1791_Wieland_110 Topic 3

Christoph Martin Wieland

Peregrinus Proteus

Erster Band.

Vorrede zur ersten Ausgabe von 1791.

Ich habe mich schon, bei einer andern Gelegenheit1, etwas von einer kleinen Naturgabe verlauten lassen, die ich (ohne Ruhm zu melden) mit dem beruhmten Geisterseher Swedenborg gemein habe, und vermoge deren mein Geist zu gewissen Zeiten sich in die Gesellschaft verstorbener Menschen versetzen, und, nach Belieben, ihre Unterredungen mit einander ungesehen behorchen, oder auch wohl, wenn sie dazu geneigt sind, sich selbst in Gesprache mit ihnen einlassen kann.

Ich gestehe, dass mir diese Gabe zuweilen eine sehr angenehme Unterhaltung verschafft: und da ich sie weder zu Stiftung einer neuen Religion, noch zu Beschleunigung des tausendjahrigen Reichs2, noch zu irgend einem andern, dem geistlichen oder weltlichen Arme verdachtigen Gebrauch, sondern bloss zur Gemuthsergotzung meiner Freunde, und hochstens zu dem unschuldigen Zweck, Menschenkunde und Menschenliebe zu befordern3, anwende; so hoffe ich, fur diesen kleinen Vorzug (wenn es einer ist) Verzeihung zu erhalten, und mit dem Titel eines Geistersehers, der in unsern Tagen viel von seiner ehemaligen Wurde verloren hat, gutigst verschont zu werden.

Es ist noch nicht lange, dass ich das Vergnugen hatte, eine solche Unterredung zwischen zwei Geistern von nicht gemeinem Schlage aufzuhaschen, die meine Aufmerksamkeit um so mehr erregte, da diese Geister in ihrem ehemaligen Leben nicht zum besten mit einander standen, und der eine von ihnen mein sehr guter Freund ist.

Der letztere (um die Leser nicht unnothig rathen zu

lassen) war ein gewisser Lucian4 keiner von den zwei oder drei Heiligen Lucianen, die mit einem goldnen Cirkel um den Kopf in den Martyrologien figuriren; auch nicht Lucian der Monch, noch Lucian der Pfarrer zu Kafar-Gamala, der im Jahre des Heils 415 so glucklich war, von St. Gamaliel im Traume benachrichtiget zu werden, wo die Gebeine des heiligen Stephanus zu finden seyen; noch Lucian der Marcionit, noch Lucian von Samosata, der Arianer, von dem eine eigene Nebenlinie dieser unglucklichen Familie den Namen der Lucianischen fuhrt sondern Lucian der Dialogenmacher, der sich ehemals mit seinen Freunden Momus und Menippus uber die Thorheiten der Gotter und der Menschen lustig machte, ubrigens aber (diesen einzigen Fehler ausgenommen) eine so ehrliche und genialische Seele war und noch diese Stunde ist, als jemals eine sich von einem Weibe gebaren liess.

Der andere war eine nicht weniger merkwurdige

Person, wiewohl er in seinem Erdeleben in allem den ausgemachtesten Antipoden meines Freundes Lucian vorstellte, und eine so zweideutige Rolle spielte, dass er bei den einen mit dem Ruf eines Halbgottes aus der Welt ging, wahrend die andern nicht einig werden konnten, ob der Narr oder der Bosewicht, der Betruger oder der Schwarmer in seinem Charakter die Oberhand gehabt habe. Alles in dem Leben dieses Mannes war excentrisch und ausserordentlich: sein Tod war es noch mehr; denn er starb freiwillig und feierlich auf einem Scheiterhaufen, den er vor den Augen einer grossen Menge von Zuschauern aus allen Enden der Welt, in der Gegend von Olympia, mit eigner Hand angezundet hatte.

Lucian, der ein Augenzeuge dieses beinahe unglaublichen Schauspiels gewesen war, wurde auch der Geschichtschreiber desselben, und glaubte, als ein erklarter Gegner aller Arten von philosophischen oder religiosen Gauklern, einen besondern Beruf zu haben, die schadlichen Eindrucke auszuloschen, welche Peregrin (so hiess dieser Wundermann, wiewohl er sich damals lieber Proteus nennen liess) durch einen so ausserordentlichen Heldentod auf die Gemuther seiner Zeitgenossen gemacht hatte: und wie hatte er diesen Zweck besser erreichen konnen, als indem er sie zu uberzeugen suchte, dass der Mann, den sie, nach einer so ubermenschlichen That fur den grossten aller Weisen, fur ein Muster der hochsten menschlichen Vollkommenheit, ja beinahe fur einen Gott zu halten sich genothigt glaubten, weder mehr noch weniger als der grosste aller Narren, sein ganzes Leben das Leben eines von Sinnlichkeit und ausschweifender Einbildungskraft beherrschten halb wahnsinnigen Scharlatans, und sein Tod nichts mehr als der schicklichste Beschluss und die Krone eines solchen Lebens gewesen sey.

Ich habe an einem andern Orte die Grunde ausgefuhrt5, welche mich uberredeten, zu glauben dass Lucian nicht nur in allem, was er als Augenzeuge von diesem Peregrin berichtet, sondern auch in Erzahlung derjenigen Umstande, die er von blossem Horensagen hatte, ehrlich zu Werke gegangen, und von dem Gedanken, seine Leser zu belugen und dem armen Phantasten wissentlich Unrecht zu thun, weit entfernt gewesen sey. Aber wie zuverlassig auch Lucians Aufrichtigkeit in dieser Sache immer seyn mag, so bleibt nicht nur die Glaubwurdigkeit der Geruchte und Anekdoten, die auf Peregrins Unkosten in Syrien und anderer Orten herumgingen und jenem erzahlt worden waren, zweifelhaft, sondern auch die Fragen: "ob Lucian in seinem Urtheile von ihm so unparteiisch, als man es von einem achten Kosmopoliten fordern kann, verfahre? und: ob Peregrin wirklich ein so verachtlicher Gaukler und Betruger und doch (was sich mit diesem Charakter nicht recht vertragen will) zu gleicher Zeit ein so heisser Schwarmer und ausgemachter Phantast gewesen sey, als er ihn ausschreit?" diese Fragen, sage ich, bleiben fur Leser, welche einem Angeklagten, der sich selbst nicht mehr vertheidigen kann, eine desto scharfere Gerechtigkeit im Urtheilen uber ihn schuldig zu seyn glauben, unauflosliche Probleme.

Man kann sich also vorstellen wie gross mein Vergnugen war, als ich durch einen glucklichen Zufall Gelegenheit bekam, die erste Unterredung, die zwischen Lucian und Peregrin im Lande der Seelen vorfiel, zu belauschen, und aus dem eignen Munde des letztern Aufschlusse und Berichtigungen zu erhalten, wodurch das Mangelhafte in den Lucianischen Nachrichten erganzt, das Dunkle und Unerklarbare ins Licht gesetzt, und das ganze moralische Rathsel des Lebens und Todes dieses sonderbaren Mannes, auf eine ziemlich befriedigende Art aufgeloset wird.

Wenn man sich erinnert, dass seit dem Tode beider redenden Personen beinahe sechzehnhundert Jahre verstrichen sind, so wird man vielleicht unglaublich finden, dass sie in einem so langen Zeitraum nicht eher Gelegenheit gehabt haben sollten, sich anzutreffen und gegen einander zu erklaren. Allein furs erste sind sechzehn Jahrhunderte, nach dem Massstabe woran die Geister die Zeit zu messen pflegen, kaum so viel als nach unserm Zeitmasse eben so viel Jahrzehnte: und dann traten bei Lucian und Peregrinen noch besondere Umstande ein, von denen (wiewohl sie zu den Geheimnissen des Geisterreichs gehoren) uns vielleicht kunftig etwas zu verrathen erlaubt seyn wird, die aber hier nicht an ihrem rechten Orte stehen wurden.

Nach diesem kleinen Vorberichte wurde mich nun nichts weiter hindern, die Unterredung zwischen den besagten beiden Geistern sogleich mitzutheilen, wenn ich voraussetzen konnte, dass der Inhalt der oben angezogenen Lucianischen Schrift (ohne welche diese ganze Unterredung unverstandlich und ihre Mittheilung zwecklos seyn wurde) entweder aus dem Original oder aus irgend einer Uebersetzung allen Lesern bekannt und gegenwartig ware. Da es aber billig ist, auf diejenigen, die sich nicht in diesem Falle befinden, Rucksicht zu nehmen: so hoffe ich diesen letztern durch folgenden Auszug aus Lucians Bericht von Peregrins Lebensende einen kleinen Dienst zu erweisen.

Inhalt des sechzehnten Bandes.

Einleitung.

Veranlassung dieser Unterredungen zwischen Peregrin und Lucian. Etwas uber das Recht oder Unrecht, Schwarmerei und Thorheit durch Spott heilen zu wollen. Peregrin nimmt davon Gelegenheit, sich gegen die harten Urtheile, welche Lucian in seiner Schrift von Peregrins Tode uber ihn gefallt, und besonders gegen die Beschuldigungen eines darin redend eingefuhrten Ungenannten so zu vertheidigen, dass Lucians Wahrheitsliebe und Redlichkeit dabei ins Gedrange kommt. Da er indessen nicht zu laugnen begehrt, dass der Schein und zum Theil die auf blossen Geruchten und Verleumdungen beruhende offentliche Meinung gegen ihn war, so wunscht er seinen neuen Freund durch eine reine offenherzige Beichte seines ganzen ehemaligen Lebens in den Stand zu setzen, ein richtigeres Urtheil von ihm zu fallen, hauptsachlich aber die zweideutigen und rathselhaften Stellen seiner Geschichte in ihr wahres Licht zu setzen. Lucian zeigt sich geneigt ihn anzuhoren, und so beginnt Peregrin, im

I. Abschnitt.

seine Erzahlung mit einer kurzen Nachricht von seiner Vaterstadt und Familie, um sogleich zur Schilderung der Lebensweise und des Charakters seines Grossvaters Proteus, von welchem er erzogen wurde, uberzugehen, und zu zeigen, wie theils durch diese Erziehung, theils durch zufallige Umstande schon in seinen fruhesten Jahren der Grund zu seinem ganzen Charakter und zu den seltsamen Verirrungen seiner fruhzeitig erhitzten und exaltierten Einbildungskraft gelegt worden. Wie er schon im ersten Junglingsalter dazu gekommen, etwas Damonisches in sich zu erkennen, und welchen Einfluss diese Entdeckung auf seine Ideen von seiner Bestimmung und dem, was fur ihn das hochste Gut sey, gehabt habe. Tod seines Grossvaters, dessen Erbe er wird. Wahre Erzahlung seines ersten Liebesabenteuers mit der schonen Kallippe, wodurch die schiefe und in wesentlichen Umstanden verfalschte Art, wie der Ungenannte zu Elis davon spricht, berichtiget wird. Peregrin geht von Parium nach Athen. Ursachen der sonderbaren Lebensart, die er daselbst fuhrt. Zweites ungluckliches Abenteuer, welches ihm mit einem schonen Knaben zu Athen begegnet, und ihn schleunig nach Smyrna abzureisen bestimmt.

II. Abschnitt.

Gemuthszustand, worin Peregrin Athen verlasst. Wie sich sein Ideal von Gluckseligkeit (Eudamonie) in ihm entwickelt, und durch eine naturliche Folge ein heftiges Verlangen daraus entsteht, vermittelst einer vermeinten erhabenen Art von Magie in die Gemeinschaft hoherer Wesen zu kommen, und von einer Stufe dieses geistigen Lebens zur andern endlich zum unmittelbaren Anschauen und Genuss der hochsten Urschonheit zu gelangen. Er wird zu Smyrna mit einem gewissen Menippus, und durch diesen mit dem Charakter und der Geschichte des Apollonius von Tyana, bekannt; auch erhalt er von ihm die erste Nachricht von einer in der Gegend von Halikarnass sich aufhaltenden vermeintlichen Tochter des Apollonius, welche sich unter dem Namen Dioklea in den Ruf gesetzt habe, im Besitz der hochsten Geheimnisse der theurgischen Magie zu seyn. Peregrin beschliesst diese wundervolle Person durch sich selbst kennen zu lernen, geht nach Halikarnassus ab, und wird von Dioklea, einem von Apollonius im Traum erhaltnen Befehle zufolge, als ein zu hohen Dingen bestimmter Gunstling der Venus Urania, deren Priesterin sie ist, aufgenommen. Sein Aufenthalt in Diokleens Felsenwohnung. Wunderbarer Anfang und Fortgang seiner Liebe zu dieser Gottin. Erste Theophanie, die ihm in ihrem Tempel widerfahrt, mit ihren Folgen.

III. Abschnitt.

Peregrin wird mit einer zweiten Theophanie begluckt, und gelangt zur unmittelbaren Vereinigung mit der vermeinten Gottin. Wie er in ihrer Wohnung aufgenommen und durch welche Mittel er eine kurze Zeit in der seltsamsten aller Selbsttauschungen unterhalten wird. Die Gottin verwandelt sich endlich in die Romerin Mamilia Quintilla, und macht unvermerkt ihrer ehemaligen Priesterin Platz, die sich Peregrinen in einem ganz neuen Lichte zeigt, ihm den Schlussel zu allen zeither mit ihm vorgenommenen Mystificationen mittheilt, und sich mit abwechselndem Erfolg alle mogliche Muhe gibt, ihn von seiner Schwarmerei zu heilen und mit seiner gegenwartigen Lage auszusohnen. Nach mehr als Einem Ruckfall versinkt Peregrin in eine peinvolle Schwermuth. Er erhalt neue seine Eitelkeit nicht wenig krankende Aufschlusse uber den Charakter und die Lebensgeschichte der Dioklea: aber die Entdeckung eines neuen Talents an der letztern wirft ihn in die vorige Bezauberung zuruck; bis endlich der schmahliche Ausgang eines von Mamilien veranstalteten Bacchanals ihn plotzlich auf die Entschliessung bringt, sich der Gewalt dieser ihm zu machtigen Zaubrerinnen durch eine heimliche Flucht zu entziehen, die er auch glucklich bewerkstelligt.

IV. Abschnitt.

Psychologische Darstellung der Gemuthsverfassung, worin Peregrin nach Smyrna zuruck kam. Schwermuth und Verfinsterung, worein ihn das Gefuhl der Leerheit sturzt, welche das Verschwinden der Bezauberungen, deren Spiel er gewesen war, in seiner Seele zuruck lasst. Er wird zufalliger Weise (wie er glaubt) durch die Erscheinung eines unerklarbaren aber sehr interessanten Unbekannten aus diesem Zustand aufgeruttelt und in neue Erwartungen gesetzt, wohnt, ohne zu wissen wie es zugeht, einer Versammlung von Christianern zu Pergamus bei, und ein neues mystisches Leben beginnt von dieser Stunde an in ihm. Der Unbekannte fahrt fort machtig auf sein Gemuth zu wirken, spannt seine Erwartungen in dem magischen Helldunkel, worein er ihn einhullt, immer hoher, befiehlt ihm aber nach Parium zuruckzukehren, wohin sein Vater ihn gerufen hatte, und daselbst ruhig auf denjenigen zu warten, der ihm zum Fuhrer auf den rechten Weg zugeschickt werden sollte.

V. Abschnitt.

Die Unbekannten, in deren Handen Peregrin ohne sein Wissen sich befindet, fahren fort, ihn durch kluglich berechnete Umwege, Schritt fur Schritt, dahin zu leiten, wo sie ihn haben wollen. Durch eine Veranstaltung dieser Art, die er fur blossen Zufall halt, findet er die erste Nachtherberge auf seiner Reise bei einer einsam auf dem Lande lebenden Familie von Christianern, deren Liebenswurdigkeit, Eintracht, Gemuthsruhe, Einfalt der Seele und Unschuld der Sitten einen so tiefen Eindruck auf ihn macht, dass der Wunsch mit solchen Menschen zu leben das Ziel aller seiner Bestrebungen ist, zumal da dieser Eindruck durch die Erzahlung seines Wirthes von dem Tode des Apostels Johannes (zu dessen Gemeine er gehorte) und durch die Schilderung, die ihm sein Wegweiser von dem Charakter des erhabenen Wesens macht, nach welchem sie sich nannten, verstarkt wird. Peregrin kommt in das vaterliche Haus zuruck und ubernimmt die Besorgung der Handelsgeschafte seines Vaters. Bald darauf entdeckt sich ihm in der Person seines ehemaligen Wegweisers Hegesias, ein Kaufmann von Aegina, und einer der thatigsten Agenten des Unbekannten. Hegesias erwirbt sich durch seine Kenntnisse und Handelsverbindungen das Vertrauen des Vaters, welchem er seine Gemeinschaft mit den Christianern verbirgt, um desto ungestorter an dem Sohne das von dem Unbekannten und ihm selbst angefangene Bekehrungswerk betreiben zu konnen. Peregrin erhalt den ersten Grad der Weihe von ihm. Charakter des Hegesias, mit einer Digression uber den Unterschied zwischen den damaligen Christianischen Brudergemeinen und den Christianern unter den Constantinen und Theodosiern. Der Unbekannte, welcher fortan Kerinthus heissen wird, offenbart sich nun dem hinlanglich gepruften Peregrin etwas naher, und ertheilt ihm den zweiten Grad der Weihe, hullt sich aber gar bald wieder in das heilige Dunkel ein, worin er ihm bisher immer erschienen war. Peregrin entdeckt, dass er erst in den zweiten Vorhof des Heiligthums vorgeschritten sey, und diese Entdeckung verdoppelt seinen brennenden Eifer, sich der hohern Grade, die er noch zu ersteigen hat, durch die willigste Unterwerfung unter jede Prufung, Vorbereitung und Aufopferung wurdig zu machen. Er kehrt aus Gehorsam zu seinen Geschaften nach Parium zuruck, und macht den Brudern ein voreiliges Geschenk von seinem ganzen Vermogen. Sonderbares aber schlaues Benehmen des Hegesias bei dieser Gelegenheit, welches zu einigen der Entwicklung der Geschichte zuvorkommenden Anmerkungen uber die schon damals immer sichtbarer werdende Abweichung der Christianer von dem Geist und Vorbild ihres Meisters Anlass gibt.

Erster Theil.

Auszug aus Lucians Nachrichten vom

Tode des Peregrinus.

Die offentlichen Kampfspiele zu Olympia, womit die zweihundert sechsunddreissigste Olympiade6 begann, waren der Zeitpunkt, und eine Ebene in der Gegend dieser Stadt der Schauplatz, welchen der Philosoph Peregrinus, auch Proteus genannt, dazu ausersehen hatte, den Griechen und Auslandern aus allen Theilen der Welt, so diese Spiele zu Olympia zu besuchen pflegten, die ausserordentlichste und schauerlichste aller Tragodien, das Schauspiel eines sich freiwillig verbrennenden Cynikers, zu geben.

Auch Lucian, wiewohl er die Olympischen Spiele schon dreimal gesehen hatte, hielt es der Muhe werth, einem solchen Schauspiel zu Liebe diese Reise zum viertenmale zu machen; und als er nach Elis (der nicht weit von Olympia gelegenen Hauptstadt der Republik dieses Namens) gekommen war, horte er, indem er bei dem dortigen Gymnasion vorbei ging, einen cynischen Philosophen, um den sich eine Menge Volks versammelt hatte, mit der brullenden Stimme die zum Costum dieser Capuziner der alten Griechen gehorte, dem Peregrinus eine Lobrede halten, und sein Vorhaben, sich zu Olympia zu verbrennen, in der, seinem Orden eigenen, popularen und deklamatorischen Manier rechtfertigen. Von nun an mag Lucian in seiner eigenen Person sprechen.

"Und man darf sich noch erfrechen (rief der Cyniker) einen Mann wie Proteus einer eiteln Ruhmsucht zu beschuldigen? O ihr Gotter des Himmels und der Erde, der Flusse und des Meeres, und du Vater Hercules! Wie? diesen Proteus, der in Syrien in Banden lag, ihn, der seiner Vaterstadt funftausend Talente7 schenkte, ihn, den die Romer aus ihrer Stadt vertrieben, ihn, der unverkennbarer ist als die Sonne, und der es mit Jupiter Olympius selbst aufnehmen konnte, ihn beschuldigt man der Eitelkeit, weil er durchs Feuer aus dem Leben gehen will? That etwa Hercules8 nicht eben dasselbe? Starb Aesculap und Dionysos nicht durch einen Wetterstrahl? und sturzte sich nicht Empedokles9 in den Flammenschlund des Aetna?"

Als Theagenes (so nannte sich der Schreier) diess gesagt hatte, fragte ich einen der Umstehenden, was er mit seinem Feuer meinte, und was Hercules und Empedokles mit dem Proteus zu schaffen hatten? Du weisst also nicht, versetzte er mit, dass Proteus sich nachstens zu Olympia verbrennen wird? Sich verbrennen? rief ich mit Verwunderung: wie ist das gemeint? und warum will er sich verbrennen? Aber wie mir jener antworten wollte, schrie der Cyniker wieder so abscheulich, dass ich kein Wort von dem andern verstehen konnte. Ich horte also nochmals den erstaunlichen Hyperbolen zu, die jener zum Lobe des Proteus in einem Strom von Worten ausgoss. Dem Diogenes und seinem Meister Antisthenes geschahe schon zu viel Ehre, sagte er, wenn man sie nur mit ihm vergleichen wollte. Dazu ware nicht einmal Sokrates gut genug: kurz, er forderte endlich Jupitern selbst zum Kampf mit seinem Helden heraus; doch fand er zuletzt fur besser, die Sachen zwischen ihnen ins Gleichgewicht zu bringen, und schloss seine Rede folgendermassen: "Mit Einem Worte, die zwei grossten Wunder der Welt sind Jupiter Olympische Jupiter und Proteus; jenen bildete die Kunst des Phidias, diesen die Natur selbst; und nun wird dieses herrliche Gotterbild auf einem Feuerwagen zu den Gottern zuruckkehren, und uns als Waisen zurucklassen!" Der Mann schwitzte wie ein Braten, indem er diess tolle Zeug vorbrachte aber bei den letzten Worten brach er auf eine so komische Art in Thranen aus, dass ich mich des Lachens kaum erwehren konnte; er machte sogar Anstalt sich die Haare auszuraufen, nahm sich aber doch in Acht, nicht gar zu stark zu ziehen. Endlich machten einige Cyniker dem Possenspiel ein Ende, indem sie den schluchzenden Redner unter vielen Trostspruchen davon fuhrten.

Er war aber kaum von der Kanzel herab gestiegen, so stieg schon ein Anderer wieder hinauf, um die Zuhorer nicht aus einander gehen zu lassen, bevor er dem noch flammenden Opfer seines Vorgangers eine Libation aufgegossen10 hatte. Sein erstes war, dass er eine laute Lache aufschlug, wodurch er, wie man wohl sah, seinem Zwerchfell eine nothige Erleichterung verschaffte. Hierauf fing er ungefahr also an: Hat der Marktschreier Theagenes seine verwunschte Rede mit den Thranen des Heraklitus beschlossen, so fange ich umgekehrt die meinige mit dem Gelachter des Demokritus11 an und nun brach er von neuem in ein so anhaltendes Lachen aus, dass die meisten von uns Anwesenden sich nicht erwehren konnten ihm Gesellschaft zu leisten. Endlich nahm er sich wieder zusammen, und fuhr fort: "Was konnten wir auch anders thun, meine Herren, wenn wir so hochst lacherliches Zeug in einem solchen Tone verbringe horen, und sehen, wie bejahrte Manner, um eines verachtlichen kleinen Ruhmchens willen, auf offentlichem Markte nur nicht gar Burzelbaume machen? Damit ihr doch das Gotterbild, das nachster Tage verbrannt werden soll, etwas naher kennen lernet, so horet mir zu; mir, der schon seit langer Zeit seinen Charakter studiert und sein Leben beobachtet, ausserdem aber noch verschiedenes von seinen Mitburgern und von Personen, die ihn nothwendig sehr genau kennen mussten, erkundiget hat.

Dieses grosse Wunder der Welt wurde in Armenien, da er kaum die Jahre der Mannbarkeit erreicht hatte, im Ehebruch ertappt, und genothigt, mit einem Rettig im Hintern,12 sich durch einen Sprung vom Dache zu retten, um nicht gar zu Tode geprugelt zu werden. Gleichwohl liess er sich bald darauf wieder gelusten, einen schonen Knaben zu verfuhren; und bloss die Armuth der Eltern, die sich mit dreitausend Drachmen abfinden liessen, war die Ursache, dass er der Schande, vor den Statthalter von Asien gefuhrt zu werden, entging. Doch, ich ubergehe alle seine Jugendstreiche dieser Art; denn damals war das Gotterbild freilich noch ungeformter Thon, und von seiner Ausbildung und Vollendung noch weit entfernt. Aber was er seinem Vater gethan, ist allerdings nicht zu ubergehen, wiewohl ihr vermuthlich alle schon gehort haben werdet, dass er den alten Mann, weil er ihm mit sechzig Jahren schon zu lange lebte, erdrosselt haben soll. Da die Sache bald darauf ruchtbar wurde, sah er sich gezwungen, sich selbst aus seiner Vaterstadt zu verbannen, und von einem Lande ins andere unstat und fluchtig herum zu irren.

Um diese Zeit geschah es, dass er sich in der wundervollen Weisheit der Christianer unterrichten liess, da er in Palastina Gelegenheit fand mit ihren Priestern und Schriftgelehrten bekannt zu werden. Es schlug so gut bei ihm an, dass seine Lehrer in kurzer Zeit nur Kinder gegen ihn waren. Er wurde gar bald selbst Prophet, Thiasarch, Synagogenmeister13, mit Einem Worte alles in allem unter ihnen. Er erklarte und commentierte ihre Bucher, und schrieb deren selbst eine grosse Menge; kurz, er brachte es so weit, dass sie ihn fur einen gottlichen Mann ansahen, sich Gesetze von ihm geben liessen, und ihn zu ihrem Vorsteher machten. Es kam endlich dazu, dass Proteus bei Begehung ihrer Mysterien14 ergriffen und ins Gefangniss geworfen wurde; ein Umstand, der nicht wenig beitrug, ihm auf sein ganzes Leben einen sonderbaren Stolz einzuflossen, und diese Liebe zum Wunderbaren und dieses unruhige Bestreben nach dem Ruhm eines ausserordentlichen Mannes in ihm anzufachen, die seine herrschenden Leidenschaften wurden. Denn sobald er in Banden lag, versuchten die Christianer (die diess als eine ihnen allen zugestossene grosse Widerwartigkeit betrachteten) das Mogliche und Unmogliche, um ihn dem Gefangniss zu entreissen; und da es ihnen damit nicht gelingen wollte, liessen sie es ihm wenigstens an der sorgfaltigsten Pflege und Wartung in keinem Stucke fehlen. Gleich mit Anbruch des Tages sah man schon eine Anzahl alter Weiblein, Wittwen15 und junge Waisen sich um das Gefangniss her lagern; ja die vornehmsten unter ihnen bestachen sogar die Gefangenhuter, und brachten ganze Nachte bei ihm zu. Auch wurden reichliche Mahlzeiten16 bei ihm zusammen getragen, und ihre heiligen Bucher gelesen; kurz, der theure Peregrin (wie er sich damals noch nannte) hiess ihnen ein zweiter Sokrates. Sogar aus verschiedenen Stadten in Asien kamen einige, die von den dortigen Christianern abgesandt waren, ihm hulfreiche Hand zu leisten, seine Fursprecher vor Gericht zu seyn, und ihn zu trosten. Denn diese Leute sind in allen dergleichen Fallen, die ihre ganze Gemeinheit betreffen, von einer unbegreiflichen Geschwindigkeit, und sparen dabei weder Muhe noch Kosten. Daher wurde auch Peregrinen seiner Gefangenschaft halber eine Menge Geld von ihnen zugeschickt, und er verschaffte sich unter diesem Titel ganz hubsche Einkunfte.

Uebrigens wurde er (als es zu gerichtlicher Entscheidung seines Schicksals kam) von dem damaligen Statthalter in Syrien wieder in Freiheit gesetzt; einem Manne, der die Philosophie liebte, und sobald er merkte wie es in dem Kopfe dieses Menschen aussah, und dass er Narrs genug war aus Eitelkeit und Begierde zum Nachruhm sterben zu wollen, ihn lieber fortschickte, ohne ihn auch nur einer Zuchtigung werth zu halten. Peregrin kehrte also in seine Heimath zuruck, fand aber bald, dass das Gerucht von seinem Vatermorde noch immer unter der Asche gluhte, und dass viele damit umgingen, ihm einen formlichen Process desswegen an den Hals zu werfen. Die Halfte seines vaterlichen Vermogens war uber seinen Reisen aufgegangen, und der Rest bestand ungefahr in funfzehn Talenten an Feldgutern. Denn die sammtliche Verlassenschaft des Alten war hochstens dreissigtausend Thaler werth, und nicht, wie Theagenes lacherlicher Weise geprahlt hatte, funf Millionen; welches eine Summe ware, wofur das ganze Stadtchen Parium17 und funf andere benachbarte obendrein verkauft werden konnen. Wie gesagt also, der Verdacht seines Verbrechens war noch warm, und es hatte alles Ansehen, dass in kurzem ein Anklager gegen ihn auftreten wurde. Besonders war das gemeine Volk uber ihn aufgebracht, und beklagte, dass ein so wackerer Mann, wie der Alte nach dem Zeugniss aller seiner Bekannten gewesen war, auf eine so gottlose Art aus der Welt gekommen seyn sollte. Nun sehe man, durch welche schlaue Erfindung der weise Proteus sich aus diesem bosen Handel zu ziehen wusste! Er hatte sich inzwischen einen grossen Bart wachsen lassen, und ging gewohnlich in einem schmutzigen Caput von grobem Tuch, mit einem Tornister auf den Schultern und einem Stecken in der Hand. In diesem tragischen Aufzug erschien er nun in der offentlichen Versammlung der Parianer, und erklarte ihnen, dass er hiermit die ganze Verlassenschaft seines seligen Vaters dem Publicum uberlassen haben wolle. Diese Freigebigkeit that auf den gemeinen Mann eine so gute Wirkung, dass sie in laute Bezeugungen ihres Dankes und ihrer Bewunderung ausbrachen. Das heisst man einen Philosophen, schrien sie, einen wahren Patrioten, einen achten Nachfolger des Diogenes und Krates! Nun war seinen Feinden der Mund gestopft, und wer sich hatte unterfangen wollen des Vatermordes noch zu erwahnen, wurde auf der Stelle gesteiniget worden seyn. Indessen blieb ihm nach dieser Schenkung nichts anders ubrig, als sich abermals aufs Landstreichen zu begeben: denn da konnte er auf einen reichlichen Zehrpfennig von den Christianern rechnen, die uberall seine Trabanten machten, und es ihm an nichts mangeln liessen. Auf diese Weise brachte er sich noch eine Zeit lang durch die Welt. Da er es aber in der Folge auch mit diesen verdarb man hatte ihn, glaube ich, etwas, das bei ihnen verboten ist, essen sehen18 und sie ihn desswegen nicht mehr unter sich duldeten, gerieth er in so grosse Verlegenheit, dass er sich berechtigt glaubte, die Guter von der Stadt Parium zuruckzufordern, die er ihr ehemals uberlassen hatte. Er suchte beim Kaiser um ein Mandat desswegen an: weil aber die Stadt durch Abgeordnete Gegenvorstellungen that, richtete er nichts aus, sondern wurde befehligt, es bei dem zu lassen, was er einmal aus eigener freier Bewegung verfugt habe.

Nunmehr unternahm er eine dritte Reise zum Agathobulus19 nach Aegypten, wo er sich durch eine ganz neue und verwundrungswurdige Art von Tugendubung hervorthat: er liess sich namlich den Kopf bis zur Halfte glatt abscheren, beschmierte sich das Gesicht mit Leim, that (um zu zeigen, dass dergleichen Handlungen unter die gleichgultigen gehorten) vor einer Menge Volks was schon Diogenes offentlich gethan haben soll, geisselte sich selbst, und liess sich von andern mit einer Ruthe den Hintern zerpeitschen, mehrerer noch argerer Bubenstreiche zu geschweigen, wodurch er sich in den Ruf eines ausserordentlichen Menschen20 zu setzen suchte. Nach dieser schonen Vorbereitung schiffte er nach Italien uber, wo er kaum den Boden betrat, als er schon uber alle Welt zu schimpfen und zu lastern anfing, am meisten uber den Kaiser,21 gegen den er sich die argsten Freiheiten um so getroster herausnahm, weil er wusste, dass es der sanfteste und leutseligste Herr war. Wie man leicht denken kann, bekummerte sich dieser wenig um seine Lasterungen, und hielt es unter seiner Wurde, einen Menschen, der von Philosophie Profession machte, Worte halber zu strafen, zumal da er das Lastern und Schmahen ordentlich als sein Handwerk trieb. Indessen half auch dieser Umstand seinen Ruf vermehren: denn es fehlte unter dem gemeinen Volke nicht an Einfaltigen, bei denen er sich durch seine Tollheit in Credit setzte; so dass der Oberpolizeimeister ihn endlich, da er's gar zu arg machte, aus der Stadt hinaus bieten musste, weil man, wie er sagte, solche Philosophen zu Rom nicht brauchen konnte. Aber auch diess vermehrte nur seine Celebritat, weil jedermann von dem Philosophen sprach, der seiner kuhnen Zunge und allzu grossen Freimuthigkeit wegen aus der Stadt verwiesen worden sey, und diese Aehnlichkeit ihn mit einem Musonius, einem Dion, einem Epiktet,22und wer sonst von dieser Classe das namliche Schicksal erfahren hatte, in Eine Linie stellte.

In Griechenland, wohin er sich jetzt begab, spielte er keine bessere Rolle; denn bald liess er seine Schmahsucht an den Einwohnern von Elis aus, bald wollte er die Griechen bereden die Waffen gegen die Romer zu ergreifen, bald lasterte er uber einen durch seine Gelehrsamkeit und Wurden gleich erhabenen Mann,23 der unter mehrern andern Verdiensten um Griechenland eine Wasserleitung nach Olympia auf seine Kosten gefuhrt hatte, damit die Zuschauer der Kampfspiele nicht langer vor Durst verschmachten mussten. Diese Wohlthat machte ihm Peregrin zum Vorwurf, als ob er die Griechen dadurch weibisch gemacht hatte. Es gebuhre sich, sagte er, dass die Zuschauer der Olympischen Spiele den Durst ertragen konnten, und der Schade sey so gross nicht, wenn auch manche an den hitzigen Krankheiten, die bisher wegen der Durre dieser Gegend daselbst im Schwange gingen, drauf gehen mussten. Und das alles sagte er, wahrend er sich das namliche Wasser wohl belieben liess; eine Unverschamtheit, wodurch die Anwesenden so erbittert wurden, dass alles zusammenlief und im Begriff war, ihn mit Steinen zuzudecken, so dass der tapfere Mann, um mit dem Leben davon zu kommen, zu Jupitern24 seine Zuflucht nehmen musste."

In der nachst folgenden Olympiade erschien er wieder vor den Griechen, und zwar mit einer Rede, woran er in den verflossenen vier Jahren gearbeitet hatte, und worin er, unter Entschuldigung seiner letztmaligen Flucht, den Stifter des Wassers zu Olympia bis an den Himmel erhob. Wie er aber gewahr wurde, dass sich niemand mehr um ihn bekummerte, und dass er kommen und gehen konnte ohne das mindeste Aufsehen zu erregen denn seine Kunste waren nun was Altes, und etwas Neues, wodurch er in Erstaunen setzen und die Aufmerksamkeit und Bewunderung des Publicums hatte auf sich ziehen konnen, wusste er nicht aufzutreiben, da diess doch vom Anfang an das Ziel seiner leidenschaftlichsten Begierde gewesen war so gerieth er endlich auf diesen letzten tollen Einfall mit dem Scheiterhaufen, und kundigte den Griechen bereits an den letzten Olympischen Spielen an, dass er sich an den nachst folgenden verbrennen wurde.

"Und diess ist nun also das wundervolle Abenteuer, mit dessen Ausfuhrung er, wie es heisst, beschaftigt ist, indem er bereits eine Grube graben, und eine Menge Holz zusammen fuhren lasst, um uns das Schauspiel einer ubermenschlichen Starke der Seele zu geben." u.s.w.

Wie wir (fahrt Lucian in eigner Person fort) in Olympia angekommen waren, fanden wir die Galerie hinter dem Tempel mit einer Menge Leuten angefullt, die theils ubel, theils ruhmlich von dem Vorhaben des Proteus sprachen. Endlich erschien in Begleitung einer Menge Volks mein Proteus selbst, und hielt eine Rede an das Volk, worin er sich uber seinen ganzen Lebenslauf, uber die mancherlei gefahrvollen Abenteuer, die ihm zugestossen, und das viele Ungemach, das er der Philosophie zu Lieb' ausgestanden, umstandlich vernehmen liess. Er sprach lange; aber da ich der Menge und des Gedranges wegen zu weit entfernt war, konnte ich wenig davon verstehen, und fand endlich aus Furcht erdruckt zu werden (welches mehr als Einem begegnete), fur das sicherste, mich auf die Seite zu machen, und den Sophisten seinem Schicksale zu uberlassen, der nun einmal mit aller Gewalt sterben, und das Vergnugen haben wollte sich seine Leichenrede selbst zu halten. Indessen horte ich doch wie er sagte: er habe vor, einem goldnen Leben eine goldne Krone aufzusetzen; denn es gebuhre sich, dass der Mann, der wie Hercules gelebt habe, auch wie Hercules sterbe, und in den Aether, woher er gekommen, zuruckfliesse. "Auch gedenke ich, sagte er, ein Wohlthater der Menschen dadurch zu seyn, dass ich ihnen zeige, wie man den Tod verachten musse; und ich darf also billig erwarten, dass alle Menschen meine Philokteten seyn werden25."

Diese letzten Worte verursachten eine grosse Bewegung unter den Umstehenden. Die Einfaltigsten brachen in Thranen aus und riefen: erhalte dich fur die Griechen! Andere, die mehr Starke hatten, schrien: vollfuhre was du beschlossen hast! Dieser Zuruf schien den alten Kerl ziemlich aus der Fassung zu bringen; denn er mochte gehofft haben, dass ihn alle Anwesende zuruckhalten und nothigen wurden, wider Willen bei Leben zu bleiben. Aber diess leidige: "Vollfuhre was du beschlossen hast!" fiel ihm so ganz unerwartet auf die Brust, dass er noch blasser wurde als vorher, wiewohl er schon eine wahre Leichenfarbe gehabt hatte, und es wandelte ihn ein solches Zittern an, dass er zu reden aufhoren musste.

Du kannst dir vorstellen, wie lacherlich mir das ganze Gaukelspiel vorkam. Denn ein so unglucklicher Liebhaber des Ruhms, wie dieser, verdiente kein Mitleiden, da wohl schwerlich unter allen, die jemals von dieser Plagegottin gehetzt wurden, Einer war, der weniger Anspruche an ihre Gunst zu machen gehabt hatte. Indessen wurde er doch von vielen zuruckbegleitet; und sein Dunkel fand eine stattliche Weide, wenn er uber die Menge seiner Bewunderer hinsah, ohne dass der Thor bedachte, dass auch die Elenden, die zum Galgen gefuhrt werden, ein sehr zahlreiches Gefolge zu haben pflegen.

Die Olympischen Spiele waren nun voruber, und weil eine so grosse Menge von Fremden auf einmal abging, dass kein Fuhrwerk mehr zu bekommen war, musste ich wider Willen zuruckbleiben. Peregrin, der die Sache immer von einem Tage zum andern aufgeschoben hatte, kundigte endlich die Nacht an, worin er uns seine Verbrennung zum Besten geben wollte. Ich verfugte mich also gegen Mitternacht in Begleitung eines meiner Freunde gerades Weges nach Harpine26, wo der Scheiterhaufen stand. Wenn man von Olympia neben der grossen Rennbahn ostwarts geht, hat man gerade zwanzig Stadien dahin zu gehen. Wie wir ankamen, fanden wir den Holzstoss in einer ellentiefen Grube aufgesetzt. Er bestand grosstentheils aus Kienholz mit durrem Reisig vermischt, damit das Ganze desto schneller in Flammen geriethe.

Sobald der Mond aufgegangen war (denn billig musste auch Luna eine Zuschauerin dieser herrlichen That abgeben), erschien Peregrin in seinem gewohnlichen Aufzug, und mit ihm die Haupter der Hunde,27 vornehmlich der edle Theagenes, der eine brennende Fackel in der Hand trug, und die zweite Rolle bei dieser Komodie nicht ubel spielte. Auch Proteus selbst war mit einer Fackel bewaffnet. Beide naherten sich von dieser und jener Seite dem Scheiterhaufen und zundeten ihn an. Proteus legte den Tornister, den cynischen Mantel und den beruhmten Herculischen Knittel ab, und stand nun in einer ziemlich schmutzigen Tunica da. Hierauf liess er sich eine Hand voll Weihrauch geben, warf sie ins Feuer, und rief, das Gesicht gegen Mittag gerichtet (denn auch diess gehorte zur Etikette des Schauspiels) "O ihr mutterlichen und vaterlichen Damonen, nehmt mich freundlich auf!" Mit diesen Worten sprang er ins Feuer, und wurde sogleich durch die rings umgebenden und aufsteigenden Flammen dem Aug' entzogen.

Peregrins geheime Geschichte

in Gesprachen im Elysium.

Einleitung.

Peregrin, Lucian.

Peregrin.

Tauschen mich meine Augen, oder ist es wirklich mein alter Gonner Lucian von Samosata, den ich nach so langer Zeit wieder sehe?

Lucian (ihn aufmerksam betrachtend).

Wir sind also bessere Bekannte als ich weiss. Und doch ist mir selbst als ob mir deine Zuge nicht fremd waren; sie mahnen mich an jemand den ich einst gesehen habe, wiewohl ich mich nicht besinne an wen.

Peregrin.

Es sind freilich uber sechzehnhundert Jahre, seitdem wir uns auf der Ebene zwischen Harpine und Olympia zum letztenmale sahen.

Lucian.

Wie? Was fur Erinnerungen weckst du plotzlich in mir auf? Solltest du wohl gar der Philosoph Peregrinus Proteus seyn, der den seltsamen Einfall hatte, sich freiwillig zu Olympia zu verbrennen?

Peregrin.

Eben der, dem du in deinen Werken ein nicht sehr beneidenswurdiges Denkmal gesetzt hast.

Lucian.

Narrisch genug, dass ich in meinem Kopfe hatte, du musstest nothwendig uber und uber mit Brandblasen uberdeckt und so schwarz wie ein Kohler seyn! Du hattest noch zehnmal vor mir vorbei gehen konnen, ohne dass ich dich in der glanzenden Figur, die du jetzt machst, erkannt hatte.

Peregrin.

Du dachtest wohl damals nicht, dass wir uns nach sechzehnhundert Jahren in Elysium wieder sehen wurden?

Lucian.

Aufrichtig zu reden, nein. Schwarmen war nie meine Sache, wie du weisst.

Peregrin.

Und doch lehrt dich nun die Erfahrung, dass es nicht geschwarmt gewesen ware, wenn du damals uber diese Dinge gedacht hattest wie du jetzt denkst.

Lucian.

Um Vergebung! Wie oft sieht man sogar im gemeinen menschlichen Leben Dinge geschehen, welche nicht vorausgesehen zu haben dem klugsten Manne nicht zum Vorwurf gereichen kann! Die Natur hatte mich mit einem kalten Kopfe ausgesteuert; ich hatte das hitzige Fieber in einem hohen Grade haben mussen, um mir damals, als ich dich zu Harpine in die Flammen springen sah, einzubilden, dass ich dich an einem andern Orte wie dieser und so wohlbehalten wiederfinden wurde.

Peregrin.

Indessen beweisen deine Werke, dass es dir nicht an Einbildungskraft fehlte; oder vielmehr, dass nur wenige sich ruhmen konnen, dich an Fruchtbarkeit und Starke dieser Seelenkraft ubertroffen zu haben.

Lucian.

Aber sie beweisen auch, dachte ich, dass ich die Imagination nie anders als zum Spielen gebrauchte. den Mond und nach der Jupitersburg28: aber dass ich im Ernst hatte glauben sollen, mit ihr uber die Granzen hinausfliegen zu konnen, die unsern funf Sinnen, und folglich auch unsrer Vernunft, in jenem Leben von der Natur gesetzt waren, so etwas konnte eben so wenig in einen Kopf wie der meinige kommen, als der Gedanke, mir im Ernste einen Adlers- und einen Geyersflugel an die Arme zu binden und damit nach dem Monde zu fliegen.

Peregrin.

Diess geb' ich dir willig zu; denn alles was daraus folgt, ist, dass es zu deiner eignen Art zu seyn gehorte, deine Einbildungskraft nur zum Scherz, zum Erfinden und Ausmalen abenteuerlicher Bilder, und zur Belustigung deiner Zuhorer oder Leser zu gebrauchen. Aber ich denke nicht, dass dir diess ein Recht gab diejenigen zu verspotten, die einen ernsthaftern Gebrauch von der ihrigen machten, und, indem sie sich die Bestimmung und das kunftige Loos des Menschen ungefahr so einbildeten wie wir es wirklich befunden haben, durch die That bewiesen, dass eine gewisse Divinationskraft in unsrer Seele schlummert, die vielleicht (wie so viele andere Fahigkeiten) in den meisten Menschen nie erweckt wird, aber denen, in welchen sie erwacht und zu einem gewissen Grade von ren und Zukunftigen gibt, das in einer feurigen und thatigen Seele naturlicherweise nicht ohne Wirkung bleiben kann.

Lucian.

Freund Peregrin, wenn es erlaubt ist uber einen Thersites29 zu spotten, der schoner als Phaon und Adonis zu seyn wahnt, oder einen Zwerg lacherlich zu finden, der sich unter einer sechs Schuh hohen Thur buckt, aus Furcht im Durchgehen die Stirne anzustossen: so sehe ich nicht, warum es so unrecht seyn sollte, uber einen Ehrenmann zu lachen, der, zum Beispiel, sich einbildete, vermittelst ich weiss nicht welches eigenen Sinnes das Gras wachsen zu horen, und den Umstand, dass das Gras wirklich gewachsen ist, als eine Bestatigung dieser ihm beiwohnenden Gabe geltend machen wollte.

Peregrin.

Und ich sehe eben so wenig, wie man ihm beweisen konnte, dass er diesen Sinn nicht habe, als warum man ihm seinen Wahn, wenn es auch Wahn ware, nicht unverspottet lassen sollte, zumal wenn er sonst ein unschuldiger und guter Mensch ist.

Lucian.

Es gibt wohl unter der ganzen unermesslichen Last von Thorheiten, woran der Verstand der armen Erdenkinder krank ist, wenige, die nicht an sich selbst so unbedeutend und unschuldig sind oder scheinen, dass sie nicht mit gleichem Rechte sollten fordern konnen, unverspottet ihren Weg gehen zu durfen: und doch sind eben diese kleinen unschuldigen Thorheiten zusammengenommen die Quellen der grossten Uebel, von denen das Menschengeschlecht geplagt wird. Keine Thorheit, wie unschuldig sie auch scheinen mag, kann also einen Freibrief gegen den Spott verlangen, der beinahe das einzige wirksame Verwahrungsmittel gegen ihren schadlichen Einfluss ist.

Peregrin.

Gut! aber gestehe mir auch, dass gerade dieser grosse Hang der Menschen zur Thorheit, und diese fast allgemeine Bethorung, womit selbst diejenigen, die sich die klugsten dunken, unwissend angesteckt sind, es ihnen oft schwer macht, sich in ihren raschen Urtheilen uber das, was thoricht oder nicht thoricht ist, vor Irrthum zu bewahren. Immer wird viel Behutsamkeit vonnothen seyn, damit wir den Menschen, indem wir ihnen Gutes zu thun glauben, nicht Schaden zufugen, wenn unsre Arznei noch viel schlimmere Wirkungen thut, als das Uebel ist, dem wir abhelfen wollen. Welcher weise und gute Mann wird sich gern der beschamenden Reue aussetzen, eine Meinung, die den Menschen veredelt, die ihn uber sich selbst erhebt und zu allem was schon und gross ist begeistert, als einen thorichten Wahn dem Spotte der Narren und Gecken Preis gegeben zu haben?

Lucian.

Nicht alles was gleisst ist Gold, mein edler Freund, und manche Meinung, die kein guter Mensch ihrer selbst wegen anfechten wurde, wird durch den thorichten Gebrauch, welchen alberne oder brennende Kopfe von ihr machen, belachenswurdig. Ueberhaupt, lieber Peregrin, hat mich ein ruhiger Blick auf die menschlichen Dinge in jenem Leben etwas misstrauisch gegen alle hoch fliegenden Anmassungen gewisser Leute, deren Absichten selten lange zweideutig bleiben, gemacht; und ich argwohne immer eine Natter unter den Blumen, wenn ich von Mysterien oder magischen Operationen hore, wodurch die menschliche Natur uber sich selbst erhoben, wo nicht gar vergottert werden soll. Meistens habe ich gesehen, dass diese Dinge nichts als goldfarbige Fliegen sind, womit Betruger ihre Angeln bestecken und gutherzige Schwindelkopfe damit anlocken, um, wenn sie einmal in den Hamen gebissen haben, etwas weniger als blinde Werkzeuge ihrer geheimen Absichten aus ihnen zu machen. Wer zum Menschen geboren wurde, soll und kann nichts Edleres, Grosseres und Besseres seyn als ein Mensch und wohl ihm, wenn er weder mehr noch weniger seyn will!

Peregrin.

Aber, lieber Lucian, gerade um nicht weniger zu werden als ein Mensch, muss er sich bestreben mehr zu seyn. Unlaugbar ist etwas Damonisches in unsrer Natur; wir schweben zwischen Himmel und Erde in der Mitte, von der Vaterseite, so zu sagen, den hohern Naturen, von unsrer Mutter Erde Seite den Thieren des Feldes verwandt. Arbeitet sich der Geist nicht immer empor, so wird der thierische Theil sich bald im Schlamme der Erde verfangen, und der Mensch, der nicht ein Gott zu werden strebt, wird sich am Ende in ein Thier verwandelt finden.

Lucian.

Es ware denn, dass ihn die wohlthatige Natur, wie Mercur den Ulysses beim Homer, mit einem Moly30 beschenkt hatte, durch dessen Tugend er allen solchen Bezauberungen Trotz bieten kann.

Peregrin.

Und wie nennest du diesen wundervollen Talisman? Denn so viel ich mich aus meinem Homer besinne, ist Moly nur der Name, den ihm die Gotter gaben.

Lucian.

Verstand nenne ich ihn, lieber Peregrin, gemeinen, aber gesunden Menschenverstand.

Peregrin (indem er ihm scharf in die Augen sieht).

Und dieses Moly hatte dich in deinem Leben immer vor der Zauberruthe der schonen Circe verwahrt?

Lucian.

Vor ihren Verwandlungen allerdings: es setzte mich ungefahr in das namliche Verhaltniss mit ihr, worein Ulysses durch die Kraft seines Moly mit der Sonnentochter kam. Denn seinem Moly allein, so wie ich dem meinigen, hatte er es zu danken, dass er jenes Aristippische 31 sagen konnte, worauf in solchen Dingen alles ankommt, wie du weisst.

Peregrin.

Dass du hier bist, beweiset viel fur dich aber Ab

Lucian.

Davon kann wohl niemand besser aus Erfahrung sprechen als Proteus.

Peregrin.

Die Luft, die wir hier athmen, lieber Lucian, macht uns zu Freunden, wie verschieden wir auch noch immer in unsrer Vorstellungsweise seyn mogen. Aber gestehe nur aufrichtig, du wunderst dich, wie ein so verachtlicher und nichtswurdiger Mensch, als du den armen Peregrin geschildert hast, eine Thur ins Elysium offen finden konnte?

Lucian.

Ich schilderte dich damals wie ich dich sah oder zu sehen glaubte. Freilich muss indessen entweder mit meinen Augen, oder mit deinem inwendigen Menschen eine grosse Veranderung vorgegangen seyn.

Peregrin.

Vermuthlich mit beiden. Aber doch bin ich's der Wahrheit schuldig, dir, wenn du Musse hast mich anzuhoren, eine etwas bessere Meinung von dem, was ich in meinem Erdeleben war, beizubringen, als du der Nachwelt davon hinterlassen hast.

Lucian.

Ich bin zwar im Begriff eine kleine Reise in unser altes Mutterland zu machen; aber mein Geschaft ist nicht so dringend, dass es Eile erforderte. Ueberdiess konnen mir die Nachrichten, die ich uber gewisse Stellen deiner Lebensgeschichte von dir selbst am zuverlassigsten erhalten konnte, vielleicht bei dem, was der hauptsachlichste Gegenstand meiner Absendung ist, nicht ohne Nutzen seyn.

Peregrin.

Desto besser. Wenigstens gewinnest du immer so viel dabei, dass du nichts von mir horen wirst, als was ich selbst fur Wahrheit halte.

Lucian.

Wir sind zwar sogar im Elysium nicht ganzlich von den geheimen Einflussen der Eigenliebe frei: aber da es unmoglich ist, dass wir vorsetzlich gegen unser Gefuhl und Bewusstseyn reden sollten, so bin ich gewiss, dass ich uber alles, was du selbst am besten wissen kannst, die reine Wahrheit von dir erfahren werde. Die Quellen, woraus ich ehemals meine Nachrichten wesen seyn, wiewohl ich allerdings den Willen hatte dir kein Unrecht zu thun.

Peregrin.

Wer weiss besser als du, wie wenig auf die Erzahlungen und Urtheile der Sterblichen von einander zu bauen ist! Jene werden schon dadurch allein fast immer verfalscht, dass man diese, es sey nun unvermerkt oder mit Vorsatz, unter sie einmischt, und also den Sachen durch unsre Meinungen von ihnen fast immer eine falsche Farbe oder ein betrugliches Licht gibt. Selten ist der Erzahler ein Augenzeuge, noch seltner der Augenzeuge ganz unbefangen, ohne alle Parteilichkeit, vorgefasste Meinung oder Nebenabsicht; fast immer vergrossert oder verkleinert, verschonert oder verunstaltet er was er gesehen hat. Du, zum Beispiel, hattest den Willen mir kein Unrecht zu thun: aber ich war ein Christianer33 gewesen, und du hieltest alle Christianer fur Schwarmer oder Schelme; ich war in den Orden des Diogenes ubergegangen, und dein Hass gegen die Cyniker ist bekannt genug, da du keine Gelegenheit versaumtest ihm die moglichste Publicitat zu geben. Wie hattest du also den armen Peregrin, mit allem guten Willen ihm kein Unrecht zu thun, in keinem ungunstigen Lichte sehen sollen? Ihn, auf den der ehemalige Christianer und der nunmehrige

Lucian.

Was die Cyniker betrifft, so muss ich dich um Erlaubniss bitten zu bemerken, dass ich, anstatt ein Feind, vielmehr ein Bewunderer ihres Ordens, seiner ersten Stifter und der wenigen achten Glieder, die ihm Ehre brachten, war. Mein Demonax und mein Dialog mit einem Cyniker sollten mich, dachte ich, uber diesen Punkt hinlanglich gerechtfertiget haben. Vermuthlich wurde ich auch mit den Christianern gelinder verfahren seyn, wenn ich jemals so glucklich gewesen ware, nur einen einzigen edeln und liebenswurdigen Menschen aus dieser Secte kennen zu lernen.

Peregrin.

Diess ware eben nicht unmoglich gewesen; wiewohl ich gestehen muss, dass ein achter Christianer zu unsrer Zeit beinah' eben so selten war als ein achter Cyniker. Aber diess fur jetzt bei Seite gesetzt, antworte mir, wenn ich bitten darf, nur auf eine einzige Frage.

Lucian.

Sehr gern. Frage was du willst.

Peregrin.

Der Unbekannte, der zu Elis, von der offentlichen Redekanzel herab, so viel schandliche Dinge von mir erzahlt haben soll, war er eine wirkliche Person? oder hast du ihn vielleicht nur aufgestellt um deine Composition einfacher zu machen, und einem Einzigen in den Mund gelegt, was du vielleicht von verschiedenen Personen zu verschiedenen Zeiten uber mich gehort hattest?

Lucian.

Gewissermassen beides.

Peregrin.

Ich erinnere mich nun selbst wieder, dass mir Theagenes, sobald er nach Olympia kam, etwas von einem solchen Auftritt zu Elis erzahlte, wo ihn sein ubermassiger und (wie ich glaube) nicht ganz lautrer Eifer fur den Ruhm des cynischen Ordens antrieb, die Kanzel zu besteigen, um mir und meinem Vorhaben die Lobrede zu halten, die dir so anstossig war.

Lucian.

Der Unbekannte war kein Geschopf von meiner Erfindung. Er schien, der Aussprache nach, ein Bithynier oder Paphlagonier von Geburt, ein Epikuraer von gereist und kein Neuling in der Welt war. Die Heftigkeit, womit dieser Mann gegen dich declamierte, hatte mir seine Erzahlung vielleicht verdachtig machen sollen: aber mein naturlicher Hass gegen einen jeden der etwas Ausserordentliches seyn wollte, die nachtheilige Meinung die ich bereits von dir hegte, und die Uebereinstimmung des Charakters, den er von dir machte, mit meiner eigenen vorgefassten Meinung, und mit den Nachrichten, die ich aus andern Quellen erhalten hatte alles diess zusammen machte mich geneigt ihm zu glauben, und die Hitze, womit er gegen dich sprach, einer der meinigen ahnlichen Sinnesart zuzuschreiben. Hierzu kam noch, dass ich in dem Resultat seiner ganzen Erzahlung den Schlussel zu finden glaubte, der mir das Ausserordentliche in deinem Leben, und besonders die seltsame Art wie du es zu endigen vorhattest, aufzuschliessen schien. Indessen gestehe ich offenherzig, dass ich kein Bedenken trug, die Erzahlung des Ungenannten mit verschiedenen Anekdoten, die ich zu verschiedenen Zeiten und Gelegenheiten aufgelesen hatte, vollstandiger zu machen. Auch kann ich nicht laugnen, dass das Orakel des Bakis34, welches ich ihn dem Spruch der Sibylle stehendes Fusses entgegen setzen liess, eine Verschonerung von meiner eigenen Erfindung war.

Peregrin.

Man kann, denke ich, immer darauf rechnen, dass Schriftsteller, denen es mehr um Beifall als um strenge Wahrheit zu thun ist, sich eben kein Gewissen daraus machen werden, der Composition zu Liebe manchen Eingriff in die Rechte der letztern zu thun. Ein Bisschen Unwahrheit und Ungerechtigkeit mehr oder weniger, wenn es darauf ankommt einen witzigen Einfall anzubringen oder eine Periode zu runden, ist eine sehr unbedeutende Kleinigkeit in ihren Augen. Wer das Ungluck hat, der Gegenstand einer Philippika35 zu seyn, muss freilich unter diesem hergebrachten Vorrecht witziger Schriftsteller leiden: dafur aber befinden sich auch die Glucklichen, denen Lobreden zu Theil werden, desto besser dabei, und gewinnen oft, eben so unverdienterweise, doppelt und dreifach wieder, was jene verloren haben. Ich kann also, da du mein Bild von Theagenes vergolden, von dem Unbekannten hingegen mit Koth ubertunchen liessest, immer eines gegen das andere aufgehen lassen: aber es bleibt mir noch eine andere kleine Beschwerde ubrig, gegen welche es vielleicht schwerer seyn durfte, deine Unparteilichkeit hinlanglich zu rechtfertigen.

Lucian.

Vermuthlich, dass ich so leicht uber die Rede wegging, die du selbst wenige Tage vor der Ceremonie an die Versammlung zu Olympia hieltest?

Peregrin.

Und worin ich mich, wie du dich erinnern wirst, uber alle zweideutigen Stellen meiner Lebensgeschichte umstandlich genug vernehmen liess. Wie kam es, dass der grosse Freund der Wahrheit der so gewissenhaft war, von allem was der Unbekannte zu meinem Nachtheil vorgebracht hatte, kein Wort auf die Erde fallen zu lassen von allem was ich selbst zu meiner Rechtfertigung sagte, und was als die letzte Erklarung eines Sterbenden doch immer einiger Aufmerksamkeit werth war, nicht ein einziges armes Wortchen vom Boden aufzuheben wurdigte? Denn dass die angefuhrte Entschuldigung "du warest, der Menge und des Gedranges wegen, zu weit entfernt gewesen, um etwas davon zu verstehen" nicht eine blosse Ausrede gewesen sey, werden sich unbefangene Leser schwerlich uberreden lassen.

Lucian.

Aufrichtig zu reden, lieber Peregrin, ich zweifle sehr, ob du damals, wenn du von mir hattest reden oder schreiben sollen, gerechter gegen mich gewesen warest als ich gegen dich. Wir waren beide zu ganz das was wir waren, ich zu kalt, du zu warm, du zu sehr Enthusiast, ich ein zu uberzeugter Anhanger Epikurs, um einander in dem vortheilhaftesten Lichte zu sehen. Ein inniges Gefuhl von Verachtung war mit dem Begriff eines Schwarmers (unter welchem ich mir unmoglich etwas andres als entweder einen Narren oder einen Spitzbuben denken konnte) zu genau in mir verbunden, um nicht, selbst auf eine instinctmassige Weise, bei solchen Gelegenheiten auf mich zu wirken. Ich hatte weder Achtung noch Neugier genug fur das, was du dem Volke vortrugst, um mich, mit Gefahr halb erdruckt zu werden, durch die Menge von Menschen, welch Kopf an Kopf um die Redekanzel herum standen, naher hin zu drangen oder mich fruh genug eines Platzes neben ihr zu versichern. Es war also die reine Wahrheit, da ich sagte ich hatte wenig oder nichts von deiner Rede verstanden, und erst, als viele, die es in dem erstickenden Gedrange nicht mehr aushalten konnten, sich mit Handen und Fussen wieder herausarbeiteten, fand ich Gelegenheit, nahe genug zu kommen um den Schluss derselben zu horen. Um so mehr wirst du mich demnach verbinden, guter Peregrin, wenn du mir durch die versprochnen Berichtigungen deiner Geschichte zu einer unverfalschten Kenntniss deines Charakters verhelfen willst. Wenn dir's gefallt, so setzen wir uns dazu unter diesen Platanus, der jenem Sokratischen am Ufer des Ilyssus so ahnlich sieht.

Peregrin.

Sehr gern. Hore also, was ich dir von meiner Jugend, von meinen ersten Wanderungen, meiner Gemeinschaft mit den Christianern, meinem Uebergang zu den Cynikern, meinem Aufenthalt in Alexandrien, Rom und Athen, und endlich von den Bewegursachen, warum ich meinem irdischen Leben ein so ausserordentliches Ende machte, mit aller Aufrichtigkeit, die eine naturliche Folge unsers gegenwartigen Zustandes ist, erzahlen werde. Es kommt, wie du weisst, bei den Menschen nicht weniger als bei den Pflanzen, sehr viel wo nicht alles darauf an, in welchem Boden und unter welchen Einflussen die zartesten Fasern ihrer aufkeimenden Natur entwickelt und genahrt worden sind. Du wirst mir also erlauben, lieber Lucian, meine Geschichte, wie jener Dichter die Zerstorung des Trojanischen Reichs, vom Ei anzufangen.

Erster Abschnitt.

Peregrin.

Parium, wo ich geboren wurde, war eine Romische Pflanzstadt in der Provinz Mysien auf der ostlichen Kuste des Hellesponts, die durch ihre Lage an einem kleinen Busen der Propontis, der ihr zum Hafen diente, und durch die Betriebsamkeit ihrer Einwohner zu einer der bluhendsten Stadte dieser Gegenden geworden war. Mein Vater war ein Kaufmann, den seine Geschafte zu haufigen Reisen veranlassten; und da er weder Zeit noch Lust hatte, sich meiner Erziehung selbst anzunehmen, willigte er desto lieber ein, mich, sobald ich die weiblichen Zimmer verliess, der Aufsicht und Pflege meines mutterlichen Grossvaters Proteus zu uberlassen, der sich gewohnlich auf seinem nahe bei der Stadt gelegenen Landgut aufhielt.

Nach dem Tode meiner Mutter, die ich am Eintritt in meine Junglingsjahre verlor, wurde ich von ihrem Vater, mit Bewilligung des meinigen, an Kindesstatt angenommen, und erhielt dadurch den Beinamen Proteus36; wiewohl ich mich in der Folge auf meinen Wanderungen, je nachdem es mir schicklicher war, bald des einen bald des andern Namens bediente. Du siehest, lieber Lucian, dass ich wenigstens ziemlich einer mir nicht sehr ruhmlichen Vergleichung meiner Wenigkeit mit Homers Aegyptischem Meergotte geholfen hat.

Lucian.

Desto besser, lieber Peregrinus Proteus, desto besser! Um so mehr habe ich Hoffnung, zu horen, dass du zu einigen andern noch weniger schmeichelhaften Beinamen, womit der Ruf deine Jugend angeschmutzt hat, eben so unschuldig gekommen bist.

Peregrin.

Du wirst und kannst in der Lage, worin wir uns befinden nichts als die reine Wahrheit von mir horen.

Lucian.

Das versteht sich. Also nur weiter, wenn ich bitten darf.

Peregrin.

Die Natur hatte mich zu einer glucklichen Gestalt und Gesichtsbildung mit einer sehr zarten Empfanglichkeit fur sinnliche Eindrucke, und mit einer ausserst beweglichen, warmen und wirksamen Einbildungskraft beschenkt. Bei einer solchen Anlage konnte es wohl nicht anders seyn, als dass Homer, mit dessen Rhapsodien meine literarische Erziehung, der Gewohnheit nach, angefangen wurde, unbeschreiblich auf meine Imagination wirkte; vornehmlich alles Wunderbare, die Gotterscenen auf dem Olymp und auf der Erde, und die Feerei der Odyssee. Mein Padagog, der nichts als Worter, Redensarten und Dialekte, grammatische und rhetorische Figuren, Mythologie, alte Geschichte und Geographie und auch diess alles nur mit den Augen eines stumpfsinnigen Pedanten in dem Dichter sah, trug nichts dazu bei, die Art, wie dieser auf mich wirkte, zu begunstigen oder zu berichtigen, zu verstarken oder zu schwachen. Da er in meinem Gedachtniss alles fand, was seine stolzesten Erwartungen befriedigte, so pries er bei allen Gelegenheiten nur meine Gelehrigkeit an, und that sich nicht wenig darauf zu gut, dass ich eine Menge grosser Stellen aus allen Gesangen, das ganze Verzeichniss der Schiffe, die Nekyomantie, den Tod der Freier und dergleichen, trotz einem Rhapsodisten von Profession herdeclamiren konnte, und nicht nur alle Trojaner, die von Diomedens oder Achillens Hand gefallen waren, mit Namen zu nennen, sondern sogar die Wunden, die jeder empfangen, so genau anzugeben wusste, als ob ich Feldarzt im Griechischen Lager gewesen ware. Um alles Uebrige, und wie oder wodurch Homer zu viel oder zu wenig, zu meinem Vortheil oder Nachtheil, auf mich wirken mochte, blieb er um so unbekummerter, da er von einem Schaden, den ich dadurch leiden konnte, eben so wenig als von der Behandlung, die in dem einen und andern Falle nothig war, die leiseste Ahndung hatte.

Mein Grossvater trug allzu viel zu der ersten Bildung meiner Seele bei, als dass ich mich uberheben konnte, dich etwas genauer mit ihm bekannt zu machen. Er war einer von den eben so unschadlichen als unnutzlichen Sterblichen, die, weil sie selbst wenig von der Welt fordern, sich berechtigt halten, noch etwas weniger fur sie zu thun als sie von ihr erwarten. Im Genuss eines massigen aber seinen Aufwand noch immer ubersteigenden Erbgutes hatte er binnen mehr als siebzig Jahren, die er verlebte, oder, eigentlicher zu reden, vertraumte, nie einen Finger geruhrt es zu vergrossern, noch einen Augenblick dazu verwandt, eine Vergleichung zwischen ihm selbst und seinen reichern Nachbarn zum geringsten Nachtheil seiner Leibes- und Gemuthsruhe anzustellen. Er liebte zwar das Vergnugen, aber nur insofern es seiner Tragheit nicht zu viel kostete: und weil man, ausser den Stunden der Mahlzeit und des Bades, doch nicht immer auf seinem Ruhebettchen oder an einer rieselnden Quelle schlummern, oder dem Lauf der Wolken und dem Tanz der Mucken in der Abendsonne zusehen kann; so hatte er sich zum Zeitvertreib eine Art von Philosophie und Literatur ausgewahlt, die seiner Gemachlichkeit die zutraglichste war, und die Stelle dessen, was bei andern Menschen Beschaftigung des Geistes ist, bei ihm vertrat.

Der Zufall, der im menschlichen Leben so viel entscheidet, hatte ihn in seinen jungern Jahren etlichemal mit dem beruhmten Apollonius von Tyana37 zusammengebracht, und die Eindrucke, die dieser ausserordentliche Mann auf sein Gemuth machte, waren stark genug gewesen, um sich bis ins hohe Alter beinahe in immer gleichem Grade der Lebhaftigkeit zu erhalten. Der einzige Mann, von dem ich ihn jemals mit einer Art von Begeisterung sprechen horte, war Apollonius. Apollonius war ihm das hochste Ideal menschlicher oder vielmehr ubermenschlicher Vollkommenheit; denn es war aus dem Tone, worin er von ihm sprach, leicht zu merken, dass er ihn fur irgend einen Mensch gewordnen Gott oder Genius hielt; und in der That hatte es dieser neue Pythagoras bei allen seinen Handlungen und Reden darauf angelegt, eine solche Meinung von sich zu erwecken und zu unterhalten.

Indessen fand doch mein Grossvater keinen Beruf in sich, die Zahl der sieben Junger zu vermehren, welche Apollonius vor seiner Reise nach Indien immer um sich zu haben pflegte. Alles was der vermeinte Gottmensch auf ihn wirkte, war, dass die Neugier fur ausserordentliche Dinge, die ein so wesentlicher Charakterzug aller tragen Menschen ist, eine bestimmtere Richtung bei ihm erhielt, und zu einer erklarten Liebhaberei fur das wurde, was man in unsrer Zeit Pythagorische Philosophie nannte. Proteus, dessen Sache nicht war, in den Geist der Philosophie eines Pythagoras einzudringen, machte sich einen so weiten und willkurlichen Begriff von derselben, dass alles Aechte und Unachte Platz darin hatte, was dem Aegyptischen Hermes, dem Baktrianischen Zoroaster, dem Indischen Buddas, dem Hyperborischen Abaris, dem Thracischen Orpheus, und allen andern Wundermannern des Alterthums von der Sage zugeschrieben oder von verschmitzten Betrugern untergeschoben wurde. Er sammelte sich nach und nach einen ansehnlichen Schatz von grossen und kleinen Buchern, theosophischen, astrologischen, traum- und zeichendeuterischen, magischen, mit Einem Worte, ubernaturlichen Inhalts auf Pergament, Aegyptischem und Serischem Papier, Palmblattern und Baumrinden geschrieben, uber Gotter und Geister, uber die verschiednen Arten ihrer Erscheinungen und Einwirkungen, uber ihre geheimen Namen und Signaturen, uber die Mysterien, wodurch man sich die guten Geister gewogen und die bosen unterthanig machen konne uber die Kunst Talismane und Zauberringe zu verfertigen, uber den Stein der Weisen, die Sprache der Vogel kurz uber alle Schimaren, womit Griechische und barbarische Beutelschneider38, sogenannte Chaldaer, herumziehende Bettelpriester der Isis oder der grossen Gottermutter, und andere Schlaukopfe von diesem Schlage, die gern betrogene Leichtglaubigkeit mussiger Thoren zu unterhalten und zinsbar zu machen wussten. Je seltsamer, dunkler und rathselhafter diese Schriften klangen, desto hoher stieg ihr Werth bei ihm; und waren sie vollends in lauter Hieroglyphen geschrieben, so glaubte er ein paar Blatter, zumal wenn sie etwas mufficht rochen und ein Ansehn von moderndem Alterthum hatten, um hundert und mehr Drachmen noch sehr wohlfeil bezahlt zu haben.

Bei allem dem war es naturlich, dass die Indolenz des guten Proteus sich auch nach einer leichtern und verdaulichern Nahrung sehnte; und daher machten alle Arten von Wundergeschichten, Gotter- und Heldenlegenden, Geistermahrchen, Milesische Fabeln und dergleichen, keinen kleinen Theil seiner Bibliothek und seine gewohnliche Erholung aus, wenn er sich an dem vergeblichen Versuch, in jenen geheimnissvollen Schriften klar zu sehen, ermudet hatte. Glucklicherweise fur ihn waren die Eindrucke, die diese Lesereien auf seine Einbildungskraft machten, fluchtig genug, dass er sie der Reihe nach zwanzigmal durchlesen konnte, und jedesmal wieder ungefahr eben so viel Reiz darin fand, als eine Seele wie die seinige nothig hatte, um in diesen Mittelstand von Traum und Wachen versetzt zu werden, worin er seine einsamen Stunden am liebsten hinzubringen pflegte. Dieses Mittel, sich selbst auf eine angenehme Art um seine Zeit zu betrugen, reichte um so eher zu, da in der That, ungeachtet er fast alle Gemeinschaft mit den Parianern abgebrochen hatte, wenige Tage oder Wochen im Jahre vergingen, wo er sich ganz allein gesehen hatte. Denn seine bald genug bekannt gewordene Neigung zu den geheimen Wissenschaften und Kunsten zog ihm eine Menge Besuche von Fremden zu, die das Ihrige zu Befriedigung derselben beitragen wollten. Herumziehende Chaldaer und Magier, reisende Pythagoraer, und Leute, die mit der Art von Handschriften, auf die er so erpicht war, handelten, gingen bei ihm immer ab und zu; selten fehlte es ihm an dem einen oder andern Tischgenossen dieser Art, und es wurde einem, der ihre Tischreden aufgeschrieben hatte, ein Leichtes gewesen seyn, in kurzer Zeit ganze Karren voll solcher Conversationen zusammen zu bringen, wie du eine in deinem Lugenfreunde verewiget hast. In den letzten Jahren seines Lebens liess er sich von einem Hermetischen Adepten uberreden, eine geheime Werkstatte in seinem Hause anzulegen, worin Tag und Nacht an dem grossen Werke, das man in spatern Zeiten den Stein der Weisen nannte, gearbeitet wurde. Zu gutem Glucke starb er noch zeitig genug, um den Plan des Adepten zu vereiteln, der sich wahrscheinlich mit guter Art zum Erben des alten Mannes zu machen hoffte.

Du siehest leicht, lieber Lucian, was die Erziehung in dem Hause eines solchen Grossvaters bei einem jungen Menschen mit einer Anlage wie die meinige naturlicherweise fur Folgen haben musste. Dazu kam noch, dass ich der Liebling des alten Proteus war, und dass er sich eine eigne Freude daraus machte, mich so gut er konnte und wusste in den Geheimnissen seiner Philosophie zu iniziieren. Sein Museum stand mir immer offen; ich musste ihm oft, wenn er auf seinem Ruhebette lag, vorlesen, und er fand grosses Behagen daran, aus meiner Neugier fur diese Dinge, und aus der Leichtigkeit womit ich mich in alles zu finden wusste, zu auguriren, dass dereinst (wie er sich ausdruckte) ein grosser Mann aus mir werden wurde. Das Einzige, was er nicht an mir bemerkte, war der Unterschied, der bei aller dieser anscheinenden Sympathie zwischen seiner und meiner Sinnesart vorwaltete. Ihm war das Wunderbare nichts als eine Puppe, womit seine immer kindisch bleibende Seele spielte; bei mir wurde es der Gegenstand der ganzen Energie meines Wesens. Was bei ihm Traumerei und Mahrchen war, fullte mein Gemuth mit schwellenden Ahndungen und helldunkeln Gefuhlen grosser Realitaten, deren schwarmerische Verfolgung meine Gedanken Tag und Nacht beschaftigte. Er belustigte sich an philosophischen Bildern, Rathseln und Hieroglyphen, wie ein Kind an bunten Blumen oder Schmetterlingen Freude hat; ich bestrebte mich in ihren tiefsten Sinn einzudringen: kurz, er liebte das Ausserordentliche, weil es den ewigen Schlummer seiner naturlichen Tragheit durch angenehme Traume unterbrach, und ich brannte schon als ein Mittelding von Knabe und Jungling vor Begierde, diese ausserordentlichen Dinge selbst zu erfahren und zu verrichten.

Lucian.

Oder, mit andern Worten, der Unterschied zwischen euch war der: dein Grossvater las die Geschichte der Abenteurer zum Zeitvertreib, und du machtest alle mogliche Anstalten selbst auf Abenteuer auszuziehen. Allerdings ein sehr wesentlicher Unterschied, und wovon du in deinem ganzen Leben die Folgen stark empfunden hast.

Peregrin.

Ohne mich jemals eine derselben gereuen zu lassen.

Lucian.

Um Verzeihung, dass ich dich unterbrochen habe! es soll ohne Noth nicht wieder geschehen. Fahre immer fort, ich bin lauter Ohr.

Peregrin.

In der Bibliothek meines Grossvaters befand sich auch das Buch des Empedokles von der Natur, verschiedene Dialogen von Plato und einige kleine Schriften des Heraklitus. Weil es gerade die einzigen waren, die er nicht zu lesen pflegte, so mochten sie, dicht mit Staube bedeckt, hinter einem Vorhang von Spinneweben schon zwanzig oder dreissig Jahre ruhig gelegen haben, als ihm einst, da er um etwas Neues verlegen war, zufalligerweise Platons Gastmahl, als ein Werkchen, das sehr sinnreich und unterhaltend seyn sollte, vor die Stirne kam. Ich musste es holen, und ihm, da er nach einer tuchtigen Mahlzeit aus dem Bade kam, an seinem Ruhebette vorlesen. So lange Phadrus, Pausanias, Eryximachus und Aristophanes ihre Meinungen von der Liebe vortrugen, ging es ziemlich gut; der letzte machte ihn sogar, mit seiner komischen Hypothese uber die ursprungliche Natur der Menschen und die wahre Ursache der verschiedenen Arten von Liebe, mehr als einmal laut auflachen. Bei der eleganten Hymne, die der schone Agathon dem Amor singt, fing er mitunter zu gahnen an: aber wie endlich Sokrates das Wort nimmt, und nach einer Disputation in seiner eignen Manier, die mein Alter sehr langweilig fand, der Gesellschaft den Unterricht mittheilt, den er ehemals von der Prophetin Diotima uber die Liebe und die Kunst zu lieben empfangen zu haben vorgibt; schlief er unvermerkt so fest ein, dass ich Zeit hatte, diesen Theil des Symposions, der sich meiner ganzen Aufmerksamkeit bemachtigte, zweioder dreimal wieder zu lesen, bevor er wieder aufwachte. Ich selbst begab mich nicht eher zur Ruhe, bis ich noch in derselbigen Nacht diese Rede der Diotima heimlich abgeschrieben hatte; und als ich am folgenden Morgen, wie ich das Buch an seinen Ort zurucktrug, seine Mitverbannten in eben demselben Winkel liegen sah, und aus den blossen Titeln und Namen der Verfasser von der Wichtigkeit des gefundenen Schatzes urtheilte, nahm ich sie alle mit, und verwandte von Stund' an keinen Augenblick, uber den ich Meister war, auf etwas andres, als diese Schriften zu lesen, wieder zu lesen, zu durchdenken, zu vergleichen, und aus den Ideen, die sie in mir entwickelten, wo moglich ein Ganzes in mir selbst zu bilden. Mein bisheriges Leben schien mir dem Zustand eines Menschen zu gleichen, uber dem, nachdem er lange bei schwachem Mondschein in einem dicht verwachsenen Walde herumtappte, die Morgendammerung aufzugehen anfangt. Aber nun ward es auf einmal Tag und Sonnenschein in meiner Seele. Sie wurde anfangs dadurch geblendet, starkte sich aber unvermerkt durch das Lichtbad selbst, worin sie zu schwimmen glaubte, und erstaunte, sich auf einer Hohe zu finden, wo sie, von der reinsten Himmelsluft umflossen, in eine unermessliche Welt voll Schonheit hinaus sah, und in dem Wonnegefuhl ihrer eigenen Freiheit, Kraft und Grosse sich wie vergottert fuhlte.

Lucian.

Deine Seele, lieber Peregrin, muss (mit der ehrwurdigen Prophetin Diotima zu reden) von einer ganz erstaunlichen Fruchtbarkeit gewesen seyn, da sie nur die Beruhrung eines Plato, Empedokles und Heraklitus nothig hatte, um auf einmal von einer ganzen Welt voll Licht und Schonheit entbunden zu werden.

Peregrin.

Wenn diess nicht Scherz ware, Lucian, so wurde ich sagen, die Einwirkung dieser Weisen auf mein Innerstes konnte eher mit einem Funken, den der Stahl aus einem Feuerstein schlagt, verglichen werden. Denn was sie in mir entzundeten, war im Grunde nur eine einzige aber unausloschliche Flamme, die von diesem Augenblick an die Quelle alles Lichts und Lebens in mir wurde. Oder, um mich noch genauer auszudrukken, mir war, da diese Flamme in mir hervorbrach, als ob eine dunkle dichte Rinde, die mein Wesen bisher umschlossen hatte, plotzlich von mir abfiele; ich erblickte mich nicht mehr in einem Spiegel ausser mir, sondern in mir selbst, erkannte mich selbst zum erstenmal , und bedurfte von diesem Augenblick an keines Pythagoras oder Platons mehr dazu; so wenig, als die Sonne einer fremden Beleuchtung und Erhitzung bedarf, um lauter Licht und Feuer zu seyn.

Lucian.

Ich bekenne dir unverhohlen, Freund Peregrin, dass ich meines Orts noch einiges fremden Lichtes nothig hatte, um zu verstehen was du mir hier offenbarest. Allem Ansehn nach muss mein Wesen seine alten Schalen und Rinden noch nicht alle durchbrochen haben.

Peregrin.

Das konnte leicht seyn, lieber Lucian. Doch vielleicht kann ich dir durch ein einziges Wort verstandlicher werden. Du erinnerst dich vermuthlich, da du Platons Symposion gelesen hast, was Diotima von der Liebe als einem Damon, das ist nach ihrer Erklarung, einem Mittelwesen zwischen der sterblichen und unsterblichen Natur, spricht. So einleuchtend mir diese Theorie war, die ich (wie beinahe alle Platonischen Begriffe) immer in mir geahndet zu haben glaubte, so sah ich doch anfangs diesen Damon der Liebe noch ausser mir; nur dass er mir, durch eine sonderbare Art von Tauschung, immer naher zu kommen, immer anschaulicher zu werden schien. Die Rinde, von der ich dir sagte, wurde immer dunner, und in eben diesem Masse ward es auch immer heller in meinem Inwendigen; kurz, sie wurde endlich so dunn, dass ein einziger Vers des Empedokles, der mir zufalliger Weise in die Augen fiel, genug war, sie ganz zu zersprengen. Nun fuhlte ich mich gleichsam von mir selbst entbunden, fuhlte, dass der Damon der weisen Diotima in mir, oder vielmehr, dass ich selbst der Damon sey, der keiner Vermittlung eines dritten, sondern bloss des ihm eigenen ewigen Verlangens und Aufstrebens nach dem hochsten Schonen und Vollkommnen nothig habe, um im Genuss desselben Eudamon, das ist, der reinsten Wonne, deren ein Damon fahig ist, theilhaftig zu seyn, und im Genuss des Gottlichen sich selbst vergottert zu fuhlen.

Lucian.

Ich fange an zu besorgen, dass, um die erhabenen Dinge, die du mir sagst, zu fassen, ein eigener Sinn erfordert werde, womit die Natur mich zu versehen

Peregrin.

Es ist nichts als die Rinde, die du noch nicht ganz durchbrochen hast, Lucian.

Lucian.

Wie es auch damit seyn mag, so muss ich dich bitten, wenn du in deiner Geschichte fortfahren willst, dich so nahe als dir immer moglich ist an meine Rinde zu halten, und eine Sprache mit mir zu reden die ich verstehe, wenn du willst dass es nicht eben so viel sey, als ob du bloss mit dir selbst sprachest.

Peregrin.

Was ich gesagt habe, schien mir die einfachste Sache von der Welt zu seyn. Aber sey ruhig, Lucian! es wird, so wie ich in meiner Erzahlung fortfahre, immer heller um mich her werden, und ich bin nun nahe an einigen Begebenheiten meiner Jugend, die, wiewohl du sie ehemals in einem falschen Lichte gesehen hast, doch so beschaffen sind, dass man nur ein ganz gewohnlicher Mensch zu seyn braucht, sowohl um solche Abenteuer zu haben, als um zu begreifen wie es damit zuging. Ich hatte kaum das achtzehnte Jahr zuruckgelegt, letzten Willen zum einzigen Erben seiner Verlassenschaft eingesetzt hatte. Ich sah mich nun im Besitz eines weit grossern Vermogens, als ich brauchte um unabhangig zu leben; und mein erster Gedanke war, Parium zu verlassen, und mich auf Reisen zu begeben, nicht sowohl um das was man die Welt nennt zu sehen (die mich damals wenig kummerte) als um Menschen zu suchen, die, wie ich, von der gottlichen Liebe der Vollkommenheit entbrannt, in dieser innigen Gemeinschaft und Vereinigung der Seelen mit mir leben konnten, die ich mir vermoge einer mir selbst unbekannten Vermischung des Instincts meines damaligen Alters mit dem Bedurfniss meines Herzens als einen wesentlichen Theil der hochsten Eudamonie39 vorstellte. Aber die Geschafte, die ich meiner Erbschaft halben vorher abzuthun hatte, hielten mich, wegen Abwesenheit meines Vaters, unter dessen Vormundschaft ich stand, noch ein ganzes Jahr in Parium zuruck; und in diesem Zeitraume begegnete mir das Abenteuer, das dein Ungenannter in der schonen Lobrede, die er mir zu Elea hielt, so ubel verunstaltet hat, dass ich, wofern mein Name nicht dabei genannt ware, nie hatte vermuthen konnen der ungluckliche Held dieses Mahrchens zu seyn.

Wahrend der ersten Jahre meines Lebens, die ich unter der Aufsicht meiner Mutter zubrachte, befand sich ein junges Madchen in unserm Hause, die, als das einzige Kind einer verstorbenen Schwester meines Vaters, unter seiner Vormundschaft von meiner Mutter erzogen wurde. Sie war nur ein Jahr alter als ich, und da sie eine Tochter vom Hause vorstellte, so wurden wir unvermerkt gewohnt, uns als Bruder und Schwester zu betrachten. Die kindische Liebe, die sich zwischen uns entspann, war um so unbedeutender, da ich mit dem siebenten Jahre in das Haus meines Grossvaters versetzt wurde, und von dieser Zeit an nur selten in die Stadt kam.

Kallippe (so hiess die Nichte meines Vaters) erwuchs indessen nach und nach zu dem schonsten Madchen in Parium. Ich sah sie bis zum Tode meiner Mutter von Zeit zu Zeit; aber wiewohl ich etwas fur sie empfand, das der Anlage zu einer kunftigen Leidenschaft ahnlich sah, so war ich doch noch viel zu jung, um recht zu wissen was ich fuhlte, oder auch etwas andres fur sie zu fuhlen, als was unsrer nahen Verwandtschaft ganz anstandig war; Kallippe hingegen, die um diese Zeit schon das funfzehnte Jahr angetreten, hatte mit demselben auch die Sinnesart eines Madchens von diesem Alter angenommen, und betrachtete mich als einen Knaben, dem man ohne alle Gefahr liebkosen konne.

Bald darauf glaubte mein Vater dieses einzige Kind einer Schwester, die er sehr geliebt hatte, aufs glucklichste versorgt zu haben, indem er sie an einen der reichsten und angesehensten Manner in Parium verheirathete, ohne weder auf die Untugenden seiner Gemuthsart und Sitten, noch auf den grossen Abstand seiner Jahre von den ihrigen die geringste Rucksicht zu nehmen. Von dieser Zeit an verlor sich meine Base Kallippe unvermerkt aus meinem Gesichtskreise; ich bekam sie nicht mehr zu sehen, und bekummerte mich, in der Meinung dass sie mit ihrem Loose zufrieden sey, nicht weiter um sie, bis nach meines Grossvaters Tode die Angelegenheiten seiner Verlassenschaft mich nothigten, einige Monate in der Stadt zuzubringen.

Hier horte ich, dass mein Vater seine Absicht, Kallippen glucklich zu machen, nicht leicht arger hatte verfehlen konnen. Jedermann sprach von ihr als einer Frau, welche die schonsten Jahre ihres Lebens unter dem Druck eines unempfindlichen, finstern, kargen und eifersuchtigen Tyrannen zu schmachten verurtheilt sey; jedermann bedauerte sie, und alle Stimmen waren gegen den Mann, der einer solchen Frau ubel zu begegnen fahig sey. Ich kannte den Lauf der Welt zu wenig, um etwas von der Sache zu begreifen; ich sann hin und her, verwarf aber meine Anschlage immer wieder als unschicklich und unausfuhrbar. Vor allem schien mir nothig, sie selbst zu sprechen: aber die kaltsinnige Hoflichkeit und argwohnische Vorsicht des alten Menekrates wusste es immer so einzurichten, dass ich keine Gelegenheit dazu finden konnte.

Endlich erfuhr ich von einer jungen Sklavin, der einzigen auf deren Treue Kallippe ein unumschranktes Vertrauen setzte, dass ihre Gebieterin nichts sehnlicher wunsche als mich zu sprechen, indem sie mir Sachen von der grossten Wichtigkeit zu entdecken hatte. Bei einer solchen Uebereinstimmung unsrer Wunsche war es nur noch um die Ausfuhrung, namlich um eine geheime Zusammenkunft zu thun , die aber, in der Lage worin sich Kallippe befand, nothwendig so behutsam veranstaltet werden musste, dass weder ihr Mann, noch die Nachbarn noch die ubrigen Hausgenossen auch nur die leiseste Ahndung davon haben konnten. Auch hier fehlte es nicht an meinem guten Willen: aber wenn Kallippe und ihre Sklavin nicht erfindsamer oder dreister als ich gewesen waren, so mochte es wohl immer dabei geblieben seyn; denn selbst das Gewohnlichste, was in solchen Fallen zu thun ist, kam mir gar nicht in den Sinn. Dafur liess ich mich desto williger von der weiblichen Klugheit leiten; und so wurde endlich, nachdem verschiedene andere Vorschlage als gefahrlich oder unthulich verworfen worden, beschlossen, dass man eine kurze Abwesenheit des Menekrates benutzen wollte, um mich in der Stille der Nacht durch eine kleine Gartenthur in ein Cabinet zu bringen, wo ich meine Base finden wurde.

Lucian.

Naturlicherweise gewinnt die Sache unter allen diesen Umstanden eine ganz andere Gestalt; und doch, wenn der Zufall gegen uns ist, nehmen weder die Gesetze noch die Welt auf solche Umstande Rucksicht.

Peregrin.

Nur zu wahr. Aber fur mich gab es keine Gesetze; oder vielmehr, da ich mein Gesetz in mir selbst hatte, so dachte ich nicht an die Gesetze von Parium. Und was ist das Urtheil der Welt einem Menschen, der nach dem Beifall hoherer Zeugen strebt, die seinem innern Auge so gegenwartig sind, als ob sie auch dem aussern sichtbar waren! Ich dachte nichts als eine Pflicht zu erfullen, und in der Wahl der Mittel mich bloss der Nothwendigkeit zu unterwerfen, der die Gotter selbst unterthan sind.

Lucian.

So weit begreife ich alles. Was mich wundert ist bloss, ob ich den Erfolg errathen habe oder nicht. Die Gelegenheit ist eine gefahrliche Versucherin, und ich glaube aus Erfahrung zu wissen, was in solchen Fallen moglich oder unmoglich ist.

Peregrin.

Die Schlusse, die man aus seinen eignen Erfahrungen auf das, was andere in ahnlichen Fallen gethan haben oder thun werden, macht, sind schon truglich; wie sehr mussen es erst die seyn, die man von dem was meistens geschieht, auf das was moglich ist, macht! Indessen zweifle ich keinen Augenblick, lieber Lucian, dass ich mit einer Art von Gewissheit sagen konnte, wie du dich an meiner Stelle aus der Sache gezogen hattest: aber dass du diess mit eben so vieler Gewissheit von mir sagen konntest, daran zweifle ich, mit deiner Erlaubniss.

Lucian.

Du hast Recht, Peregrin! Ich war immer nur ein gewohnlicher Mensch, und von einem gewohnlichen Menschen lasst sich freilich nicht auf einen Damon schliessen. Und doch sollte mich's nicht befremden, wenn auch einem Damon (zumal einem dessen Natur Lieben ist) in dem Korper eines bluhenden Junglings von achtzehn Jahren, der sich mit einer schonen, zartlichen und betrubten jungen Base von neunzehn in der Stille der Nacht in einem Gartencabinet eingeschlossen findet, unvermerkt eben so zu Muthe wurde, als wenn er ein Mensch wie andere ware.

Peregrin.

Auch in meinen Augen wurde es kein grosses Wunder seyn. Hore also was sich zutrug. Unsre Zusammenkunft ging durch die schlaue Veranstaltung der getreuen Sklavin glucklich von Statten. Die erste Ueberraschung war auf beiden Seiten nicht gering, da ich Kallippen zum erstenmal in der vollen Reife der Schonheit und Jugend, und sie den Knaben von vierzehn, den sie vor vier Jahren zum letztenmale gesehen hatte, in einen hochaufgeschoss'nen Jungling verwandelt sah, an dessen Bluthe noch kein Wurm genagt hatte, und dem ein sonderbares Gemisch von Sanftheit und Feuer, von Heiterkeit und Ernst, das Ansehen eines weit reifern Alters gab, ohne dem, was die Jugend Empfehlendes hat, nachtheilig zu seyn. Die einzige Lampe, die das Cabinet beleuchtete, trug wohl auch das Ihrige bei, dass unser mit so geheimnissvollen Umstanden verbundenes Wiedersehen mehr das Schauerliche einer unverhofften Erscheinung, als das Freudige einer veranstalteten Zusammenkunft hatte. Indessen fassten wir uns bald wieder, und Kallippe fing die Unterredung mit Entschuldigung und Rechtfertigung des sonderbaren Schrittes, wozu sie sich gezwungen sahe, an. Naturlich fuhrte diess zu einer umstandlichen Ausfuhrung der grossen Beschwerden, die sie uber ihren Tyrannen zu fuhren hatte; wobei die sparte, um das Mitleiden des jungen Menschen zu gewinnen, den sie zum Richter ihrer Leiden machen wollte. Sie schien alle Fragen, die ich an sie thun konnte, vorausgesehen zu haben, mit so vieler Leichtigkeit antwortete sie auf alles; und sie beschloss endlich mit verschiedenen geheimen Auftragen, theils an meinen abwesenden Vater, theils gewisse Familienumstande, die eine Beziehung auf ihre eigenen hatten, betreffend, welche eine zweite und dritte Zusammenkunft vorbereiteten und ganz ungezwungen herbeibrachten.

Hatte ich damals schon die Menschenkenntniss haben konnen, die uns eine Erfahrung von dreissig oder vierzig Jahren verschafft, so konnte mir vielleicht das Betragen der schonen Kallippe einigen Argwohn gegeben haben; und ware ich gesinnt gewesen, wie beinahe jeder andere in meinem damaligen Alter, so wurde ich mich an allen Grazien zu versundigen geglaubt haben, wenn ich eine so gute Gelegenheit aus den Handen hatte schlupfen lassen. Aber bei mir war weder das eine noch das andere moglich. Wie sichtbar auch die Schlingen waren, die meiner unerfahrnen Unschuld gelegt wurden, ich sah sie nicht, weil ich nicht mehr Begriff von Schlingen hatte als eine neu ausgebruteter Vogel; und vor Nachstellungen von mir hatte die schone Kallippe nicht sicherer seyn konnen, wenn sie eine Priesterin der Diana oder meine leibliche Schwester gewesen ware. Jede Frau oder Jungfrau war in meinen Augen ein heiliges Gefass im Tempel der Natur, desto heiliger und unverletzlicher, je schoner sie war. Wie sehr musste es mir also die Gemahlin des Menekrates seyn, die durch Anverwandtschaft, Schonheit und Ungluck ein dreifaches Recht an meine Theilnehmung, meine Ehrfurcht und meine Dienste hatte!

Lucian.

Wunderbarer Mensch!

Peregrin.

Ich sehe, mit deiner Erlaubniss, hier nichts Wunderbares; vielmehr war' es ein Wunder gewesen, wenn ich anders gedacht hatte. Meine Erziehung hatte meinen Leib und meine Seele vor aller Verderbniss, zumal vor allzu fruher Erweckung und willkurlicher Reizung des Instincts, verwahrt. Meine Einbildung war so rein wie meine Sinne; und die Liebe des hochsten Schonen, die in dieser Epoche meines Lebens die Seele aller meiner Gedanken und Neigungen war, gab dem Eindruck, welchen schone Gestalten auf mich machten, eine vom Gewohnlichen, was andere Erdensohne erfahren, so verschiedene Tinctur, dass auch die Wirkung desselben nothwendig sehr verschieden seyn musste. Uebrigens bitte ich dich nicht zu vergessen, dass ich mir kein Verdienst daraus zu machen begehre, sondern die Sache bloss erzahle wie sie war. Als ich mich von Kallippen entfernte, folgte mir zwar ihr Bild, aber ohne mir eine andere Unruhe zu verursachen, als die Sorge, ihre Auftrage so gut mir moglich war auszurichten.

Lucian.

Alles Feuer in deiner Natur musste sich damals in die hochste Region deiner Einbildungskraft hinauf gezogen haben.

Peregrin.

Doch nicht so ganz; denn ich laugne nicht, Kallippe wurde, mit jedem Male dass ich sie sah, schoner und liebenswurdiger in meinen Augen: aber ich setzte noch immer nicht den geringsten Argwohn weder in mich selbst noch in sie, und fand nichts naturlicher, als dass mein Wohlgefallen und meine Theilnahme an ihr immer lebhafter wurde, je liebenswurdiger sie mir erschien. War die Liebe zum Schonen meiner damonischen Natur nicht eben so eigenthumlich als meiner Brust das Athemholen? Dass auch Kallippe immer warmer, und immer sinnreicher wurde neue Ursachen und Wege zu neuen geheimen Zusammenkunften auszudenken, bemerkte ich zwar, hielt es aber fur eine so naturliche Folge der rechtmassigen Zuneigung zu einem nahen Anverwandten, den sie von Kindheit an wie einen Bruder anzusehen gewohnt war, dass es mir gar nicht als etwas Mogliches einfiel, wie die Tadelsucht selbst etwas daran zu tadeln finden konnte. Und war es ihr, in einer so verlass'nen Lage als die ihrige, am Ende zu verdenken, wenn sie schwer daran ging sich des einzigen Trostes wieder zu berauben, der ihr einige Erleichterung ihres traurigen Zustandes verschaffte. "Deine Gegenwart, deine Reden sind Nepenthe40 fur mich, sagte sie mir einsmals beim Abschied, mit einer Stimme die wie Musengesang in meiner Seele widertonte. Ich vergesse in diesen stillen Augenblicken der Freundschaft dass ich unglucklich bin: konntest du schon mude seyn, mir zuweilen eine Stunde zu schenken, die du nur dem Schlaf entziehest?" Ich hatte mich fur einen Barbaren gehalten, Lucian, wenn ich dessen fahig gewesen ware.

