Moritz August von Thummel
Reise in die mittaglichen Provinzen
von Frankreich im Jahr
1785 bis 1786.
Erster Band.
Erster Theil.
Die dunkle Wahrheit, F r e u n d , die Dein beredter
Mund
Mich ahnden liess, seh' ich nun ganz erlautert!
I c h w a r n u r k r a n k i m T r a u m ; und
frohlich und gesund
Bin ich erwacht, und sehe rund
Um mich herum die Welt mit Opernglanz erheitert,
Die ehmals lichterarm, gleich einem Puppenspiel
Mir widerlich in's Auge fiel.
In meinem Buchersaal verriegelt,
Sah ich schwermuthig und erschlafft
Die Welten uber mir mit Kraft
Und Thatigkeit und Muth beflugelt
Sah unter mir die Wurmchen aufgewiegelt
Zu einer kleinen Wanderschaft:
Ich gaffte mit gefarbter Brille
Das Spiel der Schopfung an; mein Wille
War ohne Herrn Kaum regte sich
Nur noch ein dumpf Gefuhl von meiner morschen
Hulle,
Mit welchem schwer belastet, ich
Ins traurige Gebiet der ernsten Todesstille
Aus dem Parterr hinuber schlich.
Doch da erschienst Du, Freund, mit trostender
Geberde,
Und widersetztest Dich der stolzen Uebermacht
Des Hypochonders sprachst "Es werde!"
Und es ward hell in meiner Nacht
Wie sorgsam hast Du nicht den fast erloschnen Dacht
Auf diesem grossen Opferherde
Zu neuen Flammen angefacht!
Des Unmuths Nebel ist verflogen,
Der Essig meines Bluts versusst,
Seit ich den Lerchen nachgezogen,
Und mich der freundlichste von allen Himmelsbogen
In Languedoc's Gefilde schliesst.
Am Quell des Lichts erwarmt, dunk' ich mich hier dem
Auge
Der Vorsicht mehr genaht zu seyn,
Und fuhle mich entzuckt, und sauge
Den Aether der Verklarten ein.
Auf Blumen fuhren mich versuchte Zeitbetruger
Von einer kleinen Lust zu einer grossern hin:
Mich kummerts nicht, ob ich seit gestern kluger
Genug fur mich, wenn ich vergnugter bin!
Kein Skrupel steigt mir auf Ich stehle
Mich heimlich aus dem Kreis der Borhav' und der
Bayle
Und ihrem Kriminalverhor,
Und achte nun des Korpers und der Seele
Beruhmte Charlatans nicht mehr.
Wer sagt es mir, was doch im Schalle
Des Posthorns in dem muth'gen Knalle
Der Peitsche fur ein Zauber liegt?
Hoch steigt mir jetzt die Welt, gleich einem Federballe,
Der im Zenit der Kinderjahre fliegt,
Und alles lacht mich an, und froh denk' ich mir alle
Mitlebende gleich mir vergnugt.
So wird der Wein, der ewig zu Madere
Gemeiner Wein geblieben ware,
Zu dreimal besserm umgestimmt,
Wenn er als Fracht, von einer Hemisphare
Zur andern auf- und niederschwimmt.
Ich kann mir nicht helfen so demuthigend auch das Gestandniss fur den Stolz des innern Menschen seyn mag so schwer es auch uber die Lippen eines ausgemachten Philosophen gehen wurde; dennoch sage ich es zur Ehre der Wahrheit und unverholen, dass ich nur dem Rutteln und Schutteln einer armseligen Postchaise den wieder erlangten freien Gebrauch meiner Seelenkrafte verdanke. Mit Hulfe eines Meilenmessers konnte ich genau die Entfernung, konnte genau auf der Postcharte jeden Punkt angeben, auf dem ich diese und jene gute Eigenschaft wieder fand, die mir, Gott weiss wie! nach und nach von der Hand gekommen war. Ich musste sie freilich ziemlich einzeln zusammen lesen, und es verging manche liebe Stunde, ehe ich meinen Verlust ersetzt sah musste mich drehen und wenden und manche Lage versuchen, bevor ich in meine naturliche kam.
Ich verschloss meinen Wagen, wie die Zelle eines Karthausers, als ich mich aus dem fur mich so gerauschvollen Berlin rettete, und glaubte der Welt einen rechten Possen zu thun, dass ich meine Stor's herabliess. Aber die Welt ging ihren Gang, und mir hingegen trat, mit jeder Station bis Leipzig, das Unan's Herz. Johann besorgte von aussen alles was nothig war, seinen elenden Herrn weiter zu bringen; und er ware mit diesem unruhigen Geschafte mir auch nur lastig an meiner Seite gewesen, so ein ehrlicher Kerl er auch seyn mag. Schon die heitere Miene, mit der er bald die Wolken, bald die Schafe, die uns begegneten, anlachelte, schickte sich gar nicht in die Nachbarschaft meines Ernstes. Ich musste einen Begleiter haben, der mir ahnelte, und ich hatte das Gluck, im b l a u e n E n g e l einen auszufinden, der meinen Eigensinn, meinen Hass gegen Scherze und Liebkosungen, mein Stillschweigen, meine gerunzelte Stirne, ja sogar mein Asthma vollkommen in sich vereinigte. Es wird Dir gewiss lieb zu horen seyn, dass diessmal von keinem menschlichen Geschopfe, sondern nur von einem Mopse die Rede ist, den ich fur einige Thaler erhandelte. Das arme Thier ward in meine Reise verflochten, ohne zu wissen wie ihm geschah, und fand sich geschwind genug darein; denn wir hatten zusammen um die Welt reisen konnen, ohne dass einer dem andern in starkerm Grade lastig geworden ware, als es gerade zur Uebung unserer gemeinschaftlichen Laune nothig war. Jetzt ist mir freilich der gute Mops nicht mehr so unentbehrlich: denn ein frohes menschliches Auge weiss auch an untergeordneten Geschopfen ihre hellen Farben und den Instinkt ihrer Freude zu schatzen, und giebt gewiss einem muthigen Windspiele den Vorzug vor einem schnarchenden Mopse. Fur meine Erinnerung indess behalt er noch immer seinen Werth. Wie gern lachle ich manchmal in dem Gefuhl meines Wohlbehagens diess treue Ebenbild meines vorigen Missmuths an! und schlage oft, wenn ich bei seinem Lager voruber gehe, dankbar meine Augen zum Himmel auf! Ursache genug dass ich ihn beibehalte, um auch Gesellschafter meiner Ruckreise zu seyn!
Wer ist denn der bluhende Mann, der da vor mir in das Zimmer tritt? fragte ich in Frankfurt den Wirth zum R o m i s c h e n K a i s e r , indem ich von seinen Leuten so behutsam, wie zerbrechliche Waare, ausgeladen ward fragte mit so matter hohlklingender Stimme, dass er fur dringender hielt meinem Tone als meiner Neugier zu antworten. Ich will dafur sorgen, dass Sie neben ihm zu sitzen kommen, sagte er, es ist einer unserer geschicktesten Aerzte.
In diesem kleinen Zufalle lag es, dass ich dem Berufe seit acht Tagen zum erstenmale Gehor gab, in Gesellschaft von Menschen, menschlich zu essen; denn bis jetzt war das Pulver des Grafen von Pilo, dieses herrliche Gegenmittel wider die Wechselfieber und die bose Luft, noch immer mein Fruhstuck geblieben. Mit dem Schlage der zehnten Morgenstunde und hatte sie mich an dem steilsten Abhange eines Berges getroffen liess ich halten, um mit der Jungfer Steffens dem Steine um eilf Uhr mit dem Freiherrn von Hirschen der Schwindsucht, und zu Mittage mit dem beruhmten d'Ailhaud der Gicht entgegen zu arbeiten, damit ich am Abend jeden Tages der Kraftbruhe des D. Kampf desto wurdiger seyn mochte.
So regelmassig hatte ich gelebt, um meine leibliche Gestalt, die sich zu Berlin schon durch ihr Ansehn uberall Platz machte, unverandert nach Frankfurt zu bringen. Den Gasten, sobald ich in den Speisesaal trat, blieb der Bissen im Munde stecken. Sie ruckten erschrocken zusammen, und liessen mir und dem Arzte, an den ich mich anklammerte, eine ganze Seite des Tisches frei. Ich hingegen, da ich um mich her blickte, las in jedem Auge, welchen lacherlichen Kontrast die Blasse meines Gesichts mit dem Schimmer des seinigen darstellen musste. Ich weiss nicht warum? aber langer konnte ich nun seine auszeichnende Rothe nicht ohne Verdruss ansehen, und ich war drauf und dran, in meinen alten Irrthum zu verfallen, sie auch an Ihm fur die Leibfarbe der Ignoranz zu halten. Aber ein gewisses Vergnugen, das ich an der ganzen Gesellschaft bemerkte, unter seinen Augen zu essen, sprach so laut zu seinem Vortheile, und hielt mich so lange von jedem gewagten Urtheile uber ihn zuruck, bis er ach! nur zu geschwinde, sein eigner Verrather ward. Gewiss bin ich oft unwissendern Aerzten, als Er war, in die Hande gefallen, aber einen grossern Egoisten der Unmassigkeit traf ich nie in ihrer Zunft. Alle Sinne dieses Schmeckers waren in das thierische Geschaft seiner Sattigung verwickelt Seine Lowenaugen flogen von einer Schussel zur andern, und storten von ferne schon nach der Beute, die er mit geubten Handen den weniger aufmerksamen Gasten abzugewinnen wusste. Seine Kunst, so gross sie auch seyn mochte, schien er mit seinem Hut an den Nagel gehangt zu haben, die Medicin nur fur eine Dienerin der Kochkunst, und den Ruf eines Fabius Gurges hoher zu halten, als den eines Galen. Zur Mittagsstunde ist so ein Arzt das unbrauchbarste Geschopf unter der Sonne. Auch mag es ihm Gott vergeben, was er an mir gethan hat! Ich sass kleinmuthig neben ihm und lauerte lange umsonst auf ein freiwilliges Allmosen seiner Aufmerksamkeit, das ich mir endlich bei dem ersten mussigen Augenblicke seiner Zunge zu erbetteln beschloss.
Nach langem Harren erschien dieser gunstige Zeitpunkt. Die erste Tracht Speisen ward abgehoben; und sogleich setzte ich mich, wahrend der kurzen Pause, da die zweite in Ordnung gestellt wurde, in Positur, den bessern Theil des Schlemmers in mein Interesse zu ziehen. Vergebliche Hoffnung! denn wie ich eben den Mund offnete, um ihm die Menge meiner Uebel zur Schau zu legen, trug man als Hauptschussel eine fette Gans auf, die der ganzen Gesellschaft Bewunderung und die entferntesten Gedanken des Doktors auf sich zog. Die Zerlegung des Vogels gab mir jetzt nur noch einen kurzen Zeitraum frei. Ich fasste Herz, ergriff freundschaftlich die Hand meines Nachbars, und glaubte durch die feine Wendung, die ich meinem Vortrage gab, mich seiner wenigstens so lange zu versichern, bis der Vorschneider fertig seyn wurde. "Der Zufall," hob ich mit ungewisser Stimme an, "hat einen gefahrlichen Kranken an die Seite eines beruhmten Arztes gebracht Vermuthlich kennen Sie, mein Herr, des Madai Traktat de mortis occultis? dort ist meine Krankheit auf der siebenten Seite nach dem Leben geschildert.. Aber warum sehen Sie mich so bedeutend an? Ich beschwore Sie, theuerster Mann, gestehen Sie es nur aufrichtig, dass Sie ganz an meiner Genesung verzweifeln? Sollte denn aber nicht durch eine noch strengere Diat, als ich schon halte, die materia pec ..."
Aber Himmel, welch ein unerwartetes Schrecken unterbrach hier meine herzbrechende Periode, und vergallte mir das Wort im Munde! Der grausame Arzt hatte mir bis dahin mit sichtbarem Ernste zugehort. Jetzt schob er, wie von Abscheu gegen meine Krankheit ergriffen, seinen Stuhl plotzlich zuruck, wunschte mir, lakonisch wie der Unverstand, eine gluckliche Reise, langte seinen Hut und ... solltest Du es glauben? liess die anlockende Gans im Stiche, indem er, wie der Geist Hamlets, verschwand. Welch ein betaubender Schlag! Ich glaubte von beiden Seiten meines nun ganz isolirten Stuhls in einen Abgrund zu blikken, und der schnelle Aufbruch des Arztes und sein ominoses: " R e i s e n S i e g l u c k l i c h ! " statt der entscheidenden Antwort, um die ich ihn anflehte, tonte mir nun in den Ohren, wie eine Abfertigung in die andere Welt.
Wie, wenn der Wetterstrahl in Girards Beichtstuhl
bricht,
Der Heuchler aufgeschreckt, aus Selbsterhaltungs
pflicht
Schnell aus dem Dunstkreis sich der Busenfreundin
sturzet,1
Und Sie? Vermisst nun Sie das mannliche Gewicht
Des Segenspendenden, der ihre Seele wurzet,
Staunt weint schlagt an die Brust, und ihr Entset
zen spricht
Mit hohlem Ton: Ich bin verkurzet!
So fuhr mich mir, Vergleichung, Freund, giebt
Licht,
Des stummen Doktors Eil' und seines Gaums Verzicht
Auf eine fette Gans, elektrisch durch die Nerven.
Ich sah im Geiste schon, (denn kluger wusst' ich nicht
Das Wunder abzuthun) zu meinem Blutgericht
Ihn sein Skalpier und seine Feder scharfen.
Um, nach vollbrachter That, mit ernstem Amtsgesicht,
Mir seinen Sektionsbericht
Zur Antwort hinten nach zu werfen.
Aus diesem Schreckenstraum ein wenig aufgerafft,
Sucht' ich nach mir, und fand, an Leib' und See!' er
schlafft,
Mein S e l b s t weit aus dem Kreis der Frohlichen ver
schoben,
Als ware zwischen mir und jeder Lebenskraft,
Schon alle Freundschaft aufgehoben.
Diese traurige Gestalt meiner selbst, die ich immer in einem Spiegel vor mir sah, jagte mich vom Tische auf, und straubte mir das Haar noch, als ich athemlos mein Zimmer erreicht hatte. Zum Ueberfluss setzte die lang entwohnte Hitze eines beitzenden Rheinweins, von dem ich leider! ein Glas getrunken hatte, meine Einbildungskraft in Feuer und Flammen. In jedem Pulsschlage glaubte ich die Tritte des heran nahenden Todes zu horen, glaubte zu fuhlen, wie sich schon ein Faden um den andern aus dem kunstlichen Gebinde ablosete, an den hienieden meine Marionettenrolle geknupft ist verfiel daruber in den metaphysischen Unsinn den unbrauchbarsten von allen meinem eigenen S e l b s t bis auf die feine Endspitze nachzuschleichen, wo es sich fur seine zwo Welten theilen wurde als etwas glucklicher Weise dazwischen trat, das mich nothigte, mein grosses Experiment zu verschieben ein Dunst, der mehr werth ist, als die hellste Betrachtung, und in dessen Nebel ich immer Weisheit, Lebenskraft und Menschenwurde wieder gen verlor: aber gutiger hatte er seit den Jahren meiner Kindheit nicht auf meinen Augenliedern geruht als diessmal, und der Gedanke: "Habe Muth zu leben, eile in die Arme der Natur zuruck," herrschte durch mein ganzes Wesen, als ich mit der Morgenrothe erwachte.
Wie viele Schleifwege zu dem menschlichen Herzen stehn nicht dem Unmuthe offen! Er springt uber Damme und Hecken, und wirft alle Bollwerke uber den Haufen; da hingegen die Freude mit ihrem bescheidenen Gefolge auf der gebahntesten Strasse und uberall anstosst, durch jedes Wer da? erschreckt, und, ach wie oft! schon durch einen Schatten verscheucht wird. Die frohen Empfindungen, die vergangene Nacht bei mir einkehrten, verweilten kaum noch die Stunde des Fruhstucks uber, und ehe ich mich versah, waren sie schon uber alle Berge. Mit so seltenen Gasten, die einen noch darzu unvermuthet uberraschen, weiss man sich immer nicht recht zu benehmen. Ich erschrak, als ich mein Nest wieder so leer fand; die Alltagswirthschaft nahm ihren alten Gang, und ich weiss Dir nichts weiter zu sagen, als dass wohl noch nie so runzlichte Gesichter durch die B e r g s t r a ss e gefahren sind, als ich und mein Mops diesen Abend mit nach Heidelberg brachten.
Lass Dir, wenn Du willst, die anmuthige Lage dieser Stadt von andern Reisenden vormalen. Ich hatte keinen Sinn fur ihre Reize, und in dem Wirthshause, das mich aufnahm, ging es mir, wie es der Freude bei mir ging. Der Hausherr gefiel mir nicht seine Zimmer waren staubicht sein Bette war mir zu hart, und seine Sprache beleidigte meine Ohren. Ich traumte die ganze Nacht durch nur von dem glucklichen Morgen, wo ich diesen Ort verlassen wurde; und diese Erwartung war bis zur Fieberbewegung gestiegen, als dieser Morgen erschien.
Wie viel oder wenig ich damit gewann, und ob es ein Kunstwort giebt, das alle die widrigen Gefuhle ausdruckt, die mich nach B r u c h s a l begleiteten, mag ich jetzt nicht untersuchen. Genug, damals glaubte ich es aus dem Munde eines Arztes zu horen, der nicht weit von der Post, uber den Kreis vieler Hulfsbedurftigen hervor ragte, denen er seine Wissenschaft und Erfahrung in gemeinnutziger Beredsamkeit Preis gab. Ich glaubte der Ueberzeugung, die er mir einflosste, dass die Krankheit, gegen die er eben sympathetische Tropfen feil bot, nach allen Theilen ihrer furchterlichen Beschreibung, die meinige sei; und nun drangte ich mich durch meine Mitbruder hindurch, pflanzte mich gerade vor seinen Thron, und sperrte, wie andere, das Maul auf. Das war auch ein ganz anderer Mann, als der Hausarzt des Romischen Kaisers, der mir gestern ein so machtiges Schrecken einjagte.
Ein Zepter in der Hand, um das zwo Schlangen
krochen,
Sass dieser Ehrenmann auf einem Thron von Knochen,
Wie das Symbol der Medicin.
Ich, hub er an, (was er zuvor gesprochen,
Erfuhr ich leider! nicht) ich komme von B e r l i n .
Den Zahn, den Ihr hier seht, hab' ich vor wenig
Wochen
Friedrich dem Einzigen hab' ich ihn ausgebrochen,
Und gnadenvoll schenkt' Er mir ihn.
Bei Gross und Klein Gott sey's gedankt! gelitten,
Hatt' ich nur Hande g'nug, sucht man mich uberall.
Seht, zum Beweis, wohin ein Mann von Sitten
Nicht dringen kann, hier das Original
Der Hornkluft, die ich einst in dem Escurial
Der schone Io Karls des Dritten,2
(Sobald ich mich durch die gedrangte Zahl
Der Neider meines Glucks gestritten)
In drei Minuten ausgeschnitten.
Den Tag nach dieser Kur erhielt ich das Diplom,
Das Ihr hier glazen seht, als Leibarzt und als Ritter.
Und so bewahrte sich mein altes Axiom:
Oft schwellt die Pfutze selbst zum Strom
In einem nachtlichen Gewitter:
Nicht immer geht die Kunst nach Brod.
Doch, dass wir nicht einander missverstehen,
So hort: Ich bin mit Panaceen
Der neusten Art, mit Mitteln, seinem Tod,
So Gott will, aus dem Weg zu gehen
Sagt nur, was Ihr bedurft ich bin damit versehen.
Doch kaufet in der Zeit, so habt Ihr's in der Noth;
Kauft! denn das nachste Morgenroth
Sieht mein Panier in Strassburg wehen,
Wohin mich mein Patron, der Kardinal, entbot.
Spottet nicht, Ihr glucklichen Gesunden, uber einen ehrlichen Semler, der in der Beangstigung seines Zwergfells, die er sich in den vielen Buchern erschrieben hat, die jetzt eure Bequemlichkeit nutzet, spottet nicht uber ihn, wenn er nach den Lufttropfen lechzet, die ihm eine vornehme Hand vorhalt; lacht nicht uber die armen Bedrangten, die einen M e ss m e r reich machen, und vergebt es auch meinem Scharfsinne, der unter der Husarenmaske dieses Arztes einen Gesandten Gottes entdeckte, der mir in meinen angstvollen Augenblicken zu Hulfe kam, mir fur zwei armselige Goldstucke eine Flasche seiner unbezahlbaren Tinktur verhandelte, und seine Adresse obendrein gab. Mit welchem Vertrauen verschluckte ich den ersten Loffel davon, den er mir aus herablassender Gute mit eigenen Handen eintropfte! "Sie werden in einen ruhigen Schlaf fallen," sagte der liebe Mann: "lassen Sie aber ja Ihren Bedienten Acht haben, dass Sie nichts in der Wirkung meines Hulfsmittels store."
Jener grosse Konig von Frankreich sein Name fallt mir nicht bei dem sein Beichtvater, vor Notarius und Zeugen und mit Verpfandung seiner eigenen Seligkeit, schriftlich versprechen musste, ihm durch seine Tausendkunste in den Schoos Abrahams zu verhelfen, konnte nicht mit so vieler Zuversicht aus der tischen Tropfen, meinen Weg fortsetzte. Und siehe, es geschah mir, was der grosse Mann verhiess! Ich verfiel zur bestimmten Zeit in einen wahren Zauberschlaf. Fur ein doppeltes Trinkgeld hatte mir der Postillon angelobt, weder sein Horn noch seine Peitsche zu brauchen. Die Pferde schienen so ganz die gluckliche fuhlen, die ihnen heute, wahrscheinlich zum erstenmale, zu Theil ward krochen wie die Schnecken uber den Sand und ich und mein Mops schnarchten um die Wette.
Wie soll ich Dir aber jetzt meinen Verdruss beschreiben, als ich nach einem vierstundigen Schlummer, so ganz wider das Verbot meines Arztes, von einem ungestumen Reisenden aufgeschreckt wurde, der mit seiner Chaise gerade vor der meinigen hielt, und auch meinem Fuhrer zu halten befahl. "Darf ich fragen, mein Herr," schlug mir seine Stimme an die Ohren, "wohin Ihre Route geht?" Ich fuhr zitternd in die Hohe, rieb mir die Augen und stotterte, wie ein Schleichhandler vor einer preussischen Schildwache: "Nach der Provence, mein Herr." "Aber fur jetzt?" unterbrach er mich "doch wohl nach Carlsruh?" Ich bejahte es mit einem hochst verdrusslichen Kopfnicken, da mir der Aufruhr gar nicht gefiel, den seine Zudringlichkeit verursachte. "So haben Sie wohl die Gute," fuhr er fort, "da Sie einen Sitz frei haben" zum erstenmale sprang hier mein geduckter Reisegefahrte auf, und bellte ihn an, als ob er ihn verstanden hatte "ein armes ermudetes Madchen" (indem stieg so etwas aus dem Wagen) "bis dahin zu ihrer Mutter mitzunehmen. Denken Sie nur, mein Herr, das arme Kind hatte sich diese Nacht im Walde verirrt. Ich war glucklich genug, auf sie zu treffen und sie zu retten doch erlauben mir meine Geschafte keinen weitern Umweg."
Eine solche Zumuthung an einen eigensinnigen Kranken, der noch dazu in seinem theuer bezahlten Schlafe gestort wird, konnte unmoglich ihr Gluck machen. Ueberdiess glaubte ich, so schlaftrunken ich war, aus der Lage ihres seidenen Mantels zu bemerken, dass sie wohl langer als vergangene Nacht ihrer Mutter aus dem Gesichte gekommen seyn musse. Sie schlug ganz artig beschamt ihre Augen vor den peinlichen Fragen der meinigen nieder, und lauerte in angstlicher Erwartung auf meinen Entschluss. Wie viel traf nicht zusammen, mein Herz gegen die arme Verirrte zu verschliessen! Ich rausperte mich, und als ich meiner Stimme gewiss war, sagte ich ihr mit deutlichen Worten: "Aus diesem Vorschlage, mein liebes Kind, wird nichts."
"Bist Du, von Deiner Mutter fern,
In jenen Stunden nicht verschmachtet,
Die Du mit einem jungen Herrn
So werde Dir, im Uebergang
Zur Mutter, auch die Zeit nicht lang!
Geh, geh, der Himmel wird Dir helfen
Kraft Deines freundlichen Gesichts:
Und wimmelte der Weg von Wolfen
So wackern Jungfern thun sie nichts."
Ich legte auf die letzten Worte einen solchen Nachdruck, und begleitete sie mit einem so bedeutenden Blicke, dass sie mir sogleich aus dem Wege trat. Der Fremde selbst erwiederte keine Sylbe auf meine abschlagige Antwort, setzte sich, ohne sich weiter um seine Pflegetochter zu bekummern, in seinem Wagen zurechte, zog seinen Hut gegen mich und rollte davon. Toll und bose uber eine so ungelegene Erscheinung, und voller Angst uber die moglichen schlimmen Folgen meines Erwachens, hob ich nun den Befehl auf, der meinem Fuhrer bis jetzt die Hande band. Sein Horn schmetterte nun desto volltonender seine Peitsche wuthete jetzt nach langer Untatigkeit desto heftiger, das getraumte Gluck der armen Pferde war verschwunden, und ich gewann dadurch so viel, dass ich mein gramliches Gesicht wenigstens eine Stunde fruher nach Carlsruh brachte, als vermutlich die freundliche Schone das ihrige. Sie werden doch wohl nur diese Nacht hier bleiben? sagte mir der Wirth zum Erbprinzen, als ich ausantworten. Er wies mir ein Zimmer an, und versuchte es noch einmal, mich zur Sprache zu bringen. "Nach Hofe, denke ich, werden Sie wohl nicht gehen, so wenig als ..." "Und woher vermuthen Sie das, Herr Wirth?" fuhr ich auf, als hatte er mir eine Grobheit gesagt. Der Mann erschrak. "Ich schliesse es," stotterte er, ... "doch bitte ich um Verzeihung, aus Ihrer Physiognomie." "Zum Henker!" fluchte ich, stampfte mit dem Fusse, und schleuderte meine Pelzmutze auf den Tisch: "Ist diese Alfanzerei auch schon bis in die kleinen Gasthofe gedrungen?"
Der ehrliche Wirth, ganz betroffen uber meine Lebhaftigkeit, errothete bis uber die Ohren, suchte einen noch sanfteren Ton seiner Stimme, indess er die Vorhange an den Fenstern aufzog, und da er ihn gefunden hatte, kehrte er sich wieder freundlich zu mir: "Vergeben Sie mir meine Voreiligkeit; aber, mein werthester Herr! Sie wissen vielleicht nicht, dass sich unser Hof vor allen andern durch seine zufriedenen Gesichter auszeichnet. Nun kann ich mich zwar irren; doch war es mir, als trugen Sie so etwas auf Ihrer Stirne, das unser Eins Verdruss zu nennen pflegt und da dachte ich wieder: Das Gesicht dieses Herrn passt schwerlich zu unserm Hofe, so wenig als unser Hof zu seinem Gesichte; hatte also keine andere Absicht bei meiner Frage, als mich darauf zu schicken, Sie in meinem Hause gehorig zu ..."
"Gut, gut," fiel ich ihm in die Rede "wenn es nur ein Uebergang zu dem Lobe Ihres Fursten war, so habe ich nichts darwider. Auch ich schatze ihn wegen seiner wohlthatigen Neigungen, und vergebe Ihnen, der guten Absicht wegen, die Kritik uber mein Gesicht. Ein Kranker, wie ich, drangt sich freilich nicht in die Zimmer und Vorzimmer der Fursten; das ist nur die Schwachheit der Gesunden, die etwas vertragen konnen. Vor der Hand habe ich nichts nothig, was an die Grossen erinnern kann, als einen Bouillon a la Reine, und ein gutes Bette."
"Beides sollen Sie auf der Stelle haben," sagte der ehrliche Mann, und hielt Wort.
Solltest Du einmal nach Carlsruh kommen, so empfehle ich Dir sein Wirthshaus. Es war wirklich keine Prahlerei, dass er seine Gaste studierte; er richtete sich genau nach allen kleinen Begehrlichkeiten meines Eigensinns. Ich hatte eine recht leidliche Nacht unter seinem Dache, und den andern Morgen waren die Pferde punktlich vor meinen Wagen gespannt.
Ungeachtet der spaten Jahreszeit schenkte mir der Himmel auch einen hellen Tag; was mich aber mehr noch aufheiterte, als dieser, es war ein wohlgebautes freundliches Land, das ich durchreiste. Meine kranken Augen schienen erfrischt zu werden, so oft ich einen Blick aus dem Wagen warf, und uberzeugten mich, dass der Regent dieses Furstenthums ein rechtschaffener Mann seyn musse: denn nur unter einem solchen sieht man die Natur so aufgeraumt, Dorfer und Stadte so volkreich und lachend, die Jugend so rothwangig, und das Alter so muthig. Der Einfluss eines wurdigen Landesherrn auf die sittliche Verbesserung seiner Unterthanen ist hier so sichtbar als ruhrend. Wider einen solchen Regenten kann ein Wohldenkender nichts einwenden, wenn er auch so krank wie Heraklit und eben so furstenscheu ware, wie er.
Ich gonn' ihm seinen Hang fur freundliche Gesichter,
Da er so ernst fur seine Staaten sorgt;
Ob er schon seinen Ernst nicht von dem Hollenrichter,
Noch Furstenstolz von seinem Nachbar borgt.
Nein! freundlich herrschet Er in seinem
Wirkungskreise
Als Vater eines Volks, das seinen Wink versteht,
Und gern, von Ihm gefuhrt, von Frohlichkeit zum
Fleisse
Gestarkter Tugend ubergeht.
Auch pflanzte die Natur von wahrem Furstenruhme
Ein Vorbild, schmeichelhaft, zuerst auf sein Gebiet.
Kein Funkchen, das dem Kelch der Anemon'
entspruht,
Verfliegt ihr ungenutzt. Es impft der Wiesenblume
Den Schmuck ein, der im Schoos der edeln Mutter
gluht,
Ihr Einfluss wuchert fort. Der erste Spross erzieht
Noch manchen, der vielleicht in Florens Heiligthume
Der Nachwelt, die den Fehl der Abkunft ubersieht,
Mit Ahnenstolz entgegen bluht.
So kettete sich an den Gedanken seines wohl verdienten Lobes die Erinnerung an den merkwurdigen Mann in seinen Diensten, den grossen Botaniker K o h l r e u t e r , der, wie sein Furst im moralischen Sinne, das Geheimniss der Natur in dem physischen entdeckt hat, geringe Arten von Blumen durch den Abstaub einer edeln zu verbessern, und, wie es ihm oft gelingt, eine Karthauser in eine Purpurnelke zu verwandeln.
Kein Deutscher kann wohl aus dem badenschen in das franzosische Gebiet treten, ohne eine gewisse Achtung fur sein Vaterland mit hinuber zu nehmen, ob er gleich klug handeln wird, wenn er diese frohe Empfindung nicht weniger zu verbergen sucht, als jede andere kontrebande Waare, deren er sich etwa bewusst ist. Ich scharfte mir diese Vorsicht ein, sobald mir auf der letzten Poststation zu K e h l vier Rappen vorgespannt wurden, aus denen dieselbe Empfindung zu wiehern schien.
Dieser kleine Ort steht diesseits und jenseits des Rheins in einem etwas zweideutigen Rufe, der ihm ubrigens gleich einer hubschen Dirne, ohne dass die Gesicht irre machen lassen, vortrefflich zu seinem Gewerbe dient.
An diesem Granzort zweier Reiche lauschet
Der Contreband, und walzt den wuchernden Gewinn
Verbotnen Tands, den es von E i n e m tauschet,
Fur gleichen Tand dem A n d e r n hin.
Auch siedelte sich jungst in diesem Freiheitshafen
Ein zweiter Caron an.3 Mit gleicher Sicherheit,
Als jener, der am Styx so lange her den braven
Piloten macht, fuhrt sein, durch hundert Rudersklaven
Bemannter Kahn, den Proteus unsrer Zeit,4
Wie eben der Gestalt, in der er ihm sich beut,
Gebuhrt, hinuber jetzt in das Gebiet der Strafen,
Um auf den Mohn, den Freron ausgestreut,
Den Rausch, der beide h i e r entzweit,
Am Lethe selbst, nicht zu verschlafen;
Hinuber jetzt in's Thal, wo der Unsterblichkeit
Gesalbtes Priesterchor sich seiner Ankunft freut,
Und Lucian von hundert frommen Schafen
Ihm eine Hekatombe weiht.
Du kennst den Passagier! Des aufgeklarten Spottes
Vertrautesten, der nimmer sich
Zu gleichen schien, und immer glich.
Wenn er mit dem Gesang des Gottes
Der Musen Hoh' und Thal durchstrich,
Die Geissel Rousseau's und Nonottes,
Den grossen Freund des grossern F r i e d e r i c h .
Du kennst den Machtigen, der des Tyrannen Riegel,
Der Unschuld Fesselband zerschlug,
Und den Geretteten auf eines Seraphs Flugel
Sanft in den Schoos des Mitleids trug;
Der oft die Quellen meines Kummers,
Eh' es die Zeit noch that, besiegt,
Und, wie der Genius des Schlummers,
Oft meine Schmerzen eingewiegt!
Mit dem ich oft beim stillen Scheine
Der Lampe Nachte durchgewacht,
Und d e s s e n Leben mir das m e i n e
Erst wunschenswerth und froh gemacht.
Doch kennst auch Du den wandelbaren,
Zweizungigen, entnervten Mann,
Dess freche Stirne den Gefahren
Der dem Vertrieb verfalschter Waaren
Bestimmten Strafe kaum entrann;
Den, der mit der geweihten Leier,
Die er zu Heinrichs Lob empfing,
Um niedern Lohn gemeiner Schreier
Oft zu der frechen Mittagsfeier
Namloser Sklaven uberging;
Der nie zufriedener, nie weiser,
Die Blumen Anderer, mit heiser
Giftathmender Begier, verdarb;
Der selbst im Schutz der tausend Lorberreiser,
Die ihm sein Genius erwarb,
Nur nicht besucht von unserm Kaiser,
Am Spleen gekrankter Ehre starb?
Der Gedanke, den ich an diesen grossen Geist, den das merkantilische Genie eines Beaumarchais aus diesen Scheideweg von Deutschland und Frankreich gebannt hat, im Vorbeifahren bei den weitlauftigen Werkstatten mit mir nahm, die hier den Umtrieb seiner Schriften eben so mechanisch befordern, als es ihr Inhalt auf eine geistige Art thut; dieser Gedanke war wirklich fur die kurzeste unter allen Stationen zu reichhaltig: denn man konnte sich mit dem Stoff, den das Leben dieses wundernswurdigen Sterblichen darbietet, auf einer Reise um die Welt beschaftigen, ohne ihn zu erschopfen. Mein Geist stand eben vor ihm, um seine Grosse zu messen, wie ein Zwerg vor einem Koloss, als ich auf die unangenehmste Art genothigt wurde, dem Blicke meines Erstaunens eine andere Richtung zu geben, um ihn mit Verachtung auf die elendesten unter allen Geschaftstragern des Konigs zu werfen, die an der Barriere von Strassburg meine Ankunft erwarteten. Der Postillon schien so wenig an sie zu denken als ich; aber ein aus den zehn Halsen dieser Lotterbuben gestossenes Schimpfwort, das hinter ihm drein flog, hemmte auf einmal den deutschen Trapp, mit dem er eben bei ihnen vorbei fahren wollte.
Schnell sprangen die Knechte
Der schimpflichen Rechte
Des Schlagbaums hervor;
"Schelm!" schrie'n sie: "Gehalten!"
Und "Schelm" wiederschallten
Die Riegel am Thor.
Nun lauscht' ich, der Dinge
Des Lumpengerichts.
"Was soll ich von Ihren "
Fragt' einer, "plombiren?"
"Was geben Sie?" Nichts!
"Nichts!" fuhr aus den Ecken
Des Wagens zum Schrecken
Der Nymphen am Rhein.
"Nichts?" bellten die Glieder
Des Zollamtes wieder:
"Schliesst keinen Verein!"
Gott sah nun durchsuchen,
Betasten, befluchen
Mein armes Gepack:
Nicht gieriger graben
Die Ratten und Raben
Nach duftendem Speck.
Doch da die Gesandten
Des Hungers nichts fanden,
Erhub sich ihr Scherz:
"Herr! Zollfrei passieret
Der Spleen Er verlieret
In jedem Kommerz."
So rechnen Verdammte,
Versetzt' ich, und flammte
Und wunschte sie zum
Und fuhr, zwar vom Zolle
Erlos't, doch im Grolle
Den Schlagbaum herum.
Freilich, freilich, lieber Freund! eine kleine Bestechung hatte manches unter uns vermitteln konnen, ware nur meine Laune nicht zu verstimmt gewesen. Lieber liess ich den Postknecht uber den langen Verzug fluchen, die Pferde toben, meine Wasche und Kleider unter einander werfen, mein Glaubersalz verzetteln, ja sogar meine Tinktur aus Bruchsal gegen den Tag halten, den sie doch nichts weniger als vertragen konnte, ehe ich mich uberwand, diesen Bettlern, die mich so ungestum in meiner Andacht gestort hatten, ein Allmosen zuzuwerfen.
Dafur fuhlte ich aber auch meine Galle uber und uber ergossen, als ich in dein Hotel anlangte, das man mir zu Carlsruh empfahl. Mein Eigensinn (warum sollte ich das Kind nicht bei seinem rechten Namen nennen?) hatte nach der billigsten Moral einen tuchtigen Verweis verdient. Ich hatte aber diessmal nicht nothig, mir selbst diese Muhe zu geben die Belehrung, die ich eben brauchte, war mir naher, als ich vermuthen konnte.
"Mein Gott!" sagte ich mit Bitterkeit zu dem Wirthe: "das soll der beste Gasthof der Stadt seyn?" und schlenderte, als er mich in mein Zimmer fuhrte, mit solchem Groll und Misstrauen hinter ihm her, als stande der gute Mann mit meinem politischen Rechenmeister am Thore in den engsten Verhaltnissen. Das Zimmer war wenigstens um zehn Theile geraumiger, als mein Wagenkasten, den ich eben verliess; und doch erklarte ich dem Wirth ohne Umschweife, dass ich in einem so engen Behalter nicht dauern konnte, dass ich meine Suppe in dem grossten Speisesaale essen wollte, der im Hause sei, und liess mich dahin fuhren.
Ich hoffte daselbst allein zu seyn; denn der Mittag, der nur Hungrige hier versammelt, und den ich leider ohne Hunger so schandlich in der Gesellschaft der Zollner verlebte, war nun voruber: aber ich fand noch zwei reisende Freunde, die vertraulich in der Wolbung eines Fensters sassen, und sich durch meinen Eintritt in dem Fortgange ihres Gesprachs nicht storen liessen. Ich wollte meine Suppe in Ruhe essen Aber wenn sich zwo Seelen neben Dir ergiessen, lasst sich da wohl ein Bissen ruhig in den Mund bringen? Sie zogen meine ganze Aufmerksamkeit auf sich, und waren es gleich nur Bruchstucke, die sie mir zu gute gaben, so waren sie doch mehr als hinlanglich fur mein gegenwartiges Bedurfniss. Der Zanker mit sich selbst, der zum Skelet sich denket, Manch Traumbuch uber sich befragt, Unschlussig was er wunscht, unwissend wag ihn kranket, Und ungewiss was ihm behagt Der suche Menschen auf! In ihrem Kreis verschlungen Hat oft ein fliegend Wort, das im Tumult der Zungen Geich einem Blitz voruber fahrt, Des Herzens Labyrinth durchdrungen, Und seine Tiefen aufgeklart.
"Wie dauern mich," fuhr der eine fort, "die sechs Monate von meinem Leben, die ich an diesem Furstenhofe in einer Ehrenstelle verloren habe, wo keine Ehre zu ernten war! Die Seele eines Junglings zu bewachen, in der nichts, weder ein- noch ausgeht, ist das misslichste Handwerk fur einen denkenden Menschen eine geistige Schildwache in dem leeren Raume. Wie habe ich alle meine Sehkraft aufgeboten, um nur einen voruber gehenden Schatten zu entdecken, der mir das Daseyn irgend einer wirklichen Grosse verrathen konnte! Aber umsonst. Ich ubernahm mein Gewehr von einem, der gahnend davon schlich, ich ubergab es gahnend einem Dritten und wir alle verlassen den Posten, ohne Freund oder Feind gesehen zu haben. O! des unglucklichen Junglings! Zu schwer liegt die Stunde seiner Erzeugung auf ihm! Keine Pflege kann das Samenkorn aufrichten, das einmal unter dem todtenden Einflusse widriger Witterung ausgestreut wurde; und ein menschenfeindlicher Vater erzeugt sich gewiss eine taube Hulse in seinem Sohne."
Seinem Freunde kam diese Schlussfolge so dunkel und sonderbar vor, als mir. Er erbat sich eine nahere Erlauterung seines abgebrochenen Satzes: und nun stellte der philosophische Fremde das Gemalde eines milzsuchtigen Fursten auf, dem nicht geschmeichelt war, das mich auf eine ungewohnliche Art erschutterte, und in welchem Zuge vorkamen ... Doch Du magst selbst urtheilen, welche es waren, die mir Herzklopfen erregten, und mir das Blut in das Gesicht trieben.
"Wie kann d e r ," fuhr der Maler fort, "Urheber eines markigen und in sich glucklichen Menschen eines Pitt eines Washington, eines Haller, eines Friedrich werden, dessen Herz keine von den Neigungen nahrt, die den Saft des Lebens, den jeder seiner Pulsschlage ausstromt, lautern und versussen? Ein so murrsinniger Mann, wie der Vater meines Zoglings, ist in der moralischen Welt, was ein Gichtbruchiger in der physischen ist fur das Wohl des Ganzen untauglich zur Fortpflanzung". Der eine betrugt die Nachwelt mit lahmen Korpern, der andere mit Kruppeln an, Geist. Glaube es meiner Erfahrung, Freund: dieser Schnupfen der Seele, den man viel zu gelinde uble Laune nennt, verbreitet sich uber alles, was der Angesteckte beruhrt, begleitet ihn zu seinen Geschaften, hinkt neben ihm auf seinen Spaziergangen, und verloscht die lauterste Flamme der geheiligten Liebe in seinen ehelichen Umarmungen. Die es gut mit der Menschheit meinen, sollten diese schleichende, jetzt so sehr um sich greifende Krankheit mit aller Macht der Moral und Erziehung aus der Welt zu bannen suchen, wie die Aerzte die Blattern denn es giebt keine, die den Krankelt unglucklicher erlacht, und der allgemeinen Freude nachtheiliger und fortwirkender auf die Nachkommenschaft ware, als diese.
"Mein wahres Mitleid jedem Erdensohne,
Er trage eine Konigskrone,
Er schleich' an einem Hirtenstab,
Den ein erzurnter Gott, zur Strafe
Hier, seines Hofs dort, seiner Schafe,
Der Laune Damon ubergab!
Ihn lockt der Mara Lied, ihn lockt der Lerche Kehle
Umsonst; er uberhort die Kunst und die Natur:
Im Krampfe seiner kranken Seele
Hort er auf ihr Gewinsel nur.
Die Laune schleicht dem Bettler in die Hutte,
Dem Fursten in sein Staatsgemach,
Schleicht uns sogar mit abgemessnem Schritte
Zu Hymens stillem Glucksspiel nach,
Wo, selbst beim Anspruch auf die beste Nummer,
Dem Murrischen nur eine Niete fallt,
Die das Geprag von seinem Stundenkummer
Oft Enkeln noch vor Augen stellt.
Wenn Heinrich in dem Arm der schonen Gabriele
Nach einer edeln That der Liebe Lohn empfaht,
Wer zweifelt, dass nicht da die Farbe semer Seele
Auf einen Bastard ubergeht;
Indess der Erbe seiner Krone
Nicht ihm, nur seinem Missmuth gleicht,
Mit welchem er zur koniglichen Frohne
In's Bette der Infantin schleicht."
"O! wie hat meine freie Schweizerseele mit dem Gegendrucke des Murrsinns dieses unglucklichen Fursten gekampft! Wie gerne hatte ich oft in der Beklemmung meines Herzens einen Tag meines dortigen Lebens nur um einen Athemzug auf unsern Alpen gegeben, um jene starkende Luft, die die Brust erweitert und zu edeln Thaten fest macht! Wie werde ich mich deiner wieder freuen, gesunde, unverdorbene Natur! Mit welchem Bedacht werde ich jetzt die Sussigkeit Einer Stunde einschlurfen, um jene verlornen Tage wieder einzubringen! Mein kleines Feld mit dem Amphitheater jener Gebirge umringt, die durch freien Genuss auch mir gehoren werden! Mein freundlicher Bach! Meine Buschchen! und ihr, ihr Bewohner friedlicher Hutten! Welch ein Schlag von Menschen gegen jene, die ich jetzt hinter mir sehe! Doch Freund, lass uns gehen, es ist angespannt."
Da der Mann, ich wusste selbst nicht wie, mein Herz in seine Hande bekommen hatte, da meine Gedanken jetzt mit ihm auf seinen Gebirgen, seinen Wiesen und unter den Horden seiner frohen Naturmenschen herum irrten, und das Gemalde eines bald ganz Glucklichen eines von einem traurigen Hofe Geretteten meine Seele sympathetisch an sich zog: so erschreckte mich sein Aufbruch wie ein Donnerschlag, der uns aus sussen Traumen, aus der Vergessenheit unsers leidenden Daseyns erweckt. Ich stand auf, machte eine unwillkuhrliche Bewegung nach ihm zu, als wenn ich ihn bitten wollte, mich nicht zu verlassen und als er an der Hand seines Freundes aus dem Zimmer verschwand, als sein Wagen davon rollte Gott wie ward mir zu Muthe! Die Blicke seiner emporten Menschenliebe das schwarze Bild des Furstell schwebten mir lange noch vor den Augen. Sinnreich eignete sich mein Gefuhl einige entfernte Aehnlichkeiten seiner Krankheit mit der meinigen zu, und dieser unholde Gedanke demuthigte mich so sehr, dass ich, kleinmuthig und schwach, mich in meinen Lehnstuhl zuruck warf, und um ein gutes Wort wurde geweint haben.
Als bald nachher der Wirth herein trat, suchte ich die freundlichsten Mienen hervor, die mir zu Gebote stehn wollten. "Seine Suppe," sagte ich, "hatte mich recht gelabt." Ich bat ihn, meinem Bedienten eine Flasche seines besten Weins zu geben, da ich selbst keinen trinken durfe, und ich bat ihn auch, fur meinen guten Mops zu sorgen. "Wenn ich wieder zuruck komme, lieber Herr Wirth," sagte ich zu ihm mit schmeichelnder Stimme, und legte meine Hand dabei vertraulich auf seine Schulter, "so will ich gewiss mehrere Tage in dieser schonen Stadt verweilen, und in keinem andern Hotel absteigen, als in dem Ihrigen." Mit Einem Worte, ich ging nicht eher in mein heimliches artiges Stubchen, wie ich es jetzt nannte, als bis ich hoffen durfte, den widrigen Eindruck meines unfreundlichen Bezeigens wieder gut gemacht zu haben. Die Strafpredigt des Fremden uber die unerkannte Sunde der ubeln Laune hatte mich so geruhrt, dass wenig fehlte, so hatte ich mich fur schuldig gehalten, den Einnehmern am Thore das Trinkgeld zu verguten, das ihnen meine Hartherzigkeit entzog.
So bald ich mich aber allein sah, verfiel ich erst in
die ausschweifendsten Betrachtungen uber das Uebel, das jetzt in den hohern Standen so viele Verwustungen anrichtet uber den Krebsschaden der ubeln Laune. Da ich zu ehrlich war, mich ganz davon frei zu sprechen, so dankte ich nur Gott, dass ich nicht Beherrscher eines Landes und dankte Gott, dass ich noch ohne Gattin und nicht in naher Gefahr ware, meinen Nachkommen zu schaden. Wer weiss, wohin mich noch der Schweizer und sein System wurde gebracht haben, da ich schon anfing, Findel- und Waisenhauser als Magazine menschlicher Wurde und vorzuglicher Genie's anzusehen, da alle gross gewordene Bastarde, E r a s m u s , l a C h a p e l l e u n d d ' A l e m b e r t an der Spitze des Marschalls von Sachsen sich zur Vertheidigung meines Grundsatzes in Reihe und Gliedern um mich herstellten, da ich die arme und unschuldige Generation zu beklagen begann, die, wie ich, den Vorzug ehelicher Geburt so theuer mit Mangel an Kraft und Freude bezahlen musse, wenn mir nicht zum Gluck mein dienstfertiger versohnter Wirth zu Hulfe gekommen ware!
Er trat herein, um sich zu erkundigen, ob ich nicht dem Koncerte eines Virtuosen beiwohnen mochte, der diesen Abend in dem untern Saale viele Liebhaber herbei ziehen wurde? Nun war meine erste Antwort so abschlagig, als mir der Gedanke an Musik und Gesellschaft zuwider war. "Er spielt die Laute," fuhr der Wirth fort, "und wie man sagt, zum Entzukken." Die Laute! Wenn sie der Mann mit G e f u h l zu spielen versteht, dachte ich, die Laute konnte vielleicht noch am ersten mit der Stimmung des deinigen zusammen treffen; und ohne langeres Besinnen widerrief ich meinen Entschluss, und machte mir ein Kompliment uber die fortdauernde Besserung meines Humors.
Ich stieg zur gesetzten Stunde in den Saal, fand ihn aber zu voll und zu erleuchtet, und versteckte mich hinter einige noch unbesetzte Stuhle, die sich aber bald nachher eine Gesellschaft junger Damen unter dem gewohnlichen Gerausche ihrer seidenen Stoffe und gelaufigen Zungen zueignete; und deren Nachbarschaft, ich kann es wohl sagen, ich in meiner ruhigen Lage gern entbehrt hatte. Und doch, o wie viel hatte ich nicht ihrer schwatzhaften Vertraulichkeit zu danken! "Wird er wohl langer hier bleiben?" "Furchten Sie nicht, dass ihn der Kaiser oder unser Konig einladen wird?" "Wie oft sind Sie bei ihm gewesen?" "Wollen wir ihn nicht morgen fruh besuchen?" So drangte eine Frage die andere, ohne dass eine Antwort dazwischen Raum fand. Von was fur einem seltenen Manne, dachte ich, mussen sie doch wohl sprechen? Ich scharfte mein Ohr, um das Rathsel zu begreifen, wie das Lob so vieler Schonen von einem gemeinschaftlichen Lieblinge so einstimmig seyn konne!
Die Eine schrie: "die feine Lebensart"
Die Andre schrie: "das freundliche Gesicht"
Die Dritte schrie: "und den Prophetenbart"
Und alle schrien: "hat ein Betruger nicht. "
"Ein Mann," erklarte d i e , "der, ohne auszuruhn,"
Und jenee fiel ihr ein "so fremde Wege geht,"
"Der," rief der ganze Zirkel nun:
"Ist wirklich ein Prophet! "
Oho! dachte ich Ist hier die Rede von einem Propheten? Das hatte ich armer unwissender Berliner mir freilich nicht traumen lassen. Ich horchte gewaltig.
"Wer," fuhr noch Eine fort, "hat diesen Wundermann
Die seltne Kunst gelehrt,
Dass da, wohin kein Ohr, kein Auge dringen kann,
Er deutlich sieht und hort?"
"Ein Mann," schrie nun das Chor, "der jede
Weiberlist,"
"Den stillsten Madchenwunsch versteht,"
"Der ist" "ja!" rief auch ich "der ist"
"Noch mehr als ein Prophet!"
Dieser Ausruf, der mir beinahe unwillkuhrlich entfuhr, verursachte, dass ein Dutzend der artigsten Gesichter sich herum drehten, und auf das harmvollste und blasseste im ganzen Saale mitleidig hinblickten.
"Sie sind gewiss krank, mein Herr?" fragte mich die Nachste mit theilnehmender Gute, und die ernstliche Freundlichkeit auf den Gesichtern der andern bestatigte mich in dem grossen Begriffe, den ich von jeher von diesem Geschlechte gefasst habe, dass kein Leidender ihm gleichgultig sei.
"Ja wohl, meine schonen Damen," antwortete ich, "ich bin sehr krankund mache eben eine Reise, um meine Gesundheit wieder zu suchen."
"So wunschen wir Ihnen," riefen sie mit Einer Stimme "von Herzen Gluck, dass Sie jetzt Ihrer Genesung so nahe sind."
"Jetzt?" wiederholte ich erstaunt, und sah rund umher einer um der andern in die glanzenden Augen "Ach! meine gutigen Damen, ich Armer bin zu gedemuthigt, um eines so beissenden Epigramms werth zu seyn."
"Warum das?" fuhren sie lachelnd und lebhaft fort, da sie mein Missverstandniss merkten "Haben Sie nur Zutrauen: er wird Sie gewiss in weniger Zeit so erhaben seyn werden."
"Um des Himmels willen!" unterbrach ich den Ausfluss ihrer Weissagungen, "von welchem wohlthatigen Wesen sprechen Sie denn?"
"Von welchem?" fragten die schonen Kinder auf ihrer Seite mit vieler Verwunderung: "Sicher von keinem andern, als von dem grossen Propheten, in dessen Lob Sie ja selbst eingestimmt haben von dem Manne, der uns von Gott zugesandt ist, und hier seit ein paar Monaten recht apostolische Wunder thut."
Starr sah ich die schonen Schwatzerinnen nach der Reihe an und schwieg weil ich nichts klugeres zu thun wusste: doch das kummerte sie auch nicht. Sie schienen mir es Dank zu wissen, dass sie mich belehren konnten, und freuten sich uber mein Erstaunen. "Er wird sich," nahm eine der andern das Wort aus dem Munde, "mit Ihnen in Rapport setzen wird Sie durch und durch schauen wird Ihre geheimsten Gedanken, Ihr Vergangenes und Zukunftiges, die verstecktesten Abweichungen von dem Wahren und Guten in Ihrem Korper wie in Ihrer Seele, wird er entdecken alle Ihre Zweifel wird er heben, und was Ihnen jemals dunkel war, Ihnen erklaren."
"Das sollte mir," rief ich mit Enthusiasmus aus, "fur mich und meine Berliner Freunde sehr lieb seyn."
"Er desorganisirt die Nerven, die zu gespannt sind."
"Das ist mein Fall nicht," antwortete ich mit schwacher Stimme.
"Er exaltirt die Kopfe, die Mangel an Kraft fuhlen."
"Ach Gott," versetzte ich, "wenn er das konnte!"
"Zweifeln Sie keinen Augenblick daran," antwortete mir das jungste und artigste dieser holden Geschopfe, zog dabei ein Portefeuille aus der Tasche, auf welchem die mit Lorbeer umgebene Silhouette dieses grossen Nothhelfers gemalt war, zeigte mir sie mit funkelnden Augen, und uberreichte mir eine Karte mit seiner Adresse.
Zugleich fing der Lautenist sein Spiel an, und das Dutzend schoner Kopfchen drehte sich wieder zurechte. Auch ich wollte Achtung geben, aber vergebens! ich konnte mein Gehor nicht finden. Das sonderbare Gesprach mit meinen Nachbarinnen hatte mein Gemuth in einen Strudel gegenseitiger Bewegung geworfen, der alles von der Oberflache verschlang. Die widersprechendsten Gedanken durchkreuzten sich; und da ich kein besseres Mittel vor mir sah, um mir Luft zu schaffen, so erhob ich mich in der Stille von meinem Sitze, und schlupfte zum Saal hinaus, ohne mich weiter um die sympathisirenden Tone des Lautenisten zu bekummern.
Ich rief den Wirth theilte ihm mein Gesprach mit, und glaubte ihm etwas sehr Sonderbares zu erzahlen. Weit gefehlt! Er verwunderte sich vielmehr uber mein eigenes Erstaunen. "Sind Sie denn nicht dieser Kur wegen hier?" fragte er mit grossen Augen. Ich schuttelte den Kopf, und gestand ihm unverholen, dass ich, ausser eben in seinem Koncertsaale, noch kein Wort von diesem Wunder gehort hatte. "Sie haben noch nichts davon gehort, sagen Sie? Unmoglich! Wo waren Sie denn unterdessen, mein Herr? Ei mein Gott! wie krank und abgezogen von der Welt mussen Sie gewesen seyn! Wie sonderbar! Gab es je eine Zeit, wo es dem Menschen leicht ward, sich seiner Leibes- und Seelenubel zu entledigen, so ist es die unsrige. Sie lebten darin, und doch, wie ich Ihnen ansehe, waren Sie auf dem Punkt, wie ein blinder Heide aus der Welt zu gehen, ohne von diesen neuen Offenbarungen. Gottes eine Sylbe zu erfahren. Nun, es ist noch nichts verloren. Danken Sie Ihrem Glucke, dass Sie hier sind! Welchen von unsern Wunderthatern wollen Sie denn gebrauchen?"
"Wie meinen Sie das, Herr Wirth? Giebt es denn mehr als Einen hier?"
Statt der Antwort, die er vor Lachen nicht hervor bringen konnte, streckte er mir seine zehn Finger entgegen. Denke wie ich erschrak! Ich zog aus meiner Westentasche in der Angst die Adresse, die ich von der Gute des jungen Frauenzimmers erhielt.
"Der ist," rief er aus, sobald er einen Blick darauf warf, "der ist der Rechte! Dieser hat eigne Kraft in sich selbst: die andern mussen die ihrige erst aus dem Unterleibe eines hellsehenden schlafenden Madchens schopfen."
"Ist dieser Mann unsinnig," sagte ich heimlich zu mir selbst, "oder bist du es?" Er drehte sich inzwischen von mir weg, und liess mich in dieser Ungewissheit stehen. Mein armer Kopf gerieth in die grosste Verlegenheit. Ich legte meine Hand an die Stirne, und wiederholte alle die hoch tonenden Kunstworter, die ich aus dem Saale mitgebracht hatte: aber ihre deutliche Erklarung wer sollte mir die geben? Wer anders als der Wirth? Mag er doch den Zeitverlust, den ich ihm schuldig werde, mit in Rechnung bringen, dachte ich, und suchte ihn zum zweitenmale auf.
Ein welscher Hahn sang eben sein Sterbelied unter seinen Handen, als ich ihn fand und um die Gefalligkeit bat, mir doch etwas deutlicher den Sinn der Desorganisation zu erklaren. Er brachte nur erst noch den Schreier zur Ruhe, ehe er sich, mit der gefalligsten Herablassung, meiner Unwissenheit erbarmte. Der Mann musste vielen Umgang mit den hiesigen Gelehrten haben, denn er dachte eben so grundlich, als er sich deutlich ausdruckte. Wirklich habe ich auch nachher nichts gelesen, was mich uber diesen Punkt mehr befriedigt hatte, als seine Erklarung. Das Beste war dabei, dass ihm ein schickliches Beispiel einfiel, das seinen Worten Kraft und Deutlichkeit gab. Fur Kopfe von schweren Begriffen, wie der meinige, ist das immer eine gefundene Sache.
"Sie kennen doch gewiss," fragte er mich, nach dem vorlaufigen Eingange seiner Rede, der mir noch immer zu generell war, "den beruhmten Pater M a b i l l o n ? " Wie gut ihm diese Frage in seiner Kuchenschurze stand, magst Du selbst urtheilen.
"So, so," antwortete ich "Man halt ihn, glaube ich, fur den ersten klassischen Autor in der Diplomatik"
"Recht!" sagte der Wirth, "der nehmliche! Was denken Sie nun, mein Herr? Dieser Mann war in seinen Junglingsjahren der einfaltigste Tropf unter der Sonne; hatte kaum Verstand genug den Katechismus zu begreifen. Aber horen Sie! Eines Tages fiel er, aus naturlicher Ungeschicklichkeit, die Treppe herunter, und gerade auf den Kopf. Nun das hat noch gefehlt! sagte seine Mutter, als sie ihn aufhob. Man brachte ihn betaubt in das Bette, und erwartete nun mit Zittern den ersten Ausbruch seiner Narrheit. Wie betrog man sich! Der Natur seines Falles nach, musste der Junge zwar irre sprechen: aber zu aller Verwunderung waren seine Phantasien tausendmal mehr werth, als ehmals sein Menschenverstand. Die Erschutterung, die sein schwacher Kopf erlitten hatte, wirkte die hellsten Ideen in ihm. Die abstrakteste Wissenschaft war jetzt sein Spielwerk. Er enthullte die dunkelsten und verworrensten Schriften. Mit Einem Worte: dieser, so lange er nicht auf den Kopf gefallen war, dumme Junge, ward nachher einer der ersten Menschen seines Zeitalters. Sonach, mein Herr, wie dieses Beispiel zeigt, konnen Mittel, die einen wohl eingerichteten Kopf verwirren, umgekehrt auf einen blodsinnigen die gegentheilige Wirkung thun: und auf diese Analogie und diesen Grund, glaube ich, ist die Lehre der Desorganisation und des thierischen Magnetismus gebaut. Doch, mein Herr, ich muss Sie bitten, einstweilen mit diesem Wenigen zufrieden zu seyn. Ich habe zu viel in meiner Haushaltung, in meiner Kuche und mit meinen vielen Gasten zu thun, die alle dieser Kur wegen hier sind. Morgen wird Ihnen diese dunkle Sache schon deutlicher werden."
Ich schlich fast eben so betaubt wie Mabillon in mein einsames Zimmer, und liess mich kleinmuthig auf meinen Lehnstuhl nieder. "Was fur eine Revolution" sagte ich zu mir selbst, "muss nicht, wahrend dass du unter deinen Buchern in einer idealischen Welt lebtest, in der wirklichen vorgegangen seyn!" Voller Scham uber meine Unwissenheit, machte ich mir es zur Pflicht, den nachstfolgenden Tag alles anzuwenden, mich ihr zu entreissen und die Bekanntschaft eines so ausserordentlichen Arztes zu suchen, der mir ungleich wunderthatiger vorkam, als der zu Bruchsal. Mit diesem festen Entschlusse legte ich mich schlafen, und erwachte mit ihm. Es ist wahr, in der Zwischenzeit unterstand sich manchmal mein lang gewohnter Unglaube, sein Haupt zu erheben; aber auf so wenige Stunden, als ich noch zur Gewissheit vor mir hatte, war er doch noch so ziemlich leicht zur Ruhe zu weisen. Mit der Neugier eines Berliners und der angstlichen Erwartung eines gefahrlichen Kranken, verliess ich um acht Uhr den Gasthof, ohne mich durch das geringste Fruhstuck um meine Nuchternheit zu bringen, und meine schriftliche Anweisung brachte mich ohne Muhe in das Haus des Propheten.
Und an dem Haus des Erleuchteten hing,
Als Klopfer des Thors, ein symbolischer Ring
Der Ewigkeit, gleich einer sich krummenden Schlange.
Kaum schlug ich mit Zittern daran, so sprang es auf, so
empfing
Mich eine Menschengestalt von Diener, die fuhrte
mich flink
Doch stumm wie der Tod, von einem egyptischen
Gange
Zum andern, Trepp' auf und Trepp' ab: doch sieh! auf
einmal
Stand ich, berufen zum Geisterempfange,
Am Bett des Propheten, in, einem erleuchteten Saal.
Der Saal war zwar nicht um grosse Augen zu machen
Verziert. Nach einem fast gottlichen Plan
Schien alles was da war, fur deine Freude zu wachen,
Und in gefalligen Farben sich deinen Augen zu nahn:
Des Deckenstucks Hohe war nicht mit fliegenden
Drachen
Verbramt dich schreckt aus keiner Ecke der Rachen
Des Haisisch's, dich blokt hier kein Todtentopf an:
Was braucht's auch der Wunder, die wir auf Markten
beschauen?
Hier zeigt, vom Tage bescheiden erhellt,
Ein magisches Bett, das unter elektrischen blauen
Gardinen sich blaht, dem aufgeklarten Vertrauen
Des kindlichen Glaubens das erste Wunder der Welt.
Ihr, die ihr nichts glaubt, als was euch mit Handen
Zu greifen vergonnt ist, ihr Starken an Geist!
Vermogen die Schonen der Stadt nicht eure Herzen zu
wenden,
Wenn der Erforscher der Nieren und Lenden
In ihrer Schwachheit sich machtig beweis't:
So kommt und hort, was, meine Leiden zu enden,
Fur herrliche Dinge mir sein Gesandter verheisst.
Der Diener des Propheten nothigte mich auf den Armstuhl, der so gestellt war, dass in der Entfernung einer Mannslange mein Gesicht gerade auf das seinige traf. So kam ich, ohne dass ich es selbst wusste, in Rapport mit ihm, und das merkwurdige Gesprach begann. Da es das erstemal in meinem Leben war, dass ich mit einem Schlafredner zu sprechen hatte, so benahm ich mich sehr ungeschickt dabei, und stockte oder errothete einmal um's andere bei den unschuldigsten Worten.
Zu der Zeit, da ich noch meine weissen Zahne beisammen, ungetrubte Augen, bluhende Wangen und ein klugeres Ansehen hatte als jetzt, habe ich dreist mit Konigen und Fursten gesprochen, ohne mich weder durch die langweilige Rolle, die ihr Stand gegen den meinigen spielen musste, noch durch die Aussenseite ihrer Grosse irre machen zu lassen: aber auch sahen sie nicht klarer als ich, und waren keine Propheten. Sie konnten nie so machtig auf mich wirken, dass ich nicht wahrend der tiefsten Verbeugung, in der ich vor ihnen stand, und bei dem gleichgultigen Kopfnicken, das ich dagegen erhielt oder nicht erhielt mir sagte: "Possen zweier Drathpuppen, davon keine von besserm Stoffe zusammen gesetzt ist als die andere." Sie konnten mir also auch nicht verwehren, dass ich in Gedanken ihnen den Zepter aus der Hand und den Hermelin von der Achsel nahm, und nachsah, ob ihre Carlasse nicht rostiger ware als die meinige. Diesen erhabenen Sterblichen hingegen, zu dessen Fussen ich sass, mochte ich entkleiden wie ich wollte; immer schien er mir, wenn er nicht ein Betruger war, ein Gott zu seyn, und meine Alltagsseele zitterte vor der seinigen.
"Mein Herr," fing ich stotternd an, "Sie sehen hier ..." und hielt inne, weil sich, wie ich das Wort aussprach, der Begriff von Sehen und der Begriff von Schlafen so gegen einander stiessen, dass nach gewohnlicher Rechnung ein Unsinn zum Vorschein kommen musste.
Der Schlafseher liess mich indess nicht lange in dieser Verlegenheit. "Ich kenne Sie!" fiel er mir vernehmlich in's Wort, und wahrlich, er nannte meinen Tauf- und Zunamen. Nun wusste ich gewiss, dass ich weder am Thore noch im Gasthofe so umstandlich mit mir gewesen war, und fuhlte mich also schon nicht wenig uber diesen Beweis seiner Kenntniss betroffen. Als er aber auf die zwote stotternde Frage, die ich vorbrachte, mit derselbigen Deutlichkeit fortfuhr: "Sie verliessen Ihre Studierstube in dem unglaubigen Berlin, und haben wohl gethan die mittagliche Sonne von Frankreich wird Sie erwarmen und starken" so straubte sich mir das Haar: doch ermannte ich mich, um auf eine Frage zu sinnen, die dem unglaubigen Berlin keine Schande brachte. Meiner tiefliegenden Augen und meines abgefallenen Gesichts bewusst, so dachte ich, muss derjenige sehr klar sehen, der dein Alter errathen will. Ich fragte ihn also nach dem Tag und der Stunde meiner Geburt; und ach! er bezeichnete beides auf das Bestimmteste, und setzte noch einen Umstand hinzu, der mir selbst bisher fremd geblieben war, und nur Geistern bekannt seyn kann, die den feinsten Zusammenhang des Universums mit Einem Blick ubersehen.
"Sie sind, lieber Fremder," sprach er, "nach unserer irrigen Zeitrechnung den funfzehnten des letzten Monats des Jahres 1747 in der Stunde und Minute geboren, als viele Dolche, durch das Verhangniss geleitet, die grausame Seele Schach Nadirs aus seinem Riesenkorper in das enge baufallige Behaltniss des Ihrigen verwiesen, wo sie genug fur alle ihre Uebelthaten busset."
Pythagoras selbst hatte mich schwerlich von der Seelenwanderung vernunftiger und uberzeugender belehren konnen, als diese Thatsache, die weder mein Geburtsschein noch meine Empfindung widerlegen konnte. "Ach mein Gott!" rief ich mit klaglicher Stimme aus: "Die Seele eines Tyrannen des Orients in dem ausgemergelten Korper eines preussischen Unterthans? Aus so einer widersinnigen Zusammensetzung kann freilich kein gluckliches Geschopf entstehen! Auf allen Fall ist es nicht meine Schuld. Hat sie vormals Boses gethan, so busse sie dafur! Strafe genug, dass sie jetzt einen schwindsuchtigen Korper lenken, und, belastet von ihm, die Vorzimmer von Leuten durchkriechen muss, denen sie einst vielleicht kaum die Aufsicht des Serails anvertraut hatte."
Nach einigem Nachdenken erholte ich mich jedoch in so weit von dieser niederschlagenden Nachricht, dass ich auf die vielen glucklichen Tage zuruck sehen konnte, die ich, unerachtet meiner misslichen Zusammensetzung, dennoch gewiss erlebt hatte. Es musste mich nothwendig befremden, wie einer so gerecht bestraften Seele Gefuhle vergonnt wurden, die nur Belohnung der Tugend seyn sollten. Ueber diesen wichtigen Einwurf nahm ich mir vor ein andermal nachzudenken, da es mir jetzt mehr um die Wiedererlangung jener Empfindungen, als um die Ursache ihres vorigen Daseyns und hres Verlusts, zu thun war. "Wurdiger lieber Herr," fuhr ich also fort, "durch was fur Mittel kann ich diese ernste Strafe wo nicht aufheben, doch mildern?" und wusste in diesem Augenblicke selbst nicht, ob die asiatische Seele oder der preussische Korper sprach. "Nur ein herzliches Lachen," war seine orakelmassige Antwort, "kann Dir Hulfe verschaffen!"
Nie ist wohl eine tauschendere Antwort auf eine hohere Erwartung gefallen. Ich war wie versteinert, dass er mir ein so gemeines Hausmittel empfahl, da ich nichts weniger als ein uberirdisches Specifikum mir vermuthend war. Sobald ich meine Sinne ein wenig gefasst hatte, kam die naturlich folgende Frage von selbst: "Aber, mein gutiger Herr! da nichts in der Natur mehr die wohlthatige Wirkung auf mein unreizbares Zwergfell hervor bringt, wie und wo soll ein so armes niedergeschlagenes Geschopf diese Bewegung der Freude, die Sie ihm verordnen, aufsuchen und finden?" Und nun sprach der wahre Geist eines Propheten aus ihm:
"Dem harrt ein Schatz Scherz und Gelachter rufen
Trost dem Bedrangten zu, den Nadirs Geist belebt,
Wenn Gottes Mittagsstrahl nuf neun und neunzig
Stufen
Ihn uber unsre Stadt erhebt."
Meine Verlegenheit war jetzt auf das hochste gestiegen. Ich, faltete die Hande, und rief ausserst bewegt: "Gottlicher Mann!, siehe an die Fesseln meines irdischen Leibes! Wie sollte ich mich uber den Nebel dieser Stadt erheben konnen?" Denn nimmermehr hatte ich in diesem Augenblicke geglaubt, dass die Auflosung dieser Schwierigkeit so leicht ware, als ich es doch nach seiner erklarenden Antwort: "Auf den neun und neunzig Stufen ihres stolzen Thurmes" finden musste. Das ist doch nun, dachte ich, so bestimmt gesprochen, als man nur von einem Propheten erwarten kann und was noch mehr diese Weissagung von allen andern unterscheidet: der Mittag die Zeit ihrer Erfullung ist nahe. Tief buckte ich mich gegen meinen Helfer, und warf noch die, meinen Begriffen nach, unbedeutende Frage hin: "Ob er sonst noch etwas, in mir entdecke, das mir unbekannt sei?"
Zusehends entflammte sich sein Gesicht, und blickte verachtlich auf die Kenntnisse meiner selbst herab, mit denen mich mein geheimer Stolz zu tauschen suchte.- "Ja," sagte er, "ich sehe einen Flecken in dem Gewebe Deines geistigen Daseyns einen schwarzenhervor tretenden Zug aus der Seele Schach Nadirs." Meine zitternden Lippen suchten zu sprechen; aber das Schreckliche dieser Ankundigung erstickte den Laut meiner Frage. Er beantwortete sie dennoch: "Fluche deinem Unmuthe! Du hast in der Abendstunde des Ruhetags dieser Woche ein armes verirrtes Madchen, den Wolfen Preis gegeben Hast du es nicht? Nur die Seele eines Tyrannen konnte so einen menschenfeindlichen Gedanken fassen! Nur die Zunge eines Impotenten konnte ihn aussprechen."
Dieser harte Vorwurf krankte meinen Stolz uber die Massen. "Heiliger Prophet!" rief ich mit mannlicher Stimme "Ist das arme Geschopf ein Raub der Wolfe geworden, so war es doch nicht meine Absicht. Das Schicksal hat unschuldige Worte missverstanden." Indem aber regte sich mein Gewissen Sind das unschuldige Worte, die Unmuth und Hartherzigkeit eingiebt? Versagte ich nicht der Bedrangten den Schutz, den sie bei mir suchte, ohne mich um die Folgen meiner Verweigerung zu bekummern? Ach, es ahndete mir nicht, dass sie von so trauriger Art seyn wurden.
Wahrend dieses truben Gedankens, in welchen ich mich stillschweigend verlor, verliefen die wichtigen Minuten, die mir noch vergonnt waren, in Rapport mit dem grossen Seher zu seyn, und die ich, ach! zu meinem ewigen Kummer, so ungenutzt vorbei streichen liess. Ich horte nur noch Ein Wort aus seinem Munde "Ich will aufwachen!" sagte er: und zugleich offnete der Bediente die Thur und entliess mich, nicht auch ohne ein kleines Wunder auf seiner Seite zu thun; denn er schlug einen Dukaten aus, den ich ihm als eine Erkenntlichkeit in die Hand drucken wollte.
O mein geliebter Eduard! Was ware wohl aus mir geworden, hatte ich mich langer in der heiligen Atmosphare dieses Mannes aufhalten durfen? Ich fuhlte schon jetzt eine Veranderung, einen Widerspruch in meiner bisherigen Denkungsart, die mir, ich bin es uberzeugt, das einfaltigste Ansehen von der Welt geben musste. Ich stolperte vor mir hin, ohne auf etwas zu achten, was ausser mir war. Bald hob ich meine Augen, bald meine Hande gen Himmel, lehnte mich zuletzt vor uberstromender Empfindung an einen Laternenpfahl, und sprach so laut mit mir selber, dass der Prinz von Rohan, der indessen, und wenn ich nicht irre, den Arzt im Husarenpelze an seiner Seite, bei mir vorbei fuhr, halten liess, und mich mit Verwunderung betrachtete. Aber so eine Erfahrung, als ich eben gemacht hatte, erhebt auch unsern Geist zu hoch, als dass die kleinen armseligen Verhaltnisse des Wohlstandes noch einen Eindruck aus ihn machen konnten. Mit gluhendem Gesichte trat ich in meinen Gasthof, konnte dem Wirth, der mir neugierig entgegen kam, nur stillschweigend die Hand drucken, winkte meinen Johann, der meiner an der Treppe wartete, auf mein Zimmer, winkte ihn wieder hinaus, und warf mich, wie vom Schlage geruhrt, in meinen Armstuhl. Unvermogend Dir zu sagen, was indess in meinem Innern vorging, erinnere ich mich nur, dass mein Herz in schweren Traumen, und mein Verstand in hohen Phantasien lag, als mich die Glocke der Mittagsstunde wie zu einem Urteilsspruche weckte. Ich sprang von meinem Sitze auf, ergriff Stock und Hut, und eilte dem Wunder zu, das meiner auf dem Munster wartete.
Schon hatte ich seine ersten zehn Stufen hastig erstiegen, als mir einfiel, dass ich sie nicht zahlte. Erforderlich wie dieses war, um die mir angewiesene mystische Zahl der zwo Neunen zu erfullen, ging ich wieder zuruck, und trat nun meine sonderbare Pilgerschaft mit aller der Bedachtsamkeit an, deren ich bei meinem hoch pochenden Herzen fahig war.
Was fur mancherlei unbekannte Dinge beherbergen wir nicht in uns, liebster Eduard, die uns, bei aller unsrer belobten Selbsterkenntnis in Erstaunen setzen, wenn sie ein Zufall aus ihrem Winkel hervor zieht! Kannst Du wohl glauben, was ich Dir sagen werde? und doch ist es gewiss: So lange meine gespannten Krafte anhielten, verlor das Wort des Propheten nicht das geringste von seinem Werthe in meiner Vorstellung; je schwerer mir aber im Fortgange der Athem ward, je langsamer ich stieg, desto vernehmlicher schien sich ein Gedanke in mir zu entwickeln, der das Gefuhl meines Glaubens immer mehr und mehr schwachte. "Was," sagte ich zu mir selbst, "wurden Deine Freunde in Berlin von Dir denken, wenn sie Dich in dieser muhseligen Wanderung erblickten und zu welcher wichtigen Absicht? Um auf der Spitze eines Thurms, der taglich von Hunderten bestiegen wird, einen Schatz zu suchen!" Zum erstenmale ward es mir hochst verdriesslich, an Euch zu denken; und doch wollte es mir nicht gelingen, der Vorstellung, die mich so sehr demuthigte, wieder los zu werden. Ich fing an mich vor mir selbst zu schamen. Das heilige Zutrauen zu den Worten des Propheten nahm merklich ab, je naher ich den Beweisen kam dennoch stieg ich fort, und mit der letzten Neune, die ich zu zahlen hatte, sah ich mich, bis zum Umfallen ermudet, und so schwach am Glauben als moglich, auf der beruhmten Platteforme des Thurms. Ich warf mich auf den ersten steinernen Ruhesitz, den ich erreichen konnte, doch so entkraftet, dass ich Muhe hatte, mich sogleich der Ursache meines Hierseyns zu erinnern. Mein zuruck kommendes Bewusstseyn war nichts weniger als angenehm; kaum wusste ich, ob ich dem Propheten noch die Ehre erweisen sollte, mich umzusehen. Ich zwang mich indessen, und sah, ausser einem jungen Manne, der der schonen Aussicht genoss, auf diesem weiten offenen Platze was Dir gewiss auch schon geahndet hat mit Einem Worte, Freund, ich sah N i c h t s .
Ein bitteres Lacheln uberzog nun mein Gesicht. Es machte mir ich will es nicht laugnen eine boshafte Freude, einen Propheten auf der Luge zu ertappen, und nun, ohne aufgehalten zu werden, zu meinen gewohnten Grundsatzen zuruck gehen zu konnen. Ich ruckte meinen Hut tiefer in die Augen, schlug hastig meinen Mantel um mich, und setzte mich mit dem Entschlusse in die Ecke, mich erst recht auszuschamen und auszuzanken, ehe ich meinen lacherlichen Ruckzug antrate. Doch wie gewohnlich, ging ich lange um mich herum, ehe ich Muth genug fasste, mein Vorhaben auszufuhren; und auch dann noch spielte ich mit meinem Herzen die Rolle einer schwachen Mutter gegen ihr strafbares Kind, die mitten in ihren ernsten Vorwurfen ihm die Thranen abtrocknet, und indem sie es zu verstossen droht, das erste Zukkerbrod reichet, das sie bei der Hand hat. Wirklich gingen in mir die sonderbarsten Bewegungen vor, sobald ich auf der Spur zu seyn glaubte angefuhrt zu seyn. Zu Deinem Zeitvertreibe wunschte ich wohl Dir sie recht anschaulich zu machen.
War einem Herzen je, dus, ohne Ueberhang
Sich seine Blossen zu verzeihen,
Nicht rein genug sich fuhlt, vor der Entschlei'rung
bang,
So war es meins. Die Schnur non seinen Gaukeleien
Schien mir schon viel zu voll und lang,
Um ihr mit diesem Pilgergang
Noch eine Schelle beizureihen.
Doch, Freund, die Kunst, in solchem Seelendrang
Sein Selbstgefuhl zu uberschreien.
Half jetzt mir auch des Spottes Uebelklang,
Der mein Gefuhl durchlief, zerstreuen.
Dem Menschen, hub ich an, (als ritt
Belastet ich von trostenden Sentenzen
Dem magern Junker nach, der so viel Schlage litt,
Um Mambrins Rustung zu erkampfen,)
Dem Menschen fiel das Loos, mit ungewissem Schritt
Durch eine Nacht zu gehn, wo wenig Sterne glanzen;
Vielleicht dass einst der Tag auch ihr entgegen tritt.
Er nehme diess V i e l l e i c h t bis an die aussern
Granzen
Des Lebens zum Gefahrten mit.
Diess Trostwort wandelte die Dunste
Des traumenden Gehirns in muthiges Vertraun,
Gerustet wie ein zweiter D a u n ,
Mit nun geweihtem Schwert das magische Gespinnste
Des neuern Sehers durchzuhaun.
Ich kam nun bald in volles Gefecht mit dem Betru
ger, der sich unterstehen konnte, einen Berliner einen Freund und Zeitgenossen M e n d e l s s o h n s , zum Besten zu halten; und mein innerer Streit ward endlich auch ausserlich so sichtbar, dass der junge Mann, auf den ich die ganze Zeit meines Selbstgesprachs uber nicht geachtet hatte, sein Fernglas einsteckte, und sich voller Verwunderung und Neugier mir naherte.
"Sie scheinen Sich ubergangen zu haben, mein Herr," redete er mich an "Hintergangen" fiel ich ihm in's Wort "hintergangen habe ich mich, indem ich, jedoch zu meiner Ehre nur einige Stunden, einem Betruger geglaubt habe Doch ist es mir immer lieb, dass ich hier bin. Ich kann wenigstens meiner Galle Luft machen, kann uber die Stadt rufen, die unter mir liegt, dass sie mit Blindheit geschlagen sei dass ihre Einwohner betrogen, und werth sind, von Thoren gelenkt zu werden ..."
"Sie sind" nahm der Fremde das Wort, "in einer gewaltsamen Bewegung, mein Herr. Was fur ein Ungluck ist Ihnen begegnetund auf wen beziehen sich Ihre beschimpfenden Ausfalle?"
"Auf wen?" erwiderte ich mit Hitze "Aus wen anders, als auf den Marktschreier, der Ihre Stadt in Verwirrung setzt, auf Ihren grossen Magnetiseur, Schlafredner, Propheten, oder wie Sie ihn sonst nennen wollen."
"So erlauben Sie mir," antwortete der Fremde zu meinem grossen Erstaunen, "dass ich Ihnen geradezu widersprechen muss. So lange wir diesen Mann besitzen, ist keine Unwahrheit uber seine Lippen gegangen."
"Wohl!" rief ich aus, "so kann ich Ihnen wenigstens seine erste ankundigen, die er mir, mir, wie Sie mich hier sehen, vor ungefahr zwo Stunden gesagt hat, Wissen Sie wohl, mein Herr, was er mir hier zu finden verhiess? Nichts geringeres, als einen Schatz, und den lautesten Ausbruch der Freude. Und ich einfaltiger Tropf! liess mich so anfuhren, und erstieg auf sein thorichtes Wort diesen muhseligen Thurm! Lassen Sie Sich nicht abhalten, mein Herr, lachen Sie so laut als Sie Lust haben! Ich verdiene den Spott aller Vernunftigen."
Aber anstatt zu lachen, weisst Du wohl, was der Mann vorbrachte? Eine so schone Tirade, wie sie nur in einem Kommentar uber den Habakuk stehen kann: dass man Weissagungen nicht buchstablich verstehen musse.
"Mein Herr," antwortete ich ihm auf das bitterste: "Ihr Prophet hat mir einen Schatz was man einen Schatz nennt, hat er mir versprochen. Wo ist nun hier etwas, das in naher oder entfernter Bedeutung diesen Namen verdient? Soll ich etwa den Zugwind dafur annehmen, der mir schon viel zu lange unter die Nase streicht?" Mit diesen Worten drehte ich mein Gesicht verachtlich von diesem albernen Fremden, ohne mich weiter mit ihm einzulassen; denn ich sah nun zu deutlich, dass er nicht umsonst hier war, und wahrscheinlich ein Emissair des falschen Propheten seyn mochte.
Diese neue Entdeckung machte mich nur noch muthiger. Ich konnte nicht von der Stelle kommen, bis ich meine ganze Galle erschopft hatte. Ich ruckte noch einmal meinen Hut in die Augen, hullte mich noch einmal in meinen philosophischen Mantel, und trat, so wie ich nur erst die Messmers, Lavaters und Puysegurs, auf deren Autoritat sich der Fremde bei dem dritten Worte bezog, hinter mir hatte, eben so geschwind wieder zu den Helden des hartnackigsten Unglaubens, zu meinen alten Freunden und Lehrern den Bolingbrokes Voltairen und den Reimarus uber.
Schneller als nach schweren Krampfen
Der Erschlaffung Uebergang,
Rief mich nun zu neuen Kampfen
Ein Phantom, das aus den Dampfen
Jenes Blendwerks ubersprang.
Meinen Freiheitssinn zu retten,
Wagt' ich einen Todtensprung:
Aus des Aberglaubens Ketten
Sturzt' ich auf die Schwanenbetten
Tauschender Beruhigung.
Zu dem schonsten Ritterzuge
Weihte mich der Traumgott ein,
Von dem Throne big zum Pfluge
Alle Heerden vom Betruge
Ihrer Hirten zu befreien.
Traumender als Alexander,
Drang ich bis zu Lunens Bahn;
Pech und Schwefel in einander
Steckt' ich wuthend, wie ein Brander,
Unsers Glaubens Hafen an;
Sah im Ringeltanz der Flammen
Sich die leichten Rathsel drehn,
Die, wie sie vom Quell der Ammen
Kraftlos zu uns uberschwammen,
Zu der Nachwelt ubergehn;
Forderte im Heldengrimme
Meines Ungestumes Lauf:
Doch, indem ich weiter klimme,
Hielt mich eine Menschenstimme
Von der Weltzerstorung auf.
Ja, theuerster Eduard, eine Menschenstimme, die aber in diesem fur meinen Unglauben entscheidenden Augenblick ein Wunder vor meinen Augen war, schlug mit unbeschreiblicher Sympathie an meine Ohren und an mein Herz. "So ist denn," horte ich in dem Getummel des Streites, in dem ich mich befand, "so ist denn alle Freude der vorigen Zeit aus Deinem Gedachtnisse verloren, Will'm, Will'm?" Staunend sah ich mich nach dem Fremden um, der mir seine Hande entgegen streckte, "alle die mit Freundschaft und Weisheit erfullten Stunden zu Leiden?" fuhr er noch zartlicher fort "auch nicht die kleinste Erinnerung mehr an die jugendliche Wallfahrt zu der Bildsaule des Erasmus?" Himmel, wie zitterte ich! "O Wilhelm! Wer ist wohl falscher Du? oder unser Prophet? Ach Du kennst Deinen redlichen J e r o m nicht mehr?"
Dieser Name, der einst meiner Jugend so theuer war, brachte mich zu mir selbst. "Gott! ist es moglich?" rief ich aus: "Mein Jerom?" Und sprachlos vor unnennbarer Empfindung lag ich in seinen Armen. Eine Pause, die ganz dem hohen Gefuhle der Freundschaft gewidmet war, liess einige Augenblicke keinen von uns zur Sprache kommen. Ich schmiegte mich an die pochende Brust meines Jugendfreundes, der mit liebenden Augen sich an dem zartlichen Erzittern weidete, das mich ubermannt hatte.
Aufs hochste bewegt, fing er endlich mit freudiger Stimme an: "So hat doch wohl der Prophet nicht so ganz Unrecht? denn Du liebst mich noch, Wilhelm?"
"Nein, Gott segne ihn!" stimmte ich enthusiastisch ein. "Er hat wahr geredt, der grosse Mann! Kein Schatz auf Gottes Erdboden wurde solche Empfindung von Gluck und Freude aus meiner Seele hervor rufen, als es Deine unerwartete Erscheinung gethan hat. Alle die sussen Phantasien meiner Jugend, die ich auf ewig verschwunden glaubte wie scheinen sie mit dem Wohllaut Deiner Stimme von Deiner Zunge zu stromen! Dein Lacheln, Dein flatterndes Haar, Deine stralenden Augen alles, alles ruft mir ihr susses Bild wieder zuruck. O mein Jerom! Wie war es moglich, dass ich Dich nur Einen Augenblick verkennen konnte? Nicht die siebenzehn, achtzehn Jahre, die dazwischen liegen, thaten es: aber alle die schmacklosen Stunden, die mir freundschaftleere Menschen tropfenweis zuzahlten! Bose Safte, die mir Unmuth und Krankheit einflossten, haben meine Augen getrubt, und das empfanglichste Menschenherz stumpf gemacht. Ist mir doch, als wenn ich all mein verlornes Gluck in dieser Umarmung wieder fande. Siehe Dich nur um, mein Jerom Nie haben wohl Bilder der Freundschaft auf einem hohern Fussgestelle gestanden. Aber wir werden hier und uberall den Maulwurfsaugen der Menschen zu hoch stehen. Unter Tausenden, die unter uns weben, ist gewiss kaum Einer, der den ausgedehnten Begriff so eines Handedrucks zu umfassen vermag."
"Auf dieses Tempels Hoh, den deutscher Manner
Muth
Des sussesten Gefuhls durchdrungen;
Natur, in deiner Mittagsgluth
Von eines Lieblings Arm umschlungen
Ein Tropfen Zeit o Gott! gewahrt mir den Ersatz
So vieler freudenleerer Stunden!
Gelobt sei der Prophet, durch den ich einen Schatz,
Durch den ich einen Freund gefunden!"
Je schwacher unsere Nerven sind, liebster Eduard, desto geschickter fuhlen wir uns zur Schwarmerei. Damals schien mir das Hochtonende meines Enthusiasmus die naturliche Sprache des Herzens zu seyn, und Gott weiss! wie lange ich noch, auf der Zinne dieses altdeutschen Thurmes in einer, seit seiner Erbauung so erhohten Sprache, wurde fortdeklamirt haben, hatte nicht der gesundere Jerom den Strom meiner Rede gehemmt, und mir lachelnd vorgeschlagen, ihn nach seiner Wohnung zu begleiten. "Wohin Du willst!" sagte ich, und schwankte wie ein Trunkener hinter ihm her. Immer nur ihn anlachelnd, waren alle andre Menschengesichter, die uns auf der Strasse begegneten, fur mich verloren, und ich hielt so gleichen Schritt mit ihm, als wenn ich auch ihn zu verlieren gefurchtet hatte.
Mit dem Bewusstseyn, einen redlichen Freund an seiner Seite zu haben, fuhlt man sich in der Fremde so einheimisch, als man sich, ohne diesen Umstand, in seiner Vaterstadt fremd fuhlen kann. Wie schuchtern und jetzt kam es mir vor, als ware ich, wo ich nur hinsah, zu Hause. Ich stieg die Treppe zu der Wohnung meines Freundes so bekannt hinauf, als ob ich sie schon mehrmal erstiegen hatte, und machte den guten Jerom laut auflachen, als ich ihm treuherzig erzahlte, wie mir zu Muthe war. Wie ungleich ward ich mir aber vollends bei dem freundschaftlichen Mahl, zu dem wir uns jetzt niedersetzten! Ich ass und trank, scherzte und lachte, wie ein Gesunder; die lebhafteste Erinnerung, das lieblichste Geschwatz packte alle die farbigen Gewander aus, und staubte die bunten Federbusche ab, in denen einst unsere unbefangene Jugend, so zufrieden mit sich selbst, einhertrat. Nichts durfte sich in unser herzliches Gesprach mischen, was nicht Bezug auf jene bilderreiche Zeit hatte. Jeder andern Idee, die sich zudrangen wollte, waren wir so verschlossen, wie das Zimmer, das keinem von den Anklopfenden geoffnet wurde.
So beschlich uns der Abend; und da wir in unserm Gesprache nach und nach immer weiter vorwarts geruckt waren, so stand ich jetzt auf einmal an dem Zeitpunkte meiner geschwachten meiner verlornen Gesundheit, den ich in der ersten Hitze unserer freundschaftlichen Ergiessungen ganz aus dem Gesichtskreise verloren hatte. Einige milzsuchtige Klagen auf meiner Seite, Hoffnung und Trost auf der seinigen, bahnten uns endlich den Weg zu folgendem ernsthaften Gesprache, das mir die deutlichsten Begriffe uber die Wurde unsers Zeitalters gab, und das ich Dir, so wortlich als ich kann, auch zu Deiner Erbauung hersetzen will.
"Hatten wir," hub ich mit einem Seufzer an, "hatten wir es denken sollen, lieber Jerom, als wir in Leiden zu den Fussen unserer Lehrer Wahrheit von Vorurtheilen scheiden lernten, dass wir Korner mit unter die Spreu wurfen, die mehr werth waren, als unsre so rein gesauberte Frucht? Hatten wir es argwohnen konnen, dass Krafte in dem animalischen Leben lagen, metaphysische Rathsel aufzulosen, woran die Bayle, die Leibnitze, die Rochester umsonst die Arbeit ihres Geistes verschwendeten? Und welchen Kopfen, grosser Gott! wurden endlich diese Geheimnisse anvertraut! Wie viele Jahrtausende haben dazu gehort, ehe der Misthaufen der Welt so durchgearbeitet werden konnte, um das achte unbenutzte Samenkorn an's Licht zu bringen; und welche Mechanik des Zufalls, dass es zuletzt von einer blinden Henne gefunden werden musste! Ist ein hell sehender Schlafer der leidenden und irrenden Menschheit nicht mehr werth, als die ganze Summe von Verstand, der den leiblich- und geistigen Aerzten aller Zeiten einzeln zugetheilt war; und wirft so eine einzige Thatsache, als ich seit heute erlebt habe, nicht alle ihre herrlichen Systeme uber den Haufen? Du bist nicht allein selbst ein beruhmter Arzt, lieber Jerom, Du bist auch ein tiefdenkender gelehrter Mann Weisst Du mir denn nicht eine befriedigende Erklarung von dieser unbegreiflichen Demuthigung der menschlichen Vernunft zu geben? Ich will es als ein Almosen in meiner Armuth annehmen, ich will es ..."
"Guter Wilhelm," unterbrach Jerom meinen rednerischen Ausfall, "ich theile Dir gern die Halfte meines Reichthums mit, so viel Du ungefahr nothig haben wirst, Dir weiter fort zu helfen, Aber warte! Erst will ich zusehen, ob mein Vorsaal fest genug verschlossen ist und nun setze Dich und hore mir aufmerksam zu."
"Ich bin ein Arzt, Freund, und habe bisher die Pflichten meines Standes in dem Vaterlande des unsterblichen Boerhave mit gleicher Treue, wenn auch nicht mit gleicher Geschicklichkeit, ausgeubt. Gluck in meinen Kuren schaffte mir indess das Zutrauen meiner Landsleute. Meine Erfahrung nahm taglich zu, und ich lebte mit einer Anhanglichkeit an meine Kranken, die mir meine missliche Kunst ehrwurdig, angenehm und schatzbar machte. Da storte mich nun auf einmal der vielzungige Ruf der neuen Erfindungen der Messmer, der Puysegur, und wie die grossen Manner alle heissen, in meinem thatigen Leben Haufenweis drangten sich die Wunder, die geschahen, in meine einsame Studierstube, loschten alle Aphorismen meiner Lehrer aus, als verlorene Worte und machten mich in der Behandlung meiner Kranken furchtsam und kleinmuthig."
"Aber schnell und als ein ehrlicher Mann entriss ich
mich diesem peinlichen Zustande. Ich verliess Bucher und Kranke. Keine Reise schien mir zu gross und beschwerlich, um die Ehre der Wahrheit zu retten, und meinen Glauben wie meine Kenntnisse zu berichtigen. Ich kam in Strassburg an, und schon den Morgen darauf stand ich vor dem Stuhle der damals beruhmtesten S o m n a m b u l e und C l a i r v o y a n t e , von der Du erinnere mich daran nachher noch mehr erfahren sollst. In einem Zirkel von gelehrten Mannern, die indess die tiefsinnigsten Bemerkungen uber diesen ubernaturlichen Zustand der Verzuckten anstellten, ertheilte sie einem jungen Officier, dessen sonore Stimme besondern Eindruck auf ihre schlafenden Sinne zu machen schien, die richtigsten Antworten auf die verwickeltsten Fragen. Alle Krafte meiner Vernunft geriethen in einen Stillstand bei dieser augenscheinlichen Thatsache. Lange qualte ich mich umsonst, eine nur leidliche Erklarung dieses Wunders, und besonders des auffallenden Umstandes zu entdecken, warum die Eingebungen einer Somnambule immer nur auf die Medicin nie etwa auf die Politik die Landwirthschaft die Mineralogie die Naturgeschichte oder die Rechtsgelehrsamkeit gerichtet seyen; so viel Nutzliches auch in diesen Wissenschaften zu entdecken und Irrthumer zu berichtigen waren, und so sehr oft einem armen Teufel ein Gefalle geschehen wurde, zu erfahren, wie er seinen Prozess gewinnen oder sein Korn saen solle?"
"Endlich, lieber Wilhelm, glaubte ich einigermassen der Sache auf die Spur zu kommen, und den wahren Zusammenhang davon einzusehen. Da ich immer alle Arten von Entzuckungen mir als Wollust erklart habe, zu der ein uberirdisches Wesen ein sterbliches verleitet da man in Tollhausern nur zu haufig Symptome dergleichen heterogener Vermischungen gewahr wird so kann es wohl seyn, denke ich, dass eben jetzt ein medicinischer Geist der obern Region seinen verliebten Ausschweifungen auf unserer Erde nachgeht, und die armen unbefangenen Geschopfe, die er zu seinem Willen bringt, mit Kraften schwang ... Doch es ist wahrlich schwer, lieber Freund, Geheimnisse der Art deutlich zu machen, ohne eine, Albernheit zu sagen. Genug, alle mannbare Madchen, so viel ich deren nachher noch gesehen habe, die zum Schlafreden zur Desorganisation zum thierischen Magnetismus geschickt waren bestarkten mich in dieser gewagten Vermuthung. Sie theilen die medizinische Kraft, die sie durchdringt, sogar, wie den Schnupfen, auch Mannern mit, die mit ihnen in genaue Verbindung kommen wie wir dieses an dem belobten Propheten sehen, der Dich heute kurirt hat. Mein System, lieber Wilhelm, macht wirklich alle andere Erklarungen uberflussig."
"Kaum Mit eine Schone sich hier in geistig-kritischen
Stunden
Mit einem reisenden Arzt, der seine Praxis und Kun
den
Im Empyreo verlor in heimlicher Ehe gepaart,
So wirkt die Starkung, die sie in seiner Umarmung ge
funden,
Auf ihre Nerven. Sie sieht und heilt die Uebel und
Wunden
Der sublunarischen Welt nach empyreischer Art.
Die Bloden staunen sie an. Mit solcher magisch Ge
weihten
Tritt Lieb' und Glaub' und Hoffnung in Bund;
Unwissende werden belehrt, und Kranke werden ge
sund;
Die Kunst wer weiss es nicht langst? erhabene
Traume zu deuten,
Ward immer nur den Einfaltigen kund,
Und Gott erneuert uns hier das Wunder aus Bileams
Zeiten,
Bis auf des Esels geoffneten Mund."
"An die vier Monate," fuhr Jerom fort, "lebe ich nun schon in Strassburg, sehe die unglaublichen Fortschritte der neu entdeckten Naturkraft, und verliere mich taglich mehr in meinem Erstaunen. Doch was brauche ich Dir alle Resultate meiner Erfahrung vorzulegen? Hast Du nicht genug an Deiner eigenen heutigen Geschichte? Beleuchte sie noch einmal mit aller Anstrengung Deines Verstandes! Du hast doch deutlich gesehen und gehort, hast die Weissagungen des Schlafsehers wahr befunden, und bist uberzeugt?"
"Ja, bei Gott," erklarte ich meinem Freunde, "das bin ich. Ich erlaube mir von nun an kein Misstrauen mehr, als gegen das unbegreifliche Menschenherz, das in mir pocht. Zum Glucke, dass ich seit heute Morgen aus dem Munde des Propheten weiss, welch eine Seele in mir wuthet. Noch sind keine zwo Stunden verlaufen, als mich Dein Zuruf an dem Abgrunde des Unglaubens zuruck hielt. Wie unuberwindlich kam ich mir nicht in dem Augenblicke vor, da ich meiner Niederlage am nachsten war! Ich Armseliger! Ein geweihtes Schwert in der Hand, glaubte ich allen Erfahrungen des Glaubens die Spitze bieten zu konnen! Aber desto ernstlicher verabscheue ich jetzt die Sunden meines Uebermuths. Ich lege in Deinen Schooss, lieber Jerom, meine feierliche Abbitte an den machtigen Gesandten der Zukunft, gegen den sich meine Vernunft emporte, und an alle die grossen Manner nieder, die ihm anhangen, und o! dass die ganze Welt meinen Widerruf horen konnte! Zu was haben mir die Waffen der prahlenden Vernunft geholfen? Da liegen sie als unnutze Werkzeuge ihres Stolzes. "
"Ohnmachtiger, als Dauns geweihter Degen
An Friedrichs Schild, zersplitterte mein Schwert
An des Propheten Stirn. Sein ratselhafter Segen
Jetzt herrlich mir durch den Erfolg erklart
Macht meinen Glauben fest. Gleich einem, der
verlegen
Am hochsten Pranger steht und den Jan Hagel lehrt,
Ruf' ich mit lauter Stimm' und vollen
Herzensschla'gen,
Euch allen ruf' ich zu, die ihr mein Ungluck ehrt:
Wenn Geister Sturm und Drang in eurer Seel' erregen,
Wenn euch, wie mir, ein Wunder widerfahrt,
Nicht lange Rath mit der Vernunft zu pflegen.
Und minder noch der Silberlinge Werth,
Die unter Puysegus und Lavaters Gepragen
Die fromme Welt durchziehn, erst judisch
nachzuwagen,
Wie ich gethan und Mendelssohn begehrt."
Nichts kann ruhrender und eindringender sehn, als die Stimme der Ueberzeugung, zumal wenn schon zuvor ein gemeinschaftliches Glas Wein Redner und Zuhorer zu einander gestimmt hat. Ich stand, die Hand auf die Brust gelegt, mit freier Stirn und in einer begeisterten Stellung vor meinem Freunde, der durch die Ueberstromung meines Herzens so hingerissen wurde, dass er, wahrend meine Augen sich mit Thranen der hochsten Empfindsamkeit fullten, sein Gesicht hinter seinen Handen verbergen musste. Er erGlaser bei Seite, und so wie Boileau, als er einst zween seiner Freunde, von Burgunder befeuert, antraf, wie sie den Tod des grossen Homers beweinten, und nicht eher zu trosten waren, bis es ihm gelang, sie aus dem Wirthshause in die freie Luft zu bringen; so glaubte jetzt Jerom vermutlich auch dieselbe Vorsicht bei mir nothig zu haben, damit ich nicht ganz in Thranen der Begeisterung zerfliessen mochte.
"Massige Dich, bester Wilhelm," sagte erbittend, "solche Scenen sind fur Deine schwachen Nerven zu angreifend. Lass uns unsern Wein auf einige Augenblicke verlassen! Vielleicht beruhigest Du Dich in der kuhlern Nebenstube uber alles, was Dir heute das Herz erschuttert hat."
Freundschaftlich nahm er mich bei der Hand, offnete eine Seitenthure und o ihr Machte des Himmels! wie ward mir! Kaum wirst Du es glauben, Eduard, aber so wahr ich lebe! ich befand mich mit Leib und Seele in demselben Zimmer des Vormittags sahe dasselbe Bette, und vor ihm denselben Stuhl stehen, auf welchem ich diesen Morgen die Orakelspruche aus jenem erschallen horte. Versteinert stand ich davor, und Jerom fuhr mit schalkhaftem Lacheln fort: "Was sagst Du zu meiner Art abzukuhlen, mein philosophischer Freund? Soll ich Dir hier noch einmal Deinen Namen und die Abenteuer Deiner Seele entdecken? Dich noch einmal auf den Munsterthurm schicken? oder bist Du vor der Hand zufrieden?"
"Also warest Du," erwiderte ich mit wiederkommendem Bewusstseyn "Du warest der grosse Prophet, den mir die Damen verkundigten? Du warest es, der mich diesen Morgen beinahe um mein bischen Verstand brachte?"
"Kein anderer," sagte Jerom mit zunehmendem Lachen.
"Komm, ich beschwore Dich," fuhr ich fort, "bei allem was heilig ist! komm meinem Erstaunen geschwind zu Hulfe! Woher" und ich schlug mich dabei mit der geballten Faust vor die Stirne "woher wusstest Du denn, dass ich bei Carlsruh ein Madchen den Wolfen ubergab?"
Hier stemmte mein boshafter Freund vor Lachen die Hande in die Seite "Weil auch ich," rief er "derjenige war, der neben Deinem Wagen hielt, sie Deinen Handen anvertrauen wollte, und Deine abschlagige Antwort horte. Dies; artige Kind eben dasselbe, das bei meiner Ankunft in Strassburg in der Krise lag, und mir die erste Gelegenheit gab, das Wunder des thierischen Magnetismus zu sehen, hatte seit funf Monaten fur eine gute Belohnung die Somnambule gespielt, war daruber mit einem jungen Officier eben demselben, der sie damals ausfragte ein wenig zu sehr in Rapport gekommen, und wurde daruber die letzte Zeit wie soll ich sagen vor der Hand unbrauchbar ..."
"Das, daucht mir, habe ich ihr selbst abgemerkt," fiel ich ihm hitzig in's Wort.
"Ich rettete sie nach Carlsruh, wo unsre Gesellschaft gute Freunde hat, traf Dich, wie Du weisst, auf meinem Wege, erkannte Dich ohne Muhe, und erfuhr alles aus Deinem eigenen Munde, was ich, kraft meines Divinationsvermogens, Dir diesen Vormittag wieder erzahlte. Es gehorte ubrigens nicht viel darzu, voraus zu sehen, dass mein Ruf Dich armen Kranken gewiss vor mein Bette fuhren wurde. Meine Rolle war diessmal die leichteste von der Welt; und sonach, guter Wilhelm, ist alles, was Dir begegnet ist, nichts mehr und weniger, als der Scherz eines alten Freundes, der, wie Du siehest, einen recht guten Ausgang genommen hat."
Die Decke fiel mir nun zwar von dem Gesichte aber zu geschwind. Eine brennende Schamrothe uberzog meine Wangen, sobald das grosse Geheimniss in seiner armseligen Blosse vor mir lag. Ich sah mich in Gedanken in meiner ganzen Albernheit auf dem Lehnstuhle sitzen, und hatte kaum Muth, meine Augen gegen den falschen Propheten aufzuschlagen.
Mein Zustand erbarmte den gutmuthigen Jerom. Er nahm mich traulich bei der Hand, hielt allen Spott zuruck, und fuhrte mich aus dem magischen Zimmer, das mir je langer desto verhasster ward. Ich blieb noch eine Weile nachher in sichtbarer Verlegenheit; endlich kam ich der Frage naher, die mir vorschwebte, und gewann Kraft, sie hervor zu bringen. "Ich war ein Thor, lieber Jerom ..."
"Kein grosserer" fiel er mir in's Wort, "als wir alle sind, wenn angstliche Wunsche mit einiger Hoffnung verbunden auf uns wirken."
"Ich war ein Thor," fuhr ich fort, ohne mich storen zu lassen: "aber vergieb mir was bist denn Du in dem Lichte, in welchem Du Dich mir heute gezeigt hast? Was fur ein Handwerk treibst denn Du, alter ehrlicher Freund?"
"Das Handwerk eines Brutus," antwortete Jerom, "der Rom von dem Tyrannen der Unschuld befreite das Handwerk eines Pascal's, der unter der Maske der Einfalt sich des heillosen Geheimnisses der Gesellschaft Jesu bemeisterte. Ohne Verlaugnung meines Muthes ware ich nicht so machtig geworden, als ich bin. Aber die Zeit meiner Erniedrigung ist verlaufen, bald werde ich zu meinen Kranken zuruck gehen, und meine Erfahrung, bis auf Deine heutige Geschichte, soll der Welt offenbar werden."
Diese Erklarung meines Freundes gab mir einen Stich in das Herz. "Nein, mein lieber Jerom," rief ich, "ich will meinen Gonnern in Berlin nicht als ein einfaltiger Tropf zur Schau gestellt werden; mein Name werde nie in den Jahrbuchern dieser Schwarmer, Betruger und Betrogenen genannt."
"Ist das Deine Weisheit?" fragte Jerom mit ernsthafter Stimme "Verdient die Wahrheit nicht mehr um Dich, als dass Du sie hinter der grossen Vormauer des Irrthums, hinter einer falschen Scham verstecken, und ruhig zugeben willst, dass die Zahl der schuldlosen Betrogenen sich vermehre? Die Leichtglaubigkeit eines Kranken ist der verzeihlichste Glaube. Oft traue hierin einem praktischen Arzte kommt diese Schwachheit der Seele korperlicher Genesung zu Hulfe. Der Gichtfluss, der das linke Bein lahmte, setzt sich nicht immer nur in das rechte.5 Nein! er verschwindet oft, ohne wieder zu kommen! Was soll man aber von den frommen und gelehrten Mannern denken, die nicht nur mit der Schwache der Kranken ihr Spiel treiben, sondern auch noch die gesunde unbefangene Vernunft zu benebeln gedenken? Fur was sollen wir die Stifter der neuern Sekten ansehen, die solche Schriften in alle Welt schicken, wie ich Dir hier vorlege?"
Ein ungeheurer Haufe! Ich wahlte einige aus, die mit beruhmten Namen in dem Reiche der Gelehrsamkeit gestempelt waren, und Jerom storte mich nicht in der Aufmerksamkeit, die ich ihren widersinnigen Behauptungen, ihren erlogenen Erfahrungen und ihren anstossigen Muthmassungen langer als eine halbe Stunde schenkte. Seufzend legte ich endlich den ganzen Wust bei Seite, und wendete mich an meinen kaltblutigen Freund. "Lieber Jerom," sagte ich, "erlaube ja auch diesen braven Mannern krank zu seyn: denn sonst bleibt keine Entschuldigung fur sie ubrig."
"Bei einigen," antwortete mein gut denkender Arzt, "aber gewiss nur wenigen kann Deine entschuldigende Vermuthung wohl wahr seyn. Du wurdest vielleicht auch ein Buch uber das Divinationsvermogen, uber den thierischen Magnetismus, oder uber die Wunder der Desorganisation geschrieben und edirt haben, wenn ich Dich so in Deinem Irrthum hatte forttaumeln lassen. Aber, glaube mir, der grosste Theil unserer Schriftsteller schreibt nicht aus Liebe zur Wahrheit, aus Drang der Ueberzeugung oder aus Eifer fur das Gute und Nutzliche; sondern aus jenem gelehrten Stolze, der, gleich dem Kerkerfieber in England, nur in den engen finstern Studierstuben herum schleicht, und dann und wann die glanzenden Bewohner der feinen Welt zu Mitleiden und Almosen bewegt. Ich kenne viele dieser schreibsuchtigen Gespenster. Der Gedanke, Aufsehn zu machen, die Augen auf sich zu ziehen, die sich eben nach einem andern umdrehen wollen; das ist der Damon, der sie treibt und drangt! Keiner kann ertragen, dass er vernachlassigt werde, und sobald einer sein Pult mit Ruhm verlasst, setzen sich gleich hundert an das ihrige, um so geschwind als moglich das Handeklatschen auf ihre Seite zu bringen. In Ansehung der Mittel? O da denken sie nicht feiner, als jene Wirthin z u m s c h w a r z e n B o c k e in Harlem."
"Und was begann denn diese? lieber Jerom!"
"Das will ich Dir bei einem Glase Wein erzahlen, und Dir die Anwendung uberlassen."
"Es war in dem Jahre acht und vierzig, als ihr Mann," fuhr Jerom fort, "ihr den Gasthof zum schwarzen Bocke hinterliess, der noch jetzt nicht weit von dem Leidener Thore zu Harlem zu sehen ist, und noch jetzt, glaube ich, einem aus ihrer Verwandtschaft gehort. Das Weib war artig, gesprachig, und von eben so guter als billiger Bewirthung, besonders nachdem, durch den Tod ihres Mannes, ihre wohlthatigen Neigungen von ihr allein abhingen. Der Gasthof kam auch gar bald in die grosste Aufnahme. Da war keine Schute, die von Leiden kam, keine die abging, die ihr nicht stundlich zu verdienen gab. Zur Zeit der beruhmten Messe war eine Wagenburg um ihr Haus geschlagen. Es geschah oft, dass uber dem Zulauf Mangel an Raum in der Herberge entstand; und dennoch lagerte man sich lieber unter freiem Himmel vor ihrer Hausthure oder in dem Hofraum, als dass man seine Pfeife in einem andern Gasthofe geraucht hatte. "
"Diese Vorliebe eines, seinen Freunden so anhanglichen Volks, dauerte viele Jahre zu Gunsten der Frau. Sie hatte ihre Bewirthung in ein gewisses sicheres System gebracht, von dem sie zu keiner Zeit abging, und es war also mehr als wahrscheinlich, dass ihre Gaste sich eher vermehren als vermindern wurden. Dessen ungeachtet, lieber Wilhelm, so unerklarlich es auch seyn mag, wusste der Gasthof z u m P a t r i o t e n , der noch darzu viel entlegener vom Hauptthore war, nach und nach alle ihre Kunden an sich zu ziehen, und es ward zur Mode, bei ihr vorbei zu gehen. Viele hatten sogar die Unhoflichkeit, sie zu grussen, wenn sie eben vor ihrem Hause stand: aber keine Seele fragte ubrigens nach ihrem Portwein, nach ihren schwarzen Augen, und nach ihrem Salm."
"Ein ganzes Jahr beinahe ging so hin, ohne Verdienst und Genuss." Noch immer schmeichelte sie sich mit der Hoffnung des gewohnlichen Wechsels der Dinge. Als aber die Kirmse einfiel, und auch da noch ihr Gasthof unbesucht blieb, ungeachtet sie den verbleichten Bock hatte auffrischen lassen, und die weissesten Vorhange hinter den Fenstern durchblinkten, da ward sie durch ihr unverdientes Schicksal zu heissen Thranen bewegt. Es thut mir leid dass ich es sagen muss, aber sie sprach mit Bitterkeit uber die Menschen, und schimpfte mit den ausgesuchtesten Worten auf den schelmischen Wirth zum Patrioten. Doch war sie zu klug, dabei stehen zu bleiben. Sie kannte die Menschen, und mit dieser Kenntniss verhungert man nie. Sie schwur, sich an ihrer Untreue zu rachen. "Morgen," sagte sie, "will ich dem Patrioten zeigen, was ein entschlossenes Weib vermag. Ist Euch guten Leuten mein Gesicht zu alltaglich geworden? O dafur will ich Rath schaffen. Morgen sollt Ihr mir vierfach bezahlen, und doch bei mir einkehren."
"Der Morgen kam. Was that unsere kluge Frau? Eine Kleinigkeit; sie nahm nur eine ungewohnliche Wendung in der Ordnung der Natur vor." "Non erubescit" dachte sie liess ein Paar grosse blaue Augen und eine Nase darauf malen, und steckte, sobald es lebhaft auf den Gassen ward, diese wunderliche Figur, neben die zum Ueberfluss rechts und links ein Paar blasende Trompeter gestellt waren, zum offenen Fenster hinaus.
"Von diesem Augenblicke an war es um den Wirth zum Patrioten geschehen. Kein Mensch dachte weiter an ihn. Der unerwartete witzige Einfall der Frau entschied ihr Schicksal auf immer. Sie hatte noch keine zehn Minuten in dieser gezwungenen Stellung verlebt, so wimmelte Haus, Hof, Garten und Stall von immer mehr zustromenden Gasten und Pferden, und seit undenklichen Zeiten war nicht so viel in Holland gelacht worden, als heute. Ein alter Officier, der ein Cirkular vom Erbstatthalter in der Tasche hatte, verzogerte noch um eine ganze Stunde den schwerfalligen Umlauf dieser Staatsschrift, und hielt gravitatisch mit seinem durren Pferde unter dieser Figur. Ein Matrosenjunge, der doch jungst erst von Indien zuruck gekommen war, erkletterte eine nahe Linde, um naher und ungestorter diese Seltenheit betrachten zu konnen. Ein Quacker und seine Matrone von Frau, die Gebetbucher noch in der Hand, hatten sich hier niedergesetzt und tranken ihr Doppelbier, ehe sie weiter zu ihrer Versammlung schlichen; und man sagt sogar, dass die dortige Akademie einige ihrer Mitglieder abgeschickt habe, diess Phanomen in Untersuchung zu nehmen. Der beruhmte Trost, der Hogarth der Hollander, wurde aus einem andern Weinhause herbei geholt, um diesen Auftritt, wie ich ihn Dir hier beschrieben habe, nach der Natur zu malen. Es gelang ihm vortrefflich. Das Gemalde wurde aufs theuerste verkauft, kam in das beruhmte Kabinet von B r a n c a m , und A . D e l f o s hat es unter der Unterschrift Les Abbuses in Kupfer gebracht. Solltest Du es nicht selbst in Deiner Sammlung besitzen?"
"Ja wohl besitze ich es, lieber Jerom," antwortete ich, "ohne bis jetzt gewusst zu haben, was ich dabei, denken sollte, wie mir das mit manchem andern Portrait beruhmter Leute geht, in denen man eben so wenig Physiognomie entdeckt, als in diesem. Aber fahre nur in Deiner interessanten Geschichte fort."
"Da der Zulauf zu diesem Wirthshause" fuhr Jerom fort, "nicht aufhorte, der Beifall immer larmender ward, so gelangte endlich ein ernstlicher Befehl des Magistrats an die Wirthin, ihr bedenkliches Zeichen einzuziehen, ein geehrtes Publikum nicht langer zu affen, und ihr Blendwerk fur sich zu behalten. Aber die Herren hatten vergessen, die Volksstimme dabei zu Rathe zu ziehen. Man widersetzte sich im Tumult diesem Befehle; schrie uber Beeintrachtigung der republikanischen Rechte; berief sich auf die Pressfreiheit, Toleranz und Publicitat; und Vornehme und Geringe behaupteten sich in dem ungestorten Anschauen dieses verbotenen Gesichts. Hatte der erste Tag Leute herbei gezogen, so that es der zweite, dritte nebst den folgenden noch mehr. In kurzem verbreitete sich der Ruf dieses Wunderwerks durch alle sieben Provinzen. Man machte Lustreisen von den entlegensten Flecken und Eylanden hierher. Die Neugierigsten blieben uber Nacht da, und diese Nachte wurden theuer bezahlt. Kein fremder Prinz, kein Gesandter reiste durch Holland, ohne das Wirthshaus zum schwarzen Bocke zu besuchen. Die Stadt kam in bessere Nahrung. Die Zolle an den Barrieren erhohten sich ungewohnlich, und da die Obrigkeit ihren Vortheil so augenscheinlich sah, schwieg auch sie, und die Wittwe Gott habe sie selig! sah sich, ehe ein Jahr verging, zu ihrem eigenen Erstaunen, beruhmter, besuchter und reicher, als sie jemals im Traume gewesen war. Indess erzahlte mir doch ein dortiger wurdiger Gelehrter, dass eben die Frau, die vor ihren Zeitgenossen nicht errothete, als noch die blasenden Trompeter neben ihr standen, sich nachher, als der allgemeine Enthusiasmus verraucht war, nicht habe der Schamrothe erwehren konnen, wenn sie auf dem T r o s t i s c h e n Kupfer die Hauptfigur erblickte, die ihr Andenken auf die Nachwelt bringen wurde. "
"Nun frage ich Dich, lieber Wilhelm, ob die Geschichte meiner Harlemer Wirthin mit der Geschichte unserer meisten neuen Schriftsteller nicht ganz von Einem Schlage ist? In beiden einerlei Triebfedern und Rader Unverschamtheit aus Ruhmsucht, und Ruhmsucht aus Gewinn. Das ist die Progression, nach welcher sie handeln, denken und schreiben und Du siehst, ob es ihnen gelingt! Schlage alle unsere gelehrten Zeitungen und Journale nach! Welche Namen sind es, die am meisten darin flimmern? Die Namen der Schwarmer, der Lugner, der Mitglieder geheimer Gesellschaften, und die sich's etwas kosten lassen, gelobt zu werden. Was fur Winkelzuge werden nicht gebraucht, um dem Recensenten so schwer es ihm auch ankommen mag eine beifallige Miene abzulocken, und was fur Antikritiken treten ihm frech unter die Augen, wenn er die guten Leute wie sie sagen nicht verstanden hat!"
"Der Urtheilsspruch, der aus den Fingern
Gelehrter Ruhmvertheiler schleicht,
Das ist der Kranz, der unsern Ringern
So vieler Lanzen wurdig daucht.
Sie uberlaufen sich, und werfen
In ihres Angesichtes Schweiss
Den letzten Pfeil den letzten Scherfen
Nach diesem ausgesteckten Preis.
Non erubescit denken Alle,
Vom Tyberstrom bis an den Rhein,
Im schmetternden Trompetenschalle
Mit meiner Witwe uberein;
Belohnt, wenn unter ihrem Schilde
Die Markltgeschafte stille stehn,
Und Tausende mit ihrem Bilde
Und ihrer Schrift hausiren gehn!
Bezeichnet Dir Apollens Stimme
Den Weisesten von Griechenland,
So weisst Du nicht, durch welche Krumme
Sich Sokrates nach Delphi fand.
Indem dem Accoucheur der Dichter
Die Pythonissin sich entblosst,
Wer mag's entrathseln, welch ein Trichter
Ihr die Begeistrung eingeflosst!"
"Dein Geschichtchen, lieber Jerom," sagte ich lachelnd, "ist ernsthafter, als man nach dem ersten Ansehen vermuthen sollte, und Deine boshafte Anwendung aus unsere Schriftsteller nur allzu wahr. Passt das Spruchlein des Shakespear, (hinter das einer von denen, die vor uns liegen, seine neue Entdeckung zu verschanzen sucht,) nicht eben so richtig unter das Fenster Deiner Harlemer Wirthin?" "Es giebt vieles zwischen dem Mond und der Erde," betet er dem Dichter nach "wovon sich unsere Compendien nichts traumen lassen." Nichts ist wohl leichter, als zu einer Thorheit eine kluge Sentenz zu fihnden! "Doch was geht mich aller dieser Schnikschnak an! Ich danke Dir ubrigens herzlich fur Deinen theoretischen und praktischen Unterricht: nur wollte ich wunschen, dass die hubschen artigen Madchen, die mich zu Dir geschickt haben, ihn mit mir getheilt hatten. Die armen liebevollen Kinder fangen an mich recht ernstlich zu dauern. Welcher vorsichtige Mann wird eine Schone heirathen, die unter den Handen der M a n i p u l e u r s , D e s o r g a n i s a t e u r s und M a g n e t i s t e n gezappelt hat?"
"O desswegen sei ohne Sorgen, lieber Wilhelm!" antwortete Jerom. "Das schone Geschlecht weiss aus allem Vortheile fur seine Versorgung zu ziehen, und unsere jungen Herren besuchen unser einen am liebsten, je bluhender und reizender das Madchen ist, das in der Krise liegt. Ueberall findest Du jetzt Adepten der neuen Kurart, die mit der ersten besten hinfalligen Schonen ihre Kunst probiren. Von beiden Theilen spielt man seine Rolle so geschickt, dass eins den andern betrugt, ohne Betrug zu argwohnen. Wenn das nicht Heirathen schliesst, so weiss ich nicht was es thun soll. Aber sage mir, lieber Wilhelm, mochtest Du nicht selbst einige Tage darauf verwenden, unsere Handgriffe zu lernen? Du konntest fur Deinen Spass, sogar fur Dein Ansehn in der Fremde, nichts Wichtigeres von hier mitnehmen. Ohne Mitglied irgend einer geheimen Gesellschaft zu seyn, sollte jetzt kein vernunftiger Mann einen Tritt aus dem Hause thun. Freymaurer bist Du doch wohl schon langst?"
"Nein! auch das," antwortete ich beinahe verschamt, "bin ich nicht, bester Jerom. Ich habe nie viel auf die Triangel gehalten. Sogar der P l a t o n i s c h e 6 ist mir gleichgultig geworden, seitdem ich nicht gut mehr damit zurecht kommen kann."
"Armer Freund!" sagte Jerom, "ware es nicht schon so spat doch morgen will ich fruh zu Dir kommen, und Dich als Arzt in Untersuchung nehmen. Noch eine herzliche Umarmung! und nun fur heute Gott befohlen!" Ungern trennte ich mich zwar von meinem Freunde: aber ich nahm doch eine Ruhe, eine Sicherheit der Seele und ein so voll zugemessenes Vergnugen mit, das ich nicht beredt genug bin Dir zu beschreiben. Die Nacht sagt das Sprichwort ist keines Menschen Freund! Aber nach dem Schlusse eines solchen Tages ist sie's, und sie war es mir heute mehr als jemals.
Wie konnte d e m des Schlafs Erquickung mangeln,
Den der Gedanke wiegt: Er, ohne den kein Haar
Von deinem Scheitel fallt, dreht noch unwandelbar
An Kraften und Gewicht, die Welt in ihren Angeln!
Dir schloss die Sonne nicht in ihrem Tagelauf
Ein neu entdecktes Thor der Offenbarung auf,
Erfullte nicht dein Herz mit neuen Glaubenssorgen,
Und gab, aus einem Sturm, der Tausende zerstreut
Und Tausende verschlang, geborgen,
Dir einen Freund zuruck aus deiner Jugendzeit,
Und dieser Freund umarmt dich morgen!
Ich lachelte aus dem Gefuhle der innigsten Zufriedenheit, als ich mein Deckbette uber mich warf, wie ein Mensch, der einen verwickelten Prozess gewonnen; und diess Lacheln schwebte mir noch um den Mund, als mich, nach genossener Ruhe, die Ankunft meines Freundes und Rathgebers weckte. Ich hebe Dir von dem sussen Geschwatze, das mit ihm kam und den Morgen ausfullte, dasjenige aus, womit er mich als Arzt abfertigte. "Du hast," sagte er ernstlich, "viele Umwege genommen, um Dich von der Natur zu entfernen: jetzt nimmt sie und es kann Dich wundern? eben so viele, ehe sie sich wieder zu Dir findet. Du hast uber Dein eigenes Selbst hinweg, starr auf die Menschen gesehen, bis es Dir vor den Augen flimmerte. Du hast gelesen, gelesen, bis Du Dich selbst nicht mehr verstanden hast. Du hast so viel uber das Leben und Weben des Erschaffenen nachgedacht, bis Du am Ende nicht wusstest, Dich in Dein eigenes Daseyn zu finden hast Schlusse an Schlusse gekettet, und so fest um Dich her geschlungen, dass Du keinen Schlupfwinkel mehr vor Dir siehst, durch den Du ungedrangt und unbeschadigt Dich retten konntest. Thorichter, thorichter Freund! Und um so hohe Vollkommenheiten zu erlangen was hast Du von dem Deinigen darauf verwendet? Das grosste Gut, das die Natur geben kann Gesundheit! In ihr liegt die wahre Weisheit. Dein Kopf ist geschwacht, Dein Magen verdorben, Deine Brust ausgetrocknet, Dein Eingeweide zusammen gezogen, und Dein Puls in Unordnung. Und Du verlangst mit dieser knarrenden, verstopften, schwerfalligen Maschine menschliche Pflichten erfullen zu konnen? Wie will so ein elendes Geschopf ein nutzlicher Burger, ein thatiger Freund, ein gutiger Hausherr, ein zartlicher Ehemann und ein Vater munterer und gesunder Kinder seyn? Zu welcher Rolle auf dem Theater der Welt ist so eine verrostete Puppe geschickt? Gehohnet, geflohn, gemissbraucht zu werden, unbedauert und unvermisst in's Grab zu schleichen: das ist ihr Loos, und o! dass ich es sagen muss ist das Deinige!"
"Hore auf, lieber Jerom" unterbrach ich den Fluss seiner Rede mit bebenden Lippen, "Du todtest mich sonst mit Deiner grasslichen Vorstellung! Hatte ich doch nicht geglaubt, dass man so gesund seyn musse, um nur die Achtung eines Arztes zu verdienen? Aber setze den Arzt bei Seite: rathe mir als ein schonender Freund, oder nimm nur so viel von jenem dazu, als nothig ist, diese knarrende, ungelenke Maschine wieder in Stand zu setzen!"
Mit mitleidiger Freundlichkeit druckte mir der gutmuthige Mann die Hand. "Hore meinen Rath," fuhr er traulicher fort, "lieber Wilhelm und es kann sich noch andern. Du gehst zu Deinem Glucke in das Land des Leichtsinns: nutze diesen Umstand zu Deiner geistigen und korperlichen Genesung, wie ihn andere zu ihrem Verderben missbrauchen. Suche den Scherz und das Lachen auf, wo Du es antriffst. Die Wahl unter ihrer Sippschaft lasse ich ruhig Dir frei. Meide alle und jede, die man Dir als grosse Manner ankundigt alle Schriftsteller die Wunderdoktoren aller Fakultaten und fliehe besonders jene Magazine der Vielwisserei, die Bibliotheken, die jetzt fast alle Stadte verengen, die Miethen theurer, und die besten Sale unbrauchbar machen die, wenn die Wuth sie zu sammeln noch tausend Jahre so fortgeht, endlich die weite Welt einnehmen und das Menschengeschlecht daraus verdrangen werden, ohne es um einen Grad glucklicher zu machen."
"Horst Du von Wunderkraft entflammte Zungen
schrein:
Auf unserm Markt ist Himmelsbrod gemein!
So geh vorbei und glaube keiner;
Der Koth wird immerfort gemeiner
Als Himmelsbrod auf ihren Markten seyn. "
"Die W e n i g s t e n sind klug." Auf diesen Grund
erbaue
Dir Dein System; und hute Dich und traue
Der Stimmen M e h r h e i t nicht, obgleich die
schwache Welt
Sie uber uns zum Richter aufgestellt.
Wie leicht vereinigen sich Thoren
In einem Zweifelspunkt! Sie achten Deiner Ohren
Und Deines Widerspruches nicht
Geht es ad plurima am letzten Weltgericht,
So ist der Philosoph verloren
Und dennoch sei's ihm eins der nutzlichsten Geschafte,
Verirrten nachzuspahn. Sein scharfes Auge hefte
Vor allen sich auf das, was Untersuchung flieht!
Die Rose, die auf unsern Beeten bluht.
Zieht aus dem Dunger ihre Balsamkrafte;
Und aus dem stinkenden Gebiet
Des Truges und der Thorheit zieht
Die Weisheit ihre Nahrungssafte.
"Suche nirgends Erbauung, als in den Waldern unter dem Gesange der Vogel, und an dem rieselnden Bache! So lange das Bloken der Lammer Dir nicht naher an's Herz tritt, als das Bloken der Menschen, sage noch nicht, dass Du gesund bist, und werde noch wachsamer uber Dich selbst! Ueberlass Dich auf einige Zeit ganz jener glucklichen Art von Mussiggange, die mehr Thatigkeit in sich enthalt, als manches Aemtchen im Staate."
"Wenn von dem Morgenschleier nun
Dein Liebesblick das Land enthullet,
Die Saaten tief im Rauche ruhn,
Der aus der Aehren Blute quillet,
Und sich Dein Herz mit Freude fullet,
Und Dir es Noth wird wohlzuthun;
Wenn alles mit Dir lebt und fuhlet,
Sich sympathienvoll Dein Fuss
Am Tausendschon voruber stiehlet,
In dessen Kelch mit Schnellgenuss
Des Lebens eine Mucke wuhlet:
Dein Geist in Harmonie gewiegt,
Kraftvoller durch sein Wohlbehagen
Die Lobgesange uberfliegt.
Die Deiner Zunge sich versagen;
Dein volles Herz die Adern spannt,
Mit Rosenol die Wangen schminket,
Und von Gefuhlen ubermannt
Im Strudel der Natur versinket
Sprich! ob dann besser angewandt
Dir einer Deiner Tage dunket?
Und will ein Thor, den im Gebrauch der Zeit
Nur Sorgen der Geschafte qualen,
So fromme Tage fur entweiht
Im Laufe Deines Lebens zahlen,
So lache der Vermessenheit.
Ein so genossner Tag tragt Samen und gedeiht
Zu guter Frucht in guten Seelen,
Und giebt als treuster Freund zuletzt uns sein Geleit,
Wenn alle andre sich von unsrer Seite stehlen,
Zum Erntefest der Ewigkeit."
"Hute Dich, so viel Du auch Kohlenstaub von Deinem Herde zutragen konntest, an dem grossen Prozesse der Aufklarung mitzuarbeiten; und hute Dich vor dem Laster der ubeln Laune, damit Du, wenn Deine Hutte brennt, nicht mit Fernglasern suchest, wo der Rauch herkomme. Deine Weisheit lehre Dich, mit den Thorheiten und Schwachheiten der Menschen zu spielen, und ihnen dieselbe Freiheit bei den Deinigen zu lassen, ohne Misstrauen, ohne Strenge. Denke selbst, wie rein die Tugenden desjenigen wohl seyn mogen, der andern keine zutraut, da wir doch nur mit dem Gefuhl unsers eigenen Herzens die Bewegungen aller andern verstehen konnen? Weise auch nicht gleich jede schalkhafte Leidenschaft, die bei Dir anklopft, wie einen Bettler von Dir! Der herrliche Wein, der jenes Land bekranzt, sei Deine Arzenei, das flammende Gesicht des braunen Madchens Dein Arzt, und das Spielwerk der Liebe Deine Philosophie!"
Langer konnte ich vor Ungeduld nicht zuhoren. "Deinen medicinischen Rath in Ehren und der Moral unbeschadet, lieber Jerom," brach, ich mit Unwillen gegen ihn los, "wohin konnten mich Deine Epikurischen Verordnungen nicht bringen? Doch es hat keiSpielwerk der Liebe? Sehr wohl! Eben so leicht konntest Du mir die Trommel und das Steckenpferd meiner Kindheit empfehlen. Wusstest Du, mit welcher neidlosen Gleichgultigkeit ich auf jene Berauschung der Sinne herab sehe wusstest Du, dass mein Nachdenken mich noch um einige Grade weiter gebracht hat, als den grossen Buffon das seinige dass ich nicht nur, so gut wie er, aus der geistigen Seite der Liebe nichts finde, was der Muhe eines Mannes lohne, sondern auch selbst fur das Gute keinen Sinn habe, was er ihrer physischen zugesteht: gewiss, lieber Jerom, Du wurdest Dein Recept andern! Wenn nur von den Reizen eines Madchengesichts, von den Kussen ihres Mundes wenn nur von Wein und Scherz, Mussiggang und Liebe meine Genesung abhangt Freund! Freund! so bin ich verloren."
"O ihr weisen Geschopfe!" rief Jerom aus, "habt ihr denn noch nicht einsehen gelernt, dass andere Verhaltnisse auch andere Menschen, und ein ander Klima auch andere Empfindungen erzeugen? Wenn mein Rath fur einen flatternden Jungling Schierling in unverstandigen Handen seyn wurde, so ist er Dir hingegen ein wohlthatiger Balsam auf Dein erstarrendes Haupt. Ziehe, wenn Du nicht anders willst, den weitern Weg nach diesem freundlichen Lande dem kurzern vor! Behandle Dich meinetwegen noch eine Weile als einen Klumpen, von dem der Rost sich erst abschleifen muss, ehe seine wahren Bestandtheile hervortreten! Uebrigens lache ich zu Deiner trotzigen, noch uber Buffon erhabenen Starke. Wie geschwind wird Deine dickblutige Moral verdunsten, wann Dich erst die auflosende Sonne jenes Landes durchwarmt haben wird!"
"Dort, wo geheimer Jugend Zauber
Durch lachende Gefilde walzt;
Dort wo der Auerhahn und Tauber
Schon im December girrt und balzt,
Und Dir kein K a m p f und Dir kein G l a u b e r
Das Brot nimmt und den Wein versalzt;
Wo unter lauter Schaferstunden
Der Gott der Zeit sich schwindlich dreht,
Nud nicht so leicht ganz unempfunden
Ein Jugendwunsch verloren geht;
Wo statt des Nordwinds nur Gefieder
Schalkhafter Weste Dich umwehn,
Und alle Herzen, alle Mieder,
Nud alle Fenster offen stehn!
Dort ist die Kunst, das zu entbehren,
Was die Natur im Uebermass verschenkt,
Im sussen Kampfe mit Cytheren
Sich ehrlich seiner Haut zu wehren,
Nicht halb so leicht, als Mosheim denkt."
"Ich furchte, lieber scherzender Freund," sagte ich halb lachelnd, "dass ich Deine h e u t i g e n Weissagungen noch apokryphischer finden werde, als Deine g e s t r i g e n . Du wurdest mich nicht wenig damit geangstiget haben, als ich noch vor Deinem Bette sass, und Deine Orakelspruche fur excentrische Eingebungen hielt. Heute ist mir schon leichter dabei um's Herz, und Deine Freundschaft wichtiger als Dein Divinationsvermogen. Doch, Bester warum eilst Du von mir, mein Jerom?"
"Um einem artigen Kinde zu Hulfe zu kommen," flusterte er mir zu, indem er mich mit nassen Augen an seine Brust druckte. "Sie ist freilich nicht von Eisen und Stahl," setzte er hinzu "wie man aus der Magnetkur schliessen sollte, in die sie sich begeben will: aber so reizend und unbefangen, dass es fur einen Naturforscher schon der Muhe werth ist, ihr ihre funfzehnjahrige Beichte abzunehmen, und sie mit einem guten Rathe zu entlassen."
"Nur um des Himmels willen," rief ich ihm nach "keinen von dem Umfange, als Du mir zu Deinem Andenken zuruck lassest! Und nun lebe wohl!"
So trennten wir uns zwar banglich und zartlich; aber doch durch ein gegenseitiges heiliges Versprechen beruhigter, uns einander nicht wieder so weit aus dem Gesichte zu verlieren. Bald nachher nahm ich Abschied von einem Orte, der mir einen Jugendfreund in die Arme gefuhrt, meine Kenntnisse so erstaunlich bereichert, und mich, welches Dir zu Haus und Hof kommt, so geschwatzig gemacht hat.
Ich hoffte, als mir Strassburg und der Munster mit seiner Plateform und seinen neun und neunzig Stufen im Rucken lag, aus der Ernte, die ich dort eingescheuert hatte, so viele erlesene Frucht zu gewinnen, dass ich den ganzen Weg uber davon zehren, und fur Dein Bedurfniss die feinsten Korner zuruck legen konnte. Aber ich betrog mich in meiner Rechnung. Die Geschwindigkeit und das Rasseln meines Fuhrwerks auf dem herrlichsten Pflaster, wodurch nur ein Sieger eine eroberte Provinz an seine Lande fesseln kann, liessen keinen Gedanken aufkommen. Wie ich merkte, dass es mit dem Denken nicht ging und das aussere Gefuhl das innere immer uberschrie, fasste ich meine Seele in Geduld, liess mich von einem Postillon nach dem andern fortschleppen, ohne auf Tag und Nacht zu achten, und sicher, dass ich nicht der erste seyn wurde, der gedankenlos nach Paris kame, freute ich mich nur der heilsamen Erschutterung, in der sich alle Theile meines Korpers befanden, und dachte, wenn sich jetzt nicht der Rost von Deinem Golde abschleifet, so geschieht es nie.
In diesem Mittelzustande ist man in der Ecke eines bequemen Wagens vortrefflich aufgehoben. Selbst das Getos, das um und neben mir herrschte, je naher ich der Hauptstadt kam, vermochte nicht eher mich aus meiner vortheilhaften Lage zu bringen, bis es in immer zunehmendem Wachsthum endlich zu einem Grade der Tortur anstieg, der wohl noch einen hartnackigern Verlaugner seiner selbst uberwaltiget hatte. Ich fuhr erschrocken auf, und hatte orgnisirt seyn mussen wie I.D., wenn ich nicht hatte errathen wollen, wo ich ware. Das ganze grosse bewegliche Gemalde, als wenn es von H o l l e n - B r e u g e l gemalt ware, stand vor mir.
Ein bettelndes, mit angeerbtem Schwindel
Vom Ruhm des Vaterlands beseligtes Gesindel;
Das hochste Missgeton des stadtischen Gewuhls;
Der Amoretten Schaar in aufgefarbtem Zindel
Mit allem Ungestum des hungrigsten Gefuhls;
Der spahende Betrug, der mich mit seiner raschen
Gehulfen Zahl vertraut willkommen hiess
Rief warnend mir ins Ohr: "Verschliess
Verschliess Dein Herz und Deine Taschen:
Du bist im Weichbild von Paris!"
Man hatte in Strassburg meinem Johann das Hotel der vier Nationen empfohlen ein nicht unebenes Gegenbild des beruhmten Zufluchtsorts der Wissenschaften, den der Kardinal Mazarin den vier kultivirtesten Volkern der Erde, zu ihrer noch hohern Vervollkommnung, in seinem Testamente aufschloss. Da diese kontrastirende Vergleichung keine hinlangliche Ursache enthielt, der Anweisung meines Johann nicht zu folgen, so versprach ich mir, obschon ein krankes Mitglied einer dieser so vorzuglich an Leib und Seele dotirten Volkerschaften, dennoch eine gute Aufnahme; merkte aber bald, dass die deutsche Nation nach franzosischer Rechnung unter den vieren wohl nicht die geachtetste seyn mochte.
"Gute Zimmer?" fing der Wirth meine Frage auf, indem er mich, von meiner Bibermutze an, bis zu meinen Pelzstiefeln herab, in Untersuchung nahm, und bedenkliche Blicke bald auf meinen Johann, bald aus meinen Mops warf "Gute Zimmer? o ja, diese fehlen in diesem Hotel nicht; die schonsten werden fur Englander aufgehoben, die Verstand genug haben, sie nach ihrem Werthe zu bezahlen." Er sah mir wahrend dieser trockenen Erklarung steif in's Gesicht, und fuhr, da ich mich hinter den Ohren kratzte, noch trockener fort "Auch stehen zwei Treppen hoch noch ganz artige Zimmer frei etwa fur einen deutschen Prinzen oder Grafen." Und da ich, auch diese Wendung seiner Rede nicht zu verstehen, verstopft genug war, sagte er mir endlich, mit sichtbarer Aergerniss uber meine schweren Begriffe rund heraus: "Mit Einem Worte, mein Herr, ich kann Ihnen im Hinterhause nur mit einer Kammer fur Sie und Ihren Bedienten aufwarten, wenn Sie Sich noch so lange in dem Ansprachzimmer gedulden wollen, bis sie der Koch des Herzogs von Dorset, der eben im Begriff ist abzureisen, geraumt hat." "Gut!" sagte ich, um dem Geschwatze ein Ende zu machen, und wurde in das Sprachzimmer gewiesen.
Hat jemals ein Ort seinem Namen Ehre gemacht, so war es dieser. Es war eine wahre Marterkammer fur deutsche Ohren. Ich fluchtete, sobald ich hinein trat, nach einem Lehnstuhl, der in der entferntesten Ecke stand. Doch diese Vorsicht war von schlechtem Nutzen: vielmehr machte ich mich der Masse Menschen nur noch bemerklicher, die sich nun wie ein Knaul entwickelte, und mich in einen sich immer verengernden Kreis einschloss, der aus Kurschnern, Spitzenhandlern, Hutmachern, Modekramern, Lottowerbern, Haarkrauslern, Schneidern, Schwertfegern, Madchenund Rosstauschern zusammen gesetzt war, die mir alle, mit einem grossen Aufwande von Worten, ihre wichtigen Dienste und ihre Waare feil boten. Zu was fur einer Figur wurden sie mich in der Geschwindigkeit umgestaltet haben, wenn ich der Laune gewesen ware, mich ihrer Ausbildung zu uberlassen! Statt aller Antwort aus ihre beredten Anfalle, hielt ich mir die Ohren zu, und druckte mein Kinn tiefer in meinen Oberrock.
Diese hypochondrische Unhoflichkeit fertigte sie geschwinder ab, als die beste Rhetorik denn ein Franzos hort sich gern und will gern gehort seyn. Ein einziger Lohnlakey liess sich nicht davon anfechten, und brachte mich durch seinen ausdauernden Ungestum so aus der Fassung, dass mir das ernstlichste Daraus erwuchs aber eine neue Verlegenheit fur "Mein Herr," unterbrach seine rauhe Stimme das C l o u d nach M a r l y T r i a n o n oder l a M e u t e wollen. Oder haben Sie mehr Lust, ein paar Stunden aus dem Boulevard hin und her zu fahren?" Ich machte eine unentschlossene Miene "Oder wollen Sie," fuhr er mit grosser Menschenkenntniss fort, "da Ihnen die Lustschlosser unserer Konige zu missfallen scheinen, etwan ihre Supplices zu. St. Denis besuchen?"
Dieser Vorschlag verfing. "Du bist mein Mann!" sagte ich, "ja dahin sollst Du mich fahren ich kann die Zwischenzeit, bis der Koch des Herzogs von Dorset mir Platz macht, nicht besser anwenden." Das Membre du Musee schien in diesem Augenblicke zu bereuen, einem so alltaglichen Menschen, der ihn einem Miethkutscher nachsetzen konnte, nur das Wort gegonnt zu haben. Er drehte sich verachtlich von mir weg, und mir ich gestehe es aufrichtig war es ziemlich einerlei, ob ich jemals Charmante Gabrielle gut aussprechen wurde oder nicht. Ich folgte meinem Kutscher, der mir mit wichtigen Tritten den Weg durch das Sprachzimmer frei machte, und mir glucklich in seinen Wagen half.
Der Wunsch, aus dem Gedrange aller dieser dienstfertigen Geschopfe zu kommen, traf hier mit einem geheimen Zuge zusammen, den mein Herz immer nach den Mausoleen der Grossen, oder ehmals glucklichen und beruhmten Manner, gehabt hat. Ich gestehe Dir, lieber Eduard, dass ich in keinem von allen Sprichwortern, die ich kenne, so viele wahre praktische Philosophie finde, als in jener popularen Sentenz: dass selbst ein kranker Hase besser sei, als ein todter Lowe. Die naive Wahrheit, die dieses Sprichwort enthalt, ob es gleich nicht so prachtig klingt, als manches andere, ist nichts desto weniger von dem wohltatigsten Sinne; und ich kann mich dreist auf das Gefuhl des grossten Theils der Menschen berufen, ob sie ein trostlicheres wissen. Es streute auch diessmal Rosen auf meinen Weg. Ich fuhlte mich, so krank ich auch war, doch lebend und kraft dieses Gefuhls schien ich mir gutmuthiger als Heinrich der Vierte, grosser als Ludwig der Grosse, und herzhafter als der Ritter Bayard zu seyn, und diese Empfindung hielt bis vor das alte Gebaude nach, das ihre Asche verschliesst.
Vermuthlich erwartest Du jetzt, lieber Freund, dass ich alle Winkel der Kirche durchstoren, alle die koniglichen Namen nach Henaults Verzeichnis vergleichen, und nachsehen werde, welche Titel auf ihren Steindecken verwischt sind. Aber, leider! kann ich Dir nicht damit dienen: denn ich stieg nicht einmal aus dem Wagen; so ganz war das Anziehende, das dieser Ort in der Entfernung fur mich gehabt hatte, verschwunden, so bald ich da war. Trotz dem trostenden Sprichworte und allen den schonen Anwendungen, die man hier davon zu machen die beste Gelegenheit hat, muss man, glaube ich, ein Pferd oder ein Monch seyn, um gutwillig langer als eine Minute hier zu dauern.
Auf Schadeln, die sich einst des Kronenschmucks
gefreuet,
Eh sie ein Todtenkranz in dieses Reich verwies,
Als Perlen fur das Paradies
Jetzt an einander angereihet,
Thront hier ein Monchsgezucht. Symbolischer als diess
Ward keins den Heiligen geweihet;
Keins, dem die Billigkeit den Abgang des Genie's
So Uberschwenglich gern verzeihet:
Denn, der von oben her dem Hauflein Schutz
verleihet,
Ist der enthauptete D e n i s .
Kennst Du zum Flugelmann bei einer Monchsparade
Wohl einen schicklichern in dem Pralatenchor?
Selbst die Legende sagt: "Mit seinem Kopf verlor
Er weniger als Nichts. Er blieb durch Gottes Gnade
So klug und heilig wie zuvor."
Wer seinen Kopf noch fuhlt, und, sein Gefuhl zu
retten,
Nicht Wundermittel gern versucht,
Vermeide diese Todtenbucht,
Und nehm' aus diesem Larm von Metten,
So eilig als er kann die Flucht!
Die schwersten Wetterwolken fliehen,
Der schnellste Rabe selbst, in seinem Fluge, kehrt
An diesem Kloster um, das Tag und Nacht belehrt,
Wie viel von Bourbons Stamm im Fegefeuer gluhen:
Und ich dem ein Abbe schon viel zu laut geschrien,
Dem schon ein Wort das Trommelfell versehrt,
Das nicht mit lindem Hauch sanft von der Junge
fahrt
Konnt' i c h diess Missgeton geduldig in mich ziehen
Nicht eines Tons war' ich von Wielands Harmonien
Nicht meiner Menschenohren werth.
Ich befahl meinem Kutscher, ohne mich einen Augenblick zu besinnen, sogleich wieder umzukehren, und gelobte dem heiligen D e n i s , dass mich kein Sprichwort in der Welt je wieder zu so einer Spazierfahrt verfuhren sollte. Lange hinterher sans'ten mir noch die Ohren von diesem Glockengeheul, und verwehrten mir an etwas anders zu denken.
"O du Unglucklicher!" redete ich mich endlich an, indem mir's auf's Herz fiel, dass ich jetzt zwischen St. Denis, das nun hinter mir, und dem Sprachzimmer, das vor mir lag wie zwischen Thur und Angel steckte "in welchen abgelegenen Winkel wirst du dich endlich mit deinem Tympanum retten mussen! Es ist doch eben so sonderbar als unverantwortlich, wie die Menschen auch die elendeste Gelegenheit nutzen mogen, Larmen in der Welt zu machen von der Trommel des Knaben an bis zu den Seelenmetten der Konige!"
Die Eigenliebe dieser glucklichen Nation ist doch in der That nicht von gewohnlichem Schlage. Sie belebt, bewegt und verbindet, gleich einer allgemeinen Eroberungssucht, jedes einzelne Mitglied des Staats zu dem gemeinschaftlichen grossen Endzwecke, den Beifall und die Bewunderung aller Volker der Erde zu erbeuten. Sie ziehen offentlich zu Felde, und thun geheime Ausfalle darnach, und halten sich, wodurch sie eigentlich unuberwindlich werden, niemals fur geschlagen. Wenn der erste, dem Du auf der Strasse begegnest, auch so bettelarm ist, dass er Dir weder Tabac des Fermes aus einer verschabten Dose anbieten, oder Dir unter einem zerrissenen Kittel wenigstens ein Paar Manschetten zur Schau geben kann, so ist doch zu wetten, Ihr seid noch keine Viertelstunde mit einander fortgeschlendert, so glaubt er Dir das Gestandniss abgenothiget zu haben, dass kein Volk so machtig, so reich, so witzig, so artig, so erhaben sei, als das seinige; und sollte sein Antheil an diesem Nationalvermogen auch noch so gering seyn, so ist er doch gewiss mit seinem Loose zufriedener, als Du mit dem Deinigen. Die guten Leute wissen jede Einwendung, die wir etwa dagegen merken lassen, so geschwind zu entkraften, glauben, dass jedes menschliche Auge so geformt sei, wie das ihrige, und konnen nicht begreifen, wie ein Fremder unter ihren bunten Kleidern Armuth, eine verdorbene Haut unter ihrer Schminke, und Elend und Verzweiflung in den Labyrinthen ihrer Hoffarth entdecken konne.
Ein jeder deutscher Miethkutscher wurde gewiss auf meinen ersten Wink sehr vergnugt uber sein abgekurztes Tagewerk, nach Hause gefahren seyn. Meinem Franzosen aber war der Gedanke, wie machtig wohl der Fremde uber die Wunder seiner Stadt erstaunen werde, wichtiger, als jede andere Rucksicht, und er machte gern einen freiwilligen Umweg nach den schonsten Platzen, um sich dieser Empfindung desto gewisser zu versichern.
Ich hatte vielleicht gar nicht gemerkt, dass ich in diesem Augenblicke mehr i h m zu Diensten sei, als er m i r , hatte er nicht, als er den Standpunkt erreicht hatte, den er suchte, von wo man auf einer Seite das P a l a i s d e B o u r b o n , auf der andern den Platz Ludwig des Vierzehnten ubersehen kann auf einmal stille gehalten, und mir mit einem Gesichte voll unbeschreiblicher Selbstzufriedenheit zugewinkt. O ware er mit seinen muden Pferden auf gut Deutsch den geraden Weg gefahren! Der gute Kerl dachte wohl nicht, dass meine Blicke nur schlaff uber alle diese prachtigen Gegenstande hinweg, auf ganz gegenseitige gleiten wurden, uber die Er wegsah dachte wohl nicht, wie viel er mir durch seinen Stillstand zu leide that.
Ich sah mich um, und Thranen trubten
Am Fussgestell des Vielgeliebten
Sich in dem matten Strahl der Sonne warmen sah.
Ein Jungling, aus der Zahl der Leidenden gerissen,
Traf meinen zweiten Blick. Gesetz und Fesselzwang
Hielt den Gemarterten, der unter Schlangenbissen
Vergebner Reu' die durren Hande rang.
Ein feister Monch, voll Lebensdrang,
Begleitet trostend ihn auf seinem finstern Wege.
Zunachst ein Savoyard, der zu der Zitter sang:
"Der arme Brotdieb stirbt den Tod der Keulenschlage
Bis nach der Sonne Untergang!"
"O um Gottes willen," rief ich zum Schlage heraus, "fahrt zu, mein Freund, fahrt zu!" Und ich wiederholte meine Bitte, als er bei der Facade des Louvres noch einmal in Versuchung kam, mein Erstaunen zu erregen; denn ich sah nur das Fenster, aus welchem der Held der Bartholomausnacht sich das konigliche Vergnugen machte, sein Gewehr auf seine protestantischen Untertanen abzufeuern.
So kam ich endlich in den heftigsten Gemuthsbewegungen und mit dem festen Entschlusse in mein Hotel, bis morgen zu meiner Abreise, ausser dem Stubchen, das mir der englische Koch einraumtte, nichts weiter von Paris kennen zu lernen.
Der Wirth hatte jedoch unterdessen das Geschaft, bei welchem ich mich so ungeschickt benahm, mit meinem Johann in's klare gebracht. Ich wurde mit vielen Entschuldigungen von ihm empfangen, und zu meinem Vergnugen bei dem unglucklichen Parloir vorbei in das Apartement eingefuhrt, das vorhin nur deutschen Prinzen und Grafen bestimmt war, ohne dass ich mich, welches einem kranken Manne wohl zu vergeben ist, im geringsten darum fur distinguirter gehalten hatte, als vorher.
Hier war mir nun zwar etwas besser zu Muthe, als in dem Sprachzimmer; aber doch nicht viel. Der Tropfen Thau in der Fabel, der in das Meer fallt, und ich in Paris, waren ungefahr in gleichem Verhaltnisse. Ich stand mit nichts in Verbindung, als mit dem unbandigen Getose, das aus den Gassen dieses stadtischen Ungeheuers herauf stieg, gleich einer unsichtbaren Macht durch meine Zimmer walzte, mir keinen sichern Sitz, kein ruhiges Lager verstattete, und das in hypochondrischen Stunden den Konig selbst, dachte ich so angstigen musste als mich, wenn er die Gewalt dieses tobenden Stroms mit der geringen Kraft vergleicht, durch die sie in Schranken gehalten wird. Die Folge war, dass es mir damit ging wie ihm. Ich horchte und horchte wieder, gewohnte mich daran, und schlief ein.
Als ich den Morgen erwachte, konnte ich nur einen einzigen Bewegungsgrund finden, noch eine kurze Zeit in dieser Betaubung zu verweilen. Ich gab dem Triebe nach, der starker war, als meine Milzsucht, um einen alten Bekannten von so liebenswurdigen Verdiensten zu besuchen, dass selbst einem Kranken wohl bei ihm seyn kann ich meine den Baron von Grimm.
Ein Mann, der offnen Markt mit deutscher Treu' und
Glauben
Im Angesicht des Louvres halt,
Wie Schlangen klug, und ohne Falsch wie Tauben,
Und Garrick in dem Spiel der Welt,
In dem Geschaft, die Wahrheit zu erkennen,
Von Lockens Geist und von Saumaisens Fleiss,
Doch der den Stuhl nicht nur zu nennen,
Nein! sich auch drauf zu setzen weiss.7
Ich brachte einige hochst gluckliche Stunden bei ihm zu, bewunderte auf's neue die feine Dienstfertigkeit, die bei ihm der reinste Ausfluss einer allgemeinen Menschenliebe ist, die von dem redlichsten Charakter, dem herrlichsten Verstande, der seltensten Erfahrung, und den ausgebreitetsten Kenntnissen genahrt und unterstutzt wird. Als ich ihn mit dem stillen Wunsche verliess, immer so gute Menschen auf meiner Wallfahrt zu finden, war alles in Paris fur mich abgethan. Ich liess Opern, Thuillerien und Boulevard gut seyn, ubergab mich der Poste rovale, hielt mir die Ohren zu, bis ich ausser der Barriere war, und kusste meinen Mops, als ich mich aus diesem Getummel gerettet sah.
Es war schon ein gutes Zeichen meiner anhebenden Besserung, dass sich zwischen Paris und Fontainebleau ein Selbstgesprach in mir entspann, das mir keine Runzeln auf der Stirne zuruck liess. Ich wog zum erstenmale den Vorzug der Reisen gegen den albernen Beruf ab, immer wie ein Fixstern an Einer Stelle zu bleiben, und zu erwarten, ob uns einmal ein scharfsichtiges Auge in unserer entfernten Region entdecken werde, und sagte mit heimlicher Freude: "Gott Lobt! Nun bist du wahrscheinlich auf der Spur, der du in Berlin so lange irre gingest zu verdauen und zufrieden zu seyn." Seele und Korper begegneten einander s o , als suchten sie die ehemalige gute Freundschaft wieder zu erneuern, die durch ein geringes Missverstandniss unterbrochen wurde. "Wenn dieses harmonische Verhaltniss von Bestand ist, wie ich hoffe, was kummert mich," sagte ich, "alles ubrige?"
Ich erzahlte, um genau zu gehen, alle die Falle, die mich je um Freude und Gesundheit betrogen, und uberlegte, wie leicht ich ihnen durch ein Paar Postpferde hatte entwischen konnen. "Stehen dir," fuhr ich fort, "in dem einen Winkel der Welt deine Spielgesellen nicht an, rutsche nur eine Ecke weiter zu andern! Es musste nicht gut seyn, wenn du nicht hier und da auf eine leidliche Seele stossen wolltest, bei der du eine Weile ausruhen und vergessen konntest, wie dieser und jener dir einmal auf deinem geraden Gange ein Bein stellte, oder ein Loch in deine Trommel stiess. Wie viel weniger haben unsere Thorheiten auf Reisen gegen die zu bedeuten, die wir in unserer Heimath begehen! Gewaltiger Unterschied, wenn ein Land oder eine Gasse zwischen ihnen und uns liegt!"
Auch Ihr, meine lieben Freunde und Gonner, gewannet zusehens mit jeder Station, die ich zuruck legte, in meiner Neigung und Achtung. Ihr erscheint mir in der Entfernung in einem viel wohlthatigern Lichte, als da ich noch Euern, manchmal ungelegenen Besuchen, Euern Launen, Euern Schmausen, Euern Gevatterbriefen ausgesetzt war. Ich versohnte mich mit allen grossen Mannern meines Vaterlandes, ihren Schriften und Liedern, so oft ich bei einem franzosischen Buchladen vorbei fuhr, und lachelte in Gedanken rings umher ihre Gypskopfe an, die mir vor drei Wochen noch uberall im Wege standen.
In dieser Lebhaftigkeit erhielt ich mich bis in dem Angesichte des Jagdschlosses, auf welchem einst eine junge Konigin,8 auch auf einer Lustreise (welches mir in diesem Augenblicke meiner Behaglichkeit ungewohnlich, auffiel) eine emporte Leidenschaft durch einen Mord zu besanftigen suchte. Ob ihr die gute Absicht ihrer Beruhigung so leicht gelungen seyn mag, als das gefahrliche Mittel, das sie einschlug, will ich nicht mit Gewissheit behaupten, und es noch weit weniger mit dem allgebietenden Leibnitz in Schutz nehmen. Mich gemein denkenden Mann brachte schon die Erinnerung dieser Geschichte ganz aus meiner glucklichen Stimmnug, und verbitterte mir bis nach A u x e r r e jedes Aufwallen freudiger Empfindung.
Hier stiess mir ein desto lustigeres Abenteuer aus, an das ich mich um so begieriger hing, je alberner ich mir selbst in den veralteten Handeln vorkam, in die mich meine empfangliche Einbildungskraft verwickelt hatte. Gerade dem Posthause gegen uber schrie ein Kerl an einer kleinen Bude, zu der eine Menge Menschen hinstromte: Fruges consumere natus: Bete sauvage d'Allemagne, jusqu'ici inconnue en France.
Es waren, dachte ich, die ersten zwolf Sous, die ich in Frankreich wagte, um meiner gereizten Neugier ein Geschenk zu machen, und mochte der kleinen Versuchung nicht widerstehen, etwas naher zu untersuchen, auf welches Geschopf wohl eine Beschreibung angewendet sei, die auf so viele in meinem Vaterlande passte, und die ich zu einer andern Zeit wohl hypochondrisch genug gewesen ware auf mich selbst zu ziehen. Ich fand mehr und fand weniger, als ich erwartete. Das Wunderthier, dessen ganzes Geschlecht wir gern der franzosischen Nation, fur die Regie, die sie uns gab, zum Gegengeschenk machen wurden, war freilich nur ein Hamster: aber der Mann, der ihn in diesem Stadtchen zur Schau stellte, war mir desto merkwurdiger. Diesen Anstand, diesen hohlen Ton der Stimme, diese funkelnden Augen trug, wie mich sogleich der Augenschein lehrte, vor dem Jahre ein homme comme il faut, auf unsern Redouten herum, der mit ausgezeichnetem Glucke Piket spielte, Dich, lieber Freund, so gutmuthig als dringend auf sein Marquisat einlud, und Dich, wer weiss? zu dieser Lustreise verfuhrt haben wurde, hatte ihn nicht endlich eine Kleinigkeit aus Deinen Umarmungen gerissen! Ich bezahlte uber meine zwolf Sous noch gern mein Errothen fur das seinige, als er mich erkannte, setzte mich geschwind wieder in meine Chaise und fuhr unter lautem Gelachter davon.
Wie gern hatte ich noch zwolf Sous bezahlt, wenn ich fur diesen Preis meine Ueberraschung der schonen Clitoris9 der damaligen Redoute hatte abtreten konnen, um sie uber die teterrima belli causa, wie es der spitzige Horaz nennt, schamroth zu machen, durch die sie die Wurde eines Hofmanns gegen einen Hamstertrager aufs Spiel setzte. Du ubernimmst wohl dieses Geschaft in meiner Abwesenheit, das Dir ohne Zweifel zu einem desto ungestortem Triumph im jetzigen Karnaval verhelfen wurde; konnte Dir mein Tagebuch nur zeitig genug diese wichtige Nachricht zufertigen.
Ohne meine gute Laune zu verlieren, die ich aus der Bude Deines Rivals mitnahm, fuhr ich in Einer Strecke nach Yvri. Hier warf ich mich aus eine steinharte Matratze und erwachte Gott! wie ich immer erwachen mochte! Ich fand meinen Wagen, als ich fort wollte, mit einer Menge bettelnder Kranken umgeben, die keinen bessern Zeitpunkt hatten treffen konnen, denn der Antrieb, wohl zu thun, brauste durch alle meine Adern. Ein gemeines Almosen war mir in meinem weit umfassenden Gefuhle zu klein. Ich offnete den Sitz meines Wagens, und theilte, ohne mich zu bedenken, den ansehnlichen Vorrath meiner theuern Arzeneien unter diese Hulfsbedurftigen aus.
Ein Soldat mit einem holzernen Arm erhielt zwanzig Portionen von dem Luftsatze des Freiherrn von Hirschen; achtzehn waren noch ubrig, die ich unter eben so viel Kinder vertheilte. Eine uralte Frau, die uber nachtliche Anfechtung des Teufels und uber Schlaflosigkeit klagte, beschenkte ich mit meinem Elixir aus Bruchsal nebst der Adresse. Unter den ubrigen Hausen von Schwindsuchtigen und Bleichen theilte ich meine Magnettropfen, mein Glaubersalz und meinen Zwieback aus. Eine schlanke Gestalt mit einem Madonnengesichte befand sich unter den letztern. Ihr wurde vermuthlich die Desorganisation sehr gute Dienste geleistet haben, hatte ich das Ding nur verstanden, oder Zeit und Lust gehabt, einen Rapport unter uns aufzusuchen. Ich gab ihr indess, bis ein Meister der Kunst auf sie trifft, eine noch unberuhrte Schachtel temperirenden Pulvers, der einzigen Arzenei, deren ich mich wahrend meiner Reise nicht benothigt gefuhlt hatte; und nun warf ich mich geschwind in den Wagen, um mich den Lobspruchen und Danksagungen zu entziehen, mit denen mich dieser ungluckliche Haufen von Menschen ubertaubte. Mein Herz war erleichtert. Nicht so klein, die Kosten zu uberrechnen, die ich mit diesem Geschenke weggab, ungeachtet sie gewiss mehr betrugen, als vielleicht der reichste Mann nicht bei so fruhem Morgen unter Arme vertheilt, kam mir nicht einmal die Besorgniss in den Sinn, dass ich mich selbst durch meine unbegranzte Freigebigkeit, aus den Fall eigner Noth, hulflos gelassen habe. Nur Betrachtungen des menschlichen Elends, nur belohnende Empfindungen der Gabe des Mitleids, die ich in Berlin nie in diesem hohen Grade wurde gekannt haben, verkurzten mir den Weg. Gesegnet sei der Mann, der das Reisen erfand, und dreimal gesegnet der trefflichste meiner Freunde, der mich aus dem todtenden Staube meiner Bucher hervorzog, und meine kleinsten Tugenden in Bewegung und in die gluckliche Lage setzte, sie anzuwenden! Ich flog leicht wie ein Zugvogel uber die Echellen. Einige Stunden Schlaf, die ich zu Lyon im Vorbeigehen mitnahm, starkten mich zu einer Rastlosigkeit, deren ich mich nie fahig geglaubt hatte, und die, mit dem herrlichsten Wege und der Thatigkeit der Posten verbunden, mich die folgende Nacht nach P a l u , und den Morgen darauf aber welch ein Morgen! nach Nimes brachten, wo ich den artigen Pavillon bezog, den ich nun, nebst seinem daran stossenden Gartchen, schon einige Wochen bewohne, ohne dass ich mich nach einem andern, als dem Dir gewidmeten Geschafte umsah, mit meinem Tagebuch in Gang zu kommen.
Ich bin es nun, theuerster Freundund schreibe dir in diesem Augenblicke unter der kleinen Wolbung zweier sich umarmenden fruchtvollen Granaten-Baume, die mich doch kaum vor dem Eindringen der Sonne schutzen. Aber wo soll ich Worte, ohne sie an allen Ecken zusammen zu suchen, hernehmen, dir das ganze Gluck meiner bis jetzt gefuhlten Existenz anschaulich zu machen? Welche Reize der Neuheit fur einen Deutschen umflossen den lachenden Wintermorgen, an dem ich Besitz von meiner heimlichen Wohnung nahm! Sie schwebten den Mittag um die Kost meines kleinen Karthauser-Tischchens, um die jungen Erbsen, Erdbeeren und Feigen her, mit denen er besetzt wurde. Ein wolkenloser Abend, von dem Du keinen Begriff haben kannst, voller Hoffnung eines gleich schonen Morgens, zauberte mich in den friedlichsten Schlaf; und diesem Tage glichen alle die folgenden, die ich bis heute in diesem Lande verlebt habe. Indess nun meine Seele, wahrend dieses korperlichen Wohlbehagens, sich von dem Glucke ihrer teilnehmenden Empfindung belastet fuhlt, sage, woher soll bei diesem Zusammenstromen geistigen und leiblichen Lebens, das vielleicht nie ein Gelehrter in dieser Verbindung gekannt hat, woher sollte unsere, fur den Hausbedarf zwar nothdurftig gebildete fur hohere Gefuhle aber immer noch arme Sprache zu einem Kraftworte kommen, das die Seligkeit dieses Zustandes bezeichnet? Die Metallurgie hat eins fur den Schimmer, den das durchgluhte kochende Erz auf eine Sekunde von sich wirft, wann es, von allen beigemischten fremden Theilen gereinigt, den hochsten Grad der vollendeten Scheidung erreicht hat ein Wort, das ich ihr mit Vergunst der Obern entlehne. Diesen Tag also mit seinem Anhange erlaube mir, lieber Eduard, den Silberblick meines Lebens zu nennen! Mochte er nicht auch, wie bei den edeln Metallen, nur ein Schimmer und der Uebergang zur Verkuhlung nicht auch schon der Anfang seiner Verdunklung seyn! Aber wie kann hienieden Reinigkeit mit Brauchbarkeit fur die Welt bestehen? Werden nicht Metalle und Seelen nur desto mehr an innerm Gehalte verlieren, je geschwinder sie unter den Handen des Kunstlers eine nutzliche Form erhalten, und unter dem Geprage eines Fursten in Umlauf gesetzt, und verdammt werden, Handel und Wandel auf ihren Markten zu fordern?
Aber Jerom winkt mir ich schweige. Ich respektire seine Warnung, seitdem es mir wahrscheinlich wird, dass seine Weissagungen nicht so ganz unerfullt bleiben werden, als es mein Starrsinn des vorigen Monats gegen ihn behauptete. Freude, Lachen, Mussiggang und Muthwillen scheinen uber meinem Schreibtische zu schweben, mir die Feder zu fuhren und mir die Worte unvermerkt zu vertauschen; ja, hatte mich nicht das heilige Versprechen, das Du mir abnahmest, an mein Tagebuch gefesselt, o sie wurden mich schon gern weit von ihm hinweg, in andere Irrgange verlockt haben, als die sich um die Blumenbeete meines kleinen Gartens schlangeln.
Keine Reisebeschreibung von Inhalt, keine statistisch und politisch praktischen Bemerkungen, keine Munz- und Antiquitatensammlungen, keine Untersuchung des Bodens und der Schichten der Berge Was war es nicht alles, das Du Dir verbatest? Guter Freund! Du hattest Deine Ausnahmen sparen konnen; denn kaum habe ich Zeit, Dir nur zu geben, was ich Dir schuldig bin, kaum Zeit, das Votivgemalde zu entwerfen, das ich meinem Erretter gelobte! In dieser Art Malerei ist es Herkommens, dass sie nicht nach der Kunst, sondern nach der guten Absicht beurtheilt und geschatzt wird, und schickt sich also besonders gut fur meinen ungeubten, fluchtigen Pinsel. Die Wahrheit soll indess desto weniger dabei verlieren; und findest Du ja, dass hier und da die Farben zu stark aufgetragen, sich nicht genug in einander verschmelzen, so darfst Du nur das Stuck ein wenig hoher hangen, als gewohnlich; es wird schon seine Wirkung thun. Hange es so hoch, dass es kein myopisches Auge einer Dame, keine Brille eines Doktors erreichen kann. Ich bin unter dem Schutze des Merkur, in dem Garten der Circe, male nur meinem Freunde, und male nach der Natur.
Hier, wie Du denken kannst, giebt nicht die
Langeweile
Mir Arbeit in die Hand. So susse Stunden theile
Nur Freundschaft unter sich! Der blonde Phobus sieht
Mein Morgenopfer gern. Wie freundlich uberzieht
Sein Goldstrahl mein Papier, und trocknet jede Zeile,
Die meinem Schwanenkiel entflieht!
Sprich selbst, verdient' ich wohl die Milde seiner
Strahlen,
Wenn ich mit deutscher Autorhand
Es unternahme, D i r die Scenen aufzumalen,
Die ich, bleich durch die Zeit, verderbt durch
Unverstand,
Im Staube wurmichter Annalen
Und im Lombard des Irrthums fand?
Nein! Freund, ich und das Ding, das jetzt mit goldnem
Flugel
An meiner Feder lauscht, jetzt schnell sich wieder hebt,
Und nun im Thal und auf dem Hugel,
Und immer nur auf Blumen schwebt,
Wir lassen gern dem tragen Igel,
Der Schnecke, die am Boden klebt
Obgleich ihr Seherohr in's Empyreum strebt
Sehr gern den philosophischen Zugel,
Den ihnen die Natur gewebt.
Den 7ten December.
Seit vier Tagen schon, mein Eduard, habe ich einen grossern Zirkel um mich geschlagen, den ich nach und nach, wie es sich fur einen Genesenden schickt, immer mehr erweitern werde. Da habe ich nun, ohne es zu ahnden, Dinge hinein gezogen, die es wohl verdienen, dass ich sie abzeichne. Ich hatte mich zum erstenmale, und nicht viel uber hundert Schritte, von meinem Pavillon entfernt, als ich auf ein Menschenwerk stiess, das wie soll ich sagen? den Anstand einer Konigin unter dem Flitterstaat einer gemeinen Buhlerill verrieth; ein vollkommen erhaltenes romisches Bad, frisch ubertuncht, mit neuern Bildsaulen und einem Garten voll Hecken umgeben.
Ich wusste lange nicht woran ich war, bis mir das glucklichste Ungefahr einen Tagelohner herbei fuhrte, der selbst Hand an die Entdeckung dieses herrlichen Werks gelegt hatte. Der ausgemachteste Antiquar hatte mir schwerlich mehr Genuge thun konnen, als dieser Mann. So sehr er Franzos war, so gestand er nige Zeit nach der Entdeckung in seinem ehrwurdigen Alterthum da stand, weit besser gefallen habe, als jetzt. Sein Urtheil kam mir sehr glaubhaft vor. Dieses machte ihn so beredt, dass ich unterrichtet genug ware, Dir die ganze Begebenheit, an der er so wichtigen Antheil nahm, bis auf den letzten Schaufelwurf seiner Hande darzustellen. Vor dieser Epoche wurden weisse Wasche und reine Teller fur den grossten Luxus eines hiesigen Einwohners gehalten. Seit vierzig Jahren ist diesem Mangel durch das wieder aufgefundene Geschenk, das die prachtigen Romer dieser Provinz machten, ganzlich abgeholfen. Du kannst Dir also einen Begriff von der Freude des schmutzigen Volks machen, als der Schutt nun weggeraumt war, der einen solchen Reichthum verbarg, und nun auf einmal der verhaltne Strom mit Getose hervorbrach.
Der stolze Quell, den einst Agrippens Zauberstab
Aus Felsen schlug, warf jetzt die tausendjahr'ge Burde
Der Barbarei in susser Hoffnung ab;
Bei'm Zuruf eines Volks, das seinen Glanz umgab,
Verliess der Held mit Rumerwurde
Auf F l e u r y s Ehrenwort sein Grab.
Doch kaum entfielen ihm die unverdienten Bande,
Die seinen Korper wund gedruckt,
So ward auch, zum Beweis, in wessen Konigs Lande
Die Auferstehung ihm gegluckt,
Der edeln Stirn manch Brandmal aufgedruckt,
Und mit Gerausch dem romischen Gewande
Manch Modequastchen angeflickt.
So viele Prevenanc' erschreckte
Den edeln Greis. Er freute sich
Der klugen Zeit nicht sonderlich,
Die seinen Eichenkranz mit Flittergold bedeckte,
Und seinen Harnisch uberstrich.
Der schmeichelhafte West umsauselt
Umsonst sein weiss gepudert Haar:
Schwermuthig denkt er nur, wie es noch ungekrauselt
Die Zierde seiner Jugend war.
Denn ach! um seinen Scheitel schweben
Die Wunder noch der alten Zeit,
Und alle seine Glieder beben,
Bei jedem Aufblick in ein Leben,
Das mit dem Sklavenjoch verfeinter Hoflichkeit
Den freigebornen Mann bedraut.
Er blickt im Drange seines Schmerzens
In's Silber seiner Wellen hin,
Aus dem das Bildniss einst des frommen Antonin
Rein, wie der Abdruck seines Herzens,
Aus blauem Grunde wiederschien;
Und richtiger als selbst Voltaire
Wiegt er die Zeit von Ludwig und August,
Und leise, dass es nicht der strenge Klerus hore,
Bejammert er der alten Kunst und Ehre
Unwiederbringlichen Verlust.
Den 8ten December.
So viele Reize dieser Spaziergang fur mich hat, so muss man ihn doch in der Abendzeit besuchen, um ihn in seiner ganzen Schonheit zu sehen; nicht nur desswegen, weil die malerische Dammerung die frischen Farben ein wenig bleicht, mit denen dieses Denkmal verunstaltet ist, und es dem Auge in dem graulichen Anstriche wieder giebt, das seinem Alter so wohl ansteht: nein, es rufen einen wieder auflebenden Jungling, wie ich mich fuhle, noch andere, ihm nahere Lockungen, in diese ausgezeichnete Gegend. Ein Tempel der Gottin der Keuschheit, der nicht weit vom Bade, von dusterm Gebusch umschattet, in seinen Ruinen liegt, tragt am meisten zu den Pittoresken des Ganzen bei. Zahlreiche Wallfahrten stromen dem Tempel zu, so bald sich der Abendstern am Himmel zeigt. Du fuhlest, dass Du auf heiliger Erde wandelst, wie Du Dich ihm naherst. Schauer der Vorwelt ergreifen Dich, und nicht leicht wirst Du irgendwo ein gemachlicher Platzchen finden, dem Gedanken nachzuhangen, in welchem ich und Du, Salomon Lucian und die Propheten einstimmig zusammen treffen: "Wie doch alles hienieden so eitel ist!"
Ich bin hier einige Abende nach einander hinter dem Mondscheine hergeschlichen, und meine Einbildungskraft kehrte nie unbefriedigt zuruck. O dass Du, von Deinen tobenden Winterlustbarkeiten geborgen, Arm in Arm mit mir dieses Gebusch durchirren und mit eigenen Augen sehen konntest, wie holdselig hier, auch in einer December-Nacht, Cynthia die sauselnden Blatter der Silberpappeln und des Epheu's durchzittert, der die gespaltenen Mauern ihres Tempels umflochten halt!
Oft sucht ihr Seitenblick auf den verfallnen Thron
Umsonst nach Huldigung und koniglichen Rechten;
Ihr guter Ruf sogar war' als ein Rauch entflohn,
Gab' es nicht Nymphen hier, die fur ein Gotteslohn
In susser Schwarmerei ihn zu erhalten dachten!
Kein Madchen ist zu jung und es gelingt ihm schon
Der Gottin einen Kranz zu flechten
Versteh mich recht in lauen Nachten,
Als Freundin des Endymion.
Wie viele schleichen nicht aus ihrem Opferhaine,
Wie Priesterinnen ziemt, blass, schuchtern und
verstummt,
Mich Lauschenden vorbei, die erst in Lunens Scheine
Geich Bienen um mein Ohr gesummt!
Und Du, der jetzt vielleicht mit Schnee und Sturm im
Streite
Mich, ohne Neid, aus dem Gesicht verlierst,
Gross wie ein Gott Dich dunkst, wenn Du an Lottchens
Seite,
Die Du, betaubt vom schallenden Gelaute
Des Schlittens, im Triumphe fuhrst,
Nur alle Finger nicht erfrierst;
Mein trauter Freund! ich bitte Dich, entferne
Doch ja den Stolz, der sich in Deinem Busen regt,
Und wisse, dass der Weg, den ich hier wandeln lerne,
Nichts weniger als Dornen tragt.
Blick einmal nur, wenn es Dir nichts verschlagt,
Auf meine magische Laterne,
Und sieh erstaunt, was hier der Glanz vom
Abendsterne
Fur Schatten an der Wand bewegt!
Den 12ten December.
Ich habe die letzten Tage der vergangenen Woche, wider das Verbot des guten Jerom, meine Berge und Thaler, in denen ich verwickelt war, und meine eigene stille Gesellschaft verlassen, um mich in eine zu werfen, die man hier und uberall die Gute nennt. Ein Besuch bei dem Eveque, einer bei dem Intendanten das hatte so hingehen mogen, wenn es dabei geblieben ware. Doch wie kann es das? Die ersten Leute an einem Orte sind immer mit einem Zirkel umringt, daran ein jeder Punkt die nehmliche Aufmerksamkeit von einem Fremden verlangt, wenn die Reihe an ihn kommt; und keiner, so klein er ist, will uberhupft seyn. Nun treten ihre Hoflichkeiten in derselben Ordnung um unser Individuum her, bis es endlich mude und matt auf seinen eigenen Schwerpunkt zuruck fallt. Mich verwickelt immer diese hergebrachte Sitte der grossen Welt in Schwierigkeiten, aus denen ich mich nie recht zu ziehen weiss. Spiel und Souper sind gegenwartig die ersten Morgenbegrussungen, von denen ich hore, und die mich endlich auch von hier verjagen werden, wie von Berlin. Ich habe nun einmal keinen sellschaftlichen Vergnugens, um das sich doch leider! gross und klein herum dreht.
Bei dem Bischof lernte ich indess eine seiner Verwandten kennen, die ich auch nachher oft und gern wiedersah; die Marquise d ' A n t r e m o n t . Durch die Musenalmanachs sind einige ihrer weiblichen Arbeiten bis nach Deutschland gekommen; die grossere Anzahl ist aber auf dem Grund und Boden gesunken, wo sie entstanden, und halten ein strenges Inkognito. Das Gefuhl fur die Dichtkunst ist eine Art Freimaurer-Geheimniss, das seine Anhanger in allen Himmelsstrichen eben so bald vertraulich an einander bindet, als jenes die seinigen. Wir erkannten uns in der ersten Viertelstunde, und wechselten, wo nicht unsere Herzen, doch unser gegenseitiges Zutrauen aus, und ich danke ihr schon jetzt mehrere recht vergnugte Stunden.
Zwar nicht wie Hebe jung, doch der Empfindung treu,
Die wir gern geben, gern empfangen
Wie sanft vertreibt ihr Lied die Blasse meiner Wangen
Und macht mir Wein und Liebe wicher neu!
Kann wohl ein Kranker mehr verlangen,
Den deutsche Barden langst mit ihrer
Wasserscheu
Und M o n d s u c h t hypochonbrisch sangen?
Doch glaube nicht, dass sie, die mit Anakreon
Verschwistert scheint, drum auch Cytherens Sohn
Den Zoll so leicht, als ich es wunscht', entrichte.
Trotz ihrem lockenden Gesichte,
Wird keiner satt bei ihrem Lohn;
Kein Sunder wie Saint-Preux, ob sich gleich mancher
schon
Als Beichtkind ihr genaht und ob sie gleich die Nichte
Des Bischofs ist, vernahm in ihrem Scherzgedichte
Ein Wortchen noch von Absolution.
Es war auch noch ein Dichter, und mich wundert, dass es nur Einer war, in dieser Gesellschaft; ein reicher, stattlicher Mann, der eine Revolution in Portugal geschrieben hat, ohne eine in der Dichtkunst zu machen. Er that mir die Ehre, noch ehe wir beide unsere Namen wussten, mich mit der dritten Auflage seines Trauerspiels zu beschenken. Diess gab mir Anlass, mich naher nach ihm zu erkundigen, und man machte mir eine beneidungswurdige Schilderung von seinem glucklichen Genie. Der Mann thut in allem Wunder was er unternimmt! Sein Vater war ein gemeiner Kramer, und Er? Er ist Baron und Besitzer einer grossen Domaine, von der er den Namen fuhrt. Er wunschte die reizendste Frau im Lande, und erhielt sie; den besten Koch, ein prachtiges Haus und Freunde die Menge der Himmel gewahrte ihm das eine, und das andere konnte ihm nicht fehlen. Keine Phantasie stosst ihm auf, er kann sie befriedigen Nur bei guten Versen geht es ihm wie Pharao's Zauberern bei den Lausen; er kann sie nicht nachmachen, und muss sagen: lesen; das ist alles was ich fur ihn thun kann.
Den 13ten December.
Es wird wohl nichts fur mich ubrig bleiben, als
krank zu werden, wenn ich wieder in mein voriges Gleis kommen will, aus dem mich meine neuen hoflichen Bekanntschaften drangen.
Ich kam eben nach Hause von dem schonsten Mor
gen erheitert, voller Friede und Freude, und in keiner andern Absicht, als meinen Hunger geschwind abzuthun, um bald wieder zu der Natur zuruck zu eilen. Da kommt mir Johann mit einer Einladung zum Spiel und Abendessen und mit einem Befehl der Marquise d ' A n t r e m o n t entgegen, sie auf der Esplanade aufzusuchen und in das Schauspiel zu begleiten. Man giebt den honnete kriminel, ein Lieblingsstuck der hiesigen Einwohner, weil es uber eine wahre einheimische Geschichte gemodelt ist. Sie will mir vorher noch den braven Mann kennen lehren, der durch seine tugendhafte Handlung der Held dieses Drama's geworden ist, Fabre heisst, und nicht weit von hier sein Handwerk als Strumpfwirker treibt.
Die Tugend hat auch ihre Genies! Vielleicht hat sie
deren mehrere noch als die Wissenschaften Nur bemerkt man sie seltener, weil es schon nicht mehr Tugend seyn wurde, wenn sie, wie jene vorzuglichen der Welt zu machen, um, nach einem gewohnlichen feinen Missverstande einer guten Lehre, ihr Licht leuchten zu lassen vor den Leuten. Das ist jedoch nicht der Fall des ehrlichen Fabre Er ist unschuldig an seinem Rufe. Die prahlende Menschenliebe des Ministers Choiseul entzog ihn der despotischen Strafe, die er freiwillig seinem Vater abgenommen hatte, und seine Mitburger, die ziemlich gleichgultig gegen sein Schicksal waren, ehe noch am Hofe davon gesprochen wurde, brusten sich jetzt mit seiner Tugend, als einer Seltenheit ihres Landes seitdem sie Aufsehen gemacht hat, und auf dem Theater gespielt wird.
Dachte ich's doch, dass es so gehen wurde! Ich habe in der Gesellschaft, mit der ich den Abend zubrachte, den Artigen so gut gemacht, als es mir moglich war: dafur busse ich jetzt in der Nachtmutze, meinem Sammtrocke gegenuber, nur desto empfindlicher den Zwang, den ich meiner Natur anthat. Missmuthig sitze ich da, und suche die widersprechenden Gefuhle zu vereinigen, mit denen mich die feine Welt entliess. Meine Augen verlangen Schlaf, und mein wohl genahrter Korper verlangt Bewegung Ich habe viele witzige Sachen gehort, und doch umschleicht eine hassliche Migrane meinen Hirnschadel, von der ich jeden Augenblick befurchte, dass sie ihn ergreifen wird.
In solchen Umstanden finde ich bei meinem Tagebuche noch die beste Erleichterung. Es ist mir in Deiner Entfernung der trauliche Freund, dem ich mein Herz ausschutte; es zieht meine Gedanken von den unnutzen Nachforschungen ab, die ich ausserdem auf meine schwierige Verdauung heften wurde, und lasst den Schlaf nicht eher zu, als bis sich Seele und Korper die Hand bieten. Ich habe also diessmal einen Beruf mehr, Dir die Vorfalle meines heutigen Tages zu schildern.
Du kannst nicht denken, liebster Freund, was fur einem albernen Auftritte ich diesen Nachmittag entgegen ging. Ich fand die Marquise mit dem redlichen Fabre auf der Esplanade, und seine Geschichte ward, nach unserer geschwind gemachten Bekanntschaft, der Hauptinhalt unsers Gesprachs. Er musste mir erzahlen, wie lange er die Stelle seines Vaters auf den Galeren vertreten hatte. Er freute sich mituns, dass seit seiner Befreiung protestantische Prediger keine Strafe mehr zu befurchten hatten, wenn sie, wie sein Vater, im Stillen ihre Pflicht thaten; malte mir in naturlichen Ausdrucken den Zustand seiner Seele, wahrend sein Korper in Ketten lag, und wie ihn der Gedanke an seinen guten Vater und an seine Geliebte, die den Werth seiner That erkannte, gestarktund wie ihn das Bewusstseyn, rechtschaffen zu handeln, mitten in seiner Muhseligkeit uberreichlich belohnt hatte, und ruhrte mich durch seine ungezwungene Erzahlung bis zu Thranen.
Wahrend dieser Unterredung, und da wir eben eine Seitenallee einschlugen, sahen wir am Ende derselben einen dunkeln Rock, der sich durch einen blinkenden Stern schon in der Entfernung auszeichnete. Wir sprachen ungestort fort, ohne auf diesen Stempel des Verdienstes weiter zu achten, und das war eben mein Ungluck.
Die Figur war immer naher geruckt, und ehe ich ausweichen konnte, fand ich mich schon von den Armen des unertraglichen Ritters der Annonciade, des Grafen von ** umschlungen. Ich beantwortete seine Fragen, seine Umarmungen und sein Erstaunen so verlegen, wie zu Berlin, und stotterte in der Angst den Namen der Marquise, an die er sich nun mit seiner zweiten Verbeugung wendete. Ich hatte voraus sehen konnen, wie geschwind er dies; fur eine Aufforderung halten wurde, sich in seiner Starke zu zeigen Gott weiss, ob er's that! Der entscheidende Ton, der ihm eigen ist, seine verungluckte Diskant-Stimme, sein musiver Witz, sein Elsterlachen, vertrieben nur zu bald jedes Merkmal voriger Zufriedenheit aus unser aller Gesichtern.
Um seiner los zu werden, verfiel ich auf das einzige Mittel, das uns bei einem Schwatzer ubrig bleibt: ihn selbst zu verlassen. Ich sah nach meiner Uhr und fragte die Marquise: ob es nicht Zeit sei in die Komodie zu gehen?
Kaum war diese Frage entwischt, so that er den Sprung der Verwunderung zuruck.
"Bei dem Gotte des guten Geschmacks!" quakte er: "was wollen Sie in der Komodie machen? Doch" ... erholte er sich wieder: "meinetwegen sollen Sie Sich nicht abhalten lassen. Das heutige Stuck ist zwar, nach dem Zettel, auf den ich dort an der Ecke im Vorbeigehen einen Blick warf, in der That keines der ersten. Die Scenen sind matt, und das ganze Sujet ist unter der tragischen Wurde. Indess dergleichen Missgeburten gehoren ja zur herrschenden Mode! Vor vielen Jahren wurde es sogar m der Hauptstadt aufgefuhrt Doch das beweis't freilich nichts fur seine Gute!"
"Der Kenner klagt auch dort, die Buhne sei, zum
Schimpfe
Des heutigen Geschmacks, bei'm Tode Casars leer.
Allein was schadet das? Weint etwa das Parterr
Beim Centfall einer Bauernnymphe
Um einen Tropfen weniger?
Sonst hatten wir mit Kronen nur Verkehr.
Diess ist vorbei Kein Mensch, wenn ich die Nase
rumpfe,
Giebt Acht darauf. Jetzt trabt kein Ritterheer,
Kein Konig in Triumph auf unsern Buhnen mehr,
Denn unser Mode-Held wirkt Strumpfe."
Das Blut stieg dem ehrlichen Fabre in das Gesicht. Die Marquise erschrak, und ich, der ich mich als die erste Ursache dieses groben Ausfalls meines witzigen Landsmannes ansah, mir vorwarf, dass ich unsern ehrlichen Begleiter nicht zur rechten Zeit dem Grafen vorstellte was ich in diesem Augenblicke empfand, das wirst Du Dir selbst sagen. Ein Fehler folgte in dieser unseligen Stunde aus dem andern.
"Lieber Graf," sagte ich, um die Sache gut zu machen, "vergeben Sie mir, dass ich Ihnen diesen Herrn noch nicht bekannt gemacht habe. Es ist eben der rechtschaffene Herr Fabre, dessen ruhrende Geschichte der Inhalt des heutigen Stucks ist. Ihr Epigramm kann in Absicht der Ausfuhrung dieses Schauspiels sehr wahr seyn: das wird Sie aber gewiss nicht abhalten, der That selbst, die zum Grunde liegt, und den Verdiensten dieses edeln Burgers Ihre schuldige Achtung zu schenken."
Ich Unbesonnener! Was fur ein Gewitter erregte ich!
"Ein edler Burger! Welch ein Schrecken
Ergriff sein deutsches Ohr bei dieser Dissonanz!
Ihm stieg der Kamm, sein Auge schwamm im Glanz,
Und ausgeschmuckt mit Panzer, Helm und Decken,
Trabt' er einher auf seinem alten Schecken
Gerade los auf Fabers Eichenkranz.
Doch ich, dem jetzt der Retter seines Vaters
Und deutsche Ritterschaft gleich nah' am Herzen lag,
Fand noch, so schwer es war, ein Mittel zum Vertrag:
Sprach mit dem vesten Mann von der Entree des
Praters
Und von dem neusten Ritterschlag,
Mit Fabern vom Getos des bunten Welttheaters
Voll Helden, die doch nur der letzte Probetag,
Der alle Masken hebt, zu wurdigen vermag.
So mischt' ich schlau mit Ernst und Spotte
Die Karten so, dass mein verdecktes Spiel,
Mit zwei Gesichtern, gleich dem Kriegesgotte,
Den beiden nach verschiednem Ziel
Hinstrebenden, gleich wohl gefiel,
Und so wurd' ich kraft jener Menschenkunde,
Die mich der Hof, die Welt und mein Gefuhl gelehrt,
Von Freund und Feind mit einem Munde
Als Kenner des Verdiensts geehrt."
Da ich es so weit gebracht hatte, bot ich der Marquise den Arm, und eilte mit ihr aus der Atmosphare des Schwatzers, um mir in der Loge den Angstschweiss abzutrocknen, in welchen mich dieser Auftritt gesetzt hatte. Der gute Fabre begleitete uns, und ich hoffe, dass ihn die Empfindungen, die ihm wahrend der Vorstellung seiner guten Thaten aufsteigen mussten, und der Beifall, den ihm das Parterre zuklatschte, mehr als hinlanglich fur das Vorhergegangene entschadigt haben soll. Mir erlaubte mein Verdruss nicht, dem Stucke die Aufmerksamkeit zu schenken, Grafen, und trug meine Zerstreuung und Laune mit in die Gesellschaft uber, von der zu meinem Vergnugen der ehrliche Fabre, trotz seiner Zunftmassigkeit, nicht ausgeschlossen war. Um den Grafen bekummerte sich kein Mensch ausser mir, dem immer noch seine Narrheit vorschwebte. Ich war froh, als Schauspiel, Kartenspiel und Souper uberstanden war, und bin jetzt noch froher, dass ich mich mude geschrieben und nun die nahe Hoffnung habe, meine heutige Aergerniss zu verschlafen.
Den 14ten December.
Meine erste Sorge, als ich erwachte, war, auf die Post zu schicken und Erkundigung einzuziehn, ob der fremde Herr mit dem Sterne fort sei, und verschloss unterdessen meine Thure, bis die Antwort zuruck kam, aus Furcht vor seinem Ueberfalle. Kaum horte ich, dass er zwar Postpferde, doch erst auf den Nachmittag bestellt habe, so entschloss ich mich ganz kurz, liess mir ein gutes Fruhstuck geben, that Verzicht auf mein Mittagsmahl, eilte nach meiner lieben Fontaine; und da ich mich auch da noch nicht fur sicher genug hielt, erstieg ich den hohen Berg, der daran stosst. Nun erst schopfte ich Athem, und sah in der stolzen Sicherheit einer einsamen Gemse auf meinen Verfolger herab, und in kurzem verschwand Dank sei es der
Ein unformliches, uraltes, hohes, zugespitztes Gewolbe auf der Mitte dieses Gebirges, an welchem die Untersuchungen des herzhaftesten Antiquars scheitern, dominirt hier, wie eine Bischofsmutze, uber das unter ihm ausgebreitete Land. Das gemeine Volk nennt dieses sonderbare Gebaude "den Leuchtthurm, vermuthlich um dem Kinde einen Namen zu geben, da der Augenschein lehrt, dass ihm dieses Beiwort so wenig zukommt, als der Magistertitel einer Schildkrote. Die Romer fanden es schon zu ihrer Zeit in der nehmlichen Gestalt. Mir scheint es von Dummkopfen fur die Ewigkeit gebaut zu seyn, die hier zum erstenmale ihre Absicht erreichten. Nach der leblosen imposanten Ruhe, die diesen Thurm umgiebt, wurde ich zwar noch lieber glauben, dass er von Tauben und Stummen dem G o t t e d e s S t i l l s c h w e i g e n s zu Ehren errichtet sei, wenn es mir nicht zu wehe thate, einem s o l c h e n Gotte einen so barbarischen Tempel anzuweisen."
Die Andacht findet indess uberall das hohere Wesen, von dem sie voll ist, und so ging es auch mir. Ich fuhlte mich gestimmt, dem Gotte, dessen Gegenwart ich ahndete, auf allen Fall mein Opfer zu bringen. Ernst und schaudernd blickte ich um mich her; die Knie zitterten mir; gemach sank ich auf ein bemoostes Felsenstuck, aus dessen Ritzen hier und da eine Lotosblume hervor spross, legte den Finger auf den Mund, und ein stilles Gebet stromte in frommem Entzucken aus dem geruhrten Herzen:
"Du Wesen, das zu mir beredter
Als Phobus und die Musen spricht,
Sei Du, bescheidenster der Gotter,
So oft mich Deiner Ehre Spotter
Umschnattern, meine Zuversicht!
Steh' im Gedrang der Gallatage
Mit Deiner Gegenwart mir bei,
Dass ich nur heimlich Dir es klage
Wie unbequem mir jede Lage
Am Hofe eines Fursten sei.
Errette mich, wenn ich der Thoren
Verdecktes Spiel, wenn ich zu nah
Des Midas konigliche Ohren,
Wenn ich Nicaisens Kopf beschoren,
Und Messmern in die Fenster sah!
Verhulle unter einem Kranze
Von Lotus mein emportes Haar,
Wenn mich aus ihrem Mittagsglanze
Die Gottin schrecket, die im Tanze
Des Abends meine Phryne war!
Beschutze mich vor Furstenrache,
Den Martern eines Struensee,
Wenn ich nach mancher Ehrenwache
In meines Sohnes Vorgemache
Unkenntlich wie Ulysses steh!
Und fuhre mich, den Mund verschlossen,
Durch Autor- und Sophistenschlamm;
Versusse meinen Zeitgenossen
Die Bitterkeit von meinen Glossen,
Und werde Du mein Epigramm!"
Hoch pochte mir das Herz wahrend dieser feierlichen Mette. Ich blickte wild in die Ferne, und stieg vom Rande des blauen Horizont's mit einem forschenden Blicke in die Zukunft, horte den Strom der Zeit rauschen, sah mich von seinen brausenden Wellen ergriffen, und als ein verwelktes Blatt fortschwemmen. Ich erschrak, sprang mit straubendem Haare von meinem harten Sitze auf, und verliess mit eilenden Fussen diesen Felsen des Harpokrat. Unachtsam auf den Weg, den ich nahm, kletterte ich von einer Steinstufe zur andern herab, und befand mich, ehe ich daran dachte, auf einer Wiese, die der Natur noch nicht abgewonnen, und der Grund eines Kessels von Bergen war.
Wie ich mich der Erde naher fuhlte, verschwand meine Schwarmerei, aber mein Bewusstseyn kehrte desto schreckender zuruck. Unwillkuhrlich hatte ich mich in dem Kreise des Gebirges gedreht, das mich umschloss, und die Spur verloren, die mich hierher fuhrte. In der Hohe, wohin mein starres Auge blickte, umzog mich nur das wolkenlose Gewand des Himmels, und keck grunendes Moos polsterte den Zirkel, in den sich vielleicht seit seiner Erschaffung kein menschlicher Fuss verirrt hatte, und in welchem ich jetzt, wie die Bildsaule des Erstaunens, ohne Bewegung stand. Die Sonne und alle himmlischen Zeichen waren fur mich verloschen Umsonst spannte ich mein Ohr nach einem Laute nur nach einem einzigen Laute der Schopfung und horte nichts als das Picken meiner Uhr.
Unnennbare Angst, die mich nun ergriff, starkte endlich meine wankenden Fusse zu dem Entschlusse, auf gut Gluck den ersten besten Radium dieses Gebirges zu erklimmen. Muhselig war mein Weg; oft glaubte ich vor Erschlaffung wieder zuruck zu sturzen: aber wie belohnend war auch endlich der Blick, den ich nun an dem errungenen Ziele in den Abgrund tha! An seinem Rande erholte ich mich wieder von meiner Mudigkeit und Angst, und bald zeigte mir menschliches Gefuhl wiederkommender Eitelkeit, dass ich gerettet sei. Ich versuchte zuerst meine erneuerten Krafte an einem ungeheuern Sandsteine, den ich kaum mit der grossten Anstrengung die wenigen Zolle fortbewegen konnte, die er vom Abhange des Felsen entfernt lag. "Du sollst," sagte ich, "das Monument meines Hierseyns werden." Und nach der Arbeit einer Stunde hatte ich das Vergnugen, ihn rollen, in seinem Falle die Felsenspitze abschlagen, und das tiefe Moos, in das er sich einsenkte, um ihn herum auffahren zu sehen. Hier wirst u vielleicht noch liegen, dachte mein Stolz, wenn die folgenden Jahrtausende alle deine gleichzeitigen Monumente grosserer Thaten und Verirrungen von der Oberflache der Erde weggespult haben und mit gutmuthigem Lacheln verliess ich diesen merkwurdigen Ort.
Da ich in einer massigen Entfernung auf dem Rukken des Gebirges ein grosses Gebaude erblickte, war ich ausser Sorgen. Dort werden vernunftige Geschopfe wohnen, dachte ich, und ward meinen kleinen Irrthum nicht eher, als nach einer guten halben Stunde gewahr. Du kannst denken, ob ich jetzt genau auf meinen Weg Achtung gab. Behutsam stahl ich mich auf die Seite, jeden Abhang vorbei, um nicht in die Verlegenheit zu kommen, mir noch ein Monument zu setzen, und so kam ich glucklich bis an die Mauern eines Klosters, eben in dem glucklichen Augenblicke, da die Gesellschaft aufbrach, um in die Abendmette zu gehen.
Ich hielt mich in gehoriger Entfernung von ihrem Zuge, der abwarts ging, trat, wie er fortruckte, immer weiter vor, sah mein liebes N i m e s unter mir liegen, und die weiss gekleideten Monche mit gesenkten Hauptern in einen, wo nicht der prachtigsten, doch geschmackvollsten Tempel treten, der, wie an den Fuss des Berges gelehnt, mir in das Gesicht fiel.
So lehnte sich in koniglicher Grosse,
Als Hirte noch, auf seinen Stab
Ismai's Sohn, im blockenden Getose
Der Herde Vieh's, die ihn umgab.
Kein Pilger geht vorbei ihn ruhret
Der Weisheit Ernst, diess sprechende Gesicht;
Nur seine Herde, die er fuhret,
Blocht um ihn her, und kennt ihn nicht.
Wie ein Wollust athmender Liebhaber aus fein berechneter Sinnlichkeit verweilt, um jeden einzelnen Reiz seiner Geliebten, den eine andere Stellung, eine andere Seite, ein anderes Licht ihm. gewahren kann, noch aufzufangen; wie er seinen Heisshunger bis zum Ungestum wachsen lasst, ehe er sich erlaubt, den letzten Schleier zu heben so verzogerte auch ich manche Minuteauf dem Schlangenwege, der zu diesem Tempel fuhrt, fing die Strahlen seines Glanzesin jeder Wendung auf, und genoss erst jede nach und nach hervortretende Schonheit meines Gemaldes, ehe ich mich dem Eindrucke des Ganzen Preis gab.
Meine Augen verirrten sich jetzt bald in dem spielenden Laubwerke, das die Corniche fullte, die, wie eine konigliche Binde, den Dom dieses Tempels umwand; bald weidete ich sie an der erhabenen Stellung und den herrlichen Verhaltnissen seiner kanelirten unversehrten Denkmals romischer Grosse, wurde mich vielleicht noch Stunden hindurch beschaftigt haben, wenn nicht der hastige Durchbruch der Monche meine weitschweifnde Einbildungskraft geschwind wieder in die jetzigen Zeiten versetzt hatte.
Als ihr Haufe beisammen und auf seinem Fortzuge begriffenwar, und nun auch der letzte Geweihte heraus trat, der dieses Heiligthum verschliessen musste, wagte ich es, mich ihm in demuthiger Stellung zu nahern, und um die Erlaubniss zu bitten, auch das Innere dieses trefflichen Alterthums zu bewundern.
"Sehr gern," antwortete der dicke kurz athmende Monch. "Ich will Ihnen alles zeigen alles erklaren."
Wir traten ein. Ein Blick schon uberzeugte mich, dass hier fur meine Art Schwarmerei nichts weiter zu thun sei, und die Erzahlung, mit der mich mein Begleiter, wahrend dass wir zum Hochaltare hin, und zur Halle, zuruck kamen, beschenkte, liess michohnehin auf nichts anders achten.
"Welch ein Ideal!" fing ich an das einzige Wort, das mir mir erlaubte: denn sogleich legte sich seine asthmatische Stimme darein, die unter ihrer Last von abgebrochenen Satzen und zerquetschten Sylben immer auszubleiben drohte, und ich kenne keine Muse so grotesk-komisch, deren Beihulfe mir die Nachaffung dieses Vorbilds erleichtern konnte. Hier hast Du indess, mein nachsichtsvoller Freund, einen gewagten Versuch. Hilf Deiner Einbildungskraft damit, so gut Du kannst! Lies ihn aber, wenn Du nicht allen Schatten der Wahrheit davon verlieren willst, nicht eher als nach einer guten Mahlzeit, und in einer Weste, die Dir zu eng ist So mochte es noch am ersten gehen!
Traulich verschlang der Monch meine durre Hand mit seiner fleischichten Tatze, und fiel mir, wie folget, in die Rede:
"Das Ideal
Zu dem Gebaude
Erfand einmal
Ein blinder Heide:
Ein Monch vor Zeit
Hat es erhandelt
Und Dunkelheit
In Licht verwandelt.
Doch lange stritt,
Sich hier zu setzen,
Maria mit
Der Heiden Gotzen.
Der Gott des Weins
Sass viele Jahre
Vor Anno Eins
Am Hochaltare.
Ihm ward das Glas
Und seine Venus
Sein Gratias
Und sein Oremus;
Der Gottin nur
Aux belles fesses
Las Epikur
Zuweilen Messe.
Auch sang zur Ehr
Dem stolzen Kaiser
Sich Flaccus mehr
Als einmal heiser.
Doch einst verhob
Ein schneller Husten
Sein Morgen- Lob
Lied auf Augusten,
Und aus dem Hals
Fuhr dem Cantori
Kein Wortchen als
Memento mori.
Mein Kamerad,
Auf alle Falle
Gefasst, vertrat
Sogleich die Stelle,
Ging hin verband
Sich mit Marien,
Das Messgewand
Ihm auszuziehen.
Er that's; da fiel
Todt auf den Boden
Der grosse Spiel
Mann suser Oden
Der Tempel roch
Nach Pech und Schwefel,
Und zeugte noch
Von seinem Frevel;
Und plotzlich sah
Man Gottes Schaaren
In Gloria
Vom Himmel fahren:
Ja, Freund, ein Schwarm
Schneeweiser Engel,
In jedem Arm
Ein Lilienstangel.
Umzog erstieg
Der Gotter Felsen.
Sieg! schrien wir, Sieg!
Aus vollen Halsen,
Und steckten bald
Die Siegesfahne
Der Monchsgewalt
Zum Wetterhahne
Seitdem verziehn
Hier funfzig brave
Sanct Augustin
Geweihte Schafe,
Geweihet, zu
Mariens, Fussen
Des Lebens Ruh
Ganz zu geniessen.
Sie schenkt uns Most
Aus fremden Kellern,
Und Laien-Kost
Auf Kloster-Tellern.
Drum bleibt der Zweck
Von unsrer Lehre
Der unbefleck
Ten Jungfrau Ehre.
Nun, Fremdling, geh
Und sag' es weiter
Gott aus der Hoh
Sei Dein Begleiter!"
Mit diesen Worten drehte er seinen schweren Schlussel herum, nahm sein Kappchen ab, watschelte nun ruhig seinen Mitgehulfen an dem Dienste der Maria nach, und liess mich in Erstaunen und in der wohlthatigsten Erschutterung meines Zwergfells stehen, die so lange anhielt, bis ich den Berg vollig von ihm erstiegen, und ihn seinem Kloster sicher wieder uberliefert sah.
Gehab dich wohl, fromme gutmuthige Einfalt! wunschte ich ihm hinterher. Dein Futter schmecke dir (ich habe nichts darwider) so lange wohl, als es Gott will! Und da du einmal so weit bist, so musse dich nie Zweifel, Wissenschaft und Aufklarung um die beruhigende Finsterniss deiner frommen Maulwurfsseele bringen! Der Weg, den du bis nach Sabinum zuruck gehen musstest, wurde fur dich zu ermudend seyn. Was kannst du dafur, dass deine Begriffe nicht in dem Ideenhandel eines Diderot, Buffon und d'Alembert gewonnen sind? Und was kannst du endlich dafur, dass du nicht so mager bist als ich?
Spat und erschopft kam ich in meine Wohnung; ich zeichnete nur noch die Bilder meines heutigen Tages in mein Buch, ohne die Einladungszettel, die auf meinem Tische liegen, eines Blickes zu wurdigen, trinke noch an einem erfrischenden Glase Wassers aus meistarkenden Schlafe mit jenem frohen Lacheln entgegen, wozu eine gute gesunde Seele sich bei menschlichen Thorheiten immer geneigter fuhlt als zu Thranen.
Den 19ten December.
Zwischen meinem letzten grossen Spaziergange und heute liegen vier traurig verlebte Tage, die unmittelbar hinter jenem her folgten in der Mitte. Ein boser Wind, denman la Bise nennt, durchschneidender und gefahrlicher, als keiner auf unserm Riesengebirge hat diese Lucke meines Tagebuchs verursacht, und mich zu einem Stillstande in der Laufbahn meines Vergnugens, und zu mancher harten Busse fur das kaum genossene verdammt. Ich bin wieder von Aerzten besucht und mit Arzeneien genahrt worden habe die durren Reiser eines ganzen Weinbergs verbrannt, und mich doch nur mit Muhe von der Menschendruse heilen konnen, die mich unter dem Namen la Grippe uberraschte, und von Haus zu Hause ging. Wie hatte ich diesem freundlichen Lande so eine Hinterlist zutrauen konnen? Aber die Sonne scheint wieder, und jeder Strahl von ihr bringt neues Leben, Freude und Gesundheit zuruck.
Es ist wohl Schade um die acht ungeniessbaren Tage, die ich verhustet habe, und die ich leicht besser keine Zeit ubrig bleibt, meinen Verlust einzubringen; denn, da ich gern auch die ubrigen Theile von Languedoc und die benachbarte nicht minder schone Provence durchstreifen, und in Bourdeau einen Vorsprung vor der heissen Witterung gewinnen will, die dort mit Anfange des Marzes schon druckend wird so bleibt mir fur N i m e s nicht viel mehr als eine Woche ubrig, und auch diese ist mir ausser dieser guten Stadt angewiesen. Mein kluger Arzt hat mir gerathen, sie auf dem Lande zuzubringen, um meine Erholung durch jene einfache Lebensart das Einzige, was in Stadten nicht zu erkaufen ist, desto sicherer zu befordern.
Diese Kur geht mir lange nicht so bitter ein, als sich der gute Mann wohl vorstellen mochte. Ich habe ohne Schwierigkeiten Anstalten zu meinem Abzuge gemacht, und meinen Johann schon heute auf die umliegenden Dorfer geschickt, mir eine Wohnung auszusuchen. Er weiss sehr gut, was mir behagt. Morgen will ich Abschied von der Stadt nehmen; bei dem Bischof und seiner Nichte personlich; bei meinen ubrigen im Flug gemachten Bekanntschaften durch Karten, wodurch die meisten erst, ehe sie das Blatt in den Kamin werfen, erfahren werden, wie ich heisse.
Johann ist zuruck, doch bin ich mit seinen Verrichtungen nur halb zufrieden. Er hat mir, glaube ich, das unbequemste Quartier gemiethet, das in der Gegend zu finden war. Freilich hat es nach seiner Versicherung so vieles andere Gute, dass ich, um billig zu seyn, die Eingeschranktheit nicht achten darf, in der ich hausen soll.
"Sie mussen," sagte er so trocken, als ob es Verordnung des Arztes ware, "mit Wirth und Wirthin in Einem Stubchen wohnen, das nicht allzu gross ist, mussen, an Einem Tische mit ihnen, vorlieb mit der Kost nehmen, die die Kuche eines Bauern vermag, und mussen dem Ehebette gegen uber schlafen."
"Kerl," fuhr ich auf, "glaubst Du, dass ich ein Dragoner bin?"
Aber Johann liess sich nicht storen "Mit solchen Menschen," fuhr er fort, "wie diese sind, ich weiss es im voraus, treten Sie gern in alle Verbindungen, wie sie moglich seyn wollen. Reine, unverdorbene Natur, die gluckseligste Hauslichkeit, und ein ..."
"Lass es damit gut seyn," fiel ich ihm in's Wort, und schuttelte den Kopf: "Erzahle nur ganz einfaltig und gerade, warum es eben ein so enges Stubchen seyn musste?"
"Ich hatte Ihnen zwar eben so leicht," antwortete Johann, "ein grosses, prachtiges, leer stehendes Haus, das dem Herrn des Dorfes gehort, miethen konnen, und es steht Ihnen immer noch frei, es zu thun Doch es wird keine Noth haben. Ich kenne Ihre Bedurfnisse, und mehr Frohlichkeit, Reinlichkeit und Dienstfertigkeit, als Sie in dieser Hutte antreffen, wurden Sie sogar in den schonsten Palasten Berlins vergebens suchen. Ich habe in einigen davon gedient, ehe ich zu Ihnen kam: aber aber ..."
