung beibehalten bis auf den heutigen Tag darf ich das bemerken? Doch was geht dergleichen blindes Heidenthum, wodurch die vierfussige Prosa am schlechtesten wegkommen wurde, uns an, da ein ganz anderes Schema genealogicum der geistlichen Lieder in der christlichen Familienlade deponirt ist? So wie jener Weltuberwinder, nachdem er uberall kam, sah und siegte, nicht mehr von einem leiblichen Vater abstammen, sondern seinen Ursprung im Himmel unter den Gottern aufsuchte und von ihnen abglanzen wollte: so konnen wahre Menschen mit weit grosserem Rechte behaupten, dass sie in linea recta von den Morgensternen und Kindern Gottes abstammen, von denen sie auch ihre Singkunst erlernt haben. Bleibt es gleich in diesem Jammerthale beim Tenor oder mezza voce, wenn dagegen jene himmlischen Virtuosen im hellen Discant einen Triller den andern beschamen lassen und mit ihren Engelflugeln den Takt dazu schlagen, so hat doch niemand, weder Engel noch Mensch, des Herrn Sinn erkannt. Wer ist sein Rathgeber bei der Form gewesen, in die er seine Welten und in ihnen seine Geschopfe goss? und wer kann dafur, dass er nur, oder dass sogar Ein Mensch ist? Wer warst du, sagt Gott der Herr zu Hiob, der von dem himmlischen Fiskal, dem Satan, in puncto criminis laesae in unbefugten Anspruch genommen ward, so dass er auch seinen Process in der letzten Instanz refusis expensis gewann. Wer warst du, da mich die Morgensterne mit einander lobten und jauchzeten alle Kinder Gottes? Dass hierdurch die Spharen-Instrumentalmusik und die Engel-Vokalmusik, und unter derselben das h o h e L i e d : H e i l i g ! h e i l i g ! h e i l i g ! verstanden wird, welches Jesaias, der ein vortreffliches musikalisches Gehor besass, in Noten gesetzt hat, ist auffallend. Singen und Spielen sind so nahe verwandt, dass ein jeder Sanger gern allem, was ihn umgibt, die Zunge zum andern Discant losen mochte; und so hat der Mensch wirklich leblosen Instrumenten einen musikalischen Athem eingehaucht; und was die Spharen dort oben sind, das sind hienieden Pauken und Trompeten, Violinen und Floten. Wenn ich nun gleich der kritischen Frage: ob die ersten Eltern im Paradiese gesungen, ganz gern ausweiche (da Se. Hochwurden und Gnaden nach guten Ursachen, die fast eben so viel als gute Nachrichten bedeuten, wissen wollen, dass die ersten Eltern im Paradiese sich in Prosa unterhalten), so wurde es den guten und bosen ersten Eltern doch zu keiner Scham und Schande gereichen, im Paradiese mit den Morgensternen und den heiligen Engeln, ihren Gespielen, eins um die Wette angestimmt zu haben. Von selbst versteht es sich, dass der Paradiesgesang ein ganz anderes Ding gewesen ist, als der, den Adam und Eva bei der Holzaxt und beim Spinnrocken leierten.

Man sagt, die Noth lehre beten. Wahr! Lehrt sie aber nicht auch fluchen? und ist es nicht gewiss, dass die Noth eben so viel, wo nicht mehr, gute Christen als Bosewichter erzieht? Die Herren Finanziers brauchen die Noth zum sichern Recept wider das kalte Fieber der Faulheit, womit sie, trotz der China, Wunderkuren gethan zu haben behaupten. In der That, die Herren sollten in ihren Finanzrecepten weiter gehen, und wenn sie selbst wegen dieser Noth in Noth gerathen, das w o h l f e i l e S i n g e n verschreiben. Erinnert man sich nicht hierdurch an die grosse Harmonie, die doch immer auch bei Gram und Sorgen, bei Donner und Blitz, bei Schelten und Schlagen, welche die Herren Staatsregierer uber die Staatsburger im Rathe der Wachter beschliessen und mit ausserordentlicher Punktlichkeit ausfuhren in der argen bosen Welt ist? Ach! durch den Gesang wird die arge bose Welt zur besten! Der Gesang kuhlt die Angst; und was ein Glas Wasser der Zunge in schwuler Mittagszeit ist, wird der Seele ein Lied. Mein Gesangbuch nenn' ich einen Eiskeller, und hab' es im hitzigen Fieber der Anfechtung in Segen gebraucht. Wenn die Verdammten in der Holle singen konnten waren sie nicht aus aller Noth? und durften sie wohl einen Tropfen Wasser zur Zungenkuhlung erbetteln? Wurden nicht vielmehr Harmonie und Takt unter ihnen seyn, da sie jetzt sich unter einander vertragen wie Katzen und Hunde? Ist je Sonntagskindern der Vorschmack der kunftigen Welt beschieden, und konnen sie hoffen, uber ihren kunftigen Aufenthalt und ihre kunftige Beschaftigung von vollendeten Seelen sub rosa Nachricht einzuziehen, so wird der Gesang das Mittel seyn, Erscheinungen der Geister zu bewirken: nicht der schwarzen, sondern der weissen; nicht der bosen, sondern der guten. Alle gute Geister loben Gott den Herrn, und singen; alle bose Geister loben Gott den Herrn, und zittern. Tugend und Gesang verbinden diese Welt mit der kunftigen so dass sie in einander verschmelzen, man weiss nicht wie. Leider! waren von Anbeginn Wortstreit und Hahnengefechte, wenngleich bei einem Seelenduell kein Blut, sondern Gedanken fliessen. Obstat, quidquid non adjuvat. Es gibt nur Einen Verstand. Alle Menschen wurden Eins seyn, wenn die Worte nicht so oft Streit suchten, und Parteiganger, Volontars und was weiss ich was mehr waren. Einige unter den Wortern sind bekanntlich so ungeschliffen, dass sie es recht darauf anlegen, Handel zu machen. Die Poesie gibt ihnen Anstand, Erziehung und Politur; sie lehrt sie, sich in Zeit und Umstande schicken. Jene Antwort: "Etwas, das du nicht zu wissen brauchst," auf die unbescheidene Frage: "was tragst du da unter dem Mantel?" sollten sich die Menschen merken, da sie fast alles, was sie glauben und das ist doch bei weitem der grosste Theil von dem, was sie zu wissen vorgeben, oder zu wissen sich einbilden unter dem Mantel tragen. Man lasse doch jeden so viele Worte tragen, als er nur unter seinem Mantel beherbergen kann, und zwinge die Trager so wenig, diesen Wortkram zu enthullen, als uns andere, uns mit Manteln und einer solchen Worterlast zu behangen falls wir selbst nicht wollen. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Doch um wieder zur Poesie einzulenken, bei der man nur zu leicht Absprunge machen kann, so trete ich dem hohen Praesidio vollstandig bei, dass die gegenwartige mit Erbsunde beladene Poesie im Paradiese nicht im Schwange gewesen. Lebhaft kann ich mir vorstellen, dass die damalige Prosa so ein englisches liebliches Wesen an sich hatte, dass es, wenn ich so sagen soll, Poesie ohne Dichtung war. Merkt euch diess, ihr guten Dichter, und legt nicht zu viel Gewurz an naturliche Kost; denn in Wahrheit, das setzt kein gutes Blut. Wenn innere Wurde sich mit ausserlicher Pracht vereinigt, wenn der Zweck so edel ist, wie die Ausfuhrung: dann ist Prosa Poesie, deren sich niemand schamen darf. Wenn Poesie unsere Aufmunterung, nicht unser Ziel, unser Mittel, nicht unser Zweck ist: o, dann verlohnt es der Muhe, ein Poet zu seyn und Plato selbst war es, der bloss Asterpoeten des Landes verwies, das indess auch nicht in rerum natura, sondern in der Poesie existirte. In einer poetischen Republik Poeten nicht dulden wollen, ist wahrlich sonderbar! Adam und Eva im Paradiese befanden sich ubrigens gar nicht in der Nothwendigkeit, zur Dichtkunst ihre Zuflucht zu nehmen: sie hatten beim lieben Gott eine offene Tafel, und alles, was sie nur dachten (es zum Wunschen kommen zu lassen, hatten sie nicht nothig), stand vor ihnen. Auf anakreontische Anlockungen durfte es der verliebte Adam nicht stutzerisch anlegen. Eva liebte nicht sich, sondern ihn, so wie auch seine Liebe nicht aus Erkenntlichkeit, sondern aus Herzensneigung uber alles ging und so auch uber ihn selbst! Den Apfel, Vater Adam, hattest du nicht aus ihren Handen nehmen sollen, so lieblich sie ihn auch abgeschalt hatte! Poesie lehrt indess, nicht bloss aufs Wort, sondern auch auf den Ton merken, und haben Gedanken allein auf den Ausdruck und nicht auch auf den Ton Einfluss? Gibt es nicht eine gewisse Aufgeblasenheit der Worte, die man Bauernstolz nennen konnte, welcher wahrlich die unertraglichste aller Stolzarten ist und selbst uber den Stolz der Heiligkeit geht? Reden ist Kunst; recht Reden ist Natur. Wahre Ehrbegierde ist die Poesie bei unsern Handlungen und bei unsern Worten. Die hochste Sprache ist die, welche jeden Wortputz verschmahet, und keinen Ruhm wegen der Ausdrucke, sondern wegen der Gedanken, die in den Worten enthalten sind, sucht und findet. Man trachte nach Gedanken am e r s t e n , und Worte und ihre Geberden, der Ton und alles andere wird uns zufallen von selbst. Ich hatte sehr viel darum gegeben, den wirklichen Adam und auch die jungfrauliche Eva singreden oder redesingen zu horen. Singen ist die Musik des l e d i g e n , Spielen die Musik des e h e l i c h e n Standes, in welchem man die Stimme verliert, man weiss nicht wie! Bei so manchem grossen paradiestschen Verluste verlor das erste Paar auch seine Stimme. Jammer und Schade! Was die Instrumentalmusik betrifft, so entstand sie nicht im Paradiese; Adam und Eva hatten vielmehr zu jener glucklichen Zeit ein Freibillet, das Spharenconcert zu besuchen, wenn sie wollten, und nur nach dem betrubten Sundenfalle ahmte der Mensch auf einer Rohrpfeife nach, was er so im Grossen gehort hatte. Welch ein Abfall! vom Spharenton zur Schaferflote! So steht es mit dem S t a n d e d e r U n s c h u l d und dem S t a n d e d e r S u n d e n in Rucksicht der Sing- und Dichtkunst aus. Singen heisst: mit der Zunge dichten; und Instrumentalmusik heisst: Gesang lebloser Geschopfe, welchen der Mensch die Singstimme geloset hat. W a s d e n S t a n d d e r G n a d e n i m a l t e n B u n d e anbetrifft, dem Se. Hochwurden in Gnaden gewogen sind, so war er nichts weiter, als eine Silhouette; dessen ungeachtet gab es in diesem Silhouetten-Gnadenstande ganz vortreffliche Gesange, z.B. den Lobgesang Mosis, das Lied, welches der Prophet Jesaias seinem Vetter von seinem Weinberge sang, den Lobgesang des Konigs Hiskia, als er wieder gesund geworden war. Und was soll ich von dem Erzsanger, dem koniglichen Propheten David, sagen, der, wenn gleich ahnenarm, doch sehr liederreich war! Auch wusste er wohl, was sich fur einen singenden Konig schickt; keinem andern, als dem Konig aller Konige, dedicirte er seine Lieber. Er erlaubte sich kein anakreontisches verfangliches Stuck, selbst nicht auf die Bathseba. Basilius meint, der heilige Geist habe sich Muhe gegeben, die ganze Bibel in Verse zu bringen, da er dem David die Psalmen diktirte. Was. den n e u e n B u n d betrifft, so will es anscheinen, dass es darin eigentlich keine Dichtkunst, sondern Geist und Wahrheit gebe. In dem Munde des Stifters der christlichen Religion ist kein Betrug und selbst keine Dichtkunst (ein erlaubter Seelenbetrug) zu finden; und wenn er gleich kurz vor seinem letzten Leiden den Lobgesang, wohl zu merken, s p r a c h , so war doch diess ein Stuck vom Osterlamm, das unser Herr ass, weil es Sitte im Lande war. Wer hat unter tausend und abermaltausend Behauptungen von seiner Person und Lehre die Angabe gewagt, dass er Dichter und Dichtershelfershelfer, Musikus gewesen sey? Einwendungen? Gut! sie mogen sich horen, aber auch widerlegen lassen. Gibt es nicht Poesie en gros und en detail? Der starke Glaube, den der Stifter des Christenthums an Gott, und das Zutrauen, das er zu seinem Werke hatte, welches er im Namen Gottes begann waren das nicht Beweise einer erhabenen Einbildungskraft, die seinen Geist starkte und heiligte? Sein Kopf und sein Herz arbeiteten in grossen Massen; so ins Grosse ging kein Weiser vor ihm. Welche Menschenfreundlichkeit! Zu den Aufschlussen, die er uns gab, ist ein blosser Prosaist nicht im Stande. Seht! in Gott d e m H e r r n zeigte er uns mit Fingern d e n V a t e r . Vater sind nicht fur Hymnen, und nirgends sind Hymnen Kindern Gottes zur Pflicht gemacht: das Gebet zwar, welches freilich eine Art von Poesie ist; doch beteten Menschen v o r seiner Zeit. Und nimmt man Poesie in g o t t l i c h h o h e m S i n n ist es dann der hochsten Vernunft selbst eine Schande, sich mit Poesie zu verbinden? Kann es der ganzen christlichen Lehre zum Vorwurf gereichen, wenn sie die D i c h t k u n s t d e r V e r n u n f t genannt wird? Diese Bemerkungen eroffnen von selbst ein Feld zur schonen Nutzanwendung. Alles in der Natur, ausser dem Menschen, geht mussig, es sey denn, dass der Mensch es anstrengt; und dann arbeiten Ochse, Pferd und Esel nicht fur sich, sondern fur den Menschen; der Mensch allein ist der Arbeiter im Weinberge der Natur und der Sittlichkeit. An ihm kann man sehen, was Konigen obliegt, wenn sie diesen Namen verdienen. Der Konig der Erde, der Mensch, hat gewiss nicht Zeit, wenn er treu ist in seinem Berufe, sich mit brodlosen Kunsten abzugeben, sich fur Spottgeld, fur Schandbote zu verkaufen, und uber Klingklang seine Regierungsgeschafte zu versaumen. Wer verlangt aber auch von ihm, dass er das D i c h t e r h a n d w e r k treibe? Es ist genug, dass er D i l e t t a n t sey. Bei diesem Wegweiser wird der Mensch gerade so viel wie die Dichtkunst gewinnen. Allerdings bleibt der Mensch der Nachschopfer auf Gottes Erdboden; und wohl ihm, wenn er fleissig ist, in guten Werken zu trachten nach dem ewigen Leben! Sein diesseitiges Leben soll nicht kunstliche Irrungen, nicht unvorgesehene Begebenheiten, nicht verschlungene gordische Knoten und kunstreiche Auflosungen, selbst nicht pompreiche, mit Philosophie stark gewurzte Sentenzen, nicht Lippengrundsatze enthalten; eine lange einfache Handlung ist sein Wandel, der sicher und fest zum Ziele fortschreitet. Das sind Werke in der moralischen Welt, in der unsichtbaren Kirche, in Jerusalem, welches, mit Ew. Hochwurden Erlaubniss, nicht von Menschenhanden gemacht ist. Wer kann zum moralischen Erdenchaos s p r e c h e n : Es werde Licht! Vorbehalten ist es dem Menschen, vermittelst des Lichtes der Vernunft die sechs Tagwerke a l l m a h l i g hervorzubringen, bis der Sabbath einbricht, der Tag der Ruhe! Das tausendjahrige Reich der Zustand, da Engel und Menschen sich wechselweise besuchen werden. Eva, waren wir da! Seelenweide! Herzensfreude! Himmlisch Manna! Halleluja, Hosianna!

Hosianna, rief die Ritterin auf, ohne dass ein Blitz zu sehen, ein Knall zu horen war, und eine F l u c h oder G n a d e n t h u r sich aufthat. Der Ritter reichte ihr aus Beifall die Hand. A B C wiederholte das mutterliche Hosianna. Und gilt diess etwa dem u n vorgreiflichen Vorschlage des zu Gebet, Gesang und Dienst verbund e n s t e n D i e n e r s ? Nimmermehr! Die Ritterin fuhlte seine Weitschweifigkeit so gut, wie wir. Dem Gastvetter galt es, der durch so manche gute und bose Geruchte in Rosenthal gegangen war; ihm und seiner Behauptung:

"Dass Poeten d a s R e i c h G o t t e s und

s e i n e G e r e c h t i g k e i t in den A n f a n g

der Welt, Philosophen dagegen es in die s p a

t e s t e Z u k u n f t setzen."

Diess Thema gab Gelegenheit zum Streit und Widerstreit, wodurch das Dreiblatt einer Familie begeistert ward, das wahrlich Genossen des Reiches Gottes zu seyn verdiente! Ganz ungezwungen kam die Ritterin zu ein paar Geschichten, die ihr auf dem Herzen lagen, und die den Namen H o s i a n n a - G e s c h i c h t c h e n erhielten. Sie hatte unter vielerlei Armen (in ihrem Rittersitze waren keine) auch e i n e Klasse, die vierteljahrlich nach Rosenthal wallfahrtete, um ihre Pensionen abzuholen. Arme d i e s e r Klasse kamen bestandig zu Zwolfen; und diese Apostelzahl geleitete sich unter einander, und ward, ausser der Mitgabe, in Rosenthal vierundzwanzig Stunden reichlich bewirthet. Nie versaumte es die Ritterin, mit diesen Zwolfen zu Tische zu sitzen. Sie nannte sie ihre S c h i l d e r e i e n s a m m l u g , und kein Maler der alten und neuen Zeit hat solche Gruppen dargestellt; wahrlich keiner! Heute aber verlangte E i n e dieser Zwolf geheime Unterredung."Haben Sie Dank, gnadige Frau," fing sie an, als sie mit der Ritterin allein war, "fur Ihre Gute; und wenn ich gleich von dem Ihrigen nehmen muss, um es Ihnen zu geben, so freu' ich mich doch, dass diese Stunde kam, und ich wenigstens auf diese Art geben kann. Ich theilte den Jahrgehalt, den Sie mir bewilligten, mit einer unglucklichen Mutter, die drei Meilen von mir lebt, und die nur das Ungluck mit mir verband. Ein heiliges Band! Sonst sind wir nicht Verwandte. Diese Mutter ist glucklich geworden und bedarf meiner Theilung nicht mehr." Edles Weib! sagte die Ritterin, und verstummte. Nur erst nach einigen Minuten war sie im Stande, sich nach der Veranderung des Unglucks in Gluck zu erkundigen. Der edlen Ritterin fiel die Legende vom u n g e b o r n e n U n g l u c k l i c h e n ein, welcher sich aus einem Glucklichen in einen Unglucklichen verwandelte: ein Fall, der sich ofter ereignet! Aus dem Zuge, dass es eine Mutter betraf, glaubte die Ritterin sicher abnehmen zu konnen, die Kinder hatten die Mutter unglucklich gemacht, und der Tod, der Armen und Unglucklichen n a t u r l i c h e r V o r m u n d , ware auch hier der Beforderer zu dem Glucke der Mutter geworden. Nicht also. Die Mutter hatte einen kranken Sohn, den sie schon einige Jahre auf dem Bette wartete und pflegte, und diesen hatte sie verkauft! V e r k a u f t ? fuhr die Ritterin auf. Z u m G l u c k v e r k a u f t , erwiederte die Eine von den Zwolfen! Die Mutter, setzte sie hinzu, hielt den Kaufer fur einen Arzt, obgleich seine Physiognomie ihr gutiger vorkam, als viele dergleichen Herren mit gluhenden Zangen und Menschenfleischmessern sie zu haben pflegen. Er gab ihr dreissig Thaler; und was konnte das arme Weib sich anders vorstellen, als dass der Kaufer eine Medicinprobe mit diesem Unglucklichen machen wurde? Da sie indess uberzeugt war, dass der abgezehrte, vollig entnervte Korper ihres Sohnes keine Probe auszuhalten im Stande ware, so glaubte sie einen vortrefflichen Handel gemacht zu haben, den ihr der liebe Gott verzeihen wurde, und gewiss auch verziehen hat. Der kranke Sohn willigte nicht etwa bloss in diesen Kauf ein, sondern verlangte ihn durchaus. Er empfand, wie schwer er seiner Mutter fiel. Die Vorstellung, der Kaufer konne nichts anders als ein Arzt seyn, brachte die Mutter noch auf die e i n z i g e Bedingung, dass ihr Sohn nach seinem Ableben in keinem Anatomiehause aufgestellt werden mochte. Unbedenklich ging der Kaufer diese Bedingung ein. Nicht nur die halbe Pension, sondern auch diese dreissig Reichsthaler hat sie dazu anwenden mussen, die Arzneien und die Aerzte fur ihren Sohn bis zu diesem Kauf- und Verkaufscontract zu berichtigen. (Daher der Groll wider Aerzte, unter denen es gewiss gute Menschen gibt!) Ein Zettel, den der Kaufer dem Schulmeister behandigte, diente zum Wegweiser, von dem Schicksale des Kranken Nachricht einzuziehen. Dieser Zettel war der Mutter nur wegen des Anatomiehauses von Erheblichkeit. Der Wegweiser indess zeigte nicht geradezu, sondern durch unglaubliche Umwege: der Kaufer wollte unbekannt bleiben. Durch treue Kur und Wartung genas der Kranke in drei Monaten, ist gesund wie ein Fisch und in den Gutern des Kaufers! "Wie? dieser Unmensch kaufte sich einen Unterthan? erhandelte ihn so wohlfeil, weil er vielleicht sein Uebel besser kannte, um ihn und seine Nachkommen zu Sklaven zu erniedrigen?" Gnadige Frau, der Jungling bestand darauf, Unterthan zu seyn. Ich bin bezahlt, sagte er; und in der That, wenn je ein Mann Unterthanen zu haben verdiente, so sind Sie es, sagte er zu seinem Kaufer. Nichts! der Kaufer schlug es aus und der junge Mensch arbeitet als Freier, und ist jetzt schon im Stande, seine Mutter nicht nur zu unterstutzen, sondern wird sie noch in diesem Jahre sammt ihrer Familie zu sich nehmen, sobald er durch seine Braut Louise Selbsteigenthumer eines schonen Freigutes geworden ist!

Ihr habt mich bewegt, gutes Weib, sagte die Ritterin! Ich habe mich groblich an dem edlen Manne versundigt. Das gewohnliche Loos edler Manner, an denen man sich gemeiniglich versundigt, wenn dagegen Unedle die Kunst verstehen, ihre Handlungen auszustaffiren! Nicht wahr, Mutter, der Kauf hat etwas Befremdendes? Freilich, gnadige Frau, ist dem braven Herrn auch in unserer Gegend viel zu viel geschehen, besonders weil er es bei diesem Kauf nicht bewenden liess. Nicht? Er kaufte noch einem Dorfrichter einen Dieb fur 100 Thaler ab. Dieser Ungluckliche war in der Untersuchung, als der Kaufer durchreiste. Der Dorfrichter hat die Meinung, dass ein Diebstahl, wenn er ersetzt ist, mit Strafe ubersehen werden konne. Sehr unrecht! Ist der Diebstahl aber aus Noth begangen, so mag es wohl so unrecht nicht seyn. Wer das Verbrechen hindert, sagte die Ritterin, thut dem Lande Gutes (und mir sey es erlaubt, hinzuzusetzen, dass ein J o h n H o w a r d , der in dieser Absicht reiset, noch zu wunschen ist). Es sey! Dieser Dieb hiess ein Umtreiber, weil er neun Meilen im Umkreise nicht zu Hause gehorte. Der Kaufer bezahlte 100 Thaler, und dieser Dieb hat, heisst es, fur seinen Vater gestohlen, um ihn aus dem Gefangnisse zu befreien, worin er dieser Schuld halber schmachtete. Der gutige Herr wollte, nachdem er die Umstande vernahm, den Dieb auf der Stelle entlassen; allein der Dieb war viel zu ehrlich, um sich mit diesem Lobspruche zu begnugen. Seine Absicht, es ganz abzuarbeiten, hat er nicht erfullt. Seines Vaters Schwester ward durch den Kaufer bequemt, sich ihres Bruders anzunehmen; und diese durch Missverstandnisse entzweite Familie lebt jetzt einmuthig bei einander; ein Lebensgluck, wozu die guten Menschen nicht gekommen waren, wenn der Vater nicht im Gefangnisse geschmachtet, der Sohn nicht gestohlen, der Richter nicht verkauft und der edle Mann nicht gekauft hatte! D e r b e g l u c k t e M e n s c h e n k a u f u n d H a n d e l s m a n n wird jetzt von der ganzen Familie gesegnet. Wenn er doch alle Gefangnisse und alle Hospitaler abkaufte! Wer es ist! Der Wegweiser zeigte nicht geradezu, sondern durch unglaubliche Umwege; und wie viele Kreuz- und Querzuge musst' ich machen, wenn ich in Gegenwart meiner Leser mir die Muhe geben wollte, ihm so nachzuspuren, wie die Ritterin, die hier ihr Herz im Spiegel sah! Mit einem Worte, es ist der Gastvetter!

Der Ritter hatte Thranen in den Augen; der Ritterin entfielen sie. Unser Held sah beide an. Er verstand zu fuhlen, was diese Thranen bedeuteten; doch weinte er nicht.

Nach dieser Herzstarkung wollen wir die Vorlesung fortsetzen. Bei jener lasst uns wunschen: E r halt' uns Herr bei guter That! Wahrlich es verlohnt, bei dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit, des Gastvetters zu denken, der keine Handlung auf Subscription that oder Lob sich pranumeriren liess. Wer von Dankbarkeit leben wollte wurde der uberhaupt nicht Hungers sterben?

Erhalt' uns Herr bei guter That!

Finden sich irgendwo Spuren, dass die Junger des Stifters des Christenthums und seine Apostel instrumental- und vocalmusikalisch gewesen sind? Schwerlich! Doch, ward nicht Geist Gottes uber sie ausgegossen? wurden sie nicht begeistert? war ihr Pfingsttagsentschluss voll des heiligen Geistes prosaisch? Man vergesse nicht, dass es e i n e P o e s i e i m g o t t l i c h h o h e n S i n n e gibt. Plinius in seiner Apologie des ersten Christenthums bekundet blindheidnisch, dass die Christen an gewissen Tagen Christo zu Ehren gesungen hatten! Zugegeben; allein warum? Um im Handeln ihm Ehre zu machen, und sich aufzufordern, den Willen dessen zu thun, der ihn gesandt hatte.

Beispiele sind starker als Worte; und gibt es nicht hohe poetische T h a t e n , denen das Feuer der Einbildungskraft so wenig entgegen ist, dass es vielmehr eine dergleichen Geistes- und Herzensstimmung bewirkt? Was ist blendender Wortglanz gegen edle That? Durch sie wird man erschuttert, uberwaltigt und lebendig uberzeugt. Der Muth und der Trost der Nothwendigkeit, welcher Seelen von Inhalt und Nachdruck eigen ist was hat der nicht ausgerichtet, wie viele bewunderungswurdige Martyrer gezogen! Nicht immer, nicht von jedem werden diese Thatenepopeen gefordert! Doch kommt es im neuen Bunde durchaus auf moralische Sinnesveranderung an; und wenn gleich diese allerdings durch kalt vorgetragene Grundsatze angefangen wird, so gibt es doch Falle, wo wir die Nachhulfe der Einbildungskraft und Glaubensstarkung bedurfen, um sie zu vollenden und sie in Werken darzustellen. Man sage nicht, Dichtkunst sey Heuchelei. Heisst, sich gut ankleiden, heucheln? und ist Dichtkunst mehr oder weniger, als Versinnlichung, als Menschwerdung der Grundsatze der Seele? mehr als Darstellung des inneren Menschen des Geistes, der in uns ist, ohne welchen keine Handlung verstanden und beurtheilt werden kann? Ein reines Herz und reine Gesinnungen adeln unser Thun, und weisen ihm seine Klasse an; und kommt man durch Gesang und durch die Verbindung des Tons, des Textes und der Melodie nicht zu jener christlichen Harmonie, zu jener Bruder- und Schwesterliebe, vermittelst deren man nur Ein Herz und Eine Seele ist? Gott helfe uns zu seinem Reiche, wo alles uns gefallt, ohne dass wir wie jetzt durch verderbliche Lottos entkraftet werden, und auch beim hochsten Loose, wegen der vorigen vielen Verluste, arm bleiben! Thorheit vereinigt oft die, welche durch Gesinnungen getrennt waren; der Gesang stimmt Menschen zu einerlei Gesinnungen. Was in der Krankheit frische Luft bewirkt, das leistet der sanfte Hauch der edelsten Empfindungen bei verstimmten Gemuthern. Recht und Gerechtigkeit ubt man hier nicht nach Anleitung des finstern abschrekkenden Gesetzbuches, sondern nach dem Evangelio der Vorstellung, dass kein Mensch ganz bose sey, ob er gleich auch nicht ganz gut zu seyn die Ehre hat. Was Billigkeit ist, diess grosse Problem lasst sich, scheint es mir, nur durch Poesie auflosen. Gesang sollte bloss negativen Vortheil bringen, und den nicht befriedigen, der auf etwas Positives ausgeht? Mit nichten! S p r i c h , und du bist mein M i t m e n s c h . S i n g e , und wir sind B r u d e r u n d Schwestern!

Ob der Gastvetter Gesang liebt, fragte die Ritterin den Ritter. Ich glaube nicht, erwiederte dieser. Wer handelt, singt nicht. Nicht doch, guter Ritter, singen die Neufranken nicht eben so viel, wie die alten? Freilich andere Lieder!

Das ware ein Wort ins Kreuz; jetzt noch eins in die Quer.

Der Gesang, sagt ein grosses Kirchenlicht, der Gesang macht mit den Engeln Allianz; der Teufel, der Drache, die Schlange weicht, wenn gesungen wird. Ein Lied hilft arbeiten, und ist die beste Gesellschaft in der Einsamkeit; es versohnt unsern Schutzgeist, wenn wir ihn durch eine Thorheit bose machten, und wenn er schon den Hut genommen hat, um wegzugehen, bleibt er doch, und setzt sich wohl gar nieder. Der Gesang ist der Schwur der Bruderliebe, des Menschenhundes; ist Opfersprache; man hort nur Eine Stimme, wenn Takt gehalten wird. Er ist eine Morgen- und Abenddammerung, wo es weder zu hell, noch zu dunkel ist. Man wird durch den Inhalt eines Liedes allmahlig b e s p o n n e n , wurd' ich sagen, wenn man nicht hierbei an die Spinne denken musste. So geht es mit den besten Vergleichungen! sie sind muthigen Pferden ahnlich, die, ehe man's denkt, den stolzirenden Reiter zu Gottes Erdboden werfen. Ein Lied bringt Thranen und trocknet sie. Es ist ein Rauchwerk, das die Wolken theilt und zum Herrn dringt ungemeldet. Die meisten Gedanken der Menschen sind sie nicht in dunkle Farben gekleidet? Wir Geistlichen ziehen ihnen nicht selten eine Reverende, einen langen schwarzen Rock an, wo nur ein kleiner weisser Flick angebracht ist. Spendet die Poesie nicht die besten, schonsten, angemessensten Kleider? Geistig sind sie, und weit leichter, als die Gewander, welche die Alten ihren Gottinnen umwarfen. Will man wissen, wie der Dichter sich vom Mathematiker und Philosophen unterscheide? Zu dienen. Der Mathematiker ist ein Gotzendiener; gleich hat er eine Figur, die er sieht und anbetet: ein goldenes Kalb, wurden Spotter sagen; was sagen aber die nicht alles! Nichtspotter wurden erwagen, dass ein Mathematiker seiner Figuren halber beneidet zu werden verdient, weil er vermittelst ihrer selten vergisst was er einmal weiss. Er hat sein Gelander, woran er sich halt. Korperlich ist er, der Dichter geistig; er sieht Geister, er schafft sich Heerschaaren. Selbst wer ihn liest, wird begeistert, obgleich freilich nicht aus jedem Holze seiner Leser ein Merkur und aus jedem Golde seiner Leserinnen ein Trauring Luthers wird. Der eigentliche Philosoph halt sich weder an Korper noch an Geister, hort und sieht nichts als sich selbst und ist gemeiniglich so verrathen und verkauft, so verlassen wie ein Einsiedler, der nicht von einer Stelle kommt, der sich selbst schlagt, sich mit sich selbst vertragt und hinten und vorn, im Audienz-, im Wohn- und Schlafstubchen uberall nichts als ein vervielfaltigtes I c h hat. Der Philosoph theilt seinem System seinen Namen mit, und tauft seine Glocke; der Dichter thut Verzicht auf diese eigene Ehre. Hatte doch, denkt er, Christophorus Columbus das Gluck nicht, dass sein entdeckter Erdtheil C o l u m b a hiess! In einer Nothtaufe (mit Ewr. Hochwurden gefalligster Erlaubniss) erhielt dieser Erdtheil den Namen Amerika nach dem Vespucius Amerikus. Haben wir eine Homerische Poesie, ob man gleich im Scherz eine Pindarische, eine Horazische Ode sagt, um den, der sie gemacht hat, zum Sklaven des Pindar und Horaz, hochstens zu ihren Freigelassenen, zu erheben oder zu erniedrigen? Man sagt, die Philosophie konne oft zur Krankheit ausarten; und dazu ist kein probateres Mittel als Poesie. Recipe, das Uebersinnliche den Sinnen wenigstens naher zu bringen; und diess ist der Beruf des Dichters. Ein Philosoph will der Seelenmann seyn; aber macht er ihn nicht oft bloss? Er ist die lustige Person auf dem Engelstheater, bei aller Ehrbarkeit, die er sich beizulegen pflegt. Der Dichter, ein hoherer Chemicus der Seelen, verwandelt die tiefste, abstracteste Philosophie in die Sprache des gemeinen Lebens. Durch diese hohere Seelenchemie findet der Dichter zuweilen den Stein der Weisen, den die Philosophie immer sucht. Nie wird er aus seiner gebuckten Stellung herauskommen, und singen und springen, oder sich nur gerade halten, welches doch der Vorzug des Menschen ist! In der achten Poesie gelusten freilich zuweilen Empfindungen und Gedanken gegen einander, und dieser Wettstreit, der den Streit in uns zwischen Geist und Fleisch, zwischen Verstand und Willen ziemlich abbildet, macht die Poesie zu einer so menschlichen Sache, dass man mit Wahrheit sagen konnte, der Mensch sey i m G e d i c h t g e t r o f f e n . Getroffen! und wer wird sein eigenes Fleisch hassen? wer wird sich selbst verlaugnen? Doch, nicht nur uns selbst brachte die Dichtkunst uns naher, sondern auch dem Unerforschlichen, mit dem der Mensch vermittelst seines Geistes verwandt ist! Der Dichtkunst haben wir diese Entdeckung zu danken. Gottesdienst entstand nicht eher, als da der Kram der Ehrenbezeugungen unter den Menschen anfing; bis dahin war Gott Vater, Andacht hohes Andenken an ihn, und die Folge davon Ergebung und Anhanglichkeit an diesen unsichtbaren Vater. Wieviel Stoff beut sich hier zu einer Dichter-Theodicee dar! Doch versteht die Dichtkunst zu verstummen. Wahrlich eine grosse Kunst!

(Hier lachelte die Ritterin, der Ritter gleichfalls. Schwerlich wird man um die Antwort bei der Frage w a r u m ? verlegen seyn. Man las weiter wie folgt.)

Aus diesem allen beantwortet sich die gegebene Frage von selbst: ob namlich der Papst aus der zweiten Reihe des herrlichen Liedes:

Erhalt' uns, Herr, bei deinem Wort,

Und steur' des Pspst's und Turken Mord!

wegbleiben und dieses Lutherische Meisterstuck in dieser Zeile verandert oder wohl gar verbessert werden konne? Der Subordination unbeschadet, die mir gegen Luthern, diesen Paulum post Paulum beiwohnt, der dem Petro sine Petro so manches bose Stundlein machte, wird es mir erlaubt seyn, mein tionsrustzeug gewiss nichts einbussen soll. Wie viel konnte man aus dem thatigen Leben Luthers ausheben, was ein Lob- und Danklied fur so vieles Heil verdiente, das er uns erwies! Aus diesem vielen nur blutwenig. Luther erblickte das Licht der Welt, in der er kein kleines Licht werden sollte, zu Eisleben; eigentlich stammt er aus Mora unweit Salzungen. Alles, was gross werden soll, kommt unterwegs und unerwartet zur Welt; recht als ob es nicht langer verschlossen bleiben konnte; es will Licht sehen. Vivit war Luthers Losung; und kann es nicht auch von jedem seiner Worte und Werke heissen: vivit, es lebt? Er wollte Jura studiren; da aber der Blitz ihm einen seiner guten Freunde beim Spazierengehen von der Seite schlug, so ward aus einem schnaubenden Saulus ein Apostel Paulus. Den gradum Doctoris nahm er von dem gelehrten, sogenannten UBCdario Andrea Bodensteinio Carolstadio an (bei dieser Gelegenheit mache ich dem jungen Herrn meine tiefe Verbeugung) und starb nach Art grosser Manner, die nach vielem Hin- und Herreisen gemeiniglich da, wo sie geboren worden, ihr Leben schliessen zu Eisleben. Tout comme chez nous. Ehe ich indess in diesen Schlaftrunk von Abhandlung, wie Luther nach Eisleben, heimkehre, sey mir die Bemerkung ad rhombum erlaubt, dass Dr. Luther einen guten Alt gesungen hat. In diesem Alt sang er, wenn der Papst ihn bannte und

Erhalt' uns, Herr, bei deinem Wort,

Und steur' des Papst's und Turken Mord!

u n s H e r r etc., als ich ihm die Grabschrift ubel deute, die er sich selbst setzte:

Pestis eram vivus, moriens ero mors tua, Papa!

Luther lebt in ihr! vivit! Zerrinnt gewohnlich alles nach dem Ableben des Eroberers, was er in seinem Leben mit Feuer und Schwert gewann; halt die Nath nur selten, wodurch dergleichen gewaltige Schneider vor dem Herrn Provinzen aneinander heften, so wirken achte Arbeiter im Reiche Gottes noch mehr als in ihrem Leben; sie stehen auf von den Todten, Hallelujah! Blieb Luthers Grabschrift eine unerfullte Weissagung? Und wem widersetzt sich Luther in unserm Textliede? Leibeigenen oder Feinden des Christenthums? Ist es endlich wirklich Unheil, das unser Sanger uber sie ausschuttet? Ich find' es nicht.

Und sturz' sie in d i e Grub' hinein,

Die s i e m a c h e n den Christen dein!

Das lasst sich horen! Sie sind ihre selbsteigenen Todtengraber. Darf ich hier einen Ausfall auf Lutherische Papste wagen? Gibt es nicht im Lutherthum Bauchpfaffen, die ihren Champagner trinken, wahrend andere ihrer Collegen sich Gluck wunschen, wenn beim hohen Kirchenpatron die Ermahnung Pauli erfullt wird: trink ein wenig Weins deines schwachen Madem neuen Jerusalem in Viel verwandelt und es ist an mir erfullt worden, was geschrieben steht: Ei du frommer und getreuer Knecht, du bist uber wenig treu gewesen, ich will dich uber viel setzen; gehe ein und so weiter. Die fetten Kuhe helfen den magern zusehends aus! Consistorialrathe, General- und Specialsuperintendenten und wie diess stolze Volk weiter heisst, kitzelt seinen Gaumen und ehrt Gott mit seinen Lippen; doch ist sein Herz, das seinen Sitz im Magen hat, fern von ihm! Es ist an ihm, nach der Typik jenes Witzlings, erfullt, was das Vorbild der Schlange besagt, die verflucht ward auf dem Bauche zu gehen ihr Lebenlang. Wider diese Baalspfaffen, die auf Mosis Stuhlen sitzen, Schwert des Herrn und Gideon! sturz' sie in die Grub' hinein!

Die Rangliste, welche in unserm Singtexte beobachtet wird ist sie etwa poetische Licenz oder ein Sylbenmasszwang? Mit nichten! dem geistlichen Stande eignet und gebuhrt a u c h b e i m M o r d e die Ehre. Zwar glaub' ich, dass Se. Heiligkeit cum reservatione reservandorum, sobald von o f f e n t l i c h e n Mordfallen die Rede ist, es so genau nicht genommen haben wurde, dem turkischen Kaiser die rechte Hand und die Evangelienseite abzutreten, indem der erste in der Grube (bei der ihm nicht abzustreitenden Ehre der erste zu seyn) doch schlechter daran ist als der, welcher uber ihn fallt. Nach einer bebrauchten Juristenregel ist gegen den zu sprechen, durch dessen Schuld die Sprache im Vortrage nicht deutlich genug ausfiel. Mord! die Herren Juristen, von denen weder ex notorietate noch testandibus actis hervorgeht, dass sie gute Christen sind, eignen sich die Kenntniss v o n M o r d u n d T o d t s c h l a g privative zu! Warum nicht gar! wenn die guten Herren nur die Bibel zur Hand nehmen wollten, wie so manches konnten sie uber Mord und Todtschlag lernen, woruber in ihren Gesetzbuchern ein altum silentium herrscht! Gibt es nicht groben und feinen Todtschlag, und tritt nicht diese Eintheilung auch beim Morde ein? Denken die eingeschrankten, kraftlosen Gesetzsuppen an den schonen Mord fur die Ehre Gottes und des Vaterlandes? an die gesegneten heiligen Kriege, wo Zehntausend fallen zur Rechten und Zehntausend zur Linken? wo derjenige, der am besten wurgt, der grosste, nicht im Himmelreich, sondern auf Erden ist und (nach der Kleiderordnung der Zahnarzte, die sich mit ihren ausgewurgten Zahnen behangen) ein Band erhalt, welches nur dann den Mann ziert, wenn das Kleid in Menschenblut gefarbt ist, wie das Kleid Josephs, das seine Bruder in Bocksblut tauchten? Die Frage: "Kann d e r Gott lieben, den er nicht sieht, der ganze Schaaren seiner Bruder hinrichtet, die er sieht?" verdient die eine Antwort? Nie in der Welt macht der Pluralis einen solchen Unterschied gegen den Singularis, wie hier! Das Angstgeschrei der Wittwen ist den Herren Kriegsknechten ein Allegro; die Thranen der verwaisten Tochter ein Herz erquickendes Andante; Blitz und Donner ist ihnen angenehmer, als die segnende Sonne; mit Pestilenz, ansteckenden Seuchen, Feuers-, Wassers-, Hungers- und aller moglichen Noth leben sie in Gemeinschaft der Guter; sie theilen ihre Siegeszeichen mit diesen ihren Spiessgesellen und Amtsbrudern. Wenn einer todtgeschlagen wird, ist es Mord; wenn Zehntausend durch das Schwert fallen, ist es Heldenthat. Der Morder eines Menschen wird auf einem schimpflichen Karren zur Schadelstatte gefuhrt; der Held, der Zehntausend hinrichtet, wird in einem Triumphwagen, den Bruder der Erschlagenen ziehen, eingeholt! und die Tochter des Landes singen: Saul hat Tausend, David Zehntausend geschlagen. Nach eingeschrankten Privatgesetzen wurde man Helden sammt ihren Spiessgesellen: M o r d e r und ihre Lager M o r d e r g r u b e n nennen konnen, und doch gelustete im alten Bunde Engel, diess Menschenschachspiel nicht etwa als Volontars anzusehen, sondern selbst Hand ans Werk zu legen, und in stiller Nacht Tausende hinzurichten. Der Unterschied, wenn man sich allein auf seine eigene Hand betrinkt, und wenn es in Gesellschaft ehrenvoll geschieht, erlautert einigermassen die Sache. Diess simile auf Menschenblut angewendet hinkt zwar, doch ertraglich: der letzte ist Feldherr, der erste Morder!

Was sagt ihr Herren Juristen, ihr Mordhoker, zu diesen Genies, die ins Grosse arbeiten? und was zu Seelen-, zu Gewissensmorden, wenn man einem den Glauben so an die Kehle setzt, dass er entweder sogleich das Gewehr der Vernunft strecken und sich auf Gnade und Ungade zum Gefangenen ergeben oder aber eines langsamen Seelentodes sterben muss? Konnte dieser Glaube nicht in besonderem Sinn ein gewaltiger Glaube heissen? Man gibt den Irrglaubigen Gift, das nicht wie der Tarantelstich aufs Hupfen und Springen wirkt, sondern Leib und Seele zerschneidet; doch, versteht sich, um Gottes willen, damit diese Leute im Feuerofen unerwunschte Gelegenheit haben, vorschriftsmassig und auf die rechte Art Gott zu loben. Wird dieser Mord im Grossen minder getrieben als in Kriegen? Ach! auf diesem Schlachtfelde busst man noch mehr ein als Leben: Verstand und Willen, Gewissen und Freiheit! doch alles von Rechtswegen. Wie aber? gibt es nicht bei gerechten auch u n g e r e c h t e Kriege? Allerdings! Freilich sind sie schwer zu unterscheiden; doch mag man sich die goldne Regel merken, dass Kriege, die w i r von Gottes Gnaden fuhren, g e r e c h t , dagegen die, welche a n d e r e von Gottes Gnaden fuhren, u n g e r e c h t sind. Von den ungerechten singt Luther in unserm Text ob er aber Seelen- oder Leibeskriege oder, was mir am glaublichsten vorkommt, beide zusammen meine, scheint problematisch. Problematisch? Wie? redet Luther nicht von den Leibund Seelengrossen der Erde? vom Papst und Turken? und sollt' er sich nicht den Mordgipfel, das Mordideal gedacht haben? Ich glaube.

Soll ich diese Strophe auf Prosa reduciren oder ubersetzen? Ehrlich wahrt am langsten. Luther singt, als wollt' er sagen: Erhalt' uns, Herr, bei der menschenfreundlichen, liebevollen Lehre, und steure allen Tyranneien, die ihr so gerade entgegenwirken! Wenn gleich der Reim und der Zorn oft thun, was nicht recht ist, so sind doch Mord und Wort poetisch verwandt und prosaisch verschwagert. Doch warum weitere Ausholung? Nicht wahr, man konnte dem Freilingshausischen und andern Gesangbuchern nachsingen:

Erhalt' uns, Herr, bei deinem Wort,

Und steur' der Feinde Christi Mord?

Wer es ist, oder seyn mag, ob turkischer oder christlicher Turke, ob papstlicher oder lutherischer Papst der schlage zollnerisch an sein Herz: Gott sey mir Sunder gnadig! Schlecht fur ihn; gut fur das Lied und den Dr. Martin Luther! Das Lied schlagt auf den Worte T u r k in meiner Abhandlung bis jetzt so wohlbedachtig als glucklich auszuweichen gesucht habe, so ist doch auch diesem H a u p t w o r t e , dieser Blume des Textes, der vorzuglichste Honig abgesogen. Hab' ich nicht die Ehre, die hohen antipathetischen Gesinnungen Sr. Hochwurden Gnaden gegen alles, was Turk ist und heisst, zu kennen? Doch ganz kann ich den Turken nicht ubergehen. Gewiss wurde unser hohes Prasidium, wenn Mahomet in der Holle und der Qual Hochdasselbe um einen Tropfen Wasser bate, seine Zunge zu kuhlen, diesen Volksverfuhrer nicht S o h n nennen, wie Abraham den reichen Mann als Israeliten. Indess, Hundert gegen Eins! Wasser schluge unser Chef dem Mahomet nicht ab, selbst Wein nicht, wenn ihm, zur Strafe, dass er diese herzerfreuende Gabe Gottes so schnode verachtete, die Weinwehen, anwandeln sollten. Dort ist kein Grab Christi, das der Hollenhund Mahomet bewachen und bebellen kann! J o h a n n F e i n l e r , dieser gelehrte Glockengiesser, macht unser Lied bloss zur geistlichen Turkenglocke, die nicht oft genug in der Christenheit gezogen werden kann. Ach! Frevler, die schon so viele Ehrfurcht gegen das Grab ihres Lugenpropheten beweisen, dass sie ihm zu Ehren, wenn sie beten, ihr Gesicht gen Mittag kehren, und mit grosser Andacht nach Mekka wallfahrten; sie, bei denen schon das Grab des Ali, des Schulers Mahomets, so hoch am Brette ist, dass die persischen Konige auf demselben das Schwert empfangen; ach! diese Frevler besitzen, trotz so vielen streitbaren Rittern, das Grab Christi! Elender Staat, wo der Mufti und Grossvezier dem Strange viel naher sind, als ich einer Superintendentenstelle! Elende Religion, die aus der heidnischen, judischen, griechischen und christlichen zusammengesetzt ist und viererlei sich anschreiende Farben in sich fasst! Viele Koche! Das unangenehmste von allem ist, dass der Sultan ein Kreuz mit seinen Beinen macht, wenn er sitzt, welches uberhaupt turkische Manier ist. Dass du gekreuzigt wurdest, du Schwarzkunstler, der du das Kreuz, das christliche Ritter tragen, mit deinen unheiligen Beinen schlagst und so groblich und ungezogen in die Rechte des Papstes greifst, dem es auf den Pantoffeln zu tragen erlaubt ist! Unser hohe Chef hat sich durch seine ehrenvolle Mutze vom turkischen Turban entfernt; und was meine Federmutze betrifft, die von einem dergleichen turkischen Unwesen einige Aehnlichkeit hatte, so ist sie mit wahrer Herzensbeistimmung dem hohen Rath in Jerusalem aufgeopfert, dem zu Ehren ich denn auch endlich die Steine des Anstosses der gegenwartigen Abhandlung, falls man nicht bei dem Freilingshausischen Gesangbuche bleiben wolle, so legen wurde:

und steur' der Turken List und Mord;

oder

verhute, Herr, der Turken Mord!

welches auszuwahlen ich dem geneigten Sanger uberlasse, herzinniglich wunschend, dass das Grab Christi, welches das Ungluck hatte, schon in der ersten Nacht von Heiden bewacht zu werden, endlich in christliche Hande kommen moge, wozu der Himmel die gesegneten Anstalten der Grabesritter segnen und sie mit Muth und Macht ausrusten wolle fur und fur! Die Turken, denen ich nicht wunschen kann, dereinst zur Linken zu stehen, da die linke Hand aus List und Naseweisheit bei ihnen obenan ist, mogen in Zeiten bedenken, was zu ihrem Frieden dient! Denn mir (um aufrichtig zu reden) sollen sie im Himmel nicht im Wege seyn, wo wir nicht mehr singen werden:

Erhalt' uns, Herr, bei deinem Wort!

Amen!

. 39.

Garrick

sagte zu einem franzosischen Schauspieler: Sie haben die Rolle eines Trunkenen mit viel Wahrheit und Anstand gespielt, nur Schade! dass Ihr rechter Fuss nuchtern war. So praeter propter fiel die Kritik des Ritters in Rucksicht der Ehrenrettung des Liedes: E r h a l t ' u n s , H e r r , b e i d e i n e m W o r t , aus; nur dass es dem Ritter nicht gegeben war, sie mit der Garrick'schen Wendung auszustatten. Der turkische Ausfall des Predigers gegen den Krieg hatte dem Ritter nicht missfallen, und noch weniger das gute Zutrauen, dass der Ritter dem Mahomet in der Holle und in der Qual ein Glas Wasser, und noch lieber Wein reichen wurde! In der That, er hatte ihm beides gereicht! Unter der Erde war ihm Eldorado; und ist es wo anders? Indess gab es auch manchen nuchternen Fuss in der Abhandlung! D e r M e n s c h e n h a n d e l d e s G a s t v e t t e r s that diesem stattlichen Werk allerdings Schaden! Doch war es gut gemeint, und in einem geschenkten Gaul muss man nicht den Pegasus suchen. Es ward im hohen Rath eine Dankadresse decretirt, die, weil man ihr ein Goldgeschenk beifugte, dem Pastor sehr willkommen war. Der HofStande gekommen, unterrichtet, wollte aus einem hohern Chore singen, und hatte Hand an das b e f r e i t e J e r u s a l e m des T o r q u a t o T a s s o gelegt; indess war der Ritter so gesattigt, dass er diese Ausarbeitung als wirklich genossen quittirte. Unser Schneiderssohn verlor also wie, jener Schuster, oleum et operam. Da der Ritter auch ohne die Abhandlung uber das befreite Jerusalem von seinem Poesievorurtheil sich nothdurftig befreien liess, und den freiwilligen Entschluss fasste, so wie uberhaupt den Gesang, so insbesondere das Lied aller Lieder: E r h a l t ' u n s , H e r r , b e i d e i n e m W o r t , welches von Stund' an bei der Nothtaufe den Namen T u r k e n l i e d empfing, in der Kirche nicht mehr, wie bis jetzt, mit dem Rucken anzuhoren; so fand sich der Hofmeister in sein Poetenschicksal, und entschloss sich, den Junker mit seiner Arbeit zu bestrahlen. "Mit den verdammten Dedicationen!" sagte der Schneiderssohn. Sind sie mehr als eine Krucke, ein Arm im Bande, ein holzernes Bein oder dess etwas? War indess das dem Junker beigebrachte Saftchen etwas anders, als Krukke, Arm im Bande und holzernes Bein? Der Junker setzte sein Licht nicht unter den Scheffel, sondern liess es leuchten vor der gnadigen Mama, die das Wort J e r u s a l e m in ein feines gutes Herz auffasste und die Dedicationsgebuhren nicht schuldig blieb, wenn gleich keine Dankadresse erfolgte. Jerusalem war das Centralwort. Doch sollte die Sache nicht ewig in Worten (waren sie auch unvorgreifliche Vorschlage) schlummern. Die Ritterin war uberhaupt nicht dafur, dass Worte Thaten den Preis abgewonnen; vielmehr sehnte sie sich, von der Projectwurde entbunden zu werdne und Jerusalem in That und in Wahrheit zu befreien.

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Der Bau

ward dringend in Anregung gebracht. Es ist bereits . 31 in Stein gehauen, wie die Ritterin zuerst den erhabenen Gedanken fasste, die heiligen Oerter in Rosenthal anzupflanzen, damit sie von Pilgern und Einheimischen besucht werden mochten. Das Geld bleibt bei dieser Jerusalems-Einrichtung im Lande und mehrt sich durch auswartige Gaste war, unter vielen wichtigen Grunden, ihr F i n a n z g r u n d , der gemeiniglich der schwachste von allen ist. Das Finanzfach verdient uberhaupt fast in allen Staaten, mehr als das Kabinet und die Hofhaltung, die Donnerworte Thue Rechnung von deiner Haushaltung, du kannst hinfort nicht mehr Haushalter seyn. Ob man sich nun gleich mit diesen heiligen Jerusalems-Copien in Rosenthal nicht ubereilen wollte, vielmehr in aller vollfuhren beschloss, ob man gleich ferner, nach . 33, unsern Ritter, der bloss auf Jerusalem bestand, mit Bethlehem und den Dorfhirten in die Enge trieb; und obgleich endlich verschiedene Trauerspiele von Jerusalem am X. Sonntage nach Trinitatis und in Sessionen des hohen Raths aufgefuhrt wurden, als wodurch dieser hauptheilige Ort wirklich schon geistig aufgebaut stand: so schien jedoch niemand anders, als die Ritterin, die Anfangerin dieses guten Werkes, bestimmt, es zu vollenden. Nicht in pleno (ob sie gleich nach diesem Vorschlage sass, wo Manner sassen, und in dieser Gemeinde nicht schweigen durfte, vielmehr das Privilegium der Zungenlosung formlich erhalten hatte), selbst nicht an der Tafel, wo ein weibliches gutes Wort fast jederzeit auch eine gute mannliche Statte findet, sondern unter vier Augen fragte sie ihren ritterlichen Eheherrn in aller Unschuld und gewiss ohne Endabsicht: ob er der Konig David oder der Konig Salomo, oder Vater und Sohn zusammen in Einer Person seyn wurde? Gern gonn' ich, fing sie an, unserem Sohne die Salomonische Ehre, nach dem Riffe zu bauen, den sein Vater ihm nachlasst. Weiter liess der edle Ritter die edle Ritterin sich nicht auslassen; er griff das Wort n a c h l a ss t fast unfreundlich und beim Kopf, und schwur: so lieb ihm sein Sohn sey, ihm doch den Salomonischen Bau nicht abtreten zu wollen, vielmehr sich morgen am Tage als David und Salomo in Einer Person zu zeigen (versteht sich, die Davidsche Kebsliebe und die etlichen hundert Salomonischen Weiber abgerechnet). So wahr ich Ritter bin, fugte er hinzu, und die Ritterin sprach A m e n zu diesem hohen Schwur. Vom Sinnlichen zum Abstrakten ist der Richtsteig, den wir zu wandeln haben, und wir fangen vom Abstrakten an, um zum Sinnlichen zu gelangen sagte der Ritter mit mehr Kalte, und nahm sich die Freiheit, seine Amazonin in puncto der Salomonischen Kebsweiberei zu fragen: ob dieselbe nicht etwa fremde unweise Gedanken gewesen waren, die auch dem Weisesten unter den Weisen den Weg der Weisheit vertreten? Ein liebevoller Kuss, den sie anfing, beschloss diese Scene. Den dritten Tag war

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Session.

Da der hohe Rath zuvor bei jedem Schritt und Tritt unbehauene Steine des Anstosses gefunden hatte, so war jetzt alles behauen und so passend, dass nur wenige leere Fugen blieben, wo der Kalk seine guten Dienste that, wenn er gleich nur da Haltung hat, wo Steine mitwirken; so wie das Genie ohne Kenntniss bei trockenem Wetter auch abfallt. Man hatte sich anfanglich, obgleich im hohen Rath niemand des ZeichOerter abzuzeichnen; jetzt, da alles aut aut ging, begnugte man sich, bloss eine geistige Zeichnung anzulegen, und die leibliche dem Hiram aus dem nachsten Flecken gegen Geld und gute Worte anheimzustellen. Die Schwierigkeitsfasser waren geleert und die Zweifel hatten im Fingerhut der Ritterin gemachlichen Platz. Die ganze Centnerlast von Bedenklichkeiten konnte der Ritter mit seinem Ohrfinger heben. Er hatte lange und sehr wohlgebildete Finger.

Ist denn wohl, fing der Prediger an, um die Ritterin zu gewinnen, alles im gelobten Lande an Stell' und Ort? und kommt es denn bei Reliquien und Sanctuarien auf etwas mehr als auf den heiligen elektrischen Schlag an, den man bei dieser Gelegenheit ans Herz erhalt? Jener Weise des Alterthums, welcher der Atheisterei beschuldiget ward, sagte: Ich biete meine Lehren mit der rechten Hand dar, und meine Zuhorer nehmen sie mit der linken. Muss man denn nicht an Conterfeie der Maler glauben? und was glaubt nicht alles der am reinsten denkende und abstrakteste Philosoph, was muss er nicht glauben, wenn er nicht verzweifeln und verzagen will? Dergleichen

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Glaubensubungen

kann man in dieser ruchlosen bosen Welt nicht zu viel haben. Ist es nicht auch in diesem Sinn ein wahres Wort: Was nicht aus dem Glauben kommt, ist Sunde, ist Ueberspannung? So fing der Prediger eine pathetische Rede an, die er fortsetzte, wie folgt:

Des Menschen Verstand unter dem Monde ist ein Glaubens-Verstand. Nun gibt es freilich Dinge, die mit der linken Hand gegeben werden, und diese muss man denn mit der rechten nehmen. Z.B. die andachtige Helena (der Prediger buckte sich tief gegen die Ritterin) soll, als sie von Jerusalem zuruckkam, beim grossen Sturme dem adriatischen Meer einen Nagel aus dem Kreuze Christi an den Kopf geworfen haben, und das Meer von dieser Zeit ab weit gefalliger und sittsamer geworden seyn. Der erste christliche Kaiser, Constantin der Grosse, hat zwei Nagel des Kreuzes Christi in seinen Privatnutzen verwandt, und den einen an seines Pferdes Zaum, den andern an sein Schwert gelegt, um den Feind zu schlagen und im Fall der Noth auszureissen Nach menschlichem Dafurhalten ware also, geliebts Gott! der Nagel Zahl zu Ende; indess werden deren noch so viele gezeigt, dass Ew. tel ganz bequem daran hangen konnten, ohne dass deren eins sich uber die Nagelfestigkeit zu beschweren im Stande seyn wurde. An diese Nagelgeschichte ward noch ein Verzeichniss von vielen Reliquien gehangt, die der Rede werth waren. Schon ist einiger derselben ruhmlichst gedacht. Der Prediger nahm nach einigen Gesprachen, die nicht verdienen Reliquien zu werden, wieder das Wort. Werden, sagte er, nicht wenigstens drei Schweisstucher gezeigt, die Veronika Christo gereicht, um sich den Schweiss abzutrocknen, und in welches er sein Angesicht abgedruckt hat? Der Stein, der eben zum Schreien den Mund aufthat nachdem er namlich zuvor den Mund ex officio erhalten, bei Gelegenheit der Worte: wo diese (scilicet) Kinder schweigen, so werden die Steine schreien ist gewiss keine Alltagsreliquie. Allerdings, sagte der Ritter, wird im gelobten und in so manchem ungelobten Lande so manches und mancherlei gezeigt, wobei: wer Lust und Liebe zu glauben hat, schon seine N u ss finden kann sein H e i l zu versuchen im Stande ist, beschloss der Preidger, indem er die Nuss veredelte. Warum soll man sich aber solche Glaubensgelegenheiten nicht naher legen? warum nicht lieber mit Handen und Augen greifen, als mit Imagination? Im gemeinen Leben sagt man von dem, was man nicht behalten will, man lasse es durch ein Ohr hinein, und durch das andere hinaus, wie unkeusche Weiber ihre Liebhaber respektive durch Vorderund Hinterthuren.

Am Ende kommt es freilich auf die Absicht an, beschloss der Prediger; und wenn der Gruss der heiligen Jungfrau Elisabeth, Christi Seufzer, der Schlaf der Junger Christi, das Krahen des Hahns bei Petri Verratherei, der Traum der Frau Gemahlin des im Credo prangenden Pontius Pilatus, der Kuss des Judas, sein Wurf der Silberlinge, der Hieb des Petrus, auf welchen das Ohr des Malchus abfiel, nur mit Manier gezeigt werden; wer kann und wird satyrisch fragen: ob nicht auch fur Geld und gute Worte blauer Dunst zu sehen sey? Zwar gibt es Spotter, die eine Unrichtigkeit durch eine noch grossere in die Enge treiben; doch kommt alles auf die Vorstellung an. Der englische Dichter Schmart schrieb, von frommen Gefuhlen hingerissen, viele Stellen seiner Gedichte auf Knien; und was galten nicht zu einer gewissen Zeit Verse, die man vorwarts und ruckwarts lesen konnte, Wortspiele und Paronomasien, Gryphen? Wenn nun freilich, nach der Analogie des d'Alembertschen Vorschlages, alle hundert Jahre aus allen nutzlichen Geschichtschreibern einen Auszug zu machen und den Rest zu verbrennen, auch ein solches Auto da fe uber die Reliquien gehalten werden sollte wie viel wurde ubrig bleiben? Wer wird aber diese Musterung an heiligen Reliquien ubernehmen, da man den profanen Weizen noch nicht gesichtet und die R e l i q u i e n d e s A p o l l o noch lange nicht aufs Reine gebracht hat? Jener Schweizer pries Strumpfe an, die er unter andern mit der Versicherung empfahl, dass er von ihrer Art viele langer als drei Jahre getragen hatte. Ein an diese Verheissung glaubiger Kaufer, dem die seinigen nicht langer als drei Tage Dienste leisteten, machte seinem Kaufer die bittersten Vorwurfe, und dieser erwiederte ganz gelassen: Es kommt bei der Sache sehr auf die Frage an, wo Sie die Strumpfe getragen haben; Sie sehen, ich trage die meinigen auf dem Rukken. Heraldicus junior, der, wie er gegen unsern Helden prahlte, mehr f u r L e b e n s p f l i c h t e n als G l a u b e n s l e h r e n war, hatte aber dieser Prahlerei halben nicht schweigen, sondern eine seiner Lebenspflichten ausser Zweifel setzen sollen. Doch schwieg er gegen jedermann, und bloss dem A B C gab er im Stillen zu vernehmen, dass man von Kindern Glauben, Zutrauen, von Erwachsenen Prufung einzelner Stucke, von Mannern Kritik des Ganzen fordere und dass man von Bildern zur Deutlichkeit, vom Buchstaben zum Geist hinubergehen musse, wenn man nicht der Bestimmung des Menschen und dem Gange seines Geistes entgegen arbeiten wolle. Nach den pathetischen Brocken des Predigers, welche (bis auf die Winkelkritik des Hofmeisters) allgemeinen Beifall erhielten, ward verabredet und beschlossen, alles nur in einer freien

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Uebersetzung

stattfinden zu lassen. Vor allem die Kapelle des Grabes Christi. Das Grab zu allererst. Beim Grabe den Stein, den der Engel weggewalzt, nicht zu vergessen. Beim Original-Grabe ist dieser nicht zu sehen, weil die Armenier ihn entwendet haben sollen; hier indess ist dergleichen Diebstahl nicht vorgegangen; der Stein werde also immer gelegt. Melior compositio: Zweite verbesserte und stark vermehrte Auflage! Eine Kirche, wodurch das heilige Grab und der Ort der Kreuzigung in Obhut genommen wird, wie an Stell' und Ort, fand man bedenklich.

Pilati Hans kann nicht schaden. Die Ritterin verlangte das Schlafzimmer der Frau Landpflegerin Excellenz in vorzuglichem Geschmack, und behielt sich vor, wenn kein Pilger ihr zuvorkame, hier auf einen Traum zu Gast zu gehen. Man wunschte ihr eine angenehme Ruhe! Das Haus des reichen Mannes, zusammt dem Mahagonitische, von welchem die Brosamen dem Lazaro zugefallen, fand kein einziges Votum. Auf der Hutte des Lazarus bestand die Ritterin; indess ward sie mit ausserordentlicher Distinction der liebe Gott immer Eins. Das Haus des Hohenpriesters Hannas fiel weg. Auch Kaiphas bekam kein Haus, obgleich die christlichen Geistlichen freie Wohnungen haben. Beides waren Vorschlage des Pfarrers, der hier Zwillinge verlor. Die sogenannte verfluchte Erde, wo Judas mit der Schaar ankommt, die Stelle, wo die Junger schliefen, ging einstimmig durch; nicht minder der Blutacker, wo die Pilger, wenn sie der Tod hier trafe, begraben werden sollten Apostelgeschichte I, 18. 19., sagte der Prediger. Er hat fur den ungerechten Lohn erlangt einen Blutakker zum Begrabniss der Pilger; und die Ritterin fugte hinzu: Gott lasse sie selig ruhen! sie kommen in ihr Eldorado. Die gute Ritterin wird im Schlafkabinet der Frau Pontius Excellenz gewiss so glucklich nicht seyn.

Den Ort, wo Petrus dem Malchus das Ohr abgehauen, verbat der Ritter, weil man mit den Ohren behutsam seyn musse. Wer das Schwert nimmt, fugte der Prediger hinzu, und ubersetzte die Stelle: Wer das Schwert zieht, wider den wird das Schwert gezogen!

Oelberg! ein wichtiges Stuck, leicht zu kopiren. Der Baum, woran Judas sich erhangt, fand keinen Beifall, und diese Reliquie ward, da in dem hohen Rath keiner ein sonderlicher Liebhaber von franzosischen Freiheitspfahlen zu seyn schien, wie so manches andere uberhupft.

Der Prediger unterstand sich nicht, noch einmal Bethlehem in Vorschlag zu bringen, so viel Lust und Liebe er auch zu Bethlehem hatte. Sein Wunsch, den Ort, wo Christus uber Jerusalem geweint, mit einem Steine zu bezeichnen, ward dagegen einstimmig genehmiget.

Gar hochlich wunderte man sich, dass der Statthalter Christi nicht die heiligen Stellen insgesammt in Rom nach dem Leben kopiren lassen, wo alsdann, eben so wie in Rosenthal, kein Streit der romischen Kirche mit Griechen, Armeniern, Kopten und Mahomedanern zu besorgen gewesen ware. Und warum, fing A B C an, (bravo!) warum heisst der heilige Vater diese Oerter nicht insgesammt spornstreichs nach Rom kommen? Diese Bergversetzung wurde unter den vielen Wundern der Kirche doch wohl gewiss immer nur eine grosse Kleinigkeit gewesen seyn. Vielleicht wurde der turkische Kaiser es sogar freiwillig den Engeln uberlassen haben, diese heiligen Oerter, wie das Haus der Maria von Nazareth nach Loretto heruberzubringen. Ist denn kein Gott in Israel, der helfen konne, dass ihr hingehet zu dem Gott von Ekron? konnte es hier heissen; und man fand endlich in dieser Unterlassungssunde feine Politik des heiligen Stuhls, welche darin bestand, die tapfern braven Kerls der damaligen Zeit sich vom Halse zu schaffen, um in Europa desto freiere Hand zu behalten.

Wie viele Sessionen, deren Lange vorzuglich der Ritter so manche Elle zusetzte, auf so viele wichtige Deliberationen gegangen seyn mogen, kann man sich sehr leicht vorstellen. Das sind Hekatomben, die Collegia bringen, die, wenn sie gleich den Magen mehr als den Kopf angreifen, doch immer Opfer sind.

Diesen Jahrgang von Deliberationen beschloss der Pastor mit einer Extemporalrede uber die Worte: E s kommt die Zeit und ist schon jetzt, dass man weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbet e n w i r d . Die Idee dieses Baues ward als ein protestantisches Originalwerk, das alle protestantische Ritter besuchen sollten, befunden. Jetzt entwarf man, auf den Fall, dass Pilger diese heilige Statte bereisen wurden, ein Beglaubigungsformular, nicht minder die Etikette, nach welcher den Reisenden diese Sanctuarien zu zeigen waren; und auf diese Postscripte von Gegenstanden allein gingen sieben Sitzungen, wiewohl auch in denselben die Wohnungen, wo Pilger abtreten und ihres Leibes und der Seelen pflegen konnten berichtigt wurden.

Alles dieses meinen Lesern punktlich mitzutheilen, wurde sie mehr als mich

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ermuden.

Es wurden zwolf Rosenthalsche junge Leute zu Kriegsknechten geworben, und mit ihnen capitulirt, dass, wenn sie in diesem Kreuz- und Grabesdienste sieben Jahre treu befunden waren, ihnen ein Weib zur Belohnung, wie dem frommen Jakob, beigelegt werden sollte; es versteht sich, nur Eins: entweder Lea oder Rahel; und zu diesem Behuf sollten besondere Grabesschwestern als Exspectantinnen eingekleidet werden.

Obgleich mit gottlicher Hulfe so leicht kein Turke sich hier blicken lassen wurde, so wollte man es doch gern gestatten, damit aus diesen authentischen Kopien die mangelhaften Originale (dergleichen Falle ereignen sich ofters) erganzet werden konnten. Die Kriegsknechte gehen schwarz gekleidet mit weissen Aufschlagen und Knopfen, und haben, statt der bosartigen Flinten und anderer Wehr und Waffen, alttestamentliche Osterstabe. Wesshalb? Um zu beweisen, dass hier ein neues Jerusalem auferstanden sey! um die Pilgrimstabe abzubilden; um sich des alten Bundes zu erinnern; um ausserdem sich die Hunde abzuwehren. Vivit, sagte der Prediger im Geiste Luthers: Es lebt! Stund' an P f o r t e heissen sollte, ziehen zwei auf die Wache. Den Kriegsknechten muss es nicht an Proviant und warmer Stube fehlen; ihr Wachthaus soll nach dem Riffe des Simeonschen Hauses, noch sichtbar im gelobten Lande, angelegt werden. Die Aufschrift sey: Viel sind berufen; Wenige sind auserwahlt.

Sobald der Pilger ankommt, wird er in eine der fur die Pilger bestimmten Wohnungen gebracht, und Se. Hochwurden erhalten Rapport: wie der Pilger heisse? Wess Standes, Vaterlandes, Glaubens und Alters er sey; was fur ein Geist ihn getrieben, zu diesen Sanctuarien zu wallfahrten; ob zu Fuss, oder zu Wagen, oder zu Pferde. Wald- und Posthorner mussen an diesen heiligen Oertern zu. Molltonen gestimmt seyn, und, an Traurigkeit gewohnt, den Wiederhall nicht reizen. Rosenthal wird dem Pilger, wie man nach der Liebe hofft, von selbst das Thal Josaphat im gelobten Lande ins Gedachtniss bringen. Nach Beschaffenheit des Standes wird dem Pilger eine Zelle angewiesen und die Kuche eingerichtet. Es werden nur drei, funf und sieben Schusseln gestattet. Bei diesen heiligen Zahlen wird niemand Hungers sterben. Was uber drei, funf oder sieben geht, ist vom Uebel. Machen wir es nicht alle, wie kleine Kinder, die dem Schmetterlinge stundenlang nachlaufen? Endlich erhascht. Allerliebst! Gelacht, ihm die Flugel abgerissen, geweint. O W e l t , s i e h h i e r d e i n L e b e n ! Der Pilgerkoch, der zugleich den Kellner macht, ist Rendant der Kasse, ohne eines Controleurs zu bedurfen, der ohnehin gewohnlich mit dem Rendanten unter einer Decke spielt. Das Geld wird zur Kriegskasse verrechnet. Dieser Regiments-Quartiermeister muss sich Muhe geben, den Pilgerstand nach Ortsgelegenheit einzurichten: Hecht, in Rucksicht der Kopfe, ja nicht zu vergessen. Fische haben uberhaupt mehr Geruch der Frommigkeit, und sind ebenfalls Pilger, mit dem Unterschiede, dass ihnen kein warmes Blut nach dem Kopfe schiesst. Tafelzeug wird geliefert, und in jedem Zipfel des Tischtuches, so wie der Serviette, ist ein Kreuz sichtbar.

Hausliche Dienste besorgen die sieben wohlgebildeten Grabesschwestern. Ihr Anzug ist weiss; es wird ihnen ein T oder halbes Kreuz von schwarzem Bande vor dem Busen verstattet; nicht mehr, nicht weniger. Die drei ersten Tage bringen die Pilger mit Nachdenken in tiefster Stille und Einsamkeit zu Raketen steigen in die Hohe, und larmen und prasseln; allein ihr Ende ist Gestank. Hinter dem Berge wohnen auch Leute. Bete und arbeite! Wer wird sterben, ehe man gelebt hat! Am dritten Tage wird den Pilgrimen ein schwarzes Buch mit einem weissen Kreuze vorgelegt, in welches sie Namen und Tag der Ankunft schreiben. Jetzt nimmt die Ceremonie mit einem Glockenschall den Anfang. Zuerst wird der Pilger auf den Oelberg gefuhrt. Se. Hochwurden gehen in RitterPontificalibus voraus. Ist der Pilger Ritter, so muss er seine Ritterkleidung anlegen; die andern Pilger hangen bloss lange schwarze Mantel um, welche der Koch liefert. Schwarz schmutzt nicht. Hier werden die zwolf Bogen zu Ehren der zwolf Apostel gewiesen, die Helena erbauet, weil sie hier das Symbolum apostolicum verfertigt (man wusste nicht, ob, ehe sie in alle Welt gingen, oder ob sie zu diesem Geschafte aus aller Welt zusammengekommen waren), und alsdann wird diess Symbolum, wiewohl deutsch, gesprochen.

P e t r u s fangt an: Ich glaube an Gott den Vater, den allmachtigen Schopfer Himmels und der Erden u.s.w.

M a t t h a u s : eine heilige christliche Kirche und eine Gemeinschaft der Heiligen;

S i m o n : Vergebung der Sunden;

T h a d d a u s : Auferstehung des Fleisches;

M a t t h i a s : und ein ewiges Leben. Amen.

Zu diesen Zwolfen werden die Vornehmsten im neuen Jerusalem gewahlt. Der Ritter macht den Petrus; auch nimmt er, mit Erlaubniss des Matthias, das Amen uber sich.

Will der Pilger noch mehr sehen; wohl ihm! nur dass er die Augen seiner Einbildungskraft aufthue. Beim Bache Kidron wird ihm ein Becher kaltes Wasser angeboten, und apostolisch gewunscht, dass er alle Leiden seines Lebens durch diesen Lethetrunk vergessen moge! Kann er weinen, so lasst er drei Thranen in diesen Becher fallen. Hat die Natur ihm dieses Hausmittel versagt, so hat es nichts zu bedeuten. Ein edler Mann weiss im Marzschein den Mai zu fuhlen; allein er schamt sich einer Thrane nicht. Con feratur der zehnte Sonntag nach Trinitatis.

In P i l a t i Hause kann das Schlafkabinet keinem vermiethet werden. Bei den ubrigen heiligen Stellen ist nach Umstanden dem Pilger ein Schlag ans Herz zu geben. Hat er kein Herz, so greife man den Kopf an! Es mussen durchaus Kopf- und Herzstellen in Jerusalem angelegt werden; wo Eins von beiden fehlt, ist nicht viel auszurichten. Der Blutacker ist ein Hauptherzplatz.

Nach und nach konnen mehrere Reliquien kopirt werden.

Jeder Anfang ist schwer: Raphael malte Teller, ehe er zu dem Ruhme stieg, den ihm jetzt niemand streitig machen wird. Altes und Neues ist hier zu vermischen: Reliquien und ein Stuck von gestern und ehegestern. Die Einbildungskraft muss bestandig in Athem gehalten werden. Seelenhektisch ist jeder, dessen Einbildungskraft auf schwachen Fussen geht: die Phantasie ist die Lunge der Seele. Leute, die nicht Vernunft haben, um richtig, und Imagination, um angenehm zu urtheilen; Leute, die ohne Urtheil sind, werden hier nicht verrathen und verkauft werden. Man halte fur sie die Zeitungen. Mit dem lieben Urtheilen! Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet. Urtheilen nicht viele, weil es so Mode ist; weil sie nicht urtheilen konnen; weil sie das Urtheil anderer horen wollen; weil sie sich nicht aus der Uebung bringen mogen, falsch zu urtheilen; weil sie eine schone Schwester haben; weil ihre Frau, ihre Nichte Hofdame waren; weil sie bezahlt werden; weil sie keinen Kopf oder kein Gewissen besitzen; weil sie schlafrig sind; oder weil es noch zu fruh ist zu Bett zu gehen? Menschen schenken lieber, als dass sie bezahlen; uberall betteln sie um Gnade, weil sie nicht bestehen konnen vor der Gerechtigkeit. Spielschulden sind ihnen wichtiger als Wechselschuld. Ihre Logik sitzt ihnen im Unterleibe und ihre Moral im Magen.

Es werden zwei Bucher gehalten, in welche der Pilger seinen Namen aufzeichnet. Das eine heisse: w e i ss auf schwarz und schwarz auf weiss; und hierin zeichnet der Ankommling, nach abgelegter heiliger Quarantaine, seinen Namen ein, wenn ihm die Sacrarien gezeigt werden. Das andere Buch heisse r o t h , und deute die Vollendung, die Sonne, die Himmelfahrt an. Darin schreibt er seinen Namen ein, am Tage seines Heimganges. Eine gluckliche Reise!

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Das Attestatum,

oder die Kundschaft, wird auf geziemendes Ansuchen gegeben, wie folgt:

Wir Caspar Sebastian von Gottes Gnaden des heiligen romischen Reichs Freiherr von Rosenthal, Ritter des heiligen Johanniterordens, Grund- und Erbherr der Rosenthalschen Guter, des protestantischen gelobten Landes und aller hier befindlichen Sacrarien.

Entbieten einem jeden Leser der drei Klassen, adeligen, geistlichen und burgerlichen Standes, Heil, Gnade und Frieden, vom Anfgange bis zum Niedergange, von Bethlehem bis zum Joseph Arimathiaschen Grabe. Amen! Amen! Amen!

Thun kund und zu wissen einem jeden, der sich kund und zu wissen thun lassen will und nicht will, welchergestalt N.N., protestantischer Confession, den in beliebter Stille zu uns gen Rosenthal gediehen, um seine Gelubde der Andacht bei den hier, christlich gesinnten Herzen zum Heil und Frommen, eingerichteten Sacrarien zu erfullen. Es ist im Jahre nach Christi Geburt 17 die fromme Besichtigung in Segen angefangen, nachdem er zuvor seinen Namen in das Buch w e i ss a u f s c h w a r z u n d im Glauben und Gehorsam gefangen genommen, seine funf Sinne angestrengt, seine Einbildungskraft erhoht und die vornehmsten heiligen Oerter gesehen und empfunden; wonachst Vorzeiger wahrend dieser heiligen Zeit an dem Pilgertische mit dem Stabe in der Hand gegessen und getrunken in Massigkeit und Nuchternheit: nicht als die ihren Bauch vergottlichen, die leben, um zu essen und zu trinken, sondern, die trinken und essen, um zu leben. Entfernt, alles zu beurkunden, was unser Pilger reichlich und taglich erblickt und gehort, kann, ohne den folgsamen Leser aufzuhalten, ihm jedoch nicht verhalten werden, dass er an dem Hause Simeons abgetreten, und nach gehoriger Meldung zu seiner Zelle gebracht worden, dass er das Haus Pilati, die verfluchte Erde, den Oelberg und vor allem das H.G. und den Stein, den der Engel von des Grabes Thur gewalzt hat, von Angesicht zu Angesicht gesehen. Wobei unsere Herzenswunsche sich in Bescheidenheit dahin begrenzen, diese Wallfahrt moge zu seiner armen Seele Nutz und Frommen gereichen, bluhen und Fruchte bringen in Geduld. Urkundlich ist demselben dieser offene Brief und Gezeugniss, welches bei jedermann so viel gelten soll, als wenn ihm das Kreuz ins Fleisch gebrannt ware, auf sein bittliches Ansuchen bewilligt, nachdem selbiger mit vieler Ruhrung von diesen Sanctuarien Abschied genommen und sie gesegnet, auch zu Urkund dessen seinen Namen in das rothe oder Wolkenbuch aufgezeichnet. Alles ohne Arglist und sonder Gefahrde. So gegeben Jerusalem, den 17

N.N. und Siegel.

Auf das Siegel ist gegraben die Geschichte der Geistes- und Feuertaufe der Apostel, und das Fusswaschen des Herrn, mit der Beischrift: Sigillum magnum Guardiani sancta terrae et montis Sion.

Gott behute vor Vettern und bringe uns Pilger ab und zu, die nicht sehen und doch glauben! Amen.

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Ein Ordensmann

des heiligen Apollo, der zum Vater des Unglaubens gen Ferney wallfahrtete, blieb, wie man sagt, Voltairen zu lange. Dieser Unart eine Art beizulegen, ruhmte er das Voltaire'sche Schloss ohne End' und Ziel, und das veranlasste Voltairen, dem Panegyristen zu erwiedern: Mein Herr, Don Quixote sah ein Wirthshaus fur ein Schloss an, Sie scheinen ein Schloss fur ein Wirthshaus anzusehen. Darf ich den frommen Schlusswunsch noch hinzufugen: auch wende er Schmarotzer ab, denen der Mund immer nach gebratenen Tauben offen steht: Kyrie eleison!

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ganze Einrichtung

das Ansehen gewinnt, als wenn der verstorbene H e r a l d i k u s sie aus alten und neuen Flicken zusammengebracht hatte, so waren doch die Glieder des hohen Raths sammt und sonders, nachdem sie diess Werk zu Stande gebracht hatten, auf eine so einleuchtende Art begeistert, dass eins das andere fragte: wie gefallt es Ihnen beim Pontius Pilatus? Gelt! in der adeligen Zelle Nr. 6 ist eine Aussicht, die einen Fursten reizen konnte? Die burgerliche Zelle Nr. 5 ist die zu verachten? Alles stand so herrlich in der Einbildung, dass man auf dem Berge Zion war wie zu Hause. Die Ritterin hatte in dem Schlafkabinet der Frau Pontius Pilatus schon viele und recht denkwurdige Traume gesammelt, und das Hauschen des heiligen Simeons gefiel dem Pfarrer so herzlich wohl, dass er oft die Hande brach und zur Uebung einmal uber das andere ausrief: Herr! nun lassest du deinen Diener in Frieden fahren! wobei er indess jederzeit wohlbedachtig hinzufugte: wenn Zeit und Stunde ist. Furs erste gefiel es dem Diener in diesem Jammerthale nicht ubel; denn nach aufgehobener Session wartete seiner ein kostbares Mahl, welches nach so vielen chen funf Sinne wirklich mit Wohlgefallen sattigte. Der Ritter ubernahm es, dieses Jerusalem bei dem

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Meister Hiram

zu bestellen, und obgleich dieser ehrliche Meister nichts im Zusammenhang begriff, so war er doch trunken durch den Gewinn, von dem er sich bei dieser Imaginationssache uberzeugt hielt, so dass er dem Ritter hoch und theuer versicherte, alles auf ein Haar verstanden zu haben. Er zeichnete die Hauptingredienzien, wie der Meister sie nannte, in seine Schreibtafel, um aus diesen Geniestrichen zu Hause Jerusalem naher auseinander zu setzen, und wenn Gott wollte, vollig auszubauen.

Schliesslich fiel es dem Schneiderssohn ein, dass bei dem ganzen so kostbaren Bau an kein Kreuz gedacht ware; denn wenn gleich jeder Pilger sein Kreuz in natura mitbringen wurde, selbst wenn er kreuzlahm seyn sollte, so ist und bleibt doch das Kreuz ganz naturlich die Hauptlosung des gelobten Landes. Man erstaunte uber diese Unterlassungssunde, welche Heraldicus junior aus heimlichem Muthwillen rugte. Bei dieser Gelegenheit ward, wiewohl beilaufig erzahlt: nachdem das Christus- und die beiden Schacherkreuze verlegen gewesen, das Kreuz Christi unter diesen dreien zu finden, bis endlich entweder eine ganz todte oder todkranke Frau alle drei angeruhrt habe, und bei der Beruhrung des Kreuzes Christi sogleich entweder gesund oder lebendig geworden sey. Man ermangelte nicht, hierbei den Wunsch zu aussern, dass der Ritter durch eine dergleichen Kreuzesberuhrung von seinen Hauptflussen befreit werden mochte, wofur der Ritter den ergebensten Dank nicht schuldig blieb. Das Resultat nach so manchen Kreuzzugen war: auf dem Rosenthalschen Golgatha bloss eine einzige Kreuzstelle auszuwahlen, ohne sie in Silber, wie im gelobten Lande einzufassen; hiernachst auch nur Ein Kreuz in Lebensgrosse in die Kapelle zur Erbauung hinzulegen, dem frommen Schacher dagegen dieses Andenken um so mehr rund abzuschlagen, da die Illusion sonst zu sehr gestort werden wurde. Der Pfarrer machte bei dieser Gelegenheit auf Kosten des Papstes eine gallenbittere Anmerkung, wogegen er dem Patriarchen ein feines Compliment unterschob. Es ist bekannten Rechtens, da den Papsten ein dreifaches Kreuz, den Patriarchen aber ein doppeltes bei Processionen vorgetragen wird, und so war Pastor loci des wiewohl ubereilten Dafurhaltens, als ware dieses Kreuz ein Spiegel, Regel und Riegel, indem der Patriarch sich das Christus- und das Paradiesschacherkreuz, der Papst aber auch zugleich das Kreuz des verstockten Schachers vortragen lasse, als ob Indess ward dieser Ausfall vom Ritter so wenig gebilligt, dass man bei dieser Gelegenheit, wenn man gewollt, aufs neue den Nebenhang des Ritters zur papstlichen Kirche hatte bemerken konnen. Der

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Schulmeister

pflegt sonst ein Schatten des Pastoris loci zu sehn, ein Spiegel, worin Se. Wohlerwurden sich wieder sehen; ein Ruhebett, auf das er sich hinstrecken kann; ein Fusswasser, um sich die Flusse nach unten zu ziehen; ein Sprachrohr, um den Bauern bekannt zu machen, dass so rein er Gottes Wort predige, ebenso rein auch sein Calendegetreide seyn musse; ein Vergrosserungsglas, um ja jede Sunde des Kirchspiels zu entdecken; Ohrbaumwolle, um ihm alle Dorfneuigkeiten einzuflustern: unser Schulmeister und Organist in Einer Person, nicht also. Dass er bei Gelegenheit der Nothtaufe schon so manches geheime Wort gegen den Gevatter Nachtwachter fallen lassen, und dass er von den Abendandachten in R o s e n t h a l sagte, sie waren ohne Schmalz und Salz, ist uns ohne Zweifel noch in frischem Andenken. Gelegenheit macht Diebe. Der Schulmeister, welcher als der eigentliche Nothtaufer von Gott- und Rechtswegen bei der Taufe unseres Helden und auch nach der Zeit bei vielen andern Gelegenheiten so schnode ubergangen worden war, ging recht geflissentlich nach Gelegenheit auf die Jagd, um Rache zu uben, die so suss ist. Die Frau ters, der ihr vergnugter wohlbelohnter Herzensfreund, vor der Welt aber ein leidtragender Wittwer war) zu den geheimen Unterredungen zugezogen; und nun wahrte es auch nicht lange, dass diese in der Asche glimmenden Funken aufschlugen und in ein wirkliches Denunciationsfeuer ausbrachen. Der Hauptdenunciationspunkt war, dass Kirchenpatron und Pfarrer in heimlichem Verstandniss mit dem Antichrist lebten und die arme Gemeinde in aller Stille zum katholischen Glauben verleiten wollten. Die Nothtaufe ward nur durch einen Streifschuss beruhrt, da der Denunciant es nicht in Abrede stellen konnte, dass der Pfarrer selbst dagegen offentlich seine Stimme wie eine Posaune erhoben; indess hatte er jetzt, sagte der Schulmeister, den Katholicismus wie Demas die Welt lieb gewonnen, und ware nun so tief in diess Babel versunken, dass wenn nicht das hochehrwurdige Consistorium die gestrenge christliche Liebe hatte, ihm und dem Kirchenpatron ein Tintenfass, wie ehemals der Glaubensvater Luther dem Satan an den Kopf zu werfen, die arme Gemeinde mit Leib und Seele zur Holle fahren musste, welches traurig anzusehen seyn wurde.

Zu den Hauptbeweisen seiner Denunciation gehor

te:

1) der Gevatterstand des Papstes. Dieser unvaterli

che Vater hat sich nicht gescheut, um sein Reich zu vermehren, sich in ein lutherisches Kirchenbuch eintragen zu lassen, als welches Buch, obgleich der Pfarrer es wie sein Auge im Kopfe verwahrt, mir doch nicht hatte konnen verborgen bleiben.

2) Der Reliquienkasten, der von 24 Mann nach Rosenthal als eine antichristliche Bundeslade und offenbare Religionscontrebande eingefuhrt worden. Der Pfarrer hatte Eid und Pflicht bedenken und diesen Raritatenkasten confisciren sollen.

a) Die Pferde waren nota bene lauter Schimmel.

b) Als dieser abgottische Kasten die Kirche vorbeizog, ward mit allen Glocken gelautet.

c) Der Pfarrer trat zum Aergerniss der ganzen Gemeinde vor diesem Greuel der Verwustung ins Gewehr und er hatte, wenn der Herr Generalwender (B r a t e n war ausgestrichen; sollte G e n e r a l s u p e r i n t e n d e n t heissen) gekommen ware, ihn nicht ehrerbietiger in Empfang nehmen konnen. Es fehlte nur noch, dass der Pfarrer, der nach der Pfeife des hochfreiherrlichen Hofes zu tanzen gewohnt ist, vor dieser Lade, wie weiland der Konig David vor der Lade des Bundes ein Solo tanzte.

d) Es ist allerlei Baalsdienst, ohne Zuziehung des Pfarrers mit und um diesen Kasten getrieben worden, wobei

e) der Frau von Rosenthal Gnaden und des Junkers Hochwohlgeboren, wie es geheissen, noch einmal die heilige Taufe mit wohlriechendem Wasser erhalten.

f) Der Pfarrer nimmt jetzt an aller dieser Abgotterei Leibes- und Seelenantheil und setzt aus strafbarem Appetit zu Egyptens Fleischtopfen seiner Gemeinde Seel' und Seligkeit aufs Spiel. Ende schlecht, alles schlecht. Sollte ein Geistlicher sich nicht Muth und Kraft von oben erflehen, um dem Saus und Braus und dem Rauch aus Schusseln und Pokalen stattlichen Widerstand zu thun? Schlagt es ihm an? Mit nichten; ich wiege zwei Steine mehr als er.

g) Der Kasten ward so geheim gehalten, dass, da ich aus angebornem Triebe zur Hermetik (sollte H e r m e n e u t i k heissen) hinter die Schliche desselben zu kommen Tag und Nacht punktirte, ich wiewohl nur so viel heraussubtrahiren konnte, dass der Frau Baronin Gnaden eine Feuerprobe ihrer Jungferschaft ausstehen mussen, als welches ich in diesen jungferletzten und jungferbetrubten Zeiten ganz gern mit dem Mantel der Liebe bedeckt hatte. Da ich aber von diesem groben Irrthum, den mir Gott und E. Hochehrwurdiges in Gott andachtiges Consistorium verzeihen wolle, durch die wunderbare Leitung der Vorsehung abgebracht, auch der Junker, welcher nunmehr sein funfzehntes Jahr zuruckgelegt, ebenso wie dessen Frau Mama Gnaden zu der Zeit wirklich mit wohlriechendem Wasser getauft worden, so ist wohl alles so ziemlich am Tage. Dass ich dem Frieden nachjage, ist dorfkundig, und kann ich dem lieben Gott nicht genugsam danken, dass er meinem Hause durch den Nachtwachter loci Heil widerfahren lassen, da er meine Gattin, die vor diesem oft in Zank und Streit mit mir ausbrach, so dass ich mit dem einem Fuss schon im Steigbugel war, um der Scheidung halber zur weltlichen Obrigkeit einen kostbaren Ritt zu machen, seit vielen Jahren unter eine recht friedliche Haube gebracht hat. Nach dieser Liebe zum Frieden wurd' ich denn auch diese ganze Sache vergeben und vergessen haben, wenn jetzt nicht ohne Rede und Recht ganz scheulos katholisches Unkraut unter lutherischen Weizen gesaet wurde.

Beweis.

3) Am X. Sonntage nach Trinitatis hort der Herr Baron und Ritter das Evangelium kniend an.

4) Mischt sich in heilige Sachen, indem er z.B. viele Stellen im Evangelio so laut mitbetet, dass man sein eigenes Wort kaum horen kann.

5) Sein boses Exempel verdirbt die guten Sitten der Gemeinde, indem sie zu einem solchen Tremulanten gestimmt ist, dass so oft dieser Sonntag kommt, die Gemeinde mehr Thranen vergiesst, als sie im Vermogen hat und die Natur bei ihr immer in Thranenvorschuss kommt. Und wenn ich gleich

6) ubersehen wollte, dass er mit einem langen schwarzen Mantel voll Kreuze communicirt, nicht minder in Stiefeln und Sporen (welches wohl ganz klar und deutlich den papstlichen Pantoffel abbilden soll), im Gleichen, dass er sich zum Defect (soll heissen Despect) eines hochehrwurdigen Consistorii von aller Welt h o c h w u r d i g nennen lasst, ohne dass ich weiss, wie ein Mann, der NB. offentlich seine Sporen tragt, zur Hochwurde kommt; so hat er doch

7) sich von einem gewissen Schneider eine so zahlreiche geistliche Garderobe fertigen lassen, dass gewiss mehr dahinter steckt.

8) Der Schneider soll, damit diess Geheimnis nicht auskomme, wie man sagt, plotzlich und heimlich aus der Christenwelt geschafft worden seyn. Gott hab' ihn selig! So viel ist nicht zu laugnen, dass sein Tod bei dem ganzen ehrbaren Gewerk der Manns- und Frauenschneider viel Aufsehens gegeben.

9) Hat mich ein ehrlicher Maurer, den man zum katholischen Babel spornstreichs verfuhren wollen, zu Rathe gezogen und bin ich bonis modis an den beiliegenden Aufsatz sub K r a n i c h gekommen, woruber einem hochehrwurdigen Consistorio Heulen und Zahnklappern ankommen wird. Besser hier als dort. Wie man denn auch

10) sich unterstanden, Gottes reines und lauteres Wort zu andern dem Papste zu Liebe, und in dem schonen Liede: E r h a l t ' u n s H e r r b e i d e i n e m W o r t , dem Papste seines Mordes wegen Pardon zu geben und dem Turken kein ehrliches Haar zu lassen. Alles ohne die Erlaubniss eines hochwurdigen Consistorii, welchem doch allein uber Papst und Turken Urtheil und Recht zustehet, aut aut, entweder zu ewigem Feuer, oder zu ewigem Leben. Was kommt auch aus dem Federlesen heraus? Der ich ubrigens unser armes Hauflein einem hochehrwurdigen Consistorio zur gestrengen Seelsorge empfehle, und fur mich, Weib und Kinder, nicht minder den Nachtwachter loci, dero viel vermogenden Schutz und Schirm und ein sicheres Geleit erbitte, auch in diesem Kummer und in dieser Hoffnung mit Leib und Seele beharre bis an den lieben jungsten Tag, Eines hochehrwurdigen gestrengen Consistorii

Freund und dienstwilliger Furbitter und

Mitarbeiter am Worte und an der Lehre

Beilage K r a n i c h .

"Ehrbarer Meister Endesunterschriebener, Hans Peter , bin geladen gen Jerusalem, und es soll alles vollendet werden, was hier geschehen ist, laut Verabredung wie folgt:

'Erstlich wird gemacht ein Pontius Pilatus und ein Haus, wo unten funf Stuben und oben funf, und ein Traumkammerlein fur die Frau des Herrn, wo auch Pilger bei ihr schlafen konnen. Gesund und munter muss seyn das Zimmer, sonst wie andere Schlafzimmer.'"

"Zweitens ein Ohr abzuhauen, und wo es fiel einen Denkstein zu legen, auch wo Judas gegangen kommt. Dass der rothbartige Schelm den Hals brache!"

"Drittens Blutvergiessen auf einem Acker der Pilgrime, damit sie dort konnen ohne viel Gerede begraben werden. Gott habe sie selig!"

"Viertens ein Thorhauslein nach gegebener ungefahrer Zeichnung, wo ein alter Mann in der Wachtstube in Frieden fahrt; denn seine Augen haben seinen Heiland gesehen heisst Simeon."

"Funftens ein Hospital mit funfzehn grossen und funfzehn kleinen Zimmern, auch Betkammern, nach Klosterkostume. Fur junge Madchen kleine Abschlage, um den Pilgrimen beizuspringen, wenn's ihnen noch thut. Alles nach Klostermanier."

"Das Hauptstuck wird im Herzen behalten. Ein Stein daneben, den kein Mensch heben soll, wohl aber ein Engel, wenn er will und kann. Ueber dieses Hauptstuck eine Kapelle, die unser einer wohl machen wird. Vorerst Risse und Anschlage. Richtige Zahlung. Gute Arbeit. Und bitte ferner gewogen zu bleiben."

"Wer lasst wohl heutzutage einen Simeon und Pontius Pilatus machen, wenn's nicht so ein reicher Herr thut, dem heiligen Kreuz zu Ehren? Das kann der Teufel nicht wehren!"

"In drei Pulsen wird bezahlt."

"Der erste, wenn Pilatus steht; der zweite, wenn der Teufel den Judas holt, und der dritte, wenn der Engel den Stein hebt. Mit gottlicher Hulfe zwischen ein und zwei Jahren. Zu allem Dank quittirend. Aufgeschrieben von Hans Peter , ehrbarem Meister allhier."

"Lass ab, lass ab von mir, o du Angst meiner Seelen! Gonne mir einen ruhigen, furchtlosen Athemzug, einen, der sich nicht von allen Seiten umsieht, ob er was hore. Bin drauf gefallen in eine schwere Krankheit uberm Riss und Anschlag, langer als die Erde, breiter als das Meer. Da ist erschienen mir nach manchem Satansengel, der mich mit Fausten schlug braun und blau, ein guter Geist, der mich warnte. Eine Eingebung, weil der Herr Pfarrer leider! auch als Schriftgelehrter in Jerusalem sein Wesen treibt, und im hohen Rath auf- und angenommen ist, zu suchen Ruhe fur meine Seele beim Herrn Schulmeister, und es ist mir sehr warm worden ums Herz, und hab' ich vor Zittern und Zagen in allen Gliedern keinen Finger zur kleinsten Arbeit regen, geschweige, Gott sey bei uns! den Judas zu Markt bringen konnen, auf dem Papier. Ist mir vorgekommen als eine Sunde wider den heiligen Geist, in einem ungelobten Lande ein gelobtes zu verfertigen. Bin so krumm und kreuzlahm an Leib und Seele worden, dass die Fusse, die Beine und die Seele den Kopf nicht halten wollen, und alle Nachbaren haben mir in die Augen gesagt, mein Kopf sey angebrannt und mein Fuss vergleitet auf eine verfluchte bose Stelle, welches alles der Hahn wird zu verantworten haben, der mich nach Jerusalem gekraht hat, woruber ich weine bitterlich, bis ein anderer Stern aufgeht in meinem Herzen."

"Wachst auch eine Eiche im Sumpf, wo schwankendes Rohr schiesst wie Weiden an den Wasserbachen, und im Sande die wurzelleichte Tanne? Gern war ich gestorben und hoffentlich nicht verdorben. Konnt' ich? Da schmiegte sich die Seele so an den Korper, wie der Brautigam an sein Liebchen im Brautbette, oder wie der Hopfen an die Stange. Noch leb' ich und lebe mir selbst zum Possen. Wohlan! ich will meine Hande waschen, reiner als Pontius Pilatus, und Gott sey mir Sunder gnadig!"

Schulmeister und Nachtwachter hielten einen

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Rath.

wie sie Jerusalem fingen, bei welchem sich beide wechselsweise auf den Zahn fuhlten, so dass der Nachtwachter, dem das Ding zu arg ward, sagte: Gevatter, unser einer lasst sich zwar den Bart, nicht aber die Zahne rasiren. Ich bin so wohlgezahnt als der Herr. Warum diess edle Paar sich in die Zahnhaare fiel? Es galt die Frage: o b e s u n t r u g l i c h e Kennzeichen von dem Vorzuge der Ehegattinnen der Hohenpriester im alten Testamente gabe oder nicht? um von dieser Pramilinarfrage gerades Weges gen Jerusalem zu kommen. Von dieser harten Nuss kam man auf den Glauben, und da behauptete der Schulmeister, der Glaube ware freilich nicht jedermanns Ding, indess mussten auch die, welche zum Glauben nicht Lust und Liebe hatten, ihn als Lebensart ansehen, wodurch im gemeinen Leben eine gewisse Uebereinstimmung, eine gewisse Gefalligkeit eingefuhrt und erhalten wurde. Der Glaube sey ihnen die Erfullung des schonen Grusses: Friede sey mit euch. Ein Unglaubiger ist ein Handelmacher und haussen sind die Hunde. Es ist nicht alles Gold, was glanzt, sagte der ware ohne Zweifel sehr weit gegangen, wenn nicht ein Kesselflicker die Herren Glaubigen gestort und Jerusalem naher gebracht hatte. Man ging die Aufsatze Punkt fur Punkt, Komma fur Komma, Wort fur Wort durch und feilte und glattete, verstarkte und schwachte, und nun galt es den Unterschied zwischen Denuncianten und

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Controleur.

Ein gewaltiger Unterschied! Der hausfriedliche Schulmeister betheuerte, ex officio ein Controleur der reinen lutherischen Kirche seyn und alle unreinen Glieder derselben verfolgen zu mussen, bis aufs Blut und in den Tod. Freilich, da gibt es denn doch Gebuhren fur das Begrabniss. Der Nachtwachter meinte, den Reinen sey alles rein. Ich, setzte er hinzu, hasse die Controleurs, wie die reinen heiligen Engel den unreinen bosen Feind. Hatt' ich vollends einen geheimen und (ich glaube die Controleurs sind alle geheim, fiel der Schulmeister ein) wurd' ich wohl aus dem Verdruss mit dem Amtmann kommen? Was denn mehr? erwiederte der Schulmeister. Hat doch der erste Nachtwachter in der Welt, Homerus, auch geschlafen. Thue Recht, scheue niemand d.h. keinen Controvatter? Die Frau Ludi-Magisterin, die wahrend der Deliberation das Auge nicht vom Nachtwachter gelassen hatte, und der bei dem Zwist uber die Haare auf den Zahnen nicht wohl zu Muthe war, ob sie gleich sitzen blieb, lief hier schnell hinaus, um nach der Kuche zu sehen, und der Nachtwachter schneuzte sich die Nase. Es blieb Ja und Amen, wie der Schulmeister sagte und der Nachtwachter es benickte. Nach dieser After-Session eine aus hoherem Chor. In dieser ward, wie gewohnlich, mit einem actum oben und peractum ut supra unten verfahren, und bei diesem actum und peractum ein

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Kreuzkabinet

beschlossen, furs erste im Schlosse, zu seiner Zeit in der Kapelle. Zu seiner Zeit! Der Maurermeister sollte peremtorisch aufgefordert werden. Der arme Heraldicus junior! Er, der die Kreuzunterlassungssunde rugte, er, der Busse und Bekehrung bewirkte, erhielt, anstatt des wohlverdienten Dankes, eine derbe Weisung. Unverschuldet? Wie man will. Durch seinen heimlichen Muthwillen hatte er sie doppelt verdient. Er gebrauchte den Ausdruck: Es ist keinen K r e u z e r werth. Der Ritter, dessen Gehor entweder durch beides, zuweilen litt, ward durch den Schall des Wortes verfuhrt, und verband einen ganz fremden Sinn mit dem was Heraldicus junior sagte. Sobald er seinen Irrthum eingesehen hatte, ward auf der Stelle ein fur allemal verfugt, dass das Wort Kreuz nicht weiter so entheiligt und bis zur Scheidemunze herabgewurdigt werden sollte. In der Selbstvertheidigung ist der arme Junge, wie wir wissen, nicht glucklich. Wollte er sich entschuldigen, oder seine Gelehrsamkeit beweisen ich weiss es nicht, kurz, er fiel tiefer, indem er bemerkte, dass auch die Aerzte und Apotheker sich des Kreuzes als eines Zeichen bedienten, und, wie er nicht anders wisse, Essig, und wenn in jedem Winkel ein Punkt stande, abgezogenen Essig bedeute. Essig! rief der Ritter voll heiligen Eifers. Ha! Morder! mit Essig und Galle trankt ihr den Sterbenden. Wisst! und nun legten sich seine stolzen Wellen, da er sich wohlbedachtig erinnerte, dass er den Aerzten und Apothekern so wenig zu befehlen hatte, dass vielmehr regierende Herren den Recepten oder Rescripten ihrer Leibarzte und Hofapotheker unterworfen waren. (Eine andere Art von Schulmeistern und Nachtwachtern!) Heraldicus junior, dem seine Apothekerrechnung von Vorwurfen diesesmal mehr als sonst zu Herzen ging, machte von Stund an einen Bund, mit dem Ehrenworte "K r e u z " sauberlich zu verfahren und es nicht unnutzlich zu fuhren. Uebertreibung, denkt der Kunstrichter. Warum aber so arges in deinem Herzen? Woher, warum

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Uebertreibung?