Lucian.

Ich wahrlich auch! Aber gestehe, dass du um diese Zeit den unsichtbaren Pfeil schon in der Leber stecken hattest!

Peregrin.

Ich glaub' es selbst, Lucian; aber damals wusste, ahndete ich sogar nichts davon: und was mich nothwendig sicher machen musste, war, dass ich die Nacht, da wir uns wieder sehen sollten, immer mit eben so vieler Ruhe erwartete, als ich sie mit Vergnugen kommen sah. Indessen darf ich einen neuen Umstand nicht unerwahnt lassen, der einige Veranderung in der Beschaffenheit unsrer Zusammenkunfte machen konnte. Weil Menekrates eine ziemliche Zeit lang nicht aus der Stadt kam, so wurde das Gartencabinet fur unsern fernern Gebrauch zu gefahrlich befunden. Nach langem Ueberlegen was zu thun sey, sagte endlich die Sklavin mit der Miene einer Person, die auf einmal das Wahre gefunden hat: ich weiss im ganzen Hause keinen Ort, wo wir so vollig vor jedem Ueberfalle sicher sind, als das Schlafzimmer meiner Gebieterin. Da hast du Recht, versetzte Kallippe lachelnd; ich weiss nicht, warum es mir nicht sogleich in den Sinn kam! Aber sagte ich etwas betroffen, Menekrates? O, der ist in Jahr und Tag mit keinem Fusse uber die Schwelle gekommen, und hat seine Ursachen dazu, sagte die Sklavin. Ich schwieg, und es blieb furs nachstemal bei Kallippens Schlafzimmer.

Lucian.

Ein schoner und bequemer Ort, ohne Zweifel; aber, beim Jupiter! der schlupfrigste, den dein Platonischer Damon zwischen Himmel und Erde finden konnte!

Peregrin.

Du wirst mich auch gar zu unschuldig nennen, Lucian, genug, mir fiel das nicht ein. Ware Kallippe bei dem Vorschlage roth geworden, hatte sie einige Bedenklichkeit geaussert, so mochte vielleicht auch in mir ein Zweifel uber die Schicklichkeit der Sache rege geworden seyn: aber dass sie so unbefangen, so schnell und so ruhig ihren Beifall gab, liess mich in meiner naturlichen Sicherheit. Ich liebte zwar Kallippen, aber mit einer so jungfraulichen Unwissenheit, dass ihr Schlafzimmer fur mich nichts mehr war als jeder andere Ort. Und in der That hatte sie im innersten Heiligthum der Vesta nicht sichrer vor geheimen Absichten und Anschlagen auf ihre Unschuld von meiner Seite seyn konnen als in ihrem Schlafzimmer.

Lucian.

Was fur ein schlauer kleiner Bube euer Damon Amor ist, Peregrin! Wie er die guten arglosen Seelen durch seine kindisch unschuldige Miene zu locken weiss! Und doch wette ich, das Schlafzimmer war die Ursache alles Unheils.

Peregrin.

Hore nur. Beinahe hatte ich noch einen kleinen Umstand vergessen, der auch nicht ganz unwichtig war, wiewohl ich damals nicht auf ihn achtete. Die junge Sklavin war immer bei unsern Zusammenkunften gegenwartig; anfangs ohne sich einen Augenblick ganz zu entfernen; bei der zweiten und dritten ging sie ab und zu; in der Folge blieb sie bald kurzer bald langer aus, oft eine halbe Stunde, auch noch langer: aber alles so ungezwungen und absichtlos, dass ich ihre Abwesenheit kaum gewahr wurde.

Lucian.

Die Spitzbubin!

Peregrin.

Es vergingen mehrere Tage, ehe ich wieder den gewohnlichen Wink von ihr erhielt.

Lucian.

Auch das vielleicht nicht ohne Absicht Aber du merktest immer nichts?

Peregrin.

Gewiss nicht, ausser dass mir die Zeit doch langer vorkam als ich ungefahr gerechnet hatte. Ich fing an fur Kallippen unruhig zu werden, als die Sklavin mir durch den gewohnlichen Weg das zwischen uns abgeredete Zeichen gab. Es war eine ziemlich dunkele Nacht, und alles im Hause lag in tiefem Schlafe begraben, als ich durch den Garten zu einem niedrigen Fenster in das Haus herein gelassen wurde. Ich konnte mir selbst nicht recht sagen warum, aber zum erstenmale war mir's, als ob ich um diese Zeit nicht in diesem Hause seyn sollte. Diese kleine Unruhe verschwand zwar in dem Augenblicke, da mir die schone Kallippe in ihrem Zimmer mit Augen voll Dank und Liebe entgegen kam; doch kehrte sie von Zeit zu Zeit wieder, wiewohl ich sie zu unterdrucken suchte. Kallippe ward es endlich gewahr. Sie fragte mich nach der Ursache einer Unruhe, die sie noch nie an mir bemerkt hatte, und ich gestand ihr, dass ich sie und mich weder in diesen Mauern noch in diesem Zimmer fur sicher halten konne. Ohne Zweifel schlagen unsre Herzen auch hier sympathetisch, sagte sie; du irrest dich nur in der Ursache. Auch mir, fuhr sie fort (und mit einem zartlich wehmuthigen Tone, der alle meine Nerven in antwortende Schwingungen setzte), auch mir ahndet dass wir uns zum letztenmale sehen. Nicht als ob wir hier das Mindeste zu befurchten hatten. fahr, der einzigen, die ich zu befurchten habe ich darf, ich kann dich nicht langer sehen. Frage mich nicht nach der Ursache denn du bist unter allen Sterblichen der letzte, der sie wissen darf.

Diese mir ganz neue Sprache setzte mich in Erstaunen: aber Kallippe liess mir keine Zeit zu mir selbst zu kommen. Sie sagte mir, mit einem Ausdruck von Wahrheit und zugleich mit einer Sanftheit, die ihren Worten einen unbeschreiblichen Zauber gab, das Zartlichste was die erste Liebe einem gefuhlvollen jungen Weibe eingeben kann; und das Ende davon war die Wiederholung, dass wir uns zum letztenmal gesehen hatten. Wir mussen scheiden, rief sie mit erstickter Stimme, indem sie ihre schonen Arme um meinen Hals wand Lebe wohl, Proteus! und erinnere dich zuweilen der Unglucklichen, die dich deiner und ihrer Tugend aufopfert! Lebe wohl!

Ein so unvermutheter Sturm, auf mein Herz und meine Sinne zugleich, war zu stark um seine Wirkung zu verfehlen; aber es kam noch ein Umstand hinzu, der den Sieg der schonen Kallippe uber den unerfahrnen Neuling entscheidend machen musste. Sie war bei allen unsern Zusammenkunften immer ausserst anstandig gekleidet gewesen. Diess war sie, dem ersten Anblick nach, auch jetzt; nur fur die heftigen Bewegungen des Schmerzes und der Liebe, denen sie sich in diesen Augenblicken des Scheidens uberliess, zu leicht. Freilich war es eine sehr warme Sommernacht: aber fur eine so zartliche Abschiedsscene war eine Tunica, die ein einziger Seidenwurm hatte gesponnen haben konnen, gar zu dunn; und als die zartliche Kallippe ihre Arme um meinen Nacken wand, und in einem Augenblicke, wo der Gedanke eines ewigen Scheidens sie ausser sich setzte, ihren Busen etwas zu heftig an den meinigen druckte, kam naturlicherweise eine so duftartige Hulle in eine Unordnung, die in einem solchen Moment ihren Reizen ein zu grosses Uebergewicht uber meine unverwahrten Sinne gab.

Was in diesem Augenblick in mir vorging, ist schwer zu beschreiben. Ein allgemeines Zittern uberfiel mich, mir ward schwindlig und dunkel vor den Augen, und ich ware, glaube ich, zu Boden getaumelt, wenn mich Kallippe nicht in ihren Armen aufgehalten, und zu ihrem Ruhebette gefuhrt hatte, wo ich in kurzem wieder zu mir selber kam, indessen sie, den rechten Arm noch immer um meinen Leib geschlungen, Augen auf mich heftete, die alles Feuer der Liebe in mich zu ergiessen schienen. Die Sklavin war bei dieser Scene nicht zugegen; Kallippe musste meinen Zufall nicht fur gefahrlich genug gehalten haben, sie um Hulfe zu rufen.

Die Gotter mogen wissen, wie das alles sich geendigt hatte, wenn nicht in diesem Augenblick ein grosser Larm im Hause uns auf einmal aus unserm Taumel gerissen und genothigt hatte, auf das, was ausser uns vorging, Acht zu geben. Wir sind verrathen, rief die besturzte Kallippe, indem das Getummel immer naher kam, und die donnernde Stimme des Menekrates sich bereits deutlich unterscheiden liess. Ich sprang auf, und brauchte mich nicht einen Augenblick zu besinnen, dass ausser meinem plotzlichen Verschwinden kein Mittel sey die Dame und mich zu retten.

Lucian.

In solchen Fallen haben die Damonen ohne Korper ein beneidenswurdiges Vorrecht.

Peregrin.

Ich lief an das Fenster, das in den Garten ging: aber, ausserdem dass die Hohe fur einen Sprung zu gefahrlich war, sah ich den Garten von verschiedenen mit Knutteln und Stangen bewaffneten Sklaven besetzt, in deren Hande zu fallen noch gefahrlicher schien. Ein anderes Fenster ging in einen kleinen Hof, der zu einem Holzbehaltniss zugerichtet und mit einem Schindeldache versehen war, das nahe an Kallippens Fenster reichte, und von welchem es nicht unmoglich schien, durch einen Sprung auf das ziemlich flache Dach des niedrigen Seitengebaudes eines benachbarten Hauses zu kommen. Das Weitere musste dem Zufall uberlassen werden. Menekrates pochte inzwischen, mit einem so lauten und herrischen Befehl aufzumachen, an der verschloss'nen Thur des Schlafzimmers, dass Kallippe, ohne den Verdacht zu vergrossern, nicht langer verziehen konnte sie zu offnen. Ich wagte also den entscheidenden Sprung. Ich gelangte glucklich auf das benachbarte Dach, und von diesem in einen kleinen Garten, wo es mir nicht schwer fiel, uber eine niedrige und baufallige Mauer in ein enges Gasschen herabzuglitschen, an dessen Ausgang ich mich vor der Hinterthur meines eigenen Hauses, und einen Augenblick darauf in der Freiheit befand, von einer Gefahr, deren blosser Gedanke alle meine Haare emporrichtete, wieder zu Athem zu kommen. Allerdings war es viel Gluck, dass ich meine so oft wiederholte Unvorsichtigkeit mit der blossen Angst, noch immer wohlfeil genug, bezahlte: indessen verhielt sich die ganze Sache wie ich dir erzahlt habe; die Prugel und der Rettig waren blosse Verzierungen womit dein Ungenannter das Geschichtchen seinen Zuhorern interessanter zu machen hoffte.

Lucian.

Wahrscheinlich wartete beides auf dich, wenn dir dein guter Damon nicht noch so glucklich durchgeholfen hatte. Uebrigens sind diese Verzierungen, wie das Publicum meistens etwas, aber selten die wahren Umstande erfahrt, zu gewohnlich, als dass man dem Ungenannten ein grosses Verbrechen daraus machen konnte, sie, vielleicht ohne historischen Grund, der blossen Wahrscheinlichkeit zu Ehren hinzu gedichtet zu haben. Aber wie erging es der armen Kallippe? Denn, wiewohl ich gestehe, dass sie mir in dieser ganzen Sache bei weitem nicht der unschuldigste Theil zu seyn scheint, so kann ich doch nicht umhin zu wunschen, dass sie nicht zu hart fur eine so verzeihliche Schwachheit gebusst haben mochte.

Peregrin.

Es war ein Gluck fur sie, dass ihre Sklavin die Geliebte eines Freigelass'nen war, welcher alles uber den alten Menekrates vermochte, und sie, indem er sich fur ihre Unschuld verburgte, von der angedrohten Tortur rettete, die ihr ohne Zweifel das Gestandniss der Wahrheit ausgepresst haben wurde. Kallippe, vielleicht nicht so unvorbereitet auf solche Scenen als ich ihr zutraute, war Meisterin genug uber sich selbst, um die Unwissende zu spielen; und da sich nichts fand, was gegen sie hatte zeugen konnen, so blieb sie am Ende noch berechtiget, Genugthuung von ihrem Unholde zu verlangen, dessen unzeitige Eifersucht ihren sanften Schlummer gestort und ihre unbefleckte Ehre eben wieder nach Hause gekommen. Ich entdeckte ihm den ganzen Hergang; er nahm sich seiner beleidigten Nichte an: und da beide Theile ihre Ursachen hatten, die Sachen nicht aufs ausserste zu treiben und dem Gelispel der Parianer je eher je lieber ein Ende zu machen; so uberliess Menekrates seiner Gemahlin die Freiheit, uber sein Haus in der Stadt und uber ihre Tugend nach eigenem Gutdunken zu schalten, und zog sich bald nachher auf eines seiner Landguter zuruck, wahrend ich in aller Stille Anstalten traf, an eben demselben Tage nach Athen abzureisen.

Das sonderbare Vorgefuhl, womit ich in die ehrwurdige Minervenstadt eintrat, die Meinung von ihrem hohen Alterthume, das sich bis in die Gotterzeit verlor, die Heiligkeit eines Ortes, wo man keinen Schritt thun kann, ohne dem Denkmal eines Gottes oder Hero's oder merkwurdigen Menschen zu begegnen die Erinnerung an ihren ehemaligen Glanz, an alles was sie einst war, und was Griechenland, und durch dieses die ganze Welt ihr zu danken hat, im Gegensatz mit ihrer jetzigen Stille und Ruhe, stimmte in den ersten Tagen meines Aufenthalts zu Athen meine vorhin schon wunderbar genug gestimmte Seele in einen Ton von Melancholie und Feierlichkeit, der mit dem leichten muntern Geiste der Athener einen starken Missklang machte. Wenig um diese letztern und um alles Unbedeutende was sie thaten, da sie nichts Bedeutendes mehr zu thun hatten, bekummert, entzog ich mich beinahe aller Gesellschaft, hielt mich immer an den einsamsten Orten auf, besuchte den Keramikus41, die Akademie, die Pokile, das Lykeion, nur in den fruhen oder nachtlichen Stunden, wenn sonst niemand da zu sehen war: kurz, anstatt wie andere Leute in dem wirklichen Athen zu leben, schwebte ich bloss wie ein abgeschiedener Geist uber dem Grabe des grossen und herrlichen Athen, das nicht mehr war.

Die Schulen der Philosophen hatten damals keinen aufzuweisen, der sich uber das Gewohnliche merklich erhoben hatte. Sogar unter denen, die sich mit dem Pythagorischen und Platonischen Costum decorirten, fand ich nicht Einen, von dem ich mich im geringsten angezogen gefuhlt hatte. Da die Stadt, ihrer Grosse ungeachtet, nur sehr mittelmassig, wie du weisst, bevolkert war, und die Athener alle mogliche Musse hatten, sich um alles zu bekummern was sie nichts anging: so beschaftigte ich eine Zeit lang ihre Aufmerksamkeit und ihren Witz, und sie liessen es nicht an Epigrammen fehlen, zumal da ihnen meine Lebensweise mit meiner Jugend und Gestalt sehr lacherlich abzustechen schien. Weil ich aber, ohne darauf zu achten, bei meiner Weise blieb, und nach Verlauf weniger Wochen in einem der nachst gelegenen Flecken ein Landhaus miethete, horte ich bald auf, etwas Neues fur sie zu seyn; und so wie ich ihnen aus den Augen kam, kummerte sich niemand mehr um mein Daseyn, bis ein kleines Abenteuer, das dein Ungenannter zu Elea nicht vorbeigelassen, aber eben so ubel zugerichtet hat wie die Liebesgeschichte mit Kallippen, mich auf eine sehr unangenehme Art wieder in Erinnerung bei ihnen brachte.

Der Zufall liess mich einst in einem Geholz am Fusse des Pentelikus einen Knaben von vierzehn bis funfzehn Jahren finden, der durres Reisig zusammenlas, und dessen ungewohnliche Schonheit meine ganze Aufmerksamkeit an sich zog. Ich liess mich in ein Gesprach mit ihm ein, und bewunderte die Offenheit und Lebhaftigkeit seiner Antworten. Auf einmal fiel mir die Anekdote von der ersten Bekanntschaft ein, welche Sokrates einst mit einem eben so schonen Knaben in einem engen Gasschen von Athen gemacht hatte, und dass unter der Leitung des Weisen und seines Genius aus diesem Knaben der beruhmte Xenophon geworden war. Mein Waldknabe schien mir ein nicht weniger gluckliches Naturell zu versprechen; ich beschloss an ihm zu thun was Sokrates an dem jungen Xenophon gethan hatte, vergass aber unglucklicherweise, dass Sokrates damals ein Mann von funfzig Jahren war, und ich kaum zwanzig zahlte. Die Reinheit meiner Seele und die Unschuld meiner Absichten liessen mich an diesen Unterschied nicht denken; und es fiel mir mir, der das Urtheil anderer Leute nie in Anschlag brachte so wenig ein, dass jemand an meinem guten Willen fur diesen Knaben etwas Tadelhaftes finden konnte, als wenn ich einen Vogel aus dem Walde mit nach Hause gebracht hatte, um ihn singen zu lehren. Ich hing damals, ohne dass mich meine kleine Erfahrung mit der schonen Kallippe behutsamer uber diesen Punkt gemacht hatte, noch sehr stark an dem Platonischen Glauben, dass die aussere Schonheit ein Widerschein der innern sey; und meine rasche Einbildung weissagte sich in meinem jungen Xenophon vielleicht einen kunftigen zweiten Pythagoras oder Apollonius, ohne es nur fur moglich zu halten, dass es eben so wohl ein Alcibiades42 oder Kallias seyn konnte. Aber ausser dem Verdienste, das ich mir durch die Pflege einer so schonen Pflanze um die Menschheit zu machen hoffte, hatte ich noch die besondere Absicht, mir in ihm einen kunftigen Gehulfen in den Mysterien der hohen Magie zu erziehen, die damals das grosse Ziel meiner Wunsche und Gedanken war, und wozu ich die Pythagorische und Platonische Philosophie, welcher ich seit einiger Zeit mit grossem Fleiss obgelegen hatte, als eine Vorbereitung ansah. Die Schonheit und Unschuld des jungen Gabrias war eine sehr wesentliche Bedingung zu meinen Absichten, so wie seine Unwissenheit kein Hinderniss derselben war. Denn je reiner ich seine Seele von erkunstelten Begriffen und falscher Wissenschaft fand, desto geschickter war sie, die Ideen aufzufassen, zu welchen ich sie nach und nach zu erheben hoffte.

Die Neigung, die den Knaben gleich anfangs zu mir zu ziehen schien, verwandelte sich ziemlich schnell in eine so grosse Anhanglichkeit, dass er mich bat, ihn als einen Menschen zu betrachten der mir ganzlich angehore. Von dieser Zeit an lebte er einige Wochen bestandig mit mir in dem vorerwahnten kleinen Landhause. Es zeigte sich indessen immer mehr, dass meine Hoffnungen von der Anlage des jungen Gabrias zu voreilig gewesen waren. Seine Lebhaftigkeit war mit einem Leichtsinn und einem Hang zum Muthwillen und zur Sinnlichkeit verbunden, der ihn zum untauglichsten aller Menschen machte, in Mysterien eingeweiht zu werden, deren erste Stufe die Reinigung der Seele von allen thierischen Neigungen ist.

Sobald ich mich hiervon uberzeugt hielt, verging mir alle Lust mich weiter mit ihm abzugeben. Hatte ich keine andern Zwecke mit ihm gehabt, als ihn zu einem leidlichen Burger von Athen zu bilden, so war freilich die Hoffnung dazu nichts weniger als verloren; er konnte sogar werden was seine Landsleute einen liebenswurdigen Menschen hiessen; denn er war der angenehmste Plauderer von der Welt, hatte Witz und drollige Einfalle, machte auf einen Blick das Lacherliche an einer Person oder Sache ausfindig, und besass die Gabe, anderer Leute Stimme, Gebarden, Gang und ubrige Eigenheiten nachzuahmen, in einem ungewohnlichen Grade: aber fur meine Absichten war er unverbesserlich, und ich suchte mich also je eher je lieber von ihm loszumachen. Dennoch wusste er mich zwei- oder dreimal durch seine ausserordentliche Liebe zu mir, die er meisterlich spielte und mit den zartlichsten Liebkosungen begleitete, wieder dahin zu bringen, dass ich ihn noch langer bei mir duldete: bis endlich sein Betragen (welches einem weniger Unerfahrnen schon lange hatte verdachtig seyn mussen) keinen Zweifel mehr ubrig liess, dass er sich an mir eben so sehr betrogen habe als ich mich an ihm.

Er wurde noch an demselben Tage aus dem Hause geworfen; aber auch an demselben Tage meldete sich ein alter schlecht gekleideter Mann mit einer Miene von boser Vorbedeutung, als Vater des jungen Gabrias, bei mir, beklagte sich mit grosser Heftigkeit, dass ich seinen Sohn das unschuldigste Kind von der Welt, eh' er in meine Hande gefallen sey verfuhrt hatte, und forderte Genugthuung desswegen, wenn ich nicht wollte, dass er seine Klage gegen mich noch in dieser Nacht im Areopagus laut erschallen liesse. Ich merkte bald genug, dass ich einen Mann vor mir habe, dem es nicht um Versicherungen oder Beweise meiner Unschuld, sondern um mein Geld zu thun war; und alle Standhaftigkeit, die ich ihm entgegen setzte, wurde zum Schweigen gebracht, da er mir sagte, dass Gabrias bereit ware, uber Gewalt gegen mich zu klagen. Wie schlecht diese Leute auch waren, so war ich ein Fremder, ohne Freunde, und konnte darauf rechnen, ganz Athen, vornehmlich die ganze Zunft der Philosophen, die sich eine falsche Rechnung auf mich gemacht hatten, wider mich zu haben. Aber auch ohne diese Rucksichten hatte ich lieber mein ganzes Vermogen hingegeben, ehe ich in einem solchen Handel vor Gericht erschienen ware. Ich bequemte mich also, dem alten Bosewicht die Summe worauf er bestand, und die in der That nicht gering war, zu bezahlen, wie ich mich bequemt haben wurde, mein Leben oder meine Freiheit von einem Seerauber loszukaufen.

Dieser Zufall, der wie ein Blitz bei hellem Wetter auf mich herabsturzte, unterbrach das innere Geschafte meiner Seele auf eine hochst schmerzliche Weise. Der Aufenthalt zu Athen wurde mir durch den Gedanken, was fur Leute meinen guten Namen in ihrer Gewalt hatten, unertraglich; ich konnte mich nicht schnell und weit genug von Menschen entfernen, die mir zu meinem Zwecke so wenig halfen, und unter welchen man solchen Bubereien ausgesetzt war. Ich packte also meine Sachen zusammen, und begab mich schon am dritten Tage nach dieser verhassten Begebenheit an Bord eines Schiffes, das nach Smyrna abzugehen begriffen war.

Lucian.

Was du thatest um dir dieses Gesindel vom Halse zu schaffen, wurde ich, und vermuthlich ein jeder anderer, an deinem Platze auch gethan haben; wiewohl vielleicht wenige seyn mogen, die zu einem so schlimmen Handel so unverschuldet gekommen waren wie du. Der Verfasser der Liebesgotter43, zu denen ich eben so unschuldig Vater seyn muss, wurde gesagt haben, du hattest deine Strafe durch deine Unschuld verdient: aber, meiner Meinung nach, verdientest du sie durch die Unvorsichtigkeit, dich mit einem dir unbekannten Athenischen Knaben wenn er auch schoner als Ganymed und Adonis gewesen ware in einen Umgang einzulassen, der einen jungen Menschen von deinem Alter nothwendig verdachtig machen musste; zumal da du den Vorwurf gegen dich hattest, ein Sonderling und ein Verachter der besten Gesellschaft zu seyn die vielleicht in der ganzen Welt zu finden war; denn dafur galten die Athener unsrer Zeit, und nicht ohne Grund, daucht mich. Uebrigens ist es sehr moglich, dass der Alte so ganz Unrecht nicht hatte, sich zu beschweren dass du seinen Sohn verfuhrt habest.

Peregrin.

Wie so?

Lucian.

Der Junge konnte wirklich, da du ihn im Walde antrafst, noch unschuldig und ohne die Sokratische Liebe die du so plotzlich auf ihn warfst, es noch lange geblieben seyn. Vermuthlich erzahlte er zu Hause, was ihm mit dem schonen fremden Herrn im Walde begegnet sey. Sein Vater, ein durftiger, schlecht denkender, und wo es auf Gewinn ankam wenig bedenklicher Mann, machte seine Glossen daruber. Naturlicherweise hatte er von einer so geistigen uninteressierten Liebe zu schonen Bubchen oder Madchen, wie die deinige war, nicht die geringste Vorstellung noch Ahndung; er erkundigte sich vermuthlich nach dir, erfuhr dass etwas bei dem fremden Herrn zu gewinnen sey, machte nun seinen kleinen Plan auf den einen oder den andern Fall, und unterrichtete den Jungen wie er sich zu benehmen habe. Die Hoffnung eines namhaften Gewinns ist fur Leute von diesem Schlag eine unwiderstehliche Verfuhrung; und so hattest du dich denn doch, mit aller deiner Unschuld, als den Verfuhrer des jungen Gabrias anzusehen.

Peregrin.

In diesem Sinne allerdings. Indessen war der weise Sokrates selbst, nach dem unverwerflichen Zeugnisse, welches ihm der schone Alcibiades in ziemlich grosser Gesellschaft daruber ertheilte, nicht reiner von diesem seinem Liebling, als ich von dem jungen Gabrias; wiewohl ich dich versichern kann, dass der beruchtigte Gunstling Hadrians44 ihm den Vorzug der Schonheit kaum hatte streitig machen konnen. Ware ich gesinnt gewesen wie zehntausend andere, so hatte alles den gewohnlichen Gang genommen, und dein Unbekannter zu Elea wurde wahrscheinlicherweise eine Verleumdung weniger gegen mich vorzubringen gehabt haben. Ich bezahlte also meine Tugend mit dreitausend Drachmen und einer Verwundung meiner Ehre, wovon ich die Narbe bis an meinen Tod behielt.

Lucian.

Deine Tugend, und deinen Mangel an Klugheit, bitte ich hinzuzusetzen. Wer, ohne sich den Gesetzen dieser letztern, welche die grosse Tugend des gesellschaftlichen Lebens ist, zu unterwerfen, in seinem Betragen gegen andere bloss von seinem Herzen und von einer idealischen Vorstellungsart geleitet wird, lauft immer Gefahr ahnliche Erfahrungen zu machen.

Peregrin.

Diese Klugheit war freilich nie meine Tugend. Durch sie allein wurde mein ganzes Leben eine andere Gestalt gewonnen haben, alle Abenteuer, woraus es zusammengeflochten ist, wurden unterblieben, und Peregrin

Lucian.

wurde, mit Einem Worte, nicht Peregrin gewesen seyn welches, nach dem ewigen Beschluss der grossen Pepromene45, oder, wenn du lieber willst, vermoge der Natur der Dinge, eben so wenig moglich war, als dass Lucian unschuldiger Weise hatte in den Fall kommen konnen, aus dem Fenster des alten Rathsherrn Menekrates zu springen, oder einem Athenischen Sacktrager dreitausend Drachmen dafur zu bezahlen, dass er seinem Jungen einen Kuss auf die Stirne gegeben hatte.

Zweiter Abschnitt.

Peregrin.

Ich sollte nun in meiner Apologie, wenn ich es so nennen kann, auf den Tod meines Vaters und meine Gemeinschaft mit den Christianern kommen. Aber es verflossen einige Jahre zwischen diesen Begebenheiten und meinem Aufenthalt zu Athen. Willst du dass ich diese uberspringen soll? oder hast du Geduld genug die Erzahlung etlicher Geschichten anzuhoren, die diese Zwischenzeit ausfullten, und in der That zu besserer Uebersicht des Ganzen meines Lebens nicht gleichgultig sind, wiewohl dein Unbekannter nichts davon wusste?

Lucian.

Du bist mir, ohne dir eine Schmeichelei sagen zu wollen, aus dem was du mir bereits vertraut hast, interessant genug geworden, dass mir kein Umstand gleichgultig seyn kann, der deinen Charakter starker oder von einer neuen Seite beleuchtet, und mir begreiflicher machen hilft, was ich in deinem Leben zweideutig, rathselhaft und ubel zusammenhangend fand.

Peregrin.

So mache dich immer auf eine sehr seltsame Geschichte gefasst! Aber ehe ich dahin komme, wird es nothig seyn noch ein paar Worte von der innern Verfassung zu sagen, worin ich mich befand, als ich den Entschluss nahm nach Asien uberzugehen.

Seitdem mich der Damon der Liebe, den die Wahrsagerin Diotima dem Sokrates offenbarte, auf die Entdeckung gebracht hatte, dass ich selbst ein eingekorperter Damon dieser Art sey, schien mir nichts naturlicher, als das Verlangen, mich selbst und die Wesen meiner Gattung sowohl, als die hohern, mit denen meine Natur verwandt war, besser kennen zu lernen. Diese Kenntniss war die einzige die ich meiner wurdig hielt, da sie mich geraden Weges zur Eudamonie fuhrte, jener erhabenen Geisterwonne, die mir nichts Irdisches weder geben noch rauben konnte, und nach welcher zu streben mein angebornes Vorrecht war. Und was konnte diese Eudamonie anders seyn, als das Leben eines Damons zu leben, mit Damonen und Gottern umzugehen, und von einer Stufe des Schonen zur andern bis zum Anschauen und Genuss jener hochsten Urschonheit46, jener himmlischen Venus zu gelangen, welche die Quelle und der Inbegriff alles Schonen und Vollkommnen ist?

Die grosse Frage blieb indessen immer: wie, auf schehen konne? und, wofern es mehrere Wege gabe, welches der nachste und kurzeste ware? Da es mir nun ausgemacht schien, dass unter den Alten Pythagoras und unter den Neuern Apollonius zu dieser hohen Eudamonie, und vielleicht zur hochsten Stufe derselben, gekommen seyen: so war meine erste Sorge, mich mit diesen so bekannt zu machen, als es durch eignes Forschen in allem was sie hinterlassen, und durch vertrauten Umgang mit Personen, die in den Mysterien ihrer Weisheit wirklich eingeweiht waren, geschehen konnte. Die Hoffnung, Einen wenigstens von dieser Classe zu Athen zu finden, war mir fehl geschlagen: die wenigen Pythagoraer, die ich dort sah und horte, schienen Leute zu seyn, die sich an den ausserlichen Formen ihres Ordens und an Anspruchen begnugten, welche sie zu realisiren weder wussten noch begehrten. Ich sah mich also genothigt die einsame Lebensart zu erwahlen, die den Zerstreuung liebenden Athenern so lacherlich vorkam, und mich auf mein eigenes Forschen, und auf die Reinigungen und Uebungen der Seele einzuschranken, welche die naturliche Vorbereitung zu den hohern Stufen waren, die ich so sehnlich zu ersteigen wunschte.

Lucian.

Und fandest du denn, guter Peregrin, in ganz Athen

sen konnte, dich von allem diesem Unsinn auf einmal und von Grund aus zu entledigen? Denn, so viel ich merken kann, fehlte dir doch nichts als diese Cur.

Peregrin.

Um einen Arzt zu suchen oder zuzulassen, Lucian, muss man sich fur krank halten, und davon war ich himmelweit entfernt. Auf dem Wege der Enthaltung, den ich ging, begegnet man keiner Glycerion, und ware es geschehen, ich wurde sie wie eine Empuse47 geflohen haben.

Lucian.

Sage mir nur noch diess Einzige: da du doch deine ganze Existenz an eine Eudamonie setztest, die dich mit Damonen und Gottern in Gemeinschaft bringen sollte, stieg dir nie ein Zweifel uber das Daseyn dieser wunderbaren Wesen auf? Fragtest du dich nie selbst: woher weiss ich dass es Damonen und Gotter gibt?

Peregrin.

Nie in meinem ganzen Leben! so wenig als es mir je einfiel mich zu fragen, ob es eine Sonne in der Welt gebe?

Aber dass die Sonne da sey, sahest du

Peregrin.

Mit dem korperlichen Auge, aber nicht gewisser, als den Gott der Sonne mit dem geistigen.

Lucian (den Kopf ein wenig schuttelnd).

Also weiter, Freund Peregrin!

Peregrin.

Es scheint, lieber Lucian, man musse aus eigener Erfahrung wissen, was es ist, seine Seele mit lauter Idealen von Schonheit und Vollkommenheit angefullt zu haben; welche innere Ruhe, welche Freiheit und Grosse es gibt, auf alle Gegenstande der Wunsche und Leidenschaften der Menschen mit Verachtung herabzusehen, im Getummel aller dieser nach der Erde hin gebuckten Geschopfe seine eigene hohere Natur zu fuhlen und, wahrend sie einen nie gesattigten Hunger mit thierischen oder wesenlosen Befriedigungen zu stillen suchen, sich am reinen Ambrosia der Gotter, an Schonheit, Harmonie und Vollkommenheit zu weiden kurz, mitten in der Hulle der groben Sinnenwelt, in einer lichtvollen und granzenlosen Welt von Geistern und Ideen zu leben: man muss, sage ich, vermuthlich aus Erfahrung wissen was fur eine Existenz diess ist, oder du wurdest mich in diesem Zustande nicht so bedauernswurdig finden, als du zu thun scheinst. Aber solltest du nicht wenigstens diess erfahren haben: dass es Traume gibt, die uns glucklicher machen, als wir wachend je gewesen sind, und deren wir uns, selbst nach dem Erwachen, noch immer mit Vergnugen erinnern?

Lucian.

Traume? Allerdings! Aber wie ging es dir denn auf der Fahrt nach Smyrna? Ihr hattet doch gunstigen Wind und gutes Wetter?

Peregrin (lachelnd).

Sehr gutes. Wir kamen glucklich zu Smyrna an, und mein Genius wollte mir so wohl, dass ich gleich in den ersten Tagen die Bekanntschaft eines eisgrauen alten Mannes, Namens Menippus, machte, der keiner von den Unangesehensten in der Stadt war, und in seiner Jugend mit dem Weisen, den ich genauer zu kennen so begierig war, mit dem grossen Apollonius, vielen Umgang gepflogen hatte.

Lucian.

Wie? doch nicht des Menippus, von dem uns der aberwitzige Damis in seine Reisen des Apollonius das abgeschmackteste aller Ammenmahrchen erzahlt, die Geschichte von der Empuse oder Lamie, die, um diesen Menippus in sich verliebt zu machen, die Gestalt einer schonen Frau aus Phonicien angenommen, ein prachtiges Haus gemacht, und die Sache zwischen ihr und ihrem verblendeten Liebhaber bis zur Hochzeit getrieben habe; da denn der theure Wundermann Apollonius ganz unerwartet zum Hochzeitschmause gekommen, das ganze Zaubergastmahl sammt allem Gold- und Silbergeschirr und allen Bedienten verschwinden gemacht, und die arme in Thranen zerfliessende Braut genothigt habe, zitternd und zahnklappend zu gestehen, dass sie eines von den Gespenstern sey, womit die Ammen den unartigen Kindern zu drohen pflegen, und dass sie den holden Menippus bloss darum an sich gezogen, um ihn erst recht fett zu machen und dann lebendig aufzuessen, indem sie und die ubrigen Lamien, ihre Schwestern, gar grosse Liebhaberinnen von jungen wohl genahrten Mannspersonen seyen, weil sie so reines Blut hatten? War's etwa der?

Peregrin.

Eben der, Lucian, wiewohl er die Geschichte mit der Lamie, wie du leicht erachten kannst, etwas anmehr noch weniger als eine auslandische Hetare, die schon seit mehrern Jahren zu Korinth unter dem Namen einer Phonizischen Dame junge Leute an sich gezogen, und auf die eine oder andere, oder auch auf beiderlei Art zugleich, so gut ausgezogen hatte, als es eine leibhafte Empuse nur immer hatte thun konnen. Menippus, der sich damals zu Korinth aufhielt und ein wohlgemachter athletenmassiger junger Mensch war, hatte sich ebenfalls in den Netzen dieser schonen Menschenfresserin gefangen; und Apollonius, der ihn wenige Wochen zuvor in voller Bluthe und Jugendkraft gesehen hatte, brauchte weder ein Prophet noch ein Halbgott zu seyn, um ihm die Verheerung, welche die Phonicierin an den Rosen seiner Wangen angerichtet hatte, auf den ersten Blick anzusehen. Er brachte den jungen Menschen, der ihm sehr ergeben war, ohne Muhe zum Gestandniss, und Menippus musste ihm versprechen, einem so gefahrlichen Umgang zu entsagen. Aber die Phonicierin hatte keine Lust, sich einen Liebhaber rauben zu lassen, von dessen Wichtigkeit niemand besser urtheilen konnte als sie. Sie hatte wirklich eine heftige Leidenschaft fur ihn gefasst, und da sie schon ziemlich weit uber ihre Rosenzeit hinaus war, und bereits einen grossen Theil ihrer Reizungen von der Kunst borgen musste, beschloss sie, weil ihr kein anderes Mittel ubrig blieb, den Menippus durch den Antrag ihrer Hand und der Reichthumer, die sie auf Unkosten ihrer Liebhaber erworben hatte, an sich zu fesseln. Dieser liess sich in einem Augenblick von Schwache uberwaltigen. Die Phonicierin veranstaltete eine prachtige Hochzeit, und legte bei dieser Gelegenheit alles ihr Silber und alle ihre goldnen und mit Edelsteinen besetzten Becher und Trinkschalen aus, um ihren Geliebten durch die Grosse seines Glucks zu desto lebhafterer Dankbarkeit aufzufordern. Alles ging so gut wie sie es nur wunschen konnte: als auf einmal der von allem unterrichtete Apollonius erschien, und der Hochzeitfreude ein Ende machte. Das, wodurch dieser ausserordentliche Mann den grossten Theil seiner Wunder wirkte (sagte Menippus) war die majestatische Lange und Schonheit seiner Gestalt, und die Magie seiner Beredsamkeit, die durch sein Ansehen und den Ton seiner Stimme eine hinreissende Gewalt bekam kurz, ein Aeusserliches, wodurch er Konigen und dem Kaiser Domitian selbst eine Art von Ehrfurcht zu gebieten gewusst hatte. Was Wunder, dass eine so mancher Schuld sich bewusste Dirne, wie diese, von der unerwarteten Gegenwart und der donnernden Anrede eines solchen Mannes , der sie eine Lamie schalt und seinen Freund aus ihren Klauen, wie er sagte, zu retten gekommen war, zu Boden geworfen wurde? Das Gastmahl, das Gold und Silber und die Bedienten verschwanden freilich, aber auf ihren eigenen Wink. Die besturzte Phonicierin fiel dem Apollonius zu Fussen: allein, was hatten ihre Bitten und Thranen uber diesen Mann vermogen sollen? Er fuhrte die angefangene Vergleichung ihres Charakters und ihrer bisherigen Lebensart mit dem, was von den Lamien oder Empusen gefabelt wird, ohne alle Schonung und mit Worten von solchem Nachdruck aus, dass das arme Weib beinahe selbst zweifelte ob sie nicht wirklich eine Lamie sey und endigte damit, dass er den erschrocknen und beschamten Menipp, mit der Autoritat, die er sich uber seine jungen Freunde zu geben wusste, beim Arm ergriff und mit sich davon fuhrte, indem er zugleich der verblufften Lamie befahl, unverzuglich aus Korinth zu verschwinden, und sehr nachdruckliche Drohungen hinzu fugte, wofern sie sich unterstande jemals wieder einem seiner Freunde nachzustellen.

Lucian.

So habe ich mir diese Geschichte immer gedacht, und es ist bei diesem, wie bei allen andern Mahrchen des Babyloniers Damis, ziemlich leicht, das Naturliche und Wahre von dem Wunderbaren, wodurch er es, dem Genie seines Landes gemass, aufzustutzen sucht, zu unterscheiden.

Peregrin.

Der alte Menippus erzahlte mir eine Menge dergleichen Anekdoten, worauf der Schildknapp Damis und andere seines gleichen ihren Glauben grundeten, dass Apollonius wenigstens ein Halbgott, wo nicht gar ein ganzer Mensch gewordner Gott gewesen sey; welche aber, seiner Meinung nach, weiter nichts bewiesen, als dass er ein Mann von ungewohnlich grossem Genie und Charakter war und damit sehr viel bewiesen. Es ist naturlich, sagte er, dass derjenige von gemeinen Menschen fur mehr als ein Mensch gehalten wird, der das Grosste was ein Mensch seyn kann, und also so weit uber sie erhaben ist, dass ihnen schwindelt wenn sie an ihm hinauf sehen. Wir stritten uns ofters uber diesen Punkt; denn ich konnte dem angenehmen Wahne, den Apollonius fur eines der glanzendsten Beispiele eines vermenschten Damons zu halten, ohne eine allgemeine Umkehrung meiner ganzen Vorstellungsart unmoglich entsagen; und Menippus, entweder weil er diese Bemerkung gemacht hatte, oder weil er nicht stark an seinen Meinungen hing, begnugte sich bei unsern Disputen uber diese Dinge gemeiniglich, sich mit einem unglaubigen Vielleicht in die Sokratische Unwissenheit zuruckzuziehen.

Ich fragte ihn einst, wie es kame, dass ein Weiser von so ausserordentlicher Art, wie Apollonius, keine Schuler, die seiner wurdig waren, hinterlassen, und dass dieser zweite, oder vielleicht zum zweitenmal in die Welt gekommene Pythagoras auf die Pythagoraer unsrer Zeit so wenig gewirkt habe? Menippus schien diess fur eine Bestatigung und naturliche Folge seiner Meinung von der Person des Apollonius anzusehen. Ein ungewohnlich grosser Mann, sagte er, hat eben desswegen wohl dumpfe Anstauner, aberglaubische Verehrer, kindische Nachahmer und mechanische Widerhaller seiner Worte, aber keine Sohne und Erben seines Geistes, seiner Naturgaben und seines Charakters. Indessen, wenn man einer Sage, die seit einiger Zeit sich verbreitet, glauben durfte, so befande sich in der Gegend von Halikarnassus eine Art von Prophetin oder Magierin, die eine Ausnahme hiervon machte. Man spricht sehr verschieden von dem was sie seyn soll. Einige geben sie fur eine Aegyptische oder Syrische Priesterin aus; nach andern ist sie nichts Geringer's als die Erythraische Sibylle48, die nach einer Verschwindung von tausend Jahren sich wieder sehen lasst; die meisten aber halten sie fur eine Tochter des Apollonius, dem sie ungemein ahnlich seyn soll, und geben ihr, um ihren Ursprung noch mehr zu verherrlichen, ich weiss nicht welche Gottin oder Nymphe zur Mutter, mit welcher er sie, nach seiner Verschwindung aus den Augen der Menschen, in einer der glucklichen Inseln49, wohin er sich ohne zu sterben zuruckgezogen, erzeugt haben soll. Kurz, diese Dioklea, wie sie sich nennt, ist eine sehr geheimnissvolle Person: aber darin stimmen alle Geruchte von ihr uberein, dass ihr nichts Vergangenes noch Kunftiges unbekannt sey, dass sie mit den Gottern umgehe, viele Wunderkuren verrichtet habe, und uberhaupt ganz unbegreifliche Dinge zu thun im Stande sey. Wenn mich, setzte er hinzu, mein hohes Alter nicht an Smryna fesselte, so hatte ich selbst die Reise nach Halikarnass gemacht, um diese wundervolle Person kennen zu lernen, und zu sehen, ob sie dem Apollonius, dessen Bild keine Zeit aus meinem Gedachtniss ausloschen kann, wirklich so ahnlich ist als man sagt. Besitzest du, fragte ich ihn, keine Bildsaule oder Buste von ihm? Mehr als Eine, erwiederte er, und fuhrte mich sogleich in ein Museum, wo er mir unter andern Brustbildern grosser Manner verschiedene zeigte, die den Apollonius vorstellen sollten, aber an deren jedem er vieles auszusetzen hatte. Ich druckte diejenige, die er fur die ahnlichste erklarte, tief in meine Seele, und beschloss bei mir selbst (wiewohl ich ihm nichts davon merken liess), dass sich der Mond nicht zweimal andern sollte, ehe ich mich durch meine eigenen Augen uberzeugt hatte was an der Sache ware.

Ich machte die Reise von Smyrna nach Halikarnass zu Lande, und mit solcher Eilfertigkeit, dass ich zu Ephesus nicht einmal so lange verweilte, um den Dianentempel zu sehen, dem ich zu einer andern Zeit eine grosse Reise zu Liebe gethan hatte. Je naher ich dem Ziel meiner Reise kam, je ofter horte ich von der weisen Dioklea, oder Apollonia, wie sie von vielen genannt wurde, sprechen. Man erzahlte seltsame und (wie es zu gehen pflegt) ubertriebene Dinge von ihren Orakeln und Wundern, von ihrem einsamen Aufenthalt in einem heiligen Walde der Venus Urania, von ihrer Felsenwohnung, in welche keinem Menschen den Fuss zu setzen erlaubt sey, und wo sie von unsichtbaren Nymphen bedient werde, und wie ubel es gewissen Verwegenen bekommen sey, die sich aus Vorwitz oder einer andern straflichen Absicht hatten erfrechen wollen, ohne ihre Erlaubniss in ihre geheimnissvolle Wohnung einzudringen. Alles was ich horte, vermehrte mein Verlangen, mit dieser Tochter des Apollonius (wofur ich sie, ungesehen und ununtersucht, zu erkennen geneigt war) so bald als moglich genauer bekannt zu werden. Besonders war ich uber den heiligen Hain der Venus Urania, worin sie sich aufhielt, erfreut: denn ich schloss daraus, dass sie mit dieser Gottheit, zu deren Anschauen zu gelangen schon lange das Ziel aller meiner Bestrebungen war, in unmittelbarer Verbindung stehen musste. Die Schwierigkeit war nur, wie ich Zutritt bei ihr erhalten konnte, da meine Fremdheit, mein Geschlecht und meine Jugend meinen Wunschen nicht geringe Hindernisse entgegen setzten. Nach vielem Hin- und Hersinnen schien mir das schicklichste zu seyn, ihr mein Anliegen schriftlich vorzutragen. Ich machte ihr, mit Verschweigung meines Namens, in wenigen aber starken Zugen eine Abschilderung von mir selbst; entdeckte ihr das mich unumschrankt beherrschende Verlangen, in den Mysterien der hochsten und heiligsten Magie iniziiert zu werden, und wie weit ich es in der Vorbereitung dazu gebracht zu haben glaubte; und, um ihre Zuneigung desto eher zu gewinnen, setzte ich hinzu (wie es denn auch die reine Wahrheit war), dass ich der himmlischen Venus, als der ewigen Quelle und Fulle des hochsten und unverganglichen Schonen, schon seit mehreren Jahren ein heiliges Gelubde gethan hatte, mich von aller irdischen Liebe und allem sinnlichen Liebesgenuss rein zu erhalten, und meine Seele sowohl als meinen Leib in unbefleckter Unschuld fur ihren Dienst, dem ich mich ganzlich gewidmet hatte, aufzubewahren. Alles dieses vorausgeschickt, legte ich ihr diese zwei Fragen vor: ob mein Verlangen der Gottin angenehm sey? und, was ich in diesem Falle weiter zu thun hatte?

In einer Entfernung von vierzig bis funfzig Schritten von dem Felsen, worin Dioklea sich aufhielt, lief eine hohe und dichte Hecke von wilden Myrten um denselben, deren Pforte immer verschlossen blieb. Vor dieser Pforte lag ein grosser Sphinx von weissem Marmor, in dessen offnen Mund alle, welche die Prophetin um etwas befragen oder ersuchen wollten, ein Papier steckten, worauf ihr Anliegen kurz und deutlich ausgedruckt war. Aber so wie man ihre Antworten oder ihre Hulfe unentgeltlich erhielt, so war auch die Erlaubniss, sich durch dieses Mittel an sie zu wenden, auf eine einzige Stunde eines gewissen Tages in jeder Woche eingeschrankt, und die Erhorung hing ganzlich von der Willkuhr der Gottin oder ihrer Priesterin ab. Auch durfte niemand, der sich einer Uebelthat oder Verunreinigung, wodurch er der Gottin missfallig seyn konnte, bewusst war, den Graben uberschreiten, der den heiligen Bezirk von dem ubrigen Walde absonderte; und man pflegte sich daher gewohnlich eines Knaben unter zwolf Jahren zu bedienen, um die Briefe oder die Zettel dem Sphinx in den Mund zu stecken.

Ich hatte mir jenseits des Grabens ein Zelt aufschlagen lassen, wohin ein einziger alter Diener, der bei mir war, meine unentbehrlichsten Bedurfnisse bringen musste. Aber von dem Augenblick an, da ich meinen Brief an Dioklea abgelegt hatte, brachte ich den ganzen Tag in dem Innern des Hains zu, dessen heilige Dunkelheit und Stille das schicklichste Mittel war, die Abgeschiedenheit oder den Pythagorischen Tod50, wodurch ich in das damonische Leben ubergehen musste, zu befordern, und mein Inneres dem himmlischen Lichte aufzuschliessen, worin ich zum unmittelbaren Anschauen der gottlichen Dinge zu gelangen versichert war. Eine unzahlige Menge schneeweisser Tauben schienen die einzigen Bewohner dieses Hains zu seyn, deren Farbe das Symbol der Reinheit, so wie ihr sanftes Girren (der einzige Laut der die tiefe Stille belebte) mir ein Bild des sehnenden Verlangens der Seele war, sich mit der hochsten Schonheit zu vereinigen. Die damalige Jahrszeit (es war im Anfang des Sommers), der reine Himmel dieses schonen Landes, dem wenige in der Welt zu vergleichen sind, die durch die lieblichste Kuhlung gemilderte Warme, alles trug das Seinige bei, einen Jungling von zwanzig Jahren, der so sonderbar gestimmt war, in diese Art von wachenden Traumen zu versetzen, wo, unter einem Schlummer der Sinne den das Flattern eines Schmetterlings erwecken kann, das Zauberspiel der begeisterten Einbildung zum Anschauen und die leiseste Ahndung der Seele zur Empfindung wird, wo wir in vorbei blitzenden Augenblicken sehen und horen, was keine Zunge beschreiben, kein Apelles malen, kein Gunstling der Musen in Tone setzen kann, und das, was wir in diesen unbegreiflichen Augenblicken erfahren, es uns vielleicht durch unser ganzes Leben unmoglich macht, dem Gedanken Raum zu geben, dass es Tauschung gewesen seyn konnte.

Lucian.

Eine glucklichere Stimmung hatte in der That die gottliche Dioklea oder Apollonia ihrem kunftigen Schuler nicht wunschen konnen!

Peregrin.

Nachdem ich den grossten Theil des Tages und der Nacht auf diese Weise vorbei getraumt hatte, war ich endlich in einer sussen Ermattung unter einigen Lorberbaumen mitten im Hain eingeschlafen. Beim Erwachen fand ich die Antwort der Tochter des Apollonius auf meinem Schoosse liegen. Wie gross war mein Erstaunen, als ich, der in meinem Briefe nicht genannt war und schwerlich in ganz Karien von jemand gekannt seyn konnte, die Aufschrift erblickte: An Peregrinus Proteus von Parium. Es konnte nur durch die Entzuckung, in welche mich der Inhalt setzte, ubertroffen werden. "Mein Verlangen war der Gottin angenehm, und noch heute sollte ich mich in der ersten Stunde nach Mitternacht vor der Pforte einfinden, die in den innersten Bezirk des heiligen Haines fuhrte."

Ich erlasse dir, lieber Lucian, die Beschreibung alles dessen, was bis zu dieser feierlichen ersten Stunde nach Mitternacht in mir vorging. Du kennst nun bereits deinen Mann so gut, als ein Geist aus deiner Classe ihn zu kennen fahig ist; und uberdiess habe ich dir noch so viele sonderbare Dinge bis zu dem Augenblick meiner Verluftung (wie es dein Unbekannter zu nennen beliebt hat) zu erzahlen, dass ich mich, wo es nur immer ohne Nachtheil der Sache geschehen kann, der moglichsten Kurze werde befleissigen mussen.

Lucian.

Du kannst wenigstens auf einen willigen und dankbaren Horer rechnen, Peregrin. So lange du meine Aufmerksamkeit unvermerkt immer hoher spannst, werde ich deine Erzahlung nie zu umstandlich finden.

Peregrin.

Nachdem ich mich in der heiligen Quelle, die aus einem Felsen des Hains hervor sprudelte, dreimal gewaschen, und ein schneeweisses Kleid angezogen hatte, begab ich mich an den bestimmten Ort, und wartete mit klopfendem Herzen bis die Pforte sich offnen wurde. Sie offnete sich endlich, und schloss sich sogleich wieder hinter mir zu. Ich befand mich zwischen zweien mehr als mannshohen Myrtenwanden, in einem sehr langen Gange, der mich zu einem Rosenhain fuhrte, wo die schonsten Rosen, die ich jemals sah, in unendlicher Menge und Mannichfaltigkeit der Formen an hoch aufgeschoss'nen und zierlich durch einander geschlungenen Buschen in voller Bluthe standen, und, im Glanze des beinahe vollen Mondes, durch die anmuthigste Vermischung von Licht und Dammerung, und den Abstich starker Schlaglichter mit schwarzen Schatten, eine beinahe magische Wirkung auf mich thaten. Ich schien mir in die Sphare verzuckt zu seyn, die der eigene Wohnsitz der Gottin der Schonheit und Liebe ist; der Glanz, der mich umfloss, war der Wiederschein ihres Lachelns, und die Luft, die ich einsog, der Rosenathem ihres himmlischen Mundes. Das Wonnegefuhl, wovon mein ganzes Wesen durchdrungen war, befreite mich von aller Bangigkeit; mir war als ob ich keinen Korper mehr hatte, ich fuhlte mich lauter Seele, und noch nie war ich mir so lebhaft und innig meiner damonischen Natur bewusst gewesen.

In diesem Zustande irrte oder schwebte ich vielmehr unter den zauberischen Rosengebuschen umher, als eine ehrwurdige Gestalt langsam auf mich zu kam, in welcher ich, so wie sie sich naherte (es sey nun dass es Tauschung oder Wahrheit war), immer mehr und mehr die auffallendste Aehnlichkeit mit dem Bilde des Apollonius, und der Abschilderung, die mir der alte Menipp von ihm gemacht hatte, entdeckte. Es war eine Frau von hohem schlankem Wuchs und feiner Gestalt, dem Ansehen nach zwischen dreissig und vierzig, von einer schonen Gesichtsbildung, worin gerade so viel Weiblichkeit war, als erfordert wurde, den Ernst ihrer edeln, beinahe mannlichen Zuge angenehm zu machen. Sie war, uber eine lange weisse schmal gefaltete Tunica, die ein breiter funkelnder Gurtel unter dem Busen zusammenhielt, in ein himmelblaues, mit silbernen Sternen durchwirktes Gewand gekleidet, dessen weite Aermel bis auf die halbe Hand herabhingen. Ihre schwarzen Haare, um die Stirn mit einer weissen priesterlichen Binde umschlungen, wallten in langen dichten Locken um ihre Schultern den Rucken hinab. Ich blieb stehen, indem sie mit Grazie und Wurde langsam auf mich zu ging, und da sie in einer Entfernung von drei oder vier Schritten still hielt, naherte ich mich ihr ehrerbietig und sagte: ich glaubte mich nicht irren zu konnen, wenn ich die Tochter des grossen Apollonius und die Erbin seiner erhabenen Weisheit in ihr verehrte; wer ich selbst ware, hatte ich nicht nothig derjenigen zu sagen, die mich in diesem Lande Unbekannten sogar ungesehen schon gekannt hatte. Sie erwiederte: "Ich wurde mich nicht mehr hieruber wundern, wenn sie mir sagte, dass ihr in der ersten Nacht meiner Ankunft zu Halikarnass Apollonius im Traum erschienen sey, und sie angewiesen habe, mir zur Befriedigung meiner Wunsche behulflich zu seyn." Ich gestehe, dass sich meine Eigenliebe durch diese Eroffnung nicht wenig geschmeichelt fand; denn sie versicherte mich der Wahrheit meiner Meinung von mir selbst und aller meiner Lieblingsideen, und ich schien mir nun mit meinen stolzesten Anspruchen nach nichts zu streben, als wozu ich gleichsam durch meine Geburt berechtigt war.

Dioklea fuhrte mich hierauf aus dem Rosenwaldchen in einen Gang, der mit einer doppelten Reihe hoher Pomeranzenbaume besetzt war, und auf einer sanft emporsteigenden Anhohe zu einem marmornen Tempel fuhrte. Wir setzten uns unter dem vordern Saulengang auf eine Bank, und sie wusste mich, wiewohl sie wenig sprach, unvermerkt dahin zu bringen, dass ich ihr eine umstandliche Erzahlung der Geschichte meines Lebens machte. Bald darauf, als ich mit meiner Erzahlung fertig war, stand sie auf, nahm mich bei der Hand, fuhrte mich an der linken Seite der Anhohe auf einem durch Gebusche sich windenden Pfade herab, und, indem sie mich mit einem leisen Druck der Hand versicherte, dass ich bald wieder von ihr horen wurde, sah ich mich unversehens wieder vor der Pforte, durch die ich herein gekommen war. Sie offnete und schloss sich, wie das erstemal, von selbst, Dioklea war verschwunden, und ich befand mich in der Verfassung eines aus dem schonsten Traum erwachenden Menschen in dem aussern Bezirke des Hains allein.

Lucian.

Deine Dioklea legitimirt sich als eine achte Tochter des grossen Apollonius; denn sie konnte ein wenig hexen, wie es scheint. Ich gestehe dass du meine Neugier gewaltig aufgeregt hast.

Peregrin.

Du wirst dich nicht betrogen finden, wenn du von einem solchen Anfange nichts Alltagliches erwartest.

Die Sonne hatte die Halfte ihres Laufs zuruckgelegt, als ich, nach einem leichten Mahle, unter dem angenehmen Gewirre von Gedanken, Ahndungen und Traumereien, die das Abenteuer der vergangenen Nacht in meiner Seele theils zuruckgelassen theils erweckt hatte, einschlummerte, und nicht eher wieder erwachte, als nachdem sie bereits untergegangen war. Wie ich die Augen aufschlug, sah ich einen nackten Knaben von neun bis zehn Jahren vor mir stehen, dessen Schonheit mir mehr als menschlich schien. Mit Rosen bekranzt, in der Hand einen Lilienstangel, der mich an Anakreons Amor erinnerte, winkte er mir mit einem lieblich unschuldigen Lacheln, ihm zu folgen. Er ging immer schweigend vor mir her, und fuhrte mich durch ein Gewinde unbekannter Busche, auf einem durch Kunst geebneten schneckenformig steigenden Pfad an einem Felsen hinauf. Auf einmal standen wir am Eingang einer hohen gewolbten Grotte, die von einer einzigen Lampe erleuchtet war, und in ihrer Vertiefung mit jedem Schritte niedriger und enger wurde. Mein kleiner Fuhrer offnete eine Thur, und ich befand mich in einem mit Marmor zierlich ausgelegten Vorsaale, durch dessen innere Oeffnung ich in einem grossern schon erleuchteten Gemach eine kleine Tafel gedeckt sah.

Indem ich mich nach meinem verschwundnen Fuhrer umsah, kam mir die Tochter des Apollonius entgegen. Du bist mir zu gut empfohlen worden, Proteus sagte sie mit einem leisen Lacheln, das den Ernst ihrer Zuge sehr angenehm erheiterte und ihrer Miene etwas Einladendes gab als dass es mir erlaubt ware, dich nicht als einen Gast zu betrachten, den mir Apollonius zugeschickt hat. Und hiermit nahm sie mich bei der Hand und fuhrte mich zu einem vergoldeten Stuhl, wo ich mich an der kleinen Tafel ihr gegenuber setzen musste. Sie war leichter und einfacher als gestern, aber ausserst edel angezogen, und hatte mit ihrer priesterlichen Binde um die Stirn das Ansehen einer Vestalin in ihrer Hauskleidung. Die kleine Tafel war niedlich besetzt, und eine einzige junge Nymphe, lieblich und unentfaltet wie eine Rosenknospe, verrichtete den Dienst, der dabei nothig war.

Wahrend ich mit aller Esslust eines Menschen von meinem damaligen Alter, der seit etlichen Tagen nur sehr leichte Mahlzeiten gethan hatte, dem Gastmahl meiner freundlichen Wirthin Ehre machte, sprach sie mit mir von meiner Reise, von den Schonheiten der Stadt Smyrna, und von dem Dianentempel zu Ephesus; und es schien ihren Beifall zu haben, dass ich, vor lauter Verlangen bald zu Halikarnass zu seyn, keine Zeit gehabt hatte, dieses Wunder der Welt in Augenschein zu nehmen. Als die Tafel abgetragen war, goss sie etwas Wein in eine goldene Schale, machte der Gottin eine Libation damit, und, nachdem sie die Schale wieder gefullt hatte, brachte sie mir den gewohnlichen Gast- und Freundschaftstrunk in einem Weine zu, der nur dem Nektar der Gotter weichen konnte. Wir standen endlich auf; und wahrend uns die junge Nymphe Wasser zum Waschen in einem vergoldeten Becken reichte, verschwand die Tafel, ohne dass ich sah wohin sie gekommen war.

Eine Anmerkung, die ich erst lange hernach machte, war, dass Dioklea bei allem Wunderwurdigen, das ihren Aufenthalt von der Wohnung gewohnlicher Sterblichen unterschied, gerade so aussah als ob nichts Alltaglicher's seyn konnte als diese Dinge, und dass sie meine wenige Befremdung daruber eben so wenig zu bemerken schien. Bald nachdem wir von Tische aufgestanden waren, offnete sie eine Thur, die auf eine kleine Terrasse fuhrte, von welcher man uber einen Theil dieser anmuthigen Wildniss, und weiter hin durch eine Oeffnung des Waldes in die See, wie ins Unendliche, hinaus sah. Hier setzten wir uns wieder, und die junge Nymphe brachte ihr eine Laute. Dioklea spielte einige sanfte melodische Stucke, und endigte mit einem Hymnus an Venus Urania, der meine Seele mit heiligen Gefuhlen durchdrang; ich glaubte, die hohe Theano oder ihre Tochter Myja51 dem still horchenden Pythagoras und seinen Freunden himmlische Ruhe zusingen zu horen. Nach dieser Pythagorischen Vorbereitung zum Schlafengehen gab sie die Laute zuruck, fuhrte mich in ein kleines, nur vom Mondschein schwach erhelltes Schlafgemach, das fur mich zubereitet war, wunschte mir mit feierlicher Miene einen gesunden und heiligen Schlummer, und entfernte sich.

Was dir vielleicht sonderbarer als alle diese Feerei vorkommen wird, ist diess: dass ich das alles, wie gesagt, ohne Erstaunen oder Verwunderung, als etwas das meine Erwartung nicht ubertraf, kurz als die naturlichste und schicklichste Sache von der Welt aufnahm. Die ganze Wirkung, die es auf mich that, war, mich gleichsam unter Gewahrleistung aller meiner Sinne gewiss zu machen, dass ich wirklich bei der Tochter des Apollonius, der Erbin seiner Weisheit und erhabenen Geheimnisse, sey. Diess vorausgesetzt, hatte alles noch weit ausserordentlicher bei ihr seyn konnen, ohne dass ich einen Augenblick stutzig daruber geworden ware. Meine Einbildung war von fruher Jugend an mit allen Arten des Wunderbaren vertraut, und was im gemeinen Laufe der Dinge wunderbar heisst, war, nach meiner Vorstellungsart, in dem hohern Kreise, zu welchem Dioklea gehorte, naturlich. Ich uberliess mich also mit dem ruhigsten Zutrauen der Freude uber eine Aufnahme, die alles was ich erwarten konnte ubertraf, und schlief in Hoffnungen ein, die der Traumgott selbst mit aller seiner granzenlosen Macht nicht hatte ubertreffen konnen.

Als ich mit dem Tag erwachte, war das erste was mir in die Augen fiel, ein wunderschones Gemalde, welches in einem prachtigen Rahmen von vergoldetem Schnitzwerk eine ganze Wand meines Schlafgemachs einnahm. Es stellte Venus und Adonis vor: jene, in dem Augenblicke, wie sie, von einer rosenfarbnen Wolke umgeben, auf einer Anhohe des Idalischen Hains aus ihrem Schwanenwagen steigt, indem eine von ihren Grazien die Zugel halt, und die beiden andern, mit der Gottin die schonste Gruppe machend, ihr im Aussteigen behulflich sind; diesen, wie er, zu ihren Fussen liegend, mit dem warmsten Ausdruck der anbetenden Liebe zu ihr emporschaut, in einer Stellung als ob er die Arme gegen sie ausbreiten wollte, aber plotzlich von einem heiligen Schauer zuruckgehalten wurde.

Es ware schwer die Bewegungen zu beschreiben, die dieser unerwartete und meinen eigenen innern Zustand mir so lebhaft vorspiegelnde Anblick in meinem ganzen Wesen hervorbrachte. Genug, dieses Gemalde beschaftigte mich einige Stunden lang um so angenehmer, da ich es als ein Unterpfand betrachtete, dass ich dem Ziele meiner Wunsche nahe sey. Indessen, wie gross und blendend mir auch die Schonheit der Gottin anfangs vorkam, so verlor sie doch bei so oft wiederholtem Anschauen und Betrachten unvermerkt, und schien mir zuletzt weit unter dem Ideale zu bleiben, das ich in meiner Seele trug. Nicht als ob ich mir wirklich schonere Formen, oder im Ganzen ein vollkommneres Bild von ihr hatte einbilden konnen: sondern weil ihm die Glorie, worin ich sie mir dachte, alles das Unaussprechliche, Himmlische und Gottliche, das sich nicht malen lasst, fehlte, oder vielmehr, weil das gemalte Bild die ganze Wirkung nicht auf mich that, die ich von einer Erscheinung der Gottin selbst erwartete. Indessen kam ich doch von Zeit zu Zeit zu ihm zuruck, um den Gedanken an ihm zu nahren, was Adonis beim Anschauen der gegenwartigen Gottin empfunden haben musse, da der blosse gefarbte Schatten des Bildes, das ein Maler sich von ihr vorstellen konnte, schon so viel Anziehendes und Liebeathmendes hatte.

Lucian.

Wie sehr, guter Peregrin, bestatigt dein Beispiel die grosse Wahrheit, dass es nicht die Dinge selbst, sondern unsre durch die Individualitat bestimmten Vorstellungen von ihnen sind, was die Wirkung auf uns macht, die wir den Dingen selbst zuschreiben, weil wir sie unaufhorlich mit unsern Vorstellungen verwechseln!

Peregrin.

Ich sollte an diesem Morgen auf mehr als Eine Art uberrascht werden. Indem ich verschiedene schone Stucke, womit dieses Gemach ausgeziert war, durchging, ward ich auf einem kleinen Ecktische von Ebenholz eines elfenbeinernen Kastchens gewahr, worin ein goldner Schlussel steckte. Da ich diess fur eine Erlaubniss ansah es zu offnen, so schloss ich es auf, und fand eine mit goldnen Buchstaben beschriebene Rolle von purpurfarbnem Pergament darin, welche die Ueberschrift hatte: Apollonius von Theophanien.52 Du kannst dir vorstellen, mit welchem Entzucken, und zugleich mit wie viel Ehrerbietung und Glauben ich diesen kostbaren Schatz in die Hand nahm, und wie begierig ich zu lesen anfing. Ich war noch nicht weit gekommen, als mir Dioklea durch die junge Nymphe wissen liess, sie ware verhindert mich diesen Morgen zu sehen; ich wurde aber etwas gefunden haben, das meine Musse hinlanglich beschaftigen konnte, und ich mochte es ubrigens in allen Stucken so halten, als ob ich in meinem eigenen Hause ware. Ich steckte also die Rolle in meinen Busen, und begab mich in eine Laube des Rosenhains, der nahe an Diokleens Felsenwohnung lag. Bald darauf erschien der Knabe, der gestern mein Fuhrer gewesen war, wieder, setzte ein aus Golddrath geflochtenes Korbchen, worin mein Fruhstuck war, auf einen kleinen Marmortisch, und schwand wieder aus meinen Augen, ohne ein Wort zu sagen. Ich brachte den ganzen Morgen mit Lesen und Wiederlesen der gefundnen Handschrift zu, die mir zwar in ihrer bildervollen mystischen Sprache nicht viel Deutliches offenbarte, aber eben darum mein Gemuth nur desto lebhafter in Bewegung setzte. Unvermerkt uberschlich mich die Mittagshitze bei dieser sussen Beschaftigung, und ich schlummerte unter den seltsamsten Traumereien ein.

Als die schwulsten Stunden des Tages voruber waren, liess sich mein stummer Aufwarter wieder sehen, um mich in ein zierliches marmornes Bad zu fuhren, wo er mich stillschweigend mit allem bediente was man in einem Bade verlangen kann; denn bei Diokleen zeichnete sich alles durch Vollkommenheit aus. Wie endlich der Tag sich zu neigen anfing, liess sie mir sagen, sie erwarte mich in der Grotte, wo sie in der heissen Jahrszeit den Abend zuzubringen pflegte. Sie empfing mich mit einem Ausdruck von Wohlwollen, der den Ernst ihrer Miene unvermerkt erheiterte. Das Buch des Apollonius von Theophanien wurde bald der Gegenstand unsers Gespraches; und da ich ihr auf die Frage, "ob ich alles darin verstanden hatte?" mit einem zogernden Nein antwortete, nahm sie davon Gelegenheit, mir uber das, was mir nothwendig darin dunkel seyn musste, so viel Licht zu geben, als ich dermalen ertragen konnte. Sie unterschied zweierlei Arten von Theophanien. Die Gotter, sagte sie, sind von jeher einigen besonders von ihnen geliebten Menschen sichtbar geworden: zuweilen ohne Zuthun der letztern, aus blossem Antrieb ihres eignen freien Wohlwollens; zuweilen auf Veranlassung der Menschen, und durch die Mittel dazu bewogen, welche die theurgische Magie in ihrer Gewalt hat. Nicht als ob es nicht immer von den Gottern abhinge, sich mehr oder weniger, oder gar nicht mitzutheilen; sondern weil es moglich ist auf die Neigung ihres Willens selbst zu wirken, und sie durch die Allgewalt der Liebe zur Gegenliebe zu nothigen. In jedem Fall aber ist es unmoglich anders zu dieser Mittheilung zu gelangen, als stufenweise, und durch Mittel, wodurch sie selbst, in eben dem Masse, wie wir uns zu ihnen erheben, sich zu uns herablassen. Die hochsten und wohlthatigsten Gotter haben sich daher immer in menschlicher Gestalt gezeigt; und bloss hierauf grundet sich die Verehrung, die wir ihren Bildern, als Denkmalern ehemaliger Theophanien, und weil sie diese Gestalt gewissermassen zu ihrer eigenen gemacht haben, schuldig sind. Nicht selten sind diese Bilder nach Massgabe der Starke, womit die Seele durch ihr unverwandtes Anschauen sich von allen andern Bildern abzuscheiden, und in einem einzigen reinen Gedanken des Herzens sich die unsichtbare Gottheit selbst anschaulich zu machen fahig ist Canale ausserordentlicher Gnaden der Gotter gewesen; und es ist daher immer wohl gethan, sich dieses Mittels zu bedienen, was auch der Erfolg seyn mag; der zwar immer von der Willkur der Gottheit, aber gewiss sehr viel von der Beschaffenheit des Subjects und der Energie der Gefuhle abhangt, wodurch wir uns zu ihnen aufschwingen und sie zu uns herunter ziehen.

Diese Theorie von welcher ich dir hier bloss einen leichten Umriss mache hatte desto mehr Einleuchtendes fur mich, da sie mit meinen eigenen Vorstellungen sehr gut zusammenstimmte, und mir zu einer vollgultigen Bestatigung derselben diente. Dioklea setzte noch verschiedenes hinzu, das mir einen hohen Begriff von ihren Einsichten in die gottliche Magie gab, und sprach unter andern mit Verachtung von gewissen Mitteln, wodurch manche angebliche Theurgen die Gotter zum Erscheinen nothigen zu konnen vorgaben. Es sey zwar nicht zu laugnen, sagte sie, dass es, zum Beispiel, gewisse auserlesene Wohlgeruche gebe, die ihnen angenehm seyen; denn sie liebten das Reinste und Vollkommenste in jeder Art: aber sie durch Raucherungen oder Zauberlieder anziehen zu wollen, sey ein kindischer Gedanke, und es werde nie ein anderes Mittel, sie zu uns zu ziehen, geben, als eben das, wodurch wir uns zu ihnen aufschwangen, namlich das heisseste Verlangen einer von jeder andern Begierde und Leidenschaft gereinigten Seele. Vielleicht hatten jene vermeinten Theurgen gehort, die Gotter pflegten ihre Gegenwart zuweilen durch himmlische Wohlgeruche oder Harmonien oder ein uberirdisches Licht anzukundigen, und hatten hieraus, ohne Grund, den Schluss gezogen, dass man sie durch Fumigationen und Epoden53 herbeilocken konne: immer sey es gewiss, dass die unachte Magie sich solcher Behelfe zu Bewirkung betruglicher Theophanien und Geistererscheinungen bediene, aber eben darum enthielten sich die wahren Theurgen dieser zweideutigen Mittel ganzlich.

Als sie zu reden aufgehort hatte, bat ich sie sehr instandig, mir, wofern sie mich dessen nicht unwurdig hielte, das Heiligthum der Gottin nicht langer zu verschliessen, an dessen Schwelle sie mich vermuthlich bei unsrer ersten Zusammenkunft gefuhrt hatte. Sie antwortete: dieser Tempel sey allen Profanen unzugangbar; aber mir sollte er, wie billig, noch in dieser Nacht geoffnet werden.

Bald darauf befahl sie unsre Abendmahlzeit zu bringen, welche, ganz nach Pythagorischer Weise, bloss aus einigen leichten Speisen und auserlesenen Fruchten bestand; auch wurde blosses Wasser aus krystallenen Bechern dazu getrunken, aber das reinste, leichteste und frischeste, das ich je getrunken hatte. Nach der Mahlzeit horten wir in einiger Entfernung eine ausserst sanfte und herzerhohende Musik von Instrumenten und Stimmen, ohne zu sehen wo sie herkam. Wir setzten uns auf eine Bank im Rosenhain, und horten ihr eine Weile zu. Endlich wurde sie immer schwacher und schwacher, bis sie ganz in die Lufte zu zerfliessen schien. Wie wir nichts mehr horten, stand Dioklea auf. Es ist Zeit, sagte sie, dein Verlangen zu befriedigen! Du wirst das heilige Bild der Gottin sehen, und auf sie allein wird es ankommen, wie viel oder wenig sie dir durch dieses Mittel von sich selbst erblicken lassen will. Von nun an bis zum Aufgang der Sonne versiegelt das heilige Schweigen unsre Lippen!

Ich buckte ihr meinen Dank und meinen Gehorsam zu, und wir gingen mit langsamen Schritten den Pomeranzengang zum Tempel hinauf. Als wir ankamen, fanden wir unter den Saulen rechter Hand drei junge Nymphen in langem weissem Gewande, und auf der Linken drei zwolfjahrige Knaben, ebenfalls weiss gekleidet, auf uns warten. Dioklea schloss die aussere Pforte auf, und wir traten in eine Halle, in deren Mitte eine vergoldete Thur unmittelbar in den Tempel fuhrte. Zu beiden Seiten war ein Gemach, zum Ankleiden der Personen, die in den Tempel eingehen durften, bestimmt. Dioklea begab sich mit den drei Nymphen in das eine, und winkte mir, den Knaben in das andere zu folgen. Alles was hier zu thun war, wurde stillschweigend verrichtet. Ich wusch vor allem mein Gesicht und meine Hande. Hierauf zogen sie mir mein Oberkleid ab, bekleideten mich mit einem langen Rock von weisser glanzender Seide, und gurteten mich mit einem breiten Gurtel von glattem Goldstoff mit den feinsten Perlen gestickt. Als ich angekleidet war, fuhrten sie mich heraus, buckten sich, die Arme uber die Brust gefaltet, vor mir und verschwanden.

Bald darauf trat auch die Priesterin wieder heraus. Sie war, uber ein rosenfarbnes Gewand das nur bis an die Knochel reichte, in ein violett purpurnes Oberkleid mit langen weiten Aermeln gehullt; ihre dichten Haare flossen losgebunden um ihre Schultern, und mitten auf der priesterlichen Binde um ihre Stirn funkelte ein Stern von citronfarbnen Diamanten. Sie hatte in diesem Aufzuge beinahe selbst das Ansehen einer Gottin, und noch nie war sie mir so schon und blendend vorgekommen. Die drei Nymphen erschienen in einer Art enge gefalteter Leibrocke von weisser Seide, mit breiten rosenfarbnen Gurteln, und ihre Haare waren mit einem goldnen Bande aufgebunden, dessen Enden an beiden Seiten bis an die Knie herabhingen. Alle vier gingen mit zur Erde gesenktem Blicke vor mir vorbei; Dioklea offnete mit einem goldnen Schlussel die innere Pforte des Tempels, trat mit ihren Dienerinnen hinein, und schloss die Pforte wieder hinter sich zu. Nach einer kleinen Weile that sich diese wieder auf, sie kamen heraus und langsam auf mich zu, jede etwas in der Hand haltend, das sie aus dem Tempel mitgebracht hatte. Dioklea band mir eine der ihrigen ahnliche Binde um die Stirn; eine der Nymphen setzte mir einen Myrtenkranz auf, die zweite gab mir einen Lilienstangel in die rechte Hand, und die dritte einen Rosenzweig in die linke. Hierauf beruhrte die Priesterin jedes meiner Augen mit den drei Mittelfingern ihrer rechten Hand, winkte mir in den Tempel hineinzugehen, und schloss die Pforte hinter mir zu.

Lucian.

Wahrlich, viel Ceremonien, und mehr als zu viel um diese Mysterien verdachtig zu machen! Ich bin ungeduldig zu horen, wie sich das alles enden wird.

Peregrin.

Was auch der Zweck dieser Feierlichkeiten war, so viel ist gewiss, dass mir das Herz beim Eintritt in den Tempel merklich hoher schlug. Ich blieb nahe an der Pforte stehen, und fasste mich zusammen so gut mir moglich war, indem ich mich umsah und den edeln Geschmack der innern Baukunst und Verzierung bewunderte, so viel ich davon bei dem Lichtstrom sehen konnte, der aus einer halbrunden Vertiefung hervorbrach, wo die Gottin in einer hohen vergoldeten Blende stand. Vor ihr, etwas seitwarts nach der rechten Hand, kniete ein marmorner Amor mit einer goldnen Pfanne, an Form dem Horn der Amalthea ahnlich, aus welcher mit dem lieblichsten Wohlgeruch eine ungemein helle Flamme in der Dicke einer Zirbelnuss emporloderte, und dem geglatteten Marmorbilde der Gottin eine zum Verblenden tauschende Beleuchtung gab. Dieses Bild war merklich grosser als alle Venusbilder die ich noch gesehen hatte, und verband in meinen Augen die Majestat einer Gottin mit einer Schonheit, welche gleich beim ersten Anblick alles, womit man sie hatte vergleichen konnen, ausloschte, und nichts Vollkommneres wunschen liess. Eine unfreiwillige Gewalt warf mich vor ihm auf die Erde nieder, ich betete in ihm den sichtbaren Abglanz der hochsten geistigen Schonheit an, und fuhlte in seinem Anschauen mein ganzes Wesen in die reinste Liebe aufgelost. Doch ich will nicht versuchen, unbeschreibliche Empfindungen oder Tauschungen, wenn du willst, beschreiben zu wollen; denn in der That war es doch wohl Tauschung, dass ich zuletzt, ob schon nur einen Augenblick, die Gottin selbst in ihrer ganzen uberirdischen Glorie vor mir zu sehen glaubte.

Lucian (lachelnd).

Das sollt' ich beinahe auch vermuthen. Aber was wurde zuletzt aus dem allen?

Peregrin.

Ich ward endlich gewahr, dass die Fackel Amors, die zu diesen Mysterien unentbehrlich war, in wenig Augenblicken erloschen wurde, und zog mich, noch fruh genug um die Thur des Tempels ohne Tappen zu finden, zuruck, nachdem ich meinen Myrtenkranz nebst dem Rosenzweig und Lilienstangel zu den Fussen der Gottin niedergelegt hatte. Ich fand vor der Thur einen von den Knaben, der mir das feierliche Gewand wieder abnahm, und ich kehrte mit einem neuen Bilde in meiner Seele zuruck, das, so zu sagen, ihre ganze Weite ausfullte, aber, anstatt kalter Marmor zu seyn, von aller der Liebe belebt war, die

Lucian.

der kalte Marmor in dir angezundet hatte!

Mein Zustand in dieser Nacht war wachend und schlafend ein immer wahrender Traum von meiner angebeteten Gottin. Bald lag ich wieder im Tempel zu ihren Fussen, bald wandelte ich an ihrer Seite im Hain von Amathunt, bald fand ich mich mit ihr in die himmlische Sphare der Schonheit und Liebe verzuckt, und sah und fuhlte unaussprechliche Dinge. Diese Gemuthsverfassung ware vielleicht bei jedem andern vollig erklarter Wahnsinn geworden: aber bei mir war sie durch alles Vorhergehende so gut vorbereitet, hing mit meinen herrschenden Ideen so schon zusammen, und war meiner ganzen Art zu seyn so angemessen, dass ich mich in meinem Leben nie so heiter, so gut und so glucklich gefuhlt hatte. Kurz, mein Zustand war bei aller Ueberspannung meiner Phantasie der Begeisterung, worin sich jeder gefuhlvolle und noch ungeschwachte Jungling in den goldnen Tagen der ersten Liebe befindet, ahnlich genug, um im Grunde die naturlichste Sache von der Welt zu seyn.

Ich brachte einen Theil des folgenden Morgens mit Diokleen in den Rosengebuschen zu. Sie sagte mir: dass ich von nun an den Tempel so oft besuchen konnte als ich wollte, ohne dass es dazu ihrer Gegenwart oder besonderer Feierlichkeiten vonnothen hatte; sie wurde mir zu diesem Ende einen eigenen Schlussel zustellen, um davon freien Gebrauch zu machen; nur Untergang der Sonne aufgeschlossen werden durfte, und bei ihrem Aufgang wieder zugeschlossen seyn musste. Die Gottin, setzte sie hinzu, hat Wohlgefallen an der hohen Reinheit deiner Empfindungen, die unter den Sterblichen einem Wunder ahnlich ist; und ich musste mich sehr irren, oder dir ist ein Loos beschieden, das selbst unter den Sohnen der Weisen nur selten einem Glucklichen zu Theil wird, wiewohl mir nicht erlaubt ist dir mehr davon zu sagen.

Lucian.

Aha! Ich sehe sie kommen! Dachte ich's doch gleich vom Anfange an!

Peregrin.

Ich errathe deinen Gedanken; aber nicht zu voreilig, Lucian! du konntest dich betrogen finden. Man ist mit den Leuten, in deren Gesellschaft ich dich gebracht habe, nicht so leicht im Klaren. Gedulde dich! das Drama nahert sich seiner Peripetie54.

Mein gestriger erster Besuch des Tempels, und was dabei in mir vorgegangen, war naturlicher Weise der vornehmste Gegenstand, woruber sich Dioklea mit mir unterhielt. Sie fragte mich, ob ich jemals zu Knidos gewesen sey? und da ich mit Nein antwortete, fuhr sie fort: du kennst also die beruhmte Venus des Praxiteles nur dem Namen nach; aber vermuthlich hast du die Venus des Alkamenes zu Athen gesehen? Oefters, war meine Antwort: allein, o wie wenig ist sie mit dieser zu vergleichen! oder vielmehr, wie unendlich ist der Unterschied zwischen dem was ich beim Anschauen der einen und der andern erfahren habe! Jene, sagte Dioklea, flosste dir wohl nur kalte ruhige Bewunderung ein; aber diese? "Ein Gefuhl, das meine Brust zu zersprengen schien, das meine ganze Seele kaum zu ertragen vermochte. In jener sah ich nur das Symbol der hochsten Schonheit; in dieser erkannte und fuhlte ich die gegenwartige Gottin selbst." Bei allem dem, versetzte sie, muss ich dich erinnern gegen deine Phantasie auf der Hut zu seyn; sie arbeitet oft zur Unzeit der hohern Einwirkung entgegen, und weidet uns mit Schatten, da wir ohne ihre zu grosse Dienstfertigkeit das Wesen selbst haben konnten. Du glaubtest die Gegenwart der Gottin zu fuhlen, und es war vielleicht blosse Tauschung. Das sicherste Mittel dich vor den Blendwerken der Einbildung zu verwahren, ist ihrer Geschaftigkeit Einhalt zu thun, und dich ganzlich den Gefuhlen deines Herzens zu uberlassen. Durch diese allein kannst du hoffen, die Gottin dir gunstig zu machen. Das Herz, nicht die Einbildungskraft, ist das Organ, das ihrer Mittheilungen empfanglich ist. Nach diesen Worten verliess sie mich, damit ich mir diese Lehren durch eigenes Nachdenken wahr machen konnte.

Um deine Geduld durch Erzahlung des stufenweisen Wachsthums meiner vermuthlich beispiellosen Leidenschaft nicht auf eine allzu grosse Probe zu stellen, will ich von dem Besuche, den ich in der folgenden Nacht im Tempel machte, nichts weiter sagen, als dass diessmal die Art, wie das Anschauen der Gottin auf meine Sinne wirkte, indem ich mich (nach dem Rathe der Tochter des Apollonius) den Empfindungen, die sie mir einflosste, ganzlich uberlassen wollte zuletzt so lebhaft wurde, dass sie mich erschreckte und gegen mich selbst misstrauisch machte. Ich eilte in grosser Unruhe aus dem Tempel hinweg, und beschloss mich der Gottin nicht wieder zu nahern, bis ich durch die sorgfaltigste Reinigung meiner Seele alles Sinnliche von meiner Liebe abgewaschen hatte, welche, meiner Meinung nach, ganz rein und geistig seyn musste, um mich der wirklichen Theophanie als des einzigen Zieles meiner Wunsche fahig zu machen. Ich konnte nicht von mir erhalten, mit einer so heiligen Jungfrau, als Dioklea in meinen Augen war, von dieser Entschliessung zu sprechen, weil ich mir keine Worte zu finden getraute, das, was sie veranlasst hatte, zart genug auszudrucken, um keine unziemlichen Vorstellungen in ihr zu veranlassen. Sie konnte indessen leicht bemerken, dass es nicht ganz richtig mit mir stehen musse: ich war unruhig, tiefsinnig, zerstreut, und suchte die Einsamkeit um meine Gemuthsverfassung vor ihr zu verbergen, ohne zu bedenken, dass ich sie eben dadurch verrieth. Indessen that sie doch, als ob sie nichts davon gewahr wurde, und vermied, nach dem Beispiel das ich ihr gab, alles was mich zu einer Erklarung hatte nothigen konnen. So ging der Tag voruber, und in der nachsten Nacht hatte ich wirklich so viel Gewalt uber mich selbst, mir das Anschauen meiner geliebten Gottin zu versagen, wiewohl ich mich mehr als zehnmal auf den Weg machte, und einmal schon bis an die aussere Pforte gekommen war.

Diese grausame Selbstpeinigung kostete mir eine schlaflose Nacht. Meine Unruhe wurde dadurch mehr vergrossert als vermindert, und ich sah am folgenden Tage so blass und hohlaugig aus, dass Dioklea sich nicht langer uberheben konnte, Kenntniss davon zu nehmen. Was ist mit dir vorgegangen, Proteus? fragte sie mich: wo ist deine vorige Heiterkeit und Ruhe? Woher diese Blasse deines Gesichts? dieses trube Feuer in deinen Augen? Und warum besuchtest du gestern den Tempel nicht, sondern schweiftest die ganze Nacht durch im Hain und in den Garten umher? Ich fand lange keine Antwort auf diese Frage. Endlich bemuhte ich mich, nicht ohne grosse Verlegenheit und vieles Stocken, in so behutsamen Ausdrucken als ich (mit Gefahr ein wenig unverstandlich zu seyn) nur immer finden konnte, ihr die Bedenklichkeiten zu eroffnen, die mir die Pflicht auferlegt hatten, mich freiwillig aus den Augen Gottin zu verbannen. Sie schien mir mit Erstaunen in die Augen zu sehen, wiewohl sie mich mehr als zu wohl verstanden hatte. Sie schwieg eine gute Weile. Endlich nahm sie mich lachelnd bei der Hand und sagte: du bist ein wenig wunderlich, Proteus, und die Gottin ist nur zu gutig gegen dich. Steht es etwa nicht in ihrer Willkur, durch welche Art von Einwirkung sie ihre Macht uber dich beweisen will? Und wie sollten deine Sinne allein bei den entzuckenden Einstromungen ihrer Gegenwart unempfindlich bleiben, da sie sogar die leblose Natur mit Wonnegefuhlen durchschuttert? Wie kannst du glauben, dass die Gottin etwas Unmogliches und Unnaturliches von dir fordern werde? Ist die Liebe, die sie dir eingeflosst hat, nicht ihr eigenes Werk? Kann Liebe ohne Verlangen, Verlangen ohne Ausdruck seyn? Die reinste Liebe Venus Urania kann keine andere erwecken! veredelt und verfeinert die Sinne, erhoht und begeistert sie, aber vernichtet sie nicht.

Dioklea war, indem sie diess sagte, lebhafter geworden als ich sie noch nie gesehen hatte: sie bemerkte diess vielleicht in meinen Augen, und hielt auf einmal ein. Soll ich dir sagen (fuhr sie nach einer ziemlich langen Pause in einem ruhigern Tone und mit einem kaum merklichen ironischen Lacheln fort), soll ich dir sagen, was ich von deiner Liebe denke? Sie tauscht dich! oder vielmehr, du tauschest dich selbst mit einer Art von phantasierter Liebe, die du gleichsam durch Kunst und durch theurgische Mittel in dir erzwingen willst, weil du dich durch sie zu einer Stufe von Vollkommenheit empor zu schwingen hoffest, die deiner stolzen Eigenliebe schmeichelt. Wahre Liebe ist zu stark an ihren Gegenstand geheftet, zu tief in ihn versenkt, um so viel auf sich selbst Acht zu geben, und so behutsam und angstlich uber unbedeutende Dinge zu seyn. Du bist vielleicht einer sich so rein und ganz hingebenden Liebe nicht fahig: aber, glaube mir, die Gotter lassen sich mit weniger nicht abfinden; und wiewohl es moglich ist, durch ihre besondere Gunst zu jener Theilnehmung an ihrer Macht zu gelangen, die das einzige Ziel deiner Wunsche scheint, so gibt es doch kein Mittel ihnen diese Gunst wider ihren Willen abzunothigen.

Dioklea beruhrte mich durch diese Rede an einem sehr empfindlichen Theile; denn in der That war ich mir sehr wohl bewusst, mit den Absichten, die sie mir zuschrieb, zu ihr gekommen zu seyn: aber auf der andern Seite fuhlte ich noch lebhafter, dass mir das Bild der Gottin eine Liebe eingehaucht hatte, die meine ganze Seele beschaftigte, und wovon das, was ich ehemals fur Kallippen fuhlte, kaum eine leise Ahndung genannt werden konnte. Da mich nun ihr Vorwurf von dieser Seite nicht traf, so antwortete ich mit einer Zuversicht, die ihr vermuthlich nicht unangenehm war: diessmal ware wohl, wenn ich es sagen durfte, sie selbst diejenige die sich irrte, wenn sie mich beschuldigte, dass meine Liebe blosser Selbstbetrug, oder gar eine heuchlerische Maske eigennutziger Absichten sey. Ich erklarte mich so warm und lebhaft uber diesen Punkt, dass sie genothigt war, ihren Worten einen mildern Sinn zu geben, oder vielmehr zu behaupten, ich hatte den ihrigen nicht recht gefasst. Dieser kleine Streit, der erste und letzte den wir mit einander hatten, endigte sich in einer Aussohnung, wodurch wir bessere Freunde wurden als jemals, und brachte eine Lebhaftigkeit in die Unterhaltungen dieses Tages, die der Einformigkeit unsrer Lebensart sehr zu Statten kam.

Meine Ungeduld die Gottin wieder zu sehen gab den Vorstellungen, welche Dioklea meinen vielleicht allzu zartlichen Bedenklichkeiten entgegengesetzt hatte, so viel Gewicht, dass ich das Ende eines Spaziergangs, wozu sie mich nach der Abendmahlzeit einlud, kaum erwarten konnte, wiewohl sie sich's so angelegen seyn liess mich angenehm zu unterhalten, dass sie nicht wohl befurchten konnte mir lange Weile zu machen. Es war schon ziemlich spat, als sie sich von mir beurlaubte, und ich eilte nun mit geflugelten Schritten dem Tempel zu. Nie hatten die Nachtigallen, die in grosser Menge ein dichtes Geholze zur Linken des Tempels bewohnten, sich so sehr beeifert meine Aufmerksamkeit auf ihre lieblichen Wettgesange zu ziehen; aber nie war es ihnen weniger gelungen. Meine ganze Seele war bereits in meinen Augen. Ich verdoppelte meine Schritte, schloss die Pforten des Tempels hastig auf, und stand auf einmal wie versteinert, da ich Amors Fackel ohne Feuer und den Tempel so dunkel fand, dass die geoffnete Thur nicht Licht genug einliess, um das Bild der Gottin unterscheiden zu konnen.

Unter tausend Zweifeln und Besorgnissen, die sich uber diese unerwartete Begebenheit in meinem Gemuthe drangten, behielt endlich der Gedanke die Oberhand, dass die Gottin mich vielleicht auf die Probe stellen wolle, ob ich fahig sey, sie auch ohne Beihulfe einer meine Sinne ruhrenden Gestalt eben so gegenwartig zu denken, als ob sie in diesem Marmor vor meinen Augen stande. Aber wenn diess ihre Absicht war, so liess sie mir wenigstens nicht Zeit genug die Probe zu machen. Denn unversehens erfullte den Tempel eine hell leuchtende Klarheit und ein leises Wehen der lieblichsten Rosendufte; und statt der Bildsaule erblickte ich in einer helldunkeln Wolke, welche die ganze Vertiefung erfullte, die Gottin selbst in lebendiger unaussprechlicher Schonheit und Glorie, zwischen ihren ewig jugendlichen Grazien, welche Hand in Hand wie in einem leicht schwebenden Tanze sich um sie her bewegend, von Augenblick zu Augenblick ihre himmlischen Reize bald umschleierten bald wieder sichtbar machten. Ich stand in Entzuckung und Anbetung verloren, als die Gottin, mit einem Lacheln das den ganzen Tempel zu erheitern schien, einen Blick voll Huld und Majestat auf mich warf und plotzlich wieder aus meinen Augen verschwand.

Lucian.

Freund Peregrin! was willst du dass ich glauben soll?

Peregrin.

Dass ich dir nichts sage als was ich gesehen habe.

Lucian.

Gesehen nennst du es? Getraumt willst du sagen

Peregrin.

Ich versichere dich, dass ich in diesem Augenblicke nicht mehr traume als damals.

Lucian.

So war es doch wenigstens einer von den wachen

vorbei blitzenden Augenblicken sieht, was kein besonnener Mensch, dessen Vernunft und Einbildung im gehorigen Gleichgewichte stehen, je mit gesunden Augen gesehen hat.

Peregrin.

Denke davon was du kannst, Lucian.

Lucian.

Bei allem dem mussten die geschworensten Gegner aller Tauschungen, Demokrit und Epikur selbst, gestehen, dass du in deinem Erdenleben mit einer beneidenswurdigen Imagination ausgesteuert warst! Aber wie lange dauerte diese himmlische Erscheinung?

Peregrin.

Diese Frage, lieber Lucian, ist schwerer zu beantworten als du glaubst. Erscheinungen dieser Art lassen sich mit keinem gewohnlichen Zeitmasse messen; und wer, der mit einem solchen Gesichte beseligt wird, konnte daran denken dessen Dauer messen zu wollen, wenn es auch moglich ware? Alles was ich dir davon sagen kann, ist, dass sie mir, als alles wieder verschwunden war, nur wenige Augenblicke gedauert zu haben schien, aber dass, meinem Gefuhle nach, bisher gelebt hatte, eine Ewigkeit gegen einen Augenblick waren.

Lucian.

Ich merke aus allen Umstanden, dass du noch etwas im Ruckhalt hast, das mir auf die eine oder andere Art aus dem Wunder helfen wird: denn alles, was dir in dem Zauberhaine der wundervollen Tochter des Apollonius begegnet ist, kannst du doch nicht wohl getraumt haben.

Peregrin.

Wenigstens wurde ich nicht so unbescheiden gewesen seyn, dich mit einem so langen Traume aufzuhalten. Aber ich fuhle selbst, dass es Zeit ist, dir aus dem Wunder zu helfen, wie du es nennst, und wenn es auch nicht anders geschehen konnte, als indem ich dich in ein neues noch weit grosseres werfe.

Lucian.

Du wirst mich sehr verbinden: denn ich muss gestehen, dass ich den Gemuthszustand, in welchen du mich hinein gezaubert hast, nicht lang' ertragen kann.

Peregrin.

Du glaubst mir wohl ohne Schwure, dass Venus Urania nach dieser Erscheinung keinen inbrunstigern Anbeter in der weiten Welt hatte als mich. Das ganze System meiner theurgischen Schwarmerei hatte durch diese offenbare Theophanie eine neue Stutze erhalten, und war in diesen wenigen Augenblicken so verdichtet und uber allen Zweifel hinausgesetzt worden, dass ich nun das Wunderbarste und Unglaublichste zu ertragen fahig seyn musste. So wie die wonnevolle Erscheinung verschwunden war, wurde mir auch der wieder verfinsterte Tempel zu enge. Ich eilte ins Freie, um meiner von Entzucken fast erstickten Brust Luft zu machen. Diese Nacht kam naturlicherweise eben so wenig Schlaf in meine Augen als in der vorigen; aber die aufgehende Sonne uberraschte mich, da ich sie noch weit entfernt glaubte.