"Gut, mein lieber Johann," sagte ich etwas beruhigter: "Morgen mit dem fruhesten trage meinen Namen in der Stadt herum, und ubermorgen mit Tagesanbruche wollen wir uns auf den Weg machen.
Den 20sten December.
Von dem heutigen Tage nichts, was sich der Muhe verlohnt! Es ist alles abgethan, was die leidige Hoflichkeit verlangt, und sogar von meiner poetischen Freundin ist mir der Abschied nicht schwer geworden. Meine Koffer habe ich meiner Hauswirthin, bis zu meiner volligen Abreise aus dieser Provinz, ubergeben, und bezahle ihr das Quartier auf den ganzen Monat. Sie wimmert, dass ich ihren Pavillon so bald verlasse, und schimpft auf die hassliche Grippe, die ihr schon manchen guten Fremden verjagt hatte.
Wirklich kann auch dem gesellschaftlichen Leben nichts nachtheiliger seyn, als der verwunschte Wind, der oft unversehens die schonsten Spiel- und Lustpartien aus einander staubert, und der Schnupfen, den er mitbringt. Er erschlafft alle Sehnen und erkaltet das Herz. Befallt er nun vollends Menschen von meiner reisst, nicht so geschwind wieder an seine Enden zusammen geknupft
Da die Winde hier einmal wie das andere ihren Strich halten, und nicht wie Salomons Winde blasen, wohin sie wollen; so hat man eine bequeme Karte, auf der man leicht ubersehen kann, welche Oerter ihrem Durchzuge unterworfen sind. Ware Nimes eine Meile seitwarts auf der Stelle des Dorfchens gebaut, das ich morgen beziehe, so wurden die Aerzte wenig hier zu thun finden, und ich hatte meinen Pavillon schwerlich so bald verlassen. Was wurde aus Nimes geworden seyn, waren die Romer so empfindlich gegen den Schnupfen gewesen als ich!
Den 21sten December.
Heute in der Warme eines Fruhlingsmorgens bezog ich mein Dorfchen, das den Namen C a v e r a c fuhrt, und nur anderthalb Stunden von der Stadt entfernt ist. Es ist einem Baron zustandig, der um seinen Konig herum kriecht, und sein Schloss unbesucht lasst, das ohne Hulfe unter seiner eigenen Pracht und Grosse erliegt. Die kleinen Bauerhutten, die es umzingeln, sehen wie Brocken aus, die Wind und Wetter von seiner Felsenwand abgespult haben: aber sie liegen sicher und ruhig, indess die zerstorende Zeit unermudet an dem Einsturze des nachbarlichen Kolosses arbeitet. das Johann, mit einem Gefuhl, das seinem Herzen Ehre macht, fur mich ausgesucht hatte, und mochte es, so holzern es ist, fur keinen Preis gegen den traurigen Aufenthalt in jener Steinmasse vertauschen, die ihm zur belehrenden Aussicht gegen uber liegt. Und die Bewohner dieser Hutte wer wollte nicht mit ihnen zufrieden seyn?
Dess Herz war wohl seit dem Ergusse
Des ersten Tropfen Bluts vergallt,
Der sich zu gut zum Mitgenusse
Der Freuden dieser Menschen halt;
An ihrer Patriarchen-Sitte
Der Stadte Politur vermisst,
Nicht unterm Strohdach ihrer Hutte
Gern seine Gobelins vergisst;
Dem fette Milch aus irdner Schlussel
Nun keine Furstenkost mehr daucht,
Weil sie kein Herr nom goldnen Schlussel
Mit ernstem Amtsgesicht ihm reicht;
Der nie den ungesuchten Scherzen,
Des Landmanns Tischgesprachen horcht,
Weil er sie nur dem frohsten Herzen,
Nicht Fontenellen abgeborgt."
Reine, unverdorbene Natur! Warum verwies ich meinem Johann diesen Ausdruck, der, so oft er auch gemissbraucht wird, doch auf diesen gesunden, thatigen, frohlichen Mann und auf sein junges, reizendes, liebevolles Weib so passend ist, dass ich fur diese glucklich zusammen Gepaarten keinen schicklichern ausfindig zu machen wusste.
Ein Morgen Land, der an ihre Hutte anstosst, mit Oliven, Feigen und Maulbeerbaumen besetzt; eine Oelpresse und ein Behalter im Vorhause fur ihre Seidenwurmer: das sind die einfachen Mittel ihres Unterhalts, und nie, sagen sie, habe sich noch Mangel und Schwermuth ihrer Schwelle genahert. Sie treiben ihre Handarbeit wie ein Spiel, durch das sie Hunger, Schlaf und Starke der Liebe gewinnen. An die Seele denken sie nicht: diese ist bei ihnen ein Acker, der von selbst nur reine und gesunde Frucht tragen kann, und keiner muhsamen Bearbeitung bedarf. Die Kunst, zufrieden zu seyn, liegt ihnen in dem Herzen, wie die Kunst zu sehen in den Augen. Sie nutzen diese naturlichen Eigenschaften, ohne einen Augenblick uber die Mechanik derselben nachzudenken.
Da es fur heute zu spat war, einen neuen Kuchenzettel zu entwerfen, so musste ich mich diesen Mittag mit ihrer gewohnlichen Kost begnugen; und dazu gehorte furwahr keine grosse Verlaugung. Kraftiger, behaupte ich, kann man nicht kochen, und freundlicher kann man nicht vorlegen, als dieses Weib. "Wer hat sie," sagte ich zu mir selbst, wenn sie durch Wahrheit und Einfalt ihrer Rede mein Herz an sich zog, "wer hat sie ohne Kenntniss, ohne Bucher, ohne Welt gelehrt, so bemachtigend zu werden? Oder ist eben dieser Abgang Ursache, dass sie es in diesem Grade ist?"
Mein Bette, mein holzerner Stuhl und ein Tisch fur meine Schreiberei und kleine Gerathschaften stehen hinter einem Verschlage, der beinahe das Viertel von der Stube einnimmt, und damit sind hinlanglich die Grenzen des Eigenthums und der erkunstelten Schamhaftigkeit gewahret. Alles lehrt mich hier, unter welchem geringen Aufwande menschliche Zufriedenheit bestehen kann.
Ich bot meiner Wirthin einen Vorschuss von zwolf Laubthalern an, um die Kosten der vergrosserten Wirtschaft zu bestreiten, da sie ja wohl auch, so lange ich bei ihnen bin, meine Gaste seyn mussen. Konnte ich mich nur immer so auslachen sehen!
"Wollen Sie ein Jahr bei uns bleiben, mein Herr?" sagte sie: "Was soll ich um des Himmels willen mit so vielem Gelde anfangen? Sparlich und nahrlich! mehr kann mein kleiner Herd und meine Kochkunst nicht bestreiten. Sie mussen, mein Herr, ich kann Ihnen nicht helfen, mit zwei Gerichten zufrieden seyn. Ihre Gesundheit und ihre Borse werden dabei gewinnen; und doch sollen Sie mit rothern Backen von uns gehen, als Sie mitgebracht haben. Geben Sie mir drei Stucke von Ihrer Munze; ich will zusehen, wie weit ich damit komme, und ubrigens thun Sie nur, als ob Sie zu uns gehorten. In zweien Tagen, wette ich, schicken Sie Ihre Arzeneien in's Spital; denn in unserm Dorfe kann sie kein Mensch brauchen." Und so flog sie, die sechzehnjahrige Hausmutter, zu ihrer ungekunstelten Wirthschaft.
Der Mann ubernahm, mich in Bewegung zu setzen. Er fuhrte mich erst um das Schloss seines Lehnsherrn herum. "Wenn Sie," sagte er, "die grossen Sale sehen konnten, die hier uber einander gewolbt sind, so wurden Sie denken, der Mann habe zum Riesengeschlechte gehort, der sie gebaut hat; und doch soll er nicht mehr Mensch gewesen seyn, als sein Enkel, der ein so zierliches Mannchen ist, dass er in einem Vogelbauer Raum hatte. Es hangt mancher Schweisstropfen meines armen Aeltervaters an diesen Steinen, der noch mit zu den dicken Mauern gefrohnt hat, die jetzt wieder einsturzen. Seit funfzig Jahren ist kein Rauch aus diesen verzierten Schornsteinen gestiegen. Die Besitzer dieses unnutzen Gebaudes fliehen es wie einen Abgrund, der ihr Erbtheil verschlungen hat, und mir und andern stiehlt es die schone Aussicht auf das freie Feld, das dahinter liegt. Da lobe ich mir doch die kleinen Hauser von Klebwerk, wie das meine, die man ohne Kosten selbst flickt, wenn sie wandelbar werden um ein geringes wieder aufbaut, wenn sie zusammen fallen, und in denen starke muthige Menschen wohnen, die darin grau werden."
Alles Verodete, liebster Eduard, lasst auch das Herz leer. Wir wurden erst froh, als wir das gesellige Dorf durchwandelten. Was fur ein ganz anderes Gemalde fur den Geist gegen jene Einode des kummervollen Stolzes! Hier war alles lebendig. Bald fuhr der Amorskopf eines rothwangigen Jungen zu seinem kleinen Fenster heraus; bald begleiteten uns die Rabenaugen eines bluhenden Madchens uber die Gasse. Hier kam uns der Reif entgegen gerollt, hinter dem ein Dutzend spielende Kinder hersprangen. Dort entblosste ein freundlicher Alter sein graues Haupt, um uns seinen patriarchalischen Segen zu geben. Aus allen Ecken, unter allen Strohdachern hervor, blickte Friede und Freude, Thatigkeit, oder Ruhe nach vollbrachter Arbeit.
Welches Auge konnte so verwohnt seyn, an diesen bevolkerten Hutten die Verhaltnisse eines Palladio, und in dieser Manner Leben und den Spielen ihrer Kinder den Maschinengang der grossen Welt zu vermissen?
Das Dorf ist reinlich, und seine Lage hochst angenehm. Ich machte auf unserm Ruckwege noch eine Entdeckung, die mir viel werth ist. Sein kleines Gebiet schliesst einen Berg ein, dessen mit Fichten, Mandelbaumen und Geniste bunt unter einander bewachsenen Gipfel ich mir zum Ziel meiner Morgengange ausersehen habe.
So fehlt mir hier nichts, was meine einfache Diat bedarf. Johann thut sich nicht wenig zu gute auf die Zufriedenheit, die er an mir wahrnimmt, und brustet sich manchmal wie ein Magister, der sich seit kurzem zum Wegweiser der wahren Gluckseligkeit, wie man sagt, habilitirt hat.
Den 22sten December.
Ich trennte mich gestern von Dir und meinem Tagebuche eher, als ich gewohnt bin. Das gluckliche Paar meiner Hausleute eilte, nach hergebrachter Dorfsitte, mit heran nahender Dunkelheit seinem Bette zu, und ich zu gutmuthig, sie durch das Licht, das meine Schreiberei erleuchtete, in ihrer verdienten Ruhe zu storen, ahmte ihnen nach, ohne schlafrig, zu seyn, und bin herrlich fur meine Verlaugnung der grossen Welt belohnt worden.
Der zeitige Schlaf vor Mitternacht, in der mir ungewohnlichen Stille, die mich bald einwiegte, brachte mir heute einen eben so ungewohnlichen zeitigen Morgen ein. Ich strebte schon dem Fichtenberge zu, da noch die Glut in graulichem Nebel unter ihm lag, sah den Vorhang sich heben, und gewann dadurch den uberraschenden Anblick des immer glanzender hervor tretenden Schauspiels. So sehr es mein Herz entzuckte, so neu war es ihm auch neuer, als ich gegen die Natur verantworten konnte. Ich that ihr meine offentliche Abbitte des verwegenen Gedankens halber, den vorzusetzen, das den Gaum eines so ubersatten Menschen, wie ich, noch reizen konne.
Was fur eine Allgewalt hat nicht die Bergluft uber die bessern Empfindungen der Seele! Weisst Du es noch nicht aus eigener Erfahrung, so eile, Freund, sie zu gewinnen, so bald es nur Euer eiserner Himmel erlaubt.
Wer, in dem Bruderarm gesunden Schlafs erquicket.
Sein Lager im Gefuhl der Auferstehung flieht,
Vom ersten Sonnenstrahl, der durch den Nebel zucket,
Sein Morgenopfer brennen sieht.
Dem lohnt Begeisterung. Sein frommes Auge strebet
Dem Unsichtbaren nach. Sein weis'res Herz versteht
Die edle Bangigkeit, die seinen Busen hebet,
Und jeder Blick wird ein Gebet.
Entschluss gerecht zu seyn, Muth zu der Freundschaft
Thaten,
Veredeltes Gefuhl der Lieb' entsteigen nur
Der Dunkelheit des Walds, dem Wellenschlag der
Saaten,
Und deinem Sauseln, o Natur!
Nach dem kostlichen landlichen Mahl, das mich an der Seite zweier guter Menschen erwartete, als ich hungrig zuruck kam, fuhrte mich mein Wirth auf den allgemeinen Kegelplatz des Dorfs, um mich mit einem Blicke die ganze Gemeinde kennen zu lehren. Der Nachmittag ist in diesem Lande nur dem Vergnugen und keinem mehr gewidmet, als dem Kegelspiele; und nichts kann wohl deutlicher von dem leichten Nahrungserwerb seiner Bewohner zeugen, als dieser Hang. Der Seidenwurm erfordert nur sechs Wochen Aufsicht und Wartung, wie unsere Kindbetterinnen, und belohnt dennoch dem Landmann weit reichlicher seine kleine Muhe, als der fruchtbarste Getreidebau und die fruchtbarste Frau bei uns. Die Olivenernte schlagt selten fehl, und der ausserst wohlfeile Preis des trefflichsten Weines zeugt von seinem Ueberflusse. Was fur Forderungen konnen also diesen guten Leuten noch zu befriedigen ubrig bleiben, als die Forderungen des Vergnugens?
Mein Begleiter war allen willkommen und ich mit ihm. Ich nahm indess nur einen massigen Antheil an ihrem Zeitvertreibe, da ich nicht weit davon die jungere Klasse des Dorfs nach dem Takte einer Leyer ihren Muth auswalzen sah. Ich stahl mich unvermerkt von der Seite meines Fuhrers hinweg, und labte mein Auge an dem Ausdrucke, der Freude an den feurigen Blicken der Junglinge und dem pochenden Herzen ihrer Geliebten. Blaise, mein Freund immer erlaube mir, auch ihm diesen Namen zu geben uberraschte mich, da eben meine Augen auf dem liebevollen Gesichte eines Madchens ruhten, das der Huldigung eines Sultans wurdig gewesen ware. Er sah es, und fand ganz naturlich, dass mir dieses Geschlecht nicht gleichgultig sei.
"Wenn Sie morgen," redete er mich auf meine Miene an, "mit meiner Frau allein essen wollen, so will ich Ihnen zwei Stunden von hier eine gewisse Margot holen, die alle Schonheiten unsers Dorfs weit ubertrifft; ein gluckliches munteres Geschopf, die Tochter meiner Schwester und unser aller Liebling. Sie soll, wenn Sie es gut finden, so lange bei uns bleiben, als Sie bleiben werden: ich weiss, Sie werden mir es danken."
Nun erschrak ich zwar nicht wenig uber den Zuwachs unserer Gesellschaft, da mir der Gelass des Hauses nur zu bekannt geworden war; doch hielt ich es weiter nicht fur nothig, ihm mein Bedenken mitzutheilen: noch weniger getraute ich mir, ihm die Gefahr merken zu lassen, die fur mich aus der nahen Nachbarschaft eines Geschopfes entstehen konnte, das seiner Beschreibung glich; denn dafur hatte der gute Mann keinen Sinn. Es bleibt mir sonach nichts ubrig, als in Geduld zu erwarten, was sein Versprechen leisten wird.
Den 23sten December.
Spotte, wie Du willst, guter Freund! Ich gefalle mir immer mehr in meiner einformigen Lebensart, die eben so viel Mannigfaltigkeit hat, als sie mir neu ist. Da ist mir der heutige Vormittag wieder so angenehm reichste Stadt auffordern kann, mir einen bessern Morgen zu schaffen. Es ist freilich nur eine poste aux anes aber was thut das? Ich habe keinen so uberfeinen Geschmack, als Ludwig der Grosse, und kann zu Zeiten einen Bauerntanz von T e n i e r s mit mehr Theilnehmung betrachten, als eine Menschenschlacht von L e B r u n .
Das Leben und Weben der Ankommenden und Abgehenden; das Satteln und Absatteln; die Anforderungen und Abrechnungen; die Ordnung und Unordnung; kurz das ganze groteske Gemalde, das sich jeden Angellblick erneuerte, verfehlte nicht, auf mein der Freude geoffnetes Herz seinen Eindruck zu machen. Doch gab ich nicht bloss einen mussigen Zuschauer ab. Warum hatte ich nicht dann und wann ein artiges Kind, das schalkhaft unter seinem Sonnenhutchen hervor blickte, aus dem Sattel oder in den Sattel heben, ihren freundlichen Dank oder sonst eine kleine Belohnung, die sie mir vergonnte, mitnehmen sollen?
Man kann kein frohlicher Bild sehen, als so ein Landmadchen, wenn es, zwei Korbchen an der Seite mit Bedurfnissen, die es aus der Stadt geholt hat oder nach der Stadt bringen will, lustig einher oder davon trabt, dem flinken Burschen, der ihrer wartet, das Band reicht, das sie ihm mitbrachte, oder sich einen Kuss von ihm aus den Weg geben lasst. In unserm traurigen Lande, lieber Eduard, wird man sich selten den Zeitvertreib verschaffen konnen, auf einem so kleinen Umkreise so viel frohliche Gesichter beisammen zu sehen. In dieser Rucksicht halte ich die posts aux anes fur eine der wichtigsten Entdeckungen, die ich je gemacht habe.
Mein Wirth, den ich dahin begleitete, ging von hier aus mit einem Kourieresel ab, und wird auf dieselbe Art diesen Nachmittag mit der schonen Gesellschafterin zuruck kommen, die er mir gestern versprach.
Stelle Dir ubrigens nur nicht unter den hiesigen Eseln so langsame unbehulfliche Thiere vor, als sie bei uns sind. Hier ist nichts trage und langsam, und die verachtlichste Kreatur, wie die geschatzteste, empfindet hier den wohlthatigen Einfluss dieses so milden Himmelstrichs. Des Himmels Segen deckt diess Treibhaus der Natur: Durch rein gefarbtes Licht erhoben, Glanzt es dem Sohn des Epikur, Wie ein Brillant auf unserm Globen. Der Forscher sieht erstaunt, wie lebhaft, wie geschwind Hier alle Rader gehn, der Weitzen seine Korner, Der jungste Most die Starke des Falerner, Contur und Federkraft die jungste Brust gewinnt. Schnell lauft der Esel hier, das Fullen wieh'rt, das Rind, Der Bock, der Hirsch, und was etwa noch ferner Darzu geboren ist, tragt dreimal gross're Horner, Als sie bei uns gewohnlich sind. weniger Ursache, es auch den Nachmittag zu seyn. Ich habe, einem Engel von Weibe gegen uber, meinen Hunger an dem schmackhaftesten Braten gestillt, wie ihn der Konig nicht essen kann, wenn er seine Schopse nicht auch mit Rosmarin futtern lasst, der den hiesigen die gewohnlichste Weide ist habe eine Flasche Landwein getrunken, den man den Kennern in Berlin mit aller Ehre fur Burgunder vorsetzen konnte, und kaum stand ich mit gluhenden Wangen von meinem Schmause auf, so trat mein Wirth mit seiner Nichte an der Hand herein, und brachte mehr Leben mit, als ich brauche.
Ich will es Dir nicht zu Leide thun, die kleine Margot mit allen ihren Annehmlichkeiten zu schildern; doch sei versichert, dass sie von Euern Operngesichtern wenigstens so weit absteht, als die aufbluhende von einer bis zur Hagebutte verschrumpften Rose. Und so ein Madchen wird mir aus lauter Gutherzigkeit zugefuhrt! Fur wie alt muss mich Mein ehrlicher Wirth halten, wenn er glaubt, dass diess nichts zu bedeuten habe?
Ich habe hieruber schon die erste Viertelstunde ihres Hierseyns eine missliche Erfahrung gemacht. Ich glaubte etwas recht kluges zu thun, setzte mich mit einem philosophischen Auge den schalkhaften Augen des Madchens gegen uber, und wollte berechnen, durch was fur naturliche Krafte es moglich sei, dass dieser Korper, dieser Geist, einer so unbefangen, so unverschleiert und so ausgebildet als der andere wie so viele leibliche und geistige Fulle einem dreizehnjahrigen Kinde angehoren konne? Aber, anstatt der Entscheidung der Hauptfrage naher zu kommen, fand ich mich am Ende nur in den Nebenumstanden, und zwar so gefahrlich verwickelt, dass ich meine Untersuchung aufgeben und Gott danken musste, dass ich es noch zu thun im Stande war.
Wahrend ich diess niederschreibe, tragen die Leutchen, mir nichts dir nichts, die Betten zusammen, auf denen die kleine Margot diese Nacht und die folgenden, kaum sechs Schritte von mir, ruhen soll.
Nun ja das Bette ist fertig, und ich habe das Fieber. Ich muss an die Luft gehen, um meine Verlegenheit uber diese Anstalten zu verschnaufen.
*
Ja, wenn nur alles so in der Luft verdunsten wollte, was dem Herzen zu viel ist! Zur Erhaltung des Gleichgewichts in unserer kleinen Welt ware das eine treffliche Sache. Ich habe eben keinen grossen Zirkel um das Haus herum gezogen da sitze ich dem Kinde schon wieder gegenuber, kaue an ihren kleinsten Bewegungen, und freue mich, wie in diesem Lande, man mag seine Blicke ausschicken, wohin man will, alles so nebellos ist. Hat mir Jerom es nicht vorher gesagt?
Du bist wohl sehr gut, wenn Du mir erlaubst, in so abgebrochenen Satzen fortzuschreiben: aber ich kann nicht anders. Ich werfe meine Gedankenblitze auf das Papier, wenn die Kleine zur Ture hinaus sturmt, und werfe die Feder ebenso geschwind weg, wenn sie wieder hereingehupft kommt.
*
Das kann ein gefahrliches Geschopf fur meine Ruhe werden, wenn es noch acht Tage alter unter meinen Augen wird, und der Eindruck, den es auf mich macht, mit jeder Stunde so fortsteigt wie heute! Sie ist schon so bekannt mit mir, als wenn sie meine Tochter ware. Sie ruft, verschickt, befiehlt meinem Johann, wie es ihr einfallt bald, glaube ich, wird sie auch mir befehlen. Ich verlor keinen Laut ihrer Stimme, als sie mir alleweile von ihrem Hanfling erzahlte, den sie so kirre gemacht hatte, dass er ihr aus der Hand frasse und was sie fur ein Gluck mit den Blumen habe! Sie durfe, sagte sie, das durreste Reis nur in die Erde stecken, so bluhe es.
Ich weiss es wohl, es sind armselige Kleinigkeiten, die ich Dir erzahle: sie sind es aber, Gott weiss es, wenn sie uber ihre Lippen gehen, so wenig, dass ich mich kaum erinnere, etwas Geistreicheres gehort zu haben.
Ich breche ab, liebster Freund, die kleine Gereiste schlafert. Die Engel des Himmels mogen uber ihre Ruhe wachen! Ich will gern auch schlafen wenn ich kann ...
*
Den 24. Dezember
Ich habe einen Verlust erlitten, der mir nahe geht. Mein guter Mops ist gestorben und liegt nun unter dem grossen Olivenbaume meines Wirts begraben. Wenn dem klugern Menschen nicht ausschliessungsweise von jeder andern Kreatur die Ehre des Selbstmordes vorbehalten ware, so mochte ich beinahe glauben, dass auch mein Mops, aus Schwermut, freiwillig die Welt verlassen habe. Es schien ihm unausstehlich zu sein, seinen Herrn vergnugt zu sehen, und seitdem Margot hier ist, die mir eine Runzel um die andere aus dem Gesichte wegwischt, bekam er jede Stunde eine mehr, und seit gestern abend, wo wir ich und sie freilich sehr munter zusammen waren, schien sein Verdruss aufs hochste gestiegen zu sein. Er kroch in einen Winkel, und heute fruh fand man ihn tot.
Ich gestehe, dass ich ihn seit einiger Zeit vernachlassigt habe, und es thut mir wirklich leid; denn es war ein gutes Thier, das mich liebte, und dem ich, in jenen hypochondrischen Stunden meiner Reise manche nutzliche Betrachtung verdanke.
Diess grosse Warnungsbild, das ich mit ihm verloren,
So weit ich blicken kann, ersetzt ein andres nicht.
Belehrender ward nie ein Sonderling geboren.
Und keiner trug bei kurzern Ohren
Ein philosophischer Gesicht.
Zwar sah ich manche Stirn von Konigsberg bis Leiden
Mit diesem mystischen gelehrten Ueberzug:
Doch sah ich keine je, die Runzeln so bescheiden,
Von allen Weisen zu beneiden,
Als meines Hundes Stirne, trug.
Der schonsten Stadt entfuhrt, wo der Beruf zu
schlafen,
Durch Lindenduft verstarkt, das Burgerrecht ihm gab,
Ward er, wie Epiktet, vom ungestalten Sklaven
Mein Freund Er war's, dem Polygraphen
Der Schweiz zum Trotz bis an sein Grab.
Er warf den hohen Ernst der kritischen Geberde
Nie auf ein Mitgeschopf nie ausser sich herum.
Der Schnarcher suchte nie, so weit ihn Gottes Erde
Auch trug, dass er bewundert werde,
Ein grosser Auditorium.
Nur still erbaut' er mich. Von seinem gelben Felle
Blickt' ich gestarkter auf in die beblumte Flur:
Mein krankes Auge stieg von seiner Lagerstelle
Gemach vom Dunkeln in das Helle,
Bis zu dem Lichtquell der Natur.
Wenn er sich schuttelte, las ich in seinen Blicken
Den herrlichen Beweis vortrefflich kommentirt,
Den einst, vom Uebergang des Schmerzes zum Entzucken
Aus gleicher Nothdurft sich zu jucken,
Der weise Sokrates gefuhrt.10
Kein unbequemer Freund, kein Trunkenbold, kein
Fresser,
In richtiger Mensur nicht stolz nicht zu gemein,
Schlief er sein Leben durch, und wahrlich desto besser!
Er schlaferte, wie ein Professor,
Auch seinen klugern Nachbar ein.
Lebt wohl ein Menschenfreund, der sich nicht seiner
Hunde
Nicht ihrer Tugenden und ihrer Liebe freut?
Sucht nicht selbst F r i e d e r i c h , kraft seiner
Menschenkunde,
Das Spielwerk seiner Ruhestunde
In seines Hunds Geselligkeit?
Ulyss, von seinem Hof verkannt und ausgeschlossen,
Bewahrt der Treue Ruhm, den sich sein Hund erwarb:
Alt, blind, kroch er zu d e m , nach Jahren, die verflossen,
Von dem er Wohlthat einst genossen,
Zog seinen Dunst noch ein und starb.
Wie hast du, guter Mops, nicht meiner Stirne Falten,
Sah ich dem Grillenspiel der deinen zu, gegleicht!
Gewarnter nun durch dich, fruhzeitig zu veralten,
Sei immer dir mein Dank erhalten!
Auch dir sei Gottes Erde leicht!
Margot, als sie mich in diesen ernsten Gedanken vertieft, und meine Augen getrubt sah, stellte sich gerade vor mir hin "Wie konnten Sie," fragte sie mich mit lautem Lachen, "einem so gramlichen schnaufenden Thiere nur ein Bisschen gewogen seyn? Wissen Sie wohl aus Liebe fur Sie habe ich ihm Krahenaugen gegeben! Sein unfreundliches Ansehen storte ja nur unsere lustige Gesellschaft." Und ich Narr sitze da, blinzle dem Madchen in's Gesicht, weiss nicht recht, ob ihre Anklage Ernst oder Scherz ist, und vergebe ihr eins wie das andere, um der Perlen von Zahnen willen, die sie mir sehen lasst. Ich werde mit diesem Kinde selbst noch zum Kinde, lieber Eduard! aber ich kann mir nicht helfen!
Den 25sten December.
O Jerom! Jerom! Du wurdest mit mir zufrieden seyn, wenn Du mich sehen konntest! Liebe und Freude durchstromen mein Herz. Wie geschwind ist unter diesem lachenden Himmel, in dem Umgange dieser seltenen Menschenart, die Rinde weggeschmolzen, die es umgab! Eine Schicht nach der andern dieses verharteten Umzugs los'te sich ab, und jetzt schwarmt es neu belebt, hebt sich und senkt sich, tobet und brauset, und ich kann seiner nicht mehr Herr werden. Sogar meine Berge und Walder haben ihr ehrwurdiges Ansehen verloren, seitdem sie Margot mit mir durchschweift. Diess Kind der Natur badet sich selbst zu gern in dem Morgenthau, fuhlt selbst zu sehr das Behagliche der Bewegung, als dass sie in der Hutte bleiben und ihren Vortheil nicht absehen sollte, sich, sobald ich aus der Thure trete, an meinen Arm zu schlingen.
Heute mit dem fruhesten erwachte sie, als ich eben nach dem Hute griff, der gerade uber ihrem Bette an der Wand hing, und, wie ein aufgescheuchtes Reh, fuhr sie von ihrem Lager auf, so dass sie mir kaum Zeit liess, meine Augen so lange wegzuwenden, bis sie ihr Rockchen uber sich geworfen hatte. O Natur! Natur! auch Coquetterie, wie sie aus deinen Handen kommt, ist ruhrend! Ich habe manchmal ein Schminkpflasterchen aufkleben, manchmal eine Nadel fest stecken mussen; aber nie that ich es mit der Empfindung, die Margot in mir erweckte, da sie jetzt, so lustig als ich es wunschen konnte, mit der Bitte vor mich trat, ihr den vermaledeiten Sonnenhut aufzusetzen, der ihr so hubsch steht.
So wie die Toilette in Ordnung war, erstiegen, durchliefen, umkletterten wir nun alles, was uns die Natur in den Weg warf, und sangen, schakerten und lachten, als ob uns die ganze Welt gehorte. Auch mein Johann kam gestiegen, eben da wir beide Kinder versuchten, wer am weitesten in die Ferne blicken konnte, ob es ein Adler oder eine Krahe sei, die dort am Rande des Himmels ihr Spiel trieb? Es war mir recht lieb, dass Johann kam. Ich rief ihm zu, und er nahm herzlichen Antheil an unserer Freude.
Du glaubst nicht, wie viel dieser Mensch in meiner Achtung gewonnen hat, seitdem der enge Kreis, der mich hier umschliesst, den Abstand unter uns beinahe ganz aufgehoben hat. Ausser dem Boden, wo er schlaft, hat er Einen Aufenthalt mit mir, die der ganzen Gesellschaft gemeinschaftliche Stube. Es ist der gutherzigste, naturlich gesittetste Mensch, den ich vielleicht aus Berlin hatte mitnehmen konnen; und es freut mich recht, dass ich noch in dem zehnten Jahre, da er mir dient, seine Bekanntschaft gemacht habe.
Das mag wohl oft der Fall in unserm Stande und noch weit mehr in der Klasse der Grossen seyn. Wir suchen Freunde in den Vorsalen an den Spieltischen und in unsern vornehmen Gesellschaften wundern uns, dass wir auch nicht Eine Seele finden, die unsern Forderungen Genuge thut, indess vielleicht nahe bei uns, eben das gute Geschopf, das uns fehlt, hinter unserm Stuhle steht. Wie arm haben uns unsere leidigen Verhaltnisse gemacht! Wie haben sie den Gemeinplatz der Zufriedenheit zersplittert, dass jetzt keines mehr von dem Brocken leben kann, der ihm von dem Ganzen zugefallen ist!
Den 26sten December.
Ich sehe mit Zittern den Zeitpunkt sich nahern, der mich von diesen Sohnen und Tochtern der Natur trennen soll, und nichts freut mich dabei, als dass auch Johann den Kopf hangt, wenn ich von unserer Abreise spreche. Kunftighin soll der gute Mensch nie anders als neben mir im Wagen sitzen; ja auch, wenn der Mops noch lebte, sollte er es. Sein Verstand, seine gute Laune, und besonders das Mitgefuhl des frohen Lebens, das ich hier fuhre, sind mir nutzlicher und nothwendiger geworden, als seine armseligen Dienste, die ich im Grunde entbehren kann.
Arme Margot! Auch dein empfindsamer Busen hebt sich; auch in deinen Augen glanzen Thranen der Wehmuth; auch an deinem Liebe athmenden Munde regen sich Zuckungen eines heimlichen Schmerzes, wenn du an unsere Scheidung, an die Trennung von einem Freunde denkest, der dir nur gar zu lieb, gar zu theuer geworden ist. O dass ich der Einzige seyn moge, wie ich der Erste bin, der deinem Herzen die Freude verdirbt, zu der es die Natur so empfanglich gebildet hat!
Ich schwore Dir, Eduard, dass selbst meine Eigenliebe kaum die so schnell angewachsene Leidenschaft ist sie da in aller der Glorie da, durch die sich ein unerfahrnes Herz verrath, und die auch nur einem solchen gut ansteht.
Wenn mir manchmal das erste Blatt eines empfindsamen Romans ein unschuldiges, kaum den Handen der Natur entschlupftes Madchen ausstellte, das den Sonntag den Mann zum erstenmale erblickt, mit dem es auf der sechsten Seite, schon den Sonnabend nachher, bis uber die Ohren in Liebe versunken, in so regelmassiger Vertraulichkeit lebt, dass, wenn Autor und Leser rechnen konnen, man beinahe voraus sagen kann, auf welchem Blatte sie Mutter seyn wird: so lachte ich immer dem Geschwindschreiber gerade in's Gesicht, und war gewiss niemals bei der Taufhandlung. Aber man sollte, weiss Gott, uber nichts lachen!
Nicht weniger habe ich oft so krause, schackige, verschlungene Figuren in den Wolken gesehen, dass die Bibliothek der schonen Wissenschaften den Maler, der es wagte, sie treu nachgebildet auf seine Landschaft zu bringen, ohne Widerrede fur einen Narren erklaren wurde und doch lag das Original, ohne ein menschliches Auge zu beleidigen in der Natur. Schriebe ich nun einen Roman, lieber Eduard, so wurde ich wenigstens aus Autorklugheit einen halbjahrigen Umgang voraus gehen lassen, um das Herzklopfen, die gluhenden Wangen und das Stammeln der Zunge dieses dreizehnjahrigen Kindes wahrscheinlich zu machen: aber ich schreibe ein Tagebuch, und muss die Wolken malen, wie ich sie finde.
Seelen, die fur einander geschaffen sind ich fange es jetzt an zu glauben streben einander entgegen, wie und wo sie sich antreffen. Sollte es Dich indess, ungeachtet dieses freilich auch nur in Romanen vollgultigen Grundsatzes, dennoch wundern, wie ein so frisches, unbefangenes Kind, ohne sich durch mein blasses, abgeharmtes Gesicht schrecken zu lassen, in dem kurzen Zeitraume von vier Tagen einen Weg von solchem Umfange zuruck gelegt habe; nun so wirst Du uber die schnelle Veranderung wohl ungleich mehr erstaunen, die diese Spanne von Zeit in mir altem erfahrnen Krieger hervor brachte.
Siehe! der eingewurzelte Begriff von der nothwendigen Ungleichheit der Stande ist in den paar Tagen so locker bei mir geworden, dass nicht viel fehlt, so fliegt er in alle Winde. Seit dem Augenblicke, da ich die Leidenschaft der Kleinen gegen mich entdeckte, wozu eben kein ubermassiger Scharfsinn nothig war, habe ich uber eheliches und hausliches Gluck, Sympathie der Seelen und Missheirathen so deraisonirt, als wenn ich dafur ware bezahlt worden. Ueber das Herz, behauptete ich sehr einleuchtend, sollte kein Grundsatz gebieten, der nicht aus der Natur, sondern aus unsern erkunstelten Verhaltnissen entsprang. Verschwende ich hier nicht offenbar an den Gotzen des Vorurtheils eine Perle so rein und acht, als die Liebe nur ihren Lieblingen zuzuwenden vermag, und darf ich wohl hoffen, jemals in der Verzaunung, in die mich mein Stand verbannt, ein Kleinod wieder zu finden, das diesem hier gleich ist?
In solchen Sophistereien, wurde ich sagen, habe ich eine schone Morgenstunde vertraumt, als ich heute auf der Spitze des Berges an ihrer Seite lauschte, wenn ich mich nicht zugleich wie ein erfrorner Priester, an der auflodernden Flamme ihrer Erstlingsliebe so durchwarmt hatte, dass ich unmoglich den Verlust der Zeit beklagen kann, ob ich gleich jetzt nach allen kaltblutigen Mitteln der Vernunft storen muss, um meine durchgluhte Einbildungskraft wieder abzukuhlen. Gottlob, dass es mir gelungen ist! Ich habe mir stark in das Gewissen geredet, mir bewiesen, dass ich zu der wankelmuthigsten, treulosesten Menschenklasse gehore, die einzige ausgenommen, die in allem eine Stufe uber der meinen steht dass ich viel zu lange in einer verdickten Atmosphare gelebt habe, um in der Region der Wahrheit und der dunstfreien Natur dauern zu konnen, und habe daraus die Schlussfolge gezogen, dass Margot, diess Kind der Unschuld, viel zu gut fur mich sei.
Gewiss ist sie des besten Mannes werth. Aber nur einer, dessen Geburt und Lage ihn von der Amme an gegen die feindseligen Angriffe der guten Erziehung geschutzt haben der das Gift der Sitten nicht eingesogen hat der alle Strahlen des Glucks, der Zufriedenheit noch in Einen Brennpunkt vereinigt, und mit der grossen Kunst der hohern Stande noch unbekannt ist, sie prismatisch in Farben zu theilen und unkraftig zu machen mit Einem Worte, nur der beste Mann ihres Standes vermag es, dieses schone, gefallige, tugendhafte, und mit der herrlichsten Zusammensetzung zu einem trefflichen Weibe begabte Madchen so glucklich zu machen, als es zu seyn verdient. Von ihr ist es eine schuldlose Verirrung, dass sie mich liebt von mir wurde es eine Treulosigkeit an der Natur seyn, wenn ich diese Verirrung missbrauchen und sie aus dem Zauberzirkel reissen wollte, in welchem ich die schatzbaren Menschen sich drehen sehe, deren Hausgenosse ich bin, und der mich ich stehe nicht dafur bis zu der lacherlichsten Ehe schwindlich machen konnte, wenn ich ihnen langer zusehen sollte.
Ihre vier Jahreszeiten, Eduard, wie verschieden sind sie nicht von den unsrigen! Sie verlaufen ihnen so glucklich und einfach, wie die Zeiten ihrer einzelnen Tage, und ihr Leben verlauft ihnen wie ihre Jahre.
Mit sussem Lacheln weckt der M o r g e n
Diess der Natur geweihte Paar,
Sanft eingeschlummert war.
Der T a g entwickelt ihre Krafte,
Uebt ihren landlichen Verstand;
Zu nutzlichem Geschafte
Reicht jedes sich die Hand.
Sie opfern dem Umarmungstriebe
Des kurzen A b e n d s Ueberrest,
Bis ungern sie die Liebe
Dem Schlummer uberlasst.
Ein leichter Schlaf starkt ihre Glieder,
Und eine schnell vertraumte N a c h t
Giebt sie der Liebe wieder,
So bald der Tag erwacht.
Den 27sten December.
Ich habe diesen Morgen meinen Johann mit Briefen und mit dem Auftrag in die Stadt geschickt, einen Wechsel fur mich zu heben, davon ich einen Theil nothiger brauche als den andern. Ich muss durchaus diese biedern Menschen, so gut ich kann, fur den Wohlgeschmack am Leben belohnen, den sie mir beigebracht haben. Uebrigens ist mein heutiger Tag vergangen, wie der gestrige. Wer der Einformigkeit gut werden will, muss sich in diesem Dorfe niederlassen. Ware es so ehrlich, uber den Verlauf von vierzehn bis funfzehn Stunden mit einem Gemeinsatz abzufertigen; so durfte ich hier nur das, l e e r e n Kopfen so gewohnliche Mittel anwenden, mit einem k l u g e r n zu entern, einen langen Gedankenstrich machen, und mich und meine Feder zur Ruhe legen. Da aber meine geruhmte Einformigkeit es doch nicht so sehr ist, als Du etwa denken konntest; da auch Margot zu Bette, alles um mich herum so still ist, und es mir auf ein Blatt mehr oder weniger nicht ankommt: so wuste ich nicht, was mich abhalten konnte, heute weniger vollstandig zu seyn als gewohnlich.
Freilich habe ich nicht, wie Du, eine neue Oper von Naumann auffuhren, oder durch ein andres Kunstwerk die Natur verhunzen gesehen: aber dafur sah ich, und weit deutlicher, als es nicht leicht ein Hofmann zu sehen bekommt, alle Federn eines geruhrten weiblichen Herzens im Spiele; die schonste Pantomime, die mir die Liebe, und zwar mir allein, zu Ehren gab. Das Stuck bekam dadurch, und durch die unaufhorlichen Schmeicheleien, die ich dabei Gelegenheit fand, bald meiner Scharfsichtigkeit, bald meiner Eigenliebe zu machen, wahrlich kein geringes Interesse, ohne manches andere wohlthatige Gefuhl der Grossmuth, des Mitleids und so weiter, nur in Anschlag zu bringen.
Die gute Kleine, die, wahrend ich diesen Morgen schrieb, Verstand genug hatte, mich nicht zu storen, und sich unterdessen im Vorhause beschaftigte, meinem Johann den ganzen Roman des Seidenwurms zu erklaren, konnte nun, wie ich ihn mit den Briefen abgefertigt hatte, ihren Missnmth uber ihren verlornen Spaziergang nicht langer verbergen. Du hattest nur sehen sollen, wie so launig sie sich anstellte, wie so zartlich sie uber meine Schreiberei schmahlte, und wie ich eilte, ihr den Ersatz auf den Nachmittag zu versprechen.
Das machte alles wieder gut. Nun flog sie in die Kuche, schurte das Feuer doppelt an, und brachte es so weit, dass der Eierkuchen zwar ein wenig verbrannt war wir uns indess doch eine halbe Stunde eher um ihn herum setzen konnten. Ach! er hatte mir nicht besser schmecken konnen, ware er auch in seiner grossten Vollkommenheit erschienen. Ihr selbst ihr wollte er nicht schmecken, selbst nicht, wie ich ihr ihn vorlegte. Sie war verloren fur alles gemeinere Bedurfniss. Ihre Sprache war zitternd, wie die Sprache der Sappho, und ihr gluhendes Auge von allem was zwischen Himmel und Erde ist nur auf mich allein geheftet. Mir kam wahrlich zur rechten Zeit meine Erfahrung zu Hulfe. Ich horte durchaus nicht auf den Einklang meines Herzens mit dem ihrigen wies es schon bei'm Praludiren zur Ruhe, und konnte nun desto aufmerksamer auf das naturliche Adagio der kleinen Virtuosin Acht geben, das mir ich versichre Dich, Eduard mehr Vergnugen gewahrte, als die vollstandigste Tafelmusik unsers Konigs.
Wie wir aufgestanden waren, brachte mir das arme Kind dem es in der Stube zu enge ward, meinen Hut und Stock, und trippelte vor mir her zur Hutte hinaus. Mir ward, als ich den blauen Himmel sah, angst und bange vor dem heimlichen Spaziergang, in den sie mich in aller Unschuld verlocken wurde. Ich dachte in diesem Augenblicke an den, in der verschwiegensten Ecke Deines Parks lauschenden Amor, den sicher kein Pfuscher gemeisselt hat. Ich weiss kein belehrenderes Sinnbild von ihm. Das bedenkliche Lacheln, mit dem er in die Stille des Waldes hinblickt die umfassende Kraft, die seine Flugel dehnt das kleine Schrecken, das er jedem einjagt, der unvermuthet auf ihn trifft alles war mir jetzt furchtbarlich gegenwartig.
Da dachte ich bei mir selbst: "Du willst ehrlich seyn, Wilhelm, da es noch Zeit ist. Ehe du einen Schritt weiter setzest, willst du das unbefangene Madchen von der Gefahr unterrichten, die es lauft. Du hast so viele warnende Bilder vom Amor gesehen hast dich mude an allen den Steckbriefen gelesen, die ihm taglich nachgeschickt werden, dass es nicht gut seyn musste, wenn du der Kleinen nicht eine Schilderung von ihm machen konntest, dass ihr die Lust wohl vergehen soll, ihn naher kennen zu lernen. Ist nicht schon manches Schulmadchen durch die Fabel vom Fuchs und dem Huhnchen von ihrem kunftigen Verderben gerettet, oder durch eine grassliche Gespenstergeschichte abgehalten worden, im Finstern zu gehen? Ja, hat mir nicht selbst die Furcht vor dem Teufel ofter meine Chatulle gerettet, als die vor dem lieben Gott?"
Ich setzte mich also auf die holzerne Bank vor dem Hause, fasste die Kleine bei beiden Handchen, und zog sie sanft zu mir her.
"Margot," sagte ich "ehe wir weiter gehen, will ich Dir etwas erzahlen. Ich habe heute wichtige Ursachen, warum ich unsern Fichtenberg nicht ersteigen mag "
"Und ich auch," versetzte Margot seufzend und mit einer Naivitat, die mich beinahe in meiner Fortsetzung irre gemacht hatte.
"Wir wollen den guten Mandelbaum heute in Ruhe lassen. Er wird schon ohne uns seine Bluten vollends entfalten."
"Das ist zu glauben," antwortete Margot "Aber was wollen Sie damit sagen?"
"Margot," stotterte ich ziemlich verlegen "Du hast doch wohl schon von dem Amor gehort?"
"Nicht eine Sylbe" antwortete sie mit herzlich verwundernden Augen.
"Nun gut," fuhr ich noch stotternder fort "so muss ich Dir sagen, dass es eine Art von Buschklapper ist, der die Gegend da oben sehr unsicher machen soll:"
"Ein Strauchdieb, der die Sonne scheut,
Vom spaten Abend bis zum Morgen
Am liebsten in der Einsamkeit
Auf jenem Fichtelberg verborgen.
Dort hauset er, bricht und entweiht
Die Granzen und die Hegezeit,
Und lockt in ein Gewirr von Sorgen
Die unbedachte Lusternheit.
Wir wurden schwerlich ihm entweichen;
Denn er, ein Meister im Beschleichen,
Stort alles auf, hetzt alles matt,
Zumal wenn er in den Gestrauchen
Zwei Schmachtende erlauert hat."
"Lassen Sie Sich doch so etwas nicht weiss machen," unterbrach mich die Kleine, und schlug ein lautes Gelachter auf "Es ist nicht ein Wort davon wahr. Die Gegend da oben sollte nicht sicher seyn? Auf die Gefahr, glauben Sie mir, wollte ich den ganzen Wald mit Ihnen durchstreifen, ohne dass uns etwas Widriges begegnen sollte. Aber es ist mir schon recht, dass Sie Sich furchten. Ich bin den einsamen Berg wirklich ein Bisschen uberdrussig. Er macht mich schon traurig, wenn ich ihn ansehe. Lassen Sie uns diesen Nachmittag lieber einen Gang auf den Postplatz thun, wo der heutige Markttag alle Esel und
"Gut," sagte ich ein wenig betroffen, richtete mich von meinem Lehrstuhl auf, und indem Margot, muthig wie ein Kind aus der Schule, vor mir herlief, schlich ich ihr nachdenkend wie ein Praceptor nach, der eben vor seinen Untergebenen das sechste Gebot austrommelte und durchpeitschte, das doch, ihn ausgenommen, keines in der ganzen Klasse, trotz seines Unterrichts, weder zu begreifen noch zu ubertreten in dem Falle war. Ging es mir wohl besser mit meinem verungluckten Apolog? Lag nicht die Ursache, warum mich Margot nicht verstehen konnte, in ihrer holden Jugend und Unschuld, so wie ihr jetziger brausender Wunsch nach Zerstreuung in jenem ihr noch fremden, bittersussen Gefuhle lag, das sie zu ubertauben suchte?
Du kannst denken, Eduard, ob mir das liebe Madchen, unter diesem hellstrahlenden Nimbus der durchbrechenden Natur, mit dem sie mir heute wie eine leidende Heilige erschien, nicht noch lieber ward. Ich hatte entweder ein Heide, oder vor den Kopf geschlagen seyn mussen, wie ein Schulmeister, wenn ich der nachsten Eingebung, nach dem misslungenen Versuche meines ersten Unterrichts, hatte Gehor geben, und die belobte sokratische Lehrart missbrauchen wollen, um das sich straubende Kind zu seiner Selbstkenntniss zu bringen, oder, welches Eins gewesen seyn wurde, den Most in seiner Gahrung zu storen, um mich in ihm zu berauschen. "Nein," sagte ich, "lieber will ich durstig von hier gehen, und demjenigen den kunftigen Wein unverfalscht und ungetrubt gonnen, fur den das Gluck und die Zeit diese Labung aufbewahrt."
Ich war fest entschlossen, mich auf die wenigen Tage, die ich noch unter den blauen Augen dieses seltenen Madchens verleben wurde, bloss auf das massige Vergnugen ihres Beobachters einzuschranken, und vor allen Dingen meine Abreise um keine Stunde uber die gesetzte Zeit, geschweige wie mir schon einigemal der verwegene Gedanke gekommen war auf mehrere Monate zu verschieben.
Unter diesen heroischen Gedanken gelangte ich, einige Minuten nach Margot, auf dem Postplatze an: aber es dauerte nicht lange, so traf nur zu sehr ein, was ich gefurchtet hatte Ihre Fieberunruhe verstattete ihr kein Bleiben. Kaum hatten wir einen Esel abeinen andern aufsatteln gesehen, so strebte sie weiter. Sie ging, in sich gekehrt, auf der Chaussee fort, und ich folgte ihr ohne Einwendung auf diesem staubigen Wege nach. Sie hing sich traulich an meinen Arm, und so schlenderten wir stillschweigend mit einander fort, und kamen, ohne es zu bemerken, dem Stadtthore bis auf einige hundert Schritte nahe. Der gepflasterte Weg hatte die arme Kleine ermudet. Wir setzten uns auf eine der steinernen Banke, mit welchen franzosische Strassen, zur Beruhigung so vieler Fussganger, reichlich versehen sind, und vertieften uns in das bewegliche Gemalde, das vor uns lag.
Inzwischen ward Margot so durch und durch ernsthaft, dass ich ihr mit Verwunderung in die Augen blickte, ohne sogleich, entdecken zu konnen, was in ihrem Innen: vorging. "Sollte das Getose menschlicher Thatigkeit," dachte ich, "das dich immer in ein gewisses unwillkuhrliches Staunen versetzt, auf ein dreizehnjahriges Madchen dieselbe Wirkung hervor bringen? Es setzt doch eine gewisse Vermischung von Gedanken voraus, die man so einem Kopfchen nicht wohl zutrauen kann." Auch war das gute Kind weit davon entfernt. Was ihre Zunge mir nicht zu erklaren vermochte, als ich sie um die Ursache ihres banglichen Ernstes befragte, das that ihr Blut desto beredter, uberzog ihr Engelsgesicht mit der Schminke der Unschuld und der Rosen, und machte es mir unmoglich, diesem Naturgestandnisse ihrer uneigennutzigen Liebe nicht mit dem feurigsten Kusse zu huldigen.
In diesem kostlichen Augenblicke, den das vollstromende Herz der uberraschten Vernunft abgewann, lenkte ein Phaeton hinter uns durch einen Seitenweg in die Chaussee ein, und zog langsam bei meiner Umarmung voruber. Ich richtete mich in die Hohe, und begegnete den verachtlichen Blicken, die ein Mann ohne Physiognomie, kurz der in Nimes so beruhmte und besuchte Verfasser d e r R e v o l u t i o n v o n P o r t u g a l auf mich und mein Liebchen herab schoss. Ich war so betroffen, als ob es mir zum erstenmale widerfuhre, mich dem geschwinden Urtheile eines Kleinstadters in einem Augenblicke ausgesetzt zu sehen, wo das aussere Ansehen wider mich war. Ich hatte noch nicht durch meine lange Hoferfahrung gelernt, mich uber solche Muckenstiche des Zufalls zu trosten, und mit dem ehrlichen Manne im Plautus auszurufen: Ego vergieb mir immer das Bisschen Latein sum promus meo pectori, Suspicio in alieno pectre est sita. Nein, ich argerte mich von ganzem Herzen, sowohl uber die Unmoglichkeit, einem Manne von seiner Art den unschuldigen Zusammenhang so eines Kusses begreiflich zu machen, als uber die spottischen Anmerkungen, mit denen er sich in seiner Abendgesellschaft auf meine Kosten gross machen wurde; und argerte mich endlich uber mich selbst, dass ich schwach genug sei, mich uber solche Armseligkeiten zu argern.
Ich wusste mir in meinem Unmuthe nicht anders zu helfen, als dass ich ihm den einzigen Fehler, der mir von ihm bekannt war, aufmutzte, und meiner lieben Margot erzahlte: "Dieser Mann mit dem albernen Gesichte, der eben vorbei gefahren sei, habe das missgeschaffenste, elendeste Gedicht geschrieben, das in Frankreich zu finden sei ein Trauerspiel ohne Mark und Kraft das so lang und fade sei, wie die Nase des Autors." Aber Margot bekummerte sich um das alles nicht im geringsten "Dort kommt Ihr Johann," war ihre ganze Antwort. Wirklich verdiente meine Anklage auch keine andere. Wir standen auf, gingen dem guten Johann entgegen, der sich freundlich an uns anschloss. Ich vergass den Baron, die Kleine trallerte, und Johann gab mir, wahrend uns ein schoner Abend langsam nach Hause brachte, Rechenschaft von seinen Verrichtungen in der Stadt.
Den 28sten December.
War ich gestern mit meinem Tage zufrieden, so bin ich es mit meinem heutigen ungleich mehr. Ich habe mich uber einer unzweideutigen Probe einer vollstandigern Genesung uberrascht, als ich jemals hatte hoffen konnen uber einer von den Thorheiten aus den glucklichen Zeiten meines funfzehnten bis achtzehnten Jahres. Es macht mir eine herzliche Freude, sie Dir erzahlen zu konnen; denn Du bist zu sehr mein Freund, als dass Du nicht einen warmen Antheil daran nehmen solltest.
Du weisst wenn Du anders kunftig einmal bis hieher gelesen haben wirst wie es um das Herz der Wahrheit ungewohnliche Starke dazu, ihm nicht zu Hulfe zu kommen, da vielleicht noch keinem Ritter das Mitleid so nahe gelegt worden ist, als mir, und ich zu aufmerksam auf das liebe Kind bin, um nicht, wie ein praktischer Arzt, der unter Epidemien grau geworden ist, von Stunde zu Stunde angeben zu konnen, um wie viele Grade sich die Krankheit verschlimmert hat. Ihre vormalige Munterkeit, wie ganz ist sie verstoben! und ach, nun kommen die Symptome der unruhigen Nachte darzu Was will aus dem armen Kinde werden!
Ich lag in dem besten Schlafe hinter meinem Closset, als mich ihre Stimme zu erwecken schien Es war aber nur der Widerklang ihrer Seufzer tonenden Brust. Da es ganz still um uns her war, so entwischte mir auch nicht ein Athemzug, durch den das gepresste Herz sich zu erleichtern suchte keiner von den jugendlichen, in manch sanftes Ach! koncentrirten Wunschen, die das Blut durchsauseln, und sich dem Kenner noch ehe sie der unschuldigen Seele horbar werden, wie der Hauch auf einer aolischen Harfe, verrathen. Hatte ich mich gehen lassen, so wurde das seltenste Koncert von Seufzern entstanden seyn, das je gespielt worden; denn je aufmerksamer ich mit jedem Pulsschlage ward, desto schwerer ward es mir auch, nicht mit einzustimmen.
Wie froh war ich, als der Tag zu grauen anfing, und ich bald darauf, mein Bette mit Ehren verlassen konnte! Ich kam glucklich bei dem ihrigen vorbei nahm aber das Herz so voll von sympathetischen Gefuhlen mit, dass mir fur hinlangliche Unterhaltung auf meinem einsamen Spaziergange unmoglich sehr bange seyn konnte.
Gott weiss, wie geschwind oder langsam ich heute meinen Berg erstieg! Ich hatte aus mir selbst zu viel heraus zu spinnen, als dass ich auf etwas ausser mir nur Acht gehabt hatte. So viel noch erinnere ich mich dass er mir heute nicht hoch, nicht raumlich, nicht romantisch genug vorkam. Ich musste, ohne es zu wissen, auf seiner andern Seite herab gestiegen seyn; denn, als mir das sonderbarste Abenteuer mein Bewusstseyn wieder gab, befand ich mich in der Mitte einer mir unbekannten Wildniss sah meinen Fichtenberg eine Stunde weit von mir liegen, und konnte kaum mit blossen Augen mein kleines Caverac wieder finden.
Ist es indess Wohl der Muhe werth, dass sich die drei Grazien des menschlichen Lebens Wahrheit, Natur und Freundschaft vereinigt bemuhen sollen, Dir das lacherlichste Bild aufzustellen, das Dir wohl jemals von einem Menschen bei gesundem Verstande zu Gesichte gekommen ist? Wenn Du so dachtest, lieber Eduard, so sahe ich mich genothigt, mich erst daruber mit Dir zu besprechen. Dergleichen Schilderungen von uns selbst, denke ich, verdienen nur dann erst, dass man den Kopf dazu schuttelt, und sich uber ihren Autor ein wenig aufhalt wenn man sie, wie Rousseau, mit einer geheimnissvollen Miene auf den Altar der Unsterblichkeit niederlegt, und durch ein mit einem Anathema versehenes Kodicill verordnet, dass sie nicht eher als zwanzig Jahre nach unserer Verwesung der Welt zur Schau gestellt werden. Zu was so viele Umstande? Ich gebe uberhaupt nach meiner jetzigen Denkungsart und Gott erhalte mir sie! nicht den Augenblick einer leichten Verdauung fur die ganze Ehre, der zweiten Generation namentlich bekannt zu bleiben: doch kann ich auch nicht so viel Wesens daraus machen, wenn ein Freund wie Du, bei meinem Leben, mich im Hemde uberrascht. Das schliesst jedoch, wohl zu merken, nicht den gutmuthigen Wunsch aus, durch mein Daseyn wo nicht mit so pathetischem Ernste, wie Rousseau, oder mit dem Schrecken jenes, der das Pulver erfunden hat doch sonst durch eine gesegnete Kleinigkeit auf die Nachwelt fortzuwirken. Und geschahe es nur durch einen Schwefelfaden, den ich inkognito zu meiner eigenen Bequemlichkeit verbesserte, und nachher damit bis an's Ende der Welt den Armen erleichterte, ihre Lampen anzuzunden nur durch ein Liedchen, wie Anakreon sang, das einige tausend Jahre hindurch, Menschen wie wir sind, einen frohen Augenblick mehr ertrallern half ich wollte damit zufrieden seyn zufriedener, als wenn ich jetzt mein Leben an Reichsund Kreis-Relationen verschreiben in der Ungewissheit verschreiben musste, ob die Nachwelt so viel Nutzen als aus meinem Schwefelfaden ziehen wurde.
Die Weisen, die hierin meiner Meinung sind und die es nicht sind, mogen es mir vergeben, dass ich diesen reichhaltigen Text zu einer gelehrten Abhandlung einer Armseligkeit vorausschicke, und ihn mit derselben Feder geschrieben habe, die Dir die wichtige Neuigkeit erzahlen soll, durch welche Verfassung der Seele ich dahin gebracht wurde, mir heute in der Mittagsstunde eine Beule gerade uber der Nase zu stossen. Es ging drollig genug damit zu.
In dem dicksten Hain verloren,
Ohne Fuhrer, ohne Bahn,
Fragt' ich nicht, ob mich die Horen
In den Abglanz von Auroren
Oder Lunen schwindeln sahn.
Meine Phantasien flogen
Der gereizten Liebe nach,
Und, mit blauem Flor umzogen,
Fabelte des Himmels Bogen
Mein und Margots Brautgemach.
Bald auch schwand des Haines Stille
Meinem Jubel aufbewahrt,
Zitternd vor mir, ohne Hulle
Meinen Rathseln offenbart.
In den wunderbarsten Fugen
Sammelten die Freuden sich
Um mein Lager, ubertrugen
Ihre Wirtschaft mir, und schlugen
Ihre Flugelchen um mich.
Und auch ich schlug, in dem vollen
Liebesrausche meines Traums,
Meine Arme, gleich Apollen,
Ach ihr Gotter! um die Knollen
Eines alten Feigenbaums.
So derb auch die Erinnerung war, nahm ich sie doch ohne dem Feigenbaum zu fluchen vielmehr mit einer Resignation auf, die gewiss jedem so vor den Kopf gestossenen Philosophen Ehre wurde gemacht haben. Ich liess nur die Schmerzen ein wenig verrauchen, die mir meine Umarmung verursachte, dann trat ich und zur Genuge abgekuhlt meinen Ruckweg an.
Als ich den Fichtenberg beinahe erreicht hatte, horte ich mir zurufen. Ich blickte auf, und sah das artigste landliche Gemalde, das man sich vorstellen kann sah den Berg herunterwarts, durch das Gebusche durch, eine Nymphengestalt, leicht wie der Zephyr kurz eben diese kleine liebe Margot auf mich trug. Eine Strecke tiefer im Busche brach auch Johann hervor, und ganz im Hintergrunde sah ich auch meinen Wirth, mit einer Hacke bewaffnet, ansteigen.
"Lieber Herr" schrie Margot, als sie naher kam, und fiel mir athemlos in die Arme "um des Himmels willen, wo sind Sie so lange geblieben? Was haben Sie mir was haben Sie uns allen nicht fur Sorge gemacht? Schon seit einer Stunde (sollte das Ahndung gewesen seyn, Eduard?) suche ich und Johann Sie auf diesem abscheulichen Berge. Wir haben alle Hohlen, alle Gebusche durchkrochen. Wo? wo sind Sie doch nur gewesen?" Und nun trat Johann, und nun auch Blaise herbei, und wiederholten dieselbe Frage.
"Je nun, lieben Kinder," antwortete ich lachelnd "von einem so angenehmen Spaziergange, als ich heute gehabt habe, kommt man leicht spater zuruck, als man sollte. Du hattest mich nur um ein paar Stunden eher aufsuchen mussen, Margot, um mit mir zu theilen, und Dir die lacherliche Angst zu ersparen, die Du wahrscheinlich meinetwegen gehabt hast."
"Ja, die hat sie gehabt," nahm Blaise das Wort, "sie hat sich recht Kindisch bezeigt."
Indem, und da ich zufallig den Hut abnahm, um mir den Schweiss abzutrocknen stiess sie, als sie meine blutrunstige Stirn erblickte, einen uberlauten Schrei aus. "Habe ich's doch gedacht und gesagt," schrie sie mit weinender Stimme: "aber kein Mensch wollte mir glauben."
"Was konnte man denn Dir nicht glauben, Margot?" fragte ich verwundert.
"Dass Sie," fielen die andern ein, "einem Strauchdiebe in die Hande gefallen waren, der, wie sie uns gerne bereden mochte, den Fichtenberg unsicher macht."
Die Kleine, um sich zu rechtfertigen, drang nun in mich, ihr die Wahrheit zu bestatigen, und wollte durchaus mit dem Merkzeichen an meiner Stirne Beweis fuhren.
Nun ist kaum etwas Beschamenderes fur einen gesetzten Mann, als wenn er sich durch ein schwatzhaftes Kind an den Pranger gestellt sieht. Ich bedachte, dass mein Auditorium nicht so beschaffen sei, dass mir eine mythologische Erlauterung aus der Verlegenheit hatte helfen konnen bedachte, dass Margot nicht in Berlin in die Schule gegangen sei, und noch keinen Begriff davon habe, dass man nicht alles, was uns gesagt wird, wortlich verstehen musse und, da ich in dem Augenblicke nichts von Bestand zu antworten wusste, suchte ich wenigstens vor der Hand nur Zeit zu gewinnen, stellte mich eilender und hungriger als ich war, und bat die Kleine um die Gefalligkeit, ein wenig voraus zu laufen, damit wir bei unserer Ankunft das Essen auf dem Tische fanden. So etwas lasst sie sich nicht zweimal sagen Sie flog wie Anakreons Taube davon, und Johann mit ihr, und ich und mein Hauswirth trabten etwas bedachtlicher nach.
Unterwegs erzahlte er mir, wie die Angst des Kindes uber mein ungewohnliches Aussenbleiben mit jeder Minute, wie ein Wetterglas, immer hoher und hoher gestiegen sei wie keine vernunftige Vorstellung dagegen hatte verfangen wollen und wie sie im Begriff gewesen ware, das ganze Dorf zu meiner Hulfe aufzubieten.
"Aber woher die Beule," fuhr er fort, "die Sie da uber der Nase mitgebracht haben?"
"Ich habe einen Feigenbaum umarmt, mein lieber Mann," sagte ich.
"So, so," versetzte er lachend, "das kann einem ja wohl geschehen. Vor einem Fehltritt ist niemand sicher. Aber geben Sie Acht, unserer Narrin von Madchen wird, das viel zu alltaglich seyn. Sie hat sich einmal den vermaledeiten Gaudieb in den Kopf gesetzt, und sie wird sichs nicht ausreden lassen, dass es, nicht der sei, der Ihnen den Schandfleck angehangt hat."
Der gute Mann dachte wohl nicht, dass seine gerade Erzahlung so anziehend fur mich seyn wurde, als sie es war. Er war wohl weit entfernt, zu vermuthen, dass er mir die beredtsamste Schilderung von der Leidenschaft seiner Nichte zu mir entwerfe, indem er sich uber ihre Einfalt lustig zu machen glaubte. Er hatte sich's wohl nicht im Traume einfallen lassen, dass mehr Wahrheitssinn in dem Kindergeschwatze der kleinen Margot verborgen lag, als in manchen andern Mahrchen, die wir doch ohne Muhe glauben. Aber freilich konnte er auch den geheimen Zusammenhang meiner Kopfwunde mit dem, was seine Nichte albernes erzahlte, nicht so gut einsehen wie ich konnte freilich nicht ahnden, wie nahe hier Irrthum und Wahrheit an einander granzten.
Sobald wir zu Hause beisammen waren, setzten wir uns mit gleicher Esslust zu Tische, die Kleine ausgenommen, der, vor ubergrosser Neugier, mit der sie auch ihre Tante angesteckt hatte, kein Bissen schmekken wollte. Nun war aber, wie Du mir leicht glauben wirst, meine Geschichte keine von denen, an die man sich gern erinnern lasst die Zudringlichkeit der kleinen Narrin war mir daher auch nicht sonderlich angenehm Gern ware ich ihres Examens uberhoben gewesen; aber daran war nicht zu denken So lange wir zwar vor der Schussel sassen, wies sie der Vetter gleich bei der ersten tollen Frage, wie er es nannte, zur Ruhe doch kaum waren wir aufgestanden, und der Bauer und seine Frau an ihre kleinen Geschafte gegangen, so sass mir das schmeichelnde Geschopf auch schon zur Seite; und, indem sie mir warme Umschlage auf die Stirn legte, und mit ihren Handchen andruckte, lispelte sie mir mit mitleidigem Ernste zu, ohne im geringsten zu argwohnen, wie grausam sie mich persiflirte: "Also haben Sie wirklich dem Strauchdiebe, dem Amor begegnet? Mein Gott, wie mussen Sie erschrocken seyn! War der Stein gross, den er nach Ihnen warf? und wie haben Sie es angefangen, dass Sie ihm noch lebendig entkommen sind? Erzahlen Sie mir alles, aber so genau, so umstandlich als moglich."
"Margot," sagte ich, "um meinen Herzstichen mit Einemmal ein Ende zu machen, das ist mit zwei Worten zu erzahlen. Ich sah den Unhold, vor dem ich Dich gestern warnte, doch nur von weitem fasste das Herz (bei Dir wurde es Verwegenheit seyn) ihm nachzueilen glaubte ihn schon zu ergreifen, stiess mich aus blinder Hitze an den Baum, hinter den er sich steckte die Beule siehst Du, die ich mir schlug und wie ich mich umsah, war er entwischt."
"Entwischt?" wiederholte sie: "Nun das ist mir Ihrentwegen recht lieb. Es ist immer das sicherste, wenn man nicht selbst laufen will. Was gehen Ihnen," setzte der kleine Naseweiss hinzu, "unsere Buschklapper an? und was hatten Sie in aller Welt mit diesem anfangen wollen gesetzt Sie hatten ihn nun auch erhascht? Wollten Sie ihm seinen Prozess machen? Dazu ist unsre Gemeinde zu arm."
"Du hast Recht, meine kluge Margot," antwortete ich so ernsthaft, als es mir moglich war: "Es mag wohl eine Uebereilung von mir gewesen seyn desswegen thust Du mir auch einen Gefallen, nicht viel weiter davon zu schwatzen. Aber ich dachte, liebes Madchen," indem ich sie scharf in die Augen fasste "Du warest seit gestern und heute viel neugieriger, viel furchtsamer und auch viel teilnehmender geworden, als ich Dich bisher gekannt habe?"
Eine schnelle Rothe ich stehe nicht dafur, Eduard, ob nicht der Grund davon in dem Bewusstseyn zu suchen war, das ihr von ihrer ersten unruhigen Nacht zuruck blieb uberzog das Engelsgesichtchen, und kontrastirte allerliebst zu ihrer sichtbaren Verwunderung uber meine unvermuthete Frage. Beinahe hatte mich meine kleine Leichtfertigkeit gereut. Indess gewann ich doch so viel damit, dass sie ihr neugieriges Gesprach, vermutlich in der Voraussetzung abbrach, dass ich auch dafur das meinige nicht fortsetzen wurde.
Unter diesem stillschweigenden Vertrage, den jedes auf das heiligste erfullte, erreichten wir in gewohnlicher guter Laune den Abend. Ich suchte zeitig mein Bette, aus eigenem Triebe sowohl, als auch um meinen Freunden, die nicht weniger ermudet zu seyn schienen, die Freiheit zu verschaffen, das ihrige zu suchen.
Schon hatte ich mein summendes Haupt in das Kissen gehullt, und sah den friedlichen Schlaf sich nahern als das Schicksal, das mich heute zu seinem Ball ausersehen zu haben schien, mir noch eine eben so unerwartete als harte Prufungsstunde in den Weg warf. Das mitleidige Kind hatte, mit Hulfe Johanns, durre Krauter von dem Oberboden geholt, die sie zur Bahung meiner Wunde fur dienlich hielt, und die ihr noch beifielen, wie sie eben in das Bette steigen wollte. Das hielt sie nicht ab, in blossen Fussen und ohne Licht darnach zu gehen. Johann hatte Feuer anfachen mussen, um den Wein warm zu machen, in welchem die Krauter gebeitzt wurden, und auf Einmal trat das gute Madchen leise vor mein Bette, schlug die rauchende Masse in ihr Halstuch, das sie abthat, um es mir um die Stirne zu binden.
"Kind," sagte ich, "was beginnst Du? Du machst Dir eine unnothige Muhe."
"Das dachte ich doch nicht," antwortete sie spottelnd: "Oder denken Sie etwa, dass Ihnen Ihre blaue Stirn gut steht?" Zugleich bog sie sich uber mein Bette, legte mir das Tuch an, und indem sie es zusammen knupfen wollte, geschah es, dass durch die Richtung, in die ich jetzt, des Knotens wegen, nach ihr hin gezogen ward, mein Gesicht auf den schonsten jugendlichsten Busen zu ruhen kam, der wohl je unter den Kussen eines Mannes gezittert hat.
Welche geheime magische Verkettung aller Dinge! So erzeugte meine Morgenschwarmerei fur den ruhigen Abend eine Wirklichkeit, deren Keim ich nimmermehr in dem unsanften Augenblicke wurde geahndet haben, der mir heute die Stirne zerstiess.
"O Margot," flusterte ich ihr zu, indem ich nicht widerstehen konnte, meine Arme um den schlanken Wuchs dieses lieblichen Madchens zu schlagen "Du o um wie viel ruhrender konntest Dir meine Schmerzen zertheilen verjagen in Entzucken verwandeln!"
"So sagen Sie doch nur wodurch?" flusterte sie mir entgegen, ohne mir nur einen Grad der wohlthatigen Warme zu entziehen, die mir meine gluckliche Lage verschaffte.
"O Du" fuhr ich nach einer, der hochsten Empfindung gegonnten Pause, in schmelzender Zartlichkeit fort: "wie soll ich Dich nennen, Kind der unverfalschten Natur? O wusstest Du, meine Margot, das ganze Geheimniss dieser Wunde, die schonste Beute, die ich jemals dem Amor abjagte! O mochtest Du jetzt den Kampf meines Morgens belohnen! Ja ich sehe schon meine Athletenkrone mit den bluhendsten Sprosslingen durchflochten, die je das Mitleid der Liebe gereicht hat." Und das leichte, geschmeidige, atherische Wesen, das wahrend dieser Hymne unter der Federkraft meiner Arme unmerklich immer hoher und hoher bis uber den Schwerpunkt gehoben, halb uber mir schwebte sank jetzt der Engel sank tiefer immer tiefer endlich zu mir herab und nun erst erschrak ich vor dem Glanz seiner Wurde.
Es war nicht das erstemal, Eduard, dass der feine Betrug, den jede symbolische Sprache mit sich fuhret, mir einen Streich spielte aber nie vereinigten sich mehr Umstande, die eine Bildersprache gefahrlich machen konnen, als in diesem kritischen Augenblicke. Unschuld und Mitleiden kamen ihrem geheimen Sinne zu Hulfe Amor war uns kein Ideal aus der Chimarenwelt, so wenig als es die Beule war, die er mir auf die Stirn druckte, als ich seiner Gottheit zu menschlich entgegen strebte. Zu Athen hatte mir dieses sichtbare Kampfmal eben so gewiss Ruhm und Almosen verschafft, als dem heiligen Franz seine Stigmen, die ihn vor andern subalternen Menschen auszeichneten.
Diess Gefuhl meiner Erhabenheit, und die der Andacht ahnliche Duldung des gefalligen Kindes, wie weit hatten sie uns nicht verschlagen konnen! Margot, ich bin es gewiss, wurde in dem sussen Gedanken meiner Linderung so unbefangen, wie sie das seidne Halstuch ablegte, um es mir um die Schlafe zu winden mit derselben verdachtlosen Gute, mit der sie mir den freien Gebrauch ihrer naturlichen Warme verstattete auch eben so theilnehmend jene mystischen Sprosslinge, von denen sie mich lallen horte in meinen Athletenkranz verflochten haben, ohne es fur etwas viel mehr, als ein einfaches Hausmittel zu halten. Aber auf Margots Busen selbst unternahm ich es, meine figurlichen Wunsche, meine sublimen Tropen in gutes derbes Deutsch zu ubersetzen; und da brachte ich zu meinem eigenen Erstaunen einen Sinn heraus, vor dem ich erschrak.
Wie ein Verbrecher, der durch den Glauben beruhigt, dass der Teufel sein Spiel mit ihm getrieben habe, vor die Schranken trat sie jetzt in Verzweiflung verlasst, nachdem der Richter dem verratherischen Sprichworte seine symbolische Decke abzog so zitterte auch ich vor mir selbst, und die Wahrheit gewann.
"Ich danke Dir, Margot," sagte ich mit mannlicher Stimme, indem ich meine Umarmung aufhob, und ihr wieder auf die Beine half "fur Dein Mitleid Deine Umschlage und Deine naturliche Warme Sie thut mir wohl, aber die Ruhe wird mir noch besser thun. Lege Dich nun auch schlafen. Morgen will ich Dir Dein Halstuch wieder geben."
Indem gleitete der sanfte Strahl des aufgehenden Mondes uber mein Bette. Unter seiner Erleuchtung entfernte sich Margot mit ihrer ganzen herrlichen Unschuld und ich mag doch der ganze Hof von Berlin uber mich lachen dunkte mich grosser als Scipio und hatte eine ruhige Nacht.
Den 29sten December.
Gottlob! Meine Stirn ist von dem Schandflecke von gestern geheilt. Ich verliess, heiteren Gemuths, mein Lager, setzte mich sogleich an meinen Schreibtisch, und vertraute, ohne Errothen, die Geschichte meines vorigen Tags meinem Journale.
Wie ich damit fertig war, verliess ich meinen Verschlag, suchte das gutmuthige Madchen auf, und gab ihr mit freundlicher, offener Miene, und vor den Augen ihrer Verwandten, das Halstuch zuruck, das sie mir auf eine Nacht geborgt hatte. Aber ich weiss nicht sie kommen mir alle heute ein wenig betreten vor Sollte ihnen eine Unannehmlichkeit zugestossen seyn? Das sollte mir leid thun. Sie scheinen sogar mich vermeiden zu wollen, gehen vor das Haus und flustern zusammen, das ich gar nicht an ihnen gewohnt bin. Was mich aber am meisten verschnupft, ist auch die kleine Margot hat Herzklopfen, ohne mir Rechenschaft davon zu geben. In solchen Augenblicken muss man seinen Freunden Platz machen doch kann mich das Madchen heute wohl begleiten.
Ich hatte meinen Hut und Stock mit Gerausch aus dem Verschlage geholt, staubte den einen ab, und besah so genau den andern, als ob ich noch kein Eichenholz in meinem Leben gesehen hatte: aber es half gehen, und blieb unbeweglich in ihrer Ecke sitzen. Ich reichte ihr die Hand im Vorbeigehen, die sie mit einer Ruhrung druckte, die mir an das Herz ging. "Was beginnen doch diese Kinder zusammen?" dachte ich, und verliess sie ganz betroffen. Johann folgte meinem Beispiele und gab mir dadurch eine neue Gelegenheit, seinen feinen Takt zu bewundern. Ich winkte ihm, mir zu folgen, und so erstiegen wir beide, jeder seine Gedanken fur sich, den Gipfel des wohl bekannten Berges.
Hier setzte ich mich, und liess meinen Augen die Freiheit. Johann stand neben mir, und schien, wie ich, in der Bewunderung der herrlichen Aussicht verloren. "Mein Herr," unterbrach er endlich die Stille "Sie konnen gut in die Ferne sehen Entdecken Sie wohl dort, gleich neben dem kleinen Gebusche einen ganz schmal zugespitzten Thurm?"
Ich sah hin, konnte aber nichts erkennen.
"So muss ich doch," fuhr er fort, "noch bessere Augen haben als Sie. Wissen Sie wohl, dass der Thurm zu dem Dorfe gehoret, wo Margot her ist?"
"So!" antwortete ich darauf, und sah noch einmal hin.
Nach einer kleinen Pause fing er wieder an: "Es soll ein ganz nahrhafter Ort seyn."
Ich drehte mich nach ihm um, und da stand er mit gefalteten Handen, und blass wie ein armer Sunder, vor mir.
"Was fehlt Dir, Johann?" fragte ich hastig. Und nun kam etwas an den Tag, das mich so lebhaft an einen Vorfall erinnerte, der lange vor meiner Geburt einem Professor der Physik zu Wurzburg11 begegnete, dass ich der Lust nicht widerstehen kann, ihn Dir als einen brauchbaren Uebergang in das Folgende und als einen Beweis zu erzahlen, dass auch die aufgeklartesten Kopfe einmal in ihrem Leben in den Fall kommen konnen, hintergangen zu werden.
Dieser gelehrte Mann also sammelte Naturalien, und hatte das besondere Gluck, eine Sandgrube ausfundig zu machen, die unglaublich reich an den seltensten Versteinerungen war. Stelle Dir sein Vergnugen vor, wenn er nach jedem heimlichen Besuche derselben, alle Sacke mit Kabinetsstucken gefullt zuruck brachte! Auch wuchs seine Sammlung in kurzem zu einem Reichthume an, der alle andere in diesem Fache verdunkelte, und ihm den sehr naturlichen Gedanken eingab, in einem gelehrten Werke seine glucklichen Entdeckungen und durch beigefugte deutliche Abbildungen den ganzen Werth dieser Kostbarkeiten der Welt bekannt zu machen, sicher, das Erstaunen aller Kenner dadurch zu erregen. "Er habe," sagt er sehr bescheiden, "diese naturlichen Wunder diese so deutlich in Sandstein verwandelten Vogel und Frosche, Eidexen, Fledermause und menschlichen Glieder, unmittelbar aus den Handen der Natur erhalten, sie selbst in den glucklichsten Stunden seines Lebens ausgegraben, und auf ihre in Kupfer gebrachten Abzeichnungen die gewissenhafteste Sorgfalt verwendet."
Es thut einem selbst wohl, wenn man den gelehrten Mann so von Selbstzufriedenheit strotzen sieht, und es ist gewiss, dass nichts der verdienten Ehre seiner muhsamen Entdeckungen einigen Abbruch thun konnte, als der kleine Umstand, den er erfuhr, als eben der letzte Bogen seines tiefsinnigen Werkes unter der Presse war: dass nehmlich zwar nicht die bildende Natur selbst, aber doch ein Freund derselben, Urheber aller der vorbeschriebenen Seltenheiten sei. In schalkhafter Laune hatte einer seiner Kollegen, der freilich nicht die Folgen voraus sah, alle jene Dinge von einem gemeinen Steinmetz fertigen lassen, und sie allemal den Abend vorher dahin vergraben, wo er schon wusste, dass der Professor sie den Morgen darauf suchen und finden wurde.
Wie die erste Wuth uber einen so unzeitigen Spass die ich Dir selbst uberlasse, sie Dir in ihrem ganzen Umfange vorzustellen ein wenig verkuhlt war, er sich nun genug abgeharmt und ausgeschamt hatte, so fasste er den besten Entschluss, der ihm ubrig blieb, um eines Theils seinen einmal gedruckten theuern Folianten noch einigermassen fur Bibliotheken nutzlich zu machen, andern Theils um nicht selbst, wenn er seinen Verdruss im Stillen verschluckte, ein Gallenfieber davon zu tragen. Er setzte sich also, ziemlich gefasst, an sein Schreibepult, erzahlte, in einem Anhange und in sehr gutem Latein, seinen Unfall aufrichtig, und uberraschte den gutigen Leser, der bis dahin seinem Werke die verdiente Aufmerksamkeit geschenkt hatte, nicht wenig mit der unerwarteten Nachricht, dass von alle dem, was er vorher gelesen hatte, auch nicht eine Sylbe wahr sei. Gutmuthig vermahnt er sie zuletzt alle, sich an seinem Exempel zu spiegeln, und die Liebhaberei ja nicht bis zur Blindheit zu treiben. Er gesteht, dass, da er jetzt die Originale ohne Vorurtheile untersuche, er nicht begreifen konne, wo er seine Augen gehabt habe hofft, dass seine kunftigen Schriften durch seine gemachte Erfahrung nur desto mehr gewinnen wurden, und bietet zu seiner Bestrafung die gegenwartige um den halben Ladenpreis an.
Man wird, wenn man das so liest, dem Professor fur seine seltene Aufrichtigkeit wieder recht gut: und welcher vernunftige Mann wollte nicht wie auch ich gethan habe seinem Folianten, etwa neben Lavaters Bilderbuche, einen Platz in seiner Bibliothek gonnen?
Glaube nicht, lieber Eduard, dass dieses Geschichtchen hier am unrechten Orte stehe, und hore nun mit mehr Aufmerksamkeit, als Du mir hoffentlich bisher gegonnt hast, die Fortsetzung des meinigen.
Jedes Wort, das Johann vorbrachte, gab mir einen Stich in's Herz, und trieb mir das Blut in's Gesicht. Alberner ich schwor' es Dir zu bin ich mir in meinem Leben nicht vorgekommen, als da ich, wahrend dass der Kerl von seiner heissen Liebe zu Margot, und ihrer eben so feurigen Gegenliebe, mir vorstotterte, mich an meine schone Tiraden uber die Ungleichheit der Stande uber die gefundene achte Perle und an allen den Unsinn erinnerte, der mir einige Tage her durch den Kopf und durch die Feder gegangen war. Mein Zustand glich zuletzt formlich der Stupiditat, in die gewohnlich nur grosse Gelehrte fallen, wenn ihnen im gemeinen Leben in ihrer Kuche und in ihrem Keller etwas aufstosst, das nicht sogleich in ihr System passt. Ich staunte vor mir hin, und verlor die Halfte von dem, was Johann auskramte.
"Ja, lieber Herr," fuhr er eben fort, als ich meine Gedanken endlich besser zusammen nahm "nun wissen Sie mein ganzes Anliegen. Es hat mir und Margotchen immer auf der Zunge geschwebt; aber mein Gott! keines konnte Herz genug fassen, es an den Tag zu bringen, und jedes wollte es dem andern zuschieben. Vorgestern noch, wie wir den ganzen Morgen zusammen vertandelten es war den Tag, wie Sie mich in die Stadt schickten "
"Und wie habt Ihr ihn denn vertandelt?" unterbrach ich ihn neugierig.
"Ach es ist nicht der Rede werth," versetzte Johann: "Das Madchen zeigte mir nur ein wenig den Gang und die Vortheile des Seidenbaues" sagte mir, dass die Liebe dieser kleinen Wurmer Segen uber das ganze Land verbreitete, und dass, wer nur mit einiger Sorgfalt die Begattungsfreuden dieser kleinen Geschopfe Gottes beforderte, reichlich dafur wie fur eine gute That belohnt wurde. Und daruber kamen wir so ganz naturlich auf unsre eigene Liebe und unsern kunftigen Haushalt. Ein Wort gab das andere ein Kuss folgte dem andern, und da ... Was wollte ich doch sagen? Ja, da fasste Margot Muth, und gab mir die Hand darauf, denselben Tag noch mit Ihnen davon zu sprechen. "Ich will Dir," sagte sie, "bis an das Thor entgegen kommen und Deinen Herrn mitbringen. Unterweges will ich ihm erzahlen, wie sehr ich Dich liebe will um Dich anhalten; und damit Du gleich wissen kannst, wie die Sache steht, so will ich Dir auch ein Zeichen angeben. Siehst Du Komme ich Dir allein entgegen gehupft, so ist es gut halte ich aber Deinen Herrn an dem Arme ach so denke nur, dass wir unser Geheimniss noch fur uns haben. Wie ich nun aus dem Stadtthore trat, sah ich mit pochendem Herzen Sie beide auf der steinernen Bank sitzen sah die Kleine geschwind aufsteigen ach aber, was gab es mir nicht fur einen Stich, als ich bald darauf auch sah, wie sie ihre Handchen so artig um Ihren Arm schlang!"
"O Montagne! Montagne!" rief ich hier mit knirschenden Zahnen aus: "Du hast Recht, dass die Katzen oft mit uns spielen, wenn wir glauben, wir spielen mit ihnen."
Johann verstand so viel Franzosisch, dass er sich einbildete, ich hatte etwas uber den Berg gesagt, und herzlich schief darauf antwortete. Doch mir war es jetzt nicht gegeben, uber den geringsten Missverstand zu lachen.
"Ja, das war es auch," erwiederte ich "aber fahre nur fort."
"Was ist da noch fortzufahren, mein gutiger Herr?" versetzte Johann. "Gott weiss es, dass es mir in der Seele weh thut, dass ich um meine Entlassung bitten muss: aber mein Platz ist ja wohl noch zu ersetzen. Es ist ein gar zu gutes Madchen, das mich so herzlich liebt, und ich wusste nicht, wie unser eins ein grosser Gluck in der Welt machen konnte."
"Unser eins?" wiederholte ich, und kaute verdriesslich an den Nageln.
"In diesem Lande" stotterte er ferner "ist es leicht, sich durchzubringen, leicht, eine Frau zu ernahren, zumal eine selbst fleissige und wirthschaftliche Frau, wie Margot schon aus Liebe zu mir seyn wird. Noch gestern Morgen als wir Sie hier auf diesem Berge suchten, und wir gerade auch auf diesem Platze traulich bei einander sassen, hat sie mir und ohne zu viel zu sagen gewiss unter tausend Kussen, hat sie mir versprochen, alles aus sich zu machen, was ich nur wollte."
"Unter tausend Kussen!" dachte ich, "das ist abscheulich!" und hatte jetzt viel darum gegeben, wenn ich den einzigen wieder zuruck gehabt hatte, bei dem mich der Tragodienschreiber uberraschte. Ich verwunschte die kleine Verratherin, die fur einen andern als mich so beredt stammeln und errothen, und einem andern als mir so feurige Kusse geben konnte. Es kam mir nun ganz ausgemacht vor, dass sie meinen Mops vergiftet habe, um mich um alle meine Reisegefahrten zu bringen. An das gestrige Blatt meines Tagebuchs konnte ich nicht ohne Groll gegen mich und sie denken, und Du hast es bloss dem Doktor in Wurzburg zu danken, dass ich dieses demuthigende Blatt nebst einigen vorher gehenden nicht in tausend Stucken zerrissen, und Dich um die Nutzanwendung gebracht habe, die Du daraus ziehen kannst.
Da ich, so sehr es mich auch schmerzte, einen treuen Bedienten auf eine so hinterlistige Art zu verlieren, doch eigentlich nichts hervor zu kramen wusste, was Bestand gehalten hatte; so sagte ich ihm in der Verlegenheit: "Das ist alles gut, Johann aber der Unterschied der Religion?"
"Damit," war seine geschwinde Antwort, "hat es hier nichts zu sagen, wie mich Margot versichert hat."
"Hat sie das?" fiel ich ihm ein, und schuttelte den Kopf.
"Ja wohl, mein bester Herr," fuhr er fort. "Sie laufen auch hier den Heiligen nicht so nach, als anderwarts. Der grosse Christoph allein ist in einigem Ansehen, und das mag er meinetwegen seyn. Entschliessen Sie Sich nur, mein bester Herr; denn ohne Ihre Erlaubniss will mich das Madchen durchaus nicht nehmen. Das ist die einzige Bedingung, die sie und ihre Verwandten bei meinem Antrage gemacht haben; und auch ich trauen Sie mir es zu! wollte selbst eher noch meine Liebe zu Margot in meinem Blute erstikken, ehe ich Ihrem Befehle zuwider meine Sache ausfuhren wollte."
"Johann," sagte ich ernstlich, "die Hauptschwierigkeit ist, dass ich nicht weiss, wo ich in der Geschwindigkeit einen andern guten Bedienten herbekommen will; und Du weisst ja, dass Du Dich verbunden hast, mich wahrend der Reise nicht zu verlassen."
Doch auch dafur hatten die vorsichtigen Leute gesorgt. "Ach," fiel mir Johann hastig ein "das weiss ich nur zu gut habe es auch dem Madchen gesagt und das ist auch der Stein, der uns am schwersten auf dem Herzen gelegen hat. Aber, gnadiger Herr, Margot hat einen Bruder, der ein schoner, wohl gearteter Bursche seyn soll, und der morgen bei Ihnen anziehen kann, wenn Sie wollen. Sie freut sich im voraus, ihn in Ihrer Livrey zu sehen. Der Gedanke war so naturlich und doch ist er ihr erst gestern ganz spat gekommen."
"Um welche Zeit ungefahr?" fragte ich.
"Wie ich Ihnen sage," versetzte Johann, "ganz spat. Es war schon alles im Hause zu Bette, als sie wie ein Geist die Treppe leise herauf zu mir auf den Boden gestiegen kam, um mir ihren guten Einfall noch mitzutheilen "
"Das," fiel ich ihm wunderbar argerlich in's Wort, "dachte ich, hatte Zeit gehabt bis den andern Morgen."
"Freilich wohl," sagte Johann: "aber sie kann nun einmal nichts vor mir auch nur eine Nacht auf dem Herzen behalten. Doch dass ich weiter erzahle so war es doch auf der andern Seite recht gescheidt von ihr, dass sie auf den Boden kam denn sie fand da einen verlornen Schachteldeckel mit Thymian und Salbey, und daraus ist der Umschlag entstanden, der Ihnen so wohl bekommen ist. So ein geschaftiges, thatiges Madchen giebt es nicht mehr! Sie hatte gern noch alles vor Nachts in's Reine gebracht." "Ueberlass mir den Umschlag, sagte sie mir, als er fertig war, ich will ihn Deinem Herrn selbst umbinden. Vielleicht trifft sich's, dass ich bei ihm noch mein Wort anbringen kann. Ach was konnte mir das fur eine ruhige Nacht machen! Aber heute fruh war sie wieder ganz muthlos und ob ich es gleich nicht weniger bin was will ich machen? Ihre Abreise ruckt immer naher, und da ist es ja wohl die hochste Zeit, dass ich erfahre, woran ich bin."
Ich gerieth in tiefe Gedanken. "Ihr Wort," wiederholte ich mir einmal um das andere "wollte sie bei mir anbringen? Wohl gut, dass es unterblieb Gestern Nachts? In der Lage, worin ich war? Das wurde einen schonen Gegenstoss von widerlaufenden Gefuhlen gegeben haben! Wenn alle jene befeuerten Empfindungen auf Einmal, so eiskalt so schnell so gallenbitter zuruck getreten waren ware es ein Wunder gewesen, wenn mich der Schlag auf der Stelle geruhrt hatte?"
Wahrend dieses Selbstgesprachs vergass ich den armen Johann. Wie ich wieder nach ihm hinblickte, fand ich sein Gesicht so verstort, und ihn von der Folter der Ungewissheit so zerruttet, dass er mich erbarmte. Ich rieb mir die Stirne griff mit Blicken des Muths in das Blaue des Himmels, und entschloss mich.
"Du bist nun zehn Jahre bei mir, Johann," sagte ich geruhrt "hast mir redlich gedient, und ich habe mich an Dich gewohnt. Aber Deine Wahl ist zu gut, und die Liebe eines solchen Engels von Madchen wiegt alle Schwierigkeiten auf, die ich Dir machen konnte. Ich gebe Dir die gesuchte Erlaubniss, und gebe sie Dir gern. Sei immer des guten Kindes werth, und seid glucklich!"
Kaum dass ich ausgesprochen hatte, so schlug der gute fuhlbare Mensch seine Hande zusammen. "Nun so segne Sie Gott!" brach er mit untergemischten Thranen aus, "segne auch Sie bald mit einer wurdigen, reizenden Gemahlin, die Sie fur alle die Gute belohne, die Sie mir in diesem Augenblicke erweisen!" Er konnte vor Empfindung nicht weiter sprechen, und ich stieg um mich von der Bewegung zu erholen, die mir der Ausdruck seiner Freude (ich denke wenigstens, dass es so war) verursachte, langsam den Hugel hinab, und sprach unterweges meinem ein wenig aus seiner Fassung gebrachten Herzen Muth ein, damit ich mit ganz entwolktem Blicke vor meinen Hausleuten erscheinen mochte.
Sie erwarteten mich mit sichtbarer Unruhe vor dem Eingange ihrer Hutte. Da sie aber aus der zufriedenen Miene meines Johann schon schliessen konnten, wie die Sachen standen, so fuhrten sie mich, ohne weitere Umstande, nur geschwind in die Stube, wo ihre Nichte die Zwischenzeit in Herzklopfen zugebracht hatte.
"Wie steht's, Margot?" rief ich ihr beim Eintreten entgegen, und legte alle meine mogliche Freundlichkeit in meine Blicke. "Nun hab' ich's doch weg, was Du vorgestern auf der staubigen Chaussee zu suchen hattest, und warum Du Dich auf der steinernen Bank in so ernsthafte Gedanken verlorst. Deine unruhigen Nachte Deine abgeredten Zeichen Dein Nachtwandeln alle Deine Geheimnisse bis auf den Schachteldeckel sind verrathen. Ware Johann nicht so schwatzhaft Du solltest ihn gewiss nicht bekommen So aber gehort er Dir von Rechts wegen. Ein so ratselhaftes Madchen muss mit einem Schwatzer bestraft werden."
Hier hattest Du sehen sollen, wie die kleine Unschuldige lebendig ward! Mit gluhendem Gesichte, bebender Brust, und Gott weiss, mit was allen fur Reizen, hing sie mir, ehe ich es wehren konnte, an dem Halse, und drang mir wenn Du es so nennen Willst das droit de segnieur im Angesichte ihres Brautigams auf. Ich erhielt ihren ersten Kuss; denn ich muss es der Wahrheit zur Steuer sagen, dass, wo in den vorigen Blattern von Kussen die Rede ist, nicht Einer darunter ist, den s i e mir gab den zweiten und die folgenden bekam der gluckliche Johann.
Gleich nach dem Essen gingen wir, nach der bei Tische genommenen Verabredung, alle auf die Post. Wirth und Wirthin, Margot und Johann, eines half dem andern auf seinen Esel, und alle trabten was sie konnten dem Dorfchen zu, wo der Familientraktat geschlossen, und die Austauschung meines Johann gegen den Bruder der Margot zu Stande gebracht werden sollte.
Ich wendete die Zwischenzeit zum Vortheile meiner reisenden Freunde, so wie zu meiner eigenen Befriedigung an, und theilte eine grosse Rolle meines erhobenen Wechsels in drei kleinere, davon ich eine meinen Wirthsleuten eine meinem Johann und eine der kleinen verratherischen Margot zudachte. Nach diesem Rechnungsgeschafte, das erste, das ich nicht beschwerlich fand, setzte ich mich in meinen Verschlag, erzahlte Dir, was Du gelesen hast, und erwartete in seltener Gemuthsruhe die Zuruckkunft meiner Freunde.
Ihre vielfachen Geschafte mussten nicht die geringste Schwierigkeit gefunden haben, denn sie kamen eher wieder, als ich sie, nach der Wichtigkeit ihrer Verrichtungen, erwarten konnte. Sie wollten sich nicht zufrieden geben, als sie mich zu Hause fanden, und horten dass ich Verzicht auf meinen Spaziergang gethan hatte, um ihr Haus und meine kleine Wirtschaft darin nicht ohne Aufsicht zu lassen. Sie erklarten dieses fur eine beschimpfende Vorsicht fur ihre ehrlichen Mitnachbarn. "Oder," trat Margot herzu "furchten Sie etwa, dass der Strauchdieb vom Fichtenberge sich zu Ihrem Schreibtische schleichen Ihre Papiere in Unordnung bringen, oder gar mitnehmen wurde?"
"Hauptsachlich" fuhr ich fort, um meine Furcht, die sie so hoch aufnahmen, zu beschonigen "bin ich zu Hause geblieben, um mein Tagebuch bis heute zu schliessen."
"Und was ist ein Tagebuch?" fragte Margot, und konnte vor Lachen kaum zu sich kommen, als ich ihr sagte "dass es eine Rechnung uber Einnahme und Ausgabe der Zeit unserer Empfindungen und unserer Irrthumer sei dass unter dieser letztern Rubrik eine Beschreibung ihrer kleinen Person vorkame, und dass ich diese Rechnung einem Manne zuschicke, der fast taglich seinem Konige welche abzulegen hatte, die nicht viel wichtiger waren." Sie hatte grosse Lust, es nicht zu glauben, wenn es ihr nicht auch Johann versichert hatte.
Bastian, mein neuer Bedienter, gefallt mir sehr wohl. Er ist ein aufgeraumter, gewandter Bursche, von ungefahr zwanzig Jahren, dem ich es ansehe, dass er sich eben so leicht wurde entschlossen haben, mit Cooken die Welt zu umschiffen, als er ubermorgen mit Mir nach Avignon geht. Ich mochte ihm einen Thaler mehr uber seinen monatlichen Lohn geben, weil er seiner Schwester so ahnlich sieht.
Der Abend verging mit der Erzahlung ihrer Reise, und alles dessen, was bei der Mutter der Braut vorgegangen und abgethan war. Ich konnte nicht dazu kommen, aufmerksam zu seyn. Ich knaupelte an allen den Rathseln, die mir das dreizehnjahrige Madchen seit unserer Bekanntschaft aufgegeben hatte und noch diese Stunde aufgab, und versuchte, die letztern geschickter aufzulosen, als es mir, zur ewigen Schande meiner Erfahrung, mit den ersteren gelungen ist. Ich wollte, dass dieses Gedankenspiel aufhorte, denn sonst furchte ich, dass ich zu guter Letzt noch eine ganz leidlich unruhige Nacht haben werde.
Den 30sten December.
Die Trunkenheit der Freude, mit der sie gestern einschliefen, schwebte noch diesen Morgen ubernachtig auf ihrer aller Gesichtern, und beforderte den neuen Rausch, dem sie sich so gutwillig uberliessen.
Ich nahm gewiss einen warmen Antheil daran, und ich hatte mich wohl sogar, als den Urheber desselben, fur den Vergnugtesten der Gesellschaft halten durfen, wenn ich mir diesen Vorzug, ohne erst bei meiner kalten Vernunft anzufragen, zugeeignet hatte. So aber fuhlte ich, mitten in dem allgemeinen Taumel, das nuchterne Bedurfniss des Nachdenkens. Ich stahl mich bis zur Mittagsstunde aus dem Zirkel dieser glucklichen Menschen, und befand mich kaum mit mir allein auf dem einsamen Spaziergange, den ich heute zum letztenmale um das liebe Caverac zog, als ich mich tersuchung uber den Werth, die Ursache, den Zusammenhang und die Bestandtheile meiner unlangbar frohen Empfindungen verwickelt sah.
Diese Art geistigen Zeitvertreibs ist nun, wie Du aus Erfahrung wissen wirst, der misslichste von der Welt, und Gott weiss, warum so viele gelehrte Manner, von unserer Jugend an, darauflos arbeiten, uns an dieses undankbare Grillenspiel zu gewohnen! Gemeiniglich hat man nichts weiter davon, als dass man das Wasser trubt, in welchem man zu fischen gedachte seiner eigenen Figur, die undeutlich genug daraus wiederscheinet, eine tiefe Verbeugung macht, und anstatt zufriedener nur um etwas gravitatischer in den Kreis des Vergnugens zuruck geht, aus welchem man ohne Noth getreten ist.:
Es ging mir, aufrichtig zu sagen, auch diessmal nicht besser. So tiefsinnig auch die Betrachtungen meiner selbst seyn mochten, so war doch ein voruber gehendes beifalliges Lacheln, das ich mir, nach einer genauen Vergleichung meines Selbstgefuhls zu Caverac mit meinen Berlinischen Launen, zuwarf und ein bekummernder Gedanke an Dich, der einzige Gewinn meines Nachforschens; und es ist noch sehr die Frage, ob diess Wiederkauen der Seele, das ich wohl bis zur Zeit des Mangels hatte aufschieben konnen, mir den unterbrochenen Fortgenuss jener gesellschaftlichen Berauschung hinlanglich ersetzt hat.
Damit indess mein Selbstgesprach mit allen den guten Warnungen, die ich Dir, lieber Eduard, in Gedanken an's Herz legte, nicht ganz an den Zaunen von Caverac verhalle, so soll es mein Tagebuch aufnehmen.
Du wirst es ubrigens nicht ubel deuten, dass ich Dich und den ganzen Hof von Berlin um mich her stellte, um mich uber Euch alle zu erheben. Geschah es gleich nur der Kleinigkeit wegen, um mir noch lieber zu werden, als ich mir schon war: so musst Du bedenken, dass dieses fur denjenigen, dem es gelingt, nichts weniger als eine Kleinigkeit ist. Wollte Gott, ich konnte mir immer mein trocknes Gemuse so wurzen und jeden durren Winkel der Erde, wohin ich verjagt oder verschlagen werde, so belauben und ausschmucken dass ich immer Elysium fande, wo ich ware! Es ist wenigstens das einzige Mittel fur denjenigen, den seine Erziehung nun einmal so verdorben hat, dass er nicht anders glucklich seyn kann, als durch Hulfe der Vergleichung. "Wohl mir," rief ich also aus, nachdem ich meine Empfindungen mit allen Grunden der Vernunft unterstutzt hatte:
"Wohl mir, dass mir noch unuerwohnet
Die Lockung der Natur gefallt!
Ein solches Dorfchen, Freund, versohnet
Mich mit dem Ueberrest der Welt.
Man wird des Lebens uberdrussig,
Bei aller Ebb' und Fluth der Stadt:
Doch hier geschaftig oder mussig,
Wird keiner seines Daseyns satt.
Kannst Du den Werth der Wahrheit fuhlen,
So andre Deinen stolzen Lauf;
Such' unter landlichen Gespielen
Die Freundschaft und die Tugend auf!
In unsern Sittenschulen tauschet
Man Falschheit gegen Falschheit ein:
Hier ist, was Dir vom Herzen rauschet.
Wie eine Silberquelle rein.
Hier seh' ich von den Fussgestellen
Der Zedern, in verdienter Ruh,
Dem Eifer meiner Kampfgesellen
Am Fuss des niedern Thrones zu,
Wie sie einander zu berucken
So helle sehend und so blind
Fur Bander und bemalte Krucken,
In nie gestilltem Aufruhr sind.
Selbst ihres Fuhrers Macht wie wenig
Naturvergnugen erntet sie
Gross ist zu Potsdam unser Konig,
Froh ist er nur in Sanssouci.
Da wird er Mensch, irrt in der Stille,
Wie unser eins, im Mond herum,
Und denkt wohl auch: beatus ille
Ut prisca gens mortalium.
Geh bald zuruck zu den Gebuckten,
Die fern von Dir im Dunkeln stehn,
Wenn die mit Hermelin geschmuckten
Sich liebevoll zu sich erkuhn.
Trau' ihrem Schmeicheln nicht! Sie strecken
Nur gar zu gern die Krallen nach;
Selbst Doctor Luther ward zum Gecken
In seines Fursten Vorgemach.12
Sei es Dir Warnung, wie der Grosse,
Den treulos Mazarin erzog,
Der Gastfreiheit im sichern Schoosse,
Mit Undank seinen Wirth betrog;
Wie er, von Fouquet's Weine starker,
Am Busen der Valiere flammt,
In einer Stunde, die zum Kerker
Den Mann, der ihn gelabt, verdammt.13
In Mitternachten ohne Schlummer,
In Tagen ohne Sonnenlicht,
Fuhlt er die Fesseln selbst vor Kummer
Ob seines Konigs Falschheit nicht.
Sein Fall macht alle Hofgesichter,
Die seines Blicks sonst lauschten, scheu."
Und nur ein armer Fabeldichter,
Voll hohen Muthes blieb ihm treu.14
Es gehort unter die Glucksfalle der Gedankenspiele, wenn wir unter den hundert Figuren, die unsere Einbildungskraft bei solchen Gelegenheiten aufstort, unverhofft die Gestalt eines unserer besondern Lieblinge erblicken. Das Schattenbild des guten la Fontaine zeigte sich mir kaum, so verliess ich jedes andere, und hielt mich fest an ihn, trollte gutmuthig hinter ihm drein, wie er unbekannt mit seiner Grosse ohne je auf den Einfall zu kommen, sie geltend zu machen sorglos um seine tagliche Nahrung und Kleidung durch die Welt fabelte. Ich nahm ihn, wie er eben mit dem Buche Baruch in der Hand aus der Messe kam, und nun an allen Ecken der Strassen die Vorbeigehenden mit der Frage anhielt, ob sie nicht wussten wo der Verfasser wohne? mit mir zu meinem Mittagsfeste, und liess mir von ihm unterweges seine Fabel, les animaux malades de la peste, vordeklamiren.
Ohne diese Aufmunterung wurde ich vielleicht Muhe gehabt haben, die schwarze Unterlage wieder los zu werden, die ich so uberaus weise als Folie gebraucht hatte, den Glanz meiner gegenwartigen wartigen Existenz noch mehr zu erhohen; und ihm allein hatte ich es zu verdanken, dass ich nicht uber und uber verstimmt zu meiner Gesellschaft zuruck kam, die inzwischen in dem ununterbrochenen Fortgenusse ihres Vergnugens keinen Augenblick daran dachte, uber die Natur und die geheime Zusammensetzung desselben Rucksprache mit sich zu halten.
Ich ubertrieb es, glaub' ich, nun wieder aus der andern Seite; denn ich mochte nicht, dass mich ein Weiser Mann fragte, wie ich meinen Nachmittag zugebracht habe. Ich konnte ihm, Gott weiss es, nichts darauf antworten, als Ich habe ihn vertandelt. Du weisst, Margot ist ein Kind, und da ware es ja lacherlich, den Verstandigen in ihrer Gesellschaft zu machen. Das lauft, das springt, das schakert, und weiss noch in keiner Sache, wie ihm geschieht. Wundershalber wollte ich horen, was sie sich wohl fur Begriffe von der Ehe und ihren kunftigen Pflichten als Hausmutter mache? Aber da fand ich alles so bunt unter einander bei ihr, dass mir, an Johanns Stelle, angst und bange seyn wurde.
Gegen Abend, nachdem wir uber tausenderlei drunter und druber geschwatzt hatten, brachte sie einmal wieder ihren Strauchdieb aus das Tapet. Ich verwies sie damit an ihren Liebhaber "Der," sagte ich "hat in der Oper zu Berlin, zwar nur von der Gallerie aus, einen am Pranger stehen sehen."
"Da ist ihm," fiel das Madchen ein "recht geschehen. Aber geschwind sagen Sie mir, was hat er denn dort alles verbrochen? denn ich hore gar zu gern Mordgeschichten und dergleichen."
"Dinge hat er verbrochen," antwortete ich "wovon Du Dir keinen Begriff machen wurdest, wenn ich sie Dir auch erzahlen wollte."
Daruber kam sie auf einen Einfall, der mich anfangs stutzig machte, mir nachher aber selbst so wohl gefiel, dass ich von Stund' an auf die ernstliche Ausfuhrung desselben denke.
"Wissen Sie was?" sagte die kleine Narrin "Wenn ich erst mit meinem Johann ein Jahr gelebt habe, und nun vierzehn alt bin, da wollen wir Sie und meinen Bruder in Berlin besuchen. Sie haben so manches von der Geburtsstadt meines Johann fallen lassen, dass ich begierig bin, das Wunderding zu sehen Acht und die Freude," fuhr sie fort, und schlug ihre beiden Handchen zusammen, "nach so langer Zeit den guten, lieben, vortrefflichen Herrn wieder zu finden, der hier so gern mit mir spazieren ging der mir einen braven geliebten Mann zuruck lasst und meinen armen Schelm von Bruder so gutig von meiner Hand angenommen hat!" Glaubst Du wohl, Eduard, das Kind liess daruber ein paar warme Thranen aus meine Hand fallen, die mir elektrisch mein ganzes Zellengewebe erschutterten.
"Das ist einmal ein gescheidter Gedanke, Margot," sagte ich. "Ja Ihr sollt mich beide besuchen, und die Reise soll Euch nichts kosten. Gebt mir Eure Hand darauf." Und ware es nur, Eduard, dass ich Dich von der Wahrheit alles dessen, was ich von dem Madchen gesagt habe, uberzeugen konnte, so sollte mir ihr Besuch lieb seyn.
Den 31sten December.
Der letzte Tag des Jahres ist da! Das wurde mich
schiedstag von den besten Menschen ware, die ich jemals gekannt habe. Diese Betrachtung macht mir ihn feierlich. Ich darf mir meine innere Bewegung nicht merken lassen was wurde es nutzen?
Sie setzen ohne Argwohn voraus, dass ich diesen Abend wenigstens noch mit ihnen verschwatzen und vertandeln, und meine Nacht in dem Weichbilde der kleinen Margot vertraumen werde. Wenn ich nach dem Essen meinen Hut und Knotenstock nehme, wird sie um mich herum hupfen, mir an der Thure einen Kuss zuwerfen, und mir eine baldige Zuruckkunft von meinem Fichtenberge gebieten. Die Thure wird knarren und meine Rolle hier wird gespielt seyn.
Sobald der Tag zu verlaufen beginnen und man anfangen wird sich nach mir umzusehen, soll Bastian auftreten und den Epilog halten. Ich traue ihm zu, dass er ihn mit allem erforderlichen Anstand und genau nach meiner Vorschrift halten wird. So kommen wir alle am kurzesten davon. Die Geschenke, die ich ihnen zuruck lasse, theilt Bastian nach meiner Anweisung unter sie aus. Es ware mir nicht moglich, der erschutternden Scene beizuwohnen, die das Erstaunen, die Danksagungen und die Thranen dieser so leicht zu ruhrenden und zu befriedigenden Menschen darstellen wird.
Das konnte mir indess nur eine kurze Ruhe verschaffen; denn in dem Ungestum ihrer Empfindungen wurde die ganze freundschaftliche Karavane, ich bin es gewiss, mich bis uber die Granzen verfolgen, wenn ich meinem Stellvertreter nicht auch auf diesen Fall die gemessensten Befehle und die wirksamsten Bitten n siezuruckliess.
Unterdessen dieses hier vorgeht, werde ich meinen Pavillon zu Nimes einsam durchschreiten und Liedchen singen, damit ich nicht hore, wie mir das Herz pocht.
Mein Tagebuch noch hat es in meinen Taschen Raum nehme ich allein von hier mit. Meine ubrigen kleinen Effekten soll mir Bastian mit Anbruch des folgenden Tages nachbringen.
So ware denn meine Abschiedsstunde von Caverac mit so vieler Schonung meines wunden Gefuhls angelegt, als kaum ein Hofprediger der letzten Stunde einraumen kann, in der sein Furst aus der Welt geht.
Bastian soll unter acht Tagen seiner Verwandten nicht gegen mich erwahnen. Das habe ich ihm bei meiner Ungnade eingescharft.
Nimes.
Freund! Ich bin nun gerettet wie ein Fisch, der den Koder vom Faden gebissen hat, und mit dem Angelhaken in der Gurgel davon schwimmt. Hatte ich, zu einem Bettler herab gesunken, mein Land verlassen mussen, wo ich als Konig regierte, banger hatte mir kaum um das Herz seyn konnen, als da mir nun die Wohnung der Unschuld und Freude im Rucken und, abgeschnitten von allem, was mir lieb war, die ganze weite freudenlose Welt vor mir lag. Ach! nichts begleitete mich, als mein trauriger Schatten. Mir fehlte Margots sonorische Stimme ich vermisste den Nachtrab meines treuen schwatzhaften Johann, und mein zerstreuter Blick, der selbst manchmal sich nach meinem guten asthmatischen Mops umsah, kehrte betroffen uber seinen Verlust zuruck. Und o wie viele andere stachlichte Empfindungen die ich aus Zartlichkeit gegen mich nicht beruhren mag kletteten sich nicht an dieses belastende Gefuhl von Trennung und Einsamkeit! Es war mir, als ob an jedem Pflasterstein, uber den ich auf meinem Wege fortschritt, ein Theil meines Eigenthums hangen blieb, so dass ich es mit jeder Minute kleiner, unbedeutender werden, und zuletzt in ein Nichts verschwunden sah.
Ich konnte es nicht uber mich gewinnen, auf der Chaussee fort bei der steinernen Bank vorbei zu gehen, auf der sich meine Eigenliebe, und, wie Du weisst, ganz ohne Noth, brustete, und aus einem Missverstandnisse, das ich mir noch nicht vergeben kann, in so lebhafte Bewegung gerieth. In solchen Umstanden, lieber Eduard, ist es sehr bequem, wenn man neben der Landstrasse noch einen Rasenweg findet. Wie klein war indess die Erleichterung, die ich m i r damit verschaffte! Denn, ob ich gleich weder Menschen noch Esel begegnete, die mich an mein Dorfchen erinnerten, so konnte ich doch unmoglich jedem Moose, jedem sprossenden Strauche, das den Moosen und Gestrauchen auf dem Fichtenberge ahnlich sah, aus dem Wege gehen: und als ich mir vollends einfallen liess, einen seitwarts gelegenen Hugel zu besteigen, so brachte ich mich auf einmal um allen Vortheil meines listigen Umwegs; denn nun trat mir, in dem weiten Zirkel des freundlichen Languedocs, den ich ubersah, das kleine liebe Caverac so nahe vor die Augen, dass sie mir ubergingen, ehe ich es wehren konnte.
Ein Weilchen liess ich meinem kindischen Herzen seinen Willen: da aber der annahernde Abend die Gegend immer mehr in's Dunklere zog, so nahm ich den Zeitpunkt wahr, ehe sie mir entwischte, ihr meinen feierlichen Segen zu geben. Es war ein susser belohnender Augenblick, der mich uber mich selbst erhob ein Gefuhl, wie es nur der heilige Vater haben kann, wenn er auf dem Balkon der Peterskirche seine segnende Hand erhebt, und sein ganzes Volk in andachtiger Schwarmerei vor ihm zur Erde niedersturzet. Der Fleck, wo Margot wohnte, schien noch, ehe er meinen Blicken verschwand, einen sanften Schimmer von sich zu werfen, der meine Seele starkte, erwarmte, beruhigte. Ich ergriff gutes Muths meinen Wanderstab, und suchte mich zu uberreden, ich ware gefasst und zufrieden.
Ueberlege noch mit mir, Eduard, indem ich unter dem Wiederscheine des Abendroths nach meinem Pavillon schleiche, wie viele wichtige Geschenke, die vielleicht eine grossere Summe von Gluckseligkeit umfassen, als das ganze Konigreich Schweden zu seinen! Antheil erhielt, diesem von der Natur so begunstigten Winkel der Erde und seinen Bewohnern zugefallen sind.
Die dreimal Glucklichen! Wie leicht
Wird's ihnen nicht, in ihrem vollen Garten
Des Lebens Traum, durch Sorgen nie verscheucht,
Ganz durchgefuhrt, so weit er reicht,
In jener Einfalt abzuwarten,
Die dem Gefuhl so gutlich daucht!
Die Freude tanzt hier ohne Regeln,
Der Scherz gesellt sich ohne Zwang
Zu ihrem Wein, zu ihren Kegeln
Und ihrem baskischen Gesang.
Sie haben das, was sie bedurfen:
Ein leichtes Blut und Lieb' und Wein,
Und alle ihre Sinne schlurfen
Den Zaubertrank des Lebens ein.
Im Schatten ihres Oelbaums wohnen
Gluck und Zufriedenheit. Kein Sturm der Leidenschaft
Jagt sie aus ihrer Ruh nach weit entfernten Frohnen
In's magere Gebiet wurmstichiger Patronen,
Nach Gnadenmitteln ohne Kraft,
Und die der Muh des Wegs nicht lohnen
Giebt es fur Wallungen ein sichrers, als den Saft
Von ihren kuhlenden Limonen?
Wenn C o l a s Handedruck, im Ringeltanz mit
Rosen,
Die erste Scham des lieblichen Gesichts,
Den ersten Seufzer weckt, so fragt er nicht nach
Mosen,
Nach dem Propheten und dem grossen
Christophel, wenig oder nichts.
Welch ein Elysium! Schon dreizehn Jahre steuern
Des Landes Tochter aus. Ihr spahendes Gesicht
Trifft unter einem Trupp von Freiern
Bald auf den Glucklichen, dem nicht der Muth
gebricht,
Auch ohne Heirathsgut der Liebe Fest zu feiern.
Willst Du den achten Ton von ihren Hochzeitleiern,
So trallre nach, was jener Spottgeist spricht:
"Sie spinnen, saen, ernten nicht.
Und sammeln nicht in ihre Schauern."
Doch sorge nicht fur sie! Um einen Blatterschmaus
Hilft Amor hier ein Heer verliebter Spinnerinnen
Den Kindern der Natur gewinnen,
Die Schusseln auf den Tisch, und Mobeln in das Haus,
Und Feuer auf den Herd erspinnen.
Kein leerer Raum lasst sich ersinnen;
Der Gott der Liebe fullt ihn aus!
Wie verzeichnet und verschossen kommen uns doch unsere prachtigen theuern Kabinetsmalereien vor, wenn wir sie auf eine Weile bei Seite raumten, und unsere Augen an den grossern Gemalden der Natur starkten! Nimes mit seinen Antiquitaten, seinen Gesellschaften und Gastmahlern wie wenig ist es doch fur das Herz, gegen die ungeschmuckten Freuden meines landlichen Aufenthalts, die keines Schmuckes bedurften! Mein Pavillon kam mir lacherlich gross vor, wie ich eintrat. Ich setzte mich geschwind an mein Tagebuch, um mir die Angst wegzuschreiben, die mich in dieser Einode befiel, und dem Schlafe freien Eingang zu dem Herzen zu schaffen, das heute mehr als jemals seines Balsams bedarf.
Fussnoten
1 Mamsell C a d i e r e , ein schones und so unschuldiges Madchen, dass sie lange Zeit den schandlichen Missbrauch, den Pater G i r a r d mit ihr ihm Beichtstuhle trieb, fur Absolution hielt. Die Geschichte machte unter Ludwig dem Funfzehnten so grosses Aufsehn, dass sie zu vielen Schriften Anlass gab. 2 G. des Konigs von Preussen Gedicht, Codicille, in den Oeuvres posthumes de Frederic II. Tom. 8. pag. 125.
Cet autre est occuppe d'une genisse blanche
En lui pressant le sein.
3 C a r o n d e B e a u m a r c h a i s , der hier, um V o l t a i r e ' s Werke in Ruhe zu drucken, eine grosse Buchdruckerei angelegt. 4 V o l t a i r e . Sein unversohnlicher Hass gegen F r e r o n , der ihn in seiner Monatsschrift: l'annee litteraire und in mancherlei fliegenden Blattern angriff, ist aus seiner S c h o t t l a n d e r i n , wo er ihn unter dem Namen F r e l o n aufgefuhret, und aus unzahligen Epigrammen bekannt. 5 Anspielung auf das Epigramm der Mademoiselle de Maine gegen die Wunderkuren, die zu ihrer Zeit auf dem Grabe des heiligen Paris geschahen:
Un decorateur a la Royale
Du talon gauche estropie
Obtint par grace speciale
D'etre boiteux sur l'autre pied.
6 Die Platonische Liebe und das Platonische Dreieck sind einander gerade entgegen gesetzt. Das Wesen einer jeden Zeugung, sagt dieser Weltweise, besteht in der Einheit der Uebereinstimmung der Zahl Drei oder des Dreiecks, wozu der Vater, die Mutter und das Kind die Linien geben. 7 Die Konigin Christina sagte vom Salmasius, dass er so gelehrt sei, den Stuhl in allen Sprachen der Welt nennen zu konnen nur wusste er sich nicht darauf zu setzen. 8 Die Konigin Christine von Schweben, die ihren Oberstallmeister Monaldeschi zu Fontainebleau, unter ihren Augen ermorden liess. Leibnitz vertheidigte diese That, aber diessmal ohne zu uberzeugen. 9 Clitoris oder Clitoria, eine Nymphe, der zu Gefallen sich Jupiter in eine Ameise verwandelte. Ob das Redoutenkleid, von dem hier die Rede ist, vom lichtigsten Costum war, ist zweifelhaft. Es wurde als eine neue franzosische Hofmaske nach Berlin geschickt, fand aber wenig Beifall. 10 Plat. Phaed. pag. 150. edit. Fischer. 11 D. Johann Bartholomaus Adam Beringer, Rath und Hofmedikus des Fursten Bischofs von Wurzburg, Professor, d.Z. Dekanus und Senior der Universitat daselbst. Sein Werk fuhrt den Titel: Litographiae Wirzeburgensis, ducentis lapidum figurtorum, a potiri insectiformium, prodigiosis exornatae specimen etc. Wirceb. 1726. 12 Graf Hans George von Mansfeld kam todt krant nach Wittenberg. D. Luther besuchte ihn als seinen lieben Landesherrn. Der kranke Graf ergriff Luthers Hand mit hochster Danksagung fur seine christliche Vermahnung und treuherzigwohlgemeinte Erinnerungen. Als nun D. Luther auf solche des Grafens gute und susse Worte, wiederum will zu Hause gehen und ihn gesegnet, konnte er zwar nicht recht zur Stuben hinauskommen, so sticht ihme der Graf hinterwarts einen Munch mit diesen Worten, Geck, Geck, was soll der Doktor von diesen Sachen verstehen, es gehet mich gleich so viel an, als pfiff mich eine Gans an.
Bibliothek des Herzogs von Gotha.
13 Ludewig der Vierzehnte hatte den Untergang des Surintendanten Fouquet, schon beschlossen, als er ihm noch die verratherische Ehre erwies, das prachtige Fest anzunehmen, das er ihm auf seinem Landhause zu Veaux gab. Ohne die Vorstellung seiner Frau Mutter, Anna von Oesterreich, die es ein wenig zu stark fand, wurde er ihn selbst wahrend dem Feste in die ewige Gefangenschaft geschickt haben, zu der er ihn nachher verdammte. Sein Hauptverbrechen bestand darin, dass er die nachmalige Herzogin von Valiere schon fand, und ihr Antrage thun liess, ehe er noch wusste, dass der Konig bald nachher gleiche Neigungen bekommen wurde. Alle die beredten Vertheidigungsschriften Pelissons, die sich freilich nur uber die Beschuldigungen verbreiteten, die jener zum Vorwande dienten, konnten ihn nicht retten; da das Herz des Konigs selbst nicht edel genug war, ihm den naturlichen Wunsch, und der damals seine Majestat noch nicht beleidigen konnte, zu einer andern Zeit zu verzeihen, wo er ihn selbst fasste, und, wie wir wissen, koniglich ausfuhrte. 14 La Fontaine war, ausser Pelisson, welcher den Advokaten von Fouquet machte, der einzige Unbedachtsame, der es wagte, das Ungluck seines ehemaligen Beschutzers laut zu bejammern, anstatt einen neuen in dessen Nachfolger zu suchen. Er unterstand sich sogar, den Konig mit einer Elegie zu behelligen, in der er auf's ruhrendste fur den gesturzten Minister um Gnade bat. Dieser Beweis seiner wenigen Lebensart brachte ihn so sehr um allen Kredit bei Hofe, dass der stolze Monarch, dessen Freigebigkeit sich doch sogar auf die Gelehrten fremder Lander erstreckte fur einen solchen Schafskopf, als la Fontaine, nicht das geringste thun mochte. Der gute Fabler lebte beinahe nur von den Allmosen einiger wenigen Freunde. Er dessen Schriften jetzt die Nation durch einen immer prachtigern Druch nach dem andern, vor allen seinen Zeitgenossen ehrenvoll auszeichnet, hatte nicht so viel, um sich ein neues Kleid schaffen zu konnen! Er der, wie alle grosse Schriftsteller, durch den Ausfluss seines Geistes, auch nur als Kaufmannswaare betrachtet, seinem Vaterlande ein ewig fortwucherndes Kapital hinterliess, war selbst einmal im Begriff, uber das Meer zu gehen, um in der Fremde seinen Unterhalt zu suchen. Obige zwei Verse auf Fouquet sind von ihm entlehnt:
Jours sans soleil,
Nuits sans sommeil,
Quelque peu d'air pour toute grace etc.
Zweiter Band.
Zweiter Theil.
Nimes.
Den 1sten Januar.
Freund! dass ein frisches Gesicht, im Schatten wild flie
genden Haares,
Dem keine Feder, kein Schmuck den Bau der Locken
verbog;
Ein Busen, welcher, bei Gott! mit allem, was er auch
Nares
Entdeckt' und verbarg, zwo Mirabellen kaum wog;
Ein kleines narrisches Ding, das gaukelnd sonder ein
klares
Bewusstseyn seines Berufs, mit dem Geschwatze des
Stahres
Den Baum der Erkenntniss des Guten und Bosen um
flog
Dass eine Fee dieser Art jungst auf ein eben so wahres
Als seltnes Weihnachtsgeschenk an ihre Tafel mich
zog,
Und, als ich hungrig erschien, mich, wie wir wissen,
betrog
Fur einen Schuler Berlins war das zum Schlusse des
Jahres
Ein argerlicher Epilog!
Doch dass, zu meinem Ruhm, es Welt und Nachwelt
wisse!
Ich stahl bei dem Gerausch mir nicht bestimmter
Kusse
Vom Schauplatz mich hinweg, und wie ein Held, ver
wies
Ich mir sogar den Blick, den hinter die Kulisse
Die Lusternheit mich werfen hiess!
Der letzte Nest von Amors Sorgen
Schwand mit dem Traum der letzten Nacht.
Aus solchem Sturm der Leidenschaft geborgen,
Ist wohl nie muthiger am ersten Feiermorgen
Des Jahrs ein Philosoph erwacht!
So bang um den Ersatz, so ernst, wie ein Verschwen
der
Das Gold, das er verlor, im Geist zusammen reiht,
Durchzahlt' auch ich den Werth der mir entflohnen
Zeit,
Und webte mir ein Jahr im kunftigen Kalender
Aus Festen der Enthaltsamkeit.
O Weisheit! rief ich aus, o du, die in der Mitte
Der Freuden sitzt, die keine Reu vergallt
Entziehe mich der Schmach, die jede niedre Bitte
Um eines Weibes Gunst enthalt!
Verleih, dass ich, selbst unerschuttert
Im Brennpunkt einer Griechin steh,
Und, wenn auch schon an ihrem Negligee
Das Band sich blaht, der Atlas knittert,
Doch nicht in Gahrung ubergeh!
Gieb, dass ein hoh'rer Zweck der Neugier Zugel lenke,
Als der an Ruhebetten lauscht,
Und auch dem Glucklichsten, dem dort die Zeit ver
rauscht,
Doch nur armselige Geschenke
Auf Kosten seiner selbst vertauscht!
Ist's moglich, dass ein Geist, der Sonnen zu erklettern
Vermag, und ihre Strahlen theilt,
Zum Thron des Ewigen in blitzerfullten Wettern
Mit unversengtem Fittich eilt,
Nun diesen Fittich senkt, und kindisch sich verweilt,
Um eine Rose zu entblattern?
So tief sank Newton nie. An weis're Sorgen band
Er seine Thatigkeit und seines Namens Ehre;
Zu stolz fur ein System, das weniger Verstand
Als Mark erheischt war ihm ein Kuss ein Druck der
Hand,
Und was ein M a n n nur wunscht, dass ihm ein
W e i b gewahre,
Ein Spiel, das er nicht werth der Untersuchung fand,
Unnothig zum Beweis der Lehre,
Die er von dem G e s e t z d e r S c h w e r e
Der straubenden Natur entwand.
Von allen Globen, die uns Licht
Und Ebb' und Flut und Tag und Nacht gewahren,
Kannt' er den Lauf und das Gewicht,
Hob alle Schleier auf, das Dunkel aufzuklaren,
Selbst von Johannes Traumgesicht:1
D i e Globen nur, die, wie ihr Schmeichler spricht,
Den Musen gleich,2 uns in der Kindheit nahren,
Als Mann, als Greis erfreun, selbst unsern Wohlstand
ehren,
Und unsre Freunde sind, wenn Rath und Trost ge
bricht,
Nur die besuchtesten von allen Hemispharen
Besucht' er nie und kannt' er nicht.3
Es ist eine herzerhebende Empfindung fur einen Mann, der an seiner Vervollkommnung arbeitet, wenn er sich beim Erwachen kluger wieder findet, als er sich den Abend vorher verliess. Ich fuhlte die frommen Morgengedanken, die ich Dir eben mittheilte, mein Eduard, mir so nahe und so warm am Herzen liegen, dass ich sie, ehrlicher Weise, fur sichere Anzeigen seiner Besserung hielt, und schon mit Vergnugen die guten Folgen davon berechnete: ein kleiner Umstand aber, der dazwischen kam, zeigte mir bald, dass es nichts weiter als philosophische Dunste waren, die gern so geschwind verfliegen als sie aufsteigen, und zu allen Zeiten wohl selten etwas beitragen mogen, die Gesundheit einer kranken Seele zu befestigen.
Der gute Junge, den ich gestern miethete ich hatte ihn ganz aus der Acht gelassen trat seinen Dienst bei mir an, und pflanzte sich, da ich mich seiner am wenigsten versah, schon gekrauselt und in die Livrei gekleidet, die sein Schwager ehrlich getragen und glucklich abgelegt hatte, vor mein Bette. Die Sache ging sehr naturlich zu, und doch kam sie mir als eine unerwartete Erscheinung vor, und erregte Ideen bei mir, die meiner armen Philosophie nichts weniger als zutraglich waren. Urtheile nun selbst, wie es mit einem solchen Kopfe aussehen mag, den so gleichgultige Dinge schon aus seiner Fassung bringen. Das reisefertige Ansechen Bastians, sein freundlicher Gluckwunsch zum neuen Jahre, und seine uberraschende Frage: ob er das Anspannen bestellen solle? machten mich, eins wie das andere, mit mir selbst irre. Ich blickte ihm ungewiss in das Gesicht, als ob mir eine dunkle Erinnerung von ihmvorschwebte, und runzelte, statt ihm zu antworten, die Stirn. Endlich merkte ich was mir war. "Keinen Gruss von Margot?" sagte ich heimlich zu mir; "das heisst deine Befehle fast zu punktlich befolgt!" und legte mich unwillig auf das andere Ohr. Er musste mich noch ein paarmal mit der sonorischen Stimme seiner Schwester und mit den Aehnlichkeiten ihres lieben Gesichtchens erschrecken, ehe ich gefasst genug war, ihn mit einem gramlichen Ja! abzufertigen. Er verliess mich und ich nicht halb mehr so zufrieden mit mir als vor einigen Minuten, stand lassig auf; meine Morgenbetrachtungen blieben unvollendet in der Nachtmutze hangen, die ich abwarf, und ich trat mit einer Art von Trotz in das Nebenzimmer, wo eine Kleinigkeit, die meiner wartete, mich vollends, und eben so geschwind verstimmte, als sie mir in die Augen fiel.
Es war eine Rose, die mir Bastian von seiner Schwester mitgebracht, und auf den Bogen, woran ich jetzt schreibe, gelegt hatte. Ich erkannte sie sogleich, wie ich ihrer ansichtig ward. Es war die oberste von den dreien, die gestern noch als Knospen an dem Stocke hingen, den Margot taglich in die Sonne trug und begoss. "Die erste die sich entfalten wird," sagte immer das liebe Kind, "soll niemand bekommen als Sie, mein gutiger Herr!" und wie wird sie sich freuen, dass sie mir noch Wort halten konnte! Ich hob die Blume zitternd in die Hohe, und die Thranen traten mir in die Augen. Alle die frohen Erinnerungen der landlichen Stunden, wo sie mit aufgestreiften Aermeln vor ihrem Blumenstocke stand, ihn genau musterte, und bald eine summende Mucke, bald eine naschige Wespe davon verjagte schienen jetzt mit dem Geruche dieser lieblichen Blume in mich uberzustromen, und ich konnte mich an der frischen Farbe dieser Erstlingin des Jahres nicht satt sehen.
Du kennst doch die Provencer Rosen, trauter Eduard? Viel kleiner als die unsern, rother, elastischer und koncentrischer, als es bei weitem unsre Centifolien sind, scheinen sie dem Auge eines Deutschen nur desto reizender und nun vollends so fruh im Jahre, und in der feierlichen Nacht entfaltet, die mich, ach! auf immer, von dem nachbarlichen Bette meiner guten Margot entfernt hat! Ware es ein Wunder, wenn ich, trotz einem B r o k e s und seinem irdischen Vergnugen in Gott, uber Betrachtung dieser Blume zum Kinde wurde? Ich habe sie zwischen meinem Busenstreife verborgen, nahe bei meinem pochenden Herzen, und wurde es fur Sunde halten, wenn ich sie mit prahlendem Leichtsinn auf meinen Reisehut stecken wollte. Nein! sie soll durch ihren sanften Gegendruck durch den Aushauch ihres Wohlgeruchs, mir nur fuhlbarer machen, dass ich noch athme, und ein Mensch bin; und selbst uber ihre sterbenden Blatter will ich eine gewissenhafte Rechnung halten, sie, wie sie abfallen, in meine Brieftasche sammeln, und sie nur empfindsamen Freunden, als kostbare Reliquien aus dem heiligen Caverac, zeigen.
Der ungeduldige Junge hat mir schon zweimal gemeldet, dass alles zu meiner Abreise fertig sei. Er that es, und das weiss ich ihm Dank ohne des wichtigen Geschenks zu erwahnen, das er mir so heimlich zugebracht hat. Ich werde suchen, ihm in der Unbefangenheit nachzuahmen, die er gegen mich uber das Vergangene heuchelt. Ich will ihn von nun an nicht weiter als den Bruder Meiner Margot, sondern als Johanns Schwager und meinen Bedienten betrachten, und nie gegen ihn meine Empfindungen laut werden lassen: denn, kann Etwas unserm Ansehn nachtheilig werden, so ist es wohl die Schwachheit unsres Herzens. Verrathe sie ja keiner, wer sich in jenem bei seinen Untergebenen zu erhalten wunscht! Die Hengste vor meinem Wagen wiehern und stampfen, und der Postillion knallt einmal uber das andere. So muss ich denn wohl mein Tagebuch einpacken. Ich muss fort, trauter Eduard, fort aus der paradiesischen Gegend, wo ich jenes herrliche Madchen fand, das einzige vielleicht, das der Unkosten der Liebe noch werth ist.
Avignon.
Abends.
Kaum hatte ich mich heute Morgens mit meiner Provencer Rose in den Wagen, und Bastian sich mir gegen uber zurechte gesetzt; so sah ich schon, dass ich eine Thorheit begangen hatte, ihm diesen vornehmen Platz anzuweisen. Sein Anblick war mir so sonderbar im Wege, dass ich beinahe an seine Stelle meinen alten schnarchenden Begleiter aus seiner Verwesung zuruck gewunscht hatte, der mir, wie Du weisst, immer zu einem guten Gedanken verhalf. Doch da der Mensch einmal da sass, musste ich ihn nun auch schon sitzen, und mir gefallen lassen, dass sein spahendes Auge, manchmal zu einer ganz ungelegenen Zeit, den freien Aufblick der meinigen hinderte.
Ich liess mir nicht einfallen, als ich durch die Stadt rollte, nur nach einem Fenster meiner Bekannten in die Hohe zu fahren, oder die romischen Alterthumer, so gewiss ich auch bei ihnen zum letztenmale vorbei kam, nur eines Abschiedsblickes zu wurdigen. Dafur zog ich mein Fernglas aus der Tasche, wie ich in's Freie kam, und hob es immer mechanisch vor die Augen, so oft mir die Wendung meines Wagens die Thurmspitze von Caverac zu Gesichte brachte. Welvon dorther entgegen! Einigemal wurden sie so lebhaft, dass ich im Begriffe stand, den Postknecht umlenken zu lassen; so gross war der Kampf meiner Nachwehen: ja, ich verzweifelte, dass die Zeit jemals im Stande seyn wurde, dieses nagende Gefuhl zu zertheilen.
Indess that ich der Zeit Unrecht, Eduard, und ich hatte mir diese Sorge ersparen konnen; denn ich will Dir es nicht verschweigen, dass mir eine Stunde nachher die Sache lange nicht mehr so unmoglich schien. Mein Herz ward mude, langer fur ein Madchen zu pochen, das so weit hinter mir war, und meine sympathetische Rose verlor nach und nach immer etwas mehr von ihrer anziehenden Kraft. Ich fuhlte nur noch, dass sie welkte, dass sie mir die Haut rieb, dass sie mir beschwerlich ward schob sie ein paarmal seitwarts und steckte sie endlich, da sie mir es zu arg machte, ohne mich weiter mit ihr einzulassen, in die Weste. Nun ging es, zu meinem Erstaunen, auch mit jeder andern Beruhigung so geschwind, dass ich mich selbst daruber mit mir hatte verfeinden mogen. Ich machte mir Vorwurfe uber Vorwurfe nannte mich den Wankelmuthigsten unter dem Monde; aber es fruchtete wenig. Je weiter ich mich von dem guten Dorfchen entfernte, je naher ich dem Gebiete des Papstes kam, desto muthwilliger ward mein Blut, und ich betrat endlich das Comtat mit Ahndungen, die mir angst und bange fur mich selbst machten.
Als ich uber die franzosische Granze hinaus war, steckte ich mein Fernglas ein, das mir zu nichts weiter dienen konnte, schlug munter meine Arme in einander, liess meine Blicke einige Zeit mit Wohlgefallen auf dem hubschen Jungen ruhen, der mir gegen uber sass, ward bald nachher seines ehrerbietigen Stillschweigens mude, und forderte ihn, indem ich zugleich mit Verwunderung nach meiner Uhr blickte, endlich selbst auf, mich von seiner Schwester zu unterhalten. Er schien nur auf meinen Befehl gewartet zu haben. Ich erfuhr von ihm, dass er das Haus in den grossen Anstalten zu ihrer Hochzeitfeier verlassen habe, horte es ohne merkliche Bewegung, und, indem mir mancher im Geschmack des Ostade gelungener Zug seines Gemaldes ein gutmuthiges Lacheln abnothigte, ruhrte es mich ofter noch durch die feinsten Zuge, die selbst ein Poussin zu seinen arkadischen Bildern, oder ein Berghem zu einem Stillleben nicht wurde verschmaht haben.
Nachdem ich die Kunst seiner Darstellung lange genug bewundert hatte, und mancher verstohlne Blick, den ich mitunter dabei in mein Herz that, mich hoffen liess, dass ich mich noch angenehmer mit mir selbst unterhalten wurde, druckte ich meinen Hut um einen Zoll tiefer in die Augen, und legte mich in die Ecke des Wagens. Bastians Takt war auch sein genug, mich zu verstehn. Er besah den Aufschlag seines Rocks blies eine Feder davon ab, und schwieg. Ungesucht legte sich nun das Gluck so vieler guten Seelen, das ich mir aus dem Vorhergehenden deutlich genug vorstellen konnte, als der reichhaltigste Text meinen Betrachtungen unter: es stand, sammt allen seinen moglichen Folgen, in einem so sonderbaren Zusammenhange mit dem heillosen Schnupfen, den mir die Bise zu Nimes an die Nase warf, dass ich nicht genug den Zufall bewundern konnte, der so heterogene Dinge zu vereinigen wusste, um, wie es mir vorkam, durch den systematischsten Gang von der Welt, am Ende auch noch meine eigene Zufriedenheit zu bewirken.
Ja wohl, Eduard, meine eigene Zufriedenheit! denn ich ging hier nicht so leer aus, als Du dem ersten Ansehn nach wohl denken konntest. Wolltest Du wohl das wieder erlangte Vermogen um ein Madchen seufzen, und den Glucklichen beneiden zu konnen, dem ihr Besitz zu Theil ward fur nichts achten? Wie ware mir noch vor vier Wochen in Berlin so etwas eingefallen? Der ganze Hof, von dem Vornehmsten bis zum Geringsten, hatte sich zwei- und dreimal verheirathen mogen ich wurde mich wenig um das Gluck ihrer ersten Nachte bekummert, noch weniger daran geglaubt, oder nur Einen Augenblick gewunscht haben, in ihrer Lage zu seyn. Zu solchen menschlichen Wunschen gehort eine gewisse Spannkraft des Herzens, von der ich schon langeher keinen Begriff mehr hatte, und ohne die doch selbst ein Monarch zwar gross und bewundert, so viel Du willst aber fur seine Person nie so glucklich seyn wird, als der Tagelohner, dem sie die Natur, vielleicht zur Entschadigung fur alle andre ihm versagte Herrlichkeiten, in vollem Masse geschenkt hat. In welchem wohlthatigen Lichte musste mir also nicht der Zufall erscheinen, der mich zwar mit einer kranken Nase nach Caverac brachte, mich nun aber dafur mit jenem mannlichen Bewusstseyn in die offene und madchenreiche Welt weiter schickte! Diesen schnellen Uebergang von Kleinmuth zu einem edlen Selbstvertrauen, das uber den erschlafftesten Geist Wohlbehagen verbreitet wem habe ich es zu verdanken, als allein dem machtigen Z u f a l l e ?
"So sollst du mich denn, du Freund aller der Weisen, die ohne Anmassung, ohne Rechnung und Forderung, ihr Leben durchschlendern, auch fernerhin leiten," rief ich andachtig aus, stiess alle die uberklugen Ausspruche, die mir seine Wirklichkeit verdachtig machten, mit Gewalt von mir, und fand ihn, bei zunehmendem Nachdenken, auf allen Blattern der Menschengeschichte, unwiderleglich bewiesen. Ich ubersah den Umlauf irdischer Dinge ihre Anlagen, ihre Absichten, und ihren Erfolg, in einigen ernsten Minuten. Das Feuer der Ode ergriff mich. Ich warf bedeutende Blicke bald auf das papstliche Gebiet, das, wie ein Ball des Ungefahrs, vor mir lag bald auf Bastian, der seine Augen von dem Brande der meinigen wegwandte und zitterte. Es flogen mir mehr Gedanken zu, als mein Gehirn auffassen konnte. Ich knetete nur die zusammen, die sich am nachsten wagten, und uberliess den ubrigen Vorrath grossern Dichtern, die, wenn sie wollen, ihn zu einem dicken Gesangbuche von Klag- und Trostliedern verarbeiten mogen, das auch wohl einmal wer kann dafur stehen? seine Gemeinde findet. "O du!" rief ich mit innerer Erschutterung aus, die selbst, wie ich vermuthe, meine Gesichtsmuskeln verzog: denn Bastians Unruhe war nur zu sichtbar, und verrieth nur zu sehr, wie bange ihm in meiner Nahe seyn mochte. Aber welcher Dichter, der in der Begeisterung liegt, bekummert sich um das staunende Gassen seines prosaischen Dieners?
"Du, der auf unsrer Pilgerreise
Bald Blinde fuhrst, bald aus dem Gleise
Die Fuhrer anderer verdrangst;
Belasteten das Leitband ihrer Fesseln
Oft selbst im Riesenarm der T y r a n n e i zersprengst,
Und einen Zaum non Nesseln
I h r in die Fauste hangst!
Vom Gotthard zu den Pyrenaen,
Vom Rhein bis an den Quell des Nils,
Horcht die Natur nom Isop bis zur Zeder
Nur D i r , und von dem Schwarm, der nach dem Kranz des
Ziels
Hinstromet, dienet jeder
Zum Wurfel D e i n e s Spiels.
Zwar nennen D i c h die stolzen Buhlen
Des Sokrates auf hohen Schulen
Verwegner Phantasien Kind:
Doch fuhlen sie erschrocken D i c h , und heulen,
Gebeugt von D e i n e r Kraft, die Nachte durch, und sind
Scheu wie Miuervens Eulen,
Und D e i n e m Glanze blind.
Sie scheu'n des Schopfers Plan zu schelten,
Dass er von Myriaden Welten
An D i c h den Ball der unsern band;
Begreifen nicht, dass er nur seine Zugel
Zur Lehn D i r ubertrug, weil Ordnung und Bestand
Er diesem Todtenhugel
Nicht angemessen fand:
Nein! sie begreifen's nicht, und stellen
Den Sturz, selbst ihrer Mitgesellen,
Als Zweck zum Wohl des Ganzen dar.
Des Staubes Sohn berechnet nicht, wie eitel
Fur ihn das Ganze sei, und, trotzend der Gefahr,
Ruft er: Von meiner Scheitel
Fallt ungezahlt kein Haar.
So opferten im Spiel der Lanzen
Sich Tausende dem Wohl des Ganzen,
So wenig auch ihr Wahn gelang;
Indess haltst D u , den ein Lukrez erhoben,
Und den non seinem Sitz kein Polignac verdrang,4
In Ordnung unsern Globen
Und sein Gewirr im Gang.
So war's nur Spielwerk D e i n e r Grillen,
Was, als Beweis vom hochsten Willen,
Auf Welt und Nachwelt uberging?
So kam allein die komische Verkettung
Von D i r , die unser Heil an einen Fischerring,5
Und Galliens Errettung
An ein Paar Handschuh hing.6
Ihr Seher! steigt von euerm Sitze,
Steigt, wenn ihr konnt, bis zu der Spitze,
Wo menschliches Verhangniss schwebt:
Wird nicht die Schnur der folgenreichen Stunden,
Die auf dem Rad der Zeit sich zu entwickeln strebt,
Vom Z u f a l l aufgewunden,
Vom Z u f a l l abgewebt?
Wer offnete von allen Zwergen
Auf euern Warten G u t t e n b e r g e n ,
Und F a u s t e n der Erfindung Thor?
Was auszuspahn kein Doktorwitz vermochte,
Im Dickicht der Natur seit Seculn sich verlor,
Bei guter Laune pochte
S e i n Jagdspiess es hervor.
Das Wild springt auf und nun erst setzen
Ihm eure Jager nach, durchhetzen
Die weite Welt nach seinem Lauf:
Sie fangen es, sie satteln es, sie fuhren
Es ohne Ruh' und Rast, zur Schau und zum Verlauf,
Und rennen Thor und Thuren
Zu seinem Einlass auf.
Ihr Larm von Trommeln und Posaunen
Treibt alle Messen neue Launen
Auf Guttenbergs Gefahr herbei;
Ihr wuthend Heer auf Faustens Mantel schwebet
Bis in das Feenland zum Thron der Schwarmerei;
Selbst der Olymp erbebet
Von ihrem Jagdgeschrei;
Kein Laut z u f a l l i g e r Gedanken
Entfahrt dem Mund, ersteigt die Schranken
Der Nachwelt ohne Wiederklang;
Kein Lied verhallt, und wenn es auch in Nachten
Wollustigen Tumults ein kranker Konig sang;7
Es kurzet den Gerechten
Des Lebens Uebergang.
O Z u f a l l ! freundlicher Erhalter
Des Lorborg, den uns Neid und Alter
Gern von dem Haupte nimmt, verleih
Auch mir den Schutz, den Du dem hohen Sanger
Verliehst, dass mein Gesang, gleich seiner Litanei,
Noch manchem Mussigganger
Der Nachwelt heilig sei.
Wie vieler Unsinn, klug betitelt,
Hatt' es D e i n Kompass nicht vermittelt,
Schwamm' unbemerkt im Strom der Nacht!
D i r danken wir die Kunst, den Schall zu malen,
Du hast manch Quentchen Witz zu einer Zentnerfracht
Erhoht, und Kern und Schalen
Der Schreibsucht flott gemacht.
Gewohnt dem Grubler nachzuwandern,
So weit ein Zirkel in den andern
Als uber unsre Granzen tritt.
Sprichst Du ihm Hohn, wenn er das Unsichtbare
In einer Tiefe sucht, die noch kein Mensch beschritt,
Und bringst dafur uns Waare,
Die wir bedurfen, mit.
Der Propagande Junger dringen,
Fur Gott mehr Ernten zu erringen,
Bis in der Bonzen Heiligthum,
Der Feind verdirbt zwar ihre frommen Saaten:
Doch Du entschadigst sie, D u schickst sie heim mit Ruhm,
Mit Putern und Pataten
In's Refektorium
Und Heidenkost stromt neuen Segen
Auf Lander, die des Lichtes pflegen,
Das aus der Offenbarung strahlt.
Schmaust ein Pralat, seht, ob nicht in der Mitte
Des christlichen Gelags, das die Kommun bezahlt,
Ein fetter Proselyte
Des Lands Kalkutta prahlt?
So bringen selbst aus D e i n e n Schachten
Die Heiligen, die D i c h verachten,
Beweise D e i n e r Huld an Bord:
Europens Ruhm tragst Du nach China uber,
Fuhrst uns Rhabarber zu, getauscht um Gottes Wort,
Und peitschest deutsche Fieber
Mit Peru's Ruthen fort.
So trage denn, o mein Begleiter
Und Freund, auch meinen Schnupfen weiter
Nach Monomotapa, zum Schach.8
Dort feiert man der hohen Zirbeldrusen
Getos: kaum niest der Furst, so niest das Vorgemach;
Bis an die Granzen niesen
Ihm seine Sklaven nach.
Doch, ohne Nasen zu verhohnen,
Die Hof und Stadt und Land durchtonen,
Wie viel hingst D u der meinen an!
Hingst D u nicht ihr die jugendliche Runde,
Die ich nicht ganz umsonst um Amors Zelt gethan,
Und die Vollendungsstunde
Der guten Margot dran?
Und alle die Erobrungsplane,
Die Amor dem z u i h r e r Fahne
Geschwornen Fremdling ubertragt
Das falsche Kind! Wie freundlich, wie ermuntert,
Giebt sie die Rosen Preis, die ich so treu gehegt,
Und die ihr Freund verwundert
Nun, Blatt fur Blatt, zerlegt.
Hort mich, ihr Glucklichen! Verirret
Euch nicht zu weit! Der Zufall schwirret
Dem Traume nach, der euch verzuckt:
Ach! moglich, dass auf euerm Schwanenbette
Zu rasche Lusternheit ein Wesen niederdruckt,
Das an des Schicksals Kette
Mehr als ein Glied verruckt!
Doch moglich auch der Weihungsstille,
Dass Merciers erhabne Grille
Mit in die Zukunft uberschwimmt,
Und dass vielleicht diess Kinderspiel, das sausend
Mir jetzt das Ohr zerreisst, den Gang des Wohllauts nimmt
Der zu dem Jahr: Zweitausend
Vierhundert vierzig stimmt;9
Und dass, der nachsten Nacht entsprossen,
Ein Keim, fortwuchernd nur Genossen
Der Tugend, all einander reiht,
Alis deren Schooss zum Wohl der bessern Erde,
Gott, welch ein Traum! der Genius gedeiht,
Der einst der Menschenherde
Das hochste Gut verleiht.
Wohlanl so folg' ich D e i n e n Zugeln
Gutwillig, D u , den auszuklugeln
Selbst Meistern nicht vom Stuhl gelingt;
Weil doch der Weg zum wahren Menschenglucke,
Den oft ein Magus zeigt, der selbst die Hande ringt,
Uns eher an die Krucke,
Als an die Scheibe bringt.
Nichts ist doch geschickter uns sanft uber einen lastigen Zeitraum zu heben, als der Bau einer Ode. Ich hatte meine Station so unbemerkt zuruck gelegt, dass mich die ausgezackten Mauern von Avignon mitten in meinem hoch tonenden Gesange, wie ein Epigramm, uberraschten, das den ernsten Gang eines Heldengedichts unterbricht, und uns zum Lachen bewegt. Kaum hatte ich noch Zeit, meinem Feentempel den Schlussstein aufzusetzen, als ich mich schon mitten auf dem Markte befand. Doch konnte mich das Gerausch, das mir von allen Ecken her zustromte, so wenig in meiner fortschreitenden Andacht storen, dass ich vielmehr, um sogleich von der frommen Sorglosigkeit!, zu der mich meine Hymne gestarkt hatte, Gebrauch zu machen, und noch ehe ich den schmutzigen Gasthof betrat, vor welchem ich ausstieg, meinen Bastian abfertigte, mir in der Stadt irgendwo auf gut Gluck eine Wohnung zu suchen.
Ich hatte dem Z u f a l l auf keine thatigere Art mein unbegrunztes Zutrauen beweisen konnen, als dass ich die bedenkliche Wahl meines Quartiers einem jungen Fluchtlinge uberliess, der nur seit wenig Stunden in meinen Diensten stand, meinen Geschmack nicht kannte, und die erste Probe des seinigen, in einer ihm ganz fremden Stadt ablegen sollte in einer Stadt, wo der Vorzug, den man einer von den vier Klassen ihrer Einwohner giebt, seine eigene Gefahr hat, und wo es nicht gleichgultig ist, ob man sich bei einem Orangenhandler, bei einem Juden, neben einem geistlichen Herrn, oder bei einer Seidenspinnerin einmiethet.
Ich machte unterdess einen Spaziergang nach der Burg des Legaten, die, wie fast alle Pralaten-Schlosser, ihre demuthige Lage auf dem hochsten Flecke der Stadt hat. Der Hausknecht, der mich dahin fuhrte, schwatzte mir, unterwegs viel von einem dort befindlichen offenen Platze vor, auf welchem man das ganze papstliche Gebiet ubersehen konne. Ich nahm seine Versicherung in dem eingeschranktesten Sinne, den er vermuthlich nur darein legen wollte, und fand daher die Ansicht der herrlichen Gegend, die, wie ein ausgebreitetes grosses Gemalde, da lag, fur mein leibliches Auge so erquickend, als ein Ermudeter nur wunschen kann. Auf diesem schonen vorplatze des geistlichen Palats soll zu Zeiten ein gewaltiger Zugwind herrschen, der uber die franzosische Granze herkommt, und dem Legaten, der nie viel Gutes von daher erwartet, oft den Athem versetzt. Heute, zu meinem Vergnugen, ruhte er in dem Abendglanze der Sonne, die gerade uber ihm stand, als ob sie meiner erwartete. Mit welcher Freundlichkeit begrusste sie hier den ersten Tag des Jahres, den sie hochstens nur matt bei Euch uberschwimmert! O, Ihr armen erfrornen Berliner! Wie glucklich fuhlte ich Mich in diesem warmen Augenblicke gegen Euch, da ich an den beschwerlichen Kreislauf zuruck dachte, in welchem Euch das neue Jahr zu dem albernsten Vertausche abgenutzter Wunsche herumtreibt, die Ihr mit etstarrender Zunge einander feil bietet, wahrend dass ich mich im Sonnenscheine gleichsam badete, und nur in Gedanken fror wenn ich mich unter die Sonne meiner heimath versetzte. Wahrlich, es scheint nicht dieselbe zu seyn so unvergleichbar ist sie sich selbst in dieser Verschiedenheit.
Als hatt' ein Vorgefuhl der Freude
Diess Inkarnat ihr angeweht,
Dritt sie hier auf in ihrem Sonntagskleide,
Stolz, wie ein B r a u t i g a m aus seiner Kammer
geht.
Da sie, bei Gott! im Dunstkreis Eues Landes,
Kalt, abgezehrt und ausgebleicht,
Wie ein S k e l e t d e s E h e s t a n d e s
Am Horizont voruber schleicht.
Ich stand lange ganz unbeweglich auf diesem Sonnenplatze, sog ihre wohlthatigen Strahlen ein, wie die Saule des Memnon; und dass ich auch nicht ohne Klang war, zeigt Dir die Harmonie meiner Rede. Bastian war mir schon eine Weile unter die Augen getreten; aber ich blinzte in das majestatische Licht, und er musste mich anreden, um mir seine Gegenwart bekannt zu mache". "Wollten Sie wohl," lispelte er mir endlich zu, "einen Ihrer feurigen Blicke auf die Wohnung werfen, die ich Ihnen ausgemacht habe?" "So! mein Herr Abgesandter," erwiederte ich, "ich hore du bist wieder zuruck, denn sehen kann ich dich durchaus nicht." Wirklich war ich in diesem Augenblicke in so hohem Grade geblendet, dass ich glaube, Paulus und Schwedenburg haben nur einige Minuten langer in die Sonne gesehen, um jene unaussprechlichen Dinge zu entdecken, die unsere gemeine Vorstellungskraft so weit ubersteigen.
"Ich hoffe," fuhr Bastian fort, "das Quartier wird Ihnen gefallen, wenn Sie nur Ihres Gesichts erst wieder machtig sind. Wie? Sie suchen mich ja auf der Gegenseite Sehen Sie mich denn noch nicht? Mein Gott, wie Angst machen Sie mir! Ach, mein Herr! mit der hiesigen Sonne ist nicht zu spassen."
"O, mit der hiesigen habe ich es auch nicht gethan, mein lieber Bastian," antwortete ich und rieb mir die Augen: "wenn mir die Berliner Sonne nur nichts nachtragt! Doch fuhre mich in meine Miethe; denn meine Blindheit, Gott sei Dank! fangt an zu vergehen."
"Der Weg dahin ist nicht weit," fuhr Bastian nun in seinem Hauptberichte fort, indem er, stolz auf seine gute Verrichtung, ziemlich anmasslich neben mir hertrabte. "Sie werden das Quartier gewiss lieb gewinnen, denn z u f a l l i g e r Weise liegt es an der Mittagsseite. Ein helles freundliches Haus eine schone bequeme Stiege, die in einen grossen Vorsaal fuhrt, wovon Sie in ein weitlauftiges Zimmer treten, an das eine Kammer mit dem artigsten Bette, und an diese wieder ein Verschlag stosst, der eine kleine Bibliothek enthalt. Unter dem Spiegel in dem Hauptgemache ein schlafender Amor von Marmor und Rousseau's Buste von Gyps gegen uber auf dem Gesimse des Kamms und das alles, mein Herr, in dem ersten Stockwerke! Aber, das Beste kommt noch: Sie sind, so lange es Ihnen gefallt da zu wohnen, Herr allein im Hause; denn es gehort einer todten Hand zu dem Hospitale der, Probstei, dem eine andachtige Seele die Einkunfte davon vermacht hat. Ein einzelnes altes Weib, die man fur nichts rechnen kann, ist auf der Seite der grossen Stube Ihre Nachbarin, aber wie hier durch die Mauer, so auch auf dem gemeinschaftlichen Vorsaale, ganz von Ihnen geschieden. Das Weib ist aus der Kommun des Hospitals genommen, und in diess Haus gesetzt, um es in Aufsicht und Beschluss zu halten, und sie macht ihrem Amte Ehre. Z u f a l l i g traf ich es so glucklich, dass sie eben aus der Messe kam, als ich vor ihrer Thure stand, und das logement a deux Louis par Semaine nicht so recht herausbringen konnte; denn vermuthlich ist das Haus schon fur sich in zu gutem Rufe, als dass es einer leserlichen Aufschrift bedurfte."
"Ich fand," fuhr mein geschwatziger Geschaftstrager fort, "die Zimmer, das Gerathe und die ganze Gelegenheit artig genug fur einen einzelnen Herrn; aber den Miethzins, bei alle dem, zu hoch. Doch konnte ich es nicht uber das Herz bringen, dem alten Mutterchen ein geringeres Gebot zu thun, da jeder Liard, wie sie mir sagte, den das Haus abwirft, unter Nothleidende vertheilt wird. Dieser Umstand, dachte ich, ist gewiss deinem guten Herrn mehr werth, als die paar Livres, die er vielleicht zu viel bezahlt! Doch das ist seine Sache, der Handel ist ja noch nicht so fest abgeschlossen, dass es nicht bei ihm stande, ihn fallen zu lassen, wenn ihm die Wohnung, die Wirthin, oder der Preis nicht gefallt."
Ich habe Dir, lieber Eduard, das ganze umstandliche Geschwatz meines Gesandten hergesetzt, weil es mich der Muhe uberhebt, Dir meine schone Wohnung selbst zu beschreiben. Sie empfahl sich mir schon durch das z u f a l l i g e r W e i s e , das Bastian einigemal so geschickt anbrachte, als hatte er meine Ode gelesen, und ich hatte sie schon in Gedanken gemiethet, ehe ich mich noch mit eigenen Augen uberzeugte, dass sie des Zinses werth sei, den ich allenfalls, (darin hat Bastian Recht,) nur als ein wochentliches Almosen ansehen darf, um ihn nicht zu hoch zu finden.
Hatte mich etwas von dem Handel abschrecken konnen, so ware es wohl die alte Ausgeberin gewesen, bei der es beinahe unmoglich ist, eine gute Absicht des Zufalls zu vermuthen. Sie ist das wahre Gegenbild meiner vortrefflichen Wirthin zu Caverac, fur den Anblick sowohl als fur das Herz. Da ich nicht so gern Runzeln male als D e n n e r , so scheide ich von ihrem Portrate, selbst ohne naher zu untersuchen, ob sie des Criminis rugarum10 so schuldig sei, als es leider! das Ansehn hat. Fromm, wie man es hier zu Lande nennt, mag sie wohl seyn: denn sie ist mit so viel Heiligenbildern, Amuleten und Rosenkranzen behangt, dass sie bei der geringsten Bewegung, wie ein Skelet im Zugwinde, klappert. Als sie mir mein Stubengerathe, zugleich mit dem Verzeichnisse davon, ubergab, that sie mir die freundschaftliche Erklarung, dass, sie, ausser dem, was sie mir hier zum Gebrauche uberliess, sich weiter um keines meiner Bedurfnisse bekummern konne: und das ist mir auch ganz recht. Mit dem Anfange jeder Woche, fuhr sie fort, wurde sie den bedungenen Miethzins abholen, nahm den jetzigen in Empfang, und empfahl sich meinem Gebete.
Ich untersuchte nun etwas genauer, was mich umgab, fand alles reinlich und artig, aber ohne Schmuck, wenn ich den schlafenden Amor ausnehme, der aus weissem Marmor und wirklich schon gearbeitet ist. Wie mag sich ein solches Kabinetsstuck in dieses Haus verirrt haben? Ich begriff es nicht eher, bis ich das Verzeichniss nachschlug, wo ich die Auflosung fand; denn hier stand die Figur als ein heiliger Engel, mit dem Beisatze eingetragen, dass er bei der ersten Besitzerin des Hauses versetzt worden, und ihr fur aufgelaufene Zinsen verfallen sei. Man ist von Jugend auf an die Abweichungen der Kunstler von dem Sprachgebrauche bei dieser Art von Geschopfen so gewohnt, dass ich uberlaut lachen musste, hier zum erstenmale einen so decidirten mannlichen Engel zu finden, als seit ihrer Entstehung noch keiner gemodelt und gemalt worden. Wo muss die gute Frau ihre Augen gehabt haben? Ich glaube, man brachte kein Madchen mehr in die Kirche, wenn sie mit solchen Figuren umgeben ware, oder am Feste der Verkundigung vor so einem Engel knieen sollte! Indess, da Freund Amor in diesem Hause dafur gilt, so mag er es, so lange Gott will! Woher mag nun aber in aller Welt dieser konventionelle Verstoss der Kunstler, die uns diese Boten Gottes darstellen, wider die Analogie der Sprache wohl herruhren? Er muss doch eine Ursache haben! aber wer weiss sie mir anzugeben? Ich vertiefte mich umsonst in dieser artistischen Untersuchung, und selbst weit langer, als es mir gut war: denn ich kann fast uber nichts mehr kaltblutig nachdenken.
Die Buchersammlung, vor der ich mich Anfangs am meisten furchtete, wird mir hoffentlich kein Kopfweh verursachen. Sie besteht, so viel ich nach einem fluchtigen Blick entdeckt habe, in nichts, als in theologischmoralischen, dialektischen und kasuistischen Abhandlungen und andern dergleichen Meisterstukken des vorigen Jahrhunderts.
Sebastian wohnt eine Treppe hoher, steht aber durch einen Schellenzug in gehoriger Verbindung mit seinem Herrn.
Ich dachte fur meine stillen Absichten hatte der Z u f a l l mir keine bequemere Wohnung verschaffen konnen. Scheint die Sonne die vier Wochen hindurch, die ich etwan hier zubringen werde, mir immer so freundlich wie heute; so wusste ich in der That nicht was meinen einfachen Gang nach Gesundheit und Seelenruhe storen sollte? Mein Aufenthalt in Avignon wird sonach, lieber Eduard, wie das immer der Fall bei den wahrhaft glucklichen Epochen unsres Lebens ist, einen ganz kleinen Raum in meiner Geschichte einnehmen. Wenn ich Dir nicht taglich aufs neue erzahlen will, wie ich nach einem gesunden Schlaf, einer massigen Mahlzeit, mude von meinem einsamen Spaziergange, nach Hause komme, um den folgenden Tag denselben Zirkel zu wiederholen; so begreife ich wahrlich nicht, wovon ich Dich unterhalten soll. Bei einem Leser, wie Du mir bist, Eduard, sollte mir das zwar nicht schaden. Du durftest mich nur desto gesunder, kluger, zufriedener, und desto naher am Ziele meiner Reise denken, je mehr mein Tagebuch an Interesse abnimmt; aber bei aller Deiner Theilnahme, mein guter Freund, furchte ich, wird es Dir dennoch um nichts merkwurdiger vorkommen. Schreiber und Leser stehen gar zu leicht in Ansehung ihrer Empfindung im umgekehrten Verhaltnisse zu einander. Was dem ersten behagt, ist leicht dem zweiten zuwider. Ihr wollt immer nur euren Robinson mit Wetter und Wellen im Streite sehen Je trauriger und gefahrvoller seine Lage wird, desto anziehender kommt sie euch vor. Wehe ihm aber, wenn er nun Land gewonnen hat, und sich einfallen lasst, euch nun auch seine Ruhe nach vollbrachter Arbeit, und seine hausliche Gluckseligkeit zu schildern wenn er endlich seine Amanda heirathet, und von den grossen Anlagen seiner Kleinen euch vorplaudern will: dazu habt ihr keine Ohren ihr fangt an zu gahnen, und schlagt die langweiligen Blatter ohne Barmherzigkeit um. Da bin ich nun zum Beispiele diesen Nachmittag wieder auf meinem Sonnenplatze gewesen, um meinen Spinat recht gemachlich zu verdauen; habe den Himmel ohne Wolken, und die Sonne sich so rosenroth zu ihrem Untergange neigen sehen, dass ich mir morgen einen gleich heitern Tag versprechen darf, als der heutige war. Das ist nun fur mich freilich sehr wichtig; aber eben so gut fuhle ich, dass, wenn Du nun diese Merkwurdigkeiten ein paar Dutzend Male hinter einander wirst gelesen haben, Deine Ungeduld wohl gereizt werden durfte, mir Hagel und Frost auf den Hals zu wunschen; geschahe es auch nur aus Liebe zur Veranderung.
Nach dieser vorlaufigen Erklarung eines schachmatten Schriftstellers, bleibt mir fur heute nichts klugeres zu thun ubrig, als dass ich mein Bette suche, um die Stunde Schlaf zu ersetzen, die ich mir diesen Morgen abbrach. Du siehst, lieber Freund, wie ich aufange alles in Ordnung zu halten.
Da stosst mir doch noch etwas so drolliges auf, dass ich nicht umhin kann, die Feder wieder aufzunehmen, und es Dir als eine Seltenheit des hiesigen Landes zu erzahlen. Indem ich mich auskleide, singt meine veraltete Nachbarin einen Psalm ab, der mir warm an das Herz geht; so volltonend so einschmeichelnd singt sie ihn! Wie hatte ich ihr diess Talent zutrauen sollen? Eine solche Stimme in dem Munde einer Margot? bei allen Heiligen! die Scheidewand sollte uns nicht lange scheiden. Indess wirst Du selbst gestehen, dass es schon angenehmer ist, unter dem Gesang eines alten Weibes, als unter ihrem hektischen Husten einzuschlafen, wie es leider! manchem armen Sklaven von Manne geht, der sich won seiner Gebieterin nicht wegbetten darf.
Den 2ten Januar.
Wenn die Eigentumer dieses Hauses in ihren Besitzungen so gut schlafen, als ihr Miethmann diese Nacht geruht hat, so wollte ich zum Wohl der Menschen, dass sie deren recht viel hatten so wollte ich Gewissen, oder was es sonst ist, keinen Schlaf verstatten, wohl rathen, sich in diess Hospital einzukaufen: ich glaube, und ware es ein Sunder wider alle zehn Gebote er wurde doch hier das Gluck finden, das ihm abgeht; so eine Kraft der Ruhe scheint an diesem Hause zu kleben. Auch bin ich so gestarkt an Leib und Seele erwacht, dass ich, um mein Feuer zu vertheilen, einen neuen Lobgesang auf den freundschaftlichen Z u f a l l dichten mochte, der mir diese heitere Wohnung verrieth, die alles gewahrt, was dem Aufenthalte eines Philosophen angemessen seyn kann: Reinlichkeit, Stille, und jenen einfachen Schmuck, der aller sybaritischen Weichlichkeit, allen Lockungen der Leidenschaften eben so entgegen arbeitet, als er mit dem Gefuhle der unschuldigen Natur und der Sittlichkeit in naher Verbindung steht.
Wie versah's die Frommigkeit,
Dass sie diese stille Klause
In dem Gott geschenkten Hause
Der Philosophie geweiht?
Und ob sie zum Hospitale
Manchen Weisen schon verwies,
Ihn doch hier zum erstenmale
Freundlich bei ihr wohnen hiess?
Wem's behaget, sich zum Junger
Eines Plato zu kasteyn,
Konnte dem ein Sittenzwinger
Wohl bequemer seyn?
Was vielleicht zur Ritterzeit
Reizung und Betrug entfaltet,
Predigt mir jetzt missgestaltet
Nur den Trost der Sicherheit:
Von Ihr an, die Gottes Wunder
Mir zur Ehrenwache gab,
Big zu dem gelehrten Plunder
Ihres Bucherschranks herab,
Was, die Sinne zu berucken,
Sich die Phantasie ertraumt.
Hat dem geistigen Entzucken
Hier das Feld geraumt.
Trummer nachtlichen Gelags,
China's nackte Schildereien
An der bunten Wand, entweihen
Nicht die Lauterkeit des Tags.
Statt des Gotzen nach der Mode,11
Ueberdeckt Minervens Schild,
An dem Standort der Pagode,
Des erhabnen Rousseau Bild.
Meinem und Emilens Lehrer
Unter'm ernsten Auge, liegt
Fest in Schlaf der Friedensstorer
Juliens gewiegt.
Auf mein Polster hingestreckt,
Allem Weltgerausch verborgen,
Siehe! wie zum frohsten Morgen
Mich der Strahl der Sonne weckt!
Wie sie den bescheidnen Wanden
Ihren Glanz entgegen strahlt,
Freundlich, ohne mich zu blenden,
Meinen Bogen ubermalt!
Mochten, ihrem sanften Schimmer
Aehnlich, ungefarbt und rein
Auch die Ohrenbeichten immer
Deines Freundes sein!
Gott! welch ein Entzucken nimmt
Jetzt den Weg zu meiner Seele!
Welcher Seraph hat die Kehle
Jener Heiligen gestimmt,
Die auf Pergolesens Flugel
Ihren frommen Geist erhebt,
Immer naher zu dem Hugel
Der Verklarten uberschwebt,
Zu der Glorie des Psalters
Assaphs ihre Stimme mischt,
Alle Spuren ihres Alters
Von der Stirn gewischt?
Ich war so in Andacht versunken, dass es mir hochst zuwider war, als Bastian, der mir eben mein irdisches Fruhstuck brachte, mich in diesem Feste der Empfindung storte. Wie hatte ich ihm ansehen konnen, dass er solches noch erhohen, ja selbst meinen leiblichen Augen das Wunder der Verklarung versinnlichen sollte, woruber er meinen Geist brutend antraf? Ich hatte ihn kaum aufmerksam auf das erstaunliche Talent unserer Wirthin gemacht, so schlug er seine Hande zusammen, als ob er meine wenige Kenntniss in der Musik bemitleiden wollte. "O, mein bester Herr," rief er aus, "wie konnten Sie nur einen Augenblick denken, dass der zahnlose, hassliche Rachen unserer Aufseherin diesen Nachtigallenton hervor zu gurgeln geschickt sei? Nein, mein lieber Herr: das alte Weib hat einen Engel bei sich, der ihr vorsingt. Ich habe ihn hinter dem Fenster stehen sehen, und erschrak so sehr uber seinen Anblick, dass ich bald Ihren Kaffee verschuttet hatte, den ich uber die Strasse trug. Ohne dass ich geradezu behaupten will, dass er vom Himmel gestiegen sei denn das musste in einer mittelmassigen Stadt, wie Avignon, schon mehrern Larm machen so versichere ich Sie doch bei alledem, dass es selbst Ihnen so schwer werden sollte als mir, es nicht zu glauben, wenn Ihnen diese himmlische Figur eben so unerwartet erschiene."
Dieses enthusiastische Lob eines Engels, denn der unter dem Spiegel machte mich nicht irre dieses Lob sage ich, aus dem Munde eines Menschen, der eine Margot zur Schwester hat, musste nothwendig den Eindruck auf meine Seele machen, den Du Dir denken kannst. Ich winkte ihm zu schweigen, bekummerte mich um kein Fruhstuck, setzte mich so nah als moglich an die Scheidewand, und liess nun meine nuchterne Seele auf dem Strome der Harmonie, wie eine Feder, hin und her schaukeln. Ich glaubte in meinem Entzucken, alle die Schonheiten zu horen, die mir zu sehen verwehrt waren die gewolbte Brust den kleinen, mit Perlen besetzten Mund die liebevollen, schmachtenden Augen ja, es kamen sogar Noten vor, bei denen ich auf die unverletzte Tugend hatte schworen wollen, die mit der Kehle eines Madchens, wie Du wissen wirst, in so sonderbarer Verbindung steht. Meine Einbildungskraft, die, grosser Gott! noch vor einer Viertelstunde so ruhig war, gerieth in Aufruhr. Ich war heilfroh, als der erschutternde Psalm zu Ende war, und ich nun den Empfindungen Luft machen konnte, die sich indess in meiner beklommenen Brust gehauft hatten.
"Woher um aller Barmherzigkeit willen, mag diese reizende Sangerin in diess einsame Haus kommen?" kehrte ich mich gegen Bastian, der wahrend des Gesanges sich mauschenstill in den Bogen des Fensters gelehnt hatte. "Das," antwortete er seufzend, "mag Gott, und jener kleine verschobene Kerl von Buchhandler wissen, der uns gegen uber wohnt. Der muss den Diskant so sehr lieben als Sie, mein Herr. Sehen Sie nur, wie verloren er da steht! Blickt er nicht nach dem Fenster des Engels, wie ein Salamander, der einen Colibri belagert? Er, mein lieber Herr, mochte wohl am ersten Ihre Neugier befriedigen konnen."
"Wahrlich," rief ich aus, "Du bist ein kluger Kerl, Bastian! Geschwind gieb mir meine Schuhe und meinen Frack! Mit der Frisur kann es anstehen, bis ich zuruck komme." Und so trabte ich denn bald darauf uber die Gasse, ohne an die Warnung meines Jerom eher zu denken, als bis ich mich schon mitten unter der mir verbotensten Waare von allen befand.
Der Name des Mannes, der hier den gelehrten Handlanger machte, stand uber der Thure seines Ladens mit grossen goldenen Buchstaben geschrieben, und verdiente es auch mehr als ein anderer. Ein Streit der Grossmuth mit Voltairen hatte mir ihn schon langst ruhmlichst bekannt gemacht. Es war, mit Einem Worte, wo nicht der beruhmte Herr Fez selbst, doch wenigstens sein Sohn, den ich hier, von der Natur zwar ein wenig gemisshandelt, ubrigens aber als einen sehr gebildeten Mann kennen lernte. Du wirst Dich erinnern, dass ihm einst P. Nonotte eine Handschrift in Verlag gab, die schon durch ihren Titel: Les Erreurs de Voltaire, diesen wahrheitsliebenden Dichter auf das grobste beleidigen musste. Aber Herr Fez ehe er sie zum Druck beforderte, schrieb hoflich an ihn, meldete ihm den Vorgang, und erbot sich, gegen einen Ersatz von zwei tausend Livres, das anzugliche Werk zu unterdrucken. Doch Voltaire, wie Du ihn kennst, viel zu edel, jemanden in Schaden zu setzen, widerrieth dem Buchhandler ernstlich sein grossmuthiges Opfer, rechnete in seiner Antwort den ausserordentlichen Gewinn ihm gutmuthig vor, den er gegen eine so geringe Summe auf's Spiel setzen wurde, nahm das hofliche Erbieten nicht an, sondern bot sogar nachher seinen ganzen Witz auf, dem so wakkern Herrn Fez recht viele Abnehmer zu werben. Diese Anekdote schon verschaffte ihm mein ganzes Zutrauen, noch ehe es seine nahere Bekanntschaft that. Er nothigte mich mit einer Freundlichkeit in seinen Laden, die nur bei jenen abgeschliffenen Menschen sich findet, die immer in guter Gesellschaft leben, und zog sogleich, als ob er mich seinen Freunden vorstellen wollte, ein paar Vorhange zuruck, die mir eine ganze Wand der glanzendsten Werke entdeckten. Doch diessmal trug ich zu meinem Glucke ein Gegengift in mir, das mich gegen alle Gefahren der Litteratur, gegen die Verfuhrung der Schreiber aller Zeiten und Volker, vollkommen fest machte.
Ich liess sie stehn, wie jetzt, nach einer matten,
Durch's todte Meer der Bucherwelt
Gehaltnen Fahrt ihr Schutzgeist sie den Schatten
Der Unbegrabnen beigesellt
Der Grosse nach, die sie errungen hatten,
In Reih' und Gliedern aufgestellt:
Sie, die der Freude sich verweigert,
Als noch die Sonne sie beschien:
Um in Journalen ausgeschrien,
Einmal verkauft, zehnmal versteigert,
Gespenstern gleich herum zu ziehn:
Ich liess sie stehn, die aufgeblahten Werke,
Geburten mancher kalten Nacht,
Sammt dem Gefolg in Kindertracht
Des Zwerggeschlechts, das ihre Riesenstarke
Mit flinker Hand in eine Nuss gebracht.
Vergebens luden mich an ihres Tempels Thoren
Minervens Schreier ein! Ich schatzte den Gewinn,
Den sie verheissen, als verloren;
Und hatt' ich noch fur eine Muse Sinn,
So lag er mir, wenn ich nicht irrig bin,
Doch anderwarts als in den Ohren.
Ungeachtet dessen erwartete ich doch von der Dienstfertigkeit eines Mannes, der in so aufgeklarter Gesellschaft, einer Sangerin gegen uber, wohnte, zu viel, um nicht in meiner geringen Kenntniss der franzosischen Litteratur Mittel aufzusuchen, mich seiner Freundschaft so viel als moglich zu versichern, ohne dass ich doch selbst etwas mehr, als allenfalls ein paar verschleuderte Louisdor, dabei wagte.
Wie gut kam mir nicht jetzt eine und die andere langweilige Stunde zu Statten, die ich beim Durchlesen der Gazette ecclesiastique des Journals von Trevoux, und anderer dergleichen beruhmter Zeitschriften, viel zu voreilig, wie ich nun wohl sah, fur verloren gehalten hatte! Ich strengte mein Gedachtniss an, und forderte, zu dem freudigen Erstaunen des Herrn Fez, manche dort angepriesene Schrift, nach der seit ihrem Daseyn wohl keinem vernunftigen Menschen noch eingefallen sehn mochte zu fragen; und versorgte mich zuletzt, um mein Ansehn bei ihm ganz lobten Trauerspiels jenes glucklichen Dichters zu Nimes, fur mich und meine auswartigen Freunde.
Der Mann ward zusehends freundlicher, je langer und tiefer er unter dem seit Jahren angewachsenen Schutte nach diesen vergessenen Kleinodien suchen musste. Er konnte nicht aufhoren, die so seltenen Kenntnisse eines Auslanders in der franzosischen Litteratur und meinen gebildeten Geschmack zu erheben; und ich dachte wahrlich, er wurde mich gar umarmen, als ich ihm beilaufig vertraute, dass ich in der gelehrten Absicht reiste, nach und nach alle die fliegenden Blatter zu sammeln, die, ihrer Leichtigkeit ungeachtet, so selten bis uber die Granzen des Konigreichs flogen.
"Ich opfere," sagte ich mit einer Treuherzigkeit, die den Mann entzuckte, "den grossten Theil meiner Zeit den keuschen Musen, suche deshalb immer den beruhmtesten Buchhandlern in der Nahe zu wohnen, und habe auch hier, wie Sie sehen, die stillste Wohnung bezogen, die in Ihrer Nachbarschaft zu finden war; die alte Dame, deren Miethmann ich bin, wird mich sicher nicht in meinen Studien storen."
"Das wohl nicht," fiel mir Herr Fez in's Wort, "wenn es nur nicht ihre Nichte thut, die das alte Weib bei sich hat!"
"So?" antwortete ich ganz gelassen, "eine Nichte?"
"Ja," erwiederte er laut seufzend, "eine gewisse Klara. Gott gebe Ihnen Ruhe vor ihr! Mich jagt sie allemal von meinen Rechnungen auf, so oft in die Kirche gelautet wird; denn zu keiner andern Zeit ist sie mir sichtbar. Eine wahre Heilige! und dabei denken Sie, mein Herr! erst funfzehn Jahr alt. Als Kind schon soll ihr ein Marienbild lieber gewesen seyn, als alle andere Puppen. Schliessen Sie nun, wie gross erst jetzt ihre Andacht fur die Gebenedeite seyn mag, da sie zu reifern Jahren gekommen! Sie soll, sagt man, alle ihre Gliedmassen der Mutter Gottes geweiht haben; und es ist zu glauben, wenn man sie gehn sieht, so jungfraulich sind alle ihre Bewegungen. Wollten Sie nur wenige Augenblicke verziehen, und Sich einstweilen in meinen Buchern umsehen, so wurden Sie Sich mit eigenen Augen uberzeugen, wie gross die Gefahr Ihrer Wohnung sei. Das Fruhamt bei den Minimen wird bald angehn, und da muss sie ganz nahe bei meinem Laden vorbei da sollen Sie sehen, mein Herr! da sollen Sie erstaunen!"
Inzwischen nun Herr Fez nach Makulatur suchte, um diejenige einzuschlagen, die ich gekauft hatte, las ich, die Zeit hinzubringen, die Aufschriften seiner Ballen, und zahlte gahnend die Bande der Encyklopadie. Die Minimen liessen uns nicht lange warten; und kaum fingen ihre Glocken, bei dem Einklange meines ungeduldigen Herzens, ihr Spiel an, so warf der Buchhandler geschwind seinen Plunder aus der Hand, und: "Kommen Sie, mein Herr! hier! hierher! Lassen Sie jetzt den Abbadie und den Bourdaloue stehen!" schrie er mir zu, und zog mich mit Gewalt an die Thur seines Ladens. Und in demselben Augenblikke erschien wie sich ein Fruhlingstag an ein Sekulum schliesst Klara, unter Voraustretung der Alten. Je naher sie meinen Augen kam, je stiller und tiefgefuhlter meine Bewunderung ward, desto schwatzhafter und larmender ward Herr Fez in der seinigen.
"Welch ein Gang!" flusterte er mir einmal uber das andere in's Ohr: "was das fur ein Wuchs ist! und mit welcher naturlichen Bescheidenheit sie einher tritt! O, uber das herrliche Madonnengesichtchen! So sanft und glanzend, wie ein Didotischer Druck, und rein, wie in Kupfer gestochen. Ah! sehen Sie nur, wie aller Augen auf ihre niedlichen Schritte geheftet sind, indess sie, nur in sich gekehrt, keinen Blick ausschickt, der nicht Andacht und Ruhe der Seele verrath. Sie weiss es nicht sie hat es nie gewusst, wie alt und wie reizend sie ist."
"Gern wiederholt mein Herz die Klagen ihres bangen
Gefuhls, zur Zeit als ihr die Blumenhulsen sprangen,
Ein Morgenlied, bei Gott! als ob sie fest geglaubt,
Es hatten in der Nacht Hyanen oder Schlangen
Den reinen Korper angeschnaubt
Doch waren's Bluthen nur, die hier ein Schleifchen
zwangen,
Nur Primeln, die vielleicht zum Theil nun abgestaubt,
Erstorben sind und heim gegangen.
Ach! rechnete sie nach, wie viel auf ihren Wangen
Andachtelei uns Ernten schon geraubt!
Begriffe sie nur einmal, welch Verlangen
Uns qualt, wenn sie das Gluck an ihrem Hals zu
hangen
Nur einem Todtenbein erlaubt!
Sie ringt nur um ein Loos, das viele wohl errangen,
Die nicht so rein die Metten sangen,
Wunscht sich mit Einem Wort bald Strahlen um das
Haupt:
Denn eher hofft sie nicht das nenn' ich unbefangen
Von einem Pater angeschraubt,
In einem Klostergang zu prangen."
"Das, mein Herr," fuhr Herr Fez fort, "ist ihre einzige Sorge; und es ist abscheulich, dass ihre alte Tante ihr solche kindische Einfalle nicht ausredet, und keine gutherzige Seele zu ihr lasst, die ihr den Verstand offnen konnte. Aber mein bester Herr," indem er sich nach mir kehrte, ohne darum vor eigener allzu grosser Bewegung die meinige zu bemerken, so schlecht ich sie auch verbarg: "Sie sagen ja kein Wort? Wie wunsche ich Ihnen Gluck zu der Ruhe Ihres Temperaments! Sie mussen es nothwendig in der Gelehrsamkeit hoch bringen, da solch eine Erscheinung Sie nicht einmal zerstreuen kann. So gut wird es mir leider nicht! Die Stunden, die das liebe Madchen in der Kirche bleibt, sind auch fur mich verloren ich kann an nichts denken, als an den sussen Augenblick, wo sie wieder zuruck kommen wird; und dann sehne ich mich gleich wieder auf ihren nachsten Kirchgang. In der Lange muss mein Handel daruber zu Grunde gehn das sehe ich zum voraus: aber ich kann wahrlich ich kann mir nicht helfen!"
Ich hatte nicht das Herz, uber den guten Mann zu spotten, da mir fur meinen eigenen Verstand nur zu bange war: doch fand ich auch keinen sonderlichen Beruf uber den Text meiner geheimen Empfindungen einen andern predigen zu horen als mich. Ich bezahlte also dem Herrn Fez seine Makulatur, liess sie nach meiner Wohnung tragen, und zitterte so angstlich hinter drein, als ob ich sie auch lesen musste. Ich ubergab meinem Bastian den ganzen Ankauf zu beliebigem Verbrauch, ohne dass es mir nur einfiel, wie unmanierlich ich mich gegen Schriftsteller betruge, denen ich doch im Grunde Dienste verdanke, die mir der gesuchteste der geschatzteste Autor nicht halb so gut wurde erwiesen haben. Die schnelle, aufbrausende, plaudernde Freundschaft des guten Fez, an der mir so viel gelegen war, ist ihr Werk! Ihnen verdanke ich das belohnende Anschauen der liebenswurdigsten Heiligen, und alle die unnennbaren frohen Empfindungen, die es mir zuruck liess; und ich glaube, dass selbst der strenge Jerom sie bei den kleinen Diensten fur unschadlich erklaren wurde, zu denen ich sie gegenwartig noch aufhebe. So sehr, lieber Eduard, kommt alles auf Zeit und Umstande an, und mein Freund, der Zufall, kann uns in so unglaublich sonderbare Verhaltnisse verwickeln, wo uns Lunichs Reden grosser Herren wichtiger als ein Plutarch und Lucian, und Masius Schriften auf weichem Druckpapier brauchbarer werden konnen, als der schonste Kodex auf Pergament.
Da ich bei den Minimen keinen Bescheid wusste, so blieb mir nichts ubrig, als meinen Stuhl an das Fenster zu rucken, und, wahrend mir Bastian das Haar in Locken schlug, mit pochendem Herzen die Zuruckkunft der Psalmistin zu erwarten. Die letzte Stufe, auf die ich sie vorhin in die Halle treten sah, zog jetzt meine Blicke, wie auf einen Brennpunkt zusammen. Ich bot alle meine Geduld auf, mir beizustehen, und sah dennoch immer eine Sekunde um die andere, fluchend, nach meiner zu langsamen Uhr. "Wird sie denn ewig in der Kirche bleiben?" murmelte ich, und liess mir angst werden, die Minimen mochten sie wohl, ohne sich an den Mangel ihres Nimbus zu kehren, schon jetzt mit der ausgezeichneten Ehre uberraschen, nach der das gute unbefangene Kind fast athemlos hinstrebt. Aber in diesem Augenblicke erlebte ich die Freude dass die Thure der Halle sich offnete, erst andere gestarkte Seelen, dann die Alte, und zwei Schritte hinter derselben auch nun Sie, die Erwartete, in ihrem ganzen Engelsschmucke heraustrat.
War mir's doch, als ob sie mir geschenkt wurde, so bald ich sie nur ausser dem Kloster sah! Ich zahlte jeden ihrer kleinen Schritte uber die Gasse. Aber mit dem letzten, den sie in das Haus setzte, trat auch ich aus meinem Zimmer, mit Hut und Stock, um nicht das Ansehn zu haben, als ob es ihrer schonen Augen wegen geschahe.
Wir begegneten einander auf der Mitte der Treppe Ehrerbietig stellte ich mich seitwarts Die Alte erwiederte mir mit gramlichem Ernst meinen Gruss, der ihr auch am wenigsten galt; und wie schielte ihr gelbes Auge auf die bescheidene Verbeugung, die ich von ihrer Nichte erhielt, als sie in dem Anstand einer Novice bei mir vorbei zog!
Nun erst kann ich sagen, Eduard, dass ich sie gesehn habe; denn wohl zwei Sekunden habe ich mit ihr auf Einer Stufe gestanden. O! ich wurde mich brusten, wie ein Apelles, wenn ich Dir die ganze Lieblichkeit, alle die Grazien ihrer Nymphen-Gestalt, alle die schonen Formen, die ich aus jedem Falkenschlag ihres Florkleides mir abzog, so anschaulich darstellen konnte, dass Du weiter nicht nothig hattest, mich uber den Eindruck abzuhoren, den dieser vereinte Reichthum von Schonheit auf meine Sinnlichkeit machte. Komm ich bitte Dich dem Unvermogen meiner, Sprache mit Deiner schwelgenden Einbildungskraft zu Hulfe! Hole Dir aus den Werkstatten der Kunstler ein Bild der Liebe; modele so lange daran, bis Du Deine Vorstellung so erhoht hast, dass Du nicht ohne Widerwillen an ein andres sterbliches Madchen denken kannst, und schliesse dann aus dem blumigen Irrgange, den Deine Wunsche einschlagen, auf das Hinstreben der meinigen. Nur hole nicht aus Winklers Kabinette Der Venus Busenbild von Cigniani's Hand! So gottlich schon es ist, so setzt es doch, ich wette, Kein wahres Mannerherz in Brand. Ein Kopf des Boileau, des Racine, Ist freilich uns genug. Was hier das Aug' entbehrt, Ob das auch einen Blick verdiene, Ist keiner Untersuchuug werth. Sieht man nicht klar genug in jenes Satyrs Miene Den Autor der Pucell' erklart? Doch wer bleibt wohl, dem's nicht geluste, Der Fulle der Natur, so weit die Kraft zu sehn Die Augen spannet, nachzugehn? Wer bleibt gelassen bei der Buste Der winkenden Cythere stehn? Sie winkt allein wohin? Unb da fallt erst der Fehler Des Kunstlers Dir auf's Herz: sein Stuckwerk unterbricht Den warmsten Trieb der Uebersicht. Der Blode, der es schuf, begriff den Werth der Thaler In einem heissen Klima nicht!
Es ging mir schwer ein, die Treppe vollends herab
zu steigen, wie ich doch Schande halber wohl thun musste: aber was sollte ich nun erst mit mir anfangen, als ich mich, der Richtung meiner Wunsche ganz entgegen, auf der staubigen Gasse befand? Ideen von der Art, wie sie jetzt auf mich los sturmten, verlangen beinahe eine gleiche Abgezogenheit der Seele, als die Traume der Metaphysik: und da ich mich doch nicht wohl auf einen Eckstein setzen, und, den Finger auf der Nase, nach Klarchens Fenster hinstaunen konnte, wie ich unstreitig am liebsten gethan hatte; so musste ich mir wohl die erste beste Zerstreuung gefallen lassen, die sich mir, darbot. Ich erinnerte mich zum Glucke eines Empfehlungsschreibens in meiner Brieftasche, das mir der gute Bischof von Nimes, als ich ihn das letztemal sah, an einen hiesigen Domherrn von seiner Bekanntschaft, Namens D u c l i q u e t , mitgab. Das brachte mich endlich vom Platze, und versetzte mich mit aller der Fulle meiner weltlichen Schwarmereien in das Studierzimmer eines geistlichen Herrn.
Ich habe in meinem Leben angenehmere Bestellungen gehabt, das kann ich Dir sagen! Der Himmel weiss, in was fur einem Gedankenkram ich den ehrlichen Mann storen mochte; aber hatte ich ihn auch in flagranti uberrascht, verlegener hatte er sich kaum betragen konnen. Gleich nach dem ersten steifen Komplimente, das unsere Bekanntschaft eroffnete, sahen wir es gegenseitig uns an, dass Gott gewiss keinen zur Unterhaltung des andern geschaffen hatte; und uber der Sorge, unsere erste Unterredung so geschickt einzuleiten, dass es zeitlebens keiner weiter bedurfe konnten wir nicht dazu kommen, sie anzufangen. Ihm gluckte es indess eher noch als mir, diese alberne Stille zu unterbrechen. Das morgen kommende Fest der heiligen Genoveva loste ihm die Zunge, und gab sogar zu einem Gesprache Anlass, von dem ich mir nie hatte traumen lassen, dass es am Ende noch so belehrend fur mich ausfallen wurde. Er burstete erst ein paarmal mit der flachen Hand seinen Aermel; dann that es ihm sehr leid, dass er heute so ganz ausser Stande sei, einem so lieben und gut empfohlnen Fremden die geringste Hoflichkeit zu erzeigen; dann freute er sich wieder, dass er hoffen konne, morgen alles desto reichlicher wieder gut zu machen.
Das gab mir einen Stich in's Herz. Du weisst, lieber Eduard, dass ich nichts so sehr hasse, als ein grosses vorbereitetes Mittagsmahl, das ich nach der Wendung, die sein Gesprach nahm, schon so gut als aufgetischt sah. Gewiss ist morgen Markttag, sagte ich zu mir, und da wirst du wieder einmal zu Mittage alles das ausgelegt finden, woran du dir des Morgens schon deinen Ekel ersehen hast. Ich ging also geschwind dem guten Manne mit der Versicherung entgegen, dass ich meine Gesundheit sehr schonen, und es ernstlich verbitten musste, sich meinetwegen in die geringsten Unkosten zu stecken und berief mich auf den redenden Beweis meines blassen Gesichts. Aber das half mir nichts. "Nein," erhob er seine Stimme, "Sie durfen meine Einladung nicht ausschlagen. Ich will Sie morgen selbst, es macht mir ein gar zu grosses Vergnugen, bei guter Zeit zu dem prachtigen Hochamte abholen, das der heiligen Genoveva zu Ehren in der Domkirche gehalten wird, und ich werde Ihnen, verlassen Sie Sich auf mich, einen guten Platz verschaffen."
War mir's doch jetzt auf einmal so leicht um's Herz, als ob ich das angstliche Diner wirklich verdaut hatte, das doch dem wackern Domherrn gar nicht in den Sinn gekommen war mir zu geben. Es geschieht mir zuweilen, dass ich danke, und den Hut abziehe, ehe ich gegrusst werde, und es macht mich immer heimlich lachen. Jetzt konnte ich meinem Manne schon ruhiger zuhoren.
"Wenn Sie mich," fuhr er fort, "heute in meinem Alltagsrocke uberrascht haben, so sollen Sie mich morgen dafur im Purpur sehen, den das hiesige Kapitel, wie Sie aus der Geschichte wissen werden, mit den Kardinalen und Konigen gemein hat."
"Ist nicht sonst noch ein Spektakel hier?" fragte ich in der albernsten Zerstreuung, die aber dem guten Manne nicht im mindesten auffiel. "Nein," antwortete er, "vor dem Feste der heiligen drei Konige nicht, das in unserm Lande den sechsten dieses gefeiert wird."
"Auch in dem meinigen," antwortete ich gahnend. "Aber hochwurdiger Herr," fragte ich weiter, weil es mir nicht langer moglich war, das schlaffe Gesprach fortzusetzen, ohne wenigstens meinem Ohre mit dem Klange jenes sussen Namens zu schmeicheln, den mir die Liebe in das Herz geschrieben hatte, "ist denn nicht auch ein Hochamt fur die heilige Klara gestiftet, die, nach meinem Gefuhle, so viel Anbetung verdient als vielleicht keine andere?"
"Da haben Sie Recht, mein Herr," fiel mir der Domherr mit einer Hitze in's Wort, die mich beinahe erschreckt hatte: "Ihr Fest fallt auf den achtzehnten August, und wird, wie billig, unter unsere vornehmsten gerechnet. Klara von Falkenstein" jetzt merkte ich erst, wie schief er mir wieder antwortete "hat in einer Reliquie der christlichen Kirche eine Erbschaft hinterlassen, die der Hochsten Verehrung werth ist Kleinodien von dem wunderbarsten Gehalt, und durch die uns Gott selbst das Geheimniss der heiligen Dreifaltigkeit versinnlicht hat."
Diese Nachricht uberraschte mich so, dass ich dem Manne, der sie mir gab, mit einer Art von Misstrauen in das Gesicht blickte. Da ich aber nicht die entfernteste Spur von Zerruttung des Gehirns darin wahrnahm, so erkundigte ich mich, mit zunehmender Verwunderung, nach der eigentlichen Beschaffenheit dieses schweren Beweises. Sogleich langte er ohne die mindeste Verlegenheit nach einem beschmutzten Quartanten, schlug die Beweisstelle auf, und las sie mit pathetischer Stimme vor:
"In der S.V. Blase der heiligen Klara de monte falcone," las er, "fand man drei runde Steine von der Grosse einer Nuss, von gleichem Umfange, gleicher Farbe und gleichem Gewichte. Wenn man Einen dieser Steine auf die eine Wagschale, und auf die andere die zwei ubrigen legte, so hat der Eine so viel als beide gewogen; hat man dann in jede Schale nur Einen gelegt, so haben sie abermals gleiches Gewicht gehabt; daraus denn klarlich abzunehmen, wie tief bei ihr das Geheimniss der heiligen Dreifaltigkeit eingedruckt war, welche einig im Wesen, dreifaltig in Personen, und deren keine weder grosser, noch alter, noch machtiger ist, als die andere."
Ich ward, als ich ihm zuhorte, beinahe so ernsthaft als er. "Um Vergebung," fragte ich ihn jetzt, "hat denn dieser Autor, der so bestimmt spricht, auch diejenige Glaubwurdigkeit, die" ...
"Wie, mein Herr?" fiel er mir hitzig ein, und schlug das Titelblatt auf: "Es ist ja, sehen Sie, die verbesserte Legende Pater Martin's von Cochim, vor zehn Jahren, ungefahr 1779 gedruckt! Dieses vortreffliche Buch tragt den Stempel der Wahrheit wie die Bibel; denn, sehen Sie, hier steht auch die Censur, und die Approbation der Sorbonne."
Der Domherr freute sich wie ein Kind uber mein sichtbares Erstaunen. Um es zu erhohen, war er im Begriff, mir noch altere Schriftsteller vorzulegen, die dieses Wunders Erwahnung thun, und es als Augenzeugen bestatigen. Ich verbat es jedoch, nahm mir nur noch so viel Zeit, die Blattseite dieser merkwurdigen Stelle in meiner Schreibtafel aufzuzeichnen, um bei Gelegenheit unsern Kant damit in die Enge zu treiben. Das Buch selbst findet sich ja wohl in der koniglichen Bibliothek, oder doch gewiss bei einem unserer Konsistorialen; und da ohnehin uber dieses belehrende Gesprach der Mittag unvermerkt herbei geruckt war, so begnugte ich mich um so viel eher mit dieser Seelenspeise aus der Vorrathskammer des Domherrn, und empfahl mich.
Dieser fur meine Kenntnisse zwar nicht gleichgultige, fur mein Herz aber desto ermudendere Besuch war indess nur eine Kleinigkeit gegen den Verdruss, der meiner zu Hause wartete. Schon zehn hollische Stunden wurge ich daran, und sehe mich jetzt um alle die metaphysischen Freuden gebracht, die ich mir fur diesen Abend aufhob.
Hore nur, lieber Eduard! Ungefahr hundert Schritte, sah ich, als ich das Haus des Domherrn verliess, einen ungleich jungern und stattlichern Geistlichen, als jener war, vor mir hergehen, gab jedoch nicht eher Acht auf ihn, als bis er sich durch den Umstand nur zu bemerklich machte, dass er ganz meinen Weg nahm, sich zuweilen nach mir umsah, und gerade die genannten hundert Schritte eher eintraf, als ich; denn als ich mein Zimmer erreichte, sass er bei Klarchen schon fest.
Dass ein geistlicher Herr eine angehende Heilige besucht, ist in der Ordnung: dass er aber vom Mittag an bis in die sinkende Nacht bei ihr verweilt die Scheidewand nicht einmal das frohliche Geschwatz, das laute Lachen und die bedenkliche Stille, die von Zeit zu Zeit nachfolgt, von meinem lauschenden Ohre abhalten kann, und dass ich jetzt ohne Psalm schlafen gehen muss, scheint mir eine offenbare Verletzung der guten Sitten, ein verponter Eingriff in meine Rechte auf Ruhe und Hausfrieden zu seyn, die mir nach meinem Mietkontrakte gebuhren. Kurz, es ist unverantwortlich!
Den 3ten Januar.
Die Ungeduld uber den larmenden Geistlichen, auf dessen Abzug aus meiner Nachbarschaft ich gestern Abends nicht langer warten mochte, brachte mich auch noch die halbe Nacht um meinen ruhigen Schlaf. Ob sie diesen Morgen gesungen hat, mag Gott wissen; denn ich erwachte weit spater als gewohnlich, und hatte kaum meine Nachtmutze vom Kopfe geschleudert, als mir auch schon der Domherr seinen gestern angekundigten Gegenbesuch abstattete. Ware ich nicht schon so ziemlich mit ihm bekannt gewesen, so wurde es mich vermuthlich noch mehr, als es that, ausser Fassung gesetzt haben, einen Mann im Purpur bei meinem petit Lever zu sehen; so aber hatte ich statt aller Entschuldigung nur nothig, den Kontrast unsers Aufzuges recht hell in's Licht zu setzen, um seine Selbstzufriedenheit so lange zu beschaftigen, bis ich angekleidet und zu seinem Befehle war.
Wir schlenderten nun zusammen in die Kirche. Ich bekam einen sehr guten Platz: wenn nur das Stuck besser gewesen ware, das man auffuhrte! Es wurde mir eine freie Seitenloge, neben der Hauptloge des Kapitels, angewiesen. Hier stand ich in mich gekehrt, unter der bestandigen Abwechselung heiliger Gebrauche, die mir jedoch zu fremd waren, als dass sie auf meine Andacht wirken konnten. Ueberhaupt war wohl von den mancherlei Vorzugen, mit denen ich mich in meinem Leben dann und wann beehrt sah, schwerlich einer so ubel auf meine Verhaltnisse berechnet gewesen, als die Hoflichkeit, die mir der Domherr zu erzeigen glaubte. Mein Missbehagen wuchs mit jeder Minute, und war eben in dem Augenblicke auf's hochste gestiegen, als der dienende Geistliche am Hauptaltar das Venerabile in die Hohe hob, und die ganze Versammlung mit einem Getose zur Erde niederfiel, das meine langst verlorne Aufmerksamkeit wieder herbei zog. War ich nun gleich der Einzige, der ruhig in seiner ersten Stellung blieb, so war ich es doch nicht auf lange. Die Pseudo-Kardinale, denjenigen nicht ausgenommen, der mich hierher verlockt hatte, winkten mir mit so ernsten, murrischen Blicken zu, dass ich, aus Furcht vor einer Kirchenstrafe, geschwind ihrer Weisung folgte, und, indem ich meine Kniee beugen wollte, aus Mangel an Uebung, mit beiden Fussen auf den harten Marmor hingleitete. Ich hatte den Schmerz fur etwas Verdienstliches halten mussen, wie ein Bramine oder ein Bussender, wenn diese Erschutterung eine nur leidlich wohlthatige Wirkung auf mich hatte hervorbringen sollen: da ich keines von beiden war, folgte ich meiner naturlichen Empfindung, rieb mir die Kniee, und fluchte so lange heimlich uber das Bittere und Lacherliche eines erzwungenen Gottesdienstes, bis ich, da die Versammlung sich nach geendigter Zeremonie wieder erhob, und nun Chor und Gemeinde ihren hoch tonenden Gesang anstimmten, der Gelegenheit wahrnahm, meinem innern Verdrusse Luft zu machen.
Aus Andachtsspott, (das Wort ist neu,
Mischt' ich dreust ihrer Litanei
Ein deutsches Epigramm von unserm Luther bei,
Und sang: "Uns fernerhin behute
Vor Papsts Lehr' und Abgotterei!"
Das sang ich laut im papstlichen Gebiete,
Nach wohlbekannter Melodei.
So verrichtete ich, im Angesichte des ganzen Kapitels, und in seiner eigenen Kirche, meine Andacht nach Grundsatzen meiner Religion, und ging nach diesem Simultaneo, und ohnedem Domherrn fur erwiesene Ehre zu danken, geracht und frohlichen Muthes meinem Mittagsmahle entgegen.
Diese gute Laune nahm zu, so bald ich mich wieder in Klarchens Nahe befand. Der Enthusiasmus fur ihre ubermenschliche Tugend, mit dem mich mein Freund, der Buchhandler, auf eine Weile angesteckt hatte, war zwar seit gestern Abend auf und davon: er hatte mir aber seine Statte noch immer warm genug zuruck gelassen, um eine andere Art von Gefuhl, das, obgleich nicht so uneigennutzig, doch darum nicht minder angenehm war, leidlich genug zu beherbergen. Doch war ich entschlossen, ihm nicht eher Raum zu geben, bis ich vorerst Herrn Fez uber einige Artikel verhort hatte, die das wahre Verhaltniss betrafen, worin vielleicht der geistliche Herr mit der kleinen Heiligen stehen mochte. Diese Vorkenntnisse schienen mir so unentbehrlich, dass ich nach dem Essen keine Minute
Die kleinen unschuldigen Mittel, die ich gestern gebrauchte, dem schwatzhaften Manne Vertrauen zu mir einzuflossen, thaten auch heute ihre Wirkung. Ich erfuhr auf die ungezwungenste Weise, erst den Ladenpreis dieses oder jenes, in Vergessenheit gekommenen Dichters und Prosaisten, und erfuhr, sobald mein Conto gemacht war, eben so genau den wahren Zusammenhang des Besuchs, der mir so verdachtig schien.
Dass man doch, der vielen Erfahrungen ungeachtet, sich durch den aussern Anschein noch immer so leicht zu ubereilten Urtheilen verleiten lasst! Es macht der menschlichen Vernunft wirklich wenig Ehre. Herr Fez hob durch ein paar Worte, die mir viele Unruhe wurden erspart haben, wenn sie mir gestern zu Ohren gekommen waren, alle die nachteiligen Zweifel, die ich gegen die Sittsamkeit meiner lieben Nachbarin gefasst hatte. Die Sache verhalt sich so: Das Haus, wo wir wohnen, gehort, wie mehrere in der Stadt und das wusste ich ja vorher dem Hospitale der Probstei. Nun ist der junge Geistliche seit kurzem zum Probste erwahlt worden, und besucht sonach, in Gemassheit seines Amtes, eins um das andere, um theils die Miethzinsen einzukassiren, theils fur Bau und Besserung der Gebaude zu sorgen, und die Rechnungen abzunehmen, die dahin einschlagen. So mancherlei Geschafte konnen ja wohl einen etwas punktlichen Mann, der nichts gern auf den andern Tag verschiebt, bis in die Nacht aufhalten; und ich wusste nicht, wie ich denken musste, wenn ich noch langer nachtheilig von seinen Kabinetsarbeiten urtheilen, oder der kleinen Heiligen es aufmutzen wollte, dass sie, ausser Psalmen zu singen, auch noch im Stande sei, wenn es nothig ist, die gute Gesellschafterin zu machen, und durch Witz und Laune die trockenen Geschafte ihres Vorgesetzten aufzuheitern. Sie gewinnt vielmehr dadurch in meiner hohen Vorstellung von ihren Verdiensten; und so wenig ich, wie Du Dich erinnern wirst, bei meinem vorgestrigen Einzuge, und so lange ich nur die alte Tante gesehn hatte, die guten Absichten des Zufalls mit meinem Individuum spitz kriegen konnte, so trefflich scheint mir jetzt, seitdem ich auch die Nichte kenne, alles von ihm angelegt zu seyn, damit mein Bestreben nach Weisheit und Gesundheit mich nicht in der Lange durch zu viele Einformigkeit ermude und stumpf mache.
Das Madchen ist ganz geschaffen, das Phlegma eines uberladenen Gehirns durch das fluchtige Salz ihres Umgangs zu reizen, aufzulosen, und vor einer ganzlichen Vertrocknung zu bewahren. Mussen wir nicht immerfort arbeiten, lieber Eduard, den Firniss, den wir kochen, flussig zu erhalten, wenn er seine Dienste leisten und Festigkeit und Glanz zugleich gewahren soll? Jetzt ist mir auch nicht weiter fur mein Tagebuch und fur Deine Unterhaltung bange. Wir sind doch beide in unsern Wanderungen noch an keine Heilige gerathen. Diess unbebaute Feld unserer Erfahrungen blieb uns noch zu bestellen ubrig; und ob ich mir gleich nicht schmeichle, bei Klarchen den Beweis eines so grossen Geheimnisses auszufinden, als der war, den ihre beruhmte Namensschwester den Glaubigen vererbt hat, so hoffe ich doch, ohne bis auf ihre Sektion zu warten, manche andere feine Entdekkung zu machen, die keinen geringen Reiz der Neuheit fur uns haben, und die Muhe reichlich belohnen soll, die ich mir von Stund' an geben werde, der jungen Heiligen, sammt ihren Abweichungen von dem Gewohnlichen, so nahe als moglich zu kommen.
"Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich von dem geistlichen Herrn weiss, der Sie gestern so lange in Ihren Studien storte," fuhr Herr Fez fort, indem er die Erreurs de Voltaire und die Lettres edifiantes fur mich zusammen packte. "Sollte Ihnen aber damit gedient seyn, mehr noch von diesem Manne zu wissen, und uberhaupt, sollte Ihnen in unserer Stadt etwas aufstossen, wovon Sie gern grundlich unterrichtet seyn mochten, so kann ich Ihnen einen Mann empfehlen, der in dieser Rucksicht ungleich mehr Genuge leisten kann, als ich und jeder andere. Er ist ein getaufter Jude, der Jahr aus Jahr ein nur zwei Beschaftigungen hat, denen er aber auch desto punktlicher vorsteht. Die eine ist, das Grab der Laura zu bewachen, und es den Fremden zu zeigen; die andere, in allen Dingen der Neugier ihnen Auskunft zu geben. Vor seiner Bekehrung stand er eben so punktlich an der Ecke des Stadthauses, bot den Vorubergehenden Lotteriezettel an, und fragte sich heiser, ob sie etwas zu verschachern hatten? Aber keine Seele gab Achtung auf ihn. Sein Bart schadete ihm in allen seinen Unternehmungen. Jetzt hingegen, seit er ein Christ ist, ist es ein Wunder, wie ihm alles gelingt! Sollten Sie es glauben? aber er ist gesuchter, geschatzter und reicher als ich!"
"Das Grab der Laura?" sagte ich. "Da haben Sie mir einen rechten Gefallen gethan, lieber Herr Fez, dass Sie dieser Merkwurdigkeit erwahnten: es hatte sonst leicht kommen konnen, dass ich, zu meiner ewigen Schande, in mein Vaterland zuruck gegangen ware, ohne an diess Wahrzeichen der Stadt eher zu denken, als bis mich meine Landsleute darum befragt hatten. Was hatte ich ihnen antworten wollen? Jetzt habe ich einen Beruf mehr, meinen Spaziergang dahin zu lenken, da Sie mir dort eine so nutzliche Bekanntschaft versprechen. Nachstens will ich auch eine Fahrt nach Vaucluse thun, um das alte Schloss des guten Petrarch zu besuchen ... Mein Paket Bucher? Legen Sie es nur einstweilen bei Seite! Mein Bedienter soll es abholen."