Lerne die Menschen naher kennen, und du wirst finden, dass auch die gelehrtesten und geschicktesten unter ihnen ad certum objectum ubertreiben. Und ist diese Uebertreibung nicht unschadlicher, als Stekkenpferdezucht, auf die sich fast jeder legt, um zu wettrennen? Nebendinge zum Wesentlichen erheben, sich als Pastetenbacker werden lassen und doch ein Hofpoet seyn: ist das nicht so ziemlich sich hoher anschlagen, als man wiegt und andere uber die Halfte und oft den Staat mit seiner werthen Person anfuhren? Siehe dich um, Lieber! Ist ubertreiben und mit Ernst treiben nicht fast ein und dasselbe Ding auf Erden? Diensteifer ist ubertriebene Diensttreue; und wer ist mit Diensttreue befriedigt? wer geht nicht auf Diensteifer aus? Ich weiss, mit keinem Z u ist zu prahlen; allzuviel ist ungesund. Ist zu v i e l indess nicht ertraglicher, als zu w e n i g ? Sieh den Soldaten, den Staatsmann, den Gelehrten! Nimm, um etwas Nagelneues vom Jahre zu haben, die jetzige Konigsfeindschaft in Frankreich. Heute, den 6. Oktober Nancy das Wort K o n i g an der Bildsaule des Stanislaus vertilgt. Auch nach dem Tode wird dieser arme Konig entthront! Man verwandelt die Konige im Kartenspiel in Freiheitspiken; man will den Namen Ludwig andern und den Heiligen dieses Namens aus dem Kalender verweisen. Konig David hat von Gluck zu sagen, dass er, ausser der Konigs-, auch noch die Prophetenwurde bekleidet, sonst ging' es ihm kein Haar besser, als dem Stanislaus! Und wie wird es mit dem lieben Gott bleiben, welcher der K o n i g aller K o n i g e und der H e r r aller H e r r e n genannt wird? Klippern gehort zum Handwerk, Sporen zum Reiter, Ordensband zum Helden und Minister. Jeder Gegenstand hat seinen ihm angemessenen Styl: wer in einen benachbarten fallt, ist ein Pedant; wer alle durch die Bank ubertreibt, ein Genie. Das Kreuzzimmer bedurfte keines Hirams, keiner Risse und keiner langen Vorbereitung. Der Ritter s p r a c h , und e s w a r d e i n e S a m m l u n g aller Kreuzarten, wiewohl nur in efsigie, und dergestalt, dass das Johanniter-Malteser-Kreuz seinen Platz in der Mitte nahm. O, der Sonne an diesem Kreuzhimmel! sagte der Ritter, und hob gefaltete Hande zum Mittelpunkt aller dieser Kreuze. Es war ein herrlicher Tag, da eben diess Zimmer, Jerusalemschem Gebrauche nach, mit einer Session und nachherigem Mahl feierlichst inaugurirt werden sollte, als eine

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Commission

die Session, nicht aber, wie die Folge lehren wird, die Mahlzeit verdarb. Es wurden namlich, da eben der Pfarrer einige nicht unwichtige Vorschlage zur kunftigen Verklarung und Vollendung dieses Kreuzzimmers that, und mitten im Worte: E n t z u c k e n , war, zwei Consistorialrathe angemeldet, die im Vorzimmer waren, und die Erlaubniss verlangten, Sr. Hochwurden vorgestellt zu werden. Der Ritter, der einestheils sich uber dergleichen hochehrwurdige Lichtputzen von ganzer Seele wegzusetzen kein Bedenken trug, anderntheils in Consistorialrathen eine Art von Handlangern in seinem Kanaanschen Weinberge zu finden glauben mochte, oder sich wirklich ubereilte befahl in der vollsten Reinheit seiner Seele kurz und gut, sie gerade in das Sessionszimmer zu fuhren. Dagegen wollten der Prediger und Heraldicus junior, die auf das Wort C o n s i s t o r i a l r a t h e gelahmt waren, mit Hand und Fuss protestiren; allein sie konnten keins von allen ihren Gliedern regen und bewegen. In das Sessionszimmer? Was denn mehr? Wenn keine Session ist thut das Zimmer etwas zur Sache? die Scheide etwas zum Schwert? Wer die Auftritte Schuld, wozu ihn sein Gewissen auf eine schreckliche Art verurtheilt, berichtigen mochte, aber nun nicht mehr reden kann: nur der ist im Stande, sich von der Lage dieser beiden hohen Rathe, des Pfarrers und des Hofmeisters, einen Begriff zu machen. Beide waren im Sterben, als diese Consistorialvogel, der eine im Predigerhabit, der andere als Saecularis in weltlicher, wiewohl mit schwarzem Band eingefasster Kleidung hereinflogen es konnte nicht schneller seyn. Der Ritter, der diesesmal bei der Session im langen Johanniter- Ordensmantel sass, und sich pathetisch von dem Prasidentenstuhle erhob, den ein Ordenskreuz von nicht gemeiner Grosse zierte, gab, so wie der Sessionstisch, welcher schwarz mit weissen Kreuzen behangt war, der hohen Commission so viele Blossen, dass jeder sich selbst gelassene Zuschauer Schrecken und Erstaunen, als den Anfang des vom Schulmeister vorher verkundigten Heulens und Zahnklapperns auf den fetten Kapaunengesichtern der Herren Commissarien, wo Schrecken und Erstaunen sehr leicht sichtbar werden, bemerkt haben wurde. Der undefangene Ritter bemerkte nichts die Ritterin dessgleichen und unser Held war mit B l i t z - , K n a l l - und T h u r v o r f a l l e n zu bekannt, um an etwas Arges zu denken in seinem Herzen. Beide Commissarien, die durch diesen Anblick geblendet wurden, hatten hier das schrecklichste von allem, das Gelubde der Keuschheit, vermuthet, wenn nicht ein Frauenzimmer, und, wie gar lieblich anzusehen, ein so reizendes, in der Mitte dieses Synedriums Sitz und, wie zu vermuthen war, auch Stimme gehabt hatte. Der hochwurdige Prasident, seine Gemahlin und sein Sohn, die sich nichts Boses bewusst waren, wunschten den Knoten des glucklichen Zufalls zu losen, der ihnen das Vergnugen dieses schwarzen und in Schwarz gefassten Besuches zuzog. Und da der Ritter alles, was bei weitem noch nicht einmal zu Papier gebracht war, in Lebensgrosse sah, so fugte er die zweite Frage hinzu: ob sie etwa als Pilger eine Zelle zu beziehen gesonnen waren? wobei er sich aber nicht entbrechen konnte, zu bemerken, dass sie in Zukunft vor dem Hause des alten Simeons angehalten werden wurden, weil man sie ungemeldet nicht in Frieden lassen konnte. Es blieb ein

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Gluck

fur den Pastor und Heraldicus junior, dass sie nicht Augen- und Ohrenzeugen dieser Vorgange seyn mussten. Die Angst ihres Herzens war jetzt schon so hoch gestiegen, dass, wenn sie diese ritterliche Unvorsichtigkeit noch hatten horen und sehen sollen, sie sicher Beide hatten sich zugleich, da sie die Consistorialvogel (wahrlich nicht Tauben, am wenigsten gebratene) einfliegen sahen, aus dem Staube gemacht; nicht, um nach der Verratherei zu weinen bitterlich, sondern sich gegen jede bose Anwandlung zu einer Verratherei in bester Form zu waffnen. Wessen Geist erniedrigt ist, dessen Herz ist auch verderbt, sagten sie sich einander. Wer etwas gegen sein Gewissen bekennen oder laugnen kann, begeht eine Sunde wider den heiligen Geist uber dessen Vergebung, setzte der Pastor nach einer Minute hinzu zu urtheilen ich mich nicht unterstehe. Ein Schmeichler, der, nach dem Ausdruck eines witzigen Dichters, als ein Ohrgehenk seinen Gonnern Nichtswurdigkeiten, sie mogen nun in gewurzten Stadtneuigkeiten oder in candirten Lobund Preiskuchlein bestehen, zuflustert, nimmt sich selten Zeit, von dem Hause, worin es ihm so wohl ging, Abschied zu nehmen, wenn der Gonner ohne Legat fur den Schmarotzer stirbt, und der rechtmassige Erbe seine Ohrlappen zu lieb hat, um sie fur ein dergleichen Ohrgehenk durchstechen zu lassen. Unsere beiden Manner, die um frische Luft verlegen waren, hatten sich an Jerusalem so gewohnt, dass sie Antheil, freilich der eine mehr als der andere, an seinen Vorhofen (weiter war der Bau nicht gekommen) nahmen, obgleich die Unvorsichtigkeit des Ritters sich mit nichts entschuldigen, viel weniger rechtfertigen liess. Ihr E n t s c h l u ss , den sie in frischer Luft fassten, war, Gluck und Ungluck uber sich ergehen zu lassen und Martyrer in der heiligen Stadt zu werden, die schon mehrmals die Propheten getodtet und seine Boten gesteinigt hatte. Wir sind nicht die ersten, versicherte einer den andern, die in Jerusalem uberantwortet werden. Nachdem sie auf diese Weise sich wechselsweise aufgerichtet hatten, kehrten sie mit einer Art M u t h oder besser T r o s t zuruck, womit es eben die Bewandtniss hat, wie mit dem Glauben der Teufel, die zwar glauben, indess glaubensvoll zittern. Was ist der Glaube mehr, als Trost und Muth? Fasst euch! euer Gewissen ist euer Vertheidiger! Ihr werdet nicht sterben, sondern leben. Wohlbedachtig blieben sie an der Thur stehen, und erst nach dem unablassigen Verlangen des undesorgten Ritters traten sie naher. Und was war es, was ihr Herz angstigte? was ihren Kopf trubte? Die ganze Welt und, was mehr sagen will, kein Concilium wurde hier eine Heterodoxie gefunden haben; was findet indess nicht ein hochehrwurdiges Consistorium? Es war Zeit zum

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Benedicite,

wie der Ritter sich diessmal consistorialisch ausdruckte; zu deutsch: es war angerichtet. Nach vielen Kratzfussen, die der ganz schwarze Consistorialis schlechter als der schwarz verbramte begann, liessen die Herren Commissarien im arglistigen Hintergrunde erblicken, was sie herausgegangen waren zu sehen und zu horen; und da sie wider ihr Denken und Vermuthen den pastor loci, auf den sie eigentlich Jagd machten, in flagranti betroffen hatten, so schienen sie, um aller Parteilichkeit auszuweichen, sich beurlauben und den Prediger am dritten Orte in Commissionsanspruch nehmen zu wollen. Sie gaben diese Bedenklichkeiten dem Ritter, wiewohl etwas undeutlich, zu verstehen, und dieser bot ihnen dagegen alle Sanctuarien an, die auf dem Papier standen, und unter diesen auch die Stelle, die Judas der Verrather betreten, oder den Blutacker, wo die Pilger, wenn der Tod sie hier uberfiele, begraben werden sollten; wonachst er auch betheuerte, dass er, so gern er auch wollte, ihnen weder mit dem Hause des Hohenpriesters Hannas, noch des Kaiphas, wohl aber mit dem Palais des Herrn Pontius Pilatus, zu seiner Zeit dienen wurde, das Schlafausgenommen welches sonst in puncto des Schlafes kein ubles Commissionsstubchen gewesen ware. Da nun, aller Commissionsfalten ungeachtet, in welche die Herren Consistorialrathe ihre Gesichter legten, sie doch am Ende nicht bestimmen konnten, wo sie ihr geistliches und schwarz verbramtes weltliches Gericht aufschlagen sollten, nachstdem ihnen auch, als feinnasigen, ganz und halb geistlichen Rathen, der Geruch des Mahls, wozu man sie bereits eingeladen hatte, nicht entgangen war; so schlug der geistliche Consistorialrath in gebrochenem Kuchenlatein dem weltlichen Consistoriali vor: Ob man nicht den Prediger hier zu Schlosse vernehmen sollte. Dieser, der theils dem Latein entwachsen war, theils durch den lateinischen Ueberfall aus aller Fassung kam, antwortete mit einer Miene, die Ja und Nein bedeutet, und gewissen mutterwitzigen Leuten, die keine Schule haben, eigen ist, wenn man sie in die Schule schickt oder mit gelehrten Kinderfragen uberfallt und angstiget. Se. Hochehrwurden nahmen es fur Ja, und wollten sich eben an den Ritter wenden, dass er der Commission hierzu die Erlaubniss bewilligen mochte, als man wiederholentlich zur Tafel einlud, bei welcher sich, wie gewohnlich, auch der Prediger und Heraldicus junior einfanden. Kann man so unschuldig seyn, wie wir, dachten Prediger und Hofmeister, und doch solche Angst haben? Guten Leute, eben weil ihr unschuldig seyd, habt ihr Angst! Wer hatte sie nicht auch bei dem lautesten Zuruf seines Gewissens? Lasst uns die Welt uberwinden! Diess Kreuz, sagte der Pfarrer zum Junior in der Stille, kommt vom Herrn. Zwar haben wir, erwiederte Junior, das Kreuzstubchen selbst gemacht; ist aber nicht fast jedes Kreuzstubchen ein Ipse fecit? Lasst uns nicht vermessen, noch weniger aber verzagt seyn. Diese und dergleichen Klag- und Trostworte, die sie einander verstohlen in die Hand druckten, wirkten zusehends, als die Manieren sie aufmerksam machten, welche die Herren Consistoriales beim Eingange in das Tafelzimmer einschlugen. Ausser den Generalfragen: ( v o r s i c h ) ob und wie es styli sey, dass Leute, von denen einer Kuchenlatein reden, und der andere so thun konnte, als verstande er es, der Dame des Hauses den Arm bieten konne, um sie aus dem Ordens-Sessionszimmer in den Esssaal zu bringen? Ob diess, oder ob diess nicht, eben jetzt, da sie Commissarien waren, Bedenklichkeit hatte? Machten auch noch andere Specialfragen die Sache kritischer, z.B. ist es Decori, dass ein Geistlicher dergleichen leibliche Fuhrungen und Leitungen bei der ihm doch eigentlich obliegenden Seelenfuhrung und Leitung ubernimmt? Ist es oder scheint es nicht Herabwurdigung des geistlichen Standes, einem Laien, ob er gleich zum Kuchenlatein den Kopf zu nicken versteht, einen Vortritt zu gestatten? Ich glaube gewiss, dass dieser letzte Umstand der Goldwage den Ausschlag zu ertheilen geruhet hatte, wenn dem geistlichen Consistoriali nicht eingefallen ware, wie leicht der Satan, der immer wie ein brullender Lowe umhergeht, seinen im Tanz ungeubten Fussen einen Stein des Anstosses in den Weg legen, und ihm einen tiefen Fall, dem er ohnediess schon bei den ersten Scharrfussen so nahe war, vorbereiten konnen. Saecularis, der sich kaum von dem unverstandenen Latein erholt hatte, kampfte mit gleich wichtigen Zweifeln, die er indess nicht sowohl von der Seite seines geistlichen Herrn Collegen, als von dem Standesubergewichte des hochwohlgebornen Wirthes hernahm. Die Ritterin, bei der auch nicht der mindeste Scrupel auf- und abstieg, wurde vielleicht in keinem Monat von der Stelle gekommen seyn, wenn sie sich nicht kurz und gut entschlossen hatte, eine Verbeugung zu machen, und diesen Kreuzzug als Amazonin auszufuhren. Da indess jeder der beiden Gaste diese Verbeugung als eine Aufforderung ansah, so fielen beide der armen Ritterin so ungezogen auf den Hals, dass dieser Auf- und Einzug das Ansehen eines ausserordentlich komischen Auftrittes gewann, der die beiden Gelahmten nunmehr schnell und vollig zu der vorigen Gesundheit herstellte. Die ehrlichen Schlucker hatten das Kuchenlatein und das mutterwitzige Kopfnicken sehen und horen sollen; sicher waren sie zeitiger genesen! Zwar entfiel den Augen beider Commissarien bei der Suppe, wo tiefes Stillschweigen despotisirte, dann und wann ein Blick, der den Prediger traf; indess war er diesem, so wie das Latein dem Concommissarius, vollig unverstandlich, und es blieb ohne Angriff, bis der Wein das Band der Zungen losete, und die Herren Commissarien von dem unverfalschten Wein auf die Lauterkeit der christlichen Lehre in diesem Hause einen nicht unrichtigen Schluss zogen. Der geistliche Consistorialis hatte lange auf eine Wendung gesonnen, dem Ritter uber den Punkt des Fastens, welches ihm (nachst dem voto castitatis, woruber er einverstanden war) der Hauptstein des Anstosses bei der katholischen Religion dunkte, an den Puls zu fassen, als er bei Gelegenheit der Lobrede, die er voll romischer Urbanitat der edlen Kunst hielt, die Fische zu verschneiden, damit sie grosser und fetter wurden, zugleich erfuhr, dass der Ritter fern von allem Fasten sogar kein Fischmann sey, und nicht eigentlich die katholische Religion a l s katholische Religion beabsichtigte, sondern bloss gegen Alter, Stand, Ahnen und die Ritterzuge dieser Ritter- und Heldenkirche nicht gleichgultig, ubrigens aber so wenig zur Intoleranz geneigt ware, dass er selbst dem Ohre des Malchus keinen Stein des Andenkens legen wollen, und dass er dem Mahomet, wenn dieser ihn in der Holle und Qual darum angesprochen, nicht, wie Abraham dem reichen Manne, Wasser abgeschlagen, schwerlich aber ihn S o h n genannt haben wurde. Hier rissen die Damme der Zuruckhaltung, und Commissio konnte sich, nachdem sie je langer je vertraulicher geworden war, nicht entbrechen, die Denunciation in extenso dem Pfarrer zu behandigen, der, wie die Commissarien es nicht langer verhielten, eigentlich das Ziel sey, nach welchem zu schiessen sie gekommen waren. Schon wahrend des Lesens brach der Pfarrer einen Lorbeer uber den andern, von welchen Lorbeern er seinen Beisitzer, den Heraldicus junior, durch Handedruck und Fussstosse den freundschaftlichsten Antheil nehmen liess. Beisitzer wagte es bei biesen Umstanden, einen Blick voll nach dem andern aus dieser Schrift schlau und verstohlen zu ziehen, und mit innerlichem Hohngelachter jedem Bissen, den er wahrend der Zeit ununterbrochen verschluckte, das Geleite zu geben. Es konnte nicht fehlen, dass, wenn gleich die Grosse des Ritters sonst uber den Schein der Neugierde sich hinwegzusetzen gewohnt war, die Ritterin, welche die Mutter Eva nicht ganz verlaugnen konnte, dringend das punctum juris dieser Schrift kennen wollte. "So geht es, fing der Pfarrer an, wenn man das Ganze nicht mit Rucksicht auf das Einzelne, und das Einzelne nicht mit Rucksicht auf das Ganze erwogen hat und erwagen kann, und wenn unsere Seele keine Interpunktion versteht. Setz' ich den Punkt nicht in die Mitte wie kann ich denn den Umkreis wissen? Das Gerade ist mir schief, das Schiefe gerade." Solcher gelehrten Brocken viele Korbe voll, bis denn endlich der Ritter mit Erlaubniss der Commissarien das Papier nahm, es laut las, und aus diesem hohen Commissionsberge eine lacherliche Maus nach vaterlicher Weise heraussprang. "Wenn das Herz in der Hand des Verstandes ein Wasserbach ist, den er leitet, wohin er will, fing der Pfarrer wieder an, um sich den Herren Commissarien nicht bloss im Profil, sondern en face seiner Gelehrsamkeit zu zeigen; indess liess der Ritter ihn nicht zum S o kommen. Auch er, wenn gleich die feurigen Consistorial-Pfeile i h n eigentlich nicht treffen sollten, fand sich beleidigt. Er schien sich der Punkt der Mitte". Schade um das S o , um welches der Prediger kam, er wusste nicht wie! Aus dem Simson Schulmeister ist ein blinder Spielmann der Philister geworden, sagte der Ritter, ohne zu bedenken, dass er, mir nichts dir nichts, die Commissarien zu Philistern machte. Der geistliche Commissarius wollte uber diese Kadis, wie er Schulmeister und Nachtwachter nannte, ein Auto da fe halten und von Jerusalem aus ein Brand-Decretum urbis et orbis datiren, wozu er schon trockenes Holz spaltete; indess ward der Vorfall von der edlen Ritterin fur zu gross gehalten, als dass er gestraft werden konnte. Der Ritter trat bei; Pfarrer und Heraldicus junior benutzten jede Gelegenheit, wo das Reden an sie kam, und rafften Gelehrsamkeit zusammen, um sich den Commissarien, wiewohl ohne deren Verdienst und Wurdigkeit, von der besten Seite zu zeigen, als sassen sie, um gemalt zu werden. So nahmen sie sich z.B. die Erlaubniss, zu versichern, dass es hier wie bei dem Differential-Calcul ginge, worauf Leibnitz und Newton zu gleicher Zeit gefallen waren, indem sie auf Ehre und Redlichkeit betheuern konnten, gleicher Meinung gewesen zu seyn. Ich will, wie gewohnlich, die Sache zusammenziehen. Das Blatt

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wandte

sich. Commissio fand alle Jerusalemische Einrichtungen auf dem Papiere vortrefflich. Der geistliche Consistorialrath bat insbesondere, ihn als Pilger einzuschreiben; doch hoffte er, dass ihm erlaubt werden wurde, aus seiner Zelle zuweilen in den Hof zu kommen, nicht des Herodes, sondern des Konigs David, der sich bald in den Konig Salomo verwandeln wurde. Wie die Raupe in einen Schmetterling, fugte der Saecularis hochst undedachtsam hinzu. Es lag nicht am Wollen, sondern am Konnen, sonst hatte der geistliche Consistorialis Odenlob gerauchert, denn er bis zu Consistorialrathen gediehen sind, bis auf das votum castitatis und paupertatis, weit weit katholischer als unser Ritter, so dass er von dieser ritterlichen Religion sich nur quoad thorum et mensam geschieden hatte. Gottlob! dass die grossen Herren von der protestantischen oder streitenden Kirche die Vereinigung mit der katholischen und triumphirenden nicht Consistorialrathen uberlassen! Kirche ist Kirche! und so lange wir in Samaria und Jerusalem Gott anbeten, und nicht im Geist und in der Wahrheit hangt es nicht bloss von U m s t a n d e n a b ?

Die Kunst, nach welcher man alte Gemalde von Leinwand, Kalk und Holz ohne Schaden abnimmt und sie auf Leinwand bringt, war hier nichts gegen die grosse Idee, Jerusalem auf Rosenthalschen Grund und Boden zu verlegen und dadurch den Protestanten Gelegenheit zu verschaffen, auch zu einer sinnlichen Evidenz von den Wundern der Religion zu gelangen, welche den Juden ein Aergerniss und den Griechen eine Thorheit geworden. Wenn die Jura stolae bezahlt werden, und der Geistliche das Sohnlein oder Tochterlein christlicher Eltern, fur Geld und gute Worte, noch besonders im Gebete Gott vortragt kann es dem lieben Gott nicht gleich seyn, wer tauft? Das Hauptwort bei diesem Sacrament ist Stolgebuhr, welche St. Johannes der Taufer nicht kannte.

Von ehelichen christlichen Eltern abzustammen, ist ein grosser Gewinn, obgleich auch David vom lieben Vieh zum Throne kam "und manche Kaufmannstochter, setzte der Saecularis wieder hochst undedachtsam hinzu, gnadige Frau wird." So geht es den Mutterwitzigen, wenn sie nicht Kuchenlatein verstehen! "Und warum sollte nicht ein Kirchenpatron, der die Glocken pflanzt, auch ihre Fruchte geniessen?" fragte der geistliche Consistorialrath, um die Ungezogenheit des Herrn Collegen mit dem Mantel der Glokken zu bedecken. Die Relation des Pfarrers uber die Poesie, und das Strategem, das er aus dem Liede: Erhalt' uns Herr, bei deinem Wort, genommen, um in Sr. Hochwurden der Poesie (die wirklich, meinte man, in Absicht der Prosa der geistliche Stand ware, wenn diese dagegen den Laienstand ausmachte) einen Macen zuzufuhren, ward als Proberelation zur Consistorialrathsstelle angesehen. Warum auch nicht? Die Poesie ist der Puder, den man auf schwarzes Haar streut. Sie verdient den Namen h e i l i g , wenn gleich von einem guten Gassenhauer die Rede ist, sagte Caput commissionis; doch erbat er sich aus naturlichem Hass gegen das Lesen diese Abhandlung nicht, vielmehr schien er, ohne sie gelesen zu haben, bereit, dem Verfasser die Ehre zu geben, die ihm gebuhre Desto besser! In der That war es ein Gluck, dass Consistorialis sich diesen Aufsatz nicht behandigen liess, der es sich herausgenommen hatte, uber die hohe Geistlichkeit manchen Stab zu brechen. Ohne Zweifel wurde der Prediger diesen Aufsatz der Commission so undefangen ubergeben haben, wie der Ritter diese Herren geradezu in das Sessionszimmer eintreten liess. Auch ist zwischen dem turkischen Kaiser und dem Ehren Gevatter Papst, der eben so gut bei christ-evangelisch-lutherischen Kindern, als bei papstlichen, Pathenstellen ubernehmen konnte, ein gewaltiger Unterschied. Luther selbst hatte Se. Heiligkeit oft genug ganz hoflich zu Gevattern gebeten, bis endlich, da Se. Heiligkeit durchaus nicht stehen wollten, dieser Glaubensheld Verachtung der Verachtung entgegensetzte, und, was ihm nie genug zu verdanken ist, K a t h e n heirathetel Man gratulirte dem Dr. Martin Luther allgemein, und wartete ihm mit dem Epithalam aus freier Faust auf.

Die ubrigen Klagepunkte wurden als ungeschrieben angesehen. Der Maurermeister, hiess es, hat keine Anlage zum Nikolaus Copernicus, der das Weltgebaude abzeichnete, ob er gleich fast mehr Hang zur Grillenfangerei als Copernicus besitzt.

Wenn der Schulmeister es so gemacht hatte, wie gewisse Witzlinge, die ihre Einfalle und Gedanken wie Spielmarken bloss zeigen und sie wieder einstekken, unter welche der Nachtwachter loci zu gehoren schien: habeat sibi. Wo kein Klager, da kein Richter! Es ware fur die Commissarien, die voll sussen Weins waren, das Beste gewesen, wenn sie seria in crastinum und den Schulmeister bis morgen in Ruhe gelassen hatten. Da sie aber vernahmen, dass der Maurermeister eben in loco ware, so erhob man sich nicht ohne Selbstuberwindung von der Tafel. Was man nicht alles seinem schweren Amte schuldig ist! Wie selten werden solche Schweisstropfen vom Staate erkannt und belohnt! Die Ritterin zog sich in bester Ordnung zuruck, um nicht in die H a s c h e r h a n d e der Commissarien zu fallen. Bei der Hegung des Gerichtes hatte sie um vieles nicht verfehlt, gegenwartig zu seyn. Es ward ein Gerichtszimmer eingerichtet und bloss ein schwarzes Tuch aufgelegt, um diesem Lippenvolke, wie der Ritter es nannte (Schulmeister und Compagnie), nicht mehr zu zeigen, als es zu wissen brauchte. Er strafte es damit, dass er ihm die weissen Kreuze entzog! Eine e d l e , eine wirkliche R i t terrache!

Ein Palast lasst freilich prachtiger, wenn er erleuchtet ist; doch hatte Diogenes Recht, einen Fremdling, der sich auf ein Fest so sehr putzte, zu fragen: ob denn ein Rechtschaffener nicht jeden Tag einen Festtag hatte? Wir wollen doch caput commissionis horen, da Schulmeister, Nachtwachter und Maurermeister hereintraten. (Die Ritterin, welcher die Ehre der Sitzung bewilligt war, hatte ihren P l a t z nicht weit vom Haupte der Commission genommen.) Ueberflussig ist mein Wink, dass Consistorialis durch ein frohes Mahl in Umstande versetzt war, worin er nichts vorbereiten, nichts motiviren konnte, wenn er auch gewollt hatte, indem seine Rede nicht Licht, nicht Schatten hatte, und vom Tage zur Nacht, vom Mittage zur Mitternacht, von Liebe zum Hass, von Hass nur Liebe uberging oder uberfiel.

Die Thorheit, fing er ex cathedra, wo nicht gar ex tripode an, ist ein Wurmstich; wo dieser ist, da fallt die Frucht heute oder morgen unreif ab; und wenn man sich gleich von einem bosen Weibe nach protestantischen Grundsatzen scheiden kann, so lebt man doch mit der Thorheit in einer katholischen und desto unglucklichern Ehe, weil sie unscheidbar ist. Wisst ihr denn, m e i n e g e l i e b t e n F r e u n d e i n d e m H e r r n , dass ihr E r z s c h l i n g e l seyd? Einem Johanniterordensritter gebuhrt h o c h w u r d i g und ein langer schwarzer Mantel mit einem Weissen Kreuze. Er ist ein geistlicher Ritter in und in mit, durch und durch. Ein Wegweiser ist nicht genug; es gibt Winter- und Sommerwege, Haupt- und Beiwege, Landstrassen und Richtsteige, Geleise und Fussstapfen; wer wird gleich dem ersten dem besten Stuck Holz von Wegweiser blindlings zu allen Jahrszeiten folgen? Arithmetica speciosa heisst der Gebrauch der Buchstaben zum Rechnen. D u m m k o p f e ! versteht ihr denn diess ABC und AB ab? In eurer eingegebenen Schrift ist alles verrechnet! Seht ihr darum scheel, dass der hochwurdige Herr euch den Glauben, um die Sache zu verkurzen, in die Hand geben, und dass euer Seelsorger dem Liede: E r h a l t ' u n s , H e r r , b e i d e i n e m W o r t , eine Nothtaufe angedeihen lassen, die so gultig ist als die des hochwurdigen Herrn, da sein Herr Sohn in Gefahr war als Heide und Turke in die Ewigkeit zu gehen? Da war' er so schon angekommen, wie ihr heute, ihr underufenen Todtengraber, die ihr fur andere eine Grube macht und selbst hinein fallt, wie es in dem Liede: E r halt' uns, Herr, bei deinem Wort, euch zuvor verkundigt worden ist! Die Zunge, ihr Stumper, ist mit zwei Gliedern Kriegsknechten umgeben, die auf die Wache gezogen sind, um dieser Gefangenen ja nicht zu viele Freiheiten zu gestatten. Ein Schwatzer ist ein undezahlter Judas: er verrath ohne dreissig Silberlinge; allein er kann leicht zu vierzig Schlagen weniger Eins kommen. Der Grenzstein wird nach der Schnur gelegt, ohne auf die Steine Rucksicht zu nehmen, die schon da liegen. Wie heisst das v i e r t e G e b o t und seine E r k l a r u n g ? Wenn wechselseitig Eltern, Kinder, Herrschaft und Gesinde, Obrigkeit und Untergebene ihre Pflichten erfullen, dann geht es ihnen w o h l und kein Kummer, keine Uebereilung kurzt ihnen das Leben, das ohnehin wenig und bose ist. Bei den zehn Geboten hattet ihr bleiben, nicht aber in gelehrte Materien, die heilige Taufe betreffend, euch einlassen sollen. Ich und meine Herren Collegen mussen heut zu Tage wachen und beten, dass wir nicht in Anfechtung fallen; und ihr Esel geht, ohne dazu wie unser Einer von Gott und von wegen des Consistorii verpflichtet zu seyn, auf das spiegelblanke Eis? Schickt euch in die Zeit, denn es ist bose Zeit. Habt ihr denn nicht von den Weisen aus Morgenland gelesen? da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut. Und so ist es uns beiden gegangen, da wir die Ehre hatten hier anzukommen. Der Mensch fallt ins Alltagliche, wenn er nicht festliche Tage hat, durch die er sich erhebt, und ohne Gott und gottliche Dinge wurden wir auf allen Vieren kriechen. Nur vermittelst dieser himmlischen Gegenstande sehen wir gen Himmel nach den Sternen, ohne zu straucheln oder wohl gar zu fallen. Doch kommen Menschen nur allmahlig zu reinen Ideen von Gott. Erst Anbetung korperlicher Dinge, dann die Lehren: Gott ist zu edel, um zu zurnen; er will nichts Willkurliches; er kann nicht beleidigt werden; ich darf ihm nur glauben. Nicht um Gutes zu thun, um gut zu seyn hab' ich ihn nothig, sondern zu meinem Troste zu meiner Herzstarkung, dass er meinen Zweck vollenden, ihn, aller Weltunordnung ungeachtet, so vollenden werde, dass einmal sein Reich kommen und das Gute herrschen wird. Nicht aus der Ordnung, sondern aus der Unordnung uberzeugen wir uns von Gottes Existenz und von der andern Welt. Seht! das waren die Hauptmaterien, die heute bei dem Mahl vorfielen, welches mich und meinen Herrn Confrater, wie es am Tage ist, gesattigt und getrankt hat mit Wohlgefallen! Gottlos ist oft nichts mehr, nichts weniger als gedankenlos: Gott ergeben heisst fast in allen Fallen: vernunftig. Gottlos, selbstlos, charakterlos sind fast einerlei, und nie ist g o t t l o s dem Worte f r o m m entgegen zu setzen. Ihr seyd gottlos in hohem Grade! Und diese hohe Familie ist Gott ergeben; in vieler Rucksicht konnte man sie heilig nennen. O, ihr Dummkopfe! woran stiesset ihr euch? An etwas, wovon ihre keinen Begriff hattet. Stumper! dem lieben Gott wollt ihr beim Consistorio das Wort reden! Zwischen einer schonen Gegend und einem schonen Garten ist ein Unterschied. Wenn die Natur eine schone Landschaft hinwirft und die Kunst ein schones Landschaftsgemalde entwirft, so ist es nicht eins und dasselbe. Wer aber nicht zu unterscheiden weiss, lasse sich in kein Urtheil ein, wodurch er sich an Gegend und Garten, an Landschaft und Landschaftsgemalde gleich groblich versundigt. Diese g r o b e n S u n d e r seyd ihr! Die dramatische Muse muss selbst in ihrem Auskehricht, in ihren niedrigsten Gattungen die Schilderungen von Thoren verachten, die kein Quentlein von Kraft und Starke, von Witz und Vernunft besitzen; man will nicht ekelhafte, sondern l a c h e r l i c h e Charaktere! Gottlob! dass ihr das L e t z t e , dass ihr n u r l a c h e r l i c h seyd und bloss eine Farce macht! Man sehe doch! ihr hattet auch wohl etwa Lust, auf Secunda zu kommen, wo euer geistreicher Prediger und Heraldicus junior so ruhmlich sitzen! und eure Klage sollte unfehlbar die Preisschrift seyn, um diesen Vorzug zu erhalten! I h r S c h w e i n t r e i b e r , i h r G e r g e s e n e r ! wie konnte euch ein solcher Hochmuth anwandeln, der immer vor dem Falle kommt! Der hochwurdige Herr ist kein ordinirter Geistlicher. Wahr, wer hat aber bei seinem Amte nicht einen Nebenposten, der ihn wegen seiner Amtsleiden entschadigt? Dort ist er zunftiger Meister, hier ist er Virtuose. Gab es nicht unter den Herren Ministern und selbst unter den Herren Generalen, besonders den franzosischen, grosse Theologen, grosse Baukunstler, Poeten, Mitglieder der Akademien? Und was ging es euch an, dass der Herr Baron neben Rosenthal auch Herr von Jerusalem war? Johanniterritter sind W e l t geistliche, die nicht bloss W e l t und G e i s t , sondern P o l i t i k und R e l i g i o n , h e r o i s c h e n M u t h und A n d a c h t e l e i , W a h n und e d l e F r u c h t e d e r Sittlichkeit und Selbstuberwindung wunderbarlich verbanden die sich nicht schamten, heute H e l d e n und morgen K r a n k e n w a r t e r zu seyn; und wenn gleich die n e u e r n R i t t e r diess Werk des Herrn mit mehr Gemachlichkeit treiben ist und bleibt der Orden nicht eine h o c h w u r d i g e R e l i q u i e ? Was konnen die jetzigen Ritter dafur, dass man es sich mit dem Glauben leichter macht, als ehemals? Wenn die Vernunft uber Vorurtheil siegt, ist es schon; nur bleibt zu wunschen, dass es nicht auf Kosten der Unschuld und der Tugend geschehe. Habt ihr den Orden des hochwurdigen Herrn je aus diesem Gesichtspunkt genommen? Und wie untersteht ihr euch im Namen der Gemeinde oder des Volks aufzutreten? Ich weiss wohl, das Volk hat sein eigenthumliches Recht; aber das Volk heisst nicht der Kuster, Nachtwachter und Maurer im Dorfe; vielmehr ist die g a n z e G e m e i n d e wider euch. Volksstimme Gottesstimme! Schamt euch, dass ihr solche elende Kruppel von Kindern, wie eure Aufsatze sind, aussetzt, um das Consistorium zum Mitleiden zu erwecken! Als ob bei dem Consistorio Mitleiden zu Hause ware! Die Enbabsicht des Stifters der christlichen Religion war, die entschlummerte Urkraft unseres Geistes zu wecken und was aufzuregen? seine Freiheit! Die christliche Lehre grundet sich auf die Gottlichkeit im Menschen, auf seinen intelligibeln Charakter; sie enthalt eine Religion der Geister. Liebe Gott heisst: achte das Gesetz der Geisterwelt, in soweit du Gutes freiwillig thust, ohne Hin- und Rucksicht, war' es auch auf die kunftige Welt. Liebe deinen Nachsten als dich selbst: liebe in dir nur den Menschen und liebe alle Menschen aus diesem Grunde liebe nur die Menschheit. Protestantismus ist das System einer vernunftigen Freiheit in Glaubenssachen. Universalmedicin taugt fur niemand, da sie fur jedermann ist, und ich bin fur keinen Purismus weder in Sachen noch Worten, weder im Essen noch Trinken. Paulus und Petrus, selbst der Lehrer dieser Lehrer, wurden vor manchem Consistorio nicht bestehen in der Wahrheit; vor dem unsrigen gewiss. Was meinen der Herr College? Ueber die Frage: ob ein bekannter Geizhals in den Gotteskasten einer menschenfreundlichen Collekte ein Scherflein gelegt hatte, sagte einer: ich hab' es nicht gesehen und glaub' es; ein anderer: ich hab' es gesehen und glaub' es doch nicht. Da seht ihr wie es mit dem Glauben geht! Und der Name was thut denn der zur Sache? Die Bulle in coena Domini und die goldene B u l l e sind eurer Meinung nach wohl ein paar Schwestern? Wahrlich auf den Namen kommt es nur bei Schafskopfen an; doch wenn man euer Machwerk, euern Wuthanfall, eure Klage mit dem eigentlichen Namen belegen sollte wie wurdet ihr bestehen? Sagt, warum dampftet ihr nicht eure Instrumente? warum suchtet ihr nicht vermittelst eines sanften Oels ein stumpfes Scheermesser zu scharfen? Wehe dem, dessen Gebet ein Fluch ist, der Gott bittet, seinen Zorn uber seinen Feind auszuschutten und Feuer und Schwefel uber die regnen zu lassen, die ihm angeblich ubel wollen! wohl recht, angeblich! Kein Wort in der Welt wird so gemissbraucht, wie das theure, werthe Wort: K a t h o l i s c h von den romischen und andern Christen, und ihr seyd nicht werth, dass ich es euch erklare! Seyd ihr Schaker denn vom bilderreichen oder ernsthaft grundlichen Vortrage geruhrt? war es nicht rathsamer, euch durch sichtbare Sinnlichkeit zu erschuttern? Bildet erst euer Auge, ehe ihr an das Ohr denkt, um von ihm zu Herz und Verstand zu gelangen! Habt ihr Pisang, Paradiesfeigen, Ananas, Datteln, Pfirsiche, Aprikosen und andere dergleichen Lekkerbissen gekostet? Versteht ihr die hohe Andacht, die Stillschweigen bewirkt, die sich furchtet, auch mit einem Seufzer den zu storen, der sie erregt? Ihr Vivathoch- und Pereat-tief-Rufer! Ein Ochse kennt seinen Herrn, ein Esel kennt die Krippe seines Herrn; und ihr! seyd ihr nicht fast weniger als sie? Schamt euch! Den Meinungen ruhiger Denker begegne man durch Untersuchungen und sehe mehr auf ihre Lebenspflichten als auf ihre Glaubenslehren! Kann man nicht durch Erziehungsregeln, wenn sie den rechten Weg verfehlen, ungezogen werden und durch argwohnische Altklugheit zum Kinderspott? Eifer und Einsicht sind selten gute Freunde, und der Neid liegt immerwahrend an der Gelbsucht schwach und krank danieder. Behutsamkeit im Urtheil kleidet jedermann, besonders den Untergebenen, der selbst in wunderliche Herren sich schicken lernen muss. Ihr hattet einen ausserst gutigen Herrn, und ich wusste nicht ein Haus im Lande, wo fur beide Facultaten der Seele, die untere und die obere, so gesorgt ware wie hier. Die Vernunft hat sich hier in Empfindung gekleidet, leicht und schon! Ein frischer Hauch der edelsten Empfindung geht in Rosenthal durch alles, was man sieht und hort. Wenn ihr euch gewohnt hattet, uberall etwas Gutes zu sehen und zu horen, wurdet ihr es nicht auch hier gesehen und gehort haben hundertfaltig?

Hier griff der Unlateiner ein und bat, die Edelsteine von Gedanken (die so ordentlich wie ein Traum eines Kranken waren) liegen zu lassen und deutsch mit diesem Triumvirat zu sprechen. Hierauf nahm Caput commissionis sich zusammen und schritt zum Grundstein. Das Konsistorium, versicherte er, konne zwar kein Blut sehen und woll' es auch nicht; doch hatte es andere Mittel und Wege, den Menschen ans Herz zu treten: F a s t e n u n d b e t e n ; und so sollten sie denn bei Wasser und Brod im Ehebrecherpranger unweit der Kirche drei Wochen stehen, der Gemeinde von der Kanzel als Aufruhrer zu drei verschiedenen Malen vorgestellt und die heilige Communion ihnen ein Jahr lang rechtskraftig entzogen werden. Indess ware es Christenpflicht, fur sie in jedem Monat des Excommunicationsjahres namentlich und offentlich zu beten. Diese schreckliche Drohung brachte naturlich alle drei dahin, dass sie zu Kreuze krochen und auf Knien um Gnade flehten. Der Nachtwachter wollte sich weiss brennen; indess da er sah, dass Consistorialrecht fur Gnade erging, so war er klug genug, es mit der Frau Schulmeisterin nicht zu verderben. Die Ritterin, welche die Seelenangst der Excommunicirten nicht ansehen konnte, eignete sich das Begnadigungsrecht zu, und so ward durch ihre Vermittelung die Sache durch Abbitte beigelegt.

Ich will abbrechen. Diess par nobile fratrum liess es sich noch drei Tage in Jerusalem bene seyn, wie es im Consistorialstyl hiess, ohne sich weiter um diese Sache zu bemuhen. Nicht nur der geistliche, sondern auch der weltliche Consistorialrath hatte sich ebenso gut wie Pastor und Heraldicus junior in die Rosenthalsche Weise einstudirt. Uns, die wir nicht an diesem Commissionsgeschafte Theil haben, wird es indess nicht gleichgultig seyn zu wissen, dass der Maurermeister nach einiger Zeit wegen Schwermuth in dem Irrenhause untergebracht werden musste, welches er aber fur das Haus des Pontius Pilatus ansah, so dass er caeteris paribus dem Ritter in der Schwarmerei sich naherte. Der Schulmeister, dem die Prostitution die Seele durchbohrt hatte, folgte in kurzem dem Heraldicus senior und starb am Rosenthalschen Jerusalem. Der Nachtwachter heirathete die Schulmeisterin und war am unglucklichsten, da ihm der neue Schulmeister dieselbe Ehre erwies, die er seinem Ehevorganger nach allen Kraften erzeigt hatte. Er besass nicht wie sein Ehevorfahr ein Traumstubchen; denn er wusste wohl, dass er ehemals mit der Frau Schulmeisterin bei seinen Besuchen kein V a t e r U n s e r gebetet hatte.

Der Ritter befahl, den Commissarien zur Probe ein C e r t i f i c a t sonder Arglist und Gefahrde auszufertigen, und das grosse Siegel daran zu hangen, wodurch zu erweisen ware, dass sie in Jerusalem gewesen; indess wusste der politische Pfarrer es krebsgangig zu machen, so dass diese lettres patentes in ihrer Geburt erstickten.

Anytus und Melitus, sagte Sokrates, konnen mich zwar todten, allein schaden konnen sie mir nicht; und der Pfarrer gewann durch diesen Vorfall, der mit einer Lahmung anfing. Heraldicus junior, in der Voraussetzung, dass er uber kurz oder lang sich zum examine rigoroso vor dem Consistorium zu stellen verpflichtet seyn wurde, wunschte umgekehrt, was man sich in Rucksicht der Aerzte zu wunschen pflegt. Man besucht den Hippokrates gern; nur sieht man es ungern, wenn Hippokrates zu uns kommt. Und wer, als ein Consistorialrath, sollte wohl bei der heiligen Nothtaufe auf d i e g o l d e n e B u l l e und d i e B u l l e in coena domini fallen?

Damit indess niemand wahne, dass ich uber den aufsteigenden Vater den absteigenden

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Sohn

aus dem Gesichte verloren habe, so will ich den Inhalt eines Gespraches mittheilen, welches mein Held und Heraldicus junior, der Held des Junkers, mit einander hielten. Den Dialog wird man mir hoffentlich gern schenken. Die Geburt sollte von nichts ausschliessen, was die Menschen unter sich als Vorzug und Ehre angenommen haben, obgleich heutzutage niemand ein blosses Kind der Natur, sondern jeder auch ein Kind des Staates ist. Entweder musste Verstand oder Tugend, oder beides in der Welt personliche Vorrechte beilegen; oder es mussten alle Vorrechte vom Erdboden vertilgt werden. Durch Vorzuge, welche ich durch die Geburt erhalte, lebe nicht ich, sondern mein Vater, meine Mutter lebt in mir. Realitaten werden uns freilich durch die Staatsklassen nicht entzogen: Sonne, Mond und Sterne, Fische im Meer, Vogel in der Luft machen unter adlich und unadlich keinen Unterschied; die Fliege setzt sich so gut auf edle, der vernunftige Mann nicht auch ohne Band und Stern uberall der erste, wann und wo er es seyn will? Nur selten wird er es wollen. Die Imagination ist die Schutzpatronin der Stande; sie macht, sie erhalt sie. Beim personlichen Adel, den auch der Bettler in seiner Gewalt hat, findet sie weniger ihre Rechnung; sie adelt erblich, wenn gleich Absalon, der Sohn des Mannes nach dem Herzen Gottes, an einer Eiche hangen blieb, und die Kinder edler Leute selten gerathen; wenn gleich die Kinder der Reichen nicht besser einschlagen, und nicht selten an Eichen hangen bleiben. Ein edler, personlich geadelter Mann wird er bloss dem Allgemeinen dienen, und sich selbst uber das Allgemeine vergessen? Jeder ist sich selbst der Nachste, und ausser ihm selbst sind es seine Kinder und seine Verwandten. Der Papst, der von Gott und Rechtswegen nicht Kinder haben kann, hat Nepoten. Der Beruf des Menschen zum Reichthum ist so naturlich, dass schon mehr Kraft in den Lenden, in Armen und Beinen den reichen Mann macht. Die Kraft in Verstand und Willen (diesen Lenden, Armen und Beinen der Seele) thut es dessgleichen. Durch geistige und leibliche Krafte werden Geld und Gut bewirkt, und so entsteht der Erbadel, man weiss nicht wie. D a s A k k e r g e s e t z und die A u f h e b u n g d e r I n t e stat- und Testamentserbschaft wurde sie nicht den schonen Zusammenhang der Privat- und offentlichen Tugenden storen und alles schwachen, was Menschen edel und gut, oder nur leidlich und ertraglich zu machen im Stande ist? Auf redlich selbst erworbenes Eigenthum hat der Staat, wenn er gerecht seyn will und wehe ihm, wenn er es nicht ist! keinen Anspruch. So lange der Reichgewordene lebt? Auch nach seinem Tode; wem kommt es wohl naturlicher zu, als seinen Kindern? und wieviel Triebfedern wurden wir lahmen, falls der Staat hier als Universalerbe eintreten wollte, und wenn die Rechte uber Eigenthum geschmalert wurden! Freiheit ohne Eigenthum ist tonend Erz und klingende Schelle. In Barbarei wurden wir sinken, ohne dass je Hoffnung ware, die Menschen noch so weit zu bringen, als sie schon gebracht sind, falls Eigenthum seinen Werth, den man Kraft und Starke nennen kann, verlore. Ist der Erbabel ein Uebel, so ist er fast ein nothwendiges. Der erste ist nicht immer der beste. Doch wurde er es in der Regel seyn, wenn man aufhorte, Adelsbriefe feil zu halten. Sich den Adel k a u f e n , ist fast eben so viel, als wenn man einen Unschuldigen hangen oder ins Zuchthaus setzen wollte. Wie denn das? Adel ist die einzige Belohnung, die der Staat hat, soll er denn n u r strafen? Ei! Aemter und Wurden? Sind das Belohnungen? Man geht beim Amte so in die Lehre, wie bei einem Handwerk, wird so examinirt, macht so ein Meisterstuck, wie beim Handwerk; kurz es ist eben so, wie beim M e i s t e r und B u r g e r : man lernt im Amte dem Amte gewachsen seyn. Wen wurdest du in Nordamerika aufsuchen? Franklin und Washington? Und wenn der letztere, so wie der erstere, nicht mehr im Lande der Lebendigen ist, wirst du nicht nach ihren Kindern fragen? werden dich nicht schon die Namen W a s h i n g t o n und F r a n k l i n interessiren? Schon der Vorname deiner Geliebten, deines Weibes, deiner Schwester hat eine magnetische Kraft. Ein grosses Vorbild fordert zu ahnlicher Grosse auf. Wie die Alten sungen, versuchen es die Jungen. Und wenn Verstand und Tugend personlich adeln wer sollen die Herren im Obervernunfts- und Tugendcollegio seyn, die das personliche Adelsdiplom ertheilen? Wissen wir denn nichts wie es in Wahlkonigreichen, wie es mit Papstwahlen, mit Parlamentswahlen und mit allen Wahlen geht? Wird das Geld nicht in seine jetzigen Rechte treten, und wo nicht mehr, doch eben so stark tyrannisiren, wie jetzt? Alles abgewogen, ist es so besser als anders; Realadel besser, als bei seiner Aufhebung bloss Personaladel. Um den erblichen Edelmann zum personlichen zu machen, thut man wohl und weise, ihm die Pflicht aufzulegen, Ritter zu werden. Ritterschaft ist Spornschaft. Das Johanniterkreuz war z.B. ein Sporn, ohne den wir unseres Orts kein Jerusalem hatten in Rosenthal, und kein Haus des Pilatus, und keines des alten ehrlichen Simeons, der in Frieden fuhr. Hinter den Vorhangen der Freimaurerei herrschen diese Grundsatze, oder es trugt mich alles. Dort kann doch auch ein ehrlicher Mann ein Kreuz tragen, er habe gleich die Tochter eines Kaufmanns zur Mutter, oder einen Ordensschneider zum Vater. Monarchen konnen, nach dem braven Ausdruck jenes Konigs, zwar hundert und mehr Edelleute in e i n e m Tage, aber nicht einen einzigen edlen Mann machen. Wahr! Alles, was wahrhaft gross ist, macht sich selbst. Auch wahr! Die Antwort des Iphikrates: mein Geschlecht fangt mit mir an, das deinige wird mit dir aufhoren nicht minder wahr, und unfehlbar das letzte Wort, das ihm sein Gegner liess. Empfangniss und Geburt sind so etwas Thierisches und Gemeines, dass man sich schamen sollte, daraus einen Vorzug abzuleiten. So wahr, wie alles vorige. Wenn aber der Wohlgeborne diesen zufalligen Vorzug nur benutzt, seinen personlichen Adel zu e r l e i c h t e r n und ihn zu v e r e w i g e n ? wenn er ihn als eine erwunschte Gelegenheit schatzt, seine ABCe zweckmassig zu erziehen; wenn er durch Lehre und Wandel sie die Resultate mit Handen greifen lasst, dass ohne personlichen Adel der Geschlechtsadel nichts mehr und nichts weniger als ein Geburtsbrief gelte? Kann durch eine Einrichtung dieser Art, die freilich, so wie alles in der Welt, gemissbraucht ward, das menschliche Geschlecht, auf welches doch Gott und alle braven Leute anlegen, sich nicht seinem Ziele nahern? Ehrwurdiger Orden der Freimaurer! wenn dein geheimer Gang diese olympischen Bahnen bricht, wenn er die Menschen sich unter einander gleich an moralischer Gute zu machen beabsichtigt, und sie mit hoher Weisheit der Welt und ihrem Gerausch in eben dem Masse entzieht, wie er die Menschen in sich selbst zu verschliessen verbietet, als wodurch sie den Kranken gleich werden, die sich der freien Luft entwohnen!

Zwar tragen die Freimaurer ihr Kreuz unter der Weste. Am Ende einerlei, ob unter oder uber der Weste; die Hauptsache ist das Kreuz. Geht der Stern gleich in der L o g e auf, und scheint er hier bloss in einem verborgenen Orte war nicht die Tageszeit der Johannitervorlesung die Dammerung? Wenn in den Logen Auserwahlte sind, so wiegen von diesen 5, 7 und 9 mehr, als in der profanen Welt so viele Tausend. Vielleicht sind die Maurer der Phalanx des menschlichen Geschlechts die Garde der Menschheit. Heil mir! Plato ward vom Dionysius verworfen, allein von den Gottern an Kindesstatt angenommen. Es gibt in der Maurerei nicht Prabenden! Bedarf ich ihrer? Und wer weiss, ob es ihrer nicht gibt! Prabenden, die unsichtbar, Geistesehrenzeichen, die unsterblich sind. Ist denn unser Jerusalem mehr als ein Wie Jerusalem stell' ich mir die Menschenwelt genug! ich sehe, ohne zu sehen, ich hore, ohne zu horen. Es gibt einen Tempel, der nicht mit Handen gemacht ist: eine geistliche Kirche, einen Himmel auf Erden, Worte, die unaussprechlich sind. Maurerei! ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!

Da sehen doch meine Leser, ob ich meinen Helden, seitdem ich kein Examen mit ihm veranstalten lassen, verwahrlost habe. Kreuzlahm, sagte Heraldicus junior zu einer gewissen Zeit; allein ich wette, dass nachher der Lehrer zuweilen an Kreuzschmerzen schwach und krank darnieder gelegen, und sich, wenn man will, auch wieder gebessert habe.

Doch begehre ich hiermit nicht zu laugnen, dass Vater und Mutter jenen Lampenschein des heiligen Grabes auf meinen Helden geworfen, den Pastor loci noch begieriger aufgefasst hatte. So kann auch A B C eine gewisse Extractsucht und Gemachlichkeit nicht von sich ablehnen, die man nur regierenden Herren zugestehen sollte, wenn gleich auch hohe Staats-Officianten sich diese Privilegien je langer je mehr zueignen. Um den Montblanc der Wissenschaft zu ersteigen, gebrach es unserem Helden an Lust und Liebe. Der Gastvetter nannte es gelegentlich: S e e l e n l u n g e . Die obern Seelenkrafte blieben zwar nicht uncultivirt; doch sollte diese Cultur ihn nicht zu stark angreifen, und er sehnte sich, in der Dammerung dunkler Gefuhle von jener Tageslast und Hitze auszuruhen. Der Orbis pictus nennt den Physikus: N a t u r f o r s c h e r ; den Metaphysicus: U e b e r f o r s c h e r . Unserem Helden war alles Ueber, was er nicht leicht fassen konnte. Auch war er d e r Art von Pietisterei nicht abgeneigt, vermittelst deren man das sieht, was Philosophen nicht ohne Muhe glauben; er war ein aufmerksamer Horer, wenn Pastor loci behauptete: der Mensch konne einen genauen Umgang mit Gott haben und ihn in Gedanken und fast in Sinnen sich vergegenwartigen, im Gebet ihm beinahe die Hand reichen und das Herz abgeben. Heraldicus junior philosophirte freilich dagegen, doch so, dass er das philosophische Deckmantelchen nach dem Winde hangte. Warum sollt' ich meinem Helden indess nicht volle Gerechtigkeit erweisen? Ich will es. Der Mensch ist sich ein Rathsel; unser A B C wollt' es losen. Losen? Wie ich sage: losen; und wer will es nicht? Auch der, welcher vollkommen uberzeugt ist, er konne es nicht, wird es wollen, und wenn er es nicht will, ist er entweder ein stolzer Thor oder ein Kaltblutiger. Der Wunsch ist verzeihlich; auf la maniere avec laquelle kommt es an. Mehr von meinem Helden zu verrathen, hiesse sich ubereilen. Er war jung, und hatte sich nicht durch Ausschweifungen geschwacht, um Wunderessenzen zu bedurfen; er war reich, und also nicht in der Verlegenheit, auf den S t e i n d e r T h o r e n auszugehen. Auch schien Ehrgeiz sein Fehler nicht zu seyn, um sich durch Ordenswege ein Amt zu erschleichen. Doch wer kann fur ihn stehen! Ich nicht.

Der Ritter merkte ubrigens oft die Kampfe auf Tod und Leben, die in seinem Sohne vorgingen; indess war er sehr weit davon entfernt, gegen dessen Phantasie das Schwert der Vernunft in Anwendung zu bringen, Licht in diese Wuste zu tragen, Bilder, die ihm vorgaukelten, in die Flucht zu treiben und ihren Reiz auch nur zu ermassigen; vielmehr trat er mit diesen moralischen Turken in einen Bund, goss Oel ins Feuer, und glaubte, wie wir wissen, gegen seinen Sohn nicht vaterlicher handeln zu konnen, als wenn er das heilige Feuer seiner Phantasie ohne Unterlass unterhielte und ihm Nahrung gabe. Sie ausserte sich bei unserem Helden auf mehr als e i n e Weise. Die Gestalten des Proteus sind eine Kleinigkeit gegen die Garderobe der Einbildungskraft. Muntere Pferde schnauben im Schlafe, schwitzen aus Kraftanstrengung, geben sich selbst den Sporn und setzen das olympische Rennen fort, das sie im Wachen anfingen; sind ihre Reiter nicht mehr als sie? Im Wachen und Schlafen, im Singen und Beten, im Essen und Trinken, im Lachen und Weinen g i n g unser Held nicht, er l i e f . Dass ich seinem olympischen Beispiele nicht nachjage und ihn laufen lasse, ohne ihm nachzulaufen, bedarf meiner Versicherung nicht; doch hoff' ich mit ihm zum Ende zu kommen. Im vaterlichen Hause herrschte eine Gastfreiheit, die edel war. Man sandte nicht an die Strassen und Zaune, und nothigte nicht, ohne und mit hochzeitlichen Kleidern der Denk- und Handlungsart hereinzukommen; doch war das Haus des Ritters jedermann offen der Tisch so eingerichtet, dass nicht bloss Pilger, sondern auch Menschen von von allerlei Leckerzungen und allerlei Gaben des Ausdrucks oder Sprachen, wie der Ritter diese Spruchstelle zuweilen deutete, Dach und Fach, Tisch und Bett fanden, und mit herzlichen Benedicite und Gratias kamen und gingen. Selbst die Nachbarschaft wartete nicht immer auf Einladungen; vielmehr uberliess sie sich oft der undeschreiblichen Wollust des Ungefahrs, die so viele Wunder thut an uns und allen Enden.

Ein Ungefahrbesuch dieser Art, veranlasst durch ein Fraulein das, wie es hiess, aus fremden, weiten Landern zum Nachbar gekommen war, blieb unserm Helden nicht

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gleichgultig.

Ist der Trunk eine kurze Wuth, so ist die Schonheit, nach dem Ausspruche des weisen Sokrates, eine kurze Tyrannei die tiefste und hochste Vernunft kann sich nicht halten; Schonheit erobert d i e s e Festung. Unser Held, der jetzt einundzwanzig Jahr alt war, hatte sich noch nicht Zeit genommen, zu lieben. Ueberall, sagte Heraldicus junior, hatte er sich Flugel der Einbildungskraft angelegt; nur hier nicht. Nie hatte ein Stuck aus der gewiss nicht kleinen Bildergallerie, die in Rosenthal so oft gastfreundlich aufgestellt war, ihn langer geruhrt, als sie da zu Markte stand. Vielleicht war die Ursache in der Zudringlichkeit zu suchen, mit der diese Schonen ihn durch ihre Augen fahen wollten. Jetzt war es mit ihm geschehen. Sie kam, sah und siegte. Wer denn? Wenn ich es selbst nur wusste! Es war gewiss seine erste Liebe. Seine Herz schien ihm den Schwur abzunehmen: auch die letzte. Ihre Bildung, ihr Wuchs, ihr Verstand, ihr Herz! Keine genauere Beschreibung! jede ware ein Verlust fur sie. Sie wurde das Madchen vielleicht zum allerliebsten, zum schonsten Madchen machen; doch war sie meinem Helden eine Gottheit. Genug, es hoch anrechne er war so ganz Adam. Mit einer Herzlichkeit und Offenheit, wovon man seit dem v e r l o r n e n P a r a d i e s e , nicht dem M i l t o n s c h e n , sondern dem wirklichen, kaum ein Beispiel hatte, nahte er sich ihr, und sie erwiederte sein Ave Maria nicht mit einem feinen Amen, das heisst: Ja, ja, es soll also geschehen, sondern mit einem bescheidenen Willkommen! Wahre Schonheiten zieren sich nicht, so wie grosse Menschen nicht stolz sind. Ihr keuscher Busen bedurfte nicht der Gardine ihres fliegenden Haares; die Unschuld schlug laut in ihm. Hohe Schonheit, hohe Tugend, hoher Verstand wo diese drei Eins sind, da braucht es keiner elenden Schildwache von Ziererei! Unter dem Schutze der Unschuld und der allgemeinen Sitten ist ein Madchen am sichersten. Die Grazien verstatten keine ungezogene Zudringlichkeit. Der Ritter fand in den herrlichsten Stellen auf dem Angesichte dieses erschienenen Engels, und besonders in d e r rings um den Mund, eine grosse Aehnlichkeit mit seinem vortrefflichen Weibe; und gewiss sind alle Grazien einander ahnlich. Die Ritterin verehrte diesen Engel dieser Aehnlichkeit halber; und der Ritter wusste nicht, wie er seine Mutze kehren und wenden sollte, bis er sie endlich, trotz der Furcht vor Kopfflussen, vollig ablegte. Es war eingelenkt, dass unser Held bei seiner Heldin sitzen sollte. Man wollte zu Tische gehen, und siehe da! die

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die Leidenschaft

eckig, d e m ist die Stirn, und d e m das Auge, d e m die Hand, und d e m der Fuss der Sitz der Schonheit. Und woher aller dieser Unterschied? Weil die Schonheit ihren Sitz in der Seele hat, und weil nun diese sich bald hier, bald da durch den Korper spiegelt. Die Seele, die den Fuss zum Spiegel erwahlte, hat meinen Beifall nicht; wenn sie den ganzen Korper bewohnt, o! dann ist es lieblich anzuschauen. Ein solcher Mensch scheint ein Engel. Wer Leib und Seele trennt, der todtet. Wenn du liebst vergiss nicht, dass der Mensch aus zwei Theilen besteht, und dass, wenn diese nicht gepaart sind, alles andere Paaren nicht viel vermag. So wie die Ehen zwischen Seele und Korper der Liebenden geknupft, und, wie es heisst, nicht bloss auf Erden, sondern auch im Himmel (oder dem Geistersitze) geschlossen werden, so ist die geistliche ohne die leibliche Eheverbindung, und diese ohne jene, nicht zureichend. Der Mensch ist ein Engel und ein Thier; Seele und Leib sind seine Bestandtheile.

Diese pathetische Rede beantwortete unser Held mit einem Seufzer und mit der Bitte, die Gastfreiheit des nachbarlichen Hauses stehenden Fusses auf die Probe setzen zu durfen. Noch nie war dem ganzen Hause ein Besuch so langweilig und lastig geworden, wie der von den ubrigen Gasten, die es verhinderten, dass der folgende Paragraph

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nicht

zeitiger vorfallen konnte. Drei Tage und drei Nachte blieb er ungeboren und rang und sehnte sich, das Licht der Welt zu sehen. Vater, Mutter und Sohn wurden in Einer Minute entbunden, und nun machten sich alle drei die bittersten Vorwurfe, warum man sich nicht zeitiger nach dem Befinden der krank gewordenen Nachbarin erkundigt hatte! "Die ungezogenen Gaste!" sagten alle drei, ohne dass einer dem andern sein ganzes Herz ausschuttete, obgleich alle drei wussten, was im inwendigen Menschen vorging. Die ungezogenen Gaste! Nicht doch, liebes Dreiblatt! die ziehende Liebe ist Schuld an allem. Die

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Reise

unsres Helden war mehr ein Flug, als ein Ritt. Keine einzige von allen Bedenklichkeiten erhielt Audienz. Aber? Kein Aber! und wenn? Kein Wenn! Das Ross schien den Ritter zu verstehen: es war, als zog' es auch nach Liebe aus und eh' es sich beide Sprung ins Haus des Nachbars waren Eins. Die Genesene empfing unsern Helden, und er vergass zu fragen, wie sie sich befande, und zu versichern, dass er bloss dieser Frage halben den Ritt unternommen hatte. Sein Spaherblick flog umher. Fraulein A m a l i a , die alteste Tochter des Nachbars und der Nachbarin, die es auf unsern Helden angelegt, und gegen die er noch am wenigsten seine Kalte geaussert hatte, kam ihm in den Wurf. Suchst du mich? sprach ihr freundlicher Blick; der seinige antwortete laut und deutlich: mit nichten. Fraulein B a r b c h e n s Auge sprach: Herr, bin ichs? das seinige: ist das eine Frage? Da g r i f f Fraulein C a c i l i a mit der A u g e n f r a g e e i n : etwa ich? Gott behute! erwiederte sein Blick. Wenn mehr als dieses A B C und bis X Y Z unserm Alphabethelden entgegen gekommen waren; so wurde auf ein sanftes Ich? ein ungestumes: N e i n ! die Antwort gewesen seyn. Die kluge Mutter hatte es bis jetzt sich selbst verborgen, dass die Erschienene unserm Helden nicht ubel gefallen. So krank sie war? Allerdings! So etwas beobachten die Weiber im Sterben. War es vielleicht eine Schulkrankheit, um unsern Helden Fraulein Amalien zu sichern? Nein; sie war wirklich sterbenskrank. Jetzt gab ihr das Augenstreben ihres vermeintlichen kunftigen Schwiegersohns eine Gelegenheit zum Scherz. Zum Scherz? Die Liebe pflegt nicht Scherz zu verstehen. Spass nicht; Scherz wohl je nachdem er fallt; oder besser, je nachdem er angelegt und angebracht wird. Angelegt? Freilich gibt es Falle, wo gegen Verliebte Scherz a n g e l e g t werden kann. Wer bestellt den Gruss von der E r s c h i e n e n e n ? fing sie an. Weder A, noch B, noch C bewegte die Lippe. Man verneigte sich, als der Sucher heftiger vordrang: "Ist sie nicht mehr?" Sie ist noch, erwiederte die Nachbarin; nur. nicht h i e r ; sie ist auf ihrer Ruckreise! Und nun fing die Nachbarin den Roman an, den ich indess nach den Regeln der Kunst noch nicht erzahlen kann. Unserm Helden fiel der Muth so sehr, dass, nachdem er (wiewohl etwas spat) vom Befinden der Frau Nachbarin Erkundigung eingezogen, heimkehren wollte. Warum nicht gar! Er musste bleiben Er schutzte Undasslichkeit vor: eine Entschuldigung, die immer bei der Hand ist; und in Wahrheit, unser Held befand sich nicht wohl. Er musste bleiben. Er versprach in kurzem wieder zu kommen. Er musste bleiben. Das nachbarliche Haus beschloss, der Gastfreiheit zu Ehren, dem Gaste mit den A B C-Fraulein das Geleite zu geben, und in Rosenthal die jungst abgebrochenen Tage reichlich einzuholen. Er musste bleiben, und blieb am Ende gern, da es das einzige Mittel war, noch mehr von der Erschienenen zu erfahren. Noch mehr? Wusste er nicht schon genug? oder war es nicht hinlanglich, dass die Erschienene eine Schwester einer Maurer-Adoptionsloge war und, ob sie gleich uber diese Geheimnisse ein pythagorisches Stillschweigen behauptet, doch einen Orden im nachbarlichen Hause zuruckgelassen hatte? Einen Orden? Allerdings einen Orden. Fraulein Amalia und ihre Mutter kannten sicher unsern Helden von dieser Seite nicht. Sie machten einen ganz falschen Angriff. Schade! oder nicht Schade! Doch wie? soll ich mein Buch etwa schon mit . 62 schliessen? Unser Held brannte, wenn gleich die gute Dame ihm durch diese Schwesterschaft Amalien sicherer zuzufuhren dachte. Adoptionsloge war ihm Funke zum Pulver. Der guten Dame ging es nicht viel besser, als jenem franzosischen General im weltbekannten s i e b e n j a h r i g e n Kriege, der recognosciren ritt und einen Transport mit Proviant fur einen feindlichen Haufen hielt. Der Held hatte vierbis funftausend Portionen Brod bei einem Haare getodtet, so dass nicht eine einzige mit dem Leben davon gekommen ware, wenn nicht der Lieferant und die hungrigen Magen seines Corps Gnade fur diese Feinde gebeten, und sie durch Capitulation mit dem Speisemeister erlangt hatten. Was mehr war, als ich meinem Helden zutraute, war die Kunst, den Brand zu verstecken. Es brannte bei ihm innerlich. Die Fraulein A B C Ordensschwestern! Oel ins Feuer, das aber bloss fur die Erschienene brannte. Hier und da flog ein Funke zum Dach hinaus, den die Fraulein A B C auffingen, als kame er ihnen zu! Es war der O r d e n d e r V e r s c h w i e g e n h e i t , den die Erschienene als einen Segen zuruckgelassen hatte! Amalia glaubte, sich wenigstens in den vorigen Stand bei unserm Helden zu setzen, wenn er je eher, je lieber ihr Bruder wurde. Dergleichen platonische Liebe pflegt bald sich auch auf die Sinne zu ergiessen, dachte die Mutter und billigte die Schnelligkeit bei der Aufnahme. Vom verschwiegenen Bruder zum Liebhaber, ein kleiner Schritt! Wir wollen sehen! Unser Held ward in den

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Orden der Verschwiegenheit

in Rosenthal aufgenommen. So sehr auch dieser Orden in seinen Augen durch den Umstand verlor, dass die Erschienene nicht selbst die Grossmeisterin machte, so genugte ihm doch die Idee: es kam von ihr! Ein Orden! Ob es der Muhe lohnen wird, dass wir der Aufnahme unseres Helden (Mutter und Vater waren schon ohne formliche Aufnahme in der Stille eingeweiht worden) als Gaste beiwohnen? Der Junker ward zuerst in ein herrlich erleuchtetes Zimmer gefuhrt, und drei Viertelstunden allein gelassen. Jetzt genden Haaren, Ordensband und Stern und einer grossen Serviette, die vorgesteckt war wie eine Schurze, mit der Frage herein: Wer ist da? Ich, erwiederte der Held zu seinem Ungluck. In diesem vorschnellen Ich, versetzte die weisse Dame, liegt mehr, als Sie denken: Ihre Unwurde zum Orden liegt darin. Wer ruckt mit seinem I c h so zeitig heraus? Wer macht sich eher bekannt, als er d i e kennen gelernt hat, die ihn umgeben? ich will nicht sagen: fahen wollen; und doch ist diess der Welt Lauf. Wer seinem Ich ausweicht, ohne es hoher anzuschlagen, als im Marktpreise, befleissigt sich der Weisheit, und verdient den Namen eines Weisen, ist es in der That, wenn andere bloss so heissen. Entging Sokrates dem Giftbecher? und hat der Neid nicht Giftbecher verschiedener Art, womit er die Weisen, ach! und auch ihre Plane, hinrichtet, wenn sie mit ihrem Zweck und den Mitteln, diesen zu erreichen, undehutsam umgehen? Die Schuler u n s e r e s S c h u t z h e i l i g e n mussten drei Jahre schweigen lernen, ehe sie sprachen. Wohlan! nehmen Sie sich diese Zeit und diesen Raum zur Busse, um Ihr Ich zu kreuzigen sammt den Lusten und Begierden!

Unser Held war von dieser Rede ausserst durchdrungen. Es schien ihm ein Extemporalstuck zu seyn, indem er sehr leicht dem Ich hatte ausweichen konnen; und eben weil es ein Extemporalstuck war, ruhrte es ihn desto mehr. Da er indess nicht Lust hatte, noch drei Jahre zu warten, so bat er die abgeordnete Pythagoraerin, ihm sein Ich, das selbst vermessener schiene, als es ware, zu verzeihen. Sie versprach, ihm Aussohnung bei ihrem Schutzheiligen auszuwirken wenn er ihr gelobte (hier glaubt man wohl, es werde ihre Tochter gelten; vielleicht glaubte es unser Held selbst. Mit nichten; so eigennutzig ist der Orden der Verschwiegenheit nicht) wenn er ihr gelobte, seinem Ich zu widerstehen bis in den Tod. Wenn's nicht m e h r ist! dachte der Candidat, und versprach es von Herzen. Jetzt sollte ihr Gemahl sich zum Recipiendus verfugen, ihm wegen seines unzeitigen Ichs die Absolution uberbringen, und uber die Verschwiegenheit eine stattliche Rede halten. Er fing pathetisch an: "Die Verschwiegenheit" Allein die Helle des Zimmers, die Feierlichkeit des Candidaten, ein paar Glaser uber Gebuhr, und vielleicht auch die Ungewohnheit, Reden zu halten, benahmen ihm jedes Wort; und nachdem er dreimal die Worte: d i e V e r s c h w i e g e n h e i t , stotternd wiederholt hatte, ging er so verschwiegen davon, dass der Candidat sich uberredete, ein dergleichen Verstummen gehore zur Ceremonie der Handlung. Der stecken oder kurz gebliebene Redner hatte seine Rolle nicht besser machen konnen, wenn er Pythagoras oder Roscius find die Herren weit auseinander? in hoher Person gewesen ware! Der Nachbar ward von den Ordensschwestern wohlverdient ausgelacht, erhielt indess, da man keinen bessern Acteur hatte, den Auftrag, dem Candidaten die Augen zu verbinden und ihn in ein finsteres Zimmer zu fuhren, wo die Nachbarin seiner wartete. Als nach einer kleinen Weile der Candidat in die Frage ausbrechen wollte: bin ich hier allein? zog ihn sein Genius von dem Rande des Verderbens, und er verbesserte seine I c h - F r a g e . Ist jemand hier? fing er, und zwar in eben der Minute an, da die Nachbarin mit ihrer Wiederholung: wer ist da? zum Vorschein kam, und ihm ins Wort fiel. Wer fragt mich? war seine Antwort. Eine Abgeordnete, erwiederte sie, die es lieber gesehen hatte, wenn Sie ihre Frage abgewartet hatten. Neugierde und Schwatzhaftigkeit sind, wo nicht wirklich verwandt, so doch verschwagert oder in nachbarlicher Verbindung. Sie hiess ihm die Augen aufbinden, und es war ihm nicht anders, als sey er zu den Fingerlein unter die Erde gerathen; so gut er auch jedes Zimmer im Rosenthalschen Schlosse kannte, wo er geboren, nothgetauft und erzogen worden war. Er hielt sich still, um sich nicht neuen Weisungen auszusetzen, worauf es die schlaue Nachbarin anlegen mochte. Da er schwieg, so musste sie anfangen. Was denken Sie? da, von seinem Ich zu sprechen, oft verzeihlicher seyn kann, als an dieses allerliebste Ich unablassig zu denken. Was denken Sie? An den Vorzug der Sprache und an die Schande der Menschheit, auf Mittel denken zu mussen, sich Zaum und Gebiss anzulegen. Dieser Seitensprung brachte die Nachbarin aus ihrer Rolle; ihre Gemeinspruche passten nicht, und sie fand sich, trotz dem Herrn Gemahl, in Verlegenheit. D a S i e s o s c h o n denken, so verbinden Sie sich wied e r d i e A u g e n . Der Stock steht im Winkel, also wird es regnen. Unser Held fand in dieser inconsequenten Rede doch einen Sinn, und ubersetzte sich die letzten Worte: s o s t o r e n S i e s i c h durch kein Sinnenspiel auf der olympischen Gedankenbahn, die z u m K l e i n o d f u h r t . Wie Feierlichkeit ansteckt! Alles deutet sie feierlich. Mit verbundenen Augen ward der Candidat in das Heiligthum, und zwar rucklings, eingefuhrt. Nun musste er dreimal einen Cirkel machen. Diess brachte ihn aus aller Connexion mit dem Zimmer, in welchem er war, und er musste glauben, in einem bezauberten Schlosse zu seyn.

Nach dieser Kopfverdrehung blieb er ganz allein stehen; und nach einer Viertelstunde fing sich folgende Unterredung an.

Verschwiegene Grossmeisterin, wir sind nicht allein! (Die Grossmeisterin machte die Ritterin.)

"Wer ist, antwortete sie, der Ungeweihete, der es wagt, in unserem Areopag zu erscheinen?"

Ein Jungling, der sich der Verschwiegenheit heiligen will.

"Ein Jungling, sagt Ihr? Wohlan! Lasst ihn Mann werden, und dann fuhrt ihn wieder zu uns! Lasst ihn die Welt kennen lernen, aus Erfahrung klug werden, und dann erst melde er sich zu seiner Aufnahme!"

Wohlgesprochen, verschwiegene Grossmeisterin! Wohlgesprochen in der Regel; allein war je eine ohne Ausnahme? Wird je eine ohne Ausnahme seyn?

"Hat die Tugend Ausnahmen? liebt sie Begunstigungen?"

D i e T u g e n d n i c h t . Wo ist aber eine diesseits des Grabes, die r e i n w a r e , die nicht hatte einen Flecken oder Runzel oder dess etwas? Unsere Sache ist, unsere Tugenden zu waschen, zu heiligen und zu reinigen damit sie nicht unter dem Scheine der Tugend gar Untugend, und schone wohlgebildete Sunde werden.

"Glaubt Ihr, durch diese Klagen Eurem Antrage naher zu kommen?"

Ich glaub' es, verschwiegene Grossmeisterin; denn, obgleich die Tugend eine Regel ohne Ausnahme ist, so gibt es doch Gemuther, welche der schlupfrigen Bahnen der Selbsterfahrung nicht bedurfen, um zur Weltkenntniss zu gelangen; Licht- und Lebenskopfe, die zu Heerfuhrern, zu Meistern berufen sind, welche die Natur berechtigte, der Landstrasse auszuweichen; Menschen, die sich Richtsteige brechen und Wege erfinden; Seelen, die, indem sie lernen, schon lehren, wenn andere, welche durch Wege und Umwege eines lange genossenen Unterrichts zum Lehrstuhle gekommen, andern doch wenig oder nichts beizubringen im Stande sind.

"Ihr haltet eine Lobrede, und ich verlange ungekunstelte Wahrheit."

Gibt es nicht Lob, das auch vor dem strengsten Richterstuhle des Gewissens, selbst im Sterben, das Siegel der Wahrheit tragt und verdient?

"Was will Euer Lehrling bei uns, wo er lernen muss, wenn er schon jene so seltene Lehrgabe besitzt, die nur wenigen gegeben wird?"

Nicht kaufen will er, sondern tauschen. Sein Plan ist, uns zu benutzen, indem er uns nutzlich wird. Er will mit der Linken geben, ohne dass die Rechte es weiss, und mit der Rechten nehmen, ohne dass die Linke es als Bezahlung ansieht; er will rescontriren.

"Wird er halten, was Ihr versprecht?"

Ich stehe fur ihn.

"Wir ehren Eure Burgschaft. Was habt Ihr aber fur Gegensicherheit genommen?"

Seinen guten Ruf, sein edles Herz, seine Geburt, seine Eltern, sein ganzes Aeussere. Haben Menschen andere Burgschaften? Steht nicht oft der auswendige Mensch fur den innern, der sinnliche fur den intellectuellen? Wahrlich! der Geist halt seltener Wort, als der Leib, wenn von wechselseitiger Burgschaft die Rede ist. Zwar trugt die Physiognomie zuweilen; halt sie aber nicht noch ofter Wort? Seht! er hat eine der glucklichsten, die man sehen kann.

"Hat er Zutrauen zu uns, und wird er mit uns sympathisiren? Werden wir auf einander wirken und gegenwirken konnen?"

Sicher! sonst litt' er die Decke nicht, die ihn verhullet.

"Und was glaubt er zu finden?"

Nicht Menschen, die es ergriffen hatten, doch die ihm nachjagen, ob sie es auch ergreifen wurden.

"Was hat ihm diese gute Meinung beigebracht? Menschen sind wie Baume; aus ihren Fruchten muss man sie erkennen. Kann man auch Feigen lesen von den Dornen, und Trauben von den Disteln?"

Sollt' er seinen Eltern und denen nicht trauen, deren Herzen sich noch naher sind als ihre Besitzungen? Nur die Zeit bringt Rosen. Zwar ist das Leben kurz; doch langsam reifen die Fruchte des Guten. Unreife, zu fruhzeitige Fruchte brachten in der moralischen Welt von jeher den unwiederbringlichsten Schaden. Eva wollte Erkenntniss des Guten und Bosen so leicht erlangen, als einen Apfel essen, und verlor das Paradies, das wegen dieser Vorschnelligkeit nicht anders als durch den langsamen Weg der Tugend zuruck zu bringen ist.

"Ist dem also, was verlohnt es, dass der Mensch den rauhen Weg zum Guten antritt?"

Ist es nicht besser, den Garten anzulegen, den Baum zu pflanzen, als unter dem Schatten eines wohlthatigen Baumes sich hinzustrecken und geradezu in Eden eingefuhrt zu werden? Hatten Adam und Eva das Paradies allmahlig gepflanzt, sie waren nicht gefallen. Damit die Menschen die Erde zum Paradiese machen mochten, wurden Adam und Eva nackt, bloss und arm in sie hineingestossen. In eben den Zustand, in welchem wir auf die Welt kommen, sahen Adam und Eva sich versetzt und zu diesem Kinderspiele verurtheilt! Thiere arbeiten ohne Rucksicht auf ihre Gattung; wir fur das Menschenall. So wie jene mit Adam und Eva aus dem Paradiese, oder mit der Familie Noahs aus dem Kasten gingen, so sind sie auch noch leib- und seelhaftig; allein der Mensch was ist aus i h m nicht geworden! was wird aus i h m nicht noch werden! Der Mensch wirkt auf die Menschheit, und die Menschheit wirkt zuruck auf den einzelnen Menschen. Von sich selbst denke der Mensch so klein, von der menschlichen Natur so gross als moglich! Das Gute, das w i r thun, lebt v o n n u n a n bis in Ewigkeit. Halleluja!

"Der Tod soll hinfort daruber nicht herrschen, Halleluja."

Halleluja.

"Was der M e n s c h vermag, kann er nur durch die Anstrengung seiner Krafte erfahren; was die M e n s c h h e i t vermag, wer hat diess Ziel gemessen? Arcane und heimliche Mittel sind verdachtig; Verschwiegenheit ist fur jeden Mann, fur jedes Weib nothig, welche die Ehre haben wollen, Mann und Weib zu seyn."

Wahrlich, eine grosse Ehre!

"Viele Menschen sind durch Reden unglucklich geworden; durch Schweigen wird es niemand. Will man jemand um Verzeihung bitten, ihn bewundern ehren, lieben, verachten, ihm vergeben, wie weit stehen Worte dem Schweigen nach! Die grosste Beredsamkeit besteht in der Kunst, zu schweigen. Schweigen ist ein moralisches Universale, alles zu erlangen, was man sich vorsetzt. Ich will schweigen, um alles zu sagen." E i n e S t i l l e .

Verschwiegene Grossmeisterin, dieser Jungling fuhlt die Erhabenheit unseres Ordens in Eurer Rede und in Eurem Schweigen; er will Wurdigung der menschlichen Natur und Wurdigung seiner selbst lernen; er will durch Schweigen an sich selbst arbeiten, seine Anlagen verstarken und befestigen und seine Fehler mindestens nicht durch Reden vervielfaltigen. Sagt Ja zu seiner Aufnahme.

"Bruder und Schwestern, Schwestern und Bruder! gebt mir den ersten Buchstaben."

Sie sagen I, und sie A. Jetzt e i n e S t i l l e .

Hierauf fragt die Grossmeisterin: Bruder und Schwestern, Schwestern und Bruder! Ist es euer Wille?

Alle sagen ein volles Ja.

Sie schliesst mit Amen, und der Candidat wird ihr drei Schritte naher gefuhrt. Sie redet ihn an:

"Der Areopagus, in welchem die wichtigsten Sachen gerichtlich entschieden wurden, war kein pompreicher Tempel, sondern eine Strohhutte; Weisheit und Verschwiegenheit zeichnen ihn aus. Bei Nacht hielt man Gericht, und keiner Partei, keinem Anwalt war es erlaubt, durch Eingange und Blendwerk, durch Tropen und Figuren, durch Licht und Schatten seinen Vortrag zu verschonern, und durch Wendung und Witz den Richter zu bestechen. Durch Worte gibt man sich oft so aus, dass man bettelarm ist; durch Schweigen verfahrt man so okonomisch, dass man nicht nur fur sich selbst spart, sondern auch noch einen Ehren- und einen Armenpfennig behalt; diesen, zu geben dem Durftigen, jenen, um mit Anstand Feste zu feiern, wenn es Festumstande verlangen. Wer viel spricht, kann nicht allein nicht immer gut sprechen: nein! Unwahrheiten und Dichterlicenzen haben eine solche Gemeinschaft mit den Worten, dass sie nicht von einander lassen. Wollt Ihr behutsam und bedachtig in Euren Reden seyn?"

Der Candidat antwortet: Ich will es.

"Kaiser Augustus hatte einen Freund, Fulvius, dem er sein Leid klagte. Ich armer, verlassener Vater! fing er an; mein Posthumus ist verwiesen; ohne Stutze, ohne Erben jammere ich; und weisst du, was ich zu meinem Troste thun will? (Worte sind leidige Troster; Handlungen nur konnen trosten und aufrichten.) Den Posthumus nach Rom berufen und ihm die Regierung anvertrauen. Fulvius entdeckte den Entschluss des Kaisers seiner Gattin; diese offenbarte ihn der Kaiserin Livia, ihr, die dem Stiefsohn Augusts das Regiment abwenden wollte! Armer Kaiser! und noch armerer Fulvius, dem August seine Freundschaft aufkundigte, und dem nichts weiter ubrig blieb, als sich verzweiflungsvoll das Leben zu nehmen! Seine Gattin kam ihm zuvor, und beide starben an diesem verrathenen Geheimniss den wohlverdienten Tod wegen b e l e i d i g t e r F r e u n d s c h a f t . Mein Sohn, wollt Ihr jedes anvertraute Geheimniss heilig bewahren, und es nie verrathen noch verkaufen, weder durch Worte noch durch Zeichen?"

Ich versprech' es.

"Werdet Ihr Euch aber auch durch nichts, weder durch Verheissung noch Drohung, durch Liebe oder Leib, durch Freundschaft oder Feindschaft in Euren Entschlussen wankend machen lassen?"

Durch nichts.

"Zu gewisser Zeit versammelte sich der Rath in Rom einige Tage nach einander auf eine ungewohnliche Art. Die Gattin eines Senators beschwor ihren Gemahl, ihr den Schlussel zu diesen Berathschlagungen zu behandigen, den sie heilig zu bewahren gelobte. Um sie zu befriedigen, gab der Senator vor: eine ubernaturliche Lerche sey nach der Anzeige des hochehrwurdigen Consistoriums uber die Stadt geflogen, und nun stehe man in Sorgen, ob dieser Flug Segen oder Fluch bedeute. So schnell konnte die Lerche nicht fliegen als diese Nachricht. Sie kam zeitiger zu Rathhause, als ihr Erfinder; und wie wohl war ihm, seiner Gattin nichts von den rathhauslichen Deliberationen entdeckt zu haben! Werdet Ihr den Durst Eurer Geliebten nach Eurem Geheimnisse nicht durch eine Unwahrheit loschen, keine Lerche uber die Stadt fliegen lassen, sondern Muth genug haben, Nein zu sagen, wo Ihr Gewissens halber nicht Ja sagen konnt?"

Ich werde.

"Wohlan es sey! Leeret diesen Becher mit Wein gefullt und erinnert Euch, dass Wein und Weiber oft den Weisen verleiteten!"

(Er trinkt den Becher aus.)

"Jetzt leeret den Becher mit Wasser, der Euch an den Fluss Lethe erinnere! Ein guter Egel schlage Euch mit Vergessenheit, wenn Ihr an den Rand der Verratherei kommen solltet, wovor Euch Pflicht und Neigung, Kopf und Herz bewahren wollen!"

"Jetzt offne man ihm die Augen!"

Der Candidat sieht Bruder und Schwestern, Schwestern und Bruder (damit kein Geschlecht dem andern vorgreife, wurden Bruder und Schwestern nie anders ausgesprochen) gekleidet wie die vorbereitende Schwester und seine Mutter als Grossmeisterin. Jetzt ward er in das Lichtzimmer gebracht und ihm das Ordenskleid angelegt. Bei seiner Zuruckfuhrung in den Areopag sagt ihm die Grossmeisterin: "Ihr seyd nun wie unser Einer. Wir fordern keinen Eid, keinen Handschlag. Warum? Diese Vermuthung, dass Ihr Euer Wort minder halten werdet, als Schwur und Handschlag hatten wir die, wahrlich Ihr waret so weit nicht gekommen!" Die Grossmeisterin nimmt ihn bei der Hand und fuhrt ihn auf ein anscheinendes Kanapee, weiss beschlagen, wo indess nur von beiden Seiten Sessel sind. Die Mitte ist leer. "Setzt Euch!" sagt sie; und indem er sich setzen will, fallt er auf die Erde !

Unser Held war, als er fiel, in eben dem Grade verlegen, wie es Schwestern und Bruder und Bruder und Schwestern waren, mit dem Unterschiede, der Neuaufgenommene aus Aerger, die Aufnehmer und Aufnehmerinnen, die Aufnehmerinnen und Aufnehmer um nicht laut zu lachen. Der Ritter allein blieb ernsthaft. "Hab' ich es dir nicht oft gesagt, Eldorado sey unter der Erde? Nur unter der Erde ist Eldorado!" sagte er seinem zur Erde gesunkenen Sohne.

Nachdem sich die Grossmeisterin gesammelt hatte, redete sie ihn an:

"Stehet auf! Diese Ceremonie ist ehrwurdig, so kleinlich sie auch aussieht. Sind die Ceremonien uberhaupt anders? Selten sind sie der Sache auf den Leib gemacht, und man muss ihnen nachhelfen, wenn sie ehrwurdig seyn sollen. Die gegenwartige deutet an, dass die meisten Geheimnisse nichts weiter als ein verdeckter leerer Raum sind: Vorhange, hinter denen nichts ist. Leider! der Vorhang ist alles. Wer sie recht zu fassen gedenkt, fallt, sowie Leute, die nach den Sternen sehen und den Boden vernachlassigen, auf dem sie wandeln."

Sie enthalt die Warnung, sich nicht den Geheimnissen anzuvertrauen, wenn gleich andere sich beredet haben, Euch hoch und theuer, ja t h e u e r zu versichern: man werde hier Schlussel zu Himmel und Erde und dem gehofften Kanaan der Natur finden. Wir beide hatten Stuhle und Ihr fielt zu Boden. Die meisten Menschen glauben, dass das, was sie fur ihr grosstes Gluck hatten, nicht von ihnen, sondern von andern herkomme. Nicht also! von andern kommt nicht nur unser grosstes, sondern a l l unser U n g l u c k

Sie lehrt, dass man auch ohne blankes Eis fallen kann. Viele brachen in ihrem Zimmer physisch und moralisch Arm und Bein.

Sie lehrt, dass man so leicht fallen als aufstehen kann, und dass, wer da steht, wohl zusehe, dass er nicht falle. Alles ist ein Grab, sagt ein geistreicher Dichter, und die Brautkammer ist nur ein hoheres Stockwerk uber dem Grabe; der prachtigste Speisesaal ist seine Vorkammer. Unsere gestrengen Gesetze machen den Menschen oft schlecht, um ihn strafen zu konnen, und befinden sich im geheimen Dienste des Despotismus, obgleich die Gesetzhanbhaber behaupten, sie waren die trostreichen Mittler zwischen Volk und Oberhaupt. Sie befehlen, was sich von selbst versteht, wollen Naturgesetze durch Strafen verstarken, positive Gesetze der Natur unterschieben; sie befehlen was Putzmacherinnen und Modehandler weit besser bewirken konnten, wenn man sich die Muhe nahme, diese Menschen unvermerkt in Staatsdienst zu nehmen. "Die Generalpachter halten den Staat," sagte Fleury. "Freilich," erwiderte jemand; "aber gerade so, wie der Strick den Gehangten." Seht! wer bloss ein gesetzlicher Mensch ist, kann wahrlich nicht weniger seyn. Nicht nach den Gesetzen des Staates, sondern nach Euren Grundsatzen musst Ihr leben, wenn Ihr den Namen M e n s c h verdienen wollt. Wahrlich! man kann nur die Tugenden seiner Ueberzeugung besitzen. Die ausserste Grenze von den Eigenschaften der Seele ist die Vernunft, und die H a u p t s u m m a aller Lehren: seyd v e r n u n f t i g ! Hutet Euch zu fallen, und wenn Ihr fallt, stehet schnell auf! Durch eine Constantinstaufe sollten alle Verbrechen, Mord und Blut abgewischt seyn? Dass sich Gott erbarme! Von unserm g a n z e n Leben, nicht von dem letzten Augenblicke desselben sind wir verhaftet. Er aber, der in Euch angefangen hat das gute Werk, wolle es durch seinen heiligen Geist in Euch bestatigen und vollfuhren! Amen.

Endlich soll Euch diese Ceremonie lehren, dass der

Mensch nicht zur Ruhe berufen ist und dass bei weitem nicht jede Ruhebank, wenn sie gleich kostlich und fein einladet Ruhe gewahrt.

Das Zeichen, wodurch wir uns von andern unter

scheiden, ist, den Zeigefinger auf den Mund legen. Zeichen und Bedeutung bedurfen keiner Erklarung.

Ausser diesem Grade gibt es im Orden noch zwei,

von denen die Erschienene uns nichts als das leere Nachsehen zuruckgelassen hat. Sie versichert dieser beiden Grade selbst noch nicht gewurdigt zu seyn. Der Himmel bringe sie zu diesem Ziele, wenn es ihr nutzlich und selig ist!

Der nachstfolgende ist der Grad der gelosten

Zunge, und der dritte der Grad der Handlung.

Die Freimaurer-Adoptionsloge ist ubrigens von dem gegenwartigen Orden vollig unterschieden.

Auch wird T a f e l a r e o p a g gehalten, bei dem nichts Denkwurdiges vorkommt, als dass man bei der ersten und letzten Schussel kein Wort spricht. Diess Symbol bedeutet den Anfang und den Schluss des menschlichen Lebens.

Dass diese Aufnahme viele Fragen uber die

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Erscheinung

veranlasste, war naturlich; die Nachbarschaft indess wusste nur wenig. Und diess Wenige? Die Erschienene ware ihr unter dem Namen des Frauleins S o p h i e von U n d e k a n n t empfohlen. Ihr Zuname sey offenbar angenommen. Auch S o p h i a (Weisheit) schiene nicht authentisch zu seyn, bemerkte die Nachbarin. Diese Bemerkung richtete den aufs Haupt geschlagenen Ritter in Rucksicht des einen und ziemlich gemeinen Namens auf, die Ritterin aber freute sich innerlich, dass Fraulein von Undekannt S o p h i e hiesse. "Von wem empfohlen?" Von einem Verwandten aus Sachsen, nicht empfohlen, sondern auf die Seele gebunden. Sie hatte hier bloss e i n e n h e i t ! Verliebt und neugierig seyn ist nicht weit auseinander. Dass die Grossmeisterin und die andern agirenden Personen nur ein ausfuhrliches Scenarium vor sich hatten und in vielen Stellen improvisirten darf ich das bemerken? Auch dass es wortlich vorgeschriebene Scenen gegeben, versteht sich von selbst. Gleich den ersten Tag wurden Ritter und Ritterin aufgenommen, am dritten Tage unser Held. Nie schied die Nachbarschaft mit so vielen wechselseitigen Dank- und Erkenntlichkeitsbezeugungen von einander.

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Wer da?

Der Junker, der, je langer je mehr uber die dreiviertelstundige Unterredung beruhigt, uberall die Undekannte sah, horchte voll Neugierde auf; und siehe da! ein Offizier, der nichts weiter verlangte als ein Attest, dass seine Braut die Enkelin von dem Fraulein Cousine ware. Die Enkelin von einem Fraulein? Lieber Gott! erwiederte der sonst dienstfertige Ritter, wie soll ich die Richtigkeit der Enkelin beurkunden, da ich nicht weiss, dass das selige Fraulein Sohn oder Tochter gehabt hat? Hier zu Lande, Herr Hauptmann, ist es nicht in Gebrauch, dass Fraulein Kinder me von dieser allgemeinen F r a u l e i n r e g e l . Die Ritterin konnte dieses moralische Rathsel, das sie verzweifelt nannte, eben so wenig losen; und allerdings musst' es ihr unerklarlich vorkommen, wie Fraulein Cousine eine solche Heuchlerin seyn konnen. Kann etwas Aergeres, sagte der Pastor, auf Gottes Erbboden seyn, als dass ein sonst regelmassiges Fraulein Mutter wird, ohne priesterliche Einsegnung? Ist davon die Frage? erwiederte der Offizier. Ich dachte! erwiederte der Prediger; und der Hauptmann: bin i c h nicht der Frager? Das Rathsel! Die wohlselige Cousine, deren Frauleinschaft der G e w i s s e n s r a t h und der R e c h t s f r e u n d Hand in Hand mit Brief und Siegel nach ihrem Hintritt corroborirten, liess ihr Vermogen, wie wir aus ziemlich richtigen Angaben schon wissen, ihrem funfundvierzigjahrigen Sohne nach, der einen Meierhof besass und nicht ohne Kenntnisse war. Er hatte ein armes Fraulein geheirathet (wahrlich ein besonderes Schicksal fur die Fraulein! sagte der Pastor), das, von aller Welt verlassen, nichts weiter als sechzehn Ahnen einbrachte, an die indess nie anders als an hohen Festtagen, wenn ein Glas Most das Herz der glucklichen Eheleute erwarmte, gedacht ward. Beide pflegten alsdann uber ihre wunderbare Weihnachten zu lachen, er ein Findling; sie ein sechzehn Ahnen reiches Fraulein! Der Pfarrer des Ortes und der Kuster hatten etwas von diesem Meierhofsgeheimnisse erfahren. Die Erbschaft vom Freitischfraulein war nicht undetrachtlich! Der Sohn erbte das Kapital, von dem die Mutter bloss Zinsen und wegen Sicherheit des Kapitals nur sehr massige Zinsen zog. Bei dieser Erbschaft fiel dem Sohne auch eine Handbibliothek, und in derselben eine nicht kleine Anzahl G e b e t - und G e s a n g b u c h e r zu. In einem derselben fand er Hieroglyphen von Anzeigen, die den Gedanken in ihm erregten, dem Rechtsfreunde ein baares und richtiges Geschenk auf gute Manier beizubringen, falls er sich entschliessen wollte, gegen diese Valuta ihm das Rathsel zu losen. Nie indess wurd' es der Sohn auf diese Losung ausgesetzt haben, wenn seine Gattin es nicht mit Handeringen gewollt hatte. Wie denn so? Wollte das brave Weib nicht langer die Gattin eines Findlings seyn, durch den sie dreimal sieben Jahre glucklich gewesen war? Sie hatten eine Tochter, die in der benachbarten Stadt in einigen ritterlichen Uebungen unterrichtet ward; und wie es bei diesen Uebungen nicht ungewohnlich ist der Offizier des gegenwartigen Paragraphen verliebte sich in sie. Seine Verwandten bestanden auf sechzehn Ahnen; und da er selbst als Johanniterritter eingeschrieben war wesshalb sollten seine Kinder dieser Ehre ohne Noth verlustig gehen? Es beugte ihn keine Wechselschuld und er brauchte keine zusammengetragenen Schatze einer Ameise. Freilich in der ersten Hitze gab Monsieur Egalite den ganzen Orden gegen das Linsengericht einer Sinnlichkeit auf, und das Evangelium der Gleichheit war die vernunftige lautere Milch, bei der er es sich im Kanaan der Liebe, wo Milch und Honig fleusst, wohl seyn liess. Doch wusste sein Elternpaar, besonders die vernunftige Mutter, die Freiheitsmutze ihres Sohnes Egalite so unvermerkt wieder in einen Soldatenhut zu verwandeln, dass er zur Besinnung kam. War bei diesen Umstanden der Brautmutter das Handeringen zu verargen, ihr, der das Fraulein noch immer im Blute sass? Und der Brautvater? Besser, lieber Leser, du fragst zuerst nach der Brautgrossmutter! Freilich, die Grossmutter! Der Rechtsfreund, der nach gehoriger Vorstellung des Findlings versicherte, dass er sich Gewissens halber verpflichtet gehalten, nicht mit diesem Geheimnisse aus der Welt zu scheiden, und dass er eben (sonderbar!) in diesem Augenblicke dieses b a a r e n u n d r i c h t i g e n B e s u c h e s von Gewissens wegen den Entschluss gefasst, sein Herz zu erleichtern, nahm indess, seines von Gewissens wegen gefassten Entschlusses ungeachtet, die positiven Beweggrunde mit Dank an, und beichtete nunmehr, dass Herr von ** mit Fraulein Cousine wirklich im Kloster zu ehelich verbunden worden ware, woruber er das Attestat in Handen hatte. Wie gut war es, dass unser Rechtsfreund nicht lebendig gen Himmel geholt oder plotzlich zur Holle gefahren war; der Hauptmann ware sonst um diess Attestat gekommen, ohne zu wissen, wie. Dass doch alle Rechtsfreunde oder Rechtsfeinde (wie heissen diese Herren eigentlich?) nur langsam sterben mochten, um desto mehr Zeit und Raum zu haben, mit ihrem Gewissen abzuschliessen! Wird ihnen doch selbst dieser Abschluss baar und richtig bezahlt! Auch wolle der geneigte Leser und die geneigte Leserin unschwer bemerken, dass eigentlich ein Kloster ein F r a u l e i n zur F r a u machen konne, ohne dass sie aufhort, F r a u l e i n zu bleiben. Es leben die Kloster und ihre Attestate! und der L a c k ! denn an dem unsrigen war er nicht gespart. Und was fehlte noch diesem gefundenen Schatze, den der Graber desselben, wiewohl erst nach ausgestellter l e g a l e r Q u i t t u n g , aushandigte? Was noch fehlte? Z u e r s t sollte diese Quittung gerichtlich recognoscirt werden. Selten ist eine Krankheit, wo der Doktor nicht einen Barbier anbringen kann; eine Hand wascht die andere. Z w e i t e n s fehlte der Beweis, dass unser Findling der wirkliche eheliche Sohn aus dieser Klosterehe sey. Hieruber hatte sich der Rechtsfreund, ohne seinem Gewissen auf tausend Meilen zu nahe zu kommen, eidlich, und abermals gegen die Gebuhr, abhoren lassen; indess fand man, wo nicht nothig, so doch nutzlich (da die Gerichte, wie es heisst, eben der Gebuhren halber alles dreidoppelt bewiesen haben wollen), dass d r i t t e n s auch die Schrift der Fraulein Cousine recognoscirt werden mochte. Undedenklich! Die Ritterin recognoscirte diese Cousinenhand mit Freuden, und alles war froh, dass ein Fraulein, wenn es eine schone Enkelin hatte, noch nach dem Ableben eine Frau werden konnte, ihrer Frauleinehre undeschadet. Unser Held hatte sich den Offizier zu seinem Freunde gemacht, der, ob er gleich nicht jener Cavalier war, welcher mit der nur drei Tage in der Nachbarschaft gebliebenen Undekannten im Beiseyn der Kammerzofe drei Viertelstunden conversirt hatte, doch etwas Wichtiges vorstellte. Er erblickte unvermuthet beim Schlafengehen ein Kreuz auf seiner Brust, welches der Kreuztrager, sobald der Held sein Auge darauf heften wollte, mit erstaunlicher Sorgfalt verbarg. Vielleicht, um seine Neugierde zu reizen? Vielleicht, vielleicht auch nicht! Ohne sich mit ihm ins Kreuz einzulassen, brachte der Hauptmann ihm doch in der Quer eine grosse Meinung von der

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Freimaurerei

bei, und nahm es uber sich, ihn in als Aspiranten in die Rolle einzeichnen zu lassen, wodurch er edle Zeit gewanne; ja wohl, edle Zeit, da in der L o g e z u m h o h e n L i c h t , die in l e u c h t e t e , niemand auf- und angenommen wurde, der nicht zuvor drei Jahre (eine strenge Loge!) auf der Exspectanten-Liste gestanden hatte. Warum so

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lange,

da strenge Herren bekanntlich nicht lange regieren? Weil man jedes Mitglied verpflichtet, wahrend dieser drei Jahre, so viel an ihm ist, den Aspiranten zu erspahen, und weil jeder Aspirant von dem Augenblicke an, da er eingezeichnet zu werden das Gluck hat, einen Genius erhalt, den er so wenig, wie Sokrates seinen Damon, sieht. Und dieser Genius? ist sein Schatten, oder er der seinige, wie man will. Und der Auftrag dieser moralischen Mouche? Ueber Schritt und Tritt des Aspiranten zu wachen und daruber zu ob und um wie viel die Wartezeit verkurzt werde. Also doch verkurzt? Nach Umstanden. O die allerliebsten Umstande! Dacht' ich es doch gleich, dass aus drei Jahren, wiewohl nach Umstanden, auch drei Tage werden konnen. Furs erste rieth der Hauptmann ihm an:

1) es sich fest einzupragen, dass alle Menschen frei und gleich geboren wurden. Diese Lehre ist das Fundament der Maurerei und die beiden Grundpfeiler der Menschen- und Bruderliebe.

2) Diese Gleichheit und diese Freiheit werden so wenig durch Staatsverhaltnisse gehoben, dass sie dieselben vielmehr bestatigen. Man kann im Namen der Gleichheit morden und im Namen der Freiheit vergiften; die Bilder der Freiheit und Gleichheit dienen oft den Tyrannen zur Parole, und zum Schild und zur Losung bei der Fahne des Verderbens. Kann sich der Jude nicht ein Scheermesser, der Taube eine Nachtigall, der Blinde ein Gemalde von Tizian und der Wassersuchtige einen grossen Garten anlegen? Da sich bei jeder Gahrung Bodensatz findet, so ist jede Revolution gefahrlich, und oft lenken verschlagene Kopfe das leichtglaubige Volk in noch grosseres Elend. Allmahlig kommt die Natur zum Ziel, und diess ist auch der eigentliche Gang der Menschheit. Die burgerliche Gesellschaft ist eine Societat, woran Todte, Lebende und Werdende Theil haben; sie gibt dem Menschengeschlecht die Unsterblichkeit, und durch sie sind wir ewig! Sobald wir in eine burgerliche Gesellschaft treten, horen wir auf, frei und gleich zu seyn; allein wir werden es auf der andern Seite weit mehr und weit erhabener. Ein grosseres Mass von Kraft Leibes und der Seele beim Individuum macht Unterschiede unter den Menschen; und wenn gleich diese U n t e r s c h i e d e , wie es am Tage ist, einen gewissen Seelenluxus und ein leibliches Wohlleben, einen leiblichen Luxus bewirken, so dienen s i e doch auch dazu, dass ein Viertel im Staat (eigentlich der Hospitalitentheil) ernahrt und erhalten wird, der vielleicht sonst vergangen war in seinem Elende. Die Brocken, die von den Tischen der durch die Natur zum Vermogen berufenen Menschen fallen, ubertragen jenes Viertel von Staatseinwohnern, welche von der Natur karglich ausgestattet werden.

3) Dieser Unterschied indess, den die Natur in der Metaphysik und Physik des Menschengeschlechts macht, muss nie Augen, Ohr und alle Sinne beleidigend abstechen: er muss verschmelzen wie Licht und Schatten, muss so gehalten werden, dass edle Thaten alle jene physischen und metaphysischen Unterschiede uberwiegen. Auch gibt es Falle, die selbst im monarchischen Staate an Gleichheit erinnern; z.B. die ausubende Gerechtigkeit! Wahrlich, wir sind alle Bruder! Ueber diesen Weltunterschied und Zusammenhang nachzudenken, sey ihr Vorbereitungsgeschaft! (Etwa auch nach Umstanden?) Vielleicht, dass ihnen Schurze und Kelle gegeben werden, um den Zusammenhang noch mehr zu befestigen, das Schadhafte desselben zu ersetzen und o, des grossen Wortes! ihn zu verbessern. Wir bauen Kerker fur das Laster, und Tempel fur die Tugend; wir verfolgen das Laster, wenn gleich eine Krone seine Schutzwehr seyn, dulden keine Schlechtheit, wenn sie sich gleich in List verkleiden und mit Schein des Rechtes schmucken sollte. Ein Beichtiger, welcher dreimal nach einander seinem Beichtvater einen Schafbiebstahl bekannte und ihm bussfertig das Geld zum Ersatz behandigte, erwiderte auf die Beichtfrage: warum er denn diesen Umweg zur Zahlung nehme, und warum er, bei dem Vorsatze zu bezahlen, nicht lieber kaufe als stehle? "Der Vortheil ist klar: jetzt mach' ich den Preis, im andern Falle wurde ihn der Verkaufer machen." Der Beichtvater absolvirte; wir wurden excommunicirt haben. Auch das witzigste Schelmstuck verfolgen wir mit Steckbriefen; wir sind seine erklarten Feinde. Die Verschiedenheiten der Meinungen dagegen trennen uns nicht. Tragt der Baum gute Fruchte, so hindert er nicht das Land. Um unsere Grundsatze mit den Staatseinrichtungen zu verbinden, lehren wir, dass es einen inneren und ausseren Menschen gabe. Der i n n e r e macht eine u n s i c h t b a r e Kirche, wo alles gleich ist; der a u ss e r e eine s i c h t b a r e , wo durchaus Verschiedenheit stattfindet.

Ausser der Erscheinung des Frauleins Sophie von Undekannt hatte unserem Helden nichts Erwunschteres begegnen konnen. Voll Erkenntlichkeit bot er seinem Lehrer den ersten Grad des Ordens der Verschwiegenheit an, welchen dieser aber mit vollem Lachen ausschlug. Wer die Sonne gesehen hat, wird der den Mond anbeten? Auch gab er dem Angeworbenen auf, von dem, was zwischen ihnen vorgefallen war, gegen jedermann, und, wohl zu merken! auch gegen seine Eltern, ein tiefes Stillschweigen zu beobachten. Der Orden, setzte er feurig hinzu, ist Vater, Mutter, Schwester, Bruder. "Auch Geliebte?" fiel unser Held ihm pfeilschnell ein. Nein, guter Profan, die ist eine Maurerschwester. "Kraft der Adoptionsloge?" Woher kennen Sie die? "Ach! eine Undekannte hat mich damit bekannt gemacht, doch so, dass mir alles undekannt geblieben ist." Der Brautigam lachelte und schwieg und schwieg! O, wie gern hatte unser Held noch mehr Honig von seinen Lippen genossen; doch wollte der Brautigam sich auf mehr nicht einlassen. Uebrigens nahm er sein gerichtlich bestatigtes Attestat fur die Maurerschwester mit und schied von hinnen, nachdem er zuvor mit unserem Helden eine

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Correspondenz

verabredet hatte, die ohne Anstand, wiewohl in ordensgemasser Ordnung, ihren Anfang nehmen sollte. Die Hauptbedingungen waren: Novicius kann, bei Strafe der Correspondenz-Aussetzung, oder volligen Aufhebung, nichts in Ordenssachen f r a g e n . Er ist verpflichtet, sich, wie es einem Novizen eignet und gebuhrt, zu fuhren. Nach dreimal drei Wochen wird der Brautigam die erste Epistel erlassen, und nach dreimal drei Wochen muss die Antwort abgehen, und so weiter. Die dreimal drei Wochen sind von dem Tage des Empfanges zu berechnen. Bei einer Frage und bei jeder ordensunwurdigen Fuhrung wird der Correspondenztermin auf dreimal drei Monate hinausgeruckt oder gar auf ewig gehoben. Da ich weder ein Mitglied des sehr ehrwurdigen Ordens der Verschwiegenheit bin, noch als Novicius dem Hauptmann, der die Enkelin eines Frauleins, welche Maurerschwester war, zu heirathen im Begriff stand, eine Handgelobung geleistet habe was hindert mich, eine Sache nachzuholen, die unsern Helden ausserordentlich interessirte? Geheimnisse verjahren, wie korperliche und unkorperliche Dinge. Seit der Zeit ist alles reise vertraute der leibliche Brautigam seinem Ordensbrautigam eine Berechnung an, die ihm alle drei Grade des Ordens der Verschwiegenheit aufwog, ob er gleich nur des ersten gewurdigt war und die Undekannte selbst die andern beiden Grade noch nicht erhalten hatte. Vermittelst dieser

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Berechnung

konnte Novicius auf ein Haar wissen, wer von beiden, ob Mann oder Weib, Braut oder Brautigam, eher sterben wurde. Freilich war diess mehr, als auf ein Scheinkanapee genothigt, zum Fallen gebracht und mit dem Troste versehen werden, dass Eldorado unter der Erde sey; denn wenn man Eldorado in der Loge findet, hat man es nicht bequemer und naher? Der Werbehauptmann liess es unserm Helden im Hintergrunde und in tiefer Ferne sehen. Er zeigte ihm eine D i p l e uber die andere, womit die Grammatiker vorzuglich die schonen Stellen im Homer bezeichneten; allein er liess ihn keine dieser bezeichneten Stellen l e s e n , nur die Zeichen erlaubte er ihm zu s e h e n . Die Hand von der Tafel! Der Orden, fing er an, dess ich lebe, dess ich sterbe, und dess ich mit Leib und Seele bin, offnet seinen Angehorigen Schatzkammern von Geheimnissen; um acht sich einfinden, wenn man um s i e b e n ihrer wartet. Den Hauptumstand bei einer verwickelten Sache treffen und den wahren Zeitpunkt ergreifen, ist ein Eigenthum besserer Kopfe, das sie durch keinen Unterricht veraussern konnen. Es ist ein Radikalvorzug, eine Realwurde; indess fallen Spane, wo Holz gehauen wird, und besonders scheint unser hoher Orden sehr spanreich zu seyn. Desto besser. Auch das heiligste Feuer wirft Funken aus. Alles, mein Freund, was den denkenden Menschen am meisten interessirt, ist ihm verschleiert. Diesen Schleier kann er nicht ziehen; vielleicht aber gibt es Mittel, dem Allerheiligsten sich ohne eine dreiste Hand zu nahern. Das aut, aut, das Entweder Oder; wenn nicht ein Bund mit dem Obersten der Seraphe, so mit dem Beelzebub; wenn nicht Casar, so Nichts, mag sein Fur haben meine Losung ist: Alle gute Geister loben Gott den Herrn. Wir wissen nicht, was Gott ist, wir konnen ihn nicht mathematisch beweisen; allein wir glauben i h n und a n i h n , und mussen es, wenn anders diess Leben uns in den Hauptstellen verstandlich seyn soll. Wir werden nicht aufhoren; wir werden nicht sterben, sondern leben. Ist es nicht eine Erfindung der Furcht, das Ende des diesseitigen Lebens T o d zu nennen? Diess Leben mit seinen Drangsalen, wo der Fels des Sisyphus uns zu erschlagen drohet, wo immer ein Gewitter uber unserm Haupte steht und Blitze in Kreuz und Quer uns angstigen; das ist Tod; der sogenannte Tod ist Leben. Wir sollten zum Sterbenden nicht: G u t e N a c h t , sondern: G u t e n M o r g e n , sprechen. Die Herrlichkeit indess, die nach dieser Zeit Leiden unser wartet, ist uns verborgen. Wir mussen alle aufhoren Menschen zu seyn; wenn aber diess Stundlein schlagt, wer weiss es? Die Aerzte? Behute! Wie oft uberlebte der, dem sie das Leben absprachen, seinen Scharfrichter von Leibarzt; und wie oft stirbt, ehe wir es uns versehen, der, dem die Facultat Brief und Siegel zu Methusalems Alter behandigte! Der stirbt, weil er ass; der, weil er trank; der, weil er sich an den Fuss stiess; der, weil er seinem Freunde die Hand gab; der, weil er am Kaminfeuer stand; der, weil er zu viel, der, weil er zu wenig genoss; der, weil er den Tod verachtete; der, weil er sich Muhe gab, ihm auszuweichen; der am Examen; der am zu viel, der am zu wenig wissen; der an Fischen, der an Fleisch; der an einem Kern von einer Weinbeere, der am Pfirsichstein; der in der Kirche, der auf dem Ball; der am Schlagfluss, der an Hektik; der, weil er ein Hagestolz war; der, weil er in der Ehe lebte; der am Muth, der an der Furcht, der auf dem Bette der Ehren, der auf der Ottomane der Schande; der an Alexander dem Grossen, der an Alexander dem Kleinen. Nur dann geniessen wir die folgende Stunde, wenn wir ihre Vorgangerin als die letzte ansahen; nur alsdann ist sie uns ein Geschenk, wenn wie keine Rechnung darauf machten. Warum auch ein weites Ziel, da Bluthen abfallen und kleine und grosse Fruchte, weit eher als der Baum geschuttelt wird! Maurer lieben nicht Diastematiker, Wortzieher und Dehner, Trillerschlager und Coloraturenmacher, wohl aber Manner, die mit Sachen okonomisiren. Jedes Ding hat seine Jahrszeit! Schnell will ich dir einen Vorhang ziehen. Es gibt Umstande, wo man durchaus wissen muss, wer in der Ehe der zuruckbleibende Theil seyn wird. Hier ist der Schlussel. Zahle, mein Freund, die Vokale in den Vornamen, so ist das Rathsel geloset. Wie heisst dein Vater? Fabian Sebastian. Die Mutter? Sophie. Dein Vater stirbt vor deiner Mutter. Man nahm Namen von langst verstorbenen Personen, und die Probe war richtig. So entzuckt war kein Schuler des St. Germain und des Cagliostro, wie unser Held. Schnell wollte er seinen Vornamen mit dem der Erschienenen zusammenstellen, und die Vokale, wie die Offiziere, den Buchstaben vortreten lassen; indess vertraten ihm zwei kleine Umstande den Weg. Der erste: seine Vornamen waren eine formliche Sammlung, und ohne die Beihulfe des Kirchenbuches wurde er nicht bestanden seyn in der Wahrheit. Der zweite Umstand machte auf gleiche Erheblichkeit Anspruch. Er wusste nicht, ob die Undekannte einen Geschlechts-, vielweniger einen Vornamen hatte. Wenn es meine Leser und Leserinnen interessirt die Enkelin des Frauleins Cousine uberlebt den Werbehauptmann. Der

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Dank

fur diesen Unterricht ging uber allen Ausdruck. Dankvoll bis zum Entzucken seyn, heisst nicht danken konnen. Diess war der Fall unseres Helden. Konnt' ich doch, sagte er, nachdem er sich von der Dankverstummung erholt hatte, Worte aus lauter Vokalen bestehend finden die man vielleicht nur in Eldorado haben wird; sie sollten Ihnen gewidmet seyn! Unser Held that nichts als Vokale in den Namen zahlen, so dass ihm die Consonanten als Leib, jene als Geist vorkamen. Wie indess doch alles sein Aber hat, so ward er durch die Diphthongen gewaltig zuruckgesetzt. Sein Lehrer hinterliess ihm wegen der Diphthongen solche extrafeine Regeln, dass diese sonst so leichte Kunst dadurch nicht nur ins Gedrange kam sondern auch, was bei weitem das argste war, nicht Wort hielt. Unser Held hatte sein Wort schriftlich gegeben, nichts von dem, was zwischen ihm und dem Werbehauptmanne vorgefallen war, zu entdecken. Hierdurch gewann nicht nur der Brautigam bei unserm Helden, sondern unser Held gewann auch in seinen Selbstaureichsfreiherrlichen Hause, den Pastor und Heraldicus dazu addirt, verborgen war. Ein Hauptreiz aller geheimen Gesellschaften, von wannen sie auch kommen und wohin sie auch fahren mogen! Gibt es nicht, sagte der Werbehauptmann, uberall Geheimnisse, in Kabinetten, in Kosmopoliten-Clubs, in Schulen der Weisen, und in den Kirchen der Glaubigen? Geheimniss ist der Busenfreund eines glucklichen Erfolgs, der gultigste Burge eines erwunschten Ausganges; Geheimniss zerbricht die feurigen Pfeile des Schwachlings und des Bosewichtes, des Verdachtes und der Bosheit. Noch hatte ihm der Werbehauptmann einige diatetische Regeln in die Hand gedruckt, als da sind: alle Monate drei Hemden anzuziehen sich vor gewissen Speisen zu huten, und besonders auf gewisse Zahlen zu merken. Seine vorletzten Worte waren: Freund, es trugt mich alles, oder Sie sind zum Vokal unter den Menschen bestimmt. Schon find' ich in dieser romantischen Gegend, in der Denkart Ihrer Eltern, in der Physiognomie dieses Schlosses, seiner Bewohner und Gaste so viele Ordensorgane, dass Sie den Tag dreimal glucklich preisen konnen, da mich der Bedarf eines Zeugnisses zu Ihnen brachte. Das Instrument ist da; es darf nur gestimmt und gespielt werden. Glucklicher Zufall! rief unser Held, wer sollte denken, dass so viel Gutes aus dem kleinen Umstande erstehen kann, wenn ein Fraulein eine Enkelin hat! Und das letzte Wort des Werbehauptmanns?

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Erkenntlichkeit.

Nicht doch! Gewiss. In Silber und Gold? So schien es; indess war diess Wort mit schonen Phrasen verbramt, die unser Bruder Redner wie Sklaven in seiner Gewalt hatte. Ist es nicht Ordenssprache? Ich sollte glauben. Unsere Ritterin bemerkte, der Hauptmann zwirne seine Ausdrucke. Nicht ubel, da zwirnen zwei Faden in einen bringen heisst. Doch schien er bei diesem an sich schweren Worte, an dem hochsten und niedrigsten, an dem so viele scheitern und fraudulose Bankerotte machen ebenfalls zu kurz zu schiessen. Jupiter, fing er sehr pathetisch an, erhob das Fell der Ziege Amalthea, die ihn auf dem Berge Ida ernahrte, zu ihrem Andenken zur Diphthera, zum Tapis, zur Schreibtafel, wo er der Menschen Thun und Lassen aufzeichnete. Einen Anfang, der dem geistlichen Consistorialrath, als er voll sussen Weines war, Trotz bietet! Da es indess in der Geschwindigkeit ihm nicht gelingen mochte, das Fell der Ziege, den Berg Ida, Tapis und der Menschen Thun und Lassen in Verbindung zu bringen, indem man es zu jener Frist nicht so weit gebracht hatte, aus einem halben Dutzend heteroWerk zusammen zu wurfeln; so schloss er: Sie verstehen mich. Der Orden verlangt nichts, allein man gibt ihm ohne sein Verlangen. Wer wollte nicht in den Klingsackel des Staats, dessen Glocklein jetzt, wo wir stehen und gehen, sitzen und liegen, lautet, reichlich legen, wenn die Gabe dem Geber hundertmal wieder gegeben wird und diess Scherflein von Saat zu tausendfaltigen Fruchten gedeihet?

Der gute Ritter hat freilich bis zum . 72 in diesen Kreuz- und Querzugen gegrunt und gebluht, und dreimal sieben Jahre mit seiner Ehegattin in einer exemplarischen Ehe gelebt. Selten werden Vater der Bucherhelden es so weit und bis zum . 70 bringen, sondern weit zeitiger dem Achill, dem Ulysses, dem Aeneas (soll ich an die Henriade denken?) Platz machen. Warum soll ich es verhalten? Auch selbst noch im siebenmal siebzigsten . wurd' es mir leid seyn, mich von meinem Ritter zu

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scheiden

und ihn scheiden zu lassen. Leider wird er nur noch diesen und wenige folgende . erleben.

Was ist unser Leben? Wer weiss von uns, die wir diess Buch schreiben und lesen, wie viele Paragraphen gute Paar hatte, ausser dem Erstgebornen, noch sechs Kinder erzeugt, die indess im dritten, siebenten und neunten Jahre starben, obgleich keins nothgetauft war. Der Pastor loci zog nie, wenn die Baronin niederkommen sollte, uber Land; vielmehr fehlte nicht viel, dass er bei ihrer Entbindung, wie ein Bischof in England bei der Konigin auf die Sechswochenwache zog. War' ich paragraphensuchtig zu wie vielen hatten mir so viele Kinder Gelegenheit gegeben! Jetzt begnug' ich mich mit der Bemerkung, dass diejenigen regierenden Herren und Frauen, die bei der Nothtaufe, wiewohl gebuhrlich, ubersehen waren, bei den folgenden drei Kindern als Taufzeugen in das Kirchenbuch verzeichnet wurden. Die letzten drei mussten sich ohne diese Ehre behelfen, und es war gut, dass man die Herren Nachbarn und Frau Nachbarinnen, die ohnehin genug mit sich selbst zu thun hatten, weiter nicht mit doppelten Personen belastete, obgleich, wie wir wissen, regierende Herren am leichtesten gemacht und vorgestellt sind. Ein

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Brustfieber

uberfiel unsern wackern Ritter mitten unter seinen Cirkeln, eine Krankheit, mit welcher der Hausdoktor freilich bekannter war, als mit dem Johanniterfieber, woran der Ritter zu Anfang seines Ehestandes laborirte. Was half aber diese Bekanntschaft? Noch vor Ablauf der kritischen Tage entschlief er so sanft, ruhig und selig, als hatten Engel ihm die Augen zugedruckt. Er ruhe wohl! Denkwurdig bleibt es, dass in der letzten Session die Frage vom himmlischen Jerusalem aufgeworfen ward, wozu man die Finger zeige in der

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Offenbarung Johannis

fand und einbildungskraftig benutzte. Der Tod macht weise, sagte der Ritter; und warum sollten wir an ihn bloss als an den Zerstorer unserer Natur denken? warum ihn nicht als Beforderer zur Stadt Gottes, zum himmlischen Jerusalem, ansehen um uns im Sterben die Bitterkeit des Sarges (wahrlich, der Sarg, nicht der gnosticirt! Nun war freilich das gelobte-Landes-Jerusalem noch nicht angefangen und der Meister Hans Peter daruber leider! ins Irrenhaus gekommen. Auch verstand man nicht die Graphik des irdischen Jerusalems, und konnte keinen Bauentwurf auf das Papier bringen; was sollte denn aus dem unsichtbaren Jerusalem werden? Nicht minder wandte die Ritterin sehr bedachtig ein, dass die vielen Perlen und die Edelsteine wohl ihre Krafte ubersteigen mochten, und dass, wenn auch z.B. die Perlen von Glas oder Wachs genommen werden sollten, Regen und Sonnenschein diess Hauptstuck im himmlischen Jerusalem verwusten konnten, so dass keine Perle auf der andern bliebe. Aller dieser nicht kleinen Bedenklichkeiten ungeachtet, entschied doch der hohe Rath fur die Meinung des Ritters der nicht wusste, dass er seine eigene Leichenrede hielt! Und wer weiss es, wenn man seinen Schwanengesang anstimmt? Wer? Die Ritterin selbst, so perlenschwierig sie anfanglich schien, trat aus Liebe zu ihrem Gemahl bei, ohne sich durch die Pluralitat zwingen zu lassen. Vielleicht fiel ihr in dunklen Vorstellungen der treffliche Gedanke ein, dass das gelobte Jerusalem bis jetzt ausser den Sessionsschmausen noch keinen Dreier gekostet hatte. Man beklagte, in Rucksicht eigenen Unvermogens und des traurigen Schicksals des verungluckten Maurermeisters Hiram, dass es so wenig Zeichnungen von den interessantesten Aussichten dieses himmlischen Jerusalems gebe, als Symphonien fur das himmlische Orchester und Melodien auf die dortige in der Offenbarung mitgetheilte Liedersammlung. Wer weiss es, sagte der Prediger, wie dort die bekannte himmlische Collekte, das dreimal Heilig gesungen werden wird, und ob das Amen des Chorus nicht mit dem Ja dieses Pilgerlebens aufhort! Niemand indess aus der himmlisch-jerusalemschen Gesellschaft brach in den Hymnus aus: Eia! waren wir da! Die gnadige Frau, die schon in Gedanken in den krystallenen schnurgeraden breiten Strassen ging, indess ohne einen Schritt zu thun und sich von der Stelle zu bewegen, erklarte sich im Geist einer Amazonin, und in den Gesinnungen einer Arria, ihre Perlen ganz gern zu diesem Jerusalem in den Gotteskasten legen zu wollen. Freilich ein Scherflein! Der Pfarrer ubernahm den eben abgeschlossenen Plan und der Hofmeister das Notificationsschreiben an den geistlichen Consistorialrath, obgleich der Pfarrer beilaufig erinnerte, dass es noch sehr zweifelhaft bliebe, ob dem hochehrwurdigen Consistorio mit einer vidimirten Copie des himmlischen Jerusalems gedient ware, als wo sich die Herren Consistorialrathe, ob sie gleich dort uber alle Johanniterkreuze hinweg zu leuchten die Hoffnung hatten, hochst ungern zu Rittern schlagen liessen.