Dioklea erblickte mich als ich vor ihrer Wohnung vorbei ging. Sie war schon vollig angekleidet, kam zu mir herab, und sagte: sie ware so fruh aufgestanden, weil sie nothwendiger Geschafte wegen in die Stadt reisen musste: aber, setzte sie mit Verwunderung hinzu, wie kommt es, dass ich dich zu einer solchen Tageszeit schon so munter finde? Ich erzahlte ihr, mit aller Redseligkeit eines Menschen, der kein dringenderes Bedurfniss hatte als seinem zu vollen Herzen einige Erleichterung zu verschaffen, was mir diese Nacht im Tempel begegnet war. Ich musste es ihr mehr als Einmal mit allen Umstanden erzahlen, bis ich sie von allen Zweifeln geheilt sah, dass meine Phantasie die Schopferin dieses schonen Gesichtes gewesen seyn konnte. Die Starke meiner eigenen Ueberzeugung nothigte ihr endlich auch die ihrige ab; sie freute sich meines Gluckes, und trennte sich nun, wie sie sagte, mit desto leichterem Herzen auf einige Tage von mir, da sie so gewiss seyn konne, dass ich ihre Abwesenheit kaum gewahr werden wurde. Ich sollte mich inzwischen als denjenigen ansehen, der in dem ganzen Bezirke des heiligen Hains unumschrankt zu gebieten habe; alle, die von ihr abhingen, waren angewiesen, meine Winke eben so gehorsam wie die ihrigen zu befolgen: auch hatte sie dafur gesorgt, dass es mir an nichts fehlen wurde, was ich nothig haben oder wunschen konnte, ohne dass ich mich selbst desswegen zu bekummern brauchte. Nach diesen Worten umarmte sie mich mit der Vertraulichkeit einer alten Freundin, bestieg mit einer ihrer Nymphen und einem Diener einen mit zwei schneeweissen Pferden bespannten Wagen, und verschwand in kurzem aus meinen ihr nachfolgenden Blicken.

Die Entfernung der Tochter des Apollonius hatte mir nie weniger unangenehm seyn konnen, als in meiner damaligen Verfassung. Der ekstatische, oder, wenn du willst, nympholeptische Zustand55, worein mich die Erscheinung der vergangenen Nacht versetzt hatte, machte mir's zum Bedurfniss, mir selbst und meinen Empfindungen uberlassen zu werden. Doch, was sage ich mir selbst? da mein ganzes Selbst in jenes himmlische Gesicht, das noch immer in atherischer Klarheit vor mir schwebte, ubergegangen war. Nichts Aeusseres um mich her, nichts als Diokleens Gegenwart, hatte mich in dieser sussen Entzuckung storen konnen; denn sie wurde mich freilich unvermerkt verleitet haben, von dem Unaussprechlichen, das mein ganzes Wesen ausfullte, zu sprechen; und wie wenig ware das, was ich ihr von meiner Wonne hatte mittheilen konnen, gegen das gewesen, was mir selbst dadurch entgangen ware!

Ich begab mich nun in den dunkelsten und stillsten Theil des Hains, und es gingen einige Stunden hin, ehe die in meiner Einbildung noch immer fortdauernde Vision durch ein fast unmerkliches Ermatten des Lichts und der Farben so viel von ihrer ersten Lebhaftigkeit verlor, dass ich wieder zu mir selbst kam, mich wieder da sah wo ich war, mich mit einer Art von sussem Erstaunen fragte, ob ich es sey, dessen Augen mit dem unmittelbaren Anschauen der Gottin beseligt worden? und mir selbst diese Frage mit der Gewissheit des innigsten Gefuhls beantwortete. Die Gedanken, die jetzt mit ausserordentlicher Klarheit und Leichtigkeit in mir aufstiegen, waren nicht mehr Gedanken eines Sterblichen; mit meiner Liebe zu Venus Urania hatte sich bereits meine Damonisierung angefangen. Konnt' ich noch zweifeln ob diese Liebe der Gottin angenehm sey? Sie hatte mir ja den starksten Beweis davon gegeben; hatte sich herabgelassen, mir in der einzigen Art von Erscheinung, die meine Sinne ertragen konnten; in der Gestalt der hochsten weiblichen Schonheit, sichtbar zu werden. Sollte sie bei dieser ersten Gunst stehen bleiben wollen? Unfehlbar war dieses Gesicht nur ein Pfand noch vollkommnerer Mittheilungen; mit jedem hohern Grade derselben, hoffte ich, wurde sich meine eigene damonische Natur mehr enthullen, bis ich endlich, von einer Stufe zur andern, zum reinen unmittelbaren Anschauen ihres Wesens, und zum vollen Genuss aller Vorrechte des meinigen gelangen wurde. Welche Hoffnungen! Welche Aussichten! Wie ganz anders versprach ich mir selbst mir die Liebe der Gottin zu Nutze zu machen, als die Adonis und Endymionen der poetischen Fabel! Schon durchflog ich mit ihr in Gedanken das unermessliche Weltall, durchschaute alle Geheimnisse der Pythagorischen Zahlen, horte die Harmonie der Spharen, und begriff den tiefsten Sinn aller Hieroglyphen der Natur. Nichts was ein Damon wissen kann, war mir verborgen, nichts was er wirken kann, unmoglich. Welche Wonne, welch ein Vorgefuhl neuer Krafte, neuer weit ausgebreiteter Thatigkeit, lag in diesem vergotternden Gedanken! Und nun ergoss sich auf einmal die ganze Gutmuthigkeit meines Herzens in ihn. Ein neuer Prometheus, bildete ich schon in meiner allvermogenden Phantasie das Menschengeschlecht zu gutartigen und glucklichen Geschopfen um; alles Elend verschwand von der Erde; ich rief Astraen wieder vom Himmel herab, stellte die Unschuld und Gleichheit des goldnen Alters wieder her, und beseligte es mit allem, was Kunste, Musen und Grazien zur Ausschmuckung und Veredlung des menschlichen Lebens beitragen konnen.

Lucian.

Armer Ikarus! wie hoch schwangst du dich auf deinen Wachsflugeln empor, und wie schmerzlich muss der Fall aus einer solchen Hohe gewesen seyn!

Peregrin.

Ahndest du schon meinen Fall, Lucian? Ganz andre Ahndungen schwellten damals meinen Busen! Auch nicht der kleinste Zweifel, nicht der leiseste Laut einer ungluckweissagenden Vorempfindung, storte die Wonne meiner bezauberten Seele; und, wenn es wahr ist, dass kein wirklicher Genuss an das reicht was uns die Einbildung davon verspricht, so war dieser einsame Tag unstreitig der glucklichste meines Lebens.

Ich hatte inzwischen, ohne darauf Acht zu geben, den Ort mehr als Einmal verandert, und befand mich in einer Laube des Rosenwaldchens, wo ich endlich in der heissesten Stunde des Tages unvermerkt eingeschlummert war, als ich beim Erwachen einen Tisch mit verschiedenen Speisen und einem in Eis stehenden krystallnen Krug Wein vor mir sah, ohne gewahr worden zu seyn wie er hierher gebracht worden. Solltest du es glauben? aller seiner hohen damonischen Schwarmerei zu Trotz, fiel der bezauberte Liebhaber der himmlischen Venus mit der Esslust eines gemeinen Erdensohns uber die anziehend duftenden Schusseln her, und liess, wiewohl sie fur zwei massige Esser zureichend gewesen waren, nicht so viel ubrig, dass ein Schoosshundchen davon hatte satt werden konnen.

Lucian.

Diess ist gerade was mich von allen Symptomen deines damaligen Fiebers am wenigsten befremdet. Wiewohl man zu glauben pflegt, bezauberte Personen bedurften weder Speise noch Trank, so bin ich doch uberzeugt, dass bei der verliebten Art von Bezauberung gerade das Gegentheil stattfindet, und dass von allen Arten der Liebe keine mehr Aufwand von Lebensgeistern verursacht, und also ihre oftere Ersetzung nothwendiger macht, als die Platonische. VielTage so reichlich bei dir floss, war diese ausserordentliche Esslust auch eine geheime Ahndung, dass du zu den neuen, vermuthlich nahe bevorstehenden Mittheilungen der Gottin einer solchen Vorbereitung nothig haben konntest.

Peregrin.

Wie dem auch gewesen seyn mag, so zweifle ich nicht, dass Hippokrates oder Galenus diese Begebenheit sehr naturlich gefunden haben wurden. Was ich dir ubrigens fur gewiss sagen kann, ist, dass die Schusseln leer waren, bevor ich ein Wort davon wusste, und dass die erhabenen Traume meiner Phantasie sehr wenig durch dieses animalische Geschaft unterbrochen wurden. Wirklich habe ich in spatern Zeiten oft die Bemerkung gemacht, dass Seele und Leib bei der Art von Menschen, unter denen ich damals keiner der geringsten war, eine ganz eigene Wirthschaft zusammenfuhren. Bald treibt jedes seine Geschafte fur sich, ohne von dem andern die mindeste Kenntniss zu nehmen; bald vertauschen sie unvermerkt ihre Rollen mit einander; bald leben sie in offenbarer Fehde; aber ehe man sich's versieht, sind sie wieder so warme Freunde, dass nichts in der Welt ist, was sie nicht fur einander zu thun oder zu leiden bereit waren. Doch vergib, dass ich dich mit unnothigen Bemerkungen aufhabe, und in der That einer seltsamen Auflosung der Rathsel nahe bin, womit ich dir eine Weile her den Kopf warm zu machen genothigt war.

Ob es bloss eine Folge der naturlichen Veranderlichkeit der menschlichen Seele war, die sich nicht lange in einer und eben derselben Stimmung erhalten kann, oder ob die betrachtliche Verstarkung, die der Strom meiner Lebensgeister so eben erhalten hatte, das Ihrige dazu beitrug, gewiss ist, dass die halcyonische Stille56, welche in der erste Halfte des Tages mein Gemuth, wie ein heitrer wolkenloser Himmel die Erde unter ihm, umgeben hatte, sich in der andern Halfte unvermerkt verlor. Ein geheimer Drang, ein unruhiges Sehnen, das mit jeder Stunde des sich neigenden Tages zunahm, trieb mich hin und her, und liess mich nirgends lange verweilen. Das Bild der Erscheinung, die ich in der letzten Nacht gehabt hatte, stand wieder mit neuer Lebhaftigkeit und mit neuen unbeschreiblichen Reizen vor meiner Stirne. Aber das atherische Licht, worin es mir diesen Morgen vorschwebte, war nicht mehr. Ich sah die Gottin in einer Beleuchtung, die ihre Schonheit mehr zu verkorpern, ihren Reizungen einen Zauber zu geben schien, dessen Gewalt ich noch nie so lebhaft gefuhlt hatte. Das Verlangen sie wieder zu sehen wurde immer feuriger, immer ungeduldiger. Oft breiteten sich meine Arme unfreiwillig aus sie zu umfangen. Ich sprach mit ihr, sagte ihr alles was die hochste Schwarmerei der ersten Liebe dem Liebhaber einer Gottin eingeben kann, schweifte im ganzen Hain umher, und befand mich immer unvorsetzlich vor der Thur des Tempels. Je naher die Sonne ihrem Niedergang kam, desto langer wurde mir jede Minute, welche sie noch uber dem Horizont verweilte. Eine geheime Ahndung die im Grunde wohl nichts andres war als das instinctmassige Harren dessen was wir sehnlich wunschen hiess mich von dem Besuche, den ich diese Nacht wieder in dem Tempel machen wollte, irgend eine neue noch grossere Gunst der Gottin hoffen. In jener ersten Erscheinung hatte sie bloss den Versuch gemacht, wie viel meine Sinne von ihrer Gegenwart ertragen konnten. Vielleicht, dachte ich, lasst sie sich diessmal langer, vielleicht in einem noch mildern Glanze sehen; vielleicht nahert sie sich mir, wurdigt mich einer Anrede, lasst mich aus ihren eigenen gottlichen Lippen horen, was ich thun muss, um unmittelbarerer, vollkommnerer Mittheilungen wurdig zu werden. Wahr ist's, dass ich mir von diesen Mittheilungen nur sehr dunkle, oder, besser zu reden, gar keine Vorstellungen machen konnte: aber die Wirkung dieses dunkeln Vorgefuhls auf mein Gemuth war nur desto gewaltiger, und mein Wesen erlag beinahe unter der unnennbaren Wonne des Gedankens, von Venus Urania geliebt zu seyn so wie mir in der That die Sprache zu gebrechen anfangt, da ich dir mit einiger Wahrheit schildern mochte, was in diesem seltsamen Zustande mit mir vorging.

Lucian.

Es ist freilich schwer von unnennbaren Dingen zu sprechen, und von ausserordentlichen Gefuhlen einem andern, der in seinem Leben nichts Ausserordentliches gefuhlt hat, einen Begriff zu geben. Ich entbinde dich also eines vergeblichen Versuchs um so lieber, da du mir bereits genug gesagt hast, um sehr deutlich einzusehen, dass du, mit aller moglichen Bestrebung, dem Blinden, den du vor dir hast, keinen anschaulichern Begriff von den Farben der unsichtbaren Gegenstande, die du ihm schilderst, mittheilen konntest.

Peregrin.

Ich verstehe den Wink, und werde in meiner nachsten Beschreibung, wo nicht so deutlich, doch wenigstens so kurz als moglich seyn.

Dritter Abschnitt.

Peregrin.

Die Sonne war nicht lange untergegangen, als ich mich nach den gewohnlichen Vorbereitungen auf den Weg zum Tempel machte. Aber, wie gross meine Ungeduld nach diesem Augenblick gewesen war, so befiel mich doch, da ich unter den Saulengang trat und im Begriff war den Schlussel in die Pforte zu stecken, ein so wunderbares Schaudern, dass ich wieder umkehren, und den langen Gang von Pomeranzenbaumen zwei- oder dreimal hin und her gehen musste, bis ich Muth genug gefasst hatte, die Pforte aufzuschliessen.

Ich fand das Innerste des Tempels nur schwach beleuchtet, ohne zu sehen wo das Licht herkam; der Amor mit der Fackel fehlte, und die tiefe bogenformige Blende, wo das Bild der Gottin zu stehen pflegte, war mit einem purpurnen Vorhang bedeckt.

Mit hochschlagendem Herzen stand ich in ehrfurchtsvoller Entfernung, die Augen auf den Vorhang geheftet, als er von zwei eben so schnell erscheinenden als verschwindenden Liebesgottern plotzlich aufgezogen wurde, und die Gottin in ihrer gewohnlichen Stellung meinen entzuckten Augen zeigte. Der einzige Unterschied war, dass sie nicht auf ihrem Fussgestelle, pich belegten Erhohung stand, zu welcher man auf zwei niedrigen Stufen emporstieg.

Wahrend ich dieses Ideal der hochsten Schonheit mit einer Liebe und einem Verlangen, als ob ich es mit meinen Augen einsaugen wollte, betrachtete, schien mir's, die Statue belebe sich unvermerkt unter meinen Blicken; ihre Augen funkelten von einem uberirdischen Lichte, ihr Busen schien sich zu heben, und eine liebliche Rothe alle Lilien ihrer nach dem schonsten Ebenmasse gebauten Glieder in Rosen zu verwandeln.

Du wirst mir gern glauben, dass mein Gefuhl bei dieser Erscheinung mochte sie nun Tauschung oder Wahrheit seyn alle Beschreibung zu Schanden machen wurde. Von einem unwiderstehlichen Zug uberwaltigt wagte ich es endlich, mich ihr mit zogernden Schritten zu nahern; ein unbeschreiblich susser Blick schien mich dazu einzuladen, und in eben dem Augenblicke, da ich meinen unfreiwillig sich offnenden Armen nicht langer gebieten konnte, breiteten sich die ihrigen gegen mich aus. Ich flog ihr entgegen, schlang jeden gluhenden Arm um ihren Leib, fuhlte ihren elastischen Busen den meinigen umwallen; dieses gottliche Feuer, das die ganze Natur beseelt, blitzte und stromte aus ihr mit einer Wollust, die ich nicht ertragen konnte, in mein ganzes Wesen uber, alle meine Sinne taumelten, alle Bande meines Korpers los'ten sich auf, meine Augen erloschen, und ich verlor alles Gefuhl meiner selbst.

Lucian.

Eine seltsame Geschichte! und im Grunde doch die gemeinste von der Welt. Alles kommt bei diesen Dingen auf die vorhergehenden und begleitenden Umstande, und vornehmlich auf die Beschaffenheit und Stimmung des Subjects an. Indessen muss ich gestehen, Peregrin, du warst ein glucklicher Erdensohn; und ware deine Verbrennung zu Harpine die einzige Bedingung gewesen, unter welcher das Schicksal dir erlaubt hatte solche Erfahrungen zu machen, du hattest sie wahrlich nicht zu theuer bezahlt! Wenn die Sterblichen eines Genusses fahig sind, der ihnen das Gluck sich zu vergottern gibt, so ist es das, was du in diesen Augenblicken erfuhrst.

Peregrin.

Die Vergotterung, lieber Lucian, erfolgte erst, als sich der Todte, ohne zu wissen wie ihm geschah, auf einem zugleich ausserst weichen und elastischen Ruhebette in den Armen der Gottin wiederfand. Aber uber diese Mysterien versiegelt (mit der Hohenpriesterin Dioklea zu reden) das heilige Schweigen meine Lippen. Alles was ich dir schuldig zu seyn glaube, ist, dich nicht langer in der Ungewissheit zu lassen, wer diese irdische Venus Urania war, die den unbedeutenden Sohn eines Burgers von Parium, mit einem solchen Aufwand von wunderbaren Anstalten und theurgischen Vorbereitungen, zu ihrem Adonis zu machen wurdigte.

Ohne Zweifel musst du schon selbst gefunden haben, dass dein Verdacht irre ging, da er auf die ehrwurdige Tochter des Apollonius fiel. Ware die Priesterin und die Gottin nur eine und eben dieselbe Person gewesen, so musste ich den Betrug schon bei der ersten Theophanie, da sie mir mit ihren Grazien in der Wolke erschien, und noch deutlicher in dem Augenblicke, da ihre Bildsaule sich so unverhofft fur mich belebte, nothwendig entdeckt haben, und sie hatte sich also dieser Mittel zu meiner Bezauberung nicht bedienen konnen. Denn, wiewohl Dioklea, den Mangel der Jugend abgerechnet, eine sehr schone Frau genannt werden konnte, so sah sie doch der Bildsaule nicht gleich; hingegen war die Aehnlichkeit des Bildes mit der Gottin, die ich in den Wolken sah und in der Blende des Tempels umarmte, durchaus in allen Theilen, Formen und Zugen so vollkommen, dass das Leben allein den Unterschied zwischen dem einen und der andern machte.

Wisse also, Freund, dass der heilige Hain, die Felsenwohnung der Dioklea, die Garten um sie her, und der Tempel der Venus Urania einen Theil eines grossen Landgutes ausmachten, welches, nebst vielen ansehnlichen Landereien in Ionien, Karien, Lycien und auf der Insel Rhodus, das Eigenthum einer edlen Romerin war, die hier, im Mittelpunkt ihrer Besitzungen und in der vollkommensten Unabhangigkeit, den Rest ihrer Jugend, und die Reichthumer, die ihr ein betagter Gemahl hinterlassen hatte, nach einem eigenen, romantischen, aber (wie du gestehen wirst) nicht ubel ausgedachten Plane zu geniessen beschlossen hatte. Sie nannte sich Mamilia Quintilla, und wurde in den Zeiten eines Caligula, Claudius oder Nero durch ihre ausserordentliche Schonheit sich eben so leicht zu dem Range der Poppeen57 und Messalinen erhoben haben, als es ihr unter der Regierung Hadrians gelang, sich mit Aufopferung ihrer ersten Bluthe an einen alten Romischen Ritter, der durch Handelschaft, Gluck und Pachtung der Staatseinkunfte ganzer Provinzen in Asien ein unermessliches Vermogen zusammengebracht hatte in wenig Jahren zur Erbin desselben zu machen.

Wenn die Dame Mamilia Quintilla den besagten Kaiserinnen, ausser der Schonheit, noch in einer andern Eigenschaft, die ihren Ruhm bei der Nachwelt mehr als zweideutig gemacht hat, ahnlich war, so ist wenigstens nicht zu laugnen, dass sie einen so sinnreichen Geschmack in der Art, wie sie ihre Lieblingsleidenschaft befriedigte, und so viel Feinheit in der Wahl der Personen, welche sie dazu vonnothen hatte, zeigte, dass es nicht gerecht ware, sie mit jenen ubel beruchtigten Augusten, oder andern Romerinnen ihrer zahlreichen Classe, in eben dieselbe Linie zu stellen. Ihre Phantasie hatte, wie die meinige, in fruher Jugend einen gewissen dichterischen Schwung bekommen: und da sie vermuthlich von den Tischfreunden ihres alten Tithons oft genug mit der Gottin von Cythere verglichen worden war; so mochte ihr, als sie sich mit zwanzig Jahren, in der Fulle des Lebens und der Schonheit frei, und im Stande sah jeder ihrer Neigungen und Launen ein Genuge zu thun, der Gedanke leicht genug gekommen seyn, sich einiger Vorrechte dieser Gottin anzumassen, und die Freuden, welche sie zu empfangen und zu geben gleich geschickt und geneigt war, einer gewissen idealischen Vollkommenheit so nahe zu bringen, als es einer Sterblichen nur immer moglich seyn konnte.

In dieser Absicht hatte sie ihre Villa zu einem wahren Zauberpalast, und den weitlauftigen Bezirk, der zu derselben gehorte, zu lauter Idalischen Hainen58 und zu einem zweiten Daphne59 umgeschaffen. Die prachtigen Gebaude, woraus die Villa bestand, waren mit einer zahllosen Menge wunderschoner Knaben zwischen acht und zwolf, und reizender Madchen zwischen zwolf und sechzehn Jahren angefullt, die sie aus allen Provinzen des Romischen Reichs mit der eigensinnigsten Auswahl hatte zusammen kaufen lassen. Kein Furst konnte sich ruhmen, schonere Stimmen und Instrumente, vollkommnere Tanzerinnen, bessere Koche, und geschicktere Kunstler von allen Gattungen die dem Vergnugen und dem Luxus dienen, in seinen Diensten zu haben, als die schone Mamilia; und sie hatte sich der letztern so gut zu bedienen gewusst, dass ihr Palast und ihre Garten eben so vielen kunstlichen Scenen glichen, wo alles zu jedem Schauspiel, jeder Theaterveranderung, die zu ihrer Absicht nothig seyn konnten, aufs sinnreichste eingerichtet und vorbereitet war. Und wie es von Zeit zu Zeit solche Gunstlinge der Glucksgottin gibt, zu deren Vortheil alle Zufalle sich miteinander verabredet zu haben scheinen, so musste es sich fugen, dass auch diese Romerin, deren Einbildung auf einen so romantischen Lebensgenuss gestimmt war, die einzige Griechin antraf, die ganz dazu gemacht war, ihr zu Ausfuhrung ihrer feinsten und sonderbarsten Ideen behulflich zu seyn.

Doch, ich will mir nicht langer selbst durch eine nahere Erklarung zuvor eilen, die noch zeitig genug an ihrem rechten Orte kommen wird. In den Augenblicken, wo die Erzahlung meiner Abenteuer stehen geblieben ist, war ich noch unendlich weit von dem leisesten Argwohn entfernt, dass ich in allem dem Ausserordentlichen, was mir seit einigen Tagen begegnete, nur das Spielzeug einer phantastisch-wollustigen jungen Romerin und einer alternden Griechischen Schauspielerin seyn konnte. Freilich wurde jeder andere, der nicht so ganz unerfahren in den Angelegenheiten der Gottin von Cythere gewesen ware als ich, durch eine solche Entwicklung des Lustspiels auf einmal ins Klare gekommen seyn: aber bei mir stieg gerade durch das, was jedem andern die Augen geoffnet hatte, die Tauschung auf den hochsten Grad. So glucklich, als ich in den Armen der schonen Mamilia war, konnte, meinem Gefuhle nach, nur die Gottin der Liebe machen, und nur ein Halbgott konnte unter solchem Uebermass von Wonne nicht erliegen. Wirklich wandte die schlaue Romerin alles an, mich nicht einen Augenblick aus dieser Berauschung aller Sinne zu mir selbst kommen zu lassen; und die Leichtigkeit, womit es ihr gelang, schien etwas so Neues fur sie zu seyn, dass sie (ohne einige tauschende Kunste von meiner Seite) endlich selbst versucht war, mich fur etwas mehr als einen Sterblichen zu halten.

Indessen, da sogar die Gotter von Zeit zu Zeit nothig haben, der unverloschbaren Flamme ihrer ewigen Jugend etwas Nektar und Ambrosia zuzugiessen, so erschienen, vermuthlich auf irgend ein geheimes Zeichen, plotzlich eben die drei lieblichen Madchen, die bei ihrer ersten Theophanie die Grazien vorgestellt hatten, und boten uns auf goldenen Schalen und in zierlichen Gefassen von geschliffenem Krystall Erfrischungen an, die einen bei grosser Frugalitat auferzogenen Burger von Parium sehr leicht in dem Wahn erhalten helfen konnten, dass er in die Wohnung der Liebesgottin versetzt sey. Die Grazien liessen uns wieder allein, und kurz, Freund Lucian, als ich nach einem kleinen Schlummer wieder erwachte, war der Tag angebrochen, die Gottin verschwunden, und ich befand mich, ohne zu wissen wie, von einem Gewimmel kleiner Amoretten umschwarmt, in einem lauen Bade, dem vermuthlich einige Tropfen Rosenol den ambrosischen Wohlgeruch mittheilen, der auch hier nicht fehlte, sich mit so vielen andern Umstanden zu vereinigen, um meine Sinne in immer wahrender Trunkenheit und Tauschung zu erhalten.

Lucian.

In der That scheint die Circe, in deren Schlingen du gefallen warst, an Alles gedacht zu haben.

Peregrin.

Nachdem ich das Bad verlassen hatte, und in einem daranstossenden kleinen Gemache mit einer sehr zierlichen Kleidung von Fuss auf angethan worden war, offnete sich eine Thur, und ich befand mich in einem grossen Parterre, in welches Flora alle ihre schonen Kinder zum Vergnugen der Gottin der Liebe versammelt hatte. Eine Menge kleiner Zephyre, die unter den Blumen umher schwarmten, hupften mir mit Kranzen und Straussen entgegen, und fuhrten mich, in tausend lieblichen Gruppierungen vor mir hergaukelnd, durch einen kleinen Wald von immer bluhenden Citronenbaumen, auf eine sanft emporsteigende Anhohe, wo ein prachtiger doppelter Saulengang sich um einen grossen Platz herumzog, in dessen Mitte ein Brunnen, mit Gruppen von vergoldetem Erze geziert, das schonste Wasser in ein geraumiges Becken von Jaspis ausstromte.

Ich folgte meinen kleinen Fuhrern in einem Zustande von Begeisterung, den du dir eher einbilden kannst, als ich ihn beschreiben konnte. In meinem Leben hatte ich mich nie so leicht gefuhlt; mir war als ob ich mit scharfern Augen sahe und mit feinern Ohren horte, oder vielmehr als ob ich jetzt erst zu leben anfinge, und mit jedem Augenblick ein neuer Sinn, eine neue Quelle geistiger Gefuhle sich in mir aufthate.

Lucian.

Eine sehr naturliche Folge der unmittelbaren Mittheilungen der Liebesgottin bei einem zwanzigjahribisheriges Leben, und vornehmlich durch die guten Dienste einer Tochter des Apollonius, vorbereitet war, auf eine so angenehme Art mit der Wahrheit selbst getauscht zu werden!

Peregrin.

Im Grunde des Platzes erhob sich zwischen den zwei Bogen, die der Saulengang zu beiden Seiten machte, ein Pavillion von Frygischem Marmor, aus dessen weit offner Pforte mir zwei Chore junger Nymphen singend und tanzend entgegen kamen, die mich in diesem Palast, als meiner kunftigen Wohnung, willkommen hiessen, und das Gluck des neuen Adonis priesen. Sie entschlupften mir wieder aus den Augen, und ganze Schwarme neuer Amorinen und Zephyretten hupften von allen Seiten herbei, um mich in den schimmernden Marmorsalen und zierlichen Gemachern meiner neuen Wohnung herum zu fuhren, welche mit dem Reichsten und Ausgesuchtesten, was alle der Wollust dienstbaren Kunste zu Befriedigung des feinsten Geschmacks, der uppigsten Phantasie und der verwohntesten Sinnlichkeit erfunden haben, bis zur Verschwendung angefullt war. Aber weder das alles, noch die Menge der schonen Gemalde, Bildsaulen und Hermen, womit die Galerie ausgeziert war, konnten mehr als einen fluchtigen Ueberblick von mir erund suchten sie vergebens. Der einsamste Busch, die dunkelste Hohle, wo ich mich ungestort dem Anschauen ihres Bildes, das sich mir aus meiner eignen Seele entgegen spiegelte, und den sussen Erinnerungen, die keinem andern Gedanken Raum gaben, uberlassen konnte, ware mir tausendmal lieber gewesen als alle diese Herrlichkeiten.

Ich eilte also wieder in die Garten, warf mich neben einer Quelle, die aus der Urne einer schonen marmornen Nymphe sprudelte, unter ein dichtes Gewolbe von hohen Baumen und duftenden Gebuschen, und verlor mich im Gefuhl meines Gluckes, in einer Art von Entzuckung, woruber vielleicht alle andere Bedurfnisse vergessen worden waren, wenn die Liebesgotter, die mir zugegeben waren, mich nicht zur gewohnlichen Zeit zu mir selbst gebracht, und zu einer Tafel gefuhrt hatten, die unter einem dichten Laubgewolbe fur mich bereitet war. Die lieblichste Musik unterhielt mich, ohne dass ich sah woher sie kam, wahrend ich meine durch die hochste Kunst des Komus gereizte und befriedigte Esslust stillte, und dauerte, sich unvermerkt entfernend, noch lange fort, nachdem die Tafel und die Amorinen wieder verschwunden waren. Endlich uberschlich mich eine wollustige Mattigkeit, und ich verschlummerte die heissen Stunden des Tages unter den geistigsten Traumen, die vermuthlich jemals ein aus den ersten Umarmungen seiner Gottin kommender Verliebter getraumt hat. Ich erwachte wieder um die Zeit, da die Sonne ungefahr noch den sechsten Theil ihrer taglichen Reise zu vollenden hat, und eilte mit aller Munterkeit und Ungeduld, die ein Vorrecht unverdorbener Jugend ist, meine angebetete Gottin so lange zu suchen bis sie sich finden liesse. Ein anmuthiger Schlangengang fuhrte mich auf einem sanften Abhang unvermerkt in ein enges von buschigen Felsen umringtes Thal

Lucian.

dessen Beschreibung ich dir erlasse, wie romantisch es auch ohne Zweifel gewesen seyn wird.

Peregrin.

Daran thust du mir einen grossen Gefallen, lieber Lucian; denn in der That sah ich von allen seinen romantischen Schonheiten so viel als nichts, weil ein ganz anderes Schauspiel sich meiner Augen bemachtigte, und, hatte ich ihrer auch so viele gehabt als Argus60, sie alle zugleich angezogen und beschaftigt haben wurde. In einer der Felsenwande, die diess liebliche Thal von jeder andern Seite als der, woher ich hinein gekommen war, unzugangbar machten, hatte die Kunst eine hohe und geraumige Grotte, und in dieser Grotte ein so schones, heimliches und einladendes Bad erschaffen, als sich irgend eine Gottin zu ihrer Erfrischung in den gluhenden Tagen des Sommers nur immer wunschen konnte. In einem Gebusche von Rosen und Myrten, das die Grotte umgab, umherirrend, war ich ihr nahe genug gekommen, um durch ein leichtes Platschern nach der Ursache desselben neugierig zu werden, und wen anders als meine Gottin? in eben der Lage zu erblicken, worin eine nicht so gefallige Unsterbliche uberrascht zu haben dem unglucklichen Aktaon61 einst so ubel bekam. Wiewohl ich nun, allem Ansehen nach, kein ahnliches Schicksal zu besorgen hatte, so hielt mich doch Ehrfurcht und Entzucken bei diesem unverhofften Anblick so gefesselt, dass ich mir kaum zu athmen getraute aber glucklicher Weise war das Gebusche zugleich so dunkel und so durchsichtig, dass ich sehen konnte ohne gesehen zu werden.

Lucian.

Man sollte denken, deine Augen mussten durch die Bildsaule, die der Gottin so ahnlich war, mit ihrer Gestalt schon so bekannt gewesen seyn

Peregrin.

Bekannt? O ja; aber was fur ganz andere Augen hatte mir die letzte Nacht gegeben! Welch ein Unterschied! Nicht geringer, als ob einer in ein Buch schaute, dessen Charaktere ihm unbekannt waren, oder ob er die Sprache und die Zeichen verstande, worin es geschrieben ist.

Lucian.

Du hast Recht, Peregrin! daran dachte ich nicht, und das macht doch in der That, selbst fur einen so kalten Anschauer der Schonheit als ich und meines gleichen, einen grossen Unterschied.

Peregrin.

Zudem vereinigten sich hier noch verschiedene kleine Umstande, die Schonheit der Gottin in ein Licht zu setzen, worin ich sie noch nie gesehen hatte. Die Grazien, die ich in immer abwechselnden Gruppierungen um sie her beschaftigt sah, waren bekleidet; zwar leicht und nymphenhaft, aber doch genug, um mit allen ihren Reizen eine Art von Schatten zu machen, der die unverhullte Schonheit der Gottin desto mehr erhob. Ueberdiess war die Zeit dieser neuen Theophanie so schlau gewahlt worden, dass ein Strom von Sonnenstrahlen zwischen den Felsenspalten gerade in die gegenuber liegende Grotte fiel, und eine Glorie auf die badende Gottin warf, die meine Bethorung hatte vollenden mussen, wenn noch etwas daran zu vollenden gewesen ware.

Lucian.

Du glaubst also, dass auch diese Bade-Scene absichtlich angelegt war?

Peregrin.

Ohne Zweifel; denn ich hatte (wiewohl ich damals nicht darauf merkte) immer den einen oder andern sichtbaren oder unsichtbaren Amor neben mir, oder uber mir, oder hinter mir, der auf alle meine Bewegungen Acht gab, und kraft dieser Vorsicht konnte Quintilla genau wissen, um welche Zeit ich ungefahr auf dem Spaziergang, den mir einer von ihnen gezeigt hatte, nicht weit von der Grotte anlangen wurde.

Die Gottin wurde ihrer Rolle eher mude als ihr Zuschauer der seinigen; sie verliess das Bad meiner Rechnung nach sehr bald, und nachdem sie von ihren Grazien wieder angekleidet worden war, wurden plotzlich auf ein gegebenes Zeichen alle Gebusche umher lebendig, und eine unzahlige Menge junger Nymphen und kleiner Amorinen eilte herbei, sie zuruckzubegleiten. Ich entfernte mich so schnell ich konnte; und als ich eine Weile darauf von einer andern Seite gegen den Pavillon zuruckging, fiel mir mitten in einem dunkeln Myrtenwaldchen ein kleiner Tempel in die Augen, vor dessen halb offner Pforte ein Amor, mit dem Zeigefinger auf den Lippen, stand. Er winkte mir, offnete die Pforte, schloss sie hinter mir zu, und ich befand mich in einem Augenblick zu den Fussen der Gottin, die in halb sitzender Lage auf einem thronformigen Ruhebette mich zu erwarten schien. Die Wollust selbst hatte dieses Gemach, wie zur Scene ihrer Siege, mit einem zauberischen Rosenlichte beleuchtet, dessen Quelle verborgen war; und ein Pausanias hatte etliche Blatter zu Beschreibung aller Wunder der Kunst, womit es ausgeziert war, verwenden konnen. Aber besorge nichts, Lucian; wiewohl das Ganze, auch bei einem unaufmerksamen Anblick, nothwendig eine wunderbare Wirkung that, so wurde ich doch nicht so viel von den Theilen gewahr, dass ich dir diese Wirkung begreiflich machen konnte; denn auch hier sah ich nur die Gottin.

Die in der letzten Nacht angefangene Einweihung in ihren Mysterien wurde in dieser vollendet: aber da ihr der Zwang ihrer Gottheit endlich lastig werden mochte, so verwandelte sich Venus Urania unvermerkt in die leibhafte Mamilia Quintilla; und, wiewohl in dem sussen Taumel, worin sie ihren Adonis zu erhalten wusste, selbst das Uebermass ihrer Gunsterweisungen die Tauschung eine Zeit lang beforderte, so kam doch endlich der Augenblick, wo die Erscheinung der Grazien eben so erwunscht als nothwendig war.

Sie erschienen auch wie gestern; aber mit ihrer Ankunft losete sich, leider! der Zauber auf, der meine Vernunft seit einiger Zeit so seltsam gebunden hatte. Ein gewisses spottelndes Lacheln, das ich in den Augen und Lippen derjenigen, die mir die Nektarschale anbot, uberraschte, machte mich stutzen. Ich betrachtete sie mit einer misstrauischen Aufmerksamkeit, heftete dann mit Besturzung meine Augen auf die Gottin, und glaubte o Himmel, welche Verwandlung! in der Grazie nur eine Cypassis62, und in der vermeinten Venus Urania nur eine sehr irdische Lais und Phryne zu entdecken.

Die plotzliche Veranderung, die bei diesem Gedanken in mir vorging, war zu gross, um einer Kennerin wie Mamilia unbemerkt zu bleiben: aber ohne das geringste Zeichen von Verdruss daruber sehen zu lassen, sagte sie bloss mit einem unbeschreiblich sussen Lacheln zu mir: du bedarfst der Ruhe, mein Geliebter! Und, auf einen Wink, den sie ihren Madchen zuwarf, hullte sie sich in einen grossen Schleier ein, und verschwand mit ihnen aus meinen Augen.

Wie bedurftig ich auch (nach dem Urtheil der schonen Mamilia) der Ruhe seyn mochte, so war doch in dem Zustande, worein mich meine so plotzliche wiewohl freilich sehr naturliche Entzauberung geworfen hatte, fur diese Nacht an keine Ruhe mehr zu denken. Der Fall eines Phaeton63, mit welchen Farben ihn auch ein Dichter ausmalen konnte, gabe nur ein schwaches Bild des Sturzes ab, den meine taumelnde Seele von der Spitze ihrer vergotternden Aussichten that, als der magische Nebel so auf einmal von meinen Augen niedersank. Keine Beschreibung konnte die Beschamung des betrognen Damons und den Unwillen erreichen, worin er uber sich selbst entbrannte, der Held einer lacherlichen Posse, das Spielzeug einer Bande leichtfertiger Weibsstucke gewesen zu seyn, die sich zusammen verschworen hatten, ihren Muthwillen mit seiner Unschuld und Aufrichtigkeit zu treiben.

Da meine Unerfahrenheit mich in diesem Augenblicke noch unwissend daruber liess, wie vielen Antheil vor zwei Tagen der Ueberfluss meiner Lebensgeister an meiner Bezauberung, und nun die Erschopfung an der Auflosung derselben hatte: so war es bei einem Menschen von meiner Vorstellungsart nicht wohl anders moglich, als dass ich von einem Aeussersten ins andere fiel, mich selbst sowohl als die Gegenstande, denen meine Phantasie und mein Herz unwissender Weise eine idealische Vollkommenheit geliehen hatte, auf einmal tiefer als recht war herabwurdigte, und indem ich mir alles, was seit acht Tagen mit mir vorgegangen, mit den kleinsten Umstanden ins Gedachtniss zuruckrief, nicht begreifen konnte, wie es moglich gewesen sey, dass ich die Kunst, womit Dioklea und die vorgegebene Gottin mir ihre Schlingen gelegt hatten, nicht viel fruher gewahr geworden. Der Unmuth, womit mich diese Gedanken erfullten, machte mir die Scene meiner Entgotterung unertraglich; ich floh in den entlegensten Theil des Waldes, der die Garten umgab, warf mich unter einen Baum, und hatte schon einige Stunden in dieser von meiner vorigen Wonne so stark abstechenden Gemuthslage hingebracht, als eine Erscheinung, deren ich mich gerade am wenigsten versah, den Lauf meiner krankenden Betrachtungen hemmte.

Es war die Tochter des Apollonius selbst, die mit der Ruhe und Unbefangenheit einer Person, welche keine Vorwurfe befurchtet weil sie keine verdient zu haben glaubt, auf mich zukam und mich anredete. Wie? sagte sie mit einer angenommenen Miene von Verwunderung, wie finde ich dich hier, Proteus? Mochtest du mich nie gefunden haben! antwortete ich, mein Gesicht mit einem tiefen Seufzer von ihr wegwendend. Ist's moglich, versetzte sie schalkhaft lachelnd, dass Proteus, nach allem was seit unsrer Trennung mit ihm vorging, eines so undankbaren Wunsches fahig seyn kann? "Undankbaren? Und du, kannst du nach dem schandlichen Betrug, den du mir gespielt hast, noch Dank erwarten?" Seltsamer Mensch! Wenn du das Betrug nennest, wo ist der Konig, der sich nicht glucklich schatzte so betrogen zu werden? Du bist mir unbegreiflich, Proteus! "Und du, Dioklea, oder wie du heissen magst denn warum sollte nicht auch dein Name, wie alles andere an dir, falsch seyn? kannst du laugnen, dass die Venus, in deren Arme du mich betrogen hast, eine "

Dioklea liess mich nicht vollenden was ich selbst nicht herauszusagen vermochte. Du bist in einer Laune, fiel sie ein, worin du nicht zu fuhlen scheinst, was dir zu sagen, oder mir anzuhoren geziemt. Und mit diesen Worten entfernte sie sich mit ihrer gewohnlichen Majestat, und liess mich in einem Zustande von Verwirrung und Unzufriedenheit uber meine eigenen Gefuhle, den ich mir selbst nicht hatte erklaren konnen. Genug, es zeigte sich bald, dass mein Unwille nicht lange gegen diese rathselhafte Frau aushalten konnte. Die Zuversicht mit der sie sich mir darstellte, ihr Anblick selbst, der edle Anstand womit sie dem Ausbruch meines Unmuths Einhalt that, alles an ihr gebot mir eine unfreiwillige Ehrerbietung; und so wie sie sich entfernte, wurden alle die wunderbaren und zauberischen Eindrucke wieder rege, die sie von unsrer ersten Bekanntschaft an auf mich gemacht hatte. Kurz, sie erhielt wieder ihre vorige Gewalt uber mich; und kaum hatte ich sie aus den Augen verloren, als ich in einer plotzlichen Anwandlung von Reue uber mein ungebuhrliches Betragen aufsprang, und ihr, zwar nicht ohne innern Kampf, aber wie von einer starkern Kraft fortgezogen, nachzugehen anfing.

Es wahrte eine ziemliche Weile, bis ich sie wieder zu Gesichte bekam. Sie sass, mit einer Nadelarbeit auf ihrem Schoosse, unter einer Laube des Myrtenwaldchens, und schien nicht zu bemerken dass ich ihr immer naher ruckte. Nachdem ich in einiger Verlegenheit eine Zeit lang hin und her um die Laube herumgegangen war, ohne dass sie sich nach mir umgesehen hatte, konnte ich mich nicht langer zuruckhalten hineinzutreten, und mich stillschweigend ihr gegenuber zu setzen. Sie schien meine Gegenwart noch immer nicht zu achten, und diese stumme Scene dauerte so lange bis ich zu seufzen anfing. War das nicht ein Seufzer, Proteus? sagte sie in einem scherzenden Tone. Du bist in der That sehr zu bedauern, dass man dich wider deinen Willen dahin gebracht hat, ein chimarisches Gluck gegen ein wirkliches, das alles was du dir jemals einbilden konntest ubertrifft, zu vertauschen! Ich glaube selbst, sagte ich, dass ich mich sehr glucklich finden wurde, wenn ich so denken konnte, wie du es jetzt zu verlangen scheinst. Glaubst du das? versetzte sie mit einem kleinen Nasenrumpfen. Aber, fuhr sie in dem ernsthaften Tone, den ich an ihr gewohnt war, fort, indem sie aufstand und auf den Pavillion zuging, wir sind jetzt nicht aufgelegt, von einem so zarten Gegenstande zu sprechen. Die Gebieterin dieses Ortes, von deren Stand und Vermogen du dir aus allem was du hier siehest die richtigste Vorstellung machen kannst, ist durch unvermuthete Geschafte nach Milet abgerufen worden, und hat mir aufgetragen, in ihrer Abwesenheit dafur zu sorgen, dass dir die Weile nicht lang werde. Wenn es dir nicht zuwider ist, wollen wir die Zeit bis zur Tafel mit Besehung der merkwurdigsten Dinge in dieser Villa hinbringen.

Hiermit nahm sie mich bei der Hand, fuhrte mich in die Galerie, die ich zuvor nur fluchtig ubersehen hatte, und zeigte mir, indem sie die mannichfaltigen Kunstwerke, welche Reichthum und Geschmack hier aufgehauft hatten, mit mir betrachtete, so viele Kenntnisse in diesem Fache, und bei jeder Gelegenheit, die sich dazu anbot, so viel Weltkunde und Bekanntschaft mit allen merkwurdigen Personen der Zeiten Trajans und Hadrians, dass die Bewunderung, die sie mir einflosste, mit jeder Minute hoher stieg, und alle Beschwerden, die ich gegen sie zu fuhren hatte, auf die Seite drangte. Kurz, Dioklea war so reich an Erfindung angenehmer Zerstreuungen, so unerschopflich an Unterhaltung wenn wir uns allein befanden, und so aufmerksam, jeden leeren Zwischenraum mit Musik, Tanzen, Pantomimen, oder den ubrigen Kunsten, die hier fur Mamiliens Vergnugen beschaftigt waren, auszufullen, dass mir die drei Tage, welche die Dame des Hauses abwesend war, wie einzelne Stunden vorbei kamen. Die Wolken, die mein Gemuth umzogen hatten, zerstreuten sich; meine Einbildung klarte sich wieder auf; die tausendfachen zauberischen Eindrukke, welche Natur und Kunst auf alle meine Sinne machten, gewannen unvermerkt die Oberhand, und ehe der zweite Tag voruber war, befand ich mich wieder so lebendig und so hohen Muthes als jemals; mit dem einzigen Unterschiede, dass die Gotternachte der Venus Mamilia einen Sinn, dessen geheime Forderungen mir so lange unverstandlich geblieben waren, in eine Thatigkeit gesetzt hatten, die sich nicht so leicht beruhigen liess, und sich nun des Einflusses und der Obermacht bemeisterte, in deren Besitz ehemals die Phantasie gewesen war. Warum sollte ich dir, da ich doch einmal im Bekennen bin, nicht alle meine Verirrungen und Bethorungen gestehen? Zwei Tage Abwesenheit, die Ruhe einer einsamen Nacht, und der uppige Ueberfluss einer Romischen Tafel hatten der schonen Mamilia in meiner Einbildung ihre ganze Gottheit wiedergegeben; ich sehnte mich nach ihrer Zuruckkunft: aber sie war abwesend, und die Tochter des Apollonius war gegenwartig. Ihre ehemalige priesterliche Feierlichkeit war mit der Binde um ihre Stirn verschwunden; sie hatte sich allmahlich ihrer naturlichen Lebhaftigkeit uberlassen; und so wie sie alle Reize ihres Geistes vor mir entfaltete, schien sie sich auch nicht langer verbunden zu glauben, mir aus den eben so mannigfaltigen Reizen ihrer Person langer ein Geheimniss zu machen. Nie waren vielleicht die Grazien einem Weibe holder gewesen als ihr, und in der Kunst, die Gunstbezeugungen der Natur mit Anstand in das vortheilhafteste Licht oder Helldunkel, und was der Zahn der Zeit etwa daran benagt haben mochte, in den schlauesten Schatten zu setzen, hatte sie schwerlich jemals ihres gleichen gehabt. Kurz, wiewohl sie die Halfte ihrer Jahre hatte abgeben mussen um die Gottin der Jugend vorzustellen, so blieb ihr doch mehr, als fur einen Neuling meiner Art nothig war, um in einer dammernden Rosenlaube oder in dem kleinen Tempel des Stillschweigens die Abwesenheit der Gottin Mamilia zu ersetzen.

Lucian.

Und sie machte sich vermuthlich eben so wenig Bedenken daraus, als der Neuling sich machte diese Untreue an seiner Gottin zu begehen?

Peregrin.

Er glaubte Mamilien keine Treue schuldig zu seyn. Aber die erfahrne Dioklea kannte die Manner zu gut, als dass sie ihm den Sieg, den er uber ihre Weisheit erhielt, nicht schwer genug zu machen gewusst hatte, um den Werth desselben in seinen Augen zehnfach zu verdoppeln. Soll ich dir noch mehr sagen? So lacherlich es in unserm dermaligen Stande seyn mag, von den Spielzeugen und Kurzweilen unsrer ehemaligen Kindheit mit einem gewissen Wohlbehagen zu sprechen, so kann ich mich doch der Tochter des Apollonius nicht ohne das Vergnugen erinnern, welches den Gedanken, irgend etwas Schones oder Gutes in seiner hochsten Vollkommenheit genossen zu haben, naturlicherweise begleitet. Wie weit war die Romerin auch in diesem Stucke unter der seiner organisierten, seelenvollern, erfindungsreichern Griechin, die, von allen Musen und Grazien mit ihren Gaben uberschuttet, einige Jahre lang unter andern Namen, als Mimentanzerin die Augenlust und der angebetete Liebling der halben Welt gewesen war!

Lucian.

Du kannst dich nun verbrennen wenn du willst, Peregrin! Du hast gelebt, und in einer einzigen Woche auf der Villa Mamilia zu Halikarnass des Lebens mehr genossen, als Millionen Menschen in der ganzen Zeit ihres Daseyns.

Peregrin.

Gut! Aber ehe wir zu jenem letzten und hochsten

Lebensgenuss, zu meinem Verbrennen kommen, Lucian, wirst du wohl noch einige Scenen meines Lebensmimus (wie es Casar Augustus nannte) anhoren mussen, die zur Vorbereitung dieses letzten Auftritts nothwendig waren.

Lucian.

Fur jetzt bin ich nur begierig zu sehen, wie du dich aus den Handen zweier so gefahrlichen Personen, als deine Venus Mamilia und ihre Priesterin zu seyn scheinen, retten wirst.

Peregrin.

Wiewohl Dioklea die priesterliche Maske mit der Gleichgultigkeit einer Schauspielerin, die ihre Theaterkleidung von sich wirft, abgelegt hatte, so war sie doch viel zu klug, meinen Enthusiasmus, durch dessen magische Wirkung sie Vortheile, die ihr nicht gleichgultig zu seyn schienen, uber mich gewonnen hatte, geradezu bestreiten zu wollen. Sie suchte ihm nur eine andere Richtung zu geben, und unvermerkt den Gedanken in mir zu veranlassen, dass es keine andere Gottinnen gebe als liebenswurdige Weiber, und keine hohere Magie als den Zauber ihrer Reizungen und des Instinkts der uns zu ihnen zieht; und diesem Plan zufolge fand sie fur gut, mir in einer vertraulichen Stunde den Schlussel zu dem ganzen Zauberspiele zu geben, dessen Held ich, ohne es zu merken, gewesen war.

Nachdem sie mir von Mamiliens Person und Charakter, und von ihrer eigenen Verbindung mit dieser Romerin, so viel als ich (ihrer Meinung nach) zu wissen brauchte, entdeckt hatte, sagte sie mir: diese Dame werde durch gewisse Kundschafter, welche sie zu Halikarnass und an verschiedenen noch entferntern Orten halte, so gut bedient, dass sie schon am ersten Tage meiner Ankunft eine ziemlich genaue Beschreibung meiner Person erhalten habe. Da ihre Aufmerksamkeit dadurch nicht wenig gereizt worden sey, habe sie nicht nur alle meine Schritte aufs genaueste beobachten lassen, sondern auch bald Mittel gefunden, aus meinem alten Diener (einem arglosen und kurzsinnigen Phrygier) so viel von meinen Lebensumstanden auszufischen, dass der Anschlag, sich meiner auf die eine oder andere Art zu bemachtigen, schon vor dem Empfang meines seltsamen Briefes an die gottliche Dioklea eine beschlossene Sache gewesen sey. Dieser Brief (sagte Dioklea), indem er die schone Romerin mit einem Charakter bekannt machte, der allen moglichen Reiz der Neuheit und des Wunderbaren fur sie hatte, trieb ihre Vorstellung von der Wichtigkeit deiner Eroberung auf den hochsten Grad, und zeigte uns zugleich den einzig moglichen Weg, auf welchem sie zu machen war. Wie viel Dank wurde jetzt dem Unbekannten gesagt, der vor mehrern hundert Jahren einen Theil der Waldungen, welche zu Mamiliens Halikarnassischen Gutern gehorten, der Venus Urania geheiligt hatte! Wie glucklich pries man sich, dass man den Einfall gehabt hatte, der Gottin, statt ihres alten in Ruinen gefallnen Capellchens, den schonen marmornen Tempel aufzufuhren, und ihn mit den Hauptgebauden der Villa, besonders mit demjenigen, welches zu theatralischen Vorstellungen eingerichtet war, in unmittelbare Verbindung zu bringen! Der Plan und die Ausfuhrung gab sich nun von selbst; und die wenigen Tage, die du in dem heiligen Hain und bei mir in meiner Felsenwohnung zubrachtest, waren vollig hinreichend, alle zu unserem Zauberspiele nothigen Maschinen in Bereitschaft zu setzen.

Du begreifst nun, fuhr Dioklea fort, wie naturlich es zuging, dass du auf deinen Brief ohne Namen eine Antwort mit der Aufschrift, an Peregrinus Proteus von Parium, auf deinem Schoosse fandest, als du im Hain aus einem Schlafe erwachtest, der, ohne dass du es merktest, sehr genau beobachtet worden war. Mamilia, die vor Ungeduld brannte den wunderbaren Jungling selbst in Augenschein zu nehmen, hatte ihn mit eigner Hand auf deinen Schooss gelegt. Der schlafende Endymion kann schwerlich seine Gottin starker bezaubert haben als du die deinige, da sie dich, wie in einem sussen Traume, in der schonsten Beleuchtung des durch einige Zweige gebrochnen Mondlichtes, vor sich liegen sah. Du wirst mir, da du die Lebhaftigkeit dieser feurigen Romerin nun kennst, gern glauben, dass ich alle Muhe von der Welt hatte, sie wieder wegzubringen, ehe sie sich, durch den Kuss den sie dir geben wollte, in Gefahr setzte, den schlummernden Traumer zur Unzeit aufzuwecken. Mir kostete diese Scene meinen Schlaf; denn ich musste den ganzen Rest der Nacht an Mamiliens Bette zubringen, um die Ergiessungen ihrer Leidenschaft anzuhoren, und ihre Ungeduld durch die Beschreibung aller Maschinen, die zu ihrem Vortheile zusammenspielen sollten, einzuschlafern. Wir konnten nicht zweifeln, dass die blosse Versetzung in einen so romantischen, mit lauter schonen Gegenstanden angefullten Ort, verbunden mit dem Scheine des Wunderbaren, den alles von sich werfen sollte, auf einen Neuling, den seine eigene Schwarmerei und die ihm unbewusste Magie des noch mit seiner ganzen Starke wirkenden Naturtriebes so ganz wehrlos in unsre Hande lieferte, schon sehr viel zur Beforderung unsers Anschlages thun wurde. Aber das meiste kam doch auf den ersten Eindruck an, den die Tochter des Apollonius bei der ersten Zusammenkunft auf dich machen sollte; und daher wurden auch (wie du dich erinnern wirst) alle Umstande so gewahlt und verbunden, dass sie die verlangte Wirkung thun mussten, und dass keiner hatte fehlen durfen, ohne dieser etwas von ihrer Starke zu benehmen. Alles musste mit deinen enthusiastischen Ideen zusammen klingen, alles musste sie wahr machen und immer hoher spannen, alles in deinen Augen ungewohnlich und wunderbar seyn und dir doch naturlich vorkommen, alles ubereinstimmen deine Vernunft vollends zu betauben, und deine bezauberte Seele mit ungewissen Erwartungen, neuen entzuckenden Gefuhlen, und dumpfer Ahndung der hohen Mysterien, die der Gegenstand deiner Wunsche waren, anzufullen. Bei einem so arglosen, so unerfahrnen, so schwarmerischen Jungling war wenig zu besorgen, dass er das Maschinenspiel, wodurch er gefangen werden sollte, so leicht entdekken wurde: aber du wirst dich nun auch hintennach erinnern, wie sorgfaltig alles darauf angelegt war, dir eine solche Entdeckung unmoglich zu machen. Unsere Nymphen und Amoretten, die gewandtesten Geschopfe von der Welt, waren jedes zu seiner Rolle aufs beste abgerichtet. Die Beschaffenheit des Ortes, und die Art, wie die Garten der Villa von dem geheiligten Hain und dem Bezirke, der die Felsenwohnung umgibt, abgesondert sind, liess dich nicht ahnden, dass eine solche Villa in der Nahe sey. Wiewohl der hintere Theil des Tempels, der dem Anschein nach an einen Felsen angelehnt ist, unmittelbar mit derselben zusammenhangt, so war diese Verbindung doch durch die dichten Gebusche und hohen Baume, die den Tempel umgeben, so gut versteckt, dass sie ohne eine sehr genaue Untersuchung schwerlich entdeckt werden konnte; und sowohl damit du hierzu keine Gelegenheit finden mochtest, als um die gute Wirkung der Theophanien, womit wir dich beglucken wollten, zu befordern, wurde dir gleich anfangs zum Gesetz gemacht, dass der Tempel nur nach Sonnenuntergang besucht werden durfe. Die Bildsaule der Gottin war schon lange zuvor nach dem Modell der schonen Mamilia verfertigt worden, und eine jede andere, ware es auch die Knidische selbst gewesen, wurde zu unserer Absicht nichts getaugt haben. Ohne Zweifel ware diese Absicht eben so wenig erreicht worden, wenn sie dir bei Tageslicht und an einem andern Orte, als das Bild irgend einer schonen Romerin, gezeigt worden ware. Aber nachdem die Idee der Gottin in deiner Phantasie nun einmal mit diesem Bilde zusammengeschmolzen war, und Mamilia, sogar im Marmor, schon beim zweiten Besuche deine Sinne so stark beunruhiget hatte: so durften wir es wagen, sie dir mit ihren Grazien in eigener leibhafter Person, wiewohl in Wolken und in einem ubernaturlich scheinenden Lichte, erscheinen zu lassen, und konnten um so gewisser seyn, dass die abgezielte Tauschung bei dir erfolgen, und dass dir selbst der Taumel deiner Sinne als eine naturliche Folge der vermeinten Theophanie erscheinen werde, da du, zu allem Ueberfluss, durch die zwischen uns vorgefallenen Unterredungen (deren du dich vermuthlich noch besinnest) so trefflich zu dieser Scene vorbereitet warst. Denn du wirst nun leicht begreifen, warum ich zu eben der Zeit, da ich dich des Wohlgefallens der Gottin an der Reinheit deiner Empfindungen versicherte, mir so angelegen seyn liess, dich zu uberzeugen, dass es in ihrem Belieben stehe, durch welche Art von Einwirkung sie sich dir mittheilen wolle. Spitzbubin! rief ich (wiewohl mit einer Umarmung, die ich ihrer reizend schalkhaften Miene nicht versagen konnte), ich erinnere mich noch deiner eigensten Worte: "ist die Liebe, die sie dir eingeflosst hat, nicht ihr eignes Werk? Kann Liebe ohne Verlangen, Verlangen ohne Ausdruck seyn? Die reinste Liebe Venus Urania kann keine andere erwecken veredelt und verfeinert die Sinne, erhoht und begeistert sie, aber vernichtet sie nicht." Du hast ein treffliches Gedachtniss, versetzte sie lachelnd: vermuthlich verstehst du nun auch, nachdem wir dir den Schlussel nicht nur zu dem was mit dir vorgenommen wurde, sondern auch zu dem was in dir vorging, gegeben haben was ich damit meinte, als ich zu zweifeln schien, "ob du auch einer so rein und ganz sich hingebenden Liebe, wie die Gottin verlange, fahig seyest?" Und gleichwohl, bei allen diesen Tauschungen, glaubtest du nicht, als dir Mamilia mit ihren drei Madchen in der helldunkeln Wolke von gemalter Leinwand erschien, die Gottin der Liebe selbst mit ihren ewig jugendlichen Grazien zu erblicken? und kannst du laugnen, dass dich diese vermeinte Theophanie unaussprechlich glucklich machte? Weil ich sie fur Theophanie hielt, fiel ich ihr ins Wort. O dass ihr mich doch ewig in diesem Wahne gelassen hattet! Sey versichert, antwortete Dioklea, es ware geschehen, wenn nicht die Natur selbst es unmoglich gemacht hatte, nach dem hochsten Grade von Genuss, dessen die Sinne fahig sind, noch langer getauscht zu werden. Aber, wer wollte sich, wenn er so glucklich geworden ist als es ein Sterblicher seyn kann, noch beklagen, dass man ihn nicht gar zum Gott gemacht hat? Und zudem, hattest du nicht, in den Stunden da sich die Gottin in Mamilien verwandelte, Augenblicke, worin du dich wirklich vergottert fuhltest? "O da war mir Mamilia noch immer die Gottin selbst." Und sollte sie es nicht, trotz aller Aufschlusse die du bekommen hast, wieder werden konnen? sagte Dioklea.

Die Zuruckkunft der schonen Romerin, die dieser sonderbaren Unterredung ein Ende machte, verfehlte die Wirkung nicht, welche die Tochter des Apollonius von ihren Reizungen und meiner starken Anlage, immer auf eine oder andere Art zu schwarmen und getauscht zu werden, erwartete. Meine Verfuhrerinnen glaubten die ausserordentlichen Mittel, die nun nicht langer zu gebrauchen waren, auch nicht langer nothig zu haben. Sie hatten den Zauber, der vorher auf meiner Einbildungskraft lag, nun auf meine Sinne geworfen, und zweifelten nicht, in der fortwahrenden Trunkenheit, worin sie mich durch immer abwechselnden Genuss der ausgesuchtesten Vergnugungen zu erhalten wussten, mich unvermerkt dahin zu bringen, dass meine vorige Denkungsart mir selbst endlich eben so lacherlich werden musste als sie ihnen war. Kurz, sie hofften mich aus dem eifrigsten Verehrer und Nachahmer des Pythagoras und Apollonius in den ausgemachtesten Epikuraer zu verwandeln. Auch in den Kunsten, die zu einer solchen Operation erfordert wurden, war Dioklea eine ausgelernte Meisterin; und hatte nur Mamilia mehr Gelehrigkeit fur ihre Unterweisungen gehabt, so mochte es ihr, wo nicht auf eine sehr lange, doch gewiss auf eine weit langere Zeit gelungen seyn, mich in dem Taumel zu erhalten, der in den ersten Tagen nach ihrer Zuruckkunft mein ganzes Daseyn in einem fortdauernden Moment von Genuss und Wonne verschlang. Aber diese kluge Massigung, die allen Befriedigungen der Sinne so nothig ist, diese Kunst dem Ueberdruss von ferne schon zuvorzukommen, die Begierde immer lebendig zu erhalten, sie auf tausendfache Art zu ihrem desto grossern Vergnugen zu hintergehen, sie in jedem Genuss einen noch vollkommnern ahnden zu lassen, und diess alles auf eine so ungezwungene Art und mit so viel Grazie zu bewerkstelligen, dass es Natur scheint, alle diese feinen Kunste, worin Dioklea unubertrefflich war, vertrugen sich nicht mit der raschen Sinnesart der feurigen Romerin. Der Zwang, den sie sich hatte auflegen mussen, um ihren Adonis wie einen Liebhaber, den man verlieren konnte, zu behandeln, war der Tod des Vergnugens in ihren Augen: kurz, sie betrug sich als ob sie wirklich die Gottin ware, deren Rolle sie so gern spielte; und ihr Gunstling hatte nichts Geringer's als der ewig junge Apollo oder der unerschopfliche Sohn der Alkmena seyn mussen um nicht viel eher, als sie es vielleicht erwarten mochte, gesattigt, ermudet, und wieder zu sich selbst gebracht zu werden.

Wie unangenehm die Gefuhle und Betrachtungen seyn mussten, die auf dieses zweite Erwachen folgten, wird dir die Kenntniss, die du bereits von der eigenen Form meiner Seele, und der sonderbaren Vorstellungsart die ihr naturlich war, erlangt hast, anschaulicher machen, als ich es durch irgend eine Schilderung bewirken konnte. Diese Form, diese Vorstellungsart war mir zu wesentlich, um durch irgend eine zufallige Veranderung ausgeloscht zu werden. Die ungewohnte Trunkenheit, worein Mamiliens Zauberbecher meine Sinne gesetzt hatte, konnte unter keinen Umstanden von langer Dauer seyn; und ihre verschwenderische Art zu lieben beschleunigte nur den Augenblick des Erwachens.

Mein erstes Gefuhl in diesem schmerzlichen Augenblicke war die Hohe, von welcher ich gefallen war, und die Tiefe, worin ich lag. Aber glucklicherweise war es nicht der Sturz eines Ikarus, dessen mit Wachs zusammengeleimte Flugel an der Sonne schmolzen, sondern der Fall eines Platonischen Damons aus den uberhimmlischen Raumen in den Schlamm der grobern Elemente. Wie gross auch meine Beschamung daruber war, so fuhlte ich doch, dass mich dieser Fall nur erniedriget und besudelt, nicht zerschmettert hatte. Die Schwingen meiner Seele waren nicht zerbrochen; ich konnte sie wieder loswinden, mich wieder in die reinen Lufte, die ich gewohnt war, emporschwingen, und die Erfahrungen selbst, die mich jetzt demuthigten, konnten mir dazu dienen, mich kunftig vor ahnlichen Verirrungen zu huten, und das Ziel meiner innersten Wunsche desto sicherer zu erreichen.

Dieses Gefuhl allein, oder vielmehr die Ahndung dieser Gedanken, und das dunkle Bewusstseyn der in mir liegenden Krafte und Hulfsquellen war es, was mich in den ersten Augenblicken vor Verzweiflung bewahrte. Aber es fehlte viel, dass Gedanken wie diese gleich anfangs die Oberhand gehabt, und mit ihrer ganzen Starke auf mich gewirkt hatten. Im Gegentheil, ich wurde finster, missmuthig und ubellaunisch; alles umher verlor seinen Reiz und Glanz, und nahm die Farbe meiner dustern Seele an; ich verachtete mich selbst, und zurnte bitterlich auf diejenigen, die mich dazu gebracht hatten. Und dennoch hatte dieses Seelenfieber seine Abwechslungen; und ich lernte nun verstehen, was Xenophons Araspes64 mit dem Streit seiner beiden Seelen sagen wollte, denn ich erfuhr es in mir selbst. Ich schamte mich, wie ein anderer nektartrunkner Ixion65, eine Theatergottin fur Venus Urania genommen zu haben, und erinnerte mich doch mit Entzucken der Augenblicke wo mich diese Tauschung zum glucklichsten aller Sterblichen machte. Ich betrachtete in den Stunden der bosen Laune die uppige Mamilia als eine zauberische Lamie, die mich bloss desswegen nahrte und liebkosete, um mir alles Blut aus den Adern zu saugen; und bald darauf, wenn ein Becher voll unvermischten Weins von Thasos in der schonen Hand dieser Lamie dargeboten, und zuvor von ihren wollustathmenden Lippen beschlurft, meine Lebensgeister wieder in Schwingung setzte, war ich wieder schwach genug, eine irdische Venus in ihr zu sehen, und in ihren immer willigen Armen neuen Stoff zu der bittern Reue zu holen, die meine einsamen Stunden vergiftete.

Wie sehr ich mich auch eine Zeit lang bemuhte, diesen peinvollen Zustand meines Gemuthes vor Mamilien und ihrer scharfsichtigen Freundin zu verbergen, so war es doch (wie du leicht denken kannst) eben so verlorne Muhe, als alles was diese Damen sagen und thun konnten, um die einmal aufgeloste Bezauberung der ersten Wonnetage wieder herzustellen. Die Romerin hoffte es durch Verdopplung dessen, was sie ihre Zartlichkeit nannte, zu bewerkstelligen, beschleunigte aber dadurch die gegenseitige Wirkung. Die Tochter des Apollonius versuchte es auf einem andern Wege. Sie liess meine Sinne unangefochten, machte bloss die Freundin und Rathgeberin, schien nichts Angelegneres zu haben als mich zu beruhigen und mit mir selbst auszusohnen; und indem sie die Unterredung bei jeder Gelegenheit vom Gegenwartigen ablenkte und ins Allgemeine spielte, suchte sie mir unvermerkt eine feine Aristippische Art zu philosophieren einleuchtend zu machen, die in ihrem Munde eine so einnehmende Gestalt annahm, dass die ganze Widerspanstigkeit eines zum Enthusiasten gebornen Menschen dazu erfordert wurde, nicht von ihr gewonnen zu werden. Sie erhielt indessen doch immer so viel, dass die Grazien ihres Geistes, die sich in diesen Gesprachen in so mancherlei vortheilhaftem Lichte zeigen konnten, mir ihren Umgang immer unentbehrlicher und gar bald zu dem einzigen machten, was mich an diesen Ort fesselte. Wir verirrten uns unter diesen Gesprachen zuweilen in ihre Felsenwohnung, oder in das Rosenwaldchen, dessen Anblick so viel angenehme Erinnerungen in meiner Seele wieder anklingen machte; und nicht selten endigte sich dann unser Streit uber die Verschiedenheit unsrer Grundbegriffe auf eine Art, die das Uebergewicht der Aristippischen Philosophie uber die Platonische vollig zu entscheiden schien; wiewohl im Grunde nichts dadurch bewiesen wurde, als die Schwache des Platonikers, und die grosse Fertigkeit seiner Gegnerin in dem, was man die Sophisterei ihres Geschlechts nennen mochte. Genug, sie verhalf der schlimmern Seele zu manchem schmahlichen Sieg uber die bessere: aber eben diess sturzte mich unversehens in jenen gewaltsamen und qualvollen Zustand zuruck, der von dem ewigen Widerspruch zwischen einer Art zu denken, deren Wahrheit man im Innersten fuhlt, und einem Betragen, das man immer hintennach missbilligen muss, die naturliche Folge ist.

Wahrend dieses seltsame Verhaltniss zwischen Diokleen und mir bestand, hatte Mamilia, deren Leidenschaften eben so schnell verbraus'ten als aufloderten, einen neuen Gegenstand fur ihre launenvolle Phantasie gefunden. Sie war fast immer abwesend, und schien sich eine geraume Zeit gar nicht mehr um mich zu bekummern. Ohne Zweifel trug die Ruhe, die sie uns liess, viel dazu bei, dass auch jenes Verstandniss mit Diokleen, das im Grunde weder Liebe noch Freundschaft war, den Reiz ziemlich bald verlor, den es anfangs fur mich gehabt hatte. Der leeren Stunden wurden immer mehrere, in welchen der Zweikampf der beiden Seelen sich erneuerte, und der Sieg sich endlich auf die Seite der bessern neigte, ohne dass Dioklea, die es auf der andern Seite an mancherlei Kriegslisten nicht fehlen liess, mehr als einige Verzogerung ihrer ganzlichen Niederlage bewirken konnte. Ich sah mich mit Unwillen und Selbstverachtung wie in den Stall einer neuen Circe eingesperrt. Jeden Morgen stand ich von meinem weichen aber meist schlaflosen Lager mit dem Vorsatz zu entfliehen auf, und legte mich jede Nacht mit Grimm uber mich selbst nieder, dass ich den Muth nicht gehabt hatte ihn auszufuhren.

Einsmals, da ich mit der ersten Morgenrothe aufgestanden war, und in dem abgelegensten Theile des Waldes, der an Mamiliens Garten stiess, verdriesslich und unentschlossen herum irrte, kam eine reizende weibliche Gestalt zwischen den Baumen hervor geschlichen, die mich aufzusuchen schien, und in welcher ich bald eine der vermeinten Nymphen erkannte, die uns in Diokleens Felsenwohnung bedient hatten. Diese Sklavin, Myrto genannt, war eines von den Geschopfen, die eine allgemeine Empfehlung an die ganze Welt in ihrem Gesichte tragen; und sie redete mich mit so vieler Anmuth und anscheinender Schuchternheit an, dass ich nicht stark genug war, die Unhoflichkeit zu begehen und ihr den Rucken zuzukehren, wie mein erster Gedanke gewesen war, da ich sie erkannte. Sie sagte mir, sie habe schon lange diese Gelegenheit gesucht mich allein zu finden, um mir verschiedene Dinge, die mir nicht gleichgultig seyn konnten, zu entdecken; und nachdem wir uns in einem Gebusche, wo wir nicht uberrascht zu werden besorgen durften, gesetzt hatten, fing sie damit an, mir im engesten Vertrauen eine Menge geheimer Nachrichten von Mamilien mitzutheilen, die nicht sehr geschickt waren den Widerwillen zu mildern, den ich bereits gegen diese Venus Pandemos66 gefasst hatte. Aber was der guten Nymphe ganz besonders am Herzen lag, war die allzu gunstige Meinung herunter zu stimmen, die ich von ihrer Gebieterin Dioklea zu hegen schien. Die umstandliche Geschichte, die sie mir von ihr erzahlte, wurde uns zu weit von der meinigen entfernen; ich will also nur das Wesentlichste davon beruhren.

Die sogenannte Dioklea war, unter den Namen Chelidonion, Dorkas, Philinna, Anagallis, und einer Menge anderer dieser Art, schon zwanzig Jahre in Griechenland, Italien und Gallien eine der bekanntesten Personen ihrer Classe gewesen, ehe sie zu Halikarnass als Prophetin auftrat und sich Dioklea nennen liess. Ein junger Thessalier hatte sie beinahe noch als Kind zu Korinth einem Manne abgekauft, der mit hubschen Madchen handelte, und ein feines Sortiment von dieser schlupfrigen Waare beisammen hatte. Ein paar Jahre hernach bekam ein alter Epikuraer zu Athen Lust zu ihr, als sie mit einer kleinen Truppe von herumziehenden Tanzern und Luftspringern in Gestalt einer Flotenspielerin vor seine Thure kam: er nahm sie zu sich, und fand grosses Belieben daran, die mannichfaltigen Talente, die er in dem Madchen aufkeimen sah, auszubilden, und ihr die Maximen von Klugheit und Wohlanstandigkeit einzupragen, durch deren Beobachtung sie sich in der Folge so weit uber die meisten Personen ihrer Classe erhob. Nachdem sie noch durch verschiedene andere Hande gegangen war, und allerlei Abenteuer bestanden hatte, erschien sie zu Antiochia und Alexandria unter dem Namen Anagallis als die schonste und geschickteste Mimentanzerin, die man jemals in Syrien und Aegypten gesehen hatte. Sie zeigte sich nach und nach in dieser Eigenschaft in verschiedenen Provinzen des Romischen Reichs, und endlich in Rom selbst, wo sie einige der ersten Senatoren und Hofleute unter ihren Anbetern zahlte. Nun erschien sie nicht mehr offentlich auf dem Schauplatz, sondern lebte von den Einkunften ihrer Reize und Geschicklichkeiten, mit dem verschwenderischen Aufwand einer Person, die es in ihrer Gewalt zu haben glaubt, sich uberall die Machtigsten und Reichsten zinsbar zu machen. Indessen horte sie unvermerkt auf neu und jung zu seyn, die Quellen ihres Aufwands flossen immer sparlicher, und sie fand sich endlich genothiget, in Gallien, Sicilien und Griechenland ihre vorige Profession wieder auszuuben. Da sie aber die grosse Wirkung nicht mehr that, die sie in der glanzendsten Zeit ihrer Bluthe zu thun gewohnt worden war, so gab sie diese Lebensart wieder auf, veranderte ihren Namen, und gesellte sich zu einer in Pontus, Cappadocien und Syrien herumwandernden Bande von Isispriestern, deren Gewerbe sie durch ihre erfinderische Einbildungskraft und die Mannichfaltigkeit ihrer Talente sehr eintraglich zu machen wusste. In dieser Epoche ihres Lebens, fuhr die Nymphe fort, war es, wo sie sich mit allen den goetischen, magischen und theurgischen Mysterien und Kunsten vertraut machte, wodurch sie geschickt wurde, einige Zeit darauf, als die besagte Bande durch ein unangenehmes Abenteuer aus einander getrieben worden war, die Rolle einer vorgeblichen Tochter des gottlichen Apollonius zu spielen, und unter dem Schutze der Romerin Mamilia Quintilla, einer erklarten Liebhaberin alles Ausserordentlichen, eine Art von Orakelbude in dem heiligen Hain der Venus Urania, der ein Zugehor ihrer Halikarnassischen Guter ist, aufzurichten. Der Name einer Erbin der Wissenschaften des grossen Apollonius, der mystische Schleier worein sie sich hullte, ihre sonderbare Lebensart, und die vielerlei Geruchte, die sie von ihrer prophetischen Gabe, ihrem geheimen Umgang mit den Gottern, und den Wunderdingen die sie verrichtet hatte, unter das Volk zu bringen wusste, fing schon an in Karien und den benachbarten Gegenden zu wirken, und gab der Prophetin gute Hoffnung, in dem Aberglauben beguterter Thoren eine neue ergiebige Quelle von Einkunften zu finden: als die Entschliessung der Dame Mamilia, diese Villa zu ihrem gewohnlichen Aufenthalte zu machen, der ganzen Sache eine andere Wendung gab. Dioklea wurde nun bekannter mit der edlen Romerin, und bemachtigte sich in kurzem ihrer Zuneigung in einem so hohen Grade, dass sie die vertrautesten Freundinnen wurden: und da die Prophetin kein Geheimniss mehr fur ihre neue Freundin hatte, so wurde beschlossen, dass sie die angefangene Rolle, wiewohl mit verschiedenen Abanderungen die zu Mamiliens Absichten nothig schienen, fortsetzen sollte. Die Mysterien der Venus Urania, zu deren Priesterin sie sich aufwarf, schienen der wollustigen Romerin eine Menge unterhaltender Scenen zu versprechen, wodurch sie das Einformige des landlichen Lebens zu vermannichfaltigen, und ihrem Hang zu romantischen Einfallen und sonderbaren Liebesabenteuern Nahrung zu geben hoffte. Dioklea ordnete alle Einrichtungen an, die in den Gebauden und Garten der Villa zu diesem Ende fur dienlich gehalten wurden, alles ging nach Wunsch von Statten, und schon mancher Unvorsichtige hatte sich in den Schlingen gefangen, die der treuherzigen oder lusternen Jugend hier uberall gelegt waren, ehe mein Verhangniss, oder um die Sache mit ihrem rechten Namen zu nennen, meine Thorheit mich, wiewohl auf meine eigene Weise, zu ihrem Nachfolger machte. Es ware, setzte die geschwatzige Nymphe hinzu, zwischen den beiden Sirenen verabredet, dass Mamilia die Unglucklichen, die ihnen in die Klauen geriethen, sobald ihr die Phantasie zu ihnen vergangen ware, ihrer dienstfertigen Freundin uberliesse. Dieses schreckliche Schicksal wurde, wofern ich es nicht bereits erfahren hatte, auch das meinige seyn. Sie schilderte mir hierauf die Dame mit den vielen Namen als eine wahre Zaubrerin; es sey nicht anders moglich, sagte sie, das Weib musse unerlaubte magische Mittel dazu gebrauchen, um die feinsten Manner so unbegreiflich zu verstricken, dass sie in einer Hetare, die der halben Welt angehort habe, und die ohne die Hulfe der Farbekunst, des Pinsels und aller nur ersinnlichen Geheimnisse des Putztisches, der Kumaischen Sibylle gleich sehen wurde, die liebenswurdigste Person ihres Geschlechtes zu umarmen glaubten. Aber diess sey gewiss, dass ich mir vergeblich schmeicheln wurde, jemals diesen Ort verlassen zu konnen, so lange Dioklea mich zuruck behalten wolle; und ich konnte versichert seyn, dass sie diess so lange wolle, bis sie mich durch ihre verderblichen Liebkosungen zum Schatten abgemergelt, und in ein wahres Gespenst verwandelt haben werde.

Die Lebhaftigkeit, womit die schone Myrto diese Uebertreibungen vorbrachte, hatte mir ihre Absicht bei der ganzen Vertraulichkeit schon verdachtig gemacht, als sie, nach einer kleinen Pause, mit dem Tone des zartlichsten Mitleidens und mit aller Verfuhrung, die sie in ihre schwarzen Augen legen konnte, fortfuhr: der Gedanke, dass ein so liebenswurdiger Mann wie ein Wachsbild an dem Zauberfeuer einer so schandlichen Empuse dahin schmelzen sollte67, sey ihr unertraglich; sie hatte seit dem ersten Augenblikke, da sie mich in der Felsenwohnung gesehen, einen Antheil an mir genommen, der sie zu meiner genauen Beobachterin gemacht habe; sie finde mich eines bessern Looses wurdig; und kurz, wenn ich ihre uneigennutzige Freundschaft mit einiger Gegengunst belohnen wollte, so fuhle sie sich stark genug, mir alle Annehmlichkeiten ihrer Lage in diesem Hause aufzuopfern, meine Flucht zu befordern, und mir, an welchen Orte der Welt es mir gefiele, zu folgen.

Lucian.

Das uneigennutzige Nymphchen hatte also doch

sen, grossmuthig furlieb genommen?

Peregrin.

Sie war noch uneigennutziger als du denkst; denn es zeigte sich in der Folge, dass sie, wie ihr der Anschlag alles zu haben nicht gelingen wollte, bescheiden genug gewesen ware, mich mit den Empusen zu theilen. Ich machte mich mit so guter Art als ich konnte von ihr los, indem ich ihr ein unverbruchliches Stillschweigen uber die Geheimnisse, die sie mir vertraut hatte, angeloben musste. Die Flucht, womit ich schon mehrere Tage umging, war mit so wenig Schwierigkeiten verbunden, dass ich der Hulfe dieser Sklavin dazu nicht vonnothen hatte. Aber, anstatt dass ihre geheimen Nachrichten von Diokleens bisherigem Lebenslauf, und die Furcht, die sie mir vor ihrer angeblichen Zauberei einzujagen hoffte, meine Lust zum Fliehen hatte vermehren sollen, fand ich mich nach dieser Unterredung weniger dazu geneigt als jemals. Ich konnte mich nicht entschliessen, die Villa Mamilia zu verlassen, bevor mich Dioklea eine Probe ihrer so hoch geruhmten Geschicklichkeit in der pantomimischen Tanzkunst hatte sehen lassen. Ich ergriff die erste Gelegenheit, die sich anbot, um zu versuchen ob ich ihr Lust dazu machen konnte, ohne ihr merken zu lassen, dass ich mehr von ihrer Geschichte wisse, als traf sich, dass einer von den Knaben und eines von den kleinen Madchen, womit dieses Haus so reichlich bevolkert war, wahrend wir bei Tische sassen, die Fabel von Amor und Psyche ganz artig fur Kinder ihres Alters tanzten. Ich mochte wohl, sagte ich, nachdem wir ihnen eine Weile zugesehen hatten, ein so schones Sujet von der beruhmten Anagallis tanzen gesehen haben! Mein Wille war, indem ich diess sagte, so unbefangen dazu auszusehen, dass Dioklea glauben musste, ich dachte nicht mehr noch weniger dabei, als wenn ich gewunscht hatte die Glycera des Menanders oder die Corinna des Ovidius gesehen zu haben: aber ich errothete, zu meinem grossen Verdruss, so plotzlich und stark bei dem Namen Anagallis, dass sie leicht merken konnte, ich musse mehr von ihr wissen als ich das Ansehen haben wollte. Ohne die geringste Betroffenheit in ihrem Gesichte zu zeigen, versetzte sie: du hast also auch von dieser Anagallis gehort? Und da ich mich wunderte, wie sie daran zweifeln konne, flusterte sie mir lachelnd zu: ich bin eine machtigere Zaubrerin als du denkst; du sollst sie tanzen sehen, wiewohl sie schon eine geraume Zeit aus der Welt verschwunden ist.

Ein paar Tage darauf lud sie mich zu einem kleinen Schauspiel ein, das sie mir zu Ehren veranstaltet habe. Die Scene war mit zwei Choren von Liebesgottern, Zephyrn und jungen Nymphen besetzt, die unter einem mit Musik begleiteten Tanz einen Lobgesang auf Amor und Psyche zu singen anfingen. Bald darauf theilten sie sich wieder zu beiden Seiten, und es erschien eine Tanzerin, die mir beim ersten Anblick die namliche Psyche darstellte, die ich ofters in Mamiliens Galerie betrachtet hatte, wo sie, von der Hand Aetions gemalt, unter die vorzuglichsten Zierden derselben gerechnet wurde. Ihre Kleidung, von einem sehr zarten Indischen Gewebe, zeichnete mit Anstand und Grazie die zierlichste Jugendgestalt, und eine Fulle der feinsten goldgelben Haare floss in grossen ringelnden Locken um ihre schonen Schultern den Rucken hinab. Ohne diese gelben Haare hatte sie beim ersten Anblick Dioklea scheinen konnen; wiewohl die Tanzerin auch noch schlanker und feiner gebildet schien. Ich betrachtete sie mit einem halb schauderlichen Erstaunen, ungewiss wofur ich sie halten sollte, und beinahe zweifelhaft, ob das was ich sehe nicht wirklich ein Wunder der Zauberkunste sey, deren die Sklavin Myrto ihre Gebieterin beschuldigt hatte. Aber das sogleich angehende Spiel ihrer Arme und Hande, oder vielmehr die bewundernswurdige Musik aller Glieder und Muskeln ihres ganzen Korpers, die mit unbeschreiblicher Fertigkeit, Wahrheit und Anmuth zu einem immer malerischen und vorbildenden Ausdruck der Fabel, deren verschiedene Scenen sie darstellte, zusammenstimmten bemachtigte sich meiner ganzen Aufmerksamkeit zu stark, um einem andern Gedanken Raum zu lassen. Dieser pantomimische Tanz der, ohne Hulfe der Wortsprache, bloss von einer melodiosen und ausdrucksvollen Musik unterstutzt, in einer allgemein verstandlichen, unmittelbar zur Empfindung und Einbildungskraft redenden Sprache, die feinsten Schattierungen nicht nur der starkern Leidenschaften, sondern sogar der zartesten Gemuthsregungen, den Augen mit der grossten Deutlichkeit verzeichnete gewahrte mir ein Vergnugen, das nach und nach zu einem nie gefuhlten und beinahe unaushaltbaren Entzucken stieg. Aber was wurde erst aus mir, als auf einmal alle Amoretten und Nymphen verschwanden, und die reizende Psyche in meine Arme flog, mich vollends zu uberzeugen, dass sie mir Wort gehalten, und um mich einen der starksten Zuge aus dem Nektarbecher der Wollust thun zu lassen wieder Anagallis geworden sey! O gewiss warst du eine Zaubrerin, Dioklea! wiewohl in einem andern Sinn als es die uneigennutzige Myrto nahm; in dem einzigen, worin es vermuthlich jemals Zaubrerinnen gegeben hat: denn alles was Natur und Kunst Reizendes, Verfuhrerisches und Seelenschmelzendes haben, war in dir aufgehauft! Wer hatte, mit einer Empfindlichkeit wie die meinige, deinen Zaubereien widerstehen konnen! Diese einzige Stunde, Lucian, warf mich auf einmal mitten in den Taumel der ersten Tage meiner Verirrungen zuruck: und da die Gefalligkeit der wieder auferstandnen Anagallis eben so unerschopflich war, als die Quelle dieser neuen Art von Unterhaltung, wozu ich ihr so unverhofft Gelegenheit gemacht hatte, so dauerte dieser neue und letzte Ruckfall langer, als ich dir ohne Beschamung gestehen durfte.

Lucian.

Ich glaube gar, du willst dir noch leid seyn lassen, dass die Gotter des Vergnugens mit ihren Wohlthaten so verschwenderisch gegen dich gewesen sind? Tauschung oder nicht! welcher Konig (mochte ich mit Anagallis-Dioklea sagen), ja welcher Weise in der Welt hatte sich nicht um diesen Preis tauschen lassen wollen!

Peregrin.

Um die Sache in ihrem wahren Lichte zu sehen, lieber Lucian, musst du dich in meine eigenste Person hineindenken, und den Zustand, worin du mich so neidenswurdig findest, mit demjenigen vergleichen, worin ich von Kindheit an aufgewachsen war, und der im Grunde als eine blosse Entwicklung meines Ichs anzusehen ist. Ware meine vorige Gemuthsverfassung, und die ganze Sinnesart, woraus sie entsprang, bloss das Werk einer unfreiwilligen Beraubung angenehmer Gegenstande, und also eines nothgedrungnen Bedurfnisses, den Mangel eines reellen Genusses durch Chimaren zu ersetzen kurz, ware das hohe Selbstgefuhl, die innere Ruhe, die Zufriedenheit mit mir selbst, das Ahnden einer erhabenen Bestimmung, und das Aufstreben zu idealischer Vollkommenheit, die mein vormaliges Gluck ausmachten, blosse Tauschung gewesen: dann ware wohl nichts begreiflicher, als warum sie gegen eine Kette der lebhaftesten und ausgesuchtesten Vergnugungen der Sinne und des Geschmacks, welche keine Tauschungen sind, nicht hatten aushalten konnen. Aber jene Ideen und Gesinnungen, wie viel oder wenig sie auch mit Wahnbegriffen in meinem Kopfe verschlungen seyn mochten, waren meinem Gemuthe naturlich und wesentlich; die moralische Venus, die meinem Geiste vorschwebte, war kein Phantom, sondern ewige unwandelbare Wahrheit; nicht dieses Ideal, sondern meine durch erwachende Naturtriebe uberraschte Phantasie, hatte mich in das kunstliche Netz gelockt, das meiner erfahrungslosen Jugend von sinnlicher Liebe und Wollust gestellt wurde. Diess, daucht mich, macht einen grossen Unterschied; und bei dieser Bewandtniss der Sache ist wohl nichts naturlicher, als dass ich keine dauernde Zufriedenheit in einem Zustande finden konnte, worin tausend andere sich viele Jahre lang den Gottern gleich geachtet hatten.

Indessen dauerte doch dieser letzte Ruckfall in das goldne Netz der Zaubrerin Dioklea lange genug, dass ich das Vergnugen hatte mein beliebtes Rosenwaldchen zum zweitenmale in voller Bluthe zu sehen. Wahrend dieser Zeit hatte Mamilia mehr als Einmal den Einfall gehabt, und Mittel gefunden, ihre vernachlassigten Anspruche wieder geltend zu machen: da sie aber, nach ihrer leichten Sinnesart, bloss die Vergnugung einer augenblicklichen Laune suchte, und weder zu lieben wusste noch geliebt zu werden verlangte, so schien sie mich ihrer Freundin immer wieder mit eben so wenig Eifersucht zuruckzugeben, wie sie ihr alles ubrige, was sie hatte, zum Gebrauch uberliess. Denn diess that sie mit so wenigem Vorbehalt, dass ein Fremder lange ungewiss bleiben konnte, welche von beiden die Dame des Hauses sey. Ueberdiess brachte sie einen grossen Theil der Zeit, die ich noch hier verweilte, bald zu Milet, bald auf ihren Gutern zu Rhodus zu, und schien sich ohne uns gut genug zu belustigen, um von unserm Thun und Lassen keine Kenntniss zu nehmen.

Dioklea bediente sich dieser Freiheit mit so vieler Behutsamkeit, hatte eine so grosse Mannichfaltigkeit reizender Formen und Umgestaltungen in ihrer Gewalt, wusste auf so vielerlei Art zu gefallen, und dem Ueberdruss durch eine so grosse Abwechslung und eine so feine Mischung der Vergnugungen der Sinne, der Einbildungskraft und des Geschmacks zuvorzukommen, dass sie sich mit einigem Rechte schmeicheln konnte, einen bei eben so vieler Empfindsamkeit weniger sonderbaren Menschen als ich war, noch ziemlich lange in ihren Fesseln zu erhalten. Gleichwohl konnte sie mit allen ihren Kunsten nicht verhindern, dass die Tauschung, die dazu gehorte, wenn sie sich sogar in den Augen eines sehr von ihr eingenommenen Zuschauers in eine Psyche, Danae, oder Leda verwandeln sollte, immer schwerer wurde, je ofter man sie in dergleichen Rollen gesehen hatte; und wie nichts unterm Monde vollkommen seyn kann, so war es ganz naturlich, dass sie mir, nachdem die Starke des ersten Eindrucks durch oftere Wiederholung geschwacht worden war, zuletzt immer weiter unter dem Ideale zu bleiben schien, dem sie so nahe als moglich zu kommen sich beeiferte.

Die Zeit, da auch dieser Talisman alle seine Zauberkraft an mir verlor, ruckte immer naher heran, als die schone Mamilia auf den Einfall gerieth, die bevorstehenden Dionysien durch ein grosses Bacchanal zu feiern, wobei Dioklea die Ariadne und ich den Bacchus vorstellen sollte.

Du wirst mich, denke ich, gern mit einer Beschreibung dieses Festes verschonen, dessen ich mich ungern erinnere, wiewohl es wurdig gewesen ware, einem Sardanapal68 oder Elagabalus gegeben zu werden. Die uppige Romerin, die sich viel darauf zu gut that, die ganze Einrichtung dieser Lustbarkeit mit allen ihren Scenen selbst erfunden und angeordnet zu haben, hatte sich vorgesetzt, die Darstellung eines achten Bacchanals, wie es von Malern und Dichtern geschildert wird, so weit zu treiben als sie nur immer gehen konnte; und sie hatte zu diesem Ende eine ziemliche Anzahl frischer wohl gebildeter Junglinge aus ihren weitlaufigen Landgutern zusammengebracht, welche die Faunen und Satyrn vorstellen mussten, wahrend sie selbst sich an der bescheidenen Rolle einer gemeinen Bacchantin genugen liess. Aber, ihrer Meinung nach, der feinste Zug von Imagination an dem ganzen Feste, und etwas, wodurch sie mich auf eine sehr angenehme Art zu uberraschen hoffte, war: dass sie mit ihrer immer gefalligen Freundin die Abrede genommen hatte, wenn diese, als Ariadne, ihre Person bis zum letzten Act gespielt haben wurde, sich, unter Begunstigung der Dunkelheit, unvermerkt an ihren Platz zu setzen, und das ubrige in ihrem Namen vollends auszuspielen. Der arme Bacchus, von einer zweifachen Trunkenheit erhitzt, fand den Betrug, als er ihn endlich entdeckte, so angenehm, dass er in dem Taumel, worein der Zusammenfluss so vieler berauschenden Umstande seine Sinne setzte, mehr Bacchus war als einem Sterblichen geziemet. Mamilia liess nichts, was dem Charakter einer Bacchantin Ehre machen konnte, unversucht, ihn dazu aufzumuntern; und um dieses achte Satyrspiel mit einem recht lustigen Ende zu kronen, musste zuletzt Ariadne an der Spitze eines Schwarms von Faunen, Satyrn, Manaden, Amoretten und Nymphen, alle mit Fackeln in der Hand, unversehens dazu kommen, und ihren Ungetreuen, unter einem ungezahmten Gelachter des ganzen Thyasos69, auf der That ertappen.

Dieser letzte Zug stellte den besturzten After-Bacchus auf einmal in die vollkommenste Nuchternheit her, und der Zauber, unter welchem er so lange gelegen, war unwiederbringlich aufgelost. Ein Mensch, der in einem entzuckenden Traum an Jupiters Tafel mitten unter den seligen Gottern gesessen hatte, und im Erwachen sich von Gespenstern, Furien, Gorgonen und Harpyien umzingelt fande, konnte von keinem grauenvollern Erstaunen ergriffen werden, als ich, da ich mich in einer solchen Lage dem unsittigen Muthwillen einer solchen Gesellschaft Preis gegeben sah. Indessen behielt ich doch so viel Gewalt uber mich selbst, dass ich die Bewegungen zuruckhielt, deren Ausbruch meine Demuthigung nur vergrossert, und die Entschliessung, die ich auf der Stelle fasste, vielleicht unausfuhrbar gemacht haben wurde. Aber sobald das Unvermogen es langer auszuhalten diesen Scenen der wildesten Schwarmerei endlich ein Ende machte, und die sammtlichen Bewohner der Villa, die daran Theil genommen hatten, in einen allgemeinen Schlaf versunken lagen: raffte ich mich auf, bekleidete mich mit der einfachsten Kleidung die ich finden konnte, und verliess, ohne von Mamilien und ihrer Freundin Urlaub zu nehmen, mit einem Vorrath neuer Begriffe und Erfahrungen, den ich mit dem Verlust meiner Unschuld und Gemuthsruhe theuer genug bezahlt hatte, diesen verhassten Boden, ohne auch nur Einen Blick auf die Wunder der Natur und Kunst, womit er bedeckt war, zuruckzuwerfen.

Lucian.

Vermuthlich war diess gerade was die edle Romerin wollte. Denn, ich kann dir nicht bergen, dieses Bacchanal, und diese Abrede mit der ehrwurdigen Venuspriesterin Anagallis, hat mir ganz das Ansehen eines Anschlags, einen Menschen, der uns lastig zu werden anfangt, mit guter oder boser Art los zu werden. Die scharfsichtige Dioklea musste dich zu gut kennen, um die Wirkung, die ein so ubertrieben ausschweifendes Possenspiel auf dich thun musste, nicht voraus zu sehen.

Peregrin.

Ich denke du hast es getroffen, ob ich gleich noch immer glaube, dass Dioklea bei dieser ganzen Sache bloss einer allzu grossen Gefalligkeit gegen ihre Freundin schuldig war. Wie es aber auch damit seyn mochte, so war doch jeder Tag, um den ich eher aus diesen Sirenenklippen entrann, Dankes werth; und wenn ich ihn auch dem Ueberdruss der edlen Mamilia Quintilla schuldig gewesen ware. Allein so viel Gutes traute ich ihr damals nicht zu; ich besorgte vielmehr, dass es der launischen und viel vermogenden Romerin leicht einfallen konnte, mir nachsetzen zu lassen. Diese unnothige Furcht bewog mich, sobald ich zu Halikarnass anlangte, anstatt den Weg gerade nach Milet zu nehmen, tiefer ins Land hineinzugehen; wo ich einige Wochen in grosser Verborgenheit damit zubrachte, dem was mit mir vorgegangen war nachzudenken, und zu uberlegen, was fur Mittel mir ubrig geblieben seyn konnten, das so ubel verfehlte Ziel meiner Wunsche zu erreichen.

Vierter Abschnitt.

Lucian.

Ich muss gestehen, Freund Peregrin, dass du einen reichen Stoff zu Selbstgesprachen aus der Villa Mamilia mitgebracht hattest. Mit aller meiner Kalte kann ich mich doch so ziemlich in deine damalige Lage hineindenken, und ich zweifle sehr, ob sich eine schmerzlichere fur einen Jungling, der mit so hohen Erwartungen dahin gekommen war, ersinnen liesse.

Peregrin.