Ich schlenderte nun durch die Gassen, die Nase immer nach der Thurmspitze gerichtet, die mir Herr Fez zum Merkmahl angab. Es wahrte nicht lange, so sah ich die Kirche des Cordeliers frei vor mir liegen, und auch den Konvertiten, den ich suchte, wie einen Sphinx an den einen Pfeiler der Thure gelehnt, auf den zufalligen Tribut neugieriger Reisender lauern. Schon von weitem zog ich meinen Hut, und naherte mich ihm mit dem launigen Lacheln, mit dem ich immer die Zeile im Voltaire las, die sich mir jetzt als die naturlichste Anrede, ungesucht darbot:
"De cette eglise etes vous Sacristain?"12
Ich wollte, Du hattest den feinen Gesichtszug gesehen, der jetzt in seine Physiognomie trat und mir mehr, als sein einsylbiges Ja! bewies, wie gut er meine Frage verstanden habe.
Um uns beide nicht unnothig aufzuhalten, schielte ich nur von fern nach dem einfachen Steine, dessen Lage er mir zeigte, und sich nun anschickte, mich seine tagliche Predigt daruber horen zu lassen. Ich liess es nicht dazu, kommen "Es ist hinlanglich," sagte ich, und wies mit zwei Laubthalern, die ich ihm in demselben Augenblick in die Hand druckte, seine drohende Beredsamkeit glucklich von mir. Diess stiftete in der Geschwindigkeit eine gewisse Sympathie unter uns, von der ich mir in der Folge manches Gute verspreche. "Ihre zuvorkommende Art, mein Herr," sagte er lachelnd, "mit der Sie Sich dieser heiligen Grabstatte nahern, lasst mich ungefahr vermuthen, wie begierig Sie seyn mogen, die Geschichte meiner Pflegbefohlnen zu horen. Es ist schwer von ihr zu schweigen doch thue ich es, da Sie mir es so eindringend befehlen."
"Sie haben mich in der That errathen," antwortete ich: "aber, wie Schade, dass ein Mann von so feinem Takt nur die Asche eines hubschen Weibes bewachen soll! Dieses Geschaft, mein Herr, ist doch so eingeschrankt, so traurig, und enthalt so wenig Belohnendes fur einen denkenden Geist!"
"Im Ganzen, mein Herr," versetzte der Kirchner, "mogen Sie wohl Recht haben; doch sollten Sie, daucht mich, einen Wachter an dem Grabe einer Laura davon ausnehmen. Nicht das schone Weib, das hier begraben liegt, und das, als sie noch ganz beisammen war, neben ihrem Gemahle auch noch das Herz eines andern entflammte, nicht diese gewohnlichen Vorfalle machen ihre Gruft merkwurdig, und veredeln die Sorge dessen, der sie bewacht sondern der reine Geist ist es, der nach Jahrhunderten noch, gleich einem Phonix, uber ihrer Asche zu schweben scheint, der einem fuhlenden Herzen dieses sonst unbedeutende Aemtchen so werth macht; der Geist der Liebe ist es, ihres unsterblichen Dichters."
Er sprach das u n s t e r b l i c h so pathetisch aus, wie ein Professor. Ich verzog den Mund nur ein wenig, und dennoch verstand mich der Schlaue, als ob er mir in das Herz geblickt hatte, und antwortete mir nach meiner Miene: "Wenn Sie, mein Herr, Laurens beruhmten Liebhaber nur als einen gesunden jungen Mann von gewohnlichem Schlage betrachten, so verdenke ich Ihnen nicht, dass Sie seiner Unsterblichkeit ein wenig spotten. Ein solcher thut freilich fur eine einzige schwelgende Nacht bei seiner Geliebten gern auf allen Plunder des Nachruhms Verzicht. Aber Petrarch, mein Herr, kalkulirte ins Grosse. Seine weit sehende Seele zog die Sattigung einer fortdauernden Gemeinde seinem luxuriosen Hunger vor, und ohne selbst, wie ein Hochzeitbitter, an dem Gastmahle Platz zu nehmen, zu dem seine sussen Worte tausend andere einladen, sparte er das Feuer der Liebe, statt es auf die gewohnliche Art zu verschnaufen, nur zum Stoffe seiner ewigen Gesange. So gewiss er auch war, dass sie bei Lauren fur ihn ohne Wirkung blieben, zahlte er in dichterischem Enthusiasmus alle die Seufzer, die er nach Jahrhunderten noch erregen, alle die Herzen, die er erwarmen und offnen, und alle die Schwierigkeiten, die er unter Liebenden vermitteln wurde, und trostete sich auf seinem einsamen Lager, mit dem traulichen Gefluster, das er auf tausend andern hervorzurufen gewiss war. Konnten Sie ihn wegen dieses umfassenden Gefuhls bedauern? O, gewiss nicht! Denn welcher Grossdenkende wird nicht gern sein einzelnes Leben daran setzen, wenn er hoffen darf, dadurch ein allgemeines Wohlbehagen zu befordern, auf unzahlige Geschlechter Freude und Genuss zu verbreiten; wenn er hoffen darf, dass eine Schaar empfindsamer Geschopfe sich das Verdienst seiner Leiden zurechnen, und den Lohn ernten werde, dem er gutmuthig entsagte! Dieser stolze Gedanke, ist er nicht der letzte Trost aller der heiligen Martyrer gewesen, die zum Vortheile des Ganzen freiwillig ihr eignes Gluck opferten?"
Bei diesen Worten sah mir der Redner scharf in die Augen, und ware ich nicht von seinem Uebertritte zum christlichen Glauben, unterrichtet gewesen, wer weiss, ob ich nicht seine schone Tirade fur eine strafbare Ironie aufgenommen hatte, auf die ich, oder D. Less hatten antworten mussen! So aber wusste ich nicht, was ich davon denken sollte luftete meinen Hut und seufzte, und der Redner fuhr fort: "Sie nannten vorhin meinen Wirkungskreis traurig und eingeschrankt Wie leicht wollte ich Sie eines bessern uberzeugen, musste ich nicht" ... und er hielt inne doch besann er sich bald "Habe ich nicht," sagte er nach einer kleinen Pause, "einen hoflichen Fremden, einen Mann von Ehre vor mir, der mein Zutrauen nicht missbrauchen wird? Das ist mir genug. Sie wissen, dass ich von der geistlichen Obrigkeit, nach vorher gegangenem scharfen Examen, eingesetzt bin, dieses Grab zu bewachen, und jedem der es verlangt, eine und eben dieselbe veraltete Liebesgeschichte zu erklaren. Ein armseliges Geschaft dem ersten Ansehn nach! Aber auch das armseligste kann, unter der Behandlung eines thatigen und nachdenkenden Mannes, wichtig fur seine Zeitgenossen, wichtig sogar fur die Nachwelt werden. Freilich wurde ich ohne Kenntniss des menschlichen Herzens, in dem beschrankten Zirkel, den man mir anwies, nicht weit gekommen seyn aber wo kommt man auch weit ohne sie? Ich begnugte mich nicht, meine mir aufgelegten beschwornen Pflichten so schlechtweg zu erfullen. Nein, mein Herr! ich besah sie, sobald sie mir erst Brod geschafft hatten, auf allen Seiten, und studierte sie aufmerksam, in der Absicht sie mit der Zeit zu veredeln. Ich erlangte bald eine gewisse Fertigkeit in meinem Vortrage, den keiner meiner Vorganger in dieser Vollkommenheit besessen hat, sogar dass ich die hundert und acht Sonette, die Petrarch seiner Geliebten sang, mit aller der Zartlichkeit wiedergeben kann, die er hinein legte. Dieses Talent, mein Herr, so wenig es auch gemein ist, wurde jedoch nur ein vorubergehendes Vergnugen gewahren, wenn ich es nicht zum Besten des gemeinen Wesens, das doch immer der vorzuglichste Augenmerk jedes guten Burgers seyn muss, anzuwenden gelernt hatte. Die Asche der Laura ist, mit aller Ehrfurcht fur das, was sie sonst war doch jetzt nur ein Caput mortuum. Ihr Grabmahl ist unscheinbar und unbedeutend, und es wird darum um nichts ehrwurdiger, weil es einmal ein Konig13 besuchte, es offnen liess, und seine schlechten Verse hinein legte. Aber seit es unter meiner Aufsicht steht, ist es der feinste Probierstein des Tugendgehalts meiner Mitburgerinnen geworden."
"In der That, mein Herr," fiel ich ihm lachelnd ein, "ist das kein kleines Verdienst um den Staat Aber in aller Welt, durch was haben Sie diesem gemeinen Sandstein eine so magische Kraft zu geben gewusst?"
"Wenn Sie mir zuhoren wollen, ohne mich weiter zu unterbrechen," versetzte er, "so sollen Sie den ganzen Prozess von den Grundsatzen an, von denen ich ausging, bis zu den Resultaten erfahren, die er mir taglich abwirft."
"Weibliche Unschuld, wie man es im gemeinen Leben so nennt," fuhr er fort, indem er dabei, vermutlich aus alter Gewohnheit, an sein spitziges Kinn griff, "ist den Goldstucken gleich, die unter einerlei Stempel im Umlaufe sind: eins glanzt so gut als das andere, und tragt im Kommerz den Werth, den ihm der Wechselkours und der gute Glaube beilegt." O, uber den Juden! dachte ich "Aber wie rein, wie frei von fremdem Zusatze jedes sehn mag, kann doch selbst der Scheidekunstler nicht eher wissen, als bis er es auf die Kapelle gebracht hat. Nun kann ich aber, kraft meines Amtes, jedem, dem hiebe: um besondere Sicherheit zu thun ist, diesen um desswillen misslichen Prozess, weil er meistentheils eine gewisse Destruktion voraussetzt, Rundung und Pragerlohn immer dabei verloren geht, um vieles erleichtern. Und ware einer noch so misstrauisch, ohne Bedenken kann er doch nach dem pretiosen Stucke greifen, das er im Auge hat, ohne zu befurchten, dass es in seinem Umlaufe aufgesotten, beschnitten, oder vermischt ist, sobald ich ihm dafur Gewahr leiste."
"Der bessern Deutlichkeit wegen," unterbrach ich hier den seltenen Wahrmann, "wunschte ich wohl, dass Sie die Vergleichungen bei Seite setzten, und mit mir ohne Allegorie sprechen wollten."
"Ohne Allegorie?" wiederholte er. "Das, mein Herr, ist bei dem Thema, das ich abhandle, wirklich nicht so leicht, als Sie wohl denken. Doch ich will mein Moglichstes thun! Ich stand nicht lange auf meinem Posten, als ich schon wahrnahm, dass kein weibliches Herz (da falle ich doch wieder in die Allegorie, aber ich kann mir nicht helfen) zu fuhlen anfing, das nicht den Antritt seiner Wallfahrten bei dem heiligen Grabe der Laura eroffnet hatte. Durch wiederholte Erfahrungen brachte ich meine Bemerkungen zur Gewissheit und endlich in ein formliches System. Wenn ich jetzt ein neues Gesichtchen von vierzehn, funfzehn Jahren in mein Heiligthum treten sehe, so weiss ich ziemlich genau anzugeben, was fur dunkle Traume ihm die Nacht vorher vorgeschwebt haben. Die armen Unbefangenen! Sie horchen auf die Geschichte der selig Verstorbenen mit einem Nachdenken, das wirklich recht ruhrend ist. Mit welchem Heisshunger eignen sie sich nicht die harmonischen Weissagungen und Aufforderungen zu, die ich ihnen, nach Befinden ihrer Bedurfnisse, aus dem Magazine meines Petrarch zu Gute gebe! Jede glaubt ihre Empfindungen flott werden zu sehen, und die geheime Geschichte ihres Gefuhls zu horen. So lange nun, mein Herr, dieses Spiel ihrer Einbildungskraft dauert, so lange die junge Schone ihren Besuch bei Lauren und mir fortsetzt, und der Herzensergiessungen des ehrlichen Petrarch an seine Geliebte nicht satt werden kann, stehe ich auch mit Leib und Seele fur ihre Unschuld. Aber, aber, mein Herr, wenn ihre Morgenbesuche anfangen seltener zu werden wenn sie gar aufhoren alsdann," setzte der schlaue Kirchner leiser hinzu, "weiss ich auch eben so gewiss, was die Glocke geschlagen hat. Sie begreifen nun doch, wie einzig in ihrer Art eine solche Kenntniss ist, und wie wohl die jungen Herren thun, die zum Ehe-Sakramente schreiten wollen, dass, ehe sie sich mit ihrer Angelegenheit an den Bischof wenden, sie zuvor ein geheimes Gutachten bei dem Kirchner einholen? Vielleicht ist bei keinem andern offentlichen Amte das Nutzliche mit dem Angenehmen so fest verbunden, als bei dem meinigen. Da es mich nothiget, wie eine Bildsaule, auf Einem Flecke stehen zu bleiben da jedermann gewiss ist, dass ich ihm Stand halten muss; so mussen schon desswegen eine Menge Geschafte an mich gelangen, die keinen Allfschub vertragen; und das sind unstreitig immer die interessantesten. So bin ich nach und nach, ohne Bemuhung auf meiner Seite, von den geheimsten Anliegen der hiesigen Einwohner unterrichtet worden wirke jetzt auf den Sohn, wie ich auf den Vater auf die Tochter, wie ich auf die Mutter gewirkt habe sehe mich, wie die Orakel der Alten, in den Stand gesetzt, das allgemeine Zutrauen der Familien zum Vortheile ihrer einzelnen Glieder zu nutzen wie ein heimliches Gericht, hier zu belohnen, dort zu bestrafen, manchen traulichen Wunsch des einen mit der Erwartung des andern auszugleichen, und sonach, ganz in der Stille, wie es einem Weisen geziemt, auf Welt und Nachwelt zu wirken. Aber, mein werthester Herr, was ist Ihnen? Siestehen ja in gar tiefen Gedanken!"
"Halten Sie mir meine Zerstreuung zu Gute, lieber Herr Kirchner," versetzte ich; "aber eben ging mir eine sehr neugierige und zudringliche Frage durch den Kopf, die ich" ...
"Nicht das Herz habe mir vorzulegen?" fasste er selbst hoflich meinen Gebauten auf: "O, machen Sie mit mir keine Umstande! Ich bin an allerlei Fragen gewohnt, und selten verlegen, darauf zu antworten."
"Nun so sagen Sie mir aufrichtig," fuhr ich fort, "setzt denn wohl die schone Klara, die dort oben in der Stiftsgasse bei einer alten Tante wohnt, ihre jugendlichen Wallfahrten bei diesem heiligen Grabe fort, oder ist sie auch schon uber Ihre petrarchischen Vorbereitungen hinaus, mit denen Sie der hiesigen Jugend zu Hulfe kommen?"
"Welch eine Verbindung von Ideen!" rief der Kirchner mit sichtbarer Verwunderung. "Wie in aller Welt kommen Sie doch von meiner Madchenprobe auf das zerknirschte Herz dieser Heiligen?"
"Das geht doch sehr naturlich zu," antwortete ich. "Schon drei Tage wohne ich neben ihrer Kammer, hore sie taglich einen oder ein paar Psalmen mit einer Engelsstimme singen, kann keinen Blick auf sie werfen, wenn sie in die Messe geht, ohne durch und durch erschuttert zu werden, und" ...
"Und so wird es freilich begreiflich," half mir der gute Kirchner wieder ein, "warum Sie einen so warmen Antheil an ihren Wallfahrten nehmen. In ganz Avignon hatten Sie fur Ihre Ruhe Sich in keine gefahrlichere Nachbarschaft einmiethen konnen; so viel kann ich Ihnen vertrauen."
"Und meine Frage?" rief ich mit Ungeduld ...
"Ist sehr verfanglich," fiel er mir in die Rede: "Aber Sie verdienen," hier rasselte er mit meinen zwei Laubthalern "dass ich sie ohne Zuruckhaltung beantworte. Es mogen ungefahr zwei Jahre her seyn, als sie mir, mit den schuchternen und verschamten Blicken eines dreizehnjahrigen Madchens, zum erstenmale unter die Augen trat. So lange ich meinem Amte vorstehe, sah ich noch auf keinem Gesichte den Uebergang der ruhigen Einfalt in die gluckliche Zeit der Erwartuug sanfter bezeichnet, sah das letzte Verathmen der Kindheit nie in einer sittsamern Bewegung Ich hatte der jungen Brust helfen mogen, sich auszudehnen! Ich that, was ich konnte, und wurde fur die einschmeichelnde Erzahlung meiner alten Geschichte durch immer lebhaftere Blicke ihrer feurigen Augen nur zu sehr belohnt; denn ich stotterte mehrmalen, was mir sonst nicht widerfahrt, und fuhlte, dass ich noch roth werden konnte. Wie bedauerte sie nicht den armen Petrarch, und was fur Geschmack fand ihre harmonische Seele nicht an seinen herrlichen Sonetten! Sie hat sie so oft, unter klopfendem Herzen und mit feuchten Augen, angehort, dass ich nicht zweifle, sie weiss sie nun so auswendig als ich. Seit einiger Zeit hat sie sich jedoch ganz auf die sublime Seite der Andacht gewendet, auf der sie, wie es scheint, einzig ihr Gluck zu machen gedenkt: nicht, als ob sie nicht dann und wann noch diese heilige Grabstatte besuchte; nur geschieht es seitdem nie anders, als unter Begleitung ihres zeitigen Gewissensraths, deren sie drei einen nach dem andern versteht sich vorher gehabt hat, ehe das Gluck ihr unsern Herrn Propst zufuhrte, der seine meiste Zeit auf die Seelsorge dieses ausgezeichneten Madchens zu wenden und mit dem auch s i e vollkommen zufrieden zu seyn scheint."
Das Blut stieg mir ins Gesicht "Kennen Sie," fragte ich stotternd, "diesen Mann genau?"
"Ob ich ihn kenne?" fiel mir der Kirchner so hitzig ein, als ob ihn meine Frage verdrosse. "Ein Steinfremder, dachte ich, durfte ihn nur einmal uber die Strasse gehen sehen, um ihn ganz zu kennen. Die Manner grussen ihn demuthig wie einen Apostel, und die Weiber, die fluchtigsten Madchen sogar bleiben stehen, wenn er voruber geht, heben die Augen gen Himmel, und drucken seine segnende Hand an ihren schwellenden Busen. Seitdem dieser brave Herr das Amt der Schlussel tragt, hat er" ...
"Ohne Unterbrechung, lieber Herr Kirchner," fiel ich dem enthusiastischen Lobredner ein, "was fur ein Amt bezeichnen Sie unter dieser sonderbaren Benennung?"
Der gute Mann schien Mitleiden mit meiner Unwissenheit zu tragen, die wirklich auch in allem, was zur Kirchenverfassung gehort, uber die Massen seicht ist; und um mir die Sache recht anschaulich zu machen, zahlte er mir alle die Schlussel an den Fingern her, die der junge Mann, durch seine Beforderung zum Propst, in seine geistliche Gewalt bekommen hatte. "Er lost," sagte der Kirchner mit anstandigem Ernst
"Er lost die Bande der Natur,
Und schiebt ihr Riegel vor
Von der verborgenen Clausur,
Bis zu dem offnen Thor;
Hat seinen Gang, nach eigner Wahl,
Zu allen Schlossern frei,
Vom Kirchthurm, zu dem Speisesaal,
Bis zu der Kellerei."
"Sie begreifen doch nun," fuhr der Kirchner mit uuveranderten Gesichtszugen fort, "in welcher wahren Pastoral-Gluckseligkeit dieser wurdige Mann auf die Zukunft des Herrn wartet? Ich kenne von den vielen Freuden eines guten Hirten in der That nur Eine, die ihm noch zur Zeit abgeht, ihm jedoch gewiss" ...
Hier hielt er auf einmal inne, als ob er Bedenken fande, sich weiter heraus zu lassen, spannte aber dadurch, wie Du denken kannst, meine Neugier nur desto hoher; und da seine Pause diessmal langer anhielt, als ich an ihm gewohnt war, so ergriff ich traulich seine Hand, und: "Ich verstehe Sie nicht, theuerster Freund," sagte ich so freundlich, als ich nur zu Gebote stehen, was fur eine Freude konnte ihm mangeln?"
"Nur die," fuhr jetzt der Kirchner durch meine Herablassung gewonnen, jedoch mit gedampfter Stimme fort, "dass er kein verirrtes Schaf zu seiner Herde zuruck kehren sieht, weil, zu seinem Lobe sei es gesagt, bei der guten Art, mit der er sie weidet, ihm noch keins verloren ging."
Nach diesen geheimnissvollen Worten verfiel der liebe Mann aufs neue in eine so ministerielle Miene, als ob er mir nicht geradezu sagen wolle, er habe nun, wie es ihm dunke, seine zwei Laubthaler ehrlich und redlich verdient. Sie schreckte mich ab, weiter in ihn zu dringen; und, so viel es mir auch kostete, schickte ich mich an, ihn zu verlassen.
Er begleitete mich stillschweigend bis an die Thur; hier aber gab er mir noch einen kleinen Nachtrag zu dem Panegyrikus, dessen ich schon lange satt hatte, mit auf den Weg. "Hoffentlich," sagte er, "gehen Sie nun ganz uberzeugt von den Verdiensten unsers wurdigen Propstes von mir! ja, ich schmeichle mir sogar, dass Sie mit dem guten Entschlusse von mir gehen, die Summe seiner Freuden zu vermehren, wenn Sie Gelegenheit finden. Unterdess leben Sie wohl!"
"Eine schone Zumuthungl" murmelte ich vor mir hin. "Der Kerl ist der erste Rasende, den ich fur seinen Vorgesetzten betteln hore." Meine Laubthaler fingen an mich zu reuen. Ich schlich wie belastet nach Hause. Das Bild des Propstes, von dem ich hier eine viel vorteilhaftere Zeichnung erkauft hatte als ich erwartete, sein ausgebreiteter guter Ruf, sein beneidungswerthes Amt, sein Wirkungskreis, seine Thatigkeit, alles vereinigte sich, um mich zu demuthigen. Ich warf mich hochst missmuthig auf meinen Stuhl, sass lange vertieft in schwermuthige Gedanken, und fuhlte, wie druckend die Verdienste anderer sind, wenn man keinen Muth hat, sie nachzuahmen. "Dass doch," rief ich mit Bitterkeit, "mir ein Mann in die Nahe kommen die Stille meines Museums und die hohen Gedanken, die mir uber der Seele schwebten verscheuchen musste, der zu jedem geistlichen Geschafte wenn nicht etwa auch das Graben in den Pontinischen Sumpfen darunter gehort, verdorben ist ein Mann, der sich im Besitze aller menschlichen Freuden schaukelt, wahrend ich einen Stein nach dem andern einzeln zusammen lese, um den Bau eines idealischen Glucks aufzufuhren und dass ach! ein Engel wie Klara, sich von ihrer Hohe herab lassen muss, um ihn durch ihre Scherze, ihr harmonisches Lachen, und durch ihr melodisches Organ in die Entzuckungen des Paradieses zu versetzen und das alles bloss desswegen, weil er Propst ist!"
Ach! der Neid, lieber Eduard, ist doch ein dummes, hassliches Laster, mit Sophismen und Uebertreibungen uberladen, und aus Giften zusammen gesetzt, die wir, wie Rasende, verschlucken, so gewiss wir auch sind, dass sie Grimmen in unsern Eingeweiden erregen werden. Diess Gefuhl ward mir bald so unertraglich, dass ich den schnellen Entschluss fasste, es abzuschutteln.
Das erste Hulfsmittel, nach dem ich griff, war die Klingelschnur. Bastian, dachte ich, soll dir die uberlastige Einsamkeit verscheuchen, und deiner argerlichen Unterredung mit dir selbst durch die Dazwischenkunft seines muntern Geschwatzes ein Ende machen. "Wie steht es, Freund," rief ich ihm entgegen, als er herein trat: "weisst Du mir nichts von meinen Hausgenossen zu erzahlen?"
"O! sehr viel," antwortete er mir mit einer selbstgefallige!! Miene: "ich habe in Ihrer Abwesenheit das Gluck gehabt, sie beide zu sprechen. Die Alte, mein Herr, hat einen Anschlag auf Sie!"
"Auf mich?" fuhr ich auf: "das verzeihe ihr Gott!"
"Ja, mein Herr," erwiederte Bastian: "aber er ist nicht bose gemeint, und ich wunschte selbst ... doch lassen Sie Sich nur erst den ganzen Vorfall erzahlen. Ist es Ihnen nicht schon aufgefallen, wie ich Ihre Entfernung genutzt, wie ich Ihre Zimmer gekehrt, und Ihre Mobeln gesaubert habe? Nun war ich eben daran, der Figur unterm Spiegel den Staub abzublasen, als die Damen aus der Kirche zuruck kamen, und mich in dieser Beschaftigung auf dem Vorsaale antrafen. Die alte Tante trat zuerst zu mir. Nehme Er Sich in Acht, mein Freund, sagte sie mir, dass Er ja uber dem Putzen dem schlafenden Engel nicht schade! Und, mein guter Freund, sagte die Nichte, die auch herzu trat: Sein Blasen wird Ihm wenig helfen der Staub sitzt zu fest Warte Er! ich hole Ihm etwas Baumwolle, damit wird es eher gehen. Sie trippelte in ihr Zimmer, kam bald zuruck; da sie mich aber mit ihrer Tante im Gesprache sah, nahm sie mir die Figur ab und es wahrte keine zehn Minuten, so ward der Engel unter ihren Handen wieder wie neu."
"Wie?" unterbrach ich den weitlauftigen Burschen: "Klarchen hat ihn mit eigenen Handen geputzt? Da muss ich doch ..."
Ich sehe es nun zum voraus, Eduard, es wird Dir sehr geringfugig vorkommen, wenn ich Dir jetzt erzahle, wie ich bei diesen Worten aufsprang, und mich bedachtig und langsam uber den schlafenden Amor bog, um zu sehen, wie glanzend er aus Klarchens Handen gekommen sei. Du hast aber Unrecht! Nichts ist dem Beobachter geringfugig, wenn es darauf ankommt, Charakter zu schildern. Die unmerklichsten Zuge, die der grosse Haufe ubersieht, konnen dem Seelenmaler von Bedeutung werden, und durch eine gluckliche Ubertragung auf die Leinewand seinem Gemalde vielleicht alle die Physiognomie geben, nach der gemeine Pinsler vergebens herum storen. Rubens hatte ein lachendes Kind gemalt Er that einen einzigen Pinselstrich und siehe! es weinte zum Erstaunen der Umstehenden.
Gesetzt also, dass mein Hinblick auf den gereinigten Amor mir zu einer Bemerkung verholfen hatte, die der Aufbehaltung werth sei, die es verdiente, einst ihren Platz in Klarchens Legende zu finden; wurdest Du nicht gezwungen seyn, das Auge zu bewundern, das nie vergebens auf seine Entdeckungen ausgeht dem Scharfsinne des Mannes zu huldigen, der auch in Sonnenstaubchen Farben bemerkt, die sich zu seinen psychologischen Schattirungen benutzen lassen; und wurde Dir nicht die Sicherheit seiner Hand gefallen, die mit so kleinen Mitteln die Wirkung eines Rubens hervorbrachte?
Hatte mir Bastian auch nicht gesagt, dass Klarchen den Engel gesaubert habe, es ware doch fur mich entschieden gewesen, dass es nur eine jungfrauliche Hand seyn konne, die es that. Sie hatte die Figur im Ganzen zwar funkelnd und weiss wieder hergestellt, bis auf eine Kleinigkeit, die, da sie unmoglich zu ubersehen war, ihr also wohl so erstaunlich befremdend gewesen seyn musste, dass sie ihre Baumwolle daruber verlor. Diess, schloss ich weiter, wurde ihr nicht geschehen seyn, wenn sie mehr bewandert in der Mythologie, weniger fremd in der Naturgeschichte, und nicht so schreckhaft ware, wie ein kleines Kind, das bei allem, was ihm ungewohntes aufstosst, grosse Augen macht und davon lauft. Ich schloss ferner, und, wie ich glaube, sehr richtig, dass, da sie die Figur so gar wenig kannte, sich wohl noch kein Miethmann ruhmen konne, dass ihn die schone Nachbarin auf der Stube besucht habe, in welcher der Engel schlaft. Und ich schloss endlich, dass, bei allen ihren petrarchischen Vorbereitungen und ihrem Umgange mit drei geistlichen Vatern, ihre Kenntnisse doch zum Erstaunen beschrankt, und von einer so ruhigen Einfalt seyn mussten, als sie wohl noch nie auch der strengste Richter von einer Heiligen verlangt oder erwartet hat. Das alles, Freund, schloss ich aus dem Staube, der, hochstens in der Lange eines Zolls, an dem schlafenden Engel zuruck blieb.
Ob man von dem Gesichtspunkte, den ich in's Auge gefasst hatte, allemal ausgehen musse, um uber den Werth oder Unwerth eines rathselhaften Madchens zu urtheilen, will ich nicht entscheiden: so viel ist aber gewiss, dass Klarchen durch den Mangel ihrer Kenntnisse, und durch das augenscheinlich erste Schrecken ihrer Hand, unendlich in meiner Vorstellung gewann. Auch die einzelnen Zuge, die ich vorher schon von ihr aufgefasst hatte, wurden durch diesen noch hervortretender, und trugen das ihrige bei, mich mit mir selbst uber die Ehrfurcht zu vereinigen, die ich einer so frisch erhaltenen Tugend schuldig bin. Ach! wenn es wahr ist, dass es Heilige giebt und wie konnte ich jetzt daran zweifeln? so verdient Klarchen wohl diesen Titel vor allen ihres Geschlechts: Sie, die schon als Kind nur in den Kramladen der Kloster ihre Spielwerke suchte, und immerfort, wie es die Figur zeigt, unbekannt mit denen blieb, die fur ihr Alter gehoren; Sie, deren Stimme noch unverdorben blieb, ob sie gleich so oft mit ihren Beichtvatern gewechselt hat, wie ich mit meinen Spazier-Schuhen, das heisst, bis ich ein Paar gefunden habe, das mir recht sitzt.
Was hat mir nicht alles Herr Fez von ihren kleinen Spekulationen erzahlt, die mir nach und nach wieder beifallen werden! Eins nur davon: Ihr erster Vertrag mit der Maria ist er nicht eben so fein ausgedacht, als er fromm ist? Ich frage Dich selbst, Eduard, welche Schone wurde bei dem Uebergange in die Zeit ihrer Rosen so viele Besonnenheit behalten, als dieses unschuldige Kind? so dass es sie alle, wie sie unter seiner Hand aufschiessen, mit der minorennen Angst, es mochte die ganze Stadt ihren Reichthum erfahren, und mit der Sorge in Empfang nimmt, was es damit anfangen, und wer sie bewachen solle? und bei der Unerfahrenheit, welche wohl dem Verwelken, welche der Beraubung am nachsten sei? einzeln erst diese dann jene, und endlich den ganzen Strauss der Mutter in den Schooss legt. Es liegt ein System von Unschuld in diesen kindischen Begriffen, dass ich den Kurzsichtigen bedauern wurde, der keinen Zusammenhang darin fande. Er muss nie ein unbefangenes Herz unter Augen gehabt nie eine Klara gekannt, oder gar das Ungluck haben, an keine weibliche Tugendzu glauben.
Fur eine solche Heldin ihres Geschlechts, als ich Dir jetzt gemalt habe, Eduard, konnte ich selbst meine Stimme zu den Beitragen ihres verarmten Vaterlands geben, um ihre Seligsprechung zu befordern; um so mehr, da eine so billige Steuer schwerlich ofter als Einmal in einem Jahrhunderte vorfallen durfte. Und gegen diess herrliche Geschopf konnte ich auf Augenblicke verblendet genug seyn niedrige Absichten zu hegen?
"Fahre nun fort, Bastian," rief ich aus einer Art von Bedurfnis;, eine andere Stimme zu horen als die meinige; denn ich hatte mir nichts Hofliches zu sagen. "Sie suchte mich auszuforschen," fuhr der Erzahler fort "Wer denn?" unterbrach ich ihn. "Sie sind zerstreut, mein Herr," antwortete Bastian: "Sie haben verhort, oder vergessen, was ich Ihnen eben in diesem Augenblicke erzahlte. Die alte Tante war es, die mich uber den Besuch ausforschen wollte, den Ihnen diesen Morgen der Herr im Purpur abstattete. Diese vornehme Bekanntschaft mochte in ihren einfaltigen Augen wohl einen gewaltigen Glanz auf Sie werfen, mein Herr. Ich wusste nun freilich selbst nicht viel davon; aber was thut das? Man muss niemanden seine gute Meinung von andern benehmen, am wenigsten ein treuer Bedienter, wenn es das Ansehn seines Herrn betrifft: so muss man im gemeinen Leben denken, wie man in der Religion thut. Auch suchte ich es so sehr aufzustutzen, als ich konnte, und so erzahlte ich am Ende mehr Ruhmliches von Ihnen, mein Herr, als mir selbst bekannt war. Was wollen Sie sagen, Madam? antwortete ich: das ist nicht der erste Purpurmantel, den mein Herr vor seinem Bette sieht. Von einem Erzbischof, von einem Pralaten an den andern empfohlen, wird er von allen wie ein Freund vom Hause empfangen. Es ist ein Spass mit so einem Herrn auf Reisen zu seyn; denn wo wir nur hinkommen, fliegen uns die vornehmen Geistlichen wie die Spatzen ins Haus. Sollte nicht etwa Sein guter Herr, muthmasste dabei die Alte, gar die fromme Absicht haben, zu unserer einzig selig machenden Religion uberzugehen? Kann wohl seyn, erwiederte ich, und ich wunsche es von Herzen; denn seine jetzige mag so gut seyn wie sie will, so sieht man doch wohl, wie blass und mager er dabei geworden ist. Das dunkt mich auch, fiel mir hier Mamsell Klara ins Wort: er dauert mich, wenn ich ihn ansehe. Lasst es gut seyn, Kinder! war zuletzt der Ausspruch der Tante. Ich musste mich sehr irren, wenn es bei einem Manne, der solche Anzeigen giebt, der so weit her kommt, um unsere Klerisei aufzusuchen, der einen so verstandigen Menschen von unserm Glauben, sagte die Tante, in seinen Diensten hat, und der seine Wohnung bei uns nahm, es musste sonderbar zugehen, wenn es bei dem nicht zum Durchbruche kommen sollte. Hier schwieg sie, und da ich an ihren Lippen und Zeichen sah, dass sie ein Paternoster fur Sie betete, so that ich ein Gleiches; auch Klarchen setzte den Engel bei Seite, schlug ihre Augen in die Hohe, und knotelte an ihrem Rosenkranze, und es war einige Minuten ganz still auf dem Vorsaale."
"Ist das der Anschlag, den die Alte auf mich hat?" fragte ich meinen Bastian lachelnd. "Nun der mag noch hingehen aber nur weiter!"
"Ach! mit welchem Seelenvergnugen," fuhr er jetzt noch lebhafter fort, "haben Tante und Nichte die Andacht nicht heute Morgens bemerkt, mit der Sie, mein Herr, als ob Sie schon zum Kapitel gehorten, dem heiligen Hochamte beiwohnten!"
"Was sagst Du?" fuhr ich auf: "Klarchen war in der Kirche, und ich habe es nicht geahndet?"
"Und doch" erwiederte Bastian, "stand sie gar nicht weit von Ihrer Loge. Als Hausgenosse, hatte ich mich neben sie gestellt; aber Sie waren so vertieft in Ihrer eigenen Andacht, dass Sie die unsere gar nicht gewahr wurden. Ich wunschte, Sie hatten das liebe Kind beten gesehen! Sie erbaute den ganzen Zirkel, der um sie her kniete, und ich bin versichert, es wurden ihr aus allen Ecken und Enden mehr Blicke, mehr Seufzer zugeschickt, als der heiligen Genoveva selbst."
"Hole mir eine Flasche oeil de perdrix, Bastian!" unterbrach ich hier den Schwatzer. "Thue Dir auch selbst fur Deine heutige leibliche und geistliche Anstrengung etwas zu gute. Hier hast Du einen kleinen Thaler dazu: aber um meine Bekehrung bekummere Dich weiter nur nicht! Horst Du?"
Bastian machte eine erbarmliche Miene, steckte sein Trinkgeld ein, und ging. Der gute Narr! Konnte ich in seine Munterkeit, n seine frohliche Laune, in seine bluhende Gesichtsfarbe und in seine Jugendkrafte so leicht ubertreten als in seine Religion! ! Von so einem Umtausche liesse sich schon eher sprechen. Er kam bald wieder zuruck, setzte mir den Wein stillschweigend auf den Tisch, und entfernte sich mit einem so bedeutenden Blicke, als wollte er mir sagen: Brauchen Sie nur dieses Mittel! es ist das wirksamste zu Ihrer Bekehrung. Nun, das wollen wir sehen, dachte ich, zog den Pfropf aus meiner Bouteille, und warf ihn wider die Wand.
Abends eilf Uhr.
Ich habe in meinem Tagebuche eine Lucke von sechs wichtigen Stunden auszufullen. Ich mochte sie auch nicht bis zu dem andern Tage verschieben, selbst nicht wenn ich bis zu seinem Anbruche fortschreiben sollte. Nur bitte ich Dich, Eduard, gieb genauer Acht, als gewohnlich; denn ich bin im Begriffe, Dir einen neuen Beweis von der ungleichen, schwankenden und materiellen Zusammensetzung meiner Seele zu geben, der vollstandiger ist, als alle vorhergehende. Ich selbst, da ich ihn niederschreibe, mochte beinahe glauben, dass ich, seit der v o r i g e n Blattseite, um zehn Jahre zuruck getreten sei; so ausschweifend muss ich mich, wenn ich der Wahrheit treu bleiben will, auf d i e s e r h i e r schildern. Welch ein unbegreifliches Wesen, das in mir wirkt! Ich hoffe fur das Gluck der Welt, dass die Form davon, wie bei Rousseau's Seele, zerbrochen seyn soll, und dass meine einzelne Anomalie in dem Universo nicht so gar viel zu bedeuten habe. Doch wozu diese Vorrede? Sie ist nach der Zeitordnung, die ich doch gern beobachte, viel zu voreilig. Ich will mich fassen! Denn wenn Du die Anklage meiner richtig beurtheilen sollst, so musst Du ja wohl erst sehen, wie, und wodurch ich sie verdient habe. Hand warf, und mich mit meiner Flasche allein sah, entrunzelte sich meine Stirne, die noch von dem System her, das ich mir von Klarchens Unschuld zusammen setzte, alle Zeichen eines ernsthaften Nachdenkens trug. Ich lachelte meinen freundlichen Wein an, und, wie er mir erst unter die Nase sprudelte, setzte auch sein Geist den meinigen augenblicklich in Gahrung. Ein fluchtiger Gedanke zog nach dem andern voruber, ohne dass ich ihn aufhielt; bis endlich einer so zudringlich ward, dass ich ihn fasste, und mir durch alle mogliche Sophistereien den Spass machte, ihn so lange aufzustutzen, bis er mir am Ende zu meinem Unglucke uber den Kopf wuchs.
Ich habe Dir, Du hast es auch gewiss gefuhlt, Eduard, mit aller Starke der Wahrheit die Grunde vorgelegt, die fur die Heiligkeit meiner vortrefflichen Nachbarin sprechen. Wie konnte es mir nun einkommen, jetzt, als ein Advocatus Diaboli, Beweise aufzusuchen, die sich auf das unverschamteste ihrer Seligsprechung gerade entgegen stellten? Es ist unglaublich, und doch wahr. Wie ich diesen Irrweg einschlug, ahndete mir freilich nicht, dass ich so weit, und bis zu dem Abgrunde vorrucken wurde, vor dem mich noch schaudert. Mein Blut gerieth bei jedem frischen Glase, das ich hinunter sturzte, mehr in Feuer, und meine Einbildungskraft gewann die Oberhand uber meine bessern Gesinnungen. Ich konnte immer weniger an das herrliche Geschopf hinter der Scheidewand ohne Begierde denken, und setzte sie mit einer unerklarbaren Frechheit, nach jedem Schlucke, den ich zu viel that, von den hohen Stufen ihrer Wurde immer tiefer und wieder tiefer herab, bis ich sie endlich, nicht ohne Schwierigkeiten, mit mir unter Eine Linie gebracht hatte; und nun erst ging ich unbarmherzig mit ihr um. Die klarsten Beweise ihrer Unschuld schickte ich mit einem Schnippchen in die Luft. Ihre Heiligkeit schien mir nichts mehr, als eine angenommene Rolle zu seyn. die sie gut genug vor dem Publikum spielte. Und um Dir alles zu sagen, wie es in so einer Seele aussieht, konnte ich sie mir endlich unter keinem andern Bilde mehr denken, als dem der Iphigenia von Tauris, die wir einmal, noch als junge Leute, von dem Theater nach Hause fuhrten, und die uns, wie wir damals dachten, einen so frohen Abend verschaffte.
Nun kennst Du meine Grundsatze, Eduard, wenn Du anders das Wort hier gelten lassen willst. Von jeher hat mich nichts mehr aufbringen konnen, als wenn ein Furst zum Beispiele, mich durch seinen lakonischen Ernst, uber seine Regententugend ein Minister durch hofische Zuruckhaltung, uber seine Staatsklugheit ein Pfarrer durch seinen faltigen Rock, uber seine innere Ueberzeugung und ein Madchen durch den Flitter ihrer Sentiments, uber ihre Tugend hinter das Licht zu fuhren gedenken. Es gehort ein so gutes Herz dazu als ich habe, dass ich nur selten bei solchen Gelegenheiten meiner Gabe zu spotten Raum gebe. Bei einem Madchen aber, das sich mit so ausserordentlichen Annehmlichkeiten, als Klarchen besitzt, in meiner Nahe fur sicher hielt, weil sie auf ihren Betrug und meine Blindheit rechnet, das mein brennendes Herz zwei volle Tage mit der Ungewissheit getauscht hatte, ob es sie als eine Heilige bewundern, oder als eine gemeine Sangerin behandeln solle bei so einem Geschopfe wurde die Rache meines Muthwillens ohne Granzen seyn. Gewiss sollte sie mir die Gegenbeweise ihrer Unschuld auf das demuthigendste ausliefern, ihren ersten und letzten Betrug in meinen Armen gestehen, und durch alle mogliche Zuchtigungen der Liebe fur den erborgten Schimmer bussen, durch den sie einen erfahrnen Mann zu blenden gedachte.
Noch will ich nicht entscheiden sagte ich sehr grossmuthig aber es gilt einen Versuch: und beschamt gestehe ich Dir, dass ich in diesem Augenblikke vor der Moglichkeit erschrak, in ihr eine Heilige zu finden; so sehr hatte ich mich schon daran gewohnt, sie als ein irdisches Madchen Zu behandeln.
Sie mag eins oder das andere seyn, fuhr ich nach einigem Nachdenken fort, so kann sie mir doch als ihrem Nachbar unmoglich verargen, dass ich ihr meinen Besuch mache. So viel ich weiss, ist das in keinem romischen Kalender verboten; ja mich daucht sogar, ich habe gelesen, dass es die Pflicht einer Heiligen sei, wenn sie Heiden bekehren will, sich ihnen zu nahern, und keine gesellschaftlichen Mittel unversucht zu lassen, ihre Seelen an sich zu ziehen. Klarchen sehnt sich also wohl so sehr nach meinem Umgange, als ich mich nach dem ihrigen, wenn es ihr, wie ich glaube, mit ihrem Gebete auf dem Vorsaale ein Ernst war; zumal diesen Abend, wo es, gegen das gestrige Gerausch, in ihrem Zirkel so still ist, als ob sie von Himmel und Erde vergessen ware.
Mein Muth wuchs nun in demselben Verhaltnisse, in welchem meine Flasche abnahm; und kaum war das letzte Glas uberwunden, so war ich auch schon auf dem Wege nach Klarchen. Aber meine Bewegung dauerte diessmal nicht fort; denn in diesem Augenblikke, und da ich eben den Griff der Thur in die Hand nahm, trat ich zufalliger Weise auf den Stopsel meiner leeren Bouteille. Ich hob ihn auf, und besah ihn. Kein Pfropf ist Wohl noch so bedenklich besehen worden. Es war mir, als ob der Blick noch fest an ihm klebe, den mir Bastian so bedeutend zuwarf, als mir vorhin der Kork aus der Hand flog. Sollte Bastian mit seinem Blicke Recht haben? befragte ich mich erschrocken; sollte es wirklich fur die Religion gefahrlich seyn, sich in dem Taumel des Weins einer Heiligen zu nahern? Das muss ich zuvor noch untersuchen, sagte ich, und zog mich mit meinem Stopsel langsam nach meinem Lehnstuhle, auf den ich mich nun in eine Lage warf, die zum Nachdenken eines Betrunkenen wie gemacht war. Auch mochte ich nur etwa eine halbe Stunde so gelegen haben, als ich schnarchend erwachte, und unstreitig viel klarer in meiner Angelegenheit sehen gelernt hatte, als vorhin.
Es war schon spat, Eduard, und der Mond schon im Aufgehen; viel spater, als heute vor sechs Tagen, da er mir auch schien, als die gute Margot mir ihr warmes Halstuch um den Kopf band. Hatte ich diesen Gedanken behutsamer verfolgt als ich that, ich glaube, es ware nichts aus meiner Visite geworden. So aber kam ich von Margots Halstuch auf das Halstuch der Heiligen, von dem Hundertsten in das Tausendste, und mein guter Gedanke entwischte mir unter den Handen.
Indess war es doch drollig, dass ich noch immer wie angeheftet auf meinem Lehnstuhle verweilte, ohne mich ganz von dem Misstrauen in meine Einsichten trennen zu konnen, das Du von jeher an mir gewohnt bist, und das mir immer noch anklebt, wie eine Nervenschwache. Mein Vorsatz war zwar gefasst; aber um ihn auszufuhren, fehlte mir nur noch die Aufmunterung eines Freundes, der mir fur den glucklichen Erfolg und fur allen Schaden haftete, der daraus erwachsen konnte; und auch diese Gewahr wusste ich mir endlich zu verschaffen.
Ja, lieber Eduard, alles mein voriges Hin- und HerUeberlegen hatte ich mir recht gut ersparen konnen, wenn ich eher an D e n gedacht hatte, der mir in Avignon alles in allem war an den Vorbereiter der Jugend, an das Orakel der Stadt, an den ehrlichen Kirchner. Ich brauchte ihn nur noch einmal in Gedanken abzuhoren, um zu wissen, woran ich mit Klarchen war. Sein dunkles Gesprach schwebte mir vor, als ob er mir gegenuber sasse, und entwickelte sich jetzt zu meiner ungleich grossern Zufriedenheit, als da ich ihn selbst horte. Meine Wunsche bekamen ihre einzigewahre Richtung. Mit dem Uebertritte zu Klarchens Religion, fuhlte ich, habe es heute wohl nicht viel zu bedeuten, und ich steckte, um nicht wieder darauf zu treten, den Propf in die Tasche. Sein dunkles Gesprach? Mein Gott! durfte er es denn wohl weniger behutsam anlegen, wenn er seiner neuen Freundschaft fur mich ein Geschick geben wollte, ohne geradezu seiner altern fur den Propst zu schaden? Wie war es moglich, dass ich so blind seyn konnte? Ich erstaunte, als ich die feinen Winke erwog, die er mir, wie von ungefahr zuwarf, als ich die schlauen Bemerkungen analysirte, die er fallen liess, und die Lokal-Farben, die er zum Gemalde seines Vorgesetzten brauchte, mit den psychologischen Nachrichten verglich, die er mir von Klarchen mittheilte ich erstaunte, sage ich, uber die Deutlichkeit, die in allem dem herrschte. Der sonderbare Accent, den er, wie es mir schien, ohne Noth auf dieses oder jenes Wort legte, bekam nun Bedeutung und Sinn. Sein Aufruf an mich zu Gunsten des Propstes erklarte sich mir, wie das Einlassbillet einer Komodie; und obgleich seine Rathsel so theologisch verflochten waren, als man sie nur von einem getauften Juden erwarten kann, so war mir doch weiter nicht bange, diese feinen Faden glucklich aus einander zu wirren. Den Dunsten gleich, die von den Auen Beim Ueberschein der Sonne fliehn, Sah mein gescharfter Blick des schlauen Orakels Dunkel sich verziehn. Ich forschte mit der Kraft, die Bacchus mir verliehn, Dem schweren Rathsel nach, bis mit geheimem Grauen Sein Knoten mir entgegen schien. Neu, jung und modulirt, als keiner nach Berlin Zu Markte kommt, und doch nicht von der rauhen, Antiken Festigkeit, um ihn, Anstatt zu losen, durchzuhauen Lag er im Schutz der heiligsten der Frauen, Schon darum werth um vor ihm hinzuknien. Und wie der erste Trieb, sein Felsennest zu bauen, Den jungen Adler hebt auf eine Hoh', wohin Kein Aug' es wagt, ihm nachzuschauen, So Uberflugelte mein mannliches Vertrauen Das Heiligthum der Sangerin. Ich forderte von ihr, die mir den Schlaf verwehret, So lang' Ersatz fur den verlornen Schlaf, Bis ich den ganzen Schwarm der Freuden aufgestoret, Die der Verlauf der Zeit vielleicht dem Propst bescheret, Wenn die Ermudete, als ein verirrtes Schaf, Zu seiner Herde wiederkehret, Und sah erstaunt wie das, was jedem Theil gehoret, In Einem Punkt zusammen traf.
Hast Du selbst je von einem Plane gehort, lieber Eduard, der einfacher in seiner Anlage, geschmeidiger fur die Ausfuhrung, und fur den Endzweck, den er beabsichtigt, so harmonisch in allen seinen einzelnen Theilen ware? Wie geubt, dachte ich mit schuldiger Bewunderung, muss die Hand des Meisters seyn, der ihn entwarf! wie gross seine Erfahrung der Welt, wie sicher seine Kenntniss des Lokals und seine Bekanntschaft mit den Sitten der Andachtigen!
Ich hatte nur einige Schritte uber den Vorsaal zu thun, die bei dem hellen Scheine, den der Mond uber ihn breitete, keine Schwierigkeit machten. Ehe ich aufbrach, bedachte ich noch, wie wenig man oft bei solchen Besuchen Herr seiner Zuruckkunft ist, und setzte aus Vorsicht mein Licht in den Kamin. Im Vorbeigehn beim Spiegel wurdigte ich auch noch meinen aussern Menschen einer fluchtigen Untersuchung, und wie vorteilhaft fiel sie diessmal nicht aus! Ware der schlafende Amor in die Hohe gesprungen mich zu ke fur kein Wunder gehalten. So einen Schlummer mochte ich mir wunschen, sagte ich, indem meine freundlichen Augen den Ausdruck der glucklichsten Ruhe verfolgten, den ihm der Kunstler zu geben gewusst hatte. Ich gelobte, wenn ich so ausdrucksvoll von Klarchen zuruck kame, ihm das Restchen Staub abzuwischen, bei dem sich ihre zitternde Hand, mitten in der Arbeit, so artig zuruckzog. Ob wohl allen Heiligen dieses Gefuhl der Sensitiven eigen seyn mag? und ob sie wohl solches auch noch bis nach Untergang der Sonne behalten? Ich sah, als ich in dem Spiegel wieder nach mir aufblickte, dass mich dieses Problem, und die Hoffnung es aufzulosen, roth gemacht hatten bis uber die Ohren; und wie auserwahlt schien nicht diese Farbe zu meinen grossen viel versprechenden Augen, und wie schon nuancirte sie nicht mit dem Inkarnat meiner Lippen! Ach, meine Lippen! Auf keinen andern habe ich je diesen Anreiz und dieses Hinstreben entdeckt. Ich mochte wohl, sagte ich hohnisch, das Madchen sehn, das solche Figuren vor ihrer Thur abzuweisen das Herz hatte! Und so trat ich mit der Zuversicht eines guten Gesellschafters endlich uber die Schwelle, und gelangte glucklich an den Verschlag, der, wie der Vorhof zum Allerheiligsten, Klarchens Zimmer begranzte.
Bei der Stille, die in diesem frommen Hause herrschte, war nicht viel Gerausch nothig, um ihr Ohr aufmerksam auf meine Annaherung zu machen. Auch rief ich kaum ein paarmal ihren harmonischen Namen mit gedampfter Stimme, so horte ich auch schon ihre Kammer sich offnen. Nun trippelte sie nach der Thure des Verschlags; nun hob sie stelle Dir das Vergnugen vor, das mich durchzitterte den Riegel auf; und lebhaft stand nun Klarchen zwar nicht aber ihre abgemergelte, zahnlose Tante, in ein weisses katunenes Nachtkleid gehullt, vor mir.
In dem ersten Anfalle meines Schreckens dachte ich nichts gewisser, als die gute Frau habe wohl Lust sich selbst meinen spaten Besuch zuzueignen, und konne so von Gott verlassen seyn, sich einzubilden, dass ich, ohne Scheu fur ihr ehrwurdiges Alter ... Aber sie liess mich diesen heillosen Gedanken nicht endigen. Sie fuhr mir nur zu bald mit einem: "Was beliebt Ihnen mein Herr?" auf den Hals, und zeigte dabei eine so schnakische Befremdung in ihrem Gesichte, als hatte sie in dem langen Laufe ihres Lebens noch nie eine mannliche Gestalt im Mondscheine erblickt. Ich hingegen auf meiner Seite, und gewiss betroffener noch als sie wahrlich ich musste mir ihre einfache Frage noch einmal wiederholen lassen, ehe ich meiner Stimme so machtig ward; ein paar verungluckte Worte darauf zu antworten. Ich starrte das alte Weib vorher noch sprachlos und mit aufgerissenen Augen an ein Anblick, der, wenn er auch sonst nichts Gutes hat, einem Menschen in meiner Lage doch einiger Massen dadurch wohlthatig werden kann, dass er ihn aus einem hitzigen Fieber in ein kaltes versetzt. Mag man indess solche Veranderungen noch so sehr unter die guten Symptome rechnen, so mochte ich sie doch selbst meinen Feinden nicht wunschen. Ich weiss nun aus eigner Erfahrung, wie viel es dem armen Kranken kostet, die erhabenen Phantasien, die seine Seele beschaftigen, unter Zahnklappen verschwinden zu sehen.
"Die langen Abende meine angenehme Nachbarschaft die Einsamkeit," stotterte ich endlich in abgebrochenen Satzen heraus, zu denen es mir je langer, je schwerer ward, eine, Verbindung zu finden. Meine Verlegenheit nahm mit jeder Sekunde zu, glaubte sich Luft zu schaffen, und verfiel daruber in die unbesonnenste Erklarung, die sich nur ausfindig machen liess. "Liebe Madam," sagte ich, "die anziehenden Reize Ihres guten Klarchens werden mich schon hinlanglich bei Ihnen entschuldigen, und die Freiheit, die Sie dem Propst erlauben, hoffe ich, werden Sie doch wohl nicht Ihrem Miethmanne versagen?" Das hatte ich vortrefflich gemacht Du hattest nur sehen sollen, was die alte Katze bei diesen Worten fur Feuer fing. "Klarchen? Klarchen," beantwortete sie meine wohlgesetzte Rede, "nimmt keine nachtlichen Besuche ja sie nimmt gar keine, und zu keiner Zeit an. Gehen Sie, mein guter Herr," setzte sie hohnisch hinzu, "suchen Sie anderwarts Ihre Unterhaltung, und lassen Sie Ihre Nachbarn in Ruhe!"
Schwerlich hat noch jemand einen unfreundlichern Bescheid aus einem hasslichem Munde gehort. Da es aber noch einen einporendern Anblick in der Natur giebt, so gab sie mir auch den noch zu Gute: ich meine ein altes Weib, das die Begeisterte macht. Sie warf ihre beiden Irrwische von Augen in die Hohe, als. ob sie die Engel aus dem Himmel verjagen wollte, legte ihre linke Hand auf ihr schlotterndes Halstuch streckte ihren rechten Arm steif und gerade nach mir zu, und kreischte mir mit der Stimme einer Besessenen durch die Ohren:
Irrglaubiger! was treibet Dich
So frech, so blass, so schauerlich
Herum im Mondenschein?
Vernimm, furchtbares Nachtgespenst,
Es schliesst die Burg, die Du berennst,
Ein Kind des Lichtes ein!
Und welch ein Kind! So voll und rund,
So fruh kam noch kein Busen, und
Kein weiblich Herz in Flor.
Ein Seraph sah den ersten Flug
Der kleinen Sangerin, und trug
Sie der Madonna vor;
Und wollte selbst mit seinem Gruss
Sich Gabriel ihr nahn,
Sie liess' ihn vor der Thure stehn,
Und hiess' ihn, spottend, weiter gehn,
So wie sie Dir gethan.
Der Propst, des Himmels Liebling, nur
Verehrt den Schopfer der Natur
In meiner Nichte Reiz.
Der Reichthum ihres Gartchens ist
Auch sein, und wird vor Rauberlist
Gesichert durch sein .
Und jedes Kreuz, das er ihr schlagt,
Weckt eine Bluthe mehr, erregt
Ihm eine Hoffnung mehr;
Und Sie bewahret, zum Erkauf
Des Himmels, ihren Vorrath auf
Und zu Mariens Ehr!
Von der Holdseligen bedeckt,
Erhalt sich frisch und unbefleckt
Ihr schoner Aerntekranz:
Und wenn ihm auch ein Kreuz verblich,
Der Propst mit einem Pinselstrich
Hebt den verloschten Glanz.
Was stort, verlorner Geist, Dein Blick
Fur Bilder in mir auf! Erschrick
Und weiche meinem Fluch:
Dich musse jede Jungfrau fliehn,
Maria keine Dir erziehn
Zu nachtlichem Besuch!
O! das soll mir ganz recht seyn, dachte ich, indess die alte Narrin wahrend der sublimen Worte ihrer mystischen Romanze, die ich vielleicht ganz der Quere verstand, dasselbe heilige Zeichen mehrmal uber ihre Brust und ihr Gesicht zog, die doch wahrlich dieses Schutzes gar nicht bedurften, und zugleich mit ihrem Zeigefinger auf etwas hindeutete, das mir doch nicht eher verstandlich und sichtbar ward, bis sie die Thur mir vor der Nase zugeschmissen und verriegelt hatte: denn nun erst fiel mir eins von den Kreuzen in die Augen, auf die sich die Alte in ihrer Begeisterung bezog, und davon die eine Halfte an der obern Bekleidung die andere an dem Flugel der Thure, nun in einem ungetrennten Zuge wieder zusammen passten, vermuthlich mit einer Kreide gemalt, uber die ein Weihbischof den Segen gesprochen hatte. "Liegt es nur daran?" sagte ich und warf den Mund auf. "Diese Wunderzeichen des Propstes sind doch wohl noch zu verwischen, wenn ich nur erst die Stationen kenne, die er damit besetzt hat." Und so schlich ich mit verbissenem Aerger in mein einsames Zimmer zuruck.
Meine Abwesenheit konnte nicht lange gedauert haben; denn ich hatte nicht einmal nothig, mein Licht zu putzen, als ich es aus dem Kamin langte, es wieder auf den Tisch, und mich mit in einander geschlagenen Armen davor setzte. Es wahrte eine ziemliche Weile, wo ich gedankenlos auf die leere Flasche hinblickte, ehe ich sie in Verdacht nahm, dass sie wohl an dem eben geschehenen Vorgange die meiste Schuld habe. Diess brachte mich gelegentlich auf den Text, den ich mir in Ansehung der verletzten Diat und Moral, die leider! bei mir immer gleichen Schritt halten, zu lesen hatte. "Ja!" rief ich aus, "man muss betrunken, seyn, um einen Augenblick an der Tugend und Unschuld dieser Heiligen zu zweifeln, und so ungleiche Absichten, als mir mein Gewissen vorwirft, darauf zu bauen. Ich habe es verdient, vor ihrer Thur abgewiesen zu werden; denn ich bin nicht werth uber ihre Schwelle zu treten nicht werth ihr nur die Schuhriemen geschweige sonst etwas aufzulosen, und das geringste der Kreuze zu verloschen, womit der Propst ihre Zugange verwahrt hat."
Da ich nicht gewohnt bin, mich selbst zu schonen, sobald ich nur erst so weit bin, mich in die Augen zu fassen, so ward ich auch diessmal so bose auf mich selbst, dass ich mich gern vor jedem ehrlichen Manne an den Pranger gestellt hatte, der mir die Wahrheit noch derber hatte sagen wollen, als ich es selbst that. Ich fuhlte in dieser argerlichen Stunde die Entfernung von Dir, mein Eduard, starker als jemals, und wusste lange nichts an ihre Stelle zu setzen. Wie aber die gutige Natur fur gewohnliche Uebel auch die Mittel dagegen vorzuglich gehauft hat, und man zum Beispiele gegen einen bosen Hals, oder eine jede andere Krankheit, welche schleunige Hulfe verlangt, die bewahrtesten Recepte an allen Zaunen und Hecken findet; so, glaube ich, ist in unserm aufgeklarten Zeitalter kein Winkel der Erde mehr so verwildert, auf dem sich fur eine kranke Seele ihrem Bedurfnisse gemass, nicht bald ein anhaltendes, bald ein abfuhrendes Mittel, auftreiben liesse. Ware es Tag gewesen, so hatte ich freilich bei meinem Freunde, dem Buchhandler, das Aussuchen gehabt; so aber musste ich mir zu helfen suchen wie es gehn wollte, und das that ich auch. Ich naherte mich zum erstenmale der, zu der frommen Stiftung gehorigen, kleinen Bibliothek meines Kabinets, sicher, dass ich hier eben so gewiss ein oder das andere moralische Buch finden, als ich nicht umsonst nach Pimpernelle oder Klatschrosen ausgehen wurde, wenn ich eines Gurgelwassers benothigt ware.
Der erste Folioband, den ich heraus zog, den ich aber auch ehrlich genug war, sogleich wieder an seinen Ort zu stellen, war Sanchez de matrimonio. Ich griff auf besser Gluck nach einem andern von mittlerem Format, und bekam die Aphorismen des grossen Emanuel Sa de dubio in die Hand.
Das ist wahrscheinlich, sagte ich, so ein Buch, als du suchst, und setzte mich damit an meinen Tisch. Ich hatte auch fur mein gegenwartiges Bedurfniss kein besseres finden konnen. Auf allen Seiten strahlten mir die herrlichsten Anweisungen entgegen, sich mit Ehren aus den schlupfrigsten Handeln seines Gewissens zu ziehen, und mit Hulfe kleiner artiger Distinktionen sich uber alle Fehltritte zu beruhigen, die eine strenge, ungelauterte Moral, im Ganzen genommen, unbarmherzig verdammt. Du kannst denken, dass mir in meinen Umstanden dieser Sittenlehrer ungleich mehr behagen musste, als jeder andere, der, ohne nur die Schwierigkeiten der Ausfuhrung mit seinen Forderungen vergleichen zu wollen, mir geradezu gesagt hatte: Thue recht und scheue niemand! Das ist weiter keine Kunst. In diesem herrlichen Buche hingegen fand ich sogar mehr als ich suchte. Wie viel Vorwurfe, die ich mir in meiner ersten misslaunigen Aufbrausung machte, wurde ich mir nicht erspart haben, hatte ich diesen grundlichen Schriftsteller nur eine halbe Stunde eher gekannt! Ich las mich dick und satt, bis ich vollkommen uberzeugt war, dass, waren mir auch alle die Absichten gelungen, an deren Ausfuhrung mich das alte hamische Weib hinderte, ich zwar von der geraden Strasse ab doch gar nicht viel umgegangen ware.
Ich schloss nicht unwahrscheinlich von dem Werthe dieses einzelnen Buchs auf die Wichtigkeit der ganzen Sammlung, holte mir, um bei der Entscheidung meiner Streitfragen der Mehrheit der Stimmen gewiss zu seyn, noch andere herbei, die auch, mehr oder weniger, den guten Grunden jenes grossen Kasuisten beitraten, wovon ich Dir besonders einen gewissen Thomas Tambourin nennen und empfehlen will, der mir wirklich vielen Spass gemacht hat. Hier hast Du den Titel seines Buchs: Explicatio Decalogi, in qua omnes fere conscientiae casus, mira brevitate, claritate, et quantum licet, benignitate, declarantur.
Ich war in guten Handen, wie Du siehst. Meine Lekture ward immer anziehender. Der Unterricht dieser vortrefflichen Manner hatte mich endlich so fest gemacht, dass ich weiter keine Gefahr fur mich sah, auch den ehrbaren Sanchez mit zu Rathe zu ziehen. Ich las bis in die sinkende Nacht hinein, ohne seiner verwickelten Fragen und Auflosungen uberdrussig zu werden, und lege ihn jetzt, da mein abgebranntes Licht mir kaum noch Zeit lasst, meinen Bericht an Dich niederzuschreiben, mit den Worten aus der Hand, mit welchen die vorgedruckte Approbation seines geistlichen Censors anhebt: Librum hunc legi, perlegi, lectitavi, felix pensum D. Sanchez, Cathol: Majest: in Regio Incarnationis Coenobio a Sacello et Sacris: in quo nihil nec devium ab orthodoxa nostra fide, nec obvium bonis moribus percepi etc. Und gehe nun, ich gestehe es Dir, als der eifrigste Anhanger einer Gesellschaft zu Bette, der es, da sie so vorzugliche Mittel gegen menschliche Schwachheiten im Vertriebe hat, nicht fehlen kann, trotz der kleinen Krankungen, die sie in unsern Zeiten erlitten hat, an allen Enden der Erde Proselyten zu machen.
Den 4ten Januar.
Von allen moralischen Hulfsmitteln der Lojoliten, die ich mir gestern Abends eigen zu machen suchte, ruhrte mich keines so sehr, als der Ausweg, den sie einstimmig vorschlagen, um, in dem Hand, gemenge der Leidenschaften mit der Sittlichkeit, die mitspielende Person sicher zu stellen. Setze, sagen diese Herren, wenn ich den Sinn ihrer Worte ins Kurze fasse, jeder zweideutigen Handlung, die du unternimmst, zur Beruhigung deines Gewissens, nur geschwind eine andere Zweideutigkeit entgegen! Lass, zum Beispiele, zur Zeit ihres straflichen Vorgangs den Gedanken voraus treten, dass ein anderer sie begehe als du, und schwore sogar, wenn du dazu aufgefordert wirst, du habest die That nicht begangen, namlich wie du stillschweigend hinzu thun musst an diesem oder jenem Tage, oder vor deiner Geburt. Durch diesen kleinen Kunstgriff setzest du dich am geschwindesten uber alle, deiner Ruhe nachtheilige Folgen hinaus; denn diese nehmen alsdann von selbst die Richtung an, in der du dich in so kritischen Minuten von dir selbst zu entfernen gewusst hast. Das ist bei vielen ner Sittenlehre:14 ob es aber auch immer recht ist, wie er dazu setzt, ist eine andere Frage, uber die ich lange nicht mit mir einig werden konnte. Ich sah wohl ein, dass die Herren diesen verfeinerten Lehrsatz nicht so oft und so dreist wurden ausgekramt haben, waren sie nicht von seiner Brauchbarkeit und Gute, aus langer praktischer Erfahrung, vollkommen uberzeugt gewesen und doch, wenn ich nun dran war ihn auf mich anzuwenden, versagte mir auf einmal der Muth, wie einem Kinde, das aufgefordert wird einem Seiltanzer nachzuspringen. Es war Mangel an Uebung, lieber Eduard! Ich setzte den Fuss nieder, den ich schon aufgehoben hatte, lief meinen Trostern in die Arme, um mir Herz zu holen, und kauete jedes Wort wieder, das sie mir zusprachen. So gelang es mir am Ende ihren herzhaften Zuruf wortlich meinem Gedachtnisse einzupragen; und das ist, wie Du noch aus Deinen Lehrjahren her wissen wirst, schon viel, wo nicht alles, fur die Ueberzeugung gewonnen. Die Zweifel, die mir dann und wann uber die Zuverlassigkeit meiner Rathgeber aufstiessen, machten mir eigentlich am meisten zu schaffen: aber ich fand doch bald einen erfahrnen Mann, der mich auch hierin zur Ruhe wies; denn die wurdige Zunft der Kasuisten hat so sehr fur alles gesorgt, dass der Satz des einen die Satze der andern auf das bruderlichste unterstutzt. Dans les choses douteuses, sagt der beruhmte P. Poignant, der aufgeschlagen neben dem Sanchez lag, nous ne sommes pas obliges de suivre le sentiment le plus sur. Und so blieb mir denn zuletzt weiter keine Sorge ubrig, als die, mich nur recht bald in der Lage zu sehen, meinen Rathgebern Ehre zu machen, und in Klarchens Armen das susse Gefuhl meines Unrechts ihrem Glaubensgenossen, dem Propste, der mir am schicklichsten dazu schien, unterzuschieben.
Aber die Hauptschwierigkeit, die ich weder durch Nachdenken, noch durch mein Nachlesen in den Kirchenvatern wegzuraumen wusste, die Frage, wie ich mich in diese gluckliche Lage bringen sollte, blieb immer noch unbeantwortet. Der Vorgang von gestern Abend hatte mich ausserordentlich schuchtern gemacht. Man hatte mir die Welt bieten konnen; ich wurde es darauf nicht gewagt haben, den bosen Geist, der den Schatz bewachte, noch einmal herauszufordern, ehe ich ihn nicht zu beschworen verstand.
In dieser Verlegenheit die mich vom Rousseau zum Amor, von einer Ecke des Zimmers in die andere trieb, konnte es indess nicht lange wahren, so musste mir der einzige Mann beifallen, der sie vielleicht heben konnte. Mein misslungener Versuch von gestern, den ich zwar auf seine Autoritat unternahm, hatte mein Zutrauen zu ihm nicht im mindesten geschwacht. Der beste Plan muss wohl scheitern, wenn man in der Ausfuhrung nicht auch Rucksicht auf Zeit und Gelegenheit nimmt; und das, musste ich mir selbst vorwerfen, war ich so albern gewesen ganz zu unterlassen. Ich steckte also meine Goldborse ein, und machte mich gutes Muths zu ihm auf den Meg. Ich traf ihn auch diessmal wieder mit der heitern Miene auf seinem Posten, die mich gleich die erste Stunde unserer Bekanntschaft so sehr zu seinem Vortheile einnahm, und durch die sich so sprechend die ganze Ruhe seiner Seele und seines Amtes verkundiget. Unser Gesprach kam indess diessmal nicht so geschwind in Gang als gewohnlich; ich musste lange die Kosten der Unterhaltung allein tragen. Er hatte die Unbarmherzigkeit, meine Beichte von Anfange bis zu Ende mit geschlossenen Augen ruhig anzuhoren, ohne das Bittere davon nur durch ein trostliches Wort zu mildern, geschweige dass er durch einen zuvorkommenden, freundlichen Rath mir die Verlegenheit erspart hatte so in der Nahe von Laurens Asche so ganz ohne Achtung fur ihr sittsames Andenken ihm mein geheimes Anliegen zu entwickeln. Selbst als ich nun meinen misslichen Vortrag gethan hatte voll verschamter Erwartung vor ihm stand, und es ihm endlich gefiel die Lippen zu offnen, hatte es im Anfang doch nur der Teufel seinem gleichgultigen Geschwatze ansehen konnen, was es am Ende noch alles Lehrreiches und Gutes fur mich enthalten wurde.
"Ja, ja," fing er wie im Traume an, und rieb sich die Stirn "unser Leben, mein junger Herr, wahrt siebenzig Jahr, und wenn es hoch kommt, sind es achtzig, und wenn es kostlich gewesen ist, so ist es Muhe und Arbeit gewesen. Auch ich habe diesen Morgen die meinige gehabt habe die Stuhle, die Banke und den Altar abgestaubt, und bin wohl zehnmal uber Laurens Grab mit dem Besen gefahren, ehe ich es rein bringen konnte; aber es war nothwendig. Diese Kirche hat morgen einen ansehnlichen Besuch zu erwarten; denn wir feiern das Fest des heiligen Einsiedlers Simeon Stylita, der von den vornehmsten hiesigen Einwohnern der Patron ist."
"Was in aller Welt geht mich dieser Schnak an!" dachte ich, machte eine hochst verdriessliche Miene, und setzte mich auf die nachste Bank.
"Sie mussen wissen, mein Herr," trat er nun naher vor mich, "dass unter Heiligen und Heiligen ein gewaltiger Unterschied ist. Der eine hat mehr Rang, der andere mehr Zulauf die eine fromme Seele schmiegt sich lieber diesem, die andere jenem an, nachdem entweder ihr Alter, ihr Gewerbe, ihr Name, oder ihre besondern Sunden diese Auswahl veranlassen. So ist mein Einsiedler, zum Beispiel, durch die christliche Sundhaftigkeit, mit der er seine Gicht- und Zahnschmerzen ertrug, der Schutzpatron aller der Unglucklichen geworden, die an diesen Uebeln leiden. Schliessen Sie nun selbst, mein Herr, auf den Zuspruch, den er erhalten wird. Leider hat seit einigen Jahren auch Ihre gute Hauswirthin unter seine Fahne treten mussen Auch sie wird morgen den grossten Theil des Tages in meiner und des Heiligen Gesellschaft zubringen Geben Sie Acht, ob ich wahr rede!"
"Und Klarchen?" fragte ich hastig; er aber that nicht, als ob er mich horte. "Morgen," fuhr er mit ernstem, dogmatischem Tone fort, "ist es Krankheit, die ihre Andacht in Bewegung bringt; zwei Tage darauf, am Feste der heiligen Bertilia, thut es ihr Name."
"Und Klarchen?" fuhr ich zum zweitenmale auf "Wird unterdessen," antwortete er ganz gelassen, "allein zu Hause bleiben so wie hingegen am Feste der heiligen Concordia die Tante daheim bleibt, und nur ihre Nichte zur Kirche schickt."
"Und was giebt hiezu Veranlassung?" fragte ich ausserst neugierig. "Das verschiedene Alter der beiden Andachtigen!" erwiederte er. Er sah mir an, dass ich ihn nicht verstand. "Ich habe schon mehrmalen die Schwierigkeit bemerkt," fuhr er fort, "einem Deutschen, auch selbst von unserm Glauben, den Zusammenhang dieses Festes begreiflich zu machen aber es ist mir doch endlich immer durch Hulfe der Analogie gelungen. Diesen Ausweg verdanke ich einem Reisenden aus Ingolstadt, der vor vielen Jahren hier war, und auch das Grab der Laura besuchte. Von dem erfuhr ich gesprachsweise, dass in seiner Vaterstadt der heilige Augustin von allen denen besonders verehrt werde, die an den Augen leiden. Bei uns hingegen ist dieser Heilige als Augenarzt, gar nicht bekannt. Die Ursache davon liegt einzig in der Verschiedenheit beider Sprachen. In der Ihrigen soll, wie Sie besser wissen als ich, die erste Sylbe in dem Namen dieses Wunderthaters gleichen Schall und Bedeutung mit dem Worte haben, welches das Glied bezeichnet, mit dem wir sehen: und nun, mein Herr," fuhr er fort, "wird es Ihnen weiter nicht schwer werden, die Ursache auszufinden, warum bei uns nicht allein Madchen, wie Klara, nein auch Weiber und Wittwen, wenn sie nicht, wie unsere Freundin Bertilia, uber die funfzig hinaus sind, das Fest der Concordia mit einem Eifer feiern, der deutschen Damen, die unsre Sprache nicht bis auf solche Kleinigkeiten wissen, mehr als ubertrieben vorkommen muss." Ich verstand zum Glucke so viel Franzosisch, um diese Aufgabe der Analogie bald genug zu errathen, und ich hatte keine genuge Freude daruber. "O," rief ich aus, "dieser Unterricht in Ihrer Religion, lieber Herr Kirchner, verdient eine ausgezeichnete Belohnung Hier machen Sie keine Umstande!" Und so druckte ich ihm einen hollandischen Doppel-Dukaten in die Hand, der so funkelte, als ob er erst aus der Munze kame. "Ei, mein Herr", sagte der liebe Mann, und besah das Goldstuck mit besonderm Vergnugen, "Sie beschenken mich ja so reichlich, als ob Sie Sich meine Furbitte bei dieser Heiligen erkaufen wollten! Die soll Ihnen auch nicht fehlen. Aber, bei allen Engeln und Erzengeln! mein Herr was seh' ich? Diese Umschrift ich bitte Sie war sie immer auf dieser Munze? Ist sie zur Ehre der Heiligen geschlagen? oder ist es ein Wunder, durch das sie Ihnen ihre Hulfe zusagt? Horen Sie nur und horen Sie es mit Zutrauen, was sie Ihnen Gutes verspricht!"
Ich war bei diesem unerwarteten Ausfalle des Kirchners einige Schritte zuruck getreten, und glaubte nichts gewisser, als der gute Mann Ware toll geworden; wurde aber, als er mir nun die bekannte Umschrift aller hollandischen Dukaten herlas, doch selbst so davon uberrascht, als wenn wirklich etwas Wunderwurdiges darin lage. "Concordia," las. er, indem er den Dukaten zwischen den Fingern herum drehte "res parvae crescunt;" und zugleich sah er mich so bedeutend an, dass mir das Blut in's Gesicht stieg. "O Klara, Klara!" rief ich aus, ohne zu wissen, warum? "Das ist wahrlich ein sonderbarer Zufall, lieber Herr Kirchner. Wie gern will ich ihn fur eins der grossten Wunder ansehn, wenn die heilige Concordia ihre Zusage erfullt! Aber sagen Sie mir geschwind, lieber Mann, an welchem Tage des Jahres wird denn dieses grosse weibliche Fest begangen?"
"Den achtzehnten Februar," antwortete er. "Sollte es wohl den Eindruck auf Sie machen, dass Sie bis zu seiner Feier bei uns verweilen mochten?"
"O, ganz gewiss!" antwortete ich mit gluhenden Wangen. Und es ist mein volliger Ernst, Eduard!
"Nun dann wunsche ich Ihnen Gluck zu Ihrem Muthe," erlviederte der gute Mann. "Es hat noch keinen jungen Fremden gereut, diesen merkwurdigen Festtag in Avignon abzuwarten. Doch, da alsdann gewohnlich die Hauser besetzter noch sind als zu Frankfurt bei der Kaiserwahl, so rathe ich Ihnen wohlmeinend sind Sie anders mit Ihrer Miethe zufrieden, Sich ihrer ja in voraus auf diesen Zeitpunkt zu versichern; denn Quartiere, wie das Ihrige, steigen alsdann uber die Gebuhr."
Hier storte ein Englander, der Laurens Grab mit einer so verachtlichen Miene aufsuchte, als ob sie seine Freundin gewesen ware, unser interessantes Gesprach. Ich konnte meinen Verdruss uber diesen ungelegenen Fremden kaum vor ihm selbst verbergen, und doch konnte ich noch weniger dem Kirchner zumuthen, ihn abzuweisen; denn ein abgewiesener Englander kommt selten wieder. Wir Kurzsichtigen argern uns oft uber zufallige Dinge, die uns doch gerade unsern Wunschen entgegen fuhren. Du sollst noch auf diesem Bogen zu lesen bekommen, Eduard, wie viel ich der Dazwischenkunft dieses Reisenden zu danken habe: so viel dass ein rechtglaubiger Katholik an meiner Stelle darauf schworen wurde, die heilige Concordia habe sie veranstaltet. Ich schreibe sie auf Rechnung des Zufalls, der immer mein Freund war. Der Kirchner zuckte die Achseln, indem er mir die Hand zum Abschiede reichte, und bat mich bald wieder zu kommen, welches ich ihm denn auch treulich versprach. Der goldne Wahlspruch der sieben Provinzen hat zwischen diesem guten Manne und mir eine starkere Vereinigung zu Stande gebracht, als, glaube ich, zwischen den sieben Provinzen selbst. Es ist doch eine hubsche Sache um die Freundschaft!
Ich taumelte, ohne mich um den nachsten Weg nach Hause zu bekummern, aus einer Gasse in die andere, und mir war beinahe so zu Muthe, als einem jungen Gelehrten, der nicht recht weiss, was er in aller Welt mit den vielen neuen Kenntnissen anfangen soll, die er aus dem Horsaale mitnimmt. Daruber stiess ich Ehre sei dem freundlichen Zufalle! auf die launigste Begebenheit, die er je aus seinem weiten Aermel geschuttelt hat. Eine Menge Menschen, die aus einem ansehnlichen Hause theils heraus sturzten, theils ihm zustromten, erregte meine Aufmerksamkeit. Ich erkundigte mich nach der Ursache dieses Gedranges, und erfuhr, dass hier eine wichtige Versteigerung von Kostbarkeiten gehalten wurde. Nun mag ich Wohl dann und wann dergleichen offentlichen Glucksspielen beiwohnen; denn, ob ich mich gleich enthalte, mein Inventar auf diesem Wege zu verstarken, seitdem ich einmal in Holland einen englischen Tubus erstand, in welchem, als ich ihn zu Hause genauer untersuchte, das Objektiv-Glas fehlte, so kann es doch immer den Geist angenehm beschaftigen, wenn man mit philosophischen Augen die verschiedenen Hulfsmittel ubersieht, die der Besitzer derselben vor seinem physischen oder moralischen Tode gebrauchte, so gelehrt, so artig oder so arm zu werden, als er war. Selbst die kleinen Absichten, die sich manchmal bei denen recht gut errathen lassen, die jetzt dieses oder jenes Stuck aus dem Nachlasse des Verstorbenen an sich bringen, gewahrt schon einige Unterhaltung. Ich widmete also auch diessmal meiner Neugierde die halbe Stunde, die mir noch bis zum Mittage frei blieb, und stieg, nicht ohne Muhe, die von Menschen angefullte Treppe hinauf nach dem Auktions-Zimmer.
Hatte ich einige Stunden fruher eintreffen konnen, ohne mich um das belehrende Gesprach des Kirchners, das mir uber alles gehn musste, zu bringen, so ware der Zeitvertreib, den ich hier fand, freilich noch vollkommner gewesen. Jetzt waren ungefahr nur noch ein Dutzend Nummern von einer der seltensten Sammlungen ubrig, die wohl jemals versteigert wurden. Der arme Mann, der sie mit Aufopferung seines Vermogens errichtet hatte, und nun sein muhsames, kostbares Gebaude durch unbarmherzige Glaubiger zerstoren sah, sass, von Schmerz und Unruhe gefoltert, in einem ausgeleerten Nebenzimmer, und flosste mir gleich beim Eintritt in den Saal das grosste Mitleid ein, selbst ehe ich noch einen Blick auf seine Sammlung warf.
Ich habe zwar oft gesehen, lieber Eduard, dass vernunftige Manner Weib und Kinder und jedes andere Gluck des Lebens hintan setzten, um Muscheln, Steine, Bucher, Schmetterlinge oder Gemalde zusammen auf einen Haufen zu bringen habe ihnen oft, nach Verlauf eines angstlichen Zeitraums, diese Spielwerke ihres Geistes durch die Gesetze und zu Abfindung ihrer Schulden entreissen, und sie an andere beruhmte Kenner, wahrscheinlich zu einem einst ahnlichen Schicksale, ubergehen sehen aber noch nie fand ich den Vermogensbestand eines freien Mannes so sonderbar in einem Kabinet koncentrirt, als hier: denn stelle Dir vor, Eduard! ich befand mich, ehe ich mir so etwas versah, unter einer vollstandigen, Gott weiss nach was fur einem System! geordneten Sammlung heiliger Reliquien. Die ersten und wichtigsten Stucke an ganzen Korpern, Gerippen und andern Schatzen aus den Katakomben, waren zwar schon an Mann gebracht; doch waren die noch vorrathigen Nummern, die eben ausgerufen werden sollten, dessen ungeachtet noch von sehr schatzbarem Gehalte. Sechs Flaschchen mit Thranen der heiligen Magdalene wurden einzeln verlassen, und, nach meiner Einsicht, weit unter ihrem Werthe. Ein artiger Mann, der neben mir stand, erklarte mir die Ursache davon, als er meine Verwunderung merkte, und mir ansah, dass ich fremd war. "Wir sitzen hier," sagte er, "an der Quelle dieser Waare. Die Hohle von Beaumont, wo die Heilige zwolf Jahre ihre Sunden beweinte, liegt uns in der Nahe Aber Sie, als ein Fremder, mein Herr, sollten sie auf Spekulation fur das Ausland kaufen; denn es ist keine Frage, dass Sie nicht hundert Procent daran gewinnen konnten." Ich hatte vielleicht nicht ubel gethan, seinem Rathe zu folgen; aber, Du weisst es, Eduard, ich habe zu wenig Kaufmannsgeist, und ich liess, einfaltig genug, auch diesen wahrscheinlichen Gewinn einem Juden zu gute gehn, der mit Reliquien handelt.
Ein Finger des H. Nepomuk, an dessen Aechtheit einige anwesende Kenner zweifeln wollten, und ein Schlussbein des heiligen Franz, hatten eben so wenig Gluck, und mussten zusammen ausgeboten werden, ehe sie einen Abnehmer fanden. Ja, sogar Etwas von der keuschen Petronelle, in Weingeist aufgehangt, und recht hubsch konservirt, ging an einen Benediktiner, der es in Kommission erstand, fur ein solches Spottgeld weg, dass ein paar artige Geschopfe, die vermuthlich gleichen Namen fuhrten, die Hande uber den Kopf zusammen schlugen. Dafur fanden sich aber zu der folgenden Nummer desto mehr Liebhaber, und das Kleinod verdiente auch mehr als ein anderes diese ausgezeichnete Achtung Der Ausrufer selbst nahm ehrerbietig den Hut ab, als er das Sammetkastchen, das es verschloss, in die Hohe hielt, und nun unter einer allgemeinen Stille, die nur dann und wann ein Seufzer des Unglucklichen im Nebenzimmer unterbrach, folgendes Heiligthum ankundigte: "Nummer Ein tausend vierhundert und drei und dreissig; das Strumpfband der gebenedeiten Jungfrau und Mutter, das sie an ihrem linken Fusse zu tragen gewohnt war, inklusive eines dazu gehorigen Ablassbriefs weiland Ihro Papstlichen Heiligkeit Alexander des Sechsten, nebst einem Handschreiben gedachten heiligen Vaters an die Grafin Vanotia."
Diese Reliquie machte den Eindruck, der zu erwarten stand. Der ganze Haufe der Umstehenden gerieth in Bewegung, und verschiedene Stimmen zugleich erhoben sich mit einem Gebot von zehn, funfzehn und zwanzig Dukaten. Bei dem zweiten Ausrufe stieg es bis auf vier und dreissig. Nach einem kleinen Stillstande trat ein ansehnlicher Mann, mit der gesetzten Miene eines achten Kenners, in's Mittel, und bot die gerade Summe von vierzig. Der Auktionator fing von vorn, und, um jedermann Zeit zu lassen sich zu bedenken, mit gedehnter Stimme an: Einmal vierzig zum zweitenmal vierzig Dukaten Der Hammer war schon aufgehoben, und ich glaubte den vornehmen Mann schon ganz gewiss in dem Besitze dieser merkwurdigen Reliquie, als, aus der fernsten Ecke des Zimmers, unvermuthet eine helle Stimme mit einem halben Dukaten uberbot. Der Schall fiel mir sonderbar in das Ohr Ich erhob mich auf meine Fusszehen, und entdeckte Himmel, wie ward mir! das reizende Ovalgesichtchen meiner kleinen Nachbarin. War es Freude, oder Betaubung? war es unwillkurlicher Trieb, ihr nachzulallen? oder sollte es eine Aufforderung seyn, ihre sonorische Stimme noch einmal horen zu lassen? Genug, kaum prallte ihr wohl bekannter Diskant an die Saiten meines Herzens, so schlug mein Bass als ein Echo zuruck: Einen halben Dukaten. Der Laut war entwischt Klarchen schwieg die ganze Versammlung schwieg und zu meinem Erstaunen ward mir das Heiligthum fur ein und vierzig Dukaten zugeschlagen.
Wer war betroffener als ich, da mir die Nebenstehenden zu dem erlangten Besitze dieser Kostbarkeit Gluck wunschten, und mir Platz am Zahlungstische machten, um den unschuldigen Einklang mit Klarchens Diskante theuer genug zu bussen! Um aller Heiligen und aller Gotter willen! was willst du mit diesem Kabinetsstucke anfangen? sagte ich heimlich zu mir selbst, als ich die Summe aufzahlte; und der Gedanke, dass ich zugleich in ihr das Versprechen der heiligen Concordia auf ein und vierzigmal zuruck gab, vermehrte mein Herzklopfen um ein merkliches. Nie hat wohl der Neid, der, als ich das Sammetkastchen in Empfang nahm, aus den Blicken derer hervor brach, die vor mir darauf geboten hatten, sich grober versehen, als diessmal. Denn ungeachtet alle Umstehende, bei denen ich mit meinem Heiligthume vorbei ging, mich anlachelten und die Hute abzogen; so hatte ich doch so unbefangen seyn mussen, als der Esel in der Fabel, der das Bild der Diana trug, wenn ich mir diese Ehrenbezeugung hatte zueignen wollen. Ich kam mir im Gegentheil in diesem Augenblicke uberaus albern vor, und hatte nimmermehr vermuthet, dass mich diese misslichen Umstande doch noch am Ende auf einen so klugen Einfall leiten wurden, als ich eben fasste, wie mit der letzten Nummer eine Feder aus dem linken Flugel des Wurgengels verkauft, die Versteigerung geendigt, die Versammlung im Aufbruch, und jedes nur darauf bedacht war, das erste auf der Gasse zu seyn.
Wenn ich prahlen wollte, Eduard, so konnte ich es Dir als einen Zug meines erfindungsreichen Genies angeben, dass ich in diesem Tumulte den wichtigen Vortheil zu ergreifen wusste, den mir doch vermuthlich nur die Gelegenheit und meine Schutzpatronin Concordia darbot. Ich ubersah mit einem geschwinden Blicke, was hier fur mich zu thun sei, studirte jeden meiner Schritte, den ich vor- oder seitwarts that, und leitete das Volk so geschickt, dass es nothwendig, beim Austritte aus dem Saale, mich und Klarchen in einen so verengten Zirkel zusammenbrachte, dass sie heilfroh seyn musste, auf einen hulfreichen Arm zu treffen, um den sie ihre zarte Hand schlingen, und nun hoffen konnte, sich, ohne erdruckt zu werden, aus diesem unbandigen Gedrange zu ziehen. Machtiger Zufall! mein Verstand wirft sich hier nochmals in Staub vor dir nieder, und erkennt dich als seinen Herrn und Wohlthater.
Ich ware der heiligen Atmosphare, die mich umgab, ware des Dankes des Engels nicht werth gewesen, wenn ich den einzigen Augenblick, in welchem so viel fur die Folge lag, ungenutzt hatte verstreichen lassen. "Meine vortreffliche Nachbarin," flusterte ich ihr zu, indem wir uns auf dem Vorsaale so lange in ein Fenster zuruck zogen, bis sich das Volk wurde vertheilt haben, das die Treppe verstopft hielt, "es war wohl unartig, dass ich Sie uberbot; ich hoffe aber, meine gute Absicht soll mich bei Ihnen entschuldigen. Sie konnen wohl denken, dass, so kostbar auch das Strumpfband seyn mag, das mir das Gluck verschaffte, es doch fur mich nur dann einen Werth haben kann, wenn ich es wieder an eine Person bringe, die es zu tragen verdient. Ein gluckliches Ungefahr hat mich zu Ihrem Nachbar aber Ihre Verdienste, liebes Klarchen, haben mich auch zu Ihrem eifrigsten Bewunderer gemacht. Ich dachte an Sie, theuerste Freundin, ich erblickte Sie in dem Augenblicke, als Sie auf dieses Kleinod boten, und es ward mir unmoglich, nicht nach einer Sache zu ringen, die Ihnen lieb war, um sie Ihnen als einen Beweis meiner Hochachtung auszuliefern. Ich wunschte nur, dass sie dadurch in Ihren Augen noch einigen Werth mehr bekame. In dieser Rucksicht" Hier stockte ich ein wenig, und ihre grossen Augen schienen zu fragen, wo das hinaus wollte? "hatte ich eben so gern mein ganzes Vermogen, als einen armseligen Theil davon daran gewendet. Ich empfahl mich der heiligen Concordia, meiner Beschutzerin, und, wie Sie gesehen haben, nicht ohne eine recht auffallende Wirkung: sie verstopfte allen andern Liebhabern den Mund, selbst Ihre frommen Lippen, liebenswurdiges Madchen, und verschaffte mir diese kostbare Reliquie fur diesen unbegreiflich geringen Preis." Klarchen errothete von Sekunde zu Sekunde immer mehr, ohne mich zu unterbrechen "Um Ihnen indess," fuhr ich traulicher fort, "auch die kleinste Bedenklichkeit zu ersparen, ein Kleinod fur Sie zwar von unendlichem, fur mich aber nur relativem Werth anzunehmen so erlauben Sie mir, meine schone Nachbarin, es Ihnen nicht als Geschenk, sondern gegen einen Tausch anzutragen." Sie errothete noch mehr, und ihr Stillschweigen gab mir Muth, weiter zu reden "Wenn ich," fuhr ich fort, "das Vergnugen haben kann, Ihnen morgen fruh" ... O wie dankte ich hier dem ehrlichen Kirchner, der mich so genau von den Festen der alten Tante unterrichtet hatte! "aufzuwarten ... gewiss, theuerstes Klarchen, ein ahnliches Band, das mir alsdann Ihre Gute erlauben wird dagegen einzutauschen, soll meinem Herzen tausendmal werther seyn, als jenes."
Jetzt erwachte der Stolz der kleinen Heiligen. "Es ist nicht grossmuthig von Ihnen, mein Herr," gurgelte sie mit sanfter Stimme hervor, "dass Sie die Verlegenheit, in die mich diess Volksgedrange versetzt, noch vermehren. Sie erlauben Sich eine Sprache, die mir um nur wenig zu sagen ganz fremd ist. Sie mussen wissen, mein Herr, dass ich von meiner Tante abhange, und keine Besuche anzunehmen habe; und Ihr angebotner Tausch, mein Herr ..."
"Setzt doch gewiss," fiel ich ihr geschwind in's Wort "keinen Betrug voraus. Wie konnte er wohl uberlegen Sie es selbst, bestes Klarchen bei einem Heiligthum, so einzig in seiner Art, Statt finden?"
Ich schwieg, als ob ich ihr Zeit zur Ueberlegung lassen wollte Sie brustete sich ein wenig und: "Ihre Auslage," fuhr sie jetzt mit einer Stimme fort, die mir nur zu gut verrieth, wie viel ihr an dem Besitze dieses Bandes gelegen seyn mochte "wurde Ihnen meine Tante gewiss gern ersetzen, wenn Sie geneigt seyn sollten ..."
"Klarchen!" unterbrach ich sie, mit angenommenem Erstaunen "Mir? sagen Sie das? Doch ich entschuldige Sie Sie kennen mich noch nicht aber der Erfolg wird es zeigen, wie unrecht Sie thaten, ein Unterpfand des Himmels gegen eine irdische Kleinigkeit, um die Sie ein Freund bittet, auf's Spiel zu setzen. Entweder meine liebe, bedenkliche Freundin, erlauben Sie mir, dass ich meine gute Absicht ausfuhre, und Ihnen das Band, das einst den linken Fuss der hochgelobten Jungfrau umschloss, langstens morgen, an demselben Orte befestige, wo sie es trug; oder ich schwore, dass, wie ich nach Hause komme, ohne auf die achtzehnhundert Jahre zu achten, die das ehrwurdige Band uberlebt hat, ich es dem Feuer meines Kamins ubergebe, und Ihnen den Frevel zuschiebe, der dadurch begangen wird."
O Eduard! Wie erschreckte ich nicht das arme Kind durch meinen Schwur, und durch den entschlossenen Ton, mit dem ich ihn ausstiess! Sie erblasste, schlug die Augen staunend empor, und druckte ihre gefalteten Hande an ihre Brust "Nun denn," rief sie endlich in einer kleinen angenehmen Begeisterung "bin ich, heiligste Mutter, von dir ausersehen, diesen deinen Nachlass aus dem Feuer zu retten so folge ich in Demuth so geschehe dein Wille! Eine einzige Bitte nur, mein Herr! bewilligen Sie mir nur noch den Aufschub eines Tages!"
"Und warum das, meine Beste?" fragte ich.
"Weil Sie nicht verlangen werden," versetzte sie mit gesenktem Blick, "dass ich Ihren Besuch in Abwesenheit meiner Tante annehme; und diese ist morgen durch ein Fest gebunden und den grossten Theil des Tages in der Kirche."
"Wie, mein liebes frommes Klarchen?" erwiederte ich etwas spottelnd: "Liegt Ihnen der baldige Besitz dieses Heiligthums so wenig am Herzen, dass Sie ihn uber eine armselige Bedenklichkeit aufschieben mogen? Oder glauben Sie weniger dadurch begunstigt zu seyn, wenn es nicht auch andere wissen? Und wollen Sie muthwillig den Samen des Neids in den Busen einer Freundin ausstreuen? Denn ach! Ihre gute Tante musste nicht so fromm seyn als sie ist, wenn sie einer andern als sich selbst diese so einzige Reliquie gonnen sollte, da wohl selbst Kloster und Kirchen um weit geringere in Hader und Streit liegen? Ich berufe mich auf Sie selbst, liebes Klarchen! Mit was fur einer Empfindung wurden Sie es ansehen, wenn ich mit diesem unschatzbaren Bande den Fuss Ihrer wurdigen Tante schmuckte? Nein, meine Beste! Es sei fern von mir, durch meinen wohlgemeinten Tausch zwo so gute Seelen zu entzweien! Zudem gehe ich ubermorgen nach Vaucluse; und sollten Sie beharren, den Tag von Sich zu weisen, den ich Ihnen geben kann; nun, so weisen Sie zugleich das Geschenk auf immer von Sich, das Ihnen die gebenedeite Jungfrau durch mich zudachte, und ich schwore nochmals ..."
Hier streckte sie ihre Hande bittend nach mir und ihr Gesicht und ihre Stimme wurden ganz feierlich. "So sei es denn wenn Sie nicht anders wollen, mein Herr! Aber bei der heiligen Concordia beschwore ich Sie! heben Sie, bis zu unserer Vertauschung, dieses himmlische Pfand mit der Sorgfalt auf, die es verdient!"
"O, das verspreche ich Ihnen, Klarchen!" konnte ich noch so ziemlich ernsthaft heraus bringen, und hatte gern aus ihrer Ermahnung mehr geschlossen, als, nach der Wichtigkeit ihrer Miene zu urtheilen, wirklich darin lag. Indess freute es mich schon, dass mich das liebe Madchen fur einen Gunstling jener grossen Heiligen zu halten schien, mit der mich der gelehrte Kirchner, mittelst eines Doppeldukatens in so angenehme Bekanntschaft brachte, und freute mich unendlich, dass schon der erste Versuch meiner aus dem Traktate de probabilitate geschopften Beredsamkeit, selbst uber meine Erwartung, so guten Eingang gefunden hatte.
Ich fuhrte nun, da ich die Treppe frei sah, voll Zufriedenheit mit dem Gegenwartigen, und voll susser Ahndung fur das Kunftige, die schone Heilige hinunter, mit der ich in einer glucklichen Viertelstunde um vieles bekannter geworden war, als es der scharfsichtige Herr Fez hoffentlich in seinem Leben werden soll.
Ehe wir auf die Gasse traten, erinnerte sie mich freundlich, dass man nicht gewohnt sei, sie von irgend einem andern Herrn, als ihrem Gewissensrathe, begleitet zu sehen. Es war eine bittere Erwahnung. Indess liess ich sogleich ehrerbietig ihre Hand fahren, und nahm sogar einen ziemlichen Umweg, um ihr Zeit zu lassen, mit ihren unbegreiflich kleinen Schritten vor mir zu Hause einzutreffen.
Mich erwartete eine Aalpastete, ein rothes Feldhuhn und die schonste Wintermelone; aber hatte mich auch das Gastmahl des L u g n e r s erwartet, so ware doch meine Neugier, die mich nach dem Sammetkastchen zog, starker gewesen als meine Essluss. Ich offnete es mit eben so viel Behutsamkeit als Begierde, und ging nun meine Beute auf das genaueste durch. Aber wie schoss mir das Blut, als ich, nach einer fluchtigen Bewunderung des heiligen Strumpfbandes, den papstlichen Ablassbrief uberlas! Ich sah zu meiner Beschamung und Aergerniss, wie gar sehr ich mich durch meinen Vertrag mit Klarchen ubereilt hatte. Ja, lieber Eduard! die Urkunde des heiligen Vaters ware fur einen Liebhaber fur einen Konig unsern jetzigen nur nicht, Tonnen Goldes werth. Es ist unmoglich, dass unter so genugen Bedingungen, als ich aus Unwissenheit eingegangen bin, mein Tausch-Kontrakt bestehen kann. Die ersten drei Punkte dieses geistlichen Frei-Passes mussen schon jedes unparteiische Gericht davon uberzeugen. Und der siebente Punkt vollends! Nein, mein gutes Klarchen, du wirst den Preis gewaltig erhohen mussen, wenn ich dich in den Besitz einer Reliquie setzen soll, an der so herrliche Indulgenzen haften.
Es ist mir recht lieb, dass ich schon einige Bekanntschaft mit den grossen Kasuisten in meinem Kabinette gemacht habe. Im Falle mich ja meine erhohte Forderung mit Klarchen in Streit verwickeln sollte, werden sie hoffentlich alle auf meine Seite treten, und zu meinem Vortheile entscheiden. Kannst Du es mir wohl in diesen Umstanden verdenken, lieber Eduard, dass ich heute die Unterhaltung mit diesen in meinem Prozesse so wichtigen Mannern der Deinigen vorziehe? Wenn ich ihn gewonnen habe, so will ich gern desto langer zu Deinen Diensten seyn.
Den 5ten Januar.
Das Fest des heiligen Einsiedlers Simeon Stylita ist erlebt, und schon spielen seine Glocken in der schonsten Harmonie. Mit herzlichem Mitleid verfolge ich Unglucklichen, die, von Gicht, Schwindsucht, und Entkraftung gebeugt, dennoch in ihren verzerrten Gesichtern Hoffnung der Besserung und Glauben an ihren Wunderthater tragen, dessen Altare sich ihr Schneckenzug nahert. Nie habe ich so viele Krucken beisammen gesehen. Einige darunter, von fremdem, glanzendem Holze, mit Elfenbein und Perlmutter ausgelegt, zeugen von dem hohen Stande ihrer Besitzer und von dem Luxus unsers Jahrhunderts. Dennoch wunschte ich, dass der prachtige Zug schon vorbei, und die alte uberlastige Tante aus dem Hause ware, die sich, Gott verzeihe ihr diese Sunde! wahrscheinlich noch nicht in dem Grade niedergedruckt fuhlt, um sich in diesem ausgedienten Vortrabe mit auf der Gasse zu zeigen. Mein Herz ist voll von gegen einander laufenden Empfindungen. Meine Jugend, die ungeduldig nach Genusse hinter der Scheidewand schmachtet, erblickt, indem ich an das Fenster trete, das furchtbare Beispiel verschwendeter Krafte offentlich zur Schau ausgestellt. O moge nie Sancta Concordia zulassen, dass ihr treuester Verehrer der Hulfe eines so einfaltigen Heiligen benothigt werde, als mir in diesem Augenblicke Simeon Stylita mit seinen Nachtreten: vorkommt. Doch ich hore freue Dich mit mir, Eduard! die alte Tante aufbrechen Jetzt steigt sie die Treppe hinab; jetzt verschliesst sie das Haus; und nun sehe ich sie auch schon uber die Gasse hinken. Aber warum pocht mir das Herz? Von so guten Sachwaltern unterstutzt mit so herrlichen Dokumenten versehen was kann ich furchten? Muss mein Prozess mit Klarchen nicht den besten Ausgang gewinnen? Und doch unbegreiflich! bin ich muthlos, wie einer der seinen Rechten nicht traut, wie einer der sich noch nicht ganz in den Sinn seiner Konsulenten einstudiert hat. Doch wie mag ich meine Zeit so verplaudern, da Klarchen wartet?
Indem ich vor drei Stunden, mein schwarzes Sammetkastchen in der Hand, das kleine artige Zimmer des lieben Kindes zum erstenmale betrat, kam sie mir mit einer Miene entgegen, die aus Ernst, Freude und Bescheidenheit zusammen gesetzt schien. Wie leicht lasst es sich mit so einem Madchen sprechen! Ihr Herz, das so hell auf ihrer Physiognomie wiederscheint wie schon erklart es nicht das konventionelle Dunkel ihrer Rede! Einem erfahrnen Manne, der solche Dolmetscher gegen uber hat, kann keine Verhandlung, sie sei noch so verwickelt, zu schwer fallen.
Ich nahm, wie billig, das erste Wort, das in Verhaltnissen, wie die unsrigen, immer so druckend ist. "Meine liebe Nachbarin," hub ich an, "ich stelle mich Ihnen zwar als ein ehrlicher Mann; aber urtheilen Sie selbst, bestes Klarchen, von meiner Verlegenheit, da ich mit der Erklarung voraustreten muss, dass unser Handel, in dem Masse, wie ich ihn gestern abschloss, unmoglich bestehen kann." Sie machte gewaltig grosse Augen bei diesen Worten, die sie unter allen wohl am wenigsten erwartete. Der Ernst ihres Gesichtchens nahm zu, die Freude nahm ab, und die Bescheidenheit wusste nicht woran sie war. "Horen Sie nur einige geduldige Augenblicke zu," antwortete ich ihrer Miene: "Das Strumpfband der Maria, wie wir es einstweilen so benennen wollen, musste zwar nach den freiwilligen Bedingungen, denen ich mich gestern unterwarf, Ihnen, bestes Kind, nach allen Rechten gehoren, wenn es nur moglich ware, diese kostbare Reliquie von dem Ablasse zu trennen, den weiland Papst Alexander der Sechste an den Besitz dieses Kleinods gebunden hat. Ich war in Unwissenheit, als ich den Tausch Ihnen antrug, hatte das wichtige Dokument nicht gesehen nicht gelesen, konnte mir nicht vorstellen, dass es Dinge enthielte, die mich, wenn ich den Vertrag erfullte, weit uber die Halfte verletzen wurden; ein Umstand, der alle Vertrage in der Welt aufhebt." Ich bemerkte, wahrend des Eingangs meiner pathetischen Erklarung, mit geheimem Vergnugen, wie sich alles nach und nach aus den Mienen des guten Kindes entfernte, was mich in der Fortsetzung hatte scheu machen konnen. Statt aller Einwendungen, oder statt der, mir am meisten furchtbaren Gegenerklarung, dass sonach jeder Theil sein Eigenthum behalten solle, wusste sie nur die kurze neugierige Frage heraus zu stottern: Wie denn in einem so veralteten Briefe Punkte von solcher Wichtigkeit fur mich enthalten seyn konnten, die ? Hier hielt sie inne; aber ihr unruhiges Auge sagte mir zur Genuge das ubrige, und ich fuhr schon viel gefasster fort: "Ja wohl, meine Theuerste, sind sie von solcher Wichtigkeit, dass ich mich des grossten Leichtsinns schuldig machen wurde, wenn ich mich daruber wegsetzen wollte sie sind wahrlich von so einem Gehalte, dass der Engel selbst, dem ich doch schwach genug bin, alle Anwartschaften der Zukunft gegen einen gegenwartigen billigen Ersatz anzubieten, kaum im Stande ist, die Erwartungen zu verguten, zu denen mich dieses Dokument berechtigt. Doch, Klarchen, Sie sollen erst das heilige Band sehen, dem so grosse Vorrechte ankleben." Und hiermit zog ich es aus seiner Hulle, und legte es in die weissen Hande der kleinen Heiligen. Sie besah es lange mit ehrfurchtsvollem Stillschweigen, wahrend ich das Pergament des Ablassbriefs behutsam aus einander schlug. Und als sie sich endlich seufzend von der Reliquie trennte, deren Besitz ihr noch nicht verstattet war, und nun willig und bereit schien, meine weitere Rechtfertigung und die neuen Vergleichsvorschlage anzuhoren, ruckte ich ihr einen Stuhl an den Tisch, den meine ausgebreitete Urkunde beinahe zur Halfte bedeckte, setzte mich ihr zur Seite, und erleichterte ihr, kraft meiner Vorkenntnisse, die geschwinde Uebersicht und die Untersuchung meiner Beweise. "Hier sehen Sie zuerst, liebenswurdige Klara, die eigenhandige Unterschrift des grossen Papstes, die vollkommen mit dem an die Grafin Vanotia15 gerichteten Breve ubereintrifft, mittelst dessen er dieser seiner Busenfreundin das geweihte Band uberschickt. Sehen Sie, wie gut das grosse Siegel unter dem Ablassbriefe, so wie der Abdruck des Fischerrings auf dem Umschlage des Breve, erhalten ist? Ein klarer Beweis, welchen Werth alle vorhergehende Besitzer dieser wichtigen Schriften, bis auf den Tag, wo das sonderbarste Gluck sie in meine Hande gebracht hat, darauf gesetzt haben. Und nun lassen Sie uns den Inhalt der papstlichen Bulle selbst durchgehen. Die fluchtigste Uebersicht wird schon hinlanglich seyn, Sie von der Billigkeit meiner erhohten Forderung zu uberzeugen. Den ersten Punkt uberschlagen wir, da er bloss die eigenen Verhaltnisse der seligen Grafin betrifft, die mit ihrem Tode aufhorten. Der zweite Satz enthalt die Entsundigung eines Falls, der uns beide nichts angeht, da Sie, meine Beste, wie ich glaube, so wenig Bruder und Sohne haben, als ich Schwestern und Tochter. Von der Erlaubniss des dritten und vierten Punkts, hoffe ich, wollen wir auch nie in die Verlegenheit kommen, Gebrauch zu machen; denn es ist doch wahrlich kein Zufall wahrscheinlich, der uns auf eine wuste Insel verschlagen konnte. Ich uberhupfe auch diesen und diesen Abschnitt, die mir beide, so wiederholt ich sie uberlesen, doch immer noch uber meine Erfahrung und meinen Verstand gehen, und eile zu dem desto deutlichern Inhalte des siebenten Paragraphs, an welchem ich fur meine Person diessmal genug habe. Er beweist klar fur mich, entschuldigt mich hinlanglich, und giebt Ihnen, in dem Falle, den der heilige Vater auf das genaueste bestimmt, zugleich mit dem zartlichsten Wunsche meines Herzens, die einzige Bedingung zu erkennen, unter der ich meinen gestrigen Tauschhandel noch zu erfullen bereit bin."
. 7.
Mulierem aut virginem, quae tempore, quo hanc ligaturam cruralem sanctissimam portat, cum bruto, monacho aut haeretico, peccatum quodcunque carnale committit, eo ipso et auctoritate nostra Papali, inculpabilem declaramus, absolvimus et in integrum restituimus.
Ich hielt nicht fur nothig, diese kitzliche Stelle meiner schonen Freundin zu ubersetzen, da nach der guten Erziehung, die hier auch das andere Geschlecht erhalt, die meisten jungen Frauenzimmer, oft vor dem zehnten Jahre, im Stande seyn sollen, das elegante Latein papstlicher Bullen zu verstehen. Ich glaubte es auch zur Genuge an Klarchens verfarbten Wangen wahrzunehmen, dass sie den Gedanken des heiligen Vaters vollkommen fasste; ob sie mir gleich durch ein paar Worte, die noch dazu unter Weges verungluckten, das allzu grosse Zutrauen benehmen wollte, das ich in ihre Kenntnisse zu setzen schien. "Sie werden nun gern zugeben, schone Klara," fuhr ich in dieser vielleicht zu freigebigen Voraussetzung fort, indem ich meinen Zeigefinger auf dem haeretico meines Paragraphs stehen liess, "dass ich es gegen mich und meine Nachkommen nie verantworten konnte, wenn ich diese bestimmte Erklarung des heiligen Vaters, mit blindem Undanke gegen die Wohlthaten die sie mich hoffen lasst, so schnode verachten wollte, um nicht entweder in Rom selbst unter dem Glanze seines ehemaligen Throns, oder doch in andern seiner geistlichen Gewalt untergebenen Stadten und Landern, eine der Schonsten Ihres Geschlechts aufzusuchen, die zugleich fromm genug ware, fur diese ligatura cruralis der Gebenedeiten grossmuthig eine Indulgenz mit mir zu theilen; und noch dazu eine, die von allen, die er diesem heiligen Bande verlieh, die kleinste ist Es musste denn seyn," fuhr ich nach einer kurzen Pause fort, "dass Sie selbst zur Gewinnung dieses Ablasses sich geneigt fuhlten. Sie haben das Vorrecht; nutzen Sie es, meine schone Nachbarin, und diese vorzuglich dotirte Reliquie kann in einer Stunde Ihr Eigenthum seyn. Ach liebe Kleine!" indem ich einmal uber das andere ihre zitternde Hand kusste, "konnten Sie begreifen, wie mich dieser siebente Paragraph begeistert, Sie wurden ach! gewiss Sie wurden mir keine Zeit lassen, mein Anerbieten mit kaltem Blute zu uberlegen." "Mein Herr," fiel mir das gute Kind mit weinerlicher Stimme ins Wort, "lassen Sie doch, ich bitte Sie, meine Empfindungen auch fur etwas gelten! Der Fall ist zu verwickelt Ihre Forderungen sind mir noch gar nicht deutlich; aber gewiss sie sind zu ungestum um gleichgultig zu seyn, ach! und ich furchte mich zu sehr vor Uebereilung. Vergonnen Sie mir Bedenkzeit nur bis auf ubermorgen, an dem Namenstage meiner Tante, wo ich wieder, wie heute, mir selbst uberlassen seyn werde. Sie wissen nicht, was mein Gewissensrath fur schwere Interdikte auf mich gelegt hat! Sie wissen nicht, mein Herr," (o ja, ich wusste es noch von ihrer Tante her, als sie mir die Thur wies), "unter welchem machtigen Zeichen ich stehe! Nein, wahrlich, die Veranlassung mag noch so loblich seyn ich darf mich ohne Vorwissen Ihro Hochwurden zu gar nichts verstehen."
Hier trat nun der Fall ein, lieber Eduard, meinen Sachwaltern Ehre zu machen. Ich that es mit der feurigsten Beredsamkeit, die mir bei einer halben Stunde die Aufmerksamkeit meiner Freundin zuzog. Ich sah jede Minute deutlicher, wie machtig die Salbung eines Kasuisten auf das Herz einer Heiligen wirkt; und nachdem ich sie von den Vorrechten der papstlichen Schlussel, von der uberwiegenden Gewalt des Papstes gegen alle heiligen und heimlichen Kunste subalterner Geistlichen, und besonders durch meine herzhaften und liebevollen Augen uberzeugt hatte, dass ich in allem, was zu der grossen Wirtschaft der Natur gehort, an keinen mystischen Widerstand glaube, so ward es mir immer wahrscheinlicher, dass eine noch nahere Ursache, als ein Gewissenszweifel, da seyn musse, die das gute Kind nothigen konnte, hartnackig auf ihrer Bedenkzeit stehen zu bleiben. Sie zog wahrend meiner Rede das Sammetkastchen einigemal vor sich, und betrachtete das heilige Band, als ob sie sich nicht satt daran sehen konne, und schob es immer mit einem neuen Seufzer von sich. Ich hatte mit kindischen und weiblichen Gelusten sehr unbekannt seyn mussen, wenn ich nicht daraus geschlossen hatte, was zu schliessen war; und noch weniger musste ich meine eigenen verstanden haben, wenn ich nicht den ihrigen in so weit zu Hulfe gekommen ware, als es die Umstande erlaubten. Wie sie also zum drittenmale: nach dem Schatzkastchen griff, legte ich mich grossmuthig ins Mittel: "Wissen Sie was, Klarchen," sagte ich mit dem Tone der Gefalligkeit, "da ich sehe, wie schwer es Ihnen ankommen wurde, Sich von der heiligen ligatura, zu trennen, so will ich Ihnen den Gebrauch derselben, jedoch mit Vorbehalt meines Eigenthums, bis auf den Entscheidungstag uberlassen. Es wird alsdann von Ihnen immer noch abhangen, den einstweiligen Tausch zu bestatigen oder aufzuheben. Wissen Sie doch die Bedingungen."
Sie schien zwar sehr geruhrt uber mein Zutrauen, doch selbst bei der sichtbaren Freude, die ihr mein Anerbieten verursachte, zeigte das kluge Madchen eine Behutsamkeit, die mich sonderbar uberraschte, und mich zu einem Exegeten machte, wie es nur einen giebt. "Warum," fragte sie ernsthaft, "warum, mein Herr, vermeiden Sie doch dieser heiligen Reliquie ihren rechten Namen zu geben? Ist es nicht das Strumpfband der Madonna? la jartiere de Marie Warum bleiben Sie nicht bei dem franzosischen Ausdrucke?" Zu einer andern Zeit, Du traust es mir wohl zu, Eduard, wurde ich es nicht der Muhe werth geachtet haben, nur ein Wort uber die richtige Benennung dieses Kabinetsstucks zu verlieren. Jetzt aber da mich der Einwurf der schonen Klara aufmerksam auf die Folgen machte, welche die eine oder die andere Bedeutung herbei fuhren wurde jetzt, da mir die Rechte einer ligatura cruralis weit wichtiger vorkamen, und mich wenigstens um einige Zoll weiter zu bringen versprachen, als die eines franzosischen Strumpfbandes, jetzt kam alles darauf an, meinen gebrauchten Ausdruck gegen die kleine Wortkramerin zu vertheidigen. "Liebe Freundin," antwortete ich ihr mit einer viel sagenden Miene: "dem aussern Ansehn nach, sollte man freilich diese heilige Reliquie nur fur ein Strumpfband halten. Sie haben noch uberdiess die Angabe des Ausrufers fur Sich. Nun ist zwar der Mann, dem Sie in einer so wichtigen Sache Glauben beimessen, wohl nichts mehr als ein unwissender Miethling, der die Grundsprachen nicht versteht, und dem eine richtige Erklarung der fremden Waare, die er ausbietet, ganz einerlei ist, wenn er sie nur an den Mann bringt, und seine Procente davon zieht; doch hier ist er billig eher zu entschuldigen, als Ihre schwankende, fluchtige Sprache. Es war nicht seine Schuld, dass er in derselben kein anderes als das Wort jartiere finden konnte, wovon auch die besten Ausleger eingestehen mussen, dass es den zwiefachen Sinn sowohl eines Bandes hat, das um den Strumpf als eines, das, wie das vorliegende, um das Knie gebunden wird." "Um das Knie?" fiel mir Klarchen hier hastig in die Rede. "Aus was fur Grunden konnen Sie das behaupten?" "Wenn es Noth hatte, sollte es mir sehr leicht seyn," antwortete ich ernsthaft, "der Stellen eine Menge aus dem Talmud beizubringen, die Ihnen diese Gewohnheit bewiesen; ja, hatten wir Zeit, so konnten Sie selbst es sind ja Judinnen genug in der Stadt daruber bei ihnen nachfragen lassen: aber zum Gluck konnen wir aller dieser Weitlauftigkeiten entbehren, da die klaren Worte des Textes vor uns liegen. Der heilige Vater nennt das Band nicht umsonst ligaturam cruralem, das nur mit jartiere crurale ubersetzt werden darf, um den Sinn ganz zu umfassen. Die siebenzig Dolmetscher konnten es nicht wortlicher ausdrucken; und in heiligen Dingen," setzte ich mit einem Seufzer hinzu, "ist es immer das Sicherste sich an den Buchstaben zu halten. Uebrigens seyn Sie ganz unbesorgt, liebes Klarchen!Es kommt dermalen nicht auf das Mass Ihrer Strumpfe die Sie kunftig verlangern konnen, wenn wir Handels eins sind, sondern es kommt auf die Gegend an, die ich die Ehre haben werde Ihnen zu zeigen, wohin eigentlich das Band, nach seiner ersten Bestimmung, und nach den Gebrauchen des Morgenlandes, gehort, denen allein die Mutter Gottes, wahrend ihrer Wallfahrt auf Erden, gefolgt ist. Es war meine Schuldigkeit, liebes Klarchen," endigte ich, "Sie erst mit dem Kleinode, das ich Ihnen anbiete, auf das genaueste bekannt zu machen, damit kein Missverstandlich bei der Auswechselung vorfalle; denn so gern ich Ihnen auch in gleichgultigen Dingen zu Gefallen lebe, und so zufallig ich auch zum Dienste dieses Heiligthums berufen seyn mag, so kann ich doch n u n auf keine Weise zugeben, dass Sie es fur das halten, was es Ihren leiblichen Augen scheint fur ein Strumpfband, oder dass Sie glauben, es b e d e u t e nur einen Kniegurtel, da ich in meinem Gewissen uberzeugt bin, und mich darauf todt schlagen lasse, dass es einer ist."
Meine Rede machte, entweder durch ihren langweiligen Gang, oder durch ihre Wahrheit, den Eindruck, den ich wunschte. Meine schone Schulerin schien beruhigt, und indem sie sich auf den Sopha zurecht setzte, versprach sie, um auch mich zu beruhigen, mit feierlichem Ernste, mir das Kleinod, das ich ihr auf einige Zeit anvertrauen wollte, ohne allen Schaden wieder zu uberliefern, wofern wir nicht des Handels eins wurden. Gutes Klarchen! dachte ich bei mir selbst, das ist das letzte, was ich furchte. Was denkst Du davon, Eduard? Wird ihr nicht die susse Schwarmerei ihrer Seele jeden noch so bedenklichen Schritt erleichtern? Wird sie nicht, wie jeder Enthusiast, sobald sie das Band an sich fuhlt, zugleich auch wirklich den wohlthatigen Einfluss empfinden, auf den ihr Glaube hofft? stolzer einhertreten, ruhiger in die Welt und verachtlicher auf ihre Mitgeschopfe blicken, und in immer sussen Traumen wachen und schlafen? Ja, du kannst, sprach ich mir muthig und hoffnungsvoll zu, deine Forderungen noch so hoch spannen, sie wird fur diesen mystischen Gurtel alles andere ohne Reue verschwenden, wovon sie Herr ist.
Wahrend dieser meiner psychologischen Betrachtung hatte Klarchen den rechten Fuss, der nicht mit in den Vertrag geschlossen war, gerade vor sich auf den Sopha gelegt, als ob er, wie die Hand des Gerechten, nicht wissen sollte, was der Linke thate Und
Und voller Gute streckte sie
Den auserwahlten Fuss bis an das weisse Knie,
Und sah, errothend, mich bei meiner Arbeit lauschen.
Mit zitternder verwohnter Hand
Lost' ich das eingetauschte Band
Voll Scham, so wenig einzutauschen.
Ach, dass ich's eher nicht bedacht!
Was hatt' ich nicht mit einer Thrane
Der heiligen, erfahrnen Magdalene
Fur einen guten Kauf gemacht!
Der richtigen Erklarung des Grundtextes allein hatte ich es zu verdanken, dass meine Augen sich nicht bloss mit der herrlichen Form des Fusses begnugen mussten, der, mit einem weissseidenen Strumpfe bedeckt, mir in der Hand lag. Nein, Eduard, ich gewann, kraft meiner Exegese, auch noch den Anblick einer guten Spanne der blendendsten Haut, wie sie wohl selten ein Schriftgelehrter zu sehen bekommt. Welche Entdeckungen der Sinnlichkeit versprach mir nicht diese kleine Probe der unverhullten Natur, sobald ich nur die heiligen drei Konige hinter mir haben wurde, die mir verzweifelt langsam zu reisen schienen. Die Lust des Anschauens fesselte mich so sehr, dass ich wer kann mir's verdenken? alle Kunstgriffe der Analyse und Polemik aufsuchte, um nur mein Wohlbehagen zu verlangern. "Hier, schone Klara," stotterte ich, indem ich bald dieser, bald jener Hand vergonnte, wechselsweise den elastischen Fuss zu umspannen, damit keine bei der Spende eines sussen Gefuhls zu kurz kame, "hier ist die Gegend, wie die besten Ausleger des Talmud versichern, wo die Jungfrauen in Kanaan und Judaa den Gurtel zu tragen pflegten, obgleich" meine Finger wagten sich noch uber einen Zoll hinauf "der gelehrte Ritter Michaelis behaupten will, dass es sehr die Frage sei, ob nicht nach dem samaritanischen Texte" ... "Mein Herr," fiel mir hier Klarchen hastig in's Wort, indem sie sich ein wenig hoher setzte, "ich dachte, die judischen Gebrauche waren sehr albern, und Sie wurden mir wirklich einen Gefallen thun, wenn Sie Sich nicht weiter dabei aufhielten." "Dieser kurze, kalte Zuruf machte mich irre. Ich kam mit meinen Beweisen in's Stocken, verknupften den heiligen Gurtel so ungeschickt als moglich, und sah sogar vor Betaubung nicht eher, als bis die Auswechselung vorbei war, was fur ein neues himmelblaues seidenes Band, mit einer grossen Schleife, ich statt des verblichenen linnenen Fetzen der Reliquie eingetauscht hatte. Die kleine brautliche Koketterie, die ich in der gesuchten Auswahl dieses schimmernden Bandes zu entdecken glaubte, schien mir von der besten Vorbedeutung. Ich wies mein prophetisches Herz, bis zu der nahen Erfullung seiner ungestumen Wunsche, zur Ruhen und dachte, wie ich mir vorstelle, dass die zu einer Spiel-Partie um das Konigreich Pohlen vereinigten Machte gedacht haben, als sie die Scheidungslinie ihres leichten Gewinnes, vermutlich in der kuhnen Voraussetzung entwarfen, sie gelegentlich wohl noch zu erweitern, und nach und nach, erst diese, dann jene angranzende Starostei, oder diesen und jenen Pass in das offne Land an sich zu ziehen.
Klarchen erlaubte mir, nachdem der Vorhang des ersten Akts gefallen war, noch uber drei Stunden bei ihr zu bleiben. Das ist eine entsetzlich lange Erlaubniss, wirst Du denken. Aber lass Dir nicht bange seyn! Das Madchen giebt so viel zu beobachten und zu entrathseln, dass, wenn ich Dir die mannigfaltigen Bluthen ihrer Unterhaltung nur so frisch zubringen konnte, als sie mir in die Hande fielen, Du wohl begreifen solltest, wie einem die Zeit in ihrem Zirkel vergehen kann. Aber da liegt eben der Knoten! Es fallt der Feder lange nicht so leicht zu schwatzen, als der Zunge, die von hundert Kleinigkeiten: unterstutzt wird, welche auf dem Papiere verschwinden. Das Spiel der Mienen, das den Fugungen der Worte besser zu Statten kommt als alle Regeln des Syntaxes, geht in der Beschreibung so gut wie verloren. Die Modulation eines wohl angebrachten Seufzerchens, das oft einem dunkeln oder mussigen Ausdrucke erst den Verstand giebt das Dehnen das Verschlucken das Steigen und Fallen der Stimme, ach! alle jene vielfaltigen bedeutenden Schatzungen der Rede wer ist vermogend, sie mit der Wirkung wieder zu geben, die sie nicht allein auf das Ohr, sondern ofter noch auf das Herz haben? Diese gewohnlichen Schwierigkeiten, die allen Erzahlern gemein sind, wie sehr wurden sie mich erst zwangen und drangen, wenn ich es unternahme, den Dialog eines Madchens zur Schau zu legen, das solche mitsprechende Augen, solch ein beredtes Stillschweigen, solch ein bedeutendes Lacheln, und eine Art von Errothung in ihrer Gewalt hat, die mir nirgends noch vorkam! Setze noch dazu, dass dieses Madchen ein Kind auf der einen Seite eine ausgebildete Heilige auf der andern mit dem Gegenwartigen nur halb zufrieden uber das Bevorstehende nicht einig mit sich selbst, und seit Minuten erst in dem erborgten Besitze eines Kleinods ist, das sie ubermorgen bezahlen soll, ohne zu wissen woher? und Du musstest blind seyn, um nicht einzusehen, dass sie nichts weiter zu entwickeln braucht, um es dem besten Erzahler unmoglich zu machen, s o feinen Uebergangen des Geschwatzes und des Gefuhls, als bei einer s o l c h e n Zusammensetzung von Charakter und Verhaltnissen nothwendig vorkommen mussen" mit seiner Feder nachzutraben. Und doch muss ich, so schwer ich daran gehe, Dir wenigstens ein Fragment unserer Unterhaltung mittheilen, weil es gar zu sonderbare Neuigkeiten uber den weitern Fortgang meines Lasions-Prozesses mit dem Madchen enthalt, die Du eben so wenig wirst geahndet haben als ich.
Die Kleine sass, nachdem sich das erste Aufwallen ihrer Lebhaftigkeit gelegt hatte, jetzt desto ernster in sich gekehrt, bei einer Viertelstunde schon vor mir, und gonnte mir durchaus keinen andern Zeitvertreib, als im Stillen den Nuancen ihrer Empfindungen nachzuspuren, wie sie sich ausserlich zeigten. Aber auch das war, ich versichere Dich, keine leichte Arbeit. Mitten in ihrem stolzen seligen Gefuhl, worin sie uber den vergonnten Gebrauch des heiligen Bandes verloren schien, farbte ein ungefahrer Blick auf d e n , der es ihr umband, ihre Wangen mit dem brennendsten Roth, und druckte ihre Augen zur Erde. Sah ich nun gleich bald hinterher den trostenden Gedanken nachsteigen, zu wessen Glorie sie ihre Bescheidenheit verlaugnete, und ihr Knie den ungeweihten Blicken eines Ketzers Preis gab und trat gleich nunmehr ein Anstand, wie man ihn selten sieht, in dem Verhaltnisse bei ihr hervor, in welchem ihr aufbrausendes Blut allmahlich sich setzte; so dauerte doch diese Ruhe nicht lange. Ihr susses Lacheln, das schon auf dem Wege war, verflog wieder; der harmonische Laut, auf den sich meine beiden Ohren schon spitzten, erstarb vor meinen Augen auf ihren bebenden Lippen. Sie warf wilde Blicke, bald auf den lateinischen Brief, der zwischen uns lag, bald auf mich; und diese Ebbe und Fluth ihrer Empfindungen war so schnell, dass ich Muhe hatte, ihnen nachzukommen, und die geheime Ursache davon aufzufinden, die, als ich ihr am Ende mit meiner Untersuchung beikam, solltest Du es glauben, Eduard? in nichts anderm als in dem Grausen vor den unbekannten Ceremonien bestand, unter welchen sie berufen seyn durfte, den Namenstag ihrer geliebten Tante zu feiern. Da sie wahrend dieses ihres innern Tumultes, aus dem ich sie so gern gezogen hatte, zweimal schon ihren linken Fuss beinahe krampfartig bewegt hatte, so nahm ich beim drittenmale Gelegenheit, unser so lange unterbrochenes Gesprach wieder in Gang zu bringen.
"Sie zucken mit dem Fusse, liebes Klarchen:" hub ich an, "ich habe Ihnen doch wohl nicht den heiligen Kniegurtel zu fest gebunden und Ihnen weh gethan?" "Nein," antwortete sie, nach ihrer unbefangenen Art: "Sie haben es so recht gut gemacht Allenfalls ware auch Rath dafur." "Und wofur, Klarchen, ware denn nicht Rath in der Welt?" "Meinen Sie?" "Ausser fur den Tod," fuhr ich lachelnd fort. "Und ausser fur ubermorgen," murmelte sie, doch laut genug, dass ich es horen konnte, ward dabei roth, und hielt einen Augenblick ihre rechte Hand vor die Augen. "Liebes Klarchen, das ist eine seltsame Verbindung von Ideen!" "O!" dehnte sie, "nicht so seltsam als es Ihnen vorkommt. Die Zumuthungen Ihres Geschlechts, habe ich immer gehort, gehen einem tugendhaften Madchen bitterer ein als der Tod." Diese letzten funf Worte, Eduard, waren wie auf Noten gesetzt. "Gewiss, liebe Kleine," antwortete ich traulich, "gewiss habe ich Ihnen den Gurtel zu fest gebunden." "Woraus, ich bitte Sie, wollen Sie das schliessen?" "Aus Ihrer kindischen Furcht vor ubermorgen," sagte ich lachelnd. "Nun, das gestehe ich, mein Herr, diese Ihre Ideenverbindung ist Wohl seltsamer als die meinige; sie ist mir ganz rathselhaft." "Kann wohl seyn, liebenswurdiges Kind; warum vermeiden wir, deutlich mit einander zu reden?" "Noch deutlicher, mein Herr? Ich dachte, hieruber hatten Sie Sich wenig vorzuwerfen." "Und auch Sie nicht, Klarchen?" "Auch ich nicht, mein Herr. Ich habe Ihnen alle Zweifel entwickelt aber wie wenig haben Sie darauf geachtet!" "Ich hatte nicht darauf geachtet? Kleine Schwatzerin! habe ich sie denn nicht sogar vollig gehoben?" "O bei weitem nicht, mein Herr!" "Klarchen! Ich erstaune Also waren alle meine billigen Erklarungen in den Wind gesprochen gewesen? Sie fanden die himmlische Reliquie fur den gemeinen Preis, den ich darauf setze, noch immer zu theuer? und bei der Menge von Indulgenzen, mit denen ich Sie, ohne dass ich gross thun will, bereichere, konnte es Ihnen noch einen Augenblick sauer ankommen, die kleinste davon mit mir zu theilen?" "Horen Sie mich an, mein Herr," unterbrach sie mich jetzt mit edlem Anstande: "Das Strumpfband der Gebenedeiten ich gestehe es Ihnen unverholen ist mir mehr als lieb; es ist mir unschatzbar, und ich weiss nicht, ob ich es uberleben wurde, wenn ich mich von ihm trennen sollte. Sie haben es, unter sehr banglichen Minuten fur ein sittsames Madchen, zu einem Kniegurtel erklart; auch das habe ich mir gefallen lassen: aber welche neue Demuthigung in aller Welt soll ich denn noch fur das Band, oder den Gurtel der reinen Jungfrau bezahlen, die ach, mein Herr! von keinem Manne gewusst hat? Sehen Sie, ich bin nur ein einfaltiges unschuldiges Kind mit allem meinem Nachdenken bringe ich es doch in Ewigkeit nicht heraus, was Sie ubermorgen etwa von mir erwarten und das angstigt mich eben." "Wie, Klarchen?" antwortete ich ganz betroffen: "Sieht es mit unserm Handel noch so weitlauftig aus? Ist es denn, ich bitte Sie, der Kniegurtel der Madonna allein, den ich Ihnen anbiete? Gehoren denn nicht auch die Freiheiten dazu, mit denen ihn Papst Alexander so grossmuthig beschenkt hat? und haben Sie denn wirklich den siebenten Paragraph seines Ablassbriefs so gar wenig verstanden?" "Auch nicht eine Sylbe davon, mein Herr," antwortete sie. "Ja, ich, und fremde Sprachen!" "Wenn es nur daran liegt, Klarchen, so soll es mir keine Muhe kosten, Ihnen den Inhalt in gutes Franzosisch zu ubersetzen Sie mussten denn lieber warten wollen, bis ubermorgen, wo ich ihn in einem Dialekte vorzutragen hoffe, der aller Welt den sinnlosen Bewohnern des Feuerlandes so gut als der klugsten und artigsten Europaerin gleich verstandlich und angenehm ist." Sie stockte "Werden Sie nur nicht ungehalten, mein Herr!" nahm sie endlich mit einem scheuen und bittenden Blicke das Wort wieder: "aber darf ich wohl in Ihrer eigenen Sache mich auf Ihre Ubersetzung verlassen? Denken Sie sich nur an meinen Platz! Ich zittere so leicht vor allem woran ich nicht von Jugend auf gewohnt bin. Zum Glucke habe ich mich immer in verwickelten Fallen an den Rath meiner Tante und meines Gewissensrathes halten konnen, d i e V a t e r - u n d M u t t e r - S t e l l e bei mir vertreten; und jetzt in der bedenklichsten Lage meines Lebens vielleicht soll ich mit treuloser Verwegenheit" das Wort gab mir einen Stich in's Herz, Eduard, "mich selbst um ihre Hulfe betrugen? soll hinter dem Rucken so erprobter Freunde auf das Wort eines Fremden mit mir schalten und walten, als ob ich ihrer Erfahrung nicht weiter bedurfe? Sagen Sie mir auf Ihr Gewissen, mein Herr, ob diess redlich, ob diess erlaubt sei? Habe ich nicht schon," fragte sie auf das beweglichste, "unrecht, sehr unrecht gethan, dass ich d e n b e f e u e r t e n B l i c k e n e i n e s j u n g e n H e r r n den ruhigen Ort Preis gab, wo in Canaan und Judaa wie Sie mir, glaube ich, haben weiss machen wollen ... Ach, mein Herr," unterbrach sie sich hier selbst mit einem uber die Massen verlangerten Seufzer, "Ihre Nachbarschaft, furchte ich, ist mir eine n a h e G e l e g e n h e i t z u s u n d i g e n geworden. Heilige Madonna! Ein junger Fremder heute und ubermorgen allein mit mir in Einem Zimmer? Z w e i m a l i n E i n e r W o c h e ? Je unglaublicher mir alles das wurde geschienen haben, wenn es mir jemand hatte wahrsagen sollen, desto mehr muss es jetzt mein Herzklopfen vermehren. Ich mochte so gern, ich wiederhole es Ihnen, mein Herr, die heilige Reliquie gewinnen: aber bei den eilftausend Jungfrauen schwore ich Ihnen zu, dass ich so wenig weiss, was Sie noch von mir f o r d e r n konnen, als ich weiss, was mir in solchen Umstanden meine Religion zu geben erlaubt. Ach, wer soll mir in dieser unaussprechlichen Verlegenheit rathen?"
Weisst Du wohl, Eduard, was mir, wahrend dieses frommen Anfalles der Kleinen, durch den Kopf fuhr? Das will ich Dir aufrichtig sagen! Anfangs nichts weiter, als eine Zeile von Voltaire, die ich Dir zu errathen gebe nachher die zwo darauf folgenden, die ich Dir hersetze:
C'est un grand bien! mais de toucher un cur
Est a mon sens un plus cher avantage.
Zuletzt aber gingen meine ausschweifenden Gedanken stufenweise vom Erstaunen zum Mitleid, in den grossmuthigen Entschluss uber, meine Ohren nicht langer dem Girren dieser Unschuldigen zu verstopfen, und einer so bewahrten Heiligkeit mochte sie mich auch noch so sehr uberraschen in Zukunft die Ehre zu erzeigen, die sie verdient. Reizender zwar hatte ich das Madchen noch nicht gesehen, als in diesem ruhrenden Auftritte. Aber die einfache Beredsamkeit ihres reinen Herzens welcher Sophist vermag ihr zu widerstehen! machte einen ungleich starkern Eindruck auf das meinige, als alle Lockungen ihrer Jugend, und bewirkte eine so ganzliche Umstimmung in mir, dass ich in diesem Augenblicke nicht vermogend gewesen ware, ihre beseelten Lippen nur um einen Kuss zu betrugen. Wie ruhrte mich das offene Gestandniss ihrer Unwissenheit, das mit dem stillern Beweise so artig ubereinstimmte, den ihre bebende Hand, ohne zu ahnden, dass ihr ein menschliches Auge nachschleichen wurde, schon bei dem schlafenden Engel abgelegt hatte! Jenes Restchen von Staub, wie einer kunftigen Berechnung weiblicher Unschuld und Tugend der ihrigen den Ausschlag zu geben! Wie dankte ich es dem Zufalle, der mich endlich einmal eine Heilige, in der achten Bedeutung des Worts, kennen lehrte, da ich mir zuvor von der sonderbaren Zusammensetzung eines solchen Geschopfs keinen Begriff machen konnte! Wo hatte ich ihn hernehmen sollen? Ich staunte gerade vor mich hin, und war drauf und dran, dem frommen unbefangenen Kinde das Spielwerk ihrer Seele, nebst der ruckstandigen Bezahlung edelmuthig zu schenken, und meine Wege zu gehen.
"Klarchen, gutes frommes Klarchen," sagte ich, und ergriff und druckte, beinahe mit vaterlicher Zartlichkeit, ihre Hand, "noch ist nichts unter uns vorgegangen, was nicht in allen Religionen der Welt zu vergessen und zu vergeben ware; darauf konnen Sie sich verlassen! Ihre ubrigen Zweifel aber, liebe Kleine, sind von mehrerem Belange. Wenn ich sie Ihnen nach meinem Gewissen, das Sie aufgefordert haben, nach der strengen Moral, in der ich unterwiesen bin, nach meinem Glauben, nach meiner Ueberzeugung beantworten soll, so muss ich Ihnen unverholen sagen, dass Sie" ... "O!" unterbrach mich hier das in Furcht gejagte Kind, "wie darf ich der Moral und der Ueberzeugung eines Ketzers Gehor geben? Wie darf ich einer andern Glaubenslehre folgen als der meinigen? Nimmermehr, mein Herr, nimmermehr!" "So horen Sie doch nur, Klarchen," fiel ich mit ernster Stimme ein: "Die Regeln der Sittenlehre sind" hatte ich beinahe gelogen "in allen Religionen und bei allen Volkern der Erde, dieselben;" aber sie liess mir nicht Zeit dazu. "Nein," rief sie mit angstlichen Geberden, "nein, mein Herr, ich darf Sie nicht anhoren." Ich ward hitzig. "Auch nicht," fragte ich mit starker mannlicher Stimme, "wenn ich Ihre wankende Tugend befestigen, wenn ich wider meinen Vortheil sprechen wenn ich Sie vor dem Ablassbriefe des heiligen Vaters warnen will auch dann nicht?" Sie hielt sich, statt mir zu antworten, die Ohren zu. "Nun bei Gott!" murmelte ich vor mir hin, "das ist unertraglich!" stampfte mit dem Fusse und sah ungewiss in die Hohe. "Seit acht Tagen, war ich mir bewusst, hatte ich keinen Gedanken gefasst, der meinem Herzen mehr Ehre machte; und jetzt trat mir nun d a s Kind, das s e l b s t ihn entwickelte, in den Weg, da ich eben daran war ihn auszufuhren. Ich dachte doch bei meiner Ehre, die ein und vierzig Dukaten, die ich, mit allem dem was daran hangt, so grossmuthig im Stiche lasse, verdienten es schon, dass sie mir zuhorte! Aber gewiss hat sie mich noch nicht so recht verstanden. Ich will mich deutlicher machen, und es musste nicht gut seyn, wenn sie mir nicht noch zu Fussen fallen und mich als ihren Schutzengel verehren sollte, so bald sie mich nur erst kennen lernt. In diesen Gedanken setzte ich mich ungefahr in dieselbe Stellung, als letzthin, wo ich, nicht weit von der Eselspost, der guten Margot warnenden Unterricht uber den Amor gab.
Ich ergriff die Hande des straubenden Madchens, um sie abzuhalten sie nicht wieder vor die Ohren zu nehmen, fasste das" wilde Kind mit meinen beiden Knieen, dass es mir Stand halten musste, und wie sie nun so vor mir stand, blickte ich ihr mit der zartlichsten Aufrichtigkeit in die Augen. "Liebes Klarchen," redete ich sie an, "Sie sind jung, schon, und frommer und unschuldiger, als ich noch je ein Madchen gekannt habe; aber Sie haben mir nun zu sehr schon Ihre Schwachheit gegen Reliquien verrathen, und da werden Ihnen alle Ihre Tugenden nichts helfen, wenn ich nicht ehrlich mit Ihnen verfahren will. Sie werden der Gewalt, die mir das Zauberband der Maria und Papst Alexander der Sechste uber Sie giebt, so tief unterliegen mussen, als es unser Kontrakt verlangt. Aber, bestes Kind," indem ich mit meinen beiden Knieen sanft die ihrigen druckte, "horen Sie mich nur einen Augenblick mit Aufmerksamkeit an, und Sie werden sehen, dass ich es nicht so bose mit Ihnen meine. Sehen Sie, so schwer es mir auch ankommt, allen den Freuden von ubermorgen allen den Indulgenzen zu entsagen, die ich Ihnen mit dem heiligen Kniegurtel ungetheilt uberlasse, so fuhle ich doch mit innigster Selbstzufriedenheit, dass ich es vermag. Ich verlange nichts dafur als Ihre Freundschaft; und diese erlaubt Ihnen Ihre Religion warum sehen Sie Sich so schuchtern um? auch einem Ketzer zu schenken, wenn er sonst ein ehrlicher Mann ist. Wundern Sie Sich nicht zu sehr uber meine Grossmuth! Sie ist nicht so uneigennutzig als Sie denken. Es liegt ein gewisses stolzes Vergnugen darin, das mir selbst mehr werth ist, als die hochste Befriedigung der Sinnlichkeit. Sie sind wahrlich nicht das erste Madchen, das ich in seiner wankenden Tugend befestigt selbst in der kritischsten Lage befestiget habe, wohin ich sie erst selbst gebracht hatte; und ich habe immer gefunden, dass ihnen diese Lektion dienlicher gewesen ist, als jede andere. Ein unschuldiges weibliches Herz, ich gestehe es Ihnen, ist mir Zeit meines Lebens immer das liebste Spielwerk gewesen; und ich bin gewiss der Freude nicht unwerth, um die ich Sie bitte, mich die geheimsten Falten auch des Ihrigen, jede seiner Empfindungen, und alle die kleinen lieblichen Wendungen seiner liebenswurdigen Unerfahrenheit ohne Zuruckhaltung sehen zu lassen die mir wirklich ungleich mehr Freude machen, liebes Klarchen, als die wundervollsten Reize des Korpers. Gonnen Sie mir, mit einem freundschaftlichen, unumschrankten Zutrauen, diesen sussen Anblick, und ich stehe sogleich von allen Anspruchen meines Handels ab." Du siehst, Eduard, wie weit ich ging, um nur zur Ehre meiner Religion und Moral Recht zu behalten; aber es war nicht moglich. "Nein, nein, nein," schrie das einfaltige Ding einmal uber das andere: "ich darf die Freundschaft eines Ketzers ich darf seine Geschenke nicht annehmen; und mein Gewissen verbeut mir, auf die Fallstricke seiner Lehren zu achten. Warum, wenn Sie es so ehrlich mit mir meinen, lassen Sie mich nicht Rucksprache bei meinem Gewissensrathe und Glaubensgenossen halten?"
Ich war so vollkommen uberzeugt, Eduard, dass in diesen Augenblicken, wo ich es so gut mit dem Madchen meinte, auch in ihrer Seele kein anderer Gedanke herrschen konne, als die Bewunderung meiner Uneigennutzigkeit und Grossmuth. Stelle Dir also vor, wie mir zu Muthe ward, als ich mich so hasslich betrogen sah. Du weisst, es geht mir mit dem P r o p s t e , wie jenen bezauberten Ohren in einer gewissen Feengeschichte mit dem Worte Trarara. Ich konnte den Ehrenmann nicht nennen horen, ohne sogleich aus der angenehmsten Ideenverbindung in die bitterste uberzuspringen, die man sich denken kann. Meine gespanntesten Empfindungen erschlafften, und meine Treuherzigkeit gegen das Madchen verwandelte sich in sichtbaren Unmuth. Ich liess ihre warmen Handchen fahren, und entliess sie so plotzlich aus der Gefangenschaft meiner Kniee, dass sie nicht wusste wie ihr geschah. Sie blickte mir verwundernd unter die Augen. "Sie sind doch nicht bose?" fragte sie, setzte sich neben mich, und streichelte mir schmeichelnd die Wangen. Nun hat jeder Beweis eines guten Herzens, er mag sich zu erkennen geben wie er will, immer den starksten Eindruck auf das meinige gemacht, und es brauchte auch jetzt weiter nichts, um mich schnell wieder umzustimmen. So weit, dachte ich, hat sich wohl diese kleine schuchterne Hand, deren Unschuld ich so genau kannte, noch nicht verstiegen. Das ruhrte mich ungemein. Ich schwieg zwar, aber ich druckte dieser niedlichen Hand so wiederholte und ausdrucksvolle Zeichen meiner Versohnung auf, dass die gute Kleine wohl fuhlen musste, dass es mein ganzer Ernst damit war. Mit Einem Worte, Eduard, das Madchen fing an, mich noch herzlicher zu dauern als vorher. Mein Gott! sagte ich mir, wie magst du dich nur uber das liebenswurdige Kind argern! Bei seiner Aufrichtigkeit und Unschuld kann es ja beinahe nicht anders sprechen und handeln! nur aber bringt uns d a s weder einen Zoll ruckwarts, noch vorwarts. Ich hatte ihr, Du weisst es Eduard, so gern alle meine Heiligthumer umsonst uberlassen; aber sie will sie ja so wenig zum Geschenke von mir annehmen, als meine Freundschaft. Zu fromm auf der einen Seite, mir den heiligen Kniegurtel, den sie einmal am Fusse hat, wieder zuruck zu geben, kommt ihr doch auf der andern alles wieder zu theuer vor, was sie auf seine vollige Abtretung bieten soll. Die kleine Narrin hat sich da sowohl als mich in eine Verlegenheit gebracht, aus der ich wahrlich nicht einsehe, wie wir uns ziehen wollen. Alles das ging mir eine lange Weile durch den Kopf. Endlich glaubte ich einen Ausweg wahrzunehmen, und blieb dabei stehen.
"Klarchen," wendete ich mich jetzt mit nachdenkender Miene an sie, "auf die Art, wie Sie Sich benehmen, kommen wir in alle Ewigkeit nicht aus einander. Ihr Propst, mit allem Respekte fur das Amt der Schlussel, das er tragt, geht mich nichts an. Ihm zu Liebe habe ich wahrlich den Kniegurtel nicht erstanden, und so viel werden Sie doch begreifen, dass bei unserm Tausche eine dritte Person ganz uberflussig seyn wurde. So wohlmeinend ich mich auch gegen Sie erklart habe, so mogen Sie doch mit meiner Moral und mit meinen Geschenken nichts zu thun haben; und doch mochten Sie gern den Nachlass der Maria behalten. Ihr unverdientes Misstrauen schmerzt mich: aber ich will uber nichts weiter in Sie dringen; und, da ich Ihre Gewissenszweifel Ihnen nicht zu Danke beantworten kann, und Sie darauf bestehen, erst Ruckfrage bei Ihren Glaubensgenossen zu halten, ehe Sie Sich zu etwas entschliessen, so mogen Sie es meinetwegen. Ihre Stiftungsbibliothek ist ja in der Nahe; und da sie wahrscheinlich in keiner andern Absicht aufgestellt ist, als um sich in schwierigen Fallen bei ihr Raths zu erholen, so ist kein Zweifel, dass auch Sie ihn da finden werden: wenigstens, so viel ich es beurtheilen kann, besteht diese ganze Sammlung aus Schriftstellern, die ungleich mehr Ruf und Gelehrsamkeit vereinigen, als selbst Ihr Propst. Sind Sie diessmal mit meinem Vorschlage zufrieden, Klarchen? Soll ich Sie dahin fuhren?" "Sehr, sehr gern," antwortete sie mit auffallender Freude, und ihr Gesichtchen klarte sich nun wieder auf wie ein Maitag. "Und wollen Sie sich," fuhr ich fort, "den Ausspruchen dieser gelehrten Manner ohne die geringste Weigerung unterwerfen?" "Ja doch, ja mein Herr," erklarte sie sich voller Ungeduld, "das will ich! Hier haben Sie im Voraus meine Hand darauf." "Nun gut," erwiederte ich ziemlich gesetzt, "so ist es mir lieb, dass ich hier eine schone Gelegenheit finde, Sie uber Ihr voriges unbilliges Misstrauen ein wenig zu beschamen. Ich will mich nicht hinter meinem Glauben verstecken wie Sie. Die Schiedsrichter, die Sie Sich wahlen werden, sollen auch die meinigen seyn. Mogen Sie mir auch alles aus den Handen spielen, worauf mir Papst Alexander ein Recht gab; war ich doch selbst auf dem Wege Verzicht darauf zu thun, wenn Sie mich hatten gehn lassen, liebes furchtsames Klarchen. Doch das ist vorbei! Ich erzeige desshalb Ihren Bedenklichkeiten noch dieselbe Ehre als vorher. Sie sind wahrlich von der grossten Wichtigkeit, und es wird mir immer eine Freude machen, dass ein so junges liebenswurdiges Madchen aus eigenem Instinkt darauf gefallen ist. Das sage ich Ihnen offenherzig; ob ich gleich mit einiger Wehmuth voraus sehe, dass, so lange solche in ihrer Kraft bestehen, wir nimmermehr bis an die lieblichen Indulgenzen des Papstes gelangen konnen. Doch das ist jetzt mehr Ihre Sache als die meinige, da ich Ihnen ganz uberlasse, Sich den heiligen Kniegurtel eigen zu machen, auf welche Art Sie und Ihre Rathgeber fur gut finden. Kann man sich wohl billiger erklaren?" "Nein, gewiss nicht," antwortete Klarchen: "Ich bin auch recht geruhrt von Ihrer Gute; aber seyn Sie versichert, dass ich auf meiner Seite alles thun werde, was ich mit gutem Gewissen thun kann. Denn ich bin weit entfernt, Sie um eine Kostbarkeit betrugen zu wollen, deren Werth niemand mehr schatzen kann als ich." "Aber mochten wir nicht," unterbrach ich sie, indem ich ihr meinen Arm reichte, "noch einmal, unterweges, die Schwierigkeiten uberzahlen, uber die Sie eigentlich Auskunft nothig haben? In einer grossen Bibliothek ist das beinahe nothwendig; denn sonst kann man sich darin verlieren, um nicht wieder heraus zu kommen. So viel ich mich erinnere, sind Sie erstlich wegen des schonen, mir unvergesslichen Anblicks unruhig, den Sie mir bei der Auswechselung der Bander doch zu vergonnen genothigt waren, wenn ich Ihnen den heiligen Kniegurtel, auf seine gehorige Stelle, umbinden sollte; nicht wahr, meine Beste?" "Ja mein Herr," antwortete sie, "freilich, liegt mir das recht schwer auf dem Herzen." "Und Sie haben sehr Recht," versetzte ich, "dass Sie Sich daruber in Zeiten zu verstandigen suchen; denn wie wollen wir ubermorgen sonst fertig werden? Und nun," fuhr ich fort, "was war denn Ihre zweite und dritte Frage, die mir nicht eben so gut mehr erinnerlich sind?" "Aber mir desto mehr," antwortete sie. "Sehen Sie das eine ist die Angst, die ich habe, ob ich mich nicht mit Ihnen in der nahen Gelegenheit zu sundigen befinde: denn davor, kann ich Ihnen sagen, hat mich mein Katechismus vor allen andern gewarnt, und es ist mir also nicht zu verdenken, dass ich daruber genaue Erkundigung einziehe." "Nicht mehr als billig," versetzte ich: "es soll mir selbst lieb seyn, wenn ich es erfahre." "Und endlich," fuhr sie fort, "martert mich die grausame Ungewissheit, ob ich mich, so ohne Vorwissen der Meinigen, mit einem Fremden in einen Handel einlassen darf, den ich nicht verstehe? Sie sehen selbst, mein lieber Herr, dass, so gern ich auch wollte, ich doch unmoglich mit ruhigem Herzen einschlagen kann, so lange ich nicht uber diese drei Hauptpunkte mit mir selbst einig und eines Bessern belehrt bin." "Das ist sehr begreiflich," antwortete ich: "Aber, wie gesagt, desswegen hatten Sie nicht gebraucht, erst in eine Bibliothek zu gehen Ich wurde eben so gut im Stande gewesen seyn, Ihnen hieruber Auskunft zu geben, wenn Sie, kleine Misstrauische, mir nicht Ihre Ohren verstopft hatten."
Unter diesen lehrreichen Gesprachen waren wir unvermerkt bis vor die Thur meiner Klause gekommen, die jetzt das gute Kind voller Frohsinn offnete, und mit mir eintrat. Wir kamen glucklich dem Rousseau und Amor vorbei, liessen mein Bette linker Hand liegen, und traten nun beide sehr neugierig vor unsern Gerichtsstand. Zum Glucke waren von den Hauptquellen, ausser den Originalen, auch gute Ubersetzungen da, die es Klarchen leicht machten, in der Geschwindigkeit eine Kommitee aus ihnen zu errichten, gegen die auch nicht die geringste Einwendung Statt fand. Sie setzte sie aus dreien der erfahrensten Manner zusammen, denen man schon Verstand, Gelehrsamkeit und kollegialische Eintracht zutrauen musste, sobald man sie in ihrer altvaterischen Tracht ansteigen sah. Ich liess ihr mit Vorbedacht die Ehre der Wahl allein. Denn so angenehm es auch ist, wie ich wohl weiss, wenn ein Klient auf die Besetzung des Tribunals, das ihn richten soll, einigen Einfluss hat; so musste es doch auf der andern Seite, an der mir jetzt ehrenhalber noch mehr gelegen war, kein geringes Vorurtheil von der Aufrichtigkeit meiner Gesinnungen und der Gute meiner Sache bei dem lieben Madchen erwecken, wenn sie mich selbst da ruhig sah, wo jeder zu zittern Ursache hat, er mag seines Rechtes auch noch so gewiss seyn. Ohne die entfernteste Theilnahme also an der Ernennung dieser Herren, begnugte ich mich bloss mit der subalternen Rolle, nach dem Range, den ihnen Klarchen anwies, ihnen die Stuhle zu rucken und sie von ihrem Schulstaube zu reinigen. Der erste, dem ich diesen Dienst zu erzeigen hatte, hiess E s c o b a r . Der Mann hatte ganz das Ansehen eines Vorsitzenden. Der andere, beinahe noch verschrumpfter und schmutziger, war der ehrwurdige Pater L e s s a u . Der dritte aber, an der Spitze einer Somme de peches, nannte sich Pater B a u n y , und war von einem ziemlich manierlichen Ansehn. Auch fiel sein Korduanband mit goldenem Schnitte Klarchen am meisten in die Augen; denn sie setzte sich mit ihm, sobald er abgestaubt war, mir gegen uber auf einen Stuhl.
"Kannten Sie diese gelehrten Manner schon vorher?" fragte ich, indem wir beide ihre Schriften vorlaufig uberblatterten. "Es ist zwar," antwortete sie, "das erstemal, dass ich mit ihnen zu thun habe; aber ubrigens sind sie mir schon langst als die ersten Stutzen unserer geheiligten Religion bekannt; der Herr Propst fuhrt ihre Namen immer im Munde, und beruft sich in streitigen Fallen meistens auf sie." "Nun das ist ja recht gut," versetzte ich: "da haben Sie doch endlich Ihren Willen, und konnen Sich so gut uber Ihre Zweifel belehren, als wenn Sie Ihren Gewissensrath selbst sprachen!" "Das denke ich auch," antwortete Klarchen kurz abgebrochen, weil sie sich eben mit einer Stelle beschaftigte, auf die sie sehr nachdenkende Augen heftete. "Haben Sie etwas Sachdienliches gefunden, liebes Kind?" fragte ich neugierig, indem ich selbst in meinem Buche auf eine ihrer Bedenklichkeiten stiess, die ich einstweilen zeichnete. "Ich habe wohl so etwas," dehnte sie, "uber die nahe Gelegenheit aber" ... "Nun das trifft sich recht gut," rief ich dazwischen: "auch ich habe daruber eine Erlauterung in dem E s c o b a r gefunden, die mir ganz neu ist." "Nur argert es mich," fuhr sie in ihrer Rede fort, "dass mir eben da, wo ich am liebsten fortlesen mochte, eine dumme lateinische Zeile in die Quere kommt." "Wollen Sie mir wohl Ihren Fund mittheilen, Klarchen?" "On doit," las sie laut und ohne Anstoss, "absoudre une femme, qui a chez elle un homme avec qui elle peche souvent, si non po" "Geben Sie nur her, Kind," unterbrach ich ihr Stottern, "ich will sehen was es ist." "Sie reichte mir das Buch, und nun las ich mit ziemlicher Verlegenheit, und war froh, dass sie kein Latein verstand: si non potest ejicere aut habet aliquam causam retinendi. Sie haben wohl Recht, Klarchen, es ist eine dumme Zeile." "Nun, mein Herr," sah sie mir fragend in das Gesicht, "unter was fur einer Bedingung gilt das Souvent?" "O!" antwortete ich, "hier ist eine vorausgesetzt, die auf uns gar nicht passt Urtheilen Sie selbst: Si non potest und so weiter das heisst: Wenn sie den Herrn nicht zur Stube hinaus werfen kann, oder sonst eine Ursache hat, ihn bei sich zu behalten." "Da ist ja gar kein Verstand darin," sagte Klarchen. "Beinahe," antwortete ich: "aber nehmen Sie desswegen das Buch nur wieder! Einige Seiten weiter werden Sie die Frage schon deutlicher aus einander gesetzt finden, wenn Escobar, wie wir bald sehen wollen, richtig citiert hat. Horchen Sie recht auf: On n'appelle pas occasion prochaine celle, ou l'on ne peche que rarement, comme de pecher par un transport soudain avec celle ou celui, avec qui on demeure trois ou quatre fois par an, ou selon Bauny pag. 1802. Schlagen Sie doch einmal nach, Klarchen! une ou deux fois par semaine" "Die Pagina trifft zu," sagte Klarchen, und reichte mir zugleich das Buch wieder hin. Ich hielt es neben das meinige, verglich die Parallelstellen, und freute mich laut uber das freundschaftliche Einverstandnis zweier so beruhmter Schriftsteller in einer so wichtigen Sache. "Ist das nicht," wendete ich mich an das Madchen, "so ganz unser Fall, liebe Kleine? als wenn ihn die Herren hundert Jahre voraus gesehen, und Ihnen die eigenen Worte Ihres Gewissenszweifels aus dem Munde genommen hatten? Die susse Beruhigung abgerechnet," fuhr ich fort, "die Ihnen diese Beweisstelle verschafft, so freue ich mich auch besonders uber den kurzen und deutlichen Begriff, den sie mir nebenbei uber mein Naherrecht giebt." "Ueber Ihr Naherrecht?" fragte Klarchen. "Jawohl," antwortete ich: "das liegt ganz in den Worten, avec qui on demeure une ou deux fois par semaine. Und ohne eins in das andere zu reden, meine schone Nachbarin, will ich mir doch, da es eben die Gelegenheit giebt, Ihren guten Rath in Ansehung meines Quartiers erbitten, das mir immer je langer je besser gefallt. Sie wissen, ich habe es nur auf einen Monat gemiethet; was meinen Sie, wurde mir es Ihre gute Tante nicht eben so gern auf ein Jahr zusagen, wenn ich es voraus bezahlte?" "Das kann ich Ihnen in der That nicht mit Gewissheit sagen," antwortete mir Klarchen mit einer solchen liebenswurdigen Unbefangenheit, dass ich sie gern dafur hatte kussen mogen. "Aber ich sollte beinahe nicht daran zweifeln." "Nun gut," sagte ich, indem ich den beschwerlichen Escobar neben mich legte: "so will ich mich nachstens mit ihr daruber besprechen;" und fuhr nun fort mich mit dem ehrlichen Pater Bauny, den ich noch in der andern Hand hatte, weiter zu unterhalten. Ich that sehr wohl daran, und Escobar kann es mir wahrlich nicht ubel nehmen; denn ich hatte noch gar nicht lange in der Somme de peches seines Kollegen gestort, so fand ich unvermuthet eine der grossten Bedenklichkeiten meiner kleinen Unschuldigen so deutlich entwickelt, und so grundlich beantwortet, dass es das unerfahrenste Kind verstehen konnte. "O, treten Sie einen Augenblick naher, liebe Kleine," rief ich ihr zu. "Fragten Sie mich nicht vorhin auf mein Gewissen, ob es recht ob es erlaubt sei, ohne Vorbewusst Ihrer guten Tante und Ihres Seelsorgers, uber das schonste Eigenthum, das Sie besitzen, uber Ihre Person, nach Belieben zu schalten und zu walten? Ich laugne nicht, mein gutes Klarchen, und Sie mussen mir es angesehen haben, dass mich Ihre Frage nicht wenig stutzig machte. Wie lieb ist es mir, dass Sie mich gar nicht dazu kommen liessen darauf zu antworten! denn grundlicher hatte ich es unmoglich thun konnen, als der rechtschaffene Pater B a u n y , dessen Ausspruch auch in dieser Sache alles enthalt, was daruber zu sagen ist. Horen Sie nur: Lorsqu'une fille qui est en la puissance de son pere et de sa mere se laisse ... Werden Sie doch nicht gleich uber alles roth, narrisches Kind! Das folgende Wort ist freilich nicht eben manierlich; aber Sie haben Sich gewiss noch ein argeres gedacht: se laisse corrompre, ni elle, ni celui, a qui elle se prostitue ... Ich gebe zwar gern zu, liebes Klarchen, dass ein Dichter wie Bernard zum Beispiel, dieselbe Sache ungleich reizender vorzustellen gewusst hatte Inzwischen kommt es darauf nicht an, und ein Arzt der Seele, wie des Korpers, ist schuldig bestimmt zu reden, sobald er in solchen Dingen um Rath gefragt wird ... Aber wo bin ich denn stehen geblieben?" "Bei prostitue," sagte Klarchen. Ich fuhr also fort: "ne font aucun tort au pere ni a la mere" "Viel weniger also denen, die ihre Stelle vertreten. Sie verstehen doch das, liebes Kind?" "O, ja," antwortete sie, "es ist ja deutlich genug." "et ne violent point," las ich weiter, "la justice a leur egard parcequ'elle sehr richtig est en possession de sa virginite und da dieser Grund, nach der Natur der Sache, mehr als Einmal nicht anwendbar ist, so ist das darauf folgende aussi bien que de son corps nichts weniger als uberflussig, dont elle peut, faire ce que bon lui semble, a l'exclusion was dachten Sie, Klarchen? de la mort, ou ... lieber Pater Bauny! wie in aller Welt kommen Sie darauf? du retranchement de ses membres. Da bewahre uns Gott vor!" sagte ich ganz erschrocken: "Da musste es doch wohl sehr arg hergehen, wenn das einem von uns beifallen sollte." "Lesen Sie mir doch diese wichtige Stelle noch einmal vor," sagte Klarchen, indem sie mit dem Finger auf das Buch tippte: "aber nur den reinen Text ohne Anmerkungen." "So oft Sie wollen, meine Beste," antwortete ich, "und so rein als er da steht," fasste zugleich beim Lesen ihre Hand, als ob ich ihr die Empfindung mittheilen wollte, die, wie ein elektrisches Feuer, aus dieser lehrreichen Schriftstelle auf mich uberstromte, fuhlte auch wirklich bei dem Worte virginite ein gemeinschaftliches Zucken, das einer Kommotion nicht unahnlich war.
Klarchen nahm mir das Buch aus der Hand, sobald wir zum zweitenmale uber die Auflosung dieses wichtigen Zweifelpunktes glucklich hinaus waren, setzte sich mit dem ehrwurdigen Pater in eine Ecke, und schien sich noch einige Seiten weiter mit ihm zu unterhalten, die hoffentlich die Sache nicht verdorben haben. In der Zwischenzeit ruhte ich ein wenig von meiner Vorlesung aus, sass stillschweigend und nachdenkend gerade ihr gegenuber, und wusste mich gar nicht recht in die anscheinende Heiterkeit und Seelenruhe dieses sonderbaren Madchens zu finden, das mir je langer je unerklarbarer ward. Hatte man nicht von der liebenswurdigen Unwissenheit, die sie mit in die Bibliothek brachte, nach allen Regeln der Metaphysik erwarten sollen, dass der Zufluss der vielen neuen Begriffe, den sie schon in den wenigen Zeilen erhielt, die ich vorlas, sie fur alles weitere Nachschlagen bange machen, ihr die Adern auftreiben, und den Kopf sprengen wurden? War es nicht hochst wahrscheinlich, dass eine so bewahrte Heiligkeit als die ihrige, uber die zwar sehr zweckmassigen, aber doch ganz ungewahlten Ausdrucke des vorigen rauhen Jahrhunderts sich entsetzen dass ihr verschamtes Blut sich emporen, und das liebe Kind endlich in die Verlegenheit kommen wurde, weder mir, noch ihren Schiedsrichtern frei unter die Augen zu sehen? Konnte ich nicht mit einigem Grunde furchten, oder hoffen, wie Du willst, dass sie sich weit eher unter einem Strome von Thranen von ihrem voreilig eingegangenen Kompromisse losarbeiten, als sich entschliessen wurde, ein Wort zu halten, das sie gewiss unter ganz andern Erwartungen von sich gab? Wie ging es nun zu, dass, dieser Wahrscheinlichkeiten ungeachtet, von allem dem nichts geschah? Ich bitte Dich, Eduard, wie ging das zu? Siehe! kennte ich das Madchen nur seit unserer gemeinschaftlichen gelehrten Arbeit; wahrlich! ich wurde ihr eher zutrauen, sie habe die Engel zu Dutzenden, und selbst da geputzt und gewaschen, wo sie am schmutzigsten sind, als dass ich an jenes erste Schrecken ihrer Hand glauben mochte, wovon doch die deutlichsten Spuren noch immer unter meinem Spiegel zu sehen sind. Es ist nicht anders moglich, sie muss alle die gefahrlichen Stellen horen und lesen, ohne, aus unbegreiflicher Unschuld, den Sinn der Worte zu verstehen. Wie Henker soll ich ihr aber den beibringen?
Nach dieser stillen Unterredung mit mir selbst, rief ich in kollegialischer Ordnung den einzigen Beisitzer unsres Gerichts auf, den wir noch nicht gehort hatten den Pater Lessau, schmutzigen und moderigen Ansehens. Wenn der Schein uberhaupt trugt, so thut er es vorzuglich bei einem geistlichen Tribunale: dieser unansehnliche Mann, wie das nicht selten geschieht, verschloss einen ungeheuern Vorrath von Gelehrsamkeit und Erfahrung. Freilich brauchte ich dermalen nur einen sehr kleinen Theil davon, nur so viel als eben nothig war, um die einzige noch ubrige Gewissensfrage des frommen Kindes zu beantworten; die zwar, nachdem wir uber die zwei vorhergegangenen belehrt und einig waren, bei einem gewohnlichen Madchen kaum einer besondern Antwort wurde bedurft haben mit einem so angstlichen Geschopfe aber als Klarchen, geht es nicht so geschwind Eins mag noch so nothwendig aus dem andern fliessen, sie weist sicher jede einzelne Forderung zuruck, die man nicht sogleich mit einer formlichen Anweisung belegen kann. Die Schrift, in der ich sie suchte, hatte, bei dem Reichthum ihres Inhalts, zum Gluck auch noch ein gutes Register, ohne das ich schwerlich so geschwind die benothigte Stelle wurde gefunden haben. Sie war ganz so wie ich sie brauchte, und fuhrte beinahe noch naher zum Zweck, als die beiden vorher gegangenen. Ich hatte zugleich in Ermangelung der Aloisia Sigea keine auftreiben konnen, die geschickter gewesen ware, mich uber den Rest von Ungewissheit, in die ich noch manchmal in Ansehung der Unschuld des rathselhaften Kindes gerieth, so wie uber die Bedingungen unsers Handels, endlich einmal mit mir selber einig zu machen. Wenn sie, sagte ich heimlich zu mir, dabei hochstens nur roth werden sollte, ohne mir zugleich das Buch an den Kopf zu werfen und davon zu laufen, so habe ich ubermorgen gewonnenes Spiel. Ich packe dann meine Grossmuth ruhig wieder ein, ohne dass ich noch langer vergebens auf die Gelegenheit warte sie anzuwenden; und ich will nicht ehrlich seyn, wenn ich sie eher wieder an das Tageslicht bringe, als bis ich den Schimpf, den das Madchen meiner Moral angethan hat, und den ich immer noch nicht verschmerzen kann, zur Genuge geracht, und zugleich die grosse metaphysische Frage entschieden habe, die ich Dir beim ersten Anfange meiner Bekanntschaft mit Klarchen nicht so aus blossem Leichtsinne aufstellte, als es Dir vielleicht vorkam, und deren Auflosung immer ein hubscher Gewinn fur die Philosophie des Lebens seyn wird die Frage nehmlich: welche Tugend sicherer, erhabener und schmackhafter sei, die eines weiblichen Wildfanges, wie ich heute vor acht Tagen einen unter den Handen hatte, oder die einer Heiligen?
Indem sah ich Klarchen ihr Buch bei Seite legen, als wenn sie genug daran hatte, und aufstehen. Ich glaubte, es ware nun Zeit das unterbrochne Gesprach wieder in Gang zu bringen. "Hatten Sie," fragte ich, "nicht noch etwas auf dem Herzen, woruber wir nachschlagen wollten?" "Dass ich nicht wusste," antwortete sie voller Zerstreuung, trat vor den Schrank, zog ein anderes Buch heraus, das noch darzu ein Quartant war, den sie alle Muhe hatte bis in ihre Ecke zu schleppen. Nun ist mir, ich weiss nicht warum? jedes schwerfallige Buch in der Hand eines Weibes ganz unertraglich. Kommt es daher, dass es mir zu anmasslich aussieht, oder weil ich glaube, dass ein massiger Oktavband ein Almanach, alles enthalten kann, was ihnen an Gelehrsamkeit nothig ist? Bei Klarchen verdross es mich vollends, dass sie so ohne Beihulfe meines lebendigen Unterrichts, ihre Studien fortsetzte, und daruber sogar ihre dritte Gewissensfrage aus den Augen verlor, fur die ich eine so schone Antwort gefunden hatte. Sie heftete ihre Blicke mit solcher Begierde auf das Blatt, das sie aufschlug, dass ich nach dem Namen dieses glucklichen Autors ausserst verlangend war. "Sie haben vergessen," rief ich ihr zu, "dass Sie nicht hierher gekommen sind, um das ganze System der Moral durchzuarbeiten." Da sie mir nicht antwortete, stand ich auf um mich ihr zu nahern; sie streckte mir aber ihre Hand entgegen um mich abzuwehren, und verbarg das Buch. Ich unterdruckte meine Neugierde so weit, dass ich mich stillschweigend wieder zuruck zog, und nur das Fach und die Lucke bemerkte, aus der sie ihren Quartanten genommen hatte. Mit Hulfe des guten Fernglases, das ich, seit mir die Thurmspitze von Caverac aus dem Gesichtskreise schwand, nicht ein einzigesmal wieder gebraucht hatte, entdeckte ich, in welcher Gegend des Werks die Stelle ungefahr stehen musste, die so machtig ihre Aufmerksamkeit anzog; und da ich vollends sah, dass, beim Umwenden des Blatts, ein wenig Puder aus ihren Haaren dazwischen fiel, so war ich nicht weiter verlegen, noch vor Abends ihrer Wissbegierde auf die Spur zu kommen, und erwartete ruhig, bis sie fertig, und das dicke Buch wieder an seinen alten Platz gestellt war.
"Sie haben Ihre schonen Augen recht angestrengt, liebes Kind," redete ich ihr freundlich entgegen: "Darf ich denn nicht wissen, uber welchen neuen Gewissenszweifel Sie Sich unterrichtet haben?"- "O, mein Herr," antwortete sie, "was ich eben las, betraf eine alte Geschichte, die mir vor etlichen Jahren, nur mit andern Umstanden, erzahlt wurde. Es ist manchmal gut, sich mit eigenen Augen zu uberzeugen." "Da haben Sie wohl Recht, Klarchen," erwiederte ich ernsthaft: "und es ist mir lieb, dass ich Ihnen eben eine Gelegenheit verschaffen kann, diese Vorsichtsregel sogleich wieder anzuwenden, um in Uebung zu bleiben. Unser Pater Lessau hat sich hier recht deutlich uber den Fall erklart, der Ihnen heute n a c h der Auswechselung unserer Bander beinahe mehr Herzklopfen verursachte als v o r h e r . Sie hatten Sich's ganz ersparen konnen, wie Sie gleich horen sollen." Ich ruckte ihren Stuhl neben den meinigen, hielt ihr das Buch nahe vor, und schlug meinen andern Arm so vertraut um ihren schonen Hals, wie ein Bruder, der mit seiner Schwester eine Idylle von Gessner liest. "Les femmes," las ich mit langsamer gedrangter Stimme, damit ihr kein Wort verloren ginge, "ne pechent pas, quand elles s'exposent a la vue de jeunes gens, encore qu'elles sachent, bien qu'ils les regarderont avec des yeux impudiques." Ich sah hier dem Madchen mit einem Blicke in's Auge, wie ihn nur Pater Lessau verlangen konnte, und las weiter: "Si elles le font par necessite ou utilite Necessite," wiederholte ich, "diese liegt nur zu klar in dem siebenten Paragraph der papstlichen Bulle und in unserm Kontrakte; und die utilite kann bei der heiligsten aller Reliquien wohl keine Frage seyn." Klarchen hob ihre Augen gen Himmel, und ich fuhr fort: "Elles ne pechent pas, quand elles se servent d'habits si delies, qu'on voit leur sein, ou quand meme elles se decouvrent entierement, si elles le font selon la coutume du pais." Ich sah dem schonen, und, was mir noch lieber war dem errothenden Madchen in das Gesicht, wie ich ihr diese Erlaubniss vorlas, in der Erwartung, sie wurde wenigstens von so einer Landessitte, als der Autor voraussetzte, nichts wissen wollen; sie war aber zu ehrlich dazu, und schwieg. Auch ich schwieg; und doch schienen wir beide keine lange Weile zu haben. Nachdem meine Augen lange genug auf den ihrigen geruht hatten, fragte ich mit einem unterdruckten Seufzer: "Nun Klarchen sind Sie endlich einmal uber die Freude beruhigt, die Sie meinen Blicken gegonnt haben? und furchten Sie Sich noch immer vor ubermorgen?" Sie schien in ihrem stillen Nachdenken so verloren, dass ich, um sie zuruck zu bringen, meinen wurmstichigen Autor zu seinen Kollegen warf, ihre frischen Handchen dafur an meine Lippen hob, und jeden ihrer Pulsschlage mit einem Kusse beantwortete.
Nichts ist Wohl in der ganzen Natur der Sophisterei beforderlicher als dieses kleine Spiel. Es war nicht das erstemal, dass ich es bemerkte. Ich ging gewiss hier wieder einen falschen Weg. Die Kleine, dachte ich, ist nur errothet Sie hat dir nicht das Buch an den Kopf geworfen, also schloss ich wird es nicht einmal nothig seyn, bis ubermorgen zu warten. "Klarchen!" fing ich zitternd an und stockte. "Was beliebt Ihnen?" fragte sie. "Werden nicht," fuhr' ich fort, "hier zu Lande die Namenstage manchmal, nach Zeit und Umstanden, einige Tage voraus gefeiert?" "Niemals," antwortete sie kurz, und ubersah mich mit so grossen Augen, als ob ich nicht klug ware. "Bei uns," setzte ich seufzend hinzu, "geschieht das sehr haufig am Hofe und in der Stadt, selon la coutume du pais; auch kurzt man in manchen Fallen die Bedenkzeit und die Zahlungsfristen ab par necessite ou utilite!" "Das ist sonderbar!" antwortete das einfaltige Ding. "Sie haben also wohl in Ihrem Lande lauter bewegliche Feste?" Ich weiss nicht mehr, was ich ihr darauf antwortete ich verlor ganz meine Besinnungskraft, schwatzte nun ins Gelag hinein, und traf mich unvermuthet an, dass ich ihr von dem Lowen in dem Wiener Zwinger erzahlte, der einem Madchen, das er liebte, die Hand so lange leckte, bis Blut kam, daruber in Wuth gerieth, sie in Stucken zerriss, und sich darauf bei ihrem Leichnam hinlegte und starb. Wie ich auf diese ruhrende Geschichte gekommen seyn mag, ist unbegreiflich. Aber Klarchen schien angst zu werden. Sie zog mir ihre Hande vom Munde hinweg, und mit der Frage: "Wollen Sie mich nicht wieder in mein Zimmer fuhren?" schlang sie mir die eine um den Arm, und nothigte mich aufzustehen. Wahrlich es war hohe Zeit, und ich war froh als ich aus der Atmosphare der Kasuisten in eine andere Luft kam.
Klarchen schien mir, als ich sie zu ihrem Sopha glucklich zuruck brachte, noch um vieles schoner, ungezwungener und vertraglicher von ihrer gelehrten Reise zuruck zu kommen, als sie es vorher war. Ich schloss sogar aus einem sprechenden Blicke, den sie auf den Ablassbrief warf, dass ich es jetzt wohl eher wagen durfte, ihr eine wortliche Ubersetzung des siebenten Paragraphs anzubieten, ohne abgewiesen zu werden; und ich betrog mich nicht. Sonderbar genug, dass ihr zartliches Ohr erst ein wenig durch die Beredsamkeit der Kasuisten abgehartet werden musste, um nicht vor der Hirtenstimme des heiligen Vaters zu erschrecken! Sie horchte jetzt desto geduldiger darauf, und liess mich das et in integrum restituimus zweimal wiederholen, so schon kam es ihr vor.
Mein Lasions-Prozess, sah ich nun wohl, war so gut wie gewonnen. Klarchen hatte es kein Hehl, dass sie den Kniegurtel der Jungfrau schon als ein Stuck ihrer Toilette betrachtete; und dieser Gedanke streute so viel Grazie uber alles, was sie sprach und that, dass ich nicht genug die Wirkung bewundern konnte, die der Glaube an Reliquien, und das Bewusstseyn ihres Besitzes, nicht allein auf die innere Zufriedenheit, sondern sogar, wie das Wohlbehagen eines guten Gewissens, in dem Umgange des gemeinen Lebens hervorbringt. Wodurch gewann wohl Klarchen diesen sichtbaren Zufluss von Begeisterung in ihren Augen, diesen Ton der guten Gesellschaft, den ich gestern auf der Treppe wenig an ihr bemerkte? wodurch dieses feine Gemisch von grosser Welt und Ruhe der Seele, die so selten bei einander gefunden werden, als ich schame mich fast es zu sagen durch den alten verblichenen Fetzen, den ich ihr um das Bein band? Und doch sind wir andern so ubereilt, diese mystischen Geschenke der katholischen Religion als armselige Kleinigkeiten zu verschreien! Wo haben wir denn in der unsern etwas, das diesen Abgang von Hulfsmitteln zu einer frohen Existenz ersetzte? Wenn Konig August aus unserer Nachbarschaft, und so manche andere Fursten des deutschen Reichs, den sterilen Glauben ihrer Vorfahren gegen das beruhigende System des romischen Stuhls vertauschen und auf ihre Kinder vererben, wer kann es ihnen mit Grunde verargen? Und wie philosophisch richtig handelte nicht selbst Karl der Zweite in dieser Rucksicht, als er in der Wahl, entweder sein Reliquair oder seine drei Kronen wegzuwerfen, ohne Bedenken sich zu dem letztern entschloss?
Meine Sehnsucht, einer Kirche in den Schooss zu kommen, die uns so angenehm einwiegt, die durch ein geweihtes Todtenbein durch eine Scherbe aus der Haushaltung eines Erzvaters, und durch andere dergleichen Raritaten uns in dem Frieden mit uns weiter bringt, als die Weisheit eines Garve, wuchs nun desto schneller, je mehr ich unter Klarchens funkelnden Augen meinen tiefsinnigen Betrachtungen nachhing; und war gleich meine verwohnte Vernunft, wie ich manchmal zu fuhlen glaubte, noch immer nicht so ganz mit meinem Herzen einverstanden, als ich wohl gewunscht hatte, so ist dieses doch ein gewohnlicher Fall bei Neophyten, und so soll doch, hoffe ich, auch dieses bangliche Gefuhl ubermorgen durch ein ungleich machtigeres verjagt werden.
So schon alle diese Erwartungen waren, die ich aus dem Zauberzirkel der kleinen Heiligen mit mir nahm, sobald die knarrende Hausthur mir die Zuruckkunft der Tante verrieth; so fand ich doch, wie ich wieder in mein einsames Zimmer trat, dass blosse Hoffnung nicht genug beschaftigt. Die meinige setzte eine Geduld von zwei Tagen voraus, und diese hatte in meiner gegenwartigen Lage ihre grosse Unbequemlichkeit. Ich sah mich bald nach einer lindernden Zerstreuung um; und wo hatte ich die gewisser finden konnen, als in der kleinen auserwahlten Buchersammlung meines Kabinetts, die mir heute und gestern schon so merkwurdige Dienste geleistet hatte? Kein Buch schien mir jedoch fur's erste der Muhe mehr werth es zu suchen, als das, mit dem sich vorhin Klarchen so vorzuglich beschaftigte. Ich zog es heraus. Was fand ich? Die Legendensammlung des Pater Martin von C o c h i m . So? sagte ich, bist du auch hier, guter Freund? Aber was fur eine Intrigue hast du mit der Kleinen? Ich blatterte so lange, bis ich es war in dem Leben ihrer Namensschwester das Blatt fand, bei welchem sie ihren Puder verloren hatte. Wie? sagte ich, und rieb mir die Augen: die beruhmte Erzahlung ist es von den drei Blasensteinen? Wer in aller Welt kann ihr diese Geschichte mit andern Umstanden erzahlt haben, als hier stehen? Und was kann fur sie so wichtiges daraus entstanden seyn, dass sie, um der Berichtigung dieses Wunders willen, beinahe ihr Kompromiss vergass? Warum versteckte sie diese Stelle vor mir, da sie ohne die geringste Verlegenheit ganz andere mit mir gelesen hat? Ich sann der Sache so ernstlich nach, als ob sie noch so wichtig fur mich ware, und brachte doch am Ende nichts weniger als eine befriedigende Vermuthung heraus. Ich gab also mein Nachgrubeln auf, setzte den Schacher wieder in sein Glied, und durchirrte nun die ubrige Besatzung.
Die Wahl unter Buchern ist immer schwer, und Kenntnisse, die man auf diesem Wege erlangt, sind, mit Erlaubniss unserer stolzen Gelehrten, nicht weniger Geschenke des blinden Zufalls, als so viele andere Erwerbnisse menschlicher Thatigkeit. Dir, Eduard, habe ich nicht nothig, so etwas zu beweisen, sonst sollte es mir wahrlich nicht schwer werden. Ich stand lange unentschlossen und ganz mit dem Eigensinne eines langst abgestumpften Gaumens vor dem Schranke, blies von verschiedenen dickleibigen Banden den Staub ab, blatterte einige Augenblicke darin, und setzte sie und ach! mit ihnen vielleicht eine wahrhaft starkende Geistesnahrung, nach der ich lange umsonst strebe, unbenutzt wieder an ihren Ort, in der sehr misslichen Hoffnung, fur meine leckere Wissbegierde wohl etwas schmackhafteres noch aufzugabeln. Beinahe glaube ich, dass es mir nicht besser hatte gelingen konnen. Wenigstens stiess ich auf ein Werkchen, das mir uber alle meine Erwartung Genuge that. Es entfernte mich doch nicht zu weit von dem Gegenstande meiner Wunsche, und bereicherte meine Einbildungskraft mit neuen Bildern, deren freie Zeichnung und kraftiges Kolorit wohl noch eine granzenlosere Einsamkeit, als die meine war, hatte beschaftigen konnen. Kein Buch in der Welt konnte, glaube ich, in meiner gegenwartigen Lage eine anziehendere Kraft fur mich haben. Sein Verfasser gewann bei dem ersten Anblicke mein ganzes Zutrauen. Er war geistlichen Standes war ein Deutscher war Augenzeuge der grossen Begebenheiten, die er erzahlt, und nur zu oft selbst mit darin verflochten. Sein Buch war, wie das meine, ein Tagebuch war welch ein Zufall! das Tagebuch eben des grossen Papstes, dessen Freipass mich und Klarchen auf so gute Wege gebracht hatte. Wie kindisch freute ich mich nicht meines Fundes, als ich den Titel las: "Buchardi Archentinensis, Capellae Alexandri Sexti Papae. Clerici Ceremoniarum Magistri Diarium."16 Und wie eilte ich damit an meinen Tisch! Ich hatte nun die angenehmste Beschaftigung, die ich mir wunschen konnte; denn es macht uns doch immer eine eigene Freude, den Mann auch im Schlafrocke kennen zu lernen, der in pontificalibus unserer Ehrfurcht gebeut.
Von den vielen merkwurdigen Stellen dieses papstlichen Tagebuchs, mit denen ich das meinige ausschmucken wurde, wenn ich nicht befurchten musste dem Interesse meiner eigenen Geschichte zu schaden, kann ich jedoch der Versuchung nicht widerstehen, Dir wenigstens Eine auszuheben, die, ihres zufalligen Bezugs wegen auf meinen gegenwartigen Handel mit Klarchen, eine Ausnahme verdient. Sie wird nebenbei, wenn Du Dir etwa einfallen liessest an der Aechtheit meiner Urkunde zu zweifeln, schon das ihrige beitragen, Dich eines bessern zu uberzeugen. Ich wurde erst in dem Augenblicke mit ihrer Entdeckung uberrascht, und aufs neue fortzulesen ermuntert, da ich, aus Unvermogen meine Augen langer anzustrengen, schon das Blatt, wo ich stehen blieb, gezeichnet, und das anziehende Buch zugeschlagen hatte. Indem ich es gahnend von mir schob, geschah es, dass ich zufallig einen Blick auf den Ablassbrief warf, der, wie eine Post- und Reisekarte, ausgebreitet auf meinem Tische lag; und das brachte mich auf den Einfall, in der Geschwindigkeit noch, ehe ich mein Licht ausloschte, nachzusehen, was wohl Ihro Papstliche Heiligkeit denselben Tag begannen, da Sie das fur mich so wichtig gewordene Dokument auszustellen geruhten, und das Sonntags den vier und zwanzigsten Oktober datirt war. Ich hatte kaum das Diarium des ehrlichen Burchard wieder aufgeschlagen, so fand ich auch bald, kraft der guten Ordnung, die darin herrscht, was ich suchte. Der Autor, der, wie das Titelblatt sagt, Ceremonien-Meister Seiner Heiligkeit war, welches ich nicht zu vergessen bitte, beschreibt unter demselben Tage eine Feierlichkeit, die ihn wohl selbst sein Amt nothigte mit anzuordnen einen Abendzeitvertreib, mit welchem der gottselige Papst den Festtag des heiligen Martinus beschloss.
Dominica ultima, erzahlt er, mensis Octobris in sero fecerunt coenam cum Duce Valentinensi in Camera sua, in palatio Apostolico quinquaginta meretrices honestae, Cortegianae nuncupatae, quae post coenam chorearunt cum servitoribus et aliis ibidem existentibus, primo in vestibus suis, deinde nudae.
Post coenam posita fuerunt candelabra communia mensae cum candelis ardentibus, et projectae ante candelabra per terram castaneae, quas meretrices ipsae super manibus et pedibus, nudae candelabra pertranseuntes colligebant, Papa, Duce, et Lucretia sorore sua praesentibus et adspicientibus: tandem exposita dona ultimo, diploides de Serico, paria caligarum bireta et alia, pro illis, qui plures dictas meretrices carnaliter agnoscerent, quae fuerunt ibidem in aula publice carnaliter tractatae arbitrio praesentium, et dona distributa victoribus.
Ich uberlas diese unbefangene Erzahlung mehr als
Einmal, und klatschte dem grossen Geiste wiederholt meinen Beifall zu, der frei genug von Vorurtheilen war, ein solches Fest zu veranstalten, und so hochgesinnt seine Freunde und Dienerschaft daran Theil nehmen zu lassen. Denken wir uns diesen unumschrankten geistlichen Fursten an jenem frohlichen Abende, so wird es begreiflich, wie eine so volle Freude sein Herz bis zu der beinahe mochte man sagen u b e r t r i e b e n e n christlichen Freigebigkeit erheben konnte, die aus seinem Ablassbriefe hervorstrahlt, sich ubrigens ganz herrlich mit dem schonen Vorrechte vertragt, das ihm die Kirche verlieh, uber alle mogliche sinnliche Einfalle seiner Heerde den Schwamm zu ziehen.
Je seltener es ist, dass Zuge aus dem Privatleben der
Grossen zur Erlauterung ihrer Gesetze dienen, desto mehr musste es mich freuen, hier beides einmal in s o g u t e m Verhaltnisse zu finden, dass diese Hof-Lustbarkeit des Oberhauptes der Kirche, und der Ablassbrief, den er wahrscheinlich wahrend derselben unterschrieb, eins das andere auf das ungezwungenste kommentirt. Ein Gluck fur mich, dass die Grafin Vanotia nicht so gut dabei war, als seine beruhmte Schwester, die dem Namen so viele Ehre machte, den sie in der heiligen Taufe erhielt; denn da hatte er vermuthlich seiner Freundin den Gurtel der unbefleckten Jungfrau anstatt ihn ihr jetzt als ein Konfekt von seiner Tafel zu schicken, wahrend des Festes selbst umgebunden, ohne Zeit zu haben, ihn mit jenem allgemeinen Ablass auszusteuern, der von dem Tage seiner Ausfertigung an, bis auf uns Gluckliche, die wir ubermorgen daran Theil nehmen werden, vermuthlich im Stillen fortgewuchert hat. Vergieb mir, Eduard, diese schwerfallige Periode ihres Reichthums wegen, ob ich gleich immer auf neue Betrachtungen komme, so oft ich nur einen Blick auf dieses kostbare Dokument werfe. Wie manchen Anstoss der Sittlichkeit mag es schon gehoben, wie manche lebhafte Scene befordert und entsundiget haben, uber deren Menge und Eigentumliches wir erstaunen wurden, hatten sie immer ihren Burchard gefunden! Es war, ich wiederhole es, ein Gluck fur mich, dass eben solche Umstande an dem Feste des gottseligen Papstes zusammen trafen, um eine so wichtige Urkunde zu ihrer Entstehung, und mir zu der gelehrten Freude zu verhelfen, die mir, dreihundert Jahre nachher noch, die Harmonie seines Lebens und seiner Gesetze verschafft.
Fur meinen gesunden Schlaf zwar ware es wohl besser gewesen, die ganze Parallele ungezogen, und das Augenzeugniss des Ceremonien-Meisters ungelesen zu lassen; denn es setzte mein Blut in die heftigste Wallung. Lange konnte ich das Naturgemalde nicht aus dem Kopfe bringen, und gruppirte mich und Klarchen immer in Gedanken dazu. Mein Herz pochte, meine Augen gluhten, ich fuhlte unter einem heiligen Schauer den ubermachtigen Andrang des Jesuitismus. Die Stunde der Mitternacht schien mir von Minute zu Minute feierlicher zu werden, und der Geist Alexanders mich aufzufordern, in ihr meinen Profess zu thun. Sein Freipass uberdeckte meinen Tisch, sein Tagebuch lag aufgeschlagen neben dem meinen, und zwei Wachskerzen brannten zu beiden Seiten. Alle diese Umstande zusammen wirkten gerade auf meine Ueberzeugung, und trieben mich, unter fieberhaftem Erzittern, zur Ablegung meines Gelubdes. Da mir noch oben drein mein hulfreiches Gedachtnis statt der vorgeschriebenen Formel, die mir unbekannt war, eine andere an die Hand gab, die, bis zu meiner formlichen Weihe, einstweilen den Abgang jener gar fuglich ersetzen konnte; so trat ich ohne weiteres Besinnen vor meinen Altar, auf dem meine Schwarmerei das verklarte Bildniss meiner Heiligen und Geliebten in die Hohe stellte, so frei von allem irdischen Putze, als es jene funfzig Auserkornen immer nur konnen gewesen seyn, die den befeuerten Blicken meines grossen Vorgangers so wohl thaten und so ganz in der Glorie, wie mein trunkener Geist hofft sie ubermorgen von Angesicht zu Angesicht zu schauen. Ich legte zugleich die linke Hand auf die anziehende Stelle in dem Tagebuche des heiligen Vaters, hielt den Zeige- und Mittelfinger der Rechten in die Hohe, und den Blick, von Rousseau ab, nach dem schlafenden Engel gewendet, entledigte ich mich meines Gelubdes, das, zwar nicht den Worten, doch dem Geiste nach, mit dem Eide eines Jesuiten auf das vollkommenste ubereintraf. Si ille hoc fecit, sprach ich langsam und ernst, qui templa concutit sonitu Ego homuncio hoc non facerem? ego vero illud feci ac lubens.17
Wie die Ceremonie vorbei war, taumelte ich endlich mit der eigenen Zufriedenheit eines Neubekehrten zu Bette, und wenn schon der gute Vorsatz verdienstlich ist, so darf ich hoffen, mehr als Ein Baret verdient zu haben, ehe ich einschlafe..
Den 6ten Januar.
Der Wagen, der mich nach Vaucluse bringen sollte, stand, wie der Wagen des Apollo, mit vier weissen Pferden bespannt, zur Rettung meiner Ohren, schon vor der Thure, als mich die Glocken von allen Thurmen der Stadt zu dem Feste der heiligen drei Konige erweckten. Ohne nach ihrem Golde, ihrem Weihrauch und ihren Myrrhen zu fragen, warf ich mich geschwind in einen gewiss artigern Reiserock, als der ihrige war, von silbergrauem Sammet, schlug, als ein wurde, das blaue Strumpfband um meinen Sonnenhut, und schwebte nun, zwischen der sussen Erinnerung von gestern und der stolzen Erwartung auf morgen, dem Gebauer meiner kleinen Sangerin vorbei, die Treppe hinunter. Wahrend dass Klarchen durch das Fenster des geheimnissvollen Kabinets blickte, in das mich Papst Alexander morgen zur Weihe einfuhren soll, und gegen uber Herr Fez, ohne nur zu ahnden, welchen Dank ich ihm schuldig war, mir die Verbeugung eines Klienten machte, hob mich meine Selbstzufriedenheit federleicht in die Hohe, und der Wagen rollte durch die festlich geschmuckten Gassen.
Mein armer Sebastian sass demuthig neben mir; seine Aehnlichkeit mit Margot war in meinen Augen verschwunden; er fuhlte sich zu einem gemeinen Bedienten erniedriget, und hatte nicht das Herz mehr, seinem vornehmen Herrn eine andere Frage zu thun, als seine Bestallung rechtfertigen konnte. Und ich! von welcher stolzen Hohe sah ich auf alles herab, was sich meinen geistigen und leiblichen Augen ausser Klarchen darbot! Ich blickte so neidlos auf die stillen Thaler, die neben mir, als auf die larmenden Konigsstadte, die weit aus meinem Gesichtskreise lagen, bemitleidete das zwangvolle Leben der Grossen, wie das Idyllenleben der Hirten, wenn jene auf Flaum diese auf Moos gestreckt hier immer nur weidende Lammer dort immer nur bettelnde Sklaven im Auge hier immer nur den einformigen Ton der Glockchen dort das Geklapper des Stolzes im Ohr haben, durch den die eine armliche Herde bei jedem Genuss eines Graschens die andere oft ohne Genuss, die hohern Bedurfnisse menschlicher Thorheit verkunden; und mit wohlgefalligem Lacheln kehrte ich nun meine Blicke auf Mich sah mich im Sonnenschein glanzen mit Starke der Jugend und Gesundheit gerustet, unter dem Machtspruche eines menschenfreundlichen Papstes ach' nach einer kurzen Wallfahrt zu dem Sanger der Liebe, in die Arme eines Madchens dahin sinken, das nur fur den unsterblichen Genuss der Engel gespart schien, und, ohne die Vermittlung des heiligen Kniegurtels, gewiss allen menschlichen Wunschen entschlupft ware. Wie schwarmte ich; Freund! Wie oft nahm ich meinen Sonnenhut ab, um das himmelblaue Band anzulacheln, und von ihm in optischen Traumereien uber den Granzort hinzuschweifen, wo die Auswechselung geschah!
Endlich hielt der Wagen. Wo bin ich? fragte ich voller Verwunderung. "Zu Vaucluse," tonte mir mein Fuhrer mit einer Stimme ins Ohr, die so kreischend war als das Knarren einer Thur, und die mich aus das unangenehmste aus meiner Ueberspannung zuruck brachte. Ich stieg aus, und die Blicke, die ich wild um mich herum schoss, prallten, wie die Strahlen der Morgensonne, von den nackten weissen Bergen zuruck, die das steinige Thal, und in demselben den hohen spitzen Felsen mit der verfallenen Burg umkranzen, in welcher der Sanger der Liebe geweilt hat. Unter einem dunkeln Gewolbe am Fusse dieses Kreidengebirgs liegt der beruhmte Quell, der zu Zeiten sich aus seiner Untiefe ergiesst, und rauschend diese Marmorlandschaft uberstromt. Furchterlich mag alsdann der Anblick seiner Ergiessung in den Schooss der todten Natur werden: aber still und beweglos sah ich sie jetzt allein um mich herum herrschen, und entsetzte mich uber ihr ernstes Gesicht. Mein Herz hatte gehofft, sich in diesem durch liebliche Gesange beruhmten Thale gutlich zu thun; aber alles war ihm entzogen, woran es sich hatte schmiegen konnen. Nicht einmal ein Oelbaum mit seinem unfreundlichen Grun kein Graschen, das sich durch die Spalten des Felsen stahl kein abgestorbenes Minchen, woran auch nur der kleinste Wurm hatte saugen oder darauf ausruhen konnen! Ein paar einzelne armselige Hutten in Elend schmachtender Tagelohner, die nur zur Zeit der Fluth einen gefahrvollen kleinen Verdienst erwarten, und indess von Fremden, die der wohlklingende Name des Orts wohlklingend wenn ihn ein Dichter ausspricht und der Gedanke an seinen ehemaligen Bewohner Hieher zieht, ein Ungewisses Almosen erbetteln. Und diesen Wohnsitz der Bekummerniss, armer Petrarch! diesen abgestorbenen Theil unserer freundlichen Welt, konntest du wahlen? konntest in dieser Gefangenschaft von Bergen in diesem Brennpunkte einer frei wirkenden Sonne gutwillig schmachten, um nur ungestort, und abgezogen von allem, was an das Leben erinnert, dem einzigen Gedanken nachzuhangen, der den ganzen Neichthum deiner Wallfahrt und deines Nachlasses ausmacht? Sit tibi terra levis! Aber deine Laufbahn hienieden gefallt mir nicht. Ich fuhle in Demuth, dass ich fur so, hohe Verlaugnungen, als die deinigen waren, zu schwach bin, und mochte nicht eine Nacht fur so eine Belohnung verwachen, als du erreicht hast. Ich bewundere dich, ohne dir nachzuahmen.
"O wie belohnend muss die susse
Empfindung seyn dess, der den Talisman
Petrarchs besitzt! Was gehn ihn non Vaucluse
Die durren Kreidefelsen an?
Ihn, der sein Feld und seine Wiese
Im Schubsack tragt, und irdisch Zugemuse
Bei Gotterkost entbehren kann?
Ein schoner Geist ist w Urdig. nur von Geistern
Bedient zu seyn Ein Gnom putzt ihm die Schuh,
Ein Sylphe braut ihm Thee, und Amoretten kleistern
Die Spalten seiner Fenster zu.
Was mangelt ihm? Ein uberirdisch Feuer
Erwarmt sein Stubchen flammt auf seinem Herd;
Und menn bei himmlischem Tokaier
Ein Dichterwunsch nach sussem Abenteuer
Auch dann und wann durch seine Nerven fahrt
Auf einen Laut der stets gestimmten Leier
Fuhrt ihm schon Amor, sein Getreuer,
Das Madchen zu, wie es sein Herz begehrt,
Blond oder braun und lockender und neuer,
Als mir der Schelm noch keins gewahrt:
Denn was zur nachsten Morgenfeier
Er mir verheisst, liegt unter heil'gem Schleier
Dem Auge noch nicht aufgeklart.
So hast du deinem treusten Sanger,
Monarchin, die zu Paphos thront,
So furstlich hast du ihn belohnt!
Noch steht der Fels, auf dem er, enger
Mit dir vereint, in Phobus Strahl gewohnt,
Als keiner der den Musen frohnt.
Hier sass der Virtuos in Himmelslust, und geigte
Der Welt und Nachwelt deine Freuden vor.
Dass selbst die Schone, die sein Herz erkohr,
Das Knie vor deinem Zepter beugte,
Und voller Sympathie, so still und liebekrank,
Acht Erben dem Apoll sei Dank!
Mit ihrem Ehemann erzeugte.
Diese Betrachtungen der idealischen Gluckseligkeit eines Dichters jagten mir eine stiegende Hitze in's Gesicht. Ich liess mir geschwind ein Glas Wasser aus der Quelle Petrarchs holen, warf mich, so bald ich mich abgekuhlt hatte, in meinen Wagen, und floh diesen poetischen Ort, der mir je langer je unbehaglicher ward. Ich hielt mich vor den Anfallen der platonischen Liebe, der dichterischen Schwarmerei, und jener schwermuthigen Laune der Empfindsamen nicht eher sicher, als bis ich, eine Stunde nachher, auf meinem Ruckwege den Gasthof zu Lille erreicht hatte, wo ich einen langen Mittag hielt, und bei grossen Krebsen und saftigen Haselhuhnern mich noch mehr in der Wahrheit bestarkte, der ich immer anhing, so oft man sie mir auch verdachtig zu machen suchte, dass nichts vernunftiger sei, als seines Lebens zu gebrauchen, so lange es noch da ist.
Sobald ich nach dieser guten Mahlzeit mit mir selbst wieder in meinem Wagen zusammen traf, sturmten auch schon alle jene grausen Ahndungen auf mich ein, die mich diesen Morgen nach Vaucluse begleiteten. Umsonst wendete ich alle Krafte an, meine weit schweifende Einbildungskraft im Zaume zu halten. Ehe ich mich versah, war sie von den ruhigen Gegenstanden, die ich ihr zur Zerstreuung vorlegte, von den moralischen und statistischen Bemerkungen, die ich uber das Land anstellen wollte, das ich durchreiste, zum grossen Vortheile der papstlichen Regierung, in der Stille weggeschlichen; und ich ertappte sie, wie sie eine Menge Konterbande aufpackte, uber die Du vielleicht, wem: sie der morgende Tag zu Markte bringt, nicht weniger erschrecken wirst, als der gute Kardinal von Este, als er zum erstenmale den Orlando Furioso las, den ihm der unbefangene Verfasser zugeeignet hatte. Messer Ludovico," fragte er ihn mit ausserster Verwunderung "dove diabolo avete pigliato tante coionerie?" "Ich konnte Dir freilich diese Frage ersparen, wenn es in einem so unsystematischen Werke als mein Tagebuch ist, nur nicht so gar sonderbar aussahe, die Krummen, auf denen sich bei dieser und jener Gelegenheit unser ungezogenes Herz betrete" lasst, anders als obenhin zu erwahnen, und es uberdiess nicht weit bequemer ware, so unvollstandig auch die Akten bleiben, das zu erzahlen, was man gethan hat, als wie man dazu kam, es zu thun. Ich verschiebe diese Beichte auf einen ruhigen: Zeitpunkt, wo es dem gemeinen Besten noch zutraglicher seyn wird, sie abzulegen. Denn da ich Willens bin einmal ein eigenes Buch uber die Post- und Heerstrasse des menschlichen Herzens zu schreiben, so wird es ganz naturlich herauskommen, wenn ich in einem Anhange auch von seinen Neben- und Schleif-Wegen handle, die meine meisten Vorganger so ganz aus der Acht gelassen haben. Alsdann will ich desto offenherziger alle und jede Kenntnisse von der Art, die ich auf meinen Wanderungen sammelte, erzeigen, um jene gelehrten Herren besser auf die Spur zu bringen, wo sie etwa noch einen Schlagbaum aufzurichten, oder einen offenen Pass zu besetzen haben, um jedem Unterschleife, jeder Beeintrachtigung des Zolles auf's kunftige vorzubeugen.
Diese vorlaufige Anzeige meines moralischen Werkes, zu dem ich Dir einstweilen erlaube, Subskribenten zu sammeln, hast Du vorzuglich der Stille zu danken, in der ich meine Wohnung wieder antraf. So angemessen sie auch einem Propsteilehn immer seyn mag, so fiel sie mir doch bei dem Ungestum meiner Empfindungen so widrig auf, dass ich froh war, mein Aergerniss daruber mit Dir zu verplaudern. Nur ein Laut von Klarchen, nur ein Zeichen, dass sie noch lebe und ich ware zufrieden gewesen! Eine solche Nachbarschaft, und so gerauschlos, ist das unertraglichste Ding von der Welt.
Nach einer angstlichen Stunde bequemte sich endlich die Alte in einem groben Basse zu husten, und zugleich hustelte auch Klarchen, aber wahrlich so harmonisch, dass der grosste Kenner es eher fur eine Passage von Gluck hatte halten mussen, als fur einen Katharr. Auch beunruhigte es mich gar nicht Ich schloss nur, dass die Tante in eine ernste Vorbereitung auf ihr morgendes Fest vertieft seyn mochte, in welcher ihre gutmuthige Nichte nicht wagen wollte sie zu storen. Aus gleicher Achtung fur den Seelenschlummer der guten Frau, setzte ich auch mich mit der moglichsten Behutsamkeit vor meinen Tisch, nahm zur Abwechselung bald das Buch de probabilitate bald meine Feder in die Hand, und habe nun, meine Fahrt nach Vaucluse, die bis zum Einschlafen angenehm war, ungerechnet, mich seitdem so mude gelesen und geschrieben, dass ich jetzt fur rathlich halte, nach den Regeln der Mechanik fur mich zu sorgen, und jener glucklichen Halfte von mir Ruh' und Starkung zu gonnen, die morgen unstreitig die erste Rolle Zu spielen hat.
Den 7ten Januar.
Und das erwartete Fest ist nach uberstandener alltaglicher Ruhe erschienen. Noch hat wohl nie ein Hofling den Namenstag seiner abgelebten Furstin, an der seine Pension, sein ganzer Unterhalt hangt, mit solchem Wohlbehagen des Herzens begangen, als mit dem ich mich von meinem Lager erhob, und der Feier entgegen sah, die mir der heilige Name meiner alten Aufseherin sichert. Ein froher Gedanke wurde schon unter meiner Nachtmutze, ehe ich sie abwarf, durch einen noch frohern verdrangt. Die Erwartung des grossten jugendlichsten Glucks durchstromte mein Herz. Mit welchem Wohlgefallen habe ich nicht schon die Menschengestalt im Spiegel begafft, der so viele Freuden zu Theil werden sollen, und wie zufrieden habe ich nicht zu dem ausgewahlten Anzuge gelachelt, in welchem ich mich dem Altare meiner Gottin nahern werde! O, dass nur schon die Alte zu den Fussen ihrer Fursprecherin liegen, und mir Raum geben mochte, zu den Fussen der meinigen zu fallen!
Indess ist es doch sonderbar, Eduard, dass jede Erwisse Aengstlichkeit mit sich fuhrt. Wenigstens bin ich geneigter, die Unruhe, die ich mitunter spure, lieber durch diesen als wahr angenommenen Satz, als durch eine Ursache zu erklaren, die mich noch weniger trosten wurde. Gab uns die sorgsame Natur dieses Gefuhl als ein bitteres Gewurz, damit es in der Sussigkeit des Genusses der Unverdaulichkeit der Seele entgegen wirke; so sei ihr doppelt Dank dafur, und so wird sie auch schon ihren Beisatz zu mischen wissen, dass er nicht zu herbe weder vor- noch nachschmecke. Sollte aber die Banglichkeit, die mir um das Herz schwebt, Ahndung eines Unrechts in meinem Vorhaben sollte sie eine Aufforderung seyn, die Sache ernstlicher und grundlicher zu untersuchen, so ware ich ubel daran, Eduard! Denn man hat schon zum drittenmale in die Kirche gelautet, ich habe keine Zeit mehr ubrig zum Nachdenken, und wenn ich das heutige Fest ungenutzt vorbei lasse, so mag meine Untersuchung ausfallen wie sie will, der Verlust des an der laufenden Stunde klebenden Gewinnstes ist nicht wieder zu ersetzen. Dans les choses douteuses ... sagt ja einer von den Kirchenlehrern, on n'est pas oblige de suivre le plus sur. An diesen Satz will ich mich vor der Hand halten. Ja, ja; wenn nur damit Ruhe ware! Der Uebertritt zu einem andern Glauben, als wir gewohnt sind, ist wie ein Spaziergang in neuen Schuhen; sie mogen noch so gut gemacht, noch so viel werth seyn, sie lassen uns doch die abgelegten bedauern, und werden uns so lange brennen und drucken, bis wir sie so ausgetreten haben als die alten. Sei versichert, Eduard! dass, wenn ich nicht Acht auf mich gabe, nicht meinen Hut schwenkte und trallerte, wenn sich so etwas, das einem Gewissensskrupel ahnelt, aufdringen will, ich sehr leicht in einen Widerspruch mit mir selbst gerathen konnte, der stark genug ware, mich mit Einem male um die gereiften Fruchte meines Jesuitismus zu bringen. Kannst Du wohl glauben, was mich eben jetzt fur eine Kleinigkeit beinahe ganz aus meiner Fassung gebracht hatte? Mit Scham gestehe ich Dir's unter vier Augen der Kopf der Gypskopf von Rousseau. Es war mir, indem ich meine funkelnden Augen in die Hohe warf, als ob er mir mit strafendem Ernste gerade in das Gesicht blickte. Ich stutzte, wie ein furchtsames Kind mir ward ganz heiss um das Herz, und wahrlich ich musste geschwind die malerische Stellung von gestern uberlesen, um nicht in der Hitze meinen Ablassbrief zu zerreissen, und den ganzen Handel mit Klarchen zum Henker zu schicken. Aber die lieblichen Bilder des Ceremonienmeisters thaten auch diessmal ihre Wirkung. Meine Phantasie kam rosenfarbener zuruck als zuvor, und meine lieben Schlafkameraden, die Kasuisten, bestreuten den Weg wieder mit frischen Blumen, von dem mich jener Widersacher der Freude verscheuchen wollte. Ich trat jetzt sogar dem Gespenste mit Trotz und Hohn unter die Nase ... Die Arme in einander geschlagen, stand ich vor ihm, wog seine traurigen Verdienste gegen den Werth meiner freudigen Empfindungen ab, und ward endlich dreist und launig genug, mich lachelnd seinem Standorte zu nahern, und, als wenn er mich eben so gut horen konne als ich mich selbst, ihn in einem tragischkomischen Ton anzureden:
"Du! den ein traurig Ross, ein Sohn des Rosinante,
Durch Wusten der Moral in die verarmten Lande
Der kalten Metaphysik trug;
Der ein gewohnlich Gluck, als seiner Zeiten Schande,
Verwarf; sich selbst genug, im cynischen Gewande,
Als Don Quichott des Rechts, auf manchem Ritterzug
Des Morgens sich mit einer Rauberbande,
Des Nachmittags mit Marionetten schlug;
Der, stets verfolgt von einer hohen Grille,
Nach Eulenart, der Mitternachte Stille
Und Lunens Schein nach Plato's Art genoss;
Bis ihn Priapus18 in Ermenonuille19
Mit in sein Staatsgefolge schloss
Dein Ruhm ist gross! Doch hebt mich das Vergnugen,
So gross er ist, weit uber ihn.
Mit jenem Traum, der mir, so ganz im Gegensinn
Von Plato's Traum, zu Kopf gestiegen,
Schwingt sich mein Herz aus dem Gebiet der Lugen
Zum Tempel der Gewissheit hin.
Weg, weg mit allem Schulgewinn!