Der Abschied unsers Ritters war

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ruhrend.

Er trostete seine Gemahlin und gab seinem Sohne schone Lehren. Der Prediger und Heraldicus junior hatten nichts weiter zu thun als den Ritter zu bewundern. "Ich wurde unerkenntlich seyn, wenn ich vom Vater im Himmel mehr verlangen sollte, als er mir reichlich und taglich gab. Dank ihm, dass ich lebte und dass ich sterbe! Ein Geschenk hatte ich freilich mit Danksagung empfahen: sechzehn Ahnen fur meine Sophie! Da war aber am Emsigen kein Tropflein adlich und ihm konnte weder durch eine Enkelin eines Frauleins, noch durch tausend Atteste von Rechtsfreunden etwas beigelegt werden, was ihm in allen seinen Vorfahren bis auf Adam, den ich ausnehme, n i c h t zustand." Ich habe ihm keinen Stein in den Weg gelegt, weder zu Wasser noch zu Lande, und er ware mir in Amalfi so willkommen gewesen, wie der Nachbar, der mir die Zinsen so richtig zahlt. Wer weiss, welchem Guten auch unangenehme Vorfalle den Weg bahnen! Die Planzeichnung des gelobten Landes Jerusalem ist fertig, und ware Hiram nicht im Irrenhause, so wurden freilich die heiligen Oerter auch in natura vollendet seyn bis auf das himmlischlossen ward und welches ich in kurzem im Original schauen werde. Gern wurd' ich euch Zeichnungen senden, wird es aber angehen? Dass ich lieber David und Salomo in e i n e r Person, als David allein gewesen ware, wisst ihr so gut wie ich. Doch murr' ich nicht, und gern stellt es David seinem Sohne Salomo anheim, ein Werk zu vollenden, das herrlich angefangen ward. Ist dem Salomo diess Werk bedenklich, da ihm die Ehre versagt ist, Johanniterordensritter zu werden, so fange er immerhin ein anderes an nach Belieben. Mein Segen uber ihn und uber sein Dichten und Trachten in diesem und jedem andern W e i n b e r g e d e s H e r r n ! Wahrlich, die Natur hilft mir sterben: sie ist immer bis auf die Mutze sehr gutig gegen mich gewesen; auch hab' ich ihr mit Wissen und Willen nichts in den Weg gelegt. Ich sterbe auf ihren Namen. Meine Krankheit hat mich vom Leben nie mehr abgezogen als meine Grundsatze, die alle es dazu anlegten, ritterlich zu leben und ritterlich zu sterben. Ich sass nie, wie es von Malesicanten heisst, auf den Tod; ich war so wenig ein Knecht des Todes, als ich je Knecht irgend eines Menschen gewesen bin. Ich lebte bis ich sterbe; ich sterbe, weil meine Stunde schlagt; ich gehe zu Bette, weil ich schlafrig bin. Eine leichte Todesart! E s i s t g e n u g , s o nimm nun, Herr, meine Seele, bin i c h b e s s e r a l s m e i n e V a t e r ! ist meine Losung. Mir fehlt nichts als dass ich sterbe. So sind meine letzten Stunden selbst ein herrliches Geschenk der Vorsehung, da ich in ihnen die schone Natur bis zum allerletzten Augenblicke zu sehen und ihre Gaben, wenn gleich in kleinerem Masse zu geniessen hoffen darf. Ich war sehr fur den Genuss des gegenwartigen Augenblicks. Besser Zeichnungen auf dem Papier fur etwas Wirkliches ansehen als den heutigen Tag fliehen, ihn vernachlassigen, wie ein galanter Geck von Ehemann sein Weib vernachlassigt, weil er mit ihr copulirt ist. Die Zeit todten, heisst den gegenwartigen Augenblick verstossen und es mit der Vergangenheit und der Zukunft halten. Alles hat seine Zeit: die Zeit und bald hatt' ich gesagt auch die Ewigkeit. Mit Gottes Hulfe will ich keinen Augenblick vom Leben verlieren und allem Vermuthen nach werd' ich hier noch das Fruhstuck halten und in der andern Welt nicht zu spat zum Mittagsmahl kommen, wo Manna und Nektartrank und Speise sind. Wunscht mir eine gesegnete Mahlzeit! und ich? herzlich wunsch' ich euch eine frohliche Nachfolge. Was der Mensch saet, wird er ernten. Mein Gewissen macht mir keinen Vorwurf. Ich halte mit allen Menschen, sogar mit den Turken Frieden, und uber meiner Seele schwebt der Friede Gottes, welcher hoher ist als alles, was die Welt besitzt und geben kann. Meine unglucklich-gluckliche Wechselsache und der Subhastationsrechtsstreit machten mich processscheu; ich kaufte mir Processe gleich bei ihrer Entstehung und ehe sie noch zu Kraften kamen, ab, ich erstickte sie in der Geburt. Ohne allen Zweifel waren sie mir sammtlich nicht so hoch zu stehen gekommen, wenn ich den breiten Weg der drei Instanzen eingeschlagen hatte. Wer den Reichthum aus einer andern Ursache schatzt, als um sich dadurch Ruhe zu kaufen, verdient nicht reich zu seyn und macht der Vorsehung Vorwurfe, dass sie Reichthumer oft an noch unverdientere Menschen spendet als Ehrenstellen. Mein Geist scheint in eben dem Masse an Starke zuzunehmen als mein Korper ermattet, und diess lasst mich hoffen, dass wenn mein Leib eine Leiche, Erde und zur Erde geworden, mein Geist sich in sein eigentliches Wesen versetzen wird, in welches er an frohen Tagen sich so gern entzuckte! Ach, was ich so oft sagte, ist noch im Sterben meine Losung: Eldorado ist nicht hier, unter der Erde ist Eldorado. Diesen Wahlspruch legire ich meinem Einzigen. In Eldorado ist Friede und Wonne! Doch jetzt, da es zum Sterben geht, mochte ich meine Firma verandern. U n t e r der Erde ist mir zu traurig, und warum nicht eine Wortveranderung, die so klein ist? Die Sache bleibt Eldorado ist in der bessern Welt. Wie dunkt es dir am besten? U e b e r der Erde scheint trostlicher als u n t e r der Erde. Dort oben brennen immer Lichter, unter der Erde ist es finster. Selbst die mit Blumen besaete Wiese kann sie sich gegen den gestirnten Himmel messen? Doch sey es dir uberlassen, ob uber oder unter, nachdem du Lust und Liebe hast, dir eine Landkarte von der Zukunft zu zeichnen, mit der man nicht so leicht als mit der vom irdischen Jerusalem fertig werden kann. Ueberhaupt ist es ubel mit den Worten, kann man sie wohl zum Stehen bringen? Wenn der Leib untergeht, geht die Seele auf. Thue Gutes, liebe Sophie, den Kindern und Angehorigen des Kusters, des Nachtwachters und des Hirams. Ist dem letzten noch zu rathen und zu helfen, rathe und hilf ihm! Das Gewissen beisst mich nicht wegen dieses Dreiblattes von Leuten: ich gab ihnen nicht Aergerniss, sie nahmen es. Dem Hofmeister Heraldicus junior genannt, verehre ich eine Pension auf Lebenslang von 200 Thalern. Dem Herrn Pastor schenk' ich ein- fur allemal 1000 Thaler. Eben so viel sollen unter Arme an meinem Begrabnisstage vertheilt werden. Meine liebe Sophie wird verzeihen, dass ich mich in ihr Departement, dem sie so musterhaft vorsteht, einmische. Dem A n d r e a s K l o z , der mich zu verklagen drohte, geb' ich einen Freiheitsbrief und 100 Reichsthaler, und seiner Tochter, die ihn dazu aufhetzte, gerade so viel zum Brautschatze. Ich bin so furchtlos, dass ich nie in meinem Leben freier geredet habe und mehr meiner selbst Meister gewesen bin als jetzt! Mir braust keine Meereswoge, es blitzt nicht um mich her, ich sehe keine finstre Wolke, ich hore keine Donnervorboten. Nichts klirrt mir wie Ketten, ich gehe ins Land der Freiheit. Alles ist so heiter und ruhig um mich her, dass es eine Lust zu sterben ist. Weiss ich, was ich war, als mir die Menschenrolle zugetheilt ward? Und warum will ich wissen, was ich seyn werde, da der Vorhang fallt und da mein Gewissen mir klatscht? Ich komme auf eine andere, hochst wahrscheinlich auf eine hohere Classe, auf eine bessere, als Prima und Secunda in Jerusalem waren, ohne allen Zweifel. Der Tod ist eine Wiedergeburt zur Geisterwelt und zu mehr intellektuellen Kraften. Diese Fackel der Hoffnung soll mir leuchten auf den finstern Pfaden des Todes. Bald wird diese Rolle ausgespielt, ja wohl a u s g e s p i e l t seyn! bald! Kein Tag ohne Linie! der Tod zieht die letzte diesseits nicht auf ewig! Der Tod ist feierlich, weil er ein Gast ist, der nur einmal kommt. Denkt an den Gastvetter und die Unbekannte! Nur drei Wochen langer geblieben und sie waren geworden wie unser einer! Hatten wir mehr in den Orden der Verschwiegenheit aufgenommen, wurde seine Aufnahme so feierlich geblieben seyn? Wurd' ich mich nicht selbst hassen, wenn ich den Tod hassen wollte? Wurd' ich nicht das Leben hassen, wenn ich zittern und zagen wollte zu sterben? Der sogenannte Tod ist eine enge Pforte zum neuen Leben und einem veranderten Seyn. Wer auf Kosten des Todes lebt, ist ein ebenso grosser Thor, als wenn er auf Kosten des Lebens stirbt. Leben und sterben ist aus e i n e m Stuck. Wir machen hier Platz, weil dort uns andere Platz machen. Ohne Zweifel wird es mit dem Erdentode nicht aufhoren, sondern noch unendliche Male werden wir sterben, das heisst: zu einem andern und immer bessern Leben befordert werden. Sterben nicht alle, die leben? Werdet ihr nicht auch sterben? Starben unsere Vorfahren nicht? und wer wollte nicht in so guter Gesellschaft seyn, wer wohl gern allein ubrig bleiben und dem ewigen Einerlei sich unterwerfen, das zuletzt anekeln muss? Wahrlich, wer vorausgeht, hat einen Schritt vor uns. Er hat vollendet; nicht alles, doch das M e n s c h e n l e b e n : ein besonderes Leben! Kaum hatt' ich Lust und Liebe, es von vorn anzufangen, und doch gab es herrliche Zeitpunkte in diesem Leben. Auch sterben in dem Augenblikke, da ich sterben werde, viele hundert Menschen, so dass ich gewiss nicht ohne Gesellschaft bleiben kann. Sicher werden zum Mittagsmahl, dem ich entgegen gehe, viele aus Osten, Suden, Westen und Norden anlangen, die zum erstenmale die Ehre haben, dort zu Tische zu sitzen. Kommt es auf die Lebenslange oder auf die Lebensreife an? Ware oder schiene der Tod nicht etwas bitter wer wurde leben? Das Abschiednehmen, die Vorbereitungen sind das Schrecklichste. Ich nehme h e u t e von euch Abschied, meine Lieben! und nach meiner Art etwas weitlaufig, damit ich mich, wenn es zum Sterben geht, desto kurzer fassen konne. B i s a u f s W i e d e r s e h e n ! mehr wird euch mein s t e r b e n d e r M u n d nicht sagen. Ich denke noch viele Tage, vielleicht viele Wochen bei euch zu bleiben. Lebt wohl, wohl, wohl bis aufs Wiedersehen! Schrecklich ware es, wenn wir uns dort zusammenfanden, ohne uns wieder zu kennen! Schrecklich! Wir werden wiederkommen, gen Zion kommen! Freude wird uber unserm Haupte seyn; wir werden uns kennen und erkannt werden, Hallelujah! Hat man einen hohen Thurm erstiegen wer furchtet nicht herab zu sturzen, obgleich ein Gelander vorhanden ist? Diese Art v o n S c h w i n d e l , diess und nichts mehr nichts weniger ist der Tod. Auf Ehre und Redlichkeit nichts mehr nichts minder! Auch soll mich niemand betrauern. Geht, wenn ich begraben bin und auch nachher zuweilen in meine Rittergarderobe. Solches thut zu meinem Gedachtniss. Von meinen Bedienten erhalt jeder 100 Thaler zum Geschenk; ist er unterthanig, einen Freibrief. Ausser den Ordenskleidern werden Wasche und Kleider unter sie vertheilt. Sorgt dafur, dass nicht Wurmer in die Ordenskleider kommen! es ware doch Schade! und wie lange sie sich halten konnen, beweist Kaiser Karls des Grossen alter dalmatischer Rock, mit dem der angehende Kaiser am Kronungstage paradirt, wesshalb ihn so leicht niemand beneiden wird. Zwar hat meine Neigung zu Hunden gegen die vorige Zeit abgenommen, doch hab' ich noch unter ihnen Lieblinge, die ihr kennt. Lasst sie meinen Hintritt nicht empfinden. Bedauern werden sie mich ohnediess. Gebt ihnen, bis ihr Stundlein kommt und sie s t u r z e n , ihren Unterhalt reichlich und vergesst nicht, dass die Thiere sich wie wir nach Erlosung um Veredlung sehnen! Ich furchte, der ehrliche G r e i f stirbt mir nach! und wenn wir gleich nicht zusammen an einer Tafel essen werden es sind dort gewiss auch Domestikentische fur Seelen der Thiere, da wird er sein Couvert finden. Gewiss, lieber G r e i f , du wirst nicht zu kurz kommen! du braver Hund! Wird aus der E r s c h i e n e n e n eine B l e i b e n d e , aus Fraulein U n b e k a n n t Fraulein B e k a n n t , so grusst S o p h i e n von mir. Gern hatt' ich sie naher kennen lernen! Eine schone Person! Ausser meiner Sophie, von der sie viel Aehnliches hat, hab' ich sie nie schoner gesehen. Lebt alle wohl und sterbt, wenn euer Stundlein kommt, so glucklich wie ich! Hab' ich euch, G e m a h l i n oder S o h n , auch nur durch eine Geberde beleidigt vergebt! und findet es sich, dass ich ohne mein Wissen jemand Unrecht gethan, berichtigt es u m G o t t e s w i l l e n ! Ich ging meinen Lebenslauf peinlich durch und fand nur zweierlei zu ersetzen, obgleich beide Falle noch zweifelhaft bleiben. Lieber leiden als leiden lassen; doch wer kann wissen, ob er nicht unwissend fehlte! Diese Ersetzungen v e r m a c h ' i c h e u c h , ihr guten lieben Seelen, die ich herzlich liebe und lieben werde ewig, ewig! Er gab jedem die Hand und lebte nach diesem Abschiede noch drei Tage und dreimal drei Stunden, wie unser Held es sorgfaltig verzeichnete, der nach der Abreise seines Freundes auf die Zahlen starke Jagd machte. Auf seine Rechnung gehoren die Zahlen, die so wie uberhaupt, so insbesondere in den letzten Paragraphen vorgekommen sind und ohne Zweifel noch vorkommen werden, obgleich unser Held gewiss auch nie vergass, sich alle Monate drei Hemden anzuziehen und sich gewisser Speisen zu enthalten. Getrost aus Grundsatzen sterben ist ehrenwerth, und aus lichterloher Imagination? ist auch nicht zu verachten. Springen nicht Grundsatze oft uber den Zaun? laufen sie nicht zuweilen aus der Schule? Es ist gut, sie durch Imagination zu binden, die sich oft auch mit Exaltation vertragt und da noch ihre Kraft behauptet, wo Grundsatze bestehen wie Schnee in der Sonne. Nach einiger Zeit empfahl der Ritter seinem Sohne einen

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Begleiter,

der seinen Paragraph hinreichend verdient. Protagoras war in seiner Jugend ein Tagelohner, der, ausser vielen anderen Tagelohner-Arbeiten, auch Holz zu tragen verpflichtet ward. Demokritus, der ihm begegnete, fand das Holz so geschikt zusammengelegt und gebunden, dass er den Protagoras befragte: wer es so kunstlich zusammengebracht habe? und nachdem der Holztrager seine Behauptung, es selbst zu seyn, in seiner Gegenwart durch einen thatlichen Beweis ausser Zweifel gesetzt hatte, ward er ihn zu seinem Schuler, wie der Werbehauptmann unsern Helden; und der Holztrager ward ein Philosoph. Setzet anstatt Protagoras und Demokritus Pastor und Michael, und anstatt des Holzbundels den Katechismus, so wisst ihr, woran ihr seyd, und was ich sagen wollte. Dieser Knabe legte das Holz des katechetischen Unterrichts so meisterhaft, dass der Pastor ihn dem Ritter empfahl, der ihn dann gemeineren Arbeiten entzog und zu einer bessern Klasse der Dienste bestimmte. Michael hatte vielleicht Protagoras werden konnen, wenn unser Pastor Demokritus gewesen ware, wozu er indess keine Anlage zeigte. Vielmehr besprengte unser Pastor dass sie ganz etwas anderes ward, als sie von Natur wegen hatte werden konnen. Der testirende Ritter wahlte ganz von ungefahr einen Ausdruck, der unsern Michael ziemlich deutlich bezeichnete: B e g l e i t e r ! Zwar nahm ihn von Stund an unser A B C als Diener zu sich, doch war Michael mehr. Und was? Frage, Freund: was nicht? Denn mit mehr kann ich in diesem Paragraph nicht dienen. Michael gehorte nicht zu Theaterdienern, die, wenn sie gleich, so wie er, mitsprechen und mithandeln, es immer auf eine Weise thun, die weder den Herrn noch seinen Diener gekleidet haben wurde. Michael war nicht der Leib, und sein Herr die Seele, oder umgekehrt; doch machten sie ein Paar, das schwerlich sich besser zusammen finden konnte.

Die Ritterin hatte, ohne dass das Schlafstubchen der Frau Landpflegerin (ausser in Rosenthalschen Traumen) nur angefangen, geschweige fertig war, einen

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Traum,

der auf den Hintritt ihres Gemahls anspielte. Sie sah einen Ritter in voller Kleidung auf einem weissen Pferde um das himmlische Jerusalem dreimal herumreiten, den Kopf unter dem Arm, den Sattel des perlen! In der Regel bedeuten sie Thranen; und in der That, die Ritterin beweinte ihren Verlust bitterlich. Sie liebte ihren Gemahl bis in den Tod! Ach, es war ein gutes Paar! Dieser Traum der Ritterin, der wegen seiner Bescheidenheit wenig Anhang fand (Traum- und Wunschbescheidenheit findet selten Beifall), ward durch Dinge von grosserer Wichtigkeit ganz und gar verdrangt. Da hatte man einen alten Herrn in langem schwarzem Mantel gesehen, dessen Schleppe den ganzen Kirchhof bedeckte, und dieser Herr war so gross, dass er sich mit dem Kirchthum mass, und da er weit uber ihn hinwegragte, schamte sich der Kirchthurm, dass er blutroth ward. Dieser Ritterriese liess sich zwischen 11 und 12 Uhr in der Nacht sehen; doch nur Sonntagsaugen erblickten ihn in Lebensgrosse. Einigen Alltagsaugen kam er nicht viel grosser vor, als ein Fingerlein, und noch ewige Alltagsaugen konnten ganz und gar nichts sehen. Auch gab es S o n n t a g s r i e c h e r , die, wenn die Erscheinung vorbei war, einen Sternanisgeruch verspurten, wogegen Unsonntagsnasen, bei aller Anstrengung der Geruchsnerven, nichts entdecken konnten. Diese Gesichte und Geruche brachten so manche andere Ereignisse voriger Zeit zum Vorschein; und da erinnerten sich alte Leute an Unglucksstellen, wo kein Sonntagspferd hinginge, wenn man ihm auf der Stelle das Leben nahme. Es gibt Pferde wie Menschen, ward behauptet: Pferde, die alles sehen, Riesen und Fingerlein, und andere, die nichts sehen. Wie es Pferde halten, weiss ich nicht; dass es aber Falle gibt, wo Menschen nicht sehen und doch glauben ist das zu bezweifeln? Pferde, die sich ohne Ursache baumen, nennt man scheu; gibt es nicht auch dergleichen scheue Menschen? Doch warum Abschweifungen? Es ward uber die weisse und schwarze Frau, uber den weissen und schwarzen Mann weiss und schwarz commentirt. Die Altenweiberbeitrage liefen alle auf Blut hinaus; in den Altenmannergeschichten kamen rasselnde Ketten, Nasenstuber, auch wohl streitende Heere am Himmel vor, doch ohne dass diese Heere Blut vergossen. Hundert Erzahlungen, die eben verjahren wollten, wurden aufgefrischt und ihre Prascription gehemmt. Der Junker, der wenigstens neunmal mehr als andere Junglinge zum Wunderbaren geneigt war, obgleich die Liebe zum Wunderbaren der Jugend und dem Alter eigen ist, glaubte uber kurz oder lang zum nahern Aufschlusse so mancher Dinge zu gelangen, deren Grund und Ungrund vergebens von den Philosophen nachgespurt worden. Der Anfang war durch den Orden der Verschwiegenheit und durch die Vocalgeschicklichkeit gemacht, vermittelst welcher letzteren er auf ein Haar zu bestimmen im Stande gewesen war, dass der Ritter fruher als seine Gemahlin sterben wurde, was man freilich auch ohne Vocal durch die Mutze ziemlich deutlich hatte herausbringen konnen. Dass unser Ritter im Stufenjahre starb, versteht sich von selbst. Ausser dem erzahlten Traume fielen noch

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Anzeigen

und andere Traume vor, die ich um vieles nicht mit Stillschweigen ubergehen konnte; als da sind: Drei Tage vor der letzten Krankheit des Ritters verlor die Ritterin sein Bild in Miniatur von ihrem Armbande; ein Geschenk ihres Vielgeliebten am Hochzeitstage. Ohne dass sie es gemerkt hatte, war es ihr entfallen; und obgleich dem Finder von drei Kanzeln ein stattliches Findegeld zugesichert ward und der Pastor loci nicht nur bei dieser Kanzelaufforderung, sondern auch beim Suchen selbst sich viele ruhmliche Muhe gab, so hat dieses Bild sich doch nie wiedergefunden nie!

Drei Tage nach dem Anfange der letzten Krankheit des Ritters fiel der Blick der Ritterin ganz von ungefahr in den Spiegel im Zimmer, wo der Ritter auf einem Sopha, ich weiss nicht ob lag oder sass, wahrend ihm sein Krankenbett gemacht ward. Schrecklich! Er erschien ihr in Todesblasse im Spiegel, und beim Schauder, der ihr durch die Seele ging, war es, als

Auch hatte die Ritterin einen F e n s t e r g a r t e n , den man zu dieser Frist jardin portatif nennen wurde. Dieser Garten, der aus dreimal drei Topfen bestand, verdorrte in einer Nacht. Die Ritterin mochte diese Topfe weiter nicht sehen, indem sie dadurch zu lebhaft an den Verlust ihres Gemahls erinnert worden ware.

Ich fing mit einem Traum an und will mit einem enden. Warum auch nicht?

In der Nacht vor dem Tode des Ritters sah sie (im Traum) auf den Mauern Jerusalems den Schatten jenes W e h e r u f e r s . Ueberwunden! rief er; uberwunden! und zum drittenmal: uberwunden! Jetzt verschwand der Schatten die Mauern sturzten ein und kein Stein blieb auf dem andern.

Unser A B C gab sich viele Muhe, als ihn seine Mutter nach dem Hintritt des Ritters mit diesen Anzeigen und Traumen bekannt gemacht hatte, gleichfalls Postscripte von dergleichen besondern Vorfallen zu erfahren, um eines Theils in Traumen niemanden, und ware es auch seine leibliche Mutter, etwas nachzugeben; andern Theils aber, um uber dergleichen wichtige Gegenstande dem Werbehauptmann in der nachsten Epistel berichten und sich Verhaltungsbefehle erbitten zu durfen. Indess schlief er zu fest um zu traumen, sah im Spiegel nur sich und da er kein Armband trug, so war es unmoglich, eins zu verlieren. Ein jardin portatif wurde freilich am leichtesten zum Verdorren zu bringen gewesen seyn, wenn er ihn nicht begossen hatte; allein die Aufgabe war: dreimal drei Blumentopfe sollten bei hinreichendem Wasser verdorren, und diese Aufgabe war unerreichbar. Pastor loci fand im verlornen Portrait ein unerklarliches Rathsel; der Junker in der Zahl Drei. Drei Tage vor seiner Krankheit, sagte A B C. Vielleicht ein Ohngefahr, erwiederte der Pastor. Warum nicht gar! versetzte der Junker; dann ware das verlorne Portrait ein noch grosseres Ohngefahr. Warum gab es eben sieben Weisen in Griechenland? warum nicht mehr oder weniger? Der Pastor war vermittelst der sieben Weisen vollig uberzeugt. So kann in Glaubenssachen ein Senfkornumstand viel beitragen! Mit der heiligen Zahl D r e i hatte denn doch unser Pastor auch bekannter sehn k o n n e n und seyn s o l l e n ; k o n n e n : da jedes Ding von Wichtigkeit seine drei Worte im Vermogen hat, und in allem, was werth ist zu seyn, sich Geist, Seele und Leib befinden; s o l l e n : da er trotz dem Simeon vom Glauben zum Schauen sich sehnte. Die

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Vigilien

vor dem Begrabnisse des Ritters? In der That erbaulich. Die Begleiter der Leiche Alexanders des Grossen, die wegen ihrer Reden bekannt sind, hatten hier lernen konnen. Wohl dem, der am Ziele ist! (Ach freilich wohl! und war' es auch nur ein Buchziel!) Er hat uberwunden; wir streiten noch. Heil dem, der aus dem streitenden Jerusalem in das triumphirende einging! Dreimal Heil dem, der, wie er, als ein gebetener Gast eilte, um beim Mittagsmahle der Herrlichkeit nicht zu verspaten, wozu er eingeladen war! Der Tod ist eine Genesung von einer langen Krankheit. Wer weiss, wann er einschlaft! Eben so wenig wird man wissen, wann man stirbt. Lasset uns Gutes thun und nicht mude werden; wir ernten ohne Aufhoren. Wenn das Feuer auszugehen schien, ging man zum Castro doloris, welches dem Ritter bereitet war. Hier brannten so viel grosse Wachslichte, als er Jahre zuruckgelegt hatte. Zwolf Gemeinbealtesten hielten die Ehrenwache. Die Zwolf hatten ihre Haare, ich weiss nicht warum, in einen Zopf gezwungen. Nichts kann so entstellen und schmucken, wie das Haupthaar. Hier ist die Residenz der Affectation und der nicht nehmen. Die Haare unserer Zwolfe hatten das Schicksal ungesalbter Dichter, denen Worte und Gedanken sich widersetzen, wenn sie beides in einen Zopf zwingen wollen. Oder ist diess Gleichniss nicht erhaben genug? Es ging den Zwolfen wie einem freien Staate, dessen fliegendes Haar in eine Monarchie verwandelt wird! Da jeder von diesen Nationalgardisten dieser Feierlichkeit halber zum Andenken ein Communionskleid erhalten hatte, das, wie alle neuen Kleider, nicht sonderlich sass, so hatten sie auch von dieser Seite kein geistlich-militarisches Ansehen. Schmerz uber den Verlust eines braven Herrn, und Freude uber das erhaltene Ehrenkleid durchkreuzten ihr Gemuth noch uberdiess, und man konnte sich bei warmen Thranen des Lachelns nicht enthalten, diese ehrlichen Gemeindealtesten in pontificalibus zu sehen. Den folgenden Sonntag gingen alle Zwolf ad Sacra, obgleich ihre Zeit respective noch 3, 5 bis 7 Wochen lief. Auf dem Sarge lag die ganze Rustung und der Degen, alles ins Kreuz. Das

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Abendessen

vor dem Begrabnisstage war sehr einfach, und sah einem Liebesmahl, einer Agape, ahnlich. Unser Ritter hatte keine Nacht bei den Waffen in irgend einer Kapelle gebetet, auch nicht nach Ritterweise eine Ritteroder Waffenwache gehalten. Diese Vigilien ubertrafen an Feierlichkeit eine Ritter- oder Waffenwache bei weitem.

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Das Begrabniss

gab der Einfachheit des Liebesmahls nichts nach. Gern hatte die Ritterin sich unterrichten lassen, wie die Exequien fur einen Johanniterritter eigentlich einzurichten waren; indess fand sich niemand, der die Art des Begrabnisses naher angeben konnte. Da Heraldicus junior beim Castro doloris Flickarbeit geleistet hatte, so ward ihm dieses Ehrenwerk zutrauensvoll ganz besonders ubertragen; doch konnte er keinen Fingerzeig in seiner heraldischen Rustkammer finden, und in dieser Grabesfinsterniss der Unkenntniss keine wendigkeit ausgesetzt, sich uber folgende Solennitaten einzuverstehen.

Zuerst ging ein s c h w a r z g e k l e i d e t e r

J u n g l i n g , der ein weisses Kreuz und eine ausgeloschte umgekehrte Fackel in beiden Handen trug, und von Zeit zu Zeit in die Worte ausbrach: G e h e t ! w i r g e h e n h i n a u f g e n J e r u s a l e m . Sodann ward ein P a r a d e p f e r d von einem Stallknecht gefuhrt, welchem dieser Feierlichkeit halber der Charakter als Stallmeister ohne Chargenausgaben beigelegt ward. Der Anblick des Pferdes brachte die Zuschauer zu den lautesten Klagen: E r i s t n i c h t m e h r ! Man hatte sich nie vorgestellt, was fur Wirkung ein dergleichen Paradepferd ohne Reiter zu machen im Stande ware. Ein Pferd dieser Art thut nicht anders, als hatt' es seinen Reiter eingebusst; und ist das nicht ein ruhrender Anblick? Wenigstens ein weit ruhrenderer, als wenn der Reiter das Pferd verliert. Unser Pferd hatte gewiss noch mehr Wirkung gethan, wenn der Ritter, der seit langer als drei Jahren seiner Hauptflusse wegen kein Pferd bestiegen hatte, dieses leidtragende Paradepferd in seinem Leben geritten hatte. Doch zog man, um diese Illusionsstorung zu schwachen, in weise Erwagung, dass der Ritter es hatte reiten konnen! Freilich! Jetzt wurden d r e i H u n d e an schwarzen Stricken geleitet. Dass der l i e b e G r e i f unter diesen dreien nicht war, versteht sich von selbst. Man wollte bemerken, dass Hunde und Paradepferd Thranen in den Augen gehabt hatten. Wer weiss, ob und warum? Nun gingen D i e n e r e i und S t a l l l e u t e paarweise. P r o t a g o r a s folgte mit dem Kammerdiener im ersten Paare, ohne dass die andern alteren, und selbst der S i l b e r d i e n e r und T a f e l d e c k e r , ihm den Rang streitig machten: alle in ihren Feierkleidern mit langen Floren, die von den Huten bis zur Erde hingen. Dann folgten s i e b e n j u n g e n L e u t e , die bei der Rosenthalschen Domanenkammer angestellt waren, schwarz gekleidet. Diesen waren die vorzuglichsten Insignien des Johanniterordens anvertraut, wozu auch ein Foliobuch, um die Ordensregel anzudeuten, gehorte. Ein altes Rechenbuch leistete mit vielem Anstande diesen Dienst. Der Kammeldirektor trug auf einem schwarzen Kissen den Orden. Auch hatte er den Auftrag, wenn man den Sarg beisetzte, demselben die feste Versicherung anzugeloben, dass nach wenigen Generationen diese Sonne wieder aufgehen wurde. Der Kammerrath, welchem man den Schnabelmantel zugetheilt hatte, war so unbeholfen, dass er dieses Ehrenstuck dreimal fallen liess; auch dem Kammerdirektor entfiel, wiewohl nur einmal, der Orden. Jetzt ward e i n e F a h n e d e s K r e u z e s getragen; zu beiden Seiten gingen M a r s c h a l l e mit Staben. Der F a h n r i c h und die M a r s c h a l l e waren mit mehr Flor von oben bis unten behangen, als alle andern. Man hatte diese drei Subjecte aus einer der nachsten Stadte gemiethet, wo Marschalle und Fahnriche wohlfeil zu haben waren. Die Leiche ward von sechs mit schwarzem Tuch behangten Pferden langsam gezogen. Unser Held war mit der Zahl 6 unzufrieden und wunschte uberall 9. Warum? Weil sein Conductor bei Gelegenheit als er seinem Novicius die Zahlenobservation nahe legte, die Zahlen 3, 7, 9 und 10, als Vocale unter den Zahlen, mit Ehrfurcht nannte. Vocales unter den Zahlen? Hat nicht alles in der Welt seine Vocales? dachte unser Novicius. Die zwolf Aeltesten gingen zu Fuss neben her. Unweit der Kirche erschien der Schulmeister und Organist mit seinem Musenchor von neun Knaben, die aus vollem Halse das Ritterlied: Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort, nach der Verbesserung des Pastors abschrien. Bald hatt' ich vergessen, dass drei Wagen mit sechs Pferden bespannt die Leiche begleiteten. An der Kirche ward der Sarg von den Zwolfen vom Leichenwagen gehoben und bis zum Altare getragen, den der Pastor erstiegen hatte, um uber die Johanniterordensworte, O f f e n b a r u n g J o h a n n i s XII. B. 7 bis 9 eine ruhrende Leichenrebe zu halten. Die Worte lauten wie folgt: Und es erhob sich ein Streit im Himmel. Michael und seine Engel stritten mit dem Drachen, und der Drache stritt und seine Engel und siegte nicht, auch ward ihre Starke nicht mehr funden im Himmel. Und es ward ausgeworfen der grosse Drache, die alte Schlange, die da heisst der Teufel und Satanas, der die ganze Welt verfuhrt, und ward geworfen auf die Erde, und seine Engel wurden auch dahin geworfen! Die oben bemeldete Procession stand wahrend der Leichenrede am Altar.

Ob es dem Pastor leicht oder schwer geworden, die Regeln der Taktik bei diesem himmlischen Kriege zu entrathseln und die Turken, den Grossherrn, Grossvezier, Veziere, Bassen, Agas in dieser Weissagungsstelle zu finden, muss ich wohlerfahrnen Auslegern der Apokalypse zu entscheiden uberlassen. Cato schloss alle seine Reben: ego vero censeo, Carthaginem esse delendam; und unser in Gott ruhender Ritter behauptete bei der Anwesenheit des in Gott andachtigen Consistorialraths und seines weltlichen Gesellen, dass viele Geistliche ihre Texte, so wie viele ungeschickte Aerzte ihren Patienten, behandelten, und an seinem Prediger Exempel nehmen konnten, der mit seinen Texten, auch selbst mit den widerspenstigsten, die sich schwer deuten liessen, sanft, wie mit gutartigen Kindern, umginge. Es war nichts u b e r e c k in der Leichenrede, sagte der Nachbar, der bei Gelegenheit der Aufnahme unseres Helden an der Verschwiegenheit zum Ritter ward, obgleich wenn er auch der wohlerfahrenste Scheidekunstler in der Redekunst gewesen ware, es ihm Muhe gemacht haben wurde, hier etwas a u s z u s u ss e n und a b z u s i e g e n . Die Ritterin war zu betrubt, um sich durch eine Altarrede uber Michael und seine Engel storen zu lassen. Desto besser! Protagoras der Begleiter war so stolz, als wurde sein Namensfest gefeiert. Die Kunst zu trosten war unseres Leichenredners Sache nicht; und die meisten Menschen sind leidige Troster. Wer nicht das Herz kunstlich verwunden, den halb oder am unrechten Orte gebrochenen Arm kunstlich und gehorig ganz zu brechen versteht, besitzt auch die Kunst nicht, zu heilen und zu verbinden. Die Nachbarin und ihre Tochter waren des kritischen Dafurhaltens, dass unser Leichenredner auch selbst in der Offenbarung Johannis einen bessern Text hatte auftreiben, konnen; indess nahm sich unser Vocalheld Michaels und seiner Engel an, und die Damen traten bei. Da ist ja, sagte der Nachbar auf den Junker und seine Tochter zeigend, M i c h a e l u n d s e i n e E n g e l ; und machte seine Tochter roth den Junker nicht. Der B e g l e i t e r lachelte; ich mochte wissen, warum?

Als etwas Besonderes ward bemerkt, dass auf Stirn und Gesicht unseres Ritters sich keine Falte zeigte. Kein Fluch, sagte die Ritterin, beunruhigte den Seligen; seine Rechnung war rein und richtig abgeschlossen, und kein Deficit qualte seine scheidende Seele. Will man sagen, er war tugendhaft, weil er keine Gelegenheit hatte lasterhaft zu seyn, fugte die Nachbarin hinzu, so irrt man: er war reich. Der Nachbar bemerkte: seine leichten Ideenspiele beruhrten ihn noch sanfter, als Schmetterlingsflugel und auch niemanden von seinen Freunden und Freundinnen fielen sie schwerer. Die ABC-Tochter weinten, ich weiss nicht, ob um ihren Herzen Luft zu machen, oder ob dem ABC-Junker zu Liebe. Heraldicus junior schloss mit dem Dank an den Leichenconduct: "Wir haben gethan, was wir zu thun schuldig waren. Der Unvergessliche" (das Legat begeisterte seine Zunge) "hat eine gewisse Feierlichkeit naturalisirt; und die Rosenthalsche romantische Gegend schien diese Neigung zu begunstigen! Was an ausserer Feierlichkeit abging, Verewigter! das ersetzten unsere Herzen." Ohne Zweifel wird man auch mir erlauben, mich in diese Nachreden zu mischen. Schwarmer geniessen alles voraus, Philosophen alles hinterher. Geht da! den Grund von dem runzellosen Gesichte der Schwarmer im Leben und im Tode, und von den Furchen in den Gesichtern der Philosophen, die sich in ihren Hoffnungen so oft betrogen finden! Gott troste sie!

Dass ich ubrigens die veralteten und verjahrten deutschen Worter unseres Ritters nicht beibehalten, sondern nur selten davon ein Probchen gegeben habe, wird meine Leserwelt hoffentlich mit Dank erkennen. Hiermit

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Ruhe wohl,

edler Ritter! Deine Werke folgen dir nach! Nie werde deine Asche durch den Fuss eines Drachen von Turken entweihet, und wenn eine Schlange von Mamelucken diese Strasse zieht, und lastern will, falle ihm von dieser heiligen Asche so viel in die unrechte Kehle, dass er sich bekehre und lebe! Ruhe wohl! Der Tod ist ein achter Ritter, gewiss mehr frohlicher als trauriger Gestalt. Er uberwindet die Drachen des Lebens, lasst den Korper das heilige Grab erobern und einnehmen, wahrend der Geist zum himmlischen Jerusalem eingehet. Nach diesem Elend ist ihm bereitet Eldorado der Ewigkeit! Du starbst ritterlich. Wohl dem, der es vollbracht hat! Dich suchten ein falliger Wechsel, ein weiser Vetter, eine Consistorial-Commission und so manches andere heim, ohne an deine Mutze zu denken. Und was drangt und druckt mich, ohne dass ich eine Mutze tragen darf, und mit einem abgelaufenen Wechsel von einem Emsigen bedrohet werde? Staatsgeschafte, an denen man den Undank im Original kennen lernen kann! Ach! ein Jerusalem anderer Art, das da todtet die Propheten, und kein Schlafstubchen der Frau Pontius Pilatus vorhanden ist, um des Tages Last und Hitze zu vertraumen! Und wenn ich als Schriftsteller mich erholen will wer sucht mich heim? Wahrlich kein reisender Vetter, keine Consistorial-Commission die, sobald sie weinwarm war, mit sich handeln liess. Da wollen Prophetenknaben zu Rittern an mir werden! Eben heute (den 26 Oktober 1792) les' ich eine Recension, in der man den Prophetenknaben an seinem Vivatund Pereatgeschrei, und an seinem Fensterwurf mit Handen greifen kann. Lieber Gott! diess Knablein vergreift sich an einer Schrift, bloss weil sie in seinen asthetischen Heften sich unter keine Rubrik bringen lassen will! Mit den lieben Heften! Immerhin! ich will keinen Baren aussenden, der diesen Knaben in seinem Spiele store, um ihm seinen Freitisch nicht zu verderben, und den Groschen zu entziehen, den ihm der Verleger zahlt! Oder wie? ist es selbst? Nun, wahrlich, dieser Schwachling wird nie die Kinderschuhe ausziehen und uber seine Hefte kommen. Guter Ritter, verzeihe mir diese Nutzanwendung, die mir an deiner Gruft so w o h l t h u t ! Sie fiel deinem Leichenredner nicht ins Wort, noch der Kritik uber seine Rednergaben, die wahrlich anderer Art war, als die, womit ein Knabe an Geist oder Leib, oder an beiden, sich an mir vergriff. Guter, seliger Ritter, wenn dein Vokalsohn den Bau nicht vollenden sollte, den du so herrlich auf dem Papiere angefangen hast, wird doch diese Statte heilig seyn dem Consistoriali und dem Laien, und jedem der werth ist, dich zu kennen heilig! bis jeder mit Simeon sagt: Herr! nun lassest du deinen Diener in Frieden fahren!

Zweiter Theil.

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Die Betrubniss

des Sohns uber den vaterlichen Verlust war so herzlich, als sie nur je bei einem S o h n gewesen ist und seyn kann; indess konnt' er sich nicht entbrechen, wahrend der Leichenrede uber Michael und seine Engel, an den Engel zu denken, der ihm in Gestalt eines Brautigams der Enkelin von Fraulein Cousine erschienen, und an seinen Diener Michael, der ihm von seinem Vater, im letzten Willen, als dienstbarer Begleiter zugewiesen war. Da eben dreimal drei Wochen abliefen, und ihm nach dreimal drei Stunden, von Prasentation des letzten Briefes an gerechnet, die Pflicht der Antwort oblag wer kann es ihm verdenken, dass er wahrend des Streits zwischen Michael und dem Drachen auf die Ausfuhrung eines Reiseplans dachte, welcher schon langst, vor der Abreise seines Vaters nach dem himmlischen Jerusalem, vorgetragen und bewilligt war. Er sollte drei Jahre abwesend seyn. Jetzt kam es nur auf die Frage an: ob, und auf wie lange, die veranderten Umstande diese Reise aufschieben wurden? Wenn gleich sein einundzwanzigstes Lebensjahr abgelaufen war, in welchem, weil dreimal sieben einundzwanzig machen, er freilich etwas Bedoch mit d r e i m a l n e u n , und glaubte, dass, wenn er im siebenundzwanzigsten Sophien fande, es alles sey, was von ihm erwartet werden konnte. Ausser dieser Praliminarfrage, wie viel andere? Wird Heraldicus junior nach dem Legat, welches ihm ohne Einschrankung und Bedingung zufiel, der Fuhrer seyn wollen? Und wen wird die zartliche Mutter dem einzigen so herzlich geliebten Sohne sonst zugesellen, wenn Legatarius etwa sich weigern sollte? Das Unschickliche, sich noch im einundzwanzigsten Jahre fuhren zu lassen, fiel ihm nicht ein, da Prinzen von den ersten Hausern noch weit langer ihre Gouverneure behalten, so dass es kein Wunder ist, wenn regierende Herren nach der Zeit, und ihr Lebelang, sich von Leuten fuhren lassen, die gemeinhin weit mehr als ihre Gouverneure sind, wenn gleich sie allerunterthanigst treugehorsamste Diener (servi servorum) heissen.

Der Hauptumstand, den unser Held vor sich selbst zu verheimlichen suchte, blieb die Frage: wohin? Zur Loge, zum hohen Licht, oder zum Fraulein Unbekannt, das, wenn gleich es drei Viertelstunden mit einem Unbekannten, in Gegenwart der Kammerzofe, conversirt hatte, unserm Helden doch unablassig vor Augen schwebte oder flitterte? War's bei so viel Fragen, die mit einander stritten, dem Junker zu verdenken, dass er vom himmlischen Kampf zwischen Michael und seinen Engeln auf einer, und dem Drachen und Schlangen auf der andern Seite, wenig oder nichts vernahm? Nach drei Tagen trat er der Sache

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naher.

Die Mutter, die den Willen ihres Gemahls nach seinem Ableben eben so sehr in Ehren hielt, als ob er noch am Steuerruder des Rosenthal'schen Staats ware, bestatigte den Reiseplan, verstarkte die ausgesetzte Summe um ein ansehnliches, und war in ihrem mutterlichen Segen so liberal, dass sie kraft desselben nicht nur wunschte, sondern auch gewiss war, ihr Sohn wurde der Unbekannten den Gruss ihres sterbenden Gemahls uberbringen, sich selbst und seine Mutter mit einer Sophie bekannt machen, und so die Schmach heben, welche man diesem Namen erwiesen hatte. Nicht undeutlich liess sie es merken, dass man diesen Namen denn doch einmal in Lebensgrosse in der sitzenden Jungfer erblicken, und ihn um kein e und i bis auf den Punkt bringen wurde. Ziehe hin in Frieden, fuhr sie fort, und wenn du den Gastvetter, den Menschenhauser (unsere Wege sind nicht Gottes Wege, unsere Gedanken nicht die seinigen) triffst, betheure ihm, dass sein Andenken bei uns im Segen sey. Auch dein Vater verehrte ihn im Herzen, wenn gleich dung der Ritter Grosskreuze, wenn sie zur Kirche und wenn sie zu Rathe gingen, war, die Heraldicus senior gefertigt hatte, und die trotz der Dalmatika des Kaisers Karl des Grossen, vor Wurmern und andern Feinden bewahrt werden sollen, so lang ein Faden beim andern ist!

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Der Legatarius

lehnte den Antrag der Mitreise aus Eigenliebe zur Freiheit ab, und da er, kraft seines Freiheitsdunkels, es nie auf grosse Dinge angelegt hatte, wollte er dem Frauleinsohne sein Gutchen abkaufen, der sich vorzuglich in Rucksicht seines Schwiegersohns vergrossern musste; und so entging er, ausser dem allgemeinen Leiden und jener Plage, die ein jeder Tag und fast auch jede Nacht hat, allen andern Plagen und Sorgen, die zu den besonderen gehoren, welche der Staat uber seine ersten Staatsburger oder Officianten verhangt. Nimmermehr wurd' er vor der Consistorial-Commission geflohen seyn, hatte er diesen Ausgang seines Schicksals sich vorstellen konnen. Armer Prediger, dacht' er, der du keinen Augenblick vor hohen und niedern Schulmeistern und Nachtwachtern sicher bist! Hatte ihm die Ritterin oder ihr Sohn die Mitreise nahe tet, sich mit auf den Weg gemacht haben. Da indess unser Held in ihm keine Berufsspur zum Ordensmann entdecken konnte, und der Werbehauptmann, der die namliche Bemerkung machte, seinem Novicius in Hinsicht des Legatarius vorzuglich Ruckhalt empfohlen hatte; so entband man ihn gern von dieser Muhe, die Pastor loci, aus Hunger und Durst nach Geheimnissen, mit Entzucken ubernommen hatte. Betrubter noch ware der Pastor gewesen, wenn er nicht die Hoffnung gehabt, dass sein kunftiger Kirchenpatron bei seiner Ruckkunst ihn initiiren, und wo nicht auf Prima, so doch auf Secunda bringen wurde, da er schon in einer andern Verbindung auf Secunda zu sitzen die Ehre hatte, und von der Maurerei nicht glaubte, was er las, sondern was er horte. Er war so bescheiden, sich selbst fur nichts mehr als Einen Secundaner zu halten. In der That, er war auch wirklich nichts mehr und nichts weniger. Legatarius lachte im Herzen uber diese Ordensschwache, und wenn gleich er auch auf Secunda zu sitzen die Ehre hatte, als welches Avancement ihm zu seiner Zeit durch unsern Helden als Herold nicht ohne Pomp verkundigt ward, so that er doch im Herzen auf Prima, Secunda und Tertia Verzicht, und konnte sich uber den Prediger nicht genug wundern, dass er ausser Mosen und den Propheten, ausser seiner naturlichen und seiner excolirten Vernunft, noch mehr Licht suchte. Die Spruchstelle: s u c h e t , s o w e r d e t i h r f i n den, klopfet an, so wird euch aufg e t h a n , deutete der Pastor und Heraldicus junior jeder auf eine besondere Weise. Aeusserlich liess sich Legatarius, der aus einer Studirstube in die Welt getreten war, von seiner Ordensverachtung um so weniger Etwas merken, da er fur seine Anhanglichkeit an das Rosenthalsche Jerusalem so reichlich belohnt war! Diess erkannte er mit so vieler Ruhrung, dass er, dieser Spielerei eine gute Wendung zu geben, sich philosophische Muhe gab, und am X. Sonntage nach Trinitatis in die Kirche ging sein Leben lang. Nie anders als mit Ehrerbietung dachte er des Ritters, und da er bei allem seinem Freiheitssinn die Poesie liebte, und selbst im Stillen Verse creirte, so erschien auf das Ableben seines Wohlthaters unter der Aufschrift: d e r r i t t e r l i c h e T o d , ein Gedicht, das man auch befreites Jerusalem hiess. Hier ermangelte er nicht, zu bemerken, dass die Vernunft auf ihrem Prasidentenstuhl gesessen, und wenn Fursten Lieblinge und Papste Nepoten, Geistliche Inquisitionsscharfrichter hatten, und Richter hellsehende Blinde waren, so doch, man weiss schon, was auf einen dergleichen Anfang in Lobgesangen folgt. Auch nahm er sich vor, durch ein komisches Heldengedicht die Consistorialcommission zu verewigen. Nun war der Punkt wegen der

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Begleitung

noch zu erortern. Michael, der dem verstorbenen Ritter vom Pastor loci empfohlen, in dieser Rucksicht gemeineren Arbeiten entnommen und zu einer bessern Klasse der Dienste bestimmt war, entschied den Fall, der ohne ihn gewiss so leicht nicht zu entscheiden gewesen ware. Mann und Frau, sagte Michael, Vater und Sohn, Herr und Diener: Was Gott zusammenfugt, soll der Mensch nicht scheiden; und scheidet nicht ein Dritter solche Paare von einander, die Gott zusammengefugt hat? Ist dieser Dritte alsdann nicht gemeinhin ein Eheteufel? Warum nicht gar, erwiederte der Junker. Ist drei nicht eine heilige Zahl? Gibt's nicht in der Natur ein Dreiblatt (Trifolium), welches ein herrliches Hausmittel ist und auch in der kunstlichen Arzneikunst gebraucht wird? Konnen nicht Vater, Mutter und Sohn oder Tochter eine Dreieinigkeit ausmachen, welche die Natur begunstigt? Ich will dich nicht zuruck in deinen Holzbundel von Katechismus fuhren. Michael, der eine knechtische Furcht vor dem Katechismus hatte, fiel seinem Herrn demuthigst ins Wort, um ihn an den Stand der Ehe zu erinnern, wo ein Dritter alles in Unordnung brachte, es ware kunstliche Arznei gebraucht wurde; und sey es, dass ihm der Cavalier einfiel, der mit Fraulein Sophie von Unbekannt drei Viertelstunden, wiewohl in Gegenwart der Kammerzofe, conversirte, oder dass er durch die Ueberzeugung, die heilige Zahl verliere in der Ehe ihre Heiligkeit, zu Paaren getrieben ward, kurz und gut, der Junker schwieg und Protagoras hatte gesiegt! Jetzt allererst fiel er auf die Frage: bin ich denn nicht alt genug, mich ohne Heraldicus junior zu behelfen? Wird man nicht Bedenken tragen, mit den Vokalgeheimnissen herauszurucken, wenn Zwei sind, die darnach trachten? Michael war ausserst verlegen uber diese letzte Frage, welche der Junker so laut dachte, dass Michael sie vernahm. Naturlich fielen ihm die Nachrichten ein, die er seinem Macenas verheissen hatte, und die Wiss- und Neugier gehorten zu seinen Tugenden und Untugenden. Man sagt, dass diese und einige Tugenden und Untugenden von Einem Vater und zwei Muttern waren. Freilich kommt's viel auf die Mutter an! Die Sache ward der Ritterin referirt, und sie bestatigte die Wunsche ihres Sohnes, und ermahnte den Protagoras, sich des Zutrauens wurdig zu machen, das man in ihn auf eine so einleuchtende Weise setzte. Wer hatte sich besser als

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Michael

geschickt, den Junker zu begleiten? Michael war so wenig ein Jadiener, als der Junker ein Jaherr. Der letzte hatte seine Partie genommen, und ich stehe dafur, Michael wird auch die seinige ergreifen. Bei viel Gutmuthigkeit, besass er die Gabe, jede Sache von der naturlichen, vielleicht eigentlichen Seite zu nehmen, und sie von aller Kunst zu entkleiden, so dass sie oft nackt und bloss da stand, wie im Stande der Unschuld, ohne sich nach einem Feigenblatte umzusehen. Michael, der freilich das Ankleiden so gut als das Auskleiden verstehen sollte, war uberall nur ein schlechter Putzmeister. Es fehlte ihm an Gewandtheit, seine Gegenstande zu zieren. Er selbst war so ungeschmuckt, dass er bei jedem Weltmann anstossen musste. War es Wunder, da er bei viel Mutterwitz und Vaterurtheil keine Erziehung gehabt? Er gehorte indess auf keine Weise zu der beruhmten Schildknappensippschaft komischen Andenkens, bekannt seit und durch ihren Ahnherrn Sancho Pansa, weiland beruhmten Stallmeister des weiland beruhmteren Junkers Don Quixote von Mancha. So wie Philosoph Terrasson, so oft er Blossen gibt, uns ein angenehmes Seine ungeputzte Seele vernachlassigte ihren kurz und dickleibigen Freund, den Korper, ohne ihn zu verwahrlosen. Wenn er seines Gleichen an Verstand und Willen ubertraf und seinem Herrn Kopfdienste leistete, so sah es doch zuweilen mit den Handdiensten nur sehr durftig aus; und wenn andere seines Gelichters sich durch ausserordentlichen Putz so auszeichnen, dass sie eben dieses Putzes halber ihre Herren berechtigen oder zwingen, schlecht und recht einher zu gehen, so liess doch Michael dem Junker hier den weitesten Spielraum, von dem dieser indess, wie alle Schwarmer, die auf inneres Licht und innere Kleidung ausgehen, wenig Gebrauch machte. Es fehlte Michaeln immer etwas an seinem Anzuge. Seine Rockund Westenknopfe waren nie vollzahlig, und die Staatslivree ward schon in den ersten vierundzwanzig Stunden so bezeichnet, dass man sie, unter vierundzwanzig andern, auf den ersten Blick gekannt haben wurde, wenn auch diese sonst ganz gleichformig gewesen waren. Mit seiner Frisur lebte Michael in bestandigem Zank und Streit; sie befand sich immerwahrend in einer Lage, als ob er sich gerauft hatte. Indess erregten alle diese Flecken und Runzeln beim Junker keine Bedenklichkeit, ihm das Pradikat als B e g l e i t e r zu bewilligen und diesen Vorzug nicht bloss auf den Titel einzuschranken, sondern ihn auch auf den Geist dieses Namens auszudehnen. Der Pastor fand die Wahl vortrefflich, weil er durch Michaeln von den Ordensfortschritten des Junkers getreulich unterrichtet zu werden hoffte. Er hatte den Protagoras zu seinem geheimen Untergebenen (warum soll man denn bloss geheime Obern haben?) gemacht, damit er, wo moglich vom Glauben zum Schauen gelangen moge, als welches wir ihm von ganzem Herzen gonnen wollen. Nachdem er Michaeln mit seinen Ideen bekannt gemacht, segnete er ihn zu seinen Kreuzzugen so ruhrend und ungewohnlich, wie Voltaire den Enkel Franklins, ein, wiewohl weit orthodoxer, formlicher und seiner Absicht anpassender. Nichts bedauerte er so sehr, als dass er diese Reise mit dem Rucken ansehen musste. Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet, fing er an, und schuttelte gewaltig sein Haupt uber den Heraldicus junior, der diese Reise um die moralische Welt ausgeschlagen hatte. Der Tag zur

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Abreise

ward mit Genehmigung der Ritterin bestimmt. Der Pastor loci ermangelte nicht, o f f e n t l i c h zu beten und i n s g e h e i m zu wunschen. O e f f e n t l i c h brachte er dem lieben Gott seinen Kirchenpatron in brunstig, damit er zur Freude und zum Trost der durch das Ableben des Ritters tiefgebeugten Frau Mutter Gnaden, mit K e n n t n i s s e n b e r e i c h e r t , sich selbst zur Ehre, seinem Geschlechte zur Zierde, und allen zur Bewunderung heimkehren moge, in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit, Amen. In seinen geheimen Wunschen ging er viel weiter. Da die meisten Menschen in ihren Gebeten eine gewisse Lebensart oder Bescheidenheit beobachten, so glauben sie, in ihren Wunschen als horte sie Gott nicht dreister und ungezogener seyn zu konnen. Soll ich diese v o r s i c h ' s mittheilen? Ich dachte, meine Leser wussten sie so gut, als der Pastor und ich. Auch den Begleiter des Kirchenpatrons schloss er ins Oeffentliche und ins Geheime ein. Ueber die offentliche Empfehlung der gottlichen Gnade und Treue ward, obgleich sie freilich nur beilaufig geschehen konnte, Michael bis zu Thranen geruhrt. Viele in der Gemeinde schluchzten indess so laut bei weitem nicht, als am zehnten Sonntag nach Trinitatis. So wie der Ritter einige Tage vor seinem Ableben Abschied genommen hatte, so theilte auch die Ritterin, viele Tage vor der Trennung, ihrem Sohne das Schatzkastlein mutterlicher Lehren und Segnungen mit, unter denen Sophie naturlich eine Hauptrubrik ausfullte. Die Welt stand ihm offen; war es Wunder, wenn die Frage:

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wohin?

unserem Junker und seinem Begleiter eine lange Unterredung kostete? Ich will sie kurz wiederholen.

Als Herkules, fing Michael an

Wie kommst du und Herkules zusammen? griff der Junker ein.

Nicht ich, versetzte der Begleiter, sondern Herkules und Sie, oder Sie und Herkules sollen zusammenkommen. Oder soll ich nicht die Ehre haben, den Herkules zu kennen? Da war' ich nicht werth, Sie zu geleiten auf den Bahnen zur Rittermeisterschaft; nicht werth, zu den Fussen Gamaliels gesessen und die vernunftige, lautere Milch eines Unterrichts eingesogen zu haben, den man in Osten, Suden, Westen und Norden schwerlich vernunftiger und lauterer finden wird. Der grosse Ritter Herkules hatte die Qual der Wahl zwischen Wollust und Tugend, und wie? Es erschienen ihm zwei weibliche Figuren. Was that er? Er fasste sich und machte es wie ein weiser Richter, der ein paar Advokaten hort und sich entschliesst

Dem ist also, sagte der Junker. Was willst du aber bei der Frage w o h i n , mit deinen weiblichen Figuren, deinem paar Advokaten und dem weisen Richter,

Um Ihre Lage misslicher darzustellen, als die des Herkules, der vielleicht kurz vor der Abreise von seinem Rosenthal, nach dem hohen Licht, diese Erscheinung hatte. Denn zu geschweigen, dass man zwischen Lea und Rahel, falls man nicht auf beiden Augen blind ist, einen Unterschied zu machen im Stande ist; zu geschweigen, dass Herkules nicht die Nothtaufe erhielt (die bei uns Rosenthalern allen im Segen ist und bleiben wird), vielmehr schon als Kind in der Wiege zwei Schlangen, die ihm nach dem Leben trachteten, erdruckte, so ist Ihnen nur eine einzige weibliche Figur erschienen, die Sie als Huldgottin und Schwester zu weisen strengen Ordenspflichten und zum sanften Ehebette, gleich stark einlud. Wohin Ew. Gnaden bei diesen Umstanden sich wenden werden? ist die Frage, die genau genommen, nicht schwer zu beantworten seyn kann, denn ich glaube, glauben zu konnen, dass, wenn Ew. Gnaden Fraulein Sophien entdecken, Sie durch ihren Besitz, wo nicht i m h o h e n L i c h t e s e l b s t Sich befinden, so doch nicht entfernt von demselben seyn werden.

Dein Gamaliel, erwiederte der Junker, hatte dir Zeit gonnen sollen, dich in der Frisir-, Rasir-, Complimentir- und in andern deinem Stande angemessenen Kunsten, wohin ich die Kunst des An- und Auskleidens mitrechne, unterrichten zu lassen, ohne deinen Kopf mit dem Herkules und seinen beiden Paradiesschlangen zu belastigen, und wenn ich mich gleich meiner Nothtaufe zu schamen keine Ursache finde und nur selten jemand so viele hohe Taufzeugen aufzuzahlen haben wird, obschon ich wegen meiner 24 Vornamen in Punkto der Vokale keiner geringen Schwierigkeit ausgesetzt bin ; so ist es doch unschicklich, dass du dir herausnimmst, mir im Angesicht des Herkules meine Nothtaufe vorzuwerfen. Ich sehe wohl, dass, wenn du gleich, wie Protagoras, das Holz deines Katechismus zu binden verstehst, dir noch sehr viel abgeht, um ein brauchbarer Diener zu seyn.

Wahr, gnadiger Herr! und das traurigste dabei ist, dass man ein brauchbarer Diener zu seyn auch von dem brauchbarsten Herrn nicht lernen kann, vielmehr sollen die brauchbarsten Herren in diesem Unterricht leider! die unbrauchbarsten seyn.

Was die weibliche Erscheinung b e t r i f f t , d e r e n d u g e d e n k e s t , fuhr der Junker fort, so kann meine Zunge nie den Namen Sophie aussprechen, ohne dass mein Herz geruhrt ist. Ich berechtige dich hiermit, ihrer, so oft es dir gefallt, zu gedenken. Noch sey es dir unverhohlen, dass ich wunsche, es mochte, da wenig oder gar keine Logik in deiner Rede liegt, mit mehr Logik geschehen. Denn wenn Sophie aus Orden und Liebe, wie der Mensch aus Leib und Seele, bestunde, so wurde freilich die Frage: wohin? keinem Zweifel unterworfen seyn. Da sie indess nur den ersten Grab des Ordens der Verschwiegenheit besitzt, und ihre erlangten Einsichten, als Mitglied der Adoptionsloge, bei unserem Nachbar nicht leuchten liess, so kann diess alles, und war' es zehnmal so viel, gegen die Loge zum hohen Licht, wo ich auf der Exspektantenliste stehe, wenig oder nichts betragen, und du siehst von selbst ein, dass ich die Wahl habe, dem Orden, der mir in der Person des Hauptmanns erschien, oder der Liebe, die in Sophien leibhaftig wohnt, zu folgen. Das sind die beiden Arme des Weges, und welchen ich ergreife? das ist die Frage.

Michael, der wohl einsah, dass er durch die Erinnerung an die Nothtaufe, im Angesicht des Herkules, einen grossen Fehler der Lebensart begangen, und dass er, zum Nachtheil der Loge zum hohen Licht, in Sophien nicht Orden und Liebe vereinbaren konnen, rieth zur Loge zum hohen Licht, um eines Theils, wie er glaubte, nach den Gesinnungen seines Herrn zu votiren, andern Theils aber, um hierdurch in den Stand zu kommen, desto geschwinder seinem Gamaliel den Segen zu erwiedern, womit er ihn ausgestattet hatte. Wenn ich nun gleich nicht laugnen will, dass, wenn Michael Sophien den Apfel, wie weiland Paris der Venus, gegeben, sein Herr eben so unzufrieden geschienen, so verwies ihm doch der Junker seinen Rath und hielt auf Sophien eine starke Lobrede, dass Michael stehenden Fusses seine Meinung anderte, und, aller obigen so wichtigen Grunde ungeachtet, Sophien vorschlug. Das Resultat war, dass sie e i n e n Weg ausforschen wollten, mittelst dessen man z u Sophien und z u r Loge zum hohen Licht kommen konne. Das ist freilich die sicherste Partei, zu der ein weiser Richter in der Mitte zweier kunsterfahrner Advokaten sich zu entschliessen pflegt. Wer beiden Recht gibt, verdirbts mit keinem von beiden. Hiezu kam, dass Michael ganz richtig bemerkte, sein Herr sey bei weitem so ubel nicht daran, als Ritter Herkules, indem nicht zwischen Tugend und Wollust, Thatigkeit und Faulheit, sondern zwischen Tugend und Tugend, zwischen Orden und Liebe der Streit war. Nach diesem wichtigen Streit hatte man freilich glauben sollen, das gezogene Resultat habe sie aus aller Noth gebracht, allein sie waren, wie es fast immer bei Streitigkeiten geht, bloss aus einer Noth in die andere gekommen. In der That, sie kamen keinen Schritt weiter, denn wo war dieser Weg, um Orden und Sophien zu finden, oder zwei Fliegen mit einmal zu schlagen? wie Michael sich ausliess. Man entschloss sich, beim Frauleinsohue Feuer zu holen, und dazu hatte man sich, wie mich dunkt, ohne die Frage: wohin? und ohne so viel gelehrte Antworten entschliessen konnen. Sage mir aber, sagte der Junker auf diesem Wege zu Michael, was du uberhaupt von Herkules Versuchung denkst? Eben das, was ich von einer andern hochst merkwurdigen Versuchung, welche der Satan wagte, denke, erwiederte Michael, wovon mich die vernunftige, lautere Milch meines Gamaliels unterrichtet hat. Die Tugend und das Laster, die Wahrheit und die Luge, Gott und Teufel, halten in uns jeder seinen Advokaten, welche die Sache ihrer Machtgeber vertreten; und da kommts nun darauf an, wozu die Vernunft, als der weise Richter sich entschliesst, um die Angelegenheiten zu entscheiden und zur Execution zu bringen. Hebe dich weg, Laster, hebe dich weg, Luge, hebe dich weg, Satan!

Du glaubst nicht an wirkliche Erscheinungen?

Noch nicht.

Das heisst, du hast Lust und Liebe, zu glauben?

Allerdings.

Und wann?

Wenn ich sehen werde.

Thor! dann wirst du wissen und nicht glauben.

Michael behauptete, dass, wenn ihm wirklich etwas erscheinen sollte, wogegen er so wenig etwas hatte, dass er's vielmehr wunschte, er zwar sehen, indess doch noch nothig haben wurde, zu glauben; denn, setzte er hinzu, wie leicht kann uns etwas vorkommen, als sahen wir's, und wir sehen es nicht? Kann man nicht traumen, als wache man, und wieder wachend traumen? Schein und Erscheinung thun oft so vertraut, als waren sie nahe verwandt, und doch sind sie verschieden, wie Wahn und Wahrheit, wie Einbildung und Wirklichkeit. Ich setze Zehn gegen Eins, Herkules sah Wollust und Tugend nicht mehr und nicht weniger, als Ew. Gnaden und ich, und mit Ew. Gnaden Erlaubniss, als unser selige Herr Jerusalem.

Der Junker hatte grosse Luft, Michaeln den B l i t z - , K n a l l - und T h u r v o r f a l l zu erzahlen, der ihm zur Zeit des Vorganges gar nicht auffiel, indem er sonst schwerlich die Thur so gemachlich und leise zugezogen haben wurde, und der Entdeckung des Werbehauptmanns in Punkto des Fruher- oder Spatersterbens der Ehe- und Brautleute zu erwahnen: indess erwog er wohlbedachtig, dass man bei der Loge z u m h o h e n L i c h t drei Jahre auf der Exspectantenliste bleiben musste, wenn nicht nach Umstanden diese Wartezeit um etwas oder um alles verkurzt wird; und so blieb er verschlossen, um mit seinem Michael zuvor noch mehr Salz zu verzehren. Herkules verlor ubrigens so wenig durch die Kritik des Herrn, als des Dieners, und that wohl, sich geduldig ihr zu unterwerfen. Hatt' er ja was ubel nehmen konnen, so war es der Umstand, dass der Junker den Werbehauptmann, trotz des Wortes E r k e n n t l i c h k e i t , ihm nicht weit nachsetzte. Herr und Diener kamen darin uberein, sich auf dem geradesten Wege zu befinden, um etwas zu sehen, und diess brachte auf die Frage: was jeder zu sehen wunsche?

Mit dem lieben Wunschen! fing der Junker an. Du weisst, dass es mir in meines Vaters Hause, das jedem Wohlerzogenen offen stand, nicht an Gelegenheit fehlte, Menschen kennen zu lernen.

Besser, versetzte Michael, sie waren nicht Wohlerzogene gewesen, besser von Strassen und Zaunen, als mit hochzeitlichen Kleidern!

Nicht also, erwiederte der Junker, der rohe Mensch hat seinen Mantel, so wie der Erzogene, sie sind nur von anderem Schnitt und anderer Farbe! Es geht bei Menschenbeobachtungen kein Haar besser, wie beim stark besetzten Concerte, wo man, beim Gerausch der starkeren Instrumente, die Violinisten zwar spielen sehen, nicht aber horen kann. Der Gastvetter, der den herrlichsten Seelenhonig, wenn gleich auch manchen Seelenstachel, in Rosenthal zuruckliess und dessen Sache so wenig das leere Fach der Titulatur oder Spekulation war, dass er vielmehr im Ganzen alles ganz herrlich einzugliedern verstand, machte mich auf die Instrumente der Wunsche aufmerksam, welche die Menschen so ganz verschieden spielen. Wunsche, Michael, sind nichts mehr, nichts weniger, als Gebete, mit dem Unterschiede, dass der liebe Gott Gebete horen soll, Wunsche aber nicht. Gelt! Gamaliel war nicht anderer Meinung? Wunsche nimmt sich der Mensch so wenig ubel, dass man ihn eben dadurch, im gemeinen Leben, fast handgreiflich fasst. Diese Wunschelruthe, die mir der Gastvetter behandigte und die mir bis jetzt noch um richtigsten schlug, habe ich, um Menschen zu kennen, in Gegen gebraucht. Kannst du glauben, dass der wahre Geizhals sich selbst nicht viel wunscht?

Andern gewiss noch viel weniger, fiel Michael ein.

N i c h t a n d e r s , erwiederte der Junker.

Vielleicht aus Neid? sagte Michael.

Aus Geiz.

O des Thoren!

Neid und Geiz sind oft nahe, oft sehr entfernt verwandt, was ich dir aber sage, aus purem Geiz.

Mit Ew. Gnaden Erlaubniss scheint mir dieser Eingang der Frage, die beantwortet werden soll, nicht gunstig zu seyn! Wie war's, wenn wir diese Frage auf eine gelegenere Zeit aussetzten?

Freilich wurde Nachdenken uns hier und da auf etwas bringen, das sich vielleicht besser horen liesse, was aber nicht aufrichtig genug ware. Zum Lippendienst, zur Herzentfernung.

Wie Ew. Gnaden befehlen.

Unser Herr und Diener hatten sich einmal vom Ziel entfernt und konnten aus der Materie, warum der Mensch so sehr zur Heuchelei geneigt ware, nicht herauskommen. Dass selbst elende, von Grund aus bose Menschen, wenn sie mit ihren Helfershelfern einen Rath halten, sich die Schadlichkeit ihrer eigentlichen Absicht zu beschonigen Muhe geben; und dass, wenn gleich jeder dieser elenden, von Grund aus bosen Menschen und ihrer Helfershelfer, weiss, die angegebene sey nicht die wahre Absicht, man doch nach dem Scheine buhlt: war beiden ein Wort zu seiner Zeit.

Wehe uber den Heuchler, s a g t e d e r D i e ner.

Warum denn? d e r H e r r .

Weil er heuchelt!

Willst du denn, dass er so sich zeigen soll, als er ist?

Allerdings.

Konnen sich aber, selbst unter seinen Spiessgesellen, nicht einige finden, die weniger bose sind, die durch die Offenheit arger noch wurden, als sie waren?

Schwerlich! viel, kann's hier nicht zu verderben geben.

In der That, dieser Tugendschein ist von der grossten Wichtigkeit; er legt einen Beweis ab, dass auch Bosewichter die Tugend innerlich ehren. Zieh diesen Vorhang, nimm diesen Schein hinweg, lass Menschen sich zeigen wie sie sind und es ist das Schrecklichste, was man sehen kann. Lass immerhin, wenn in der Mordergrube uber den Eingefangenen votirt wird, das votum decisivum heissen: nicht Blutdurst, nein! die Furcht nicht verrathen zu werden. Lass dem Bosewicht, der dem Unglucklichen das Leben nimmt, die Thrane im Auge.

Damit meine Leserwelt nur ja nicht wahne, es wurde jeder Ritt meiner Reisenden so weitlaufig werden. Behute! ich musste diess Paar reprasentiren. Und darf ich bei dieser Gelegenheit an die Spruchstelle erinnern: i c h p r e i s e d i c h , V a t e r , d a ss d u s o l c h e s d e n sich dunkenden W e i s e n und Klugen verborgen und es dem U n m u n d i g e n , dem gemeinen Menschenverstande, der andern nicht Staub in die Augen streut und auch nicht leidet, dass andere Staub in die seinigen streuen, o f f e n b a r t h a s t ? Nicht als ob Protagoras hiess Kleinod ergriffen hatte, sondern dass sein unverbrehter Kopf und sein unverfalschtes Herz dazu keine kleine Anlage hatte.

Uebrigens sind zu grelle Abstechungen in den Charakteren wahre Unnatur. Die Menschen sind sich in der That gleicher als man glauben sollte, und wenn man die Funken ihres Kopfes entflammt, was kann aus ihnen werden! Von Scheidemunzmenschen ist hier die Rede nicht, sondern von Menschen von besserem Schrot und Korne, zu denen Protagoras gewiss gehorte. Die Mediceische Venus ist von der Natur gewiss entfernter als Protagoras vom Demokritus. Es war nicht anders als wurden Michaeln die ihm unbekanntesten Dinge als bloss vergessene in Erinnerung gebracht. Scheint es nicht, die Menschen waren schon ehemals wo gewesen, wo sie das alles gewusst hatten, was sie jetzt ganz frisch lernen? Katechisirte Sokrates nicht alles aus seinen Schulern heraus? Sie waren der Stein, aus dem sein Stahl Funken schlug. Konnen wir nicht durch wohleingerichteten Unterricht andere selbst weiter bringen, als wir selbst sind?

Noch mehr. Kann der Mensch je mit den Augen des Geistes oder der Sinnen mehr sehen wie andere, kann er je ein geist- und leibliches Sonntagskind werden, so ist's gewiss auf dem Wege der Unschuld, der Kindeseinfalt, der reinsten Gute des Herzens und bei der hochsten moralischen Vollkommenheit, zu der Menschen diesseits gelangen konnen. Um mich des Ritters zu erinnern, der nun schon weiss, wie es oben und unten zugeht, lasst mich mit seiner Losung, die in Rosenthal eine Art von Ja und Amen war, schliessen oben oder unten ist Eldorado! Eldorado! Unser Held und sein Begleiter kamen zum

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Frauleinsohne,

der sie l a n d l i c h , s i t t l i c h , wie er sich ausdruckte, empfing. Er war, wie wir wissen, nicht ohne Kenntnisse, allein durch seinen Ueberschritt von Sekunda auf Prima hatten sie wahrlich nicht gewonnen. Man sah ihm zwar noch das Kind der Liebe und der Wonne an, doch hatte hiess Ebenbild durch die Standeserneuerung gelitten. Da er vom Werbehauptmann, wie er sich ausdruckte, hochlich vernommen hatte, wie viel Dank er dem Rosenthalschen Hause sowohl wegen seiner selbst als wegen seiner wohlseligen Fraulein Mutter schuldig sey, so war unser Biedermann uber diesen unvermutheten Besuch hoch erfreut. Zu dieser Freude trug der Umstand bei, dass Heraldicus junior mit ihm wegen seines Gutchens in Unterhandlungen stand, und er als Verkaufer begierig war, sich nach den Umstanden des Kaufers zu erkundigen. Eine gewisse Ungeschliffenheit konnte weder er noch sie verlaugnen, doch fiel die ihrige weniger auf. Weiber haben an sich und von Natur mehr Lebensart als Manner. Unsere Dame hatte sich ohnehin durch das Bewusstseyn ihrer Geburt von dem, was gemein und niedrig ist, von jeher zu entfernen gesucht. Jetzt waren Schwiegersohns zu einer Manier gekommen, die etwas widerlich abstach, und nie wurden sie in die Melodie jener hohen Festtagsfreuden sich haben zuruckbringen konnen, zu welchen sie ein Glas Most erwarmte und wobei sie uber ihre wunderbaren Weihnachten so herzlich zu lachen gewohnt waren. Der jetzige Ton im Meierhofe des Findlings liegt ungefahr in der Antwort, die ein Emsiger seinem Fursten gab. Ich habe von Ihm getraumt, Freund Emsigerl sagte der Furst. Ew. Durchlauchten werden gnadigst verzeihen was denn? Es ware meine Schuldigkeit gewesen, von Ew. Durchlaucht zu traumen. Oder in der Hoflichkeit jenes Postmeisters, der sich beim Besuch des Fursten gewaltig entschuldigte, dass er ihn im Schlafrock trafe und geschwind fur den kattunenen einen seidenen anzog. Die Frau Werbehauptmannin dagegen war eine wahre Werbehauptmannin, das heisst eine so seine Weltfrau, dass man erstaunen musste, wie bald sie zu diesen Werbeeigenschaften sich hinaufstimmen konnen. Sie nahm eben von ihren Eltern, welche sie besucht hatte, Abschied, als man den Junker bewillkommte, und so gern sie ihr Werbnetz ausgestellt hatte, um an einem so liebenswurdigen Junglinge einen Verehrer mehr bei ihrer Fahne zu haben, so konnte sie doch weiter nichts als ihm einen schreienden Blick uber den andern zuwerfen und ihn versichern, dass sie ihn in anmelden wurde. Unserm Junker gefiel die Maurerschwester so wenig als dem Begleiter, der, da sich die Reisenden ihre Herzen ausschutteten, die Meinung ausserte, dass ein Tanz-, Spiel- und Singmeister es in kurzer Zeit unendlich weiter beim Frauenzimmer als ein Gamaliel bringen konnte. Auch ich, Michael, versetzte der Ritter, finde die Verschwiegenheitsschwestern viel vorzuglicher als die Maurerschwestern, wenn ich von dem, was ich von beiderseits Schwestern kenne, auf das, was ich nicht kenne, schliessen soll. Die Mutter konnte sich nicht entbrechen, ihrer Tochter eine herrliche Standrede, und zwar auf Kosten des Werbehauptmanns zu halten. Sie befande sich, sagte sie, bei weitem nicht in den glucklichen Umstanden, die sie sich selbst und so viele Weltmenschen ihr prognosticirt hatten. Die vernunftige Mutter des weiland Herrn Egalite ward, wie man sich ins Ohr sagte, aus Verdruss uber die vermeintliche Wissheirath noch einmal Mutter. Aus Verdruss? fragte der Junker. Wie ich Ihnen sage, betheuerte die Referentin. Mit Thranen beklagte die Mutter diesen Verdrussschritt, nachdem sie die Aufklarungen des Rechtsfreundes erfuhr. Zu spat! wie doch die Rechtsfreunde immer zu spat kommen und ausserdem, dass die Mutter des Werbehauptmanns einen Sohn zur Welt brachte, ausserdem dass dieser Sohn ihr das Leben in den Wochen kostete, verband der Schwiegervater sich aufs neue ehelich, und den Kindern erster Ehe ist nicht nur durch die von einem Rechtsfreunde erkunstelten Pakta viel entzogen, sondern die Schlangenlist der jetzt florirenden Frau Gemahlin wurd' ihnen gern noch die Ueberbleibsel entziehen, um sich und ihre Kinder, die gewiss zu erwarten waren, desto mehr zu bereichern. Was den Junker am meisten befremdete, war die Nachricht, dass der Hauptmann das Ungluck gehabt, seinen Abschied zu erhalten, den er wegen uberwiesener Vorenthaltung und Verkurzung der Montirungsstucke suchen mussen, um nicht noch obenein zur beschamenden Strafe gezogen zu werden. Der gewesene Findling wollte zwar die Frau Gemahlin zu mehr Zuruckhaltung bringen, indess war sie nicht zu halten, und er mochte husten, winken und drein reden, soviel er wollte, der Candidat der Loge zum hohen Lichte musste noch wissen, dass der Hauptmann, bloss weil es ihm an dem S c h l a g s c h a t z fehlte, nicht Johanniterritter geworden ware, wozu ihm indess ein anderer Orden, der ihn fur alles gehabte Ungluck entschadigte, ohne allen Zweifel verhelfen wurde! Diese weniger treuherzig als aus Bitterkeit abgelegte Beichte konnte unserm Novizen in keiner Rucksicht gleichgultig seyn, obgleich er aus einigen Stellen der in ordensgemasser Ordnung gefuhrten Correspondenz auf etwas von dieser Art hatte schliessen konnen. Es waren noch zwei Tochter des Findlings auf der hohen Schule, sonst wurde er die Werbehauptmannin mehr als jetzt haben unterstutzen konnen. Auch konnte er in Rucksicht des Ankaufs eines grossern Guts sich nicht entblossen; und wusste er denn schon, was Heraldicus junior fur den Meierhof geben wurde? Mit der geerbten Handbibliothek, aus Gebet- und Gesangbuchern bestehend, wurde weder dem Werbehauptmann und noch weniger der Frau Gemahlin gedient gewesen seyn, wenn Findling sie, das Werk mit den Hieroglyphen von Familienanzeigen nicht ausgeschlossen, der Tochter oder dem Schwiegersohne verehrt hatte.

So geneigt der Junker und sein Begleiter waren, den Meierhof sogleich zu verlassen, so konnten sie's nicht, da sie beim Willkommen zu einem langern Besuch die Verbindlichkeit eingegangen waren. Doch kurzte man so viel ab als moglich, und kaum waren die Reisenden in freier Luft, als folgendes Gesprach wie aus der

. 91.

Pistole

fiel. Bis jetzt ist unter unsern Reisenden fast immer kluger geantwortet als gefragt worden. Man gibt diess unsern Katechismen schuld, wo der Frager vorschriftmassig weit dummer als der Antworter ist. Kein WunHolzbundel beibehielt. Vielleicht verandert sich in . Pistole die Scene, wenigstens gibt's Falle, wo Pistolenfragen und Antworten von ganz besonderer Art sind. Was vom Werbehauptmann zu denken? Freilich, sagte der Junker, ware es besser, wenn Er uber der Berechnung, ob Mann oder Frau, Braut oder Brautigam fruher sterben wurden? seine Montirungskammer-Rechnung nicht vernachlassigt und hier nicht eine wahre Rechnung ohne Wirth gemacht hatte. Vernachlassigt? erwiderte Michael. Seine Sache steht schlechter. Ich verwette meine Montirung mit Ew. Gnaden Erlaubniss, er hat seinen armen Untergebenen zu viertel und halben Ellen entzogen und das schreit gen Himmel. Dem Junker gingen alle die schonen Sentenzen durch Herz und Kopf, wodurch der Werbehauptmann ihn so gewaltig einnahm; doch fiel ihm auch die Behauptung der Ritterin ein, der Hauptmann zwirne seine Ausdrucke. Das Wort E r k e n n t l i c h k e i t hatte schon damals, trotz der Ziege Amalthea, die den Jupiter auf dem Berge Ida ernahrte und deren Fell er zum Tapis machte, um hier der Menschen Thun und Lassen aufzuzeichnen, den Junker etwas kopf- und herzscheu gemacht, und verfehlte nicht, sich jetzt wieder anzumelden. Nach etwa drei Viertelstunden, wahrend welchen unser Held in tiefer Stille an die Zahlung der Vokale, an alle die herrlichen Versicherungen, dass man im Orden keine Schlechtigkeit dulde, wenn gleich sie sich in List verkleidet und mit dem Schein des Rechts schmuckt, und dass auch das witzigste Schelmstuck mit Steckbriefen verfolgt wurde, und mitunter auch an Jupiter und an die Ziege gedacht hatte, fing der Junker wie aus dem Schlaf erwacht an:

Michael, wer ungehort verdammt, ist, um das Wenigste zu sagen, ein schlechter Richter.

Wohlgesprochen, gnadiger Herr! Gehort aber der Werbehauptmann zu den Nichtgehorten?

Allerdings.

Horten wir nicht die Schwiegermutter, die alles so zum Besten lehrte, als es schwerlich der Werbehauptmann zu kehren im Stande seyn wurde, und sahen wir nicht seine Frau?

Der gewiss nichts von Anlage zur Vorenthaltung und Verkurzung der Montirungsstucke anzusehen war.

Mit Ew. Gnaden Erlaubnis mehr als zu viel. Eine Frau, deren Gemahl den Abschied nehmen muss, die einen Vater im Meierhofe besucht, sollte die, Ew. Gnaden sind ein gerechter Richter, so seyn als sie war?

Vergiss nicht, dass sie Maurerschwester ist.

Und wenn sie Maurermutter ware, gnadiger Herr, ich weiss, Sie sind mit der Wahrheit noch naher verwandt als mit Schwester und Mutter.

Der Junker sank wieder in seine dreiviertelstundige Stille und nach ihrem Ablauf; Michael: ich kann den Werbehauptmann der Verkurzung und Vorenthaltung der Montirungsstucke halber nicht entschuldigen, so sehr ich's wollte. In Kleinigkeiten niedrig handeln ist schandlicher als im Grossern. Es ereignen sich dazu die Gelegenheiten so oft. Das Gemuth scheint verderbter. Da es nicht einmal einem Dreier widerstehen kann, wie weit tiefer wird es bei grossern Versuchungen sinken? Auch ist man geneigt anzunehmen, dass ein dergleichen Mensch mit der Gewohnheit zu fehlen so amalgamirt sey, dass es bei ihm auf keinen Kampf, auf keine Gewissensbedenklichkeit weiter ausgesetzt wird. Man sagt, Lord , der vielleicht von Kauflichkeit der Parlamentsstimmen traurige Erfahrungen gemacht haben mochte, behauptete, merke wohl, in einer Damengesellschaft, dass jede frauliche Tugend verfuhrbar sey.

In Damengesellschaft? fragte Michael.

Wie ich dir sage.

Und die Damen?

Naturlich widersprachen sie, besonders e i n e . Eine Million Pfund Sterling, rief er, und die Dame schwieg. Geld her, der Kauf ist richtig, nahm er sich die Lordsfreiheit zu sagen. Zugegeben, dass er den Streit gewonnen, was meinst du von der schweigenden Dame? Ich nehme sie zur Frau, heute lieber als morgen.

Und ich stehe fur ihre Tugend.

Michael, du ubernimmst eine grosse Burgschaft!

Wer kann's bieten?

Wir sind m e h r als einig, Michael?

Desto besser!

Daran zweifle ich, besser war's, wir waren n u r ewig.

Ist der Unterschied zwischen m e h r und n u r so gross?

Weisst du, was mir sicherer als die Tugend deiner Millionpfundsterlingsfrau dunkt? Dass der ein elender Mensch ist, der mit Pfennigen seine Tonnen Goldes vermehrt, mit Verkurzung der Montirungsstucke seinen Hauptmannsposten

Gedacht gerade wie Sie, nur hatt' ich diess Holzbundel so nicht zu legen gewusst.

Dass du nur des Hauptmanns halber den Maurerorden nicht leiden lasst.

Ich will's versuchen.

Versuchen?

War' er Hauptmann, nicht Werbehauptmann, unbedenklich.

Das hohe Licht des Ordens soll eben sowohl dem Verstande als dem Willen leuchten, nicht wahr?

Bei meiner armen Seele, so denk' ich.

Es verdriesst mich, dass du nicht unrecht hast.

Es verdriesst mich selbst, gnadiger Herr, dass ich recht habe.

Die

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Pferde

hatten wahrend des vorigen Pistolenparagraphen sich zuweilen so gebaumt, dass besonders Michael Muhe hatte, das seinige in Ordnung zu halten. Die Pferde? Eine wohlverdiente Frage. Freilich hatt' ich's bei der Auslastung, und wenigstens beim Auszuge bemerken sollen, dass die Wanderschaft zu Ross begann, und wie konnt' es anders? Ein Junker, der auf Orden es anlegte, und ein Protagoras, der einen neugierigen ordensdurftigen Gamaliel zuruckgelassen hatte, mussten wohl naturlich zu Ross diesen Weg antreten. A la Don Quixote? Mit nichten. Denn erstlich hatten unsere Pferde keinen Namen; zweitens waren hier Herr und Diener, und nicht Ritter und Stallmeister; drittens war ein Stallknecht in ihrem Gefolge, der freilich bei Gelegenheit des Leichencondukts dem Stallmeister sehr nahe war, dem indess dieser Titel voruberging ( bald hatt' ich W u r g e n g e l v o n T i t e l geschrieben; sind Titel es nicht gemeiniglich? ); viertens fuhrte der Stallknecht noch ein Reservepferd, dass drei Menwaren (da die heilige Zahl an Menschen erfullt war, warum sollte man diese Perle der Heiligkeit bis zu den Pferden herabwurdigen? ); funftens hoffe ich, dass vom Stallknecht wenig oder gar nichts vorkommen werde. Sechtens und siebentens behalte ich fur mich um meiner Leserwelt Gelegenheit zur Vollendung zu geben damit ich diesen Paragraphen so leise, wie mein Held zu seiner Zeit die Thure, zuziehe. Lacht nicht oft mancher uber den Don Quixote, der es arger macht, als dieser brave Ritter von trauriger Gestalt? Und wie viel Fursten und wie noch viel mehr Minister, treiben in ihren Regierungskreisen Don-Quixoterien, freilich auf andere M a n i e r ! Don Quixote gab bei trauriger Gestalt Lustspiele; jene Staatsruderer geben bei der frohlichsten Gestalt Tragodien. Cervantes kurirte die Spanier, Rabelais die Franzosen, und viele Durchlauchten und Excellenzen verderben Staaten und Lander bis in Grund und Boden. Wie wird unser

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Empfang

seyn? Der voreilige Begleiter behauptete, der Werbehauptmann wurde seinem Novizen drei Viertelmeilen entgegenkommen; wer sich aber irrte, war Protagoras. Am Thore, da man das gewohnliche Examen hielt, uberreichte man dem Junker, sobald man seinen Namen vernahm, einen Brief. Ha, dachte Michael, doch gewonnen! Wieder verloren. Es enthielt dieser Brief keine Sylbe weiter als eine Logisempfehlung: zur

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Sonne

Michael, der ungehalten war, dass der Werbehauptmann ihn zweimal fehlen lassen, wiegelte seine ganze Beredsamkeit auf, um seinen Herrn zu bewegen, z u m M o n d e , einem Gasthofe, einzukehren, wovon sie unterwegs eine vortheilhafte Beschreibung eingezogen hatten; indess gewann Michael, seiner Beredsamkeit ungeachtet, das missliche Spiel seiner Rache nicht, und es blieb bei der Sonne. Auf einen ganz unfehlbar gerechnet, indess wollte jener durch diese Kalte den Candidaten noch hitziger machen, und wahrlich, es ist ein plumpes, doch fast immer unfehlbares Mittel, junge Leute in einen Brennpunkt zusammenzudrangen, wenn man sie warten lasst. Unser Werbehauptmann hielt sich in Beziehung auf seinen Novizen fur nichts weniger als einen Newton, dem die Natur, wiewohl ohne Reception, ihre funftausendjahrigen Geheimnisse offenbarte und gewisser als Protagoras wurde der Werbehauptmann sein Spiel gewonnen haben, wenn nicht die Dame im Meierhofe geplaudert hatte.

Der Wirth zur goldenen Sonne, dem nichts von Montirungsstucken vorenthalten und verkurzt worden war, gab sich auf eine, wiewohl einstudirte Art Muhe, den Werbehauptmann ins vorige Licht zu setzen. Er versicherte, dass er das Gluck gehabt, sich seinen Abschied selbst zu geben, um sich desto mehr dem Orden zu widmen. Niemand kann zweien Herren dienen! Und sich von mehr als einem Begleiter bedienen lassen, fugte Protagoras hinzu, und war in grosser Versuchung, den Gastwirth auf sich selbst zuruckzufuhren, der nur durch die Vielheit der Herren gewinnt, denen er dient, und je mehr er deren zahlt, je beruhmter ist seine S o n n e . Doch beschamte Michael diessmal die Dame im Meierhofe. Ein Fall, der ihn nicht auf die Probe stellen muss! Hast du gehort, Michael? sagte Novicius.

Ich habe mir M u h e gegeben, gnadiger Herr, uber die Erzahlungen der Schwiegermutter hinweg zu horen.

Warum M u h e ?

Weil wir nicht im M o n d e , sondern i n d e r S o n n e logiren.

Ich verstehe, soll man sich aber andern zu sehr uberlassen und vor Baal, er erscheine wie er wolle, die Knie beugen? Nicht die Gottheit kann uns glucklich machen, wenn wir nicht selbst Hand aus Werk legen.

Auch ich verstehe, gnadiger Herr! Allen Baals zum Trotz lebe der Orden!

Er lebe!

Der Besuch des Novizen bei seinem Conduktor ward schnell erwiedert, und nur eine Stunde spater, so ware der Meister dem Junger zuvorgekommen! Dem Gastwirth zur Sonne war es nicht entgangen, dass das Zutrauen bei weitem so gross nicht sey, als es beim Novizen gegen seinen Conduktor von Rechtswegen seyn sollte, und in der That, Novicius hatte einen grossen Theil der hohen Meinung aufgegeben, die er ehemals vom Werbehauptmann gefasst hatte. Am Wirth lag es freilich nicht, den Werbehauptmann zu heben. Dass er mit seiner Schwiegermutter in keine kleine Fehde gerathen, und dass die gute Frau das letzte Wort behalten, gehort nicht so eigentlich zur gegenwartigen Geschichte; wohl aber, dass die Tochter, obgleich zum Gluck unseres Junkers, nicht wie gestern und ehegestern gegen ihn sich betrug. Die Scene veranderte sich, der Orden ward gerechtfertigt, und ein gewandter, junger Mann erhielt den Auftrag, den Candidaten vorzubereiten. Dieser abermalige Abschied, den der Werbehauptmann erhalten zu haben schien, setzte unsere beide Aspiranten um so weniger in Verlegenheit, als gleich beim ersten Besuch der Antrag des Junkers, seinen Begleiter mit aufzunehmen, mit Warme bewilligt ward: als d i e n e n d e r B r u d e r , versteht sich. Protagoras hatte um so weniger beim dienenden Bruder eine Bedenklichkeit, als es ihm nicht um Rang und Stand, sondern um Meisterschaft und Einsicht zu thun war, und die Sache zu den Fussen Gamaliels in Erwagung genommen, der Herr dient so gut als der Diener. Es ist mir nicht erlaubt, die d r e i , s i e b e n , n e u n und z e h n Siegel der Papiere zu brechen, welche die Aufnahmen des Junkers und seines Begleiters in den Maurerorden, und alle seine viele Haupt- und Nebenzweige betreffen. Immerhin! was gewinnen, was verlieren wir? Wissen nicht in unsern wunderlosen Tagen Ungeweihete oft mehr vom Maurerorden, als active Theilnehmer desselben? Wer bei diesen ungeloseten Siegeln der Offenbarung Sanct Johannis, seines offentlichen Gebets und seiner geheimen Wunsche ungeachtet, einbusste war Pastor loci, der ein fur allemal sich entschlossen hatte, vom Maurerwesen und Unwesen nicht zu glauben, was er las, sondern was er horte. D e r G l a u b e k o m m t d u r c h d i e P r e d i g t . Darf ich Sr. Wohlehrwurden mit ein paar Spruchstellen auf bessere Wege leiten?

Marc. 4. V. 22. Es ist nichts verborgen, das nicht offenbar wurde, und ist nichts Heimliches, das nicht hervorkomme. Und V. 24. Sehet zu, was ihr horet.

Nur ein Drittheil aus diesen Texten von dem herausgebracht, wozu das Evangelium am zehnten Sonntage nach Trinitatis so reiche Ausbeute darbot, wie viel weiter war' unser Pastor in Z e i c h e n , W o r t und B e r u h r u n g !

Des unglucklich Glaubigen, der h i e r Berge versetzt und dort nicht ein Senfkornlein Glaubens im Vorrath hat! Uebrigens uberzeugten sich Herr und Diener gelegentlich, dass dem Pastor loci dis Unwissenheit im Orden zum Besten diene. Warum? Er uberhob sich einer Arbeit, die gewiss nicht zu den leichten gehort. Auch nur bei halbem Glauben wurde die Maurer-Polemik siebenmal starker als die Thetik werden, und diess Studium, wirb es nicht zu einem Ketzerlexikon Stoff geben, das alle zeitherige Kirchenund Ketzerlexika bei weitem ubertreffen konnte?

Brocken, die von den reichbesetzten Geheimnisstafeln fielen, deren einige Korbe der jetzt j u b i l i r e n d e Werbehauptmann, weiland in Rosenthal, bis auf die diatetischen Regeln vom weissen Hemde verstreute: wo Holz gehauen wird, da fallen

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Spane.

Es waren sieben Vorbereitungen, denen sich unsere Candidaten unterwerfen mussten.

Erste Vorbereitung.

Geheime Gesellschaften sind entweder religios, po

litisch oder moralisch. Die Maurerei ist alles Dreies, und diese Dreieinigkeit hat bereits gewirkt und wirkt noch; doch musste sie sich nach Zeit und Umstanden modificiren, wenn sie nicht wie ein Gewand (excipe die Ordenskleider des seligen Ritters) veralten sollte. Daher die vielen Abweichungen, Uneinigkeiten und Zwiste im Orden. Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt, auf mehr Uebereinstimmung und Zusammentreffung zu einem Hauptpunkt zu sinnen; obgleich es bis dahin nicht ohne Nutzen blieb, dass fast jede Mutterloge ihren eigenen Weg ging, und dass ihre Tochter, wenn sie heranwuchsen, auf e i g e n e O e k o n o m i e dachten. Der Orden hat sich im Religiosen, im Politischen und Moralischen, in dem gesitteten Theile der Welt (und besonders der kleinen Welt Europa) zusehends nutzlich und wirksam bewiesen. Schwerlich werden die Luthere, vielweniger die Melanchthone unserer Zeit, die Hinrichtung der Servete gut heissen; und schwerlich werden der Sultanismus und die Anarchie, in Glaubens- und politischen Dingen, die eisernen Scepter mit Erfolg weiter in Anwendung bringen; da Menschenschatzung und Toleranz, welche Voltaire predigte, mittelst des Hauptmittels der Maurerei mehr ins Leben vorgedrungen sind, und so manche andere Lehre, bestimmt wie Blut zu circuliren, in Umlauf gebracht haben. Doch ist jetzt die letzte Stunde, die Maurer-Apostel, die in alle Welt gehen, zu versammeln, die v e r r a t h e n e n und z e r s c h m e t t e r t e n Maurereinrichtungen zu ubersehen, und mehr Uebereinstimmung zu einem Plan zu bewirken, damit das Ende vom Freimaurerliede vor Kinderspott bewahrt bleibe. Ist diesem nicht alles ausgesetzt, was mit der Zeit nicht Schritt halt? Was vor alten Zeiten Handel und Krieg thaten, das leisten jetzt weit naturlicher und gerauschloser Buchdruckerei, Reisen und Verschiedenheiten der Staatenregierungen. Schon wurd' es um die Welt gethan seyn, wenn lauter Republiken waren, und noch arger wurd' es aussehen, wenn bloss Despoten und Monarchen regierten. Es gibt mancherlei Gaben, doch ist nur ein Geist. Eine harte Nuss zur ersten Vorbereitung! Von allem das schwerste ist, d e n M e n s c h e n v o r b e r e i t e n . Ob Johannes seine Kunst verstehen wird?

Die zweite Vorbereitung.

Es gibt Gegenstande, wobei jeder Versuch, sie ratiociniren zu wollen, vergebens ist. Die Ringe sind zu schwach, um ihnen philosophische Erklarungen anzureihen. Vielleicht hat die christliche Religion hierin einen Vorzug, der ihre Wurde, wie mich dunkt, mehr als viele andere Criteria ausser Zweifel setzen konnte. Bis jetzt hat sie sich mit allen philosophischen Systemen einverstanden; fast scheint es, dass diese ihr zum Theil entnommen waren, wie Eva aus Adams Rippe! Der erste Zweck der Maurerei kann aus ihrer Entstehung bestimmt werden. Ist jener Zweck noch das Maurerziel, das erarbeitet wird? Diess annehmen, wurde ein Kind zum Regenten eines grossen Staats aufstellen heissen. Nicht bloss die Mittel, nein, auch die Zwecke vervollkommnen sich.

Die dritte Vorbereitung.

Der Hunger und Durst nach Geheimnissen liegt in der Natur des Menschen. Lasst er sich nicht, ausser dem uns eingepflanzten Triebe, unsere Kenntnisse und Gluckseligkeit zu verstarken, auch aus dem Hange zum Eigenthum erklaren, welches andere ausschliesst? Da die Menschen, vermoge der Geheimnisse und durch sie, in Modificationen erscheinen, woruber die Geschichte der Menschheit bis jetzt ein tiefes Stillschweigen beobachtet hat; war' es nicht ein nutzliches Unternehmen, die Menschen von dieser Seite, die noch wenig oder gar nicht beruhrt worden, zu entschatten? Man wurde eine neue Welt in der alten entdecken, und wenn das Gluck gut ist, den Menschen vermogen, alle Geheimnisse, von welcher Art sie seyn mogen, aufzugeben, damit er nicht sorge fur den andern Morgen. Hat nicht ein jeglicher Tag seine eigene Plage? Es gibt Menschen, welche die christliche Religion ihrer Wunder halber ehren; andere, die ohne Zweifel ihr lieber seyn werden, ehren sie dieser Wunder ungeachtet. Die Alten sahen die Einweihung in die Mysterien als eine Wiedergeburt und einen Uebergang aus einem thierischen in ein geistiges Leben an; und auch in unsern Tagen thut das Mittel der vermeintlichen Wiedergeburt Wunderkuren: man ist wirklich besser, wenn man sich fest uberredet, es zu seyn. Kranke aus Einbildung (gibt's deren nicht mehr, als man glauben sollte?) genesen durch den nachdrucklichen Befehl, zu glauben, sie seyen gesund, oder durch die feste Versicherung des Arztes, sie waren hergestellt, o f t i n d e m A u g e n b l i c k , da sie G e s e t z oder E v a n g e l i u m horen. Es gibt Mittel, des Menschen gute Safte auf einmal zu zerstoren Gifte: gibt's aber Mittel die Safte des Menschen auf einmal zu verbessern? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Das Wiedergeburtsmittel kann im Moralischen Dienste leisten, ein Universale ist's nicht. Gibt's deren? Der Glaube an sich selbst, das Zutrauen zur menschlichen Natur und zur Menschheit wirkt mehr als man denken sollte.

Die vierte Vorbereitung.

Der Mensch ist zur Coexistenz berufen; seine Krafte konnen nur durch coexistirenden Widerstand in Handlungen sich offenbaren. Alles an einer Schnur ziehen, heisst ein Marionettenspiel aus dem menschlichen Geschlecht machen. Ganz einerlei muss nichts werden. Eine Heerde und Ein Hirte ist ein Hieroglyph von sehr tiefer Deutung. Wo keine Opposition ist, da gibt's auch keinen Gegenstand von Wichtigkeit. Das Reiben von Kopfen an Kopfe bewahrt vor Einseitigkeit, die leicht in Stumpfsinn ubertritt. Einsames Nachdenken ist darum oft schadlich. Hier halt man gemeinhin fur evident, was andern so nicht vorkommt. Zur Theorie taugt die Einsamkeit, die indess nur dann erst gilt, wenn sie auf dem Probirstein E r f a h r u n g bewahrt befunden wird. Ist der Mensch wird und seyn kann; wir wissen aber, dass in Gesellschaft, wo sich seine Bedurfnisse vermehren oder vervielfaltigen, seine Bestimmung fortgeht zur Unsterblichkeit. Seine physische und seine moralische Einschrankung wird gehoben. Der Mensch ist sterblich, das Geschlecht ist ewig. Seine Privatwerke sind hinfallig, seine publiken trotzen der Zeit. Bereinigung gibt Krafte, Muth und neues Leben, die Tugend zu befordern und das Laster zu sturzen. Die ganze Schule muss gemacht, der ganze Kreis muss einmal durchlaufen, es muss alles nicht bloss dogmatisch begriffen, sondern praktisch geubt werden, um endlich aus Ziel zu kommen. Das Kind, das gehen lernt, setzt sich der Gefahr aus, zu fallen, und sollten die Verstandeserweiterungen auch wirklich zunachst unangenehme Folgen haben, sollten! scheinen diese Folgen nicht vielleicht bloss so? Waren sie aber auch wirklich Uebel, kront nicht bloss das Ende das Werk? Konnen wir Boses thun, damit Gutes daraus werde? Sollen wir darum nicht Gutes thun, weil wir den Missbrauch nicht hindern konnen? Nicht Weizen saen, damit kein Unkraut wachse? Warum nicht lieber sichten als n i c h t ernten? Man lasse Unkraut und Weizen wachsen und bemuhe sich, dem Unkraut zu steuern; sicher steht uns eine gesegnete Ernte bevor. Mangel und Uebel sind weder von unserer Existenz, noch von unserer Coexistenz zu trennen. Wie? wenn in der Loge der subtile Faden der Ariadne gesponnen wurde, welcher nicht den Theseus, sondern den Staat, nicht den einzelnen Menschen, sondern die Gesellschaft durchs Labyrinth fuhrt? Man kann der Vernunft in Coexistenz nie zu viel, oft aber wohl zu wenig zumuthen. Der weise Stufengang zum Ziel der Menschheit erfordert, dass die Coexistenz in der Gesellschaft, wenn man so sagen darf, inniger und vertrauter werde, dass man die Menschen sich naher bringe; und ware diess der Zweck der Maurerei, die in ihren Vorhof, in ihr Heiliges und ihr Allerheiligstes alle Arten von Menschen aufnimmt und mit und unter einander bekannt, oft gar vertraut macht, welch eine Aussicht ! Es gibt G e s c h a f t e , die einen bessern Umgang gewahren, als Bekannte und eine gewisse Art Freunde. A e c h t e F r e u n d s c h a f t gibt das Zutrauen, sein Geheimniss und sich selbst in seines Freundes Herz und Seele zu deponiren. Das hauptmannische Wort E r k e n n t l i c h k e i t ist Todsunde in achter Freundschaft; doch gibt's Stiefliebe und Stieffreundschaft, bei der Geld borgen der Sand ist, auf den ein Tempel der Freundschaft gebaut wird!

Die funfte Vorbereitung.

Das ganze menschliche Geschlecht auf einmal ver

Convent zur Constitution der platonischen Republik zusammen berufen. Ohne Wissenschaft, auf bequemern Schleichwegen, den Schlussel zu Kabinetsgeheimnissen der Natur finden, um von der Geister- und Korperwelt auf einmal Meister zu werden, ist ein Sprung, den die Natur nicht begunstigt: s i e s p r i n g t u n s n i c h t v o r ! Im Stillen treibt sie ihr grosses Werk, langsam, doch sicher, kommt sie zum Ziele. Alles muss ein Kind der Zeit seyn und von jedem kann es heissen, seine Stunde ist noch nicht gekommen. Viel (ich sage nicht zu viel), das Meiste muss misslingen, weil das, was werden soll, sonst nicht gut, bauerhaft und bleibend seyn wurde. Es muss alle Stufen des Drucks durchlaufen, um abgehartet zu werden. Ohne diese Weisheitsregel verliert man das Meiste; man hat nicht Zeit, die reiche Ausbeute unterzubringen. Anstrengung des Glaubens, Imaginationserhitzung, konnen Seelenappetit erregen (so gibt's Dinge, die Liebesappetit machen); diess Machwerk indess, ist es fur die Dauer? Personen, die nicht schreiben konnen, helfen sich zwar mit drei aus; denkende Menschen indess missbrauchen den Orden nicht, um ungesaet zu ernten. Mit einem Paar scharfsinniger Ideen, mit viel Phantasie, mit excentrischen Entwurfen, man rechne immer guten Willen dazu lehrt man die Welt nicht um; doch wirken Manner von Verstand und Willen auf Zeitgenossen und Nachwelt allmahlig. Sucht man nicht oft Geld und findet Porcellan? Auch gut. Wenn nicht militarische oder klosterliche Disciplin (beide sind Kinder eines Vaters) eingeschlagen wich, ist's moglich, bei einem grossen Haufen und auf einerlei Weise, Gutes zu bewirken und zu erhalten? Die Welt fing mit Einem Paar an. Es gab nur zwolf Junger. Kluge, einsichtsvolle Manner, gekitzelt von der Idee, sich mit etwas Hoherem, als andere Menschen, abzugeben, konnen wohl Porcellan finden, wenn sie Gold suchen: aber

Die sechste Vorbereitung.

Was hilft die Cultur des Verstandes, wenn der Wille nachbleibt? Was hilft's dem Menschen, wenn er mit seinem Verstande die ganze Welt gewonne und nahme Schaden an seiner Seele? Es gibt zwei Pforten zum Willen. Eine hoch und breit fur viele, die andere schmal und enge, und nur wenige gehen hier ein zu ihres Herzens Freude. Geboren mit dem Triebe nach Gluckseligkeit (nach frischer Seelenlust), wird der Mensch dennoch nur, durch Achtung furs Gesetz, zur Moralitat und Tugend bestimmt. Da nicht in ausserlichen Verhaltnissen, sondern im innern Zustande das Wesen der Gluckseligkeit liegt, konnte man nicht beide Verfahrungsarten des Willens vereinigen? kann man nicht unglucklich werden. Niemand steigt durch Laster, niemand fallt durch Tugend. Der Maurerorden verbindet den Stoiker mit dem Epikuraer, er versucht Menschen von verschiedener Art und Stand, Zungen und Sprachen, Selten und andern Unterschieden durch G e s e t z unter Einen Hut zu bringen. Diess wirkt zur Freiheit und Gleichheit, ohne dass man Stande aufhebt. Man zeigt nur, Gleichheit und Freiheit konne mit Gehorsam und mit Ordnung bestehen. Man gehorcht dem M e i s t e r , nicht weil er an Geburt, Verdienst und selbst Verstand der erste ist, sondern weil er in den Logen oben an steht: nicht seiner Wohlredenheit, sondern seinem Hammer; nicht einem Kleide von G o l d und A z u r , sondern dem Meisterbrustschilde. Es kann unter gleichen Menschen eine Subordination und ohne Aufhebung der Stande Gleichheit in der Welt seyn! und wo drei, sieben, neun und zehn kluge Manner zusammen sind im Namen der Tugend und Redlichkeit, kann man da nicht den Winkeltyranneien (arger als die offentlichen) entgegenarbeiten? Nicht durch Riesenoperation, sondern durch Vorstellungen; nicht durch Trommetenhall, sondern durch Sanftmuth. Einer richtet hier n i c h t s aus, eine kleine Zahl a l l e s . Jene Lebensart, wodurch der Hohe sich herablasst und der Niedere erhoben wird, jene Vereinigung der Gelehrten von Profession mit den Geschaftsleuten, der Studirstube mit dem gemeinen Leben Doch warum Vorgriffe? Wer ins zu Grosse arbeitet, vergisst und verlernt sich oft selbst. Allgemeine Aufklarung und ein mit ihr wiederkehrendes goldenes Zeitalter, ist selbst an sich nicht leicht denkbar, weil es ohne Contrast weder Grosse noch Tugend, noch Vollkommenheit fur uns gibt.

Die siebente, oder die Gold- und

Porcellan-Vorbereitung,

wie Johannes es nannte, war sublim sie hatte ein Offenbarung-Johannissiegel, das ich nicht brechen mag. Der Vorbereiter sagte von Amtswegen, dass der Orden, oder einige Auserwahlte, nach ihrer Angabe, Naturrathsel zu losen wussten. Gut fur die, so es wissen, ubel fur jene, die es nicht wissen, fur jene, die sogar keinen Strahl von Hoffnung fassen konnen, es je in dieser Welt zu erfahren. Die Kunst ist klein, mit hoheren Wesen umzugehen, welche Appetit haben und unser Essen und Trinken sich wohl schmecken lassen, mit Geistern, die sich in unsere Madchen, unsere Frauen, Tochter oder Schwestern verlieben. Aber mit Schatten der Verstorbenen, mit Geistern Gedanken wechseln, die uns von der kunftigen Welt, von unsern kunftigen Schicksalen diesseits und jenseits des Grabes unterrichten, die der Vorbereiter bezu haben, so weit zu kommen, indess beschied er sich uber Dinge zu urtheilen, die uber ihm waren. Dass zwischen einem reve d'un homme de bien und Taschenspielerkunften, einem Hokuspokus von Augenblendwerk und Schatzgrabereien ein gewaltiger Unterschied ist, wer hat je daran gezweifelt? Ein Genie und ein Heiliger, fur sich genommen, sind schon nicht Charaktere fur jedermann. Ist aber ein Heiliger ein Genie, oder ein Genie ein Heiliger, dann sey uns Gott gnadig! H e r r und M e n s c h ist im Deutschen geschimpft und geehrt; Genie und Heiliger desselben gleichen. Was man sagt, ist zwar gesagt, doch bei weitem noch nicht gethan. Eine Kreuzspinne heissts, soll zum Juwel werden, wenn sie hundert Jahre unangeruhrt bleibt: ich futtere dergleichen Spinnen nicht, und schwerlich wird eine Leihbaul gegen dieses Spinnen-Unterpfand Geld borgen. Wo ist der Neugierige, der, bei all seinem Hang nach Besonderem, auf den Brocken oder Blocksberg sich begeben wird, um die Hexen auf Walpurgis an ihrem Landtage oder in ihrer Landnacht zu bewundern, wenn sie auf Ziegenbocken und Ofengabeln reiten, oder falls sie korperlichen Unvermogens sind, mit Sieben fahren? Sachez vouloir, croyez et voulez, sind Worte von Bedeutung, denn recht wollen ist uber die Halfte des Vollbringens; und mehr als diesen rechten Willen, der aber so selten als das rechte Recht ist, verlangt die Gottheit nicht. Suchet, dass ihr wollet! und wenn auch der Erfolg eurem Willen nicht gehorcht, es gilt bei Gott und allen guten Menschen.

Sowohl der Junker als Michael waren von diesen sieben Dammerungen, wovon hier nur wenige Striche mitgetheilt werden konnen, ausserst erbaut, und beide konnten den Zeitpunkt nicht abwarten, wiedergeboren zu werden, und das von Angesicht zu Angesicht zu sehen, was ihnen bloss in Schattenrissen und Bildern war mitgetheilt worden. Man bat dringend, dass der Zeitpunkt, wenn gleich die Wartejahre noch bei weitem nicht abgelaufen waren, so sehr als moglich beschleunigt wurde; und ehe sie sichs versahen, erscholl die Stimme: Ei, ihr frommen und getreuen Novizen, uber wenig seyd ihr treu gewesen, ich will euch uber viel setzen; gehet ein! Wer aus diesen Fragmenten auf den

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Vorlaufer,

auf den Johannes der Receptionen, schliessen wollte, wurde zwar dem Orden, indess mehr noch dem Vorbereiter zu nahe treten, der gewiss mit so viel Einsicht als Ueberzeugung zu Werke ging, um dem Orden weder zu viel, noch zu wenig beizulegen. Ich scheide gleich er zu den Epopten gehorte, die das hohe Licht zu schauen das Gluck gehabt, so war doch das Wunderbare seine Losung nicht, vielmehr stellte er alles, was ins Uebermenschliche ging, da er selbst nicht zu den Sonntagskindern gehorte, jedem anheim, der Sonntagsanlage hatte.