So wie du mich nun kennest, wirst du mir ohne Muhe glauben, dass das, was mich am meisten schmerzte, nicht der Verlust der Wolluste und Vergnugungen war, womit die schone Romerin und ihre sinnreiche Freundin mich ein ganzes Jahr lang uberfullt hatten. Selbst die Vernichtung der schwarmerischen Hoffnungen, die mich nach Halikarnassus zogen, krankte mich jetzt so wenig, dass ich im Gegentheil unbegreiflich fand, wie es moglich gewesen, dem Urbilde der Vollkommenheit eine Venus Urania, und dieser ein Marmorbild, das am Ende doch nur eine wollustathmende Erdentochter vorstellte, unterzuschieben. Meine ganze ehemalige Vorstellungsart hatte durch eine physische Folge meiner neuen Erfahrungen eine grosse Veranderung erlitten. Meine Einbildungskraft war abgekuhlt. Alles was in meinen ekstatischen Traumen und Gesichten Tauschung gewesen war, erschien mir jetzt auch als solche; und ich glaubte deutlich zu sehen, wofern es ja moglich ware, zu jener einst so feurig gewunschten Erhohung meines Wesens und Empfanglichkeit fur die Einflusse der gottlichen Naturen zu gelangen, so musste es wenigstens auf einem ganz andern Wege geschehen, als auf dem, der mich an der Hand der sehr unachten Tochter des Apollonius in die Arme einer Venus Mamilia gefuhrt hatte.

Aber, wenn gleich die Phantomen, die ich ehemals als Wahrheit liebte, verschwunden waren, so war doch der Raum noch da, den sie eingenommen hatten; und dieses ungeheure Leere wieder auszufullen, wurde nun das dringendste meiner Bedurfnisse. Ich hatte mich verirrt; aber das Ziel, wohin ich wollte, stand noch immer unverruckt, als der einzige Zweck meines Daseyns, in dunkler Ferne vor meinen Augen; und bis ich den rechten Weg dahin gefunden hatte, war keine Ruhe noch Gluckseligkeit fur mich. Mein Zustand in dieser Gemuthslage ist der dunkelste Schatten im Gemalde meines Erdelebens, woraus ich dir jetzt die lichtesten Stellen aushebe. Alles, was ich mich davon erinnern kann, ist, dass es mir unmoglich schien, aus dieser Leerheit, diesem Hin- und Herschwanken, dieser immer getauschten Bestrebung in einem bodenlosen Moore Grund unter mir zu finden, mich jemals heraus zu arbeiten, und dass mir diese Unmoglichkeit endlich unausstehlich wurde. Ich irrte von einem Orte zum andern, und konnte nirgends bleiben. Da ich mich aber, nachdem auf diese Weise mehrere Monate verstrichen waren, jetzt vor allen Nachstellungen der Romerin sicher hielt, kehrte ich nach der Ionischen Kuste zuruck, und langte zu Anfang der schonen Jahreszeit in Smyrna an, ohne dass die korperliche Starkung, die mir diess muhsame Herumwandern verschaffte, eine merkliche Erheiterung meines Gemuthes hatte bewirken konnen.

Zu Smyrna war meine erste Sorge, den alten Menippus zu besuchen, der ohne seine Schuld die Veranlassung zu allen Abenteuern gegeben hatte, welche mir seit unserer ersten Zusammenkunft zugestossen waren: aber ich fand ihn nicht mehr unter den Lebenden. Der Anblick einer unzahligen Menge von Fremden, wovon dieser grosse Handelsplatz wimmelte, und worunter ich viele Aegyptier, Syrer und Armenier sah, weckte jetzt auf einmal den Gedanken wieder in mir auf, der mich vor anderthalb Jahren nach Smyrna gefuhrt hatte; und ich beschloss, zu Ausfuhrung desselben mich an Bord des ersten Schiffes zu begeben, dass nach Laodicea abgehen wurde.

Wahrend ich die Anstalten zu einer so langen Reise machte, traf es sich eines Tages, dass mir auf einem einsamen Spaziergange, den ich in einer Gegend des Ufers, wo der Fusstritt eines Menschen etwas Seltenes war, beinahe alle Abende zu machen pflegte, ein Mann in den Wurf kam, der hier eben so fremd zu seyn schien als ich, und durch seine Gestalt und Miene sowohl als durch seine Kleidung, die einen Syrer oder Phonicier vermuthen liess, meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Nie sah ich so viel Tiefsinn mit so viel Feuer, einen so finstern Blick mit einer so offnen Stirn, und etwas so Anziehendes mit einem solchen Ehrfurcht-gebietenden Ernst in Einem Gesichte vereinigt. Ich fand ihn, indem ich um die Ecke eines vorragenden Felsen herumkam, in einer naturlichen Nische, welche die Zeit in den Felsen gegraben hatte, auf einem Steine sitzen, mit einem aufgerollten Buche auf seinem Schoosse, in dessen Lesung er begriffen war, als ihn meine unvermuthete Erscheinung aufzuschauen bewog. Er warf, unter seinen schwarzen uberhangenden Augenbrauen hervor, einen scharfen Blick auf mich, und fuhr wieder fort in seinem Buche zu lesen. Ich weiss nicht welcher geheime Zug sich bei seinem Anblick in mir regte. Meine erste Bewegung war, mich ihm zu nahern: aber ich sah so wenig Einladendes in seinem Auge, dass ich es nicht wagte. Ich ging tiefer in den Wald hinein, der sich auf dieser Landspitze bis nah ans Ufer erstreckte, und als ich zuruckkam, fand ich den Unbekannten nicht mehr.

Des folgenden Abends trieb mich ein mehr als gewohnlicher Grad von Trubsinn abermals in diese Gegend. Ich sah mich lange vergebens nach dem Fremdling um, den ich, ohne zu wissen warum, hier wieder anzutreffen hoffte. Alles weit umher war einsam, still und schauervoll. Meine Gedanken wurden immer truber. Ich stand mit gesenkter Stirn, an den Rumpf einer alten Eiche gelehnt, als ich auf einmal den Fremden gewahr ward, der langsam bei mir voruber ging. Er hielt einen Augenblick still, heftete einen Blick auf mich, der mir bedeutungsvoll schien, wiewohl ich ihn nicht entziffern konnte; und als ich, nach einigem Zaudern, zum Entschluss kam ihm zu folgen, war er wieder verschwunden.

Der Mann fing an mich zu beunruhigen. Ich entfernte mich; aber sein Bild folgte mir; ich konnte mich nicht davon los machen, und es kam mir sogar im Schlafe wieder vor. Etwas, das ich mir selbst nicht erklaren konnte, hielt mich am dritten Abend zuruck, den einsamen Ort, wo ich diese sonderbare Erscheinung schon zweimal gehabt hatte, zum drittenmale zu besuchen: aber ein eben so unerklarbares Etwas zog mich beinahe wider meinen Willen dahin. Ermudet setzte ich mich auf den Stein, wo der Unbekannte neulich gesessen hatte, und hing, den Kopf auf den rechten Arm gestutzt, meinen gewohnlichen Gedanken nach, als er plotzlich wieder vor mir stand.

Lucian.

Man muss gestehen, Peregrin, deine Abenteuer haben alle einen ganz eigenen Anfang immer so feierlich! so geheimnissvoll!

Peregrin.

Das ist das letzte, Lucian, das sich so anfangt; und wiewohl meine Neugier gereizt war, so gewann doch der Unbekannte durch diese ungewohnliche Art meine Bekanntschaft zu suchen nichts, als dass ich alle meine Klugheit (welches freilich nicht viel gesagt ist) aufbot, um auf meiner Hut gegen ihn zu seyn. Dioklea hatte mich misstrauisch gemacht.

Lucian.

Und doch wollte ich wetten, mit allem deinem Misstrauen wurdest du so gut wieder betrogen, als du dich mit der reizenden Kallippe, dem schonen Gabrias, und der gottlichen Dioklea betrogst, da du lauter Vertrauen warst.

Peregrin.

Alles zu seiner Zeit, lieber Lucian. Sobald der Unbekannte nahe genug war, dass ich nicht zweifeln konnte seine Absicht sey mich anzureden, stand ich auf, als ob ich ihm meinen Sitz uberlassen wollte, und machte eine Bewegung mich zu entfernen, aber wie einer der erst ein Band zerreissen muss, wodurch er zuruckgehalten wird. Wie, Peregrinus? sprach der Unbekannte mit einem Tone, der sogleich den Weg zu meinem Herzen fand, und einem Blicke, der wie ein Lichtstrahl in das Dunkle meiner Seele drang, du fliehest vor deinem guten Genius? Bei dieser Anrede blieb ich stehen, und raffte alle Kalte, die ich in meine Gewalt bekommen konnte, zusammen, um ihm statt der Antwort mit einer so unglaubigen als befremdeten Miene ins Gesicht zu sehen. Aber ich zweifle sehr, dass der Erfolg meinem Willen gehorsam war. Denn, indem ich es sprach, lief mir ein Schauder durch alle Adern, und das unfreiwillige Erstaunen, mich von einem so sonderbaren Unbekannten mit einer so seltsamen Anrede bei meinem Namen nennen zu horen, verschlang in einem Augenblicke mein Bestreben, dieses ausserordentliche Wesen durch eine angenommene Kalte von mir zuruck zu schrecken.

Lucian.

Da haben wir's!

Peregrin.

"Kannst du, fuhr er in eben dem herzgewinnenden Tone fort, kannst du glauben, dass uns ein blosser Zufall hier zusammengebracht habe? Es gibt keinen Zufall, Peregrin! Wir sollten uns finden, und wir fanden uns."

Ich fuhlte mich uberwaltigt. Ich setzte mich wieder auf meinen Stein, und der Unbekannte liess sich mir gegenuber auf einem bemoosten Felsenstucke nieder.

"Du fliehest die Menschen (fuhr er fort, da meine Zunge noch immer gebunden schien), du suchst die Einsamkeit, suchest Ruhe, und lebst im Kriege mit dir selbst, sehnest dich nach dem Licht, und taumelst in der Finsterniss. Noch so jung an Jahren, an Erfahrung schon so reich, was hast du an Weisheit gewonnen? Vor wenig Monaten noch eine so schone Blume, wo ist der Glanz deiner Bluthe? Empusen in Lichtgestalten haben ihn mit ihrem Hauche befleckt! Der stolze Ixion glaubte die Konigin der Gotter zu umarmen; noch glucklich, wenn die vermeinte Gottin an seinem Busen in eine Wolke zerflossen ware! Aber er selbst schmolz in den Armen einer Sirene hin."

Und diess alles liesest du in meinem Gesichte? rief ich mit Erstaunen und Besturzung aus: wunderbares Wesen, wer bist du?

"Nicht wofur du mich vielleicht haltst, wiewohl worden, Peregrin! es ist Zeit, dass dir der Weg der Wahrheit aufgeschlossen werde. Ich nannte mich deinen guten Genius, denn ich vertrete seine Stelle bei dir; und, wiewohl ich im Grunde nicht mehr bin als du selbst, so kann ich doch, in der Hand dessen dem ich diene, ein Werkzeug deiner Rettung werden."

Du begreifst, lieber Lucian, dass mein Erstaunen mit jedem Augenblicke wachsen musste. Wie konnte der Unbekannte mit den geheimsten Umstanden meiner Geschichte so vertraut seyn, als ob er wirklich mein Genius ware?

Lucian.

Dein alter Bedienter wird wieder geschwatzt haben.

Peregrin.

Da hatte er mehr sagen mussen als er selbst wusste.

Lucian.

Er wusste doch etwas, wenn schon nicht alles; und ein so schlauer Mann, als mir dein Unbekannter scheint, brauchte zu dem, was ihm deine eigene Gegenwart sagte, nur einige Bruchstucke von Nachrichten, um das Rathsel deiner Person ziemlich leicht aufzulosen.

Peregrin.

In der That vermuthete ich selbst so etwas, und dieser Gedanke gab dem letzten Funken von Misstrauen, den die Offenheit des Unbekannten in mir ubrig gelassen hatte, noch so viel Nahrung, dass seine Reden nicht die ganze Wirkung auf mich thaten, die er erwarten konnte. Aber auch diess las er in meinem Gesichte. "Mich wundert nicht, fuhr er fort, dass du unschlussig bist, was du von mir denken sollst. Nichts ist was es scheint, wiewohl dem Erleuchteten alles scheint was es ist. Die Natur ist eine Hieroglyphe, wozu wenige den Schlussel haben, und der Mensch kennet alles andre besser als sich selbst. Er gleicht einem ausgesetzten Konigsohne, der, von Hirten erzogen, in schlechter Gesellschaft, unter tausend verworrenen Zufallen und Abenteuern grau ward, ohne von seinem Ursprung und von dem, wozu er geboren war, einige Ahdung gehabt zu haben. Was fur Trost hat der Blinde davon, dass rings um ihn her Sonnenschein ist? Was hilft dem Bettler das Gold in den Eingeweiden der Erde? Das Leben des Menschen, das sein Alles scheint, ist nichts; immer von einem Augenblikke verschlungen, der schon dahin ist ehe man gewahr wurde dass er da war, ist es nichts! Aber, o mochten's die Menschen wissen! mocht' es ihnen der Donner, der die Todten wecken wird, in die Seele donist." Mein Unbekannter gab dieses sonderbare Orakel mit einer Begeisterung, einem Feuer in den Augen, einem, ich weiss nicht welchem mehr als menschlichen Klang der Stimme, von sich, dass ich davon ergriffen wurde, und den Muth verlor, ihn zu fragen was er damit wollte. Nachdem wir beide eine ziemliche Weile geschwiegen hatten, nahm er das Wort wieder, und sagte in einem sanftern, aber nach und nach immer feierlicher werdenden Tone: "Du bist zu einer grossen Bestimmung berufen, Peregrin! Eine machtige Stimme vom Himmel ist durch alle Lande erschollen. Der Eingeladenen sind viele, aber die Zahl der Erwahlten ist klein. Wir stehen am Rande einer furchtbaren Umkehrung der Dinge. Das Licht ist mitten aus der Finsterniss hervorgebrochen, das Reich der Damonen und ihrer Diener naht sich einem schrecklichen Ende. Schon ist die Stadt Gottes herabgestiegen, durch das Licht selbst, das von ihr ausstrahlt, den geblendeten Augen der Unheiligen noch verborgen: aber sie wird plotzlich, gleich der Morgensonne aus Wolken, hervorbrechen; die Volker der Erde werden sich zu ihr versammeln, und jeder ihrer Strahlen wird ein Blitz seyn, der die Feinde des Lichts verzehren wird."

Lucian.

Immer besser! Ich erkenne deinen Mann an dieser Weissagung. Die wackern Leute, zu denen er gehort, bedrohten die Welt so lange mit einer furchterlichen Umkehrung der Dinge, bis sie es in ihre Macht bekamen, die Drohung wahr zu machen.

Peregrin.

Er hielt abermal ein, und heftete einen Blick auf mich, der mein Innerstes durchforschen zu wollen schien. Ich gestehe dir, dass die Spitzen meiner Haare sich zu bewegen anfingen. So hatte ich noch keinen Menschen sprechen gehort! Ohne zu verstehen was er wollte, fuhlte ich alle Krafte meines Wesens durch seine Reden erschuttert; geheime Ahnungen stiegen in mir auf; mir war nicht anders, als ob ich dem Augenblick einer grossen Veranderung nahe sey. Indessen hatte ich mich doch, nach einer ziemlich langen Pause, so zusammen genommen, dass ich eben die Lippen offnen wollte, ihn zu bitten, dass er sich uber die geheimnissvollen Dinge, die er mit der Begeisterung und der Gewissheit eines Propheten vorgebracht, deutlicher gegen mich erklaren mochte; als er mir zuvorkam, und in einem viel ruhigern Tone fortfuhr: "Fasse dich, Peregrin! Ich habe dich in Erstaunen gesetzt. Es war nothig, um den erstorbenen Keim des Lebens in deinem Innersten wieder zu erwecken. Du sehe das Zeichen der Erwahlung auf deiner Stirne. Von nun an haben die Damonen, in deren Schlingen du dich zu Halikarnass verfingest, keine Gewalt mehr uber dich. Reinige dein Gemuth mit Strenge gegen dich selbst von jeder korperlichen Befleckung! Nur durch Ertodtung des thierischen Menschen wird der geistige ins Leben geboren; und keine andern als diese konnen Burger der heiligen Gottesstadt werden, in die ich dich einen Blick des Geistes thun liess. Noch einmal, Peregrin, das Reich des Lichtes ist nahe es hat schon angefangen unwissend und als ein Fremdling, wie dein Name sagt, stehst du bereits in seiner Mitte. Bald wird die Decke von deinen Augen fallen; du wirst in Mysterien, wovon jene zu Eleusis nur tauschende Schatten sind, zum Anschauen eines ganz andern Lichtes kommen, und ein ganz andrer Fuhrer der Seelen, als jener fabelhafte Hermes, wird das Gottliche in dir zu seinem Ursprung zuruckfuhren! Dann wirst du mein Bruder seyn, Peregrin! wirst die Stimme des hohen Berufs horen, zu welchem du erwahlt bist, und der Ehre theilhaftig werden, ein Mitarbeiter an dem glorreichsten aller Werke zu seyn, und unter dem Scepter des grossen Eingebornen die neu geschaffene Erde regieren zu helfen."

Lucian.

Das war viel auf einmal, guter Peregrin! Nach einer solchen Weissagung wird wieder eine ziemliche Pause erfolgt seyn?

Peregrin.

Der Unbekannte ergriff bei den letzten Worten meine Hand, druckte sie mit Inbrunst, und stand auf. "Ich sehe, sprach er mit geruhrter Stimme, dein Herz ist voll; allein mehr zu sagen ist mir nicht erlaubt. Ich stehe unter einem hohern Befehl. Ich muss dich verlassen. Am siebenten Tage nach dem nachsten Neumond werden wir uns zu Pergamus wiedersehen." Und hiermit kusste er mich mit einem Blick voll Liebe und Vertrauen auf die Stirn, entfernte sich eh' ich ein Wort sprechen konnte, und verlor sich zwischen den Felsen aus meinen Augen.

Ich stand in einer unfreiwilligen Bewegung auf, als ob ich ihm folgen wollte: aber die Furcht ihm zu missfallen zog mich schnell zuruck. Mit einem in der That sehr vollen Herzen setzte ich mich auf den Stein, wo dieser wunderbare Sterbliche oder Genius gesessen hatte. Seine Stimme schien noch leise um die Felsen zu tonen, von denen ich eingeschlossen war; von seinen Reden war kein Wort aus meinem Gedachtniss entschlupft; noch horte ich sie alle in meinem Innern widerhallen, und ich blieb, in tiefes Nachdenken uber chende Nacht mich endlich nothigte nach meiner Wohnung zuruckzukehren.

Hier war mein Erstes, meinen alten Freigelass'nen in die scharfste Untersuchung zu nehmen, ob er es sey, der den Unbekannten mit dem geheimern Theile meiner Begebenheiten so vertraut gemacht habe? Aber es fand sich, dass der Alte ihn weder selbst gesehen, noch mit irgend einem andern, von welchem jener seine Nachrichten hatte ziehen konnen, ein Wort von mir und meinen Angelegenheiten gesprochen hatte.

Lucian.

Und was schlossest du hieraus?

Peregrin.

Eigentlich zu reden, nichts: aber ich machte mir doch selbst einen Vorwurf daruber, dass ich, nach allem was ich von dem Unbekannten mit meinen Augen gesehen und aus seinem Munde gehort hatte, noch eines Misstrauens gegen ihn fahig sey.

Lucian.

An diesem Zug erkenn' ich dich, Freund Peregrin: diese Gemuthsbeschaffenheit war es eben, die dir hattest ziehen konnen, rauben musste.

Peregrin.

Du wirst dich um so weniger wundern, dass ich so leicht in die Falle des Unbekannten einging (wofern wir es anders, durch ein etwas vorschnelles Urtheil, fur eine Falle erklaren wollen) wenn du bedenkst, wie dringend bei mir das Bedurfniss war, das Leere, das meine letzte Entzauberung in meiner Seele zuruckgelassen hatte, wieder auszufullen; und dass die Harmonie in meinem Innern durch nichts andres hergestellt werden konnte, als indem die ganze Thatigkeit meines Geistes wieder auf den grossen Zweck gerichtet wurde, der, wiewohl ich ihn auf einem Irrwege verfehlt hatte, nicht aufhorte, noch ohne eine ganzliche Verwandlung meines Ich's aufhoren konnte, das Ziel meiner ewigen Sehnsucht zu seyn. Mir war, als ob mich die Reden des Unbekannten mit einer neuen Lebenskraft angeweht hatten. Ihre Beglaubigung war in meinen eigenen Gefuhlen und Wunschen. Sie blieben mir, wie sein Bild, immer gegenwartig; mit jeder Erinnerung senkten sie sich tiefer in meine Seele ein, und sein Abschiedskuss brannte noch lange auf meiner Stirne.

Lucian.

Ganz gewiss wusste dein Unbekannter auch diess

voraus! Der verstand sich auf die prophetische Kunst! Und mit welcher Sicherheit er vorhersagte, ihr wurdet euch am siebenten Tage nach dem ersten Neumond wiedersehen! Das ist doch keine Begebenheit, die sich so voraus berechnen lasst wie eine Mondsfinsterniss! Und er, er bestimmt nicht nur den Tag; er nennt dir, damit du ihn ja nicht verfehlen konnest, sogar den Ort, wo ihr euch wiederfinden wurdet. Der grosse Prophet! Wie gut er seinen Mann kannte!

Peregrin.

Spotte nicht, Lucian! So simpel die Sache scheint, so gehorte doch vielleicht ein Mann von ungewohnlichem Geiste dazu, ein so simples Mittel, seiner Sache gewiss seyn zu konnen, zu finden. Du wirst uber meine Einfalt lachen; ich gestehe dir aber aufrichtig, dass ich mir damals eben so wenig zu erklaren wusste, wie der Unbekannte wissen konnte dass wir uns zu Pergamus wiedersehen wurden, als woher er meinen Namen und meine Begebenheiten zu Halikarnass erfahren habe.

Lucian.

Und doch hattest du nichts Eilfertigeres zu thun, als den Ort und den Tag in dein Denkbuch einzuzeichnen?

Peregrin.

Ich that es wirklich, wiewohl ich meinem Gedachtniss auch ohne diese Beihulfe hatte trauen durfen; aber als ich es that, war ich weit von dem Vorsatz entfernt, die Vorhersagung durch eine freiwillige Reise nach Pergamus wahr zu machen. Indessen wurde doch nach einem vierzehntagigen Aufenthalt zu Smyrna, wo die einsame Felsengegend alle Abende einen Besuch bekam, unvermerkt Anstalt gemacht, von Smyrna nach Kyme, von Kyme nach Myrina, von Myrina nach Grynion vorzurucken, ohne dass sich ein wesentlicherer Beweggrund hatte angeben lassen, als dass ich dem gebenedeiten Pergamus dadurch immer naher kam.

Lucian.

Darf ich dich, weil wir doch (wie es scheint) jetzt zu deiner Verbindung mit den Christianern gekommen sind, ohne Unterbrechung fragen, ob du vor dem Tage, der dich mit dem Unbekannten zusammenbrachte, niemals Neugier oder Gelegenheit hattest, diese Leute naher kennen zu lernen? Eine aus Palastina entsprungene Secte, die einen gekreuzigten Gott zum Stifter hatte, und sich eines Geistes ruhmte, welcher Galilaischen Fischern die Gabe mittheilte alle Sprachen des Erdbodens zu reden, eine Secte, welche die reinsten und erhabensten Grundsatze der Philosophie mit allem, was der Magismus Schwarmerisches hat, in Verbindung zu bringen wusste, und sich einer Menge von Mitgliedern ruhmte, die durch die blosse Kraft ihres Glaubens, oft an Einem Tage, mehr und grossere Wunder gewirkt haben sollten, als dein Apollonius von Tyana in seinem ganzen Leben, eine solche Secte, sollte man denken, hatte eine Imagination wie die deinige um so mehr reizen sollen, da sie einen so dichten Schleier um ihre Mysterien zog, und uberdiess durch Beispiele der grossten Standhaftigkeit und einen mehr als Pythagorischen Gemeingeist die offentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.

Peregrin.

Beinahe mochte ich deine Frage auf dich selbst zuruckdrehen; denn fur einen so eifrigen Menschenforscher, wie du warst, scheinst auch du ehemals um eine genauere Kenntniss der Christianer wenig bekummert gewesen zu seyn.70

Lucian.

Die rechte Antwort auf diese Gegenfrage wurde uns zu weit aus dem Wege fuhren, Freund Peregrin. Und dann wirst du mir erlauben zu sagen, dass der Fall bei dir und mir nichts weniger als eben derselbe war. Ich hatte einen naturlichen Abscheu vor dieser Art von Leuten; dich zog eine naturliche Sympathie zu ihnen.

Peregrin.

Also kurz, lieber Lucian, die Ursache, warum ich in der That nie neugierig gewesen war die Christianer naher kennen zu lernen, war die einfachste von der Welt; denn es war ungefahr eben dieselbe, warum ich nie daran dachte, mit den seltsamen Geschopfen, womit du in deiner wahren Geschichte den Mond und die Sonne bevolkert hast, Bekanntschaft zu machen. Du wirst dich erinnern, dass zu unsern Zeiten in guter Gesellschaft entweder gar nicht, oder nur mit Verachtung von den Christianern gesprochen wurde. Zu Parium hatte ich kaum ihren Namen nennen gehort, und zu Athen auch diesen nicht. Mein Grossvater hegte aus mancherlei Ursachen einen granzenlosen Abscheu vor Juden und Judenthum; seine Vorurtheile gegen sie waren vielleicht zum Theil ungerecht, aber sie waren unheilbar: und weil die Christianer fur eine Judische Secte galten, und, was noch schlimmer war, fur eine, die sogar von den Juden selbst aus ihrem Mittel ausgestossen worden; so glaubte man ihnen kein Unrecht zu thun, wenn man das Schlechteste von ihnen dachte und sagte, zumal da ein so weiser und gerechter Furst wie Trajan, und Manner wie Plinius und Tacitus71 diesen Vorurtheilen gegen Juden und Christianer aufgewachsen, hatte ich es, wie gesagt, nie der Muhe werth gehalten, mich genauer nach ihnen zu erkundigen; und wiewohl mein Unbekannter, wie du bemerkt hast, ein Christianer war, und sogar eine wichtige Person unter ihnen vorstellte, so kam doch damals, eben darum weil er mir Ehrfurcht und Vertrauen einflosste, kein Verdacht in meine Seele, dass er zu einer so verachtlichen Menschenclasse gehoren konnte. Denn diess war sie in meinem Wahne so sehr, dass, wiewohl ich wusste dass sich eine zahlreiche Gemeine derselben zu Smyrna befand, mir gar nicht einfiel, die geringste Nachfrage ihrenthalben zu thun.

Lucian.

Der Unbekannte scheint gute Nachrichten von dir gehabt zu haben. Denn nun sehe ich offenbar, dass er sich deiner zuvor versichern wollte, eh' er es wagte sich vor dir zu einem Namen zu bekennen, gegen welchen du so stark eingenommen warst. Wurde er sonst Bedenken getragen haben, dich mit den Christianern zu Smyrna in Bekanntschaft zu bringen?

Peregrin.

In der That wusste er mehr von mir als ich ihm zutraute. Aber das letztere zu unterlassen, mochte er wohl noch einen andern Beweggrund haben: denn er war das Haupt einer von den vielen besondern Secten, in welche sich die Christianer um diese Zeit zu spalten anfingen; und da die Gahrung, welche seine Lehre in der Gemeine zu Smyrna verursachte, damals gerade am starksten war, wurde es auf keine Weise klug von ihm gewesen seyn, mich in einem so kritischen Augenblicke zum Zeugen derselben zu machen. Aber durch alle diese Aufklarungen laufen wir der Geschichte vor.

Ich hatte bald nach meiner Ankunft zu Smyrna von meinem Vater verschiedene Auftrage erhalten, die mich nothigten meinen Aufenthalt an diesem Orte zu verlangern. Je weniger diese Geschafte mit dem, was mir jetzt allein am Herzen lag, gemein hatten, desto mehr nahm meine Sehnsucht, den Unbekannten wieder zu sehen und den Aufschluss seiner geheimnissvollen Eroffnungen von ihm zu erhalten, mit jedem Tage zu. Als meine Geschafte geendiget waren, fehlten noch funf bis sechs Tage bis zum siebenten nach dem Neumond. Ich verliess Smyrna, weil ich nichts mehr da zu thun hatte: aber zu Mitylene warteten neue Auftrage auf mich, und uberdiess sollte ich sobald als moglich nach Parium zuruckkehren. Was war also naturlicher, als von Smyrna gerade nach Mitylene, und von Mitylene nach Hause zu reisen? Wozu diese Landreise nach Pergamus, die mich so weit von meinem Wege abfuhrte als die Weissagung des Unbekannten wahr zu machen, welcher, wofern ich den Ausrechnungen der kalten Vernunft, und dem, was im Grunde meine Pflicht war, mehr Gehor gegeben hatte, als meinem Hang zum Ausserordentlichen, unstreitig diessmal zum Lugenpropheten geworden ware. Aber wirklich wurde der Drang nach Pergamus zu gehen unvermerkt so stark, dass ich keinen Willen in mir fand, nur zu versuchen ob ich ihn uberwaltigen konnte. Das Sonderbarste an der Sache ist, dass die Vorhersagung des Unbekannten dadurch, dass ich sie vorsetzlich wahr machte, nichts von ihrem Wunderbaren in meinen Augen verlor: denn woher hatte er voraus wissen konnen, dachte ich, dass ich so viele Beweggrunde, einen ganz andern Weg zu nehmen, dem blossen Verlangen ihn wieder zu sehen aufopfern wurde, wenn er nicht die Gabe hatte, Gesinnungen in meiner Seele vorauszulesen, die in vielen Tagen erst entstehen sollten?

Lucian.

Mit Personen von so gutem Willen ist es in der That eine bequeme Sache ein Wundermann zu seyn.

Peregrin.

Wie wollten die Wundermanner auch zurechte

kommen, wenn es nicht solche gutwillige, jeder Tauschung immer selbst entgegen kommende Seelen in der Welt gabe? Diess war also auch hier der Fall. Ich reisete so eilfertig, als ob mir alles daran gelegen gewesen ware, die Weissagung meines Unbekannten ja nicht zu Wasser werden zu lassen, und langte schon am sechsten Tage nach dem Neumond zu Pergamus an, wo ich den ganzen Abend damit zubrachte, mich allenthalben, wo er zu finden seyn konnte, nach ihm umzusehen. Allein seine Stunde war noch nicht gekommen. Mein Glaube wurde dadurch nicht erschuttert, aber meine Ungeduld nahm uberhand. Endlich ward ich des folgenden Tages einen Sklaven gewahr, der mir eine Zeit lang von ferne bald zur Seite gegangen bald nachgefolgt war, und mich sehr aufmerksam zu betrachten schien. Ich blieb bei einem alten Denkmale an einem wenig gangbaren Platze stehen; der Sklave naherte sich mir endlich, fragte mich sehr demuthig mit leiser Stimme, ob ich Peregrinus von Parium sey? und da ich es bejahte, uberreichte er mir einen versiegelten Zettel, der nichts als diese Worte enthielt: "Folge diesem wohin er dich fuhren wird" mit der Unterschrift, der Unbekannte von Smyrna. Der Sklave sagte hierauf: wenn ich diesen Abend um die vierte Stunde nach Sonnenuntergang mich an einem gewissen Platze einfinden wollte, wurde er mich dahin fuhren wo man mich erwartete. Ich versprach es. Die Stunde kam, ich begab mich an den bestimmten Ort, und bald erschien auch der Sklave wieder, und brachte mich durch eine Menge enger Gassen an eine kleine Thur, die uns, auf ein Zeichen das er gab, von innen aufgemacht wurde.

Ich folgte ihm an seiner Hand durch einen finstern Gang in ein kleines Gemach, das er hinter mir verschloss. Auch dieser Winkel war ohne Licht, hatte aber eine viereckige Oeffnung, die mit einem so durchsichtigen Flor bedeckt war, dass sie die Stelle eines Fensters vertreten konnte. Ich wurde bald gewahr, dass diese Oeffnung durch die Mauer einer Scheune ging, welche von einigen Lampen ziemlich schwach erleuchtet war. So viel ich sehen konnte, befand sich hier eine Anzahl Personen von allerlei Alter, Geschlecht und Stande versammelt, die in grosser Stille auf verschiedenen Reihen von Banken um einen Tisch herum sassen, der einige Stufen uber den Boden der Scheune erhoht und mit einem Teppich zugedeckt war.

Ich hatte kaum Zeit diess alles zu bemerken, als ein Mann in einem langen leinenen Gewande, ein grosses purpurnes Kreuz auf der Brust, mit einem Rauchfass hereintrat, und die Scheune mit Wolken von Weihrauch erfullte; eine Ceremonie, die meiner Nase um so willkommner war, da ihr der dumpfige Geruch des Ortes und die Atmosphare der anwesenden Personen beschwerlich zu werden anfing, und leicht den Verdacht hatte erregen konnen, dass ich mich nicht in der besten Gesellschaft befinde, wiewohl ich zu merken anfing, dass ich unter Christianern sey. Bald darauf erschien ein anderer, ungefahr eben so gekleidet, stellte sich vor den Tisch, und begann eine Art von Wechselgesang anzustimmen, wobei die Gemeine von Zeit zu Zeit, mit halber Stimme und mit ziemlich genauer Beobachtung der Modulation und des Rhythmus, einfiel und dem Sanger zu antworten schien. Ich konnte zwar mit der angestrengtesten Aufmerksamkeit nur einzelne Worte dieser Litanei (wie es die Christianer nennen) verstehen; allein das Feierliche dieses sehr einfachen und um so herzruhrendern Gesangs, weil er blosse Sprache des innigsten Gefuhls der Singenden zu seyn schien, wirkte mit seiner vollen Kraft auf meinen innern Sinn, und erregte (zumal da der Sabaische Wohlgeruch den ersten widrigen Eindruck verschlungen hatte) unvermerkt ein leises Verlangen in mir, mit den guten Wesen, die sich mir durch diesen einzigen Sinn auf eine so angenehme Art mittheilten, in nahere Gemeinschaft zu kommen.

Als der Wechselgesang zu Ende war, erfolgte eine allgemeine tiefe Stille, die nur zuweilen durch halb laute abgebrochne Worte und Seufzer, welche ich mir damals nicht zu erklaren wusste, unterbrochen wurde. Der Mann mit dem Rauchfass erschien abermal, und erfullte den ganzen Versammlungsort mit einer dicken Wolke von Weihrauch: und als sie sich zertheilt hatte, sah ich auf dem erhohten Platze vor dem bedeckten Tische wen anders als meinen Unbekannten, im Begriff eine Anrede an die Gemeine zu halten. Seine Stellung und sein ganzes Aeusserliches gebot Ehrfurcht; er hatte das Ansehen eines Weisen, dessen Gemuth von allen Leidenschaften und Gebrechen der sterblichen Natur gereinigt ist, und der gewohnter ist mit hohern Wesen als mit Erdenkindern umzugehen. Niemals horte ich einen Menschen mit einem so wahren Tone der Ueberzeugung von Dingen sprechen, die ausser der Einbildung und Vorstellungsart dessen, der sie glaubt, keine Realitat haben, oder von deren Realitat es wenigstens nicht moglich ist sich durch Anschauung oder Vernunftschlusse zu uberzeugen. Seine Rede bezog sich zwar unmittelbar auf das Lob eines gewissen Martyrers (mit den Christianern zu reden), dessen Gedachtniss an diesem Tage von ihnen begangen wurde: aber ihr ganzer Inhalt schien mir darauf abgezielt zu seyn, mir den er doch wohl nicht ohne eine besondere Absicht hierher gebracht hatte uber die geheimnissvollen Dinge, in die er mich zu Smyrna hatte blicken lassen, einigen nahern Aufschluss zu geben. Er sprach von dem Jungling, der an diesem Tage die Wahrheit durch die standhafteste Erduldung eines grausamen Todes verherrlichet habe, als von einem edeln Kampfer, der in dem grossen Streite, worin die Kinder des Lichts mit den Geistern der Finsterniss und ihrem Anhang begriffen waren, ruhmlich gefallen sey, um nach der bevorstehenden glorreichen Endigung dieses heiligen Krieges als Sieger wieder aufzustehen, und einer von denen zu seyn, welche die neue Erde regieren wurden. Er breitete sich mit hinreissender Beredsamkeit uber diesen Zeitpunkt aus, dessen Glorien zu beschreiben ihm (wie er sagte) Bilder und Worte fehlten; wiewohl er den ganzen Reichthum der Sprache erschopfte, nur einen matten Schattenriss davon zu entwerfen. Er kundigte ihn mit der Gewissheit eines Propheten, der das Kunftige schon gegenwartig sieht, als etwas sehr nahe Bevorstehendes an, und ermahnte die anwesenden Bruder und Schwestern (die er in der eigenen Sprache seiner Secte mit den prachtigsten Titeln belegte), um so tapferer und unermudeter in dem Streite zu seyn, wozu sie berufen waren, da jeder Sieg, den sie uber den Feind erhielten, den grossen Tag beschleunigte, an welchem alles neu werden, oder vielmehr, durch die Wiedervereinigung mit dem Urquell des Guten, in den ursprunglichen Stand der reinsten und gottlichsten Vollkommenheit zuruckkehren wurde. Dieser Feind hatte, wie sie wohl wussten, ehemals seinen Sitz in ihnen selbst gehabt, und seine Herrschaft uber sie durch die Gewalt ausgeubt, womit er sie zu den Werken der Finsterniss hingerissen hatte: aber, wiewohl er, seitdem der neue Mensch in ihnen zu leben angefangen, aus ihrem Herzen vertrieben sey, so suche und finde er doch, so lange das Gottliche in ihnen in diesem sterblichen Leibe gefangen gehalten werde, tausend Wege, sich durch die Sinne in den innerlichen Menschen wieder einzuschleichen, das Licht ihrer Seele zu umnebeln, und Aufruhr, Sturme und Verheerungen in ihrem Inwendigen anzurichten. Da nun zu Ertodtung des thierischen Menschen kein anderes Mittel sey, als das Leben des geistigen zu befordern, so ermahnte er sie mit grossem Ernste, dem erstern, so viel nur immer mit der schuldigen Erhaltung des naturlichen Lebens bestehen konne, alle Nahrung zu entziehen, jede sinnliche Lust und Begierde in der Geburt zu ersticken, und durch ofteres Fasten, Wachen und Anhalten im Gebet den Einfluss der himmlischen Krafte in ihr Innerstes zu unterhalten. Sohne des Lichts, rief er, euch gebuhrt es, rein und ohne Makel zu seyn, wie der Vater der Lichter von dem ihr abstammet! Bruder des Eingebornen, Erstlinge der neuen Schopfung, auserwahlt mit Ihm das herrliche Reich zu regieren, dessen Stifter und Konig Er ist, euch gebuhrt es, aller Gemeinschaft mit den Kindern dieser Welt zu entsagen, und jede Gleichstellung mit den Unheiligen fur Schmach zu halten. Gehet aus von ihnen! Sondert euch ab von ihnen! Ihr Anhauch ist Befleckung, ihre Beruhrung Grauel und Bann! Welche Gemeinschaft konnte zwischen dem Licht und der Finsterniss seyn? welche Theilnehmung zwischen den Glaubigen und den Unglaubigen? Ihre Augen sind verschlossen, die eurigen aufgethan. Sie trachten nach dem was auf Erden, Ihr nach dem was droben ist. Euer Wandel ist im Himmel. Dieser verachtliche Kothklumpen unter euern Fussen hat nichts das eurer Wunsche werth sey. Die zerbrechliche Schale, meine Bruder, die uns noch umgibt, ist es allein, was uns hindert das Leben der Geister zu leben: aber auch diese dunne Scheidewand wird, durch das Feuer der gottlichen Liebe unvermerkt verzehrt, immer dunner, immer durchsichtiger. Hier hielt er auf einmal ein; sein Haupt sank zuruck, er schaute mit starren Augen empor, und schien einige Augenblicke in Verzuckung zu schweben, wahrend die Stille in der Versammlung noch stiller wurde, und alle Augen mit Erstaunen auf ihn geheftet waren. Sollten aber auch, fuhr er wieder zu sich selbst kommend fort, sollten gleich viele unter euch in diesem Leben, welches nur die Geburt ins wahre Leben ist, noch nicht bis zum Anschauen selbst gelangen, noch nicht entkorpert genug seyn, dass die Herrlichkeiten der unsichtbaren Welt ihrem Geiste aufgeschlossen wurden: hat nicht der Glaube, der euch mitgetheilt ist, ein Auge, zu sehen was ihr nicht sehet, wiewohl ihr um und um davon umgeben seyd? hat er nicht eine Hand, zu ergreifen was euch ferne scheint, wiewohl es euch so nahe ist? Und wenn weder Glaube noch Liebe Granzen haben; wenn beide so unendlich sind wie ihr Gegenstand, so unerschopflich, wie die Aeonen,72 deren Ausflusse sie sind wer, meine Bruder, kann sagen, was dem, der Glauben und Liebe hat, zu thun oder zu erreichen unmoglich ist?

Lucian.

Um der Grazien willen, Peregrin, halt ein! Lass es an dieser Probe genug seyn! Ich sehe, dein Unbekannter war ein Meister in seiner Kunst. Braucht es einer grossern Probe, als dass er dich noch in diesem Augenblicke mit seiner gottlichen Raserei wieder angesteckt hat? Du guter Peregrin! Da hattest du deinen Mann gefunden!

Peregrin.

In der That sog mein Ohr, oder vielmehr meine ganze Seele mit tausend unsichtbaren Ohren, alle seine Worte mit einer wunderbaren Befriedigung ein. Was ich fuhlte war dem unbeschreiblichen Gefuhl ahnlich, womit ein lechzender Wanderer, der lange nach einem Tropfen frischen Wassers schmachtete, die ersten Zuge aus einer ihm unverhofft entgegen rauschenden Felsenquelle thut. Der Unterschied war nur, dass, wie bei jenem der Durst mit jedem Zug abnimmt, ich hingegen mit jedem Zuge begieriger wurde, mich, den Kopf zu unterst, in diesen Strom zu sturzen, und kaum meine aussersten Lippen gelabt zu haben glaubte, als der gottliche Mann zu reden aufhorte. In eben demselben Augenblick erschien auch der Sklave, der mich hierher gebracht hatte, wieder, nahm mich bei der Hand, und fuhrte mich eilends davon, indem er mir ins Ohr flusterte, dass nun die heiligen Mysterien, bei denen kein Uneingeweihter zugegen seyn konnte, ihren Anfang nehmen wurden. Ich entfernte mich, die Glucklichen beneidend, denen erlaubt war an diesen Mysterien Theil zu nehmen, und im Weggehen hallte mir noch das herzerhebende Geton eines neuen Hymnus nach, den die Gemeine anstimmte.

Lucian.

Naturlicher Weise entferntest du dich also mit dem Entschluss, je jeher je lieber einer von diesen beneideten Glucklichen zu werden: und da diess vermuthlich gerade das war, was der Unbekannte wollte, so wirst du, hoffe ich, deines Wunsches bald genug gewahrt worden seyn?

Peregrin.

Dein Scharfsinn hat dich diessmal nur zur Halfte getauscht, Lucian. Meine Gedanken hast du errathen: aber der Unbekannte war nicht so leicht zu entziffern als ich. Er uberliess mich den ganzen Morgen, der auf diese merkwurdige Nacht folgte, meiner Sehnsucht, ihn allein zu sehen und zum Vertrauten dessen was in meinem Gemuthe vorging zu machen; aber vergebens erwartete ich ihn in meiner Wohnung, vergebens suchte ich ihn uberall auf, wo ich ihn zu finden vermuthen konnte. Endlich, da ich um die siebente oder achte Stunde nach Hause kam, fand ich einen Brief, worin er mir sagte: "Es ware ihm nicht erlaubt mich jetzt zu sprechen; aber wir wurden uns zu rechter Zeit wieder sehen; inzwischen sollte ich zu Parium, wohin mich meine Pflicht zuruckrufe, denjenigen erwarten, der mir zugesandt werden wurde, um mich auf dem rechten Wege weiter zu bringen."

Funfter Abschnitt.

Peregrin (fahrt in seiner Geschichte fort).

Da ich zu Pergamus nichts weiter zu erwarten hatte, machte ich auf der Stelle Anstalt nach Pitane abzugehen, um von da nach Mitylene uberzusetzen. Man sagte mir, dass ich einen grossen Wald zu durchwandern hatte, worin man sich ohne Wegweiser leicht verirren konne; und indem ich meinen Wirth daruber zu Rathe zog, bot sich ein Landmann von freien Stukken an, dem, seiner Versicherung nach, die ganze Gegend sehr bekannt war. Er musste, sagte er, ohnehin durch diesen Wald, um in seine jenseits desselben liegende Heimath zuruckzukehren, und der Weg wurde ihm desto kurzer scheinen, wenn er ihn in meiner Gesellschaft zurucklegen konnte. Es war etwas in der Physiognomie dieses Mannes, das mir Vertrauen einflosste. Ich trug also, zumal da mein alter Diener bei mir war, kein Bedenken sein Erbieten anzunehmen, und wir gingen fruh genug ab, um noch vor Sonnenuntergang die Gefahr des Verirrens uberstanden zu haben.

Aber es fiel anders aus als mein Mann geglaubt hatte. Die Sonne ging unter, und wir sahen noch keinen Ausgang aus dem Labyrinthe; vielmehr schienen mein Fuhrer versicherte, dass wir auf dem rechten Wege waren. Da ich kein Misstrauen in einen Menschen setzen konnte, der seiner Sache so gewiss war und ein so sprechendes Zeugniss seiner Redlichkeit in seinem Gesichte trug, so beruhigte ich mich dabei, und folgte meinem fast immer stillschweigenden Fuhrer so lange, bis er endlich selbst zu gestehen anfing, dass er den Weg nach Pitane verfehlt habe. Er schien nicht zu begreifen wie es zugegangen sey. Da muss, sprach er, eine hohere Hand im Spiele seyn. Glaubst du etwa, dass uns ein Waldgeist irre gefuhrt habe? sagte ich lachend. Das ware nicht unmoglich, antwortete er ganz gelassen: es gibt uberall bose Geister. Und du furchtest sie nicht? fragte ich. Gewiss nicht, versetzte er: sie mussen doch immer, wie leid es ihnen auch thut, durch das Bose, das sie wollen, das Gute befordern, das sie nicht wollen.

Ich hatte dem Manne bei diesen Worten gern ins Gesicht sehen mogen, wenn es nicht zu dunkel gewesen ware. Es ware mit Dank anzunehmen, sagte ich, wenn uns dein Waldgeist, indem er uns in irgend einen Sumpf oder an einen jahen Abgrund zu verfuhren gedachte, unversehens zu einem guten Nachtlager gebracht hatte. Das soll er auch, hoffe ich, erwiederte er; ich sehe schon Licht zwischen jenen Baumen. Es ist vielleicht ein Irrwisch, wenn es nicht der Mond ist, versetzte ich. Er schwieg; aber bald darauf wurde der Wald offner, der Mond gab uns etwas Licht, und es zeigte sich wieder ein Weg, den mein Fuhrer zu erkennen versicherte. Wir waren kaum eine Viertelstunde fortgegangen, so fanden wir ein langes angebautes Thal vor uns liegen, und entdeckten zwischen Gruppen von Baumen einige Wohnungen. Sagte ich's nicht? sprach der Wegweiser, mit der Hand nach den Wohnungen deutend. "Aber die Frage ist, ob man uns aufnehmen wird." Was wir hier sehen, ist ein kleines Landgut, erwiederte er, dessen Besitzer mir bekannt ist. Er ist ein guter Mann; er wird uns das Nachtlager nicht versagen.

Wir eilten, so ermudet wir waren, den Hugel hinab, und sahen uns bald zwischen einigen Reihen hoher Castanienbaume, die uns gerade zu einem sehr einfachen aber geraumigen Gebaude fuhrten, welches die Wohnung des Landwirths schien, dem dieses Gut zugehorte. Wie wir naher kamen, tonte uns aus der Stille der Nacht ein ausserst anmuthiger Gesang verschiedener mannlicher und weiblicher Stimmen entgegen, deren gut zusammenpassende Verschiedenheit, bei einer uberaus reinen Intonation, die angenehmste Harmonie hervorbrachte. Ich glaubte einen Chorgesang jener himmlischen Wesen zu horen, deren wieder hergestellte Gemeinschaft mit uns, nach der Versicherung meines Unbekannten, eine der Gluckseligkeiten des bevorstehenden Reichs Gottes seyn sollte. Meinem Fuhrer schien das eine gewohnte Sache zu seyn, und ich fing an zu vermuthen, dass seine Verirrung im Walde weder ein Werk des Zufalls noch der WaldDamonen, sondern vorsetzlich abgezielt gewesen sey, mich hierher zu bringen.

Lucian.

Diess ist, dunkte mich, klar genug, und ich vermuthete es lange vor dir, lieber Peregrin.

Peregrin.

Wir horten dem Gesang eine gute Weile stillschweigend zu; und als er aufhorte, klopfte mein Fuhrer dreimal an der Pforte des Vorhofs an. Nicht lange, so horten wir jemand aus dem Hause an die Pforte kommen, der uns fragte, was unser Begehren sey? Mein Fuhrer antwortete ihm etwas auf Syrisch, das ich damals nicht verstand, und setzte auf Griechisch hinzu: er hatte ein paar Fremde, die nach Pitane wollten, durch den Wald geleitet; wir waren verirrt, und hofften keine Fehlbitte zu thun, wenn wir an dieser Pforte um ein Nachtlager baten.

Er hatte die letzten Worte noch nicht ausgesprochen, so ging die Thur auf, und wir sahen einen rustigen Mann von funfzig Jahren, der uns, einen nach dem andern, bei der Hand nahm und in seinem Hause willkommen hiess. Einer seiner Sohne leuchtete uns, und wir wurden in einen kleinen Saal gefuhrt, wo sich in kurzem noch funf oder sechs andere wackere Junglinge einfanden, die als Sohne vom Hause sich geschaftig erwiesen, uns zu zeigen dass wir freundlich aufgenommen waren. Bald darauf brachten sechs Madchen von dreizehn bis zwanzig Jahren, die Schwestern dieser Junglinge, alles was vonnothen war, uns die Fusse zu waschen. Sie waren alle eben so reinlich als einfach gekleidet, und zeichneten sich von allen weiblichen Wesen, die mir jemals vorgekommen waren, durch ein Ansehen von Unschuld, Zucht und in sich selbst verhullter Jungfraulichkeit aus, das sich besser fuhlen als beschreiben lasst. Sie setzten das Wasser, ohne die Augen aufzuschlagen, vor uns nieder, breiteten reine Tucher und das ubrige Zubehor auf einen Tisch aus, und entfernten sich wieder, eine nach der andern, eben so sittsam und ohne Gerausch, wie sie gekommen waren. Noch etwas das mir auffiel, war, dass diese sechs Madchen einander so ahnlich sahen, als ob es eben so viele Copien eben desselben Modells gewesen waren; bloss das Alter und die Grosse machte den Unterschied aus. Eben diess, wiewohl in minderem Grade, bemerkte ich auch an den Sohnen, von welchen die drei jungsten, nachdem sie sich mit Schurzen von Leinen umgurtet hatten, ohne auf meine und meines alten Dieners Weigerungen zu achten, den Dienst des Fusswaschens in grosser Stille und mit einem sonderbaren Anschein von Demuth und Andacht verrichteten.

Als sie damit fertig waren, und wir eine Weile ausgeruht hatten, erschien der Hausvater wieder, und fuhrte uns in einen andern kleinen Saal, zu einem gedeckten Tische, der mit Eiern und Milch, sehr schonem Brote und vortrefflichen Fruchten besetzt war. Hier fanden wir eine Matrone von etwa vierzig Jahren, die Frau des Hauses und die Mutter aller dieser Kinder, die uns bat, da wir doch einiger Erquickung bedurften, mit dem furlieb zu nehmen, was das Haus noch so spat zu geben vermochte. Diese Frau flosste mir beim ersten Anblick eine Empfindung ein, die ich noch nie gefuhlt hatte etwas das aus dem, was man fur eine Konigin und fur eine Mutter fuhlen kann, zusammengesetzt war, und mich zwischen zwei unfreiwilligen Anwandlungen, vor ihr nieder zu knien und ihr um den Hals zu fallen, im Gleichgewicht hielt: in einem so hohen Grade leuchtete jede Tugend, die wir mit dem schonen Worte Sophrosyne73 zusammenfassen, aus ihrem ganzen Gesicht und Wesen hervor. Ohne dass sie vermuthlich jemals eine Schonheit gewesen war, gab ihr die Mischung von Wurde und Demuth, von Ernst und Gute, Weisheit und Einfalt, Betriebsamkeit und Ruhe, die den Charakter ihrer Gesichtsbildung und Zuge ausmachte, eine so eigene Art von Wurde und Anmuth, und zu aller der Mutterlichkeit, wenn ich so sagen kann, die eine Mutter von sechs Sohnen und eben so viel Tochtern in ihr darstellte, etwas so Jungfrauliches und Vestalenartiges, dass ihr Anschauen auf einmal alle Bilder von Schonheit und Grazie ausloschte, die aus der Villa Mamilia in meiner Seele zuruckgeblieben waren. Damals kannte ich nichts, womit ich diese Frau, und das was ich bei ihrem Anblick empfand, hatte vergleichen konnen; aber lange nachher, als ich in allen Mysterien der Christianer eingeweiht war, dachte ich, so oft ich mich ihrer erinnerte, ein Maler oder Bildner hatte, um die Mutter des Gottgesandten darzustellen, kein vollkommneres Modell finden konnen als diese Frau.

Es war ein schoner und fur mich ganz neuer Anblick, diese Eltern zu sehen, die von so vielen ihnen ahnlichen, gesunden und gutartigen Kindern umgeben, einem schonen Baume glichen, der sich durch zwei Hauptaste in eine Menge saftvoller, dicht belaubter Zweige ausgebreitet hat. Die ganze Familie schien Ein Herz und Eine Seele. Die Befehle der Eltern wurden nur durch Winke gegeben, und doch eben so schnell und mit eben der Stille vollzogen, wie die Glieder des Leibes dem Willen gehorchen. Gutherzigkeit und Wohlwollen, eine Gefalligkeit, die aus reinem herzlichen Gefallen an einander zu entspringen schien, kurz eine Uebereinstimmung der Gemuther, wovon ich noch keine Vorstellung gehabt hatte, leuchtete aus allen Augen, sprach aus allen Bewegungen und Handlungen dieser glucklichen Geschopfe, und wirkte desto sonderbarer auf mich, da ich noch nie unter Menschen gewesen war, die so wenig Worte gemacht hatten wie diese. Es war als ob ihnen die Seelensprache, worin sie einander so gut verstanden, zu allem hinreichte, was sie sich zu sagen hatten. Sind diess, sagte ich zu mir selbst, die Menschen, von denen unsre Priester und unser Pobel mit solchem Abscheu, und unsre grossen Manner mit solcher Verachtung sprechen? Ist der Geist, der diese gutartige Familie beseelt, der allgemeine Geist ihres Ordens? O so hatte mein Unbekannter wohl Recht, sie neue Menschen und Erstlinge einer neuen Schopfung zu nennen! Selbst das goldene Alter unserer Dichter ist nur ein kindisches Mahrchen gegen eine Welt, die von lauter Menschen, wie diese Familie, bewohnt wurde.

Ich konnte mich nicht enthalten, ihnen die Bewunderung und Zuneigung, die ich fur sie fuhlte, in sehr lebhaften Ausdrucken zu bezeigen. Aber meine Sprache schien ihnen fremd; die jungen Leute schlugen die Augen nieder oder traten auf die Seite, und der Hausvater sah mich an, als suchte er in meinem Gesichte, ob er sich an mir geirret habe. Indem ich nachdachte, was diess zu bedeuten haben konnte, reichte mir die Frau des Hauses einen Becher mit Wein, welchen eine ihrer Tochter, nach Gewohnheit des Landes, vorher mit Wasser vermischt hatte. Ich nahm ihn an, und aus einer bloss mechanischen Gewohnheit goss ich, indem ich meine Wirthin mit Ehrerbietung und Wohlgefallen betrachtete, ohne zu denken was ich that, etwas Wein auf den Boden, bevor ich trank. Sie erblasste, trat zuruck, und in wenig Augenblicken waren die Mutter und die Tochter aus dem Saale verschwunden.

Warum thatest du das? fragte mich der Hauswirth mit freundlichem Ernste: siehe, wie du diese guten Seelen erschreckt hast! Ich wurde feuerroth, und entschuldigte mich, mit einer eben so mechanischen Betheuerung beim Jupiter, dass meine Hand es ohne den Willen meiner Seele gethan habe. Nun schlichen sich auch die Sohne unvermerkt und in grosster Stille einer nach dem andern fort. Die Macht der Gewohnheit! sagte der Wegweiser mit einem kleinen Kopfschutteln. Seit mehr als vierzig Jahren, fuhr unser Wirth fort, ist dieser Boden durch keine abgottische Libation entweiht, und der Name keines bosen Damons in diesem Hause ausgesprochen worden. Wir scheuen uns nicht zu bekennen, dass wir nur den Einzigen anbeten, durch welchen und in welchem alles ist, und dass wir ihm dienen, wie es uns der Liebling seines Sohnes, nach dessen Namen man uns nennt, gelehrt hat. Unser Bruder, der dich hierher gebracht hat, sagte uns, du warest auf dem Wege einer der Unsrigen zu werden.

Er hielt ein, und ich gestehe, dass mir diese Rede von einem Manne, den ich bisher eben so verstandig als biederherzig gefunden hatte, machtig auffiel. Du hattest mich also, ohne diese vielleicht irrige Meinung nicht aufgenommen? fragte ich mit einiger Empfindlichkeit. "Dennoch, antwortete er mit seiner gewohnten Ruhe, nur auf eine andere Art. Alle Menschen, wer sie auch seyn mogen, konnen gewiss seyn, dass wir uns keiner Pflicht der Menschlichkeit gegen sie weigern; aber Liebe konnen nur unsre Bruder von uns erwarten; und wenn wir nicht so strenge daruber hielten, so viel moglich alle Gemeinschaft mit denen, die es nicht sind, zu vermeiden, wurden wir bald aufhoren das zu seyn, was dir (wie du sagst) so viel Wohlwollen fur uns eingeflosst hat. Nur die Absonderung von den Kindern der Welt sichert uns, nicht von ihnen angesteckt zu werden." Wenn der Wunsch, einer der Eurigen zu seyn, hinreichend ware! versetzte ich Aber ich bin noch so unwissend, dass ich nicht einmal die Elemente der Weisheit, die euch zu so guten Menschen macht, begriffen habe. "Was wir Gutes haben, erwiederte unser Wirth, ist Gnade von oben: der Wille allein ist unser; und auch das ist Gnade, dass er gut ist. Uebrigens sind wir als blosse Sauglinge der himmlischen Weisheit nur mit Milch genahrt worden; wir sind ungelehrte Landleute, und die hohe Gnosis unsrer Propheten ist eine Gabe des Geistes, die uns nicht gegeben ist. In Einfalt des Herzens begnugen wir uns, an unserm Meister zu hangen, ihn, der aus Liebe zu uns sein Leben liess, von ganzem Herzen zu lieben, seines Sinnes zu seyn, seinem Exempel zu folgen, und mit Freudigkeit seiner Wiederkunft zu harren."

Diess ist zum Heil hinreichend, mein Bruder, sagte unser Wegweiser: aber Kinder sind doch nicht geboren, um Kinder zu bleiben; sie sollen Junglinge und Manner werden, und bedurfen alsdann, ja schon um es zu werden, starkere Speise.

Der Hauswirth erwiederte nichts hierauf. Nach einer kleinen Weile fuhr jener fort: ich weiss dass man dir Vorurtheile gegen unsre Gemeine beigebracht hat; aber ich bin gewiss, wenn du unsern Propheten gesehen, wenn du ihn gehort hattest, du wurdest andres Sinnes werden.

Mein Bruder, versetzte unser Wirth mit Warme, ich werde nie einen solchen Mann wieder sehen wie Johannes, der Liebling unsers Herrn, war! Wohl mir, dass ich ihn gesehen habe, den liebenswurdigen Greis, den wir alle wie unsern Vater liebten und als den Stellvertreter seines geliebten Meisters verehrten, und dass sein Bild, oder vielmehr sein Geist in himmlischer Lichtgestalt, noch immer vor mir schwebt, so oft ich mich seiner erinnere! Unvergesslich wird mir, so lang' ich lebe, der Augenblick seyn, da er in diesem Hause, in diesem namlichen Gemache wo wir jetzt sind, als ich ein Knabe von sieben Jahren war, seine heiligen Hande auf mich legte und mich segnete! Und so lang' ich lebe, werd' ich den herzlichen Ton der letzten Worte in meiner Seele horen, mit denen er von seiner Gemeine zu Ephesus schied. Durch eine besondere Schickung hatte mich damals mein Vater in meinem vierzehnten Jahre nach Ephesus gebracht, um meine Erziehung daselbst vollenden zu lassen. Bald darauf fuhlte der Heilige, der beinahe das ganze erste Jahrhundert des Heils durchlebt hatte, dass die Stunde des Scheidens gekommen sey. Er wurde in einem Lehnstuhl in die Gemeine getragen, die sich in dem Hause, wo er wohnte, versammelt hatte. Nie, nie wird mir dieser Anblick, diese Gefuhle, die mein Innerstes durchdrangen, aus dem Sinne kommen! Wenn uns ein Engel in Gestalt eines Greises erscheinen wollte, so wurde er die Gestalt des von seinen Kindern scheidenden Johannes annehmen. Seine Augen waren dunkel geworden: aber das letzte Auflodern der erloschenden Flamme schien sie auf einmal zu erheitern, und in einem Blick voll Liebe auf uns alle auszustrahlen. Die ganze Gemeine lag in heiliger Stille und mit thranenden Augen auf den Knien um ihn her, seinen letzten Segen zu empfangen. Er erhob sich, breitete seine Arme gegen uns aus, segnete uns, sank zuruck, und war verschieden.

Die Stimme unsers guten Wirths erstickte bei den letzten Worten, und Thranen rollten uber seine gluhenden Wangen herab; er sah eine lange Weile unverwandt empor; mein Wegweiser schwieg, wie in Gefuhl verloren; und ich ich gelobte mir selbst, dass von nun an alle meine Gedanken dahin gerichtet seyn sollten, so bald immer moglich in die Gemeinschaft dieser liebenswurdigen Menschen aufgenommen zu werden, die in meinen Augen einen Timon selbst mit dem ganzen Menschengeschlecht ausgesohnet hatten.

Bald darauf stand unser Wirth schweigend auf, fuhrte uns in ein fur uns aufgerustetes Schlafgemach, und wunschte uns eine gute Nacht.

Mein Herz war zu voll, als dass ich, wiewohl von der Reise sehr ermudet, selbst hatte ruhen, oder meinem Gefahrten Ruhe lassen konnen. Wie ist es moglich, sagte ich zu ihm, dass so gute Menschen, wie ich nun sehe dass ihr seyd, von der Welt so sehr verkannt werden konnen?

"Das wundert dich? antwortete er mit dem Lacheln, womit man auf die einfaltige Frage eines Kindes antwortet: eben darum weil wir gut sind. Konnen wir, die wir noch so weit unter dem Vorbilde unsers Meisters und Herrn sind, konnen wir erwarten, dass es uns besser ergehen werde als ihm?" Und nun fing er an, durch meine Fragen veranlasst, und durch das Interesse womit ich ihm zuhorte aufgemuntert, sich mit einer immer zunehmenden Warme uber den Charakter des ausserordentlichen Menschensohnes, den er seinen Meister und Herrn nannte, auszubreiten; der (wie er sagte) in einem Alter, worin gewohnliche Menschen kaum die ersten Elemente der Weisheit zu fassen fahig sind, die weisesten Manner aller Volker und Zeiten so weit hinter sich zuruck liess, dass die Hermes und Zoroaster, die Pythagoras und Sokrates, sich fur glucklich geachtet haben wurden seine Schuler zu seyn; in dem Alter der Leidenschaften sich als ein so vollkommnes Muster der Massigung, Enthaltsamkeit, Ruhe des Gemuths, Sanftmuth, und uberhaupt aller Tugenden, die am schwersten auszuuben sind, darstellte, dass er seine Feinde offentlich auffordern konnte ihn irgend einer Vergehung zu zeihen, und dass selbst der Romische Procurator von Judaa, wiewohl feige genug den Unschuldigen dem Hasse der Priester und der Wuth des Pobels Preis zu geben, laut gestehen musste, er finde keine Schuld an ihm. "Wo ist jemals, fuhr er fort, ein Menschensohn gesehen worden, der so gesprochen, so gelebt, und ein so reines Leben mit einem so bewundernswurdigen Tode gekront hatte? Ohne die geringste Anforderung an diese Welt, ohne Sorge fur sich selbst, gewiss dass der Auftrag, womit er auf die Erde gesendet worden war, alle Machtigen und Reichen, alle Priester und Schriftgelehrten, und uberhaupt alle Regenten und Unterthanen des Reichs der Finsterniss zu seinen todtlichsten Feinden machen wurde, ging er mitten unter ihnen seinen Weg so heiter und ruhig fort, als ob er nicht voraus gewusst hatte, dass dieser Weg ihn gerade ans Kreuz fuhre. Jeder seiner Schritte zu diesem grausenvollen Ziele war mit einer Wohlthat bezeichnet, jedes seiner Worte ein goldner Spruch der Weisheit, o wie weit erhaben uber alles, was vor ihm, selbst bei unsern auf ihre hohere Cultur so stolzen Griechen, diesen Namen gefuhrt hatte! Wer sprach jemals zugleich mit solcher Hoheit und Einfalt, so tief und doch so fasslich, so Gott geziemend und doch zugleich so menschlich, von himmlischen und gottlichen Dingen? Es war unmoglich ihn mit unbefangenem Sinne zu horen, ohne die Wahrheit seiner Worte zu fuhlen, oder vielmehr zu fuhlen, dass es die Wahrheit selber war, die in Gestalt eines Menschensohnes zu Menschen sprach. Es war unmoglich nur ein bloss naturlich guter Mensch zu seyn, und ihn zu sehen, zu horen, mit ihm zu leben, ohne von seiner unwiderstehlichen Holdseligkeit und Gute uberwaltiget zu werden, und ihm mit einer Liebe, die kein anderer Sterblicher einflossen konnte, zugethan zu seyn. Alle seine Junger und Jungerinnen, sogar diejenigen, die er zu bestandigen Gefahrten und Zeugen seines Lebens auserwahlt hatte, hingen bloss durch diese Liebe an ihm. Seine Person blieb ihnen immer ein unauflosliches Geheimniss; mehrmals wurden sie sogar irre an ihm: aber auch, nachdem sie nun gewiss waren, dass sie nichts in dieser Welt von ihm zu hoffen hatten, gewiss waren, dass im Gegentheil ihre Anhanglichkeit an ihn ihnen nichts als Hass und Verfolgung, ein muhseliges Leben und einen peinvollen Tod zuziehen wurde: auch da wirkte diese unbegreifliche Liebe noch immer so wunderbar in ihnen fort, dass sie, nach seinem Beispiel, keine Gefahren, keine Leiden, keine Martern scheuten, um den von ihm empfangnen Auftrag zu vollziehen, indem sie der ganzen Welt das Reich Gottes ankundigten, zu dessen Grundung er auf die Erde gekommen war. So lebte er, auch nach seinem Hingang, noch immer (wie er ihnen versprochen hatte) mitten unter den Seinigen; oder vielmehr nur seine Gestalt war ihren Augen entschwunden, Er selbst lebte in ihnen fort, redete aus ihnen, wirkte aus ihnen, und vollendete durch sie das grosse Werk, welches die Geister der Finsterniss durch seinen Tod im Werden zu zerstoren gehofft hatten. Und dieser gottliche Mensch (rief mein begeisterter Evangelist mit verstarkter Stimme aus), dieser weiseste, beste, reinste, liebevolleste, liebenswurdigste und geliebteste aller Menschen, starb im dreiunddreissigsten Jahr eines solchen Lebens am Kreuze! Und nun, setzte er nach einer ziemlich langen Pause hinzu, wirst du dich noch langer wundern, die Junger eines Meisters, der so verkannt wurde, nicht besser behandelt zu sehen? In der That geht es uns noch viel zu gut: und ich furchte sehr, es ist ein schlechtes Zeichen unsrer Lauterkeit und Gleichformigkeit mit ihm, dass uns die Kinder dieser Welt seit geraumer Zeit so viele Ruhe lassen."

Ich hatte, wie du leicht erachten kannst, gegen eine Antwort, die den Knoten so rasch entzwei hieb, nichts zu erwiedern, und konnte es um so weniger, da mir in diesem Augenblick eine Stelle meines Plato einfiel, wo er behauptet: "ein vollkommen weiser und guter Mensch wurde eben darum, weil er diess ware, von den ubrigen Menschen nothwendig gemisskannt, gehasst, geschmahet, verfolgt und endlich gar getodtet werden, ohne dass er darum sogar am Kreuze aufhoren wurde, sich selbst gleich zu bleiben."

Sollte man, dachte ich, nicht glauben, ein prophetischer Geist hatte dem Attischen Philosophen diese Worte als eine Weissagung eingegeben, welche mehrere Jahrhunderte nach ihm unter einem Volke, dessen blosser Name ihm vielleicht unbekannt war, auf eine so auffallende Weise in Erfullung gehen sollte?

Ich konnte mich nicht enthalten meinem Gefahrten diesen Gedanken mitzutheilen. Er schien meiner Meinung zu seyn, und behauptete: die Weisen unter den abgottischen Volkern hatten sich ofters in dem Falle befunden, ohne es selbst zu wissen, Vorboten und Ankundiger des Gottgesandten zu seyn. Sein Eifer, mich vollends zu uberzeugen, wurde nun immer feuriger, je mehr Eindruck seine Reden auf mich zu machen schienen. Vermuthlich wollte er, da wir uns mit Anbruch des Tages wieder trennen sollten, sich nicht vorzuwerfen haben, er hatte es an sich fehlen lassen, mich auf den rechten Weg zu bringen; und so uberschlich uns der Morgen unvermerkt, ohne dass der Schlaf in unsre Augen gekommen war.

Lucian.

Dein Wegweiser war, wie ich sehe, nicht ohne Absicht zu diesem Amte befordert worden. Aber bei aller Geschicklichkeit und allem Eifer, womit er sich seines Auftrages entledigte, sollte dir doch aufgefallen seyn, dass machtig viel Declamation in seinem Vortrage war; und es lag, dunkt mich, nur an dir, das ganze Rathsel des ausserordentlichen Mannes, zu dessen Anhanger er dich machen wollte, auf eine viel simplere Art zu erklaren als die seinige. Das Ausserordentliche an ihm musste sich so ziemlich verlieren, und alles wieder in den begreiflichen Lauf der Dinge eintreten, sobald du bedachtest, dass die Geschichte, oder, um ihr ihren rechten Namen zu geben, die Mythologie aller dieser Gottersohne, vom Brama der Indier, dem dem Zamolxis der Geten, dem Linus und Orpheus der Griechen u.s.w., bis auf unsern wundervollen Apollonius herab, in der Hauptsache immer eben dieselben Erscheinungen und eben dieselben Resultate gibt. Immer, von der Empfangniss bis zum Tode, alles wunderbar; ubermenschliche Natur und Krafte, ubermenschliche Weisheit und Tugend; Gemeinschaft mit den Gottern und einer unsichtbaren Welt; Gewalt uber die Elemente und die vermeintlichen in ihnen herrschenden Geister; unwiderstehliche Einwirkung auf gewohnliche Menschen; hinreissende oder alle Herzen gewinnende Beredsamkeit; Gabe Wunderdinge zu thun, Todte zu erwecken, das Zukunftige vorherzusagen u.s.w. Immer ein unter den Sterblichen erschienener wohlthatiger Damon in Menschengestalt, um sie von grossen Uebeln zu befreien und in einen hochst glucklichen Zustand zu versetzen, irgend eine neue Religion, einen geheimen Gottesdienst und Orden, oder eine Theokratie74 zu stiften, welche anfangs das wohlgemeinte Werk unschuldiger Enthusiasten, zuletzt, und in ziemlich kurzer Zeit, zu einer ganze Volker und Reiche unterjochenden Priesterregierung wird. Fur uneingenommene Zuschauer der menschlichen Dinge loset sich in allen diesen Fallen der geheimnissvolle Knoten durch ein und eben dasselbe Dilemma auf. Entweder die Wundermanner tauschten ihre Anhanger und den ubrigen grossen Haufen vielleicht aus wohlthatigen Absichten vorsetzlich, was z.B. von den Stiftern unsrer Eleusinischen Mysterien unlaugbar ist: oder sie tauschten unwissenderweise sich selbst durch ihren Enthusiasmus, und andere durch den naturlichen Zauber, womit grosse Seelen auf kleine wirken. In beiden Fallen erklart sich alles auf die naturlichste Art von der Welt; zumal wenn man bedenkt, wie wenig dazu gehort, dass in den Augen unwissender und aberglaubischer Leute aus einem ungewohnlichen Menschen ein Heros, und aus einem Heros ein Gott werde. Man musste die menschliche Natur wenig kennen, wenn man von den unmittelbaren Jungern eines solchen Mannes, oder von den Jungern dieser Junger, etwas anderes erwartete, als dass sie immer mehr sagen werden als sie wirklich gesehen und gehort haben. Und wie sehr kommt ihnen dabei der Umstand zu Statten, dass sie nie begieriger seyn konnen, unglaubliche Dinge zu erzahlen, als ihre meisten Zuhorer es sind, dergleichen zu horen und zu glauben!

Peregrin.

Du warest also, an meinem Platze, weiser gewesen als der Pythagorische Timaus beim Plato, der die religiose Tradition der Griechen auf einen sehr festen Grund gesetzt zu haben vermeint, indem er behauptet: von den Angelegenheiten und Thaten ihrer Ahnen und ihrer ganzen Sippschaft naturlicherweise am besten unterrichtet seyn mussen; und es sey also, wie unerweislich und unglaublich auch ihre Nachrichten an sich seyn mochten, fur uns Menschensohne schon genug, dass sie uns von Gottersohnen gegeben wurden, um sie mit gebuhrender Ehrfurcht fur hinlanglich beglaubigte Thatsachen gelten zu lassen."

Lucian.

Ich mache deinem Verstande wohl kein grosses Compliment, Peregrin, wenn ich ihm zutraue, dass ein Argument von dieser Starke selbst in dem hochsten Punkt der Warme deines Kopfes keinen grossen Vortheil uber dich erhalten hatte?

Peregrin.

Bei allem dem ware es nicht mehr als billig, das Ansehen solcher Manner wie Timaus einem jungen Menschen zu Statten kommen zu lassen, welchen, ausser der Warme seines Kopfes und seinem angebornen Hang zum Ausserordentlichen, noch der mechanische Einfluss der Gewohnheit, von Kindesbeinen an Gottersohne geglaubt zu haben, in diesem Stucke etwas leichtglaubig machen musste. Allein die Grunde des Glaubens , zu welchem ich mich durch die Unterredung mit meinem Wegweiser so machtig hingezogen fuhlte, hatten (um nicht ungerecht zu seyn) ein ganz anderes Gewicht, als Timaus, oder Plato selbst der mir in dieser Sache ohnehin der Ironie verdachtig ist demjenigen, dem sie das Wort zu reden scheinen, jemals verschaffen konnen. Wie scheinbar auch beim ersten Anblick die Aehnlichkeit seyn mag, die du unter den Gottersohnen aller Volker und Zeiten findest, so war doch der Vorzug und die Ueberlegenheit desjenigen, mit welchem ich seit kurzem durch die Christianer bekannt geworden war, so gross, so wesentlich, so unverkennbar

Lucian.

Um Vergebung, lieber Peregrin, dass ich dir in die Rede falle! Aber es bedarf, wie du selbst siehest, keiner Rechtfertigung uber diesen Punkt. Wir sind ja beide schon lang im Klaren, und ich hatte Unrecht, dich durch eine Anmerkung, die uns in ganz unnothige Erorterungen verwickeln konnte, in deiner Erzahlung zu unterbrechen.

Peregrin (nach einer kleinen Pause).

Die Geschafte meines Vaters in Mitylene waren so dringend und die Zeit meiner Zuruckkunft nach Parium so nahe, dass ich, wie schwer es mir auch wurde mich von meinen neuen Freunden so bald wieder zu trennen, nicht daran hatte denken durfen, langer zu verweilen, wenn auch mein gastfreier Wirth auf einen langern Aufenthalt angetragen hatte. Ich schied also mit Aufgang der Sonne von ihm und von meinem Wegweiser, der, indem er es einem der Hausgenossen unsers Wirthes uberliess, mich vollends auf die Strasse nach Pitane zu bringen, mich sehr liebreich umarmte, mit der Versicherung, dass wir uns eher, als ich vielleicht vermuthete, wiedersehen wurden. Er weigerte sich sehr ernstlich eine Belohnung von mir anzunehmen, und da ich schlechterdings darauf bestand, bequemte er sich endlich nur insoferne dazu, als es eine milde Handreichung zu den Bedurfnissen nothleidender Bruder seyn sollte, fur welche von den Beitragen der Beguterten aller Gemeinen in jeder Provinz eine gemeinschaftliche Casse errichtet sey. Unter diesem Titel allein, sagte er, konne er meine Gabe annehmen, da er mich, wenigstens dem guten Willen nach, bereits als einen Bruder zu betrachten Ursache habe.

In der That hatte ich ihm zu warme und positive Versicherungen uber diesen Punkt gegeben, als dass er sich etwas andres zu mir hatte versehen konnen: und wenn du dich des Gemuthszustandes erinnerst, worin mich die erste Erscheinung des Unbekannten zu Smyrna antraf; und alle die Eindrucke, die von jenem Abend an auf mich gemacht worden waren, zusammen nimmst, so wirst du nichts Unbegreifliches darin finden, dass ich mich (um dir einen deiner Lieblingsausdrucke abzuborgen) den Kopf zu unterst in einen Glauben sturzte, der meinen schonsten Gefuhlen und erhabensten Ideen so angemessen war; dass ich diese jetzt als blosse Ahndungen betrachtete, deren wirkliche Gegenstande mir nun bald in ihrer ganzen Fulle mitgetheilt werden sollten.

In der grossten Lebhaftigkeit erwachte jetzt, da ich mir selbst und meinen Betrachtungen uberlassen war, alles wieder in mir, was mich der Unbekannte hatte hoffen heissen, und mir war als horte ich die emphatischen Worte noch in meinen Ohren klingen: "bald wird die Decke von deinen Augen fallen! Du wirst in Mysterien, wovon die zu Eleusis nur tauschende Schatten sind, zum Anschauen eines ganz andern Lichtes kommen, und ein ganz andrer Fuhrer der Seelen, als jener fabelhafte Hermes, wird das Gottliche in dir zu seinem Ursprung zuruckfuhren!" Und nun kannst du dir leicht vorstellen, mit welcher Ungeduld ich eilte, die Hindernisse, die noch in meinem Wege lagen, auf die Seite zu schaffen, und wie ich wachend und schlafend nichts andres dachte und traumte, als mich sobald nur immer moglich von allen andern Verhaltnissen loszumachen, um mich ganzlich dem grossen Beruf zu widmen, zu welchem ich erwahlt war. Denn, hatte nicht der Unbekannte das Zeichen meiner Erwahlung auf meiner Stirne gesehen?

Lucian.

Da du doch selbst wieder auf deinen Unbekannten gekommen bist, so war' es, daucht mich, wohl einmal Zeit, dass er aus dem geheimnissvollen Nebel, worein er sich schon so lange, gleich einem Homerischen Gott, eingehullt hat, hervor trate, und uns wissen liesse wer er eigentlich sey, und durch was fur eine Magie er dazu gekommen, bei eurem ersten Zusammentreffen dir nicht nur alles was damals in dir vorging, sondern sogar alles was lange vorher mit dir vorgegangen war, an den Augen anzusehen? Suchtest du nicht von deinem Wegweiser einige Erkundigungen uber seine Person einzuziehen?

Peregrin.

Allerdings; aber alles was ich herausbrachte, war bloss, dass er Vorsteher einer ansehnlichen Anzahl Asiatischer Gemeinen, und ein Lehrer, oder (wie sie es nannten) ein Prophet von grosser Geisteskraft und hoher Erleuchtung in gottlichen Dingen sey. Mehr, sagte mein Mann, konne er mir, ehe ich unter die Epopten75 aufgenommen sey, nicht entdecken; und daran, lieber Lucian, wirst auch du dich vor der Hand begnugen mussen, bis die Zeit mehr ans Licht bringen wird.

Ich bin bei Erzahlung der Begebenheiten, die mich mit den Christianern bekannt machten, und die Entschliessung, mich unter sie zu begeben, herbeifuhrten und beforderten, vielleicht in kleinere Umstande hinein gegangen, als ein Erzahler, dem vor der Gefahr langweilig zu werden bang ist, sich erlauben sollte. Aber ich glaubte so umstandlich seyn zu mussen, weil ich dir begreiflich machen wollte, wie es ohne einen Sprung (den die Natur niemals thut) moglich war, dass aus einem Epopten der Mysterien der Venus Mamilia in so kurzer Zeit einer der eifrigsten Neophyten werden konnte, die mein Unbekannter fur sein tausendjahriges Lichtreich jemals angeworben haben mochte.

Lucian.

Du hast deine Absicht erreicht, Peregrin

Peregrin.

Und ich werde also um so fuglicher die Geschichte mehrerer Jahre, die noch bis zu dem Zeitpunkte, da ich eine nicht ganz unbedeutende Person unter den Christianern vorstellte, verstrichen, ins Kurze zusammenfassen konnen.

Bei meiner Zuruckkunft in das vaterliche Haus fand ich meinen Vater von den Beschwerden des Alters fruher ubereilt als ich es seinen Jahren nach vermuthet hatte, und daher entschlossen, seine Handlung aufzugeben, mit allen seinen Correspondenten Richtigkeit zu machen, und den Rest seines Lebens in gemachlicher Ruhe unter seinen Freunden in Parium hinzubringen. Diesem Vorhaben zufolge saumte er nicht, mir anzukundigen: dass er mich bloss desswegen zuruckberufen habe, um alle seine noch ubrigen Geschafte, besonders diejenigen, die mit grossern oder kleinern Reisen nach verschiedenen Handelsplatzen des Schwarzen, Aegeischen und Cilicischen Meeres verbunden waren, auf die jungern Schultern seines einzigen Sohnes abzuwalzen. Wiewohl nun nichts in der Welt mit meinen Neigungen weniger zusammenstimmte als die Lebensart, wozu ich dadurch verdammt wurde: so fuhlte ich doch meine Pflicht stark genug, um mich ihren Obliegenheiten mit so guter Art zu unterziehen als mir moglich war.

Lucian.

Im Grunde, lieber Peregrin, lag es nicht an deinem Schicksale, wenn du von der Ueberspannung, die dich bisher in so sonderbare und so weit ausser dem gewohnlichen Wege liegende Abenteuer verwickelte, nicht bei dieser Gelegenheit noch zu rechter Zeit um einige Grade herabgestimmt wurdest. Eine beschaftigVerhaltnisse mit allerlei Arten von alltaglichen Leuten, in welche man dadurch gesetzt wird, sind sonst immer das sicherste Mittel die ubermassige Lebhaftigkeit der Einbildung zu schwachen, und einen Platonischen Schwarmer, unvermerkt und zu seiner eigenen Verwunderung, in einen Menschen wie andere umzugestalten.

Peregrin.

In der That begegnete mir auch bei dieser Gelegenheit wieder etwas Menschliches. Nicht als ob mein Entschluss, mich so bald als immer moglich unter die Christianer zu begeben, wankend gemacht worden ware. Im Gegentheil, je weniger ich an den Geschaften und Zerstreuungen meiner neuen Lebensart Vergnugen fand, und je auffallender der Contrast war, den die Menschen, mit welchen ich zu verkehren hatte, mit jenen arglosen und gutherzigen Geschopfen machten, unter welche mich mein Wegweiser von Pergamus hatte verirren lassen: desto ungeduldiger ward von Zeit zu Zeit meine Sehnsucht nach der unbewolkten Stille der Seele und der reinen Eudamonie, wozu ich nirgends als unter so guten Menschen gelangen zu konnen glaubte. Aber eben diess hing an einer in mir vorgegangenen Veranderung, die vermuthlich unter andern Umstanden nicht so bald erfolgt ware. Das, lich eine andere Richtung. Je mehr Gewalt die Einwirkungen der aussern Sinnenwelt uber mich erhielten, je stumpfer wurde der innere Sinn fur die geistigen Erscheinungen der phantastischen Ideenwelt, in welcher ich ehemals gelebt hatte. Anstatt dass einst das Ziel aller meiner Wunsche gewesen war, unter hohern Wesen das Leben der Geister zu leben, und mich bei lebendigem Leibe zum Damon zu entkorpern fuhlte ich jetzt kein dringenderes Bedurfniss, als von aller Verbindung mit Menschen, deren ganze Art zu seyn in ewigem Widerspruch mit meinem Ideale von Harmonie und Schonheit stand, je eher je lieber befreit zu werden, um in einer kleinen Gesellschaft unverfalschter, durchaus guter Menschen zu leben, an deren Anschauen meine Seele immer reines Wohlgefallen haben, und uber die ich die ganze Fulle meiner Liebe, ohne Furcht vor Tauschung und Reue, ohne Gefahr von ihren Leidenschaften und Sitten angesteckt zu werden, ergiessen konnte. Mit Einem Worte, Lucian, die magische Schwarmerei meiner fruhern Jugend ging unvermerkt, eine Zeit lang wenigstens, in eine moralische uber, welche mich zwar wieder neuen Illusionen der Einbildung und des Herzens aussetzte, aber doch zugleich dem, was in meinen Augen die Vollkommenheit des Menschen ist, naher brachte, und vielleicht ein Mittelzustand war, durch welchen ich nothwendig gehen musste, um auf den geradesten Weg, der zu jener Vollkommenheit fuhrt, zu kommen.

Lucian.

Das wollen wir sehen! Aber wie benahmen sich inzwischen der Unbekannte und der Wegweiser?

Peregrin.

Nichts weniger als zudringlich. Es verging beinahe ein halbes Jahr, ehe ich von dem letztern, mit Gelegenheit einiger Waaren, die meinem Vater von Smyrna kamen, ein Briefchen erhielt, worin er meldete, dass er mich in kurzem zu Parium besuchen wurde. Bald darauf erschien er wirklich in unserm Hause in Gestalt eines Handelsmannes von Aegina, Namens Hegesias, der von verschiedenen unsrer Correspondenten Auftrage an meinen Vater hatte. Er betrug sich dabei mit so vieler Geschicklichkeit und Klugheit, dass der Alte ganz von ihm eingenommen wurde, und sein Anerbieten, sich hinwieder von ihm mit Auftragen nach einigen Platzen der Ionischen Kuste beladen zu lassen, mit Vergnugen annahm. Diess setzte ihn in kurzem auf einen so freundschaftlichen Fuss mit uns, dass es mir an Gelegenheit nicht fehlen konnte, so viele besondere Unterredungen mit ihm zu haben als ich nur immer wunschte. Ich erhielt einige der Bucher von ihm, die von den Christianern damals noch sehr geheim gehalten wurden, und hauptsachlich die Geschichte der drei letzten Lebensjahre ihres Meisters, seine Wunderthaten, seine offentlichen Reden, und den geheimern Unterricht, der nur seinen auserwahlten Anhangern zu Theil ward, enthalten. Ich verschlang diese Bucher mit meiner gewohnlichen Lebhaftigkeit, und schopfte daraus eine so innige Liebe fur die Person dieses wunderbaren und in seiner Art einzigen Menschensohnes, dass es mir nicht schwer gewesen ware, ihm noch weit unglaublichere Dinge, als er zum Theil gesagt haben soll, mit eben der zutraulichen Gutherzigkeit zu glauben, womit ich, auf das Wort und die ehrliche Miene meines Freundes Hegesias, an die historische Zuverlassigkeit der Erzahler so ausserordentlicher Dinge glaubte. Hegesias liess nichts ausser Acht, was mich in meinem neuen Glauben bestarken, und mir den Beruf eines Mitarbeiters an dem grossen Werke der Zerstorung des Reichs der Finsterniss immer wichtiger machen konnte; und kurz (um dich mit der Beschreibung meiner Fortschritte nicht noch langere Zeit aufzuhalten als ich gebrauchte sie zu machen), er fand mich in so guter Verfassung, dass er kein Bedenken trug, mir noch in der Nacht vor seiner Abreise von Parium den ersten Grad der Initiation in den Mysterien der Christianer zu ertheilen, und bei dieser Handlung deren einfache aber herzerschutternde Feierlichkeit durch die Stille der Mitternacht und das Schauerliche des Orts, den er dazu ersehen hatte, nicht wenig erhoht wurde ein Gelubde von mir anzunehmen, das mich auf ewig zum Genossen des Reichs des Lichtes und zum unversohnlichen Bekampfer des Reichs der Finsterniss machen sollte.

Hegesias hatte schon mehr als Einmal seine ganze Beredsamkeit anwenden mussen, den Eifer, den er selbst in mir entzundet hatte, zu massigen, und mich zu uberzeugen, dass es Pflicht sey, mich den Verrichtungen, welche die Vorsehung mir dermalen angewiesen habe, nicht eher zu entziehen, bis ein hoherer Befehl mich davon abrufe. Aber in diesen feierlichen Augenblicken ergriff mich das Verlangen, alles zu verlassen und mich meinem neuen Beruf ganzlich und mit ungetheilter Thatigkeit zu widmen, mit solcher Gewalt, dass ich von neuem in ihn drang, und in Hoffnung, seinen Widerstand auf einmal zu entwaffnen, mit grossem Feuer mich auf die Antwort berief, die unser Meister dem reichen Jungling ertheilt hatte, der ihn fragte, was er thun musse um selig zu werden. Nichts konnte, meiner Meinung nach, entschiedener seyn, als die Anwendbarkeit dieser Antwort auf meinen Fall. Allein Hegesias war nicht so leicht aus seinem Vortheil zu werfen als ich mir einbildete. Er strafte meine Ungeduld mit sanftem aber unerbittlichem Ernst, und bestand schlechterdings darauf , dass es mir nicht erlaubt sey, meinen Vater eher zu verlassen, als bis er meines Dienstes nicht mehr benothigt seyn wurde. "Die Antwort, die dem Jungling, auf den du dich beziehest, ertheilt wurde, sagte er, passt so wenig auf deinen Fall, dass sie vielmehr gegen dich entscheidet. Die Gemuthsverfassung, worin du dich in diesem Augenblicke befindest, ist gerade das Gegentheil der seinigen: denn er schlich sich traurig fort, als er horte dass er das alles fahren lassen musse, was du mit Ungeduld zu verlassen wunschest. Irre dich nicht, mein Bruder, fuhr er fort: dich selbst, nicht deine ausserlichen Umstande, dich selbst zu verlaugnen, indem du dem feurigsten Wunsche deines Herzens widerstehst, ist die erste Pflicht, die dir deine Aufnahme in die Gemeinschaft der Kinder des Lichtes auflegt! Wie, Peregrin? du schmeichelst dir das grosse Gebot unsers Herrn zu erfullen, und ihm alles aufzuopfern, indem du in der That nur eine muhsame druckende Last von dir wurfest, und, anstatt seinen Willen zu thun, deinen eigenen thatest? Gerade diese leidenschaftliche Begierde, womit du alles um seinetwillen verlassen mochtest, wurde dein Opfer verwerflich machen; denn sie ist blosse Tauschung deines noch nicht ganz uberwaltigten Selbst, oder vielmehr ein unsichtbares Netz, welches dein boser Damon dir uber den Kopf zu werfen sucht. Willst du dich gewiss machen ob deine Selbstverlaugnung acht ist? Opfre dem, welchem du alles was du bist und hast aufzuopfern bereit zu seyn wahnest, diese unzeitige Begierde auf; kehre in dein vaterliches Haus zuruck, und glaube, du dienest dem Herrn, indem du fortfahrst die Geschafte deines Vaters mit Aufmerksamkeit und Eifer zu besorgen. Du wirst, wenn du in diesem geringen Posten treu gewesen bist, zu rechter Zeit an einen hohern abgerufen werden."

Hegesias ertheilte mir diese Zuchtigung mit einem so ernsten und Gehorsam fordernden Tone, dass ich den Unbekannten von Smyrna zu horen glaubte. Ich unterwarf mich also mit aller Demuth, die einem Neophyten76 zukam, und empfing seinen Segen, mit der Versicherung, dass ich mich von nun an als einen Burger der Stadt Gottes, die in kurzem in sichtbarer Glorie auf die Erde herabsteigen wurde, zu betrachten hatte: und da ich mit Uebernahme der strengen Pflichten dieser hohen Wurde auch alle Vorrechte derselben erhalten hatte, so konnte ich gewiss seyn, dass ich, von diesem Augenblick an, unter dem unmittelbaren Schutz und Einfluss aller Geister des Lichtes, und in einer Verbindung mit den Genossen ihres Reiches stehe, die weder durch Raum noch Zeit gehemmet werden konne, und wovon ich ohne mein Zuthun, so oft es der Dienst unsers Konigs erforderte, untrugliche Beweise erhalten wurde.

Lucian.

Dieser Hegesias spielte, wie es scheint, keine geringe Rolle unter den Kindern des Lichtes.

Peregrin.

Er war, wie ich in der Folge erfuhr, einer der vertrautesten und thatigsten geheimen Agenten meines Unbekannten, ein Amt, wozu ihn seine ausserordentliche Gegenwart und Geschmeidigkeit des Geistes, seine Weltkenntniss, und seine Geschicklichkeit mit allen Arten von Menschen umzugehen und ihr Zutrauen zu erwerben, ganz vorzuglich geschickt machte. Es war beinahe unmoglich ihm zu entgehen, wenn er sich eines Menschen bemachtigen wollte, der nur einige Anlage hatte, wissentlich oder unwissentlich, in einem hohern oder niedrigern Posten, als Gewicht, Rad oder Springfeder, an dem grossen Werke, dessen Seele der Unbekannte war, arbeiten zu helfen. Er sprach mit vieler Fertigkeit alle Sprachen, die in dem ganzen damaligen Umfang des ungeheuern Romerreichs gesprochen wurden; besass grosse Geschicklichkeit und Kenntnisse in Handelsgeschaften; stand mit vielen Grossen und mit den vornehmsten Hausern in allen Handelsplatzen des Reichs in Verbindung, und konnte der Sache, welcher er sich gewidmet hatte, desto wichtigere Dienste thun, da sich (ausser den Brudern, die ihn kannten oder denen er sich zu erkennen gab) niemand einen Christianer hinter ihm vermuthet hatte. Denn er war, um zum Besten der guten Sache Allen Alles seyn zu konnen, von jeder ausserlichen Handlung dispensirt, die ihn den Profanen hatte verdachtig machen konnen; eine Befreiung, welche mein Unbekannter den thatigsten unter seinen Vertrauten gewohnlich zu ertheilen pflegte, und die er auch mir (wiewohl ich noch weit von diesem Grade war) durch Hegesias ertheilen liess, da es mir von ihnen selbst zur Pflicht gemacht wurde, meine Verbindung mit den Brudern vor meinen Verwandten und Mitburgern geheim zu halten.

Lucian.

Diese Erlaubniss, zum Vortheil des ganzen Ordens jede beliebige Person unter jeder erforderlichen Maske vorzustellen, gibt mir auf einmal Licht uber die Moglichkeit, wie eine zu meiner Zeit noch so sehr verachtete Secte schon in der ersten Halfte des dritten Jahrhunderts ihrer Zeitrechnung so zahlreich und ansehnlich seyn konnte, dass sie die Eifersucht der Priester der alten Gotter nothwendig erregen musste. Ihre Anzahl war schon unter den Antoninen viel grosser als man glaubte, da vermuthlich nicht wenige (zumal in den hohern Classen der burgerlichen Gesellschaft) dein Hegesias) in der Absicht, ihren Brudern bei jeder Gelegenheit desto nutzlicher seyn, und uberhaupt ihre neue Theokratie im Stillen desto ungehinderter grunden und ausbreiten zu konnen, mit Vergunstigung der Obern ihre Verbindung mit den Christianern so lange geheim hielten, bis veranderte Umstande diese Zuruckhaltung immer weniger nothig machten.

Peregrin.

Sehr wahrscheinlich. Indessen muss ich gestehen, dass fur mich selbst, wiewohl ich mehrere Jahre in ziemlich enger Verbindung mit einigen von ihnen gestanden, ein undurchdringliches Dunkel auf der Geschichte des Ursprungs und der ersten Zeiten dieses in der Folge fur die ganze Menschheit so wichtig gewordenen Ordens liegt. An meinen Vermuthungen daruber kann dir wenig gelegen seyn; auch wurden sie uns zu weit von der Geschichte meiner eigenen Wenigkeit abfuhren, um welche es doch jetzt allein zu thun ist. Aber was ich aus eigener Erfahrung weiss, ist, dass zwischen den Christianern unter dem sogenannten grossen Constantinus, und den grossern und kleinern, durch den ganzen romischen Erdkreis zerstreuten Brudergemeinen, die man zu meiner Zeit unter diesem Namen zu begreifen pflegte, ein machtiger Unterschied war. Denn damals herrschte noch so mung unter ihnen, dass vielleicht nicht zwei Gemeinen von betrachtlicher Grosse zu finden waren, die in allen Stucken Eines Glaubens und Sinnes gewesen seyn sollten. Aus Mangel eines genau bestimmten und allgemein angenommenen Lehrbegriffs, blieben viele Punkte ihres Glaubens zweifelhaft: und da eine Menge Fragen, die man sich nicht entbrechen konnte nach und nach aufzuwerfen, aus eben diesem Grunde nicht rein aufgelos't werden konnten, so hing jede besondere Gemeine hierin grosstentheils von den Meinungen und Vorurtheilen ihrer Vorsteher und Lehrer ab. Der Meister selbst hatte nichts Schriftliches hinterlassen, das seinen kunftigen Anhangern zur Richtschnur hatte dienen konnen. Naturlicherweise war also das Mass von Gedachtniss und Verstand, das seinen ersten Schulern zu Theil geworden war, nebst dem Glauben an die Redlichkeit ihres Willens, die einzige Gewahrleistung, welche diese den ihrigen fur die Wahrheit der Thatsachen, wovon sie als Augenzeugen sprachen, und der Lehren, die sie aus seinem Munde gehort zu haben versicherten, geben konnten. Was Wunder also, dass sogar schon bei Lebzeiten derjenigen, durch welche die ersten Brudergemeinen gepflanzt wurden, Irrungen, Streitigkeiten und Spaltungen entstanden, die das Ansehen dieses oder jenes Lehrers um so weniger verhuten oder ersticken konnte, weil derjenige, der etwas anderes lehrte, sich ebenfalls auf Tradition, oder auf Schriften, die im Grunde fur nichts mehr als fur geschriebene Tradition gelten konnten, berief, und also so viel anscheinendes Recht hatte, als jener, seine Lehre fur diejenige zu geben, die mit dem Sinne des Meisters und mit dem Geiste seiner Worte am besten ubereinstimme.