Und soll mich ja noch ein System betrugen,
So sei es das: Bis zum Genugen
Am Busen meiner Nachbarin
Den Werth der Menschheit nachzuwiegen;
Von jenen Hohn, wo ihre Rosen bluhn,
In's Winterfeld der Zeit zu fliegen,
Und aus der kleinen Kunst, sich an ein Weib zu
schmiegen,
Erfahrung fur das Herz zu ziehn
Das scheint mir noch, den Irrthum zu bekriegen,
Die glucklichste der Theorien.
Wenn man seine Sache, sie mag so schlimm seyn, wie sie will, nur systematisch behandelt, so findet man noch am ersten Gnade in den Augen eines Philosophen. Die Buste dieses moralischen Grillenfangers schien mir jetzt lange nicht mehr so abschreckend als vorher; ja ich schmeichle mir sogar, er wurde, wenn er noch lebte, vielleicht mit derselben Beredsamkeit, mit der er einst den Vorzug der Ignoranz gegen die Wissenschaften vertheidigte, sich auch meines Tauschhandels mit Klarchen annehmen, und ihn, auf den geringsten Widerspruch, nicht allein fur unschuldig, sondern selbst fur verdienstlich erklaren. Wer wollte aber einer so einfachen Wahrheit wegen einen grossen Dialektiker in Unkosten setzen? Sie spricht ja laut genug fur sich selbst. Sind denn im Ernst, Eduard, die Umarmungen, die ich der Heiligen zudenke die Spiele der Sinne, mit denen ich sie bekannt machen die Vergleichungen, die ich dabei anstellen werde, und alle die Phanomene des ersten Unterrichts, die ich zu beobachten noch nie Gelegenheit fand ist denn die ganze Sache etwas weniger oder mehr bei mir, als was sie bei einem Buffon oder d'Alembert sehn wurde ein psychologisches Experiment, das mir auf mein ganzes kunftiges Leben von Nutzen seyn wird? Wenn man mit solchen Versuchen warten will, bis man erst Dekanus der philosophischen Fakultat ist, o! da weiss man schon, wie erbarmlich sie gemeiniglich ablaufen. Selten dass die gelehrten Herren, die uns uber den Gang der Leidenschaften vorpredigen, aus Erfahrung sprechen; denn ach! was sie so gut sind dafur zu nehmen, ist es oft so wenig, dass man nicht weiss, ob man mehr uber ihren Selbstbetrug, oder uber das kalte Geschwatz lachen soll, das sie daruber hergiessen. Das mag hingehen, wirst Du mir sagen; wie, und durch was kommt aber die unschuldige Klara dazu, dass sie dir sitzen, und die Heimlichkeiten ihrer Seele und ihres Korpers deinen Spekulationen bloss stellen soll? Durch was? guter Freund! Durch ihre eigene Religion und ihre Vertheidiger durch die Rechte des Handels und durch den ubermassig hohen Werth meiner Zahlung. Eine Heilige hier zu Lande wird durch eine Reliquie tausendmal reichlicher fur die momentane Aufopferung ihrer ruhigen Unschuld abgefunden, als eine bei uns durch ein Rittergut, oder eine Grafschaft. Ja, ich traue Klarchen zu, wenn sie auch das was ein unschuldiges Madchen sonst nur Einmal in ihrem Leben verlieren kann, einige Dutzend- und mehrmal daran setzen konnte, um den heiligen Kniegurtel zu erlangen, wurde sie sich kein Bedenken machen, es zu thun viel weniger jetzt, wo sie gar nichts wagt, und das papstliche et in integrum restituimus ihr fur allen Schaden gut steht. Mit zwei Worten, Freund, ich glaube gewiss, dass, seitdem es Kontrakte giebt, keiner noch unter so annehmlichen Bedingungen von beiden Theilen geschlossen wurde als dieser.
Aber um aller Welt willen, warum stelle ich das ganze Gefolge meiner Gedanken Deiner Musterung dar? Du bist doch gewiss der Mann nicht, der mir uber meinen jugendlichen Versuch nur die kleinste Chikane machen wurde, und wenn er auch wirklich nicht so gut zu vertheidigen ware. Doch so geht es, wenn man sich gewohnt hat uber alles zu rasoniren. Man wird ein Schwatzer, ohne dass man es selbst weiss. Eine zu allen Zeiten einfaltige Rolle, die aber in meinen jetzigen Verhaltnissen noch abgeschmackter heraus kommt! Denn wie leicht konnte ich daruber wohl gar den Aufbruch der alten Tante verhoren, und, zur ewigen Schande, mein armes, verschamtes Klarchen in die Verlegenheit bringen, ihren Liebhaber selbst abzurufen! Doch meine brennende Ungeduld, die das hamische Weib so grausam auf die Probe setzt, will durch etwas getauscht seyn; ich muss die Hitze wegschreiben, die mir sonst das Herz zermalmen wurde Gut! so will ich wenigstens, um uber mein Nachdenken nicht das Objekt selbst aus dem Gesichte zu verlieren, wie das nicht selten bei Prosektionen der Seele geschieht, einstweilen, und bis ich den Besitz aller meiner Anwartschaften erlebe, sie mit meiner Einbildungskraft zu fassen suchen.
Aber ach, Eduard, wie ist mir bei dieser idealischen Ansicht zu Muthel Was soll bei meinem hohen Gefuhl fur Schonheit, bei dem Auge, in das die Natur so richtige Blicke fur Ebenmass und Verhaltnisse gelegt hat was soll aus mir werden, wenn nun Klara vor mir stehen wird, wie jene freundliche Gottin, die man sich bekleidet nicht denken kann, ohne sie zu beschimpfen! Versinnlicht in Stein ist ihr Bild nicht schon das vorzuglichste Kleinod aus dem reichen Nachlasse der Mediceer? Bentley versicherte, dass er lieber das so artige donet gratus eram tibi des Horaz mochte gemacht haben, als Konig von Arragonien seyn; und mit gleichem Kunstgefuhl habe ich einen Kenner behaupten horen, dass er, jenes marmorne Bildniss der nackenden Venus ausgenommen, keine der ubrigen Besitzungen des Hauses Osterreich beneide. Da diese Herren nun uber menschliches Machwerk das Maul so voll nehmen, wie soll ich mein gerechteres Entzucken an den Tag geben, wenn ich mit freudigem Erschrecken von dem Ungeheuern Abstand einer todten Kopie auf das lebendige Urbild der Natur hinstaune? wenn ich mir zu allen den Schonheiten der Form noch jene ungleich kostlicher" wenn ich mir den Anstrich dazu denke, den ihnen die Bewegungen eines jungfraulichen Herzens geben werden diese achte Feuerfarbe der beangstigten Sittsamkeit, die uber die Morgenrothe ihrer ruhigen Unschuld zum erstenmal hervor schiessen "dieses Strauben gegen unerhorte Forderungen, die ein einziger Blick aus die heilige Reliquie in frommes Nachgeben verwandeln wird und ach! endlich das sanfte Kolorit der stolzen Ruhe, wenn sie nun, nach so schweren Prufungen, zu sich sagen kann: Der Kniegurtel der unbefleckten Jungfrau ist dein! Vergonne mir eine Pause, Freund, dass sich mein Gehirn ein wenig abkuhle.
Eduard! ich bin toll und bose auf mich, da ich meine feurige Periode wieder uberlese. Enthusiasmus vertragt sich nie gut mit politischer Zuruckhaltung. Da habe ich nun meine besten Farben zu meinem idealischen Entwurfe verschwendet, die mir, ehe ein paar Stunden vergehn, beim Ausmalen des wirklich Erblickten fehlen werden. Einfaltig genug! zumal da man bei den wenigen Hulfsmitteln, die uns die Kritik bei dieser Art von Kabinetsmalereien verstattet, hohe Ursache hat, sparsam damit umzugehen! Das Widersprechende liegt doch uberall, wo man nur hinsieht. In den Zeughausern des Kriegs, in der schrecklichen Wissenschaft Menschen zu todten, sind alle Kunstworter gleich edel und brauchbar; in den kleinen Kriegen der Liebe hingegen, in der ungleich loblichem Kunst, die der Vernichtung der Welt entgegen arbeitet, welche unbegreiflich enge Schranken hat nicht der Eigensinn unserer Sprache dem Schriftsteller gesetzt! Es sollte einem bange werden, die schonsten Auftritte seines Lebens zu beschreiben, da unsere verschamten Kunstrichter jene alten kraftvollen, der Natur der Sache angemessenen Ausdrucke fast alle verschreien, ohne, bei dem taglichen Bedurfnisse, uns bessere dagegen zu geben. In der That, Eduard, so sehr ich auch immer auf Deine Nachsicht rechne, so begreife ich doch nicht, wie ich mich nur mit halben Ehren aus dieser Verlegenheit ziehen will. Dir nur Nathsel hinzuwerfen, uno die Auflosung fur mich zu behalten, wurde offenbar die historische Treue verletzen; und wurde ich nicht vollends alles verderbe", wenn ich zu den verbrauchten Wendungen unserer Dichter und Prosaistcu, mit denen sie sich seit undenklichen Zeiten schlecht genug aus den blumigen Irrgangen der Natur helfen, meine Zuflucht nehmen, und meinen originellen Sundenfall durch Nachahmung der gewohnlichen herabwurdigen wollte? Nein, tausendmal lieber will ich mich den asthetischen Hieben meiner gestrengen Richter und allen den launigen Strafen des errothenden Geschlechtes unterwerfen, ehe ich meine Blosse mit solchen Lumpen decken, und, um nicht das forschende Auge der Neugier zu reizen, nach der viel zweideutigern Ehre greifen mochte, in der Schalaune meiner Vorganger, die immer einer dem andern verschabter und zersetzter hinterliess, dem gahnenden Pobel zur Schau zu stehen. Ich mochte es nicht, und hatte sie einst Karl der Grosse getragen, und lage sie sammt ihrem Schmutze und ihren Motten, bis zu so feierlichen Tagen, unter dem Verschlusse des weisen Raths zu Nurnberg begraben.
Doch welch ein Gerausch hinter der Scheidewand! Jetzt ich schreibe es mit zitternder Feder jetzt endlich erhebt sich die Alte nun hustet sie wirklich zur Kammer nun zum Vorsaal hinaus nun die Treppe hinunter. Gehab dich wohl, fromme Bertilia! Mit Entzucken sehe ich dich, von meinem Pulte aus, uber die Gasse hinken so feierlich langsam, dass, ehe du die Nische deiner Heiligen erreichst, ich hoffen darf schon vor der meinigen zu knieen, und selbst in den Armen deiner zaghaften Nichte schon manche Blume der Jugend gebrochen zu haben, ehe du deine Matinen gesungen hast. Gehab auch Du Dich wohl, Du Freund des glucklichsten Sterblichen! Lassen sich die thatenreichen Augenblicke der erlebten Stunde durch menschliche Worte darstellen, so sollst Du sie treu geschildert erhalten, sobald ich sie, wie kostbare Perlen, in das Diadem meines Lebens verflochten habe.
Der Abstand des Traums zur Wirklichkeit ist nun gemessen! Hier sitze ich mit hinstaunendem Blicke wieder vor meinem Tagebuche, und das Versprechen, das ich der Freundschaft ausstellte, tritt, so oft ich auf meinen Bogen schiele, mir mahnend unter die Augen.
So setze Dich denn her, Eduard! und nimm mir alles ab, was mir auf dem Herzen liegt. Erst aber Deine Hand, dass es unter uns bleibt! Hatte ich Dir eine Liebesgeschichte zu erzahlen von gemeinem Schlage, wie man sie etwa als ein schreckendes Beispiel auf dem Katheder braucht, so bedurfte es der vielen Umstande freilich nicht, ich wollte bald damit zu Rande seyn: aber hier ist mehr, als diess hier ist das visum repertum einer Heiligen ein Feenmahrchen, nur mit dem machtigen Unterschiede, dass es wahr ist. Frage nicht nach der Zeit meiner physischen Abwesenheit! Ich wurde Dich in Irrthum bringen, wenn ich sie bestimmte. War es nicht ein Kalif, dem ein Engel des Himmels befahl, seinen Kopf in einen Eimer voll Wasser zu tauchen? Er that es so lange, als man braucht um nicht zu ersticken; und als er ihn wieder heraus zog glaubte der Mann, ein Jahrhundert wenigstens voll Seligkeit durchlebt zu haben. Das muss ein Engel der Liebe gewesen seyn, Eduard, der dieses Wunder than Meiner Uhr nach ist es mir ergangen wie dem Kalifen.
Welch ein Abenteuer! So einfach in seinem Beginnen, und doch so verwickelt in seinem Fortgange, und doch so herzerschutternd in seinem Ende! Mystische und magische Krafte im Streite mit den Kraften der Natur! Monchische Emporung gegen Papstes-Gewalt! Tumult des Gefuhls! Ohnmacht des Willens! Und dieser Reichthum von Erfahrung in dem beschrankten Raume weniger Augenblicke!
"Widder, mein guter Freund!" sagte der Riese Molineau zu Hamiltons schwatzhaftem Widder, und Du sagst es vermuthlich zu mir, "fange doch deine Erzahlung, ich bitte dich, beim Anfange an." So sage mir nur erst, mein kluger Herr, wo der Anfang meiner Geschichte zu finden ist? und gern will ich Deinen Rath befolgen. Aber wo hohere Machte im Spiele schon lange vorher unsichtbare Faden an die Werkzeuge Deines Willens knupften, ehe es Dir nur ahndete ihre Puppe zu seyn wer kann da sagen: Jetzt hebt meine Geschichte an?
Jede Reliquie, behaupten die Sachverstandigen, steht unter der unmittelbaren Aufsicht eines Seraphs, und alle die Wunder, die zusammentrafen, um mir die meinige aus den Handen zu spielen, beweisen wahrlich fur diesen Satz. War es denn wohl ein so naturliches Ereigniss, dass eben ich der einzige Ketzer einer grossen Versammlung, den heiligen Kniegurtel erstand, um ihn durch den sonderbarsten Zusammenhang der Dinge derselben frommen Seele auszuliefern, die nur einen halben Dukaten weniger darauf bot? Ist es zu glauben, dass nur ein Ungefahr mich zu ihrem Nachbar zu ihrem Bewunderer zu ihrem Freunde machte? zu glauben, dass sich die gelehrtesten Kasuisten nur von ungefahr mit mir in einer Schlafkammer befanden dass der Buchhandler Fez der Wachter der Laura, mir so geschwind ihr Zutrauen schenkten, und dass endlich die zwei einzigen Feste im Jahre, welche Klarchen ohne Aufsicht liessen, eben in dem engen Zeitraume meiner Miethzeit einfallen mussten? Wer hier die ubernaturliche Leitung menschlicher Begegnisse verkennt, muss wahrlich noch fester an den Zufall glauben muss noch mehr Herz haben als ich. Doch die Folge wird Dich noch besser davon uberzeugen; denn diese Vorbetrachtungen, so anziehend sie auch mir seyn mogen, da ich das Ende weiss, sollen Dir nicht langer die Geschichte selbst vorenthalten, zu deren genauer Darstellung mich mein Versprechen verbindet.
Ich trat, Du weisst in welcher Bewegung der Seele, aus meiner Klause war mit zwei Schritten an dem Vorsaale, mit zwei andern vor Klarchens Kammer loschte hier das eine dort das andere Kreuz aus, das der zauberische Propst mit seiner geweihten Kreide uber die Thuren gemalt hatte, und in der behaglichen Zuversicht, nun auch uber die kleinsten Hindernisse hinweg zu seyn trat ich muthig dem Engel unter die Augen. Ich las auf ihren Rosenwangcn mein nahes Gluck, und horte zugleich die erste Losung dazu aus ihrem lieblichen Munde. "Ich hoffe," sagte sie, doch sagte sie es mit einer hoffnungslosen Stimme, "Sie, mein Herr, heute mit grossmuthigern Entschliessungen bei mir zu sehen, als da Sie mir das heilige Band anvertrauten. Es hat Wunder an mir gethan, die es mir schwer die es mir unmoglich machen, mich wieder von ihm zu trennen. Mochte doch dieses offenherzige Gestandniss Sie bewegen, mein lieber Herr, von dem hohen Preise nachzulassen, den Sie darauf gesetzt haben!" "Nicht ich, Klarchen," fiel ich ihr in die Rede, "der heilige Vater hat den Preis gemacht, von dem ich Unwurdiger nicht um einen Buchstaben abgehen werde. Hier lege ich die Urkunde seiner Macht und Gnade dem Sopha gegen uber: und wenn selige Geister auf Handlungen schwacher Menschen, wie sie einst auch waren, achten; so wird der verklarte Papst mit Wohlgefallen meinen Eifer erblicken, das lieblichste Madchen seines vormaligen Gebiets aller der Indulgenzen wurdig zu machen, die er, an einem seiner frohlichsten Abende, diesem heiligen Gurtel hier vermacht hat. Die Thuren, liebes Klarchen, sind verriegelt Ihre Tante zittern Sie nicht! bittet fur Sie. Die Interdikte des Propstes sind durch hohere Macht aufgehoben, und alle seine Kreuze verloscht .... Doch wie? was sagt mir diese bedeutende Errothung? Wie, Klarchen?" fuhr ich heimlicher fort, indem ich ihre bebende Hand an mein Herz druckte, "so waren sie nicht alle verloscht? Ihr viel sagendes Stillschweigen, Klarchen, liebes Klarchen! zu welchem verwegenen Gedanken muss es mich nicht berechtigen? Doch es sei darum! Mag der Schwarzkunstler sein letztes Kreuz noch so versteckt haben ich hoffe, es zu finden und zu tilgen." Und indem ich sprach, sehnten sich meine lusternen Augen nach dem Anblicke der heiligen unverhullten Natur mein Kunstgefuhl stieg auf's hochste, und arbeitete, wie es alle menschlichen Krafte thun nach Beruhigung. "Um der eilf tausend Jungfrauen willen, mein Herr," rief nun das hochst erschrockene Kind, "nimmermehr! und wenn Sie Bischof und wenn Sie Papst waren Sind Sie von Sinnen, mein Herr? Was verlangen Sie?" "Dich, Dich Klarchen," rief ich entschlossen, "nur Dich in Deiner ganzen Wahrheit und Unschuld! Glaubst Du denn, dass mich der heilige Vater gesandt hat, Dich einzukleiden? Weisst Du nicht mehr, was alles das Urtheil besagt, das Du Dir selbst bei unsern Schiedsrichtern geholt hast?" Diese Erinnerung kam zu rechter Zeit. "Ach, wie konntest du, Pater Lessau," schluchzte sie nur noch, "wie konntest du, Pater Bauny, so etwas gut heissen?" Und sie straubte sich nun wie ein gehorsames Kind. In einer banglichen Minute kam sie errothend dem schlafenden Engel in einer andern dem Ablassbriefe vorbei und immer naher dem Sopha und nun Doch Freund, was erschopf' ich meinen Athem in alltaglicher Prosa? Ist die Grosse und Seltenheit meiner Erfahrung in dieser feierlichen Stunde ist sie nicht mehr werth? und kann es Bilder geben, die des Firnisses der Dichtkunst wurdiger waren, als die Hingebung einer Heiligen in das allgemeine Schicksal der Schonheit? So denke Dir denn, lieber Eduard, die beangstigte Heilige, denke Dir Klaren, kurz vor dem Hintritte in den Freistaat der Natur, dicht neben mir auf dem traulichen Sopha
Mit schnellern Schwingen schien mein Traum,
Als selbst der Gott der Zeit, zu fliegen.
Das Chor begann, die Glocken schwiegen
Und unsre Tante mochte kaum
Am Schamel ihres Gotzen liegen,
Als meine Kusse schon den Raum
Des Aethers theilten, und den Saum
Von Klarchens Halstuch uberstiegen.
Sie flatterten dem Silberschein
Der Brussler Kanten wie die Mucken
Dem Lichte, zu, voll Sorgen in die fein
Gesponnenen Verratherein
Und schwirrten auf und ab, und flogen aus und ein,
Bis es dem Schwarm gelang, das letzte kalte Nein
Auf Klarchens Lippen zu ersticken.
"Du, des Enthullens werth, du, wie die Wahrheit rein,
Um eingethan wie sie zu seyn.
Bespiegle dich in ihren Blicken!
Ihr eigner Nimbus hullt sie ein;
Sie deckt die Quellen nicht, die ihr die Kraft verleihn,
Das Universum zu erquicken,
Lasst gern ihr Heiligthum mit Fruhlingssprossen
schmucken,
Und Primeln sich am liebsten weihn,
Und kann dir nein sie kann dir nicht verzeihn
Mit Nadeln ihren Freund zu picken.
Hor' auf, beschwor' ich dich, bei diesen Streiferei'n
In ihr Gebiet, bei diesen kleinen Lucken,
Die ich dir abgewann, bei diesen Tandelei'n,
Die mich so koniglich beglucken
Hor' auf, den Prediger der Wahrheit lahm zu zwicken!
Mariens Band ist lange noch nicht dein,
Und nach dem papstlichen Verein
Wird mancher Flor sich noch verrucken."
So sprach ich ihr an's Herz allein
Die Fromme schrie, als wollte sie die Krucken
Des heiligen Synllets erschrei'n:
"Dir, fleh' ich, Tragerin der grossen Eins in Drei'n,
Dich schwesterlich zu mir herabzubucken!
Hilf, Heilige von Falkenstein,
Hilf mir und hilf vor allen Stucken
Mein sprodes Kleinod mir befrei'n!
Hab' ich nur erst, was himmlisch ist, im Rucken,
So mag die Weltlust kurz und klein,
Was irdisch an mir ist, zerpflucken."
"Dein Kleinod?" "Ja mein Herr! Sind Sie denn vor
Entzucken
Ganz blind? und wollen Sie denn mein
Hochheiliges Nicaisen-Bein,
Das mir hier hangt, durchaus zerknicken?
Nach Ihrer Art, Sich kraftig auszudrucken,
Was konnte da wohl haltbar seyn?"
"O!" rief ich, "den will ich schon weiter schicken;
Kein Heiliger soll uns entzwei'n!"
Ein holder Augenblick befreite
Sie dieser frommen Angst. Vergnugter als diess zweite,
Knupft' ich ihr kaum das erste Bandchen ab,
Das mir in unserm offnen Streite
Das Kaperrecht auf alle gab.
Frei irrte nun mein Blick, sobald als der Geweihte
Zu Tage kam, die Lang' und Breite
Des aufgehellten Pfads herab.
Welch Labyrinth! als schwebt' es erst seit heute
Im Raume der Natur als hatt' ein Zauberstab
Die kleinen Hugelchen zur Seite
Aus Aether aufgewolbt Und ware diess ein Grab
Fur kalte Katakomben-Beute?
Und hier, wo du, geliebte Dulderin,
Kaum meinen Kuss vertragst, hat dein bethorter Sinn
Ein morsches Todtenbein gelitten?
Und ich? ich sollte nicht an diesen Kusten hin,
Weil ich nicht Sankt Nicaise bin,
Um eine kleine Landung bitten?
O! ihr, die mit dem Geist des Malers von Urbin
Den hochsten Preis der Kunst erstritten,
Malt, es wird Zeit, malt mir der Unschuld Cherubin,
Der, aus dem Staub der Welt nach dem Olymp zu
fliehn
Schon im Begriff die Fittiche beschnitten
Sich fuhlt; malt seinen Glanz malt seine Angst malt
ihn
Vermogt ihr's, wie er mir erschien,
Ganz im Kostum der Adamiten!
Wie unterm vollen Mond die Nebel sich verzieh'n,
Trat jetzt aus dem Gewolk von Flor und Musselin
Der junge Busen vor. Zum erstenmale glitten
Der Indulgenzen froh, die ihm der Papst verliehn,
Der Sonne Strahlen uber ihn.
Kein Reinerer vereint, seit dem Verfall der Sitten,
Von I l i u m bis R o m , von P a p h o s bis
Stettin,
Mehr Augenlust fur Sybariten
In seinem Punktchen von Karmin,
Und keiner blahte sich mit wildern Phantasien
Der Angst, so vor der Zeit den Rubikon beschritten,
Die Blumen abgemaht, die unter ihm gediehn,
Sein ganzes Tempe mit Ruin
Bedeckt zu sehn, so bald es, mitten
Im Bausche des Gewands, der List gelang, den dritten
Und letzten Knoten aufzuziehn.
Einen Augenblick Geduld, lieber Eduard! Ich stehe hier, zwar nicht wie ein Herkules, doch wie ein verschamter deutscher Schriftsteller, am Scheidewege. Der eine seiner Pfade, der zur Wahrheit fuhrt, die ich jetzt vor Augen habe, leitet offenbar von der konventionellen Bescheidenheit abwarts. Halte ich mich an diese, so soll mich zwar eine der gewohnlichen Wendungen geschwind genug aus dem schlupfrigen Handel gezogen haben; aber mein Tagebuch, das mich und Klarchen bis zu diesem kritischen Augenblicke ganz so schilderte wie es uns fand, wird dafur in den Augen eines so offen denkenden Menschenbeobachters, als Du bist, bell grossten Theil seines Werths verlieren. Was soll ich thun? "Gehe den Weg der Wahrheit," rufst Du mir zu, "und erinnere dich deines Versprechens!" Gut! so lass mich wenigstens vorher vielleicht hatte ich es schon langst thun sollen fur alle die unbefangenen Seelen, die mir nachschleudern ohne zu wissen wohin? einen Strohwisch als Warnungszeichen aussteckeul Denn obgleich meine Malereien nur D i r gewidmet sind, so giebt es doch der moglichen Falle so viele, durch die sie in unrechte Hande gerathen, ruhige Herzen in Wallung setzen, und zartliche Augen, die Ehrfurcht gebieten, beleidigen konnen. Werden denn nicht taglich die vertrautesten Briefe durch den Druck bekannt, die uns uber die Tugend langst verblichener Vestalinnen uber die Ehrlichkeit manches zu seiner Zeit beruhmten Menschenfreundes, und uber die praktische Philosophie unserer Lehrer, das Verstandniss offnen? Ich muss allemal lacheln, wenn ich unter den Beichten, die sich Busenfreunde, wie wir, in einer geheimen Korrespondenz, nur unter vier Augen abzulegen glauben, die Bitte lese, sie sogleich zu verbrennen. Es ist als wenn jeder Brief durch diese Formel erst recht feuerfest wurde, und fur das Ganze, worauf ich gern alles beziehe, mag es auch recht gut seyn, dass kein Freund hierin den andern ehrlich bedient. Denn wenn noch zehn Alexandrinische Bibliotheken in Rauch aufgingen, es ware fur die wahre Menschenkunde lange kein so grosser Schade, als wenn diess Schicksal jenen traulichen Ergiessungen des Herzens widerfuhre, die zu allen Stunden in Postpaketen verschickt werden. Ein wahrheitsliebender Genius scheint uber ihre Erhaltung zu wachen, und dadurch das Problem zu losen, warum die Nachkommen von den Scenen vergangener Jahrhunderte richtiger urtheilen als die Zeitgenossen, die mit ihren Nasen dabei waren. Sie sahen zwar den Erfolg, glaubten sich klug in den Zeitungen zu lesen, und tappten nichts desto weniger im Finstern. Die wahren wirkenden Ursachen der Begebenheiten kann sicher nur erst das darauf folgende Zeitalter entwikkeln, das die geheimen Schubfacher der abgetretenen Akteurs ohne Rucksicht auspackt, und gegen einander vergleicht. Dann erst sieht man, wie einer den andern mit falschen Wechseln und falschen Quittungen betrog: wie dieser und jener grosse Mann die Marionette seines Schreibers, der Spott seiner Vertrauten, der Ball seines Weibes, seines Kanzlers oder seiner Buhlerin war, ohne es nur zu ahnden; lachelt uber die geringfugigen Mittel, durch die der Regierer der Erde ihr bald Konvulsionen erregt, bald ihren Schlummer bewerkstelligt; und spottet herzlich uber die festen Erwartungen eines ewigen Nachruhms, der oft, kaum zwanzig Jahre nachher, durch ein glucklich entronnenes Papier verrathen, als eine lacherliche Anmassung der grossen Manner die darnach zielten, dokumentirt wird. Nun ware mir zwar in Absicht des Nachruhms das dereinstige Schicksal meines Tagebuchs so ziemlich gleichgultig; aber doch mochte ich gern, so viel an mir ist, alles mogliche Ungluck verhuten, das durch seine Erhaltung entstehen konnte. Und wenn es sich zutruge, dass allererst hundert Jahre nach meinem Tode, wo ich von dem schonen Geschlechte weder etwas mehr zu hoffen noch zu furchten habe, ein unschuldiges und mit den Zumuthungen der Liebe unbekanntes Kind meine zeitige Handschrift aus dem Staube eines alten vergessenen Schrankes hervor kramte, und sich nun bis hierher so glucklich hinein buchstabirt hatte, um ohne Anstoss weiter fortlesen zu konnen, so sollte es mir noch leid thun, wenn es nicht abgerufen wurde. Erlaube mir immer, mein Eduard, dass ich mich diesen nach Wahrheit strebenden Geschopfen, die noch nicht wissen, dass ihnen nicht jede Wahrheit gut ist, mit einer freundschaftlichen Bitte entgegen stelle.
Lesen Sie also nicht weiter, meine jungen liebenswurdigen Freundinnen aller folgenden Jahrhunderte, wenn Ihnen die Ruhe Ihres Herzens und der Glaube Ihres kunftigen Eheherrn lieb ist! Es ist wahrlich nicht der Muhe werth, dass Sie Ihre Augen mit diesem veralterten Plunder verderben! Studieren Sie lieber eines von den schonen moralischen Werken, in denen es vermuthlich Ihre Zeit der meinigen um ein grosses zuvor thun wird! Stecken Sie Ihr Halstuch fester, das ein wenig klafft! Ziehen Sie Ihre Schleifen enger zusammen, und lassen Sie mich jetzt ruhig mit meinem Freunde schwatzen! Ein junger Mensch, der sich mit einem andern Fluchtling uber die Irrthumer seiner Jugend unterhalt, geschahe es auch nur aus der weisen Absicht, der Eitelkeit der verfuhrerischen Wollust naher auf die Spur zu kommen, ist wirklich kein Gegenstand der Aufmerksamkeit eines behutsamen Madchens; und ich gestehe Ihnen offenherzig, dass ich nichts weniger als die Ehre Ihrer Gegenwart bei dem nachsten Auftritte erwarte. Ich sage es Ihnen im voraus, dass dort alles bunter durch einander gehen wird, als Ihre stille Lage vertragen kann. Sie wurden, wie Sie auch wohl schon aus den Vorbereitungen geschlossen haben, nichts mehr und weniger, als die geheimen Netze einer Heiligen bloss gestellt finden eine Ansicht, die, bei der Kenntniss Ihrer eigenen Reichthumer, Ihr Auge nur emporen muss, ohne es zu befriedigen. Sie wurden sehen Sie Sich in den Spiegel! eine Person von gleichem liebenswurdigem Anstande in einer Unordnung finden, in die Sie hoffentlich nie zu gerathen wunschen. Und sollten Sie vollends einen Seitenblick auf mich werfen ach! so wurden Sie noch weniger begreifen konnen, wie ein Verehrer der unbescholtenen Sittsamkeit Ihres Geschlechts ihr jemals so nahe zu treten im Stande seyn konnte. Die Wissbegierde meines forschenden Geistes, mein naturliches Kunstgefuhl, mein Kontrakt mit Marchen, und die berauschende Hitze des hiesigen Klima's, wurden mich doch nur schlecht bei Ihnen entschuldigen; auch wurde das Versprechen, mich kunftig artiger zu betragen, nur wenig bei so holden Geschopfen verfangen, die ich einmal genothigt hatte, sich, gleich den empfindlichen Pflanzen, in sich selbst zuruck zu ziehen; und, was mich am meisten kranken wurde, ich konnte, wenn Sie meine Geschichte nun ganz ubersahen, mit der Wahrheit in ein Geschrei kommen, das sie doch nicht immer verdient. Die Lehre, die etwa fur Sie, meine Freundinnen, in meiner Begebenheit liegt, sind Sie gewiss schon scharfsichtig genug gewesen auszufinden, und Ihrem Herzen einzupragen, da ohnehin schwerlich einer meiner moralischen Vorganger sie Ihnen anschaulicher gemacht hat. Um jedoch allem Missverstandnisse zuvor zu kommen, will ich sie hier zum Ueberflusse mit durren Worten wiederholen: Willst du zu den klugen Jungfrauen gehoren, liebes Madchen, so sei geizig mit allem was dir angehort! Lass dich weder durch mannliche Bitten, kamen sie auch aus dem Munde eines Kasuisten, noch durch dein eigenes weibliches Gefuhl, das oft noch kasuistischer ist, als jene, zu der anscheinenden Kleinigkeit verleiten, auch nur dein abgelegtes Strumpfband gegen ein anderes zu vertauschen, das dir dein Liebhaber anbeut, hatte es auch selbst die Mutter Gottes getragen! Trauen Sie meinen Worten, lieben Kinder! der Satz, der jetzt so fest steht, mochte nur locker werden, wenn Sie daran kunsteln und nach Beweisen forschen wollten, die ihn noch mehr bestatigen. Ich habe denen, die meinem Rathe folgen aber auch leider habe ich derjenigen von Ihren Gespielinnen nichts weiter zu sagen, die, ungeachtet meiner redlichen Zurechtweisung, es dennoch wagen kann, den Vorhang von der andern Halfte meines Naturund Kunstgemaldes wegzuziehen. Sie busse die Strafe ihrer Verwegenheit, und gebe mir keine Schuld, wenn sie in den Tropfen der schwachen Hortensia20 Hulfe suchen, und ein geschwindes Kopfweh vorschutzen muss, um bald auf ihr Ruhehette, ihrem nachdenkenden und nachfragenden Liebhaber aus den Augen zu kommen. Ja, wenn es nach Zeit und Umstanden noch gefahrlicher abliefe, ich bin ausser Schuld, und verwahre mich hierdurch auf das feierlichste gegen alle Vorwurfe ihrer Frau Mutter, und gegen die Verweise ihrer eigenen reuigen Thranen, so wie ich dagegen von Herzen gern auf den Dank des Entzuckens Verzicht leiste, den mir, eine Stunde nach der verbotenen Lekture, ihr Hausfreund mochte schuldig zu seyn glauben.
Ich hoffe nun, durch die Gegenwart der Unschuldigen, denen ich mich eben empfahl, nicht weiter gestort, den Nest meines merkwurdigen Traums mit Dir allein abzuthun, lieber Eduard; indess wunschte ich doch, dass Du mir noch uber die Zeit, die ich mir schon selbst nahm, und mit jenen neugierigen Kindern verplauderte, aus eigener Gutmuthigkeit einen kurzen Aufschub vergonntest, ehe ich meinen Pinsel wieder aufnehme. Die Buste des Engels, den ich male, hat mich sehr angegriffen; meine Hand zittert noch, und ich brauche Erholung. Ach! ware es so leicht, die Natur in ihrer Enthullung zu zeichnen, wurden wohl die Titiane so rar seyn? Da ich nun ohnehin, bei aller meiner Punktlichkeit, eines Hauptschmuckes meiner heutigen Toilette zu erwahnen vergass, der in manchem Betracht eine besondere Beschreibung verdient, so kann ich ja das erbetene Viertelstundchen nicht schicklicher gewinnen, als wenn ich sie hier einschiebe. Es ist ein optisches Kunststuck in einem Ringe, den mir vor vielen Jahren eine junge Putzhandlerin auf der Frankfurter Herbstmesse verkaufte. Es macht mir noch eine kindische Freude, wenn ich an diesen drolligen Handel gedenke noch drolliger beinahe als mein jetziger mit Klarchen. Als ich in ihre schimmernde Bude trat, war, nach ihr, ein Kastchen mit Ringen das vorzuglichste, was mir in die Augen fiel, nicht etwa der kostbaren Steine, sondern der hubschen Mignaturen wegen, die jene ersetzten, und die mir damals uber alles gingen. Zwei davon zogen mich durch die grosse Ahnlichkeit mit der jungen Verkauferin am meisten an. Dieselbe unschuldige, gefallige Miene dieselben feurigen braunen Augen dieselbe reine weisse Haut dasselbe Roth des kussenswerthen Mundes alles war auf das Sprechendste in diesen kleinen Portraten ausgedruckt. "Man hat es mir schon mehrmal gesagt," antwortete sie, als ich ihr meine Entdeckung mittheilte: "Es ist ein Zufall, der vielleicht nur ihren Verkauf hindert." Diese ungezwungene Aeusserung der Bescheidenheit eines so artigen Geschopfes verdiente doch wohl ein Kompliment, lieber Eduard? Ich wusste ihr kein grosseres zu machen, als dass ich, zum Beweise wie ungerecht ihre Furcht sei, ihr einen dieser Ringe abkaufte. "Was kostet das Stuck?" fragte ich lachelnd. "Dieser hier," antwortete das Madchen, "zwei Louisd'or, und der andere achte." "Und warum das?" fragte ich weiter: "Ich sehe doch keinen Unterschied zwischen diesen beiden Bildern; das eine sieht Ihnen so ahnlich, als das andere sie sind mit gleichem Fleisse gemalt, und so viel ich beurtheilen kann, sind auch die Reife von einerlei Weite, Grosse und Gehalt." "Von allem dem," versetzte das junge Ding, "kann ich Ihnen keine Rechenschaft ablegen. Ich vertrete hier nur die Stelle meiner Mutter, die anderwarts zu thun hat, und kann Ihnen nur die Preise angeben, die sie bestimmte, ohne dass ich fur mein Theil etwas mehr vorschlage." Das machte mich nur noch stutziger. Anstatt den wohlfeilen Ring zu kaufen, besah ich den theuern mit ausserster Neugierde; und es wahrte nicht lange, so entdeckte ich an ihm einen Punkt, gross wie ein Nadelstich, der an dem andern nicht war. Ich vermuthete eine verborgene Feder, und betrog mich nicht. "Ah! liebes Kind," rief ich ungeduldig, "Sie haben da eine goldene Nadel vorstecken; darf ich wohl auf einen Augenblick darum bitten?" Das gute Madchen zog sie so unbefangen heraus, als ich darum bat das Halstuch flatterte auf beiden Seiten und das Brustbild ward ihr noch ahnlicher; aber kaum stach ich in den Ring, so sprang der Kristall auf, ihre sittsame Buste verschwand, und es erschreckte mich ein so schones Kniestuck von ihr, dass ich uber und uber roth ward. "O, jetzt begreife ich," sagte ich mit funkelnden Augen, "warum dieser Ring noch dreimal so viel werth ist als der andere. So c o n a m o r e 21 gemalt, habe ich keine Mignatur noch gesehen. Ihre Frau Mutter muss den Handel vortrefflich verstehen; denn der Ring ist des Geldes unter Brudern werth." "O gewiss, mein Herr," sagte sie gleichgultig, "ubertheuern wir niemanden." "Fur einen grossen Thaler," fuhr ich fort, "uberlassen Sie mir auch wohl Ihre goldene Nadel, die zum Schlussel des Rings wie gefunden ist?" "Von Herzen gern," antwortete das gutmuthige Geschopf, und das Halstuch flatterte nun so lange vor meinen Augen fort, bis ich das Gold sortirt und aufgezahlt, sie es dmchgewogen und eingestrichen, und ich des schonen Anblicks vor der Hand genug hatte.
Ich war damals ein blutjunger Mensch, Eduard, der das Geld nicht achtete, das tanti poenitere non emo nicht begreifen konnte, und an allen Ecken der Stadt betrogen wurde. Aber diesen Ring wenigstens habe ich gewiss nicht zu hoch bezahlt; denn, ungerechnet, dass, so lange ich auf der Messe war, nicht ein Tag verging, wo ich mir nicht die Lust machte, seine Feder ein paarmal springen zu lassen, und kein Abend, wo es mir nicht durch seine Vermittelung gelang, diess artige Kind in ihr Quartier zu begleiten, hat er mir auch noch in der Folge meines Lebens die wichtigsten Dienste geleistet. Die Ringe des Giges und des Salomo in Ehren, hat doch sicher keiner eine so susse magische Kraft von sich gestromt, als der meinige. An seinen Besitz scheint das Geschick die vielen glucklichen Stunden geknupft zu haben, die ich seit jenen erstern der Frankfurter Messe verlebte. Sollte auch die junge Putzhandlerin noch nicht ganz von der Oberflache unserer Erde verschwunden seyn, so wurde ich sie doch schwerlich jetzt aus ihren Runzeln hervor ziehen konnen, wenn sie mir irgendwo wieder aufstiesse; aber das jugendliche Andenken, das sie mir mit dem Ringe ubergab, wird hoffentlich mir so lange noch zu Hulfe kommen, als ich unter den Lebenden wandle. O du uberschwengliches Gluck der Einbildungskraft und der Erinnerung! Und doch wie wenig wirst du in unserm Alltagsleben benutzt! als ob wir Armen unserer fluchtigen Freuden noch so sicher, und des wiederholten Genusses der gegenwartigen Augenblicke noch so gewiss waren! Liesse jeder Ehelustige seine Braut am Tage ihrer Uebergabe in dem Costume meiner Putzhandlerin unter dem Krystalle seines Traurings malen, die erste Auslage wurde ihm in altern Jahren zehnfach wieder zu gute kommen. Wie mancher widrigen Stunde der Erschlaffung wurde er durch diese Kleinigkeit wieder aufhelfen! Wie manchen hauslichen Zwiste konnte er mit diesem Dokumente, das beiden Theilen zum Beweise dienen wurde, vorbeugen! Warum rettetet ihr nicht, ihr Veralteten, einen Feuerbrand aus eurer Jugend, an dem sich jetzt euer erkaltetes Herz erwarmen, und der euch mit wiederkehrenden Kraften beleben konnte? So stecke ich allemal, und selten umsonst, meinen Frankfurter Ring an den Finger, wenn ich nothig habe den jungen Herrn zu spielen. Er dient mir oft als ein Medusen-Kopf, mit dem ich den feindlichen Ernst aus meinem Museum verjage; und nie vergesse ich, ihn in so kritischen Stunden zu tragen, als mir heute zu Theil wurden. Wundershalber will ich nur sehen, wie lange er seine magische Wirkung noch aussern, und ob nicht, wenn seine Feder erschlafft und seine Farben verbleichen, auch endlich sein jugendlicher Einfluss auf mich selbst verschwinden wird?
Doch ich bin und bleibe ein Schwatzer, und vergesse immer die eine Geschichte uber der andern. Mache es nur jetzt, um geschwind von der Sache zu kommen, wie ich es eben mit dem Ninge gemacht habe, lieber Eduard; besieh erst noch einmal auf das genaueste das artige Brustbild meiner Heiligen die verschamte angstliche Miene das belebte Kolorit, und das Steigen und Fallen ihrer frommen Empfindungen; und nun wende geschwind das Blatt um, wenn Du Dir auch die andere Halfte des pitoresken Anblicks gonnen willst, den ich erlebte. Du gehorst, gottlob, nicht zu jenen Unerfahrnen, die ich verscheucht habe, und es wurde wohl sehr lacherlich herauskommen, wenn ich einem Manne, wie Du bist, meinen guten Rath mit auf den Weg geben wollte. Als Schuler Epiktets, weisst Du zu gut den schnellen Begierden zu entfliehn. Dich wird kein Uebersprung In's Thal der Leidenschaft den Faunen beigesellen, Die meine Muse, trotz dem Diadem von Schellen Auf ihrem Haupte, nie besung. Die Weisheit fuhre Dich mit Gluck durch jene Wellen Und Schlangenlinien den angestaunten Zellen Der feinsten Haut vorbei, bis in die Dammerung Der Werkstatt der Natur, die selbst mein Adelung Zu schuchtern ist Dir aufzuhellen. Blick, alter Freund, blick her! An diesen Wunderquellen Sah sich ein Nestor wieder jung. Wie bebend stand sie da, die Perle der Pucellen! Wie ein verklarter Geist, den an des Himmels Schwellen Ein Schauer der Verherrlichung Zum erstenmal ergreift! Sie, jedem Dichterschwung, Zu hoch, sie traulicher dem Auge darzustellen, Ist keine Sammlung von Pastellen, Ist keine Sprache reich genung. Wie ward mir! Ach, aus meinen Augen blickte Ein Herz, das wie ein Gott genoss; Die Stimme fehlte mir in meinen Adern floss Ein Feuerstrom, der sie nur starkender erquickte, Je wuthender er sich ergoss. Die Lieb' in Ungestum verweilte nirgends pickte Ein Roschen hier, das seinen Kelch verschloss, Eins dort, das sich schon besser schickte, Schon prahlender in Blatter schoss, Und jedes, das die lange Zeit verdross, Die es umsonst im Schutz der Interdikte Der Lusternheit entgegen spross. So schweifte mein Gefuhl mit wechselndem Gewinnste Durch Berg und Thal, den Bienen gleich, und sog Sich voll flog schwerer und verflog Zuletzt sich an das Kreuz, das unter Florgespinnste Des Propstes Zaubergriffel zog. Wie angstlich flatterten die aufgeschreckten Reize Der Scham, den Tauben gleich bei einer Reiherbeize, Von allen Scherzen ausgezischt Aus dem Tumult. Genug! mit Thranen untermischt, Wird nun der Opfertrank dem lang' getauschten Geize Des hungrigsten der Gotter aufgetischt. Doch kaum begann das Fest, die Augen angefrischt, Sah ich kaum, unter mir, von dem versteckten Kreuze Des Propstes den Kontour verwischt, So fuhlt' ich schon mit jedem Blick von Klaren Die Strahlen seines Banns mir in das Auge fahren, Das wild bis an die Schranken lief, Die, ihm zwar weit genug durch meinen Ablassbrief Geoffnet, doch zugleich mit einer wunderbaren Geheimen Kraft gesegnet waren, Die alles, was im Reich der Phantasieen schlief, Die Granzen zu bedecken rief. Gespenster stiegen auf; die Gegend wurde truber, Sturm zog sich um den Kreuzgang her; Mir war als schleudre mich ein ungestumes Meer In das Gebiet der Schatten uber, Gelahmt zu jeder Wiederkehr; Mir war als schluge das Gebelle Des Hollenhundes an mein Ohr: Mir war als ob der Danaiden Chor Sich mir mit ihren Eimern vor, Und neben mir sich der Verdammte stelle, Der, ewig durstend an der Quelle, Die Tropfen zahlt, die er verlor. Neugierig streckte sich so mancher Diebsgeselle Verbotner Freuden aus der Welle Des Phlegethons nach mir empor Doch was erhebt dort aus dem Feuer Des Orkus sich fur ein Koloss? Entsetzlicher, als selbst die Ungeheuer Aus jenem fabelhaften Tross! Die Dietriche des Himmels gluhen In seinen Handen Funken spruhen Von seinem purpurnen Talar! Sein Nimbus schwebt im Qualm der Seuchen, Die ihm die neue Welt gebar!22 Sie nagen sein Geripp und scheuchen Der Neugier Blick von seinem Schlangenhaar! Sein Haupt, das frech drei Kronen auf einander Geturmt, sein Furstenstuhl. den eine nackte Schaar Umzingelt, stellen mir im Glanz der Salamander Das Oberhaupt der Kirche dar; Ihn, der verwustend wie ein Brander, Titus Thron Papst Alexander. Jetzt auf Klarchens Brust ein Unterhandler zwar, Doch selbst auch hier, wie vor dem Hochaltar, Ein ehrvergessner Abgesandter Des Todes und der Sunde war. Statt eines Gnadenbriefs warf spottend der Barbar Ein Leichentuch auf meine Schwanenbetten; Mein Auge schwindelte im Bann Des Propstes, und erstarb die letzte Oelung rann Kalt uber mich, und Todtenmetten Vereitelten den Amoretten Die Ueberfahrt nach Canaan. Mir schien, als schleppe mich ein brausendes Gespann, Mit Krepp behangt, mit traurigen Aigretten Bekront, dem H u g e l zu, wo man Das Gluck der Schlafenden schon aus dem Kranz von
Kletten
Der i h n umweht, erraten kann. Erschreckt durch solch ein Bild, sah ich mich um und
sann,
Nur noch den Rest der Seligkeit zu retten, Die mir mein Dokument gewann. Umsonst! Die Holle schien auf meinen Fall zu wetten; Dem schwindenden Phantom begann Mein eifersuchtiger Tyrann Ein neues Blendwerk anzuketten. Schon dreimal hatt' ich mich in den Bezirk gewandt. Wo sich mein erster Blick mit Hoffnungen verband, Die lange noch nicht eingetroffen; Und dreimal prallt' ich ab, gleich einem, der am Strand Calabriens sein schones Mutterland Vergebens wieder sucht. Sein Gartchen ist ersoffen; Sein alter Spielplatz ist mit Sand Bedeckt sein Veilchenthal steht jetzt bis an den Rand Voll Nesseln, und er sieht dort die Charybdis offen, Wo sonst ein Meilenzeiger stand! Doch hier entfallt die Feder meiner Hand, Ich geb' es auf den Stoff noch besser auszustoffen.23 Genug! Noch eh' ich mich in diesem Schutt und Brand Ein wenig nur zurechte fand, Zerfloss mein Jugendtraum ach! wider mein Verhoffen, Selbst wie ein Schatten und verschwand. In mancher Fahrlichkeit, wenn ich bald Menschenhasse, Bald frommer Heuchelei die freie Stirne wies, Wenn ich in dunkler Nacht, trotz meinem
Weisheitspasse,
Mich manchmal an die Nase stiess, Malt' ich mich Dir so gern; doch diessmal, Freund, erlasse Den Umriss mir der klaglichen Grimasse, Die mir mein Unfall hinterliess. Der Sohn des Dadalus fiel, glaub' ich, nicht viel strenger Bestraft, vom Himmel in die See; Die t r a u r i g s t e G e s t a l t schlug nicht ihr Auge
banger
Nach Rosinanten in die Hoh; Kein Wittwer fuhlte sich wohl je Verwittweter als ich; selbst nicht der Minnesanger Der hollischen Euridice.
"Ach, Klarchen, ach! wo kamen die Bilder die schrecklichen Bilder her?" rief ich trostlos aus, indem ich dem lieben Kinde von unserm traulichen Sopha herunter half. "Was denn fur Bilder?" fragte sie, trat zugleich vor den Spiegel, ohne auf meine nachstrebenden Blicke zu achten, und schon rollte der Vorhang uber jene heiligen Kleinodien, die vielleicht von mehr Gespenstern bewacht wurden, als je einen Schatzgraber erschreckt haben. Sie hatte so eine Eile damit, als ob sie befurchtete, ein einziger Sonnenstrahl schon konnte dem herrlichen Gemalde, das ihr so rein und treu, wie aus einem Krystall wiederschien, alle seine Schatten und Lichter ausziehen. Mein Herz war beklemmt es fuhlte mit Wehmuth seinen Uebergang aus der schonen Natur in die gemeine Welt. "Nun mein Herr," wiederholte sie, wahrend sie ihren ersten Unterrock uber sich warf, "was fur Bilder waren es denn?" "Blendwerke der Holle," antwortete ich. "Sie hatten wohl einen Riesen aus seiner Fassung bringen einen Furchtsamern als mich wohl todten konnen." "So bin ich denn recht froh," fiel sie mir in das Wort, "dass wir noch so gesund beisammen sind." Und dabei knupfte sie die Hauptschleife, von der ich Dir, glaube ich, schon oben etwas gesagt habe, wohl noch einmal so fest zusammen, als sie war, da ich sie aufzog. "Wo ich hinsah," fuhr ich fort, "lagen die Phantome vor mir, stiegen mir nach wo ich hindachte, und haben mir den schonsten Handel verdorben, der wohl je uber einer Reliquie geschlossen wurde." "Das thut mir herzlich leid, mein Herr," erwiederte sie, und langte nach ihrem Nadelkissen. "Ohne die Muhe des Aus- und Anziehens eben hoch in Anschlag zu bringen, wurde ich sie mir doch ganz erspart haben, hatte ich vermuthen konnen, dass Ihnen dieselbe Ansicht, auf die ihr Eigensinn so hartnackig bestand, so ubel bekommen wurde. Weder Pater Bauny," sagte sie, und fuhr in den einen Aermel ihres Mieders, "noch der Pater Lessau," und sie fuhr in den andern, "weder Sie noch der Papst," und sie fing an sich einzuschnuren, "wurden mich haben bereden konnen, Ihnen damit beschwerlich zu fallen, wenn ich, wie gesagt, es gewusst hatte." "Sie sind die Gute selbst, Klarchen, und so aufrichtig als schon; um desto mehr ist es zu bejammern, dass so viele Vollkommenheiten unter dem Drucke eines Zauberers liegen." "Wie, mein Herr?" drehte sie sich verwundernd nach mir um: "Halten Sie den Schutz der Mutter Gottes das Kreuz der heiligen Cacilia, fur Zauberei? und rechnen Sie die frommen Interdikte meines Seelsorgers unter die verbotnen Kunste?" Ich liess mich nicht durch ihre Frage irren. "Unbegreiflich!" fuhr ich nur noch ingrimmiger fort, je fester sie ihr Schnurleibchen zusammen zog, "wie ein Propst gegen einen Papst ein gemeiner Schwarzkunstler gegen den grossten, so ganz ohne Widerrede Recht behielt!" "O! mein Herr," fiel sie mir hier sehr ernsthaft ein, "seine vaterliche Fursorge fur mein Bestes ..." "Was meinen Sie damit? Klarchen!" fragte ich in der albernsten Zerstreuung "verdient auch selbst in Ihrem Munde, diese Schmahung nicht. Wie konnen Sie nur den guten Mann mit Ihren Phantomen in Verdacht haben? Wie hatte er denn Ihren Handel verderben konnen, der, glauben Sie mir, viel zu sonderbar war, als dass ihn selbst ein Prophet hatte errathen. sollen? Thun Sie immer der Wahrheit die Ehre, und gestehen Sie, dass Sie nichts mehr als Ihre eigene Schuld trugen, und da Sie uber allen unsern Ein- und Ausgangen die Kreuze des Propstes mit lachendem Muth verwischten, Sie notwendig die rachenden Geister wider Sich emporen mussten, die diese heiligen Zeichen umschweben. Es ist mir lieb, dass Sie aus eigener Erfahrung lernen, wie wenig Ihr Glaube gegen den unsern vermag, und dass man ungestraft auch das geringste Geschopf nicht unrecht ansehen darf, das unter dem Schutze der Heiligen steht. Aber, mein lieber Herr," fuhr sie jetzt mit mehr Theilnahme fort, "da Sie nun das erfahren haben, wie mogen Sie Sich immer noch nicht besser mit Ihren Augen in Acht nehmen? Sie verfolgen ja jede Nadel die ich mir anstecke, als wenn Ihnen noch so viel an Ihrem Schwindel gelegen ware. Warum setzen Sie Sich nicht einstweilen in eine Ecke, bis ich mit meinem Anzuge zu Stande bin?"
Beinahe glaube ich, Eduard, dass Klarchen mit ihrem kindischen Geschwatz nicht ganz Unrecht hatte. Ich begreife es noch nicht, warum ich, ohne zu wanken, neben ihrem Spiegel gelehnt blieb, den sie doch, mit so ganzlicher Ausschliessung meiner, uber ihren Anputz zu Rathe zog, als wenn ich nicht in der Stube ware. Mit der traurigsten langen Weile stand ich da, und musste zusehen, wie sie alles so artig wieder aufbaute, was ich zu Ehren der Natur einriss wie mir jede Minute eine Augenfreude mehr entzog, bis alle und jede ihrer heiligen Reize und wie ich furchtete auf ewig meinem Anblick verschwanden.
Sie war nun so weit mit sich fertig, dass sie nur noch das letzte Streifchen Musselin um ihren Busen zu schlagen hatte, als sie, durch einen fluchtigen Hinblick nach ihrem Halsgeschmeide, meine Fusse in Bewegung brachte. Ich holte den guten Nicaise aus seinem Winkel, und ich hoffe, dass der bescheidene Ernst, unter welchem ich ihn jetzt wieder zu seiner warmen Ruhestatte begleitete, den Leichtsinn hinlanglich verbusst hat, mit dem ich mich unterfing ein so heiliges Gebein der Erkaltung auszusetzen. Und nun stand das fromme Klarchen wieder so erbaulich vor mir, dass ich nichts weniger als ein neues Schrekken von ihr erwartete, mit dem sie mich doch bald genug uberraschte. "Jetzt, mein Herr," sagte sie freundlich, "jetzt geht mir zur volligen Beendigung unseres Handels nichts mehr ab, als Sie wissen wohl die restitutio in integrum, die Sie mir, als eine Hauptbedingung, zugesagt haben." "Ihre restitutio?" fing ich das Wort auf, und ward roth bis uber die Ohren. "Kann das fromme Klarchen auch spotteln? O haben Sie nur Geduld! Jene Schreckbilder werden mich nicht ewig verfolgen, und mein Naherrecht wird dem heiligen Vater schon noch Gelegenheit verschaffen, seine ganze Macht und Gnade an Ihnen zu versuchen." "Da verstehen wir uns einmal wieder nicht," antwortete sie, und legte ihre Hand traulich auf meinen Arm. "Ich rede sehr ernstlich, mein Herr! Mein Spiegel hat mir keine Kleinigkeit, und hat mir also nicht verschwiegen, in welche Gefahr jene unruhige Lage auf dem Sopha meine Singstimme versetzt hat. Ich beschwore Sie also bei der Unschuld der Harmonie, bei der Glorie der heiligen Cacilia, das Mahlzeichen wieder in seinen vorigen Stand herzustellen, das unter Ihren Handen verlosch. Hier ist die geweihte Farbe, die auf dem Altare dieser grossen Erfinderin der Orgel dieser Patronin aller Sangerinnen und Sanger, gemischt, und der einzige Reichthum meiner Toilette ist." Mit diesen Worten reichte sie mir aus dem einen Schubfach einen Pinsel, aus dem andern eine krystallene Schale, die diese kostbare Schwarze enthielt. Es lagen in dieser ihrer Zumuthung wieder so viel neue Begriffe fur mich, dass ich nicht gleich wusste wo ich damit hin sollte. "Also nur Ihrer sonorischen Stimme wegen, Klarchen?" fragte ich lakonisch, und schuttelte den Kopf. "Und wesswegen konnte es denn sonst seyn?" fragte sie dagegen; und wir blickten einander wieder mit der Verwunderung an, in die uns schon so oft unsre Missverstandnisse gebracht hatten. Das Madchen, Eduard, wird mir ein Rathsel bleiben bis zu dem letzten Augenblicke.
So wenig ich auch von Zeichnung und Malerei verstehe, so hatte ich doch nicht das Herz ihre Forderung von der Hand zu weisen. Ich folgte ihr also, und diessmal ganz demuthig, bis an den Sopha nach knieete mit der nichts sagenden Miene eines elenden Malers, den ein Narr miethete eine Venus von Correggio auszubessern, vor die beschadigte Sangerin sah zum letztenmal im Vorbeigehn den theuern Kniegurtel, der mich in so viele Verlegenheit schon gebracht hatte, und der Vorwurf, den ich mir machte, seine weitlauftigen Indulgenzen so armlich benutzt zu haben, lief mir eiskalt uber den Leib. Ich nahm mich jedoch auf das beste zusammen zog meine Striche die Lange und die Quere auf dieselbe Stelle, wo ich die Spur der ersten halb verloschten antraf, und ehe ich mich umsah, stand mein Gemalde im moglichsten Glanze da. Wenn Du aber denkst, dass es ein Kreuz war, Eduard, so irrest Du Dich. Die Grundsatze meiner Moral und Religion werden mir nie erlauben, fur den Aberglauben einen Pinselstrich zu thun, es musste denn seyn, um ihn zu verspotten; und dazu hatte ich hier freilich alle mogliche Aufmunterung. Was soll das Symbol des heiligen Kreuzes, ich bitte Dich, an dem Scheidewege einer Sangerin? Ich wollte nur, dachte ich, dass der Propst da ware, um ihm das Lacherliche und Unschickliche davon begreiflich zu machen. Doch bin ich denn nicht sicher genug dass er herkommt? Gut! so will ich ihm denn einen Beweis ziehen, der ihm so stark in die Augen leuchten soll, dass sie ihm ubergehen. Die Gelegenheit war wirklich zu schon! Denn so gewohnlich es auch ist, seinen Gegner an einen dritten Ort zu bestellen, so konnte doch zu der stillen Rache, die ich an dem meinigen zu nehmen gedachte, wohl schwerlich einer besser gelegen seyn, als die einsame Gegend seines taglichen Besuchs, die seine vertrauteste Freundin durch einen Zusammenfluss glucklicher und unglucklicher Zufalle mir selbst zu verrathen genothiget wurde. Und so malte ich denn dem guten Madchen, ohne dass sie auch diessmal so wenig erfuhr, was auf ihrer Grundflache vorging, als sie die feine Verbindung meiner guten Absichten mit meiner schlechten Arbeit argwohnen konnte E t w a s das sich ungleich besser fur ihre Umstande schickte; malte ihr statt des heiligen Kreuzes, das sie erwartete, mit allem Ausdrucke der Wahrheit, ein Bild, das auf einen fluchtigen Blick jener Figur nicht ganz unahnlich war kurz, ich malte ihr nichts mehr und nichts weniger als was denkst Du wohl Eduard? als einen Stimmhammer.
Wir waren beide, obgleich aus verschiedenen Grunden, mit dem guten Fortgange der Wiederherstellung so zufrieden, dass wir noch, wahrend das Gemalde abtrocknete, die freundlichsten Blicke mit einander wechselten. Stelle Dir aber mein Erstaunen stelle Dir ... nein Du kannst es nicht mein Erschrecken und ihre Verzweifelung vor, als ihr Aufstehen vom Sopha ihr nur zu fuhlbar entdeckte, dass ich wahrend meiner Arbeit wo muss ich die Augen gehabt haben? den ganzen Rest der geweihten Farbe, der wenigstens noch zu hundert Kreuzen hinlanglich gewesen ware, verschuttet das feinste Linnen, das man sich denken kann, verdorben, und selbst den Kniegurtel der unbefleckten Jungfrau ein wenig befleckt hatte. Alle die entsetzlichen Folgen meiner Ungeschicklichkeit, ob ich sie gleich nicht so geschwind ubersehen und so genau berechnen konnte als Klarchen, traten mir doch lebhaft genug unter die Augen, um mich aus meiner Fassung zu bringen. Ich hatte kaum das Herz nach dem armen Kinde in die Hohe zu blicken, das, durch diesen Unfall ganz niedergedruckt, seinen vorigen Heroismus unwiederbringlich verlor. Sie schlug die Hande uber den Kopf zusammen, lehnte sich hinfallig an die Wand, vergoss in der Geschwindigkeit mehr Thranen, als letzthin von der heiligen Magdalena versteigert wurden, und sturzte sich endlich, wie ohnmachtig, auf den Sopha zuruck. "Liebes, bestes Klarchen," rief ich in der aussersten Besturzung, "um aller Gotter willen beruhigen Sie Sich! Sagen Sie mir, in welchem Kloster diese Schwarze der heiligen Cacilia zu kaufen ist; ich will hinlaufen sie holen, und Ihnen den Verlust Ihrer Toilette, wenn er auch noch so betrachtlich ware, mit tausend Freuden ersetzen. Vor allen Dingen aber bitte ich Sie und ich will Ihnen gern dabei hulfliche Hand leisten kleiden Sie Sich um." Jetzt erwachte sie, und drehte ihre machtigen Augen, mit dem verachtlichsten Blicke den sie fassen konnten, nach mir Unglucklichem zu. "Gehen Sie, mein Herr," rief sie mit sublimer Stimme: "Machen Sie, dass Sie bald aus unserm Hause kommen! Es ist kein Gluck und Segen in Ihrer Nachbarschaft." Mehr erlaubte ihr der Schmerz nicht vorzubringen. Sie stutzte ihren Kopf auf die rechte Hand, uber die ich neue Thranen in Perlen herab rollen sah. Ich stand wie versteinert vor dem so hoch betrubten Kinde. Eine Weile darauf erhob sie noch einmal ihr trauerndes schones Gesicht und ihre bebende Stimme. "Muss ich Sie noch immer sehen, mein Herr?" fragte sie mit einer Empfindlichkeit, die mir das Innerste der Seele bewegte. "Undankbare!" versetzte ich jetzt mit tragischem Ernste: "Sie soll ich, Ihr Haus soll ich mein Naherrecht soll ich verlassen? Und Sie wollten das Knieband der Madonna den Ablassbrief Papst Alexanders wollten Sich alle seine Indulgenzen zueignen, ohne mir nur eine kleine Frist zu gonnen, sie mit Ihnen zu theilen?" "Das," fiel mir das fromme Madchen mit unbegreiflichem Stolz in's Wort, "ist noch der einzige Trost in meinem Unglucke, dass ich diese Heiligthumer unwurdigen Handen entreisse! Auf meiner Seite habe ich die Bedingungen erfullt, mehr als zu sehr erfullt, und bin daruber in Ruhe. Diess, mein Herr, ist, bei der gebenedeiten Mutter! das letzte Wort, das Sie von mir horen. Jetzt konnen Sie gehen, oder meine Tante erwarten, wie es Ihnen beliebt." Sie hatte kaum ihrer Tante erwahnt, so ward mir schwuhl um das Herz. Ich wagte keinen Augenblick langer zu verweilen, und, nach ein paar hingeworfenen Worten zum Abschiede, die mir das Geschopf nicht einmal beantwortete, eilte ich zur Thure hinaus, die ich auch sogleich hinter mir zuriegeln horte.
Ich kannte mich kaum vor Aerger, wie ich in mein Zimmer trat. Ich klingelte nach Bastian, um ihn zu fragen, was er wolle? und klingelte ihm wieder, um ihm zu befehlen, ungesaumt einzupacken und die Post zu bestellen. Ich will fort, Eduard! Was brauche ich die Zuruckkunft der alten Hexe erst abzuwarten? Sie ist fur ihre Miethe einen Monat voraus bezahlt, und ihr heiliges Klarchen kostet mir ein und vierzig Dukaten, die ich nicht ubler hatte anwenden konnen. Was soll ich langer an diesem abscheulichen Orte? Es wurde mich nur um mein Bisschen Verstand bringen, wenn ich noch einen Abend hier verleben, die Ankunft des Propstes erinnern, und wohl gar bei seiner morgenden Inspektion gewartigen musste, mit meinem Stimmhammer konfrontirt zu werden. Wohl mir, dass ich der unterirdischen Wirtschaft dieses Gesindels noch so glucklich entwischt, und der Muhe uberhoben bin, um den Preis des vermaledeiten Ablassbriefes noch einmal mit den Geistern der Holle zu ringen! Ich thue hiermit feierlich Verzicht auf meinen Antheil an jenem unheiligen Fetzen, der einst Zeuge der Mordschaffenden Umarmung eines ehrlosen Papstes war, und jetzt, als Zeuge der verratherischen Heuchelei eines nichtswurdigen Monchs, das Knie seiner B u h l e r i n gurtet. Das Wort, um das ich so lange ungewiss herum ging, ist endlich, gottlob! uber die Zunge Ich nehme es nicht wieder zuruck, Freund! und hoffentlich wirfst Du mir auch nicht vor, dass ich es zu voreilig gesprochen habe. Aber was kummert es mich? Mogen doch diese Heiligen ihr Unwesen treiben, bis sie selbst zu Reliquien werden! Mein armer Kopf! wie er feuert und tobt! Ich muss ich muss meine Bosheit thatiger auslassen als mit der Feder! Weisst Du, von woher ich zuruck komme? Ich habe dem gesegneten Andenken des vortrefflichen Rousseau, das ich vor einer Stunde so grausam beleidigte, mein Versohnungsopfer gebracht; habe alle die teuflischen kasuistischen Bucher meiner Schlafkammer vertilgt, die mich, grosser Gott! der Versuchung so nahe brachten, ein Jesuit zu werden. Von dem Traktat an de probabilitate bis zum Sanchez de matrimonio von siebenzehn Buchern, mit denen ich in nahere Bekanntschaft gerathen war, ist nichts ubrig, als die leeren Hornbande, und das einzelne Blatt aus der Legende der heiligen Klara, das den grossen Beweis der Dreieinigkeit enthalt, und das mir noch beifiel aus dem Feuer zu retten, um es als einen Beleg meiner Erzahlung zu gebrauchen, als das Buch schon lichterloh brannte. Alles ubrige ist vom Feuer verzehrt. Der Scheiterhaufen dieser unseligen Werke brannte gerade unter der Buste jenes unsterblichen Schriftstellers Die empor rollende Flamme rothete, je mehr sie sich in dem Kamine verbreitete, sein blasses Gesicht, das, wie vom Feuer der Tugend belebt, auf mich herab blickte. Ich glaubte in seinen ernsten Mienen die hochste Missbilligung meines Leichtsinns zu lesen, und schamhafte Reue uber die Verirrungen meiner verlockten Sinne farbten nun meine Wangen.
Wenn Bilder von jenen Tausenden Seliggesprochener gleiche Empfindungen zu schaffen vermochten ... ach! wer konnte die religiose Verehrung derselben verdammen? Wer konnte alsdann uber die Andacht eines fuhlenden Madchens spotten, das vor der Madonnengestalt neben ihrem Bette das Knie beugt, um ihre schwankende Tugend zu starken? Wer mochte es wagen, ein Bild, das zur Erinnerung an Ehre und Rechtschaffenheit dient, es sei ein Boromeus oder ein Rousseau aus seinem Gesichtskreise zu verbannen? O, ihr Papste, Propste und Monche! die ihr eine Legion von Lotterbuben, nicht zur Bewahrung, sondern zur Verfuhrung der Tugend, auf Altare gestellt durch heillose Kunste das zarte Gefuhl des Gewissens verhartet manche schwache Seele durch Freipasse zum Laster sicher gemacht an jede Lampe, die eure heiligen Concordien, Magdalenen und Madonnen erleuchtet, einen Trost fur Verbrecher gehangt durch ihren werthlosen, erdichteten Nachlass die Armuth um ihr Brod betrogen durch eure geweihten Todtenbeine Verstand und Unschuld erhitzt und geschandet und an Rosenkranzen, unter dem Zeichen des heiligen Kreuzes, manches ehrliche Mutterkind in das Lazareth verlockt habt konnte ich doch, o ihr Verworfensten des Menschengeschlechts! alle eure Nischen und Kapellen alle eure dem Verbrechen geheiligten Schutzorter zerstoren, wie ich jetzt die giftschwangern Blatter vernichtet habe, die meiner Leidenschaft stohnten! Und ihr, meine guten Landsleute, die ihr etwa nach mir diese Miethe beziehet, danket es mir, dass ich sie voll jener unsaubern Gesellschaft, deren Asche bald in alle Winde verfliegen wird, gereiniget habe! Kauft dafur zu euerm Zeitvertreibe Rousseau's geistreiche Schriften bei euerm Nachbar Fez, und lest sie im Angesichte seiner Buste! Vor den bezaubernden Reizungen der Psalmistin brauche ich euch kaum zu warnen: ihr kennt sie nun, und auch sie selbst wird schwerlich einem Ketzer mehr trauen.
Wenn die kurzeste Thorheit die beste ist, so darf ich nach allein dein, was die meinige bei ihrer Entstehung zu werden versprach, immer noch froh seyn, dass sie nicht den siebenten Tag uberlebt hat. Ihre pittoreske Ausstellung ist freilich ich will es lieber selbst erklaren, ehe es ein anderer sagt die partie honteuse meines Tagebuchs, die ich gern, so wenig ich auch sonst auf kastrirte Schriften halte, davon trennen mochte, wenn es nur ohne Beschadigung des Ganzen geschehen konnte. Der Sturm war heftig, Eduard; ich verlange keinen seiner Art noch einmal zu erleben aber da er nun glucklich vorbei ist, mochte ich auch um vieles nicht die Erfahrung missen, die er mir gab. Er hat mir die tiefsten Blicke in den Abgrund geoffnet, zu dessen Erforschung alle, die ihn befahren, das Ihrige beitragen sollten; und ich kann wohl sagen, dass ich nie einen starkern Beruf gefuhlt habe, uber seine gefahrlichen Klippen zu predigen, als eben jetzt, da ich, ermattet und zerschlagen, von ihm zuruck komme. Es ware doch sonderbar, wenn etwa alle Wegweiser der Tugend und der Sitten aus diese Weise zur Welt kamen, und uns nur weiss machen wollten, dass sie urplotzlich mit Spiess und Schild gerustet, gleich Minerven, aus Jupiters Gehirn gesprungen waren. Fur das Ansehn im Publiko mochte diese Verlaugnung ihrer wahren Abkunft allerdings sein Gutes haben: aber diesen Herren selbst, wenn sie nun einander antreffen, musste es, dachte ich, alsdann auch gehen, wie dem ehrlichen Cicero, der, sobald er zum Augur geweiht war, keinem andern Augur auf der Strasse begegnen konnte, ohne zu lachen.
Die Pferde wollen noch nicht kommen, und doch hatte ich so gern diese hassliche Geschichte hinter mir, an die mich hier alles auf das unangenehmste erinnert, von der glimmenden Asche an in meinem Kamine, bis zu den leeren Banden, die, wie Schlangen- und Krokodillen-Balge, daneben liegen. Ja wohl, ja wohl, lieber Eduard, ist es eine hassliche Geschichte! Was wurde aus meinem guten Rufe werden, wenn sie durch Deine Nachlassigkeit oder Deinen Muthwillen bekannt wurde! Lass mich, ehe ich Avignon verlasse, daruber noch erst Abrede mit Dir nehmen. Suche es auf allen Fall ich rede jetzt ernsthaft mit Dir, lieber Freund, wenigstens zu vermitteln, dass mich die letztvergangene ungluckliche Stunde nicht zu sehr in dem guten Zutrauen unserer Damen zuruck setze. Gieb den ganzen Handel fur ein Spiegelgefecht meiner luxuriosen Einbildungskraft fur eine launige Spotterei uber die falsche Glorie menschlicher Tugend aus. Und wenn das auch nicht verfangen will, so gehe nur den jetzt so gewohnlichen Weg, der selten fehl schlagt, und mache, wenn von meinem Falle gesprochen wird, eine geheimnissvolle Miene dazu! Was gilt's, man ubersieht alsdann die Wahrheit, und sucht nun hinter meinen Nuditaten versteckte Prophezeihungen, wie man sie in dem hohen Liede sucht. In dem hohen Liede? sagte ich. Wie kommt mir das ein? Ich widerrufe diese Vergleichung, die meinem Tagebuche offenbar Unrecht thun wurde. Salomo mag es mir nicht ubel nehmen; aber, nach meiner Einsicht, hat ihm der Zufall viel zu viel Ehre erwiesen, seine poetischen Grotesken bis auf unsere Zeiten zu erhalten, zumal in der ehrwurdigen kanonischen Maske, hinter der sie vermummt sind. Ich bin zwar von dem Stolze weit entfernt, mich in der feinern Denkungsart und in der hohern Dichtkunst fur ein Muster auszugeben; unser Vaterland hat deren ganz andere aufzuweisen, die so sehr respektirt werden, dass man sie kaum liest aber doch glaube ich behaupten zu konnen, dass, so erhabenschlupfrig auch jene erotischen Vorstellungen des Orients seyn mogen, meine kleinen deutschen, anspruchlosen Gemalde doch immer noch naturlicher, hoflicher und geschwinder zum Zwecke fuhren, als jener Gesang aller Gesange. Klarchen ich will sie nicht loben ist gewiss niedlicher gebaut als die Sulamit; und es kame noch darauf an, ob sie nicht besser als jene zu einem emblematischen Modelle der christlichen Kirche dienen konnte. Doch sage ich dieses nur im Vorbeigehen, und wahrlich ohne den mindesten Anspruch: denn, ob es mir gleich Spass machen sollte, wenn Du meine schonen Landsmanninnen dahin brachtest, Weissagungen selbst hinter den Bildern zu suchen, die ich ohne Vorhang ausgestellt habe; so geschahe mir doch offenbare Gewalt, wenn auch die Nachwelt sich einfallen liesse, mit mir umzugehen, wie die Vorwelt mit dem ehrlichen Salomo, und mich fur einen Propheten erklarte. Du kannst es am besten den kunftigen Jahrhunderten bezeugen, dass, so oft ich mich in das Paradies der Dichtkunst verstieg, ich nie anders als auf einem naturlichen Wege dahin gelangte, und doch vielleicht mehr Ursache habe als der inspirirteste Dichter, mit meiner poetischen Laufbahn und mit den Gunstbezeugungen zufrieden zu seyn, die mir die Musen erwiesen. "Wie so?" fragst Du verwundert, und lachst mir spottisch in's Gesicht: "Ich habe doch nicht gehort, dass deine Dudelei eben so gar viel Larm und Aufsehn in der Welt gemacht habe." Ich auch nicht, guter Freund: aber das ist von jeher auch meine geringste Sorge gewesen; und ich wurde selbst den Horaz von Herzen bedauern, wenn er fur seine harmonischen Gesange keine wichtigere Belohnung eingeerntet hatte, als monstrari digitis et dicier hic est. Nimm also nur Deinen Spott wieder zuruck; denn, klangen auch die Ausdrucke, die mir vorhin entfielen, fur einen sage es nur heraus fur einen Z w e r g des Apollo etwas zu vornehm, so sind die Riesen, die seinen Thron umgeben, doch gewiss zu grossmuthig, um dem kleinen Spieler, den sie so lange unter sich geduldet haben, die Airs aufzumutzen, die er ihnen nachmacht. Aber diess bei Seite gesetzt; auch ohne gross zu thun, kann ich wohl behaupten, und Dir es durch Vorlegung meiner Ab- und Zurechnungen mit den Musen beweisen, dass, ungeachtet der kleinen Abzuge, die ich mir gern gefallen lasse, meiner neidlosen Genugsamkeit immer noch ein hubscher Gewinn ubrig bleibt. Hast Du Zeit wie leider! ich eben jetzt, denn ich hore und sehe noch nichts von meinen Postpferden so wollen wir die Rechnung mit einander durchgehen. Diese Beschaftigung, die man sonst gern so lange zu verschieben pflegt als moglich, wie wohlthatig wird sie mir nicht in diesem Augenblicke! Es ist schon weit lichter um meinen Schreibtisch. Alle Grillen sind abgetreten alle Missgestalten entfernen sich denn sie sehen dass ich Linien ziehe und nicht gestort seyn will. Deine Monita? O die beunruhigen mich auch nicht die liegen allenfalls noch in der Ferne und wo sollen sie uberhaupt herkommen, wenn Du, wie ich hoffe, meine Angaben so richtig findest als meine Belege?
Noch ubergab kein Vehmgericht
Mich abgelebten Harfenisten
Den Haschern, und verwies mich nicht
In Nicolai's Todtenlisten.24
Das liess mich hoffen, mit der Zeit
Mir einen Freipass zu erlaufen,
Um sichrer der Unsterblichkeit
Mit meiner Klingel nachzulaufen.
Allein, je besser ich den Rauch
Vom Wesen unterscheiden lernte,
Um desto mehr die Hoffnung auch
Sich in den Hintergrund entfernte.
Es ist mit eines Dichters Ruhm
Gar eine wunderliche Sache:
Misstrauen ist sein Eigenthum,
Und Missvergnugen seine Wache.
Im Schweisse seines Angesichts,
Im Taumel eines leeren Schalles,
Verdient er wenig oder nichts,
Erhalt nicht viel und fordert Alles.
Jetzt seh' ich nur zu gut, wie viel
Akkorde meiner Leier fehlen,
Um mich, wie Orpheus, durch ihr Spiel
In das Elysium zu stehlen.
Hat nicht einmal mir ein Koncert,
Das kunstreich Philomelens Noten
In Takt setzt, in Oktaven sperrt,
Mir eine Fiedel angeboten.
War' ich solch einer Ehre werth,
Gewiss ich stande langst in Pflichten
Um meine Sunden selbst zu richten,
Und die Hausirer jagten sich
Von Markt zu Markt mit meiner Buste,
Und doch ich schwore Dir, dass ich
Nach solchem Nimbus kaum geluste.
Dank der Natur! mein Dichterkampf
Ist wie ein Fieberfrost verschwunden;
Langst warm' ich mich im Opferdampf
An dem Altare der Gesunden.
Jetzt brauch' ich keinem Oberon
Wie sonst von weitem nachzukeichen;
Wir gehen gleich weiss ich doch schon
Zu rechter Zeit ihm auszuweichen.
"Du wolltest," raun' ich ins Geheim
In's Ohr mir, "mit den Musen schmollen,
Weil sie Gedanken zu dem Reim
Dir nicht wie ihrem Wieland zollen?
Sein Gang, das schlauste Menschenherz
In seiner Tiefe fest zu greifen,
Stort dich ja nicht, mit leichtem Scherz
An seinen Flachen hin zu streifen;
Und bist Du nicht mit Klopstocks Flug
Den Geistern in's Gebiet gedrungen,
So hast du dich doch oft genug
Zu Menschenfreuden warm gesungen.
Dass ihn kein Lorberkranz umschliesset,
Wenn an dem Busen, der ihn warmt,
Er der Vergessenheit geniesset?
Und wer hat Zeit, wenn ihm sein Kohl
Die Zunge reizt, zu uberlegen,
Ob sussere Gemuse wohl
In Otaheite reifen mogen?"
Gewiss ich musste sonderbar
Mein eignes Richteramt verwalten,
Um diese Grunde nicht als wahr
Der Eigenliebe vorzuhalten.
Was zog mich, als das Zauberband
Des Selbstgenusses, zu den Musen?
Ich fand mein Daseyn ach ich fand
Nur Ruh' allein an ihrem Busen.
Wenn hofische Gespenster mich
Mit Gott und Welt verfeindet hatten,
Entschlupft' ich ihrem Kreis, und schlich
Ein Stundchen in des Pindus Schatten.
Hier sang ich meines Lebens Traum,
Erpfiff mir neuen Muth zu leben,
Und segnete den Wunderbaum,
Der mir sein Blatt dazu gegeben.
Hier an den Liebreiz der Natur
Mit allen Sinnen angeklammert,
Hat meine Zither nie der Flur
Doch hat mir auch mein Brod dafur
Die frohliche Natur gewurzet,
Und niemals karg um die Gebuhr
Der Freudenfanger mich verkurzet.
Gelockt durch meinen Waldgesang,
Hat manches Vogelchen in Stunden
Der Neugier sich am Ueberhang
Der Birken bei mir eingefunden:
Sie fassten Herz, von Baum zu Baum,
Von Ast zu Ast, mir nachzuschweben,
Und bald sah ich in ihrem Flaum
Den ersten Schlag der Freude beben.
So h a b ' ich mir durch Stolz und Groll
Des Lebens Pfade nie verdorben,
Und, wie ein reisender Apoll,
Mir meine Musen selbst geworben.
Da schon, als im Tumult der Schlacht
Die Flote Friedrichs wiedertonte,
Und durch die Harmonie der Nacht
Die Furien des Kriegs versohnte,
Schon d a , sucht' ich den Helikon
Auf Hugelchen, die erst begonnen;
Und vor dem Frieden hatt' ich schon
Ihm beide Gipfel abgewonnen.
So h a b ' ich durch mein Saitenspiel
Die vollen Spulen meiner Stunden
Vergnugt bis an das nahe Ziel
Des letzten Knotchens abgewunden!
Und klagst du nicht den Wand'rer an,
Der still und friedlich heimgeschlichen,
Dass er nach Cookens Reiseplan
Nicht das besturmte Meer durchstrichen;
Fragst nicht, wie bunt der Faden war,
Ob locker oder grob gesponnen,
Durch den einst Theseus der Gefahr
Des dunkeln Labyrinths entronnen:
So frag' auch nicht, was fur Gewinnst
Mein Tagewerk der Welt verspreche;
Ach schon genug, wenn mein Gespinnst
Nur mehr betragt als meine Zeche!
Dem Geist der wirkenden Natur
Sei heimgestellt es zu verputzen,
Und, war' es auch als Einschlag nur,
Zu hoherm Stoff es zu benutzen:
Damit, was ich der Freude spann,
Der Nachwelt nicht so ganz verschwinde,
Dass nicht ein Madchen dann und wann
Ein abgetroselt Fadchen finde.
Sein ehrlicher antiker Schein
Muss' ihr den ersten Antrieb geben,
Auch ihren Knaul bald im Verein
Es leihe da, wo Widerstand
Nur Freude bringt, ihr seine Krafte,
Dien' ihr zum Oehr am Brautgewand,
An ihrem Myrtenkranz zum Hefte;
Dien' ihr als Sinnbild beim Empfang
Des letzten Unterrichts der Madchen,
"Ach!" denke sie, "welch ein Vergang!
Ach! Alles hing an diesem Fadchen!"
Tauscht mich nicht optischer Betrug,
So seh' ich in den fernsten Zeiten
Sich uber meinen Aschenkrug
Noch manche Glorie verbreiten.
Wenn dann umsonst die Marmorgruft
Des Fursten, den sein Land vergessen,
Die Tugenden zu trauern ruft,
Die er im Leben nie besessen:
Wird u n g e r u f e n , Arm in Arm,
Den Busen unter Rosenbandern
Geluftet, guter Madchen Schwarm
Zum Grabmal ihres Freundes schlendern
Sie werden, uber meinem Staub
Gelagert, auf den jungen Rasen
Das abgefallne Winterlaub
Von der bescheidnen Urne blasen;
Sanft soll alsdann mein Genius
Mit seinem Fittich sie beruhren,
Und sie durch manchen Kettenschluss
Zuletzt in seine Werkstatt sichren.
Dort, wo beim Quell der Phantasien
Wir unsre Nacht mit neuen Sternen,
Mit Rosen unsern Tag umziehn,
Und zum Genuss uns tauschen lernen;
Wo wir an dem Altar der Zeit
Das weiseste Gewerb' erlauschen,
Gesange gegen Traurigkeit,
Scherz gegen Thranen einzutauschen;
Wo warnend Psyche's Lampe brennt,
Damit nicht das Gespenst der Reue
Den Weg nach unserm Monument
Mit Gift, statt Lorbern, uberstreue:
Hier wird sich gern der holde Kreis
Der Madchen um den kleinen Gotzen,
Den meine Muse sang, zum Preis
Wohlthatiger Gefuhle, setzen;
Hier werden sie Apollens Macht,
Sie werden das Bedurfniss fuhlen,
Das Feuer, das er angefacht,
Durch seine Junger abzukuhlen;
In Sappho's Drang nach Amors Lust,
Muss' ihrem Mund der Schwur entgleiten
Den ersten Funken ihrer Brust
Denk nur! wie musste nicht die Herrn
Des Pindus solch ein Schwur erfreuen!
Sie wurden, glaub' ich, mir schon gern
Um seinetwillen Weihrauch streuen:
Und hatt' Apoll um seinen Berg
Nur erst den Nebel aufgeheitert,
Sprach' er wohl selbst; dort hat mein Zwerg
Die Aussicht ungemein erweitert.
Diese meine offenherzige Beichte, die ich Dir hier im Vorbeigehen uber meinen Beruf zur Dichtkunst uber die Forderungen und Erwartungen, die ich darauf grunde, abgelegt habe, konnte auch wohl, wenn ich es recht uberlege, allein schon hinlanglich seyn, mir die Absolution des schonen Geschlechts zu verschaffen, um die mir so bange ist. Thue Dein moglichstes, lieber Eduard, sie auf eine oder die andere Art zu erhalten, wenn Dir daran gelegen ist, mich wieder in Berlin zu sehen. Mit vernunftigen Mannern ist es etwas anders. Mit denen wirst Du uber den Werth meines Tagebuchs schon einig werden. Halten diese meine Geschichte fur wahr, so ist mir nicht angst, dass sie mir sie nicht aus den edelsten Grundsatzen vergeben sollten Halten sie die Sache fur Erdichtung, so wissen sie auch schon, dass es nicht so gefahrlich ist als es aussieht, wenn ein ernsthafter C a r l i n 25 sich herablasst eine bunte Jacke anzuziehen, eine schwarze Maske vor das Gesicht zu nehmen, und den Harlekin so naturlich zu spielen, als wenn ihn Gott bloss dazu erschaffen hatte. Was schaden ihm seine Jacke und Maske und seine Mutze mit Schellen, wenn sie ihm nur Eingang bei seinen Zuhorern verschaffen, die, so benothigt sie auch seiner moralischen Arzeneien seyn mogen, sich doch fur viel zu gesund halten, um einen e r n s t h a f t e n Schritt darnach zu thun. So ist auch meine Art zu erzahlen auf der ganzen Tonleiter der Unterhaltung die allerverschrienste; aber sie ist es gewiss mit Unrecht. Ich habe eine zu gute Erfahrung von dem wahren Nutzen, den solche geistige Ausschweifungen bei Gelegenheiten hervorbringen konnen, wo sonst nichts Gutes verfangen will. Ich kann Dir diese Behauptung mit einer Thatsache aus meinem vorigen Leben belegen.
Als ich von L e i d e n zuruck kam, wo ich den Gang des menschlichen Herzens, ich gestehe es, besser noch studirt hatte als die Pandekten, wurde ich, wie das so geht, in ein Tribunal gesetzt, das uber Gut und Ehre, Hals und Hand, zu entscheiden hatte. Da merkte ich nun gar bald, wie viel es auf die jedesmalige Stimmung der Herren Beisitzer ankam, was die Gesetze sprechen sollten. Man sah es sicher ihren Urtheln an, ob sie an einem regnigen Tage, bei beschwerlicher Verdauung, bei unterbrochener Ausdunstung und mit beklemmter Brust oder ob sie bei heiterm Wetter, nach einer gesunden Bewegung und ruhigem Schlaf, und in Erwartung eines menschlichen Vergnugens gefallt waren. Mit diesen Leuten uber die naturliche Billigkeit zu streiten, wenn sie eben an Krampfen oder sonst einem physischen Uebel litten, war verlorene Arbeit, und es wurde oft nur um desto gewisser ein armes, und, wie sie es nannten, uberwiesenes Geschopf zum Pranger verurtheilt, je mehr ich mich seiner aus den Grunden der Toleranz annahm. O! dachte ich, ihr guten Herren! euch will ich doch wohl noch beikommen. Beccaria war mein Liebling, Ich trug sein Buchlein immer in meiner Tasche, und hielt es als Spiegel, der den Basilisken bersten macht, uberall dem voluminosen Carpzov entgegen, wo ich ihn fand; und ach! wo fand ich ihn nicht? Seine kriminelle Gelehrsamkeit strotzte in dicken Banden hinter den Gitterschranken unserer Rathsstube, und betaubte durch ihren giftigen Aushauch jeden schwachen Kopf, der ihnen zu nah kam. Dieser Moloch seiner Zeit, dem wahrend seines Lebens unsere mechanischen Zentgerichte, nach einer massigen Rechnung, an die dreissig tausend ihrer Zeitgenossen geopfert haben, breitete auch nach seinem Tode noch seine hassliche Lehre durch seine Junger aus, die, in der Blindheit des Geistes und in dem Stolze ihrer Kenntnisse, ihm anhingen. Die Fiskale, anstatt selbst zu denken, fanden es bequemer sich auf ihren Meister zu beziehen, der alles das, was sie uberdenken sollten, schon uberdacht und in die einfachsten Regeln von der Welt gebracht hatte. Die Untersuchungsakten waren mit seinen Machtspruchen durchspickt, und jeder Sachwalter, jeder Richter beugte gehorsam seine runzelige Stirn vor dem Despoten. Ich hatte, was ich nicht war, ein Herkules seyn mussen, um dieses vielkopfige Ungeheuer mit E i n e m Streiche zu todten. Ich fuhlte mit Ingrimm, dass diejenigen, die seine Keule geerbt haben, sie nicht schwingen mochten. Ich hatte nur eine Pritsche, um gegen einen Drachen zu fechten aber auch dieses armselige Gewehr gebrauchte ich als ein muthiger ehrlicher Mann, und es ist unglaublich wie gut es mir gelang. So oft es mir ahndete, dass der Beschluss der nachsten Sitzung eine arme Gefallene entweder zur Kirchenbusse, zum Zuchthause, oder zu einem Geschmeide verdammen wurde, das einem hubschen Halse nicht gut steht; so machte ich mir geschwind eine Geschichte zurecht, von der ich hoffen konnte, dass sie das harsche Zwerchfell meiner Herren Kollegen tuchtig erschuttern wurde. Kaum las ich sie dann beim Eintritte der ernsthaften Versammlung als eine Neuigkeit vor, die mir dieser oder jener schwatzhafte Freund zu Regensburg oder Wetzlar gemeldet hatte; so klarten sich auch schon ihre gestrengen Gesichter auf, von dem Prasidenten an bis zum untersten Beisitzer. Sie gingen nun mit jenem Wohlbehagen, das uns zur Nachsicht gegen uns und andere so geneigt macht, an ihre wichtigen Geschafte, und wenn es zur Umfrage kam, hatten sie sich gemeiniglich mit ihrem gesetzmassigen Urtheile um viele Schritte in die lachenden Granzen der Menschlichkeit zuruck gezogen, ohne dass sie selbst begreifen konnten wie es zuging. Carpzovs Ansehen verlor nach und nach immer mehr gegen das meinige eine Ehre, die mir gewiss keiner meiner ehemaligen Lehrer geweissagt hatte; das Tribunal gewohnte sich an eine liberale Denkungsart; und da zugleich ein guter Genius dem Fursten eingab, das Zimmer unserer Zusammenkunfte weissen die kleinen Fenster ausbrechen, erweitern mit Spiegelscheiben versehen, und, als ein Sinnbild der obsiegenden Unschuld, eine Susanna im Bade an der Mittelwand des Saals befestigen zu lassen, so bekam durch diesen erheiterten Anstrich des Aeusseren auch unsere Gerichtsverfassung selbst ein freundlicheres Ansehn. Die Herren traumten, sie waren in guter Gesellschaft; ihr Tempel schien ihnen in ein Boudoir verwandelt; ihre sonst schneidenden Ausspruche verloren sich in empfindsame Sentenzen, und das Kollegium ruckte in Ansehung gemassigter und wohlwollender Gesinnungen wenigstens um ein halbes Sakulum vorwarts. Und nun ward es auch mir leichter, die Ehre des guten Beccaria in dieser Versammlung zu retten. Noch jetzt denke ich mit innigster Zufriedenheit daran, wie ich um jene Zeit, durch nichts mehr oder weniger als eine Polisonerie ich besinne mich im Deutschen auf keinen leidlichen Ausdruck die bei meinen Herren Kollegen ein unerwartetes Gluck machte, einen alten Vater aus den Handen des Henkers in die stille Verwahrung seines Sohns brachte, der noch jetzt als ein wackerer Officier bei den Truppen unsers Konigs den Tag segnet, an dem es mir gelang, ein beschimpfendes Urtheil von seiner Familie wegzuscherzen. O, mein Eduard! konnte ich jetzt alle d i e um meinen Schreibtisch versammeln, denen ich durch dieses Kunststuck, das ich allen Beisitzern der Kriminal-Gerichte, cum grano salis empfehlen mochte, Erlass einer entehrenden Strafe verschafft, theils sie, statt in das Raspelhaus, unter die Haube gebracht, theils durch das falsche Zeugniss einer ehrlichen Geburt, wovon meine lachenden Kollegen mir die Verantwortung uberliessen, in eine burgerliche Zunft verholfen habe; wie viele dankbare Thranen wurden nicht um den Mann fliessen, der jetzt selbst in dem misslichen Fall ist, um Abolition zu bitten! Doch ich weiss es endlich zu gut, wie man es anfangen muss, sie ohne viele Unkosten zu erhalten. Ich frage nur den Referenten bei dem Tribunal, das sich etwa anmasst uber meinen Handel in der Nebenstube zu urtheilen ich frage ihn auf sein Gewissen, ob nicht sein erster Gedanke war, als er meine Akten durchlas: O warest du doch an der Stelle des Inquisiten gewesen! Du hattest deine Sache schon besser machen wollen. Es ist zwar noch die Frage, ob der Herr wahr redet Aber schon der Gang seiner Empfindung sollte es ihm doch begreiflich machen, dass es hart seyn wurde, mich nach der Halsgerichts-Ordnung Karls des Funften, oder nach den rationibus decidendi eines Carpzov zu richten.
Das Studium der Toleranz ist eine der schonsten neuern Erfindungen. Sie verdiente, so gut als die Oekonomie, eine eigene besoldete Lehrstelle. Fande sich einmal einer der Nutritoren unserer Akademien, der Ursache genug hatte, diese Wissenschaft in solch einen besondern Schutz zu nehmen, so wollte ich vorlaufig rathen, dass er ihr ja keine andere als die umgekehrte Ordnung unserer so genannten Brotstudien anwiese. Der erfahrne Lehrer, wenn ja uber ein Kompendium gelesen seyn muss, lege kein anderes zum Grunde als ein nur richtiges Protokol seines eigenen Lebens, und ziehe dabei, wo dieses nicht hinlangt, die Beichten zu Rathe, die einige grosse Manner offentlich abgelegt haben einen Petrarch und Lavater, einen Rousseau und Fielding, den heiligen Augustinus und mich. Ware auch ihren Aussagen nicht immer zu trauen, so wird er es doch bald genug merken, wo der eine falsch gesehen, der andere falsch geschlossen der eine zu viel, der andere zu wenig gesagt, der gelogen, jener seine Schwachheiten bemantelt, oder gar mit der Maske der Tugend verlarvt hat. Er fuhre seine Zuhorer an, uber dem Chaos ihrer trotzigen und verzagten Herzen zu schweben, suche es ihnen gelaufig zu machen, ihre eigenen Empfindungen auf alle mogliche menschliche Zufalle zu kalkuliren, und sich in das Alter, in die Umstande und in das sturmische Blut dessen zu versetzen, den ihre ruhige Vernunft zu verdammen eilt. Er lehre den Jungling Tagebucher halten, wie das meinige ist, und, wenn die Langeweile seines hinschleichenden Lebens ihn bitter und bose gemacht hat, kein anderes Buch fleissiger lesen. Meinetwegen mag er auch, wenn er Herz und Geschick genug dazu hat, es zum Besten der Welt, mit allen den moralischen Anmerkungen drucken lassen, die ihm Zeit und Erfahrung behulflich gewesen sind zu sammeln. Es ist freilich nicht die gewohnliche Art die Tugend zu predigen, wenn man sich selbst auf den erhabenen Ort des Prangers stellt; aber desshalb ist es auch nicht die schlimmste. Es giebt der Mittel viel, eine heilsame Arzenei gemeiner zu machen. Jedes Jahrhundert, jeder Quacksalber, jeder Professor hat sein eigenes. Wird denn nicht jetzt selbst das feste Wort des Herrn in einem neuen Modegewande ausgeboten? Warum sollte denn nicht auch ich einen noch wenig versuchten Weg betreten, um durch ein offenes Gestandniss meiner Verirrungen jedem andern menschlichen Herzen naher zu kommen?
Ueberhaupt muss der Mann besser rechnen konnen als ich, der sich zu bestimmen untersteht, ob dieses oder jenes beschriebene Blatt zum Nutzen des Ganzen mehr beitragen werde. Ziehen die Schriftsteller, wie gewohnlich, nur ihre Eigenliebe daruber zu Rathe, so ist die Frage freilich geschwind genug zur Ehre ihrer Talente entschieden; aber auch hier hangt alles von der Weisheit jenes unsterblichen, unbekannten und glorreichen Genius ab, der auch den anspruchlosesten Lumpen noch immer gebrauchen kann, einem B e d u r f n i s s e mehr, auf einer solchen Bettlerwelt als die unsrige ist, abzuhelfen.
Du rausperst Dich, Eduard, winkst mir inne zu halten, und die Lust des Widerspruchs schwebt Dir um den Mund. Gut! Meine Pferde sind noch nicht da, meine Tinte ist fliessend, und Papier und Federn liegen noch auf dem Tische. Das schreckt Dich nicht, ich weiss es; so lass denn horen! "Wenn du glaubst," hebst Du trocken an, "mit allen deinen Tadlern eben so gut fertig zu seyn als mit mir," wie ich denn das wirklich geglaubt habe, "so thut es mir leid um deinen schonen Traum. So lange dein Tagebuch nur unter uns, und, wie so viele andere Schreibereien der Welt, nur Manuscript unter Freunden bleibt, o! da verlohnt es sich freilich nicht der Muhe viel Aufhebens davon zu machen. Nimmst du aber den pro securitate publica so bedenklichen Fall an, dass die Gemalde deiner Unsittlichkeit zu der Ehre einer offentlichen Ausstellung gelangen, so ware ich wohl neugierig das B e d u r f n i ss zu erfahren, das euch leichtsinnige Schriftsteller berechtigen konnte, eine Leidenschaft zu spornen, die wir ohnehin Noth genug haben im Zaume zu halten." Das klingt nun sehr systematisch sehr ernsthaft, und hat mir Muhe gekostet herzuschreiben. Aber mache mich nicht bose, Eduard! sonst verschaffe ich Dir zur verdienten Antwort einen Anblick, dessen Du gewiss gern uberhoben seyn wurdest, rufe Dir mehr bleichsuchtige Madchen in meinem Horsaale zusammen, als Du ubersehen kannst, und lege Dir jenes Bedurfniss, an dessen Daseyn Du zweifelst, so zergliedert vor, dass Du froh seyn sollst wenn nur i c h das Maul halte. Gehe ehrlicher mit mir zu Werke, guter Freund! Verstecke Deine gesunden Augen nicht immer hinter die Blenden Deiner Bucher, und ziehe erst, ehe Du mit mir rechtest, den schleichenden, unnaturlichen, unmannlichen Gang in gehorige Betrachtung, den die schonste aller Leidenschaften in einem Zeitalter nimmt, das in so vielen Rucksichten nur von i h r seine einzige Hulfe erwartet. Sage mir auf Dein Gewissen, Eduard, ob man es einem Schriftsteller, der nur einigermassen hoffen darf in gute Hauser zu kommen ob man, anstatt ihn zu tadeln, es ihm nicht als ein Verdienst anrechnen sollte, wenn er das Herz fasst, M a d c h e n l i e b e zu predigen, und sie mit so lebhaften Farben zu schildern sucht, als diese Art Malerei nur vertragen kann. Mag meinetwegen ein kunftiges tugendbelobteres Jahrhundert meine armen Schriften zum Scheiterhaufen verdammen! Ich habe nicht das geringste dagegen; wenn sie nur vor der Hand in dem grossen Magazine nothwendiger Uebel geduldet werden. Das ist doch weiter keine zu vornehme Anmassung, die mir Missgunst zuziehen, und nur jemanden in Angst setzen sollte, dass ich mir damit ein Aemtchen zu erschreiben gedachte, auf das er selbst Anspruch macht. Was konnte es denn fur eins seyn, als hochstens das eines Pestpredigers? das muhseligste in der ganzen Republik ohne Rang, ohne Sporteln, und zu dem sich, schon seiner Gefahr wegen, nur wenig Kandidaten melden. Man gonne es mir doch! Das Ministerium kann ja die Stelle wieder einziehen, wenn sie uberflussig geworden und die Seuche vorbei ist. Auch kann meinethalben die Nachwelt die Arzeneien, die ich mir jetzt, sogar wahrend der Kirche, kein Gewissen machen darf unter die armen Presshaften zu vertheilen, als unnutze, verdorbene Waare zu den ubrigen Exkrementen unsers Jahrhunderts werfen; leisten sie nur gegenwartig eine solche Nothhulfe, wie sie ungefahr geschickte Aerzte von einem Scharlachfieber bei Kranken erwarten, die an einer hartnackigen Fuhllosigkeit darnieder liegen. So wurde auch ich bei denen, die ich in der Kur habe, es schon fur ein gutes Symptom halten, wenn meine Umschlage ihre verschobene Einbildungskraft nur erst so weit wieder in Ordnung brachten, dass ihnen die gewohnliche Hausmannskost nicht langer widerstande, die Schonheit und Natur der Genugsamkeit darreicht. Konnten sich auch die Mattherzigen nicht sofort bis zu jener Starke eines reinen Gefuhls erheben, dass sie an der Unbefangenheit und Unschuld meiner Margot, und an den eben so einfachen als gefunden Gerichten Geschmack fanden, die sie ihren bessern Bekannten vorsetzt; so ware es einstweilen schon gut, wenn der Heisshunger sie nur in den ersten besten Gasthof triebe, wie zum Beispiel der zum schwarzen Kreuze ist, von dem ich selbst eben zuruck komme, und wo sich schon einer sattigen kann, der nicht an gar zu feine Ragouts gewohnt ist.
Ich sehe, Eduard, Du zuckst die Achseln, drehst Dich seufzend von mir, und glaubst mir in Deine Bibliothek zu entwischen; aber den Weg dahin kenne ich auch, und es ist heute wohl nicht das erstemal, dass ich Dir bis vor Deinen Arbeitstisch nachschleiche. Du hast hier noch immer, wie ich sehe, um Deinen globum terrestrem sehr disparate Dinge herliegen: Landcharten und Zeitungen neben Garvens meisterhaften Versuchen Smith uber den National-Reichthum neben Archenholz siebenjahrigem Kriege hier sogar Lavaters geheimes Tagebuch uber dem meinigen alles so bunt unter einander wie in der Welt selbst. Die Sachen, sagst Du, haben sich hier zusammen gefunden, wie ich sie nach Massgabe meiner Laune gebraucht habe, ohne dass sie unter sich selbst weiter etwas gemein hatten. Das ist zu glauben, lieber Eduard, und in so weit mag auch wohl eins so viel Recht auf seinen Platz haben als das andere. Indess hatte ich wohl die Grille, dass ich genau wissen mochte, was ein Schacher wie ich, unter einer so gelehrten Gesellschaft allenfalls fur einen behaupten konne, wenn hier nur das Verdienst um die Welt den Rang bestimmte. Schiebe nur mein ungluckliches Tagebuch her ich bin darin doch am meisten belesen, und muss am besten wissen, wo seine Starke und Schwache liegt. Was hast Du mir nun aus dem Haufen, den ich Dir lasse, entgegen zu setzen, um mich zu demuthigen? Jenen Moralisten dort? O! streiche ihm nur ein wenig seine Runzeln, mir aber meine struppigen Haare aus dem Gesichte, und Du wirst zu Deiner Verwunderung eine gewisse Gleichheit der Verwandtschaft entdekken, die mich Dir um vieles ertraglicher machen die mehr als alles Dich aufmuntern wird, mich gegen diejenigen in Schutz zu nehmen, die mir so gern die Titel meiner Herkunft abstreiten mochten.
Um Dir die Sache zu erleichtern, so breite, mit Beihulfe unsers Archenholz, nur Deine Landcharten und Zeitungen aus einander, und halte nun die Kinderspiele meiner Phantasie, wie ich sie Dir zureiche, gegen die Ritterspiele der Grossen meine nackenden Gemalde gegen ihre blutigen Bataillen-Stucke, und irre mit philosophischem Auge von den einen zu den andern. Ich lasse Dir Zeit, Freund, und verlange nicht, dass Du mir eher gewissenhaft erklaren sollst, welche von beiden Du fur verdienstlicher haltst, als bis Du ihren verschiedenen Eindruck auf das menschliche Herz mit Deinem vorigen strengen Urtheile verglichen; und im Angesicht Deines Globens genau erwogen hast, auf welche Seite der Gemalde sich das burgerliche Wohl, das hausliche Gluck, und das System der so grausam verfolgten Bevolkerung am meisten hinneigt.
Ich will Dich nicht weiter in Deinen stillen Betrachtungen storen. Aber o konnte ich nur meiner Feder jene elektrische Kraft mittheilen, die mir, trotz meinem Frankfurter Ringe, in Klarchens Kammer versagte; wie herzhaft wollte ich sie gegen die physischen und moralischen Verirrungen, die man so ehrbar mit dem Ansehn eines Plato und mit dem Mantel des Sokrates zu bedecken glaubt, und gegen die politischen Grauel scharfen, mit denen zusammen ein Geist des Verderbens den frohlichen Genius der Erhaltung verfolgt! Ich wollte den Junglingen mannlichere Neigungen, den Madchen wirksamere Lockungen, und den Zeptertragern Menschlichkeit anschwatzen, und die lachendsten Phantasien der Liebe zum Beitritt aufbieten, um alle mordlustige Gedanken von unserm freundlichen Erdstrich zu scheuchen, und seine allgemeine Trauer zu heben. Aechte Philosophen, und ihr besonders wurdet es mir verdanken, ihr guten, tugendhaft schmachtenden und verlassenen Tochter meines Vaterlandes. Ihr wurdet, sittsam errothend, mir selbst den schlupfrigsten Umweg vergeben, wenn ich ihn, da beinahe alle gebahnten Strassen der Natur entzogen sind, mit einigem Gluck einschluge, um euch zu euern Rechten zu verhelfen, und die verwilderten, ehescheuen und verblendeten Ueberlaufer meines Geschlechts durch gute Worte wieder in euern sanften Sprengel zuruck zu fuhren; auf dass eure wahre Bestimmung zu ihrer verlornen Ehre gelange; auf dass die Freude, die ihr zu erwecken geschaffen seid, ehrlicher und ritterlicher benutzt, und, statt der Dornen und Disteln eines Schlachtfeldes, das hohe mutterliche Gefuhl auf euern rosigen Wangen entwikkelt werde, das ihr Schuldlosen in einer Bleichsucht ersticken musst, die laut wider die Tyrannen der Welt, laut wider die Verachter eurer Reize um Rache schreit. Konnte ich durch ruhrende Darstellung aller der entzuckenden Augenblicke, mit denen eure Sanftmuth und eure Launen eure Starke und eure Schwache eure Schmeicheleien und eure lehrreichen, sanften Strafen, mir das Leben erheitert, und meine Besserung bewirkt haben mein abtrunniges Geschlecht zum Anschmiegen an das eurige wieder beilocken bei Gott! ich wollte mich keines wollustigen Bildes schamen, das mir selbst die Tugend erlauben wurde, zu dieser guten Absicht von euren geheimsten Reizen zu borgen; ich wurde noch beim Austritt aus diesem jammervollen Planeten mit vaterlicher Zufriedenheit auf die anwachsende Nachkommenschaft hinblicken, die ich mir schmeicheln durfte zum Genuss besserer Zeiten erschrieben zu haben. Sollte sich in der auserwahlten Schaar dieser Abkommlinge einer befeuerten Liebe ein und der andere Furstensohn befinden, so wunsche ich ihm zu dem seltenen Umstande seines Daseyns Gluck. Seine burgerliche Stammhaftigkeit ubernehme meine Vertheidigung in dem Zirkel seiner Innung, in den Schlossern der Grossen, die sich zu vornehm dunken, der Natur und der Einbildungskraft etwas schuldig zu werden.
Scheint Dir dieser Gluckwunsch nicht mit jenem Abscheu zu reimen, den ich vorhin gegen die blutdurstige Kaste geaussert habe, die uber uns herrscht, so hast Du zwar nicht ganz Unrecht: wenige aus ihrem Mittel Du siehst dass ich billig bin verdienen es, dass ein gutes Herz sich ihrer Fortdauer annimmt. Da sie denn aber nun einmal da sind, ware doch wenigstens zu wunschen, dass sie nicht gleich in ihrer Geburt verungluckten, indem unsere demuthige Lage nur desto schimpflicher wird, je kruppeliger sie selbst sind. Das ist so wahr, dass ich es damit wohl konnte bewenden lassen; aber, um es Dir offenherzig zu gestehen, ist es doch nicht die eigentliche Ursache des Absprungs meiner Ideen. Daran war wahrlich nur eine kleine Anekdote Schuld, die mir nach einer ganz andern Verwandtschaft von Begriffen eben beifiel. Ich wurde sie, als einen uberflussigen Beleg, nicht einmal der Muhe werth halten meinen vorhergegangenen anzuhangen, nahme ich in dieser ungeduldigen Stunde nicht selbst nur zu gern alles mit, was mich, bei dem ewigen Aussenbleiben meiner Pferde, nur im mindesten zu zerstreuen vermochte. Zudem kann man auch nicht wissen, ob nicht mein Geschichtchen recht gut bei Dir angewendet sei. Deine Verdienste werden Dich doch uber lang oder kurz an das Ruder eines Staats bringen. Zufallig konnte es ja wohl eins seyn, das aus seinem naturlichen Schwung, und bloss aus der Ursache gekommen ware, weil kein Mensch den Verstand hatte es darin zu erhalten. Meine Erzahlung liefert nun, wie Du sehen wirst, eine recht gute praktische Anweisung hierzu.
Sie ist nicht wie so viele andere, die von Hofen in Umlauf und nichts weniger als bewiesen sind, aus der Luft gegriffen. Nein, guter Freund, die meine ist aus Quellen geschopft, wie sie wohl selten einem Geschichtschreiber zu Gebote stehen. Ich wusste zugleich keine aufzutreiben, die, ihren belehrenden Inhalt ungerechnet, geschickter ware, mich uber meine gegenwartige druckende Lage zu erheben. Welche wohlthatige Eigenschaft der Seele ist doch eine lebhafte Erinnerung! Ein einziger Ruckblick, den ich uber ein paar Dutzend verflossene Jahre werfen muss, um auf den Zeitpunkt der Begebenheit, um auf die schone Nebenrolle zu kommen, die ich dabei zu spielen das Gluck hatte, wie freundlich trostet er mich uber meine misslungene auf jenem bezauberten Sopha, den ich, ubelgelaunter als je einen, eben verliess. Mogen meinetwegen die Postpferde bis in die sinkende Nacht ausbleiben, ich habe Zeitvertreib genug fur mich und meine Feder gefunden. Es war ein gewisser, Gott weiss warum? verabschiedeter Kammerherr, eben des Hofs, von dem die Rede ist, der mich zuerst auf die Spur brachte. Er hatte aus seinem politischen Schiffbruche nichts weiter gerettet, als eine massige Pension, die er in unserm wohlfeilen akademischen Landstadtchen verzehrte einen ironischen Zug um seinen zahnlosen Mund, und eine ganz eigene verblumte Sprache, wenn ihm, als einen alten Praktikus die Laune ankam, meine Traume von dem Gluck und den Sitten der grossen Welt zu berichtigen.
Gewohnt, mich wochentlich zweimal zu besuchen, um lieber in meinem freundlichen Gartensaale, als unter den Tabakswolken des larmigen Kaffeehauses die Zeitungen zu lesen, fand er mich auch eines Abends, ein Blatt davon in der Hand, setzte sich mit dem andern, das auf meinem Tische lag, in eine Ecke am Fenster und "horen Sie," rief er mir bald nachher zu "was mir hier fur eine unerwartete Neuigkeit mit Schwabacher Schrift gedruckt in die Augen leuchtet. Nachsten Sonntag vermalt sich unser Erbprinz mit der Durchlauchtigsten Tochter des benachbarten Fursten. Das ist doch wieder eine der Ehen, wie sie nur in diesem hohen Hause gerathen und gedeihen ein Kinderspiel, wenn Sie wollen, voll grillenhafter Mysterien, mit denen Ihnen sonder Zweifel, Ihre Herren Professoren der Statistik und Geschichte schon langst den Mund gewassert hatten, wenn es nicht eben Mysterien waren, die aber ihren wohlthatigen Einfluss auf das Ganze, so gut wie das Geheimniss der Freimaurer, von einem Jahrhunderte zum andern, durch eine ununterbrochene Stufenfolge braver Regenten bewahrt haben. Alle Vasallen haben Gott anzurufen, dass er auch gegenwartiger Verbindung gleichen Segen ertheile, und auch Sie, junger Herr, konnten desswegen kunftigen Sonntag schon ein Vaterunser mehr beten. Denn sehen Sie, wenn Ihr alter Hagestolz von Oheim in die andere Welt geht, und Sie nun, Freundchen, in der unsern an die Stelle eines Sohnes treten, den er, als ein ungeschickter Steuermann auf dem schwarzen Meere einer wilden Ehe gleichsam uber Bord warf und Sie nun seine beiden schonen Ritterguter erkapern, die Ihnen das Standrecht unserer lieben ungerechten Lehnsverfassung zuspricht, haben Sie es da nicht fur einen doppelt glucklichen Zufall anzusehen, dass solche in dem herrlichen Gebiet unsers angebornen Beherrschers liegen und ware es nicht fur Sie so traurig als fur alle und jede im Lande, wenn dieselbe Sunde, die Ihr abgelebter Vetter an seinem eigenen Fleische und ritterlichen Blute beging, und die ihm jetzt, wenn er Sie ansieht, aufs peinlichste am Herzen naget; wenn, sage ich, ein gleicher oder ahnlicher widersinnlicher Verstoss gegen die Ordnung, die im schonsten Flor prangenden, und vom ersten Stamme bis zu dem jetzt aufbluhenden Sprossling, treu erhaltenen Besitzungen unsers Fursten, unter seine saubern mit Schulden und Lastern beladenen Herren Erbverbruderten, versplitterte, vor deren Regierung uns Gott in Gnaden bewahren moge. Sie, lieber Wilhelm, haben freilich gut lachen, ich verdenk's Ihnen auch nicht, aber noch weniger kann ich es einem bemittelten Manne verdenken, wenn er allen lachenden Erben, die oft schon von weitem nach seinem offenen Thorweg schielen, so fruh als moglich einen Riegel vorschiebt, wie den Hausdieben. Vor unserm Erbprinzen, der sich schon gegen solche Laurer in Positur setzen wird, ist mir nicht bange, desto mehr aber fur seine junge Gefahrtin, die ich schon im Geiste bei ihrer Einweihung in jene Mysterien, Augen machen sehe, wie gross!" Auf mein hingeworfenes Warum? ruckte er seinen Stuhl naher. Wir sind allein, dampfte er seine Stimme, und Sie geben mir die Hand, dass Sie schweigen wollen. Ich versprach's, es ist aber so lange her, dass ich wohl, ohne Nachtheil des langst begrasten Erzahlers, mein Ehrenwort brechen kann. Auf der linken Seite der Burg, zischelte er mir ins Ohr, erhebt sich, wie angeklebt ein uralter rother Thurm, dem es von aussen kein Mensch ansieht, was er alles enthalt. Der obere Stock ist zu einer Art Kapelle eingerichtet, die an ein grosses Schlafzimmer mit einem machtigen antiken Paradebett stosst. Den untern Raum bewohnt, umringt mit allerlei Hexengerathen, eine vermaledeite Zigeunerin, von der ich Ihnen aus eigener Erfahrung tausend heimtuckische Streiche erzahlen konnte. Man beehrt sie allgemein mit dem Titel der k l u g e n F r a u , doch nicht bloss desshalb, weil ihre gelbsuchtigen Augen Manches entdecken und verrathen, wobei die duldsame Oberhofmeisterin die ihrigen zudruckt, auch nicht darum, weil sie aus der Ehren- und Lebenslinie einer Jungfrauenhand Romane schneidet, als man deren so abenteuerlich keine in unsern Buchladen findet, auch eben so wenig des ziemlich zweifelhaften Talents wegen, aus den Kankergespinnsten, die ihr zu Gesichte kommen, Hitze oder Kalte bestimmter vorauszusagen, als ein florentinisches Wetterglas; sondern, weil das aberglaubische Volk als gewiss voraussetzt, der allsehende Gott befordere zu dem schlupfrigen Posten, in den sie durch den Tod ihrer Vase und Vorgangerin vor vierzig Jahren geruckt ist, immer nur eine kluge Frau, die am Schlusse eines so wichtigen Tages als ubermorgen eintritt, den Einfluss, den er auf das Schicksal des Landes haben werde, so klar wie in einem Krystall vorhersahe. Was, dachte ich, wird aus diesem Windeie seiner Einleitung wohl fur ein Molch herauskriechen? schlug die Arme in einander und spitzte die Ohren.
Ob nun schon, fuhr er mit dogmatischer Weitlauftigkeit fort, diess heilige Amt wie die Erbamter bei Kaiserkronungen, nicht eher etwas gilt, als bis es, hier ein hausliches dort ein politisches Bedurfniss, das Vielen oft nur zu lange ausbleibt, auf eine kurze Zeit in Thatigkeit setzet; so wird es ihr demungeachtet von allen unsern Staatsdienern beneidet, die Sinn fur das Schone, und gesunde Augen im Kopf haben und zwar nicht ohne Grund; denn es verhilft dieser sogenannten klugen Frau nun schon seit sie die Kapelle besorgt, kunftigen Sonntag zum drittenmal zu einer Augenweide, fur die wohl gern ein romischer Augur, dem, wie Sie wissen, nur oblag, sich in den Gedarmen der Opferthiere zu bespiegeln, die seine vertauscht haben wurde. Und zwar steigt sie aus ihrem Raupenstand in derselben Stunde zu dieser Ehre empor, wo die kleine Adamstochter, blass wie ein Nebelstern zu der Warte des Gunstlings im Aufsteigen ist, dessen Nachte sie erleuchten soll, ohne zu wissen wie? denn ich traue der lieblichen Unbefangenen zu, dass ihr die. Rolle, die sie spielen soll, eben so fremd ist, wie sie es der Tochter des Roi bien faisant, als Braut eines in allen und jeden Regierungsgeschaften unwissenden koniglichen Neulings gewesen seyn wurde, ware nicht noch zur rechten Zeit die dienstfertige Marquise de Prie beiden in ihrer artigen Unwissenheit zu Hulfe gekommen.26
"Lieber Kammerherr," unterbrach ich ihn hier, "ich will ein Schelm seyn, wenn ich ein Wort von Ihren gelehrten Anspielungen verstehe."
"Nun dann, um Ihnen verstandlicher zu werden," erwiederte er, "darf ich Sie nur ganz kurz von einem in dieser Familie, seit der Ritterzeit bestehenden Hausgesetze unterrichten, so unerhort es auch in andern erlauchten Hausern seyn mag." Es verbindet nicht nur jeden Erben des Furstenstuhls, wie es dermalen auch unsern sechzehnjahrigen verband, seine, zur Erhaltung des edeln Stammes, benothigte Gehulfin, weder auf Messen, Hofballen, noch in andern Festivitaten, mit einem Worte, nirgends anderwarts aufzusuchen, als allein in den Zwingern der Kinderstuben. Was aber beinahe noch auffallender ist, so legt es zugleich jeder nach der Vorschrift erwahlten jugendlichen Schonen die unerlassliche Pflicht auf, ehe sie den letzten Schritt thun darf, der ihre, bereits durch die Beistimmung der Aeltern, durch die Eheberedung, den Ring am Finger und den priesterlichen Segen erlangten Anspruche auf ihren Verlobten bestatiget, ihre, wie soll ich mich doch bescheiden genug ausdrucken ihre eigenthumlich angeborne Ausstattung den prufenden Blicken der geheimen Guterbeschauerin zu unterwerfen, die zu der Zeit eben hierzu angestellt und verpflichtet seyn wird. Nach genauer Wahrnehmung alles dessen, was etwa wahrzunehmen ist, und wovon der begaffte Gegenstand oft selbst keine Silbe weiss, hat so ein Weib das Recht zu beurtheilen, ob es dem kunftigen Mitbesitzer gnugen werde oder nicht. Nun kann ich mir lebhaft vorstellen, wie in der Geisterstunde des nachsten Sonntags unsere alberne Pythonissin, auf ihrem mit Kerzen umleuchteten Dreifuss, gleich jenem bis in den dritten Himmel entzuckten Apostel, der unaussprechliche Dinge sah, die vor ihm noch kein Auge gesehen, und von denen kein Ohr gehort hatte, sich von der einen Seite wie eine Narrin brusten, von der andern aber eben so gewiss wie ein hollischer Geist erzittern wird, wenn ihm ein heiliger Engel in seinem atherischen Glanze erschiene. Mit welchem ungleich reineren Anschauen und mannlichem Nachdenken wurden nicht bei so einer Gelegenheit die Augen eines Philosophen dem hohen Berufe weiblicher Schonheit bis auf den kleinsten zwar, aber in dem grossen Brennspiegel der Natur wirksamsten Funkchen nachspuren! Wie wurde die Betrachtung Seelen wie die eines Haller, Buffon und Harvey erschuttern, dass der Schopfer und Regierer unzahliger Welten, die Erhaltung der unsrigen einem kaum merkbaren Atom ubertrug und in seiner Dammerung den Zunder verbarg, der die erloschenen Menschengeschlechter zu neuem Aufleben wieder anzufachen, und ohne es selbst zu ahnden, alle Jahrhunderte zu einer ewigen Fortdauer aneinander zu reihen geschickt ist. Und einer elenden unverstandigen Dienstmagd, die, wenn das Gluck gut ist, hochstens aus seiner Strahlenbrechung wie aus dem flatternden Gewebe ihrer Spinnen nur gemeine Tageserscheinungen zu folgern weiss, konnte ein abgeschmacktes Herkommen, ohne Zuziehung, wenn auch nicht des dabei am meisten interessirten Theils, doch wenigstens eines Landes-Deputirten, die richterliche Gewalt einraumen, unwidersprechlich zu entscheiden (Pardon! junger Herr, wenn ich aus Ehrfurcht gegen eine angehende Landesmutter den Schleier der Allegorie uber die heiligen Urkunden werfe) ob dem himmlischen Meteor schon in der laufenden Stunde, oder erst nach mehrern Mondwechseln, oder gar nicht der Eintritt in den ehelichen Thierkreis zu gestatten sei. Wahrend der nachtlichen Beleuchtung dieses Zweifelknotens betet fur dessen frohliche Auflosung der Hofkapellan zu Bekraftigung seines am Traualtare darauf abgezielten Segens. Auch die geheimen Staatsrathe bleiben in dieser mystischen Nacht in banger Erwartung so lange versammelt, bis ihnen eine Botschaft der wachthabenden Fee aus ihrem Schlupfwinkel kund thut: "Das allsehende Auge der Vorsehung habe die prophetische Sehkraft der ihrigen vollkommen gerechtfertiget. Die Herren konnten nun getrost auseinander und schlafen gehen; ihre politischen Hoffnungen waren durch den schonsten Erfolg gekront."
Und wie der Pobel zu Neapel in Staatsbedrangnissen vor den Pforten des Tempels, der das Wunder seines Aberglaubens das verdickte Martyrerblut des heiligen Januarius in einer goldnen Kapsel verwahrt, knieend der Ankundigung des Pralaten entgegenharrt, dass seine Furbitte bei Gott es endlich zum Fliessen gebracht habe; so belagert auch hier der unruhige Volkshaufe die geheimnissvolle Burg so lange, bis die Thurmwachterin zum Zeichen, dass die Wohlfahrt ihres Landes fester als die so vieler andern gegrundet, und das altweltfurstliche Haus durch einen neuen Tragbalken vor seinem Einsturze gesichert sei zu ihrem Fensterladen eine brennende Laterne aushangt. Sie konnen wohl denken, mein Herr, wie der allgemeine unertragliche Larmen beiderlei Geschlechts, den die Gauklerin so gewiss wieder als die vorigen beiden Male, wo es meine eigenen Ohren empfanden, in der Residenz veranlassen wird, manchen ehrlichen Mann, den nicht etwa selbst die Umarmung einer Geliebten munter erhalt, in dem Schlafe storen muss. Unbegreiflich ist es daher gar nicht, warum sie in einem Wirkungskreis von so bedeutendem Umfange mehr Ehre und Besoldung geniesst, als der erste Minister. Auch tragt sie die Nase hoher als er, und damit sie ja in ihrem Amtsgeschafte keinen Schein von Beweisen ubersehe, auf die sich ihr Richterspruch grundet, tragt sie noch obendarauf eine Brille. "Qu'apres demain Dieu le grand Dieu confonde." Hier stampfte er mit dem Fusse und wischte sich den Schweiss von der Stirn. Ist der Mann toll, dachte ich. Was in aller Welt geht dich doch die alte Runkunkel sammt ihren Deutereien, ihrer Brille, ihren prophetischen Spinneweben, und was geht dich vollends der alte Groll an, den er, Gott weiss aus welcher Ursache, gegen sie gefasst hat.
"Aber, lieber Kammerherr," wendete ich mich lachelnd an seine verstorte Miene, "was hat es denn nun eigentlich fur eine Bewandtniss mit der Kapelle, die Ihnen uber dem alten Weibe ganz aus den Augen gekommen ist?" "Diese steht," kam er endlich wieder. ins Gleis, "ausser jener Blindschleiche, die einen Tag um den andern dort herum kriechen und kehren muss, unter dem alleinigen Verschluss des jedesmaligen Regenten, zu der er, nach dem Testamente seines Ahnherrn, sogar seinem Sohn und Erben den goldnen Schlussel nicht eher, als in der Stunde seines Beilagers anvertrauen darf. Zugleich wird dem jungen Prinzen aus dem Hausarchive eine von dem ersten Stammvater entworfene Schrift versiegelt eingehandiget; die er den Morgen darauf auch mit seinem Petschafte bedruckt wieder zuruckliefern muss und die, was glauben Sie wohl? den Neuvermahlten unter den drohendsten Beschworungsformeln verbietet, das hochzeitliche Bett zu besteigen, bevor sie nicht in der hinter der Tapete verborgenen Kapelle ihre Andacht verrichtet hatten. Trotz des heftigen Gegenstosses von widereinanderlaufenden Empfindungen, den ein so unerwarteter Befehl bei Jedem hervorbringen muss, dem er in dem kostbarsten Augenblicke seines Lebens in die Ohren gerasselt kommt, ist nun schon seit undenklichen Zeiten dieses sonderbare Herkommen, wie ein elektrischer Schlag von Vater auf Sohn in dem festen Glauben ubergegangen, dass an dessen gewissenhafter Befolgung das Gluck des Fursten und die Wohlfahrt des Landes gebunden sei, so wie es nicht umsonst durch die Zeichen und Wunder verkundiget worden sei, die den begeisterten Augen der unzahligen Sibillen im rothen Thurme voruberzogen. Lange wahnte man, der mysteriose Thurm verwahre unter Aufsicht eines weiblichen Drachen das Arkanum der Adepten. Da sich aber ein Finanzminister nach dem andern erbot, den Ungrund dieses Geruchts aus den Kammerakten darzuthun, so wurde sich noch keine Seele ruhmen konnen, das Geheimniss erforscht zu haben, hatte sich nicht das liebe Ungefahr ins Mittel geschlagen. Der jetzige Herr, der den Hang seiner nun in Gott ruhenden Gemahlin zur religiosen Einsamkeit kannte, liess ihr, da er eben auf die Hirschbrunst verreiste, den goldnen Schlussel zu der abgelegenen Kapelle zuruck, um sich durch frohe Erinnerungen an ihre hier genossenen glucklichen Stunden uber seine Abwesenheit zu trosten. Was er aber nicht erwartete geschah. Die Hochselige verlor ihn eines Morgens am Eingange der heiligen Halle. Ein Kamerad und Blutsfreund von mir fand und hielt ihn fur den seinigen, und versuchte ihn an dem zugehorigen Schlosse, das er ohne Muhe offnete; der Zufall, dachte er, soll mir nicht umsonst diesen Fund in die Hande gespielt haben, und so bemachtigte er sich der so viele Seculn hindurch verheimlicht gebliebenen Wahrheit mit innigster Freude, und bei der langen Entfernung ihres rechten Besitzers mit aller Bequemlichkeit. Einst, in einer traulichen Abendstunde, entdeckte er mir sein Abentheuer unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Auch sind Sie der erste, dem ich es unter gleicher Bedingung aufs Herz binde. Nach der Beschreibung meines lieben Vetters, sollte man die fensterlose Rotunde eher fur das Museum eines Liebhabers der Kunst, als fur ein Betzimmer halten, denn mit diesem hat sie nur eine entfernte Aehnlichkeit. Sie ist mit einem glasernen Kuppelgewolbe uberspannt, durch welches in der Nacht die Sterne magisch herabschimmern. Doch scheint es, der verstandige Erbauer habe aus eigener Erfahrung sehr richtig geschlossen, dass die beiden hieher verlockten Andachtigen sich und das Irdische nicht so weit aus den Augen verlieren wurden, um nach dieser eine Weile angestaunten atherischen Beleuchtung nicht auch einer ihren menschlichen Sinnen behaglicheren entgegen zu sehen und in diesem wohlberechneten Augenblicke bricht, wie aus einem Krater, eine Lichtmasse aus der Tiefe des rothen Thurms herauf, die ihre dunkeln Ahndungen aufklart, und zugleich, indem alles was sie umgiebt, Farbe und Beleuchtung erhalt, eine Sammlung trefflicher Malereien bestralt, die ihre banglich gestimmten Herzen auf einmal belehrt, was Gott, Natur und Furstenpflicht in dieser feierlichen Stunde von ihrem Daseyn verlangen. Nun frag' ich Sie selbst, mein Herr! ob einem mit diesen ernsten Anforderungen unbekannten Kinde nicht grun und gelb vor den Augen werden muss, wenn es so ohne alle Vorbereitung in solch einen Zauberstrudel gerath, gegen den die glanzendste Oper nur eine Armseligkeit ist? Die ubrigen Verzierungen dieses Heiligthums bestehen in zwei grossen Wandspiegeln, die von dem Fusse des sammetnen Teppichs auf bis an das obere Gesims steigen, und alles auffassen und treu abgebildet zuruckgeben, was sich ihrem Strahlenkreis nahert. An den beiden Seiten eines jeden blinket eine niedliche Handbibliothek hinter vergitterten Schrankchen hervor, uber die Genien und Amoretten von kararischem Marmor Wache statt des Gewehrs aber ein blau seidnes Schnurchen in der Hand halten, das die mattherzigste nur mit einem Finger anziehen darf, um diese reichen Schatze geistiger Erholungen zu entriegeln. In der Mitte der Rotunde blaht sich ein einzelner elastischer Sopha, dem Hochaltare gegenuber, auf welchem in einem ziemlich abgenutzten Einbande, gleich dem Buche des Schicksals die Annalen des Furstlichen Hauses, bis auf die leeren Blatter aufgeschlagen da liegen, die zur Fortsetzung bestimmt sind. Am Anfange des Werks steht die Vorrede von der eignen Hand des Stifters. Mein Vetter hat mir eine Abschrift davon gelassen, die ich Ihnen gelegentlich zum Versuch mittheilen will, ob es Ihnen besser gelingen wird als mir das Kauderwalsch zu entrathseln." Hier schien es dem guten Manne einzufallen, dass ihn wohl der Zeitungsartikel zu einer grossern Schwatzhaftigkeit mochte verfuhrt haben, als einem pensionirten Kammerherrn anstunde er legte auf einmal das Blatt verdriesslich auf den Tisch, griff nach Hut und Stock und eilte nach der Thur. "Warten Sie nur einen Augenblick," hielt ich ihn auf, "bis ich meinem Bedienten geklingelt habe, um Ihnen nach Hause zu leuchten. Unmassgeblich konnten Sie ihm auf seinem Ruckwege die versprochene Vorrede mitgeben, wenn Sie solche bei der Hand haben." "Wohl!" sagte er, und verliess mich. Bald darauf handigte mir mein Laternentrager die Handschrift ein. Ich hatte mich inzwischen in mein Studierstubchen zuruckgezogen, und ohne dass ich prahlen will, war mir nach drei Stunden, mit Hulfe meines Glossariums, eine verstandliche Ubertragung der alten Urkunde in reineres Deutsch so vollkommen gelungen, dass ich vor Freude den Kammerherrn hatte kussen mogen; denn erst jetzt sah ich um wie ungleich mehr mir seine Unkenntniss in den Schriften der Vorzeit werth war, als sein im Grunde verworrenes Geschwatz. Der Stiftungsbrief des edeln Erbauers jener Kapelle enthalt neben manchen andern Vorschriften einen ungemein treuherzigen Zuruf an seine mannlichen Nachkommen. Man sieht in jeder Zeile wie gut er es mit ihnen meint, und wie viel ihm an der acht ritterlichen Fortpflanzung seines Geschlechts gelegen sei und obschon die Sicherheitsmassregeln, die er ihnen bei der Wahl ihrer Ehehalften empfiehlt, von unsern verfeinerten Sitten so himmelweit abgehen, als das Heldenbuch von Gessners Idyllen, so kann man doch bei den Grundsatzen von denen er ausgeht, hochstens die Achseln zucken und lacheln, ohne gerade seine Ansichten zu verwerfen So bestimmt er z.B. eine jahrliche Extra-Steuer zum Gehalt einer erfahrnen und bis ins Grab verschwiegenen Matrone, die er, vor der standesmassigen Uebergabe seiner Verlobten, zur Beglaubigung ihrer jungfraulichen und nachher zur Bewachung ihrer Wurde als Landesmutter ohne Einfluss ihrer Oberhofmeisterin angestellt wissen will. Diese Stelle seiner Vorrede, mit allen den einzelnen Anweisungen, die ich jedoch vor der Hand noch ubergehe, gab mir einen ganz andern Begriff von den Pflichten der ehrwurdigen Bewohnerin des rothen Thurms, die mir kurz vorher der Kammerherr mit so grellen Farben schilderte.
Wahrend dem Entziffern der gothischen Buchstaben der veralteten Urkunde, war der Wunsch bei mir rege geworden, die beiden Pilger vor dem Eintritt in die Kapelle personlich kennen zu lernen.
Meinst Du nicht auch, dass es in unsern moralischen sowohl als physischen Studien einen eignen Spass macht, wenn wir bei der Puppe eines Zwiefalters, die scheinbar todt vor uns liegt, die Farbe seiner Flugel und die Lebhaftigkeit vorher zu errathen gesucht haben, mit der wir ihn, nach seiner Ausbildung, dem angstlichen Naturzwange entschlupfen, und erstaunt uber seine schone Verwandlung mit funkelnden Augen dem bluhenden Jelanger jelieber zuflattern sehen. Jung wie ich damals und sehr geneigt zu so einem Gedankenspielwar, kam es mir auf eine Reise von ein paar Meilen nicht an, um mir einen so unschuldigen Zeitvertreib zu machen.
Ich entschloss mich kurz, liess meinen Staatsrock einpacken und richtete es so ein, dass ich am Abend vor der Festlichkeit in der Residenz eintraf.
Aber hier, wo ich vor dem grunen Lorbeerbaum still hielt, schien es, als ob mein guter Genius Zeit und Ort so richtig abgemessen hatte, um mir das Vergnugen einer wohlthatigen Handlung zu verschaffen, die, zehn Schritte weiter, nicht mehr moglich war. Denn in dem Augenblicke, da ich den Schlag meines Wagens hinter mir zuwarf, war eine in schwarzen Flor verkappte Fremde im Begriff aus dem ihrigen zu steigen, verfehlte aber den Tritt, und hatte, ohne mein schnelles Zuspringen, Gott weiss, welchen hasslichen Fall, auf das Steinpflaster gethan.
Vor Schrecken konnte sie nur einsilbige Danksagungen herstammeln. Sie zitterte noch an meinem Arme, den ich ihr, ohne noch zu wissen, wie jung und schon sie war, aus blossem Antrieb gemeiner Hoflichkeit darbot, um sie durch das Gedrange des Gasthofs hindurch in das Zimmer zu fuhren, das man ihr anwies. Ein noch gunstigerer Zufall machte mich hier so verschieden sind bei aller Familienahnlichkeit, die verschwisterten Horen unsers Lebens naher noch zu ihrem Nachbar, als ich es bei Klarchen geworden bin. Das Haus war so von Fremden besetzt, dass mir der Wirth nur ein Hinterstubchen ohne Ausgang einraumen konnte, das von ihrem Zimmer bloss durch eine Thur getrennt war, die man jedoch von der einen wie von der andern Seite verriegeln konnte. Der Fehltritt des, wie ich nun sah, hochst lieblichen Madchens, erleichterte ungemein unsere Bekanntschaft. Wir wechselten zuerst unsere Namen gegen einander aus. Der ihrige, sagte sie, den sie vor achtzehn Jahren in der heiligen Taufe erhalten, sei Amanda. Der ist doch, erwiederte ich, um das Gesprach in Gang zu bringen, theils sonorischer, theils passender, als so viele, die jetzt Vater die Mode haben, ihren Tochtern beizulegen, wie sie ihnen der erste beste Roman an die Hand giebt, als z.B. Fredegunde, Hildegarte, oder Aloisia Sigea und dergleichen.
Mittlerweile wurde ein Esstischchen mit zwei Couverts hereingetragen. Ich sah sie fragend an, sie schien nichts dawider zu haben und ich noch weniger. Wir hatten einander schon abgemerkt, dass jedem eine andere Gesellschaft lieber ware, als seine eigene. Ehe wir uns noch vor unserer Erdbeerkaltschale niedersetzten, erfuhr ich schon so viel, dass sie in Geschaften hier sei, die ihr wohl nicht so leicht jemand ansehen wurde.
Aber jetzt, bevor ich zu den grunen Erbsen ubergehe, die ich ihr vorlegte, und mit Zucker bestreute, bitte ich Dich und Euch alle, Ihr politischen Schleichhandler, die Ihr wohl ofter als ich krumme Wege einschlagen und Schreiber, Minister und Generale bestechen musst, um hinter Dokumente zu kommen, die in Euern Kram taugen, fur das Folgende um eine mehr als gewohnliche Aufmerksamkeit. Es ware doch moglich, dass sich etwas, einem grano salis ahnliches darin fande, mit dem Ihr die Suppen wurzen konntet, die Ihr fur Euern Herrentisch zu kochen habt.
Eben da ich fur die schone Unbekannte, am Schlusse unsers gemeinschaftlichen Mahls die Flugel eines Rebhuhns abgelost hatte, und nur die beiden Beine fur mich behielt, schien sich alles fremdartige unter uns zu verlieren. Sie trat mir auf einmal vermuthlich um mich nicht langer in Ungewissheit zu lassen, ob sie, mit der ich so ungleich theilte, der Leckerbissen auch werth sei, die mir schon genugten, wenn sie ihr schmeckten ja, ehe ich's nur von ferne ahnden konnte, trat sie mir erstaune Eduard! in dem Nimbus einer so blendenden Wurde unter die Augen, dass ich nicht sogleich wusste, was ich mit der Ehrerbietung und Hoffnung anfangen sollte, die sie mir einflosste; denn dieses reizende Madchen denke nur war nichts geringeres als eine bevollmachtigte Gesandtin der ersten Klasse, wie ehemals die Prinzessin Ursini. Ich traf so auffallende Beruhrungspunkte unter beiden an, dass ich meiner schonen Tischgenossin auf keine Weise zu viel Ehre anthue, wenn ich sie der verschmitztesten Unterhandlerin des vorigen Jahrhunderts an die Seite stelle mit Ausnahme der allzugrossen Verschwiegenheit, welche die Neugierigen im Wiener Kabinet jener hochmuthigen Frau vorwarfen. Ich wurde an meiner Gesellschafterin das offenbarste Unrecht begehen, wenn ich sie dieses Fehlers der Unterhaltung beschuldigen wollte: dafur bewahre mich die Erinnerung ihrer allerliebsten Offenherzigkeit. Genannte Prinzessin, wirst Du Dich wohl noch aus ihrer Geschichte erinnern war heimlich beauftragt, Staatsgeheimnisse eines fremden Hofs auszuforschen und sie dem ihrigen zu verrathen. Amandchen mit ihrer Instruktion war in demselben Falle.
Ich hatte, ware es darauf angekommen, meine Parallele zwischen diesen beiden wichtigen Personen, sehr weit, ja bis zum spanischen Successionskrieg ausdehnen konnen, der nicht, zu seiner ewigen Schande, das Brandmal seiner Veranlassung, das Blutzeichen seines Ursprungs so offen an der Stirn tragen wurde, hatte man auch die kluge Vorsicht des mehrmals schon gedachten und gepriesenen Ahnherrn angewandt, die teterrima belli causa, vorher, ehe es zu spat war, von verstandigen Matronen beleuchten zu lassen. Die Vergleichung liesse sich noch weiter bis zum Baadner und Utrechter Frieden fortsetzen denn in allen diesen wichtigen Welthandeln hatte die schlaue Franzosin ihre Hande im Spiel, so gut wie jetzt Amandchen die schonen ihrigen in dem Krieg und Frieden des kunftigen Sonntags. Ich wunschte Dir diess alles nicht nur deutlicher, sondern auch so anschaulich zu machen, als es mir in dem sussen Augenblicke wohl werden musste, wo meine Ohren dem Tenor ihrer Stimme, meine Augen der Geschicklichkeit ihres Athemzugs nachspurten, der manchmal, wie der Zephir auf einem Schmerlenbach, an dem Obertheile ihres Muselins mit ein paar Wellenlinien spielte, die meiner Aufmerksamkeit beinahe eine andere Richtung gegeben hatten. Mir kam es zugleich vor doch kann ich mich irren, als ob die kleine Gesandtin sich nicht ohne Grund, mehr auf die Wunder ihrer achtzehn Jahre, als auf die Wurde ihrer Mission zu Gute thate, und ich versprach ihr heimlich, mich darnach zu richten denn wenn sie mich die reichhaltige Tiefe jener nur errathen liess, so enthullte sie mir hingegen diese, wie sie sich selbst ausdruckte, bis auf die Graten.
"Damit Sie doch," fing sie mit einer eben so artigen als ruhrenden Wendung an, " auch erfahren, wer eigentlich die junge Person ist, der Sie als ein schutzender Engel in dem schrecklichsten Moment ihres Lebens zuflogen ach, es durfte nur noch einer vergehen, und es lag ein gutes Madchen vom gesundesten Gliederbau und ertraglichem Aeussern zerschmettert zu Ihren Fussen so darf ich kein Bedenken tragen, meinem so grossen Wohlthater im Vertrauen zu eroffnen, dass ich bei der lieben Prinzessin, die morgen Nachmittags zu ihrer Vermahlung hier erwartet wird, mehr die Stelle ihrer Freundin, in der weitlauftigsten Bedeutung des Worts, als dem Titel nach, die, ihrer Kammerjungfer vertreten habe."
Diese unerwartete Nachricht brachte mich so ganz aus meiner Fassung, dass ich in diesem Augenblicke hochst verlegen war, welcher von ihren beiden schonen Eigenschaften ich vorzuglich huldigen musse. Schon diese Verhaltnisse, fuhr sie fort, konnen es erklaren, warum die Furstin Frau Mutter, dem Wunsche ihrer geliebten Tochter gemass damit sie doch eine alte Bekannte in der Stadt fande, mit der sie ein Wort allein schwatzen konnte mich heute schon und um so viel lieber hieher schickte, weil ihr selbst zu viel daran liegt, bald zu erfahren, wie ihrem furchtsamen Kinde die erste Nacht ausser dem alterlichen Hause vergangen sei. Das werde ich nun freilich umstandlich genug in der Audienz horen, die sie mir den Morgen nach ihrem Beilager ertheilen will; denn das gute Kind kann nun einmal nicht das Geringste vor mir auf dem Herzen behalten.
Ach, Gott gebe nur, seufzte ich heimlich, dass kein ungunstiger Ausspruch der Thurmwachterin der Braut den Eingang in das Allerheiligste versperre, und deine ganze schone Gesandtschaft, mein gutes Amandchen, zu- Wasser mache.
"Ob ich nun zwar, fuhr sie mit vielem Anstande fort, gar wohl einsehe, dass die punktliche Ausfuhrung eines so kitzlichen Geschafts, bei welchem sich wohl selbst die gelehrtesten Manner ungeschickt benehmen wurden, nur einer Person moglich ist, die das gute Kind von seinen Windeln an gepflegt, und sein Zutrauen in so hohem Grade erworben hat, als meine Wenigkeit; so gestehe ich Ihnen doch, dass ich der Ehre dieses geheimen Auftrags gern uberhoben gewesen ware. Schicklicher wurde es ohnehin seyn, die Tochter entwickelte der Mutter die beklommenen Gefuhle ihrer Seele in einem Handbriefchen, aber beide wissen wir es nur zu gut, wie viel sie mit der Feder vermag und nun vollends, mein Gott! nach einer so ungewohnten Veranderung! Leider muss ich sonach der armen Kleinen zum Sprachrohr dienen das ihre Ohrenbeichte aufnehmen und weiter bringen soll; es mag mir auch noch so himmelangst davor seyn."
Diese kleinmuthigen Aeusserungen einer Herzensfreundin und langjahrigen Kammerjungfer der jungen Verlobten, versprachen mir schon nicht viel trostliches uber die heiligen Urkunden zu horen, auf die es hier ankam; aber meine Besorgniss stieg noch um vieles hoher, je seltener sich das naive Amandchen des allegorischen Schleiers bediente, den der alte Hofmann daruber geworfen hatte.
Doch um sie nicht stutzig zu machen, hutete ich mich weislich, sie vor der Hand von meinem Selbstgesprach mehr merken zu lassen, als mir in Rucksicht des Plans dienlich schien, der sich nun unter meinem Scheitel zu bilden anfing. Ich rief dafur den Aufwarter, uns ein paar Glaser Punsch zu bringen; diese thaten auch redlich das ihrige.
Mit einer nachdenkenden Miene, die ihrem Gesichtchen recht artig liess und wahrend sie von dem warmen Getrank, nippte, hob sie ihre blauen Augen in die Hohe und schuttelte das Kopfchen. Nein schien es ihr nicht langer moglich zu seyn, ihren innern Aerger zu unterdrucken nein, es ist unverantwortlich, wie die beiden Hofe die vierzehnjahrige Dame behandeln. Nicht eher als gestern, mein Herr, beim Fruhstuck, von dem ich nicht glaubte, dass es das letzte von mir aufgetragene seyn wurde, wurden ihr die Anspruche des Prinzen auf ihr Personchen bekannt gemacht, und der Ehekontrakt vorgelegt, um ihren Namen darunter zu kritzeln. Ich dachte der Schlag wurde mich ruhren, als ich ihr die Feder eintunken musste. Schon vier Wochen lag er hinter ihrem und meinem Rucken ausgefertiget in dem Kabinette des Fursten, als ob unser eins nicht besser beurtheilen konnte, als Aeltern und Minister, was hier fiel es ihr ein, noch einmal an den Knocheln des Feldhuhns zu knaupeln, das sie schon weggelegt hatte, und vergass daruber den Nachsatz, auf den ich doch so begierig war.
Die kindischen Thranen knupfte sie nach einem Weilchen den Faden ihrer Erzahlung wieder an welche die arme Unbefangene vergoss, fruchteten eben so wenig, als unsere triftigsten Vorstellungen. Ihre gewiss erfahrne Oberhofmeisterin sagte es der Furstin ins Gesicht, dass der Uebersprung ihrer Tochter aus der Schulstube in die Lehrstunden des Brautbetts ein wahrer salto mortale sei. Possen, antwortete Ihro Durchlaucht jener Hof, der um unser Jettchen geworben hat, ist nach einem alten Hausgesetz verbunden, keine zu wahlen, die alter ist. Uns bleibt nichts ubrig, als der Grille nachzugeben. Der Fehler ihrer Jugend wird nach Jahr und Tag nicht mehr sichtbar seyn und was mussten verstandige Leute von der Einsicht eines Fursten denken, der solcher Lappalien wegen eine so vorteilhafte Verbindung ausschluge. Die Lander beider Herren stossen an einander, und ich wette, in zweimal vier und zwanzig Stunden giebt es keine Granzstreitigkeiten keine Pyraneen mehr.
An dem Leitband einer solchen Politik wird nun morgen das unschuldige Kind einem Manne in die Hande gespielt, das ist noch die Frage, dachte ich den es weder gesehen, noch von dessen Vorhaben mit ihr sie auch nicht den geringsten Begriff hat. Ich bitte Sie um Gottes Willen, mein Herr, was soll aus so einer Heirath kluges herauskommen. Mit dem Prinzen ist es freilich etwas anders der hat ihre grossen Augen, ihren sittsamen Anstand und ihren herrlichen Wuchs schon lieb gewonnen, als er, wie es nun verlautet, incognito in einem grauen Ueberrocke, ihrer offentlichen Konfirmation beiwohnte. Sie war auch damals zum Verlieben Ich hatte sie auf das schonste herausgeputzt, ein wenig geschminkt, und sie fiel der ganzen Gemeine in die Augen ich aber wusste am besten, was dahinter steckte dafur kann aber auch niemand neugieriger auf ubermorgen seyn, als ich Ausser mir fiel ich der kleinen Verratherin unbedachtsam in die Rede, und liess, um ihr zu zeigen, dass ich wohl auch Geheimnisse zu verschwatzen hatte, ein paar unverfangliche Worte von jener rathselhaften Kapelle fallen; hatte aber bald daruber meinen ganzen Kram verdorben: denn wie ich sie auf die Mysterien dieses Heiligthums fast so neugierig gemacht hatte, als ich es selbst war, nur unglucklicher Weise hinzusetzte, ob die junge Prinzessin nicht billigen Anstand nehmen wurde, ihre dort verrichtete Andacht den Ohren auch ihrer innigsten Jugendfreundin Preis zu geben; so brachte mein geausserter Zweifel ihren kleinen Gesandtenstolz in sichtbare Bewegung. Nun das wird sich zeigen, antwortete sie mir ziemlichschnippisch. Ich kann nur ausrichten, was mir die Tochter an die Mutter aufgeben wird, und ware die Sache ja des Verschweigens werth, so sollte ich denken, werden die einzigen drei Personen, die davon Kunde haben, es auch wohl zu beobachten wissen Das aber war eben der Stein des Anstosses, den ich beseitigen musste; denn, wollte ich nicht auf halbem Wege stehen bleiben, so musste auch meine vierte Person mit ihren beiden Ohren ihren Antheil davon bekommen. Einer Schwatzerin gegenuber hat ein Aufpasser immer gut Spiel; denn unerachtet mir ihre schmollende Miene sehr deutlich zu sagen schien du glaubst mich zu uberlisten, guter Freund, da musst du aber leiser auftreten, wenn du das Vogelchen nicht verscheuchen willst, das du in deinem Sprenkel zu fangen denkst so liess ich mich dadurch doch nicht irre machen. Ich stimmte nur meine Lockpfeife anders, bald so, bald so, bis ich den Ton traf, den es am liebsten horte. Ein Wort fur tausend! Mein zu jener Zeit eigenes Gluck mit dem verschmitzten Geschlechte, brachte es endlich dahin, dass mir die liebenswurdigste aller moglichen Gesandtinnen, mit zitternden Lippen, bebender Brust, das Versprechen zustammelte: von nun an nichts in der Welt mehr vor mir geheim zuhalten, es mochte auch daraus entstehen, was Gott wollte.
Diesen glucklichen Ausgang, wahnte mein stolzes Herz, wird die schone Fremde bei aller ihrer Klugheit schwerlich geahndet haben O ich eingebildeter Thor, der ich immer gewesen bin! Sie hatte ihn, glaube ich, schon bei unserer Kaltschale vorausgesehen, schon, wie eine geubte Natherin, beim Einfadeln des Zwirns auf das letzte Knotchen gedacht. So traulich, als man nur in einer Kammer ohne Ausgang seyn kann, schlang sie im Auf- und Abgehen ihren weissen Arm um den meinigen. Jetzt, mein zudringlicher Herr, fasste sie sich kurz, noch ein ernsthaftes Wort. Ihrer unmassigen Neugier zu gefallen darf ich weder mein Berufsgeschaft aus den Augen, noch mit Verplaudern die Zeit verlieren, denn mit furstlicher Ungeduld ist nicht zu spassen. Nun habe ich aber so fur mich im Stillen vorausgesetzt, dass Sie mich, wenn ich hier abgehe, wenigstens die Halfte Weges gern nicht wahr, Sie thun es gern? begleiten, das hebt denn alle Schwierigkeit. Wahrend ich mich in meinen Reiserock werfe, bestellen Sie das Anspannen setzen Sich neben mir in meinen Wagen und lassen den Ihrigen so lange leer nachfahren, bis Sie Sich an den Lamenten meines Beichtkinds satt gehort haben. Was sagen Sie zu meinem Plan? "Was ich dazu sage liebes vorsichtiges Madchen ich bewundere ihn und mache ihn in allen seinen Punkten und Klauseln zu dem meinigen. Kein Alberoni, kein Choisel, kein Kaunitz hatte ihn in vorliegenden Umstanden angemessener entwerfen konnen. Wahrlich Sie sind zu einem Gesandtschaftsposten geboren." Sie erwiederte meine Schmeichelei mit einem herzlichen Handedruck, und wir bestarkten noch ehe sie die Thur hinter mir verriegelte, unsere gegenseitige Zusage so gut als durch einen korperlichen Eid. Ich warf mich so beruhigt, so mit mir zufrieden, auf meine Matratze, wie ein Spion, der sich mit heiler Haut durch die feindlichen Vorposten geschlichen hat. Den Morgen nach dieser nachtlichen Verschworung tranken ich und Amandchen noch unsern Kaffee zusammen dann dachte jedes an nichts weiter, als durch seinen Anputz der Einladung ich an die furstliche Tafel sie an den Kammertisch Ehre zu machen. Die Scheidelinie, die uns den Tag uber trennte, reichte doch nicht das war unser Trost bis zu unserer Nachbarschaft im Gasthofe.
Mein Wunsch, die ersten Akteurs des heutigen Duodramas kennen zu lernen, gelang vollkommen. Ich kam dem Erbprinzen an seiner Tafel gegenuber zu sitzen, freute mich der schonen ritterlichen Gestalt und wunschte der Braut in Gedanken Gluck zu einem solchen Wegweiser nach der dunkeln Kapelle.
Die Ahnlichkeit mit seinem Herrn Vater der sich aber nach einer kurzen Erscheinung, des Herkommens oder des Podagras wegen, dem Feste seines Sohnes entzog beruhigte mich uber den verlornen Schlussel seiner Frau Mutter hochstseligen Andenkens. Wir tafelten in grosser Eil Der Nachtisch war noch nicht in Ordnung gesetzt, als ein Signal-Schuss, der die Annaherung der furstlichen Braut verkundigte, uns alle von dem Konfekt hinweg an die Fenster jagte. Nach Verlauf einer ungeduldigen Viertelstunde kam sie und ich faltete wehmuthig die Hande dem rothen Thurme und seinem Zwinger vorbei, in den Schlosshof gerollt, und alle unsere Herzen flogen ihr entgegen, als der gluckliche Eroberer des ihrigen unter dem Lauffeuer der Kanonen und dem Gelaute der Glocken, diess betaubte Kind der Natur aus dem Wagen hob. So schon blass als ich mir einen sterbenden Engel vorstellen wurde, wenn ein solcher sich denken liess, reichte sie in ihrem Hochzeitsstaate ihrem nicht weniger geschmuckten Brautigam zitternd die Hand, und von dieser Minute an nahm meine Seele einen so innigen Antheil an ihrer reizenden Unschuld, dass, ware es mir nachgegangen, ich die heillose Kapelle gern dem gewohnlichen Schicksal milder Stiftungen Preis gegeben hatte.
So lange das Uhrwerk der Etiquette fortrasselte, verloren sich alle meine Blicke in den offenen Himmel der ihrigen. Ich trippelte an dem Schweif des Hofstaats hinter ihr her, als nach einer kurzen Pause der Erholung ihr Verlobter diese blassbluhende Rose aus dem Halbzirkel der hochfarbigen Mohn- und Klatsch-Blumen, die ihr ohne Aufhoren um die Ohren sauselten, rettete, und mit dieser herrlichen Blume an der Hand, sich in dem anstossenden Zimmer dem heiligen Mann naherte, der sie an seine pochende Brust befestigen sollte mit einem Worte, als der Prinz seine schone Braut zum Traualtar fuhrte. Unaufmerksam auf die vermutlich stattliche Rede des Kapellans, erbaute ich mich nur an der Wirkung, die sie hervorbrachte, an den kleinen kostlichen Perlen, die den andachtig gesenkten Augen der hingegebenen Jungfrau entfielen. Ich bemerkte mit innerm Schauder, wie bei dem gottlichen Befehl: Seid fruchtbar und mehret euch die Juwelen ihres Brautkranzes zitterten, und als der Priester nach Auswechselung der Ringe die Verbundenen fur das weitere eingesegnet hatte und ein allgemeines Amen die heilige Handlung beschloss, welche Ausdehnung musste dieses fromme Losungswort nicht bei mir bei dem einzigen von der mittonenden Gemeinde erhalten, der die Verlegenheiten so genau kannte, die es ihnen nach Verlauf weniger Stunden zuziehen wurde.
Unter dem Nachsummen der Orgel leitete uns der Stab des Obermarschalls in das Pantheon der furstlichen Hausgotter in den prachtigen antiken Speisesaal. Aus der Mitte der Hauptwand strotzte das Bildniss des bartigen Stammvaters hervor. Ueber seinem Harnisch blinkte an einer goldenen Halskette der Binde- und Loseschlussel zu dem Himmelreich seiner Kapelle, den in den langen Nebenreihen seiner beseligten Nachkommen eine nachbarliche Hand der andern zugereicht hatte. Ihre immer freundlicher werdenden Trachten spiegelten das allmahlige Fortsteigen zum bessern Geschmack aufs deutlichste ab, und alle uberstrahlte sie diesen Abend ihr letzter Abkommling mit glattem Kinn und gepudertem Haare in einem goldstoffenen, mit koniglichen Adlern und andern Raubthieren verzierten Gewand eine Huldin an seiner Rechten, die durch Glanz der Jugend, die Anmuth des Putzes, die ganze weibliche Linie der heimgegangenen Furstinnen verdunkelte, die sich zwischen den festen Korpern ihrer Eheherrn, gleich der freundlichen Milchstrasse am nachtlichen Horizont zwischen den Stieren, Lowen, Steinbocken und Skorpionen durchschlangelte.
Wie Schatten aus dem Elysium schienen jene alten Ritter ernsthaft auf das heutige Prunkmahl herabzuschielen, das statt der gewaltigen Schusseln der Heldenzeit statt der Humpen und goldenen Becher nur mit Reizmitteln des Gaumens nur mit aromatischen Leckereien auslandischen in krystallnen Gefassen blinkenden Weinen und Spielwerken des asthetischen Konditors besetzt war fur Gaste und Zuschauer ein sprechendes Symbol unsers verfeinerten Zeitalters, das mit den Faustkampfen und Turnieren unserer gediegenen Vorfahren, zugleich ihre mannliche Ess- und Trinklust an ihren Gelagen verdrangt hat. Wie geschwind wurde sie auch, wenn sie sich der Schmetterlinge, die die hochzeitliche Tafel umkranzten, durch ein Wunder bemachtigte, ihnen die bunten Flugelchen die zarten Fuhlhorner zerknicken, und das feine Nervensystem zerreissen, das ihre lustigen Korperchen zusammenhalt. Aber meine betrachtenden Blicke hefteten sich vorzuglich auf sie die in der Wurde der Unschuld unter einem Thronhimmel zur Seite eines liebefunkelnden Fursten dennoch mein Mitleiden erregte. Ich schlich forschend den Bewegungen der reinen Seele nach, die sich aufs herrlichste in ihrem verschamten Gesichtchen abdruckte. Bei jedem Ermunterungsworte, das sein Tenor ihrem Diskant zuflusterte, brachte das Bewusstseyn heute Nachts ein Bette mit diesem Manne zu theilen, aus der Tiefe des Herzens bis uber die bescheidenen Grubchen ihrer Wangen, alle Blutkugelchen in sichtbaren Aufruhr. Unter ihren niedergesenkten Wimpern zitterte hinterher noch die Angst, dass die vielen Zeugen ihrer Errothung auch den gehassigen Gedanken unartig erriethen, den sie sich so gern selbst verschwiegen hatte. Armes Kind, dachte ich, welche Unruhe wurde dich vollends ergreifen, konntest du nur von weiten die Vertraulichkeiten ahnden, in die ich gestern mit deiner Busenfreundin gerathen bin.
Nach drei lastigen Stunden, die sie die Konigin des Festes, trotz der Kunste des Kochs, ohne Genuss, und in der mit jeder Minute hoher steigenden bangen Erwartung, welche Marter-Krone ihr das Ende ihres Ehrentags aufsetzen wurde, verseufzt hatte, lockte die Gottin der Tanzkunst mit ihren harmonischen Gehulfen die bunte Tischgesellschaft in die Erleuchtung eines blendenden Marmorsaals. Ein Chor reizender geputzter Nymphen, an den Handedruck muthiger Junglinge gefesselt, erwartete sie alle, denen noch der Strom der Jugend durch die Adern brauste erwarteten nur noch den Eintritt des gefeierten Paars, um ihre Annehmlichkeiten zu entwickeln und aus den Flugeln des hinschwindenden Lebens Freude, Beifall und Verherrlichung des Festes ihres zukunftigen Gebieters zu erjagen. Nur sie, die schonste und edelste in dem strahlenden Kreis, dem Bilde einer nachtlichen Hore gleich, die der verschwisterten Aurora zueilt eroffnete den Ball mit ihrem Lebensgefahrten ohne Einklang mit seinem Frohsinn, und schwebte, walzte und taumelte unter dem Nebel ihres Schicksals ohne Theilnahme an unserer larmenden Bewunderung.
Welch einen sklavischen Zwang mussten nicht wahrend dieses sinnlichen Sturms die Schlangen- und Wellenlinien ihres zarten Korpers unter dem Panzer eines reichen Schleppkleides erdulden bis nach Vergang einer Stunde das traurige Adagio zwischen einer langen Reihe brennender Fackeln, wie bei einem Leichen-Begangniss, die Ermattete zur Ruhestatte ihres Toilette-Zimmers begleitete.
Wiewohl sie nun an dieser letzten Station ihrer jungfraulichen Reise meinen stillen Betrachtungen entschwand, so leistete mir doch der Schimmer der Wachskerzen, deren eine auch ich ihr vortrug, den beruhigenden Dienst, dass ich meine kluge Stellvertreterin dem lieben Kinde nachschlupfen sah. Wie die verscheuchte Feldmaus der Fabel schlich ich mich nun aus dem Gerausch der grossen Welt zuruck in den stillen Schatten des grunen Lorbeerbaums und harrte auf die Ankunft meiner Vertrauten.
Jetzt dachte ich, hat endlich der gebietende Stammvater die schone Urenkelin, wo er sie haben will. Die laufende Stunde ist die erste, wo er sein Puppenspiel mit ihr beginnt, denn ich erinnerte mich aus seiner Vorrede ganz dunkel einer Stelle, die dahin Bezug hatte. Ich holte mein Portefeuille und suchte sie auf sah aber zugleich, wenn sie mir ganz verstandlich werden sollte, wie nothwendig es war, einen Augenzeugen uber die Umstande abzuhoren, die er in seinem tollen Gehirne voraussetzt.
Ich kenne sagte er aus eigener Erfahrung die muss doch sehr sonderbar gewesen seyn, Eduard das unertragliche Frosteln, denn so glaubte ich musse das veraltete Wort ubersetzt werden, das da stand, ich aber in meinem Glossarium durchaus nicht finden konnte das die Reize so unbefangener Geschopfe mit einer Gansehaut uberzieht, wenn sie zum erstenmal, wie ein Krebs im Fruhling, die Schaale abwerfen, und ihr zartes Gewebe ihre naturliche Aussteuer, die mehr werth ist, als die reichste Morgengabe an Gold und Edelsteinen, der Luft aussetzen sollen.
Ihr guten Frauleins fuhr er zu faseln fort lasst diesen albernen Schauer, der Euch so ubel als einem muthlosen Knaben zu Gesichte steht, der seinem Ritter auf der Stechbahn das Schild vortragen soll lasst dieses alberne Zittern in der kalten Herberge Eurer Toilette zuruck, ehe Ihr die heisse Zone meiner Kapelle betretet, damit das hochgestiegene Barometer der Liebe, das Euch gute Tage verspricht, nicht zum Gefrierpunkte herabsinke Wie soll sich ein so leidenschaftlicher Junge, als ich hoffe, dass meine Prinzen, Enkel und Urenkel seyn werden, benehmen, wenn ihr Liebchen zitternd und bebend vor ihnen steht, und sich jedem Lichtstrahl zu entziehen sucht, der ihr auf die Brust fallt. Ueber solche Grimassen konnen Momente verloren gehen, die fur meine Nachkommenschaft von den wichtigsten Folgen sind.
Ob ich gleich diese Stelle seines Hirtenbriefs zweimal uberlas, konnte ich mich doch nicht uber ihren wahren Sinn recht verstandigen. Desto mehr freute ich mich auf den Kommentar, den mir eine unverwerfliche Augenzeugin daruber geben wurde.
Dergleichen spitzfindige Grillen, als diese ist, gingen den turniersuchtigen edeln Herren gewohnlich durch den Kopf, ohne etwas Ubels dabei zu denken, sobald sie sich einfallen liessen, in das Gebiet der Weiblichkeit einzubrechen, wo sie weder Weg noch Steg kannten. Nur ein Spiessgeselle der grauen Ritterzeit, der seine Freiwerberei als eine Weglagerung das Ehebett fur einen Tummelplatz, und seine Auserwahlte nur in dem Lichte einer gekaperten Christin betrachtete, die ein Sklavenhandler zu Tunis und Tripolis auf offenem Markte feil bietet nur so ein grob zugehauener Klotz, auf den unsere Stammbaume errichtet sind, konnte jenes verschamte Frosteln einer zarten Haut anstossig finden, das uns feiner gestimmten Junglingen, wenn wir es nur ofter zu sehen bekamen, als das Wetterleuchten einer sittsamen Natur erscheinen, und der moralischen Sinnlichkeit die lieblichste Augenweide gewahren wurde. Ich sass vertieft in diesen Gedanken, als ich Amandchens Sanfte vor der Hausthure niedersetzen horte, ihr sogleich entgegen eilte und sie in ihr heimliches Stubchen fuhrte. Hier warf sie sich theatralisch auf einen Lehnstuhl. Sie sehen, mein Herr, erhob sie ihr sonorisches Stimmchen, und zeigte zugleich auf ihr klopfendes Herz und ihr flatterndes Halstuch, in welchem Zustande ich mich befinde; aber die vergangene Stunde hat mich auch mehr angegriffen, als irgend eine, die ich noch erlebt habe. Ich kenne doch auch ein wenig die Hofe, aber der abgeschmackteste steht gegen den hiesigen in Schatten. Hier regiert kein Furst, sondern altes Herkommen, denn diess ist immer das erste und letzte Wort, womit sie ihre einfaltigen Gebrauche entschuldigen.
Es war zum Erbarmen, wie das bis zum Umfallen erschopfte Kind aus dem Fackeldampf heraus in das Putzzimmer trat, wohin ich ihr nachschlupfte. Dort empfing sie ein halbes Dutzend Dirnen von den niedrigsten Gesichtern, an ihrer Spitze eine ganz zu ihnen passende Matrone, die das grosse Wort fuhrte.
Ich erboste mich von weiten uber die zwolf Hande, die auf das ungeschickteste die junge Dame ihres schweren Brautstaates entledigten. Denn mir schnippte Amandchen die Finger liessen die Narrinnen nur die Ehre des Zusehens.
So weit entkleidet, dass sie Athem schopfen konnte, fuhrte man sie und das war noch das klugste, wenn es lange gedauert hatte, in ein hinter einem Vorhang bereitetes aromatisches Bad, worin man ihr jedoch damit ja dem Prinzen die Zeit nicht zu lang werden sollte, hochstens acht Minuten vergonnte, mit sich selbst zu vertandeln. Denn als diese verstrichen waren, hob die alte Sybille die Gardine und trat denken Sie mit dem Spiongesicht eines Visitators vor das liebe schuchterne Kind, das dem Bade entstiegen, wie die Venus in meinem Bilderbuche da stand, und mit vorgestreckten Handchen sich in sich selbst zu verstecken suchte.
Nur ein Wort unterbrach ich die Schwatzerin hatte die Frau nicht eine Brille auf der Nase? Ja wohl, antwortete sie, und noch dazu eine der unverschamtesten, die je unter Luchsaugen gesessen hat.
Holla! dachte ich, da haben wir ja die Wahrsagerin aus den Spinneweben in ihrer ganzen Glorie. Amandchen, rief ich, nun bin ich so gut wie zu Hause. Das ist mir lieb, versetzte sie, so will ich Ihnen wundershalber nur erzahlen, was der Zigeunerin fur sinnloses Zeug aus dem hasslichsten Munde ging, als sie die schone Gestalt vom herrlichsten Wuchs und dem tadellosesten Gliederbau, abtrocknete.
Das ist doch einmal, rief sie in ihrer tollen Bewunderung aus, eine Ausstattung, wie sie nicht leicht einem furstlichen Hause zugebracht wird; fahren Sie fort, theuerste Prinzessin, wie Sie angefangen haben, das Gluck des Landes steht von nun an in Ihren Handen.
Unter diesem dunkeln Orakelspruch uberreichte sie ihr das mit Spitzen besetzte Brauthemd und ordnete das ubrige an.
Aber wie man eine junge Furstin ankleiden muss, war ihnen allen bohmische Dorfer. Sagen Sie mir, mein Herr, sind denn die Stecknadeln erst in neuern Zeiten erfunden? denn in diesem abgelegenen Winkel der alten Burg konnte mein ungeduldiges Jettchen zu keiner gelangen, um ihren Busenstreifen festzustekken. Ich zog zwei Karlsbader aus meinem Halstuch, um ihr aus der Verlegenheit zu helfen, aber dem gramlichen Weibe mussten sie, wie Ihnen gestern, zu spitzig vorkommen, denn sie schlug mir sie aus der Hand, unbekummert, dass mir daruber, wie Sie sehen, die Zipfel auf die, Achsel hangen.
Das alles mochte noch hingehen, wie man ihr aber das Miederchen anlegte, in welchem sie die Nacht uber glanzen sollte, da kam das gute Kind aus seiner Fassung.
Wie, ich bitte Euch, liebe Leutchen, lispelte sie gegen die sechs ungeschickten Madchen, wie konnen denn die Schleifen, die ihr so locker bindet, nur eine Stunde halten? Doch das war so gut als in den Wind gesprochen. Statt aller Antwort griff das alte zauberische Weib nach einer Schnur, die an der Wand herab hing, zog sie an und verursachte dadurch in der Nahe und Ferne der alten Burg ein so durchdringendes Geklingel, dass gewiss dem Taubsten die Ohren davon gegallt haben und zugleich thaten sich in derselben Minute die zwei Flugel zum Eingang in das Brautgemach von selbst auf.
Mir lief es, ich versichere Sie, eiskalt uber den Leib.
Die Alte winkte uns kusste zum Abschied die Hand ihrer neuen Gebieterin mit einer so verfluchten anmassenden Miene, als wolle sie ihr sagen: ich bin es, die dich dazu erhob, und meinen nachsichtigen Augen nur, vergiss es nie hast du es zu danken, dass dich schon heute der Hof und die Stadt fur wehrhaft halten.
Darauf verbeugten sich auch die andern; ich war die letzte, die sich ihr naherte, und meine Blicke und meinen Handedruck hat ihr fuhlend Herz, ich weiss gewiss, verstanden. Die Alte verliess nun mit steifem Schritte das Zimmer, und das arme Kind blieb nun ohne alle menschliche Hulfe, so zu sagen, zwischen Thur und Angel stehen, indem auch wir ubrigen, eine nach der andern, uns trollten.
Ich empfahl meinen Liebling in einem stillen Gebet der Obhut des Himmels, eilte die Stiegen herunter, und blickte noch einmal seufzend nach dem verwunschten Thurm, vor dem Sie mir banger gemacht haben, als Sie wohl denken.
Das, lieber Herr Nachbar, ist alles, was ich Ihnen fur heute zu vertrauen weiss. Meine Offenherzigkeit ich gestehe es hat mir Ueberwindung gekostet. Doch ich war ja lachelte das gewissenhafte Amandchen, durch einen korperlichen Eid dazu verbunden, das beruhiget mich. Morgen ach Gott was werde ich morgen alles zu horen bekommen! fruhstucke und bleibe ich in dem Vorzimmer meiner zur Erbprinzessin erhobenen Pflegetochter, bis sie mir Audienz giebt. So bald ich abgefertiget bin, sehen wir uns wieder, und das ubrige haben wir ja schon der Lange und Breite nach besprochen. Unter dieser trostlichen Aussicht auf den folgenden Tag suchte nun jedes seine Erholung von der Unruhe des heutigen in den Armen des Schlafs.
Blicke, lieber Eduard, nur nicht so verachtlich auf das Garderoben-Geschwatz, das ich Dir, meinem vertrauten Leser, nicht umsonst so weitlauftig ausgesponnen habe. Die Plaudereien eines Kammermadchen und eines in Pension gesetzten Hofschranzen, sind wahre Gold- und Fundgruben fur jeden, der sich mit der histoire scandaleuse der vornehmen Welt befassen, oder gar einer solchen Wunderblume Glaubwurdigkeit verschaffen will, als ich der Muhe werth hielt, Dir hier mit der Treue eines Linnee bis auf ihre kleinsten flimmernden Staubfaden abzuzeichnen. Mit den klug ausgedachten Ursachen, warum der alte Patron eine so uberaus zarte Pflanze erst an die Luft gewohnen will, ehe er sie in seinen Kunstgarten versetzt, hat die angefuhrte Stelle aus seiner Vorrede Dich schon bekannt gemacht. Auch sie gehort zu den vielen Auswuchsen der mannlichen Phantasie seines Zeitalters jener unbegreiflichen Zeit, in der ein Sanchez Svarez P. Mato und ihres gleichen Folianten uber die Jungfrauschaft der Mutter Gottes, mit Erlaubniss der Obern in Druck gaben in offentlichen Horsalen ihre anziehenden Schonheiten zergliederten und mit mystischem Stumpfsinn nachgrubelten, an virgo Maria semen ministrarit in incarnatione Christi Damals, wo es Landessitte war, dass in gemischten Gesellschaften edle Ritter mit ihren Puder- und Pumphosen auftreten konnten, wie deren noch in alten Rustkammern hie und da zum Skandal aufgehangt sind, und auf die kein noch so freches Weib im Vorbeigehen einen Blick werfen kann, ohne die Nase zu rumpfen oder bis uber die Ohren zu errothen damals, wo nach der gangbaren Mode, (die ich bei meinem bestandigen Lesen theologischer Schriften, unerwartet in dem Kommentar des beruhmten Salmasius uber die erste Epistel an die Korinther umstandlich beschrieben fand27) der Kopfputz des schonen Geschlechts so sinnreich geformt war, dass jeder, der sich einer Dame naherte, ihr gleich an der Haube ansehen und sich darnach richten konnte ob sie werehelicht Wittwe oder Jungfrau sei. Ihr freundlichen sittsamen Augen, wo habt Ihr Euch doch damals hinfluchten konnen, ohne vor Schrecken zurukkzuprallen! Wie mochte ein ehrbares Fraulein, ohne Emporung ihres Innern, vor dem Spiegel ihre Locken so legen, wenden und krauseln, als es die Mode verlangte!
Was fur Empfindungen mussen nicht das Herz einer Wittwe in den ersten Trauertagen gefoltert haben, wo sie das Wahrzeichen ihres vorigen glucklichen Standes umkehren, und es dem falsch freundschaftlichen Bedauern anderer Preis geben musste, die es noch prahlend umhertrugen. In Betracht solcher Geistesverirrungen und Anstosse gegen das zarte weibliche Gefuhl, ist die Massregel, die der Graubart nahm, um dem Brautschauer seiner Urenkelinnen vorzubeugen, eine wahre Kleinigkeit, und dennoch, stande mir nicht Amandchens Zeugniss fur die Wahrheit, wurde ich nimmermehr geglaubt haben, dass es auf deutschem Boden eine Furstenburg gabe, wo ein so veraltetes Possenspiel noch gesetzliche Kraft habe. Welcher himmelweite Abstand jener truben Tage von den aufgeklarten unsern.
Die jetztlebenden liebenswurdigen Prinzessinnen, so viel ihrer der Staatskalender aufzahlt ich nehme die kleine aus, die in der laufenden Stunde den Fehler ihrer Jugend und Erziehung bussen muss, wie wenig haben sie, so bald sie uber das erste Dutzend Jahre hinaus sind, von einem zu kalten Luftzug der folgenden zu furchten. Das musste ein Mikroskop aus der andern Welt seyn, das an ihren entblossten Schwanenhalsen die geringste Spur eines Gansehautchens entdeckte. Nach ihrer ersten Andacht treten sie, zu allem abgehartet, mit dem nil admirari des Rousseau in die ihnen geoffnete grosse Welt. Jede giebt sich, mit Recht oder Unrecht, das Ansehen der erfahrensten ihres Geschlechts. Sie kennen den Rubicon aus den vielen Beschreibungen, die sie vor Schlafengehen gelesen haben, zu gut, um sich nicht wenn man sie zum Ueberschwimmen einladet, scherzend dem Spiel seiner Wellen zu uberlassen, und sollte ja eine und die andere bei ihrer Landung ein Frosteln uberfallen, so erregt es gewiss ein anderes Schreckbild als das, einer zu ritterlichen Ueberraschung an dem jenseitigen Ufer. Diese muthvolle Ergebung in ihr Geschick haben sie den aufgeklarten Begriffen zu danken, die sie aus der Schulstube mitbringen, und die einen so vorbereitenden Unterricht uberflussig machen, als die Marquise de Prie der Tochter des Roi bienfaisant und Braut eines in allen und jeden Regierungsgeschaften unwissenden koniglichen Neulings zu geben genothiget war,28 und haben sie nicht ganz ohne Aufmerksamkeit dem Ballonspiele der Hofdamen mit den aufgeblasenen windigen Herzen ihrer Anbeter zugesehen und nur ein wenig besonnener als ein Schaf, von dem Salze geleckt, das ihnen zur Scharfung ihres Zungelchens, dergleichen philosophische Schriften, als etwa die meinigen sind, vorstreute, so wird ihre fein geschliffene kleine Taschen-Lorgnette das Eiland, auf das sie hinsteuern, hinter dem vorliegenden Nebel so gut entdecken, als Columbus mit seinem Fernrohr die neue Welt.
Dafur setzen sich aber auch unsere gebildeten Furstensohne mit leichtem Anstand uber die grillenhaften Vorurtheile ihrer ritterlichen Vorfahren hinweg, und weit entfernt, gleich jenen ernsthaft und gerustet, wie zu einem Zweikampf auf Leben und Tod, zum Puppenspiel der Liebe uberzugehen, schreiten sie nach einem angenehmen Herumschweifen in den Irrgarten der Jugend zur Ehe, wie zu einer Ruhebank, die ihnen unter den vielen, aus dem Gestrauche zuwinkenden, die bequemste dunkt, gleichgultig, ob ein anderer hier etwa kurz zuvor ausgeruhet oder gefruhstuckt hat. Genug fur die ermudeten Herren, dass sie sitzen. In dieser glucklichen Lage nehmen sie den Blumenstrauss, den ihnen ihre Gefahrtin als ein Weihgeschenk darbringt, unbesehens und unbekummert, ob nicht das Knospchen der Centifolie ein Blattchen, die Aurikel ihren feinen Staub verloren doch als ein unbezweifeltes Unterpfand ihrer ersten Liebe, mit eben so herzlichem Dank in Empfang als die edeln Herren der Vorzeit, nur dass sie ihn manierlicher ausdrucken. Diese zudringlichen Gedanken umsonst schob ich meine Nachtmutze hin und her, um sie zu verscheuchen kamen mir sehr zur Unzeit. Die beiden Bundesgenossen mochten sich schon lange uber ihr eigenes Gluck verstandigt, undwie guten Furstenkindern geziemt, die daraus entspringende Wohlfahrt ihres Landes treulich besorgt haben, ehe ich einschlief. Ich that die besten Wunsche fur ihre Zufriedenheit, die mir noch auf den Lippen schwebten, als ich mit Aufgang der Sonne erwachte. Desto eilfertiger war ich nunmehr mit meinem Anzug und meinen kleinen Geschaften. Ich berechnete mich mit dem Wirth und berichtigte freigebig nebst meiner auch Amandchens Zeche. Es war das wenigste, was ich aus dankbarer Rucksicht unserer vertraglichen Nachbarschaft fur sie thun konnte dann nahm ich Abrede mit unserm Kutscher, musste aber noch zwei ungeduldige Stunden das Fenster huten, ehe das schwatzhafte Vogelchen ihrem Bauer zuflatterte.
Nun, meine theure Freundin! trat ich ihrem heitern Gesichtchen entgegen Sie legte aber ihre Finger auf den Mund, winkte mich in mein Stubchen zuruck und verriegelte das ihre. So bald sie ihre Hofmaske abgelegt hatte, standen auch unsere angespannten Wagen vor der Hausthur, unter dem Schatten des Lorbeerbaums.
Ohne uns um die Fernglaser der Fremden zu bekummern, die uns einsteigen sahen, fuhren wir so eilig davon, als furchteten wir ein Hinderniss von Seiten der Polizei, und druckten einander stillschweigend die Hande, bis wir die Stadt, ihre Ehrenpforten von gestern und die furstliche Burg mit dem rothen Thurm im Rucken hatten. Jetzt rief Amandchen dem Kutscher zu, langsam zu fahren, schmiegte ihr Kopfchen an meine Brust und liess mich nun, um es kurz zu machen, so frei als in ihre eigene, in die Herzenstiefe einer Prinzessin blicken, als wohl noch keine so traulich, beredt und ruhrend die Scene ihrer Weihe der Mutter entwickelt hat.
Mein Puls kam nicht eher zur Ruhe, bis kein Wortchen, kein Komma, kein Punktchen mehr an dem kindlichen Bericht fehlte. Die kleine Malerin bildete ihr Original so sprechend nach, dass sie mich sogar mit mehr als einer Kopie des warmen Kusses beschenkte, den ihr die entschiedene Erbprinzessin zum Abschied auf die Lippen gedruckt hatte. Er zitterte so herzlich auf den meinigen wieder, als ob es der lieben Geberin ahndete, dass es trotz unsers gegenseitigen Versprechens, der letzte Tauschhandel unserer freundschaftlichen Gefuhle seyn wurde. Nunmehr leiste ich auch vollig Verzicht darauf, denn da um es im Vorbeigehen zu erwahnen, seit jener Epoche die damals so anspruchslose, schuchterne Prinzessin schon zehnmal Mutter geworden ist, und auf ihren Lorbeern ausruhen konnte, lage ihr nicht eine hausliche Sorge auf dem Herzen, die taglich grosser wird; sie sieht ihren Liebling, den ersten Sprossling jener mystischen Nacht traurig sein schones Haupt hangen, ohne dass es ihr gelungen ist, es aufzurichten die Kapelle wird seit verschiedenen Jahren nicht mehr besucht wie gern wurden die liebenden Aeltern dem Sohn den goldnen Schlussel uberlassen, bande ihnen der Stiftungsbrief nicht die Hande; denn bis jetzt haben sie sich noch immer vergebens an den Hofen nach einer Furstentochter umgesehen, die eben so unbefangen, so wenig erfahren und unterrichtet ware, als es die Mutter vor ihrem Eintritt in die Kapelle war so hat, sage ich, die Zeit in ihrem Umschwung, nebst so manchem andern meiner Wunsche, auch die Sehnsucht nach jener liebenswurdigen Gesandtin verzettelt und ich wurde tuchtig erschrecken, wenn sie mir auf meiner Retourreise von Klarchen irgend in einem Gasthof begegnete. Als ich neben ihr in dem Wagen sass, der durch ihren Fehltritt mir so lieb geworden war, die Fenster aufgezogen und die Stores herabgelassen hatte, konnte ich freilich nicht glauben, dass ich zwanzig Jahre nachher mich ihrer in Avignon so gleichgultig erinnern wurde. Vom Anfang bis zum Ende ihrer Erzahlung waren alle meine Sinne zugleich auf ihre mitspielenden innern Empfindungen gerichtet, die sich mir bald durch ihre funkelnden Augen, bald durch einen nachbarlichen Handedruck, bald durch das Verstecken ihres verschamten Gesichtchens hinter den Schlagschatten des meinigen verriethen, und das Kolorit ihrer geschichtlichen Darstellung um vieles erhohten.
"Ich werde," begann sie, "in meinem Leben nicht vergessen, wie verandert seit gestern die junge Dame mir vorkam, als ich in ihrem Boudoir meine Abfertigung holte. Leuchtend wie ein Cherubin, in ihrer Morgentracht, sprang sie vom Sopha auf, als ich eintrat und Nantchen! liebes Nantchen!! schlang sie ihre beiden Handchen um meinen Hals seit Du mir gestern mit allen den Narrinnen, die mir den Kopf warm machten, aus den Augen kamst, was fur unerhorte Dinge habe ich nicht erlebt. Du kannst sie nicht eher, als bis Du selber einmal Braut seyn wirst aber auch meine Mutter wird sie kaum glauben," und nun warf die gute Kleine in der Freude ihres Herzens wie sie es immer mit ihren Kleidungsstucken zu machen pflegte, alles, was sie mir vertraute, so bunt unter einander, dass es Noth that, sie in ihrem eigenen Roman zurecht zu weisen, und alles das, was sie bald aus Uebereilung zur Halfte vorausgeschickt hatte und wieder zuruckholen, bald das wieder hervorstoren musste, was sie beinahe vergessen hatte in Ordnung zu bringen.
"Das will ich ubernehmen, mein gutes Nantchen," erwiederte ich; "ich will hinterher schon aufraumen fahren Sie nur fort."
"Doch Dir zu Gefallen, Eduard, muss ich hier den Strom ihrer Rede durch Einschaltung eines Prologs unterbrechen, der zur Verstandniss unsers Dramas nothiger ist, als es nur einer vor den Schauspielen der Alten seyn kann.
Der graubartige Ahnherr trete in seiner Maske auf und entwickele die guten Absichten seines Plans noch naher, als sie hier und da aus einigen Stellen seiner Vorrede durchgeschimmert haben, damit Du aus dem eigenen Munde seiner erlauchten Urenkelin desto grundlicher zu beurtheilen vermagst, in wie weit er sie erreicht hat.
Vertausche ich auch manchmal unsern feiner gestimmten Ohren zu Liebe ein allzuderbes Wort, das ihm in seiner verjahrten Sprache uber die Zunge sprudelt, mit einem glimpflichern Ausdruck, so will ich doch sorgen, dass es dem Sinne keinen Abbruch thue, und die heroischen Hulfsmittel nicht vertusche, durch die er der moralischen und physischen Erschlaffung vorzubeugen gedenkt, die, wie er glaubt, seiner Nachkommenschaft droht.
Sie kann nicht ausbleiben, dachte er, wenn die Herren Erbverbruderten so fortfahren wie sie anfangen wenn sie als einen Damm ihrer ziemlich ausgeschopften Hoheit, Prunk und Statuen um sich herum stellen, die ihnen jede freie Aussicht in die Natur versperren, und wenn sie immer so hoch auf den Stelzen ihres Standes einher treten, dass kein Blick der Freundschaft kein Ausdruck der Vertraulichkeit ihre Augen und Ohren erreichen kann, sie flossen ihnen denn von andern Stelzentretern in gerader Richtung zu; und da weiss man schon wie wahr und ruhrend sie ausfallen. Sie mussen es ist nicht anders in ihrer Welt fremd werden, und endlich unter den Possen ihres Anstands erliegen. Was soll, dachte er ferner, anders als Zwecklosigkeit und lange Weile aus ihren ehelichen Verbindungen entstehen, da sie immer nur ein zehnfach verwandtes Blut in dem kleinen Zirkel herum treiben, auf den sie der genealogische Kalender einschrankt, und wodurch ihre Korper und ihre Seelen einander am Ende alle so ahnlich werden, dass es ein Elend ist? Grosser Gott! was soll da Kluges heraus kommen, wenn sie aus einer Idylle eine politische Rechnung aus einem Schaferspiele eine Haupt- und Staatsaktion machen? Der gute Mann blickte dabei mit seinen gesunden Augen in die offene Flur, sah, wie der Baum krankelt, der nur mit seinen eigenen Ablegern gepfropft wird sah, dass der Acker nur kummerliche Ernten treibt, der mit dem Korne, das er jahrlich einbringt, immer wieder besaet wird, sah in der Wirthschaft des Thierreiches, wie tief am Ende die vollkommensten Racen herabsinken, wenn man sie zwingt sich unter einander zu vervielfaltigen. Verwies ich nicht schon fragte er in seinen Ingrimm manchen Gaul dieser Art in den Bauhof, dessen Ahnherr, nach dem Stallregister, den Kaiser bei seiner Kronung trug manchen in die Post, der in gerader Linie von der Haquenee, oder gar von dem Bucephalus abstammte?
Da entschloss sich der biedere Furst in vaterlicher Rucksicht auf die gemeinschaftliche Wohlfahrt seines Landes und seiner Erben entschloss er sich, keinen Schwachling in seiner Familie aufkommen zu lassen. Nach langem Hin- und Hersinnen glaubte er es am besten zu treffen, wenn er eine Macht, deren grossen Einfluss er nur zu oft an sich wahrnahm wenn er die wohlthatige Macht der Phantasie in den, fur das Land gefahrlichsten Augenblicken, gegen den kraftlosen Hofton zu Hulfe rief, und seine Lieblinge die Erbprinzen, wenigstens in der media nocte ihres Beilagers, durch einen naturlichen Einfall aus der Contenance brachte. Muss ich auch zugeben, da ich es nicht andern kann wendete er ein dass die guten Leutchen, die ich im Auge habe, noch vorher auf dem Burgplatze alle die raren Kunste entwickelten, fur die ihres Gleichen bezahlt werden, wie sie es verdienen, kann ich auch der tyrannischen Etiquette nicht so scharf in die Leine greifen, dass sie nicht erst das arme angekuppelte Paar in Ceremonien mude treibt, ehe sie es bis an den Standpunkt seiner Vereinigung bringet; so ware es mir doch ausser Spass, wenn ich im Geiste diese Staatspuppen, sammt ihrer Kalte, ihrer Erschlaffung und ihrem furstlichen Anstande, das Paradebett besteigen sahe. Nein! sagt er, das lasse ich nicht zu. Ich will der wohl erzogenen steifen Prinzessin zuvor Gelenke ihrem niedlichen Gesichtchen erst Ausdruck ihrem in etwas zuruckgebliebenen Busen mehr Schnellkraft, und will dem uralten Geblute, das in ihren Adern schleicht, Leben und Warme geben. Sie mag ihrer Oberhofmeisterin Ehre machen wo sie nur will aber in dem wichtigen Augenblicke, wo sie nicht nothig hat vornehm zu thun, behalte ich mir, als Stammherr, ihre Zurechtweisung allein vor, und hoffe, so Gott will, sie vor ihrem Uebergange zu einem zweckmassigen, feurigen, naturlichen Madchen umzugestalten, das, wie Freund Lavater von einer sagt29 denn sein prophetischer Geist sah alle Fragmente der Welt voraus Kraft hat zu geben und zu empfangen.
Mein Prinz fahrt er fort und streicht sich den Knebelbart soll vor seiner Umarmung erst in einen muntern gefalligen verliebten Jungen verwandelt werden, wie sie in der Welt herum laufen, oder ich will nicht Hans heissen! Das Funkchen Liebe, das er aus der Hofkapelle mitbringt, soll in einer ganz andern von meiner Erfindung erst zu Flammen auflodern, seine Pflichten sollen ihm, wie tragen Kindern, durch Bilder verstandlich gemacht, und seine naturliche Rolle, ehe er sie spielen darf, soll ihm erst so lieb werden, dass er seine angelernte daruber vergisst. Er habe das Opfer, das er zu den Fussen seiner Verlobten fur sich und sein Land erbettelt, nur den Verlockungen der Sinne, dem Tumulte des Bluts habe alles was er wunscht und erhalt nur dem Zauberstabe der gereizten Einbildungskraft nichts davon dem Stabe des Hofmarschalls zu danken!
Und der brave Stammvater setzte sich hin und fertigte sein ewiges Kanzelei-Schreiben an alle die Glucklichen aus, die durch ihn und seinen Erbprinzen, fur dessen Stammhaftigkeit er selbst patriotisch gesorgt hatte, in der Folge der Zeit zu der Ehre gelangen wurden ihr Vaterland zu beherrschen. Wenn sie auch, murmelte er vor sich, alle meine andern loblichen Anstalten im Lande mustern, meistern und umstossen, so, denke ich, sollen sie doch nichts wider meine Einrichtung ihrer ersten Nachte haben, da ihnen ja, wenn sie nur das geringste Nachdenken besitzen, ihr eigenes Daseyn verburgen muss, dass ich den Rummel verstand. Und so stiftete er jene Kapelle mit ihrem Sopha ihrem Stammbuche und ihrem Ornate.
Nimm einstweilen mit diesem kurzen Auszuge aus seinem Stiftungsbriefe vorlieb. Konnte ich nur mit eben so leichter Feder Jettchens Gestandnisse aus den Bruchstucken zusammen setzen, die ich von ihrer Vertrauten erhielt. Jene ihres Wegs so unkundige Pilgerin gleicht in der Erzahlung ihrer empfindsamen Reise einem Schiffer, der auf dem unabsehbaren Meere vom Sturm ergriffen, sich endlich glucklich an ein lachendes Eiland getrieben sieht. Er uberlasst sich zuerst dem entzuckenden Gefuhle seiner Rettung, er gedenkt nicht mehr der Wellen, die ihn dahin schaukelten, und mochte sich lieber schamen, wenn er auf die uberstandenen Minuten seines Zagens zuruckblickt. Eben so wenig kann ich, ohne unbillig zu seyn, einem traumenden Kindskopfchen zumuthen, dass es die grausen Phantasien, die ihm bis zum Erwachen vorschwebten, im Zusammenhange entwickele. Ich hingegen, der ich ein Nachtstuck zu malen habe, das nicht sowohl zur Zierde meiner Bildergallerie, als vorzuglich zur Beantwortung jener in diesen Blattern schon mehrmal angedeuteten Streitfrage der Gelehrten und Naturphilosophen diene, ob es bei Behandlung eines zarten weiblichen Herzens zweckmassiger sei, ihm auf der Reisecharte der Liebe die Stationen seiner Bestimmung mit rother Dinte zu unterstreichen, oder es ohne Vorbereitung allen Schrecken des Hinscheidens jungfraulicher Unschuld in der Hoffnung Preis zu geben, den sussen Lohn, der dahinter liegt, durch Ueberraschung noch zu erhohen. Ich darf, wenn ich unpartheiisch handeln und nicht ein Gemalde ohne Perspektive und clair obskur, gleich einem Chinesischen aufstellen will, unsere kleine Unerfahrne auch nicht eine Stufe ihrer kindischen Angst uberhupfen lassen, um mit ihr, eher als es Zeit ist, in die Region des Trostes uberzuschweben. Beides muss gegen einander genau erwogen werden, um mit Grund entscheiden zu konnen, ob der altmodische Ahnherr, der seine Urenkelinnen nicht unbefangen genug habhaft werden kann, oder ob die Erzieherin der jungen Prinzessin Recht behalten wird, die erst abwarten wollte, bis der Hofmaler den Kopf des Amors unter ihrer Bleifeder nicht mehr fur ein Fratzengesicht erklarte und desshalb Anstand nahme, ihr zum Nachzeichnen die ganze Figur des Gotterknaben vorzulegen, bis sie erst mit ihrem Klaviermeister eine vierhandige Sonate ohne Anstoss abspielen, und der junge Kapellan ihr an den Augen ansehen konnte, dass sie seiner Auslegung des sechsten Gebots, die er bis jetzt weislich uberschlug, die gehorige Aufmerksamkeit schenken werde; denn so lange die Fahigkeiten der jungen Dame nicht bis zu diesem Grade ausgebildet waren, fanden es die Frau Oberhofmeisterin zu bedenklich, sie dem Zugel der Erziehung zu entlassen" Das Ungluck wenn es eins seyn sollte ist geschehen. Es wird sich bald zeigen, gnadige Frau, ob es so gross war, als Sie Sich einbildeten.
Meine Pinsel sind rein und an meinem Farbenkasten, der wie der Seidelmannische von der Gallenblase des Zitteraals, bis zu der brennenden Purpurmuschel fortsteigt, liegt es nicht, wenn meine pittoreske Darstellung nicht so meisterhaft ausfallen sollte, als die seinige.
Wir haben gestern, lieber Eduard, die durch Urtheil und Recht losgesprochene und zu den grossen Pflichten einer Landesmutter fur tuchtig erklarte Dame zwischen Thur und Angel stehen gelassen. Noch zittert, noch weilt sie und kann es nicht uber sich gewinnen, den letzten Schritt in die Dammerung zu thun, die das Geheimniss ihres Berufs verbirgt aber da sturmt die Klingelschnur der Zauberin aufs neue und verbreitet seinen Metallklang durch die Hallen der Burg bis zum rothen Thurm hin.
Die Kleine fahrt wie bei einem Erdbeben zusammen, und eilt nun vom Schrecke getrieben, wie ein verscheuchtes Mauschen, in das sparlich erleuchtete Brautgemach. Stelle Dir nur vor, wie einem so zartlich gebauten Korper nach solchen Anstrengungen wie einer wohlorganisirten Seele, die alle Martern des Ceremoniels bis auf den letzten Grad erhalten mit einem Worte, wie der kleinen Prinzessin zu Muthe seyn muss, wenn sie nun statt der trostlichen Aussicht der Ruhe, ein mit Franzen und Federn uberladenes Staatsbett schimmern sieht, von dem sie schon dem aussern Ansehen nach eben so wenig etwas Kluges erwarten kann, als sie heute erlebt hat.
Wie eine Drathpuppe, die von der Rolle nichts weiss, die sie spielt die es von obenher erwartet, welches Gelenk sich zuerst heben welches Glied sich bewegen soll, steht das gute Kind da, und blickt mit unbelebten Augen und nur mit dem holzernen Gefuhl der Abhangigkeit nach ihrem Gebieter. Dieser tritt nun zwar strahlend wie Phobus doch ernst und langsam wie ein Bote herein, der von weitem her eine uble Nachricht zu bringen hat. "Beklagen Sie mich, meine Auserwahlte," redet er sie mit kaltem Anstand und kostbaren Worten an: "In dem Augenblicke, nach welchem ich einen ganzen beschwerlichen Tag gerungen habe, erhalte ich noch ein Kanzlei-Schreiben von meinem Ur-Ur-Uraltervater, das ich, grosser Gott! vorher noch beantworten soll, ehe ich die Erlaubniss habe Sie die meinige zu nennen. Es soll an dieses Zimmer eine Kapelle stossen, zu der der Hochstselige mir den Schlussel schickt Dort sollen wir, beste Prinzessin, auf dem Altare unsere Namen in ein Buch schreiben dort sollen wir eine heilige Handlung verrichten, auf der, wie sein Brief sagt, das Gluck des ganzen Landes ruhe. Was muss der gute alte Mann gedacht haben? Ich bitte Sie, liebe Prinzessin, wo soll ich an Ihrer Seite ach! wurde er mir es zugemuthet haben, wenn er Sie gekannt hatte? nur einen Funken von Andacht hernehmen? Zu einer ungelegneren Zeit, dacht' ich, ware wohl keine menschliche Seele noch in eine Kapelle geschickt worden." Die gute Prinzessin denkt im Grund ihres Herzens dasselbe. Sie macht keine kleinen Augen, da sie wieder von Ceremonien hort, vor denen sie wenigstens in der Mitternachtsstunde gehofft hatte sicher zu seyn Aber sie nimmt sich zusammen. "Wenn die Landeswohlfahrt darauf beruht," sagt sie so manierlich als ob ihre Oberhofmeisterin zwei Schritte davon stande, "so bin ich in Wahrheit noch nicht so schlafrig, dass ich nicht meinen Namen noch schreiben und ein Vater Unser beten konnte."
Sie suchen nun beide die verborgene Thur der Kapelle, und finden sie glucklich dem Brautbett gegenuber, hinter den Tapeten. Der goldne Schlussel wird versucht er schliesst, und sie stehen, als die Thur hinter ihnen zufallt, zwischen ihr und dem Vorhange des Allerheiligsten. Mit einem Schritt uber die Schwelle treten sie in das Innere, der gestirnte Himmel zieht mit seinem sanften Abglanz ihren ersten Aufblick an sich, ein heiliges Grauen umringt sie Eins sucht in dem feierlichen Halbdunkel und druckt stillschweigend die Hand des andern. Stille Seufzer, die alles, ja mehr enthalten, als was Worte zur Verherrlichung Gottes auszusprechen vermogen, steigen als ein gemeinschaftliches Gebet aus ihren gleichgestimmten Herzen empor und beseligen sie; aber nach wenigen der Andacht gewidmeten Minuten steigt auch in ihnen der Wunsch auf, dass sie einander sehen an die Brust schliessen und die hohen, selbst durch ihre Grosse druckenden Gefuhle mittheilen mochten. Keine andere Leidenschaft beherrscht sie, als zu danken und anzubeten, und mit dieser Seelenruhe, bei welcher die Welt, ihre Herrlichkeit und ihre Freuden ihren Augen entschwanden war dem Prinzen der Gang zu seiner Bestimmung beinahe gleichgultig geworden, und Sie indem beide sich anschickten, die Kapelle zu verlassen, ergab sich schon weniger scheu dem Willen der Vorsehung. Aber in diesem Augenblicke treten an allen Ecken kristallene und in Rosenol brennende Lampen hervor, und verbreiten ihr Licht auf jene Meisterstucke der Kunst, die so lebhaft, als waren sie erst diesen Abend fertig geworden, und in solcher Harmonie von der Wand strahlen, dass sie alle zugleich nur auf Einen Punkt wirken. Stelle Dir nun die grossen, beleidigten, unschuldigen Augen vor, die so etwas nie gesehn nie geahndet hatten! Sie prallen ab, wie sie hinfallen. Die auf das hochste Erschrockene staunt ihren Fuhrer an, der selbst mit den schnellsten Gedanken seiner Ueberraschung nicht nachkommen kann, und so verlegen vor seiner Braut da steht, als wenn er die Unartigkeiten aller seiner Ahnherren zu verantworten hatte. Aber wie ganz anders erscheint ihm zugleich seine Geliebte! So hatte er sie nicht gekannt, so hatte er sie schwerlich in seinem Leben kennen gelernt. Ihre gepresste Brust hebt sich, und fangt ein paar kostliche Thranen auf, die dem Unmuth der verwundeten Unschuld entwischen. Sie wagt es nicht noch einmal zwischen die Lichter hinzublicken, und weiss doch auch nicht wo sie mit ihren grossen blauen Augen bleiben soll. Sie ringt nach einer Erklarung, die sie nicht zu fordern das Herz hat, und, tausendmal schoner in der Angst ihrer Jugend, als sie es je in dem Zirkel des Hofs war, entwickelt sie in dem kurzen Zeitraum einer Minute mehr Physiognomie der Seele, als selten ein Furst zu sehen bekommt, mit jenen feinen Uebergangen und sanften Schattirungen, die uns ein Madchen erst lieb machen, und die, glaube ich, in allen Paradebetten verloren gehen. Das Gedrange nie gefuhlter Empfindungen nimmt auf das schnellste zu die Fusse wanken ihr wie einem gemeinen Madchen, sie sieht nichts, woran sie sich halten kann, als den einzigen Sopha der immer der beste Zufluchtsort auch fur eine mude Prinzessin ist. Hier dem Altare gegen uber, auf dem die Annalen des furstlichen Hauses ausgebreitet da lagen hier war es, wo der weise Stifter dieses Heiligthums sie erwartete, und hier kniete nun auch der entzuckteste seiner Nachkommen, wie er es selbst sagt und ihm niemand abstreiten wird, vor seine Auserkorne nieder wagt es erst kaum, ihre widerstrebenden Hande in die seinigen zu fassen nennt ihren Unwillen gerecht sucht ihren emporten Stolz zu besanftigen, und schiebt alles, wie er es mit Recht thun kann, auf seinen Stammvater. Er wurde ausser sich seyn, sagt er mit bebender Stimme, wenn das alte sonderbare Herkommen ihn um die Achtung seiner geliebtesten Prinzessin, und in demselben Augenblicke bringen sollte, wo er sie erst ganz zu verdienen gehofft hatte. Kein Mensch, weder aus dieser noch jener Welt, wurde ihn haben bewegen konnen, den zartlichen Augen seiner einzig Geliebten so weh zu thun, wenn ihm nur im geringsten geahndet hatte, welch ein Kabinet die Haupturkunde seines Hauses verwahre. Er musse sich, fahrt er fort, in Erstaunen verlieren, wenn er, die lange Reihe seiner Ahnen herunter an alle die, bekannter Massen so reizenden unschuldigen erhabenen und hochst vortrefflichen Furstinnen dachte, die doch eine nach der andern sich dieser Probe der Angst hatten unterwerfen, und ihren Namen als Landsmutter in dieser Kapelle verdienen mussen. Nichts hatte sie wahrscheinlich dabei aufrecht erhalten und trosten konnen, als der Gedanke an das allgemeine Beste, dessen Erhaltung allein dieser Tempel geweiht sei. Freilich, setzt er hinzu, ware es auch wohl das erste Gesetz jedes gutdenkenden Furstenkindes, ob man es gleich nur zu oft in Winkeln suchen musste, wo man es nicht denken sollte.
Indem er alles dieses mit einer zartlich stammelnden Stimme vorbringt, kann er sich zugleich an ihren scheuen Augen an ihrer holden Errothung an der immer hoher steigenden Emporung ihres blendenden Busens, und an der schonen Unordnung nicht satt sehen, die durch so manche heftige Bewegung der beunruhigten Sittsamkeit unter ihren Spitzen und Bandern entstanden ist. Er leidet treulich mit ihr, und forscht, nach jedem Kusse, den er ihren zitternden Handen aufdruckt, in ihren Blicken, um wie viel Grade ihr Schrecken gesunken, und um wie viel sie schon gefasster sei einen neuen zu ertragen. Aber noch vergehen einige bange Minuten, ehe sich das Gute dieser Anstalt und der grosse Sinn zeigt, den der Stifter darein gelegt hat. Kaum aber haben die eben so wahren als zartlichen Vorstellungen ihrem belasteten Herzen die erste unmerkliche Erschutterung mitgetheilt so rollt die ganze schwere Masse, wie ein Schiff, das vom Stapel gelassen wird, nur desto geschwinder reisst alles mit sich fort, was es auf seinem Wege antrifft und schwebt nun stolz zwischen Himmel und Erden. Sie sieht mit dem frohlichsten Erstaunen was sie nie erwarten konnte sieht ihren Liebhaber in ihrem Gebieter. Die Drahtpuppe ist verschwunden Sie bewegt jetzt s e l b s t was sie bewegt Sie findet Geschmack an ihrer Rolle, und spielt sie vortrefflich. Kein Blick ihrer besanftigten Augen fallt auf den innigst geruhrten, schmachtenden Jungling, der ihr nicht eine susse Empfindung keiner fallt verstohlen an die Wand, der nicht eine kleine Belehrung mitbrachte. Ohne es zu wissen, ahmt sie die eigene Miene der furchtsam nachgebenden Psyche nach, die aus dem herrlichen Altarblatte auf sie heruberblickt und mit welchem Feuer kehrt nicht sein Auge auf die ihrigen zuruck, wenn es die Zeit einer halben Sekunde gewann, auf ein Gemalde aus Titians Jugend zu gleiten, das ihm gerade vor den Augen uber dem Sopha, seiner furchtsamen Prinzessin aber im Rucken hing, wie ihm Psyche's Apotheose! Ach wie weiden sich beide an dem hohen und wahren Ausdrucke des Gefuhls, das jedes in dem Herzen des andern zu erregen sich einbildet, ohne zu ahnden, wie viel sie davon dem Widerscheine der Kunst, die hier so schwesterlich der Natur die Hand reicht, zu verdanken haben! Gott segne ihren glucklichen Irrthum! Trunken von der Seligkeit ihres Daseyns erschuttert durch den Zauber dieser heiligen Statte zu Gottern verklart durch das Feuer der Einbildungskraft sinken sie staunend einander in die Arme sinken in die Vergessenheit ihrer selbst. Der Segen ihres grossen Ahnherrn das Wohl des Landes, und das hochste Entzucken der Liebe schwebt uber ihnen. Millionen Spharen rollen uber den Hauptern der Glucklichen hin. Sie mogen kommen gehen verschwinden was kummert es sie? Die Sterne, die lange uber dem Sopha funkelten, stehen jetzt unter ihm aber was fragen sie nach den Korpern des Himmels ihrem Stande und ihrer Bewegung? Was sollten sie? Sind sie nicht selbst ein Universum? Aus der Zusammenkunft ihrer Planeten in dem schonsten Punkte des Thierkreises werden sich neue Epochen der Freude, neue Systeme der Liebe entwickeln, die in dem unermesslichen Raume der Geister- und Korperwelt unabhangiger und glorreicher als jene, ihre unbekannte Bahn beschreiben durch Jahrtausende sich fortwalzen, und dem lieblichen Genius der Erhaltung vorleuchten werden bis an das Ende der Tage. Umsonst arbeiten alle Wirbel und Krafte der Schopfung, schwingen, reiben und drucken sich, um aus dem Leben der Verherrlichten diese erste stolze Nacht zu verloschen Sie verlischt aber das ruhrende Andenken derselben, mit allen ihren menschlichen Folgen, wird ihren Seelen unvertilgbar und den entferntesten Zeiten noch heilig seyn.
Schon glanzen die Gebirge, die Thaler und Hugel des Erdballs in den Strahlen der Morgenrothe der entzuckte Prinz bemerkt ihr Farbenspiel nur an denen, die in seiner Herrschaft liegen, und die ihm auf der ganzen Oberflache der Natur die liebsten geworden sind. Von ihrem Horizont aus wirft er noch einen Seherblick in die Nachwelt sieht sich glucklich eingereiht in die Mitte unzahliger Vorfahren unzahliger Nachkommen, und der Wunsch seines Stammvaters ist in allen seinen Theilen erfullt. Sein KanzleiSchreiben ist beantwortet, und dem Einsturze seines stolzen Gebaudes ist durch zwei neu angestellte, tuchtige Arbeiter vorgesehen, und die Anlage seiner Kapelle gegen allen Tadel gerechtfertigt. Sanft belastet von der Schwere ihres vielfaltigen Glucks, reichen sich die Liebenden dankbar die Hande. Keines weiss, wer das andere besiegt hat. Arm in Arm treten sie an den Altar der Psyche blattern bei dem Glanz ihrer Lampe in dem heiligen Stammbuche die Stelle auf, die es ihnen anweist, und setzen unter alle die Namen, die hier mit zitternden Handen geschrieben stehn in auch nicht festern Zugen, den ihrigen. Ein herrliches Werk! an dessen Fortsetzung es jedem gutdenkenden Sohne dieses hohen Geschlechts eine Freude seyn sollte zu arbeiten. Das gluckliche Paar giebt sich das Wort es gelegentlich durchzugehn um wie die wackere Prinzessin hinzu setzt, die Geschichte eines Hauses kennen zu lernen, in das sie so freundlich aufgenommen wurde. An der letzten Stufe der Kapelle geloben sie noch der schaffenden Natur ein Votiv-Gemalde, das selbst in einer solchen Sammlung der Aufbewahrung noch werth sei. Schwach vielleicht zu schwach aus uberschwenglicher Liebe, und unbegreiflich allen benachbarten Fursten, wenn sie es erfahren sollten, ubergiebt der Held dieser frohlichen Nacht an dem Ausgange des Tempels seiner Gemahlin den goldenen Schlussel zum Zeichen seiner ewigen Treue ohne Furcht, dass sie ihn jemals verraumen oder verlieren werde, wie seine Frau Grossmutter Liebden hochstseligen Andenkens.