Es war dieser junge Mann von der Loge z u m h o h e n L i c h t geworben, um durch seinen Kopf derselben Dienste zu leisten; und wenn gleich er dieser Hoffnung vollig entsprach, so ubertrafen doch die Dienste seines Herzens jene bei weitem. Dazu gemacht, Subalternkopfe zu leiten, und zur Offiziersstelle unter Menschen berufen, erforschte er die Gegenstande in ihren Hohen und Tiefen, ohne die gezogenen Resultate irgend jemanden aufzubringen. Die Curialien, welche die Loge gegen die Hohen der Erde, wenn sie zu den Fremden oder zu Profanen gehorten, und die Verhaltnisse, die sie gegen den Staat beobachten musste, waren vorzuglich sein Departement. Man hat bemerkt, dass Leute, die mit Geistern umzuspringen wissen, oft beim Umgange mit ungeweihten Menschen und bei wahren Alltaglichkeiten straucheln. Eben daher die Werbesucht und der Heiligenschein, womit sie alles von sich schrecken. Johannes war Bruder Redner, und nie sprach er aus Menschenfurcht oder Heuchelei, sondern aus Gefuhl der Kraft, deren sein guter Geist sich bewusst war. Sein Streben war nicht Selbst- und Gefallsucht, sondern Wunsch, wohlthatig zu wirken, und er wirkte. Von seiner Kindheit an hatte er sich den Wissenschaften gewidmet, und sie waren die Genien, die ihn geleiteten, so dass sein Kopf und sein Herz nie an einen Stein stiess. Menschenkenntniss stromte ihm in der Ordensverbindung von selbst zu. Weder seine mundlichen noch schriftlichen Vortrage keuchten unter der Last hochtonender, schwerer Worte; er redete, was ihm seine Ueberzeugung gab auszusprechen, und zwirnte seine Worte so wenig, dass sie einfach fielen, wie sein Herz und seine Seele. Oft hiess er B r u d e r T h o m a s ; allein auch die Vielglaubigsten unter den Brudern, wenn sie redliche Manner waren und nicht durch kecken Anstrich des Geheimnisses Nebenabsichten erschleichen wollten, liebten Bruder Thomas mehr, als wenn er in Gemeinschaft mit der unsichtbaren Welt zu flehen das Sonntagsgluck gehabt, und Macht uber die Elemente zu besitzen und kunftige Dinge verkundigen zu konnen, vorgegeben hatte. Da er keinem das Recht zugestand, Menschen zu tauschen, und ware es aus angeblich wohlthatigen Absichten, so liess er dagegen auch sich nicht tauschen. Alles, was den Geist des Menschen erniedrigt, erniedrigt auch sein Herz. Alle Kunste, wodurch Manner, die vor den Riss stehen, auf Subalternseelen wirken, waren ihm falsches Geld, womit er keinen Menschen hintergehen wollte.

Die entfernten und unvorhergesehenen Folgen sind in moralischen Dingen von viel grosserer und gefahrlicherer Bedeutung, als die unmittelbaren Wirkungen, und wer kann diess uberdenken und doch tauschen? Ganz hatte er das Zutrauen unseres Helden gewonnen, und wenn dieser gleich, eben wie Michael, darauf ausging, Rathsel in der physischen und moralischen Welt zu losen, ohne sich den Kopf zu brechen, so wusste doch Johannes dem Junker so unvermerkt eine Neigung zu Wissenschaften, und unter ihnen zur Chemie, Physik und Astronomie, beizubringen, dass der Vorlaufer sich einbildete, mittelst dieser heiligen Drei ihn gegen alle Anfalle von Schwarmerei gesichert zu haben. Irren ist menschlich. Johannes irrte sich. Die Seele unseres Helden war viel zu voll von hoheren Dingen, um seinen Glauben an hohere Chemie und hohere Physik und aufzugeben. Warum soll es denn, dacht' er, ausser so vielen Werktags- nicht auch hier und da Sonntagskinder geben?

Wenn man die Erziehung unseres Junkers unparteiisch beherzigt, welche, ungeachtet der so haufig unterbrochenen gemassigten Bemuhungen des Schneidersohnes, sie einzulenken, durch Vater, Mutter und Pastor loci zu einer angenehmen, ruhigen Schwarmerei geleitet ward, wird man sich wundern, dass jene heilige Zahl, P h y s i k , C h e m i e und A s t r o n o m i e , gegen so viel andere heilige Zahlen nichts vermochte? Es gibt Menschen, die, wie Pflanzen, im Sonnenlichte die Luft reinigen, und in der Nacht und im Schatten sie verderben. So unser Held, der bei Nacht und Schatten der Schwarmerei alles verdarb, wogegen er im Sonnenlicht guter Gesellschaft liebenswurdig war.

Noch eine Bemerkung, die dem Bruder Praparateur einfiel, ohne dass ich mich daruber auslasse, ob sie der Aufbewahrung werth sey oder nicht.

Die Offenbarung, sagte er, wird den zu jedem Eindruck fahigen, zarten Seelen der Kinder, als die Quelle aller Quellen, als der Grund aller Grunde unserer Erkenntnisse angegeben; und was noch mehr ist, der christlichen Religion wird ihre Lauterkeit und ihre Vernunft vorenthalten, worauf sie freilich nicht zu Anfang ihrer Entstehung rechnen konnte, zu der sie aber (wie alles Menschliche in der Welt) durch Nachdenken und Sauberung ihres Grundstoffes von allen Menschensatzungen, Vorurtheilen der Zeit ihrer Entstehung und der Zeit ihrer Verbreitung, bis auf die gegenwartige, von Autoritaten, und allen andern heterogenen Ingredienzien, hinanzureifen im Stande ist. Einbildungen und Wesen der Phantasie werden zu Gegenstanden, die man erkennen, begreifen und umfassen kann, nicht bloss g e m a c h t , sondern sogar g e h e i l i g t . Unsere Neigungen und Triebe stellt man als verdachtig dar, obschon sie, recht verstanden, die Ueberbleibsel des gottlichen Ebenbildes sind. Ist's Wunder, wenn die meisten Menschen schwarmen? und wurden sie nicht, aus dem Schoosse der Kirche in die Welt gelassen, in noch unleidlichere Schwarmereien sinken, wenn der grossere Menschentheil mehr Zeit hatte und nicht im Schweisse des Angesichts sein Brod essen musste sein Lebenlang? Wenn nicht der mussigere, kleinere Theil mit einer grossen Portion Leichtsinn ausgestattet ware? Wenn nicht die noch ubrigen wenigen Edlen, diese Menschen Gottes, getrieben vom heiligen Geist zu reden und zu schreiben, den hohen Beruf fuhlten, sich des menschlichen Geschlechts anzunehmen? Leichtsinn und die rastlose Thatigkeit der theoretischen und praktischen Vernunft wird das menschliche Geschlecht vor noch argeren Ausbruchen der Schwarmerei bewahren. Die Winde des Leichtsinns reinigen die Luft, und die Sonne der Vernunft erleuchtet und erwarmt und bringt Fruchte w Geduld. Dess sollen wir alle froh seyn, Halleluja!

Selbst in der Loge waren sehr viele und bei weitem die meisten, welche die Thomasart des Johannes unserm Helden verdachtig zu machen suchten; obgleich dieser Vorlaufer seiner Moralitat wegen nicht in Anspruch zu nehmen war. Johannes blieb bei jener Bemuhung, die Sache nicht aus dem hohen, sondern aus dem rechten Lichte zu sehen, vom Heraldicus junior ausserordentlich verschieden. Schon trug hiezu sein emsiges Studiren bei, wodurch er sich zu einem Staatsposten ausbildete. Erziehung und Umgang mit Menschen von allerlei Zungen, Sprachen, Religionen und Sitten gaben ihm selbst ein vom Schneiderssohn abstechendes Aeusseres. Das Gesicht zieht sich der Seele allmahlig nach, und der excolirte Geist gibt selbst dem Korper eine Stellung, die charakteristisch ist, wenn sie gleich nicht allemal auf dem Tanzboden bestehen wurde. Die Werbehauptmannin erwies unserm Praparateur die ungesuchte Ehre, sich sterblich in ihn zu verlieben, und er ihr die Erkenntlichkeit, diese Liebesangelegenheit auf eine fur sie unnachtheilige Art beizulegen. Er wollte nicht Joseph sehn, um Madam Potiphar zu demuthigen, und stehe da! anstatt Verfolgung und Rache, als die gewohnlichen Folgen verschmahter Liebe, unsern Joseph (er soll Johannes heissen) empfinden zu lassen, uberwand die Ehre, die ihm wegen seiner Tugend gebuhrte, jede andere, niedere Leidenschaft in dem Herzen der Werbehauptmannin, ob auch die Liebe, weiss ich nicht. Dass es ihr an erkenntlichem Liebhabern bei einer so beliebten Loge nicht gefehlt haben werde, versteht sich von selbst. Bei den

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Aufnahmen

fanden Junker und Michael, wie fast zum voraus zu sehen war, uberall mehr als Johannes. Michael hiess zwar dienender Bruder und diente wirklich; indess machte man mit Protagoras einen sichtlichen Unterschied in Hinsicht seiner dienenden Collegen. Der Freiheits- und Gleichheitsbaum, den man in den Logen pflanzte, ohne den Herrn und Diener aus ihren Angeln zu heben, war beiden schon so etwas Seelerhebendes, dass nicht die Halfte der Feierlichkeiten nothig gewesen ware, um ihren Herzen, auch ohne Werbehauptleute, deren es mit V o k a l kunststucken die Menge gab, wohlzuthun und sie fur den Orden zu gewinnen. Ob unser Junker und sein Diener bei diesen Gesinnungen auch da noch geblieben, als sie alle heiligen und minder heiligen Zahlen von Graben durchgegangen, wurde freilich mehr interessiren; doch hangen an der Beantwortung dieser Frage so viele Siegel, dass ich die Hand von dem Tapis des Jupiters nehmen muss, auf welchem er der Menschen Thun und Lassen niederschrieb; von welchem guldenen Vliess den Logen ein Stuck in die Hand gefallen seyn soll, wie zwar nicht Johannes,

Unter vielen Ceremonien, welche unserm Helden und seinem Knappen Kopf und Herz entwendeten, war e i n e nicht unwichtige, dass sie gleich bei der Aufnahme des ersten Grades ein Paar FrauenzimmerHandschuhe empfingen, um sie den Koniginnen ihrer Herzen jetzt oder in Zukunft zuzuwenden. S o p h i e n v o n U n b e k a n n t gehort dieses Kleinod, erwiederte der Junker auf die vorgeschriebene Handschuhrede des Meisters, und kusste drei, sieben und neunmal das Kleinod, das ihn so uberraschte und ruhrte, als war' es Sophiens Hand. Der Meister, der durch diess unerwartete Intermezzo vollig aus dem Concepte kam, wollte einlenken; indess fiel ihm der Recipiendus ein, und gewiss zum Gluck des Meisters, der vom Buchstaben abhing, und ihm den Sklaveneid geschworen hatte. "Ein heiliges Unterpfand, dass ich Sophien durch den Orden finden werde! Ein Omen, das mir diess Ziel meiner Wunsche verburgt. O! dass Sie sie nicht kennen! Die Grenzscheidung zwischen Erhaben und Schon ist durch sie eine leere Vorgabe worden. Sie ist beides und hat mich gelehrt, alles Erhabene sey das Schone von feierlicher Weise." Der Knappe fugte hinzu, er hoffe, die Handschuhe wurden sich weiss erhalten, bis er so glucklich ware, der Begleiterin der Fraulein Sophie von Unbekannt diess Opfer bringen zu konnen.

Alle Grade in linea recta und obliqua (in gerader und Seitenlinie) waren beendigt, und unser Held besass ein ganzes Schatzkastlein voll B a n d e r und K r e u z e und S t e r n e . (An G e r a t h e , K l e i n o d i e n und Z i e r r a t h e n war nicht zu denken, wenn nicht ein Ruft- und Packwagen genommen werden sollte.)

Es gab eine so unglaubliche Menge von S y s t e

m e n und G r a d e n , dass man sie fuglich Legion nennen konnte. Da man sie schon am grunen Holz und in jeder Schrift finden kann, was man zu finden wunscht, was will am durren, an Hieroglyphen werden?

Michael konnte dem Orden, der auf Gleichheit und

Freiheit auszugehen behauptete, einen gewissen Widerspruch nicht vergeben. Grossmeister, Vorsteher, Activ und Passiv, dienender und befehlender Bruder, schienen ihm wo nicht wirkliche Widerspruche, so doch ungelosete Zweifel; sein Herr dagegen glaubte, dass die Vorbereitungen und Aufnahmen hier, so wie bei schlechten Komodien und den gewohnlichen Ehen, wenig oder gar nicht zusammenhingen. Viel gab' ich darum, wenn ich die bekannte Frage: W a s i s t , d a s d u g e s a m m e l t h a s t ? unserm Helden vorlegen, auf die Antwort seines Innern Rechnung machen, und sie so treu meinen Lesern mittheilen konnte. Der Knappe war ubrigens im Punkt der Handschuhe, wenn gleich er seine Zofe Unbekannt nie gesehen hatte, eben so glucklich und so sorgsam, als der Ritter. Bei solch einem Paar Handschuhen werden freilich die Hande nicht ausbleiben. Noch ward an die

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Adoptionsloge

gedacht, und mit Ausschluss des Begleiters, der als dienender Bruder ohne Bander, Kreuze und Sterne blieb, und dem nur wenige unbedeutende Ordenskleidungsstucke bewilligt wurden, dem Junker angetragen, diesen Nebenweg noch einzuschlagen. Freilich hatt' er diese Seitenlinie immer noch mitnehmen konnen. Ich habe zu bemerken vergessen, dass unser Held, so wie bei verschiedenen Maurerschwestern, so auch bei der Werbehauptmannin Bekanntschaft unterhielt, und dass, statt des vormaligen Vokalzutrauens gegen den Werbehauptmann, sich ein gewisser, galanter Consonantfuss eingefunden hatte, wodurch beide Theile gewannen. Warum unser vollendeter Maurer gegen die Adoptionsloge war? Weil die Werbehauptmannin keine kleine Rolle in ihr spielte, weil er alle Adoptionsmitglieder kannte, und weil Sophie in diesem Cirkel ein Fraulein Unbekannt war. Wichtige Grunde fur unsern Junker (den wir von jetzt an in Rucksicht des Schatzkastleins voll Bander, Kreuze als Vornamen zahlte R i t t e r nennen wollen ), sich in nichts mit der Adoptionsloge einzulassen. "Desto besser," sagte Michael. Warum? fragte der Ritter. Der Teufel konnte sein Spiel haben. Wie meinst du das? Ich meine, dass Gelegenheit Diebe macht, und dass bei aller Treue, die ich Fraulein Sophiens Begleiterin geschworen habe, es sich zutragen konnte, dass eine Begleiterin B e k a n n t jene Begleiterin Unbekannt verdrangen, und das l e t z t e Uebel arger als das e r s t e machen konnte. Schweig, fiel der Ritter ein im Munde eines Knappen ist's unanstandig, auf der Zunge eines Ritters war' es schandlich, ein so schlechtes Zutrauen zu sich selbst, zu seiner Gebieterin und zu den Paar Handschuhen zu aussern, das jeder von uns empfangen hat.

Es fiel zwischen unserm Ritter und Johannes eine treuherzige Unterredung vor, die das N e i n des Ritters, in Hinsicht der Adoptionsloge, noch mehr grundete. Sind Weiber schon so weit, um mit Mannern in dergleichen Verbindungen sich einzulassen? Haben sie bis jetzt einen andern Beruf, als alles in sich verliebt zu machen? Sie wollen, es gehe wie es gehe, es koste was es wolle, geliebt seyn. Der Witz der Weiber, womit sie so reichlich ausgestattet sind, lasst dem Gedanken nicht Zeit, auszuwachsen. Ware Freund ABC minder ernsthaft, suchte er weniger die Rathsel der Menschheit aufzulosen, wozu dem Sucher (woran ich herzlich Theil nehme) im Orden so viel Vorderund Hinterthuren geoffnet werden ich riethe Ja! Jetzt Nein! Freund Bruder! erwiederte der Ritter, ich erkenne und bekenne mit Dank, Ihr Schuldner zu seyn. Nie sollen Ihre sieben Dammerungen aus meinem Kopf und Herzen weichen, und wenn gleich unsere Ordensaugen nicht gleich sehen, unsere Ordensohren nicht gleich horen, und unsere Verstandeskrafte sich nicht ahnlich sind was thut's! Wir sind Bruder Freunde! Eine Wortverbrud e r u n g , deren Nachdruck ich nie mehr als jetzt fuhle, da ich meine Maurerbahn mit so viel kostbaren Graden, in gerader und Seitenlinie, schliesse; meine Bander, Kreuze und Sterne, bis auf ein Kreuz, das ich auf blossem Leibe trage, und einen Stern, der auf dem Hintertheil meiner Weste glanzt, in ein Schatzkastlein lege, und es bei Ihnen, so wie meine Maurerbibliothek, bestehend aus seltenen Buchern und noch seltenern Manuscripten, deponire. Ohne Sie wurd' ich Physik, Chemie und Astronomie nicht studirt, und diess Dreiblatt von Wissenschaften vernachlassigt haben. Ohne Sie ware der Werbehauptmann mein Vorbereiter gewesen; wahrlich, kein Johannes, der den Thomas neunmal neun uberwiegt. Sie wissen, ich suchte Sophien in allen Graden und mir zuerkannten Ehrenzeichen, ohne sie zu finden. Der Rath, den mir viele unserer Gross- und Kleinmeister aufdrangen, ihretwegen an ferne Logen, besonders nach Sachsen, zu schreiben, ward ohne Wirkung befolgt. Was soll mir Adoptionsloge ohne Sophien? was ein Paar Handschuhe mehr oder weniger, ohne die schone Hand, der sie gebuhren? Freund Bruder, erwiederte Johannes, auch der Werbehauptmann selbst wurde, seiner Vokalgeheimnisse ungeachtet, die Grunde nicht entkraften, die furs N e i n sind. Die Damen der Bruder heissen Maurerschwestern; wie viel haben Sie derer, kraft Ihrer Kreuz- und Querzuge von Aufnahmen? Wollen Sie noch nahere Schwestern, Sie werden in der Adoptionsloge ohne Zweites nicht vergebens wollen. Sophien aber finden Sie hier nicht, wenn gleich diese Aspasia im Orden der Verschwiegenheit und in einer andern Maurer-Adoptionsloge Schwester ist! Unsere lieben Schwestern sind Werbehauptmanninnen, bei deren dreiviertelstundigen geheimen Unterredungen mit Officieren und Nichtofficieren gewiss nicht immer eine Kammerzofe gegenwartig seyn wird, sie ware denn gleichfalls in die Mysterien dieser geheimen Zusammenkunfte initiirt. Es blieb beim N e i n ! Kraftig war der Segen, den Johannes auf den Ritter legte. Es trugt mich alles, oder Sie werden zu seiner Zeit finden, was Sie suchen es wird Ihnen aufgethan werden, wenn Sie vorschriftsmassig anklopfen; bis dahin fassen Sie Herz und Seele in Geduld, wovon Sie oft ruhmliche Proben ablegten. O! des Trostes, dessen unser Ritter sich nicht wurdiger zu machen glaubte, als wenn er sobald als moglich zu suchen sich entschlosse! Er bezahlte den erhaltenen profanen Unterricht in P h y s i k , C h e m i e und A s t r o n o m i e , der in Hinsicht der Summe gegen die enormen Ordensaufgaben bis zum Lautlachen abstach, und war vollig bereit, die Loge zum hohen Licht, wo es nichts weiter zu hoffen gab, zu verlassen, wozu ihn ein

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Brief

ohne Namen und Ort schon bestimmt hatte, wenn sein Hunger und Durst nach Geheimnissen auch weniger vorschnell gewesen ware. "Sohn des Monds! wenn du das Licht der Sonne zu ertragen dich stark genug glaubest, fasse deine Seele, komm auf Flugeln der Morgenrothe und stehe! Petrus, der aus einem profanen Fischer zum Menschenfischer erhoben ward, verliess sein Netz, folgte nach und erhielt auf Tabor den Meistergrad. Ein ander Ding als das Thal Josaphat, wo du dich jetzt befindest. Da Ihr solches wisset, selig seyd Ihr, wenn Ihr's thut. Folge dem Winke des heiligen Geistes, der dich berief und in dir anfing das gute Werk! Thue, was du nicht lassen kannst! schen Manna und zum Tische des Herrn dir in einer schwachen Minute entfahrt, ist ein Nagel zu deinem Sarge! Nicht deinem Begleiter, nicht dem Johannes (der nie aus einem Meister des Scheins ein Meister des Seyns werden wird) sollst du bei Strafe der Vernichtung den ersten Buchstaben dieser Vocation entdecken. Bist du werth, ein Sonnenkind zu werden und die Feuertaufe zu empfahen, so mogen die Schuppen von deinen Augen fallen, und der Stein, den gewisse Bauleute verworfen, dir zum Eckstein werden! Bist du unwerth des Werks des Herrn, das grosse Dinge thut, so schlage dich Finsterniss und dicke Nacht, und deines Namens werde nie gedacht unter allem, was Ordensleben und Odem hat. In dem Grade, als wir uns entsinnlichen, kommen geistige Dinge durch Sinnlichkeit uns entgegen. Auf halbem Wege begegnen sich Geist und Leib, wenn der Geist (wenigstens) das Gleichgewicht mit dem Korper halt. Je mehr wir uns vergeistern, desto mehr werden wir entkorpert; je weniger Physik an uns ist, desto mehr wachst unsere Metaphysik. Was wir dem Menschen entziehen, gewinnt der Engel. In dem namlichen Grade, wie der aussere Mensch stirbt, aufersteht der innere, und je mehr wir uns von der Welt losreissen, desto fester grunden wir unser geistiges Burgerrecht in der Stadt Gottes, die nicht mit Handen gemacht ist, wo Freude die Fulle und liebliches Wesen ist ewiglich. Es ruft der dieses zeuget, komme bald! Amen! Die Gemeinschaft des Allerhochsten sey mit deinem Geiste. Wozu eine Reisekarte ? Bist du, der da kommen soll, so wird der Engel des Bundes dich geleiten, und deiner Seele die Feuersaule ein Wegweiser seyn. Amen! Sollen wir eines andern warten? So kommst du nie an Stelle und Ort. Von dem Augenblick, da du diess Blatt zum drittenmal gelesen hast, wirken Geister auf dich und dass du es dreimal liesest, ist dir hiermit befohlen, wenn anders dein Geist nicht widersteht unserm Geiste. Gegeben Aurora im Jahre des Heils "

Dieser Brief, der unerklarliche Postzeichen trug, ward dem Ritter des Abends von einem weiss gekleideten Knaben, den er weder vor noch nachher gesehen hat, in die Hand gedruckt. Unserm Helden war's, als sahe er eines Engels Angesicht und was hatt' er nicht gegeben, um seinen Geist in den seinigen zu hauchen, welches wir Bekorperte unterreden nennen. Hatt' ich ihn am Kleide seiner Menschheit gehalten, wurd' er mir es nicht zuruckgelassen haben? Und was hatte ich gehabt? Nichts mehr und nichts weniger als einen Leichnam.

Alles wunderbar! Die Wirkungen, die diese Vorgange auf unsern Helden behaupteten, lagen in seiner Natur, das heisst, mehr als in der Natur der Sache. Da er schon sonst mit seinem Begleiter die Frage: wohin? uberlegt hatte, so kostete es ihm gewiss mehr Muhe, gegen ihn, als gegen J o h a n n e s , verschwiegen zu sehn. Wenige Augenblicke stand unser Held an, den Brief zum drittenmal zu lesen, zweimal las er ihn unwillkurlich. Als er sich endlich zum drittenmal ermannt hatte, war ihm, als sey er nicht mehr derselbe. Angst und Freude, Schrecken und Wonne, Himmel und Erde wechselten in seiner Seele. Er wollte sich dem Schlaf, der als Postmeister im Dienste des Geisterreichs steht, in die Arme werfen; doch konnt' er schlafen? Seine leiblichen Augen schloss er, je fester er aber sie schloss, desto exaltirter ward er. Er sprang auf um frische Luft zu schopfen, warf er sich ins Fenster; es war ihm er wusste nicht wie, und wie soll ich's wissen? Es kann gewiss keine Kleinigkeit seyn, wenn Geister auf Menschen wirken, wenn Menschen aufhoren Menschen zu seyn, und aus der Gesellschaft der Sterblichen in die der Unsterblichen geruckt werden. Etwa gegen zwolf Uhr, die bekannte Geisterstunde, uberraschte ihn ein Gesang der Liebe. Die Stimme war entzuckend. Die Sangerin naherte sich, und der Inhalt, von dem ihm keine Sylbe entging, war: Geheimnisse der Liebe und der Geis t e r w e l t s i n d n a h e v e r w a n d t . Wahr! dachte der Ritter, bereit, sich aus seinem Zimmer zu sturzen, um wo moglich in Prosa den Grad der Verwandtschaft zwischen Minnegeheimnissen und Geheimnissen der Geisterwelt zu ergrunden; ich hatte zu e r l i e b e n gesagt, wenn nicht Geister auf ihn gewirkt hatten. So oft er diesen Vorsatz ausfuhren wollte, floh die Sangerin. Jetzt entschloss er sich, sie anzureden und sie verschwand? Wie? dachte er, sollte diese Grazie dich warnen wollen, dem Irrlichte des Briefes zu widerstehen, den dir ein Knabe im weissen Kleide in die Hand druckte? Hat der Geist der Liebe sie in Sophiens Namen gesandt, um es bei dem einen Schatzkastlein voll Orden, Sterne und Kreuze zu belassen und Sophien auf anderen Wegen und Stegen nachzuspuren? Nur durch s i e und an ihrer Hand, mit den Geheimnissen der Geisterwelt, wenn es dir nutzlich und selig ist, vertraut werden; welch ein Gedanke! Oder ist's eine Sirenenstimme, die dir das Licht der Sonne entziehen will? Der Mond schien herrlich! Weg mit dem Monde, war sein Resultat; die Sonne, die ihm das Licht gibt, ist mein Ziel und der Engel des Bundes wird mich begleiten. Sind Geheimnisse der Liebe mit der Geisterwelt verwandt, bin ich nicht auf dem rechten Wege? Heil mir, dreimal Heil! So dachte unser Held und nach diesem Entschluss, den er um drei Uhr Morgens fasste, machten seine Augen noch einen Schlafversuch, und stehe da! es uberfiel ihn ein somnambulistischer Schlaf. Herkules erschien, mit den Worten aus dem Evangelio: Stehe auf, hebe dein Bette auf und gehe heim! Und er stand auf, um nach dreien Tagen zu gehen. Aber wohin? Nach dem Worte des Herkules heim. Der

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Reitknecht

konnte zu keiner ungelegeneren Zeit als des folgenden Tages Audienz verlangen. Er bat, wer sollte denken? als dienender Bruder aufgenommen zu werden. Das bist du in meinem Dienst, alle Menschen sind Bruder. Da er indess sich mit dieser Universalabfertigung und diesem christ. bruderlichen Machtspruch nicht begnugen wollte, sondern seinem Herrn eine Empfehlung von einem Bruder der Loge z u m h o h e n L i c h t behandigte, den er die Pferde seines Herrn reiten lassen und der dem Ritter in diesem Briefe versprach, es bei der hochwurdigen Loge dahin zu bringen, dass der Candidat in der besagten Qualitat unbedenklich gegen geringe Kosten aufgenommen werden sollte, falls namlich der Herr Baron ihn zum S t a l l m e i s t e r zu erheben die Gute haben wurde; so ward der Ritter unwillig und verwies ihn, ohne ihn zum Meister zu erheben, in den Stall. Don Quixote, setzte er hinzu, brauchte einen Stallmeister, ich bedarf keines Sancho Pansa (wozu Comparent auch keine Anlage hatte). Mit dieser von guten Grunden unterhigt, vielmehr brachte er in der Appellationsinstanz von einem schlecht unterrichteten Papst an einen besser unterrichteten bei, dass mit Pferden umzugehen oft schwerer sey als mit Menschen, dass bei der Cavallerie das Volk nicht nach Menschen, sondern nach P f e r d e n gezahlt werde, dass Stallleute von jeher in gutem Rufe gewesen, dass Reiter und Ritter nur wie hoch- und niederdeutsch von einander verschieden waren, und dass Michael sein Vetter sey. Michael, der bis dahin in seiner Kammer herzlich gelacht hatte, konnte als er diesen Umstand vernahm, sich nicht zuruckhalten. Er sprang heraus, um den Reitknecht stehenden Fusses Lugen zu strafen. In der That Stoff zum Divertissement, wozu der Ritter, der seinen Kopf voll Geister hatte, die auf ihn wirkten, weder Lust noch Liebe besass. Er gebot Schweigen und deutete dem Reitknecht an, dass sein Vortrag ihm kein susser Geruch gewesen, der bei Stallleuten ohnehin etwas Seltenes ware; er zahle nicht nach Pferden, sondern nach Menschen, und zwischen Reiter und Ritter sey freilich kein so grosser Unterschied, wohl aber zwischen Stallknecht, selbst Stallmeister und Ritter; was die Verwandtschaft mit Michaeln betrafe, so hatte er nichts dagegen und bleibe ihm sein Recht gegen Michael ausdrucklich vorbehalten; doch sollte er nie vergessen, dass Michael zu den Fussen Gamaliels gesessen und dass sein vermeintlicher Vetter seine Holzbundel von Reden, seitdem er in Gegenwart des Herkules ungebuhrlich an die Rosenthalsche Nothtaufe zu denken sich herausgenommen, so sein und kunstlich zu legen verstande, dass zwischen Michaels und des Stallknechts Seele keine Verwandt- und Vaterschaft ware, auf die es fast eben so viel als auf die leibliche ankame. Da der Stallknecht von diesen ubrigens ganz planen Entscheidungsgrunden in der zweiten Instanz nichts verstand, so ging er gerechtfertigt zu seinen Pferden; auch nahm sich der Bruder des hohen Lichts, den er die Pferde nothreiten lassen, seiner nicht weiter an, da das Gerede schon lange ging, der Baron wurde nicht lange mehr in

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wo denn?

bleiben. Nicht diese Frage, sondern die Ursache zu derselben liegt mir zu beantworten ob. Freilich verliert die Geschichte an Leben und Individualitat, wenn man dergleichen Umstande nicht handgreiflich bestimmt und Stelle und Ort fuhren geraden Weges, wenn man so sagen darf, in eine gegenwartige Sache. Doch kann ich einestheils die Grenzen meines Auftrages nicht uberschreiten, da ich ein Feind von allen, besonders aber von Grenzstreitigkeiten bin, andernGeschichte nicht unangemessen, welche durch mehr Klarheit viel von ihrem innern Licht einbussen wurde. Der

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Abschied

von Freund Bruder Johannes war zartlich und vernunftig. Es gibt Zartlichkeit, geheiligt durch die Vernunft. Die Vernunft uberhaupt erleuchtet, heiligt und erhalt, das Herz beruft. In Wahrheit es verdiente Johannes um so mehr Achtung und Liebe, da er den Orden nie als Mittel missbrauchte, zu seinem Zweck zu gelangen, selbst nicht als Nachhulfe des Mittels.

Johannes war zu bescheiden, um seinen Freund zu befragen: wohin? und sein Freund zu gewissenhaft, ihm etwas zu sagen, was er selbst nicht wusste. Lassen Sie mich, sagte der Ritter, Ihre sieben Dammerungen mit drei Ermahnungen erwiedern.

Die erste war sein Freund zu bleiben ewiglich. Mit Hand und Mund verheissen (ich stehe furs Ja!). Die zweite sich wo moglich durch keine Bedienung im monarchischen Staat die Hande und den Kopf binden zu lassen; in Freistaaten ists vielleicht anders, vielleicht auch nicht; wo gibt's ausser Eldorado, das Menschen, die ihre Bestimmung verkennen und den erhabensten Beruf Menschen zu seyn nicht uberblickt haben, konnen nach Stellen trachten, bei denen sie nicht von der Stelle kommen. Verzeihen Sie mir dieses Wortspiel, das mit der Wahrheit, wie oft der Fall ist, so richtig zusammen trifft. Wer von andern fur seinen Kopf und sein Herz Gegenstande sich vorlegen oder zuweisen lasst; wer einer Aufforderung, eines Ponalanstosses und einer Direktoranweisung bedarf, geschaftig zu seyn; wer sich ohne bestimmte Berufsarbeiten und Amtspflichten nicht zu lenken und zu richten weiss, ist und bleibt wo nicht noch weniger, doch ein Subalternkopf, ein Kanzellist; wogegen der Zwanglose, sich selbst Ueberlassene sich am nutzlichsten und einflussreichsten beschaftigt, wenn der Prasident ihm die Sache nicht zugeschrieben hat, wenn er sie selbst wahlte und wenn er sich von aller punktlichen Nothwendigkeit entfesselt glaubt. Thue das, so wirst du l e b e n ! Johannes war langstens uberzeugt, dass ein Unbeamteter oft Geschafte von dem grossten und wichtigsten Umfange treibe. Wenn panische Furcht und sklavische Pflicht benutzen, regieren heisst, so haben die Regierungsofficianten wahrlich keine sonderlich freie Aussicht, vielmehr fuhren sie ihre Aemter in Ketten und Banden ihr Lebenlang, ohne je auf Gelbstgefuhl, das Kleinod edler Seelen, und Nachruhm Anspruch machen zu konnen, welcher uns zu Erben der Ewigkeit macht. Gibt's indess, fugte Johannes hinzu, nicht auch in Aemtern Gelegenheit, an Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit zu arbeiten? und wo nicht mehr, doch Abderiaden abzuwenden und so manches im Staat ein Ende gewinnen zu lassen, dass man es konne ertragen? Die Philosophie des Lebens lernt sich im Amte am ersten und besten. Muss man nicht, fuhr er fort mit einer Thrane im Auge, unglucklich seyn, um sich von der Richtigkeit gewisser Grundwahrheiten zu uberzeugen? Sind die Menschen nicht ohne Vorgesetzte trage? Und zugegeben, dass der Stempel des ausgezeichneten Kopfs Thatigkeit und der grosste Beweis der Kraft Kraftanwendung ist, wurde nicht jeder Staat einen so unfehlbaren als fraudulosen Bankerott machen, wenn er ohne Wirth rechnen und auf Zwangsmittel Verzicht leisten wollte? Gluck und Ruhe geben Ehre, doch beschranken sie oft die Erkenntniss, wogegen Ungluck uns fur Ungluck entschadigt, wenn es uns auf hohe Weisheitslehren fuhrt, die sich sonst nicht lernen lassen. Die Grunde von Muhe und Beschwerlichkeit, welche Ehrfreigeister wider dieses Hauptstuck gottlicher und menschlicher Einrichtung anbringen, sind sie nicht unwiderlegbare Aufforderung, dieses heilige Werk zu treiben? Ich glaube, es gibt Stellen, um Ihr Wortspiel nachzuahmen, bei denen man auf der Stelle bleiben kann, doch gibt's auch andere, die Mittler zwischen Regierung und Volk sind, und Aemter dieser Art bekleiden und in ihnen einen Nachwuchs gleich edel denkender Junglinge erziehen, ist's nicht eine Aussicht, die sich sehen lasst? Gibt's hier nicht Worte, die sich horen lassen und Thaten wurdig der Ewigkeit ?

Freund Bruder! erwiederte unser Held, ich verdenke es Ihnen nicht, dass Sie Ihre Ketten vergolden und sich nicht bloss bemuhen, sondern anstrengen, Aemtern das Wort zu reden, die nicht fur Kopfe Ihrer Art sind. Gehen Sie hin in Frieden; Ihr Glaube helfe Ihnen! Wer sein eigener Herr seyn kann, suche keinen andern neben sich. Oft werd' ich Ihrer und Ihrer Bande und Ihres Glaubens denken und Gott bitten, dass Ihr Amtsglaube nicht aufhore, der, wie der Glaube uberhaupt, nicht jedermanns Ding ist. Kleine Mittel fuhren oft zu grossen Zwecken, wenn dagegen grosse Aufsehen bewirkende und mit Paukenschall verbundene des Zwecks verfehlen. Finde ich Sophien, so ist mein Ziel erreicht, soweit es in dieser Welt zu erreichen steht. Vollig aus Ende kommen kann weder der Mensch noch die Menschheit in diesem Leben. Oben oder unten ist Eldorado. Vorschmack kann es hier geben und sollte mit, durch und in ihm nicht Eldorado zu uns herabkommen und wir entkorpert und verhimmelt werden konnen? Johannes sah seinen Freund Bruder mitleidig an, und dieser ging zur dritmit allen ihren At- und Pertinenzien von Graden und Systemen und Systemen und Graden brannte, viele Thore hatte, so war der Ritter in nicht kleiner Verlegenheit, welches Thor er wahlen sollte. Michael litt hierbei

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unschuldiger

noch als bei der Nothtaufe, deren er zur Unzeit in Gegenwart des Herkules erwahnte. Die Frage: wohin? war sonst schon zwischen seinem Herrn und ihm debattirt, und es wurde ihm von keinem andern als einem Candidaten des Lichts der Sonne ubel genommen seyn, dass er mit ausserordentlicher Bescheidenheit zu wissen verlangte: d u r c h w e l c h e s T h o r ? Betragt diese Frage, fragte Michael sich selbst, bei weitem wohl die Halfte der Frage: wohin? die du ohne Bedenklichkeit mit deinem Herrn abgehandelt hast? Du bist vorwitzig, Michael, erwiederte ihm unser Held: d u r c h d a s T h o r , d u r c h d a s d i c h d e i n P f e r d t r a g e n w i r d , ist kurz und gut meine Antwort. Ich bedauere, gnadiger Herr, erwiederte Michael, dass seit der Zeit, da der Reitknecht mit Gewalt mein Vetter seyn will, ich Ihre Gute eingebusst habe, obgleich ich an dieser Vetternen Einfall, Bruder Maurer zu werden. Wenn gleich vor alten undenklichen Zeiten ein Pferd bei einer Konigswahl das entscheidende Votum hatte, und ein anderes das Consulat in Rom mit Wurde bekleidete, und wenn gleich in neueren denklichen Zeiten, wo es der Wunderdinge weniger als im grauen Alterthum gibt, viele Pferde, besonders in Kriegszeiten kluger waren als die Feldherren, die darauf sassen, so wurde es mir doch nicht anstehen, mich meinem Ross in Rucksicht des Thors zu uberlassen. Schweig, Schwatzer! gebot der Ritter, und Michael schwieg, vollig uberzeugt, kein Schwatzer zu seyn. Der Stallknecht war mit seinem Herrn und Michaeln ausgesohnt als er sah, dass der erste verdriesslich war und der andere diesen Verdruss empfand. Der gemeine Mann, der dienende Bruder im S t a a t (dem g r o ss e n M a u r e r o r d e n ) steht es nicht ungern, wenn die Vornehmern Kummer und Verdruss haben. Nicht ihres gottlichen Berufs und hohen Standes halber, sondern weil sie Feinde ihrer Feinde sind, liebt er die Fursten. Die

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Antwort,

welche der Junker Michaeln gegeben hatte, und welche letzteren so herzlich schmerzte, war so buchstablich wahr, dass sie nicht genauer und wahrer seyn konnte. Unser armer Held kannte eben so wenig als Michael das Thor, wovon die Frage galt. Diese Ungewissheit allein machte unsern Helden so muthig, wenn gleich, wie wir wissen, seitdem er zum drittenmal den Einladungsbrief gelesen hatte, Geister auf ihn wirkten. Bis dahin fehlte ihm der Begriff von gottlicher Eingebung, und sein Glaube war so schwach, dass es ihm zuweilen hochst unglaubig einfiel, auch bei der grossten Anstrengung menschlicher Krafte, behalte der liebe Gott noch immer sehr viel zur Eingebung ubrig, wenn etwas Vorzugliches zum Vorschein kommen solle. Jene Ueberlassung, wobei Verstand und Wille vollig unthatig sind und nicht viel anders sich geberden, als falte man die Hande, und als lege man sie in den Schooss, hatte unser Held bis jetzt noch nicht die Ehre zu kennen. Wie viel Muhe der gute Ritter, bei so viel unglaubigen Intervallen, dem auf ihn wirkenden Geiste gemacht, ist um so begreiflicher, als er, bis auf den heutigen Tag, noch nicht einmal eine Extemporaldass von einer Sache, woruber man nicht nachgedacht, unmoglich anders als unzusammenhangend gesprochen werden konne. Naturlich musste ihm, bei dieser Unerfahrenheit von jener hoheren Wunbergabe, jenseit unserer Vorstellungen, mit dem Auge des Geistes zu sehen, geistige Gegenstande von Angesicht zu Angesicht zu erblicken und uber sich selbst heruber zu ragen, noch weniger beiwohnen. Es war ohne Zweifel eine Lection des auf ihn wirkenden Geistes, als es unserm Helden, der einem Brief ohne Namen und Ort sich so blindlings uberlassen hatte, zu rechter Zeit noch einfiel, wie schon Dichter in ihren hohen Abstraktionen sich aus ihrem eigenen in einen wildfremden Zustand versetzen konnen, und wie diese Versetzung nicht eine freie Uebersetzung seiner selbst, sondern ein so reines, abgesondertes und unbedingtes Original sey, dass auch nichts vom vorigen Zustande ubrig bleibe. Vom Dichter zum Candidaten der Sonne, mit Flugeln der Morgenrothe, welch ein Abstand! Man steht, unser Held ist furwahr weiter, als er glaubt. Da grossere Dinge ihn heben, sollte er sich wohl von kleineren und unbedeutenderen niederdrukken lassen? Weg mit den Schuppen von den Augen! Er gab seinem Pferde die Sporen, und diess ging, ohne dass er wusste, wohin. Kaum waren unsere Reisende zum Thor hinaus, als ein Bote, schon wie Ganymed auf feurigem Ross, mit einem Briefe auf unsern Helden zusturzte, und eben so schnell ihn verliess. Er erbrach den Brief, und fand, ausser dem Namen eines kleinen unbetrachtlichen Fleckens und der ihm nachsten Stadt, eine Anweisung zu einem geheimen Ort und einer mystischen Stelle, die siebenmal sieben Meilen von Ort und Stelle des Empfanges des Briefes lag! Zusehends heiterte unser Held sich auf, er wusste w o h i n , und sah, dass, wenn gleich er nur ein Sohn des Mondes war, er doch in Ansehung der Zahlen sich nicht auf unrichtigem Wege befande. Wer am meisten bei dieser

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Parole

gewann, war Michael, der es seinem Herrn auf ein Haar abmerkte, dass der Inhalt des vom Gotterboten erhaltenen Allerhochsten Cabinetsschreibens ein Wort des Trostes gebracht. Wahrlich, fast zu viel Aufmerksamkeit, dass man weissgekleidete Junglinge und Gotterboten ausserordentlich versandte, obgleich ein charge d'affaires bei unserm Ritter sich aufhielt. Der Ritter brach schnell das

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Stillschweigen.

Obgleich Michael sich anfanglich einbildete, sein Herr wurd' ihn, einen dienenden Bruder, wegen des harten Worts S c h w a t z e r einer Ehrenerklarung wurdigen, so liess er doch seine Versohnung wohlfeileren Kaufs, herzlich froh, uber den Nicht-Vetter Reitknecht gesiegt zu haben. Dieser letztere mochte aus dem wunderbaren Briefe vielleicht anfanglich eine erneuete Empfehlung des Logenmitgliedes, welches in die Pferde seines Herrn geritten hatte, erwarten; doch gab er diese falsche Hoffnung bald auf, und fand, durch doppelte Portion von Essen und Trinken, sich so hinreichend entschadigt und abgefunden, dass er die Vetterschaft daruber vergass. Nach Anleitung Esau's sie zu verkaufen, fiel ihm nicht ein, vielmehr behielt er sie sich wohlbedachtig auf bessere Zeiten vor.

Der Ritter, der jetzt die lebendige Erfahrung gemacht hatte, dass die hohen S o n n e n b r u d e r , ausser den Geistern, die sie auf ihre Candidaten wirken lassen, nicht nur eine Leibgarde zu Fuss, sondern auch zu Pferde halten, und sein Knappe, zufrieden durch die Zufriedenheit seines Herrn, wiederholten Grade, und wurden, ich weiss noch nicht eigentlich wie? und warum? auf den Umstand geleitet, dass es Menschen Gottes gebe, die sich selbst Religion und Gesetz waren, und die sich vollig ihren Pferden uberlassen konnten, ohne einen von der Leibgarde hoher Obern, es sey zu Fuss oder zu Pferde, bemuhen zu durfen. Die Traurigkeit steht mit unverwandten Augen der Seele und des Leibes auf einen Ort, wogegen die Freude von einem aufs andere in die Kreuz und Quer springt. Um indess jene Menschen Gottes nicht aus der Acht zu lassen (die, wie mich dunkt, noch zur leidlichsten Erklarung der Diderotschen Behauptung dienen, Religion und Gesetz waren ein Paar Krucken fur Kopflahme), so behauptete der Ritter, dass der, welcher weiter als positives Gesetz und Menschensatzung zu gehen im Stande sey, dadurch, dass er das Grossere erfulle, auch das Kleinere berichtige, welches der guldenen Regel, wer das Kleinere aufgebe, werde nicht Herr des Grosseren, nicht im geringsten zu nahe trete.

In den Augen des billigen Richters, der nach dem Geiste und nicht nach dem Buchstaben sein Amt fuhrt, fuhr der Ritter fort, ist der Codex des Landes nur fur den gemeinen Mann und nicht fur den Menschen Gottes. Und doch, bemerkte Michael, konnte es Falle geben, wo man bei all dieser Menschheit Gottes in gehangen, in gevierttheilt, in in Oel gesotten werden, und in vierzig Streiche weniger einen erhalten konne.

Allerdings, sagte der Ritter. Und das Gegengift, das Universale gegen Hangen, Viertheilen, in Oel sieden, und die vierzig Streiche minder einen? Rathe!

Der Selbsttod.

Die Kunst zu schweigen!

Sollte?

Ich stehe dafur!

Doch ist Kunst nicht Natur, und ehre mir Gott die Schwatzhaftigkeit der Dame im Meierhofe.

Nur die deinige nicht! Den Knappen schmerzte dieser Vorwurf, so liebevoll er gleich diessmal erging. Zwar empfand er ihn bei weitem nicht so, wie den ersten desselben Inhalts, mit dem ihm sein Herr noch vor der Ankunft des Gardisten schwer fiel; indess nahm sich Michael vor, sein Herz zu prufen, und wenn er's ohne Tadel fande, zu gelegener Zeit bei seinem Herrn sich naher zu erkundigen, womit er das Scheltwort eines S c h w a t z e r s verdient hatte.

Der Ritter belehrte seinen Knappen, dass er unter der Kunst zu schweigen nicht jene plumpe Alltagstugend verstehe, die auch zur Noth ihr Gutes haben konne, sondern die Verschwiegenheit im Sonntagsfinne, in welchem sie Bescheidenheit oder Verschwiegenheit, nicht der Leides-, sondern der Seelenzunge, das Schicken in die Zeit, die Zuruckhaltung, die erst sieht, was andere machen, die erst die Leute in der Gesellschaft kennen lernt, ehe sie vertraut wird, meine; und da gestand denn der Knappe gerne, zum Schweigen gebracht zu seyn, der nach manchen Nothtaufvorfallen, je langer je besser, auch die Holzbundlein dieser Art zu legen lernte. Michael nahm sich, mit Seiner Gnaden Erlaubniss, die Freiheit zu bemerken, dass, wenn man den profanen Worten solche Freimaurerdeutungen unterlege, man zuletzt bloss durch Auslegung der Worte jedes Spiel gewinnen musse, und sein Herr konnte sich nicht entbrechen, ihm eine gewisse Sophisterei zu empfehlen, ohne die selbst Sokrates nicht gewesen ware und kein Mensch seyn konnte. Sie sey das, was die Hoflichkeitsconventionen im gemeinen Leben waren. Die Herren Philosophen, setzte der Ritter hinzu, fischen in diesem truben Wasser am glucklichsten; ein grosser Theil dieser Herren wurde ohne dieses trube Wasser wenig Fische fangen; wenn jetzt, bei jenem Kunstgriff, ihre Netze vor der Menge von Jungern und Aposteln und Nachbetern reissen.

Da Michael seinen Herrn nach erhaltener Parole, von Tage zu Tage, fast mochte ich sagen, von Stunde zu Stunde, ruhiger, gesprachiger und vergnugter fand, so glaubte der gute Schwatzer, der freimaurerischen Nachlese uber die Kunst zu schweigen ungeachtet, die Frage nach dem Orte ihrer gegenwartigen Bestimmung naher legen zu konnen. Vergebens! der Blick seines Herrn wies ihn auf das nach obgewalteter Discussion gezogene Dekret, und gegen jeden neuen Versuch des dienenden Bruders erfolgte eine verstarktere Abweichung, so dass der Knappe auf diese Frage vollig Verzicht that, deren Beantwortung sein Herr mit desto weniger Muhe zuruckhalten konnte, als er sie selbst nicht zu beantworten vermochte. Probatum est.

Etwa sieben Meilen, diesseits des Orts der Bestimmung, kamen unsere Reisenden ermudet in eine

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Herberge,

der man keinen bedeutenden Namen zugestehen konnte, und so entschlossen der Ritter war, den Hunger dem Schlaf aufzuopfern, ward er doch durch ein landliches Reisemahl uberrascht, welches ein Fremder sich auftragen liess, der sich zwar mit keiner Zudringlichkeit, wohl aber so zuthatig zu ihm gesellte, dass unser Ritter, er mochte wollen oder nicht, nicht umhin konnte, seinen Schlafplan aufzugeben. Michael schien hiermit um so zufriedener, als das Bedurfniss des Hungers ihm in der Regel weit lieber als das Bedurfniss des Schlafes war, und er die Gewohnheit hatte, der Mutter Natur mehr fur das Geschenk des Hungers, als so weise abgehandelten Materie zufolge, jeder neugierigen Frage gegen den Reisenden, mit dem er sich zu Tische setzte, auswich, so freigebig war dieser von selbst, ihn mit seiner Reise bekannt zu machen; und da er, durch diese Offenherzigkeit, sich den Weg zu einer gleichen Verfahrungsart gebahnt zu haben glauben mochte, befand der Ritter sich in keiner geringen Verlegenheit, als jener naher in ihn drang.

Verzeihen Sie meine Frage, sagte der Fremde, und lenkte die Verlegenheit des Ritters so zum Besten, dass es dem letzteren leid zu thun anfing, verschwiegen seyn zu mussen. Eben war er mit sich im Streit, ob dieses Leidthun, wo nicht Uebertretung selbst ware, doch der Uebertretung des Stillschweigens nahe kame, als der Fremde ganz von freien Stucken von dem Parole-Orte zu reden anfing. Michael lauschte um bei dieser Gelegenheit den Ort zu erfahren, ohne seinem Herrn Verdruss und dem Vetter Reitknecht Freude zu machen; abermals vergebens. Der Knappe musste sich auf Special-Befehl seines Herrn entfernen, und der Reitknecht hatte laut gelacht, wenn er etwas von diesem Exilium gewusst hatte.

Sie mogen reisen wohin Sie wollen, fing der Fremde an, einen Wink bin ich Ihnen schuldig aus Menschenliebe, die liebste Schuld, die ich abtrage. Kennen Sie Trophonius Hohle?

Ich habe nicht das Gluck.

Ungluck wurde angemessener seyn, wenigstens versichern die Alten, dass die, welche hinabfliegen, die Eindrucke der Traurigkeit nicht ausglatten konnten.

Es gibt eine gottliche Traurigkeit.

Die Traurigkeit aber der Welt wirket den Tod. Er ist in T r o p h o n i u s H o h l e gewesen, hiess nicht viel weniger, als er ist l e b e n d i g t o d t . Diesem lebendigen Tode eilen Sie entgegen, ohne auch nur im geringsten befriedigt zu werden. Die Verwirrung Ihrer Sinne gewahrt Ihnen dort kein Bewusstseyn. Sie werden mit Hindernissen streiten, und Ihr Lohn wird Rauch seyn. Man wird Sie Kampfen aussetzen, uber die man den Triumph, wenn er uns ja zu Theil wird, gern vergisst. Der geheime Ort, die mystische Stelle, die man Ihnen angewiesen hat, ist der Schlund des Molochs, der sich nicht mit Kindern begnugt, er verschlingt Manner. Was Ihnen winkte, war ein Irrlicht, das viele schon unter hohen Verheissungen hinlockte, um sie ins Verderben zu sturzen; eine Mordgrube, die desto gefahrlicher ist, da man nicht weiss, ob Menschen oder bose Geister die unglucklichen Schlachtopfer der Neugierde hinrichten.

Ich komme nicht uneingeladen! sagte der Ritter.

Schlechter Trost! Kein Licht steckt so schnell an, als das Licht der Einbildungskraft. Drei meiner Freunde, treffliche Manner voll edlen Durstes nach Mysterien, die nicht suchten, sondern gesucht wurden, fanden hier ihr Grab. Mich rettete ein Zufall, um die zu warnen, die am Rande des Verderbens sind. Einer der Helfershelfer dieser Menschenfresser nahm an diesem Zufall aus Mitleid Theil, dessen martervollsten Tod ich bewirken wurde, falls ich meinen Eid brache und mehr entdeckte. Vermag ich mehr zu sagen? als: retten Sie sich, retten Sie Ihre Seele um nicht ein Kind des Todes und ein Kind des ewigen Verderbens zu seyn! Retten Sie sich! Bei diesen letzten Worten sprang der Fremde auf, und erhob sie zu einem so hohen Nachdruck, dass der Ritter unmoglich gleichgultig bleiben konnte. Diese Lage benutzte der warnende Freund, indem er ihm den Inhalt jenes Briefes fast wortlich wiederholte, von dem der Ritter, sogar gegen Johannes, ein so grosses Geheimniss gemacht hatte. Ein ehrlicher Mann, sagte der Fremde, dient gern mit seinem Verstande; ein Bosewicht will uns mit List darum bringen.

Das Schrecklichste, womit der Referent von dieser Trophonius hohle neuerer Zeit wohlbedachtig das Ende kronte, war, dass der Eingefangene sich verpflichten musse, sich mit einer von dreien Weibsbildern ehelich zu verbinden, die ihm zwar selbst zu wahlen uberlassen bleibe, deren Auswahl indess um so trauriger sey, als alle drei den hollischen Furien ahnlicher waren, wie ein Ei dem andern. Weit eher hatte unser Ritter mit dem Tode und dem ewigen Verderben, als mit dieser Nachricht sich ausgesohnt. Ist das die Deutung jenes Mitternachtsgesangs:

Die Geheimnisse der Liebe sind mit der Geister

welt verwandt?

Hingerichtete Gesundheit, zerstorter Gemuthszustand, Ehebundniss mit einer Furie! Wahrlich zu viel fur die Schultern des Ritters.

Ob nun gleich Michael nicht mit in die Trophoniushohle hinabstieg und von diesen geheimen Bekenntnissen wenig oder nichts zu erspahen im Stande war, so nahm doch der Fremde bei seinem Abschiede Gelegenheit, ihn mit in diese Hohle der Bekummernisse zu sturzen. Der Ritter ist verloren, raunte er ihm ins Ohr. Hier ware Subordination Gefangennehmung der Vernunft unter den Gehorsam. Nicht das Recht des Starkeren, sondern das Recht des Verstandes gilt. Sey durch Klugheit sein Herr, ohne dich es merken zu lassen. Arznei muss nie machtiger als die Krankheit sehn, sonst ist sie Gift. Heil und wehe dir! Segen und Fluch, Lohn und Strafe schweben uber deinem Haupt, wenn du thust oder unterlassest, was ich dir gebiete! Es war ein sonderbares

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Gesprach,

in welches Ritter und Knappe nach einer furchterlichen Stille sich verwickelten. Beiden log die Pflicht der Verschwiegenheit ob, und so gab es hier gewaltige Umwege, und doch (besonders!) verstanden sie sich nie besser, als bei diesem mystischen Zwange. Wer an Mystik gewohnt ist, hat Abneigung gegen alle Deutlichkeit, er befindet sich bei ihr am ubelsten. Was wir klar nennen, ist ihm Dunkelheit, und bei seinem inneren Lichte sieht niemand etwas, als er selbst! Obgleich Michael nicht die mindeste Neigung hatte sich irgend einer Lebensgefahr auszusetzen, und eben desshalb Mordern, gleichviel Menschen oder bosen Geistern, in die Hande zu fallen, so hielt er nicht nur seinem Herrn von der Pflicht der Selbsterhaltung eine stattliche Rede, sondern war auch entschlossen, alle Gefahr und den Tod selbst mit ihm zu theilen. A u c h d e n T o d , rief er sich selbst zu, so untheilbar er immer seyn mag! Soll das der Erfolg von Gamaliels offentlichen und geheimen Gebeten seyn? dachte Michael sich selbst gelassen: W i r des Todes und e r das leere Nachsehen! Zwar hat der Maurerorden, den ich in allen seinen ehrenvollen Grain den Tod, auch seine Hohlen; doch weiss jeder, woran er ist und nicht ist. Zwar gelobt man dort Verschwiegenheit, doch ist, des Bundeseides ungeachtet, so viel Toleranz, dass, wenn ich Gamaliel dahin bringen konnte, zu glauben was er lese, er wo nicht mehr, doch eben so viel als ich wissen wurde. Zwar ist dort, bei aller Versicherung von Gleichheit und Freiheit, Unterschied der Stande; doch sind nicht im innersten Heiligthume d i e n e n d e Bruder? Hat der Hohepriester nicht seinen Hofkuster, der ihm nachtritt! Wie? ist's Eigennutz, der mich zu diesen Klagen bringt? Nicht weniger! Nicht nach dem was wir sind, sondern nach dem was wir zu seyn verdienen, konnen wir Schatzung verlangen. Wer nach meinem Namen fragt, ist ein Weiser; wer sich nach meinen Titeln erkundigt, ist ein Thor, oder will mich dazu machen. Gern will ich n i c h t s e h e n , wenn mein Herr s i e h t ; gern mich mit der Seligkeit derer begnugen, die nicht sehen und doch glauben, wenn nur sein theures Leben ausser Gefahr ist! Doch Gedankenkeuzzuge thun's freilich nicht. Bluhen und nicht Fruchte tragen, heisst wissen und nicht thun; ich will, ich weiss nicht, was ich will! Den folgenden Morgen fing Michael, ehe sie aufstiegen, an: Gnadiger Herr, wenn ich mich gleich bescheide, das Ziel Ihrer Wallfahrt nicht wissen zu konnen, und wenn ich gleich alles in der Welt eher, als den Vorwurf meines Gewissens, ein Schwatzer im gemeinen und ungemeinen Sinn zu seyn, uber mich kommen lassen wollte, darf ich Ihnen doch diese Schrift, die aus meinem Herzen abgeflossen ist, behandigen, und Sie bitten, wohl zu balanciren, ob Ihr Leben und das meinige (an den Vetter Reitknecht dachte er nicht) mit der Hoffnung, die Sie begeistert, das Gleichgewicht halte? Der Ritter entblatterte die Schrift, die Michael mit seinem Blute geschrieben hatte und worin er ihm verhiess, da sterben zu wollen, wo das Schicksal uber sein Leben gebieten wurde. Die Schrift war unbedingt und ruhrte den Ritter bis zu Thranen, welche sich auf dieser Blutschrift nicht ubel ausnahmen. Michael konnte sich nicht entbrechen, seinem Herrn von dem Winke des Fremdlings einen Wink zu geben, und der Ritter ersetzte ihm diese Offenherzigkeit mit gleicher Munze, ohne von der Festung des eigentlichen Geheimnisses einen Fuss breit abzutreten. Ueber Trophonius Hohle, deren der Warner gegen Michaeln zu erwahnen unbedenklich gefunden, war unserm Helden kein Gelubde der Verschwiegenheit zugemuthet, und eine Schrift, mit eigenem Blute geschrieben, verdient sie nicht mehr, als diese Erkenntlichkeit? H o r a t i u s C o c l e s stellte sich, als die Hetrusker bereits bis an die Brucke Sublicium vorgedrungen warm, um Rom einzunehmen, den Feinden entgegen, wahrend der Zeit die Brucke abgeworfen und dem Feinde der Weg nach Rom abgeschnitten ward; und nun sprang er mit seinem Pferde in die Tiber, ohne Verlust und mit dem Gewinn der Unsterblichkeit. Feldherr S e i d l i t z behauptete, kein Kavallerist durfe sich gefangen nehmen lassen, und sturzte mit seinem Pferde in die Spree, als sein Konig auf der Brucke sagte: H i e r i s t S e i d l i t z d o c h m e i n G e f a n g e n e r ! Er ward Friedrichs Liebling und ein Held wie er! Der Wustling M a r c u s C u r t i u s warf sich in einen Schlund, um Rom von der Pest, welche David zu seiner Zeit wohlbedachtig die Hand des Herrn hiess, zu befreien, und wenn gleich M a r c u s C u r t i u s ubler abkam, als Seidlitz und Horatius Cocles, indem er sein Leben einbusste, verfullte er nicht die pontinischen Sumpfe? Reinigte er nicht die Luft in Rom? Wenn Michael sich uberzeugen konnen, dass auf der olympischen Bahn nach Trophonius Hohle ein Kleinod zu erreichen ware; dass diese Krummungen zum Ziel brachten, welches Ritter und Knappe beabsichtigten; und dass man sich Kenntnisse von den hohern Wesen, der Geisterwelt und was diese Welt betrafe, dem Aufenthalt Sophiens und ihrer Kammerzofe, ersturzen konnte; mit Freuden wurde er mehr Blut, als zu seinem Testament erforderlich war, aufgeopfert haben. Wer leistete aber diese Burgschaft? Seine Ueberzeugung, dass es hohere Mysterien und Gemeinschaft der Menschen mit Geistern gabe, die ihm lebendig war, sagte ihm den Dienst auf, weil, wenn gleich der Weg zur bessern Welt durchs Grab, und zur Himmelfahrt durch Hollenfahrt geht, der Fremde noch betheuert hatte, dass aus Trophonius Hohle keine Erlosung sey. Freilich! Was hilft's, an einen Ort zu kommen, wo Heulen und Zahnklappen unglucklicher Menschen ist; wo man Hollenhunde heulen, Raben krachzen und Schlangen zischen hort, ohne nach all diesen Prufungen etwas zu erfahren, was der Muhe werth ist? Kann denn dem gottlichen Wesen mit Angst und Furcht so gedient seyn, als den Priestern, die sich auf diese Art in Ehrwurde zu setzen suchen; die die Aufzunehmenden Leitern steigen, schleudern und sich durchwinden lassen, wahrend der Zeit sie, an ganz sichern Orten, die dazu gehorigen Maschinen in Bewegung setzen und durch bequeme Hinterthuren sich durchschleichen? Und was soll wohl, wenn auch eine liebliche Musik auf das Angstbrullen der Verdammten und das Heulen und Geschrei der Thiere erfolgt, was soll diese theatralische Vorstellung? Dass die Gottheit einen Theil ihres Himmels und ihrer Holle in diese Hohle beurlauben sollte, um den Aufzunehmenden zu angsten und zu erfreuen, ist das zu denken? Dergleichen Gedanken, wiewohl in anderer Form, durchkreuzten den Kopf des Knappen, als ihm sein Herr die mariage de conscience mit der Furie entdeckte. Ich siehe Ew. Gnaden mit Leib und Seele dafur, sagte der Knappe, dass sie, bei all ihrer Hasslichkeit, Ihnen doch nicht die Erstlinge der Liebe zubringen wurde; und werden wohl die heiligen Handschuhe unsaubern Handen anpassend seyn? Nicht, als ob ich meine Bittschrift zuruck verlange, gnadiger Herr, sagte er, die fest und unwiderruflich bleibt im Leben und im Tode; doch denken Sie Sophiens und erlauben Sie mir, an Sophiens Begleiterin zu denken, die ich bis jetzt schon, wiewohl ohne Ew. Gnaden Erlaubniss, nach Ihnen am meisten geliebt habe.

Meine Einwilligung, Sophiens Begleiterin zu lieben, erwiederte der Ritter, ertheile ich dir so vollgultig, als gerne; doch vergiss nicht, dass sie auch von der Begleiterin selbst und von Sophien abhangt. Ausser sich vor Entzucken uber diese Einwilligung, that Michael nicht viel anders, als ob er mit einer verlobten Braut zur Trau gehen sollte. Gern war sein Herr Gast auf Michaels Myrtenfeste; indess vergass sich dieser so sehr im Taumel des Vergnugens, dass er fast mit Unbescheidenheit in den Ritter drang, seine Laufbabn aufzugeben und nach Rosenthal heimzukehren. M i c h a e l ! mehr erwiederte der Ritter nicht auf diese Sirenenworte, und der jauchzende Knappe fuhlte seine Vorschnelligkeit. War es denn nicht seinem Herrn allein zugedacht, in Trophonius Hohle den Hals zu brechen?

Wer eine Statue mit Kenneraugen ansieht, wird eine Statue. Wahr! Wer in die Sonne sieht, erblindet. Wahr! Es gibt Menschen, die sich Teufel schaffen, welche nirgends existiren, als in ihrem Kopf, um der Ehre werth zu seyn, sie gebannt zu haben. Wahr! Wie sich diess auf einander bezieht? Ist das eine Frage? Unsere beiden Reisenden drehten sich um diese Wahrsatze, als der Ritter, durch Michaels Kleinmuth gestarkt, wie aus tiefem Schlaf erwachend, anfing:

Siehe, Michael! so wenig verstehst du dich auf Herkules! Wie, wenn der Fremde bloss eine Maske ware, die den Herkules vom Wege der Mysterien abzuwenden es anlegte? Wenn er mir diess ungesuchte Gluck beneidete? Es ist ein Zeichen des grossten Schauspielers und des grossten Bosewichts, sein Individuum so zu verlaugnen, dass auch nichts davon ubrig ist, weder zu sehen, noch zu horen. Die Uebertreibung der Drohungen, die, selbst in einem Roman, die Grenzen der Bescheidenheit ubertreten wurden, sehen sie nicht einer Prufung ahnlich? Und wenn gleich ich nicht in Abrede stelle, dass diese Art von Prufung ubel gewahlt und unangemessen einer jeden guten Sache sey, kann man vor dem Ende den Werth der Sache beurtheilen? Zwar sollen Polizei und Justiz, in vieler Herren Landen, einen gefunden, festen Schlaf haben, wo ist aber das Land, wo, bei Polizei- und Justizschlaf, Hohlen-Greuel dieser Art sich ereignen? Und was in aller Welt, was und wer ist im Stande mich zu zwingen, Sophien untreu zu werden? Ihr die Handschuhe zu entziehen, um mich mit einer Furie ehelich zu verbinden? Wurde ein gesetzloses Verfahren dieser Art nicht alle noch so feierlichst eingegangenen Bande zerreissen? Mag die Moralitat, in die Kreuz und in die Quer, in die Breite und in die Lange, in die Hohe und in die Tiefe, gewinnen, wenn sie nur gewinnt! Das Barocke und eine gewisse Singularitat hat von jeher Gluck gemacht, und in der Regel sind Sonderlinge besser, als Alltagsmenschen. Was ist ganz zu erklaren? Und das, was wirklich ganz, bis auf den letzten Grad, erklart werden kann, verdient es diese Ergrundungsmuhe? Fuhren wir nicht in dieser Welt ein anigmatisches Leben? Und wurde ewiges Licht auf unserer Erdenbahn uns nicht schadlicher noch, als ewige Finsterniss seyn? Wohnen wir auf einem Planeten oder in der Sonne? Hier stockte der Ritter, als ob er schon zu weit gegangen ware. Auch wurden seine Grunde auf Michael lange so kraftig nicht gewirkt haben, hatte der Redner ihm nicht den Umstand vorgeschoben, dass der Fremde, der in der Herberge gewiss keine Anlage zum Fasten bewiesen, auch fur Ritter, Knappen und Reitknecht Essen vorbereiten lassen. Aber wie wusste er denn, dass wir kommen wurden? Das ist die Frage, erwiederte der Ritter, als

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drei

Manner zu Ross auf unsere Reisenden stiessen, wovon Einer vorsprang, und vom Ritter, im befehlenden Ton, w o h i n ? zu wissen verlangte. Michael, den die Art der Frage verdross, hatte doch an der Frage selbst kein Missfallen. Der Ritter schwieg, und da dieser Frager mit mehr Zudringlichkeit und zuletzt mit wirklicher Beleidigung auf Beantwortung bestand, blieb dem Ritter weiter nichts ubrig, als ihn nach dem Recht zu dieser Dreistigkeit zuruckzufragen. Statt zu antworten, zeigte der Frager Pistolen. Der Ritter erwiederte durch die namliche Pantomime; und Michael sah sehr genau, was die beiden Begleiter thun wurden, um theils sich selbst in Positur zu setzen, theils seinen Nichtvetter Reitknecht zu commandiren. Der Frager setzte sich in Schussordnung, der Ritter dessgleichen. Ernst! fing jener an. Der Ritter: Ich scherze nicht mit Pistolen. Eine Unterredung sagte der Frager. Bereit, der Ritter. Sie stiegen von ihren Pferden, gingen, jeder mit seinen Pistolen, in ein benachbartes Gestrauch.

Freund! sing der Frager an, Sie haben Pistolenauf meine Frage zu antworten. Darf ich b i t t e n , da vielleicht das F r a g e n Sie beleidigte, wohin? Der Ritter honorirte diese Bitte so wenig, als die Pistolenforderung, und der Bittende stimmte sich eben so schnell und leicht wieder um. Ich bedarf Ihrer Antwort nicht. Sie sind aufgefordert von Menschen, die Sie nicht kennen, zu Dingen, die dem vernunftigen Manne uberschwenglich sind. Angeblich sind Sie in Geisterobservationen gesetzt. Haben Sie den Einfluss des Ihnen beigeordneten Genius gefuhlt? Hat er mit Ihrem Geist sich so eingelassen, dass seine Existenz Ihnen kund und unlaugbar ward? Auch die L o g e z u m h o h e n L i c h t ordnete Ihnen, da Sie Aspirant wurden, einen Genius zu, der eben so gut Fleisch und Bein hatte, als Sie; und dergleichen Mouche lasst sich denken und erklaren; einen Geist aber einem in Fleisch und Blut gekleideten Geiste zugesellen, verbinden Sie diess? Kamen Sie nicht, bei Ihrer ersten Ordensausflucht zum h o h e n L i c h t , schon mit S o n n e und M o n d in Collision, obgleich dort bloss von Gasthofen die Frage war? Was fur Staub ich mache! sagte die Fliege auf dem Wagenrad. Verstehen Sie mich, so werde ich Sie wieder verstehen, wo nicht, so ist's mir leid, ich weiss nicht, ob mehr um Ihren Verstand oder Willen.

Da der Ritter auf diese lange, harte Rede nichts antwortete, fuhr der Pistolenmann, wie es schien, noch mit mehr Festigkeit fort, wie folgt:

Mit Recht verlangten Sie meine Vollmacht zu meiner Frage; haben jene Hohlenunbekannte die ihrige gezeigt? Was fur eine Burgschaft leisteten sie, ob der so grossen Verheissungen, die sie vorspiegelten? Gaben Sie nicht schon dadurch, dass Sie die Befehle dieser Unbekannten befolgten, jedem andern das Recht, sich uber Sie Zumuthungen herauszunehmen? Macht's die Art, sich auszudrucken? Nichts ist leichter, als uber Dinge, die wir nicht kennen, der Einbildungskraft, nicht Gedanken, sondern eine Art von Gedanken zu leihen, und die Bibelausdrucke, die ein Recht auf unsere Ehrerbietung von Kindesbeinen erlangten, in diess Garn zu ziehen. Sie sind alle Grabe in der Maurerei durchgegangen; was ward Ihnen dafur? Sie entdeckten selbst Ihrem Johannes, dem Vertrauten Ihrer Seele, nichts von Ihrer Hohleneinladung, und hielten Ihre Verpflichtung gegen unbekannte Einladung hoher, als die gegen Ihren Freund, der nur den einen Fehler hat, dass er nichts mehr, nichts minder von jeder Sache sagt, als was er davon begriffen hat. Freilich, ein grosser Fehler! Nicht aber auch die beste Anlage zum Redner, wenn anders Redner nicht, wie Poeten, in jedem wohleingerichteten Staate burgerunfahig sind? Liess sich Sokrates in Mysterien einweihen, obgleich seine Weigerung einige Zweifel in Absicht seiner Religion erregte, und obgleich man Gelegenheit nahm (um christlich zu reden), zu behaupten, dass er nicht zum Abendmahl ginge? Darf man bei einem guten Wein Kranze aushangen? M a n befragt das Orakel nicht unges t r a f t ; und wer erreichte je einen heiligen Ort und eine mystische Stelle, ohne zu verlieren ware es auch nur G e l d ! Das heisst, Viel und Wenig, je nachdem man es anzuwenden versteht. Erhielten nicht in der Maurerei falsche Spieler, Ehebrecher. Betruger Zutritt, wenn dagegen der Mann von Kopf und Herz auf die Ehre der Aufnahme vollig Verzicht that, oder bei Ertheilung der hoheren Grade so gutwillig zuruckblieb, dass man wohl einsah, er sey nicht begierig, mehr Vorhange aufzuziehen? Diess ist der Gang aller Mysterien, so alt und so jung, so wichtig und so unwichtig sie seyn mogen. Ware Johannes Ordensmann, wenn die Herren z u m h o h e n L i c h t ihn nicht, bei all seiner Finsterniss, nothig hatten? Wurde er Ihnen in Sonneneinladungen nachstehen, wenn er minder ein offener Mann ware? Freund! erwiederte der Ritter, auch dem Schicksale, selbst wenn es uns verwahrlost, muss man Wort und T r e u e halten; und schwieg. Und schwieg.

Diese lange Rede hatte ihn in weit grossere Verle

genheit gesetzt, als die Pistolenbravade und als die Unterredung mit dem Fremdlinge; denn ausserdem, dass sie mit den Bedenklichkeiten ubereinstimmte, die Ritter und Knappe unter einander gewechselt hatten, lag nicht der grosste Theil derselben in der Natur der Sache? Spater besann sich der Ritter auf das Trostwort, dass der Glaube durchaus eine Sache sey, uber die uns niemand zur Rede und Antwort stellen konnte und woraus keine Folgen zu ziehen waren. Nicht jeder Mensch sey an Major, Minor und Conclusio gebunden. Es hat Menschen gegeben, sagte er, die nicht wussten, was sie wollten, und doch grosse Manner wurden. Sowohl Ignatius Lojola als Zinzendorf waren inconsequent; doch schlugen ihre Schuler in dieses Chaos Licht und Leben. Wenn ich zu P e t e r n ein Zutrauen habe, so kann P a u l nicht das namliche fordern. Manche Menschen thun alles, was sie thun, Gutes und Boses, als Ausnahme; manche thun alles nach der Regel. Sokrates, einer der edelsten unter den Menschen, hatte, ausser seiner excolirten Vernunft und seiner Weisheit, den untruglichsten Wegweisern, noch E i n e n D a m o n , der ihn nicht antrieb, sondern zuruckhielt, der schwieg, wenns gelingen sollte, und sprach, wenn ein missliches Ende bevorstand. Es gefallt mir nicht an S o k r a t e s , in Beziehung auf diesen Damon, dass er keinen, auch nicht den vertrautesten seiner Schuler, auf Tabor fuhrte, um ihm seinen Damon erscheinen zu lassen;

dass er zu viel und zu wenig uber diesen Damon sprach;

dass er sich sogar zu Hokuspokus herabliess, und z.B. im tiefsten Nachdenken, in der grossten Sonnenhitze stand, und so bis an den folgenden Tag verweilte. Wer kann so lange ungestort nachdenken? und mit der Wahrheit, ihrem Urquell, der Gottheit, ober seinem Schutzgeist, anhaltend sich beschaftigen? So du betest, gehe in dein Kammerlein, schliess die Thur zu, und lass dein Herz reden.

Und wie? legte Sokrates sich nicht sogar einen gottlichen Vorzug bei? Er der nichts zu wissen behauptete, konnte behaupten, die Gotter liessen ihn ein Blatt in den Buchern der Vorsehung lesen.

Darum ist indess nicht allem Unbegreiflichen das Leben abgesprochen. Sokrates liess sich nicht in die Gang- und Gabemysterien einweihen; indess machte er selbst Mysterien, wozu er keinem den Schlussel gab. Vielleicht fullte dieser Umstand vorzuglich den Giftbecher, den er leeren musste. Ist die Gottheit ferne von einem jeglichen unter uns? Leben, weben und sind wir nicht in ihr? Konnen wir uns einbrechen, wenn wir Millionen und abermal Millionen Welten und ihre Sonnen am Himmel sehen, in diesem Anschauen verloren, zum Schopfer zu dringen und zu glauben, wir schauen auch ihn? Konnen wir uns entbrechen, zu ihm zu beten und unsern Geist zu erheben zum Geiste der Geister? Ists in dieser Begeisterung unmoglich, einer A r t von E i n g e b u n g gewurdigt zu werden, und durch schnelle Einsicht, durch Ueberschauung einer Sache und ihrer Folgen, eine Erscheinung zu haben? Von diesem Lichte, wie viel fehlt zum wirklichen Umgange unseres Geistes, wenn gleich er noch bekorpert ist, mit unbekorperten Geistern? Jene Schnellkraft und Richtigkeit im Urtheil, ist sie von Prophetengabe und Wahrsage weit entfernt? Wenn man, heisst es, den Erfolg des Nachdenkens und der Weisheit, oder eines glucklichen Zufalls, der zwar gemeinhin den Thoren begegnet, doch aber zuweilen auch den Weisen aufsucht, auf die Rechnung einer ubernaturlichen Wirkung setzt, sey man ein Schwarmer. Wer kann aber sicher in seinem Urtheil seyn, ob es Zufall, Erfolg des Nachdenkens und der Weisheit, oder ob es was anders war? Ach Pistolenfreund! in jeder reinen Tugend sehen wir Gott! Sie starkt und kraftigt und grundet uns, um zu Wesen uns zu gewohnen, denen diese durch Kampfe und Aufopferungen erungenen Siege eine Wonne zu schauen sind. Der kindliche Sinn, wozu diese hohe Weisheit sich gewohnt, versteht die Kunst, alles Fremdartige und jede Nebenumstandsache zu entfernen, und oft schon auf den ersten Blick zu finden, worauf es ankommt; sollten seine Vermuthungen, aus der reinsten Absicht gefasst, viel weniger als Vorhersagungen seyn? In der Maurerei stellt jeder sein Ziel sich selbst auf; und wenn gleich ich weder Sophien noch manches andere fand, was ich suchte, fand ich nicht mehr als Freund Bruder Johannes? Unter den Zwolfen war Judas; kann man in irgend einer Gesellschaft auf lauter Johannes und Petrus rechnen, obgleich auch dieser letzte, wenn gleich er bis Tabor kam, ehe der Hahn dreimal krahte, seinen Meister dreimal verlaugnete. Verweigert man den Grossen der Erde, sie aufzunehmen, so verfolgen sie den Bund; nimmt man sie auf, so erniedrigen, so entwurdigen sie ihn. Was thut's? Kein guter Same, verstreut oder ausgestreut, bleibt ohne Frucht. Die Folgen alles Guten sind so ewig, als die Folgen alles Bosen. Heil dem guten Samen, wenn er das Unkraut uberwachst! Nicht brauchen alle Bruder diese grossen Absichten zu bewirken. Eine andere Klarheit hat die S o n n e , eine andere Klarheit hat der M o n d , eine andere Klarheit haben die S t e r n e , denn e i n Stern ubertrifft den andern an Klarheit. Wenn Sie Maurer sind, durfen Ihnen diese Worte voll Maurer-Hieroglyphen nicht gedeutet werden. Das Beispiel lehret mehr, als das Gesetz. Freilich scheint das Menschengeschlecht noch nicht viel weiter. Sokrates soll gesagt haben, wenn die Gottheit nicht einen Abgesandten an die Menschen, mit seinem naher erklarten Willen, herabsende, sey zu ihrer wirklichen Vervollkommnung keine Hoffnung. Heiliger Sokrates! Haben wir nicht Mosen und die Propheten in uns, Gesetz und Evangelium? Um diess Buch, das in uns liegt, zu lesen, durfen keine Wesen hoherer Ordnung das menschliche Geschlecht unterrichten. Unser Lehrer, der heilige Geist, der in uns ist, kann und will er uns nicht in alle moralischen Wahrheiten leiten? Freilich gibt es Fragen, nach deren Beantwortung sich auch diesseits der Denkende, der sich unterscheidende Mensch, der Seelenflugelmann sehnt: Wo kam ich her? wo gehe ich hin? wie war's? wie wird's seyn? Ach Freund! dergleichen Fragen mit Bescheidenheit von Auserkornen gethan, sind sie Verbrechen? Sind sie Ungezogenheit und unanstandige Nascherei? Macht ein ausgehangener Kranz den guten Wein schlechter? Wenn die Einladung an die Strassen und Zaune ergeht, ist sie nicht fur den Bloden fast nothwendig? Und ist die Tugend den Bloden nicht hold?

Der Pistolenmann wollte einfallen, doch fuhr der Ritter fort: Ihre Einwendungen sind stark, der Ton Ihrer Stimme ist nach einem schwulen Tage schone Abenddammerung worden. Doch glaub' ich mich an dem Zufall zu versundigen, wenn ich ihn nicht benutze, und eben, weil ich nichts dazu beitrug, bin ich verpflichtet, ihn als hoheren Fingerzeig anzusehen. Wo lebt der Mensch, der ohne Tauschungen ware? Sind sie zu verachten, wenn sie Folgen eines angestrengten Nachsinnens, einer Gott ergebenen Seele, eines reinen Wandels sind? Hypothesen sind Wesen, die vaterund mutterlos sind, die indess Vernunft und Erfahrung zu naturlichen Vormundern haben. Der Frager seufzte, schwang sich auf sein Pferd, und einer verlor sich nach dem andern von diesen drei Mannern. Ein musterhaftes

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Duell

sagte Michael. Getroffen! erwiederte der Ritter; noch nie hab' ich Pistolen der Art so treffende gesunden. Die noch das besondere haben, fugte Michael dazu, dass sie, so sehr sie treffen, nicht verwunden. Verwunden und todten! erwiederte der Ritter hitzig. Ew. Gnaden werden verzeihen, dass ich diese Hieroglyphen nicht verstehe, sagte der Knappe. Recht gerne, beschloss der Ritter. Jetzt kamen sie in die

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Stadt,

deren Namen bis dahin dem Ritter ein grosses Geheimniss gewesen war. Da er keine Anweisung zum Quartier in seiner geheimen Instruktion hatte, war ihm nichts ubrig, als sich am Thor nach einem guten Gastund da er seinen Knappen bei der Auswahl um so mehr zu Rathe zog, als er ihn im Punkt des Punkts dieses Zutrauens nicht wurdigen konnte, so einigten sich beide, wiewohl nachdem sie zwischen G a n s und S c h w a n , den d r e i M o h r e n und den d r e i S t e r n e n , dem R o ss und K r a n i c h lange geschwankt hatten. Zum L o w e n ! sagte der Ritter. Zum L o w e n ! erwiederte der Knappe. Und wer sollte es denken? eben im Lowen fand der Ritter den O r d e n s v e r t r a u t e n , der seiner wartete und mit ihm sogleich zur Sache schritt. Desto besser, dachte der Ritter. An Vorbereitungen hatte es (die drei Manner mit eingerechnet) nicht gefehlt. Schon war durch dieses ganz besondere Ereigniss, von welchem der Ritter zu glauben anfing, dass es wohl schwerlich ohne die Beiordnung des Schutzgeistes zu bewirken gewesen, seine Seele fur diesen Ordensvertrauten gestimmt. Er glaubte wegen der ritterlich uberwundenen Schwierigkeiten reichlicher entschadigt zu werden. Die liebliche Weise, welche der Ordensvertraute einschlug, gewann unsern Helden noch mehr, und es war ihm Seelenwonne, nach so geraumer Zeit sich wieder einem Johannes, wiewohl anderer Art, aufschliessen zu konnen.

Komm herein, du Gesegneter des Herrn! was stehst du draussen? war ungefahr das Resultat seiner Erwartungen. Wohl mir, antwortete der Ritter schon voraus, ich habe gefunden, dess ich so lange harrte.

Auf die feierliche Frage, die der Ordensvertraute von Amtswegen, wie er sich ausdruckte, that, was er von Ordensverbingungen uberhaupt und vom Sonnenorden insbesondere dachte? legte unser Held eine so treue Osterbeichte ab, dass nichts in dem geheimsten Winkel seines Herzens zuruckblieb. Nur der, welcher nach langer Enthaltsamkeit endlich wieder seinen Johannes findet, an dessen Busen er laut denken und dem er sogar Empfindungen, die sich noch nicht zu Gedanken ausbildeten, anvertrauen kann, ist im Stande, sich vom Glucke des Ritters eine Vorstellung zu machen. Der Beichtvater verschlang jedes Wort, zeichnete hie und da etwas von diesen Bekenntnissen mit Bleifeder auf, sprang beim Amen plotzlich auf und verliess ohne Absolution spornstreichs den Gasthof. Ein

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Zettel

ward dem Ritter behandigt, dessen Inhalt ungefahr folgender war: Sie sind im Orden verloren. Kehren Sie so schnell heim, als ich diesen Gasthof verlasse, wenn Sie von meiner Bemuhung, Ihr Freund zu werden, achten Vortheil ziehen wollen. Ich bin so wenig Verfolger hat; ich bin Ordens-Saulus, ohne je Paulus werden zu wollen, noch zu konnen. Rache ist suss! Ich habe Sie aus Liebe zu Ihnen und aus Hass gegen die Verbindung, in die Sie treten wollen, h i n t e r g a n g e n . Kann diess hintergehen heissen? Dem Orden den Plan zu verderben, zu dem man es mit Ihnen anlegte, eile ich, von Ihrer Beichte Gebrauch zu machen und sie insgeheim und offentlich mitzutheilen. Zu I h r e m G l u c k ward ich dieser Verrather. Man liebt Verratherei und hasst Verrather. Hassen Sie mich, wenn Sie's konnen. Ich rette Sie, das ist I h r Gluck; ich rache mich an dem Orden, das ist das meinige.

Besturzt und wie vom Blitz getroffen rief der Ritter den Knappen. Lass uns, sagte er, diess Haus verlassen. Vortrefflich, erwiederte Michael. Hier wohnt Verratherei, fuhr der Ritter fort. Und Hungersnoth, beschloss Michael, der noch nichts zu essen, noch zu trinken habhaft werden konnen. Man beschloss einmuthig, wiewohl nach einer langen Disknssion, in den S p e r b e r einzuziehen. Der Gasthof z u r K r o n e , welchem man den Spitznamen d e r A f f e beigelegt hatte, stritt lange mit dem S p e r b e r , und war an jener langen Diskussion Schuld; zwar nicht wegen des eigentlichen, sondern wegen des Spitznamens. D r e i T h i e r e , sagte der Ritter, z u r F a b e l und z u r W a h r h e i t zu gebrauchen. Es blieb beim Sperber. Michael bezahlte den Lowenwirth, und in einer Stunde waren Ritter und Knappe im Sperber, wo der Wirth den Ritter versicherte, dass ein Geistlicher schon fur ihn und sein Gefolge Zimmer und Stallung besprochen hatte. Seit wann? Seit drei Tagen. Und dieser Geistliche? Logirt Numero Neun. Ihr Zimmer ist Sieben. Nach etwa neun Minuten erschien dieser Geistliche mit offenen Armen. Der Ritter, aus Schaden klug geworden, war so zuruckhaltend, dass der Geistliche nicht fruher, als bis er ihm einen Brief von der namlichen Hand, als die Einladung war, ubergeben hatte, seine Zunge loste. Hier ist der Brief:

Kannst du morgen bei Sonnenaufgang beten, und ist dein Schutzgeist nicht unzufrieden mit dir, den du vor dem Gebetversuch zu befragen hiermit angewiesen wirst, so folge dem S e e l e n h i r t e n , der dich zur reinen Quelle zu leiten gesendet wird. Wache und bete!

Der Ritter verlangte Frist bis morgen fruh, um sich mit dem Seelenhirten einzulassen; und dieser? spannte alle Segel der Beredsamkeit an, um den Ritter zu bestimmen, in feinen Hafen zutrauensvoll einzulaufen. Sobald der Ritter von seinen erlittenen Versuchungen anfing, bog der Seelenhirte weislich aus; indess war der Ritter fest entschlossen, so lange mit ihm zu ringen und ihn nicht zu lassen, bis er ihn segnete. Der Seelenhirte gab nun zwar kein Wort auf die wunderbaren Vorfalle, doch konnte er sich nicht einbrechen, sein Haupt zu schutteln. Der Ritter zeigte ihm den vom angeblichen O r d e n s v e r t r a u t e n erhaltenen Zettel, und der Seelenhirte, als that' er's in Gedanken, zerriss ihn in neun Stucke, die er alle neun dem Vulkan opferte. Obgleich die Sonne des andern Tages nicht aufging, und dieser Skrupel unsern Ritter aus der Fassung bringen wollte, so war seine Seele doch schuldlos; und ist diess nicht Gebet ohne Worte? Sein Gewissen war ohne Wolken, welche diesen Morgen das Sonnenlicht verfinsterten; und wenn gleich es nicht jedermanns Ding ist, einen unsichtbaren Genius um ein Testimonium anzusprechen, so glaubte doch unser Held, desselben nicht unwurdig zu seyn, und dieser Glaube gab ihm Freimuthigkeit nicht nur vor Menschen, sondern auch (es war ein irrender edler Ritter) vor Gott! Sein Herz verdammte ihn nicht, wer konnte ihn verdammen? Jetzt begann die eigentliche V o r b e r e i t u n g , mit einer Fastenempfehlung, bei der die Fische mehr noch als Fleisch widerrathen wurden. Ueberhaupt war alles Rath, nichts Anordnung im Munde des Seelenhirten; und doch hatte der Ritter eher zehn Befehle ubertreten, als einen so aus dem Herzen kommenden und durchs Herz gehenden Rath. Wenn sich doch diess unsere Seelenhirten von Gesetzgebern merken wollten. Unser Seelenhirte uberliess seinem Schaflein von Ritter, ob er die dreitagige Fasten schon gleich im S p e r b e r vollenden, oder dazu einen Flecken, etwa eine halbe Stunde von entfernt, wahlen wollte. Der Ritter, entschlossen seinen Aschermittwoch sogleich anzuheben, merkte dem Seelenhirten die Neigung ab, heute noch mit ihm Fleisch und Fisch zu essen; und so hielten sie denn ein Mahl mit Wohlgefallen, bei welchem der Seelenhirte so edel-ernsthaft blieb, dass er beim Ritter, von Schussel zu Schussel, von Glas zu Glas, gewann. Ein Umstand erschutterte den Ritter; und dieser? Die Erinnerung an den Jungling, der, wie sich der Seelenhirte ausdruckte, mit Christo ungefahr in der Lage war, wie Sie mit mir. Dieser Jungling besass von seinem Schutzgeiste ein gutes Testimonium und Freudigkeit vor Gott. Er behauptete, alle Gebote gehalten zu haben, und doch stand er an, sein Hab und Gut zu verkaufen und es den Armen zu geben. Hatte der Jungling, sagte der Ritter, Rosenthal gehabt, er wurde es unbedenklich haben behalten konnen; es ist (freilich auf dem Papier) ein Heiligthum, ein irdisches und himmlisches Jerusalem. Und Sophie? erwiederte der Seelenhirte. Wird an Sophien beim Junglinge gedacht? Sie ist Schwester des Ordens der Verschwiegenheit, Mitglied der Adoptions-Maurer-Loge. Ein Engel ist sie; wo sie ist, ist Eden und Himmel! A u c h E l d o r a d o ? Nein! ehrwurdiger Vater, El

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Testament

Herzlich wunschte ich hinzusetzen zu konnen: Gehe du auch ein zu d e i n e s H e r r n F r e u d e ! Doch ist deine Stunde noch nicht kommen. V o r e r s t f a l l e d i e Binde von deinen Augen, und wenn du je deinen Herrn geliebt hast, beweise ihm diese Zuneigung jetzt, da er sie von dir, aus Ordenserkenntlichkeit, zu fordern glauben darf.

Schmeichelei, erwiederte Michael, ist eine Munze, mit der man am leichtesten seine Rechnung bezahlt; ich bin nicht fur diese Munze. Nie werde ich vergessen, dass ich durch so viele Maurergrade durch Ihre Gute und Fursprache geleitet ward; und wenn ich gleich keine Kiste voll Ordensbander und Kleinodien besitze, die bei Bruder Johannes, ausser dem Kreuze auf der blossen Brust und dem Stern auf dem Hintertheil der Weste, deponirt sind, habe ich nicht so viel gesehen und gehort, dass, wenn ich auch nur den ueunundneunzigsten Theil davon Gamalieln zuwenden konnte, ich ihn glucklicher machen wurde, als einen Konig, und mich eben dadurch noch mehr?

Michael, denke nicht an das, was dahinten ist, sondern strecke dich nach dem, was vorn ist antwortete der Ritter. Es ist mir vergonnt, dich an meiner Berufung Theil nehmen zu lassen, zu der ich mich, wie du weisst, durch Fasten leiblich bereitet habe, und jetzt geistlich bereiten will. Ich hoffe, die Zeit ist erschienen, dass ich nach Entsundigungen und Lauterungen, Licht schauen werde. Licht, Michael, ist Weihwasser der Seele, wodurch sie gereinigt wird, um mit Wesen hoherer Ordnung bekannt zu werden.

Wahrlich, es ist einmal Zeit, sagte Michael, dass das Licht, das sich so lange unter Wolken hielt, Ihnen endlich Gerechtigkeit erweise. Schon oft hat seine Aechtheit mir verdachtig geschienen, da es Sie ubersehen konnte. Es ist nicht richtig gesagt, doch es ist richtig gedacht, dass Licht sich selbst nicht selten im Lichte stehe; ware sonst die Welt nicht langstens erleuchtet? Alles hat seine Zeit, sagte der Ritter, Finsterniss und Licht. Lange war Chaos, ehe Licht ward. Warum Abschweifung? Ich gehe, frage nicht, wohin? wo ich aber bin, soll mein Knappe auch seyn!

Michael war ausser sich dieser Verheissung halber, ergriff die Hand seines Herrn, die er mit Thranen benetzte und fest an sein Herz druckte. Lesen Sie, gnadiger Herr! mehr konnte er nicht. Etwa wieder eine Blutschrift? Allerdings, wiewohl anderer Art.

Der Seelenhirte hatte einen Brief verloren, und da er auf fallend von der n a m l i c h e n Hand als die Anweisung geschrieben war, war es dem Ritter zu verdenken, wenn seine Knie wankten? Dieser Brief

An den Bruder Aeion!

Theophil ist in der Probe geblieben. Wir haben ihn gezwungen vor seinem Ende von seiner Mutter schriftlich Abschied zu nehmen und ihr zu betheuern, dass ein Gallenfieber die Ursache seines Todes gewesen sey. Dir aber liegt ob, mit einem der Unsrigen seinen Leichnam (es waren Chiffern). Jetzt wird sich seine Geliebte wohl bequemen (wieder Chiffern). Feder und Tinte ist ein erlaubtes Gift, das schon manchen ins Grab brachte, ehe sein Stundlein vorhanden war, und eine Arznei, die von den Todten erweckt. Den Feigen lehrt die Noth beten, den Weisen die Freude, g e w i s s e A r b e i t e r im Weinberge die Politik. (Chiffern.) Wer in allem die Probe halt, wird der auf dem Probirsteine der Liebe unacht seyn? Ein Wort zu seiner Zeit ist ein Stein Davids, um Goliathe zu sturzen. Was den Berufenen betrifft, so sind die Anzeichen des Schutzgeistes bedenklich und schwankend. Die Berichte der unsichtbaren Vollendeten setzen es auf nahere Proben aus (Chiffern). Wurde dieser Siebente, wie es fast scheint, verworfen, wer ist mehr zu bedauern, er oder sie? Wahr ist es, sie ist ein Engel. Vergiss des Athleten nicht, der das Ungluck hatte, seinen Gegner beim Ringen zu todten, und der, da die Richter ihm die Krone verweigerten, seinen Verstand verlor. Viele berufen, wenig auserStuhlen sitzen (Chiffer).

Dass dieser Uriasbrief dem Helden nicht gleichgultig war, versteht sich von selbst. Ob er gleich die Deutung nicht machte oder machen wollte: Du bist der Mann des Todes; so trafen doch einige Umstande den rechten Fleck im Herzen, das, wie bekannt, ein trotzig und verzagtes Ding ist; wer kann's ergrunden? Nach einer kleinen Erholung fing der Ritter an, wie folgt:

Die Schrift mit deinem Blute geschrieben ist nicht der kleinste der vielen Beweise deiner Liebe. Ich wurde mich mehr als dich zurucksetzen, falls ich diese Liebe nicht mit Gegenliebe erwiedern sollte. Wenn ich dir nicht dienen wollte, ware ich werth, dass du mein d i e n e n d e r B r u d e r bist? Mein Diener warst du nie. Die Progression ist dir bekannt, nach welcher ich im Orden gedacht und gehandelt habe; und wohl mir, dass ich dir meinen jetzigen Vorsatz entdecken darf, den ich, will's Gott! nach drei Stunden auszufuhren beginnen will und m u ss . Muss? griff Michael ein. Muss, erwiederte der Ritter. Setzt man den Mittelpunkt nicht in die Mitte, wie kann man eine deutliche Idee vom Umkreise haben? So wie die Radien eines Cirkels auf den Mittelpunkt desselben sich beziehen, so ist der Mittelpunkt der Zweck, worauf alles angelegt wird, und Mittelpunkt und Umkreis gehoren zu jeder deutlichen Vorstellung. Zweifelst du noch am M u ss ? Nicht im mindesten, sagte der Knappe. Wir suchen Ueberzeugung aus sinnlicher Erfahrung, und Evidenz, da wo sich andere zu glauben begnugen. Der Mond befordert die Aushauchung der Lebenslust aus den Pflanzen nicht; hierzu wird nicht allein Licht, sondern auch eine bestimmte Warme erfordert. Was hilft Vernunft ohne Empfindung? Auch der Glaube thut's so wenig, wie das Wasser bei der Taufe. Mit dem lieben Glauben! Wurden, wenn er nicht bloss Vorgabe ware, die Herren Geistlichen, bei einer lebendigen und evidenten Ueberzeugung von der kunftigen Welt, so sehr am Irdischen hangen? Was gilt dieses Sandkorn Leben gegen den Montblanc der Ewigkeit? Dein Gamaliel selbst wurde so ordenslustern nicht seyn, wenn er w i r k l i c h glaubte. Alle Glaubigen, guter Michael, wenn sie gleich Mosen und die Propheten haben, sehnen sich nach Erscheinungen; und wenn einer von den Todten erstande, und sie von der andern und dritten, und vierten und funften Welt u.s.w. uberzeugte, g l a u b e m i r , dann erst wurden wir sehen, was Ueberzeugung ist, und was sie wirkt. Sehen ist der edelste Sinn, dessen sich der hochste Geist nicht schamen darf. Das Licht zu jedem Chaos ist doch Sinnlichkeit, so wie der geistige Ausdruck, wenn er treffen soll, sinnlich ist. Gesetzt, Michael, meine Ordensuhr schluge unrichtig; nicht wahr, wenn sie nur richtig zeigt? Wie man es nimmt, gnadiger Herr, sagte Michael, ich weiss nicht, was minder ubel ist, taub ober blind seyn. Ohne auf diesen Streifzug zu merken, fuhr der Ritter fort: Die Mysterien, denen ich zueile, sind, so wie alles, was gottlich ist, nicht an Geburt, Stand und Reichthum gebunden. Menschen machten Stande, die Gottheit schuf uns gleich. Nur dass du von Stund an mit verdoppelter Treue deine Seele in deinen Handen tragst, und dich aller Unreinigkeit und aller Speise und alles Getrankes enthaltst, das zum Essen und Trinken reizet. Mit leichter Ladung und leichten Segeln, das heisst, mit Massigkeit und gutem Gewissen, fahrt der Weise. Eine gluckliche Reise! Die Feste des Saturn sind die gemeinsten; es gibt Nektar und Ambrosia, Seelenspeise und Geistertrank. Zu diesen Festen schicke dich an, und dein tagliches Gebet sey: lass, wenn ich strauchle, wenn ich falle, nicht Feinde, sondern Freunde mich einlenken; lass mich nicht in die Hande der Menschen, sondern in die Hande, in die Zucht des Gewissens fallen. So richte deine erste Vorbereitung ein, und sie wird dir die andere, wie ich nach der Liebe hoffe, erleichtern! Schon der Maurerorden verstand das Geschenk jenes Schulers der Weisheit, der nicht Silber und Gold hatte, und s i c h s e l b s t gab. "I c h bin arm, allein ich bringe mich d i r . " Die Menschheit ist wahrlich eine grosse Bruderschaft, unter die Gott die Erde getheilt hat!

Voll Ruhrung griff Michael in diese Rede, und war bis zum Verstummen dankbar, dass sein Herr die ausserordentliche Gute haben wollte, in Trophonius Hohle nicht allein zu Schaden zu kommen, und dass auch er an der Ehre Theil nehmen sollte, den Hals zu brechen. "W i e s o l l t e i c h ' s n i c h t m i t F r e u d e n , dachte er, i n s o g u t e r G e s e l l s c h a f t ? " Dieser Gesinnungen ungeachtet konnte Michael (der den Rausch des Hochzeittages mit der Zofe vollig ausgeschlafen hatte) nicht umhin, dem Ritter noch einige Bedenklichkeiten zu wiederholen.

Dieser verwies ihm sein Misstrauen mit edler Sanftmuth. Gehorsam ist besser als Opfer. Gehorsam ist Selbstopfer; ihn ohne aussern Zwang zu bewirken, ist das Geschaft des Weisen; ihn ohne Zweck zu leisten, die Wurde des Tugendhaften. Die Hoffnung, fugte er hinzu, dieser Bote der Unsterblichkeit, dieser Engel Gottes wird mich leiten und starken auf den finstern Pfaden zum Ziele. Weiss ich nicht, was jener Alte (Diogenes) sagt: Der beruhmte Rauber Patacion ist ein Eingeweihter; Epaminondas und Agesilaus sind es nicht, und wollten es nicht seyn! Wir denken nicht alle gleich; und ist es nicht gut, dass wir insgesammt denken, nur ein jeder anders? Gift ist oft die wirkendste Arznei, und Trubsal und Angst Richtsteige zur Verklarung. Zweifel lautern unser Wissen, Leiden das Gold unserer Tugend; das Nichtwissen des Sokrates ist vom Vielwissen abgezogen. Wird nicht Gold, so wird Porcellan. Und was beabsichtigten wir mit unsern Kreuz- und Querzugen, die es gewiss weder auf eine einformige Seereise, noch auf eine Wiesenaussicht anlegten? Kein wohlgezogener Mensch erlaubt sich Ausbruche der Freude (ich wette, du schamst dich des Phantasie-Hochzeitschmauses mit der Begleiterin); warum sollte man sich Ausschweifungen in der Traurigkeit und in der Furcht gestatten? Nur Kranke konnen nicht Kalte, nicht Warme ertragen. Gott ist machtig in den Schwachen; oft ist der Mensch in der Schwachheit am starksten, und in der Verzweiflung vermag er alles. Kein Kreuz ist so arg, wo die Hoffnung nicht die Prascription unterbricht, und uns an Eldorado erinnert, das oben oder unten ist. Sey getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.

Wer nach diesen Todesbetrachtungen den Tod noch furchten kann, erwiederte Michael, ist der Furcht nicht werth; kann man weniger werth seyn? Ich furchte den Tod nicht; doch furchte ich ihn, ehe Ew. Gnaden Sophien, und ich die Kammerzofe kennen gelernt, und wir mit den Koniginnen unserer Herzen, wenn Gott will, fuufzig Jahre glucklich durchlebt haben.

Wie? Michael, rief der Ritter; hast du in so viel Schulen der Weisheit noch nicht gelernt, dich ganz und gar von der Sklaverei des Todes zu befreien? Heisst bedingt furchten nicht furchten? Erinnerst du dich nicht der Geschichte, welche der Seelenhirte uns so eindrucksvoll erzahlte? Als die Meister Hirame den Tempel zu Delphi vollendet hatten, und den Apoll um Belohnung baten, was erwiederte der Gott auf ihr Gebet? Sie wurden ihren Lohn nach sieben Tagen empfahen. Am Ende des siebenten Tages uberraschte sie der Tod in einem sanften Schlaf. Ei, ihr frommen und getreuen Knechte, ihr seyd uber wenig treu gewesen, ich will euch uber viel setzen; gehet ein zu eures Herrn Freude. Die Liebe, welche zwei Bruder ihrer Mutter bewiesen, als sie sich einspannten und sie zum Tempel zogen, ruhrte die Alte so, dass sie die Gotter anflehte, diese kindliche Treue zu vergelten. Sie fanden ihren Tod im Schlaf. Wer in seinem Beruf sein Leben verliert, erhalt es fur eine bessere Welt; und wer nicht Pilger und Burger zu seyn, unter Menschen zu Hause zu gehoren, und unter Menschen ein Fremdling zu bleiben versteht, verkennt seine diesseitige und jenseitige Bestimmung. Zeno von Citium, der ein Rheder war, horte von dem Verluste seines unaffecurirten Schiffes; und wie glucklich machte ihn diess Ungluck! Er ward aus einem Rheder ein Philosoph. Von Helden, die nicht fur Grillen ihres durchlauchtigsten Befehlshabers, sondern fur ihr Vaterland das Leben liessen, heisst es im Geist und in der Wahrheit: Sie sind g e b l i e b e n ! geblieben im ehrenvollen Beruf, geblieben im ewigen Andenken der Ihrigen. Auch wir, Michael, wenn es die Vorsehung will, die alles wohl macht, dass wir in der Lehre bleiben; Sophie und ihre Zofe, meine Mutter und die Nachbarschaft, Johannes und noch viel andere Freunde und Freundinnen werden sie uns vergessen? Werden wir nicht bleiben in ihrem Andenken im Segen? Die bittersten Spotter konnten auf unsere Leichensteine nichts mehr schreiben, als: Sie glaubten Eldorado schon auf Erden zu finden, und Eldorado ist unter der Erde! Ach! Michael, ich habe Stunden, wo ich die Wahrheit lebhaft empfinde; nur oben ober unten ist Eldorado. Ihre Worte des Todes, gnadiger Herr, sagte Michael, sind mir Worte des Lebens, und es fehlt nicht viel, dass ich mich stark genug fuhle, mit dem Apostel (der zu einer andern Zeit uberkleidet zu werden wunschte) zu sagen: Ich habe Luft abzuscheiden. Doch ist der Laurer gleich einem Diebe zu meiden; jener bringt uns um uns selbst, dieser um Sachen. Was hulfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewonne, und nahme Schaden an seiner Seele? Ew. Gnaden besitzen so viel Seelengluck, dass Sie mit den Gebietern der wunderbaren Hohle sich weislich werden einverstanden haben. Einverstanden, griff der Ritter ein; ich bin gesichert durch Unterpfand. Seit der Berufung zu diesem grossen Werke geleitet mich ein Geist, der auch jetzt mitten unter uns ist.

Den Ew. Gnaden sehen?

Den ich nicht sehe.

Doch sehen werden?

Von Angesicht zu Angesicht.

Bei meiner armen Seele! ich wunschte lieber heut als morgen.

War sein Einfluss auf unserer wunderbaren Wallfahrt im unerklarbaren Zuvorkommen nicht handgreiflich? Leitet nicht schon in dieser Welt der Weise alles? Verehrt man ihn nicht doppelt, wenn er einem andern den Schein und die Sichtbarkeit abtritt und durch ihn die Honneurs machen lasst?

Diese Spuren jener Leitung durch unerklarbares Zuvorkommen konnte Michael, der an sich sehr geisterglaubig war, nicht laugnen. Sein letzter Einwand: es sey schwer zu fassen, dass Menschen durch eine hohere Geschopfsgattung begleitet wurden, falls es unter Engeln, Klassen und herrschende und dienende Bruder gabe, war nur ein schwacher Behelf.

Michael (erwiederte sein Herr), du denkst zu gut und zu schlecht von Menschen. Menschen konnen so weit kommen, dass sie die Tugend der Tugend halber lieben, und sie thun, um sie gethan zu haben; die Menschen sind, bloss um Menschen zu s e y n ! Da freuen sich Geister, dass Menschen in eben dem Grade gute Menschen sind, als s i e gute Engel: und willst du ihnen diese Freude missgonnen? Nicht immer aber ist Menschen als Menschen, sondern gewissen durch diese Menschen auszurichtenden Thaten ein himmlischer General-Adjutant beigeordnet. Das Christenthum nicht allein, auch das heidnische Alterthum glaubte Schutzgeisterschaft. Die Behauptung des Menander, jedem Menschen wurde bei seiner Geburt ein guter Damon, und die des Empedokles, es wurden ihm zwei von verschiedener Art beigeordnet, scheint sie so unrecht? So sokratisch es ubrigens war, dass ich in den letzten Stunden meines Hierseyns mich nicht mir selbst uberliess, so ruft mich doch jetzt mein Schicksal. Es geht auf Hochmitternacht. Wir scheiden.

Michael seufzte G o t t ! mit Thranen im Auge. Uns scheidet nur der Tod, sagte der Ritter. Auch der Tod nicht, gnadiger Herr! er wird gewiss so gutig seyn, mich bei Ihnen zu lassen. Ich will mich mit Blut verschreiben, auch dort Sie zu begleiten. Bin ich nicht so einsichtsvoll wie Ihr Schutzengel, an Treue weiche ich ihm nicht!

Guter Michael! treuer Begleiter! Freund und dienender Bruder! Du kennst mich. Ich bin keiner von jenen Unempfindlichen, denen ein Freund so aus dem Herzen wie ein Stuck Eis aus den Handen schlupft; keiner von jenen Gleichgultigen, die sich an Menschen bloss gewohnen, die sie alsdann oft weder lassen noch behalten mochten. Was ich bin, bin ich ganz, und die Quintessenz meiner Neigung zu dir darf ich sie wiederholen? Es ist ein Zeichen eines guten Kindes, wenn es begehrt, dass die Amme auch der Puppe die Brust gebe. Und wenn ich dir sage, dass wo ich bin, auch mein Begleiter seyn soll, ist es nicht mehr als Amme, Kind und Puppe? Ich ubergebe dir hiermit feierlich eine schriftliche Zusage, dass so viel an mir ist, die Kammerzofe die deinige werden soll. Nicht mit Blut ist sie geschrieben, doch floss sie aus meinem Herzen. Ich kusse dich dreimal! Gott segne uns!

Michael war ausser Fassung. Nach einer Weile bedauerte er schluchzend, dass seine leiblichen Dienste neunmal neun Stunden aufhorten; meine geistigen, setzte er hinzu, sollen nicht aufhoren fur und fur. Er ubergab seinem unsichtbaren Collegen seinen, wie er sich ausdruckte, ewig theuern Herrn, den er von seinen Handen fordern wurde; von seinen Handen, wenn er Hande hatte, wo nicht von seinem ganzen Wesen, ohne das, was ist, nicht seyn kann. Vergeben Sie mir, gnadiger Herr, fing er wieder feierlich an, alle meine Fehler, meine Vorschnelligkeit, meine Schwatzhaftigkeit und alles, was noch sonst sich auf k e i t endet und enden konnte, in soweit es Ihnen zuwider seyn konnte und zuwider war. Mein Herz war an keinem dieser k e i t e n schuldig. Auch verheiss' ich

Verheisse nichts, guter Michael! du wirst ohne Verheissung erfullen; dein gluhendes Gesicht spricht lauter als Worte. Ohne Zweifel gehorte vieles auf meine Rechnung, womit ich die deinige belastete. Lebten die Menschen mit ihren eigenen Leidenschaften bestandig im Kriege, und mit den Leidenschaften anderer in ewigem Frieden, wieviel besser stande es mit der Welt! Lass uns bei dieser feierlichen Gelegenheit, da wir einander beichten und absolviren, da wir scheiden und nicht scheiden, uns trennen und auf ewig verbinden; lass uns die festen Gelubde erneuern, so wie die Laster und Thorheiten ritterlich und knappelich zu bekampfen, so die Schwatzhaftigkeit, diese niedrigste von allen Leidenschaften. Siehe! ein Schwatzer ist ein Verrather, der nicht bezahlt wird. Es scheint, edle Menschen sind im Reden unsere Lehrer, die Gottheit aber im Schweigen. Bei den altesten Einweihungen zu Mysterien ward Stillschweigen gelobt und geboten. Furwahr wunderbar! sagte ein Schwatzer einem Philosophen, der ihn anhorte. So wunderbar nicht, erwiederte dieser, als dass, der dich hort und Beine hat, nicht davoneilt als hatte er Flugel. Das ist der gewohnliche Lohn der Schwatzhaftigkeit. Nicht wahr, ich habe dir lange Weile gemacht? fragte ein Plauderer den Aristoteles. Nein, erwiederte dieser, ich habe dich nicht gehort.

Weiss ich's nicht, gnadiger Herr? Und unvergesslich ist mir der Vergleich meines Gamaliel, der ihm vielleicht jetzt am theuersten zu stehen kommt. Ein Schwatzer ist wie ein Vogel, der alles im Schnabel tragt, sagte Gamaliel. Flosst er es den unbesiederten Jungen ein, immerhin! jedem andern ekelt vor dieser losen Speise. Amen! erwiederte der Ritter, und nun empfange mein Testament.

Es gibt Dinge, in welche sich die Vernunft mit ihren Einwendungen so wenig einmischen sollte als der Staat in Privatangelegenheiten. Nicht in jedem Klima reisen Menschen, nicht in allen Lagen bluhen sie in ihrer ganzen Schonheit auf.

Erbrich nach neunmal neun Stunden, von 12 Uhr Nachts an gerechnet, dieses Blatt, falls ich wahrend dieser Zeit dich nicht sehe. Gott lohne dir deine Treue, guter Michael! Grusse meine Mutter! troste sie! troste Sophien! Ich muss ich fuhl' es ich muss! Schwer liegt es auf mir! Ginge ich nicht, ich verlore den Verstand wie der Athlet, der seinen Gegner todtete. Lebe wohl! Verdammt sey jeder Blick, der mir nachspaht! Weg war er. Michael vermisste ein paar Taschenpistolen und einen

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Dolch.

Eine unheilige Zahl, dachte Michael, und beschloss zu fasten, noch strenger als sein Herr wahrend der letzten drei Tage gefastet hatte, und nichts zu essen und zu trinken, was zu essen und zu trinken reizen konnte. Es ward Michaeln, da er alle Umstande zusammennahm, einleuchtend, dass sein Herr, nachdem er den Brief an A e i o u gelesen, sich mit dieser u n h e i l i g e n Drei versehen hatte. Auch nahm Michael Gelegenheit, sich mit dem

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Reitknecht

auszusohnen. So versohnungsgeneigt dieser auch war, so bestand er doch auf dem Bekenntniss, verwandt mit Michael zu seyn, welches Michael nicht einraumen konnte. Was denn mehr, guter Michael? Raumt doch Herzog von Orleans offentlich ein, der Sohn eines Kutschers zu seyn? Doch schien Michael wirklich die Wahrheit auf seiner Seite zu haben, und der Stallknecht in einem verzeihlichen Irrthum. Beim Ende Ding unmoglich ist, sie noch verwandt werden konnten, obwohl Michaels kunftige Gattin dazu nichts beitragen wurde, welche indess der Reitknecht so viel und so wenig als der Brautigam selbst zu kennen die Ehre hatte. Beide Theile glaubten bei diesem Vergleiche unlaugbare Vortheile erhalten zu haben. Man lasse den Menschen Worte, da sie so gern daran saugen, obgleich gemeinhin ihretwegen die Sache oft nicht dafur kann, wenn sie langweilig wird. Nach diesem glucklich vollzogenen Vertrage, der dem verwaisten Michael so wohl that, nicht uur weil sein Herz gut war, sondern weil er auch jetzt des Beistandes seines Reisegefahrten sehr leicht nothig haben konnte, uberfiel ihn

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der Seelenhirte

in weltlicher Kleidung. Da Michael weder in Familienangelegenheiten noch sonst Unwahrheiten weder litt noch beging, so war alles Schlag auf Schlag.

Ist mein Brief gefunden?

Ja!

Wo ist er?

In den Handen meines Herrn.

Michael erzahlte den ganzen Hergang der Sache so G e i s t - und W e l t l i c h e gebieterisch verlangte, dass Kisten und Kasten seines Herrn ausgerissen und die Michaeln behandigte Instruktion, welche erhalten zu haben der Knappe ebenso wenig Hehl hatte, dargelegt werden follte, und wesshalb? Um den Aeioubrief zu suchen, an dem, wie der Seelenhirte betheuerte, sein Gluck, seine Ruhe und sein Leben hing. Der Treiber verstellte seine Geberden und tobte einem Eifersuchtigen gleich, dem man sein Weib entfuhrt hat. Warum martern Sie mich? redete ihn Michael mit einer Entschlossenheit an, die nur Unschuld und gutes Gewissen zu geben vermag, und die sich von dem halben Dutzend anderer Arten von Entschlossenheit so edel unterscheidet. Warum martern Sie mich? Lieben Sie die Wahrheit, wie ich wunsche und hoffe, so werden Sie auch denen nicht unhold seyn, die Ranke hassen. Ohne Zweifel wissen Sie, wo mein Herr ist, dem mein Herz zugehort und dessen letzte Unterredung mir so heilig bleibt, dass ich weit lieber alle Qualen des strengsten Todes uberstehen, als eins dieser mir ewig theuern Worte aufgeben wollte. Sie waren der letzte, den er von F r e m d e n sah und sprach; Sie waren mit ihm eingeschlossen und nahmen ihm ohne Zweifel den Eid ab, dessen Heiligkeit ihn zu dem Schritte verband, den er that, Gott weiss wohin. Sie waren es, der mir durch ihn die Verheissung ertheilen liess, dass auch ich gewurdigt werden sollte, einen Schritt zu thun, Gott weiss wohin. Ist es zum Tode? Ich bin bereit im Leben und im Sterben meinen Herrn zu geleiten. Um Ihrer Weltlichkeit, um Ihrer Geistlichkeit, um Ihrer Seelen Seligkeit, um alles, was Ihnen heilig ist, um des mir durch meinen Herrn gegebenen Worts, um alles willen, was Sie lieben und ehren, verschonen Sie mich!