Bei dieser Bewandtniss der Sachen lasst sich zwar mit vieler Wahrscheinlichkeit vermuthen, dass die Anzahl der achten Christianer schon zu meiner Zeit ziemlich gering, und vielleicht bloss auf einzelne Familien oder kleine Gemeinen von derjenigen Art, wie ich auf meiner Wanderschaft nach Pitane eine kennen gelernt hatte, eingeschrankt war. Aber desto ansehnlicher musste hingegen die Zahl derjenigen werden, die den Namen der Christianer fuhrten, und, wiewohl sie in einigen Glaubenspunkten ubereinstimmten, dennoch sowohl in ihrer Vorstellungsart uberhaupt, als in besondern Lehrmeinungen und religiosen Gebrauchen und Uebungen, weit genug von einander abgingen, dass die Streitigkeiten, die daruber unter den Lehrern entstanden, unvermerkt den Geist der Liebe und Eintracht ersticken mussten, der aus allen Gemeinen einen einzigen Leib, dessen Seele Christus ware, hatte machen sollen.

Und eben diese Spaltung der damaligen Christianer in etliche Hauptparteien, die zum Theil wieder in mehrere kleinere Secten zerfielen, eine Spaltung, welche um die namliche Zeit, da ihre Anzahl, wahrend der ihnen von Hadrian und den beiden Antoninen gegonnten Ruhe, ausserordentlich gewachsen war, dem Orden selbst einen baldigen Untergang zu drohen schien eben diess war es, was meinen Unbekannten (einen Mann, der sich zu schweren Unternehmungen geboren fuhlte) auf den grossen Gedanken brachte, einen geheimen Orden zu stiften, durch welchen er nach und nach allen Asiatischen und morgenlandischen Gemeinen die zu ihrer Consistenz und Dauer nothige Gleichformigkeit geben, und aus dessen Mittelpunkt er selbst, als unsichtbares Oberhaupt des Ganzen, die grosse Unternehmung, eine neue, alles umfassende und beherrschende Theokratie auf den Trummern aller alten Religionen und Staatsverfassungen aufzufuhren wo nicht zu Stande zu bringen, wenigstens so fest zu grunden hoffte, dass er die ganzliche Vollendung seines Werkes der Zeit getrost uberlassen konnte.

Doch ich merke, dass ich meiner Geschichte schon wieder zuvorlaufe, und dir ein grosses Theil mehr von dem Geheimnisse des Unbekannten verrathe, als ich in der Epoche von welcher jetzt die Rede ist, selbst davon wissen konnte.

Es war nun, seitdem ich von Hegesias den ersten Grad der Weihe erhalten hatte, uber ein Jahr verflossen; wir hatten uns in dieser Zeit mehr als Einmal an verschiedenen Orten gesehen, und ich hatte schon so viele Proben meiner eifrigen Anhanglichkeit an die gute Sache, und meines granzenlosen Gehorsams gegen die Winke meiner Obern, die ich als unmittelbare Organe des grossen Logos betrachtete, abgelegt, dass ich endlich von Kerinthus77 (so nannte sich, wie ich nun erfuhr, mein Unbekannter) einer zweiten Zusammenkunft, und bald darauf der feierlichen Einfuhrung in eine der Gemeinen, die unter seiner Leitung standen, gewurdiget wurde.

Ich empfing bei dieser Gelegenheit den zweiten Grad78 der Weihe, wobei der hochwurdigste Kerinthus selbst das Amt des Mystagogen verwaltete, und wo alles, was ich sah und horte, meine Seele mit nie empfundnen Gefuhlen durchdrang. In der That verdiente das, was bei dieser Gelegenheit nicht sowohl ausser mir (denn diess war sehr einfach) als in mir selbst vorging so naturlich ich es mir auch jetzt erklaren kann den Namen unaussprechlicher Dinge (Aporrheta) in einem ganz andern Sinne, als jene Aufschlusse, die den Epopten der Eleusinischen Mysterien zu Theil wurden, und ich enthalte mich desswegen mehr davon zu sagen; denn man musste schlechterdings in dem Falle gewesen seyn das Namliche erfahren zu haben, um sich einen Begriff davon machen zu konnen.

Lucian.

Ich uberhebe dich dessen sehr gern, Freund Peregrin. So wie ich dich selbst nun kenne und nach allem, was du mir von dem Unbekannten, von dem Geiste der Brudergemeinen, von ihren Versammlungen, von der hohen Meinung, die sie von der Wurde, den Vorrechten und den Erwartungen ihres Ordens hegten, und uberhaupt von allem, was seit deinem zweiten Aufenthalt in Smyrna mit dir vorgegangen war, bereits entdeckt hast, kann ich mir, auch ohne eigene Erfahrungen dieser Art und ohne alle Anlage dazu, ziemlich lebhaft vorstellen, wie dir bei der feierlichen Einfuhrung in die Bruderschaft der Kinder des Lichts zu Muthe seyn musste.

Peregrin.

Immer bleibt zwischen deiner Vorstellung, mein lieber Lucian, und dem was damals in meiner Seele gegenwartiges Gefuhl und Anschauen war, der Unterschied, wie zwischen einem gemalten Feuer und einem wirklichen; ein Unterschied, den ich hier bloss desswegen geltend mache, damit du den brennenden Eifer desto begreiflicher findest, womit ich von diesem Augenblick an in alle Plane des Unbekannten einging. Dieser schien mit dem Grade der Hitze, zu welchem er die drei grossen Beweger des menschlichen Gemuthes, Glauben, Liebe und Hoffnung, bereits in mir gestiegen sah, so wohl zufrieden, dass er in den ersten Tagen nach meiner Aufnahme zwischen mir und seinen Vertrautesten keinen Unterschied zu machen schien. Aber unvermerkt hullte er sich wieder in das geheimnissvolle Dunkel ein, worin er sich mir beim Anfang unsrer Bekanntschaft gezeigt hatte; und da ich schon ins Innere des Heiligthums eingegangen zu seyn vermeinte, erfuhr ich, dass ich erst im zweiten Vorhofe sey, und dass es noch langere und starkere Prufungen und Vorbereitungen erfordere, ehe es ihm erlaubt sey, die Decke ganzlich von meinen Augen wegzuziehen, und mich zum vollen Anschauen des Lichtes, dessen Glanz ich noch nicht ertragen wurde, zuzulassen.

Diese Eroffnung konnte die Wirkung nicht verfehlen, die er vermuthlich dadurch auf mich zu machen hoffte. Anstatt mich abzuschrecken, spannte sie zugleich mit den Erwartungen, wozu sie mich berechtigte, alle Springfedern meines Wesens, alles zu unternehmen und alles zu erdulden, was ich nur immer zu thun und zu leiden haben konnte, um jene hohe Stufe zu ersteigen, die nun das Ziel aller meiner Wunsche war. Indessen liess sich Kerinthus in keine nahere Erklarung uber die Vorbereitungen und Prufungen ein, die ich noch zu uberstehen hatte. Er ermahnte mich bloss, wie er schon bei unsrer ersten Zusammenkunft zu thun angefangen hatte, in Reinigung meines Gemuthes und Ertodtung aller sinnlichen Neigungen und eigennutzigen Leidenschaften unverdrossen und unerbittlich gegen mich selbst zu seyn, und dieses Selbst als den gefahrlichsten, schlauesten und hartnackigsten unter allen Feinden zu betrachten, die ich als ein Streiter im Reiche des Lichts zu bekampfen hatte. Er gab mir zu verstehen, dass die unerschutterlichste Entschlossenheit, sich der Sache Gottes ganzlich aufzuopfern, der einzige Weg sey, der zu jener hohen Vollkommenheit fuhre, die er mir in der Bruderversammlung zu Pergamus von fern und wie in der ersten Dammerung des anbrechenden Tages gezeigt habe. Ich sehe dein Herz fur sie entbrannt, setzte er hinzu; aber Sehnsucht und klopfendes Verlangen ist noch nicht dieser felsenfeste Wille selbst, den keine Gefahr abschrecken, keine reizende Verfuhrung bestricken, keine Arbeit ermuden, keine Aufopferung in Verlegenheit setzen kann. Dieser Wille ist nicht das Werk weniger Tage oder Wochen; er wird bloss durch die Abtodtung jeder andern Neigung, jedes andern Willens in uns geboren, und er ist nicht eher wirklich da, bis er unser Selbst ganz in sich verschlungen hat. Er gab mir hierauf verschiedene besondere Anweisungen und Verhaltungsregeln, die Mittel betreffend, wodurch ich, desto eher, je eifriger ich in ihrem Gebrauch seyn wurde, zum ganzlichen Durchbruch durch die Scheidewand, die noch zwischen mir und dieser Vollkommenheit stehe, gelangen konne. Denn, wiewohl er mir den Weg nichts weniger als leicht machte, so liess er mich doch deutlich genug merken, dass die Zeit, in welcher ich ihn zurucklegen konne, grosstentheils von mir selbst abhange.

Funf oder sechs Tage nach meiner Aufnahme in die Gemeine der Heiligen riefen den Vorsteher seine Verrichtungen anderswohin, und mich die meinigen nach Parium zuruck. Die Art, wie er sich von mir trennte, liess auch diessmal einen tiefen Stachel in meinem Herzen zuruck. Ich scheide nicht von dir, mein Bruder (sagte er zu mir, indem er mir die Hand mit Warme druckte), denn ich werde dir im Geiste immer nahe bleiben, und ein unsichtbarer Zeuge der Treue seyn, mit welcher du das empfangne Kleinod bewahren wirst. Mit diesen Worten, die aus seinem Munde etwas unbeschreiblich Eindringendes und Magisches hatten, gab er mir den Bruderkuss, der eines der Zeichen ist, woran die Christianer einander erkennen, und war aus meinen Augen verschwunden, ehe ich vermogend war, meinem von Empfindung geschwellten Herzen durch Worte Luft zu machen.

Kerinthus liess mich in einer Stimmung, die mich geneigter und geschickter machte, unter die Anachoreten der Thebaischen Wuste79 zu gehen, als nach Parium in das Getummel des beschaftigten Lebens, und zu Menschen, deren Umgang mir mit jedem Tage peinlicher ward, zuruckzukehren: aber Hegesias, der sich beinahe eben so viel Gewalt uber mein Gemuth erworben hatte als der Prophet selbst, und dem ich etwas von dieser Abgeneigtheit merken liess, brachte mich bald wieder auf andere Gedanken. Er wiederholte die Vorstellungen, die er mir schon ehemals desswegen gemacht hatte, mit verdoppelter Starke, und bestand schlechterdings darauf, dass das Beharren in meinem bisherigen Wirkungskreise die grosste Probe von Selbstverlaugnung sey, welche dermalen von mir gefordert werde. So gonne mir, rief ich endlich mit einer Warme die ihn sehr kalt zu lassen schien, so gonne mir wenigstens den einzigen Gedanken, der mir diese weltlichen, den Geist belastenden Sorgen, wozu du mich verurtheilest, ertraglich machen kann! Die Natur bedarf wenig, und selbst in dem Wenigen, worauf ich mich einschranke, ist noch so viel Nahrung fur den alten Menschen, dass ich taglich darauf bedacht bin, mich noch von etwas Entbehrlichem frei zu machen. Erlaube mir also, von diesem Augenblick an die Gemeine als den Eigenthumer und Herrn meines ganzen Vermogens, und mich als den blossen Verwalter desselben, der ihr fur jeden Obolen Rechnung abzulegen hat, anzusehen. Unter dieser Bedingung will ich nicht nur mit Geduld, sondern mit Vergnugen, so lange es von mir gefordert wird, an dieser Ruderbank angeschmiedet bleiben.

Lucian.

Daruber wird der arme Hegesias gewaltig erschrokken seyn!

Peregrin.

In der That bekam ich in der Folge alle Ursache zu glauben, dass ihm meine Freigebigkeit, im Namen der Brudercasse, deren oberster Verwalter er war, nicht sehr unangenehm seyn mochte. Aber wenigstens liess er sich nichts davon merken. Er dankte mir fur meinen guten Willen so kaltsinnig, als ob die Rede von funfzig Drachmen und nicht von mehr als zweihundert Talenten gewesen ware; aber zugleich warnte er mich mit bruderlichem Ernste, wohl auf meiner Hut zu seyn, dass nicht etwa ein geheimer Stolz oder irgend eine andere unlautere Absicht unbemerkt bei dieser wohlgemeinten Darbringung meiner zeitlichen Guter im Hinterhalt laure. Mein Bruder, sprach er zu mir, wir gehoren mit allem was wir sind und haben dem Herrn an; denn was haben wir, das wir nicht empfangen hatten? oder was konnen wir unser nennen, das nicht seyn ware? Wir alle sind, in jeder Betrachtung, nichts andres als Verwalter uber einen kleinern oder grossern Theil seiner Haushaltung. Er wird, wenn seine Zeit kommt, das Seinige schon von uns zu fordern wissen; und wehe uns, wenn er uns nicht alle Augenblicke bereit fande, ihm alles bis auf den letzten Heller zuruckzugeben!

Lucian.

Wie schmeckte das, Freund Peregrin?

Peregrin.

Ich gestehe, es fiel mir einen Augenblick auf die Brust, dass so gar nichts Freiwilliges und Verdienstliches bei meinem Opfer seyn sollte: aber ich unterdruckte diese kleine Emporung meines Herzens auf der Stelle, als die Eingebung eines bosen Damons, und fand in der Rede des Hegesias nichts als die einfachste und unwidersprechlichste Wahrheit. Denn so weit war ich noch nicht gekommen, oder vielmehr, wie ware es in meiner damaligen Gemuthsverfassung moglich gewesen, den Taschenspielerstreich zu argwohnen, mit welchem diese subtilen Heiligen so behend, dass es keine arglose Seele wahrnehmen konnte, sich selbst an die Stelle des Herrn zu schieben, und die Einfaltigen zu bereden wussten, was man ihnen gebe, sey bloss eine alte Schuld, die man Ihm zuruckbezahle?

Lucian.

Ich furchte sehr, mein guter Peregrin, dass es mit der ganzen uberstrengen und sogar uber die stoische Spitzfindigkeit hinaus getriebenen Moral, mit der sich diese Schlaukopfe so viel wussten, bloss auf Maskirung der Kunst, die Gemuther der Menschen zu beherrschen und uber ihre Casse zu schalten, abgesehen war.

Peregrin.

Bei Ihm, dessen ehrwurdigen Namen sie trugen, und bei seinen ersten redlichen Anhangern gewiss nicht! Ihm war es in ganzem Ernst darum zu thun, die Menschen durch die Eigenschaften, die uns die Kindheit so liebenswurdig machen, durch Einfalt, Unschuld, reine Gute des Herzens und unbesorgtes Vertrauen auf den Vater im Himmel, zu der hochsten moralischen Vollkommenheit, und dadurch zu der reinsten Eudamonie, deren die Menschheit jenseits des Grabes fahig ist, zu fuhren. Dahin brachte er alle, die sich mit einfaltigem Sinne seiner Fuhrung uberliessen; und lebendige Beispiele davon hatte ich auf dem Maierhofe zwischen Pergamus und Pitane gesehen. Aber es erfolgte, was vermoge der Natur der Sache erfolgen musste, und was keine menschliche noch gottliche Macht verhindern konnte. Die Christianer arteten schon nach Annehmung dieses Namens aus; sie verfielen nach und nach in alle Arten von Schwarmerei, standen allen Verfuhrern, welche den Geist ihres Meisters zu heucheln und die Stimme des guten Hirten nachzuaffen wussten, bloss; und so wurden jene hohen Gesinnungen und zarten Gefuhle (die, so zu sagen, die angeborne Moral der schonsten Seelen ausmachen) von arglistigen Menschen zu subtilen Netzen verwebt, worin sie immer die gutherzigsten und arglosesten Gemuther am ersten zu fangen gewiss waren.

Aber, wie gesagt, um diese Zeit hatte ich noch nicht die mindeste Ahnung davon, dass ich einst Ursache finden wurde, so nachtheilig von diesen heiligen Menschen zu denken, von welchen nun Bruder genannt zu werden der hochste Stolz meines Herzens war. Ich nahm alles was sie mir sagten in dem reinsten und wortlichsten Sinne; und da ich mich von nun an als einen blossen Geschaftstrager der Gemeine betrachtete, so gewannen die Geschafte selbst eine ganz andere Wichtigkeit in meinen Augen als sie vorher hatten. Sie schienen mir nun durch diese Bestimmung zu einer Art von Gottesdienst erhoben, und ich arbeitete, von Hegesias und andern unter seiner Leitung stehenden Brudern fleissig unterstutzt, um so eifriger an Vermehrung meines kunftigen Erbgutes, da es in der Sprache unsers Ordens zu reden ganzlich zum Bau des Reichs Gottes verwendet werden sollte.

Anmerkungen zum ersten Theil

Vorrede.

1 S. die Lustreise ins Elysium vom Jahr 1787 unter den politischen Schriften. Bd. 31. 2 Die Juden-Christen hatten auch nach Jesu Tode ihre irdischen Hoffnungen von dem Messias und der Stiftung seines Reiches nicht aufgegeben, und so entstand die Lehre von dem Chiliasmus, d.i. von einem tausendjahrigen Reiche voller Gluckseligkeit. Tausend Jahre vor dem jungsten Tage und der Auferstehung, sagte man, werde Christus mit den Seinigen regieren. Als Urheber dieser, nachher von religios-politischen Schwarmern ofters erneuerten, Lehre wird Kerinthus genannt, der in dieser Schrift eine wichtige Rolle spielt. Vergl. Offenbarung Johannis Kap. 20. Unnothig wurde es seyn, von den verschiedenen Arten der Chiliasten wie man die Anhanger dieser Lehre nennt hier zu reden: man vermuthet leicht, dass sie sich in grobere und feinere werden unterschieden haben. 3 Anspielung auf Lavaters Physiognomische Fragmente, zur Beforderung der Menschenkunde und Menschenliebe. 4 Ueber die verschiedenen Luciane, welche hier von dem beruhmten Dialogenschreiber unterschieden werden, kann, wen es interessirt, nachsehen Fabricii Bibl. graeca ed. Harless Bd. 5. S. 361. fg. u. Bd. 7. S. 303. fgg. Der Dialogendichter war zu Samosata am Euphrat in der Syrischen Provinz Kommagene geboren. Sein Landsmann, dessen hier gedacht wird, Presbyter zu Antiochia, war von der Partei des Arius und seine eigenen Arianischen Anhanger nannten sich Lucianisten und Collucianisten. Diess ist es, worauf sich Wieland hier bezieht. Dass von Einigen jene Sage widerlegt wird, und dass dieser Lucian auch in den Martyrologien, d.i. in den Lebensbeschreibungen der Martyrer vorkommt, braucht nur beilaufig erwahnt zu werden. 5 S. Lucians-Sammtl. Werke ubers. von Wieland Bd. 3. S. 93. fgg. uber die Glaubwurdigkeit Lucians in seinen Nachrichten von Peregrinus.

Auszug aus Lucians NachrichtenA1

6 Die 236ste Olympiade entspricht dem Jahr 168 nach Christus Geburt. 7 Funf Millionen Thaler. 8 Hercules verbrannte sich selbst auf dem Berg Oeta; Aesculap, der Gott der Heilkunde, wurde von Jupiter mit dem Blitze getodtet, weil er der Unterwelt ihre Beute entriss; Dionysos Bacchus in einem Epigramm, worin zwischen Hercules und Bacchus eine Vergleichung angestellt wird (Anthol. gr. ed. Jacobs T. IV. p. 169 CCLI.) heisst es auch: Beiden war Here hart; doch kamen beide durch Feuer Von der Erde hinweg, zu den Unsterblichen hin. Weitere Nachweisungen uber diesen Umstand habe ich nicht gefunden. 9 Empedokles, der Philosoph (vergl. die Natur der Dinge, die 9. Anm. zum 2 Buch, Bd. 25) soll sich in den Krater des Aetna gesturzt haben, weil er dessen Ausbruche nicht ergrunden konnte. 10 Wein zu Ehren eines Gottes ausgiessen, hiess libare. Diess geschah bei einem Opfer zweimal. Die erste Libation bestand darin, dass man aus einem Gefass einige Tropfen Weins auf den Kopf des Opferthiers goss; bei der zweiten goss man sie auf das Feuer. 11 Dem ersten sagte man nach, er habe bestandig geweint, dem andern, er habe bestandig gelacht. Von beiden ist in fruheren Banden gesprochen. 12 Gegen einen im Ehebruch Ertappten war bei den Griechen und Romern eine ziemlich grausame Privatrache erlaubt. Eine der gewohnlichsten (wie sich aus einer Stelle in den Wolken des Aristophanes V. 1079. fgg. schliessen lasst), war das, was sie

nannten, d.i. dass man dem armen Sunder einen tuchtigen Rettig in den After trieb wie der Scholiast obiges Wort erklart. W. 13 Der Text gebraucht die Worte , und . Die doppelte Bedeutung des ersten ist bekannt. Thiasos war eigentlich der Name der Gesellschaft von Satyrn, Faunen und begeisterten Weibern, mit welchen Bacchus die Welt durchzog; in der Folge gebrauchte man dieses Wort von jedem Haufen schwarmender Bacchanten, und uberhaupt von jeder gottesdienstlich Bruderschaft, und der Vorsteher derselben hiess Thiasarch. Dass die Juden den Ort ihrer gottesdienstlichen Versammlungen Synagoge nannten, war Lucianen ohne Zweifel Wortes Synagogenmeister die Christianer und Juden in Eine Bruhe zu werfen; theils weil die ersten judischen Ursprungs waren, theils weil er sie fur Leute einerlei Geschlechts halten mochte. Ob ihm aber die unter ihnen gebrauchlichen Namen, Presbyter und Episcopus (Aeltester und Bischof) unbekannt gewesen, oder warum er sie lieber mit andern vertauschen wollte, lasst sich nicht sagen. W. 14 Die Dogmen und Ceremonien ihrer Religion, wovon in diesem Werke noch weiter die Rede ist, nannten die Christianer selbst ihre Mysterien, Religions-Geheimnisse, zu denen zugelassen zu werden es der Vorbereitung und Weihung bedurfte. 15 Ohne Zweifel sind hiemit die Diaconissen gemeint, die (nach St. Pauls Verordnung) nicht unter 60 Jahre seyn durften, und denen unter andern auch oblag, nothleidenden kranken und gefangenen Brudern und Schwestern alle mogliche Hulfsleistungen um Christi willen zu erweisen. W.

16 Man sieht, ohne mein Erinnern, dass von den (Agapen) oder Liebesmahlern die Rede ist, deren Beschaffenheit sowohl, als die dabei schon in der Apostel Zeiten mit untergelaufenen Missbrauche, bekannt genug sind. W. 17 Das Stadtchen Parium war eine romische Colonie in Mysien am Hellespont, und hatte daher Municipalrechte und eine Art von demokratischer Verfassung, wie alle dergleichen Stadte. Daher die offentlichen Volksversammlungen, deren gedacht wird. W. 18 "Es gefallt dem heiligen Geist und uns (schrieben die Apostel und Aeltesten zu Jerusalem an die Bruder zu Antiochia, Syria und Cilicia, Apost. Gesch. 15), euch keine Beschwerung mehr aufzulegen als diese nothigen Stucke, dass ihr euch enthaltet vom Gotzenopfer (d.i. nicht vom Opferfleische esset) und vom Blute, und vom Erstickten, und von Hurerei." Diese Apostolische Constitution wurde unter den Christianern genau beobachtet, und die Strafe der Excommunication stand wenigstens auf dem Essen von Gotzenopfern. W. 19 Ein Cynischer Philosoph, der um das Jahr 120 sich hervorzuthun anfing. (s. Euseb. Chronic.) Lucian nennt ihn unter den Lehrern seines Demonar, und es ist kein Grund vorhanden, warum er nicht um das Jahr 150 und noch viel spater zu Alexandrien gelebt haben konnte. W. 20 Alle diese Absurditaten sollten Peregrins Initiation in den Cynischen Orden vorstellen, wodurch er offentlich Profession machte, alle conventionellen Begriffen und allen Gesetzen der Wohlanstandigkeit zu entsadulden und ausdauern zu konnen, allen korperlichen Schmerz zu verachten u.s.w. W. 21 Antoninus Pius. 22 Von welchen der erste unter dem Kaiser Nero, und die beiden andern nebst allen ubrigen Philosophen, so viele ihrer damals in Rom waren, durch ein Decret des Kaisers Domitian aus Italien verwiesen worden waren. W. 23 Die Rede ist von dem beruhmten Tiberius Claudius Atticus Herodes, dem angesehensten, beredtesten, reichsten und grossthatigsten unter allen Griechen, die unter den Antoninen lebten. Ausser dem grossen Kosmus von Medici kann schwerlich noch ein andrer Privatmann genannt werden, der ein furstliches Vermogen auf eine so grosse Art angewandt hatte als dieser Herodes Atticus, wie er gewohnlich genennt wird. Unter den Werken, womit er die Stadt Athen verschonerte, war ein Stadion (Rennbahn) von weissem Marmor, wovon noch einige Ueberbleibsel zu sehen sind, und ein prachtiges Theater, dergleichen eins er auch zu Korinth auffahrte. Philostratus erwahnt noch verschiedener anderer theils prachtiger, theils wohlthatiger Werke, womit er sich um Griechenland verdient gemacht; und Pausanias recensirt eine Menge herrlicher und kostbarer Kunstwerke, die er in den Tempel von Antoninus Pius zu einem der Lehrer seiner adoptiven Sohne bestellt. Er bekleidete im J. 143 die Consularische Wurde, und war in der Folge kaiserlicher Prafect uber die freien Stadte in Anen, und Prasident der Panhellenischen und Panathenischen Feste. W. 24 Namlich in den Tempel Jupiters zu Olympia, der, wie alle Tempel, eine Freistatte war. W. 25 Philoktetes, dieser getreue Freund und Gefahrte des Hercules, war der einzige von dessen Angehorigen, der sich von ihm erbitten liess, den Scheiterhaufen anzuzunden, worauf er sich verbrannte. 26 Nach Harpine, oder vielmehr nach den Ruinen einer ehemaligen kleinen Stadt dieses Namens, die ungefahr eine Stunde weit von Olympia entfernt waren. Paus. El. 21. W. 27 Der cynischen Philosophen. W.

Einleitung.

28 Die hochst interessante Beschreibung dieser Reise, welche Menippus machte, indem er sich der Flugel eines sehr grossen Adlers und eines Lammergeyers bediente, findet der Leser in Lucians Ikaromenippus. Wielands Uebers. Bd. 1. S. 198. 29 Thersites, war der hasslichste unter allen Griechen vor Troja; Phaon, der Geliebte der Sappho, und Adonis, sind ihrer Schonheit wegen beruhmt. 30 Ein aus der Odyssee bekanntes Zauberkraut, welches Ulysses zu Entkraftung der Zauberkrafte der Circe (von Hermes empfing.) W. 31 Ich habe sie, nicht sie mich. 32 Was es mit diesen fur eine Bewandtniss habe, ersieht man aus einem Dialog zwischen Lucian und Diokles. S. die Dialogen in Elysium. 33 d.i. Christusanhanger, war anfangs der Name einer blossen Secte von Judenchristen in Antiochia, wurde aber nachmals in der katholischen Kirche ein allgemeiner Name fur alle Bekenner des Christenthums; und er ist allerdings richtiger als der Name Christen. Nach Suidas kam der Name der Christianer zuerst unter der Regierung des Kaisers Claudius auf Wie die Meisten aber von den Christianern urtheilten, ersieht man aus des Tacitus Annalen B. 15. Kap. 44. Die Verachtung, in welcher die Juden standen, ging auf die uber, quos vulgus Christianos adpellabat, weil man sie fur eine judische Secte hielt. 34 Theagenes, dieser Lobredner des Peregrinus, gab vor, folgendes Orakel von der Sibylle gehort zu Aber sobald Proteus, der Cyniker grosster und bester, Neben dem Tempel des Donnerers Zeus ein Feuer

entzundet,

Und in die Flamme springend den beyden Olympus

besteiget,

Alsdann sollen alle, die von den Fruchten der Erde Essen, den grossen nachtlichen Heros, der neben

Hephastos

Und Herakles dem Konige thront, als Schutzer

verehren!

Der Unbekannte, welchen Lucian gegen Peregrinus auftreten lasst, setzte jenem Orakel sogleich eins von Bakis entgegen. Aber sobald der Cyniker mit den vielerlei Namen Von der Erinnys des Ruhmes gepeitscht in die

Flammen hineinspringt,

Sollen hinter ihm drein die ihm folgenden

Hundefuchse

Allesammt springen, das Schicksal des fliehenden

Wolfes zu theilen.

Wollte sich einer, aus Furcht, der Gewalt des

Hephastos entziehen,

Diesen sollen sogleich die Achaer alle mit Steinen Decken, damit er sich, trotz seinem Froste, nicht

langer

Feurig zu reden vermesse, und mit erwuchertem

Golde

Seinen Tornister fulle, wiewohl sein vaterlich Erbe Ihn zum Herren von dreimal funf Talenten gemacht

hat.

Von dem Bootischen Orakelertheiler Bakis ist fruher schon die Rede gewesen. Die Sibyllen waren, wie auch ihr Name anzeigt, Verkundigerinnen von dem Willen des Zeus oder Gottes-Rathgeberinnen. Sie mussten sich, sagt Wieland, zu Lucians Zeiten von jedem Betruger zu Unterstutzung seiner Absichten gebrauchen lassen. Auch machten sich einige Christianer schon damals ein Geschafte daraus, Sibyllinische Orakel zu schmieden, und eine so vollgultige Autoritat zu vermeintlicher Bekraftigung ihrer Religion hier und da geltend zu machen. (S. Origen o. Cels. I, 5. 7.) Ein Betrug, der ihnen um so leichter war, da die neue Compilation, die der Kaiser M. Aurelius von allen Sibyllinischen Orakeln, die sich finden wurden, machen liess, sowohl dem Glauben der Einfaltigen an diese Albernheiten, als der Industrie der Schlaukopfe, neues Leben und neue Aufmunterung gab. 35 Bekanntermassen werden die Declamationen des Demosthenes gegen den Konig Philipp von Macedo

Erster Abschnitt.

36 Lucian fangt seinen Bericht von des Peregrinus Lebensende mit den Worten an: "und so hat denn der heillose Mensch, Peregrinus, oder, wie er sich selbst lieber nannte, Proteus, die Aehnlichkeit mit seinem Homerischen Namensverwandten vollstandig gemacht, und der ehrsuchtige Thor, nachdem er sich nach und nach in tausenderlei Gestalten verwandelt hatte, ist zu guterletzt so heftig brannte die Liebe zum Ruhm in ihm noch gar zu Feuer geworden!" Diess alles ist gesagt als Anspielung auf den schon in fruheren Banden erwahnten Aegyptischen Meergott Proteus, der sich, nach Homers Bericht, in alle Gestalten verwandeln konnte, auch in Feuer, und in der Voraussetzung, Peregrinus habe den Namen Proteus von dem Meergott erborgt. 37 Apollonius von Tyana wird den Lesern aus dem nachfolgenden Agathodamon hinlanglich bekannt werden. 38 d.i. auslandische, nicht griechische, denn alles Auslandische hiess bei den Griechen Barbarisch. Es werden als solche angefuhrt die Chaldaer, d.i. Zoglinge aus dem Priesterinstitut zu Babel, welcher Orden den im Rufe gleich grosser Astronomen und Weissager, wurden aber dadurch spaterhin so verrufen dass die Namen Chaldaer und betrugerischer Charlatan gleichbedeutend wurden. Wer uber sie nahere Nachricht wunscht, der lese Juvenals sechste Satyre V. 553. fgg., so wie uber die Isispriester und Priesterinnen und die Priester der grossen Gottermutter V. 489 und 511 fgg., Stellen, aus denen sich ergibt, wie bei der sittenlosesten Luderlichkeit der schandliche Aberglaube bestand. 39 Eudamonie bedeutet gewohnlich den Zustand der Gluckseligkeit, wird hier aber in demselben Sinne gebraucht, wie fruher Eudamon, als der Zustand der reinsten Wonne, deren ein Damon fahig ist, also ungefahr das, was wir unter Seligkeit zu denken pflegen. 40 Ein aus der Odyssee bekannter Trank, dessen schone Wirkung Vergessenheit alles Kummers und aller Leiden war. 41 Der Name zweier offentlicher Platze zu Athen (Vergl. die Anm. zu: Nachlass des Diogenes, Bd. 19.); die Akademie, das Gymnasium, wo Platon und seine Nachfolger, die Akademiker, Pokile, die Halle, wo die Stoiker, Lykeion, das Gymnasium, wo Aristoteles und seine Nachfolger, die Peripatetiker, lehrten. 42 Alcibiades, der schone Wustling, ist bekannt genug; Nicias, alter als Alcibiades und dessen Gegner, wurde mit ihm zugleich zum Oberfeldherrn ernannt, damit, wie Plutarch sagt, seine Vorsicht der allzugrossen Verwegenheit jenes zur Seite stehe. Thucydides sagt von ihm, nachdem er in Sicilien ermordet worden, dass von allen Griechen seiner Zeit er am wenigsten solch ein ungluckliches Schicksal verdient, indem er seine Pflichten gegen die Gottheit stets aufs sorgfaltigste erfullt habe. Da es nun diesemnach unbegreiflich ist, wie Nicias hier mit Alcibiades zusammengestellt werden konnte, und da er nicht einmal in der Carricatur, welche Aristophanes in den Rittern von ihm entwirft, hieher passt; so vermuthe ich, dass Kritias hier stehen solle, welcher eben so schlimm wie Alcibiades, nur von etwas anderer Art, zugleich mit diesem dem Sokrates den Vorwurf zuzog, seine Schuler verdorben zu halben, wogegen Xenophon seinen Lehrer (Memorab. 1, 2.) rechtfertigt. Ein anderer Nicias, welcher hier gemeint seyn konnte, ist mir wenigstens nicht bekannt; Kritias aber passt vollkommen hieher. 43 Unter dem Titel die Liebesgotter (Erotes) befindet sich ein Aufsatz unter Lucians Schriften, den Wieland auch aus andern Grunden als wegen Verschiedenheit des Styls, und also muthmasslicher Unachtheit, unubersetzt gelassen hat. 44 Antinous, dessen Schonheit durch mehrere beruhmte Darstellungen der bildenden Kunst verewigt worden ist. 45 Schicksal.

Zweiter Abschnitt.

46 Vergl. die Anm. zu Sympathien. Bd. 29. 47 S. die Anm. zum neuen Amadis 7. Ges. 28. Str. Bd. 15. 48 Nach ihrem Geburtsort Erythra in Kleinasien benannt, hatte den Trojanischen Krieg verkundigt. 49 Homers Elysium wurde als eine oder mehrere gluckselige Inseln in dem, die Erdscheibe umfluthenden, Strom Okeanos gedacht. Nur Gunstlinge von Zeus lebten dort, dem Tod entruckt, in unthatiger Wonne. Hesiodus versetzte dahin das Geschlecht der Heroen unter der Herrschaft des Kronos (Saturns), bei welcher der Grieche allezeit an ein paradiesisches Leben dachte. 50 Den Pythagorischen Tod nannte man Befreiung der Seele von dem Korper, wozu der Anfang mit Enthaltung von aller Art korperlicher Wollust gemacht wurde. Dieser folgte strenge Beherrschung der Affecten und Leidenschaften, und hiedurch wurde Einkehr der Seele in sich selbst, Betrachtung des Gottlichen und Ewigen, und Annaherung an Gott selbst moglich. 51 S. Wielands Abhandlungen uber die Pythagorischen Frauen. 52 Gottererscheinungen. 53 Raucherungen und Beschworungsgesange. 54 Gluckswechsel, nach Aristoteles ein wesentlicher Punkt in jedem Drama. Er erklart diese Peripetie als den, nach Wahrscheinlichkeit oder Nothwendigkeit erfolgenden Uebergang der handelnden Personen in einen entgegengesetzten Zustand. 55 Der ekstatische Zustand ist ein Aussersichseyn, eine Verzucktheit uberhaupt, welche Ursache ihn auch bewirkt haben moge; nympholeptisch ist er, wenn Nymphen ihn verursacht haben. Den Nymphen schrieb man die Kraft der Begeisterung zu (die Musen waren ebenfalls Nymphen), und Nympholepten waren solche, welche vom Anhauch der Nymphen begeistert waren. Da aber die Begriffe von Begeisterung, Raserei und Wuth in einander liefen, so hiess auch der von Nymphen in Wuth gesetzte ein Nympholept. Hier bezieht sich der nympholeptische Zustand wohl auf den Glauben der Alten, dass der un56 S. Crates u. Hipparchia, die Anm. z. 38. Br. Bd. 21.

Dritter Abschnitt.

57 Poppaa war die Gemahlin Nero's, und stand in nicht besserem Ruf als Messalina Vergl. die Anm. zum Antiovid, 1. Ges. Bd. 25. 58 Die heiligen Haine der Venus auf der Insel Cypern. 59 Ein Flecken unweit der Syrischen Stadt Antiochia, beruhmt durch die Schonheit seines heiligen Haines, worin ein Tempel Apollo's und der Diana stand. 60 S. Bd. 3. 61 S. Bd. 3. 62 Sklavin der aus Ovids Liebesgedichten bekannten Korinna. 63 Der Sohn des Sonnengottes, der den Sonnenwagen einst so unglucklich lenkte, dass er selbst herabsturzte, und die Welt in Brand gerieth. 64 S. Bd. 27. Araspes und Panthea, und besonders den Schluss. Vergl. die letzte Anm. zu: die Wahl des 65 Ixion umarmte bekanntlich statt der Gemahlin Jupiters, die er um Liebe anzuflehen gewagt hatte, ein ihr ahnliches Wolkenbild. 66 Die irdische, gemeine Venus, im Gegensatz der Urania. Vergl. die Anm. zum Antiovid. 1. Ges. Bd. 25. 67 Die Zauberinnen bei den Griechen und Romern nahmen wachserne Bilder oder Puppen von Personen, und setzten sie dem Feuer aus, und man glaubte, dass das lebende Original dieser Bilder eben so welch werde oder zerschmelze wie die Wachspuppe. Dieses Mittels bediente man sich, theils um ungetreue oder kaltsinnig gewordene Liebende zu neuer Liebe zu entflammen, theils um Rache zu nehmen und sie zu verderben. 68 Der Assyrische Konig, und Elagabalus, oder Heliogabalus, der romische Kaiser, sind wegen der hochsten Schwelgerei und Ueppigkeit beruchtigt. 69 S. oben die Anmerk. zu Thiasarch.

Vierter Abschnitt.

70 Lucian antwortet, dass die rechte Antwort hierauf zu weit aus dem Wege fuhren wurde. Wieland hat indess diese rechte Antwort in seiner Uebersetzung Lucians zu geben versucht (s. Bd. 3. S. 59. fgg.), und es scheint zweckdienlich, sie auch hier den Lesern mitzutheilen. Folgende Umstande, deren historische Gewissheit unlaugbar ist, dienen zusammengenommen, den Gesichtspunkt, woraus Lucian die ganze Sache, wovon hier die Rede ist, ansah, zu bestimmen, und seine Vorstellungsart davon begreiflich zu machen.

I. Die Christianer waren zwar um diese Zeit, d.i. in der andern Halfte des zweiten Jahrhunderts nach Chr. G., schon durch alle Provinzen des romischen Reichs zerstreut, und besonders in Asien, Syrien und Aegypten zahlreich, hielten aber mit den Dogmen und Ceremonien ihrer Religion, oder mit dem, was sie selbst ihre Mysterien nannten, gegen alle, die der herrschenden Religion zugethan waren, ausserordentlich zuruck: es war also naturlich, dass selbst aufgeklarte Manner unter diesen letztern, wie Tacitus, Plinius, Lucian u.A. sich zum Theil unrichtige Vorstellungen von ihren Grundsatzen, Glaubenspunkten und heiligen Gebrauchen machten, von der Person Jesu selbst aber nichts Naheres und Besseres wussten, als das Wenige, was das gemeine Gerucht von seinem Leben und Tode verbreitet hatte, folglich weit entfernt waren, sich eine richtige und wurdige Vorstellung von ihm zu machen. Ueberdiess standen Ihm starke Vorurtheile bei ihnen im Wege. Romer und Griechen hatten von den Juden, aus Ursachen, eine ausserst, verachtliche Meinung und Er war ein Jude gewesen. Bei einem Wunderthater dachten sich Manner wie Tacitus und Lucian einen Betruger, Gaukler, Taschenspieler oder etwas dem Aehnliches, gerade so, wie diess der erste Gedanke ist, der heutzutage einem vernunftigen Menschen einfallt, wenn er von den Wunderthaten eines Gassner, Schropfer, Cagliostro und ihresgleichen erzahlen hort. Wunderthater, Magier, Zauberer, Schlangenbanner, Siebdreher u.s. w: gehorten nach ihren Begriffen in eine und eben dieselbe Classe und Er wurde fur einen Wunderthater ausgegeben. Beides war mehr als hinlanglich, ihnen das widrigste Vorurtheil gegen Ihn zu geben, und sie von aller nahern Erkundigung abzuschrecken.

II. Die ursprungliche Einfalt und Lauterkeit des

Herzens, die ein Charakterzug der ersten Junger Jesu war, hatte um diese Zeit unter denen, die sich Christianer nannten, schon sehr abgenommen; nicht nur weil es vermoge der Natur der Dinge nicht anders seyn konnte, sobald man die Bekenner der neuen Glaubens- und Lebensweise bei Hunderttausenden zahlen konnte: sondern auch vornehmlich, weil sich, schon von den Zeiten der Apostel an, eine Menge halbjudischer, halbheidnischer Schwarmer, Visionare, Theosophen, Theurgen und Adepten von allerlei Secten und Namen unter dem Christlichen Namen verbargen, und die mannichfaltige, wenn auch nur zufallige und momentane Vermischung mit diesen Fanatikern oder Betrugern naturlicher Weise sowohl auf die christlichen Gemeinen selbst, als auf das Urtheil der Heiden von ihnen, einen nachtheiligen Einfluss haben musste. Bekanntermassen liefen, aus diesen unreinen Quellen, eine Menge untergeschobener oder verfalschter, zum Theil mit dem abgeschmacktesten Unsinn und den plattesten Mahrchen angefullter Schriften, unter dem Namen der Apostel und ihrer Junger, ja sogar der Patriarchen vor und nach der Sundfluth u.s.w. bei den Christianern herum, uber deren Aechtheit oder Unachtheit noch nichts entschieden war. Alles diess musste nothwendig bei vielen, und es ist wohl nicht zu viel gesagt, bei den meisten Bekennern des Christenthums dieser Zeit die Disposition zur Schwarmerei (die den Asiaten ohnehin so naturlich ist) um so mehr befordern, da schon an sich selbst nichts leichter ist, als der unmerkliche Uebergang vom reinen und achten Enthusiasmus zum unachten, und uberdiess so viele andere innere und aussere Ursachen das Gottliche, das anfangs in der Sinnesart der Christianer herrschte, nach und nach mit so viel menschlicher Unlauterkeit legirten, bis das immer schlechter werdende Gold diesen Namen endlich gar nicht mehr verdiente.

Dieser Umstand erklart nicht nur wie es zuging, dass der aufgeklarte Theil der Welt so verachtlich von den Christianern dachte, sondern auch wie leicht es moglich war, dass ein Mensch wie Peregrin (eine Zeitlang wenigstens) eine ansehnliche Rolle unter ihnen spielen konnte. Wir brauchen nur die Augen aufzuthun, und zu sehen, was in unsern Tagen (die doch in Ansehung der Moglichkeit und Leichtigkeit der Aufklarung vor jenen beinah' unermessliche Vortheile haben) vorgegangen ist und noch vorgeht, um auf das, was damals moglich war, und wahrscheinlicher Weise wirklich geschah, sehr sichere Schlusse machen zu konnen.

III. Die meisten Christianer zu Lucians Zeiten konnten des achten Sinnes und Geistes Christi ermangeln (wie diess dann, aller Wahrscheinlichkeit nach, der Fall wirklich war), und gleichwohl von dem feurigen Gemein- und Parteigeist und von dem Brudersinne getrieben werden, der alle neuen, auf Mysterien gegrundeten, unter Druck und Verfolgung nur durch diesen bruderlichen Gemeingeist sich erhaltenden Secten, Orden und geheimen Gesellschaften auszeichnet, und den Lucian als einen auffallenden Charakterzug an ihnen bemerkt Denn eben dieser Gemeingeist ist es eigentlich, was das Leben und die Seele einer jeden zu gemeinschaftlichen Zwecken vereinigten Gesellschaft ausmacht, und was ihr festen Zusammenhang, Dauer und ausgebreitete Einwirkung in die ubrige Welt gibt. Bei wem ist diese machtige Triebfeder jemals wirksamer gewesen als bei den Jesuiten? Hoffentlich werden es diese nicht ubel nehmen, wenn ich die Christianer unter den Kaisern des zweiten und dritten Jahrhunderts als einen religiosen Orden betrachte, und die Jesuiten selbiger Zeit nenne: wenigstens bin ich uberzeugt, dass dieser Name, mit der ganzen Kraft desselben, sie besser als irgend ein anderer charakterisirt. Brauchen unbefangene Beurtheiler der menschlichen Dinge mehr, um zu begreifen, woher es kam, dass der Mann, der sich selbst in den Wiederauferstandenen (Bd. 1. S. 399. fgg) als einen geschwornen Feind aller ungebuhrlichen Anmassungen, alles Betrugs, aller Gleissnerei, Schwarmerei und Gauklerei erklart, und sich als einen solchen in allen seinen Schriften darstellt, von den Jesuiten seines Jahrhunderts ungefahr eben so dachte, wie alle gesund denkenden und gegen die menschliche Gesellschaft wohlgesinnten Manner des unsrigen von dem Orden des Loyola, und uberhaupt von allen auf mystische Hypothesen gegrundeten, und nach ubermenschlichen Zwecken strebenden geheimen Gesellschaften denken?

IV. Wiewohl mir nun diese Betrachtungen begreiflich zu machen scheinen, warum Lucian (der die Christianer fur eine verachtliche Secte fanatischer Schwarmer ansah, und, ohne selbst in ihren Mysterien iniziirt zu seyn, nicht wohl anders von ihnen denken konnte als alle andern verstandigen Heiden seiner Zeit), warum, sage ich, Lucian weder das Wenige was er von ihren Glaubenslehren gehort hatte, noch ihren Gemeingeist und Brudersinn, in einem gunstigern Lichte sah; so bin ich doch nicht so parteiisch fur ihn eingenommen, den Einfluss der epikurlichen Grundsatze, denen er (zumal in seinen spatern Jahren) offentlich zugethan war, auf sein Urtheil von den Christianern zu misskennen, oder die Denk- und Sinnesart gut zu heissen, aus welcher einige seiner Ausdrucke, die selbst an einem vernunftigen Epikuraer kaum zu entschuldigen sind, geflossen zu seyn scheinen. Ein Epikuraer kann zwar, nach seiner Theorie, nicht anders, als glauben, dass Leute, "die sich in den Kopf gesetzt haben, mit Leib und Seele ewig zu leben," in einem irrigen Wahne stehen: aber wie er sie um eines so sussen, trostlichen, Geist und Herz erhohenden Wahnes willen (wenn es auch nur Wahn ware) arme Teufel () schelten konne, ist nicht wohl zu begreifen. Sie verachten dieses Glaubens wegen den Tod, sagt er: aber warum soll an ihnen getadelt werden, was bei den freien und durch Knechtschaft und Luxus noch unverdorbnen Griechen der hochste Ruhm war? Und er, der in so vielen seiner Werke uber die griechischen Gotter spottet, und sich ein ordentliches Geschaft daraus macht, sie um alles Ansehen zu bringen, wie kann er den Christianern zum Vorwure machen, dass sie mit solchen Gottern nichts zu thun haben wollten? 71 Am hartesten von diesen urtheilte Tacitus, da er a.a.O. die Christianer, eine Secte, die von Christus, der unter Tibers Regierung mit Todesstrafe belegt war, den Namen habe, als ihrer Schandlichkeiten wegen verhasste, des Hasses des menschlichen Geschlechtes uberwiesene Leute, und ihre Glaubenslehre als hochst verderblichen Aberglauben bezeichnet. Man hat wahrscheinlich gemacht, dass dieser ihnen vorgeworfene Hass des menschlichen Geschlechtes nichts anderes andeute als feindliche Gesinnung gegen die Romer und den Romischen Staat, und solcher konnte eine Religionspartei, von deren heimlichen Zusammenkunften man den Zweck nicht kannte, leicht verdachtig werden. Die Kaiserlichen Verordnungen gegen solche verdachtige Zusammenkunfte wurden daher auch ofters gegen sie angewendet, und wohl auch missbraucht. Um vieles billiger dachte Plinius, der im J. 105 n. Chr. Statthalter von Bithynien sein Schreiben an Trajan und dessen Antwort (s. Plin. Epp. X. 97. 98). "Ich habe, schreibt er, an ihnen nichts gefunden als einen verkehrten und unmassigen Aberglauben, und daher den Urteilsspruch verschoben, um deinen Rath einzuholen. Der Verathung scheint mir die Sache sehr wurdig, hauptsachlich wegen der gefahrdeten Menge: denn vielen von jedem Alter, Stand und Geschlecht ist der Process gemacht und wird er gemacht werden. Nicht bloss uber die Stadte, sondern auch uber die Flecken und das Land hat die Seuche dieses Aberglaubens sich verbreitet, die jedoch wohl gehemmt werden kann und Heilmittel zulasst. Wenigstens ist, gewiss, dass man wieder anfangt, die fast verodeten Tempel zu besuchen, die lange unterlassenen Opfer zu bringen, und hin und wieder Opferthiere feil zu bieten, die bisher nur sehr, seltene Kaufer fanden. Daher lasst sich denn vermuthen, welche Menge Menschen gebessert werden konne, wenn man nur der Reue Raum lasst." Trajan billigt diess Verfahren, und schreibt: "Aufsuchen muss man sie nicht. Werden sie angegeben und uberwiesen, so muss man sie strafen; jedoch so, dass der, welcher ein Christianer zu seyn laugnet, und es durch Anrufung unserer Gotter beweist, Verzeihung seiner Reue wegen erhalte, wenn er auch fruherhin verdachtig gewesen. Anklagen ohne Namen des Anklagers, durfen in keinem Criminalfalle Statt finden. Das ist von sehr bosem Beispiel und unserm Zeitgeist nicht gemass." 72 So nannten die Gnostiker, zu welchen der Unbekannte gehorte, die hochsten himmlischen Krafte, welche sie als die ersten Ausflusse der Gottheit, des Urquells aller geistigen Krafte und Vollkommenheiten, betrachteten. W.

Funfter Abschnitt.

73 Weise Massigung. 74 Ein Staat, den die unsichtbare Gottheit durch sichtbare Stellvertreter regiert. 75 So hiessen die Iniziirten der Eleusinischen Mysterien, nachdem sie zum Anschauen des Lichts gelangt waren. Die Christianer entlehnten bekanntermassen dieses Wort, wie mehrere andere dieser Art, um es auf ihre Mysterien anzuwenden. W. 76 So wurden von den damaligen Christianern diejenigen genannt, die nur noch den ersten Grad der Initiation in ihren Mysterien erhalten hatten. W. 77 Hier, wo der Name dieses in gegenwartiger Geschichte so wichtigen Mannes, von welchem Lucian selbst nichts weiss, den aber Wieland gewahlt zu haben scheint, um an ihm die Ausartung des Christenthums zu zeigen, zum erstenmale genannt wird, scheint es zweckmassig, uber ihn selbst, so wie uber die Chronologie, dieses Werkes, noch Einiges beizubringen.

Kerinthos (Cerinthus) scheint zunachst den Zeiten, der Apostel gelebt zu haben, und muss wenigstens noch ein Zeitgenosse des Johannes gewesen seyn, denn er wurde von Einigen fur den Verfasser der Offenbarung des Johannes gehalten, und Andere behaupteten, dass Johannes sein Evangelium zur Widerlegung der Kerinthischen Irrlehre geschrieben habe. Irenaus sagt ausdrucklich: "Johannes, der Schuler des Herrn, wollte durch Bekanntmachung seines Evangeliums den Irrthum wegschaffen, welchen Kerinthos den Menschen eingepflanzt hatte."

Mit Beantwortung der Frage, worin des Kerinthos Irrlehre bestanden, haben drei beruhmte Theologen der neueren Zeit sich beschaftigt, und wen es interessirt, der kann nachlesen: Storr uber eine Stelle des Irenaus III. II. (Eichhorns Repertorium fur Biblische und Morgenlandische Literatur XIV 127 fgg.) Paulus Commentationes theologicae potissimum historiam Cerinthi Iudaeochristiani ac Iudaeognostici, atque finem Iohanneorum in N.T. libellorum illustraturae. Jena 1795, und die Abhandlung von J.E. Ch. Schmidt: Cerinth, ein judaisirender Christ (in dessen Bibliothek fur Kritik und Exegese des N.T. und alteste Kirchengeschichte Bd. 1. St. 2. S. 181 fgg). Der erste von diesen will im Kerinthos einen blossen Gnostiker erkennen, der zweite halt ihn fur einen judaisirenden Christen und Gnostiker zugleich, der dritte behauptet, er sey nur jenes gewesen. Ohne uns auf eine Entscheidung hieruber einzulassen,A2) wollen wir bloss das mittheilen, was uns, als der Kerinthischen Lehre eigenthumlich, ist berichtet worden.

1) Der Schuler ist nicht uber den Meister. Da Jesus beschnitten war, so muss sich auch sein Schuler beschneiden lassen. Da Jesus das Mosaische Gesetz befolgte, so muss es auch sein Schuler befolgen.

2) Jesus war ein Sohn des Joseph und der Maria.

(So mussten die Juden, diesem ihm den Messias sahen, der aus dem Geschleckte Davids entsprungen sollte, aus welchem Joseph stammte, aber nicht Maria, behaupten. S. die Geschlechtstafel vor dem Evangelium des Matthaus.)

3) Jesus ubertraf die ubrigen Menschen an Gerechtigkeit, Weisheit und Macht.

4) Nach der Taufe stieg auf Jesus von dem hoch

sten Wesen Christus herab in Gestalt einer Taube, und darauf verkundigte er einen unbekannten Pater. Am Ende flog Christus von Jesus wieder zuruck, und Jesus war es, welcher gelitten hat und auferstanden ist; Christus aber kann keinem Leiden unterworfen werden.

An diese allerdings den Juden verrathenden Satze reiht sich nun eine Theologie, deren Eigen humlichkeit nicht leicht auszumitteln ist. Sie geht von einer Behauptung aus, die nicht sehr judisch scheint, dass namlich die Welt nicht von dem hochsten Gotte gemacht worden, dass der Gott der Juden nicht der hochste Gott, und das Mosaische Gesetz nicht von dem hochsten Gotte gegeben sey. An die Stelle des Judaismus tritt nun ein System, welches mit dem der Gnostiker, insofern diess auf der Lehre von den Aeonen beruht, die grosste Aehnlichkeit hat. Kerinthos scheint eine hochste Gottheit angenommen zu haben, die aber nicht unmittelbar mit der Schopfung im Zusammenhange stand, sondern bloss mittelbar. Aus ihr geht hervor der Eingeborene, und der Logos ist dieses Eingeborenen wirklicher Sohn. Wie es scheint, ist der Eingeborene nach diesem System Christus; es bleibt aber zweifelhaft, ob er auch der Weltschopfer sey, oder ob die Schopfung von ihm nur durch untergeordnete Krafte (Aeonen eines niedrigern Ranges) ausgefuhrt worden. An einer Lehre von Engeln und andern Geistern fehlte es hochst wahrscheinlich dabei nicht.

Uebrigens war Kerinthos ein Anhanger des Chiliasmus, d.i. er erwartete, wie alle Juden-Christen, die Wiederkehr des Messias nach tausend Jahren, und die Stiftung eines irdischen judischen Reiches desselben zum grossen Vortheil seiner Anhanger.

Ueber das Leben des Kerinthos wissen wir nur so viel, dass er in fruheren Jahren in Palastina lebte, ein judischer Philosoph war, ein judaisirendes Christenthum annahm, dann nach Aegypten uberging, wo er wahrscheinlich bei den Alexandrinischen Juden und Judenchristen in der allegorischen Erklarungsart sich vervollkommnete, und dass er langere Zeit in KleinAsien lebte, namentlich in der Gegend von Ephesus, wo ihn Johannes einst in einem Bade soll angetroffen, und dieses sogleich verlassen haben. Er hatte in dortiger Gegend viele Anhanger, ungeachtet Johannes sein Gegner war, und ruhmte sich besonderer Offenbarungen durch Engel. (Euseb. Chron. 3, 28.) In Ansehung seiner Gesinnungen ist merkwurdig die Aeusserung des Bischofs Dionysius von Alexandria uber ihn, die ebenfalls Eusebius in seiner Kirchengeschichte (7, 23.) aufbewahrt hat. Etliche der Aelteren, heisst es, haben die Offenbarung Johannis geradezu verworfen, da schon der Titel eine Unrichtigkeit enthalte und die Schrift gar nicht apostolisch sey. Sie wollten sie nicht einmal einem Christianer zuschreiben, sondern schrieben sie dem Kerinthos zu, dem Urheber der Kerinthischen Ketzerei, der, um seinen Meinungen Glauben zu verschaffen, dem Buche des Johannes Namen vorgesetzt habe. Die Lehre, dass das Reich Christi auf Erden entstehen solle, sey Kerinthisch; und wie man dem Kerinthos nachgesagt, er sey ein Liebhaber der fleischlichen Luste gewesen, so habe er auch hier nicht unterlassen, den Seligen des zukunftigen Reiches solche Dinge zu verheissen, die ihm angemuthet hatten, wonach dann bleiben wurden die Werke des Buches und der Wollust, Ueberfluss an Speise und Trank, Hochzeit, und was nachfolge. Auch habe er gehofft, dass wiederkehren sollten die Hochzeit und judischen Feste und die gesetzlichen Opfer.

Da nun hier dieser Mann von einem, der wenigstens nicht viel uber ein halbes Jahrhundert nach ihm lebte, auf Zeugnisse Aelterer hin, und also wohl von Zeitgenossen des Kerinthos, als ein Verfalscher, Lustling und Erzjude geschildert wird, wahrend Andere ihn den falschen Aposteln zuzahlen; so konnte Wieland wohl der Ueberzeugung seyn, dass es mit seinem Plane seines Reiches Christi auf Erden nicht eben auf ernste Beforderung des acht Christlichen in Gesinnung und Wandel abgesehen gewesen, und dass er ihm nicht Unrecht thun werde, wenn er bei seiner Schilderung von einem Gesichtspunkt ausgehe, welchen Lucian angewiesen hat. "Sobald, sagt dieser, irgend ein verschmitzter Betruger an die Christianer gerath, der die rechten Schliche weiss, so ist es ihm ein Leichtes, die einfaltigen Leute an der Nase zu fuhren und gar bald auf ihre Unkosten ein reicher Mann zu werden." Die eingefuhrte Gutergemeinschaft gab dazu wenigstens gute Gelegenheit. Uebrigens schildert Wieland den Kerinthos, den die wahren Christianer nicht fur einen der Ihrigen wollten gelten lassen, nicht eigentlich historisch, sondern wie er den Umstanden jener Zeit gemass hatte seyn konnen, mithin nach der Wahrscheinlichkeit und Moglichkeit, die Aristoteles als Vorzuge der Poesie vor der Geschichte ruhmt. Dem Peregrinus gegenuber erscheint er nicht als strenger Judenchrist (als welcher er in diese Geschichte gar nicht gepasst hatte), sondern lediglich nach Storrs Ansicht als ein gnostischer Christianer, d.i. als ein solcher, welcher annahm, dass der Religionsunterricht Jesu und der Apostel unvollkommen, und nur auf unvollkommene Menschen berechnet gewesen sey, und dass sich der vollendete Christianer darum zu einer hoheren Religionsphilosophie, Gnosis, erheben musse. Damit er in dieser Beziehung gehorig gewurdigt werden konne, theile ich hier noch eine Stelle aus Schmidts oben genannter Abhandlung mit.

"Es sind zwei Systeme, die ihrem Ursprung nach wesentlich verschieden sind, die sich aber bei ihrer weiteren Ausbildung einander so naherten, dass sie leicht mit einander vermischt werden konnten, welches um so leichter war, da sich das eine mit Beibehaltung derselben Sprache in das andere verwandeln liess. Das eine dieser Systeme entstand durch Personification der gottlichen Eigenschaften. So wie die Speculation mehrere Krafte in der Gottheit unterscheiden lernte, so wie sich die Verhaltnisse derselben unter sich naher entwickelten, so mehrte sich auch die Anzahl dieser Personificationen, und so entstanden die Aeonen, Sephiroth u.s.w. Kuhn vollendet entstand eine Tafel derselben. Das andere System ging von der Bemerkung aus, dass es schicklicher ware, der Gottheit einen Hofstaat, eine Menge unterworfener Diener zu geben, durch die sie ihren Willen konne ausfuhren lassen. Es stutzte sich nachher auf die Betrachtung, dass auf der Stufenleiter der Wesen die Lucke zwischen der Gottheit und den Menschen allzu ungeheuer sey, als dass man sie nicht vernunftiger Weise mit Geistern, Engeln, Damonen u. dergl. ausgefullt denken sollte. Der allgemeine Volksglaube an Polytheismus schloss sich hier an, und schien seine vernunftige Erklarung dadurch zu finden. Diese beiden Systeme, so wesentlich verschieden, konnten nun gleichwohl so nahe gebracht werden, dass sie dem ungeubteren Betrachter in Eins zerstiessen wussten. Durch die kuhne Vollendung der Personification einer gottlichen Kraft schien diese zu einem von der Gottheit verschiedenen Wesen zu werden. Der Geweihte einer solchen Philosophie konnte sich nicht verirren; er kannte die Genesis der scheinbaren Untergotter; gefahrlos bezeichnete er sich, um seine Ideen von den gegenseitigen Verhaltnissen und Beziehungen der gottlichen Krafte darzustellen, diese mit den Bildern von Erzeugung, Vermahlung u.f., und fuhlte so die Personendichtung vollstandig aus. Aber der Laie musste sich nun tauschen."

Jetzt ist nur ubrig, ein Wort uber die in diesem

Werke angenommene Zeitrechnung beizufugen.

Es lebten noch Menschen, welche den Evangelisten Johannes personlich gekannt hatten, und sein Zeitgenosse Kerinthos spielt eine wichtige Rolle darin. Da nun Johannes, welcher ein Alter von nah an 100, nach Einigen sogar von 120 Jahren erreichte, im J. 95 n. Chr. nach der Insel Patmos verwiesen wurde, wo er die unter seinem Namen vorhandene, von Manchen dem Kerinthos beigelegte, Offenbarung geschrieben, nachher aber, wahrend seines Aufenthaltes zu Ephesus, sein Evangelium gegen die Kerinthischen Lehrsatze gerichtet haben soll; so folgt hieraus, dass diese Geschichte in die erste Halfte des zweiten Jahrhunderts nach Christus fallen musse. Von Peregrin wird man annehmen mussen, dass er zu Anfange des zweiten Jahrhunderts, unter der Regierung Trajans, geboren worden; ob aber seine Verbindung mit den Christianern in die Regierungszeit Hadrians falle, die von dem Jahr 117 n. Chr. bis 138 dauerte, in welcher Zeit auch Agathobulus als Philosoph bekannt wurde, oder ob sie lediglich in die Regierungszeit des Antoninus Pius zu setzen sey, welcher im I. 161 starb, ist ziemlich zweifelhaft, und Wielands eigne Angabe dafur scheint am allerwenigsten fur die Geschichte, wie er sie entworfen hat, zu passen. Wieland in seinem Lucian setzt namlich Peregrins Verbindung mit den Christianern, nach ungefahrem Anschlag, in das Jahr 140152, so dass also Peregrin, als er sich nach Alexandria zu Agathobulus begab, in einem Alter von 50 Jahren musste gewesen seyn. Diess passt allerdings zu dem Folgenden ziemlich genau, denn nach einem Aufenthalt von 10 Jahren in Alexandria kommt Peregrin nach Rom und in die Verlegenheit mit Faustina, der Gemahlin des Marcus Aurelius Antoninus, wegen deren er verwiesen wird. Geschah diess im I. 160, also ein Jahr vor der Thronbesteigung des Marcus Aurelius, so fallen die drei Olympischen Spiele, welche Peregrin besuchte, gerade in die 8 Jahre, welche zwischen seiner Verweisung aus Rom und seinem Tode im J. 168 verflossen, und Peregrin war, als er starb, in dem Alter zwischen 60 und 70 Jahren. Ob jene Annahme Wielands aber eben so genau zum Vorhergehenden passe, bezweifle ich, denn Kerinthos musste dann um die Zeit, in welcher Peregrin mit ihm zusammentrifft, im hochsten Greisenalter gestanden haben. Nimmt man auch bloss auf sein Verhaltniss zu Johannes Rucksicht, so musste er um diese Zeit an 90 Jahre alt seyn; aber wofern gar gewiss seyn sollte, dass mehrere Stellen in den apostolischen Schriften (Apost. Gesch. X. XI. Gal. 2, 25.) sich auf ihn bezogen, uber 120 Jahre. Wieland hatte dann in Beziehung auf Kerinthos denselben Fehler begangen, den er Brukkern in Beziehung auf Peregrin vorwirft. Es scheint daher am sichersten, fur Peregrins Verbindung mit den Christianern, die Regierungszeit Trajans anzunehmen und hochstens den Anfang der Regierungszeit Hadrians. Dann stand Kerinthos etwa in den Sechzigen, und diess gibt ihm zu seiner Schwester Dioklea ein leidlich richtiges Verhaltniss, und stellt diese selbst in ein Alter, wobei sich der Satyrstreich Peregrins gegen sie im Gefangniss, so wie von diesem selbst, wenn er ein Vierziger, und kein Funfziger war, denken lasst. Dass Dioklea als Diakonissin nicht, nach Paulinischer Verordnung, schon das sechzigste Jahr zuruckgelegt habe, lasst sich wohl annehmen, da Kerinthos sich an jene Verordnung noch weit weniger gebunden haben durfte als Andere es thaten, die sich seine Abweichungen nicht erlaubten.

Uebrigens ware wohl moglich, dass Wieland denen gefolgt ware, welche den Herinthos erst ins zweite Jahrhundert versetzen. Die Stellen aber, aus denen man dieses hat darthun wollen, sind erweislich unzuverlassig, und diess verdiente wohl bei einem Werke, welches nicht in das blosse Gebiet der Dichtung gehoren soll, Bemerkung. 78 Mysterien finden sich bei allen Religionen der das ganze Volk, und dann nichts anderes als dramatische Vorstellungen von den Sagen der Gotter, meist zur Nachtzeit gegeben, oder besondere, fur kleinere Gesellschaften und einzelne Personen, und in diesen theilte man den Eingeweihten Geheimlehren mit, gradweise und unter der Bedingung heiligen Schweigens. Sie hiessen daher Aporrheta, d.i. Lehren, die man nicht aussagen durfte, und diess ist der Sinn des Wortes, welchen Wieland in dieser Stelle andeutet. Die Christianer ahmten diese Einrichtung nach, theils weil selbst Eingeweihte unter ihnen waren, wie Justin der Martyrer und Clemens von Alexandrien, theils weil sie Eingeweihte unter sich aufnahmen. Auch nur gradweise und nach mancherlei Prufungen theilten sie manche Lehren und Gebrauche als Geheimnisse mit. Wahrend der Prufungszeit hiessen die, welche den ersten Unterricht empfingen, Katechumenen (zu Unterrichtende), und diese waren eingetheilt in die drei Grade, der Horenden (audientes), Kniebeugenden (substrati) und der Erwahlten (eiecti, competentes), die nie zu den Sacramenten zu gelassen wurden. Dazu berechtigte erst die Weihe der Taufe, die man alljahrlich am Oster- oder Pfingstfeste vornahm. Dieser gingen aber noch vorher die Scrutinia. Sieben Tage lang gingen die Erwahlten in einem einzigen Gewande, barfuss und mit verhulltem Antlitz, damit sie nicht zerstreut werden mochten. Man trieb aus ihnen den Teufel aus, wusch und salbte sie, und nun theilte man ihnen das Geheimnis der Dreieinigkeit, das Glaubensbekenntniss (Symbolum) und das Gebet des Herrn mit. Hiedurch, und durch den Empfang der Taufe wurden die Katechumenen zu Neophyten, d.i. zu Neugebornen. Als solche gingen sie wahrend der Osterwoche in weissen Kleidern einher, besuchten taglich die Kirche, genossen taglich das heilige Abendmahl, und wurden nun vollstandig in allen Geheimnissen unterrichtet. Desswegen hiessen sie Iniziirte, Eingeweihte, und Illuminaten, Erleuchtete. Hatten sie nach der Osterwoche die weisse Kleidung abgelegt, so waren sie, als wirkliche Mitglieder der Gemeine, Getreue (Fideles), und als solche aller Sacramente theilhaftig, und hatten Stimmrecht in der Gemeine. Unter diesen Getreuen bildeten sich wieder mehrere Grade, der Martyrer, die um des Glaubens willen Qual und Tod erlitten, der Bekenner (Confessores), die vor Gericht unerschrokken ihren Glauben bekannten, und der Asketen (Asceten, der Uebenden), die in ihrem ganzen Leben und Wandel freiwillig sich einer strengeren Tugendubung unterwarfen. 79 Unter den Asketen gab es welche, die sich aller Gesellschaft entzogen, und diese hiessen Anachoreten, d.i. Zuruckgetretene, Einsiedler, oder Eremiten, Bewohner der Wuste, wenn sie in eine solche sich begechere Lebensart zu fuhren. Seit dem dritten Jahrhundert war die Wuste hinter Theben in Oberagypten voll von ihnen. Auch Einrichtungen dieser Art waren nur Wirkungen des durch orientalischen Geist missgestalteten Christenthums.

Fussnoten

A1 Die mit W. bezeichneten Anmerkungen sind; so weit sie hier nothig schienen, aus der Wielandischen Uebersetzung Lucians entlehnt. A2 Wegscheider in seinem Versuch einer vollstandige Einleitung in das Evangelium des Johannes Gott 1806., S. 109 aussert, die meisten Widerspruche, die man in des Irenaus Nachrichten von aufgewiesen, mochten sich durch Unterscheidung der Zeiten, in welchen Corinth solche widersprechende Meinungen behauptet haben konnte einigermassen heben lassen Weder die Anhandlung Massuets de Cerintho vor seiner Ausgabe des Irenaus, noch Walchs habe ich benutzen konnten.

Zweiter Band

Inhalt des zweiten Theils.

VI. Abschnitt.

Peregrin wird durch den Tod seines Vaters Besitzer eines grossen Vermogens, und seine Obern lassen sich endlich gefallen, den grossten Theil davon, als ein zum Bau des Reichs Gottes beigetragenes Scherflein, zu ihren Handen zu nehmen. Er wird nach Nikomedien berufen, erhalt zur Belohnung der Treue, welche er bisher in dem angefangnen Werke seiner Heiligung bewiesen, das Versprechen, dass er nun ohne weiters zum Anschauen der hochsten Geheimnisse des Reichs des Lichts zugelassen werde, und empfangt von Hegesias, als dem dazu von Kerinthus verordneten Mystagogen, den wirklichen Unterricht in der erhabenen Gnosis, hinter deren emblematischen und allegorischen Bildern Kerinthus das wahre Geheimniss seines weit granzenden politischen Plans verbarg. Peregrin, dessen unheilbare Phantasie in dieser aus magischen und kabbalistischen Quellen geschopften Gnosis die nahe Befriedigung seiner hochsten Wunsche ahndet, nimmt die Bilder fur die Sache selbst, und bestarkt dadurch seine Obern in dem Urtheil, dass er ihrem Orden bloss als Werkzeug, aber als solches durch seinen Eifer fur ihre Sache, die ihm die Sache Gottes war, und durch die unbedingten Aufopferungen, wozu sie ihn immer bereit sahen, desto grossere Dienste thun konne. Anstatt also die Decke von seinen Augen wegzunehmen, unterhalten sie ihn vielmehr in seiner schwarmerischen Vorstellungsart, und bestimmen ihn endlich, nach einer strengen Vorbereitung, in den Missionen zu arbeiten, durch welche der Orden die in Asien zerstreuten Brudergemeinen nach und nach mit sich zu vereinigen suchte. Peregrin wird zu diesem Ende in eine Pflanzschule der Kerinthischen Secte nach Ikonium, und von da nach Syrien abgeschickt. Der gluckliche Fortgang seiner Arbeiten wird durch eine von Parium aus gegen ihn gerichtete Cabale unterbrochen: er wird vor dem Statthalter von Syrien angeklagt und kraft des bekannten Trajanischen Edicts ins Gefangniss geworfen. Berichtigung der Erzahlung des Lucianischen Ungenannten. Peregrins Gemuthszustand bei der Fortdauer seiner Einkerkerung.

VII. Abschnitt.

Unverhoffter nachtlicher Besuch, den er von Diokleen im Gefangniss erhalt. Sie entdeckt sich ihm als die Schwester des Kerinthus, macht ihn mit der geheimen Geschichte ihres Bruders und mit dem Innern seines grossen Plans bekannt, und offnet ihm dadurch auf einmal die Augen uber die ganze Kette von Tauschungen, wodurch er von Kerinthus und Hegesias bisher zum blinden Werkzeug ihrer politischen Absichten gemacht worden war. Peregrin erhalt durch ihre Vermittlung seine Freiheit wieder, unter der Bedingung Syrien sogleich zu verlassen. Er stellt sich als ob er in alle ihre Absichten mit ihm eingehe, verlasst sie aber bald darauf heimlich, und entflieht nach Laodicea, fest entschlossen, alle Gemeinschaft mit Kerinthus und seinem Anhang auf immer abzubrechen.

VIII. Abschnitt.

Der schwarmerische Hang zur theurgischen Magie, von welchem Peregrin bisher beherrscht und unter mancherlei Gestalten getauscht wurde, macht nun allmahlich einer andern Art von Schwarmerei Platz, deren erste Wirkung sein plotzlicher Entschluss ist, sich fur sein ubriges Leben mit der liebenswurdigen Familie von Johanniten zu vereinigen, welche ihn bald nach seiner ersten Bekanntschaft mit Kerinthus, auf seiner Reise von Pergamus nach Pitane, so freundlich aufgenommen hatte. Dieses Vorhaben wird durch das unvermuthete Zusammentreffen mit einem gewissen Dionysius von Sinope vereitelt, mit welchem er vor etlichen Jahren zu Ikonium bekannt worden war. Beide theilen einander die Geschichte ihrer ehemaligen Verbindung mit Kerinthus und die wahrend derselben gemachten Beobachtungen und Erfahrungen mit. Grunde, warum Dionysius Peregrins Trennung von Kerinthus und Diokleen eher missbilligt als gut heisst, nun aber, da dieser Schritt einmal geschehen war, und Peregrin seinen unuberwindlichen Abscheu, an dem Plan dieser gefahrlichen Geschwister Antheil zu nehmen, erklart, darauf besteht, dass er alle Gemeinschaft mit den Christianern, von welcher Secte sie seyn mochten, ganzlich aufheben musse. Merkwurdige Aeusserungen des Dionysius uber die Tendenz des damaligen Christianismus, und uber Hierarchie und Theokratie uberhaupt. Peregrin, bei welchem sich inzwischen aus den Trummern seines ehemaligen Platonisch-magischen Systems eine neue, wiewohl nicht weniger schwarmerische Vorstellungsart entwikkelt hat, entschliesst sich, die Eudamonie (das ewige Ziel seiner Wunsche) zwar auf einem andern, aber seinem zeitherigen sehr nahe liegenden Wege zu suchen, und das hochste Ideal eines vollkommnen Cynikers zum Zweck und Vorbild seines ubrigen Lebens zu machen. Er trennt sich von seinem Freunde Dionysius, der ihm vergebens anbietet sein unscheinbares aber sicheres Gluck mit ihm zu theilen, und kehrt im Costume eines Cynikers nach Parium zuruck, um die Ueberbleibsel seines, grosstentheils dem Kerinthus aufgeopferten, Vermogens in Sicherheit zu bringen. Seine Verwandten verursachen ihm neue Ungelegenheiten und Krankungen, welchen er sich durch den raschen Entschluss, dem Volk von Parium ein Geschenk von dem Rest seines Erbgutes zu machen, auf einmal entzieht. Er begibt sich nun nach Alexandrien in Aegypten, um die Schule des Philosophen Agathobulus zu besuchen, nachdem er sich von dem Ertrag eines kleinen Maierhofes (dem einzigen, was er sich bei Verschenkung seines Vermogens an die Parianer mentaliter vorbehielt) ein zur hochsten Nothdurft eines Cynikers ungefahr hinreichendes Einkommen versichert zu haben glaubte, welches ihm zwar in der Folge durch die Bemuhungen seiner Feinde wieder entzogen, durch einen unverhofften Zufall aber reichlich ersetzt wird. Er findet zu Alexandrien nicht was er suchte, und bestarkt sich dadurch in dem Vorsatz, die Austeritat der Heroen des Cynischen Ordens in seinen Maximen, Reden und Handlungen aufs ausserste zu treiben. Charakter seiner Misanthropie, und seltsame Leibesubungen und Selbstpeinigungen, wodurch er die Gewalt uber seinen thierischen Theil bis zur volligen Apathie zu treiben sucht. Der grosse, wiewohl zweideutige Ruf, in welchen er sich durch diess alles setzt, zieht ihm die Aufmerksamkeit eines vornehmen jungen Romers zu, von welchem er sich bereden lasst, ihn in der Eigenschaft eines Freundes und Hausgenossen nach Rom zu begleiten. Peregrin tritt seine Reise nach der Hauptstadt der Welt mit dem ganzen Enthusiasmus eines Menschen an, der dem glorreichsten Werke, das ein moralischer Hercules unternehmen konnte, der Sittenverbesserung dieser zur tiefsten Unsittlichkeit und Verderbniss herabgesunkenen Stadt, entgegen geht, und findet sich, zu seinem Erstaunen, abermals in allen seinen Erwartungen betrogen. Er verlasst das Haus des jungen Romers; der Unmuth versauert und erbittert seine Sinnesart immer mehr, und er benutzt die Freiheit, welche der Schutz Marc-Aurels damals allen Griechischen Philosophen zu Rom gewahrte, seiner bosen Laune durch die heftigsten Satyren und die schonungsloseste Zuchtigung des Lasters und der Lasterhaften Luft zu machen.

IX. Abschnitt.

Peregrin setzt sich durch sein Betragen in Rom in den Ruf eines erklarten Weiberhassers, und behauptet diesen Ruf bei verschiedenen Proben, auf welche er gestellt wird. Diess gibt Gelegenheit, dass auch bei der jungen Faustina von ihm gesprochen wird, und diese Prinzessin (in deren Charakter leichter Frohsinn und arglose Gutherzigkeit die Hauptzuge waren) kommt auf den Einfall, den Cynischen Weiberfeind von Person kennen zu lernen. Peregrin wird ihr vorgestellt, und benimmt sich auf eine so linkische Art, dass Faustina in einem Anstoss von muthwilliger Frohlichkeit Lust bekommt, den Versuch selbst zu machen, ob die Apathie dieses seltsamen Sonderlings gegen die feineren Verfuhrungskunste, die sie gegen ihn anzuwenden gedenkt, aushalten werde. Sie geht daruber mit einer andern Romischen Dame eine Wette ein, und weiss, ohne ihrer eigenen Wurde etwas zu vergeben, die bald von ihr ausfindig gemachte schwache Seite des unheilbaren Schwarmers so geschickt anzugreifen, dass sie endlich einen Triumph uber seine Misogynie erhalt, der ihr selbst zwar den Preis der Wette verschafft, aber den armen Peregrin zur Fabel des Hofes und der Stadt macht. Der Unwille uber diesen, seinem nichts Arges besorgenden Herzen gespielten Streich treibt jetzt seinen Cynischen Menschenhass so weit, dass er alle Granzen der Klugheit uberspringt, und nicht nur Faustinen und ihre Freundinnen, sondern auch ihren Gemahl und den Kaiser ihren Vater selbst in seinen Declamationen nicht verschont. Faustina, die sich zu einer billigen Entschadigung gegen Peregrin verbunden glaubt, wird mit allem, was sie fur ihn thun will, auf eine so beleidigende Art abgewiesen, dass Peregrin am nachsten Morgen vom Prafect der Stadt Rom den Rath erhalt, die Stadt ohne Aufschub zu verlassen. Er gehorcht, und kehrt nach Griechenland mit dem Vorsatze zuruck, der Menschen weniger als jemals zu schonen, und, da er sie nicht besser machen konne, sie durch den ungefalligen Spiegel, in welchen er sie zu sehen zwingen wollte, wenigstens zu demuthigen und zu beschamen. Das gegenseitige unangenehme Verhaltniss, das zwischen ihm und der Welt daraus entsteht, nothigt ihn, sich unweit von Athen in die einsamste Abgeschiedenheit zuruckzuziehen, wo der Cyniker Theagenes, wiewohl wegen seiner plumpen Rohheit zu einer engern Verbindung mit Peregrin unfahig, beinahe der einzige Mensch ist, der sich ihm durch seine Anhanglichkeit ertraglich macht. Endlich fuhlt sich Peregrin von einem Lebensuberdruss und von einer Lust zu sterben ergriffen, die mit jedem Tage zunehmen, und die fur ihn anstandigste Art, sein Leben freiwillig zu endigen, zum Hauptgegenstand seiner Gedanken machen. So wie seine ganze Art zu seyn, seine strenge Enthaltsamkeit, und, mehr als alles andere, seine Erfahrungen, die dunnen Faden, wodurch er noch am Leben hangt, einen nach dem andern abreissen, erwacht hingegen das alte, nie ganz erloschne Gefuhl seiner damonischen Natur wieder in seiner ganzen Starke und in eben demselben Verhaltniss, wie der naturliche Trieb zum Leben die seinige verliert. Er sehnt sich immer ungeduldiger nach jenem hohern Leben der Wesen seiner Gattung; er fuhlt, dass er den Menschen nur noch durch seinen Tod nutzen kann, und beschliesst zu sterben. Grunde, die ihn bewegen, die Todesart des Hercules allen andern vorzuziehen, und vier Jahre zuvor offentlich anzukundigen. Erwahnung der Cirkelbriefe, die er unmittelbar vor seinem Tod an alle Griechischen Stadte abgehen liess, in der schwarmerischen Erwartung, dass sie, als der letzte Wille eines zur Bestatigung seiner Lehre sterbenden Weisen, gewaltig auf die Gemuther wirken, und ihn noch im Tode selbst zum Wohlthater der ganzen Hellas machen wurden. Peregrin beschliesst damit seine nicht selten auf Unkosten seines Verstandes aufrichtigen Bekenntnisse, indem er sich, wie es scheint, mit der Hoffnung trostet, seinen neuen Freund uberzeugt zu haben, dass er in seinem Erdeleben, wenn auch ein Schwarmer, wenigstens (was ziemlich selten ist) ein ehrlicher Schwarmer gewesen sey.

Zweiter Theil.

Sechster Abschnitt.

Peregrin (fahrt in seiner Geschichte fort).

Nach etlichen Jahren erfolgte der Tod meines Vaters; plotzlich, aber niemand befremdend, da man, seiner Leibesbeschaffenheit und Lebensweise nach, schon lange voraus vermuthet hatte, dass ein Stickfluss etwas fruher oder spater seinem Leben ein Ende machen wurde. Keiner Seele in Parium, am wenigsten mir selbst, fiel nur der Gedanke einer Moglichkeit ein, dass nach mehrern Jahren die boshafteste Verleumdung fahig seyn konnte, von diesem Umstande den Stoff zu jenem schandlichen Geruchte herzunehmen, dessen dein ungenannter Redner zu Elis sich so boshaft und zuversichtlich gegen mich bedient hat. Das gute Vernehmen, welches immer zwischen meinem Vater und mir, der Verschiedenheit unsrer Grundsatze und Neigungen ungeachtet, verwaltete, und die Achtung, in welche mein sittlicher Charakter und ein Betragen, das keiner Art von Verleumdung die mindeste Blosse gab, mich bei meinen Mitburgern gesetzt hatte, machte einen solchen Argwohn eben so unnaturlich, als es die That selbst gewesen ware. Meines Wissens hatte ich um diese Zeit in ganz Parium keinen Feind. Der einzige Menekrates, der seit mehrern Jahren alle deinen Todtengesprachen so meisterlich geschildert hast) angewandt hatte, um sich eine ansehnliche Stelle in dem letzten Willen meines Vaters zu verschaffen, liess mich einige Erkaltung seiner Freundschaft spuren, nachdem sich bei Bekanntmachung des Testaments gezeigt hatte, dass seiner gar nicht darin erwahnt, und nur seine Gemahlin Kallippe, als Nichte meines Vaters, mit einem nicht sehr erheblichen Legat bedacht worden war. Die Wahrheit zu gestehen, auch diese Dame, die seit meiner Zuruckkunft nach Parium ihre alten Anspruche an mich bei jeder Gelegenheit ohne Erfolg erneuerte, gab mir seit Eroffnung des Testaments wenig Ursache, sie fur meine besondere Gonnerin zu halten; indessen kam ihr Missvergnugen doch zu keinem offentlichen Ausbruch. Erst nachdem ich durch meine Entfernung von Parium, und durch das Geruchte, dass ich unter die Christianer gegangen sey, ein Gegenstand des allgemeinen Tadels meiner Mitburger geworden war, erlaubte sie sich (wie ich lange nachher erfuhr) Anmerkungen und Winke uber mich, die den ersten Grund zu der Verleumdung legten, auf welche ich zu rechter Zeit wieder zuruckkommen werde.

Lucian.

Ich brauche dich wohl nicht erst zu versichern,

Ware die Rede nur von irgend einer grossen Narrheit, so wirst du mir erlauben zu sagen, dass meine Partei genommen ware: aber wer dich eines Bubenstucks beschuldiget, hat seinen Process bei mir verloren, und wenn er auch ganz Mysien zum Zeugen gegen dich aufstellen konnte. Doch, das versteht sich von selbst. Wohlan denn, Freund Peregrin! das einzige Hinderniss, das deiner ganzlichen Vereinigung mit den Christianern im Wege stand, ist nun fortgeraumt; du bist frei und Herr uber ein ansehnliches Vermogen Doch nein! ich vergesse, dass du dir bereits einen unsichtbaren Herrn gegeben hast, dessen sichtbare Hausverwalter schon vorlaufig bedacht gewesen waren, dich aller Sorge, was du mit deinem Erbgut anfangen wollest, zu entbinden. Vermuthlich hattest du nun nichts Angelegneres, als alles je eher je lieber dem wundervollen Unbekannten zu Fussen zu legen?

Peregrin.

Das konnte nicht fehlen. Sobald ich von der ganzen Erbschaft, die sich nach Abzug einiger Vermachtnisse auf zweihundert und zwanzig Talente1 belief, Besitz genommen hatte, schrieb ich an Hegesias: ich hoffte, man wurde nun kein langeres Bedenken tragen, in meine ganzliche Absonderung von den Kindern der Finsterniss einzuwilligen, und zu erlauben, dass ich lein dem Dienst unsers Herrn und der Beforderung seines Reiches aufopferte.

In der That hatte Hegesias, durch seine Verbindungen mit den vornehmsten Kaufleuten und Wechslern in den Asiatischen Handelsplatzen, bereits auf eine so gute Art, dass ich ihm noch dafur verbunden seyn musste, dafur gesorgt, dass ein grosser Theil meines Vermogens schon zu seinen Befehlen stand. Er begnugte sich also, ohne etwas Bestimmtes auf mein Ansuchen zu antworten, mir eine Zusammenkunft in Nikomedien vorzuschlagen, wo wir uns mundlich daruber besprechen konnten; als bis dahin er von dem Propheten (wie Kerinthus gewohnlich von seinen Anhangern genannt wurde) zu vernehmen hoffte, was der Wille unsers Herrn in Absicht meiner ware.

Auf diese Antwort beschleunigte ich meine Abreise mit Ungeduld; und nachdem ich alle meine Angelegenheiten zu Parium in Ordnung gebracht, schiffte ich mich, unter dem Vorwande die mir angefallnen Landguter in Bithynien zu besichtigen, nach Nikomedien ein, ohne mich das gemachliche Leben, welches ich im Schoosse des Vergnugens unter meinen Mitburgern hatte geniessen konnen, auch nur einen Augenblick dauern zu lassen; so voll war meine ganze Seele von den Herrlichkeiten, die in der Gemeinschaft der Kinder des Lichts auf mich warteten, und von dem hohen Beruf, dem ich entgegen eilte! Denn wie konnte der hochste Stolz eines Sterblichen einen grossern Gedanken erstreben, als an dem glorreichen Werk aller Aeonen, welche ihre gottlichen Krafte und Einflusse zur Zerstorung des Reichs des Gottes dieser Welt und seiner Damonen vereinigten, ein Mitarbeiter zu seyn, und eine neue Erde unter dem Scepter des menschgewordnen Logos2 regieren zu helfen? Du kennest doch diese Sprache, Lucian?

Lucian.

Meinen Ohren wenigstens ist sie nicht so fremd als meiner Vernunft.

Peregrin.

Auch dieser wird sie sehr verstandlich seyn, wenn ich dir diese vorgeblichen Geheimnisse der Geisterwelt aus der rathselhaften Bildersprache unsrer Secte in die gewohnliche Menschensprache ubersetze. Erinnere dich der grossen Entwurfe eines Alexanders und Julius Casars, aus dem ganzen Erdboden ein einziges Reich, aus allen Volkern eine einzige Nation zu machen, diesem ungeheuern Reiche eine einzige Hauptstadt zum Mittelpunkt zu geben, und in diesem Mittelpunkt ihr stolzes Selbst zur regierenden Seele des Ganzen zu machen.

Mein Kerinthus hatte keinen kleinern Plan; und wiewohl es ihm mit dem seinigen nicht besser gelang als dem grossen Alexander, so bin ich doch gewiss, dass er sich schmeicheln darf, den ersten Grund zu der grossen Revolution gelegt zu haben, die wir in den Zeiten der Theodosier zu Stande kommen sahen. Diese furchtbare Umkehrung der Dinge, die er mir gleich bei unsrer ersten Zusammenkunft so feierlich ankundigte, der Untergang des Reichs der Damonen, das Herabsteigen der Stadt Gottes, zu welcher sich die Volker der Erde versammeln, und deren blitzende Strahlen die Feinde des Lichts verzehren sollten alle diese pomposen Bilder waren keine Worte ohne Sinn; ganz gewiss wusste er was er damit sagen wollte: und was konnte diess anders seyn, als dass es der neuen Theokratie der Christianer gelingen werde, die alte Religions- und Staatsverfassung umzusturzen? Diese Revolution zu bewirken und zu beschleunigen, war der wahre Zweck des geheimen Ordens, wovon ich einige Jahre nicht sowohl ein sehendes Mitglied, als ein blindes Werkzeug war.

Lucian.

Dein Kerinthus war ein kalter kluger Mann. Ein so warmer treuherziger Enthusiast, wie du, war zu seinem Plane sehr gut zu gebrauchen, aber nur so lange als man deine Vernunft in dem gehorigen Helldunkel sehen liess, was hinter dem hoch tonenden mystischen Prunk verborgen steckte, und wie naturlich diese theurgische Magie war, womit man die herrschende Leidenschaft deiner Seele gefesselt hatte.

Peregrin.

Der Erfolg wird zeigen, dass du richtig gerathen hast, Lucian. Hegesias empfing mich zu Nikomedien mit der zartlichsten Bruderliebe; fuhrte mich in die dortige Gemeine ein, welche nicht sehr zahlreich, aber ganzlich unter dem Zauber des Kerinthus war; bezeugte mir die Zufriedenheit des Vorstehers uber die Treue, die ich bisher in dem angefangenen Werke meiner Heiligung bewiesen hatte, und endigte mit der Versicherung: dass er nun kein Bedenken mehr truge, den letzten Vorhang wegzuziehen, und mich in Geheimnisse schauen zu lassen, welche selbst dem grossern Theile der Bruder nur in Bildern und Symbolen geoffenbaret wurden.

Dieses Versprechen spannte, wie du denken kannst, meine Erwartung auf den hochsten Grad; und Hegesias, dem das Mystagogenamt hierbei aufgetragen war, wusste dem geheimen Unterricht, den ich nun einige Wochen lang von ihm empfing, alles das Feierliche, Heilige und Magische zu geben, wodurch seine Wirkung auf ein Gemuth, wie das meine, zehnfach wie ein uberirdisches Licht, das aus offnem Himmel auf mich herabstromte; ich fuhlte mich davon emporgetragen, fuhlte die schauervolle Gegenwart und das gewaltige Eindringen der gottlichen Urkrafte in das Innerste meines Wesens, und glaubte, mit Einem Worte, in manchen Augenblicken jenes hohe damonische Leben, jenes unmittelbare Zusammenfliessen mit der gottlichen Natur ein Gefuhl, unter welchem (wie viel Tauschung auch dabei seyn mag) alle menschliche Sprache einsinkt wirklich zu erfahren, wovon in meiner ersten Jugend, und in dem Hain Uraniens zu Halikarnass, nur der schwache Schimmer leiser Vorempfindungen (wie ich jetzt wahnte) in meiner Seele aufgedammert hatte. Vermuthlich wurde eine ausfuhrliche Darstellung dieser erhabenen Gnosis wenig Interesse fur dich haben

Lucian.

Darauf kannst du dich verlassen! nicht das allermindeste!

Peregrin.

Ich begnuge mich also zu sagen, dass sie weder mehr noch weniger als ein Gewebe von theosophischmagischen Traumereien war, welche Kerinthus eben so leicht den Grundbegriffen des damaligen Christenthums anzupassen wusste, als sie sich mit jeder andern Moral und Religion in Verbindung setzen liessen. Denn es war eine der naturlichen Folgen seiner Theorie, dass der menschliche Geist, trotz der dichten Rinde von kaltem und finsterm Stoffe, womit er nach seiner Verbannung aus den empyreischen Wohnungen umzogen worden, doch nie so ganz verfinstert geblieben sey, dass nicht, gleichsam durch die Risse und Spalten dieser Kruste, einige Funken und Strahlen des allumfliessenden Oceans von Feuer und Licht, der sich ewig aus dem Abyssus3 der Gottheit ergiesst, in sie eingedrungen waren, und

Lucian.

Genug, genug, lieber Peregrin! Mir ist nichts unausstehlicher als diese dithyrambische Art von Philosophie, die sich die Miene gibt, das unergrundliche Geheimniss der Natur ausfindig gemacht zu haben; und doch mit allen den Phantasiebildern, in welche sie ihre vorgeblichen Offenbarungen verkleidet, entweder nichts, als was jedermann schon langst gewusst hatte, offenbart, oder geradezu platten Unsinn sagt. Indessen hat mich gleichwohl die Neugier einst verleitet, unter so vielen andern Ausgeburten der menschlichen Thorheit, mich auch mit diesem gnostischen Aberwitz bekannt zu machen: und du kannst also gedas ganze theurgische System deines hochwurdigsten Propheten weiter auszubreiten; wie viel oder wenig es auch mit dem Ebionitischen, Valentinianischen4, und andern dieser Art, wovon es in der Folge verschlungen wurde, gemein haben mochte. Die Vollstandigkeit deiner eigenen Geschichte wird, denke ich, nichts dadurch verlieren.

Peregrin.

Erlaube mir nur noch diese einzige Anmerkung. Es kommt bei dieser gnostischen Theosophie alles im Grunde darauf an, dass die abstracten Begriffe der gemeinen Philosophie darin versinnlicht, und den Wortern, wodurch sie bezeichnet werden, die unbekannten Wesen und Urkrafte selbst, wovon jene metaphysischen Begriffe nur leere Hulsen sind, untergelegt werden: und gerade diess war es, was diese Art zu philosophiren fur alle warmen Kopfe und gluhenden Herzen eben so anziehend und verfuhrerisch machte, als sie den kalten Kopfen deiner Art immer verachtlich seyn musste. Ihr wusstet, dass die Gottin, in deren Arme man euch zu fuhren versprach, nur ein Wolkengebilde war; was fur Genuss hatte euch also eine wissentliche Tauschung verschaffen konnen? Wir Ixionen hingegen glaubten in der Wolke die Gottin, deren Gestalt sie uns vorspiegelte, selbst zu umfassen, und fuhlten tauscht wurden, und also unser Genuss (so lange die Tauschung dauerte) wirklich war; sondern auch, weil die Aehnlichkeit der Wolke mit der Gottin etwas Wirkliches, und also der Gegenstand, der uns in diese Entzuckungen setzte, mehr als ein blosses Hirngespinnst war. Denn, wofern auch dem Menschen in jenem irdischen Leben alle unmittelbare Gemeinschaft mit der unsichtbaren Welt versagt ist, so wird doch niemand zu laugnen begehren, dass in dem unergrundlichen Geheimnisse der Natur (wie du es nanntest) etwas sey, das sich zu den Aeonen oder Urkraften der Gnostiker, und dem ewigen Urwesen, aus welchem sie ausstromen, ungefahr so verhalt, wie die Juno der Fabel zu der Wolke, womit Jupiter den Ixion tauschte. Immerhin mogen also die Bestrebungen der warmsten Einbildungskraft, sich zum wirklichen Anschauen dieser unerreichbaren Gegenstande zu erheben, vergeblich seyn: so sind doch diese Gegenstande selbst wirklich; so besitzt doch die menschliche Seele das Vermogen sich eine Art von Schattenbildern von ihnen zu machen; und so ist begreiflich, wie jenes blosse Bestreben in den innern Sinnen begeisterter Menschen Gefuhle und Erscheinungen hervorbringen kann, die bei aller Tauschung noch immer Realitat genug haben, um das Subject derselben, wenigstens seiner eigenen Schatzung nach, unbeschreiblich glucklich zu machen.

Lucian (lachelnd).

Ich glaube etwas davon zu begreifen, Freund Peregrin. Aber weiter, wenn ich bitten darf!

Peregrin.