Ein wohl verdienter Schlaf erwartet sie beide in dem weiten Umfange des Brautbetts, das unterdess nichts von seinen Franzen, nichts von seinem Ansehn verloren hat, und gegen das sich der einfache Sopha verstecken muss. Die Engel des Himmels waren ungerecht, wenn sie nicht gutig auf die Geweihten herunter blickten, die alles, was die Natur und die Kunst, und was selbst das Geschwatz des Kapellans verlangt, das zu keinem von beiden gehort, auf das punktlichste erfullt, und schon Vater und Mutter vergessen haben, ehe sie einschlafen. Mogen jene freundlichen Bilder ihnen im Traume vorschweben, unter deren Abglanze sie des Landes Wohlfahrt besorgten! Die ehrlichen Dichter und Prosaisten, die sich heute in diesem Tumulte der Sinne mit ihrem Krame bescheiden zuruck zogen, werden schon zu einer gelegeneren Zeit ihre, nicht minder wirksamen Dienste dem furstlichen Hause anbieten, wenn der erste Eindruck der Farbenmalerei verraucht seyn und die ekle Seele sich nach Hulfe umsehen wird, um der grossten Gefahr der Liebe dem drohenden Ueberdrusse, zuvorzukommen.
Vielleicht dass ein solcher Augenblick selbst mein armes Tagebuch aus seiner Dunkelheit hervorzieht, und ihm Gott geb' es! die Ehre verschafft, das Vehikulum einer Prinzessin, die meiner Margot gleich sieht, oder eines Prinzen zu werden, der meinen Hass gegen alle andere Ritterthaten mit auf die Welt bringt, die nicht in das Gebiet der Menschheit gehoren.
Du magst von dieser Kapelle und ihrem goldenen Schlussel denken was Du willst, Eduard! ich wenigstens habe keine an irgend einem Hofe gesehen, die philosophischer ausgedacht, und niedlicher angelegt ware. Die Gemalde, die dieses Kunst- und NaturalienKabinet zieren, sind wohl nicht weniger zweckmassig und selbstsprechend, als das Gastgebot des Storchs in dem Audienz-Gemache zu C-, das einem Gesandten, der nicht blind ist, gerade in die Augen fallt, wie er hinein tritt, und wohl eher als jene verursachen konnte, dass ein ehrlicher Mann in seinem Vortrage stecken bliebe.
Sollte Dich einmal der Zufall in diese Dir etwas abgelegene Gegend bringen, so bitte ich Dich, Eduard, scheue den Umweg nicht von etlichen Meilen, um diesen Hof mit seiner alten Burg und seinem rothen Thurm ware es auch nur auf einen Mittag, zu besuchen. Ich wurde Dir keines andern wegen so etwas zumuthen; aber bei diesem hier ware es mir lieb. Du wurdest nicht allein Dich mit eigenen Augen uberzeugen, wie gut dem alten Herrn sein Einfall gelungen ist, und konntest ihn bei Gelegenheit weiter empfehlen sondern auch Ich durfte hoffentlich so viel dabei gewinnen, dass Du nicht langer mit mir uber meine malerischen Vorstellungen zanktest. Denn, wie ware es wohl moglich, dass Du nicht den tiefsten Respekt fur die Kapelle, und nebenbei auch fur mein BilderKabinet, bekamest, da es ganz nach demselben Risse gebaut ist, wenn Du einer der wunderschonen Prinzessinnen in der Nahe, oder zwischen einem Paar jungen, kraftvollen, freundlichen Herren zu sitzen kamest, die ihre frohe Existenz jener milden Stiftung verdanken, und fur deren Erhaltung sie, als kunftige Nutritoren derselben, schon durch ihr leichtes, ungezwungenes Betragen gut sagen. Diese, der Natur gleichsam abgestohlnen Kinder gewahren jedem gesunden Auge den freudigsten Anblick. Sie schreiten in einer reinen Erbfolge, ehrlich, fest, und zufrieden mit sich und andern, durch die Zeit fort, ohne den Namen des entfernten Edeln zu beschimpfen, von welchem sie so weit herkommen: wahrend in andern erlauchten Geschlechtern die animalischen Feuertheile ihrer Stammaltern so sehr unter dem Mantel der Etiquette verraucht sind, dass die meisten Lander vor unserer Nase nur noch von Menschengestalten regiert werden, denen ein Frost uber den Leib geht, wenn sie in ihrer Rustkammer den offenen Helm betrachten, der das Haupt ihres Ahnherrn umgab die nicht den Panzer zu bewegen vermogen, den sie ihren Vorfahren sehr bequem in dem angebornen Wappen nachtragen. Wie konnen so ausgeartete Ritter dem Lande ein Ansehn geben, dem sie vorstehen? Wie konnen sie dem Geschlechte, das die Preise austheilt, und dem, zu ihrem Unglucke, die Folge der Zeit nichts von seinen hohen Erwartungen geraubt hat, nachkommen, ohne zu den unmannlichen Hulfsmitteln ihre Zuflucht zu nehmen, die, wie das Historienbuch sagt, schon viele in der Verzweiflung ihrer Mattherzigkeit ergriffen, ihren Schweiss auf Haasen- Schwein- oder Hirsch-Jagden verloren und wohl gar, um Friede im Hause zu haben, den goldnen Schlussel ihrer Frau Gemahlin in furstlicher Rucksicht anvertrauten, dass wenigstens sie dafur sorgen wurde, dem Lande, das sie nun einmal ihren Lehnsvettern missgonnen, einen Beherrscher zu verschaffen, gesetzt auch, dass es ihm die Unterthanen schon an den feurigen Augen, mannlichen Gesichtszugen und festem Anstand ansehen, wie wenig es ihm nach allen gottlichen und menschlichen Rechten gebuhrt.
Sage mir, Eduard ... Doch Himmel und Holle was erblick' ich! Gott! wie wird mir mein politisches Geschwatz eingetrankt werden! Das einzige Gespenst, vor dem ich mich furchten kann erscheint hinkt uber die Gasse, und kommt immer naher. Mit grossen Augen begafft es jetzt meinen aufgepackten Wagen und nun ach! steigt es schauerlich die Treppe herauf. Mit Einem Worte, die alte Bertilia ist zuruck! Aber, um aller Barmherzigkeit willen! wo bleiben die Pferde? Wahrlich, ich glaube, sie mussen erst, sammt ihrem Knechte die Messe horen, ehe ihnen ihre Religion erlaubt, einen Ketzer weiter zu schaffen. Eduard! lieber Eduard! was sollte wohl aus mir werden, wenn die gelbsuchtige Tante nur die geringste Spur von meinem Besuche bei Klarchen nur die Zerknitterung entdeckte, die wahrend ihrer Abwesenheit das florne Halstuch ihrer Nichte erlitt, und mich nun die kleine betrogene Heilige, als eine zweite Delila, meinen Feinden verriethe? O wenn doch nur diessmal die Postpferde kamen! Aber selbst Bastian, den ich nun zum drittenmale darnach geschickt habe, bleibt aussen. Ich komme mir wie verrathen und verkauft vor
Es ist aus mit mir, Eduard! Die Tante sie pocht an die Feder entfallt mir.
Ich habe Dir, bester Freund! von einer bitterbosen Stunde Rechenschaft zu geben, und ich kann es mit aller Bequemlichkeit thun; denn leider! ist es so weit mit mir gediehen, dass ich unter dem Verschlusse eines alten Weibes stehe, mit keinem Menschen, als vor der Hand noch mit Dir, sprechen kann, und dem Hospitale so zweckwidrig versetzt bin, wie der heilige Engel unter dem Spiegel. Fur heute ist weiter an keine Abreise zu denken, und manchmal will mir gar angst werden, dass man mich wohl bis zum Feste der heiligen Cacilia, Gott weiss zu was fur einer Ceremonie! inne behalten konne.
Das abscheuliche Weib! Sie trat hoflich genug zu mir herein, und auch ihre Miene kam mir nicht widriger vor als gewohnlich. Ich setzte ihr, mir gegenuber, einen Stuhl, und unser Gesprach begann:
"Sie wollen uns schon verlassen, mein Herr, wie ich aus den Anstalten schliesse?" "Briefe aus Marseille, liebe Madam, nothigen mich dermalen zu einer geschwindern Abreise; doch denke ich, so Gott will, gegen den achtzehnten kunftigen Monats wieder zuruck zu seyn. Wollten Sie mir wohl das Quartier auf diese Zeit aufheben?" "Je, mein Herr so wissen Sie denn auch schon von der merkwurdigen Feier dieses Festtages? Wissen Sie denn aber auch, wie unbegreiflich hoch die Miethen in der Stadt alsdann stehen?" "Ich weiss es aber der Preis thut nichts was ein anderer geben kann, gebe ich auch." "Das ware schon gut, mein Herr; aber ohne Ruckfrage bei dem Herrn Propste kann und darf ich mich so weit hinaus auf nichts einlassen. Kann ich doch nicht wissen, was er mit dem Quartiere vorhat. Er kann es ja einem Freunde zugesagt, oder gar die Absicht haben, um Unruhe zu vermeiden, es leer stehen zu lassen. Sie wissen, er ist Vorsteher von dieser milden Stiftung; und da ist es wohl naturlich.." "O sehr naturlich!" fiel ich ihr ungeduldig ins Wort. "Wenn ich nur begreifen konnte, wo meine Pferde so ewig lange blieben!" Sie wollte mich aber nicht verstehen. "Es thut mir nur leid," fuhr sie fort, "mein Herr, dass Sie gegenwartig kaum das Viertheil Ihres Miethzinses abgesessen haben.." "O, ich bitte Sie, liebe Madam, einer solchen Kleinigkeit nicht zu erwahnen Es kommt ja der Armuth zu Gute ..." und ich sah mit einem finstern Blicke nach meiner Uhr. "Ueber diesen Punkt," fing sie und ich fing an: "Sagen Sie mir nur, ob die Post weit von hier ist? Ich thue wohl am klugsten, ich laufe selbst hin" und ich stand zugleich auf. "Unterbrechen Sie mich nur nicht immer, mein Herr," antwortete das dumme Weib, und erhob sich nun auch. "Ueber diesen Punkt," sagte sie, "waren wir also einverstanden, mein Herr. Und um Sie nicht aufzuhalten, will ich nur noch fluchtig das kleine Inventarium durchgehen, das Sie im Gebrauch hatten nur der Formalitat wegen, da ich uberzeugt bin, alles in Ordnung zu finden."
Jetzt schoss mir das Blatt Ich Unbesonnener! Wie war es moglich, dass mir nicht eher die Bucherschalen auffielen, die hinter dem Stuhle der Alten wie auf meine peinliche Anklage zu lauern schienen? Da ich das Weib, wie ich von Herzen gern gethan hatte, nicht auf der Stelle blind machen konnte, so sah ich keine menschliche Moglichkeit diese Beweise meiner Schuld bei Seite zu schaffen. Konnte ich mich doch nicht einmal auf eine leidliche Verteidigung besinnen, gleich als ob alle und jede Sophistereien mit diesen verbrannten Schriften aus der Welt waren. Sie setzte bedachtlich ihre Brille zurechte besah den Spiegel, trotz dem Wiederscheine ihrer scheusslichen Figur, auf das genaueste drehte den schlafenden Engel nach dem Lichte breitete die taffenten Fenstervorhange aus einander und da ich eben im Begriffe war, die Schweinshaut von meinem Koffer uber das Corpus delicti zu werfen, drehte sie nun endlich ihre Drachenaugen auch dem Kamine zu.
Konnte man doch malen, wie man wollte! Aber ein altes Weib im Zorne gehort ja, glaube ich, zu den Dingen, die uns Horaz verbeut auf die Buhne zu bringen. Du sollst also nur ihre Stimme horen, Eduard! und Du wirst, denke ich, schon daran genug haben. Langer nicht als eine furchtbare Minute sah sie, noch sprachlos, bald auf mich, bald auf die ausgeschalten Bande, als ob sie an ihrer Besinnungskraft, oder ihrer Brille zweifelte. Sie trat naher, rollte einen Blick der Verzweiflung uber den theuern Aschenhaufen, hob einen Hornband des Sanchez in die Hohe liess ihn vor Entsetzen fallen, und sturzte nun selbst, wie wahnsinnig, und mit gefaltenen Handen daneben. Eine Furie, die den Hollengott anruft, kann keinen grasslichem Anblick geben, als sie mir darstellte. Das Haar straubte sich mir, und ich trat selbst mit einem Andachtsschauer zuruck, als ihre Lefzen in Bewegung geriethen. Ich habe in meinem Leben nicht allein viele einfaltige und zweckwidrige nein, ich habe auch verdammliche und fluchende Gebete ausstossen gehort; doch von der Zusammensetzung des ihrigen war mir noch keines zu Ohren gekommen. Im Anfange waren ihre Ausdrucke nur albern, wie etwa der Eingang mancher Controverspredigt. "Sancta trinitas!" schrie sie, "ora pro nobis! Rechnet mir, o ihr Heiligen und Martyrer, die Missethat nicht zu, die ein Verachter eures Namens in diesem Gotteshause beging!" Aber als ob sie damit nur das Recht errungen hatte zu fluchen, knetete sie hinterher alles, was nur Grauliches und Verworrenes in hundert Gebetbuchern verzettelt seyn mag, zu einem Anathema wider mich zusammen, dass selbst, in Vergleichung dessen, die bulla in coena domini30 eine Hoflichkeit seyn wurde Gott bewahre mich, dass ich es ihr nachspreche!
Ich horte ihr lange mit geduldigem Erstaunen, ja, wenn Du willst, mit einer Art Bewunderung ihrer hollischen Beredsamkeit zu. Endlich aber, da ihr giftiger Ausfluss nicht nachliess ihr Mund immer schaumender und ihre Augen flammender wurden da sie mir entgegen donnerte, dass viele meines Gleichen, in ihrem frommen Lande, geringerer Verbrechen halber geradert waren, und den Raben am Bache zur Speise dienten und mir der arme unschuldige Calas daruber einfiel da uberlief mir die Galle. "Den Augenblick steh auf, und packe dich, du abscheuliches Weib, packe dich zu deinem Schandbalge von Nichte, damit ich dich nicht in der Asche des Otterngezuchts erstikke, das du beheulst." Und so lief ich, selbst ein wenig von ihrer Wuth angesteckt, nach dem Schellenzuge, und sturmte nach Bastians Hulfe. Aber indess ich, wie ein Narr, klingeltewar mir die Hexe entwischt; und ehe ich mich besann, warum ein Mensch, den man auf die Post geschickt hat, unmoglich zu Hause seyn kann, hatte sie den Schlussel abgezogen und die Thure von aussen verschlossen. Ich musste nun selbst einsehen, wie uberlegen sie mir war, da meine Aufwallung von gerechtem Zorn mich blind gegen alle Nebenumstande machte, die mir hatten dienen konnen; sie hingegen, ungeachtet ihrer Wuth, auch nicht die geringern Bosheiten aus der Acht liess.
Dieser Auftritt, Eduard, hat mich ganz ausser Fassung gebracht. Ich kann mich noch gar nicht recht in mein Verhaltnis; mit dem Hospitale hinein denken, und das pro und contra meines Falles abwagen. Freilich habe ich Bucher verbrannt, die einer milden Stiftung gehorten; aber, grosser Gott! was waren es fur Bucher! Verdient man wohl den Galgen, wenn man Gift stiehlt, um es in einen Abgrund zu werfen, damit es niemanden schade? O! gewiss verdient man ihn, wenn es Morder sind, die uns richten. Das ist keine trostliche Aussicht, und ich furchte, ich furchte, man wird mir das Brandopfer eintranken, das ich dem Andenken des unsterblichen Rousseau gebracht habe.
Eben habe ich alle Thuren des Vorsaals und des Hauses verschliessen horen, und sehe nun Tante und Nichte Gott mag wissen nach welchen Gehulfen ihrer Bosheit uber die Gasse rennen. Meinetwegen mogen sie alle Schoppen und Schergen der Stadt zusammen treiben! Ich will lieber, wie ein Mann von Erfahrung sagt, mit Lowen und Drachen kampfen, als mit einem einzigen bosen Weibe. Dass nichts Gutes fur mich aus einer Conjunction entstehen kann, die sich aus der Heimtucke des Alters und aus dem beleidigten Gefuhle der Jugend, und zwar von da aus, gebildet hat, wo die Rachsucht am lebhaftesten und wie ein Kitzel wirkt kann ich mir an den Fingern abzahlen. Jener druckende Groll des frommen Madchens, der kaum eine volle Stunde alt und von einer desto gefahrlichern Beschaffenheit seyn muss, je verdeckter er ist wie wird er nicht der lauten Anklage der Tante bei den Beschutzern des Rechts zu Statten kommen, zu denen sie beide hineilen! Wie wird die fromme Sangerin mich die Beschimpfung nicht bussen lassen, die ich ihren Reizen und ihren Indulgenzen anthat! Wie theuer werde ich alle die Kreuze bezahlen mussen, um die sie meine Ungeschicklichkeit brachte! Sie darf nur den Feuereifer ihrer wurdigen Tante mit ein paar heuchlerischen Thranen unterstutzen darf, wenn ihr Rechtspatron in Gedanken da steht, nur den heiligen Nicaise ein wenig luften, oder, wie sie es mir gemacht hat, durch einen pittoresken Faltenschlag ihres Florkleides das Auge des Richters fesseln, und ihn durch den tollsten aller Kettenschlusse verleiten, Beweise von Unschuld dahinter zu suchen; so wird ihm mein Vergehen gegen Gott und seine Kirche so einleuchtend und strafwurdig vorkommen, als es die Alte verlangt. O, du betrugerisches Geschlecht! Warum hullte dich die Natur in jene blendende Dekke, die alle und jede Nachforschung nach deiner wahren Gestalt vereitelt? Warum verlarvte sie deine Abscheulichkeit mit Reizen, die auch den hellsehendsten Mann uberlisten? und ach! warum liess sie nur Einen Weg zu jenem verflochtenen Labyrinthe deines Herzens? Wie ganz anders wurden nicht jetzt meine Aktien stehen, wenn ich ... Doch warum sollte ich mich noch strafbarer aus Klarchens Kammer zuruck wunschen, als ich sie, Gott sei Dank! verlassen habe? Um des verachtlichen Vortheils willen, bei dem Widerspruche meines Gewissens, in den Augen solcher Menschen, als ein Mann von Ehre, feiner Lebensart, und als einer zu gelten, der es so ganz werth sei, ihrer Religion anzugehoren?
Ich trenne mich ungern von Dir, mein Eduard, aber die Klugheit verlangt es. Wenn zwei Weiber wider Einen Mann in Aufruhr sind, bleibt ihm wohl nichts nothigeres zu thun ubrig, als auf alle mogliche Mittel zu sinnen, ihrem unermudeten Hasse entgegen zu arbeiten, ehe er sich noch durch andere Leidenschaften, die ihnen immer bei der Hand sind, verstarke, und es zu spat wird. Ich hoffe schon noch Zeit zu finden mit Dir fortzuplaudern, wenn ich nur erst uber meine Vertheidigungsanstalten mit mir selbst einig seyn werde. Mochte doch der folgende Tag denn der laufende ist schon wirklich zu kurz dazu hinreichen, alle meine heutigen Morgenthorheiten, wo nicht wieder gut, doch unschadlich zu machen! Wahrlich, Eduard, heute vor acht Tagen konnte ich mir nicht traumen lassen, dass ich meine erste Neujahrswoche mit so einem Wunsche endigen wurde.
Vom 7ten bis 8ten Januar
aus meinem Gefangnisse.
Meine arme freundschaftliche Feder! Heute zum ersternmale von ekeler Schreiberei abgestumpft, die mir meine missliche Lage abdrang, nehme ich sie jetzt, wie Mendelssohn die seinige, erst in der Ruhe der Nacht mit Vergnugen wieder in die Hand, nicht, wie er, sondern Dir in klaglichen Tonen das Missbehagen meines armen Korpers zu schildern, der gern in die weite Welt mochte, und sich schon zu lange in seinen Bewegungen unnaturlich gehemmt sieht. Es giebt einen hubschen Text eine traurige Stunde zu verschwatzen, und ein Gefangener bedarf der Zerstreuung. Ein Gefangener welch ein hassliches Wort! Von Jugend auf ist es mir ein Misslaut gewesen, und Du glaubst nicht, wie widrig der Begriff davon immer auf meine Nerven gewirkt hat. Ich gehe bei keinem Kerker vorbei, ohne dass der Gedanke an Fesseln mir in die Beine fahrt. Nie habe ich es uber das Herz bringen konnen, selbst den gemeinsten Vogel in einen Kafich zu sperren; denn der Verlust der Freiheit wirkt gewiss mit gleichem Kummer auf alle, es mogen die Federn einem Dompfaffen angehoren oder einem Zaunkonig. So mache ich mechanisch schon, und wenn es mich in der tiefsten Betrachtung der Glorie Gottes unterbrechen sollte, dem Hunde die Thure auf, sobald er daran kratzt; und nichts ist mir auch um desswillen von jeher lacherlicher und thorichter vorgekommen, als die treuherzige Zumuthung, bei gewissen Gelegenheiten mein eigener Scherge zu werden, und den besten Theil von mir meine Vernunft, gefangen zu nehmen. Auch bin ich, Gott sei Dank! nie in dem Falle gewesen, worin ich jetzt bin. Denke Dir, Eduard, wie empfindlich ich ihn fuhlen muss! Schon meine heutige kleine Erfahrung lasst mich ahnden, was aus mir werden wurde, wenn sie so viele Jahre fortdauern sollte, als sie Stunden gedauert hat. Alle guten Krafte meiner Seele und meines Leibes wurden in eine Lahmung verfallen. Ich konnte in einem Kerker Freunde um mich haben ich wurde sie hassen lernen; ja es konnten, glaube ich, die drei Grazien mit mir eingesperrt werden, es wurde mir nicht besser gehen als den gefangenen Elephanten, und keine Nachkommenschaft wurde wider meine Enthaltsamkeit zeugen.
Unbegreiflich, dass es Gemuther giebt, die mit diesem naturlichen Gefuhle scherzen, ruhig ihre Zeit verschwelgen, verjagen und in Schauspielen vertandeln konnen bei dein Bewusstseyn, dass inzwischen ihre rechtliche Strenge, oder ihr Uebermuth gleich organisirte Maschinen wie sie sind, in Ketten und Banden halt! Wehe dem Regenten, der diese Gewalt, die nur eine noch hohere Pflicht, als das Mitleid ist, rechtfertigen kann, leichtsinnigen, unmundigen oder boshaften Handen uberlasst! der nicht den Zaum locker halt, den er der Freiheit anlegt, und nicht immer furchtet, das arme Geschopf, das unter ihm seufzet, hartmaulig, stattisch, kollerig und unbrauchbar fur diese und jene Welt zu entlassen! der, statt Lustschlosser zu bauen, die seine Nachfolger dem Verfalle Preis geben, nicht lieber seine Baulust zur Verschonerung der Gefangnisse, zur Erweiterung ihrer Hofe, und zur Bepflanzung derselben mit Blumen und Baumen benutzt, und der den Uebertreter, selbst aller Gesetze von der Wohlthat der Sonne auszuschliessen wagt, die doch der oberste Richter ausspendet, um zu scheinen uber Gute und Bose, uber Gerechte und Ungerechte! Und was soll ich uber euch ausrufen, o ihr, die ihr die Kunst eures Gleichen zu martern, bis zu dem Grade verfeinert habt, dass ihr nicht allein ihre Korper, nein, auch ihre Seelen einzukerkern versteht, ihren Phantasien alle Nahrung abschneidet, dem Redelustigen keine Antwort, der Neugier keine Zeitungen gonnt, Feder und Tinte verbietet, und dem Abgematteten, nach einem muhseligen Tagewerke, die noch grossere Strafe der Unthatigkeit aufburdet, und ihm zu aller Erholung von seinem Elende mir die nagende Betrachtung desselben ubrig lasst?
Der trostreiche Ersatz, den mir jetzt mein Schreibtisch fur den Verlust der vorher gegangenen einfaltigen Stunden gewahrt, belehrt mich, welche Pein es seyn mag, den Strom seiner Gedanken in sich selbst verrauschen zu horen, ohne ihm einen Ausfluss verschaffen zu konnen, der an das Herz eines Mitmenschen anschlage. Wie fuhle ich nicht jetzt, bester Eduard, selbst in Deiner Entfernung, den Werth Deiner Gegenwart! und zu was fur einem Kleinod ist mir nicht meine Feder geworden!
Um mir meine lange Tirade zu gute zu halten, darfst Du nur horen, wie es mir heute ergangen ist. Als ich mich, ernsterer Geschafte wegen, von Dir losgerissen, und mein Tagebuch weggelegt hatte, setzte ich mich nachdenkend in meinen Lehnstuhl. Das erste, wonach sich wohl jeder mehr oder weniger Bedrangte umsieht, sind Freunde: aber leider! fand ich diese schone Aussicht hier noch um vieles eingeschrankter, als an jedem andern Orte der Welt. Du weisst, wie klein der Zirkel meiner hiesigen Bekanntschaften ist. Ausser meinen Anklagerinnen zieht er sich nur noch um drei Geschopfe herum; soll ich sie Manner nennen so sey's! davon immer einer zu Unternehmungen ungeschickter ausfallt als der andere. Auf den elenden Tropf in Purpur, an den mich der Oheim der Marquise empfahl, kann wohl kein vernunftiger Mann den geringsten Staat machen. Ein Kerl, der nichts als die drei Blasensteine der heiligen Klara von Montefalcone im Kopfe hat, verdirbt sicherlich jede Sache, zu der nur ein Gran Menschenverstand nothig ist. Buchhandler Fez, der nur, der Himmel mag wissen uber was von Klaren der zweiten? nachgrubelt, das, wenn es auch nicht so tief liegt als jene Beweise der Dreifaltigkeit, doch alle Strahlen seines Geistes wie auf einen Brennpunkt zusammen zieht sollte der sich mit den Angelegenheiten eines andern bemengen, so musste es wohl nur einer seyn, der ihm von dem, woruber seine Einbildungskraft brutet, angenehmere Nachrichten geben konnte, als ich es zu thun im Stande bin. Und Laurens Wachter? Der steht fest, wie eine Bildsaule. Wo Beine nothig sind und beim Sollicitiren sind sie es gewiss ist der nicht zu gebrauchen; und dass meine Herren Inquisitoren in so einer Angelegenheit wohl zu verstehn sich zu ihm bemuhen sollten, ist nicht zu erwarten. Indess, da man von seinen Freunden nur den Vortheil ziehen kann, den sie zu gewahren geschickt sind, so schien mir, auch ohne Beine, der Kopf des getauften Juden immer noch den Vorzug vor den beiden andern zu verdienen.. So belesen in dem Petrarch als Er ist, wird er zu meiner Schwachheit bei Klarchen nur lacheln, und die Harmonie, an die der Dichter sein Ohr gewohnt hat, wird es ihm unmoglich machen, an dem Geschrei eines Unglucklichen auf dem Scheiterhaufen einen bischoflichen Spass zu finden. Hat er nicht ubrigens in dem taglichen und stundlichen Umgange mit Fremden Gelegenheit genug gehabt, auch die guten Seiten eines Ketzers kennen zu lernen? und wer konnte genauer berechnen als Er, zu was allem die Toleranz gut sei? Ohne weiteres Besinnen setzte ich mich also an meinen Schreibtisch, meldete dem Ehrenmanne meine sonderbare Gefangenschaft, bemantelte die Veranlassung derselben so gut es ging, und legte, um ihm meine Unschuld desto begreiflicher zu machen, mit dem letzten Dukaten, den ich in meiner Barschaft fand, zugleich das letzte Versprechen der falschen Concordia bei, auf das ich mich Schande halber bezog.
Sobald meine Depesche fertig war, trat ich an das Fenster, und lauerte auf Bastians Zuruckkunft, um ihn damit abzufertigen. Ich sah ihn bald genug uber die Gasse gesprungen kommen. Aber zum Malen war es, wie er nun vor dem Hause stand, bei jedem Schlage, den er mit dem Klopfer that, hinhorchte, und wie ungeberdig er sich anstellte, als er endlich merkte, dass er von seinem Herrn abgeschnitten sei. Ich rief ihm zu, und erschreckte ihn vollends durch den klaglichen Ton, den ich in meiner Bekummerniss auf seinen Namen legte. Du hattest die Augen sehen sollen, die er in die Hohe warf! Mit wilderem Erstaunen hatte sie seine Schwester nicht aufreissen konnen, wenn ich an jenem kritischen Abende das liebe Kind wirklich um das kleine Hausmittel betrogen hatte, das sie mir, ohne Zeichen des heiligen Kreuzes und doch gewiss unschuldiger darbot, als das vielfach gesegnete Klarchen. Es war seit dem neuen Jahre das zweitemal, dass mich wieder etwas an die gute Margot erinnerte, und Du kannst nicht glauben, Eduard, wie wohl es mir that; so wohl, dass ich beinahe daruber ihren Bruder und seine Gesandtschaft vergessen hatte. Es schien, als wenn es ihm selbst leid thate, mich in meinem sussen Traume zu storen. Er offnete ein paarmal den Mund, ehe er es uber das Herz bringen konnte, mir die Neuigkeit, die er von der Post mitbrachte, zu entdecken: der Legat habe die Verabfolgung meiner Pferde verboten, und der Teufel moge wissen, warum? Seine weinerliche Stimme und sein scheuer Hinblick bald auf mich, bald auf den Thurklopfer, zeigten nur zu deutlich, in welchem furchtbaren Zusammenhange ihm jenes Verbot des Legaten mit dem verschlossenen Hause zu stehen schien; und auch auf mich wirkte seine Nachricht so viel, dass ich mich nicht langer in seine Familienahnlichkeit vertiefte, geschwind von Margots Busen auf meine gegenwartige, weit unbequemere Lage zuruck kam, und nicht weiter saumte, meinen Brief an der Mauer herab fallen zu lassen. Bastian fing ihn sehr geschickt mit dem Hut auf; und erst jetzt sah ich ein, wie bedenklich es sei, einen Kommunikationsweg durch das Fenster zu eroffnen. Schon die einzelnen Worte, die wir einander zuwarfen, hatten eine Menge Neugieriger um mein Haus versammelt; einer theilte dem, andern seine Muthmassungen mit, man setzte vor meinen Augen eine Geschichte zusammen, die ich wohl hatte horen mogen, und die vermuthlich zur Grundlage aller heutigen Gesprache der Stadt dienen wird. Einige Patrioten hielten sich sogar berechtigt, meinen Eilboten anzuhalten, und ihm seine Depesche abzufordern. Aber hier zeigte sich's, was fur ein herrlicher Freipass ein guter Ruf sei; denn kaum las man die Ueberschrift an den Wachter der Laura, so zogen sie lachend den Hut ab, liessen dem Briefe seinen Lauf, und glaubten den Inhalt errathen zu haben.
Kaum hatte ich mit meinem Fenster die einzige Oeffnung, die mir noch zuganglich war, zugemacht, und mich in meinen Lehnstuhl zuruck gezogen, so fuhlte ich ganz deutlich, dass der Mittag vorbei sei, und knopfte meine Weste enger zusammen. Die franzosische Artigkeit, sagte ich mir, wird dich doch nicht verhungern lassen, ehe sie dich verhort hat? Das sieht ihr nicht gleich. Selbst in dem dickkopfigen Deutschland befordert die Gerechtigkeit, die uberall konsequent handelt, keinen in die andere Welt, dem sie nicht eine Henkersmahlzeit mit auf den Weg giebt. Es muss, nach der Regel, dem Verurtheilten erst wieder wohl seyn, ehe sie ihn weiter uber die Granze des Lebens schickt; die Migrane muss dich erst verlassen haben, ehe man dir den Kopf abschlagt, und die Strafe des Stranges wird aufgeschoben, so lange der kranke Dieb noch nicht von seiner Braune kurirt ist.
Diese Gedanken, die mir der Hunger eingab, wurden durch einen Auftritt unterbrochen, der ihnen eine ganz andere, aber um nichts bessere Richtung anwies. Meine Nachbarinnen auch mein Bastian kamen zuruck Haus und Stube wurden geoffnet, und meine verspatete Mahlzeit wurde aufgetragen. Wenn dieses eine Veranderung in meiner Lage gab, so war sie jedoch mit Umstanden begleitet, auf die ich ganz gern Verzicht gethan hatte. Tante und Nichte brachten eine Verstarkung mit, die mir nicht anstand. Die Alte wurde von einem schwarzbraunen Kerle von Prokurator gefuhrt, und Klarchen, was mich am meisten verdross, zipperte mit dem Propst uber die Gasse, ihre Handchen so traulich um seinen vielfaltigen Aermel geschlagen, als ob es darin ausruhen sollte, und zu meiner Thure, als sie geoffnet wurde, sah ich meine Schusseln, statt, wie es sich gehorte, durch meinen Bastian, den ich so sehnlich erwartete, von zwei papstlichen Soldaten auftragen, die man nicht zerlumpter und ausgemergelter hatte aussuchen konnen, um mir meine jetzige Ohnmacht fuhlbar zu machen. Diese schmutzigen Truchsesse benahmen mir alle Esslust. Ich fuhlte keinen Hunger mehr, und begaffte sie nur mit grossen Augen. Wer Preussen in der Nahe gesehen hat, noch besser aber von fern, kann schon keinen Blick auf diese geistliche Miliz thun, ohne zu lachen; aber der Reiz dazu wurde bei mir gar sehr durch den Aerger gemassiget, der mir uber meine so elende Bewachung aufstieg. Die beiden verhungerten Kerle schienen uber ihren Dienst noch verlegener zu seyn als ich. Sie zogen sich langsam, ernsthaft, und mit gebogenem Knie an die Thure zuruck, und pflanzten sich, jeder an einen Pfeiler, davor, als ob es ihre Schuldigkeit ware. Ihre Blicke, die dabei so unverruckt auf meine Schusseln geheftet blieben, als ob sie in ihrem Leben noch kein altes Huhn in der Suppe gesehen hatten, wurden schon jeden Historiker uberzeugt haben, dass sie unter keinem Heinrich dem Vierten das Land bewachten. Ich hatte diesen armseligen Gesellen wohl keinen grossern Possen spielen konnen, als recht bequem meine duftenden Gerichte vor ihren Augen zu verzehren.. Aber, die Ursachen ungerechnet, die mich schon physisch davon abhielten, wurde es mir auch noch eine gewisse Empfindlichkeit der Seele verwehrt haben, die sich immer mit mir zu Tische setzt, und jeden Anblick von Elend, jeden Gedanken an Unterdruckung aus seinem Umkreis entfernt wunscht. Der unreinste Nahrungssaft, dachte ich, musste meine Adern durchstromen, wenn ich mich im Beiseyn eines, zum Hunger Verdammten sattigen konnte, ohne meine Bissen mit ihm zu theilen. Ich wurde weniger die wollustige Befriedigung meines Bedurfnisses, als die gewaltsame Erstickung des seinigen fuhlen, und furchten, dass sich die gallige Empfindung mit meinen Brudern vermische, die der Anblick meiner Mahlzeit, in der Angst zu leben, worin er dastande, nothwendig bei ihm erregen musste; denn in solchen animalischen Augenblicken ist wohl kein Herz so gut, dass es sich nicht gegen die widersprechende Grausamkeit des Schicksals auflehnen sollte, das bei der ungleichen Vertheilung menschlicher Guter und ihres Erwerbs alle Erdenbewohner nur durch den Ungestum des Hungers gleich gesetzt hat.
Ich gab diesen Bettlern, mit denen mich, wenn ich es genau uberlege, doch nur meine Thorheit in der Nebenstube in Bekanntschaft brachte, meine Gerichte Preis; und es that mir nur leid, dass mir meine Freigebigkeit so wenig kostete; denn das dankbare Gefuhl, das nun ihre entkrafteten Augen uberglanzte, wurde mich fur die hochste Verlaugnung meines Gaumens hinlanglich belohnt haben. "Geht nur, ihr guten Leute," unterbrach ich ihr gratias, "tragt die Schusseln auf den Vorsaal, und lasst es euch wohl schmekken. Wenn ihr mir meinen Bedienten herbeischafft, soll er euch auch noch ein paar Flaschen Wein auftragen, und es soll euch frei stehen, ob ihr auf des Papstes Gesundheit, oder auf die meine trinken wollt."
Es giebt wohl kein geschwinderes Mittel, eine Gegenrevolution zu bewirken, als das ich eben gebrauchte. Meine Wache war durch meine Herablassung und durch meine Fursorge fur ihren Magen so gut zu meinem Vortheile bestochen, dass es mir nur einen Wink wurde gekostet haben, um die Arme, die man gegen mich bewaffnet hatte, wider meine Verfolger zu lenken, und den Prokurator und die Alte, den Propst und die Nichte, in meine Gewalt zu bekommen. Da ich aber auch, um mir Pferde zu schaffen, die Post hatte sturmen da ich Stadt und Vorstadt hatte betrinken mussen, um es dahin zu bringen, einen Mann im Stiche zu lassen, der, kraft des Amtes der Schlussel, von lange her uber sie herrschte; so gab ich den Einfall auf, und begnugte mich vor der Hand mit dem Vortheile, den ich schon dadurch gewann, dass jetzt die Besatzung des Vorsaals meinen Bastian frei und ungehindert passiren liess, ohne sich um unsere geheime Unterredung zu bekummern. "Weise jetzt deine Neugier zur Ruhe," rief ich ihm entgegen, als er mit grossen Augen herein trat, "und befriedige vorerst die meinige! Erzahle mir ohne Weitlaufigkeit, wie mein Freund, der Kirchner, meine Botschaft aufgenommen hat." "Ach, ich will wunschen," versetzte Bastian, "dass Sie kluger aus dem Geschwatze des ehrlichen Mannes werden als ich. Ihren Brief habe ich freilich nicht gelesen; aber in der Antwort wenigstens, die er mir mundlich an Sie auftrug, liegt doch gewiss nicht ein Funken Menschenverstand." "Das geht mit allen Orakeln so," erwiederte ich: "der Befrager muss ihn erst hinein legen; das ist in der Ordnung. Lass nur horen!" "Als er das Goldstuck aus Ihrem Briefe in Sicherheit gebracht hatte," fuhr Bastian fort, "las er ihn bedachtsam durch, lachelte, schuttelte den Kopf bei einigen Stellen, sprach durch die Nase, und wiederholte seinen Unsinn einigemal, damit ich ihn ja nicht vergessen mochte: Sage Er Seinem Herrn meinen Gruss Er solle sich nicht gramen und wundern, dass er in Avignon, in dem Granzstreite zweier Heiligen, verloren und die hochbelobte Concordia, vielleicht aus wohlmeinenden Ursachen, ihm verwehrt habe, das Weichbild der harmonischen Cacilia zu uberschreiten. Anderwarts, hoffe er, wurde sie ihm ihre anscheinende Harte zehnfach ersetzen. Er habe nur bald die Schwierigkeiten zu entfernen die ihm ich versichere Sie, mein Herr, dass er diesen Unsinn wortlich gesagt hat dieses A n d e r w a r t s mache. Die Mittel dazu, behauptete er, lagen in Ihrer Gewalt. Sie sollten nur die guten Einfalle aufbieten, wodurch Sie ihm Ihre Unterhaltung so angenehm und geistreich gemacht hatten ..." "Ich glaube," unterbrach ich hier meinen Gesandten, "der Kerl raset, oder er will mich zum Besten haben." "Wohl moglich!" antwortete Bastian. "Wann hatte ich mich denn," fuhr ich nachdenkend fort, "nur im geringsten seinetwegen mit meinem Witze in Unkosten gesteckt? Aber nur weiter!" "Ferner sage Er Seinem Herrn," schnarrte Bastian auf das naturlichste dem Kirchner nach, "habe er sich nur die Augen zu reiben, und uber die Gasse zu blicken, so werde ihm der Zwerg erscheinen, der allein die Verbrannten aus ihrer Asche wieder erwecken konne." Hier riss mir die Geduld, ich sprang vom Stuhl, und: "Was zum Teufel," fluchte ich, "soll ich mit diesem albernen Geschwatze anfangen? Aber so geht es, wenn ein Narr einen grossen Dichter nachahmen will. Weil sein Petrarch immer und ewig ihm unverstandlich seyn wird, so denkt der Tropf, glaube ich, Laurens Schatten mochte es ubel nehmen, wenn ihr Wachter sich deutlicher ausdruckte. Den Augenblick gehe zu ihm, und sage ihm zur freundlichen Antwort, dass er fur seine scherzhafte Laune ein anderes Ziel suchen solle als mich so wie ich zu meinem Goldstucke, das ich mir wieder ausbate, auch schon einen andern Liebhaber ..... Doch warte nur." Ich trat argerlich an das Fenster; aber ich sah nicht lange gedankenlos uber die Gasse, so stiess ich auf etwas das mir mit Einem Blicke jenes verworrne Rathsel in's Licht setzte stiess auf die Zwerggestalt meines Freundes Fez, der, auf seinen Laden gelehnt, mir gerade in das Gesicht gahnte. "Ja wohl, guter buckliger Mann," rief ich aus, "bist du es allein, der mich aus meiner Gefangenschaft retten kann Du bist der Zwerg, auf den mich das Orakel verwies. Geschwind, Bastian, reiche mir eine Bucherschale nach der andern von dem Haufen her, der an dem Kamine liegt! Ihre betrugerischen Titel sollen bald in eine Liste gebracht seyn. Eins bis siebenzehn! Gottlob, dass ich damit fertig bin! Nun, Bastian, trage geschwind diess Papier zu unserm Nachbar, dem Buchhandler lass ihn den Ladenpreis daneben setzen, und lass ihn unterschreiben, dass er gegen die Summe sich fur die Beischaffung dieser seltenen Werke verburge!" Eben so glucklich loste sich die andere Halfte des Rathsels. Ich begriff jetzt, ohne lange zu suchen, die guten Einfalle, die meinem nachsichtigen Freunde in meiner schlechten Unterhaltung so wohl gefielen, den in allen Landern beliebten und bei allen Prozessen anwendbaren Witz einer gefullten Borse. Ich zog die meinige heraus, und besah sie mit Wohlgefallen; und da es einmal dort oben geschrieben stand, dass ich alle meine Thorheiten bezahlen sollte, so nahm ich mir vor, es mit der besten Art und wie ein grosser Herr zu thun.
Meine gute Laune kam wahrend dieser Betrachtung in gleichen Schritten mit meinem Hunger zuruck, der eben auf's hochste gestiegen war, als Bastian herein trat, und mir die theure Rechnung des Herrn Fez einhandigte. Ich warf sie gleichgultig auf den Tisch. "Geschwind, Bastian," rief ich ihm zu, "schaffe mir etwas Gutes zu essen, und bringe mir auch eine Flasche Sillery mit, damit ich vergesse, dass ich noch in Avignon bin." Man wurde sich vielen Kummer ersparen, wenn man von den widrigen Vorfallen, die uns in dem kurzen Uebergange vom Leben in's Grab aufstossen, den finstern Anblick zu vermeiden, und nur die lacherliche Seite davon aufzusuchen gelernt hatte, die jedes menschliche Ereigniss, wenn man es nur recht zu drehen versteht, darbeut. Sogar die E m p f i n d u n g eines gewaltsamen, schmerzhaften Todes kann uns durch die Gewissheit zum Lachen bewegen, dass der Tyrann, der uns damis belegt, sie doch nicht uber eine, kurze Spanne der Zeit, auszudehnen vermag. Ich wurde mir vornehmen, sie mit Grossmuth und mit Verspottung der Ohnmacht meines Feindes zu ertragen, wie man es von den gefangenen Wilden erzahlt, und mich durch die Vorstellung erheitern, dass mein unsterblicher Geist in der unendlichen Zeit, die ihm nachfolgt, uber den Einsturz seines Kerkers eben so herzlich lachen werde, als wir jetzt uber den heftigsten Schmerz einer Viertelsekunde spotten. Ich kann nimmermehr glauben, dass ich nachher noch geneigt seyn wurde, die Narren, die hier an meiner ohnehin morschen Hutte noch zupften, zur Verantwortung zu ziehen, oder ihnen zur Bestrafung nur ein kaltes Fieber an den Hals zu wunschen. Mag es ihnen doch gehen wie Gott Will! Die Empfindung der Nache ist mir so unangenehm, dass ich ihrer bald satt habe, und meinen Widersachern den Vortheil nicht einmal gonnen mochte, ihre Bosheit gegen mich durch Erregung dieses widrigen Gefuhls noch zu verstarken.
Dieser grosse Gedanke begleitete mich freundlich zu Tische, und hielt an, bis ich gesattigt aufstand, und ein anderer ihn feindselig verdrangte. "Welchen frohen Abend," seufzte ich, indem ich meine Weste aufknopfte, "wurde ich jetzt geniessen, wenn ich in Berlin ware! Ich wurde meinen Eduard zu einem Gange in die Komodie oder zu sonst einer gesunden Bewegung abholen. Wer soll mir aber hier eine Komodie spielen? Was soll ich hier, in einem Viereck von zwanzig Quadratellen, mit einem vollen Magen und einer erschwerten Verdauung anfangen." Meine vorige philosophische und stolze Betrachtung ware gewiss in den Wind gewesen, wenn sie nicht die Hoffnung noch ein wenig hingehalten hatte, die ich auf die Macht meiner gefullten Geldborse setzte. Ich offnete behutsam die Thur, sah meine Wache frohlich an ihrem Tische sitzen, und winkte Bastianen, der eben seinem Nachbar ein Glas zubringen wollte. "Suche dir einen Eingang in die Nebenstube zu verschaffen," sagte ich ihm, "und uberbringe der Vesammlung daselbst, nebst meinem Empfehl, folgende VergleichsVorschlage, die ich dir der Neihe nach zuzahlen will! Nimm deinen ganzen Verstand zusammen, und gieb Acht! Sage ihnen erst insgemein, dass mir der Vorfall, der mir Arrest zugezogen, von Herzen Leid thate; dass ich aber erbotig ware; ihn auf alle Art vergiss diesen Ausdruck nicht, denn er ist hier von Bedeutung wieder gut zu machen. Ueberreiche sodann dem Herrn Propste die Liste der verbrannten Bucher! Erklare ihm, dass ich sie nach der Taxe bezahlen, und auch noch etwas fur die beschadigten Bande zulegen wollte. Dem Prokurator mache verstandlich, dass ich ihm willig die Versaumniss verguten wurde, an der ich schuld sei. Die alte Tante bitte in meinem Namen auf das demuthigste um Verzeihung wegen meines ubereilten Betragens gegen sie und der frommen Klara versichere, dass ich, fur das Aergerniss, das ich ihr gegeben, auf dem Altare der heiligen Cacilia zwei Wachskerzen zu stiften gedachte, und es ihr uberliesse, die Grosse und Schwere davon selbst zu bestimmen dass ich bereit sei, diese Anerbietungen noch diesen Abend, in Erfullung zu bringen, und dagegen erwarte, dass die hohe Versammlung meine Abreise morgen mit dem fruhesten oder auch diese Nacht, nicht weiter erschweren wurde." Nicht wahr, Eduard, das war ein ubertriebenes Gebot? Ich fuhlte es selbst recht gut als ich es that; aber, bei Gott! ich fuhlte auch, dass ich mich zu noch grossern Aufopferungen verstehen konnte, um nur aus einer Gefangenschaft zu kommen, die ich fur die dummste hielt, in die wohl noch je ein ehrlicher Mann gerieth. Ich will gern, dachte ich, diese unberechnete Ausgabe auf einer andern Seite wieder ersparen, und liess Bastian gehen, ohne dass ich es uber mich gewinnen konnte nur einen Heller davon zuruck zu handeln. Du wirst sehen, dass ich nichts bei meiner Freigebigkeit verlor.
Nach einer guten Viertelstunde trat Bastian vor meinen Lehnstuhl, auf dem mich ein leichter Schlaf gefesselt hatte. Er rausperte sich, und ich erwachte. "Nun," fragte ich, "sind die Pferde schon angespannt?" "Noch nicht," antwortete der arme Schelm, und die Thranen traten ihm in die Augen. "Was ist dir, Bastian?" fuhr ich hastig auf. "Ach, mein Herr," stockte er, "die Versammlung hat Ihre Friedensvorschlage nicht angenommen." "Nicht angenommen, sagst du?" erwiederte ich, und blickte ihm halb wuthend in das Gesicht. "So erzahle mir denn!" "Sie werden sehen, lieber Herr," fuhr Bastian fort, "dass ich alles in der Welt gethan habe, was in so einer verwickelten Sache moglich war; aber wir haben mit Felsenherzen zu thun. Ich pochte an die Tante, die mir aufmachte, ward roth, wie ein Ziegelstein, als sie meiner ansichtig ward. Ich machte ihnen allen meine tiefste Verbeugung wendete mich mit meinem Auftrage zuerst an den Propst, der, einem grossen Spiegel gegen uber, auf einem Sopha sass von hellgelbem Atlas, mit wenn ich mich nicht irre mit Lillastreifen und weissen Franzen behangt" "O, halte dich damit nicht auf," unterbrach ich ihn, "ich weiss schon, wo er steht, und wie er aussieht." "Dann drehte ich mich mit meiner Rede nach dem Prokurator von ihm nach der Tante, und endigte sie endlich bei Klarchen, und erwartete meinen Bescheid. Wie denken Sie dass er ausfiel? Erschrecken Sie nur nicht zu sehr, mein bester Herr; aber es ist meine Schuldigkeit Ihnen klaren Wein einzuschenken." "Das thue nur bald," sagte ich lachend "sonst mochten dir deine Freunde draussen keinen mehr ubrig lassen." Der Wink that seine Wirkung. "Der Propst," fuhr jetzt mein wortreicher Gesandter weit gedrungener fort, "nahm zuerst das Wort, mit so vieler Wurde, dass ich selbst vor ihm zittern musste. Ist es begreiflich, fuhr er mich an, dass ein Mann, der sich solcher Verbrechen bewusst ist als Sein Herr, es wagen kann, der Gerechtigkeit mit so nichtigen Anerbietungen unter die Augen zu treten? und dass auch Er, mein Freund, der in der reinen Lehre erzogen und geboren ist, sich nicht scheut, solche Antrage zu ubernehmen? Fallt denn nicht schon durch die schwarze That selbst, die Sein Herr beging, sein Eigenthum, so gross es auch seyn mag, dem geistlichen Fiskus anheim? und seine Richter sollten sich herablassen, mit ihm uber seine Bestrafung zu handeln? O, wir wollen schon sorgen, dass sie exemplarisch ausfallen soll. Er hat nicht nur die Gastfreiheit unsers Landes auf das undankbarste erwiedert nicht nur einen Kirchenraub an den Schatzen der frommen Stiftung begangen, die ihm Schutz gab; nein! er hat selbst die Werkzeuge auf das treuloseste vernichtet, die unsere gottseligen Vorfahren zur Ausbreitung der Religion und Tugend diesem Hause ubergaben. Er hat schrie der Prokurator mit einer sehr gelehrten Miene darein, arger und verabscheuungswurdiger als Herostratus gehandelt: denn jener verbrannte nur den Gotzentempel einer Diana; er aber hat das Lehrgebaude unsers heiligen Glaubens, im Bunde mit dem Satanas, zu Asche verwandelt. Er hat mich er hat Gott gelastert, krahete die alte Bertilia. Er hat alle Heiligen beschimpft, tonte Klarchen. Solche Grauelthaten, ubernahm ihr Nachbar, der Propst, das Wort, lassen sich nicht mit Gold und Silber verbussen. Mit Freuden will ich ihn brennen sehen, sagte die Alte. Und auch ich will keine Thrane dabei vergiessen, stimmte die Nichte bei. Morgen, donnerte der Prokurator, soll es Sein unwurdiger Herr schon erfahren, mit wem er zu thun hat. Meine Klagrede ist bald fertig Schwer solles ihm werden darauf zu antworten.
Und nun tret' Er ab, mein Freund, rief mir der Propst mit einem so ernsthaften Winke zu, als ich nie wieder zu sehen verlange: Sage Er Seinem Herrn denn heute ist er es noch was Er gesehn und gehort hat. Der morgende Tag wird ihn das Weitere schon lehren." "Und was soll er mich lehren?" fragte ich mit verachtlichem Grimme, "was ich nicht heute schon weiss? dass dieses Winkelgericht aus den niedrigsten Heuchlern zusammen gesetzt ist, verworfener selbst als jene, die ich dem Rousseau geopfert habe. Ich biete ihnen Trotz! Bin ich nicht ein Unterthan Friedrichs des Grossen und Weisen? Auch in der Entfernung von ihm, wird sein Name mich schutzen. Und du, mein guter Bastian, bekummere dich meinetwegen nur nicht! Du sollst hoffentlich langer in meinem Dienste bleiben, als dir der Schwarzkunstler gedroht hat. Trinke jetzt ruhig den Wein aus, von dem ich dich abgerufen habe, und lass auch den armen Soldaten nichts abgehen! Du hast doch ein Abendessen fur sie bestellt? Nun gut! So lasst es euch bei meiner Gefangenschaft wohl schmecken. Ich verlange heute nichts weiter von dir, als dass du mir Licht bringest, wenn es dunkel wird." Unter vier Augen kann ich Dir nun wohl sagen, Eduard, dass mir nicht ganz so heroisch zu Muthe war, als ich mich gegen meinen beangstigten Bastian anstellte. Der Name meines Konigs, so geltend er auch uberall seyn mag, wird auf dieses Gesindel so wenig Eindruck machen, als auf die Bewohner des Feuerlandes. Kommst Du unter die Gewalt der Wilden, so werden sie Dich braten, und wenn Du auch preussischer Kammerherr warest, oder Ritter vom schwarzen Adler. Nur unter civilistrten, aufgeklarten Volkern ist so etwas von Gewicht, und hat da schon manche Special-Inquisition von grossern Verbrechern abgewendet als ich bin.
Ich hatte meinen Kopf, ganz schwer von diesen Betrachtungen, auf den Arm gestutzt, und dachte meiner verdriesslichen Sache nicht ohne manche Besorgniss nach, als Bastian mit einem Gesichte herein trat, das mir nur zu gut bewies, dass sie draussen zu meinen Ehren wohl nicht den wohlfeilsten Wein trinken mochten, und mein ehrlicher Kerl vermutlich meine Goldborse ohnehin fur konfiscirt hielt. "Mein Herr," wendete er sich freundlich an mich, indem er mir Lichter aufsetzte, "Ihre Soldaten sind ganz von Ihnen eingenommen. Nicht ein Glas von den vier oder funf Bouteillen, die ich aufgetragen habe, ist anders getrunken worden als auf Ihre Gesundheit. Zehnmal lieber, sagen sie, wollten sie fur ihren Gefangenen ihr Leben daran setzen, als ein einzigesmal fur ihren Kommandanten, der ihnen kaum so viel von ihrer Lohnung abgabe, als nothig sei, es zu fristen." "Warum," antwortete ich gleichgultig darauf, "liessen sich die Narren unter solche Truppen anwerben?" "Warum?" wiederholte Bastian. "O, das sollten Sie Sich wundershalber von den beiden unglucklichen Brudern erzahlen lassen. Es ist der Muhe werth, und kann Ihnen, mein Herr, ein grosses Licht uber den hiesigen Gerichtsgang aufstecken." "Nun das," antwortete ich, "sollte mir nicht unangenehm seyn, Bastian!" "Also darf ich sie herein schicken, mein Herr?" "Meinetwegen! Habe ich doch ohnehin nichts zu versaumen."
Sie traten herein, und brachten diessmal ein viel gescheidteres Ansehn mit, als da sie mir das Essen aufsetzten. Die Schminke des Wohlbehagens farbte ihre Wangen, und der Stillstand ihres gewohnten Elends, den sie so unerwartet einmal in ihrem Dienstgeschafte fanden, flimmerte so deutlich in ihren freundlichen Augen, dass ich mir nur um desswillen kein Gewissen machen konnte, die Lauterkeit ihrer sussen Empfindungen zu truben, weil ich zu gut aus eigener Erfahrung weiss, dass nichts so sehr den Genuss eines frohen Augenblicks erhoht, als die Uebersicht unsers uberstandenen Unglucks. Denn, wie der Mensch ist! anstatt finsterer Beweise fur die Zukunft, zieht er viel eher angenehme Fehlschlusse auf bessere Zeiten daraus, und das Gefuhl eines wirklich erlebten glucklichen Tags macht ihm die Moglichkeit vieler kunftigen nur gar zu wahrscheinlich. Gluckliche Blindheit, die in der weit ausgespannten, Finsterniss nur die hellen Punkte entdeckt und vereinigt, die einzeln, ach! sehr einzeln, aus ihr hervorstrahlen! "Es ist euch auch, wie ich hore, nicht sonderlich in der Welt gegangen," redete ich sie zutraulich an. "Setzt euch nieder, ihr guten Leute, und erzahlt mir eure Geschichte! Vielleicht tragt sie etwas zu meiner eigenen Beruhigung bei, die ihr mir gewiss gern gonnen werdet." "O, ganz gewiss, bester Herr," nahm der eine das Wort. "Wir sind so geruhrt von Ihrer Gute! Seit sechzehn Monaten war es heute das erstemal, dass wir uns satt assen, und einige Tropfen Wein uber die Zunge brachten und was fur ein Wein grosser Gott! Ehemals fehlte es uns an nichts, wir waren dick und fett; aber die Geistlichkeit, Gott vergelte es ihr, hat uns mager gemacht." "Das sieht ihr gleich," konnte ich mich aus Bitterkeit gegen den Propst nicht enthalten mit spottelndem Tone hinzu zu setzen. "Von allen Verwandlungen, die jene Diener des Altars taglich und stundlich vor unsern Augen vornehmen, gelingt ihnen diese immer am besten. Doch wie versaht ihr es denn, ihr guten Leute, dass ihr in ihre Hande geriethet?" "Wenn Sie Zeit und Lust haben meiner Erzahlung zu folgen," antwortete der Grenadier, "so hoffe ich Ihnen den Zusammenhang unseres Unglucks auf das anschaulichste darzustellen. Wir sind zwei Bruder, aus der Vorstadt. Unsere Aeltern und Voraltern waren Weber. Sie hinterliessen uns, ich gestehe es, ein Handwerk, das auch uns wurde ernahrt haben; und so hatten wir denn ganz friedlich und schiedlich durch die Welt schleichen konnen, wie sie. Aber wir fuhlten einen unwiderstehlichen Drang nach hohern Dingen setzten unsere Erbschaft ins Geld warben junge flinke Bursche und Dirnen, die so dachten wie wir, und stellten uns an die Spitze einer Bande Schauspieler."
Ich kann Dir nicht sagen, lieber Eduard, wie diese unbedeutende Nachricht mir doch ganz sonderbar auf das Herz fiel. War es nicht eine der drolligsten Gaukeleien des Schicksals, dass es mir in derselben Stunde, wo mir eine so heisse Sehnsucht nach der Komodie ankam, wie ich Dir an Ort und Stelle gesagt habe, auf einmal einen abgedankten Theater-Direktor unter die Augen stellte? "Du darfst ja nur," spasste ich mit mir selbst, "ihn auf diesen Abend engagiren, so kannst du dein Lustchen vielleicht so gut stillen, als wenn du in Berlin warest." Beinahe ist Ernst aus meinem Spasse geworden. Mir ist wenigstens alleweile nicht schlimmer zu Muthe, als wenn ich eben von einem Privattheater zuruck kame.
"Stolze, gluckliche Zeiten!" fuhr der Akteur jetzt in einer edeln Deklamation fort. "Wenn wir," hier kehrte er sich mit einer anstandigen Bewegung der Hand gegen seinen Bruder, "den Tag uber Konige und Feldherrn gespielt hatten, waren wir jeden Abend im Stande unsere Zeche zu bezahlen blieben unserm Hofe unserm Militar und unserm Zetteltrager nichts schuldig, und gingen als ehrliche Leute zu Bette. Das dauerte ein volles Jahr. Aber horen Sie weiter, mein Herr! Einst fuhrten wir an der Granze des Landes zu C a v a i l l o n , wo wir den Tag vorher mit unserer Truppe angelangt waren, ein auslandisches Drama auf Faust den Doktor, wie er vom Teufel geholt wird. Und aus der Oekonomie dieses Stucks, sollten Sie es glauben, mein Herr? hat sich nachher alles unser Ungluck entsponnen. Wir hatten unsere Buhne in dem Wirthshause zum P r o p h e t e n , auf einem sehr grossen Saale des Hintergebaudes aufgeschlagen, der aber dennoch gedrangt voll war, als wir den Vorhang aufzogen. Mein guter Bruder stellte den bosen Feind vor, sah furchterlich aus, und brullte, nach der Schrift, wie ein Lowe. Da aber jedermann wusste, dass es nur Verkleidung war, so fand das Stuck einen so lauten, weit um sich greifenden Beifall, dass wir eine Stunde nachher eine Sache, die in den Annalen der Schauspielkunst unerhort ist es vor einer noch verstarkten Versammlung wiederholen mussten. Freilich griff es uns an, und mein Bruder spie Blut; aber dafur hatten wir auch eine doppelte Einnahme. Das Spiel dauerte bis nach Mitternacht, und die Zuschauer gingen hochst vergnugt aus einander. Wer hatte sich einbilden sollen, dass der Teufel, wahrend wir ihn in seiner Herrlichkeit vorstellten, uns den boshaftesten Streich spielen wurde, den er je ausgefuhrt hat? Gegen mich und die Meinigen hatte er wenigstens kein argeres Bubenstuck ausdenken konnen. Wir waren so abgespannt und schlafrig, dass wir kaum die Lichter ausgeputzt hatten, ausgenommen das Endchen, mit welchem mein Bruder uns vorleuchtete, so trabten wir auch schon uber den langen Gang unserer Schlafkammer zu. Nun hatte aber der gewinnsuchtige Wirth in unserer Abwesenheit zwo andere Personen in derselben Kammer aufgenommen, ohne ihnen uber uns Bescheid zu sagen, anstatt sie, wie er ehrlicher wurde gethan haben, in ein anderes Gasthaus zu weisen, da in dem seinigen keine Stube mehr leer war.
Aber gut genug! es war ohne unser Wissen geschehen; uns ahndete nichts boses, und wir traten ein. Mein Bruder, das Stumpfchen Licht in der Hand, lief gerade nach seinem Bette, zog die Vorhange zuruck, und das Ungluck war geschehen. Der fremde Herr, der darin lag Heiliger Anton! was fur ein Schrecken uberfiel ihn, als er aufwachte, und diese Hollenfigur vor sich stehen sah! Er verfiel in ein Angstgeheul, wodurch in dem gleich anstossenden Bette eine andere Figur erweckt wurde, die, gleich einer Venus die noch nicht ausgemalt ist, schon damals nicht weniger versprach, als sie nachher gehalten hat, wie Sie am besten wissen werden, mein Herr.." "Wie denn ich?" fragte ich voll Verwunderung. "Weil es," antwortete der Grenadier, "niemand anders war, als die Mamsell hier im Hause." "Traumt ihr, Freund?" unterbrach ich den Soldaten, "oder faselt ihr?" "Nichts weniger," erwiederte er sehr bestimmt. "Besinnt euch," fuhr ich auf ihn zu; "denkt nur, welche schone Zeit musste das nicht her seyn!" "Das ist," besann sich der Erzahler, "mit Ende dieser Woche, ein und zwanzig vollige Monate." "Und da schon," warf ich ein, "sollte die schone, fromme, unmundige Klara.. Das ist nicht moglich." "So moglich," versetzte der Grenadier, und hob die Hand wie zum Schwur in die Hohe, "dass es selbst mein Bette war, aus dem sie, ich will Ihnen nicht sagen wie schlank und artig heraus fuhr, und sich entweder aus Furcht oder Bescheidenheit unter die Decke ihres zitternden Nachbars fluchtete. Welcher Sturm des Ungefahrs ubrigens sie in diese Kammer in das Bette eines Komodianten, und unter den Wendezirkel des Domherrn verschlagen hatte, mag Gott wissen." "Was fur eines Domherrn?" fragte ich hastig. "Er heisst," antwortete mir der Soldat ganz, gelassen "Ducliquet, und lebt hier in dem grossten Ansehen."
Nun du barmherziger Gott! murmelte ich in den Bart, so habe ich mir denn nicht vorzuwerfen, die Geheimnisse deiner Heiligen zuerst aufgedeckt, und die Ruhe ihrer Unschuld gestort zu haben. Noch vor Erfullung der Zeit, noch vor Erschaffung ihres schwellenden Busens lag sie schon dem Verehrer ihrer Patronin lag sie herzhaft dem Manne zur Seite, vor dem wohl jeder Christin, die auf den Namen der heiligen Klara getauft ist, ganz besonders bange seyn sollte. Nun lasst sich schon eher begreifen, warum sie die beruhmte Stelle in der Legende ihrer Seelenschwester so nachdenkend uberlas. Von jener Schreckensnacht in dem Propheten zu Cavaillon her mag sie wohl die alte Geschichte datiren, von der sie mir sagte, sie sei ihr unter andern Nebenumstanden erzahlt worden. Ach! diese Nebenumstande! Was gab' ich fur die Menschenkenntniss darum, wenn ich sie wusste! Wie gut wurden sie mir vielleicht die Schwarmerei des Domherrn fur die heiligen Steine erklaren, die seinen schwachen Kopf fast mehr, als der Stein der Weisen das Gehirn eines Adepten, verrucken! O der Unschuldigen, die erst von den Kasuisten erfahren musste, was in der Liebe Rechtens ist! O der jungfraulichen Hand, die uber die abartige Bildung des schlafenden Engels so scheu ward! und o des Thoren, der nur einen Augenblick uber die fromme Unwissenheit eines solchen Madchens nachgrubeln konnte! "Doch, guter Freund, fahre in deiner Erzahlung nur fort," unterbrach ich endlich meine kleinlauten Betrachtungen, und verdoppelte meine Aufmerksamkeit. "Hatte das Geschrei dieser beiden," hub der Grenadier wieder an, "die halbe Stadt in Aufruhr gebracht, es ware kein Wunder gewesen. Umsonst stellten wir uns alle, wie wir waren, theilnehmend um ihre Lagerstatt her, suchten ihnen begreiflich zu machen, dass wir nicht mehr und weniger Teufel waren wie sie dass diese Kammer unsere tagliche Wohnung, und unser furchterliches Ansehen nur ein Theaterkleid sei. Todtenblass blieben sie immerfort einander in den Armen liegen, kreuzigten und segneten sich, als sie die Augen aufschlugen, und wurden auch ihrer funf Sinne nicht eher machtig, als bis Doktor Faust und der Teufel mit jedem ein Vaterunser gebetet hatten. Sobald mein Bruder sein Schlangenhaar an den Nagel gehangt, seine Pferdefusse abgeschnallt, die Horner, die seinen Kopf furchterlich zierten, neben dem Bette des Domherrn niedergelegt, und vor den Augen des blinzelnden Madchens seinen langen Schweif zusammen gerollt und in die Tasche gesteckt hatte, und nun der Angstschweiss dem Pralaten zu trocknen begann, so kehrte auch schon die naturliche Wurde seines Charakters zuruck. Er hatte uns gern unser sundliches Leben in einer langweiligen Predigt an das Herz gelegt, ware ihm nicht selbst mehr damit gedient gewesen, uns von unserm Bette zu verjagen als uns einzuschlafern. Sonach hielt er es fur das sicherste, uns durch sein Ansehen in Furcht zu setzen, nannte uns seinen Namen und Stand, bedrohte uns mit der Inquisition, die wir als Masken der Holle verdienten, und war in kurzem sogar, hatten Sie das erwartet, mein Herr? gefasst genug, mich zu fragen, ob das Kind, das sich in sein Bette versteckt hatte, mit zu unserer Bande gehore? So sehr wir auch Komodianten waren, so erschraken wir doch alle uber die Miene der Wahrheit, mit der er seine Frage vorbrachte. Wir sahen einander an, wussten nicht was wir antworten sollten, und beriefen uns voller Verwirrung auf die Aussage der kleinen Schonen, die indess aber unter seinem Bette vor in das ihrige wieder zuruck gekrochen war, und keine Lust bezeigte, sich in unsere Rechtfertigung zu mengen. Wir brachen sie auch selbst bald genug ab, hielten es fur das klugste, den beiden Pilgern unsere Schlafstellen in gutem zu uberlassen, und suchten uns zu behelfen wie es anging.
Mit Tages Anbruch waren sie aus unserer Kammer geschlichen, und in einer Chaise auf und davon gefahren, ohne sich zu bekummern, was wir davon denken wurden. Der Wirth, den wir zur Rede setzten, entschuldigte seine doppelte Einnahme fur unsere Kammer, mit unserer doppelten Einnahme auf seinem Saale; der ganze schnakische Handel wurde eine Weile belacht, und bald hernach vergessen. Wir spielten in der dortigen Gegend, so lange sich noch Zuschauer einfanden, und gingen einige Wochen nachher, in der schonsten Erwartung auf Einnahme und Ruhm, nach unserm Avignon zuruck. Aber, wie der tragische Dichter sehr geistreich sagt:
Du schlenderst an der Hand der Hoffnung, dem
Gesang
Des Glucks unwissend nach, dass dich sein
Blumengang
In Labyrinthe fuhrt, wo hungrig Minotauren,
Im Dienst der Grausamkeit, auf deine Ankunft lauren."
"Deine Verse in Ehren," unterbrach ich hier den Akteur; "sie mogen so wohlklingend seyn als sie wollen, so ist mir doch jetzt mehr um deine Geschichte zu Kopf daraus kochen kann. Lass sie lieber in deiner Erzahlung weg, und sage mir in einfaltiger Prosa, in welche Labyrinthe und unter was fur Minotauren du gerathen bist." "So wissen Sie denn, mein Herr," fuhr der Grenadier fort, "dass wir kaum den andern Morgen unsere Garderobe ausgepackt hatten, als ich und mein Bruder von dem geistlichen Gerichte freundlich beschickt und eingeladen wurden, vor ihm zu erscheinen. Was haben wir doch, dachte ich fluchtig, mit diesen Herren zu theilen? und wir erschienen mit dem ruhigsten Herzen vor ihren Schranken. Aber ach, unser Muth dauerte nicht lange. Was will die Unschuld eines Komodianten vor einem Tribunale bedeuten, das aus Leuten zusammen gesetzt ist, die nie an gute Absicht glauben, aus Achtung fur die Unwissenheit alle freie Kunste verfolgen, und immer und ewig vom Brodneide gegen unser Handwerk gedrangt werden! Der Vorsitzende legte uns eine Anklage des furchtsamen Domherrn vor, die uns als Landstreicher schilderte, und das Schrecken, das wir ihm nachtlicher Weile eingejagt hatten, fur nichts geringeres als einen offentlichen Friedensbruch und als den boshaftesten Eingriff in die Geheimnisse unserer geheiligten Religion erklarte. Alle unsere gegrundeten Einwendungen dagegen wurden verworfen, man glaubte dem Domherrn mehr als den Komodianten, und unsere Muthmassung uber Klarchens Nachbarschaft an seinem Bette brachte vollends seine Herren Kollegen so wider uns auf, dass sie alle, keinen ausgenommen, auf die Verabschiedung und Trennung unserer Truppe zusammen stimmten, und uns mit dem kurzen Bescheid entliessen, nie wieder mit lebendigen Personen zu spielen. Wir schlichen belastet von unserm Unglukke nach Hause, dem Sturme entgegen, der jetzt unter unserer Gesellschaft entstand, als wir wie Gespenster unter sie traten, und ihr den Ausspruch ihrer Vernichtung bekannt machten. Das schreckliche Wort wirkte wie ein elektrischer Schlag auf alle. Mein alter zitternder Dekorateur malte eben an einer Morgenrothe. Der Pinsel entschlupfte seiner gelahmten Hand, und fiel gerade auf die Schurze der Anatme, die neben ihm sass, und ihrem Theseus die Halbstiefeln putzte. Zwei von meinen Grazien, die diesen Abend zum erstenmale in dem Nachspiele auftreten sollten, liessen den Schleier fallen, um den sie sich zankten, und die dritte sprang wie eine Furie hinter dem Verschlage vor, wo sie sich anzog, und uberfiel meinen armen Bruder, dessen gottlose Maske sie als die einzige Ursache unsers allgemeinen Unfalls ansah, und worin sie auch nicht ganz Unrecht hatte. Ich trat dazwischen, gebot Ruhe, und ersetzte meine verlorne Gewalt uber die Gesellschaft, durch eine derbe Beredsamkeit. Den Damen legte ich ihren zweideutigen Ruf nahe an das Herz, und ermahnte sie bruderlich, die Geistlichkeit nicht noch mehr wider ihr weltliches Leben aufzubringen, und wohl gar noch, bei zunehmenden Jahren, in die Exkommunikation zu fallen. Meine Helden beruhigte ich durch einige gluckliche Tiraden aus unsern Trauerspielen uber die Wurde der Standhaftigkeit im Ungluck, und empfahl allen, die mancherlei Erfahrungen nun auch zu nutzen, welche sie unter meiner Leitung erlangt hatten. Der Kleinmuth verlor sich nach und nach auf ihren geschminkten Gesichtern, der Trieb der Selbsterhaltung erwachte, und mein guter Rath wurde befolgt. Die eine von meinen Grazien vermiethete sich noch diesen Abend, die andere sieben Wochen spater, als Amme, die dritte ward um sich, glaube ich, an dem geistlichen Tribunale zu rachen Ausgeberin bei dem Prasidenten. Meinen ersten Akteur brachte seine Bassstimme in's Chor. Mein Dekorateur malt jetzt Altare und Kapellen. Ariadne hat eine kleine Wirtschaft angelegt, und findet ihr Conto so gut dabei, als die alte Dame neben an. Meinen Theseus mussen Sie oft gesehen haben, mein Herr! Er tragt die kleinen Pasteten zum Fruhstuck umher, die, wie man sagt, vortrefflich sind; denn der Undankbare hat seinem alten Direktor nie eine zu kosten gegeben. Ich wusste mit Einem Worte keines von meiner Gesellschaft, fur das die Vorsehung nicht augenscheinlich gesorgt hatte. Auch fur uns beide Bruder sorgte sie, die doch in diesem Tumulte am meisten verloren. Da uns der verhasste Bescheid verbot, mit lebenden Personen zu spielen, so fanden wir in dieser Klausel selbst den besten Wink fur unsern wahren Beruf. Wir schafften uns Drathpuppen an, und waren in kurzem im Stande mit einem recht gut besetzten Theater die Markte zu beziehen. Als die Empfindung der falschen Schaam uberwunden, und die erste Auslage verschmerzt war, befanden wir uns sogar selbst besser bei unsern Marionetten, als bei dem vorigen hochmuthigen Trotz. Wir hatten nun keinen Zank mehr unter unsern Heerfuhrern zu schlichten. Jede Puppe war mit der Rolle zufrieden, zu der sie ihre Gelenke bestimmten. Sie schickten sich weit besser in den engen Kreis, den wir ihnen anwiesen, und stiessen nicht an die Wolken, wie ich mich wohl erinnere, dass es sonst geschah, wenn meine Helden Sturmhauben, meine Gottinnen Federbusche aufsetzten. Mit dem einzigen Anzuge des Perseus, den ich zerschnitt, konnte ich jetzt meine ganze Truppe bekleiden, und ich bekam zwei Vorhange aus der Schurze, die der Ariadne zu kurz war. Die Mechanik unserer jetzigen Aktricen ward nicht so oft wandelbar wie bei den vorigen. Unsere Konige und Ritter lagen mit ihnen in Einem Kasten, ohne dass wir unangenehme Folgen besorgen mussten, und, was das beste war, so hatten wir nicht nothig unsern bruderlichen Gewinn mit unserer Gesellschaft zu theilen. Jetzt spielten wir den Doktor Faust, ohne dass ein Hahn daruber krahte; und da wir uberall zu Lachen machten, und von dem Vornehmsten bis zu dem Geringsten Aufmunterung und Beifall erhielten, so glaubten wir endlich das blinde Schicksal eben so gewiss an dem Seuchen zu fuhren als unsere Puppen. Es ist, glaube ich, kein Mensch so klug, den nicht ein anhaltender Wohlstand zum Thoren macht. Er denkt immer an den Fortgang seines Glucks nie an seinen Wechsel. Die traurigen Begebenheiten, uber denen ich doch taglich schwebte, wenn ich sie auf meiner kleinen Schaubuhne darstellte, wirkten am wenigsten zuruck auf mich. Dass Belisar in dem e r s t e n Akte, als Befehlshaber mit einem Ordensband behangt, einherstrotzte, und in dem l e t z t e n , als ein Bettler mit einer Klingel umher ging, fiel mir gar nicht mehr auf. Ich sah den Nebukadnezar an seiner koniglichen Tafel und bald darauf Gras fressen wie ein Rind, ohne dass es mich ruhrte. Ich hielt mich zu erhaben uber alle Zufalle, die ich andern zur Schau gab; vermuthlich weil ich sie, wie der Regierer der Welt, von oben herab sah und lenkte. Ich dachte, ich war' es. So trieb ich mich in dem besten Einverstandnisse mit meinem Bruder an die sechs Monate herum. Unser taglicher Ueberschuss haufte sich dergestalt, dass wir unsere Truppe bis zu funfzig Stuck immer eins kunstlicher gebaut als das andere verstarkten, und nun die weitlauftigsten Historien vorzustellen im Stande waren. Aber auf einmal geschah der unerwartete Schlag, der dieses grosse kostbare und zusammenhangende Gebaude in seinen Grundpfeilern erschutterte und uber den Haufen warf .... Warum lachen Sie, mein Herr? Verwechseln Sie mich nicht, ich bitte Sie, mit einem gemeinen Puppenspieler, der seine Kunst wie ein Handwerk treibt, und nicht daran denkt, dass man auch holzernen Figuren Gesinnungen in den Mund legen kann, die gerade auf das menschliche Herz wirken. Ich war, wie Sie mich hier sehen, der erste meines Standes, der einen schonen Geist besoldete einen Metastasio in seine Dienste nahm, der unablassig fur mein Theater arbeiten musste, alte Waare fur das Bedurfniss der Zeit ausbesserte, und neue fertigte, die gegen die strengste Kritik sich aufrecht erhielt. Durch diese Einrichtung hatte vielleicht mein Puppenspiel endlich so viel zur Aufklarung beigetragen, als die konigliche Schaubuhne zu Paris. Aber weislich liess es die hohe Klerisei nicht bis dahin kommen. Es war vor dem Jahre in der Weinlese, als wir das alteste Stuck von allen die jemals gespielt wurden, auffuhrten, nur neu bearbeitet und in einem Modegewande. Wir hatten es bis zu dieser Epoche aufgehoben, wo das menschliche Herz, wie unser Theaterdichter sagte, besonders zum Gefuhl des Grossen und Erhabenen gestimmt sei. Unsere Zettel kundigten es von einer Ecke der Stadt bis zur andern unter dem prachtigen Titel an: D a s a l l g e meine Trauerspiel der Menschheit, oder d a s v e r l o r n e P a r a d i e s . Hatten wir gleich auf eine grosse Menge Zuschauer gerechnet, so ubertraf der Zulauf doch unsere grosste Erwartung. Als alle Himmelslichter angezundet waren, und der Vorhang nun aufflog, gerieth die Versammlung in einen so larmenden Beifall, dass durch die Erschutterung, die es verursachte, ein Stern der ersten Grosse vom Horizonte herab fiel. Indem trat ich als Prologus auf winkte mit der Hand, und es war ruhrend anzusehen, wie augenblicklich dieser unbandige Tumult in die tiefste Stille uberging. Meine Anrede an das Publikum enthielt, wie bei den Schauspielen der Griechen und Romer, den ganzen Plan des Stucks, und war so gut gearbeitet und darstellend, dass es Ihnen seyn wurde, mein Herr, als hatten Sie mit, in dem Parterr gesessen, wenn es Ihnen gefallig ware sie anzuhoren. Ich weiss sie noch so auswendig als damals; denn, ob sie mich gleich und die Meinigen in Kummer und Elend gesturzt, und ihren poetischen Verfasser genothigt hat landfluchtig zu werden, so kann ich doch einmal das schnakische Ding nicht vergessen, und recitire es oft mir selbst vor, und gemeiniglich um so viel pathetischer, je weniger ich vor Hunger weiss was ich anfangen soll. Heute, hoffe ich, wird es noch besser gehn, da ich ein gutes Souper in der Aussicht habe. Darf ich, mein Herr?" "Ganz gern, lieber Grenadier," antwortete ich, und setzte mich in meinem Lehnstuhle zurechte.
Ich versichere Dich, Eduard, der Mann beschamte in diesem Augenblicke unsere beruhmtesten Akteurs; denn kaum hatte er seine Mutze abgenommen und sein rostiges Gewehr, das ihm wahrend seiner Erzahlung noch immer im Arme lag, in die Ecke gelehnt, so befeuerten sich seine Augen, und der Drang des Genies zitterte auf seinen Lippen. Er trat in einer edeln Stellung mir gegenuber, und es herrschte eine Wurde auf seinem Gesichte, die mit der Arbeit seines Dichters sonderbar abstach. "Ich bin," deklamirte er, mit langsamer, ernster, und besonders mit der sonorischsten Stimme, ohne die selbst das schonste Gedicht keinen Eindruck auf unser Herz macht,
"Ich bin der Prologus. Hort an,
Wie Gott der Herr die Welt begann.
Denkt ihr, dass er mit E i n e m Ruf
Dem C h a o s Ordnung anerschuf,
So denn ihr falsch so macht ihr euch,
Wohlweise Herrn, dem Pobel gleich.
Noch immer brausst e s . Gift und Schaum
Durchstromt die Zeit, verschlammt den Raum;
So viel es dessen sich entlud,
Steht es noch immerfort in Sud;
Unformlich, wie es Anfangs war,
Schaumt es nicht aus und wird nicht klar.
Denn, wie auf einem Feuerherd
Ein Topf voll Spulicht kocht und gahrt,
Dass alles wild und unbestimmt
Bald abwarts fahrt, bald oben schwimmt,
So treibt das heut'ge Sekulum
Das morgende mit sich herum;
Die Wasserblase, die geblaht
Sich jetzt am Rand des Topfes dreht,
Und Farben strahlt, zerplatzt und sinkt
Von ihrer Hoh' herab und stinkt.
Nachdem sich hier ein Element
Der Faulniss von dem Ganzen trennt,
Und sich, wie es dem Zufall g'nugt,
An einen andern Unrath fugt,
Entstehn Systeme und entstehn
Beweise, die in Rauch vergehn;
Der alte Irrthum sinkt und schnellt
Bald einen neuen in die Welt,
Dass alles durch einander irrt,
Der Maulwurf ein Gesalbter wird,
Und oft der Wirbel einer Nacht
Den Narren zum Propheten macht.
Mischt Faulheit sich und Heuchelei
Mit Unvernunft in Einen Brei,
So stosst die Gahrung mit Gebraus
Konvente von Geweihten aus,
Wie die Chymisten Tinte ziehn
Aus Salz, Gallapfeln und Urin;
Aus ahnlicher Mixtur entstand
Papst Bonifaz und Hildebrand.
Da Gott der Herr in Gloria
Von fern schon diesen Grauel sah,
Warum zermalmt' er nicht den Topf
Auf ewig, sammt dem ersten Tropf,
Der an dem Boden lag, noch eh'
Er seinen zweiten spaltete?
Doch da's dem Schopfer nicht gefiel,
So stell' euch unser Puppenspiel
Die erste Menschenthorheit dar,
Die in's Unendliche gebar:
Im e r s t e n Aufzug sollt ihr sehn
Sich Sonn' und Mond im Kreise drehn,
Und funkeln ohne Mass und Zahl
Die lieben Sternlein allzumal:
Zwar bleibt noch, bis zur Wiederkehr
Des andern Tag's, die Erde leer;
Doch wahrt's ein Vaterunser kaum,
So schwindet auch der leere Raum.
Ein z w e i t e r Vorhang offnet euch
Das Thierreich und das Pflanzenreich,
Wo mit dem schnellsten Uebergang,
Bei Wolfsgeheul und Vogelsang,
Sich Berg und Thal mit Grun umzieht,
Der Giftstrauch bei der Rose bluht,
Der Tiger ohne Trug und List
Des ersten Schafes Freund noch ist,
Und uber alles ausgeziert
Die Schlang' aus Horn sich distinguirt.
Und seid ihr dieses Anblicks satt,
Tritt Adam ohne Feigenblatt
Im d r i t t e n Aufzug auf, gelehnt,
Am nachsten Apfelbaum, und gahnt;
Und weil er weder wie noch wann
Woher wohin begreifen kann,
Weiss er auch weiter nichts zu thun
Von der Erschaffung auszuruhn,
Als er geht hin und strecket sich
Zum erstenmale koniglich
In's Gras versucht's und macht sich blind
Fur Erd' und Himmel, und ersinnt
Das Gluck der Menschen wie bekannt
Von allen Zungen Schlaf genannt.
Doch bald drauf schwebt von ungefahr
Gott uber das Theater her,
Blickt um sich, und erblickt, wie tief
D e r schlaft, den er zum Leben rief,
Und steigt herab sinnt und erschafft
Der Ruhe schonste Gegenkraft.
Aus Adams Rippen steigt ein Weib
Von weisser Haut und schlankem Leib,
Die erste Jungfer! die's auch blieb,
Bis sich ihr Herr die Augen rieb.
Sie sehn sich werden Frau und Mann,
Wie's die Mechanik wunschen kann.
Doch dauert ach! nur kurze Zeit
Der Flitterwochen Herrlichkeit.
Der bose Feind der sie so gern
Zu storen sucht, lauscht schon non fern
Nimmt die Gelegenheit in Acht,
Die er verschlaft und sie bewacht,
Fahrt in die Schlange, die gewandt
Geschlichen kommt, wie ein Amant
Sich schmiegt und biegt, und sich verlangt,
Bis sie an Evens Lippen hangt.
Sie die nicht weiss, was ihr wohl wisst,
Dass sie in ihr den Teufel kusst,
Freut sich, dass sie der Schmeichelei
Auch eines Thieres wurdig sei,
Das, wie sie's kennen lernt, den Mann,
So oft er schlaft, ersetzen kann,
Und sucht und treibt es, bis zuletzt
Die Schlange ganz den Mann ersetzt,
Und macht, dass wir von Kind zu Kind
Des bosen Feinds Bastarden sind.
Der gute Mann, der neu gestarkt,
Erwacht, und keinen Unrath merkt,
Sucht seine Gattin halb im Traum,
Und trifft sie an am Lebensbaum,
Und, ohne Skrupel und Verdacht,
Was ihr die Schlange weiss gemacht,
Nimmt er, uneingedenk der Pflicht,
Den Apfel, den sie eben bricht.
Aus ihrer Hand dankt und beisst an,
Wie Moses uns hat kund gethan.
Doch kaum dass er von dannen geht,
Findt er schon alles umgedreht:
Der Himmel scheint ihm schwarz gewolbt,
Sein schones Weib scheint ihm vergelbt,
Erschlafft ihr junger Busen und
Zu weit und gross ihr Rosenmund.
Der Lowe brullt mit Ungestum
Ihm nach, kein Hase lauft vor ihm,
Die ganze Schopfung lacht ihn aus,
Vom Elephanten bis zur Maus.
Und muthlos, nackenb, roth vor Scham,
Die wie ein Frost sie ubernahm,
Erborgen sie unuberlegt,
Von einem Baum, der Feigen tragt,
Sich Blatter, und bedecken sich
Zur Halfte kaum, gar kummerlich.
Und Gott der Schopfer ruft ihm zu:
Was thust du Adam, wo bist du?
Er horcht und kratzt sich hinterm Ohr,
Schleicht stumm mit seiner Frau hervor,
Die, ungewiss ob Gott auch sah,
Was sie gethan und ihr geschah,
Mit aller Last der ersten Scham
Vor's geistliche Gerichte kam.
In seinen Blicken Zorn und Spott,
O, ihr Gefallenen! rief Gott,
Warum erscheint ihr so verblufft?
Was Adam! Hast du angestift?
Benahm ein Apfel aus der Hand
Des Weibes dir schon den Verstand,
Wie wirst du wissen, was du thust,
Wenn du an ihrem Busen ruhst,
Geschmeichelt und berauscht durch sie
Von Lieb' und Wein und Harmonie?
Und dir, Frau Eva noch so jung!
Dir war E i n Mann noch nicht genung?
Selbst hier, wo es nur Einen giebt,
Und der dich wie ein Riese liebt?
Wie sollen denn, stellt einst der Lauf
Der Zeit und Welt mehr Manner auf.
Sich deine armen Tochter bloss
An Einen halten halb so gross,
In keinem Stucke halb so rar
Und neu, als es dir Adam war?
Was stehst du da und blickst mir grob
In das Gesicht, und thust, als ob
Fur Weiberherzen einerlei
Ein Mann und eine Schlange sei?
Gehorsam merk' ich, Ehr' und Pflicht
Ist euer beiden Sache nicht.
Gut! Eure Strafe steht bereit,
Und breite sich in Ewigkeit
Von Eh zu Eh, von Haus zu Haus,
Auf eure Sohn' und Tochter aus.
Merkt auf! Die Frau soll ewig ein
Abhangiges Geschopfe seyn,
Von allen Wirbeln der Natur,
Vom Mond vom Mann von seiner Uhr,
Von seiner Laun', es ware dann
Sie launiger als selbst ihr Mann.
Das Feigenblatt, das wie du meinst,
So schon dir lasst, weck' auf dereinst
Den Drang, der deine Tochter toll
Auf neue Moden machen soll!
Selbst unter Muselin und Flor
Tret' Eva's Lusternheit hervor,
Den Busen zehnfach eingeschnurt,
Gescheh' ihm doch was ihm gebuhrt,
Und jede bleib' an Seel und Leib,
Was du verstecken willst ein Weib!
Und nun zum Mann! der sich das Haupt
Des Weibes und der Erde glaubt,
Wenn schon die Mucke, die ihn sticht,
Dem plumpen Irrthum widerspricht,
Der, wenn er Korn und Weizen sat,
Nur Stroh dafur und Disteln maht,
Und immer, zehne gegen Eins!
Nur Essig ziehet statt des Weins.
So lang' er kann, dunk' er sich frei,
Und Herr, selbst in der Sklaverei,
Und mach' in seinem Dunkel sich
Vor Erd' und Himmel lacherlich!
Doch seine Holle geh' erst an,
Wenn eine Frau und ihr Organ,
Ihr Trauungs- und ihr Wochenstaat
Sich seiner stillen Wirtschaft naht:
Wenn sie schon in der ersten Nacht
Ihm seine Herrschaft streitig macht,
Und sein Befehl sich, Kuss fur Kuss,
Nach ihren Grillen schmiegen muss,
Und sie fur Ein Recht das sie giebt
Zehn Forderungen unterschiebt,
Mit ihrer Schwachheit sie beschont,
Und taglich immer weiter dehnt,
Bis ein verdoppeltes Geschrei
Ihm vorwirft, dass er Vater sei;
Indess er im Kalender stort,
Ob auch der Gast ihm angehort,
Fur den er jetzt Geleit und Zoll
Und Wegegeld entrichten soll.
Wenn dann sein Herz sich ausgespult
Und federleicht und mussig fuhlt,
Und, alt und schwach und seiner satt,
Sein Weib ihn uberwunden hat;
Dann fluch' er noch dem Apfelbiss,
Der ihm sein Paradies entriss;
Dann erst nehm' ihm ein odes Grab
Den koniglichen Zepter ab!
Und wie der Schopfer sie verdammt,
Thut auch der Cherubin sein Amt;
Als war's ein Bettler, heisst er ihn
Mit seiner Dirne weiter ziehn.
Und sie des dummen Sundenfalls
Vermaledeiung auf dem Hals,
Sie schlendern nun, wie's Gott gefallt,
Aus Eden in die weite Welt,
Und lange Weile, Spott und Schmach
Folgt ihnen auf dem Fusse nach.
Und unter Blitz und Donner packt
Gott unser Herr, im v i e r t e n Akt,
Sein Gartchen ein, und Nacht und Graus
Fullt das Gerust des Himmels aus;
Die Baume werden aufgerollt;
Das Reich der bunten Thiere trollt
Sich fort des Ohrs und des Gesichts
Erlustigung fallt in ein Nichts;
Die Sonne, die so herrlich schien,
Verlischt, und Mond und Sterne fliehn.
Damit's nicht stinkt, wird vor dem Schluss
Gerauchert vom Epilogus."
Kaum horte sich der Epilogus nennen, so fiel er seinem Bruder, aus Furcht, er mochte seine poetische Rede in Prosa fortsetzen, hastig in das Wort, und uberraschte mich nicht weniger durch die unerwartete Lebhaftigkeit, mit welcher auch Er von seinem militarischen Standorte ab, in das Feld seiner verlassenen Kunst uberging. "Sie werden an der Vorrede meines Bruders genug haben, mein Herr," wendete er sich zu mir, "denn sie enthalt alles, was durch unser Schauspiel nachher nur in Handlung gebracht wurde, und ich mag Sie mit meiner Nachrede nicht noch aufhalten. Auch ist es wahrlich weder diese noch jene, die den Umsturz unsers Theaters bewirkte. Sie mussten nur nachher der Ungerechtigkeit zum Vorwande dienen, die ein Heuchler, der in seiner eigenen Rolle gestort wurde, an uns, an der Schopfung der Welt, und dem Stande der Unschuld beging. Horen Sie, mein Herr und erstaunen Sie! Ich hatte schon alle Reihen Banke unsers Parterres durchgerauchert, als ich in der hintersten, dunkelsten Ecke auf ein paar Zuschauer traf, die vermuthlich selbst keine verlangten; denn sie fuhren, aus aller Fassung gebracht, aus einander, als ich ihnen mit meinem Rauchfasse zu nahe kam. Es war ein junger Officier, und es war stellen Sie Sich meine Verlegenheit vor! abermals das schone Madchen, das ich schon als Reisegefahrtin des Herrn Ducliquet so unschuldiger Weise erschreckte. Ich sah es ihr an, dass sie in diesem Augenblicke sich mehr vorzuwerfen hatte als alle unsere Marionetten; und doch mussten diese schwerer als sie fur die Untreue bussen, die sie diesen Abend an ihrem Patron beging. Die damals verlornen Minuten des rachgierigen Domherrn liegen schwer auf uns, und werden uns drucken so lange wir noch in dieser Zeitlichkeit wallen." "Das ware sehr Schade um deine ausgezeichneten Talente," unterbrach ich den Grenadier: "Du bist Zu pathetischen Rollen wie geboren, und ich hoffe, dass der Druck nicht lange mehr dauern soll, der das Publikum um ein paar so treffliche Redner gebracht hat. Doch davon ein andermal Jetzt, fahre nur fort!"
Indem meldete Bastian, dass ihr Abendessen auf dem Tische stehe. Der Prologus setzte sich in Bewegung; aber der Epilogus, den mein Beifall noch mehr in Feuer gebracht hatte, bat seinen Bruder noch um einige Augenblicke Geduld, und wendete sich mit einem pragmatischen Uebergange wieder an mich. "Es war immer noch ein glucklicher Zufall," sagte er, "dass sich mir das schone Gesicht unter dem Schimmer meines Rauchfasses verrathen musste; denn sonst wurden wir bis diese Stunde noch nicht den geheimen Zusammenhang unserer tragischen Geschichte entdeckt haben." "Sind wir desshalb jetzt besser daran?" murmelte sein hungriger Bruder. "So aber," fuhr der andere fort ohne sich storen zu lassen, "konnen wir von der ersten verborgenen Feder an, die so viele Rader in Bewegung setzte, den unglucklichen Vorfall bis zur Auflosung des Knotens verfolgen. Es sollte einem Dichter leicht werden ein Trauerspiel daraus zu verfertigen so regelmassig als es die Verschworung von Venedig oder der Umsturz des babylonischen Reichs ist; waren wir nur noch so glucklich ein Theater zu haben, um es aufzufuhren. Die drei Einheiten, mein Herr, des Orts, der Zeit, und der Handlung, finden sich hier, nach den Forderungen des Aristoteles, auf das genaueste vereinigt, und wurden, mein Herr, so gewiss ihre Wirkung thun, als" ... Jetzt fing mir vor der Ueberstrumnng seiner Gelehrsamkeit ein wenig an angst zu werden. "Du bist zwar der erste, den ich sehe," unterbrach ich ihn mit einer verwunderten Miene, "der seine Unglucksfalle nach der Kunst zu ordnen im Stande, und selbst fahig ist, wie die Spinne, aus dem Stoffe seines eigenen Lebens ein Kunstwerk zu weben; indess rathe ich dir als ein guter Freund, es vor des Hand noch zu verschieben, damit nicht etwa deine Suppe nach den Regeln des Aristoteles kalt werde." "O, der unglucklichen Gabe der Redseligkeit!" brach er nun mit einem Seufzer aus: "Sie ist mir immer in allem, wie mein Genie, im Wege gewesen Sie ist es warum sollte ich es laugnen? die mir und meinem armen Bruder alle warmen Suppen vereitelt hat Denn sehen Sie, mein lieber Herr, ehe ich damals auf meinen angewiesenen Standort kam, erzahlte ich einigen meiner Bekannten im Parterre die Entdeckung, die ich in der Ecke gemacht hatte, ein Nachbar erzahlte sie dem andern, und alle Kopfe drehten sich zuletzt nach der verrathenen Gruppe herum. Auf dem Theater anstatt zu epilogiren, hielt ich mich damit auf, mein Geheimniss erst meinem Bruder, dann unserm Theaterdichter, und dann dem Lichtputzer vorzuschwatzen. Die Zeit verging ich liess das Parterre lange pochen und toben, ehe ich auftrat um meine Nachrede zu halten Ach! ich dachte damals nicht, dass es meine letzte seyn wurde! Durch diesen Aufenthalt, mein Herr, geriethen viele Haushaltungen in Avignon in Unordnung. Jedes kam um eine halbe Stunde zu spat nach Hause, besonders aber die schone Klara. Ja! konnten wir immer in die Kabinette der Grossen blicken, wie viel anders wurden wir uber den Werth ihrer Zeit, und uber den Einfluss, den oft der Verlust einer Minute in ihrer Wirthschaft auf die Regierung der Welt hat, urtheilen! Die kritische Stunde, wo der Domherr seine Freundin erwartete, war verflossen. Er war in die Abendmette gegangen, ohne sie in ihrem Betstuhle zu finden. Sobald er fertig war, eilte er nach Hause, und sie trat nicht vor ihm her, wie sonst. Er rief, fragte, suchte nach ihr, und vermisste sie auf das schrecklichste, und schickte seine ganze Dienerschaft, sogar seinen Koch, aus, sich nach ihr zu erkundigen. Dieser, nachdem er vergebens bei ihrer Tante nachgefragt hatte, stiess von ungefahr auf den Haufen, der unser Schauspiel verliess Er sah das verspatete Madchen an dem Arme des jungen Officiers horte bald ausfuhrlich das Wie und Warum, und brachte es seinem Herrn. Gott weiss mit was fur Zusatzen, zu Ohren. Kein Epilogus sollte ausschwatzen, das habe ich damals gelernt. Der Erfolg zeigte, wie gut es gewesen ware, wenn ich es eher gewusst hatte. Der Domherr hob alle Gemeinschaft mit Klarchen auf, und verwies sie noch diesen Abend aus seinem Sprengel. Sie durfte nicht mehr, wie das Schaf des armen Mannes, auf seinem Schoosse schlafen und aus seiner Schussel essen ..." "Lieber Bruder," fiel ihm hier der Prologus in's Wort, "wurde es nicht gut seyn wenn wir die unsere warm setzen liessen?" "Thue das," antwortete der Redner, "aber unterbrich mich nicht." Und nun fuhr er mit demselben Feuer fort: "Der Unmuth des Domherrn wirkte jetzt schrecklich zuruck auf uns. Er erweckte den Fiskal, klagte uns an als Verfuhrer der Jugend, liess unsere Zettel abreissen, veranstaltete eine Haussuchung, und rachte an uns Unschuldigen das marternde Gefuhl seiner Eifersucht auf die grausamste Art. Die Gerichtsdiener brachen in unsere stille Wohnung ein, bemachtigten sich unserer Dekorationen, unserer Drathpuppen und unserer Papiere.." "Ohne dich zu storen," unterbrach ich hier seine Erzahlung, "deiner Papiere sagst du?" "Ja wohl, unserer Papiere!" wiederholte er und trocknete sich die Stirn. "Wir haben nichts gerettet als was uns im Kopfe blieb haben zwar seitdem unsere Lust- und Trauerspiele noch einmal, aber, stellen Sie Sich vor! als Akten geheftet haben wir sie zu Gesichte bekommen. Die Stellen darin, die immer den meisten Beifall erhielten, waren mit rother Tinte unterstrichen, und der Fiskal hatte sie in eine Liste zusammen gesetzt, die er unser Sundenregister nannte." "So?" sagte ich ernsthaft, und das Herz schlug mir so hoch, dass ich aufstehen musste. "Geht einstweilen hin," sagte ich zu den beiden Brudern: "Wenn ihr gegessen habt, will ich euch weiter horen." Und so eilte ich von ihnen weg in meine Bibliothek, um mich von der schnellen Besturzung, die mich uberfiel, in einem Zimmer zu erholen, das dem Nachdenken gewidmet war. Hier stammte ich meinen Kopf an den Bucherschrank, und fing an mich mit mir selbst ernstlich uber das zu besprechen, was ich so eben vernahm. Das ganze grassliche Schicksal, das meinem Tagebuche drohte, trat mir vor die Augen Ganz gewiss, sagte ich, wird man sich seiner so gut bemachtigen als der Rollen der armen Puppenspieler Man wird es ich ward uber und uber roth bei diesem Gedanken einem gerichtlichen Translator Preis geben, und die ganze Stadt wird die geheimsten Nachrichten deines hiesigen Aufenthaltes, deiner einfaltigen Streiche, und deine kritischen Bemerkungen uber die Narrheiten anderer zu lesen bekommen. Was um aller Barmherzigkeit willen! was sollte wohl aus dir werden, wenn der Propst deinen dogmatischen Handel mit Klarchen, und alle die zweideutigen Vorfalle auf deiner beruhmten Kreuzfahrt ersahe, sie mit rother Tinte unterstriche, und dein Bisschen hautgout das, mit zehn Bogen guter Gedanken verdunnt, auch den feinsten Gaum nicht beleidigen kann, heraus stocherte, und, auf ein Quartblatt zusammen gedrangt, dem Gerichte ubergabe? Ihr Heiligen! Ihr Martyrer der Wahrheit! wendet gutig dieses Ungluck von mir! Ich that mir einen albernen Vorschlag nach dem andern sah immer keinen Ausweg, und gerieth am Ende so in Furcht, dass, hatte ich nur eine so gute Gurgel gehabt als Johannes, ich seine Kolik gewagt und mein bitteres Buch wurde verschluckt haben. Sollte ich es meiner eigenen Wache anvertrauen? Sollte ich mich, oder meinen Bedienten damit ausstopfen? Diese Mittel, flusterte ich mir zu und schlug die Arme in einander, sind schon zu oft da gewesen, um nicht gefahrlich zu seyn. Aber welche unerschopfliche Quelle listiger Einfalle ist nicht das Herz eines Beangstigten! Lass ihm Zeit, und es ergrubelt sich Schlupfwinkel und Ausgange, die dem erfahrensten Schergen unbekannt blieben. Nach einem, nur kurzen Nachdenken, schwand meine Verlegenheit. Ich sah den sichern Ort, den ich suchte, und sah ihn in meiner Nahe. In der weiten Natur hatte ich keinen geschicktern ausfinden konnen, mein verfolgtes Werk zu verbergen. Dem listigsten Jesuiten, dem eifrigsten Inquisitor wurde ein Grausen befallen, wenn er sich diesem Schutzorte nahern, oder seine geweihte Hand darnach ausstrecken sollte. Dir zwar, der meine ganze Wirtschaft kennt, der, frei von Vorurtheilen, keine Nachforschung anstossiger findet als die andere, wird es nicht schwer fallen, schon in voraus meinen Schlupfwinkel zu errathen aber zu meinem Glucke ist hier keine Seele so genau bekannt mit mir, und so verschmitzt wie du; selbst der Propst, selbst der Wachter der Laura nicht.
Ich ging nun ganz ruhig wieder in mein Sprachzimmer, warf mich nachlassig auf meinen Lehnstuhl, rief meiner Leibwache, und forderte nur desto begieriger den Erzahler auf, in seiner tragischen Geschichte fortzufahren, je mehr ich mich in meinem Selbstgesprache uberzeugt hatte, wie nutzlich es sei, aus dem Beispiele eines schon Bestraften den Gang der Justiz zu erfahren, in deren Hande man fallt.
"Sollte es nicht besser seyn," fing jetzt der Epilog mit einer Frage an, die von seinem guten Herzen zeugte, "ich liess den Vorhang uber die Folge unsers erbarmungswurdigen Schicksals fallen, da schon der Anfang, wie ich gesehen habe, Ihre mitleidige Seele so heftig erschuttert hat? Ach, mein Herr, der gute Wein, von dem ich eben herkomme, scheint auch mich zur Wehmuth noch mehr gestimmt zu haben, und ich stehe nicht dafur, dass die Sympathie des Unglucks nicht unter uns.." "Suche dich zu fassen," sprach ich ihm gutmuthig zu, "ich will es auch thun. Massige aber nur, wenn ich bitten darf, deine affektvolle Sprache, und lass lieber, wo er nicht hingehort, deinen tragischen Accent weg; denn ich bin kein Liebhaber von Thranen und Ohnmachten." "Ich will mein moglichstes thun," antwortete er, und hielt, meinen Ohren zur grossen Beruhigung, so ziemlich auch Wort. "Unser Theater," fasste er sich jetzt in's kurze, "wurde geschlossen. Ich und mein armer Bruder wanderten zum Leidwesen der ganzen Stadt in's Gefangniss, und unser unseliger Prozess nahm seinen Anfang. Neunmal wurden wir zum Verhor gefuhrt, ohne dass die Herren unsere Unschuld begreifen wollten. Es wurden lange Reden fur und wider gehalten, und dicke staubige Bucher nachgeschlagen, ehe sich das Gericht uber unser Verbrechen vereinigen konnte. So haben wir, bei Wasser und Brod, sieben schreckliche Wochen hinter eisernen Gittern gesessen, ehe unser Endurtheil gefallt ward. In Rucksicht unsers Unverstandes erklarte der hofliche Prasident endlich in der letzten Sitzung habe das geistliche Tribunal dahin gestimmt, Gute fur Recht ergehen zu lassen. Statt der Leibes- und Lebensstrafe, habe es uns nur mit einer Geldbusse von dreihundert Livres belegt, die wir an die Armenkasse des Domstifts zahlen sollten; und wegen der aufgelaufenen Sitz- und Gerichtskosten habe es seinen Untereinnehmer angewiesen, sich an unsere Effekten zu halten. Wir verstummten beide bei Anhorung dieses gnadigen Bescheids, der uns mit glatten Worten zu dem schmahlichsten Hungertode verdammte. Man liess uns nicht zum Worte kommen der Prasident wies uns aus dem Saale, und wir wurden nun in unsere Wohnung gefuhrt, um die Vollstreckung der Hulfe, wie sie es nennen, mit anzusehen. Ach, mein Herr! konnte man vor Gram sterben, ich wurde den Tag nicht uberlebt haben, an dem ich den vieljahrigen Erwerb unseres sauern Schweisses, die theuere Sammlung unserer mechanischen Kunstwerke, theils in einer offentlichen Versteigerung an Ignoranten verschleudert die Hauptfiguren aber der Rache unsers Klagers geopfert sah! Brutus und Cato, Casar und Pomponius Mela, kamen in die Hande der Juden. Der eine Trodler kaufte den Baum der Erkenntniss der andere den Mond und die Sterne. Die Vogel unter dem Himmel und die Thiere auf dem Felde wurden jetzt Spielwerke der Kinder; und unsere ersten Aeltern verdammte man, auf Verlangen des Domherrn, ihrer Blosse wegen, wie seine Worte waren, zum Feuer. O des einfaltigen boshaften Richters! Vertragt sich denn mit dem Stande der Unschuld ein anderes Costum? und waren denn diese herrlichen Puppen nicht ganz getreue Nachbilder der Natur? Eben das, antwortete er, ware das Strafwurdigste bei der Sache. Es half kein Bitten und Flehen. Sie wurden beide von den Schergen ergriffen und o des Barbaren! vor unserer Hausthure verbrannt. Entschuldigen Sie, mein Herr, die Thranen, der ich mich noch jetzt nicht enthalten kann ihrem Andenken zu weihen. Man vergass, dass es Drathpuppen waren. Eva in der ungestorten Bluthe weiblicher Schonheit, und gebaut wie ein Dockchen! und Adam man konnte nicht auf ihn Hinblicken, ohne in ihm den Herrn der Welt zu erkennen! Der Stand der Unschuld ist auf ewig dahin. Das haben wir der Klerisei zu verdanken. Sie Zertrummerte es ist ihre Art die ganze Schopfung mit lachendem Muthe, um zu ihren Sporteln zu gelangen. Die Strafe der dreihundert Livres, der verwikkeltste Knoten unsers Trauerspiels, blieb indess noch immer ungelost. Der Held, der ihn zerhauen sollte, trat auf. Stellen Sie Sich, mein Herr, wenn Ihre Einbildungskraft so weit reicht, unsere Empfindung vor, als nun an den Schranken, vor denen wir knieten wie ein Gott aus den Wolken eben der junge Officier erschien, der vor sieben Wochen in unserm Parterre mit so viel Bequemlichkeit die Erschaffung des Weibes belauschte mit dem Erbieten erschien, uns der Armenkasse abzukaufen. Der Handel wurde vor unsern Augen geschlossen. Verrathen, konfiscirt und verkauft, wie unser Casar und Cato, wurden wir von dem Werber abgefuhrt gemessen in Lumpen gesteckt, die wir uns gescheut hatten unserm Belisar anzuziehen und befinden uns seitdem unter der papstlichen Garde. Aber horen Sie noch, mein Herr, auf was fur einem Fuss! Von der armseligsten Lohnung, die je den Sklaven unseres Standes gereicht wurde, zieht der Barbar, der uns kaufte, noch monatlich die Halfte so lange ab, bis wir dadurch unsern eigenen Ankauf ihm ersetzt haben. O des niedertrachtigen jungen Mannes! Doch er wird seinen Menschenhandel theuer genug bussen, das ist noch unser Trost! der Trost unserer Rache! Bei dem langsamen Tode, den er uns auflegt, wird uns hoffentlich der Hunger immer noch eher ins Grab bringen, ehe sein abscheulicher Vorschuss erstattet sehn wird."
"Bastian," rief ich hier meinem Bedienten zu, und wischte mir die Augen, "ich sage dir, lass diesen armen Leuten nichts abgehen so lange sie mich bewachen. Schaffe ihnen der Nahrung so viel als sie verlangen, und starke ihre Herzen durch geistiges Getranke. Fordere, wenn du es holst, von dem Kommunionweine; denn in diesem vermaledeiten Lande, weiss ich, ist es, nach einem andern Verhaltnisse als bei uns der beste, weil es nur Pfaffen sind die ihn trinken."
Eine sussere menschliche Empfindung nahm jetzt den Platz der Rache ein, die diese armen Wichte an ihrem Hauptmanne zu nehmen gedachten. "Gott segne Sie, grossmuthiger Herr," sagte der eine, "fur Ihr Mitleiden gegen ein paar der betrubtesten Lustigmacher, die je die Erde getragen hat!" "Die Klerisei," sagte der andere, "hat alle unsere Schatze geraubt nur die guten Perlen nicht, die jetzt unsern Augen entfallen. Wir fuhlen, dass wir nicht ganz arm sind fuhlen in diesem ruhrenden Augenblicke, dass wir noch ein Herz haben, das Ihrer Achtung und Ihrer Gute nicht unwurdig ist." "Kinder! steht auf!" unterbrach ich den Strom ihrer Empfindungen, indem ich jedem eine Hand reichte, um ihn von dem Boden aufzuheben, auf dem sie vor mir, wie vor dem Bilde eines Heiligen, lagen. "Vergesst euer Ungluck bei der frischen Flasche die eurer wartet Lasst es euch wohl schmecken, und erinnert Bastian, wenn er euch versorgt hat, dass er mir mein Tintenfass fulle." Ich sah den beiden verbruderten Trauergestalten ernsthaft nach, wie sie unter Thranen und Lacheln sich von mir wendeten, und Hand in Hand auf ihren Posten zuruck schlichen, und verfiel, ach wahrlich nicht ohne Ursache! von einem wehmuthigen Gedanken in den andern.
So finde ich denn wieder einmal, dachte ich, Talente dem Kummer frohliche Menschen missgunstigen Heuchlern gutmuthige Geschopfe dem Hungertode preis gegeben! O ihr unglucklichsten aller Puppenspieler! So blieben denn auch eure schonen Tiraden und Denkspruche uber Grossmuth und Mitleid, die ihr taglich euern Zuhorern warm an das Herz legtet ohne Frucht? So dachte denn keine Seele daran, euch nur Einen der lustigen Abende zu vergelten, deren ihr im Schweisse eures Angesichts so viele unter eure leichtsinnigen Mitburger vertheiltet? So ruhrte denn euer sprechendes Elend nicht Einen eurer Bekannten bis zu einem freiwilligen Beitrage zur Hinfristung eures Lebens, den sie sonst, ohne nachzurechnen, dem Vergang einer mussigen Stunde opferten, und den sie sich am Maule ersparten, um ihn an eure holzernen Trauerspiele zu wenden? O der Thoren! die erst Dichter, Maschinen und Puppen nothig haben, um die susse Frucht des Mitleids ihrem Gaumen schmackhaft zu machen! die, indem sie sich nach dem Schauplatze drangen, um fur ihren Gulden uber den nachgeafften Tod des Ugelino zu weinen, mit trockenen Augen das arme Geschopf am Wege vorbeigehn, das nur dieses Almosens bedarf, um nicht inzwischen, wie er, zu verschmachten! Unglaublicher Widerspruch des menschlichen Herzens, das, machtiger geruhrt durch sinnlichen Betrug als durch die schreiendste Wahrheit, kalt und grausam gegen bruderliches Elend, nur gerechtes Erbarmen fur das fuhlt, das langst uberstanden und aus der fabelhaften Vorzeit entlehnt ist! Ihr armen Martyrer einer unschuldigen Freude! wendete sich jetzt mein bewegtes Herz an die unglucklichen Bruder; da euch eure nichtswurdigen Landsleute verlassen, so will ich von meinem Kerker aus euer Freund werden, und, wenn mich Gott diese Nacht uberleben lasst, sollt ihr schon selbst zu euerm morgenden Fruhstucke von den Pasteten essen, die euer schandlicher Theseus so oft eurer Nase vorbei trug. Wie viel bin ich euch nicht fur die so lebhafte Darstellung euers erbarmlichen Schicksals schuldig, das mich mehr geruhrt hat als das regelmassigste Stuck auf dem besten Theater! Es hat mich ganz wieder mit dem kleinen Unfalle versohnt, der mich unter eure glimpfliche Bewachung gebracht hat. Vorzuglich aber habt ihr euch, ohne es zu ahnden, um mich, um meinen Eduard, und vielleicht um die Nachwelt, auf das beste verdient gemacht, indem ihr mein Tagebuch, das durch die Aufbewahrung eurer Geschichte allein schon lehrreich seyn wurde, von seinem schmahlichen Untergange rettet. Wahrlich das soll euch nicht unbelohnt bleiben!
Ich schlug mit diesen Worten in grosser Bewegung meine Augen gen Himmel, fuhlte, dass ich auf dem Wege war eine edelmuthige Handlung zu begehen, und kann Dir nicht sagen, Eduard, was es mir fur Freude machte, noch etwas Gutes aus meiner verworrenen Historie mit Klarchen entstehen zu sehen. Denn das ist gewiss, ohne meinen neugierigen Ausfall auf ihre Tugend und Schonheit, ohne meine Zudringlichkeit in den Kirchensprengel des Propstes, ohne meinen Feuereifer gegen das kasuistische Gesindel, ware ich wohl schwerlich in die Bekanntschaft der beiden trubseligen Puppenspieler gerathen. Wie hatte ich ihnen helfen, wie hatte sich der edle Gedanke bei mir entwickeln sollen, der jetzt meine ganze Seele erwarmt, und mich zur Lebenserhaltung zweier ehrlicher und gut organisirter Menschen anspornt, die, so Gott will, der Natur und der Welt den Zuschuss meiner Descendenz doppelt ersetzen werden, um die wahrscheinlich mein schreckhafter Traum auf dem Sopha die hiesige Gemeinde gebracht hat?
Diese lachende Aussicht, die ich im Hintergrunde entdeckte, reizte mich noch mehr, die Wildniss durchzuhauen, die mich vor der Hand noch umgab. Aber, grosser Gott! wie sollte ich es anfangen? Das Nothwendigste schien nur indess immer zu seyn, meine Papiere in Sicherheit zu bringen. Ich ergriff nun, ohne mich langer zu besinnen, die sammtlichen Kriminalakten meines Tagebuchs, rollte sie und schnurte sie mit Klarchens blauem Strumpfbande bis auf den Bogen zusammen, woran ich schreibe, und so mussten diese meine offenherzigen Bekenntnisse sich so lange biegen und schmiegen, bis sie glucklich obgleich ein wenig gezwangt an den Zufluchtsort, den ich ihnen anwies, und den Du langst errathen hast, glucklich in den hohlen Gypskopf des guten Rousseau gelangten. Ich konnte mich unmoglich des Lachens erwehren, als ich die Buste wieder an ihren Ort gestellt hatte, nun vor ihr stand, und die ernsthafte Miene, die sie mir zuwarf, mit den Possen verglich, die dahinter versteckt waren. Ach! sagte ich, hatten sie ihren Platz in dem Kopfe dieses Mannes gefunden als er noch lebte! hatte der fluchtige Geist meines leichtsinnigen Werkchens die verstopften Rohren seines trockenen Gehirns bespult und geoffnet, der Durchgang durch die Welt ware ihm gewiss nicht halb so sauer nicht schwerer geworden als mir. Seine traurigen B e k e n n t n i s s e wurden nicht so in's Schwarze gemalt, und sein Bild nicht mit so tiefen Furchen entstellt auf die neugierige Nachwelt kommen. Aber alsdann, begreife ich wohl, war' er auch nicht Rousseau gewesen hatte zwar, wie ein Eichhornchen an einer seidenen Schnur, den Kindern zum Spielwerk dienen Zuckerbrod aus den Handen eines tandelnden Madchens erlauschen, und manche trauliche Stunde in dem Schauer ihres Halstuches verschlummern konnen nur ware er nicht als Elephant mit zermalmenden Schritten uber unsere verdorbene Erde getrabt, und hatte nicht das Erstaunen seiner Zeitgenossen erweckt, denen die Erscheinung eines solchen Denkers eben so unerwartet als ungelegen war.
Ich musste mich mit Gewalt von seiner Buste entfernen, um den Gedanken an ihn los zu werden, und nicht in seinen Ernst zu verfallen, den ich fur mein morgendes Verhor fur viel zu gut hielt. Die Stimmung, in die mich der Prologus und sein Bruder versetzt hatten, mochte wohl Schuld seyn, dass ich mich lange nicht uberwinden konnte, an meinen Vorstand vor Gericht anders zu denken als an ein Puppenspiel. So setzen wir hinterher noch alles auf Noten, beten unter einem Triller, und schlafen nach dem Takt ein wenn wir eben aus einem Koncerte gekommen sind. Hatte ich mich gehen gelassen, ich mochte wohl wissen was morgen aus mir geworden ware! Zu meinem grossen Glucke hatte ich, wahrend meiner aussern und innern Thatigkeit, mein abgebranntes Licht ubersehen. Es senkte sich sprudelte und verlosch, ehe ich nach einem andern rufen konnte. Unterdess Bastian es zurecht machte, nothigte mich die Dunkelheit denn ich konnte weder den Amor noch seinen Praceptor erkennen meinen Armstuhl zu suchen. Diese kleine Ruhe, so vorubergehend sie auch war, gab doch den Ausschlag. In den drei oder vier zerstreuungslosen Minuten, die mir Bastian gonnte, verdunstete meine Verwegenheit ganz, die auch hier wie anderwarts nur Sache des Bluts war.
Das Verhor, das mir bevorstand, kam mir lange nicht mehr so lustig vor. Die Herren, gegen die ich mich verantworten sollte, so sehr ich sie auch fur Komodianten hielt, schienen mir doch ungleich mehr Freude an tragischen Ausgangen zu haben als an Farcen. Selbst nach dem langsamen Gange der hiesigen Rechtspflege, wie mir ihn meine Wache vorgezeichnet hatte, war immer eher auf ein Kerkerfieber zu rechnen, als auf ein Absolutorium. Ich verschwieg mir nicht, dass meine Vergehungen ungleich wichtiger waren als die ihrigen, und dass ein hamischer Referent nicht einmal viel Geschicklichkeit nothig habe, um aus den Beweisen, die Wider mich da lagen, und aus meinem eigenen Gestandnisse, das ich ungefragt schon abgelegt hatte, ein Verbrechen zusammen zu setzen, uber das wohl selbst das Kammergericht zu Berlin grosse Augen machen, und, bei aller seiner Liebe zur Gelindigkeit, ohne einen Kabinets-Befehl nicht wagen wurde mich loszusprechen.
Den guten Einfallen, die mir der Kirchner aus Unkenntniss meiner Verhaltnisse, oder vielleicht nur darum empfahl, weil sie Ihm am meisten behagten, stand leider die trostlose Konfiskation im Wege, die der Propst schon vorlaufig uber meine Habseligkeiten gesprochen hatte. Was in aller Welt sollte mich also gegen die Religion meiner Gegner schutzen? eine Religion, die, wider allen Rittergebrauch, die Waffen in Beschlag nimmt, noch ehe sie den Handschuh hinwirft. Ich kratzte mich einmal uber das andere hinter den Ohren, runzelte die Stirn arger als Rousseau, und uberzahlte kleinmuthig die wenigen Stunden, die mir, nach abgerechneter Nacht, nur noch frei blieben, mich in Vertheidigungsstand zu setzen. Ich fuhlte die Notwendigkeit immer dringender werden, einen gescheidten Plan zu entwerfen; doch, sobald ich alle die Schwierigkeiten der Ausfuhrung ubersah, vergingen mir die Gedanken, und ich schien mir ohne Rettung verloren. Meine Einbildungskraft, je geschaftiger sie war, mir die Klagrede nach ihrem ganzen schreckhaften Inhalte vorzuhalten, mit der mich der Prokurator auf morgen bedroht hatte, machte es meinem armen Verstande nur desto unmoglicher, etwas kluges und bewahrtes darauf zu antworten. Mein leichtsinniger Muth fing an gewaltig zu sinken. Naturlich stieg, nach dem Gesetze der Schwere, nun auch dafur meine Furcht desto hoher. Nur ein Wunder, rief ich in einer Art von Verzweiflung, kann dich aus dieser hollischen Verlegenheit ziehen; und Dank, freundlicher Dank sei dem leeren Schalle, der mir entfiel! Wie mag es doch zugehen, dass oft das sinnloseste Wort, das der Zunge entschlupft, unsere Seele so machtig ergreift, und Gedanken und Entschliessungen bewirkt, nach denen wir mit der grossten Anstrengung unsers Geistes vergebens herum tappen? Ein Wunder? wiederholte ich mir mit hinstaunendem Nachdenken Und ware es denn so unmoglich, dass dir eins gelange, das kraftig genug ware deine Widersacher zu Boden zu schlagen? Ich ging eine Weile alle Wundergeschichten durch, so viel mir deren bekannt waren; keine aber wollte auf meine Krafte und meinen Zustand passen. Wenn du, sagte ich launig zu mir, zum Fenster hinaus sprangest, so ware es zwar ein W u n d e r , wenn du nicht den Hals brachest: aber selbst dann zu was wurde dir es helfen? Der Pobel da du doch nicht uber die Stadt springen kannst wurde dich zeitig genug einfangen, dich der alten Aufseherin auf's schimpflichste ausliefern, und der Propst und der Prokurator wurden in dem Versuche deiner Flucht nur einen Beweis mehr wider dich aufstellen. Nein! das ist nichts, fertigte ich mich ab, ohne jedoch mude zu werden, mir immer neue und eben so unsinnige Vorschlage zu thun. Ein Klugerer als ich, hatte gewiss keine Minute langer mit diesen Albernheiten verloren, und hatte unrecht gethan. Ich habe aber das Gute an mir, dass, ungeachtet ich in meinem alltaglichen Leben, und in dem gemeinen Umgange mit andern, nur wenig auf den Zusammenhang der Dinge achte, die in Gesellschaften verarbeitet werden ich mich selbst so wenig als meinen Nachbar auffordere, die dunkeln Begriffe des Gesprachs, um das sich oft die andern bis zum Schwindel drehen in's Klare zu setzen, und mit Einem Worte die Kraft meines Nachdenkens schone; so kann ich dagegen, wenn es seyn muss, auch meinem Kopfe eher etwas zumuthen als viele andere; und das kam mir auch diessmal gar sehr zu Statten.
Sollte Dir dieses einer Prahlerei ahnlich sehen, so entschuldige sie mit meinen grossen Erwartungen, und bedenke nur was ich vorhabe! Dagegen will ich auch in so weit wieder einlenken und Dir eingestehen, dass, so gut ich auch meine Massregeln genommen, und so fest ich hoffe, dass mir mein Wunder um vieles, besser gelingen soll, als dem Kapellan der Grafin Bentink das seinige31 es doch bei allem dem selbst in dem albernen Lande, dem ich es zuwenden will, immer ein Wagestuck bleibt. Mehr darf ich Dir vor der Hand nicht daruber sagen, um Dir weder zu viel Hoffnung, noch zu viel Angst zu machen. Von einer Person, die dabei mit in's Spiel kommen wird, muss ich jedoch noch ein Wort fallen lassen, damit Du nicht zu sehr erschrickst, wenn sie auftritt ich meine den Domherrn, den ich auf morgen fruh neun Uhr, als der Stunde meines Verhors, durch ein Handbriefchen eingeladen habe, dieser ubernaturlichen Ereignung beizuwohnen. Ausser dem dass ich nichts weniger thun kann, ihm die Hoflichkeit seines Hochamts zu erwiedern, bin ich seiner Gegenwart bei meinem Vorhaben so benothigt, dass ich alles zuruck nehme, was ich in den vorigen Blattern von seiner Unbrauchbarkeit zu allen Geschaften viel zu voreilig geurtheilt habe. Er steht jetzt sogar in meiner Rechnung unter den drei elenden Menschen, die ich Dir, mit Deiner Erlaubniss, als meine hiesigen Freunde vorstellte, obenan. Die nahere Bekanntschaft seiner, die ich der Plauderhaftigkeit meiner Wache verdanke, zeigt mir ihn jetzt in einem Lichte, das den Buchhandler sowohl als den Kirchner gewaltig in Schatten setzt. Ich gestehe, ich hielt ihn bisher ungerechter Weise fur nichts mehr, als einen aufgeblasenen aberglaubischen Schwachkopf mochte seit dem Tage, wo er mir am Feste der Genoveva den Possen spielte, nichts weiter mit ihm zu thun haben, und begriff nicht, wie mich der Bischof von Nimes mit gutem Gewissen an einen so unbedeutenden Menschen hatte empfehlen konnen. Jetzt aber, da mir ihn der Epilogus auch noch als einen boshaften, wollustigen, rachgierigen und furchtsamen Mann geschildert hat, der sich aber auf sein grosses Pferd setzen kann, wenn ihm ein anderer den Zaum halt, scheint mir die Empfehlung des guten Bischofs sehr richtig, und genau auf seine Kenntniss des hiesigen Lokals berechnet; und ich musste mir wohl selbst gram seyn, wenn ich noch langer versaumen wollte, diese Eigenschaften eines ausgebildeten, und dem hier herrschenden Gemeingeiste so angemessenen Charakters, in Thatigkeit zu setzen, um meine Verfolger mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Sage nur also niemand, dass dieser und jener in der Welt zu nichts tauge! Es ist der Irrthum schwacher Regenten. Selbst die Krote, vor der Dich ekelt, dient Dir zum Ableiter giftiger, und Deinem Korper schadlicher Dunste; und musst Du nicht jeden Bettler, der Dein Mitleiden erregt, als Deinen Wohlthater betrachten, wenn Du anders ein Freund gutmuthiger Empfindungen bist? Sprich offenherzig, ob nicht der Blodsinnige der Schwarmer der Tugend-Talent- und Geschmacklose Deinem hungrigen Stolze die beste Nahrung gewahren? ob die Vergleichung ihrer Fehler mit Deinen Vorzugen Dir nicht manche Stunde erheitert? und ob es Deinen schwachen Augen nicht sanfter thut, auf die Dunkelheit derer, die unter Dir stehen, als in den Glanz jener zu blicken, die Fleiss, Natur und Erziehung neben Dich oder uber Dich gestellt haben? Ich habe jetzt keine Zeit diess Thema auszufuhren; aber ich wunschte, Eduard, es ubernahme es ein anderer geschickter Kopf: denn es schwebt mir wie im Dunkeln vor, dass man leicht, bei weiterm Nachdenken daruber, auf den rechten Weg kommen wurde, den man einschlagen muss, um kein Mitgeschopf zu verachten, und mit der ganzen Welt Freundschaft zu halten.
Der Domherr, dem ich diese menschenfreundliche Ausschweifung verdanke, hat mir eben geantwortet. Er will zur gesetzten Stunde erscheinen. Das uberhebt mich nun der Muhe, diesen Bogen ob er gleich, wenn er meinen Feinden in die Hande gerieth, so gut seyn wurde wie ein Steckbrief zu seinen Vorlaufern zu gesellen, denen selbst, so viel ihrer sind, ich ganz wohl ihre Freiheit wieder geben konnte, ware es nicht einerlei, ob sie diese Nacht in Rousseaus Kopfe Herbergen, oder auf meinem Schreibtische. Denn da ich nun sicher bin, lieber Eduard, dass der Mann im Purpur meinem Verhore beiwohnen wird, so sind, glaube ich, die Anstalten zu meinem Wunder so gut getroffen, dass ich sehr wenig von den Puppenspielern musste gelernt haben, wenn es schief ablaufen sollte. Nur noch eine einzige Kleinigkeit geht mir ab das ist meine Defension in einer Gegenrede an den Prokurator, die ich, mit Deiner Erlaubniss, Eduard, aus dem Kopfe zu Papier und von dem Papiere wieder in den Kopf bringen muss, ehe ich ruhig und mit der vollen Gewissheit zu Bette gehen darf morgen das ganze Winkelgericht zu meinen Fussen zu sehen.
Fussnoten
1 Er suchte die Apokalypse zu erklaren, und brachte, wie es scheint, der menschlichen Schwachheit diess Opfer, um sich, wegen seiner uberschwenglichen Grosse, mit den Menschen auszusohnen. 2 Nach einer Stelle des Cicero pr. Archia Cap. 7. Haec studia adolescentiam alunt, senectutem oblectant, secundas res ornant, in adversis solatium praebent. 3 Er starb in hohem Alter, und, wie seine Sektion bewies, ohne je, bei vollkommnem Zustande der Mannheit, ihren Forderungen untergelegen zu haben. 4 Der Kardinal von Polignac, der den Antilukrez geschrieben. 5 Ring des Papstes, womit die apostolischen Breve besiegelt werden. Das Siegel stellt den heiligen Petrus als einen Fischer vor. 6 Ein Paar neumodische Handschuhe, die Sara Jennings, vermahlte Herzogin von Marlborough, sich weigerte ihrer Freundin, der Konigin Anna, abzutreten, verursachten in einer Reihe von Folgen die grosse Revolution, durch die Philipp der Funfte auf dem spaschlossen, der verdunkelte Ruhm Ludwigs des Vierzehnten wieder hergestellt, und die stolzen Hoffnungen seiner Feinde vereitelt wurden. Der Keim dieser grossen Begebenheiten kam aus den Handen eines armseligen franzosischen Beutlers, dem es nicht traumte, was fur gluckliche Folgen fur seinen Konig und fur sein Vaterland der Zufall auf sein Tagewerk legen wurde. 7 Erst in neuern Zeiten wird das Hohe Lieb fur das gehalten was es ist, nachdem mystische Andacht ihr Spiel lange genug damit getrieben hat. 8 Au Monomotapa, quand le roi eternue, tous les courtisans sont par politesse obliges d'eternuer. L'eternuement gagnant de la cour a la ville, et de la ville aux provinces, tout l'empire paroit afflige d'un rhume general. H e l v e t i u s d e l ' E s p r i t p.m. 118. 9 L'An deux mille quatre cent quarante, par M. Mercier. 10 Scilicet ut careat rugarum crimine venter,
Sternatur pugnae tristis arena tuae.
O v i d . A m o r . lib. 2. eleg. 14. v. 7, 8.
11 Voltaire. 12 S la Pucelle chant 14. 13 Franz der Erste, Konig von Frankreich. 14 Il est permis d'user des termes ambigus en les faisant entendre en un autre sens qu'on ne les entend soi-meme. On peut jurer qu'on n'a pas faite une chose, quoiqu'on l'ait faite effectivement, en entendant en soi-meme, qu'on ne l'a pas faite un certain jour, ou avant qu'on fut ne. Cela est fort commode en beaucoup de rencontres et est toujours tres juste, quand cela est necessaire pour la sante, l'honneur ou le bien.
S a n c h e z O p p . p. 2. 1. 3. c. 6. n. 13.
15 Die offentliche Buhlerin Alexanders des Sechsten, und Mutter des Casar Borgia, seines Sohnes. 16 S. Eccardi Corpus historic. medii aevi, wo dieses Tagebuch, das sich selten gemacht hat, abgedruckt ist. 17 Eunuch. Act. 3. Sc. 3. 18 Der Gott der Garten. 19 Der Name des Landguts, wo Rousseau starb, und in dem Garten daselbst, auf einer kleinen Insel begraben liegt, die eine der schonsten Partien des Gartens ausmacht. 20 Mancini. 21 Diesen Ausdruck, den ich damals gebrauchte, hat unser Wieland seitdem so Mode gemacht, dass ich ihn sogar vor einiger Zeit in der Predigt eines Kandidaten von der Kanzel gehort habe. 22 Wahrend seiner Hierarchie ward Amerika entdeckt. Als Statthalter Gottes bestatigte er dem Eroberer den eigenthumlichen Besitz durch einen Schenkungsbrief, und uberschwemmte sogleich den neuen Welttheil mit Monchen, die fur das Evangelium, das sie dahin trugen, im Tausch jene ungluckliche Krankheit zuruck brachten, die selbst die ersten Quellen der Natur vergiftet. 23 Ein gewagtes Wort fur etoffer. 24 Nicht die Todtenliste von Nicolaus Klim, sondern die meines Freundes Nicolai in Berlin, die vielleicht den grossten Raum der allgemeinen deutschen Bibliothek einnimmt. 25 Ein ehemals sehr beruhmter Schauspieler auf dem italienischen Theater zu Paris, der im gemeinen Leben von einem ernsthaften und festen Charakter war. 26 Fleury imagina de lui faire voir des peintures lademoiselle R. dont le talent etoit connu pour peindre de belles nudites, d'apporter des desseins de la nature en action. On alla plus loin; on chercha les sculptures les plus obscenes, pour qu'il put les palper et les voir dans tous les sens, et qu'il ne fut point entrepris, lorsque la princesse polonoise, aussi neuve et aussi modeste que lui, seroit arrivee. Douze tableaux, dessines et peints par l'habile peintre de graces, et representant les amours des patriarches, furent donc places dans un lieu ou la curiosite pouvoit engager le prince dans un moment de solitude, a y jeter les yeux. On representoit dans le premier numero l'innocente societe d'un berger et d'une bergere; dans le numero suivant on voyoit dans le berger une passion naissante, des regards, quelques libertes galantes; le numero troisieme representoit des attouchemens. Dans le quatrieme le berger cherchent autre chose; et ainsi de suite jusques au grand denouement Madame de Prie etoit partie pour Strasbourg pour apprendre la meme chose a la princesse, etc.
M e m o i r e s d e R i c h e l i e u Tom. IV. p. 51.
52. 53.
27 Vid Cl. Salmasii Epistola ad Andr. Colvium super Cap. XI. primae ad Corinth. Epistol. de Caeofficina Elzevirorum MDCXLIV. p. 643. Helveticus etiam virilis scite sexum discernit expressa parte in braccis quae virum facit. Apud nos olim talis fuit. In quibusdam etiam Galliae locis nuptae in capitis cultu supra frontem praeferunt pro insigni quo distinguantur ab innuptis, virilis membri figura. Viduae inversam eam habent, maritae rectam. Non ad haec pudenda descendendum est ut veste utamur aut ornatu sexus discrimen nimis exacte et graphice repraesentante. Nuditas ut est simplicior, non est etiam multo turpior etc. 28 Vid. Memoires de Richelieu Tom. VI. p. 52. 29 S. Physiognomische Fragmente zweiten Versuch, S. 122, wo man auch das Portrat der Dame sehen kann, an der diese Kraft geruhmt wird. 30 So heisst die aus Verwunschungen und Fluchen zusammengesetzte Schrift, welche seit Jahrhunderten alle grune Donnerstage in Gegenwart der Papste, wider alle diejenigen verlesen wird, die sie mit dem Namen Ketzer beehren. Am Ende derselben wird eine brennende Fackel auf die Erde als Sinnbild des Bannstrahls geworfen, den sie im Geiste uber die anders denkenden schleudern. Ein herzerhebendes Fest zu Rom! 31 Siehe den launigen Brief Voltair's an den Konig von Preussen in seinen questions sur l'Encyclopedie, unter dem Artikel miracles modernes.
Dritter Band
Dritter Theil.
Avignon.
Den 8ten Januar.
Wirf Dich in den Staub nieder vor dem Blatte, das Du hier empfangst, Eduard! Folge in Demuth der stolzen Feder, die es beruhrt, und trenne es, als ein Heiligthum, von der Gemeinschaft der ubrigen Blatter, wenn Du einmal so glucklich seyn wirst, mein Tagebuch zu besitzen. Welchen Genuss von Glorie opfere ich Dir nicht mit der Stunde auf, die ich Deiner Neugier widme! Fuhle es einmal ganz, wie sehr ich Dein Freund bin!
Mein Wunder ist gethan, und ich bin frei! nicht frei, wie ein entlassener Sklave, sondern wie ein Konig. Du nur haltst mich ab, dass ich nicht jetzt die Gassen durchfliege, und Tausenden, die, mir zur Seite, auf ihre Knie fallen, meinen Segen ertheile. Was fur ein machtiger Sterblicher ist nicht ein Wunderthater unter einem s o l c h e n Volke! Ich durfte nur winken und ich schmauste bei allen Pralaten dieses glucklichen Staats, und jede Mutter wurde mir freundlich die Kammer ihrer beneideten Tochter eroffnen. Von dem Sonnenplatze an bis zum Grabe der Laura wo ich nur weilte und wandelte, werden die Wege gekehrt und die Platze geschmuckt. Mein Haus Choren, wie das Haus zu Loretto. Auf der Treppe auf dem Vorsaale lauern Schaaren von bluhenden Jungfrauen, werfen mir Kusse und Blumen zu, so oft ich mich zeige, und bitten um das Gegengeschenk meiner Kreuze.
Und woher kommt denn dieser Unterschied zwischen Gestern und Heute? Woher diese zugellose Bewunderung dieser Aufruhr von Ehrfurcht, die mich auf den wankenden Thron von Avignon heben? Wie entstand dieser schnelle Uebergang aus der Sklaverei eines alten Weibes zu der Herrschaft uber die Gemuther? Wie bildete sich diese Masse von grossen Wirkungen? Wie entwickelte sie sich in dieser Spanne von Zeit? Durch frommen Betrug! Du sollst es gleich horen, Eduard, wenn ich nur vor dem Larmen der Hymnen, die aus allen Ecken zu meinem Ruhme ertonen, zum Worte kommen kann.
Der entscheidende Morgen war erschienen. Da trat Bastian, zitternd und blass, wie der Diener des Kanzlers Morus, mir vor das Bette, fragte mich nach einer ernsten Pause, ob ich mich etwan in Schwarz kleiden wollte? und staunte mich an, und riss das Maul auf, wie eine Maske von Schlutern, an dem koniglichen Schlosse zu Berlin, als ich ihm statt aller Antwort in das Gesicht lachte, und auf meine gewohnliche Kleidung hinwies. Sobald ich mit meinem Anzuge fertig war, setzte ich mich in meinen Lehnstuhl, legte meine Uhr vor mir auf den Tisch, und sah dem Possenspiele, das meiner wartete, ruhig entgegen. Ich beschaftigte mich still mit der ungewohnten Rolle, die ich darin spielen sollte, uberlas meine Rede, mochte wohl eine Stunde so da gesessen haben, und uberzeugte mich eben auf meiner Uhr, dass ich nur noch eine bis zur Eroffnung meines Verhors zu meinen fernern Betrachtungen ubrig behielt als sich die Thuren meines Gefangnisses entriegelten, und meine Anklager, Richter und Zeugen herein traten der Propst und der Prokurator, die alte Bertilia in der Mitte, und ihre Nichte zum Schlusse. Hatte mich ihr Besuch, den ich so fruh nicht erwarten konnte, uberrascht, so that es die kalte gerichtliche Wurde noch mehr, die sie mitbrachten. Beides stand nicht in meiner Rechnung; doch angstigte mich der jetzt sehr wahrscheinliche Fall am meisten, mein Schutzengel der Domherr, mochte zu meiner Hulfe zu spat kommen.
Der Propst naherte sich gravitatisch dem Tische, warf sich in meinen Armstuhl, ohne die Verbeugung zu erwiedern, mit der ich ihm meinen weichen Platz uberliess. Der Prokurator zog erst das Koncept seiner Ruge, dann die funf bis sechs Bogen aus seinem Busen, die zum Protokoll meiner Aussagen bestimmt schienen legte seine Brille auf den Tisch, seine Akten darneben, und pflanzte sich, so lang und durr wie er war, zur Linken des wohl beleibten Prasidenten. Die keichende Tante schob ihren Stuhl an die eine Seite des Kamins, mitten unter die Beweise meines Verbrechens, auf die sie gallensuchtig hinblickte, ohne, zu meinem Glucke, zu ahnden, was fur weit wichtigere sich eben so nahe bei ihr, unter der Buste eines Mannes versteckt hielten, der gar nicht wie ein Verrather aussah. Klarchen mit ihrer unbefangenen Miene, setzte sich, auf der Gegenseite, parallel mit ihrer wurdigen Tante. So drangte mich von selbst die Ordnung, in der sie sich zu setzen beliebten, auf den einzigen Standpunkt, der mir zwischen den beiden Damen noch frei blieb. Der Aschenhaufen der Kasuisten lag mir im Rucken, und der Kopf meines Freundes und Hehlers ragte hoch uber dem meinen hervor, und blickte mit mir zugleich dem Propst in die Augen, ohne ihn in seinem Anstande irre zu machen. Er wurde es ubel nehmen, wenn man nur so etwas von ihm glauben konnte. So stand ich vor diesem Winkelgerichte, aus Mangel eines ubrigen Stuhls, kerzengerade, und machte mir eine Weile den Spass, durch mein schuchternes, gedemuthigtes Aussehn ihren gerichtlichen Hochmuth zu kitzeln. Als aber der Prologus die Federn der Epilogus die Tinte gebracht sich sogar der Prokurator gesetzt hatte, und der Propst sich schon anschickte zu sprechen, und noch immer kein Auge sich hoflich nach einem Sitze fur mich umsah so erschreckte ich auf einmal die beiden Damen, die neben mir sassen, durch den vornehmen Anstand, in den ich uberging klingelte nach Bastian, und befahl ihm zwei Stuhle zu bringen. "Es ist schon an Einem zu viel," rief der strenge Richter ihm nach; aber Bastian benahm sich so ungeschickt, dass er auf Gefahr des Kirchenbanns meinen Befehl punktlich befolgte.
Stille Erwartung herrschte nun in unserm Kreise, und der Propst fing zur Einleitung an, uns die Absicht dieser Zusammenkunft bekannt zu machen, ob sie uns gleich allen mehr als zu gut bekannt war, und die Pflichten und Rechte, die ihm, als Aufseher aller milden Stiftungen, in diesem Hause zustanden, mit geheimem Wohlgefallen zu zergliedern. Ich merkte es dem Narren bald ab, dass er mit dem, was er seinem Richteramte schuldig zu seyn glaubte, zugleich die Nebenabsicht verband, den hohen Vorzugen seines Verstandes und dem Talente seiner beredten Zunge gegen einen Auslander die moglichste Ehre zu machen, und dem armen Sunder noch einen grossen Begriff von seinem erhabenen Genie und seiner Wohlredenheit mit auf den Weg zu geben. Wir stimmten diessmal vortrefflich zusammen; denn mir war viel zu viel daran gelegen sein Geschwatz zu verlangern, als dass ich den geringsten Anstand hatte nehmen sollen, jede noch so schiefe Wendung, die er seinen Satzen gab, mit dem beifalligsten Lacheln jede noch so schwulstige Redensart mit einem Blicke des Erstaunens zu belohnen. Ja, als er sich einmal in einer Periode so hoch verstieg, dass er einen Brocken nach dem andern ergreifen musste, um sich nur mit Ehren wieder herunter zu helfen, und der Schwall von Worten, die ihm daruber nachrollten, das unleidlichste Geklirr in meinen Ohren erregte war ich boshaft genug, dass ich wie begeistert mich seitwarts nach dem guten Rousseau umwendete ihn mitleidig ansah, und die Achseln zuckte. Nie habe ich so grob einem Wortkramer geschmeichelt; aber nicht weniger selten war auch die Wirkung, die es hervorbrachte. Wenn ich ihn sinken sah, durfte ich nur einen recht treuherzigen Blick der Erwartung und Aufmerksamkeit auf ihn schiessen, so trieb ich ihn damit auf wie einen Kreisel, dass er mit erneuerter Schnellkraft noch eine gute Weile fortlief. Ich wiederholte das Spiel mehr als Einmal mit innerm Vergnugen. Je langer es dauert, dachte ich, desto weniger wird sich der Domherr versaumen. Zuletzt aber ging dem Ehrenmanne im ganzen Ernste der Athem aus. Er konnte kaum noch ein paar Worte heraus bringen, womit er die genauere Entwickelung meiner peinlichen Anklage dem Prokurator anheim gab.
Dieser schwarzbraune Kerl, wie er von seinem Sitz in die Hohe fuhr, verdunkelte sich noch um eine Schattierung mehr, setzte hastig seine Brille auf, und machte, das Koncept in der Hand, seine gedrohte Beredsamkeit flott.
Da ich das Spiel, wodurch ich mir den Vortrag des Prasidenten ertraglich machte, bei der studierten Chrie des Prokurators nicht anbringen konnte, so wurde mich die lange Weile getodtet haben, die sie mir verursachte, hatte sie mir nicht Gelegenheit gegeben, mir das schonste Kompliment uber meinen Scharfsinn zu machen, durch den ich schon gestern Abends alles errathen, und bereits in meiner Gegenrede beantwortet hatte, was der alberne Kerl diesen Morgen in Perioden auskramte, die lange nicht so geschmeidig waren als die meinigen. Ich gabe nicht einen Dreier fur die Abschrift seines Brandbriefs, und Du gewiss auch nicht! Auch setzte mich sein Geschrei mit allen den donnernden Ausfallen gegen die Widersacher des Glaubens nicht eher in Verlegenheit, als in dem Augenblicke, wo er es endigte. Sein Dixi gab mir einen Stich in's Herz. Ich musste mich nun anschicken darauf zu antworten; und doch war, so lange der Domherr ausblieb, der Zeitpunkt noch nicht da, wo ich es mit dem gehorigen Nachdrucke thun konnte. Zwar hatte ich es durch mein Spiel mit dem Propste schon so weit gebracht, dass nur noch hochstens einige Minuten bis zum Eintritte dieses Planeten in unsern Kreis fehlen konnten; aber auch diese, wie hatte ich sie ausfullen wie hatte ich die Gefahr meines Stillschweigens abwenden wollen, ware mir nicht in diesem kritischen Augenblicke, ein kleiner Vortheil, von meinen Schuljahren her, beigefallen, der bei vielen Gelegenheiten von der trefflichsten Wirkung ist.
Es ist so gar selten, dass man aus dem Schutte seiner ersten Erziehung einmal einen Splitter hervorzieht, der im wirklichen Leben anwendbar ist und einige Brauchbarkeit zeigt, dass ich mir nicht versagen kann, mich selbst zu unterbrechen, um Dich mit dem innern Gehalte meines Funds bekannter, und Dir die Freude begreiflich zu machen, die er mir verursachte. Dergleichen Kabinets-Stucke sind uns schon um desswillen so kostbar, weil sie uns gewohnlich unter Schlagen, Scheltworten und manchen ominosen Wahrsagungen anvertraut wurden, und uns, so oft wir sie wieder sehen, an den Nothzwang unseres jugendlichen Muthwillens, und an alle die Aufopferungen jener wahren Freuden der Kindheit erinnern.
Du hast den klugen Mann gekannt, lieber Eduard, dessen Unterrichte ich mein Bisschen Beredsamkeit verdanke. Da er selbst bestimmt war wochentlich einmal Reden an Schwache zu halten, so kannte er alle die berauschenden Mittel, um die Zuhorer taumelig, und ihnen weiss zu machen, dass sie uberzeugt waren. Er hatte eine so sichere Geschicklichkeit erlangt, uber jedes Thema, das man ihm vorlegte, fur und dawider gleich gut zu predigen, dass er nach den Gesetzen des Lykurg verdient haben wurde, ohne Umstande aus dem Lande gejagt zu werden; und das ist doch wohl das Starkste, was man zum Lobe eines offentlichen Redners sagen kann. Gott habe ihn selig! Er hat mir die Kunst schicklich von nichts zu reden, gar sehr erleichtert. Unter einer Menge Modellen, die er immer aus allen Sprachen zur Unterstutzung seines Unterrichts und als Beweise zusammen trug, wie man auf dem Strome der Worte eine Stunde fortschwimmen kann, ohne stecken zu bleiben oder zu sinken, war mir besonders Eins durch ofteren Gebrauch sehr gelaufig geworden: denn nicht allein wurden in jungern Jahren alle meine Standreden an den Geburtstagen meiner Aeltern darnach geformt; sondern selbst an dem wichtigen Tage, wo ich in den Schooss der christlichen Kirche aufgenommen wurde, ordnete ich mein Glaubensbekenntniss darnach, und erbaute die ganze Gemeinde. Seitdem ist mir freilich nur noch ein einzigesmal eine Gelegenheit aufgestossen, dieses schone Muster zu nutzen; und das war bei Eroffnung eines Landtags, bei dem ich, unschuldiger Weise, als Deputirter meines Kreises erschien. Auch da zog mir die getreue Nachbildung meines schonen Originals die grossten Lobspruche des Ministers und die Schmeicheleien der anwesenden Stande zu. Du kannst beurtheilen, Eduard, ob ich sie verdiente, wenn Du jetzt meine Antwort an den Prokurator horen wirst, in der ich mich ganz an jene beredte Vorschrift, und um so viel lieber hielt, da sie einen franzosischen Schriftsteller1 zum Verfasser hat, der die Art wohl kennen muss, wie man seine Landsleute am besten behandelt. Ich erhob mich mit Wurde von meinem Sitze, uberblickte mit furchtlosen Augen den Zirkel der mich richten sollte, und mit der bedachtigen Stimme, die grosse Wahrheiten erwarten lasst, fing ich an:
Bedenk' ich, meine Herrn, die Unbestandigkeit
Der Menschen und der Welt, des Raumes und der Zeit,
Seh' ich in den Bezirk verganglicher Gestalten
Oft einen Irrwisch sich fur einen Fixstern halten,
Seh, dass sich Licht und Recht um eigne Axen dreht,
Was fruh im Aufgang war, des Abends untergeht,
Dass mit erborgtem Glanz, wenn sich die Sonne
wendet,
Ihr prahlender Trabant noch unsre Augen blendet;
Geh' ich die Vorzeit durch, und seh' am Tiberstrand
Dort einen Zwerg sich blahn, wo sonst ein Riese stand;
Hor' ich des Schicksals Ruf aus grossen Trummern
schallen,
Da selbst der Riese fiel, wird auch der Zwerg wohl
fallen;
Des Bonzen Fischerring wird ein gemeiner Stein,
Als Splitter nur beruhmt verlorner Kunste seyn;
Steig' ich dann in mich selbst, tief in mein Herz, und
hebe
Sein flatterndes Gewand, sein blendendes Gewebe,
Und seh', aus welchem Teig von Trug und Heuchelei
Und Stolz die kleine Welt, der Mensch, geknetet sei,
Geh die Geschichte durch, und seh, dass mit einander
Wir, vom Thersites an bis zu dem Alexander,
Nur leichten Federn gleich in ungewissem Wind,
Des Zufalls Gaukelspiel und niemals unser sind,
Und dass, so hoch ein Propst sein Hirtenamtchen
achtet,
Und seine Schafe schiert, und ihre Milch verpachtet,
In mancher schwulen Nacht das Pallium schon tragt,
Und sich zum Bischof traumt und seine Kreuze
schlagt,
Und wenn sich Miethlinge in seinen Schafstall
schleichen,
Die Horner des Altars Doch dixi! Es entweichen
Begriff' und Worte mir Mein Engel zeigt sich jetzt
In stolzer Purpurtracht mit Hermelin besetzt.
Es war auch hohe Zeit, dass er erschien; denn ich weiss nicht, was sonst aus meiner feurigen Rede und dem Eindrucke mochte geworden seyn, der schon anfing sich auf den verzogenen Gesichtern meiner Zuhorer zu zeigen. Garrick, sagt man, konnte das Alphabet mit so ruhrendem Accente aussprechen, dass alle die ihm zuhorten in Thranen zerflossen. Ohne meine Rede, ihres bessern Zusammenhangs wegen, zu loben, that sie doch, ich muss es sagen, eine nicht minder grosse Wirkung. Der Probst gerieth in augenscheinliche Unruhe, liess einmal mehr als der durch Cicero's Beredsamkeit erschutterte Casar, das Schnupftuch fallen warf bei einigen starken Stellen Blicke des ungeduldigsten Zorns auf mich Blicke eines wuthenden Erstaunens auf das arme Klarchen, das daruber, ausser aller Fassung gesetzt, immer hoher errothete, und eben im Begriff war das Weite zu suchen, als der Eintritt des Domherrn meine Rede, die, nach ihrer kunstlichen Einrichtung, einer Schraube ohne Ende nicht unahnlich war, zum Stillstande, und jedes zu bewegte Herz wieder in's Gleichgewicht brachte. Das Gericht erhob sich, um diesen eben so unerwarteten als vornehmen Beisitzer zu bewillkommen. Ich lief ihm entgegen, umarmte ihn mit der vertraulichsten Anmassung, nannte ihn einmal uber das andere meinen Freund, meinen Erretter, und "Kommen Sie," rief ich mit angstvoller Stimme, "und wenden Sie die unbeschreibliche Gefahr ab, die in diesem Augenblikke uber mir noch weit mehr uber Ihrer geheiligten Religion schwebt. Der freundschaftliche Unterricht, edler Mann, durch den Sie mich an Sich fesselten die Wurde Ihres Standes, die Sie nicht um nichts in den Purpur der Konige kleidet, der Glaube, die Liebe und Hoffnung, die Sie vor aller Welt bekennen fordern Sie durch mich auf, Ihr Ansehn zu behaupten Ihre Gewalt zu zeigen!" Der Mann sah mich wahrend dieses Ausfalls mit stummem Erstaunen an, und setzte sich in der grossten Verlegenheit auf den Sessel, den ich in voraus fur ihn mit dem meinen zugleich hatte herbei schaffen lassen. Der stolze Trotz auf dem Gesichte des Propstes die gelbsuchtige Erwartung, die sich in den Augen des Prokurators malte in den Runzeln der Tante herum irrte, und das Gemisch, Gott weiss welcher Empfindungen, auf den Rosenwangen der Nichte verdienten wohl eine eigene Schilderung Aber da musste ich erst Zeit dazu musste Dir nichts wichtigeres zu erzahlen, und diesen Mittag nicht Gaste zu erwarten haben. Froh bin ich nur, dass ich das wichtige Dokument meiner gerichtlichen Rede, auf das sich nun alles bezieht, fertig und so wie ich sie gestern Abends zu Papier brachte, vor mir liegen habe, und sie nur da einzuschalten brauche, wo sie hingehort. Sie ist, wie Du finden wirst, nach einem ungleich haklichern Muster geformt, als ich vorhin wo es auf weiter nichts ankam als Zeit zu gewinnen meiner Beredsamkeit unterzulegen fur nothig fand. Man sollte kaum glauben, dass die beiden Modelle, die ich heute so gut benutze, aus einem und demselben Schranke kamen; und doch ist es wahr, nur mit Unterschied. Jenes lag, mit einem Haufen anderer seines Unwerths, in dem untersten und gangbarsten Fache; dieses hingegen lag ganz einzeln in dem obersten. Es wurde fur das non plus ultra der Rhetorik gehalten, und war nur auf die nicht gewohnlichen Unfalle des menschlichen Lebens berechnet. Wenn das erste gut ist, wie Du gesehen hast, Eduard, die Laufgraben zu offnen, so lauft man mit diesem hier Sturm. Der Meister, wenn er mit seinen Schulern bis an diese letzte Speiche der Redekunst kam, empfahl es immer mit den nachdrucklichsten Worten. "Ihr glaubt nun wohl, lieben Kinder," sagte er mit einer feinen Ironie, die selbst, wie Du weisst, einer der starksten Hebel in der Redekunst ist, "alle menschenmogliche Mittel in der Gewalt zu haben, um Euch in dem Sprachsaale der Welt fortzuhelfen. Aber, Eure Geschicklichkeit unbescholten, reicht sie figurlich zu reden bei allem dem nicht weiter, als ungefahr die Mucken zu verjagen. Das ist nun zwar fur das tagliche Leben ganz gut; denn dies unbequeemen Geschopfe sind aller Orten zu finden. Wie aber, wenn Euch nun einmal wer kann dafur stehen? ein Lowe begegnet, oder ein Krokodill auf Euch lauert? Dann mochte Euch leicht Euer Kunststuck mehr schaden als nutzen, und Ihr seid sicher verloren, wenn Ihr kein anderes Arkanum im Schubsacke habt, als eins wider die Mucken." Und nun erst gab er uns diess kunstliche Gewebe in die Hand, begleitete unsere Betrachtung mit manchem Fingerzeig enthullte uns das versteckte Gerippe, das kraftlos darunter lag, um uns den Reiz der Einkleidung desto fuhlbarer zu machen, durch die es allein Leben und Starke erhielt, und freute sich uber unser kindisches Erstaunen.
Sobald sich Anklager, Zeugen und Richter wieder in den Zirkel gesetzt hatten, trat ich auf
"Das schonste Eigenthum unbefleckter Seelen," hub ich mit der heitersten Miene an, die ich auffassen konnte, "das, uber alle menschliche Eingriffe erhaben, allen Zufallen trotzt, ist das Gefuhl ihrer Unschuld. Es erhoht ihre Freuden und verschonert ihr Gluck. Aber erst in Widerwartigkeiten zeigt es ganz, wie stolz, wie herzerhebend, wie unverletzbar es sei. Dann erst, wenn es den Rechtschaffenen bis vor die Schranken seiner Verfolger, in ihre Kerker, und zu den Strafen ihres ungerechten Urtheils begleitet, entwickelt es die edelsten Vorzuge seiner geistigen Natur. Alle andere menschliche Gefuhle konnen geschwacht, in Schmerz erstickt sie konnen vernichtet werden, ausser diesem. Die schleichende Bosheit, die Rache des Lasters, kann dem Unschuldigen auflauern kann ihn fesseln und todten; aber ihn strafbar zu machen, liegt ausser ihrem Gebiete. Der Trost seiner Rechtfertigung geht nicht nur mit ihm uber die Granzen des Lebens; mit unvertilgbaren Zugen lasst er sie selbst in den Herzen derer zuruck, die zugleich mit seiner sterblichen Hulle die hohen Anspruche seiner Seele der Vergessenheit zu uberliefern gedachten. Der furchtbare Nachklang seines Rechts ubertont das Gerausch ihrer Geschafte, durchzittert ihre schlaflosen Nachte, und bietet selbst in dem Freistaate des Schlummers die Rache der Traume wider sie auf. Sie ringen in ihren Festen umsonst nach dem armseligen Gewinn eines betaubenden Augenblicks. Ein qualvolles Leben, ein fortnagendes Gewissen, racht den Unverletzbaren nur zu schrecklich an dem Verbrechen ihrer Gewalt.
O dass nicht immer der Bedrangte bis an diesen Triumph gelangen kann nicht immer der Redliche nur unter feindlichen Handen erliegt! O dass der Allsehende, der Herzen und Nieren pruft, einen Theil seiner Sehkraft nicht auch den Wachtern verlieh, die er der Unschuld zum Schutze gesetzt hat, dass die allgemeine Finsterniss, die unsern Erdball beherrscht, alle Wesen vermischt, und jede W a h r h e i t verhullt, nur zu oft auch die Schritte selbst derer missleitet, die dem edeln Geschafte ihrer Entdeckung vorstehen und dass sich ein Fall denken lasst, den man nur nennen darf, um den ganzen Umfang seines Entsetzens zu schildern, den traurigen Fall, meine ich, wenn die Unschuld durch einen Fehlgriff der G e r e c h t i g k e i t erschreckt, und, gejagt von ihren F r e u n d e n , umsonst nach Beweisen arbeitet sich I h n e n kenntlich zu machen wenn der Straflose, mit der Schuld ausserer Umstande belastet, schuchtern vor den Schranken edel denkender Richter steht, die ihn umarmen wurden, hatte nicht das Schicksal einen zu dichten Nebel uber den Abglanz seiner reinen Seele gezogen, wenn er sich verdrangt endlich beschimpft und verrufen aus der Verwandtschaft der Herzen verstossen sieht, die ihm durch Sympathie angehoren! In solchen schauderhaften Augenblicken zaget die Unschuld, und erschrickt uber sich selbst. Traurigkeit tritt an die Stelle ihres Stolzes. Ihr Gefuhl, das sich minder vor dem Tod entsetzt, der ihre Nerven beschleicht, als vor der Verirrung der Hand, die ihr solchen auflegt, ermattet unter dem Kampfe, und erliegt. In ihrem Unvermogen, die Tugend ihrer Richter von dem Makel eines verfehlten Urtheils zu retten, wendet sie sich zum letztenmale gegen die Betrogenen mit jammernder Liebe, wunscht ihnen aus Grossmuth die Fortdauer ihrer Verblendung, und flieht unverletzt zwar, doch Gott! unter welchen Empfindungen, den Kreis ihrer irrenden Freunde, unbegleitet von mitleidigen Thranen, ungeracht und ohne Triumph.
Dieses, von meinem ersten Gemalde so abstechende Gegenbild, legt Euch, meinen Richtern, die grausame Lage meiner Verhaltnisse gegen Euch dar, wie ich sie in ihrem ganzen bedrohenden Umfange fuhlte, noch ehe sie mich vor Eure Schranken gebracht, noch ehe sie die Beredsamkeit meines redlichen Anklagers erweckt hat. Wie habe ich nicht in seiner vortrefflichen Rede die mannliche Starke bewundert, mit der er das Ungluck eines Lasterhaften zu malen weiss! Er glaubte in diesem Augenblicke mein Gegner zu seyn aber mein Herz konnte ihn nicht dafur halten. Wohl mir, dass ich seine Schilderung mir gegen uber stellen und zergliedern kann, ohne zu errothen! Sie ist meisterhaft schrecklich aber sie trifft mich nicht. Sie stellt mich mit den Farben der hochsten Wahrscheinlichkeit als einen Fremdling dar, der das geheiligte Recht der Gastfreundschaft groblich beleidigte, der sich in dieses fromme Haus einschlich, um der Armuth ihr Eigenthum, der Religion ihre Stutzen, und der Kirche ein Bollwerk zu rauben, das sie schon seit Jahrtausenden ihren Feinden so muthig als wirksam entgegen setzt. Sie uberliefert mich den Gesetzen als einen Mordbrenner, den die verfolgende Rache des Himmels selbst an dem Orte seiner begangenen Frevelthat selbst neben der Asche des kostbaren Gebaudes ubereilt hat, dessen Vernichtung sein Werk ist. Dieses ist das widrige Licht, das ein warmer Verehrer der Tugend uber eine That verbreitet, die ich umsonst suchen wurde in's Laugnen zu stellen. Wie gedemuthigt vor Gott und Menschen wurde ich mich in diesem Augenblick fuhlen wie konnte ich die Blicke des Abscheues ertragen, denen ich bloss stehe wie vermochte ich, edle Richter, den gewaltigen Eindruck meiner Anklage auf Eure Gemuther zu vernichten, wenn meine Straffalligkeit so erwiesen bliebe, als sie es jetzt den Mitgliedern Eures hohen Tribunals vorkommen muss! Nur desto starker gegen mich emport, je aufgeklarter Ihr Verstand, je reiner der Schmuck Ihrer Sitten, je aufrichtiger Ihre Ehrfurcht fur Tugend und Religion ist, machen es Ihnen diese herrlichen Eigenschaften nur noch unmoglicher, Ihrem Mitleiden Gehor zu geben. Der Schutz, den Sie der Religion zugeschworen, verdrangt das Erbarmen gegen denjenigen, der die Rechte dieser Religion so grausam verletzte. Die Gesetze, die Sie handhaben, legen es Ihnen als Pflicht auf, Schande und Strafe uber den muthwilligen Uebertreter derselben auszurufen.
Diese Wahrheiten, die ich mir nicht verhehlen kann, was lassen sie mich nun anders erwarten, als mich von den wurdigsten meiner Zeitgenossen uberfuhrt, verdammt und aus ihrer Gemeinschaft ausgestossen zu sehen! Und dennoch, ich schwore es bei dem Eifer, der Euch belebt, seid Ihr, meine Richter, auf dem Wege, in mir einen Mann zu bestrafen, der nicht etwa Euer Mitleiden ich entsage ihm gern nein! der Eure ganze Achtung verdient, und sie, nicht als ein Almosen, sondern mit dem Trotze eines guten Gewissens, als eine Schuldigkeit von Euch fordert. Mochte doch das belehrende Beispiel dieser feierlichen Stunde allen und jeden Dienern der Gerechtigkeit bekannt werden! Wenn ein Tribunal wie das Eurige nicht vor der Gefahr des Irrthums geschutzt ist welcher Richter mag es, nach Euch, noch wagen ein Urtheil zu fallen?
Doch wohin verfuhrt mich meine eigene schreckhafte Vorstellung? Verzeiht es einem beangstigten Fremdlinge verzeiht es mir, dass ich nur einen Augenblick von einer Gefahr traumen konnte, gegen die Euch Eure Kenntnisse, Eure Menschenliebe und Eure Redlichkeit waffnen. Heil mir! Ich stehe nicht vor so gemeinen Richtern, denen schon das Eingestandniss einer zweideutigen Handlung Beweis genug von der Strafbarkeit dessen ist, der sie beging. So leicht auch die hinreissende Beredsamkeit meines feurigen Anklagers ein minder behutsames Tribunal bis zu diesem Fehlschlusse verleiten konnte bei Euch wird sie keinen andern Erfolg bewirken, als den, der ihren reinen Absichten am angemessensten ist. Je vollkommener seine furchterliche Anklage wider mich da steht, desto mehr wird sie Eure prufende Aufmerksamkeit scharfen, und Eure Grossmuth nur desto mehr reizen, das Mangelhafte meiner Vertheidigung zu ersetzen, und den Schwachen und Ungeubten gegen den Starkern in Schutz zu nehmen. Gegen den Starkern in Schutz nehmen, sage ich? Bin ich es denn nicht dem Ruhme meines Gegners schuldig, zu glauben, dass er selbst, wahrend der Entwickelung der Triebfedern meiner Handlung, die stufenweise Abnahme seines Widerstandes redlich erkennen, meine Rechtfertigung unterstutzen, und gern einem erwarteten Sieg entsagen werde, da er den Feind nicht fand, den er zu erlegen gedachte?
O mochte doch dieser innere Vertrag redlicher Seelen, dieses stillschweigende Einverstandniss, das unter uns beiden besteht, zur Ehre der Wahrheit allen ihren Verfechtern voraustreten! Mochte die Welt immer nur so edle Streiter gegen den Irrthum auf dem Platze sehen, die eines solchen Kampfes werth sind!
Meine Rechtfertigung bedarf keines Schmuckes. Sie ergiebt sich aus der einfachen Darstellung meiner Denkungsart, und liegt offen in meiner Geschichte. Ich verliess mein Vaterland, das von einem zwar machtigen, aber leider unglaubigen Konige beherrscht wird. Ich verliess es mit dem Vorsatze, der alle Reisende leiten sollte, Wahrheit und Weisheit in den Landern aufzusuchen, in denen in unsern Tagen diese Vorzuge so einheimisch waren, wie sie es vormals in Rom und Griechenland waren. So irrte ich von einem Gebiet in das andere, immer getauschter in meiner Erwartung, bis ich endlich die gluckliche Gegend des Komtats, und in ihm das Ziel meiner Befriedigung erreichte. Welch eine Weide fur mein leibliches und geistiges Auge! Mit jedem Fortschritte wuchs mein Erstaunen. Gebahnte Strassen neben grunenden Auen, die mit dem bunten Gemische weidender Herden belebt waren unabsehliche Flachen mit Saaten geschmuckt Berge mit Reben Hugel mit fruchtbaren Baumen bepflanzt ruhige, freundliche Dorfer prachtige Stadte, mit frohen, glucklichen Menschen besetzt Liebe und Treue auf allen Gesichtern und dieses grosse herrliche Gemalde von einem immer heitern Himmel umwolbt.
Es ist bei dergleichen uberraschenden Ansichten einem wohl eingerichteten Herzen naturlich, die Ursachen aufzusuchen, die solche Folgen bewirken. Ich betrat voll von dieser loblichen Neugierde diese Hauptstadt, die ich als die erste Quelle betrachtete, von der aller dieser Segen in das Land floss, und machte es mir zur Pflicht, der ausstromenden Kraft nachzuspuren, die ein so kunstliches Triebwerk in immer gleicher Bewegung erhalt, und die geheimen Federn zu entdecken, die stark und gespannt genug sind, jedes Rad so abgewogen in Thatigkeit zu erhalten, dass eines in das andere greift, ohne zu reiben, zu stocken, und den Endzweck zu hindern, den das Ganze hervorbringen soll. Sind es, befragte ich mich, die strengen Gesetze eines Lykurg, oder sind es die philosophischen Grundsatze eines Friedrich, die dieses gluckliche Land leiten? Welche Gewalt ist es, die das Wunder seiner Regierung moglich macht? Die Frage ist entschieden, wie man sie aufwirft. Wer kann eine Stunde unter Euch leben, Mitburger dieses Staates, ohne den machtigen Genius zu ahnden, der alles dieses bewerkstelligt? den Geist Eurer Religion! Er ist es, unter dessen machtigem Einflusse Eure Landesverfassung wie ein Felsen unter dem ewigen Tumulte der Wellen unerschuttert da steht. Er lost die verwikkelten Grundsatze einer vollkommenen Staatskunst, uber welche Monarchen und Weise in ewigem Streite liegen, in die einfachen Pflichten eines gemeinen Tagewerks auf. Der Segen, den Eure Kirche taglich ausspendet, spottet jener rastlosen Sorgen, die oft der klugste Regent vergebens anwendet, um dem Staate starke, geubte und mannhafte Hande zu gewinnen, denen er mit Sicherheit die Handhabung des gemeinen Wohls ubertragen kann. Die sproden Faden, aus denen sein Gewebe zusammengesetzt ist, wie ungleich gelinder schmiegen sie sich nach dem Willen auch des schwachsten Kopfes, der die heilige Weihe empfangen hat, als nach dem Sinne eines Mannes, der durch vieljahrigen Fleiss, Wachen und Nachdenken sich zur Fuhrung anderer gestarkt glaubt! Ich uberblickte mit Erstaunen die einfachen Mittel, die hier der papstliche Glaube dem Dunkel der Weltweisheit entgegensetzt. Statt die Aufsicht uber Ordnung und Gesetze erfahrnen Greisen statt die Bewachung des Landes thatigen scharfsichtigen Mannern ubertragen zu finden, sah mein an jenen Anblick verwohntes Auge hier nur Junglinge zum Verdammen und Lossprechen berufen, und zu Vatern ihres Landes geweiht. Statt der Betriebsamkeit des Volks sah ich nur Andacht. Ich ging mehrere Blenden von Heiligen vorbei, mit Anbetern umkniet, ehe ich auf eine Werkstatt stiess, die nicht leer stand. Ich horte keinen Larm, welcher Arbeit verkundigte: aber desto mehr Glocken, die zur Anbetung der Heiligen einluden. Ueberall sah ich verlassene Hauser und volle Kirchen. Ich sah ein unbeschaftigtes Volk, das auf langen Wallfahrten nach der Beruhrung eines Martyrers ausstromte sah die Lehrstunden der Kinder unter den Fussen eines wunderthatigen Bildes verlaufen, und die Tage des geschaftigen Alters aufgelost in heilige Feste. Ich sah in einer Welt, wo ich alles der Verganglichkeit unterworfen glaubte, ewig brennende Lampen sah Todtengebeine, die jede Krankheit des Korpers, und heilige Zeichen, die jedes Gebrechen der Seele zertheilten sah geweihte Tropfen, die ein langes beflecktes Leben verwischten sah die Hand des sterbenden Geizigen noch in dem Schatze wuhlen, den er verlassen musste, um fur den wohlfeilsten Preis, den er erhandeln konnte, unendliche Reichthumer fur die Ewigkeit zu erkaufen sah geruhrt, wie die dienstbare Frommigkeit den Uebergang einer gebrandmarkten Seele in die andere Welt mit unverwelkten Blumen bestreute, und forderte mir, von diesen mir so ungewohnten Ansichten betroffen, wie es ein Blindgeborner seyn wurde, der in einem Opernsaale und unter den Wirkungen verborgener Maschinen den Gebrauch seines Gesichts erhielt, lange vergebens Rechenschaft von dem Eindrucke ab, den ich fuhlte, ohne den Ausspruch zu wagen, ob das, was mich so machtig erschutterte, Wahrheit sei oder Tauschung. Wie viel lagen nicht Dinge von unendlicher Wichtigkeit fur mich in der Entscheidung dieses erhabenen Zweifels! Sollte ich mich, wie ein Eingeborner dieses glucklichen Landes, bei dem allgemeinen Glauben beruhigen, den ich im Gange fand? Sollte ich mich, mit dem Vertrauen eines Kranken gegen seinen Arzt, der Hulfsmittel bedienen, die Eure geheiligte Religion feil bietet? oder sollte ich erst, ehe ich die Arzeneien verschluckte, ihre geheime Zusammensetzung untersuchen, und ihren Endzweck entwickeln? Ich glaubte mir, als einem Fremden, das letztere erlaubt, und mit der Offenherzigkeit, edle Richter, die ich Euch schuldig bin, gestehe ich, dass ich mit allem dem Misstrauen, das der Irrthum erzeugt, zur Prufung jener Grundsatze uberging, die Ihr Glucklichen als Erbschaft, ohne nur einen Augenblick an ihrer Rechtmassigkeit zu zweifeln, von Euren Vorfahren in Besitz nahmt. Ich that in dem Labyrinthe, in das ich eintrat, keinen Schritt, ohne zuvor die Sicherheit des Grunds zu erforschen, und verwickelte mich daruber zuerst in Irrgange, die mich immer weiter von meinem Ausgange entfernten; und so hatte mich beinahe die redliche Absicht, die Geheimnisse Eurer Religion zu erforschen, in das Ungluck gebracht, ihr Widersacher zu werden.
Aus der Masse von Vorzugen, die das Lehrgebaude Eures Glaubens darstellt, beschaftigte indess keiner mein Erstaunen so sehr, als der Nachlass Eurer Heiligen, den ich lange nicht und von keiner Seite meiner Vorstellungsart anzupassen vermochte. Er ist unstreitig der grosste Reichthum Eures Landes daruber konnte ich mich nicht tauschen; aber es ward mir schwer, andere Lander fur um so viel armer zu halten, als sie weniger als das Eurige von diesem Gewinne aus der Beute der Vorzeit besitzen. Ich konnte mein, durch die glanzenden Ueberreste griechischer und romischer Kunst geblendetes Auge lange nicht gewohnen, an Euren oft unscheinbaren Reliquien Geschmack und Freude zu finden konnte mich nicht bereden, dass ein Tempel, der auf dem Gerippe eines Heiligen erbaut, oder mit seinen Gebeinen und ehrwurdigen Lumpen behangt ist, darum merkwurdiger als ein Pantheon erhabener seyn sollte als ein Colisee. Ja, ich gestehe Euch mit Errothung, dass meine unter den Vorurtheilen meines Vaterlandes gebildete Seele immer widerstrebte, an die ausstromenden Krafte zu glauben, die Ihr von den Ueberbleibseln Eurer Martyrer ruhmt, und die Eure geweihten Tafeln beweisen. Meine Zweifel verstarkten sich nur, je ernster ich daran arbeitete sie zu heben, und setzten sich sogar einer Gewalt entgegen, der vielleicht noch keine irrende Seele widerstanden hat. Mich hatte die Empfehlung eines frommen Bischofs in die Bekanntschaft eines Eurer Mitburger, in den Schutz eines erleuchteten Mannes gebracht, dessen geringster Schmuck der konigliche Purpur ist, den er tragt. Ungern verschweige ich sein Lob in seiner Gegenwart, und uberlasse es Eurem Bewusstseyn, die Ihr ihn naher und langer zu kennen das Gluck habt. Er nahm mich auf, als ob ihm das Bedurfniss meiner Seele schon im voraus bekannt, und ihm der Gedanke sichtbar ware, der uber ihr schwebte. Sein erstes Gesprach verbreitete sich lehrreich und freundlich uber den Werth frommer Reliquien. Er machte mich zum erstenmale mit den schatzbarsten derselben mit den drei Blasensteinen der heiligen Klara bekannt, die, beredter und uberzeugender als die Zungen der Schriftgelehrten, das grosste Geheimniss unsers Glaubens erlautern, indem sie sichtbar alle die Eigenschaften vereinigen, die jeder rechtschaffene Christ der hochgelobten Dreieinigkeit beilegt. Das Visum repertum, das er mir uber diese Kleinodien vorlas, erschutterte zwar mein Herz, das aber zu schwerglaubig war, um nicht auch hier einen Vorwand zu finden, den Eindruck zu entkraften, den es auf mich zu machen anfing. Misstrauen gegen die Stimme der Wahrheit ist die naturliche Folge des Irrthums. Ich hore zwar, sagte ich seufzend, das merkwurdige Zeugniss, und fuhle das Unwiderstehliche der Folgerungen, die es enthalt, in seinem ganzen Umfange; aber wo sind die heiligen Steine, die mir fur die Wahrheit desselben burgen? Wo sind sie? damit ich hingehe und sie anbete, und mit ihnen in der Hand jene stolze eingebildete Wissenschaft zum Schweigen bringe, die unserm Glauben die gebieterischen Satze eines heidnischen Euklides entgegen stellt. Sind sie, wie es das Ansehn hat, in dem Tumulte der Zeiten verloren gegangen; so bleibt mir nichts ubrig, als ihren Verlust zu bejammern, und selbst so lange ihr ehemaliges Daseyn zu bezweifeln, bis sie sich wieder finden, und Gott die Ungleichheit zwischen mir und dem glucklichen Sterblichen aufhebt, der sie sehen, betasten und durchwagen konnte. Meine nachste Pflicht schien mir nun die, nach diesen heiligen Steinen bis an das Ende meiner Tage zu forschen. Ich storte alle Kabinette der Naturgeschichte alle Sammlungen von Reliquien durch, fand wohl hier und da einen einzelnen Stein, an dessen Gewichte, Selbststandigkeit und einfachem Wesen nicht zu zweifeln war, der aber, wenn ich ihn mit zwei andern von gleichen Eigenschaften zusammen brachte, nie die Probe bestand, nach der ich ausging. Ich betrat einen andern Weg, auf dem ich nicht ohne die hochste Wahrscheinlichkeit mich den verlornen Kleinodien zu nahern hoffte. Gern wurde ich uber diesen eben so fruchtlosen Versuch stillschweigend hinwegeilen, um die jungfrauliche Seele, die ihn veranlasste, nicht aus ihrer bescheidenen Ruhe zu bringen; aber die hohern Pflichten der Aufrichtigkeit, zu der ich jetzt vor andern aufgerufen bin, macht es mir, theuerste Klara, unmoglich, Ihrer Errothung zu schonen.
Ich sehe, edle Richter, mit welchem Wohlgefallen sich Eure Blicke nach dieser Freundin Eures Zirkels nach dieser frommen Mitgenossin Eurer geistigen Vergnugungen, wenden; und Ihr werdet, ich zweifle nicht, die hohe Erwartung, die ich von ihr fasste, durch die glanzenden Eigenschaften mehr als zu gerechtfertigt finden, die uns alle an sie fesseln. Das Gluck der Nachbarschaft mit dieser Auserwahlten; die herrlichen Psalmen, unter denen mich ihre sonorische Stimme jeden Abend einschlummerte jeden Morgen erweckte; ihre Unschuld, die aus jeder ihrer Bewegungen, aus jedem Faltenschlag ihrer Kleidung hervorstrahlte; die beispiellose Frommigkeit ihrer Jugend alles trug in mir zu der Ueberzeugung bei, dass die Heilige, deren Namen sie fuhrt, deren Glauben sie ererbt hat, deren Tugend sie wieder darstellt ihr auch wahrscheinlich die Steine zuruck gelassen habe, nach deren Entdeckung meine Seele immer heisshungriger ward. Dieser Gedanke, der machtig genug gewesen ware, mich bis an den aussersten Pol der Erde zu treiben, um ihm Luft zu machen wie viel dringender musste er nicht in der glucklichen Nahe auf mich wirken, in der ich mich mit dem Ziele meiner Hoffnung befand!
In der feierlichen Stille einer hellen Nacht naherte ich mich der Thur dieser Auserkornen ihres Geschlechts hoch pochte mir das Herz nach der Entdeckung dieses grossen Geheimnisses; aber noch war es ihrer nicht werth. Die fromme Aufseherin unserer Jugend versperrte mir, wie ein Seraph, den Eingang, und wies mich als einen Ungeweihten in meine einsame Klause zuruck. Dank sei Dir, wurdiges Weib! fur Deine Strenge, die mir damals so schwer zu ertragen fiel; sie erweckte den Trieb mich aufzurichten, indem sie mich niederschlug, und befeuerte mein Verlangen, mich der Glorie erst wurdig zu machen, nach der ich hinstrebte. Das Bild meiner freundlichen Hoffnung schwebte mir vor in der Zerstreuung des Tages, in den Traumen der Nacht, erheiterte meine Einsamkeit, und fesselte mich mit Blumen an die Pflichten meines hohen Berufs. Unter dem Schutze des Purpurs meines edeln Freundes und Begleiters warf ich mich der machtigen Genoveva zu Fussen, und vereinigte mein Gebet um Aufklarung mit dem Gebete der Gemeinde. Ich wallfahrte nach dem Grabe der Laura starkte meine Empfindung in den reinen Dunsten, die aus ihrer Asche emporsteigen bereicherte mich mit den Erfahrungen ihres Wachters, und suchte auf dem Pfade, auf dem er zu seiner Ueberzeugung gelangt war, die meinige zu erringen. Ich schlich den Heiligen nach, wo ich sie fand, durch das Labyrinth ihrer Legenden auf dem geschmuckten Throne ihrer Altare in dem Schauer ihrer Verwesung. Ihre glanzenden Feste konnten kein geweihtes Gebein ihrer Gerippe ausstellen, ich naherte mich ihm mit Ehrfurcht. Erblickte ich die Madonna als Zeichen uber einem Wirthshause, so trat ich ein. Entzog sich ein Splitter des heiligen Nicaise meinen feurigen Augen ich schlich ihm nach, und suchte wenigstens meine Hand daran zu erwarmen. Ich erkaufte mir machtige Vorbitten bei der hochheiligen Concordia, und errang durch Gold, das zu Ehren ihres Namens gepragt ward, endlich eine der wirksamsten Reliquien, die meinen Uebergang in das Gebiet der Geheimnisse vermittelte, und den Schleier wegzog, hinter dem ich die heiligen Steine versteckt glaubte. Ich triumphirte aber zu fruh! Durfte ich es wagen, die Holdselige, die meinen misslungenen Eifer theilnehmend mit ihrem Mitleiden beehrte, aus dem Bezirke ihres Richteramtes in jene trauliche Stunde meiner frommen Untersuchung zuruck zu fuhren; sie wurde nicht anstehen, Euch meinen Richtern alle die Empfindungen der Kleinmuth, der Muthlosigkeit und des Kummers zu bezeugen, unter denen ich ihre Schwelle verliess.
Ein unruhiges Herz verfinstert oft den hellsten Verstand; wie viel schwarzer musste es nicht auf ein Gehirn wirken, das noch durch Vorurtheile, Zweifelsucht und Unglauben umnebelt war! Habt Mitleiden mit mir, Ihr, die Ihr, schon fest in Eurem Glauben, allen Gegenbeweisen, Erfahrungen und Anmassungen der Leidenschaft trotzen konnt! Der Unmuth uber meinen misslungenen Versuch statt mich auf die wahre Ursache zuruck zu fuhren verwickelte mich vielmehr in neue feindselige Fehlschlusse wider die Wahrheit Eurer Religion. Die Aufwallung meines Bluts verhinderte mich zu begreifen, worauf mich doch die Geschichte der heiligen Klara von Montefalcone hinwies, dass meine Nachforschungen zu voreilig, und es nur auf dem Wege der Zergliederung moglich sei, auf die verborgenen Steine zu treffen. So uberzeugt ich auch jetzt bin, dass ihre fromme Namensschwester einst der erstaunten Erde diese verlornen Beweise der Dreieinigkeit wiedergeben, und durch den Nachlass ihres Todes das Leben kronen werde, das sie jetzt fuhrt, so entfernt war ich damals von dieser trostreichen Aussicht. Ich glaubte in meiner fruchtlosen Bemuhung keinen andern Beweis zu finden, als den: dass nicht allein die Legende der verewigten Klara erlogen, sondern alle und jede Verjahrungen Eures Glaubens nicht bundiger zu beweisen sein mochten, als die Steine der Klara.
In diesem Aufbrausen eines schwachen Gehirns trat ich vor die herrliche Sammlung der geistreichen Schriften, die den grossten Schmuck dieses Hauses ausmachen. Ich spottete ihrer Titel als Prahlereien eines heuchlerischen Stolzes schalt den Inhalt, den sie ankundigten, als Verirrungen des menschlichen Geistes entschloss mich das Lehrgebaude niederzuwerfen, das sie aufstellten, und diese Stutzen des Glaubens mit dem Uebermuthe eines Heiden dem Pagoden meines Kamins zu opfern.
Aber in diesem Augenblicke schienen alle Heiligen mit Erbarmen auf mich zu blicken mit Erbarmen gegen ein Herz, das in seinem Drange nach Wahrheit sich bis an diesen Abgrund verlaufen konnte. Ich fuhlte dass mein Schutzgeist zuruck kam. Meine Wunsche, ohne mich zu verlassen, nahmen jetzt einen richtigern Gang, und meine Empfindungen veredelten sich. Mitten in dem Entsetzen, das mich nun uber die hassliche Gestalt ergriff, unter der die That, die ich auszufuhren im Sinne hatte, auf die Nachwelt ubergehen wurde, entdeckte ich neben dem finstern Wege, den ich einschlagen wollte, jene feine Scheidungslinie zwischen Recht und Unrecht, die gemeine Richter so leicht und nur zu oft ubersehen. Was ist der Mensch ohne eine hohere Leitung! und wie so nahe granzt das Laster an die Tugend! Ihr, die Ihr schon langst uber das Bewusstseyn der Seele, uber die Beruhigung des Gewissens nachgedacht habt Ihr, die am Feste des heiligen Crispinus mit flammenden Worten Euren Gemeinden so deutlich als mit dem Beispiele Eures Lebens beweist, warum sein Raub, statt ihn auf den Richtplatz zu bringen, ihn unter die Zahl der Seliggesprochenen versetzt hat, mein Herz schmiegt sich an das Eurige, und sucht seine Lossprechung in Euern Lehren. Ihr werdet ohne Muhe begreifen, wie dieselbe That, die mich einige Minuten zuvor als einen Verbrecher wurde gebrandmarkt haben, nur durch gute Absicht geleitet, durch fromme Bewegungsgrunde geheiliget, sich zu einer unschuldigen, zweckmassigen und loblichen Handlung umbilden konnte. In dem hochsten Unwillen uber mich selbst, nahm ich jetzt die ungerechten Schmahungen zuruck, die ich wider Manner auszustossen mich erfrecht hatte, denen ich die Schuhriemen aufzulosen nicht werth war, und betrachtete sie, wie ich sie immer hatte betrachten sollen, als eine Gesellschaft, die der grosse Zweck vereinigt hat Gutes zu stiften, und segnete sie als Wohlthater des menschlichen Geschlechts, die noch Samen uber ihre Graber streuten zu ewigen Ernten. Haben sie nicht, befragte sich meine geruhrte Seele, indem ich eine ganze Reihe ihrer unsterblichen Werke umarmte, ihre Nachte mit Nachdenken verwacht, ihr schones Leben verschrieben, um noch ihren Enkeln den steilen Weg zu erleichtern, der zur Entdeckung der Wahrheit fuhrt? Und ach! warf ich mir bitter vor, in der Nahe dieser sicheren Wegweiser, hast du deine kostbare Zeit ungenutzt verschlafen, und in dem Augenblicke, da du ihre Hulfe am meisten bedarfst, bist du im Begriff dich auf immer von ihnen zu trennen?
Wohl dem menschlichen Herzen es hat seine Spannkraft nicht ganz verloren das noch durch den Gedanken einer unwiederbringlichen Zeit erschuttert wird! Es zieht nun alle seine Krafte zusammen, und sucht den Werth der verschleuderten Stunden in dem kleinen Zeitraume, der ihm noch ubrig bleibt, einzuengen, und den Verlust von Jahren durch den misslichen Gewinn eines nachfliehenden Augenblicks auszugleichen. Auch das meinige arbeitete unter einem gleichen Bestreben. Schaudernd sah es in das Vergangene und auf die Sorge, die es vernachlassigte, und blickte wild auf seinen entfernten Abstand vom Ziele; aber in diesem verzweifelnden Kampfe errang es Hoffnung sich seinen Weg zu verkurzen.
Ich erinnerte mich, und nie hat mir mein Gedachtniss einen wichtigern Dienst erwiesen dass ich in den Buchersalen Eurer Kloster, in den Schatzkammern Eurer Kirchen, Schriften sah, deren Inhalt jeder nachdenkende Mann auch ohne Untersuchung schon als klar bewiesen annehmen, und als den lautersten Ausfluss der Wahrheit verehren wird, weil sie die kritische Prufung, in der jedes menschliche Machwerk seinen Untergang findet, unter hoherem Schutz uberstanden ich meine die Probe des Feuers. Noch vor kurzem hatte ich in dem Schatze, der uber den Grabern zu Saint Denys aufgestellt ist, das beruhmte Buch des Thomas a Kempis bewundert, das einzig aus einer reichhaltigen Bibliothek, die in Rauch aufging, gerettet, und unversehrt aus dem Schutthaufen hervor gezogen wurde. Der fromme Mann, der es mir zum Kussen uberreichte, beantwortete mir die Frage, ob denn die Tausende bei diesem Ungluck verlornen Bucher nur Irrthum enthalten hatten, mit einer Erklarung, der ich damals den Trost nicht ansah, den sie mir bald in der drangvollsten Stunde meines Lebens gewahren sollte. So hangt oft die Vorsehung die wichtigsten Ereignisse unsers Lebens an unmerkliche Faden, und verbindet uns, ohne dass wir es ahnden, mit der grossen Kette, die sie in ihrer Hand halt. So kann vielleicht in den fernsten Zeiten noch sich zu der allgemeinen Harmonie ein Wohlklang aus so schwachen Tonen entwickeln, als jetzt meinem Munde entfallen so kann die Verhandlung der gegenwartigen Stunde vielleicht noch Heiden bekehren, und ganze Lander Gott gebe es! dem Joche Eures Glaubens unterwerfen.
Es waren, sagte der Mann, viele Werke in dieser verungluckten Sammlung, die wohl noch vortrefflicher waren, als das gerettete; aber man kannte sie, und keine Seele bezweifelte ihren Werth. Nur Thomas a Kempis war nicht geachtet und sein Buch von der Nachfolge war unter allen dasjenige, dem man am wenigsten folgte. Seit dem Wunder seiner Erhaltung ist es erst in den Ruf gekommen, den es verdient erst seitdem ist es allen Religionen ein heiliges Muster geworden. Es hat sich in unzahligen Auflagen verbreitet, und die Vorreden erzahlen die Kritik, die es aushielt. Dieses waren die belehrenden Worte, die jetzt volltonend an die Saiten meiner Seele anschlugen, und mir den einzigen Ausweg zu zeigen schienen, den ich zu nehmen hatte.
Von allen den Lehren, die jene herrlichen Werke enthielten, die vor mir standen, war eine wie die andere meinen Augen verborgen. Um keiner Unrecht zu thun zweifelte ich an allen. Meine dringende Abreise meine Trennung von ihnen, benahm mir die Moglichkeit sie zu erforschen, und in diesem Drucke und Gegendrucke von Wunschen und Zweifeln ermannte ich und entschloss mich, sie der kurzesten Prufung zu unterwerfen, die mir in meiner Lage auch die willkommenste seyn musste. In der sussen Hoffnung, sie die eben so ungesucht, ungelesen und vergessen waren, wie der grosse Thomas, bald durch das Feuer bewahrt wieder zu sehen wie ihn, trennte ich sie aus ihrer Hulle, haufte sie locker in diesem Kamin auf einander, beging die That, die Ihr so strafbar findet, und o wie pocht mir das Herz! steckte sie an. Voller Erwartung verfolgten meine Augen jede Wendung der auflodernden Flamme, die sich schnell ausbreitete, und bald uber den kostbaren Stoff, den ihr mein glaubiges Zutrauen ubergeben hatte, zusammenschlug. Dieser Berg von Gelehrsamkeit senkte sich jede Minute uberlieferte ein kostbares Werk mehr seiner Vernichtung. Sein Inhalt verrauchte, und beizte mir die Augen, ohne das Herz zu erwarmen. Meine Betaubung stieg immer hoher ach! sie ward zum Entsetzen, als ich an der Stelle dieser glanzenden Ueberreste der Vorzeit endlich nichts mehr als einen gemeinen Aschenhaufen erblickte. Ist es moglich? rief ich nun aus. So war denn auch nicht Ein Buch unter so vielen, das den unmittelbaren Schutz Gottes oder eines Heiligen verdiente? So gingen sie alle in Rauch auf, ohne mir nur Einen meiner marternden Zweifel zu heben, nur Eine Wahrheit mir zuruck zu lassen, die meinem Herzen Trost, meinem Verstande Nahrung verschafft hatte? Ach! Es bleib mir nichts ubrig, als ewige Zweifel, und reuige Thranen uber diesen vergeblichen Brand.
Indess der Lauterkeit meiner Absicht bewusst, kam es mir nicht von fern ein, dass etwas Straffalliges in meiner Handlung liegen konne. Es gilt den Ersatz dieser Bucher, sagte ich zu mir; und ich errieth nicht eher, unter welchem schwarzen Anstriche auch dem billigsten Gemuthe meine Feuerprobe erscheinen konnte, als bis mich der Eifer der frommen Aufseherin dieser Stiftung nur zu sehr davon uberzeugte. Aus der nachtheiligen Vorstellung, unter der ihr meine That erschien, aus dem Hasse, womit sie ihr tugendhaftes Gemuth und die edeln Seelen meiner Richter zur Rache entflammte sind die traurigen Folgen entstanden, unter denen ich bis zu der Stunde meines Verhors geseufzet habe. Ihr glaubtet berechtigt zu seyn einen Mann von Ehre einen Reisenden von unbescholtenem Rufe einen Unterthan eines grossen Monarchen, und einen Eurer Freundschaft empfohlnen Fremdling, als einen Verbrecher zu behandeln glaubtet es dem Ansehn der Tugend und dem Vortheile Eurer Kirche zuwider, den erbotenen Ersatz anzunehmen. Ein gemeinschaftlicher Irrthum vereinigte die besten, edelsten Herzen zu meiner Bestrafung. Noch jetzt, vortreffliche Richter, nachdem ich Euch die wahren Triebfedern meiner Handlung entwickelt, und die geheimsten Winkel meines Herzens geoffnet habe, muss es Euch so schwach sind die Krafte selbst der scharfsichtigsten Menschen der Wahrheit auf die Spur zu kommen muss es Euch, sage ich, ungewiss bleiben, ob nicht betrugerische Beredsamkeit Eure Beurtheilung zu blenden suche ob nicht der Mann, der so dreist von seiner Unschuld spricht, in geheim uber Eure Leichtglaubigkeit spotte, und ob Ihr nicht einen Verrather Eures Glaubens entlassen wurdet, indem Ihr mitleidig meine Fesseln loset. Aber auch diese Fehlschlusse, wenn es Euer trauriges Loos seyn sollte, ihnen unterzuliegen, wurden dennoch der Achtung nichts benehmen, die ich Eurem Amte, Eurer Gewalt, und Eurer Rechtschaffenheit schuldig bin. Ich wurde nur mein finsteres Schicksal den dunkeln Zusammenhang meiner Rechtssache, und den Zufall bejammern, der die Gerechtigkeit so sehr misszuleiten, und Freunde einer und derselben Wahrheit so weit von einander zu entfernen vermochte. Dank sei der allmachtigen Hand, die auch diese letzte Decke, die uns noch scheiden konnte, von Euren Augen wegzieht! Der Augenblick ist da, der meiner Rechtfertigung sein glorreiches Siegel aufdrucken jede Trennung unserer Gemuther aufheben meine Unschuld durch Eure Freundschaft belohnen, und Eure Tugend von der Furcht eines verfehlten Urtheils befreien wird.
Bitter waren freilich die Stunden, die mich bis an das Fest brachten, das meiner wartet an das Fest Eurer bruderlichen Umarmung! Ueberseht noch einmal mit mir die ganze Trauer meines gestrigen Tages, als ich, im Begriff meiner Abreise, ausgeschlossen von aller menschlichen Hulfe bewacht von Bewaffneten eingekerkert in eine einsame Wohnung unter den Zurustungen eines furchtbaren Gerichts ach! vielleicht meinem letzten Schlummer entgegen ging. Stellt Euch ... nein! Ihr vermogt es nicht! das Schrecken der folgenden Nacht vor, als ich mit muden Schritten nach meinem Lager, den Trummern d e r e r vorbeischlich, deren Stimme ich in Rauch erstickt deren Daseyn ich in Asche vergraben hatte! Ihre Schatten schienen furchterlich mich zu umschweben, die Klagen der bedurftigen Seelen, die ich um ihre Troster betrogen, besturmten meinen Schlaf, und mein zweifelndes, unbefriedigtes und muthloses Herz vermehrte noch meine innere Marter. Unter diesen Schrecknissen verging die Nacht in diesem Wirbel von Unruhe beschlich mich die Morgenrothe meines Gerichtstages. Ernste Blicke in mein Innerstes, wehmuthige Hinsichten auf Euch waren meine ersten Empfindungen, und jener schon erkaltete Aschenhaufen der erste Gegenstand meiner erwachten Sinne.
Ich blickte noch einmal mit schwermuthigem Herzen in diese Gruft verblichener Wahrheiten, und hatte mit der Vorsehung rechten mogen, dass ihr meine Bekehrung zu unwichtig schien, um dem Feuer seine verzehrende Gewalt zu benehmen, und die Ordnung der Natur zum Vortheil meiner Ueberzeugung zu andern. O ihr Unsterblichen, rief ich aus, die ihr uns euren Geist in diesen Schriften zuruck liesset! warum beschutztet ihr nicht euer Vermachtniss? O ihr Heiligen und Verklarten! wie? hielt es denn keiner von euch der Muhe werth seine Legende zu retten? O, mochtest nur Du vor allen nur Du, selige Klara, dein Visum repertum.. Ein Gerausch gleich einem gewaltigen Winde unterbrach hier den Lauf meiner Worte, und hemmte meine Stimme. Meine Blicke fuhren nach dem Kamine hin, von wannen es herkam. Was sah ich! was straubte mein Haar! Konnte ich euch jetzt um mich her versammeln, dass euer Ohr meine Rede vernahme ihr stolzen Widersacher jenes grossen Geheimnisses, das ihr mit euren Zirkeln zu verspotten mit eurem Einmal Eins zu vernichten glaubt! Ich sah hort es, meine Richter und folgt meinem Erstaunen Ich sah, und ich glaubte ein Schattenspiel der Auferstehung zu sehen den Staub der Verblichenen sich von dem Herde erheben sich bewegen sich ordnen; ich sah die Wahrheiten, die in jenen heiligen Schriften einzeln zerstreut lagen, sich aus ihrer Vernichtung erheben, und sich zu einem Monumente derjenigen bilden, die dem menschlichen Verstande die wichtigste, wie die unerreichbarste ist. In einem schnell voruber fliegenden Augenblicke war ihrer aller Asche zu einer selbststandigen Saule zusammen gedrangt, die dreiseitig, und wie aus atherischem Porphyr gehauen, meinem entzuckten Auge erschien. Es war die hochste Ueberraschung ich glaube es mit Grunde, sagen zu konnen die einer menschlichen Seele begegnen konnte, und die keine Zeit vermogend seyn wird aus meinem Gedachtnisse zu verloschen. Aber leider! dauerte diese anstaunungswurdige Erscheinung nur einen Augenblick die Saule zerfiel als ware sie nie da gewesen. Und wer wurde mir jetzt glauben, dass es nicht ein Traum, nicht ein Blendwerk der Sinne war wenn diesem Phanomene nicht unmittelbar ein anderes gefolgt ware, das wie die Sonne einem sehenden Auge keinen Zweifel erlaubt, und einen Beweis zuruckliess, der von jeher fur unumstosslich anerkannt wurde, und die unbegreiflichsten Begebenheiten so klar macht wie die gemeinsten Ereignisse den grossen Beweis meine ich des Augenscheins?
Es erhob sich jetzt konnte ich es doch dem Erdkreise ankundigen! aus dem Staube der vor mir lag aus dem Chaos jener mystischen Saule, erhob sich jetzt das Phanomen eines gluhenden Blattes. In einen Rahm gefasst, der wie aus Sternen zusammen gesetzt schien, schwebte es uber dem Herde, und das milchweisse Licht, das es ausstromte, starkte mein verklartes Auge zu dem hohen Genusse seiner Betrachtung. So leuchtete es mir einige selige Stunden. Mein Herz pochte vor Staunen meine Brust dehnte sich unter dem Drange der Freude Ach! in welch einem Meere von Empfindungen badete sich nicht meine Seele! In Entzucken und in Anstaunen dieses Wunders verloren, vergass ich mein Daseyn vergass Euch, meine Richter, und die ubrige armselige Welt. Und ware die Thur meines Kerkers auch unverschlossen und der Weg zu Euch frei und offen gewesen die Selbstgenugsamkeit meines Gefuhls wurde mir allein schon verwehrt haben, von meiner geweihten Stelle zu weichen, und andere Zeugen meines Glucks zu suchen als Mich. Nie wurden wohl die stillen Fortschritte der Zeit mit so glanzenden Punkten gemessen, und ihr Uebergang in die Ewigkeit so lieblich bezeichnet, als in diesen gebenedeiten Stunden. Mit jeder Minute, die mich meinem ernsten Verhore naher brachte, verlosch ein Stern an dem Rahmen des brennenden Blattes. Es verlosch der letzte daran, und abgekuhlt senkte es sich in meine hinstrebenden Hande. Ein Blick aus meinen beseelten Augen, der in der Eil des Blitzes darauf sturzte, war genug. Er predigte mir die verkannte Wahrheit in ihrem ganzen Umfange, erschutterte und uberzeugte mein Herz. Ich hatte nur noch Zeit, das aufgefangene Blatt an meinem Busen zu bergen, als der Augenblick eintrat, der mich vor die Schranken Eures Gerichts zog.
So habe ich Euch denn, meine Richter, durch die Irrgange meiner Gedanken und Empfindungen bis zu dem letzten Beweise gefuhrt, der zwischen mir und meinem Anklager entscheiden soll. Dank sei aber zuvor noch der heiligen verewigten Klara! Mein Nachforschen nach ihren Edelgesteinen war nicht umsonst. Das Feuer, das aus den Augen der Geweihten spricht, die ihren Namen fuhrt das begeisterte Blut, das ich wahrend meiner Rede ihre schonen Wangen durchziehen sah sagt es Euch laut, meine Richter, dass ich den lange verborgenen Ort entdeckt habe, der jene Kleinodien verwahrt den unerreichbaren Ort Eurer taglichen Wallfahrten, und den stillen Weg, der dahin fuhrt den Ihr ehrwurdige Manner dieses Gerichts mir noch lange unter heiligen Betrachtungen nachwandeln werdet, wenn ich schon langst von meiner Entdeckungsreise zuruck, meinem Vaterlande wieder gegeben seyn, und nur in Gedanken noch die schattige Gegend umschweben werde, die dem Erdkreis sein grosstes Wunder verbirgt. Mag indess die Zeit der Erfullung noch so weit in der Zukunft liegen, wir wollen uns in glaubiger Zuversicht an das schon vollendete Wunder halten, das uns heute zu Theil ward an das Zeugniss der Wahrheit, das, durch das Feuer bewahrt, jede fromme Ungeduld hinhalten jede Hoffnung beleben jeden Zweifel an die hochgelobte Dreieinigkeit bei allen denen zerstreuen wird, die meine Aussage horen. Das Visum repertum der Heiligen, die einst jene wundervollen Steine in ihrem Schoosse trug, und seitdem, um nie verloren zu gehen, unter ihren Schwestern bis zu derjenigen forterbte, deren jungfraulicher Schooss sie noch heute verschliesst dieser Beweis ihres ehmaligen und jetzigen Daseyns ist an diesem Tage glanzend und unverletzt aus den verzehrenden Flammen hervor getreten Seine Wahrheit ist gerettet. Hier, meine Richter, hier ist das heilige Blatt Fallet nieder und betet an!"
Mit diesen Worten zog ich jenes in ein feines Papier geschlagenes Blatt aus meinem Busen, das ich, wie Du weisst, um es als Beleg zu gebrauchen, aus der Legende der heiligen Klara von Falkenstein und in dem kritischen Augenblicke aus dem Feuer riss, als die Sammlung Pater Martins von Cochim schon lichterloh brannte. Welch einen ungleich wichtigern Dienst leistete es mir jetzt! Ach dass Du nicht bei mir warst, Eduard! und die sonderbaren und verschiedenen Bewegungen nicht mit ansehen konntest, die dieser unerwartete Ausgang meiner Rechtfertigung auf jedes einzelne Mitglied dieses hohen Gerichts hervorbrachte! Der Domherr sturzte mit einem Ungestum herbei, der nur zu sehr den leidenschaftlichen Antheil verrieth, den er an diesem Wunder nahm. Thranen traten ihm in die Augen, als er die Lieblingsstelle seiner Erbauung in so unversehrtem Drucke, auf diesem an den Randern versengten Bogen entdeckte. Er benedeite in der Unordnung seines Verstandes alles was ihm in den Mund kam, das Haus, wo dieses Wunder geschah die Asche, aus der sich dieser Phonix erhoben hatte mich, dem die Vorsehung das unverbrennliche Blatt einhandigte besonders aber sich, der zur Entstehung dieses erstaunlichen Phanomens die erste Gelegenheit gab. "Nun," rief er ohne seine Phrasen zu enden, "ist der grosse Beweis gerettet die Nachforschungen der Schriftgelehrten werden ... die heiligen Steine liegen ... ja ich hoffe sie noch mit eigenen Augen ..." Doch indem schien er sich zu besinnen, wie anstossig dem guten Klarchen ein Kompliment vorkommen musse, das auf ihre Sektion gebaut war. Er liess seinen Enthusiasmus nicht weiter laut werden, hullte sich in seinen Purpur, und warf sich erschopft und athemlos auf den Lehnstuhl.
Die innern Ruhrungen der alten, frommen, erstaunten Bertilia zeigten sich lange nur in den stillen Verzerrungen ihres scheusslichen Gesichts. "Ich bin," ergriff sie endlich mit heulender Stimme das Wort, "grau bei Wundern geworden; aber keines nein! keines hat machtiger noch mein Herz geruhrt. Wie werden meine Nachbarn wie werden alle die neidischen Weiber im Hospitale wie wird Stadt und Land uber das Heil erstaunen, das diesem Hause, und eben in der Zeit widerfuhr, da es o ihr Heiligen! der Aufsicht eurer Magd anvertraut war!"
Doch wie mag ich nur einen verlornen Blick an diese Furie wenden, da die Graziengestalt ihrer Nichte dicht neben ihr steht, die mir in der Gruppe meiner Bewunderer doch immer die liebste Figur aber eben darum auch am schwersten zu zeichnen ist! Ach! es ware wohl der Muhe werth, wenn ich es nur vermochte, Dir die mancherlei Schlangengange ihrer Empfindungen, mit allen den feinen Schatten zu schildern, die auf ihrem Gesichtchen spielten, als sie dasselbe Blatt zu solchen Ehren erhoben sah, bei dem sie ihren Puder verlor. Ein verstohlner Blick ihrer schonen Augen, der uber den Sektionsbericht ihrer Namenschwester nach dem Domherrn hingleitete, und die Errothung auf beiden Gesichtern, die nachfolgte, wurden mich, wenn es nicht schon der Epilogus zur Genuge gethan hatte, genau auf die Spur ihrer ersten Lehrstunde gebracht haben. Jene alteren Erinnerungen schienen alle Gewalt aufzubieten, um das frische Andenken ihrer jungern Erfahrungen aus ihrem Blute zu treiben, oder ich musste das Farbenspiel ihrer Wangen musste den beredten Ausdruck ihres Gefuhls nicht verstanden haben, den ich doch deutlich in ihren Mienen zu lesen glaubte. Doch setzte sie wenn ich recht sah der schnelle Uebergang des so sehr gedemuthigten Mannes zu der Glorie eines Wunderthaters mehr noch in Verlegenheit als alles ubrige. Sie wendete ihre Augen so schuchtern nach mir, als hatte sie ihnen aufgetragen, mir in ihrem Namen das Unrecht abzubitten, dessen sie sich schuldig gegen mich fuhlte. Da sie ihr aber keinen Blick der Vergebung aus den meinigen mitbrachten, so nahm sie ihre Sirenenstimme zu Hulfe. "Wer hatte das gestern noch denken sollen!" tonte sie mir sonorisch in's Ohr, dass es nicht anders moglich war, der Stimmhammer musste mir dabei einfallen. Ihr rechter Fuss, uber den das Band der unbefleckten Jungfrau gegurtet war, zitterte zugleich als ob er im Fieber lage, und der heilige Nicaise war im Steigen und Fallen. Abscheulich schones Madchen! dachte ich, und beinahe glaube ich, sie errieth meine Gedanken: denn so geschickt auch die Wendung war, mit der ihr Blick von mir seitwarts nach ihrer Tante uberging, so schien er mir doch zu abgebrochen um ganz naturlich zu seyn. "Ich sehe im Geiste," sagte sie mit einem unterdruckten Seufzer zu ihr, "welch einen Segen die Begebenheit dieses Morgens uber das Haus meiner Wohlthaterin bringen wird. Von den fernsten Orten her werden Wallfahrten nach dem unverbrennlichen Blatte geschehen, und ach! wie hoch werden nicht Ihre Miethen im Preise steigen! Aber," fuhr sie mit niedergeschlagenen Augen fort, "wohin, ihr Jungfrauen des Himmels! wohin werde ich mich alsdann verstecken, wenn, als Erbin der heiligen Klara, auf mich aller Augen gerichtet sind? Ach mein Herr!" drehte sie nun wieder ihr Kopfchen zu mir, ergriff meine Hand, und druckte sie vor uberstromender frommer Empfindung und im Angesichte des Propstes an ihren schwellenden Busen. Aber kein Mensch gab jetzt etwas auf diesen Vorsitzer meines peinlichen Gerichts. Kalt und ernsthaft stand er mit verschlossnen Lippen vor dem Tische. Der Mann am Protokolle stand lange wie versteinert neben ihm. Endlich ermannte er sich, und fragte mit leiser Stimme seinen Patron, ob er den Vorgang zu Papiere bringen sollte? Da ihm dieser aber aus ubler Laune nicht antwortete hielt er es langer nicht aus, setzte sich, und that es ungeheissen, indess der Domherr, dem alles an der Ausbreitung des Wunders gelegen zu seyn schien, die Thur aufriss, und meinen Bastian und meine Wache herbei rief. Eine neue auffallende Scene fur einen so ruhigen Beobachter als ich jetzt war. Die beiden Barmutzen, die sich zu nichts geringerm als zu dem schrecklichen Befehle abgerufen glaubten, mich in ihr ehemaliges Gefangniss zu begleiten, stutzten gewaltig, als sie mich nur mit geruhrten und freundlichen Gesichtern umringt fanden trauten ihren Augen und Ohren kaum, als sie die Ehrerbietung sahen und die sussen Worte horten, mit denen mich meine Klager und Richter uberhauften. Der Domherr musste sie mehr als Einmal erinnern, dem neuen Wunder des unverbrennlichen Blattes zu huldigen, ehe sie begreifen konnten was er wollte, und was es eigentlich mit der schnellen Veranderung meines Zustandes fur eine Bewandtniss habe. Als sie es aber endlich begriffen, so sturzten desto freudigere Thranen von ihren bruderlichen Wangen herab. Der Prologus druckte mir die Hande, der Epilogus kusste mir sie beide winkten mir ihren Beifall zu, und selbst in ihren nassen Augen flimmerte das lachende Gestandniss, dass sie mich fur ihren Meister erkannten.