Der Geist- und Weltliche antwortete auf diese Jeremiade kein Wort, ging hin und forderte Michaeln vor den Richterstuhl des Orts, bei dem er eine schreckliche Klage anbrachte; Michael hat zugestandlich einen Brief, an dem mir mehr liegt als am Leben, gefunden, ihn angeblich seinem Herrn behandigt bekennt selbst nicht zu wissen, wohin sein Herr gegangen, ob und wann er zuruckkommen werde; bedient sich der bedenklichen Worte: sein Herr habe ihm seinen letzten Willen zuruckgelassen. Ist die Folge ungrundlich: sein Herr hat sich selbst das Leben zu nehmen Ursache gefunden, welches in diesen Gegenden seit einiger Zeit sich mehr als je zutragt? Vielleicht vorempfand er eine geheime Krankheit, deren er sich zu schamen Ursache hatte, und die vielleicht aus Erkenntlichkeit in kurzem seinen Lebensfaden abreisst. Aus d i e s e n Pramissen kann ich, fuhr der Klager fort, rechtlich verlangen:

Dass Michael die ihm von seinem Herrn behandigte geheime Instruktion ohne Anstand zur Entsiegelung einreiche. Findet sich in dieser verschlossenen Schrift der verlorne Brief nicht, so mussen die gesammten zuruckgelassenen Sachen seines Herrn gerichtlich geoffnet werden. Ist auch hier der Brief nicht, was naturlicher, als dass man Michaeln eidlich verpflichte, den ganzen Lebenslauf seines Herrn und besonders, was er von seiner jetzigen Entfernung weiss, haarklein gerichtlich anzuzeigen, um auf Spuren seines gegenwartigen Aufenthalts zu kommen. Auf diese letzte Klagebitte glaub' ich, sagte der Welt- und Geistliche, auf jeden Fall bestehen zu konnen, weil Michael an den Geheimnissen seines Herrn theilgenommen zu haben eingesteht, weil beide jahrelang Geheimnissjager sind und ein paar Frauenzimmer entweder aufsuchen oder von ihnen aufgesucht werden. Sein Herr, der einen bedenklichen Auftritt im L o w e n gehabt, woruber ich den Wirth zu vernehmen bitte, hielt sich im S p e r b e r auf, als ich ihn kennen lernte. Doch mocht' und wollt' ich so wenig an seinen Gedanken und Ungedanken theilnehmen, dass ich ihn ernstlich ermahnte, Graber zu verabscheuen, welche Bosewichter so zu ubertunchen verstanden, als waren es Nasenhugel. Es kann seyn, beschloss der Welt- und Geistliche, dass Herr und Diener die Verfuhrten sind, waren indess die Verfuhrer nicht in der Regel alle Verfuhrte? Der Schluss: ich verbitte alle Kosten.

Michael, der dem Scheine der Klage nichts entgegen setzen konnte, ob er gleich den Bosewicht vor Augen zu sehen sich uberzeugte, der in derselben ein Grab des Verderbens mit Rasen zu ubertunchen verstande, war so tief gebeugt, dass er nichts weiter erwiedern konnte, als: Ach, mein armer Herr! Klager bat, da Michael einigemal diese Worte mit Handeringen wiederholte, diesen Umstand besonders zu verzeichnen, indem er staatsgefahrliche Geheimnisse zwischen Herrn und Diener nach der hochsten Wahrscheinlichkeit vermuthen liesse, denen er nachzuspuren von Amtswegen verpflichtet sey. Und diess, setzte er wohlbedachtig hinzu, ist der Hauptschlussel zu meiner veranderten Kleidung, zum verlornen Briefe, und zu v i e l e m , was meine eigene Person betrifft, die keinen etwas angeht; Grunde genug zu meiner Bitte, den Beklagten sogleich in Arrestationsstand zu setzen. Da Michael sich selbst so tief vergessen hatte, dass er von den Worten: Ach mein armer Herr! so wenig als Jesus vor Jerusalems Mauern vom W e h e ablassen konnte; so sprang Klager ab, und behauptete: Michael habe entweder seinen Verstand wirklich verloren, ober er schlage das Bubenstuck ein, diese Rolle zu spielen. In beiden Fallen trug er auf Untersuchung und personliche Haft an. Was zu thun? dachte Michael, und machte sich wegen seiner Schwatzhaftigkeit, dieser niedrigsten aller Leidenschaften, mittelst deren mal ohne Gewinnst von dreissig Silberlingen verrath, die bittersten Vorwurfe. Freilich, Michael! hattest du an die letzten Reden deines Herrn und an den Vogel Gamaliels gedacht, die Grube ware bei weitem so tief nicht geworden, als du sie dir selbst gegraben hast. So wie wir oft denen begegnen, an die wir unwillkurlich dachten: so wie zufallig Gedanken in uns entstehen, ehe wir absichtlich uber eine Sache meditiren; so bereitet der Mensch sich Leiden vor, um dabei weise zu werben. Ueberzeugt, es konne nur die Unschuld in Lagen von einer solchen schrecklichen Art fallen, glaubte Michael zu seiner Ehre, auch die allerschrecklichste sey nicht schrecklich genug, den Menschen seiner Bestimmung unwerth zu machen und ihn zu entwurdigen. Ich bin, so war ungefahr seine Exception, weder unsinnig, noch ist mir das Schelmstuck eingefallen, mich so zu stellen; doch gibt es Falle, in denen der Verstand sich auf eine Art zeigt, dass man in die Versuchung gerathen konnte zu wunschen, man hatte keinen; oder Falle, wo jemand, der den Verstand nicht verliert, keinen zu verlieren hat. Die leichte naturliche Art, womit der Klager die unzubescheltendsten Umstande eines Vorgangs benutzt, zeigt seine Anlage, Interesse in die gemeinste Sache zu bringen und durch Feinheit und anschauliche Harmonie den gewohnlichsten Dingen zu einer Wirkung zu verhelfen, welche Theilnahme, ohne ihrer werth zu seyn, nicht erbittet, sondern fordert nicht erfleht, sondern erzwingt. Entkunstelt und entkleidet man die Klage; ist wohl das, was der Klager will, dem, warum er es will, angemessen? Er verliert einen Brief von ungefahr, oder mit Fleiss. Wenn ich den Ort, wo ich ihn fand, in Erwagung ziehe, ist es fast zweifellos, er wollte ihn verlieren. Frei bekenn' ich, den Inhalt des Briefes nicht verstanden zu haben. Auch habe ich Ursache zu befurchten, mein Herr sey nicht glucklicher gewesen als ich. Stand der Name des Klagers auf diesem Briefe? War ich gebunden, unter A e i o u den G e i s t - und W e l t l i c h e n zu suchen und zu finden, Hieroglyphen zu entrathseln? Wunderdinge zu entwundern? Gab mir nicht diese auf List und Trug auslaufende Manier vielmehr das Recht, mit diesem Zettel zu machen, was ich wollte? Aus den funf Vokalen lasst sich auf einen geheimen Staatsfiskal nicht schliessen, obwohl ich den Vokalen hierdurch nicht zu nahe getreten haben will, mit denen ich es gewisser Ursache halber nicht verderben mag. Hatt' ich den Brief zerrissen, war' es ein Mord gewesen? Doch scheint es, mein Herr und ich werden auf Mord angeklagt. Ich glaube nicht, Klager konne laugnen zu wissen, wo mein Herr sich befindet. Ich aber, das weiss Gott am besten, weiss es so wenig in dem geheimsten Innern meiner Seele, dass ich meine Angabe, es nicht zu wissen, tausendmal beschworen kann. Nur wenn der Tod meines armen Herrn bekannt geworden, und selbst dann nicht, konnte man diese Gewaltthatigkeit an seinen Sachen sich erlauben, wenn man nicht heilige Rechte des Eigenthums aufheben will. Mein Herr ist ein Mann von Ehre und Nachdruck, seine Mutter eine der ersten Damen in . Ohne an ihre herrlichen Guter und an das irdische und himmlische Jerusalem zu denken, das sie in Rissen besitzt, hat sie grosse Freunde und Beschutzer. Mein Herr ist ihr einziger Erbe. Er sollte entlaufen; er, der nichts auf seinem Gewissen hat, und dessen Umstande so vortheilhaft stud, dass er noch mehr als neunmal neun Receptionen zu bezahlen vermag, wenn er sein Geld in der Art anlegen will, woruber, wenn er's wollte, niemand als Gott und sein Gewissen ihn zur Verantwortung ziehen kann? Dass Geheimnisse auch hier zu Lande nicht confiscirt sind, beweiset selbst der Inhalt des Briefs, welcher diese Klage veranlasst. Wahrlich er war das Geheimste, was mir je vorgekommen ist: ob ich gleich entfernt bin abzulaugnen, dass auch ich ein Kunstverstandiger in Geheimnissen zu seyn die Ehre habe. Die Frauenzimmer, die mein Herr und ich verehren, sind die edelsten und tugendhaftesten auf Gottes Erdboden. Wollte Gott, sie suchten uns auf! Nicht bloss den Lowenwirth, man vernehme die ganze Welt, und mein Herr wird als der bravste Kavalier vor Gott und Menschen erscheinen. Im engsten Zutrauen erzahlte ich dem Klager, dass mein Herr Dolch und Pistolen mitgenommen hatte. Gott wolle nicht, dass er sie so nothig hat, als ich meine ganze Besinnung bei Dolch und Pistolen dieser Klage! Ware der Vokalbrief ein Wechsel, der dem hochseligen Herrn, als er zum Ritter geschlagen ward, so viel Kreuz verursachte, und bei dem es auf Tage und Stunden ankommen soll (ob ich gleich das Wechselrecht weder bei Gamaliel, noch bei meinem wechselfreien Herrn gelernt habe), mein Herr wurde durch ein offentliches Ausgebot ihn angezeigt, oder, wie der hochlobliche Herr Ritter bemerkt, ihn in seinem Amtshause deponirt haben. Bei einer gemeinen Schrift kann es auf Tage und Wochen nicht ankommen. Auch hab' ich in meiner Unschuld dem Klager zugestanden, eine Instruktion zu besitzen, die ich selbst noch nicht erbrechen kann: und wie kame irgend ein Mensch in der Welt dazu, sie zeitiger erbrechen zu wollen? Oeffnet man Testamente, ehe der Testator tobt ist?

Der Klager verlangte den Zeitpunkt zu wissen, wann der Beklagte die Instruktion zu erbrechen ware verpflichtet worden. Der Beklagte, fugte der Weltgeistliche hinzu, sey ein Neuling in Weltgeschaften, und so diene ihm wegen des Wechselumstandes zur dienstfreundlichen Nachricht, dass es politische Briefe geben konne, von denen Wohl und Wehe ganzer Provinzen und Staaten abhange, und wozu man sich gewohnlich der Chiffer zu bedienen pflege. Die Namen Jerusalem und Gamaliel und andere wildfremde beigemischte Umstande verriethen, bemerkte Klager, ein Komplott; doch war er so gutig, der Meinung zu seyn, dass Beklagter ihm nur als ein halb unterrichteter Theilnehmer und dienender Bruder vorkame. Ach, mein armer Herr! seufzte Michael, wiewohl nur innerlich, um der Candidatur zum Irrenhause auszuweichen. Der Richter, sagte man, gehe mit dem Wunsche zur Sache, die Menschen unschuldig zu finden. Warum auch nicht? Die Menschen sind gefallen, alle haben vom verbotenen Baum gegessen, einer freilich mehr, als der andere, doch waren alle bei diesem Nachtisch, die Rechtshandhaber wahrlich nicht ausgeschlossen. Und unser hochloblicher Richter? War gewohnt, gewisse Sachen peinlich anzufangen und gewisse Parteien als arme Sunder anzusehen, die er bei u b e r w i e g e n d e n Grunden immer noch im Falle der Noth in Gerechte verwandeln konnte. Freilich besser, hundert Unschuldige leiden, als einen Schuldigen entwischen lassen. Steckt nicht ein raudiges Schaf die ganze Heerde an? Mag die Unschuld, wie sie sich ruhmt, in sich Ruhe der Seele suchen und finden. Ein Volk, das nicht im Druck lebt, gerath in Uebermuth. Ein schlechter Reiter wahlt sich ein schlechtes Pferd, ein Held ein muthiges Ross, ob man gleich auch dem schlechten Pferde mit Sporen forthelfen kann. Welch ein Pferd wird unser Richter besteigen? Wie fiel sein R e c h t s s p r u c h ? Warum nicht gar! Erst ein Vergleichsversuch. Und der?

Der Richter schlug vor, dass die Instruktion sogleich in gerichtlichen Gewahrsam geliefert und nach neunmal neun Stunden (die der Beklagte wegen der Stunden hochst bedenklich fand), die abgelaufenen Stunden abgerechnet, so wie die andern Sachen des Ritters, eroffnet werden mochte, womit Klager nach vieler Weigerung sich endlich befriedigte. Beklagter wollte von diesem Vergleich nichts einraumen, weil, die Wahrheit zu sagen, er weder dem Klager noch dem Richter traute; und so verfugte denn der Richter:

Dass nach neunmal neun Minuten Schrift und Sachen zum gerichtlichen Gewahrsam zu liefern, im Weigerungsfall Beklagter zur personlichen Hast und zu korperlicher Zuchtigung gezogen, und von neunmal neun zu neunmal neun Minuten der Grad derselben verstarkt werden sollte, bis vollig geschehe, was Recht sey. Denn

Beklagter hat zugestanden, den Brief gefunden und seinem Herrn behandigt zu haben. Da er den Inhalt, seiner eigenen Behauptung gemass, nicht verstand, so ubersteigt die Beurtheilung desselben sein Kopfvermogen. Diese an sich schon entscheidenden Grunde werden durch noch andere rechtskraftiger. Sein Herr hat sich im eigentlichen Sinn entfernt, sein genauester Begleiter weiss nicht wohin. Er reiste ohne Pass und Beglaubigungsschein; er hinterliess, um Steckbriefen zuvorzukommen, eine Schrift, die nicht fruher als nach neunmal neun Stunden eroffnet werden sollte. Er nahm verdachtiges Gewehr mit (ein Dolch und zwei Pistolen konnten schon allein statt aller Entscheidungsgrunde dienen), er kleidete die gemeinsten Dinge in Geheimnissanschein (neunmal neun Stunden, wie leicht waren sie auf Tage gebracht!). Die verstreuten Worte und Umstande, durch welche Beklagter nicht nur den Dolch- und Pistolenverdacht gegen seinen Herrn ausser Zweifel setzt, sondern auch auf sich den schwarzesten Schatten desselben zuruckwirft, ubersteigen alle Grunde, und verlangen, dass auf augenblickliche Haft und steigende korperliche Zuchtigung erkannt werde. Klager hat sich durch Notorietat als einen unbescholtenen Mann ausgezeichnet. Beklagter stellt eine Person vor, bei der man nicht weiss, woran man ist; fur einen Bedienten zu vornehm, fur einen Mann von Bedeutung zu inconsequent. Seine Art und Weise, sein Aeusseres und Inneres, seine Denk- und Ausdrucksmanier verkundigen einen Menschen, der selbst nicht weiss, woran er mit sich ist. Schon wegen seiner Unerklarlichkeit, und da er mit keinen Passen und sonstigen Certifikaten versehen ist, wurde er als verdachtig beobachtet und in Arrestationsstand gesetzt zu werden verdienen. Die Kosten muss Beklagter ubernehmen, weil er nicht nur zu diesem Rechtsstreite die alleinige Veranlassung gegeben (den er auf den Fingern hatte entscheiden konnen, wenn er sein Selbstrichter zu werden Lust und Liebe gehabt), sondern, was mehr und wenigstens eben so viel sagen will, weil er den ihm angebotenen Vergleichsvorschlag mit verdachtsvoller Entschlossenheit abgewiesen hat.

Michael sank weniger uber den Hergang dieser Sache, als wegen der so naturlich aussehenden und doch so kunstlich angelegten Art des Klagers und des Richters, in Unempfindlichkeit und eine Art von Schwermuth, die nichts von jener Dammerungsannehmlichkeit hat, welche durch Nebenideen von Zukunft und besserer Welt entsteht, sondern aus Traurigkeit uber das gegenwartige Leben und vorzuglich uber die Schadenfreude und die Heuchelei so vieler unwurdigen Menschen entspringt. Guter Michael, diese Querstreiche sind dir heilsamer, als es die Erfullungen deiner Eigendunkel seyn wurden. Freudenzuge verwohnen, Kreuzzuge erziehen. Wie, wenn du in der V o r b e r e i t u n g warest?

Nachdem Michael sich mehr aufgerafft als gefasst hatte, freute er sich, des Ritters wegen unschuldig leiden zu konnen, und wurde eben so gern, wie Pythias fur Damon, den Tod ubernommen haben. Am liebsten war ihm, dass seine Instruktion ausser aller Gefahr sey, die er sogleich, nachdem er mit dem Welt- und Geistlichen daruber in Streit gerieth, vergraben hatte. Was er bedauerte, war, dass ihn sein Gefangniss verhindern wurde, sie vorschriftsmassig zu eroffnen, und dass diess vielleicht nur zu einer Zeit wurde geschehen konnen, wenn alle Hulfe und Rettung fur seinen armen Herrn zu spat kame.

Richter! sonst war euer Grundsatz, die Menschen zu ermuden, und wahrlich! ihn langsam um sich selbst und seine Hoffnung bringen, heisst sauberlich mit dem Knaben verfahren und ihn vor Verzweiflung sichern, die in einer Stunde oft mehr Unheil anrichtet, als die Politik in zehn Jahren zu heilen vermag. Richter! sonst waren euch die Gesetze behulflich, aus Rechtssachen Karten zu machen, mit denen die Justiz spielte; sonst diente euch der Subtilitatenkram, die Kopfe der Laien zum Schwindel zu bringen, um sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Wie? auch das Faktum ist in eurer Hand, um, wenn ihr das Handwerk versteht, aus Teufeln Engel des Lichts, und aus Engeln Teufel zu machen; aus Spinoza's Pietisten und aus Labres Cherub-Aspiranten? Es gibt ein asiatisches Verfahren mit rationibus dubitandi und decidendi. Wie? gibt es auch einen Hocuspocus, um den Menschen sich selbst zu entwenden, um sein T h u n und L a s s e n so unkenntlich darzustellen, dass er nicht weiss, wie er mit sich dran ist? Hat es mit eurem weltgepriesenen Vorzuge, dass ihr beim historischen Glauben das hochste, das letzte Tribunal seyd, und dass ihr bei Thatsachen das Privilegium de non appellando besitzt, keine andere Bewandtniss? Armer Michael! Schon waren einige Grade der personlichen Zuchtigung mit ihm vorgenommen, und er sah dem neunmal neunten Augenblick standhaft entgegen, da Beschimpfung und Schlage seiner warteten. Das Hauptgeschaft unserer Aerzte, die Krankheit zu nahren, um den Tod zu entfernen, ward an ihm erfullt; die meisten Menschen sterben taglich, um nicht einmal zu sterben. Armer Michael, so weit ist es mit dir gekommen! Das

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Schicksal

seines Herrn war, wenn gleich weniger schimpflich, so doch um keinen Grad leichter. Er sah um drei Uhr Morgens, nachdem er in einer schrecklich finstern Nacht im Walde umhergeirrt war, Licht schimmern, und da er sein Auge an dasselbe hielt, so erreichte er eine Hutte, an die er uberall neunmal neunmal anklopfen wollte, und nirgends neunmal neunmal anklopfen konnte. Diese Hutte hatte keine Thur, und so war es freilich unmoglich, sie zu finden. Endlich ersie, wiewohl ohne zu wissen, wozu er diesen Strohhalm beim Ertrinken anwenden sollte. Indem er sie ergriff, war es, als horte er eine leise Stimme: ersteige den Eingang. Er setzte die Leiter eben da an, wo er sie gefunden hatte, und erreichte, wie es ihm vorkam, einen holzernen Verschlag. Froh, eine Stelle gefunden zu haben, um seine neunmal neun Schlage, die ihm in den Fingern juckten, anzubringen, klopfte er, und eine hohle Stimme liess sich horen: Wer ist da? "Ein Lichtsucher." Die Stimme erwiederte: Hier ist Finsterniss; nur dem schimmert hier Licht, der inneres Licht mitbringt. Hast du Licht in dir gesehen?

Beim Worte "Ja" sprang dieser, dem ausserlichen Gefuhl nach bloss holzerne Verschlag mit einem Gerassel auf, als wenn hundert Ketten rissen und eiserne Pforten in ihren Angeln bewegt wurden. Da stand nun der Ritter, wie er im Schimmerlichte sah, an einer Hohle, die man ihm hinabzusteigen gebot. Es schien ihm ein Abgrund; und doch stieg er getrost und fuhlte endlich Boden. Ein alter ehrwurdiger Greis, mit schneeweissem Haar, hielt ihm eine kleine Laterne mit der Rechten vors Gesicht. Er fragte ihn, indem er mit der Linken noch eine tiefere Hohle zeigte: Ja? oder Nein? Auf die entschlossene Antwort: Ja, gab er ihm die Laterne mit den Worten: Nimm hin, suche Menschen! Glaubst du, sie zu finden? "Ich glaube," antwortete der Ritter. Dein Glaube helfe dir, sagte der Alte; gehe hin in Frieden und Gott behute deinen Eingang und Ausgang von nun an bis in E w i g k e i t ! Bei diesen Worten verschwand der Alte, indem neben an die Erde sich aufthat und das letzte Wort E w i g k e i t dem Ritter schon wie ein Echo vorkam. Der Ritter stieg wieder getrost eine Menge Stufen hinab, bis er an eine eiserne Thur kam, die sich von selbst aufthat. Hier schwankte die Erde, auf der er stand; ihm war, als horte er Meereswogen und Sturme heulen. Blitz und Donner brachten seine Sinne in Unordnung, und eine hohle, dumpfe Stimme erscholl: Ziehe aus deine Schuhe, denn diese Statte ist heilig! Die Bewegung der Erde machte, dass er unwillkurlich sank; und als ihm etwas wie ins Ohr raunte, ohne dass er das mindeste sah: Was suchst du? und er geantwortet hatte: Menschen, so vernahm er in hochst unharmonischen Stimmen fragweise: Unter Geistern? Eben da, erwiederte der Ritter, weil Eldorado oben oder unten ist. "Was willst du von Geistern lernen?" (wieder eine unharmonische Stimme). Leben und sterben. (Ein hohnisches Gelachter liess sich horen.) "Was nennst du leben?" Eine von den Flecken der Unwissenheit und des Lasters gereinigte Seele dem Geiste der Geister darbringen, naher wissen, was Gott ist und was ich bin, um durch diese Kenntniss zur vollkommenen Tugend zu gelangen, bei einem unstraflichen Wandel bloss mit meinem Leibe auf Erden und mit meiner Seele im Himmel seyn, mich in Gemeinschaft Gottes fuhlen und mit Geistern wie mit Freunden umgehen. Das Toben der Elemente legte sich abwechselnd. Jetzt war es ganz still und der Ritter konnte durch die Diogenische Laterne, welche er in der Hand hielt, in tiefer Ferne eine angenehme Dammerung erblicken, ohne die Wesen naher zu erreichen, die zuweilen stimmenreich und zuweilen durch ein einziges Organ mit ihm sprachen.

Bist du vorbereitet? hiess es. Er erwiederte: Ich bin es. "Was nennst du vorbereitet?" Frei im Gewissen seyn und seinen Korper durch Fasten heiligen, um ihn zum Mitgenusse geistiger Seligkeit fahig zu machen. "Bist du frei in deinem Gewissen?" Ich bin es. "Den Schuldigen treffe Tod und Verderben! Wer hier eintritt, gehort nicht zu den Siebzigern, sondern zu den Zwolfen; und wer viel gibt, hat das Recht, viel zu fordern. Bist du bereit zu Aufopferungen?" Ich bin es. "Behaltst du dir nichts vor?" Nichts als Sophien, meine Mutter und Rosenthal.

Bei diesen Worten waren alle Elemente wieder in Bewegung, und eine erschreckliche Stimme rief: Rette dich! Der Ritter fiel, da die Erde sich unter seinen Fussen bewegte, und lag fast ohne Besinnung, als der ehrwurdige Alte sich wieder zu ihm fand und ihm eine andere Laterne behandigte, nachdem er das Licht der Diogenischen Laterne, die auf der Erde lag, ausgeloscht und die Laterne zerschlagen hatte. So, sagte er, zerschlug Moses die Gesetztafeln, da er sein Volk auf Knien vor guldenen Kalbern fand. Nur allmahlig kam der Ritter zu mehrerem Bewusstseyn und merkte, dass er durch einen andern Weg gefuhrt wurde, wo keine sanfte Dammerung sein Auge, wenn nicht starkte, so doch zerstreute. Rings um ihn war Nacht, und die neue Laterne, die man ihm behandigt hatte, stromte bei weitem nicht jenes herrliche Licht, wie die Diogenische. Nach einer stundenlangen Wanderung, wahrend welcher der Alte kein Wort sprach, kamen sie an eine eiserne Thur. Hier klopfte der Alte dreimal drei an und es hiess: Wer ist da? Ein Menschensucher, antwortete der Alte, der noch zu sehr an der Welt hangt, um zum vollen Lichte zu gelangen. "Wird ihn das Fegfeuer lautern und zu hoheren Geschaften heiligen? wird er hier vollenden?" liess sich die Stimme vernehmen. Ich hoffe es, sagte der Alte; und nun hiess es inwendig: Verlass ihn, wenn du ihn zuvor geblendet hast. Der Alte verband ihm die Augen und gab ihm den Unterricht, sich stille zu halten und auf das, was man ihn fragen wurde, klug wie eine Schlange und ohne Falsch, wie eine Taube, in alle Wege so redlich, wie es in seiner Seele vorginge, zu antworten. "Warum sind dir deine Augen verbunden?" erscholl eine Stimme. Ich weiss es nicht, sagte der Ritter. "Zum Beweise, erwiederte sie, dass du in dem Verhaltnisse, in welches du dich selbst gesetzt hast, weniger erfahren wirst, und zum Zeichen, dass es bloss von deiner Veredlung und Abgeschiedenheit abhangt, weiter zu kommen. Entbinde deine Augen, und hast du dich gepruft, ob du stark genug bist, den schwacheren Grad der Erleuchtung zu ertragen, so klopfe dreimal und es wird dir aufgethan werden." Der Ritter, freilich sehr unzufrieden, aus der paradiesischen Herrlichkeit gestossen und zum zweiten Grade herabgesetzt zu seyn, glaubte in seiner Seele keinen Selbstvorwurf zu verdienen, weil er Sophien und seine Mutter nicht verlaugnet hatte. Und wenn ich gleich, dacht' er, so wie mein Vater, Rosenthal im Sterben verlassen muss: war' es weise, ein irdisches Jerusalem eher aufzugeben, als bis ich mich im Besitz des himmlischen befinde? Auch beruhigte ihn der Gedanke, dass, wenn er den geheimen Bund, von dem er, ausser dem alten Manne, noch keinen zu kennen und zu sehen die Ehre gehabt, grosserer Aufopferung wurdig fande, er immer noch Zeit und Raum zur Busse behielte. Wer wird alles an einen Faden binden? Der Ritter sah sich, da die nach drei Schlagen von selbst aufgegangene Thur sich von selbst wieder zugemacht hatte, ganz allein in einem schwarz ausgeschlagenem Zimmer. Vergebens forschte er nach der Stimme, die sich mit ihm vor den drei Schlagen unterhalten hatte. Wo ist sie hin? rief er, da er auch nicht die mindeste Spur von heimlicher Thur entdecken konnte. Er fand einen Tisch, wo eine Bibel lag und ein Crucifix stand, an welches sich ein Todtenkopf gelehnt hatte. Die Offenbarung St. Johannis des Theologen war aufgeschlagen. Ueber diesem Tisch standen die Worte: S e y g e t r e u bis in den Tod, so will ich dir die K r o n e d e s L e b e n s g e b e n . An der Thure, die sich von selbst aufgemacht und zugeworfen hatte, und die der Ritter fest verriegelt fand, las er die Worte: S i e h e , i c h w i l l e i n e n n e u e n Himmel chaffen und eine nene Erde, dass man der vorigen nicht mehr gedenken wird, noch zu Herz e n n e h m e n . Nach einiger Zeit erschien der Alte und wollte wissen, was er gedacht und wozu er sich entschlossen hatte. Der Ritter erwiederte: seine Gedanken und Entschlusse waren der Lage angemessen gewesen, in die man ihn versetzt hatte. Da der Alte mehr in ihn drang und der Ritter sich naher zu entwikkeln anstand, legte ihm der Greis schriftlich alles dar, was er gedacht hatte: versteht sich mit andern Worten. Der Ritter laugnete nicht. Ich hoffe, fugte er hinzu, bei billig Denkenden und billig Gesinnten Vergebung zu finden. Brach ich durch meine Gedanken und meine Entschlusse die eingegangene Verpflichtung? Je mehr Vernunft, desto weniger Despotismus. Wahrlich! Vernunft ist das Hauptcapital, womit der Mensch Handel und Wandel treibt, womit er wagt wenn gleich es auch hier heisst: wagen gewinnt, wagen verliert. Hat nicht die Vernunft, wenn sie durch uns selbst und andere verfalscht und verleitet wird, immer noch einen grossen Ueberschuss der Wonne und des Selbstlohns? Wahr, mein Sohn, sagte der Alte; doch geht es mit ihr ein Haar besser, als mit der Dichtkunst, welcher Plato das Burgerrecht abschlug? Wenn sie nicht bei der Darstellung der Schonheiten der Natur bleibt, sondern Leidenschaften malt oder pinselt: was macht die Dichtkunst aus Menschen? Unmenschen. Doch konnen, setzte er hinzu, Leidenschaften Engel der Vernunft werden, so wie sie noch ofter ihre Teufel sind.

Es sey, dass die Vernunftslobrede oder die ausserordentliche Fassung des Ritters dem Alten anstossig war, plotzlich fing er an, wiewohl ohne aus seinem vertraulichen Tone zu kommen: Die vielen Vorbereitungen, denen man dich in andern Ordensverbindungen unterwarf, die indess gegen die unsrige Spielerei sind, rusten dich mit einer Art von Leichtsinn, der mir missfallt. Auf seine Rechnung gehort der grosste Theil von dem, was du dir selbst als vernunftige Fassung unterschiebst. Auch finde ich dich so lauter nicht, als du wahnst und es zu seyn dich uberredest. Leichtsinn und Fassung sind verschieden, wie Engel und Teufel; und wenn Fassung auf Anspornung des Willens zu edlen Thaten wirkt, was wirkt Leichtsinn? Nichts mehr, nichts weniger, als Spinnen, Fliegen und Mukken, wenn sie in Speisen fallen und auch die ersten Leckereien ungeniessbar machen. Der Trunkene ist laut; der Berauschte ist frohlich und guter Dinge; der Besoffene sucht Handel; der Illuminirte guckt in einen optischen Kasten, und sieht in der Zukunft lauter Wunscherfullung und Planerreichung. Leichtsinn ist Trunkenheit. Bin ich dir vielleicht dunkel? Wohlan! du wirst mich vollig verstehen, wenn ich durch T h a t mit dir rede: d i e S p r a c h e d e r G o t t h e i t , auf welche Menschen Anspruch machen, je nachdem sie mehr oder weniger seinem Bilde ahnlich werden. Ich bin verbunden, den Geist zu entlassen, der dich bis diesen Augenblick begleitet hat. Der Alte machte einen Kreis in der Luft, in den er den Ritter einschloss, und nun schlug er drei Kreuze auch ins Freie, fiel auf sein Antlitz, kusste dreimal die Erde und sprach: Geist der Geister, der du lebest und regierest von Ewigkeit zu Ewigkeit, dir Lob und Ehre von Zeit zu Zeit, Hallelujah! Ich beschwore dich, edler Ariel, lieber Getreuer! zum ersten-, ich beschwore dich zum zweiten- und ich beschwore dich zum drittenmal, dass du nach drei Minuten dich trennst von dem Menschenkinde, dem du zugeordnet warst Tag und Nacht!

Eine Stille.

Der Ritter fuhlte eine Trennung, die ihn ausserst wehmuthig machte ! So ungefahr wird es dir seyn, sagte der Alte mit sanfter Stimme zum Ritter, indem er ihn bei der Hand nahm, wenn Leib und Seele scheiden. Er hauchte ihn an; nnd nun war es dem Ritter wirklich, als wenn eine Hauptkraft von ihm ginge.

Nimm meinen Dank, fuhr der Alte fort, guter Geist, und verzeih ihm alle trube Stunden, die er dir machte zu Tag und Nacht, und jeden Leichtsinn. Der Ritter, in einer wirklichen Ekstase, reichte dem Geiste die Hand und sagte mit Thranen: Verzeihe!

Bleib sein Freund, setzte der Alte hinzu, und wenn sein Fuss gleitet, wenn seine Seele nahe ist dem Falle, lass sie nicht sinken und verderben! Wenn dem Schisslein seiner Schicksale der Untergang droht, bedrohe Wind und Meer, dass es stille werde!

Der Ritter streckte wieder seine Hand aus. Ich bitte, seufzte er.

Und wenn sein Stundlein kommt, und seine letzten drei, neun und zehn Minuten ablaufen, wenn sein Geist sich vom Korper trennt, wie du jetzt von ihm, geleite ihn durch das finstere Todesthal und bringe ihn zur Stadt Gottes, zum Wasser des Lebens und zum Tische des Herrn, der dich und mich und uns alle lohnen und erfreuen kann von nun an bis in Ewigkeit!

Der Ritter sagte Amen und gab dem Scheidenden zum letztenmale seine Hand.

Nun fiel schnell ein Blitz, der, weil er dem ohnehin ausserst geruhrten Ritter so unerwartet und neu war, wie die Entgeisterung ihn heftig erschreckte. Du bist e n t h a u p t e t , sagte der Alte, das heisst in unserer Sprache: der Geist hat dich verlassen, der dich geleitete!

Eine Stille.

Der Alte fiel abermals auf sein Antlitz, kusste dreimal die Erde und sprach: Geist der Geister, der du lebest und regierest von Ewigkeit zu Ewigkeit, dir sey Lob und Ehre von Zeit zu Zeit, Halleluja! Bist du gefasst? fragte ihn jetzt der Alte. Missethater entfesselt man zu freien Bekenntnissen; Fassung ist Entfesselung der Seele. Bist du gefasst? Ich bin es, erwiederte der Ritter. So komm und vertheidige dich gegen deine Anklager. Hier stiess der Alte mit dem Stabe, und in einem Augenblick befand der Ritter sich, ohne sich aus diesem schwarzen Zimmer zu begeben, in einer Gerichtsstube, wo sechs weiss gekleidete Manner an einem rothen Tische sassen, zu denen sich der Alte als sein Fuhrer gesellte. Es traten wider ihn der Fremdling und der Frager auf, die ihn mit fast noch mehr Ranken angstigten, als der Seelenhirte den Michael vor dem bestochenen oder verblendeten Richter. Nichts ist einem edlen Menschen unertraglicher, als sich durch halbwahre und gemissdeutete Umstande in die Enge getrieben zu sehen, obgleich bei einer gerechten Sache dem Scheine des Rechts und elenden Sophistereien unterzuliegen, nicht minder ein nagender Schmerz ist. Der entgeisterte Ritter verlor nicht das mindeste von der Fassung eines gerechten Mannes. Man beschuldigte ihn vorzuglich eines verratherischen Leichtsinns in Rucksicht der ihm vorlaufig anvertrauten Ordensumstande, und fuhrte so kunstliche und weithergeholte Beweise, dass man im Handwerk, Thatsachen pro und contra zu drehen, Meisterstucke machte. Vor mir Licht, hinter mir finster, war hier, wie in vielen Gerichtsstuben, die Losung; und man verstand, trotz dem geubtesten Richter, die hochlobliche Taschenspielerei, schwarz und weiss zu kunsteln, wie man wollte. Eifert nicht, Subordinationsfeinde, wider Stock und Degen, und wenn man sich ihrer als Beforderer von Treu und Glauben bedient; es gibt Seelentorturen, geistliche Stocke und Degen. Sollte es wohl eine Sache in der Welt geben, aus der man nicht juristisch machen konnte, was man wollte? Und jene Wortvorhange: a u ss e r Z w e i f e l s e t z e n , anstatt beweisen; z u m U e b e r f l u ss , anstatt: zur hochsten Noch; w e r s i e h e t e s n i c h t e i n ? anstatt: die Sache ist ausserst ungewiss; u n d s o w e i t e r , statt: wehr weiss ich kein lebendiges Wort welche herrliche Dienste leisten diese Nothhelfer!

Unser Ritter ermannte sich, und sprach: Herren und Richter, waret ihr etwas anders als Menschen, so musste ich mich bescheiden, so mit euch zu reden, wie ich reden will. Ich bin ein Mensch. Ehe ich mich uber den Grenzstein dieser Menschenbestimmung durch die vaterliche Gute der mir unbekannten Obern dieses Ordensbundes erhoben fuhle, vermag ich nicht anders, als menschlich zu denken, zu reden und zu handeln. Findet ihr, dass das Recht auf der Seite meiner Klager ist, dass ich nicht Anlage habe Geist von eurem Geist, Seele von eurer Seele zu seyn, und dass ich auch zu dem Grade, zu welchem ich erniedrigt bin, nicht genug innern Beruf und Wurde besitze, so lasst uns scheiden. Ich gelobe euch, von dem, was ich sah und horte, nichts zu entdecken, vom Anfange aller Verhandlungen bis auf den geruhrten Abschied, den ich vom edlen Ariel, dem lieben Getreuen, nahm, der, wie ich hoffe und wunsche, im Leben und im Sterben, wenn meine Noth am grossten ist, mich nicht verlassen wird. Bis jetzt glaubte ich (warum soll ich es laugnen?), Gottes Geistesvertraute stimmten sich durch Einfalt des Verstandes und des Herzens zu den grossen Kenntnissen empor, nach denen meine Seele sich sehnte. Wo ich List und Ranke finde, da suche ich nichts; und wenn diese zwei Denuncianten mich so kunstlich bei euch anklagen, so vertheidigt mich mein Herz naturlich: ich bin unschuldig.

Einer der Richter gebot ihm zu schweigen, und hiess ihn und beide Klager abtreten. Man klingelte dreimal, und der Ritter erhielt den Befehl, seinen vorigen Platz wieder einzunehmen.

Der Muth, mit dem du dich gegen deine beiden Anklager vertheidigt hast, entscheidet nichts, sagte der Erste des Gerichts; wohl aber der Geist Ariel, der dir in der Stufe nicht gebuhrt, auf die du dich selbst herabgesetzt hast, ob wir es gleich nicht ungern sehen, dass er dir im Leben und im Sterben, wenn deine Noth am grossten wird, beispringe. Sein Zeugniss erklart dich, wo nicht wurdig, so doch nicht unwurdig (ein grosser Unterschied!) zur Stufe, zu der man dich vorbereitet. Wir haben zu deiner sittlichen Erziehung und deiner Einsicht das Zutrauen, du werdest dich von selbst bescheiden, nicht weiter, nach deinen von diesem ehrwurdigen Greise entlarvten Gesinnungen, den Orden auf die Probe setzen zu wollen, der d i c h zu probiren das Recht hat. Du wolltest uns den Krieg in unser eigenes Land spielen, und daran thatest du sehr unrecht.

Wenn ihr nicht bloss strenge, sondern vaterliche Richter seyn wollt, antwortete der Ritter, werdet ihr scheel sehen, dass ich so verfahren, wie es unter Menschen Gebrauch ist? Wer uns examinirt, den examiniren auch wir; wer uns erforscht, wird wieder von uns erforscht; und wer fragt, wird gemeinhin, auch ohne dass der Antworter es listig darauf anlegt, zu Antworten gebracht. Auch seyd ihr Manner bei Jahren, und habt, wie ich vermuthe, Schutz- und Hulfsgeister um euch, welche eurer Schwachheit bei aller eurer Seelenstarke, die sich die Jugend nie zueignen kann, aushelfen, und euch da vertreten, wo euer eigenes Vermogen euch aufgibt. Mir ist sogar Ariel genommen, der mich, wie ich glaube, nur bloss beobachtete, ohne mir nach- und fortzuhelfen, ob ich ihm gleich seine Liebe und Gute nie genug verdanken kann.

Man eroffnete das Zeugniss des Geistes nicht naher, welches er dem Ritter gegeben; indess fragte der Erste des Gerichts: Geist Ariel, du bestatigst dein Zeugniss? Ein sanfter Hauch sauselte: Ja!

Dank dir, fing der Ritter an, Dank dir, guter Geist, und immerwahrendes Andenken! Nicht also, sprach der Erste der Richter; warum Schmeichelei, die verflucht ist, wenn sie als ein wahrhaft unreines Thier der Gottheit selbst dargebracht wird? Ein Fluch, den der sich selbst anheimgestellte Mensch auf die Gottheit beim Schicksal ausstosst, das ihm, wie er sich uberzeugt, unverdient mit der Thur ins Haus fallt, ein Fluch, sag' ich dir, ist der Gottheit angenehmer, wenn er aus ungeheucheltem Herzen ihn ausstosst, als ein Lexikon von ausgesuchten Worten. Selbst ein Lexikon ausgesuchter Thaten sind ihr ein Greuel, wenn sie nicht rein sind! Sieh, mein Sohn, man kann rein vor Menschen in seiner Tugend seyn; allein man ist es noch nicht vor Gott. Selbst wer das Gute Gottes wegen thut, ist ihm ein Greuel. Wer nicht Gutes des Guten wegen thut, ist kein verklarter und vervollkommneter Mensch. Hat die Furcht nicht Opfer erzeugt, um Gott zu versohnen? Welch ein Greuel der Verwustung an heiliger Statte, die dem Betruge Thur und Thor offnete, indem die Priester gewiss mit den besten Stucken sich masteten! Und was kann der Mensch Gott geben, der alles hat? Welch ein Hocuspocus! Wenn aber Opfer eine Erhebung zu Gott versinnbilden, wenn ihr hoher Sinn in der Aufopferung seiner selbst liegt, wenn der Mensch hierdurch zum Entschlusse gebracht wird, sich selbst zu bekampfen, und sich das Liebste zu entziehen: was meinst du, Sohn! wurdest du Bedenken tragen, noch jetzt zu opfern? Wenn unsere Volksreligion, fern von knechtischer Furcht und Verehrung, bloss einen kindlichen Sinn, Zuneigung und Liebe erforderte, ich opferte heute. Gottlob! nur noch eine einzige Furcht ist geblieben: jene kindliche, dem himmlischen Vater zu missfallen. Verstehst du, was du horest? Ich verstehe, erwiederte der Ritter, der den Contrast dieser hochsten Moral mit den Ranken seiner Anklager so wenig ins Reine bringen konnte, dass ihm, er wusste selbst nicht wie, war.

Man hiess ihn abtreten. Es ward dreimal geklingelt, und nun erklarte man ihn in der zweiten Ordnung wurdig. Seine Anklager wurden zu einer dreitagigen Ordensstrafe verurtheilt; und als diese nach der ihnen eroffneten Sentenz aufs neue denuncirten, der Ritter habe Gewehr bei sich, so erwiederte der Erste der Richter: Wir wissen! und nun eine ernstliche Frage an den Ritter: Warum?

Meine Anklager, erwiederte der Ritter, beweisen die Nothwendigkeit dieses Hulfsmittels, dessen ich mich nie, als nur dann bedienen werde, wenn man der Menschenwurde und dem Menschenrecht in mir zu nahe treten will. Die Anklager wurden zur Vollziehung der wider sie erkannten Strafe abgefuhrt; dem Ritter, welcher zuruckbleiben musste, ward es zur Pflicht gemacht, alles Gewehr abzulegen. Ich habe gesehen, erwiederte er, dass hier Richter sitzen, welche Gaukeleien der Sophisten verachten, und der menschlichen Unschuld (eine hohere kenne ich nicht) Gerechtigkeit erweisen. Es sey! Die hohen Begriffe von Tugend, welche der erleuchtete Prasident dieses Gerichts mir mitgetheilt hat, leisten mir Burgschaft fur alles. Beelzebub, der Prasident der Teufel, wurde hier sicher seyn! Jetzt legte er die drei Mordgewehre hin, die er bei sich trug, und plotzlich sah er sich wieder in das schwarze Zimmer gezaubert, in welchem er sich zuvor befunden hatte. Der Alte erschien, und verlangte zu wissen, was der Ritter erwartete. Dieser erklarte sich mit einer Freimuthigkeit, die selbst den grossten Frevler hatte entwaffnen mussen; und der Alte schien wirklich ein gutes Geschopf zu sehn, das seinen Mann kannte, und nichts wider ihn hatte. Du hast viel verloren, fing er an, weil du mit Ruckhalten zu uns kamst. Wie glucklich warest du, wenn du dich von diesen entledigt hattest! Vater, erwiederte der Ritter, miss mich nicht nach dir. Deine Jahre haben dich die Welt kennen gelehrt, die man nicht anders als durch Erfahrungssammlungen kennen lernt. Kann ein Volk zu dem moglichen Ziele der Vollkommenheit gelangen, ohne zuvor die ganze Schule zu machen? Fangt der Reformator sein Werk mit dem letzten Schritt an, wenn es gleich nicht seine Losung ist, mit Weile zu eilen? Es scheint, jeder Mensch sey dazu bestimmt, erst die Dinge wesentlich kennen zu lernen, ehe er uber ihren Werth und Unwerth zu entscheiden vermag. Auch mussen die Leidenschaften ausgahren, ehe der Mensch zu jener Stille und Abgeschiedenheit gelangt, die hoher Tugend eigen zu seyn scheint. Auch glaub' ich nicht, dass Manner eurer Art durch das Ungluck anderer ihr Gluck machen wollen. Wer diess zu konnen denkt, kennt wahrlich weder Gluck noch Ungluck.

Wir haben uns, versetzte der Alte, an dir geirrt; indess ziehet dich an uns deine Gutmuthigkeit und der ganze Inbegriff deines Wesens, das du hier (hier hob er seine Stimme) in einem treueren Spiegel erblicken kannst, als alle die waren, die dir deine Gestalt zeigten. (Hier bemerkt die Handschrift, der Ritter habe sich selbst gesehen, und zwar auf eine so verzerrte und widerliche Weise, dass er betheuern zu konnen versichert, nicht zu wissen, ob es bloss ein Spiegel, oder ob deine Rauchfigur vor ihm geschimmert; auch ist es ihm vorgekommen, als ware er zwei Drittel entseelt, und nur ein Flammchen Geist in ihm.) Das ist eine Seelensilhouette, sagte ihm der Alte, wahrlich nicht so rein und klar, als es jene Gegend war, die man dir in den Vorhofen des Paradieses in der Entfernung zeigte. Du wirst sehen, viel sehen, alles sehen, allein nicht ohne den Schleier der Hieroglyphen. Du wirst w e n i g sehen, und viel glauben mussen. Auch versichern dich die Ordensrichter durch mich, dass man wohlbedachtig nicht heute schon deinen Namen auf ewig der Krone des Lebens fur unwurdig erklart hat. Diese Gesinnungen vrrbinden dich, das fuhlst du selbst, zum Dank (den wir erlassen) und zur unerlasslichen Erklarung, dich mit dem zu begnugen, was man dir im Verhaltniss deiner Aufopferungen zu offenbaren im Stande seyn wird. Er kehrte den Todtenkopf um, stiess mit seinem Stabe, und es sprang Wasser aus demselben. Der Greis fing eine Handvoll auf, trank, und besprengte mit dem ubrigen den Ritter dreimal, den er sich zur Ablegung seiner Gelubde anschicken hiess. Entblosse deinen Arm, sprach er; lege dich mit dem Knochel deines rechten Ellbogens auf die Offenbarung Johannis, und sprich, wenn du willst und kannst, folgende Worte mir nach:

Ich gelobe bei der Hoffnung der andern Welt, bei dem Troste im Tode, und bei der Barmherzigkeit am letzten Gerichtstage, mich mit dem zu begnugen, was der Orden der Welt Unbekannten, und nur Gott Bekannten, mir nach den Verhaltnissen meiner Aufopferungen anvertrauen wird, den Befehlen meiner Obern treu und gehorsam zu seyn, und, bis auf meine Vorbehalte, nicht mir, sondern dem Orden zu leben, ihm zu leiden und ihm zu sterben; auch bei den fernern Offenbarungen desselben, die von mir abzufordernden Gelubde eben so unbedenklich zu leisten, als treu zu beobachten. Wenn ich diess halte, sey diess Wasser mir Wasser des Lebens, Gift der Vernichtung, wenn ich es breche! Amen.

Der Ritter sprach diese Worte nach; doch setzte er hinzu: Alles, insoweit es den Pflichten und Rechten des Menschen und der Menschheit nicht entgegen ist; er fing Wasser auf, wie vorhin der Greis, und trank. Der Alte schien uber das Postscript verdriesslich; indess hielt er entweder diese Worte fur weniger bedeutend, oder glaubte, das neue Mitglied seines Ordens wurde allmahlig diese Bedingung aufgeben. Es gibt drei thierische Bedurfnisse, Speise, Trank und Schlaf, welche unser Orden zu heiligen versteht, sagte der Alte und bedeckte das Haupt des Ritters mit einem weissen Tuche. Nach wenigen Schritten riss er ihm die weisse Decke vom Gesicht, und beide befanden sich in einem zwar kleinen, aber geschmackvollen Zimmer, wo bloss Gemuse und zwei Becher standen, in deren einem Wein und in dem andern Wasser war. Der Alte segnete Speise und Trank, und sie assen aus Einer Schussel und tranken gemeinschaftlich aus Einem Becher, ohne ein Wort zu sprechen, wahrend dessen sich eine sanfte, das Herz bewegende Vokalund Instrumentalmusik horen liess, die zuweilen mit Choralen aus Kirchengesangen abwechselte. Es gibt eine Sanftheit und Stille, die ausdrucksvoller ist, als geausserte Empfindungen, welche, so rein sie auch seyn mogen, doch immer angreifen, und sonach nicht naturlich (im hochsten Grade namlich) seyn konnen. Die Musik liegt in der Mitte zwischen dem Uebergange von Thierheit und Geist, von geistiger Tugend und Sinnlichkeit; und hier ist es, wie bei allen unteren Seelenkraften, der Fall, wo die M i t t e eine Seligkeit (medium tenuere beati) bringt, die dem Menschen ausserst angenehm zu seyn scheint. Der Mensch dunkt sich hier zu Hause; er findet sich so getroffen und in einer so erfreuenden Gemachlichkeit, dass er daruber gern seine hohen Fahigkeiten wo nicht aufgibt, so doch aussetzt. Hier ist gut seyn, fuhlt und denkt er. Die Unterhaltung des Alten, dir, wenn die Musik aufhorte, anfing, war eben so Musik, wie die Musik selbst; und ein solches Mahl hatte unser Ritter noch nie gehabt oder gesehen. Auf den Gesichtern achter Bruder findest du, sagte der Alte, Gesundheit des Leibes und der Seele, Reinheit des Herzens und Seelenruhe (an hohen Festen Seelenwonne) Keinen geheimen Kummer, den nur Gott und der Kummervolle kennt, keinen verbissenen Schmerz von nicht uberwundener Welt und allem dem, was in der Welt ist, der an den Herzen derer oft am meisten nagt, die der Welt entgangen sind, findest du hier. Kloster sind jetzt selten, was sie vielleicht ursprunglich waren: Freiorter gegen Verfuhrungen der Welt. In unserm Bunde findest du nicht Kloster, nicht Weltabsonderung, sondern das Ideal derselben: eine Weltuberwindung, die sich nur empfinden lasst. "Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr und wie wohl denen ist, die auf ihn trauen!" war das Thema dieser Tischreden, die nichts ahnliches mit denen des guten Martin hatten, ob ich gleich unendlich lieber mit Luthern, als mit diesem Alten gegessen und getrunken hatte. Nach der vom Greise gesprochenen Danksagung warf er ein schwarzes Tuch uber das Haupt des Ritters und fuhrte ihn in ein grun behangtes Zimmer, wo ein ausserst einfaches Ruhebette stand. Es ist mir angenehm, sagte der Alte, dass ich dich mit einigen unserer Gesetze und Gebrauche bekannt zu machen im Stande bin. Alle Dinge, die bloss korperlich sind, und an denen der Geist keinen eigentlichen Antheil nimmt, werden von uns mit Gebet angefangen und geendigt. In der profanen Welt (ausser uns, mein Sohn, ist alles profan, und selbst das, was die Welt das Allerheiligste unter dem Heiligen nennt) wird auch vor und nach Tisch, Abends und Morgens gebetet; doch lernte man diese Gewohnheit von uns, und ohne den Grund dieser Feierlichkeit zu wissen, der, wenn ich so sagen soll, den Leib von der Seele trennt. Die Herrnhuter suchen auch die Sophienleidenschaft (du wirst mich verstehen), da sie sich ihrer nicht so wie wir zu entschlagen wissen, durch Gebet zu beschranken, und erhalten einen Sieg uber sie, der sie mit gesunderem und langerem Leben belohnt, als andere, obgleich ihre Tage an die unsrigen nicht reichen. Ich zahle neunzig Jahre, und fuhle bei weitem jene Entkraftung nicht, die man in der profanen Welt, wenn's kostlich ist, im funfzigsten wahrnimmt, wo es Falle gibt, dass Junglinge im funfundzwanzigsten Jahre an Entkraftung sterben und die menschliche Natur wegen dieses zu kurz beschrankten Lebensziels einer Ungerechtigkeit, wiewohl hochst ungerecht, anklagen. Man will zwar, dass die Seelen an den Freuden des Tisches einen wesentlichen Antheil nehmen; allein man irret, und es ist Materialismus, wenn man behauptet, dass Geist und Korper zu gleicher Zeit geniessen konnen. Tischfreuden und Tischfreunde gehoren zu Einer Klasse, und man versieht den Pythagoras nicht, wenn man sich an seiner heiligen Diatetik den Kopf stosst. Auf die Bohnenenthaltung konnte es ein Mann, der in der Geometrie Meister war, wahrlich nicht anlegen. Es ist nicht ohne Grund, dass er selbst Bohnen gegessen. Der hohe Sinn seiner Diatetik und aller seiner achten Schuler und Nachfolger ist: Die Seele dem Korper zu entziehen, und ja nicht sich einzubilden, dass man durch Wein und Kaffee begeistert und zum achten Arbeiten vorbereitet werde. Wein und Kaffee, und alle jene geistberauschenden Getranke schwachen den Geist mehr, als dass sie ihn starken. Glaube, Sohn! unsere Vorbereitungen, so besonders du sie finden wirst, fuhren so sehr zum Zweck, wie alles, was bloss den Korper angeht, jenem Zweck entgegen ist. Die Bildersprache unserer Dichter, und selbst unserer Propheten, wodurch sie dem Fassungsvermogen der sinnlichen Menschen auf dem halben Wege zu Hulfe kommen wollen, hat viel Schuld an allem, und besonders an diesem Aberglauben. Ambrosia und Nektar, die schonen Diners und Soupers mit Abraham, Isaak und Jakob, und das grosse Abendmahl haben, ob sie gleich nichts mehr als wahre Schaubrode sind, mehr Schaden gethan, als man glauben sollte; und alles Uebel, das in der Welt geschah, begann bei der Tafel, oder kraftigte und grundete sich hier, oder ward hier vollbracht. Die Koche in unserm Orden sind unsere Aerzte; und so lange diese beiden Geschafte, Kuche und Laboratorium, nicht eins und dasselbe werden, was ist von dem menschlichen Wohlbefinden zu erwarten? Pythagoras war kein Weinverfolger; aber er verfolgte die Unmassigkeit. Honig und Fruchte und Pflanzenreich waren hinreichend, ihn zu befriedigen; doch gab es auch unter seinen Schulern Klassen, die an mehr oder weniger strenge Diat gebunden waren. Genug fur jetzt! Siehe selbst diese Unterhaltung als eine Ueberwindung des Bedurfnisses an; sie hielt dich vom Schlaf ab, dessen du bedarfst. Hier sprach der Alte einen Segen und entfernte sich.

Obgleich dem Ritter so viel in Kreuz und Quer durch den Kopf ging, so wirkte doch Gebet und Segen dieses Neunzigjahrigen so viel, dass er den Augenblick, da der Alte das Schlafgemach verliess, so fest einschlief, dass er bemerkt, nie in seinem ganzen Leben so vortrefflich und so in einem Stuck geschlafen zu haben. Beim Erwachen wusste der Ritter nicht, wie lange er geschlafen, wohl aber, dass er froh, heiter war und vollig ausgeschlafen hatte. Menschen, sagte ihm der Alte, die nach der Uhr schlafen, funf oder sieben Stunden, wissen nicht, was sie thun. Iss, so lange dich hungert, trink, so lange du durstig bist, und sey kein Funf- oder Siebenschlafer, sondern schlaf so lange, bis du ausgeschlafen hast; das heisst bei massigen Menschen: so lange, bis du aufwachst. Das besonderste war, dass in dem Augenblicke, da ihn der Schlaf verliess, und nicht fruher und nicht spater, der Greis wieder bei ihm stand, und diese Korpersache oder Leibesubung mit Gebet beschloss. Der Ausdruck: Morgensegen, war hier confiscirt. Noch, fing er an, ist uns eine Aehrenlese bei dieser Vorbereitung ubrig, die ich nicht eher anfangen werde, als bis du dich gesammelt, und alles bei und in dir selbst wiederholt haben wirst, was du hier erfahren hast.

Nach geraumer Zeit (der Ritter wusste nichts von Tagen und Stunden) erschien der Greis wieder und fing an wie folgt: Man sagt im gemeinen Leben, dass an jedem Geruchte, es sey so gut oder so arg als es wolle, etwas wahr sey, und man sagt die Wahrheit. Auch du wirst in manchem, was du in unserm Orden lernst, etwas bekanntes finden, doch so entstellt, wie das gottliche Ebenbild in uns. Im Wunderdoctor, im Schlangenfresser, im Gespenstercitirer, in Faust's Hollenzwang; in der Clavicula Salomonis, in der Theosophia pneumatica oder der sogenannten Heiligengeistkunst, in der Skiamantie (Schattenwahrfagung, wo man die Schatten der Verstorbenen beschwort, zu erscheinen und kunftige Dinge zu prophezeien), bei Hexereien, Irrwischen, wilden oder fliegenden Heeren oder Jagern, in der Nekromantie (Leichenbeschauung), Pyromantie (Wahrsagung aus dem Feuer, woraus die Kunst, das Feuer zu besprechen, abzuleiten, Aeromantie (Wetterkunde), Hydromantie, aus dem Wasser, Geomantie, aus der Erde, Chiromantie, aus der Hand wahrsagen zu konnen, sind mehr oder weniger Spuren von Wahrheit. Hast du nie von Priesterinnen des Alterthums gehort, die in heilige Haine gingen und auf das Gesausel des prophetischen Baums Acht gaben, welche die Blattersprache, das Lachen und Wimmern der sich bewegenden Aeste verstanden, und hier jede Veranderung des Tons bemerkten, um des Orakels bedurftige Menschen zu lehren, zu warnen und aufzumuntern? Ueberall Licht, nur nicht das volle! Ueberall Wahrheit, nur mit Hieroglyphen bekleidet! Wer die Sprache der Natur versteht, spricht mit Gott, und diese S p r a c h l e h r e doch die Hand von der Tafel! Den alten Mythologien liegt ein Schatz guter Kenntnisse zum Grunde; und wenn Profane und Schulmanner sich begnugen, den Tapis derselben auswendig zu lernen, so verfehlen sie den tiefen Geist der Deutung fast unglucklicher als eine blinde Henne, die doch zuweilen ein Korn findet. In wieviel Dingen wird die heilige Zahl Drei entehrt, obgleich Dreifuss, Dreieck bis auf Dreieinigkeit Dinge sind, die mehr Aufschlusse geben, als ich dir zu entdecken vermag. Die beliebte Figur Dreieck ist von allen Figuren bis zu E c k e n ins Unendliche die erste Figur, die etwas einschliesst. Ohne drei gerade Linien wenigstens wird kein Raum eingeschlossen. Die meisten Erzahlungen von Wechselbalgen, die du mit Recht unter die Aprilmahrchen gezahlt hast, enthalten Stoff der Wahrheit, und die Welt ware nicht mehr, wenn nicht auf unbekannte Weise Kinder in der Geburt vertauscht wurden, um die Absichten der Vorsehung, die so wie wir im Stillen wirkt, auszurichten. Die Kunst, in sieben Tagen alle Krankheiten zu heilen, das Leben zu verlangern, die Wesen, welche in den Elementen sich befinden, zu personificiren, wahre Gotteserkenntniss, Mitwaltung und Regierung bis an ein Ziel, das sich Gott vorbehalten hat, die Kunst sich zu verjungen und wieder zu gebaren: alles sind Dinge, uber welche du in der profanen Welt, so wie uber Dr. Faust's Mantel und den Landtag auf dem Brocken in der Walpurgisnacht reden und lachen gehort haben wirst, und doch liegt in diesem nonsensikalischen Geschwatz, in diesem Galimathias Wahrheitsanlage, wozu den meisten Menschen die Erklarungen fehlen. Goldmachen, Universalmedicin, Zubereitung des Tranks der Unsterblichkeit: o mein Sohn! mein Sohn! Doch ich praambulire, ohne dass du das Textlied horen kannst. Lass mich abbrechen, um dich eigenen Betrachtungen zu uberlassen. Wenn diess Aehren sind, dachte der Ritter, was soll man von der Ernte denken? Der Magus dachte noch an Michaeln und versprach, dass wenn gleich die Anzahl ihrer Ordensmitglieder sehr eingeschrankt ware, derselbe doch higkeiten haben den Fehler, uber D i n g e a b z u s p r e c h e n , die oft das Nachdenken eines ganzen Lebens verdienen; allein sie sind es, die den ehrwurdigen N a m e n : Genie und Geist verdachtig machen und Schade um i h n ! In allem ist Geist. Den Geist einer Sache kennen, heisst ihre Bestimmung umfassen. Nicht immer ist die Behauptung wahr, doch zuweilen. Je ungeheurer der Block, desto besser der Merkur; je wildfremder das Bild, desto ergotzender dem Kenner; je kuhner die Idee, desto umfassender fur den Nachdenker. Die welche lehren: der Schlussel zu den alten Mysterien sey, die Menschen zu vergottlichen und nicht das Volk, sondern den edlern Theil desselben mit dieser Idee bekannt zu machen, waren nicht auf unrechtem Wege. Die Veredlung der Menschen, wenn nicht aller, so doch der Heroen, der zu Halbgottern Erkornen ist ein hohes Ziel! Der Ritter war

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verlegen,

was er antworten sollte. Er hatte geglaubt, nach so besondern Situationen, in die er gesetzt worden, Belehrungen, die ihnen mehr angemessen waren, einzuernten; und doch schien er, nach der Rede des Alten, am ihm vorgegangen war, ihm nicht naturlich erklart werden zu kounen dunkte, da seine Einbildungskraft wie gewohnlich den Meister uber ihn spielte, und da der Alte wirklich Ideen fallen liess, die zum Nachdenken brachten, so wollte er nicht, nach Art junger Leute von Fahigkeiten, die d e n F e h l e r h a b e n , u b e r D i n g e a b z u s p r e c h e n , uber den Ordensbund a b d e n k e n , dem sich zu widmen er jetzt fester als je sich entschloss. Kaum hatte er sich von allen fremdartigen Gedanken gesammelt, so war er nach dem Dank, den er dem Alten erstattete, dreist genug ihn zu fragen: ob ihm zu fragen erlaubt sey? D r e i Fragen, erwiederte ihm der Alte, sind dir am Ende dieser Vorbereitung gestattet. Bei der zum ersten Grade warest du zu n e u n berechtigt gewesen. Auch dient dir zur Nachricht, dass diese drei dir bewilligten Fragen nicht den Geist, sondern den Korper, nicht das Wesen, sondern die Form des Ordens betreffen durfen. Auch musst du diese Fragen aus dem Herzen und ohne Vorbereitung thun und hochstens sind zu jeder dieser Fragen dir drei Minuten Bedenkzeit erlaubt. Unser Ritter war mit seinen

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drei Fragen

in drei Minuten zu Stande. Ob es schnode Linsengerichte sind, wodurch er seine Erstgeburt verkaufte, ist die Frage, die ich meiner Leserwelt uberhaupt, insbesondere aber den Leserinnen anheim gebe. Die

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erste Frage:

Ist der Orden mit andern zu einem einzigen Grundzweck verbunden? Mit allen Orden, erwiederte der Greis, ohne eine einzige Minute Bedenkzeit, mit allen O r d e n , die man g e h e i m nennt, ist er soweit in Verbindung, dass er sie alle kennt bis auf die Ritualien zu, in Hinsicht des Aeussern diese Orden besitzt, und das Materiale derselben in seinen Zweck einzulenken sucht, wenn gleich so mancher dem Grundprincip unserer Verbindung geradenwegs entgegen ist. So lenkt die Vorsehung, mein Sohn, fugte der Alte mit Handefalten und einer andachtigen Miene hinzu, alles Bose zum Guten und alle Versuchungen zu einem Ende, dass der Versuchte sie ertragen kann und das Ganze Sokratiker, Platoniker, Pythagoraer und noch andere) zerbrechen sich den Kopf uber ein Grundprincip in ihren Wissenschaften, wodurch sie alle Aufgaben derselben haben: es sind Deisten in besonderm Sinne; wir sind fur eine Dreieinigkeit des Zwecks, die sich zuletzt doch in eine Einheit auflost. Auf die

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zweite Frage:

ob und wie weit die Obern des Ordens den Schulern seiner Geheimnisse bekannt oder unbekannt waren? erwiederte der Alte: bekannt und unbekannt. Der erste bekannte Ordensobere wer ist es? Der da ist, der da war und der da seyn wird; den wir, wie das judische Volk, nicht nennen; der, sobald Er genannt wird, einen Theil seiner Erhabenheit und seines unerforschlichen Wesens zu verlieren scheint. Nur in der Geisterwelt kann Er bezeichnet werden. Namen sind Korper der profanen Welt halber, ihretwegen sprechen wir von Gottes Wesen und Eigenschaften. Ausser dieser Thalpredigt wartet deiner eine Bergpredigt, und er, der da ist und der da war und der da seyn wird, Er, der in dir angefangen hat das gute Werk, wolle es durch seinen heiligen Geist in dir bestatigen und vollfuhren bis in Ewigkeit! Halleluja! Die gottlichen EiGottesgelehrten, die Gott vielleicht am wenigsten kennen mogen, alle Geheimnisse aufschliessen. Gott ist gerecht, also muss er Gott ist weise, also muss er Gott ist gutig, also muss er Und was muss er? Nicht was Er will, sondern was diese Art von Gottesgelehrten will. Mit ihren Kustern werden die Herren so leicht nicht fertig, wie mit dem gottlichen Wesen. In ihren Gebeten entbloden sie sich nicht, ihm Instruktionen, Fingerzeige, Rathschlage und dergleichen zu ertheilen. O, der Thoren und tragen Herzen, die vergessen konnen, dass Gottes Wege nicht unsere Wege und seine Gedanken nicht unsere Gedanken sind!

Auch gibt es Obere, die von Korpern entkleidet gern die begleiten, welche ererben sollen die Seligkeit, und deren sind neun. Es sind Menschen Gottes und wenn du willst Gottmenschen, durch die das Werk des Herrn sichtbarlich auf Erden getrieben wird. Die Frage liegt dem Wesen des Ordens zu nahe, als dass ich mehr sagen konnte, ohne verrathen zu werden. Ich schweige und bete an, das heisst, ich bin nicht im Stande, was ich empfinde und denke, durch Worte zu entwurdigen. Die

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dritte Frage

betraf die Zahl der Stufen des Ordens. Der Greis beantwortete sie in der Art der Orakel, die mehr nehmen als geben. Es sind deren viele und wenige, sagte er; es hat sogar unter uns Ordensmanner gegeben, die in unsern Verbindungen nur die Bestatigung selbsteigener Kenntnisse suchten und sie fanden, zu denen indess weder du noch dein Begleiter gehort. Jetzt Amen, mein Sohn.

Dem Ritter wurden die Augen verbunden, und er in die Kreuz und Quer geleitet. Diese gemachten Wege kamen ihm wenigstens so lang als eine Meile vor. Jetzt nahm man ihm die Binde ab, gab ihm eine Leuchte und liess ihn die namlichen Stufen hinabsteigen, die er bei seinem Eintritt hinaufgestiegen war, bis er endlich an die Oeffnung kam, durch welche ihn nicht eine Diebs-, sondern eine heilige Leiter, etwa nach Art derjenigen, die dem Erzvater Jakob im Traume erschien, wo die Engel auf- und abstiegen, auf Gottes gewohnlichen Erdboden absetzte. Nicht uberall, sondern nur da, wo es nichts zu steigen gab, begleitete ihn der Alte. Gewiss wusst' er R i c h t s t e i g e ; und sind diese einem neunzigjahrigen Greise zu Lebe wohl, Sohn, sagte er zu ihm, empfange den Gegen des Hierophanten, dessen ehrwurdiges Geschaft es ist, Menschen zu vergottlichen und zu Mysterien einzuweihen! Wenn manches, was ich dir sagte, Knospen ansetzt, so pflege und nahre sie! Konx ompax! Unten findest du einen Wegweiser! Wo ist Eldorado? dachte der Ritter da er mittelst der Jakobsleiter sich auf der Erde befand, und unentschlossen blieb, ob er den Tag abwarten oder sogleich seinen Wanderstab weiter setzen sollte. Es war dicke Nacht. Den Wink wegen des Wegweisers hatte er nicht verstanden. Wo ist Eldorado, oben oder unten? dachte der Ritter unablassig, und wusste in der That nicht, ob er sich Gluck wunschen oder es beklagen sollte, so und nicht anders aus den Handen der Bekannten und Unbekannten, Obern und Untern gekommen zu seyn. So stark sein Hang zum Wunderbaren auch war und bis diesen Augenblick sich erhielt, so gereuten ihn doch seine Reservate keinen Augenblick. Sophie, Mutter und Rosenthal lebten in ihm und dunkten ihm wichtig genug, das Opfer der allervorzuglichsten Stufe reichlich aufzuwiegen. Auch war es ihm schwer, sich zu uberzeugen, dass diese heilige Zahl von Vorbehalten ihn zum wichtigsten aller Grade untuchtig zu machen im Stande seyn konnte. Vielleicht, dachte er, suchte man diese Gelegenheit, um mir den urersten aller Grade zu entziehen? Vielleicht legten es alle jene Versucher darauf an, von deren Bemuhungen man wegen meiner Vorbehalte keinen Gebrauch zu machen nothig fand. Die dreitagige O r d e n s s t r a f e schien dem Ritter ein Spielgefecht. Auch fing er an, zu glauben, dass der O r d e n s v e r t r a u t e selbst seine Osterbeichte nicht fur sich, sondern fur diesen Orden der Orden aufgefangen hatte. Warum alle diese Winkelzuge? dachte der Ritter, wozu er indess den lehrreichen Besuch des Seelsorgers nicht rechnete. In diesen Betrachtungen vertieft, nahm ihn ein Wegweiser, ohne ein Wort zu sagen, bei der Hand. Ohne Zweifel fuhrte dieser ihn nicht ohne viele Umwege ins Freie, wo er ihm mit der Hand den Weg zeigte. Alle gute Geister loben Gott den Herrn! sagte der Ritter. Der Wegweiser blieb den Dank auf diesen Geistergruss schuldig und schien uberhaupt so wenig Lust zum Reden zu haben, dass er weder zu sprechen anfing, noch auf die Fragen des Ritters ein lebendiges Wort erwiederte. Desto weniger Hindernisse fand der Ritter, jene Betrachtungen fortzusetzen, bis er in in sein voriges

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Quartier

kam, wo er den angeblichen Vetter Reitknecht mit dem S e e l s o r g e r in heftigem Zanke traf. Letzter bestand auf die Auslieferung der Sachen seines Herrn; der Reitknecht widersetzte sich dieser Ungerechtigkeit. In dem Augenblick, als der Ritter erschien, verschwand der Seelsorger, und auf die Frage nach Michael, erfolgte die dem Ritter unerklarliche Antwort: er sey nach Urtheil und Recht gefanglich eingezogen. Nichts war dem Ritter dringender als Michael, der ihm so treu diente, wieder zu dienen. Ob es kluger ware, den Seelsorger festzuhalten und ihn, da er mit so vielen Zeichen einer ungerechten That sich entfernte, einzuholen, kam ihm nicht ein. Sein edles Herz, wie es der gewohnliche Fall bei Mannern dieser Art ist, uberwand die Ueberlegung; spornstreichs lief er ins

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Gefangniss,

wo Michael eben, nach Urtheil und Recht, vierzig weniger Eins erhalten sollte, weil er nicht die von seinem Herrn ihm behandigte geheime Instruktion ausliefern wollte. Die Scene zwischen Damon und Pythias der alten Zeit konnte nicht ruhrender seyn, als zwischen Ritter und Begleiter. Dionysius verurtheilte, kraft der magischen Formel: car tel est notre bon plaisir, den Damon zum Tode und setzte den Executionstag an. Damon erbat sich vom Tyrannen nicht das Leben, sondern die Erlaubniss, seine Eltern zu trosten und ihren Segen zu seinem Tode einzuholen. Pythias, sein Freund, ward Burge fur seine Ruckkehr, und wollte, da Damon etwas uber die Zeit verzog, fur seinen Freund nicht nur sterben, sondern gern sterben. Der Tyrann und alle Welt hatten nach der hochsten Wahrscheinlichkeit herausgebracht, Damon wurde nie zuruckkommen; und Damon erschien. So Michael und sein Herr. Beim Richter erkundigte sich der Ritter nach den Entscheidung grunden dieses ihm unerklarlichen Urtheils, welches ihm, gegen Gebuhr, in beweisender Form behandigt ward. Erstaunt uber die kunstreichen Wendungen, welche der Seelsorger dieser zu sagen, dass der Richter ihn nicht wegen grober Injurien gegen sein hohes Amt in Anspruch nahm, und dass er die herablassende Gute hatte, der beeidigten Aussage seines Wirths, er sey wirklich Michaels Herr, zu glauben. Denn uber diesen Umstand hat der Richter nicht umhin gekonnt, dem Gastwirth einen Bescheinigungseid zur Pflicht zu machen, v o n R e c h t s w e g e n . Ist die Feinheit der Justiz nicht zu bewundern, wenn sie sich beweisen lasst, dass mein Ich nicht ein anderes Ich, als mein Ich selbst ist? Unfehlbar wurde der Wirth, der auch ein Beichtkind des entwichenen Seelsorgers zu seyn schien, so leicht nicht zu diesem Gestandnisse zu bringen gewesen seyn, wenn der Fluchtling bei Fassung geblieben und durch die unerwartete Ankunft des Ritters nicht uberrascht worden ware. Der Seelsorger mochte sich uberredet haben, der Ritter wurde sich zum ersten aller Grade im ersten aller Orden vorbereiten lassen; und da er den Zeitmesser zu dieser und zur Vorbereitung des zweiten Abschnittes vom Orden aller Orden kannte, so war sein Rechnungsfehler naturlich. Vielleicht glaubten die Herren von der Hohle, unser Ritter wurde, so wie junge Leute bei dergleichen Aufnahme gewohnlich pflegen, allem entsagen und sich nichts vorbehalten. Auf diesen hochst wahrscheinlichen Fall gab man (so kommt es mir vor) dem Welt- und Geistlichen Auftrage, Dinge auszumitteln, die den Ritter, der uberstandenen Vorbereitung zu Nummer Eins ungeachtet, doch zur wirklichen Theilnahme an diesem Grade unwurdig erklaren konnten. Dass die hoheren Obern sieben, neun und zehn Ursachen hatten, sich nicht mit dem ersten Grade zu ubereilen, und dass sie sich herzlich freuten, zu dieser Zuruckhaltung ob der Reservate so scheingerecht verpflichtet zu seyn, ist aus sieben, neun und zehn Umstanden mit vieler Sicherheit zu schliessen. Ritter und Begleiter eilten in ihr Quartier, forderten ihre Rechnung (in welcher der Gastwirth wohlbedachtig auch das abgelegte Zeugniss mit zwei Thalern aufgefuhrt hatte) und waren eben im Begriff diesen Ort zu verlassen, als der Ritter Befehl erhielt, noch auf nahere Verhaltungswinke zur Abreise zu warten. Diess veranlasst eine

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Verlangerung

der Berechnung und des Aufenthalts, nicht minder eine Unterredung, die ich kurz fassen will. Der Ritter eroffnete, insoweit er dazu die Erlaubniss hatte, seinem Schildknappen etwas von den Ordensaussichten, und fand ihn geneigter, als man denken sollte, die harten Begegnungen des Seelsorgers zu verzeihen und die Angst uber die Vierzig weniger Eins in christliche und contra glaubten beide Aspiranten, dass so wie die andere Welt sich auf die gegenwartige grunde, dort auch, so wie hier Gute und Bose seyn mussten, Engel und Unengel, auch wohl gar Teufel. Ist es Wunder, fragten sie einander, wenn es an beiden Orten in die Kreuz und in die Quer geht? Und mag es, falls nur das Ende das Werk kront! V o r b e r e i t u n g s p r o b e n dieser Art sind vielleicht nothiger als man denkt, um Glieder zu wahlen, die sich nicht von jedem Winde hin- und herwehen lassen. Nicht gegen den Gerechten und Edlen, gegen den Unedlen und Ungerechten ist auf Sicherheit zu denken; und den Menschen auch von minder empfehlenden Seiten, und selbst von den widerlichsten kennen lernen hat das nicht sein Gutes?

Endlich versicherte der Ritter den Knappen, dass der Seelsorger wenn man die Sache auf Urtheil und Recht aussetzen wollte, schwerlich ohne dreitagige Ordensstrafe abkommen wurde. Aber, was soll das? fugte er hinzu. Ich bin nicht fur Strafen, sie mogen Ernst oder Spiel seyn. Auch konnen Hergange dieser Art (Schein betrugt) Hieroglyphen zu wichtigen Aufschlussen enthalten. Wahrlich, Umstande, die zur Noth dienten, das Unerklarliche der zeitherigen Verfahrungsart aus dem Unreinen heraus ob aber ins Reine zu bringen? daran zweifle ich. Am Ende blieb der Seelsorger ihnen beiden eine fast zu starke Hieroglyphe. Seine Arglist gewann noch einen grossern Grad der Starke, als Michael hinging, um seinem Herrn die Instruction, die er vergraben und derentwegen so nahe an Vierzig weniger Eins gediehen war, unerbrochen vorzuzeigen; und stehe da! sie war nicht mehr.

Ich bin verloren, schrie Michael; die Instruction!

Die Instruction?

Ist geraubt, und das Kreuz unversehrt.

Das Kreuz?

Das ich zur Salvegarde fur jeden Frevler und fur mich zum Zeichen des Wiederfindens aufgestellt hatte.

Warum ein Kreuz und nicht ein minder auffallendes Merkmal? sagte der Ritter; und Michael dachte: Weil ich keins kenne, wodurch Seelsorger und Teufel selbst mehr in Respect zu setzen sind, als ein

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Ordensrescript

sie unterbrach, das freilich m e h r , allein nicht a l l e Nebel zerstreute. Der Inhalt? Die Vorgange zwischen Seelsorger und Begleiter waren die eigentlichen Prufungen, welche letzterer als dienender Bruder des Ordens ubernehmen mussen, und von jetzt an sey der len, was er selbst erlitten hatte, wenn der Begleiter den beigelegten Eid abgelegt haben wurde. Wegen einiger zu weit getriebener Umstande ware der Seelsorger bruderlich verwiesen. Die Instruction, welche der Begleiter vergraben, erfolge zwar unerbrochen; indess enthalte der beigelegte Zettel den wortlichen Inhalt, zum Beweise, dass der Orden weder List noch Gewaltsmaschinen nothig habe, um hinter Geheimnisse zu kommen. Dem Ritter ward aufgegeben, Original und authentische Copie sogleich, nachdem er beide Stucke collationirt hatte, zu verbrennen. Der Orden wusste das Misstrauen des Ritters, und er mochte sich wohl prufen, ob er beim Verbrennen des Originals, und der Abschrift, mit Geist, Herz und Munde in Michaels Gegenwart sagen konnte: Lass uns gestehen, dass wir uns irrten, und Gott bitten, dass uns das Licht der Erkenntniss in dem Grade aufgehe, als unsre Worte wahr und wahrhaftig, Ja und Amen sind! Diese Ceremonie sollte in den wenn zur Kirche gelautet wurde (vor sich gehen; und nach neun Stunden von diesem Brandopfer, woruber man vom Ritter ein formlich abgehaltenes Protokoll erwarte) sollten Ritter und Begleiter nach abgehen, und dort den Mann, der sie nach sieben Stunden, von ihrer Ankunft an gerechnet, besuchen wurde, um die ersten Aufnahmen bitten. Uebrigens erklarten die Obern, die sehr genau wussten, was uber den Bund gedacht und gesagt wurde, der naturlichen Herzenshartigkeit der Menschen halber, zwar Gedanken fur zollfrei; fur jedes vorwitzige, dem Orden zu nahe tretende Wort, bliebe der Bundesgenosse dem Orden indess verhaftet in Zeit und Ewigkeit! Die Anordnungen dieses Recepts wurden punktlich erfullt; indess schien die

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Lage

unserer Aspiranten bedenklicher als sie war. Wenn man eine geraume Zeit uber eine Sache sein Herz zu offnen das Recht hat, uber die mittelst hochsten Rescripts auf einmal kein Laut weiter sich horen lassen soll ist das nicht Tyrannei? Was wollte das Ordensrescript? Kein vorwitziges Wort! Deren hatten unsere Aspiranten sich nicht zu Schulden kommen lassen. Dergleichen Rescript, sonst nichts, hatte sie zum Vorwitz bringen konnen. Ein Erbfehler aller Rescripte! Halbverbissene Worte, Exclamationen thun sie nicht unendlich mehr Schaden, als weite und breite Toleranz, wo bei jedem P r o isten sich schon ein C o n t r a ist findet, so dass das Ding unentschieden bleibt, das bei Verbotsrescripten sich den Augenblick entscheidet. Was heisst vorwitzig? fragte Michael. Deine Frage, Michael, ist vorwitzig, erwiederte der der Rescriptnehmer reponirt. Wahrlich das beste, es in Frieden ruhen zu lassen. Genau nach

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sieben Stunden

fand sich der Herold des Ordens ein, dem Aeusseren nach so bettlerhaftig, dass der Begleiter ihn nicht zum Ritter lassen, sondern ihn mit einem Scherflein abfertigen wollte. Auch der Ritter war weit geneigter, ihm ein Almosen anzubieten, als in ihm den Herold des Bundes zu erkennen. Ich verdenke es ihnen nicht, sagte der Ankommling, dass sie mich verkennen; doch verkennen sie mich wirklich? Bettle ich nicht um ihr Zutrauen? Der Begleiter war im Begriff, ihn um Vergebung zu bitten und er kam ihm zuvor. Warum das? sagte der Conductor, indem er den Novizen bei der Hand nahm; man verschliesst mir eine profane Thur, und ich komme eine heilige zu offnen. Die

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Ueberschwanglichkeit

der Zweige des Ordens aller Orden, und die Ueberschwanglichkeit der Luft und Liebe der Aspiranten, gab zu vielen und haufigen Beforderungen Gelegenheit, die Ritter und Knappe erstiegen. Versteht sich, in der zweiten Ordnung, zu der sich Michael eben so herzlich als sein Herr bekannte, da Sophiens Begleiterin ihm das Gelubde einer uberkeuschen Keuschheit eben so unmoglich machte. Die meisten dieser Ordenszweige der zweiten Ordnung und ihre Stufen passten so wenig auf die allgemeine und die nachherige besondere Vorbereitung, dass man gar nicht zu begreifen im Stande war, wie eins zum andern kame. Auch hingen diese Zweige und ihre Grabe unter sich nicht im mindesten zusammen. Das muss ein Vorsehungskopf seyn, sagte der Ritter, der aus so vielen disparaten Bestandtheilen ein Ganzes zusammen zu bringen, Macht und Weisheit hat! War das vorwitzig? Diese

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Unubereinstimmung

sowohl als die Schleier, welche uber verschiedene dieser Zweige und Grade (einige der Grade schienen formliche, fur sich bestehende Orden) in meinen Nachrichten geworfen sind, bestimmen mich eben so sehr, als sie mich zwingen, nur etwas von dem Vielen mitzutheilen. Fur den grossten Theil meiner Leser gewiss zu viel; vielleicht aber fur den grossern Theil meiner Leserinnen zu wenig. Ein dergleichen Grad, der den Namen eines besondern Ordens verdiente, war der O b e r m e i s t e r g r a d , wie ihn Bruder nannten, die zwar andere Weihen schon erhalten, zu dieser Oberweihe indess noch nicht gediehen waren. Diese Ordens-Oberstufe war unserm Ritter ausserst angemessen: kein Wunder, dass ihre Beschreibung vorzuglich weitlaufig ausfiel. Zum Gluck fanden sich auch nur wenige Stellen verhangen. Auch schickt sie sich zur gegenwartigen Geschichte so auffallend, dass man in Versuchung gerathen konnte, zu behaupten, sie sey fur sie gemacht.

Die zeitherigen Vorbereitungen waren nichts mehr nichts weniger als V o r r e d e n gewesen. Dieser Grad sollte mit sieben V o r h a n d l u n g e n anfanschuldig bin. Die erste

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Vorhandlung.

Geschichtserzahlung.

Sie behaupten, ich ware weniger heiter als sonst; Sie irren nicht. Der Zufall hat mich vor einigen Tagen mit einem menschlichen Wesen bekannt gemacht, fur das ich alles empfinde, was menschliche Seelen zu fuhlen fahig sind. Auf meinem gewohnlichen Spaziergang in die Gegend, die Sie kennen, und die weniger besucht wird als ihre Lage verdient, liess ich auch meine Seele frische Luft schopfen, und sie von des Tages Last und Hitze sich erholen. Wahrlich, herrlichen Gegenden geht es nicht besser als herrlichen Menschen: man verkennt sie. Schon sah ich mein sogenanntes L u s t s c h l o ss , und war an die schone Stelle gekommen, wo ein Bach sich schlangelt, und mit einem mit kleinem Gebusch bewachsenen Hugel einen reizenden Busen macht, als ich durch das Gebusch sich etwas bewegen horte. Ich horte nicht bloss, ich sah ein Wesen, das mir Aehnlichkeit mit einer menschlichen Figur zu haben schien. Noch weiss ich nicht, was mich so schnell und unwiderstehlich zu dem Orte hinzog, der, so einsam er auch ist, sich doch nicht vernachlassigt. Ich war weit genug vorgedrungen, um meinen Gegenstand ganz eigentlich zu erkennen. Es war eine mannliche Figur, die sich unter das Gebusch der Lange nach hingestreckt hatte. Es schien nicht, dass dieser Ort von ihm erwahlt war, um die Kuhle des Schattens zu geniessen; er war den Strahlen der Sonne vollig ausgesetzt. Schon mehrmal habe ich bemerkt, dass Menschen mit Menschen unzufrieden, wenn sie zu einem gewissen Grade der Menschenfeindschaft und des Weltuberdrusses gekommen sind, sich nicht unter Baume verbergen und Schatten suchen, sondern das Licht der Sonne so wenig scheuen, dass sie ihm beinahe entgegentrotzen. Fast scheint es, als wollten sie beweisen, sie waren werth, von der Sonne beschienen zu werden. Der Gedanke, ich bin unschuldig, ich leide nicht was meine Thaten werth sind, macht Menschen zwar zu Fluchtlingen vor andern Menschen, doch verstecken sie sich nicht vor dem Angesichte der Gottheit unter die Baume im Garten. Die Warnungstafel des Lasters ist Schande und Furcht. Auch schien es nicht, als litte unser Sonnensucher durch ihre Strahlen; die Schwarze seiner Haut bewies deutlich, er lebe mit Luft und Sonne in vertrautem Umgang. Unser Sonnenfreund schien in schweren Gedanken vertieft, mit sich selbst, jedoch nur leise, zu sprechen, wobei er aber von Zeit zu Zeit heftige Bewegungen machte, die an Verzuckungen grenzten. Da stand ich unentschlossen, ob ich mich dem Unglucklichen (das schien er zu seyn) nahern, oder mich entfernen sollte. Plotzlich fiel sein Auge auf mich, woruber er auffuhr, sich in die Hohe richtete und sein Gesicht mit beiden Handen bedeckte. Er wollte, da er einen Menschen sah, tiefer in das Gebusch gehen, doch sehr bald besann er sich und schritt gerade auf mich zu. Es gibt Gemuthsumstande, in denen man schlechterdings unfahig ist sich zu furchten, so wie es auch einige gibt, in denen man nicht Muth zu fassen vermag. Es wandelte mich nicht die mindeste Furcht an, obgleich bei genauerer Ueberlegung Furchtanwandlung hier sehr naturlich gewesen ware. Ich befand mich an einem einsamen, abgelegenen Orte, mit einem Verzweiflung verrathenden Menschen, der nach dem Augenscheine seine sechs Fuss mass, und wenn er gleich einem Gerippe ahnlicher als einem Menschen sah, doch einen starken Korperbau und viel Nervennachdruck verrieth. Nicht nur sein Gesicht, sein ganzer Korper zeigte, sein Innerstes sey in einer heftigen Bewegung. Als er sich etwa bis auf drei Schritte mir genahert hatte, stand er still und sah mich starr und nachdenkend an, als wollte er sich auf meine Gesichtszuge besinnen. Er schien sagen zu wollen: ich bin der Mensch nicht, der ein Ungluck grosser zu machen versteht als es ist. Er schuttelte den Kopf und alles was er sprach, war das mir unerklarliche Wort: N e i n . Der tiefe Seufzer, den er ausstiess, sagte mehr. Ich brach das Stillschweigen mit der Bitte um Vergebung, wenn ich ihn gestort hatte. Er verbarg mir nicht, dass er Willens sey nach der Residenz zu gehen. Sie werden mehr von mir horen, setzte er hinzu, Worte, die mir auffielen, doch gefielen sie mir nicht. Die grossten Manner sind gross, ohne dass die Welt ein Wort davon weiss, und Ungluckliche, des Mitleidens oft am werthesten, lassen am wenigsten von sich horen, doch finden sich Ausnahmen bei jeder Regel. Es gibt geheime Wunden, gibt es aber nicht auch Schmerzen, bei denen selbst der edelste Mann erbittern kann? Ob er dabei mit Recht verliert, will ich nicht untersuchen. Fast mechanisch, wenigstens ohne um seine Erlaubniss zu bitten und sie zu erhalten, kehrte ich auf der Stelle um, und geleitete diesen mir interessant gewordenen Mann. Er schien nicht geneigt, mir etwas von seiner Lage anvertrauen zu wollen, und ich war zu bescheiden, um ihm Gestandnisse nahe zu legen, als das Gelaute der Stadtglocken ihn wie aus einem tiefen Schlaf erweckte und schnell eine Fluth von Thranen von seinen Wangen herabfloss. Die menschliche Seele ist oft allem, selbst dem korperlichen Schmerz, uberlegen, oft indess wird sie durch eine Kleinigkeit aus der Fassung gebracht. Die Zunge der Verschwiegensten lost sich und der Beredteste verstummt. Sich dringend nach der Lebensgeschichte des Unglucklichen erkundigen: heisst es nicht oft, seine Fehler aussuchen und ihn statt zu gewinnen, erbittern? Doch harter noch scheint es zu seyn, ihn ohne Fragen zu lassen, und dergleichen Fragen zu finden ist schwerer als man glauben sollte. Der Ungluckliche trug ein schlichtes braunes, ziemlich abgetragenes Kleid von neuem Schnitt mit schwarzen Knopfen. Der Schall der Glocken, der ihn so ausserst bewegte, und sein Anzug gab mir Veranlassung ihn zu fragen: ob ein geliebter Gegenstand ihm durch den Tod entrissen ware? Seine ganze Antwort war ein tiefer Seufzer; er faltete die Hande und sank in Nachdenken. Sein Zustand war erschrecklich. Ich machte mir Vorwurfe, ihm durch meine Frage, die so ungesucht kam, und die mir zu jenem Mittelwege von Fragen zu gehoren schien, doch schon zu schwer gefallen zu seyn. Sie schien ihn in der That an sein nicht kleinstes Ungluck zu erinnern. Dergleichen Erinnerungen schwachen nur selten das Uebel, sie gewohnen so wenig unser Herz daran, dass sie vielmehr seine Leiden verstarken. Schnell brach ich ab, um einen andern Weg einzuschlagen. Ich fragte, an wen er in der Residenz empfohlen sey, und ob ich dort ihm nutzlich werden konnte? "Ich bin von niemanden empfohlen," war seine Antwort, "mich kennt dort niemand." Und hier ergriff er hastig meine Hand, druckte sie fest und brach in die ruhrenden Worte aus: "Ich bin unglucklich. Ich hatte einen Namen, ich habe keinen mehr; ich war Gatte, mein Weib ist dahin; ich war Vater und bin kinderlos; ich besass Vermogen und bin ein Bettler." Sein Ton ging durch Herz und Seele und war noch starker als seine Worte. Ware ich berufen zur Kanzel ober zu irgend einem Rednerstuhle, vielleicht wurde ich unserm Leidenden viel Trostliches gesagt haben, als da ist: Freund, der Lauf der Welt ist leiden; der Lauf der Tugend und Weisheit, dem Leiden nicht zu unterliegen. Nicht die Starke, sondern die Schwache wunscht sich den Tod. Der Edle will selbst im grossten Leiden leben, um des Lebens und Todes wurdig zu seyn. Wer bei widrigen Schicksalen verzagt, sich den Tod wunscht, ist eben so klein, als der gross ist, der im grossten Gluck an den Tod denkt und zu sterben wunscht. Suche Trost in deinem Kummer; wer ihn anderswo sucht, findet der ihn? Nur der ist seelenstark, der alles in sich sucht und Will die kuhlende Luft der Hoffnung einer kunftigen Welt ihn anwehen, wohl ihm, wenn er selbst in ihr auf keine Linderung in schwulen Augenblicken rechnet, und wenn er sich dem auf Discretion uberlasst, der ihn geschaffen hat! Ein Unglucklicher, der gern hofft und nach Traumen von Gluckseligkeit hascht macht der sich nicht unglucklicher als er ist? Dieser Welt wurdig und der andern nicht unwurdig zu seyn, ist alles, worauf es beim Menschen ankommt. Wer hat aller Tage Abend und wer aller Tage Morgen erlebt? Und nichts ist schwer, was nicht mit der Zeit leicht wird. Von allen solchen schonen Dingen sagte ich dem Unglucklichen gerade kein Wort. Wahrlich! so wenig in Stunden der Leidenschaft durch Vorstellungen zu gewinnen ist, eben so wenig gelten Trostgrunde im Ungluck. Unsere Herren Philosophen und Geistlichen werden es verzeihen, wenn ich von ihrer gewohnlichen Trosttheorie in Widerwartigkeiten abweiche. Es gibt Krafte in uns, jede Untugend zu unterdrucken, jede Leidenschaft zu schwachen, wo nicht zu beherrschen, und jedes Ungluck zu ertragen; nur diese Krafte in Anwendung zu bringen, das ist der Fall. Ich wusste dem Verzweifelten nichts mehr zu erwiedern, als: Freund! es gibt der Unglucklichen viel; und wer ist ganz glucklich? Will ich denn glucklich seyn? sagte er heftig: Glucklich wurde mein Ungluck mich machen, ich wurde es umarmen, fugte es nicht ein unnaturlicher Bruder mir zu. Herr! dieser Gedanke todtet. Erlaubt er mir wohl den Vorzug leidender Menschen mit Ruhe zu leiden? Eine Wonne, deren Werth ich kenne! Ein Bruder ist es der mir das Menschendaseyn zur unertraglichen Last macht. Um ihn auf andere Gegenstande zu lenken, ohne auf nahere Umstande seiner Geschichte zu dringen, bot ich ihm an, ihm furs erste ein Unterkommen zu besorgen, und es schien, als thate e r mir eine Gefalligkeit, meine Dienste anzunehmen. Was ich bei dieser seiner Gute empfand, fuhlt vielleicht nicht jeder; ich fand mich beehrt und glucklich. Ich fuhrte ihn in einen Gasthof, liess ihm ein Zimmer anweisen und verabredete mit dem Wirth, es ihm an nichts fehlen zu lassen. Oel und Wein in seine Wunden zu giessen, behielt ich mir selbst vor. Wo bin ich denn? hat er den Wirth gefragt, als er allein mit ihm war. Die Antwort: im Gasthofe z u r T a u b e , ist ihm so aufgefallen, dass der Wirth nicht aufhoren konnte, mir die ausserordentliche Bewegung zu schildern, die dieser Name auf ihn machte. Ich habe ihn seit der Zeit taglich besucht. Hier ist seine Geschichte.

Sein Vater verliess mit seiner Ehegattin und zweien Sohnen, wovon der G a s t i n d e r T a u b e der altere war, sein Vaterland, um als Kammerrath in furstliche Dienste zu treten. Sein Vermogen war bei seinem Anzuge gering. Er kaufte in der Nahe der Residenz Landguter, durch die vorherigen Besitzer ausserst vernachlassigt, die er durch Fleiss und Oekonomie in wenigen Jahren zu einer Aufnahme brachte, dass er sie mit ausserordentlichem Vortheil veraussern konnte. Der grosste Theil des Geldes ward im Handel angelegt, und gluckliche Speculationen machten ihn so reich, dass er bei seinem Absterben jedem seiner Sohne nicht nur ein Rittergut, sondern auch betrachtliches baares Vermogen hinterliess. Seine Gattin starb vor ihm. Die Baarschaften waren sammtlich in einer Fabrik angelegt, welcher seit vielen Jahren ein Mann vorstand, dessen Redlichkeit seiner Einsicht die Wage hielt. Wollte man einen exemplarischen Mann nennen, ihm widerfuhr diese Ehre. Er starb und es fand sich alles in der grossten Unordnung. Ein formlicher Concurs brach aus und die angeliehenen Kapitalien gingen sammtlich verloren. Die Ritterguter blieben den beiden Brudern ubrig; eins derselben ware hinreichend gewesen, zwei Familien standesmassig zu unterhalten. Der jungere Bruder befand sich in Kriegsdiensten und stand zu in Garnison, wo er ungesucht Gelegenheit fand, seine Neigung zum Aufwande aller Art zu befriedigen. Auch liebte er das Spiel leidenschaftlich, und es wahrte nicht lange, so sah er sich gedrungen, das mit Schulden uberhaufte vaterliche Gut zu veraussern und seiner Durftigkeit halber zugleich die Verbindung mit einem reichen Madchen aufzugeben, womit man ihn bis jetzt auf eine fast schnode Weise hingehalten hatte. Nichts verdirbt den Menschen mehr als Unmuth, wenn das Bewusstseyn sich vordrangt, ihn sich selbst zugezogen zu haben. Bei diesem jungeren Bruder war, seines auffallenden Ueberhanges zu Lastern und Thorheiten wegen, nicht viel zu verderben. Eine Ehrensache, bei welcher er sich, wie das Gerucht ging, nicht zu seinem Vortheil nahm, nothigte ihn, die Dienste zu verlassen und das Zudringen der Glaubiger, dass er sich heimlich entfernen musste. Er nahm seine Zuflucht zu seinem alteren Bruder, den ich seine Geschichte weiter erzahlen lassen will.

Ich nahm ihn mit offenen Armen auf, suchte seine Creditsache beizulegen und theilte bruderlich mein Einkommen mit ihm; doch konnte und wollte ich seiner Verschwendung nicht durch mehr Zuschub Nahrung geben. Auch musste ich ihm zuweilen seines Stolzes wegen etwas versagen, um ihn, da er durch seinen ehemaligen Stand verwohnt war, nicht bloss fordern zu lassen, sondern ihn auch bitten zu lehren. Nur den Bruder sah er in mir, und die Meinigen, welche wussten, wie nah er mir am Herzen lag, kamen ihm mit Liebe zuvor. Ich war seit drei Jahren verheirathet, war Vater eines braven Jungen und mit dem zweiten Kinde ging meine Gattin schwanger. Diess waren Vorstellungen, die ich seinen unbilligen Antragen entgegensetzte. Da ich mich endlich genothigt sah, zu verlangen, dass er die Residenz verlassen und bei mir wohnen mochte, ward er aufgebracht und schmiedete mit Hulfe eines Bosewichts, der unter dem Schilde der Justiz mordet, einen hollischen Plan, der meine Gattin ihrer Vernunft beraubte, sie zur Morderin ihrer Kinder und mich zu einem Wesen machte zu einem Wesen (er wollte mehr sagen) das Sie vor sich sehen. Es schlich ein dunkles Gerucht, ich sey nicht ein Sohn meines verstorbenen Vaters. Ob ich gleich von Kindesbeinen an seinen Namen fuhrte, obgleich mein Vater in seinem letzten Willen mich formlich fur seinen Sohn erkannt und mich mit meinem jungeren Bruder zum Erben seines Nachlasses in gleichen Theilen ernannt hatte, war doch mein Bruder unverschamt genug, diesem allen zu widersprechen. Uneingedenk, dass er durch seine Angabe die Asche seiner Mutter entheilige, eroffnete er bei dem Landesgericht einen Rechtsstreit, stellte zwei feile Zeugen auf, bei welchen meine Mutter ihre Niederkunft gehalten haben sollte, und so ward ich zur Herausgabe der Erbschaft verurtheilt. Die Beweise, die man bei der Justiz verlangt, sind fast von allen andern Beweisen unterschieden, und jene Kalte, die man in den Gerichtshofen affectirt ist sie mehr als ein ubertunchtes Grab? verbirgt sie nicht oft rasende Leidenschaften? Der Ort, wo ich getauft bin, ist im siebenjahrigen Kriege eingeaschert; die Taufregister waren verloren gegangen. Ob nun gleich wider das erste Urtheil, nach welchem ich das Gut raumen sollte, mir um so hoffnungsreicher die weiteren Rechtsmittel offen standen, als ich die Zeugen der offenbarsten Parteilichkeit uberweisen konnte, drang mein unnaturlicher Bruder doch mit unnachlasslicher Harte darauf, dass ich das Gut raumen musste. Diess betrubte meine Gattin unbeschreiblich. Sie hatte sich an viele Platze im Garten, im Walde, im Felde und uberall so gewohnt, dass sie sich von diesen ihren Lieblingen nicht ohne die ausserste Ruhrung trennen konnte. Ach! mein Herr, sie verstand die Kunst, die wenige Weiber verstehen: den Ort fur den besten zu halten, wo sie war; die meisten glauben sich da besser zu befinden, wo sie nicht sind. Sie sank in Schwermuth und ihre ofteren Geistesabwesenheiten liessen mich ihrer nahen Entbindung halber nichts Gutes erwarten. Mein Ungluck uberstieg meine Vorstellung. In einer benachbarten Waldwachterhutte ward meine Gattin zwar von einem Sohne entbunden, indess ihrer Vernunft vollig beraubt. Eine bejahrte Person wollte sich durchaus von unserm Schicksale nicht trennen; sie blieb die einzige Teilnehmerin unserer Leiden. Die einzige (alle meine Freunde verliessen mich)! Sie allein blieb, was sie gewesen war. Abwechselnd mit ihr bewachte ich meine ungluckliche Gattin, die von Zeit zu Zeit Anfalle der grossten Wuth ausserte. Etwa drei Wochen nach ihrer Niederkunft hatte ich einen Termin beim Landesgericht. Ich war, bei Strafe der Praclusion aller meiner Einwendungen und mit der Clausel personlich vorgeladen, dass, wenn ich nicht erschiene, mir ein immerwahrendes Stillschweigen auferlegt seyn sollte. Die Herren kommen nicht aus Drohungen und Bestrafungen heraus. Dass doch die unwahrscheinlichsten Traume immer die anlockendsten sind! Ich dachte, das Felsenherz meines Bruders durch personliche Gegenwart zu erweichen, und glaubte, um so unbedenklicher gehen zu konnen, da meine Gattin seit einigen Tagen ruhiger schien. Mein Bruder war auch in Person vorgeladen. Unsere alte Freundin uberfiel eine Ohnmacht; wahrscheinlich war dieser Vorfall die erste Ursache der Wuth, in welche meine ungluckliche Gattin ausbrach, die, weil sie ohne Aufsicht war, aus dem Bette sprang, unsere beiden Kinder ergriff und sich mit ihnen ins Wasser sturzte. Beide Kinder fanden ihren Tod; die Mutter ward gerettet und befindet sich in einer Irrenanstalt. Mein Termin war eben so unglucklich; beschimpft von einem undankbaren Bruder, kundigte uns ein Deputatus, der indess nicht der Urtheilsverfasser gewesen zu seyn schien, a n , w a n n ich meine Beschwerden unfehlbar einbringen und w a n n ich die Vorschusskosten bezahlen musste, im Fall meine Appellationseinwendung nicht fur unkraftig erklart werden sollte. Wieder eine Drohung, dacht' ich, da der Deputatus mich mit einem Versuche der Gute uberraschte. Ein Strahl der Hoffnung, der mir wohl that. Allerdings, sagte er zu mir, haben Sie viel fur sich; doch, gibt es ein Recht, das auch nur bei der geringsten Richtung nicht, wo nicht unrecht werden, so doch den Schein des Unrechts gewinnen konnte? Und was ist in der Welt, wo nicht das Fur und Wider fast gleiche Stimmen hatte, denen, wenn es kostlich ist, ein Ungefahr den Ausschlag gibt? Wie ware es, wenn sie ein Drittel ihrer vorigen Besitzungen annahmen, und die ubrigen Punkte niederschlugen? Mein unnaturlicher Bruder verwarf selbst diesen ihm so vortheilhaften Vorschlag. Weit lieber will ich, sagte er, alles verlieren, als einem Menschen auch nur das Mindeste zubilligen, der sich herausnahm, sich einen Namen zuzueignen, der ihm als Bastard nicht gebuhrt und der so lange durch die unverantwortliche Schlafrigkeit meines Vaters entheiligt ist. Der Deputatus nahm sich nicht Zeit, die unbruderliche Erklarung zu widerlegen, sondern begnugte sich, zu erklaren, dass er aus Menschenliebe s o t h a t i g fur einen Vergleich gewirkt hatte, als es nur menschenmoglich gewesen. Wahrlich ein eingeschrankter Begriff von der Menschenmoglichkeit! Jetzt uberliess uns der gestrenge Herr, wie er sich ausdruckte, u n s e r m S c h i c k s a l . Mehr aufgebracht uber diese geruhmte Thatigkeit des Deputatus, als uber die unnaturliche Harte meines Bruders, ging ich heim. Noch war ich nicht an unserer Hutte, als ich mein Ungluck erfuhr. Elender konnte ich nicht werden, und noch bin ich mir selbst ein Rathsel, wenn ich mich frage: wie ist es moglich, alles diess Ungluck zu uberstehen? Wahrlich, ich bin erschopft. Ein neuer Waldaufseher setzte mich aus meiner Wohnung, in der meine alte Freundin starb; und so ist keine lebendige Seele mehr auf Gottes Erdboden, die sich meiner annimmt. Unstat und hulflos irre ich umher, und doch, ich laugne es nicht, wunsche ich, meinen ehrlichen Namen herzustellen und meinen Bruder, wenn es moglich ist, zu beschamen, ehe ich aus diesem Lande des Elendes zu jenen seligen Gegenden scheide, wo alle Drangsale aufhoren, wo mein Vater und Mutter, ohne Rechtsstreit, meine Sache fuhren und wo ich alles wiederfinden werde, was ich hier verlor.

Der Ungluckliche erinnert sich, von seiner Mutter vor vielen Jahren gehort zu haben, dass in der Residenz zwei ihrer Freundinnen verheirathet waren, mit denen sie den vertrautesten Umgang gehabt, und denen sie jedes Geheimniss ihres Herzens anvertrauet hatte.

Verlangen des Ordens.

Diese beiden Freundinnen sind aufzusuchen.

Dem Unglucklichen ist ein anstandiger Unterhalt zu verschaffen, und der nothige Kostenbetrag zur Ausfuhrung des Rechtsstreites mit seinem Bruder aufzubringen; endlich ist auf die Kur und Wartung der Gattin zu denken, und mindestens kein Versuch zu ihrer Rettung zu unterlassen.

Oben oder unten ist Eldorado, rief unser Novicius, der, bis in sein Innerstes bewegt, diese grossmuthige T a u b e unserm Verzweifelnden einen Oelzweig des Friedens bringen! Eine Taube! Wahrlich besser als L o w e , S p e r b e r und das a n d e r e T h i e r . Ein zu empfindsames Herz ist in der That ein Geschenk der Natur, das den Menschen ausserst beschwerlich fallen muss, in einer Welt, wo es solche Bruder, solche Richter, solche Drangsale gibt. In Eldorado wird es verlohnen, ein empfindsames Herz zu haben, dachte Novicius; in der That, diesseits kommt es zu fruh. Die

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Zweite Vorhandlung.

Geschichtserzahlung.

Die beiden Hauser H und O hatten aus einer sehr geringfugigen Ursache einen bittern Hass auf einander geworfen, ihn beinahe ein ganzes Jahrhundert unterhalten, und sich unmenschlich vorgesetzt, ihn auf ihre Nachkommen bis an das Ende der Tage fortzupflanzen. Graf Pold, aus dem Hause H, war der einzige Sohn, von dem die Fortdauer seines Geschlechts abhing, und der als einziger. Zweig des graflichen Hauses der Liebling seiner Eltern war. Ausser der Sorge fur die Erhaltung dieses Einzigen lag ihnen noch eine andere ob: fur ihn eine Gemahlin zu erwahlen, durch welche der alte Glanz der H Familie gerades Weges auf die Nachwelt gebracht werden konnte. Fraulein Charlotte, die einzige Tochter und Erbin des O Hauses, war nicht minder bestimmt, die Gemahlin eines Mannes zu werden, der ihrem Hause Ehre machen sollte, wodurch, wie man dafur hielt, das Gluck des liebenswurdigen Frauleins sich von selbst machen wurde. Graf Pold und Charlotte wurden in der Residenz zwar in grosser Entfernung von einander erzogen, hatten aber doch Gelegenheit, sich dann und wann zu sehen, nnd, trotz der Todfeindschaft der beiden vaterlichen Hauser, sich sterblich liebzugewinnen. Es ist nicht das erstemal, dachten sie anfanglich, dass Familienzwiste durch eine Verbindung dieser Art beigelegt und auf immer gehoben worden sind. Je lieber sie sich hatten, desto weniger dachten sie an etwas anderes, als an sich; und selbst ihre todfeindlichen Familien storten die sussen Tage nicht, die sie durchlebten. Je fester sich dieses Paar verband, desto mehr wuchs die Feindschaft der Hauser ihrer Eltern, ohne dass man einmal ahnen konnte, ihre Kinder waren zartlich gegen einander gesinnt. Unsere Liebenden schwuren sich ewige Treue, und nichts trubte die seligen Stunden ihres reinen Umgangs, als die Furcht, dass diese so unschuldigen Freuden des Lebens von ihren Eltern gestort und ihr so festes Band zerrissen werden konnte, sobald sie ihnen ihre Neigungen erklaren und ihre Zustimmung und ihre Segnungen erbitten wurden. Die Leiden in der Liebe haben einen besondern Reiz; und wenn man keine Leiden hat, thut man nicht ubel, sie sich zu machen. In der That, man kann in der Liebe durch zu grosses Gluck unglucklich seyn. Der Verrather schlaft nicht, und Unvorsichtigkeit ist eine Verwandtin auch der allerreinsten Liebe. Wenn gleich Pold und Charlotte von ihren geheimen Verstandnissen ihren Eltern nichts eroffneten, so gab es doch so viele dienstfertige Federn, dass ihre Zuneigung ihren Eltern nicht lange ein Geheimniss blieb. Das grafliche Haus H, welches ohne Zweifel von der Zuneigung seines Sohnes am zuverlassigsten benachrichtigt seyn mochte, liess sich so weit herab, das Haus O, wiewohl durch die siebennndfunfzigste Hand (die sechsundfunfzigste hatte noch zu viel Freundschaft und Annaherung verrathen) zu warnen; und dieses fand fur gut, die Warnung mit Hohngelachter durch die namliche Hand zu erwiedern. Indess schlossen beide Hauser, ohne ihre Kinder zu befragen, Bundnisse und forderten nach ihrem Ja und Amen ihre Kinder auf, das laut fur sie gegebene Ja und Amen zu bekraftigen. Die gewohnliche Art alter Hauser! Beide Familien waren so weit gegangen, dass sie Anmeldungsbriefe versandt hatten, die spater in die Hande unserer Liebenden als der Verwandten und Bekannten beider hohen Hauser fielen. Erzieher und Erzieherinnen unserer Liebenden, die von den alten Hausern schon zuvor, wiewohl insgeheim, zur Rechenschaft ihrer Haushaltungen gezogen wurden, wussten die hohen Eltern aus Liebe zu ihren allerliebsten Kindern so geschickt einzuschlafern, dass man sie ihnen unbedenklich immer noch anvertraute. Jetzt war kein Augenblick zu verlieren. Graf Pold versicherte Charlotten, den Liebenden musse alles zum Besten dienen; und zum grossten Beweise, dass beide Hauser nicht wussten, warum sie sich hassten, sympathisirten unsere beiden Liebenden so mit einander, dass Charlotte und Pold nur e i n e n Verstand und e i n e n Willen hatten. Auch hat die Schule des Plato noch immer ein Kammerlein, welches die Natur sich vorbehalt. Die Platonischen Unterhaltungen unserer Liebenden wurden mit naturlichen Kussen gewurzt, und man dachte aus E n d e (welches unserm trefflichen Paare nicht zu verdenken war), ohne von dem gefassten Entschlusse die Erzieher und Erzieherinnen das mindeste merken zu lassen. Die so nothwendige Zuruckhaltung schmerzte beide Liebenden, wenn sie gleich kein Mittel ausfindig zu machen wussten, sich ohne Gefahr entdecken zu konnen. Kurz, unser Paar nahm unter fremdem Namen die Flucht, die auch so glucklich einschlug, dass es ohne Hinderniss uber die Grenze des Landes an einen Ort kam, wo, wie es glaubte, seine Verbindung nichts mehr behinderte. Der Platonismus verlangt durchaus Einsamkeit und Abstraction, die auf Reisen am wenigsten stattfinden konnen. Die Leidenschaft der Liebe hatte das Nachdenken und die Besorgnisse jetzt vollig zum Schweigen gebracht; und da diess gemeinhin der Zustand ist, wo man sich so gern mehr verspricht als man leisten, und mehr zusichert als man halten kann: so war das Verlangen, sich ganz zu besitzen, unausloschlich. Unsere Liebenden gaben sich im Kloster die Hand: der Uebergabe des Herzens bedurfte es nicht. Sie leerten den Becher der Wollust mit einem Entzucken, das sich nicht beschreiben lasst. Liebe ist die Seele des Lebens; selbst die Weisheit scheint ihr untergeordnet zu seyn; und unser neues Paar ware das glucklichste von der Welt gewesen, sobald es sich entschlossen hatte, die Vorzuge der Namen und des Standes aufzugeben und in der weitesten Entfernung von seinen Eltern durch Arbeit und Fleiss, bei einem anscheinend harten Schicksal, das reinste Erdengluck zu geniessen, welches nur genossen werden kann, wenn der Liebe die Arbeit zugesellet wird. Zu diesem Nachdenken hatte unser Klosterpaar nicht Zeit, und es ward durch eine zu seine Erziehung daran verhindert. An eine bequemere Lebensart gewohnt gerieth es in Schulden und in eine Verlegenheit, die den Eltern seinen Aufenthalt verrathen musste. Den Glaubigern ist keine Thur zu stark, sie sturmen sie, und kein Weg zu weit, sie schlagen ihn ein, um bezahlt zu werden; und je weniger sie die Bezahlung ihres Betrugs und Zinsenwuchers halber verdienen, desto unbescheidener dringen sie darauf. Es war besonders, dass jedes der feindseligen Hauser ohne Zustimmung des andern wirkte, und dass beide Hauser in ihren Gesinnungen und in ihren Wirkungen so zusammenstimmten, als hatten sie ihren Plan verabredet.

Schon wurde die grosse Uebergewalt des Staats, den unsre Liebenden verlassen hatten, den Requisitionen wegen ihrer Auslieferung ein unwiderstehliches Gewicht beigelegt haben, wenn man sich auch nicht des niedrigen Kunstgriffs bedient hatte, falschlich zu behaupten, dass diese unsre Unschuldigen sich wegen eines Criminalverbrechens auf fluchtigen Fuss gesetzt hatten. Sie wurden eingefangen, von ihren Glaubigern, die sie nicht befriedigen konnten, beschimpft und in eine Festung ihres Vaterlandes nach gebracht, wo sie abgesondert in enger Verwahrung sich befinden und hart verhort werden. Ihre Sache liegt furchterlich. Entadelung, Zuchthaus und dergleichen harte Worte sind die Parolen, welche die Verhorer ausgeben. Und wenn gleich das Haus O durch die Aufhebung der Ehe am meisten leiden wurde, so scheint es doch eher den Schimpf einer entehrten Tochter ertragen als in ihr eine Grafin H anerkennen zu wollen. Man will Charlotten verstossen und enterben und nach allen Kraften um korperliche Bestrasung des Grafen H anhalten, die um so weniger ausbleiben wird, da die Landesherrschaft der Familie H nicht gewogen ist, die Familie O bei Hofe gilt und die Verbrechen des Fleisches im Staat mit einer beispiellosen Strenge geahndet werden.

Es kommt bei dieser Sache auf die Vereinigung beider Hauser an, die der hochberuhmte Rechtsfreund X mit Zuziehung zweier Geistlichen und noch zweier Assistenten ubernehmen will. Furs erste sind die Schulden zu berichtigen, zu welcher die Flucht unser ungluckliches Paar gebracht hat.

Verlangen des Ordens.

Jene Schulden sind zu bezahlen, sowie der Rechtsfreund, die beiden Geistlichen und die beiden Assistenten durch Vorschuss und Belohnungsversicherung aufzumuntern, ein Werk zu Stande zu bringen, wodurch der Menschlichkeit und der Liebe ein Opfer gebracht wird. Die Grafin und Nichtgrafin ist der Entbindung nahe und gefasster als der Graf.

Unser Ritter war zu dieser Unterstutzung um so williger als ihm Sophie einfiel. Kann ich wissen, ob die Einwilligung ihres vierten Gebots nicht auch von Schwierigkeiten der Trophoniushohle abhangen wird? Fast schien es ihm, dass er durch dieses gute Werk reiten wurde.