Der geheime Unterricht, den mir Hegesias wahrend meines Aufenthalts zu Nikomedien ertheilte, anstatt dass er der letzte Grad meiner Initiation gewesen seyn sollte (wie ich mir schmeichelte), war ohne allen Zweifel vielmehr eine Art von Probe, worauf man mich stellte, um zu sehen, ob ich wurdig sey zum Aufschlusse des wahren Geheimnisses zugelassen zu werden. Denn in diesem Punkte sich nicht zu irren, musste ihnen aus mehr als Einer Rucksicht sehr angelegen seyn. Ware meine Vernunft damals schon meiner Phantasie machtig genug gewesen, dass ich anstatt alle diese Blendwerke einer den Thatsachen des Christenthums untergelegten theurgischen Magie (woraus die Gnosis des Kerinthus grosstentheils zusammengewebt war) im Wortverstande zu nehmen und mich unbeschreiblich dafur zu erhitzen vernunftige Zweifel gegen den wortlichen Sinn derselben und gegen ihre Uebereinstimmung mit der reinen Lehre des Gottgesandten geaussert, und den scharf sehenden Menschenkenner Hegesias durch mein ganzes Benehmen uberzeugt hatte, dass ich durch schimmernde Luftgestalten nicht zu tauschen sey: so wurde er wohl kein Bedenken getragen haben, mir das Innere des Ordens wirklich aufzuschliessen, mich des Unterschiedes zwischen seiner exoterischen und esoterischen Lehrart5 zu verstandigen, und, kurz, mir zu vertrauen, dass der buchstabliche Sinn nur fur die schwachern und schwarmerischen Seelen, der moralische und politische hingegen (der alles wieder in die naturliche Ordnung der Dinge einleitete, und welchem jener nur zur Hulle dienen sollte) nur fur die Wenigen sey, die an der Spitze der ganzen Verbruderung standen, und eben darum heller sehen mussten als die ubrigen. Aber einen Enthusiasten meiner Art, einen Menschen, dem das, was Kerinthus und Hegesias nur als Mittel zu ihrem Zwecke gebrauchten, der Zweck selbst war, und dem, so wie man die Binde von seinen Augen genommen hatte, auf einmal alle Lust zum Werke vergangen ware, konnte man unmoglich in ein Geheimniss von dieser Wichtigkeit sehen lassen.

Sie beschlossen also (wie die That zeigte) den einzigen Gebrauch von mir zu machen, wodurch ich ihrer Sache wirklich Nutzen schaffen konnte, und wozu ich mich selbst so treuherzig darbot. Sie bemachtigten sich, zu Beforderung des Reichs Gottes, nach und nach mit meinem besten Willen, meines Erbgutes; mich selbst aber, sobald sie sahen, dass der Eifer fur die Ausbreitung der heilsamen Lehre (wie sie ihre Gnosis nannten) meine ganze Seele in Flammen gesetzt hatte, bestimmten sie in den Missionen zu arbeiten, welche der Orden in allen Theilen der Asiatischen und morgenlandischen Provinzen des Romischen Reichs unterhielt. Denn ausserdem, dass sie mich bereit sahen, fur die Sache Gottes (wofur ich die ihrige ansah) alles Mogliche zu wagen und zu leiden, glaubten sie in meinen Fahigkeiten und selbst in meinem Aeusserlichen alles zu finden, was ihnen einen glucklichen Proselytenmacher in meiner Person versprechen konnte. Ein einziges Requisit ging mir noch ab: ich sah fur einen Missionar noch zu wohl genahrt aus. Aber dafur wusste der kluge Hegesias in kurzem Rath zu schaffen. Das heilige Werk, wozu mich der Herr erwahlt hatte, erforderte eine strenge Vorbereitung; und so musste ich einige Monate lang so viel fasten, wachen und beten, dass die wenige Nahrung und die vielen in erhitzender Betrachtung und Contemplation durchwachten Nachte mir bald genug das Ansehen eines Indischen Bussers gaben, welches in der That ein wesentliches Erforderniss zu dem Beruf ist, dem ich mit brennendem Verlangen entgegenging.

Endlich kundigte mir Hegesias an, dass er eine Reise zu machen hatte, auf welcher ich sein Gefahrte seyn wurde. Wohin, sagte er mir nicht, und mir war es nicht erlaubt zu fragen; denn ein unbedingter Gehorsam gegen alle Winke des Vorstehers von welchem vorausgesetzt wurde, dass er seine Verhaltungsbefehle unmittelbar von unserm Herrn empfange war eine der ersten Pflichten, zu deren Erfullung ich mich, vor meiner angeblichen Einfuhrung in das innere Heiligthum des Ordens, verbindlich gemacht hatte. Hegesias selbst schien in diesem Stucke nichts vor mir voraus zu haben. Er verbarg mir sorgfaltig, dass er die rechte Hand, ja, im eigentlichen Verstande des Wortes, das Factotum des hochwurdigen Kerinthus war, und wollte dafur angesehen seyn, dass er ein eben so blindes und passives Werkzeug in der Hand des Herrn sey als ich selbst.

Nach einer langen Wanderschaft, auf welcher wir Bithynien, Galatien und Phrygien die Kreuz und die Quer durchzogen und uberall die Bruder besucht und gestarkt hatten, langten wir endlich zu Ikonium an, wo Kerinthus eine der ansehnlichsten Pflanzschulen seiner Secte angelegt hatte. Wir fanden ihn mitten unter seinen Zoglingen, welche (wie ich in der Folge erfuhr) theils von ihm selbst, theils von einem seiner Vertrauten, zu der namlichen Bestimmung, wozu der Herr meine Wenigkeit erwahlt hatte, ausgebildet wurden. Kerinthus empfing mich mit aller Zartlichkeit und Offenheit, die mich (falls ich noch gezweifelt hatte) gewiss machen mussten, dass ich ein Junger von der vertrautesten Classe sey, und dass er vor mir kein Geheimniss mehr habe; und, so lange ich zu Ikonium lebte, zeichnete er mich durch tausend Merkmale einer besondern Achtung vor den ubrigen Brudern, welche, wie ich, zum fahrenden Apostolat bestimmt waren, aus. Nichts konnte, bei allem Anschein von der offensten Mittheilung, feiner seyn als sein Betragen gegen mich; wiewohl ich diese Reflexion zu machen erst lange nachher fahig war, und damals alles so fur wahr nahm wie es schien. Um dir nur ein einziges Beispiel davon zu geben, so wusste er es so einzurichten, dass ich es selbst war, der die erste Anregung von dem Amte, wozu er mich bestimmt hatte, that, indem ich ihm davon als von einem Geschafte sprach, wozu ich mich innerlich berufen fuhlte. "Ich zweifelte keinen Augenblick (war seine Antwort), als mir geoffenbaret wurde dass du zu diesem hohen Beruf erwahlt seyest, dass dir auch die Gewissheit davon in deinem Innersten wurde gegeben werden."

Von dieser Zeit an unterhielt er sich mit mir, so oft wir allein waren, von keinen andern Gegenstanden, als die sich auf dieses Geschaft bezogen, und theilte mir eine Menge Verhaltungsregeln und Cautelen mit, die ich dabei zu beobachten haben wurde. Er verbarg mir nicht, dass von mehr als funfhundert grossern und kleinern Brudergemeinen, welche damals durch Asien, Syrien und Aegypten zerstreut waren, kaum der siebente Theil in naherer und unmittelbarer Verbindung mit ihm stehe; und dass es daher von unumganglicher Nothwendigkeit sey, zahlreiche Arbeiter auszusenden, um der Verwirrung, dem Misstrauen und den Spaltungen, welche der Geist der Finsterniss unter den Gemeinen zu unterhalten geschaftig sey, vorzubeugen, und alle diese zerstreuten Schafe, durch die engeste Verbindung ihrer Hirten unter einander, nahe genug beisammen zu haben, um die Stimme des Oberhirten immer horen zu konnen, und von keinen blinden oder betrugerischen Leitern irre gefuhrt zu werden. Er liess sich hieruber, besonders uber die Klugheit, womit die Vorsteher der verschiedenen Gemeinen gepruft, behandelt und gewonnen werden mussten, in sehr genaue Instructionen ein, die ich ubergehe, weil sie mich zu weit von mir selbst abfuhren, und einem Menschenkenner, wie du, wenig Neues sagen wurden.

Lucian.

Ich muss gestehen, Peregrin, dass ich der Entwicklung dieses Theils deiner Geschichte mit Verlangen entgegen sehe.

Peregrin.

Wir kommen ihr immer naher, lieber Lucian. Nur Eines Umstandes muss ich, ehe ich mein sogenanntes Apostolat wirklich antrete, noch vorher erwahnen; und dieser war, dass ich wahrend meines Aufenthalts zu Ikonium, unter andern jungen Mannern, die in der Pflanzschule des Kerinthus beisammen lebten, einen kennen lernte, der meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben wurde, wenn ihn der Vorsteher auch nicht durch eine besondere Art von fein beobachtender Hochachtung von den andern unterschieden hatte. Er nannte sich Dionysius, war (dem Ansehen nach) einige Jahre alter als ich, und hatte Paphlagonien (wo er aus einer kleinen Stadt geburtig war) schon in seinen ersten Junglingsjahren verlassen, um sich zu Athen aus einem Paphlagonier6 zu einem Menschen bilden zu lassen. Nachdem er in dieser ehrwurdigen Grabstatte der Sokraten und Platonen uber zehn Jahre von einer Philosophenschule zur andern herumgeirret und nirgends hinlangliche Befriedigung gefunden hatte, begab er sich, um mit der Natur und den Menschen durch eigenes Anschauen bekannt zu werden, auf Reisen; durchwanderte Griechenland, Italien, Gallien, Spanien, das Romische Afrika und Aegypten; wurde zu Alexandrien mit Hegesias, und durch diesen mit Kerinthus bekannt, und gefiel sich so wohl bei diesen Mannern (welchen, wenn sie jemand an sich ziehen wollten, schwerlich zu widerstehen war), dass er, nachdem sie einander eine Zeit lang beobachtet hatten, den Entschluss fasste, sich in ihren Mysterien einweihen zu lassen, und sein Loos mit dem ihrigen zu verketten. Die Heiterkeit und anscheinende Ruhe, die sich in der Physiognomie dieses Dionysius ausdruckte, zog mich eben so stark zu ihm, als ihn ich weiss nicht was in der meinigen hinwieder anzuziehen und zu interessiren schien. Wir suchten und fanden einander ofters; aber die Aufrichtigkeit meiner Schwarmerei hielt ihn (wie ich in der Folge aus seinem eigenen Munde horte) wider seinen Willen in einer Art von Respect, und unsre Gesprache blieben, wie unsre Freundschaft, immer an der aussersten Granze der Vertraulichkeit stehen. Kerinthus und Hegesias schienen grosse Absichten mit ihm zu haben; allein zu Beobachtungen dieser Art waren meine Augen damals noch nicht hell genug. Ich trennte mich ungern von diesem Menschen, den ich, seiner Kalte ungeachtet, ungemein liebenswurdig fand, und der uberdiess wegen seiner mannichfaltigen Kenntnisse ein unterhaltender Gesellschafter war. Aber die Zeit kam, da wir, mit dem Bedauern einander nicht naher gekommen zu seyn, scheiden mussten: er blieb bei unserm Vorsteher zuruck, und ich wurde mit einem jungen Akoluthen7, der mir zum Dienst zugegeben war, nach Cappadocien geschickt, um bei den Brudergemeinen, die in diesem grossen Lande zerstreut waren und unter die eifrigsten gerechnet wurden, meine erste Mission anzutreten.

Ueber diesem Geschafte, worin ich da ich es mit Cappadociern zu thun hatte ziemlich glucklich war, gingen einige Jahre hin, binnen welcher Zeit es mir gelang, verschiedene zahlreiche Gemeinen mit der Kerinthischen Schwarmerei anzustecken, und in mehrern andern wenigstens einen so guten Anfang zu machen, dass es dem Propheten ein Leichtes war, das Uebrige durch seine eigene Gegenwart, und durch einige Wunder, die ich ihn verrichten sah, vollends zu Stande zu bringen.

Lucian.

Wunder? Was nennst du Wunder, Freund Peregrin?

Peregrin.

Ich will damit eben nicht sagen, dass er den Mond vom Himmel herabgerufen habe, um ihn in seinen linken Rockarmel hinein und zum rechten wieder heraus rollen zu lassen; oder dass er durch sein blosses Wort Berge versetzt und Flussen einen andern Lauf geboten habe: indessen muss ich doch bekennen, dass ich ihn hochst seltsame Nervenkrankheiten, welche (wie leicht zu erachten) auf Rechnung boser Damonen gesetzt wurden, durch blosses Handauflegen vertreiben sah; wobei doch vielleicht, als kein unbedeutender Umstand, nicht zu vergessen ist, dass dieses Handauflegen mit einem ziemlich lange anhaltenden Streicheln und Reiben verbunden war

Lucian.

Das lass' ich gelten!

Peregrin.

Einige Teufel wurden durch die blosse Kraft lieblich betaubender Wohlgeruche und die Magie eines feierlich schonen Gesangs, den er von den Brudern und Schwestern mit gedampften Tonen anstimmen liess, vertrieben. Ein paar Kranke in der Einbildung vermuthlich wurden bloss dadurch plotzlich gesund, dass er ihnen, nach allerlei vorbereitenden Feierlichkeiten, auf einmal mit machtiger Stimme befahl zu glauben dass sie gesund seyen

Lucian.

Auch nicht ubel!

Peregrin.

Das starkste Stuck aber, das ich mit meinen eignen Augen gesehen habe, war die Auferweckung einer hysterischen Jungfrau, welche, als er herbei gerufen wurde, nach der Versicherung ihrer weinenden Verwandten, schon vor zwei Tagen gestorben war

Lucian.

Und den einzigen Umstand, dass sie noch lebte, ausgenommen ohne Zweifel alle Zeichen einer todten Person an sich hatte?

Peregrin.

Wie es auch damit beschaffen seyn mochte, bei den ehrlichen Cappadocischen Bauern galt diese Auferweckung fur ein augenscheinliches Wunder; und ich kann nicht laugnen, dass ich selbst bei dieser Gelegenheit so sehr Cappadocier war als ein anderer; mit so vielem Anstand und in einer so grossen Manier wusste der hochwurdige Kerinthus seine Rolle in solchen Scenen zu spielen. Kurz, die Wirkung der Wunder, die er zum Beweise seiner Sendung that, war so entscheidend, dass nicht nur alle anwesenden Bruder, die noch an ihm gezweifelt hatten, sondern sogar viele von der Neugier herbeigezogene Gotzendiener auf der Stelle gewonnen wurden. Ich, dem er sich gleich im ersten Augenblick unsrer Bekanntschaft als ein ausserordentlicher und mit hohern Wesen in Verbindung stehender Mann dargestellt hatte, wurde vielleicht durch diese Dinge am wenigsten befremdet: indessen gaben sie doch meinem Glauben an ihn einen neuen Schwung; und ich zog nun, nachdem er mir seine wunderthatigen Hande aufgelegt hatte, desto getroster auf das neue Abenteuer aus, zu dessen Bestehung er mich, mit den nothigen Empfehlungen und Instructionen versehen, nach Syrien abschickte.

Die Eroberung dieser Provinz lag ihm sehr am Herzen. Denn die Bruder zu Antiochia, Seleucia und Laodicea am Meer waren zum Theil reiche Handelsleute, von deren Vermogen und Verbindungen in allen Theilen des Romischen Reiches der geheime Orden, dessen Seele er war, grosse Vortheile ziehen konnte, wenn es ihm nur erst gelang, die Gemeinen selbst auf seinen Ton zu stimmen, und mit seinen Anhangern in den Provinzen des kleinen Asiens in nahere Vereinigung zu bringen. Da die Syrer uberhaupt Leute von sehr lebhaften Sinnen und warmer Einbildungskraft sind, so schien ich ihm zu diesem Werk ein auserwahltes Rustzeug zu seyn: und damit meine Bearbeitung eines so guten Bodens desto schneller und reichlicher Fruchte bringen mochte, hatte er mich durch Hegesias und andere seiner heimlichen Anhanger als einen Junger aus der Schule des heiligen Johannes ankundigen lassen, der die Tradition der wahren Lehre unmittelbar aus der lautersten Quelle geschopft habe, und sowohl dieses Vorzugs halber, als wegen der Heiligkeit seines Lebens und seines Eifers fur die Ausbreitung des Reichs unsers Herren, als ein wahrhaft apostolischer Mann aufgenommen zu werden verdiene.

In der That hatte meine Schwarmerei um diese Zeit den hochsten Grad ihrer Hitze erreicht. Meine innige Liebe fur das Ideal der reinsten Menschheit, unter welchem ich mir die Person unsers ersten Meisters dachte, und mein Sinn fur die Wahrheit seiner eben so erhabenen als einfachen Lebensweisheit hatte sich mit der schwarmerischen Gnosis und dem Glauben an die bevorstehende Theokratie des Kerinthus vollig amalgamirt; und meine von so viel brennbaren Materien entzundete und in stetem Feuer erhaltene Seele kochte und strudelte von einem so heissen Verlangen, ihre Gefuhle und Ueberzeugungen mit ihrer ganzen Fulle von Glauben, Liebe und Hoffnung uber alle, die derselben nur einigermassen empfanglich waren, auszustromen, dass Kerinthus schwerlich ein tauglicheres Subject zu Ausfuhrung dessen, wozu er mich sendete, hatte finden konnen.

Ich machte meine erste Erscheinung in den Gemeinen, die unter der Aufsicht des Bischofs von Laodicea standen, und wurde allenthalben wie ein Engel, der geraden Weges vom Himmel kame, aufgenommen. Das Evangelium Johannis, wovon mir Kerinthus eine von ihm nach seinen Grundsatzen verfalschte Abschrift mitgegeben hatte, und die Auslegung, die ich der selbst keine andre Abschrift kannte den Brudern in ihren Versammlungen uber die darin enthaltenen Geheimnisse vortrug, wirkten ausserordentlich. Mein Ansehen unter diesen guten Leuten, deren grosster Theil sich eben so treuherzig von mir tauschen liess als ich selbst getauscht war, nahm von Tag zu Tage zu, und kurz, meine Mission ging so gut von Statten, dass in weniger als zwei Jahren mehr als die Halfte der Gemeinen in Syrien und Palastina unvermerkt in den feinen Netzen des Kerinthus gefangen war, und sammt ihren Vorstehern unter die unsichtbare Leitung und Oberherrschaft eines Ordens kam, von dessen Existenz sie nicht die geringste Ahndung hatte.

Du stellst dir wohl von selbst vor, dass bei diesem Geschafte von Zeit zu Zeit Schwierigkeiten und Hindernisse zu bekampfen waren, deren Beschreibung meine Erzahlung ohne Noth verlangern wurde. Dafur konnte ich aber auch sicher auf bestandige Unterstutzung der Unsichtbaren rechnen; und, was mir am meisten zu Statten kam, war der Umstand, dass die Bischofe und andere Diener der Gemeinen, welche mir hatten hinderlich seyn konnen, durch ansehnliche Verbesserungen ihrer Einkunfte, die ihnen aus der Ordenscasse (vermuthlich auf Unkosten meines Erbgutes) zuflossen, kluglich gewonnen waren, sich wenigstens bloss leidend bei der Sache zu verhalten.

Mitten in dem Laufe meiner apostolischen Triumphe wurde ich ganz unvermuthet von einer unsichtbaren Hand aufgehalten, welche keinem der unsichtbaren Obern, von welchen ich abhing, zugehorte. Hattest du wohl gedacht, Lucian, dass der geheime Pfeil, der mich zu Antiochia traf, in Parium abgeschossen wurde.

Lucian.

In deiner Vaterstadt? Ich begreife. Deine Verwandten und prasumtiven Erben hatten wohl keine Lust, ruhig zuzusehen, wie das ansehnliche Erbgut, worauf das Gesetz, falls dir etwas Menschliches begegnete, ihnen die nachste Anwartschaft gab, in die Brudercasse der Christianer, wie in einen Strudel der nichts wieder zuruckgab, hineinsturzte?

Peregrin.

Du hast es errathen, Lucian! Meine Entfernung von Parium welcher man, wiewohl sie nichts weniger als heimlich geschehen war, in der Folge den Anschein einer Entweichung zu geben suchte hatte grosses Aufsehen erregt, sobald man gewahr wurde, dass ich an kein Wiederkommen dachte, und sobald man ausgekundschaftet hatte, dass ich unter den Christianern lebe, und, wie es scheine, in sehr enge Verbindungen mit ihnen getreten sey. Einige Jahre lang hatten meine Verwandten sich vergebens Muhe gegeben, den Ort meines Aufenthalts, seit der Zeit da ich Nikomedien verliess, ausfindig zu machen; bis endlich der alte Menekrates von einem seiner Freunde, der einen Correspondenten zu Antiochia hatte, erfuhr, dass ich mich, in der Qualitat eines Propheten und Mystagogen der Christianer, bald zu Laodicea, bald zu Antiochia oder Seleucia aufhielte, und in grossem Ansehen bei dieser Secte stande. Meine Verwandten gingen nun mit einander zu Rathe, wie sie es anfangen wollten, um wenigstens das, was von der vaterlichen Verlassenschaft noch zu Parium war, und das Landgut meines Grossvaters aus den Klauen der Christianer zu retten. Das Resultat ihrer Berathschlagungen war endlich: durch Vermittlung des besagten Antiocheners mich dem kaiserlichen Statthalter als einen Christianer von der gefahrlichsten Art anzuzeigen, dessen unruhige Schwarmerei die Aufmerksamkeit der Regierung um so mehr erregen musse, weil er seinem Eifer fur die Ausbreitung dieser hassenswurdigen Secte bereits den grossten Theil eines ansehnlichen Erbgutes aufgeopfert habe.

Du erinnerst dich, Lucian, dass die Strafgesetze gegen alle heimliche Zusammenkunfte uberhaupt, und gegen die ausdrucklich verbotenen geheimen Versammlungen der Christianer insonderheit, unter der milden Regierung des Kaisers Hadrianus zwar nicht aufgehoben, aber doch unvermerkt eingeschlafen waren. Da sich die Christianer um diese Zeit ziemlich ruhig verhielten, so waren die Obrigkeiten uberall unter der Hand angewiesen worden, sie auch hinwieder in Ruhe zu lassen, und, ohne dass man sie ganz aus den Augen verlore, zu thun als ob man sie nicht gewahr wurde; so lange nicht besondere Umstande oder eine formliche Anklage es etwa nothig machten, gegen diesen oder jenen nach der Strenge der Gesetze zu verfahren. Die eben so unvernunftige als unmenschliche Maxime, keine andere Religion neben sich dulden zu wollen, war (wie du weisst) den Priestern der alten gesetzmassigen Religion so lange fremd geblieben, bis diese neue, welche geduldet seyn wollte ohne eine andere zu dulden, im Dunkeln und durch die Nachsicht der Obrigkeiten und der Priester unvermerkt so weit um sich griff, dass die letztern nothwendig aus ihrer allzu grossen Sicherheit erwachen mussten. Es war seit geraumer Zeit zur Mode geworden, die Christianer und Epikuraer (weil beide darin, dass sie die alte Volksreligion fur Aberglauben erklarten, gemeine Sache zu machen schienen) gewissermassen mit einander zu vermengen; und da die Epikuraische Secte schon einige Jahrhunderte lang bestanden hatte, ohne dem Interesse der Priesterschaft merklichen Abbruch zu thun (denn man hatte ja Beispiele, dass Priester selbst, ohne ihrem Amt oder ihrer Philosophie etwas dadurch zu vergeben, Epikuraer waren), so ging es ganz naturlich zu, dass man sich, gerade dieser Vermengung wegen, unvermerkt angewohnte, die Christianer fur eben so unschadlich anzusehen als jene. Gleichwohl war der Unterschied in diesem Punkte so gross, dass er auch den sorglosesten Priestern der alten Gotter in die Augen springen musste. Die Epikuraer glaubten zwar so wenig als die Christianer an die Pronoa (Vorsehung) des grossen Jupiter, aber seine Gottheit machten sie ihm nicht streitig; sie spotteten uber alle Arten von Aberglauben, aber die herrschende Religion respectirten sie als ein politisches Institut der Gesetzgeber. Indem sie also jenen verlachten, und diese unangetastet liessen, blieben sie (dem Geist ihrer Philosophie gemass) in einer Gleichgultigkeit gegen beide, die keinen Eifer, ihre Secte auf Unkosten der Staats- und Priesterreligion auszubreiten, unter ihnen aufkommen liess. Bei den Christianern hingegen fand das vollkommenste Gegentheil statt. Sie waren die erklarten Gegner nicht nur des Aberglaubens, sondern des gesetzmassigen Dienstes der Gotter selbst; und der Enthusiasmus, womit sie den Dienst ihres Einzigen, der keine andern neben sich duldete, und den Glauben an seinen Gesandten, welcher das Reich dieses Einzigen allgemein machen sollte, auszubreiten suchten, liess mit Recht von ihnen erwarten, dass sie nicht eher ruhen wurden, bis sie den alten Volksglauben und den darauf gegrundeten Gotterdienst, oder, in ihrer Sprache zu reden, das Reich der Damonen, ganzlich vertilgt haben wurden.

Meine Verwandten zu Parium hatten, bei dem Anschlag den sie gegen mich fassten, sehr richtig darauf gerechnet, dass Vorstellungen dieser Art die Priesterschaft zu Antiochia in Feuer setzen und geneigt machen wurden, ihre Angebung bei dem Statthalter von Syrien durch eine formliche Klage zu unterstutzen; und, um dieser den gehorigen Nachdruck zu geben, hatte man solche Massregeln genommen, dass ich in einer nachtlichen Versammlung der Bruder, mitten in der Begehung unsrer heiligsten Mysterien ergriffen wurde. Man begnugte sich, die ubrigen, mit der ernstlichen Verwarnung, sich nie wieder in einer solchen gesetzwidrigen Zusammenkunft betreten zu lassen, nach Hause zu schicken: ich hingegen, als Vorsteher und Mystagog dieser verbotenen nachtlichen Zusammenkunfte, wurde vor den Richter der ersten Instanz gebracht, und sobald ich die Frage, ob ich ein Christianer sey? mit aller Entschlossenheit eines Martyrers bejahet hatte, dem Trajanischen Edict zufolge in ein offentliches Gefangniss abgefuhrt.

Diese Begebenheit machte anfangs um so mehr Aufsehen zu Antiochia, weil sich seit mehrern Jahren nichts Aehnliches in dieser grossen, reichen und unendlich uppigen Hauptstadt zugetragen hatte. Man sprach ein paar Tage von nichts anderm; dafur wurde aber auch, sobald sie aufhorte etwas Neues zu seyn, gar nicht mehr daran gedacht. Die Christianer hingegen, und besonders die mit Kerinthus verbundeten Gemeinen, geriethen dadurch in ausserordentliche Bewegung: und, wiewohl man bald merken konnte, dass alles bloss auf meine Person gemunzt sey, und die Bruder uberhaupt wenig oder nichts desshalben zu befurchten hatten; so zeigten sie doch so viel Unruhe, nahmen so warmen Antheil an meinem Schicksal, und machten im Verborgenen so vielerlei Anschlage und zum Theil so viel wirkliche Schritte zu meiner Befreiung, dass eben diese ihre unruhige Geschaftigkeit wahrscheinlich nicht wenig dazu beitrug, meine Gefangenschaft uber ein ganzes Jahr hinaus zu ziehen. Kerinthus und Hegesias waren zwar viel zu klug, um in dieser Sache unmittelbar zu erscheinen; aber ich bin ihnen die Gerechtigkeit schuldig, zu gestehen, dass sie sich durch die dritte Hand mit vielem Eifer fur mich verwendeten, und grosse Sorge trugen, dass es mir, so lang' ich im Gefangniss war, an keiner Bequemlichkeit, die um Geld zu erhalten war, fehlen mochte. Ueberhaupt, Lucian, ist dein Ungenannter zu Elis in seiner ganzen Erzahlung der Wahrheit nirgends so getreu geblieben als da, wo die Rede von meiner Gefangenschaft ist. Alle Umstande, die er anfuhrt, sind buchstablich wahr; den einzigen ausgenommen, dass ich durch die Freigebigkeit der Bruder nicht so reich ward als er vorgibt. Denn, wiewohl sie in solchen Fallen nichts zu sparen pflegten, den Zustand ihrer Martyrer (wie sie einen jeden aus ihrem Mittel nannten, der desswegen, weil er sich zum Christenthum bekannte, etwas leiden musste) zu erleichtern, und, wo moglich, ihre Befreiung zu bewirken, so waren sie doch viel zu gute Oekonomen, um etwas Ueberflussiges und Zweckloses zu thun. Man liess keinen Bruder Noth leiden; aber ihn durch ihre Freigebigkeit reich zu machen, ware ganzlich gegen den Geist des Ordens gewesen, bei welchem die einzelnen Glieder nur in so weit in Betrachtung kamen, als der Vortheil des Ganzen es erforderte.

Was mich betrifft, so hatte die Einkerkerung, durch den Gedanken, fur welche Sache ich litt, und durch alles das Heroische und Glorreiche, das in meiner Einbildung mit dem Namen eines Bekenners und Dulders verbunden war, zumal in den ersten Tagen und Wochen, etwas so Herzerhohendes fur mich, dass ich mich vielleicht in meinem ganzen Leben nie freier fuhlte als damals

Lucian.

Zum klaren Beweise, dass die Stoiker ihrem Weisen zu viel schmeicheln, wenn sie behaupten, er allein habe das Vorrecht, selbst in Ketten und Banden frei zu sagen, gerade das Gegentheil des Weisen ist, kann diesem auch hierin den Vorzug sogar noch streitig machen. Uebrigens, Freund Peregrin, wurdest du mich verbinden, wenn du, diesem edeln Freiheitsgefuhl unbeschadet, deinen Ausgang aus dem Kerker so viel moglich beschleunigen wolltest.

Peregrin.

Sehr gern. Denn, wiewohl diese Epoche meines Lebens die letzte war, wo mir die hohe Stimmung meiner Einbildungskraft eine Art von Gluckseligkeit verschaffte, deren Verlust ich in der Folge oft genug zu bedauern Ursache hatte: so muss ich doch gestehen, dass die allzu grosse Einformigkeit dieses fantastischen Glucks nach Verfluss einiger Monate seinen Zauber merklich schwachte, und mich das Unangenehme der Einkerkerung und der Ungewissheit meines Schicksals zuweilen sehr lebhaft fuhlen liess.

Auch der Mangel an Umgang mit Menschen, die, anstatt bloss an mir zu saugen, auch mir, wie Hegesias und Kerinthus, etwas zu geben fahig gewesen waren, trug nicht wenig dazu bei, das Unbehagliche meines Zustandes zu vermehren. Zwar ermangelten die andachtigen Schwestern und gutherzigen alten Mutterchen, welche meiner pflegten, nicht, durch Bestechung des Kerkermeisters von Zeit zu Zeit kleine Verhoren Verlangen trugen, und bei dieser Gelegenheit sehr reichliche Liebesmahle in meinem Gefangnisse zu veranstalten, auch uberhaupt ihr Moglichstes zu thun, mir ihre herzliche und eben dadurch oft sehr beschwerliche christliche Liebe mit Worten und Werken zu beweisen: aber

Lucian (lachend).

Armer Peregrin! Kein Aber, wenn ich bitten darf nur immer zu!

Peregrin.

Genug, es kam endlich so weit mit mir, dass in gewissen Stunden zumal wenn ich (wie ofters geschah) auf meinem nicht allzu weichen Lager den Schlaf nicht finden konnte Erinnerungen und Bilder aus der zauberischen Villa Mamilia in mir erwachten

Lucian.

Und du wunderst dich noch daruber?

Peregrin.

Wenigstens geschah es sehr wider meinen Willen, das kannst du mir glauben! und ich kampfte oft bis aufs Blut, um dieser Anfechtungen (wie sie in unsrer Sprache hiessen), als Eingebungen boser Damonen, los zu werden. Ich sage bis aufs Blut, im wortlichen Verstande; denn ich geisselte mich zuweilen, wenn mir Satan zu machtig werden wollte, so unbarmherzig, dass mein Rucken des folgenden Tages meinen mitleidigen Warterinnen nicht wenig zu schaffen machte.

Lucian.

Und was war der Erfolg dieser listigen Art dem Feind in den Rucken zu fallen?

Peregrin.

Ich kann nicht laugnen, dass ich ubel dadurch arger machte.

Lucian.

Das hatte ich dir vorhersagen wollen, mein guter Peregrin. Diesen Damon mit Fasten und Beten zu bekampfen, das lass' ich allenfalls gelten: aber Ruthen und Geisseln sind immer fur ein besseres Mittel gehalten worden, ihn vielmehr aufzureizen als zu dampfen.

Peregrin.

Der Hauptfehler war wohl, dass ich (nach den

Grundsatzen der Kerinthischen Philosophie) gleich anfangs solchen sehr naturlichen Anfechtungen die Wichtigkeit gab, sie in meinem Wahne zu ubernaturlichen zu erheben. Eben dass ich sie fur Anfalle boser Geister hielt, und mich mit so grossen Bewegungen und Anstalten gegen sie zur Wehre setzte, musste die Sache immer ernsthafter und schwieriger machen. Doch, es ist hohe Zeit, auf die Begebenheit zu kommen, die das Ende aller dieser Ausschweifungen und meine ganzliche Trennung von den Christianern herbeifuhrte.

Lucian.

Ich bin lauter Ohr.

Siebenter Abschnitt.

Peregrin.

Eines Abends, da die lange Dauer meiner Gefangenschaft und die Lauigkeit, womit meine Freunde an meiner Befreiung zu arbeiten schienen, meiner Geduld harter als gewohnlich zusetzten, offnete sich die Thur meines Gefangnisses, und eine verschleierte Frau, mit einem Korb auf dem Kopfe und einer Lampe in der Hand, trat herein, und grusste mich (indem sie die Lampe auf einen kleinen Tisch und den Korb auf den Boden setzte) mit dem wohl bekannten Friedenswunsche der Christianer. Ihr Anzug war die gewohnliche Kleidung der Diakonissen, das ist, der altlichen Wittwen, die sich dem Dienste der Brudergemeinen widmeten; ein dunkelbrauner Habit von der gemeinsten Wolle, mit einem ledernen Gurtel zusammengehalten: aber in ihrer Gestalt war etwas, das mit diesem Anzuge kontrastierte, und, in eben dem Augenblick, da es mich befremdete, eine schlafende Erinnerung zu erwecken schien. Ich war betroffen, und das Herz schlug mir vor Erwartung, was aus dieser Erscheinung werden sollte, ohne dass ich ein Wort hervorbringen konnte. Auch die unbekannte Schwester schien keine Eile zu haben, die Unterredung anzufanGelassenheit ihren Korb aufdeckte, ein kleines Rauchfass voll gluhender Kohlen herausnahm, etwas Rauchwerk darauf warf, und das ziemlich dumpfe Gewolbe mit einem Wohlgeruch erfullte, der es auf einmal (wenigstens fur Einen Sinn) in ein Zimmer eines Feenpalasts verwandelte.

Diess erweckte neue Ruckerinnerungen: mein Erstaunen nahm zu; ich erwartete mit Ungeduld, was auf diese magische Vorbereitung folgen wurde. "Und dein Herz sagt dir noch immer nichts, mein Bruder Peregrin?" sprach sie endlich mit einer Stimme, die mich zu oft in Entzucken gesetzt hatte, um mich langer im Zweifel zu lassen; und mit dem letzten Worte schlug sie ihren Schleier zuruck und offnete ihre Arme.

Was seh' ich? Dioklea? rief ich ausser mir, indem ich in ihre Arme sank; ist's moglich? Dioklea hier? Dioklea eine Christianerin?

"Und warum nicht? versetzte sie lachelnd. Ich habe so vielerlei Rollen gespielt, warum nicht auch diese? die einzige, die es vielleicht der Muhe werth war noch zu lernen?"

Eine Rolle nennst du es? rief ich mit Besturzung.

"Stosse dich nicht an dieses Wort, lieber Peregrin; es ist nicht so ubel gemeint als du es aufnimmst. Es gehort, wie du weisst, Zeit dazu, eine lange gewohnte Sprache zu verlernen und sich eine ganz neue anzugewohnen. Ich wollte nichts damit sagen, als worin wir unfehlbar beide einverstanden sind, dass wir nichts Weiseres und Besseres thun konnten, als das, was wir ehemals waren, mit dem, was wir nun sind, zu vertauschen."

Ganz gewiss, Dioklea, hast du das beste Loos erwahlt! Aber, o sage, wie und wann und wo warest du so glucklich, dich von der schandlichen Mamilia loszureissen? Wer war das gebenedeite Werkzeug deiner Erleuchtung?

"Kerinthus."

Ist's moglich? Kerinthus? rief ich mit Entzuckung aus; Kerinthus, der mich auf eine so wunderbare Weise gerettet hat, Kerinthus hat auch dich aus den Klauen der Damonen gerissen, und der unermesslichen Seligkeiten des Reichs der Himmel theilhaftig gemacht?

"Ich habe dir noch weit wundervollere Dinge zu entdecken, mein lieber Proteus; aber vor allen Dingen lass' dich bitten, diese seltsame Sprache, die dir, wie ich hore, so gelaufig geworden ist als ob du nie eine andere gesprochen hattest, mit einer naturlichern zu vertauschen."

Lucian.

Darum hatte ich dich selbst bitten wollen.

Peregrin.

"Fast sellte ich denken (fuhr sie fort), du warest noch nicht uber die Schwelle des innern Heiligthums unsers Ordens gekommen: oder glaubst du etwa, dass diess bei mir der Fall sey, mein Bruder? so irrest du dich sehr. Ich bin von den Jungern hinter dem Vorhang,8 lieber Peregrin; ich bin was du gewiss nicht vermuthest, nie errathen wurdest, ich bin "

Und was denn? rief ich

"Die Schwester, die leibliche Schwester des Kerinthus," sagte sie mit einem lachelnden Blick, und einem Tone, der uber mein Erstaunen zu triumphiren schien.

Sprichst du im Ernste? Du? Du, Anagallis-Dioklea, die Schwester des Kerinthus?

"In vollem Ernste, lichtstrahlender Peregrinus Proteus, erwiederte sie indem sie meine Hand ergriff; hier hast du meine Hand darauf, die leibliche Schwester des grossen Propheten Kerinthus, wiewohl nicht langer Anagallis noch Dioklea, sondern Theodosia."

Bisher, lieber Lucian, hatte ich, ungeachtet des Eindrucks der Gegenwart dieser Zaubrerin, und des magischen Nimbus von tausend sussen, Herz und Sinne schmelzenden Erinnerungen, in welchem sie vor meinen Augen stand, noch immer ausgehalten: aber gegen diese Entdeckung, und gegen den leisen hielt ich nicht langer aus. Es war als ob ich plotzlich aufhorte der vorige Mensch zu seyn. Ich warf mich, oder taumelte vielmehr, unwissend wer ich war und was ich that, zu ihren Fussen, umfasste ihre Knie, druckte mich mit der Entzuckung eines Rasenden an sie an, stiess sie einen Augenblick darauf wieder von mir, sprang auf, schlug mich mit der Faust vor die Stirne, sank mit dem Kopf aufs Lager hin, sprang wieder auf, sturzte auf Diokleens Schulter, und brach glucklicherweise in einen Strom von Thranen aus, der mir die Sprache wieder gab, und wahrscheinlich meine Vernunft rettete. O so war auch diess alles Tauschung! rief ich endlich aus, indem ich mein Gesicht an ihren leicht verschleierten Busen druckte. Aber du bleibst mir! Anagallis oder Dioklea, oder unter welchem Namen du dich mir darstellst, unter jedem Namen, unter jeder Verkleidung bist du du selbst! Nicht wahr, Dioklea, du tauschest mich nicht?

Sie umarmte mich statt der Antwort mit der ruhigen Zartlichkeit einer Schwester, indem sie mich bat, mich zu fassen und diese sturmischen Bewegungen zu massigen. "Ich habe dir noch unendlich viel zu sagen, setzte sie hinzu; aber du musst erst ruhiger werden. Setze dich, lieber Peregrin. Ich bringe in diesem Korb Erfrischungen mit, die deine Lebensgeister besanftigen werden; und ich hoffe, schon meine Gegenwart soll wie Homers Nepenthe auf dich wirken, und dich aller unangenehmen Dinge vergessen machen. Ich habe dafur gesorgt, dass uns niemand storen wird. Die Nacht ist unser. Sogar die frommen Bettler und die Schaar von alten Weibern, die sonst immer vor der Thur lagen und Wache bei dir hielten, sind durch einen Polizeibefehl entfernt. Dioklea denkt an alles, wie du weisst." Unter diesen Reden schickte sie sich an, ihren Korb auszupacken, und, um desto rustiger zu seyn, legte sie den Wittwenschleier, den braunen Ueberrock und den ledernen Gurtel ab, und stand in einer faltenvollen schneeweissen Tunica, die von einem Gurtel von kunstlichen Rosen zusammengehalten wurde, mit halb aufgebundnen, halb wallenden Haaren, nymphenahnlicher und reizender, dauchte mich, als jemals, vor mir da.

Lucian.

Armer oder vielmehr nicht armer, reicher, an sussen Tauschungen reicher Peregrin! Und du hattest gewollt, dass dich Dioklea nicht tauschen sollte?

Peregrin.

Ach! was mich tauschte, war immer in mir selbst! Ich wage es kaum denn in der That, entweder du bist so gefallig und erlassest mir ein Gestandniss, wofur ich wirklich keine Worte zu finden weiss oder was ich dir gestehen muss, die Wirkung, welche Dioklea (du weisst was fur Reitze, was fur Erinnerungen dieser Name umfasst), Dioklea, in diesem Anzug, in einem so gefahrlichen Augenblicke, beim magischen Schein einer einzigen Lampe, nach einer so langen Trennung, nach einem so enthaltsamen Leben als ich seit sieben Jahren gefuhrt hatte, in diesem Aufruhr aller meiner aussern und innern Sinne auf mich machte Nein, Lucian, fordre es nicht! es wirft mich zu sehr vor dir zu Boden! Du wurdest nicht begreifen konnen, wie dieses Weib, die das war was ich wusste, die, wiewohl noch immer voller Reize, doch gewiss in einer ruhigern Gemuthsstimmung und bei hellem Tageslichte wenig Eindruck auf meine Sinne gemacht hatte, in diesem Augenblicke den Mann, den ich dir bisher geschildert habe, aus einem Enthusiasten von der hochsten Classe, aus einem halben Engel in einen wuthenden ich kann das Wort nicht aussprechen in einen

Lucian.

So lass' es mich sagen in einen Satyr verwandeln konnte. Freund Peregrin, das begreife ich so gut, dass ich noch keine von allen deinen Begebenheiten besser begriffen habe; so gut, dass diess Gestandniss in meinen Augen allen deinen ubrigen das Siegel der jenem namlichen Augenblick, unter solchen Umstanden, unmittelbar nach einer so heftigen Revolution in deinem ganzen Seyn und Wesen, auf einen Menschen wie du, diese Wirkung nicht gethan, entweder geglaubt hatte, du verschweigest mir etwas, oder gezwungen gewesen ware, in deine ganze bisherige Erzahlung ein Misstrauen zu setzen. Gib dich also zufrieden, dass du, mit allen deinen Visionen und trotz der hohen Gnosis des Kerinthus, doch nur ein Mensch, das ist, ein Ding warst, das unter gewissen Umstanden und Bedingungen ein halber Engel, unter andern ein ganzer Satyr seyn kann, und sage mir, wie benahm sich die schone Theodosia in diesem Sturme?

Peregrin.

Ich bin ihr die Gerechtigkeit schuldig, zu sagen, dass sie das Mogliche und das Unmogliche versuchte, um dem wuthenden Nympholepten zu entgehen; aber ihre Krafte reichten nicht so weit. Ueberdiess war die Thur von aussen verriegelt, und noch lauter zu schreien als sie wirklich schrie, uns beide dadurch zum Stadtmahrchen von Antiochia zu machen, und auf die unschuldigen Christianer eine Nachrede zu bringen, welche gewiss von ihren Feinden sehr grausam gemissbraucht worden ware, dazu war sie zu verstandig und von dieser widerlichen Scene sagen; denn du, der alles so gut begreift, begreifst auch diess, dass Dioklea

Lucian.

O gewiss begreife und billige ich sogar, unter allen vorwaltenden Umstanden, versteht sich dass sie dir vergab; dir, da du (wie ich mir leicht vorstellen kann) im Staube vor ihr lagst, und, von Scham und Reue beinahe vernichtet, um Gnade flehtest, eben so aufrichtig vergab, als sie gethan haben wurde, wenn du sie durch eine unfreiwillige Bewegung mit einem Messer verwundet hattest. Nichts davon zu sagen, dass eine Dame von Diokleens Stand, Alter und Charakter sich im Grunde durch einen so ausserordentlichen Beweis der Gewalt ihrer Anziehungskraft weniger beleidigt als geschmeichelt finden musste.

Peregrin.

Diess, Lucian, war wohl nicht der Fall mit Diokleen. Was geschehen war, verruckte ihren ganzen Plan, und konnte ihr also unmoglich anders als ausserst unangenehm seyn. Und in der That, wenn ich bedenke, dass dieser Sturm, wie du es zu nennen die Gute hattest, vielleicht das einzige war, was mich von den Verfuhrungen dieser schlauen Creatur retten, und in die ruhige Fassung setzen konnte, ohne welche es mir, aller Wahrscheinlichkeit nach, unmoglich gewesen ware ihren Anschlag auf mich zu vereiteln: so bin ich beinahe versucht, jenen wilden Ausbruch, der so ganz und gar nicht in meinem naturlichen Charakter war, eher fur das Werk meines guten Genius zu halten, oder wenigstens in die Zahl der unerklarbaren Zufalle zu setzen, durch welche wir, indem wir bloss als blinde Werkzeuge einer mechanisch auf uns wirkenden Ursache handeln, von irgend einem grossen Uebel befreiet oder irgend eines grossen Gutes theilhaftig werden; Zufalle, wovon jeder Mensch, vielleicht ohne Ausnahme, auffallende Beispiele aus seiner eigenen Erfahrung anzufuhren hat. Der Verfolg meiner Erzahlung wird dich, denke ich, uberzeugen, dass ich Grund habe diese Bemerkung zu machen.

Lucian.

Etwas, wovon ich sehr stark uberzeugt bin, ist: dass die gute Mutter Natur, die ihre Kinder nicht leicht im Stiche lasst, sehr mutterlich dafur gesorgt hat, dass wir, um den Glauben an uns selbst (diess so unentbehrliche Triebrad in unserm Wesen) durch keine unsrer Vergehungen oder Thorheiten ganzlich zu verlieren, fur jede Anklage in unserm eigenen Busen eine Entschuldigung finden, welche unvermerkt die Gestalt einer Rechtfertigung gewinnt, und wenigstens uns selbst unparteiischen Richter bestehen konnte. Aber weiter, Peregrin!

Peregrin.

Als ich endlich, wiewohl nicht ohne grosse Muhe, meine so groblich beleidigte Freundin wieder besanftiget sah, und einige Becher von einem Weine, der die Bacchanalien der Villa Mamilia in unsre Erinnerung zuruckrief, das gute Verstandniss zwischen uns wieder hergestellt hatten, bat ich sie, mir zu erklaren, durch was fur ein Wunder die Tochter des Apollonius, die weltberuhmte Tanzerin Anagallis, die Vertraute der uppigsten aller Romerinnen, mit Einem Worte, die schone Dioklea, aus einer sehr irdischen Priesterin der himmlischen Venus in eine Schwester des erhabnen Kerinthus und in eine Christianerin umgestaltet worden sey.

Ich bin, versetzte sie, mit der Entschliessung hierher gekommen, dich uber alle diese Dinge ins Klare zu setzen; und wiewohl ich wenig Ursache habe, viel Vertrauen in deine Weisheit zu setzen, so will ich es doch auf die Gefahr noch einmal von meinem Herzen betrogen zu werden, mit dir wagen, und deiner Freundschaft fur mich, an welcher ich nie gezweifelt habe, das Geheimniss meiner Seele anvertrauen. Alles musste mich betrugen (setzte sie hinzu), oder das der zusammengebracht, um an einem grossen Plane mit einander zu arbeiten, und, wie oft uns auch die Umstande noch ferner trennen mochten, dem Geist und Herzen nach immer aufs engeste vereiniget zu bleiben. Nach dieser Vorrede forderte sie, als die einzige und absolute Bedingung, ohne welche alle Gemeinschaft zwischen uns sogleich unwiderruflich aufgehoben werden musste, dass ich ihr feierlichst angeloben sollte, von diesem Augenblick an zu vergessen, dass sie jemals Dioklea und Anagallis fur mich gewesen sey, nichts andres mehr in ihr zu sehen, als meine neu gefundene Schwester Theodosia, und mit dem heiligen Namen eines Bruders auch die Gesinnungen und das Betragen eines Bruders gegen sie anzunehmen. Es war naturlich, dass ich mich auf alle Falle gegen einen solchen Antrag straubte; aber, da sie mit grossem Ernst darauf bestand, blieb mir nichts andres ubrig als zu gehorchen, und es lediglich auf die Bescheidenheit meines Betragens und ihre eigene Grossmuth ankommen zu lassen, ob und unter welchen Umstanden sie fur gut finden wurde, von der strengen Busse, welcher ich mich unterwarf, etwas nachzulassen.

Nachdem dieser vorlaufige Punkt berichtiget war, fing sie an, mir das Wesentlichste von der geheimen Geschichte ihres Bruders und ihrer eignen mitzutheilen. Kerinthus war einige Jahre alter als sie; sie stammten von judischen Eltern ab, die ihnen aber noch in ihrer Kindheit entrissen wurden. Noth und Durftigkeit brachten ihren Bruder dahin, sich selbst und seine kleine Schwester auf eine gewisse Zeit an eine Bande herumziehender Tanzer und Luftspringer zu verhandeln. Etliche Jahre darauf fiel die kleine Dorkas, wie sie sich damals nannte, in die Hande eines gewissen Hermias, eines Weisen von dem Aristippischen Orden, der zu Athen privatisirte, und sich, aus nicht ganz uneigennutzigen Absichten, ein Geschaft daraus machte, die Anlagen, die er in ihr entdeckte, theils selbst, theils durch die besten Meister die er finden konnte, auszubilden. Sie sprach von diesem ihrem zweiten Vater mit der Warme und Zartlichkeit einer Tochter, die ihm alles was sie war zu danken hatte. Aber auch er wurde ihr nach einigen Jahren durch den Tod geraubt; und weil das kleine Vermachtniss, das er ihr hinterlassen konnte, ziemlich bald aufgezehrt war, so befand sie sich nun in dem Falle, von den Talenten zu leben, welche sie zu Athen erworben hatte; und in der That erfullte sie, indem sie zu Smyrna, Ephesus, Antiochia, und in andern Hauptstadten der ostlichen Provinzen des Reichs, unter dem Namen Anagallis als mimische Tanzerin auftrat, wirklich die Absicht, zu welcher Hermias (der sie auf keinem andern Wege glucklicher machen zu konnen glaubte) sie mit so vielem Aufwand erzogen hatte.

Inzwischen hatte das Schicksal auch mit ihrem Bruder auf mancherlei Art gespielt. Er war ehemals zugleich mit ihr nach Athen gekommen, und Hermias hatte, aus Liebe zu ihr, ein paar Jahre fur seinen Unterhalt gesorgt, und ihm Gelegenheit verschafft, in den Schulen der Rhetorn und Philosophen die erste Bildung eines Geistes zu erhalten, der schon damals nichts Gemeines zu versprechen schien. Nach Verfluss dieser Zeit fand Hermias Gelegenheit, den jungen Menschen an einen seiner Freunde zu Korinth zu empfehlen, der ihn zu Handlungsgeschaften gebrauchte, und in dessen Gesellschaft er verschiedene Reisen machte, auf einer derselben aber, durch die Unruhe seines immer ohne bestimmten Zweck emporstrebenden Geistes, von ihm getrennt, und zuletzt nach Alexandrien verschlagen wurde, wo er einige Zeit in Gemeinschaft mit den Juden lebte, sich in der Religion seiner Vater unterweisen liess, und mit verschiedenen ubel berechneten Entwurfen, seinem unglucklichen Volke aufzuhelfen, umging, deren Vereitlung ihn von Alexandrien wieder weg, und von einem Abenteuer zum andern trieb. Er hatte sich in Aegypten mit der Hermetischen Philosophie bekannt gemacht, und wanderte nun durch Chaldaa und Medien bis nach der heiligen Stadt Balk, an die Ufer des Oxus, um sich in den Mysterien der Chaldaer und der Zoroastrischen9 Schule einweihen zu lassen.

Wahrend der ganzen Zeit, da Kerinthus von seinem rastlosen und mit Entwurfen schwangern Geiste in den Morgenlandern herumgetrieben wurde, zeigte sich seine Schwester nach und nach in allen Provinzen der Romischen Herrschaft als die erste Tanzkunstlerin ihrer Zeit, und bezauberte sowohl auf den offentlichen Schauplatzen, als in den Privathausern, wohin er eingeladen wurde, alle Augen und Herzen. Seitdem sie sich dieser Lebensart ergeben hatte, waren mehr als zehn Jahre verflossen, in welchen sie ihren Bruder unvermerkt vollig aus dem Gesichte verloren hatte: als sie unverhofft eine Einladung von ihm erhielt, sich mit ihm zu einer Unternehmung zu verbinden, von welcher er sich und ihr grosse Vortheile versprach. Er hatte sich namlich zum Haupt einer Bruderschaft aufgeworfen, welche in den nordlichen Provinzen von Kleinasien von Ort zu Ort herumziehen wollte, um die Liebhaber fanatischer Religionsubungen in den Mysterien der Isis einzuweihen, und dieses Institut zugleich mit einem Orakel und andern Chaldaischen und magischen Operationen zu verbinden, welche unter den rohen Volkern in Paphlagonien, Galatien, und im Pontus grosse Ausbeute hoffen liessen. Kerinthus hatte dazu einer Priesterin vonnothen, auf deren Geist und Geschmeidigkeit er sich in allen Fallen verlassen konnte; und der offentliche Ruf hatte ihm uber diesen Punkt einen so vortheilhaften Begriff von seiner Schwester gemacht, dass er sich des glucklichsten Erfolgs seiner Unternehmung gewiss hielt, sobald sie an der Ausfuhrung Antheil nehmen wurde. Da die schone Anagallis um diese Zeit des Theaters ziemlich uberdrussig war, so ging sie um so williger in die Vorschlage ihres Bruders ein, als sie sich von dieser neuen Lebensart tausend Gelegenheiten versprach, ihren erfinderischen Kopf auf eine angenehme Art zu beschaftigen, und weil uberdiess, seitdem sie aufgehort hatte den Augen des Publicums in den Hauptstadten etwas Neues zu seyn, die Quellen zu Bestreitung ihres grossen Aufwandes immer unergiebiger wurden. Sie begab sich also zu ihrem Bruder, der sie zu Smyrna erwartete; liess sich von ihm in der Rolle, welche sie in seinem geheimen Isisorden spielen sollte, unterrichten; durchwanderte hierauf mit ihm und seiner Gesellschaft einen grossen Theil des kleinern Asiens, und rechtfertigte durch ihre Talente fur diesen neuen Zweig der Schauspielkunst und Mimik die Meinung vollkommen, welche Kerinthus von ihr gefasst hatte. Allein diese wandernde Lebensart war, bei allen ihren Annehmlichkeiten, auch grossen Beschwerden und Gefahren ausgesetzt; nicht alle Abenteuer fielen glucklich aus, und Anagallis, oder Parisatis (wie sie sich jetzt nennen liess) ging schon einige Zeit mit ihrem Bruder zu Rathe, wie sie ihre Fahigkeiten auf eine edlere und seines hoch strebenden Geistes wurdigere Art beschaftigen konnten: als ein glucklicher Zufall sie mit der schonen und reichen Romerin Mamilia Quintilla bekannt machte, und die beiden Damen eine so grosse Zuneigung fur einander fassten, dass sie von nun an beschlossen, sich nie wieder zu trennen. Kerinthus war eben abwesend, als sich dieses zutrug; sie benachrichtigte ihn schriftlich davon, und er liess sich um so eher gefallen seine Schwester in so guten Handen zu lassen, da er selbst im Begriff war, neue Verbindungen einzugehen, und bereits uber dem grossen Entwurfe brutete, mit dessen Ausfuhrung wir ihn beschaftigt gesehen haben; jedoch musste sie ihm versprechen, dass sie so viel moglich einen ununterbrochnen Briefwechsel mit ihm unterhalten und immer bereit seyn wollte, ihm, bei jeder Aufforderung, zu seinem Vorhaben (woraus er ihr damals noch ein Geheimniss machte) beforderlich zu seyn.

Lucian.

Ah! nun klart sich auf einmal alles auf, was dich bei deiner ersten Zusammenkunft mit Kerinthus beinahe nothigen musste, ihn fur ein ubermenschliches Wesen, oder wenigstens fur einen Wundermann vom ersten Range anzusehen.

Peregrin.

Mich hatte dieser fatale Lichtstrahl in dem Augen

blicke durchblitzt, da ich aus Diokleens Munde horte, dass sie die Schwester des Kerinthus sey; und daher diese heftige Revolution, die auf einmal mein ganzes Wesen erschutterte. Es brauchte fur mich nichts mehr, als mir zwei solche Personen wie Kerinthus und Anagallis in einem solchen Verhaltnisse zu denken, um alles Uebrige dunkel voraus zu sehen, und mich verrathen und betrogen zu glauben. Indessen wollte ich doch aus ihrem eignen Munde horen, wie es damit zugegangen; und sie ermangelte nicht, mir von freien Stucken alles Licht zu geben, das ich wunschen konnte.

Ich habe wohl nicht nothig (fuhr sie mit dem halb

ironischen Lacheln, das in ihrem Gesicht einen so eigenen Zauber hatte, fort), mich uber meine Begebenheiten, so lange ich in Verbindung mit Quintillen war, weitlaufig auszubreiten, da du selbst eine Hauptrolle dabei gespielt, und schon damals, als wir in der Villa Mamilia beisammen lebten, den Schlussel zu der ganzen Maschinerei, durch welche man dir so beneidenswurdige Tauschungen verschaffte, von mir bekommen hast. Ich eile also zu einem Umstande, der sich bald nach deiner Entfernung von uns zutrug, und dir einen neuen Schlussel zu dem wunderbaren Abenteuer, das dir zu Smyrna aufstiess, geben wird.

Und nun erzahlte sie mir: ihr Bruder hatte ihr seit

ihrer zweiten Trennung so viel Nachricht von sich gegeben, dass sie daraus ersehen konnen, er habe endlich einen Wirkungskreis gefunden, worin er seine Fahigkeiten zu einem sehr grossen und ehrenvollen Zweck anwende, und sich einen gewissermassen unsichtbaren, aber nur desto wichtigern Einfluss verschaffe, dessen Granzen nicht abzusehen waren. Er meldete ihr von Zeit zu Zeit, dass sein Geschafte, trotz der vielen Schwierigkeiten die er zu bekampfen habe, den glucklichsten Fortgang gewinne, sagte aber nie warum es eigentlich zu thun sey, und druckte sich uber alles in einer so geheimnissvollen Sprache aus, dass ihre Neugier dadurch um so starker gereizt werden musste, da er noch immer auf ihre kunftige Mitwirkung Rechnung zu machen schien. Wenige Tage nach meiner Entweichung erschien er selbst zu Halikarnass, und lud seine Schwester zu einer geheimen Zusammenkunft ein, worin er sich uber die Natur seiner neuen Verbindungen, uber seine Plane, und uber die Mittel, wodurch er sich, so zu sagen, zum Konig eines unsichtbaren Reichs zu machen hoffte, ausfuhrlich gegen sie heraus liess. "Seine Reisen durch den grossten Theil des Reichs hatten ihm mancherlei Gelegenheiten verschafft die Christianer genauer kennen zu lernen, und sich von ihrem Institut, oder vielmehr von dem, was es unter den Handen eines fahigen und unternehmenden Mannes werden konne, ganz andere Begriffe zu machen als man gewohnlich davon habe. Er hatte gefunden, was sich vielleicht noch keiner aus ihrem Mittel deutlich gedacht haben mochte, dass es ganz dazu gemacht sey die grosste Revolution in der Welt zu bewirken, und dass dazu, nachst der Zeit, die alles zur Reife bringen muss, nichts weiter erfordert werde, als vermittelst eines geheimen Ordens wo nicht alle, wenigstens den grossern Theil der Brudergemeinen, in ein wohl organisiertes Ganzes zu verbinden, und unter die unsichtbare Leitung eines Einzigen zu bringen, der durch seinen Geist, seine Talente, seinen Muth und eine unermudliche Thatigkeit und Beharrlichkeit, einem so viel umfassenden Amte gewachsen sey." Du kennest meinen Bruder, fuhr sie fort, und so brauche ich dir nicht zu sagen, wer dieser Einzige war, den er zur Ausfuhrung seines Plans bestimmte, und ob er von dem Augenblick an, da dieser grosse Gedanke in seinem erfindungsreichen Geiste aufblitzte, mit etwas anderm beschaftigt war, als mit den Mitteln, wodurch er ihn in Wirklichkeit setzen konnte. Er wurde ein Christianer, und that sich durch die Behendigkeit, womit er den Geist ihres Instituts erfasste, durch die Beredsamkeit und das Feuer seines Vortrags in ihren Versammlungen, durch den neuen Schwung, den er ihren Lieblingsideen zu geben wusste, und durch den brennenden, aber immer von Klugheit geleiteten Eifer, womit er sich fur einzelne Gemeinen sowohl als fur die allgemeine Sache verwendete, in kurzer Zeit so sehr hervor, dass er das Vertrauen vieler einzelner Vorsteher und dadurch immer neue Gelegenheiten erhielt, das Innere ihrer Verfassung und Umstande, und (was fur ihn das Wichtigste war) die einzelnen Personen sehr genau kennen zu lernen, die entweder zu seinem geheimen Vorhaben als Werkzeuge oder als wirkliche Mitarbeiter brauchbar waren, oder, wenn er sie zu keinem von beiden aufgelegt fand, durch andere Mittel und Wege, wo nicht gewonnen, wenigstens verhindert werden mussten, ihm mit Erfolg entgegenzuarbeiten.

Mitten unter diesen rastlosen Bemuhungen brachte er den geheimen Orden zu Stande, mit dessen Hulfe er nun, da die Mitglieder durch eine grosse Anzahl der Asiatischen Gemeinen zerstreut waren, an dem Vereinigungswerke arbeiten konnte, wodurch er dem Institut der Christianer die Festigkeit und den genauen Zusammenhang geben wollte, ohne welche (wie er glaubt) seine immer weitere und schnellere Ausbreitung und endlich sein Triumph uber die herrschende religiose und politische Verfassung unmoglich seyn wurde. Der Anfang zu diesem allem war gemacht. Aber noch immer suchte er Ordensglieder, denen er sich ganz vertrauen konnte, und welche mit den allzu seltnen Fahigkeiten ausgerustet waren, die er bei den unmittelbaren Organen seines Plans zu finden wunschte: und da er mir (setzte sie hinzu) die Ehre erwies, von den meinigen eine sehr gunstige Meinung zu hegen, so liess er nichts unversucht, um mich zu bewegen, dass ich alle andern Verbindungen und Entwurfe aufgeben, und die Geistesgaben, die mir seine bruderliche Parteilichkeit zuschrieb, der Beforderung eines Werkes widmen sollte, wovon er meine Vernunft selbst uberzeugte, dass es das grosste, glanzendste und vortheilhafteste sey, was Personen, die sich uber den gewohnlichen Menschenschlag erhaben fuhlten, jemals unternehmen konnten. Er beantwortete alle meine Fragen, loste alle meine Zweifel, entdeckte mir alle seine Hulfsquellen, und uberfuhrte mich von der wirklichen Ausfuhrbarkeit seines Plans, bis zur Unmoglichkeit weiter etwas dagegen einzuwenden. Aber meine Zeit war noch nicht gekommen. Ich hing noch zu stark an Mamilien, oder (aufrichtig zu reden) an allem, was meine Verbindung mit ihr Angenehmes und Vortheilhaftes hatte; und Kerinthus selbst schien das letzte wichtig genug zu finden, um endlich seine Anspruche auf mich, wiewohl ungern, der Betrachtung, dass ich ihm in meinen damaligen Verhaltnissen vielleicht nutzlicher seyn konnte, aufzuopfern. Indem wir diese Sache noch mit vielem Eifer zwischen uns verhandelten, stellte sich mir auf einmal das Bild meines lieben Fluchtlings dar. Gib dich zufrieden, Bruder, rief ich mit einer Art von Begeisterung, ich habe einen Mann gefunden, der dich fur deine fehl geschlagene Hoffnung reichlich entschadigen wird! einen jungen Mann, der so ganz in deine Plane passt, als ob ihn die Natur und das Gluck absichtlich und ausdrukklich fur dich ausgebildet hatten. Und nun, mein lieber Peregrin, erzahlte ich ihm alles, was ich von deiner Geschichte aus deinem eigenen Munde wusste, und was mir selbst mit dir begegnet war; und du kannst leicht ermessen, ob ich ihn dadurch begierig machte, einen so seltenen, so liebenswurdigen und so ganz entschiedenen Schwarmer je eher je lieber in seine Partei zu ziehen. Wir uberlegten mit einander, was du nach deiner Entweichung von Halikarnass vermuthlich fur einen Weg genommen haben konntest; und da ich nicht zweifelte dass du uber Smyrna zuruckgehen wurdest, so beschloss Kerinthus sich unverzuglich dahin zu begeben, und inzwischen allenthalben, wo du wahrscheinlich auf deiner Wanderung durchkommen wurdest, durch seine Freunde Erkundigungen von dir einzuziehen. Nach einiger Zeit erfuhr ich den glucklichen Erfolg des Plans, den er dieser Verabredung zufolge entworfen hatte, und erhielt grosse Danksagungen von ihm, dass ich ihn in den Stand gesetzt, eine Eroberung zu machen, von welcher er seiner Unternehmung wichtige Vortheile versprach.

Dioklea fuhr nun fort, mir von dem, was sich bis auf diese unsre, von meiner Seite so unverhoffte Zusammenkunft mit ihr selbst zugetragen, so viel zu berichten, als sie fur nothig hielt, mich zu uberzeugen, dass es auch damit ganz naturlich zugegangen sey. Die schone Mamilia wurde des Aufenthalts in diesen Gegenden von Kleinasien uberdrussig, und Dioklea begleitete sie zuerst nach den beruhmten Badern von Daphne, unweit Antiochien, sodann nach Alexandrien, und endlich nach Italien zuruck, wo die uppige Romerin eine schone Villa, welche sie in der Gegend von Baja besass, zu ihrem gewohnlichsten Aufenthalt machte, und von dem Beispiele der neuen Bekanntschaften, in welche sie hier verwickelt wurde, hingerissen, sich allen Arten von Ausschweifungen mit so wenig Massigung uberliess, dass ihre aus einem feinern Thone gebildete Freundin es endlich nicht langer bei ihr aushalten konnte. Sie trennten sich von einander; und Dioklea, welche sich von der Rolle, die sie in der Unternehmung ihres Bruders spielen konnte, eine neue, den Fahigkeiten ihres Geistes und ihrem gegenwartigen Alter angemess'nere Art von Thatigkeit versprach, saumte nun nicht langer sich mit ihm zu vereinigen, und, nachdem sie in kurzer Zeit alle dazu erforderlichen Kenntnisse und die Einweihung in den innersten Mysterien seines Ordens unter dem Namen Theodosia erhalten hatte, ihm an der Beforderung seiner geheimen Theokratie mit eben so vielem Eifer als Erfolg arbeiten zu helfen. Diese Vereinigung mit Kerinthus erfolgte bald, nachdem ich mich wieder von ihm getrennt hatte, um meine Mission nach der Syrischen Kuste anzutreten.

Wie billig, war es eine ihrer ersten Sorgen, sich nach ihrem alten Freunde Proteus bei ihm zu erkundigen, und so erfuhr sie nicht nur alles, was ich in der Meinung fur die Sache Gottes und der ganzen Menschheit zu arbeiten fur ihn und seine Sache gethan hatte, sondern auch zugleich, dass Kerinthus, weit entfernt mich seines innersten Vertrauens wurdig zu halten, mich bisher nur als ein blosses Werkzeug seiner Absichten betrachtet habe; als einen Menschen von gutem Willen, dessen Schwarmerei man benutzen musse, ohne ihn jemals auch nur ahnden zu lassen, dass das, was er fur den Zweck hielt, bloss ein Mittel zu dem wahren Zweck seines Ordens sey. Ich konnte (sagte mir Dioklea mit aller Warme unsrer ehemaligen Freundschaft), ich konnte mich mit dem Gedanken nicht versohnen, einen Mann wie du in den Augen meines Bruders so klein zu sehen. Wir stritten uns oft uber dieses Kapitel, ohne dass ich mit allem, was ich ihm zu deinem Vortheil sagte, etwas uber seine vorgefasste Meinung gewinnen konnte, welche (wie ich mir selbst nicht verbergen kann) auf Beobachtungen und Maximen gegrundet war, die einen kaltern und weniger fur dich eingenommenen Kopf als der meinige nothwendig zuruckhaltend machen mussten. Mit Einem Worte, Kerinthus scheint sich uberzeugt zu haben, dass du seiner Sache als Apostel, allenfalls auch als Martyrer, unendlichemal nutzlicher seyn konnest, als du ihm seyn wurdest, wenn er dich ohne Schleier in sein Geheimniss schauen liesse. Aber er mag seiner Schwester verzeihen, wenn sie eine bessere Meinung von dir hegt, und nichts dabei zu wagen hofft, indem sie, einen alten Freund zu retten, gewissermassen zur Verratherin an einem Bruder wird. In der That sah ich kein anderes Mittel, dich aus der gegenwartigen Gefahr zu ziehen und vor kunftigen sicher zu stellen. Nein, mein lieber Peregrin! du sollst nicht das Opfer eines schwarmerischen Eifers werden. Wenn Kerinthus Martyrer fur seine Secte braucht, so mag er sich nach solchen umsehen, an welchen mein Herz weniger Antheil nimmt. Uebrigens kennest du meine Art zu denken. Es ist angenehm, sich zuweilen einer unschadlichen und vorubergehenden Schwarmerei der Phantasie oder des Herzens zu uberlassen, so wie zuweilen eine kleine Trunkenheit angenehm und unschadlich ist: aber sein ganzes Leben durchzuschwarmen, und daruber zum blinden Werkzeuge fremder Absichten und Entwurfe zu werden, ist eine eben so undankbare als verachtliche Art von Existenz. Man gewinnt immer bei der Wahrheit, auch dann, wenn sie uns der schmeichelhaftesten Tauschungen beraubt. Der schlechte Erfolg, womit ich dir diese Philosophie vor sieben Jahren in der Villa Mamilia predigte, hatte mich billig abschrecken sollen, einen neuen Versuch zu machen: aber diessmal, Peregrin, hast du so wenig dadurch zu verlieren, dass ich dir die Augen offne, und der Vortheil, hell in diesen Dingen zu sehen, ist dagegen so entschieden, dass ich weder deinem noch meinem Verstand ein grosses Compliment mache, wenn ich mir schmeichle, dich, noch ehe wir uns wieder trennen mussen, ganzlich zu meiner Vorstellungsart bekehrt zu haben.

Und nun fing sie an, sich in eine ausfuhrliche Darstellung sowohl der Beschaffenheit und Lage, worin ihr Bruder die Angelegenheiten der Christianer gefunden habe, auszubreiten, als uber den Plan, nach welchem er sie unvermerkt zu befestigen, empor zu bringen, und den grossten und edelsten Zweck, der jemals zum Besten der Menschheit gefasst worden, dadurch zu bewirken gesonnen sey. Sie wandte alle ihre Beredsamkeit an, mich von der Realitat und Erreichbarkeit dieses Zweckes, und von der Unstraflichkeit und Unfehlbarkeit der Mittel, die er zu wirklicher Erreichung desselben zusammenspielen lasse, zu uberfuhren. Die erhabnen Offenbarungen der unsichtbaren Welt, zum Beispiel, die du (sagte sie lachelnd) mit einer in der That allzu kindlichen Einfalt im buchstablichen Verstande genommen hast, scheinen mir weder mehr noch weniger als die unschuldigste Poesie: entweder bildliche Einkleidungen grosser Wahrheiten, um sie, die in ihrer reinsten Form den meisten Menschen unverstandlich seyn wurden, anschaulich und eben dadurch geschickt zu machen auf das Gemuth dieser Menschen zu wirken; oder Versinnlichung edler Zwecke, welche, ohne dieses unschuldige Mittel, die eigennutzige Tragheit sinnlicher Menschen kalt lassen wurden, hingegen, sobald sie ihnen als Befriedigungen ihrer liebsten Wunsche gezeigt werden, ihre ganze Seele erhitzen und alle ihre Krafte in Bewegung setzen. Ist nicht die Natur selbst die erste und grosste Zaubrerin? Tauscht sie etwa nicht uns alle durch Phantasie und Leidenschaften? und sind, dieser Tauschung ungeachtet, Phantasie und Leidenschaften, von Vernunft geleitet, nicht unentbehrliche Springfedern des menschlichen Lebens? Mit welcher Billigkeit konnte man es also einem Gesetzgeber, einem Religionsstifter, einem von den grossen Heroen der Menschheit, die auf das Ganze wohlthatig zu wirken geboren sind, verargen, wenn sie sich der Mittel, welche die Natur selbst zu diesem Ende in uns gelegt hat, zu Beforderung des moglichsten und allgemeinsten Glucks der Menschen bedienen? Ich mochte nicht behaupten, dass Kerinthus ein Wort mehr von der unsichtbaren Welt wisse, als ich, du, oder irgend ein anderer Erdensohn: aber wenn es hohere Wesen gibt, die sich damit beschaftigen den Menschen Gutes zu thun, so hatte wahrlich keines von ihnen einen edlern, gottlichern Gedanken in die Seele eines Sterblichen hauchen konnen, als die Befreiung der Menschheit von allen Arten der Tyrannei, der Vorurtheile und der Leidenschaften, des Aberglaubens und des Despotismus, der Casarn und der Priester, welche der letzte Zweck der Theokratie des Kerinthus ist. Was konnte die erhabnen Benennungen des Reichs des Lichts, des Reichs Gottes, verdienen, wenn eine solche Freiheit sie nicht verdiente? Und sogar die Einflusse der Aeonen, und alle diese heiligen Mysterien der unsichtbaren Welt, womit Kerinthus die Einbildung schwarmerischer Seelen bezaubert, sind sie etwa ohne Sinn und Bedeutung? Konnte, durfte wohl jener grosse Zweck, eh' er wirklich erreicht ist, anders als durch unsichtbare Krafte, als durch eine geheime Verbindung unsichtbarer Beweger verfolgt werden? Das Schwarmerische, Mystische und Wunderbare des Glaubenssystems und der religiosen Uebungen, welche Kerinthus den mit ihm verbundenen Brudern und Schwestern gegeben hat, ist um so unentbehrlicher, da sein wahrer Plan sowohl vor denen gegen welche, als vor denen, fur welche er arbeitet, nicht geheim genug gehalten werden kann. Denn diese wurden, wenn ihre Vorstellungen ganz gelautert wurden, weder den Werth der ihnen zugedachten Guter zu schatzen wissen, noch begreifen konnen, dass der Weg, worauf sie gefuhrt werden, der richtigste und sicherste ist; jene, welche den Glauben der Christianer fur eine unschadliche Schwarmerei zu halten angefangen haben, wurden die gewaltsamsten Mittel zu Ausrottung derselben anwenden, sobald sie wussten, dass das Reich der Freiheit und Gluckseligkeit, mit dessen Bau wir uns beschaftigen, nur auf den Trummern des ihrigen errichtet werden konne.

Dioklea kannte mich so gut, dass sie alles gewonnen zu haben glaubte, wenn sie mir sowohl die verhasste Vorstellung, dass ich selbst betrogen worden sey, benehmen, als meine naturliche Abneigung, andere zu tauschen, uberwinden, und mich uberreden konnte, dass diese Tauschung nicht in der Sache selbst, sondern bloss in den Formen, oder vielmehr in den Hullen liege, worin die Wahrheit sich zeigen musse, um desto mehr Liebhaber anzulocken, und sich den Nachstellungen ihrer Feinde leichter zu entziehen. Die Scheinbarkeit ihrer Grunde, durch die Beredsamkeit ihrer Augen und den Reiz ihrer Stimme und ihres ganzen Wesens verstarkt, uberwaltigte mich fur den Augenblick: sie glaubte mich gewonnen zu haben, und genoss schon im voraus den Triumph, den ihr meine Bekehrung (wie sie es nannte) uber den Unglauben ihres Bruders verschaffen werde. Sie kundigte mir nun an, dass der Statthalter von Syrien einer ihrer warmsten Freunde sey, ohne mir zu verbergen, was fur Rechte sie sich wahrend ihres ehemaligen Aufenthalts in den Badern von Daphne an seine Dankbarkeit erworben habe. Alles sey bereits zu meiner Befreiung vorgearbeitet; ich wurde morgen von dem Statthalter selbst vernommen werden, welchem sie die Meinung beigebracht habe, dass ich ihr naher Anverwandter, und, einen unschuldigen Hang zur Schwarmerei ausgenommen, ein Mann von vorzuglichen Gaben, und in jeder Betrachtung werth sey, dass der allzu grossen Warme meiner Einbildungskraft etwas zu gut gehalten werde. Sie unterrichtete mich hierauf umstandlich, wie ich mich bei diesem Romischen Satrapen zu benehmen hatte, und, nachdem sie mir gesagt hatte, wo sie mich nach meiner Freilassung anzutreffen hoffte, schieden wir von einander als die besten Freunde von der Welt.

Lucian.

Weisst du auch, Freund Peregrin, dass ich selbst von deiner Dioklea immer mehr und mehr bezaubert bin, und es dir schwerlich verzeihen konnte, wenn du eigensinnig genug gewesen warest, ihre gute Meinung von dir zum zweitenmale zu tauschen?

Peregrin.

So mache dich nur gefasst darauf, mir auch diese

Anomalie vergeben zu mussen, da du mir so viele andere schon ubersehen hast. Denn in der That, dieser Zauber, womit sie mich seit dem ersten Augenblick unsrer Bekanntschaft gebunden hielt, und dem du selbst, wie es scheint, nicht widerstehen kannst, dauerte immer nur so lange sie gegenwartig war. Kaum sah ich mich wieder allein, so war mir ungefahr zu Muthe, wie einem seyn musste, der die Nacht mit der lieblichsten Nymphe zugebracht zu haben geglaubt hatte, und sich beim Erwachen von den durren Armen einer alten Thessalischen Zaubrerin umfangen sahe. Der grosse Plan des Kerinthus der mich vielleicht hatte verblenden konnen, wofern er selbst, zu der Zeit da ich ihn noch fur den ersten aller Menschen hielt, mir mit dem Feuer eines Mannes, der kein anderes Interesse als das allgemeine Beste der Menschheit hat, den Aufschluss daruber gegeben hatte war nun, seitdem ich einen Scharlatan und eine Schauspielerin an seiner Spitze sah, nichts als ein betrugerisches Netz, worin er mich und tausend andere gutherzige Menschen gefangen hatte, um uns zu blinden Werkzeugen, und, nach Erforderniss der Umstande, zu Opfern seiner Herrschsucht und seines Eigennutzes zu machen. Es war mir unmoglich, einem Manne, der alles, was in meinen Augen das Ehrwurdigste und Heiligste war, bloss als Maschinen, Decorationen und Masken zu Ausfuhrung eines weit granzenden politischen Plans gebrauchte, edle Absichten dabei zuzutrauen; und nichts in der Welt hatte mich dahin bringen konnen, mit dem ehemaligen Vorsteher einer herumziehenden Bande von Isispriestern gemeine Sache zu machen, und ware ich auch noch so gewiss gewesen, in nicht mehr Jahren, als Alexander zu seinen Eroberungen brauchte, den Thron unsrer heuchlerischen Theokratie mitten in der Hauptstadt der Welt aufgerichtet zu sehen, und der Zweite nach Kerinthus in dieser allgemeinen Monarchie zu seyn.

Diesen Gesinnungen zufolge bedachte ich mich nicht lange, was ich von der Freiheit, die ich nun durch Diokleens Vermittlung wieder erhalten sollte, fur einen Gebrauch zu machen hatte. Sobald die Tauschung, die mir eine Wolke statt der Juno in die Arme gespielt hatte, voruber war, konnte ich mich nicht schnell genug von den Gegenstanden meiner betrognen Liebe losreissen, fur die ich nun eben so viel Widerwillen empfand, als sie mich ehemals angezogen und gefesselt hatten. Aber wie ich mich von Diokleen, welche ich wieder zu sehen nicht vermeiden konnte, auf eine bessere Art als durch eine heimliche Flucht losmachen konnte, dazu fand ich in dem ganzen Umfang meiner Einbildungskraft kein Mittel. Denn ich kannte die Schwache meines Herzens und die magische Gewalt ihrer Ueberredungen, ihrer Liebkosungen, und (wenn nichts andres helfen wollte) ihrer Thranen, zu gut, um nur daran denken zu durfen, ihr meine Entschliessung und die Beweggrunde derselben eher zu entdecken, bis ich aus dem Kreise heraus ware, worin sie alles was sie wollte aus mir machte. Diess war die einzige Schwierigkeit, die mich keine geringe Ueberwindung kostete. Denn der Gedanke an die grossen Summen, die aus meiner Erbschaft in die Brudercasse des Kerinthus und Hegesias geflossen waren, und welchen auch Dioklea, wiewohl nur im Vorbeigehen, bei mir geltend zu machen nicht vergessen hatte, hielt mich keinen Augenblick auf. Wie hatte auch ein solcher Verlust einen Menschen kranken sollen, der die Befriedigung eines einzigen seiner schwarmerischen Wunsche mit allen Schatzen von Indien noch sehr wohlfeil erkauft zu haben geglaubt hatte, und, nachdem er sich nun zum zweitenmale vom hochsten Gipfel seiner schonsten Hoffnungen herabgesturzt sah, nichts mehr zu verlieren hatte, was bedauernswerth war!

Alles erfolgte nun wie Schwester Theodosia es vorhergesagt hatte. Ich wurde am nachsten Morgen vor den Statthalter gefuhrt, fand ihn aber von einer so ungeheuern Menge von Leuten, die entweder etwas anzubringen hatten oder auf seine Befehle warteten, belagert, dass er weder Zeit noch Lust zu haben schien, mir zu der Schutzrede fur die Christianer, die ich meditirte, Gelegenheit zu geben. Er begnugte sich zwei oder drei Fragen an mich zu thun, deren Beantwortung ihn vermuthlich in der Meinung, die ihn Dioklea von mir beigebracht, bestarken mochte: denn er erwiederte sie bloss mit einem ironischen Lacheln, und dem Befehl, mich, als einen Menschen, von welchem der Staat und die offentliche Ruhe nichts zu besorgen habe, auf der Stelle in Freiheit zu setzen, unter der einzigen Bedingung, dass ich die Provinz Syrien sogleich verlassen und mich huten sollte, noch einmal in verbotenen Versammlungen, von welcher Art sie seyn mochten, betreten zu werden. Von der Klage, welche meine Verwandten der Verschleuderung meines Erbgutes halben gegen mich erhoben hatten, wurde gar nichts erwahnt. Vermuthlich hatte die vorsichtige Dioklea, die mit ihrem Bruder auf Gewinn und Verlust in Gesellschaft getreten war, Mittel gefunden, diesen Punkt mit dem Statthalter in geheim auszumachen. Genug, meine guten Freunde zu Parium mussten sich an dem Bescheid ersattigen, dass man bei der vorgenommenen Untersuchung keine Ursache gefunden habe, den Beklagten der Gewalt, die ihm die Gesetze in Rucksicht seines Alters uber die Anwendung seines Vermogens gaben, zu berauben. Und so endigte sich, lieber Lucian, diese ganze Sache, ohne dass die Philosophie des Statthalters so viel zu meiner Entlassung mitgewirkt hatte, als dein Ungenannter zu Elis dich glauben machen wollte.

Lucian.

Aber wie lief es nun mit Diokleen ab?

Peregrin.

Die Lebhaftigkeit der Freude, womit sie mich empfing, hatte beinahe alle meine Entschlossenheit umgeworfen. Ich wusste mir nicht anders zu helfen, um das Bewusstseyn des Widerspruchs zwischen meiner wirklichen Gesinnung und der Person, die ich spielen musste, zu ubertauben, als dass ich mich dem Eindrukke, den die Gegenwart dieser sonderbaren Frau immer auf mich machte, ganzlich Preis gab, und den Gedanken an das, was wir vorhatten, so viel moglich von ihr und mir zu entfernen suchte. Indessen war es doch unmoglich, dass der innerliche Zwang, den ich mir anthun musste um ruhiger und frohlicher zu scheinen als ich war, einem so scharfen Auge wie das ihrige hatte entgehen konnen. Sie zeigte mir von Zeit zu Zeit einige Unruhe daruber; und da ich, in der druckenden Nothwendigkeit, sie durch eine Luge zufrieden zu stellen, mich wenigstens derjenigen bedienen wollte, die der Wahrheit am ahnlichsten sah oder vielmehr wirklich zur Halfte Wahrheit war

Lucian (lachend).

Das nenne ich einen gewissenhaften Schelm!

Peregrin.

so gab ich ihr endlich zu verstehen, dass es sehr grausam von ihr gehandelt ware, wenn sie dem Zwange, den sie mir in der verwichnen Nacht furs Kunftige zu einer Pflicht gemacht hatte, die mir, bei dem was ich fur sie fuhlte, weder leicht noch angenehm seyn konnte, nicht wenigstens so viel zu gut halten wollte, um die unfreiwilligen Seufzer, die mir von Zeit zu Zeit entfuhren, ungeahndet zu lassen. Sie beantwortete diese Aeusserung, welche sie, ohne eine zu geringe Meinung von mir oder eine zu grosse von sich selbst zu hegen, fur sehr naturlich halten konnte, durch ein Betragen, das mir einige Hoffnung liess, wenn ich mich ihres Zutrauens erst wurdiger gemacht haben wurde, von ihrem Herzen zu erhalten, was in der That bei einer Frau wie sie durch irgend eine andere Art von Verfuhrung schwerlich zu erhalten war. Diese Wendung, welche unsre Unterhaltung nahm, fuhrte unvermerkt Erinnerungen an Scenen aus der Vergangenheit herbei; dein armer Freund (wenn du ihn anders dieses Namens noch wurdig findest) wurde eben so unvermerkt immer warmer, und es kam so weit mit ihm, dass, wenn Dioklea nur die mindeste Ahndung der Gefahr, von ihm verlassen zu werden, gehabt hatte, es ganzlich in ihrer Gewalt gewesen ware, ihn bis zum Gestandniss seines treulosen Vorhabens zu treiben, und ihm einen Ruckfall wenigstens auf lange Zeit unmoglich zu machen. Aber von dieser Seite lebte sie in der vollkommensten Sicherheit: und da sie alle ihre Aufmerksamkeit und Kunst bloss darauf wandte, dem, was sie fur die einzige Gefahr bei unserm neuen Verhaltnisse hielt, mit guter Art vorzubauen; so entging ich zu meinem Glucke der einzigen, in welcher mein Entschluss unfehlbar gescheitert ware. Denn ich hatte, in diesen zartlichen Augenblicken, da meine Seele in dem Andenken so vieler unbeschreiblich wonnevoller Tage dahin schmolz, die mir in der zauberischen Einsamkeit der Villa Mamilia mit ihr zu einzelnen Stunden geworden waren, keine Stirne gehabt, ihr etwas zu verheimlichen oder abzulaugnen, wenn sie in meinem Inwendigen hatte lesen konnen. So hingegen schien sie, vielleicht aus Misstrauen in ihr eigenes Herz, nichts Angelegner's zu haben, als mich von jenen verfuhrerischen Erinnerungen zuruckzuziehen, und wusste mir auf ihre eigene feine Art unvermerkt Fragen abzulocken, deren Beantwortung ihr Gelegenheit gab, sich in eine umstandliche Erzahlung des Merkwurdigsten einzulassen, was ihr in den sieben Jahren unsrer Trennung begegnet war. Eine Vertraulichkeit, die meinem wankenden Vorsatz ungemein zu Statten kam, da es nicht fehlen konnte, dass sie mich dabei manchen Blick in ihr Inneres thun liess, der mich in der alten Entdeckung bestatigte, dass sie eine zu grosse Meisterin in der Mimik sey, als dass ein Mensch von meinem Schlage jemals hoffen durfe, das, was der Natur oder der Kunst in ihr angehore, mit einiger Sicherheit unterscheiden zu lernen.

Lucian.

Meine erste Sorge, sobald du deine Lebensgeschichte glucklich zu Ende gebracht haben wirst, soll seyn, diese Dioklea aufzusuchen, wofern sie anders in den Gegenden, die uns zur Wohnung angewiesen sind, zu finden ist.

Peregrin.

Ueber diesen Zweifel kann ich dich beruhigen, Lucian. Ich habe sie schon ofters und immer in sehr guter Gesellschaft angetroffen. Es soll mir ein Vergnugen seyn dich mit ihr bekannt zu machen.

Lucian.

Eine Gefalligkeit mehr, wofur ich dir verbunden seyn werde. Aber nun zum Verfolg deiner eigenen Angelegenheiten!

Da mir auferlegt war, Antiochien noch an dem namlichen Tage und ohne alles Aufsehen zu verlassen, und Dioklea alle Anstalten dazu bereits getroffen hatte; so begreifst du ohne mein Erinnern, dass alles, was ich dir so eben von unsrer gegenseitigen Lage gesagt habe, das Merkwurdigste von den drei Tagen ausmacht, an welchen wir auf ihrer Ruckreise zu ihrem Bruder, der uns zu Damaskus erwartete, zum letztenmal allein beisammen waren. Dioklea befand sich um die dritte Nacht so ermudet, dass sie, sobald wir in unsrer Herberge anlangten, sich sogleich zur Ruhe begab, und mir dadurch Zeit verschaffte, meine beschlossene heimliche Flucht ins Werk zu setzen. Glucklicher Weise hatten wir uns den Abend zuvor uber das, was ich Heuchelei nannte, ein wenig mit einander entzweit, aber auf meiner Seite stark genug, dass es mir bei Ausfuhrung meines Vorhabens leichter ums Herz war als ich selbst gehofft hatte. Wir befanden uns nicht weit von Gabala, in dem Hause einer Christianerin, einer guten alten Wittwe, die hier von den Einkunften eines kleinen Landgutes lebte, und, da sie kinderlos war, den Mann Gottes Kerinthus, oder vielmehr die unter seiner Verwaltung stehende Brudercasse, zu ihrem eventualen Erben eingesetzt hatte. Ich liess also meine geliebte Schwester Theodosia in guten Handen. Ueberdiess hielt ich es auch fur Pflicht, mir bei unsrer Abreise von Antiochien ubergeben hatte, zwei Drittheile zuruckzulassen, wiewohl ich, ohne mein Gewissen zu belasten, das Ganze, als einen sehr kleinen Ersatz fur das reiche Opfer, so ich der Brudercasse dargebracht, hatte behalten konnen. Meine Flucht hatte nicht die geringste Schwierigkeit. Ich hinterliess einen Brief an Diokleen, worin ich ihr sagte: "Die Aufschlusse, die ich uber das Geheimniss des Ordens, in welchen mich meine unvorsichtige Gutherzigkeit verflochten habe, seit kurzem erhalten hatte, machten mir eine ganzliche Aufhebung aller Gemeinschaft mit besagtem Orden und seinen Vorstehern zum unumganglichen Gesetz. Ich begabe mich hiermit freiwillig und wohlbedachtlich alles Anspruchs an alle Summen, welche Hegesias und Kerinthus wahrend unsrer Verbindung von mir erhalten oder in meinem Namen bezogen hatten; und hoffte dagegen, dass sie so billig seyn wurden, mich fur ein so betrachtliches Losegeld hinwieder aller Pflichten zu entlassen, die ich beim Eintritt in ihren Orden ubernommen, und deren Erfullung mir von nun an moralisch unmoglich sey. Im Uebrigen werde ihnen ihre Kenntniss meines Herzens Burgschaft dafur leisten, dass keines von ihnen jemals etwas Nachtheiliges von mir zu besorgen haben konne."

Ich machte, als alles im Hause im ersten Schlafe lag, meinen Abzug durch ein Fenster, das aus meinem kleinen Zimmer in den Garten ging, doch mit etwas mehr Bequemlichkeit als ehemals aus dem Fenster der schonen Kallippe; und da ich, vom Gefuhl meiner Freiheit und dem schmeichelhaften Bewusstseyn der Leichtigkeit, womit ich der Tugend so viele und grosse Opfer brachte, begeistert, die ganze Nacht durch in Einem fort lief, befand ich mich mit Anbruch des Tages am Ufer des Meeres. Ich liess mich unverzuglich in einem Fischernachen nach Laodicea ubersetzen, wo ich, in grosster Verborgenheit, ein paar Tage damit zubrachte meine Lage zu uberdenken, und zu sehen was fur eine Partei mir nach einer so grossen Katastrophe meiner innerlichen und ausserlichen Umstande zu nehmen ubrig sey.

Achter Abschnitt.

Lucian.

Ich gestehe dir offenherzig, Freund Peregrin, dass in deinem letztern Betragen gegen Diokleen etwas ist, das ich mit deinem Charakter, so wie er sich bis zu dieser Epoche gezeigt hat, nicht recht zusammen reimen kann. Mich dunkt, das feine moralische Gefuhl, das dich sonst bei allen Verirrungen deiner Phantasie und deines Herzens nie verliess, musse durch deinen langen Aufenthalt unter den Christianern ein wenig abgestumpft worden seyn: denn wie ware es sonst moglich gewesen, dass du eine Freundin, die schon so viel fur dich gethan, dir in diesem Augenblick einen so grossen Beweis ihrer Theilnehmung und ihres Zutrauens gegeben hatte, auf eine eben so unedle als unzartliche Art, ohne die geringste Rucksicht auf die Verlegenheiten, in welche sie dadurch gesetzt wurde, hattest verlassen konnen? Bloss aus Freundschaft fur dich, bloss weil sie den Gedanken nicht ertragen konnte, dass du, anstatt ein Mitgenoss der Unternehmungen ihres Bruders, nur ein Werkzeug, und wohl gar ein Opfer derselben seyn solltest, hatte sie dir sein Geheimniss entdeckt, und sich dadurch in den Fall gesetzt, seinen ganzen Unwillen auf sich zu laden, ja wofern sie zu viel auf dich gerechnet haben sollte. Wurde sie diess gewagt haben, wenn sie nicht die grosste Meinung von deinem Edelmuth gehegt, dich nicht schlechterdings fur unfahig gehalten hatte, ihr Zutrauen so zu belohnen wie du thatest? Und warest du fahig gewesen so zu handeln, wenn du dich nur einen Augenblick an ihren Platz gesetzt hattest?

Peregrin.

Welch einen warmen Sachwalter diese Zaubrerin an dir gefunden hat, von deren verfuhrerischer Gewalt du dir nur erst jetzt einigen Begriff machen kannst, nachdem es ihr schon bei einer bloss mittelbaren Bekanntschaft gelungen ist, den kalten Lucian, den erklarten Feind aller Tauschungskunste, durch einen einzigen behenden Handgriff auf ihre Seite zu bringen! Mit welcher Leichtigkeit hat sie alle Aufschlusse, die wir in dem Haine der Venus Urania und auf dem Landgute der edeln Romerin von ihrem wahren Charakter erhalten haben, plotzlich aus deinen Augen geruckt! Aber ich, mein lieber Lucian, ich trug zu tiefe Narben von allem, was ich durch ihren Leichtsinn, ihren Muthwillen, ihre Eitelkeit, ihre eigennutzige Gefalligkeit gegen fremde Leidenschaften, gelitten hatte, in meiner Seele; ich hatte zu viele, zu entscheidende Proben, wie hoch sie es in der Mimik gebracht, und Gebarde jeder schonen Empfindung, jeder Tugend, jeder moralischen Grazie anzunehmen, als dass ich (zumal nach Gestandnissen, welche nothwendig einen dem Kerinthus und ihr selbst hochst nachtheiligen Eindruck auf mich machen mussten) so geneigt hatte seyn konnen, von der anscheinenden Grossmuth ihrer Freundschaft auf eine dauernde Art geruhrt zu werden. Ich begehre mich nicht zu rechtfertigen, Lucian; ich erzahle dir bloss mit aller Aufrichtigkeit, deren ich in unserm gegenwartigen Zustande fahig bin, was ich von meiner eigenen Geschichte weiss; und Nachsicht mit meinen Verirrungen ist alles, worauf ich, bei einem Manne wie du, Anspruch machen kann. Ich bin getauscht worden, und habe andere getauscht; aber jenes immer unwissend; dieses immer ohne Vorsatz: ich gestehe beides offenherzig; aber am Ende ist es doch nur Gerechtigkeit, wenn ich sage, dass ich zu beidem fast immer durch Anscheinungen verleitet wurde, die so lebhaft auf mich wirkten dass ich sie fur Wahrheit hielt. Mich dunkt, ich habe in meiner Erzahlung schon erwahnt, dass es mir wahrend der vier Tage, die ich wieder mit Diokleen lebte, nicht wenig kostete, dass ich nicht so offen und gerade gegen sie seyn durfte, als es ihr Betragen gegen mich zu fordern schien. Aber wie konnte ich anders, da ich entschlossen war, mit einem so gefahrlichen Menschen, als Kerinthus nun in meinen Augen war, schlechterdings alle Gemeinschaft aufzuheben? Der Abscheu, den ich nach so unerwarteten und aus einem so glaubwurdigen Munde erhaltenen Aufschlussen gegen ihn gefasst hatte, war so ubermassig als die Verehrung, von welcher ich, so lang' ich ihn in einer uberirdischen Glorie erblickte, fur ihn durchdrungen war; er war zu heftig, um in seiner ersten Energie von irgend einer andern Empfindung uberwogen zu werden. Und dennoch machte Dioklea meine Entschliessung mehr als Einmal wanken! Dennoch wurde sie allem Vermuthen nach einen ganzlichen Sieg uber mich davon getragen haben, wenn sie in dem kritischen Momente, dessen du dich erinnern wirst, tiefer in mich gedrungen, und mich genothiget hatte, ihr die wahre Ursache meiner Verlegenheit und meiner Seufzer zu entdecken.

Lucian.

Ich erinnere mich dieses kritischen Augenblicks sehr wohl, lieber Peregrin: aber erlaube mir zu bemerken, dass es nicht Edelmuth und dankbares Gefuhl fur die ausserordentliche Freundschaftsprobe, die sie dir gegeben hatte, sondern etwas ganz anderes war, was ich damals in ihre Gewalt brachte.

Peregrin.

Ich bekenne meine Schuld, und weiss zu meiner

Vertheidigung nichts weiter anzufuhren als was ich schon gesagt habe. Im Fall eines Zusammenstosses zweier einander entgegen wirkender Gefuhle muss naturlicherweise das schwachere weichen; und diess geschah im vorliegenden Falle um so mehr, da ich Diokleens Offenherzigkeit gegen mich, in der Stimmung worin mich die Geheimnachrichten von ihrem Bruder gesetzt hatten, bloss als einen feinern Kunstgriff ansah, mich starker und unaufloslicher in die Unternehmungen eines Ordens zu verwickeln, der schon allein dadurch, dass er im Grunde bloss politische Absichten und Finanzspeculationen zum Zweck hatte, alles Anziehende fur mich verlor, und meiner ganzen Sinnesart zuwider war. Aber es ist Zeit, den Rest meiner Geschichte mit etwas schnellern Schritten fortzusetzen.

Lucian.

Doch nicht schneller, wenn ich bitten darf, als das Interesse, das mir deine Geschichte eingeflosst hat, gestatten kann. Du bliebst zu Laodicea stehen, in Ueberlegungen vertieft, was du nun mit deiner wieder erlangten Freiheit und mit deinen neuen Erfahrungen anfangen wollest. Beide waren, nach deiner Gewohnheit, etwas theuer erkauft!