Alles das ruhrte und belustigte mich wechselweise: doch Bastian, der in der Schwarmerei seiner Jugend und Frommigkeit den Vorgang wie ein Evangelium glaubte, und sich selig pries einem solchen Herrn zu dienen Bastian allein kam, ohne es zu wollen, auf die rechte Spur mich aus meiner Fassung zu bringen. "Ach!" sagte er mit schmelzender Stimme, "was wird nicht meine gute Schwester Margot und mein Schwager fur Freude haben, wenn sie das horen!" Ich erschrak, wie ein Dieb, der seinen Steckbrief in den Zeitungen liest, bei dieser Erwahnung. "Gott, Gott!" sagte ich heimlich zu mir, "wie unabsehlich weit hast du dich in diesen sieben Tagen von den unschuldigen Huttenbewohnern des ehrlichen Caveracs und von dir selbst entfernt! von einem naturlichen guten Manne zu einem religiosen Betruger!" ... Mir war zu Muthe wie einem Juden, der Schinken verkauft. Ich hatte einen Abscheu vor meinem Handel. Da aber der Vortheil mir der Nachtheil meinen Feinden zufiel, so fand ich hierin einen doppelten Bewegungsgrund, mich geschwind genug zu beruhigen, und liess es einstweilen damit gut seyn. Bastian war inzwischen zur Thure hinaus gewischt, und sturmte, wie der Diener eines Zahnarztes das Volk zu der Boutique seines Patrons. In wenig Augenblicken waren Zimmer, Vorsaal und Treppe voll von Neugierigen und Andachtigen, die mir alle vorkamen als waren sie dem Tollhause entlaufen. Bei einem solchen Getose muss man der Wunder besser gewohnt seyn als ich muss man, glaube ich, ein Geistlicher seyn, um sich nicht bange werden zu lassen. Wahrend dieses Tumults hatte sich der Propst fortgeschlichen sein Waffentrager ihm nach. Ich war heilfroh daruber, denn so lange sich dieser Schwarzkunstler noch in meiner Nahe befand, schien mir immer noch etwas im Wege zu stehen. Nun erst ward mir recht leicht um das Herz. Ich sah mit wahrem Entzucken, dass mein Gericht aufgehoben meine hamischen Anklager zum Schweigen gebracht was mir aber mehr als alles diess den Gewinn meines Prozesses versicherte, ich sah dass die Volksstimme auf meiner Seite war. Eine halbe Stunde hielt ich noch das Anstaunen der Menge ihre unbesonnenen Fragen, und die ekeln Ausbruche ihrer Verehrung aus: da ich aber zuletzt dieser albernen Scene hochst mude war, und mich besann, dass ich vor meiner Abreise noch andere wichtige Geschafte abzuthun hatte, so wendete ich mich mit dem Anstande eines Mannes, dessen Bitten Befehl sind, an den buntscheckigen Haufen, ausserte mein Verlangen, dass man mir nun auch einige Ruhe gonnen mochte, packte mein Zauberblatt wieder ein und machte ihnen Hoffnung, es nachstens der allgemeinen Andacht offentlich auszustellen. Diese hofliche Erklarung that ihre Wirkung und um ganz sicher vor weiterem Anlaufe zu seyn, befahl ich meinen Grenadieren, sich vor das Haus zu stellen und, bei Strafe der Kassation, keine Seele sich dem Thurklopfer nahern zu lassen.
Sobald ich mich mit meinem Erretter, dem Domherrn, und meinen beiden frommen Nachbarinnen allein sah mir die Ehre ihrer Gegenwart bei meinem letzten Mittagsmahle ausgebeten, und meinem Bastian eingescharft hatte, es mit verstandiger Rucksicht auf meine vornehmen Gaste zu besorgen, ging ich nun als der obsiegende Theil ohne weitere Umstande an ein Geschaft, das oft selbst bei einem gewonnenen Prozesse noch seine grossen Schwierigkeiten hat, ich meine den Ersatz der Schaden und Kosten. Ungeachtet ich gestern mich selbst dazu erbot, fuhlte ich mich doch heute verwegen genug mein Wort wieder zuruck zu nehmen; so sehr hatten sich seitdem die Umstande geandert. Ich fand es meiner moralischen Denkungsart ganz zuwider, jenes Schlachtvieh, das ich der unreinen Herde der Kasuisten entfuhrt hatte, um es dem Andenken Rousseau's zu opfern, in der Nahe von schwachen Menschen wieder aufzustellen fand es viel edler, diesen Gewinn meiner Borse einer guten Handlung zu widmen, und machte mir nicht das geringste Bedenken, es auf Kosten der milden Stiftung zu thun. Sonach wendete ich mich an den Domherrn: "Ich begreife, wie weh es den hiesigen glaubigen Seelen thun wurde, wenn ich das Dokument der Dreieinigkeit dem Lande entziehen wollte, in welchem es die Vorsehung ausgefertigt hat.." "Nein bei Leibe," unterbrach mich der erschrockene Domherr, "das darf nicht geschehen!" "Zumal da niemand," fuhr ich fort, "dafur stehen kann, dass nicht das Volk, dem ich die Ausstellung dieses Wunderblattes schon halb und halb versprochen habe, uber dessen Verlust in Aufruhr gerathen konne.." "Freilich, freilich!" schrie der Domherr darein, "es wurde alles drunter und druber gehen." "Und doch," fuhr ich jetzt schon um vieles herzhafter fort, "konnen mir Ihro Weisheit nicht absprechen, dass mir dieser Schatz ohne Widerrede zusteht, sobald ich den Scheiterhaufen der Kasuisten verguten soll, der hier nur als ein Vehikel dieses Wunderblatts zu betrachten ist, so wie dem Scheidekunstler das Gold gehort, der das Erz, worin es lag, erkauft hat." "Lieber Freund und Gonner," fiel mir hier der Pralat wieder in das Wort, "sollte denn nicht ein Ausweg zu finden seyn? Ich bitte Sie bei allem was heilig ist, denken Sie doch auf einen Ausweg!" "Das habe ich schon gethan," versetzte ich, und schlug ohne Respekt fur seinen Purpur meine Arme kreuzweis in einander. "Ware es mir gegeben mit heiligen Sachen zu wuchern ware der Ersatz der Kosten nicht gemeiniglich schon ein halber Beweis unrechter Handlung, und machte es mir nicht eine geheime Freude, diejenigen mit Grossmuth zu bestrafen, die mich zu verfolgen gedachten; so wurde ich, unter uns gesagt, theuerster Freund, etwas geiziger handeln wurde die verbrannte Sammlung fur ihren geringen Ladenpreis wieder herstellen, und mich und mein Vaterland mit einem Blatte bereichern, das einem wohldenkenden Herzen mehr werth seyn muss als alle Bibliotheken der Welt. Aber ich entsage gern meinem Eigenthume daran ..." "Das ist schon und gross gedacht," tonte hier Klarchen und: "Ach! es fallt mir ein Stein vom Herzen," krahte die Alte darein, die bis jetzt in angstlicher Erwartung des Ausgangs von weitem mit ihrer Nichte mir stillschweigend zugehort hatte. "Dagegen," fuhr ich sehr anmasslich fort, "verlange ich die Befreiung von allen niedrigen Unkosten als Bedingung, und nebenbei das Versprechen von Ihnen allen, bei Ihren kunftigen Nachforschungen nach jenem grossen Geheimnisse des Mannes in Segen zu gedenken, der sich um die dunkle Lehre der Dreieinigkeit vielleicht verdienter gemacht hat, als alle Gottesgelehrten, die bis jetzt, ohne sonderlichen Erfolg, daran gearbeitet haben."
Der Domherr, in der Freude seines Herzens, bestatigte nicht allein auf das hoflichste die Komplimente, die ich mir selbst machte, sondern er dankte mir auch im Namen aller Gemeinden der christlichen Kirche deren er doch keiner einzigen vorstand fur mein grossmuthiges Erbieten. Er zweifle nicht, sagte er, dass es auch der Legat im Namen des heiligen Vaters thun, und mit dankbarer Freude meine so billigen Bedingungen genehmigen werde. Er eile jetzt zu ihm, um unser aller Angelegenheit in Ordnung zu bringen; denn mit Kanzlei-Geschaften musse man einem geistlichen Herrn fruh kommen. Er hoffe in einigen Stunden damit fertig zu seyn, und alsdann hier kusste er mich mit der freundschaftlichsten Warme den schriftlichen Erlass meines Haus- und Stadtarrests und aller Schaden und Unkosten, so viel ihrer auch seyn mochten gegen ein gutes Glas Wein an meinem Tische auszuwechseln. Er ging, und, nach einigem Fispern mit ihrer Nichte, verliess auch die alte Bertilia das Zimmer, um, wie sie sagte, in das ihrige beten zu gehen. Klarchen, die sich nun auf einmal mit mir wieder so allein sah als an dem Namenstage ihrer Tante, ward roth bis uber die Augen, und wie man nur zu oft, in der Absicht sich aus einer kleinen Verlegenheit zu ziehen, in eine noch grossere fallt, so bat sie mich, sie aus der einsamen Stube in die bewusste Bibliothek zu fuhren, die doch sicher der geheimste und einsamste Winkel im ganzen Hause war. "Sie wolle noch einmal," gab sie vor, "in meiner Gegenwart den merkwurdigen Platz aufsuchen und bezeichnen, wo die Legende ihrer verklarten Namensschwester, bis zu ihrem Hingange in den Kamin, verweilt hatte." Ohne mich lange uber ihr geschwindes Vergessen des Lokals zu verwundern, reichte ich ihr den Arm. Sobald wir aber beide vor dem Bucherschranke ankamen, uberraschte sie mich nein, es ist nicht auszusprechen wie? Du konntest Jahre darauf sinnen ohne es zu errathen.
Als wenn sie mir in das Herz geblickt als wenn sie die ganz unbeschreibliche Erniedrigung gekannt hatte, in der mir ihr Bildniss erschien unternahm sie, zu meinem Erstaunen, sich aus dieser tiefen Herabsetzung zu erheben, und meinem Menschenverstande zum Trotz alle die grundlichen Versuche umzustossen, die mir uber ihre Heiligkeit, Unschuld und Sittsamkeit die Augen nur zu sehr geoffnet hatten. "Nun das gestehe ich," sagte ich bei mir selbst, sobald ich ihre Absicht merkte, "dieser ausserste Grad der Unverschamtheit hat noch gefehlt, um die Missgestalt ihres Charakters vollends auszumalen!" Aber es wahrte nicht lange solltest Du es glauben Eduard? so fingen mir an meine gewissen Erfahrungen von ihr problematisch zu werden meine Versuche kamen mir einseitig, und die Schlusse, die ich daher folgerte, willkuhrlich und ubereilt vor. Ich vergebe Dir, wenn Du uber diese Nachricht lachst. Ich bin der erste, der eingesteht, dass, nach allem dem, was unter uns vorgegangen, mir von ihr zu Ohren gekommen, und noch heute meinem Geiste so gegenwartig war als gestern meinen Augen es etwas hochst unerwartetes sei, dass mich dasselbe Madchen, so kurz vor meiner Abreise, eines bessern von ihr uberzeugen solle. Aber genug! es gelang ihr. Das Kind erschien mir heiliger und unbefangener als jemals, und so sehr ich mich Anfangs auch straubte, trat ich doch zuletzt freiwillig den sublimen Vorstellungen bei, die sich Herr Fez ein braver, gescheidter Mann, von ihr macht, der sie von Jugend auf in den Augen gehabt, und sie wohl richtiger als ich zu beurtheilen Gelegenheit hatte.
Ich sehe, Du bist nach diesem Gestandnisse im Begriff mir Deine Freundschaft aufzukundigen, schiltst mich einen Schwachkopf, und magst nichts weiter mit mir zu thun haben. Aber warte nur noch einen Augenblick und hore!
Anstatt das Fach zu bezeichnen, wo die Legende der heiligen Klara kurzlich noch stand, wendete sie sich sogleich, als wir vor den Schrank traten, mit unbeschreiblicher Anmuth nach mir, ohne es anzublikken, und legte mit kindischer Gutherzigkeit ihre beiden Handchen in die meinen. "Ich habe Sie aus keiner andern Absicht in diess abgelegene Kabinet gelockt," sagte sie, "als mein Herz, das mir zu voll ist, ungestort vor Ihnen auszuschutten. Halten Sie mir meinen kleinen Betrug zu Gute, mein bester Herr! Wie viel," fuhr sie ausserst geruhrt fort, "habe ich Ihnen nicht seit der vergangenen Stunde zu danken! Es haben sich seit meiner Geburt manche gute Menschen meiner angenommen haben in Unschuld und Tugend fur mich gesorgt mir uber vieles Rath und Trost ertheilt, und meinen Verstand erweitert aber dennoch bin ich bis heute mir selbst immer noch unbekannt geblieben. Ihnen war es vorbehalten, mir diese Kenntniss zu geben. Sie, mein Herr, sind der erste, der mich uber meinen innern Werth belehrt, und mich in meinen eigenen Augen zu einer Wurde erhoben hat, mit der ich kaum weiss was ich anfangen soll. Das susse Bewusstseyn, die heiligen Steine in mir zu tragen, die bis jetzt allen menschlichen Nachforschungen entgangen sind o dass es mich nicht ubermuthig und stolz und nur nicht der Erbschaft meiner hochst seligen Schwester unwurdig mache!" "Wie? Klarchen!" sagte ich hohnisch: "Hatten Sie denn vor meiner Rede nie einige Ahndung davon? fuhlten nie ein sanftes Drucken in der heiligen Gegend, wo sie liegen?" "Auch nicht das geringste!" antwortete sie mir mit einer Unbefangenheit, die allerliebst war. "Hat Sie denn," fuhr ich schalkhaft fort, und ich dachte sie wurde uber und uber roth werden, "auch Herr Ducliquet nicht auf die Spur gebracht?" "O!" sagte sie, ohne im mindesten aus der Fassung zu kommen, "vor einigen Jahren zwar hat mir dieser gute wurdige Mann die Lebensgeschichte meiner verklarten Namensschwester zur Erbauung und Nachahmung vorgestellt. Es war sogar sein erstes Gesprach mit mir. Aber ich war damals ein Kind hatte keine Acht darauf, und schlief uber seinem Unterricht ein. Lange fand ich keine Gelegenheit, meine Unachtsamkeit wieder gut zu machen. Vorgestern erst gluckte es mir. Erinnern Sie Sich wohl noch, wie begierig ich in einem Buche las, das ich Ihnen nicht sehen liess? Jetzt kann ich es Ihnen sagen; aber legen Sie mir es nicht als Stolz aus! Es war die Legende dieser Heiligen war eben das Blatt, das Gott im Feuer erhalten hat." "So?" sagte ich, "aber wie kam es denn, dass Sie das erstemal dabei einschliefen?" "Weil es sehr spat war," antwortete Sie. "Sehen Sie es war Mitternacht.." "Aber um des Himmels willen, Klarchen," fiel ich ihr ein, "wie trafen Sie denn so spat mit dem Domherrn zusammen?" "O," antwortete sie, "das hangt ganz naturlich an einander. Soll ich es Ihnen erzahlen?" "Wenn ich bitten darf, liebes Kind," lachelte ich sie an, "so thun Sie es so genau als moglich und mit allen Umstanden." "Nun gut," fing sie schwatzhaft an. "Meines Vaters Schwester zu Cavaillon die Wirthin in dem Propheten, hatte uns hier besucht, und nahm mich mit sich, als sie zuruck ging. Wir trafen das ganze Wirthshaus ubersetzt an, da wir ankamen. Es war schon spat, und ich konnte vor Mudigkeit kein Auge mehr aufhalten. Das gute Weib machte auch alle Anstalt, um mich bald zur Ruhe zu bringen fuhrte mich in eine grosse leere Stube, und wies mir ein Bett an. Ich hatte mich noch nicht ganz aus meinen Reisekleidern geworfen so brachte mein Vetter einen Passagier in dieselbe Kammer. Es war Herr Ducliquet. Er erkundigte sich, was das fur ein Kind ware. Mein Vetter nannte mich, und wunschte uns eine gute Nacht. Der liebe fromme Herr, wie Sie ihn kennen, nahm sogleich Gelegenheit, mir recht viel Erbauliches uber meinen Namen und meine Patronin zu sagen. Aber, wie Kinder sind ich horte die Sache nur halb und schlief daruber ein. Bald nachher.. doch das ist eine Geschichte, die weiter hieher nicht gehort.." "O das thut nichts, Klarchen," sagte ich: "erzahlen Sie nur immer fort ich konnte Ihnen einen ganzen Tag zuhoren." "Nun denn, mein Herr," erwiederte sie, "so ist es Ihre eigene Schuld wenn ich Ihnen lange Weile mache. Ich schlief also, wie Sie wissen aber es wahrte nicht lange, so erweckte mich ein Getos von der andern Welt. Ich fahre schlaftrunken in die Hohe und sehe stellen Sie Sich das Erschrecken eines Kindes vor den Teufel vor meinem Bette." "Gott sei bei uns!" unterbrach ich die Schwatzerin. "Ach! furchten Sie nichts," fiel sie mir hastig in's Wort: "Er war es nicht leibhaftig es war nur ein Komodiant, der ihn den Abend vorgestellt hatte, und jetzt sein Bette suchte und, was Sie erst recht verwundern wird, mein Herr es war einer von den Soldaten, die Sie bewacht haben!" "Unmoglich!" rief ich aus. "O, verlassen Sie Sich darauf!" versetzte sie: "Sie konnen ihn selbst darum befragen. Das Schrecken," fuhr sie fort, "war nicht geringe; aber die Folgen davon waren doch gut. Ich lag die ganze Nacht durch in einem Fieber, und war so in Furcht gesetzt, dass ich den Morgen darauf nicht langer in Cavaillon aufzuhalten war. Ich weinte so lang und so jammerlich, dass endlich meine Verwandten sich heraus nahmen, den Herrn Ducliquet, der wieder nach Avignon reiste, um einen Platz fur mich in seinem Wagen zu bitten. Er bewilligte ihn auf das gutigste und dieser Zufall, mein Herr, dieses Schrecken und diese Reise machten mein Gluck. Unterweges examinirte mich der wurdige Mann uber meine Glaubenslehren, liess mich ein Morgenlied singen, und meine Stimme gefiel ihm. Als wir hier ankamen, uberlieferte er mich meinem Vater denn keine Mutter hatte ich mehr und suchte ihn zu bereden, mich die Noten und das Singen lernen zu lassen. Der hatte es auch gern gethan; aber er war zu arm um etwas auf meine Erziehung verwenden zu konnen. Da schlug sich der wohlthatige Herr in's Mittel und, wie manchmal ein geringer Umstand in unser ganzes Leben eingreift, erbot sich nicht allein, mir auf seine Kosten im Singen einen Lehrmeister zu halten, sondern auch in allen andern nutzlichen Dingen Sorge fur meine Bildung zu tragen. So kam ich in das Domstift, wo er mich der Aufsicht seiner Haushalterin ubergab, die wie eine Mutter fur mich gesorgt hat. Ach! ich ware gewiss noch in dem Hause dieses guten Herrn, wenn ich nicht selbst mein Gluck verscherzt hatte." "Wie denn so?" fragte ich lachelnd, und glaubte nun gewiss das Madchen auf einer Unwahrheit zu ertappen, die ich mir schon vornahm sie recht fuhlen zu lassen, aber es war nicht moglich. "Sehen Sie," fuhr sie fort, "Herr Ducliquet hatte ausgewirkt, dass die gefahrlichen Menschen, die mir so ein Todesschrecken eingejagt hatten, der Folgen wegen, nicht weiter mit lebendigen Personen spielen durften. Da legten sie nun ein Puppenspiel an. Einmal, da ich ausgeschickt war um Semmel zu holen, ging ich eben vorbei, als sie ein geistliches Stuck auffuhrten. Ich glaubte nicht unrecht zu thun wendete einige Sous daran und ging hinein. Man wies mich auf die hinterste Bank, wo ich weder etwas horte noch sah. Gern ware ich wieder heraus gewesen; aber das war bei dem Gedrange schon nicht mehr moglich. Ich kam neben einem Officier zu sitzen, und sass wie auf Kohlen. Er hatte die Barmherzigkeit, mir den Arm zu geben und durch das Volk zu helfen, als das Spiel vorbei war. Aber mein Gott! wie war die Zeit vergangen! Es war ganz dunkel, wie ich zuruck kam, und vor Angst hatte ich die Semmel vergessen. Ach wie theuer musste ich diesen kindischen Einfall und diese Vergessenheit bussen! Meiner Pflegemutter war das Ragout verdorben, und der Herr, der den Koch nach mir geschickt hatte, musste hungrig zu Bette gehn. Meine Entschuldigungen halfen nichts; denn sie waren beide keine Liebhaber vom Schauspiele. Sie sagten sich von mir los, und ich musste noch diesen Abend aus ihrem Hause. Was sollte ich anfangen? Seit acht Wochen war ich eine Waise. Es blieb mir nur die einzige Verwandte ubrig, zu der ich fluchtete, und die mich mit Erlaubniss des Herrn Propsts aufnahm. Nun geht es mir zwar ganz gut hier aber was ich kann das kann ich denn mit meinen schonen Lehrstunden hat es ein Ende."
Ich ward uber die naturliche Erzahlung des armen Kindes, die der Sache ein ganz anderes Licht gab, schon etwas nachdenkend. "Klarchen!" sagte ich, und sah ihr scharf in die Augen, ohne dass ich, Gott weiss, die geringste Verlegenheit darin erblickte, "damals waren Sie ein Kind; das entschuldigt viel: aber wie sind sie denn nachher ..." und ich hielt inne, weil ich selbst nicht recht wusste was ich ihr zuerst vorwerfen sollte. "Was denn, mein lieber Herr?" fragte sie hastig, und starrte mich dabei mit ihren grossen unschuldigen Augen an und ich fuhr, selbst und allein ausser Fassung gesetzt, stotternd fort "zu den Kreuzen gekommen, die ..." "Das," fiel sie mir ganz verwundert in das Wort, "das wissen Sie ja! die malt mir der Herr Propst meistens einen Tag um den andern." "Aber um Gottes Willen," erwiederte ich und schuttelte den Kopf, "wie mag ein so frommes bluhendes Madchen so etwas erlauben?" "Wie so?" fragte sie erstaunt: "Es geschieht ja zu meinem Besten, um mich, wie der Herr Propst und meine Tante sagen, die immer dabei steht, vor allem zu bewahren, was mir die Stimme verderben kann; und finden Sie denn nicht, mein Herr, dass es geholfen hat? Ach, diese heiligen Zeichen Sie mogen sagen was Sie wollen sind von erstaunlicher Wirkung."
Ich sah das Madchen mit stiller Verwunderung an. Ware es moglich! dachte ich, fasste Herz und that ihr noch eine Frage. Aber die war umsonst denn sie verstand sie nicht. Ich sann und sann, und konnte so wenig aus diesem sonderbaren Geschopfe als aus mir selbst klug werden. "Es ist doch," sagte ich in stiller Ueberlegung, "nicht so ganz platterdings unmoglich, dass ihr der Propst entweder so etwas weiss macht, oder es auch wohl selbst glaubt denn was glaubt man nicht alles in dieser Religion! und dass beide nichts weiter dabei denken, als ein anderes, das Handschuh anzieht um sich vor der Luft zu bewahren. Indess ... wundershalber will ich sehen, was sie mir d a r a u f antworten wird!" "Klarchen," erwiederte ich mit zunehmendem Interesse an ihren naiven Antworten, setzte mich dabei auf den nachsten Stuhl, und zog sie wieder, wie das letztemal nach Auswechselung unserer Bander, an meine Kniee, mit denen ich sie traulich umfasste. "Nehmen Sie mir nicht ubel, Klarchen, dass ich auf eine alte vergessene Geschichte zuruck komme. Gestern, Kind ich kann nicht ohne Entzucken daran denken was dachten Sie denn gestern als ich mir die Erlaubniss des Pater Lessau und Bauny so gut zu Nutze machte?" "O, da," antwortete sie, "war mir nicht wohl zu Muthe das gestehe ich Ihnen. Ich dachte Sie hatten gesehen, wie angst mir um meinen heiligen Nicaise war. Ich erwartete immer, Sie wurden ihn noch in tausend kleine Bisschen zerstuckeln." "Weiter, liebes Klarchen!" indem ich sie sanft mit meinen Knieen druckte. "Ja und als Sie mir," fuhr sie mit einem Blicke fort, der gar drollig war, "das Kreuz der Cacilia verloschten, war mir noch weniger wohl um das Herz; doch verliess ich mich noch auf die Wiederherstellung und auf meinen hubschen Vorrath von geweihter Farbe. Als Sie aber auch diese verschutteten nein! ich laugne es nicht da war ich so toll und bose auf Sie, als ich noch in meinem Leben auf niemanden gewesen bin. Ich dachte gewiss, es ware nun um meinen Discant geschehen und ich wurde nicht einen Psalmen mehr zur Naht bringen das Schmahlen des Propstes und meiner Tante ungerechnet, das ich voraus sah. Heute mache ich mir freilich weniger daraus, da ich nichts wusste, was Sie mir nicht durch die heiligen Steine zehnfach ersetzt hatten."
Diese unbegreiflich unschuldige Erzahlung, durch die das liebe Kind, so als wenn es nichts auf sich hatte, meine Einbildungskraft entflammte, und in die reizendste Gegend zuruck brachte, die ich wohl behaupten kann in meinem Leben gesehen zu haben, setzte mich erst ganz ausser mir, als sie schwieg; denn jetzt sprach die gefahrliche Stille, die uns umgab, nur desto vernehmlicher. Ich sprang wie verwirrt von einem Stuhle auf, und mit dem Gefuhl eines Wunderthaters war ich eben im Begriffe, den Riegel an der Kammerthur vorzuschieben als sie Bastian mit der einfaltigen Frage halb offnete: was fur Wein er diesen Mittag aufsetzen solle? Wie er seinen Kopf so vorstreckte, hatte ich ihm lieber in diesem Augenblicke seinen Abschied gegeben; denn die vermaledeite Aehnlichkeit mit seiner Schwester verjagte mir wieder alle die muthigen Gedanken, die mir Klarchen eingab. Ob ich nun gleich kurz nachher froh war, so kam mir doch jetzt diese Unterbrechung meiner Ideen zu unerwartet, um mir nicht weh zu thun. Ich blickte einige Minuten schweigend gen Himmel wendete dann mit Ernst und Mitleiden meine Augen gegen das liebliche Madchen "Hier ist," sagte ich heimlich zu mir, "tausend- ja millionenmal mehr als Margot!" und halb betaubt fuhrte ich sie nun in die Stube zuruck, wo der Tisch schon gedeckt stand. Ich zog, nachdenkend, die Hande auf den Rucken gelegt, ein paarmal meine Zirkellinie um ihn, ehe ich einen herzdrukkenden Seufzer, an dem ich arbeitete, los werden konnte, der aber auch dafur mehr Erleichterung nachliess, als keiner, der bis jetzt in meinem Tagebuche vorkommt; und indem ich mich mit diesem Bogen zur Aufnahme meiner Beichte an einen Nebentisch setzte, fertigte ich auch Bastian ab, der immer noch keine Antwort auf seine ungelegene Frage erhalten hatte. "Rechne auf die Person, wir sind unser Viere," sagte ich ihm, "eine Flasche Burgunder, und eben so viel Champagner kann doch jedes seinem Nachbar abgeben was es daran zu viel hat. Aber von der besten Sorte," rief ich ihm nach, "denn wir haben einen Domherrn bei Tische." Ich habe, kann ich mit Wahrheit sagen, noch nie in besserer Laune ein berauschendes Getrank bestellt. Indess nun das arme Kind da mir ungewiss gegen uber sitzt auf jeden Zug meiner Feder schielt, und in meinen Augen vergebens zu lesen sucht was in mir vorgeht, bittet mein geruhrtes Herz, so oft ich hinblicke, ihr alle die Beleidigungen ab, die ich ihr anthat, und, empfiehlt in stiller Andacht diese schone nackende Seele dem Schutze Gottes und aller Heiligen. Ach! nie ist eine, bei dieser namenlosen Einfalt, in einer so verdorbenen Welt als die unsere ist, dieses Schutzes so bedurftig gewesen!
Es ist mir fur meine Schreiberei lieb, dass ich noch eine Weile der albernen Gesprache, die ich mit der Zuruckkunft des Domherrn erwarte, entubrigt, und unter der stillen Aufsicht Klarchens so gut wie allein bin denn so habe ich doch noch Zeit die mancherlei wider einander laufenden Gedanken fur Dich noch durchzufegen, die von allen Seiten her sich immer mehr anhaufen. Meine schwankende Denkungsart lass mich zuerst von der sprechen die ich mir wohl sonst, nicht ganz ohne Grund, vorwarf argere mich dermalen nicht im geringsten. Ein ehrlicher Mann, wenn er es wirklich seyn will, muss schwanken, sobald sich an dem Objekte uber das er nachdenkt, die Farben andern; und ich kann die klugen Leute vor meiner Sunde nicht leiden, die sich selbst da ihrer Festigkeit ruhmen, wo es offenbar ein Fehler ist fest zu seyn. Es ist ein wahres Gluck fur die p r a k t i s c h e P h i l o s o p h i e , dass ich durch meinen Arrest so lange hier aufgehalten wurde, um noch im Zeiten gewisse Vorurtheile zuruck zu nehmen, die schon tiefe Wurzeln zu schlagen anfingen, und die i h r so nachtheilig hatten werden konnen als dem guten Rufe dieses vortrefflichen Madchens. Und noch glucklicher trifft es sich, dass ich, Gott Lob! von dem gewohnlichen Eigensinne spekulirender Kopfe frei bin denn sonst hatte ich mich gewiss auch jetzt noch nicht aus der Schlussfolge gefunden, die ich einmal glaubte mir bewiesen zu haben. Die Wahrheit ware mir entwischt, wo ich ihr am nachsten war, und Du, lieber Eduard, warest so gut als ich um das Resultat meiner muhsamen Experimente gekommen, das ich Dir doch n u n , auf das feinste entwickelt, als die lehrreichste Entdeckung meiner Reise mitbringen kann. Das Vorgeben unserer grossen Menschenkenner, dass jedes Madchen unschuldig oder nicht in ihren eigenen Angelegenheiten dem scharfsichtigsten Manne eine Nase drehe ist aus der Luft gegriffen, wie viele solcher Sentenzen. Versteht nur erst, ihr guten Leute, ein weibliches Herz ohne Einmischung eures eigenen zu entfalten, so wird euch auch keins so leicht uber seinen Werth oder Unwerth betrugen! Freilich ist es eine kitzliche Sache damit; das kann ich nicht laugnen, denn mein Beispiel beweist es zu klar. War ich nicht drauf und dran, das schuldloseste Geschopf zu verdammen, das vielleicht in unserm Welttheile zu finden ist? und wer hatte mich einer Uebereilung dabei zeihen konnen? Traten nicht so viele Anzeigen wider sie auf, die mein Urtheil vor jedermann rechtfertigen mussten? Und doch war ich in Irrthum, und ware es auch, ohne das letzte zufallige Gesprach mit ihr, immer und ewig geblieben. Das mag wohl nicht selten der Fall bei unsern systematischen Grillen seyn. Wenn wir uns mit vieler Muhe die Augen verkleistert haben, offnet sie uns ganz unerwartet das Geschwatz eines Kindes. Ist die Schamlosigkeit, die ich der guten Seele, nach der gewohnlichen Bedeutung des Wortes, vorwarf ist sie bei ihr wohl etwas anders als der hochste Grad paradiesischer Unschuld? Wie lange hat es nicht gewahrt eh' ich das begriffen habe! Nur die Seltenheit der Sache kann mir zu einiger Entschuldigung dienen. Bei den Wilden zwar, sagt man, fanden sich Spuren davon aber in einem kultivirten Lande! nach dem Sundenfalle! ist es das erstaunungswurdigste Phanomen das sich denken lasst. Konnte ich denn nicht gleich vom Anfange Klarchens Betragen aus diesem Gesichtspunkte betrachten? Ach, wie viel geschwinder wurde ich alle jene Abweichungen von dem Gewohnlichen bei ihr entrathselt, und die undankbare Muhe erspart haben, ein so liebenswurdiges Geschopf bei bestandigem Widerspruche meines Herzens in meiner Vorstellung so abscheulich tief zu erniedrigen! Aber unsre liebe, herkommliche, Europaische Denkungsart die doch selbst im Grunde nichts anders als Abweichung von der Natur ist steht uns immer bei metaphysischen Auflosungen im Wege.
Drollig genug, dass ich durch ein vorgebliches Wunder hinter ein wahres gekommen bin! Aber was soll ich nun da die Sachen bis auf diese Spitze getrieben sind anfangen? Auf der einen Seite fuhlt sich das fromme Kind so glucklich in dem Besitze der heiligen Steine; auf der andern habe ich alle hirnlose Kopfe das heisst alle Einwohner der Stadt damit erhitzt. Wird das nicht zu den tollsten Planen und Nachforschungen Gelegenheit geben, uber die eine Tugend so leicht zu Grunde gehen kann, die durch weit grossere Seltenheiten die Ehrerbietung der Erde verdient? Wirklich, es wird mir ganz bange um das Herz, wenn ich das so recht uberlege.
Das reizende Madchen! wie lieb ist sie mir nicht seit einigen Minuten geworden! Ich kann es nicht ausdrucken wie lieb! Wenn ich so von meinem Bogen auf in die Hohe blicke, und diesen schonen grossen Augen begegne, aus denen die ganze Reinigkeit und Energie i h r e r Seele wiederstrahlt so kann ich nicht nein! wahrlich ich kann mich nicht eines Gedankens erwehren, den mir mein guten Genius gewiss nicht umsonst so warm an das Herz legt. Bei der kleinen Margot ward er schon einmal ziemlich laut bei mir aber Du weisst, wie fluchtig er damals und wie wenig uberdacht er war. Hier aber finde ich ungleich mehr Ursachen ihm nachzuhangen. Ernstlich, Eduard! Ich kann mir doch an den Fingern abzahlen, dass ich uber lang oder kurz wie man sagt, heirathen werde; und wie wird das geschehen, wenn ich nicht zuvorkomme als auf die gewohnliche Weise, die so albern als misslich ist? Hier hatte ich nun einen Gegenstand gefunden, wie ihn nur die begehrlichste Liebe eines Philosophen verlangen kann, und als keiner ich bin es versichert mir je wieder so vollkommen aufstossen wird. Ich mag um ein Madchen werben wo ich will, wird mir wohl eins seinen Korper und seine Seele so aufrichtig und so befriedigend enthullen, als es diess Kind gethan hat? Ach! ich werde nicht besser als andere auf geradewohl einschlagen mussen, und alles das zu spat erfahren, was doch so gut ware vorher zu wissen. Die seltene Gelegenheit, die ich in diesem Stucke bei Klarchen gefunden kommt mir nicht wieder. Warum will ich mich also noch bedenken? Besitzt sie denn nicht alles, was ich manchmal in Sommernachten von meiner kunftigen Gattin ertraumte? Und Gott! im welchem Masse besitzt sie es! Lauterkeit des Herzens hohe Einfalt eines herrlichen Verstandes achte Unschuld eine nie beruhrte Stimme und einen Gliederbau, wie er nicht oft der Natur gelingt. Ihr Herkommen mag freilich nicht vornehm seyn aber das ist auch das letzte, worauf ein Mann zu sehen hat, der seinen wahren Vortheil versteht. Ihre aberglaubische und schwarmerische Religion o die war ihr wahrend ihres Jungfrauenstandes recht nutzlich, und nach der Trauung, denke ich, will ich sie ihr schon mit guter Art aus dem Kopfe bringen. An die heiligen Steine mag sie meinetwegen noch eine Weile glauben die sollen mich an nichts hindern, und ich hoffe noch manche gluckliche Stunde mit ihr uber ihr gutiges Zutrauen in ihre Schiedsrichter zu lachen. Dass der Propst ihr mit seinen Augen und Handen so nahe gewesen konnte mir unter jeden andern Umstanden anstossig vorkommen hier ware es eben so lacherlich, als wenn sich einer dabei aufhalten wollte, dass ein Priester seine Geliebte bei der heiligen Taufe schon vor ihm in den Armen gehabt habe. Ohnehin ware es auch nur um der einfaltigen Nachfragen wegen der Dreieinigkeitssteine wurde ich das Madchen eben so wenig ihren vorigen Bekannten unter dem Gesichte lassen als sie jemals nach Berlin bringen, das auf keine Art dieser Perle werth ist. Nein, Eduard! fern von euern Vorurtheilen euern Etiquetten euerm Neide und euren Sarkasmen will ich mit Freuden mein Abzugsgeld in die konigliche Invaliden-Kasse bezahlen und in einem weniger sandigen und undankbaren Erdstriche als dem eurigen meiner Einkunfte und meines Lebens in den Armen dieses Engels geniessen, ohne mich nur nach euch umzusehen, als in den Zeitungen. Mit meinem runden Charakter, zufriedenen Herzen, und mit der philosophischen Laune, die mich nirgends verlasst, will ich das Ding, das den meisten Leuten so schwer wird, schon moglich machen, und will es in Ruhe erwarten, was Du zu dem Plane meines Glucks sagen wirst, wenn Du mich einmal, wie ich hoffe, in meinem Winkel besuchst.
Da meine Feder wie gewohnlich, wenn sie das Herz fuhrt so voll und so gelaufig ist, so will ich Dir ein Projekt mittheilen, das zu gut in meine Absichten passt, um es nicht so bald als moglich vielleicht schon morgen in's Werk zu setzen. Als ich letzthin von Vaucluse zuruck kam, begegnete mir nicht weit von Lille ein Mann, der, den Hut tief in die Augen gedruckt, die Arme in einander geschlagen, trocken und ernst einher schritt. Eine danische Docke, die traurig ihm nachschlich, und nicht den Muth hatte, einen Sprung in das Feld zu thun, war sein Begleiter. Das letztere fiel mir zuerst auf. Ich denke immer nicht gut von einer Haushaltung, wo ich die Freundschaft zwischen Herrn und Hund gestort finde. Ich erkundigte mich nach diesem Fremden erst bei einem Bettler, dem er trotzig etwas in den Hut warf, und nachher bei einigen Bauern, denen er nicht dankte, als sie ihn grussten und so erfuhr ich gar bald seine Geschichte. Er war ein Graf aus Kopenhagen, welcher dort der Regierung einen Dienst erwies, der ihm durch eine grosse Geldsumme belohnt wurde. Wie es aber manchmal mit solchen Belohnungen geht sie fullen den Beutel und belasten das Herz. Es ward ihm zu enge in der Konigsstadt. Er gab es der dicken Luft Schuld und fluchtete sich hieher, wo er in der herrlichen Gegend so laut storte, bis er ein Dorfchen fand so freundlich und wohl gelegen, als man sonst nur in Kupferstichen zu sehen bekommt. Hier liess er sich nieder und baute sich an. Aber was half es? Seine Unruhe ist noch immer dieselbe, und es fehlt ihm auch hier der Athem. Klarchen konnte ihm begegnen, er sahe sie nicht. Immer in tiefen Gedanken, sprachlos und murrisch, starrt er die reizensten Gegenstande der Natur an, ohne Gefuhl, ohne Genuss: und doch, wie ich Dir schon gesagt habe, ist der Mann reich sein eigener Herr und machte sich schon in seiner Jugend so verdient um den Staat; denn er verrieth Struensee, der sein Freund war. Sobald er sein Haus gebaut, eingerichtet, und sein Garten in englischem Geschmacke gepflanzt hatte, stand ihm an schon alles wieder zum Verkauf, und er beut es noch aus. Ich kann gewiss einen guten Handel thun, wenn ich es ihm abnehmen und ich zweifle nicht, dass er mir auch seinen armen traurigen Hund uberlasst. Was ein unruhiges Gewissen baut, habe ich immer bemerkt, ist gemeiniglich prachtig und schon; es wird nichts gespart, um das Auge zu befriedigen und durch Bequemlichkeit und Anmuth den Sinnen zu schmeicheln und wenn die Absicht sich schlagt, bekommt es ein anderer um das halbe Geld. Dann kommt es nur darauf an, dass der z w e i t e Besitzer ein zufriedenes Haus mit in den Ankauf bringt, um der Hoffnung habhaft zu werden die dem e r s t e n misslang, und das, was die Natur und die Kunste gewahren, mit freudigem Dank gegen sie zu geniessen. Nun kann ich wohl sagen wenn ich vollends mein Unrecht gegen Klarchen wieder gut mache dass ich in der Welt Gottes nicht wusste was ich mir vorwerfen sollte. Es geht mir mit meinem Gewissen wie einem Gesunden mit seinem Magen: ich fuhle gar nicht es liegt. Ich habe mich immer in Acht genommen dem Staate wichtige Dienste zu leisten; und die Hypochondrie, die ich mir nur durch mein einfaltiges Studieren zuzog, ist Gott sei gelobt! in der heitern Luft dieses Landes verdunstet. Bei diesen Vorzugen, was fur eine allerliebste Wirtschaft kann ich mir nicht einrichten, und welche gute Menschen um mich her versammeln! Da ist mein alter Johann der schickt sich ganz vortrefflich zu einem Haushofmeister und die kleine Margot ware zur Kammerjungfer bei meiner Frau wie gefunden. Nach Klarchen wird sie immer die erste Zierde meines Hauswesens seyn, und es ist mir beinahe nothwendig, dass ich sie mir in die Nahe bringe denn sonst geht es mir gewiss zeitlebens mit ihr, wie es unserm alten Freunde, dem Major, mit dem Neidnagel an seinem Daumen geht, der ihn noch immer schmerzt so oft das Wetter sich andert, ob er gleich schon im siebenjahrigen Kriege die Hand sammt dem kranken Finger verlor. Nehme ich nun noch wie ich Willens bin den Prologus und seinen Bruder in meine Dienste so habe ich auch ein Theater, und will sicher vergnugter und glucklicher leben, als selbst Voltaire zu Fernay gelebt hat: denn ich hatte, neben allem dem was er besass ausser seinem Genie obendrein eine junge liebenswurdige Frau, deren er auf keine Weise werth war, und lage nicht, wie er, mit Monarchen Schriftstellern und Buchhandlern bestandig im Streite. Herr Fez wurde sich gewiss lieber, glaub' ich, todt schlagen lassen, als dass er meine erreurs herausgabe.
Wie doch oft das ganze Gewebe eines zufriedenen Lebens an dem flatternden Faden eines Augenblicks hangt! Wohl dem, der ihn noch zu fassen weiss, ehe er entwischt. Bester Eduard! Seit ich durch das Leben schlendere doch schon eine hubsche Zeit! habe ich noch nicht halb so viel Wohlbehagen empfunden, als in dieser laufenden Stunde. Mein Herz ist weder trotzig noch verzagt weder gleichgultig noch trunken; aber es ist geruhrt, zum sichersten Beweise, dass es auf der rechten Spur ist. Durch wie manche unmuthige Jahre und manche Irrthumer des Verstandes, theuerster Freund, habe ich mich nicht durcharbeiten mussen, ehe ich an dem grossen Rade meines Schicksals den Punkt traf, auf dem alles beruht! Wie froh bin ich, dass ich jene windschiefen Anlagen unserer burgerlichen Verfassung hinter mir habe, in denen ich so lange den Plan meines Glucks suchte! Mein Gott! wie viel verderben wir nicht Zeit, um richtig sehen zu lernen! Es liegt doch so wenig Belohnendes und dabei so viel Unedles in allen den leidenschaftlichen Blikken, die wir bald in diesen bald in jenen magischen Spiegel thun, in der Hoffnung es werde noch Einer, statt leerer Schatten, uns eine selbststandige Zufriedenheit zuruck strahlen dass es kaum zu begreifen steht, wie sich so mancher vernunftige Mann langer dabei herum treiben kann, als nothig ist um ihn von der Eitelkeit seines Bestrebens zu uberzeugen. Diese Ueberzeugung muss doch gewaltig schwer seyn, da sie, trotz der ewigen Beispiele, so wenig Menschen eher gelingt, als bis ihre Laufbahn geendigt und es zu spat ist. Warum, ich bitte Dich, unterscheiden wir das Gluck durch Beinamen? Giebt es denn, wenn wir philosophisch auf den Grund sehen, mehr als Eine Art? Hausliches Gluck ist auf dieser Welt das einzige, was der Muhe lohnt. Alle ubrige Spielarten sind eben so viele Aftergeburten, die einzeln nirgends hinreichen, und nicht verdienen den Stammnamen zu fuhren, ehe sie nicht mit jenem auf das genaueste verknupft sind.
Wollen wir unserm Stolze und unsern leidigen Vorurtheilen nicht das Wort reden, so mussen wir alle uber die Zusammensetzung menschlicher Gluckseligkeit darin ubereinkommen, dass sie in nichts anderm bestehe, als in einer einfachen Lebensart einem massigen Auskommen einer leidlichen Gesundheit, und in den Freuden und Folgen einer keuschen Liebe. In meiner Jugend, wo ich mich stark auf die Physik legte, konnte ich es lange nicht ausgrubeln, woher wohl die Temperatur meiner Studierstube kame? ob davon, dass die Warme hinauszog? oder davon, dass die Kalte herein drang? Nun kann ich es zwar auch jetzt noch nicht auf das scharfste demonstriren; aber so viel habe ich doch gemerkt, dass man wohl thut beides anzunehmen und darnach zu handeln, wenn man frei und gesund athmen will. Denselben Versuch werde ich fur das Kunftige auch auf mein geistiges Daseyn anwenden und es musste nicht gut seyn, wenn ich nicht zuletzt wo nicht nach der Theorie, doch nach der Erfahrung den Grad von Behagen herausbringen wollte, der den Organen meiner Seele am angemessensten und zutraglichsten ist. O Klarchen! Was hatte ich nicht alles in dir verloren, wenn ich nicht, selbst noch auf der letzten Linie, die schon zu unserer ewigen Scheidung gezogen war, schnell umgekehrt ware wenn ich mein Endurtheil uber dich nicht wieder zuruk genommen, und mich nicht zu einer Denkungsart ermannt hatte, die zu deinen ungewohnlichen Tugenden passt, und wie ich sie gegen Gott und die Welt verantworten kann! Dank sei dem ewigen Urheber der Natur, der dich in dem Raume meiner Zeit werden liess, und das seltenste Geschopf seiner Hand fur einen guten Mann aufhob!
Bastian soll in Gottes Namen die Postpferde wieder aufsagen. Der Reisepass, den mir der Domherr mitbringen wird, kann noch einige Tage liegen, bis ich meine Angelegenheit mit dem danischen Grafen und mit Klarchen in Ordnung gebracht habe. Nach Tische will ich mit dem Engel sprechen, und mich ohne weitern Aufschub ihrer lieben, kleinen, schreckhaften Hand versichern. Es wird eine ruhrende Scene geben. Sie, die nichts im geringsten von dem Gluck ahndet, das ihr bevorsteht wie wird sie nicht uber den schnellen Uebergang aus der Aufsicht einer gramlichen Tante in die Arme ihres Wunderthaters erstaunen! Ihres Wunderthaters? Nun das wollen wir weiter nicht rugen! Ein liebendes Weib, Eduard, ist wie das Reich Gottes. Trachtet am ersten nach diesem, so wird euch das ubrige schon zufallen. Auf die Fortsetzung meiner frohen Gemalde musst Du nun in Geduld warten, bis die Tafel aufgehoben seyn wird. Geht es mir selbst doch nicht besser. Jetzt muss ich dem Domherrn entgegen gehen, den ich die Treppe herauf kommen hore
Mein Abschiedsschmaus ist beinahe vorbei. Ich habe mich von der muntern Gesellschaft, die noch um den Tisch sitzt, weggestohlen, um Dir alles noch frisch aus dem Gedachtnisse zu erzahlen, wodurch sich dieses Fest vor andern auszeichnet, und um erst alle Nebendinge bei Seite zu schaffen, ehe ich in der Geschichte meines Herzens den Faden wieder aufnehme.
Dass mir der Domherr meinen Reisepass und eine Quittung uber das unverbrennliche Blatt, nebst der Lossprechung von allen Schaden und Unkosten, mitbrachte, versteht sich. Er ubergab mir eins wie das andere im Namen des Legaten, unter wiederholter Versicherung seines Dankes und seiner Ehrerbietung, wahrend Bastian meine Tafel anordnete, und ein so prachtiges Versohnungsmahl auftrug, als es je eines gegeben hat, und das gewiss der Einweihung eines jeden Wunders wurde Ehre gemacht haben. Du verlangst wohl nicht, dass ich Dir, von der Suppe an bis zum Desert, jede Schussel beschreibe? Genug! der Speisewirth hatte sich angegriffen, da er horte, dass die Gerichte fur einen so wichtigen Mann als mich und zu der Glorie der heiligen Dreifaltigkeitssteine bestimmt waren. Nur uber den Wein, den wir tranken, musst Du mir erlauben ein Wort zu sagen.
Bastian hatte ganz meinen Willen, und, wie ich bald nachher sah, auch den Geschmack meiner Gaste getroffen. Ausser einem feurigen Burgunder, mit dem er mich mein Gastmahl eroffnen liess, durfte ich auch nicht furchten, wie auf der Hochzeit zu Canaan, mit einem schlechtern zu enden; denn es warteten schon auf einem Nebentische eben so viel andere Flaschen Vin de Sillery auf die Auswechselung, die ihnen bevorstand. Ehe noch dieser herrliche Wein an die Reihe kam, empfahl er sich schon, als ein alter guter Bekannter, meinem Gedachtnisse. Er erinnerte mich s c h e r z e n d an die Wirkung, die er den Abend auf mich that, wo ich den ersten Sturm auf Klarchen wagte, den die fromme Tante so unfreundlich abschlug. Eben so e r n s t aber erinnerte er mich auch an den Augenschein, den er mir damals von der strengen Zucht verschaffte, in der mein Klarchen stand die mir eine so beruhigende Rucksicht als gluckliche Aussicht gewahrte, und fur die nur Gott unsere gute Alte belohnen kann. Wie viel mag die rechtschaffene Frau nicht Liebhaber vor der Thure dieses Engels so gut abgewiesen haben wie mich. Ich sehe sie noch in Gedanken mit ihrem Wachsstocke vor mir stehen, und uberlege jetzt mit billigerm Gefuhle alle die eindringenden Worte, die meine wilde und nach Verdienst bestrafte Leidenschaft so ubel aufnahm, ob sie gleich nichts enthielten als Klarchens Lob. Unter diesem Selbstgesprache im Angesichte meiner Flaschen hob ich eine davon in die Hohe, um die gedruckte Etikette zu lesen, die daran war. Gewiss habe ich nie eine mit mehrerer Achtung gelesen. Denke Dir nur, ich fand auf ihr den Namen einer Frau, die, nicht minder tugendhaft als unsere Bertilia, ihre Nichten auch eben so sorgfaltig erzieht einen Namen, der vor vielen der trefflichsten Schriften steht, wie hier vor dem geistreichsten Getranke mit Einem Worte, den Namen der ehrwurdigen Genlis, die, wie Du vielleicht nicht weisst die besten Rebenberge von Sillery im Besitz hat. Wohl dem, der einen guten Ruf vor sich her tragt! Eine Weinflasche sogar, die uns darauf zuruck weist, kann dadurch einem verstandigen Manne interessant werden. Als ich nachher bei Tische meiner kleinen Unschuldigen das erste Glas davon weihte, war mir wirklich, als hatte ich es aus dem heiligen Brunnen der Vesta geschopft, um eine ihrer schonsten Dienerinnen damit zu laben. Doch wenn ich so fortfahre, mochte wohl am Ende meine Erzahlung nicht undeutlich verrathen, wie bunt es alleweile in meinem Kopfe aussieht; und doch darf ich mit gutem Gewissen es nicht einmal dem Weine Schuld geben, den ich lobe denn Du musst wissen, Eduard, dass, wenn ich eine Gesellschaft bewirthe, welche Aufmerksamkeit verdient, ich bei so vielen Eigenheiten auch die an mir habe, dass ich den Wein kaum koste, den ich meinen Gasten in vollen Glasern zubringe, weil ich immer gefunden habe, dass der Geist meiner Flaschen geschickter ist als mein eigener, um den ihrigen zu entwickeln, und mir das Spiel des menschlichen Herzens frei zu geben, in dessen Beobachtung ein Kopf wie der meinige ein ungleich grosseres Vergnugen findet, als in seiner Berauschung. Der schone Plan meiner Zukunft, mit dem ich mich zu Tische setzte, erwarmte auch ohnehin mein Blut zur Genuge. Alles was ich sprach, sah und horte, und aus meinen Bemerkungen abzog hatte immer einen geheimen Bezug auf ihn. Zuerst fing ich an fur mein Hoftheater zu sorgen. "Ein so festlicher Tag als der heutige," wendete ich mich an meinen Nachbar, indem ich ihm zugleich ein Glas Vin de St. George reichte, "sollte alle Feindschaften aufheben alle Gefangenen los und ledig lassen. Allen Sundern" ubersetzte ich ihm aus Schiller "soll vergeben, keine Holle soll mehr seyn." "Das ist recht!" erwiederte mir der Domherr, und sturzte das volle Glas hinunter, das ich ihm geschwind wieder fullte, um ihn nicht lau werden zu lassen. "Sie sehen," fuhr ich nach dieser Einleitung fort, "hinter ihrem Stuhle" er sah sich um und erkannte die Puppenspieler "ein paar Ungluckliche, die ehemals, ich will nicht sagen wie zweckmassig mit lebendigen Personen die Holle und das Paradies mit Puppen vorstellten, und sich durch beides wie es voraus zu sehen war den Hass Euer Hoch-Ehrwurden zuzogen. Wie lange ist es nicht schon her, Klarchen, dass die armen abgesetzten Teufel Ihretwegen im Elende schmachten? Bitten Sie mit mir Ihren wurdigen Nachbar, dass er die Strafe aufhebe. Es ist einem Manne in Purpur so anstandig, Gnade fur Recht ergehen zu lassen.." Hier schlurfte der Pralat mit stolzem Hinblick auf seinen Mantel das dritte Glas langsam uber die Zunge, und ich fuhr schon traulicher fort: "Ja, bester Freund, thun Sie es mir zu Liebe! Wirken Sie den beiden Brudern ware es auch nur weil sie bei dem heutigen grossen Wunder an meinen verschlossenen Thuren auf der Wache standen ihren Abschied aus! Keiner, der zur Zeit einer heiligen und ubernaturlichen Erscheinung auf dem Posten gestanden, sollte nachher noch zu gemeinen Diensten erniedrigt werden, wenn sie auch dem Staate noch so nothwendig waren. Das besagen selbst die kanonischen Rechte, und es schlagt sogar, lieber Herr Domherr, ein wenig in die Immunitaten der Geistlichkeit ein. Fur das ehrliche Unterkommen dieser Leute ubrigens wollen W i r " kam mir der Pluralis in geheimer Beziehung auf meine Nachbarin in den Mund "schon sorgen;" aber ich lenkte eben so geschwind wieder ein: "Ich, theuerster Mann, wollte ich sagen, will schon sorgen, dass ihnen so leicht kein Kind in den Weg kommen soll." Der Domherr nahm ein Amtsgesicht an. "Das ware wohl alles ganz gut," antwortete er mit vieler Behutsamkeit: "aber wir mussen die Sache doch erst aus ihrem rechten Gesichtspunkte betrachten. Das ist meine Art so. Die Leute da stehen in papstlichem Solde. Ihre Bestrafung gehorte zwar wohl in mein Fach, aber nicht ihre Begnadigung." "O," fiel ich ihm ruhig in's Wort, "das Militar des heiligen Vaters so wie auch ihr Hauptmann, der sie der Armenkasse abkaufte, sollen nicht im mindesten dabei zu kurz kommen. Seine Auslage so weit sie nicht schon abverdient ist bin ich erbotig ihm von meinen eroberten Processkosten zu ersetzen: und wenn der Hauptmann sein Handwerk versteht, wird er mit beiden Handen zugreifen; denn ich dachte man sahe den guten Leuten die Schwindsucht so ziemlich schon an, die ihnen ohnehin die Barmutzen bald abnehmen wird." "Ja, wenn das ist," besann sich der geistliche Herr, "so ist mir selbst zu viel daran gelegen, nur freundliche Gesichter in meinem heutigen Zirkel zu sehen, als dass ich nicht gern eine Sache vermitteln sollte, die mir im Grunde ganz gleichgultig ist; ob ich gleich nicht begreife, wodurch sich diese leichtsinnigen, liederlichen Bursche.." Hier fielen die beiden Bruder dem gestrengen Herrn so demuthig zu Fussen, dass er inne hielt, und nicht das Herz hatte ihr Portrat auszumalen; vielmehr entstand nun, durch sie, ein Streit der Grossmuth unter uns beiden; denn der Pralat wies sie mit ihrem feurigen Danke an mich. Da ich aber ohnehin uberzeugt war, dass ihr Gefuhl sich nicht irre, so verbat ich alle unnothige Aeusserungen desselben, und, indem ich den Prologus abschickte, um eine der Flaschen mit der vornehmen Aufschrift den Epilogus aber, um frische Glaser zu holen, druckte ich zugleich meiner heimlichen Braut, voller Vergnugen uber diess erste, fur unsere Haushaltung gelungene Geschaft, zartlich die Hand, und sah im Geiste schon die Lichter auf unserm Theater brennen. "O, du liebe kleine Unwissende!" richtete ich meine sussen Gedanken an sie, "wie will ich alle schone Kunste zu deiner Unterhaltung und zur Bildung deiner Seele aufbieten! Wie wirst du deine machtigen blauen Augen aufreissen, wenn ich dir an manchem frohlichen Abende auf meiner kleinen Buhne die Scenen der grossen Welt und die Thorheiten der Hofe zur Schau stelle, wovon du noch keinen zum Gluck fur deinen Zeitvertreib noch keinen Begriff hast; denn warest du damit schon so bekannt wie ich, wurden sie dir nur Langeweile verursachen. Fur geputzte Drathpuppen, und was sonst von Dekorationen dazu nothig ist, will ich schon sorgen. Habe ich doch meinen Eduard dort, der mir zu Liebe die Lieferung gern uber sich nehmen, und darauf Acht haben wird, dass sie auf das getreuste nach der Natur kopirt werden. Es ist eine leichte Sache, dass er sie mir alle Jahre erneuert; so verlor ich selbst noch so fern vom Hofe keine Veranderung, die unter den Hauptpersonen vorfallt, und konnte sonach, mit Beihulfe der offentlichen Blatter, der Illusion und meiner Vorkenntnisse, immer noch mit meinem lieben Vaterlande in einiger Verbindung bleiben. Das wenige, was allenfalls mir ein Heimweh verursachen konnte, wirst du, bestes Madchen, mir zehnfach ersetzen. Wie werden mich nur allein deine kindischen Erinnerungen an die vorigen Zeiten ergotzen, wenn wie ich mir launig ausgedacht habe der S u n d e n f a l l unser Theater eroffnen soll, uber den du wie wir alle deine Semmel vergessen, und aus dem sich nicht anders als bei uns alles dein Gluck und Ungluck entsponnen hat! Das zweitemal sollst du dieses herrliche Stuck nicht bloss von der hintersten Bank aus lorgniren das verspreche ich dir, armes gutes Kind!"
Es ist doch gewiss, Eduard, dass die Hoffnungen der Liebe auch der gemeinsten Sache einen eigenen Reiz geben! Ich glaube, mein Herz hatte noch eine Stunde mit seinem kleinen Abgotte so forttandeln konnen, ohne es mude zu werden! hatte nicht der belobte Wein, der nun aufgesetzt war, mich an meine Gaste erinnert. Mit allen den verborgenen Kraften, die der Geist der Natur in ihn gelegt hat, stand er freundlich in unserm Kreise, und wurde nun ... Ja freilich, wenn ich mir es bequem machen wollte, durfte ich Dir jetzt nur in zwei Zeilen sagen, wie viel Flaschen davon getrunken wurden, und Du musstest wohl damit zufrieden seyn. Mancher andere wurde glauben sich an der Pracision zu versundigen, wenn er ein Wort mehr daruber verlore. In s e i n e m Tagebuche kann er auch wohl Recht haben das will ich ihm nicht abstreiten. In dem meinigen aber ist es, glaube ich, schon nothwendiger, dass ich die Muhe der Punktlichkeit, die ich bis jetzt nicht gescheut habe, am wenigsten bei dieser Gelegenheit aus der Acht lasse, und jedes einzelne Glas, das meine Gaste tranken, mit meinen Anmerkungen begleite, um Dir den Stufengang der Empfindungen auf das genaueste zu schildern, die es in ihren Seelen erregte, da es doch sicher und gewiss ist, dass fur einen Beobachter auf dem Grund einer Flasche ganz andere Erscheinungen liegen, als in der Nahe des Stopsels, und dass man sehr ubel thun wurde, sie unter einander zu mengen. Aus dem Schaume des ersten Glases wenn ich anders richtig gesehen habe breitete sich ein Schimmer naturlicher Frohlichkeit aus, der, nach meinem Urtheile, den beredtesten Dank fur die Wohlthaten Gottes enthielt. Klarchen sah dabei allerliebst aus. Das zweite entwickelte zu meinem Vergnugen jene Lebhaftigkeit des Geistes, die uns zu witzigen verwegenen Scherzreden oft herzhafter macht als es gut ist. Der Pralat brachte zuerst eine hervor, die fur diejenigen, die den kuhnen Schwung davon einsahen, viel Salz hatte. Die fromme Bertilia selbst ward ganz munter daruber; fur ihre unschuldige Nichte freilich war das feine Rathsel so gut wie verloren, und mir ward schon angst, wie ich auf eine gute Art dem frohlichen Drange ihres Bluts einen Ausgang verschaffen sollte, als ihm glucklicher Weise der Epilogus Luft machte. Er reichte ihr zwar nur einen Teller aber wenn das Gemuth einmal zur Freude gestimmt ist, bedarf es auch nur einer Kleinigkeit um ihr Spiel in Bewegung zu setzen. Es fiel ihr, wie sie uns zur Entschuldigung sagte, seine komische Figur vor ihrem Bette zu Cavaillon, und ihr kindisches Schrekken ein, das ihrem Bedurfnisse zu lachen jetzt ungleich besser zu Statten kam, als damals ihrem Bedurfnisse zu schlafen. Ich kann Dir nicht sagen, Eduard, wie gut ihr diese kleine korperliche Erschutterung stand! Es war das erstemal, dass ich die Perlen ihrer Zahne, wie an eine Schnur gereiht, zu sehen bekam, und es war zu verwundern, wie, nach so vielen Entdeckungen in dem Gebiete ihrer Schonheit, mich diese noch so angenehm uberraschen konnte. Diesen hubschen Anblick, dachte ich, willst du dir oft verschaffen; und um ihn mir auch jetzt noch eine Weile zu erhalten schenkte ich geschwind Reihe herum noch einmal ein, und gewann dadurch zwar nicht gerade was ich hoffte aber dafur einen Anblick von einer wenn es moglich ist noch lieblichern Art. Die funkelnden Augen meines Klarchens und des Domherrn geriethen an einander. Das alte Missverstandniss des geistlichen Herrn, der bis jetzt noch immer ein wenig vornehm und zuruckhaltend gegen seine schone Nachbarin geblieben war, schien schnell dem holden Gedanken der Vergebung zu weichen. Er schlurfte seinen Wein mit bedachtigerm Hinblick auf das sanfte Spiel der Wellen hinunter, die den heiligen Nicaise hochst malerisch schaukelten, und gerieth dabei, wie es mir vorkam, in jenes gutmuthige Erstaunen, das unserm grossen Friedrich so oft in die Augen steigt, wenn er eine beim Antritte seiner Regierung magere und kahle Gegend angebaut und in bluhendem Zustande wieder sieht. Er reichte seiner ehmaligen Pflegetochter die Hand, die, ausserst geruhrt, mir sogar die ihrige entzog, die ich zartlich in der meinen gefangen hielt, um ihm mit beiden fur die Wiederkehr seiner vaterlichen Liebe dankbar zu schmeicheln.
Es war, wenn Du mir nachrechnen willst, das zwolfte und letzte Glas der einen Bouteille (hier, musst Du wissen, ist in allem grosser Gemass als zu Berlin) das mir zu dieser hochst ruhrenden Scene verhalf. Gott sei gelobt und gepriesen, dass es nicht auch die letzte Flasche war! In der zweiten, die ich mir zur Fortsetzung meiner stillen Bemerkungen geben liess, lagen noch ganz andere Erscheinungen verborgen. Der geluftete Pfropf flog mit einem Knalle der in der Welt schon manches Madchen erschreckt hat, und dem Ohre eines Kenners so wohl thut an die Decke, und der Wein hielt, was sein Herold ankundigte; denn zweimal musste ich geschwind hinter einander die Flotenglaser Reihe herum fullen, um dem tobenden Schaume seinen Willen zu thun, ohne in diesen theuern Minuten Zeit zu haben auf meine Gaste zu achten. Desto mehr uberraschten sie mich, als ich meine Flasche neben mich setzte, und mich nach ihnen umsah. Ach, mein Gott! wie hoch waren inzwischen nicht ihre Empfindungen gestiegen! Ich erstaunte uber die unglaubliche Veranderung, die ich antraf. Ist das mein Klarchen, fragte ich still vor mich hin, die so freundlich den unzahligen Kussen zusieht, die der entzuckte Pralat ihren Handchen aufdruckt? Sind das die Augen eines Kindes, das sich gegen seinen Vater entschuldigt? Sind das die Blicke eines beleidigten Wohlthaters, der seiner Pflegetochter verzeiht? Hurtig! sagte ich zu mir selbst, schuttelte meine Bouteille, und fullte auf's neue die Glaser bis an den Rand; und nun sah ich noch deutlicher, wie weit das Geschaft ihrer Versohnung gediehen war. Sie konnten schon nicht mehr das Glas mit Vergnugen trinken, wenn es nicht unter ihnen ausgewechselt und von den Lippen des andern beruhrt war. Erst alsdann sturzten sie es mit buhlerischem Gelachter, sage ich Dir, sturzten sie es hinunter, und der Traum ach Gott, wie soll ich meine Schamrothe verbergen? der Traum meiner hauslichen Gluckseligkeit war dahin! Die Wiedervereinigten achteten nicht mehr der Augen, die sie belauschten, noch der aufmerksamen Ohren, die ihnen zuhorten. Sie verhandelten ihre Angelegenheiten so offen, dass der Prologus und sein Bruder mich anlachelten, und mir fragend zuwinkten, ob sie nicht recht gehabt hatten? O, ja! ihr guten Leute, dachte ich, ihr habt nur mehr als zu wahr gesprochen. Und da ich sah, dass der Domherr nicht aufhorte dem lachenden Madchen in die Ohren zu flustern die Perlen ihrer Zahne immer naher betrachtete, und mir sogar fur die Sicherheit des Orts bange ward, der die heiligen Steine verwahrte, so fing ich nicht mehr fur mich, das wirst Du mir zutrauen aber fur die armen Puppenspieler fing ich zu furchten an. Wenn er, sagte ich heimlich zu mir, das Glas noch trinkt, bei dem ich eben im Einschenken war, so bist du um dein gutes Werk, und deine Hofakteurs sind auch noch um ihren Abschied betrogen, wie sie es schon um ihr neues Theater sind. Ich fasste, Herz zog das Glas zuruck, und "Sie durfen es wahrlich nicht eher trinken, lieber Mann," sagte ich, "bis Sie meinen Grenadieren ihre Entlassung zur Stelle gebracht haben. Alsdann aber trage ich Ihnen auch dafur noch zwei drei Bouteillen von diesem guten Weine auf, der Ihnen nur desto besser schmecken wird, wenn Ihnen kein anderes Geschaft mehr abzuthun bleibt als Ihr eigenes." Diese kurze, unversehene Anrede brachte ihn auf die Beine. "Gut, gut," sagte er, "davon will ich bald genug wieder zuruck seyn. Huten Sie mir indess das Glas, liebes Klarchen, das ich stehen lasse," und so kusste er noch einmal ihre Hand, nahm seinen Hut und ging.
Jetzt, dachte ich, wird sich das Madchen besinnen, und von Scham vor deinen Augen vergehen. Aber ich dachte nicht kluger als vor drei Stunden, als ich mit ihr in der Bibliothek war. "Das ist heute," drehte sie sich zu mir, "ein glucklicher Tag. Der gute wurdige Herr! Wir haben uns uber das Vergangene besprochen. Er hat mich tausendmal um Verzeihung gebeten, und wir sind nun bessere Freunde als jemals. Und wissen Sie wohl," wendete sie sich gegen ihre Tante, "ich ziehe noch diesen Abend zu ihm? Er verlangt es durchaus. Wenn Sie also, meine Beste, so gut seyn wollten, mir mein Paket zusammen zu schnuren.." "Siehst du wohl," fiel ihr die Tante in's Wort, "dass ich Recht hatte, wenn ich Dir manchmal Behutsamkeit anrieth, und. Dir die Ruckkehr Deines alten Freundes wahrsagte? Ich verstehe, Gottlob! den Rummel." "Ganz gut!" antwortete ihre unbefangene Nichte: "aber ohne die Vermittlung dieses fremden Herrn," o, wie gab mir ihr Lob einen Stich in das Herz! "wer weiss, wie lange Ihre Prophezeihung noch aussen geblieben ware!" "Uebrigens," fuhr die Alte fort, "wusste ich nichts was ich lieber zuschnurte als Dein Paket; denn der Propst schien heute grausam aufgebrach uber Dich wegzugehn, und ganz sicher musste ich wieder in das Spital wandern, wenn Du meine einzige Nichte warest." Mit diesen Worten, die ich mit einer Verschamtheit anhorte, die Dir einem Menschen wohl zutrauen darfst, der weder in Berlin noch anderwarts und auch hier ganz unschuldig, in so ein Haus gekommen, stand das scheussliche Weib auf, wodurch sie meinen Augen gewiss keinen Possen that. Indess beunruhigte mich ihre Entfernung auf einer andern Seite, da ihre schone Nichte, die ich von Abscheu nicht mehr ansehn konnte, wieder mit mir allein blieb. Doch mein Freund, der Zufall schlug sich auch diessmal in's Mittel. Indem die Alte zur Thur hinaus trat, war Bastian im Hereintreten "Herr Fez," rief er mir zu, "bittet sich die Erlaubniss ..." "Geschwind lass ihn ein," fiel ich ihm in's Wort; und der wackere Mann naherte sich mit einer tiefen Verbeugung. Wir haben uns immer, wie Du weisst, mit halben Worten verstanden so auch jetzt. "Ich habe nicht versaumen wollen, an diesem frohen Tage.." "Ja wohl, ja wohl, lieber Herr Fez! Glucklicher habe ich in meinem Leben noch keinen.." "Konnte ich denn nicht, mein Herr, das unverbrennliche.." "O, das Wunderblatt! das sollen Sie gewiss.. Aber jetzt nehmen Sie nur Platz, lieber Herr Fez, hier, neben Klarchen und Sie, liebes Kind, bringen Sie doch dem Herrn das Glas zu, das vor Ihnen steht!" Ohne sich zu besinnen, reichte sie es ihm, so wie es ihr der Domherr zu huten gegeben hatte und mit der sichtbarsten Freude nahm er es aus ihrer Hand. Und ich, Eduard, freue Dich, bekam dabei einen Einfall, der, wenn er auch sonst nichts werth ist, Dich doch wenigstens uber meine aufrichtige Verachtung fur dieses Geschopf vollkommen, wie ich hoffe, beruhigen soll. "Sie haben," redete ich den Buchhandler an, "immer so viele Achtung und Liebe gegen das fromme Kind gezeigt, das Sie unter Ihren Augen aufwachsen sahen, dass es Ihnen gewiss eine herzliche Freude machen wird, zu erfahren, wie hoch zu Ehren ... Doch, liebe Kleine!" unterbrach ich mich selbst, "es fallt mir schwer auf's Herz, dass ich vor meiner Abreise noch vieles zu berechnen habe. Sie konnten mir ja wohl die Erzahlung abnehmen, die dem Herrn Fez aus Ihrem Munde viel lieblicher klingen wird als aus dem meinigen. Zeigen Sie doch dem wackern Manne den Ort, wo das beruhmte Buch stand und seyn Sie.. trinken Sie aber noch erst jedes ein Glas von meinem freundlichen Weine ein wenig gefallig gegen seine Neugier. Ich habe Sie wissen wohl, liebes Klarchen, noch mancherlei kleine Anspruche an Sie und kann sie wirklich nur gern an einen Mann abtreten dem ich so vielen Dank schuldig bin, als dem Herrn Fez. Hauptsachlich aber, bitte ich Sie, in Erwagung zu ziehen, dass zur Ausbreitung eines Wunders die Freundschaft eines Buchhandlers der sicherste Weg sei." Meine Vorstellung machte Eindruck bei ihr, wie bei einem Gelehrten. Sie dachte jetzt nur an ihre Legende, sturzte ihren Wein hinunter, und trat voller Begeisterung der wartenden Nachwelt entgegen.
Es ist mir zwar nicht mehr moglich genau nachzukommen, das wie vielste Glas es war, das sie zuletzt trank; aber so viel kann ich, nach der leichten Art, mit der sie mein Vorwort zu Gunsten des Herrn Fez aufnahm, doch berechnen, dass ein Gemisch darin musse gegohren haben, vor dem schon jedes nicht ganz verlorne Madchen den starksten Ekel verrathen wurde, ehe sie es an den Mund brachte. Und dieses Geschopf rief ich ihr nach, wie sie dem armen Fez den Weg wies konntest du, durch eine Kette von Sophistereien, deinen besten Wunschen so nahe bringen? konntest ohne betrunken zu seyn das Ideal einer wurdigen Gattin in ihr entdecken, und hast es bloss einer Flasche Champagner zu danken, dass du deinen Freunden dass du dir selbst nicht verachtlich, und das Gelachter des ganzen Comtats wirst? Was ware aus dir geworden, wenn die Heuchlerin deinen schon gefassten Entschluss errathen deine Handedrucke besser verstanden, und dir selbst die Glaser eingeschwatzt hatte, die du i h r zutrankst! O, was fur ein armseliges Ding ist es um den menschlichen Verstand! und wie begreiflich wird es mir in dieser Nachmittagsstunde, dass so viele tapfere, gelehrte und wurdige Manner von meiner Bekanntschaft ich musste ein Ries Papier an ihren Namen verschreiben das eheliche Eigenthum einer Buhlerin wurden! Arme danische Docke! du wurdest noch einen unfreundlichern Herrn an mir bekommen haben als dein jetziger ist! Und du, mein Johann, und meine gute Margot, in was fur eine verstorte Haushaltung hatte euch mein trauriges Geschick bringen konnen! O, dass ich nie dieser entscheidenden Stunde vergesse! sie jedesmal in meinem Tagebuche nachlese, wenn mich ein frisches unschuldiges Gesicht in solche Lavaterische Trugschlusse verwickelt, und mir je wieder die Luft ankommt, meine verwegene Hand an eine schreckhafte zu schmieden! Bastian mag mich so oft an seine Schwester erinnern, als ich eine Kammerthur zuriegeln will, und der Prologus und Epilogus mogen so lange meine Leibwache bleiben, als ich noch einer Wache benothigt bin; und damit ich endlich einsehen lerne, dass Unschuld und Paradies langstens zum Teufel gingen, sollen sie mir von Zeit zu Zeit ihre Knittelverse vordeklamiren, in denen wahrlich mehr Menschenverstand liegt, als in allen Trauungsformeln und hochzeitlichen Reden.
Wahrend dass die Schone die Verbindlichkeiten, die mir Herr Fez auferlegt hatte, in dem Masse als sie es werth waren erwiederte mich an meinem stolzen Feinde, dem Probst, rachte, und dem heuchlerischen Domherrn den ersten Unterricht vergalt, den er ihr, wie es der nun klar ausgesponnene Faden seiner Geschichte bewies, in der Kunst zu betrugen gegeben, freute ich mich uber das schone Verhaltniss der Belohnungen und Strafen, die hier der Gott meiner Ode, der Zufall, vertheilte, und dankte ihm herzlicher als jemals fur das nicht zu berechnende Gute, das er mir, seitdem mein Mund ihn besang, in dem papstlichen Gebiete erwiesen.
Ich sah nach meiner Uhr. Wenn du heute noch uber die Granze willst, sagte ich mir, so hast du keine Zeit mehr zu verlieren, und ich pfiff meinen Leuten. "Dort, Bastian, neben dem schlafenden Engel, liegt mein Reisepass. Trage ihn auf die Post, und bestelle mir sechs tuchtige Pferde, damit ich vom Flecke komme! Und nun ein Wort mit euch beiden andern In der Hoffnung, dass ihr ehrliche Bursche seid vielleicht die letzten, die noch hier sind, und die Gott noch aus diesem Sodom zu retten gedenkt, ehe er es unter Feuer und Schwefel begrabt will ich euch in meine Dienste nehmen.... Lasst mich ausreden und erspart euern Dank! Nun ist es aber ohne dass ich weiter mit euch Staat zu machen gesonnen bin nicht moglich, dass ihr mich in diesen papstlichen Lumpen begleitet; denn alle Leute mussten glauben, ich hatte den heiligen Vater arger gelastert, als Doktor Luther, und man fuhrte mich desswegen als Gefangenen nach der Engelsburg oder nach der Inquisition. Eben so wenig ist es meine Gelegenheit, so lange noch hier zu verweilen, bis eine Livree fur euch fertig seyn kann ich sehe also kein anderes Mittel, als dass ihr euch bei dem ersten besten Schneider in Ordnung bringen lasst, und mir nach Marseille nachkommt." "Ach mein gutiger ach mein grossmuthiger Herr!" nahmen hier die beiden Bruder einander das Wort aus dem Munde. "Sollten wir," fing der Prologus an, "ohne Ihren Schutz nur eine Stunde langer hier bleiben mussen so ist," setzte der Epilogus nach, "Ihre gute Absicht so gut wie verloren." "Musst ihr denn beide zugleich sprechen?" fragte ich ungeduldig; und nun schwiegen sie aus Hoflichkeit beide, bis ich dem ersten befahl, seinem Range nach fortzufahren. "Wir haben hier von unsern glucklichen Zeiten her," nahm er das Wort fur seinen Bruder mit, den er treuherzig anblickte, "noch einige Schulden die wurden sicherlich aufwachen, und uns auf's neue in's Gefangniss bringen, wenn unser Abschied bekannt wurde; denn wenn der Soldatenstand auch sonst zu nichts gut ware, so ist er es doch darin, dass man seine burgerlichen Schulden nicht zu bezahlen braucht, so lange man Uniform tragt. Aber ich wusste wohl einen Ausweg. Bei dem getauften Juden, mit dem auch Sie einigen Verkehr hatten, stehen seit jener Zeit ein paar ganz neue Anzuge, noch nicht fur den halben Werth versetzt. Wir gedachten sie aber es kam nicht dazu bei einem Vorspiele zu gebrauchen. Wenn Sie uns nun bester Herr, behulflich waren sie einzulosen, so waren wir auf einmal gekleidet, und die Farben wurden sich nicht ubel zu Ihrer Equipage schikken." "Und was waren denn das fur Anzuge?" fragte ich. "Es sind," antwortete der Narr, "ein paar Masken; die eine fur mich, stellt einen Satyr, die andere fur meinen Bruder, den Jocus vor." "Nein! das ist nichts, ihr guten Leute," antwortete ich lachend. "Ich reise inkognito und auch ihr musst euer voriges Handwerk in meinem Dienste vergessen lernen. Aber ist denn," musste ich schreien, weil eben mit allen Glocken in die Vesper gelautet wurde, "keine Trodelbude hier?" "O, mehr als Eine!" antwortete er. "Nun!" sagte ich, "so geht denn gleich hin, und stoppelt euch in der Geschwindigkeit etwas zusammen, das einigermassen zu meinen Farben passt. Ein grauer Rock eine rothe Weste das ist vor der Hand genug, wenn auch ubrigens keine Achselbander dabei sind." Ich gab ihnen Geld zu dem Handel, und die beiden Bruder sprangen fort, als wenn ihnen das Ungluck nachsetzte. Jetzt ware es ein Spass, dachte ich, wenn ihr Hauptmann Schwierigkeit mit dem Abschiede machte, und ihnen die Verratherei gegen Klarchen nachtruge. Doch damit hat es wohl keine Noth. Hingegen mag Gott wissen, was ich mir selbst mit meinem guten Werke fur eine auf den Hals lade. Der Theatergeist steckt ihnen noch gar zu fest im Kopfe. Ganz gut, dass sie mir die Sonntage, wo ich etwa einmal die Kirche versaume, ihr Paradies und ihre Holle vorstellen doch das wird man in der Komodie am Ende so uberdrussig, als in der Predigt. Wenn aber nun vollends in den Werkeltagen der eine meinen Hofmarschall wie ein Harlekin, der andere wie ein Cato meinen Kammerherrn machen dieser wie ein Alexander mir vorschneiden jener mir mit der Laterne des Diogenes leuchten wollte, so hielt ich das, wie ich mich kenne, in der Lange nicht aus. Das klugste ware wohl, ich dachte in Zeiten darauf, sie in ein Fach zu bringen, wozu sie Genie haben. Eben fallt mir eins bei. So viel ich weiss, ist noch keine solche Truppe in Berlin gewesen, wie ehemals die Nicolinische zu Braunschweig. Wie ware es, wenn die beiden Bruder wahrend meiner Reise durch Frankreich eine Anzahl hubscher Kinder zu einer Pantomime anwurben? Die Kosten wollte ich allenfalls vorstrecken, ohne dass ich viel dabei wagen wurde, zumal wenn ich ein Auge darauf hatte, dass die Aktricen etwas fur das kunftige versprachen. Das konnte wirklich ein Geschenk werden, das schon verlohnte seinem Vaterlande zu machen. Doch ich vergesse uber diesem weit aussehenden Projekt den guten Herrn Fez, Klarchen und ihren Domherrn. Waren nur meine Pferde da, und meine Leute beisammen! ich wollte gern die Ruckkunft jener nicht abwarten, und weiter ihre Namen in meinem Tagebuche nicht nennen, mochte doch aus ihnen werden was wollte. Meine gegenwartige Lage fangt an mir recht ernsthaft schlecht vorzukommen, und macht mich ungeduldig und wild. Thue nur einen einzigen Blick her, Eduard, und sprich, ob ich mir unter solchen Aussichten, als mich alleweile umringen, gefallen kann? Hier vor der Nase ein unterbrochenes Bacchanal, das nachstens wieder angehen wird dort, hinter der einen Wand das Betzimmer der Alten, die ihre Nichten berechnet, und hinter der andern meine ehrliche Schlafkammer, die schon seit einer Viertelstunde entweiht wird. Wahrlich, ich komme mir vor wie der heilige Antonius unter den Teufeln. Holla! da kommen doch endlich die Figuren aus der Bibliothek! Auf das Madchen ist es mir unmoglich einen Blick zu werfen, aber den armen Fez, der sacht zu meinem Schreibtische herschleicht muss ich doch wohl zur Kompletirung meiner Akten noch abhoren.
Der gute buckelige Mann! Ich merkte es ihm nur zu sehr an, dass er fur alle Hoflichkeit, die er mir erwiesen, mehr als zur Genuge bezahlt war. Er druckte mir dreimal hinter einander stillschweigend die Hand, wie man sie in Golconda den Maklern druckt, die Diamanten verkaufen. Das war doch gewiss kein schlechtes Gebot, und auch verstandlich genug. Aber nein! meiner Eigenliebe war es zu wenig. Ich hatte gern umstandlichere Nachrichten von meiner Zeichnung gehabt hatte gern gehort, dass sie richtig ahnlich von grosser Kraft und ein Meisterstuck der ewigen Kunst sei. Kommt es Dir nicht wie im Traume vor, als ob diese kostbaren Ausdrucke schon irgendwo einmal Deinen Ohren wohl und weh gethan hatten? Besinne Dich! Nun? O Freund! wie kannst Du die Lehrer Deiner Jugend so ganzlich vergessen? Erinnerst Du Dich denn gar nicht mehr unsers gemeinschaftlichen, vermuthlich langst selig verstorbenen Zeichenmeisters, Theodor Sperling? der immer mit seinem beruhmten Verwandten in Anspach prahlte, dessen Namen er zwar an seinen Talenten aber nicht schwer trug. Man sollte nicht denken, dass man einige zwanzig Jahre hinterher noch Freude haben konne, gelobt zu werden, wie ein Kind und doch erfuhr ich die Wahrheit davon an mir. Ich ging so lange mit meinen immer naher tretenden Fragen um den bloden lakonischen Mann herum, bis ich ihn endlich auf meinen Stimmhammer brachte, und gewiss erfuhr, dass er ihn gesehn und bewundert hatte, und ruhte nicht eher bis ich ihm alle die sussen Worte entlockte, durch die der gute Sperling mich uber mich selbst erhob, indem er Dich niederschlug, wenn mein Pinsel etwas erschuf, das Du nicht erreichen konntest und das einer Tulipane oder einer Schneeglocke ahnlich sah. "O," sagte Herr Fez, "ich auf meine Ehre, versichere ich Sie, dass mich zeitlebens kein Kabinetsstuck so entzuckt hat." "Also haben Sie wirklich einige Ahnlichkeit gefunden, lieber Herr Fez?" schmunzelte ich ihm zu. "Da musste man," erwiederte er, "doch mehr als blind seyn, wenn man sich irren konnte. Es ist so viel Leben, Ausdruck, Warme, Kolorit, und eine so sanfte Haltung in diesem Bilde, dass ich es, ohne Schmeichelei, fur eins der schonsten und kraftigsten unsers Jahrhunderts halte." "Dieser Ausspruch, wurdiger Mann," antwortete ich, "kann mir von einem solchen Kenner gewiss nicht gleichgultig seyn. Ich wunschte nur, dass alle diejenigen, die mir gern abstreiten mochten, dass ich malen kann, meine Zeichnung mit so guter Laune und so verstandigen Augen betrachteten, als Sie, lieber Herr Fez!" "Ihnen abstreiten, dass Sie malen konnen?" fragte er voller Verwunderung. "Ware es moglich, dass es so gefuhl- und geschmacklose Menschen gabe?"
Indem horten wir den Domherrn auf der Treppe, und der rechtschaffene Mann machte sich aus dem Staube. Ich sah mit Vergnugen von meinem Schreibtische, dass Klarchen eilig das Glas wieder fullte, das ihr Freund ihrer Bewachung empfahl, und fand nach meiner Einsicht in dieser kleinen Handlung so viel reife Ueberlegung und weibliche Klugheit, dass ich ihres kunftigen Schicksals wegen ganz ausser Sorgen bin. Ich stand, wie der Pralat athemlos hereintrat, einen Augenblick auf, berichtigte in moglichster Eil meine Rechnung mit ihm, die er mir zugleich mit dem Abschiede der beiden Soldaten einhandigte, und begleitete ihn unter seinem bestandigen Geschwatz, auf das ich nicht horte, bis an das Ziel seiner Wunsche an seinen Stuhl. Er ubernahm sein Glas, wie ein Maurer seine Kelle, die er als Zeichen da liess dass er fortarbeiten wolle, und schlurfte es mit sichtbarem Wohlgeschmack und dem zartlichsten Hinblicke auf Klarchen hinunter. O des menschlichen Glucks! Wie hangt es fast immer von unserer Unwissenheit und Einbildung ab! Hatte dem guten Manne nur das mindeste von dem geahndet, was sich Herr Fez in seiner Abwesenheit mit seinem Glase und seiner Geliebten heraus nahm, wie wurde es ihm nicht alles verbittert haben, was jetzt seinen Lippen und seiner Vorstellung so suss dunkte! Er hatte darauf geschworen, dass es derselbe Wein sei, den er stehen liess, fand ihn, auf meine leichtfertige Frage, weder frischer noch matter als er seyn sollte, und behauptete mit der Miene des Kenners, seine Zunge sei fein genug, um immer zu wissen, das wie vielste Glas aus einer Bouteille es sei, das er tranke. Es wurde mir, bei dem Bewusstseyn, das mich druckte, schlecht zu Gesichte gestanden haben, uber die so zuverlassige Unterscheidungskraft seines Geschmacks z u spotten. Klarchen fand noch weniger Beruf dazu, und war so gefallig mir das Amt seines Mundschenken abzunehmen, da sie sah, dass ich von ihr weg nach meiner Schreiberei schielte. Ich kann also die letzte Seite, der ich noch machtig bin, ruhig ausschreiben, da nun alles fur mich hier abgethan ist. Meine beiden komischen oder willst Du lieber burlesken Bedienten, sind, leidlich genug gekleidet, vom Trodel zuruck, und tragen meine Sachen in den Wagen und meine sechs Pferde sind auch da. Auf die beiden Bacchanten gebe ich selbst weniger Acht als auf die gelbsuchtige Bertilia, die ihrer schonen Nichte das Nachtpaket gebracht, und sich nun leider Gott erbarm es! nicht weit von mir auf ihren fruhern Gerichtsstuhl gestreckt hat, um ihren Rausch zu verschnarchen. Diese Harmonie, wenn es moglich ist, verstarkt noch mehr die Ungeduld, die ich habe, aus diesem Sumpfe an Gottes freie Luft zu kommen. Da es zu spat ist, noch vor Nacht Aix zu erreichen, so soll es meine Abendbeschaftigung seyn, diesem Bogen den Beschluss meines heutigen reichhaltigen Tages in dem Wirthshause noch anzuhangen, wo ich etwa ubernachten werde, und mit Dir den Austritt aus dem papstlichen Gebiete und aus einer Woche zu feiern, die der Anfang des Jahrs hochst niederschlagend fur den prahlenden Stolz meiner Tugend eroffnet, und das erste Blatt meines neuen Kalenders gewaltig beschmutzt hat.
Meine einzige, zwar immer leidige Trostung ist, dass es wohl keinen in der Welt giebt, worin von den zwei und funfzig Wochen die er enthalt, nicht Eine wenigstens, so gut wie die meinige, verdienen sollte ausgestrichen zu werden. Wenn ich nur die ubrigen im Jahre, wie ich im ganzen Ernst hoffe, nach der Kritik der reinen Vernunft anwende, so denke ich bei Gott und der Welt bei den Sitten- und Kunstrichtern noch immer Gnade und Erbarmung zu finden.
Fussnoten
1 Messieurs, quand je regarde avec exactitude
L'inconstance du monde et sa vicissitude,
Lorsque je vois, parmi tant d'hommes differents,
Pas une etoile fixe, et tant d'astres errants,
Quand je vois le Cesars etc.
R a c i n e l e s P l a i d e u r s Act. 3. Sc. 3.
Lambesk.
Hier bin ich nun schon einige Meilen uber der Granze jenes wurmstichigen und von Monchen durchwuhlten Landes, und befinde mich schon um vieles besser. Unter dem Burgfrieden eines Prinzen, der mit J o s e p h d e m Z w e i t e n verwandt ist, werde ich von seinem abgedankten Haushofmeister bewirthet, der mein Vaterland kennt dem es dort wohl ging und der es den Reisenden zu vergelten sucht, die daher sind. So klein diese politische und moralische Verbindung auch seyn mag, so kommt sie mir bei meinem Nachtlager doch sehr wohl zu Statten. Ich ward schon meiner fehlerhaften Aussprache wegen, die mein deutsches Vaterland verrieth, und die, sobald sie an die Ohren meines Wirths anschlug, ihn an alle das Gute erinnerte, das er bei uns genoss, auf das freundlichste in seiner Herberge empfangen; und als vollends meine personlichen Verdienste dazu kamen, und meine Bedienten um den Kuchenherd das Wunder sehr theatralisch beschrieben und vorgestellt hatten, von welchem ich eben herkame, so wussten die Leute im Hause nicht, wie sie mir ehrerbietig genug begegnen sollten. Ich bin mit Wachskerzen umgeben, wie ein Heiliger, dessen Festtag man feiert, die erst der Wirth, dann seine Frau, dann seine Tochter und Magd einzeln auftrugen um nur oft, und jedes mit eigenen Augen, den grossen Mann anzugaffen, der ihrem Hause den Vorzug gegonnt hat, seine ermudeten Glieder zu bedecken. Um nichts Menschliches zu verrathen, ging ich mit stillem Ernste in dem erleuchteten Zimmer auf und ab, als ob ich an solche Klarheit gewohnt ware, bis sie mir ein Abendessen auftrugen, das eine wahre Coena domini und aus den feinsten Schusseln zusammen gesetzt war. Wenn ich immer und uberall in diesem Nimbus erscheinen konnte, ich wollte keinen Messmer, keinen Lavater, und keinen von den Herren beneiden, die so glucklich sind unser aller Missgunst zu erregen. Jetzt nun, da ich mich wie ein Erzbischof gesattigt, und mich beinahe ein wenig berauscht habe, wie ein gefursteter Abt da sich auch meine allzu dienstfertigen Wirthsleute in den unteren Stock zuruck gezogen, und meine Bedienten umringt haben, die sich immer, wie ich von weitem hore, einander unterbrechen, um mit dem ehrwurdigen Ansehn ihres Herrn gross zu thun; jetzt konnte ich nun ruhig und lachelnd in das feine schneeweisse Bette steigen, das mir winkt, wenn mich das Versprechen, das ich Dir, lieber Eduard, mit meinem letzten Federstriche zu Avignon gab, nicht mehr als wie billig, munter erhielt. So hore mich denn eben so munter an, und hore noch die letzten Merkwurdigkeiten meines heutigen grossen Tages, unter welchen ich glucklich bis an das Tintenfass gekommen bin, das mir, in Wiener Porcellan, ein zweikopfiger Adler vorhalt.
Als ich mit dem Schwure, keinem Kasuisten, keiner Heiligen und keiner milden Stiftung je wieder so nahe zu kommen, die Gruppe, die ich Dir oben beschrieb, noch um eine Bouteille betrunkener, unter Rousseaus Aufsicht verliess, und ohne Gerausch meinen Hut und Stock aus der Ecke gezogen hatte, wo die fromme Bertilia ihrer verdienten Ruhe genoss, schlich ich stillschweigend meiner Wege, und war schon bis an die Thur gekommen, als der Domherr meinen Abzug bemerkte. Seine Zunge war jedoch zu schwer, ein deutliches Lebewohl auszusprechen; dafur aber schlug er mir so lange seine Kreuze nach, bis ich ihm aus dem Gesichte kam. Klarchen wischte hoflich mir nach bis auf den Vorsaal, wo sie mir aus uberstromender Dankbarkeit, im Angesicht des heiligen Nicaise, der unverschamt zusah, noch ein paar Kusse aufdrang, die, so Gott will, die letzten seyn sollen, die mir eine Heilige gab. Auf der Treppe hielt mich noch ein anderer widriger Anblick auf. Der schwarzgelbe Prokurator trat mir mit der Verbeugung eines Advokaten entgegen, der, nach einem verlornen Prozesse, seine Expensen sucht, uberreichte mir mit der Abschrift seines Protokolls die Beglaubigungs-Urkunde meines gethanen Wunders, und zugleich ein Handbriefchen vom Propst. Es thut mir leid, dass ich es nicht fur Dich aufgehoben, und jetzt statt des Originals, das ich wegwarf, Dir nur einen Auszug davon mittheilen kann. Der geschmeidige Mann versicherte mich darin seiner unbegranzten Hochachtung, und bat mich, wenn ich je wieder diese Domaine des heiligen Vaters besuchte, die Freundschaft zu nahren und zu befestigen, die er, als ein unwurdiger Vorsitzender bei meinem Verhor und wahrend meiner triumphirenden Rede, zu mir gefasst habe. Er nannte mich einen seltenen Mann, der ganz von Gott ausgerustet sei, das blinde Volk zu regieren und empfahl sich mir so zudringlich, als hatte er in mir seines Gleichen gefunden. Ich beantwortete im Heruntersteigen seine Hoflichkeit mundlich an seinen Boten, bedauerte, dass meine Abreise die Freundschaft, die nur ein Wunder unter uns zu stiften vermocht hatte, so bald unterbrache, dass ich aber, wenn ich Avignon jemals wieder mit einem Fusse betrate, mich seiner Leitung ganz uberlassen wurde, und dann erst das zu werden hoffte, was er allzu gutig schon bei mir voraussetzte. Unter diesen hingeworfenen Komplimenten gelangte ich die Treppe herunter, bis an die Hausthur als mir hier noch ein Umstand auf das Herz fiel, der, wenn Du ihn nach Deiner gewohnlichen Fluchtigkeit, nicht ubersehen hast, Dich bis zu dieser Zeile nicht wenig geangstigt, Dir den Odem versetzt, und Deine Lippen und Hande bewegt haben wird, um mich, mit einem jeden Schritte weiter, den ich nach meinem Wagen that, freundschaftlich noch aufzuhalten als mir nehmlich glucklicher Weise noch beifiel, dass ich, aus allzu grosser Eil aus Klarchens Augen zu kommen, unter Rousseau's Kopfe mein Tagebuch vergessen hatte. Nun ware es zwar zum Nutzen der Welt vielleicht gut gewesen, wenn es die alte Bertilia beim Auskehren gefunden, und es als unnutzes Papier verbraucht hatte vielleicht aber auch nicht; wer kann das wissen? Fur mich ware es doch immer ein, ich hoffe es zu Gott, unersetzlicher Verlust gewesen da ich dergleichen Tage, als die acht letzten, nie wieder durchzuleben gedenke, und viel zu vergesslich bin, als dass ich hatte hoffen konnen mir die Erinnerung davon, die mir doch fur mein ganzes Leben sehr dienlich seyn wird, bis zum Aufschreiben wieder lebendig zu machen. Ich lief nun wie ein Wiesel die Treppe hinauf, das Zimmer hinein, gerade vor den Kamin.
Es war ein Gluck, dass die alte Bertilia noch schlief. "Lassen Sie Sich nicht storen," sagte ich zu Klarchen, die dem Domherrn auf dem Schoosse sass, und mich mit hochster Verwunderung angaffte: "Ich habe hier sonst nichts als nur unter dem Gypskopfe ein Paket Belege vergessen, die zu meiner Einnahme und Ausgabe gehoren, und die ich selbst nicht der Muhe werth achten wurde, wenn sie nicht mit Ihrem Strumpfbande umwickelt waren, das mir, mein gutes Klarchen, viel zu lieb ist, um es im Stiche zu lassen; und nun leben Sie wohl, und grussen Sie Ihre Tante." "Was?" stammelte der Domherr, "was sagten Sie da von Klarchens Strumpfbande?" "Das wird das liebe Kind Zeit genug haben Ihnen selbst zu erklaren," antwortete ich, und schlug die Thur hinter mir zu. Wer war froher als ich, da ich meine Kriminalakten unter dem Arme, von meinem Schrecken nun wieder zu mir selbst kam! Non omnis morior, war das wenigste was ich dabei dachte; und wie dankte ich es nicht dem langsamen Epilogus, dass er mir nicht das erstemal schon die Hausthur offnete, als ich ohne mein Tagebuch davor stand! denn der Anblick, der mich jetzt uberraschte, wurde mich gewiss ganz um das Bisschen Besinnungskraft gebracht haben, von der einzig seine Rettung noch abhing. Der grosse Platz vor dem Hause, und so weit ich in die Gassen sehen konnte, war von Menschen gestopft, die in der Nahe und Ferne auf die Knie fielen, und mich um meinen Segen anflehten. Ich richtete mich in meiner Chaise gerade in die Hohe, und warf der betrogenen Menge, wie von der Kanzel, gutmuthig alle die Kreuze wieder zu, die mir der Domherr mit auf den Weg gab. Einige von den Andachtigsten drangten sich vor, um die Pferde abzuspannen und meinen Wagen zu ziehen, und es gelang mir durch nichts anderes, sie von dieser Ausschweifung ihrer Ehrfurcht, die mich schwerlich postmassig wurde gefahren haben, abzuhalten, als dass ich ihnen die offene Hausthur zeigte, und ihnen sagte, dass sie alle meine Wunder unter den Handen des Domherren antreffen wurden. Haufenweise stromten sie nun in das Haus, und meine Postillons bekamen Raum ihre Peitschen zu schwenken, und, ohne jemanden umzufahren, vor der Hand wenigstens, ungestort bis an den Buchladen meines Freundes zu kommen. Hier aber mussten sie die Zugel mit Gewalt anziehen; denn der kleine Mann war heraus getreten schrie und winkte, und hielt uns etwas so Flatterndes entgegen, dass wir alle furchteten, er mochte die sechs Pferde scheu machen. Es war sein Katalogus, den er mir, wie er sagte, zu weiterer Fortsetzung unserer Freundschaft uberreichte, und noch einige abgebrochene Worte seines Entzuckens darein gab, die allein schon im Stande gewesen waren, einen sechsspannigen Wagen in seinem Laufe zu hemmen; so uberspannt waren sie und so holprig. Ich hatte jetzt nicht Zeit sie ihm anders zu beantworten als mit einem lauten Gelachter, uber das er hochst verwundert zuruck trat, und mir freien Weg liess. So weit ich kam, fand ich alle Burger in Bewegung, wie an dem Frohnleichnamsfeste. Nur den getauften Juden hatte die Revolution meines Wunders nicht von seiner Stelle gebracht. Ich sah ihn, als ich bei seiner Kirche vorbei fuhr, noch an eben dem Pfeiler stehen, an dem ich zuerst seine interessante Bekanntschaft gemacht hatte. So eilig ich auch war, liess ich doch einen Augenblick halten, und schickte ihm meinen Abschiedsgruss durch den Epilogus zu, der ihm zugleich die verpfandete Maske eigenthumlich abtrat, und noch das Gluck hatte, einen kleinen Thaler von ihm heraus zu bekommen. Ich erhielt auf einem Kartenblatte nachstehende Worte, mit Bleistift geschrieben, von ihm: "Ihr heutiges Wunder," Du siehst, lieber Eduard, D o h m und seine Anhanger mogen auch sagen was sie wollen, ein Jude bleibt immer ein Jude, "ist das grosste, wovon ich gehort habe, und das einzige, woran ich glaube. Fahren Sie fort, lieber junger Mann, uber die Thorheiten Ihrer Zeitgenossen zu spotten. Thun Sie es aber ja, wenn Sie nicht unter Blindgebornen sind, wie hier, lieber heimlich und von weitem, wie ich es selbst hier thue. Das ist der freundschaftliche Rath eines Mannes, der seine Ruhe und Sicherheit liebt." Ich bog mich weit aus meinem Wagen hervor, und warf ihm lachelnd eines von meinen Kreuzen zu, das er mit einem schelmischen Kopfnicken beantwortete. Es gab mir, so wenig es war, doch hinlangliche Auskunft uber den Werth, den er darauf setzte. O, des ehrlichen Konvertiten! dachte ich, und fuhr weiter.
Avignon lag schon eine grosse Strecke hinter mir, ehe ich mich ein wenig aus dem Gewirre meiner Gedanken los winden konnte, die, wie sie an einander anstiessen, meine Seele mit sich herum trieben. Bald sah ich mit Spott, bald mit Aergerniss und Scham, bald mit innigster Zufriedenheit, auf die Zeit, die hinter mir lag, und auf die Gefahren zuruck, denen ich, weniger zur Ehre meiner Klugheit als zur Glorie meines Erretters, des Z u f a l l s , glucklich entging. Einmal uberzahlte ich hochmuthig die Menge von Erfahrungen, durch die sich, in einer Spanne von acht Tagen, meine Welt- und Menschenkenntniss so unglaublich bereichert hatte. Ein andermal warf ich mir bitter vor, dass sie der Muhe und der Kosten nicht werth waren. Die unzahligen Abwechselungen meines heutigen Tages von dem Anfange meines Verhors an, bis auf den Segen, den ich dem getauften Juden zuwarf, hatten indess meine Krafte so erschopft, dass mir, mitten in meinem Nachdenken, die Augen zufielen. Ich glaube, ich wurde in Einem weg, bis vor mein Wirthshaus, geschlafen haben, wenn es, auf der Station, die mich an die Granze des Comtats brachte, meinen Begleitern beliebt hatte, ohne Zuziehung meiner die Post wechseln, und frische Pferde vorhangen zu lassen. Aber das Nachdenken hatten meine klugen Schauspieler nicht. "Mein Herr," rief mir, ich weiss nicht welcher von den beiden Brudern, in den Wagen, "haben Sie denn nicht Lust auszusteigen?" "Und warum das?" fragte ich schlaftrunken. "Hier ist," antworteten sie, "der letzte Ort in dem Gebiete des Papsts." "Desto besser!" gahnte ich, und legte mich in die andere Ecke. "Aber," schrien sie fort, "es ist ja Cavaillon, mein Herr." "Meinetwegen!" versetzte ich argerlich, "was liegt mir daran?" "Nehmen Sie es nicht ungutig," erwiederte der unausstehliche Kerl, wir glaubten, es wurde Ihnen lieb seyn den Propheten kennen zu lernen." "Was denn, zum Henker! fur einen Propheten?" fuhr ich jetzt auf. "Der unser Gluck," unterbrachen sie sich beide, "und unser Ungluck gemacht hat. Er liegt nur wenige Schritte hier von der Post." Jetzt ermunterte ich mich erst. "Ihr guten Leute," sagte ich, indem ich ausstieg, "habt nichts als euer zerstortes Theater in dem Kopfe. Das musst ihr euch abgewohnen, und mir nicht immer damit in den Ohren liegen, zumal wenn ich schlafe. Aber sagt mir einmal lebt denn der Onkel von Klarchen noch?" "O, ja wohl," antworteten sie. Nun! dachte ich, da du einmal um deinen Schlaf bist, willst du doch wundershalber sehen, was fur eine Respektsperson von Verwandten du heute dran und drauf warest dir auf den Hals zu laden kannst dir auch nebenbei das Bette zeigen lassen, wo dem Madchen der Teufel zuerst erschien. An fremden Orten nimmt man ja oft wohl noch geringere Merkwurdigkeiten in Augenschein. Habe ich nicht selbst einmal in Erfurt einen Thurm mit Muhe und Gefahr fur einen Dukaten erstiegen, weil es zwei Tage vorher der Konig von Schweden gethan hatte, um die grosse Susanna zu sehen, vor der, wie mich der Glockner versicherte, alle Teufel ausreissen. Und so trat ich denn auch hier, meinen Wegweisern nach in die Garkuche des Propheten, und fand an meinem Onkel einen sehr gesprachigen Mann.
Er stammte seine beiden Hande in die Seite, so bald er den Doktor und den Teufel erkannte. "Je, meine Herren," rief er voll von Verwunderung aus, "Sie treten ja da in einem Aufzuge einher, der wahres Wohlleben verkundiget! Das freut mich von ganzem Herzen; denn ewig werde ich Ihnen danken, dass Sie mir uber meine gottlose Nichte die Augen geoffnet haben. Ich liess mir zwar damals meinen ganzen Kummer nicht gegen Sie merken, meine lieben Herren; aber, ohne jene Nacht, kann ich nun wohl sagen, wo Sie ihr erschienen, ware einmal mein schones Vermogen in ihre Hande gefallen. Aber das ist nun damit vorbei, und ich habe es bereits der MagdalenenKirche verschrieben." So wenig ich nun auch Ursache hatte mich dieses Geschopfs anzunehmen, so schien es mir doch ungerecht von ihrem Verwandten, ihr eine Erbschaft zu entziehen, woran sie, bei allen ihren Fehlern, doch immer mehr Anspruch hatte als die heilige Magdalena. Sie kann sich ja wohl auch noch, dachte ich, mit der Zeit bekehren, wie jene, zumal wenn sie nicht mehr nothig hat der Gnade der Domherren und Propste zu leben. Ich nahm mir also vor, ihm den Einfall aus dem Kopfe zu bringen; aber es schlug mir fehl. Als ich mit gehoriger Behutsamkeit des Wunders erwahnte, und ihm erzahlte wie der Domherr aus Achtung fur ihre Namensschwester sie wieder in das Haus nahme, gerieth der Mann in einen Zorn, den ich weiter nicht zu stillen vermochte. "Das mag er," antwortete er mir; "in das meinige soll sie keinen Fuss wieder setzen, so wenig als ihr Verfuhrer. Wollen Sie sehen, wo das erste Ungluck geschehen ist? so kommen Sie!" Er fuhrte mich nun in die grosse Stube zeigte mir das Bette, und mit Thranen im Auge fing er geruhrt an "Hier mein Herr, ist das schonste, beste, unschuldigste Madchen dem bosen Feinde geopfert worden; aber ohne mein Verschulden. Wie hatte sich eine Christenseele einbilden konnen, dass ein Kind neben einem Geistlichen, der in der Nacht, von der Reise ermudet, um eine Herberge bat, so etwas zu besorgen hatte? ein Kind, das damals noch nicht ... Doch ich will keine Sottise sagen aber Sie verstehen mich, mein Herr ... O, du barmherziger Gott! was hast du uns fur Seelenhirten gegeben! Ich war stolz auf das Madchen denn reizender sehen Sie, und niedlicher gebaut, war weit und breit keine andere zu finden." "Ach, ich kenne sie, besser vielleicht als Sie selbst, mein guter Mann," antwortete ich seufzend. "Ich habe ganzer acht Tage neben ihr an, gewacht und geschlafen.." "Und reisen nun ist es nicht so?" fiel er mir kleinlaut in die Rede, "nach Montpellier?.." "Nichts weniger," gab ich mit grossen Augen zur Antwort, "ich gehe jetzt nach Marseille, wo ich den Winter uber.." "Nun, da nehmen Sie mir nicht ubel," unterbrach er mich, "da kennen Sie meine Nichte schwerlich besser als ich. Seyn Sie froh, mein guter Herr! Sie sind der erste Passagier, der von dort her zu mir kam in der Nahe dieser Virtuosin gewohnt hat und noch so gleichgultig von ihr sprechen, und gar ein gutes Wort fur sie einlegen kann." "Heilige Cacilia!" entfuhr mir der Ausruf. "Ja, ja!" spottelte er mir zu, "traue nur einer der heiligen Cacilia und ihrem Kreuze! Sie sehen doch nun wohl, dass meine Nachrichten acht sind. Ich habe sie von guten Handen. In der That war es der artigste Herr, von dem feinsten Geschmacke, den ich jemals gesehen ein junger Baron aus der Neumark, der auf Ihrer Route, und funf Tage, gezwungen war, von den Beschwerden der Reise Sie wissen wohl bei mir auszuruhen. Da ich mir nichts anders denken konnte, als dass Sie auch nach Montpellier mussten, so freute ich mich recht meinen Gruss an ihn bestellen zu konnen denn vermuthlich ist er noch dort. Alles erinnert mich an ihn, bis auf die Livree sogar, die er eben so gab wie Sie. Es war ein heller, vortrefflicher Kopf! Hatte er sich nur besser vor meiner Nichte gehutet!" "Aus der Neumark war er, sagen Sie?" griff ich endlich dem Schwatzer in's Wort, "und er gab," indem ich den Epilogus bei dem Fittich nahm, "dieselbe Livree?" "Accurat so," antwortete der Wirth, "und mit eben solchen Quasten und Knopfen." "Und der Name?" fiel ich ihm ein, "wie war denn sein Name?" "Aussprechen kann ich ihn nicht," sagte er, "das habe ich schon mehrmalen versucht; zum Glucke aber habe ich mein vorjahriges Rechnungsbuch noch nicht zerrissen, dort konnen Sie ihn unterm Monat November selbst lesen Bemuhen Sie Sich nur in meine Unterstube." Ich ging ihm voller Neugier nach, bis an seinen Schrank, aus dem er mir sein Rechnungsbuch zulangte. Er schlug mir das Blatt auf. Ich las mit Bedauern den Namen eines Mannes, den ich hier nicht gesucht hatte wie viel er fur Bruhen von jungen Huhnern schuldig geworden war, und sah, dass seine beiden Bedienten vermuthlich bessern Appetits wegen funfmal so viel verzehrt hatten als ihr Herr. Das ist, was ich aus seinem Conto herauslas. Sein Name soll ubrigens nicht uber meine Zunge kommen darauf kann der junge Herr sich wenn er ungefahr mein Tagebuch zu sehen bekame auf Kavalier-Parole verlassen; und treffe ich ihn, wenn ich durch Montpellier komme, noch an, so konnten wir wohl gar unsere Nachhausereise zusammen machen. Nicht dass ich etwa wunschte, noch mehr von unserer Nachbarin zu erfahren von der weiss ich in dieser Zeitlichkeit nun genug. Nein! ich wunschte es bloss, weil der Wirth von ihm ruhmt, dass er ein artiger Mann, von dem feinsten Geschmacke, und ein vortrefflicher Kopf sei. Wahrlich Eigenschaften, die man sich an einem Reisegesellschafter nicht besser wunschen kann! "Sie haben voriges Jahr eine hubsche Einnahme gehabt, Herr Wirth," sagte ich, indem ich ihm sein verratherisches Buch wieder zuruck gab. "Ich sehe, Sie sind ein ordentlicher Mann, der sein Vermogen gut zu verwalten weiss: desto weniger, um wieder darauf zu kommen, kann ich es billigen, dass Sie es einer Heiligen vermachen wollen, deren grosste Sunde wohl ist, dass sie sich bekehrt hat." "Das ist mir wahrlich, das ist mir zu hoch," antwortete der Wirth, "und ich wende eine Flasche Wein an Ihre blasenden Postillions, damit sie Ihnen Zeit gonnen es mir zu erklaren." "O, dazu gehort nur eine Minute, lieber Mann," erwiederte ich. "Sie konnen wohl glauben, ich habe nicht das geringste Interesse bei der Sache und eben so wenig habe ich etwas wider die heilige Magdalena aber das Aufsehn, das sie uberall macht die Kirchen, die ihr geweiht sind das Lob, das ihre Wiederkehr von allen Kanzeln erhalt, und die Ehre, die man ihren Thranen erweist, haben, seit ihrem Evangelio glauben Sie mir mehr schone und gute Madchen um ihre Unschuld gebracht, als alle Domherrn zusammen; und das ist doch, Gott weiss, viel gesagt! Denn, wie das menschliche Herz ist, um eine reuige Sunderin zu werden gleich der heilig belobten Magdalena, denken die meisten, muss ich ja doch erst meine Jugend nutzen wie sie. Lieber wollte ich an Ihrer Stelle, Herr Wirth, meinen sauern Erwerb, auf den Fall meines Todes, den Armen schenken." "Den Armen, mein Heer?" wiederholte er hohnisch. "In diesem schonen, fruchtbaren, unbebauten Lande, sollte es Arme geben, die Unterstutzung verdienten? Sind denn nicht schon genug Spitaler voll von Mussiggangern und Faulen? Mag denn hier wohl eine Seele arbeiten? Findet es nicht jedes bequemer zu betteln zu stehlen, so lange es jung ist im Beichtstuhle sich seine Sunden vergeben zu lassen, um neue zu begehen, und sich um eine Stelle in einer milden Stiftung zu bewerben, wenn es altert und krank wird? Dieses Leben fuhrte der Vater, der Sohn setzt es fort, und vererbt es wieder an seine Kinder. Nein, mein Herr! die hiesigen Armen sollen nichts von mir bekommen. Aber da Sie mir wegen der Magdalena einen Floh in's Ohr gesetzt haben, so kann es wohl seyn, dass ich mein Testament andere und ein gutes, frommes und schones Madchen an Kindesstatt aufnehme, die einmal einem rechtschaffenen Manne wieder mein erworbenes Vermogen zubringt." "Thun Sie das, lieber Onkel!" sagte ich und Gott sei Dank, dass ihm dieser Ehrentitel auf keine Art zukommt, da er bei verwandten S e e l e n eben nicht im Gebrauch ist; denn in diesem Falle, Eduard, gab' ich ihn diesem wackern Manne nicht mehr aus Laune, sondern aus bessern Urkunden sogar, als andere oft vorzeigen konnen, die ihn stolz von uns fordern. "Thun Sie das, lieber Onkel," sagte ich ihm also beim Einsteigen in den Wagen: "bemuhen Sie Sich um ein hubsches Kind, das Sie der Verfuhrung Ihrer Domherrn entreissen, und das Ihnen und der Jugend den grossen Verlust von Klarchen, wenn es moglich ist, ganz wieder ersetzt. Mir ist es sehr lieb, dass ich wenigstens doch beim Austritte aus diesem Lande E i n e n ehrlichen Mann habe kennen lernen. Gott erhalte Sie! Leben Sie wohl!" Ich fasste noch mit geruhrtem Herzen den Segen auf, den er mir nachrief. Von einem so ungeweihten Speisewirthe er auch herkam, hoffe ich doch, soll er mich besser entsundigen als die Kreuze jenes betrunkenen Herrn.
Wie ich vor das Stadtthor kam, bemerke ich erst, dass ich auf einer Insel gewesen war, und begriff nun leichter, wie sich hier abgesondert vom festen Lande noch einige Ehrlichkeit erhalten konnte.
Die Brucke uber die Durance kam mir, trotz dem heiligen Nepomuk, der zu ihrem Schutze darauf stand, doch so gefahrlich vor, dass ich ausstieg, und mich nicht eher daruber wagte, bis ich meinen Wagen an dem andern Ufer erblickte.
Das Bild der Sonne schwebte nur noch an dem Saume des Horizonts, und ihre gebrochenen Strahlen rotheten die hinschwindende Landschaft. Die Gegend war im Steigen die Pferde zogen muhsam und ich schlich voll von Gedanken zu Fusse hinter dem Wagen her. Wie wir den Hugel bald erstiegen hatten, befahl ich meinen Leuten, sachte fortzufahren und die matten Pferde verschnaufen zu lassen, setzte mich an seinem Abhang auf die Wurzeln eines abgestorbenen Oelbaumes, und suchte mir die Empfindungen deutlich zu machen, die meinem Herzen entstiegen. Wie ungleich waren sie jenen, die sich sanft aus ihm ergossen, als ich das freundliche Caverac in seiner gesegneten Flur als ich in dem sympathetischen Gefuhle der Jugend meine geliebte Margot verliess! Unter einem noch schoneren Himmel als dort, wie erschlafft fand ich hier, in dem Mussiggange eines frommelnden verdorbenen Volks, jede Federkraft der Natur! Welch eine bangliche Ansicht! So weit meine Augen mich trugen, sah ich Standbilder der Heiligen auf rebenlosen nackten Bergen entdeckte nur verfallene Stege durchgebrochene Damme, morschen Gotzen mit ruhmlosen Namen zum Schutze uberlassen horte das Lauten der Abendmetten in den umliegenden einzelnen Dorfern ohne dass ein Schafer vor seiner gesattigten Herde, oder ein muder Ackersmann hinter seinem umgelegten Pfluge, dem Aufrufe zur Ruhe nachschlich, ohne dass ein Winzer, von frohlichen Kindern begleitet, aus seinem Weingarten hervorbrach. Grosser Gott! rief ich wehmuthig aus, und faltete die Hande, wie lange wird dieser Missverstand deiner wohlthatigen Absichten, diese Beschimpfung deiner Natur noch dauern! Wie lange wird noch der Burger seine kostbare Zeit, der Landmann seine nutzlichen Krafte, der Tagelohner den kleinen Erwerb seiner wenigen ubrig gelassenen Arbeitsstunden, an den Putz einer Wachspuppe und das Wohlleben ihrer Gotzendiener verschwenden in seinem Hause das Licht auf seinem Herde das Feuer ersparen um durch eine verdienstliche Finsterniss der ewigen Lampe Oel zu verschaffen! Wie lange werden die Sklaven der Andacht das Mark ihrer Sohne gegen ein geweihtes Todtenbein vertauschen, und mit dem Geruche seiner Heiligkeit ihre Schlafkammern verpesten! Wie lange noch, grosser barmherziger Gott! werden die Unsinnigen fur die baldige Entwicklung ihrer Tochter alle Heiligen anrufen, um ihre ersten Bluthen dem ehelosen Monche zu opfern, der jedem fruhen Gefuhl eines erwachten Herzens noch fruher entgegen kommt, jede aufkeimende Frucht wie ein Raubthier bewacht, und alle Erstlinge der Natur und des Fleisses als sein Eigenthum ansieht! Durch, ach! wie viele Menschenalter rief ich mit gepresster Brust wird dieser schwere Uebergang zur Wahrheit und Freiheit noch zogern! Und wie ich so sprach und meine Augen zu Gott erhob, verguldete die ewige Sonne, zum letztenmal heute, die steinigen Hugel. Ich schrieb noch im Glanze des Abendroths folgende Gedanken in meine Schreibtafel, aus denen Du sehen wirst, dass ich nicht umsonst das Wirthshaus zum Propheten besucht habe uberblickte noch einmal diesen so schonen und so gemissbrauchten Erdstrich und winkte nach meinem Wagen.
Als hatte die Natur im Bilden
Mit Liebe langer hier verweilt,
So ganz hat diesen Lustgefilden
Sich ihre Schonheit mitgetheilt:
Doch Monche kamen und zertraten
Den Plan der frohlichen Natur,
Und auf dem Umkreis ihrer Saaten
Herrscht Gleissnerei und Armuth nur.
Trajan entlockte Fleiss und Leben
Hier diesem Felsen diesem Hain,
Und Berge luden ihn voll Reben
Zum Jubel guter Fursten ein.
Ihr Fluren, die ihr freundlich bluhtet,
Als Jupiter noch auf euch sah,
Wie traurig liegt ihr, abgehutet
Von papstlichem Gesindel, da!
O, Land, das nur den faulen Bauchen
Der Monche zu Gebote steht,
Und, mit abgottischen Gebrauchen
Belastet, schwankt und untergeht!
Ach, warum hat, ruft meine Stimme,
Gott seinen Blick von dir gewandt?
O du, der Hirnwuth und dem Grimme
Der Heiligen verrathnes Land!
Wo Priesterstolz und Aberglaube
Wie Mehlthau eine Gegend trifft,
Verdorrt die Saat, verwelkt die Traube,
Und aus dem Oelbaum rieselt Gift.
Besangen wohl des Landmanns Lieder
Sein Gluck an einem Erntetag
In Argos Thalern, eh die Hyder
Dem Arm des Rachers unterlag?
Hier heisst die Tugend eine Burde;
Der Weisheit selbst wird hier geflucht,
Die nicht in Klostern Menschenwurde,
Nicht Trost am Tisch des Gauklers sucht:
Bei Ihm der Felsen abzurunden
Verspricht, der Berg' und Thaler gleicht;
Und deinem M u n d Erlass der Sunden
Und deinem G a u m Vergebung reicht.
Wie sturzt nicht der bethorte Haufe
Ihm zu! begafft und uberschlagt
Die Waare, die zu gutem Kaufe
Er ihren Sinnen vorgelegt!
Der Morder packt dann, wie der Zecher,
Ein Sortiment zum andern auf,
Und jener Schutzgott der Verbrecher
Spricht Segen uber ihren Kauf.
Und dieser Tross von Himmelserben
Durchwallfahrt diess verarmte Land
Spielt seinen Ueberrest von Scherben
Dem Hohenpriester in die Hand,
Vertauscht fur unbegriffne Worte
Das Bettelbrod, das er erwirbt,
Und mit dem Schlussel zu der Pforte
Des Himmels gahnt er hin, und stirbt.
Ihr Rauber dieses Landes! horet
Der Wahrheit Ruf, die aus mir spricht:
Euch droht, die ihr das Volk bethoret,
Des Volkes blutiges Gericht;
Ich seh' im Kreis von euern Burgern
Des Aufruhrs schwarze Fahne wehn,
Und eure Schafe zu den Wurgern,
Furcht zur Verzweiflung ubergehn;
Und seh' erstaunt, wie jede Puppe
Der Andacht in ihr Nichts versinkt;
Wie nicht mehr die geweihte Schnuppe
Der ew'gen Lampe sie umstinkt
Kein Kuttentrager mehr die Zofe
Der heiligen Maria macht,
Und kein an eines Priesters Hofe
Gebildeter diess Land bewacht;
Seh' eure Heiligen zerstuckeln
Seh' die Legenden in dem Wind
Zu edlern Stoffen sich entwickeln,
Die eines Gottes wurdig sind;
Und seh' entfernt, wie aus dem Staube
Die Tugend ihre Stirn erhebt,
Und neue Hoffnung neuer Glaube
Und neues Gluck diess Land belebt.
Und dann erst, moge Gott es wollen!
Wird Ordnung und Natur gedeihn;
Die Wusten werden Fruchte zollen,
Die oden Berge guten Wein:
Gesundes Volk wird, ungesegnet,
Im Schatten seiner Laube ruhn,
Und, ohne dass ihm Gott begegnet,
Doch redlich seine Arbeit thun.
Dann erst entsteigt den Finsternissen
Des Glaubens die versteckte Flur;
Man wird von keinem Wunder wissen,
Als von den Wundern der Natur;
Der Pilger wird sie nur im Reize
Der Unschuld seines Madchens sehn,
Und manch Kapellchen ohne Kreuze
Wird seiner Andacht offen stehn.
Den 9ten Januar.
Unter dem Heere von Gedanken, die diesen Morgen auf mein Erwachen zu lauern schienen, war Dein Bild, theuerster Eduard, der erste, der mir anflog, so wie es der letzte war, mit dem ich einschlief. Darf es Dich wundern, dass ich mich leichter selbst aus dem Auge verliere, als Dich? Wem konnte ich denn wohl den Verdruss, der mir aufstosst, billiger zurechnen, als dem Anstifter meiner Reise? so wie ich ihm eben so gern das Gute verdanke, das mir begegnet. Nachdem ich Dir meine Verbeugung gemacht hatte, und zu der Musterung Deiner Nachtreter uberging, merkte ich es, durch die letzt vergangenen acht Tage gewitzigt, den meisten bald an, dass ich wohl am klugsten thate, sie lieber gleich vor meinem Bette abzuweisen, ohne mich an ihre zuvorkommenden Mienen zu kehren. Ich suchte mir Einen unter der bunten Gesellschaft aus, der mich mehr als die andern alle befremdete, von dem ich mir jedoch, wo nicht die angenehmste, doch die lehrreichste Unterhaltung versprach; vorausgesetzt, wenn ich Muth genug hatte, ihm bis in den Schlupfwinkel nachzugehen, in den er sich, wie ich ihn in das Auge fasste, zu verkriechen anschickte. Freilich hatte er mir nicht so neu vorkommen sollen, als er mir schien: denn es war der ewige Gegenstand meiner Betrachtungen mein eignes Selbst. Da ich aber, wie Du nur zu gut weisst, vorige Woche nicht zu mir s e l b s t kam, so wird es begreiflich, wie ich die Veranderungen, die stufenweise mit ihm vorgingen, so wenig bemerken konnte, dass es mir jetzt schwer ward, seine sonst so offene Physiognomie unter den Flecken heraus zu heben, die ihn entstellten. O hatte mich Freund Eduard, seufzte ich, ruhig in dem Winkel sitzen lassen, aus dem ich mit stolzem Wohlbehagen uber die ubrige Welt hinblickte! Dort lebte ich unter der strengen Aufsicht meiner moralischen Bucher, kannte keine Heilige, keine Kasuisten, und war meiner Tugend gewiss. Dort hatte ich, mit Zufriedenheit meines Beichtvaters, exemplarisch an meiner Hypochondrie verscheiden, und die Rechnung meines Lebens dem obersten Richter vorlegen konnen, ohne zu errothen. Wurde ich denn aber auch, warf ich mir auf einmal ein, darum besser gewesen seyn als jetzt? Hatte mir der oberste Richter nicht antworten konnen: "Du trittst mir zwar unbescholten und mit dem Bettelstolze eines guten Gewissens unter die Augen du bist unbefleckter als jener Domherr, den eine Reihe schandlicher Thaten verklagt; aber bist du wohl darum viel besser als er? Kannst du dir als Verdienst anrechnen, dass der Zufall den ich gewahren liess, dich an eine viel kurzere Kette legte als ihn? dich in den Zirkel eines krankelnden, reizlosen Lebens einzaunte, und dir nur den gelauterten Nahrungssaft zuflosste, den die gesunde Weide hervorbringt, auf der du geboren warst, und starbst, ohne dass du die Giftpflanzen zu kosten bekamst, die, in einem andern Erdstriche einheimisch, den Einwohnern zur gemeinen Nahrung geworden und mit ihrem Blute vermischt sind?"
Er! dessen Stimme an mein Herz schlagt, bewahre mich vor dem Unverstande, mit Ihm zu rechten! Er mag es wohl besser wissen, als wir selbstsuchtigen Thoren, was wir eigentlich werth sind, und wie gar nichts unser Antheil an allem dem Guten ist, das aus unserer belobten Freiheit entspringt. O ich erbarmliches Geschopf! Was ist doch aus meiner Selbstzufriedenheit was aus den Forderungen geworden, die ich auf die allgemeine Achtung zu machen mich berechtigt glaubte? Eine Spanne Zeit verschlang den Reichthum einer ganzen langen Reihe von Jahren. Jetzt ist es mit der schonen Leichenrede vorbei, die ich manchmal im Namen des ganzen Menschengeschlechts in Gedanken hielt, wenn ich mir eine recht behagliche Stunde machen wollte. Der neue Text, den mir die vergangene Woche unterlegt, ist von einem Gehalte, der mir schwerlich die lange Weile uber meinem Grabhugel vertreiben kann. So wirke er denn, rief ich endlich aus, was er vermag, und mache mich wenigstens, so lange ich diesseits des Grabes wandele, duldsam gegen andere Schwachlinge, die mir gleichen, und desto verschamter und andachtiger, wenn ich die Worte jenes grossen Menschenkenners in den Mund nehme: "U n d f u h r e u n s n i c h t i n V e r s u c h u n g ." Ich kenne keine, die einen deutlichern Spott auf unsere Geisteskrafte enthielten. Auf wessen Bedurfnisse passten sie nicht? In dem Sinne der meinigen gesprochen, was wollen sie anders sagen, als: Mache mich nicht zu gesund am Leibe, damit ich nicht kranker am Geiste werde. Fuhre mir auf meinem geraden Gange keine Heilige und keinen Heuchler entgegen; denn ich bin zu blind, grosser Gott! um sie unter ihren Larven zu erkennen, und zu ungeschickt, ihnen solche abzuziehen, ohne mich selbst zu beschmutzen.
Ich schlug meine Augen in die Hohe eine Bewegung, die wir so gern als ein Zeichen der Andacht anrechnen, da es doch meistens nur ein Hebel ist, durch den wir unsere beunruhigte Seele uber ihren eigenen Anblick hinweg zu bringen, und eine andere Richtung zu gewinnen suchen; denn hinter der geringsten unsrer Handlungen steckt Stolz und Betrug. Mich brachte mein mechanischer Aufblick diessmal nicht hoher als in die Region der grossen Herren. Mein Wirth war nicht umsonst in Wien gewesen; denn ausser seinem Schreibzeuge, das ich Dir schon beschrieb, hatte er auch noch das Bild des Kaisers mitgebracht, die Kopie uber dem Eingange seines Gasthofs, das Original aber, wie billig, in seinem Staatszimmer aufgehangt, in das er mich Du weisst aus welchem Irrthume logiert hatte. Ich konnte immer Gott danken, dass es nicht das Bild eines Heiligen war; denn wer weiss, wohin das meine Phantasie, die nur ein Brett suchte um fortzuschwimmen, verschlagen hatte! In dem Deutschen Reiche, wohin mich J o s e p h d e r Z w e i t e trug, war ich wenigstens zu Hause.
Ich schiffte mit ihm auf gerade wohl fort, von einem der Fursten zum andern, die es theilweise beherrschen, und mein beklommenes Herz erleichterte und trostete sich an ihren Hofen. Ich war erkenntlich fur ihre freundliche Aufnahme, und ausserordentlich billig gegen die Fehler, die ich an ihrer Person oder Regierung bemerkte; denn meine eigene Demuthigung machte es mir unmoglich, sie anders als mit der Art von Mitleiden zu betrachten, die ein Hektikus fur seinen Bruder empfindet, der Blut speit. Es wird Dich vielleicht Wunder nehmen, Eduard; aber ich mochte im Verfolg meiner Visiten unsere grossern oder kleinern Herren so genau mustern so als ich wollte, ich zahlte immer mehrere, unter deren Zepter oder Krummstabe es sich leidlich genug leben liess, und die, selbststandig, der Ehre, die wir ihnen erzeigen, so ziemlich werth sind, ehe ich Einmal unter zehnen auf einen traf, bei dem man, wenn man ihn auch, wie viele andere Dinge, mit Respekt nennt, es doch so unmoglich findet, einen festen Gedanken zu fassen, wie bei einem Polypen. Da sich der Hauptstock dieses Sumpfgewachses ohne den Inbegriff der kriechenden, schlupfrigen und wurmstichigen Saugarme nicht denken lasst, die ihn zum Polypen erheben und hinwiederum diese zu keinem edlern Dienste bestimmt sind, als die unreinen Nahrungssafte, die sie einschlucken, dem regierenden Klumpen zuzufuhren, um sein Pflanzenleben durch die Mechanik des ihrigen zu erhalten; so giebt das Ganze kein unebenes Sinnbild eines solchen Fursten und seines Hofs. Was kann man mit einem so begabten Zwittergeschopfe anfangen, als dass man es stehen lasst, so lange Gott will? Denn gesetzt, Du nahmest auch das Lebendigste, was an ihm ist seine Auswuchse, unter die Scheere, so wird doch fur den einen Ast, den Du heute absonderst, morgen ein anderer wachsen, der vielleicht noch haklicher ist, als der erste. Dieses Mittelding von Thier und Pflanze wird, wie die Regenten die ihm gleichen, in unserm kultivirten Vaterlande immer seltener, und bald wird die fortschreitende Zeit den Deutschen Boden ganz davon gereinigt haben. Auf dem Platze, den solche Pigmaen aussaugen, werden sich grosse, selbstandige Baume erheben, die durch ihren schattigen Umfang alle Schmarotzer- und Wucherpflanzen ersticken, veredelte Fruchte tragen, und guten Samen uber das Land streuen, das ihren Wachsthum befordert.
Gott segne diese prophetischen Worte! Sie entfliessen so leicht einem patriotischen Herzen, und klingen so schon in dem Munde eines Unterthanen des R o m i s c h e n R e i c h s , besonders, wenn er sie seinem Oberhaupte in einem Franzosischen Gasthofe zuruft. Auf alle Weise enthalten sie besser geordnete Empfindungen, als das bittere Gewasch jenes politischen Geschmeisses, das nicht mude wird, die angebornen Rechte seiner Beherrscher zu benagen, ihren ererbten Stand lacherlich zu machen, und ihren Glanz zu besudeln. Wie oft emport mich die Zudringlichkeit dieser boshaften Tadler, die den Grossen der Erde keine Entschuldigung hingehen lassen, selbst die nicht, die in ihrer menschlichen Natur liegt! Wie wollte ein ehrlicher Mann, bei den unaufhorlichen Beschleichungen dieser Weltverbesserer, die sich in ihren Wirbeln immer selbst durchkreuzen und gegen einander anstossen, nur einen ruhigen Augenblick finden, wenn sie nicht, nach Art der Spinnen, das Gute an sich hatten, dass sie eben so geschwind, als sie anrucken, in ihre Hohlen zuruck kriechen, sobald man sie nur von fern mit der Spitze des Fingers beruhrt? Es giebt kleine Wendungen ich will Dir einige angeben die auf solche vorlaute Kluglinge nachdrucklicher wirken, als Bucherverbote. Wenn der e i n e lange genug uber die Anmassungen der Fursten, und uber die Stelzen, auf denen sie sich uber uns erheben, gefaselt der a n d e r e ihre haufigen Missgriffe bei der Wahl ihrer Staatsdiener aufgezahlt der d r i t t e die Erschlaffung in ihren Regierungsgeschaften auf das genaueste entwickelt hat; wenn j e n e r Schwatzer sich mit gelehrtem Anstande in seinem Lehnstuhl festsetzt, um desto bequemer seine philosophische Hitze an dem kaltherzigen Regententross zu verblasen; wenn d i e s e r ihren festlichen Mussiggang mit schelen Augen verfolgt, die Backen voll nimmt, um ihr Eigenthum als einen Raub zu verschreien, den ihre ritterlichen Ahnherren an dem gemeinen Wesen begingen, oder wenn er ihnen zumuthet, Rechnungen abzulegen, die durch Gottes Zulassung langst schon geschlossen sind: so ergreift mich die Ungeduld so schlage ich mich endlich ins Mittel, nehme den einen und nehme den andern bei der Hand, und fuhre ihn, Treppe auf Treppe ab, in seinen eigenen verschobenen, lacherlichen oder zerrutteten Haushalt zuruck, begleite ihn in das Putzzimmer oder Schlafgemach seiner Gebieterin, oder in die Kerkerstube seiner Knechte und Magde schlendere mit ihm seinen verfallenen Scheuern oder verwilderten Krautackern zu, gehe das Inventarium seiner Wasche durch, frage ihn, wie seine Voraltern zu dem Zehenten kamen, den sie ihm vererbten, und durch welches Recht E r mehr Spielraum einnimmt als ein a n d e r e r , der eben so breit ist als er? Den Gramling endlich, der alle Kron- und Erbprinzen zu Missgeburten menschlicher Thorheit herabwurdigen, seine Beherrscher wahlen, oder zu seinem Idol eine Hyder aus den klugsten Kopfen des Volks den seinigen jedoch mit eingeschlossen zusammen setzen mochte, drange und treibe ich durch das Labyrinth seiner Sophismen nach Berlin, zu den Fussen unsers Monarchen. S e i n Daseyn ist schon allein die beste Vertheidigung der Erbfolge. Die klugste Wahl hatte nicht vaterlicher fur uns sorgen konnen, als hier die Natur, die aus dem Urstoff so mancher lieblosen, stolzen und schwachen Ahnherren endlich einen Konig destillirt hat, der, gut, selbststandig und gross, alle Herrschertalente vereinigt der, mit dem feinsten Gefuhl begabt, zu jedem Uebel das Gegenmittel zu finden, nie einen starkern Hebel gebraucht, als die Last erfordert, die er wegschaffen soll. Dieser Brennpunkt, der meine Blicke immer wieder sammelt, wenn sie noch so weit uber die Granze schweifen, vereinigte sie auch diessmal. Ich verlor mich so sehr in Betrachtung dieses merkwurdigen Mannes, dass Kaiser und Reich lange warten mussten, eh' ich auf sie zuruck kam.
"Meine gnadigen und hochgebietenden Herren," beurlaubte ich mich am Ende von der ganzen vornehmen Gesellschaft, "mein langes Ausbleiben beschamt mich; aber das grosse Vorbild, das ich in Ihren Kreis bringe, wird es entschuldigen. Darf ich Ihnen noch zum Abschied einen wohlgemeinten Rath ertheilen, so suchen Sie nur seine einfachern Tugenden zu erreichen die glanzenden erlassen wir Ihnen gern und Tausende mit mir werden aufstehen, und Sie gegen das giftige Gewurme in Schutz nehmen, das Ihre Vorzuge begeifert. Mogen doch Ew. Majestaten und Ew. Durchlauchten durch Verbrechen Ihrer Vorfahren, oder durch Geistesschwache der unsern, zur Herrschaft uber uns gelangt seyn; wir wollen Ihnen den zufalligen Genuss Ihres angeerbten Gewinnstes gonnen, ohne uber den ersten Erwerb desselben lange nachzugrubeln wenn Sie Sich nur als edle Spieler betragen uns nicht durch das stolze Lacheln der Schadenfreude bei jedem Bissen trockenen Brodes, das wir essen, an den Verlust unseres Fettes erinnern, und nicht den Enkeln zu hart die Ungeschicklichkeit ihrer Voraltern entgelten lassen. Mag es noch so gewiss seyn, dass Ihre geheiligte Person durch eben die kleinen Hulfsmittel an uns zum Ritter ward, die Sie jetzt in unsern profanen Handen fur verdachtig und strafwurdig erklaren so wollen wir doch in blindem Gehorsam die moralischen Bollwerke ungestort lassen, hinter denen Sie Ihre Rechte verschanzt haben, und der Politik huldigen, die das Gesetz der Vergeltung an den Galgen geschlagen hat wenn Sie nur nicht gar zu treu dem Beispiel eines Ihrer Herren Kollegen nachgehen.1 Durch eine Flasche Wein gewann er das Gebiet seines Nachbars und sogleich, als weiser Gesetzgeber, verbannte er das begeisternde, Getrank aus seinen eroberten Staaten, versicherte sich der Treue seines Volks durch Mohnsaft, und vertheilte jedes kraftvolle Mannerherz in kleinen Bissen unter ein Heer hungriger Bacchantinnen. Vor solchen politischen Anstalten meine gnadigsten Herren, bewahre Sie Gott!"
Ich wurde in meiner stattlichen Rede an die grossen Herren drollig genug durch eine noch stattlichere unterbrochen, mit der mich mein Wirth hinterrucks anfiel, der, wahrend ich mich mit Kaiser und Reich unterhielt, unbemerkt mit meinem Fruhstuck eingetreten war, und, sobald er seine Hande frei hatte, sich mit vielem Anstande nach mir zu kehrte. An der Thure sah ich zugleich einen hagern Kerl, der, bis auf sein ominoses Gesicht in die Draperie eines Scharlachmantels geschlagen, wie die Maske eines Romischen Censors da stand. "Ich habe," fing der Wirth an, "die ganze Nacht der Vorsehung gedankt, die meinem Hause das Heil widerfahren liess, einen Mann wie Sie zu bewirthen." O ho! dachte ich, dieser Herrenhutische Eingang verspricht nicht viel Gutes fur meinen Beutel; aber hierin irrte ich mich. Immer habe ich gewunscht, den Reisenden, die vor meinem Gasthofe halten, noch ehe ich sie bewillkommne, an das Herz zu reden, und ihnen mit einem grossen feierlichen Gedanken gleichsam in die Pferde zu fallen. Ich spitzte voll Erstaunen die Ohren. "Was soll man sich bei den Sinnbildern so vieler Wirthshauser denken, bei dem goldenen Hammel, der silbernen Striegel oder dem Kreuze von Malta? Ich versuchte es im Anfange meiner Wirthschaft mit dem Bilde meiner Frau. So lange das Bild noch frisch war, that es auch Wirkung. Nach und nach ward es aber bleich die Gaste blieben aus, und ich war entschlossen, es aufmalen zu lassen. Es ging aber anders: denn eben in dieser Epoche, geschah es, dass mich der Prinz auf einem Besuche, den er seinem grossen Vetter in Wien abstattete, als Mundkoch mitnahm, und nach seiner Zuruckkunft mit dem Titel seines Haushofmeisters entliess. Auf dieser Reise lernte, ich erst, ich muss es gestehen, den feinen Geschmack der franzosischen Kuche mit dem nahrhaften der Deutschen verbinden. Ich sah Joseph den, Zweiten nicht ohne Nutzen einigemal speisen, und glaubte es dem Andenken dieser belehrenden Reise schuldig, kein ander Bild auszuhangen, als das seinige. Sieben Jahre hangt es nun da; doch fangt es nun auch an unscheinbar und den Leuten gleichgultig zu werden; ich merke es nur zu sehr schon in meiner Wirthschaft. Da flusterte mir nun meine Frau diese Nacht zu: 'Andre's! Die Erzahlung der fremden Bedienten liegt mir immer im Ohr und lasst mich nicht schlafen. Das Wunder, das ihr Herr gestern gethan hat, wird bald genug Larm machen; denn so etwas wachst wie ein Schneeball. Weisst du was! der Herr muss gut seyn, da er Wunder thut und wir brauchen ein neues Schild. Sein Portrat wurde sich unter allen am besten dazu schicken. Ich dachte, du batest ihn darum. Unsre Wirthschaft wurde sicher dabei gewinnen; denn nagelneuer kann man keinen Heiligen auftreiben Thue es, lieber Mann, damit uns kein anderer Gasthof zuvorkommt.' So sagte meine gute Frau, und gewiss ist es nicht bloss Eigennutz, sondern. Frommigkeit, die ihr diesen Wunsch abnothigt. Schlagen Sie uns solchen nicht ab, wurdiger Mann! Nur Eine Stunde und dieser geschickte Kunstler ..." Hier bewegte sich der Scharlachmantel, und sein Handwerkszeug fiel mir mit Entsetzen in die Augen. Ich fuhr wie aus einem schweren Traum auf, und sah im Spiegel, dass ich so roth war, wie die Draperie des Malers. Das, dachte ich, soll auch gewiss der einzige Anstrich seyn, den er dir giebt.
"Halten Sie inne," fiel ich dem Wirth mit ausserstem Verdruss in die Rede, "und verschonen Sie mich mit solchen Antragen: ich will das Beiwort, das sie wohl verdienten, verschlucken. Kanonisieren Sie, wen Sie wollen nur mich nicht. Mein so genanntes Wunder, von dem ich gestern bei Ihnen ausruhte, war, deutsch gesprochen, nichts mehr und weniger als eine Posse: das konnen Sie mir nachreden, ohne mir Unrecht zu thun. Ein Herr ware wahrlich ubel daran, wenn er fur alles das stehen musste, was seine einfaltigen Bedienten um den Kuchenherd von ihm posaunen."
Ich ging ernst und mit grossen Schritten die Stube auf und ab. Der Wirth schwieg, und ich sah es ihm an, dass er bei jedem hitzigen Worte, das ich ausstiess, immer mehr an meiner Heiligkeit irre ward. Du musst wohl, dachte ich, ein wenig einlenken. Sind doch schon klugere Leute durch solche Albernheiten verblufft und verruckt worden. "Es thut mir leid," drehte ich mich gelassener zu ihm, "dass Sie einen geschickten Maler hierher bemuht haben; aber Sie sollen nichts dabei einbussen. Ich will gern das Missverstandniss bezahlen, in das meine Leute Sie gebracht haben, von den vielen Lichtern und Schusseln des gestrigen Abends an, bis auf den Fleischergang dieses Herrn. Setzen Sie nur alles auf meine Rechnung. Dafur bitte ich mir aber wiederholt aus, dass Sie allen Reisenden, die Sie uber mein Wunder in Avignon dogmatisiren horen, das Verstandniss offnen, und entschuldigen Sie mich aufs beste bei Ihrer lieben Frau. Wenn ich Ihnen beiden etwas rathen soll, so behalten Sie ja das Bild unsers guten Kaisers fernerhin bei. Es wird Ihrem Hause gewiss das meiste noch einbringen. Warum sollte es andern Reisenden nicht gehen wie mir? Es erinnerte mich an die guten Tafeln von Wien das Wasser kam mir in den Mund, und ich kehrte bei Ihnen ein."
Dieses brachte den Mann ganz wieder zu seiner Besinnung. "Sie haben Recht," sagte er nach einigem Nachdenken; "Wien ist die hohe Schule der Kochkunst, und ein Wirth, der das seinige dort gelernt hat, sollte eigentlich in keinem Lande verderben. Das Bild des Kaisers ja ja weil der Herr Maler einmal hier ist, so mag er es heute noch auffrischen. Es bleibt doch noch immer das anlockendste Schild." "O ganz gewiss," fiel ich ihm ein: "es erweckt nicht allein grosse Gedanken, sondern auch lusterne. Aber ich mochte gern bei Zeiten nach Aix. Schicken Sie mir meine Bedienten herauf, und sorgen Sie fur das Anspannen."
Ich warf ihm ein Schnippchen nach, und meine Wundergestalt auf einen Stuhl, sobald er sich mit seinem Kunstler getrollt hatte. "So darf man," sagte ich mit hohnischem Verdrusse, "nur eine Thorheit in der Welt begehen, oder dem dummen Haufen ein Blendwerk vormachen, wenn man wunscht sich modelirt, gemalt oder in Kupfer gestochen zu sehen, den Kirchen, den Wirthshausern, den Buchersalen zum Schilde zu dienen. Da forschen denn Zeitgenossen und Nachkommen nach dem Ausdruck unsers Geistes denken, so muss ein grosses Genie aussehen, und, um der Larve ihres Vorbildes gleich zu werden, verzerren sie ihre eigenen. Nein, bei Gott! so ein Affengeschlecht als wir Menschen sind! Und du," fuhr ich in meiner Galle gegen das Trio fort, das herein trat, "du Bastian aberglaubischer, dummer Kerl, und ihr beiden elenden Puppenspieler was zum Teufel gehen euch meine Wunder an? Wenn euch nach der Ehre gelustet, einem Heiligen zu dienen, so sucht euch einen; denn wahrlich euer Unverstand allein wird mich nicht dazu machen. Erwahnt einer von euch das vermaledeite Avignon noch mit einer Sylbe, so sind wir geschiedene Leute. Ich will dieses Nest durchaus vergessen, und mich nicht bei jedem Bissen Brod und von jedem Esel daran erinnern lassen. Das ist mein letzter Bescheid!"
Sie standen so einfaltig und niedergebeugt vor mir, wie Ladendiener vor ihrem Handelsherrn in dem kritischen Augenblicke, wo er ihnen seinen Bankerot ankundiget. Ich sah es ihnen an, dass sie bei meiner Herabwurdigung mehr noch an die ihrige dachten; denn jeder Pinsel, er mag in einer Liverei stecken oder in einem Hofrocke, furchtet an Werth zu verlieren und in Finsterniss zu versinken, wenn der Nimbus seines Gebieters verlischt. Zwei traten stillschweigend nach meiner Erklarung ab. Nur der Epilogus schien etwas noch auf dem Herzen zu haben, und fing mit seinem gewohnlichen Anstande an, es auszukramen.
"Unter allen guten Eigenschaften eines Bedienten," erhob er seine Theaterstimme, "steht wohl die Ehrlichkeit.." "Keine Chrie, Herr Volksredner," siel ich ihm ins Wort, "die verbitte ich mir. Sage es ohne Umschweife. Was hast du anzubringen nun?" "Nun denn namlich," stotterte er, "ich bin so glucklich gewesen, eine Entdeckung zu machen." "Und die besteht?" "Ja, mein Gott! wie soll ich Ihnen antworten? Ich darf den Ort nicht nennen Eigentlich braucht es auch nicht es steckte ja nur in der Liverei, die Sie dort kauften." "Kerl," fuhr ich ihn an, "das einemal sprichst du wie ein Buch, das andremal noch schlechter Wo ist denn hier der mindeste Zusammenhang?" "Sie wollen ja keinen," versetzte er mit weinerlicher Stimme: "Ihr Verbot hat mich so so irre gemacht, dass ich fur alles in der Welt in diesem Augenblicke nicht auf einer Schaubuhne stehen mochte man wurde mich auspfeifen; und doch ist das, was mir geschehen ist, ein wahrer Coup de theatre Werden Sie nur nicht wieder ungeduldig, mein Herr! Heute fruh, als ich mich in meinen neuen Rock warf wo muss ich gestern Nachmittags mein Gefuhl gehabt haben? stellen Sie Sich meine Ueberraschung vor, entdeckte ich einen verborgenen Schubsack. Ja, den wird mir nun freilich niemand streitig machen; wem aber gehoren die Sachen, die ich darin fand? Das ist die Frage. Gehoren sie Ihnen, der die Liverei bezahlt hat? dem Bedienten, der sie vor mir trug und verkaufte? seinem Herrn, der sie anschaffte? mir, dem sie jetzt auf dem Leibe sitzt? oder dem unbegreiflichen Trodler, der ..."
Indem blies der Postillion, und ich griff nach meinem Hute. Das that Wirkung. Der Schwatzer fuhr nun in die Tasche, und zog seinen Fund hervor, der, in Makulatur geschlagen und mit einem schmutzigen Bande umwickelt, nichts viel wichtigeres als einen Pfefferkuchen erwarten liess. "O Sie werden gleich sehen, dass es keiner ist," antwortete er meiner spottischen Vermuthung, "wenn Sie noch so lange verziehen wollen, bis ich das Paket aufgeschnurt habe." Ich hatte ihm den Gefallen nicht gethan, wenn meine Neugier auch noch so gross gewesen ware. "Das will ich bei Gelegenheit schon selbst thun," antwortete ich; "denn dir will ich gewiss keine geben, dein Geschwatz fortzusetzen." Und so schob ich das Paket oben zwischen die Weste, und ging. "Nein, mein Herr," flusterte er mir noch auf der Treppe ins Ohr, "es ist wohl ein Bisschen mehr als ein Pfefferkuchen Bei dem hatte ich mir kein Gewissen gemacht Es ist eine Schreibtafel ich habe noch keine von der Schonheit gesehen, und es steckt eine Arabische Handschrift darin, die ich aber weiter nicht untersucht habe." "Das will ich glauben," antwortete ich kurz. "Aber," hielt er mich noch auf der letzten Stufe bei dem Aermel, "wem gehort sie denn nun?" "Wem anders," fuhr ich ihn an, "als dem Herrn des luderlichen Burschen, der vor dir in der Liverei steckte. Einer von euch ist wie der andere. Eure Unordnung, eure Plaudereien und eure doppelten Schubsakke sind den Teufel nicht werth."
Wie ich an den Wagen kam, stand eine Menge Gaffer darum, die, so fruh es auch war, doch vermuthlich schon von meinem Wunder gehort hatten. Ich stieg ein, ohne den Hut abzuziehen oder sie eines freundlichen Blickes zu wurdigen. Das ist immer das sicherste Mittel, den Pobel von falschem Glauben an uns abzubringen, und mehr wunschte ich jetzt nicht. Ein Heiliger wird es bei der frommsten Seele nicht lange bleiben, wenn er sich ihr als ein Grobian zeigt.
Ich fand jetzt zum erstenmale, und werde es, furchte ich, ofter finden, dass ich ein paar Bediente an den Puppenspielern zu viel hatte; denn ich ware gern Bastianen aus meinem Wagen los gewesen, wenn ich nur einen andern unbesetzten Platz fur ihn gehabt hatte. So sass er mir hier gegenuber mit seiner freundlichen Miene, in der allerlei Erinnerungen lagen, die mir in diesen Augenblicken eben kein besonderes Vergnugen machten. Ich habe Dir schon von der sprechenden Aehnlichkeit erzahlt, die er mit seiner Schwester hat. Wie ich die Augen aufschlug, kam es mir vor, als ob mich Margot ansahe, und mich eben durch eine naive Frage ausser Fassung bringen wurde. Hatte ich ihr wohl nur die einfache Erkundigung: W i e h a b e n S i e S i c h d i e Z e i t u b e r b e f u n d e n ? beantworten konnen, ohne zu lugen und roth zu werden? Es ist doch eine eigene Sache um das Gewissen; es findet in jedem Kinde seinen gestrengen Richter; und zu welcher grausamen Folter wird ihm nicht der fluchtigste Hinblick auf ein unschuldiges Herz! Ich fuhlte meine Brust immer beklemmter; und durch eine Verwechselung des Sinnlichen mit dem Geistigen, die gewohnlicher ist als man glaubt, schob ich es sehr philosophisch auf das Seelenfieber, das ich mir in Avignon zuzog, ohne eher zu muthmassen, dass wohl auch eine aussere Ursache daran Schuld seyn konne, als bis ich vor Unruhe mir die Weste aufriss, und nun das Paket, das offenbar meine Hitze vermehrt hatte, heraus fiel.
Es kam mir recht wie gerufen. Meine Brustbeschwerde liess nach, und die Neugier schaffte mir Zerstreuung. Kaum hatte ich es aus einander, so sah ich mit Erstaunen, in welchem hohen Grad mein Epilogus ehrlich gewesen war, wenn er anders Juwelen besser kennt als das Arabische. Das goldene Schloss an der Schreibtafel war mit Brillanten besetzt, davon sich einer drucken liess, um es zu offnen; die Arabische Handschrift aber war nichts mehr und weniger, als ein Deutscher Brief von mehrern Bogen, ohne eine andere Unterschrift, als einen einzelnen Buchstaben: indess schloss ich doch aus dem Wenigen, was mir das Rutteln des Wagens zu lesen erlaubte, dass er von einem Landjunker herruhrte, der was denkst Du wohl? den guten Geschmack Gott weiss aus was fur Ursachen formlich in Klage nimmt. Es hatte mir vielleicht die Zeit vertreiben konnen, einen Herren dieses Zeichens uber einen solchen Gegenstand schwatzen zu horen; nur stellte ich mir den Spass nicht gross genug vor, um desshalb meinen Wagen auf der offenen Landstrasse halten zu lassen. Ich schlug also den Brief wieder zusammen bis auf ein andermal: als ich ihn aber an seinen vorigen Ort bringen wollte, schob sich etwas dazwischen, das ich fur ein Schnallenfutteral hielt. Die sind doch nicht auch etwa von Brillanten? dachte ich, hakelte den Deckel auf, und Himmel und Holle! und "Halt halt, Postillion," rief ich, "ich muss an die Luft. Fahrt langsam fort ich werde nachkommen." So sprang ich heraus, blieb an der Strasse stehen wie ein Meilenzeiger, und staunte lange vor mich hin, eh' ich bemerkte, dass Bastian neben mir stand und mich angstlich beobachtete. "Warum," fragte ich ihn mit hinfalliger Stimme, "bist du nicht sitzen geblieben?" "Ach, lieber Herr, weil ich glaubte, es sei Ihnen etwas gefahrliches zugestossen." "Das ist es auch, Bastian: so ein unerwarteter Anblick ich glaubte, der Schlag wurde mich ruhren. Da, sieh selbst zu, ob ich recht gesehen habe! Erkennst du ..." Bastian warf, wie er den Deckel des Futterals zuruck zog, funkelnde Augen auf das Mignatur-Gemalde, das er hier erblickte, und schien sich und mich und die ganze Welt daruber zu vergessen. "Nun?" fragte ich nach einer Weile. "Ach wunderschon!" rief der junge Bursche. "Ich bin zwar nicht so glucklich, weiter etwas von dem Portrat zu kennen als das Gesicht; wenn aber alles an der lieben Mamsell so treffend gemalt ist als das, so habe ich in meinem Leben nichts gleicheres gesehen. Armes Klarchen!" fuhr er lachelnd fort, "der Tag ist schwul wie behaglich mag es dir vorkommen, so allein zu seyn und dich zu luften! Ach wie wurdest du zusammenfahren, wenn du wusstest, dass dich ein Maler belauschte! Der Schalk! Gewiss hatte er sich neben dir eingemiethet, wie wir, guckte durchs Schlusselloch, zeichnete, pinselte, ohne Athem zu holen, und hat dich nun ach Gott und wie? uber und uber verrathen! Lieber Herr! sagte ich es denn nicht schon vor acht Tagen, wie ich das schone Kind zuerst an dem Fenster sah, nichts weiter sah als das Kopfchen dass es ein Engel ware? Und kann wohl ein, ich frage Sie auf Ihr Gewissen, ein Cherubin reiner und durchsichtiger glanzen, als diese unvergleichliche Figur?"
Jetzt merkte ich erst, wie unrecht ich that, den feurigen Jungling mit der ganzen unverhullten Gestalt dieses Engels bekannt zu machen: denn ob ich gleich noch vor kurzem in meinem Tagebuche dieser Art Kabinets-Malerei das Wort sprach; so setzte ich doch, wie Du weisst, gewisse Bedingungen voraus, unter denen sie allein von Nutzen seyn konne; und diese fielen freilich ganz bei meinem guten Bastian weg. Es ward ihm unglaublich schwer, sich von der schonen Waare zu trennen, die ihm hier, vermuthlich zum erstenmale, zur Schau vorgelegt wurde. Es gehoren freilich mehr Jahre und andere Erfahrungen dazu, als die seinigen waren, um uber diesen Prunk der Natur gleichgultig hinweg zu gaffen.
"Aber wie konnte Sie das schone Bild so erschrekken?" fragte Bastian, indem er es mir mit einem Seufzer zuruckgab. "Wie es das konnte?" antwortete ich ziemlich verlegen: "weil ich, wie du schon gehort hast, an nichts, was in Avignon lebt und webt, erinnert seyn will, am wenigsten an ein Geschopf, das der hohen Schonheit nicht werth ist, mit der es die Natur beschenkt hat." "Ach, bei allen den Fehlern des Originals, bei allem, was Sie dem guten Kinde Schuld geben," antwortete Bastian, "wird doch gewiss jedermann so ein Bild gern sehen; und es ist wohl glucklich, dass Sie gestern der Propheten-Wirth auf die Spur des Eigenthumers gebracht hat! Er wird sich nicht wenig freuen, wenn er es wieder erhalt!" "Ja, ja," sagte ich, "er hat es theuer genug erkauft, und bezahlt noch daran." "Was muss sein Kammerdiener fur ein alberner Mensch seyn!" fuhr der meinige listig fort. "Wenn mir so etwas zum Aufheben anvertraut wurde, ich wollte gewiss das sorgfaltigste Auge darauf haben." "O ich kenne deinen Diensteifer," antwortete ich lachelnd: "aber jetzt hast du Bewegung nothig; lauf nach dem Wagen und lass ihn halten."
Nun war ich allein, konnte nun, wie ich so gern thue, meine Empfindungen gegen mich laut werden lassen, konnte nach Belieben mit den Fussen stampfen und in die Luft reden, ohne dass jemanden hinter oder neben mir Angst werden, oder dass er mich fragen durfte: Was fehlt Ihnen? "Ein heimtuckischer Streich!" rief ich, und warf grelle Augen auf die Mignatur. "Abscheulich schones Geschopf! wie weit glaubte ich mich schon von dir und deinem Andenken entfernt, wahrend sich dein Bild, grosser Gott! an meinem beangsteten Herzen erwarmte, und sich nun auf einmal so reizend und unverschamt meinen Augen darlegt, wie es deine Kasuisten erlauben! Konnte der Zufall," fragte ich bitter, "keinen andern Boten auftreiben als mich, um das Gemalde dieser heiligen Buhlerin uber die Granze zu bringen?" Einen Augenblick war ich entschlossen, es an einem Stein zu zermalmen. Die Ehrfurcht fur die Kunst allein, die Achtung fur fremdes Eigenthum, hielten mich ab. Nun! so will ich denn wenigstens, dachte ich, dieser Kreatur, ob sie gleich sonst nicht verdient die Feder eines rechtlichen Mannes zu beschaftigen, ein Monument setzen, und ihrem Bilde eine Warnung anhangen, die seine blendenden Farben so gut wie vernichten, und den lusternen Herren, denen es nach mir unter die Hande kommt, die Lust schon benehmen soll, das Original aufzusuchen. Ich hoffe, die keuschen Musen, wenn sie wirklich keusch sind, sollen es mir vergeben, dass ich dem Rucken dieser Heiligen den Stempel ihres Lebens zum Correktiv ihres verfuhrerischen Anblicks aufdrucke. Eine widrige Beschaftigung! ich gestehe es gern: da sie aber nur dahin zielt, den Lieblingen meines Herzens, den jungen Unerfahrnen, denen, wie meinem armen Bastian, die Natur so heftig zusetzt, dass sie daruber alles verhoren, was ihnen die Sittlichkeit vorpredigt die Augen uber diesen kasuistischen Kontreband zu offnen; so ist die Frage, ob in dem ganzen Martial ein einziges so gemeinnutziges Epigramm steht, als das meinige hoffentlich werden soll.
Unter diesem Selbstgesprache setzte ich mich, ohne weiter zu zweifeln, ob ich auch diesen Ehrenplatz verdiene, in den Schatten eines Lorberbaums, der nicht weit von dem Wege stand, spitzte meinen Silberstift und schrieb nun auf die Ruckseite des elfenbeinernen Blattes folgende Adresse an die Vorderseite, wobei ich nicht viel andres that, als die Herzensbewegungen meines guten Bastian getreu zu ubersetzen, und am Ende ein kurzes Sapienti sat beizufugen: Ach, welch ein Engel setzt hier mir Herz und Augen in
Brand!
Wirft nicht ein Spiegel, wie der, uns den verlorenen Stand Der Unschuld wieder zuruck? Baut dort in schattiger
Lage
Nicht noch die Tugend ihr Nest, wie seit dem ersten der
Tage,
Als Gott ihr stolzes Gefuhl mit einem Kleinod verband, Fur das, der alles genannt, doch keinen Namen erfand? Dein Aug' in Ehren, doch, Freund, vor der Entscheidung
der Frage
Leih' erst dein prufendes Ohr der tausendzungigen Sage. Diess Wunder Gottes, spricht sie, so weit das Aug' und die
Hand
Es zu begreifen vermag, steh' als ein eisernes Pfand, Gleich andern Wundern der Welt, in Monchs- und
Pfaffenbeschlage,
Und Doch bedarf es wohl noch, dass ich um Worte
mich plage?
Was dir ein Engel verspricht, mit solchen Geistern
verwandt,
Flieh die Erfahrung versteht sich ohne Glossen am
Rand.
Sobald ich die Schone mit dieser Aufschrift gebrandmarkt und mein Muthchen gekuhlt hatte, ward ich ruhig und heiter, wie ein Mann nach einer gethanen muhseligen Pflicht, steckte das Bild in die Schreibtafel, und schwur, es nicht wieder vor meine Augen zu bringen. So gar lange wird es ohnediess nicht in meiner Verwahrung bleiben: denn schwerlich mochten die Aerzte in Montpellier den rechtmassigen Eigenthumer vorher entlassen, eh' ich hinkomme, wiewohl er ohnehin diess Souvenir nicht so gar nothig haben wird, um sich lebhaft an sein Liebchen zu erin
Wahrend des Hingangs nach meinem Wagen uberlegte ich, wie ich die vielen Tage, die ich durch meinen abgekurzten Aufenthalt in Avignon gewonnen hatte, um vieles nutzlicher in der Hauptstadt der Provence anwenden wollte, nahm meinen geographischen Wegweiser zu Hulfe, uberlas alle die Merkwurdigkeiten, die er mir dort versprach, und freute mich herzlich der guten Gesellschaft, die, seiner Versicherung nach, dort so einheimisch seyn soll, als es in Avignon die schlechte ist. Mit diesen Gedanken beschaftigt, erreichte ich meinen Wagen, und eine Stunde nachher die Stadt.
Ich weiss nicht, lieber Eduard, ob Dir die eigene Gewohnheit bekannt ist, der ich mich fast mechanisch uberlasse, wenn ich in einen fremden Ort komme. Ich gehe namlich, so wie ich aussteige, auf seine Beschauung aus, und zwar aus mancherlei Ursachen. Denn einmal kann man sich den ersten Tag, wo man noch stockfremd auf den Gassen ist, manches erlauben, wozu man schon den zweiten nach seiner Ankunft nicht mehr das Herz hat, und daruber, die niedrigste zwar, aber auch erste Sprosse uberhupft, die doch unsere Leiter, auf der wir empor steigen, so gut zusammen halt als die oberste, und mitgezahlt werden muss, wenn man die Hohe richtig bestimmen will. In dieser Rucksicht ist die erste Stunde Deines Eintritts in ein stadtisches Getummel sicher auch die bequemste. Sie ist die einzige, die Deinen Launen und Deinen Schritten noch ihren Gang frei lasst, der einen Tag spater, wo wenigstens Dein Wirth und Dein Lohnlakai Notiz von Dir nehmen, um ein gut Theil beschrankter ist. Dein zerzaustes Haar, die ungesalzene Miene, der staubige Ueberrock, die Du von der Reise mitbringst, nothigen niemand, vor Dir den Hut zu ziehen, oder Dir hoflich aus dem Wege zu treten. Du konntest Dich, wenn Du es bedarfst, an der Ecke der Strasse barbiren lassen, ohne den Blick eines Vornehmen zu scheuen, der etwa bei Dir vorbei geht, indess Dich noch oben darein das geheime Bewusstseyn kitzelt, mehr zu seyn, als Du vorstellst, und als die guten Leute glauben, unter die Du Dich gemengt hast. Morgen wenn Du vielleicht gern mehr vorstellen mochtest als Du bist, ist es mit diesem Kitzel vorbei, und es ist noch die Frage, ob Dir das abgeredte Spiel der grossen Welt selbst diese kleine, nicht unbehagliche Empfindung ersetzen wurde. Aber schon desswegen mochte ich nicht von meiner Gewohnheit abgehen, weil mich die Erfahrung gelehrt hat, dass der erste Eindruck, den die Aussenseite einer Stadt, so dunkel er auch ist, bei mir zuruck lasst, mich doch weit weniger irre fuhrt, als ihre Topographen und besoldeten Trompeter. Ich konnte Dir eine Menge grosser und kleiner Stadte herzahlen, wo ich nichts weiter nothig hatte, als aus dem Wagen zu steigen, durch den Koth ihrer Gassen zu waden, die Schnorkel an den Giebeln ihrer Hauser zu begaffen, den Drachenkopfen ihrer Dachrinnen auszuweichen, einen Blick auf ihre Markgeschafte zu werfen, oder einer ihrer geputzten Gesellschaften mit meinen Augen und Ohren auf der Promenade nachzuschleichen, um geschwind mit mir einig zu werden, weiter zu fahren. Ich konnte Dir ... Doch ich will Dich nicht langer mit meiner Vorklage aufhalten, sondern Dir kurz und gut sagen, dass es mir in dem merkwurdigen Aix gerade so ging.
Meine Uhr stand auf zehn, als ich ankam, und auf zwolf, als ich wieder abfuhr, ungeachtet ich wahrend dieser kurzen Zeit auch eine Klosterkirche besuchte, die ausser den Ringmauern lag. Traue einer den Reisebeschreibern! Wie konnten sie es einer einzelnen Gasse wegen, die auf beiden Seiten mit Palasten besetzt, und so breit ist, dass freilich von den Gliedern des Parlaments, die darin wohnen, keines dem andern auf die Finger sehen kann, eine herrliche Stadt nennen, ohne die unzahligen Nebengassen in Anschlag zu bringen, wo der ungleich grossere Theil ihrer Einwohner durch schmutzige, verfallene Hauser, wie an einer rostigen Kette, gleichsam an einander geschlossen ist? Alle meine Blicke, die ich neugierig von einem Thore zum andern ausschickte, kamen unbefriedigt und schwermuthig zuruck. Ich sah doch in der Welt nichts, als einzelne, scheue Menschen, die es auf meiner offenen Stirne zu lesen schienen, dass meine Verhaltnisse unter dem Monde glucklicher waren als die ihrigen, und mir mit ingrimmiger Miene aus dem Wege traten, wenn ich sie anblickte. Ein Kaffeehaus, in das ich eintrat, vereinigte zehn Burger, die, jeder fur sich, ihr Fruhstuck einschlurften, ohne einen Laut von sich zu geben, und die von eben so maulfaulen Menschen bedient wurden. Ich schlenderte den geraumigen Markt einigemal auf und ab. Der Ausdruck einer wohl genahrten groben Selbstliebe in den Gesichtern der Vornehmen, denen ich begegnete, emporte mein Herz; die schuchterne Darlegung derselben in den Mienen der Geringern, auf die ich stiess, erweckte in demselben ein widriges Mitleiden; und die gefuhllose Dummheit auf den Stirnen der Monche, die hinter ihren Schmerbauchen hertrabten, verdarb mir vollends meine schone Morgenstunde. Mein Urtheil war geschwind gefallt, und noch erlebte ich hinterher etwas, das mich wahrlich nicht verfuhren konnte, es wieder zuruck zu nehmen. Ich brachte das eine wie das andere in ein paar Dutzend Zeilen, die ich in mein Memorien-Buch schrieb, und auch Dir zu Deiner Notiz dieser Stadt hersetzen will.
Ihr weises Parlament halt Burgerschaft und Adel
In gleicher Massigkeit und Ruh,
Dem Gegenpol der Freude zu.
Gewohntes Beispiel, trager Wille
Giesst Oel auch in des Junglings Blut,
Und in den Gassen herrscht solch eine Sabbathsstille,
Wie auf dem Markt zu Herrenhut.
Auch fuhlt' ich gleich in Einem Vormittage,
So gut als hatt' ich es schon Jahre lang gefuhlt,
Wie wenig mir ein Puppenspiel behage,
Wo Harlekin die zweite Rolle spielt.
Indem mich nun der Geist der Langenweile
So vor sich her, gleich einem Kreisel trieb,
Rief mir mein Taschenbuch zum Gluck ins Ohr, ich
eile
Dem Tempel jetzt vorbei, wo F r i e d r i c h eine Zeile,
Und zwar die einzige fur einen Tempel, schrieb,
Weil seinem D ' A r g e n s hier, dem F e i n d e
D e s I r r t h u m s und der W a h r h e i t
Freunde,
Das letzte Ruheplatzchen blieb.
Welch Auge blickt nicht gern nach einer Myrtenkrone,
Die, sonder Neid, ein Mitgenoss
Der Seligkeit am Helikone
Um seines Freundes Urne schloss!
Dem Zuruf eines Aschenkruges
Von dieser Seltenheit geh nie mein Stab vorbei!
Doch hier betrogne Phantasei!
Fand ich, statt Friedrichs Wort, ein hamisch
aberkluges,
Verworrnes Epitaph im Styl der Klerisei,
Das mir bewies, dass nie im Weichbild d e r Abtei
Ein Feind des Irrthums und Betruges
Zu seiner Ruh gekommen sei.
Noch einige Worte zur bessern Erlauterung dieses Textes. Ich fragte den Minoriten, der mich in seiner Klosterkirche herumfuhrte und den Teppich abnahm, mit dem das marmorne Monument des guten D'Argens bedeckt war: warum man denn die kurzen koniglichen Worte mit einem solchen Schwall anderer vertauscht hatte, als ich hier in goldenen Buchstaben vor mir sah? "Weil wir sie," antwortete er mit dummer Aufrichtigkeit, "in dem Sinne nicht brauchen konnten, die der Konig hinein legte. Die Freigebigkeit des koniglichen Ketzers trugen wir kein Bedenken zur Verschonerung unserer Kirche zu benutzen; aber seiner heidnischen Inschrift geschah nicht mehr als Recht, da sie auf Befehl unserer Obern wegbleiben musste." "Diese Abweichung," antwortete ich, "wurde sich kein Kloster in Schlesien erlaubt haben." "Auch wir nicht," lachte er laut auf, "wenn wir dem Tyrannen so nahe waren als jene; aber die Entfernung, mein Herr bedenken Sie nur die Entfernung!" Ich brauchte wahrlich dieser seiner Erinnerung nicht, und fuhlte es in diesem Augenblicke nur zu sehr, wie weit ich von Berlin verschlagen war. Ich hatte mich mit der franzosischen Aufschrift begnugen sollen: denn bei dem haut et puissant Seigneur, mit dem Nachsatze Chambellan, verzog sich mein Mund doch nur zum Lacheln; die Lateinische hingegen erweckte nichts weiter in mir als Aerger. "Instante morte," wiederholte ich laut, und drehte mich nach dem Monch "Aber, lieber Mann, ist es denn auch so gewiss, als Ihr Latein sagt, dass sich der Marquis noch aus seinem Todbette zu dem Glauben seiner Vater bekehrt hat?" "O nichts weniger," fiel der Minorit ein: "das ist nur ein Anstrich, den wir der Sache gaben! Nein, mein Herr, er ist gestorben Sie werden es horen, wenn Sie nach Toulon kommen wie er gelebt hat: Erroris inimicus veritatis amator. Er verlangte hier in seinem Erbbegrabniss beigesetzt zu werden. Angemerkt haben wir es auf dem Epitaph aber wir wussten es zu verhindern: denn was kummert uns die Asche eines Abtrunnigen, der Judenbriefe geschrieben, und Freund und Anhanger Friedrichs des Grossen, oder vielmehr, wie wir das Frederic le grand auf der Inschrift verstehen des grossten Freigeists unseres Jahrhunderts war!" Dummes Geschopf! dachte ich, und suchte es ihm noch durch meine Blicke zu verstehen zu geben, als ich die Kirche verliess.
Ihr habt doch noch nicht abgepackt? rief ich meinen Leuten entgegen, die an der Thure des Gasthofs aus mich warteten. Noch nicht, antworteten sie. Nun, so lasst in diesem Augenblicke anspannen.
Ich trat unterdess in das Speisezimmer, und fand die Tafel gedeckt, um die schon einige geistliche Herren in hungriger Erwartung herschritten. Der Wirth war ganz betroffen, als er meinen sonderbaren Befehl horte, uberreichte mir den Kuchenzettel, und zahlte mir alle seine Weine an den Fingern her; da aber auch das nicht verfangen wollte, fragte er mich, ob ich denn schon bei den Kapuzinern das unuberwindliche Krucifix, die Manufaktur der Macaroni, und die Sammlung von Reliquien bei den Nonnen der Heimsuchung Maria gesehen hatte, die einzig in ihrer Art ware? Kein Reisender wurde es so leicht verabsaumen, der nur einen Gran ... "Sollte sich wohl," unterbrach ich ihn geschwind mit der Gegenfrage, "der zweite Kniegurtel der Mutter Gottes darunter befinden?" "Kann wohl seyn," antwortete der Wirth, "denn die Sammlung ist die vollstandigste in der ganzen christlichen Welt." "Aber warum fragen Sie eben nach dem zweiten?" fiel ein junger Abbe ein. "Weil der eine," erwiederte ich, "vorige Woche in Avignon versteigert wurde." "Und wer ist denn so glucklich gewesen ihn zu erstehen?" fuhr er mit sichtbarer Neugierde fort. Dass man es doch nicht lassen kann, auch in unbekannter Gesellschaft, und ware sie noch so schal, sich eine wichtige Miene zu geben! "Ich, mein Herr," warf ich mit vornehmer Gleichgultigkeit hin, und zog mir daruber den ganzen Tross auf den Hals. Der eine wollte wissen, wie hoch er mir zu stehen kame? der andere, aus welchem Stoff er bestande? und ein dritter bat sich die Gefalligkeit aus, ihm solchen zu zeigen. Ich bedauerte unendlich, dass er nicht mehr in meinen Handen sei. Da das kostbare Stuck von der Toilette einer Dame herruhre, habe ich fur billig gehalten, es wieder an eine zu bringen, die sich aber, wenn die Herren nach Avignon kommen sollten, gewiss ein Vergnugen daraus machen wurde, es ihnen vorzulegen. "Und ihre Adresse, um Vergebung?" riefen zwei zugleich, und einer so hastig als der andere. Ware die meinige, die Du oben gelesen hast, nicht Deutsch gewesen, und hatte ich es nicht verschworen, mir das Bild wieder unter die Augen zu bringen, wer weiss was ich gethan hatte! Unstreitig etwas ganz uberflussiges denn kaum dass ich ihnen geantwortet hatte: Es ist eine junge Heilige, Namens Klara, so singen sie alle zugleich an, mir in das Gesicht zu lachen. "O meine Herren," stimmte ich mit ein, "wie ich sehe, ist Ihnen das fromme Madchen so gut bekannt, als mir selbst, und so habe ich Ihnen denn auch weiter nichts zu sagen." Sie setzten sich nun mit grosser Lustigkeit zu Tische, die ich ihnen von Herzen gonnte, und ich steckte zu einiger Entschadigung des Mittagsmahls, da es doch sehr wahrscheinlich war, dass ich es ungenossen wurde bezahlen mussen, das Brod von dem Kouverte ein, das fur mich hingelegt war. "Da thun Sie wohl," winkte mir der Wirth zu, "denn in Marseille ist es kontreband." "Und warum das?" fragte ich. "Weil diess Produkt unsrer Gegend, wie Sie auch selbst finden werden," antwortete er, "so vorzuglich gut ist, dass es uns die reichen Marseiller vertheuern wurden, wenn die Ausfuhr davon erlaubt ware. Indess konnen Sie doch bei meinem Vetter, dem Wirth im heiligen Geiste," flusterte er mir in das Ohr, wie er mich an den Wagen begleitete, "taglich so viel davon bekommen, als Sie nur wollen, wenn es Ihnen einerlei ist, es unter einem andern Namen zu essen." "Es wird doch nicht eingesegnet?" sagte ich lachelnd, dankte ihm fur die gute Anweisung, die er mir gab, fuhr nun um vieles besser gestimmt durch die leeren Gassen, und hoffentlich zum letztenmale bei dem dummen Minoritenkloster vorbei.
Gott gonne, rief ich noch, der Asche des Verfassers
Der Judenbrief' in klugern Mauern Ruh!
Und flog nun, wie ein Strom lang' aufgehaltnen
Wassers,
Dem lustigen Marseille zu.
Ich flog, wie ich nur erst die Vista erreicht, und die grosse Handelsstadt und den Spiegel des Meers vor mir liegen hatte, durch das reizendste Land, das sich die schwelgerischte Einbildungskraft nicht schoner zu malen im Stande ist. Schade nur, dass es nicht unter dem Zepter des grossen Freigeists steht, wie jene geweihten Zwerge ihn schimpfen! Wie wurde Friedrich dieses Feuer der Natur, dieses fruchtbare Klima, diese Weizenfelder und Oelgarten, und die Krafte dieser braunlichen lebhaften Menschen benutzen, die jetzt bald von diesem, bald von jenem verdammten Heiligen ihrem Tagewerke entrissen, und, in Processionen zusammen getrieben, aus einem Narrenfeste in das andere zu Grabe gehetzt werden!
Das starkende Brod, unerachtet ich keinen Brocken davon verstreute, konnte mich doch nicht ganz uber die Besorgniss beruhigen, dass ich Marseille nicht zeitig genug erreichen wurde, um in d e m h e i l i g e n G e i s t e noch einen gedeckten Tisch zu finden. Ich betrog mich zu meinem Vergnugen. In einer Seestadt, wo kein Wind blast, der nicht den Speisewirthen einen Trupp Ausgehungerter zufuhrt, finden alle Nationen, zu allen Zeiten des Tags und in jedem Gasthofe, die Einrichtung einer Feenwirthschaft. Unzahlige dienstbare Geister nehmen den Ankommling in Empfang. Immer fertige Gerichte rauchen ihm entgegen, und keiner verlasst den Speisesaal, der nicht in seinem Kauterwalsch Gott fur die sinnliche Freude der Sattigung, und fur das bangliche Leben, dankt, das er ihm wieder um einen Tag fristete. Um wie viel kluger kam ich mir vor, dass ich mich weder durch den Hunger, noch durch die Tischgesellschaft in Aix hatte verfuhren, und um den mannigfaltigen physischen und geistigen Genuss betrugen lassen, den mir hier eine neben dem Weltmeere errichtete Tafel den nur die verschiedenen Sitten, Trachten, Gesichter und Zungen versprachen, die das erste menschliche Bedurfniss freundschaftlich um mich herum an einander reihte!
Das war ein guter G e i s t ! Durch ihn ward ich der
Qualen
Des Spleens und Hungers los. In seinen
Mittagsstrahlen
Erquickt der Matte sich. Hier trieben Ries' und Zwerg
Und Juden, Turken, Kanibalen,
An Einem Tisch vereint, das Selbsterhaltungs-Werk,
Wie Moses, Mahomet und Petrus es befahlen.
Mir, da Deisten auch nicht mehr als andre zahlen,
Blieb meine Zunge zwar das erste Augenmerk:
Doch lachelnd sammelt' ich zugleich die leeren
Schalen
Von Hummern, Matripors, Seeigeln, Admiralen,
Fur einen Freund zu Nurenberg.
Ich konnte mich von dem angenehmen Schauspiele dieser Tafelrunde nicht trennen, selbst da meine Rolle dabei gespielt war. Ich blieb noch immer ritterlich daran sitzen, und erlauerte dadurch ein Vergnugen, das ich seit meiner Reise entbehrt, und auf das ich in diesem Augenblicke am wenigsten gerechnet hatte. Denn eben als ich mich in geheim uber den blinden Nationalstolz und uber das Vorurtheil eines Spaniers lustig machte, der uns allen beweisen wollte, dass die Mandeln zu Cadix weit voller und schmackhafter waren, als die hiesigen erschienen zwo junge artige Damen mit einem altlichen Mann an der Seite, warfen frohlichen Muths ihre Staubmantel ab, und setzten sich nach der Anweisung der frischen Couverts, die der Wirth fur sie hinlegte, in meine Nachbarschaft. Je naher sie mir kamen, desto weisser schien mir ihre Haut, desto glanzender ihre Augen, desto gutiger ihre Blicke zu werden: aber sie entzuckten mich erst uber alle Massen, als ich sie gegen einander sprechen horte; denn sie sprachen Deutsch. Nun habe ich immer geglaubt, es erfordere schon die allgemeine Achtung gegen das schone Geschlecht, dass man nie ein paar Madchen fortschwatzen lasse, in dem Falle, dass man ihre Sprache versteht, ohne sie in Zeiten von diesem Umstande zu benachrichtigen. Ich that es daher auch jetzt. Es standen frische Erbsen vor mir, ich bot sie der mir nachsten mit der Anmerkung an, dass dieses Gericht fur Deutsche etwas sehr neues vom Jahre ware. "Ganz gewiss," antwortete sie; "unter vier Monaten wurden wir," Du kannst denken wie ich uberrascht wurde, "schwerlich in Berlin welche geschmeckt haben." "Wie, meine lieben Nachbarinnen?" fuhr ich lebhaft fort, "Sie sind Berlinerinnen?" "Das sind wir," versetzte sie lachend: "wundern Sie Sich daruber?" "Freilich sollte es mich wundern," antwortete ich, "dass ich erst ein paar hundert Meilen von Hause so ausgezeichnete Landsmanninnen kennen lerne." Hier drehte sie sich lustig nach der andern Seite: "Schwester, der Herr will mir weiss machen, er ware von Berlin; melde es doch dem Vetter, der versteht sich besser aufs Examiniren, als ich."
Ich bog mich etwas vorwarts, um den Herrn in das Gesicht zu fassen, und fand die Anspielung seiner schonen Nichte sogleich nur zu deutlich erklart; denn diese Physiognomie konnte niemanden angehoren als einem Visitator, und es fand sich auch nachher, dass ich richtig gesehen hatte. Mir war jedoch jetzt mehr daran gelegen, seiner reizenden Nichte, als ihm, mein Indigenat zu beweisen; ich fing es aber am unrechten Flecke an. Ich nannte ihr alle meine Berliner Freunde und Bekannten; aber leider gehorte keiner davon zu den ihrigen, und von allen den stolzen Namen, mit denen ich das Maul voll nahm, war auch nicht Einer von ihrer Bekanntschaft! Selbst von Dir, lieber Eduard, hatten sie nie gehort, so schon sie auch waren. Ich war trostlos. Indess schien mir noch nicht alles verloren. "Nennen Sie mir," sagte ich, "nur einige Personen aus Ihrem Zirkel; es musste nicht gut seyn, wenn wir nicht am Ende zusammen treffen sollten." Aber da ging es eben so unglucklich. Ich wusste ihr auf keine ihrer hohnischen Fragen, weder wo der Monddoktor wohne, noch wen die alte Sibylle auf dem Johannismarkte geheirathet habe, noch auf andere dergleichen Dinge, womit sie mich in die Enge trieb, den geringsten Bescheid zu geben, und ich sah wohl, dass ich so lange bei ihr fur einen Prahler gelten wurde, bis ich mich durch andere Umstande legitimirte, die besser zu den ihrigen passten. Ich erbot mich daher, sie nach Tische auf ihr Zimmer zu begleiten, und mich dem scharfen Examen ihres Herrn Vetters zu unterwerfen. Sie versicherte mich, dass es ihnen lieb seyn wurde, setzte bis dahin ihren Verdacht bei Seite, und schwatzte nun von allerei gleichgultigen Dingen, die mir aber gar nicht unwichtig schienen, so lange sie ihr weisses, freies, deutsches Gesichtchen mir zukehrte, in das ich mit wahrer Vaterlandsliebe blickte. Als sich ihr Herr Vetter gesattigt hatte, standen wir alle auf seinen Wink auf; ich bot seinen beiden Nichten den Arm, er schlenderte hinter uns her, und sie hatten nichts dawider, dass ich befahl, uns einige Erfrischungen auf die Stube nachzubringen.
Mein Vorstand bei dem Herrn Vetter war sehr kurz. Nach zwei Worten war er von der Wahrheit meines Vorgebens uberzeugt, ich erhielt Ehrenerklarungen von den Damen, und wurde nun mit gegenseitiger Freude fur ihren Landsmann erkannt; denn in einer je grossern Entfernung von der Heimat man einen Mitburger findet, desto lieber wird er uns. Es ist, als ob der Gedanke eines gemeinschaftlichen Vaterlandes erst ausserhalb desselben Starke bekame. Die aussern Verhaltnisse, wodurch er dort nur zu leicht geschwacht wird, verlieren ihren Druck durch die Weite des Wegs. Der Abstand der Vornehmen von den Geringern scheint sich von selbst aufzuheben, wo die Abstufungen fehlen, die den Zwischenraum ausfullen, und man umarmt sich aus patriotischem Gefuhl, ohne lange zu fragen, zu welcher Kaste gehort ihr? Es that mir so wohl wieder einmal neben Menschen zu sitzen, die seit ihrer Jugend, wo nicht einerlei Gesellschaft mit mir genossen, doch dieselben Glocken, dieselben Trommeln gehort hatten den Thiergarten so genau kannten als ich, und, so gut wie ich, gegen Berlin alle andere Stadte verachteten, durch die sie gekommen waren. Wir wechselten unsere politischen Bemerkungen, wie unsere eigne Geschichte, auf das traulichste gegen einander aus. Ich ware, glaube ich, aus Ueberfluss des Herzens im Stande gewesen, ihnen mein geheimes Tagebuch vorzulegen, wenn es die Zeit erlaubt hatte, und sie waren eben so wenig zuruckhaltend gegen mich. Vorzuglich machte sie ein Gluck schwatzhaft, das ihnen uber dem Meere bevorstand. Die Sache hing so zusammen.
Eine Schwester des Herrn Visitators und Tante seiner beiden Bruderstochter, die sagte die eine in ihrer Jugend bildschon war, hatte in dem siebenjahrigen Kriege einen franzosischen Proviant-Bedienten geheirathet, der, nach unglaublichen Abenteuern zu Wasser und zu Lande, sich endlich mit ihr in St. Domingo niederliess, sich dort fiel hier der Visitator ein erstaunliches Vermogen erwarb, und auf seinem Todbette es seiner Wittwe vermachte. Durch die Lange der Zeit war das gute Weib nun auch hinfallig geworden. Sie soll, lispelte die andere Nichte, sehr krankeln, und kann sich fast gar nichts mehr zu gute thun. Ihr vieles Geld kann sie auch nicht mit aus der Welt nehmen. Das bedachte sie, und Gott ruhrte ihr Herz, dass sie sich noch in Zeiten nach ihren armen Verwandten umsah, und sie mit dem Versprechen zu sich einlud, ihnen ihre Erbschaft zuzuwenden. Der Herr Vetter suchte sogleich, wie er diesen wichtigen Brief erhalten hatte, um Entlassung aus preussischen Diensten an, die er auch auf das allergnadigste erhielt, und reist nun, uberflussig mit Gelde versehen, das ihm seine liebe Schwester von Banquier zu Banquier anwies, mit den beiden einzig ubrig gebliebenen Sprosslingen der Familie einem Reichthum entgegen, auf den er, wie er mich heilig versicherte, in seinem ganzen Leben nie rechnen konnte. Indess verschwort es der gute Mann nicht, wenn er bald genug zum Besitze dieser Glucksguter gelangen sollte, wieder in seine Vaterstadt zuruck zu kehren; denn er stellt sich es doch als einen grossen Spass vor, sich einmal allen den Augen in einem gewissen Anstande zu zeigen, die ihn von Jugend an nur als einen Lump gekannt hatten.
Ich unterdruckte das Lacheln, zu dem mich diese entfernte Hoffnung des ehrlichen Mannes so kurz vor seiner Hinreise, und die treuherzig wichtige Miene, mit der er sie vorbrachte, nur zu sehr reizten. Der Gedanke ist so naturlich, Eduard: es scheint uns ja allen, so viel wir unser sind, auch das grosste Gluck fast kein Gluck mehr, wenn wir es immer entfernt von unserer Heimat geniessen, und nicht die Freiheit haben sollen, unsere alten Bekannten und Schulgesellen damit zu blenden. Ich horte, wie Du aus meiner genauen Wiedererzahlung schliessen kannst, zum erstenmale einem Visitator mit aufmerksamer Geduld zu; ob ich mich gleich nicht fur eben so verbunden hielt, wahrend er sprach, bei seinen gemeinen Gesichtszugen zu verweilen, da ich die Wahl hatte, meine Augen indess mit zwei andern deutschen Gesichtern zu vergnugen, die freilich nicht so alltaglich waren, als das seinige. Doch ich ward bald genug seiner ganzen redseligen Person los.
Der Kapitan, dem die Wittwe zu St. Domingo die Ueberfahrt ihrer Verwandten als eine Ruckfracht verdungen, so wie sie jenen zugleich die Zeit, wo sie mit ihrem Fuhrer zusammen treffen sollten, bestimmt hatte, liess ihnen jetzt wissen, dass er wegen seiner nunmehr beendigten Geschafte sie mit ihrer Habe an Bord erwarte, um noch diese Nacht abzusegeln. Mit dieser Nachricht schickte er ihnen zugleich Trager, um die Koffer zu holen. Der arme Visitator und seine Nichten hatten nun wohl gern noch diese Nacht auf festem Boden von ihrer Landreise ausgeruht; da es aber die Umstande nicht erlaubten, so gaben sie sich heroisch darein, und, nachdem er hastig eine Tasse von der Chokolate und zwei Glaser von dem Champagner hinunter gesturzt, die der Kellner fur meine Rechnung eben auf den Tisch gepflanzt hatte, so eilte er seinen Koffern nach, versprach seine Nichten abzuholen, wenn es Zeit zur Abfahrt ware, und uberliess uns mit einem freundlichen Winke den Ueberrest der Kollation.
Das Zimmer kam mir zwar viel aufgeraumter und geputzter vor, als er weg war: doch machte mich das grosse Zutrauen eines Onkels nicht wenig stutzig, der mich in der Dammerung, bei s o l c h e n Erfrischungen, mit s o l c h e n Madchen allein lassen konnte, die jetzt in der lustigsten Laune von der Chokolate zu dem brausenden Wein ubergingen, und abwechselnd, dem festen Lande, wie sie sagten, zur letzten Ehre, trallernd um den Tisch tanzten, bis es fur diese Art Leibesbewegung zu dunkel ward. Furchte aber nur nicht zu sehr fur mich, Eduard. Denn, ungeachtet die Gefahr wuchs, als die funfzehnjahrige Schwester, nach wohl errungener Mudigkeit, der sechzehnjahrigen den Tummelplatz allein uberliess, und sich mit der Bitte in das anstossende Kabinet begab, sie moge sie ja nicht eher wecken, bis es die hochste Noth sei und, ob ich Dir auch gern gestehe, dass ich in einem gefahrlichen Augenblicke vorher, wo die erhitzten Schonen ihre Halstucher abwarfen, und mir nur desto vorteilhafter in die Augen fielen, mir in geheim die spitzfindige Frage vorlegte, ob nicht der strengste Sittenrichter auf den zwar traurigen, aber doch moglichen Fall, dass diese Rosenknospen auf dem Meere verloren gingen mir die wenigen im Raub gepfluckten Blatter immer noch lieber gonnen wurde, als einem Haifische? und ob es gleich nicht dunkler werden konnte, als die noch muntere Schwester einen Sitz neben mir auf dem Kanapee einnahm, und mich launig aufforderte, ihr die Seekrankheit, vor deren neuer Bekanntschaft sie sich am meisten furchte, aus dem Kopfe zu treiben: so schutzte mich doch und ich setze es dankbar auf die Rechnung des vielen Guten, das sich daher entspann die Erfahrung der vorigen Woche vor jedem kasuistischen Gedanken. Ich nahm vielmehr von unserer baldigen Trennung Gelegenheit, dem schonen Geschopfe, das neben mir sass, noch einige gute Lehren mit auf den Weg zu geben.
"Ihre Bekanntschaft, meine lieben Landsmanninnen," sagte ich mit ruhrender Stimme, "hat mir meinen heutigen Tag recht werth gemacht, und es wird mich herzlich freuen, wenn ich erfahre, dass es Ihnen in der Entfernung wohl geht. Bald eilen Sie nun auf den Flugeln des Windes einem Lande des Wohllebens und der Freude entgegen. Mit so vielen Reizen geschmuckt, als Ihnen beiden die Natur gab, werden Sie dort mehr Aufsehen machen, als selbst in Berlin; und dort, wo bewahrte Unschuld, mit Schonheit verbunden, ungleich seltener ist als Reichthum, wird gewiss bald eine gluckliche Ehe auf die Sie in unserer verarmten Vaterstadt noch lange vielleicht vergebens hatten warten mussen, Ihr Theil werden. Es muss auch von nun an Ihr einziges Ziel seyn, lieben Kinder! Denken Sie, wenn Sie es erreichen, und mit dem stolzen Bewusstseyn einer unbefleckten Tugend die Freuden der Liebe ernten, die Sie zu geben und zu nehmen bestimmt sind denken Sie dann an das Wahre und Uneigennutzige meiner Vermahnung. Erinnern Sie Sich, in welcher fur Sie und mich gefahrlichen Stunde ich sie Ihnen an das Herz legte in der Stunde unsers Abschieds unter der Einladung der Nacht wahrend der frohlichsten Stimmung Ihres Bluts, das Sie, wenn ich es sagen darf, meine lieben Kinder, ein wenig leichtsinnig, durch unbekannte hitzige Getranke in eine Wallung gebracht haben, die der Aufmerksamkeit auf uns selbst nur zu nachtheilig ist."
Es ging mir zwar hier wie manchem andern Prediger. Die eine Halfte des Auditoriums, an das meine Rede gerichtet war schlief, und die mogliche Erbauung der andern musste ich Gott anheim stellen. Indess hatte ich doch um vieles nicht der Hulfe entbehrt, die ich mir gegen meine eigene Zerstreuung dadurch leistete, dass ich meinen Vortrag an eine Seele mehr richtete, als mir zuhoren konnte. Diese Kleinigkeit benahm der Dunkelheit, die uns umgab, alle Gefahr; denn ich weiss nicht, ob ich mich so deutlich und ohne Stocken uber den Werth der Tugend wurde erklart haben, wenn ich an die Bequemlichkeit meiner Kanzel, in Verbindung mit dem lieben Kinde, so einzeln, wie es neben mir sass, und entfernt von seiner Schwester, gedacht hatte, die, wie Du gehort hast, nicht eher gerufen seyn wollte, als "b i s e s d i e h o c h s t e N o t h w a r e ." Doch da dieser Sinnenbetrug, wie ich wohl merkte, in die Lange nicht dauern konnte, so liess ich es mit dieser kurzen Probe genug seyn.
"Hum!" sagte ich zum Schluss, "ungerufen, sehe ich wohl, ist es im heiligen Geiste nicht hergebracht, dass man den Passagieren Licht bringt." Ich griff nach dem Schellenzuge. Die Schnur lag straff, und um sie ziehen zu konnen, suchte ich die Quaste. Aber gutiger Gott! wohin hatte die sich versteckt, und wie erschrocken fuhr meine Hand zuruck! Ich bat das schone Madchen tausendmal um Verzeihung; aber, kannst Du es glauben? sie horte mich nicht. Das mude Kind war, trotz meiner Predigt, so tief eingeschlafen, wie in der Kammer die Schwester, und machte mir jetzt keine kleine Angst. Da sie gerade unter der Klingel sass, so war es zwar sehr begreiflich, wie die seidene Trottel, durch ihr Kopfchen gehoben, bei der geringsten Bewegung dahin gleiten konnte, wo ich sie fand; aber wie sollte ich sie nun aus der Klemme bringen, in die sie gerathen war? und ich brauchte doch Licht. Da war nun weiter nichts zu thun: ich musste mich aus der Verlegenheit ziehen, wie es moglich seyn wollte. Ich fingerte auf das behutsamste, und ward endlich der Quaste habhaft, die so warm war als die Hand, mit der ich sie fasste, und nun sturmte ich in die Klingel. Sogleich sturzte der Aufwarter mit zwei Kerzen herein. Ich wollte schmahlen "O sie brennen schon lange," entschuldigte er sich, "aber wir wagen nie, eher Licht zu bringen, als es die Herren verlangen."
Alles das Gerausch konnte die schlafende Schone nicht erwecken. Es war wahrlich eine scharfe Kritik auf meine Predigt. Ich trat ihr endlich mit den Lichtern unter die Augen, nahm jedoch mit Vorbedacht in jede Hand eins aber sie ruhrte sich nicht. Dagegen konnte ich sie desto aufmerksamer betrachten. Es war zum Malen, wie fest der sanfte Schlaf die braunen Augenwimpern zusammen druckte, ein feines Lacheln um den Mund, Karmin um die Wangen zog, und mit kurzen Athemzugen eine Brust hob, bei der sich niemand verwundern durfte, dass die Quaste so fest lag. Ich uberliess mich dem Vergnugen dieser sussen Beschauung ohne Bedenken; denn durch die Chokolate, den Wein und durch meine Predigt, die zusammen das Madchen einschlaferten, hatte ich es ehrlich bezahlt. Genau genommen, ging auch diese ob sie gleich keine lebendige Seele vernahm als meine eigene, desshalb nichts weniger als verloren; denn ungerechnet, dass man sich selbst nicht ungern hort, ward es jetzt nur zu sichtbar, wie erbaulich sie auf mich zuruck gewirkt hatte. Ich war mit mir zufrieden, hatte, unter dem Schutze des heiligen Geistes, Kirche, wo nicht fur andere, doch fur mich, gehalten; und ich lasse mir es nicht abstreiten, dass jenes grossmuthige Gefuhl meiner warmen Hand, das ich mit der seidenen Quaste zuruck brachte, mehr Verdienstliches hat, als die paar Groschen, die ein Geizhals in den Klingelbeutel wirst, und sich wunder etwas darauf einbildet.
Ich setzte nun die beiden Lichter, nach dem angenehmen Dienste, den sie mir geleistet hatten, wieder auf den Tisch, und mich mit der heitersten Ruhe an das Fenster. Als ich aber den Mond in dunkeln Wolken uber dem Meer hangen sah, und die jetzige Sicherheit der guten Kinder unter meiner Wache mit den Gefahren verglich, denen sie so unbefangen entgegen schliefen, da, Eduard, ward mir ganz banglich ums Herz, und es uberfiel mich ein Frost, so oft ein Larm im Hause vermuthen liess, man wurde sie nun wecken und zu ihrer Bestimmung abrufen. Indess verging noch eine gluckliche Stunde fur sie, bis zu Mitternacht.
Nun trat endlich der Visitator schnaufend herein, war ganz betroffen, wie er sagte, von der wilden Wirtschaft, die auf einer Tartane herrsche, und schon uber und uber schwindlich von der ersten Probe, die seine Fusse in dem Schiffraume gemacht hatten. Seine bekannte Stimme schreckte die beiden Madchen sogleich auf, da sie sich horen liess. Sie traten schlaftrunken neben ihn, und fragten, ob ihre Betten auf dem Schiffe schon gemacht waren? Ja, ja, antwortete er, es ist alles in Ordnung, bis auf den Schlaf, den ich euch wunsche. "O," dehnte sich die eine, "wir schlafen heute ungewiegt." "Ungewiegt?" wiederholte er hohnisch: "das wird sich bald ausweisen aber kommt nur!"
Ich gab der altesten Schwester den Arm, die jungere hing sich an ihren verstorten Vetter. Ein paar Fackeln leuchteten uns. Wir gingen, jedes in seine eigenen Gedanken vertieft, einige Gassen durch, bis an den Hafen; denn ob ich gleich dem Madchen gern einen Auszug aus der Predigt gegonnt hatte, die sie verschlief, so furchtete ich doch, sie in einem Selbstgesprache zu storen, das, nach den tiefen Seufzern zu schliessen, von denen sie sich los machte, ihr noch zutraglicher schien, als die Warnung eines so frischen Bekannten, der nicht einmal in der unschuldigen Geschichte mit der seidenen Trottel auf ihr Bewusstseyn gewirkt hatte.
Eine Barke, mit lustigen Ruderern besetzt, erwartete die Gesellschaft am Ufer. Das neue grosse Schauspiel, das sich hier mit einemmal ihren Augen entdeckte das unabsehlich ausgebreitete Meer das Flimmern seiner Wellen im Mondschein der Zuruf vieler tausend Stimmen von den schwankenden Schiffen her, die sich mit dem Getose am Ufer durchkreuzten alles das nie Gesehene, nie Gehorte, das sie hier umringte, machte einen so heftigen Eindruck auf die armen Stadtmadchen, dass sie mich zitternd ansahen, mir um den Hals fielen und weinten. Ich war bewegt, und da mich die guten Kinder baten, sie bis auf ihr Schiff zu begleiten, hatte ich den Muth nicht, es ihnen abzuschlagen: ich zog mir noch so viel an meinem Schlaf ab, als etwa nothig seyn mochte, um als Landsmann dem Kapitan sie zu empfehlen, und mir durch eine Lokalkenntniss ihrer schwimmenden Wohnung das Andenken an sie wahrend ihrer Reise noch mehr zu versinnlichen.
Meine Nachgiebigkeit durfte mich nicht gereuen. Ihr Empfang auf dem Schiffe war so festlich, als ob es Prinzessinnen waren, die sich zu einer kleinen Lustreise einschifften. Wir traten, statt in eine beraucherte Kajutte, wie ich furchtete, in einen artigen Salon, der, mit bunten Lampen behangt, eine runde Tafel beleuchtete, die mit den ausgesuchtesten Erfrischungen besetzt war, und fanden einen alten freundlichen Mann an dem Kapitan, der uns bewillkommte. Er blickte den Madchen mit beifalligem Lacheln in die Augen, indem er mich zugleich fragte, wer ich ware? Ich legte ihm in der Geschwindigkeit Rechenschaft von unserer kurzen Bekanntschaft ab, und empfahl sie ihm als Landsmann. "Seyn Sie unbesorgt fur die guten Kinder," antwortete er: "ich bin der alteste Freund ihrer Tante, den sie jetzt auf der Insel hat. Vor dreissig Jahren schiffte ich sie ein, wie heute ihre Nichten; und diese sollen gewiss nicht ubler fahren als sie, das habe ich der guten Frau versprochen. Ich habe wohl Zeit gehabt, Sie lesen es zur Genuge auf meiner Stirn mein Handwerk zu lernen. Die Tartane ist mein eigen. Es ist kein Bettelschiff, wie da viele in dem Hafen auf der Ausbesserung liegen. Den Tag bringen wir lustig in diesem Raume zu, und des Nachts ... Kommen Sie, lieben Kinder, ich will Ihnen zeigen, wo Sie schlafen sollen."
Er fuhrte nun die beiden Schwestern in einen niedlichen Verschlag, der rechter Hand an den Saal anstiess, worin zwei freundliche Bettchen, und dazwischen an der Mittelwand ein Spiegel, der grosste vielleicht, den sie noch gesehen hatten, befestigt war. Dieses vollendete ihre Ueberraschung. "Nein! das ist allerliebst!" drehten sie sich nach dem Spiegel zu, und setzten ihre Hutchen zurechte. "Hier, sehen wir schon, wird es uns wohl gehen." "Ja! das soll es auch, so Gott will; mein ganzes Schiff steht unter Ihren Befehlen," antwortete der alte Seemann mit einer Artigkeit, die mich nicht wenig verwunderte. "Auch habe ich weiter keine Passagiere," fuhr er fort, "an Bord genommen, um Ihnen den Raum nicht zu verengen;" und nun nothigte er uns zusammen an den Tisch. Eine Schale Punsch, die wir unter frohlichen Gesprachen ausleerten, befeuerte uns noch mehr fur den guten Mann, der besonders fur die beiden Schwestern die zartlichste und sogar medicinische Sorgfalt zeigte: denn als sie nach schonen Orangen von Malta langten, die eben vor ihnen standen, erklarte er, dass dieses fur sie die einzige verbotene Frucht auf seinem Tische sei; die er ihnen jedoch, setzte er freundlich hinzu, aufheben wollte, bis ihnen die Abkuhlung nothiger sei als jetzt.
Dieses zuvorkommende Betragen des alten Mannes gegen die Madchen musste mir doch wohl auffallen, Eduard? Sollte denn, dachte ich, ihre Schonheit den Greis so sehr bestochen haben, dass er in ihnen die Nichten eines Visitators ubersieht, und sie behandelt, als ob sie aus dem Schaume des Meers gestiegen waren, und St. Domingo beherrschen sollten? Oder hat ihm die Tante ein so reiches Fahrlohn ausgesetzt, wenn er sie gesund uberliefert? Nun ich gonne den armen Waisen alles mogliche Gluck, mag es doch herkommen woher es will.
Du kannst denken, in welch einem vergnugten Erstaunen sich erst die beiden Schwestern befanden. Sie schlurften ein Glaschen Punsch nach dem andern ein, und lachelten einander an. Ueber den vielen Artigkeiten, die ihnen gesagt wurden, hatten sie das liegt nun einmal in ihrem Geschlechte alle Furcht verloren. Dann und wann, wenn sich das Schiff bewegte, schien es ihnen zwar einzufallen, dass zu viele Herzhaftigkeit ein junges Madchen nicht kleide dann thaten sie wohl einen angenehmen Schrei, und baten nachher in vollem Lachen den Kapitan um Verzeihung. Du kennst ja, lieber Eduard, die Ziererei der Weiber. Sie verlasst sie nicht, so wenig auf der See wie auf dem Lande, auf dem Schiffe wie auf dem Sopha sie mogen eine Spinne oder einen Wallfisch, einen Zwerg sehen oder einen Riesen. Der Kapitan war Weltmann genug, um zu thun, als ob er an ihr Schrecken glaube. "Mein Gott!" sagte er, "bei einer ersten Seereise sind solche kleine Erschutterungen wohl zu vergeben, zumal jungen Damen. Machten es doch meine beiden Buben nicht besser, als ich vor zehn Wochen mit ihnen auslief. Sie waren auch noch auf kein Schiff gekommen; denn bis dahin steckten sie in der Schule. Jetzt sind sie der Wirtschaft schon gewohnt, und werden Ihnen jede Ihrer Herzensbewegungen auf das genaueste vorhersagen konnen, da sie seit kurzem erst selbst die Erfahrung gemacht haben. Klammern Sie Sich nur getrost an diese Helden, wenn Sie die Furcht uberfallt. Holla! wo sind sie denn?"
Jetzt traten ein paar starke, bluhende Junglinge herein, die in kurzen Verbeugungen sich der Gesellschaft naherten, und die beiden Madchen mit ihren feurigen Blicken zu verschlingen drohten. Diese konnten mit ihren Gegenreverenzen nicht aufhoren, bis der Kapitan seinen Sohnen lachelnd befahl, sich zwischen die jungen Damen zu setzen.
Auf einmal war mir nun das Rathsel ihrer festlichen Aufnahme gelost, und der alte Schiffer zeigte sich mir in einem nur desto bessern Lichte; denn ungezwungener, kluger und vaterlicher, dachte ich, kann man doch kaum einen geheimen Liebesplan anlegen, als ich mir an den Fingern abzahlte, dass hier der Vater fur seine Sohne, mit oder ohne Vorwissen der Tante, gethan hat. Ich mochte das Madchen sehen, das, in einer solchen Lage, solchen Werbern entlaufen konnte! Denke nur selbst nach, Eduard! Abgeschnitten von der ganzen Welt sammt ihren Zerstreuungen eingeschrankt auf einen einzigen Gegenstand der Begierde so nahe dem Tode in dem Schweben des schonsten Lebensgenusses jedes Gefass des Herzens durch die starkende Seeluft erweitert jeder durchstromende Blutstropfen tausendfach erwarmt, die ganze Maschine in bestandigem Schaukeln, und immer die grosste Oper der Welt, den Auf- und Untergang der Sonne, vor Augen in welche Stimmung von Wohlbehagen, Sehnsucht und Zartlichkeit muss das nicht eine weibliche Seele versetzen, und in welchem magischen Lichte muss ihr nicht der Jungling erscheinen, der uber ihrem Haupte, nur fur ihre Sicherheit und Ruhe besorgt, Wache halt, ihr muthvoll und lachelnd den heran nahenden Sturm ankundiget, sie, wenn er einbricht, in die Arme schliesst, und an das Herz druckt, und, wenn sich der Aufruhr gelegt hat, mit glanzenden Augen ihre zitternde Hand kusst! Welche sussen Vorgefuhle mussen sich nicht bei solchen von der Natur selbst herbeigefuhrten Auftritten in der Brust eines Madchens entwickeln, und wie armselig kommen mir dagegen die Situationen vor, die sich in jedem Romane wiederholen, den wir unter uns spielen sehen! Denke Dir den seligen Augenblick, wo ein junges Paar, nach solchen Prufungen und Vorbereitungen, endlich an das Land und endlich dahin steigt, wo es die Liebe erwartet. Hatte ich Tochter zu verheirathen, wahrlich ich wurde sie einige Monate mit ihren Liebhabern, und unter der Leitung eines solchen Menschenkenners von Kapitan, auf ein Schiff setzen und den Wellen uberlassen, ware es auch nur, um ihnen den schleppenden Gang zu ersparen, den in unserm Zirkel, ein Madchen wie das andere, aus der Kinderstube gahnend in das Gesellschaftszimmer und gahnend in das Brautbette nimmt.
Da die jungen Herren nur gebrochenes Deutsch, die beiden Madchen kein besseres Franzosisch sprachen, so suchten sie, unter vielem Gelachter, Hulfe in der Geberdensprache, die zu ihrer Unterhaltung mehr als hinreichend war. Der alte Seemann beobachtete die jungen Passagiere mit innigem Vergnugen, und ich sah aus allen Anstalten, dass es ihm mit der zeitigern Abfahrt wohl kein sonderlicher Ernst mochte gewesen seyn; denn eine muntere Stunde vertrieb die andere, und es fing schon der Tag an zu grauen, ehe der gute Vater sich entschliessen konnte, die frohen Seelen zu trennen. Jetzt aber befahl er seinen Sohnen, auf ihre Posten zu gehen, und auf das Signal Achtung zu geben; den beiden Madchen aber mit hochrothen Wangen und flimmernden Augen legte er nun selbst die Orangen vor, und gab jeder noch eine mit in die Kammer. "Ich werde," sagte er, "die Segel nicht eher ausspannen lassen, als bis Sie fest schlafen, und ich hoffe schon funfzig Meilen von Marseille zu seyn, ehe Sie aufwachen."
Es war kein Wunder, dass den guten Kindern alles, was ihnen heute begegnete, wie ein Feenmahrchen vorkam. Sie freuten sich, als sie von mir Abschied nahmen, dass ich Zeuge davon gewesen sei, und schrieben mir die Namen einiger ihrer Freundinnen auf, denen ich es erzahlen sollte, wenn ich nach Berlin kame. Ich versprach es, und gedenke es auch zu halten, sollte mir es auch noch so viele Muhe kosten, sie in den kleinen Gassen aufzusuchen wo sie wohnen mogen.
Der Visitator schien es auch genug zu haben, da die Punschschale ausgeleert vor uns stand, und stolperte seiner Kammer zu, die ihm der Kapitan an dem andern Ende des Zimmers, seinen Nichten gegenuber, anwies. Ich umarmte ihn und den braven Seemann mit unbeschreiblicher Herzlichkeit, stieg nun auch in meine Barke, und beruhigte bald die Matrosen, die mich uber die Lange meines Aussenbleibens etwas murrisch empfingen, mit dem Versprechen eines dreifachen Fahrgeldes, wenn sie mich glucklich an das Ufer brachten.