Wurde das Trauerspiel R o m e o und J u l i e bei den Familien H und O nicht mehr ausgerichtet haben als der Rechtsfreund, die zwei Geistlichen und andere Helfershelfer bis ins tausendste Glied? Die

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Dritte Verhandlung.

Ein ehrwurdiger Degenknopf, der wegen seiner Wunden ausser Stand gesetzt war, den schonen Tod furs Vaterland zu sterben, und den man mit der Hoffnung einer Civilliste verabschiedet hatte, bat den Minister um Brod. Die Art seines Vortrags war so edel, dass Se. Excellenz sich wahrend der Zeit, als der geheime Sekretarius die wichtigsten Geschafte in Dero excellentem Namen besorgte, mit Vergnugen von diesem braven Degenknopf unterhalten liessen. Die Zeit verging, es war servirt und der Minister behielt den Degenknopf zu Mittag. Freilich auch Brod und besser als wenn man Ministerialsteine des Unwillens und der Ungezogenheit erhalt, indess nur Brod fur einen Mittag. Der Gast wusste sich so empfehlend zu betragen, dass man ihn in der Gesellschaft ebenso gern horte, als der Minister zuvor allein. Edelmuth und Durftigkeit contrastiren uberhaupt herrlich. Bei bei einer Gesandtschaft von Allerhochsten Handen erhalten hatte. Er ward gezeigt und nach geraumer Zeit, da der Minister ihn zuruck erbat, war er weg. Alles kehrte von selbst die Taschen um, nur unser Degenknopf nicht. Man fiel, wie man von selbst einsteht, auf dieses einer Ministertafel unangemessene Taschenmittel, um es unserm Degenknopfe nahe zu legen. Es konnte wahrlich nicht naher seyn; wer seine Taschen doch nicht umkehrte war er. Man schwieg, um ihm wegen seiner vorher erzahlten Kriegsanekdoten Erkenntlichkeit zu erzeigen, und weil man sich uberredete, er wurde nach aufgehobener Tafel zuruckbleiben und sich eine Cabinetsaudienz beim Minister erbitten. Man irrte. Er war der erste, der sich mit einem Anstande entfernte, uber den nichts ging. Eine schwere Rolle! So edel hat sich noch kein Feldherr zuruckgezogen. Wahrlich man muss ein solcher Degenknopf seyn, um hier nicht zu unterliegen! Jetzt bat man den Minister menschenfreundlichst, dieses Unglucklichen zu schonen, und welcher Minister zeigt nicht gern diese Tugend, wenn sie ihm so hoch bezahlt wird! Der Gewinn, den Se. Excellenz bei dieser Gelegenheit zogen, war hundert solcher Ringe aus Allerhochsten Handen werth. Ein paar Affen, welche ansehnliche Hofchargen bekleideten, hatten sich aus Furcht bei Tafel weit stiller gehalten als die andern Gaste, so sehr auch die Mienensprache Hofmannerchen eigen zu seyn pflegt. Der Degenknopf hatte Herz. Das Gerede verbreitete sich in der ganzen Stadt, womit Sr. Excellenz gedient war, wenn gleich sie sich ausserlich alle Muhe gaben, die Sache zu unterdrucken. Unser Degenknopf ward geflohen wie ein Aussatziger. Nach acht Tagen ubersandte der General dem Minister den Ring mit der Anzeige, ihn in seinem Stiefel gefunden zu haben. Er hatte die Gewohnheit, mit acht Paar Stiefeln zu wechseln, und so war es in der Regel, dass er nicht eher als jetzt den Knoten loste. Der Minister stand keinen Augenblick an, den Degenknopf um Verzeihung zu bitten, der diese Bitte um Verzeihung dem Minister ausserst ubel nahm. Er hatte viele Muhe, ihn zu beruhigen. Wer kein inneres Bewusstseyn der Rechtschaffenheit hat, mag eine dergleichen Vergebungsbitte verzeihen, ich nicht; und wer von mir eine Niedertrachtigkeit, dergleichen ein Ringdiebstahl ist, zu vermuthen im Stande war, ist entweder ein Selbstdieb ober mindestens ein Hofmann. Ein jeder ehrliche Mann muss das aus sich machen, was er ist. Was den Degenknopf abgehalten hatte, seine Taschen umzukehren? war eine allgemeine Frage. Nur einem Freunde vertraute er den Schlussel zu diesem Taschengeheimniss. Ehe er zum Minister ging, hatte er fur seinen Mittag gesorgt und sich Kase und Brod in der Speisekammer seiner Tasche aufbewahrt. War es Wunder, dass er sie unaufgeschlossen liess? Der Minister bat ihn verschiedentlich nach der Zeit zu sich, er schlug es jedesmal ab. Ohne Zweifel wirb er auch eine Stelle aus seinen Handen abschlagen. Diesem Ehrenmann eine Pension zu geben, bis er ungesucht die verdiente Versorgung unmittelbar vom Fursten erhalt, war der A n t r a g , der auf keinen Felsenacker fiel. Warum durch Bitten und Flehen dem Degenknopf sein Leben verbittern, das er leichter tragen wird, wenn es ihm nicht durch abschlagige Antworten, sie mogen gnadig oder ungnadig fallen, erschwert wird?

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Die ubrigen vier

V o r handlungen waren noch alltaglicher, obgleich auch die erzahlten drei bei weitem nicht an die Verwickelungen der Vorbereitungen zum Orden der Orden grenzten.

Ein Freund hatte eine Schuldschrift vom Freunde zuruck zu nehmen vergessen. P y t h i a s starb und seine Kinder machten in tutorischer oder tyrannischer Assistenz der Pupillengerichte an D a m o n Anspruche. Swedenborg hatte der Sache leichter ein Ende machen konnen. Jetzt kam es auf die Kosten zu diesem Rechtshandel an. Gern ubernahm sie der Ritter. seyn, sollten in aller Stille ausgestattet werden. Gern trug der Candidat des Obermeistergrades zu diesen Ausstattungen bei. Ein edler Jungling, ausgerustet mit seltenem Genie, genoss in dem Hause eines reichen und vornehmen Mannes alles, was zur Leibesnahrung und Nothburft gehort, um einst offentlich zu vergelten, was ihm insgeheim Gutes geschah. Die Verdienste dieses jungen Menschen konnten der Tochter des Hauses nicht verborgen bleiben, und ihr beseligendes Auge behagte dem Junglinge noch mehr als die Unterstutzungen ihrer Eltern. Diess storte den Plan eines Anwerbers, dessen Stand und Vermogen soviel Aufmerksamkeit als Herz und Kopf Verachtung verdienten. Der Jungling ward des Hauses verwiesen. Er s o l l t e u n t e r s t u t z t w e r d e n und das arme M a d c h e n ? D e r A n w e r b e r , als Storer ihres Glucks, i s t z u e n t f e r n e n , und sie aufzumuntern, die Zeit ruhig zu erw a r t e n , in welcher ihr Vielgeliebter um ihre Hand bitten kann. Wer empfindsam ist, sagte der Ritter, muss durchaus auf Krafte denken und sie sich zu besorgen suchen, um Leiden und Ungemach zu ertragen, wenn er nicht diese Welt unausstehlich finden und das unertraglichste Leben fuhren will. Er sagte Ja.

Michael, der seinen Herrn so v o r handeln sah, billigte seine Ja's; doch gewann er durch diese Ritterdienste nicht im mindesten in den Augen des Knappen. Wer mit Geld dient, sagte der Begleiter, dient am leichtesten. Gut ist gut, besser ist besser. Was nennst du besser? fragte der Ritter. Vierzig weniger Eins, erwiederte der Knappe, und unmittelbare hulfliche Handreichung, wozu Ew. Gnaden eben so leicht bereit waren als zu diesen Kriegsbeisteuern. Vorh a n d l u n g e n , sagte der B e t t l e r , die siebenmal sieben mehr als Vorre d e n gelten. Wahr! doch nicht immer! Fruchte verderben die Luft um sich her; und kann man nicht durch Selbstgefallen die besten Handlungen verderben? Michaeln wurden die sieben V o r handlungen in Rucksicht des Seelsorgers erlassen. Jetzt zur Aufnahme in den

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Obermeistergrad.

Sie fing mit einem Noviciat an. Der Ritter ward an einen ihm unbekannten Ort geladen. Er stiess, da er nahe zum Aufnehmungstempel kam, auf ein schones Gestrauch, welches ihn zu Gangen fuhrte, die sich augenreizend schlangelten. Hier rauschte das Wasser so leise, als ob es sich furchtete etwas zu verrathen. Die Singvogel selbst schienen ihm einen sanfteren Ton angenommen zu haben, und ehe er sich's versah, fiel sein Blick auf ein englisches Grasstuck, welches sich wie eine Wolke vorkam. Er hatte an dem Rande bemerkt: "Mein Blick fuhr auf einer Wolke gen Himmel, so reizend war es." Jetzt befand er sich an einer Hutte, wo ihn die Neugierde von selbst an einen Ort brachte, indem der matte Schein einer Lampe genau zur Hervorbringung einer behaglichen Dammerung hinreichte, die ihn Sarge und ein Grab sehen liess, welches zu vollenden eben jetzt ein Todtengraber sich beschaftigte. Dieser nahm Gebeine und einen Schadel aus der Erde langsam hervor, um diese Ueberbleibsel zu einem grossen Gebeinhaufen zu tragen, der an der Seite angebracht war. Hier liess sich eine sanfte Musik horen, Lautentone und Harmonica. Der Todtengraber hatte sein Werk vollendet, sah es an, stutzte sich auf seinen Spaten, betete leise und endete sein Gebet mit den Worten, die er laut sprach: Fuhr' uns nicht in Versuchung, sondern erlos' uns vom Uebel. A m e n ! Wahrend seiner Arbeit sang er in eigener Melodie:

Man tragt eins nach dem andern hin,

Ich b i n , wer weiss, wie lang ich bin?

Und trennt Gebein sich von Gebein,

Was w e r d ' ich seyn?

Da der Ritter mit dergleichen Scenen bei andern Aufnahmen bekannt geworden war, so storte nichts die Ruhrung, die mit Erstaunen, und selbst mit Befremden, sich wenig oder gar nicht vertragt. Hatte ihn ja etwas uberraschen konnen, so war es eine Stimme, die nichts mit einer menschlichen ahnliches hatte, die dumpf, ohne dass man wusste, von wannen sie kam, mit Papageiendeutlichkeit einfiel:

Mensch, du bist Erde, und wirst z u r E r d e n w e r d e n . In diesem Augenblick erschienen sechs Leichentrager mit Floren, mit einem Sarge, welchen sie in das vom Todtengraber gemachte Grab versenkten, wobei sich wieder jene sanfte Musik horen liess. Die Stille, mit der diess vorging, ruhrte den Ritter mehr als alles. Und nun wieder jene Stimme:

Ueber ein Kleines wird man deine

Seele von dir fordern.

Bei diesen Worten rissen ihn zwei weissgekleidete Personen aus diesem Gewolbe, verbanden ihm die Augen, und nach langen Wegen, wobei er in die Hohe steigen, sich oft bucken und kriechen musste, verliessen ihn seine beiden Begleiter mit den ihm nicht neuen Worten:

Klopfet an, so wird Euch aufgethan.

Der Ritter befolgte den Wink, klopfte an, und horte im Zimmer die gewohnliche Frage: Wer ist da? Leise ward die Thur von inwendig aufgemacht, an welcher sich der Ritter befand. Soll ich antworten? sagte der Ritter mit Bescheidenheit. Die Thur ward schnell verschlossen und inwendig hiess es: Es ist ein Sterblicher, der sterben lernen will.

Weiss er zu leben?

Er ist in der Lehre.

Bei wem?

Bei sich und andern.

Sucht er Menschen durch sich, und sich durch andere Menschen kennen zu lernen?

Ja!

Wunscht er zu sterben?

So wenig als zu leben.

Glaubt er an sich und an Gott.

Er glaubt, der Mensch sey eines hohen Tugendgrades fahig, und achter Wille gelte bei Gott fur That; er thut Gutes und meidet das Bose, weil diess bose und jenes gut ist, nicht weil andere bose oder gut sind, nicht weil eins besser kleidet als das andere; selbst nicht, weil Tugend sich selbst belohnt und Laster sich selbst bestraft. Die Folgen berechnet er nicht; diess Folgenbuch uberlasst er Gott. Nach bestem Wissen und Gewissen handeln, nennt er fromm seyn.

Wird er diesen Standpunkt nie selbst verrucken, noch ihn durch a n d e r e verrucken lassen, wenn auch diese a n d e r n Herren der Welt waren?

Nie.

Wird er aus Verdruss uber andere nie sich selbst, und aus Verdruss uber sich selbst nie andere leiden lassen? von Selbsthass so weit, als von Menschenfeindschaft sich entfernen, ohne selbstsuchtig zu werden und ohne den Menschen nachzulaufen?

Er gelobt es.

Wird er bis aus Ende beharren, um selig zu werden?

Er wird.

Streifet ihm die Schuppen von seinen Augen und lasst ihn hereinkommen.

Er ward in ein Zimmer gebracht, das nur ein sanftes Licht erhellte. Alles ging auf und nieder, so sanft und leise, wie die Herrnhuter singen. Der Ritter allein stand, und zwar mit umgekehrtem Gesichte.

Hast du gehort, hiess es, was einer der Unsrigen in deiner Seele geantwortet hat?

Ja, erwiederte der Ritter.

War es die Gesinnung deines Herzens?

Sie war es.

Du bist jung und reich; die Natur hat sich angegriffen, dich in eine gute Verfassung zu setzen und dir mit Gute zuvorzukommen. Hast du einen hohern Wunsch, als dieses Leben?

(Jetzt riefen alle: Bedenke, dass du sterben musst.)

Mein Wunsch ist, so zu leben, dass ich dieses und jenes Lebens wurdig sey, erwiederte der Ritter. (Ein Schmetterling flog um sein Haupt.)

Glaubst du an andere Triebfedern menschlicher Handlungen, als des Jnteresse?

Ich glaube an Grundsatze.

Qualt dich kein Gewissensbiss? Hat keine schreckliche Stimme in dem Innersten dir die Krankung der Unschuld vorgeruckt, und dich bloss ein Wahn von gottlicher Versohnlichkeit beruhigt und dich uberredet, das Geschehene sey ungeschehen, und Folgen waren von Ursachen getrennt?

Mein Gewissen ist rein. Ich bin Mensch. Wenn Ihr mehr seyd, werdet Ihr Mitleiden mit meiner Schwache haben und mich lehren, zu seyn wie Ihr. Gottes Hulfe grenzt an Menschenohnmacht.

Deine Sprache hat Warme und Wahrheit. Wir sind nichts mehr als Menschen wir kennen dich; bei uns bist du bestanden. Der Mensch kann her einzig unparteiische Richter seiner selbst werden, wenn er will, so wie er, sein argster Feind und innigster Freund zu seyn, in seiner Gewalt hat. Frage dich vor dem Allwissenden, in dem wir leben, weben und sind, der d e n Gedanken kennt, den du vielleicht eben jetzt wegstossen mochtest: ob du nicht unzufrieden mit andern bist, weil die Natur sie glucklicher ausstattete, als dich? ob du mit den Wegen der Vorsehung zufrieden warst? ob du aus jedem Vorfall, der nicht von dir abhing, Vortheil zu deiner Besserung zogst? ob dir der Gedanke an Gott und an den Tod Schrecken ober Muth gab? (W i c h t i g e F r a g e n ! riefen alle; was wird er antworten?)

D e r R i t t e r . Ich wiederhole mein Bekenntniss: Ich war Mensch, ich bin's noch. Prufet mich! Noch hat der Neid mir keine schlaflose Stunde gemacht; vielleicht, ich gesteh' es, nicht aus dem reinsten Beweggrunde. Die Ehren, die der Staat austheilt, sind mir zu klein, um sie zu beneiden. Werden nicht Leute damit belohnt, die es so wenig verdienen? Nimmt man ihnen nicht alles, wenn man sie dieses Scheinvorzugs beraubt? Sind es mehr, als Titulaturverdienste? Und urtheilt selbst, ob ich nicht Ursache habe, zufrieden mit der Vorsehung zu seyn! Sie that viel an mir. Nicht zu gewissen Stunden und nur wenig dachte ich an Gott, wenn Beten an Gott denken heisst; doch war meine Seele froh, wenn ich an ihn dachte. Wer bei traurigem Gemuthe an ihn denkt, laugnet ihn im Herzen und bekennt ihn mit seinen Lippen. Das ist mein Glaube.

Wirst du keine Arbeiten erschweren oder erleichtern, wenn die Menschheit dadurch verliert?

Ich versprech' es.

Willst du das Ungluck ehren und gegen das Gluck gleichgultig seyn?

Ich will es.

Wirst du zuchtig, gerecht und gottselig leben, um einst exemplarisch sterben zu konnen?

Ich werde.

Glaubst du ein ewiges Leben?

Ich glaub' es. Was ware die ganze Wurde des Menschen ohne ewiges Leben?

Hast du die Hoffnung, dass abgeschiedene Seelen sich ihrer zuruckgelassenen Freunde und Bekannten erinnern konnen?

Ich wunsch', ich hoff' es.

Wohlan! Du kennest Drei in dieser Versammlung. Mit welchem von diesen Dreien willst du vor dem Angesichte Gottes ein gegenseitiges Testament machen, kraft dessen der, welcher zuerst stirbt, dem andern erscheine?

Mit

Schworet!

Hier blieb einer von den Herumgehenden stehen, und schwur folgenden Eid:

Ich schwore bei dem Allmachtigen und Allwissenden, bei dem Richter der Lebendigen und der Todten, dass, wenn ich von hinnen scheide, ich, wo moglich, in den ersten drei, neun oder zehn Tagen, drei, neun, zehn ersten Wochen, drei, neun, zehn ersten Monaten, drei, neun, zehn ersten Jahren erscheinen will, es sey im Schlafen, oder im Wachen, dem , so dass ich mich ihm kenntlich mache, durch Beruhrung, durch Worte oder Gedanken, es sey auf diese oder andere, mir jetzt schon bekannte, oder noch kunftig bekannt werdende Weise: den Fall, wenn es mir dort nicht erlaubt wird, ausgenommen; sonst soll mich nichts retten von dem Fluch eines ewigen Gewissensvorwurfs, und der immerwahrenden Angst eines Meineidigen: Diess gelobe ich, so wahr mir Gott helfe, im Leben und im Sterben, und bei dem Verluste der Freuden der andern Welt.

Der Ritter setzte diess Gelubde fort: Ich schwore den namlichen Eid, und mache mich hierdurch vor Gott verbindlich, dass, wenn es mir in meinem kunftigen Zustande erlaubt ist, mich in dieser Welt, es sey korperlich oder geistig, zu offenbaren, ich mich dem , es sey im Traum oder Wachen, bekannt machen will oder werde. Ich gelobe diess bei der Wurde des Menschen, und bei den Hoffnungen, die in mir sind. Amen.

In diesem Augenblick erhob sich die regierende Stimme: Du bist im Noviciat der Obermeisterschaft. Wir haben dich auf Proben gesetzt; und da wir uns bei Beurtheilung anderer die ausserste Gelindigkeit zur Pflicht gemacht, werden wir so leicht keine Fehler finden, wo keiner ist, und kein liebloses Urtheil fallen, wo es noch Seiten gibt, die sich zum Besten kehren lassen. Jetzt, da wir von deinem guten Herzen durch sieben V o r h a n d l u n g e n uberzeugt sind, wirst du, ehe du es dich versiehst, in andere Lagen zum Thun gesetzt werden. Wohl dir, wenn du Palmen tragst, wenn du bestehest, um wurdig zu seyn, dich durch den Tod zum Leben zu widmen, das ohne Verachtung des Todes kein Leben der Freiheit, sondern der Sklaverei ist! Heisst weise seyn seine Gluck seligkeit befordern, so gehoret die Ueberwindung der Schrecken des Todes und genaue Bekanntschaft mit ihm zur Weisheit. Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben mussen, auf dass wir weise werden! Lehr' uns unsere Tage zahlen, und bereit seyn, Leben und Sterben fur eine Schuld anzusehen, die wir der Natur abtragen mussen! Es gibt nur Einen Weg, im Leben Fortschritte zu machen: Erhohung unseres Wesens, Lauterung unseres Geistes. Nie lass uns zu Schanden werden durch Todesschrecken, durch Seufzer und Klagen, die unvernunftig sind! So sanft und still wie wir in diesem Noviciat gehen, so sanft und stillthatig lass uns in der Welt seyn, und nicht die Hande in den Schooss legen, wenn noch Arbeit im Weinberge ist. Alles Fremdartige, was unsere Erzieher, und was wir selbst in uns legten, lass uns entfernen, um schlecht und recht zu seyn vor deinem Angesicht. Wer die Unschuld unterdruckt, sammelt sich schreckliche Furien auf die letzten Stunden des Lebens, Kraft zum Sterben aber, wer die Thranen von der Wange des Feindes trocknet, und den Hasser durch Segen und Wohlthun bessert. Wir wollen unsere Seelen in Handen tragen, und in guten Werken trachten nach dem ewigen Leben, Leidenschaften erziehen, vernunftig leben, geduldig leiden, um einst froh zu sterben. Krankheiten zu entfernen, in so weit sie von Menschen abhangen, ist unsere Pflicht; uberfallen sie uns wider Verschulden sind sie mehr oder weniger als Naturbemuhungen, uns, so lange der Leib zusammenhalt, das Leben zu erhalten, um, so lange es nur geht, der Zerstorung des Menschenlebens auszuweichen. Dein Wille geschehe im Leben und im Tode. Amen. Eine herrliche, eine sanfte Musik beschloss diese Scene. Der Ritter ward wieder mit verbundenen Augen in jenes Elysium zuruckgefuhrt, durch welches er zum Todtengewolbe und so weiter gelangt war. Diess Leben, sagte der zu ihm, der ihm die Augen verband, fuhren wir es anders, als mit verbundenen Augen der Seele? Wohl uns, wenn wir einst Licht sehen und genesen! Vor dem Schlusse dieser Noviciatsaufnahme druckte jeder der Wandelnden dem Novizen die Hand, und hiess ihn willkommen. Zur

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Aufnahme

ward geschritten, nachdem der Noviz in verschiedenen Lagen zum Thun, ehe er's sich versah, gesetzt, und bewahrt befunden war. Wahrlich, der Ritter bestand in der Wahrheit; und auch dem Knappen fiel keine schwarze Kugel zur Last. Von diesen Herzensproben konnte Michael nicht dispensirt werden. Der Tag ward dem Ritter durch die drei Bruder eroffnet, die, wie es dem Ritter vorkam, ihm eine geraume Zeit nachspurten. Jetzt begleiteten sie ihn durch allerlei Umwege zu einem ausserlich prunklosen Tempel. Hier ward er in ein Gemach gefuhrt, welches die Aufschrift hatte:

Nur das Grab macht weise.

Im Zimmer selbst fand er einen Tisch, auf welchem ein Kreuz, eine Bibel, ein Todtenkopf, ein Dolch, eine Schale mit Blut und eine Schale mit Wasser standen. Er befand sich eine geraume Zeit allein, und nun erschien ihm ein ehrwurdiger Greis, ein Mann in seinen besten Jahren, ein Jungling und ein Kind; und es fiel eine Ceremonie vor, die v e r h a n g e n war. Angemerkt hatte der Ritter am Rande: als zum Leben. Wer sein Leben zu lieb hat, verliert es und macht sich von einer Furcht abhangig, die uns von Menschen zu Sklaven entwurdigt. Die Hauptdinge, die ich verlasse, sind es nicht Geschenke der Natur, die mir nichts nehmen wird, was sie mir nicht reichlich wieder ersetzen sollte? Wer seine Besitzungen als Theile seines Wesens ansieht, versteht weder Tod noch Leben zu schatzen; ich allein gehore mir, und nichts ist so mein, als ich. Rechter Gebrauch meiner Krafte und die Ausarbeitung derselben sind die unsterblichen Guter, die ich jenseits des Grabes mitnehme. Entzuckte mich ein sanfter Fruhlingshauch, so erschreckte mich der Nord im Winter; er zersplitterte meinen Lieblingsbaum, der mir Schatten vor der Sonnenhitze auf sechs Monate lieh, vor meinen Augen. Doch mussen es Nord und Winter seyn? Haben Fruhling und Sommer nicht ihre Unannehmlichkeiten, so wie die besten Menschen ihre Launen? Der hochste Grad des Schmerzes ist Fuhllosigkeit selbst, oder grenzt an sie; und der hochste Grad der Freude ist Betaubung, Herzensbangigkeit, die dann erst gutig und wohlthatig wird, wenn sie sich in Thranen auflost. Der Tod

Warum aber diese R a n d g l o s s e , wenn der Vorhang nicht gezogen werden kann? Der Ritter ward an eine grosse Pforte gefuhrt und ihm angedeutet, dass, wenn er drei, sieben, neun und zehn gezahlt hatte, er die Thur selbst aufmachen sollte. Er zahlte, that, was ihm befohlen war, und sah einundzwanzig Ritter d e s O r d e n s v o m h e i l i g e n G r a b e , die von zwei Seiten standen. Einer oben in der Mitte zeigte ihm ein grosses Kreuz, mit den Kleidungen und den Zeichen dieses Ordens behangen, und sprach:

Sehet da die Kleidung der Ritter des Ordens vom heiligen Grabe!

Nach diesen Worten liess er ihn vor sich hinknien und nahm ihm den Eid der Verschwiegenheit ab. Alle Ritter legten beim Schwur ihre Degen auf sein Haupt. Man hiess ihn aufstehen; er ward zuruckgefuhrt und ihm die ganze ritterliche Kleidung angelegt. Nach seiner abermaligen Einfuhrung, die in Begleitung zweier Ritter geschah, redete ihn der Ordensobere an:

Was man Euch von den Rittern des Ordens vom heiligen Grabe, welche in der profanen Geschichte nicht unbekannt geblieben und zum Theil noch vorhanden sind, erzahlen mag, so seyd Ihr zu einer Wurde berufen, die nur das Kleinod weniger Sterblichen ist. Jenen bekannten Rittern des Ordens vom heiligen Grabe hat man ihre von uns aufgefassten Behauptungen bestritten, dass sie von der Zeit des heiligen Apostels Jakobus, als ersten Bischofs zu Jerusalem, abstammen, und dass Gottfried von Bouillon, erster Konig zu Jerusalem, oder Balduin der Erste, nichts weiter als Erneuerer des Ordens gewesen; allein unser Orden ist weit uber die Zeit des heiligen Apostels Jakobus hinaus. Unsere geheime Geschichte wird Euch uberzeugen, dass wir dem zwolften Jahrhundert, so reich es auch an Rittern war, wenig oder nichts zu verdanken haben. Mogen mussige Kopfe den Meister uber Dinge dieser Art spielen; wir wollen Meister in That und Wahrheit seyn. Der leibliche Tod ist das Loos der Menschheit, nicht der Sold der Sunden; und seit dem Ausspruch: Mensch, du bist Erde und sollst zur Erde werden, existirt unser heiliger Orden. Paradies, gottliches Ebenbild, Unsterblichkeit der ersten Menschen sind Hieroglyphen, die Euch mit der Zeit aufgelost werden sollen. Wir, unseres Orts, kennen den Menschen nicht anders, als er jetzt ist; und wenn er gleich durch Lebensdiat an Leib und Seele sein Ziel sehr weit und viel weiter als gewohnlich bringen kann, so ist doch der Tod die Art der Verwandlung, wodurch er in der Werkstatte der Natur zu einer andern Bestimmung gelautert und gereinigt wird. Wir erhielten aus den Handen der mutterlichen Natur Leib und Seele. Die, welche den erstern dem Feuer ubergaben, storten die Wege der Natur, welche will, dass er durch Faulniss aufgelost und als Stoff zu einer neuen Schopfung vorbereitet werde. Schon Adam ward begraben; Abraham kaufte sich ein Erbbegrabniss, und die uralte Welt verbrannte ihre Todten nicht, um, sowie einige kultivirte Volker, mit einer Handvoll Asche Luxus zu treiben, oder, wie weiland Artemisia, ihr Getrank damit zu wurzen. Moses, einer der ersten Ritter, die in der Welt waren, ein wahrer geistlicher Ritter, der die Chorwurde mit dem Feldmarschallsstabe verband, ward von Gott dem Herrn begraben, so dass wohl nichts klarer bewiesen ist, als dass der Ritterorden des heiligen Grabes von Gott selbst abstammt.

Unserm Ritter fielen hiebei die ersten Kleider ein, die Gott der Herr lange vor Moses Zeit den gefallenen ersten Eltern gemacht hatte, und die Heraldicus junior zu seiner Zeit nicht in einer guten Stunde anfuhrte, als die Ritterin den Schuster zu seinem Leisten und den Schneider zu seiner Nadel zuruckwies. Doch blieb ihm keine Zeit, diesem Gedanken nachzuhangen; vielmehr war ihm die Behauptung des hohen Obern, dass Patriarch Abraham schon wirklich General des Ordens gewesen, weniger einleuchtend, als erwecklich. Dass der Stifter der christlichen Religion, fuhr unser Brabevta fort, Mitglied unseres Ordens gewesen, kann durch seine Himmelfahrt nicht widerlegt werden. Lag er nicht drei Tage im Grabe? und ist sein Grab unserm Orden nicht Erneuerung und Heiligung? Nur wenige von den Rittern des Grabesordens nahmen an den tiefen Mysterien Theil, die von Adam ab in unserm Orden sich in aller Stille erhielten. So manches, das man aus dem Paradiese mitbrachte, ward durch geheime Tradition fortgepflanzt, bis es auf den geistlichen Ritter Moses kam, der, wiewohl nur einen Theil davon, schriftlich verfasste, einen andern aber, seinen theuer geleisteten Gelubden gemass, zur mundlichen Fortpflanzung zuruckbehielt, deren nur wenige gewurdiget worden, von Anbeginn bis auf den heutigen Tag.

Was wollen bei diesen Umstanden Einwendungen, die man den neuen Grabesrittern macht, als sey es so zuverlassig nicht, dass Gottfried von Bouillon oder sein Nachfolger Balduin diesen Orden gestiftet? Mogen die Statuten und die Gesetze vom 1. Januar 1099 bezweifelt werden, indem im zweiten Artikel dieser Statuten Ludwigs des Sechsten, Philipps des Zweiten und des heiligen Ludwigs gedacht wird, obgleich Ludwig der Sechste 1108, Philipp der Zweite 1180 und der heilige Ludwig 1226 ihre Regierung antraten. Es ware federleicht, gegen diese und andere Behauptungen die Statuten und Gesetze des Ritterordens vom heiligen Grabe zu retten, so profan sie auch sind und so wenig sie von uns anerkannt werden. Unser hoherer Grabesorden schenkte, einem gutherzigen Baume gleich, seine Fruchte selbst dem, der ihm zuweilen Aeste abriss. Jene bezweifelten Gesetze und Statuten sind, wie alles in der Vorwelt, erst mundlich fortgepflanzt und spater in Schrift verfasst. Sieht nicht, wer Ordensaugen zum Sehen hat, dass man den besagten Regenten und besonders Karl dem Grossen (von welchem behauptet wird, dass er ein Gelubde gethan habe, Gut und Blut dem gelobten Lande zu widmen, um es von dem Joche der Sarazenen zu befreien, ob er gleich nie im gelobten Lande gewesen ist) in diesen Statuten und Gesetzen den Hof machte? Dass man auf eine feine Art diesen hohen Herren sagen wollte, nicht was sie gethan, sondern was sie hatten thun konnen und thun sollen? Man muss die Natur des Menschen berechnen, und bewahrte Erfahrungen von Convenienzen und Verhaltnissen im menschlichen Leben einsammeln, um dergleichen Geschichtsskrupel zu heben und Widerspruche auszustimmen. Unsere Grossen wissen durch Gewandtheit des Ausdrucks, durch Raschheit und oft selbst durch Geschraubtheit in Fragen und Antworten, das heisst: durch Wortkunstlichkeit, ihre schwachen Seiten im Denken und im Handeln so zu verhangen, dass man Muhe hat, sich nicht durch Ansichten und Aeusserlichkeiten blenden zu lassen, und wenn die Geschichtschreiber sie noch so punktlich kennen (doch ist diess selten der Fall), durfen sie sich unterstehen, sie zu treffen? Selbst nach ihrem Tode sind sie sicher, verschonert und verherrlicht zu werden, um auf den Ehrtrieb des durchlauchtigen Nachfolgers zu wirken. Der Mensch ist collective bis jetzt kein Haarbreit anders, als er von Anbeginn war; die Schminke ist verfeinert und ein wichtigerer Handlungsartikel geworden, auf den mit der grossten Sicherheit zu spekuliren ist. Freilich gibt es eine Ironie, um Wahrheiten zu verdecken, die kaum dem Zehntausendsten dammert; wie selten aber finden sich Macchiavelle, welche skandalose Chroniken in Lobreden umschaffen und den Marokkanischen Despotismus in einen Freistaat veredlen? welche Kopfe, wie Friedrich den Zweiten, zu Widerlegungen begeistern, wo nichts zu widerlegen ist? Inokulirt man mit diesen Reisern, von Grundsatzen die Baumschule unserer Grabesgeschichte: wer findet es bedenklich, wenn nach dem v i e r t e n A r t i k e l alle jene hohen Haupter, ob sie gleich zu verschiedenen Zeiten lebten, zusammentreten, um diesen Ritterorden zu Stande zu bringen? Wahrlich, wer unsere Ordensgeschichte der alteren Zeit in Erwagung zieht und zum voraus setzt, was man ganz fuglich voraussetzen kann, dass hier und da einer von unsern Eingeweihten Theil genommen, wer findet nicht mehr als er liest? Alle jene Grossen der Erde hatten ohne Zweifel die Ehre, etwas zum Aeusseren des Ordens beizutragen, und warum sollten sie in dieser Rucksicht im vierten Artikel nicht S t i f t e r genannt werden? Das heilige Grab war und blieb das Hauptstuck des heiligen Landes. Name und aussere Wurde, wenn sie zu spateren Zeiten aufgekommen sind, entscheiden nichts. Was thut der arme Name!

Und wie? verdient der Umstand, die Stiftungsurkunde des Balduin sey nicht nur franzosisch, sondern neumodisch gekleidet, Erwahnung? Widerlegung gewiss nicht. Wer nicht den Geist der Geschichte vom Fleisch, die Erdentheile von den himmlischen sondert hat der Geschichtsurtheil? Ueberall findet er Sauerteig, der den Ofterteig verdirbt. Im Reiche der Wahrheit ernahrt der Krieg, der Friede verzehrt.

Unter den weltlichen Chorherrn, die bis 1114 bei der Kirche des heiligen Grabes standen, war hier und da einer in der hohen Wissenschaft unseres Ordens eingeweiht, und als man diese weltlichen Chorherren zwang, die Regel des heiligen Augustinus anzunehmen und Gelubde abzulegen, schickten sich die Unsrigen in die Zeit, und pflanzten im Stillen unsre Kunst fort. Wichtiger ist der Umstand, dass Papst Pius der Zweite im Jahre des Heils 1459 durch einen Ritterorden unter dem Namen unserer lieben Frau von Bethlehem viele Ritterorden, und unter andern die Chorherren des heiligen Grabes, unterdruckte. Da es mit der lieben Frau von Bethlehem nicht gehen wollte, so suchte und fand der Papst Innocentius der Achte Gelegenheit, die heilige Grabesstiftung mit den Rittern St. Johannes von Jerusalem oder den Rhodus-Rittern unter einer Decke spielen zu lassen. Vor unsern gerechten und achten Brudern gingen Wolken und Feuersaulen; weise wussten sie sich in den Nachten der Widerwartigkeiten, weiser noch bei den Sonnenstrahlen des Glucks zu verhalten. Ihrer Tugend und Einsicht verdanken wir, was wir sind. Fallt der Himmel, er fallt denen zu, die ihn lieben! Durch Leiden geht der Mensch zur Freude, durch Anstrengung zur Kenntniss, durch Unterdruckung zur Kraft, durch Tod zum Leben! Haben wir nicht Beweise in Handen, so dreist auch von einigen Schriftstellern, aus Unwissenheit oder Bosheit, das Gegentheil behauptet wird, dass Innocentius der Achte nicht Chorherren, sondern Ritter des heiligen Grabes unterdruckte? Dieser Unterdruckung trat Papst Pius der Vierte, zu seiner Schande, durch eine Bulle von 1560 bei. Vielleicht findet sich Gelegenheit, die Rechte des heiligen Ordens gegen die Johanniter ausser Zweifel zu setzen. Dadurch wurden wir zwar weder an Geist und Kenntniss, noch an Leib und Einkunften sonderlich viel gewinnen; doch muss Recht Recht bleiben in Zeit und Ewigkeit wenn nicht aus andern Grunden, so von Rechtswegen. Gereicht es dem unterdruckten Grabesorden zum Vorwurf, dass Papst Alexander der Sechste die Wurde der Ritter des heiligen Grabes formlich aus Licht zog? Dass er einen Ritterorden unter diesem Namen stiftete? Dass er die Wurde eines Grossmeisters fur sich und seine Nachfolger annahm? und dem apostolischen Stuhle Macht zueignete, dergleichen Ritter zu ernennen, womit auch der Guardian des Ordens des heiligen Franciscus als apostolischer Commissarius belehnt wurde? Es ist bekannt, dass die Monche vom Franciscanerorden die Bewachung des heiligen Grabes zur Pflicht hatten, unter denen etliche zu den hoheren Geheimnissen des Ordens non propter sed propter zugelassen werden mussten. Wer die Unschuld vertheidigt, ist beredt ohne Rhetorik. Ein Thor sucht zu herrschen; ein Weiser bemuht sich, die Vernunft zur Herrschaft zu bringen. Freund, nicht mit Grossmuth mussen wir den Feinden begegnen; sie zu lieben ist unsre Pflicht. Grossmuth ist Wohlthat, die wir uns erweisen; Liebe ist Selbstopfer, Zwang unserer Neigungen.

Mit diesen vorlaufigen Umstanden von der ungeschmuckten Geschichte des Ordens musste ich Euch bekannt machen, ehe man Euch nach altem oder neuem Gebrauch zum Ritter schlagen kann. Jetzt trat der Ritter naher, um folgende Fragen zu beantworten:

Seyd Ihr ein gesunder Mensch?

Ich bin es.

Habt Ihr keine geheime Krankheit?

Nein.

Seyd Ihr keines Mannes Knecht?

Nein.

Und keines Weibes?

Nein, doch hoff' ich so glucklich zu seyn, Sophien zu finden.

(D e r O b e r e l a c h e l t e . )

Habt Ihr ausser Gott keinen Herrn?

Keinen als den Staat, in welchem ich lebe.

Ist Euer Fleisch nicht der Herr Eures Geistes?

Ich bin ein Mensch; doch lasst sich der Geist wahrhaftig nichts nehmen.

Wollet Ihr die Gesetze des Ordens und seine Gewohnheiten ehren, und seine Geheimnisse ins Grab nehmen?

Ich will es.

Wollt Ihr, wenn Christen mit Unglaubigen in Krieg sind, die heilige Kirche wider ihre Verfolger vertheidigen?

Wenn ich nicht durch hohere Pflichten abgehalten werde, und der Staat, in welchem ich lebe, kein Freund und Bundesgenosse der Unglaubigen ist.

(D e r O b e r e l a c h e l t e w i e d e r . )

Werdet Ihr allen ungerechten Zank meiden; Euch schnoden Gewinnstes wegen nie in Zweikampf einlassen; Narrentheidungen und Scherze fliehen, die Christen nicht geziemen?

Ich werde.

Wollt Ihr, so viel an Euch ist, mit jedermann Frieden halten; keinen Zank unter Gliedern Eures Ordens seyn lassen; wenn sich aber Misslaute und Streitigkeiten fanden, sie den Ordensobern zur Einlenkung und Entscheidung anheimstellen?

Ich gelobe.

Werdet Ihr Euch der Vollerei enthalten, es sey im Essen oder Trinken, und Euch der Nuchternheit und Massigkeit befleissen?

Ich will.

Wollt Ihr nicht bloss uber das Mass, sondern auch uber Art und Weise Eures Vergnugens wachen?

Ja.

Ost wird Rittern nicht mehr als Brod und Wasser zu Theil, durftige Ordenskleidung, Muhe, Kummer und Arbeit die Fulle. Grosser ist der Arme, der nicht reich zu seyn begehrt, als der Reiche, der den Armen reich machen will. Erinnert Euch Eures Vorbereiters, der Euch ein Bettler dunkte. Seyd Ihr entschlossen, Elend, Noth und Gefahr getrost zu ubernehmen und Euch mit dem zu begnugen, was da ist?

Ich bin es.

Werdet Ihr Euer Leben verachten, wenn Ehre und Pflicht den Tod gebieten; nichts als Zweck ansehen, was bloss als Mittel gelten kann? Werdet Ihr die Schrecken des Todes fur nichts mehr, nichts weniger als falsches Spiel der Phantasie halten, und die Eindrucke Eurer Jugend gegen den Tod zu schwachen und zu uberwinden suchen?

So viel an mir ist.

Werdet Ihr Euer Leben lieben und es zu erhalten suchen, wenn von diesseitiger Pflicht die Rede ist, oder von Vorbereitung zu einer andern Welt?

Ja, so Gott will.

Wisst, dass in Fallen der begangenen Unwahrheit, und wenn Ihr heute, morgen, ubermorgen oder in der spatesten Zeit davon uberzeugt werdet, der Orden strafen kann. Unterwerfet Ihr Euch den Strafen, Auge um Auge, Zahn um Zahn?

Ja.

Amen! sagte der Brabevta, und hiess ihn sich nahern, niederknien und schworen:

Dem Orden treu zu seyn im Leben und im Tode, seine Gelubde zu halten, bis sein Ende komme, und alsdann mit frohem Muthe und Herzen von hinnen zu fahren. Darauf segnete er seinen Degen und die vergoldeten Sporen, legte seine Hand auf des Ritters Haupt und sprach: Gott starke Euch, zu seyn und zu bleiben ein guter Streiter, und den Sieg davon zu tragen im Leben und Sterben. Amen! Jetzt liess er ihn die Sporen anlegen, zog seinen Degen aus der Scheide, gab ihm denselben in die Hand, um sich seiner zu bedienen, nicht Krieg, sondern Frieden zu machen. Nach wenigen Minuten befahl er ihm, den Degen wieder in die Scheide zu stecken und sich zu umgurten. Umgurtet, sagte der Obere, Eure Lenden, und seyd fertig allezeit zu thun den Willen dess, der Euch sendet. Gott aber wirke in Euch beides, Wollen und Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen! Nach diesen Worten zog der Obere den Degen aus der Scheide und schlug dem Ritter drei Schlage auf die Schulter, der sein Haupt auf das heilige Grab legte, welches vor dem Sitze des Meisters in effigie errichtet war. Wahrend dieser Ceremonie sangen vier Ritter das Lied Simeons: H e r r ! n u n l a s s e s t d u d e i n e n D i e n e r i n F r i e d e n f a h r e n , in einer dem Orden eigenen Melodie. Die Ritter waren bloss der deutschen Sprache beflissen, und das Lied Simeons schien aus dem Lateinischen ubersetzt zu seyn. Zur Probe geistreicher Poesie konnte es nicht dienen. Die ubrigen Ritter leisteten dem Oberen bei der Aufnahme Handreichung. Dreimal machte der Obere das Zeichen des Kreuzes und sagte: Ego te constituo et ordino militem sanctissimi sepulchri Domini nostri Jesu Christi. (Ich weihe dich zum Ritter des heiligen Grabes unseres Herrn.) Sodann legte er ihm eine goldene Kette mit den Worten um den Hals: Sey getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Ausser dieser Kette ward der Ritter mit einem goldenen, roth emaillirten, mit vier eben dergleichen kleinen Kreuzen umgebenen, grossen Kreuze geziert. Tragt dieses Ehrenzeichen, sagte der Obere zu ihm, an einem schwarzen Bande um den Hals; wachet und seyd nach Anleitung der funf klugen Jungfrauen bereit, wenn Euer Stundlein kommt, zu leben und zu sterben. Endlich ward ihm ein Mantel umgeworfen, auf welchen an der linken Seite eben dieses Kreuz mit seinen vier Trabanten gestickt war. Nach der Vollendung dieser Ceremonie erhielt der neue Ritter Ritterkuss, Zeichen, Wort, Beruhrung und Namen. Ich taufe Euch ritterlich, sagte der Obere, nach der heiligen Zahl, und Ihr heisst von nun an: Adam Ritter vom Stern (Adamus Eques a stella). Das Zeichen war, die Hande in die Lage eines Grabers zu bringen. Das Wort ist, fuhr er fort: Grab; das hohe Wort, das nur buchstabirt (in der Ordenssprache hiess es tropfenweise) ausgesprochen werden kann, heisst Lazarus: L-a-z-a-r-u-s; die Beruhrung, die Spitzen der zehn Finger an einander zu setzen. Und nun kuss' ich Euch als Ordensbruder.

Am Tage der Aufnahme fiel keine Dammerung weiter vor; nach so vieler Arbeit hielt man Refektorium. Fur jeden stand ein kleiner Tisch mit der erforderlichen Gerathschaft. Die Tische waren dreieckig und standen in Dreiecken; doch ubertraf die Zahl der Tische die Zahl der gegenwartigen Mitglieder. Auf einem jeden Tische standen drei kleine Schusseln, auch im Dreieck, dessgleichen zwei Lichter und ein Todtenkopf in derselben Figur, welches alles sich auch auf den vier Tischen befand, bei denen niemand zu sehen war. Einer der Bruder belehrte den Ritter, dass diese Tische zwei todten und zwei noch lebenden abwesenden Mitgliedern gebuhrten. Noch nahm er sich die Erlaubniss, den Ritter zu belehren, dass die abwesenden noch Lebenden diesen Abend nichts zu geniessen im Stande waren, wenn es gleich die Ordensregel bewilligt. Sie sind gesattigt, setzt' er geheimnissvoll hinzu, und von den Gestorbenen sollen sich ehemals Schatten eingefunden haben, um fur diese Art von Libation zu danken. Das ist die Deutung des wechselseitigen Testaments, einander zu erscheinen, welches zwischen dem Aufzunehmenden und einem der alten Mitglieder bei der Aufnahme gemeinschaftlich gemacht wird. Nicht kann man suchen, man wird gesucht; ohne unser Gebet, ohne menschliches Zuthun und Erflehen, erscheinen zuweilen Geister. Eben dieses Mitglied befragte den Ritter: ob er je von sympathetischen Kuren gehort hatte, wodurch man Menschen hundert Meilen und druber entfernt, a r z e n e i e n , und, wenn das Gluck gut ware, h e i l e n konne? Eben so, bemerkte dieser Bruder, ist man im Stande, in Abwesenheit zu verletzen. Ich, meines Orts und Theils, setzte er hinzu, bin behutsam, mich malen zu lassen, und mehr meiner Bruder dessgleichen. Man kann in effigie empfindlich bestrafen und belohnen. Fallt die wirkliche Execution in rechte Hande (Guillotinen waren damals noch nicht erfunden), so ist der Unterschied in der Empfindung nicht gross, in natura oder in Bildniss gekopft, gehangt und geviertheilt zu werden. Die Versicherung, es gabe Orte, wo er nicht im P o r t r a t s e y n w o l l e , um alles in der Welt, war so herzlich, dass sie dem Ritter auffiel. D i e C e r e m o n i e b e i T i s c h e ? Das Benedicite bestand aus den Worten: Memento mori. Die Sitze hatten eine Gestalt von Grabern. Ein wirklich ruhrendes Schauspiel! Das strengste Stillschweigen herrschte geraume Zeit, bis eines der Mitglieder sich das Wort mit der Losung erbat: Memento mori. Die Antwort war: Memento mori. Jetzt fing dieser Ordensmann an, aus dem Geiste zu reden, ungefahr also:

Wir sind hier, zu leben und zu sterben. Zu leben ist schwer, zu sterben ist leicht, doch niemand kann an den Tod weise denken, der nicht weise zu leben versteht. Es sind blinde Leiter, die alles nach Einer Form haben wollen Alle sollen leben, wie sie, und sterben, wie sie, und doch gibt es Stufen in der Vollkommenheit und Freiheit. Der Freiheit? Allerdings. Von einer Art derselben heisst es im Geist und in der Wahrheit: je freier, desto vollkommener. Der Frevler ist ein Knecht des Todes sein Lebenlang; und so nichtswurdig sein Leben ist, so affenartig liebt er es. Was hat er mehr, als die Handvoll Leben, die dem Weisen nichts gilt, dem Unweisen aber alles? Der Edle konnte sich fast freuen, die Ketten abzuschutteln, womit das Leben ihn fesselte; er weiss, es gilt das Land der Freiheit nach einem Wustengange, wo ihm so selten Manna und Wachteln fallen und frisches Wasser aus einem Felsen spritzt. Freude stort, wie Leid, die Fassung; der Weise ist gleichgultig. Warum auch anders? warum Unzufriedenheit mit einem Leben, auf das, wenn es besser ware, eine ganz andere Welt folgen musste, als die wir erwarten? Nicht der, der mit Geschenken dem Durftigen hilft, nur der ist sein Wohlthater, der ihn in die Verfassung setzt, sich selbst zu helfen. Seht da die Pflicht der Weisen! sie sind nicht da, zu helfen: zu trosten und zur Selbsthulfe Anlass zu geben, ist ihre Pflicht. Wenn es der Weisheit gelange, sich mehr Anhanger zu sammeln und durch den seelerhebenden Gedanken die Pluralitat auf ihre Seite zu bringen, konnte nicht manches Gute bewirkt werden, was jetzt auf dem Acker felsiger Herzen erstickt und fruchtlos von wenigen Edlen ausgesaet wird? Alsdann freilich wird es verlohnen zu leben! Aber auch jetzt steht es denn so ganz schlecht mit dem Leben? Du klagst, die besten Plane werden, wenn nicht durch Bosheit der Menschen, so durchs Ungefahr vereitelt, das sich furs Bose und fur Bose ofter, als furs Gute und fur Gute erklart. Wahr ! Nur Schwarmer hoffen, ohne zu zweifeln; der Weise zweifelt selbst noch, wenn seine Hoffnung fast vollig erfullt ist. Er zweifelt nicht um sich den vollen Becher der Freude, dieser Vollendung halber, aufzusparen, nein, weil kurz vor dem Amen seines Plans alles noch scheitern kann. Und kommt es zum Amen sturzt nicht ein Thor in Einem Augenblicke, was zehn Weise ihr Lebenlang bauten? Doch, Lieber! weisst du, wenns Zeit ist, dass die Menschen von der Finsterniss zum Licht und von der Thorheit zur Weisheit gelangen? Der grosste Beweis, dass wir zu Leiden bestimmt sind, ist, weil Leiden, je grosser, desto sicherer, zur Vollkommenheit bringen. Was willst du mehr, wenn du nur vollkommen wirst? Ist es Fehler, besser von Menschen zu denken, als man sollte, so ist es ein Fehler des Edlen, der mir lieber als Scheingerechtigkeit ist, die der Busse nie bedarf. Man denke vom Leben, was man will: gibt es nicht Staats- und Familienverhaltnisse, wo langeres Leben Gluck und Ruhe auf Staat und Familien verbreiten kann? Doch gibt es kein grosseres Ungluck, als sich selbst uberleben! Das wende Gott in Gnaden! Wir werden Grabesritter, ohne aufzuhoren Lebensritter zu seyn. Unzufriedenheit ist die Universalkrankheit, woran der grosste Theil der Menschen stirbt: Zufriedenheit ist Selbstschonung und das beste Mittel, das Leben zu geniessen, das mancher Methusalem neuerer Zeit immer geniessen will und bei einem Haar genossen hatte, wenn er im neunzigsten Jahre scheidet. Nur wer weise entbehrt, geniesst; wer nicht ubertriebene Empfindung fur die Sache selbst nimmt, lernt sich in Zeit und Welt schicken, auch wenn er die Menschen so verandert findet, wie Sully den Hof nach Heinrichs IV. Tode.

Dein Loos ist geworfen, neuer Ritter! Sey Mann im Leben und im Tode! Memento mori.

A m R a n d e w a r b e m e r k t : Enthalt diese Rede mehr, als: Eldorado ist nicht hier, oben oder unten ist Eldorado?

Memento mori, erwiederte der Obere auf diese Rede. Du hast wohl gesprochen! Damit sich aber unser neuer Grabesbruder in Deinem Geistesergusse nicht verirre; so wiss' er, dass in unserm Orden die Kunst, das Leben zu verlangern, die Kunst, sanft zu sterben, die Kunst, mit Abgeschiedenen umzugehen u.s.w. gesucht oder getrieben wird. In dieser hoheren Beziehung gilt eigentlich das hohe Wort Lazarus. Darf ich an den Ursprung desselben erinnern? Heil uns, wenn auch wir in unserer Kunst es so weit bringen, dass wir, wo nicht zum wirklichen Gestorbenen, so doch zum Sterbenden sagen konnen: S t e h e a u f ! Memento mori.

Hiemit war die Aufnahme-Dammerung zu Ende. Bei dem nachherigen Unterricht erfuhr der Ritter die Fortsetzung der Geschichte der Grabesritter, die, leider! aus einem Grabe ins andere sturzten. Sie erkoren in Flandern im Jahr 1558 den Konig von Spanien Philipp den Zweiten zu ihrem Grossmeister, und wollten diese Wurde mit der spanischen Krone auf immer verbinden. Der Johanniterritter-Grossmeister vereitelte diesen weisen Plan; er berechnete nicht unrichtig, der Grabesorden wurde die Guter zuruckfordern, welche die Johanniter sich so ungebuhrlich zugeeignet hatten. Der Konig von Spanien entsagte der Grabes-Grossmeisterschaft. Im Jahr 1615 machte der Orden neue Versuche; allein auf das Gesuch des Grossmeisters von Malta, Alof von Vignacourt, widersetzte sich Ludwig der Dreizehnte diesen Bemuhungen Die n e u e s t e G e s c h i c h t e des Ordens war verhangen; doch hatte der Orden bis auf den heutigen Tag seine Grossmeister, die man indess nur im Ordensnamen bekannt machte. Der Herr kennet die Seinen, sagte der Obere. Der gegenwartige hiess Alexander, Eques a die, Alexander, Ritter vom Tage. Noch dienet zur Nachricht, dass der eigentliche bis jetzt unter der glucklichen Regierung des Grossmeisters Alexanders, Ritters vom Tage, bluhende Orden des heiligen Grabes Prabenden und Priorate vertheilte, und, nicht bloss was ihm ehemals gehort hatte, sondern auch, was ihm hatte gehoren konnen, seinen hohern Rittern mit einer Freigebigkeit zuwandte, die an Verschwendung grenzte. Wenn die Menschen an Tod und Grab denken, oder besser, wenn Grab und Tod in der Nahe sind, pflegen die meisten zu verschwenden, Emsige ausgenommen, die sich ihr Vermogen selbst erwarben. Die Krast der Einbildung, durch diese Besitzungen in partibus infidelium sich glucklich zu dunken, machte, dass die Herren Besitzer, besonders in den heiligen Zusammenkunften, nicht aufhoren konnten, sich von ihren Vorzugen zu uberzeugen. Wirklich Geheimer Rath und Geheimer Rath sind die hochsten Stellen in unseren Staaten, sagte der hohe Obere bei einer schicklichen oder unschicklichen Gelegenheit; siehe da, neuer Bruder! Du bist geheimer, wirklich geheimer Ritter. Je mehr Guter wir in der That besitzen, desto mehr Sorgen drucken uns; bei unsern Prabenden ist kein Schatten von Widerwartigkeit. Selig sind die Besitzer in partibus infidelium; denn die ganze Welt und das Himmelreich ist ihre! Eine sauber gestochene Karte von diesen Besitzungen lag bei diesen Nachrichten, die ich, um die Kosten zu sparen, diesem . nicht beifugen will. Das meiste in der Welt wird in der Einbildung genossen, gehofft und gefurchtet; und so waren unsere Grabesritter (thun regierende Herren nicht dessgleichen?) so eifersuchtig auf diese Besitzungen, als ob es Hals und Hand, Gut und Blut, Felder, Aecker und Wiesen galt. Wer aus meiner Lesewelt uber diese Eifersucht, diess Spielwerk und diese ganze Kinderei den Kopf schuttelt, ist (nach dem Ausspruch unseres Helden) in seinem Leben in keinem Grabes-Rittersaale gewesen, hat nicht bei einer schwachen Erleuchtung Manner in langen Manteln mit Kreuzen geziert wandeln und in eine denkwurdige Zeit vieler Jahrhunderte sich zuruckgezaubert gesehen. N u r d e r K i n d e r s i n n wird hergestellet. Der grosste Herr in der Welt, versichert der Ritter, kann solch ein hochwurdiges Schauspiel und solch ein herrliches Mahl nicht geben, wenn er Millionen verschwendet. Was diese Hohen thun, wird gleich zur Maskerade, und eine Art von Tollhaus. O! es ist allerliebst, zuweilen zu werden wie die Kinder, versichert der Ritter am Rande und glaubt, Freund Johannes wurde nicht ungern Grabesritter gewesen seyn oder gespielt haben.

Da der Vater unseres Helden als Johanniterritter nicht minder alles in der Karte besass, obgleich sein in Berlin negociirter Wechsel als das Receptionsquantum baar ersetzt werden musste hielt unser Held mit seinem wohlseligen Herrn Vater (die sechzehn Ahnen etwa abgerechnet, uber welche die Grabesritterschaft sich wegsetzte) nicht gleichen Schritt? Doch zog er seinen Orden, wie billig, vor, wegen des Alters, und weil der Johanniter-Orden offentlich, der GrabesOrden dagegen heimlich spielt. Hochlich freuete sich unser Grabesritter, dass der Tod ihn der Verpflichtung uberhoben hatte, mit seinem leiblichen Vater wegen der dem Grabesorden entzogenen Besitzungen rechten und Krieg fuhren zu durfen. Der Tod gleicht alles aus, was Menschen nicht ausgleichen konnen. Eldorado ist u n t e r der Erde, sagte unser Held. War es ihm als Grabesritter zu verdenken, dass er das O b e n furs erste aussetzte? Ach! wer weiss es, wo Eldorado eigentlich liegt? Ohne Zweifel war unser Held in seinem Element der unschuldigen Freuden seiner Jugend so lebhaft eingedeuk, dass sein Genuss wenigstens verdoppelt ward. Da standen wieder die zwolf Bogen, zu Ehren der zwolf Apostel von Helena erbanet, weil hier das Symbolum apostolicum verfertigt worden war. Da hatte er den Stein, den her Engel wegwalzte (Menschen thun es freilich nicht, die legen Steine), den Oelberg, den Bach Kidron, um einen Becher kalten Wassers, die Leiden dieser Zeit zu vertrinken, das Haus des Pontius Pilatus, das Schlafstubchen der Frau Gemahlin Excellenz, um so manches Staats- und Privatubel zu vertraumen und endlich das Haus Simeons: H e r r ! n u n l a s s e s t du deinen Diener in Frieden fahren. Kann das alles die grosse und kleine Welt geben ? Wahrlich, das beste, was noch in der Welt ist, besitzt man in der Karte. Der

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Knappe

der im Rosenthal'schen Jerusalem nicht so bekannt war, wie der Ritter, konnte sich nicht so leicht finden; er schien sich zu wundern, wie es in aller Welt zuginge, dass Grabesritter, so wie regierende Herren, sich von Besitzungen nennen konnten, in denen ihnen kein Nagel zugehorte, und, will's Gott, auch nicht zugehoren wird. Da Michael seinem Herrn in allen Graden und Orden knappengemass nachtrat konnt' er wohl vom Grabe ausgeschlossen werden? Seine Aufnahme war ohne Prunk. Er sagte selbst: ich sterbe, ohne lange krank zu seyn, und werde ohne Gelaute begraben! Wunderbar! (des Knappen eigene Worte, als man ihm die B e g l e i t u n g seines Herrn in den Grabesorden erschwerte) als wenn unser einer nicht auch sturbe! Ungeachtet schon ein hulfleistender oder dienender Bruder bei dem Ordenshause war, und diese Zahl statutengemass nicht vergrossert werden sollte, ward Michael, jedoch auf n a h e r e n Vortrag seines Herrn, angenommen: zum Vorrathe, der selten schadet! Der Pomp, der in dem Rittersaale herrschte, trug zu Michaels voller Zufriedenheit reichlich bei. Er selbst hatte den Vorzug, eine Art von Orjedermanns und jedes Tages Ding) wandelten Michael Zweifel an, und er war unvorsichtig genug, zu behaupten: er ware weit dankbarer gewesen, wenn der Orden geruhet hatte, ihm eine kleine Meierei in partibus fidelium, anzuweisen, die er gegen ganze Provinzen in partibus infidelium zu vertauschen kein arithmetisches Bedenken getragen haben wurde. "War denn der Frauleinsohn in seiner Meierei glucklich?" f r a g t e d e r R i t t e r ; "wird es Heraldicus junior seyn, der sie ihm abgekauft hat?" Michael hatte freilich dem Ritter erwiedern konnen, dass man mit Jerusalem auf der Karte sich hinlanglich begnugen konne, wenn man Rosenthal in natura habe. Indess fielen bei ihm nur selten verzweifelte Tage ein, er war einer der glaubigsten und frohesten im Orden; seinen eigentlichen Collegen, den alten hulfleistenden oder dienenden Bruder nicht ausgenommen, den zehn Meiereien gegen die Bosheiten e i n e s ungerathenen Sohnes, der ihm das Leben verbitterte, nicht entschadigt hatten. Unsere Damen wurden es mir kaum vergeben, wenn ich nicht naher an die

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Kleidung

der Ordensritter denken sollte. Sie war von den Chorherren des heiligen Grabes entlehnt. Zur Zeit, da sie sich im Besitze der heiligen Oerter zu Jerusalem befanden, waren sie weiss gekleidet. Man verwechselte die weisse mit der schwarzen Farbe und kleidete sich schwarz, zum Zeichen einer immerwahrenden Trauer, dass die Unglaubigen die Kirche des heiligen Grabes zu Jerusalem besassen. Unser Ordenshaus hatte ein schwarzes Unterkleid und einen weissen Mantel gewahlt. Ritter und Knappe hatten sich ohne Zweifel glucklich geglaubt, wenn man bloss bei diesem weinerlichen Lustspiele geblieben ware, ohne weiter an die Kunst, das Leben zu verlangern, die Kunst, sanft zu sterben und, was naturlich noch wichtiger war, die Kunst, mit Abgeschiedenen umzugehen, zu denken. Unser Ritter, ich wette, wurde sogar in dem Kammerlein der Frau Pontius Pilatus diese ihm vom Obern gegebenen Fingerzeige vertraumt und sich im Rittersaale hinreichend entschadigt haben, wenn die Obern nicht, ihrer Sache, ich weiss nicht, ob gewiss oder ungewiss? von selbst an diesen

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Unterricht

gedacht und ihn verpflichtet hatten, darum zu bitten. Die hocherleuchteten Herren legten es recht dazu an, dass er lange leben, sanft sterben und mit Abgeschiedenen sich einlassen, und sonst noch viel andere dergleichen, wo nicht hals-, so doch kopfbrechende Kunste treiben sollte. Wenn es nicht anders ist! Korper werden durch ihre Schwere zur Erde und zum Mittelpunkte derselben gezogen: sie sind Erde und sollen zur Erde werden; der Flug des Geistes geht himmelan, sagte der Obere. Und unser Ritter wollte nach diesem Wink, sowie sein Schildknappe, der Grabesritter- und Knappenschaft ungeachtet, weit lieber in Eldorado oben, als in Eldorado unten seyn. Nur brockenweise kann der U n t e r r i c h t ertheilt werden, sagte der Obere; doch ist hier ein Brocken, setzte er weislich hinzu, mehr werth, als sonst funf Brode, und waren sie auch von Weizen, und eine grosse Schussel Lachsforellen. Je spater der Donner auf den Blitz folgt, desto weiter ist man von der Gewitterwolke.

Der Ritter ward, w i e e r b e m e r k t e , so okonomisch mit kleinen Tropfen und Brocken gespeist und getrankt, dass sein emsiger Herr Grossvater mutder angesehen werden konnte.

Auch hatte dieser Unterricht keine Verbindung, und ich habe keinen Beruf, die Korbe zu flechten. Das Aergste vom Argen ist, dass ich bei weitem den grossten Theil verhangt finde. Jede B r o c k e n s t u n d e fing an und ward mit den Worten beschlossen: Es bluhe uns die R o s e v o n J e r i c h o , und neben ihr die bescheidene Blume j e l a n g e r j e l i e ber!

Michael, der gegen diese hohe Weisheit nicht drei, neun und zehn Meierhofe eingetauscht hatte, munterte den Ritter zu dieser Korbsammlung auf. Am glucklichsten war' er gewesen, wenn er einen davon seinem Gamaliel zuzuwenden die Erlaubniss gehabt hatte, der in Hinsicht der Geheimnisse schon von Natur H a h n c h e n i m K o r b e zu seyn, was soll man sagen? sich dunkte, oder wunschte? wie Michael sich ein wenig zu gesucht nach seiner Protagorasweise ausdruckte. Nach der Versicherung des Obern vom Ordenshause zu schliessen, musste ein Brocken Gamalieln gesattigt haben sein Lebenlang.

Weltweisheit ist ein Spitzname, den man der Philosophie beigelegt hat. Vielleicht thaten es die Kirchenvater, um sie vom Christenthum zu unterscheiden. In diesem Sinn ist Philosophie nichts anders, als Lebensartlehre, Tanzkunst der Seele; und die, welche Philosophie besitzen, sind Hofleute im hochsten Grade. Die eigentliche Philosophie, die sich mit der allgemeinen inneren Beschaffenheit der Dinge abgibt, war das Werk weniger Edlen, der Vorzug unserer V o r v a t e r . Von ihnen schreibt sich die Bemerkung her, dass die Philosophie in der Kunst zu sterben bestehe. Die Philosophen und T h e o l o g e n (wenn man diesen letzten vermessenen Ausdruck brauchen darf) der alten Welt waren e i n s ; und da die Philosophie alles geistig richtet, so kommt ihren Liebhabern eigentlich der Name G e i s t l i c h e zu, der, wenn man ihm den Namen w e l t l i c h entgegensetzt, die Sache noch deutlicher zu machen scheint. Man wendet oft die Gesetze der Naturlehre im gemeinsten Leben an, ohne sie einzusehen und ihnen nur einen Blick der Aufmerksamkeit und Erkenntlichkeit zuzuwenden.

Bei jeder Sache von Wichtigkeit gibt es eine heilige Drei (das wusste man wohl in Rosenthal), und die Philosophie hat auch die ihrige: G o t t , W e l t , M e n s c h . Der Inbegriff von Begriffen und Kenntnissen von der kleinen Welt, dem Menschen, der grossen Welt, dem All und der Gottheit, ist die philosophische Dreieinigkeit, von der es (wie? das ist die Frage) im Geist und in der Wahrheit heissen kann: Diese Drei sind Eins.

Dass Gott der Herr selbst die Logik oder die philosophische Denk- und Sprachlehre dem ersten Menschen beigebracht habe, ist kein Zweifel, da zu dieser Frist die grosse und kleine Welt noch Kinder waren, und wenn Gott selbst nicht die Erziehung ubernommen hatte, was wurde wohl, besonders aus der kleinen Welt, dem Menschen, herausgekommen seyn? (Bei so grundlichem Elementarunterricht und bei einem solchen Lehrer war es Wunder, dass die Lernenden Riesenfortschritte machten?) Wer den Menschen in d e r Art berechnet, dass er vom Jager (heisst auch zugleich Fischer) zum Hirten, von diesem zum Ackerbauer, dann zum kleinen, dann zum grossen Burger gediehen; dass Stadte, wo Burger sich zu kleinen Gesellschaften verstanden, die Stifter der Staaten gewesen, wodurch Ungleichheit des Standes, Kraft, Macht, Gewalt, Gesetzgebung, gesellschaftliche Tugend, allgemeine Religion entstanden; mag immer kein ganz verwerflicher politischer Rechenmeister seyn; in unserm Orden was gilt er? Wenig oder nichts!

Vom Konige Salomo (einem grossen Ordensmanne) heisst es: er redete von Baumen, von der Ceder auf Libanon bis an den Ysop, der aus der Wand wachst; auch redete er von Vieh, von Vogeln, von Gewurmen und von Fischen. Und diese Leichenrede gilt von Adam, mit dem vorzuglichen Unterschiede, dass Adam nicht nur in der Physik, sondern auch in der Metaphysik kunstgerecht war. Er verstand genau, was die profanen Theologen s c h a f f e n und e r h a l t e n , wir aber s c h a f f e n und v e r w a n d e l n heissen, und hatte das Gluck, nicht blosser Speculirer zu seyn. Er drang in das W e s e n , ja das Wesen jeder Sache; sah wachsen alles, was zu wachsen fahig war, obgleich jetzt die grossten Beschauer nur Gras wachsen h o r e n konnen; wusste, was jetzt wenige wissen (gibt es eine Sache, die man nicht anzugreifen, zu bezweifeln und oft, wenn das Ungluck gut ist, gar zu widerlegen im Stande ist?): nicht nur das Ja und das Nein von allem, sondern das Ja und Nichtja, nicht nur das Nein, sondern auch das Nichtnein. (Etwas ganz anderes als Nein!) Von dieser verloren gegangenen Kunst, welche den Meister nicht verrath, gibt es noch schwache Anzeichen in manchen Sprachen. Der Paradieser Adam hatte es schier weit gebracht; und wenn gleich auch alle seine gefallenen Nachkommen und unter ihnen besonders wenige Auserwahlte, einige Kenntnisse von ihrem hohen Werthe besassen und Feuersteine zu seyn verstanden, um alles in der Welt als Stahl anzusehen, aus dem Funken spruhen; wenn sie gleich diese Kenntnisse auf ihre Zweige verpfropften und auf ihre Nachkommen verpflanzten, so besass Adam doch diese Kunst im Original in weit grosserem Umfange, und ausser ihr Kenntnisse der Geisterwelt.

Rubriken.

Erklarung des Wortes: A n f a n g , wenn vom Inbe

griff aller korperlichen Dinge geredet wird. Im Anfang schuf Was heisst hier schaffen?

Was bedeuten S a l z , S c h w e f e l und M e r c u

r i u s in der Chemie des Grabesordens?

Ausbrutung der Welt aus einem Eichaos, wie sie zu

verstehen?

Die Erde ist in V e r b i n d u n g mit dem Weltall.

Wer ihre Schopfungsgeschichte ausser diesem Verhaltnisse erzahlt, ist nicht Mitglied unseres Ordens. Moses verbindet Welt und ihr glanzendes Sandkorn, die Erde. Diese V e r b i n d u n g kann nur von Eingeweihten begriffen werden.

Die Erde besteht nicht aus Tropfen aller andern

Himmelskorper, nicht aus Lichtschnuppen der Sonnen, sie ist solch ein Kernplanet, wie die ubrigen.

Die Naturlehrer geben Theorien; der Orden erhebt

sich bis zur Experimentalphysik im Unterricht: wie die Welt und ihr nicht ubelgerathenes Kind, die Erde, entstanden sey?

Geheimer Aufschluss des Umstandes, dass alle Pla

sich bewegen. Auch der Orden kommt vom Abend und geht nach Morgen, gerade so wie die Planeten unseres Sonnensystems.

Thun die Menschen wohl durch Kultur das p h y

s i s c h e Klima mancher Erdgegenden zu andern und ihr eine andere Beschaffenheit beizulegen? N a c h t l i c h t uber die Veranderungen, welche die Erde ausser der Mosaischen Ueberschwemmung erlitten, durch Feuer Wasser Veranderung der Achse und sonst

Adam, urerster Mensch Nach ihm gab es viele

erste Menschen. Ein Manuscript von Sagen von Adam, Noa u.s.w. ausserst rar!

Die Schlange ist Adams Einbildungskraft, die er

seinen hoheren Seelenkraften vorzog. Noch jetzt ist sie schlangenartig Von der Einbildungsklapperschlange.

Er wollte sich nicht mit den Arten begnugen, die

Gott geschaffen hatte, sondern ihm gleich werden, indem er es zu u n n a t u r l i c h e n U n a r t e n anlegte. Ein wichtiges Kapitel; Naturverfalschungen uberall. Das waren Kennzeichen von dem Falle des Menschengeschlechts.

Es bleibt die Frage, ob er nicht selbst mit einer

Orangoutang einen straflichen Versuch machte.

Er chikanirte die Engel und that (Gott sey es ge

klagt!) als ware er ihr H e r r ! Warum das? Weil er ausser ihrem Wesen einen Korper trug. Freilich ein Meisterstuck; doch darum sich hoher als Engel zu dunken, ist es nicht zu arg? Das hatte der erste Grossmeister des Grabesordens nicht sollen!

H a u p t s c h l u s s e l k a p i t e l . Adam verlor eigentlich nicht den Schlussel der Natur, er verdarb ihn. Die Natur, die er unter diesem Schlussel hatte, ward so gut frei wie er selbst (Windlicht uber mehr Siebensachen.) Von diesem Schlussel, den Adam verlor, stammt der Ausdruck: d i e S c h l u s s e l d e s H i m m e l r e i c h s in gerader Linie ab und Salomons Clavicula ist Bastard.

Sein Fall ist das nicht, was man dafur halt. Ware Adam nicht so gut vor als nach dem Falle gestorben (in der hohern Ordenssprache verwandelt worden)? Gewiss weit unvermerkter und so allmahlig, wie man in der Musik vom piano ins pianissimo sinkt.

Eva hatte die Kinder so ausgeschuttet wie Blumen den reisen Samen.

Erklarung der Stelle, dass Eva bei der Geburt Kains glaubte, sie habe den Mann, den Herrn. Ein feiner Herr!

Adamitische Weisheit wird fortgepflanzt.

Namentliche Anzeige der Grossmeister dieser Weisen. Seth, Adams und Eva's Sohn, war Nachfolger. Von ihm heisst es: er war ein Edelmann, ein Sohn, der Adams Bilde ahnlich war. Grosser Vorzug! Ihm folgte Enos, ihm Kenan, ihm Mahalaleel, ihm Jared, ihm Henoch, der im Grabesorden ausserordentliche Kenntnisse besass. Moses deutet sie durch zwei Zuge an. H e n o c h , heisst es bei ihm, f u h r t e e i n gottliches Leben und Gott nahm ihn hinweg und ward nicht mehr geseh e n er schlief zur andern Welt hinuber. Gott gab es ihm im Schlaf. Er verwandelte sich so schnell wie man auf Operntheatern die Dekorationen und das ganze Theater verwandelt. Auch bei Grabesrittern neuerer Zeit findet, wenn sie sterben, der Ausdruck Anwendung: Gott nahm sie hinweg.

Dem Henoch folgte Methusalah, ihm Lamech, ihm Noa einer der denkwurdigsten Manner im Orden, nicht weil er sich betrank, sondern wegen seiner Geburt, die so einleuchtend ritterlich war, dass sein Vater prophezeite:

"Er wird uns trosten in unserer Muhe und Arbeit auf Erden, die der Herr verflucht hat."

Das Symbolum unseres Ordens, ein Wahlspruch aller Hospitalier, die da waren und noch sind und seyn werden. Die Physik der Erde hat auf die Moralitat der Menschen Einfluss! Auch die Erde hat Leib und Seele, ein ganz anderes Ding als die Weltseele, die sich vom Weltgeist unterscheidet. Wichtige Lehren.

Der Sundfluth eigentliche Deutung. In der Ordenssprache heisst sie Gnadenfluth. Die Erde ist durchs Wasser gebildet und ausgewaschen.

Was es heisst: die Kinder Gottes sahen nach den Tochtern der Menschen, wie sie schon waren, und nahmen zu Weibern, welche sie wollten. Etwa: sie mesalliirten sich?

Warum Noa den Raben vor der Taube aussendete?

Das Dichten des menschlichen Herzens ist bose von Jugend auf.

Der Regenbogen. (Hauptkapitel.)

Auf Sem ruhte von dem Dreiblatte der Sohne Noa's der Ordenssegen.

Nach Sem folgte Arphachsad, auf ihn Salah, auf ihn Eber, auf ihn Peleg, zu dessen Zeiten der Orden sich schon Besitzungen zueignete, welche zu deduciren wegen der mangelnden Archivnachrichten schwer seyn wurde. Nach Peleg folgte Regu, nach ihm Serug, nach ihm Nahor, nach ihm Thara, nach ihm

Abraham, dann Isaak und dann Jakob.

Jetzt treten die Namen ein, die vom Evangelisten Matthaus als Vorvater des Zimmermanns Joseph bemerkt sind. Ein Fingerzeig, der alle Zweifel wider diese genealogischen Nachrichten hebt, die eigentlich zu unserem Orden gehoren Was gehen sie profane Spotter an?

Die eigentliche biblische Exegetik wird aus dem Orden geschopft.

Die Grossmeister des Ordens oder ihre Legaten standen bei den Volksregierern in grossem Ansehen, wenn erstere nicht fur gut fanden, das Volk hochstselbst zu regieren. Gab es einen Regenten was war er? Ein kleines Licht, das die Nacht regiert. Und der Grossmeister? Die Sonne.

Geheim war der Orden von Anbeginn: vom paradiesischen A d a m bis auf den A d a m , R i t t e r vom Tage.

Christus, der unubertrefflichste Grabesmeister.

Erklarung der geheimen Orte, wo die ersten Christen ihre Geheimnisse feierten. Hohlen, worin sie zugleich die Todten begruben. Die Graber der Martyrer waren ihre Hauptkapellen.

Aufschlusse in der Kirchengeschichte, wovon der profanen Welt auch nicht traumt.

Vor der Existenz des judischen Volkes, und nach dem Risse des Vorhanges im Allerheiligsten des Tempels gab es die grossten Meister; doch ist der Stifter des neujudischen Volks, Moses nicht zu verachten. Er war bekanntlich ein grosser R i t t e r . Versah er es nicht vielleicht, weil er eine Religion, die in der ganzen Welt esoterisch und in Mysterien eingehullt war, dem Volke preisgab, das, wohl zu merken, hochst unreif war? Die Idee: Jehovah ist Konig in Israel, war schon und erhaben. Da dieser Konig sich einen Palast in Judaa bauen liess, Minister und Hofleute in Dienst nahm, war es Wunder, dass Israel auf einen sichtbaren Konig bestand?

Andere Staaten waren bloss anfanglich priesterliche Staaten; der judische blieb es noch, als er seinen Konig hatte. Der Geist Gottes kam uber Saul heisst: Saul war ein heimlicher I Moses theilte ihnen von seinem Geiste etwas mit, heisst: er gab ihnen den ersten Buchstaben seines Plans.

A e c h t e und f a l s c h e Propheten.

Geheimniss des Urim und Thummim. Der Orden von Licht und Recht ist der Grabesorden mit andern Worten.

Es gibt gleicharmige, es gibt Schnellwagen; bei diesen kann man mit einerlei Gegengewicht das Gewicht vieler und verschiedener Korper angeben: man ruckt das Gegengewicht bald naher, bald weiter vom Ruhepunkt. So auch mit dem Ordensunterrichte.

Etwas Eingebung oder gottlicher Einfluss, etwas

Paradiesisches ist bei aller Philosophie Tiefblikke ! Anschauer dieser gottlichen Aus- und Einflusse!

Speculation ist Zeitvertreib: Seelenstrickzeug, wodurch weder Strumpf noch Handschuh, noch Geldbeutel (der Seele namlich) zu Stande gebracht wird. Durch Beobachtungen des menschlichen Gefuhls und der Erfahrungen muss sich der Speculant leuchten lassen, sonst verirrt er sich selbst in seinem eigenen Hause. Subtilitatensucht ist Krankheit. Was ist magnetische Kraft? Elektricitat? Sympathie? Antipathie der Dinge? Was von allem gilt, gilt auch nothwendig von dem, was darunter begriffen ist. Was gilt aber von a l l e m ? und was ist d a r u n t e r b e g r i f f e n ? Ist nicht das strengste Recht Unrecht, und was Euch Widerspruch dunkt ist es immer einer? Sieht ein leuchtender Punkt, wenn er sich schnell um eine Achse bewegt, nicht wie ein Cirkel aus? und ist er darum mehr als ein Punkt? Ist nicht Licht und Schatten oft so in einander, dass man nicht weiss, was Schatten und was Licht ist?

Zustand der innern und aussern Rube, der Weltabgeschiedenheit und der Sicherheit ist zum Ordensleben nothwendig.

W i ss b e g i e r d e und W i ss g e i z , W i ss n e i d Trieb der geistigen und leiblichen Fortpflanzung. Begierde nach Vollkommenheit nach Vollstandigkeit. (Ein grosser Unterschied!)

Gang von der Sinnlichkeit zur Abstraktion. Zum Wunderbaren hat der Mensch naturlichen Hang, Ueberbleibsel des gottlichen Ebenbildes. Phantasie leitet Sinn und Verstand. In Bildern zu denken und zu sprechen ist dem Menschen eigen. Diese Welt ist die Bilderwelt. Das Wort Abstrahiren selbst ist ein Bildwort. In der Kindheit steht man alles in die Breite, als Jungling in die Lange, als Mann

Zoroaster

Hermes

Pythagoras

Die Pythagoraer waren grosse Zahlenlehrer. Wenn man, wegen der Affektionen und Verhaltnisse der Zahlen zu Dingen, die Dinge selbst fur Zahlen nehmen will, gibt der Orden sichere Fingerzeige. Der Herr kennt die Seinen.

Drei Vorhange!

Farbensprache

Die Federn und Pelze der Thiere enthalten Buchstaben, die man lesen kann wie gedruckte Schrift. Auch auf Blumen, Krautern und Gewachsen ist gottliche Handschrift. In diesem Sinne hat Gott selbst geschrieben und ist wirklich Schriftsteller. Es gab einen im Orden bekannten Gartner, der von seinen Tulpen, Nelken u.s.w., die, nachdem sie ihm viel oder wenig zu sagen hatten, sich viel oder wenig veranderten, Dinge las.

Ein Vorhang!

Geheime Aufschlusse uber P h y s i o g n o m i e .

Die Farben sagen Du, Ihr, Sie (um deutsch zu reden) zum Auge und zum Herzen.

Warum sich alle Volker ihren Gott als M a n n gedacht haben, und ihre Opfer in der Regel m a n n l i c h e n G e s c h l e c h t s waren?

Aus Feuchtigkeit entsteht alles, die Welt, der Mensch. Gemeinhin fangt die Naturwirkung mit Feuchtigkeit an und hort mit Feuer auf; mit Auflosung an, mit Verhartung auf. Der Geist schwebte auf den Wassern, soll, wie man sagt, heissen: ein starker Wind trocknete die Erde, sonderte Wasser und Erde ab. Im W i n d e liegt ein grosses Geheimniss du horst sein Sausen wohl, weisst aber nicht, von wannen er kommt, noch wohin er fahrt. Glaubt man nicht, wenn man von irdischen Dingen redet, wie will man glauben, wenn von himmlischen gehandelt wird? Wer Ohren hat zu horen, der hore! Das Buch der Weisheit wird zu den apokryphischen Buchern gezahlt. Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen. Alles Fluchtige, unsichtbar Wirkende hiess bei den Alten Geist. Theilbar ist nicht das, was der Gedanke trennt, sondern was wirklich durch Elemente aufgelost werden kann. So wie ein Licht ein anderes anzundet, ohne dadurch aufzuhoren ein Licht zu seyn, so theilt der Naturgeist sich mit. Der Magnet theilt dem Eisen seine Kraft mit, und was die Sonne bescheint, glanzt wie die Sonne, wie z.B. Moses Antlitz, als er vom Berge kam.

Warm, kalt, feucht, trocken sind die vier profanen Elemente, aus denen jedes Dinges Temperament besteht: Feuer, Luft, Wasser, Erde. (Die Chinesen rechnen Holz zu den Elementen.) Es sollten s i e b e n seyn, und es sind auch s i e b e n .

Wir wollen in die Zukunft sehen. Man blicke z u v o r zuruck, und d a n n vorwarts!

Ist unser Ich durchaus isolirt? In der Regel verbirgt die Natur uns den ersten unvollkommenen Zustand unserer Existenz und macht uns unfahig, uns der ersten Lebenserfahrungen zu erinnern; doch gibt es Ausnahmen. Es gibt Menschen im Orden, die ihr voriges Ich, ihre Vorexistenz, auf ein Haar kennen; sie haben nicht aus Lethe getrunken.

Prophetische Gaben wirken vorwarts und ruckwarts.

Tiefe Lehren von Vertauschung der Seelen; auch werden sie zuweilen vergriffen. Im ganzen Jahrhundert kommt kaum Eine hervor, die es werth ist, Seele zu seyn.

Fur und wider das Leben, fur und wider den Tod.

Alles verhangt.

Ich will mit R a n d g l o s s e n , mit einem Anhange von Lebensregeln, schliessen.

Was jener Reisende an verschiedenen Orten fand, trifft man oft in einer Stadt an. So viele Methusalems, so viele Arten, sein Leben auf siebenzig Jahre, und, wenn es hoch kommt, auf achtzig zu bringen. Der schreibt es dem Wasser, der dem Wein, der dem warmen, der dem kalten Klima, der starken, der schwachen Nerven, der dem heftigen, der dem sanften Charakter, dieser der Ruhe, jener der Unruhe zu; und am Ende liegt es in der Naturanlage des Menschen, die durch Massigkeit an Leib und Seele befordert wird. Ueberfluss entkraftet, Weichlichkeit macht stumpf, und nicht jede Brille ist den Augen angemessen. Heraldicus senior wusste befleckte und zerrissene Kleider auszubessern, zu reinigen und umzukehren; unsere Aerzte mit dem Seelenkleide nicht also. Systeme und Monarchien sind einander so ahnlich, wie Monarchen und Systematiker. Einfachheit und Kunst, das Reine vom Unreinen, den Segen vom Fluch, das Licht von Finsterniss zu scheiden, ist der Gipfel der Arzneikunst. Nicht in den ersten Dauungswegen, in das Wesen des Menschen, in seinen Geist muss der Arzt wirken, und widrige Dinge durch einen Mittler verbinden, wie Leib und Geist durch die Seele. Mein Hausmittel zum langen Leben ist: Fange wenig an und thue viel; geniesse heute so, dass du morgen zum Genusse nicht unfahig wirst; geniesse geistig oder durch die Einbildungskraft, da schadet z u v i e l so leicht nicht. Lerne Widerspruche auch von denen ertragen, die erst deiner Meinung waren und aus Nebenabsichten zurucktraten. Gehe langsam, allein sicher, Geduld ist nicht Abspannung; sie kann die hochste Anstrengung werden. Je weniger Bedurfnisse, desto mehr Genuss; ein Diamant von vorzuglicher Grosse gilt mehr, als viele Scheffel Scheidemunze. Durch Enthaltsamkeit vermehrt sich der Appetit, durch Kasteien die Fleischeslust. Bei wenigen Bedurfnissen kann man grosser seyn als ein Furst. Nicht von Stern und Band, Urtheil und Recht, Stock und Degen, vom innern Wesen der Dinge und von der darauf gegrundeten Meinung des Weisen hangt die Ehre ab. Verliert man sie nicht gemeinhin, wenn man sie in den Gerichtshofen durch drei Instanzen gewann? Gemeinhin sucht die Justiz Nester, wenn die Vogel ausgeflogen sind. Sie nimmt dir oft das Deine, um von dem, was des andern ist, dir ein Drittheil zuzuwenden. Der Finanzier will Leibes-, der speculirende Philosoph Seelenluxus. Menschliche Allwissenheit ist unertraglicher und schadlicher, als Unwissenheit. Mit Praxis und Erfahrung anzufangen, ist der kurzeste und sicherste Weg. Hasse keinen, liebe die Menschen, sey wie ein Bischof Eines Weibes Mann; keines oder vieler Mann seyn, ist schadlich an Leib und Seele. Erschrick nicht uber jeden Knall, argere dich nicht uber jedes Sandkorn, das unter deinen Sohlen knistert. Thue recht, scheue niemand, gehe mit deinen Feinden so um, als ob sie deine Frennde werden konnen. Wer nicht zweifelt, weiss auch nicht; alles Gute ist der Rose gleich, die mit Dornen umgeben ist. Man kann unmoglich entscheiden, wenn keine Sachuntersuchung vorausging. Unmassiger Tadel ist ertraglicher, als unmassiges Lob. Faulheit ist das grosste Laster. Der Druck ist der beste, der dem Geschriebenen am nachsten kommt, und das Instrument das schonste, das der menschlichen Stimme am ahnlichsten ist. Ein junger Konig und ein alter Minister sind gemeinhin dem Staate nutzlicher, als ein junger Minister und ein alter Konig. Gehe nicht auf fremden Fussen, denke nicht mit bezahlten Kopfen, verdiene dein Brod nicht mit deines Nachsten Handen, hore und sieh mit eigenen Ohren und Augen, so wird es dir wohlgehen und du lange leben auf Erden. Nur der ist frei, der die Freiheit des andern ehrt. Leidenschaften stecken an; sie sind Tyrannen, die alles sturzen, was ihnen im Wege ist. Vergrossere dich nicht auf Kosten anderer. Der Neid geniesst so wenig, wonach er strebt, als der Geiz; er schadet, wenn er gleich sich selbst nicht nutzen kann. Weiche vor ihm, wie vor einer Kohle, die, wenn sie nicht brennt, schwarzt. Freunde sind Zeitdiebe; Feinde lehren uns die Zeit auskausen und uns in sie schicken. Freunde starken uns im Guten, Feinde machen, dass wir Fehler meiden. Fruhe Reue ist Herzens, spate Reue ist Verstandesrene; wenn beide zusammen sind, wird es gottliche Traurigkeit, die niemand gereut. Furcht macht den Gegner dreist; Muth ist ein Schwert, das nicht schlagt, doch das Schwert des Thoren und des Frevlers in der Scheide halt. Zu viel Kraft wirkt Ohnmacht. Messer, die man braucht, sind blank, die im Schranke stehen, greift der Rost an. Es gibt Dinge, wo um Verzeihung zu bitten unverzeihlich ist. Eigensinn und Festigkeit ist zweierlei. Nicht verfeinerte List, Tugend ist die Quelle menschlicher Gluckseligkeit. Es bluhe uns diese R o s e v o n J e r i c h o , und neben ihr die bescheidene Blume j e l a n g e r j e l i e b e r ! Gott ist ein Wesen, das aus Weisheit Thorheit schafft. Wo sind die Vernunftgrunde, die uns zu bestimmen im Stande sind die Tugend vorzuziehen, wenn es keine Aussicht jenseits des Grabes gibt? Alles lebt in der Natur. Ist der Tod nicht Leben, so fuhrt er dazu.

Mit diesen Worten endet sich der Unterricht; und wer von meiner Leserwelt in diesem Unterrichte vergebens den Unterricht sucht, und in diesem Garten nach dem Garten fragt, den frage ich, ob er die Geschichte von Lysias wisse? Lysias hatte eine Rechtsrede fur einen Freund aufgesetzt. Zum erstenmal schien sie dem Freunde vortrefflich, zum zweitenmal mittelmassig, zum drittenmal fand er sie matt und des Ausstreichens werth. Lysias lachelte. Werden denn die Richter sie mehr als einmal horen? sagte er zu dem Freunde.

Da der Orden des heiligen Grabes nicht nur Chorherren, sondern auch Chorfrauen hatte, und unserm Ritter nicht entgangen war, dass diese Chorfrauen Kloster in Spanien, Deutschland und andern Gegenden gehabt; so gab er sich nicht wenig Muhe, diesen regulirten C h o r f r a u e n d e s O r d e n s nachzuspuren. Die Endabsicht war Sophie. Je mehr sich Sophie versteckte, desto grosser war seine Sehnsucht; je entfernter sie schien, desto naher suchte er sie sich zu bringen. Es war kein gemeiner Gedanke, sein Ideal von Sophien malen, und ihm ein Chorkleid der regulirten Chorfrauen vom Orden des heiligen Grabes anlegen zu lassen. Da Michael ihn ersuchte, ihm eine ahnliche Malerei in Rucksicht der Begleiterin zu verstatten, so bewilligte er die Kosten, und Michael hatte das Gluck, die Begleiterin als Pfortnerin im angemessenen Ordenskleide zu sehen und sich manche herrliche Stunde mit diesem Bilde, trotz seinem Herrn, zu machen. Zwar behaupten einige der ritterlichen Collegen unseres Helden, es gebe wirklich im Orden noch Chorfrauen; indess war dieses Ordenshaus ihnen nicht auf der Spur.

Ob ubrigens diess oder andere Umstande den Ritter und seinen Knappen bewogen, unbeschadet der tiefsten Verehrung, die sie fur den Grabesorden und seinen geheimen, wiewohl nur theoretischen Unterricht hatten, ihren Stab weiter zu setzen, kann ich nicht bestimmen. Unser Held wollte in Ordenssachen von A bis Z kommen; ist es ihm zu verargen, dass er zum Orden Sinai, Karmel, Tabor, und sodann des Thales Josaphat, zu schreiten sich entschloss? Vielleicht dass ein gluckliches Ungefahr, dacht' er, mich zur Praxis und zu jener hohern Region fuhrt, die ich durch meine Vorbehalte verscherzte. Doch ehe wir diese Berge und Thaler ab- und aufsteigen, will es die Lebensart, wenn es auch die Neugierde nicht wollte, dass wir uns nach den Chordamen dieser Geschichte umsehen, die uns zwar aus den Augen, nicht aber aus dem Sinne gekommen sind. Treffen wir auf diesen Wegen in Rosenthal ein, warum sollten wir nicht von Pastor Gamaliel und dem Heraldicus junior auf Extrapost vernehmen, wie sie sich bei ihrem Hange zur Freiheit und zu Geheimnissen befinden? Was die

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Ritterin

betrifft, so konnte diess edle Weib nicht ermuden, ihrem Sohne so viel Geld zu ubersenden, als er verlangte. Sie war nicht von der Art des Emsigen, der das Geld zu etwas erhoben, gegen das man Pflicht habe und haben konne. Fest uberzeugt, dass ihr Sohn die von ihr verlangten, unglaublich grossen Summen zu nichts als ritterlichen Uebungen anlege, war sie sogar frohlich uber jede Gelegenheit, die sie hatte, ihm Remessen machen zu konnen. Die Freude wirkt so stark auf das menschliche Herz, dass sie oft die Qulle aller Tugenden ist. Um diese Freude vollkommen zu machen, fugte sie jedem Wechsel den stillen, heissen Wunsch bei, dass ihr Sohn auf diesen Ritterwegen Sophien fande, in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit! Sie hatte seit der Zeit freilich nicht so viele Freier wie Penelope; doch begegnete sie ihnen auch anders als Madam Ulysses. Unter ihren funf Anwerbern war auch der dritte Kastenassessor, der nach dem sausten und seligen Ableben seiner Frau Gemahlin mit den Hollanderzahnen die funfzigtausend Thaler ohne Zinsen auf einem andern und sicherern Wege zu suchen sich Muhe gab. Er hatte seine Feder zu die er sich in der harten Rede herausnahm, welche er dem Herrn Senior unterschob. Die Ritterin konnte sich des schalkhaften Gedankens nicht enthalten, wie doch Konig David und sein Herr Sohn Salomo die wohlselige Frau Schwester in der ewigen Freude und Herrlichkeit empfangen wurden, da sie ihnen diesseits die Ehre der Ritterwurde so geradezu abschlug. Es ist naturlich zu erklaren, dass unsere Wittwe dem dritten Kastenherrn kein geneigtes Gehor verstattete. Alter Hass rostet so wenig wie alte Liebe. Wie, wenn es aber der jungste Kastenassessor ware? Und der? wurde ohne Zweifel keine, oder wenige Steine des Anstosses finden, weil er Sophien zur Firmelungszeit, und als sie dreimal mit wohlriechendem Wasser aus einer Patene besprengt ward, mit Trost beisprang; weil, wenn gleich ihr Vatername nebst dem e und dem Punkt auf dem i an ihrem einfachen Vornamen mit Tinte ersauft war, er sie doch gegen sein hassliches, sechzehn Ahnen und vier Vornamen reiches, und sich ohne Fleck im Grunen befindendes Weib, ohne einen Dreier Zugabe, zu vertauschen entschlossen war! Wer ist dieser Meinung? Leser oder Leserin? Ich wette, der mannliche Theil meiner Leserwelt. Siehe da! auch die Gemahlin des jungsten Kastenassessors hatte sich durch den Tod verschonert, und die hassliche Baronin war, wie wir nach der Liebe hoffen, in einen schonen Engel verwandelt. Auch hatte der jungste Assessor, um der Praclusion rechtskraftig auszuweichen, keine Zeit versaumt, sich zu melden. Er ermangelte nicht, zu behaupten, dass die Beibehaltung des Namens und die Aehnlichkeit, die er mit seinem in Gott ruhenden Herrn Vetter hatte, die zweite Ehe hochstens nur als die zweite Auflage eines Buches darstellen wurde. Wenn die Sonne, fugte der Anwerber hinzu, gegen den Regen scheint, entsteht ein Regenbogen, ein Zeichen der Gnade. Und die Antwort der Wittwe? war und blieb nein. Viel von einer Wittwe, die nicht nur reizend, sondern bezaubernd war, und der es gewiss nicht gleichgultig seyn konnte, zu wissen, dass sie geliebt ward! Liebe ist der Weg zur Gegenliebe, besonders, wenn diese jener werth ist. Als Madchen war Sophie schon, jetzt war sie erhaben. Vielleicht musste, mit Erlaubniss der Herrn Maler und Bildhauer, selbst Gottin Venus nie in zu grosser Jugend und in sehnsuchtsvollem Zustande (welcher den Teint, es sey durch Rothe oder Bleiche, verdirbt), dargestellt werden; wie Sophie, glaubt mir! wie Sophie. Wahrlich, es war eine Wurde in ihrer Figur, die sie uberall zur Alleinherrscherin macht, und doch nie anders, als durch zuvorkommende Gute. Selbst unter ihren Unterthanen herrschte sie nur so; was sie befahl, hatte die Form einer Bitte. Man sagt, feine Kunst verstande bei mehreren Jahren die Grazien verfuhrerischer zu ersetzen, womit die Natur die Jugend, ohne die Kunst zu bemuhen, ausstattet. Die Ritterin war noch immer ein wohlgezogenes Kind der Natur; auch in ihrem spatesten Alter wird sie keine andere Gottin haben neben ihr. Zwar schienen, wiewohl in anderer Rucksicht, Ritterin und Natur zuweilen uneins zu seyn; doch behielt die Natur den Sieg. Nach dem Ableben des ahnenreichen Gemahls war nur selten Streit zwischen Kunst und Natur, zwischen Weib und Baronin. Ein gewisses Ebenmass, das nichts weniger als peinlich war, legte dem edeln Weib eine Majestat bei; das Ungesuchte in ihrem Anzug liess dagegen eine gewisse leichte Ordnung (Unordnung ware ein zu starker Ausdruck) spuren, die entzuckte. Ihr Anzug bekeidete sie nicht, er umfloss sie. So umschweben Gewander die Gottinnen, wenn sie gemalt werden Kann man Gottinnen anders als im Deshabille sehen? Um nicht in den Verdacht zu fallen, ich sey (wie diess oft der Fall mit Schriftstellern seyn soll) in sie verliebt will ich abbrechen. Ihre abschlagigen Antworten wurden mit mehr Grazie gegeben, als bei tausend andern das Jawort. Ueberhaupt verstand sie nein zu sagen auf eine Weise, die unnachahmlich ist. Ich bin nicht Wittwe, sagte sie. Das Andenken meines Gemahls lebt in mir. Wenn man die Hauptflusse in Erwagung nimmt, die den wohlseligen Ritter zeitig befielen, ist fast nicht mit Gewissheit vorauszusetzen, dass sie durch seine personliche Abwesenheit nicht viel verlieren konnte?

Wahrlich, die Heldin unseres Helden, Fraulein Sophie von Unbekannt, kann die Gesellschaft Sophiens ohne e und den Punkt auf dem i nicht lange mehr missen, wenn sie nicht zu sehr in dieser Geschichte verlieren will. Niemand ist weniger schuld daran als ich. Zwar weiss ich, dass aufbrausender Enthusiasmus in der Liebe das Herz nicht selten zu Erwartungen verleitet, die ausserst schwer zu erfullen sind; doch muss alles, Warten und Erfullen, Hoffnung und Genuss, seine Zeit haben. Ober ist vielleicht

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Fraulein von Unbekannt

ein Wesen hoherer Art? eine Halb- oder Huldgottin? Wird diese Liebe geistig bleiben? sich in Dunst wesenloser Dinge auflosen, und nie zu That und Wahrheit gelangen? sich bloss in die Krafte der Seele, nicht aber in die des Korpers ergiessen? Der Besuch Sophiens von Unbekannt in Rosenthal war in der That nicht bloss geistig. Sie sollte unsern Helden sehen und sich sehen lassen. Und warum Zuruckhaltung? Die Erscheinung in Rosenthal war angelegt. Die Nachbarschaft wusste in der That nichts mehr, nichts weniger, als was sie beichtete; und unserer Erschienenen ward heit um so leichter, da auch sie die geheime Absicht derselben nicht kannte. Der junge Cavalier, mit dem sie drei Viertelstunden sich unterhielt, war ihr weitlaufiger Vetter. Er ward in diese Scene so wie Sophie verflochten, ohne den Zusammenhang zu wissen. Ist die gute Nachbarin durch geheime Einflusse krank gewesen, so nahm Fraulein von Unbekannt an diesem Geheimnisse keinen Theil; und ihr Auflegen der Hande war eine gewohnliche Art, durch dergleichen Handedruck den Kopfschmerz zu betauben. Diese Krankheit der Nachbarin konnte unserer Unbekannt nicht glucklicher und nicht unglucklicher kommen. Unschuldige, unbefangene Herzen sind schnell uberwunden, sie widerstehen entweder gar nicht, ober so unbeholfen, dass, wenn nicht der geliebte Gegenstand (im Fall er namlich in ebenderselben Lage ist), so doch alle Umstehenden gleich wissen, woran man mit ihnen ist. Fliehen ist in diesen Herzensnothen das beste. Gewiss ware unser Paar nicht beim A B C der Liebe geblieben, wenn die Nachbarin nicht so plotzlich hatte aufbrechen mussen. Dass Sophie von Unbekannt nicht von sich abhing, darf ich das bemerken? Sie hatte die Hauptrolle dieses Schauspiels, und spielte sie schon, ohne dass sie woher? und wohin? wusste. Ob der gluckliche Erfolg dem im Verborgenen wirkenden Schopfer dieses Werkes Freude gemacht? Allerdings; doch leider nur auf eine kurze Zeit. Eben da er es vollenden wollte, begann der Ritter auf Ordenswegen seinen Kreuzzug nach Sophien. Ein Umstand, der den Schopfer aus seinem ganzen Concept brachte. Ob ihn sein Schauspiel gereute? Er hielt es fur einen misslungenen Kreuzzug; doch war er ein Welt- und Menschenkenner, der so leicht nichts aufgab, was er angelegt hatte. Wer wird Umstanden seinen Plan aufopfern? Der Schopfer glaubte den besten Theil zu ergreifen, wenn er Sophien abwechselnd in der Einsamkeit ihr Ideal verherrlichen liess, um in der grossen Welt, wohin er sie zuweilen brachte, sich desto mehr zu uberzeugen, wie unerreichbar ihr Ideal sey. Auch gut, dachte er, dass der junge Mann kreuzzieht. Sein Hang zur Schwarmerei wird sich legen, wenn er der Sache naher tritt. Legt sich nicht durch nahere Bekanntschaft des angebeteten Gegenstandes alles? So und nicht anders bemuhte sich unser w e i s e r S c h o p f e r , Ungluck zum Gluck umzuformen. Wer wollte auch unterliegen und nicht das nagende Gift unangenehmer Vorfalle lieber schnell loszuwerden suchen, als es mit sich herumtragen? Sehnsucht und Abwesenheit brachten bei Sophien von Unbekannt das Ideal zu einer Grosse und Wurde, dass es keinem in der Welt einfallen konnte, ihr hochgespanntes Verlangen konne von irgend einem Sterblichen, als ihrem Vielgeliebten, befriedigt werden. Auf diese Weise ist unser Ritter seinem Ziele naher, als wir glauben? So scheint es; doch schlaft der Verrather? Unser Dreiviertelstundencavalier, der in dem angezettelten Schauspiel auf keine Weise den Liebhaber spielen sollte, nahm sich die Freiheit, sich sterblich in Sophien von Unbekannt zu verlieben. In eine Verlobte? In diesem Lichte war freilich Sophie dem Schauspieler gezeigt; und eben dieses Licht machte, dass er seine Leidenschaft zu unterdrucken und sie in der tiefsten Dunkelheit zu lassen sich entschloss. Wie weit er es in dieser Starke der Seele gebracht hatte, weiss ich nicht; doch weiss ich, dass die Don-Quichotterien des Ritters, den er (so weit war es gekommen) als seinen Nebenbuhler ansah, ihn von Tage zu Tage mehr aufmunterten. Wenn mehr als eine Leidenschaft in der Seele wuthet, verstarken sie sich unter einander. Furcht, Hoffnung, Neid und zugellose Liebe wechselten in unserm Cavalier und machten ihn so leidenschaftlich, dass auch die Liebe zu Sophien auf den hochsten Grad gestiegen war. Er benutzte nicht nur die weitlauftige Verwandtschaft, wenn Sophie sich auf dem Lande befand, sondern auch ihren Aufenthalt in der Stadt, um sie zu gewinnen. Alles schlug fehl. So heftig er liebte, so sehr wusst' er sich zu verstellen. Er war Meister in dieser Kunst, und an Gelegenheit fehlt' es ihm nicht, sich durch Uebung weiter zu bringen. Der Liebesteufel, von dem der Eheteufel ein Verwandter ist, geht nicht umher, wie ein brullender Lowe, und suchet, welchen er verschlinge, sondern nimmt Gestalten an nach Herzenslust. Sophie von Unbekannt war viel zu edel, um Ausdrucke und Gefuhle gegen einander abzuwagen, und unser Cavalier war viel zu listig und zu gekunstelt, um aufgedeckt zu spielen. Der Duldsamste schlagt in Flammen auf, wenn er uberrascht wird, und es gibt kleine, unbemerkliche Falle, wo man auch dem treuesten Herzen heimliches Gift beibringen und ihm den Freund seines Herzens allmahlig verdachtig machen kann. So unser Cavalier. Um ein Ideal zu sturzen (das wusste unser Verrather wohl), muss man nicht Sturm laufen. Er verstand, jedem Zeitpunkte und jedem Umstande, wenn beides noch so gesucht war, ein ungesuchtes Ansehen beizulegen, um unsern A B C zu sturzen. Ungefahre machen alles bei Hass und Liebe. Auch thun hier Anspielungen, Einkleidungen und uberhaupt feine Geburten der Erfindungskraft unendlich mehr als Worte. Je leiser und unschuldiger die Aeusserung ist, desto mehr wird gewonnen! Spielt nicht der Neid oft so allerliebst, dass diess Laster fur baare Tugend gilt, so wie die Tugend oft am meisten verkannt wird, wenn sie sich zur hochsten Stufe der Reinheit erhebt ? L a c h e r l i c h k e i t und V e r s c h w e n d u n g waren ausser der Vernachlassigung die Hauptkarten, die unser Cavalier ausspielte. Ein paar grosse Trumpfe! Sophie von Unbekannt war selbst eine Schwarmerin, und man sagt, alle Schwarmer und Schwarmerinnen verstanden einander. Mit wie viel Kunst musst' es also der Cavalier anlegen, unsern A B C lacherlich darzustellen! Es gibt Menschen, die durch einen Zug den besten, edelsten Mann travestiren konnen; und unser Cavalier hatte diese Gabe, die er mit einer Feinheit anwandte, dass er auch hier Meister war. Er war Mitglied geheimer Gesellschaften; und wer ist es nicht? Diess erleichterte seine Rolle. Zwar wusste er (zu unseres Ritters Gluck) kein lebendiges Wort von Trophonius Hohle und wie nahe unser A B C hier der Verlobung mit einer Furie war; doch brachte ihn seine Dreistigkeit, die bis zur Unverschamtheit ging, ausser Trophonius Hohle und der ehelustigen Furie auf tausend Dinge. Je mehr Ideal, desto besser, um ein Ideal zu bekampfen. Die Verschwendung des Ritters unterstutzte diese Vorstellungen. Zur Oekonomie bestimmt, missfallt es jedem Madchen, wenn der Liebhaber, ausser der Grenze desselben, verschwendet; und freilich waren die Summen betrachtlich, die unser Ritter gebrauchte. Ist es Vernachlassigung, dachte Sophie von Unbekannt, wenn A B C die Welt durchzieht, ohne zum Ziele zu kommen? Weiss er, dass ich ihn liebe? Wird er nicht vielleicht so aufgehalten und ins Weite gefuhrt, wie ich? Sucht er nicht seine Vielgeliebte, wie ich den Vielgeliebten? Wie aber, ist er nicht Mann? Liegt es ihm nicht ob, den ersten Schritt zu thun und die Hindernisse zu brechen, die uns scheiden? Wenn das andere Geschlecht einmal vom Gedanken ergriffen wird, es werde vernachlassigt, vermuthet es immer das Aergste. Unser Verrather vertrat diesen Weg gewiss nicht.

Sophie von Unbekannt, die sich im Stillen mit ihrem Vielgeliebten beschaftigte, hatte die Gewohnheit, zwei Bohnen in die Nahe zu setzen: eine war S i e , die andere E r . Werden sie sich umfassen? Werden sie sich scheiden? So fragte sie vor s i ch; und E r entfernte sich jederzeit, um sich mit seinen Nachbarn zu verwickeln. Arme Sophie! Sie taufte zwei Blumentopfe E r und S i e . Werden die Levkojen Knospen, Blatter, Bluthen gewinnen? S i e grunte und bluhte: E r verdorrte. Die Schwarmerin that bei einer solchen Anpflanzung feurige Wunsche; sie faltete ihre Hande daruber und benetzte den Baum E r mit Thranen. E r war nicht zu halten; leider! starb E r immer dahin. Und so ging es mit allem, was E r hiess. Wunderbares Ungefahr! Nicht doch! der Gartner war erkauft. Sein kleiner Jakob durfte die Namen bei der Taufe nicht etwa erwittern; Sophie, die ihn lieb hatte, war gewohnt, es ihm von selbst deutlich zu machen (er war freilich nicht Liebhaber, ein Freund, ein Bekannter, e i n was weiss ich); und die Muhe, die der Vater des kleinen Jakobs sich gab, I h n ausgehen zu lassen, ward reichlich belohnt. Darf ich sagen, von wem? Die Kammerzofe war sehr fur I h n ; und als einst ihre Herrschaft der Verzweiflung naher als sonst war, bestand sie auf noch eine Probe. Da auch diese nicht minder fehlschlug, suche sie die Schwarmerin mit dem Gedanken zu beruhigen, dass es Schwarmerei ware. Noch die beiden Nelkentopfe. Gut! E r und S i e wurden ausgesetzt. Anfanglich liess es sich mit ihm herrlich an, weil der Gartner nicht Gelegenheit hatte, seine Hand an I h n zu legen; bald aber verdorrte auch dieser E r . Warum? Der Gartner wusste sich einzuschleichen und schnitt dem Nelkenstocke die Wurzeln ab. Wird der Zofe jetzt noch ein Ausweg ubrig bleiben? Noch Einer! es mit zwei Baumen zu versuchen! Armer E r , der du dem Gartner so zur Hand bist! Es ward dieser allerletzte Versuch genehmigt der so gut wie verloren ist. Und wird sich denn die Festung Unbekannt noch langer halten? Es ist die Frage. Man sagt, es sey jede, wenn nicht durch Sturm, so durch List zu uberwinden. Wahrlich es ist alles zu furchten! Der

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Meierhof,

den Heraldicus junior vom Frauleinsohne gekauft hatte, war in ein Museum verwandelt. Ganz hing der jetzige Eigenthumer seiner Philosophie nach; und wenn gleich seine eingeschlafenen Dienstleute zuweilen den Jakobinismus ihm nicht wohlfeilen Kaufs liessen, so glaubte er doch, dass es an den eingeschrankten Begriffen dieser Menschen lage, und dass, wenn sie aufgeklarter waren, sie auch in einem ganz andern Leben wandeln wurden. Herr, starke uns diesen Glauben! Wenn gleich Pastor Gamaliel in Betracht seiner Grundsatze mit ihm nicht in Gemeinschaft der Kopfe lebte, so besuchten sie sich doch zuweilen, und dann war des Streits kein Ende, so dass die sonst duldsame Pastorin zuweilen nicht ermangeln konnte, "Friede sey mit Euch!" den streitenden Parteien zu gebieten. Ein zu heftiger Streit im Pastorat hatte beide wirklich etwas entzweit, und Heraldicus junior blieb langer als gewohnlich aus. Der Pastor hielt seine Grundsatze zu sehr in Ehren, um den ersten Versohnungsschritt zu thun. Auf einmal fiel es dem Heraldicus junior ein, das K r e u z - und R i t t e r f e s t den z e h n t e n S o n n t a g n a c h T r i n i t a t i s in der Rosenthalnach dem Ableben ihres Gemahls an diesem Sonntage selten die Kirche; doch ward an demselben das ganze Pfarrhaus eingeladen. Man erinnerte sich mit Ruhrung des im himmlischen Jerusalem sich befindenden Ritters, so dass sein Sterbetag nicht mit mehr Andenken an Ihn gefeiert werden konnte. Heraldicus junior hatte im Schlosse freien Zutritt. Da er bei Gelegenheit dieses freien Zutritts ganz von ungefahr einen Blick auf Kathchen, die alteste Tochter des Pastors, warf, empfand er, trotz seines ubermuthigen Freiheitsbaumes, die Folgen dieses Blicks so sehr, dass er wirklich gefangen war. Ohre Zweifel trug zu diesen Folgen der Umstand bei, dass Kathchen einen Freier hatte, dem sie nicht ubel wollte, den aber der Vater, weil er das Ungluck hatte kein Literatus zu seyn, ungern zum Schwiegersohn haben mochte. Warum? Weil er sich mit ihm nicht gelehrt zanken konnte. Heraldicus junior war verliebt; und wenn gleich die Liebe immer dringend ist, musste die seinige es nicht um so mehr seyn, da ein andrer Freier ihm zuvorgekommen war? Ob wohl oder ubel? war nicht auszumachen; er konnte sich nicht entbrechen, den Pastor zu bitten, dass er den Zuschlag noch aussetzen mochte. Diess ward ihm mit versohntem Herzen verheissen. Bisher hatte sich Heraldicus junior oft in Gegenwart der Pastorin und Kathchens beruhmt, auch in Hinsicht der Liebe wurde sein Herz frei leben und sterben. Er mochte auch wirklich versucht haben, sich vor Blicken, deren Einer ihm heute so gefahrlich ward, zu verwahren; aber sein Stundlein blieb nicht aus. Schon den andern Tag war Heraldicus junior wieder da. Es geht, fing er zu Gamalieln an, mit der Liebe, wie mit dem Blitz. Man trete immerhin auf elektrische Korper, man elektrisire sich sogar wahrend des Gewitters hilft es? Wahrlich nicht! Da glauben einige, das Gerausch der Welt zerstreue Liebesgedanken. Wahrlich kein Universalmittel! Wenn Kanonen abgeschossen und die Glocken gelautet werden, hilft es gegen Gewitter? Zuweilen freilich werden hierdurch Gewitterwolken zerstreuet, zuweilen aber naher herbeigezogen. Ist das Herz zur Liebe reif, hat man den Gegenstand seiner Neigung auch nur in Gedanken gesehen: was helfen Zerstreuungen? Man will Zerstreuungen zerstreuen. Der Donnerschirm der Freiheit? Ich hab' ihn in Segen gebraucht; jetzt sagt er mir seine Dienste auf. Er hatte Kathchens Vater wohlbedachtig bloss um Aufschub gebeten, und der war ihm auch zugesichert. Um Aufschub ? Er glaubte es noch in seiner Gewalt zu haben, die Zerstorung seiner Freiheit abzuwenden; doch war der Freiheitsbaum so umgeworfen, dass er um das Ja bat, und es von Kathchen nach vielen Kreuz- und Quer-Bedenklichkeiten erhielt. Auch beim endlichen Ja schwebte ein Wolkchen der Schwermuth in ihren schonen schwarzen Augen, das sich hoffentlich verziehen wird. Ihre Schwierigkeiten gossen Oel zum Feuer. Freund, sagte Gamaliel, es geht der Freiheit wie den meisten Dingen in der Welt: man erfindet nicht Sachen, sondern Worter; und was hilft es, die Uhr durch Nachhulfe richtig zeigen und richtig schlagen zu lassen, wenn das Triebwerk verdorben ist ? Sie wissen, Herr Sohn, was Erbsunde und Sundenfall ist: Eingeschranktheit unserer Natur; und wenn der Mensch nicht durch ubernaturliche Hulfe Ware die Pastorin nicht ins Wort gefallen, es ware ohne Zwist, den diessmal Gamaliel erhob, nicht abgegangen. Doch konnte der Schwiegervater nicht umhin nachzuholen, dass Freiheit fur den denkenden Mann ein Geschenk des Himmels, fur den gemeinen Haufen ein Dolch ware, um allem, was begluckt und erfreut, das Leben zu nehmen. Muss es denn ein Freistaat seyn, wenn die Grundsteine des Rechts, der Vernunft, der Gerechtigkeit und der Gluckseligkeit gelegt werden sollen? Eben so leicht will ich an die Existenz verwunschter Prinzessinnen und ihrer Entzauberung glauben, als mich uberzeugen, dass alle unvermeidlichen, mit jeder Gesellschaft amalgamirten Burden gebornen Oberen zur Last zu legen sind. Hatte heute doch Gamaliel an meiner Stelle die Anekdote vom Freiheits-Herold Fox in England gelesen! Foxens Vater, Lord Schatzmeister, war Schuld an einem Defect von anderthalb Millionen Pfund Sterling. Die Sache kam vor das Unterhaus. Und die Auskunft des Sohnes? Funfmalhunderttausend Pfund kommen auf meine Rechnung; mein Bruder wird mir nicht nachstehen, und ist fur einen Lord Schatzmeister eine gleiche Summe wohl zu viel? Wahrlich! die Menschen mussen noch viel weiter fortrucken, nicht im Wissen, im Thun, wenn Freiheit ein Wort des Lebens zum Leben seyn soll, sagte der Pastor; und als ihn sein Schwiegersohn in die Enge treiben wollte, fugte er hinzu: Lasst sich nicht alles in ein System zwingen, wenn man List und Gewalt braucht, und nach der Philosophen Weise alles an Einen Nagel hangt, mit Einem Bande bindet? Die Menschen wissen gemeinhin nicht, was sie wollen. Glauben Sie, Herr Sohn: Despotie ist leichter als Freiheit zu tragen.