Und mussten eben darum auch einen desto grossern Werth in meinen Augen haben. Indessen ubertreibe ich nichts, wenn ich sage, dass weder der Verlust des grossten Theils meines Vermogens, noch die Trennung von Kerinthus, Dioklea und meinen ehemaligen Brudern, mir das Vergnugen, mich wieder frei zu wissen, verkummern konnten. Es gehorte, wie du bereits bemerkt haben wirst, zu den Eigenheiten meiner Sinnesart, dass dieselben Gegenstande, welche in dem Zauberlichte, worin sie mir erschienen, meine ganze Seele eingenommen hatten, sobald ich fand oder zu finden glaubte, dass sie das nicht waren wofur ich sie gehalten hatte, nur aus meinen Augen geruckt zu werden brauchten, um sich in wenigen Tagen auch aus meinem innern Gesichtskreise so ganzlich zu verlieren, als ob alles, was zwischen mir und ihnen vorgegangen, ein blosser Traum gewesen ware. Ich trennte mich von Kerinthus und seinen Anhangern, nachdem der Sturm des ersten Augenblicks voruber war, ohne dass es meinem Herzen das Geringste kostete, als von Betrugern oder Betrognen, zwischen welchen und mir von nun an keine Gemeinschaft mehr statt fand; ohne Reue oder Beschamung, und durch das Bewusstseyn befriediget, dass ich, durch die edelsten Beweggrunde in meine Verbindung mit ihnen hinein gezogen, der guten Sache, so lange ich sie dafur halten musste, alles Seele, das mir zwar unter so vielen Gegenstanden, welche unmittelbarer auf mich gewirkt und sich aller meiner Aufmerksamkeit bemachtigt hatten, nach und nach aus dem Andenken gekommen war, aber nun, in der tiefen Einsamkeit, in die ich mich zuruckgeworfen sah, durch einen Contrast, der seine Liebenswurdigkeit verdoppelte, auf einmal wieder wie eine himmlische Erscheinung vor meiner Stirne stand; und diess war das Bild der guten, unschuldigen, unverfalschten Familie von Christianern, zu denen mich mein Wegweiser Hegesias ehemals in dem Walde zwischen Pergamus und Pitane verirren liess. Du kennest mich nun so gut, Lucian, dass ich dir nicht zu sagen brauche, mit welchem Feuer meine Einbildungskraft, in dem abermaligen Schiffbruch, den alle meine Hoffnungen und Wunsche erlitten hatten, nach diesem Brette griff. Meine Partie war auf einmal genommen. Mein grossvaterliches Erbe, eine Kleinigkeit gegen das, was die Ordenscasse des Kerinthus verschlungen hatte, aber mehr als hinlanglich einen Menschen von massigen Bedurfnissen zu befriedigen dieses Erbe, welches grosstentheils in einem kleinen, nahe bei Parium gelegenen Landgute bestand, war glucklicher Weise noch in meinen Handen. Mein Plan war also, mit dem ersten Schiffe, das nach Cypern und Rhodus befrachtet ware, abzugehen, von da nach Hause zuruckzukehren, die Trummer meines Vermogens zu Gelde zu machen, und mich dann, wo moglich, unmittelbar mit jenem auserwahlten Hauflein achter Junger unsers guten Meisters zu vereinigen, um in paradiesischer Unschuld und Abgeschiedenheit von der Welt, Ein Leib, Ein Herz und Eine Seele mit diesen engelahnlichen Sterblichen, im reinsten Genuss des gegenwartigen und in freudigster Erwartung des zukunftigen Lebens, dieser hohen Eudamonie und gottlichen Befriedigung meines Innersten theilhaftig zu werden, welche schon so lange vergebens das letzte Ziel meiner Wunsche gewesen war.

Lucian.

Bravo, Peregrin! Deine Imagination thut wieder ihre Schuldigkeit, wie ich sehe; du geniessest wieder so uberschwanglich viel voraus, und alles in einer so uberirdischen Lauterkeit und Vollkommenheit dass die guten ehrlichen Seelen, von denen du so viel erwartest, schlechterdings in die Unmoglichkeit gesetzt sind, deiner Phantasie genug zu thun, wenn sie auch noch so guten Willen dazu hatten.

Peregrin.

Diessmal liess das Schicksal, oder meine Wankelmuthigkeit (wenn du nicht etwa lieber einmal meiner Vernunft die Ehre davon geben willst) es nicht zur Probe kommen, welche sehr warscheinlich gerade so ausgefallen seyn durfte, wie du erwartest. Eine unverhoffte Zusammenkunft mit einem Freunde, den ich seit mehreren Jahren ganz aus den Augen verloren hatte, verruckte mir den Gesichtspunkt, woraus ich diese Dinge noch anzusehen gewohnt war, und das Schicksal vollendete, was jener angefangen hatte.

Wahrend dass ich zu Lindus auf ein Fahrzeug wartete, welches mich nach Mitylene bringen sollte, begegnete mir in einer bedeckten Halle ein Mann, der bei meiner Erblickung eben so verwundert still stehen blieb, als ich bei der seinigen. Zu unsrer beiderseitigen Freude entdeckten wir, ich in ihm den namlichen Dionysius von Sinope, mit welchem ich zu Ikonium in der Pflanzschule des Kerinthus Bekanntschaft gemacht hatte, er in mir den damaligen Vertrauten und Gunstling des Propheten, der auf eine geheime Mission nach Syrien abgeschickt worden war. Der blosse Umstand, dass wir uns so allein zu Lindus wiederfanden, sagte uns, dass wir einander merkwurdige Dinge zu entdecken haben wurden. Dionysius war seit kurzem, wie er mir sagte, durch eine Erbschaft nach Lindus gezogen worden, und gefiel sich da so wohl, dass er diese anmuthige Stadt zum Ziel seiner Wanderungen zu setzen Lust hatte.

Und wie machtest du es, fragte ich etwas voreilig, dass du dich und deine Erbschaft aus den Klauen des Propheten Kerinthus in Sicherheit brachtest?

Diese Frage sagt mir viel auf einmal, erwiederte Dionysius; aber wir mussen einen bequemern Ort suchen, uns einander naher zu erklaren: und hiermit fuhrte er mich in seine Wohnung, und nothigte mich, das Gastrecht bei ihm anzunehmen. Ich habe dir schon gesagt, Lucian, dass dieser junge Mann den Schlussel zu meinem Kopf und Herzen bei sich trug; denn in der weiten Welt fand sich schwerlich noch ein anderer, der, was die Schwarmerei betrifft, ein vollkommnerer Gegenfusser von mir gewesen ware, und doch in allem ubrigen mehr mit meiner Gemuthsart sympathisirt hatte als er. Wir wurden also in wenigen Stunden vertraut genug, um nichts Geheimes vor einander zu haben. Dionysius machte den Anfang mich uber seine ehemalige Verbindung mit Kerinthus ins Klare zu setzen.

Ich wurde, sagte er, durch einen Zufall mit ihm bekannt. Er schien mir ein Mann von tiefem Inhalt zu seyn, und alles, was ich an ihm sah, fesselte meine Aufmerksamkeit. Auch er schien mich hinwieder als einen Menschen zu betrachten, der die seinige verdiente. Wir naherten uns einander unvermerkt, aber von beiden Seiten so behutsam, dass ich lange nicht recht wusste, was ich aus ihm machen sollte. Da wir einige Tage in Gesellschaft reiseten, so fehlte es uns nicht an Gelegenheit, allein beisammen zu seyn; und so fiel die Unterredung nach und nach auf alles, was fur Personen von Erziehung, Weltkenntniss und gesetztem Charakter Interesse hat. Wir sprachen von Politik, von Philosophie, von Religion immer mit Rucksicht auf den gegenwartigen Zustand der Dinge. Kerinthus liess sich uber alles wie ein Mann von grossem Sinne und festen Grundsatzen vernehmen, aber immer so, dass er viel weniger zu sagen schien als er konnte. Ich glaubte etwas Geheimnissvolles in ihm zu bemerken; aber er schien es zu tragen, wie einer, der zwar nicht sehen lassen will was er tragt, aber doch wohl leiden kann, dass man merke er trage etwas Wichtiges. Diess schien mir auf mich gezielt zu seyn, und machte mich desto behutsamer; denn es war fest bei mir beschlossen, mich nicht verwickeln zu lassen. Alles was ich von seiner Art zu denken herausbrachte, und woruber er sich allmahlich etwas deutlicher erklarte, war: dass die Welt zu einer grossen Revolution heran reife; dass wir diesem Zeitpunkte schon wirklich naher waren als man glaubte; dass in den Begriffen und Meinungen der Menschen eine zu grosse Veranderung vorgegangen sey, als dass die alten Stutzen langer halten konnten, welche die politische und moralische Welt seit einigen Jahrtausenden getragen hatten, und dass eine neue, auf die Wurde und Bestimmung des Menschen gegrundete Ordnung der Dinge nothig sey, um den furchterlichen Folgen einer ganzlichen Auflosung der gegenwartigen Weltverfassung zuvorzukommen. Diess brachte mich zuweilen auf den Gedanken, dass er vielleicht ein Christianer seyn konnte; aber er affectirte bei allem dem so gar nichts Prophetisches, sprach von allem so schlicht, wie es die Natur der Sache und der begreifliche Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung mit sich brachte, dass ich immer wieder versucht war, ihn fur einen blossen Philosophen zu halten, wiewohl er sich mit ziemlicher Warme gegen unsere Sectenphilosophie erklarte.

Ist's moglich, unterbrach ich meinen Freund, dass du mir von eben dem Manne sprichst, der mir zu Smyrna zwischen den Felsen des Vorgebirgs als eine Art von Genius erschien; der in meinem Innern las, sich mit einer Art von magischer Gewalt meiner ganzen Seele bemachtigte, und, als er wieder verschwand, mich in Ungewissheit liess, ob ich ihn fur einen neuen Zoroaster, oder fur einen Gott halten sollte?

Du siehest, fuhr Dionysius fort, dass der Mann das grosse Talent hat, jeden nach seiner Weise zu bedienen; eine Gabe, wodurch schon einer der ersten Haupter seiner Secte zu ihrer Ausbreitung so viel beigetragen hatte. Bei dir machte er den Propheten; bei mir den Weisen, den Menschenspaher, den freien, gegen alle gleich wohlgesinnten Weltburger, dessen Herz, auch wenn es von Eifer fur die Rechte der Menschheit, von Verlangen ihrem Elend abgeholfen zu wissen gluhte, dennoch immer unter den strengen Befehlen der Vernunft, unter der Leitung eines kalten Kopfes stand. Mehr als Einmal schien es mir zwar, wenn er von der Nothwendigkeit sprach, dass alle aufgeklarten Menschen, die es wohl mit ihren Brudern meinten, mit vereinigten Kraften auf das einzig Nothwendige arbeiten sollten, als ob er absichtlich warmer wurde, um zu sehen wie und was es auf mich wirkte. Weil ich aber bei dergleichen Aeusserungen allemal in gleichem Verhaltnisse kalter und einsylbiger ward, so zog er sich immer unvermerkt wieder in seine gewohnliche Ruhe zuruck, ohne dass ich an seinem Benehmen die mindeste Spur einer fehl geschlagnen Hoffnung wahrnehmen konnte.

So blieben die Sachen zwischen uns, bis es sich, da wir uns wieder trennen sollten, zeigte, dass wir einander unvermerkt interessant genug geworden waren, um zu wunschen es noch mehr zu werden: und da ich bei meinen Reisen keine Zwecke hatte, die ich an dem einen Orte nicht eben so gut als an dem andern verfolgen konnte, so bot ich ihm an, ihn nach Ikonium, dem Ziel seiner Reise, zu begleiten, und er schien es mit sichtbarem Vergnugen anzunehmen. Wir kehrten unterweges zwei- oder dreimal in Hausern ein, wo er das Gastrecht hatte, und mich seinen Freunden als einen ihm sehr werthen Reisegefahrten vorstellte. Ich wurde dadurch mit einigen Familien bekannt, die mir ein liebenswurdiger Schlag von Menschen zu seyn schienen, und sich ungemein gefallig gegen mich bezeugten; wiewohl es mir vorkam, als ob meine Gegenwart ihnen einigen Zwang auflege, den sie zu verbergen suchten.

Als wir endlich nur noch eine Tagereise von Ikonium entfernt waren, wusste Kerinthus das Gesprach unvermerkt auf die Christianer zu lenken; schien aber, nach seiner Gewohnheit, vor allen Dingen die Tiefe des Wassers sondiren zu wollen, eh' er sich zu weit hinein wagte. Ich erklarte mich ohne Bedenken: wiewohl ich wenig Kenntniss von dieser Secte hatte, so konnte ich mich doch nicht uberreden lassen, dass sie so bosartige und gefahrliche Leute seyen, als ihre Feinde behaupteten. Wie es scheint, sagte er lachelnd, hast du vielleicht noch keinen von ihnen sehr nahe gesehen. Niemals dass ich wusste, war meine Antwort. Aber vielleicht desto mehrere ohne es zu wissen, versetzte er. Wie so, Kerinthus? "Du hast auf unsrer letzten Reise dreimal bei Christianern das Gastrecht genossen." Ich betrachtete ihn bei diesen Worten mit einem Blick, den er zu verstehen schien "Und ich bin gewiss, fuhr er fort, dass da schon tausendmal in deinem Leben mit Christianern gesprochen oder Geschafte gehabt hast, ohne sie dafur anzusehen. Dafur kann ich dir wenigstens burgen, wenn dir im gemeinen Leben ein stiller, friedfertiger, zuverlassig treuer und guter Mensch, von unbescholtnem Ruf und reinen Sitten, in den Wurf kommt, so kannst du drei gegen eins setzen, er ist ein Christianer." Du machst mich begierig, sagte ich, so gute Menschen, und noch begieriger, das was sie zu solchen Menschen macht, genauer kennen zu lernen; und da du, wie ich sehe, selbst einer von ihnen, und vermuthlich ein Mann von Ansehen unter ihnen bist, so kann ich mich mit diesem Verlangen wohl an niemand schicklicher wenden als an dich. Kerinthus beantwortete dieses Compliment auf eine eben so bescheidene als leutselige Art: er sagte mir, dass auch sie ihre Mysterien hatten, zu welchen zwar, dem ersten Ansehen nach, weniger harte und beschwerliche, aber im Grunde weit strengere Bedingungen erfordert wurden als zu den Eleusinischen und andern dieser Art. Ich antwortete: da ich von einem Manne, wie er, keine Zumuthung, die der Vernunft oder dem Herzen eines Menschen von gutem Willen widerstehen konnte, zu besorgen habe, so sey ich zu allem Uebrigen bereit. Und so wurde denn ausgemacht, dass ich, sobald wir in Ikonium angelangt seyn wurden, zur Vorbereitung fur den ersten Grad der Weihe zugelassen werden sollte.

Nach einer Vorbereitung von wenigen Wochen erhielt ich diesen ersten Grad; aber dabei blieb es auch, und ich kann mich nicht ruhmen, weiter als bis an die Schwelle des innern Vorhofes gekommen zu seyn. Denn wiewohl ich eine Zeit lang ziemlich gute Hoffnung von mir gab, so fand sich doch in der Folge, dass ich weder als Missionar, noch als Martyrer, noch als geheimer Minister und Vertrauter im Reiche des Kerinthus (welches ich von einem andern Reiche, wovon mir viel Herrliches gesagt wurde, sehr gut zu unterscheiden wusste) zu gebrauchen war: und da ich uberdiess noch die Hand fest auf meinem Geldbeutel hielt, und alles was mir gelegentlich von Verachtung des Irdischen, von dem was der Herr bedarf, von der tausendfaltigen Frucht, welche alles, was man fur seine Sache aufopfere, hier oder dort trage, und was dergleichen mehr war, ans Herz gelegt wurde, weder verstehen wollte noch um nahere Erklarung bat; so konnte ich deutlich genug sehen, dass man nach Verfluss einiger Monate an meiner Erwahlung zu verzweifeln anfing, und als ich, dringender Familienangelegenheiten wegen, um meine Entlassung bat, noch froh war, eines beschwerlichen Beobachters los zu werden. Vermuthlich wunschte sich Kerinthus Gluck, dass er immer so zuruckhaltend und verschlossen gegen mich geblieben war. Indessen hatte er doch in Augenblikken, wo meine Neugier mehr die Miene von Gelehrigkeit und Empfanglichkeit haben mochte, einzelne Lichtstrahlen in meinen Kopf fallen lassen, die sich darin sammelten, und mir zu sehr wahrscheinlichen Vermuthungen uber den geheimen Plan dieses talentvollen moralischen Zauberers, wenn ich ihn so nennen kann, verhalfen. In der That wusste er seinen Plan, das eigentliche grosse Mysterium seines Ordens, in sehr scheinbare moralische Hullen einzuwickeln, welche, je nachdem die Hoffnung mich noch zu gewinnen stieg oder sank, dunner oder dichter wurden: aber eben diese Kunstgriffe, wie leicht auch seine Hand dabei war, verriethen mir was er verbergen wollte; und je mehr ich ihn zu entrathseln glaubte, desto mehr fand ich mich in der Meinung bestarkt, dass er schwerlich den Mystagogen unter den Christianern spielen wurde, wenn es in seiner Willkur stande, auf dem Wege eines Alexanders oder Julius Casars zu seinem Ziele zu gelangen. Diess, lieber Lucian, war ein Punkt, woruber mein Freund Dionysius sehr authentische Nachrichten von mir zu erwarten hatte. Damit ihm alles desto begreiflicher seyn konnte, sah ich mich genothigt meine Geschichte vom Ei anzufangen.

Lucian.

Man hat immer viel vor andern Sterblichen voraus, wenn man eine Geschichte wie die deinige zu erzahlen hat.

Einem so ausgemachten Antipoden aller Schwarmerei, wie Dionysius, musste sie in der That wunderbar genug vorkommen; und doch merkte ich, dass von allen den ausserordentlichen Dingen, womit er dadurch bekannt wurde, ich selbst doch das wunderbarste in seinen Augen war. Er schien sich ganz leicht zu erklaren, wie man eine Mamilia Quintilla, eine Dioklea, ein Kerinthus oder Hegesias seyn konne: aber wie es moglich sey Peregrinus zu seyn, diess (wiewohl er zu hoflich war, es mir ausdrucklich zu sagen), diess schien uber seinen Begriff zu gehen. Indessen, da er sich doch nicht erwehren konnte an dem seltsamen Schwarmer Antheil zu nehmen, fand er, als ich mit meiner Erzahlung zu Ende war, dass es wirklich solcher Erfahrungen bedurft habe, um einen Menschen von dieser Gattung vollig zur Vernunft zu bringen; ein Vortheil, der, seiner Meinung nach, mit allem was er mir gekostet hatte, nicht zu theuer bezahlt war. Du kannst dir also vorstellen, wie der gute Mann erschrak, da er horte dass er meine Genesung zu voreilig vorausgesetzt habe, und dass ich, weit entfernt endlich den rechten Talisman gegen alle Zaubereien meines bosen Damons gefunden zu haben, noch immer der alte Enthusiast sey, der sich nur in den Personen geirrt zu haben glaubte, und im Begriff stand, sich in ein neues Abenteuer zu wagen, wobei, seiner Meinung frohlichem Ausgang nehmen wurde. Ich hingegen hatte, seitdem das Bild meiner liebenswurdigen Johanniten wieder in mir lebendig geworden war, mich in den Gedanken mit ihnen zu leben schon so tief hinein gearbeitet, dass ich nicht begreifen konnte, wie auch der kaltblutigste aller Menschen einem so naturlichen und vernunftigen Projecte seinen Beifall versagen konne. Es muss daran liegen, dachte ich, dass du bei Erzahlung deiner Begebenheiten zu schnell uber diese hinweg geeilt bist; der gute Dionysius hat keine Vorstellung davon, was fur Engel von Menschen es sind, zu denen mein Herz mich so unwiderstehlich hinzieht. Ich bot also alle meine Malerkunst auf, ihm eine Abschilderung von dieser Familie und von der Gluckseligkeit, die mich in ihrem Schooss erwarte, zu machen: aber ich trug meine Farben so dick auf, dass mein Gemalde gerade das Gegentheil dessen, was ich beabsichtete, bei ihm wirken musste.

"Beinahe, sagte er, sollte ich mir ein Gewissen daraus machen, dich von einem so sussen und so unschuldig scheinenden Wahnsinne zu heilen: aber ich sehe, dass deine Phantasie dein Herz abermal zum Besten hat, und dass du bei diesem neuen Lebensplan um so grossere Gefahr laufst, weil es vielleicht nicht so leicht seyn durfte, dich, wenn die Tauschung voruber seyn wird, von diesen ehrlichen Seelen wieder loszuwinden, als von den Komodianten und Gauklern, deren Spiel du bisher gewesen bist. Ich sehe diesen Ausgang zu gewiss voraus, um eher von dir abzulassen, bis ich dich uberzeugt habe, dass dir, nachdem du einmal glucklich genug gewesen bist den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, keine andere Wahl ubrig bleibt, als alle Gemeinschaft mit den Christianern aufzuheben.

Dein Ungluck, lieber Peregrin, fuhr er fort, war bisher, dass du dich immer blindlings von zwei Fuhrern leiten liessest, die dich nothwendig irre fuhren mussten. Gefuhl und Imagination sind sehr angenehme Gefahrten, aber gefahrliche Wegweiser durch den Labyrinth des Lebens. Du hast diess nun schon so oft erfahren, dass es wahrlich hohe Zeit ist, es endlich einmal mit einem Fuhrer zu versuchen, der unmoglich irre fuhren kann. Lass' also, anstatt einem vielleicht betruglichen Zuge nachzugeben, die Vernunft entscheiden, was fur eine Partei du ergreifen sollst. Die Vernunft, glaube mir lieber Peregrin, die Vernunft ist der gute Damon des Menschen, und die Eudamonie, nach welcher du strebest, ist die Frucht eines nach ihrer Vorschrift gefuhrten Lebens, oder es gibt gar nichts, das diesen Namen verdient, diesseits des Mondes. Ich will jetzt nicht untersuchen, ob du, da du dich einmal so tief mit Kerinthus eingelassen, da deine Fahigkeiten und Vorzuge dich zu einem ansehnlichen Posten in seinem unsichtbaren Reiche bestimmten, und die Freundschaft Diokleens (deren Aufrichtigkeit und Warme zu bezweifeln, du, so viel ich sehe, keinen Grund hattest) dir unfehlbar das Innerste seines Ordens aufgeschlossen und einen unmittelbaren Antheil an den Vortheilen seiner Unternehmung verschafft haben wurde, ob du, sage ich, nicht kluger gethan hattest, bei ihm auszuharren, und ob nicht gerade das, was dich bewog seine Partei zu verlassen, dich zum Gegentheil hatte bestimmen sollen.

Zwar bin ich so uberzeugt als du, dass der ausserordentliche Mann, nach welchem die Christianer sich nennen und fur dessen Junger sie sich ausgeben, einen ganz andern Plan hatte, als der ist, an welchem Kerinthus arbeitet. Ganz gewiss war das Reich Gottes, welches er ankundigte, und zu welchem er (nachdem ihm seine Absicht bei den Juden, seinen Stamm- und Glaubensgenossen, fehl geschlagen war) alle Menschen eingeladen wissen wollte, nichts weniger als eine politische Universalmonarchie. Alles musste mich trugen, oder dieses Reich hatte mit der Theokratie oder Hierarchie, an welcher seine vorgeblichen Anhanger im Verborgnen arbeiten, und womit sie uber lang oder kurz die erstaunende Welt uberraschen werden, nicht mehr gemein, als sein Geist mit dem ihrigen. Er war ein Enthusiast im erhabensten Sinne dieses ehrwurdigen Wortes, welches durch Vermengung mit Schwarmerei, Fanatismus und Magismus so haufig entheiligt wird: aber seine Lehre war zu einfach, sein Sinn zu lauter, die Vollkommenheit, zu welcher er einlud und die er an sich selbst darstellte, zu rein und gross, als dass es sich nur denken liesse, sie konnte jemals das Antheil von Hunderttausenden und Millionen seyn. Was erfolgte also, und was musste erfolgen? Eines von beiden: entweder seine reine Theosophie musste, wie die Weisheit und Tugend (zwei nicht weniger profanirte Worter!) eines Archytas oder Sokrates, sich immer nur, unsichtbarer Weise, unter den Wenigen erhalten und fortpflanzen, die seines Geistes waren; oder, wenn sie sichtbar werden, zu einer Art von Herrschaft uber die menschlichen Gemuther gelangen, und irgend eine wichtige Veranderung in der Welt hervorbringen sollte, so musste sie sich mit den Meinungen und Leidenschaften der Menschen amalgamieren, und in der Hand ehrgeiziger, planvoller und betriebsamer Menschen zu einer neuen Volksreligion, und als solche zum Mittel eines Zwecks, der nicht der Zweck des ersten Stifters war, kurz, zu dem gemacht werden, was der Glaube und die Mysterien der Christianer in den Handen eines Kerinthus und Hegesias sind.

Wie viel Antheil aber auch Regiersucht und Eigennutz an der Unternehmung dieser Manner haben mogen, so ist doch nicht zu laugnen, dass etwas Grosses in dem Gedanken ist, die Menschheit zugleich von den Ketten des Aberglaubens und des Despotismus zu befreien, und alle Volker der Erde, durch einen Glauben, der die moralische Natur des Menschen reinigt und veredelt, sie zu Kindern Eines Vaters, zu Mitgenossen gleicher Rechte, zu Erben eben derselben Hoffnung macht, in eine einzige Brudergemeine zu versammeln. Mag doch diese Idee, in ihrer hochsten Vollkommenheit gedacht, unerreichbar seyn! Aber wurden auch Jahrtausende dazu erfordert, um ihr von Stufe zu Stufe naher zu kommen, und musste gleich das Gute, das fur die Menschheit dadurch gewonnen wurde, mit tausend vorubergehenden Uebeln erkauft werden: immer bliebe der, der den Grund zu einer solchen Revolution gelegt hatte, ein Wohlthater des menschlichen Geschlechts. Ich musste mich sehr irren, oder Kerinthus betrachtet sich selbst in diesem Lichte. Und, wiewohl man den keinen Schwarmer nennen kann, der so kunstliche Maschinen mit so viel Klugheit und mit so feinen Handgriffen zu Ausfuhrung eines Werks, wovon er selbst die Seele ist, zu verbinden weiss; wiewohl der Gebrauch wunderbarer Mittel und einer Art von moralischer Magie ihm sogar das Ansehen eines Betrugers geben; so wollte ich doch nicht behaupten, es sey unmoglich, dass er, von der Schonheit und Grosse seines Plans begeistert, sich selbst uber die Mittel tausche, und alles fur recht und gut halte, was zu einem so herrlichen Ziele fuhre; und diess um so mehr, je scheinbarer der Gedanke ist, dass durch eine solche Anwendung das, was in einem andern Zusammenhang der Dinge bose seyn wurde, insofern als das Gute dadurch befordert wird, sich wirklich in etwas Gutes verwandelt, und also aufhort zu seyn was es war. Ich erinnere mich, von Kerinthus etwas diesem Aehnliches gehort zu haben; und wenn die Alexander und Casarn, wie zu vermuthen ist, Augenblicke hatten, wo eine unfreiwillige innere Gewalt sie nothigte einem Richter in ihrem eigenen Busen Rechenschaft zu geben, so waren es ohne Zweifel Sophismen dieser Art, wodurch sie ihn zu bestechen suchten."

Wie es aber auch damit beschaffen seyn mag, immer macht es dem Genie des Kerinthus in meinen Augen Ehre, dass er (aller Wahrscheinlichkeit nach) der erste war, der in dem Glauben einer bisher so verachteten Secte das Mittel und Werkzeug fand, die grosste aller Revolutionen zu bewirken. Es ist sehr moglich, oder vielmehr es ist sehr wahrscheinlich, dass er mit seiner Unternehmung scheitern wird. Er betreibt sie zu lebhaft, und, als einer der die Fruchte seiner Arbeit selbst geniessen mochte, zu eilfertig; die Welt ist zu einer so grossen Katastrophe noch nicht reif. Aber ich bin gewiss, wenn auch Kerinthus unterliegt, das von ihm angefangene Werk wird von andern Handen im Verborgenen fortgefuhrt: und vielleicht in weniger als zweihundert Jahren werden unsre Nachkommen erstaunen, eine in ihren Anfangen so unscheinbare und nichts geachtete Verbruderung auf einmal ihr Haupt erheben, die alte Religion und Verfassung verschwinden, und die Theokratie des Kerinthus, vielleicht unter einem andern Namen und mit einer andern Aussenseite, aber ihrem Geist und ihren Grundsatzen nach eben dieselbe, der Welt Gesetze geben zu sehen. Ob diese sich viel besser dabei befinden wird, will ich dahin gestellt seyn lassen. Ich meines Orts gestehe, dass ich kein Freund von den Theokratien bin, in welchen man die Gottheit die Rolle eines morgenlandischen Schachs spielen lasst, wahrend Menschen, unter dem Namen seiner Satrapen und Wessire, sich seiner Allgewalt so wohl oder so ubel bedienen, als es ihre Fahigkeiten, Leidenschaften, Schwachheiten und Laster erlauben oder fordern.

"Ich weiss nur von Einer Theokratie, gegen welche keine Einwendung zu machen ist, weil sie weder Unrecht haben noch von irgend einer Macht aufgehalten werden kann; in welcher wir alle unsere Rolle spielen, ohne weder den Plan noch den Ausgang des Stucks zu kennen; in deren Plan alles, was ist und lebt, eingeflochten ist, alles von unbekannten Ursachen zu unbekannten Zwecken in ewiger Bewegung erhalten wird, alles zugleich Mittel und Zweck, Ursache und Wirkung ist, und der erste Beweger von allem ewig unsichtbar hinter der Scene bleibt.

In dieser Theokratie, mein lieber Peregrin, bin ich was ich bin, wirke was ich kann, und leide was ich muss: von allen andern Autokratien, Demokratien, Aristokratien und Theokratien halte ich mich so fern als moglich. Ich verachte mich selbst nicht so sehr, dass ich von der Willkur eines andern abhangen mochte, so lang' es in der meinigen steht frei zu seyn: aber ich bin auch nicht stolz oder eitel genug, um uber meines gleichen herrschen zu wollen.

Aufrichtig zu reden, ist bei einer solchen Sinnesart gewohnlich eine gute Portion Tragheit und Liebe zum seligen Leben der Gotter im Himmel, dem goldnen Mussiggang; eine Liebhaberei, wovon ich mich selbst nicht frei sprechen will, und woraus du dir leicht erklaren kannst, warum ich keine Lust hatte, mich mit dem hoch strebenden Kerinthus auf das gefahrvolle Meer weit aussehender, muhsamer, und vielleicht undenkbarer Abenteuer einzuschiffen.

Du, Peregrin, hast keine Entschuldigungen dieser Art: aber, wie geschickt du dich auch wahrend deiner Verbindung mit Kerinthus und Hegesias gezeigt hast, in ihrem Operationsplan eine der thatigsten Rollen zu spielen, so begreife ich doch, wie dir durch die Entdeckung, dass, was du fur Ernst hieltest, nur Spiel sey, die Lust dazu vergehen konnte. Aber, o mein Freund! du, dem es so innig zuwider ist andere zu betrugen oder von andern betrogen zu werden, warum wolltest du dich von neuem in Gefahr begeben, der Betrogne eines magischen Gauklers zu seyn, der in deinem eignen Busen sitzt? Die Farben, womit er dir die Seligkeit vormalt, die im Schoosse der vermeintlichen Engel auf dem Meierhofe bei Pitane deiner warten soll, sind Zauberfarben; das Licht, worin du diese guten Menschen siehst, ist Zauberlicht. Eine Zeit lang wurdest du dich in das Paradies der Morgenlander versetzt glauben, und unter deinen Idealen von Unschuld und Liebe in den seligsten Gefuhlen zerfliessen. Aber sobald Zeit und Gewohnheit die erste Bluthe des Genusses abgestreift hatte, wurden diese Engel unvermerkt zu armen, einfaltigen Menschen herabsinken, mit denen du, ausser einiger Gleichformigkeit in Gesinnungen des Herzens, wenig oder nichts gemein haben konntest. Du bist von Jugend an gewohnt mit Personen von gebildetem Geiste zu leben, bist selbst viel zu sehr entwickelt, als dass du es, bei einer wenig oder bloss mechanisch beschaftigten Lebensart, unter so schlichten und einformigen Landleuten in die Lange aushalten konntest. Ihr Unvermogen, das wirklich fur dich zu seyn, was dir deine Phantasie in ihrem Namen versprach, wurde dich zuletzt ubellaunig machen: und ware es einmal dahin gekommen, so wurde nicht nur das, was du an ihnen liebst, viel von seinem Werth und Reitz verlieren; es wurden auch Unvollkommenheiten zum Vorschein kommen, die du ehemals nicht gesehen hattest, und die nun in deiner umgestimmten Einbildung (eben so gewiss wie ehemals das Schone und Gute) grosser erscheinen wurden als sie sind. Was die naturliche Folge von diesem allen seyn musste, brauche ich dir nicht zu sagen: aber ob es dann so leicht, oder nicht wohl gar unmoglich seyn durfte, die Verbindungen, welche du in der ersten Schwarmerei des Herzens mit diesen guten Leuten eingegangen warest, wieder aufzuheben, ist eine Frage, deren Beantwortung du nicht auf den Erfolg ankommen lassen darfst. Wenn also mein Rath etwas uber dich vermochte, so folgtest du meinem Beispiel, und brachest, nachdem du dich doch einmal durch einen Sprung aus dem Fenster von dem Propheten Kerinthus losgemacht hast, alle fernere Gemeinschaft mit den Christianern ab. Das was du suchest, lieber Peregrin, ist weder hier noch dort, weder bei dieser noch bei jener Partei oder Secte: es ist in dir selbst oder es ist nirgends."

Verzeihe, Freund Lucian, wenn ich vielleicht in Anfuhrung dieser Rede meines klugen und wohlmeinenden Wirthes zu weitlaufig gewesen bin, wiewohl ich nur das Wesentlichste, dessen ich mich erinnere, ausgezogen habe. Aber ich hielt es fur nothig, weil diese Vorstellungen, und die Gewalt, die sein Geist unvermerkt uber den meinigen erhielt, in den acht Tagen, welche ich bei ihm zubrachte, eine Veranderung in mir bewirkten, die in der Geschichte meines Lebens Epoche macht. Denn es gelang ihm nicht nur, mir das neue Project, worauf sich meine Phantasie geworfen hatte, ganzlich auszureden; sondern er war es auch, der die Entschliessung in mir veranlasste, sobald ich meine hauslichen Angelegenheiten zu Parium ins Reine gebracht haben wurde, zu dem weisen Agathobulus nach Aegypten zu reisen, und in vertrauterem Umgang mit diesem Manne (welchen er mir als einen sehr vortrefflichen Menschen und als das Muster eines achten Cynikers beschrieb) mich in der einzigen Lebensweise vollkommen zu machen, wobei ich, vermoge der Selbstkenntniss wozu mir die Erfahrung verholfen hatte, glucklich zu seyn hoffen konnte.

"Warest du, sagte mir Dionysius kurz zuvor ehe wir von einander schieden, warest du ein weniger ungewohnlicher Mensch, Peregrin, so wurde ich dir vorgeschlagen haben, ob du nicht bei mir zu Lindus bleiben, und an dem kleinen Handel, womit ich mich (um nicht ganz mussig zu gehen) beschaftige, Antheil nehmen wollest. Aber du bist nun einmal nicht dazu gemacht, auf irgend einem gebahnten Wege durchs Leben zu ziehen, und es ware vergeblich, zu erwarten dass du hierin jemals deine Natur andern werdest. Ich sehe zwei Grundzuge in deinem Charakter, die dich unvermeidlich bestimmen, so lange du lebst, und vielleicht (setzte er lachend hinzu) in deinem Tode selbst, ausserordentlich zu seyn. Du strebest nach einem Lebensgenuss, den nur innere Vollkommenheit geben kann; und wiewohl du, durch den Zauber einer unaufhorlich geschaftigen Einbildungskraft, dein bisheriges Leben in lauter Verblendung und Tauschung zugebracht hast, so kenne ich doch wenige, und vielleicht niemand, der die Wahrheit so leidenschaftlich liebt wie du, und fur den es ein grosseres Bedurfniss ware, sich in ihrem Besitz zu glauben. Fur einen solchen Menschen ist meines Erachtens nur Ein Mittel sich zu retten. Er muss sich von allen Banden der burgerlichen Gesellschaft sowohl als von allen besondern Verbindungen ganzlich loswickeln, und, um allenthalben, immer und im hochst moglichen Grade unabhangig zu seyn, sich schlechterdings auf die unentbehrlichsten Bedurfnisse des Korpers einschranken, und gegen allen ausserlichen Reiz von Vergnugen und Schmerz, so wie gegen die Urtheile der Menschen, ihren Beifall oder Tadel, ihre Verehrung oder Verachtung, gleichgultig zu werden suchen. Auf diesem Wege wird er unfehlbar mit allem, was lebt und ist, in das reinste Verhaltniss kommen, und, frei von Wahn und Leidenschaft, in ungestortem Selbstgenuss und unumschranktem Wohlwollen, sich selbst in allem und alles in sich selbst fuhlend, der gottlichen Natur so gleichformig werden, als die menschliche dessen fahig ist. Es steht mir wohl nicht zu, dich zu einer Lebensweise aufzumuntern, zu welcher ich selbst weder Lust noch Fahigkeit habe: aber, wenn dich die Schwierigkeiten des Weges, worauf es deines gleichen vielleicht zu dieser Vollkommenheit bringen konnen, nicht abschrecken, so bin ich versichert, dass es das Vernunftigste ist, was du in deiner Lage und mit einer Sinnesart, wie die deinige, unternehmen kannst."

Wie du siehest, Lucian, war es weder mehr noch weniger als das Ideal, das du in deinem Cyniker aufgestellt hast, was, nach der Meinung meines Freundes Dionysius, die wahre Bestimmung des ehemaligen Gunstlings der Mamilien und Diokleen seyn sollte. Seltsam genug! aber vielleicht noch seltsamer, dass dem Gunstling der Mamilien und Diokleen nichts einfacher und einleuchtender schien als dieser Gedanke. Er schmiegte sich so schon an meine eigensten und innigsten Lieblingsideen an, passte so gut zu meinen Umstanden, und die Ausfuhrung war so ganz in meiner Gewalt! Ueberdiess schien mir dieser reine, hohe Cynismus von dem ursprunglichen Institut der Christianer so wenig in irgend einem wesentlichen Punkte verschieden zu seyn, dass er, auch in dieser Rucksicht, die einzige Partei war, die ich, ohne meinem Gefuhl zu widerstreben, ergreifen konnte. Denn wiewohl mich Dionysius, in einer besondern Unterredung uber die Person des Stifters jenes Instituts, von seiner Meinung zu uberreden suchte, dass er (abgezogen, was vernunftigerweise nur als poetische Auschmuckung seiner Geschichte zu betrachten sey) mit allen andern eminenten Weisen, deren beinahe jedes namhafte Volk in der Welt sich wenigstens Eines ruhmen konne, in eben dieselbige Linie zu stellen sey: so war doch etwas in seinem individuellen Charakter, das er mir vor allen ubrigen voraus zu haben schien, und das mir durch die Anhanglichkeit, die ich selbst fur ihn empfand, ich, der ihn weder gesehen noch gehort hatte, die unbeschreibliche Liebe begreiflich machte, womit diejenigen, die mit ihm gelebt hatten, bis an ihren Tod an ihm hingen. Du siehest also, Freund Lucian, dass der Cynismus, zu welchem ich von diesem Augenblick an so leicht uberging als man einen Rock mit einem andern vertauscht, im Grunde eine ziemlich christianische Miene hatte; und ich mochte nicht dafur stehen, dass es nicht abermals ein unversehener Streich meiner Einbildungskraft war, die Sokraten, Diogenen und Epikteten mit einem so schonen Ideal zu gruppiren, und durch das Licht, das von ihm auf sie zuruckfiel, sie desto wurdiger zu machen, von dieser Zeit an meine Helden zu seyn.

Lucian.

Du bedarfst bei mir keiner Entschuldigung deiner Apostasie, Peregrin; aber ich begreife, dass du damals einiger Entschuldigung bei dir selbst nothig haben konntest.

Peregrin.

Weniger als du glaubst. Denn in der That ward ich durch diesen Uebergang zu einem Cynismus, worin ich aller Wahrscheinlichkeit nach das einzige Exemplar in der Welt war, keiner meiner vorigen Gesinnungen ungetreu; und, die gnostische Geisterlehre des Kerinthus ausgenommen, blieb in meinem innern Mikrokosmos alles wie es war. Aber auch jene Traumereien waren schon lange zuvor, ohne eine Spur in meinem Kopfe zuruck zu lassen, in dem namlichen Augenblicke verschwunden, da ich erfuhr, dass mein Prophet derselbe Mann sey, der vor einigen Jahren mit einer Bande Isispriester in der Welt herumgezogen war. Alles, was sich also (wenn ich anders eine Stimme uber mich selbst habe) von der Sache mit Wahrheit sagen lasst, ist diess: dass mein Christianismus das reinigende Mittel war, durch welches ich gehen musste, um des hohen Cynismus fahig zu werden, zu welchem ich mich von dieser Epoche an eben so warm und aufrichtig, wie vormals zu meinen magischen, erotischen und theosophischen Schwarmereien,

Dionysius, der zu Mitylene Geschafte hatte, begleitete mich bis dahin. Wir schieden als Freunde, die sich wiederzusehen hofften; und diese Hoffnung wurde in der Folge mehr als Einmal erfullt.

Wie ich nach Parium zuruckkam, fand ich uberall eine sehr kalte Aufnahme. Ich erklarte mir die Sache anfangs als etwas ganz Naturliches, aus der Verachtung, welche die Einwohner einer Handelsstadt gegen einen Mitburger fuhlen mussten, der ein grosses Vermogen, in einer Zeit, worin der geringste von ihnen es duplirt und tripliert haben wurde, so heilloserweise durchgebracht hatte. Aber es fand sich bald, dass mein Credit in Parium noch viel schlimmer war als ich mir einbildete. Meine Verwandten, deren Erbitterung gegen mich durch den Ausgang ihrer zu Antiochien angebrachten Klage auf den hochsten Grad gestiegen war, hatten unter der Hand, durch allerlei heimliche Kunstgriffe, unter das Volk gebracht: man habe Anzeigen, dass es mit dem plotzlichen Tode meines Vaters nicht richtig zugegangen sey. Bald darauf hiess es: man sey der Sache naher auf die Spur gekommen; man sprach von einem Sklaven, den ich vor meiner Entfernung von Parium frei gelassen, und der bald darauf verschwunden war. Endlich flusterte man einander in die Ohren: es ware leider nur zu gewiss, dass Peregrin selbst der Thater sey. Unvermerkt wurde davon als von einer ausgemachten Sache gesprochen, wovon die Familie die Beweise in den Handen hatte; und man nannte schon einen Tag, da die Klage gegen mich offentlich angebracht werden sollte. Jetzt wollte jedermann so klug gewesen seyn, etwas von der Sache geahndet zu haben; jedermann hatte, als mein Vater todt war und begraben wurde, und bei Eroffnung des Testaments, und bei zwanzig andern Gelegenheiten irgend einen verdachtigen Umstand wahrgenommen; und nun klarte sich's auf, warum ich ohne irgend eine begreifliche Ursache mich selbst aus Parium verbannt hatte, und als ein von den Furien hin und her getriebener Vatermorder in der Welt herumgeirret war.

Als mir diese Geruchte endlich zu Ohren kamen, errieth ich, ohne ein Oedipus zu seyn, sehr leicht, aus welcher Quelle sie geflossen, und was meine Intestaterben damit zu gewinnen hofften. Sie wussten sehr wohl, dass sie nicht beweisen konnten was nicht geschehen war: aber sie kannten die Wirksamkeit dreister Verleumdung bei einem ohnehin schon gegen mich eingenommenen Volke, und sie glaubten auch mich zu kennen. Kurz, sie zweifelten nicht, ich wurde aus Verdruss und Unwillen uber eine so wenig verschuldete Aufnahme bald wieder davon gehen, und sie dadurch berechtigen, zu sagen: die Furcht vor der Anklage und vor der Strafe, welcher ich nicht anders hatte entgehen konnen, habe mich zur Flucht getrieben. Sie wurden dann (wie sehr wahrscheinlich zu vermuthen war) dem Abwesenden wirklich den Process gemacht, und, da sie in Parium einen grossen Anhang hatten, meine ewige Landesverweisung und die Einziehung meines noch ubrigen Vermogens ohne Muhe ausgewirkt haben.

Ich hatte diesen geheimen Anschlag kaum errathen, als mir plotzlich ein Mittel, ihn auf einmal zu Wasser zu machen, einfiel, welches, so einfach es auch in meinen Augen war, schwerlich einem andern Parianer an meinem Platze in den Sinn gekommen ware. Ich erschien bei der ersten offentlichen Volksversammlung im ganzen Costume eines Cynikers, bestieg den Redestuhl, und hielt eine Anrede an meine Mitburger, worin ich ihnen mit Wenigem von meiner zweimaligen langen Abwesenheit Rechenschaft gab, und, nach einer offentlichen Profession meiner Grundsatze und des Plans meines kunftigen Lebens erklarte: da ich kunftig nur sehr wenig bedurfen und Parium ungesaumt verlassen wurde, um zu dem weisen Agathobulus nach Alexandrien zu reisen, so glaubte ich von meinem vaterlichen Hause und von dem Landgute meines Grossvaters keinen edlern Gebrauch machen zu konnen, als indem ich, wie hiermit geschehe, meinen geliebten Mitburgern, dem Volke von Parium, eine mundliche und in gehoriger Form schriftlich beurkundete Schenkung davon machte.

Die Wirkung, welche diese Handlung auf die untern Volksclassen that, denen nach meiner Verordnung die Einkunfte jener Grundstucke vornehmlich zu gut kommen sollten, hat dein Ungenannter (der sich in allen unbedeutenden Dingen immer genau an die Wahrheit halt) so richtig beschrieben, dass ich nichts weiter davon zu sagen brauche. Ich war nun auf einmal an meinen Verwandten gerochen, und bei meinen Mitburgern gerechtfertigt. Aber wahrend die Lufte von Lobpreisungen und Segnungen des edeln, grossmuthigen und weisen Peregrinus erschallten, schlich ich mich aus dem Getummel fort, und verliess Parium mit den Empfindungen, die seine Einwohner werth waren, auf immer.

Ein kleiner Meierhof in Bithynien, und einige bose Schuldforderungen aus der vaterlichen Verlassenschaft, welche ich noch in Taurien einzutreiben hatte, wenn ich die Reisekosten daran wagen wollte, machten nun den ganzen Rest meines ehemaligen Vermogens aus. Das Gutchen warf etwas uber vierhundert Drachmen jahrlich ab. Ich machte also den Ueberschlag, dass mein Einkommen, insofern meine tagliche Ausgabe die Summe von vier Obolen10 nicht uberstiege, zu den unentbehrlichsten Bedurfnissen meines thierischen Theils hinreichen wurde, und damit hielt ich mich fur reich genug. Hatte Sokrates jemals mehr, oder Antisthenes und Diogenes nur so viel gehabt? Nur der Schmutz mit deiner Erlaubniss, Lucian

Lucian (lachend).

Was fur ein Gedachtniss du hast, Peregrin! Wie? du erinnerst dich noch der ziemlich schmutzigen Tunica, worin ich dich in meiner Erzahlung vor dem Scheiterhaufen paradiren liess?

Peregrin.

Ware sie zufalliger Weise (wie es sich doch auch hatte fugen konnen) just schneeweiss gewesen, so wurdest du es mir, in der Laune worin du damals warst, zur Hoffart ausgedeutet haben. Der Schmutz also war das einzige, woruber ich mit dem Cynismus capitulierte; ich wollte, im Nothfall, lieber thierischer essen, um etwas menschlicher gekleidet zu seyn. Ich machte mir also zum Gesetz, das Wasser nicht zu sparen, da ich es doch beinahe uberall, so gut als die freie Luft, umsonst haben konnte. Indessen gestehe ich gern ein, dass ich keinen Anspruch an den Titel eines eleganten Cynikers machte. Ich vertauschte nun den Namen Peregrinus, den ich unter den Christianern gefuhrt hatte, wieder mit dem Namen meines Grossvaters Proteus, und schickte mich zu meiner Reise nach Aegypten an, uber welcher, da ich sie zu Fusse machte, und uberall, wo die Natur meinem Geiste oder gute Menschen meinem Herzen Nahrung gaben, verweilte, beinahe ein ganzes Jahr verstrich.

Aber, ehe ich zu meinem Aufenthalt bei Agathobulus komme, muss ich noch mit zwei Worten berichtigen, was der Ungenannte zu Elis von dem vergeblichen und schimpflichen Processe sagt, den ich mit den Parianern wegen der bewussten Schenkung vor dem Kaiser gefuhrt haben sollte. Es ist, wie an allen seinen Anekdoten, etwas Wahres auch an dieser, aber mit so viel Unwahrheit vermischt, als er nothig hatte, damit eine an sich sehr unschuldige Handlung mich bei seinen Zuhorern zugleich lacherlich und verachtlich machen musste. Die Sache verhielt sich so.

Es waren einige Jahre verstrichen, ehe meine Verwandten zu Parium erfuhren, dass ich das vorerwahnte kleine Gutchen in Bithynien, woraus ich meinen nothdurftigen Unterhalt zog, aus dem allgemeinen Schiffbruche meines Vermogens gerettet hatte. Der Streich, den ich ihrer Bosheit durch die mehr erwahnte Schenkung gespielt hatte, war zu empfindlich, als dass sie nicht jede Gelegenheit, sich desswegen zu rachen, mit Begierde hatten ergreifen sollen. Sie zeigten also die gemachte Entdeckung dem Volk an, und behaupteten: da ich mir in der Schenkung, die ich der Stadt Parium von meinen noch ubrigen liegenden Grunden gemacht, nichts ausdrucklich vorbehalten hatte; so ware unstreitig auch der Bithynische Meierhof darunter begriffen, und die Stadt ware nicht nur vollkommen berechtiget denselben als ihr Eigenthum anzusprechen, sondern auch den Ersatz der seit mehrern Jahren von mir bezogenen Nutzniessung zuruckzufordern. Die Parianer liessen sich diess wohlgefallen, und fanden bei dem Statthalter von Bithynien so gutes Gehor, dass sie ohne weitere Untersuchung in augenblicklichen Besitz gesetzt wurden. Ich befand mich damals noch zu Alexandrien, und erfuhr diesen Vorgang nicht eher als durch das Ausbleiben meines kleinen Einkommens, welches mir jahrlich durch die Vermittelung eines alten Freundes zu Smyrna (eines ehemaligen Freigelassnen meines Vaters) zugeflossen war. Die Verlegenheiten, in welche ich dadurch gesetzt wurde, nothigten mich an die Parianer zu schreiben, und ihnen mit allem nur moglichen Glimpf vorzustellen: wenn ich mich auch in der Schenkungsurkunde unvorsichtiger Weise so ausgedruckt hatte, dass sie meinen eignen Buchstaben gegen mich geltend machen konnten; so forderte doch die Billigkeit von ihnen zu bedenken, dass es unmoglich meine Meinung habe seyn konnen, mich selbst zu ihrem Vortheil sogar des Unentbehrlichsten, was ich zum Leben nothig hatte, zu berauben. Weil aber diese Vorstellungen ohne Wirkung blieben, wandte sich mein Smyrnischer Freund, wiewohl er keinen Auftrag dazu von mir hatte, aus blossem Mitleiden in meinem Namen unmittelbar an den Kaiser: aber alles was er auch bei diesem mit vielem Bitten und Betreiben ausrichtete, war, dass das strenge Recht den Sieg erhielt, und Supplicant mit seinem unstatthaften Begehren zur Ruhe verwiesen wurde.

Dieser Handel brachte mich dahin, meine tagliche Ausgabe vor der Hand von vier Obolen auf zwei zu beschranken; bis es bald genug so weit mit mir kam, dass ich mich, um meinen Unterhalt von niemand als eine Wohlthat zu erbetteln, entschliessen musste, taglich in den Hafen herabzusteigen, und durch einige Stunden harter Arbeit so viel zu verdienen, dass ich dem Hunger wehren konnte. Ich hatte diese Lebensart bereits eine geraume Zeit, zu grossem Vortheil meiner Gesundheit, getrieben, als ein ganz unvermutheter Zufall mich mit einem Cyprischen Kaufmanne zusammenbrachte, welchem ich vor mehr als zehen Jahren, in einer Verlegenheit, worein er, an einem Orte wo ihn niemand kannte, gerathen war, auf die blosse Burgschaft seiner Physiognomie, oder vielmehr ohne jemals auf Wiedererstattung zu rechnen, funftausend Drachmen geliehen hatte. Wiewohl diess keine erhebliche Summe war, so war doch der Dienst, den ich dem Cyprier dadurch leistete, damals von der aussersten Wichtigkeit fur ihn; und da ich darauf bestand, ihm meinen Namen zu verbergen, so bestand er nicht weniger hartnackig darauf, dass ich ihm versprechen musste, wenn er jemals so glucklich ware mich wiederzufinden, so wollte ich mich nicht weigern das Doppelte von ihm anzunehmen. Wie wenig liess ich mir damals einfallen, dass ich diesen Mann in meinem Leben wiedersehen wurde! Und nun liefen wir einander, nach eilf oder zwolf Jahren, unverhofft am Ufer von Alexandrien in die Hande, und glucklicherweise musste es sich fugen, dass die Physiognomie des Cypriers die Wahrheit gesagt hatte. Seine Hande, mich wiederzufinden war so gross, als ob er alle sechs Zauberringe deines Timolaus11 auf einmal gefunden hatte; aber sein Erstaunen war es nicht weniger, mich in Umstanden zu sehen, worin mancher andere sich erlaubt hatte, einen ehemaligen Wohlthater nicht wieder zu erkennen. Der Cyprier verkannte mich nicht. Er sagte mir, er ware ein sehr reicher Mann; aber die Halfte seines Vermogens wurde nicht hinreichend seyn, ihn seiner Verbindlichkeit gegen mich zu entbinden: kurz, er nothigte mich auf die edelste Art, nun auch an meiner Seite die Bedingung, unter welcher er meine Wohlthat angenommen, zu erfullen, und die Summe, die ihn gerettet hatte, doppelt von ihm zuruckzunehmen. Ueberdiess sagte er mir auch seinen Namen und den Ort seines gewohnlichen Aufenthalts, und drang mir das Versprechen ab, wenn ich mich jemals wieder in Noth befande, ihm vor allen andern Freunden, die ich haben konnte, den Vorzug zu gonnen. Ich sagte es ihm zu, machte aber nie Gebrauch davon. Mit zehntausend Drachmen war ich nun, fur einen cynischen Philosophen, ein Crosus. Ich uberrechnete, wie weit ich damit reichen wurde , wenn ich meine tagliche Ausgabe auf vier bis funf Obolen festsetzte; und da ich nicht gesonnen war langer als bis zum sechzigsten Jahre zu leben, so fand sich, dass ich ohne irgend einen ausserordentlichen Zufall meinen wackern Cyprier nicht weiter nothig haben wurde.

Der weise Agathobulus, dessen Ruf mich nach Alexandrien zog, erfullte zwar die Vorstellung nicht ganz, die ich mir auf das Wort meines Freundes Dionysius von ihm gemacht hatte: und daran waren beide allerdings gleich unschuldig; denn welcher Sterbliche hatte einer Einbildungskraft wie die meinige ein Genuge thun konnen? Indessen war er doch unter den Lehrern der damaligen Alexandrinischen Schule der einzige, der mir einige Anhanglichkeit an seine Person einflosste. Agathobulus ist mit gleich wenigem Rechte bald unter die Epikuraer, bald unter die Cyniker gezahlt worden; denn er war im Grunde keiner Secte zugethan. Er schien das Ideal des Weisen, welches er sich selbst zum Kanon vorsetzte, aus dem, was ihm an mehrern Einzelnen das Schonste dunkte, wie Zeuxis seine Helena, zusammengesetzt zu haben; und, wenn er ja mit einem von den Alten verglichen werden musste, so hatte man ihn einen Aristipp in Gestalt eines Stoikers nennen konnen. So wie man ehemals von Sokrates sagte, dass er die Philosophie vom Himmel herabgerufen, und sie mit den Menschen umzugehen und an den mannichfaltigen Verhaltnissen ihres hauslichen und burgerlichen Lebens Antheil zu nehmen gelehrt habe: so konnte man von Agathobulus sagen, er habe die Lebensweisheit des Diogenes in die gute Gesellschaft eingefuhrt, und, indem er die Strenge ihrer Maximen auf eine ihm eigene Art mit Urbanitat und Grazie zu mildern wusste, Wahrheiten und Tugenden, welche sich gewohnlich in den Cirkeln der Glucksgunstlinge weder horen noch sehen lassen konnen ohne uberlastig oder lacherlich zu seyn, selbst dieser am meisten verfeinerten, und eben darum verderbtesten Classe von Menschen ehrwurdig oder wenigstens ertraglich gemacht. Da er ohne Leidenschaften war, und sich von Jugend an der strengsten Ausubung der stoischen und cynischen Grundsatze ohne Muhe unterworfen hatte, so war es ihm ein Leichtes geworden, seine Sitten unter den Weltleuten rein zu erhalten. Er stand von der uppigsten Tafel eines Romischen Ritters so nuchtern auf als von einem Sokratischen Mahle, und die reizendste Gaditanische Tanzerin liess seine Sinne so ruhig als eine sechzigjahrige Vestalin. Kurz, Agathobulus lebte die Weisheit die er lehrte, weil sie ihm eben so leicht auszuuben war als das Athemhohlen und Verdauen einem gesunden Menschen; und eben diese Leichtigkeit, die von der prunkvolle Gravitat und steifen Pedanterie seiner meisten Professionsverwandten so stark abstach, war die Ursache, warum die vornehmsten Romer und Griechen zu Alexandrien sich in die Wette beeiferten, ihn zum Tischgesellschafter zu haben. Wie die Eitelkeit der Menschen aus allem, sogar aus dem, was ihr zur Beschamung dienen sollte, Nahrung zu ziehen weiss, so schienen besonders die Romischen Magnaten, die in dieser Hauptstadt Aegyptens sehr zahlreich waren, ihre Toleranz gegen manche an sich selbst unangenehme Wahrheiten, welche sie bei Gelegenheit von dem Philosophen horen mussten, sich selbst zu keinem geringen Verdienst anzurechnen; aber sie glaubten auch dadurch das Aeusserste gethan zu haben, was sich von ihres gleichen erwarten lasse, und hielten sich durch diese Duldsamkeit ihrer an lauter Schmeichelei und Beifall gewohnten Ohren aller Verbindlichkeit uberhoben, in ihren Urtheilen oder Handlungen auf besagte Wahrheiten die mindeste Rucksicht zu nehmen. Der gute Agathobulus, wenn seine Gefalligkeit gegen die Grossen anders so uneigennutzig war als sie es in der That zu seyn schien, verfehlte also seines Zwecks gerade durch das, was er fur das einzige Mittel hielt dieser Classe von Menschen beizukommen. Man liess ihm seine Philosophie hingehen, weil der Witz und die Laune, womit er sie wurzte, seine Grillenfangerei (wie sie es nannten) unterhaltend machte; aber um aller Wahrheiten willen, die er ihnen taglich und oft mit grosser Freimuthigkeit predigte, geschah nicht eine einzige Thorheit, Ungerechtigkeit und Schelmerei weniger in Alexandrien.

Die zweideutige Figur, welche Agathobulus unter diesen Umstanden machte, bestarkte mich nicht wenig in dem Gedanken, dass die Philosophie, wenn sie unter so verdorbnen Menschen, als unsre Zeitgenossen waren, wenigstens ihre eigne Wurde behaupten wolle, anstatt das Geringste von der Strenge und Austeritat der Heroen des cynischen Ordens nachzulassen, sie vielmehr, wo moglich, noch weiter treiben, und den blossen Gedanken verschmahen musse, den Schleier der Grazien oder den Gurtel der Venus zu entlehnen, um sich zu einer gefalligen Gesellschafterin dieser Menschen zu machen, deren strenge Richterin und unerbittliche Zuchtmeisterin zu seyn sie berufen sey. Solche Betrachtungen konnten in einem Menschen meiner Art nicht lange mussig liegen. Die Erfahrungen, durch welche ich in der ersten Halfte meines Lebens gegangen war, hatten mein Gemuth zu einer Art von Misanthropie gestimmt, deren in der That nur solche Menschen fahig sind, die, indem sie einem jeden mit Liebe, Zutrauen und Wohlwollen entgegen kamen, entweder allenthalben abgewiesen und zuruckgestossen wurden, oder, so oft sie sich den lokkendsten Einladungen der Sympathie, den verfuhrendsten Anscheinungen von Aufrichtigkeit und Wahrheit uberliessen, sich am Ende so grausam getauscht und betrogen sahen, wie diess in den wichtigsten Verbindungen meines vergangnen Lebens mein Fall gewesen war. Ich glaubte die Menschen zu hassen; aber im Grunde war es doch nur der Antheil den ich an ihnen nahm, war es doch nur die Liebe zur Menschheit, was mich zum Entschluss brachte, im ganzen Rest meines Lebens einen Weg einzuschlagen, der, anstatt mich fur alles was ich von den Menschen gelitten hatte zu rachen, zu nichts fuhren konnte als mich selbst, ohne Gewinn fur mich oder andere, zum Gegenstand ihres Hasses zu machen. Denn wo anders hin hatte mich die Entschliessung fuhren sollen, mit freiwilliger Uebernahme alles Ungemachs, das daraus erfolgen konnte, den herrschenden Maximen und Sitten meiner Zeit offene Fehde anzukundigen, und alle meine Reden und Handlungen zu einer immer wahrenden lebendigen Satyre auf die Thorheiten und Laster der Menschen um mich her, und vornehmlich auf diejenigen zu machen, denen alle ubrigen zu gefallen und zu schmeicheln beflissen waren?

Lucian.

In der That ist die heroische Entschliessung, sein Leben in einem unaufhorlichen Kriege mit den Thormit den Narren und Schelmen seines Zeitalters zuzubringen, kein sonderliches Mittel sich beliebt zu machen, und ich konnte dir davon ein Lied aus eigener Erfahrung singen. Indessen kommt es auch hierin, wie in allen Dingen, auf ein wenig mehr oder minder, und vornehmlich auf die Sinnesart und innere Stimmung desjenigen an, der sich dieser gefahrlichen Profession widmet. Ich gebe zu, dass es Falle gibt, wo die warmste Liebe zur Menschheit in eine Art von Abscheu vor den Menschen, die uns umgeben, umschlagen kann. Aber ich zweifle sehr, ob diess so leicht ohne Beimischung irgend einer sauren Leidenschaft von der eigennutzigen Art geschehe; und bei genauerer Untersuchung wird sich wohl meistens finden, dass es gekrankte Eigenliebe, nicht Liebe zur Menschheit ist, was diejenigen, die in der Jugend immer mit Uebermass liebten, im Alter zu Misanthropen macht. Ich glaube dir nicht Unrecht zu thun, Freund Peregrin, wenn ich annehme, dass es auch dir so ergangen sey, und dass an dem Heldenmuthe, womit du die Thorheiten und Laster deiner Zeitgenossen bekampftest, ein wenig Bitterkeit und versteckte Rachbegierde Antheil gehabt habe. Doch gestehe ich gern, dass ich mir an einem zu Selbsttauschungen so ausserordentlich aufgelegten Sterblichen, auch ohnediess, sehr gut erklaren kann, wie der blosse Gedanke, allein gegen das ganze Menschengeschlecht zu stehen, und, als ein neuer moralischer Hercules, sich durch Bekampfung der sittlichen Ungeheuer, von denen du die Welt verwustet und geangstiget sahest, den Weg zu den Gottern zu eroffnen, wie dieser Gedanke den Mann, dem bereits zwei grosse Versuche, sich uber die gewohnliche Menschheit emporzuschwingen, so ubel misslungen waren, zum irrenden Ritter der cynischen Tugend machen konnte.

Peregrin.

Ich habe mich dir nun einmal Preis gegeben, Lucian, und nach allen Bekenntnissen, die ich bereits abgelegt, wurde eine Apologie fur die, so ich noch zu thun habe, sehr uberflussig seyn. Warum sollte ich dir also nicht unverhohlen gestehen, dass die seltsame Idee oder Grille (wenn du sie lieber so nennen willst), die sich meiner Imagination von fruher Jugend an bemachtigt hatte und durch meine Verbindung mit den Christianern nur anders gestaltet, nicht verdrangt worden war, die Einbildung, oder, wie ich in ganzem Ernste glaubte, das innige Bewusstseyn meiner damonischen Natur (welches mich unter keinen Umstanden ganzlich verlassen, und dann, wenn ich mich am tiefsten niedergedruckt fuhlte, immer am starksten empor gehoben hatte), um diese Zeit wieder mit neuer Lebhaftigkeit erwachte; dass ich mich kraft derselben lischen Sinne meinem Zeitalter das zu seyn, was der Thebanische Hercules dem seinigen gewesen war, und dass diess von nun an die herrschende Vorstellung ward, die mich durch mein ubriges Leben fuhrte, und mich zuletzt mit dem Gedanken begeisterte, es auf Herculische Art zu Olympia in den Flammen zu endigen?

Ein so hoher Beruf schien mir eine ganz besondere Vorbereitung zu erheischen. Denn, wiewohl ich bei den Christianern mehrere Jahre lang ein sehr strenges Leben gefuhrt hatte, so warnte mich doch das, was mir mit Schwester Theodosien im Gefangniss zu Antiochia begegnet war, zu stark vor der Moglichkeit eines Ruckfalls; und ich sah mich, auch ausser diesem, bei der neu erwahlten Lebensweise so manchen Anfechtungen anderer Leidenschaften ausgesetzt, dass ich, um dem Damon in mir eine unbeschrankte Gewalt uber den Menschen, an welchen er noch gebunden war, zu verschaffen, es schlechterdings bis zu der vollkommensten Apathie bringen musste, deren ein eingefleischter Genius nur immer fahig ist. Ich musste nicht nur Mangel an allen Bequemlichkeiten und, im Nothfalle, selbst an den Bedurfnissen des Lebens, Frost und Hitze, Hunger, Durst und alle Arten korperlicher Schmerzen so leicht ertragen konnen, als ob es nicht ich, sondern ein andrer ware, der sie litte; ich musste nicht nur gegen alle Reize der Sinnenlust und gegen alle Arten von Verfuhrung so unempfindlich seyn als ein Marmorbild; ich musste es auch gegen die empfindlichste aller Beleidigungen, gegen die Verachtung der Menschen seyn. Alles diess erforderte vielfaltige und langwierige Uebungen, Uebungen, welche mir (da es zu meinem Plan gehorte, bei manchen derselben keine Zeugen zu scheuen) von vielen den Namen eines Narren und Wahnsinnigen zuzogen, und zu dem, was dein Ungenannter von Elis (wiewohl mit ziemlicher Ueberladung) davon erzahlte, einen sehr naturlichen Anlass gaben.

Ich zweifle sehr ob irgend einer von den heiligen Faunen und Satyrn, von welchen die Thebaide bald nach unsern Zeiten bevolkert wurde, seinen Witz zu Erfindung neuer Uebungen dieser Art eifriger angestrengt haben konne als ich. Wirst du es mir wohl glauben, wenn ich dir sage: dass ich um auf allen Fall gewiss zu seyn, dass ich auch die Probe, worauf die schone Phryne die Weisheit des Platonischen Xenokrates gestellt haben soll, ruhmlich bestehen konnte die Selbstpeinigung so weit trieb, eine der reizendsten Hetaren in Alexandrien eine ganze Nacht durch neben mir liegen zu lassen, und dass ich wirklich so viel Gewalt uber mich und sie behielt, dass sie sich auch nicht des kleinsten Sieges uber meine Enthaltsamkeit zu ruhmen hatte?

Lucian.

Bravo, Freund Peregrin! Robert von Arbrissel12 ist also nicht nur nicht der erste, der dieses gefahrliche Experiment glucklich uberstanden hat: er muss dir den Vorzug auch desswegen lassen, weil er es zwischen zwei jungen zuchtvollen Klosterschwestern anstellte; welches ohne Vergleichung leichter war, als neben einer einzigen Priesterin der Venus Pandemos.

Peregrin.

Ich erwahnte dieser Anekdote bloss als einer Probe, wie Ernst es mir mit meinen Uebungen war, und wie sauer ich es mir werden liess, meinem Vorbilde dem von Epiktet hinterlassenen Ideal eines achten und vollkommnen Cynikers

Zug fur Zug gleichformig zu werden. Alle diese Sonderbarkeiten zogen mir zwar, wie gesagt, unter einem so verfeinerten und uppigen Volke wie die Einwohner von Alexandria waren, einen sehr zweideutigen Ruf zu; aber es fanden sich doch auch mehrere, die den Charakter einer hohen und beinahe mehr als menschlichen Weisheit darin zu sehen glaubten, und von mir als einem neuen Sokrates, Antisthenes und Epiktetus sprachen. Auch fehlte es mir (wiewohl Agathobulus selbst sich einige Spottereien, die von Mund zu Mund in der Stadt herumgingen, gegen mich erlaubt hatte) nicht an Schulern, die von dem Enthusiasmus, womit ich ihnen von der Wurde, Freiheit und Eudamonie eines nach den strengsten Grundsatzen des wahren Cynismus gefuhrten Lebens sprach, um so mehr uberwaltiget wurden, da sie bei mir eine Uebereinstimmung zwischen Lehre und Ausubung wahrnahmen, welche an der prunklosen Weisheit des von allen Extremen gleich weit entfernten Agathobulus nicht so stark in die Augen fiel.

Ich hatte bereits uber zehen Jahre (einige Reisen in Oberagypten und zu den Aethiopischen Gymnosophisten abgerechnet) in dieser Lebensart zu Alexandrien zugebracht, als ich mit einem jungen Romer von Rang und grossem Vermogen, Namens Cejonius, bekannt wurde, der an meiner Person und an meinen Reden ausserordentlich viel Geschmack zu finden schien, und, nach langem Widerstand, endlich von mir erhielt, dass ich ihn nach der Hauptstadt der Welt begleitete; welcher es, wie er sagte, seit dem beruhmten Demetrius13 (dem Freunde eines Patus14 und Seneca) an einem Manne gefehlt habe, der mitten in diesem unendlichen Strudel von prachtvoller Sklaverei Aufwartungen und Gastmahlern, Sykophanten, Schmeichlern, Giftmischern, Erbschleichern und falschen Freunden (wie er die Stadt Rom mit den Worten deines Nigrinus15 schilderte), den Muth hatte, einem jeden die Wahrheit zu sagen, und, unter dem buntesten Gewuhl und Gedrange aller Arten von Thoren, Gecken und Narren, das Leben eines Weisen zu leben.

Ich kann es ruhig deiner eigenen Schatzung uberlassen, lieber Lucian, wie viel Antheil meine Eitelkeit eine Schwachheit, von welcher ich mich darum nicht frei sprechen mochte, weil ich mir ihres Einflusses auf meine Entschliessung nicht bewusst war an meiner Gefalligkeit gegen das unabweisliche Anhalten meines jungen Romers hatte. Der Zauberspiegel in meinem Kopfe, worin ich alles sah, und so oft falsch sah was die gemeinsten Menschen mit blosser Hulfe ihrer Leibesaugen richtig sehen, stellte mir freilich, ungeachtet der wenig geschmeichelten Abschilderungen, die mir mein edler Freund von der Konigin des Erdkreises machte, alles ganz anders vor, als ich es in der Folge aus Erfahrung kennen lernte. Ich konnte jetzt noch uber mich selbst lachen, wenn ich mich erinnere, mit was fur Hoffnungen ich meinen jungen Fuhrer nach Italien begleitete, und wie ich albern genug war, mir einzubilden, dass Peregrinus Proteus von Parium nicht ein Jahr zu Rom gelebt haben werde, ohne eine machtige Umgestaltung in den Sitten und der Denkart der ausgearteten Quiriten hervorgebracht zu haben. Aber ein Kopf wie der meinige konnte auch nur durch unangenehme Gefuhle uberfuhrt werden, dass er sich selbst immer zu viel zutraue, und von andern immer mehr erwarte als sie leisten wollten oder konnten. Das erste, worin ich mich hasslich betrogen fand, war der Charakter des jungen Romers, dem ich mich anvertraut hatte. Die fruhzeitige Cultur, welche seinesgleichen zu erhalten pflegen, gab ihm, sobald er wollte, einen Anschein von Reife, von dem ich mich um so leichter hintergehen liess, weil in der Anhanglichkeit, die er mir zeigte, wirklich etwas Personliches war. Ich schmeichelte mir, einen jungen Mann von so glucklichen Anlagen nach und nach vollig gewinnen zu konnen, und, da er sowohl durch sein grosses Vermogen als durch die Verwandtschaft seines Hauses mit dem kaiserlichen zu den ersten Stellen im Reiche berufen war, ihn zum Werkzeuge der grossen Reformation zu machen, von welcher ich mir in meiner Einsamkeit zu Alexandrien einen schonen Plan getraumt hatte, dessen Realisirung lediglich von der einzigen kleinen Bedingung abhing, den regierenden Theil der Welt in Weise und den gehorchenden in Patrioten zu verwandeln.

Lucian.

Ein artiges kleines Project!

Peregrin.

Unglucklicherweise hatte mein edler Romer, der mich zu Alexandrien mit so vielem Vergnugen uber Staats- und Sittenverbesserung und uber alles, was in dieses Fach (woruber sich so schone Dinge sagen lassen) einschlug, declamiren horte, keinen Begriff davon, dass solche Discurse einen andern Gebrauch und Zweck haben konnten, als in mussigen Stunden zu einer leidlichen Unterhaltung zu dienen. Ueberdiess lebte er zu Rom in einem solchen Wirbel von Zerstreuungen, dass ich ihn, ausser dem Tafelzimmer, sehr selten und immer nur auf Augenblicke zu sprechen bekam. Kurz, es zeigte sich in wenig Wochen, dass er, indem er einen Griechischen Philosophen in seinem Hause unterhielt, sich eigentlich nur einer damals herrschenden Mode fugen wollte, und dass seine Wahl bloss darum auf mich gefallen war, weil er auf seinen Reisen keinen andern gefunden hatte, der ihm besser anstand, und mit dem er sich zu Rom mehr Ehre machen zu konnen glaubte. Denn der Contrast, den mein Aeusserliches mit meinem cynischen Aufzug machte, konnte fur eine Art von Seltenheit gelten; und der junge Herr schien sich nicht wenig darauf einzubilden, einen Hausphilosophen zu besitzen, von welchem jedermann gestehen musste, dass er einer Buste des Pythagoras, die in seiner Bibliothek parodirte, so ahnlich sehe, als ob sie von ihm abgeformt ware. Ich habe dir, lieber Lucian, schon zu viel gebeichtet, das meiner Klugheit nicht zur Ehre gereicht, um dir zu verschweigen, dass es eine ziemliche Zeit wahrte, bis ich uber mein Verhaltniss mit dem edeln Cejonius im Klaren war: aber von dem Augenblick an, da ich es war, horte auch, meiner alten Gewohnheit nach, alle Gemeinschaft zwischen uns auf. Ich verliess sein Haus auf der Stelle, und, nicht zufrieden, ihm selbst, mit aller Bitterkeit der gedemuthigten Eigenliebe, sehr derbe Wahrheiten ins Gesicht gesagt zu haben, glaubte ich der Philosophie noch die Genugthuung schuldig zu seyn, offentlich gegen ihn und die edle Romische Jugend, die ich in seinem Hause kennen gelernt hatte, in einem sehr heftigen Tone loszuziehen. Ein Betragen, wodurch ich meinen gewesenen hohen Freund zu bittern Klagen uber meine Undankbarkeit berechtigte, und den ersten Grund zu mancherlei Unannehmlichkeiten legte, die ich wahrend meines Aufenthalts in Rom zu erdulden hatte. Ohne Zweifel wurden die Folgen der Unklugheit, die ich bei dieser Gelegenheit zu Tage legte, noch verdriesslicher fur mich gewesen seyn, wenn Cejonius und sein Anhang sich nicht vor dem erklarten Thronfolger, dem Casar Marcus Aurelius, gescheuet hatten, unter dessen unmittelbarem Schutze gewissermassen alle Philosophen des stoischen und cynischen Ordens standen, und unter dessen Hausgenossen ich einige warme Freunde hatte.

Neunter Abschnitt.

Peregrin.

Ich ubergehe, um deine Geduld zu schonen, lieber Lucian, verschiedene Begebenheiten, die mir in den drei bis vier Jahren, welche ich in Italien, theils zu Rom, theils bei meinen Bekannten auf dem Lande lebte, zugestossen sind. Aber eine einzige wird dir selbst vielleicht eine Ausnahme zu verdienen scheinen, wenn ich dir sage, dass es nichts Geringeres war, als ein kleines Abenteuer mit der einzigen Tochter des Kaisers, Faustina, welche damals schon einige Jahre mit seinem angenommenen Sohne Marcus Aurelius vermahlt war, aber noch in der vollen Bluthe der Jugend und Schonheit stand.

Es wird dir nicht unbekannt seyn, in was fur einen schlimmen Ruf die Sitten dieser Dame bei der Nachwelt gekommen sind, ohne dass weder die zartliche Achtung ihres Gemahls, welche sie bis an ihren Tod besass, noch die ausgezeichneten Ehrenbezeugungen, die der Senat ihrem Andenken erwies, einige Unvorsichtigkeiten verguten konnten, wodurch sie in ihren jungern Jahren die Verleumdung gegen sich gereizt hatte. Ich kann mich nicht von dem Vorwurfe frei sprechen, zu einer Zeit, da ihr Charakter einem Mentigen Licht erscheinen musste, selbst nicht wenig dazu geholfen zu haben, dass das Romische Publicum (dessen herrschende Sitten dem Glauben an die Tugend der Frauen vom ersten Rang ohnehin wenig gunstig waren) um so geneigter ward, die nachtheiligsten Anekdoten, die auf Unkosten der schonen Faustina herumgetragen wurden, glaublich zu finden. Allein, seitdem der Scheiterhaufen zu Alpine den Zunder der Leidenschaften in mir verzehrt hat, sehe ich auch diese liebenswurdige Romerin und ihr Betragen gegen mich in einem andern Lichte, und finde mich schon nach dem, was mir selbst mit ihr begegnet ist sehr geneigt zu glauben, dass ihr wenigstens durch die Geruchte, welche sie mit den Poppeen und Messalinen in Eine Linie stellten, grosses Unrecht geschehen sey. Doch, du magst selbst von der Sache urtheilen.

Ungeachtet der ungeheuern Grosse der Stadt Rom, und der Schnelligkeit, womit eine unendliche Menge aus allen Weltgegenden zusammengeflogener Menschen, deren jeder seinen eigenen Zweck verfolgte, sich wie Meereswogen durch und uber einander herwalzten, war doch der Cyniker, welchen Cejonius aus Aegypten (dem Vaterlande so vieler Wunderdinge) mitgebracht hatte, eine Erscheinung, die in gewissen Cirkeln eine Art von fluchtiger Aufmerksamkeit erregte. Beinahe ein jeder, der ihn gesehen hatte, wusste irgend etwas Lacherliches oder Seltsames, irgend eine kleine, wahre oder falsche Anekdote von ihm zu erzahlen, wodurch diese Neuigkeit aus Afrika dem mussigen Theile des Publicums interessant wurde. Jedermann wollte den Cyniker mit dem Pythagoraskopfe kennen lernen, um sagen zu konnen dass er ihn auch gesehen habe; und es fehlte wenig, dass man nicht den Kaiser selbst anging, zu befehlen, dass er an dem ersten besten Feste, unter andern eltsamen Thieren, die aus allen Enden der Welt nach Rom zusammengeschleppt wurden, dem Volke im Circus vorgezeigt werden sollte.

Es konnte also nicht fehlen, dass endlich auch die Prinzessin, deren starkste und vielleicht einzige Leidenschaft war, immer mit einer neuen Puppe zu spielen, neugierig ward, sich mit meiner Wenigkeit in Bekanntschaft zu setzen. Aber so leicht diess an sich selbst zu seyn schien, so hatte die Sache doch ihre Schwierigkeiten; denn man beschrieb ihr das philosophische Wunderthier als ungewohnlich scheu und storrig. Besonders, sagten ihre Kammerfrauen, aussere es eine Antipathie gegen das weibliche Geschlecht, welche, wie man wahrgenommen habe, mit der Schonheit und Jugend der Damen in gleichem Verhaltniss stehe, und also fur die Neugier der Prinzessin gar leicht unangenehme Folgen haben konne. Man erzahlte ihr verschiedene Beispiele dieser seltsamen Misogynie16, welche wirklich nicht ohne Grund waren: aber bei Faustinen war diess gerade ein Beweggrund mehr, sich von einer so unglaublichen Wirkung der Schonheit durch den Augenschein zu uberzeugen. Sie wohnte wahrend der schonsten Monate des Jahres gewohnlich in den Sallustischen Garten, deren anmuthige Lustwaldchen ich in der heissen Tageszeit ofters zu besuchen pflegte. Ihre Neugier blieb also nicht lange unbefriedigt. Man sagte mir dass sie mich zu sprechen wunschte, und, da ich mich dessen unter keinem schicklichen Vorwande weigern konnte, so liess ich mich, wiewohl ungern, in einen kleinen Gartensaal fuhren, wo ich sie mit zwei oder drei von ihren vertrautern Gesellschafterinnen bei einer tandelnden Art von Arbeit antraf. Ihre Schonheit, wiewohl sie das untadeligste Modell zu einer Gottin der Liebe abgeben konnte und mit einem einladenden Ausdruck von Gefalligkeit und Gutheit verbunden war, machte, vielleicht eben dieses Ausdrucks wegen, beim ersten Anblick nur einen schwachen Eindruck auf mich. Aber desto mehr schienen die Damen in ihrer Erwartung getauscht zu seyn, da sie, anstatt eines rauhen, ubel gekammten und ungeschliffnen Cynikers, einen Menschen vor sich sahen, der in guter Gesellschaft gelebt zu haben schien, nach Griechischem Costume anstandig gekleidet war, und seinem ausserlichen Ansehen und Betragen nach keine Gelegenheit zu den feinen Spottereien gab, womit sich eine von ihnen zur Belustigung der Prinzessin bewaffnet hatte, und die bei meinem Eintritt schon auf ihren Lippen schwebten. Kurz, ich sah dass der Pythagoraskopf auf den Schultern eines Mannes, den die Venus Mamilia vor dreissig Jahren zu ihrem Adonis gewahlt hatte, seine Wirkung that. Aber die Unterredung gewann nichts dadurch an Lebhaftigkeit: und da der Philosoph die gute Meinung, die man auf Empfehlung seines Aeusserlichen von ihm gefasst zu haben schien, durch die Einsylbigkeit seiner Antworten auf alle Fragen, die man an ihn richtete, wenig aufmunterte; so wurde er zu seinem grossen Troste ziemlich bald wieder verabschiedet, ohne dass man auch nur den leisesten Wunsch ausserte, die angefangene Bekanntschaft fortzusetzen.

Lucian.

Ich liebe die Abenteuer, die einen so trocknen An

fang haben: und ich musste mich sehr irren, wenn diese anscheinende Kalte nicht einen geheimen Anschlag gegen deine Weisheit verbarg, der bereits in dem leichten Gehirnchen der schonen Faustina brutete.

Peregrin.

Ich wenigstens war damals weit entfernt, so etwas zu argwohnen. Wir sahen uns indessen nach dieser ersten Zusammenkunft zufalliger Weise noch ofters in den Sallustischen Garten. Der sanfte Reiz, der alles, was die schone Faustina sagte und vornahm, wie verstohlner Weise begleitete, ihre immer wahrende Heiterkeit und Frohlichkeit, der ganzliche Mangel an allen Anspruchen, welche sie als die einzige Tochter des Kaisers zu machen hatte, mit einer Gutherzigkeit und schonen Einfalt verbunden, die an einer Romerin von ihrem Stande und aus diesem Zeitalter noch unendlichemal uberraschender war als der Pythagoraskopf an einem Cyniker, das alles uberschlich mein Herz unvermerkt. Die schone Faustina ward mit jeder Unterredung schoner in meinen Augen: und da sie mir eben so empfanglich als geneigt schien, ihrem Geist eine Art von Ausbildung geben zu lassen, wodurch sie (wie sie sagte) der Ehre, die Gemahlin eines MarcAurels zu seyn, wurdiger zu werden hoffte; so liess sich dein alter Schwarmer das wahre tribus Anticyris insanabile caput17 des Horaz ohne Bedenken uberreden, dieses gefahrliche Amt bei einer jungen Furstin zu ubernehmen, deren wahrer Charakter, ungeachtet aller Aufschlusse, die er durch die Kallippen, Mamilien und Diokleen uber das grosse Rathsel des weiblichen Herzens erhalten zu haben glaubte, etwas ganz Neues fur ihn war.

Bei allem dem war das, was ich fur die liebenswurdige Faustina fuhlte, so rein und unschuldig, hatte so wenig Leidenschaftliches, und glich, mit Einem Worte, so sehr der Liebe eines zartlichen Vaters fur eine gutartige Tochter, dass ich unmoglich in die mindeste Unruhe daruber gerathen konnte. Aber eben diese Ruhe meines Herzens war es, was Faustinen welche wirklich (wie du sagtest) einen kleinen schelmischen Anschlag gegen meine Weisheit in der Arbeit hatte, und in der Ausfuhrung ihrer launischen Einfalle ziemlich ungeduldig war den bosen Gedanken eingab, dass sie schlechterdings die unterste von den drei Seelen18, welche Plato den menschlichen Korper bewohnen lasst, auf ihre Seite ziehen musse, wenn sie den Triumph uber die Apathie ihres Philosophen erhalten wollte, worauf sie nun einmal ihren Sinn gestellt hatte, und woruber es (wie ich in der Folge erfuhr) zwischen ihr und einer vertrauten Freundin eine grosse Wette galt.

Sie veranstaltete es also mit dem Zufall so geschickt, dass ich sie einsmals an einem sehr heissen Tage, in der einsamsten Grotte ihrer Garten auf einer mit Rosen dicht bestreuten Moosbank, ziemlich leicht bekleidet schlummern fand. Es war der schonste Anblick, der meinen Augen jemals gewahrt worden war; wenigstens dauchte es mir so, da die Zeit die Bilder ehemaliger Visionen dieser Art zu matt gemacht hatte, um von dem lebendigen Eindruck der gegenwartigen nicht ausgeloscht zu werden. Ich verweilte zwar nicht lange: aber meine Apathie war erschuttert; die Erinnerungen an diesen Augenblick schwachten die Gewalt, welche meine Vernunft durch eine vieljahrige Uebung in der strengsten Enthaltsamkeit uber meine Einbildung erhalten hatte; und, wiewohl ich weder jung noch thoricht genug war, einer unziemlichen Leidenschaft fur die Gemahlin eines Marc-Aurels Raum zu geben, so blieb es doch nicht mehr in meiner Macht, sie bei unsern fortgesetzten Zusammenkunften mit so unbefangenen Augen wie ehemals anzusehen.

Diese Veranderung konnte der Prinzessin nicht lange verborgen bleiben. Sie liess zwar nichts davon gewahr werden, dass sie ihren Lehrer bei jeder Zusammenkunft warmer, belebter und unterhaltender fand; aber sie hielt sich von nun an gewiss, ihre Wette gewonnen zu haben, und beschleunigte die Ausfuhrung ihres Plans. Einsmals fand ich sie mit einem Buche auf dem Schooss, in dessen Lesung sie so vertieft schien, dass ich ihr schon ganz nahe war, ehe sie meine Gegenwart bemerkte. Du hattest zu keiner gelegnern Zeit kommen konnen, sagte sie, um mir zur Gewissheit zu helfen, ob ich die Theorie einer sehr sublimen Dame, die mich schon seit einer halben Stunde unterhalt, recht begriffen habe oder nicht. Das Buch, worin sie las, war Platons Symposion, und also Diotima die Dame, von welcher die Rede war. Diese schone und geistige Art von Liebe, welche man, mit undankbarer Verschweigung ihrer wahren Erfinderin, die Platonische zu nennen pflegt, ward nun der Gegenstand einer Unterredung, welche mich, der schonen Faustina und einer Gruppe der Grazien von Praxiteles gegenuber, unvermerkt in die Gemuthsstimmung meiner ersten Jugend versetzte.

Ich war vielleicht der einzige Mensch in der Welt, der einer Frau, wie diese die ich vor mir hatte, in solchem Ernst und mit so vielem Feuer von der Moglichkeit einer unkorperlichen Liebe zu der liebeswurdigsten aller Frauen, das ist, (wie ich ihr deutlich genug zu verstehen gab), zu ihr selbst, sprechen konnte. Faustina schien eben so vergnugt als verwundert daruber zu seyn, zum erstenmal in ihrem Leben einen Mann von einer so feinen und mit ihren Begriffen so ubereinstimmenden Denkungsart zu finden: aber sie konnte nicht umhin, dem Schuler der Diotima, mit einer Miene, worin Naivetat und Schalkheit sich zugleich mit einer ihr eigenen Grazie ausdruckten, einige Zweifel uber die Moglichkeit, eine so geistige Art von Liebe auf beiden Theilen in die Lange auszuhalten, zu zeigen.

Das Unmoglichste fur mich war, in diesem Augenblicke an Kallippen und Mamilien zu denken, die mich uber diesen Punkt billig etwas behutsamer hatten machen sollen; und es konnte also nicht fehlen, dass ich in einige Verwirrung gerieth, da sie mir mit einem Blicke, der in den Grund meiner Seele zu dringen schien, sagte: wer mit solcher Gewissheit, wie ich, von dieser Sache sprechen konne, musse Erfahrungen gemacht haben, die ihn dazu berechtigten; und ich wurde es sehr verzeihlich finden, wenn sie mir ihre Neugier uber diesen Theil meiner Lebensgeschichte nicht verbergen konnte.

In der That kam sie, nachdem wir einmal so tief in diese Materie gekommen waren, und meine Verwirrung ihr gar leicht meine Aufrichtigkeit hatte verdachtig machen konnen, mit ihrem Wunsche dem meinigen entgegen. Ich versprach ihr also eine getreue und umstandliche Erzahlung der Begebenheiten meiner Jugend, die ihr (wie ich unbesonnen genug war hinzuzusetzen) beweisen wurden, was ich schon damals fahig gewesen ware, wenn ich das Gluck gehabt hatte, eine Diotima mit Faustinens Gestalt und Reizen anzutreffen. Sie schien dieses Compliment gerade so aufzunehmen, wie ich es wunschen konnte. Einer der nachsten Tage wurde dazu bestimmt, den Anfang meiner Erzahlung zu machen; und man entliess mich mit Zeichen von Zufriedenheit, die auch ein weniger Platonischer Liebhaber ohne grosse Unbescheidenheit fur Aufmunterungen hatte nehmen konnen.

Du siehest ohne mein Erinnern, lieber Lucian, dass ich mich durch diese unvorsichtige Gefalligkeit gegen die Neugier der schonen Faustina in ein schlimmes Abenteuer hatte verwickeln lassen. Unter den Augen einer so liebenswurdigen Zuhorerin meine Einbildung durch die lebhafteste Versetzung in die Zauberscenen meiner Jugend in Flammen setzen, hiess die Kerze, wie man zu sagen pflegt, an beiden Enden anzunden. Faustina, unter deren so lieblich lachelnden Gesichtszugen ich keine Schalkheit ahndete, trug alles, was sie, ohne sich gar zu bloss zu geben, beitragen konnte, dazu bei, das Platonische Feuer, das im Busen ihres schwarmerischen Philosophen loderte, immer starker anzufachen. Die Erzahlung, durch haufige Digressionen und Erorterungen unterbrochen, ward alle Minuten zum Dialog, und dieser zuletzt so interessant, dass er Ergiessungen des Herzens (denn die Platonische Liebe hat ja auch die ihrigen) nothig machte, welche durch die Gegenwart der kleinen Sklavinnen, deren die Prinzessin bei unsern Zusammenkunften immer drei oder vier um sich herum schwarmen hatte, nicht wenig gehindert wurden.

Naturlicherweise war Faustina durch meine Bekenntnisse in ihren Zweifeln an der Moglichkeit der Platonischen Liebe vielmehr bestarkt als davon geheilt worden. Sie machte mir kein Geheimniss daraus; und gleich wohl schien sie sich der meinigen mit einem so kindlich unschuldigen Zutrauen zu uberlassen, dass sie die Voraussetzung eines sympathetischen Gefuhls, in dessen Reinigkeit ihr Bewusstseyn sie kein Misstrauen setzen liess, beinahe unvermeidlich machte.

Lucian.

Ich wundere mich nicht, Freund Peregrin, warum du immer, sogar bis in den Jahren, wo man gewohnlich an die Gunst der Schonen keine Anspruche mehr zu machen hat, von den reizendsten dieses Geschlechts, das von unsrer guten Meinung von ihm so viele Vortheile zu ziehen weiss, so ausserordentlich begunstiget wurdest. Denn bei der kindlichen Unschuld der immer lachelnden Faustina! nie ist ein Sterblicher mit einer glucklichern Anlage, immer das Beste von ihnen zu denken, geboren worden als du.

Peregrin.

Bethort von dem sussen Wahne, der mir dieses Compliment von dir zugezogen hat, ward ich nun immer weniger gewahr, was fur ein gefahrlicher Gegenstand eine Seele, deren Schonheiten mit den Reizen ihres materiellen und animalischen Theils so zart verwebt oder vielmehr so unmerklich in einander verschmelzt waren, fur einen Platonischen Liebhaber sey, der dem Ungluck, beide Arten von Reizen alle Augenblicke mit einander zu verwechseln, so sehr ausgesetzt war wie ich; und unstreitig war es in einem solchen Augenblick, wo mich die Weisheit so sehr verliess, dass ich der Prinzessin von dem Zwange sprach, den die einzige Tagesstunde, welche sie mir (unter dem Vorwande des Unterrichts in der Philosophie) widmete, und die kleinen Nymphen, die immer dabei gegenwartig waren, dem freien Umtausch der Empfindungen unsrer Seelen auferlegten. Sie schien diess eben so gut als ich zu fuhlen, aber verlegen zu seyn, wie es anders eingerichtet werden konnte. Sollte, sagte ich endlich, die keusche Luna, deren gute Dienste so oft von den gewohnlichen Liebhabern angerufen werden, sich nicht erbitten lassen, einem Eingeweihten in den Mysterien der hohern Liebe gunstig zu seyn? Warum nicht? erwiederte Faustina lachelnd. Wenigstens gebe ich dir, setzte sie nach einer kleinen Pause hinzu, meine Einwilligung, wenn du es auf dich nehmen willst, auch mich in diesen erhabenen Mysterien einzuweihen.

Die schlaue Dame hatte mich, wie du siehest, unvermerkt auf einen Weg gebracht, worauf sie ihr mir damals noch unbekanntes Ziel schwerlich verfehlen konnte. Sie erlaubte mir, unter der Leitung der jungfraulichen Gottin deren Liebe zu Endymion ganz gewiss, trotz den Lasterungen der Mythologen, ebenfalls von der Platonischen Art gewesen sey die Sallustischen Garten auch zu einer ungewohnlichen Zeit zu besuchen, und liess mich hoffen, dass ich sie zu einer gewissen Stunde, in dem Myrtenwaldchen, das einen kleinen offnen Tempel der Grazien umgab, nicht umsonst erwarten wurde.

So viel ich mich erinnere, begunstigte sie mich mit drei oder vier solchen nachtlichen Zusammenkunften. Sie, welche (wie sich's am Ende auswies) nichts dabei wagte, blieb immer sich selbst gleich, immer so heiter und sanft, so herablassend gefallig und theilnehmend als ich sie stets gefunden hatte: aber fur meine Apathie19 war diese Probe zu stark. Es gab Augenblicke, wo der Drang alles dessen, was ich fur sie empfand, meine Brust zu zersprengen drohte; und mehr als Einmal war ich, unter dem furchterlichen Kampf zwischen dem Ueberschwang des Gefuhls, das mich zu ihren Fussen werfen wollte, und der Ehrfurcht und Scham, die mich mit gleich grosser Gewalt zuruckzogen, in Gefahr ohnmachtig vor ihr hinzusinken. Aber jedesmal war diess auch der Augenblick wo sie mich, unter dem Vorwande dass mir die Nachtluft nicht langer zutraglich scheine, mit dem Ausdruck der zartlichsten Besorgniss fur meine Gesundheit auf der Stelle nach Hause schickte.

Der Mond horte endlich auf, diese nachtlichen Unterredungen zu begunstigen. Ich konnte mich nicht enthalten, ihr meinen Schmerz uber den Verlust so seliger Stunden auf eine Art zu erkennen zu geben, die mich zum Mitleiden einer Frau, die mir schon so viel Gute gezeigt hatte, berechtigte. Du bist fur einen Endymion ein wenig dringend, mein lieber Proteus, sagte sie: doch, ich beurtheile deine Empfindungen nach den meinigen. Auch ich entsage diesen angenehmen Unterhaltungen zwischen Seele und Seele, die durch das Elysische einer stillen Mondnacht so schon befordert werden, ungern: aber, was kann ich thun, sie dir zu ersetzen?

Ein tiefer Seufzer war alles, was der bezauberte Wahnsinnige darauf antworten konnte.

Ich will sehen was moglich ist, fuhr sie nach einigem Bedenken fort; du sollst in kurzem wieder von mir horen. Aber, wenn ich mich nun, um deinen und meinen Wunsch zu befriedigen, genothiget fande, deinen Platonismus auf eine etwas harte Probe zu stellen?

Ich glaubte zu errathen was sie damit sagen wollte, und schwor ihr bei der himmlischen Cythere und den Grazien des Sokrates, sie wurde, auf welche Probe sie mich auch stellen wollte, niemals Ursache finden, sich ihr Zutrauen gegen mich gereuen zu lassen.

Die schone, aber ein wenig leichtfertige Gemahlin des Kaisers Marcus war nun am Rande der Ausfuhrung ihres Plans. Sie spielte mir ubel mit, und ich hab' es ihr langst vergeben: aber was ich mir selbst nie vergeben werde, war die Blindheit, mit welcher ich in ihre

Lucian.

von dir selbst gewebten

Peregrin.

Schlingen fiel. Gut! auch diess vermehrt die Vorwurfe, die ich mir zu machen habe.

Lucian.

Wunderliche Seele! wozu? Sie kommen nun zu spat; und es ist, daucht mich, klar, dass deine Eitelkeit damals eine solche Demuthigung noch nothig hatte.

Peregrin.