Mit dem Schlafe fur diese Nacht war es nun vorbei, und ich entschloss mich, in einer der Kaffeebuden, deren eine Menge um den Hafen stehen, die Abfahrt des Schiffs zu erwarten. Wahrend ich nun, das Gesicht dahin gerichtet, neben einem Teller mit Orangen sass, die ich, dem Recepte des Kapitans gemass, zur Abkuhlung meines Bluts nach und nach aussaugte den ewigen Streit des ungetreuen Elements, das vor mir lag, mit den Kraften der Menschen, die ihm entgegen arbeiten, und den Vortheil der Schiffahrt mit ihrem Nachtheil fur unsere Sitten, unsere Ruhe und Gesundheit verglich, machte mir mein Gedachtniss die Freude, mich an die schone Ode zu erinnern, die Horaz an das Schiff richtete, das seinen Freund Virgil nach A t h e n brachte.2 Das erhabene Vorbild reizte meine Phantasie, ihm von weitem nachzufliegen; und wenn ich auch meinen Landsmann mit seinen Nichten eben nicht animae dimidium meae nennen mochte, so sah sich doch meine Muse gern noch einmal in den Augenblicken nach ihnen um, wo sie mir der Wind wahrscheinlich auf ewig entfuhren sollte.
Ich war eben mit meinem Abschiedsliede fertig, als ich, von der Glasthure aus, die Segel aufziehen sah. Jetzt schlafen nun die lieben Madchen, dachte ich. Der Himmel beschutze sie! Und mit klopfendem Herzen trat ich aus meiner Bude an den Strand, und sang obschon mit etwas heiserer Stimme meine Wunsche dem Schiffe nach, das ganz aufgeblasen den Hafen verliess und in den Strahlen der Morgenrothe dahin flog:
Hangt eure Lampen aus, ihr Bruder
Helenens! Cypris, strahle nieder,
Sanft, wie es deinem Stern gebuhrt!
Und lass auch du, der Winde Vater,
Das Schiff von Sturmen unberuhrt,
Das unsern Visitater
Und seine Nichten fuhrt!
Ihr Glucksstern bringe durch die Schatten
Der Nachte sie den Hangematten
Der Rudrer unberaubt vorbei
Und Fama mache mich des Kummers
Um ihre Jugendbluthe frei,
Dass sie ja keines Hummers
Und Meerwolfs Beute sei!
Dem war die Brust mit Stahl umzogen,
Der die Bekampfung wilder Wogen
Zuerst zu seinem Spiel erkohr:
Doch auf den Stufen der Gefahren
Steht ihm die jungste Schone vor,
Die nichts von ihren Waaren
Auf dem Verdeck verlor.
Vergebens schied mit weisem Plane
Zeus und Neptun vom Oceane
Das Menschen angewiesne Land:
Verwegen stossen sie vom Stapel,
Und holen von dem fernsten Strand
Peteschen, Mal de Naples
Und andern Konterband.
Ein neuer Dadal, Blanchart, eilet
Vom Piripi hinweg, und theilet,
Den Adlern gleich, der Lufte Bahn;
Ein Franklin zundet an dem Blitze
Des Himmels seinen Wachsstock an:
Auf jedem Musensitze
Erhebt sich ein Titan.
Der Mensch, zu massigem Genusse
Geboren, nahm dem Ueberflusse
Sein Fullhorn gern auf einmal ab:
Von schwer erstiegnen Schaugerusten
Sturzt schwindelnd ihn sein Stolz herab,
Und ein Gefolg von Lusten
Begleitet ihn ins Grab.
Meine thierischen Krafte waren so erschopft, wie meine poetischen. Ich fuhlte die Schlummerkorner, die ich heute so reichlich ausgesat hatte, wurzeln und keimen, und war froh, als ich d e n h e i l i g e n G e i s t erreichte, wo ich sie bald in meinem Bette zur Reife brachte.
So endigte sich der erste halbe Tag meines Aufenthalts in Marseille, den ich aus Drang von Selbstzufriedenheit, dergleichen ich lange nicht empfand, Dir, lieber Eduard, als eine augenscheinliche Probe meiner angehenden Besserung, hoffentlich so uberzeugend dargestellt habe, als Du nur verlangen kannst. Was wolltest Du mit Grund dagegen einwenden?
Der heitern Mittagsstunde schlossen
Sich ja die frommsten Horen an,
Die mich von Psyche's Spielgenossen,
Statt mit vergifteten Geschossen,
Mit Blumen nur verwunden sahn.
Fussnoten
1 La Mecque etoit auparavant occupee par AbuGabshan, qui eut la simplicite de s'en defaire pour une bouteille de vin, dans un malheureux moment ou il se trouva d'humeur a boire. Il voulut ensuite se relever d'un marche si prejudiciable et fut appuye par les gens de sa tribu, mais et lui et eux furent chasses de la Mecque par Cosa, ayeul de Mahomet. vid. Prideaux Vie de Mahomet. p. 3. 2 Ode 3. lib. I. Sic te diva potens Cypri
Marseille
Den 10ten Januar.
Die volle Sonne hatte Muhe mich zu wecken. Als ich die Augen aufschlug, musste ich mich einigemal fragen, wo ich ware und wohin ich wollte, eh' ich es deutlich erfuhr. Das erste, was mir beifiel, war ein Wechsel auf Herrn Frege, einen Sohn des beruhmten Banquiers dieses Namens zu Leipzig. Ich lernte einen artigen und gefalligen Mann an ihm kennen. Sein Deutsch war mir beinahe lieber, als das, womit ich gestern an der Wirthstafel so angenehm uberrascht wurde; denn er zahlte mir Geld, und bat mich auf morgen zu Tische. Mein heutiger Mittag hat nichts fur mein Tagebuch abgeworfen. Es wollten keine Berlinerinnen kommen, so sehr ich mich darnach umsah. Unter den Anwesenden fand sich nicht Ein Auge, in das ich hatte blicken mogen; und es war eben so gut: denn ich konnte um so viel ruhiger der Erholung pflegen, die mir nach der Nachtwache von gestern sehr nothig war.
Mit diesem Gefuhle in allen Gliedern, und einem Pack Zeitungen, die fur die Gaste da lagen, schlich ich wohl gesattigt nach meinem Zimmer. Hier pflanzte ich Bastianen, der mir sie vorlesen sollte, meinem sagte er zu seiner Entschuldigung, lese auch nicht besser. Ich setzte den Prologus an seine Stelle, einige Zeilen nachher auch den Epilogus: aber der Zeitungstext und ihre Stimmen passten so widrig zusammen, dass ich vor der Hand fur das beste hielt, auf die Bequemlichkeit eines Vorlesers Verzicht zu thun. Es greift doch nichts die Gehornerven so empfindlich an, als werthlose Neuigkeiten, die uns in einem hochtrabenden Tone verkundiget werden. Der erste deklamirte: dass Ludewig der Vielgeliebte zwei Tage und drei Nachte mit Madam Dubarri auf dem Schlosse zu Meudon zugebracht habe. Der andere: dass der Herzog von Orleans entschlossen sei, eine Reiherbeitze zu halten. "Das mag er," unterbrach ich den Epilogus: "trage nur die unnutzen Blatter wieder in den Saal, damit nicht etwa gar jemand darauf warte."
Der gute Kerl hatte indess nicht ganz umsonst gelesen. Er erinnerte mich, wie er das Maul so voll nahm, an seine sogenannte Arabische Handschrift, die ich jetzt Zeit genug hatte nach Herzenslust zu untersuchen. Ja, dachte ich, das soll auch geschehen; denn ich will doch noch lieber einen deutschen Landjunker uber einen philosophischen Gegenstand schwatzen horen, als einen franzosischen Nouvellisten, der immer nur das Volk mit dem Zeitvertreibe seines Konigs bekannt macht, nie mit seinen Geschaften. Sind sich diese Schmierer aber nicht in allen Staaten gleich? Ist es nicht, als ob sie dafur bezahlt waren, durch alle den Pomp festlichen Mussiggangs, den sie aus der Tagesordnung der Regenten sorgfaltig ausheben, und in ihren Wochenblattern fur das Publikum auskramen, dem Unterthan seine saure Arbeit noch mehr zu verekeln, und ihm seine druckenden Abgaben noch unertraglicher zu machen?
Ich zog nun den Brief aus seiner kostbaren Verwahrung, that im Vorbeigehen auch nicht einen Blick auf das beruchtigte Bild, und, glaube mir, ich war mit den paar Stunden, die ich verlas, nicht so gar ubel zufrieden. War es der sonderbare Kontrast, in welchem mir der Eigenthumer der Schreibtafel und des Gemaldes, gegen d a s gehalten, erschien, w a s der Brief von ihm sagte, denn es ist klar, dass er an ihn gerichtet ist; sind es die Wahrheiten, die hier und da darin vorkommen, und mir oft so hell in die Augen leuchteten, dass sie mir ubergingen; oder waren es die Sophistereien der Freundschaft, die mich so anzogen? Ich weiss es nicht. Genug, ich ubersah die schwachen Stellen mit Lacheln und Nachsicht, verweilte mit Vergnugen bei andern, die von starkerm Gehalte waren verglich die Empfindungen des Schreibers mit der Erfahrung der meinigen, und gerieth daruber in ein Gedankenspiel, das mich, in Ermangelung eines bessern Zeitvertreibs, immer leidlich genug beschaftigte.
Ware der Brief nicht so unertraglich lang, ich schriebe Dir ihn ab. Aber konnte ich Dir ihn nicht stuckweise vorlegen, und die ganze bunte Masse von Gerichten, die er hier auf einmal auftischt, unter die magern Epochen vertheilen, die etwa, wie heute, in meinem Tagebuche, vorfallen? Warum nicht? Aus dem systematischen Zusammenhange werde ich nicht das mindeste reissen: uber diesen hat sich der naturliche Menschenverstand des Schreibers glucklich hinweg gesetzt. Dessen ungeachtet, hoffe ich, sollst Du mir meine Muhe verdanken. Der Brief wird Dich immer mit einem sehr seltenen Manne bekannt machen, dergleichen unser guter Konig wohl nur wenige in seinen Staaten aufweisen kann; mit einem Vasallen namlich, der zufrieden auf seiner Hufe sitzt, und die Richtigkeit des Satzes praktisch beweist: nihil petenti nihil deest.
Sollte Dir nun vollends der Verfasser des Briefs, der, wohl zu merken, als er ihn schrieb, nicht einmal ahnden konnte, neben was fur ein Mignaturbild man ihn beilegen wurde, die Augen uber den nachtheiligen Einfluss offnen, den, wie er es ernstlich gegen seinen Freund und Feldnachbar behauptet, die Entfernung vom Vaterlande auf unsere Sittlichkeit und Gemuthsruhe hat; so bewirkt vielleicht diese Abschrift den guten Gutschluss bei Dir, den auch mein Tagebuch zu entkraften leider nicht gemacht ist, dass Du Deine kranken Freunde kunftig nicht mehr so auf geradewohl in die weite Welt schickst.
Lieber August!
In der frohen Erwartung Deines versprochenen Gegenbesuchs auf meinem Landgute, in den Anstalten zu Deiner Aufnahme, die mich eben von dem einen staubigen Winkel meines Hauses zum andern trieben, als ich gestern Deinen Abschiedsbrief erhielt, brauche ich wohl kaum zu sagen, wie sehr er mich uberrascht hat. Nichts ich kann Dich es auf Ehre versichern, nichts in meinem Leben hat es mehr gethan, als diese Ankundigung Deines Aufbruchs nach Avignon. Dein Entschluss ist rasch, lieber August. Schwerlich hast Du ihn selbst geahndet, als ich vergangenes Fruhjahr einige Wochen bei Dir vertandelte; denn sonst wurdest Du mir ihn doch wohl entdeckt, und die Bewegungsgrunde dazu entwickelt haben, die Du jetzt meinen eigenen Nachforschungen anheim stellst. Kaum kann ich von meiner Verwunderung zuruck kommen. Warum bautest und schmucktest Du Dein stolzes Haus, mochte ich fragen, da es Dir so Noth that, es zu verlassen? Warum ubergabst Du, es in der Aufschrift uber dem Portal d e r Z u f r i e d e n h e i t , da Du die Gottin erst anderwarts aufsuchen willst, der Du es hier mit goldenen Buchstaben geweiht hast? Du hast durch Deine plotzliche Abreise alle Deine Feldnachbarn an Dir irre gemacht. Einige erblicken nichts weiter darin, als einen beschimpfenden Vorwurf gegen ihren Zirkel und langweiligen Umgang; andere schutteln die Kopfe, und furchten, dass Dich nur die grossen Schulden in die Flucht trieben, in die Dich die Thorheit Deines Baues gebracht habe. Ich allein kenne Dich zu gut, um nicht mehr als zu viel Uebereinstimmung mit Deinem Innern auch in dieser Deiner Handlung zu finden, und befestige mich noch mehr in den Gedanken, wovon ich den Faden schon vor funf Jahren in der alten Burg Deiner Voraltern auffasste, und den ich bei meinem diessjahrigen Besuche in diesem neuen Palaste alle Musse fand vollends auszuspinnen. Ware noch der geringste Anschein geblieben, dass meine stillen Wunsche fur Dein Gluck und alle die schonen Hoffnungen sich mit der Zeit erfullen wurden, um die mich nun Deine Abreise bringt, wahrlich, Du hattest nicht einmal von meinem heimlichen Gespinnste etwas erfahren sollen. Jetzt aber, da Dich die Unruhe, die Du von Deinen ehemaligen langen Reisen zuruck brachtest, aufs neue wieder in die weite Welt jagt, und Dich von Deiner prachtigen Wohnung, wie von den schmucklosen Hutten Deiner Freunde, entfernt, jetzt, da ich mir nicht anders zu helfen weiss, musst Du mir vergeben, dass ich Dir den ganzen Knaul auf der Post nachschicke, so voll ich ihn, ohne meinen landlichen Geschaften Abbruch zu thun, habe aufwikkeln konnen.
Erinnere Dich, lieber August, der Zeit unserer gemeinschaftlichen Erziehung. Damals vertrauten wir einander so gern unsere kleinen Geheimnisse. Wenn einer von uns ein Vogelnest fand, zog er immer den andern zur Frage, ob es wohl Nachtigallen waren oder Sperlinge? Wenn einem von uns sein Strohhut der Quere sass, ruckte ihn der andere ohne viele Umstande zurechte. Warum wollten wir in alteren Jahren und bei wichtigern Dingen zuruckhaltender seyn, und nicht eben so treuherzig als ehedem unsern Bemerkungen Luft machen? Der Tod Deines rechtschaffenen Grossoheims, meines Erziehers und Wohlthaters, trennte uns arme Spiel- und Schlafgesellen, und gab jedem eine andere Richtung. Die Deinige ging in das Edle, Erhabene und Weite; die meinige hingegen nothigte mich, auf dem vaterlichen Boden, wie Epheu, fortzukriechen, und aus eigener Kraft Wurzel zu schlagen. Funfzehn Jahre vergingen, ehe Du mir wieder unter die Augen kamst; und Wie falsch waren meine Urtheile uber Dich, eh' ich Dich sah! Ich berechnete nach der Summe der vielen frohen Empfindungen, deren ich mir bewusst war, und zu denen ich auf die einfachste Art ohne Aufwand gelangte, wie gross erst die Masse der Deinigen seyn musse, die, unter der Leitung verstandiger gelehrter Manner, aus Bestandtheilen zusammen gesetzt wurde, die sich gegen die Materialien meines Glucks wie polirter Marmor zu rohen Feldsteinen verhielten. Meine Neugier trieb mich nicht weniger zu Dir, als der Drang meiner unveralteten Liebe. Als ich seit meiner Kindheit nun zum erstenmale wieder den alten Thurm Deiner Burg in der Ferne erblickte, ja, bester August, da war es mir so warm um das Herz, als ob alle die verlaufenen Blutkugelchen meiner Jugend wieder zuruck stromten. Es grubelte mir in der Nase, und ich wurde geweint haben, hatte nicht die Hoffnung, Dich nach einigen Augenblicken zu umarmen, den Strom meiner Thranen bis dahin noch in seinem Ufer gehalten. Du weisst, wie viele ich in dem ersten Ausbruche der Freude an Deinem Busen vergoss, und wie zugleich meine Blicke arbeiteten, Dich aus den fremden Federn zu heben, in die Dich Zeit und Verhaltnisse tiefer gebettet hatten, als ich erwartete. Ach, es gelang mir nicht! Und wie konnte es auch? An die Stelle des muntern, offenen, launigen Jungen, wie ich gewohnt war mir meinen August zu denken, war ein feiner, behutsamer, zuruckhaltender Denker getreten, der durch bestimmte wohlklingende Ausdrucke mir meine zudringlichen, regel- und zwanglosen Fragen eher zu verweisen, als zu beantworten schien. Eine gewisse Aengstlichkeit schritt, selbst an dem Arme Deines Freundes, durch die prunklosen Zimmer neben Dir her, die Dein Oheim mit immer gleicher Zufriedenheit bis an sein seliges Ende bewohnte. Du warest verlegen in meiner Gegenwart, und sicher dachtest Du nicht viel besser von mir, als von dem alten Hausgerathe, das Dich umgab. Wie war doch jetzt alles Deinen kritischen Augen so anstossig, von dem russigen Thurm an, der mir so frohe Herzensbewegungen verursachte, bis auf die unschuldige Sammlung von Hirschgeweihen, die den Saal Deines Oheims schmuckten bei denen allein er das Wort: P r a c h t i g ! in den Mund nahm, und die er, als das Journal seiner glucklichsten Tage, mit mehr Freude betrachtete, als Ludewig die Tapeten, auf die Le Brun seine Schlachten gemalt hatte! Was fur ein Fest der Erinnerung war es mir nicht, als ich hinein trat, und dieselben veralteten Armstuhle noch in ihren Ecken stehen sah, die mir in so manchem schwierigen Augenblick Schutz gaben! Alle die lieben sussen Spiele meiner Kindheit, schien es mir, schlupften hinter den schweren wollenen Fensterbehangen hervor, und bewillkommten ihren alten Bekannten. Der grosse blaue Gewehrschrank, der mir damals keine geringe Ehrfurcht einflosste, that es wahrlich um nicht viel weniger, als ich ihn wieder sah, und ich glaubte, das Herz wurde mir springen, als ich die holzerne Wanduhr mit dem Guckuck noch in demselben Tone schnarren und schlagen horte, wie in jenen fluchtigen Stunden, wo sie so despotisch meine Zeit beherrschte, und der ich mich nie ohne Zittern naherte, weil sie unstreitig das kostbarste Hausgerath Deines Oheims war. Die Mode, wie Du weisst, verruckte ihm nie einen Stuhl, und eher wurden ihn die Wurmer um die Kisten und Kasten seiner Voraltern gebracht haben, ehe es einem Rost, Rondchen oder Martin gelungen ware.
Du, mein kluger Freund, brachtest andere Augen von Deinen Reisen mit, als mir die Natur, Gott sei Dank, bis jetzt erhalten hat. Fur Dich waren alle die freundlichen Winke verloren, die mir der Schauplatz meiner Jugend aus allen Ecken zuwarf. Mit Betrubnis verliess ich Dich endlich in den Anstalten eines neuen Baues. Mein Herz ward mir schwer, als ich Dich von dem Einreissen der alten Burg sprechen horte. Ich eilte, um aus dem Staube zu kommen, und es war mir, als hatte ich einen treuen Spielgenossen aus dem einbrechenden Sturme gerettet, als Du meinen Hinblick verstandst, und so gutig warst, mir die holzerne Uhr zu verehren, die zum Andenken Deines guten Oheims, selbst in diesem Augenblick, uber meinem Schreibetische rasselt.
Lieber Gott, sagte ich unterweges zu mir, was fur eine narrische Sache muss es doch um den guten Geschmack seyn, mit dem sich mein ehrlicher August allemal entschuldiget, wenn ihn etwas verstimmt, was ich entweder gleichgultig ertrage, oder was mir wohl gar Freude macht! Immerhin! Wenn mein Freund nicht zufrieden in der alten Burg leben kann, so hat er Recht, dass er sie einreisst, und eine andere baut, die ihm Genuge thut. Ach wenn nur schon die beschwerlichen Jahre der Vorbereitung vorbei und die heiligen Hallen geoffnet waren, die seine muntern Launen zur Wiederkehr einladen, und ihn mit dem Gefolge seiner Tugenden beherbergen sollen, die jetzt der Anblick eines Gothischen Gebaudes in die Flucht jagt! Diese funf Jahre verliefen in Muhseligkeit und Erwartung aber dafur hast Du nun auch Deinen schonen Plan ausgefuhrt, und den Reiz unserer ungeschminkten Gegend mit einem Gebaude erhoht, das ein edles Ansehn mit der hochsten Bequemlichkeit und den schonsten Verhaltnissen auf d e m s e l b e n Raume vereinigt, der sonst, wenn Du willst, eben so viele Sunden dagegen aufstellte. Die einfachen Hauser Deiner Nachbarn liegen seitdem, wie beschamt und in gehorigem Abstande, demuthig umher, und es gehoren formliche Einladungen dazu, ehe sich einer von unsern Graurocken entschliessen kann, Dich in Deinem Tempel zu besuchen. Ich rechnete freundschaftlich auf die erste, die Du ausschicken wurdest erhielt sie, liess nun alles in meiner Wirthschaft stehen und liegen, und schickte mich an, die Deinige zu bewundern. Nun, dachte ich, werde ich endlich den Freund meiner Jugend ganz so glucklich sehen, als die Muhe verdient, die er sich gegeben hat es zu werden. Meine Zufriedenheit wird freilich eine armliche Figur neben der seinigen machen; da ich aber nun einmal einen so kostbaren Unterhandler der menschlichen Gluckseligkeit, als der Geschmack ist, weder besolden kann, noch zu beschaftigen weiss, so will ich mich einstweilen, ohne Neid, an die frohen Empfindungen halten, die mir die Natur umsonst gab.
Wenn ich nicht irre, empfingst Du mich mit einer weit herzlichern Umarmung als das erstemal. Die grossen Augen, mit denen ich alles anstaunte, machten Dir Spass. Je weniger ich mich wiederfinden konnte, je banglicher ich alles das vermisste, was den kostlichen Rost der Erinnerung an sich trug, desto mehr thatest Du Dir auf die Dinge zu gute, welche Du an die Stelle jener setztest, die Du so hartherzig aus Deinen Augen und von der Erde wegraumtest. Ich will Dir nicht die Schonheiten Deines landlichen Palastes herzahlen. Sie fallen wohl jedem in die Augen, der nicht blind ist, und ohnehin kennst Du ihren Werth besser als ich. Eben so wenig will ich der alten Burg wieder erwahnen. Zu was wurde es uns beiden helfen? Aber so viel kann ich Dir wohl sagen, dass es mir in Deiner neuen Wohnung so angstlich vorkam, als Dir in der alten. Die geschmuckten Zimmer, die Du mir anwiesest, ruhrten mich nicht eher, als bis ich an die russigen dachte, die wir zusammen bewohnten. Deine Vasen ob es Griechische oder Romische sind, weiss ich nicht standen mir meistens im Wege, und es war mir immer, als ob ich den Mobeln, die ich unter einerlei Namen in meinem Hause sorglos gebrauche, hier zuvor eine Verbeugung machen musste, eh' ich sie beruhrte. Ich konnte mir nicht bergen, dass von dem Spiegel, der weit uber mir weg bis an die Decke lief, der vierte Theil fur mich armen Pigmeen schon mehr als zu viel, das ubrige theure Glas nur ein Auswuchs des guten Geschmacks, und, wenn Dich nicht einmal ein Patagonier besucht, Deinen Gasten unbrauchbar sei. Ich blieb, aus Furcht vor unglucklichen Folgen meiner Sorglosigkeit, immer mitten in dem Zimmer stehen, staunte die schon verzierten Wande an, ohne dass ich wagte, mich ihnen mit einem Stuhle zu nahern. Du musst es mir zu gute halten, lieber August, aber ich finde wenig Vergnugen in der Bewunderung, und alle die trefflichen Kunstsachen, die Du hier aufgestellt hattest, machten mich so klein, so schmutzig, dass ich sie schon desswegen in meiner Nahe nicht leiden konnte. Indess, was hatte alles das zu sagen? Du hast D i r eine Wohnung gebaut, und nicht m i r . Auch kann ich Dich heilig versichern, dass ich die Zeit meines Besuchs uber mehr den Gang Deiner Zufriedenheit, als der meinigen berechnete, und weniger Dein Gesellschafter war, als Dein Beobachter. Ich habe, Dich ganz zu erforschen, mir Deine Aeusserungen uber Dich selbst so gut zu Nutze zu machen gesucht, als Dein misslauniges Stillschweigen, habe Dich in dem Zirkel der Gesellschaft belauscht, wie in Deiner Einsamkeit, und, wie der Arzt aus den Pulsschlagen der Hand auf die Bewegung des Herzens schliesst, habe auch ich in den oft schnellen Uebergangen Deiner Empfindungen den Ursachen nachgespaht, die mir ihr Steigen und Fallen erklaren konnten. Zu was haben mir meine freundschaftlichen Nachforschungen geholfen? Ach! sie uberzeugten mich, dass Du an einer Krankheit littest, die um so gefahrlicher ist, als sie allgemein fur eine erhohte Gesundheit gilt, und um desswillen unheilbar bleibt, weil der Kranke den einzigen Arzt, der ihm helfen konnte, zum Hause hinaus wirft, so oft er sich ihm nahert. Warum gehe ich so um den Brei herum? Das Uebel, mit dem Du behaftet bist, heisst, Deutsch zu reden, der gute Geschmack, und der Arzt, dem Du mit sechs Postpferden von einem Ende der Erde bis zu dem andern zu entfliehen suchst, ist meine treue Freundin und Hausgenossin, und heisst Natur.
Du hast viele gebildete Menschen Virtuosen in den schonen Kunsten gesehen, lieber August; aber sahst Du wohl je einen von ihnen, der glucklicher dadurch gewesen ware, als Dein Oheim? Alles trug etwas zu seiner Zufriedenheit bei seine Tugenden wie seine Fehler seine Starke sowohl als seine Gebrechen und wie ungesucht war nicht der Gang seines Glucks! Er dankte Gott eben so herzlich fur das, was er besass, als fur das, was ihm mangelte. Die Landwirthschaft war die Beschaftigung, von der er glaubte, dass sie ihm der Herr Himmels und der Erde unmittelbar anwies, und seine liebste Erholung war die Jagd. Ich bin, gestand er oft mit treuherzigem Ernste, kein Freund vom Nachdenken: denn ich habe es langst weg, dass tagliche tuchtige Leibesbewegung, ohne vieles Sinnen und Betrachten, auch der Seele zu gute kommt; die Arbeiten aber, die ich meiner armen Seele auflege, blahen nicht allein sie selbst auf, sondern auch den Korper, machen ihn zu einem unnutzen Mussigganger, und bringen ihn aus seiner gesunden Ordnung. Desswegen war es ihm auch nicht moglich, an das naturliche Verderben des Menschen zu glauben, und den Spruch, den er manchmal von der Kanzel horte: "Aus dem Herzen kommen arge Gedanken u.s.w." hat er bis an seinen Tod fur eine unrichtige Uebersetzung gehalten. Bei mir, sagte er, wenn sie ja aufsteigen, kommen sie aus dem Magen. So lange ich mir den nicht verderbe, werde ich nicht so leicht eine Christenpflicht unterlassen oder ein Laster begehen. Aus derselben Unbefangenheit seines Herzens entsprang auch seine launige Abneigung gegen moralische Schriften. Bekam er ja eine von ungefahr in die Hande, so lachte er allemal uber die unnothige Bemuhung des Schreibers. Ich mochte wundershalber wissen, sagte er dann, ob das schonste Buch dieser Art einen Kerl, der eben eins von den zehn Geboten ubertreten will, davon abhalten wird. Man liest wohl so etwas, wenn man ruhig ist, seine funf Sinne beisammen hat, und den Senf des Autors entbehren kann. Aber wie dann, wenn das Blut kocht und das Herz braust? Da beweise einer so lange er will, dass man ruhig seyn soll er wird nicht halb so geschwind wirken, als es nach meiner Erfahrung mit einem frischen Glas Wasser gelingt. Mit was fur freundschaftlichen Augen betrachtete er seine Mitgeschopfe! Er that ihnen gewiss zu viel Ehre; aber was fur einen sichtbaren Einfluss auf ihn selbst hatte das nicht! Auf seiner ehrwurdigen Stirne glanzte der sanfte Widerschein einer ruhigen Seele. Unsere Kinderspiele konnten nicht unschuldiger und herzlicher seyn, als es die frohlichen Stunden seines Alters waren, und sein Gewissen trieb sich fast auf dieselbe leichte Art herum, als das unsere. Wir hatten vor neuen Thorheiten nicht Zeit uns der altern zu erinnern, und Er, wenn er auf seine Sunden zu sprechen kam, sagte mit dem gutmuthigsten Ernste: Unfehlbar habe ich, ungeachtet meiner Diat, deren so grosse und so viele begangen als ein anderer; aber, Dank sei dem barmherzigen Gott fur mein schwaches Gedachtniss! ich habe eine nach der andern so gut vergessen, als das Bisschen Latein, das ich in meinen Schuljahren lernen musste.
Du Mann von Geschmack, sage mir, lieber August, ob Du glaubst, dass ein solcher Zusatz Deinen Oheim noch heiterer, menschenfreundlicher und zufriedener wurde gemacht haben, als ohne ihn es seine einfache Kost, sein guter Magen, seine Leibesbewegungen und sein schwaches Gedachtniss thaten? Ueberlege es wohl, und setze nicht zu geschwind den vielen, nur zu wirklichen Aufopferungen, die er sich zu Erlangung dieses Scheinguts hatte mussen gefallen lassen, jene magere Liste von Entschadigungen entgegen, die uns alle Kompendien der schonen Wissenschaften auskramen; jene erhohten Freuden des Lebens, die aus euern gescharften Sinnen, aus der Regelmassigkeit eurer Urtheile, und aus dem systematischen Stolze entspringen sollen, auf den ihr euch unter einander so viel zu gute thut: denn dieser Putz der Seele, wenn es ja einer ist, verliert sehr in der Nahe, und gleicht dem schimmernden Staube eines Johannis-Wurmchens, der in der Nacht leuchtet, ohne die arme Kreatur selbst zu erwarmen. Dein seliger Oheim besass nicht das mindeste von dem, was man Geschmack nennt. Er kannte ihn nur in seiner sinnlichen Bedeutung, und da kannte er ihn gut. Der Verdruss, ihn auch in seiner figurlichen kennen zu lernen, war ihm nur fur sein Alter aufgehoben. Diese Epoche seines Missmuths, die uns unsere lustigen Stunden so sehr verbitterte, ist mir immer gegenwartig geblieben; doch habe ich mich nie lebhafter daran erinnert gesehen, als letzthin in Deinem Hause und bei Betrachtung Deines Kunstkabinets. Da wir damals, als diess vorging, zu viel mit unsern Leimruthen zu thun hatten, so weisst Du vielleicht gar nicht, worauf ich ziele, und was fur einen argerlichen Prozess ihm seine Unbekanntschaft mit jenem Worte auf den Hals zog. Ich habe mir die Akten dieses sonderbaren Rechtshandels zu verschaffen gesucht, und sie liegen jetzt vor mir; doch zweifle ich, dass Dir der Auszug daraus denselben Spass machen wird, als mir, ob er gleich, nachdem man es nimmt, keine unbedeutende Beilage zur Geschichte der Kunst seyn wurde.
Der Freiherr von K... besass das wichtige Gut in unserer Gegend, das nachher die konigliche Domanenkammer an sich gebracht hat. Er war ein Mann von Erziehung und Kenntnissen, hatte seine Reisen trefflich benutzt, kam verheirathet mit einer edeln Romerin zuruck, baute sich ein Haus in der Residenz, das in keiner Rucksicht dem Deinigen nachstand, und lebte hier wie ein Kenner, dem sein Reichthum erlaubte, jeden lusternen Wunsch zu befriedigen, den ihm sein Kunstgefuhl eingab. Er buhlte, ohne es satt zu werden, um die Meisterstucke der vergangenen und gegenwartigen Zeit, stellte deren, so viel er habhaft werden konnte, der Bewunderung der Fremden und Einheimischen aus, und uberredete sich und liess sich uberreden, dass er glucklich sei, weil er Geschmack habe. Endlich verliess er doch als Wittwer, ziemlich gelbsuchtig und mager, den Schauplatz zwanzig vertraumter Jahre, und fluchtete sich und seine Kunstsachen auf sein vaterliches Landgut, das indess unter den Handen seiner Verwalter weder an Einkunften noch Ansehen gewonnen hatte. War er in der Stadt der guten Gesellschaft uberdrussig geworden, so wollte er es der auf dem Lande lieber gar nicht zumuthen, ihm die Zeit zu vertreiben; und ob ihm gleich oft das Herz vor Neugier pochte, wenn er uber die Granzlinie blickte, die schon allein der nur zu sichtbare Wohlstand der Guter seines Nachbars um die seinigen zog, so konnte doch der Besitzer so herrlicher Sammlungen es nie uber sich gewinnen, den Junker auf der alten Burg zu besuchen, der fur keine Sinn hatte, die nicht aus Gerste oder Hafer bestand. Leitete ihn auch manchmal vor seinen Gemalden ein Kunstgedanke auf einen okonomischen, so war es ihm doch nur eine unangenehme Ueberraschung, der er so sehr auswich, als einem langweiligen Gesprache. Er fuhlte, dass eine andere Zusammensetzung dazu gehore, als die seinige war, um den Uebergang von Thomsons Jahrzeiten zu einer Bodenrechnung, oder von dem Viehstuck eines van der Velden zu den blokenden Kuhen seines Hofs ertraglich zu finden; und so wenig Peter Bembus die Bibel lesen mochte, um sich nicht den Styl zu verderben, so wenig Vergnugen fand auch Herr von K ... an Wirthschafts-Kalendern und Saat-Tabellen. Auf diese Weise jagte er sich noch einige Jahre unter seinen Buchern, Bildern und geschnittenen Steinen mit der geschmackvollsten Langenweile herum, bis ihm kein Mittel mehr ubrig blieb, um ihrer los zu werden, als sein Sterbebette. Er bestieg es so froh, als einer, der sich eine Veranderung zu machen wunscht; aber auch hier verdarb ihm sein feines Gefuhl fur das Schone seine letzte Unterhaltung. Der gute Landgeistliche, der sich andachtig ihm naherte, schuttelte bedenklich den Kopf, als er ihn verliess; denn der Freiherr hatte wahrend der Einsegnung ihn nicht ehrerbietiger behandelt, als Malherbe seine Wirthin und seinen Beichtvater, da er mit sterbender Stimme diese noch uber ein Wort auszankte, das die grammatische Probe nicht hielt, jenen aber hohnisch versicherte, er wurde ihm die Freuden des Paradieses verekeln, wenn er in dem Tone, den er angestimmt hatte, fortfuhre. So wenig erbaulich nun auch der Hingang des Herrn von K ... in die andere Welt seyn mochte, so gelang ihm dafur der Beweis desto besser, den er in seinem Testamente ablegte: dass man auch noch in der Todesstunde das reinste Deutsch schreiben konnte; denn er gab einer Gerichtsperson seinen letzten Willen in die Feder, zwar mit schwacher Stimme, aber desto starkern und gewahlten Ausdrucken, entwickelte auf das verstandigste die Grundsatze zur Erziehung seines unmundigen Sohns, die er einem bekannten Gelehrten in Leipzig, dem Professor Christ, ubertrug, und ernannte mit grosser Besinnungskraft Deinen Oheim als Vormund, unter der zutraulichen Bitte, die Verwaltung seines nachgelassenen Vermogens zu ubernehmen, und seine in etwas verfallenen Guter in bessere Ordnung zu bringen.
Dein wurdiger Oheim fuhlte sich nun zwar durch den Auftrag des Verstorbenen sehr geschmeichelt. "Der Mann," sagte er zu seinem alten Hausvogt, "muss mich doch fur einen ehrlichen Kerl und guten Landwirth gehalten haben, ob er mich gleich, so lang' er lebte, nichts davon merken liess." Indess konnte er doch dabei eine Bemerkung nicht unterdrucken, die ihm sein gerader Menschenverstand eingab: "Seinen Nachlass soll ich in Ordnung bringen? Gut! das soll zwar geschehen; aber warum that es denn der liebe Mann nicht selbst? Wenn ich ein Jahr versaumen wollte, mein Haus kehren zu lassen, machte mich dann aus dem Staube, und bate meinen Nachbar, dafur Sorge zu tragen, was wurden die Leute denken? Drollig genug, dass man den letzten Willen eines Mannes, der uns eine ahnliche Zumuthung thut, nicht auch, so gut wie jenes, fur eine Unhoflichkeit aufnimmt! Er darf sein Leben vergeuden; genug, dass er in seinem Testamente jemanden auf das Korn nimmt, dem er die Muhe und den Schweiss ubertragt, die er selbst zu verlieren keine Lust hatte. Da greift er ohne Bedenken in die Zeit, zu der er doch eigentlich gar nicht mehr gehort, und setzt seine stinkende Faulheit noch im Grabe fort, unter der Nase des gutwilligen Narren, dem er seine abgeschuttelte Arbeit aufgehalst hat. Wenn das sein Haus bestellen heisst, so verstehe ichs nicht."
O du mein verewigter Lehrer und Wohlthater! unschuldiger Landmann unerfahren in den Kunsten, die der Luxus erfand, und Fremdling in allen andern Wissenschaften, als die uns die einfache Natur lehrt; was fur ein unseliges Geschick offnete dir den Haushalt eines Mannes von Geschmack, und unterwarf deiner Verwaltung Dinge, die nach ganz andern Regeln beurtheilt werden, als nach den Gesetzen der Oekonomie und nach dem Ausschlage des innern Werths!
Zwar fanden die wusten, ausgesogenen Aecker ihren Herrn an ihm, die abgestorbenen Obstbaume wurden bald durch frische Stamme ersetzt, die durren Wiesen gewassert, die verschlammten mit Graben durchzogen, und noch grunen die schonsten wilden Zaune zu seinen Ehren um manche Gras- und GemusGarten; der Viehstand erhohte, die Ernten verdoppelten sich, und die verfallene Brauerei offnete den armen Bauern eine Labequelle, die seit vielen Jahren vertrocknet war. Alles kam nach seiner Anweisung in Thatigkeit, Fulle und Segen uberstromte die Scheuern und Boden seines Mundels, und Muth und Kraft kehrten in die erneuerten Hutten seiner Unterthanen zuruck. So sichtbar auf dieser Seite seine vormundschaftlichen Verdienste waren, wie sehr wurden sie nicht auf einer andern durch die Missgriffe verdunkelt, die er in dem Schlosse des Erblassers mit ehrlicher Unbefangenheit that! Unerkannte Sunden, die ihm aber ein Verehrer der Kunst, ein Kenner des Schonen, ein Nachtreter Winkelmanns, so wenig vergeben wird, als sie ihm sein Mundel vergab
Hier aber, Eduard, muss ich eine Pause machen, denn ich halte es nicht langer aus. Es gehort eine eigene Geduld dazu, seine Feder den Worten oder Gedanken eines andern zu leihen. Man weiss nicht, wo man seinen eigenen Kopf dabei hinthun soll. Nein! in der ganzen Natur giebt es keine so widrige Handarbeit, als die eines Kopisten. Ich finde das Holzhacken nicht so undankbar und um vieles origineller. Zehnmal kam ich in die Versuchung, um mir den Weg zu verkurzen, ein mussiges oder schleppendes Wort wegzulassen, oder es mit einem aus meinem Gehirne zu vertauschen, und die Sache ungefahr so zu behandeln, wie gewisse Schriftsteller, wenn sie aus anderer Buchern ein eignes schreiben, oder wie Elias Stapert den Konig von Pohlen.
Wer ist denn dieser Elias? hore ich Dich fragen. Das will ich Dir noch in der Geschwindigkeit erzahlen, ehe ich Feierabend mache. Elias Stapert ist ein abgedankter Skribent, dem ich durch meinen Kredit in Berlin eine Stelle in der dortigen Charite verschafft habe, wo Du ihn aufsuchen kannst, wenn Du Lust hast. Er war ehemals in der Deutschen Kanzellei zu Warschau angestellt, und erzahlte mir, man habe ihm dort zu seinem taglichen Geschafte eine gewisse Anzahl Berichte mit ihren Aufschriften an den Konig angewiesen. Der Rath, der die Koncepte zum Abschreiben unter die Kopisten vertheilte, band sie zwar nicht an die Uhr, wie gemeine Tagelohner; aber er schien es so gut in der Hand und im Wurf zu haben, dass er genau jedem so viel zumass, als er den Tag uber leisten konnte, so dass sich keiner so leicht eine Freistunde zu erschreiben im Stande war. Nun hatte der arme Elias ein kleines Haus in der Vorstadt und ein hubsches Gartchen daran, an das er immer dachte, wenn er zusammen gedruckt an dem Schreibtische sass und nach Luft schnappte. Da kam er nun eines Tags zur Zeit der Rosenbluthe auf den unglucklichen Einfall, zwar nicht den Koncepten, die vor ihm lagen, aber der langen koniglichen Titulatur bald hier bald da ein Wort abzuzwacken. Sein erster schuchterner Versuch gelang so gut, dass er ihn ohne Bedenken wiederholte: endlich gewohnte er sich mechanisch daran, und gewann durch diesen kleinen Kunstgriff an jedem Kouvert zwei Minuten, mithin an dreissigen eine volle Stunde, die er denn, Gott weiss mit welchen sussen Gefuhlen, unter seinen Blumen hinbrachte. So hatte er, verschiedene Jahre vor der Theilung von Pohlen, dem guten Konig eine Provinz nach der andern, auf dem einen Umschlage Reussen und Preussen, auf dem andern Massovien und Samogitien, bald Podolien und Podlachien, bald Kurland und Semigallien abgenommen, ohne dass die politische Welt darauf achtete. Diess machte ihn, wie das so geht, immer begehrlicher und dreister: er riss nun schon, besonders an heitern Tagen, dem Reiche einen Theil mehr ab, und dehnte die noch ubrigen desto langer. Endlich, nachdem er sich einmal an dem: Ew. Majestat werden Sich allergnadigst zu erinnern geruhen matt und hungrig geschrieben hatte, erholte er sich so sehr an seinem schon um sechs Provinzen armern Monarchen, dass er ihm auch noch Smolensko und Szarnicovien wegnahm. Das gab nun freilich, so sehr er auch seine Buchstaben in's weite spannte, dem Ganzen ein sehr leeres Ansehen.
Ein junger Rath, der mit den Kouverts spielte, wahrend sich die andern mit dem Inhalte beschaftigten, nahm das Luckenhafte in der Aufschrift wahr, und that sogleich in pleno eine sehr emphatische Anzeige von seiner ominosen Entdeckung. Die ganze gelehrte Versammlung kam daruber in Aufruhr. Man verschob die laufenden Geschafte des Tags uber diesem ausserordentlichen Vorfall, untersuchte nicht weiter die Eingaben, sondern die Aufschriften, liess altere Akten und noch altere aus dem Archive holen, storte nach allen den koniglichen Titeln, die von der Hand des armen Elias waren, erstaunte uber seine langjahrige Untreue, und berathschlagte sich nun uber seine Bestrafung. Der eine Beisitzer votirte, des Exempels wegen, auf den Pranger, der andere, der vorsetzlichen Bosheit halber, auf den Staupbesen, ein dritter und vierter auf eine blosse Censur; am Ende vereinigten sie sich auf die Landesraumung, zu der sie ihm eine Frist von vier Wochen bewilligten. Er musste nun seinen Platz am Schreibtische einer andern leidenden Kreatur, und seinen Glaubigern Garten und Haus abtreten. Mit nichts als einem Strausse, den er von seinen Nelken abbrach, die eben im Flor standen, und den er unterwegs mit mancher Thrane befeuchtete, verliess er die Stadt, bettelte sich nach Berlin, und kam endlich auch vor meine Thure. Sein ehrliches Gesicht und seine traurige Geschichte ruhrten mich, und wie oft ist sie mir nach der Zeit eingefallen! Ich gab ihm ein reichliches Almosen, und sorgte in der Folge, wie ich Dir schon gesagt habe, fur sein Unterkommen.
Kannst Du aber wohl glauben, Eduard, dass ich seitdem keinen koniglichen oder furstlichen Titel mehr sehen kann, ohne mich zu argern, und die armen Gebeugten zu bemitleiden, die sich an solchem Wortkram wasser- und lungensuchtig schreiben mussen? Ware ich ein Furst, ich wollte mich an der kurzen Aufschrift begnugen: A n u n s e r n g n a d i g e n L a n d e s v a t e r , und Sorge tragen, dass ich nur diese verdiente. Ich wurde einem solchen Propheten, als mein Elias war, kein Haar krummen, und ihm gern die Stunde gonnen, die er an dem ausgehangten Plunder meiner Titel ersparte. Sie mogen so lang, so wahr, oder so lugenhaft seyn als sie wollen, sie machen doch den, der sie fuhrt, weder reicher noch kluger, befestigen sein Ansehen nicht mehr als sein Eigenthum, und rucken seine grossen Anwartschaften um keinen Tag naher. Wie viel unzahlige Stunden, die zusammen gewiss mehrere Menschenalter betragen, wurden nicht zum Beispiele nur die Sachsischen Kanzellisten an der einzigen Zeile: Julich, Cleve und Berg auch Engern und Westphalen, gewonnen haben, seitdem diese Floskel in unnutzem Gebauche ist, wenn man sie ihnen, zu einer klugern Beschaftigung, erlassen hatte! und wo lage denn der Schaden, der fur ihre Herren daraus erwachsen ware? Diesen Erlass konnten sie ihnen sogar ganz keck als eine Zulage ihres armlichen Lohns anrechnen, und, so versaumt als es diese Klasse von Soldnern ist, wurden sie es noch eher fur bares Geld aufnehmen, als die leeren Versprechungen, mit denen man sie so gern von einem Jahre auf das andere verweist.
Doch ich muss lachen, dass ich diesen Sklaven, die mit ihren Gansekielen den Staat fortrudern helfen, ohne nur Einen aufmunternden Blick von dem Steuermanne zu bekommen, so herzlich das Wort rede. Das sind aber die guten Folgen der eigenen Erfahrung; und wie Du mir einst die nachsichtsvolle Behandlung eines gewissen Generals gegen sein Regiment dadurch begreiflich machtest, weil er in seinen ersten Dienstjahren selbst Spiessruthen gelaufen sei und auf dem Esel gesessen habe, so erklart sich mein Mitleiden fur diese Schreibmaschinen eben so leicht aus dem Drucke, unter dem mich ihr Handwerk bei der Abschrift des fremden Briefs leider zwei volle Stunden gehalten hat. Er hat mich noch ausserdem an andere Missbrauche der edeln Schreibekunst erinnert, die bei jedem Tribunal die Ausgabe fur Dinte, Federn und Papier jahrlich vergrossern, mit denen man Zeit und Raum in der Welt immer mehr verengt, und die ich gern noch abschaffen mochte, wenn ich nicht heute zu schlafrig dazu ware. Ach! warum thun es doch unsere Fursten nicht! Um wie vieles wurden sie selbst sich ihre Regierung, die niemals papierner gewesen ist, als in dem laufenden Jahrhunderte, erleichtern, wenn sie von ihren schalen Titulaturen an bis zu ihren wichtigen Staatsverhandlungen alles, was von dem Kanzler bis zum Kopisten Unnutzes, Weitschweifiges und nur dem albernen Herkommen zu Liebe geschrieben und wieder geschrieben wird, auf die gefallige Kurze mundlicher Rede eines gescheidten Mannes zuruck bringen wollten! Sie wurden den Vortheil davon haben, den taglichen Zustand ihres Landes, auf einem einzigen Bogen vielleicht, ubersehen zu konnen, da sie wohl jetzt sich schon an einem voluminosen Konsistorialberichte mude lesen, der oft keine andere Neuigkeit auslegt, als dass ein Madchen zum ersten oder zum viertenmale zu Falle gekommen sei, und den sie wohl nicht einmal so sein aus einander setzen, als ich mein Attentat bei Klarchen.
Den 11ten Januar.
Ich wusste nicht, wie fur die Art von Mussiggang, wie ich ihn am liebsten treibe, irgendwo besser gesorgt seyn konnte, als in dieser geschaftvollen Stadt. Alles uberzeugt mich, dass durch den Anblick fleissiger Menschen nicht allein die Seele, sondern auch der Korper viel zweckdienlicher in Bewegung erhalten wird, als durch einsame Spaziergange; gesetzt sogar, dass man auch, wie das doch nicht immer der Fall ist, an sich selbst einen Begleiter fande, dessen Unterhaltung uns fur jede andere schadlos hielte. Was die Vorstellungen meines Arztes nicht vermochten, macht hier der Handlungsgeist moglich. Er, der so viele Maaus den Federn, nothigt mich an das Fenster, und offnet mir Augen und Ohren. Setze ich meinen Fuss aus dem Hause, so zieht die Vorsicht, die ich anwenden muss, dass er nicht uberfahren, oder durch die Fusse eines Lasttragers zerquetscht werde, gewiss manches schlaff gewordene Knotchen meiner Flechsen wieder an, denen unter allen Lagen keine so nachtheilig ist, als die bequeme. Nirgends aber wirken die in Thatigkeit gesetzten Krafte sichtbarer und wohlthatiger auf die meinigen zuruck, als wenn ich den Hafen besuche. Mein Korper ahmt alsdann, ohne es zu wissen, die schwersten Originale der Arbeitsamkeit, die sich ihm darstellen, auf das treueste nach, und indem ich zum Beispiele die kraftige Aeusserung des Wollens und Vollbringens derjenigen beobachte, die an einem seufzenden Kran ungeheure Lasten in das Schiff heben, beisse auch ich die Zahne zusammen, dehne meine Arme, krumme meinen Rucken, die Adern laufen mir auf, und der Schweiss tritt mir so lange vor die Stirne, bis die Schwierigkeit uberwunden ist. Dann aber erleichtere ich auch meine Brust durch einen behaglichen Seufzer, wie jene Kraftmanner die ihrige. Die starkende Seeluft kuhlt uns ab, und von dem kostlichen Hunger, den sie zu ihrer Mahlzeit errangen, trage ich denn auch so viel nach Hause, als mein schwacher Magen bedarf. Ich werde diesen Versuch, den ich aus Vorbereitung zu dem Schmause, der meiner heute erwartet, diesen Morgen mit meinem Korper vornahm, taglich wiederholen, so lange ich hier bin; denn, Du glaubst nicht, mit welchem ganz andern Vergnugen ich jetzt an die Einladung des Herrn Frege denke, als gestern, da ich Dir zu Gefallen mich zu einem Abschreiber erniedrigte, und sich viele Stunden hinter einander von meiner armen Maschine nichts als die Finger bewegten.
Warum aber, lieber Eduard, haben denn wir eine solche Scheu vor jeder korperlichen Arbeit? Wurden wir denn nicht, da schon die sichtliche Vorstellung derselben so grosse Wunder thut, unsern Lebensgenuss um vieles erhohen, wenn wir, nach Lockes Rath, neben unserer standesmassigen Erziehung auch ein Handwerk und das trockene Brod wenigstens verdienen lernten, das wir in kleinen Bissen geniessen? Ist es recht, dass wir durch das vornehme Zuruckziehen unserer Hande dem armen Tagelohner mehr Hunger aufhalsen, als er befriedigen kann, indess wir uns der Erholungen, die nur den Fleiss belohnen sollten, als Mittel bemachtigt haben, unser unnutzes Triebwerk im Gange zu erhalten? Ich dachte, dieser strafende Gedanke musste jedem in den Weg treten, der, einem Trupp Schnitter vorbei, uber Feld reitet, seine mussigen Stunden in einem rollenden Wagen verschnauft, sich auf Ballen und Jagdpartien in Schweiss setzt, und jedes Fruhjahr ein Bad besucht, damit ihm nur der Schwamm nicht uber den Kopf wachse, der in ihm keimt.
Wir haben alle einen vornehmen Herrn gekannt, dem diess begegnete der sich endlich ein Faulfieber an den Hals, und mit sich sechs nutzliche Menschen in das Grab zog, die ihn wahrend seiner ansteckenden Krankheit bedienten. Wir erzahlten einander in unsern Gesellschaften diesen Vorfall als die gleichgultigste Sache. Hatte er aber unser Gefuhl nicht eben so sehr emporen sollen, als die in Indien hergebrachte Ceremonie, nach welcher die Sklaven zur Begrabnissfeier ihres verstorbenen Herrn geschlachtet werden? Wohl gut, dass es kein Philosoph war, dem die Leichenrede unsers verklarten Freundes ubertragen wurde! Aber wie zum Henker komme ich zu diesen moralischen Grillen? den ungeschicktesten, die ich wohl hatte aufjagen konnen, um mich zu dem Gastmahl eines reichen Banquiers zu begleiten.
Ein Doktorhut hat das Gute an sich, dass man ihn, sei es einer hubschen Dormeuse gegenuber, in dem Kranzchen einer lustigen Gesellschaft, oder in dem Zirkel der grossen Welt, kurz, bei allen Gelegenheiten, wo er uns hindert, ablegen kann, wie jeden andern gewohnlichen Hut. Er bleibt desswegen doch unser, sammt seinen Anspruchen, und wir finden ihn gewiss unter allen den feinen und groben Huten wieder heraus, die sich unterdess uber und neben ihn herwarfen. So habe auch ich den meinen glucklich nach Hause gebracht, ohne ihn zu verwechseln, und, da ich ihn schwerlich heute wieder aufsetzen werde, abgestaubt und an den Nagel gehangt. Was sollte er mir jetzt? Er wurde die Figur doch nicht sonderlich heben, die ich jetzt in meinem Lehnstuhle mache, so wenig als die Tragheit verscheuchen, die mich allein abhalt, Dir die herrlichen Gerichte alle aufzuzahlen, denen ich sie verdanke.
Ich habe funf uppige Stunden verbraucht, um eine Menge neue Bekanntschaften nicht unter den anwesenden Gasten sondern unter den Konsumtibilien zu machen; denn gute Gesellschaften sehen sich an jedem grossen Ort einander gleich, aber nicht ihre Schusseln. Der Erziehungskunst, so hoch man sie auch uberall getrieben hat, misslingt ihre Bemuhung nur gar zu oft. Sie putzt und spickt und salzt das Wildpret, das sie behandelt, nach verschiedenen Methoden, und bringt doch am Ende nur ein verkunsteltes Gericht, oder hochstens ein Schauessen zuwege, das unter jedem Himmelsstrich einerlei Farbe hat. Sie versteht lange nicht so gut der Natur nachzuhelfen, als ihre altere Schwester, die Kochkunst, die immer das Eigenthumliche jedes Landes mit der allgemeinen Erfahrung so geschickt zu verbinden weiss, dass jedes Gemuse seinen gehorigen Zusatz, jeder Fisch seine rechte Bruhe erhalt, und sie unterscheidet viel kluger als jene, welches Stuck sie mortificiren, welches sie dampfen soll wie viel Wasser jenes, wie viel dieses Feuer bedarf, um gar zu werden, und weist jedem seinen eigenen Topf an.
Da ich indess immer geglaubt habe, dass nichts mehr zarte Empfindungen, gewurzte Einfalle und neue Wendungen des Geistes hervorbringe, als Gerichte von ahnlichem Gehalte; so nimmt es mich doch Wunder, dass bei den vielen feinen Schusseln, die Marseille vorzugsweise liefert, die hiesige Akademie der schonen Wissenschaften sich nicht besser auszeichnet. Es waren heute verschiedene ihrer Mitglieder zugegen; aber, so viel ich habe bemerken konnen, war kein Chaulieu, kein Lafontaine, kein Anakreon darunter, obgleich keiner bei den leckern Bissen, die er zu sich nahm, vergass, dass seine Zunge auch ein Sprachorgan sei.
Bei allem dem kam mir doch den ganzen langen Mittag uber auch nicht einen Augenblick das Heimweh an: und wenn es zutrifft, was mir Herr Frege fur diesen Abend verspricht, hoffe ich auch den Ueberrest meines Tages von dieser patriotischen Krankheit befreit zu bleiben; denn er denkt, dass ein Ball, zu dem er mir auf das hoflichste sein Einlassbillet abgetreten hat, mich sichtlich von dem grossen Vorzuge uberzeugen werde, den die hiesigen Damen vor dem ganzen schonen Geschlechte der Erde ohne Ausnahme behaupten. Ich stutzte, als er mir das sagte, ging in der Geschwindigkeit die beruhmten Schonheiten unsers Berlins durch, und schuttelte etwas unglaubig den Kopf. "Nun, Sie sollen es mir wieder sagen," versetzte Herr Frege: "vergessen Sie nur nicht, Herr Landsmann, eine gute Lorgnette mitzunehmen!" "O daran soll es nicht fehlen," erwiederte ich: "ich habe eine der scharfsten, die man finden kann, und die mir zu Caverac, Avignon und Gott weiss wo sonst noch, die vortrefflichsten Dienste geleistet hat." "Nun, so wunsche ich Ihnen Gluck zu Ihrem heutigen Abend; es thut mir leid, dass mich meine Geschafte verhindern, Sie zu begleiten."
Diese zuversichtliche Behauptung eines wahrheitsliebenden Deutschen, der Leipzig, Dresden, Frankfurt und Berlin inwendig und auswendig kennt, und an einem Orte wohnt, wo taglich alle Nationen der Erde ihre Waaren auslegen, kann wohl nicht anders als meine Neugier aufs hochste spannen. Wenn er Recht hat, so kame man beinahe in die Versuchung zu glauben, dass jene gepriesenen Nahrungsmittel wohlthatiger auf die aussern Organe wirken, als auf die innern. In einer See- und Handelsstadt mag das hingehen; ware aber Marseille eine hohe Schule, so wurde dieses Phanomen mehr Ungluck anrichten, als die philosophische Fakultat verhindern konnte. Glaube mir, Eduard, dass ich weniger zu meinem Vergnugen auf den Ball gehe, als um diese Streitfrage zu berichtigen, die wohl eine der wichtigsten in der Naturgeschichte ist.
Dieser Tag des Wohllebens und der Entscheidung ware nun voruber! Und welcher Nation der Erde, fragst Du, gehort denn, unter allen den Schonen, die du sahest, die Mustergestalt an, der du den Apfel reichen wurdest? Geduld, Eduard! Ich habe noch Zeit genug ubrig, mit Dir zu schwatzen; denn ob es gleich schon einige Stunden uber Mitternacht ist, so sind doch meine Augen von den Bildern, die bei meinem Fernglase voruberzogen, noch viel zu gespannt, als dass ich sie so geschwind schliessen konnte. Bei den optischen Strahlen der Schonheit, bei den magischen Tonen der Musik, die ich in solcher Menge aufgefangen habe, dass ich Feuer geben und klingen mochte wie ein Bustrich, ist es mir nicht allein gelungen, den wichtigen Streit der Schonen aller Nationen gegen einander vollig zu schlichten; sondern ich bin auch nebenher auf die sonderbare Entdeckung gestossen, wie man neue Sylbenmasse, an denen es unserer Poesie so sehr mangelt, ohne grosse Anstrengung finden kann.
Die Operation ist kinderleicht fur jeden, dem es wahrend und nach einem Balle so geht wie mir, dass er kein Wort sprechen und denken kann, das nicht Takt halt. Er setze nur die Fusse seiner Verse nach eben der Ordnung, Abwechselung und Mensur, die eine tanzende Schone den ihrigen giebt, und er wird mit Verwunderung sehen, wie sich manches Sylbenmass unter ihren harmonischen Schritten bilden wird, an das vorher noch kein Dichter gedacht hatte. Zur Probe meiner neuen Erfindung will ich Dir den ersten Eindruck des Ganzen auf meine uberraschten Sinne in keinen andern, als solchen abgestohlnen Versen erzahlen. Ich erwischte den Takt dazu bloss in den letzten Schwingungen des Tanzes, der eben zu Ende lief, wie ich in den Saal trat.
Freund! das war ein Ball! So hat nie ein andrer
Mich, selbst in furstlichen Salen ergetzt!
Hat mich denn, dacht' ich, wie Paulus den Wandrer,
Ein Traum in den dritten Himmel versetzt?
Ich sah hier Tanzer in fremden Gewanden,
Und Schonen mit fremden Federn geschmuckt,
Als hatten die fernsten Volker Gesandten
Zu diesem Feste der Fusse geschickt.
Ich sah
Doch nein, weiter darf ich nicht fortfahren: denn die Musik schweigt, meine Vortanzerinnen verschnaufen, und der Saal nimmt eine prosaische Gestalt an. Ich machte mich sogleich zu meinem Richteramte geschickt, nahm mein doppeltes Fernglas vor die Augen, und wie ein Blumist in den Garten zu Harlem in stiller Betrachtung von der Aurikel zur Nelke, von der Hyazinthe zur Klatschrose schleicht, mit seinen Bemerkungen von der Krone zum Stangel, und von diesem, mit gewagten Schlussfolgen, bis zu der verborgenen Wurzel herabsteigt, bald in der einen Blume den Umfang ihrer markichten Blatter, bald in der andern die gedrangtern Schonheiten ihres Kelchs bewundert, und sie erst alle mehrmalen beaugelt, ehe ihn der Abschluss seiner Vergleichungen zu derjenigen Blume zuruck bringt, die ihn am meisten bezaubert hat; so punktlich verfuhr auch ich in meiner Untersuchung, konnte des Spiels, das ich immer mit neuem Vergnugen wiederholte, in den vielen Stunden, die es mich in dem bunten Zirkel herum trieb, nicht satt, und lange nicht uber das Urtheil mit mir einig werden, das ich uber alle Nationen der Erde fallen sollte. Endlich aber, nachdem ich diese herrlichen Gewachse der physischen Welt von allen Seiten besehen, wieder besehen und mit einander verglichen hatte, blieb meiner Unparteilichkeit, nichts ubrig, als dem Herrn Frege beizustimmen, und den einheimischen vor allen den auslandischen, die ich unter sie gemischt sah, den Vorzug der Schonheit zuzugestehen. Ich kann weder euch helfen, ihr feurigen Geschopfe Italiens, noch euch, ihr schlanken Gestalten Englands, und selbst auch euch nichts, ihr meine lieben blonden Landsmanninnen euch allen allen nicht, die Spanien und Pohlen, Russland, Schweden und Danemark vor meinen Richterstuhl schickten. An jeder von euch ruhrten, blendeten und entzuckten mich einzelne Reize genug, die ich aber nirgends so flecken- und tadellos und so offen beisammen fand, als in den atherischen Gestalten Marseillens. Keine war wie ging das zu? der andern gleich, und doch jede vollkommen.
Herr Frege behielt Recht. Er behielt Recht von acht Uhr des Abends bis eine Stunde nach Mitternacht: aber eben wie es Eins geschlagen hatte, stellte sich eine Griechin seiner Ausforderung entgegen, und nach wenigen Minuten war ich gezwungen, mein schon gefalltes Urtheil beschamt wieder zuruck zu nehmen. Ein guter Wind hatte sie, erst vor einer Stunde, in den Hafen gebracht, unter der Aufsicht und Leitung ihres Oheims, des weltberuhmten Ritters von Tott. Er, der lange Jahre die Dardanellen vertheidigte, und die Unglaubigen siegen gelehrt hatte, eroberte fur sich selbst eine schone Cirkasserin, und fluchtete jetzt seinen Reichthum, seine Frau und ihre Nichte nach Frankreich.
Dieses Wundermadchen hatte nur zu lange auf dem engen Spielraum eines Schiffes den Tribut entbehren mussen, an den ihre Reize gewohnt waren; nur zu lange hatte sie nicht ihren Schmuck angelegt und getanzt. Man kann denken, wie ungeduldig sie ihrer Landung entgegen sah. Gott sei gedankt! rief der Ritter, wie er in den Hafen einlief, jetzt haben wir die reichste Stadt meines Vaterlandes und den besten Zufluchtsort gegen die Langeweile erreicht. Sie haben jetzt nur zu wahlen, meine liebe Nichte. Was wunschen Sie zu Ihrer ersten Erholung? Das Madchen antwortete: Einen Ball! und so stieg sie aus der offenen See vor den offenen Spiegel, fand sich da wieder, eilte, vielleicht zu sehr, mit ihrem Putze, und ging nun an dem Horizont unsers glanzenden Festes, wie der Morgenstern, auf, der eine ganze Milchstrasse verdunkelt.
Der weibliche Zirkel gerieth bei ihrer Erscheinung in einen sichtbaren und sehr gerechten Unmuth; denn unter den Mannern blieb auch nicht Einer seiner Auserwahlten so treu, dass er nicht seine Augen von ihr abwandte, und seinen Handkuss aufschob, um dieser Huldgottin einen beifalligen Blick zu entlocken, und in Andacht ihren Einzug zu feiern.
So trat die Nichte
Doch, eh' ich meine Romanze in dem neuen Versmasse anstimme, das ich unter den fluchtigen Fussen dieser unvergleichlichen Tanzerin wegstahl, und das ich Dir zugleich als die zweite Probe meiner glucklichen Erfindung vorlegen will, bitte ich Dich, lieber die in meinem Tagebuche, und mitunter ziemlich derb auftreten, dieses liebe Madchen schon die vierte ist.
Als einem Autor von seinem moralischen Gefuhl, kann mir dieser zufallige Umstand nicht anders als angenehm seyn; denn es wurde mir leid thun, wenn ich hier und da das, was ich ohne Bedenken von Nichten erzahle, einer Tochter nachsagen musste. Ob ich gleich, wie der Leser, mit der einen so wenig in Verwandtschaft stehe, als mit der andern, so ist doch gewiss, dass man an einer Verlegenheit, die Tochtern begegnet, innigern Antheil nimmt, als in die sich, nach Zeit und Umstanden, eine Nichte gebracht sieht. Es ist, mit Einem Worte, sobald man dabei nur Onkel Tante, oder Vormund erwahnen hort, als ob man froh ware, dass nur Vater und Mutter die Abzeichnungen nicht erlebt haben, in denen sich ein Reisebeschreiber, wie ich, Cook oder Vaillant, oft genothigt sieht, so reizende Geschopfe der neugierigen Welt bloss zu stellen. Ich thate freilich wohl kluger, ich liesse meine Bleifeder ruhen, und suchte mein Bette, wusste ich nur den verzweifelten Walzer, der mir im Kopfe liegt, auf eine andere Art los zu werden, als dass ich ihn auf Noten setze und Dir preis gebe. Aber, ziere ich mich nicht wie ein Kind! Warum sollte ich Dir denn etwas verheimlichen, was auf einem offentlichen Balle geschah, und was morgendes Tags, der schon anbricht, die eine Halfte der Stadt der andern als eine Neuigkeit ins Ohr raunen wird, selbst auf Gefahr, durch ihr zu lautes Geschwatz die schone Fremde auf immer und ewig daraus zu vertreiben? Es hatte also eben Eins geschlagen:
Da trat die Nichte des muthigen Tott
Mit ihm in den staunenden Saal:
Ein reiner und durch die Gnade von Gott
Gefullter Busen, und Augen voll Spott
In einem schneeweissen Oval.
Als sie mit Anstand die Reihen durchzog,
Ward Missgunst und Lusternheit wach
Ein summender Schwarm von Junglingen flog,
Als sie mit Anstand die Reihen durchzog,
Der Blume des Orients nach.
Die Facher rauschten: doch Mangel an Muth
Entfernte das feindliche Heer;
Der Handschuh lag still, es winkte kein Hut,
Die Tanzer weilten aus Mangel an Muth,
Und keiner noch trat ins Gewehr.
Doch endlich naht sich ihr bittend und dreist
Und Oberon stiess in sein Horn
Ein flinker Ritter vom heiligen Geist
Und endlich naht sich ihr bittend und dreist
Ein Ritter vom papstlichen Sporn.
Sie blickt auf keinen, und reicht ohne Wahl
Dem Ritter des Sporns ihre Hand.
Er, wie ein Sturmwind, durchbraust nun den Saal,
Und dreht und walzt sie, verungluckte Wahl!
Bis ihre Besinnung verschwand.
Sie fiel zwar, leider! so ehrbar nicht, als
Einst Casar, doch schoner gewiss.
Was Er verhullte, war freilich kein Hals
Von solcher Griechischen Federkraft, als
Hier einer sein Schnurband zerriss.
Von Wien bis China, von Osten bis West
War nie ein Schwindel so frei
Denk dir, was sich beschreiben nicht lasst,
Von Wien bis China, von Osten bis West
Und nun die Beleuchtung dabei!
Die Nymphen des Balls flohn wider Gebuhr,
Und lachten Doch Manner, wie ich,
Verstummten sittsam, und ruckten dafur
Dem Ziele naher, das wider Gebuhr
Ihr freundliches Fernglas beschlich.
Mich hatte die Lust ins Weite zu sehn,
Wie B o d e n und H e r s c h e l n , berauscht;
Hier sah ich Sparta, dort sah ich Athen
Nicht dunkler, als ich das Fusschen gesehn,
An das ich mein Strumpfband vertauscht.
Nur Er nahm, der selbst in Stambuls Gebiet
Nie Muth und Bewusstseyn verlor,
Kaum wahr, was seine Nichte verrieth;
So warf er, als stand' er in Stambuls Gebiet
Noch Wache, sein Schnupftuch davor.
Was half's dem Neider? Ich hatt', eh' er warf,
Mich langst nach dem Lichte gedreht,
Und dreimal erblickt Wie wenig bedarf
Der Mensch zum Frohseyn! ich schwor' es, er warf
Sein Turkisches Schnupftuch zu spat.
Sein schwarzes Auge voll blitzenden Zorns
Verjagte die andern. Es floh
Der Ritter des Geistes, der Ritter des Sporns;
Sie wurden unter dem Blitz seines Zorns
Des reizenden Anblicks nicht froh.
Kaum floh der Schwindel, so bot er den Arm
Der Schonen. Errothend verliess
Sie nun im Fluge den mannlichen Schwarm,
Der jetzt im Einklang er bot ihr den Arm
Die Reichthumer Griechenlands pries.
Ich braucht' als Richter das Fernglas nicht mehr,
Seit mein Object mir verschwand;
Mir schien der Rangstreit der andern so leer
An Rechtsbehelfen, sobald ich nicht mehr
Den Urthelsspruch zweifelhaft fand.
Vernehmt den Ausspruch, der ihren Beweis
Und der ihren Zeugen gebuhrt:
Mehr als ein Apfel versichre den Preis
Dem holden Kinde, das seinen Beweis
Selbst offner als Venus gefuhrt.
In Griechischer Luft, wie Winkelmann schreibt,
Gedeihen die Grazien nur,
Und Griechenland ist und Griechenland bleibt
Sie hat bestatigt was Winkelmann schreibt
Die Werkstatt der schonen Natur.
Diess sei so lange gesprochen zu Recht,
Bis es das Schicksal verhangt,
Dass mich ein Anwalt von Evens Geschlecht
Des bessern belehrt, und jene mit Recht
Aus dem Besitzstand verdrangt.
Die Manner klatschten; doch minder gelind
Verfuhren die Madchen und Frau'n:
Die schalt mich, die schwur, mein Fernglas sei blind,
Die droht', und die bat mich minder gelind,
Auch ihr Dokument zu beschaun.
Die Alten fragten mit bitterem Stolz:
Gilt die Verjahrung hier nichts?
Die Jungern schrieen: ich ware von Holz,
Und dacht', ich brauchte nichts weiter als Stolz
Zum Gang eines solchen Gerichts.
Mir blieb kein Ausweg, als den einst Ovid
Am Pontus Euxinus ergriff:
Ich ging und spielte diess einsame Lieb,
Mein Blut zu kuhlen, wie weiland Ovid
Die Schuld seiner Augen verpfiff.
Den 12ten Januar.
O warum kannst Du nicht mit mir fruhstucken, lieber Eduard! Der Morgen ist unter meinen Tagszeiten immer noch die klugste, und wo ich am ersten einen artigen Gesellschafter annehmen kann. Es sieht wieder so aufgeraumt in meiner Seele aus, wie in einem Putzzimmer, das die Nacht uber von dem gestrigen Staub gereinigt wurde. Alle die schadlichen Dunste, mit denen wir es angefullt verliessen, sind nun verflogen, Spiegel und Fenster sind hell, und die verschobene Symmetrie ist auf Gott weiss wie lange wieder hergestellt. Ich habe mich schon nach einem vernunftigen Geschaft umgesehen: es ist die Frage, ob ichs getroffen habe. Ich zog einen andern klugen Reisenden zu Rathe, der hier immer aus meinem Tische liegt, und ward endlich einig mit mir, einen Besuch bei Notre Dame de la Garde zu machen. Meine Erwartungen von diesem Spaziergange waren meiner Stimmung angemessen, und schrankten sich auf die herrliche Aussicht uber das Meer, auf den Hunger, den ich mir ergehen wurde, und auf das Vergnugen ein, die launige Beschreibung des C h a p e l l e nun auch einmal an dem Orte selbst zu lesen, den er durch ein paar hingeworfene Zeilen beruhmter gemacht hat, als es nimmermehr Philippsburg oder Spandau seyn kann. Dabei ist es auch ungefahr geblieben.
Ich schlenderte durch steile Wege,
Chapellens Reisen in der Hand,
Der Festung zu, die einst mein Herr Kollege
So gut als ich verschlossen fand;
Doch so gefasst sie stets bei jedem Ueberfalle
Der Dichter scheint, so weiss man doch, sie ist
Nicht fester, als die Festen alle,
Die unsre liebe Frau verschliesst.
Die Zeit hat noch uberdiess manche von den Merkwurdigkeiten zerstort, die jener Reisende uns aufbehalten hat. Der Schweizer mit der Hellebarte, der damals noch am Thore der Festung Wache hielt, ist so ganz von Regen und Wind verwischt, dass man keine Spur mehr von ihm findet. Auch nicht eine Hand voll Erde bedeckt diesen Felsen mehr, aus dem zu jener Zeit die Leute noch ackern konnten, von denen er die Nachrichten erhielt, die den Kommandanten des Schlosses betrafen, das jetzt, glaube ich, nah und fern keinen mehr hat. Wusste man nicht, dass mein wurdiger Vorganger sich so wenig in seiner Beschreibung ein unwahres Wort erlaubt hat, als ich in der meinigen, so sollte man es kaum fur moglich halten, dass hundert Jahre einen fruchtbaren Berg bis zu der Nacktheit abschalen konnten, in der er jetzt den zermalmenden Strahlen der Sonne bloss steht. Hatte mich nicht der eine Halbzirkel durch die Aussicht uber das Meer, den Hafen und die Stadt, fur die andere Halfte entschadigt, so wurden meine Augen sich sehr ubel befunden haben; denn die so genannten Lusthauser, die sich auf den angranzenden eben so kahlen Anhohen gedrangt an einander herum ziehen, und in dem starksten Brennpunkte der Sonne liegen, gehoren, nach meinem Gefuhle, unter die albernsten Einfalle, die je ausgefuhrt wurden. Eine so versengte Gegend als diese, die einem Baume so wenig Wurzel zu schlagen, als einem Graschen zu keimen erlaubt, ist doch wahrlich nicht geschickt, menschlichen Geschopfen einen Zufluchtsort gegen die Langeweile zu bieten. O dass ich nicht diese artigen Tempelchen und Pavillons in die schattigen Gegenden Deutschlands versetzen, und ihnen nicht jene schmaragdfarbigen Teppiche unterlegen kann, die schon den Strohhutten, die darauf kleben, das frohlichste, lieblichste Licht mittheilen! Ach es geht der Baukunst, wie allen andern Kunsten: sie zeigt selbst in ihren prachtigsten Werken Armuth und Mangel, wenn sie nicht mit der Natur, die sie umgiebt, in Verhaltniss stehen, da hingegen d i e s e alles hebt und nichts verunstaltet.
Abgewendet von den prahlenden Darrboden des kaufmannischen Luxus, sehnten sich nun meine Gedanken und Blicke nach den vaterlandischen Gefilden; aber desto weniger behagte mir auch ein langerer Spaziergang auf dem brennenden Steinwalle dieser zitternden Landwehre. Ich strengte mich an so gut es gehen wollte; doch eh' ich den Fusssteig wieder fand, der mich herbrachte, traf ich in meiner Runde, ganz unerwartet, auf einen Ruhepunkt, der, wie Du sehen wirst, meiner Erschlaffung herrlich zu Statten kam. Es war Notre Dame de la Garde selbst, die mir ihn anbot. Durch eine offene vergitterte Blendung, die durch die Festungs- und Kirchenmauer zugleich geschlagen und zu einer Halle gewolbt ist, giebt sie sich hier, mit nachgelassener Etiquette, zu allen Stunden der Anbetung preis, ohne dass es nothig wird, den diensthabenden Monch aufzusuchen, um die Hauptthure zu offnen. Diese Anlage mag zwar wohl wider alle Regeln des Vauban verstossen; sie gereicht aber zur grossen Bequemlichkeit derjenigen Pilger, die mehr noch von dem Aeolus abhangen, als von der Madonna. Da der steinerne Sitz vor der Niche durch den Vorsprung des Dachs in Schatten lag, so benutzte ich die gute Gelegenheit, bei diesem wunderthatigen Bilde Abkuhlung zu suchen, und, aus Mangel eines bessern Zeitvertreibs, alle die ihr geweihten Kleinodien zu betrachten, die mein Auge erreichen konnte; gewiss die sonderbarste Sammlung, die weit und breit anzutreffen seyn mag, und die wohl eine genauere Beschreibung verdiente, als ich Dir gebe. Demuthig blicket hier durch ein verrostet Gitter Die schmutzigste Kopie der heiligsten der Mutter. Nur eine schwache Lamp' erhellt Die Seegefecht' und Ungewitter, Von denen mancher kuhne Ritter Nach einem Schwung um das Spital der Welt Ein grasses Nachbild aufgestellt. Sah ich auch, hinter Glas verwahrt, Geraubte Kranze mancher Art In Siegen eher nicht gelungen, Als an Mariens Himmelfahrt. Doch, was am meisten mir Erstaunen abgedrungen, Hab' ich bis auf die Letzt verspart. Ein Kinderschwarm von Wachs, der Armuth und der
Blosse
Schon fruh geweiht, umgab an der Madonna Thron Noch einen Sterblichen in seiner Jugendgrosse, (Mit Ehrfurcht nenn' ich ihn) den ersten Schmerzenssohn Der grossen Wochnerin T h e r e s e In gutem hartgebranntem Thon. Und mit geruhrter Brust liess ich die Worte fallen: "Hort mich, ihr Machtigen der weisen Klerisei! Wenn eure Zungen einst, bei einer Priesterweih, Am Ende eures Mahls, gelehrte Fragen lallen; So zieht doch auch m e i n Quaeritur herbei, Warum der Aermsten wohl von den Madonnen allen Diess irdene Geschenk von J o s e p h s Konterfei Und in den Wiener Kirchenhallen Den reicheren in kostlichen Metallen Diess grosse Loos geworden sei? Hat sie allein zu Wien an Gold so viel Gefallen, Und in der Armuth Sitz war' es ihr uberlei? Mir g'nugt der laute Ruf: Seit an T h e r e s e n s Grabe Die fromme Bettelei um eine milde Gabe Sich zwar im Staube noch, doch nicht in Goldstaub
walzt,
Der gross gewordne Kaiser habe Die kleinen wieder eingeschmelzt."
So wie mich nur meine kuhle Stirn und trockene
Haut uberzeugten, dass U n s e r e l i e b e F r a u das Wunder, das ich von ihr erwartete, an mir gethan hatte, und ich in dem Gedanken an unsern klugen Kaiser, und in der theologischen Aufgabe, die ich mit mir nahm, genug Unterhaltung auf meinem Ruckwege fand, so stieg ich, so geschwind als es anging, den schroffen Felsen hinab, dem belebten Hafen zu, der gerade zu den Fussen der Jungfrau liegt. Indem ich aber, um an den Mittelpunkt zu kommen, der die freieste Aussicht in das offene Meer gewahrt, an den Hausern hinschlich, die ihn von der Stadtseite her einschliessen, zog auf einmal uber einer der Hausthuren eine schwarze Tafel mit goldenen Buchstaben meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich blieb stehen und las:
Zu Ehren unsrer lieben Frau v e r s c h e n k t
Herr P a s s e r i n o , der Ex-Voto-Maler,
An jeden Pilger, der, nach ihrem Thron gelenkt,
Ein Dankbild ihr zu weihen denkt,
Das Stuck in Oel fur einen kleinen Thaler.
Auch findet man bei ihm ein seltnes Sortiment
Der meisten menschlichen Gebrechen
In Wachs Wer deren sucht, und Kunstlern von
Talent
Und Billigkeit den Vorzug gonnt,
Beliebe bei ihm einzusprechen.
Da es mir eigentlich um nichts weiter zu thun war, als die Stunde, die mir bis zum Mittage noch frei blieb, hinzubringen, und, ohne mich geradezu auf ein Faulbette zu strecken, von der Ermudung meiner Wallfahrt auszuruhn, so gab ich dieser Marktschreierei und um desto leichter Gehor, je naher sie mit j e n e r in Verbindung stand, von der ich eben herkam. Du willst doch, dachte ich, die Freigebigkeit des Herrn Passerino ein wenig naher untersuchen, trat in das Haus, fragte nach dem Kunstler, und kratzte mich gewaltig hinter den Ohren, als man mich vier Treppen hinauf in jene artistische Hohe wies, wohin diese Herren gemeiniglich ihre Werkstatte verlegen, wenige ausgenommen, die, wie Mengs, Dietrich, Grassy und Graff, alle und jede Licht- und Luftstrahlen der Natur uberall an der Hand, und nicht nothig haben, sie erst unter dem Dache zu suchen. Wirst Du. mich aber fur klug halten, Eduard, wenn ich Dir sage, dass ich, so mude und matt ich auch war, dennoch dem ExVoto-Maler in seinem Neste nachstieg? Entscheide doch ja nichts daruber, bis ich von ihm wieder zuruck komme. Denke nur an den Munster-Thurm zu Strassburg. Es sind noch nicht drei Monate, dass ich seine neun und neunzig Stufen wie ein Narr erkletterte, und wie belohnt wie bereichert an neuen Erfahrungen flog ich an der Hand meines Jerom herunter! Wer weiss was mir mein heutiger Gang eintragt!
Herr Passerino kam mir an der Treppe entgegen denn mein Keichhusten hatte mich schon von weitem bei ihm gemeldet und empfing mich mit so herzlicher Theilnahme, als war' ich eine seiner gebrechlichste Kunden. Ich fand sein Dachstubchen offen zu meinem Empfange und an ihm, wie ich recht nachsah, eine Figur, wie ich sie, doch nicht ganz so hager, schwarzgelb, schmutzig und pittoresk, erwartet hatte. Seine erste Frage war und ich nehme sie ihm weiter nicht ubel: ob ich wollte in Wachs poussirt seyn? Ich schuttelte argerlich den Kopf. "Doch vielleicht ein Theil Ihrer werthen Person?" fuhr er fort. "Ich bin," unterbrach ich ihn schnaufend, "von den gesundesten Gliedmassen aber Ihre steile Treppe lieber Mann die ..." "Also nur ein Liebhaber der Kunst?" erwiederte er lebhaft, setzte mir einen Stuhl, und uberstromte mich nun in einem Franzosisch, wie man es an Italianern gewohnt ist, mit einem Schwall von Worten, die ich mir jedoch erst ins Deutsche ubersetzen musste, eh' ich sie zur Noth verstand. Dafur aber hat mir auch nie eine Uebersetzung mehr Freude gemacht; denn sie brachte mir, treuer als keine andere, das langst vergessene Original wieder vor die Ohren. Ich horchte stutzte dachte nach und besann mich. Aber kaum war ich meiner Sache gewiss, so fuhr ich mit einem Schrei auf, der eines seiner hochfliegenden Kunstworter ich glaube es war ClairObscur so geschickt im Fluge zerschnitt, dass ich die kleinere Halfte davon, die mir zufiel, nicht fur die grossere vertauscht hatte, die i h m blieb. "Um Gottes willen!" rief ich, "was fur ein Wind hat Sie nach Marseille verschlagen, mein lieber Theodor Sperling? und wie kommen Sie zu dem Italianischen Namen, hinter dem ich Sie in meinem Leben nicht gesucht hatte?" Jetzt standen wir einige Augenblicke noch stumm und erstaunt einander gegen uber. Es war eine Scene zum Malen, und die sage noch ein Wort, Eduard, wenn Du Herz hast das schonste Gegenstuck zu der auf dem Thurme zu Strassburg giebt. Meine Vertraulichkeit und mein Deutsch uberraschten den alten Mann ausserordentlich. Er gaffte mir erst mit aufgezerrten Augen in das Gesicht, und da dieses nicht ging mit der Brille. Alles umsonst! "Sollte es moglich seyn" stellte ich mich jetzt um einen Schritt naher vor ihn, warf mich besser in die Brust, rieb mir die Backen, und nahm die schelmische Miene an, die, wie ich glaubte, mir in meiner Jugend so gut stand "Sollte es moglich seyn, dass mich funfzehn Jahre und ein paar Zahnlucken so unkenntlich gemacht hatten?" Er starrte mich noch immer stillschweigend an. Es blieb mir nichts ubrig, um ihn und mich aus unserer peinlichen Lage zu ziehen, als den blinden vergesslichen Mann noch weiter zuruck in meine Schulstube zu fuhren. "Mein alter Freund und Lehrer!" stimmte ich unter einer herzlichen Umarmung an, "erinnern Sie Sich denn gar nicht mehr des jungen Fluchtlings, dem Sie in der Zeichenkunst, in der Perspektiv und der Architektur so mannichfaltigen Unterricht gaben? gar nicht mehr des Meisterstucks Ihres Pinsels der wolligen Angola, an der sie nach drei fleissigen Jahren doch noch den Schwanz zu malen hatten als sie starb?" Dieser Lichtstrahl that Wirkung. Jetzt schlug das gute Geschopf seine durren Hande um mich und seine gelben Augen gen Himmel; aber noch musste er erst der Erinnerung einige bittere Thranen, einige tief geholte Seufzer zollen, eh' er zu sprechen vermochte. "Ach! mein theuerster Herr und Freund!" stammelte er nun, "seyn Sie tausendmal meinem Herzen willkommen! Was fur ein glucklicher Stern hat Sie in meine einsame Wohnung geleitet, in der ich sonst nur arme Schiffbruchige und andere durch Kalamitaten ausgezeichnete Menschen zu sehen bekomme, und selten einen Mann, der Warme fur die ewige Kunst fuhlt? Ich bin schon vierzehn volle Jahre von meinem Vetter in Anspach und aus meinem Vaterlande entfernt, das, nur zu gewiss, stille Verdienste nicht zu schatzen weiss, und fuhre seitdem hier aber auch h i e r , ein kummerliches Leben. Wie tief habe ich mich herab stimmen mussen, um nur Brod zu haben! Einiges, mein theuerster Gonner, ist auf meiner Tafel zu lesen aber wahrlich, das sind noch lange nicht die schlechtesten Arbeiten, die ich ..." "Lassen Sie uns ein andermal daruber sprechen," unterbrach ich ihn, "und wenn Sie heute mein Gast seyn wollen, lieber Sperling, so ziehen Sie Sich nur geschwind an, und begleiten mich zum Heiligen Geiste vorausgesetzt, dass ich Sie von nichts besserm abhalte." "Ach! wovon wollten Sie?" sagte der gute Alte. "So einen vergnugten Mittag hatte ich mir heute nicht traumen lassen. Ich werde den Augenblick wieder bei der Hand seyn." Nach einigen Minuten trat er geputzt aus seiner Kammer, und gewiss, ich irre mich nicht, Eduard, in demselben Sonntagskleide, das Dir so gut noch erinnerlich seyn wird als mir, nur dass der jugendliche Troquet eine ernsthaftere Miene angenommen, und sein verschossenes Papageigrun mit einem tuchtigen Kastanienbraun vertauscht hatte.
Ich hatte gewiss keinen Gast auftreiben konnen, der weniger nach der Mode gekleidet, und mir doch lieber gewesen ware, als er. Du weisst zwar, wie ich zeichne, und wie es mit meiner Baukunst aussieht; aber daran dachte ich nicht. Es klebte ihm ein Verdienst an, das ihn meinem Herzen auf das ruhrendste empfahl, und keinen Vorwurf gegen ihn aufkommen liess die lebhafte Erinnerung meiner Jugend. Ja, Freund, ich hatte ihn, wie ein Furst seinen Hofmeister, belohnen sein aufgefarbtes Staatskleid mit einem Orden verzieren, und ihm, trotz seines misslungenen Unterrichts, ein gutes Jahrgeld anweisen mogen, so durchdrungen war ich von jener unbeschreiblich sussen Empfindung. Ist es nicht einerlei, ob uns ein Virtuos oder ein Stumper diess magische Glas vorhalt? Wir sehen in solchen Augenblicken nicht ihn sondern uns. Ich lebte nicht mehr in Marseille. Mein Geburtsort, mit seinen Salweiden, seinem Vogelherde und seinen Obstgarten, verschlang alles Land und Meer, das mich umgab. Ich blieb gern mit ihm so lange an der Wirthstafel sitzen, als ihm noch ein Trunk oder ein Bissen schmeckte ja ich trieb meine Freigebigkeit so weit, dass ich ihm sogar mich selbst auf den ganzen Nachmittag preis gab, und nicht allein seine Geschichte, die mir immer noch anziehend genug den gewohnlichen Streit der Armuth mit der Ungeschicklichkeit darstellte, sondern auch den Ausbruch seines Kunstlerstolzes, seines Brodneides, und seine schiefen Urtheile uber gleichzeitige Maler, in kindlicher Geduld anhorte. Ich liess ihm zuletzt noch ein Abendessen auf mein Zimmer bringen, und habe ihn erst, seit der Stunde, die ich Dir vorbehielt, ziemlich spat und mit dem Versprechen entlassen, das er mir abnothigte, morgen bei ihm unter der Ansicht des Meers zu fruhstucken. Das wird auch wohl von den Starkungen, die mir der a r m e N a r r anbieten kann, die beste seyn.
Ich habe in der letzten Zeile ein Wort doppelt unterstrichen, damit es Dir ja nicht entgehe. Es ist mir erst so wichtig geworden, nachdem es meiner fluchtigen Feder schon entwischt war. Seit e i n e r Stunde das siehst Du ihm wohl nicht an halt es mich in Bewegung, und ich brauche wenigstens noch e i n e , um Dir den Hergang deutlich zu machen. "Armer Narr?" warf ich mich fragend in meinen Lehnstuhl "Was willst du mit diesem Ausdrucke was enthalt er? Offenbar nur einen kleinen Spott uber die massigen Talente deines alten Lehrers. Wahrend du deiner Stichelei Luft machtest, und ihn mitleidig uber die Achseln ansahest, entschuldigtest du dich zugleich heimlich mit seinem schiefen Unterrichte, dass du kein Zeichner, kein Baumeister geworden bist, und das mit Grunde. Hatte der gute Mann es ubel nehmen konnen, wenn du ihn geradezu einen Stumper genannt hattest?" Dass ich doch so gern mit der Ironie spiele! Ich sollte sie nie von der Kette lassen. Sie ist bei mir nur ein Hund, der seinen Herrn immer zuerst in die Waden beisst, sobald er ihn los lasst. Ich hatte einen meiner Strumpfe schon halb herunter, als das bose Gewissen neben mich trat, mir ihn ohne Umstande wieder herauf zog, und eine Menge verfanglicher Fragen vorlegte. "Die Hand auf's Herz," zischelte es mir in das Ohr, "stand denn der arme Narr deiner Erziehung allein vor? Wurden dir nicht auch andere Wissenschaften als die Baukunst von den fahigsten Meistern gelehrt? und in welcher bist du denn uber das Mittelmassige gestiegen?" O des unglucklichen Worts, das mich in eine solche Untersuchung verflochten hat! Jetzt reiheten sich alle die gelehrten Manner, die von Langens Coloquien bis zu Lucians Gesprachen von Epiktets Enchiridion bis zu Mosheims Moral fur die Bildung meines Kopfes und Herzens auf das redlichste gesorgt hatten an den Angola-Maler an, und eh' ich mir es versah, stand ich in ihrem ernsthaften Zirkel. Jetzt rausperte sich der eine jetzt der andere. Jeder schlug sein Compendium auf, und mein Examen rigorosum begann. Von jedem Radio, nach welchem mich meine Angst hindrehte, kam mir eine Frage entgegen, die mich jedesmal in eine neue Verlegenheit setzte. Wenn der eine Docent es aus Ungeduld aufgab, mich langer aus der Diplomatik zu prufen versuchte es der andere, mit gleich schlechtem Erfolg, uber die Pandekten. Wich ich dort dem Tacitus aus, so fiel ich hier dem Vitriarius in die Hande. Bald brachte mich ein Problem der Metaphysik aus der Fassung, bald eine Beweisstelle aus dem Sachsen- und Schwabenspiegel und der Aurea bulla. Stumm und gedemuthigt blickte ich vor mir hin, und spielte an meiner weissen Hutfeder. Endlich fassten die Herren meine sichtbare Beschamung zu Herzen, hoben ihre Sitzung auf, und trosteten mich noch oben darein auf das herablassendste mit der allgemeinen Beichte: Quantum est, quod nescimus! Sobald ich uber die Schwelle meiner Schulstube war, schwenkte ich meinen Hut, und hupfte trallernd davon. Ach ich hupfte nicht weit, so befand ich mich wieder auf meiner Spur, und folgte ihr nun so hartnackig, als ob mich ein boser Geist triebe, uber Stock und Stein durch alle die geraden und krummen Gange des Labyrinths meines verschobenen Lebens, das, wie ich endlich gewahr ward, mit den Leimruthen, den Obstgarten und Salweiden meines Geburtsorts naher in Verbindung stand, als ich heute Morgen mir hatte einkommen lassen.
Eine solche Parforce-Jagd so kurz vor Schlafengehn kann ihr Gutes haben nur fur die Diat nicht. Nichts in der Welt greift so sehr an, als wenn man den Hirsch und den Jager zugleich spielt. Wie soll Schlaf in meine Augen kommen, da ihnen noch in so hellen Farben alle Muhseligkeiten meines Wildstands alle die Schlingen, Netze und Hecken vorschweben, wo ein Theil meiner selbst hangen blieb? Wie kann ich Ruhe auf meinem Kopfkissen erwarten, wenn ich an die Meute grosser Hunde, die mich mit ihren Zahnen an die Wespen, die mich mit ihrem Stachel verfolgten, zuruck denke, und wie darf ich hoffen, dass mich solche Klagetone einschlafern werden, als sich jetzt in nachtlicher Stille aus meinem Hufthorn erheben?
Wohl jedem, den der Horen Schwung
Auf einen Hugel hebt,
Wo kuhlende Erinnerung
Der Jugend ihn umschwebt!
Dem bei des Thales Uebersicht,
Das ihm im Rucken liegt,
Des Alters Krucke schwerer nicht,
Als sein Spazierstock, wiegt!
Wer blickt gern nach dem Irrweg hin,
Auf dem er nur der Scham
Und Reue, statt dem Hauptgewinn
Des Wettlaufs, naher kam
Gern nach der Bahn, die sein Gestirn
Im Schopfungsraum beschrieb,
Indess sein Herz, wie sein Gehirn,
Gehullt in Nebel blieb?
Seit ich den Padagogen floh,
Als einst sein Marschallsstab
Der Traumerei des Scipio1
Den Rang vor meiner gab,
Und ich kraft meines Steckenpferds,
Das keinen Kappzaum litt,
Zum Rektor meines Vogelherds,
Dem grossen Uhu, ritt;
Seit mein gelehrter Mussiggang
Drei Lustra weggeraumt,
Gleichgultig, was Homer einst sang
Und Scipio getraumt,
Ich auf dem nachsten Ritterzug
Zu neuem Zeitverlust
Erfuhr, mein Kopf sei schwer genug
Fur eine Madchenbrust;
Und seit der Ehre Sporn mich stach,
Da jener Rausch entwich,
Ich nun das Audienz-Gemach
Als Supplikant durchschlich;
Unwissend, ohne Kraft und Kern,
Bei massigem Verstand,
Doch in dem Kreis der Kammerherrn
Mich nicht verloren fand
Was offenbarte mir die Zeit,
Die diesen Raum durchflog?
Nichts als dass Lust und Eitelkeit
Mich taglich mehr betrog
Dass leider! zwischen Mann und Kind
Kein Unterschied besteht,
Als der: D o r t kam der Trost geschwind,
Und h i e r kommt er zu spat.
Den 13ten Januar.
Hatte ich mich nicht bei meinem alten Zeichenmeister auf diesen Morgen versagt, der es gewiss ubel aufnehmen wurde, wenn ich sein Fruhstuck an den Nagel hinge, wie vormals seine Lehrstunden, so wurde ich mir eins aus Quassia und Rhabarber vorsetzen; denn mir ist gar nicht wohl. Unter den neuen Bekanntschaften, die ich vorgestern an der Tafel des Herrn Frege machte, muss eine gewesen seyn, die einem Deutschen Magen nicht zuschlagt. Deren trifft man in Frankreich gar viele an. Ich habe vor andern einen Seefisch in Verdacht, dem ich mir viele unnutze Muhe gab Geschmack abzugewinnen. Bewegung ware mir wohl am dienlichsten aber, wenn mich auch Herr Passerino nicht darum brachte, so wurde es doch das unfreundliche Wetter thun. Es ist ein Gluck, dass der hiesige Winter nur wenige solcher Tage aushangt. Ja wohl! Aber warum muss denn eben einem so armen Schwachling wie mir diese Seltenheit uber den Hals kommen? Uebelkeiten und Fieberfrost von innen ein heulender Wind von aussen her keinen Lumpen von Winterstaat in meinem Vermogen, und nun ein solches Fruhstuck in der Aussicht! Wo soll in dieser verzweifelten Lage Erwarmung des Bluts herkommen? von der Wasserseite seines Pinsels oder seines Kaffees? Ich zittere und, wenn ich es genau untersuche, weniger vor den Wohlthaten, die er mir aufdringen, als vor den Opfern, die er mir abnothigen wird. Ich sehe mich schon im Geiste gahnend vor seinem Tische sitzen, indem er ein paar Pappendeckel voll seiner elenden Skizzen geschleppt bringt, sie bedachtlich aus einander schlagt, kein Blatt uberhupft, und bei jedem einen Aufruhr meines Erstaunens erwartet; und, wenn nun daruber eine ganze Stunde zerbrockelt ist wie er mich, unter schlauem Lacheln, beim Aermel fasst mich der Wand gegenuber in das rechte Licht stellt, und mit Einem Ruck den grunen Vorhang zuruck zieht, um mich durch das Wunder seines neuesten Gemaldes zu uberraschen und wie er endlich um das Mass seiner Sunden voll zu machen mich bei der Heiligkeit unserer Freundschaft beschwort, ihm offenherzig meine Meinung uber die Kleinigkeit zu sagen, die er mir gezeigt hat. That' ich ihm sein Recht an so gnade mir Gott! Und doch ist es eine verwunschte Zumuthung, selbst unter vier Augen, mit Verlaugnung alles Menschenverstandes das Machwerk eines solchen Meisters zu loben. In meiner heutigen Stimmung ubersteigt das meine Krafte. Es ware Gewaltthatigkeit gegen mich selbst, und ich musste wahrlich befurchten, mir meine kalten Krampfe auf die edeln Theile zu jagen.
Wenn man seinem Brauskopfe nur Zeit vergonnt! Nach einem halbstundigen heftigen Zanke mit ihm, fing er an sich eines bessern zu besinnen, und die Sache mit der grossten Billigkeit abzuthun. "Gehen wir ruhiger zu Werke!" sprach ich mir zu. "Worauf kommt es denn an? Auf Worte ohne Sinn und Bedeutung und ein wenig Mimik. Die, dachte ich, konnte ich doch wohl am Hofe gelernt haben! Warum sollte mir denn das Hauptingredienz unserer Staatsvisiten und Kourtage, die Sucht nach Schmeicheleien und Lob, in der Werkstatt des armen Passerino starker auf die Nerven fallen als dort? und wie konnte es mir einen Augenblick in den Sinn kommen, diesen liberalen Tauschhandel unserer kultivirten Natur zu storen, auf Gefahr, mir und meinem alten Lehrer das Morgenbrod zu verbittern? Verlust und Gewinn liegt jetzt, auf das genaueste berechnet, vor mir darnach will ich mich richten. Ich werde seinen herzhaften kraftigen Pinsel Er wird meinen feinen richtigen Geschmack bis an die Wolken erheben. Ich werde ihn uber Rubens Er wird mich uber Lessing und Winkelmann setzen jedem ubrigens ganz unbenommen, den andern in Gedanken so niedrig, sich selbst aber so hoch zu stellen, als es sein Schwindel erlaubt."
Diese fliegenden Betrachtungen, wie ich mit Vergnugen bemerkte, bildeten sich, wahrend Bastian mir das Haar krauselte, zu einem formlichen System. Ich dachte Wunder was ich zur Beforderung menschlicher Zufriedenheit neues erfunden hatte: als ich mich aber an meinen Schreibetisch setzte, um es noch mehr zu entwickeln, sah ich wohl, dass es das uralte war, dem ich von jeher, unter gewissen Einschrankungen gefolgt bin das sowohl in dem Tumulte der Gesellschaften, als in einem Zweikampfe, wie mein heutiger ist, unser liebes Ich am sichersten deckt, und fur geringe Kosten es ausserst bequem bettet. Unbegreifliche Menschen, die, unter dem Deckmantel der Wahrheit, gegen die Selbstliebe anderer mit Spiessen, Schwertern und Lanzen bei dem geringsten Anlasse vorrukken, keinem nach Beifall bettelnden Auge das Almosen ihres Lachelns zuwenden, oder sich uberwinden konnen, einem unbedeutenden Dinge zu huldigen, das sich ihr Mitgesell als einen Vorzug anrechnet! Was erbeuten sie? Fur Schmerzen, die sie erregen, Wunden, die sie erhalten; denn in keinem Gefechte sind die Gegenhiebe so gewiss, als in diesem. Setzen wir den Fall, du warest so verhartet, um nicht einmal theilnehmend nach meiner Braut zu fragen, so kannst du lange passen, eh' ich deiner allerliebsten Kinder nur mit einer Sylbe erwahne. Hast du keinen Blick fur die Strahlen meiner modischen Schnallen, so habe ich gewiss auch keinen fur das Pour le merite deines Sterns. Sie konnen alle in der Gesellschaft den neuen Musenalmanach in der Tasche haben trotz deiner hervorstechenden Ballade, wird keine Seele thun, als habe sie ihn gelesen, wenn du unbekummert um die Stelzfusse oder die Quersprunge der andern da stehst, oder gar, als Klopffechter deines geraden Sinnes, mit alten Damen von Runzeln, mit jungen von Tugend sprichst dich wunderst, dass ich schon Oberster bin uber den witzigen Einfall des einen, uber die hohe Frisur des andern die Achseln zuckst, oder sonst durch den Knall deiner Peitsche mein Steckenpferd scheu machst. Und wenn du ein Furst warest, man tragt dir den Stoss nach, den du gabst oder zu geben gedachtest, und niemand stellt dir lieber ein Bein, als den du aus dem Sattel gehoben hast. Und warest du, wie Achill, in den Styx getaucht, ein Apoll oder Paris wird doch den verletzbaren Fleck an deiner Fusssohle entdecken, geschah' es auch nicht eher, als wenn du deine Polyxene umarmst.
Weg mit den Rustungen auf unsern Ritterspielen!
Wir brauchen hochstens ein Visier.
Es ist ja nur Ein Punkt, nach dem wir alle zielen,
Und dieser kleine Punkt sind Wir!
Den trifft wohl jeder leicht; drum rath' ich allen, ladet,
Wenn euch die Ehrsucht spornt, durch holde
Schmeichelei'n
Einander auf den Kampfplatz ein.
Wie sanft wird euer Streit! Ihr werdet wie gebadet
In Rosenol die Lust wird allgemein,
Der Kranz des Siegenden sogar wird unbeschadet
Dem Lorber des Besiegten seyn.
Die Wahrheit ist mir lieb. Doch rache
Mein Mund sie selbst an einem Thoren nicht,
Der durch Verschonung meiner Schwache
Mich fur die seinige besticht!
Die Eitelkeit halt warm: wer wollte sie nicht pflegen!
Mich macht kein Bruderkuss verlegen
Der vielen Passagiers, die B r a n t 2 uns ausgeschifft:
Mein lauter Beifall geht der Schrift,
Die mir der Autor bringt mein Handwerksgruss dem
Segen
Des bettelnden Gezuchts, entgegen,
Das auf dem Pfad des Ruhms mit mir zusammen
trifft.
Sind es nicht Stumper? Meinetwegen!
Wenn wir mit unserm, Kopf nicht sichrer sind, als
Swift,3
Was wagen wir, mit Recensenten-Schlagen
Den Freipass in s e i n Narrenstift
Auf eines andern Stirn zu pragen?
Leiht gern einander euer Ohr.
Beweist nicht gleich mit einem Rechnungszuge,
Wer in dem sussen Wortbetruge
Mehr oder weniger verlor.
Wir streiten nicht ich und mein Theodor.
Auf falsche Wechsel zieht der Kluge
Schnell eine falsche Quittung vor.
Nach solchen Vorbereitungen konnte der Erfolg nicht anders als erwunscht ausfallen, und waren meine Magenkrampfe nicht gewesen, ich wollte uber nichts klagen. Ich muss meinem freundlichen Wirth nachruhmen er hatte es weder an Farben, Palleten noch Pinseln, die in der ausgesuchtesten Unordnung da lagen, noch an sonst einem artistischen Blendwerke fehlen lassen, um seinen Gast in die Illusion zu zaubern, dass er in der Werkstatt eines Malers fruhstucke. Ich hatte mich ihr auch gern uberlassen; doch unter dem Wiederschein d e r Bilder, die heute zu meiner Verwunderung die vier Wande seines Stubchens verzierten, das mir gestern ohne diese Tapete viel reinlicher vorkam, war es unmoglich. Es war die vollstandigste Kopien-Sammlung der Wunderbilder der Madonna. Eine einzige nur, klagte er mir, ginge seinem Sortimente ab, und noch dazu eine aus der hiesigen Gegend, Notre Dame de la Grace zu C o t i g n a c , zum grossten Nachtheile seines Handels; denn es wurde immer dreimal ofter nach dieser gefragt, als nach sonst einer andern, besonders von Weibern in gewissen Jahren. "Doch Ihr Leibschneiden, theuerster Gonner," fuhr er fort, "von welchem ich Sie so gern befreit sahe, soll mir hoffentlich behulflich seyn ..." "Zu was, lieber Passerino?" fragte ich erstaunt, "zu was?" "Die Lucke," fiel er ein, "in meiner Gallerie auszufullen." "Das," erwiederte ich mit noch grossern Augen, "muss ganz sonderbar zusammen hangen, lieber Sperling." Hier ruckte er mir einen Stuhl, trat vor mich, und: "Ist etwas in der Malerei," fing er mit abgemessenen Worten sein Rathsel zu losen an, "das eine feste, geubte Hand, Kenntniss des Clair Obscur und ein verstandiges Auge erfordert, so ist es die Kopie eines wunderthatigen Originals, wo oft die Wirkung nur in einer kleinen Nuance liegt. Das weiss ich aus einer langen Praxis. Aber mein Gott! was hilft es mir! Ich bin, bei allen diesen Voraussetzungen, doch zu alt, um den Weg zu Fusse und leider zu arm, ihn in einem Wagen zu machen. Wenn Sie nun morgen nach Cotignac fahren, und hatten die Gute, mich mitzunehmen, so ..." "Aber wer zum Henker," unterbrach ich sein Gewasch, "hat denn gesagt, dass ich nach Cotignac fahre? Es ist in diesem Augenblick das erstemal, dass ich das Nest nennen hore." "Thut nichts," antwortete er: "Die hiesigen Aerzte schicken alle ihre Kranken dahin, die an schwerer Verdauung leiden. Hilft die Marie nicht, so thut es der Weg, der weder zu kurz, noch zu lang, uberaus steinig und zum Erbrechen gut ist. Ueberdiess kann ich Ihnen denn ich kenne das hiesige Wetter morgen einen heitern sonnigen Tag versprechen; und welches Gluck war' es nicht fur mich, wahrend meiner Abzeichnung einen Mann von Ihrem Blicke, feinen Geschmack, und Ihrem wie soll ich sagen so zarten Kunstgefuhl an meiner Seite zu wissen!" Hatte der gute Mann fortgefahren, lieber Eduard, wie er anfing, von seiner festen Hand seiner Kenntniss im Clair-Obscur und seinem verstandigen Auge zu schwatzen, so war nichts gewisser, als dass ich seinen tollen Vorschlag abwies; jetzt aber, da er mein Lob, so wenig es in seinem Munde auch Werth hatte, mit dem seinigen verschmelzte, war es mir nicht mehr moglich, Nein zu sagen. Wahrlich kein schlechter Beweis von der Gute und Kraft meines obigen Systems!
Die Reise nach Cotignac ist also auf morgen festgesetzt. Seine Freude daruber war so gross, dass eine gluckliche Stunde verging, ehe sein Kopf ruhig genug war, an seine Kunstwerke zu denken. Wie er ihnen aber einmal wieder auf die Spur kam, blieb er auch desto hartnackiger darauf. Zu jedem Unsinne, den er uber Haltung, Warme, Kolorit und Ausdruck vorbrachte, langte er aus seinem Portefeuille auch einen Beleg. Ich musste ihn uber alle die Stufen begleiten, die er seit funfzehn Jahren bis auf den heutigen Tag in seiner artistischen Laufbahn erstiegen hatte; und so gelangten wir denn auch endlich zu der Schreckensperiode, die ich diesen Morgen vorher sah zu dem Wunder seines neuesten Gemaldes. Seine Vaterliebe, eh' er es auspackte, glich einem Wirbelwinde, der einem Ungewitter vorhergeht, und war so heftig, dass sie beinahe in Ungerechtigkeit gegen seine altern Kinder ausartete: denn er erklarte nicht allein die Meisterstucke aus der Zeit seiner Angola fur Sudelei, sondern blickte selbst verachtlich auf seine Madonnen nannte sie Matrosen-Waare, die er nur nebenher, des lieben Brods wegen, auf den Kauf mache, und die er sich schamen wurde, unter seinem Namen ausser in der Italianischen Uebersetzung auszuhangen. "Wie viele Facher," rief er, "hat mein Genius nicht durchlaufen, eh' er sein rechtes getroffen hat! Von der Blumenmalerei, mit der ich meinen Weg antrat, ging ich zu Thierstucken Portrats Bataillen und Landschaften uber. Ich brachte es zwar in jeder Art zu einer gewissen Fertigkeit; aber in keiner von allen errang ich den Kranz der Vollendung, den mir die Natur an dem Gestade des Meers aufbehielt. An den Marinen mein Herr, entwickelte sich erst meine ganze Schnellkraft. Ach wie lange schlummerte sie in traumendem Irrwahn! Anspach war der Ort nicht, um sie zu wecken. Das Schicksal musste mich hierher schleudern, dass ich erfuhre, wer ich sey." Mit diesen Worten, die ihm in dem seligsten Enthusiasmus entflossen, trieb er mich von meinem ruhigen Stuhl in die Ecke des Fensters riss beide Flugel auf, und streckte den Arm so weit vor, als wolle er seinen krummen Zeigefinger in das Meer tunken. "Hier, mein Herr," uberschrie er einen Windstoss, "sprudelt die heilige Quelle, aus der ich schopfe. Wer beschreibt die Erschutterung meines Innern, als meine erstaunten Blikke zum erstenmale uber sie hinflogen! Das ist, rief ich aus, was dein Geist lange im Dunkeln geahndet vergebens gesucht hat. In einer Art von Kunstlerwuth griff ich nach Farben und Pinsel uberliess mich meiner Begeisterung, und erstaunte selbst uber die Keckheit meines ersten Versuchs. Doch bald trinken Sie aber nur erst Ihren Kaffee werde ich Ihnen meinen letzteren vorzeichnen einen Sturm aber was fur einen! Mich uberlauft selbst jedesmal ein Schauer, wenn ich ihn ansehe." "Mich auch," unterbrach ich ihn; "aber bei mir kommt er alleweile vom Original. Erlauben Sie, dass ich die Fenster wieder zumache die Zugluft und meine Nerven vertragen sich heute nicht." "Sehr wohl," sagte er; "aber, um wieder auf meinen Sturm zu kommen, denn bei einem solchen Stucke schadet es der Tauschung nicht, wenn die Beschreibung voraus lauft so werden Sie sehen, dass ich nicht umsonst uber den Hafen blicke, und neben dem Stapel wohne. Ich glaube nicht, dass der grosse Vernet selbst das Tau- und Takelwerk besser versteht als ich, und dass ein Schiff regelmassiger gebaut werden kann, als die meinigen gemalt sind. Mit einem Vergrosserungsglase ich werde gleich die Ehre haben Ihnen das meine zu borgen konnen Sie an jedem sogar den Namen und die Jahrzahl lesen. Einer Kleinigkeit muss ich noch gedenken, werthester Herr, meines Wahrzeichens auf dem Gemalde einer glucklichen Erfindung, die aber freilich nur auf mich allein passt. Das Stuck kann in der Welt hinkommen wo es will mein Name wird dadurch allen Nationen verstandlich jede wird ihn in ihrer Sprache zu nennen wissen denn uberall giebt es S p e r l i n g e ." "O das ist nur gar zu gewiss," entwischte mir in der Zerstreuung; aber er uberhorte den Sinn. "Befehlen Sie noch eine Tasse? Nicht? Nun so will ich das Bild holen," fragte und antwortete er zugleich. Ich hatte das Schubfach des Kastens angeben wollen wo es lag; denn seine verstohlenen Blicke, die er ohne Aufhoren dahin warf, verriethen mir langst, dass dort sein grosstes Kleinod verwahrt seyn musse, und ich irrte mich nicht. Er zog das Kunstwerk behutsam heraus, rollte es, seitwarts, auseinander, spannte es in einen Blendrahm, und stellte mir es nun in seiner ganzen Majestat, vor. die Augen, und sich in der seinigen darneben.
Ich fur meine Person hatte nun wohl die Mordgeschichte, die es von sich strahlt, zur Genuge beaugelt, mit dem Urbild hinter dem Fenster verglichen, und bis zum Mattwerden bewundert. Aber Du, mein armer Freund! Nun Du sollst auch nicht zu kurz kommen. Weder das Ohrensausen, das mir her Missklang so vieler Kunstworter zugezogen noch das Augenweh, das sich hinter dem Vergrosserungsglase erzeugt hat, sollen mich hindern, Dir die Schilderung des schrecklichen Sturms so poetisch wiederzugeben, als ich sie aus dem Munde seines Erfinders erhielt. Wenn er Dir in diesem Wiederscheine nicht das Haar in die Hohe treibt, nicht eben den Schauer erregt, als dem Meister so weiss ich nur noch Einen Rath, Eduard: das Gemalde steht seit einer Stunde bei mir zum Verkaufe. Frage nicht erst lange, wie das zugeht thue ein Gebot darauf, aber bald.
Ermuntre Dich, lass Deiner vollen
Empfindung ihren Lauf.
Dergleichen Stucke rollen
Wir nur dem Kenner auf.
Er nur fuhlt es mit trunknen Sinnen,
Wie durch der Farben Licht
Auf einem Stuckchen Linnen
Der Geist zum Geiste spricht.
Wohl mir, wenn meines Sturmes Scene
Dir hoch den Busen schwellt,
Und eine Mannerthrane
Auf meinen Pinsel fallt!
Siehst Du, wie sich der Tag entfernet
Auf dieser Wasserflur?
Ganz im Geschmack von V e r n e t ,
Und wahr wie die Natur.
Sieh, wie der Himmel deinen Augen
Entgegen droht. Hier weicht
Der Mond, die Wolken saugen
Und jeder Stern verbleicht.
Der Horizont, mit Blut umzogen,
Wirft furchterlich und schwer
Um das Gefecht der Wogen
Den Trauermantel her.
Hoch uber das bis auf die Hefen
Emporte Meer umziehn
Nur einzeln weisse Moven
Den schwarzen Baldachin.
Sei ehrlich! Untersuch' und richte,
Ob nicht der Uebergang
Mir wunderbar gelang.
Ich bin's gestandig zwar mein Vetter
Malt brav mit Phantasie;
Doch solch ein Donnerwetter
Erregt sein Pinsel nie.
Wer zahlt die Schiffe, die verschwanden,
Und die noch Wasser ziehn
Nothschusse thun, und stranden,
Und in den Orkus fliehn?
Hier kampft mit seiner eignen Schwere,
Zerruttet durch die Zeit,
Mein Hauptschiff, F r a n k r e i c h s E h r e ,
Und unterliegt dem Streit.
Ihm, dem Gewaltigen ihm sinken
Der T h r o n , das V o r g e m a c h ,
Und Millionen Pinken
Und niedre Barken nach.
Dort sinkt eins, das im Untergange
Selbst noch die Segel spannt,
Ein Raubschiff, nur die S c h l a n g e
V o n O r l e a n s genannt.
Ein andres dort D r e i S e c h s e n zieren4
Des Schiffers Namenzug,
Den sonst eins von den Thieren
Der Offenbarung trug.
Beschadigt am Verdeck,
G r a f A r t o i s Ach! er leidet
Nicht an dem ersten Leck!
Und hier dreht manche leere Tonne
Sich noch im Wirbel wo
Die lochrige S o r b o n n e
Aus dem Gesichtskreis floh.
Der Strudel zieht den letzten Splitter
Der M o n a r c h i e hinab:
Dort platzt der stolze Ritter,
Hier knickt der Bischofsstab.
Dort irrt der S c h a t z von P e r u ledig
S a n k t P e t e r n nach, und hier
Der L o w e von V e n e d i g
Dem tragen M u r m e l t h i e r .
Sprich! Blieb ich nicht vom fernsten Gipfel
Bis zu dem nachsten Strand
Mir gleich? bis in den Zipfel
Der bunten Leinewand?
Bis wo noch Ausdruck und Gedanke
Gleich schon zusammen stimmt
Bis zu dem Span der Planke,
Auf dem ein S p e r l i n g schwimmt?
Des Weisen Herz darf ohne Zittern
Sich jedem Abgrund nahn:
Der Erdball kann zersplittern;
So schwamm mein I c h auch im Getose
Des Meers, auf Blut und Schaum,
Durch einen Sturm an Grosse
Zwei Ellen und ein Daum.
Der Sprung, den der liebe Mann so unerwartet aus seiner asthetischen Hohe in Gott weiss welchen Kramladen that, hatte mich beinahe ganz aus meiner herrlichen Fassung gebracht. Ich musste zu allen Kunsten des Mienenspiels meine Zuflucht nehmen, um meinen Spottgeist und mein gutes Herz im Gleichgewichte zu erhalten. Die vorzuglichste Hulfe indess verdankte ich ihm selbst, indem er alles, was meine Verlegenheit auswarf war' es auch der bitterste Hohn gewesen fur den lautersten Beifall aufnahm, und das unverschamteste Lob viel zu naturlich fand, um meine Aufrichtigkeit in Verdacht zu ziehen. Wenn Du ihn nur gesehen hattest, Eduard! Sein seliges Wohlbehagen wurde Dich am ersten von der Gute der Falschheit belehrt, und uberzeugt haben, dass sie, die eure unhofliche Moral, viel zu geradezu, fur Laster erklart, sich in der Praxis als das wirksamste Hausmittel der Menschenliebe bewahre. Meine narrischen Schmeicheleien trieben sein Entzucken immer hoher, endlich so hoch, dass er, in einer Art von Taumel, sich so freigebig gegen mich erklarte, als gegen das Publikum auf der schwarzen Tafel uber seiner Hausthure, und mir, stelle Dir vor, mit vaterlicher Entsagung seinen Liebling zum Geschenk anbot, gegen Erstattung der funf Louisd'or fur die Farben, die er darauf gesetzt habe. "Wo denken Sie hin?" knallte ich ihn an. "Wie konnen Sie in der Welt zu etwas kommen, wenn Sie Sich selbst so wenig zu schatzen wissen? Ich gebe Ihnen gern das doppelte von dem, was Sie fordern, und mache noch immer einen sehr guten Handel." "So wollen Sie denn meiner uneigennutzigen Freundschaft durchaus nichts verdanken?" sagte er ruhrend, und reichte mir seine durre hohle Hand hin, in die ich sehr froh, dass es nur kein Kenner bemerkte die verschleuderten Goldstucke einzahlte.
Indem aber uberraschte mich doch bei diesem einfaltigen Handel einer von den Herren, die immer geradezu gehen ein reisender Englander. Er trat gestiefelt herein, warf ein paar fluchtige Blicke auf die Madonnen, und hatte genug drehte sich darauf zu uns hin, und, nachdem er mit e r n s t e n Augen bald den Sturm, bald mit s p o t t i s c h e n den Kaufer, und mit h o c h s t v e r a c h t l i c h e n den Meister, der eben daran war, das Stuck zusammen zu rollen, angeblinzt hatte, klopfte er ihn auf die Achsel, und ... "Was Herr?" fuhr er ihn an, "das nennen Sie nach der Natur gemalt? Wollte Gott, es ware wahr, nur halb wahr! Ich gabe gleich aus meinem Beutel tausend Guineen schon allein fur den Untergang Ihres einzigen Hauptschiffs God damn me! das gab' ich darum," und so ging er steif und pfeifend wieder zur Thur hinaus. "Das war ein tuchtiges Gebot," sagte Passerino ganz unerschrocken: "aber warum blieb der Herr Englander nicht, und machte seine Bestellungen wie er sie nur haben will? Was wollte er mit meinem Hauptschiffe? Das wird wahrlich nicht lange mehr See halten. Jeder Kenner, dachte ich, musste ihm seinen nahen Untergang ansehen." "Ja wohl," antwortete ich. "Doch es ist gleich Mittag, Freund, lassen Sie uns gehen." Er nahm nun das zweiellige Bundel unter den Arm, und schlich mir mit einer Miene bis in den Miethwagen nach, als ob er seinen letzten Blutsfreund zu Grabe truge. Unterwegs aber nach dem Gasthofe ermannte er sich wieder, und bekam sogar Herz genug, mir unter den Bart seinen heutigen Gewinn an Geld und Ehre vorzurechnen. "Wenn ich alleweile," brach seine geheime Empfindung los, "einen Blick auf mich werfe, so fallt mir der gute Correggio mit seiner beruhmten N a c h t ein. Sie ist wenigstens um anderthalb Ellen grosser und breiter als mein S t u r m , und dennoch verkaufte er sie nicht um einen Groschen hoher! Aber, was erst Entsetzen erregt musste er sie nicht, wir ein gemeiner Bote, einige Meilen weit in das Kloster tragen, fur das sie bestellt war ohne dass die dummen Monche ihm fur seinen sauern Gang, wie die Historie sagt, nur so viel als eine Mahlzeit betragt, daruber bezahlt hatten? Als er den Abend in seine Werkstatt zuruck kam, und sie ihres schonsten Schmuckes beraubt sah, weinte er bittere Thranen uber eine Armuth, die ihn genothigt hatte, sein unsterbliches Werk, um nicht selbst Hungers zu sterben, solchen Barbaren zu verhandeln. Ich hingegen, grosser Gott!" fuhr er fort, "fuhle zwar auch die Trennung von dem letztgebornen Sohn meines Geistes; aber durch wie viele trostliche Umstande wird sie mir nicht erleichtert! Ich gebe ihn ja in die Hande eines braven, verstandigen Freundes, der mich noch dafur ehrt und belohnt, der mich heute bei dem Heiligen Geist zu Gaste, und ach! morgen zu der einzigen Marie fuhrt, die mir abgeht, und die Gebenedeiteste ist unter den hiesigen Weibern!" Wahrend er in der einen Ecke des Wagens diese Parallele zog, die ihm der Himmel vergebe, sass ich mauschenstill in der andern, und, indem ich wechselsweise bald seinem theuern Sturm einen Schub mit den Fussen gab bald meine Freigebigkeit, mein Magenfieber und meine morgende Kur zum Henker wunschte, fuhlte ich es in allen Gliedern, was es auf sich hat, Protektor der schonen Kunst zu heissen.
So endigte sich mein pittoreskes Fruhstuck. Ich habe Dir es auf das genaueste beschrieben das wirst Du nicht anders sagen konnen. Dafur muss ich aber, vielleicht zum erstenmale in meinem Tagebuche, drei volle Stunden uberhupfen, so wichtig sie auch indess allen andern Erdenbewohnern seyn mogen; Stunden, die in Marseille so hoch gefeiert werden als zu Berlin, und die dass ich Dir ihren ganzen Werth fuhlbar mache jene kostbaren Minuten enthalten, die selbst unserm grossen Konige die sichtbarste Belohnung fur sein muhvolles Leben darbieten mit Einem Worte: die glucklichen Stunden des Mittags. Ich kann Dir sogar von der Esslust meines Gastfreundes keine Rechenschaft geben: denn, wahrend er an der Wirthstafel aller seiner Sorgen vergisst, halte ich mich mit den meinigen von vorgestern her in meinem Nebenkabinette verschlossen, suche zu verdauen und schreibe. O des hasslichen Fisches! Wer nicht Seehunde und Meerwolfe zu Gasten hat, sollte so ein Gericht nicht auf seinen Tisch bringen. Wie viel habe ich ihm nicht schon bittere Pulver und Stinkkugeln nachgeschickt! Aber sie prallen ab, wie Schrotkorner von einer Mauer. Nichts sprengt nichts durchbohrt ihn. Jetzt hat sogar mein Wirth aus menschenfreundlicher Theilnahme die verborgensten Schleusen seines Kellers gezogen, und mir eben Weine aus dreier Herren Landern herauf gebracht, um ihn wegzuschwemmen. Wenn auch dieses Hollandische Mittel nichts hilft nun so mag meinethalben der holprige Monchsweg morgen die Masse zerreiben, die mich druckt, und der Ekel, den ich bei meiner n e u e n Bekanntschaft voraussehe, d e n heben, den mir meine vorgestrige zuzog, da es fur einen protestantischen Magen schwerlich ein kraftigeres Emetik giebt, als so ein Madonnengesicht. Sollte aber die Ziehung der Schleusen den Feind aus dem Lande treiben desto besser! Ich habe eben eine geoffnet, und fuhle ihre Wirkung schon bis in den Fingerspitzen. Wie viel lasst sich da nicht Gutes erwarten, ehe alle drei geleert sind!
Fur einen Menschen, der fruh einen Seesturm erlebte, unter Magendrucken sich eines vergangenen guten Mittags erinnert, und den gegenwartigen ungenossen verschrieben hat, befinde ich mich noch leidlich genug danke Gott fur meinen weich gepolsterten Sorgestuhl fur den geistreichen Wein, der schon mein ganzes Vertrauen gewonnen hat fur den Trost meiner Feder, und fur die gute Laune, mit der ich der Ernsthaftigkeit freundlich die Hand biete. Ob es mir einmal nicht schlimmer zu Muthe seyn wird, wenn ich mich in meine philosophische Klause zu Berlin hinsetzen, und nach Beendigung meiner Reise die Summen, um die mich meine Freigebigkeit, meine Kaufsucht und meine physischen und moralischen Thorheiten gebracht haben, aus meinen taglichen Ausgaben heben, und unter der ihnen gebuhrenden Rubrik zusammen rechnen werde, ist freilich eher zu wunschen, als zu hoffen. Denn, lass mich auch um ernstlich zu sprechen meine Erfahrung seit dem ersten November, wo ich Berlin verliess, bis heute, den dreizehnten Januar, wo ich mich mit einem Meergrauel herumbalge, noch so hoch in Einnahme bringen, so wollte ich doch wohl die funfzig prahlenden Hefte meines Tagebuchs gegen meinen Schreibkalender setzen, dass der Gewinn den Verlust nicht aufwiegt. Ich weiss zwar meine Rechnung recht gut in Ordnung zu halten; nur schlage ich sie nicht gern nach. Doch da ich heute weit weniger um die Zeit selbst, als um ihre Anwendung zwischen zwei Armen eines Lehnstuhls, verlegen bin, so will ich doch den Gedanken, der anklopft, herein nothigen, will zum Spass die Rotte meiner unnutzen Ausgaben der letzten acht oder zehn Tage zusammen stellen, und meinen jungsten Thorheiten die Ehre der Sitzung an meinem Revisions-Tische vergonnen.
In vollwichtigen Dukaten nach dem Kours zu 12
Livres gerechnet.
d. 4. Jan. dem Wachter der Laura zum zweiten Geschenk 2 it. fur das Strumpfband der Maria, das ich Tags darauf gegen ein anderes vertauschte, das ungleich weniger werth war 41 d. 5. Siehe Insgemein. d. 6. u. 7. fur Bekostigung der Wache, wahrend meiner Gefangenschaft, inclus. des Weins, den sie auf meine und des Papsts Gesundheit getrunken, und eod. des letzten Dukatens an den getauften Juden fur sein Gutachten in meiner Processsache 23
Summa in Dukaten 66 Stuck oder 792 Livres.
Ferner in Louisd'or zu 24 Livres.
d. 8. Verlust an dem, der alten Bertilia auf einen Monat vorausbezahlten und im Stich gelassenen Miethzins auf drei Wochen deux Louis par semaine 6 it. fur den Abschiedsschmaus, den ich Herrn Ducliquet und Konsorten gab, l. Rechnung des Speisewirths und Weinhandlers 71/2 it. zuruckbezahlter Vorschuss an den Hauptmann der Papstlichen Garde, fur die Rekruten, die er der Armenkasse abgekauft und mir uberlassen hat 9 it. eben demselben fur die Ausfertigung ihres Abschieds 2 it. fur die Liverei der beiden Puppenspieler, l. Quittung des Trodlers 91/2 it. zu Bezahlung ihrer Schulden 21/2 d. 9. fur unverdiente Ehre an uberflussigen Schusseln und Wachslichtern d. 8. Abends in Joseph dem Zweiten zu Lambesc 2 it. fur Erfrischungen und Chokolade, Champagner und Punsch, womit ich den Visitator und seine Nichten bewirthete, incl. der Orangen von Malta, die ich bis zu Morgens-Anbruch verbraucht 21/2 it. fur Ruckfahrt von der Tartane von St. Domingo aus Ufer 1/2 d. 10. Siehe Insgemein. d. 11. 12. 13. den Herrn Passerino drei Tage an der Wirthstafel Mittags und Abends frei gehalten, incl. des Weins 2 it. fur einen Seesturm von seiner Hand, zwei Ellen und einen Daum gross 10 Insgemein fur unnothigen Aufwand an Federn, Tinte, Papier, besonders den 5. und 10. huj 1
Summa 541/2 Louisd.
Zusammentrag.
Unnutzer Aufwand vom 4. bis 7. an 66 Dukaten macht
792 Livr.
desgl. vom 8. bis 13. an 541/2 Louisd'or 1308 Livr.
Sonach in zehn Tagen: 2100 Livr.
Ei, ei! lieber Eduard, da habe ich mir einen schonen Spass ausgedacht! Gott bewahre mich, dass ich ihn fortsetze! Nicht ein Blatt mehr von meinem verratherischen Schreibkalender mochte ich umschlagen ich wurde furchten vor Schwindel unter den Tisch zu fallen. Was ist mit so einer Rechnung anzufangen? Ich kann sie drehen und wenden wie ich will, so wirft sie doch nichts aus, was ich als Gewinn in Einnahme bringen konnte: denn, was hatte mir wohl meine zehntagige Verschwendung eingetragen, ausser allenfalls den Fund einer verlornen Schreibtafel ein paar Puppenspieler, und zwei Ellen gemalte Packleinwand? Das sind herrliche Zugange der Wirtschaft! Noch dazu darf ich die erste und beste Nummer nicht einmal rechnen; denn sie fallt ubermorgen an ihren kranken Eigenthumer zu Montpellier zuruck. Die zweite? beschwert mir den Wagen, lebt auf meine Kosten in den Tag hinein, und schickt sich in der Welt Gottes zu nichts, als zu Harlekinaden. Und die dritte endlich? wenn ich die vollends in Anschlag bringen will, so giebt mir das gutes Spiel. Sie fasst meine jungste Thorheit in sich, die gewohnlich immer die argerlichste ist, und zugleich ein Inventariumsstuck, wie ich Gott Lob noch keins besitze, das so alt bei mir werden kann als es will, weder gute noch bose Gedanken und nichts erregt, als Gahnen. Es sind mit Einem Worte und bleiben unverantwortliche Ausgaben. Sie wurden es fur einen Prinzen seyn, der auf Kosten seiner Landstande reiset, geschweige fur mich! Womit soll ich den thorichten Geldverprass nur dieser letzten zehn Tage geschweige aller der Wochen, decken, die noch unberechnet dahinter liegen? Wie soll ich meiner zerrutteten Privatkasse aufhelfen, und der Entkraftung beikommen, die sie gemeinschaftlich mit meinem moralischen Vermogen erlitten hat? Bei Gott, ich weiss es nicht! Doch halt! da kommt mir eben ein Einfall. Wie ware es, Eduard, wenn ich, in Ermangelung landschaftlicher Beihulfe, einen andern Nothreif ergriff, der, eben so gut als jener, schon manchen leck gewordenen Reisenden in seinen Fugen gehalten, und vor ganzlichem Zerfallen geschutzt hat, und, da ich kein Steuer-Aerar in meine Thorheiten verflechten kann, das eben so geduldige, lesende und neugierige Publikum zur Mitleidenschaft zoge? Und warum lass uns ein wenig daruber nachdenken warum sollte ich nicht? Der Einfall ist gar nicht so ubel. Zeigen sich in der Verfolgung desselben nicht noch unversehene Schwierigkeiten, die mir ihn verkummern, so werde ich am Ende wohl gar noch dem S t u r m e , der mir ihn zufuhrte, eine Ehrenerklarung thun mussen.
Aber, schon kommt mir ein Umstand in die Quere, den ich vor allen Dingen beseitigen muss, eh' ich mein Strandrecht benutzen kann. Es ist vorerst auszumachen, wem die Entscheidung uber diese Blatter eigentlich zustehe Dir oder mir? Gehort das Votiv-Gemalde dem Gichtbruchigen, der es aufstellte, oder dem Gotzen, dem es geweiht wurde? und wirst Du wenn Letzteres gelten soll mir erlauben, das meinige aus Deiner heiligen Halle zuruck zu nehmen, um es der offentlichen Beschauung preis zu geben? Wie mag ich nur fragen? als ob Du wohl je noch den Gang einer Sache gestort hattest, die mehr Gutes erwarten lasst als Boses. Und dass der Druck mein Tagebuch in diesen voraus bedungenen Fall setzet, soll Dir gewiss am Ende so stark in die Augen leuchten, dass Du mir schwerlich Dein Imprimatur versagen wirst.
Den m o g l i c h e n Ersatz meines verschleuderten Kapitals habe ich, einige Zeilen hoher, schon dargethan, und da der Vortheil fur mich dabei nicht zu bezweifeln ist, so giebt es wohl nirgends einen so beschrankten Pfuscher von Finanzminister, der nicht hierin seine eigenen Grundsatze erkennen, und meiner Spekulation das Siegel aufdrucken sollte. Ob aber in solcher der Patriot fur den Nachtheil, den ich durch meinen Mussiggang dem Staate der Philosoph fur die Beeintrachtigung, die ich der Moral zugefugt habe eine eben so auslangende Entschadigung erwarten durfe, hatte ich Dir noch zu erweisen; und es ist ein wahres Gluck, dass, trotz aller Dunste, die mir zu Kopf steigen, ich Federkraft genug habe, so verwickelte Fragen aus einander zu wirren. Patrioten und Philosophen ich weiss es sind krittliche Geschopfe, und es ist eine wahre Wohlthat von Gott, dass ein unbefangener Autor deren nur wenig antrifft aber, ich dachte doch auch s i e mussten einsehen, dass mit meiner Sache wenig oder nichts anzufangen sei, wenn ich sie liegen lasse, wie sie alleweile liegt: denn gesetzt, meine Herren, ich liesse die Stunden meines Mussiggangs, mit ihrem ganzen hasslichen Gefolge, als Schatten eines vergeudeten Lebens, tagtaglich an meinem Lehnstuhle oder Rechnungstische vorbei ziehen, so kann ihre traurige Procession doch hochstens nur eine Staubwolke den vergeblichen Wunsch namlich bei mir erregen, dass sie noch zu meiner Zeit gehoren mochten! Ihr widriger Anblick kann mich allenfalls in meinem Vornehmen befestigen, die folgenden, die mir etwa noch werden, mit guten, nutzlichen, wohlthatigen Werken zu schmucken, damit nie eine mehr bei mir voruberschlupfe, die mir nicht freundlich und friedlich in die Augen spiele, und noch im Verschwinden einen Kuss zuruckwerfe. Das ist nun zwar etwas, aber nicht viel. Wollte ich aus schamhafter Empfindlichkeit vollends gar ihrem Andenken entsagen, und thun, als ob sie nie zu meinem Leben gehort hatten, so ware das noch weniger. Entschliesse ich mich aber nur, ihre Luftgestalten in einen Spiegel zu fassen, und gewonne ich nur so viel damit, dass ich ihn dem Selbstgefuhl anderer leichtsinniger Gesellen, die bei mir voruber ihren Leidenschaften nachlaufen, vorhalten, und bewerkstelligen kann, dass sie einen Augenblick stille stehen, und bei Betrachtung meiner Bilder zu Athem kommen, so giebt mir dieses schon einen ganz andern beinahe theologischen Antrieb, mit einem Buchhandler zu sprechen, und legt dem e r s t e n Bewegungsgrunde, der nur auf meinen Nutzen berechnet war, einen ungleich w i c h t i g e r n bei, und der viel empfehlendes selbst fur den Philosophen hat. Immer aber ist weder der e i n e noch der a n d e r e auslangend genug, dass ich mich so geschwind uber die Schamrothe wegsetzen mochte, die gewiss jeden ehrbaren Mann anfliegt, wenn er, wie ein Savoyard mit seiner Zauberlaterne, durch die Strassen laufen, und seine Grotesken ausrufen soll. Nein, meine hochverehrten Herren! Die wahre Triebfeder, die mich zu einem Schritte bewegen kann, der eigentlich meinem Gefuhle widersteht, liegt in meiner Denkungsart uber einen Grundsatz, den ich mir zwar bloss aus der Erfahrung gebildet habe, der aber, nach meiner Einsicht, wohl verdiente, in der praktischen Weltweisheit einen systematischen Anstrich zu erhalten: dass man namlich die a u ss e r e Mechanik zu Hulfe rufe, wo es mit unsrer innern Einrichtung stockt. Dieser dunkle Satz wird erst ganz klar durch die Anwendung. Ich musste ein Buch schreiben, wenn ich alle die Falle aufzahlen wollte, die seine Brauchbarkeit an den Tag legen. Um diessmal nur von der Unterstutzung zu reden, die er mir leistet, so eroffnet er mir ganz allein, mit der Hoffnung, den beleidigten Genius der Moral zu besanftigen, die schone Aussicht, jenen nun einmal verlornen und verschrienen Zeitraum meines Lebens hinterher noch einigermassen zu veredeln, die Anforderung des Staats an mich auf dem Wege der Gegenrechnung auszugleichen, und endlich mich selbst der gerechten Bestrafung zu uberliefern, die, da sie nur Richtern zukommt, die weniger wider das Sittengesetz verstossen haben als ich, ausserst gelind ausfallen wird. Und dieses ...
Doch erst muss ich den Sturmmaler, der eben glanzend und munter von seinem Mittagsmahl herein tritt, aus der Stille meines Schreibtisches entfernen, und ihm etwas zu thun geben, damit er mich in der Ausfuhrung meines Beweises ungestort lasse. "Konnen Sie noch wohl Ihre Muttersprache schreiben, lieber Sperling?" "Das will ich hoffen," antwortete er mir, nahm eine von meinen Federn, und bewies es mir auf der Stelle durch seinen alten Denkspruch, den er mir auf ein Schnittchen Papier schrieb, wie ehemals in mein Stammbuch:
Wenn, lieber Kunstler, dir zum Lohne
Kein Zepter ward und keine Krone,
So troste dich dein Ruhm! Talente, Geist, Geschmack,
Veredeln selbst den Bettelsack.
"Schon!" rief ich aus. "Ihr Denkspruch beruhigt mich ganz uber die Zumuthung, die ich im Begriffe bin Ihnen zu thun. Es betrifft die Abschrift eines Briefs, die ich zwar angefangen, aber nicht geendigt habe; denn er ist so lang wie eine Abhandlung. Die Arbeit ist dringend: denn ubermorgen muss ich das Original in Montpellier seinem Eigenthumer zustellen; nun ist aber der heutige Abend meinem Reisejournal, der morgende Tag unserer bewussten Wallfahrt bestimmt was ist da zu thun? Ich wurde sie hochst ungern aufgeben; und doch sehe ich kein ander Mittel Sie mussten denn die Stunden, die ich dadurch zu kurz komme, ubernehmen." "Herzlich gern," fiel mir Freund Passerino ein. "Getrauen Sie Sich mit der Abschrift heute noch fertig zu werden, gut: so konnen Sie die Postpferde nach Cotignac so fruh bestellen als Sie wollen. Der Inhalt der Handschrift wird Ihnen ubrigens die Muhe des Abschreibens gar sehr versussen; denn es sind Rhapsodien uber Talent und Geschmack." "O geben Sie her," unterbrach er mich hastig: "uber so einem Thema konnte ich ganze Nachte aufsitzen." "Eine Bedingung jedoch," fuhr ich fort, "mussen wir noch festsetzen, dass keiner namlich den andern store. Ich brute hier uber einer haklichen Sache, die keine Zerstreuung zulasst; und doch ahndet mir, dass Ihnen beim Abschreiben nichts schwerer fallen wird, als das Maul zu halten. Es ist naturlich: einem Kopfe, wie der Ihrige, mussen bei so einer Materie Zweifel die Menge aufstossen. Ich gebe sie Ihnen alle in voraus zu, nur anhoren mag ich sie nicht; und mussen sie Ihnen ja uber die Leber, so setzen Sie sie neben Ihre Abschrift als Randglossen das soll Ihnen erlaubt seyn." Unter diesen Massregeln, die ich zu meiner Sicherheit fur nothwendig hielt, stellte ich ihm einen Tisch, dem meinigen gegenuber, in das Fenster, legte ihm den Brief des Landjunkers vor wies ihm die Zeile, bei der ich stehen geblieben, und habe mir durch diesen Ausweg zwei grosse Beschwerlichkeiten mit einem Mal vom Halse geschafft die Muhe des Abschreibens und seine Unterhaltung.
Und dieses fahre ich nun ruhiger in meinem angefangenen Beweise fort kann wohl auf keine patriotischere Weise geschehen, als dass ich den ganzen Unrath meiner verschwendeten Zeit, wie er sich wahrend der Reise in meinem Tagebuche anhaufte, zusammen kehre, und die korperliche Schwere, die darin liegt, an jenes bekannte Triebwerk hange, das eine Menge verdienter Staatsburger sammt Weib und Kindern ernahrt eine Menge nach Fleiss und Arbeit ringender Hande in Bewegung setzt von dem Lumpensammler an bis zu dem Recensenten von dem Setzer bis zum Verleger vom Kupferstecher bis zum Buchbinder. Welcher Kreislauf von Thatigkeit, Muhe und Erwerb, ehe der Nebel meiner verflossenen Stunden in die Hohe steigt, und nun in sanften Thantropfen auf die Blumenkelche, oder wie es trifft auf die Krautkopfe meiner Leser herunter fallt! Wie gut, dass nichts auf unserm Erdball verloren geht, selbst das nicht, was wir verthun! Alles kann nutzlich werden, und wird es. Versaumen wir es aufzuheben, so thut es die Natur von selbst; denn sie hat unzahlige, Mittel der Anwendung in ihren immer schaffenden Handen. Lange trugen die emsigen Ansiedler von Holland die todt gebrannte Asche ihres Torfs, wie ich die Belege meines Tagebuchs, einzeln aus ihren Kaminen auf einen Haufen zusammen, der endlich zu einer furchterlichen Grosse anwuchs. Was soll, fragten sie sich angstlich unter einander, in die Lange aus dieser unnutzen Staubmasse werden, die, hatten wir sie in unsere Kanale getragen, sie langst so gewiss wurde verstopft haben, als sie jetzt unsere Dorfer und Stadte verdammt? Zeit und Nachdenken haben es sie gelehrt. Jetzt befrachten sie ganze Flotten mit diesem, ihnen ehemals so argerlichen Material, und schicken es ihren Nachbarn in Brabant zu, die jahrlich darauf harren, um ihre an Erstickung allzu grosser Fettigkeit leidenden Felder damit zu luften, um sie zu bessern Ernten geschickt zu machen. Dieser Tauschhandel ist fortdauernd im Gange, und ist Staatsbedurfniss geworden. Das eine Land bezahlt von dem Ueberflusse seines Korns den uberflussigen Staub des andern, und beide Lander befinden sich wohl dabei. Wie wunderbar, meine Herren, hangt doch auf unserer Kugel Alles und Nichts und wie wunderbar, wirst Du sagen, hangt doch Geschwatz und Philosophie, und oft ein schwerer Beweis mit einem Glase so sussen Weines zusammen, als ich eben, wie Du vermuthlich von weitem ahndest, auf aller Patrioten Wohlseyn ausleere!
Abends neun Uhr.
Wie ich glaube denn gewiss weiss ich es doch nicht bin ich auf der vorigen Seite mit den Patrioten, den Philosophen und Dir vollig zu Rande gekommen habe von euch allen die Erlaubniss ausgewirkt, mein Tagebuch drucken zu lassen, und meine Aktien sind nun im Steigen. Doch furchte nicht, Eduard, dass mich diese abgeschuttelten Sorgen verleiten werden, meigeschriebenen Hefte besagen. Gott bewahre! Ich wunsche Gegentheils, und ich kann wohl sagen, mit aufrichtigem Herzen dass von nun an nur die reinsten Tugendbilder aus meinem Leben zuruck strahlen und meine Feder beschaftigen mogen. Nur muthe mir niemand zu, ihr eine schone Luge unterzulegen, in dem Falle, dass ich Dir eine hassliche Wahrheit zu gestehen hatte. Daraus wird nichts. Wer Guckkasten von so erbaulicher Zusammensetzung verlangt, lasse mein Tagebuch ungelesen, und suche sich einen unter den zweien dreien aus, die er selbst in der kleinsten Stadt findet. Ich horte eben einen uber die Strasse orgeln. Er stand zu sehr in Verbindung mit meinen Gedanken, um ihn ruhig vorbei gehen zu lassen. Der Epilogus musste ihm nachspringen. Es trat ein stattlicher Junge herein, der seine Sachen ganz gut machte. Passerino fand seine bunten Bilder recht artig; sein Leierstuckchen war es gewiss nicht weniger, und lautet in unserer Deutschen Uebersetzung also:
Schaut auf! Hier wird zur Abenbfeier
Die grosse Harmonie der Welt,
Dem armen Mann fur einen Dreier,
Weit mannlicher nach meiner Leier,
Als durch Kastraten vorgestellt!
Diess armlichste von allen Spielen
Entwickelt mehr, als es verheisst:
Den Hohen die vom Gipfel fielen,
Ruhrt es das Herz und hebt den Geist.
Hier siehst du Karl, den Kaiser, speisen
Und Konig Salomonis Thron,
Und mochtest dich vor Neid zerreissen,
Und wunschest, auch ein Herr zu heissen,
Wie Kaiser Karl und Salomon.
Doch bald nachher erfolgen Possen,
Wie sie von Zeit zu Zeit geschehn.
Den Pharao sammt seinen Rossen
Wirst du, elendiglich erschossen,
Im rothen Meere schwimmen sehn!
Jetzt schleudert er in Todesschmerzen
Mit Fluchen Kron' und Zepter hin;
Nun rufst du mit bekehrtem Herzen:
Mit Gottes Macht ist nicht zu scherzen;
Wohl mir dass ich kein Konig bin!
Um Mitternacht.
Ich muss doch meine Feder noch einmal ansetzen, die, wie meine mude getriebenen Gedanken, langer als zwei Stunden geruht hat, um Dir die Lage zu schildern, in der ich mich schaukele; denn sie ist gar zu schnakisch. Entschuldige nur meine grossen Buchstaben. Wenn ich sie hinsetze, kommen sie mir winzig klein vor; aber sie wachsen, wie sie mir entDer Mensch kann ... Mein ehrwurdiger Freund und Gonner haben mir fortschreiben, aber Sie k o n n t e n nicht. Der Wein scheint eine andere Richtung genommen zu haben, als der liebe Herr erwartete; denn anstatt den Magen auszuspulen, ist er ihm zu Kopfe gestiegen, und hat ausserdem nichts gewirkt, als ein starkes Zittern an Handen und Fussen und ein wenig Schwindel. Da sich alles das hinter meinem Rucken gemacht hat, so erschreckte mich eine so unerwartete Erscheinung nicht wenig, als ich mit der Abschrift fertig war, und mich herum drehte, um sie ihrem Herrn zu uberliefern. Ich habe sie, wie auch das Original, einstweilen dem Herrn Kammerdiener zugestellt, mit dessen Beihulfe ich eben den Kranken zu Bette gebracht habe. Ew. ich lasse alle Titulatur weg, da ich nicht weiss, an wen ich die Ehre habe zu schreiben durfen also unsers gemeinschaftlichen Freundes halber ganz ausser Sorge seyn. Der nachtliche Schlaf wird den Unfug wohl heben, den der Wein aus dreier Herrn Lander angerichtet hat; und da wir morgen mit dem fruhesten auf sehr holperigem Wege uber Land fahren, so ist kein Zweifel, dass diese starke Bewegung dem hartnackigen Streit mit dem Seefische der leider noch immer besteht einen glucklichen Ausgang verschaffen werde. Wie die Zeit vergeht! Schon zwei Stunden uber Mitternacht! Der Herr schlafen aber etwas unruhig. Mein Licht ist abgebrannt ich darf nicht langer hier saumen, wenn es mir bis an die Hausthure noch vorleuchten soll.
Den 12ten Februar.
Ich komme heute weder von der Maria zu Cotignac, wie Du nach der letzten Zeile glauben musstest, die ich schrieb, noch von sonst einem andern christlichen oder heidnischen Gotzenbilde, sondern viel weiter her, und zu Dir zuruck, mein unschatzbarer Freund. Ein neues reines Blatt liegt vor mir, mit dem ich heute ein frisches Tagebuch anfange. Fortsetzen kann ich das altere nicht, denn es ist auf meiner beschwerlichen Reise verraumt worden. Seit wir uns kennen, mein Eduard, sind die letztvergangenen vier Wochen die ersten, in denen ich keine Stunde an Dich gedacht habe. Dafur bist Du mir aber auch jetzt lieber als jemals. Ich komme aus den dunkelhellen Gefilden zuruck, die an die Finsternisse des Todes granzen, horte schon in der Nahe den Strom rauschen, der alle Geschlechter der Erde fortschwemmt, und sah die Damme von Schlamm weit unter mir, die wir in der Selbstgenugsamkeit unseres Stolzes gegen den Zufluss reiner Quellen um unsre Froschgraben ziehen, und die uns jede Aussicht in das Freie versperren. Die Zeit schien schrecklich vor mir voruber zu fliegen. Jede laufende Minute hing ihr ein Sterbeglockchen mehr an. Von in ein furchterliches Gelaute zusammen, gegen welches das Geklimper auf unsern Kirchhofen Harmonie ist. Ich floh dem Tode mit heisser Begierde entgegen, um aus diesem Gesause der einsturzenden Welt und aus ihrem Staube zu kommen; und doch trieb mich der Schauer der Ewigkeit immer wieder aus seinen ausgestreckten Armen zuruck. So flatterte mein Geist in jener unbekannten Wildniss, die an den Zaun unsres Lebens anstosst, ungewiss umher, ohne dass ihm ein Mondschimmer vorleuchtete, oder ein freundlicher Stern begegnete. So hob sich meine Seele, leicht wie ein Dunst, aus ihrem zerbrochenen Gefasse. Hinuber hinuber war der einzige seufzende Laut, den ihr die Angst der Verzweiflung abdrang Sie hatte nur noch einen Schwung zu thun, um da zu seyn, wo sie hinstrebte, als eine unsichtbare Gewalt sie aufhielt, und eine freundschaftliche Stimme ihr zurief: "Kehre um, meine Schwester! Es giebt viel schonere Eingange in dieses Thal kehre in das Leben zuruck, um sie zu suchen." Und was fand sie, als sie, aus ihrer Hohe herab gewirbelt, wieder auf den Standpunkt kam, von welchem sie aufstieg als statt der Phantome, die sie umgaukelten, sie wieder Menschengestalten erblickte, und fragen konnte: "Wo ist die schwesterliche Seele, die mich in das Leben zuruck zog?" Ach! sie fragte umsonst; aber sie fand ein Herz, das in der Hitze eines schrecklichen Fiebers, unter Prasseln, Toben und Angst zergangen, gleich einem edeln Erz von seinen Schlacken gereinigt, nun abgekuhlt auf den Boden gesunken, wie ein funkelndes Goldkornchen da lag. Die rauhe Schaale, die es sonst umgab, ist verschwunden; was es aber an unnutzem Gewichte verlor, hat es an Werth gewonnen denn die Muhe der Bearbeitung, die Schmelzkosten sind uberwunden, und sein wahrer Gehalt ist durch das Feuer bestatigt.
O konnte ich diesen Goldtropfen so glanzend zu Dir hinrollen, als er jetzt aus der Gluhpfanne des Herzens geflossen ist, damit Du Dich in seiner Oberflache spiegeln konntest, ehe er in dem Umlauf unter den Menschen sich wieder verdunkelt und anlauft! Mochte er immer nur von den Blicken derer bestrahlt werden, die ihn zu schatzen verstehn! Moge ein gutes Schicksal ewig alle schmutzige Hande von ihm abhalten, und ihn bewahren, damit er nicht in dem Tumulte der Welt in eine Ecke geworfen oder in Koth getreten werde! Fliegen ihm ja Sonnenstaubchen an wie bald blast diese ein freundschaftlicher Hauch hinweg!
Ich habe meine Uhr, die mir die Fehltritte meines Lebens zu bezeichnen aufhorte, als mein uberirdischer Traum anhob, und die wahrend meines Kampfs mit der Ewigkeit stillschweigend uber meinem Kopfkissen hing heute zum erstenmal wieder in Gang gesetzt, und Gott, mit welcher Empfindung! Jede Sekunde, die den Zeiger jetzt weiter ruckt, jeder Laut, den sie an die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft anschlagt, jede halbe Note auf der Tonleiter der Zeit, und jeder Schwung derselben, der den Todtentanz unserer Stunden entwickelt durchzittert die feinsten Fasern meines Herzens, und verstarkt den Nachhall meines bittern Bewusstseyns. Doch ich hore meinen Arzt, der unter mir wohnt, die Treppe herauf steigen. Sein sterblicher Name ist Sabathier. Er fliesse nie als mit dankbarer Ehrfurcht uber meine Lippen!
Eben ist der menschenfreundliche Mann von mir gegangen. Aber, welch ein schweres Verbot liess er mir nicht zuruck! "Was schreiben Sie?" fragte er, nahm mir das Blatt unter den Handen weg und las. Es ist das erstemal, dass ein strenges Auge in mein Tagebuch blickt. "Nein," rief er, "in diesem Tone durfen Sie nicht fortfahren. Sie mussen Sich durchaus des Gebrauchs Ihrer Feder noch einige Tage enthalten. Wenn es mir auch nicht Ihr Puls verriethe, diese Zeilen wurden es thun, dass Sie noch krank sind. Im ganzen Ernste, lieber Freund, muss ich Ihnen unter der gewissen Bedrohung einer noch langern Einkerkerung auflegen, Ihren uberspannten Vorstellungen, Ihren kostbaren Ausdrucken im Reden und Schreiben nach Moglichkeit entgegen zu arbeiten." "Und durch was, lieber Doktor?" fragte ich. "Durch ein Loth Fieberrinde, ehe Sie Ihren Spargel essen," antwortete er mir, "und durch ein Glas Limonade nach Tische." Und so ging er. Was will der Mann mit diesem Recepte? Ich dachte, ich hatte nie hellere Vorstellungen gehabt, und sie, seitdem ich schreiben kann, nie so deutlich und naturlich entwickelt, als diesen Morgen. Doch, ich will nicht mit ihm streiten. Meine erste Tugend soll seyn, wie bei einem Kinde Gehorsam der punktlichste Gehorsam. Denn ehe ich den Blick ins Freie und den Balsam der Luft noch langer entbehren mochte, wollte ich lieber durch einen Eid ewig auf meine Feder Verzicht thun.
Den 15ten Februar.
Zwei Tage und eilf Stunden bin ich armer Entkrafteter mehr unter fremder als eigener Sorge fur die Erhaltung meines schwankenden Daseyns nun weiter geruckt, und ein starkender Schlaf der vergangenen Nacht hat mir viel Gutes gethan. Er hat meinen Kopf so befestigt, dass ich ihn nicht mehr zu stutzen brauche, und hat mir, Gott sei Dank, die Erlaubniss meines Arztes verschafft, Dir wieder schreiben zu durfen. Aber sieh nur, wie genau er es mit mir nimmt. Hat er mich nicht, wie einen Anfanger, in die Granzen einer einzigen Blattseite eingezaunt, die ich, bei Verlust meiner Freilassung, nicht uberschreiten darf? Dafur den er mir zu diesem sussen Geschafte frei lasst, desto weiter auszudehnen, und mir den ganzen vorliegenden langen Tag dazu auszusetzen. Sollte man aus dieser Einrichtung nicht schliessen, der gute Mann habe es nur darauf angelegt, Dir zu etwas recht scharf gedachtem und geistreichem zu verhelfen? Nichts weniger! Gerade dagegen hat er die ernstlichsten Vorstellungen gemacht. Er will durchaus, dass ich mein Papier mehr mit Worten als mit Gedanken fullen, und wenn wider Verhoffen mir etwas in die Quere kame, das diesen Namen verdiente, ich geschwind aufspringen und einen Kamm durch mein Haar ziehen mochte. Hast Du je gehort, Eduard, dass man bei uns s o eine Diat vorschreibt, oder haben unsere Aerzte bei ihren Patienten von dieser Seite nichts zu besorgen? Zu einem Zwischenzeitvertreib hat der Doktor Bastianen aufgegeben, mich mit meiner Krankengeschichte zu unterhalten. Da sich meine Erinnerungskraft ganz verkrochen hat, so ist es mir in der That lieb, von einem so nahen Zuschauer den Gang eines Dramas zu erfahren, in welchem ich die erste Rolle spielte, ohne es selbst zu wissen. Er hatte, sagt er, gleich beim ersten Aufzuge sich nichts kluges von derselben versprochen; denn er habe, als er in meine Kammer getreten sei, um mich zu meiner malerischen Reise zu wecken, mich im Hemde an dem offenen Fenster gefunden "Ich verbarg mein Erstaunen," fuhr Bastian fort, "und fragte, ob Sie Sich nicht ankleiden wollten?" In der heftigsten Bewegung antworteten Sie: "Geh! kaufe mir einen Rock von Schnee gewebt und eine Mutze von Eis!" Es war die erste unpassende Rede, die ich noch von Ihnen gehort hatte denken Sie, wie sie mich erschreckte! Herr Passerino, fing ich mit zitternder Stimme an, wartet schon seit einer Stunde in dem Vorsaal, und die Postpferde ... "Was?" fielen Sie mir in das Wort, und Ihre Augen flammten, "der Kerl ist aus Spandau entsprungen? Leg ihm gleich die Fesseln an und ubergieb ihn der Wache." Jetzt saumte ich nicht langer. Ich rief nach Hulfe durch das ganze Haus, stellte den Maler an die Treppe, um allen Larm abzuhalten, schickte den Hausknecht nach dem ersten Arzte, den er auftreiben konnte, liess Ihren Reisewagen abspannen, und lauerte endlich in der grossten Angst an der Hausthure auf die Ankunft des Marktschreiers Diess ist kein Schimpfwort es war sein eigentlicher Charakter, wie es sich erst auswies, als es beinahe zu spat war. Er bezeigte eine herzliche Freude Sie wieder zu sehen. "Den Herrn," sagte er mir gleich bei seinem Eintritte, "habe ich schon vor einigen Monaten zu Bruchsal in der Kur gehabt. Mit seiner jetzigen Krankheit hoffe ich eben so bald fertig zu werden als damals." Wie froh war ich uber den glucklichen Zufall, der diesen Mann hierher brachte! Auch Sie schienen Sich seiner zu erinnern, und ich musste glauben, dass er in keinem geringen Ansehn bei Ihnen stande; denn Sie folgten ihm auf den Wink. Er befahl Ihnen, das Fenster zuzumachen und Sich zu Bette zu legen. Sie gehorchten ohne Widerrede. Jetzt flog er zur Thur hinaus um selbst die Arznei zu holen, brachte sie, gab mir eine gedruckte Anweisung zu ihrem Gebrauche, und flog wieder davon. Er entschuldigte seine Eil mit offentlichen Geschaften, die ihm oblagen, rieb sich die Stirn, sprach von Aufopferung und Versaumniss, und als ich darauf erwiederte, dass er sicher auf ein schones Gratial rechnen konnte "Ach, ich weiss es, ich weiss es," antwortete er, liess sich aber dennoch vor Abends nicht wieder sehen. Auf diese Art setzte er seine Kur in Gang, und brachte Sie, trotz seiner seltenen Besuche, mit jeder Stunde einen Schritt naher zum Grabe. Ich furchtete Alles, und doch beruhigte mich sein Geschwatz, und das Gluck, auf das er sich immer bezog, Sie schon einmal vom Tode gerettet zu haben. Es ist alles in seiner Ordnung, antwortete er auf meine bedenklichsten Mienen. Er war uber nichts verlegen, hatte zu jedem neuen Symptom auch schon ein Flaschchen in der Tasche, und so schien es am siebenten Morgen ganz auch in seiner Ordnung zu seyn, dass er den Kopf schuttelte, die Achseln zuckte, und zu stottern anfing, wenn ich ihn fragte. Jetzt erwachte mein Misstrauen in seiner ganzen Grosse, und eben wollte ich in der Verzweiflung meines Herzens den elenden Kerl zur Thure hinaus stossen, als sie sich offnete, und ein Mann von dem edelsten Ansehn herein vor Schrecken aber wieder zuruck trat, sobald er Ihrer ansichtig ward. Zugleich fasste er auch den Arzt in das Auge, und trat auf ihn zu. "Ist das nicht," fragte er, "der Schreier von dem Pferdemarkte? Freund, wie kommt Er hierher?" "Man hat mich rufen lassen," antwortete der Unverschamte, "aber zu spat. Ich bin ubrigens ein guter Bekannter von diesem Herrn habe ihm schon in Deutschland von einer schweren Krankheit geholfen leider sind aber diessmal seine Umstande zu gefahrlich und ganz hoffnungslos, das muss ich sagen." "Das soll ein Arzt beurtheilen, der es versteht," versetzte der Fremde, "und im aussersten Falle auch die Polizei. Dem Kranken keine Arzneien weiter bis ich zuruck komme," wendete er sich gegen mich und eilte davon. "O, meine Mittel," setzte nun der trotzige Kerl seine Rechtfertigung gegen mich fort, "werden jetzt weder schaden noch helfen. Den Wundermann mochte ich sehen, der Seinen Herrn zu retten vermochte. Die Krankheit selbst hatte eigentlich nichts zu bedeuten. Ich habe den Prinzen von Rohan von einer dergleichen befreit, die noch heftiger war: aber bei einem Protestanten ist ihr nicht beizukommen: denn sein hitziges Fieber ist nur die Folge seines bosen Gewissens. Ware Sein Herr von unserer Religion, so hatte dieser Umstand gerade am wenigsten zu sagen. Der erste beste Monch wurde die Sache in einer Viertelstunde geschlichtet haben; aber eine Seele mit Verbrechen beladen, auf die kein Weihwasser, keine Monstranz, keine Madonna wirkt, entschlupft oft dem geschicktesten Arzte unter den Handen, und fahrt zum Teufel, wenn auch der Korper langst wieder in Ordnung gebracht ist und das ist hier der Fall." "Unmoglich," antwortete ich: "Thorheiten kann der arme Herr begangen haben, das will ich zugeben; aber Verbrechen gewiss nicht. Ich bin seit dem Neujahrstage in seinen Diensten und tagtaglich um ihn, und weiss doch auch, was Sunden sind; aber ich musste es lugen, wenn ich ihm die geringste nachsagen wollte." "Mir darf Sein Herr so etwas nicht weiss machen," versetzte der Zahnarzt; "ein hitziges Fieber ist gar ein plauderhaftes Ding, und zum Glucke verstehe ich die beiden Sprachen, in denen Sein Herr wechselsweise irre redet. Ach, ich konnte Ihm das Verstandniss wohl offnen, lieber Mann; aber was geht es mich an? Ich bin heilfroh, dass ich hier aus dem Spiel komme. Die Polizei? das ist zum Lachen! Habe ich mich denn aufgedrungen? Hat mich denn mein alter Freund nicht rufen lassen? Ohnehin breche ich morgen mein Theater ab, und ziehe weiter. Sorge er ja auch bei Zeiten fur Sich, Herr Kammerdiener, und leb' Er wohl! Meine Rechnung will ich jetzt gleich mit dem Wirthe abmachen." Fur die sollte der Esel von Hausknecht haften, der Ihn geholt hat! rief ich ihm nach, und schlug die Thure hinter ihm zu.
Nicht lange nachher fuhrte der Fremde den Arzt herein, der Sie mit Gottes Hulfe bis hierher gebracht hat. Er fing seine Kur freilich auch damit an, womit der erste die seinige endigte mit Kopfschutteln; aber es dauerte nicht lange, so setzte er Ihren ganzen Haushalt in Bewegung, und schickte zu gleicher Zeit in vier, Apotheken, damit kein Rettungsmittel uber die Zubereitung des andern zu spat kame. Ich musste einen Chinatrank, der Prologus Spanische Fliegen, der Epilogus ein Klystier, und Herr Passerino Blutigel holen. Unterdessen schrieb der Fremde ... "Aber wer ist denn der Mann," unterbrach ich hier meinem Bastian, "der sich meiner so freundschaftlich annahm?" "Das," antwortete er, "habe ich nicht herausbringen konnen, weder von ihm selbst noch von dem Herrn Sabathier." "Er schrieb also," fuhr der Erzahler fort, "ein Briefchen an den Kommendanten, das er durch den Wirth selbst abschickte, und welches die gute Folge hatte, dass die Gasse mit Sand bestreut, fur die Wagen gesperrt, und der erschutternde Larm von aussen gedampft wurde. Nun setzte er sich mit trauriger Miene an Ihr Bette, und befahl, die Ermudetsten von uns sollten sich schlafen legen, damit wir Tag und Nacht im Dienste abwechseln konnten."
Weisst Du wohl, Eduard, wen sich meine Einbildungskraft bis hierher unter diesem fur mich so besorgten Manne vorstellte? Dich, Theuerster, oder meinen Jerom. Konnte mir der Teufel, dachte ich, einen so abscheulichen Bekannten als den Zahnbrecher nachschicken, um mich in die Holle zu treiben warum sollte es nicht meinem guten Genius eben so moglich gewesen seyn, mir einen Freund zu meiner Rettung herbei zu fuhren? Freilich war' er beinahe zu spat gekommen; aber reist das Verderben nicht immer geschwinder als die Hulfe? Die Folge der Erzahlung meines Bastian benahm mir diese schone Hoffnung auf einmal; denn, wie er mir sagte, that der Fremde Fragen an ihn, die allein schon zeigen, wie unbekannt ich ihm seyn musse. Ich fuhr, zum Beispiel, bald nach seiner Erscheinung mit der Hand nach der Stirne, vermuthlich weil die Blasenpflaster zu ziehen anfingen, und rief angstlich dabei: "O Margot, meine liebe Margot, binde mir geschwind dein warmes Halstuch um" und da glaubte der gute Mann, ich ware verheirathet, und fragte, ob meine Frau in der Nahe sei? "Ach nein," antwortete Bastian weinend, "es ist meine Schwester, die ihm im Sinne liegt; wollte doch Gott, sie ware hier!" Eine Weile nachher schrie ich: "Heilige Klara von Falkenstein!" "Ich hore," sagte darauf der Unbekannte, "dass der Kranke unsers Glaubens ist. Wie kommt es, dass ihm noch kein Monch das Viatikum anbeut?" Ich rief heftig dazwischen, als ob ich ihm das Gegentheil beweisen wollte: "Weg weg von mir, abscheuliches Geschopf mit deinen hollischen Geistern und deinen Kreuzen!" Hier sah sich der Herr noch einmal nach uns um, sagte Bastian. Ich traute mir nicht zu antworten, aber der Epilogus nahm das Wort. "Ach Gott," sagte dieser, "das ist eine gar lange Geschichte. Die Klara, von der unser Kranker spricht, ist ein wunderschones Madchen zu Avignon. Kennen Sie etwa den Herrn Ducliquet?" "Ich habe nicht die Ehre," antwortete der Fremde. "Nun so wird es schwer werden," fuhr der Epilogus fort, "Ihnen die Sache verstandlich zu machen. So viel kann ich Ihnen sagen, dass dieses Madchen die Steine der heiligen Dreifaltigkeit in sich tragen soll, die der katholischen Kirche seit langer Zeit abhanden gekommen sind. Ob sie mein Herr bei ihr gesucht hat, weiss ich nicht gewiss, aber ich glaube ..." "Wie lange," unterbrach ihn der Unbekannte, "ist er bei dem Herrn in Diensten?" "Seit dem achten vorigen Monats," antwortete der unleidliche Schwatzer. "Vorher war ich ein Puppenspieler, nachher Grenadier unter der Papstlichen Garde, werde aber jetzt im Hause der Epilogus genannt, und der Prologus ist mein Bruder." "Ich dachte, mein Freund," versetzte der Fremde ernsthaft, "er ginge schlafen. Er scheint es mir, nothiger zu haben als ein anderer." Der Kerl liess es sich nicht zweimal sagen, und ich, Eduard, bin recht froh, dass er fort ist. Um Gottes willen, was muss sich mein unbekannter Wohlthater fur einen Begriff von meiner Wirtschaft gemacht haben! Es ist ihm wahrlich nicht zu verdenken, dass er sich jetzt nicht weiter um mich bekummert. Aber mein Blatt ist leider zu Ende. Punktlicher kann man wohl seinem Arzte nicht gehorchen; denn, wenn Du Dir nicht selbst Gedanken bei meiner Geschichte machst, von mir liegen gewiss keine darin.
Den 16ten Februar.
"Da haben Sie Recht!" lachelte mich der herzensgute Sabathier diesen Morgen an, nachdem er mein gestriges Blatt bis auf die letzte Zeile durchgelesen hatte, "das hat Ihnen den Kopf schwerlich angegriffen. Wenn Sie mir versprechen so fortzufahren, und daran Spass finden, so erlaube ich Ihnen heute ohne Bedenken einige Seiten mehr."
So will ich mich denn an meinen eigenen Anekdoten auch recht satt schreiben. Wenn diese nicht acht ausfielen, so musste keinen in der Welt mehr zu trauen seyn, da hier die gewiss seltenen Umstande zusammen treffen, dass der Held der Geschichte sie aus dem logus," nahm Bastian den Faden seines gestrigen Berichts auf, "trat jetzt an die Stelle seines zu Bette geschickten Bruders, und der fremde Herr hielt seine erste Nachtwache an dem Ihrigen ganz besonders glucklich fur Sie: denn gegen drei Uhr stiegen Ihre Phantasien, die ohnehin rathselhaft genug waren, so hoch, dass Sie aus Ihrem Franzosischen Jargon in den Deutschen fielen, den, ausser Ihrem vornehmen Wachter, niemand von uns verstand. Wie hatten wir mit Ihrer Ungeduld zurecht kommen wollen? So forderten Sie einmal etwas mit der angstlichsten Heftigkeit. Wahrend wir nun aus gleichem Missverstandnisse, ich nach Limonade und der Prologus nach dem Fliegenwedel lief, hatte Ihnen der Fremde schon gebracht, was Sie verlangten." "Und was war es denn, Bastian?" fragte ich. "Also erinnern Sie Sich wohl gar nicht einmal, was Sie zerrissen haben?" "Ich weiss kein Wort davon." "Nun so will ich nur wunschen, dass es Sie hinterher nicht noch gereue. Es waren die vielen Hefte, die Sie gewohnlich alle Abende um einen oder zwei Bogen verstarkten, und die auf Ihrem Schreibetische noch aufgehauft beisammen lagen." "Mein Tagebuch, Bastian? das hatte ich zerrissen?" "Ja wohl, mein lieber Herr, in tausend kleine Stuckchen. Die Arbeit schien Ihnen eine rechte Freude zu machen. Der Fremde musste Ihnen einen Heft nach dem andern zureichen. Sonderbar war es, dass Sie die Anzahl davon auf das genaueste im Kopfe hatten, ungeachtet seiner grossen Schwache. Sie forderten den ersten, den zweiten, und so fort, und wurden nicht eher ganz ruhig, bis auch der letzte vernichtet war, das Arabische Manuscript ausgenommen, das Herr Passerino nebst seiner Abschrift bei mir niedergelegt hat." Ich sass mittlerweile ganz still neben der Nachtlampe, und dachte wehmuthig den vielen schonen Stunden nach, die ich Sie an diesen unglucklichen Papieren mit einem Ernst hatte verschreiben sehen, als wenn Sie fur die Ewigkeit schrieben. Sie aber wendeten Sich, wie die Sache geschehen war, mit dem heitersten Gesichte und in Franzosischer Sprache zu dem Fremden: "Jetzt, Herr Prokurator, thun Sie mir den Gefallen, und befreien mich von diesem Plunder. Tragen Sie ihn dort ins Kamin der Prologus soll ihn anstecken." Als die Flamme aufloderte und die dunkle Stube bis an die Decke erleuchtete, riefen Sie ein Bravo uber das andere, und: "Sehen Sie nicht, Herr Prokurator," sagten Sie halb leise zu dem Herrn, "wie lustig die heiligen Engel den brennenden Scheiterhaufen umflattern?" Wohl gut, dass der Quacksalber der Exekution Ihres Tagebuchs nicht mit beiwohnte: er hatte sicher Ihr strenges Urtheil fur eine Selbsthulfe Ihres bosen Gewissens erklart. Fur eine wohlthatige Krise hielten wir es indess alle; denn Sie fielen gleich darauf, zum erstenmale seit acht Tagen, in Schlaf, und athmeten so frei, als ob Ihnen eine druckende Last von dem Herzen genommen sei. Auch ich begab mich nun zur Ruhe Passerino loste mich ab. Als aber der Tag anbrach, kam ich so neu gestarkt wieder auf meinen Posten, dass der fremde Herr kein Bedenken fand, mir seinen Stuhl an Ihrem Bette einzuraumen, und sich auf einige Stunden zu entfernen. Sie schliefen noch eine gute Weile ununterbrochen fort. Aber ach! wie ruhrten Sie mich durch Ihre freundlichen Phantasien, als Sie aufwachten! Sie hielten mich fur meine Schwester. "Meine gute Margot," wendeten Sie Sich in sanfter abgebrochener Stimme nach mir, "wie freut mich dein lieber Besuch! O wie ubel ist es mir die vielen Jahre her ergangen, seit ich von deinem Bette weg bin! Lebt denn mein treuer Johann noch? Nun das hore ich gern. Wie viel habt ihr Kinder? Deine Madchen sind wohl sehr schon? Nimm sie um Gottes Willen vor den Domherren, vor den Propsten und vor den Monchen in Acht das bitte ich dich. Lass sie weder schreiben lernen, noch lesen; denn sonst stankern sie in allen Legenden. Sprich nie mit ihnen von Tugend, damit sie gar nicht erfahren, dass es Laster giebt; sondern erziehe sie hauslich, reinlich, frohlich und ganz so wie du warest, als ich dir deinen Strohhut aufsetzte. Das versprich mir. Was aus deinem Bruder geworden ist, mag Gott wissen. Hiess er nicht Bastian? Ich hore und sehe nichts von ihm. Er hat mir etwas mitgenommen, das mir sehr werth war dein liebes Gesichtchen. Gott verzeihe es ihm! Aber was ist dir denn begegnet, Margot? warum weinst du? Hier, nimm mein Schnupftuch trockne deine Thranen damit ab. Ich habe es nicht nothig, denn in meine brennenden Augen ist seit Jahr und Tag keine gekommen." Zu meinem Glucke verfielen Sie hier in Ihren vorigen Schlummer, und ich bekam Zeit mich zu erholen; denn jedes Wort Ihres Selbstgesprachs zerriss mir das Herz. Ob wohl meine gute Schwester es empfunden haben mag, wie gegenwartig sie Ihnen war? Das mochte ich wissen. Nun verging wieder eine volle Stunde, ehe Sie aufwachten, und es war eben Zeit, dass Sie einnehmen sollten. Ich reichte Ihnen die Tasse. Sie sahen mich bedachtig an. "Ach, bist du es, Bastian?" sagten Sie endlich. "Gut! Ziehe geschwind deine Livree an; ich muss dich nach Hofe schicken. Du weisst doch, wo die Frau Oberhofmeisterin wohnt? Mache ihr meine Empfehlung, und sage ihr in meinem Namen doch liess' ich um Verschwiegenheit bitten dass ihre so wohl erzogene, schone, junge Prinzessin ..." Aber auf einmal sprachen Sie wieder Deutsch, und Ihr Auftrag ging fur mich verloren. "Das thut mir leid, Bastian. Verstandest du denn gar nichts davon?" "Nichts als zwei Worte, die Sie einigemal wiederholten: Kabinet und Kapelle." Mehr brauchte ich nicht zu wissen, um auch dieser Phantasie meines kranken Gehirns auf die Spur zu kommen. Es war der Dunst einer Anekdote, der mir aus der Asche meines verbrannten Tagebuchs zu Kopfe stieg. Ich hatte sie Dir, kurz vor meiner Flucht aus Avignon, in einem nicht minder fieberhaften Zustande einem pensionirten Kammerherrn nacherzahlt. Sie ist drollig genug, und kann uns einst zu Berlin eine mussige Abendstunde vertreiben helfen. Um mich darauf zu bringen, darfst Du nur eines gewissen rothen Thurms und einer kleinen Prinzessin erwahnen, die Jettchen hiess. "Doch erzahle Er nur weiter, Herr Kammerdiener. Was ging denn sonst noch mit mir vor?" "Etwas sehr Erwunschtes!" Die letzten Tropfen mussten mit Mohnsaft versetzt seyn, denn Sie schliefen unter dem Reden ein und in Einem fort bis den Abend. Herr Sabathier besuchte Sie inzwischen dreimal, ohne dass Sie ihn horten; aber Ihr Puls und Ihr hochrothes Gesicht wollten ihm keinmal gefallen. "Es ist noch nicht der Schlaf, den ich wunsche," sagte er zu mir im Weggehen, "und ich furchte sehr fur den neunten Tag." Ach er hatte nur zu wahr gesprochen; denn mit dem Eintritte desselben ward Ihr Zustand immer furchtbarer, bis zum zwolften. Ihr unbekannter Wohlthater verliess Sie so wenig als Herr Passerino diese Zeit uber einen Augenblick, und hatte sich ein Feldbette neben dem Ihrigen aufschlagen lassen. Sie fielen aus einer Phantasie in die andere. Wenn Sie sprachen, war Ihre Stimme laut, feierlich und erhaben. Ihre Reden an Gott, an die Natur, und an Sich selbst hatten verdient aufgeschrieben zu werden, und kein Regent wurde die Strafpredigten, die Sie als Hofkaplan an einen der Deutschen Fursten zu richten schienen, ohne Erschutterung angehort haben. Diess waren nicht Bemerkungen von mir, wie Sie wohl denken konnen, sondern die Urtheile Ihres Arztes und des fremden Herrn, die sich oft beide uber die hohen Wahrheiten wunderten, die in Ihren Schwarmereien lagen. Sobald Sie Sich aber zu den armen Monchen und in unsere Kirchen verirrten, da ward einem nicht wohl zu Muthe in Ihrer Nahe. Ich habe oft Gott gebeten, Ihnen, die Schmahungen nicht zuzurechnen, die Sie in der Heftigkeit Ihres Wahnsinns gegen unsere geheiligte Religion ausstiessen. Einmal schrien Sie: "O des gottlosen Papsts! seine gluhenden Schlussel leuchten mir vor auf dem Wege zur Holle." Dann und wann hatten Sie es mit den Buhlerinnen zu thun. Dann hielten Sie gemeiniglich die Hande vor das Gesicht, schluchzten und schlugen sich vor die Stirn. Sie erschreckten uns oft ausserordentlich, besonders einmal den armen Passerino, der sich einfallen liess, Ihre feurigen Augen zu kopiren zu seinen Studien, wie er sagte. Sie fuhren ihm so geschwind nach der Gurgel, dass er kaum Zeit hatte, sich zu retten. "Elendes Schlachtvieh!" riefen Sie mit durchdringender Stimme, "bucke dich nieder, damit ich dich an dem Altare Neptuns erwurge. Stumper aller Stumper, wie konntest du die Grosse der Natur so verkleinern? Das tobende Meer liegt vor deinen Augen, und du malst einen Sumpf. Dein Mond ist ein Irrwisch, und dein Aether grobfadig und verschossen, wie dein Staatsrock. Gedenkst du mich auch, wie unsre arme Angola, in dem Gestanke deiner Farben zu ersticken? Du willst mich malen? Du?" "Ach, der arme Herr!" seufzte Passerino, "welcher bejammernswurdige Zustand! Das war unstreitig der starkste Paroxismus seiner ganzen Krankheit. Am besten, ich schleiche mich weg, damit er meiner nicht gewahr wird. Lassen Sie mir es sagen, wenn er wieder bei Verstande ist." Er ging und kam auch wirklich nicht eher wieder. Ein andermal ... Doch wie mag ich mich dabei aufhalten? Sie waren ja nicht bei Sich. Ist das nicht mit Einem Worte alles gesagt? "Nein, nein, Bastian, damit kommst du nicht los. Was meintest du?" "Ein andermal also bekamen Sie einen heftigen Anfall uber eine Kleinigkeit, die wir vergessen hatten bei Seite zu schaffen uber die Klingel neben Ihrem Bette. 'Gott Lob,' sagten Sie, 'dass ich die Quaste habe! Jetzt will ich schellen, dass man es in Domingo horen soll.' Der Wirth kam gelaufen und machte Vorstellungen dagegen. Es blieb uns nichts ubrig, um Ihnen den Einfall aus dem Kopfe zu bringen, als dass ich aussen am Bette in die Hohe stieg und die Schnur vom Drathzuge abschnitt. So phantasirten Sie auch viel von Sparta, Athen und von dem Pontus Euxinus."
Nun halt ein, Bastian, ich mochte noch gern einige vernunftige Worte mit meinem Eduard allein sprechen, ehe mein Bogen zu Ende geht. Das soll mir lieb seyn, hore ich Dich sagen: denn was in aller Welt soll ich mit deinem Fiebergeschwatz anfangen? O, hattest Du nur mein Tagebuch gelesen. Das liegt nun freilich ganz in der Asche; indess ist wenigstens durch dieses Blatt das Register davon gerettet. Meine Phantasien sind, als abgerissene Faden aus dem Gewebe des Lebens, mir immer noch wichtig, und konnen mir zum Leitfaden dienen, wenn Du einst neugierig auf den Stoff werden solltest, den ich in der Fremde verarbeitet habe den Nutzen ungerechnet, den diese Nachlese fur mich hat. Keine moralische Betrachtung hat mich je so aufmerksam auf die Irrthumer meines gesunden Gehirns gemacht, als die Schwarmerei meines kranken, und kein Auszug aus den Schriften der Weltweisen hat mir mehr Anlass zum Nachdenken gegeben, als Bastians Auszug aus meinem hitzigen Fieber. Wenn ich einmal, diesen Bogen in der Hand, neben Dir sitzen und Dir meine wahnsinnigen Reden kommentiren werde; so wirst Du so gut einsehen als ich, warum unter den Gespenstern, die mein von Angstschweiss triefendes Herz bis in den Abgrund des Grabes zu verfolgen schienen, die einzige freundliche Erscheinung der guten Margot mein Blut besanftigte, und kuhlenden Balsam in meine Wunden goss. Ach! wie wurde nicht meine Einbildungskraft durch jeden Tritt gefoltert, den ich mir erlaubt hatte neben dem geraden Wege zu thun! Und doch hatten mich wie Dir mein Kommentar zeigen wird nur Zufall und Leichtsinn nicht weiter verlockt, als bis an den bedeckten Schmutzgang des kasuistischen Lehrgebaudes; und die Flecken lassen sich allenfalls in einem reinen Brunnen noch abwaschen, die ich davon trug. Wie aber muss erst einem Herzen in dem Augenblicke, wo es brechen will, zu Muthe seyn, das, aus einem schlupfrigen Irrwege in den andern verfuhrt, mit immer berauschtern Sinnen, bis in das Innere der Freistatte vorgedrungen ist, die in jener unseligen Sittenlehre den scheusslichsten Verbrechen offen steht! In welchem Vorgefuhl der Verdammniss muss sich nicht eine Seele vor ihrem Hinuberschweben in die Ewigkeit herumtreiben, wenn der annahernde Todesengel mit seinen Schwingen die Nebel religioser Tauschung und die Wolken des Weihrauchs zertheilt, die ihr Bewusstseyn umzogen! Wie gewaltig muss der Strom des Lichts den seiner Binde entledigten Geist ergreifen, wenn nun die Gegenstande seines Glaubens hinter dem schillernden Schleier hervor treten, der ihre Hasslichkeit so lange verbarg! Welch eine Uebersicht der schrecklichsten Wahrheiten! Blutqualm steigt ihm von den Altaren entgegen, auf denen Aberglaube, Religionshass und Priesterstolz ihre Schlachtopfer erwurgten. Falsche durch vorsetzlichen Selbstbetrug gerechtfertigte Eide zerreissen ihm das Ohr. Manche dem Hohngelachter der Wollust preis gegebene und nach den gotteslasterlichen Regeln der Entsundigung ermordete Unschuld wimmert zu seinen Fussen, und abgetriebene Kinder faulen unter dem Lampenscheine des Gotzenbildes, das ihm auf dem dunkeln Hingange in das Unabsehliche vorleuchten soll. Wird das In profundis des Monchs, der vor dem Bette des Kranken kniet wird das Weihwasser, das uber seine heisse Stirn fliesst wird die letzte Oelung, die seine Schlafe salbet, die Schreckensbilder verscheuchen konnen, die ihn umgaukeln? Wird der ganze Plunder der geheiligten Spielwerke, die jene gewissenlosen Schwarmer als Hulfsmittel zur Seligkeit ihren Anhangern feil bieten, die Beangstigung eines sterbenden zu lindern vermogen, der die reinen Gefuhle der Natur gegen so heillose Grundsatze vertauscht hat, die, wie Opium, den Verstand in Traumereien voll sussen Gifts, das Herz in todtlichen Schlaf verwickeln? Doch es ist eine gluckliche Galgenfrist fur die Herren, die damit wuchern, dass die angewiesenen Granzen meines Bogens mir Stillstand gebieten. Auch selbst mir ist es rathlich, dass ich die Feder weglege; denn der Verdruss, den es mir verursacht, dass ich nur die Waaren ihres Schleichhandels beschauen, und mich in gedankenloser Verwegenheit ihren schadlichen Dunsten nahern mochte, treibt mir das Blut nach dem Kopfe. Trate jetzt mein Arzt herein, er wurde es nur zu gewiss an meinem Pulse merken, wie nahe ich daran war, den Vertrag zu verletzen, der unter uns beiden besteht.
Den 17ten Februar.
O dass sich mir in diesem Augenblicke, da ich mich hinsetze, um Dir den ersten Festtag meiner Freilassung zu schildern, der fromme Unbekannte darstellte, dem ich die Ruckkehr in das Leben verdanke! Ach warum zogert er? Ich bin ja wieder stark genug zu erhabenen Empfindungen, und habe heute davon die vollstandigste Probe gegeben. Wenn es, wie mich mein Arzt vermuthen lasst, ein edler Mann von hohem menschlichen Gefuhl ist, den ein Gelubde bindet, Kranken beizustehn, Nothleidenden zu helfen, so sollte er ja wissen, wie lastig einem guten Herzen Wohlthaten werden, die sich unserm Handedrucke, unsern Umarmungen entziehen. Er komme, er komme! Und wenn, es ein Monch ware, ich wollte ihm fur das verzu Fussen fallen und seine Kutte mit Ehrfurcht beruhren.
Mein trefflicher Arzt besuchte mich diesen Morgen eine Stunde fruher als gewohnlich, war, wie es schien, mit meinem Pulse und meinen Augen zufrieden, und nachdem er auch in meiner gestrigen Schreiberei nichts zu tadeln fand, sprach er mir mit der Stimme eines Engels zu: "Ihr Erntetag ist gekommen, lieber Freund. Geniessen Sie von nun an der Fruchte, die in den schwulen Stunden Ihrer Krankheit gereift sind aber geniessen Sie solche mit der Behutsamkeit eines vernunftigen Wesens. Dieser Rath gehort so gut zu meiner Gerichtsbarkeit, als Korper und Seele zu dem Gebaude gehoren, das unsere beschrankte Kunst in Bau und Besserung erhalten, vor feindseligen Erschutterungen schutzen, und vor seinem zu fruhen Einsturze bewahren soll. Folgen Sie, um der misslichen Hulfe der Kunst zu entbehren nur den mutterlichen Anweisungen der Natur." "Das," fiel ich ihm in die Rede, "hat mir schon ein anderer grosser Arzt gerathen, der Jerom heisst." "Aber wohl zu merken," fuhr er fort, "der schonen Natur." "Diesen Beisatz," erwiederte ich, "hat Jerom vergessen." "Desto schlimmer," antwortete der brave Mann; "ohne diesen ist der ganze Rath nicht viel werth, und giebt in unbewachten Stunden zu grossen Missdeutungen Anlass. Doch ich bin ja nicht hergekommen, um Ihre vorigen Aerzte zu mustern, sondern Ihnen noch eine Arznei zu verschreiben, deren erste Wirkung ich noch abwarten will, ehe ich Sie ganz entlasse." "Was fur eine?" fragte ich erschrocken. Aber kaum antwortete er: "Die frische starkende Luft" so lag ich mit Freudenthranen an seinem Halse so flog ich von ihm nach dem Fenster, nach meinem Hute, nach meinem Mantel so winkte ich Bastianen, mir meine Latwergenbuchsen und Pulverschachteln aus den Augen zu schaffen so war ich in einer Minute gekleidet und fertig, um meinem Befreier zu folgen. Er schien selbst von dem Strudel meines Entzuckens ergriffen zu werden. "Kommen Sie," rief er mir zu, "wir wollen den reinen Aether zu Wasser, zu Lande und uberall aufsuchen, wo er sein Spiel hat."
Heute also, den 17. Februar Morgens drei Viertel auf neun Uhr, war es, wo ich an dem Arme des besten und edelsten aller Aerzte, neugeboren an Leib und Seele, meine Marterkammer verliess. Alle meine Nerven bebten wie die Saiten einer Aeolsharfe, als ich in den Wagen meines Apollo stieg. Aber in welcher Harmonie stimmten sie nicht erst zusammen, als wir in dem Hafen ausstiegen! So unglaublich gross hatte ich mir den Gewinn meiner Krankheit nicht vorgestellt, als er jetzt meinen offenen neu gescharften Sinnen zustromte. Mein erster Hinblick in das Freie setzte mich in das wollustige Erstaunen eines Blindgebornen, der unter der Beleuchtung der Morgensonne, umgeben von dem Kreise bluhender Madchen, in dem ersten Erwachen des Junglingsalters, den Gebrauch seines Gesichts erlangt. Alle diese glucklichen Umstande mussen bei ihm zusammen treffen, wenn ich mich herablassen soll, den Umfang meiner Empfindungen mit den seinigen zu vergleichen. Begreife es, Eduard, wenn Du kannst. Der Winter war wahrend meiner Gefangenschaft, ohne dass ich seinen Abzug nur von weitem geahndet hatte, in den schonsten Fruhling ubergegangen, der mich jetzt in seinem ganzen Schmuck empfing die damals kahlen Gestrauche der sturmischen Kuste zogen sich jetzt, wie ein Kranz von Sprosslingen geflochten, um das sanft glanzende Meer herum mancher Baum, den ich bei meinem letzten Fruhstucke, das Passerino mir vorsetzte, als das Geripp eines erfrornen Unbekannten, meiner Blicke nicht werth hielt, begrusste mich jetzt wie einen alten Freund, als Palme Lorber Cytisus oder Sumack die vergilbten runzligen Hugel hatten sich die Zeit uber, wo ich dem Verdorren so nahe war, mit frischem Rasen bekleidet, und selbst der Felsen der Madonna spielte in's Grunliche. Nur an den widrigen Bastiden bemerkte ich nicht die kleinste Veranderung; sie blickten aus ihrer hohen, Ferne noch immer so albern, so vornehm, so versteinert herunter, wie vormals. In jedem kleinen Matrosengartchen hingegen, uber dessen Schilfzaun ich wegsehen konnte, jagten schon halb nackende Kinder unter bluhenden Mandelbaumen nach Schmetterlingen, und Kafern und das Gedrange der Blumen aus der lockern Erde, und das Zwitschern der Vogel um und neben mir, und der Wiederschein des azurnen Gezeltes, das so viele Freuden bedeckte wie fuhlbar machte mir nicht dieses herrliche Ganze das schwer errungene Bewusstseyn eines neu angehenden Lebens. Ich glaubte nicht eher, dass noch etwas die susse Behaglichkeit meines Gefuhls vermehren konnte, als da mich die freundliche Gondel aufnahm, in welcher Sabathier ein paar Platze fur uns besprochen hatte. Eine Luft, kaum stark genug um einen Schmerlenbach zu kreiseln, spielte uber die schillernde Flache des Meers; die Inseln Pomegue auf der einen Seite, Ratonneau auf der andern, in der Mitte das Schloss If, auf welches wir zusteuerten, lagen duftend vor uns, wie auf einem Gemalde von Zeemann. Dieses lachende Ziel unserer Spazierfahrt zog so sehr meine Blicke an sich, dass ich beinahe einen Unglucklichen ubersehen hatte, der zu einer ganz andern Bestimmung, unter der Bewachung einiger Soldaten, mit mir zugleich in das Boot stieg.
Es war der Sohn eines reichen Kaufmanns ein junger Wustling, den vielleicht auch ein hitziges Fieber zur rechten Stunde dem Sturm entrissen hatte, der ihn jetzt aus den Festtagen des Fruhlings in die schreckliche Stille eines oden Thurmes verschlug. Wie verschieden wirkten nicht hier die Reize der Natur auf zwei verbruderte Wesen! Wahrend ich mit freundlichen Augen die spielenden Wellen verfolgte, die das Schiffchen sanft hoben und senkten, wahrend ich mich in den sussesten Traumereien wiegte, sass der von seinem Gewissen gefolterte Jungling, murrisch und menschenscheu, in der fernsten Ecke der Barke, warf dann und wann einen finstern Blick auf das platschernde Ruder, das ihn mit jeder Minute seiner Bestrafung naher brachte, nahm keinen Antheil an unsern Gesprachen, und schien, wenn er mich ansah, selbst dem Mitleiden zu fluchen, das sich fur ihn dann und wann mit meinem Frohsinne vermischte. Ach er schien nur in dem Verlust seiner Freiheit den Verlust ihres Missbrauchs zu fuhlen, und nur an die bunten Karten, an die feilen Dirnen und an die wilden Gelage zu denken, denen er einen ganzen lustigen Sommer hindurch entsagen sollte. Seine gluckliche Bildung war durch Ausschweifungen entstellt, und noch zeigte sich keine Spur von Reue, Trost, oder mannlichem Entschlusse zur Tugend in seinen funkelnden Blicken. O mochte er doch, durch Ruhe, Einsamkeit, massige Kost und durch bittere Erfahrung gelautert, mit gesunderm Blute und bessern Neigungen in einen weiseren Wirkungskreis zurucktreten, als er heute zu verlassen gezwungen wird. Mit diesem stillen banglichen Wunsch begleiteten meine Augen den armen Verzweifelten bis an den Eingang seiner dustern Behausung, wohin ihn seine Wache sogleich abfuhrte, als wir angelandet waren. Diese Absonderung von dem Lebendigen diese Versetzung eines meiner Mitgeschopfe, aus den Sinnlichkeiten einer bluhenden Handelsstadt in die Felsenburg, in die Vergessenheit, in die Nebel eines sturmischen Eilandes diese tragischen Bilder, die sich mir hier, als Augenzeugen, in ihrer ganzen furchterlichen Wahrheit darstellten, wurden nur zu gewiss alle frohen Empfindungen aus meiner Seele verscheucht haben, ware nicht der glucklichste Zufall, der mir nur begegnen konnte, dazwischen getreten.
Aus dem Trupp einiger Offiziere, die sich von der Festung her der Barke naherten, drangte sich einer unter wiederholtem Ausruf meines Namens auf mich zu, und ich lag in seinen Armen, ehe ich noch begreifen konnte, wer es wohl seyn mochte. Aber wie beschreib' ich Dir mein Gluck, als ich ihn erkannte! Es war einer der schatzbarsten Menschen, die ich je geliebt habe der Marquis von Saint-Sauveur, der vor neun Jahren zu Berlin alle Zirkel belebte, in die er eintrat. Damals war er auf Reisen. Jetzt steht er als Brigadier unter dem Regimente, das zu Marseille liegt, und wurde mir keinen Augenblick fremd vorgekommen seyn, wenn ich mir ihn unter einer Uniform gedacht hatte. Wie schnell verlosch das Trauerbild des Gefangenen vor seiner himmlischen Erscheinung! Die Gewalt des reinsten Vergnugens bemachtigte sich meiner Seele, und der auffallende Beweis, den mir hier ein Jugendfreund gab, dass weder Zeit noch Krankheit die Physiognomie zerstort hatte, die mir zuerst sein Zutrauen erwarb, setzte mich in eine Selbstzufriedenheit, die ich diesen Morgen vor meinem Spiegel nimmermehr erwarten konnte. Es ist mir noch ein Rathsel, und ware mir viel begreiflicher gewesen, wenn er mich fur einen andern genommen, wenn ihn meine skeletirte Figur, mein Anlanden an diese Insel der Busse, und die verdachtige Bangigkeit irre gefuhrt hatten, der ich mich niemals in der Nahe eines Zuchthauses erwehren kann. Am wenigsten konnte ich es in diesem Augenblicke, wo ich ein Officiercorps auf mich zukommen und einen aus ihrem Kreise heraus sturzen sah, der mich umarmte. Dieser plotzliche Uebergang von Erschrecken zum Entzucken konnte nicht wohl ohne Erschutterung des Herzens abgehen. Ich fuhlte, dass ich der glucklichste Mensch sei, den dieser Felsen wohl seit seiner Erschaffung getragen; aber ich war nicht vermogend, es auszudrucken ich konnte aus beiden Sprachen nur Ausrufungen der Freude zusammen bringen, meine Zunge straubte sich gegen jedes andere Wort. So wankte ich an dem Arme meines Freundes auf und ab an dem Gestade, bis uns der Bootsmann zurief, dass alles zur Abfahrt bereit sei. Der muntere, schwatzhafte freundliche Mann gehorte mir bis zum Austritte aus der Gondel allein zu. Ich war neidisch auf jeden Laut von ihm, den ein anderer vernahm, sah niemanden als ihn, und wurde ihm auf dem Fusse gefolgt seyn, hatte auch seine gastfreie Entladung mich und meinen Aufseher nicht schon dazu berechtigt. Das prachtigste Haus auf dem schonsten Platze der Stadt, empfing uns in dem reizendsten Zimmer. Hier legten sich endlich meine innern Wellen hier in diesem kleinen Zirkel ward ich mir erst selbst und meinem Freunde verstandlich, und hier nahm ich an seiner Seite und unter den Augen meines trefflichen Arztes ein Mittagsmahl ein, das auch den Unzufriedensten mit dem Gange der Welt versohnt haben wurde. Doch ehe ich weiter erzahle, muss ich Dich wohl den Mann genauer kennen lehren, den ich mit allem meinem Verstande in der weiten Welt nicht besser hatte auftreiben konnen, um das Fest meiner Wiedergenesung zu feiern. Ich wurde meine unvollkommene Schilderung freilich ersparen konnen, wenn Du nur vier Wochen seines Umganges froh geworden warest; aber Gier nach Kenntnissen des Auslandes, die ihn nach Deutschland verschlug, hatte Dich um dieselbe Zeit nach Frankreich getrieben, und Du kamst mit dem erbeuteten Honig aus seiner Heimath zuruck, als er mit dem Salze aus der unsern wieder abzog. So trifft es sich oft in dem geistigen Tauschhandel wie in dem burgerlichen, dass zufallig die vornehmsten Handler en gros einander aus dem Wege fahren, und daruber den kleinen Kramern gut Spiel geben. Ich gewann offenbar durch Deine Abwesenheit. Da Du fehltest, musste er sich wohl mit meines Gleichen begnugen. Er kam von ungefahr mit mir unter Einem Dache zu wohnen. Unsre nahe Nachbarschaft ging geschwind in eine Gemeinschaft unsrer Vergnugungen, unsrer Studien, und zuletzt in eine gegenseitige Anhanglichkeit uber, die zehn Monate nachher, als wir uns trennten, eine Traurigkeit bei mir zuruck liess, die mich selbst in der ersten Zeit zu Deinem Umgange verstimmte. Erinnere Dich dieses Umstandes, lieber Eduard! Ich kann Dir keinen starkern Beweis von dem Werthe dieses damals so liebenswurdigen Junglings geben, der jetzt als der gebildetste Mann uber viele meiner Freunde, und als der glucklichste uber, sie alle hervorragt. Reisen, Menschenund Weltkenntniss, und die Leichtigkeit, bei seinem grossen Vermogen jeden Wunsch der Sinnlichkeit zu befriedigen, und durch taglich wiederholte Versuche die Hungerquelle des Vergnugens zu erschopfen, wurden ihn so gut als die meisten in seiner furstlichen Lage zu dem spatern Genusse des Lebens abgestumpft und verdorben haben, ware sein origineller Verstand und sein richtiges Gefuhl nicht in Zeiten diesen gemeinen Folgen eines zu fruhen Wohlstandes zuvorgekommen. Doch Du sollst ihn selbst hieruber mit mir sprechen horen.
Wie viel, sagte er, hat man nicht Lehrgebaude zur Beforderung menschlicher Gluckseligkeit aufgefuhrt, besonders in deinem sinnreichen Vaterlande, lieber Wilhelm! Sie konnen im Allgemeinen recht gut seyn; aber es gehoren manchmal verdammt subtile Wendungen dazu, um sie uns anzupassen. Jedermann sollte nach seiner individuellen Lage und Empfindung sein eigenes fur sich haben. Ich habe mir eins erdacht, das mir recht wohl bekommt, wovon ich aber sehr wenig brauchen konnte, wenn ich zum Beispiele in einem Bergwerke arbeiten, und die Ausbeute erst zu Tage fordern musste, die ich ungesucht und schon von meiner Geburt an besitze. Mein Reichthum, zu gross fur das gewohnliche Leben, ware mir, wie andern, zur Last geworden, hatte ich ihm nicht einen Ausweg verschafft, den ich einzig meiner Eigenheit angemessen fand, die, lieber Wilhelm, besonders darin besteht, dass mir nichts in der Welt behagen will, was den Reiz der Neuheit bei mir verloren hat. Die ganze Masse der moralischen und sinnlichen Freuden lag vor mir; aber bei keiner konnte ich den enthusiastischen Eindruck wieder erringen, durch den ihre erste Bekanntschaft meine Organe so unendlich beseligt hatte. In dem stolzen Nil admirari der Philosophen entdeckte ich einen hohlen widrigen Schall, aber nichts weniger als einen Ersatz. Mein Leben musste immer abschmeckender werden, je langer es dauerte. Wie sollte ich den Nachtheil der Erfahrung von ihm entfernen? Wodurch sollte ich das storende Gefuhl, das mir bei jedem Genuss in den Weg trat, vertreiben? Das waren die schweren Fragen, die ich mir unaufhorlich vorlegte. Ich versuchte alle Hulfsmittel, die mir Kunst und Natur anboten, durchkroch alle Systeme. Endlich blieb ich bei einem stehen, das mir noch am besten zuschlug bei dem, wie ich es benamen mochte, der Uberraschung. Hier findet sich gleich eine gute Gelegenheit, es dir in seinen Grundtheilen zu entwikkeln. Dieser Teller mit Pfirsichen, den man eben aufsetzt, diese unerwartete Erscheinung in der jetzigen Jahrszeit, die unsern Augen auf das freundlichste zuwinkt, und, so satt wir sind, dennoch den Mund voll Wasser drangt, soll hoffentlich meiner Demonstration leichten Eingang bei dir verschaffen. Wie mein Koch angewiesen ist, lieber Wilhelm, nicht nur die gewohnlichen Gerichte fur den Hunger durch neue Bruhen zu erhohen, sondern jeden Mittag unter meinen Schusseln wenigstens Eine einzureichen, die fur die Sinne von gleichem Werth ist als diese, ohne sie mir erst durch einen Kuchenzettel anzukundigen so ist jedes, dem ein Geschaft in meiner Haushaltung obliegt, dahin verpflichtet, seinen Herrn vor dem Anblicke des ewigen Einerleis zu schutzen, und gegen die Ermudung zu arbeiten, die in der Einformigkeit liegt. Es ist oft zum Verwundern, wie gut es meinen Provinsalen in ihrem Wettstreite gelingt, mir durch immer veranderte Decorationen das Spiel des Lebens nicht nur ertraglich, sondern auch angenehm zu machen. Die Abwechselung, die sie mir verschaffen, wirkt auf ihren Dienst selbst zuruck, dem seine Zwanglosigkeit alles Mechanische und Unterwurfige benimmt. Sie dienen mir mit einem stolzen glucklichen Bewusstseyn; denn sie halten sich nicht fur Maschinen, sondern fur Erfinder, und sie haben Recht. Freilich erfordert diese Einrichtung betriebsamere Schwungrader, gespanntere Federn, als die gewohnlich das rostige Uhrwerk eines kleinen Deutschen Hofs im Gange erhalten das jeder Stunde des Tags, jedem Tage des Jahrs d i e s e l b e Langeweile in d e m s e l b e n Anstande vorzeichnet, wie sie hundert Jahre hinter einander dem Ahnherrn und dem Enkel in d e r s e l b e n Minute vortrat die oft den armen Fursten dessen Regierungsperiode sich eben abwindet, in einen solchen ekeln, erschlafften und ungeduldigen Zustand versetzt, dass er seinen Stand und sein Daseyn verflucht, und lieber, wie Nero, seine Residenz anzunden mochte, um nur etwas Neues zu sehen, etwas anders zu fuhlen, als ihm das Furierbuch fur den gegenwartigen Augenblick vorschreibt. Ich habe es den Romanschreibern abgelernt, welcher Zauber in dem Unerwarteten liegt, und welche widrige Wirkung die Episoden thun, die man viele Blatter voraus sieht. Wird nicht oft der kleinste Garten durch eine verstandige Benutzung seiner geringen Flache unendlich erweitert, und durch schlangelnde Nebenwege nach verschiedenen Aussichten so in die Lange gezogen, dass sich eine so susse Ermudung darin erholen lasst, als in den grossten Anlagen? Warum sollten wir denn nicht auf gleiche Art Mannigfaltigkeit in unser beschranktes Leben zu bringen, und die kurze Dauer desselben, ohne Zuthun der Langenweile, durch einen desto reichhaltigern Genuss zu verlangern vermogend seyn? Du findest mein Zimmer hoffentlich schon, behaglich und freundlich? Ich auch. Und warum? Weil es uns beiden gleich neu ist. Ich befinde mich wohl darin, weil ich es gestern nicht sah und morgen nicht sehen werde. Es stossen ihrer funfzehn an einander, davon ich jedes nur einen Tag hinwarts, einen Tag herwarts, auf einem monatlichen Durchzug bewohne. Keines wird eher geoffnet, als bis die Reihe daran kommt, und jedes, das ich auf diese Weise zweimal gesehen habe, erwartet mich in dem folgenden Monat unter einer andern Bekleidung. So wird dem Ueberdrusse keine Zeit gelassen, sich bei mir einzunisten. Nichts ist, Gott sei Dank, mein eigen, als mein Reichthum, dem ich, durch die Ausdehnung, die ich ihm mit meinen Gehulfen zu geben weiss, alles das Lastige und Klebende benehme, das sonst mit ihm verbunden ist. So habe ich keine Bibliothek; aber einen gelehrten und geschmackvollen Bibliothekar, der das Gold, das er in dem Kothe der Schriftsteller findet, fur mich bei Seite legt, und wo nicht ein Buch ganz gelesen zu werden verdient, und wie wenig sind deren! mir bloss die Stellen anstreicht, die sich auszeichnen. Hierdurch sind meine Studien mir erst lieb und nutzlich geworden; und da ich sonach das Schlechte und Mittelmassige in der Litteratur gar nicht kennen lerne, bleibt mir die Wahl nur unter dem Neuen, Guten und Vortrefflichen, und ich bin sicher mein Gedachtniss nicht zu uberladen. Eben so wenig kommt meine Einbildungskraft, die nur uber frisch duftende Blumen gleitet, in Gefahr durch abgestorbene, welke oder faule Blatter in ihrem Schwunge gehemmt zu werden. Was noch das beste dabei ist, so trage ich weder Brustschmerzen, Kopf- und Augenweh, oder uble Launen aus der moralischen Welt in meine physische uber; und da ich in dieser wie ein Seefisch in immer frischem Wasser auf dem Ocean der Zeit schwimme, und mich, kraft meiner Richtung, keine Welle beruhrt, die der vorhergehenden gleicht, so siehst du wohl ein, lieber Wilhelm, dass vielleicht kein philosophisches Lehrgebaude dem Gefuhl, das die Natur in mich legte, den Verhaltnissen, in die mich der Zufall versetzte, und der geistigen und korperlichen Gesundheit angemessener seyn kann, als das meinige. Keines schmiegt und biegt sich mit minderm Zwange nach der Veranderlichkeit unserer Natur, nach der Wandelbarkeit menschlicher Freuden und Guter, von denen nichts unter der Sonne selbststandig ist und alle Reize der Neuheit behalt, als die Tugend nichts an Gehalt und Seltenheit zunimmt, je alter es wird, als die Freundschaft. Aber dass auch selbst diese noch durch mein System gewinnt, hat mich heute dein uberraschender Anblick gelehrt. Wie geschmuckt und bevolkert schien mir in dem Augenblicke unserer Umarmung der nackende Felsen, der uns nach einer langen Trennung wieder vereinigte! Wie erweiterte sich selbst vor meinen umfassenden Augen das Meer, das uns umgab, und welch ein Freudenfest ist aus meinem Mittage geworden, durch die Sonderbarkeit, dass du mein Gast bist! O bleibe nur so lange, als du mir neu und lieb seyn wirst fechte in meinem ewigen Krieg gegen die Langeweile an meiner Seite, und lerne von mir die mancherlei Schwenkungen und Wendungen, um als Militar zu sprechen durch die ich meinen Feind irre mache und in die Flucht jage. Welchen Abbruch thust du ihm schon durch deine Gegenwart! "Jedes Vergnugen, das sich in diesem Lande aufstoren lasst, hatte ich es auch noch so oft genossen, wird mir durch deine Theilnahme neu werden: denn die Ueberraschung, die es bei mir verlor, werde ich in d e r wiederfinden, die es dir verursacht." Hier unterbrach ihn ein Glas Maderawein, der dreimal die Linie passirt, und nur seit gestern in seinem Keller gelandet war, nach der Versicherung des Mundschenken, der es ihm brachte.
Ich benutzte geschwind den Augenblick, den seine schwatzhafte Zunge der meinigen frei liess. "O Freund," rief ich, "bei allen den fein gesponnenen Netzen, die du uberall ausgestellt hast, um die fluchtigen Lebensfreuden einzufangen, bei aller der Kunst, mit der du ihre Schmetterlingsflugel zu fassen verstehst, ohne dass sich ein buntes Staubchen davon verliere, glaube ich doch fur ihren hochsten Genuss ein Mittel entdeckt zu haben, das weit uber die deinigen geht das dem erschlafftesten Gefuhl seine Schnellkraft, den abgenutztesten Befriedigungen ihren ersten Firniss wiedergiebt, alles verjungt, erneuert und verschonert, was unsere Sinne umfassen, und gleich einem Talisman uber die gleichgultigsten Dinge ein magisches Licht verbreitet. Sie lachen, lieber Sabathier, als horten Sie ein paar Charlatans, deren jeder den Vorzug seines Arkanums gegen den andern heraus streicht; aber ich hoffe, sie sollen als unparteiischer Richter dem meinigen den Preis zuerkennen. Erschrick nur nicht, lieber Saint-Sauveur, wenn ich es nenne. Es heisst mit Einem Worte: d a s h i t z i g e F i e b e r . Wie hat es meine geistigen Federn gespannt, und die funf Schwungrader meiner Sinne gescharft! Von dem Bissen trockenen Brodes an bis zu deinen herrlichen Pfirsichen, ist mir alles, was uber meine Zunge geht, willkommen und schmackhaft. Die Welt scheint mir so frischfarbig und kraftig, als feierte sie heute ihren ersten Schopfungstag. Was meine Blicke beruhren, schwimmt in einem atherischen Schimmer, und jedes Wort, das mein Ohr erreicht, jedes, das uber meine Lippen rieselt, ware es auch noch so albern kommt mir, als ein Beweis, dass ich lebe, uberaus wohlklingend und witzig vor. Du weisst es, theuerster Saint-Sauveur, wie lange ich dich liebe; aber selbst meine Freundschaft seit ihrer Entstehung reicht nicht an das dem warmen Herzen entstromende Gefuhl, das mich jetzt an dich fesselt. Wie segne ich meine Krankheit! Sie hat das staubige Triebwerk meiner Seele gereinigt, meine Adern mit Rosenol ausgespritzt und meine Nerven"..
"Lassen Sie uns aufstehen, Herr von SaintSauveur," fiel mir hier der Arzt in meine wohlklingende Rede, indem er mir das Glas, das ich zu leeren im Begriff war, unter dem Vorwande, uber den ich mir noch eine Erklarung von ihm ausbitten mochte, aus der Hand nahm: "Der Wein wurde Gift werden, wenn er zum viertenmal die Linie passirte. Ich dachte," fuhr er fort und sah nach der Uhr, "wir besuchten den Hafen. In einer halben Stunde wird ein Schiff vom Stapel gelassen; ein Schauspiel, das Ihrem Berliner Freunde seltener wohl ist als jedes andere, und ihn zu einem gesundern Schlafe vorbereiten wird, als der Tri-Madera." Sein medicinischer Vorschlag wurde so geschwind angenommen als ausgefuhrt: denn in diesem Hause braucht man nicht auf das Anspannen des Wagens zu warten.