Ob der Herr Sohn glaubte? Ich zweifle.

Nicht lange nach diesen Tagen hatte der Glaube des jungen Ehemannes mehr zu thun. Durch seine Ueberzeugung, dass in Dingen von weniger Bedeutung die Meinung des Schwachern und nicht des Starkern durchgehen musse, gewann Kathchen mit seinem guten Willen so zusehends die Obermacht, dass der Ehemann selbst das Band zusammenzog, um sich zu binden, und unser Freiheitsherold befindet sich nicht ubel unter dem Pantoffeljoche seiner Gattin, hinreichend befriedigt, bloss gegen seinen Schwiegervater die Ehre der Freiheit behaupten zu konnen. Wollen die meisten Menschen mehr als die Freiheit, von der Freiheit sprechen zu konnen? Man sagt, es gehoren durchaus Fehler, wenn gleich nicht zu grosse, dazu, um eine Ehe glucklich zu machen. Der Orden vom

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Thal Josaphat

hatte viel Aehnlichkeit mit den bekannten Orden zu la Trappe und dem Orden des heiligen Grabes; nur waren hierbei nicht die mindesten weltlichen Aussichten, vielmehr schien alles Seltene und Schwere aus den vier Hauptregeln des heiligen Basilius, des heiligen Augustinus, des heiligen Benedictus und des heiligen Franciscus in den Vorschriften dieses Ordens zusammengetragen zu seyn. Ein grosser Trost fur unsern aufgenommenen Helden war, dass bei jeder dieser Regeln dispensable stand, so dass am Ende nichts weiter ubrig blieb, als:

Die Pflicht, sieben Stunden zu schlafen;

Zweimal sieben Stunden, es sey korperlich oder geistig, zu arbeiten und die ubrige Zeit sich zu vergnugen;

Ein Tagebuch von jedem Tage seines Lebens in der Art zu halten, dass uber Wachen und Schlafen ein be

Das siebente Jahr war ein Erlassjahr in Absicht der Tagebucher; dagegen sollten alsdann die gefuhrten Tagebucher durchgegangen werden, um zu bemerken, ob und in wie weit der Wachsthum im Guten zugenommen habe. Man trug in der Versammlung ein harenes Hemde, aber wohl gemerkt, uber dem Kleide. Der Orden gebot drei Tage in der Woche Wasser und Brod; aber nebenher konnte man sechs, auch mehr wohlgewahlte Schusseln und Weine geniessen. Der Ritter bemerkt, dass kein Orden unter allen, die er erhalten, von A bis Z und von Z bis A, Mitglieder gehabt, die so herrlich und in Freuden zu leben gewohnt gewesen, wie die Mitglieder des Ordens vom Thal Josaphat. Michael selbst hatte bei aller Strenge seiner Grundsatze die grosseste Muhe von der Welt, sich der Verfuhrung zur Unmassigkeit zu erwehren. Auch ward in keinem Orden mehr geschlafen und weniger gearbeitet als hier. Diess gab unserm Ritter und seinem Knappen zu vielen Bemerkungen Anlass, wiewohl es fuglich bei der einzigen Frage hatte bleiben konnen: Was kann Menschen bewegen, u b e r m e n s c h l i c h e D i n g e zu ubernehmen? Nie musse, sagte der Ritter, der Mensch einen Entschluss in einer traurigen Stimmung seines Gemuths fassen; nie musse er eine Lebensweise fur sein ganzes Leben erwahlen, und nie einen Vorsatz, ausser dem, Gutes zu thun, auf immer ergreifen. Zwar sey ein Entschluss, im Affekt genommen, gemeinhin kraftiger als einer bei Muthlosigkeit der Seele; doch sey ein durch Nachdenken zur Ruhe gebrachtes Gemuth allein im Stande, den Menschen richtig zu bestimmen, und diese Bestimmungen wurden es nie darauf anlegen, die Natur zu uberflugeln und sich Dinge zuzumuthen, die den Schein behaupteten und die Krafte verlaugneten. Da der Ritter indess bei sich fest beschlossen hatte, nie die Menschen auf eine und dieselbe Art zu beurtheilen, indem viele von ihnen bei ganz verschiedenen Handlungen eine und dieselbe Absicht hatten, wogegen sie auch bei verschiedenen Triebfedern in ihren Handlungen vollig ubereinstimmen konnten, so ward dem Thal-Josaphats-Orden, eben so wenig wie vielen andern Orden seines Gelichters, mit keiner Kritik zu nahe getreten. Wer nicht richtet, wird nicht gerichtet; wer nicht verdammt, wird nicht verdammt; wer gibt, dem wird gegeben. Thut nur, als wisset ihr mehr und ihr werdet andere finden, die bei euch in die Schule kommen. Jede Meinung in der Welt, mochte sie noch so sehr in Kreuz und Quer seyn, fand ihre Junger und Apostel. Ein Wort im Vertrauen, eine Hoffnungsaussicht macht Menschen, wenn nicht glucklich, so doch ruhig. Der Mensch ist zum Experimentiren geboren. Eine Beule am Kopf und am Herzen mehr oder minder was schadet sie? Wagen gewinnt, wagen verliert. Eins der Hauptstucke des Ordensarcans schien zu seyn, Fruchtbarkeit bei beiden Geschlechtern zu befordern. Fruchtbarkeit im Ordenssinne; das heisst: den Kindern nicht nur Schonheit und Starke des Leibes, sondern auch Schonheit und Starke der Seele beizulegen, wovon indess, leider! unser Held so wenig wie sein Knappe vorderhand Gebrauch machen konnte, da ihnen diese Rosen von Jericho und neben ihnen die bescheidenen Blumen Je langer je lieber noch nicht bluhten. Es kame, hiess es, auf Cultur des Akkers und guten Samen an; und die Zeit ware nahe, wo man auf wohl zugerichtetem Acker auf einmal viele grosse Seelen und starke Korper zum Vorschein bringen und auf die Erde setzen wurde, die nicht bloss durch Systeme ein besseres Loos fur die Menschen erschreiben oder (wie noch schwachere Menschen) es erhoffen, sondern alles erstreben wurden! Hosianna! Wenn dieses Ackerwerk und dieser gute Samen nicht vorausginge, was hulfen die besten Educationsanstalten? Eine geknickte Lilie begiessen, von einem wurzellosen Baume Fruchte fordern wer kann das?

Die Ceremonien bei der Aufnahme waren bei Josaphat gar nicht verhangt. Ich konnte sie in Lebensgrosse mittheilen und wurde es, wenn man sich hier nicht wie gewohnlich Ordensmuhe gegeben hatte, Anlagen durch Gottermaschinerien und Episoden aufzustutzen. In den Thalern, sagte Michael, ist in der Regel weniger Licht als auf Bergen. Und die

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Bergorden?

Freilich weder auf Moria noch auf Garizim ist den Menschen zu helfen; denn es ist eitel Betrug mit allen Hugeln und Bergen, den Berg aller Berge, der jetzt in Paris Gesetz gibt, nicht ausgenommen. Cultivirt der Mensch nicht seine intellektuellen Krafte, bleibt sein Charakter unveredelt, erhoht er sich nicht zum Selbstgenuss, was helfen Thaler und Berge? Doch soll Schwarmerei auf Gebirgen Hutten bauen? Ist das Empfehlung? Ist in gigantischen Systemen von Schwindelei und in anigmatischen Vortragen nicht mindestens eine Art von Kraftanstrengung, von Seelenerhebung, wie auf unsern Bergen? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Fangt man doch Wallfische mit Tonnen, sagte einst Johannes, warnm sollte man im Orden sich mehr Muhe geben, wo gemeinhin nichts weniger als Wallfische zu fangen sind! So viel ist gewiss, dass viele der Vergiften zu wissen glaubten, was sie nicht wussten, und diese wollten andere in der Unschuld ihres Herzens glauben machen, dass sie wussten. Viele von den Bergen, so scheint es mir, hatten sich nicht einmal die leichteste Muhe von allen gegeben zu glauben: es fehle ihnen an Zeit, weil sie che wegen der hohen Zuthat, die man hineinzulegen gewusst hat, nicht hassenswurdig sind; an Liebenswurdigkeit wurden sie grenzen, wenn nicht Faulheit ihr Hauptingrediens ware. Und wie? ist der Mensch nicht Glaubensgeschopf? glaubt er nicht von Kindesbeinen an, bis er zum wirklichen Grabesorden kommt, wo es wahrlich am Glauben nicht gebrechen muss? Lasst gut seyn! Gewisse Schwarmereien sind fast unschadlich, sie verfolgen heisst sie befordern. Wer ein politisches Gebaude sturzen will, wird nicht die Zinne desselben ersteigen und mit einem Brecheisen seinen Endzweck k u n d u n d z u w i s s e n t h u n allen, denen daran gelegen und n i c h t g e l e g e n i s t unmerklich wird er es untergraben, damit es bei dem Sturz so aussehe, als hatte die Zeit es gesturzt. Man mache den Hypochondristen krank, damit er einsehe, was krank seyn heisse, und er wird gesund werden. Probatum est. Man lasse den Hypochondristen hypochondrisch seyn, denn er weiss sonst nichts mit sich anzufangen. Auch probatum est.

Bei jedem Grad des Ordens, bei jedem neuen Orden hiess es: nach E l e u s i s ! Die Processionen, die an diesen und jenen heiligen Ort gingen, hatten fur unsern Ritter und seinen Knappen (wahrlich es war ein guter Glaubensschlag von Menschen!) etwas Verfuhrerisches. Fast alle Menschen wollen die andere Welt nicht hoffen, sondern sehen und schmecken, besonders aber ist die liebe feurige Jugend ausserst himmelsuchtig, am besondersten, wenn sie verliebt ist. Sophie und die Zofe gehorten ohnehin zur unsichtbaren Welt. Auch gibt es gute Seelen, die den Himmel wie eine Promenade ansehen, um sich dort zu erholen, wenn ihnen diess Leben anekelt oder sie seiner Tage Last und Hitze getragen haben. Unser Ritter hatte, freilich auf Anrathen seines Johannes, Mosen und die Propheten, die Physik und Chemie zu seiner Zeit ganz gut studirt, doch selbst die Ohnmacht dieses Studiums brachte ihn zur Allmacht der sogenannten hohen Chemie und hohen Physik. Kenntnisse leicht und spielend zu fassen, die doch so viel reichlicher lohnen! Wirklich! Freilich angeblich, was halt aber Wort in der Welt? Ist es zu laugnen, dass in uns ein Zutrauen zu unbekannten Kraften liegt? Wer kennt die Gottheit? Man w o l l t e dem Ritter und seinem Knappen alles augenscheinlich beweisen und sie schmecken und sehen lassen. Kann man von Menschen mehr fordern als redlich w o l l e n ? Gibt es, wie man nicht ganz ablaugnen kann, angeborne Ideen, sagte der Ritter, ist alles Erforschen, Erlernen und Wissen Erinnerung, und findet sich hier und dort und da die selige Stunde, da wir lernen, was wir wussten, vielleicht (ein wonnereiches Vielleicht!) sind S o p h i e und ihre B e g l e i t e r i n , die wir in der Weite suchen, in der Nahe. Freilich nahm sich in den durchkreuzten Orden die Einbildungskraft fast immer heraus, das Experiment zu machen, ob sie gleich in der Regel von jedem Experiment gewissenhaft entfernt und abgesondert seyn sollte; doch merkten es entweder unsere Candidaten nicht oder sie wollten es nicht merken. Was verlier' ich, dachte der Ritter? Nichts als Geld. Und ist diess nicht da, um verloren zu werden? In der That, unser A B C konnte sich bei allen Ordensweihen mit der Reinheit seiner Absichten beruhigen; und da seinen Vorurtheilen und seiner Sinnlichkeit (beide nicht boser Art) geschmeichelt ward, fand er sich im Thale Josaphat ubel? und wird es ihm auf den Bergen missfallen?

Was ich langst hatte bemerken konnen, ist, dass er sich nie auf das Gold- oder Juwelenmachen einliess. Er verbat sogar diesen Unterricht mit Bescheidenheit und substituirte nicht nur diesen, sondern vielen andern Geheimnissverheissungen Sophien. Ob er sie auf den Bergen finden wird, wo man freilich weit herumblicken kann ? Michael, der gewiss die Zofe so zartlich liebte, wie sein Herr Sophien, war mit diesem Gold- und Diamantenverzicht unzufrieden, und ausserte die nicht ungrundliche Meinung, dass sich Gold und Juwelen mit Sophien und ihrer Zofe wohl vertrugen. Michael, sagte der Ritter, schamst du dich nicht, mit verbundenen Augen sehen und mit verstopften Ohren horen zu wollen? Der Knappe erwiederte: Ew. Gnaden haben mir selbst von einem Knaben erzahlt, der nach einem Hunde warf und seine Stiefmutter traf. Auch nicht unrecht, sagte der Knabe. Da die Receptionen auch da bezahlt wurden, wo es Gold und Juwelen regnete, was meint man: ob der Ritter oder der Knappe im Punkte des Goldes und der Juwelen Recht habe? N a c h E l e u s i s !

Von allen nur drei, sieben, neun bis zehn Worte. Bei der Aufnahme auf

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Karmel

ward, wie schon sonst, ein erschutterndes Getose gehort. Die Erde bebte und die schrecklichen Situationen, in die der Aufzunehmende gesetzt ward, endigten sich mit den sanften Strahlen des Phobus. Nichts neues vom Jahr. Man kann Nebenabsichten haben und doch Gutes befordern; man kann keine Absicht haben und doch etwas zu Stande bringen, was nicht allein nicht ubel, sondern heilsam und gut ist. Der Operationsplan auf Karmel war so versteckt, wie fast in allen andern Orden und Graden. War es Wunder, dass unser Ritter den Plan von Karmel aus der Aufnahme nicht abnehmen konnte? Lag es am KarmelorRitter selbst macht sich in der Glosse den Vorwurf, diess Werk mit zu wenig Lebhaftigkeit betrieben zu haben, um davon reife Fruchte zu ziehen. Kann Karmel fur diese zu wenige Lebhaftigkeit?

In einem Grade des Karmelordens ward die Kunst gelehrt, mit allem zu reden, die Zunge allem, was Zunge hat, zu losen und sogar alles Leblose in der Natur zu verstehen. Ein allerliebstes Conversatorium! Lass uns hier, liebe Leserwelt, mit Dank erkennen, dass wir im Grabesorden unter andern die Farben- und Zeichensprache lernten, wovon man durch eine gleichzeitige oder successive Verbindung und Vermischung eine gewisse Melodie und Harmonie schon im gemeinen Leben herausbringen kann. Armes gemeines Leben! deine Regeln der Ordnung und Uebereinstimmung gaben gegen die heilige Farbensprache kaum ein Buchstabirbuchlein ab, da man im Grabesorden lange Farbenreden zu halten ganz unbedenklich fand! Und was gilt diese Kunst gegen die Sprachlehre auf Karmel? Sie war eine der allerseltsamsten und schwersten. Unser Ritter, durch mancherlei Kunstvorfalle derselben uberrascht, wusste nicht, ob nicht wirklich der Kirschbaum ihn zu Gevatter und die Eiche zur Leichenfolge bat; ob die Tanne ihn nicht vor Ungluck gewarnt und die Birke ihn bedauert hatte. Ein schoner Bach unterhielt den Ritter mit den Gedanken, Worten und Werken seiner angebeteten Sophie von Unbekannt, er kam geraden Wegs von ihr. Obgleich der Ritter den ihm sonst so lieben Bach nicht verstehen konnte, so viele Muhe er sich auch gab, so war doch vermittelst eines Ordenstranslateurs ihm alles verstandlich. Man versprach ihm ein Universallexicon, welches er bei so vielen Zungen und Sprachen im Segen zu brauchen im Stande seyn wurde, doch findet sich ein NB. in den Nachrichten:

"Nicht erhalten!"

Auch hatte der Ritter die Ehre, einen geheiligten Papagei kennen zu lernen, der auf alle Fragen, wohl zu verstehen, in der weltublichen Sprache antwortete. Er verstand Deutsch, Franzosisch und Italienisch. Z.B. was denkt der Neuaufgenommene vom Karmelorden?

D e r P a p a g e i . Er ist unentschlossen.

Wird sein Glaube gestarkt werden?

Ja! sagte der Vogel, ob ich gleich, seiner Heiligung unbeschadet, in meinen Nachrichten Ursache zum Nein finde. Vom Orden auf

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Sinai?

Hier ward, wie es hiess, moralische Zauberei getrieben. Die Endabsicht des Menschen ist durch die hochste Bildung seiner Kraft zu einem Ganzen in Absicht seiner selbst und der Gesellschaft zu gelangen. Wie ist diese zu erreichen? Wie bringt der Mensch seine hohere Vervollkommnung zu Stande? Wie entsteht die Erschlaffung seines Wesens? Durch Liebe und Achtung wird der Mensch geadelt, durch Interesse entehrt, und nur, wenn er ins Allgemeine mit Verzicht auf alles, selbst auf Dank arbeitet; wenn er in sich die Menschheit, das gottliche Bild sieht und nichts zum Mittel erniedrigt, was die Ehre hat Zweck zu seyn; wenn er bei den Universalrecepten gegen die moralischen Uebel nicht vergisst die Natur des Individuums zu berechnen, das er beurtheilt: nur dann, dunkt mich, kann der Mensch sich einen moralischen Zauberer dunken, wenn anders Zauberei und Moral nicht zu heterogen sind.

Im Sinaiorden nicht also.

Die Gesetztafeln auf Sinai hatten den Menschen anders veranschlagt. Man gab secreta monita, nach welchen der Mensch sich selbst nichts und andern Priester die arme Seele. Man uberzeugte sich, dass Sklaverei von jeher glucklicher als Freiheit gemacht hatte. Volkstauschung, Maschinensklaverei waren die Hauptworter, um durch ein zwar barbarisches, doch universelles Mittel dem kleinern Theile durch Aufopferung des grossern Ruhe und Gemachlichkeit zuzusichern. Man suchte den Menschen von den Gutern des Geistes abzuleiten, die weder Motten noch Rost fressen, nach denen weder Diebe graben noch sie stehlen, die in Gluck und Ungluck uns nicht verlassen und die zuletzt zur Herrschaft der Sitten bringen, anstatt der Gesetze. Ach mit den lieben Gesetzen! Sind sie mehr als ubertunchte Graber? Weltklugheit galt auf Sinai, nicht Weisheit. Hochstens lernte man schlaue Kenntniss und richtige Beurtheilung alles dessen, was uns nutzlich und schadlich werden kann. Wenn zwei Kenntnisse zusammenkommen, hiess es, steht die eine, welche dir frommt, wie bei den Substantiven im Genitiv. Immerhin sey die gesetzgebende, richterliche und ausfuhrende Macht in der Despotie vereinigt! Weiss der Despot, wie es der Fall gewohnlich ist, keins von dieser Dreieinigkeit zu gebrauchen, desto besser; alsdann regieren Lieblinge. Es fuhre ein Geschlecht, welches es wolle, das Ruder, die Klugheit wird schon ergrunden, was Trumpf, das heisst wer Konig ist. Es muss Menschen geben, die, wenn sie nicht besser sind, so doch fur besser gehalten werden. Man lasse ihnen ja diese Ehre, wenn sie gleich nicht mehr thaten als mit dem Kopfe nicken, wahrend der Zeit du dir ihn zerbrachst. Ist es nicht besser Furst zu seyn als es zu heissen? Weder ein romischer Senatorschuh noch ein Kreuzpantoffel des heiligen Vaters schutzen vor dem Podagra. Sokrates ward durch bie Heliaa, durch ein V o l k s g e r i c h t , das aus 400 Personen bestand, zum Tode verurtheilt. Die Menschen sind entweder Tadler oder Schwatzer. Wer liest? wer merkt auf das, was er liest? Wer verwandelt das, was er liest, in Grundsatze? Wer sucht es zu uben und in Handlung zu zeigen? Im Freistaat ist jeder Monopolist; jeder sucht den Scepter an sich zu reissen. Man figurirt oder jakobinisirt. Krieg aller wider alle ist das naturlichste und beste. Sieh dich um! Eins frisst das andere in Gottes Welt, und Eheleute, die sich am oftesten entzweien, haben die meisten Kinder. So bleibt es immerdar. Was kann E i n Staat, der sich veniam aetatis erringt, in dem einer des andern Freiheit achtet? Ist nicht alles noch im weiten Felde ja Felde , wenn s e i n G e s c h w i s t e r unmundig bleibt? Dergleichen Vorreden fuhrten zum Dekalogus auf Sinai. Uebrigens ward es hier, wie gewohnlich, auf Unterricht, nicht auf Erziehung angelegt, obgleich diess nichts anders als E s s e n und Trinken ist. Der Bruder Praparateur hatte so wenig Anziehendes, dass der Ritter mit ungewohnter Laune bemerkt: mache einen Kleck, und du hast seine Silhouette. Im Orden auf

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Tabor

fand die Ritterin Mutter zu i h r e r Z e i t hohe und tiefe Winke. Unserm Ritter und seinem Knappen war Tabor, die Wahrheit zu gestehen, zu leicht und zu naturlich, um hier zu finden, was vielleicht wirklich, vielleicht bloss der Ritterin darin lag. Der Prediger widersprach seiner Gonnerin nicht, doch war ihm Tabor unbetrachtlich. Er fand hier nicht Zeichen und Wunder. Tabor schien einer Art von christlicher Religion Vorschub zu leisten, die nicht pastoral war. Eben der Voltaire, der sich die Freiheit nahm, zu sagen: Je ne suis pas Chretien, mais c'est pour t'aimer mieux, versicherte einen Kapuziner, dass er nicht Genie und Starke genug besasse, ein Trauerspiel aus Christi Leiden zu entwerfen.

Die Aufnahme war ohne alle Feierlichkeit. Alle Territionen fielen weg. Eine sanfte Musik entzuckte die Aufzunehmenden. Ihr Thema war: d i e G o t t h e i t e h r e n h e i ss e i h r g e h o r c h e n ; ihre Macht erhebe sie uber die Menschheit, ihre Gute bringe sie zu uns. Der Ritter muss bei so vielen OrKein Hierophant, kein Demiurgus, ein schlichter Der Ritter betheuerte: ob er gleich bis jetzt wenig Hierauf ward er mit Wasser und mit Feuer getauft. D a r a n , sagte der schlichte Mann (nach einer Ihr meine Junger seyd, so Ihr Liebe unter einander habt.

Er goss Wasser in das Becken, legte seine Kleider ab, nahm einen Schurz und umgurtete sich, wusch dem Neuaufzunehmenden die Fusse, trocknete sie mit dem Schurz, womit er umgurtet war, und sprach: Ei n Beispiel hab' ich Euch gegeben, dass Ihr thut, wie ich Euch gethan h a b e . Nach dieser Ceremonie ward er zum Altar gefuhrt, wo er die Gelubde ablegte: Christo nachzufolgen, den wahren und nicht den Kirchenglauben zu bekennen, darauf zu leben und zu sterben, nicht seine, sondern Gottes Ehre zu bewirken und bei der Einfachheit und Lauterkeit der Lehre, die er angelobte, alles fur Schaden zu achten und selbst den Vorzug, tausend und abermal tausend Glaubige um sich zu versammeln, gegen die Wurde recht und richtig zu wandeln vor Gott und Menschen aufzuopfern, die Welt, er moge in ihr Angst oder Freude haben, zu uberwinden, den weltlichen Fursten die Herrschaft und den Oberherren die Gewalt zu uberlassen, sich nicht zum Herrn, nicht zum Meister machen zu wollen, sondern zu wandeln wie es sich gebuhre, bis das Stundlein komme und die Stimme erschalle: Ei, du frommer und getreuer Knecht, du bist uber weniges getreu gewesen, ich will dich uber viel setzen, gehe ein zu deines Herrn Freude!

Bei der Tafel gebot der schlichte Mann Andacht, und nun fing er an: Da sie aber sassen, nahm Jesus das Brod, dankete und brach's und gab's den Jungern und sprach: Nehmet, esset, das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch und dankete, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus, das ist mein Blut. Thut's zu meinem Gedachtniss. Hierauf assen und tranken sie das Abendmahl.

Warum soll ich es bergen? Ich habe der Ritterin verheissen, diesem Orden naher nachzuspuren, der in meinen Nachrichten Vorhange hatte, ohne Vorhange zu haben. Der Ritter hatte ihn, der Wasser- und Feuertaufe ungeachtet, ungetauft gefunden und auf Tabor nach den gottlichen ausdrucksvollen Symphonien Kupferstiche von Erscheinungen vermuthet. Doch war der Unterschied zwischen Christen und Christianern dem Ritter aufgefallen. Es schien in diesem Orden nicht darauf anzukommen, was die Evangelisten, selbst Johannes nicht, am wenigsten die Apostel von Christo geschrieben hatten. Die Vernunft, hiess es, ist die Kritik, welche diese Erzahlungen berichtigt, der man mit Recht die Infallibilitat zuschreibt. Auch komme es sogar, sagte der schlichte Mann, nicht einmal darauf an, ob Christus wirklich in der Welt gewesen sey oder nicht, sondern nur auf Fingerzeige, die durch ihn der Welt zu einer sichtbaren Religion gegeben sind. Eine sichtbare Vernunftreligion sey das, was man Offenbarung nenne. Schwer schien es hier zu seyn zu binden und zu losen; indess behauptete man: auf den Leib komme es nicht an; doch sey der Geist des neuen Testaments leicht und fasslich. E r ward arm geboren, machte sich stark zu Handarbeiten, ohne seinen heiligen Geist zu vernachlassigen, lehrte so uberzeugend, dass kein nachdenkender Mensch widerstehen konnte, lebte seiner Lehre getreu, im Leiden erhaben; am Charfreitage ward er aus Kreuz geschlagen, zog nach seinem geglaubten Tobe Schuler aus den Volksklassen oder vollendete sie vielmehr (sie waren schon langstens nothdurftig ausgerustet) und ging hin zum Vater am Himmelfahrtstage. Alles diess ward dargestellt. Die Feste, welche die Christenheit feiert, waren hier gereinigt und so geistig gerichtet, dass der Christ bei diesen Festen sich als Glied des Hauptes ansah, und die Feste, als ihn selbst angehend, mit feierte. Pastor ausserte, die Darstellungen der Katholiken waren weit herrlicher und feierlicher. Mit nichten, sagte die Ritterin. Man beging im Tabororden sogar den Himmel feierlich, in welchen Christus nach den zeitlichen und leichten Leiden dieser Zeit sich erhob. Hatte dieser Himmel nicht, ohne dass man von der Ritterin ihre Perlen verlangen durfen, Risse zum himmlischen Jerusalem abgeben konnen? Wie hat sich die Ritterin geandert? Man ubersehe den Zeitpunkt nicht! zu i h r e r Zeit.

Man sehnte sich, auf Tabor abzuscheiden und bei Christo zu seyn, allein man vergass nicht, dass dieses Leben des Lebens werth sey, dass ein Reisender zwar sein Ziel nicht vergessen, indess sich seine Reise so angenehm und nutzlich machen musse, als moglich u.s.w.

Finden Ew. Gnaden, sagte Michael zum Ritter, den Tabororden nicht in unsern Sonn- und Festiags-Evangelien, die ich bei Gamaliel in- und auswendig lernte?

Der Ritter schwieg, und dachte nach so vielen gekauften Perlen an Sophien, die Perle aller Perlen, derentwegen er alles wieder verkauft haben wurde, wowider Michael, bis auf den Haufen Juwelen und Gold, dessen sein Herr so grossmuthig sich begab, nichts hatte. Zwar mochte das Ideal, welches der Ritter am Busen trug, in dem Chorkleide einer regulirten Chorfrau des Ordens vom heiligen Grabe, ihm zu einiger Entschadigung dienen; doch fiel ihm bei reiferer Ueberlegung von Tage zu Tage mehr ein, dass Ideale in gewissen Fallen den Gegenstand i n n a t u r a so wenig unentbehrlich machen, dass sie vielmehr Sehnsucht befordern, und dass Sophie gewiss das Ideal seines Ideals seyn wurde, wobei Michael von wegen der Zofe ein ganz bereitwilliger Diener war.

Das Mass der Schnellkraft war erschopft. Sie hatten Kampfe gekampft, ohne sonderlich viel ersiegt zu haben. Fast missmuthig reiseten sie a u f s L a n d , ohne irgend jemanden den Ort ihres Aufenthalts anzuzeigen, um dort bei voller Ruhe des Gemuths Entschlusse fassen zu konnen, die naher zum Ziele fuhrten. Glucklich sey eure Reise! Siebenmal sieben Stunden hatten sie mit Vorbereitungen zugebracht, als sie, noch nicht von dem Uebellaut ihres Gemuths zuruckgekommen, in einen benachbarten Wald gingen, und es war allerdings wunderbar, dass auch hier ihnen e i n A b e n t e u e r aufstiess. Sie sahen in einiger Entfernung eine menschliche Figur auf einem Baume sitzen, und zwar so, dass sie nur eben so hoch und so niedrig sich befand, um nicht ubersehen und doch nicht ganz gesehen werden zu konnen. Das heilige Dunkel gab den weissen Haaren und der ganzen Existenz dieser Figur ein so ehrwurdiges Ansehen, dass, ungeachtet Ritter und Knappe den Entschluss genommen hatten, allem auszuweichen, was sie an der einzigen Perle (jeder hatte seine Einzige) hindern konnte, sie doch fast wider Willen zu diesem Baume gebracht wurden. Je naher sie ihm kamen, desto mehr bemuhte sich der Einsiedler, sein Antlitz zu verbergen. Nur nach einer langen Weigerung, die sie naturlich desto hitziger machte, liess er sich mit ihnen ein. Er war, nach seiner Angabe, die man freilich einem e h r wurdigen Einsiedler auf dem Baume glauben muss, durch Hass, Neid und Verfolgung und durch den Verlust der Seinen zur Weltentfernung gebracht, nachdem er lange hin und her geirrt und fast in allen heimlichen Gesellschaften Ruhe fur seine Seele und Trost fur sein Herz vergebens gesucht hatte. Endlich (es waren seine eigenen Worte) ward ich des Gluckes gewurdigt, mit einem heiligen Einsiedler bekannt zu werden, bei welchem ich siebenmal sieben Jahre in der Lehre stand, bis dieser im 150sten Jahre die Welt segnete und mir den Schlussel zu seinen Geheimnissen zuruckliess! Er ruhe wohl! Unser ehrwurdiger Baumeinsiedler schloss mit diesem Schlussel nicht nur die Schicksale, sondern auch die Gesinnungen unseres Ritters und seines Knappen auf. Alles und auch d a s wusst' er, was jeder vor dem andern bis jetzt verborgen hatte. Michael z.B. war in zu frohem Muthe, als das Capitel des Grabes zusammen war, einem Madchen zu nahe gekommen. Der Ritter hatte an Johannes einen Brief geschrieben, worin er ihm wiewohl verblumt, zu verstehen gegeben, er konne bis jetzt sich noch nicht zu den Vollendeten zahlen. Nicht nur die Worte, auch den verborgenen Sinn dieser Stelle wusste der Einsiedler. Vorfalle dieser Art wurden den Ritter, so wie seinen Knappen, ehedem sogleich mitgerissen haben; jetzt aber hatten beide auf ihren Wustenreisen Kanaan fast vollig aufgegeben. Eben waren Ritter und Knappe entschlossen, den Baumeinfiedler mir nichts dir nichts zu verlassen, als er ohne alle Veranlassung fragte: Was seyd Ihr hinausgegangen in die Wuste zu sehen? Wollet Ihr ein Rohr sehen, das der Wind hin und her wehet? (Diese Worte wiederholte der fromme Einsiedler zweimal.) Oder was seyd Ihr hinausgegangen zu sehen? Wollet Ihr einen Menschen in weichen Kleidern sehen? Siehe! die da weiche Kleider tragen, sind in der Konige Hausern. Oder was seyd Ihr hinausgegangen zu sehen? Wollet Ihr einen Propheten sehen? Nichts von allem zu sehen, unterbrach ihn der Ritter, war unser Vorsatz. Du hast uns alles entdeckt, bis auf die Untreue, die Michael bei einem Haar an der Begleiterin beging, deren Bild er an seinem Busen tragt. Erlaube zu fragen, warum Du uns fragst, Du, der Du den hoheren Beruf zu antworten hast? Kinder fragen, und Examinatoren, die gemeinhin Kinder am Verstande sind. Sokrates antwortete, indem er fragte; und sollte Dein Amt nicht wo nicht hoher, so doch eben so hoch seyn, wie das Amt des Sokrates, der meines Wissens bei keinem einhundert und funfzigjahrigen Einsiedler in die Schule ging? Freilich, erwiederte der Baumeinsiedler, dank' ich es dem einhundert und funfzigjahrigen Alten, dass ich meinetwegen nicht Ursache zu fragen habe. Indess so wie wir beten, nicht Gottes, andern unsertwegen, so frage auch ich nicht meinet-, sondern Euretwegen. Der Fragenlehrer, dessen Worte ich Euch ans Herz legte, wusste gar wohl die Gesinnungen seiner Befragten. Wohlan! da ich ein Glaubenssenfkorn bei Euch finde, will ich mir selbst antworten. Vergebens habt Ihr auf den Ordenswegen Sophien und ihre Begleiterin gesucht; seyd, ich bitte Euch, kein Rohr, das der Wind hin und her wehet! denket nicht Arges in Eurem Herzen. Ritter und Knappe sahen einander an. Arges? seufzten sie fragweise. Nicht anders, erwiederte der Einsiedler. Um sie nicht zu verlieren, sah er sich gedrungen, ihnen schnell ein paar Strahlen der Hoffnung zuzuwerfen. Entzuckt segneten unsere Wanderer den Gedanken zu einer Resignationsreise; sie baten den Baumeinsiedler, sich herab zu bemuhen, damit sie ihn in seine Hutte tragen und ihm einigermassen ihre Dankbegierde beweisen konnten. Er lachelte. Ich bedarf, sagte er, Eurer Hulfe nicht; wohl aber freu' ich mich, Euch helfen zu konnen. Nach etwa drei Viertelstunden, die sie wanderten, kamen sie im dicksten Walde an eine Hutte, wo sie einen lieben Knaben fanden, den der Einsiedler fur seinen Ururenkel ausgab, und der, so bald er sein Angesicht sah, sich seinen Segen erbat! Der Segensspruch war ruhrend. Sie fanden eine Schussel herrlicher Milch, die unseren Wanderern sehr wohl that, und nachdem sie sich auf eine niedere Grasbank gelagert, floss Honig von den Lippen des Einsiedlers, der sie vollig einnahm. Sollt' er es nicht, da er ihnen Sophien und ihre Begleiterin verhiess? Wohlan! sagte er: ehe ich mich mit Euch weiter einlasse, sey ein Zeichen gestellt zwischen mir und Euch. Wenn diess Opfer (es waren drei Topfe, einer mit Basilikum, einer mit Raute und einer mit Salbey) zundet, seyd Ihr wurdig weiter gefuhrt zu werden. Der Ritter, sein Knappe und der Ururenkel trugen jeder einen Topf, und nachdem sie solche an einen Ort, wo die Sonne darauf scheinen konnte, gestellt hatten, sprach der Einsiedler einige ihnen unverstandliche Worte und segnete die Staudengewachse. Unsern Wanderern war es, als sahen sie einen Lichtcirkel um sein Haupt. Der Kleine, der allein beim Altar blieb, sturzte nach einiger Zeit mit der Nachricht unter sie: Es brennt! und fiel auf seine Knie. Diess thaten auch der Greis, der Ritter und sein Knappe. Sie gingen hin, fanden, wie das Kind gesagt hatte, und kehrten in die Hutte hocherfreut. Der Einsiedler bat sie, drei Tage bei ihm zu weilen wahrend welcher Zeit sie nichts als Milch und Semmel genossen. Heil Euch! rief der Einsiedler, und schwieg. Wie lehrreich der Baumeinsiedler unsern Wanderern war, ist unaussprechlich. Er kam auf weltburgerliche Ideen, und es thut mir leid, mich nicht in den Umstanden zu befinden, wenigstens einen Theil seiner Prophezeiungen mittheilen zu konnen, die E u r o p e n s Schicksal betreffen. Der Ritter hat sie auf sieben Bogen verzeichnet. Meine Verweigerung hat sehr wichtige Grunde. Einige Stellen sind dunkel. (Ehre dem Ehre gebuhrt!) V i e l e s von diesen Prophezeiungen ist eingetroffen; v i e l ist, wie mich dunkt, der Erfullung nahe, und der entfernte heilige Rest? Kann man nicht prophezeien, ohne Prophet zu seyn? Prophezeiungen beurtheilen, heisst das viel mehr als Welt- und Menschenkenntniss besitzen? Der Weise (die Cabinette sind gemeinhin einseitig) hat die Fahigkeit, das Ganze zu ubersehen, Ab- und Zugang zu berechnen und mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit Dinge im politischen Fache zu verkundigen, die noch kommen sollen. Doch ging es unserem Baumeinsiedler v i e l w e i t e r . Mehr erbaut, als je, gingen unsere Wanderer nach dem Orte zuruck, wo sie eingekehrt waren, und nach den genauesten Erkundigungen, ob sich kein merkwurdiger Mann in dieser Gegend hervorthate? und nach eingezogener Antwort, dass alles hier den gewohnlichen Weg ginge, befolgten sie die Anordnung des Einsiedlers und eilten zuruck in die Stadt, um so lange sich still zu halten, bis sie den heiligen Wink zu ihrem Pfingsttage spuren wurden, den ihnen der Einsiedler verheissen hatte. Unterwegs, als sie ihr Ordensschicksal aufs neue uberdachten, behagte es ihnen nicht vollig, dass sie einen neuen Ordenskreislauf anfangen sollten; doch beruhigte sie die herrliche Aussicht, Sophien und ihre Begleiterin zu finden, und hierdurch nicht nur wegen des neuen, sondern auch wegen des alten und ihres ganzen Ordenslaufs entschadigt zu werden. Voll Neugierde, ob ihnen dieser Wink nicht durch Feuer vom Himmel gegeben werden wurde, welches die drei Topfe mit Raute, Basilikum und Salbey zum Theil verzehrte, war nichts vermogend, ihre Andacht zu storen, als der Hunger, dem man schon sonst manche Erstgeburten von herrlichen Entwurfen aufgeopfert hat. Kurz vor der Stadt schickte der Ritter den Reiknecht voraus, um den Wanderern ein Mahl zu bereiten, die, wenn sie gleich von der Milch und dem Honig des Einsiedlers ausserst gesattigt waren, doch den Werth einer Fleischmahlzeit nicht verkannten. Wenn wir, dachten Ritter und Knappe, Sophien und die Zofe haben, sey Baumeinsiedler, wer Milch- und Honigmagen hat, und es seyn kann und will. An dem Resignationsorte fanden sie den freundlichsten Wirth und einen gedeckten Tisch; indess erlaubten sie sich nicht, zu verweilen. Wussten sie, wann der Wink kommen wurde? Auch wollte der Ritter seine Lust zu Aegyptens Fleischtopfen an keinem dem Einsiedler so nahen Orte beweisen. Der Magenhunger und Durst hatte den Hunger und Durst nach Sophien und der Zofe fast uberwaltigt. Lustern auf ein anlockendes Fleischmahl, wollte der Ritter zu Tische gehen, als ihn, er wusste selbst nicht was, zu seinem Geheimkastchen zog, wovon er den Schlussel so wenig als das Portrat seiner Geliebten ablegte. Er schloss auf, und oben darauf lagen folgende Zeilen:

Nach drei Stunden von dem Augenblick, da Du dieses liesest, gehe hin (hier war der Ort bestimmt), und bitte um Deine Aufnahme in einen Orden, der geistig und leiblich Dich segnen wird. Noch fugt seinen Segen hinzu der E i n s i e d l e r vom Baume.

Naturlich verdarb dieser Wink dem Ritter die Mahlzeit, obschon sein Knappe, den er sogleich von der Erfullung des Einsiedlers unterrichtet hatte, sich es wohl schmecken liess. Es war eitel leidige Freude, die dem Ritter das Essen verdarb. Darf ich sagen dass er nicht verfehlte, auf die Minute die Anweisung zu befolgen? Er fand an Ort und Stelle einen ausserst einfachen, violett gekleideten alten Mann, der ihm mit den Worten zueilte: Komm herein, du Gesegneter des Herrn! warum stehst du draussen? Eben dachte ich dein vor dem Herrn in meinem Gebete. Heil dir! ich bin erhort, ehe das Amen von meinen Lippen fiel. Segne den Augenblick, da du gewurdiget warst, zu den Auserwahlten zu gehoren, die die Welt nicht kennet! Halleluja!

Nach diesem Hymnus, womit der Alte den Ritter in gewisser Art uberfiel, liess er sich ein feierliches Versprechen geben, ihm auf seine Fragen treu und redlich zu antworten.

Der Ritter musste ihm seinen Lebenslauf erzahlen, und vorzuglich schien der Alte wissen zu wollen, ob ihm ausser Ordensgrenzen je etwas erschienen und sonst ein Wunder begegnet sey, und ob er Menschen kenne, denen ausser Ordensgrenzen etwas Wunderbares und Unerklarliches auf Kreuz- und Querzugen zugestossen ware? Der Ritter durfte sein Gedachtniss nicht anstrengen, um den violetten Herrn zu versichern, dass er ausser den Orden nicht das allermindeste Wunderbare erfahren hatte, ausser dass in einer Dammerung, die sein Vater gehalten, e i n B l i t z g e fallen, ein heftiger Knall gefolgt, und plotzlich die Thur aufgeflog e n Grauen und Entsetzen ware allen angekommen, seine Mutter n i c h t ausgenommen, deren Gewissen gewiss und wahrhaftig in der Wahrheit bestande. Jedes, fuhr er fort, faltete die Hande, und schlich ohne Amen nach etwa dreimal neun Minuten sinnloser Betaubung davon. Ich entfaltete zuerst meine Hande und zog die aufgesprungene Flugelthur leise zu. Nach dieser vollbrachten That umarmten Vater und Mutter mich herzlich, doch verhullte diesen Vorfall ein heiliges Dunkel. Es kam mir vor, dass man ihm muhsam auswich, um auch nicht einmal daran zu denken. Der Ursache dieses Blitz-, Knall- und Thurvorfalls ist meines Wissens nicht im mindesten nachgespurt, und er ist unerforscht geblieben bis auf den heutigen Tag.

Ob nun gleich der Bruder Praparateur unserm Ritter unendlich grossere Ordenswunder praambulirte, so schien dem violetten Manne doch dieser Vorfall ausserst wichtig, wenigstens weit wichtiger, als alles, was er selbst erzahlte. Zwar fiel dieser Umstand unserem Ritter auf, doch hatte er keine Zeit, sich ihn zu entwickeln. Mit vieler Feierlichkeit verpflichtete der violette Mann unsern Ritter, sogleich nach Rosenthal zu schreiben und diesen Vorfall, der bis auf den heutigen Tag unerforscht geblieben, durch ein gerichtliches Protokoll zu bekraftigen. Ihre Mutter, fugte er hinzu, wird kein Bedenken finden, sich gerichtlich vernehmen zu lassen. Der Praparaten erkundigte sich nach des Ritters Mutter bis auf Kleinigkeiten und auf Umstande, die mit den Ordensangelegenheiten gar nicht in Verhaltniss standen. Der Tag der Aufnahme konnte noch nicht bestimmt werden. Nach der Versicherung, dass Michael unbedenklich dienender Bruder werden sollte, entfernte sich der Ritter, um bei seiner Mutter, was er versprochen hatte, getreulich auszurichten Nach drei Tagen fand er in eben dem Kastchen eine neue Einladung, was konnte er mehr, als sie ehren und befolgen?

Es kam ein anderer violetter Mann ihm entgegen, der nach dem geforderten und empfangenen Versprechen, die reinste Wahrheit seines Herzens zu entdekken, nichts weiter zu wissen begehrte, als was er von dem neuen Orden hoffe? Der Ritter hatte keinen Hehl, ausser den geistlichen Gaben auch leibliche zu wunschen, namlich durch Sophien begluckt zu werden. Ohne sich auf Verheissungen mit dem Ritter einzulassen, liess der Mann mehr als Schimmerlicht von Aussicht auf ihn fallen, womit sich der Ritter begnugte. Noch horte der Ritter eine Ordenswahrheit, die er schon oft gehort hatte: Die Natur erreicht nur allmahlig ihren Endzweck, so auch der Orden, der so langsam als sicher die gefasste Hoffnung ubertrifft und zur Erfullung seiner Zusagen und Nichtzusagen bringt.

Jetzt ward dem Ritter eroffnet, sich von heute uber drei Tagen wieder einzufinden. Er erschien und fand einen Mann, in den er sich gar nicht finden konnte, der Englander schimmerte uberall durch. Nichts interessirte ihn als die Mutter des Ritters, nach der er unablassig sich erkundigte. Er umarmte den Ritter einigemale unerklarlich und druckte ihn an sein Herz. Sie haben die beste Mutter, sagte er, die auf Gottes Welt ist. Kaum hatte der Englander Zeit zu versichern: "was ich vermag, soll Ihnen im Orden zu Theil werden," um nur wieder bei der besten Mutter sich zu verweilen. Die Geschichte Sophiens von Unbekannt, die ihm der Ritter umstandlich erzahlen musste, schien ihm innige Freude zu machen, als wenn er sich uber ein leichtes Mittel freuete, um einen grossen Zweck zu erreichen.

Nach diesem Vorbereitungsgeschafte, welches sich hiermit schloss, sollte dem Ritter die Bestimmung des Tages in die Hand fallen. Sie fiel ihm wirklich in die Hand, denn er fand sie oben auf seinen Papieren, die er verschlossen hielt. Es war vom Tage der letzten Unterredung der zwolfte Tag. Die Zahl war ihm neu, doch hatte sie eine gegrundete Bedeutung. Der Orden, dem er sich widmen wollte, hiess der

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Apostelorden,

dem (sehr naturlich) die Jungergrade, deren Zahl eigentlich siebenzig war, vorgingen. Doch wurden sie unserm Ritter schnell gegeben, und, was ihn ausserst aufmerksam machte, ohne Geld! Wahrlich viel vom Junger- und Apostelorden.

Meine Leserwelt ist schon mit so vielen Aufnahmen belastigt worden, dass ich es nicht wage, ihr mehr als den Anfang des A p o s t e l g r a d e s aufzudringen.

Nachdem vierzig Tage und vierzig Nachte um waren, ward unser Held zwischen eilf und zwolf in der Nacht vor dem allerkurzesten Tage durch ein mysterioses Cartel uberfallen, wodurch er am folgenden Morgen um sieben Uhr herausgefordert ward zu erunser Held diese Nacht seinen Schlaf zwischen eilf und zwolf beschloss, versteht sich von selbst. Die Ausforderung war datirt "Heiliger Abend vor dem kurzesten Tage im Jahre." Wahrlich diese Nacht ward ihm so entsetzlich lang, dass er schon um funf Uhr fertig war, und sich nicht entbrechen konnte, um sechs Uhr Morgens zu erscheinen. Die Haupterscheinung, die er dagegen erwartete, war Sophie. Es sey, dass er wirklich durch sein zu fruhes Kommen sich diese Strafe zugezogen, oder dass, wenn er auch punktlich erschienen ware, ihn die namliche Stimme zuruckgewiesen hatte, kurz, die Assignation auf das ihm im Cartel bezeichnete Zimmer ward nicht honorirt. Er horte eine hohle Stimme: Vorwitziger! zu fruh und zu spat ist einerlei! Gehe, Oel zu laufen in deine Lampe, und dann erscheine um sieben Uhr Abends! Unschlussig, ob er um Verzeihung bitten, sich mit der schlechten Uhrenpolizei entschuldigen oder stockstill seyn und thun sollte, was ihm, wenn gleich aus einer hohlen Kehle geboten ward, entschloss er sich zum letzten und kam betrubt zuruck wie ein Brautigam, dessen Braut am Hochzeitstage durch Blattern heimgesucht wird. Herzlich gern hatte der Ritter Oel vom Knappen auf Kredit genommen, wenn er nicht die hohle Stimme gefurchtet hatte. Gelt! Sie sind zu fruh gekommen? fing Michael an, und diess Gelt! brachte unsern Helden in Verwirrung, woraus ihn eine seiner Lieblingsmeinungen riss, dass es einen unzuverlaugnenden Umgang unter den Seelen der Menschen auch schon in dieser Welt gebe. Wo Oel kaufen? fragte sich der Ritter, und bestellte ein mageres Mahl, womit Michael unzufrieden gewesen ware, wenn er in ihm nicht Ordensvorschrift verehrt hatte. Ich darf wohl nicht bemerken, dass der kurzeste Tag im Jahr unserm Helden der langste in seinem Leben war. So wie uberhaupt Furcht und Hoffnung unserm Leben eine Lange beilegen, die es wirklich nicht hat, so wusste auch unser Held nicht, was er mit der Scheidemunze von Zeit anfangen sollte. Drei Viertel auf Sieben, sagte Michael. Die heiligen Zahlen Drei und Sieben fielen dem Ritter so trostreich auf, dass es ihn dunkte, mit lichterloh brennender Lampe an Ort und Stelle zu kommen. Wer ist da? fing es an. Eben war der Ritter im Begriff zu antworten, als eine Antwortstimme sich horen liess, die ihn der Erklarung uberhob, so dass es ihm nicht viel anders als in den Gerichtsstuben erging, wo man Leute pro und contra uber sich, sein Hab und Gut schalten und walten lassen muss, ohne das Recht zu haben mitzureden. Es war ihm schon etwas ahnliches begegnet, und wie war es auch moglich, dass einem so erfahrnen Ritter etwas ganz neues in den Weg kommen konnte? Es ist ein Todter, der lebendig werden will, sagte diese Antwortsstimme, und nun ward dreimal gerufen:

Wache auf, der du schlafst, und stehe auf von den Todten! Wohl! dachte unser Held, der seit gestern zwischen eilf und zwolf kein Auge geschlossen, vielmehr die Lampen seiner Augen, ohne einen Augenblick zu verloschen, in Einem weg brennen lassen. Eine Stille. Nun liessen sich beide Stimmen uber unsern Helden verlauten. Die eine klagte an, die andere entschuldigte, bis plotzlich eine eiserne Thure aufsprang und Recipiendus die Worte horte: E s w e r d e d a s e r s t e L i c h t ! Dieses erste Licht bestand in einem Lampchen. Eine Stimme erscholl: Ziehe aus deine Schuhe, denn diese S t a t t e i s t h e i l i g ! Nichts Neues, dachte der Ritter, der weit ofter als Moses seine Schuhe ausgezogen hatte, und im Augenblick war er auf Strumpfeu. Die Stimme fuhr fort: F a l l e n i e d e r a u f d e i n A n t l i t z u n d r e d e ! Er fiel nieder und schwieg. Die Stimmen, die im Vorhofe sich uber ihn erhoben, deuten dein Gewissen an, das du nicht siehst und das deine Gedanken richtet. Kennst du diese Stimme?

Ich kenne sie.

Was hindert dich, dieser Stimme Gottes zu gehorchen?

Meine Neigungen!

Durch Vernunft wirst du vergottlichet; Neigungen vermenschlichen! Wenn du durch Neigungen gefallen bist, straft dich die Nachvernunft oder das Gewissen, dass du jener. Stimme Gottes, der Vorvernunft, nicht gehorsam warst. Wie viele Personen sind in dem gottlichen Wesen der Nachvernunft oder des Gewissens?

Da er schwieg, antwortete eine andere Stimme:

Drei sind, die da zeugen im Himmel: Vater, Sohn und heiliger Geist, und drei sind die da zeugen im Gewissen: Klager, Anwalt und Richter. Der Klager ist vaterlich, der Anwalt ist Bruder, der heilige Geist des ins Herz der Menschheit geschriebenen Gesetzes ist Richter.

Kennest und ehrest du dieses rechtliche Verfahren?

Ja!

Schwore denn bei dem heiligen Geiste deines Gewissens, schwore bei deiner Vor- und deiner Nachvernunft: zu bekennen deine Neigungen, die dich und deinen Gott von einander scheiden, und diese Schlangen nicht zu verbergen, die dich verfuhrten und die dich aus dem Paradiese der Zufriedenheit in Jammer und Elend sturzten, tief! tief! tief! Schwore mit Leib und Seele, mit A und O, mit Ja und Amen, mit Kyrie eleison und Hosianna!

Eine andere Stimme: Schwore beim heiligen Geist!

Eine dritte Stimme: Schwore!

Ich schwore (drei harmonische Stimmen sagten vor) bei dem heiligen Geist meines Gewissens, mit Leib und Seele, mit A und O, mit Ja und Amen, mit Kyrie eleison und Hosianna, meine Neigungen, die mich und meinen Gott von einander scheiden, zu beichten und nichts zu verhehlen. Ich will alle meine Sunden, die, so lange ich denken kann, mich beschwerten, gestehen und nichts verhehlen; und in dem Augenblick, da ich fest mich entschliesse in einem neuen Leben zu wandeln, lass, Heiligster, in diesem seligen Wiedergeburtsaugenblick deines Wohlgefallens mich nicht unwurdig seyn! Wenn ich meine Sunden bekenne, sey mir gnadig! und behalten sollen diese Seelengreuel mir bleiben in meiner Todesnoth und vor deinem Gericht, wenn ich das mindeste verhehle. Amen!

Jetzt trat jemand zu ihm, verband ihm die Augen und fuhrte ihn in die Hohe und in die Tiefe, bis er ihn endlich an einen Beichtstuhl brachte, wo er dem Ritter hinzuknien gebot.

Der Beichtvater hiess ihm die Augen aufbinden, und obgleich Recipiendus auch nach dieser Losung der Bande nicht sonderlich mehr als vorher zu sehen im Stande war, vielmehr sich noch immer im Schimmerlichte befand, bemerkte er doch Beichtstuhl und Ohrloch. Beichtvater und Beichtsohn hielten eine Quarantaine von Minuten, und nun fing der Beichtvater vaterlich und herablassend an, sich dem Beichtsohne noch mehr zu nahern.

Alle diese List hatte er bei einem edlen Manne nicht nothig, dem nichts auf dem Gewissen lag und der darum nichts beichten konnte, weil er nichts zu beichten hatte. Verstandesmeinungen sind nicht straflich, und Willensmeinungen nur dann, wenn sie nicht unterdruckt werden, im Fall sie bose sind. Weniger hatte der schlaue Frager noch von keinem Beichtenden erfahren; und doch war nie weniger in einer Seele, die er torquirt hatte, zuruckgeblieben. Genug von der Aufnahme! Alles, was Dogmatik heisst, sey uberschlagen, um nicht am Buchstaben, sondern am Geiste zu hangen. Das

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Protokoll,

aus Rosenthal eingegangen, wortlich.

Actum R o s e n t h a l , den 17

Nach gehoriger Requisition erscheint vor endesunterschriebenem Justitiario der Frau Baronin von Rosenthal, geborenen , Hochreichsfreiherrliche Gnaden, dem Justitiario von Person und als eine von Vorurtheil und Nebenabsicht hochwohl entfernte Dame bekannt. Sie ist der evangelisch-lutherischen Confession hochwohl beithan, und hat keinen Hehl, Jahre alt reine Wahrheit zu sagen und nichts, was ihr vom grausen und schaudervollen Vorgange beigewohnt, aus Liebe, Hass, Freund-, Feindschaft oder Geschenks halber zu verschweigen. Noch mehr: sie will alles, was sie gehort und gesehen, getreulich anzeigen, bei allem, was heilig ist im Himmel und auf Erden. Auch soll d i e s e r E r k l a r u n g a n E i d e s s t a t t der formlichste korperliche Eid folgen, sobald er gefordert wird.

Eigene Worte:

Es hatte bei einer Dammerung (oder Vorlesung), die mein unersetzlicher Gemahl mir und unserm Sohne uber den Johanniterorden hielt, uns alle drei eine Begeisterung ergriffen. Ich erinnere mich ganz eigentlich, dass ich in dieser Ekstase nicht eine Gottererscheinung verlangte, dazu war ich nie kuhn genug. Es genugte mir, den Wunsch zu aussern, wenn meine Mutter oder mein Vater, oder Fraulein , die nach ihrem Ableben durch Brief und Siegel Frau zu werden sich nicht entbrechen konnte, mir erscheinen mochte, Licht uber so manche Erdenhieroglyphen zu erhalten. Schon war ich mit Erscheinung einer dieser meiner Lieben befriedigt, die ich, als sie hier wallten, oft noch ehe sie sprachen, verstand, und deren Gedanken ich von fern errieth; wir waren sehr genau verbunden. Mein Gemahl goss nicht Oel zum Feuer; er beruhigte mich mit dem Gedanken: wenn wir uns zu den Bewohnern der andern Welt erhoben, neigten sie sich zu uns. Hier fiel (mit Zuverlassigkeit betheur' ich es) schnell ein Blitz, dem ein heftiger Knall folgte, und plotzlich flog die Flugelthur des Auditoriums auf. Ob mein Gemahl mehr als ich gesehen und mehr als ich gehort, weiss ich nicht. Dass etwas Uebernaturliches vorging, bewies die ganz eigene Art von Schreck, die uns anwandelte. Unsere Zungen, die feurig waren, erstarrten. Nie behauptete mein Gemahl, mehr gesehen und gehort zu haben, als ich; doch schloss ich, als wir uns, wiewohl heimlich, ein einziges Mal uber diesen Vorfall unterhielten, aus seiner Zuruckhaltung, die sich in Schuchternheit aufloste: es sey ihm mehr als mir und meinem Sohne in die Sinne gefallen. Jene Schuchternheit lasst sich weniger beschreiben, als fuhlen. Nie in meinem Leben hab' ich mit meinem Sohne uber diesen Vorfall gesprochen. Durch diesen Hergang der Sache und verschiedene andere Vorfalle uberzeugt, dass Dinge in der Welt vorgehen, die wir nicht fassen, begreifen und erklaren konnen, uberlass' ich mich Gott und seinem heiligen Willen.

Noch werden einige Leute, die zu jener Zeit im herrschaftlichen Hofe in Diensten standen, namentlich N.N.N.N.N.N.N.N.N., nach vorhergegangener Ermahnung eidlich abgehort. Alle stimmen uberein, nicht das Mindeste zu wissen und zu begreifen, ob und wie dieser Vorfall ganz oder zum Theil naturlich zu erklaren sey. G versichert, der wohlselige Herr Ritter, Freiherr von und zu Rosenthal, habe ihm heimlich aufgetragen, in der grossten Stille auf eine naturliche Erklarung dieses Blitz-, Knall- und Thurvorfalls auszugehen. Es war, setzt er hinzu, alle meine Bemuhung umsonst; nie hab' ich mich unterstehen durfen, dem wohlseligen Herrn (er besass Muth wie ein Lowe und liess nur vor Wesen hoherer Art die Segel seiner Herzhaftigkeit streichen) weiter daran zu denken. Nachdem dieses Protokoll der Frau Deponentin wortlich vorgelesen worden, genehmigt sie es in allen Stucken. Auch ist es mit ihres Namens Unterschrift bestarkt, begrundet und ausser Zweifel gesetzt.

Eine einstimmige Bekraftigung erfolgt von den abgehorten Hof- und Dorfleuten, welche diess Protokoll ebenfalls respective unterschreiben und mit Kreuzen bezeichnen.

Namen und Kreuze der abgehorten

neun Hof- und Dorfleute.

Namen des Justitiarius.

Siegel.

Dass diess alles getreulich vorgegangen, wird von mir corroborirt.

Namen der Baronin.

Namen des Justitiarius.

Siegel.

Der Honiggeschmack, den Demokritus an Pflaumen spurte, brachte den Philosophen auf tausend gelehrte Spekulationen; selbst die Wurzel des Baums musste sich eine Obduktion gefallen lassen. Es ist die Frage, ob er bei aller dieser Muhe nicht im Leben und Sterben zweifelhaft geblieben ware, wenn seine Haushalterin ihm nicht das Rathsel geloset hatte. Vom H o n i g t o p f e stammte dieser Geschmack, in den die Philosophin, der langer Erhaltung halber, die Pflaumen gelegt hatte. Der Ritter erhielt sein Protokoll, eben als er zu einer neuen Aufklarung in die Apostelversammlung gehen wollte. Es war keine Bedenklichkeit, Michaeln diess Protokoll mitlesen zu lassen. Dieser gerieth bei dem Lesen in so ungewohnliche Zuckungen, dass sein Herr zu vermuthen anfing, es erscheine Michaeln wirklich etwas, oder es sey etwas auf dem Wege, ihm zu erscheinen.

G n a d i g e r H e r r ! sagte Michael bei dem Schluss des Protokolls zitternd und bebend.

Was ist dir? erwiederte der Ritter.

Werben Sie verzeihen?

Was verzeihen? den Leichtsinn am Grabes-Kapi

Das Protokoll.

Siehst du etwas?

Ausser Ihnen und dem Protokoll nicht das Mindeste. Doch verdien' ich Ew. Gnaden Unwillen.

Der Begleiterin, willst du sagen.

Den Ihrigen.

Musste unser Ritter nicht eilen, diess quid pro quo wurde so bald nicht sein Ende erreichen. Kurz und gut, Michael gestand, auf S p e c i a l b e f e h l des Schulmeisters seliger, zu jener Zeit einen kleinen Puffer unter dem Fenster eben da losgeschossen zu haben, wo der wohlselige Herr ihm durch Winkelandachten ins Amt gefallen sey. Ick erfuhr, sagte Michael, schon zu jener Zeit die geheimen Nachforschungen dieses Vorganges halber, und es that mir auf der Stelle leid; Scham und Furcht banden mir aber die Zunge. Konnte der Blitz- und Knallvorfall sich leichter aufschliessen? Was das Aufspringen der Thur betrifft, so betheuerte Michael bei allen Ordenseiden, daran unschuldig zu seyn.

Der Ritter, ausserst empfindlich uber diesen Pflaumentopf von Auflosung, sah deutlich ein, die Flugelthur, deren Schloss nie ganz ehrenfest war, sey von selbst aufgegangen. Zu so ungelegener Zeit ward Demokritus von seiner Haushalterin nicht aufgekart. Wie wird unser Ritter den Honiggeschmack seines Protokolls verschmerzen? Er stand wirklich bei sich an, was er den Aposteln dieses Blitz-, Knall- und Thurvorfalls halber unterschieben sollte. Wahrlich, rief er aus, wir leiden durch Freunde am meisten, und durch Menschen, die uns die Liebsten und Besten sind. Was zu thun? Ich kann, dacht' er, die Apostel mit der Anzeige beruhigen, meine Mutter finde Bedenken, sich in einer Sache abhoren zu lassen, die schon vor so langer Zeit geschehen sey. Und wie? wenn ich eine juristische Leiter ansetze? Die Herren Juristen ersteigen, trotz unsern Feuermauerkehrern, alles. Z.B.: Es wolle sich kein Rechtsgelehrter ohne hohere Autorisation zur Aufnahme eines dergleichen Protokolls verstehen; oder: mein Vater habe meiner Mutter testamentlich zur Pflicht gemacht, uber diesen Vorfall kein Wort zu verlieren. Aber weg mit Dietrichen, die ich bei der nachsten Beichte mit Scham und Schande bekennen musste! Ich will, dachte und sagte der Ritter, dem Protokoll den Aufschluss meines Begleiters beifugen.

Freilich der geradeste und beste Entschluss! Doch bat Michael mit Thranen, seiner zu schonen, um im Orden nichts durch diese Jugendsunde (wer ist ohne dergleichen?) einzubussen. Ja, sagte der Ritter, hielt Wort, und hatte, wie es bei strenger Wahrheit immer der Fall ist, wenig oder gar keine Muhe, Wort zu halten. Der violette Mann erleichterte ihm seine Burde durch die zuvorkommende Bemerkung, dass der Thurvorfall doch immer noch unerklarbar bliebe. Der Ritter verschwieg die schlechte Beschaffenheit des Schlosses nicht, und es war nicht seine Schuld, dass der Apostel sich uber dergleichen Erlauterungen wegsetzte. Mit Dank ward das Protokoll, und, wie der Ritter nicht anders weiss, ohne die Erklarung vom Honiggeschmacke der Pflaumen beizufugen, ad Acta genommen, und dem Ritter betheuert: es wurde ihn nie gereuen, die Apostelbahn eingeschlagen zu seyn.

Nach einigen uberstandenen Dammerungen wurden dem Ritter verschiedene dergleichen gerichtliche Protokolle vorgelegt, um ihn zu uberzeugen, dass nicht nur im, sondern auch ausser dem Orden an unerklarlichen Dingen kein Mangel ware. Freilich! So brauchen die Kirchengeistlichen die naturliche Religion, und die positiven Rechtsgelehrten das Naturrecht, um etwas zu bestarken, das, ihrer eigenen Behauptung nach, keine Bestarkung nothig hat. Korper, wenn sie gleich einer ursprunglichen Elektricitat fahig sind, erhalten, wenn sie durch Mittheilung elektrisirt werden, eine grossere Elektricitat, sagte der violette Mann.

Mit Fleiss bin ich bei diesem unbetrachtlichen Vorfalle so weitlaufig. Nur wenig Erscheinungsvorfalle haben das Gluck, wie der gegenwartige, gerichtlich beleuchtet zu werden. Die meisten erschleichen den Zeitpunkt, wenn man sich ihrer nicht ganz bewusst und halb im Traum ist. Und doch, wenn gleich die Interessenten sich durch die ofteren Wiederholungen der Erscheinungsgeschichten zuletzt so sehr in die Unfehlbarkeit derselben hinein erzahlt haben, dass sie sie zu beschworen nicht ungeneigt scheinen; wer hat nicht Vorfalle erlebt, wo der Erzahler, wenn man ihn bei dem Worte halten wollte, zu schwanken anfing? Selbst unbedenkliche Jaherren, sie mogen es aus Gemachlichkeit, oder aus Eingeschranktheit des Kopfes und Herzens seyn, fahren zusammen und nehmen Anstand ehe sie offentlich beschworen, was sie tausendmal im gemeinen Leben betheuerten. Protokolle haben sich in unsern letzten betrubten Zeiten zur hochsten Probe der historischen Gewissheit in Ruf geschwungen; und bleibt es nicht unrecht, dass, der vielen Registraturen ungeachtet, welche die Wunder am Grabe des Abts Paris bekundeten, der gottesvergessene Polizeilieutenant Herault den Kirchhof schliessen liess, und de par le Roi dem lieben Gott verbot, hier Wunder zu thun? Ist es schicklich, dass man den notarialischen Instrumenten uber die Gassnerschen Wunder die Exception der Unglaublichkeit entgegensetzt? Wie aber? gibt es nicht noch eine leichtere Wunderprobe, ohne dass ein Protokollist sich in Schweiss des Angesichts setzen darf? Lasst den Erzahler schriftlich abfassen, was ihm mundlich so gelaufig war. Probatum est. Der gegenwartige Vorfall b l i e b ubrigens nach der Entscheidung des violetten Mannes unerforschlich. Freilich! weil die Thure nicht zum Protokoll vernommen werden kann. Freund, sagte dieser violette Mann, die Verbindung der Menschen mit hohern Geistern ist

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moglich;

und braucht es mehr? Freilich ist zwischen Wirklichkeit und Moglichkeit eine grosse Kluft befestigt; doch hat die Moglichkeit nicht dieselbe Null-Eigenschaft? Null bedeutet nichts, wenn sie vor, und viel, wenn sie hinter der Eins sich befindet. Hat die Moglichkeit keine Wirklichkeit mit oder ohne Protokoll vor sich, was gilt sie? Hat sie aber deren eine solche Menge, als die Moglichkeit der Mensch- und Geisterverbindung, was bedarf es mehr? Ist nicht Freude im Himmel uber Einen Sunder, der Busse thut? Sind die Engel der Kinder nicht die Ersten in ihrer Ordnung? Warum sollen Geister ohne Leib sich nicht an Geister mit Leibern gewohnen? Und warum ihnen nicht Krafte der Natur entdecken, auf die sie nicht ohne die Geisterwelt gekommen waren? Die grossten Erfindungen fielen ihren Urhebern aus dem Aermel. Wahr! Und warum also? Weil hohere Geister in sie wirkten. In Parenthest: Newton schrieb aus schuldiger Dankbares Menschen bei dieser Verstarkung bringen konnen, ziemt uns nicht zu erforschen, obgleich vielen die Bucher der Vergangenheit und der Zukunft aufgeblattert vor Augen lagen. E i n w e n d u n g e n : W i e ? Sollten Geister durch Gebete, Beschworungen, Formeln sich zu Ers c h e i n u n g e n h e r a b l a s s e n ? Wie? Aus Neugierde, aus Neigung zu den Menschen. Was thut man nicht eines Schoosshundchens wegen? E r scheinen bloss gute oder auch bose Geister? Und wie sind diese Geis t e r z u u n t e r s c h e i d e n ? Gleich und gleich gesellt sich gern; ganz bose, Freund, ist kein Geist und kein Mensch. Die Teufel glauben auch, und zittern.

Die Magier, denen Geister dien

ten, oder besser, um die sich Geister verdient machten, waren sie Newtons? Cagliostro's waren e s ; nicht E r f i n d e r im R e i c h e d e r N a t u r , s o n d e r n S c h w a r z k u n s t l e r . Ei Lieber! was sagst du vom Sokrates, der seinen Damon so deutlich sah, wie ihn Newton und andere Weise seiner Art bloss undeutlich in der Offenbarung Johannis erblickten? Sehen und nicht sehen, thut hier nichts zur Sache. Cagliostro, Schropfer und gaben vor, zu seyn, was sie nicht waren. Die sich Theosophen und Magier nennen, wollen es seyn, ohne dass sie es sind; und wenn gleich allerdings bei der Lehrgabe der Geister das Ziel naher ist, so wird doch kein gerechter und achter Magier die Weltweisheit verachten.

Wer weiss, ob man wirklich Erscheinungen hat? War es nicht bloss S p i e l d e r P h a n t a s i e ? Freund! hast du nie in deinem Leben ein: Steh, Wanderer! ein H a l t empfunden, ohne zu sehen? Eilten dir nicht oft Schnellboten von Winken voraus? Ergriffen dich nicht Ahnungen, wo du zum Sterben verlegen warst? Sollten alle die Knoten, die sich in deinem Leben (keins ist ohne Knoten) schurzten, und die sich losten, lauter Ungefahre seyn? Nun, so nenne Ungefahre anders, und der Apostelorden hat sein Spiel gewonnen.

Warum sucht man die Sehsuchtigen zuerst zu blenden, ehe man erscheinen lasst? Warum im Rauch? Warum um Mitternacht? Warum ber a u s c h t m a n K o r p e r u n d S e e l e ? Freilich sind Vorbereitungen dieser Art nichts Wesentliches, und achte Magier machen es eins, zwei, drei, (Ein Sprichwort aus dem Innersten der Magie). Hat aber Feierlichkeit nicht Einfluss auf unsere K r a f t e ? Gehort nicht Anspannung dazu, mit hohern Wesen umzugehen? Bereitet man sich nicht auf Gaste von Bedeutung vor? Ist nicht vielleicht dem Korperchen des Geistes eine gewisse Atmosphare nothig, und eine Art von Augenschirm? Soll, des Tauschers und Gauklers halber, der ehrliche Mann leiden?

War es denn ein Geist, was ich s a h ? Mein wenigster Kummer! Aus seinen Fruchten sollst du ihn erkennen. Ist es moglich, dass ein Geist in dir Vorstellungen erregen und dass du dich davon uberzeugen kannst; was willst du mehr? Sind die Wirkungen der Erscheinung von der Art, dass sie nicht von naturlichen Kraften abgeleitet werden konnten, so bist du im Besitz einer Regel fur's Haus von der Richtigkeit der Erscheinung, und wendet man dir ein, ob du die Grenzen von den Kraften auf dem Wege der Ordnung kennst, so wirst du wenigstens so lange, bis dir diese Grenzen abgesteckt sind, die Erlaubniss haben, zu glauben. U n d w e m ? Dem Geiste, der, wenn er ein Mensch ware, freilich in seiner eigenen Sache kein Zeugniss ablegen konnte. Ist er aber ein Mensch? Der Allselige sprach: "Und stehe da! es ist alles sehr gut." Wenn Menschen allselig thun, was denkst du von ihnen? Oder verdient etwa ein hoheres Wesen nicht Glauben, wenn seine Belehrungen dir heilsam waren? Dieser Erkenntlichkeit sollt' es unwurdig seyn?

Wunder haben keine Beziehung auf das, was sie beweisen sollen. Kann seyn! Wenn aber Wunder nur Wunder seyn, und nichts weiter als sich selbst beweisen wollen?

D i e V o r l e s u n g uber das alte, neue und neueste Platonische Testament ist zu weitlauftig, um sie mittheilen zu konnen. Dass man hier nicht wie in Rosenthal fur das Alte, sondern fur das Neue und Allerneueste war, bedarf keiner Bemerkung. Obgleich der Neuplatonismus schon ein Gemisch von Pythagoreischen, Aristotelischen, Platonischen und Gott weiss von was noch sonst fur Ideen war, so schien der Neueste ihn doch an Toleranz ubertreffen zu wollen. Gnostik, Kabbala, morgenlandische Philosophie, Judenthum und Christenthum sind uns homogen, um allen allerlei zu seyn. Zwar entstand der Neuplatonismus, um zu Schutz- und Trutzwaffen gegen das Christenthum zu dienen. So wie indess Clemens von Alexandria die wahre Gnosis von der falschen unterschied, und die wahre in die hochste christliche Vollkommenheit setzte, so kann die heidnische und judische Philosophie, wenn sie sich taufen lasst, ganz unbedenklich zum Christenthum aufgenommen werden.

Moses machte die Mysterien der agyptischen Weisen und Gelehrten zur Volksreligion, und das Christenthum ist nicht weniger eine Religion der Aufgeklarten. Moses entsinnlichte die heidnische Religion, deren Gottheiten sinnliche Gegenstande waren. Und die christliche Religion, geht sie in ihrer Entsinnlichung nicht noch weiter? Will sie uns nicht vollkommen haben, wie der Vater im Himmel vollkommen ist? Und erhebt uns nicht die Theurgie oder Magie zur Gottheit und zu seinen Bevollmachtigten, zu wirklichen Kammerherren mit Schlusseln, die Natur auf- und zuzuschliessen? Den Zusammenhang und die Harmonie zwischen Irdischem, Himmlischem und Ueberhimmlischem einzusehen, sich zu entsinnlichen, und ein gottseliges, von der Welt entferntes Leben zu fuhren, nicht nur ein wackerer, fester Mann zu seyn, sondern sich noch ausserdem hohere ubernaturliche Krafte hierdurch zu erwerben, das ist unser Beruf.

Vater Plato nahm besondere Arten von Fegfeuer an, wodurch die Seele von ihren Schlacken gereinigt werden konnte, von welchen ich ihm denn die Seelenwanderung in w e i b l i c h e K o r p e r nicht verzeihen kann. Wahrlich, Plato hat keine von den beiden Sophien gekannt, die du kennst. Schade! der Name Sophie brachte unsern Helden so in Verwirrung, dass er von der Platonischen Aehnlichwerdung Gottes, von der Entsinnlichung und der Weltuberwindung durch Tugend wenig oder nichts vernahm.

Lass uns, sagte der violette Mann, Plato's Lehre folgen, und wenn nicht durch Abstraktion und Mathematik, so doch durch Massigkeit, Standhaftigkeit und andere theurgische und gottliche Tugenden uns gewohnen, unsere vernunftige Seele vom Korper zu entfernen, und uns je langer je mehr uberzeugen, dass, so wenig Gott stirbt, auch unser Geist nicht sterben konne und werde. Wir sind seines Geschlechts, durch ihn vermittelst besonderer Emanation erzeugt. Sein Geist, das heisst, die uns angebornen Ideen, zeugt in uns, und wir sind alle inspirirt. Die

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Wunder

des Apostelgrades? .... Ist es Ernst? Hat diese Geschichte nicht schon zu viele Kreuz- und Querzuge? Zwar unterscheiden sich diese Apostelwunder durch eine aussere Einfachheit und innere Wirkung von den ubrigen. Heisst diess aber nicht mit andern Worten: diese grossern Wunder lassen sich leichter auflosen, als die kleinern? So wie die kleinen Propheten gemeinhin mehr Achtung verdienen, als die grossen.

Der animalische Magnetismus und die Kunst zu magnetisiren und zu desorganisiren war hier eine der niedern Stufen, indem man es fur keine grosse Ehre halten konnte, dass ein desorganisirtes schones Madchen im Somnambulismus kluger war, als eine hochlobliche Manipulirgesellschaft und die hochsten Magnetisten und Desorganiseure.

Man gab u b e r h a u p t vor, von d e r m a g n e So gern ich diese Aufschlusse besasse, so wenig weiss ich mir sie und die Materie zu erklaren, die in elektrischen Erscheinungen Wunder thut an uns und allen Enden, ohne dass man den Apostelgrad der Natur zu erschleichen im Stande ist.

Die eigentliche Wunderstarke der Apostel war, alte Leute zu verjungen, uber unbekannte Krafte zu befehlen, Todte zu erwecken und auf die Geisterwelt zu wirken.

Die geheime Geschichte einiger Apostel alterer Zeit, z.B. Apollonius von Tyana, Plotin, Origines, Jamblichius, Hypatia, Johannes Brunus, Theophrastus Paracelsus, sonst Bombast von Hohenheim, Robert Fludd, Jakob Bohme, Peter Poiret, Heinrich Morus, war stockfinster verhangt.

B r u c h s t u c k e aus einigen Dammerungen neuerer Zeit, zu denen der Ritter nichts b e i g e t r a g e n hat, der uberhaupt an den eigentlichsten K e r n u n d S t e r n n a c h r i c h t e n so unschuldig wie die Sonne am Himmel ist.

G a ss n e r ? Nie aufgenommen, ein guter Empirikus.

S t . G e r m a i n ? Gehorte zum Grabesorden. Sein Name steht nicht in unsern Buchern des Lebens. Er war nicht unacht. Gott hab' ihn selig! Seine Behauptung, auf der Hochzeit zu Cana in Galilaa eine Menuet getanzt zu haben, ist stark. Er gab vor, auf seinem Todtbette verjungt zu werden; doch starb der arme Grabesritter wie jedermann, und wird, wie wir nach der Liebe hoffen, auch wie jedermann verjungt werden, in einer bessern Welt um mit d e m A t h e i s t e n P r i c e zu reden, der, seiner bekannten Atheisterei unbeschadet, sein Testament, das er vor dem Kirschlorbeertrank machte, anhob: Da ich vermuthlich bald an e i n e m b e s s e r n O r t e seyn werde. Der Stumper! Wie wenig Zusammenhang in Price's Kenntnissen war, setzen folgende Umstande ausser Zweifel.

Er war ein Atheist, und verlangte Glauben.

Er versprach, des Unglaubens halber seinen angeblichen Versuch zu wiederholen. Das thut kein Meister, wohl wissend, dass sich schon Glaubige finden werden. Der Unglaube in Hinsicht des ersten Versuches thut nichts. Ist es nicht heute, so morgen; ist es nicht vor, so doch nach dem Tode!

S c h r o p f e r ? Nicht von den Unsrigen. Diess beweist der Pistolenschuss, wodurch er sich in die Geisterwelt recipirte. Doch scheint er dem Apostelorden etwas entwendet zu haben; aber was und wie!

S w e d e n b o r g ? An ihn wird in unsern heiligen Zunften und Innungen so wenig, wie im gemeinen Leben an den Tod eines Hektikus gedacht. Es war ein Ganskulot, ein Marseiller in unserer geheiligten Kunst. Ein achter Junger ist kein Schriftsteller. Das Orakel s p r i c h t kurz; gegen den anigmatischen Styl ist der lapidarische ein Pastor Gamaliel. Leidenschaften lassen sich nicht durch Dialektik in Ordnung bringen; Grundsatze sind ihre Meister. Und wie? Muss ein Hierophant sich nicht vom Fackeltrager unterscheiden? der Papst nicht vom Kuster? Sokrates erwiederte dem Konig Archelaus, der ihn zum Hofphilosophen machen wollte: er sey nicht im Stande, Gleiches mit Gleichem zu vergelten; und sicher ist Sokrates nie in grosserer Verlegenheit gewesen, ausser an dem Tage, da er vom Orakel fur den Allerweisesten erklart ward. Maitre Andre Peruquier in Paris mag aus dem Lissaboner Erdbeben eine lustige Tragodie machen. Ueber die andere Welt lassen sich nicht l u s t i g e T r a u e r s p i e l e in Folio schreiben!

G r a h a m ? Ein College des Hans Nord, ein Schwarzkunstler von Hause aus. "Nach neun Monden wirst du mehr erfahren," heisst in unserer Ordenssprache: "nach neun Monden wirst du sterben." Bei Graham wirst du nach neun Monden respektive in die Wochen kommen oder Vater werden. Sein himmlisches Bett ist das sinnlichste, das man kennen kann. Je mehr Sinne beim Genuss angespannt werden, desto mehr verlieren die obern Seelenkrafte. Niemand kann zweien Herren dienen, und aktiver Burger der Sinne und der Geisterwelt seyn, Gott und dem Mammon anhangen. Wenn das Fleisch gewinnt, verliert der Geist.

C a g l i o s t r o ? und neunmal neun andere seines Gelichters! Alle nicht werth, unsern Aposteln die Schuhriemen zu losen, die viel, sehr viel durch den Glauben ausrichteten. Du bist gesund, sagten sie, und der Kranke glaubte; das heisst: er ward es. Von der moralischen zur sinnlichen Ueberzeugung ist es nur uber Feld. Individuelle Beziehungen machen oft zu Witz und Ruhrung, was andere nicht dafur erkennen. So zeigen sich auch Richtsteige zu Seele und Leib, die man durchaus aus dem einzelnen Falle lernen muss. Nie liessen sich unsere Apostel wie r auf sichtbare Schaden ein, die sie, als ihnen zu klein, den Wundarzten anheim stellten: vielmehr kurirten sie innerliche Schaden durch Glauben, durch Schrecken, durch Freude, durch Ueberfall, durch Schmerzableiter, durch Richtung auf einen Punkt ausserhalb der Krankheit, durch eine Art von Wortzutrauen (Logolatrie, Wortabgotterei), und wenn es hoch kam, durch L u f t und W a s s e r . D a s L u f t b a d , dessen sich B e n j a m i n F r a n k l i n bediente, war hier sehr excolirt. Durch weisen Genuss, selbst in Krankheiten, ist unendlich mehr, als durch strenge Enthaltsamkeit ausgerichtet. Enthaltsamkeit todtet gemeinhin; weiser Genuss begeistert macht fast Todte lebendig. Es ist ein heimlich wirkendes Gift, drei Tage fasten und beten und den vierten in Anfechtung der Vollerei fallen. Wir zittern vor jedem Gluck und haben keine unangenehme Vorempfindung beim nahen Ungluck! Diess und das, Abhartungen, Ahnungen, Traume, Vorurtheile, Gebet, Gesang, Lecture und, sollte man es denken! reine Vernunft, wohl angebracht, waren hier Arzneien, die man cum grano salis vortheilhaft benutzte. Die Methode, den Kranken aus seiner politischen Lage zu setzen und ihn nach Umstanden zu erniedrigen und zu erhohen (in seiner Vorstellung) thut Wunder. Ich habe einen Kranken gesehen, der ohne Hoffnung lag. Einen Kranken? Nein! es war ein Sterbender. Er genas. Und that der Menschen- Kauf- und Handelsmann nicht dasselbe, ohne Apostel zu seyn?

Dass ein kaltblutiger Mensch eher als eine g e a n g s t e t e W i t t w e , die vom Glaubiger und vom Richter geplagt wird, e i n e Q u i t t u n g f i n d e t , liegt in der Natur der Sache.

Es gibt schon Physiognomien, die alles herausfragen konnen (fast mocht' ich herausblicken sagen), was sie wollen. Ein Blick aus ihrem Auge macht, dass die Wangen des schamlosesten Bosewichts hochroth anlaufen, und den Tross und Auswurf der Menschen wissen sie, wo nicht zu erziehen, so doch von Ausschweifungen abzuhalten. Die Morgenstunde hat zur Menschenkenntniss Gold im Munde und hilft selbst die unzulanglichen Grossen der Erde von Angesicht zu Angesicht, von Auge zu Auge, von Zahn zu Zahn, von Zunge zu Zunge, und fast von Seele zu Seele kennen zu lernen. Man wasche ihnen die Fusse, damit man die Erlaubniss erhalte, ihnen den Kopf zu waschen. Der Diener hat immer das erste und beste Stuck aus der Schussel; nur mit dem Unterschiede dass er es verstohlen und geschwind, der Herr dagegen langsam und sicher nimmt. Gab es nicht einen denkwurdigen Staat, wo man die feurigsten Liebeserweisungen stehlen musste?

Wenn die Vernunft dem Genie unterliegt, wird es ein Dichter, wenn das Genie von der Vernunft bemeistert wird, wird es ein Philosoph; wenn Genie und Vernunft gleich stark bleiben, ist es man helfe mir auf einen Namen! mehr oder weniger als Prophet? Die Zukunft scheint vor dergleichen Menschen einen Vorhang nach dem andern aufzuziehen. Es sind die glucklichsten Seelenspieler, wenn ich so frei seyn darf. Freund Plato war erst Dichter (und wer war es nicht, der etwas Grosses in der Welt vorstellte? Dichtete nicht auch Sokrates unter der Hand?), dann Philosoph und Mathematiker. Ob er von den Zahlen sein murrisches Wesen und seine Anlage zum Neide her hatte, weiss Gott. Die Zahlen sind bose Gesellen wenn sie nicht pythagoreisch und geistig gerichtet sind.

Auch gibt es geborne Rathselloser; Menschen, die aus zwei gegebenen Umstanden den dritten sogleich finden. Ich lernte (heisst es in meinen Nachrichten) einen Mann kennen, der den Dieb der im ersten Augenblick entdeckte. Niemand weiss, was Gott ist, als der Geist, der in ihm ist. Gott ist unerforschlich; Geister sind, je nachdem sie Gestalten anziehen, schwer oder leicht zu ergrunden. Der Geist des Menschen dagegen, der die Mode seines Anzuges vom Anfang seiner Existenz bis auf den heutigen Tag nicht verandert hat, ist aufs Haar zu treffen. Kein Gedanke ist ohne Einfluss auf den Korper, ohne ausseren Ausdruck. Siehe! und du wirst den seelenlosen Ruhigen vom Ruhigen aus Grundsatzen leicht unterscheiden. Bemerkst du nicht die Gedankenfirome auf dem Gesichte des Denkers? Das Gesicht ist eine Seelenkarte. Mache die Thore weit und die Thure hoch fur den, den Gott so gezeichnet hat! Zwischen s e h e n und schauen welch ein Unterschied! Wer etwas doppelt sieht, hat schlechte Augen. Was diesem erscheint, schwebt jenem nur vor Augen. Kunstliebhaber sehen und urtheilen oft richtiger, als die strengen Herren Kunstverwandten.

Einst (ungern erzahl' ich die Geschichte), einst wurden unser Held und sein Knappe zu einem Sterbelager gefuhrt. Der Abscheidende sprach wie der sterbende Sokrates. Man bat ihn, sich noch der vorgeschriebenen Ordensmittel zu bedienen. Meine Stunde ist kommen, erwiederte unser Sokrates; Ihr wisst selbst, dass Ihr Nachrichten nothig habt, die Euch seit sechs Wochen ausgeblieben sind. Ohne Zweifel ist der selige degradirt, der sie Euch schuldig blieb, und es ist gut, dass ich hingehe: denn so ich nicht hinginge Seine starrende Zunge gebot ihm Anstand. Er erholte sich. Nicht der Tod, sagte er, ein Lichtstrom der kunftigen Welt verdunkelt mein Auge. Er schwor mit sterbenden Lippen, neun Tage nach seinem Tode zu erscheinen. Ich komme, ich komme, ich komme! waren seine letzten Worte. Gehe in Frieden! sagten alle, die um sein Lager standen. Er starb, ward begraben und erschien am neunten Tage nach seinem Begrabniss in der namlichen Figur, die ich im Bette sah, nur verklart. Ob er wirklich todt gewesen, ob er selbst der Todte gewesen, den ich im Sterben besuchte, eben der, dem ich mit zum Grabe folgte (eigene Worte des Ritters), weiss ich nicht Bei seiner Erscheinung wehte er uns Dinge zu (er sprach nicht, und ich gabe was drum, die Art seines Ausdrucks zu bezeichnen), die mir schrecklich waren. Mir! Es waren Familiengeheimnisse von meinem Vater, die ausser unserm Hause niemand so leicht wissen konnte. Der Schatten (wenn ich eine erhabene Figur, die langsam bis auf etwa neun Schritte sich mir naherte, so nennen darf) befragte mich, ob ich meinen Vater sprechen wollte. Er ist in Eldorado, erwiederte ich. Ich werde zu ihm kommen, wenn es Zeit ist! Das Besonderste! Der Schatten beschwor mich, meine Mutter zur z w e i t e n Ehe zu bewegen, und gelobte mir, dass ich Sophien besitzen wurde.

Kein Wunder, dass ich weniger untersuchte als vernahm! Sophiens Name, der bei dieser Erscheinung, ich weiss nicht ob wohlbedachtig oder von ungefahr, gleich in den ersten Minuten vorfiel, machte, dass ich mit Leib und Seele nur horte. Nur? Dass doch keine Erscheinung ohne ein N u r ist! Ehe man mir die Erlaubniss ertheilte, dieser Erscheinung beizuwohnen, ward vermittelst einer d e n h e i l i g e n J o h a n n e s vorstellenden Figur mit unbekannten Obern korrespondirt. Die Briefe wurden unter Gesang in diese Figur hineingelegt. Nach drei Stunden erfolgte Antwort. Ich veranlasste drei Fragen und drei Antworten. Die letzte, welche dieser heilige Dreifuss ertheilte, war J a . Wahrend der neun Stunden, die ich, mit zwei andern Gliedern des Apostelgrades, in Gesellschaft des heiligen Johannes zubrachte, wechselten Gesang, Gebet und frommes Gesprach. Ein Paar

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Nachtrage

werden das N u r des Ritters heben? oder verstarken?

Erster Nachtrag.

Nur der Verstand kann, nach Plato, erkennen, die Sinneserkenntniss ist ungewiss und truglich; und kommen Leidenschaften, die Bluts- und Gemuthsfreunde der Sinne, dazu: so gibt es Interpolationen und Verstummelungen, wozu endlich die Sprache kommt, die vollig jedes Faktum verdreht. Ich habe einen edlen Stammler gekannt, der, um nicht zu stammeln, geradesweges die Unwahrheit sagte. Warum? Das Wort der Wahrheit war ihm zu schwer auszusprechen.

Einer der Apostel, der ausser dem Englander an mir hing, lehrte mich, dass die Chiffern unter der Wurde des Apostel-Ordens waren, obgleich die andern Orden den Kabinetten in dieser Kunst Trotz bieten. Chiffern beweisen Schwache, fing er an; wir schreiben wie gewohnlich, ohne dass wir wie gewohnlich verstanden werden konnen, wenn wir wollen. Je offener wir scheinen, desto versteckter sind wir. Schon ist es Klugheitsregel, mit der strengsten Interpunktion zu schreiben, wenn von gleichgultigen Dingen die Rede ist; dagegen ohne Strich und Punkt, wenn wichtige Dinge im Werke sind. Der Orden mag geben oder verlangen, alles mundlich. Nichts Schwarz auf Weiss. Wofur halten wir geistliche und leibliche Schnellboten im Himmel und auf Erden? Dagegen sucht der Orden so viel Schwarz auf Weiss von andern zu erhalten, als moglich. Jedes beschriebene Blatt, mein Bruder, ist, je nachdem man will, ein Dokument fur und gegen den Schreiber; so wie jedes Dogma theologisch geschwefelt, juristisch distinguirt, medicinisch versusst und philosophisch versalzt werden kann.

Zweiter Nachtrag.

Was ist von z e h n R e c e p t e n , u m G e i

s t e r z u s e h e n , zu halten? I m K u p f e r stich, in Wolken, im Ueberwurf, im Traum u.s.w.

Dritter Nachtrag.

Und von drei Recepten, um Seelen lebendiger Menschen a n s i c h z u z i e h e n ? Eine furchterliche Art von Erscheinung! Durch das Recht der Starke, wodurch der starke Geist den schwachern an sich zieht, wie ein Planet seinen Trabanten, ist es keine Kunst!

Vierter Nachtrag.

Eine Rubrik mit einem grossen NB.

Kunst des Gedachtnisses des Simonides.

Grosses Himmelsjahr des Plato.

Experimente mit der Wunschelruthe und Auflosung dieses Naturrathsels.

Funfter Nachtrag.

Am leichtesten ist den Menschen anzukommen, wenn sie krank sind. Die vornehmere Klasse fangt in der Regel zu zeitig an zu leben, und das, was sie noch von Fruchten zeigt, kommt aus Treibhausern. Es sitzt den Hohen der Erde immer wo: im Kopf, im Magen, in den Nieren, im Gewissen, in den Beinen. Auch arbeiten diese Hohen an ihren Esstischen mehr als an ihren Sessionstischen; sie geben ihr Lebenskapital auf Leibrenten aus und ziehen beim Verlust der Fonds hohere Zinsen.

Sechster Nachtrag.

Du bebst schon zuruck vor dem Worte V e r g i f t u n g ? Was sagst du von X.? Er hasste Z , ich weiss nicht warum; er hielt ihn fur seinen Feind, frage W e i t e s u c h e n ; so nannte X. den Tod. Er vergiftete Z.; und wie? Mit Wohlthaten! Wie weit gutiger und menschlicher ware aqua tofana gewesen! X. bat Z. zu den gewurzten Mahlen, kam ihm mit Hoflichkeit zuvor, und gewohnte seine Zungenspitze zu einer Verfeinerung, die ihm entweder den Bettelstab des Vermogens oder der Gesundheit bringen musste. Ein verwohnter Mensch ist der unglucklichste auf Gottes Erdboden; er ist unzufrieden und murrisch mit diesem Leben, und doch verlasst er es ungern, Z. zog sein Gift mit Wohlgefallen ein; und es dauerte nicht lange, dass er alle Ungemachlichkeiten des so wohlschmeckenden Gifts empfand, welches ihn so langsam und so ungern sterben liess, dass X. selbst sich nicht entbrechen konnte, ihm eine Art von Mitleiden zu widmen. Wahrlich, eine susse Rache! Was denkst du von dieser Ordensvergiftung? Ist sie minder schrecklich, als jemanden bei der Sundenthat zu ermorden oder ihn zum Freigeist zu machen, damit er ewig verdammt werde? Weit naturlicher, fasslicher und gewisser ist das Ordensgift, wobei die Stadt obenein X. segnete, weil er seinem Feinde so wohl that!

Siebenter Nachtrag

oder Beischrift mit rother Tinte: Hutet euch vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch Ob diese Beischrift mit rother Tinte dem ganzen Apostelgrad, oder nur den Auswuchsen desselben galt, ist nicht bemerkt. Es war gewiss eine nicht kleine

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Selbstuberwindung

und Entsinnlichung unseres Ritters, dass er den Aposteln seinen Wunsch, Sophien zu sehen, nicht zeitiger in Erinnerung brachte, besonders da einer von den Todten sie ihm verheissen hatte. Ich halte diess fur ein eben so grosses Wunder, als es alle die sind, die im Apostelgrade vorkommen. Jetzt war seine Sehnsucht nicht etwa zur Leidenschaft, sondern zu einer der ausgelassensten geworden. Der Englander hatte, von dem Augenblick der Vorbereitung an, dem Ritter so das Herz abgewonnen, dass er an ihm zu hangen schien; und eben dieser Englander war es auch, an welchen er sich wendete, um nicht bloss den Stein der Weisen, sondern die W e i s h e i t selbst zu finden. Mein Sohn und mein Bruder, sagte der Englander, ich liebe dich von Herzen; und nur eine Person gibt es in der Welt, die ich mehr liebe als dich. Rathe, wer es ist! Nimmermehr ware der Ritter auf seine Mutter gefallen. Der Englander hatte sie schon im Hause ihres Vaters kennen gelernt. Ich war, sagte er, damals von wegen sieben Jahre zubrachte. Ost sah ich deine Mutter, und ich betheure dir bei allem, was heilig ist: nie hab' ich ein weibliches Geschopf gesehen und gekannt, das deiner Mutter auch nur in einem einzigen Zuge gleich kame. In dir, lieber Sohn und Bruder, find' ich deine Mutter wieder. Schon lang gehe ich mit dem Gedanken um, einen wechselseitigen Vertrag mit dir aufzurichten. Kurz, du sollst Sophien sehen; hilf mir zu Sophien. Der Ritter verstand mehr, als er verstehen wollte; indess forschte er, um gewiss zu seyn, nach dem Sinne dieser Rede, und da war es denn, wie er dachte. Der Sohn sollte der Freiwerber des Englanders bei seiner Mutter seyn, und unter dieser Bedingung der Ritter Sophien nicht langer suchen durfen. Umsonst wendete der Ritter ein, dass er Sohn sey, dass er seiner Mutter nicht vorschreiben konne, dass er wisse, wie zartlich und uber alles sie seinen Vater geliebt habe, dass sie von jeher zu geistig gesinnet gewesen, um bei ihrer edlen Liebe bloss auf das Sichtbare zu sehen. "Ich weiss," setzte der Ritter hinzu, "ihr Geist hangt an dem Geiste meines Vaters. Der Schwung ihrer Seele ist nicht von gemeiner Art, und es herrschte in Rosenthal eine Liebe, die zum grossten Theil platonisch war, geheiliget durch ritterliche Gesinnungen der Vorzeit. Wahrlich! meine Mutter war in eben dem Grade Ritterin, wie mein Vater Ritter. Du glaubst vielleicht, ich schwarme, allein du irrest; die strengste Wahrheit kann nicht treuer seyn." Der Englander, entfernt, das was er hore, fur Schwarmerei zu halten, versicherte, bekannter in Rosenthal zu seyn, als der Ritter glaubte; und eben diese Denkart deiner Mutter, setzte er hinzu, heiliget meine Liebe zur Engelerhabenheit, zur Gottlichkeit. Sophie ist deine Mutter; doch ist ihre Seele in der jugendlichsten Schonheit. Der Sinnenwelt mude, die mich lange genug hinterging, werde ich nicht von der Sinnenwelt gereizt. In Wahrheit, ich weiss nicht, ob ich als Jungling oder jetzt deine Mutter inbrunstiger liebte. Mein Onkel verlangte von mir eine schnelle Zuruckkunft nach England. Ich kannte ihn und musste eilen, dass ich seine Gunst und die Aussicht, der Erbe seines grossen Vermogens zu werden, nicht verlore. Ich reisete nicht, ich flog nach England, um in kurzer Zeit nicht zuruck zu reisen, sondern zuruck zu stiegen. Schon war mein Onkel, der bei aller seiner Harte ein gutiger, menschlicher Mann war, durch mein unablassiges Bitten dahin gebracht, dass er in die Heirath mit deiner Mutter willigte; allein stehe! in dieser Zwischenzeit ward sie die Gemahlin deines Vaters, und durch ihn deine Mutter. Von dem Augenblick dieser Nachricht an horte ich auf, der zu seyn, der ich bis dahin war. Von Stunde an frohnte ich der Sinnlichkeit. Ich schlug eine Partie aus, die mein Onkel mir aufdrang, und er enterbte mich. Wahrlich, deine Mutter hat mich glucklich und unglucklich gemacht; sie allein lenkte die Schicksale meines Lebens, und selbst (dir sey es anvertraut) bei sinnlichen Ausschweifungen war sie das Bild, das ich anbetete; nicht den feilen Gegenstand, sondern nur sie liebte ich; ihr Andenken war es, das mich bei recht grossen Anerbietungen verpflichtete, allen ehelichen Verbindungen zu entsagen, und wenn nicht meinen Korper, so doch meinen Geist ihr zu weihen. Die Verlegenheit, in die mich die Enterbung meines Onkels setzte, zwang mich, mein Vaterland zu verlassen, und in Indien Geschafte nicht zu unternehmen, sondern zu wagen. Alles gelang, und allemal ubertraf der Erfolg bei weitem das Ziel, das sich meine Erwartung gesteckt hatte. Alles, was ich versuchte, war unter dem Panier deiner Mutter; ihr Bild ging mir uberall vor, ich mochte beginnen, was ich wollte. Mit Reichthumern, die fur einen Privatmann ungewohnlich sind, kam ich zuruck in mein Vaterland, und zog die genauesten Nachrichten von deiner Mutter ein. Dein Vater lebte noch; doch wollt' es ein Traum, dass ich hierher kame, um wenigstens die Luft eines Landes mit deiner Mutter einzuziehen. Meine Gesundheit hatte durch meine Ausschweifungen und Arbeiten, in die mein Leben sich getheilt hatte, gelitten; und ein Gesicht machte aus einem schnaubenden Saulus einen Apostel. In England ist die Maurerei ohne Kraft und Nachdruck; ich fand in ihr nicht den mindesten Reiz. Ich ward Quaker, Methodist, und alles, was excentrisch macht und dazu beitragen konnte den Geist dem Fleische zu entreissen. Du bist Mitglied vieler Orden geworden; ich zahle deren mehr. Du hast, so jung du bist, manches in diesen Verhaltnissen erfahren; glaube mir, meine Erfahrungen ubertreffen die deinigen! Und wenn ich gleich nur selten fand was ich suchte, so war doch meine Bemuhung nicht uberall vergeblich. Ich darf hoffen, in meinen Ideen, dass der Mensch sich entkorpern konne, weiter gekommen zu seyn. Nimm, mein Sohn, von mir ein Geheimniss, das eines Apostels wurdig ist. Der Mann a l l e i n kann weder im Fleisch noch im Geist etwas bewirken; in Gemeinschaft m i t e i n e r M a n n i n vermag er mehr, vermag er viel, vermag er alles. Weisst du jetzt, was ich bei der Ehe mit deiner Mutter beabsichtige? Die altplatonische Liebe bestand in einer geistigen Liebe, die ein Mittel zur Seelabbildung war. Hier bedurfte es nicht eines Mannleins und eines Frauleins; zwei und mehr Mannlein waren im Stande, unter einander eine platonische Liebe zu stiften (zwei und mehr Fraulein konnen sich nicht fuglich unter einander platonisch lieben). Der Neoplatonismus liess sich vielleicht aus Scheinheiligleit auf das Liebeskailtel nicht ein; wogegen das neueste platonische Testament jenes Liebessystem verbesserte, und jene geistige Liebe nur zwischen Mannlein und Fraulein nachgab, die nicht Hand in Hand, sondern Seele in Seele, Geist in Geist sich zu Gott erheben. Gott ist die Liebe!

Der Ritter, durch die Neuheit dieses Vortrages hingerissen, belass jedoch noch so viel Besinnung, dem Vater und Bruder den Einwand entgegen zu setzen, dass bei diesen Umstanden eine eheliche Verbindung mit seiner Mutter zur Sache wenig oder nichts bei tragen konne; allein der Englander behauptete: die von der Natur eingesetzte und von der Gottheit geheiligte eheliche Verbindung sey durchaus nothig, um aus Mann und Mannin nur einen vollstandigen Geist, ein Ganzes zu machen, und durch dieses Ganze in der Geisterwelt mehr Progressen, als in der korperlichen zu bewirken. Da diese sonderbare Unterredung zugleich den Fall zwischen dem Ritter und Sophien, wiewohl mit einem kleinen fleischlichen Zusatze entschied, so mochte der Ritter wohl oder ubel wollen, er musste der Sache naher treten. Beide vereinigten sich dahin, dass der Ritter der Verbindung des Englanders mit seiner Mutter nichts in den Weg legen, vielmehr dieselbe sogleich schriftlich, und in Zukunft mundlich, bitten wurde, dem Englander ihre Hand zu geben, und durch die ausseren Zeichen der Ehe eine platonische Liebe des neuesten Testaments zu veranstalten. Als der Ritter dieses Versprechen auf eine feierliche Art abgelegt hatte, erhielt er eine gleich feierliche Gegenversicherung, Sophien in wenigen Tagen zu sehen.

Der Ritter war zu voll, als dass er in der ersten Hitze an Michaeln hatte denken sollen. Nachdem er sich zu Hause mehr gefasst, und den Begleiter von dem was vorgegangen war, unterrichtet hatte, liess dieser nicht nach, und der Ritter musste ein Postscript der Verheissung bewirken, damit auch Michael zum Ziel seiner Wunsche gelangen mochte, wobei Michael bei allem Respekt fur den Geist sich wohlbedachtig auch das Fleisch nicht nehmen lassen wollte, welches, wie ihm Gamaliel zu seinem nicht kleinen Troste zugesichert hatte, selbst im Grabe nicht bleiben, sondern, wiewohl gelautert, zum Vorschein kommen oder auferstehen wird. Die Punkte der Zusammenkunft zwischen Ritter und Sophien, Begleiter und Begleiterin, wurden naher verabredet. Nie in seinem Leben waren zwei Menschen so gespannt, wie Ritter und Michael, und ware das bewilligte

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tete-a-tete

noch langer ausgesetzt worden, sie wurden vergangen seyn vor lauter Hoffnung. Man sah wie wenig beide das sinnliche Vergnugen von der Bestimmung des Menschen ausschlossen und wie weit sie noch im alten, neuen und neuesten platonischen Testamente zuruck waren. D i e S t u n d e k a m . S o p h i e ! war alles, was der Ritter sagen konnte, und S o p h i e erwiederte: R i t t e r ! Die stumme Scene dauerte langer als man denken sollte. Sie haben sich verandert, sagte Sophie, und brach diess Stillschweigen. Sie nicht, erwiederte der Ritter. Er nahm das Portrat von seinem Busen und kusste es, entzuckt uber den Umstand, dass Sophie so Zug fur Zug getroffen ware. In der That waren ahnliche Zuge im Originale und in der Copie nicht zu verkennen. Wenn Leute in der Raserei griechisch redeten oder Verse machten, was sie in Stunden der Besonnenheit nicht vermochten und ihr ganzes voriges Leben hindurch nicht vermocht hatten, warum sollte die Liebe hier nachstehen, da sie, wie Michael meinte, nicht wie der Zorn eine kurze, sondern eine v e r n u n f t i g e N a s e r e i ist? Sophie und der Ritter konnten sich nicht genug ansesprach ubrig blieb. Sie fing vom Orden der Verschwiegenheit und von der Adoptionsloge an, allein der Ritter brach schnell ab, weil er seit der Zeit so viele Orden und Grade durchgegangen war, dass es ihm kaum zu verdenken gewesen ware, wenn er wie weiland der Werbehauptmann, als ihm der Ritter den ersten Grad des Verschwiegenheits-Ordens anbot, aus vollem Halse gelacht hatte. Ach Sophie! sagte er, ich konnte bose auf alle meine Ordensverbindungen seyn, weil sie mich so glucklich nicht werden liessen, Sie zu finden. Die gleichgultigsten Dinge, denen die Liebe wie bekannt oft das grosste Interesse und eine fast unglaubliche Wichtigkeit beizulegen gewohnt ist, fullten die Stunde aus, und ehe noch der Ritter fragen konnte: wie Sophie zum Nachbar gekommen, was es mit der Krankheit der Nachbarin fur eine Bewandtniss gehabt, warum sie so eilig jene Gegend verlassen, kam der Englander und bat, die Unterredung zu schliessen. Die Zeit, sagte er, ist verflossen. Wie schwer fur den Ritter! Sophie verstand den Ritter, denn sie war in eben derselben Lage. Sie konnte nicht umhin, dem Geliebten einen Blick des Trostes zuzuwerfen, und hiermit auf heute geschieden. Du bist

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grausam,

sagte der Ritter zum Englander. Nicht ich, der Anstand ist es. Anstand? erwiederte der Ritter. Allerdings, sagte der Englander. Die Liebe, fuhr der Ritter fort, hat den Anstand gemacht, und kann ihn wider heben oder einlenken. Du bist Apostel, erwiederte der Englander, du bist Eklektiker, Weiser der Weisen. Ihr esset oder trinket, Ihr herzet oder kusset, Ihr thut, was Ihr thut, thut alles zu Gottes Ehre! Sich, Sohn und Bruder! Sophie ist Weib und konnte, so sehr ich auch fur sie zu stehen ubernehmen will, durch die feurige Zuneigung eines so liebevollen und liebenswurdigen Junglings sich missleiten lassen. Der Ritter fuhlte freilich, dass er noch nicht zu den so genannten T u g e n d e n d e r s c h o n g e r e i n i g t e n Seele, den betrachtenden und theurgischen, gekommen war, indess hatte er auch so die Welt nicht genossen und die Welt ihn nicht, wie Vater und Bruder Englander. Er drang zu antistoisch, zu antiplatonisch, zu antiaristotelisch, zu antipythagoraisch in ihn, und je dringender er ward, desto kalter stellte sich der Vater und der Bruder, denn solch ein grosser Eklektiker er zu seyn s c h i e n , w a r er doch so wenig kalt wie der dere Manier bose ist. Sie uber drei Tage abermals eine Stunde sprechen zu konnen, war alles, was der Ritter erreichen konnte.

Michaeln ging es kein Haar besser und schlechter, als seinem Herrn. Er hatte die Begleiterin dem Bildnisse, das er an seinem Busen trug, so ahnlich gefunden, dass er seinen Herrn vielfaltig versicherte, es konne kein Ei dem andern ahnlicher seyn. Da der Begleiter eben so wenig Zeit gehabt, sich nach dem Aufenthalt der Zofe zu erkundigen, wie sein Herr, wo Sophie anzutreffen sey, so gab es zwischen Herrn und Diener eine kurzweilige Unterredung, bei welcher einer dem andern Vorwurfe machte, ohne dass es auszumachen war, wer von beiden sie am meisten verdiente. Zwar konnte Michael nicht laugnen, dass es ihm besser angestanden haben wurde, durch die Kammerzofe Sophiens Aufenthalt zu ergrunden, indess musste man dagegen in Erwagung ziehen, dass diese Frage zu den neugierigen und vorgreifenden gehorte, die sich weder fur Ritter noch Knappen geziemen. Beide, Herr und Begleiter, gaben sich, geleitet von der inbrunstigsten Liebe, alle nur ersinnliche Muhe, den Aufenthalt Sophiens und ihrer Zofe auszuforschen; da indess alles vergeblich war, so fing der Ritter an: Was uns bewegt edlen Dingen nachzustreben, muss uns auch bewegen sie entbehren zu lernen, und was wurden uns alle Ordenskenntnisse, den Apostelgrad nicht ausgenommen, helfen, wenn sie uns nicht standstafter, gefasster, massiger und weiser machten? Gibt es denn nicht grosse Apostel-Eigenschaften, theurgische Tugenden? Und ist das Gebet der Weisheit, stets bereit zum Sterben zu seyn, etwas anderes, als die Bemuhung, uns allem zu entziehen, was nicht gottlich ist?

Freilich, erwiederte der Knappe, der Mensch muss so weit als moglich zu kommen suchen, und wen hat je seine Enthaltsamkeit gereuet?

Sollte indess die Liebe, fuhr der Ritter fort, nicht etwas Theurgisches an sich haben und Handlungen hervorrufen, die gottlich sind?

Freilich, sagte der Knappe, denn gibt es ein grosseres Ziel als eine vernunftige Liebe? Und kann man Enthaltsamkeit uben, wenn man nicht weiss, wo Fraulein Sophie und ihre Zofe sich aufhalten?

Aller dieser goldenen Spruche ungeachtet, konnten beide nicht anders als mit der grossten Ungeduld die zweite

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Unteredungsstunde

erwarten, die indess sowohl von Seiten des Ritters als des Knappen eben so unbedeutend wie die erste ablief. Das namliche Entzucken, die namlichen unbetrachtlichen Kleinigkeiten, derselbe Aerger uber die Kurze der Stunde, welcher bei der Ankunft des Englanders den entzuckten Liebhaber anwandelte. Beide Liebende waren keinen Schritt weiter bei den Nachforschungen gekommen, die sie anzustellen sich vorgesetzt hatten. Keiner von beiden wusste den Ort, wo seine Geliebte sich aufhielt. Beide hatten sich abermals in den Umstanden befunden, sich nach dem Wohnort ihrer Gebieterinnen erkundigen zu konnen. Freilich konnte niemand ihnen den Trost rauben, dass sie Eklektiker und Weise der Weisen waren, und dass, wenn es gleich hart schiene, alles aus allgemeinen und nothwendigen Grunden zu rechtfertigen, diese Art doch etwas Theurgisches, etwas Gottliches in sich habe.

Aller dieser weisen Spruche ungeachtet, entschlossen sie sich bei der dritten Unterredung, zu der ihnen vom Vater und Bruder Englander Hoffnung gegeben war, durch nichts sich abhalten zu lassen. Es ist die

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Drei,

sagte der Ritter; sie wird Heil bringen. Dreimal Heil! erwiederte der Knappe. Beide hatten sich mit ihren Maurerhandschuhen liebreich versehen, ohne gemeinschaftlich diese Verabredung zu treffen.

Nehmen Sie, sagte der Ritter zu Sophien, die Handschuhe, die ich drei-, sieben- und neunmal kusste, als ich sie empfing. Sophien von Unbekannt, sagte ich bei meiner Maureraufnahme, gehort dieses Unterpfand. Wie doch die Liebe, die nicht Muth hat zu fragen, wo die Geliebte sich aufhalt, so dreist ist, ein Geschenk anzubieten! Sophie empfing die Handschuhe mit einer Feierlichkeit, die den Ritter ruhrte, ob sie gleich bei den vorigen zwei Unterredungen schon oft nahe daran war, aus der Melodie zu kommen; und wer kann, ausser in der Oper, singen, wenn er innigst verliebt ist? Wer andern nicht traut, fing sie an, traut sich selbst nicht; und wer sich nicht auf ein Paar Augen, wo Herz und Seele leibhaftig wohnen, versteht, wer und was kann dem Burgschaft leisten? Sie sind durch diess Unterpfand mein auf ewig! Der Ritter hatte nur einen Seufzer in seiner Gewalt. Der Ausdruck versagte ihm alle Dienste. Er Heil der Anzeige von Sophiens Aufenthalt eben so wenig wie Eins und Zwei gebracht haben, wenn nicht Sophie selbst ihm Winke gegeben hatte, ehe der Englander auch die dritte Unterredung zum Schluss brachte. Fur einen Mann, wie unser Vater und Bruder, war diess

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Wagestuck,

das er unternommen hatte, unerklarlich. Doch wer Menschen kennt, kennt der schon die Liebe? Der Englander war freilich in vielen hohen und niedern Schulen gewesen, um Menschen kennen zu lernen; in der Liebe war er wahrlich kein Eklektiker. Nur S o p h i e n hatte er mit der Seele geliebt; bei allen andern Liebschaften hatte er die Seele, Sophiens Tempel, nicht entheiligt. Er traute seiner Sophie die Rolle vollkommen zu, die er ihr zugetheilt hatte; und, stehe da! sie war ihr zu schwer.

Des Englanders Sophie war

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nicht

die rechte Sophie; sie war vom Englander untergeschoben, um seine Absicht bei des Ritters Mutter zu erreichen.

So tief konnte sich der geistige Englander herablassen! Freilich gehorte diese List nicht zu den apostolischen Tugenden der schon gereinigten Seele, und war gewiss nicht theurgisch; indess gibt es nichts in der Welt, das teuflisch ware, oder das keine Entschuldigung austreiben konnte. Liebte der Ritter nicht den Selbstbetrug? Wenn er es sich nicht ubel nahm, die Idee seiner Sophie malen zu lassen; warum sollte man nicht seine Idee in natura darstellen? Wo ist denn die wahre Sophie? Die Apostel, die zwar Geister, so viel man verlangte, nicht aber die wahre Sophie, citiren konnten, hatten gewiss nicht verfehlt, diese Dulcinea ausfindig zu machen. Nur zu einer Zeit, als sie nicht zu finden war, entschloss man sich zur falschen. Konnte der Vater und Bruder dafur, dass der Ritter so sophiensuchtig war, dass er nicht langer anstehen wollte?

Diese falsche Sophie war gewiss nicht ohne viele Kosten und Muhe zu Stande gebracht; und wie? hielt Sophie, fur eine nicht gemeine Tugend? War es seine Schuld, dass sie Feuer sing? Warum war der Ritter so liebenswurdig? Der Englander hatte in seiner vieljahrigen Praxis weibliche Tugend kennen gelernt; selbst Festungen nicht, die auch nur capitulirten; und doch, blieb er nicht T h e a t e r d i r e c t o r ? Liess er nicht seine Komodiantin lange allein? Behielt er sich nicht die Einlenkung vor? Und wie konnte er sich vorstellen, ein Madchen, das ihm alles zu verdanken hatte, wurde so unerkenntlich seyn, und aus der Rolle fallen? War es je seine Meinung, dass die Sache so weit (bis zur Verwechslung der Handschuhe) kommen sollte?