Wie gross auch meine Schuld bei diesem allen war, so wurdest du mir doch Unrecht thun, wenn du glaubtest, dass ich, mitten in diesen Ausschweifungen meiner Leidenschaft fur die schone Faustina, mich auch nur des leisesten Anschlags auf ihre Tugend schuldig gemacht hatte. Im Gegentheil, meine Schwarmerei (wie du es nennen wirst) ging so weit, dass ich, falls es moglich seyn sollte dass Faustina schwach wurde, fest entschlossen war, ihrer guten Seele mit der meinigen zu Hulfe zu kommen, und dass ich sogar auf diesen Fall hin eine Menge der sublimsten und herzruhrendsten Sachen, die ich ihr sagen wollte, in Bereitschaft hielt.

Lucian.

Diess, lieber Peregrin, werde ich, der ich in meinem Leben nie der Tugend, sondern nur der falschen oder ubertriebenen Anmassungen einer dem Menschen nicht gegebenen Vollkommenheit gespottet habe diess, Peregrin, werde ich nie Schwarmerei nennen. Aber dass du dich vorsetzlich in den Fall setztest, dir selbst vielleicht nicht Wort halten zu konnen; dass du, nach so manchen Erfahrungen des Gegentheils, auf den blossen Triumph hin, den dein Eigensinn uber eine Alexandrinische Hetare erhalten hatte dir selbst eine Starke zutrautest, die sich kein Sterblicher eher, als bis er ohne seine Schuld in dem Fall ist ihrer zu bedurfen, zutrauen soll: das nenne ich Schwarmerei!

Peregrin.

Gib dich zufrieden, Freund Lucian! du wirst mich streng genug dafur bussen sehen. Es vergingen einige Tage, ohne dass ich die Prinzessin auf ihren gewohnlichen Spaziergangen wieder zu sehen bekam, wiewohl ich sie uberall, selbst in der Grotte, wo ich sie einst schlafend gefunden hatte, aufsuchte. Aber am vierten oder funften Tage nach unsrer letzten Zusammenkunft, da ich zur gewohnlichen Morgenstunde in einem Gange, der zum Tempel der Grazien fuhrte, traurig auf und nieder ging, fiel ein Granatapfel vor mir nieder, in dessen Krone ich ein kleines Papier stecken fand. Ich entfaltete es mit zitternder Freude, und las ungefahr folgende Worte: "Du kannst die ausserordentliche Probe, die du von meinem Vertrauen auf deine Gesinnungen erwartest, nicht lebhafter wunschen, als ich wunsche, was ich fur dich thue durch dein Betragen gerechtfertigt zu sehen. Hast du noch Muth, die Probe, worauf ich dich dadurch stelle, zu bestehen, so finde dich eine Stunde vor Mitternacht bei dem Seitenpfortchen ein, das aus der Galerie des Apollo in die Rosengebusche fuhrt, und folge dem, den du daselbst antreffen wirst."

Beides, die hohe Meinung, die ich von der Unschuld und Gute der schonen Faustina hegte, und das Vertrauen auf die Starke meines eigenen Vorsatzes, war zu gross, als dass mein Entzucken uber diesen mehr gewunschten als gehofften Beweis ihrer Gesinnung gegen mich durch den mindesten Zweifel hatte unterbrochen werden konnen. Die Zwischenzeit, die einem andern Liebhaber eine Ewigkeit geschienen hatte, verfloss mir unter wonnevollen Vorgefuhlen unvermerkt; kaum hatte ich mich in den schonsten Tagen meiner Jugend, selbst im heiligen Haine der Venus Urania zu Halikarnass, so entkorpert, so ganz Damon gefuhlt, als in der Erwartung dieser heiligen Mitternachtsstunde, in welcher der Bund einer ewigen Liebe zwischen der schonsten aller Seelen und der meinigen beschworen werden sollte.

Sie kam endlich. Die kleine Pforte offnete sich; eine junge Sklavin nahm mich bei der Hand, und fuhrte mich durch eine Menge dunkler Gange in ein hell erleuchtetes und furstlich ausgeschmucktes Gemach, dessen offne Mittelthur in eine Reihe kleiner Zimmer fuhrte, welche ich zu durchwandern hatte, um zu der Gottin zu gelangen, die in dem letzten derselben ihres seligen Endymions wartete. In jedem der Zwischengemacher, aus welchen mir der lieblichste Wohlgeruch entgegen duftete, nahm die Beleuchtung stufenweise ab, bis sie zuletzt in dem Cabinette, wo ich Faustinen zu finden glaubte, in die sanfteste Dammerung zerfloss. Sie lag auf einem prachtigen Ruhebette, in eben dem leichten, aber ausserst zierlichen Anzug und in eben der schonen Lage, worin ich sie in der unglucklichen Grotte gesehen hatte.

Lucian.

Armer Proteus, das war zu viel!

Peregrin.

Ein halb durchsichtiger Schleier verhullte einen Theil ihres Gesichts und des schonsten Busens, den Amors Hand je geformt hatte. Mit immer starker klopfendem Herzen hatte ich mich langsam herbeigeschlichen; aber dieser erste Anblick uberwaltigte mich ganzlich. Ich warf mich zu ihren Fussen, und o Faustina! gottliche Faustina! war alles, was ich in meiner Entzuckung hervorbringen konnte, indem ich eine ihrer mir dargebotnen schonen Hande mit gluhenden Kussen bedeckte.

In dem namlichen Augenblick horte ich ein lautes Gelachter, das Cabinet wurde plotzlich so hell als der Tag, und die wahre Faustina rauschte hinter einem Vorhang hervor, und sagte zu einer andern Dame, die ihr folgte: "ich habe die Wette gewonnen, Flaviana! und du, guter Proteus, vergib mir diese kleine Hinterlist! Ich uberlasse es deiner eignen Philosophie, die Moral aus diesem Platonischen Abenteuer zu ziehen, die fur dich die zutraglichste seyn mag." Und hiermit eilte sie mit ihrer lachenden Freundin davon, und liess mich in einer Beschamung, einer Besturzung, einer Vernichtung, die meinen argsten Feind zum Mitleiden hatte bewegen mussen.

Lucian (lachend).

Armer Proteus! Verzeih mir, dass ich mitlachen muss! Aber kanntest du diese Flaviana, die so lustig daruber war, dass sie ihre Wette auf deine Unkosten

Peregrin.

Sie war eine der ersten jungen Damen zu Rom, und hatte, weil sie grosse Anspruche an Witz machte und fur eine Beschutzerin der Griechischen Musen gehalten seyn wollte, eine Menge Maschinen angelegt, um sich meiner zu bemachtigen, als ich das Haus des Cejonius verlassen hatte. Aber da sie ihrer Sitten wegen in einem sehr zweideutigen Lichte stand, und ich mir, um alle ahnliche Anmassungen abzuschrecken, wirklich vorgenommen hatte, mich in den Ruf eines entschiedenen Weiberhassers zu setzen: so waren alle ihre Versuche verungluckt; und diess hatte vermuthlich zu der Wette Anlass gegeben, von welcher ich auf eine so grausam uberraschende Art das Opfer wurde.

Lucian.

Und wer war die Dame auf dem Ruhebette?

Peregrin.

Ich verweilte nur so lange, dass ich mich zu meinem neuen Erstaunen uberzeugen konnte, dass es Myrto war, eben dieselbe Sklavin Myrto, welche in der Villa Mamilia eine von den Grazien der Gottin vorstellte, seyn liess, die schone Dioklea bei mir anzuschwarzen. Der Eindruck, den ich dazumal auf ihr zartes Herz zu machen das Ungluck hatte, schien seit einer so langen Reihe von Jahren noch nicht ganz erloschen zu seyn. Sie wandte, unter dem Vorwand dass sie mir Sachen von grosser Wichtigkeit zu entdecken hatte, alles Mogliche an, mich zuruckzuhalten: aber mein Stolz war zu tief verwundet, als dass ich die Luft dieses fur mich plotzlich verpesteten Hauses nur einen Augenblick langer hatte ertragen konnen. Ich riss mich von ihr los, floh in meine Zelle zuruck, und blieb etliche Tage eingeschlossen, um mich von dem harten Stoss, den ein so schamvoller Ausgang des schonsten Abenteuers meines ganzen Lebens meiner Philosophie gegeben hatte, wieder zu erholen, und, alles wohl uberlegt, den festen Entschluss zu fassen, dass es das letzte dieser Art in meinem Leben seyn sollte.

Lucian.

Soll ich offenherzig mit dir sprechen, Freund Proteus? Dass dein Herz in der ersten Bewegung Galle und Gift gegen die schone Faustina kochte, kann ich dir leicht verzeihen: wem wurde es an deinem Platze nicht eben so ergangen seyn? Aber wenn du in den einsamen Stunden der Besinnung nicht wieder so gut zu dir selber kamst, um sie von aller Schuld an deichen; wenn dein Gedachtniss so treulos war, dich nicht zu erinnern, dass sie, selbst den Mittagsschlaf in der Grotte nicht ausgenommen, welchen ich, ohne einen gerichtlichen Beweis des Gegentheils, den du schwerlich fuhren konntest, fur einen blossen Zufall halte dass sie, sage ich, weder verfuhrerische Kunste, dich in ihre Schlingen zu ziehen angewandt, noch dir die geringste Ursache gegeben, sie fur eine schwarmerische Seele deines gleichen zu halten, kurz, dass du selbst es warst, der alle Auslagen bei dieser Gelegenheit auf eigene Rechnung ubernahm: wenn du das alles vergessen konntest, so hattest du wahrlich sehr Unrecht. Das Einzige, was Faustina, deiner eigenen Erzahlung nach, zu verantworten haben konnte, war, dass sie es geschehen liess, dass du sie nach deiner sonderbaren Art liebtest. Allein, die Neugier, was wohl am Ende daraus werden wurde, ist, daucht mich, einer jungen Furstin, deren Laune zu solchen Kurzweilen gestimmt war, um so leichter zu gut zu halten, da sie vermuthlich durch Flavianen zur Wette herausgefordert worden war, und ubrigens von einem Enthusiasten deiner Art unmoglich eine so lebendige Vorstellung haben konnte, um vorauszusehen, wie wehe sie dir durch die unvermuthete Verwandlung aus einem neuen Endymion in einen neuen Ixion20 thun wurde. In der That, lieber Proteus, war es bloss deine Schuld, dass du sie nicht nur, vermittelst des vorbesagten Zauberspiegels in deinem Kopfe, zu einer moralischen Venus, zu einem Ideal jeder geistigen Schonheit erhobst, sondern dieses Gottergebilde deiner schwarmenden Phantasie sogar mit deiner eigenen Art zu empfinden beseeltest, und eine Sympathie und Seelenverwandtschaft zwischen ihr und dir freigebig voraussetztest, fur welche in ihrem ganzen Benehmen, so viel ich sehen kann, fur einen Mann mit gewohnlichen Augen kein entscheidender Grund zu finden war. Im Gegentheil, man musste so verblendet und bezaubert seyn als du es warst, um nicht zu merken, wie sie bei allen deinen Bestrebungen, ihr deine Platonische Schwarmerei einzuimpfen, immer kalt und ruhig blieb, und wie wenig Vertrauen sie darauf setzte, dass die Probe, zu welcher du sie selbst aufzufordern die Vermessenheit hattest, zu deinem Ruhm ausfallen wurde. Aber, was den Process ganzlich zu ihrem Vortheil entscheidet, und fur die Gute ihres Herzens desto lauter spricht, je mehr Anlage zu Leichtsinn und Muthwillen in ihrer naturlichen Sinnesart war, ist der Umstand, dass sie dich sogar noch in dem Briefchen, das dir der Granatapfel in die Hande spielte, vor der Gefahr warnte, wiewohl der Verlust ihrer Wette darauf stand, falls du dich eines Bessern besonnen hattest.

Peregrin.

Jetzt, lieber Lucian, bin ich aus allen diesen Betrachtungen so geneigt als du selbst, Faustinen zu entschuldigen, und was mich damals beinahe wahnsinnig machte, hat ihr und mir, seitdem wir uns hier wiederfanden, mehr als Einmal Stoff zum Lachen gegeben. Aber vor meiner Verluftung zu Harpine war so viel Unbefangenheit bei mir unmoglich. Auch nachdem sich der erste Sturm in meinem Gemuthe gelegt hatte, blieb es immer ein unverzeihliches Verbrechen in meinen Augen, dass sie bei dem granzenlosen Vertrauen, das ich in die Unschuld ihrer Seele setzte, fahig gewesen war, mit einem Herzen wie das meinige ein solches Spiel zu treiben, und einen Mann, der selbst in seinen Verirrungen (wie meine Eigenliebe mir schmeichelte) noch Achtung verdiente, dem Spotte fremder Zeugen, und (was mich am empfindlichsten krankte) dem Hohngelachter einer Frau, deren Eitelkeit ich beleidiget hatte, so leichtsinnig und ubermuthig preiszugeben. Diess konnte ich ihr so wenig verzeihen, dass ich mich vielmehr uberflussig berechtiget hielt, sie bei jeder Gelegenheit als die gefahrlichste Sirene zu schildern, und selbst die Liebenswurdigkeit, die ihr jedermann zugestehen musste, fur eine blosse Larve zu erklaren, unter welcher eine falsche, gefuhllose und grausame Seele laure. Wenn ich denn einmal in diesen Ton gerathen war, so wurde weder ihres Vation endigte sich gewohnlich in eine bittere Satyre uber die Romer und Romerinnen, uber die ungeheure Verdorbenheit ihres Herzens und ihrer Sitten, uber den hassenswurdigen Despotismus ihrer Regierung, und uber die seltsame Schwache des guten frommen Kaisers, der sich die milde Gelindigkeit seiner phlegmatischen Sinnesart fur furstliche Tugenden aufschmeicheln lasse, und, weil er allen Menschen Gutes wunsche, wirklich so unschuldig sey, sich einzubilden, dass die Welt unter seinem Scepter halcyonische Tage lebe, und dass allen Leuten so wohl sey als ihm selbst.

Lucian.

Und wie benahm sich die schone Faustina bei diesem Ruckfall ihres Platonikers in den Charakter eines achten cynischen Bellers?

Peregrin.

In der That war sie, trotz dem leichtsinnig frohlichen Muthwillen, der sie zuweilen zu unschicklichen Schritten verleitete, die gutherzigste Seele von der Welt. Wie leicht hatte sie, wenn sie das gewesen ware, wofur ich sie in meiner ungerechten Erbitterung ausgab, sich uber den Gedanken weggesetzt, was aus einem armen Griechischen Landstreicher, den der Zufall zu seinem Ungluck in ihren Weg geworfen hatte, werden konne! Wie unermesslich war der Abstand von der einzigen Tochter des Kaisers und kunftigen Augusta21 zu Peregrinus Proteus von Parium! Aber Faustina hatte das Herz ihres Vaters geerbt. Kaum war die erste Freude uber den wunderschonen Hermaphroditen von Parischem Marmor, den sie durch ihre Wette gewonnen hatte, ein wenig verdunstet, so fiel ihr ein, dass sie dem ehrlichen Schlag, dessen Thorheit ihre Galerie mit einem so schonen Stucke bereicherte, eine Art von Vergutung fur seine fehl geschlagenen Hoffnungen (wie lacherlich diese auch an sich selbst gewesen seyn mochten) schuldig sey; und so wie ihr diess einfiel, so bildete sich auch schon ein Planchen in ihrem Kopfe, den guten Menschen so glucklich zu machen, als er es billigerweise nur immer wunschen konne. Die vorbesagte Myrto, welche nach Mamiliens Tod in die Dienste der Kaiserin gekommen und von dieser ihrer Tochter uberlassen worden war, genoss des besondern Vertrauens ihrer jungen Gebieterin, und war die erste unter ihren Freigelass'nen. Von ihr hatte Faustina noch eher als von mir selbst alles, was sie von meiner Geschichte wusste, und bei dieser Gelegenheit auch den Nebenumstand erfahren, dass der Liebesfunken, den ich ehemals unwissend in ihrem schonen Busen entzundet hatte, der Zeit und meiner Undankbarkeit zu Trotz, noch immer unter der Asche fortglimme. Myrto war zwar indessen bis zum funfundvierzigsten Jahre fortgeruckt: aber die Grazien hatten sie mit der Gabe, immer junger zu scheinen als sie war, beschenkt, und die gute Faustina glaubte, eine Verbindung zwischen uns wurde um so schicklicher seyn, da die Ausstattung, welche sie ihrer Favoritin zugedacht hatte, mich in den Stand setzen wurde, ein sehr gemachliches Leben zu fuhren; ein Umstand, der, ihrer Meinung nach, der schonen Myrto bei einem Philosophen, dessen Kuche auf vier oder funf Obolen des Tags fundirt war, keinen Schaden thun konnte.

Die Favoritin hatte mich schon einige Tage vergebens aufsuchen lassen und selbst aufgesucht, um mir von diesen guten Gesinnungen ihrer Gebieterin und von ihren eigenen Nachricht zu geben, als sie mich endlich in den ehemaligen Macenatischen Garten antraf, und mich, eh' ich ihr entwischen konnte, zu einer Unterredung nothigte, worin sie nichts vergass, was vielleicht jeden andern in meiner Lage hatte bewegen konnen, den Antrag, den sie mir mit der jungfraulichsten Bescheidenheit im Namen der Prinzessin machte, dankbarlich anzunehmen. Aber die schone Myrto fand einen Mann vor sich, dem die unvergessliche Mitternachtsstunde und der Hermaphrodit, dem er aufgeopfert worden war, seine ganze Apathie wiedergegeben hatte. Ihre Eigenliebe wurde schon bei diesem ersten Versuche durch die Kalte und Unbeweglichkeit, die ich ihr entgegen setzte, so empfindlich beleidigt, dass ihr alle Lust zu einem zweiten verging.

Einige Wochen verflossen, ohne dass ich von ihr oder Faustinen weiter etwas horte, oder mich um sie bekummerte. Aber einsmals, da ich in der Abenddammerung auf den Esquilien einsam herumirrte, nahte sich mir eine verschleierte Gestalt, welche mich um einige Augenblicke Gehor bat. Ich folgte ihr hinter eine Gruppe von Baumen, und sobald sie sicher zu seyn glaubte dass sie von niemand gesehen werde, gab sie sich fur meine alte Freundin Dioklea zu erkennen.

Ihr Anblick versteinte mich beinahe im eigentlichen Verstande dieses Wortes. Dioklea! wollte ich ausrufen, aber das Wort erstarrte auf meinen Lippen. Sie schien die Wirkung, die ihre so unverhoffte Erscheinung auf mich that, keiner Aufmerksamkeit zu wurdigen. Faustina, sagte sie mit ruhigem Ernst, hat erfahren, dass du dich durch das, was zwischen ihr und dir vorgegangen, berechtigt haltst, ubel von ihr zu sprechen. Die Rede geht sogar, man habe dich vor ziemlich vielen Zuhorern von dem Kaiser ihrem Vater, und von ihrem Gemahl, den sie uber alle Anfalle der Satyre hinweg gesetzt glaubte, in sehr unziemlichen Ausdrucken reden gehort. Die Prinzessin ist geneigt, diese unbedachtsamen Ergiessungen einer allzu reizbaren Galle deiner Menschlichkeit zu gut zu halten: aber sie bittet dich, um deiner eigenen Ruhe willen, die Stadt unverzuglich zu verlassen, und hofft, dass du diesen von ihr selbst gestrickten Beutel, zum Behuf deiner Ruckreise nach Griechenland, als ein Zeichen ihres guten Willens annehmen werdest. Mit diesen Worten uberreichte sie mir einen ziemlich grossen Beutel, der dem Ansehen nach mit Gold angefullt war.

Es war immer eine von meinen unglucklichsten Eigenheiten, dass ich in Fallen, wo ich zwischen zwei entgegen gesetzten Parteien auf der Stelle wahlen musste, immer die ergriff, die ich nach besserer Ueberlegung wunschen musste nicht genommen zu haben. Offenbar war es hochst unklug, die Bitte der Prinzessin fur etwas anderes als einen milderen Befehl anzusehen; und eben so unschicklich war es, ihr Geschenk mit Verachtung von mir zu weisen. Aber mein Gemuth war noch zu sehr verstimmt, und das Gelachter hinter dem Vorhang und die fatalen Worte "Ich habe die Wette gewonnen, Flaviana!" ertonten noch zu stark in meiner Seele als dass ich diese Botschaft einer Dame, von welcher ich mich so unverzeihlich gemisshandelt glaubte, aus dem Munde einer alten Freundin, die mich das zwischen uns bestehende Missverhaltniss auf eine so krankende Art fuhlen liess, so gut hatte aufnehmen konnen wie sie gemeint war.

Ich antwortete trotzig: ich ware mir keines Verbrechens bewusst, das mich der freien Wahl meines Aufenthalts, die mir als einem Romischen Burger zukomme, berauben konnte. Was die milde Gabe der Prinzessin betreffe, so brauchte ich zu meinen Bedurfnissen nur Obolen; und da ich deren gerade so viele hatte als ich brauchte, so bate ich sie, ihr Gold einem andern zuzuwenden, der dessen bedurftiger ware als Proteus. Und nach dieser impertinenten Gegenrede wandte ich Diokleen, die einen Blick voll kalter Verachtung auf mich heftete, mit aller Selbstzufriedenheit eines Menschen, der unverbesserlich geantwortet zu haben glaubt, den Rucken zu, und ging davon.

Kaum war der nachste Morgen angebrochen, so wurde ich zum Prafect der Stadt Rom berufen. Ich zweifelte nicht, dass mir der Vorgang am gestrigen Abend diese Ehre zuzoge, und versah mir daher wenig Gutes zu ihm. Aber es war mein Loos, die Menschen immer anders zu finden als ich sie erwartete. Der Prafect nahm mich auf die Seite, und sagte mir mit einem sehr strengen Blick, aber mit einem eben so sanften Ton der Stimme: er habe Ursache zu glauben, dass die Luft und der Aufenthalt zu Rom mir ganz und gar nicht zutraglich sey, und wolle mir also, als mein guter Freund, gerathen haben, mich ohne Verzug aus Italien zu entfernen, und nach Griechenland oder Aegypten zuruckzukehren. Ja wohl, rief ich, ist die Luft von Rom Pest fur mich! Dein Rath ist ein Befehl meines guten Damons; ich gehorche ihm auf der Stelle. Und hiermit flog ich meiner Herberge zu, packte meinen Quersack, und machte mich noch in der namlichen Stunde auf den Weg nach Brundusium.

Lucian.

Du eilest, wie ich sehe, zur Entwickelung der seltsamen Tragikomodie deines Lebens; und doch kann ich dich nicht mit der Frage verschonen, durch welchen seltsamen Zufall wir die Schwester des Propheten Kerinthus, die wir als eine eifrige Theilnehmerin an seinen weitgranzenden Entwurfen verliessen, so unvermuthet unter den Hausgenossen der schonen Faustina wiederfinden?

Peregrin.

Eine vollig befriedigende Auskunft uber diesen, auch mir damals sehr unerwarteten Zufall, wurde eine umstandliche Geschichte des Fortgangs und Ausgangs der Unternehmungen dieses ausserordentlichen Mannes erfordern, welche du bei Gelegenheit besser aus eben der Quelle, woraus ich sie selbst habe, namlich aus seinem oder Diokleens eigenem Munde, schopfen wirst. Alles was ich dir mit wenigem davon sagen kann, ist: dass die Eifersucht einiger der angesehensten und thatigsten Vorsteher der Brudergemeinen von seinen immer sichtbarer werdenden ehrgeizigen Absichten und von der Verfalschung der Lehre ihres Meisters und seiner ersten Junger, die ihm Schuld gegeben wurde, Gelegenheit nahmen, ihn und seine Anhanger, bald nach meiner Trennung von ihnen, in so schlimme Handel zu verwickeln, dass ihm, nachdem er alle andern Hulfsquellen seines so erfindsamen und rankevollen Kopfes erschopft hatte, zuletzt kein andrer Ausweg ubrig blieb, als auf immer zu verschwinden, und die Vollendung seines zu rasch betriebenen Plans der Zeit zu uberlassen, welche im Lauf von etlichen Jahrhunderten zu Stande brachte, was kein Werk fur das Leben eines einzigen Mannes war. Seine Schwester war bei dieser Katastrophe vorsichtig genug gewesen, in Zeiten fur ihre eigene Sicherheit zu sorgen. Sie wurde mit eben der Leichtigkeit wieder Dioklea, womit sie sich ehemals in eine Theodosia verkleidet hatte; und als sie nach einer absichtlichen Verborgenheit von etlichen Jahren in Rom wieder zum Vorschein kam , fand sie durch Vorschub ihrer zahlreichen Freunde gar bald einen Weg, der altern Faustina als die tauglichste Person zur Erziehung ihrer einzigen Tochter empfohlen zu werden. In dieser Stelle erwarb sie sich durch ihre Klugheit das Vertrauen der Mutter, und durch die gefallige Anmuth ihres Betragens und die Mannichfaltigkeit ihrer Talente die Zuneigung der Tochter in einem so hohen Grade, dass sie nach der Vermahlung der letztern mit dem Casar Marcus ihr in das Haus ihres Gemahls folgte, und bis ans Ende ihres Lebens die vertrauteste ihrer weiblichen Gunstlinge blieb.

Lucian.

Diess ist zu meiner Beruhigung hinreichend; denn ich muss gestehen, dass es mir nicht gleichgultig gewesen ware, uber das Schicksal dieser vielgestaltigen und in jeder Gestalt so anziehenden Dame in Ungewissheit gelassen zu werden. Ein Kerinthus mag verschwinden, wenn er seine Rolle nicht langer spielen kann: aber fur eine Dioklea findet sich unter jedem Gluckswechsel noch immer eine anstandige Rolle. Wie hatte die schone Faustina in bessere Hande gerathen, oder wo hatte sie eine wachsamere Aufseherin, eine erfahrnere Rathgeberin, eine gefalligere Freundin, und eine geschicktere Ausrichterin ihrer Auftrage finden konnen als Diokleen? Das Schicksal sorgte fur beide da es sie zusammen brachte: lass' nun horen, Peregrin, was es fur dich that, da es dich von beiden vermuthlich auf immer trennte.

Peregrin.

Es wurde ihm schwer gewesen seyn, etwas fur

einen Eigensinnigen zu thun, der eine so besondere Gabe hatte, alles, was Gotter und Menschen zu seinem Besten thun wollten, zu vereiteln, oder gegen ihre Absicht zu seinem Nachtheil zu kehren. In der That war ich in meinem ganzen Leben nie weniger aufgelegt gewesen als damals, meine Ruhe von irgend einem Wesen ausser mir abhangen zu lassen, geschweige eine bessere Behandlung, als ich bisher von den Menschen erfahren hatte, durch Gefalligkeit um sie verdienen zu wollen; und die Betrachtungen, die auf meiner einsamen Wanderschaft aus Italien meine einzige Gesellschaft ausmachten, waren nicht sehr geschickt, mich in eine andere Stimmung zu setzen.

Ich rief alle Verhaltnisse und Verbindungen, worin ich in meinem bisherigen Leben gestanden, in mein Gedachtniss zuruck; ich verglich in jeder dieser Lagen meine Erwartungen mit dem Erfolge; und das Resultat war: dass ich mich starker als jemals uberzeugt fuhlte, ich wurde, so oft ich unter den Menschen um mich her meines gleichen gefunden zu haben wahnte, mich eben so ubel betrogen sehen, als ich es bisher immer gewesen war.

Was blieb mir also ubrig, als mich mehr als jemals in mich selbst hineinzuziehen und von andern schlechterdings nichts weiter zu erwarten noch zu fordern? Aber um ihnen doch wenigstens dafur, dass sie mir den freien Gebrauch der Luft und des Wassers liessen, meine Dankbarkeit zu zeigen, setzte ich mir von neuem vor, ihnen bei jeder Gelegenheit offentlich und besonders, wo nicht zu ihrer Besserung, wenigstens zu ihrer Beschamung und Demuthigung, die Wahrheit zu sagen. Es ist immer etwas gethan, dachte ich, wenn wir sie, trotz ihrer selbstgefalligen Eitelkeit und ihrer allgemeinen stillschweigenden Abrede einander durch Hoflichkeit und Schmeichelei zu hintergehen, nothigen konnen, sich in dem ungefalligen Spiegel den wir ihnen vorhalten, war' es auch nur auf Augenblicke, so zu sehen wie sie wirklich sind. Mit diesem Vorsatze kam ich nach Griechenland zuruck; und aus diesem Gesichtspunkte, Freund Lucian, wirst du dir leicht erklaren konnen, wie es zuging, dass diejenigen, die sich durch meine Freimuthigkeit beleidigt fanden, den Mann, der keiner ihrer Thorheiten schonte, und sogar die Tugenden und Verdienste, woruber sie von aller Welt beklatscht wurden, durch ein Probefeuer gehen liess, worin sie in Rauch und Dunst zerflossen, in den Ruf eines menschenfeindlichen, bissigen und halb tollen cynischen Hundes brachten. In diesem Stucke war alles, was du deinen Ungenannten sagen lassest, blosser Widerhall der offentlichen Stimme. Aber, wenn es nothig ware hieruber ins Besondere zu gehen

Lucian.

Ueberhebe dich dieser Muhe, die nach allem, was ich nun von dir weiss, ganz uberflussig ware. Ich begreife nicht nur, wie du, zum Beispiel, die glanzenden Verdienste, welche sich der Sophist Herodes Attikus, der eitelste aller Menschen die ich kenne, kraft seiner unermesslichen Reichthumer um die Eitelkeit und Ueppigkeit der Griechen machte, ohne Ungerechtigkeit in einem ganz andern Lichte sehen konntest, oder vielmehr sehen musstest, als der grosse Haufe: ich gestehe sogar, dass ich selbst nicht zu entschuldigen bin, diesem hoffartigen Glucksgunstling einige Hoflichkeiten, die er mir erwiesen hatte, auf deine Unkosten bezahlt zu haben.

Peregrin.

Dafur, lieber Lucian, hast du selbst mich schon mehr als hinlanglich gerochen, da du, in einem andern deiner Aufsatze, eben diese Freimuthigkeit gegen den namlichen Herodes22, welche mir zum Verbrechen gemacht wurde, an Demonax der im Grunde so gut ein Cyniker heissen konnte als ich mit Lobspruchen belegtest.

Lucian.

Ich muss gestehen, diese kleine Zuchtigung ist nicht

gung anfuhren konnte, dass Demonax der liebenswurdigste und gutlaunigste aller Cyniker war, und seinen Tadel, ja sogar seine Spottereien mit einem so feinen Attischen Salze zu wurzen und in einer so angenehmen Manier vorzubringen wusste, dass die Getroffenen selbst nur selten ungehalten auf ihn werden konnten.

Peregrin.

Er glich hierin unserm gemeinschaftlichen Meister Agathobulus, welchem ich aus bereits angefuhrten Ursachen weder gleichen wollte, noch konnte. Bei mir ging, vermoge der individuellen Form meines Wesens, alles uber die Aristotelische Linie der Massigung hinaus. Wen ich nicht mit Schwarmerei lieben, mit Entzuckung loben konnte, den musste ich mit Abscheu fliehen, mit Bitterkeit tadeln. Wie hatte sich die Welt mit einem solchen, Menschen, oder er sich mit ihr, vertragen konnen? Niemand fuhlte diess starker als ich selbst, und daher bracht' ich auch den grossten Theil meines ubrigen Lebens in der einsamsten Abgeschiedenheit zu. Selbst das stille Athen war fur mich noch nicht still genug. Ich wahlte eine kleine abgelegene Bauerhutte nicht weit von der Stadt zu meinem gewohnlichen Aufenthalt; und ausser einigen jungen Leuten, die mein Ruf, und einem oder zweien, welche die tauschende Hoffnung, durch den Unterricht zog, war der Cyniker Theagenes von Patra der einzige Mensch, dessen Besuche ich annahm, aber in der That mehr duldete als wunschte.

Ich wundre mich nicht, Freund Lucian, dass dieser Theagenes in deinem Berichte von meinen letzten Tagen so ubel weggekommen ist. Er hatte (ausser seiner Schwarmerei fur mich) in seiner ganzen Person zu viel Anstossiges fur einen Mann wie du, als dass du billiger gegen ihn hattest seyn konnen als gegen mich selbst. Indessen war er im Grund ein Mensch von gutem Willen, und ich glaube noch in diesem Augenblicke, dass sein Eifer fur mich aufrichtig war. Allein eine grobe Organisation, eine pobelhafte Erziehung, eine gewisse angeborne Ungeschmeidigkeit, und ein naturlicher aber vom Glucke nicht begunstigter Hang zu einem mussigen und unabhangigen Leben, kurz, eben dieselben Umstande, die ihn in den cynischen Orden geworfen hatten, setzten seiner Ausbildung so enge Granzen, dass er es, mit aller seiner Schwarmerei fur den Thebanischen Hercules und meine Wenigkeit, doch nie weiter brachte, als unter den vulgaren Cynikern dieser Zeit eine ziemlich ansehnliche Person vorzustellen. Gleichwohl, so wie er war, gewann ihm seine Gutmuthigkeit, sein Feuer und seine leidenschaftliche Zuneigung zu mir einigen Antheil an einem Herzen, dessen dringendstes Bedurfniss war etwas zu lieben: und wenn er mich gleich durch die unzahligen Dissonanzen, welche seine Art zu empfinden, zu denken und zu leben mit der meinigen machte, oft genug zuruckstiess; so blieb es mir doch unmoglich, den einzigen Menschen von mir zu entfernen, von welchem ich gewiss zu seyn glaubte, dass er von Herzen und ohne eigennutzige Rucksichten an mir hange. Und so folgte denn auch ganz naturlich, dass er bei meiner beruchtigten Todesscene die erste und geschaftigste Nebenrolle auf sich nahm.

Diese letzte Epoche meines Lebens welches (wie du gesehen hast) ausserordentlich genug gewesen war, um sich auf eine ungewohnliche Art zu endigen ist nun das Einzige, lieber Lucian, woruber ich dir noch einige Erlauterungen schuldig bin.

Ein freiwilliger Ausgang aus dem Leben, ungeachtet er von den Platonen und Epikteten aus sehr scheinbaren Grunden gemissbilligt wurde, war von jeher unter Griechen und Romern von einer gewissen Classe etwas so wenig Seltenes gewesen, und im Gegentheil durch grosse Beispiele so sehr gerechtfertigt und, so zu sagen, geheiligt worden, dass sich schwerlich jemand daruber verwundert oder bekummert haben wurde, wenn ich meinem Leben in der Stille, wie so manche andre Philosophen, durch Hunger, oder Opium, oder einen laufenden Knoten ein Ende hatte machen wollen. Aber ein in Griechenland so ungewohnlicher, so feierlicher und vier Jahre zuvor offentlich angekundigter freiwilliger Tod musste allgemeine Aufmerksamkeit erregen, und es war leicht voraus zu sehen, dass er von dem einen fur die grosste Heldenthat, von einem andern fur Wahnsinn, und von einem dritten fur blosse Charlatanerie erklart, von allen aber, oder doch wenigstens von den meisten, nur ihren eigenen Augen geglaubt werden wurde.

Den Gedanken, mein Leben, sobald ich fuhlte dass es Zeit ware, freiwillig zu beschliessen, hatte ich schon lange, und in der That schon damals gefasst, als ich mich zu Alexandrien entschloss, das Bild eines philosophischen Hercules in meiner Art zu leben darzustellen. Seit meiner Verbannung aus Italien war dieser Gedanke mit jedem Jahre lebendiger geworden. Das Leben unter den Erdebewohnern, das seit meinen letzten Erfahrungen zu Rom allen Reiz fur mich verloren hatte, wurde mir nun von Tag zu Tage gleichgultiger, und endlich gar verhasst. Meine ganze Art zu seyn und die ausserst strenge Enthaltsamkeit, welcher ich von jener Zeit an getreu blieb, hatte alle naturlichen Bande, die den einzelnen Menschen ans Leben fesseln, nach und nach bei mir zu dunnen Zwirnsfaden abgeschlissen. Dagegen war die Starke jenes sonderbaren Gefuhls meiner damonischen Natur welches dich nun nicht mehr an mir befremden darf, da es die erste und machtigste Triebfeder meiner ganzen Thatigkeit war in eben dem Masse gewachsen, wie der naturliche Trieb zum Leben die seinige verlor. Das Klumpchen organisirter Erde, womit ich mich noch schleppen musste, wurde mir immer uberlastiger; diese Organe selbst waren in meiner Vorstellung nur Hindernisse einer vollkommenern Art zu sehen, zu horen, mit dem Weltall, und vornehmlich mit den geistigen Wesen und Kraften desselben, in engere Beziehungen zu kommen, kurz, zu einer unendlich schonern und unbeschranktern Thatigkeit zu gelangen. Ich fuhlte mich endlich von einer unbeschreiblichen Sehnsucht nach diesem hohern Leben, an dessen Wirklichkeit ich nie gezweifelt hatte, gepresst: und da die Hoffnung, den Menschen durch meinen langern Aufenthalt unter ihnen nutzlich zu seyn, immer schwacher und schwacher wurde; da sie mir endlich als eine lacherliche Chimare erschien, die nur in dem Gehirn eines mit der Welt ganzlich unbekannten schwarmerischen Junglings erzeugt, und, nach allem was mit mir vorgegangen war, nur von einem unheilbaren Thoren langer gehegt werden konne: so blieb nun nichts ubrig, was mich hatte zuruckhalten konnen, und ich beschloss zu sterben.

Aber in eben demselben Augenblicke stellte sich mir auch der Gedanke dar: da mein Leben der Welt zu nichts nutze gewesen sey, wenigstens meinen Tod wohlthatig fur sie zu machen. In diesem Zeitalter der weichlichsten Entnervung musste, dachte ich, das unmittelbare offentliche Schauspiel eines freiwilligen heroischen Todes, so eines Todes wie Hercules auf dem Oeta und Kalanus23 im Angesichte Alexanders und seines ganzen Kriegsheeres starb, einen tiefern und heilsamem Eindruck auf die Gemuther machen, als der beredteste Moralist durch die schonsten Declamationen im Lyceum oder in der Stoa in zwanzig Jahren bewirken konnte. Du weisst schon, lieber Lucian, wie leicht meine Einbildungskraft durch Vorstellungen dieser Art in Flammen zu setzen war; und doch musste es dir lacherlich vorkommen, wenn ich ohne die geringste Uebertreibung von dem seltsamen Reiz sprechen wollte, den der Gedanke mich zu Olympia vor den Augen so vieler Myriaden von Griechen und Auslandern aus allen Gegenden der Welt in einer schonen Sommernacht zu verbrennen bei seiner ersten Entstehung fur mich hatte.

Von welcher Seite ich diesen Tod betrachtete, zeigte er sich mir in einer blendenden Gestalt. In Rucksicht auf die Menschen der gegenwartigen und kunftigen Zeiten war er eine glorreiche Selbstaufopferung, welche mich durch ein unvergessliches Beispiel der Standhaftigkeit, der Geringschatzung dessen was den Sterblichen uber alles ist, und des innern Bewusstseyns einer uber dieses armselige Erdeleben hinaus reichenden Bestimmung, auf ewig zum Wohlthater der Menschen, die so wenig um mich verdient hatten, machen wurde. In Rucksicht auf mich selbst war es die kurzeste, edelste, der ursprunglichen Natur des Damons in mir, der mein wahres Ich ausmachte, angemessenste Art, nach einer schon zu lange dauernden Verbannung auf dieses verhasste Land der Tauschungen, der Leidenschaften und der Bedurfnisse in mein ursprungliches Element zuruckzukehren. Ueberdiess muss ich gestehen, dass ich mich auch nicht wenig durch die Vorstellung geschmeichelt fand, den Christianern zu zeigen, dass sie nicht die einzigen seyen, die durch ihren Glauben mit dem Muthe begeistert wurden, dem Anblick eines peinvollen Todes Trotz zu bieten.

Lucian.

Aber, wenn alle diese Vorstellungen so machtig auf dich wirkten, wie kam es, dass du dich bei der nachsten Wiederkehr der Spiele zu Olympia an der blossen Ankundigung deines Vorsatzes begnugtest, und die Ausfuhrung noch vier ganzer Jahre, die dir in einer solchen Gemuthsstimmung vier Jahrhunderte scheinen mussten, verschieben konntest?

Peregrin.

Aufrichtig zu reden, Lucian, da ich mit allen meinen seltsamen Eigenschaften am Ende doch so gut ein Mensch war wie andere, so mochte ich nicht dafur stehen, dass der Instinkt, der alle Lebendigen mit einer geheimen und nur desto machtigern Gewalt an die einzige Art von Daseyn, welche sie aus unmittelbarer Erfahrung kennen, fesselt, nicht auch bei mir seine Wirkung gethan haben konnte. Indessen ist alles was ich hiervon mit Gewissheit sagen kann, dass ich mir dieser Bewegursache nicht bewusst war. Ich hatte vielmehr lange mit mir selbst zu kampfen, bis ich zum Entschluss kam, mein ungeduldiges Verlangen nach dem Tode, als die letzte Leidenschaft, die ich der Weisheit noch aufzuopfern hatte, zu uberwaltigen, und das Heroische und Exemplarische desselben eben dadurch, dass ich ihm vier Jahre lang schrittweise entgegen ging, desto auffallender und vollkommener zu machen. Diess, lieber Lucian, war wenigstens der einzige Beweggrund, den ich mir selbst gestand, dem ich alles mogliche Gewicht zu geben suchte, und der endlich um so mehr die Oberhand behielt, weil ich dadurch Zeit gewann, theils die wenigen Freunde, die mit Warme an mir hingen, auf unsere Trennung vorzubereiten, theils einen sonderbaren Einfall auszufuhren, welchen mir die Begierde, ganz Griechenland durch meinen Tod in eine heilsame Erschutterung zu setzen, eingegeben hatte.

Lucian.

Du sprichst vermuthlich von den sogenannten Cirkelbriefen, die du, wie die Rede ging, als eine Art Vermachtnisse an alle Stadte von einigem Ansehen in Achaja und in dem Griechischen Asien erlassen haben solltest?

Peregrin.

Du kannst dir nicht vorstellen, wie glucklich mich die Vorstellung der Wirkungen machte, welche der letzte Wille eines auf eine so ausserordentliche Art sterbenden Weisen auf diejenigen thun musste, denen er zu einer Zeit, da ihm fur sich selbst an ihrem Wohl oder Weh, so wie an ihrer guten oder schlimmen Meinung von ihm, nichts mehr gelegen war auf eine so uneigennutzige und ruhrende Art zu erkennen gab, wie sehr ihm ihr Bestes am Herzen liege. Eine geraume Zeit vor meinem Tode beschaftigten diese Cirkelbriefe24 meine ganze Seele; sie erhielt unvermerkt dadurch die Warme und Begeisterung meiner Jugend wieder. Noch nie, dauchte mich, war ein Menschensohn vor mir in einer Lage und Stimmung gewesen, die ihm einen so grossen Vortheil uber seine Bruder gab; die ihn in einem so hohen Grade berechtigte, ihnen jede heilsame Wahrheit mit einem (wie ich in meiner gutherzigen Narrheit mir einbildete) so unwiderstehlichen Nachdruck ins Gesicht zu sagen; und die hingegen auch sie, auf ihrer Seite so geneigt machen musste, seinem strafenden Tadel und den Vorschlagen, die er ihnen zu Verbesserung ihrer Polizei und ihrer Sitten that, Gehor zu geben. Ich richtete es mit Hulfe meiner Cyniker und ihres Anhangs so ein, dass alle diese Briefe zugleich mit der Nachricht von meinem Tode bei ihren Behorden eintreffen mussten; und was vielleicht unter allen Sterblichen nur mir begegnen konnte wahrend der ganzen Zeit dass ich mich mit diesen meinen moralischen und politischen Vermachtnissen beschaftigte, kam es mir auch nicht ein einzigesmal in den Sinn, dass sie sowohl ihres feierlichen Tons als ihres Inhalts wegen, als Traume eines Wahnsinnigen mit Nasenrumpfen und Achselzucken aufgenommen werden, und alles nicht um ein Haar besser gehen wurde, als es ohne mich und meinen letzten Willen in der Welt gegangen ware.

Da es mir mit dieser ganzen Beichte meines abenteuerlichen Lebens bloss darum zu thun war, dich, durch umstandliche Erzahlung dessen, was du nicht wusstest, in den Stand zu setzen, von dem, was du wusstest oder zu wissen glaubtest, richtiger und billiger zu urtheilen; so kann ich es nun ganz getrost dir selbst uberlassen, mich, wo es vonnothen ist, gegen den Verfasser der Nachrichten von Peregrins Lebensende in deinen Schutz zu nehmen. Alles Missverstandniss hort nun auf, und Peregrinus Proteus steht nun, als ein Schwarmer, wenn du willst, aber wenigstens als ein ehrlicher Schwarmer vor dir da. Du kannst dir nun ohne Muhe selbst erklaren, was an der Erzahlung des Arztes Alexander (der in dem heftigen Fieber, welches mich acht oder neun Tage vor meinem Tode uberfiel, zu mir gerufen wurde) wahr oder unwahr gewesen seyn konne; und wirst leicht begreifen, wie der Arzt Alexander die Ursache, die ich ihm angab, warum ich lieber freiwillig in den Flammen zu Harpine als an einem hitzigen Fieber sterben wollte, eben sowohl falsch ausgedeutet, als der Sophist Lucian die Ursache dieses Fiebers durch sein "vermuthlich weil er sich den Magen uberladen hatte" ubel errathen haben konne. Auch kann ich mich wegen der Todesfurcht, aus welcher mein besagter Gegner sich die Verzogerung meiner offentlichen Verbrennung begreiflich machte, nun, da kein Nebel mehr zwischen uns ist, getrost auf das Augenzeugniss meines Freundes Lucian berufen, der mich den Holzstoss mit ziemlich fester Hand anzunden sah.

Lucian.

Dieses reinere Element, das wir nun bewohnen, macht es uns glucklicherweise eben so unmoglich uns selbst als andere mit Parteilichkeit anzusehen. Es muss ein susser Augenblick gewesen seyn, Peregrin, einmal in dieses neue Leben versetzt fuhltest!

Peregrin.

O gewiss! und doch fur mich, der sich dessen versah, nicht so uberraschend als fur dich, den der kaltblutige Epikur uberzeugt hatte, dass mit dem letzten Athem alles aufhore.

Lucian.

In der That, das Vergnugen dieser Ueberraschung war so gross, dass ich seine Philosophie auch ohne Rucksicht auf so viele andere grosse Vortheile, welche sie uber das irdische Leben verbreitet um dieses einzigen willen fur kein geringes Verdienst halte, das der gute Mann sich um die Menschheit gemacht hat. Doch hiervon ein andermal! Antworten und Gegenfragen auf die Zweifel und

Anfragen eines vorgeblichen Weltburgers.

1783.

Wenn es noch zweifelhaft ware, ob es auch unachte Weltburger gebe, die sich dieses edlen Namens anmassen, ohne durch die Gleichformigkeit ihrer Grundmaximen und Gesinnungen mit denen der wahren Kosmopoliten dazu berechtigt zu seyn, so hatte uns der ungenannte Verfasser der Neugierden eines Weltburgers (einer vor kurzem auf anderthalb Bogen im Druck erschienenen Flugschrift) der Muhe uberhoben, die Welt uber das Daseyn solcher falscher Bruder ausser allem Zweifel zu setzen.

Dieser vorgebliche Weltburger hat zwar seine Zweifel und Anfragen ausdrucklich nur den Staatsgrublern zur Prufung und Beantwortung gewidmet: da aber einige der erstem (und gerade diejenigen, die ihm die meisten Wehen zu machen scheinen) so beschaffen sind, dass sie ohne alle staatsgrublerische Spitzfindigkeit mit blosser Hulfe des schlichten Menschenverstandes gehoben werden konnen; so finde ich mich um so mehr bewogen, ihm diesen kleinen Dienst zu leisten, indem diese Zweifel gerade solche Gegenstande betreffen, woruber sich die wahren Kosmopoliten durch eine gegen die seinige sehr stark abstechende Vorstellungsart unterscheiden.

Nichts ist wohl naturlicher, als dass in einer Zeit, wo jedermann grubelt, manche Satze, welche in Jahrhunderten, wo nur Monche grubelten, fur unzweifelhafte Wahrheiten galten, zu Aufgaben gemacht und genothigt werden die Titel zu zeigen, auf welche sich ihre so lange unangefochtene Gewissheit grunde. Der gemeine Verstand, der alle Menschen instinctmassig lehrt was ihnen gut oder bose sey, ist zwar fur sich selbst trage, und lasst sich nur gar zu leicht zufrieden stellen, auch wohl unter gewissen Umstanden auf ganze Jahrhunderte einschlafern. Ist er aber einmal aufgeschreckt und verschuchtert, so wird sein Misstrauen eben so gross als seine vorige Sicherheit; er verliert allen Respect, glaubt seinen besten Freunden nichts mehr, wittert uberall Betrug und Gefahrde, durchleuchtet daher mit seinem Lampchen jeden finstern Winkel, furchtet sich aber eben so sehr vor gar zu blendendem Licht als vor heiligem Dunkel, weil ihn dunkt, dass man in dem einen so gut als in dem andern Gefahr laufe um seinen Geldbeutel zu kommen.

Dieses Misstrauen muss um so viel grosser werden, je mehr er entdeckt, dass gewisse Leute sich sein gutherziges Vertrauen und feinen sorglosen Schlummer ungebuhrlich zu Nutze gemacht haben. Kommt dann noch eine naseweise Philosophie dazu, die ihn unaufhorlich mit Fragen beunruhigt, auf welche er nichts andres zu antworten weiss als "fragt meinen Hofmeister," die sich aber mit dieser Abweisung so wenig befriedigen lasst, dass sie ihm vielmehr alles, was ihm sein Hofmeister von Kindheit an als heilige Wahrheit eingeflosst, eingesungen, eingepredigt und eingeprugelt hatte, streitig und zweifelhaft macht; eine Philosophie, die kein Ansehen der Person und Wurde, kein Privilegium des Alters, keinen Besitzstand der von Untersuchung des Titels befreie, gelten lasst, nichts Verborgenes unaufgedeckt, nichts Schimmerndes unangetastet, nichts Ratselhaftes unaufgelost wissen will; die man sich nicht einmal durch derbe Beweise vom Halse schaffen kann, weil sie immer den Beweis des Beweises fordert; und ist es endlich gar so weit gekommen, dass diese Philosophie ihre Wirkungen, unter dem beliebten Namen der Aufklarung, der Befreiung vom Joch alter Vorurtheile u.s.w. mit Hulfe unzahliger Bucher-Fabriken und Drucker-Pressen uber alle Stande einer grossen Nation ausgebreitet und alle Arten von Kopfen in Gahrung gesetzt hat: was Wunder, wenn endlich vor lauter Aufklarung, Freiheit zu denken, Eifersucht gegen alles menschliche und Misstrauen gegen alles ubermenschliche Ansehen, die Kopfe zu schwindeln anfangen, nichts um uns her mehr fest zu stehen scheint, und eine epidemische Zweifelsucht die Welt zuletzt mit einem noch schlimmem Zustande bedroht, als derjenige war, worin sie sich ihrem Hofmeister blindlings uberliess, und eher an ihren eignen Sinnen als an der Unfehlbarkeit ihrer Fuhrer zweifelte?

Augenscheinlich nahert sich ein grosser Theil von Europa diesem Zustande mit starken Schritten. Die vorbesagte Philosophie, nicht zufrieden sich der hohern Classen allenthalben fast ganzlich bemachtigt zu haben, macht sich auch Wege zu demjenigen Theile des Volks, der sich beim blossen Glauben immer noch am leidlichsten befunden hat. Was zuletzt die Folgen dieses immer allgemeiner werdenden Emporungsgeistes gegen alles Ansehen, gegen alles was unfern Vatern ehrwurdig und unverletzlich war, naturlicher Weise seyn werden scheint eine Aufgabe, deren Auflosung eines akademischen Preises wurdiger ware, als manche andre, womit man die dialektische Geschicklichkeit unsrer besten Kopfe zeither in Wetteifer gesetzt hat. Wahrscheinlicher Weise wird, wenn man mit der Religion und der Priesterschaft fertig ist, die Reihe auch an Untersuchungen kommen, die unfern weltlichen Gewalthabern in der Folge nicht behagen durften, so gleichgultig auch das Gefuhl ihrer Starke sie jetzt dagegen machen mag. Denn auch sie wird man endlich fragen: aus welcher Macht thut ihr diess und das? Von wem habt ihr diese Macht empfangen, und wem habt ihr Rechenschaft davon zu geben? Worauf grunden sich eure Vorrechte, Besitzthumer und Anspruche? Habt ihr die Gewalt, die uns zu Boden druckt, von der Natur? Werdet ihr aus einer vollkommnern Masse gebildet als wir? Habt ihr mehr Sinne, mehr Hande und Fusse? u.s.w. Oder, wenn sich alle eure Vorrechte (wie uns unsre Philosophen von dm Dachern herabpredigen) auf einen blossen Vertrag zwischen uns und euch grunden; wenn alles, was ihr besitzt, bloss anvertrautes Gut ist, und euer Ansehen keinen andern rechtsbestandigen Grund hat noch haben kann, als eine von uns empfangene bedingte Vollmacht, die wir alle Augenblicke zurucknehmen konnen, sobald wir uns auf eine vorteilhaftere Art einzurichten wissen; wie konnt ihr erwarten, dass so aufgeklarte Leute, wie wir, in der wichtigsten Angelegenheit unsers zeitlichen Lebens (des einzigen, welches uns ubrig bleibt, nachdem uns eure Philosophen gelehrt haben, dass die Seele des Menschen in seinem Blute ist) euch eine willkurliche und unbeschrankte Gewalt uber unsere Personen, unser Eigenthum und unser Leben einraumen werden? Ehe wir euern Verordnungen gehorchen, wollen wir untersuchen, ob sie uns glucklicher machen werden. Ehe wir euch Subsidien bewilligen, wollen wir erst wissen, wie ihr sie zu unserm Nutzen anzuwenden gedenket. Und ehe wir uns an die Schlachtbank fuhren oder in Gefahr setzen lassen, unsre Felder verwustet, unsre Wohnungen angezundet, unsre Weiber und Tochter geschandet, und unsre Sohne in die Kriegsknechtschaft gefuhrt zu sehen, wollen wir vorher untersuchen, was uns daran gelegen ist, ob ihr etliche Quadratmeilen mehr oder weniger zu besteuern habt oder nicht.

Ich zweifle keineswegs, dass unsere Obern nicht im Stande seyn sollten, auf alle diese unehrerbietigen Fragen auch ohne Knuttel, Zuchthaus und Festungsbau sehr gultige Antworten zu geben. Aber die Geschichte der vergangenen Zeiten belehrt mich, dass es doch immer sichrer ist, die Sachen nicht auf solche Spitzen zu treiben; dass illuminirte Bauern und begeisterte Knipperdollinge25, Cromwelle u.s.w. gefahrliche Sachwalter der Menschheitsrechte sind, und, mit Einem Worte, dass es besser ist, die wohlthatigen Wirkungen, die ein unvermerkt zunehmendes Wachsthum der Vernunft unfehlbar unter den Volkern der Erde hervorbringen wird, ruhig abzuwarten, als diesen Zeitpunkt (der doch gewiss noch kommen wird) durch Mittel beschleunigen zu wollen, deren unuberlegte Folgen schlimmer und verderblicher seyn wurden als die Uebel, die man dadurch zu heben glaubt.

Der Himmel verhute, dass der Gedanke, der bisherigen Aufklarung unsrer Zeiten durch etwas andres als durch gesunde Vernunft und grundliche Wissenschaften Schranken zu sehen, jemals in denjenigen erweckt werde, welche Gewalt uber uns haben! Wahre Erleuchtung uber alles, was den Menschen wesentlich angeht, ist unser wichtigstes und allgemeinstes Interesse; und Verbesserungen sind ihre naturlichen Folgen. Aber es gibt auch Irrwische, deren betrugliches Licht in Moraste fuhrt. Selbst das wohlthatige Sonnenlicht darf nicht anders als mit grosser Behutsamkeit und durch fast unmerkliche Stufen in die schwachen Augen eines sehend gewordenen Blinden eingelassen werden, und ein zu starker Lichtstrom blendet sogar ein geubtes Gesicht. Aber die eine Halfte der Welt in den Brand stecken, um der andern eine schone malerische Beleuchtung zu geben, ist ein Project, das nur in so einem Kopfe sollte entstehen konnen, wie jener war, der Rom an vier Ecken anzunden liess, um einem poetischen Gemalde vom brennenden Troja mehr Wahrheit geben zu konnen.

Die Herren, welche die goldnen Zeiten, auf die wir schon so manches Jahrtausend vertrostet werden, dadurch zu beschleunigen glauben, dass sie vor allen Dingen auf den Umsturz der Religionsverfassung von Europa antragen, mogen vielleicht ihrer eignen Meinung nach sehr kosmopolitische Absichten dabei haben: aber ihr Project selbst ist um nichts besser als jener Neronische Einfall. Unsre Vater wussten auch, und hatten's schon von ihren Vatern gelernt, dass keine menschliche Anstalt ohne Missbrauche, keine Religion ohne Aberglauben ist: aber, dass man alle Religion abschaffen musse, damit niemand Gespenster glaube, oder nach Noth Gottes wallfahrte wenn er was Nothiger's zu Hause zu thun hatte, das liessen sie sich freilich eben so wenig traumen, als dass man das burgerliche Regiment abschaffen musse, damit Richter, Amtleute und Advocaten das Recht nicht langer beugen konnen, und kein armes Bauerlein mehr in den Fall komme uber Execution oder Frohndienste zu wehklagen.

Eine weitlauftige Rechtfertigung unsrer Vater uber diese Denkart zu unternehmen, wurde eine unverzeihliche Verzweiflung an dem gemeinen Menschenverstande verrathen. Der Grundsatz, welchem sie in Veurtheilung und Schatzung des wesentlichen und zufalligen Nutzens oder Schadens der Religion folgten, geht durch alle Zweige des menschlichen Lebens. Wir wurden auf den Zustand der Bewohner von Neu-Holland zuruckgebracht werden, wenn man uns alles nehmen wollte, was durch Zufall oder Missbrauch Schaden thut. Eure Philosophie selbst, ihr kurzsichtigen und voreiligen Verbesserer! aller Aberglaube und alle Moncherei der ganzen Welt, von dem ersten Menschen an, der an seine Traume glaubte oder zu einem Fetisch sprach, sey mein Gott! hat nicht halb so viel Elend verursacht, als eure Philosophie in einem einzigen Menschenalter stiften wurde, wenn bei jeder policirten Nation nur zwei Drittel an euern Unglauben glauben und nach euern Grundsatzen handeln wurden.

Die ewige Quelle aller Chimaren und Trugschlusse, wodurch halb aufgeklarte Kopfe und aufgeklarte Halbkopfe sich selbst und andre tauschen, ist die Verwechslung willkurlicher Abstractionen mit den wirklichen Dingen dieser Welt. Man kann sich einen Staat, eine Polizei, ein durch Fleiss und Handlung bluhendes Volk ohne Religion denken, also (schliesst man) ist die Religion eine ganz entbehrliche Sache; und eine entbehrliche Sache, die so leicht gemissbraucht werden kann und durch den Missbrauch so schadlich ist, wird am besten gar abgeschafft, sagen unsre raschen Kurzdenker.

Sollten diese Herren, die sich so viel aufgeklarter zu seyn dunken als die Gesetzgeber und Weisen aller Volker und Zeiten, den Unterschied zwischen einem Staate, der aus zwanzig Millionen metaphysischer Silhouetten, und einem Staate, der aus zwanzig Millionen lebendiger Menschenkinder besteht, auch wohl scharf genug durchdacht haben, um so gewiss zu seyn, dass dieser eben so gut ohne Religion bestehen konnte als jener? Oder, wenn auch ein wirklicher Staat der Religion, als politisches Institut betrachtet, fur sich selbst entbehren konnte, wie wird er gegen andre Staaten aushalten, welche eine Religion haben, und bei denen (einen sehr moglichen Fall vorausgesetzt) diese Religion mit voller Kraft wirkte?

Doch, wir wollen uber alle diese Fragen hinwegsehen. Der Burger als Burger soll, wenn die Herren wollen, der Religion entbehren, soll ohne sie im Zaum gehalten werden konnen: kann er sie darum auch als Mensch entbehren? Ist der Mensch um des Burgers, oder der Burger um des Menschen willen? Ist die Sorge fur Nahrung und Kleidung, die Abfuhrung seiner burgerlichen Schuldigkeiten, und das Bestreben nach Reichthum und uppigem Genuss die einzige oder hochste Angelegenheit des Menschen? Ist er nicht ein Wesen, das, sobald es sich ganz fuhlt, sich einer sittlichen und geistigen Vollkommenheit fahig, und zu Geschaften, die dieser Fahigkeit entsprechen, geboren fuhlt? Wollen wir diesen edlen Instinct in ihm erstikken? ihn bloss auf die thierischen Triebe einschranken? ihn mit aller Gewalt zu einer Art von Geschopfen herabwurdigen, die bloss dafur gefuttert werden, dass sie am Pfluge ziehen und Lasten tragen? Ihm die Religion nehmen ist freilich der kurzeste Weg dazu. Aber wenn auch Philosophen und Despoten sich mit einander vereinigten, diese schandliche Entmenschung an ihren Untergebenen vorzunehmen, werden diese die Operation so geduldig aushalten? Werden sie, nachdem man ihnen ohnehin schon fast alles genommen hat, woran sie ein naturliches Recht mit auf die Welt brachten, sich auch noch das absophistisiren lassen, was jede Nation des Erdbodens immer als ihre letzte Zuflucht, als ihr heiligstes und liebstes Gut, als einen Schatz, gegen welchen in Augenblicken des Enthusiasmus das Leben selbst fur nichts geachtet wird, angesehen haben? den Glauben ihrer Vater, den Glauben an eine Vorsehung die fur alles sorgt, an einen unsichtbaren Weltbeherrscher dem alles unterthan ist, an unsichtbare Beschutzer von welchen Hulfe zu erlangen ist wenn sonst nichts helfen kann, an ein kunftiges Leben wo alles in Ordnung und Gleichgewicht kommt, alles, was hier gesundiget wurde, gebusst, alles, was hier unvergolten blieb, vergolten werden wird? Welch ein Unternehmen, dem Menschengeschlecht den Trost, der aus diesem Glauben entspringt, rauben zu wollen? Und welch ein Wahn, sich einzubilden dass man es konne?

Man sage nicht, dass ich hier Streiche in hie Luft fuhre; dass die Meinung der Herren, von denen die Rede ist, nicht sey, die Religion selbst, sondern nur den Missbrauch der mit ihr getrieben werde, abzustellen. Wenn diess ware, wurden sie sich anders benehmen und eine andere Sprache fuhren. Wenn einer mitten unter eine ganze Nation hintritt und fragt:

"stehet zu vermuthen, dass dem respectiven Gou

vernement weniger Gehorsam geleistet werden

wird, dass es weniger gute Staatsburger geben wird,

wenn den Volkern die Furcht vor dem Religionsge

spenste genommen wird?" so muss man ihm wenigstens lassen, dass er die Gabe hat sich kurz und deutlich zu erklaren; und ich sehe nicht, wie unser Weltburger, der diess gefragt hat, seine Meinung uber die Religion starker und runder hatte heraussagen konnen. Sie ist ihm blosse Pfaffenerfindung, ein Gespenst womit man Kinder schreckt, und womit sich nur Kinder schrecken lassen. Und freilich, wenn sie nichts als das ist, so kann man nicht besser thun, als sie je eher je lieber abzuschaffen; so wie nichts gerechter ware, als die Geistlichkeit oder, wie sich unser After-Kosmopolit ausdruckt, die Pfaffen beiderlei Geschlechts fur vogelfrei zu erklaren, wenn es wahr ist, dass sie "Feinde des Staates sind, und Feinde des Staates ziehen."

Religion und Gespenster stehen also, in dem aufgeklarten Kopfe des Welt- und Staatsburgers, der so bescheidne und wohluberlegte Fragen an seine Mitburger thut, in Einer Linie. "Und sind es nicht immer Kinder die an Gespenster glauben, fahrt er fort zu fragen, und grosse Leute glauben doch nicht daran?" Wenn ich nicht irre, so war es kein Kind, sondern ein grosser Mann, ein Mann von sehr grossem, alles umfassendem und tief eindringendem Geiste (Bacon von Verulam), der gesagt hat: "Philosophie, nur mit den aussersten Lippen fluchtig gekostet, berauscht den Verstand, macht Religionsverachter und Unglaubige: nur mit vollen Zugen getrunken, wird sie Licht der Seele, und dann fuhrt sie zu Gott." Waren Sokrates und Plato Kinder? Oder war es ein Kind, das von den Eleusinischen Mysterien sagte26: "dass sie das beste Geschenk seyen, was Athen, die Mutter so vieler vortrefflichen und herrlichen Dinge, der menschlichen Gesellschaft gemacht habe; weil man in ihnen das, was den Menschen allein zum Menschen mache, die wahren Grundsatze um glucklich zu leben und mit bess'rer Hoffnung zu sterben, gelehrt werde." Das Kind, das so treuherzig an das Gespenst der Eleusinischen Mysterien glaubte, war einer der ersten Manner in Rom, zu einer Zeit, wo ein Romer gegen die Manner unsrer Zeit ein Gott war. Wenn unser Weltburger sich die Muhe geben wollte genauere Erkundigungen einzuziehen, so wurde er finden, dass eine erste Ursache, die alles schafft, nahrt und zu Einem verbindet, eine alles umfassende Vorsehung, die Verwandtschaft unserer Natur mit der gottlichen, und die instinctahnliche Ahndung der Fortdauer unsers wahren Selbsts uber die engen Granzen dieses Augenblicks von Leben, Gespenster sind, an welche von jeher unter allen Volkern und zu allen Zeiten die grossten und erhabensten Geister geglaubt haben27.

Doch, unser Weltburger spricht ja auch von der Allgute eines allweisen Schopfers, indem er es mit dieser Allgute und Allweisheit nicht vertraglich findet, "dass die Vernunft nicht hinreiche den Menschen zu fuhren." Aber wenn die Vernunft hinreicht den Menschen zu fuhren, wie vertragt sich's denn mit der Allgute eines allweisen Schopfers, "dass (wie er meint) nur so wenig Menschen vernunftig sind?" Vermuthlich will die Allweisheit, dass die Unvernunftigen sich von den Vernunftigen fuhren lassen; so thut denn Glauben bei jenen, was Vernunft bei diesen. Auch ist's meistens immer so gehalten worden: und wenn dieser Weltburger die Portion von der allgemeinen Vernunft, die ihm selbst zu Theil geworden ist, dazu anwenden wollte, sich etwas tiefere Einsichten in die Beschaffenheit und den Zusammenhang der menschlichen Dinge zu verschaffen als seine Fragen und Zweifel zu verrathen scheinen; so wurde er finden, dass gerade die Vernunft, die dem Menschen zum Fuhrer gegeben ist, die Gesetzgeber und Weisen aller Volker dahin gebracht hat, durch die Religion dem burgerlichen Vertrage die Sanction eines hohern Gesetzgebers, der Sittenlehre die starksten Beweggrunde, und der Tugend die hochste Begeisterung zu geben; dass es gerade die Vernunft dieser Weisen, ihre richtige und lebendige Kenntniss der menschlichen Natur war, was sie die Unzulanglichkeit der politischen Verfassung ohne Mitwirkung der Religion erkennen machte; und dass (sogar ohne Rucksicht auf die sittlichen Vortheile, welche die letztere dem Staate gewahren kann) die blosse Betrachtung, "dass der Keim und die Wurzel der Religion in der Natur des Menschen liegt, und ein Volk ohne Religion sich so wenig als ein Volk ohne Leidenschaften denken lasst28," hinlanglich war, die Vernunft der Gesetzgeber und Weisen von der Nothwendigkeit einer Religion des Staats, d.i. einer unter der Aussicht und dem Schutze der burgerlichen Obrigkeit stehenden offentlichen Gottesverehrung, zu uberzeugen.

Man muss sehr unbekannt mit der Geschichtskunde und den Verhaltnissen der menschlichen Dinge seyn, um die Vortheile zu verkennen, welche die Religion, das Priesterthum, ja sogar ehemals das jetzt so verhasste Monchswesen, dem menschlichen Geschlechte gebracht haben. Lasst es die Beschaffenheit unsrer Natur nicht zu, dass wir diese Vortheile ganz rein geniessen; ist es unmoglich, selbst die beste Volksreligion immer von aller Mischung mit Schwarmerei und Aberglauben frei zu erhalten; sind die Priester eben darum, weil sie Menschen find wie wir, Leidenschaften, Entwurfen und Handlungsweisen unterworfen, wodurch sie von ihrer wahren Bestimmung abgefuhrt und der burgerlichen Gesellschaft nur gar zu oft schadlich geworden sind: von welchem Institut, welchem Stand unter den Menschen lasst sich nicht das Namliche sagen? Aber wann hat die Vernunft jemals gelehrt, den Gebrechen einer nutzlichen und (zur Zeit wenigstens) unentbehrlichen Sache durch Zernichtung derselben abzuhelfen? Was sollen also Fragen wie diese? "Wurde nicht auch Gras und Korn wachsen, wenn wir an Wistnu oder Vizlipuzli glaubten? Ware nicht das kurzeste Mittel, allem Ungemach des Aberglaubens und der Pfafferei abzuhelfen, wenn man dem Volke die Furcht vor dem Religionsgespenste benahme? Wozu die Pfaffen beiderlei Geschlechts, welche Feinde des Staats sind, und Feinde des Staats ziehen? Vertragt sich Glauben mit Verstand?" u.s.w. Solche Fragen thut weder ein Sokrates, der belehren, noch ein Unwissender, der belehrt werden will! Es sind (um ihnen den gelindesten Namen zu geben) Cruditaten eines Menschen, der im Heisshunger nach einer schmackhaftern Nahrung als ihm von seinen Padagogen gereicht worden seyn mag auf einmal und allzu hastig mehr Franzosische Modephilosophie zu sich genommen hat, als er verdauen konnte.

Ueberhaupt hort man es diesem Weltburger an seinem Ton an, dass er zu einem Volke gehort, dem seit kurzer Zeit (zum Behuf bekannter grosser Absichten) eine Freiheit laut zu denken eingeraumt wurde, die keine naturliche Frucht der Staats- und Religionsverfassung desselben ist, und also auch eben so schnell wieder zuruckgenommen werden kann, als sie gegeben wurde. Der gegenwartige Zeitpunkt ist eine Art von Saturnusfest29, wo jedem erlaubt ist zu sagen und drucken zu lassen was ihm einfallt. Da nun diese frohlichen Tage vielleicht nicht lange wahren mochten; da ein jeder wenigstens weiss, dass man ihm den Mund wieder zusiegeln konnte sobald Zeit und Umstande es anrathen wurden: so eilen die Leute uber Hals uber Kopf, einem schon lange her gesammelten Groll gegen alte Missbrauche Luft zu machen; und bei dieser wetteifernden Eilfertigkeit ist es denn sehr naturlich, dass mitunter auch viel unformliches Zeug aufs Papier gegossen, und jede blahende Gahrung verworrener Ideen fur Drang und innerlichen Beruf, auch etwas zu Beforderung der guten Sache beizutragen, angesehen wird.

Wir sind so weit entfernt, irgend einem Volke, dem es der Himmel gonnt, den Genuss dieser glucklichen Saturnalien zu missgonnen, dass wir uns vielmehr uber alles Gute freuen, was, als eine naturliche Folge der Freiheit des Untersuchungsgeistes und der durch sie bewirkten Aufklarung, sich uber dasselbe verbreiten wird. Felices sua si bona norint! Aber eben darum wunschen wir, dass die Freiheit laut zu denken mit Bescheidenheit gebraucht werden mochte. Man darf und soll zwar uber alle menschlichen Dinge philosophiren; auch uber alle gottlichen, insofern sie durch die Vorstellungsart, Bedurfnisse und Leidenschaften der Menschen einen Zusatz von Unlauterkeit erhalten, oder sonst auf eine menschliche Art und Weise zu besondern Absichten modificirt worden sind. Wer philosophiren soll, muss es mit Freiheit thun durfen, oder es ware gerade als wenn man einen Beobachter in Pflicht nehmen wollte, am Himmel und auf Erden weder mit blossen noch mit bewaffneten Augen etwas zu sehen, woruber Petri Canisii christliche Lehre30 (die unserm Weltburger so anstossig ist) ins Gedrange kommen konnte. Aber, ehe man etwas Altes verwirft, muss man es lange, genau und ohne alle Vorurtheile und Leidenschaften von allen Seiten erforscht haben. Denn, so lange bis das Gegentheil erwiesen wird, ist die Prasumtion fur das Alte; und ehe man etwas Neues anfangt, muss man sich auf alle nur mogliche Art gewiss gemacht haben, dass das Neue, wenn es plotzlich und mit Gewalt an die Stelle des Alten tritt, nicht andere Uebel nach sich ziehen werde, die vielleicht ungleich schlimmer sind als diejenigen, denen man abhelfen will: denn, bis das Gegentheil aufs scharfste erwiesen worden, ist die Prasumtion immer gegen die Neuerung. Die weisesten Manner aller Zeiten haben mit Respect und Zuruckhaltung von Meinungen und Gebrauchen gesprochen, die entweder consensu omnium gentium oder religione majorum ehrwurdig geworden sind; und selbst Missbrauche, die mit dem was einem Volke heilig ist und heilig seyn soll zusammenhangen, erfordern eine behutsame Hand, um ohne grossern Schaden geheilet zu werden.

Italien, Frankreich, Spanien, Deutschland, wurden, vom vierten Jahrhundert an, nach und nach mit wunderthatigen Heiligen, mit Klostern und mit Monchen angefullt, die in diesen Klostern sich mit den Opfern, welche die fromme Einfalt jenen nichts mehr bedurfenden Heiligen darbrachte, masteten. Diese fromme Einfalt unserer alten Vorfahren in den Jahrhunderten, die man die dunkeln und barbarischen nennt, ging freilich oft jehr weit. "Aber, mit allem dem (sagen wir mit den Worten eines verstandigen und billigen Beurtheilers31 der menschlichen Angelegenheiten) war diese sancta simplicitas nicht immer schadlich, und selbst fur die Cultur und Bevolkerung Europens nicht ohne Nutzen. Sie hat zu vielen nutzlichen burgerlichen und politischen Stiftungen Gelegenheit gegeben. Sie hat, indem sie die Monche bereicherte, zugleich das Land mit bereichert, die Industrie aufgemuntert, das Volk zur Tugend, und seine Unterdrucker zur Neue uber ihre Verbrechen erweckt."

Diess ist historische Wahrheit; und was hier von der Devotion unsrer Vorfahren uberhaupt gesagt wird, getraue ich mir gewissermassen von jedem religiosen Gebrauch, so sehr er auch in Missbrauch ausgeartet seyn mag, selbst das Wallfahrten nach Roth Gottes nicht ausgenommen, zu behaupten. Nach einem Umlauf von so vielen Jahrhunderten haben sich freilich die Umstande verandert. Einer der ersten Vorwurfe, die man jetzt dem Monchswesen macht, ist, dass es der Bevolkerung und Industrie nachtheilig sey. Vor tausend Jahren war's gerade umgekehrt. So ist's mit allen menschlichen Instituten. Was unter gewissen Umstanden der Welt Vortheile brachte, wird ihr, bei geanderten Verhaltnissen, lastig und schadlich. Die Monche, die in einigen Zeitpunkten beinahe die einzigen Bewahrer des heiligen Feuers waren, sind zu andern Zeiten hier und da in Fakirn und Marabuts ausgeartet, die sich die Leichtglaubigkeit des Volkes ungebuhrlich zu Nutze machten, und, um ihr betrugerisches Gaukelspiel ungestraft forttreiben zu konnen, sich allem, was Vernunft und Aufklarung hiess, mit Fausten und Fersen entgegensetzten. Aber auch in diesem Stucke haben sich die Zeiten ziemlich geandert; und, wenn man die Monche unsrer Zeit die Verdienste ihrer Vorfahren nicht geniessen lassen will, ist es billig, sie die Missethaten derselben entgelten zu lassen? Wozu also die beleidigenden und ungezogenen Ausdrucke, worin man uber den ganzen Stand herfahrt? Womit will man eine solche Verfahrungsart rechtfertigen? Und was fur Wirkungen glaubt man dass sie auf die Gemuther des Volkes thun werden?

Man spricht und schreibt so viel von Toleranz, und verspricht sich so grosse Vortheile von der politischen Duldung diffentirender Religionen. Ist es Ernst damit? Wunschen diese Weltburger, die in Romischkatholischen Staaten (wo das Monchswesen mit allen seinen Attributen und Accidentien nun einmal so tiefe Wurzeln geschlagen hat, und mit der religiosen und burgerlichen Verfassung so enge verwebt ist) so heftig und ohne alle Unterscheidung gegen alles, was in diesem Punkt Religion und Institut der Vorfahren ist, wuthen, wunschen diese Herren im ganzen Ernst ihre dissentirenden Mitburger in den Genuss eines gleichen Antheils an allen burgerlichen Rechten eingesetzt zu sehen? Wunschen sie im Ernst, dass der grausame, die menschliche Natur entehrende und dem Staate so nachtheilige Religionshass aufhore, die Namen Ketzer und Ketzerei, womit das katholische Volk in gewissen Landern noch so grassliche Nebenbegriffe und schauderliche Gefuhle verbindet, verbannt werden, und alle, die sich zu der mildesten und menschlichsten aller Religionen bekennen, einander als Kinder Eines Vaters und Glieder Eines Staates lieben und behandeln sollen? Wunschen sie diess aufrichtig: so ist wahrlich die Erbitterung, die sie durch unbescheidene Uebertreibung gewisser protestantischer Grundsatze in den Gemuthern der Romischen Geistlichkeit, und des gewiss noch immer an ihr hangenden grossen Haufens, unterhalten und immer scharfer und giftiger machen, ein sehr ungeschicktes Mittel jene Absicht zu befordern.

Endlich (um das Wichtigste zuletzt zu sagen), wenn unserm Weltburger, und allen die ihm gleichen, die Vertilgung alles dessen, was der Gluckseligkeit der Volker im Wege steht, und die Bewirkung alles dessen, was sie befordern wurde, wirklich so sehr am Herzen liegt, und wenn sie so uberzeugt sind, dass ohne Aufklarung keine Gluckseligkeit, und ohne Freiheit der Vernunft und des Gewissens keine Aufklarung moglich ist: wie konnen sie so kurzsichtig seyn, nicht vorauszusehen, dass der Uebermuth, womit sie sich der ersten Augenblicke von Freiheit bedienen, der geradeste Weg ist, sich derselben wieder verlustig zu machen? Diejenigen, welche Gewalt uber uns haben, und deren Gedanken selten unsre Gedanken sind, konnen, aus Absichten die vielleicht die besten von der Welt seyn mogen, eine Zeit lang zu dem Missbrauche dieser Freiheit ein Auge zuthun. Aber wenn die schadlichen Folgen des Missbrauchs endlich allzu auffallend werden; wenn Freiheit zu philosophiren in Freigeisterei ausartet; wenn sie die Grundfeste der Moralitat untergrabt, und die starksten Bande der Gesellschaft aufloset; wenn es endlich sichtbar wird, dass dieser Libertinismus, der das Palladium aller burgerlichen Gesellschaft als ein Gespenst, und den Stand, dem die Bewahrung desselben anvertraut ist, als den verachtlichsten aller Stande behandelt, wenn es, sage ich, sichtbar wird, dass dieser Libertinismus, auf einem ziemlich geraden Wege und unter ahnlichem Vorwande, auf den Umsturz aller andern Institute, Gerechtsame und Vorzuge, die ebenfalls keinen festern Grund als Meinung, Glauben, Alterthum, fromme Einsalt, Tragheit und Geduld der Volker haben, losgeht: dann konnten unsre Erdengotter wohl, um ihrer eignen Sicherheit willen, eben so plotzlich den entgegengesetzten Weg einschlagen, und Massregeln nehmen, die aller Aufklarung, Toleranz, Freiheit und Weltburgerschaft auf einmal ein betrubtes Ende machen durften.

O Geist des gutherzigen, wohlmeinenden, aber einseitigen Helvetius! Wenn du, wie ich glaube, noch Antheil an den Schicksalen der Menschen nimmst, die du einst von ihren Vorurtheilen befreien wolltest, und wenn du, wie ich nicht zweifle, jetzt tiefer in die Natur und den Zusammenhang der menschlichen Dinge siehst, mit welchem Auge wirst du die Unternehmungen deiner unbesonnenen Schuler ansehen? Wer wusste besser als du, dass es ganz ein anderer Despotismus ist, als der hierarchische und monchische, von welchem die Menschheit in unfern Zeiten am meisten zu befurchten hat? Wer hat dieses Ungeheuer, mit allen seinen furchtbaren Eigenschaften und verderblichen Wirkungen, wahrer, starker geschildert als du? Aber wie konnte dir, oder wie kann irgend einem deiner Junger verborgen seyn, dass es nur noch alle die schwachen Faden von alten Meinungen, Vorurtheilen und Instituten, womit diese Hyder umschlungen ist, dass es nur noch diese im Einzelnen schwachen, aber zusammengenommen unzerbrechlichen Faden sind, welche sie verhindern, ihre ganze Starke zur Vernichtung aller noch ubrigen Reste der menschlichen Freiheit anwenden zu konnen? Und ihr glaubt der Menschheit einen Dienst zu erweisen, wenn ihr mit eurem Lampchen herumgeht, und einen dieser Faden nach dem andern absenget?

Doch, es ist Zeit dass ich auch mein Lampchen auslosche. Wie oft sagte ich schon zu mir selbst: diess soll das letztemal seyn, dass du deine Zeit verderben willst Mohren zu bleichen! Die Menschen sind nun einmal nicht gemacht weise zu seyn. Immer werden sie thun wie ihre Vater von jeher gethan haben, ihre Endzwecke durch ihre Mittel zerstoren, weder in Hass noch Liebe Mass halten, und, wie dumme Fische, sich mit goldfarbenen Fliegen locken lassen, den Angel ihres Wohlthaters, des Fischers, hinab zu schlingen. Moralische Epidemien lassen sich so wenig durch Vernunftgrunde als leibliche Krankheiten durch Zauberworte heilen.

Aber alles was ist und geschieht, gehort zu einem Plane, von dem wir nichts verstehen. Grosse und Kleine, Weise und Unweise, spinnen und weben wir alle an dem unendlichen Gewebe des Schicksals, ohne zu wissen was wir machen, und befordern unbekannte Endzwecke, indem wir oft gerade das Gegentheil zu thun glauben oder scheinen. Und so bleibe es denn dabei, was Pope sagt:

In erring reason's spite,

One truth is clear: Whatever is, is right.32

Anmerkungen zum zweiten Theil.

Sechster Abschnitt.

1 302,500 Thaler. 2 Welches Vernunft, Sprache und Wort bedeutet, gehorte auch zu den Personificationen der Gnostiker, und wurde von Johannes auf Jesus bezogen. Um des Kerinthos Behauptung sogleich ganz bestimmt zu widersprechen, soll er diese Erklarung gleich an die Spitze seines Evangeliums gesetzt haben. 3 Abgrund. 4 Ebion oder Hebion, welcher ein Nachfolger des Kerinthos war, stimmte diesem nicht in allem bei, vornehmlich nicht in der Behauptung, dass die Welt von Engeln erschaffen sey. Er stimmte ihm aber in der Meinung uber Jesus bei, und zeigte grossen Eifer fur den Mosaismus. Valentinus, der in Aegypten die Platonische Philosophie studirt hatte, ein gelehrter und beredter Mann, gehort zu den Begrundern des gnostischen Christianismus. Seine Lehre lasst sich auf drei Hauptpunkte zuruckbringen: 1) von der Schopfung der geistigen und materiellen Welt, 2) von der Natur Jesu, und 3) von der dreifachen Natur des Menund die Tiefe, sagte er, wohnte in der Fulle (Lichtraum) mit seiner Gemahlin, der Denkkraft, die man auch Charis (Gnade?) und Schweigen nenne. Von ihnen stammen 15 mannliche und 15 weibliche Aeonen, von einander nach und nach erzeugt. Von Gott selbst sind erzeugt die Aeonen Verstand (auch Monogenes, der Eingeborne) und Wahrheit, diese erzeugten den Logos und das Leben, diese den Menschen und die Gemeine. Von Logos und Leben stammten die zehn Aeonen der zweiten Classe: Tiefe und () Mischung, Alterlos und Einigung, Selbstgeborner und Lust, Bewegungslos und Zusammenfluss (, wie diese von der obigen unterschieden worden, weiss ich nicht), Eingeborner und Seligkeit. Von dem Menschen und der Gemeine stammten die 12 Aeonen der dritten Classe: Troster und Glaube, Vaterlich und Hoffnung, Mutterlich und Liebe, Stets-Verstand und Klugheit, Kirchlich und Selig, Freiwille () und Weisheit. Ausser diesen gab es noch vier mannliche Aeonen: Horus (Granze), Christus, der heilige Geist und Jesus, an dessen Zeugung alle Aeonen Antheil genommen haben, und der darum auch die Namen aller fuhrt, und Logos. Als Jesus auf die Welt kam, wurde seine geistige Substanz mit einer animalischen Substanz so kunstlich umgeben, dass sie einen sichtbaren, fuhlbaren und des Leidens fahigen Korper bildete. In der Angabe seiner Menschwerdung wichen aber die Valentinianer selbst von einander ab. (S. Storr a.a.O.S. 132 fgg) In einem Anfall von Leidenschaft gebar einst die Weisheit einen ungestalteten Aeon weiblichen Geschlechts, Achamoth oder Euthymesis, und dieser fiel in die Finsterniss der Materie. Furcht, Angst und Trauer wechselten bei ihm unaufhorlich ab mit Lachen, welches erregt wurde durch die Erinnerung an die Schonheit des verlorenen Lichtes. Ihre heftige Begierde nach diesem brachte hervor die Seele der Welt, des Weltschopfers (Demiurgos) und andere Seelen; aus ihren Thranen entstand das Wasser, aus ihrem Lachen die durchsichtige, aus ihrer Trauer die dichte Materie. Nachher brachte sie noch drei Substanzen hervor, eine materielle, eine geistige und eine Seelenartige. Aus Gestaltung der letzten entsprang der Demiurg, welcher mit Hulse Jesu und seiner Mutter aus der seelenartigen Substanz sieben Himmel baute, deren sechs von Engeln bewohnt werden, und der siebente sein eigener Sitz ist. Die materielle Substanz bestand aus den drei Gemuthsbewegungen der Achamoth. Aus der Furcht entstanden die Thiere, aus der Trauer die bosen Geister, aus der Angst die mit Feuer gemischten Elemente. Endlich bildete der Demiurg den Menschen aus der materiellen und seelenartigen Substanz, zu welchen aber Achamoth auch unvermerkt etwas von der geistigen mischte. Darum besteht der Mensch aus drei Theilen, der materiellen und sterblichen, der seelenartigen, der Seligkeit oder Unseligkeit fahigen, und der geistigen unsterblichen. Alles diess, wie fremdartig es dem Christenthum ist, wusste man gleichwohl mit ihm in Verbindung zu bringen. 5 Jene enthielt das allgemein Mittheilbare, was auch ausserhalb der Schule jeder wissen durfte, diese das Geheimnis der Schule. 6 Die Paphlagonier waren wegen Stumpfheit des Verstandes und Rohheit in ublem Rufe. 7 Der Akoluth in der Christianischen Kirche war eins Art Kuster, Diener der Diakonen, der ihn in allen Amtsverrichtungen begleitete, beim Gottesdienste die Lichter anzundete, bei Einweihung und Ordination ein Wachslicht in der Hand hielt, und fur Reinigung der Kirche und kirchlichen Gefasse sorgte.

Siebenter Abschnitt.

8 So hiessen diejenigen Schuler des Pythagoras, vor welchen er nichts Geheimes hatte. W. 9 Vergl. die Natur der Dinge, Anm. 8. zu 1. Buch, Bb. 25.

Achter Abschnitt.

10 Ungefahr drei Groschen. 11 S. das Schiff oder die Wunsche in Lucians Werken, ubers. von Wieland Bd. 1. S. 317 fg. 12 S. Bd. 10. S. 521 ff. 13 Demetrius, war ein griechischer Philosoph der Cynischen Schule, der sich unter der Regierung des Caligula, Claudius und Nero zu Rom aufhielt. Seneca gedenkt seiner ofters aufs ruhmlichste. So sagt er im 62sten Briefe: von Demetrius, dem besten der Manner, lasse ich nicht ab; ich verlasse die Bepurpurten; mit diesem Halbnackten spreche ich, ihn bewundre ich. Und wie sollte ich ihn nicht bewundern? Ich sehe, dass ihm nichts mangelt. Es kann jemand alles verachten; alles haben niemand. Der kurzeste Weg der zu Reichthum fuhrt, ist Verachtung desselben. Unser Demetrius aber lebt, nicht als ob er alles verachtete, sondern als ob er andern alles uberlassen habe. Man vergleiche die Stelle de beneficiis K. 8. 9. 14 Dieses Namens wurden zwei hingerichtet Cacina Patus hatte in dem Aufstande gegen Claudius des Seribenianus Partei ergriffen, und wurde zum Tode verurtheilt. Seine Gemahlin Arria, die ihn auch im Tode nicht verlassen und diesen ihm erleichtern wollte, stiess sich zuerst den Dolch in die Brust, reichte ihn dem Gemahl, und sagte: es schmerzt nicht, Patus. Dieser Arria gleichnamige Tochter war vermahlt an Thraseas Patus, von welchem hier die Rede ist. Er wurde unter Nero zum Tode verurtheilt, und da man ihm die Wahl des Todes liess, wahlte er Oeffnung der Adern. Seine letzten Tage brachte dieser tugendhafte Mann, in Erwartung des gegen ihn gefallten Spruches, in seinen Garten zu, und unterhielt sich eben mit Demetrius uber die Natur der Seele und deren Trennung von dem Korper, als ihm das gefallte Urtheil bekannt ward. Seiner Gemahlin, die dem Beispiel ihrer Mutter folgen wollte, rieth er im Leben zuruckzubleiben, und der gemeinschaftlichen Tochter nicht die einzige Stutze zu rauben, begab sich mit seinem Schwiegersohn Helvidius und Demetrius in das Schlafgemach, und liess sich die Adern offnen. Das erste Blut spritzte er auf die Erde, und sagte: diess opfere ich Jupiter dem Befreier! Hierauf zu Helvidius: merke auf, junger Mann! Zwar mogen die Gotter schlimme Vorbedeutung abwenden, deine Geburt aber ist in eine Zeit gefallen, wo es frommt, durch Beispiele der Standhaftigkeit das Gemuth zu starken. Nun heftete der langsam Sterbende den Blick auf Demetrius; leider aber bricht hier des Tacitus Erzahlung ab, und seine Annalen schliessen mit diesem Blicke des tugendhaften Sterbenden. 15 Lucian ist der einzige, der von diesem Philosophen spricht, in welchem er das Ideal eines Weisen schildert. Er scheint ihn also bloss zum Contrast mit den damaligen Philosophen Roms unter den Antoninen erdichtet zu haben. Lucians Dialog Nigrinus s. in Wielands Uebersetzung Bd. 1 S. 18 fgg.

Neunter Abschnitt.

16 Weiberhass. 17 Ein durch drei Anticyren unheilbares Haupt. So nennt Horaz einen schlechten Dichter, der von Wuth der Versmacherei nicht geheilt werden kann. Auf der Insel Anticyra wuchs viel Nieswurz, deren Gebrauch gegen die Tollheit helfen sollte. 18 Platon setzte die vernunftige Seele in das Haupt, die begehrende in die Brust, und die thierische unter das Zwerchfell in den Unterleib. Der Grund errath sich leicht. 19 War bei den Stoikern keineswegs vollige Fuhllosigkeit fur Vergnugen und Schmerz, sondern Uebermacht der Vernunft uber die Macht der sinnlichen Eindrucke und der Affecte. 20 S. 137. K u n f t i g e A u g u s t a Augusta (die Erhabene) war der Titel, welchen die Gemahlinnen der romischen Kaiser fuhrten, welcher selbst Augustus hiess. 21 Augusta (die Erhabene) war der Titel, welchen die Gemahlinnen der romischen Kaiser fuhrten, welcher selbst Augustus hiess. 22 In seiner Schilderung von dem Cyniker Demonax erzahlt Lucian einige Anekdoten von diesem Herodes Attikus, dessen fruher schon gedacht worden ist, wobei Wieland bemerkt: "Dieser zu seiner Zeit so ausgezeichnete Mann hatte bei einem furstlichen Ansehen und Vermogen, wie es scheint, auch furstliche Launen, und weiter konnte es doch wohl kein poetischer Schach oder Sultan treiben, als schlechterdings nicht leiden zu wollen, dass ihm ein Liebling gestorben sey, und alles in der Welt zu thun, um sich selbst in der Illusion, dass er noch lebe, zu erhalten." Herodes gab nicht nur Befehl, dass der Gestorbene in seinem Hause noch immer so bedient werden musste als ob er noch da ware und lebte: er verlangte sogar von seinen Freunden, dass sie sich nach dieser Grille richten sollten, und fand sich geschmeichelt, da sie es thaten, wiewohl er sehr gut wusste, warum sie es thaten. "So verfuhr Herodes bei dem Tode seiner Gemahlin, seines Sohnes und seines Lieblings Pollux. Als er es bei diesem that, kam Demonax zu ihm, und sagte, er bringe ihm einen Brief von Pollux. Herodes, erfreut, dass auch dieser Philosoph seiner Leidenschaft schmeicheln wolle, fragte: was verlangt Pollux? Er beklagt sich uber dich, antwortete Demonax, dass du ihm nicht schon gefolgt bist." 23 Kalanus, den die Griechischen und Romischen Geschichtschreiber einen Indischen Philosophen nennen, bekam in seinem 73sten Jahre Unfalle von harter Krankheit, und bat Alexandern, ihm einen Scheiterhaufen errichten und, wenn er ihn bestiegen, anzunden zu lassen. Da Alexanders Vorstellungen fruchtlos waren, so ward seine Bitte erfullt. Diodor sagt, dass von der zuschauenden Menge Einige ihn der Raserei oder seltsamer Ehrsucht beschuldigt. Andere aber seine Todesverachtung und Standhaftigkeit bewundert hatten. 24 Cirkelbriefe, litterae communicatoriae, waren bei den ersten christlichen Gemeinen sehr ublich, die sich dadurch alle wichtigen Vorfalle schneller mittheilten, das ein Brief an die nachste Gemeine abging, die ihn wieder an die nachste sendete, und so fort.

Antworten und Gegenfragen.

25 Im sechzehnten Jahrhundert entstand die Secte der Anabaptisten oder Wiedertaufer, zu deren besonderen Glaubenslehren auch die von Errichtung eines neuen weltlichen Staates durch Christus gehorte. Eine Partei, aus Holland kommend, den Schneider Johann Bokold, gewohnlich Johann von Leiden genannt, an der Spitze, hatte die Stadt Munster in Westphalen zu dem neuen Jerusalem ausersehen. Sie bemachtigte sich derselben, setzte den Magistrat ab, ernannte Johann von Leiden zum Konig, und dieser Knipperdollingen zum Vicekonig. Im Jahr 1556 aber wurde, nach einer langen Belagerung, Munster von Franz, Grafen von Waldeck, eingenommen, und der Konig, so wie sein Statthalter, wurden mit gluhenden Zangen gemartert und dann hingerichtet. 26 Mihi, cum multa eximia divinaque videntur Athenae tuae peperisse, atque in vitam hominum attulisse, tum nihil melius illis Mysteriis, quibus ex agresti, immanique vita execulti ad humanitatem et mitigati sumus, initiaque, ut appellantur, ita re vera principia vitae cognovimus, neque solum cum laetitia vivendi rationem accepimus, sed etiam cum spe meliore moriendi. Cicero de Leg. II. 14. W. 27 Was der eben angefuhrte grosse Romer irgendwo von dem Glauben der Unsterblichkeit sagt: "Nescio quomodo inhaeret in mantibus quasi saeculorum quoddam augurium futurorum, idque in maximis ingeniis altissimisque animis et existit maxime et apparet facillime," lasst sich um so richtiger von der Religion uberhaupt sagen, weil jener Glauben so wenig ohne Religion, als Religion ohne jenen Glauben bestehen kann. W. 28 Ich verstehe unter denken nicht, mit Abstractionen spielen: denn in dieser letztern Bedeutung des Wortes lasst sich freilich alles denken. W. 29 Die Saturnalien waren zum Andenken der goldnen Zeit eingesetzt, deren, einer uralten Sage zufolge, die Bewohner Italiens unter der Regierung des Saturnus genossen hatten. Die vornehmste Absicht bei diesem Feste war, die naturliche Gleichheit darzustellen, welche in diesen Zeiten unter Menschen statt: fand, die von Unterdruckung und Knechtschaft noch keinen Begriff hatten. Daher war an den Saturnalien die Gewalt der Herren uber ihre Knechte suspendirt; sie speis'ten zusammen an Einem Tische, und die Sklaven hatten die Freiheit, so viele Sottisen zu sagen und zu thun als ihnen beliebte. Dieser beinahe grausame Spass dauerte in den Zeiten der Freiheit Roms nur Einen Tag, welcher nach dem Festkalender des Konigs Numa der siebzehnte December war. Julius Casar vermehrte das Saturnusfest um zwei Tage, Augustus fugte den vierten, und Caligula den funften hinzu. Die Saturnalien dehnten sich in dem Verhaltniss aus, wie die Freiheit ab- und die willkurliche Gewalt zunahm; welches (wie man sieht) sehr naturlich war. So gerieth vor einigen Jahrhunderten das Christenthum in immer grossern Verfall, je mehr Heilige kanonisirt und Festtage angeordnet wurden. W. 30 Peter Canisius, Hofprediger des Kaisers Ferdinand I., war der erste Teutsche, der in den Jesuitenorden trat, zur Ausbreitung desselben in Teutschland viel beitrug, und bald Provincial daselbst wurde. Um den ketzerischen Katechismen entgegenzuwirken, arbeitete er im Auftrag des Kaisers einen lateinischen Katechismus aus, der von Ignaz Loyola gebilligt und in den Schulen der kaiserlichen Staaten eingefuhrt wurde, ungeachtet der Papst diess fur einen Eingriff in die geistlichen Rechte erklarte. (Petr. Canisii summa doctrinae et institutionis christianae sive catechismus major. 1554.) "Er enthielt, sagt Staudlin, die katholische Lehre in grosser Klarheit und Bestimmtheit, aber der Jesuitische Geist blickt sehr deutlich hervor. Es ist darin viel Moral und Casuistik." Ein Auszug daraus sind die Institutiones christianae pietatis seu parvus catechismus catholicorum, wahrscheinlich ben. Dieser wurde fur die katholische Kirche eben das, was Luthers kleiner Katechismus fur die evangelische. 31 Melanges tires d'une grande Bibliotheque, Mm. p. 513. 32 Am Schlusse des ersten Gesanges von Pope's Essay on Man. "Trotz irrender Vernunft ist Eine Wahrheit klar: was irgend ist, ist recht."