Aber der Actrice selbst, war es ihr ganz zu verdenken? Fiel sie nicht aus der Rolle bloss in die Natur? Wurde sie nicht eine unertragliche Schauspielerin gewesen seyn, wenn sie die Natur nicht mit der Kunst verbunden hatte? That sie mehr, als was alle Madchen auf Gottes Welt thun, denen der Beruf obliegt, in sich verliebt zu machen, und dann entweder wieder zu lieben, oder aus der Verliebtheit des mannlichen Theils Vortheil zu ziehen? Lasst sich die Liebe darstellen, ohne dass man liebt? Und wenn ein Licht das andere ansteckt, wenn Liebe Liebe entzundet; wer ist Schuld? Unser Ritter war freilich sehr weit entfernt gewesen, es bei seiner Sophie fur einen Vorschritt in der fleischlichen Zuneigung anzulegen; doch artet die geistige Liebe nur zu leicht in fleischliche aus, so dass ich fur keinen als den Englander Burge bin, der indess vielleicht selbst bei seinem Platonismus das Fleisch nicht verlassen haben wurde, wenn es nicht so ungutig gewesen ware, ihn zu verlassen. Der Ritter, im System der Liebe vollig unerfahren, war nicht nur, ohne es zu wissen, verliebt, sondern konnte auch, ohne es zu wissen, verliebt machen. Beide Dinge sind zu unzertrennlich. Freilich hatte der Englander zu der Erziehung seiner Sophie alles beigetragen, was die besten Eltern nicht reichlicher und tauglicher bewirken konnten; war indess die falsche Sophie die einzige, die er erziehen liess? Sein Gelubde war (ein besonderes votum castitatis!) so viele Madchen erziehen zu lassen, als er weiland zu Liebhaberinnen gehabt; und wahrlich, das war keine kleine Zahl! Warum aber sollte bloss s e i n e S o p h i e diesen harten, fast ubernaturlichen und theurgischen Proben ausgesetzt werden, da es mit den andern Pflegetochtern entweder gar nicht zur Probe kam, oder da sie leichter abkamen? Gewiss, seine Sophie musste zu wenig in der Madchen-Arithmetik erfahren gewesen seyn, wenn sie nicht summa summarum herausgebracht hatte: es sey besser, einen Gemahl ihrer Gnade leben zu lassen, als der Gnade eines alten launigen Englanders zu leben. Bei aller Unbefangenheit, die unserm Ritter in Liebesangelegenheiten eigen war, hatte ihn Sophiens zuvorkommende Gefalligkeit freilich befremden konnen und sollen; und sie befremdete ihn wirklich. Bei aller seiner Verliebtheit wurde er einen grossen Theil von seiner guten Meinung in Hinsicht ihrer aufgegeben haben, wenn sie nicht Sophie, wenn sie nicht die rechtmassige Besitzerin seiner Maurerhandschuhe gewesen ware. Diese Hieroglyphe hatte sie, wenn ich so sagen darf, copulirt. Da die falsche

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Begleiterin

gegen den Knappen noch freigebiger war, als die falsche Sophie gegen den Ritter, lag es nicht in der Natur der Liebe, dass Zusammenkunfte verabredet wurden, die so geheim blieben, dass der Englander nichts merken konnte? Bei den theatralischen Unterredungen, die unter seiner Direktion vorfielen, spielten die Verliebten ihre Rollen so magisch, dass man glauben sollte, sie hatten dem alten, neuen und neuesten Testamente des Platonismus den Eid der Treue geleistet. Wie das

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Baumorakel

der a c h t e n Sophie ausgefallen? Der Baum Er? allerliebst! Der Baum S i e ? verdorrte. Wie das? Ein Versehen des kleinen Spions zwischen E r und S i e . Dieser unerwartete Vorfall (wer sollte das denken?) brachte die kleine Schwarmerin auf den unerlasslichen Gedanken, sie wurde sterben. Da sie sich keiner Untreue gegen ABC bewusst war, was konnte der Untergang des Baumes S i e anders bedeuten? Vergebens verschwendete die Zofe die ersten und besten Beruhigungsgrunde. Die Apostel selbst, die so wunderbare Krankheiten heilen, hatten hier bei ihrer Kunst den Kurzern gezogen. Ein wunderbarer Einfall der Zofe, den Baum bis auf seine Wurzel zu untersuchen, und ein noch wunderbareres Gluck, dass Sophie gegenwartig war; sie hatte sonst so wenig an den B e f u n d s c h e i n als an die Trostgrunde geglaubt! Jetzt fing sich durch die abgeschnittenen Wurzeln ein Rathsel an aufzuschliessen, das Sophien und ihre Zofe auf so wildfremde Gedanken gebracht hatte. Man setzte von Stund an eine Probe aus, bei der uber E r und S i e dem kleinen Spion kein Zweifel blieb, und nun entdeckte sich nach einiger Zeit alles. Der kleider Gartner auf Wurzelmordthat betroffen ward; indess betheuerte der letztere, von niemanden zu diesem Verbrechen beredet zu seyn. Ich habe, sagte er, wider den mir unbekannten E r einen Hass, den ich mir selbst nicht erklaren kann. Dass E r hierdurch in Sophiens Augen gewann und der Cavalier verlor, war naturlich. E r war vollig in den vorigen Stand gesetzt und mehr war nicht nothig, um die Rache des Nebenbuhlers anzuflammen. Der Cavalier wendete alles an, damit der unschuldige E r nicht nur Sophiens Liebe verlore, sondern noch obenein bussen mochte, und warum? weil das Bubenstuck mit E r und S i e nicht besser eingeschlagen war. Der Cavalier liess mit unglaublichen Kosten und noch grosserer Muhe seinen Nebenbuhler beobachten, und man denke! seine Verbindung mit der falschen Sophie blieb der achten kein Geheimniss. Sie wusste alles, nur das einzige nicht, dass ABC in ihr die achte Sophie liebte. Nach ihren unwiderleglichen Nachrichten war die Verlobte des Ritters eine zweideutige Dirne, die Die Zofe mochte immerhin behaupten, dass auch diesen Nachrichten insgeheim die Wurzeln abgeschnitten seyn konnten, nichts! Sie schlug Blumentopfe, Gestrauche und Baume mit E r und S i e in d i e s e r Hinsicht vor, nichts! Auf alles nichts! Sophie, uberzeugt von der Untreue des Ritters was wird sie thun? dem Cavalier ihre Hand anbieten? Der

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Vater und Bruder

schmachtete nach Antwort aus Rosenthal, die so ausfiel, wie man sie erwarten konnte. Der Ritter verzukkerte sie; er musste indess aufs neue und noch einmal aufs neue die Sache des Englanders treiben, der wahrend dieses Briefwechsels durch ein gluckliches Ungefahr zu der Entdeckung kam, dass seine Sophie und der Ritter geheime Zusammenkunfte hielten. Nichts in der Welt, selbst die Verstossung der Ritterin nicht, konnte ihn so aus der Fassung setzen. Wie diese Sache ins Reine zu bringen?

Das sind die Folgen der Unrichtigkeit! Er stellte Sophien auf das nachdrucklichste vor, wie sehr sie ihn getauscht hatte und verlangte, dass sie sich zuruck in die ihr angewiesene Rolle begeben sollte. Sie versprach es, doch schien sie nicht Lust zu haben, seine Drohungen zu furchten. Warum auch? Sie wusste, dass er wo nicht mehr, so doch ebenso viel wie sie selbst in den Augen des Ritters verlieren musste, wenn es hiesse, Sophie sey nicht Sophie. Ihr seine Unterstutzung zu entziehen, dachte der Englander, wurde ungrossmuthig und gefahrlich seyn. Was ist naturlicher, als dass sie aus der Noth eine Tugend macht, und so Verfassung entdeckt? Nur einen einzigen Ausweg hatte der arme Englander, und dieser war? den Ritter zu warnen. Zu warnen? Wen? Den Jungling, der soviel Umwege nicht gescheut hatte, um diesen Hafen seiner Hoffnung zu erreichen? Und wovor? Vor Sophien, welche der Englander selbst zur Bedingung gemacht hatte, um den hochsten Gipfel eines Glucks zu erreichen? Und wer sollte warnen? Der Vater und Bruder! In diesem Ausdruck lag mehr, als der Englander tragen konnte. Doch wagt' er es, und musst' er nicht? Er suchte dem Ritter auf eine ausserst seine Weise die Gefahren der Liebe zu zeigen, wenn man sich auf Ordensbahnen befande, um eben hierdurch sein Herz vor jeder falschen S o p h i e zu bewahren. Eine falsche Speculation! Sophie war ihres Sieges so gewiss, dass sie die Rolle seit geraumer Zeit ganz sorglos spielte, und diese Sorglosigkeit trug nicht wenig zur Vollendung ihres Sieges bei. Michael und die Begleiterin befanden sich in eben dieser Lage. Jeden Tag entdeckte Michael neue Vollkommenheiten an seiner Gebieterin. Er war so verliebt, dass er seinen Herrn flehentlich bat, durch das Ende das Werk zu kronen, wozu der Ritter an sich selbst schon so sehr geneigt schien. Die Handschuhe sind voraus und wir mussen nach, sagte der Knappe; wahrlich es ist Zeit, gnadiger Herr, dass wir der Welt zeigen, wir verstehen Handschuhe so heiliger Art zu verschenken. Naher konnt' es dem Ritter nicht gelegt werden. Und wer war denn die falsche Sophie? Die Tochter einer Schauspielerin und eines ihrer Liebhaber, welcher, der Ranke seiner Buhlerin mude, sie verlassen wollte. Die Schauspielerin drohte, die Mittlerin zwischen ihm und ihr, wie sie dieses Kind nannte, ein Opfer ihrer Wuth werden zu lassen, wenn er nicht und was? sich noch langer zum Gespotte der Welt machen und an den Bettelstab bringen wollte. Er ermannte sich, der Drohung ungeachtet, entriss dem Ungeheuer von Mutter die Hauptperson des beabsichtigten Trauerspiels und erklarte ihr in ganzem Ernst, er hatte nicht die mindeste Lust, das Lustspiel mit ihr weiter fortzusetzen. Besonders, dass Sophiens Vater und Mutter in e i n e m Jahr ihre Lebensrollen endigten! s i e , wie es hiess, aus Lebensuberdruss; e r aus bitterm Aerger, dass er seinen Posten, nach seinem Ausdruck ohne zu wissen warum verlor. Vielleicht hatte ihn der Minister diesen Umgang mit einer zweideutigen Schauspielerin, den er ihm verbot, nicht so hart sollen empfinden lassen. Und die Kammerzofe? Die Tochter eines vornehmen Geistlichen und einer Dame von Stande, die aus Grundsatzen der Ehre ihr Kind dem Findelhause in ubergeben hatten, und da fur dasselbe ein ansehnlicher Zuschuss bewilligt war, wusste einer der Aufseher diess reiche Kind mit einem andern zu vertauschen, dessen Vater ein durftiger Geistlicher und des Aufsehers leiblicher Bruder war. Da das durch den Tausch herabgesetzte Kind bei diesen Umstanden zur Classe derer gehorte, die nach erlangten vorschriftsmassigen Jahren zu Dienstboten bestimmt waren, so schien es ein Gluck fur die Ungluckliche, dass sie der Tochter einer Actrice, die der Englander erzog, aufwarten konnte. Die vortreffliche Mutter unseres Ritters konnte nicht ohne Kleck im Stammbaum abkommen; was wirb aus dem durren Holze dieser unachten Sophie werden? Wie viele Buchstabenopfer wird man fordern? und wird nicht der ganze Name bis auf jeden Punkt auf dem i ersauft werden mussen? Noch hing es an einer Kleinigkeit zwischen der falschen Sophie und unserm Ritter, die gewiss leicht beizulegen ist. Sie wollte n a c h ihrer Verbindung in Rosenthal eingefuhrt werden, der Ritter wunschte, dass es v o r derselben geschehe. Schon hatte Sophie so viele scheinbare Grunde gehauft, dass der Ritter schwankte. Bin ich denn nicht, sagte sie, bei aller meiner Unbekanntschaft in Rosenthal bekannt? Hat nicht Ihr sterbender Vater mich gesegnet und mir ein Recht auf Ihr Herz gegeben? War es nicht Ihre Hauptabsicht das Gluck Ihrer Sophie zu machen? Und wirb Mutter Sophie Fehler der Formlichkeiten auf die Wagschale legen? Sie, die so wie die Gottheit nicht auf das steht, was vor Augen ist, sondern auf das Herz? Besitz' ich nicht Ihre Maurerhandschuhe? Und wer wirb mich begleiten? Sie? was wird dann die Welt sagen! Sie n i c h t ? was dann mein Herz! Doch, was Sie wollen, ist mein Wille; nur dass der Englander uns nicht trennt, der nicht liebt, sondern Liebesgrillen hat! Tag und Stunde waren verabredet, wann der Ritter seine Sophie ihrem Pflegvater entfuhren wollte; und so schlau der Englander war, und so sehr er seine Sorgfalt seit einiger Zeit vermehrte, so wusste er doch so wenig von diesem Vorhaben, dass er vielmehr aus Sophiens Betragen abnehmen zu konnen glaubte, sie bemuhe sich wider zuruck in die ihr angewiesene Rolle zu kommen, wenn sie gleich noch nicht zu den sich reinigenden Seelen, viel weniger zu den Tugenden einer schon gereinigten Seele sich hinaufgeschwungen habe. Es war' auch Schande, wenn Weiber nicht uber Apostel waren. War nicht Delila uber Simson und Eva uber Adam? Eine Antwort von seiner

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Mutter

schob die Reise einen Tag auf; zwar nicht Sophiens; diese reiste gerade zum Altar, begleitet von dem vertrautesten Freunde unseres Helden. Der Brief enthielt die Schlussantwort fur den Englander, der edlen Sojugendlichen Freuden, welche Freude und Unschuld veranlasst hatten, nicht in sie zu dringen. Ihr Entschluss war unerschutterlich; doch, fugte sie hinzu, wird es mir Freude machen, einen alten Freund wieder zu sehen Der Ritter traf den Englander in keiner seligen Stunde. Sophie qualte sein Gewissen. Er war eben aus dem engsten Ausschusse der Apostelversammlung zu Hause gekommen, wo man lettres de cachet verabredet hatte, um die falsche Sophie zu entfernen. Hatte dieser wunderthatige Ausschuss keine andere Wege, diess Ziel zu erreichen? Der Englander las mit augenscheinlichem Entzucken; wenn gleich sein Plan zu einer ehelichen Verbindung abgeschlagen ward, so begeisterte ihn doch die Art, womit Sophie abschlug. Er umarmte den Ritter und druckte ihn fest aus Herz. Sophie (mehr konnt' er nicht sagen) Sophie ist nicht Sophie. Der Ritter, der diesen Ausdruck auf seine Mutter deutete, erwiederte: Sie ist es wahr und wahrhaftig. Ach! Sohn und Bruder, wie erschein' ich in deinen Augen! "Als mein Freund, als mein Fuhrer, was ich nie vergessen kann und werde." Diess ruhrte den Englander noch mehr, und er schloss dem Ritter nicht nur das Geheimniss mit der falschen Sophie, sondern auch so manche Vorgange im Orden der Apostel auf. Grauen und Entsetzen uberfiel den Ritter, der sich es nie hatte einbilden konnen, dass Menschen im Stande waren, Menschen auf diese Weise zu betrugen. Schon wandelte ihn der Gedanke an, dass vielleicht die ganze Apostelwurde ein auf seinen Zustand eingerichteter Orden ware; der Englander betheuerte indess, dass nur einige Episoden zu diesem grossen Werke des Ritters wegen dazu gekommen waren. Viele Dinge, fugte er hinzu, sind mir selbst in diesem Grad unerklarlich; doch ist kein Zweifel, dass die Zukunft mich zu mehreren, meinen jetzigen Horizont ubersteigenden Dingen fuhren wirb. Gewiss existirt eine noch hohere Region, wo Wunder uber Wunder sind. Der Englander war bei weitem nicht am letzten Ende des Aufschlusses, und ich wette, es war's k e i n e r , auch nicht E i n e r . Die Ehrlichkeit, womit der Vater und Bruder diess sagte, hatte freilich den Ritter mit dem Orden vollig aussohnen konnen; indess nahrte er den Argwohn, dass man bei Aposteln, die einmal Episoden in ihr System aufnahmen, nicht wissen konnte, woran man ware und wo diese Episoden anfingen und aufhorten! Die Reue des Englanders, der sich, seiner Geistigkeit unbeschadet, bei dieser Gelegenheit etwas fleischlich betragen hatte, konnte das Zutrauen des Ritters nicht gewinnen, der ein Feind aller Heuchelei war. Beide kamen darin uberein, dass Mutter Sophie weit eher den Apostelnamen verdiene, als viele Vater und Bruder Episodenliebhaber. Michaeln schlug die fehlgeschlagene

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Entfuhrung

so ausserordentlich nieder, dass sein Herr Muhe hatte, sein vollig verstimmtes Gemuth in den gehorigen Stand zu bringen. Vielleicht, sagte er, ist die jetzige Reue des Englanders eine starkere Episode, als seine bereute Versicherung. Ist es nicht schwer, zu erklaren, wie eine Begleiterin, die mit dem Ideal, das man malen lasst, so punktlich ubereinstimmt, nicht die rechte Begleiterin seyn soll? Er verlangte, der Englander sollte beweisen. Was denn? fragte der Ritter, kann man den Augenschein beweisen? Wenn ich nur wusste, sagte Michael nach einer Pause hochst betrubt, wenn ich nur wusste, wiederholte er, ob ich je die achte Begleiterin finden werde! Ich will Verzicht thun auf das Gluck, in ihr die Tochter eines vornehmen Geistlichen zu treffen, die, wenn sie gleich vertauscht war, doch immer ein seltener Vogel bleibt. Tochter einer Schauspielerin! sagte der Ritter; Tochter vielleicht eines Papstes, eines Cardinals. Mindestens eines Bischofs, erwiederte der Knappe. Beide sanken in jene besondere Art von Schwermuth, welche die Liebe des Leibes und die Verachtung der Seelen an geliebten Gegenstanden bei unserem GeLage! sie kam dem Herrn und dem Begleiter so hoch zu stehen, dass ihretwegen zu furchten war. Kein g o l d e n e r S p r u c h des Pythagoras war kraftig genug, sie aufzurichten. Bei allen Episoden des Apostel-Ordens schien sein Wink zum Einsiedlerleben ihnen erwunscht. Ihr Entschluss war, die Venus Urania im Geiste anzubeten, der Welt des Fleisches abzusterben, in ganzlicher Abgeschiedenheit Ambrosia und Nektar zu kosten, mit Gott umzugehen und hochstens mit Engeln ein Kranzchen zu halten, mitten in der Sinnenwelt in einem wundervollen Lichte zu wandeln, im Schimmerlichte des Elysiums das Auge des Verstandes zu schonen u.s.w. als ob ein Platoniker sich nicht an Ideen arger den Kopf verderben konnte, als ein Schwelger durch Lesung eines neuen Kochbuchs den Magen! Als ob!

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Johannes

kam, welchen der Ritter fest an sein Herz und, nach seiner platonischen Sprache, an seine Seele druckte. Nach dem Englander Judas musst' ihm dieser Apostel freilich hochst willkommen seyn. Furs erste suchte Johannes seinen Freund mit der Welt auszugleichen. Ein Engel, sagte der Ritter, ist mir erschienen, und wie entwickeln? Johannes, ein Feind alles Ubernaturlichen, wovon der Ritter so oft sich uberzeugt hatte, erschien als Wunder in den ritterlichen Augen, weil ein so naturlicher Johannes von allen seinen Ordensschritten fast punktlich unterrichtet war. Wie erschrak der Ritter uber die naturlichen Deutungen so vieler Vorfalle, die er bis jetzt fur Wunder gehalten hatte! Freund, sagte der Ritter, was ist Ihnen fur eine seltene Wundergabe eigen, alles zu entwundern und das Maschinenwerk der magischen Oper aufzuziehen! Johannes schonte den Ritter nicht, dessen vortheilhafte Stimmung er zu seiner Absicht benutzte. Es gluckte ihm, seinem Freunde die Augen zu offnen. Man darf nicht die Halfte vom Kopf und Herzen unseres Johannes besitzen, um so manchen Greuel an heiliger Statte zu erklaren, wenn man den Umstand voraussetzt, dass auch der entschiedenste Philosoph der Glaubensversuchung unterliegen musse, so bald nur zwei Menschen, von denen er nicht weiss und vermuthet, dass sie es auf ihn angelegt haben, ihn m e t h o d i s c h hintergehen. Sind mehr als zwei Menschen dieser Art vereinigt, sind in diesem Bunde Postbediente, Hauswirthe, Domestiken halt, sagte der Ritter, von meinen Domestiken konnt' ich nicht hintergangen werden. Michael ist mein Begleiter, und der Reitknecht so ehrlich, dass, als man Michael zur Vorbereitungsprobe an Hals und Hand kommen wollte, er sich seiner mit unglaublicher Redlichkeit annahm, obgleich Michael so ungutig war, nicht sein Vetter seyn zu wollen. Johannes lachte, und in kurzer Zeit war der Reitknecht zum Erstaunen des Ritters uberfuhrt, der geheime Postillon der Briefe gewesen zu seyn, welche der Ritter auf eine unerklarliche Weise an Orten gefunden hatte, zu denen niemand als er selbst zu kommen im Stande war. Der Reitknecht war klug genug, die Wundersprache einzuschlagen und wohlbedachtig vorzugeben, dass ihn der arge bose Feind zu dieser Untreue verleitet hatte. Da indess in Geschaften keine Wunder gelten, und wenn ein Apostel mit dem andern uber Mein und Dein schaltet und waltet, eine Erscheinung, und war' es eine Theophanie, keinen Rechtsgrund abzugeben sich anmassen kann, so sah der Reitknecht wohl ein, dass zwischen Ordens- und gemeinem Leben ein himmelweiter Unterschied sey, so folgerungsrecht es auch immer seyn mochte. Kniend ubergab er seinem Herrn die Nachschlussel. Mit Gottes Hulfe, fugte er hinzu, wird der Teufel meine Verfuhrer schon holen! Es war erbaulich, dass Johannes Unbegreiflichkeiten theils augenscheinlich, theils wahrscheinlich begreiflich machte, und Dinge losete, die dem Ritter bis jetzt unaufloslich geschienen hatten. Wenn wir nichts mehr zu antworten wissen, sind wir dadurch schon zur Meinung des Gegners ubergetreten? Ist es genug, dass die Knoten verschoben und verruckt werden? Muss man sie nicht losen? Zum Synkretismus hat, seines Wissens, der Ritter nie Neigung gezeigt, nach welchem man mit seinen Feinden Frieden macht, um einen gemeinschaftlichen Feind desto nachdrucklicher anzugreifen. So schwer es unserem Johannes ward, Menschen in ihrer Blosse zu zeigen, so konnt' er es doch da nicht unterlassen, wo nur durch die Entzauberung dieser Ordensmeister die Vorgange selbst entzaubert werden konnten. Bon Reden kommt Reden, von Thun kommt Thun. Doch bewies Johannes so viel Menschenschonung, dass der Ritter auf keinen einzigen unwillig ward. In der That, es gehorte viel auf seine N o t h t a u f e , so wakker er auch scheint und so sehr er es auch in den meisten Fallen war und noch ist. Fing er nicht mit der Turkengeschichte an? Wollte er nicht Wappenkaiser werden? Ward er nicht durch die zehn Haupt- und so viele Nebenverfolgungen zum Ordensgeiste vorbereitet? Hatte er nicht verheissen, das Rosenthalsche Jerusalem zu ehren sein Lebenlang? Ward er nicht zur Maurerei berufen, erleuchtet und geheiligt? Und braucht nicht auch der personliche Adel Sporen? Wenn man das Kreuz unter der Weste tragt, hort es darum auf, ein Kreuz zu seyn? Auch lernte unser Held einsehen, dass der Apostel Englander von andern Aposteln kollegialisch hintergangen war, und dass selbst Hintergeher ihres Betruges zuletzt so gewohnt wurden, dass sie selbst nicht glaubten, sie betrogen, indem sie sich uberredeten, ihre gute Absicht verbessere die Mittel, und Tauschungen konnten durch das Bewusstseyn eines redlichen Zwecks geheiligt werden. Ist es nicht verzeihlich, die Hieroglyphen: Gott, Geist, Seele, Mensch, Zeit, Ewigkeit u.s.w. erklaren, und da noch leiblich sehen zu wollen, wo den Menschen nur der moralische Glaube zugemessen ist?

Die Bibel, ein Buch, das wir von Jugend an heilig zu halten gewohnt sind, dient zum Vorschub dieser Anstalten; und sind Menschen auf den Weg des Wunderbaren geleitet, konnen nicht sehr leicht mit funf Gerstenbroden und ein wenig Fischlein vier tausend Menschen gespeist werden? Anspielungen auf patriarchalisches Leben, Liebesmahle, und die kreuzbrave Idee der alten Ritterschaft wirken auf unverdorbene Gemuther, so dass es kein Wunder, sondern vollig naturlich ist, wenn sie vom Ordenswesen bemeistert werden. Ich weiss nicht, sagte Johannes, ob der vernunftigste Mensch in gewissen Jahren besser spielen konne; doch einmal muss man die Kinderschuhe ausziehen, die Steckenpferde zerbrechen und die Spielpuppen zum Fenster hinauswerfen. Das Monchsleben und die Kloster, die in unsern letzten Tagen so viele Bestreiter gefunden haben, konnen sicher seyn, bei einer gewissen Stimmung des Gemuths immer noch zu gewinnen. Sie behaupten, die zweite Edition von dem Leben der ersten Christen zu seyn; und scheint es nicht wirklich, dass sie den einfaltigen Wandel dieser ersten Bekenner und Bekennerinnen nachahmen? Nicht wahr, lieber Ritter, fuhr Johannes fort, Sie waren in diess e r s t e Christenleben verliebt? Doch ist es, wie alles erste, nichts weiter als Kindheit, durch die mannlichen Jahre des Christenthums bei weitem ubertroffen! Wunder lassen sich jetzt so leicht nicht unter die Leute bringen. Wurd' es nicht schwer halten, der Welt einzubilden, eine neue Wittwe zu Sarepta sey in ; der Teich Bethesda zu Jerusalem thue in Wirkung? Und wahrend der Zeit, dass unsere neuen Bibelerklarer beweisen, unter Engeln werden Boten verstanden (so dass nach dieser Erklarung unser corps diplomatique, man denke! ein Corps Engel und Erzengel ware), konne man in fur Geld und gute Worte mit Engeln essen? Behauptungen dieser Art machen jetzt in grossern Weltcirkeln kein Gluck, und der heilige Vater hat zu dieser Frist gewaltige Muhe, einen Heiligen zu Stande zu bringen. Die Folge? Man glaubt, in kleinern Cirkeln, bei Menschen, die sich einmal zum Wunderbaren stimmen lassen, oder vielmehr sich selbst stimmen, leichter fortzukommen; und ist es zu laugnen, dass diese Strategeme gelingen? Die alten Ritter widmeten sich der Beschutzung der Religion, des Vaterlandes und der Unschuld. Sie waren zu roh, als dass man vermuthen konnte, es waren bei ihnen Kleinode von Kunsten und Wissenschaften vorhanden gewesen; sie waren eine Art von Nomaden, die sowohl im Geistlichen als Leiblichen nicht fur den andern Morgen sorgten; wie will man bei ihnen Einsicht unseres Zeitalterserwarten? Ihr Leben sahen sie als Geschenk an, das ihnen zum Wucher anvertraut sey, um unglaubigen Sarazenen den Hals zu brechen. Ist hiess etwa ein Grundsatz, der ihre Vorzuge verburgt? Ihnen musste manches Wunder dunken, was jetzt Kinder naturlich zu erklaren wissen. Lasst uns von ihnen lernen, unser Leben nicht lieber zu haben, als unsere Bestimmung! Lasst uns von ihnen Muth lernen, Gefahren zu uberwinden, wenn die Umstande es werth sind, da ein Theil dieser Religions- und Minneritter den in barbarischen Landen gedruckten Vasallen aus Menschenliebe beistanden, verfolgte Gerechte schutzten, verlassenen Wittwen Recht schafften, und jedem, der ihrer Hulfe bedurfte, sie fern von aller Gewinnsucht und Nebenabsicht leisteten! Lasst uns, wie sie, in der Welt, so viel an uns ist, das Gleichgewicht herstellen, wozu die Gottheit jeden berief, der sich an Starke des Geistes von seinen Zeitgenossen unterscheidet.

Diese Unterhaltung lenkte unsere Freunde zu verschiedenen Ideen und zum erbaulichen

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Wortwechsel.

Ein Extrakt. Die Verbindung mit Gott brachte vielleicht von jeher Menschen auf den Hang zum Umgange mit Wesen hoherer Art. Wer beim Fursten gelten will, sucht Bekanntschaft bei Hofe; und vom Geiste des Menschen, welch ein Weg bis zur Gottheit! Ein Sprung, welcher der Natur nicht eigen ist! Auch weiss man, dass es der lieben Geisterwelt nicht um Geld und Gut zu thun ist; und wem sollte sie es lieber zuwenden, als ihren Halbbrudern, den Menschenkindern, die sich alles, bis auf ein gutes Gewissen, mit Geld und Gut verschaffen konnen? Zwar fallen Gelb und Gut nicht vom Himmel, und es wird dem Peter genommen, was dem Paul gegeben wird; doch hatte Paul es nicht nothiger, als Peter. Hierzu kommen Furcht und Hoffnung, ein paar Lagen, in die sich das Menschenleben vertheilt, edle und unedle Neugier, Lebensverachtung Stolz politischer Druck Langeweile, schlechte Gesellschaft in dieser Erdenwelt, Grenzstreit in Hinsicht der theoretischen Vernunft, und Unkunde der Vorschrift der praktischen. Vor allem wirbt die Kurze des Lebens der Magie Junger. Verlohnt es, durch Fleiss, durch Anstrengung zu einem an, und unser Leben ist dahin; und von welchem Jahre ab kann man sein Leben mit Recht zu berechnen anfangen? Eben darum ist schwer zu hoffen, dass Menschen je die beste Staatsverfassung erringen werden. Fur wen? denkt man; fur wen?

Da man Gott als einen alten ehrwurdigen Mann vorstellte, so konnten die Geister von Gluck sagen, dass wir ihnen von unsern Heraldikern (senioren namlich) die Schnabelmantel machen liessen. Die Menschen begaben sich in Hinsicht ihrer nicht der Schopferrechte; vielmehr machten sie aus ihnen grosse Herren und Diener, je nachdem man sie nothig hatte. Ein armer Taglohner halt sich seinen Engel, mir nichts, dir nichts; und dieser macht sich eine Ehre daraus, ihm zu dienen, ohne dass es dem Herrn Taglohner einen Dreier lostet. Die Schnabelmantel der Seele sind Leidenschaften, und diese existiren nicht ohne Bedurfnisse; was aber fur Bedurfnisse schicken sich fur Geister? Kostbare konnte man ihnen nicht beilegen, um nicht mehr zu verlieren als zu gewinnen. Man opferte anfanglich der Gottheit, und rechnete es sich zur Schuldigkeit, den Geistern ein Vergnugen zu machen. Man liess sie malen wobei die Malerei am meisten gewann; denn man sagt, dass sie bei weitem das nicht geworden ware, was sie jetzt ist, wenn den Malern nicht Gotter und Geister gesessen hatten. Das beste, was man der Geisterwelt brachte war Lob. Freilich leicht, allein auch schwer, je nachdem das Lob ist! Aller dieser Verehrung unbeschadet fand doch selbst ein Volt, wie das romische, keine Bedenklichkeit, die Gotter in effigie zu strafen und zu beschimpfen, wenn sie namlich so ungutig waren, nicht zu thun, was man wollte. Wenn Sokrates seinen Damon hat; wenn der Stifter des Christenthums sich durch einen Engel starken lasst: ist es Wunder, wenn die alten, neuen und allerneuesten Platoniker die Erde mit dem Himmel, die Korper mit der Geisterwelt in eine so genaue Verbindung setzen, dass ein Mensch, der sich mit Geistern verstarkt, mehr t h u n k a n n , als W e r k t a g s m e n s c h e n z u b e g r e i f e n vermogen?

Freilich ist der Mensch ein Knoten, den nur die Gottheit losen kann; indess sind Versuche, ihn zu entwickeln, doch besser, als wenn man ihn zerhauet. Plato, unser Freund, behauptete: die Bildung des Menschen ware den Damonen uberlassen gewesen. Diese kneteten den Leib aus den Elementen zusammen; d e r g o t t l i c h e n , u n s t e r b l i c h e n Seele dagegen ward das Haupt zum Wohnsitze angewiesen. Der g o t t l i c h e P l a t o liess es bei dieser g o t t l i c h e n Seele nicht bewenden; er praktisirte noch zwei u n v e r n u n f t i g e Seelen in den Korper, und setzte die eine ins Herz, die andere in den Unterleib ja wohl, in den Unterleib! Hatte Plato mit e i n e r v e r n u n f t i g e n Seele im Menschen sich begnugt, er hatte ihr gewiss im Magen die Residenz angewiesen, der auf alles, was Fleisch ist und heisst, einen nicht geringen Einfluss hat. Ein so achter Republikaner, wie Plato, machte auf diese Weise jeden Menschen zu einer Republik, wo ewiger Zank ist, wo oft Unterleib und Herz nicht wissen, was sie wollen, wo indess doch, durch Erfahrung gestarkt, am Ende die vernunftige gottliche Seele die Oberhand gewinnt, bis endlich (Gott geb' es!) das Reich Gottes auf Erden sich hervort h u t : eine Staatsgesellschaft, wo nicht Konige, Priester und Propheten (eine andere Art von Unterleib und Herz!) die Gottheit reprasentiren; sondern wo die Menschheit, ihres gottlichen Ursprungs sich bewusst, ihren Geist als einen Ausfluss der Gottheit ansieht, und den Leib so nach der Seele modelt und einlenkt, dass ein Paradies entsteht, in das die Menschheit nicht ohne Muhe und Arbeit hineingepflanzt wird, sondern in das sie sich selbst hineinringen und hinein arbeiten muss.

Da Unterleib und Herz zu uberwinden dem Kopfe zuweilen ausserst schwer wird, so gerath der Mensch aus Seelenverdruss (der vernunftigen Seele) nicht selten in die Versuchung, den Korper fur eine Bastille der Seele zu halten; doch diesen Verdruss selbst spielt ihn nicht der Unterleib? Nichts anders, als der Unterleib. Gott! was ist der Mensch! ein Knoten aller Knoten. Ist es Wunder, wenn er sich nach Geistern umsiehet? Nur wenn ihr Kollege, die vernunftige Seele, die H a u p t s e e l e bleibt; wenn sie der Sinnlichkeit und den Leidenschaften ritterlich entgegenarbeitet, sie heiliget, und so mit Weisheit und Tugend in Verbindung setzt, dass selbst das Fleisch, genau erwogen, bei dieser an selbst gegebene Gesetze gebundenen Freiheit sich weit besser befinden muss: nur alsdann zeigt sich Hoffnung, der Mensch werde und konne sich auf diesem Wege entwickeln und verstehen lernen. Was der Mensch soll, wird er auch mit der Zeit w o l l e n . Hatte die Gottheit ihm wohl ein Gesetz in die Seele geschrieben, wenn es ewig unerfullbar bleiben sollte? Aus dem Gesetzbuch ist ein Volk, das sich selbst Gesetze gab, oder dem sie von einem weisen Geber vorgezeichnet worden, am richtigsten zu beurkunden.

Da jede v e r n u n f t i g e S e e l e des Individuums mit s e i n e n G e g n e r n des Fleisches genug fur sich zu thun hat, so scheint es fast unmoglich, dass dieser Sieg im allgemeinen zu Stande kommen werde. Doch lasst uns glauben, es scheine bloss so. Mensch, uberwinde dich selbst, und der Hauptschritt ist gethan, alles zu uberwinden. Wenn viele Selbstsieger zusammenreten; kann dieser Phalanx sich nicht getrosten, er werde mit der Zeit mehr Unterleiber und Herzen zur Oberherrschaft der vernunftigen Seele bekehren? Und wenn alle diese Bekehrten gemeinschaftlich eine sich bloss auf Vernunft grundende Souverainetat bewirken, wenn sie Eins und untheilbar, theils wegen ihres Ursprungs, theils wegen ihrer Uebereinstimmung in Gesinnungen (Meinungen thun nichts zur Sache) sind; wenn sie sich wider jede Anmassung einer partiellen Souverainetat das Wort geben und sie nicht aufkommen lassen: Gott! welch' ein Vorzug, in diesem R e i c h e G o t t e s e i n B e a m t e r z u s e y n ! Wann diese Theokratie ohne Priester, wann dieser Vorschmack von Eldorado kommen wird? Das kann nicht die Frage seyn; wohl aber, was zu thun ist, dass dieses Eldorado komme. Die Hande zu kreuzen zum Gebet: d e i n R e i c h k o m m e thut es freilich nicht. D a s R e i c h G o t t e s k o m m t n i c h t i n W o r t e n u n d G e b e r d e n , nicht in Rednerfiguren, es mogen Figuren des Witzes, des Verstandes oder des Herzens seyn. Wer unbehulflich in Worten ist, ist es darum nicht in Thaten. Redner, welche obere und untere Seelenkrafte zusammenzumischen, vernunftig und sinnlich zu seyn, zu uberzeugen und zu ruhren verstanden: was richteten sie aus? Die naturlichste Regel ist: Jeder suche fur sein Theil sich zum Burger in Gottes Reich vorzubereiten, wobei er um so weniger vergebliche Arbeit unternimmt, da diese Vorbereitung zum Leben zugleich eine Vorbereitung zum Tode ist, dem kein Mensch entgeht. Zum Tode? Allerdings; und in dieser Rucksicht heisst sterben lernen mit Recht: weise seyn. Wenn jeder diese seine Lektion l e r n t e und Gottes Reich in sich stiftete, konnte es fehlen, dass es bald im Grossern kommen wurde? Aechte Philosophie spricht uns den Umgang mit Geistern ab. Was zu thun? Lasst uns einen andern Weg einschlagen. Gehoren nicht Auserwahlte dazu, die im Stillen fordern, nachhelfen, vollenden, die nichts im Staate bedeuten mussen, um sich nicht eine Herrschaft uber die Gemuther der Menschen anzumassen? Allerdings! und diese Gottessohne, diese Auserwahlten, legen es nicht darauf an, eine Brudergemeinde zu stiften, eine Stadt Gottes anzubauen, und Bande zwischen Eltern und Kindern und Verwandten zu zerreissen. Auch kann es ihrer nicht viel geben; und gewiss keinen Einzigen, der l i c h t v o l l ruft: es werde Licht! und nun eine von Goldpapier ausgeschnittene Sonne zeigt. Sie leben im Staat, als lebten sie nicht darin; nur einzelne Strahlen lassen sie fallen. Wenn (wie in unsern besten Staaten) Souverain und die gesetzgebende und vollziehende Gewalt oft in noch argere Verwickelungen gerathen, als Vernunft, Herz und Unterleib, was ist alsdann die Pflicht dieser Stillen im Lande? Im Grossen und Kleinen zu willen, den Vorwurf gern zu ertragen: es sey Kinderspiel, was sie in ihren Schriften beginnen, es sey eine Komodie, die nicht aufgefuhrt werden konne. Sie lassen die Kindlein zu sich kommen und wehren ihnen nicht; denn diese spielen das Reich Gottes, und durch weisen Unterricht werden diese Kindlein zu tuchtigen Werkzeugen eines Werkes erzogen, das durchaus im Kleinen und langsam k o m m e n muss! Entweder so, oder nie. Wenn man an Kindern, vermittelst der Erziehung, beweiset, dass der Mensch, der Erbsunde unbeschadet, es weit bringen konne, ohne dass man Astraen vom Himmel erwarten durfe, damit sie Unschuld und Gleichheit des goldenen Zeitalters auf der verdammten Erde wieder herstelle, und ohne dass man auf himmlische Einflusse Rechnung machen durfe; wahrlich! da lasst sich von der Menschheit ohne Wunder alles hoffen! Selbst wenn es Wunder waren, die auf ihre Veredlung wirkten, musste man nicht durchaus so thun, als gabe es keine? Durch Gewaltthatigkeiten und Machtspruche ein Regiment der Vernunftgesetze im Moralischen und Politischen einfuhren wollen, hiesse durch Unvernunft vernunftig seyn. Gewalt und Moralitat! wahrlich das Heterogenste, was in der Welt ist. Gewalt? Allerdings, wenn es namlich jene a u ss e r e Gewalt ist, wo Schwert und Stock Recht und Pflicht sind, wo man durch diese eisernen Scepter die Freiheit einschrankt, ohne zu erwagen, dass Gewalt eigentlich im Willen des Menschen liegt. Doch gibt es (ohne dem Worte G e w a l t Gewalt zu thun) eine i n n e r e ; und diese ist die des V e r s t a n d e s und der V e r n u n f t . Diese lasst sich aus heiligen Urgesetzen der Vernunft a priori demonstriren; jener (der Gewalt des Verstandes) hat die Erfahrung das Siegel aufgedruckt; sie beruhet auf Vertragen, wodurch man sich einschrankt, wenn dagegen die V e r n u n f t g e w a l t sich uber sich selbst und die Erfahrung wegsetzt, und nicht als Stimme der Menschen, sondern als Stimme Gottes gelten will. Zwar muss man Gott uberall mehr gehorchen, als den Menschen; indess bleibt doch noch die Frage: ob es je der Vernunft a priori in solchen grossen Gesellschaften, wie man jetzt hat (ob zu Gottes Wohlgefallen, ist die Frage), gelingen werde? Wenigstens bleibt in diesen grossen Gesellschaften die Pluralitat viel zu sinnlich, um durch etwas Unsichtbares sich zwingen zu lassen. Doch sind diese grossen Gesellschaftsmassen einmal vorhanden, und es wird tausend und abermal tausend Jahre, die hier wie e i n T a g sind, dauern, ehe ein Codex reiner Vernunftgesetze zu Stande kommt. Immerhin! man eile hier mit Weile, ohne es auf das platonische Jahr (auf den Tag nach dem jungsten Tage) auszusetzen. Sobald nur reine VernunftAnordnungen im Staate zur Grundlage dienen; was schadet es, wenn auch ihre nachsten Grunde in einer Verstandesautoritat aufzusuchen sind? Was Recht ist, bestimmt die reine Vernunft; was burgerlich Recht ist, mag die gesunde Vernunft oder die Autoritat, die sich in der positiven Gesetzgebung offenbart, angeben. Wenn Autoritat den vernunftigen Willen gegen Neigung, Leidenschaft, Interesse, kurz, gegen unvernunftige Aus- und Einfalle in Schutz nimmt, wer darf sie fur jene aussere Schwert- und Stockgewalt halten? Wer kann den furchten, den er nicht ehrt? Wo Ehrerbietung ist, da ist Furcht. Schon haben diese beiden Begriffe im Worte E h r f u r c h t sich ehelich verbunden. Die Rechte der Menschen, die nach unsern jetzigen Verfassungen nicht viel mehr als bloss moglich sind, durch burgerliche Rechte wo nicht zu w i r k l i c h w i r k l i c h e n zu machen, so doch sie der Wirklichkeit etwas naher zu bringen; das ist die Pflicht der positiven Gesetzgebung, die in Abgotterei ausartet, wenn sie nicht die Rechte der Menschheit sich zum unabloslichen Gesetze macht. Jetzt wird e i n Gesetzbuch aus dem a n d e r n gemacht; und die S t a n d e (der nahere Ausschuss der Gesetznehmer) im monarchischen Staat bestehen selbst mit Recht darauf, dass ihnen ihre alten Rechte nicht genommen werden mogen, weil, wenn einmal die aussere Gewalt sich Willkurlichkeiten erlaubt, alles druber und drunter geworfen wird. Ein Gesetzbuch ist eine Vernunftabschrift; und nicht nur bei der Staatseinrichtung, sondern in allen Zweigen der Staatsverfassung kann und muss sich Vernunft offenbaren, wenn nicht alles heute so und morgen anders seyn soll. Die Pflicht j e n e r S t i l l e n im L a n d e , jener Gottessohne, jener Kinder des Hochsten, jener Auserwahlten, die wir den Geistern substituiren? Den Menschen richtig berechnen, keinen Bruch ubrig lassen, durch Erfahrung der Demonstration, durch empirische Principien den rationalen forthelfen, bei der Sanction der Vernunft die Vortrage des Verstandes in Anschlag zu bringen, das M u ss und das W i r d in genaue Verhaltnisse setzen, wenn Gesetznehmer sich lieber unter die Hand des Fursten schmiegen wollen, weil das Gesetz unerbittlich ist, und es von ihm nicht heisst: den Demuthigen gibt er Gnade, sondern: den Gehorsamen gibt er Recht; ihnen lebhaft vorstellen, welch ein Vorzug es sey, wenn Menschen sich vor dem Gesetz, wie vor der Natur, als eine einzige Familie versammeln. Kann man denn nicht Gebote und Verbote durch A u s weichungen widerlegen? Dem Luxus durch Beispiel vorbeugen? Durch ein Moralbuch (warum denn immer ein Gesetzbuch) den Staat zu einem moralischen Instrument stimmen? Kann man nicht ernsthaft ohne Trotz, freimuthig ohne Plauderhaftigkeit, witzig ohne Beleidigung seyn? Ist zwischen gemaltem und wirklichem Feuer nicht ein gewaltiger Unterschied? Kann man nicht auch Gott geben, was Gottes ist, wenn man dem Kaiser gibt, was des Kaisers ist? Kann denn der Mensch, wenn er gleich uber seine Zeit und seine Dienste disponirt, wohl uber sich selbst disponiren? Kann er das, was geboten wird, thun, und was verboten wird, lassen, wenn er dieses nicht als schadlich und jenes als nutzlich allerunterthanigst selbst einsieht? Ist nicht wirklich Etwas von Menschen (an sich selbst) ohne ubernaturliche Beihulfe zu erwarten, dass sie nur die achten, die Gutes thun, da sie selbst in den argsten Feinden edle Handlungen ehren, und sich bei aller Selbstsucht nur alsdann im Herzen schatzen, wenn sie sich das Zeugniss, es zu verdienen, nicht abschlagen konnen? Wer Gedanken fur zollfrei erklarte, war ein schlechter Vernunftfinanzier; und uber ein Kleines wird der, der Gedanken nicht anzuhalten gewohnt ist, auch den Worten, und uber ein noch Kleineres auch den Handlungen freien Lauf lassen. Oft macht der Mensch in sich selbst ein Gesetz, das schon langst gemacht war, und das sich von selbst verstand. Warum? um nicht in seinen eigenen Augen zu verlieren, um sich in integrum bei sich selbst zu restituiren, weil er so oft jenes ewige, in seiner Vernunft sich grundende Gesetz ubertreten hatte. Wahrlich, der Mensch ist kein schlechter Schlag was soll ich sagen? vom OrangUtang oder vom Engel!

Diese Kreuz- und Querzuge von Ideen waren wer sollte es glauben? zugleich eine Vorbereitung zu einem n e u e n O r d e n . Ein neuer Orden?

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Allerdings;

und zwar ein solcher, zu welchem Johannes dem Ritter den Weg zeigen wollte. Dergleichen Brudervorbereiter waren unserm Ritter seit der Zeit, dass Johannes ihn zur Freimaurerei praparirte, nicht vorgekommen, und da der Ritter aus jener Vorbereitung nur zu deutlich den Widerwillen unseres Johannes gegen alles Ordenswesen bemerkt hatte, so schien es ihm unbegreiflich, dass das Ende dieses Wortwechsels zu einem Orden fuhren sollte. Johannes, rief der Ritter auf, es ist nicht zum erstenmal, dass Theokratie in Hierarchie, der Monarch in einen Despoten ausartet, und der Philosoph ein Dichter wird. Sie und ein Orden wie kommt diess Paar zusammen? Weiss ich nicht, dass Sie Muth und Redlichkeit hatten, ohne Ruckhalt zu sagen, was Sie dachten? Suchten und fanden Sie je durch den Orden Ihr Gluck? Erhielten Sie Ihr Amt nicht als Palme Ihres Verdienstes auf dem geradesten Wege, wenn andere sich durch Ordensprotectionen zu Ehren und Wurden schwangen, zu denen Sie kein anderes Verdienst mitbrachten, als Ordenskreuze unter der Weste? Hiessen Sie nicht Thomas der Unglaubige? Und gibt es einen Menschen, der weniger fur Ceremoder Sache passt, die es vorposaunt? Sie hatten bei Ihrer kleinen Stelle Gelegenheit, sich durch Handelsunternehmungen das zu erwerben, was viele andere sich auf Schleichwegen ihres Amts zuzuwenden pflegen, und wohl Ihnen, dass Sie jetzt ohne Ab-, Hinund Rucksichten sich selbst r e i n leben konnen! Stimmt Ihr Lebenslauf mit der Idee eines Ordens? War nicht Ihr altes Lieb: warum Schule oder Orden?

Lehrte Plato, erwiederte Johannes, nicht, wie die Herren Sophisten, an einem gewissen Orte uber gewisse Materien fur gewisse Personen? Sokrates selbst hatte seine Bruder Junger, wenn gleich er und sie keinen Orden ausmachten. Wenn wir unsern gegenwartigen Sophisten entgegen arbeiten wollen, geht es ohne Ordensschule nicht fuglich an. Doch ist unsere Loge gegen die Sophisten ohne Ordensmantel, ohne Bander, ohne Verzierungen und ohne (des wunderbaren Putzes!) K r e u z , das, wenn es Galgen hiesse, fein Mensch tragen wurde. Dieser Orden ist das Gegentheil von allen Orden, oder legt es darauf an, das Gegentheil davon zu seyn. Menschheit, Menschenliebe ist sein Zweck. War' ich im Apostelgrade, ich wurde, setzte Johannes hinzu, wie ehemals Nathanael in der Bibelsprache, sagen: K o m m u n d s i e h e ! Mein Herz spricht zu Ihnen; und das heisst Vorbereitung. Es gibt keine Aufnahme; jeder Mensch ist aufgenommen. Doch konnen Menschen unter sich Entschlusse fassen; und sehen Sie da, das ist alles, was ich Ihnen zu sagen habe! Eine

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Episode,

nicht nach Art der Apostel! Der Apostel verlangte vom Englander die Versicherung, dass die falsche Sophie und ihre Zofe nichts von seiner Gute einbussen sollten; und Vater und Bruder bewilligten beiden, ausser der bisherigen Pension, eine Zulage. Da die Maurerhandschuhe bereits entheiligt waren, so baten Ritter und Knappe, sie den Schauspielertochtern abzunehmen und sie bis in den Grund zu vernichten, dass kein Andenken von ihnen ubrig bliebe. Bewilligt. S c h a u s p i e l e r t o c h t e r ! sagte der Ritter mit Widerwillen in einem verdriesslichen Augenblick. Ew. Gnaden werden verzeihen, erwiederte der Knappe, die Zofe war die Tochter eines hohen Geistlichen. Als ob hohe Geistliche nicht auch Schauspieler waren! beschloss der Ritter. Johannes war der

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Fuhrer

unseres Ritters, dem er sich ganz uberliess, und wahrlich, man konnte sich i h m uberlassen. Jetzt wurden dem Ritter noch vier andere Menschen genannt, die abwesend waren. Ausser diesen vier andern war einer gegenwartig, und dieser war wer errath es?

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Der Gastvetter,

der das Wort fuhrte; wenn man diesen zu starken Ausdruck in einem so kleinen, im Namen der Menschheit versammelten Cirkel gebrauchen kann, der aus edlen, prunklosen Menschen bestand, die nicht suchten das Ihre, sondern das, was der strengsten Wahrheit ist. Gewiss fallt Ihnen, sagte Johannes, Apollonius von Tyana ein, der auch sieben Junger gehabt haben soll; allein Apollonius war ein Meister, der bei uns kein Meister seyn wurde. Und die Zahl sieben? Ist durch S i e entstanden; denn bis jetzt waren, trotz der Heiligkeit dieser Zahl, unser nur sechs. Hatte der Stifter des Christenthums nicht auch ter, ist bei dem allen eine Art von Naturzahl; ich bin ihr gut, ohne zu wissen, warum. Die Grundsatze des Gastvetters kennen wir, nach welchen er einen Ritter nur in so weit dafur hielt, als er sich mit Leibes- und Seelenkraften angelegen seyn liess, das Gute zur Herrschaft uber das Bose zu bringen, in sich und, wo moglich, uberall. Wenn der Philosoph denkt, der Edelmann denkt und thut, so sind unsere Begriffe von Gluckseligkeit und Tugend durch die Philosophen berichtigt und befestigt und durch die Ritter das Schone und Erhabene auf Erden versinnlicht. Heil den Wortfuhrern und den Thatern des Worts!

Eben diese Grundsatze herrschten in diesem Cirkel, den keine Tradition von uralter ahnenreicher Abkunft, nach vaterlicher Ordensweise, ehrwurdig machen durfte. Gemeinhin stammt Tradition von einem Stumper ab, welcher der tradirten Sache nicht gewachsen war. Auf eine Frage, sagte der Wortfuhrer, eine Antwort, auf einen Gruss einen Dank, auf ein Warum ein Weil; was daruber ist, das ist vom Uebel. Alte sagen was sie gethan haben, Weise was zu thun ist, Glucksritter was sie thun konnten, Kinder und Narren was sie thun wollen. Soll ich noch mehr Worte dieses Fuhrers mittheilen? Man mag sie in der Anlage dieses Ordens suchen und finden. Luther behauptet: die Beschaffenheit unserer regierenden Herren sey der grosste Beweis der Vorsehung. Tamerlan lachte, da er den besiegten Kaiser Bajazeth sah. Nicht aus Hohn, versicherte der Ueberwinder den Ueberwundenen; ich lache, weil Gott zwei der wichtigsten Staaten einem lahmen Wicht, wie ich, und einem einaugigen, wie du, anvertraute. Doch, sind d i e j e n i g e n , welche die regierenden Herren mit der Regierungslast aus allerhochstem Zutrauen belehnen, nicht noch weit lahmer und blinder als sie selbst? Und geben diese Lehnstrager der Regenten nicht einen weit starkern evangelisch-lutherischen Beweis der Vorsehung ab? Die hochsten Staatswurden sind nichts als ein Spiel des Glucks; und wenn man steht, wie unvorbereitet ein Liebling zu der hochsten Wurde steigt, was Maitressen und Nepoten ausrichten: was muss man von der Regierung des Staats denken? Wahrlich, je hoher die Aemter, desto leichter sind sie zu bekleiden. Der kostlichste dieser Staatsbeamten ist ein geschaftiger Mussigganger. Mochten sich immer die Fursten fur Herren von Gottes Gnaden halten, wenn sie nur nicht in ihrem allerhochsten Namen so oft Menschen ohne alles Verdienst und Wurdigkeit an diesem Vorzuge theilnehmen und die Gesichter dieser geschmuckten Theilnehmer glanzen liessen, wie das Gesicht Mosis, als er vom G e s e t z berge kam! Es ist gewiss nothig, dass unbeamtete Manner zusammentreten, um die schrecklichen Lucken so viel als moglich zu erganzen; und wahrlich, von jeher gab es Manner, die, um desto mehr zu wirken, unbeamtet blieben, die beschaftigt waren, wenn dagegen Dienstmanner bloss den Dienst spielten. Jene ahmten die Vorsehung nach, die auch im Dunkeln wirkt; und diesen unbekannten Edeln hat man mehr zu danken, als man denkt und versteht. Das heimliche Gericht der mittlern Zeit mag etwas von dieser Idee in sich enthalten; doch war es den Zeiten angemessen, die nicht mehr sind, und wohl uns, dass sie es nicht mehr sind! Warum auch G e r i c h t ? Wer ist es, der recht richtet? Gott! gehe nicht ins Gericht mit den Richtern, die das Volk richten! oder besser, die es qualen und martern, und war' es nur durch eine Kameelslast von Gesetzen. Ist es nicht besser, ohne Zwangsmittel Gutes bewirken, den Willen durch der Grunde Uebergewicht bestimmen und Thater ziehen, wahre Weisen aufmuntern, und die es nicht sind, bis zu ihrer Blosse enthullen? Wer Licht mit Jubelgeschrei aufsteckt, will nicht erleuchten, sondern verdunkeln. Es kann herrliche Konige geben, die vom Hirtenstabe genommen und durch Pferde zur Majestat hinaufgewiehert werden, denn ihre Wurde ist eine Titularwurde; werden aber die eigentlichen Vorsteher und Volksregierer von den regierenden Herren eben so willkurlich erkieset, was ist da zu erwarten, wenn die Menschheit von Tage zu Tage zum Nachdenken reist und die Vernunft den gottlichen Funken in sich gebrauchen lernt? Uebertriebene Begriffe von der Perfectibilitat des Menschengeschlechts schaden in eben dem Grade, wie ein zu eingeschrankter Begriff von der menschlichen Vollstandigkeit. Eine unrichtige Anwendung sehr richtiger Vernunftbegriffe von einer burgerlichen Verbesserung, hat ne nicht schon edle Menschen verleitet, zu thun, was nicht taugte? Nicht alles, was theoretisch wahr ist, kann darum so leicht praktisch werden. Im alten Herkommen ist oft mehr Verstand, als in gewohnlichen Neuerungen. Verstand kommt nicht vor Jahren. Da der romische Senatorschuh druckt, so wie der Kreuzpantoffel des heiligen Vaters, und niemand diesen Druck empfindet, als wer den Schuh und Pantoffel tragt, was bleibt ausser der Bemuhung, die Last zu erleichtern, den Regenten und ihren Dienern mehr ubrig, als die Vortheile der Gesellschaft mit jenem Senatorschuh- und Papstpantoffeldruck ins Gleichgewicht zu stellen? Wer dem Volk in Planipedien deutlich zeigt, dass nichts als die G e s e l l s c h a f t drucke, erweiset den Konigen und ihren Unterkonigen einen grossern Dienst, als durch Rauchwerk und Schmeicheleien, die zur Zeit der Anfechtung abfallen.

So wie es eine u n s i c h t b a r e K i r c h e gibt oder eine Coalition, die nicht in Samaria oder in Jerusalem, sondern im Geist und in der Wahrheit Gott anbetet, die in ihren Brudern Gott verehrt und in der Menschheit ihn siehet, so gibt es auch eine u n s i c h t b a r e S t a a t s v e r f a s s u n g . In jener sind Vorsteher und Wortfuhrer, ohne dass sie die Ordines empfingen; und auch in der unsichtbaren Staatsverwaltung sind Kopfe und Herzen, die sich vor den Riss stellen. Ihr Zusammentritt wurde der guten Sache schadlich seyn. Schon eine Vereinigung von sieben, die von Einem Herzen und Einer Seele sind wurde sie wohl bei ofteren Zusammenkunften eins seyn und eins bleiben und fur eins gehalten werden konnen? Noch nie sind wir vollzahlig gewesen; wir wohnen in funf verschiedenen Staaten.

Der Ritter fand die Idee dieser edlen Manner so er

haben, dass er ihr vollig beitrat, und dass er von selbst sich aufs heiligste verband, ihr getreu zu seyn bis den Tod. Nicht auf Kopf, Herz und Vermogen wollt' er es ansehen, soviel an ihm ware, diess grosse edle Werk zu befordern. Er hatte so manchen Orden kennen gelernt, dessen geheimstes Wort die Unterjochung der menschlichen Krafte ist; dieser beforderte sie. Er bestand aus Menschen, wenn in jenen Orden nur Menschen gespielt werden. Eine lacherliche Menschenmaskerade! Die Verbesserung der Menschen (die Juden nicht ausgeschlossen), die Reformation der heiligen Justiz und der unheiligen Finanzwissenschaft waren Gegenstande dieses Ordens. Die Menschen haben es schon mit T h e o k r a t i e n versucht; was war aber jene Regierung anders als Priesterei? Wo die Vernunft regiert, da ist wahre Theokratie, die ohne Zweifel das Ideal einer glucklichen Staatsverfassung ist. Wann sie eintreten wird? Eldorado ist oben oder unten; kann es denn nicht auch auf Erden seyn?

Dem guten Michael konnte man ohne alle Bedenklichkeit einen B l i c k in dieses Heiligthum erlauben; und es schien, als ware dieser ordensfeindliche Orden dazu gemacht, den Ritter wegen aller der Kreuz- und Querzuge zu entschadigen, die er mit seinem Knappen unternommen hatte. Eins noch fehlte zu seiner Zufriedenheit: Sophie. Von selbst waren Gastvetter und Johannes darauf bedacht, diesen stillen Wunschen des Ritters zuvorzukommen. Man fragte ihn, ob er einer

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Adoptions-Versammlung

i h r e r Art beiwohnen wolle? Seine Antwort war ein entzucktes Ja, dem ein Seufzer folgte. Er begriff nicht, wie eine Adoption sich mit der geschlossenen Zahl sieben vertragen konne; doch liess er seinem Zweifel nicht den Zugel schiessen.

Ein Tag, unserm Ritter unvergesslich, war zur Aufnahme bestimmt. Eine ehrwurdige Dame warf im Geschlecht zur Ungebuhr Rechte entzogen hatte? und ob er mit einigen ihres Geschlechts sich zu verbinden entschlossen sey, diesem Vorurtheile zu widerstehen? Der Tugend und dem Talent (fuhr sie fort) gebuhrt Vertrauen. Wir wollen nichts ersturmen; und warum sollen wir auch das Schwert den Gesetzen entwenden und den Arm lahmen wollen, der es fuhrt? Macht gibt keine Wurde, Achtung kann nicht befohlen werden; und wenn die Subordination nicht Folge von Grundsatzen ist, was gilt sie? und wer ist sicher bei ihr? Entfernt, Larmkanonen zu losen und Sturmglocken zu lauten, fordern wir vom andern Geschlecht auf dem Wege der Vernunft und der Billigkeit und was? Wahrlich nichts, als was wir von Menschen, von Weibern geboren, erwarten konnen. Die Ritterzeiten der Manner haben aufgehort; durch uns soll keine Weiberritterzeit beginnen; wir wollen uns nicht erheben, nur Menschen wollen wir seyn; Rechte nicht ertrotzen, sondern erbitten, und nur dann, wenn wir sie verdienen, sie verlangen. Neu und uberraschend war dem Adoptions-Candidaten dieser Antrag; doch trat er ihm mit einem wiederholten Ja bei. Warum auch nicht? Gibt es nicht Verluste, bei denen man gewinnt? Edler Mann, fuhr die Vorbereiterin fort, es wird wenig in der Welt verbessert, weil die Menschen es immer auf andere, und niemand auf sich selbst anlegt. Wollen Sie, um unser gutes Werk zu vollenden, unser Geschlecht aus den Weg lenken, wo es seines Vorzugs wenn nicht theilhaftig, so doch wurdig werden kann? Er versprach es. Bei Eroffnung der Thur sah er nun noch zwei andere Damen; und die eine war

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Sophie.

Gott! welch ein Blick! S o p h i e ! Wahrlich! Hier sollte der Vorhang fallen. E r f a l l e ! Was ich von diesem Augenblick noch hinzufuge, sey Postscript und Zugabe wie man will, zum Ueberschlagen und nicht zum Ueberschlagen. Unbeschreiblich ist, was Sophie und der Ritter empfanden, als sie sich erblickten. Sie machten auf einander Eindrucke uber allen Ausdruck fast konnt' ich sagen: uber alles Gefuhl. Der Gastvetter bemuhte sich, diese Scene beiden ertraglich zu machen. Man kann trunken seyn in Begeisterung. Ein ubler Rausch! vielleicht der ubelste, den man haben kann! Jene nuchterne Begeisterung aber, wo Feinheit der Reflexion, Delicatesse der Empfindung, Leichtigkeit des Ausdrucks, selbst anspruchloser Witz sich denken lasst, welch eine Wonne! Da E r und S i e zu sich selbst kamen, dunkten sie sich beide schoner geworden zu seyn. S i e hatte ubernommen, e i n e A r t von Aufnahme zu halten; warum dahin, alles dahin! Sie hatte i h n , und er s i e ! Wahrlich, dieser Gedanke war hinreichend, alle Receptionen zu schliessen von der Zeit, da unser Ritter sich zwischen zwei Stuhle setzte, bis auf das Gesprach mit einem von den Todten im Apostelorden. Wer diese achte Sophie sey? Kurz und gut: d i e Tochter des Gastvetters!

Dem Knappen Michael ward die Rolle bei der Begleiterin schwerer, als bei der Tochter des vornehmen Geistlichen; doch entging ihm auf den ersten Blick der unendliche Unterschied nicht zwischen achter und unachter Begleiterin. Ritter und Knappe gestanden, dass ihre Ideale der Wahrheit und der Natur weichen mussten, und wurden den Portraten ungetreu, die sie bis jetzt am Busen getragen hatten. Wie es zuging, weiss ich nicht, doch fanden sich auch von der achten Sophie und ihrer achten Begleiterin Aehnkeiten in diesen Idealportraten. Es war ruhrend, als Gastvetter und Ritter ihre Herzen ausschutteten. Der Gastvetter hatte keinen Hehl, dass er in ihm schon bei seinem selbsteigenen Kreuzzuge gen Rosenthal seinen Eidam gesehen hatte. Der Ueberfall, den Sophie in der dortigen Gegend machte, sollte diess Paar sich naher bringen.

Als der Gastvetter sich von der Neigung seiner Tochter zu ihm und der seinigen zu ihr uberzeugt hatte, war der letzte Wunsch seines Lebens erreicht. Diess Band, dachte er, wirb mir das Gluck einer Euthanasie (sanften Todes) bereiten, wenn mein Stundlein kommt. Er hatte nur E i n e Tochter. Der C a v a l i e r ? war ehemals ein Mundel des Gastvetters. Er sollte in Rosenthal das Wunderbare bei dieser Sache verstarken. Wie gewachsen er seiner Rolle war und wie sehr er sich auf Rollen verstand, ist uns nicht entgangen. Als ihr Vater den Cavalier nannte, fiel Sophie in Ohnmacht; sie erholte sich nicht eher, als bis er ihr verhiess, seines Namens nicht weiter gedenken zu wollen. Wer erwartete vom Gastvetter Rollenverteilungen? Freilich ein anderer Theaterdirektor, als der Englander; warum aber Theater? Um sich der Denkart in Rosenthal zu bequemen, und wo moglich die falsche Richtung, die man dem Kopfe seines Eidams gegeben, zum Besten zu kehren. Auf allen Umwegen und Wegen, welche der Ritter einschlug, verfolgte ihn der Gastvetter; der Genius dieses edlen Mannes war sein Begleiter, und nie hatte er ihn vollig sinken lassen. Desto besser, dass der Ritter ohne diesen Genius sich selbst aufzuhelfen verstand! Der Gastvetter liess ihn diesen Cirkel ungestort machen, um ihn sich selbst zu uberlassen. Die sicherste Art, um weise zu werden und es nicht bloss zu scheinen. Wahrlich! nicht die Dinge selbst, unsere durch die Individualitat bestimmten Vorstellungen machen Wirkungen. Horen Fliegen auf, Fliegen zu seyn, sagte der Gastvetter, weil sie blank, und Schmetterlinge auf, Schmetterlinge zu seyn, weil sie mit Puder bestreut sind? Das Werk lobt den Meister, der Kranz nicht den Wein. Der

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Gastvetter

ging noch weiter, er behauptete, dass ohne die gemachten Erfahrungen des Sohns die beste der Weiber, die edelste der Mutter die wenigen Sommersprossen nicht verloren haben wurde, welche der Schonheit ihrer Seele nicht angemessen waren. In dieser Behauptung ging der Gastvetter zu weit. Da die Manner sich so gern den Weibern grosser darstellen, als sie wirklich sind, da sie ihren Thaten gemeinhin eine poetische Aufschwellung beilegen und sie uber Gebuhr anschlagen; da die Weiber ihre Existenz nach der Art, wie sie jetzt behandelt werden, noch weniger enthullen konnen als wir die unsrige (als wir, sage ich, die wir denn doch wenigstens uns p o l i t i s c h s t e l l e n , als waren wir etwas); da es Manner gibt, denen die Weiber Grosse der Seele und entschiedene Vorzuge nicht abstreiten konnen (obgleich diese Ehrenmanner zwischen dem wahren und dem falschen Gott, zwischen Vernunft und Baal oft gewaltig hinken); da die dergleichen Dinge entweder zur Erholung oberflachlich oder in der Absicht, dort edlen Menschen zu Schutzengeln zu dienen, oder durch Gewohnheit eingeubt, fast wie in Gedanken oder mitmachen, was mussen Weiber, welchen man diese geheimen Triebfedern nicht zeigt, von jenen Wundergeeellschaften denken? Auch wissen Weiber, dass ein gewisser Aberglaube, eine Art von Schwarmerei, sie kleidet, und viele sehen es als einen Putz an, der zu ihren Augen, ihrer Nase, ihrem Kinn und Munde absticht. Gibt es nicht Manner, welche diese Denkart ihrer Weiber als die einzige Sicherheit fur ihre Treue ansehen? Und ist die Erziehung der Weiber von der Art, dass sie das Wahre von Dichtung in der Geschichte und in dem Gedichte abzusondern verstehen? Der Religionsunterricht ist nicht minder Nahrung fur die Vorliebe zu Wundern in Hinsicht des andern Geschlechts, der bei uns durch das gemeine Leben eine andere Wendung erhalt. Die alte Ritterschaft hatte besonders bei der Ritterin gewirkt, und in der That, sie muss bei allen Weibern, ja selbst bei Mannern wirken, die sich der Imagination preisgeben. Das Rosenthalsche Jerusalem, die Neigung des edlen Weibes zum offentlichen Zeichen des Vorzugs ihres Gemahls, und der Wunsch, dass auch ihr Sohn ein dergleichen Zeichen, wenn auch unter der Weste, erreichen mochte, der Zufall von gewissen Zahlen, auf die man in Rosenthal seit einer gewissen Zeit so aufmerksam war, und andere dergleichen Ungefahre, die, bei weniger Zerstreuung und zu vieler Musik, den gewohnlichen Dingen einen deutungsreichen Anstrich geben, wirkten noch mehr und machten ein an Herz und Kopf grosses Weib zu einer kleinen Schwarmerin. Wahrlich! sie verdiente es keine zu seyn; und von selbst, ohne dass die Erfahrungen ihres Sohnes dazu beigetragen hatten, war sie geworden, was zu werden sie wurdig war.

Der Schwiegervater sohnte den Eidam mit dem Englander aus, den er kannte und dem er bei seinem Querkopf und seiner Grillenfangerei Gerechtigkeit erwies. Die Ritterin hatte diesem Sonderlinge gestattet, sein Leben in ihrer Nachbarschaft zu beschliessen, ihm ihre Hand zu geben ware freilich nicht viel weniger gewesen, als wenn sie ihre Religion geandert hatte. Sophie

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warb

in eben dem Grade um den Ritter, als dieser um sie, und auch hiess schien ein Gegenstand des Cirkels zu seyn, in welchem der Gastvetter Wortfuhrer war. Adoptionsversammlung war die letzte Rollenvertheilung durch dieses schnode Linsengericht um den Rang jenes Weisen brachte, der auch im Scherz keine Unwahrheit beging. Als Johannes sich gegen diess Theatralische erklarte, erwiederte der Gastvetter: Warum denn Himmel oder Holle? Alles oder nichts? Ist das Bose nicht selbst Nebenumstand und Colorit des Guten auf Erden? Ist es nicht Gewurz des Lebens? Johannes widerlegte ihn vollig, und ich habe Ursache zu glauben, der Gastvetter werde von Stund an nicht mehr Rollen vertheilen. Sophie machte dem Ritter den Sieg nicht schwer, doch erschwerte er sich selbst das Gluck, sie zu lieben, da er sich uberzeugte, ihrer nicht werth zu seyn. Zwar fiel es ihm nicht ein, zu wunschen, dass sie in Lebensgefahr kame, um ihr Ritterdienste leisten zu konnen, doch hatte er gern sein Leben fur den Besitz dieses Kleinods aufgeopfert. Michael begnugte sich bescheiden zu wunschen, dass der Saum von dem Kleide seiner Zofe mit der Thure beklemmt werden mochte, um sich ihr verbindlich zu machen. Ein Unterschied zwischen Ritter und Knappe musste seyn. Drei-, sieben, neun- und zehnmal war unser Held belehrt worden: im Menschen waren zwei Naturen, die gottliche und die thierische; diese hatten wir von der Mutter Erde, jene vom Vater im Himmel. Doch fand er, dass selbst sein Id e a l d e r V o l l k o m m e n h e i t , seine Sophie, Gottlob! nicht eine Gottin war, und dass Menschengotter gewiss das hochste Ziel nicht waren, dem wir nachstreben konnten. Je langer, desto mehr legte er es darauf an, Gott nicht mit dem Auge des Geistes, sondern des Herzens zu sehen, und zum Anschauen der Gottheit nicht durch den Verstand, sondern durch den Willen zu gelangen. Zwar liess er es nicht an Reinigungen und Lauterungen der Seele fehlen, doch schien er frohlich und guter Dinge, dass Sophie und er bekorpert waren. Und Michael war so verliebt, dass er unbedenklich die gottliche Natur mit der menschlichen bei seiner Zofe vertauscht hatte, wenn es auf diesen kritischen Tausch angekommen ware. Ein Apfel und eine Birn, p f l e g t e d e r E n g l a n d e r , wenn er den Ritter und Sophien ansah, m i t T h r a n e n i m A u g e z u s a g e n , ein Apfel und eine Birn, durch keinen Wurmstich angegriffen. In der That, diess Paar war unschuldig und rein, als kame es aus den Handen der Natur. Auch in der grossten Gesellschaft waren die Blicke des Ritters und seiner Sophie ohne Scheu bei einander. Grosse Leute pflegen durch Schonsprechen ihre Schwache im gemeinen Leben zu decken; Verliebte sind hinaus uber den Ausdruck. Liebe ist allmachtig; nur Sprechen ist ihre Sache nicht. Sie geht uber alles, sie strengt Seele und Leib an sie kann und will nichts halb thun. Edel und frei bleibt ihr Gang; warum sollte sie heucheln und sich verbergen? Sie setzt sich uber Ceremoniell und sanctionirte Gewohnheiten hinweg, ohne anzustossen. Die Natur, die hochste Schule der Lebensart, ist ihre Schutzgottin. Der mutterliche

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Segen

fehlte noch, den sich Sophie in Begleitung ihres Vaters einholte. Der Ritter schloss seine Ritterbahn, und kehrte mit einer Genugthuung heim, die nicht auf Worte zu bringen ist. Michael dessgleichen. Wohl uns, sagten beide, dass das Ende das Wer! kront!

Ihr Ruckzug brachte ihnen kein Abenteuer in den Weg; und wahrlich! sie waren nicht in der Stimmung, eins wurdig zu bestehen, selbst wenn es sich ihnen angeboten hatte! Was ist scharfsinniger als die Liebe, die individuellen Zuge in den Gegenstanden ihrer Neigung aufzufassen und zu ergrunden? Vielleicht ist nirgends weniger Tauschung als in der Liebe, wo die Geliebte die menschenmoglichste Bestimmtheit des Charakters des Liebhabers erreicht, so wie er die ihrige. Gibt es Geister, ihr Herren Apostel, die im Umgange des Menschen Vergnugen finden, so muss eine edle Liebe sie vor allem anziehen. Wann und wo bleibt der Mensch sich langer gleich, als wenn er liebt? Und ist er je besser, als im verliebten Zustande? und Rechnungen abzuschliessen, Umwege machen, und konnte seine Sophie und ihren Vater nicht unmittelbar begleiten. Die Herzen der Liebenden waren immer bei einander, sie sahen sich ohne sich zu sehen. Diese Art von Erscheinung ist der Liebe eigen. Der Englander hielt sie fur ein Vorbild des Umgangs in der kunftigen Welt. Auch hatte unser Ritter der Morgenrothe Flugel abgeborgt, um nur so wenig als moglich von seiner Geliebten getrennt zu seyn. Michael, nicht minder verliebt als sein Herr, schien es ihm an Eilfertigkeit wo moglich noch zuvorzuthun; doch verlor er sich in **, und brachte sich und seinen Herrn um volle drei Stunden. Eine

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Anverwandte

hatte sich einigemal schriftlich an ihn gewendet. Seine Absicht war, ihr sechs Dukaten zu geben. Um seiner Wohlthat, wie er sich uberredete, einen desto grosseren Werth beizulegen, eigentlich aber, um nicht seinen Herrn, und noch weniger den Nichtvetter Reitknecht, etwas von einer so armen Verwandten merken zu lassen, ging er insgeheim hin zu thun, was er nicht lassen konnte. Sein herzliches Verlangen, wohlthatig zu seyn, und noch mehr, die kindische Furcht, entMuhme vollig vergessen hatte. Er konnte auf keine Sylbe desselben kommen. Im Eifer uber sich selbst, stampfte er mit den Fussen. Vergebens! Sechs Dukaten, dachte Michael, sollten die alte Frau nicht bewegen, dir entgegenzukommen? Sie kann nicht. Diess machte Michaeln bitter bose auf seine Muhme. Er fragte, ohne dass er sagen konnte, nach wem. Der arme Michael! Er erregte manches Gelachter, welches er um nicht auf frischer That betroffen und verrathen zu werden verschmerzte. Je aufgebrachter er auf sich, auf die Muhme, auf die Lacher und Lacherinnen war, desto mehr verlor er die Fassung. Wie blind und taub lief er umher; und als er es vollig aufgab, sie zu finden, ob er gleich die sechs Dukaten immer in der Hand hielt, entschloss er sich, aus Rache alle sechs in eine Armenbuchse zu legen, die ein unsauber geschnitzter Lazarus vor der Thure des Stadthospitals in der Hand hielt. In diesem Augenblick horte er eine Stimme: "Gott bezahle den gutigen Geber, und geleite den Herrn Michael!" Die Stimme nannte seinen Namen. Flugs kehrte er um, fand seine Muhme, die im Hospital aufgenommen war, gab ihr die letzten zehn Dukaten, die er hatte, und ersuchte sie, in ihrem Gebet seinen Namen nicht laut auszusprechen. Sie versprach es; er kusste sie; lief, kehrte wieder um, und wollte ihr wohlbedachtig noch die sechs Dukaten, die der Lazarus empfangen hatte, zuwenden; weg war sie! An seinem Vorsatze, sie von Zeit zu Zeit insgeheim zu unterstutzen, hinderte ihn ihr baldiger Tod. Michael hatte ubrigens wenig Muhe, seinen Herrn auszusohnen, der drei Stunden spater ausreiten konnte, als er es sich vorgesetzt hatte. Die

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Mutter

empfing ihren Sohn mit der innigsten Freude. S o p h i e , war sein erstes Wort; und ihre Antwort: S o p h i e . Ausser Stande, der Mutter alle erlebte Ordensauftritte zu erzahlen, konnte er sich nicht entbrechen, ihr mit dem ersten Buchstaben zu entdecken, dass bei so vielem Schein das wirkliche Wesen nur ausserst klein und unbetrachtlich gewesen, und dass er dem Gastvetter mehr als allen Orden von A bis Z und von Z bis A zu verdanken hatte. Seine Hand, sagte der Ritter, leitete mich unbekannt durch mein Ordensleben, so dass, wenn mein Fuss an manchen Stein stiess, ich doch nicht fiel. Durch die Geschichte der

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After-Sophie

verlor der Englander bei der Ritterin ausserordentlich. Auch war sie nicht zufrieden, dass er ihr und der Tochter des vornehmen Geistlichen eine Zulage bewilligt hatte. Warum Zulage? Am Referenten lag w nicht. Dieser bemuhte sich, der Sache die leidlichste Wendung beizulegen. Einem so geistigen Mann wie der Englander, bemerkte die Mutter nicht unrichtig, sind Fehler dieser Art weit hoher anzuschlagen, als fleischlich gesinnten Weltmenschen. Sophiens Ankunft vollendete dass e r h a b e n e V e r g n u g e n ! Der Gastvetter bat fur seine Tochter den Segen, und die Ritterin ertheilte ihn mit einer Ruhrung, die allen Ausdruck ubersteigt. Schwester Cousine, sagte der Gastvetter, haben Sie nur den einen Segen? Segnen Sie auch im Namen des Seligen, dessen Andenken uns heute und immerdar hellig sey! Auch mir liegt das traurige Vergnugen ob, ihr den Segen fur eine Mutter zu ertheilen, die nicht mehr ist. Die Muhe, die ich mir gab, Sophien zu erziehen, weiss der, der die Erziehung des menschlichen Geschlechtes so treulich ubernimmt, und sie bei allen Hindernissen, die Menschen ihr entgegensetzen, nicht aufgibt. Die Mutter der Tage gestorben. Eben dieses Segensfest war der Sterbetag eines Elternpaars, das vorausgegangen war. Die Kurze dieses Lebens, sagte der ruhrende Gastvetter, ist mir der beste Beweis von der Unsterblichkeit der Seele. Ihre Thranen verdarben die Freude des Festes nicht. Selbst den Gesichtern gaben sie die schonste Schminke. Die Verlobung ward ausgesetzt, bis der Englander sich eingefunden haben wurde. Die, Ritterin liess sich nur nach und nach mit ihm aussohnen; und doch darf ich behaupten, dass er ihrer Verzeihung nicht unwurdig war. Verziehen ist die Sache guter Menschen; doch muss man die Vergebung nicht zu leicht machen, um nicht rachsuchtig zu seyn. Wahrlich, es ist die empfindlichste Rache, leicht zu vergeben. Nach diesen Grundsatzen handelte die Ritterin. Michael verfehlte nicht, seinen

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Gamaliel

zu besuchen, nur schien dieser mit dem Holzbundel nicht zufrieden zu seyn, das Michael bei ihm ablegte. Die Frage: warum der Begleiter wider sein Versprechen so selten geschrieben hatte? beantwortete Michael durch eine mystische Fragantwort: Konnen abgeschiedene Geister immer erscheinen, wenn sie wollen? gen vor ihrem Hingange feierlichst verhiessen? Hierdurch befriedigte der Begleiter freilich seinen Gamaliel nicht vollig, doch bracht' er ihn zum Nachdenken. Michaels Antwort auf die Frage: was er mitgebracht? setzte den guten Pastor aus aller Fassung. Er wusste nicht, was, er von seinem Protagoras denken sollte. H a n n e n , sagte Michael, und that so entzuckt, als Gamaliel verdriesslich. Doch war Gamaliel viel zu gutmuthig, um Michael unvertheidigt zu verurtheilen, und dessen Vertheidigung vermochte ihn, der fur ein gegebenes Wort Ehrerbietung hatte, zu der Angelobung, nie in ihn dringen und nichts von ihm begehren zu wollen, als was Pflicht und Gewissen zu offenbaren ihm erlauben wurden. Warum furchten und ehren Menschen Geheimnisse? Sie denken, selbst verrathen und aufgedeckt zu werden. Und so gutartig unser Pastor war, sollte er wohl ohne Verstandes- und Herzensgeheimnisse gewesen seyn die er, trotz den Ordensgeheimnissen des dienenden Bruders Michael, nicht entdecken konnte? Aeusserst froh, dass der Ritter Sophien gefunden hatte, brannte Gamaliel vor Neugierde, seine kunftige Kirchenpatronin zu sehen. Michael war es empfindlich, dass er nicht eben diese Neugierde wegen seiner H a n n e bezeigte. Z u r N a c h r i c h t . Als Gamaliel Sophien sah, ward er so hoch erfreut, dass er seinen unwiderstehlichen Hang zur Mystik daruber volle sechs Wochen aussetzte.

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Heraldicus junior

hatte seine Losung von Freiheit und Gleichheit so wenig aufgegeben, dass er vielmehr hiess Wesen noch immer fort, wiewohl unter der Hand trieb. Er gab nicht zu, dass zwischen Generalisiren und sich beim taglichen Brod der vorkommenden Lebensvorfalle nehmen, zwischen Theorie und Praxis, zwischen Gleichheit und Freiheit in Buchern und im Leben ein g e w a l t i g e r Unterschied sey. Bon oben und von unten (a priori und a posteriori) anfangen, wie verschieden! Wahrlich! wir sollen nicht vom Himmel ausgehen, um auf Gottes Erdboden zu kommen; von ihm himmelan steigen, wenn es angeht und es uns nutzlich und selig ist, bleibt die Sache der Menschen. Unser Freiheitssturmer war gewissen Menschen gleich, welche die heftigsten Schmerzen geduldig leiden und uber Kleinigkeiten verdriesslich werden; die aufspringen, wenn eine Fliege zu hart tritt, und lacheln, wenn das Haus fallt; die den Balken ubersehen und den Splitter kritisiren. Kathe versteht (eben so wie es ehemals die Ritterin verstand) den Heraldicus junior zu seinem Leisten zu fuhren; nur fasst sie ihn so leise nicht an, und er lasst bei ihren Zurothen Wein auf ein damastenes Tischtuch umkippen. Jetzt, da er keine Nadelstiche der Baronin mehr furchten durfte, war er zuweilen fast zu dreist. Bei aller Achtung, die er der Asche seines Erblassers widmete, konnt' er sich nicht entbrechen, auf seine Aristokratie, die bis auf veraltete Ausdrucke ging, wovon er sich ein vocabularium gesammelt hatte, zu sticheln, welches ihm Kathe zuweilen bis zum Kreuzlahmwerden verwies. Doch haben, fing er an, die uberfliegenden Gefuhle des wohlseligen Aristokraten die ganze Gegend angesteckt. Angesteckt? wiederholte Kathe. Aber Kind, wer kann denn der Vernunft als Vernunft zehn Gebote geben, ohne dass sie sich selbst gibt? Wir sind frei, und die Unterwerfung unseres Willens unter die Gesetze, die wir uns selbst vorschreiben, ist der wahre Adel des Menschen. Ward mir unter Donner und Blitzen der Leidenschaften und der Sinnlichkeit das Gesetz gegeben, dein Mann zu seyn? Die Vernunft hiess mir, dich zu lieben, liebe Kathe. Uebrigens ist es mit Mann und Weib, wie mit den Zwillingen Castor und Pollux, den Sohnen Jovis. Wer zuerst erscheint, ist der Mann, und behauptet Erstgeburtsvorzuge. Nicht wahr, liebes Weib? Kathe lachte aus vollem Halse. Sie thut wohl, dass sie ihrem Sklaven erlaubt, in die freie Luft zu gehen. Vielleicht lernt er hier, sich selbst gelassen, mit der Zeit, dass von der Verschiedenheit und Ungleichheit die wichtigsten Absichten und Vortheile des menschlichen Lebens und der burgerlichen Ordnung abhangen, ohne dass eben der Edelmann dem Burger, und der Burger dem Bauer die Rothe des Bluts abspricht und an dessen Verschiedenheit so glaubt, wie der Kalmucke an schwarze und weisse Knochen. Der Grundsatze von Freiheit und Gleichheit ungeachtet, schien er anfanglich mit den Vorzugen unzufrieden, die man dem Begleiter beilegte. Die grossmachtige Philosophie und der Name Protagoras wurden (so konnte Heraldicus junior denken?) entheiligt durch ihn. "Warum nicht lieber Melitides," sagte Heraldicus junior, "der das Brautbett nicht besteigen wollte, weil die Braut bei ihrer Mutter gerechte Beschwerden fuhren konnte; der nicht wusste, ob Vater oder Mutter von ihm entbunden waren, und der die Lichter sorgsam ausloschte, damit die Mucken ihn nicht etwa finden mochten?" O, des Aristokraten, rief Kathe, der in Michael den Protagoras nicht findet, weil er nicht studirt hat, und der ihn zu Melitides erniedrigt, weil er Begleiter war!

Der Ritter gab dem Heraldicus junior die auffallendsten Beweise seiner Zuneigung. Diess that unserem Demokraten wohl; und da es ihm nicht entging, dass sein gewesener Telemach seit der Zeit so ziemlich vom Ordenssystem abgekommen war, so schrieb er diese Umstimmung auf die Rechnung seines theoretischen Unterrichts, ohne welchen, meinte er, die lehrreichste Praxis unseres Ritters den guten Erfolg nicht gehabt haben wurde.

Je weniger der Pastor loci sich von den Wunschen entfernen konnte, vom Glauben zum Schauen zu gelangen und einen von den sieben Brudern des reichen Mannes zu sehen, desto mehr begnugte sich sein Eidam mit der lieben Zeitlichkeit; er bemuhte sich seine Kinder zu bilden oder ihren Seelen einen Charakter und ihrem Korper eine Starke zu geben, diesen Charakter zu ertragen. Der Contrast, der zwischen ihnen herrschte, gab zu vielen angenehmen Auftritten Gelegenheit, Beide liessen zuweilen von ihrer Strenge nach, und wenn gleich in Rosenthal Gefuhl und Empfindung nicht in die Acht erklart waren, so blieb doch alles in seinen Schranken, und ich wusste keinen Ort, wo ein so lehrreicher und herzlicher Umgang stattgefunden hatte. Dem

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Englander

begegnete die Ritterin mit Schonung und Achtung; L i e b e kam ihr nie in Sinn und Gedanken. Seine Seelenliebe, die sich oft sehr possierlich nahm, machte ihr keine unangenehme Stunde. Ich weiss nicht, ob jemand meiner Leserwelt einen Seelenliebhaber von hing in der Phantasie des Englanders mit seinen herrschenden Ideen zusammen; er glaubte seine Eudamonie in ein haltbares System gebracht zu haben. Der gemeine Mann halt nur ausserst thatige Menschen fur gross, er will Aufopferungen der Krafte; unser Englander, bloss mit sich und seinen Grillen beschaftigt, konnt' es nicht bis zur Hochachtung bringen; doch ward er geliebt: und bedarf es mehr, um glucklich zu seyn? Die Rolle eines Propheten wurde ihn bis zur Bewunderung erhoht haben; aber sie lag ausser den Grenzen seines Kopfes und seines Herzens. Des Betrugs ungeachtet, den er dem Ritter spielte, war er ein schlichter Mann und zu Prophetenrollen unfahig, die oft Konige und Fursten in Furcht und Schrecken setzen, wenn man sie gut zu spielen versteht. Schon das Aeussere des Englanders war einem Wundermanne nicht gunstig, weder durch Majestat des Korpers, noch durch verkuppeltes Ansehen, wobei alsdann aus einem verzerrten Gesichte ein feuriges Auge herausbrechen muss, hatte eine Prophetenfigur. Gemeinhin kennt man den Werth der Unschuld nicht zeitiger, als bis man sie verloren hat. Unser Englander nicht also. Vielleicht brachte diese Lage ihn zuweilen in eine Schwermuth, die von ganz besonderer Art war. Seine Behauptung, dass es nirgends mehr Rabatt und Tara als in der moralischen Welt gebe, floss nicht aus menschenfeindlichem Herzen; er glaubte an Unschuld und Tugend, er glaubte an ein paar Sophien und an die Rosenthal'sche Gruppe, und in Wahrheit, ein Teufel hatte in Rosenthal daran geglaubt und gezittert. Hier bedurfe es, sagte der Englander, keiner Einladung guter Geister, Es hatten in diesem Hause Gottes Menschen sich zu Engeln gemacht; und wenn man gleich ihre Tugenden nicht theurgisch nennen konne, so waren es doch Tugenden wirklich gereinigter und menschlich reiner Seelen. Keine Stimme durfe hier konk ompax rufen. Fern von hier alle Ungeweihten, alle Gottlosen, alle Seelen, auf denen Verbrechen haften! Er war in seinem Eldorado. Noch mehr vom Englander? Mit sich zu strenge seyn, heisst oft, sich uber andere erheben wollen. Man lasse immerhin Menschen auf Dank ausgehen oder es heimlich auf Ruf anlegen, wenn nur Gutes befordert wird. Unser Englander hatte sich die platonische Moral eigen gemacht, die das Gute will und thut, des Guten und nicht der Folgen wegen. Er wusch sich weder vor noch nach der Handlung die Hande. Was ich gethan habe, hab' ich gethan, war seine Losung. Pilatus sagte: was ich geschrieben habe, das hab' ich geschrieben. Unser Sonderling gab wie Englander geben: nicht t a g l i c h , wohl aber r e i c h l i c h . Wer vom Golde abhangt, pflegte er zu sagen, ist arger als ew Sklav; denn dieser hangt von seines Gleichen ab. Man sagt: Geld ist ein guter Diener und ein boser Herr. Nicht also, versicherte der Englander, es ist ein Theaterdiener, der immer mitspricht, klug wie ein Teufel ist und alle Welt und seinen Herrn am ersten uberlistet. Weniger aus Gefuhl des Bedurfnisses mit Menschen zu leben, die, ob sie gleich nicht dachten wie er, dieser Verschiedenheit ungeachtet doch gut dachten; aus Menschenliebe war der Umgang mit Menschen je langer desto mehr seine Sache. Epopten, die Licht sahen oder Ideale zu Idolen machten, diess Licht mochte ubrigens seyn wo und was es wollte, blieben vorzuglich seine Leute. Ein kleines Licht in der Finsterniss haben, sagte er, ist besser als ganz im Dunkeln seyn. War es Wunder, dass bei diesen Gesinnungen der Pastor sein Freund ward, mit dem er bei aller ihrer Verschiedenheit ubereinstimmte, und von dem er bei aller Uebereinstimmung verschieden war? Ein anderer musste angeben, ob sie eins oder uneins waren, sie selbst wussten es nie. Da Plato philonisirt und Philo platonisirt, was hatte es am Ende zu bedeuten? Man hatte sie immer sich selbst uberlassen sollen. Es sey ungerecht, glaubten sie, von unsern Dichtern und Philosophen immer etwas ganz neues zu verlangen. Etwas neues vom Jahre konnten sie liefern. Freilich gilt eine Geistererscheinung mehr als alles, was philosophirt und gedichtet ist von Anbeginn bis jetzt! Seit der langen Zeit, dass die Neigungen und die Seele des Englanders bei zwei ganz himmelweit unterschiedenen Personen waren, hatte er sich eine gewisse Zerstreuung angewohnt, die einzig in ihrer Art war und zu lustigen Missverstandnissen Gelegenheit gab. Immer hatte er unaussprechliche Dinge im Vorrath, wobei der Pastor mit Worten die Hulle und die Fulle diente. Auch gab der Englander sich gern dazu her, durch Festlichkeiten, im Stillen angelegt, zu uberraschen; diess war ihm eine Art von Reception. Leicht glitt er uber das weg, was man modisches Bedurfniss und Selbstliebe hiess. Das Eis zu brechen war seine Luft; Lob und Tadel war ihm nicht gleich. Wer Ernst ohne viele Umstande zum Spass erniedrigen kann, heisst Weltmann; unser Englander war es nicht. Das Gewisse, behauptete er, blahe auf, das Geglaubte halte die Menschen in gerechten Schranken, was nicht aus dem Glauben komme, sey Sunde. Der Pastor hielt daruber drei Predigten, deren offentlichen Druck sein Eidam verhindert hat. Da der Englander nur Schriftsteller fur eigentliche Geistliche hielt, weil sie den Geist beschaftigen und diese Priesterschaft ehrte, die, wenn sie rechter Art ist, unlaugbar einen gottlichen Ruf hat, so sind wir wegen dieser heiligen Zahl von Predigten keinen Augenblick sicher. Heraldicus junior konnte nicht aufhoren uber unsere Glaubigen und ihren Glauben zu spotten. Wissenschaft, sagte er, ist b a a r e s , Glaube ist P a p i e r g e l d . Glaubige reden viel und sagen wenig. Man kann etwas glauben und sich schamen, dass man es glaubt. Die Teufel glauben und zittern, Philosophen glauben und lacheln. Weltkluge Geistliche fordern nur einen aussern Glauben oder Lebensart in der Religion. Muss ich, weil ich ein Fernglas habe, mein naturliches Auge ausreissen und es von mir werfen? Kann ich, weil ich in manchen Dingen weder aus noch ein weiss und die Unzulanglichkeit meiner Einsicht zu bekennen verbunden bin, den Wissenschaften Hohn sprechen? Ist die Gluckseligkeit ererbtes oder erworbenes Gut? Wahrlich! nicht durch den Besitz und Genuss derselben, sondern durch die Bemuhung, sie im moralischen Schweisse des Angesichts zu erwerben, ist man gluckselig. So Heraldicus junior. Und wie sein Schwiegervater und der Englander? Sie zuckten beide die Achseln, suchten, wenn es noth that, Schutz bei Johannes und dem Gastvetter. Und fanden ihn? Zuweilen. Wenn die drei Predigten nicht machtiger sind, so furchte ich, Heraldicus junior werde nicht uberzeugt werden, sondern eine Lebensartuberzeugung annehmen. Mag er doch! Gibt er zu, Freiheit bestehe in der Unabhangigkeit von seinen Begierden, so lasse man ihn immerhin (um seinen Ausdruck zu gebrauchen) mit dem Pfunde seiner Vernunft wuchern. Kathchen wird schon dafur sorgen, dass seine Fackel nicht zu hell brenne. Auch werden der Englander und der Pastor ihm gewiss das Feld nicht lassen. Beide sind froh uber ihre Eutokie (leichte Geburt), die sie haben werden, wenn ihre Stunde kommt so nennen sie den Tod!

Noch hat der Tod keinen dieser

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Gruppe

entzogen. Wenn gleich Englander und Pastor den Tod den Sieg des Lebens nennen und in der Geisterwelt so bekannt sind, wie man weiland zu Rosenthal im neuen Jerusalem war, ich stehe dafur, keiner von beiden hat furs erste Luft und Liebe, ein Stein in dieser Siegeskrone zu werden. Hat der Englander nicht alle Hande voll mit Seelenliebe zu thun? Und der Pastor? Unendlich lieber wurd' er den himmlischen Heerschaaren zuvor bei sich aufwarten, ehe er ihnen den Gegenbesuch ablegt. Bis jetzt sind jene so ungutig gewesen, sich nicht anmelden zu lassen. Entfernt vom Ceremoniell des Hofes und vom Prunk der Stadte, von schmeichelnden Kammerherren und stolzen prahlenden Kramern geniessen in Rosenthal, wenn es gleich weder irdisches noch himmlisches Jerusalem mehr ist, liebenswurdige Menschen ihr Leben, und bringen an Einem Tage vielleicht mehr vor sich als Weltmenschen in Jahren. Wahrlich, man fuhrt in

Die Natur gibt durch ihre Mannigfaltigkeit und Abwechselung soviel Unterhaltung, dass man die Wehklagen der Hofe und Stadte uber Langeweile hier als etwas ansteht, das keinen Sinn hat. Wahrlich, nichts leidet unschuldiger als die Zeit. Man belebt in Rosenthal das Leblose und findet uberall Anlass, aus so manchen Naturbluthen sich einen Schatz der Zufriedenheit und her Wonne zu sammeln. Sich vergnugen und sich unterrichten, sich unterhalten und sich belehren, sind hier eins. Wenn Leute von Welt weit lieber unzufrieden mit sich selbst sind, als dass sie ausstehen konnten, dass andere mit ihnen unzufrieden waren, so opfert man hier der Gesellschaft nichts von seinem Kopf und seinem Herzen auf; man bildet beides aus, und diess heisst Umgang. Die Mahlzeiten sind platonisch, die Seele und ihre Bedurfnisse werden bei dem leiblichen Hunger und Durst nicht vergessen. Einfach und mit Geschmack gekleidet geht alles einher, und nur d i e Mode gilt in Rosenthal, welche das Modejournal der Natur billigt. Oft wird n a t u r l i c h der Kunst, oft der Unnatur entgegengesetzt. Beide Sophien kleiden sich nicht nach der Hofmode, weil ihr personlicher Charakter daruber in Collision kommt. Sie wollen individuell seyn und sind es. Es liege nicht, meinen diese competenten Richterinnen, ein abstrahirter politischer Charakter der Mode zum Grunde, ware das, wie kame Frankreich zur Gesetzgebung oder gar zum Dreifuss? Man tragt Kleider zur Nothwendigkeit. Nimmt man die Mitte von diesem Punkt bis zum Punkt der Eitelkeit, so ist man gekleidet commo il faut. Jene Regel der grossen Welt: "man kann nicht achte Freunde haben, wenn man nicht grosse Feinde hat," wird in Rosenthal widerlegt, wo alles Ein Herz und Eine Seele ist. Selbst Heraldicus junior lernt je langer desto mehr sich wie ehemals in die Zeit schicken, und die Grundsatze beider Sophien, fur keine Kenntniss einen Dreier zu geben, an die sich nicht Moral knupfen lasst, bringen ihn sicherer als Englander und Pastor zum Schweigen. Ich g l a u b e , Kathchen werde diesen Unglaubigen auch ohne die drei Glaubenspredigten bekehren. Vernunft fragt, das Herz lehrt zur rechten Zeit mit Fragen aufzuhoren. Und was helfen Zweifel, wodurch man die Ruhe anderer zerstort, ohne das mindeste zu gewinnen? Heraldicus junior gehorte nie zu jenen Philosophen, die unter alles Sauren mischen, und ist ein Zustand des menschlichen Lebens so gut, dass man die Absicht seines Daseyns vollig, und ist ein Zustand so schlecht, dass man diese Absicht nicht auf eine Art erfullen konnte? Thue das, so wirst du leben. Michaeln erkennt Heraldicus junior je langer je mehr fur Protagoras und thut wohl daran. In der That, man kann g r o ss im Dienen und k l e i n im Herrschen seyn.

Sophiens Vater hatte seine Guter in ** veraussert und sich nicht weit von Rosenthal ein kleines Gut gekauft, um abwechselnd seine Kinder zu besuchen und von ihnen besucht zu werden. Es war ein Opfer, das er seiner Tochter gern brachte, als er einen andern Staat verliess, der ihm nie schwer gefallen war: alles was man von einem Staate fordern kann! Und Johannes? Von Herz und Geist ein Mann! Warum doch ein Hagestolz! Er, der in allem durch Enthaltsamkeit zum Genuss sich vorzubereiten, der zu rechter Zeit das Geniessen abzubrechen versteht, und der im Gedichte die Wahrheit als Hauptperson anerkennt; der von den sieben Weisen nur den Thales dafur gelten lasst, weil die andern sechs seiner Collegen Stifter und Regierer von Staaten waren, wurde jedem Posten Ehre gemacht haben, wenn es nicht ein noch grosseres Amt ware, ohne Amt zu seyn. Das Reich eines edlen Mannes ist wahrlich nicht von dieser Welt. Neid, Hass und Verfolgung bringen ihn hier zu Unmuth und sein Ansehen dauert selten langer als zehn Jahre, wenn es hoch kommt, sind es funfzehn Jahre, und wenn es kostlich gewesen, ist es Muhe und Arbeit gewesen. Alles, was kauflich und verkauflich ist, hat keinen Werth fur die Menschheit; jeder kann es haben, wer Geld hat, und wer hat es in der Welt? Gott! wer? Wohl dem guten Johannes, dass er frei recht frei ist, dass er die Rosenthal'sche Gruppe dirigirt, o h n e z u t h e i l e n , u m z u r e g i e r e n , und ohne zu vergleichen, um geliebt zu werden. Wenn der Gastvetter das Missverstandniss zu heben zu schwer findet, legt es Johannes bei. Mit allem und mit unserm Zeitalter besonders ist er zufrieden, wenn er gleich an ihm die gar zu grosse Vorschnelligkeit, die Vor- und Eigenliebe zum Praktischen, zum unmittelbar Nutzlichen oder Angenehmen tadelt und mit ihm nicht ubereinstimmt, dass es nichts pflanzen und begiessen will, wovon es nicht auch hochsteigenhandig Fruchte bricht und geniesst. Der Ritter ist sein anderes Ich. In puncto puncti halt sich der Ritter zwischen Dichtern und Dogmatikern. Er ist ein Kritiker und wird, will's Gott! nichts als absolute Wahrheit anerkennen, was hochstens relativ zugegeben werden konnte. Die Gesellschaft, in der er sich befindet, ist ihm eine Loge zum hohen Licht. Wahrlich! m a n w a n d e l t i m L i c h t e in Rosenthal. Physik, Chemie und Astronomie, die Johannes bei ihm auffrischt, lassen den Ritter nie sinken. Wenn der Gastvetter auf neue Nahrungszweige fur die Vernunft fast zu muhsam ausgeht und ihr uberall Erwerb verschaffen will, leistet er gern Gesellschaft und scheut den Weg nicht, nur glaubt er nicht, wie sein Schwiegervater, dass aus diesem Wege neue Naturgesetze zu entdecken seyn werden. In vielen Stucken ist er mir lieber als der Gastvetter. Doch wer ist es, der in der Rosenthal'schen Gruppe nicht an seiner Stelle und werth ware Mensch zu seyn? Jungst zog ein Maler die Rosenthal'sche Strasse und der Englander wollte durchaus das Ebenbild seiner Seelengeliebten, die gewiss nicht auf Stellungen denken durfte, um sich malen zu lassen. Es ward dem Kunstler nicht schwer, sie bei einer edlen Handlung zu beobachten. Nicht allerliebst, w a h r ! ruft alles, was dieses edle Weib im Bilde sieht. In der That, ein belohnendes Gewissen legt die hochste Erhabenheit und Schonheit in die Physiognomie. Was ist affektirtes Lacheln und gezwungene Zartlichkeit dagegen? Der Englander, entzuckt uber Sophiens Ebenbild, erlaubte mir gern eine Abschrift davon. Ihm gebuhrt der Dank, dass ich meiner Leserwelt Sophien so treulich darstellen kann. Dieser sonderbare Mann hat sich unweit Rosenthal niedergelassen und durch ein Testament

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das junge Paar

zu Erben eingesetzt. Das j u n g e P a a r ? Allerdings, in dem Sinne der goldnen Zeit, wo immerwahrender Fruhling die Erde begluckt. Warum ich Verlobung und Hochzeit ubergangen? Weil Moses sie in seiner Geschichte des paradiesischen Paares uberging. Mit der Hochzeitrede, einer Geduldsprobe, die gibt, kann ich jedem, der zu Meisterstucken in Lebensgrosse Luft hat, aufwarten. Etwas spat! denn unsere junge Ritterin hat ihrem Gemahl schon zwei Sohne geschenkt, die so, wie die kunftigen Bruder und Schwestern derselben, nach den weise genommenen Beschlussen der Rosenthalschen Gruppe, nichts anderes l e r n e n werden, als was sie erwachsen t h u n sollen. In der That, ein paar Jungen, werth, nach Familiensitte mit ihrer Mutter, und zwar im Wohnsitze des Seniors, in den Familienstammbaum eingetragen zu werden! E t w a s von der Hochzeitrede? Gern! obgleich die Rosenthalsche Familie mit Hochzeitreden nicht sehr glucklich ist. Jene, des Gewissensrathes, mischte Tod und Leben, Freud' und Leid, himmlische und irdische Braut, wie ein Spiel Karten in einander, so dass der Herr Amtsbruder selbst nicht wusste, ob er auf Erden oder im Himmel ein Hochzeitgast ware. Gamaliels Text war: U n s e r W a n d e l i s t i m H i m m e l ; doch nahm er die Worte: d a e r e i n e k o s t l i c h e P e r l e fand, ging er hin und verkaufte a l l e s , w a s e r h a t t e , seinem Text zur Aushulfe an. Ware vom Englander eine Seelenhochzeitrede bei dem Pastor bestellt worden, sie hatte nicht erwunschter ausfallen konnen, und doch war sie geradezu gegen ihn. Sie handelte, wie es nach der Meinung des Pastors ganz offenbar im Texte lag, von der Elektricitat und von der magnetischen Kraft. Ein paar fruchtbare Gegenstande! Der Anfang seiner Rede war: alles liebt; der Misanthrop selbst liebt seinen Menschenhass. Wie sie s c h l o ss , wird man mir des Anfangs halber schenken. Heraldicus junior nannte diese Rede eine Geistercitation. Ich will und kann meine Leserwelt weder damit magnetisiren noch elektrisiren. Einen passenden Anhang zu den bewussten drei Predigten uber den Glauben wurde sie abgeben. Der Englander hatte dem Brautigam ein Kanonikat gekauft, und dieser musste am Hochzeitstage durchaus Stern und Kreuz uber der Weste anlegen, woruber sich ganz Rosenthal versammelt in der Taubenkammer (es war jetzt eine formliche Kapelle geworden) herzlich freute. Seit der Zeit tragt unser Ritter diese Ehrenzeichen nicht mehr, die seiner Mutter wahrend der Hochzeitrede eine Thrane im Auge zu stehen kamen. E r und s i e , Sophie und der Ritter, gehoren wahrlich zu den trefflichsten Menschen in der Welt. Nie ist ein Paar glucklicher gewesen, als das unsrige. Ueberall bluhen ihm Rosen von Jericho und neben ihnen die bescheidenen Blumen je langer je lieber. Ich war das letztemal in Rosenthal, als d i e F u r s t i n ** einen Besuch machte, Alles schien i h r geschmackvoll und edel. Sie kehrte mit dem Entschlusse zuruck, wenigstens drei Monate (eine heilige Zahl!) die Seligkeiten des Landlebens zu geniessen und die Stimmen der Lerchen und Nachtigallen den italienischen Trillern vorzuziehen. Wenn die Durchlaucht nur nicht vergisst, dass zum Landleben eine Rosenthalsche Gruppe gehort! "Welch ein Unterschied, hier einen offenen, geraden Weg zu betreten, und dort sich durch eine steife Etikette durchzudrangen; hier unbemerkt durch Blumen und Gestrauch zu wandeln, und dort durch Dornen und Disteln des Neides verwundet zu werden; hier die einfache Predigt der Natur uber das Lob des Schopfers anzuhoren, wenn von dem unbedeutendsten Grase bis zur hohen Eiche seine Gute verkundet wird, und dort sich durch den auf Stelzen gehenden Oberhofprediger betauben zu lassen, der mit strotzender Gelehrsamkeit beweiset, woran niemand zweifelt, oder niemand glaubt! Warum erschwert der hochehrwurdige Mann doch alles, was so kinderleicht i s t !" Ja und Amen, Durchlauchtige Furstin, sagte in Rosenthal alles zu dieser Apologie des Landlebens, und war und ist seelenfroh, hier das Menschenleben zu geniessen und die Zukunft, ohne sie zu wunschen, und ohne sie zu furchten, zu erwarten. Eldorado ist freilich nicht hier; doch als Stufe, ist die Rosenthal'sche Existenz zu verachten? Soll ich noch zum

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Schluss

an Nebenpersonen dieser Geschichte denken? Wer kann es, wenn man eine Gruppe so herrlicher Menschen vor sich hat, die ich nicht lassen kann und werde, bis ich alles verlasse! Es hat sich in der ganzen Rosenthal'schen Gegend ein Geist verbreitet, der den unordinirten Ordensmannern keine Schande macht. Die Familie, und vorzuglich der jungste Kastenherr, die zweite Edition des wohlseligen Ritters, lebt mit dem Rosenthal'schen Hause in guter Harmonie. D i e N a c h b a r s c h a f t gewinnt unendlich durch das liebenswurdige Rosenthal'sche Haus, und die, welche man darin aufgenommen hat. Fraulein B. und C. sind jetzt, da ich diess schreibe, entweder wirklich schon Braute, oder werden es in kurzem. Gastvetter und Englander sind die Freiwerber gewesen. Ihre Liebhaber sind ein paar treffliche Cavaliere in furstlichen Kriegsdiensten, denen ihre Vorgesetzten, und was noch mehr ist ihre Kameraden das Zeugniss d e s V e r d i e n s t e s geben! Und Fraulein A? Ist die Gemahlin des C a v a l i e r M u n d e l s , dem der Gastvetter und auch seine Tochter verziehen hat, welche bei seinem Namen Vorwurfe, die arger als eine offentliche Busse ist. Warum C a v a l i e r M u n d e l ein Feind von Garten, besonders von Blumen in Topfen ist, darf nicht weit gesucht werden. Man vermied in seiner Gegenwart die Worter B l u m e n und B a u m e , wie zur Zeit des wohlseligen Ritter S die Missbrauche des Wortes K r e u z . Amalie, der er seine Sunde bekannte, verzieh ihm, nur er selbst kann sich nicht verzeihen. Er wird nach wie vor Vetter genannt, nur er untersteht sich nicht, diesen Namen zu erwiedern und ist in einer ahnlichen Verlegenheit mit der Rosenthal'schen Familie, wie der Reitknecht mit Protagoras.

Michael ist von seinem Herrn zum Pachter eines ansehnlichen Theils seiner Guter angenommen, nicht mehr sein Begleiter, sondern sein Freund. Wer, ausser dem Demokraten Heraldicus junior, kann ihn minder schatzen, weil er Begleiter war? Ich stehe dafur, in kurzem wird auch Heraldicus Michael vollig fur Protagoras erkennen. Nichts ist Michael angenehmer, als dem ersten Beforderer seines Glucks, seinem Gamaliel, so viel von Ordensangelegenheiten zu entdekken, als moglich ist. Kann man sagen, dass Protagoras zur Schwarmerei Anlage hatte? Nahm er nicht die Sachen nackt und entkleidet von aller Kunst und jedem Feigenblatte? Und doch befindet er sich, wenn nicht zu den Fussen, so doch an der Hand Gamaliels, und nur noch jungst sprachen beide von herzerhohender Musik, durch welches Medium sie, wenn Gott will, noch Geister zu sehen hoffen. Die kostlichen Perlen, die Pastor seinem Schoossjunger verkauft, sind Elektricitat und magnetische Kraft. Schade um Michaels gefunden Kopf und naturliche Anlagen! Es ist doch dem besten Kopfe nicht zu trauen, dass er nicht umschlage, wenn er ohne alle Schule ist! Zuweilen zieht er sein Grabeskleid auf eigene Hand an, und wurde dem Pastor ofter diese Freude machen, wenn seine Gattin minder daruber spottete. Anstatt den Pastor zu unterrichten, erweiset der Pastor ihm diesen Dienst, der ihn mehr als seinen Eidam liebt. Michaels Frau, die Pastorin und ihre Tochter Kathe sind enge Freundinnen. Michaels Aeusseres ist sehr abgeschliffen. Er geht mit abgeschnittenen Haaren; Heraldicus junior muss, Kathchens wegen, sich taglich frisiren.

Der R e i t k n e c h t ist nicht verstossen. Sein edler Herr wollte ihn versorgen; allein der Englander liess es sich nicht nehmen. Seitdem er sich mit einigen im Orden verband, Schlosser insgeheim aufzumachen, gab er die Vetterschaft mit Michaeln von selbst auf. Er wurde es sich nicht weiter unterstehen, Michaels Vetter zu seyn, wenn dieser es auch erlaubte; und doch wett' ich Hundert gegen Eins: nichts als die Begierde, in Ordenskenntnissen sich dem Protagoras zu nahern, habe ihn zu dieser unrechten Thure des Schafstalls gebracht. Er ist zu entschuldigen, nicht zu rechtfertigen.

Die Schauspielerinnen sind durch die Freigebigkeit des Englanders verheirathet; doch leben beide so glucklich nicht, als sie konnten, wenn sie wollten.

Noch die S c h l u ss f r a g e , die sich horen lasst: wie ich zu diesen K r e u z - und Q u e r n a c h r i c h t e n gekommen? Das jetzige Rosenthal'sche Conseil einigte sich uber die Data, die mir gegeben sind. Von dem kleinsten Theil habe ich Gebrauch gemacht. Bei Ordenssachen hatte ich hier und da weniger Vorhange gewunscht. Gastvetter, Johannes und der Englander waren dafur, dass wenig oder gar nichts verhangt werden durfte; der Ritter blieb anderer Meinung: er glaubte, verpflichtet zu sehn, Geheimnisse zu verschweigen, wenn sie gleich, ohne es zu seyn, bloss so heissen; doch verhangte er nichts, woruber er kein Gelubde geleistet hatte. Ohne diese Peinlichkeit des Ritters, ware der Englander gewiss der Freigebigste gewesen. Er schien ein Feind aller Vorhange zu seyn. Dem neugierigen Pastor gehorte die e r s t e Idee, dieses Buch zu schreiben, das er bis jetzt bloss stuckweise gelesen hat. Ob ihm s e i n e e r s t e Idee gereuen wird?

Sophie, Mutter, und Tochter, wollte nicht minder die ritterlichen Kreuz- und Querzuge von A bis Z wissen, in so weit es namlich sie zu wissen erlaubt war. Abgerechnet, dass bei den V o r handlungen auch mancher Ordensbruder sich untergeschoben hat, ist das Geld des Ritters nicht besser angewendet, als wenn er sich auf galanten Reisen um Gesundheit der Seele und des Leibes gebracht hatte? Wer irrt nicht von A bis Z, und von Z bis A? Ob als Ritter oder Richtritter, thut nichts zur Sache. Die irrende Ritterschaft unseres A B C war nicht ohne Segen; und Heraldicus junior behauptet, wenn seine Gattin ihm namlich so weit Spielraum lasst: irrende Ritterschaft sey eigentlich die wahre; und wo nicht drei-, sieben-, neun- und zehnmal, so doch weit besser als die nicht irrende. Ein grober Irrthum! In Rosenthal haben diese Kreuz- und Querzuge im Manuskript manche frohe Stunde gemacht. Wie es die Leserwelt damit halten wird, muss die Zeit lehren. Der alten Baronin hat man einige Stellen verhangt. Heraldicus junior weiss bis jetzt nicht, dass sie gedruckt sind. Der Ritter A B C hiess vom Tage der Verlobung an Baron; seine Ritterschaft unter der Weste ist von A bis Z abgelegt.

Sollte wohl jemand glauben, ich hatte zu viel von Ordensgeheimnissen entdeckt? Zu viel? Da man in unsern Tagen Gesichte und Geister zu zeigen so unbedenklich ausbietet, wie ehemals Elephanten, Riesen und Zwerge? Und wenn man seinem Nachsten siebenzigmal siebenmal taglich vergeben soll, warum will man mir die hundert vierundachtzig Paragraphen nicht zu gut halten, die wahrlich nicht bose gemeint sind?

Eldorado ist, so wie das Himmelreich, nicht in Buchern, sondern in uns; in uns ist Eldorado! Es sey oben oder unten, oder auf Erden; ohne u n s s e l b s t ist kein Eldorado!