Mochte doch der Traum meines Lebens und mein neues Tagebuch nie andere Stunden enthalten, als mir heute zu Theil wurden! Welch ein herzerhebender Anblick fur einen, der kaum aus seinem einsamen, sonnenlosen Kerker getreten war, als wir in dem Hafen ankamen als meine heitern Augen uber den gedrangten Zirkel frohlich-mussiger Zuschauer hinblickten, der jene fleissigen Manner umgab, die in voller Anstrengung ihrer Riesenkrafte das stolze Gebaude aus seinem Schwerpunkte von dem Boden zu heben suchten, auf dem es errichtet war, um es auf kreischenden Walzen in das Meer zu rollen! Bei dem Werft stiegen wir aus. Indem wir uns dem neu erbauten Schiffe naherten, machte mich Saint-Sauveur besonders auf das Verdeck aufmerksam, das mit einer Menge Neugieriger besetzt war, die schon Stunden lang auf den Augenblick lauerten, der die Masse in einen blitzschnellen Schwung setzen und einem andern Elemente ubergeben wurde. "Dort," sagte er lachelnd, "ist eine Empfindung zu holen, die dir noch fremd und auf das sonderbarste angenehm ist, wie das schon die Menge schliessen lasst, die Geld und Zeit dafur hingiebt." Ich sah mich ungewiss nach meinem Arzte um. "O," sagte dieser, "ich habe gar nichts dawider. Es ist der unschuldigste mechanische Versuch mit sich selbst, den ich kenne, und zugleich ein starkendes Luftbad. Wenn nur E i n Blutkugelchen, das in Ihrer Lunge stockt, mit dem Schiffe zugleich flott wird, so tragt es Ihnen vielleicht mehr ein, als dem Eigenthumer, der es nach China schickt. Gehen Sie. Ehe es dahin segelt, wollen wir Sie schon wieder abgeholt haben."
Ich that mir heute, wie ein lebhaftes Kind, dem man das Gangelband abnimmt, so viel auf die kleinste Bewegung zu gute, dass ich zwar herzhaft die Strickleiter ergriff, aber nach dem ersten Tritte auf dieser schwankenden Stiege alle Muhe hatte, mich bei Muth zu erhalten. Steigst du doch, sagte ich spottisch zu mir, so scheu und zitternd deiner Neugier nach, wie ein unerfahrnes Madchen in das Brautbette. Zufallig kam ich auf dem Verdeck neben einem zu stehen, das jung und reizend genug war, um meinen unbedeutenden Einfall erst gefahrlich zu machen. Still vor sich hin blickte sie uber das Gelander, als ich zu ihr trat. "Ist es auch das erstemal?" redete ich sie nachbarlich an. "Ja," drehte sie ihr Kopfchen nach mir; "auch erwarte ich schon lange den Schwung mit Ungeduld, von dem die Leute so viel Wesens machen. Meine Brust ist mir unbeschreiblich beklommen." "Mir geht es auch so," erwiederte ich, "und wenn es erlaubt ist, eine Kleinigkeit philosophisch zu betrachten, so schwebt das Herz auch hier, wie bei jedem Uebergange zu einer unbekannten Erfahrung, zwischen wie soll ich sagen ..." "Nach meiner Empfindung," fiel sie mir ins Wort, "schwebt es zwischen einer sussen Angst und einem ungestumen Verlangen." "Richtig, mein schones Kind!" fuhr ich fort: "aber desshalb furchte ich auch, dass der kritische fluchtige Moment der Belehrung der angenehmen Unruhe unserer pochenden Herzen kaum werth seyn wird; und in dieser Rucksicht thut es mir beinahe leid, dass wir oder wenigstens, dass S i e h i e r sind." Sie warf ein Paar grosse fragende Augen auf mich. "Weil" antwortete ich, "Ihnen nun kunftig nichts Aehnliches mehr vorfallen kann, was nicht durch das Gegenwartige etwas von dem Reiz seiner Neuheit verlor. Sie nehmen jetzt eine Erfahrung voraus, die Ihnen zu einer andern Zeit.. Denken Sie an mich, ob ich nicht wahr rede." "Das will ich thun," erwiederte sie lachelnd; "denn jetzt verstehe ich Sie nicht." Und das war kein Wunder, Eduard; verstand ich mich doch selbst nicht. Offenbar hatte die Theorie meines Freundes, die mir von heute Mittag her noch in dem Sinne schwebte, Schuld an diesem Geschwatze mit dem Madchen. Ich hatte sie selbst noch nicht ganz begriffen, und suchte sie doch schon einem Kinderkopfe verstandlich zu machen ganz im Geschmack unsers philosophischen Zeitalters. Meine Einbildungskraft, sah ich wohl, war leichter in Bewegung zu setzen als das Frachtschiff. Dieses lag noch eine Weile nachher, als jene sich schon warm geflogen hatte, unerschutterlich auf dem Werfte. Endlich, als ob es einen kurzen heroischen Entschluss fasste, fing es das Madchen klammerte sich fest an mich zu rollen an, schlug Flammen in die Hoh, und einen Pulsschlag nachher schwebte es auf dem wogigen Meere. Frohliches Getose auf dem Verdecke begleitete es, Jubelgeschrei vom Ufer her wirbelte ihm nach, und die junge, seufzende, zitternde Schone Gott segne ihre fuhlbaren Nerven wusste jetzt wie ihr war, und liess meinen Arm fahren. Ach, ich hatte ihr ihn gern noch langer geliehen, und, wie man dem Probegang einer ausgebesserten Uhr nachspurt, gern noch langer jene leisen Schwingungen verfolgt, die der Druck von ein Paar weiblichen Handen auf meine Fibern erregte. Aber jetzt bekummerte sich weiter keine Seele um die andere. Was die Neugier vereinigt hatte, trennte die Befriedigung. Die Gesellschaft flog nun auf die vielen kleinen Boote aus einander, die sich zu ihrer Aufnahme naherten, und Saint-Sauveur erwartete mich in dem seinigen. "Ich komme recht sehr zufrieden," rief ich ihm entgegen, als ich einstieg, "von dem Versuche mit mir selbst zuruck, und deine Theorie enthalt mehr Wahres als ich gedacht habe." Indem ruderte das Boot, auf dem sich meine neue Bekannte befand, bei dem unsrigen voruber. Ich hatte wohl gewunscht mit ihr zugleich an das Ufer zu steigen; aber ich landete einige Augenblicke an denen vielleicht ein ganzer Roman hing zu spat an.
Auf dem Hingange nach unserm Wagen kamen wir bei der Wohnung des ehrlichen Passerino vorbei. Die schwarze Tafel uber der Hausthure, sein Sortiment menschlicher Gebrechen, mein Fruhstuck bei ihm, und die martervollen Tage, die gleich darauf folgten alles trat in Einem Blicke mir jetzt vor die Seele. Mit feuchten Augen theilte ich meinen Begleitern die Empfindung, die mir anflog, und zugleich die Nachricht mit, die ihnen freilich wenig verschlagen konnte, dass in diesem Hause der brave Mann wohne, der mein Lehrmeister in der Baukunst gewesen sei. Um meine ehemaligen Spottereien uber ihn, zu denen ich alleweile kein Herz hatte, wieder gut zu machen, und um seiner Kundschaft nicht Abbruch zu thun, lobte ich ihn als einen zweiten Vitruv. "Ich habe ihm vieles zu danken," sagte ich. "Besonders auch," fiel mir Sabathier in das Wort, "als Krankenwarter. Man las es in seinem verstorten Gesichte, wie sehr ihm Ihr Aufkommen am Herzen lag." "Das kann ich um so viel leichter glauben," antwortete ich, "als an meinem Leben die Erfullung eines Versprechens, eine Spazierfahrt hing, zu der schon der Wagen angespannt war, als ich mich legen musste, und auf der er nichts geringeres zu holen gedenkt, als sein zeitliches Gluck und seine Unsterblichkeit. Diese wichtige Schuld hoffe ich morgendes Tages abzutragen." "Morgen?" fragte Saint-Sauveur verwundert. "Einen Weg zur Unsterblichkeit in der Nahe von Marseille? Das ist mir etwas ganz Neues. Wie heisst denn dieses Ziel der Glorie?" "Cotignac," antwortete ich, und erregte damit ein lautes Gelachter. "Nein," rief Sabathier, "das konnte meinem guten Rufe schaden, wenn ich es zugabe" und "Nein," rief der Marquis, "denn von morgen an, Freund, lege ich fur die ganze Woche Beschlag auf dich und deine Talente. Ich kann dir davon zu deiner Spazierfahrt keinen Tag frei geben, als den letzten, wo ich das angenehme Geschaft uber mir habe, den Flugelmann meines Regiments zum Tode zu fuhren und den armen Sunder in dem Augenblicke, der ihm drei Kugeln durch das Herz jagen soll, durch ein harmonisches P a r d o n zu uberraschen." "Und womit," fragte ich hastig, "hat denn der Ungluckliche verschuldet, dass er deinem System zum Experimente dienen soll?" "Nach seinem Verbrechen," antwortete Saint-Sauveur rathselhaft, "darf ein Berliner nicht fragen. Bei euch wird desshalb kein Flugelmann der Todesangst ausgesetzt." Was wollte der Marquis damit sagen, Eduard? und was wollte er vorhin mit meinen Talenten? Ich begreife eins so wenig als das andere. Ueber meine Zeit, die er auf Wochen in Beschlag nimmt, muss ich mich auch noch mit ihm verstandigen. Ich habe deren nicht viele mehr in diesem Lande zu verlieren, wenn ich anders mein Gerippe in Sicherheit haben will, ehe die Sonne noch gluhender wird. Und doch kann ich an unsere baldige Trennung ohne Schaudern nicht denken. Wie kam es mir nicht schon so schwer an, dass ich die wenigen Stunden, die mir von heute noch ubrig blieben, ohne ihn hinbringen sollte! Aber mein strenger Arzt riss mich unbarmherzig von seiner Seite, und verwies mich, aus Furcht vor der Abendluft, in meine einsame Herberge. "Wenn Ihnen," trostete er mich, "Ihre heutigen Lebensversuche wohl bekommen und zu einer guten Nacht verhelfen, so offne ich Ihnen morgen die weite Welt, und uberlasse Sie Ihrem Freunde zur Nachkur." Moge er es zur guten Stunde gesagt haben.
Den 18ten Februar.
So hatte ich denn seit zwei Stunden das Lenkseil meiner selbst, das mir auf der Rennbahn des Lebens aus den Handen geschlupft war, wieder in meiner Gewalt! Sabathier hat es mir so feierlich, als wenn es ein Doktorhut ware, uberreicht. Kaum war ich mit einem Gesichte ohne Runzeln aus meinem Bette ohne Falten gestiegen, und lachelte in dem frohsten Vorgeschmakke meinem Fruhstucke zu, das man herein trug, als mir sein Morgengruss so suss entgegen tonte, wie eine Gessnerische Schaferflote in meinem funfzehnten Jahre. Wie reichhaltig kam mir nicht sein freundliches Gesprach vor! Es wurzte meinen guten Kaffee noch mehr. Es belehrte mich ohne mir weh zu thun, und ruhrte mich durch die genauere Entwickelung des Wunders meiner Genesung.
Du weisst, Eduard, ich habe mich immer fur ein Kind des Glucks, fur einen Liebling des Zufalls gehalten, und finde so wenig Anmassliches in dieser Vorstellung, dass ich keinen Gesichtspunkt kenne, aus welchem sich der Mensch gelassener betrachten konnte, als aus diesem. Die Eigenliebe, die dabei eine Rolle spielen wollte, musste stockblind seyn. Daher habe ich es auch immer fur den besten Zug meines Herzens gehalten, dass ich keinen Beweis, der mich darauf zuruck fuhren kann, ubersehe, und nicht, wie andere, mir jeden zufriedenen Augenblick als Folge meiner klugen Einrichtung anrechne. In meiner jetzigen glucklichen Lage ware es vollends unverzeihlich. An meinem hitzigen Fieber mag ich wohl Schuld seyn, aber nicht an meiner Genesung. Diese lag weit ausser meinem Gesichtskreise, und es mussten die sonderbarsten Umstande zusammen treffen, um sie moglich zu machen. Das seltenste Ungefahr entriss mich nicht nur den Klauen des Marktschreiers, sondern auch, wie Du gleich horen wirst, den harten Fausten der hiesigen Aerzte die, da sie nur selten feinere Maschinen zu behandeln haben als Matrosen und Kaufleute, jeder andern, die nicht eben so derb zusammen gesetzt ist, fast so gefahrlich sind, als die ausgemachtesten Stumper. Welche Proben der Angst wurde mein armer Korper nicht noch vor seiner ganzlichen Auflosung haben ausstehen mussen, wenn nach dem Marktschreier auch noch so ein Praktikus uber ihn hergefallen ware! Sabathier, musst Du wissen, gehort nicht zu dieser Zunft, ist Mitglied der preiswurdigen Fakultat zu Montpellier, und gegenwartig auf einer wissenschaftlichen Reise begriffen, die er uber Holland nach Edinburg thun will. Mein anonymer Wohlthater, Gott segne ihn der einen naturlichen Hass gegen alle Charlatane hat, wie die PharaosRatze5 gegen die Krokodille, schlich und stieg dem nomadischen Medikaster bis vor mein Bette nach, verscheuchte den Geier, und sah sich eben angstlich nach Hulfe fur das gerupfte Taubchen um, das zappelnd da lag, als der gute Sabathier vor dem heiligen Geiste ausstieg, und der Schall seines beruhmten Namens an alle Wande des Gasthofs anschlug. Unverzuglich trat ihm der Unbekannte in den Weg, erzahlte ihm schon auf der Treppe meine verzweifelte Lage, liess ihm kaum Zeit sich umzukleiden, und, nachdem er sein Mitleiden auf das starkste erregt hatte, fuhrte er ihn vor mein Bette, und nahm ihm, unter meinen schon gebrochenen Augen, das Ehrenwort ab, seine Reise aufzuschieben, und den kranken Deutschen nicht zu verlassen, bis nicht sein Schicksal entschieden sei. Der menschenfreundliche Arzt versprach es, und hat es gehalten. Mein bosartiges Fieber fand in ihm einen Beschworer, wie es einen bedurfte. Selbst die kleinen Nebenverhaltnisse, in die er sich mit mir gesetzt fand, so unwichtig sie auch schienen, waren hier nichts weniger als gleichgultig. Schon der Umstand einer gemeinschaftlichen Herberge mit ihm musste mir den grossten Vortheil gewahren. Dadurch ward es ihm moglich, mich zu allen Stunden zu beobachten, und meine Narrheiten abzuwarten, als ob ich der vornehmste Herr und er mein Leibmedikus ware. Ich brauchte nicht mit zehn andern Elenden zu kampfen, um einen Theil seiner Zeit, ein Wort von seiner ermatteten Zunge, ein Recept aus seinem zerstreuten Gehirne zu erhaschen. Auch hatte seine Hand, ehe sie die meinige beruhrte, nicht wie die Faust, die Dir einst Dein Aeskulap prahlenden Andenkens entgegen streckte, des Morgens zwolf Kindern die Blattern eingeimpft, des Nachmittags eine Komodiantin entbunden, und des Abends einen Neapolitaner zergliedert, und seine Perucke schuttelte keine in der Charite angesteckte Lufttheilchen in meine Atmosphare. Wenn ich starb, war ich sicher, dass es an meiner eigenen Krankheit geschah. Glucklich ist wohl jeder zu nennen, der in dem Nebel, den das unzahlbare Heer von Seuchen um ihn herzieht, in dem Gedrange so vieler schwankenden Irrlichter, die dieser Duft bildet und nahrt, und die sich ihm bei seiner Wanderschaft uber das allgemeine Leichengefilde als Wegweiser anbieten, auf den Genius eines Kapp, Grimm, Meckel oder Tissot trifft, der ihm vorleuchtet. Ist sein Gewebe nun vollends schon von der Natur locker gesponnen, durch die Hande seiner Erzieher verworren, und von allen den Modefarben, in die es getaucht wurde, so murbe gebeitzt, als das meinige, und es findet sich, eben da der Lebensfaden zerreissen will, ein solcher Kunstweber als Sabathier zu ihm, der an der laufenden Spule die Fasern noch zu erwischen und so geschickt anzuknupfen versteht, dass auch nicht der kleinste Knoten zuruck bleibt, der das Flickwerk verrathen konnte: so weiss ich nicht wie gross das Verdienst des Kranken seyn musste, das diesem seinem Glucke gleich kommen sollte.
Diese Betrachtungen machten mir es recht schwer, mich von dem Manne zu trennen, der sie veranlasste, und der ohne dass ich damit andern Aerzten zu nahe treten will einzig in seiner Art ist. Denn wo hat wohl einer vor ihm einen solchen Abschied von seinem Kranken genommen, als Er von mir? Er fasste mich mit ernstem Anstande bei der Hand, setzte sich neben mir auf den Sopha, und ehe ich mich des Textes versah, uber den er seine Beredsamkeit spannte, lag das menschliche Herz so meisterhaft zergliedert vor mir, als wenn Locke und Boerhave in ihm zusammen getreten waren, um mir zu demonstriren, wie wenig ich, moralisch und physisch, werth sei. Ich musste bei jedem Fetzen, den er mit seiner Sonde in die Hohe hob, heimlich gestehen, dass es ein Theil von mir war. In jeder Beule, die er offnete, erkannte ich mein eigenes Geschwur, und fuhlte in meinem Innern jeden Schnitt, den er doch nichts weniger als in meinem Kadaver zu thun schien. Es ward mir, mit Einem Worte, immer klarer, dass die Kasuisten zu Avignon und der getaufte Jude so vielen Antheil an meinem hitzigen Fieber hatten, als Klarchen und der Seefisch dass ich meiner Gesundheit nie weiter aus dem Wege gekommen sei, als in der Zeit, da ich sie suchte und dass Sabathier, der, gleich dem grossen Arzte des Lazarus, meine Heilung mit S t e h e a u f angefangen hatte, jetzt auch, wie er, sie mit keinem bessern Rathe zu beschliessen wisse, als mit einem wohlgemeinten G e h e h e i m .
Ja, ja, Eduard, unstreitig ist es das klugste, was ich thun kann. Ich brauche wahrlich keine Erfahrungen mehr zu dem bewiesenen Satze zu sammeln, dass meiner Diat und meiner Tugend auf Reisen noch weniger zu trauen ist, als in meiner Heimath. Das Ueberraschungs-System meines Freundes soll mich nicht aufhalten. Gott weiss, was ich mir damit uber den Hals ziehen konnte, wenn ich es so grundlich studiren wollte, als manches andere, das mich irre gefuhrt hat.
Als Sabathier am Ende seines lehrreichen Gesprachs nach dem Hute griff, verstand ich das Zeichen, flog in die Kammer vor meinen Schreibtisch, und indem ich geschwind berechnete dass, wenn ich die Summe meines baren Reisegeldes gerade mit ihm theilte, ich in Verhaltniss meiner vorigen taglichen Ausgaben immer noch durch mein hitziges Fieber gewonne packte ich zwei Rollen zusammen, die einen ziemlich starken Beweis enthielten, wie hoch ich mein Leben schatzte, und trat damit in der Demuth eines Genesenen, der dem Apollo nur einen schlechten Hahn opfert, vor meinen trefflichen Arzt. Aber dieser, als schwebe er in der Glorie jenes Gottes, erhob sich in demselben Augenblicke uber alle gemeine Mitgesellen seiner Kunst. "Sie vergessen, lieber Freund," sagte er, "wie theuer Sie Ihr Leben schon bei dem Quacksalber gelost haben, den ich vertrieb. Ich bin belohnt genug, dass ich nicht zu spat kam, um seine Rechnung und sein Vergehen gegen Sie in's Gleiche zu bringen, und durch meine Anzeige die Polizei aufzufordern, ihm das Handwerk, wo nicht ganz zu legen, doch solchem eine zweckmassigere Richtung fur das gemeine Beste zu geben." "Edler, grossmuthiger Mann," sagte ich, legte meine Geldrollen aus der Hand, und trocknete mir die Augen. "Und was ist denn," fuhr ich kleinlaut fort, "aus dem Quacksalber geworden?" "Man liess ihm," antwortete Sabathier, "die Wahl, sich nach seinen Verdiensten entweder bestrafen, oder belohnen zu lassen entweder mit einem Wahrzeichen an der Stirn das Reich zu raumen, oder in demselben Mause zu fangen. Er entschloss sich zu letzterm, unter der Bedingung, die man ihm gern zugestand, dass er den Doktortitel fortfuhren durfe, den er in Erfurt gekauft habe. Er ist bei den hiesigen Hanf- und Taumagazinen angestellt, wo er gewiss von Nutzen seyn wird." Ich laugne nicht, Eduard, diese Nachricht machte mir Freude. Nicht, als ob ich gerade sehr stolz darauf gewesen ware, durch meine unschuldige Vermittlung einen solchen Landsmann in Koniglich Franzosische Dienste gebracht zu haben; sondern weil es mir, bei meiner ewigen Spekulation uber die Bestimmung des Menschen, wohl thut, wenn ich einmal auf einen treffe, dem das Schicksal die seinige so deutlich anweist als diesem. Uebrigens musste es mir wohl auf alle Weise lieber seyn, dass der Zufall, neben vieler meiner Mitmenschen Erhaltung, nur den Tod der Mause mit meiner Genesung verkettet hatte, als umgekehrt wie das bei vornehmern Kranken als ich bin wohl manchmal der Fall seyn mag.
"Sehen Sie," fuhr Sabathier fort, "so ist alles in seiner Ordnung. Der Verzug meiner Reise ist mir hinlanglich durch das Studium Ihrer Krankheit bezahlt: denn schwerlich werde ich in Edinburg eine versaumt haben, die aus mehrern Fehlern gegen die Diatetik zusammen gesetzt, aus so bosartigem Stoff entwickelt, den Nachforschungen eines Arztes wurdiger und mir belehrender gewesen ware, als diese. Auch soll sie mir bei meiner Aufnahme in die dortige Akademie zu einem sonorischen Perioden in meiner Antrittsrede verhelfen." Ich machte einfaltig genug meinem medicinischen Freunde fur dieses Lob meiner Krankheit eine tiefe Verbeugung, als ob er mir eine Schmeichelei gesagt hatte, erschrak uber diesen neuen Missgriff meiner Eigenliebe, und stotterte nun voller Verlegenheit: "Ihre Rechnung im Gasthofe werden Sie mir doch.." "Diese," fiel er mir in's Wort, "ist durch den braven Mann berichtigt worden, der mich mit Ihnen in Verbindung gesetzt hat." "Lieber Sabathier," drangte ich mich jetzt naher an ihn, "Sie durfen mich nicht verlassen, ohne mir den Schutzengel genannt zu haben, bei dem ich in einer so grossen Schuld stehe, und die ich durchaus abtragen muss, wenn ich ruhig werden soll." "Ich wurde es gern thun," versetzte er, "hatte seine uneigennutzige Tugend mir nicht Stillschweigen geboten. Wir wollen dem wackern Manne seinen eigenen Gang lassen, und uns im Stillen begnugen, eine Seele zu bewundern, die sich uber das Gerausch menschlicher Beifalls-Aeusserungen des Danks und den Schimmer ihrer eigenen Seltenheit erhaben fuhlt." "O mein Freund," erwiederte ich voller Betrubniss, "wie gern mochte ich dieser ubermenschlichen Tugend huldigen! Aber ich kann wahrlich ich kann nicht. Eine so heldenmuthige Verlaugnung der allen Herzen angebornen Schwachheiten erweckt".. ich hielt inne. "Was erweckt sie denn?" fragte Sabathier "Den Verdacht, von dem ich meinen Wohlthater gern frei sprechen mochte, eines ubermassigen Stolzes, der seine Blosse nur desto kunstlicher versteckt, je lebhafter sein geheimer Wunsch ist, dass die Neugier sie enthulle. Eine Grosse, die andere Menschen so sehr verkleinert, ist nicht nach meinem Geschmacke. Die Gleichgultigkeit des Unbekannten gegen meinen Dank ist sehr demuthigend, und ich fuhle es wahrlich auf das schmerzhafteste, wie viel Unbarmherzigkeit in seiner Grossmuth liegt." "Oder wie viel Schonung," sagte Sabathier lachelnd, umarmte mich noch einmal zum Abschiede, bat sich ein Empfehlungsschreiben nach Leyden an Jerom aus und unter tausend Segnungen, die meiner stammelnden Zunge entstromten, eilte er in sein Zimmer den Anstalten seiner nahen Abreise zu.
Kaum war er fort, so stutzte ich meinen Kopf auf den Arm. "Schonung?" wiederholte ich, "was will er mit diesem rathselhaften Worte?" und es beschaftigte mein Nachdenken bei einer halben Stunde. Ich wollte lange nicht daran, die Erklarung als wahr anzunehmen, die sich mir aufdrang; aber, so wenig sie auch Schmeichelhaftes fur mich enthalt, so bleibt mir doch keine andre ubrig. Der Unbekannte, stelle ich mir vor, mochte es wohl nach seiner Eigenheit eben so sehr fur Pflicht halten, so lange ich krank lag, mir beizustehen, als mir aus dem Wege zu gehen, sobald ich gesund ward. Die Beichte meines hitzigen Fiebers ob das nicht wohl auch bei andern Ohrenbeichten manchmal der Fall seyn mag? hat ihm wahrscheinlich nichts weniger als Neigung gegen mich eingeflosst, und in dieser Rucksicht verrath seine stillschweigende Entfernung unstreitig eine seltene Schonung. Ein eifriger Katholik, mein Gott, kann ja unmoglich einen Menschen lieben, schatzen und seiner Freundschaft werth halten, der die heilige Klara von Montefalcone mit ihren drei Blasensteinen verspottete, den Papst Alexander zur Holle verwies, und selbst bei dem Anblicke der drohenden Ewigkeit keine Reue fuhlte, Mariens Strumpfband vertauscht zu haben. Ich darf froh seyn, dass der gute Mann meiner Rettung schon den Schwung gegeben hatte, ehe er erfuhr, wie wenig ich ihrer werth sei. Mir thut es zwar weh, dass zwei Herzen, die bereits einander so nahe waren, durch solche Windstosse wieder getrennt werden mussten; aber was kann ich dafur?
Um jedoch den Druck meiner Dankbarkeit los zu werden, will ich zum Ersatz meiner Schuld ein Geschenk in das Hospital schicken, und es als eine Nothhulfe, die ich gegen den sonderbaren Heiligen nehme, der Versteckens mit mir spielt, in dem Wochenblatte anzeigen lassen. Das, hoffe ich, wird nach seinem Sinne seyn. Edler Sabathier! Liebenswurdiger Jerom! Dachten alle Menschen wie ihr und ich, wie leicht wurde es werden, die drei Religionen denen wir anhangen, unter Einen Hut zu bringen! Wie geehrt fuhle ich mich in diesem Augenblicke, wo ich durch einen Zug meiner Feder eure beiden verwandten Seelen vereinigen soll! Doch da kommt mir ein Briefchen von Saint-Sauveur dazwischen, das ich erst lesen muss.
Das war ein thatiger reichhaltiger Morgen! Meine dringenden Geschafte auf der vorigen Seite sind nun alle besorgt, und ich wende meine Augen, die unter blendenden Thranen den guten Sabathier abfahren sahen, wieder nach Dir, mein Eduard, der mir sie von jeher immer am geschwindesten getrocknet hat. Es ist zwei Uhr. Nur noch einige Zeilen, und ich unterwerfe mich sodann ganz sorgen-, gedanken- und willenlos der Leitung des reichen, romanhaften Marquis, dem meine Nachkur ubertragen ist. Sein Wagen erwartet mich; seine heutige Ordre liegt vor mir. Geht er auch so ziemlich mit mir um wie mit einer Sache, ich lasse mir alles gefallen, ob mir gleich nicht alles gefallt; so kirre hat mich leider das Misstrauen gemacht, das mir Sabathier gegen die eigene Aufsicht meiner selbst in den Kopf gesetzt hat. Da will er, zum Beispiel, dass ich heute nach Tische eine Lustreise mit ihm antrete, die eine Halfte des Weges im Wagen, die andere zu Fusse, nach seiner Bastide, die drei Stunden von hier und auf der Strasse nach Toulon zu liegt, wohin ich ihn morgen fruh begleiten soll. Mit diesem Herumstreifen wurden, wie er mir vorrechnet, die nachsten vier Tage bis auf den bewussten Sonnabend verstreichen, den er mir schon gestern zu meiner Wallfahrt nach Cotignac frei gab. Diese Eintheilung meiner Woche ist mir nur halb recht, Eduard; Alzire wird heute, morgen wird Mahomet aufgefuhrt, und ich soll, statt dieser trefflichen Schauspiele, einem so widrigen Dinge nachgehen, als mir eine Bastide ist, um dort meinen Wettlauf nach Gesundheit anzufangen. Der gute Mann bedenkt nicht, dass ich kaum von einem hitzigen Fieber genesen bin. Den Tag darauf nach Toulon. Festungen sind mir aber fast so sehr zuwider als Bastiden. Lieber Saint-Sauveur! ich hatte mir von deinem Ueberraschungs-System etwas besseres versprochen, und ich zweifle, ob Sabathier dergleichen Recepte zu meiner Nachkur billigen wurde. Dieses abgerechnet, hatte ich gar nichts dawider, auf einige Zeit aus meinem hauslichen Zirkel heraus zu treten, der mich mechanisch in die Tage zuruck zaubert, die ich doch gern vergessen mochte. Der uberflussigste Theil desselben, die beiden Puppenspieler, haben durch ihr Verplaudern meiner Historie mit Klarchen vollends ihr Bisschen Kredit bei mir verloren; und doch scheinen sie gar nicht zu ahnden, wie unertraglich sie mir sind. Da unterbrachen sie mich erst vorhin mit dem possenhaftesten Anstande in meiner Schreiberei, um mich uber einen Einfall zu Rathe zu ziehen, der ihnen eine frohe Zukunft versprache. "Elektra," hub der Prologus an, "Geht zum Henker," fuhr ich sie an, "mit eurer Elektra, und putzt dafur meine Schuhe!" Auch Bastian, der gute Kerl, macht keinen Eindruck mehr auf mich mit dem Gesichte seiner Schwester; dafur erinnert er mich aber desto lebhafter an die ekeln Chinapulver, die er mir dutzendweise eingeruhrt hat. Es ist mir immer, so oft ich ihn ansehe, als ob ich einnehmen musste. So wunderlich es von mir ware, ihm dieses zum Vorwurfe zu machen, so bin ich doch froh, dass er mir einige Tage aus den Augen seyn wird. Er kann unterdessen hier mit dem Wirthe zusammen rechnen; und sich mit den Anstalten zu meinem Aufbruche beschaftigen, den ich zu Anfange kunftiger Woche festgesetzt habe. Die Freundschaft Saint-Sauveurs wurde mich in jedem andern Lande zuruckhalten; aber das hiesige Klima verstattet mir keine Weile, und drangt und treibt mich wie einen Storch nach meinem deutschen Schattenneste; ach es wurde meine sproden Knochen vollends zu Pulver zerreiben, wenn ich hier bliebe. Dass ich nicht denselben Weg, auf dem ich herkam, zuruck nehmen werde, kannst Du wohl ohne selbst mein Tagebuch betrubten Andenkens gelesen zu haben bei einem neugierigen Reisenden voraus setzen, ob Dir gleich jenes noch ganz andere Aufschlusse daruber vertrauen wurde. Nein! ich gedenke uber Holland und mein geliebtes Leyden h e i m zu gehen, ohne Avignon, Strassburg und Bruchsal nur in Gedanken zu beruhren. In drei Wochen ach Gott! kann ich bei Jerom seyn, und selbst, wenn Sabathier so langsam fortreist, als er anfing, eher sogar als er und mein Brief. Das habe ich mir an den Fingern abgezahlt, als ich ihn schrieb, und sie mir vor Freuden verbrannt, als ich ihn zusiegelte. So gar viel Papier werde ich nun wohl nicht mehr verthun. Ein halbes Buch, denke ich, soll hinreichen, bis ich Dir in Berlin meine schreibselige Feder zu Fussen lege.
Das in halbdunkeln Tinten trefflich gemalte Zimmer, in welchem mich Saint-Sauveur diesen Mittag aufnahm, war ganz der ruhrenden Stimmung angemessen, die ich mitbrachte, und in der er mich Gott weiss wie er das anfing! drei Stunden, bis wir in's Freie kamen, zu erhalten verstand. Es gehort ein Wirth dazu, wie Er war, damit ein Gast, wie ich bin, nicht bei Tische den Abgang eines dritten bemerkt. Die hellen Wahrheiten, die zarten Beruhrungen der Seele, die menschenfreundlichen Aeusserungen, die in sanften Adagiotonen seinen Lippen entflossen, und die Gutmuthigkeit, die aus seinen liebenden Augen wiederschien, erquickten mein schmachtendes Herz mit dem so lang' entbehrten Vollgenusse eines, in der edelsten und weitesten Bedeutung des Worts, guten Gesellschafters. Er u b e r r a s c h t e mich an dem heutigen Mittage um vieles angenehmer noch als an dem gestrigen nicht durch die neu ersonnenen Gerichte, die er mir vorsetzte, sondern durch die Menge feiner und erhabener Empfindungen, denen er in meiner Seele mit Sokratischer Entbindungskunst Luft machte. Sie schienen mir, wie Vertriebene, die sich unter einer tyrannischen Regierung versteckt hielten, von weitem herzukommen, einander zu ihrer Erhaltung Gluck zu wunschen, und das Fest ihrer Wiederkehr in der alten Hutte zu feiern, aus der sie sich so lange verdrangt sahen. So sehr ich auch jetzt hinterher mich gerecht genug fuhle, das Uebergewicht seines Geistes in dem warmen Gesprache, das sich unter uns entspann, anzuerkennen, so wusste er doch wahrend desselben den Schwerpunkt so geschickt zu vertheilen, dass es mir vorkam, wir hielten einander vollkommen die Wage. Sein Herz schien, schmeichelhaft fur mich, vorauszusetzen, es werde von dem meinigen verstanden. Die Blitze, die sein Witz von sich warf, spalteten sich so leicht an dem Prisma des meinigen, mit welchem ich sie auffing, dass ich nur meiner Kunst den schonen farbigen Strahlenkreis zuschrieb, den es hervorbrachte. Ich horte ihm so lange mit dem lautersten Vergnugen zu, als mir noch seine Unterhaltung Veranlassung gab, mir eine Verbeugung uber meine tiefen Einsichten und mein zartes Gefuhl zu machen.
Auf einmal aber trieb mich eine Kleinigkeit von dem erhabenen Standpunkte herunter, auf den mich meine Eigenliebe gestellt hatte. Wir sprachen eben von dem Hange zweier gleich gestimmter Herzen, die, indem sie wie Magnete einander anziehen, auch, wie diese, alles Ungleichartige von sich abstossen, und ungenutzt ihre Kraft in sich verzehren, wenn sie auf keinen Gegenstand treffen, der in ihren Wirkungskreis taugt. Ich gefiel mir ausserordentlich in diesen zugespitzten Einfallen, die ich vorbrachte, und gerieth daruber so in Feuer, dass ich nicht gewahr ward, was neben mir vorging nicht eher sah, dass der Mundschenk eine Flasche Champagner luftete, bis der Schall des heraus getriebenen Korks bis der Name Sylleri bis das schaumende Glas, das er mir vorhielt, sich meiner Einbildungskraft schon bemeistert, und mich sechs Wochen zuruck in das Bacchanal versetzt hatten, das ich am achten Januar mit jenem Gesindel feierte, das leider nur allzu magnetartig auf mich gewirkt hat. Heftiger kann in einer belagerten Stadt ein spielendes Kind nicht erschreckt und aus der Wiege geworfen werden, wenn das feindliche Signal in die Hohe steigt und der allgemeine Sturmlarm nachfolgt, als ich in diesem Augenblicke der widrigsten Erinnerung. Mag Dir diese Vergleichung noch so poetisch vorkommen, sie ist darum nicht weniger treffend und wahr. Ich fuhlte mich von dem unglucklichen Bilde, in welchem ich mich wie in dem niedrigsten Stucke von Teniers abgemalt sah, so gepresst, dass mir die Lippen bebten, und mein Auge in Thranen stand, noch ehe der Schaum im Glase zerronnen war. Armer Wein, seufzte ich im Stillen, der auf demselben Berge gewonnen, vielleicht auf demselben Stocke mit jenem gereift ist, der mir das hassliche Herz einer Heuchlerin enthullte! Ware mir dort dein Aufbrausen nicht ekel, dein Name nicht zum Misslaute geworden, wie suss wurdest du hier an der Seite eines edeln Freundes, mir schmecken, und mit welchem Feuer wurdest du meine Lobrede auf die gesellige Tugend beleben!
Saint-Sauveur, ob er gleich meine innere Bewegung gar nicht zu bemerken schien, kam ihr doch auf das thatigste zu Hulfe; denn er unterbrach mein angreifendes Selbstgesprach, indem er den Stuhl ruckte und aufstand. Es ist die leichteste Art, der Seele eine andre Richtung zu geben, indem man dem Korper eine andre anweist. Der Unterschied, ob mich der Wind von der oder jener Seite anblast, ob ich rechter oder linker Hand an meinem Schreibetische sitze, ob ich in einen Garten oder in einen Kirchhof blicke, bewirkt bei mir, wo nicht eine ganzliche Umschaffung meiner Denkungsart, doch eine merkbare Verschiedenheit der Begriffe. So ging es mir auch diessmal. Der Zauber, der mich nach Avignon versetzte, schien nur innerhalb des Zirkels meines Stuhls zu liegen. Sobald ich uber ihn hinaus in das Fenster getreten war, will ich zwar nicht geradezu behaupten, dass ich mich meiner reuvollen Empfindungen schamte, aber ich bekam doch Fassung genug, den ganzen Auftritt fur einen seltsamen Beweis der Nervenschwache auszugeben, die mir noch von meiner Krankheit anhing, und mein Freund war auch so gut, es fur bekannt anzunehmen. "Wenn dich nur," sagte er scherzhaft, indem er zugleich befahl, dass sein Phaeton vorrucken sollte, "der Larm nicht zu sehr erschuttert, den jetzt die schlagenden Nachtigallen in dem Birkenwalde treiben, wohin ich dich fuhren will." Das brachte mich auf einmal aus meiner weinerlichen in eine bitter spasshafte Stimmung. "Birkenwald? Nachtigallen?" fing ich mit spottendem Tone seine Worte auf, "das klingt ungefahr in diesem Lande so hohl, als wenn man in Novazembla von Schmetterlingen und Orangen sprache."
Ich habe gewiss schon in meinem Leben witzigere Einfalle gehabt, und beissendere Antworten ausgetheilt, als diese war, ohne mich ihrer zu ruhmen; besonders seitdem ich bemerkt hatte; dass ein Bonmot Dienstags eine ganze Gesellschaft belustigen konnte, welches Mittewochs, wenn es der Erfinder als bewahrt in andere Hauser herumtrug oder in seine Schriften aufnahm, gleichgultig angehort und gelesen wurde. Der scharfsinnige Herr mochte noch so genau Zeit, Gelegenheit und Umstande seines Epigramms angeben, keine Seele bekummerte sich um den kleinen Balg, sobald er uber die Geburtsstunde hinaus war. So wurde ich also auch diessmal meine spitzige Gegenrede gar nicht erwahnt haben, hatte sich nicht ihr schlaffer Stachel eine Stunde nachher gegen mich selbst gekehrt, und mir eine Beule zugezogen, die ich nicht anders zu heilen wusste, als dass ich sie, unter grossen Schmerzen, aufstach. Gott bewahre doch jedermann vor witzig-ublen Launen! Ich konnte der meinigen nicht mehr Herr werden. So abschmeckend sie Anfangs war, eine so laugenhafte Scharfe nahm sie an, als wir bei dem Schauspielhause und der bunten Menschenmenge, die dahin stromte, vorbei fuhren; und sie ward noch beissender, als wir unter die Frachtwagen auf der staubigen Chaussee geriethen: denn, statt es lieber gerade heraus zu sagen, wie ungern ich heute die Stadt und Alziren um die Bekanntschaft einer Bastide vertauschte, gab ich es durch mein Bezeigen auf eine viel auffallendere Weise zu erkennen. Ich schmiegte mich quer uber in die Ecke des Wagens, druckte meinen runden Hut in die Augen, und bei jeder Staubwolke, die aufstieg, hielt ich Mund und Nase so geziert zu, als ob die Sandstrassen um Berlin mit Teppichen belegt waren. Jeder Sonnenstich schien ein Epigramm in mir zu entwickeln, und mir zu einer sinnreichen Anspielung zu verhelfen, die den kontrastirenden Unterschied meines fruchtbaren Vaterlandes mit der durren Provence auf die ungesuchteste Art, wie ich glaubte, in das Licht setzte. Indem ich mich mit meinem Handschuh fachelte und mir den Hals luftete, sprach ich entweder von den schattigen Alleen, die nach Charlottenburg fuhren, oder erinnerte meinen Freund an unsere kleinen Soupers in den Lauben zu Sanssouci. Ich war wie ausgetauscht, Eduard, fuhlte in meiner Ungezogenheit weder den scharfen Verweis, der in dem Stillschweigen des Marquis lag, noch liess ich mich durch den Gedanken, wie er doch nicht mehr, als sein Land erlaube, zu meinem Zeitvertreibe gewahren konne, so wenig irre machen, dass ich endlich sogar Hagedorn und Kleist zu Hulfe nahm, um die grosse Wahrheit zu bestatigen, dass nichts in der Natur an Reiz uber den Eintritt des Fruhlings in Deutschland und unsern Maimonat ginge. Das Blut trat mir bei dieser vaterlandischen Erinnerung in das Gesicht. Ich blickte wild meinem Freund in die Augen. Er fasste mich bei der Hand und: "Was ist dir, lieber Wilhelm?" fragte er verwundert. "O der herrlichen Dichter!" antwortete ich mit beschwerter Stimme. "Sie haben das Bild des Mais mit einer solchen Gewalt in mir rege gemacht, dass ich dich bei Gott versichern kann, lieber Saint-Sauveur, ich glaubte in diesem Augenblicke jenen Monat erreicht zu haben, unsre Fruhlingsvogel zu horen, und den balsamischen Duft unsrer jungen Birken zu athmen. Eine lebhafte Einbildungskraft ist doch eins der wichtigsten Geschenke Gottes. Sie weiss dem Betrug die Gestalt der Wahrheit zu geben, und unsre Wunsche in wirklichen Genuss zu verwandeln." "So wie sie," fiel mir Saint-Sauveur in das Wort, "die auffallendste Wahrheit zu Betrug herabwurdigen kann." Dieser Einwurf meines Freundes war so paradox, dass ich ihn unmoglich ungerugt hingehen lassen konnte. "Ein ganz neuer Satz," sagte ich hohnisch: "aber wo ist der Beweis dazu, lieber Marquis? Willst du ihn fuhren?" "Ja," war seine bestimmte Antwort; und wahrlich, Eduard, er fuhrte ihn, und wie? Ganz nach seinem gestrigen System: denn nie hat mich ein philosophischer Beweis durch eine angenehmere Evidenz u b e r r a s c h t als dieser. Die Wendung deren er sich dabei bediente sehr verschieden von den Subtilitaten der Scholastik kam aus seiner und seines Kutschers Hand, an dessen Arm die Schnur befestigt war, die er anzog. Ein Griff in den Zugel, ein Hieb mit der Peitsche, und seine Behauptung ich hatte vor Scham vergehen mogen war vollstandig erwiesen. Was ich eine Minute vorher fur Magie der Einbildungskraft hielt, war Wirklichkeit. Ich horte die Nachtigallen mit meinen korperlichen Ohren, und zog die besungene deutsche Mailuft mit beiden Lungenflugeln in mich denn hier siehst Du die Beule, die ich aufstechen muss wir befanden uns, wie durch einen Zauberstab, in eine lange Allee von hundertjahrigen Birken versetzt.
Ich konnte in der Fulle meines Erstaunens nicht zu Worte kommen, so gewaltig sie sich auch bis zu meinen Lippen vordrangten, war lange verloren in meinem Gefuhl, ehe meine scheuen Blicke sich an meinen Freund wagten, und um Vergebung des Unsinns der vergangenen Stunde anflehten. Er verstand sie: aber er bestrafte mich nicht durch Gegenspott, so sehr ich ihn auch verdiente, sondern durch Gute. "Reisende," sagte er mit freundlicher Stimme, "sollten nie absprechende Urtheile uber ein fremdes Land fallen, bis sie nicht alle seine Winkel durchkrochen haben. Konnte ich dich doch, lieber Wilhelm, von allen deinen kleinen Vorurtheilen so glucklich heilen, als es mir bei diesen gelang! denn s i e hauptsachlich sind es, deren Kur mir Sabathier uberlassen hat. Wie froh bin ich, dass ich dich bis jetzt ruhig in deiner trotzigen Lage erhalten konnte! Ein einziger Blick deiner Augen neben der Querlinie, auf der sie hinstarrten, wurde dir schon von weitem das Ziel der Belehrung, die ich dir aufhob, entdeckt, und ihre gute Wirkung und deine Epigramme geschwacht haben. Jetzt blicke nur, ohne dich weiter zu schamen, an diese hohen Birken hinauf. Giebt es wohl in Charlottenburg ihres gleichen? Siehe, mit welcher Pracht unsere immer grunende Eiche sich hier ausbreitet. Wie reich wurde sich euer Konig dunken, wenn ein solcher Fremdling seinen Park verschonerte! Sattige dein Auge an unserem Besenreisig, an dem gelb bluhenden Geniste, das als eine Seltenheit in euern Gewachshausern gepflegt wird, bade dich in dem Aushauche unserer wurzhaften Krauter, und gestehe, ich verlange keine andere Genugthuung dass euer Wonnemonat nicht reizender sein kann als unser Hornung." Es hatte mir die hartnackigste Vorliebe meiner Heimath so fest in dem Herzen sitzen mussen als einem Lapplander, wenn ich nur ein Wort gegen die offenen Beweise und die billige Forderung meines Freundes hatte vorbringen wollen. Seitdem ich Athem schopfe, hat mich von allen den Maitagen, die ich in Deutschland erlebte, keiner in ein solches Wohlbehagen versetzt, als die gegenwartige Stunde. Das konnte ich ihm mit Wahrheit sagen. Es war seit meiner Krankheit der erste Ausflug ins Grune, und die Sinnlichkeit hatte ein desto leichteres Spiel, da die Saiten, die sie ruhrte, frisch aufgezogen und zur Freude gestimmt waren. In dem sultanischen Gefuhle eines muhelosen Genusses lag ich in dem schaukelnden Phaeton, freute mich der wohlriechenden Bogengewolbe uber mir und des begleitenden Gesangs der Vogel, wovon ich bei dem gehemmten Trabe der Pferde keine Note verlor. Wie ein kraftvoller Jungling, dem ein langes frohes Leben vorliegt, sich am Ausgange desselben seinen nebligen Grabhugel als eine Ruhebank denkt, die seiner Ermudung wartet, so blickte auch ich auf den geraden breiten Weg hin, der sich durch den unabsehlichen Wald zog dachte mir an dessen Ende die enge heisse Bastide meines Freundes, zwar nicht als einen Lustort, aber als eine Schlafstate, die mir desto ertraglicher vorkam, je spater ich sie zu erreichen hoffte. War es also nicht Schade, dass dieses wollustige Hingeben meiner selbst, diese auf Genuss und Zeitgewinn gezogene frohliche Rechnung, durch eine Grille des Marquis gestort wurde, zu der ich mir noch dazu vorwerfen musste, ihm die erste Veranlassung gegeben zu haben?
Er befahl seinem Kutscher zu halten, blickte mir in meine sanft hinsterbenden Augen, und nothigte mich doch unter folgendem Gesprache aus dem Wagen. "Guter Wilhelm! wenn ich dich so uber der Natur bruten sehe, sollte es mir beinahe leid thun, dich von deinem behaglichen Neste aufzuscheuchen." "Wie so, lieber Marquis?" "Ja nun, hier mussen wir uns auf die Fusse machen und einen andern Weg suchen." "Einen andern Weg? Wohin denn?" "Nach meiner Bastide. Du denkst doch wohl nicht, dass sie am Ende der grossen Allee liegt? Das ware der Rede noch einmal werth." "Das bester Mann habe ich wirklich geglaubt." "Nun so hattest du dich wieder einmal in dein Vaterland verflogen. Ein Schlag von Sommerhausern wie die unsern, und eine prachtige Deutsche Allee zum Zugange wurde gut passen." "Aber, ums Himmels willen, wie kommt man denn zu deiner Bastide?" "Eigentlich, lieber Freund, auf der Chaussee, die wir halben Weges verlassen haben; kurzer aber um vieles, wenn wir uns hier seitwarts, so gut es gehen will, durch das Gebusch helfen. Es kommt auf eine bose Viertelstunde an, so treffen wir auf einen verlassenen Steinbruch, hinter welchem meine kleine Besitzung liegt. Ich habe ihn kurzlich dazu gekauft, ihn vollends durchbrechen lassen, und mir dadurch einen weit nahern Eingang verschafft, der nur einige aussere Verzierung bedarf, um als etwas Rechtes in die Augen zu fallen. Da sind mir nun eine Menge Plane durch den Kopf gegangen, ohne dass ich noch mit mir einig geworden bin. Du kamst mir wie gerufen. Dein Ausspruch soll entscheiden. Das beschloss ich gestern vor dem Hause des Italienischen Baumeisters, bei dem du in der Lehre gewesen bist, legte desswegen Beschlag auf dich und deine Talente, und rechnete auf deine Vergebung, wenn ich dich mit dieser Spazierfahrt uberlistete, trotz der Alzire, die dich beinahe mir abwendig gemacht hatte. Du siehst, dass ich meine eigennutzigen Absichten gar nicht beschonigen will. Wie leicht konnte ich sie sonst hinter deine Nachkur verstecken! In Rucksicht dieser musstest du mir noch danken, dass ich dein welkes Gesicht an die Sonne gebracht habe." "Hol der Henker seine kahlen Entschuldigungen," murmelte ich in den Bart; "die machen weder seinen Antrag noch den Gang besser. Meine Talente? Das ist eine triftige Ursache! Ihretwegen konnten wir sitzen bleiben." Und so stieg ich aus.
Es ist doch in Wahrheit eine Verlegenheit wie es nur eine giebt, wenn man durch unverdientes Zutrauen anderer zu unsern bessern Einsichten sich mit seiner Ignoranz aus einem schonen gebahnten auf einen so holprigen, verwachsenen Weg gedrangt sieht, als der war, den wir jetzt einschlugen um am Ende eines ermudenden Gangs oder einer verlornen Lehrstunde seinem Gonner darzuthun, dass er sich in der Wahl unser geirrt habe. Mit hundert Dingen in der Welt bin ich in dergleichen Gedrange gekommen; aber mit der Baukunst widerfuhr es mir heute zum erstenmal. Bei allem dem fehlte es mir am Entschlusse, meiner falschen Scham herzhaft entgegen zu treten, mich aufs Maul zu schlagen, und mir durch ehrlichen Widerruf einen Ausweg zu bahnen. Das ware unstreitig das klugste gewesen: aber es fiel mir nicht bei, und um so viel weniger, als mich schon jede unerwartete Aufforderung so aus der Fassung bringt, dass ich mich immer auf das verkehrteste dabei benehme. Wenn ich ja etwas ahnliches von Jean Jacques habe, so besteht es darin. Fragt man doch wohl bei mir zehnmal umsonst nach Dingen, die ich im Schubsack trage, geschweige bei solchen, die man gutigst voraussetzt. Geht jemand zum Beispiel in der Gesellschaft und wie oft geschieht das nicht! auf mich los: "Sagen Sie mir doch, mein Herr Sie, als ein Litterator, als ein Dichter, als ein Hofmann, mussen ja das am besten wissen ..." so weiss ich es gewiss nicht, und wenn es das Einmal Eins ware.
So betroffen, dass ich mich nicht besinnen konnte, schlich ich denn auch hier dem Marquis nach, ritzte mich in allerlei Dornen, lernte alle Gattungen von Kletten und Nesseln der Provence kennen, und nach manchen Fehltritten, die mich aufhielten, sah ich denn endlich auch an dem unformlichen Steinbruche, der die Mitte einer Gebirgkette einnahm, die nach allen Seiten hin die Gegend sperrte, jene schwere Aufgabe liegen, die ich zu losen beschieden war. "Nun, was meinst du?" fragte der Marquis, und blickte mir forschend in die Augen, die ich geschwind in Ordnung gebracht hatte, und dann den Felsen so listig nachdenkend anstarrte, wie dieser und jener eine Skizze von Raphael. Da stand ich nun wie am Pranger, und brachte nach einer angstlichen Weile doch nur ein paar abgebrochene Worte hervor. Ob ich wirklich die Ausrottung des nahen Gestrauchs zur Gewinnung eines Vorplatzes und die Erweiterung des Berggangs in Vorschlag brachte, lasse ich dahin gestellt seyn; es war wenigstens der Sinn, den Saint-Sauveur meiner verworrenen Rede unterschob und mit seinem Beifall beehrte. Er hatte mir jede andere Meinung andichten konnen, ich wurde sie in der Verlegenheit fur die meinige erkannt haben "Wenn diese nothwendige Vorkehrung," fuhr ich nun schon mit festerer Stimme fort, "getroffen ist, wurde ich das Portal mit zwei Toskanischen oder lieber noch Korinthischen Saulen verzieren, und oben daruber eine Marmortafel mit einer passenden Inschrift aus dem Virgil oder Horaz setzen lassen: O rus, zum Beispiel, quando te adspiciam, oder so etwas dergleichen." "Das lasst sich horen," sagte mein Freund; "nur will ich dich bitten, lieber Wilhelm, wenn wir ins Haus kommen, mir deine Idee durch eine kleine Handzeichnung deutlicher zu machen: denn aufrichtig zu gestehen, weiss ich nicht einmal, wie sich die Toskanische Saulenordnung von der Korinthischen unterscheidet." Unter uns, Eduard, war das eben auch m e i n Fall! "Ich bin," fiel ich ihm ins Wort, "in architektonischen Zeichnungen seit einigen Jahren ganz aus der Uebung." "Nun gut," erwiederte er, "so thue mir nur den Gefallen, deinem Italienischen Lehrmeister den Riss anzugeben, wenn wir wieder in die Stadt kommen. Einstweilen lass uns auf jenem bemoosten Stein ausruhen, und uns uber dieses Gebirge hinweg in dein prachtiges Sanssouci zaubern. Ich sitze oft Stunden lang in meinem beschrankten Gartchen, und weiss mir es in Gedanken durch die malerischen Aussichten zu erweitern, die mir vor neun Jahren dein Vaterland offnete."
Der gute Saint-Sauveur! Er hatte mir zur Erholung von meinen Baugeschaften nichts dienlicheres bieten konnen. Ich ward Dir auf einmal so beredt und anmasslich, als ich mich kurz vorher, verlegen und gedemuthigt gefuhlt hatte, und auch Er ohne des Schaustucks seiner Birkenallee weiter zu erwahnen irrte gutmuthig und heiter mit mir durch alle die niedlichen Sandgange, die labyrinthisch unsere Berlinischen Lustgarten durchschlangeln, die sanfte Luft, die uns umwehte, war ihm nur ein Vehikel jener aromatischen Dufte, die unser Thiergarten seinen jungern Wangen zuspielte, und die er damals nicht sinnlicher in sich ziehen konnte, als er sie jetzt durch die Organe der E r i n n e r u n g einsog. Ach, ware s i e nicht, diese gutmuthige Begleiterin auf unsern Wanderschaften, so wurde das langste Leben, wenn es einmal hinter uns liegt, nur ein verlornes Geschenk, und nicht viel besser als das Leben einer Mucke eingeschrankt auf einen einzigen Tag seyn. "Ein schoner wahrer Gedanke!" sagte der Marquis, als ich ihm solchen mittheilte. "Er soll uns, wie der Faden der Ariadne, durch den dunkeln Irrgang meines Vorgebirges leiten. Folge mir nur beherzt, lieber Wilhelm, und werde nicht misslaunig uber die hundert bosen Schritte, die du etwa noch bis zu meinem Sopha zu thun hast."
Ich ergriff geschwind den Rockzipfel meines Fuhrers, um seine Spur nicht zu verlieren, und tappte ihm nun, unsicher wie in der Nacht, durch die kuhle Bergkluft nach, die so im Finstern fortlief, dass ich den Ausgang fur noch sehr entfernt hielt, als auf einmal Gott im Himmel! wie ward mir zu Muthe! eine Thur vor mir aufsprang, und mir welch ein Uebergang von Blindheit zum Licht! ein Thal ein unubersehbares und so entzuckendes Thal offnete, dass mein ausserer Mensch durch die heftige Bewegung, in die mein innerer bei diesem unnennbaren u b e r r a s c h e n d e n Anblicke verfiel, wie gelahmt davor stand, und mein Puls einige Sekunden stockte, ehe sich meine gen Himmel strebenden Hande erheben, und ein Strom von empfindsamen Thranen dem gepressten Herzen Luft machen konnte. Ich habe dich oft, freundlich, schon und gross gesehen, mannigfaltige Natur, habe dich in der Pracht deines Schmuckes bewundert, den dir deine Freunde, und aus dem Flitterstaate gehoben, den deine Feinde dir anlegten; aber noch nie hattest du dich mir in deiner hochsten Herrlichkeit nie zur Anbetung deines unermesslichen Schopfers in so unwiderstehlich anlockenden Reizen offenbart, als an diesem glucklichen Abende! Was faselte ich vorhin von Nachschmack des Vergangenen, von der Erinnerung eines Lebens, das hinter uns liegt! Mein Vaterland, die Stadt meiner Geburt sammt den jugendlichen Freuden, die ich jemals genoss alles war jetzt aus meinem Bewusstseyn verschwunden. Ich fuhlte nur das Gegenwartige, und war ausschliessend glucklich in ihm.
Bin ich denn der erste Reisende, der hierher kam? da ich mich keines erinnere, der dieses Elysiums der Provence gedacht hat. Sollte sich denn nie einer diesen Anblick, wie ich ihn genoss, erkauft, erstohlen, oder erschlichen haben, um ihn mit Farben oder mit Worten zu malen? Nein, Eduard, der Gluckliche allein vermag es, der ihn, wie ich, als ein Geschenk aus der Hand der erfindungsreichen Freundschaft und als ihre geheimste hochste Gunstbezeigung erhalt, wenn anders die Verzweiflung uber die Unzulanglichkeit menschlicher Sprache, die auch in meinen Adern kocht, ihm erlaubt diesen reinen Abdruck des Himmels zu schildern. Nur ein Mann, der aus der Fulle der Natur ihre ruhrendsten Stunden zu heben, und aus ihren fluchtig hinduftenden Tageszeiten die Balsamtheile aufzufassen versteht, die am wirksamsten sind die Quetschungen der Seele zu lindern nur ein Weiser, der die Sehnen und Fasern des menschlichen Herzens oft und mit Gluck entwickelt, und die Einbildungskraft bis in ihre feinsten Blutgange zergliedert hat nur der edle Saint-Sauveur, der diesen Solitair von Felsen sein nennt, hat zu dem dahinter liegenden Heiligthum allein den Schlussel. Man muss sein Freund seyn, um auf den Standpunkt dieses magischen Lichtes zu gelangen, in welchem, von allen Bewohnern dieses herrlichen Thals, er allein nur es zu zeigen im Stande ist. Kein menschliches Auge, es schweife und schwebe wo und uber was es will, kann mehr Reize auf einmal umfassen, als das meine in dem Augenblicke, da ich, wie von der Erde in den Himmel gehoben, aus dem Felsen trat.
Die Scheibe der Sonne, als ware sie allein fur dieses Thal geschaffen, hing, zu ihrem Untergange geneigt, gerade vor mir. Ein breiter, schaumender, in die Tiefe sturzender Wasserfall schien ihr anzuhangen, und die letzten Goldmassen ihrer heutigen Spende zu ubernehmen, um sie in flimmernden Kornern uber das Abendbrod dieser glucklichen Thalbewohner zu streuen. Die Spitzen der hohen Berge, Trager des blauen Baldachins, der uber der Konigin schwebte, rotheten sich in ihrem Abglanz, und der Schimmer ihres Heimgangs flog zitternd uber die unzahligen Garten und Lusthauser, die sich von allen Seiten in den sanftesten Abhang hinunter zogen. Der mit ihrem wallenden Lichte uberschwemmte Teppich grunender Triften, der sich, so weit der Blick reichen konnte, in dem Grunde verbreitete, warf, mit den Gruppen ruhender Herden, in seiner unglaublich sanften Verschmelzung einen Wiederschein in die Hohe, der selbst ein sterbendes Auge noch wurde erquickt haben. Die meinigen ach! wie soll ich Dir das Wohlbehagen versinnlichen, in dem sie schwammen! Alle bessere Empfindungen meiner Seele schienen sich gegen meine Sehnerven zu drangen, und aus ihnen Dank gegen Gott, Freude des Lebens und Zufriedenheit mit der Welt zu saugen. Wie liebt, wie ehrt man sein Selbst in solcher Stimmung! Wie gereinigt fuhlt sich das Herz von allen verachtlichen Wunschen, die es in so seligen Augenblicken nicht einmal zu begreifen vermag! O konnte ich den rauhen schmalen Eingang dieses Berges fur mehrere Seelen zu einer so edeln Absicht benutzen, als mein trefflicher Freund durch ihn bei mir einzelnem Kranken erreicht hat! Ich wurde seine dahinter ruhenden Geheimnisse durch ein vorgezognes Tuch so ganz versperren, wie sie es mir bis auf diesen Augenblick waren, und wurde euch, meine Freunde und Bekannten, an einem Festtage auf einem Kreis von Rasenbanken um das Amphitheater dieser Steinmasse versammeln, euch, die ihr Stunden lang in euern Schauspielhausern auf Bretern sitzt, und dem Zeichen entgegen lauscht, das den Vorhang heben soll, den ihr angahnt. Ach wie wollte ich euch, indem ich den meinigen aufzoge, durch den Hinblick in diese heiligen Hallen der verklarten Natur erschuttern, und wenn ich mich durch ihn, starker als es kein Bussprediger, kein Dichter vermag, eurer Herzen bemeistert hatte, euch auf demselben Wege, den das meinige nahm, zuruck in euch selbst, in die Gegenden fuhren, die ihr so wenig besucht habt als diese in die Tiefen, wo noch manches Grosse, Gute und Edle ungeweckt schlummert! Mit welchem Erstaunen wurdet ihr bemerken, wie die beiden euch unbekannten Gebiete der naturlichen Zufriedenheit und des sittlichen Gefuhls, die ihr durch Kunsteleien getrennt habt, zu einem und demselben Reiche gehoren! Ihr wurdet innigst geruhrt mein grosses Schauspiel verlassen, wurdet nur Ekel an dem Prunk eurer Opern, vorzuglich aber ein reines Herz, durchdrungen von der Wahrheit, mit nach Hause nehmen, die wir zwar alle eingestehen, in dem tollen Beginnen unseres Uebermuths aber taglich und stundlich vergessen dass der Mensch mit allen Pfauenfedern seines Stolzes und seiner Talente nur ein armseliger Stumper in seinen Nachahmungen und Schilderungen der unerreichbaren Natur, und ein undankbarer Schwachling gegen jenen fuhlbaren und doch unbekannten Werkmeister sei, der die Sonne in seiner Gewalt hat, und die Krafte des Universums leitet wohin er will. Doch, ist es nicht schon eine strafbare Thorheit, d a s Staubkorn gegen den Unermesslichen zu wagen, d a s er, ohne zu achten wohin es flog, von dem Saume seines Kleides abblies seines mit jenen Flittern, die wir Sonnensysteme, Sterne und leuchtende Welten nennen, besetzten, ernsten, ewigen Kleides?
Mein Freund, durch das Mitgefuhl meines Entzukkens, dessen Schopfer er war, auf das innigste geruhrt, reichte mir stillschweigend die Hand, um mich an dem Bande der eingebrochenen Abendrothe, die wie ein Brautgurtel dieses Thal der Freude umschlang, in seine Wohnung zu fuhren. Ich sah mich noch einmal nach dem Felsen um, und fand hier am rechten Orte den Plan der Verzierung, mit der ich die Gegenseite zu verkruppeln gedachte, einfacher und edler ausgefuhrt, als ich ihn entwarf. Hier war der aus einem dunkeln Haine hervortretende Theil des Gebirges mit einem Portale bekleidet, das an den Janustempel erinnerte, der, von Numa erbaut, nur in einem Durchgange bestand. Seine Pforte, die von dieser Friedensseite nie geoffnet wird, schliesst sich nur von innen armen Fluchtlingen auf, die, von aussern oder innern Sturmen aufgeschreckt, Wildniss und Einsamkeit suchen. Von dem Ungefahr und ihrem Missmuth bis vor diesen Felsen getrieben, zittern sie scheu und gescheucht durch die Dunkelheit dieses Schlupfwinkels, und fallen statt in einen Abgrund, den sie in ihrem Ingrimm wunschen und furchten fallen sie ach wie sanft! in die umschlingenden Arme der liebenden und trostenden Natur! In diesem Sinne hat Saint-Sauveur, schon vor mir, manchen durch das Gaukelspiel der Welt verdrehten Kopf, manches kranke Herz, das seiner Besserung werth war, hierher verlockt, und durch einen Blick in diess Thal und diess Sonnenbad geheilt. Nie ist wohl eine romantische Anlage glucklicher ausgefuhrt und zu einem edlern Zwecke benutzt worden, als diese.
Mein Freund hatte nicht nothig, und seine Gutmuthigkeit liess es auch nicht zu, mich an meine Korinthischen oder Toskanischen Saulen zu erinnern: ich schamte mich schon selbst genug alles dessen, was ich seit gestern und heute Unwahres und Anmassliches uber Talente und Lehrmeister, Bastiden und Baukunst vorgebracht, und besonders der Kennermiene, mit der ich, im Widerspruch meines Bewusstseyns, gegen den Marquis gross gethan hatte. In dem Schlage jeder Nachtigall, auf jedem Schritte, den ich that, fand ich meine verdiente Bestrafung. Unter hohen Akazienbaumen, die in diesem mit Bergen umzaunten Thale, wie in einem Treibhause, schon Schatten gaben und bluhten, gelangten wir in die Wohnung meines lieben Begleiters, und traten in einen Saal, der selbst in seinen reichen Verzierungen das warme Herz des Besitzers und seinen unverdorbenen Geschmack verrieth. Ruhrende Gemalde der grossten Meister sprachen hier zum Auge; mich zog aber noch zu sehr das mit meiner Seele verschmolzene Bild der Natur von allem ab, was Menschenwerk war. Ein Blick bald durch dieses, bald durch jenes Fenster, suchte noch einen Reiz von ihr hinter dem Florkleide zu erhaschen, das der Abend uber sie herwarf, bis die verdickte Dammerung sie ganz meinen Augen entzog, die Vorhange an den Fenstern herab fielen, ein duftendes Mahl meinen Hunger weckte, und mich uberzeugte, dass ich noch nicht so ganz zu den atherischen Geistern gehore, als mir mein beseligtes Herz gern weiss gemacht hatte.
"Iss nicht so hastig trink mit Bedacht von diesem Wein er reift auf jenen vergoldeten Bergen," wiederholte mein Freund mehrmalen. Ich sah ihn lachelnd an, glaubte ihm zu folgen, aber Schwarmerei trat immer meinem Vorsatz in den Weg. Ich ass und trank wie ein Verliebter, und antwortete verkehrt auf alles, was nicht Bezug auf das Wunder hatte, das mir vorschwebte. "Ich sehe wohl," sagte endlich der Marquis, "ich bewirthe dich nicht, wie es dein Taumel verlangt. So lass uns denn von i h r sprechen, die sich durch einen Blick aller deiner Krafte bemeistert hat. O du kennst die Gottliche noch nicht in ihrer grossten Schonheit. Morgen ist der Mensch nicht glucklich, der das zu einem andern Sterblichen sagen kann? morgen will ich dir ein Schauspiel geben, das einen Gotteslaugner bekehren wurde. Du hast wohl, als ein wahrer Berliner, gar nicht daran gedacht, dass die Sonne auch aufgeht?" "Ja, Freund," rief ich, und klatschte in die Hande, "das Schauspiel sollst du mir geben." "Ehe wir nach Toulon aufbrechen," fuhr er fort ... "Ach das abscheuliche Toulon!" fiel ich ihm in die Rede; "was sehe ich an seinen Bastionen, Galeeren und seinem Arsenal? Ich bitte dich, lass mich hier, lieber Saint-Sauveur." "Ich glaube," sagte der Marquis lachelnd, "die Bewunderung der Natur konnte dich, wie das Gebet einen Monch, bis zur Unthatigkeit entzucken. Sie thut es schon jetzt. Du schwarmst von ihr und vernachlassigst sie, denkst nicht daran, sie in ihrem Nachtputze zu uberfallen, und ihrem Busen noch einen Liebeskuss aufzudrucken, ehe sie einschlaft." Ungeachtet meiner dichterischen Stimmung verstand ich den Marquis nicht ganz, bis der Wink eines Bedienten ihn von seinem Stuhl aufjagte, der Vorhang aufflog, und er mich in der schauerlich festlichen Minute an das Fenster stellte, wo der volle Mond in dem reinsten Ergusse seines Schimmers zwischen zwei Bergen herauf stieg.
Wie vorhangend in dem dunkelblauen Gewolbe, gleich einer aus Topas geschliffenen Lampe, blickte nicht dieser glanzende Korper, als ob er in der heutigen Nacht jede andere neben ihm spielende Welt von seiner Umarmung ausschlosse, auf seine kleine freundliche Thalschone herunter, die, wie abgesondert von dem ubrigen Erdballe, zitternd ihre verstecktesten Reize seinem liebkosenden Lichte zu enthullen schien! Das Sauseln des Abendwindes in den jungen Sprosslingen, Blattern und Bluthen, das dem Gerausch der Kusse, dem Lispeln der Liebe glich, und der Einklang des Wasserfalls in der Ferne alles was ich sah, horte und ahndete, traf einen Beruhrungspunkt in meinem der Natur geheiligten Herzen. Mit gefalteten Handen blickte ich in dieses nachtliche Fest. Ich konnte mich ungestort in Betrachtungen versenken; denn mein Freund, der neben mir stand, schonte schweigend meine zarten Empfindungen. Der Mond hatte schon viele Meilengrade seines Bogens durchlaufen noch stand ich da, und sah ihm nach, und mass ihn, und lachelte ihm zu. Endlich riss ich mich los. "Was fur ein glucklicher Mann bist du!" wendete ich mich gegen meinen Freund mit schwacher Stimme, druckte ihm die Hand, und folgte der Kerze, die mir in mein Schlafzimmer leuchtete.
Ich war so vertieft in meine Mondsscene, dass ich den jungen Menschen, der mich bediente, nicht eher gewahr ward, als bis er mir meine Halbstiefeln auszog, die zwar von dem Dornenwege, durch den sie mir heute halfen, hier und da zerkratzt, ubrigens aber so wenig beschmutzt waren, dass selbst unser reinlicher Freund Jean Paul keiner noch so weissen Chemise wurde gewehrt haben sich ihnen zu nahern. Ehe ich den Bedienten entliess, bat ich ihn, mich morgen ja vor Aufgang der Sonne zu wecken. "Dafur sorgen Sie nicht," antwortete er; "unser ganzes Haus ist alsdann munter vom Grossten bis zum Kleinsten. So oft wir in diess Thal kommen, versaumt gewiss keiner von uns funfen, die stets um den Herrn sind, diesen ruhrenden Anblick. Wir waren armselige Menschen, ehe wir in seine Dienste traten Trunkenbolde und Spieler, besonders der Kutscher, der ein Thuringer ist. Einer nach dem andern wurde von seiner Untugend geheilt. Ich war ich gestehe es zu meiner Schande ein verlorner Wollustling; aber kaum drei Tage hatte ich in diesem Paradiese gelebt, dreimal nur die Sonne aufgehen sehen, als mir die Schuppen von den Augen fielen, ohne dass ich sonst etwas dagegen gebraucht hatte." Ich schob meine Nachtmutze etwas unglaubig zurechte. "Trauen Sie meiner Erfahrung," erwiederte er mir, nahm meine Halbstiefeln unter den Arm und wunschte mir eine ruhige Nacht. Ware es moglich, dachte ich zuletzt noch im Bette, dass diese solarische Kur bei Klarchen anschluge? Vielleicht! Sobald nur kein Domherr mit ihr an das Fenster tritt.
Fussnoten
1 Ciceronis Somnium Scipionis 2 S. Brants Narrenschiff. 3 Er stiftete ein Hospital fur Narren und starb selbst als einer. 4 Wer Verstand hat, der uberlege die Zahl des Thieres: denn es ist eines Menschen Zahl, und seine Zahl ist 666. Offenbar. Johannis Kap. 13. V. 18. 5 Viverra Ichneumon. Linn.
Toulon.
In der Nacht, den 19ten Februar.
Ich horte Saint-Sauveurs Stimme schon im Saale bei meinem Erwachen, sprang gestarkt von meinem Lager auf und eilte zu ihm. Die Nacht war im Scheiden, als ich eintrat. Eine kuhle Luft drang auf mich ein, als ich das Fenster offnete, und verstarkte den Schauer, den der Mensch, wie die unbelebte Natur, in der Nahe der Begluckung empfindet. Desto willkommner war mir das warme Getrank, das man mir reichte. Noch dauerte es einige Pulsschlage, ehe die ersten Vorlaufer des Tags den Himmel begrussten. Einzelne Vogel zwitscherten ihnen entgegen Als aber der Saum des Horizonts sich mit einem Bande umzog, das mit Rubinen armselige Vergleichung! gestickt schien, bereiteten sich schon tausend singende Stimmen, blokende Kehlen, seufzende und betende Herzen, zu dem Einklange in den grossen Choral, zur Zustimmung in den allgemeinen Dank vor; und als der erste kleine Bogen des Zirkels uber den silbernen Wasserfall blinkte, und als er schon so feurige Strahlen ausspie, um dem geblendeten Auge fur die folgenden Hinblikke bange zu machen, in denen er hoher, immer brennender hoher trat, und als sich nun zwischen dem Eindung unaufhaltsam in das blaue Weltmeer des Aethers sturzte da erwachte alles, da dankten, jauchzten, bebten ihr alle Organe der Schopfung entgegen. Ein Kind weint bei einem heftigen Schalle Erstaunen lasst seine Augen trocken. Der Mann von Gefuhl staunt, empfindet und weint. Keine andere Sprache hatten wir jetzt, ich und mein Freund.
Die Vergoldung des Thals war vollendet vollendet in seiner ganzen Pracht. Lasurgrun umzitterte Blatter und Baume, ihre Schafte waren Gold, die Dacher spruhten Funken, die Fenster flimmerten, das Gewolbe uber ihnen allen gluhte, und meine Brust hob sich unter den Schlagen des uberwaltigten Herzens. Jetzt drangen von den Hugeln die Schalmeien der Hirten in mein Ohr. Die Melodie ihres Baskischen Gesangs, die Andacht ihrer Morgenlieder ergriff mich, und ich theilte nun den Reichthum meiner von den myriadenfaltigen Schonheiten uberschwangerten Blikke, und warf, so viele ich deren von den Gegenstanden meiner Bewunderung loszureissen vermochte, auf das freundschaftliche Wesen in mir, das jeden Thautropfen der aussern Sinne mit durstendem Verlangen auffing, und zu einer Schnur fur die Ewigkeit an einander reihte. Seines edeln Geschaftes bewusst, wurde es jeden unachten Blendling, der ihm zugeflossen ware, erkannt und verachtend weit von sich geworfen haben den Stolz mit allen seinen Kronen und Zeptern, den Neid, den Menschenhass und die Rachsucht. Die Schmeicheleien der Wollust glitten von ihm ab, wie Fliegen von einer polirten Stahlflache. Ohne Gehor fur die Stimme der Sirenen, ohne Augen fur ihre Reize, ohne Gefuhl fur den Druck ihrer Hande, beantwortete es ihre zugeworfenen Kusse mit Ekel. Zu reich fur das Almosen verrufener Munze, zu gross fur gemeine Freuden, schwamm es in reinem Schwanengefieder weit von der schlammigen Erde, leicht, vertrauend und froh, dem Throne des Unerforschlichen zu. Seine Empfindungen waren Gebete, und der Drang seiner Wunsche war, sich mitzutheilen und wohlzuthun.
O du holder Vertrauter meines heutigen Entzukkens, schoner, schlanker, suss traumender Genius, den der Zufall mit einer irdischen Hulle bekleidet hat, die seiner nicht werth ist, konntest du erscheinen, wie ich dich ahnde, und einst die Unsterblichkeit dich ausmalen und aufstellen wird; der Tyrann wurde abstehen, sein Schwert, die Verleumdung, den Dolch ihrer Zunge gegen dich zu wetzen der Geiz wurde dir seine Schatze anbieten, und der Furstenstolz selbst vor deiner Hoheit sich bucken. Moge nie ein stinkender Nebel aus den Sumpfen der Welt mir die Wurde deiner Schonheit verstecken, nie ein unreiner Hauch deine himmlische Klarheit verdunkeln, und jede Perle, die du in dem Oceane der verflossenen Stunde geschopft hast, sich in dem Hauptschmucke deiner Ewigkeit wiederfinden!
Wenn Schwarmerei Vergebung verdient, so ist es die fur die Tugend, und an einem so heilig romantischen Morgen, als mein heutiger war. Ach das hassliche Toulon! Der Wagen meines Freundes hielt am Ende seines Parks. Seine Rosse schnauften und stampften und wieherten im Gefuhl ihres Muths. Und ich musste dich verlassen, Thal der Unschuld und Freude, dich, Sonne uber ihm? Ach mir war, als konnte nur Finsterniss hinter den Bergen liegen. Ich blickte noch einmal wonnetrunken in ihr heiliges Antlitz, und breitete meine Arme aus, als wollte ich den ganzen Weltkreis an mein liebendes Herz drucken ich blickte noch einmal zu ihr hinauf, und unwillkurlich entschwebte der harmonische Ausruf meinen Lippen:
Staub, der, zu Gott empor gedrungen,
Am Fusstritt seines Thrones glimmt!
und so bot ich meinem freundlichen Geleiter die Hand, stieg hastigen Schritts aus seinem Tempel, durch den Park, in den Phaeton. Hier fasste er stillschweigend die Zugel, uberliess mich ungestort der obern Region, und sorgte nur, dass wir in der untern nicht aus dem Gleise kamen. Indem wir uber den mit allen Saiten in den Psalm ein, der seit den zwei Noten, mit denen ich anschlug, in mir forttonte. Jetzt waren die Beweise meiner Genesung vollstandig; die Natur hatte den letzten beigebracht, denn sie hatte mein Dichtergefuhl wieder erweckt. Mein Herz schwoll, meine dunkeln Empfindungen bildeten sich zu harmonischen Worten, atherisches Feuer erhellte den Blick, den ich dankend gen Himmel schlug, eine singende Lerche stieg und funkelte mit ihm zugleich in die Hohe, und mein Lied begann.
Staub, der, zu Gott empor gedrungen,
Am Fusstritt seines Thrones glimmt,
Ziel meines Psalms, im Chor gesungen,
Das jubelnd, dich umschlungen,
In deinem Aether schwimmt!
Seit du, der leeren Nacht entsunken,
Dein stolzes Licht von Ihm geholt,
Sah es in dem Gewuhl der Funken,
Die durch den Luftraum prunken,
Schon manchen Stern verkohlt.
Nur deinem Urgestirn veraltet
Kein Reiz! Mit gleicher Kraft beflammt,
Treibt es sein grosses Rad, entfaltet
Die Zeiten, und verwaltet,
Wie sonst, sein Mittleramt.
Und lenken aller Erden Psalmen
Doch uberkleidest du die Palmen
Des Athos, wie die Halmen
Des rauhsten Schweizerthals!
Hat nicht ein Geist, aus dir geboren,
Der Liebe Freudenquell gewurzt,
Der aus den Urnen aller Horen,
Vertheilt doch unverloren,
In alle Wesen sturzt?
Juwel in des Erschaffers Kranze,
Und erstes Wunder seines Hauchs,
Du leitest, schmuckst, vereinst das Ganze
Eins fehlt nur deinem Glanze
Bewusstseyn des Gebrauchs.
So viel dir Kraft ward, doch entquellen
Dir Triebe nie, die, warm und rein,
Die Brust des edeln Mannes schwellen,
Freund seiner Mitgesellen
Am Bau der Welt zu seyn.
Du stehst im grossten Wirkungskreise,
Als Sklave, der im Joche prangt
Beherrscher seiner kurzen Reise
Durchs Leben, dringt der Weise,
Wohin sein Herz verlangt.
Er wagt sein Daseyn nur nach Thaten,
Nach Pfunden, die sein Geist erringt,
Froh, wenn der Hoffnung seiner Saaten
Auch nur ein Keim gerathen,
Der in die Zukunft dringt.
Sei grosser noch! Um deine Wurde
Vertauscht, selbst auf dem Weg' ins Grab,
Der Staubbewohner einer Hurde
Nicht seines Lebens Burde,
Nicht seinen Wanderstab.
Denn bald zu hohern Geistesproben
Entruckt den Prufungen der Zeit,
Schwingt ihn die Hand, die dich erhoben,
Von diesem niedern Globen
In die Unsterblichkeit.
Durch diesen heitern Blick ins Freie
Verliert im Nebel meiner Bahn
Sich keine Stunde mir ich weihe
Dem Ausgang sie, und reihe
Sie meiner Zukunft an;
Dass, wenn ich einst zu hohern Spharen
Auf deinem Lichtweg ubergeh,
Der Fruchtstaub vieler guter Aehren
Noch in dem Thal der Zahren
Um meinen Hugel weh.
Als meine Harfe verklungen war, und mein begeisterter Blick aus seiner Hohe zuruck auf die Erde fiel, hatte ich gern meine abgestimmten Saiten aufs neue gespannt, ware ich nicht zu erschopft gewesen, um mich mit Hulfe ihrer Harmonie eben so vogelleicht uber den rauhen Weg zu schwingen, der in einem Zusammenhange von Felsenstucken und Bergkluften vor mir lag, als sie mich unvermerkt uber seine erste Halfte gebracht hatte. Es argerte mich, dass mein Fuhrer das stolze Gefuhl meiner Schwungkraft durch eine Bemerkung zu necken suchte, die ziemlich spottisch heraus kam. "Ich sehe dir an," sagte er, "dass du mit deinem Ausfluge in das Reich der Ideen nicht ubel zufrieden bist. Ich wunsche dir Gluck dazu: nur dunkt mir, du hattest besser gethan, ihn auf den schicklichern Zeitpunkt aufzuschieben, in den wir jetzt eintreten. Erst hier, wo leider der Weg ausserst schlecht zu werden anfangt, hatte auch deine Verzuckung anheben sollen. Hier wurdest du so viel dabei gewinnen, als du auf dem eben zuruck gelegten dadurch verloren hast. Ich kann dir, da ich dich jetzt nicht store, wohl sagen, dass es einer der angenehmsten ist, den ich kenne, nicht nur die ungleich bessere Halfte des Ganzen, sondern an romantischen Aussichten und lachenden Gegenstanden fast so reich, als das Thal meiner Bastide. Alle diese freundlichen Winke der Natur sind dir, wahrend deiner Unterhaltung mit der Sonne, entschlupft. Es ist," fuhr er mit einem philosophischen Seitenblicke fort, "nur zu oft der Fall bei euch sublimen Leuten, dass ihr eure geistigen und leiblichen Geluste nicht haushalterisch genug gegen einander abzuwagen und nach dem jedesmaligen Stundenbedurfnisse zu vertheilen versteht. Ein gen Himmel geschlagenes Auge nimmt offenbar eine falsche Richtung, wenn frohliche Kinder, farbige Blumen unter ihm spielen und sprossen, oder menschliches Elend um seinen theilnehmenden Blick bettelt. So lange Milton noch sehen konnte, uberliess er sich allen sinnlichen Freuden des irdischen Paradieses seiner Heimath, und dachte nicht eher daran, sich eins zu dichten und seinen Verlust zu besingen, als bis ihm seine Blindheit keinen andern Zeitvertreib zuliess. Auch euer Kleist, wie mir seine Freunde erzahlt haben, sog mit thierischem Wohlbehagen jeden Balsamtropfen des Fruhlings ein, so lange er dauerte. Erst in den rauhen Wintertagen wiederkaute und malte er ihn. Die Dichtkunst, wie jede Schwelgerei des Geistes, sollte dem Weltburger zu keiner andern, als zur Zeit der Entbehrung, unter dem Drucke des Mussiggangs, oder wenn sonst irgend ein Zufall seine aussern Sinne gelahmt hat, zur Krucke dienen." Bei meiner dichterischen Erhitzung, die mir noch im Blute lag, musste mich ein so kalter gemeiner Ausdruck nothwendig verschnupfen: doch fehlte mir in diesem Augenblicke die Stimme, nur ein Wort dagegen vorzubringen; so sehr wurde ich durch einen jahen Abgrund erschreckt, an dem wir nahe vorbei schwebten. Ich schmiegte mich, so lange dieser furchtbare Anblick dauerte, mit klopfendem Herzen an den Marquis, und erst als wir hinter Aubogne in einen Hohlweg lenkten, kam ich wieder zur Sprache. "Du hast mich mit deiner vorigen Aeusserung," wendete ich mich nun zu ihm, "ganz in Erstaunen gesetzt, lieber Saint-Sauveur, weil ich sie dir am wenigsten zutraute. Ich habe immer die Entwickelung grosser Gedanken durch Philosophie oder Dichtkunst, jenes Nachspuren unserer feinen Empfindungen, jenes Bruten uber uns selbst, und alles, was du Krucken des Mussiggangs zu nennen beliebst, fur die nutzlichste Beschaftigung, fur die edelste Bestimmung des Menschen gehalten; und ich kann meine wichtigen Zweifel gegen deine Behauptung ..." "Nicht leicht," fiel mir der Marquis in das Wort, "unter einem starkern Widerspruch von Umstanden vortragen, als so kurz nach dem Schrecken, den du gehabt hast. Mussig und dem Schicksale uberlassen, wie du neben mir da sitzest und zitterst, was konnte ich dir besseres fur deine Beruhigung empfehlen, als eben die Krucke, die auf jenem gebahnten Wege dir ganz entbehrlich war? Wie hinderlich hingegen musste sie nicht einem in Thatigkeit gesetzten Manne werden, der, wie ich zum Beispiele, unvernunftige Geschopfe vor sich, ihr Lenkseil in Handen, einer Menge Gefahren auszuweichen, mit Einem Worte, statt in dem Empyreo, auf der Erde zu thun hat!" "Du hast vollkommen Recht," antwortete ich unter Zittern und Beben; denn in der Hitze des Streits wie dankte ich Gott, dass er in einem Hohlwege vorfiel! hob und schwenkte mein Opponent seine Peitsche. Es war nur ein Luftstreich, eine von den unwillkuhrlichen Bewegungen, die wohl einem Redner entwischen konnen, der Eindruck zu machen sucht: aber selbst mit dem scharfsinnigsten Vorbedachte wurde er schwerlich vermocht haben, zur Unterstutzung seines Satzes einen kraftigern Beweis aufzutreiben, als diesen Hieb in den Wind; denn seine vier Schweissfuchse verstanden diese Redefigur unrecht, baumten sich, schlugen uber die Strange, und wollten sich lange nicht besanftigen lassen. Ich verlangte es weiter nicht bewiesen zu haben, dass Philosophen so gut wie Dichter bedenkliche Fuhrer, und in Vorfallen des taglichen Lebens nicht halb so viel werth sind, als ein besonnener Mann. Aber mein Gott dachte ich so vor mich hin warum fahrt doch der liebe Marquis selber, und lasst seinen Kutscher hintenauf stehen, der doch sicherlich den Mussiggang nicht zu benutzen weiss, den er ihm lasst?
Unter diesem Selbstgesprache, das ich so oft wiederholte, als der Wagen schief ging, erkletterten wir endlich die Hohe eines steilen Berges, von der sogleich unser leichtes Fuhrwerk uber Stock und Stein in den Kessel einer russigen Stadt rollte, die man Ollioules nennt. Hier, wo wir einige Stunden anhielten, nahm ich die Gelegenheit wahr, mich heimlich von dem Marquis weg in den Stall zu meinem Landsmanne zu stehlen nicht so wohl um sein Deutsch, als seine Meinung uber die Statthaftigkeit meiner Besorgniss an der Seite meines vornehmen Fuhrers zu horen. Nachdem er meine freundliche Ansprache hoflich beantwortet, mir seine Pferde von den Zahnen an bis zum Schweife, wortreich wie ein Rosstauscher, geruhmt, und mir im Verfolg seiner Dienstgeschafte alle die Wagen nach ihren verschiedenen Benennungen an den Fingern hergezahlt hatte, die ausser dem Phaeton noch unter seinem Hauptschlussel standen, dachte ich, ich musste mich doch auch zeigen. Ich fing also damit an, meinem Schulfreunde Ovid die Trauergeschichte des jungen Waghalses, der unserm heutigen Fuhrwerke den Namen gegeben, sehr gelehrt nachzuerzahlen, und so kam ich denn ganz naturlich, wie Du selbst siehst, auf den Hauptknoten. "Ich bin zwar nicht furchtsam," sagte ich, "doch muss ich gestehen, dass ich mich sehr ungern von jemanden fahren lasse, dessen Beruf es nicht ist. Es bleibt immer, zumal bei schlechtem Wege, ein Wagstuck." "Das lasst Sie Gott reden," versetzte der Thuringer und klopfte mich auf die Achsel. "Was deines Amts nicht ist, sagt das Sprichwort, lass deinen Vorwitz. Wer denkt, dass ich Gefallen an so einer Fahrerei habe, betrugt sich. Es geht einem ehrlichen Kutscher, der das Seinige gelernt hat, bitter ein, wenn er von hinten her zusehen soll, wie vorn alles der Kreuz und der Quere geht. Die Regierungskunst in dem Sinne, wie ichs nehme fliegt niemanden an, er mag so vornehm seyn als er will. Er muss sie aus dem Fundamente gelernt, muss den Blick frei, Ehre im Leibe, Augen im Kopfe haben, und ein handfester Kerl seyn. Ich sage immer: Der Stein weicht nicht aus, du musst ihm ausweichen, und wer sich in die Gefahr begiebt, der kommt darin um. Mit meinem gnadigen Herrn wagt man zwar weniger als mit andern seines Gleichen. Er versteht sich so ziemlich auf die Pferde, und, sehen Sie, ich spanne ihm keins vor, das nicht auf den Wink gehorcht; und so geht es denn toll genug, so lange er nur nicht mit der Peitsche vagirt, wie vorhin; denn das konnen nun einmal meine Fuchse nicht leiden. Da war ich aber, noch als ein junger Kerl, in Franken, bei einem, Gott vergebe mir die Sunde! furstlichen Marstall angestellt. Die Gespanne waren gut und brav, das muss ich sagen, und der Kutscher ... doch Eigenlob stinkt. Mein damaliger Herr aber glaubte in seinem Dunkel, das Handwerk, das mir manchen sauern Schweisstropfen gekostet hatte, ware ihm angeboren, und verstand doch, wenn ich hinten auf der verteufelten Perutsche stand, nicht einmal meinen Zuruf. Es war zum Walzen. Nicht zehn Schritte konnte er fahren, so waren auch schon die Zugel verwickelt. Nun verlor er den Kopf nun legte er sie, statt mir das Wort zu gonnen, in die Hande seiner Frau Gemahlin, die ihm nie von der Seite wich. Die wirrte sie nun, dass Gott erbarm, so aus einander, dass mir grun und gehl vor den Augen ward; denn nun wusste gewiss weder das Handpferd noch das Sattelpferd, welchen Strang es anziehen sollte, und doch sollte unser eins Acht geben, dass die Rader im Gleise blieben. Der Teufel hatte das gekonnt und ich nicht! Wenn ich hotte schrie, lenkten sie wuste. Rief ich: Vorgesehen Ihre Durchlaucht, es kommt ein Graben! so waren die Vorderpferde schon drin; denn es ging rasch, mussen Sie wissen. Blieben nun die gnadigsten Herrschaften mit der Axe hangen oder kippten um, so gaben sie es nicht ihrer Ungeschicklichkeit, mit allem Respekt gesprochen sondern lieber dem Kutscher und den Pferden Schuld, zogen jenem an Lohn, diesen an Hafer ab, weil der eine zu dumm, die andern zu muthig waren. Wie das ewige Umwerfen endlich dem Wagen bekam, das konnen Sie Sich vorstellen. Alles ward morsch, brach, und zerriss. Nun trommelte man Sattler und Wagner, die nicht bezahlt wurden, zusammen, um das Zerbrochene zu flicken und das Geflickte zu lakiren. Desswegen hielt es nicht eine Minute langer, als Wurm und Rost wollten. Um es kurz zu machen da das hohe Ehepaar, trotz der taglichen Erfahrung, sich weder rathen noch warnen liess, und ich mich vor den fremden Kutschern, die von dieser Stallwirthschaft horten, und davon einige mit mir zugleich in der Lehre gestanden hatten, zu schamen anfing, legte ich eines schonen Morgens meine Striegel und Peitsche vor das Schlossthor, machte mich mit meinem Schnurrbart aus, dem Staube, und, so viel ich weiss, liegt Perutsche und Staatswagen noch heutiges Tages in der Reparatur. Wie es mir nachher erging, ist auch drollig. Das lassen Sie Sich noch erzahlen ..." "Auf ein andermal," unterbrach ich u n g e r n den treuherzigen Schwatzer; aber ich durfte mich doch langer nicht vor meinem Freunde versteckt halten, der schon ein paarmal nach mir gerufen hatte.
Er erwartete mich an einer runden Tafel, die, mit einem Schinken zwischen zwei Weinglasern besetzt, wie ein Stillleben von de Herem aussah. Der Hunger wurzte indess die massige Kost, und ich setzte mich eine Stunde nachher gesattigt und um vieles beruhigter zu meinem Fuhrer in den Phaeton. Der Kutscher war mein Freund geworden, die Pferde waren erfrischt, und gegen den Weg war nichts einzuwenden. Sobald wir auf die Hohe kamen, sah ich Toulon mit seinen Thurmen und Wallen hinter einem Haine von Oelbaumen hervorschimmern. Die Strasse zog sich, wie der Gang in einem Englischen Garten, sanft durch ihre Beschattung hindurch, die Strahlen der Sonne brachen sich an ihren Zweigen, und die schonen Aussichten nahmen an Mannigfaltigkeit, wie mein Herz an Frohsinn, zu, je naher wir der Stadt kamen. Desto mehr befremdete mich die Stille des Marquis, und der Ernst, den ich auf seinem sonst so heitern Gesichte bemerkte, und ich weiss mir es auch jetzt noch durch nichts zu erklaren, als durch die mir unbekannten Geschafte, die ihn nothigten, sein schones Thal diesen Morgen, und diesen Abend seinen Freund mit dem Rucken anzusehen; denn sobald wir in dem silbernen Anker abgestiegen waren, kleidete er sich nur um, ubergab mich dem Wirthe, und liess mich in einer grossen Stube allein.
Ob wohl, dachte ich, indem er sich eiligst mit dem Wunsche einer guten Nacht von mir entfernte, die Langeweile, in der er dich da in einem fremden Hause sitzen lasst, auch zu deiner Nachkur gehoren soll? und that durch den Sinn dieser Frage wohl niemanden mehr Unrecht als mir selbst. Bin ich denn nicht Philosoph? bin ich nicht Dichter? empfindsam im hochsten Grade, und mir selbst Gesellschafter genug? Das kann vielleicht wahr, diese Hulfsmittel konnen auch vortrefflich seyn, davon ist die Rede nicht; nur kann man sie, wie ich das heute schon einmal erfahren habe, meistens nicht so geschwind herbeischaffen, als man ihrer benothigt ist. Was aber ein Deutscher zu allen Zeiten bei der Hand hat, ist die fruchtbare Mutter so vieler Raritaten und Sammlungen, ist die Neigung der Seele, die man L i e b h a b e r e i nennt. Wenn er diese zu befriedigen Gelegenheit findet, ist er an jedem Orte geborgen. Sie macht in unserm NationalCharakter unstreitig einen Hauptzug aus, der, ob er schon den kultivirten Klassen anderer Volker nicht ganz fehlt, doch bei ihnen ungleich oberflachlicher, und lange nicht so ausgebreitet ist als bei uns. Wer kann die Spur dieses Naturtriebes in unsern Kabinetten und Bibliotheken verkennen? Ohne bloss bei dem ersten Endzwecke der Anhaufung litterarischer und artistischer Schatze stehen zu bleiben, hat der Deutsche gewiss immer noch ein Lieblingsfach nebenbei. Hier ist das gemeine Nutzliche oft den unbrauchbarsten Dingen untergeordnet, sobald sie nur ein Zeichen des idealischen Werths an sich tragen, den ihnen der Sammler beilegt. Daher sucht der eine vorzuglich alte Drucke, der andere nicht sowohl Meisterstucke des Grabstichels, als Blatter, die sich manchmal nur dadurch rar gemacht haben, weil sie bei ihrer ersten Erscheinung nicht geachtet oder zu Pfefferduten verbraucht wurden. Wird nicht oft das Bildniss eines Feldherrn, Arztes und Fursten, das sich aus angefuhrter Ursache verlor, theurer bezahlt, als sein ganzer Nachruhm werth ist, nicht des schonen Stichs, sondern der Vollstandigkeit der Sammlung wegen, in der es eine Lucke ausfullen soll? Nur ein Deutscher kann auf den Einfall kommen, Bibliothecam Donquichottianam anzulegen, und mit der muhseligsten und kostbarsten Beharrlichkeit die Bucher, die der Autor des Romans dem Museo seines Ritters andichtete, wirklich in ein Kabinet zu vereinigen.1 Nur die Festigkeit, Geduld und Zeit eines Deutschen konnte hinreichen, den umfassenden Plan auszufuhren, nicht allein ein grundgelehrtes neun Bande starkes Werk eigenhandig zu schreiben, und ihm zu Gefallen eine eigene Druckerei in seinem Hause zu errichten, sondern, um es sogleich zu dem seltensten aller Bucher und Druckschriften zu erheben, der Zeit durch den listigen Ausweg zuvorzukommen, dass er nur ein einziges Exemplar davon abziehen liess.2 Ich will zwar nicht laugnen, dass dieser schone heimische Aufbewahrungs- und Erhaltungstrieb, wenn er nicht auf ein festes Gehirn trifft, leicht in die fixe Idee eines Wahnsinnigen ausarten kann; aber genug, er mag sich zeigen wie er will, dass er da ist, das Herz seines Besitzers fullt und erwarmt, und ihn, wie die Tugend, auf allen seinen Wegen begleitet. Kein Stadtchen ist so klein, das nicht mehr als einen Spiessburger einschliesst, der mit dem Scharfblick einer Spinne auf Beute lauert, die in das Gewebe seiner Liebhaberei taugt; und Du wirst selten ein Putzzimmer wohlhabender Handwerker ohne einen Glas- und Karitatenschrank antreffen, auf dem Platze, wo in andern Landern ein Schlafstuhl oder sonst ein brauchbares Mobel steht. Wer an Munz-Muschel- und Steinkabinetten keine Freude findet, setzt an ihre Stelle Sammlungen von Pfeifenkopfen, Siegeln, Visitenbillets, oder Reliquien. Ich will keiner sie mag bestehen aus was sie will ihren Nutzen absprechen; aber Du kennst die meinige, Eduard, und ich frage Dich auf Dein Gewissen, ob es wohl viele giebt, die ihr an Merkwurdigkeit gleich kommen? Jedes einzelne Stuck derselben ist ein Exemplar unicum, ein Autographum, und um so viel mehr der Aufbewahrung werth, weil es oft die opera omnia eines beruhmten Mannes, oder doch eine momentane Empfindung desselben, authentisch und diplomatisch darlegt, und zuweilen selbst wichtige historische Zweifel auflost. Dass mir eine solche Kollektion am Herzen liegt, ist mir wohl nicht zu verdenken.
Als ich in Berlin zum Thore heraus fuhr, schwebte
mir, Gott weiss, kein anderes Bild lebhafter vor der Seele als s i e , und von allen den seltenen Gegenstanden, mit denen ich hoffte, auf meiner Reise bekannt zu werden, waren es die b e s c h r i e b e n e n F e n s t e r s c h e i b e n , die mir am meisten in die Augen blinkten. Auch D u , mein guter Eduard um es nur ehrlich zu bekennen wurdest nicht so leichtes Spiel gehabt haben, mich aus meiner hypochondrischen Lage zu bringen, wenn nicht ins geheim meine Liebhaberei Deine beredten Vorstellungen unterstutzt hatte. So wenig ein junger Botanist ohne die Ahnung, unbekannte Pflanzen mit nach Hause zu bringen, sich in Wildnisse wagen wurde, die oft kein menschlicher Fuss noch betreten hat, so wenig wurde auch ich, ohne die hochste Wahrscheinlichkeit, meine Sammlung sehr ansehnlich zu bereichern, von der Stelle gewichen seyn. Jetzt kann ich's sagen, da meine heimlichen Wunsche uber alle Erwartung gelungen sind.
Um nur bei meinem heutigen glucklichen Fund stehen zu bleiben, so war ich noch keine zwei Minuten allein in der Stube, als meine spionirenden Blicke ihren Gang, und die Urkunden der Fensterscheiben in Untersuchung nahmen. Ich musste erst eine Menge unbedeutender Maximen, elender oder schmutziger und mit einem Demant in das Glas eingegrabener Verse durchlaufen, ehe ich in dem wehmuthigen Eheu fugaces, Postume, Postume des Horaz auf Worte traf, die mich fest hielten. Was mir aber die Scheibe erst lieb und meiner Sammlung wurdig machte, war die Unterschrift. Sie erregte alle meine Empfanglichkeit, zauberte mich in vergangene gluckliche Zeiten und in den Zirkel meiner wurdigsten Freunde. Johann George Sulzer, stand darunter, Toulon den 31. Oktober 1775. Meine Augen feuchteten sich an, als sie diesen geliebten Namen, diese bekannte Handschrift eines verlornen Freundes erblickten, und ihnen, mit der Uebersicht des bemerkten Jahres und Tages, zugleich die folgenden wenigen vorschwebten, die, wie ein kleiner ermudeter Nachtrupp, hinter den schnell voraus gelaufenen herschlichen. "Guter Mensch!" stand ich vor diesem zerbrechlichen Monumente, druckte mir geruhrt meine eigenen Hande, und seufzte: "Ach du glaubtest damals noch nicht deine Forderungen an das Leben schon so weit abgetragen und den Abschluss deiner Rechnung so nahe; ob du gleich mit dem bangen Vorgefuhl eines Zwiefalters, der, durch die Annaherung seiner Auflosung gedruckt, noch einmal seine schlaffen verschossenen Flugel in den Sonnenstrahlen auszudehnen versucht, dem warmen Aether dieses Landes zuschwebtest. Aber welche Luft ist balsamisch genug, den durch den Wurm des Todes benagten Lebenskeim wieder in Saft zu setzen! O wer hatte dir nicht gern noch langer den Genuss des koniglichen Geschenks deiner kleinen Spreeinsel gegonnt, in deren duftendem Bezirke dir deine und der Natur Freunde so willkommen waren, und wo du indem meine frohe Erinnerung seine freundlichen Anlagen durchstrich unter den Gestrauchen des Auslandes nur nicht den Giftbaum hattest aufnehmen sollen, der sich uber Gebuhr ausbreitete, und so weit um sich wurzelte, dass deine geheime Sorge vor Ungluck mit jedem Fruhlinge zunahm! Ich sehe dich noch, mit welcher angstlichen Gute du die unerfahrnen Kleinen abwehrtest, wenn sie unter dem Schatten seiner glanzenden Blatter ihren Spielplatz suchten. Aber du, ehrlicher Schweizer, hattest ihn in der Unbefangenheit eines Naturforschers, in der Herzenseinfalt gepflanzt, mit welcher der gutmuthige Traumer Lafontaine seine schlupfrigen Erzahlungen, und wie weit konnen uns nicht unsre zufalligen Gedanken verschlagen! und ich noch im vergangenen Monate mein Tagebuch schrieb. Gott sei Dank, dass die gefahrlichen Auswuchse desselben in der Asche liegen! Doch ich muss mich von dir los reissen, liebe Scheibe, damit ich nicht die Zeit verschwatze, die mir zum Auftrocknen einer bessern Lebenspflanze in meinem heutigen Tage fur das Herbarium vivum meines Eduards nothig ist und damit du auch nicht mich zu einer so moralischen Betrachtung verleitest, als die von Swift uber einen Besenstiel." Ich rufte jetzt nur noch den Wirth herein, und fragte ihn, ob er sich wohl des Mannes noch erinnere, der jenen Tag dieses Zimmer bewohnt habe. "Warten Sie einen Augenblick," ich darf nur mein Kontobuch nachschlagen. Hier habe ich das Blatt. Ach mein Herr! von diesem fluchtigen Passagier lasst sich nicht viel sagen. Es ist nicht der Muhe werth, was er in den paar Stunden verzehrt hat, die er hier war. Ich habe von seinem Gekritzel auf meiner Glastafel nichts gemerkt, sonst hatte ich sie ihm gewiss angerechnet: denn Sie mussen wissen, dass ich allen den schreibsuchtigen Herren, die, um ihren Namen glanzen zu sehen, meine Scheiben verdunkeln, eine verhaltnissmassige Abgabe fur kunftige neue mit in Rechnung bringe." "Das finde ich nicht mehr als billig," antwortete ich; "und damit Sie auf keine Weise zu kurz kommen, ubernehme ich den schuldig gebliebenen Beitrag meines Landsmannes und das verdorbene Glas fur ein neues auf meine Kosten." Der Wirth klug wie ein Professor da er an der angefullten Scheibe nichts mehr gewinnen konnte, war froh eine tabula rasa an ihrer Stelle zu sehen. Ich war es nicht weniger; und da kein Hanwerker geschwinder zu haben ist als ein Glaser, so sah ich mich schon nach zehn Minuten im Besitz des ganzen Namenregisters, aus welchem gemeinen Wuste ich die Handschrift unsers Freundes, in Form eines Oktavblatts, behutsam heraus schneiden liess. Es ist die vierhundert und ein und dreissigste Nummer meiner Sammlung, die n e u n e mitgerechnet, die ich da sehe man nur! Ich mochte mich auf's Maul schlagen die ich Dir verheimlichen wollte, bis ich sie zu Berlin meinen herbei stromenden Freunden Dich, als den neugierigsten, an ihrer Spitze zur Schau vorlegen, und mich mit eigenen leiblichen Augen an euer aller Erstaunen ergetzen konnte. Ist denn aber ein Mensch, der von den Gegenstanden seiner Liebhaberei spricht, Herr seiner Worte? Was kann ich nun thun als fortplaudern? Du wurdest es sonst gewaltig ubel, oder ich musste einen andern Bogen und mich besser in Acht nehmen. Beides ware der Muhe nicht werth. Erfahre denn meinetwegen die ganze weitlauftige Geschichte.
Ich war, als ich durch Paris ging, noch keine Stunde daselbst, als der Wirth de quatre nations es schon weg hatte, zu welcher ich gehorte, und seinen Zuschnitt darnach machte. Er fing von weitem an von dem Charakter und dem Kunsttriebe der Deutschen und ihren mancherlei Kabinetten zu sprechen, und da liess ich mich denn nicht lange bitten, ihm das meinige zu beschreiben, hatte aber Muhe, ihm zuvor den Einfluss meiner glasernen Urkunden auf Politik, Historie, Chronologie und Kenntniss des menschlichen Herzens begreiflich zu machen, ehe er den Nutzen einer solchen Sammlung einsah. Mit seiner Ueberzeugung erwachte auch der Franzosische Diensteifer. Nachdenkend nahm er eine Prise Tabak um die andere, schlug dann die Dose mit dem Versprechen zu, sogleich Stube fur Stube seine Fenster in Betrachtung zu ziehen. Es war nicht ganz umsonst. Der gute Mann brachte mir bald nachher die Handschriften dreier merkwurdigen Reisenden, die vormals hier eingekehrt waren, auf eben so viel wohl erhaltenen Scheiben. Schade nur dass ich keine verstehe; denn, ausser dem Namen eines Turkischen Gesandten auf der einen, enthalt die andere, wie es mir vorkommt, das Russische Einmal Eins, oder sonst eine Rechnung von Peter dem Grossen, und die dritte ein Motto aus den Hetaren des Lucian von der Hand der Konigin Christine. Das war doch gewiss schon ein ganz artiger Erfolg meines Geplauders, aber fur gar nichts gegen den Gewinn der folgenden Stunde zu rechnen; denn da trat der Wirth zum zweitenmale mit einem andern freundlichen Manne und den Worten in mein Zimmer: "Gestehen Sie, mein Herr, dass mein Schild mich nicht umsonst auffordert, jeden Passagier nach seiner Landesart zu bedienen. Hier stelle ich Ihnen einen meiner Hausfreunde vor, dem eine Fundgrube fur Ihr Kabinet offen steht, als sich wohl keine mehr so ergiebig in der Welt finden mochte; denn noch hat niemand gewagt, sich ihr mit seiner Wunschelruthe zu nahern, oder nur den Verstand gehabt, den Schatzgraber zu benutzen, der Ihnen hier seine Dienste anbietet." "Und wer, um Vergebung, ist dieser gutige Herr?" fragte ich. Beide nahmen einander das Wort aus dem Munde: "Der Glaser aus der Bastille."
Wie sehr gleicht doch der Eindruck unerwarteter Freude dem heftigsten Schrecken! Die Wichtigkeit dieser Bekanntschaft trat mir auf das anschaulichste vor die Seele; und ob mir wohl mein Vortheil immerfort zuflusterte, meine innern Bewegungen zu verbergen, so zitterte ich doch an allen Gliedern, als er zu seiner Beglaubigung eine Schachtel hervor zog, und mir sechs kleine runde Scheiben in die Hand legte, die vor Alter in die Farben des Regenbogens spielten, und deren ich nicht viele von gleicher Seltenheit besitze. Ich hatte sie mir fur keinen Preis entgehen lassen, und erhielt sie ich schame mich es zu sagen, wie wohlfeil. Was aber diesem Handel erst die Krone aufsetzte und mich unendlich begluckt, ist ein Kontrakt von den erstaunlichsten Folgen, den er auf die billigsten Bedingungen mit mir einging, unterschrieb und besiegelte. Ich habe schwerlich je einen klugern abgeschlossen, den wenn Du willst komischen Anstrich abgerechnet, den er unvermerkt von der guten Laune annahm, mit der ich ihn zu Papier brachte; denn meine Zufriedenheit wahrend dieser glucklichen Verhandlung war so ausschweifend lebhaft, dass, wenn Heinrich der Vierte, als er Paris belagerte, den Kommendanten der Bastille durch Bestechung gewonnen hatte, die seinige nicht grosser hatte seyn konnen. Und ist es denn zu verwundern? Ueberlege nur selbst, Eduard; der Mann, der den stillen Herzensergiessungen so merkwurdiger Menschen, als wofur Staatsgefangene uberall gelten, naher auf der Spur ist als kein andrer dem jeder geheime Wunsch, den diese Unglucklichen gebaren, und, gleich Findelkindern, auf diesen zerbrechlichen Fahrzeugen aussetzen, uber lang oder kurz in die Hande lauft der selbst, so oft er will, uber diejenigen, die dem Strudel der Zeit entrannen, sein Strandrecht ausuben kann dieser Mann, sage ich, steht bei mir als Kabinetsminister in Eid und Pflicht ein Titel, den ich ihm im umgekehrten Verhaltnisse gegen manche Fursten, die ihn austheilen, ernsthafter beilegte, als er ihn annahm. Wie der gemeinste Glaser, bedachte er nur bescheiden sein Handwerk; ich hingegen wurdigte ihn nach seinem gewaltigen Einflusse auf mein Kabinet, und konnte in dieser Beziehung ihn nicht genug ehren. Denn welch eine Ausbeute wird seine fleissige Hand nicht aus jenem bis jetzt unbenutzten Schachte der dort seit Jahrhunderten verhaltenen Klagestimmen zu Tage fordern! Welches Licht wird nicht mein glanzendes Museum uber jene politischen Todesgewolbe verbreiten! Nicht nur die armen Eingesperrten werden durch Wegraumung der alten verblichenen Glasscherben heller sehen, sondern auch unsre blinden Geschichtsschreiber, die uber den Seelenzustand eines Staatsverbrechers, uber seine Empfindungen in der Einsamkeit des Gefangnisses, selten so viel zu sagen wissen als solch eine Fensterscheibe. Ware es in der Mitternachtsstunde, die mir uber den Hals gekommen ist ich weiss nicht wie, fur den Spass nicht zu spat, einen Catalogue raisonne von diesen biographischen Bruchstucken zu fertigen, deren jedes sein eigenes Blatt verdient, so wurdest Du in den freien, bittern und grossen Gedanken, mit welchen hier ein Montmorency, ein Retz, Richelieu, Fouquet und Voltaire ihren gepressten Herzen Luft schafften, schon erstaunenswurdige Belege meiner Angabe finden. Und doch sind selbst diese Denkmaler der Vorzeit fur nichts in Vergleichung einer fast unglaublichen Urkunde zu achten, die in einer, wenn ich nicht irre, aus den Menechmen des Plautus genommenen Zeile das grosste Geheimniss der vergangenen Zeit enthullt, mit der Unterschrift, statt des Namens, Vultus tyranni. Diese zwei mystischen Worte, dieser schlau gewahlte Spruch des Dichters, zusammen gehalten mit der unbefangenen Aussage des Glasers, der diesen hochst merkwurdigen historischen Splitter aus dem Fenster eines seit hundert Jahren leer gelassenen Gefangnisses, in das ihm ein Schlossenwetter verhalf, genommen hat, verwandeln meine erstaunende Vermuthung in eine Gewissheit, vor der jeder Geschichtsforscher seine Knie beugen sollte. Sie zeigen unwidersprechlich, dass sie nur von einem verheimlichten Menschen, verstossenen Bruder, vernichteten Fursten, und von keinem andern als der Masque de fer herruhren konnen, und vermuthlich auf der Oberflache der Erde der einzige Nachlass dieses unbekannten Gefangenen sind. Was fur Feste erwarten Dich, Eduard, wenn ich diese Schatze einmal vor Deinen Augen auspacken, wenn ich kunftig bei jeder ankommenden Pariser Post Deinen Beistand anrufen werde, die eingelaufenen Dokumente zu ordnen und zu schichten! Wie mag sich nicht schon ihr Ertrag wahrend meiner Reise angehauft haben, den meine, Gott gebe, gluckliche Zuruckkunft sogleich flott machen wird! denn das war die letzte Verabredung mit meinem Minister. Seitdem ist kein Tag vergangen, wo ich nicht die Masse meines zunehmenden Reichthums mit kindischer Freude berechnet, mich nach dem Stapelorte, wo er anlanden wird, zuruck gesehnt, und vor den schonen Mahagonischrank hingetraumt hatte, der ihn aufnehmen soll. Allerliebst! Da verplaudere ich nun schon wieder einen Umstand, den ich Dir bis jetzt hoflich versteckt hielt den wahren Grund namlich meines Heimwehs. Keine Vorwurfe, lieber Eduard. Freundschaft und Patriotism haben viele anziehende Krafte, aber was wollen wir es laugnen? Liebhaberei hat deren noch mehr.
Als einen nothwendigen Nachsatz zu meiner Geschichte muss ich Dir doch noch sagen, dass, sobald ich mich mit meiner Ueberlegung allein sah, ich die rechtliche Gultigkeit meines Traktats in genauere Untersuchung nahm, denn das fallt einem Sammler immer am letzten ein. Sie lief indessen ab wie ich wunschte. Mein Kabinetsminister steht zwar bereits als Glaser in koniglichen Pflichten: da ihm aber h e r k o m m l i c h ein Wort, das wohl ganz andere Abweichungen entschuldigt alle und jede alte Scheiben ohne Ausnahme, sobald er nur neue an deren Stelle einzieht, eigenthumlich zufallen; so durfte sich wohl unter allen Dienern des Staats schwerlich Einer noch finden, der die Nebenvortheile seines Amts mit so gutem Gewissen rechtfertigen konnte als er; und da mir ohnehin diese Abfalle der Bastille mein bares Geld kosten, so ging ich damals so ruhig und zufrieden mit mir zu Bette als heute.
Den 20sten Februar.
Das schauderhafteste Gemalde von B r e u g e l n , dem Kabinetsmaler der Holle, kann kein so auffallendes Gegenstuck zu einem C l a u d e - L o r r a i n , dessen Pinsel in die Sonne getaucht scheint, abgeben, als mein heutiger Morgen zu meinem gestrigen. SaintSauveur, der, wie ich es erst dadurch erfuhr, als ein vertrauter Freund des Intendanten, bei ihm einkehrt, so oft er hierher kommt, trat fruh in mein Zimmer, brachte mir eine Einladung von ihm fur den Mittag, und, zu meinem Zeitvertreibe fur den Morgen, seine schriftliche Erlaubniss, das Arsenal zu besehen. Ich legte den Zettel neben mir auf das Kaffeebret mit aller der G l e i c h g u l t i g k e i t , die ich fur solchen militarischen Prunk habe, d i e aber dafur den Brigadier desto mehr verschnupfte. "Ich sehe wohl," sagte er empfindlich, "du erkennst den Vorzug nicht, wie du solltest, den dir diess Einlassbillet vor so vielen tausend durchreisenden gelehrten Wanderern verschafft, Herr von Saintaignan es selbst meinen Bitten nicht eher zugestand, als bis ich fur dich gut sagte. Warum rumpfst du die Nase? Glaubst du etwa, dass unsere Zeughauser so zuganglich sind, als unsere Theater und Kirchen? O nichts weniger. Dafur wirken sie aber auch machtig auf unsere Imagination, wie alles Grosse, das sich versteckt halt, und der Gluckliche, dem es vergonnt wird sie in der Nahe zu bewundern, tragt fur sein ubriges Leben einen auszeichnenden Glanz davon." "Du sprichst," erwiederte ich, "wie ein Soldat; ich aber denke wie ein Magister, der lieber wahrend seiner Morgenbetrachtungen einer Liqueurbouteille in den Hals sieht, als einer Kanone, und ungern der leidigen Neugier einen Mundbissen von seinem Fruhstuck aufopfert." "Kurze es heute immer ein wenig ab," versetzte der Marquis, "und hebe auch, wenn ich dir rathen darf, deinen philosophischen Senf bis auf ein andermal auf. Die kritischen Betrachtungen eines Magisters uber die Kriegskunst andern den Lauf der Welt nicht um ein Haar breit; sie storen aber leicht den guten Humor. Davor musst du dich aber heute besonders in Acht nehmen; denn die Tafel des Kommendanten erwartet an dir einen muntern Gast, und das schone Korps unserer Damen einen witzigen Gesellschafter. Hier ist Stock und Hut. Ruhre dich, Wilhelm. Der lahme Gefreite, den ich dir zu deiner Begleitung mitgebracht habe ..." "Du also," unterbrach ich ihn, "hast keine Lust?" "Meine Geschafte," zuckte er die Achseln, "wollen mir es nicht erlauben. Doch wirst du mich auch nicht vermissen. Ich habe dir einen gesprachigen und punktlichen Mann ausgesucht, der selbst in dem Palaste wohnt, wo er dich einfuhren soll, der das weitlauftige Inventarium davon unter seiner Kreide und Aufsicht, und fur keine andern Merkwurdigkeiten der Welt einen Sinn hat. Ich wunschte nur, dein Verlangen sie zu sehen ware so gross, als seine Freude sie dir zu zeigen." Ich fuhlte, ob ich meinen Beutel in der Tasche hatte. "O nicht etwa," widerlegte der Marquis meinen Gedanken, "als sei es ihm um ein gutes Trinkgeld zu thun. Fur einen so gewohnlichen Cicerone darfst du deinen Fuhrer nicht halten. Viel zu stolz, neben der koniglichen Pension von einem andern einen Groschen anzunehmen, plaudert er sich heiser, und schleppt sein gelahmtes Bein nach acht Franzosisch, bloss zur Ehre seines Monarchen, von dessen Bewunderung er voll ist. Ich will nicht zweifeln, dass selbst ein Preusse dieses Gefuhl mit ihm theilen kann, wenn er die Docke zum Schiffbau, den Waffensaal, die ungeheuern Vorrathe in den Magazinen an Tauen, Ankern und Segeln, die Werkstatte des Schreckens in voller Arbeit, das viele kostbare Geschutz und mehrere andere Wunder unsers Arsenals zu Gesicht bekommt. Es ist unmoglich, hier nicht von dem hochsten Erstaunen ergriffen und von der Grosse eines Konigs von Frankreich durchdrungen zu werden. Gonne immer deinem Begleiter diess Schauspiel deines erregten Enthusiasmus zur Belohnung fur seine angestrengten Flechsen. Ein Franzosischer Invalid verlangt keine andere. Ach! ehe ich gehe, noch ein Wort von unserer morgenden Spazierfahrt nach Hieres. Diese mussen wir einstellen. Wir sind zu einem Schmause am Bord der Vengeance gebeten, den die Seeofficiers zur Einweihung dieses neuen Kriegsschiffs veranstalten. Mich freut es, dass so manches Ungewohnliche zusammen trifft, um dir den Aufenthalt in Toulon unvergesslich zu machen Lebe wohl!"
Der liebe Brigadier! Ich verkenne zwar keineswegs seine guten Absichten; aber die Anordnung meines Zeitvertreibs versteht er nicht. Mir will nun einmal die grosse enthusiastische Ehrfurcht fur einen Monarchen, wenn er sie mir nicht, wie unser F r i e d r i c h auf eine feinere Art abzulocken weiss, als mit Kanonen und Schiffen, so wenig in den Kopf, als mich witzige Einfalle reizen, auf die man in voraus bei mir Bestellung macht. Und wie konnte ich mich vollends uber den Verlust der Hierischen Gewurzinseln trosten, die mir ein Soldatengelag an einer schwankenden Schiffstafel, an die ich nicht denken darf ohne mich schon in voraus seekrank zu fuhlen, so vor der Nase wegnimmt!
Nach einem solchen grillenhaften Selbstgesprach war es wohl nicht zu erwarten, dass ich mich den Anmassungen meines Fuhrers geduldig preis geben wurde. Auch trat ich ihm, um seinem prahlenden Gewasche in Zeiten vorzubeugen, mit Worten entgegen, die zur ersten Ansprache wohl etwas freundlicher hatten seyn durfen. "Hinken Sie nur ohne Bedenken und Komplimente vor mir her, Herr Unterofficier, und lassen Sie mir Ihre Merkwurdigkeiten jetzt unbeschrieben. Ich bin fur den Augenschein, und auch mit dem hat es keine Eile." So trollte ich ihm mit meiner ubeln Laune in den Hafen nach, der, im Vorbeigehen gesagt, sehr verschieden von dem reinen Wasserbecken zu Marseille, sich einer feinen Nase schon von weitem ankundigt. Wie musste ich mein neugieriges Auge huten, als wir dort ankamen, um nicht mehr als einen fluchtigen Blick seitwarts zu thun, aus Furcht, die prachtvolle Facade des Arsenals mochte meinen Entschluss vereiteln, und mir die Lobrede abzwingen, auf die mein aufgeblasner Begleiter schon seine Ohren gespitzt hielt! Vielmehr drehte ich mich, wie ein eigensinniges Kind, gerade der Seite zu, die er am meisten bemuht war meiner Aufmerksamkeit zu entziehen. Dass doch ein vernunftiger Mann, ohne eben boshaft zu seyn, sich den albernen Spass machen kann, den Stolz eines andern zu necken! "Zu was," fragte ich mit verstellter Neugier, indem ich, statt seinen schlauen Winken zu gehorchen, den stinkenden Behalter der koniglichen Galeeren ins Auge fasste, "zu was dienen denn die langen schmalen Schiffchen, die in diesem Sumpfe fest liegen?" Zu Zuchthausern fur unsere Verbrecher, war seine kurze Antwort. "Hat sie wohl Howard besucht?" "Kann seyn," erwiederte er, "ich weiss es nicht." "Ich mochte wohl," ausserte ich, im Widerspruche meiner Neigung, den Wunsch, "mit Besichtigung ihrer den Anfang machen!" "Das mochten Sie?" spottelte der Invalide. "Viel Gluck zur sentimentalischen Reise! Mir aber werden Sie vergonnen nicht mitzugehen, sondern Ihre Zuruckkunft dort zu erwarten, wo ich hingehore." Er kehrte mir nach dieser Erklarung den Rucken, und hinkte dem Portale des Zeughauses zu. Und ich? Gern hatte ich mein ubereiltes Wort wieder zuruck genommen; meine einfaltige Laune stellte mir aber das Ding als eine Ehrensache vor, die ich gegen den Franzosischen Invaliden verfechten musste, blieb in ihrer einmal genommenen Richtung, und zog mich wider Willen mit sich fort bis in die nachste Galeere.
Ich habe zwar schon manche offentliche Anstalten fur das gemeine Beste gesehen, die wenig Raum einnahmen, aber noch keine, wo der Platz so benutzt und die Ersparniss alles Ueberflussigen so sichtbar war, als hier. Ein schwankendes Bret brachte mich zuerst in eine Kajutte, wo ein alter Kapuziner, zwischen einem Kruzifix und einer Arzneischachtel, die Rolle eines geistlichen und leiblichen Arztes zugleich spielte, und in seinen Bewegungen, ohne angekettet zu seyn, keinen grossern Zirkel beschreiben konnte, als den ich jetzt durch meine Dazwischenkunft ausfullte. Seine feurigen Augen, die aus dem blassen verfallenen Gesichte vorschimmerten, wie glimmende Kohlen in einem Aschenhaufen, sein langer, vor Alter gebleichter Bart, der ihm bis auf den Gurtel in krausen Wellen herab floss, und die trube gefallige Miene, mit der er mir seinen holzernen Sessel einraumte, machten schon einen starken Eindruck auf mein Gefuhl: als ich aber von ihm vernahm, dass er, jung hierher versetzt, auf diesem Vereinigungspunkte der grossten physischen und moralischen Herabwurdigungen des Menschen grau geworden sei als er einen Blick voll hoher Ergebung gen Himmel schlug, und mit ruhrender Stimme bekannte, dass bloss der Gedanke an Gott und die Unsterblichkeit ihn so lange aufrecht erhalten habe; da beugte sich mein Geist mit so tiefer Ehrerbietung, als mir schwerlich je ein Konig durch den Hollenglanz seiner Zeughauser abnothigen wird, freiwillig vor diesem edel denkenden, duldenden Greise. Ich wusste meiner Milzsucht, die mir doch allein das wehmuthige Vergnugen seiner Bekanntschaft verschafft hatte, nicht freundlich genug dafur zu danken. Von keiner Kanzel, keinem Katheder ist mir die wundervollste aller Tugenden, die Tugend der Aufopferung, naher an das Herz gelegt worden, als an dieser mir heiligen State. Das erhabene Beispiel dieses frommen Dulders wie gross und unverdachtig es auch seyn mochte wurde jedoch o dass ich nur nicht zu voreilig entscheide! von einem vielleicht einzigen ubertroffen, dessen zu erwahnen ihm der Verfolg seines Gesprachs Gelegenheit gab. Er blickte mir sanft lachelnd in die feuchten Augen. "Bemitleiden Sie mich nicht zu sehr," sagte er. "So lange mich noch jugendliche Wunsche besturmten, ich die Sonne noch nicht vergessen konnte, die mich in dem kleinen Klostergartchen beschien, ich noch an den Lindenbaum dachte, den ich dort gepflanzt und gepflegt hatte, und der jetzt einen Glucklichern als mich beschattet und ach, so lange sich noch mein Herz nach der Stille, der Ordnung und der Reinlichkeit" das, Eduard, sagte ein Kapuziner "meines Klosters zuruck sehnte, drangten sich freilich wohl manche Seufzer des Unmuths aus meiner Brust; doch nach und nach, Gott sei gelobt! bin ich meiner strafbaren Ungeduld Herr geworden. Die Zeit kam, die uns kuhl genug macht, alle irdische Freuden so nichtig und verachtlich zu finden, als sie es in Rucksicht ihres geschwinden Vorubergehens sind. Die Zeit kam, wo wir unsre schmeichelhaftesten Hoffnungen, unsere gelungensten Thaten ungewiss anstaunen, und nach einer redlichen Untersuchung in denjenigen allein einen bleibenden Werth entdecken, die uns mit jener Welt in Verbindung setzen. Sie kam und brachte mir Trost. Ich habe sogar in meinem traurigen Wirkungskreise Blumen der Freude aufwachsen sehen, die so herzstarkend keinem andern entspriessen. Oft nur ein Trunk Wassers, den ich einem Verschmachtenden reichte, ein kurzes Trostwort, das einen Verzweifelnden aufhielt, erwarb mir das Zutrauen des Genesenen, die Liebe des Getrosteten, erhob mich zu ihrem Wohlthater, und machte mir den Posten lieb, auf den mich die Vorsehung gestellt hat. Gewiss wurde das Entsetzen ihrer Strafe viele getodtet haben, die, dem Kreise ihrer Freunde wieder gegeben, jetzt frohe Tage geniessen, hatten sie nicht gewusst, dass am Eingange ihres Gefangnisses eine Seele noch Theilnahme fur sie empfande, fur sie betete, und auf ihr standhaftes Bezeigen Acht gabe. Dort," indem er auf ein Paket deutete "hebe ich Briefe auf, wie sie gewiss kein Roman ruhrender darlegen wird achte Urkunden des menschlichen Herzens, und sprechende Beweise, dass an keinem zu verzweifeln ist, so lange es der Dankbarkeit noch Zugang verstattet. Je unverdorbener, desto empfanglicher fur diesen Naturtrieb je mehr es verdient geliebt zu werden, desto gefuhlvoller wird es sich erwiedern. Da habe ich unter meinen der Kette entlassenen Korrespondenten besonders Einen, der es immer noch nicht vergessen kann, dass ich um seine Freundschaft als um ein Almosen bettelte, wahrend er, nicht auf einer Pralaten- sondern auf der Ruderbank sass ein Mann, mein Herr, den sonderbar genug! kein Verbrechen, vielmehr die Lauterkeit seiner hohen Seele diesen Schrecknissen preis gab der sich als Jungling allen sinnlichen Freuden entriss, um die Strafe unserer strengen Gesetze fur einen Schuldigen zu bussen, der sein Vater war." "Was?" unterbrach ich den Monch, "sprechen Sie von dem edelmuthigen Faber aus Ganges? Der hat auf dieser Galeere ..." und Thranen verhinderten mich fortzusprechen. "Sie kennen also, wie ich sehe, einen Theil seiner Geschichte?" "Nein, lieber Pater," schluchzte ich, "ich kenne sie g a n z , und habe auch den rechtschaffenen Mann selbst gesehen und gesprochen." "G a n z ? " wiederholte der Monch mein Wort; "o dessen, mein guter Herr, werden Sie Sich erst ruhmen durfen, wenn Sie" hier offnete er die Thur nach dem Innern des Schiffs "von daher zuruck kommen." Mein Blick fuhr erschrocken uber diess Grab der Verzweiflung, und der verpestete Luftstrom, der mir entgegen stiess, versetzte mir den Athem. Hatte Faber nicht Jahre lang hier gelitten ohne zu murren, ich ware keinen Schritt weiter gegangen. Der gutmuthige Alte, wie er mich dazu entschlossen sah, ergriff meine Hand. "Ich will Sie zwar, aus guten Grunden, von Ihrem Unternehmen nicht abhalten: Sie scheinen jedoch fur solch eine Anstrengung des Korpers und Geistes kaum Kraft genug zu besitzen. Hier, lieber junger Herr, trinken Sie zuvor ein Glas Tinto, der mit einem Liquor gegen die Ansteckung versetzt ist, und nun gehen Sie in Gottes Namen. Diese Stunde der Wehmuth starke alle Ihre ubrigen Tage zur Geduld, zum Erbarmen und zu einem schuldlosen Leben!" Mir ward, indem ich trank, so banglich zu Muthe, als einem, der, durch das heilige Nachtmahl vorbereitet, ein todtliches Wagstuck zu bestehen im Begriff ist. Was fur ein Gang war das, Eduard! Ich mag noch so alt werden, ich vergesse ihn nie.
Sobald nur der hohle Schall meiner ersten Tritte auf das Zwischenverdeck des Schiffs den unglucklichen Bewohnern desselben die Ankunft eines freien Mitmenschen verrieth, bewillkommte mich ihr betaubendes Kettengerassel, das sich von einem Ende zum andern um die offene Seitenvertiefung herum zog, die unter mir ihre faulenden Korper bis an die Kopfe verbarg und in dem Augenblicke streckten sie solche, wie Schildkroten aus ihren Schalen, hervor. Ich blieb, vor Schrecken gelahmt, eine Weile, wie die Bildsaule des Antonius, der den Froschen predigt, auf dem Fussboden stehen, ehe ich Herz genug fassen konnte, zwischen den beiden Reihen dieser Gespenster durchzuschlupfen ... Ach! welche tief gesunkene Menschen! Bei jedem Schritte, der mich bei ihnen vorbei fuhrte, kussten sie mir die Fusse, erhoben sie, flehend um ein Almosen, ihre gefesselten Hande, und sahen mit Augen voll Schwermuth und Eifersucht mir auf dem folgenden nach, den ich zu dem Nachbar ihres Elends that. Athemlos gelangte ich an das Ende dieser schauderhaften Allee. Hier lehnte ich meinen Rucken an die breterne Wand, und uberblickte mit einem Herzen, das immer hoher schlug, das ganze bewegliche, Grausen erregende Gemalde, horte in erschutterndem Einklange die Wehklagen dieser lebendig Begrabenen aus ihrer gemeinschaftlichen Gruft zu mir herauf steigen, und erst nach einigen feierlichen Minuten, die ich stillstehend der schreckenvollsten Betrachtung weihte, uberwand ich die Angst vor meinem Ruckwege, und fuhlte mich selbst stark genug, meiner Eile, meiner Sehnsucht nach freier Luft zu gebieten, um dem Elend, das hier weilte, noch einmal bedachtlicher in das hohle Auge zu sehen, und, ohne mein blutendes Herz zu schonen, ihm die Dolche noch tiefer einzudrucken, die es zerfleischten.
So gewiss auch von den beiden Gegenbildern der menschlichen Wurde und ihres Verfalls der Glanz des ersten eine so schwarze Unterlage entbehren kann, so dienlich kann uns doch ihr Wiederschein in den ubermuthigen Stunden werden, wo das Gefuhl unsrer Kultur uns mehr beweist, und uns hoher setzt, als es sollte. Denn wer von uns, so behauptet Montaigne mit mehrern ehrlichen Rechtsgelehrten und Sittenrichtern, hat nicht Schritte gethan, die ihn gerade auf die Galeere gebracht haben wurden, waren ihm nicht gluckliche, errettende Umstande noch zur rechten Zeit in den Weg getreten? Diese und mehr andere Gedanken, die wohl noch spitziger ausfielen, begleiteten mich uber das Verdeck zuruck, und schienen mir von jeder um mein Ohr klirrenden Kette einen Theil des Gewichts an die Fusse zu hangen. Hatte ich mich in beschaulicher Musse auf der Dresdner Gallerie befunden, und bei Zinggs Talenten die Aufgabe zu losen gehabt, aus dem Licht und Schatten der Gemalde ihren hohern oder niedern Werth zu berechnen, meine Schritte wurden dort nicht schleichender, nicht zogernder und der Aesthetik nicht angemessener haben seyn konnen, als sie es hier den geheimen Bewegungen meines Herzens waren. Auch glaube ich kaum, Eduard, dass meiner Aufmerksamkeit nur ein Wort, nur ein Zug von Bedeutung in den tragischen Reden, in dem konvulsivischen Geberdenspiel der armen Schacher entwischt ist, die ich, ohne mich zu ruhmen, mit den Augen und Ohren eines Zentrichters belauschte. Ich sah, wie hier das Joch der bruderlichen Strafen Den steifen Hals der Eigenliebe bog, Wie mit der Armuth und des Geizes Sklaven Der Wollust Sklav' an Einer Kette zog! Vom Kelch der Wehmuth trunken, reichte Ich allen nun mein Geld und Ohr, Und schrecklich brach die allgemeine Beichte Der Bussenden aus ihrer Bucht hervor. Der eine schrie: "O Gott! ich bleicht' an deinem Meere Mein Bisschen Salz in deinem Sonnenschein, Und Menschen strafen mich!" "Ich" fiel ein andrer ein, "Verbuss' an Fesseln der Galeere Die dreimal ungewisse Ehre, Von dreien Weibern Herr zu seyn." Ein Dritter, stolz auf die Calotte, Die dem beschornen Haupte blieb,3 Sprach ernst: "Ich fuhle mich vom Gotte Der Musen inspirirt, und schrieb Ich schrieb der Bucher viel, und alle Sind langst ins Deutsche ubersetzt. Ich schrieb vom steigenden Verfalle Des Staats ein Buch in Quart da, Freund, hat mich
zuletzt
Des Konigs Wink, und des Ministers Galle, Und Flaccus Rath: 'Was nutzet und ergetzt, Das schreib!' hierher gebracht. Der Trost in meinen
Ketten,
Der einzig noch mein Schicksal mir versusst, Ist, dass man Rousseau's Styl am Hof, an den Toiletten, Nicht halb so gern als m e i n e Prosa liest." Beschamt wunscht' ich ihm Gluck zu diesem seltnen
Grade
Des guten Styls und floh, als mir auf meinem Pfade Noch ein Gespenst zu Fussen sank: "Ein Wort Gott segne Sie! ein Wortchen nur zur
Gnade,
Mein Herr! Wer halt denn wohl seit mir im
Schlangenbade,
In E m s und R o n n e b u r g die B a n k ? "
Und ware mein von Mitleiden durchdrungenes Herz noch so geneigt gewesen, die Strafe dieser Unglucklichen und ihre Verschuldung so weit ausser Verhaltniss zu finden, als sie selbst davon uberzeugt schienen, so wurde mir doch des Spielers Kette, in Rucksicht der Verbrechen, die, wenn ich nicht sehr falsch las, auf seiner frechen Stirn geschrieben standen, noch zu leicht und zu lang gedunkt haben. Er richtete sich, so weit sie es zuliess, unbescheidener als seine Mitgesellen an mir in die Hohe, und bewegte seine um ein Geschenk bettelnde Hand nicht anders, als wollte er eine Volte schlagen. Waren mir auch nur zwolf Sous von meiner Spende ubrig in meinem Beutel geblieben, er hatte sie nicht bekommen sollen; denn er wurde sie doch nur gemissbraucht haben, durch ein rouge et noir mein vertheiltes Almosen in seiner Diebskasse wieder zusammen zu bringen. Ein derber Deutscher Fluch, den er mir fur den verachtlichen Blick nachschickte, den ich ihm zuwarf, statt ihm zu antworten, prallte mir noch in die Ohren, als ich schon, seines scheusslichen Anblicks entledigt, redlichen Mannes zu erholen suchte, der dieser schrecklichen Gemeine vorstand. Es war der erste Monch, den ich kusste. So herzlich habe ich selbst nie die Wange eines Madchens gekusst. Nach einigen abgebrochenen Worten, die ihm nur zu deutlich meine innere Bewegung und meine Ohnmacht, sie ihm besser zu schildern, verriethen, druckte ich noch einmal seine Hand an mein pochendes Herz und er schlug ein Kreuz uber mich, als ich mich von ihm losriss.
Erquickender hat kaum jemals die freie Luft auf mich gewirkt, als da ich aus diesem Kerker an das Licht trat. Ich hupfte mehr als ich ging meinem sprechsuchtigen Begleiter zu, der mich an dem Thore des Arsenals ungeduldig erwartete. Er konnte nicht begreifen, wie ich zwei volle Stunden an die hassliche Galeere habe verschwenden, und sie den Schaustukken entziehen mogen, die ich ja jetzt nur im Flug wurde betrachten konnen. Da sein Zeitvertreib ungleich mehr als der meine bei der Sache im Spiel war, so lasst sich auch mein Verdruss gar nicht mit der Grosse des seinigen vergleichen, als ich dastand, alle meine Taschen umwendete und endlich mit zitternder Stimme mein Einlassbillet fur verloren erklaren musste, so wie es mein Schnupftuch war. Das eine war fur mich leichter zu entbehren als das andere. Wahrend sich nun der Soldat unter lauten Wehklagen, um das wichtige Dokument zu suchen, so eilig auf die Beine machte, als ob es sein Gehirn ware, das ich verloren hatte, hielt ich es fur rathlicher, dem dringenden Beruf meiner Nase zu folgen, und nach dem Gasthofe zu wandern, als unter freiem Himmel seine hinkenden Nachrichten zu erwarten; doch rief ich noch zu seinem Troste ihm die Versicherung nach, dass ich den folgenden Morgen ganz dem Arsenale und ihm widmen und die heute versaumten Stunden wieder einbringen wollte. Dieser kleinliche Zufall ist mir eigentlich heute gar sehr zu passe gekommen: denn ungerechnet den Zwang, dessen er mich zwar nur vor der Hand entledigt, die Waffen unsers Erbfeindes zu bewundern, so hat er mir doch immer die Musse verschafft, Dir in der ersten Warme der Empfindung, die doch gewiss am ahnlichsten malt, die Scenen meines Morgens zu schildern. Zweitens lasst er mir auch Zeit mich abzukuhlen, ehe ich in die vornehme Gesellschaft gehe, in die mich der Mittag einfuhren wird. Wohl gut, dass er in der grossen Welt drei Stunden spater eintritt als in der physischen. Inzwischen, denke ich, sollen die Bilder, die jetzt noch so lebhaft mir vorschweben, ziemlich verblichen, und brauchbarere pour la belle conversation an ihre Stelle getreten seyn. Denn welche Dame, ich bitte Dich, wurde mir zuhoren, wenn meine Erzahlung zum ohnmachtig werden sie aus dem hellen Speisesaale in jene dustre Sklaven-Barake versetzen wollte? Eben so wenig wurde ich Gluck bei ihr machen, wenn ich mir einfallen liesse, wahrend sie mich anlachelt oder die Zahne stochert, dem heldenmuthigen Kapuziner eine Lobrede zu halten, und an ihrer Seite seiner funfzig, der bessern Zukunft geopferten Jahre, und der widernaturlichen Zufriedenheit zu huldigen, mit der er, ohne nur Einmal in ein schones Auge geblickt zu haben, auf seinem heiligen Posten steht. Mit Dir, Eduard, ist es etwas andres. Du musstest mir wohl Ehren halber Stich halten, denn Du zahlst Dich zu den philosophischen Kopfen. Doch diese, lieber Gott, sind mir heute selbst so zum Ekel geworden, dass es mich Wunder nimmt, wie ich mich noch im geringsten mit ihnen abgeben mag.
Ihr, denen Gott zum Mitgefuhle
Des Seneka, des Antonin,
Weich ausgestopfte Rednerstuhle
Und einen Doktorhut verliehn,
Besturmt mich nicht mit euerm Wortgetose
Von Menschenkraft und Seelengrosse,
Seit Fabers Glanz mich uberschien!
Beredt, den Widerspruch zu scheiden,
Dass Freisinn in der Sklaverei
Wohl moglich, und im hochsten Leiden
Ein Weiser Herr des Schicksals sei,
Lauscht zwar mein Ohr auf euern Wohlklang: aber
Der Stoa Wahlspruch: Ich bin frei.
War es der Geist, der in der Schule
Des Zeno Starkungen verschrieb,
Der ihn von seinem Weberstuhle
In diese Kluft des Jammers trieb,
Wo, von dem Gluck der Freundschaft abgeschieden,
Wie von der Liebe, nur der Frieden
Mit sich allein ihm ubrig blieb?
Nein, er ging auf dem dunkeln Pfade,
Den nur der Gottliche ihm brach,
Der fur uns litt, frei und gerade
Der geistigen Belohnung nach:
Sein Herz bedurfte keiner Lehre;
Er rettete der Tugend Ehre;
Er hielt, was Seneka versprach.
Ein glanzender Mittag, Eduard, ein Gastmahl, wie es nicht jeder Intendant der koniglichen Marine zu geben vermag, wenn er es nicht von Toulon ist, an dessen Kuste die beruhmten Dattelmuscheln zu Hause sind, die ihm als ein ausschliessendes Vorrecht zukommen. Ich fand an diesem Beherrscher der Holle, die ich heute Morgens bestieg, zu meiner Verwunderung einen sanften, liebreichen Mann in seinen besten Jahren. Er empfing mich als den Freund seines Freundes mit Gute und Achtung. Unsere erste Zusprache inzwischen ob sie gleich von beiden Theilen nur auf gemeine Hoflichkeiten beschrankt war misslang jedoch ein wenig; so sehr hat man selbst bei gleichgultigen Gesprachen es fur ein Gluck zu achten, wenn man in dem Innern des andern keine verborgene Saite beruhrt, die traurig oder widrig zuruck tont. Seine Worte kehrten mir immer eine Spitze zu, und meine Antworten? Du magst selbst urtheilen, wie klug und artig sie ausfielen. Gleich seine Frage, wie mir das Arsenal gefallen, gab mir einen Stich in das Herz. Roth bis uber die Ohren, dankte ich ihm bloss fur seinen Erlaubnissschein, ohne meiner Unachtsamkeit zu gedenken, die ihn vereitelt hatte. Zu sehr Weltmann, um eine unbeantwortete Frage zu wiederholen, brachte er mich sehr ungesucht auf unsern Konig zu reden. Mein Lob, in das er herzlich mit einstimmte, ware auch nicht ubel gewesen, wenn ich nur nicht dabei ich weiss auch nicht wie mir war einen Tadel seiner Vorliebe fur die Franzosen mit eingewebt hatte; denn dazu war doch hier in der That der rechte Ort nicht. Von ihm ging er auf die Annehmlichkeiten Berlins, und zugleich auf die Energie wie er es ausdruckte der Deutschen Nation uber, ohne nur im mindesten ihren Mangel an andern guten Eigenschaften zu erwahnen. Ich hatte mich gern im Namen aller dazu bekannt, um das Schmeichelhafte, das auch fur mich in seinem allgemeinen Urtheile lag, ein wenig zu massigen; aber ich wusste in diesem Augenblicke vor lauter erregtem Patriotismus nichts an uns auszusetzen, was sich der Muhe verlohnte. "Ich kenne zwar Ihr Vaterland nur aus einer nichts weniger als empfindsamen Reise, die ich im siebenjahrigen Kriege dahin als Fahndrich that, und von der ich als Oberster einer Brigade wieder zuruck kam." "Ew. Excellenz wohnten also wohl der schrecklichen Schlacht bei Minden mit bei?" "Ja," antwortete er, "ich fuhrte in derselben die Grenadiere von La Tour gegen Ihre Dragoner an." Diese hingeworfenen wenigen Worten rissen ist es glaublich? eine alte, langst verharschte Wunde meines Herzens auf "So ist denn," sagte ich heimlich zu mir, "uber dieselbe Zunge, die jetzt so freundlich mit dir spricht, das Schreckenswort: Gebt Feuer! gegangen, das deinen armen Bruder zu Boden streckte!" Die Thranen meines Vaters, die Verzweifelung meiner Mutter und mein eigener kindischer Schmerz traten mir jetzt so lebhaft vor die Seele, dass ich diese traurige Erinnerung nicht wieder los zu werden vermochte, ohne sie dem mitzutheilen, der sie unschuldiger Weise erregt hatte. "Er stand," sagte ich, "unter demselben Regimente, das von dem Ihrigen so ubel empfangen wurde, war der edelste beste Jungling, erst achtzehn Jahr alt, als er blieb, und schon Adjudant." "Schon Adjudant?" fing er meine Worte auf; "das will im Preussischen Dienste etwas sagen, und giebt allein schon einen hohen Begriff von seinen ausgezeichneten Talenten." "Das nun eben nicht," glaubte ich bescheiden zu antworten; "die beiden Armeen arbeiteten in diesem blutigen Kriege nur zu gut fur den Abgang, dass oft das ganze Verdienst, dem ein junger Officier seine schnelle Beforderung verdankte, bloss auf dem Umstande beruhte, aus einer Schlacht nach der andern gesund zuruck zu kommen. Hatten meinem guten Bruder, statt selbst zu fallen, die Leichen seiner Kameraden als Stufen gedient, um so fortzusteigen wie er anfing, so zweifle ich nicht, er wurde jetzt so gewiss als Ew. Excellenz ..." Hier fasste mich der General lachelnd bei der Hand, ohne das Ende meiner Militarrechnung abzuwarten, und stellte mich der ubrigen Gesellschaft vor.
Bald nachher setzten wir uns zur Tafel. Hier bekam ich meinen Platz neben zwei Damen, von denen mich sogleich die eine in ein Gesprach zu ziehen wusste, das jedem, der hungriger darnach gewesen ware als ich, vollkommene Sattigung gewahren konnte; denn es gehorte als geistige Nahrung in die Klasse der Schusseln, die man durch immer neuen Zusatz von Bruhen so sehr verlangern kann als man will. War ihr weiss gemacht, dass ich ein Litterator sei, oder glaubte sie es meiner listigen Miene anzusehen; genug, ich hatte noch nicht drei Loffel von der Suppe genossen, als ich schon mit ihren zwei vorzuglichsten Lieblingen des vergangenen und des laufenden gelehrten Jahrhunderts, mit Molieren und Buffon, bekannt war. "Niemand," sagte sie von dem ersten, "hat feiner unsre kleinen Blossen an das Licht gezogen, und die Schleichwege zu dem Labyrinthe des weiblichen Herzens deutlicher angegeben, so dass man schwerlich jetzt einen derselben ohne Gefahr einschlagen konnte, von Manneraugen ertappt zu werden." Sie blickte mir dabei so herzhaft in die meinen, dass ich sie niederschlug. "Dadurch," fuhr sie fort, "ist ein gewisses Zutrauen unter beiden Geschlechtern entstanden, das vieles abkurzt, und desto anziehender ist, je steifer es sich auf die Kenntniss gegenseitiger Schwachen grundet." Ich hatte gern der Dame mein Kompliment uber den neuen Gesichtspunkt gemacht, aus welchem sie den Werth des Komikers beurtheilte; aber sie liess mich noch nicht zum Worte. "Er hat gewiss," entwickelte sie ihren Satz mit selbstgefalligem Tone, "als ein guter Burger, der bessern Erziehung und dem naturlichern Gange unsers Jahrhunderts vorgearbeitet. Denn wer hat die Misanthrope, die Tartuffe, die Precieuses ridicules aus unserm gesellschaftlichen Zirkel vertrieben als Er?" "Ich dachte, Madam ..." "Und der Zweite," fuhr sie fort ohne mich anzuhoren, "wie hat er sein menschenfreundliches Herz, seine umfassenden Kenntnisse, und die Harmonie der Sprache benutzt, um uns in lauter Spaziergangen zu der Quelle der wahren Natur zu fuhren, zu der wir ehedem hochst langweilige Umwege machen mussten! Sein Grundsatz von der Liebe, der jetzt allgemein angenommen wird, wie viel hat er nicht zur Ersparung unserer kostbarsten Zeit beigetragen!" "Welcher, um Vergebung?" fiel ich ihr in die Rede. "Dass in dieser Leidenschaft," antwortete sie mit einer dogmatischen Miene, die ihr nicht so ganz ubel anstand, "nichts gut sei, was nicht um es kurz zu sagen gerade zum Ziel fuhrt. Alle unsere physischen und moralischen Handlungen standen langst unter dieser Regel: aber erst seit ihm gebietet sie auch der Liebe. Seit dem Ausspruche dieses grossen Naturforschers ist das ekle Romanhafte unter uns ganzlich verschwunden, und man wird jetzt selten ein so lacherliches Paar finden, das einander gefallt, und nicht auf Buffons Gefahr damit anfinge, wo die Grossaltern aufhorten." "Wirklich?" war das einzige Wort, das ich, wahrend sie Athem holte, einschieben konnte. "Was, mein Herr," uberstromte mich jetzt der Fluss ihrer Beredsamkeit aufs neue, "was sagen Sie von seinem hinreissenden Style? Voltaire ist gewiss in seinen Gedichten ein ruhrender, melodischer Sanger: aber ich gestehe, dass ich in beiden Rucksichten die Prose unsers Buffon den schonsten Versen des Dichters vorziehe. Vergleichen Sie nur die Stelle, wo jener von den Schrecknissen der Natur spricht, mit dem Voltairischen Gedichte uber das Erdbeben von Lissabon. Wer von beiden hat hier das Grausen der menschlichen Seele bei solchen Vorfallen am besten geschildert?" Indem wurde mir der Flugel einer Poularde mit Truffeln gebracht. Der Duft davon reizte meine Zunge; aber ich liess sie unbefriedigt, um nur endlich der ihrigen Ruhe zu verschaffen. Es gelang mir vortrefflich. "Solche Vergleichungen," begann ich mit einer klugen Miene, "machen unstreitig ein grosses Vergnugen; und derjenige unter den Schriftstellern, wie Madame sehr richtig bemerken, ist gewiss der grossere, der es am besten versteht, durch die Magie der Sprache unsere gesunkenen Empfindungen auf ihre erste Hohe zu treiben, und sie uns gleichsam, wie auf Noten gesetzt, zur Wiederholung des Spiels wiederzugeben. Wenn Buffon zum Beispiele denselben Schauer in Ihrem Herzen zu erregen weiss, den Ihnen diese schreckliche Naturbegebenheit zu der Zeit verursachte, da sie vorging, so ..." "Welche Naturbegebenheit?" unterbrach sie mich hastig. "Des Erdbebens von Lissabon," antwortete ich ganz unbefangen; und ohne mir eine Sylbe darauf zu erwiedern, drehte sie sich nach der andern Seite. "Ich meinte ..." rief ich ihr nach; aber sie that nicht als ob sie mich horte, und ich verlor alle Hoffnung, dass sie mir diesen groben chronologischen Irrthum so bald vergeben wurde.
Ich war so verblufft, dass eine Weile verging, ehe ich nur daran dachte, dass ich auch zur linken Hand eine Nachbarin habe. Die gelehrte Vielsprecherin hatte allein Schuld, dass ich nicht einmal wusste, wie sie aussah. Ich erfuhr es nur zu bald. Drei brillantene Astern strahlten mir auf den ersten Blick nach ihr gerade in die Augen, blendeten mich aber lange nicht s o , als der junge wallende Busen, den sie verzierten. Ware ich bei Sinnen gewesen, so wurde mich dieser Anblick wenig geirrt haben. Aber, Gott mag wissen, wie es zuging! dachte ich mir die Ruhe, die ein Mann seinen Augen auf diese Hohen erlaubt, noch alltaglicher, als die Prufungen der Hand, die Bayle, unter der Benennung quotidianae incursionis, sogar dem frommen Abadie Schuld giebt, und ubertrieb ich meine Sittsamkeit, um nur nicht alltaglich zu scheinen genug, ich kehrte betroffener um, als ein Hase vor dem Schutzen, und blickte auf den Tisch mit einer Verlegenheit, die in der klugen Wendung, die sie einschlug, um sich zu verstecken, erst dadurch recht ans Licht kam. Spielend mit meinem blanken Messer, bemerkte ich das unselige L o n d o n ich wollte es ware Constantinopel gewesen auf der Klinge, und ohne ein Auge davon zu verwenden, fing ich nun an meine reizende Nachbarin, seitwarts, mit einer ganz neuen Lobrede auf den Englischen Stahl zu unterhalten. Noch hatte ich sie nicht zur Halfte hervor gestottert, so mischte sich ein Maltheser Ritter darein, der auf der andern Seite neben ihr sass. "Es kann wohl nichts in der Welt," sagte er, "dem Englischen Stahl so sehr zur Ehre gereichen, als der Uebergang von einem solchen Bouquet, an einem solchen Platze, zu ihm." Was denkst Du wohl, wie sich unsere gemeinschaftliche Nachbarin dabei benahm? Sie schien sein Epigramm nicht zu horen, und antwortete nur meinen schlichten Bemerkungen. Dafur thaten jetzt meine Blicke ihr moglichstes, um ihre Schuchternheit wieder gut zu machen. Aber es wahrte nicht lange, so verdarb ich mein Spiel aufs neue. Ich horte SaintSauveurs Stimme, sah mich nach ihm um, fand ihn an der Seite einer jungen Dame, und: "Ach wer ist denn," sturzte mir die Frage heraus "dieser Engel von Madchen, diess ungeschminkte edle Gesichtchen zur Rechten des Brigadiers?" Sie blickte hin, "Die Tochter vom Hause," antwortete sie gleichgultig, und legte mir geschwind uberzuckerte Kastanien vor, um mir, glaube ich, das Maul zu stopfen.
Wahrend ich noch daran kaute, trug man das seltne Gericht auf, das ich Dir schon angekundigt habe: eine Schussel mit Dattelmuscheln. Diese werden was Du vielleicht bei Deinen geringen conchyliologischen Kenntnissen nicht wissen wirst aus grossen, dem Zugang aller Elemente verschlossenen Steinen geschlagen, und dienen, wie die Reichsritterschaft dem Kaiser, bei vorfallenden Festen dem hiesigen Intendanten zu einer immediaten Beihulfe. Der heutige Fang musste indess nicht so ergiebig gewesen seyn, als das Bedurfniss seiner Tafel verlangte. Er konnte dieses Staatsessen nur unter seine vorzuglichsten, das heisst, wie bekannt, nur unter seine weiblichen Gaste vertheilen. Ich ging so leer aus als die andern Herren. Glucklich jedoch fur die Kenntnisse, die ich mir auf Reisen auch durch meinen Gaum zu erwerben suche, dass der Groll einer Franzosin gegen einen Deutschen nie uber zwei Schusseln hinaus reicht. Ich gewann diessmal augenscheinlich dabei. Meine Nachbarinnen von beiden Seiten entzogen sich auf das gutmuthigste die Halfte des ihnen zugefallenen Antheils, so dass ich noch einmal so viel von diesen Leckerbissen bekam, als jede behielt der gewohnliche Fall eines Mannes zwischen zwei Weibern. Die Anbeterin von Buffon liess sich sogar herab, mir nicht nur die Geschichte dieses merkwurdigen Schalthiers, so weit als sie bekannt ist, und das, um mich ihres Ausdrucks zu bedienen, weder der See noch dem Lande angehore, wortreich zu beschreiben; sondern sie zeichnete mir auf eine Visitenkarte, die sie mit einem Bleistifte aus ihrem Kalender zog, gerade unter ihrem graflichen Namen und Wappen, die Figur fluchtig hin, die diese Muschel ihrer Eremitenwohnung eindruckt. Sie zeichnete nicht ubel: doch war es immer, besonders auf so einer Karte, zum Verstandnisse der Zeichnung sehr gut, dass ich nur auf meinen Teller sehen durfte, um nicht ungewiss uber das Naturprodukt zu seyn, von dessen Abdruck die Rede war. Diesem kleinen wohlschmeckenden Insekte hatte ich es sonach einzig zu verdanken, dass unser durch das Erdbeben zerruttetes Gesprach aufs neue wieder in Gang kam, und sich auch bis zu Ende der Tafel darin erhielt.
Den Vorzug, lieber Eduard, muss man doch Franzosischen Gesellschaften vor den unsrigen zugestehen, dass in ihnen der Langenweile kein Raum, und den Mitgliedern keine Zeit gelassen wird, uber den Werth oder die mogliche Auslegung jedes Worts, das gesprochen wird, nachzudenken. Bei dem Ueberfluss von Beitragen, die zur Beforderung einer vergnugten Unterhaltung eingehen, wird es nicht geachtet, wenn auch einer davon nicht so ausgesucht und vollwichtig ist, als der andere.
Eine Stunde nach der Mahlzeit, die frohlich verplaudert wurde, setzte sich ein Theil der Anwesenden an den Spieltisch; der jungere Zirkel, dem auch ich mich anschloss, vereinigte sich zu einem Spaziergange nach dem koniglichen Garten. Jeder Herr bot einer seiner Nachbarinnen den Arm; da aber die Liebhaberin der Natur die Karten meiner Unterhaltung im Mondscheine vorzog, und der schone Busen, von dem die Dame, ehe sie ging, die Astern absteckte, dem Maltheserritter zuwallte, so wurde ich allein mitgeschlendert seyn, hatte nicht ein gluckliches Ohngefahr mir das grosse Loos verschafft, die Tochter vom Hause zu fuhren. Indem wir namlich die Treppe herab stiegen, kam ein Officier der Marine herauf, und hinter ihm ein Kommando, worunter ich auch den lahmen Gefreiten erblickte. Er zeigte mir im Vorbeigehen das wiedergefundene Einlassbillet, und ich hatte nicht umhin gekonnt ihm ein Wort daruber zu sagen, auf die Gefahr zehn tausend von ihm anzuhoren, hatte mir nicht indem der Brigadier die Hand des schonen Kindes, das er fuhrte, in den Arm gelegt, um dem Seeofficier, der ihn bei Seite winkte, zu folgen. Sie mussten etwas wichtiges mit einander abzuthun haben, denn mein Freund liess sich den ganzen Abend nicht wieder sehen, und zum erstenmale vermisste ich ihn nicht. Die Gesellschaft, sobald sie in dem weitlauftigen Garten anlangte, vertheilte sich in einzelnen Gruppen zu zwei oder mehrern Personen, die sich trennten, sich vertauschten, und wieder zusammen trafen, wie es der augenblicklichen Laune einer jeden gemass war.
Ich wusste nicht, was ich von meiner Organisation denken sollte, wenn das Zwanglose, Frohe und fur mich ganz Neue dieses spaten Spaziergangs seinen Zauber auf mein Herz verfehlt hatte. Es mag mir auch sonst noch so gewohnlich seyn, meine Empfindungen aus dem verlaufenen Tage am Schlusse desselben wiederzukauen; diessmal schien es, das gegenwartige Vergnugen wurde eine solche Grille nicht aufkommen lassen. Mein Wohlbehagen verstattete mir zur Zeit nicht, weder an meinen verbluteten Bruder, noch an meine weitlauftigern Verwandten auf den Galeeren zu denken. Die Farben, die mir die Abendrothe, die mir der Mond aufmischte, setzten alle andere Bilder meiner Seele in Schatten. Ach der herrliche Mond! In diesen kostbaren nachtlichen Stunden, wo sein Abglanz mir jeden auch noch so feinen Zug in dem lieblichen, reinen, unschuldigen Gesichtchen meiner Begleiterin vorfuhrte, musste ich ihn wohl noch lieber gewinnen, als gestern, wo er zwar ein grosses, herrliches, aber doch immer nur lebloses Naturgemalde beschien.
Ich habe Dir zwar schon vorhin die Vorzuge des Engels an meinem Arme mit einzelnen, dem Lobe geheiligten Worten angedeutet. Aber ich weiss schon, wie es mit solchen Worten geht. So gewahlt sie auch seyn mogen, gleiten sie doch uber das Gehirn, wie die glanzenden Kugelchen des Quecksilbers uber eine Glastafel, hinweg. Man muss sie erst auflosen und zu einer Unterlage verarbeiten, wenn man den Strahl, der uns blendet, auch in die Augen eines andern zu spielen gedenkt. Leider hat mein in Asche verwandeltes Tagebuch, an dem in dieser Rucksicht auch nichts verloren ist, bis zu der heutigen Mitternachtsstunde nur Schilderungen aus der weiblichen Welt sammeln konnen, die, wenn ich das Dosenstuck einer gewissen Margot ausnehme, das ich Dir wohl gegonnt hatte, nicht werth waren das Kabinet eines achten Liebhabers des schonen Geschlechts zu verzieren. Es thut mir daher recht wohl, dass ich einmal auf ein Profil gestossen bin, das selbst neben einer heiligen Familie von Raphael kein unebenes Seitenstuck abgeben wurde, hatte mir nur das Original lange genug sitzen konnen, um mehr als einen Schattenriss von ihm zu entwerfen. Diese unvollkommene Darstellung wird indess immer noch unendlich schatzbarer seyn, als die ausgemaltesten Stucke meiner vorigen Sammlung. Es war schon ein Zug seltener Gutmuthigkeit, dass die junge Schone ohne Abnahme an Freundlichkeit ihre Hand aus dem Arme eines bekannten Freundes in den meinigen legte; dass sie aber auch nachher, als ihr im Garten die Wahl eines andern Gesellschafters frei stand, sich mit einem Fremden begnugte, der weder uber die Tagesgeschichte der Stadt mit ihr schwatzen, noch in der ihm ungewohnten Sprache durch leichte Scherze ihr Ohr reizen konnte, muss ich ihr schon hoher anrechnen. Doch dass sie bei ihren sechzehn Jahren sich die Zeit nahm, ein Herz, das in der Nahe des ihrigen schlug, zu behorchen, dass sie verstand den verdeckten Werth desselben zu entwickeln, seine flatternden Faden aufzufangen, mit der zartesten Fuhlbarkeit ihren Gehalt zu unterscheiden, und nur die bessern dem Gewebe ihrer schonen Seele anzuknupfen, das, Eduard, war mir vollends eine so ungewohnliche Erscheinung, als ich je eine erlebt habe.
Wahrend mir an ihrer Seite so wohl war, brachte mich meine Erinnerung zum Gluck nur ein einzigesmal auf meine Nachbarinnen von diesem Mittag. Es war ein krauser Gedanke. Sie hatten mir wohl zu keiner Zeit mehr zu ihrem Nachtheile einfallen konnen. Was ware aus mir und meinem herrlichen Abend geworden, wenn es meiner glucklichen Albernheit nicht gelungen ware, beide von mir zu verscheuchen. Was hatte ich anfangen wollen, wenn die eine so viel Geschmack an meiner Lehrbegierde, die andere an meinen sittsamen Augen gewonnen, diese zu einem empfindsamen Spaziergange mit mir ihre Astern abgesteckt, jene mir noch etwas uber den Buffonschen Grundsatz zu sagen gehabt, und mich Gott erbarme sich zu ihrem Begleiter gewahlt hatte? Dieses Bewusstseyn entgangener Gefahr, wie musste es nicht den Genuss meines gegenwartigen Glucks erhohen! Meine Seele hing an den Lippen dieses Kindes, das in dem lautern Ergusse seiner Empfindungen mir tausendmal beredter vorkam, als die grafliche Virtuosin in dem ungereinigten Ausflusse ihrer Gelehrsamkeit. Wenn ich Dir aber nun den Gang der Gesprache, die mich so anzogen, vorzeichnen, aus ihrem gefalligen Inhalte die Schonheit des Herzens, dem sie entflossen, an das Licht stellen will ja, Freund, da entschlupft mir die Feder. Solche feine Schattirungen der Rede sind ihr so unerreichbar, als nimmermehr dem Pinsel jenes atherische Farbenspiel seyn kann, das unter unzahligen Abwechselungen dem anbrechenden Morgen voran geht. So viel kann ich Dir nur sagen, dass, nachdem ich die kleine Zauberin einige Stunden in der Orangenallee auf- und abgefuhrt hatte, ich mich unmerklich in eine Stimmung versetzt sah, die, der ihrigen nachgebildet, sehr verschieden von der frohlichen Laune war, deren ich mich vorhin ruhmte. Ihre Anfangs muntern Tone gingen, ganz ungleich dem Schlage der Nachtigall, die mit einem Adagio anfangt, mit einem Allegro endigt, nach und nach in immer ruhrendere Noten, immer schmelzendern Flotenlaut uber, und hoben und trieben mein sympathetisches Gefuhl bis zum Bedurfnisse der Thranen. Ich wollte ihr von unserm Konige erzahlen; ich konnte nicht. Ich versuchte von meinem Vaterlande zu sprechen; aber die Stimme versagte mir. Mir war, als ob ich in der Ferne Klagen der Unschuld, uber den dunkelhellen Bergen her den Ruf der Ewigkeit horte. Die trostarmen Vergessenen auf der Galeere erschienen mir in allem ihrem Jammer, und ich konnte der Aufforderung nicht langer widerstehen, dem Engel, der mir zuhorte, die Seelenleiden meines heutigen Morgens an das Herz zu legen. Wir hatten uns kurz vorher einem Blumenbeete gegenuber gesetzt, wohin sie einem Gartnermadchen von ihrem Alter, das mit einem Handkorbchen dahin ging, gefolgt war. Sie nickte ihr schon im Vorbeigehen freundlich und bekannt zu, und bestimmte nun durch ihr Gutachten die Auswahl der Blumen, die jene einsammelte. Sobald mein Gesprach aber ihr Mitleiden erreichte, theilte sie nicht weiter ihre Aufmerksamkeit zwischen uns beiden. Sie verliess den Platz, als ob er zu buntfarbig fur den Ernst ihrer jetzigen Empfindungen ware, und fuhrte mich, ohne ein Wort zu sagen, um keins der meinigen zu verlieren, nach einem dunkeln Bogengange, an den eine kleine versteckte Laube stiess. Hier wo der verschwiegene Mond nur durch die Blatter uber dem grunen Rasensitze zitterte, auf den wir uns niederliessen in dieser nachtlichen Stille allen Augen, ausser jenem, verborgen, das uber uns schwebte hier, an der Seite einer weichen weiblichen Seele, denke selbst wie viel meine Erzahlung unter diesen Umstanden gewinnen musste. Das liebe Kind beehrte sie mit dem reinsten Beifall, und, "o mein armer Vater!" schluchzte sie am Ende derselben, "welch einer Haushaltung des Kummers bist du vorgesetzt!" "Und welchen Wundern der Tugend zugleich!" fiel ich ihr ins Wort, und theilte ihr nun auch, durch ihr Mitgefuhl noch mehr befeuert, die Trauergeschichte des frommen Kapuziners in Ausdrucken mit, die vielleicht nie uber meine Lippen warmer gegangen sind. Durch Hulfe eines hellen Mondblicks sah ich, wie unter ihren blauen, gen Himmel erhobenen Augen ein stilles Gebet auf ihrem rosigen Munde schwebte. Ich glaubte eine Heilige in ihrer Verklarung zu sehen, und schwieg. Meine Brust war gepresst. Sie horte mich seufzen, druckte mir die Hand, und der Strudel hoher Empfindungen schien mich in eine andere Welt zu versetzen.
Indem tonte die Gebetglocke eines nahen Nonnenkosters in unsere Stille heruber. "Ach! ist es schon so spat?" fuhr sie jetzt von der Rasenbank auf, und eilte durch den finstern Bogengang dem bunten Lustbeete zu, von welchem wir hergekommen waren. Ich folgte ihr, doch nur von weitem, nach, wie sie zu erwarten schien, sah, wie sie sich neben das Korbchen setzte, das die junge Gartnerin indess mit Hyazinthen, Maiblumen und Granatenbluthen gefullt und hingestellt hatte, und sah, als ich naher herbei kam, wie sie mit thranendem Auge eine einzelne geruchlose, eine Passionsblume, herausnahm, an ihre Brust steckte, die Hand sinken liess und sich in tiefes Nachdenken verlor. Ich lehnte mich zitternd an einen Orangenbaum in einer massigen Entfernung von ihrem Sitze. Drei feierliche Pulse der Klosterglocke weckten sie wie aus dem Schlafe. Sie sah sich erschrocken und noch erschrockner um, bis das Madchen, das sie erwartete, aus dem Gewachshause gelaufen kam. "Geschwind Marie," rief sie, und trug ihr das Korbchen einige Schritte entgegen, "noch ist die Pfortenthure nicht verriegelt, aber eile." Indem ward sie meiner gewahr, kam auf mich zu, und da ihr meine grossen Augen nur zu deutlich verriethen, was in mir vorging, war diess dem lieben Kinde schon hinreichend, meine Neugier zu befriedigen.
"Meine Unruhe uber das Korbchen ist Ihnen gewiss aufgefallen. Es ist ein festgesetzter Tribut, den ich einer Freundin im Kloster ubersende, so oft ich diesen Garten besuche. Sie ging hier gern und ofters mit mir spazieren, liebte das erste Grun des Fruhlings, liebte die Blumen so sehr, und kann jetzt hinter den hohen Mauern nicht einmal mit einem Blicke das geringste Graschen erreichen. Ueber Ihre bewegliche Geschichte, mein Herr, hatte ich mich beinahe mit meinem Geschenke verspatet ich wurde mir's nicht verziehen haben. Ich kann mir die Freude der guten Agathe so lebhaft denken, wenn sie aus ihrem Betstuhle in ihre Zelle zuruck kommt und meine Blumen findet, die ihr die Versicherung geben, dass ich in dem Garten bin, mich nach ihr sehne, und ihr so lange in der Nahe bleibe, bis sich keine Glocke mehr horen lasst. Das habe ich dem guten Kinde bei unsrer letzten Umarmung versprochen. In drei Wochen geht ihr Probejahr zu Ende o wie zittre ich fur sie! Denn ach! mein Herr, sie wahlt das Kloster ein schreckliches Ungluck, wen es trifft! nicht aus Neigung, sondern aus Noth, weil sie keine Verwandte, kein Vermogen, und in der weiten Welt nur an mir eine Freundin hat, die ihr nicht helfen kann! Bald muss sie dem Andenken auch dieser feierlich entsagen; Gott wolle ihr beistehen, dass sie es willig thue!" Ein Thautropfen, der unter diesen Klagen der Freundschaft aus den Augen der schonen Beterin in den Kelch der Trauerblume an ihrem Busen herab fiel, erschutterte wie ein elektrischer Schlag meine Nerven. "Ach! wenn meine Erzahlung," konnte ich kaum in abgebrochenen Worten heraus bringen, "Ihr edles, theilnehmendes Herz geruhrt hat, o wie haben Sie mir es wieder vergolten!" Wir wussten beide vor Wehmuth nicht wieder zur Sprache zu kommen, bis das dumpfe Gelaut ganzlich verhallt war. Da erst kehrte ihre Fassung zuruck; aber die meine blieb aus. "Ich habe Sie, mein Herr," fing sie gelassener an, "bis in die Nacht aufgehalten, ohne daran zu denken, wie unbekannt mit meinem Kummer und wie fremd Sie mir sind. Aber eben darum waren Sie mir in dieser Feierstunde meiner Betrubniss kein uberlastiger Zeuge. Lassen Sie uns jetzt gehen, mein Herr. Die Gesellschaft ist langst aus einander. Am Ende des Gartens erwartet mich, wie allemal, meine Gouvernante." In stiller, andachtiger Ehrfurcht folgte ich nun diesem wundervollen Geschopfe, das unter der Hulle hoher weiblicher Schonheit einen Geist besitzt, der mir so uberirdisch vorkam, als musse er schon vor ihrer Geburt in den Reihen der Seligen geglanzt haben. Halte diess nicht fur eine schwulstige Phrase, Eduard; denn wahrlich ich wusste Dir die Empfindungen meiner Seele nicht naturlicher und verstandlicher auszudrucken.
Im Fortgehen kam uns in der Allee die altliche Dame entgegen, die weniger das Ansehen hatte, Aufseherin des Frauleins, als ihre altere Freundin zu seyn. Sie empfing ihre holde Vertraute, die mir die letzten Stunden des nun entflohenen Tages zu der unvergesslichsten Epoche meines Lebens erhoben hat, sie empfing sie mit schweigender, aber darum nicht weniger herzlichen Umarmung, in der gewiss schon alles lag, was zu ihrem gegenseitigen Verstandnisse gehorte und keiner Worte bedurfte. Nur mir hatte sie etwas zu sagen aber was? Der Brigadier sei auf einen Augenblick da gewesen, und habe ihr, weil er nicht Zeit gehabt mich aufzusuchen, das Schnupftuch zugestellt, das mir diesen Morgen entkommen ware. Wenn Du Dir einen Mann vorstellst, der unter banglichem Gefuhle des Lebens sich uber den Erdball erhebt, seine Blicke in die Tiefen der Ewigkeit senkt, und an Gott und Unsterblichkeit sauget, und dem in diesen Augenblicken ein Weib in das Ohr schreit: Mein Herr, Sie haben ein Loch in dem Strumpfe so kannst Du ungefahr errathen, wie mir in der kostbaren Minute meiner vielleicht ewigen Trennung von dem erhabenen Kinde eine so gleichgultige Nachricht und der Anblick meines einfaltigen, langst vergessenen Schnupftuchs gefallen musste. Ich steckte es mit weit mehr Aergerniss ein, als ich bei seinem Verlust hatte, machte der j u n g e r n Dame im Geist und in der Wahrheit, der a l t e r n hingegen bloss nach dem gewohnlichen Schnitte, meine Verbeugung, und ging nun, die Arme in einander geschlagen, langsamen Schritts meine Strasse.
Das wilde Larmen, in welchem ich den goldenen Anker wiederfand, war mir nach meiner jetzigen Stimmung ausserst zuwider. Den Schlaf zwar konnte es mir nicht rauben der floh meine Augenlider ohnehin aber es musste mich doch, wenn es anhielt, nicht wenig in dem ruhigen Ueberblicke meines verlebten Tages, und, worauf ich mich besonders freute, in der Wiederholung der vielen sussen Empfindungen storen, die ich aus der Geistesuberstromung meiner vortrefflichen Gesellschafterin habsuchtig nur zusammen getragen, und gleichsam in Masse und mit der Hoffnung nach Hause gebracht hatte, sie dort mit aller Musse zu ordnen und zu zergliedern. Der Wirth, als er mir vorleuchtete, gab mir, als Ursache des Nachtgetummels in seinem Gasthofe, die Hinrichtung eines Delinquenten an. "Bei solchen Gelegenheiten," setzte er hinzu, "gewinnt unser eins am meisten; denn kein Schauspiel macht und erhalt das Volk munterer und durstiger als dieses." "Der rohe Mensch ohne Kultur," warf ich zur Antwort hin, "giebt viele dergleichen Rathsel zu losen." "Thun Sie dem kultivirten Menschen nicht Unrecht," verhohnte mich der Wirth; "einer ist wohl so unerklarbar als der andere: doch, mein Beruf ist es heute nicht zu philosophiren, sondern meinen Zechgasten Wein aufzutragen." Er wollte nun gehen; ich vertrat ihm die Thur. "Nur noch ein Wort, lieber Mann! Konnen Sie mir wohl Bescheid geben ..." "O ja," unterbrach er mich, "vollkommen." "Wissen Sie doch noch nicht, woruber," fuhr ich ihn an. "Vermuthlich doch," versetzte er, "uber den Tod des Gehenkten; denn heute wird nur davon gesprochen." "Nichts weniger," gab ich zur Antwort; "was geht mich der Gehenkte an! Die Rede ist von der liebenswurdigen Tochter des Herrn Intendanten, deren Bekanntschaft ich heute gemacht habe." "Lauft ziemlich auf Eins hinaus," kauderwalschte der betrunkene Kerl. "Nachster Tage wird Fraulein Klarchen" der Name gab mir einen Stich durch's Herz "auch nicht viel besser als exekutirt seyn." "Herr!" polterte ich ihn an, "Sie sind nicht gescheidt, oder haben mich nicht verstanden. Um mich kurz zu fassen, wollte ich nur fragen, ob Fraulein Klarchen das einzige Kind des Herrn von Saintaignan sei?" "Seine einzige Tochter ist sie," antwortete er mir jetzt besonnener. "Doch vergeben Sie, ich will nur einen Blick auf meine untere Wirthschaft werfen, und bin sogleich wieder zu Ihren Diensten." Mit dieser Versicherung flog er, vor einer Stunde, zur Stube hinaus, ohne sich weiter um mich zu bekummern.
Ach, mein Eduard! bis hierher hatte ich geschrieben, und da ich Dir nichts mehr zu erzahlen hatte, war ich eben im Begriffe zu Bette zu gehen, als der Wirth sachte die Thure offnete, und, da er mich noch aufsah, herein trat. "Endlich," hustete er mir entgegen, "ist es ruhig in meinem Hause. Mein Tagewerk ist vollbracht, bis auf die Erklarung, die ich Ihnen von meiner vorigen Rede noch schuldig blieb. Sie erkundigten Sich nach Fraulein Klarchen. Das schone Madchen scheint Eindruck auf Sie gemacht zu haben. Sie sind nicht der erste Fremde, dem das widerfahrt. Exekutirt sagte ich? Nun das war nur scherzweise. Ich wurde von der ganzen Sache nichts wissen: aber die Dame, die Sie bei ihr werden gesehn haben, und ihre Gouvernante von Jugend auf, ist meiner Frau Schwester; durch sie erfahren wir alles. Nachster Tags, sagte ich? Horen Sie nun wie ichs meine. Kunftigen Sonntag, wird seyn der vier und zwanzigste, feiert Fraulein Klarchen ihren sechzehnten Geburtstag; aber wie? Sie setzt sich ganz fruh mit meiner Schwagerin in einen zugemachten Wagen, in Begleitung eines Geistlichen, schneeweiss gekleidet, wie ein armer Sunder, steigt nicht weit von Marseille bei den Ursulinerinnen aus, lasst sich ihr langes Haar abschneiden, tritt ihr Probejahr an, und wird in einer Zelle begraben. Der Zirkel ihrer Freunde und Bekannten mit aller seiner Kultur trinkt dann, so gut als heute meine Gaste, ein Glas mehr als gewohnlich. Sieht das nicht ganz wie eine Exekution aus, mein Herr?" "Um Gottes willen," brach ich jetzt los, "um Jesus Barmherzigkeit willen, Herr Wirth, besinnen Sie Sich. Ich spreche von Fraulein von Saintaignan von der Tochter des hiesigen Herrn Intendanten." "Und spreche ich denn von einer andern?" erwiederte er. "Dieses herrliche Geschopf, sagen Sie, wurde Nonne?" "Ganz gewiss, mein Herr! Wundert Sie das?" "Aber, bester Mann," trat ich ihm jetzt mit gefalteten Handen naher, "ware es denn moglich, dass ein so verstandiger Vater seine einzige Tochter, einen solchen Engel.." "Vermuthlich damit sie es bleiben soll," fiel mir der Wirth in die Rede, "bestimmte sie nicht ihr Herr Vater zum Kloster da thun Sie ihm Unrecht sondern die Mutter that es vor zehn Jahren auf ihrem Sterbebette." "Aber was, ich beschwore Sie, was brachte denn diese aberwitzige Frau auf diesen barbarischen Einfall?" "Ich will nicht mit Ihnen um Worte streiten," antwortete der Wirth; "aber wer kann das genau wissen?" "Was ich daruber habe schwatzen horen, will ich Ihnen mittheilen. Der Beichtvater, erzahlen einige, habe es der Sterbenden zur Bedingung ihrer Seligkeit gemacht. Dawider ware nichts einzuwenden. Es ist die Schuldigkeit dieser Herren; aber, ich glaube es nicht einmal. Meine Schwagerin auch nicht. Diese war bei der seligen Marquise bis zu ihrem Verscheiden, und hatte Fraulein Klarchen auf dem Schoosse. Auf der andern Seite vor dem Bette knieete der Sohn, der um zehn Jahre alter als die Tochter, naturlich der Mutter auch zehnmal lieber war. Und in diesen bangen Minuten, wie sich meine Schwagerin ausdruckt, wurde das Schicksal der beiden Kinder fur die Zukunft entschieden. Die Dame machte, was diesen Punkt betrifft, den Dominikaner, der sie einsegnete, durch eine formliche Urkunde zum Exekutor da haben Sie's ja, ihres letzten Willens, dessen Vollstreckung, wie gesagt, nachsten Sonntag seinen Anfang nimmt, und in Jahresfrist der Schwester den Schleier, dem Bruder die ganze mutterliche Erbschaft zuspricht. Er wird dadurch einer der reichsten Herren im Lande, und er verdient es. Ein wohlgebildeter, braver Officier, dem das Herz auf dem rechten Flecke sitzt." "Wenn Sie wahr sprachen, Herr Wirth," schluchzte ich, "wurde er die Erbschaft nicht annehmen." "Er sollte sie nicht annehmen?" schrie der Kerl, "sollte die schonen Guter in der Normandie, sollte die Plantagen in Saint-Domingo nicht annehmen? Ist denn der letzte Wille einer Mutter nicht unumstosslich? Wird denn das Fraulein nicht Zeitlebens gut aufgehoben? und war ihr denn die Wahl des Klosters nicht frei gestellt?" "Der letzte Unsinn einer schwachkopfigen, sterbenden Schwarmerin," beantwortete ich mit Bitterkeit seine gehauften dummen Fragen, "die niemanden daruber zu Rathe zieht als einen Dominikaner, kann weder Kraft bei ihren Erben, noch Gultigkeit vor Gerichte haben." "Um Vergebung," wendete der Wirth dagegen ein, "Frau von Saintaignan war nichts weniger als eine schwachkopfige, war vielmehr eine sehr kluge, rechtschaffene und empfindsame Dame, und das Vermogen, uber das sie Verfugung traf, kam von ihr her. Ich sehe auch bei Gott nichts unkluges und nicht halb so viel unbilliges in so einem Testamente, als bei einem Majorate; denn jenes erhalt die Familie nicht allein auf Erden, sondern auch im Himmel bei Ansehn." "Gehen Sie, Herr Wirth," unterbrach ich ihn, "Sie haben vorhin sehr richtig uber Ihren Beruf geurtheilt; Philosophie liegt wirklich ganz ausser Ihrer Sphare. Gehen Sie und schaffen Sie mir ein Glas Limonade." Er ging; doch ehe ich mich noch im geringsten von meinem Schrekken erholt hatte, stand er mit seiner Bouteille und seinem Geschwatze wieder vor mir. "Da Sie doch," sagte er, indem er mir einschenkte, "eine Flasche Limonade nothig haben, um uber das Schicksal Fraulein Klarchens Ihr Blut zu beruhigen, wie viel werden Sie nicht brauchen, wenn Sie erst die Geschichte des Bruders erfahren!" "Ich mag sie gar nicht wissen, Herr Wirth. Was so eine Seele angeht, ist mir ganz gleichgultig." "Das wird es Ihnen nicht bleiben; lassen Sie mich nur erst erzahlen. Dass Fraulein von Saintaignan den Schleier annimmt, gereicht keinem Menschen zum Nachtheile, so wenig als ihr selbst. Ihr Herz ist noch nicht vergeben, und das Kloster befreit sie von allen Nachstellungen. Wenn einem Manne aber, wie dem jungen Marquis, des Heilands wegen eine Braut untreu wird, so ist diess wohl ein seltneres Ungluck, und unserm jungen Herrn muss es noch viel schmerzhafter fallen, weil sein Schwesterchen vielleicht noch mehr Antheil daran hat als der Heiland." Jetzt erst schenkte ich seiner Erzahlung meine ganze Aufmerksamkeit. "Die junge schone Prinzessin von Montbasson," fuhr er fort, "wurde hier unter der Aufsicht meiner Schwagerin mit Fraulein Klarchen zugleich erzogen. Erstere war von jeher dem Bruder bestimmt; dessen ungeachtet gewannen die beiden jungen Leute einander lieb, die Zeit verging, der Tag ihrer Vermahlung war schon festgesetzt, und der Brautigam wurde nachstens von der Armee erwartet. Dieser Zwischenraum, so kurz er war, warf alles uber den Haufen. Die Freundschaft zur Schwester stritt schon lange in dem Herzen der Prinzessin mit der Liebe zum Bruder, und, was wohl noch nie erhort ist, sie siegte. Die schone Verlobte entschloss sich kurz, schrieb ihrem Brautigam einen bethranten Abschiedsbrief, fluchtete, ehe sich meine Schwagerin dessen versah, in das Kloster, das ihre Gespielin gewahlt hat, und erwartet dort nun schon seit acht Wochen die baldige Wiedervereinigung mit ihr auf Leben und Tod. Dergleichen heldenmuthige Entschliessungen, mein Herr, dergleichen Freundschaft, Treue und Hingebung ist nur in unserer Religion moglich. Wenn auch sonst nichts ihre Gottlichkeit bewiese, solche Beispiele wurden es allein thun. Der junge Herr, sagt man, soll untrostlich seyn. Das ist begreiflich. Man wird freilich eine Schwester gelassener einkleiden sehen, von der man erbt, als eine geliebte Braut, die alles mitnimmt und dem Himmel aufhebt, was wir schon als uns zugehorig betrachteten, und das unserer Phantasie von unersetzlichem Werthe scheint." "Wer hart genug ist," antwortete ich, "eine solche Schwester dem Moloch der Monchswuth zu opfern, verdient statt der Schmeichelei eines liebenden Auges die Umarmungen der Furien. Gott troste und segne nur die beiden trefflichen Madchen was kummert mich der unnaturliche Bruder!"
Der Wirth schlich wahrend meines heftigen Ausfalls gahnend davon. Ich schlupfte in meine Kammer aber woher sollte mir der Schlaf kommen? sturzte wieder heraus, setzte mich an meinen Schreibtisch, und sitze noch da, fluche der geistlichen Verratherei an der Menschheit, und zanke zur Abwechselung mit dem Schicksale. Ich kann mich nicht trosten uber den Verlust, den Welt, Tugend und Freude durch die Mordthat an diesem unvergleichlichen Madchen erleidet. Jetzt erst begreife ich ihre Erschutterung, als die Klosterglocken zum nachtlichen Gebete lauteten; jetzt erst fuhle ich das ganze Gewicht der stillen Thrane, die ihr uber die Wange in den Kelch der Passionsblume rollte; erst jetzt wird mir es klar, warum ihre Bewunderung des ausduldenden Kapuziners sich in Beben und Gebet verlor, warum ihr Auge so geruhrt uber den Blumen hing, die sie ihrer eingekerkerten Agathe darbrachte, und ich verstehe die Wehklage uber ihr Unvermogen her verwaisten Armen zu helfen.
O du, deren melodisch tonende Trauerstimme mir das Herz jetzt schneidend durchdringt, wohl hattest du Recht: ich entdecke mit Stolz den Sinn deiner Rede, dass ich zwar unbekannt mit deinem Kummer, doch des Mitgenusses deiner Schwermuth nicht ganz unwurdig sei. Halt mich auch der Nachschwung in die lichtvolle Hohe der Unsterblichkeit, aus der du, gleich einem Engel, auf diesen Todtenhugel herab schimmerst, immer noch fern von dir, so giebt mir doch schon der mindeste Nebenstrahl deines heutigen Abglanzes alle Ehre und Wurde wieder, die ich in der niedern Sphare des Leichtsinns und der Wollust verlor. Dich, die jeden Kreis erheitert, jeden geselligen Trieb veredelt, konnte ein Vater, der Lebensgenuss, Freuden und Feste liebt, zu der Einsamkeit eines Klosters verdammen? eines Klosters? wo deine von ihm entsprossene und sorgsam gepflegte Jugendbluthe, bei den hochsten Anspruchen auf Gefallen und Liebe, wo deine sanften Herzenserwartungen und jene geheimen Ahndungen mutterlichen Entzuckens einem Gotzenbilde zum unnutzen Weihrauch dienen, und die Keime zu den reichsten Ernten menschlichen Glucks in dem Darrofen einer Zelle dumpf werden und vertrocknen sollen? Ungluckliches Kind! Entferne dich, wie die Tugend vom Laster, von deinem abscheulichen Bruder, der die Stirn hat, das Verbrechen seiner Erbschaft mit dem letzten Willen einer in Wahnsinn sterbenden Mutter zu beschonigen. Entferne dich, noch ist es Zeit, von den arglistigen Lockungen der frommelnden Sirenen, die dich in den Strudel ihrer Langenweile zu ziehen drohen. Erhalte deine holde Munterkeit der freien, mit dir verwebten Natur fern von dem heiligen Schneckengang eines ungebrauchten strafbaren Lebens. Und entflohest du als Bettlerin dem undankbaren Lande, dessen Zierde du bist, so wurdest du doch die Sonne auf- und untergehen, den Wald grunen, die Saatfelder wogen sehen, wurdest die Lerchen singen, den Bach rieseln horen, und in dem grossen Tempel Gottes eine redlich freiwillige Dienerin seiner ausspendenden Liebe seyn.
Dreimal habe ich die niedergelegte Feder wieder erhoben, und meine Herzensangst durch das Adagio der Elegie zu besanftigen versucht; aber das Vorgefuhl der unnennbaren Leiden, denen das unbefangene Kind, zur Feier seines Geburtstags, traumend entgegen geht, foltert mich zu sehr, um meinen Schmerz tauschen zu konnen. Muss sie denn hin, die arme Verlockte, wo schon so viele lebendig begraben wurden, die ihr an Schonheit, Tugend, und Frohsinn gleich waren: nun so starke sie Gott bei dem Erwachen ihres Bewusstseyns! Er lasse sie vollen Ersatz in der Freundschaftsquelle der Unnachahmlichen finden, die dem ehelichen und mutterlichen Berufe freiwillig entsagt, um jeden Kelch mit ihrer Jugendgespielin zu trinken, und auf denselben Stufen, gleichen Schritts mit ihr, in die Region der Auserwahlten zu steigen! Moge der Gedanke untrennbarer Vereinigung euch immer als ein lachender Genius zur Seite stehen und durch dieses kurze Leben begleiten, ihr gottlich verschwisterten Seelen! Zwei Blumen so denk' ich mir euch zwei herrliche Blumen im Thale, umringt von unubersteiglichen Felsen, die, der Kenntniss der Menschen und ihrer Neugier ewig verborgen, ihr bluhendes Daseyn in dem leeren Luftraume verdunsten aber ein Engel des Himmels hat sie unter seiner Obhut, sonnet, pfleget und schmuckt sie, und findet Wohlgefallen an ihrer Eintracht und Schonheit. Wer kann sagen, dass sie Unrecht leiden? Wer kennt den Umfang ihrer Bestimmung? An dieses trostende Bild will ich mich halten und mein Hauptkissen damit polstern, und so oft ich murrend..
Gott! was ist mir begegnet! Es lag, Eduard wahrend der drei Stunden, die ich Dir vorjammerte, lag eine der schauderhaftesten Nachrichten auf meinem Pulte. Ich entdeckte sie, da ich mir eine Thrane abtrocknen wollte, die mir meine Trauer um das schone, edle, duldende Kind entriss. Indem ich mein Schnupftuch entwickelte, fiel ein Brief heraus. Hier lies seinen Inhalt.
"So sehr ich auch fur Ueberraschungen bin, lieber Wilhelm, so hatte ich derjenigen doch gern entbehrt, die du mir heute zu sehr ungelegener Zeit verschafft hast."
Was zum Henker, dachte ich bei mir selbst und legte meine flache Hand auf das Blatt, will der Marquis mit diesem spitzigen Eingange? Ich konnte es nicht errathen, und las fort.
"Ich wurde mich uber meinen verlornen Spaziergang kaum getrostet haben das Gluck, das dir ward, gehorte mir, du fuhrtest Klarchen, und ich inzwischen musste deine tollen Geschafte bei ihrem Vater vertreten ware mir nicht zu einiger Entschadigung der Spass geblieben, dich am Ende mit den Folgen deiner angenehmen Zerstreuung, die alle deine Schritte durch die Welt begleitet, selbst starker noch zu uberraschen als du mich."
Zur Sache, lieber Marquis, rief ich voller Ungeduld. Ach, ich erfuhr sie nur zu geschwind!
"Dein verlornes Schnupftuch und dein unbenutztes Einlassbillet haben sich wieder gefunden. Ich soll dir das erstere im Namen des Konigs uberliefern. In Ansehung des andern wird dich das daruber gehaltene Protokoll verstandigen, das ich von dem Herrn Intendanten Erlaubniss habe dir im Auszuge mitzutheilen:
'Nachdem der angeblich aus Chursachsen geburtige Ehrlieb Furchtegott Freiherr von ..., der seit drei Jahren wiederholter Betrugereien halber, sonderlich in verbotenen Spielen, auf die koniglichen Galeeren allhier gebracht worden, heute dato sich des Verbrechens schuldig gemacht, und eingestanden hat, dass er diesen Morgen die Unachtsamkeit eines andern hier durchreisenden Deutschen, der die Galeeren besah, benutzt, und mit derselben Hand, die er nach einem Almosen jenem entgegen streckte, nicht nur dessen Taschentuch, sondern auch einen Erlaubnissschein zur Besichtigung des koniglichen Arsenals, diebischer Weise entwendet, und beides eine Stunde nachher einem Englischen Herumstreicher fur sechs Livres verkauft habe. Nachdem ferner nur gedachter aus Glocester geburtiger Vagabond sich in anstandige Kleidung arglistig versteckt, und unter dem angemassten, auf dem Einlassschein ausgedruckten Namen des rechtmassigen Eigenthumers sich Zugang in das Arsenal zu verschaffen kuhnlich versucht, und nicht vermocht hat, seine dabei hegende verratherische Absicht zu laugnen, solche vielmehr durch sein wortlich folgendes Gestandniss ausser allem Zweifel gesetzt ist u.s.w. Als haben die koniglichen Admiralitats-Gerichte allhier fur Recht erkannt, und sprechen demnach fur Recht: dass beide genannte, ihrer Verschuldung uberfuhrte Gaudiebe, und zwar der Englische Matrose, nachdem ihm der Name, den er sich falschlich zugeeignet, abgenommen, und sein eigner ehrenverlustiger an die Stelle gesetzt worden, auf das im Hafen vor Anker liegende, noch uneingeweihete neue Kriegsschiff Vengeance gebracht, dem zur Vollstrekkung des Urtheils bereits angewiesenen Officier daselbst uberliefert, und vor Untergang der Sonne an den Mastbaum aufgeknupft und gehenkt werden, bis der Tod erfolge. v.R.w.'" Bei den letzten Worten unheimlicher ist mir in meinem Leben nicht zu Muthe gewesen entfiel der Brief meinen zitternden Handen, das Athemholen, das mir wahrend des Fortlesens schon schwer genug ankam, schien jetzt ganz auszubleiben. Fur alles in der Welt hatte ich nicht gewagt mich umzusehen; denn mir war immer, als standen von den beiden Gehenkten der Freiherr auf der einen, der Matrose auf der andern Seite meines Lehnstuhls, um mich uber ihre Hinrichtung zur Verantwortung zu ziehen. Neben bei fuhr mir auch der grasse Gedanke durch den Kopf, dass, wenn ich nicht dem lahmen Gefreiten zu gut bekannt gewesen, und es dem Englischen Spion gelungen ware, meine Einlasskarte zu seiner gottlosen Verratherei zu benutzen, wie leicht mein ehrlicher Name statt seiner, den Galgen geziert und mich dem gerechten Hasse der vortrefflichen Nation bloss gestellt haben wurde, die mir nichts als Liebes und Gutes erzeigt hat. In diesen scheuen Augenblicken sprudelte mein abgebranntes Licht, verlosch, und alle Schrecknisse der Nacht sturzten uber mich zusammen. Mein brausender Kopf was ist doch der Mensch fur eine armselige Maschine! druckte sich, wie im Vorgefuhl der Erdrosselung, zwischen die Achseln, Galle uberlief meine Zunge, und ein hasslicher Krampf straubte mein Haar. So verschwitzte und verhorchte ich eine lange peinliche Stunde in einer Todesangst, die von den Gehenkten auf mich vererbt schien. Endlich es war die heftigste Erschutterung meiner gespannten Nerven, aber auch die letzte horte ich von weitem ein Posthorn schmettern, und einen Wagen vor das Haus fahren. Der Postillion ich hatte ihm billig fur den blinden Passagier ein Trinkgeld bezahlen sollen brachte mir meine entlaufene Vernunft zuruck. Ermannt sprang ich von meinem heissen Lehnstuhle auf, hob die Vorhange und offnete das Fenster. Mein Grausen verflog. Ich sah lebende Menschen, und den Anbruch des Morgens schon hell genug, meinen furchtbaren Brief weiter zu lesen. Schamroth und lachelnd hob ich ihn vom Boden auf, las herzhaft die Mordgeschichte noch einmal sammt der Nachschrift, die ich Dir noch abschreiben will.
"Damit du nun auch horst," fahrt Saint-Sauveur fort, "wie erbaulich sich dein Landsmann bei seinem Uebergang in die andere Welt betrug, so lege ich dir einen Auszug der Anzeige des Officiers bei, der die Exekution kommandirt hat." "Und als nun beide Verurtheilte auf dem Verdeck zusammen trafen, weigerte sich jeder die Leiter zuerst zu besteigen. Da sich die Sonne schon stark neigte, befahl ich, um keinem Unrecht zu thun, den Streit durch Wurfel zu entscheiden, deren auch sogleich drei gebracht wurden. Zur Kenntniss des menschlichen Herzens, wenn es bis auf einen gewissen Grad verdorben ist, verdient angemerkt zu werden, dass die Freude des Deutschen, bei Erblickung derselben unmassig war. Als er sie von dem Englander, der zuerst warf, ubernahm, kusste er sie, rieb sie warm zwischen den Handen, und: 'Es geht doch nichts uber ein Hasardspiel!' sagte er, warf, und verlor durch einen Punkt weniger den ausgesetzten Preis. Unwillig, doch entschlossen, machte er sich nun auf den Weg. Indem ihm der Strick um den Hals gelegt wurde, sagte er zum Nachrichter: 'Ich bin aus der Uebung gekommen. In den Badern, besonders in Ronneburg, verstand ichs besser. Hatte ich den Satz Wurfel gehabt, die mir der dortige Kammerprasident abnehmen liess, der Englander sollte, bei meiner Kavaliers-Parole, eher gebammelt haben als ich. Noch ein Wort, lieber Freund, mache Er Seine Sache gut: ich kann Ihn belohnen; denn ich habe die drei Wurfel in dem Rumor heimlich eingesteckt; die gehoren nun Ihm. Sie konnen Ihm etwas eintragen, ich will Ihm sagen wie: Schreibe Er unter meiner Addresse nach Leipzig, so kommt der Brief sicher an meinen nachsten Blutsfreund. Diesem biete Er sie an. Er macht gewiss einen guten Handel; denn die Wurfel eines Gehenkten sind schon etwas werth. Sie sollen nie fehlen, sagt man. Schade dass ich nicht selbst versuchen kann, was daran ist! Eile Er aber, damit der Kauf noch vor der Michaelis-Messe ...' Hier stiess ihn der Nachrichter von der Leiter."
"Aus dem, was du gelesen hast, darf ich wohl voraussetzen, dass dir morgen das schmalste Mittagsbrot anderwarts schmackhafter dunken wird, als das prachtigste Fest unter dem Mastbaume der Vengeance. Die angenommene Einladung ist leicht wieder abgesagt. Lass uns also, was wohl das klugste ist, mit dem Tage von hier aufbrechen, damit wir noch vor Untergang der Sonne, die du heute deinem Landsmann hast ausloschen helfen, unser schuld- und straffreies Thal erreichen. Dort wird es dir hoffentlich eher behagen, die reichhaltige Geschichte des verlaufenen Tags in eigene stille Betrachtung zu ziehen, als umringt von Fragern und Zuhorern. Wo wolltest du Zeit hernehmen, die Neugier aller zu befriedigen, in deren Mauler du gerathen bist? Auf den Maltheser Ritter allein musstest du eine gute Stunde rechnen. Er ist zu sehr Genealogist, um nicht bei Gelegenheit des Mastbaums den Stammbaum des gehenkten Edelmanns bis auf den nun ausgegangenen Zweig zu beleuchten, Ahnenprobe mit ihm anzustellen, und dabei zu bedauern, dass eine solche Stiftsfahigkeit, fur die mancher ehrliche Burger gern Haus und Hof hingeben wurde, wenn er sie dadurch erlangen konnte, so schandlich verloren gegangen sei. Hast du nun fur dergleichen genealogische Ergetzungen keinen Sinn, trauest du dir nicht Festigkeit genug zu, den Bemerkungen deiner moralischen Tischnachbarin, dem viel sagenden hoflichen Stillschweigen des Intendanten, den Sticheleien deines lahmen Begleiters, mit Einem Worte, allen den Folgen von H e u t e , gesetzten Schritts morgen entgegen zu treten; so halte dich gegen funf Uhr fruh, wo ich bei dir vorfahren werde, zu deiner Abreise gefasst.
Saint-Sauveur."
Das trifft ganz vortrefflich zusammen! Eben schlagt es. Ich bin vollig, noch von gestern her, gekleidet, und hore, wenn ich mich nicht irre, den Wagen des Marquis uber die Gasse herrollen. Richtig er ists.
Den 21sten Februar.
Den 21sten Februar.
Unterweges von Toulon nach dem Sonnenthal.
Fussnoten
1 Nach einem Auszug aus Bernoulli's Reisen im Jahr 1777. 1ter Theil p. 78. Endlich sind in dieser Blibliothek (des Generals von Borke zu Stargardt) eine Menge Bucher, die nur ihrer Seltenheit wegen merkwurdig sind u.s.w., als zum Beispiel die Bibliothek des Don Quichotte, namlich alle Romane, welche nach der allgemein bekannten Geschichte dieses irrenden Ritters, den Buchervorrath desselben ausmachten 2 Calendarium Romano-Germanicum medii aevi etc. Adornavit Anton Ulric ab Eralh Exemplar unicum, partim prelo subjectum, partim libera manu successive impressum etc. in IX Tomos. Dillenburgi 1761. 3 Der Abbe la Coste, der 1760 auf Zeitlebens zu der Galeerenstrafe verdammt wurde.
Vierter Band
Vierter Theil.
Marseille.
Den 22sten Februar.
Nie stand die deutsche Kunst auf einem bessern Fuss Wir Dichter wiegen uns im Schooss der Aristarchen! Entruckt dem feinen Ohr des Sangers von Venus Verrath uns Niemand, wenn wir schnarchen. Die Leser? O fur die ist nie ein Schedel leer; Sie stellen, stutzt sich nur ihr schlummernder Homer Auf ihre Schulter, gleich dem thatigsten Monarchen Aus eignem Ueberfluss, das sinkende Verkehr Mit Sinn und Wohllaut, wieder her: Denn da nach jenem Fund, den F a u s t gethan und
Schafer,
Ein dritter deutscher Kopf, den, fur sein Vaterland Weit nutzlichern G e d a n k e n s t r i c h erfand; So singe wie ein Spatz, schreib wie ein Siebenschlafer, Nur sei nicht karg mit jenem Zug der Hand! Er gilt im Wechsel fur Verstand. Der Leser hilft so gern dem Autor aus dem Traume, Freut glaubig sich des Sinns, den er ihm unterlegt, Und halst dem Ehrenmann, der ihm diess Bruckchen
schlagt
Zum Fortgang in dem leeren Raume Dafur mehr Plunder auf, als durch den Sporn erregt Die alte Mahre kaum ertragt, Die an dem Pindus grast und nur zu gern dem Zaume Des Reiters zu entwischen pflegt. Vor Lesern, die mich nur mit ihrem Geistesschaume Besudeln, schutze mich dein Genius! Er wagt Pruft und ersetzt das Bild, das noch unausgepragt Im Munzstock hangen blieb. N a c h s t i h m , vor dem
die Krucken
Gelahmter Dichter sich wie vor Apollo bucken, Der Skribler nur verlacht, die tadellos und klug Sich dunkend, auf Homers und Miltons Aschenkrug Viel blinder noch als sie, mit stolzem Mitleid blicken, Hat K l i n g e r s deutscher Geist am meisten Recht und
Fug
In meiner Gallerie die leeren Rahm' und Lucken Mit B i l d e r n minder nicht die dunkeln
Eselsbrucken,
Die meine matte Hand mit einem Federzug Zum Uebergang ins Reich der Phantasieen schlug, Mit L e u c h t e n zu versehn. Doch nah're Wunsche
Mir itzt das Herz Lass Freund, lass von den
Blumenstucken
Berlins es spriessen dort der Rosen ja genug, Ein Korbchen voll von Deiner Muse pflucken, Das Zerrbild meines Ich's aufs festlichste zu schmucken, Das gestern Morpheus mir, in schwerem Eulenflug, Gleich einem Savoyard, auf seinem breiten Rucken, Als war's ein Murmelthier in traumendem Entzucken, Mit Mohn bekranzt, vorubertrug. Erwecke zum Genuss des Tages, jene Stunden, Die ich verschlief; empfind' an meiner Statt Die Freuden, die ich nicht empfunden! Wie ein Gebrechlicher sein Ehbett dem gesunden Hausfreunde uberlasst, so unterwirft diess Blatt Rein wie die Unschuld selbst, mir aus der Hand
gewunden
Sich Deinem Bildungstrieb. Trotz Deiner vielen Kunden, Fur einen Ritterdienst fuhlst Du Dich nie zu matt, Drum hoff' ich auch Du wirst gern meinen Blendling
runden,
Der wie ein Embryo des langen Schlafes satt Sich dehnt und regt, bis er, der Dunkelheit
entschwunden,
Gleich einem Konigssohn durch S i e b o l d s Kunst
entbunden,
Luft, Licht und Diadem Dir zu verdanken hat. Wohlan, nach grauser Nacht und beigelegtem Streite Mit einem deutschen Dieb und englischen Spion Erschein Aurora mir! Gleich ihr, Freund, uberbreite Dein Dichterglanz die fahle Region, Die mir, erinnre Dich, der hinkende Gefreite So wunderreich beschrieb, als war zum Botenlohn Mein Staunen ihm genug. Doch, Theurer, jetzt geleite Von jenem Marterstuhl, auf dem ich zu Toulon Mehr zitterte als je ein Schach auf seinem Thron, Mich an die freie Luft. So schnell Du kannst, bereite An meines edeln Freunds und Krankenwarters Seite Ein weiches Polster mir in seinem Phaeton. "Gott gruss dich Saint-Sauveur," lall' ich; in gleichem Ton Grusst er auch mich, doch kaum fliegt sein Gespann ins
Weite
So schnarchen Er und Ich auch schon. In dieser Noth nimm Dich des Fuhrwerks an, nur gleite Aus zu viel Eifer nicht vom Kutschersitz, zum Hohn Der schonen Lesewelt, wie vormals Phobus Sohn! Streif mit uns Traumenden dem Racheschiff' im Hafen1 Den Schwalben gleich voruber, denn uns ficht Sein Gastmahl nicht mehr an und wenn das
Himmelslicht
An dem, im Tod noch treugebliebnen Sklaven Der Wurfel, seine Strahlen bricht Wenn sein zum erstenmal errothendes Gesicht Nach der Galeere schielt, wo wir zusammen trafen, Wo meines Taschentuchs entscheidendes Gewicht Zum Lehrer ihn erhob, der Recht, Gesetz und Pflicht Bewiesner demonstrirt als selten es der braven Gelehrten einem gluckt der vom Katheder spricht, So schliess aus meiner Ruh, wie vielen Herzensstrafen Der Schlaukopf sich entzieht, der sein geheim Gericht Mit einer Dosis Schlaf besticht. Nur store mich Dein Genius, im Schlafen Durch des Verklarten Predigt nicht. Den Spieler hinter uns, im nachsten Wald, begegne Ein jung Dryadchen Dir, dem jungst der Saft gerann, Der seinen Sprossling nahrt. Hier halt die Zugel an, Sei der Verkummerten ein zweiter Zevs, und regne In Gold auf sie herab; doch hub' ein West etwann Gewisse heimliche, jetzt ihrem fernen Mann Nicht halb so gut als Dir gelegne Kleinodien aus ihrem Kirchenbann; So wende schnell von da Dein wieherndes Gespann Und fuhl' es, dass bei Gott! der glucklichste Verwegne Im schlupfrichsten Roman, den Crebillon ersann, Sich keines festlichern Genusses ruhmen kann, Als hier der Reisende durch meinen, den Gott segne Erbaulichen Gedankenstrich gewann. Hat, weiter nun, Dein Geist im Spalt der Felsenmauer Die ich Dir jungst gemalt, die nackte Hoh' erklimmt, Das Ungeheuer ihn, das dort auf meiner Lauer Den Rachen sperrt und nach dem Abgrund schwimmt, Zur hohern Poesie gestimmt, So segne meines Schlummers Dauer Und schildre furchterlich den Schauer Des Schwindels, der Dich ubernimmt. Verfolge die Gefahr bis zu dem schmalsten Rande Der letzten Kluft, die ins Gesicht Dir gafft! Ein Wunder rette mich; mal' es so lugenhaft, Als je auf seiner Fahrt zu Wasser und zu Lande Ein Robinson als je auf seiner Pilgerschaft Ein Mitglied aus der Spielerbande Der Heiligen, eins aufgerafft. Durchflechte, Freund, mit Ahndungen und Schrecken, Ein zweiter Ossian, die Raume der Natur, Durchdonnre, wenn Du willst, die Flur: Doch hute Dich, mich aufzuwecken Diess einzige verbitt' ich nur! Nach allem Ungestum, den Du in Deiner Runde Mit Malerlist und Seelenkunde Erregt, wie wird so wunderschon Auf diesem schwarzen Hintergrunde Das Farbenspiel der Abendstunde Dein bald errungnes Ziel erhohn! Sie bring' uns schnell gesund und heiter Auf nun gebahnterm Weg in das gepriesne Thal. Jetzt sind wir da; doch ach, wo sind' ich eine Leiter Aus meinem Phaeton? Wer leuchtet durch den Saal Mich in mein Kammerchen und weiter? Das alles zieh' aus dem Gedankenstrahl, Der meinem Kiel entfloss, und nun zum letztenmal Noch eine Bitte, mein Begleiter! Sind gleich die Stunden voll, des warmen Abends Rest Bedarf zur Krone doch noch eine Sie schwebe noch, bevor Dein Schutzgeist mich verlasst, Einher auf dem verbuhlten West, Mit Duften angefullt, die er dem Buchenhaine Zu meinem Schlaftrunk ausgepresst, Und lock' und treibe sanft das weit verflogne kleine Geliebte Taubchen, das ich meine, Aus seinem, in mein Federnest. Dann, Lieber, lass im Mondenscheine Die Girrenden fur sich alleine Und ende Dein Gedankenfest. Und nun dem Maler Preis, der bis zum hochsten Lichte Das dusterste Gemald' erhob, Und dem unformlichen Gesichte Des Fortgangs meiner Zeit-Geschichte Form, Kraft und Leben unterschob! Der Tag kam in sein Gleis, der, wie es schien, vergebens Dem Kreise des Gefuhls entwich, Kraft meines Federzugs, der in dem Gang des Lebens Dem Faden Ariadnens glich. Zog er denn nicht, o Freund, in Deinen Handen mich Aus Schwindel und Gefahr? und ward denn nicht durch
Dich,
O Meister in der Kunst des geistigen Verwebens! Auch er das Zauberband, an dem mein zweites Ich In leisen Schritten, jungferlich Mit allen Grazien des kindischen Erbebens Zu meiner Kammer uberschlich? Umschlangen nicht an ihm nach langer Trennung sich Zwei Herzen, voll so inniglich Magnetischen Entgegenstrebens? Gott, welch ein Schlaf! welch ein Gedankenstrich! So sah der erste Mensch im ersten Traum sich wippen, Und stieg und fiel bald hoch, bald tief, Verlor in Dornen sich, stiess sich an Marmorklippen, Und traumte von zerbrochnen Rippen, Und wusste nicht, welch Gluck er sich erschlief, Bis ihn sein holdes Weib mit sussgespitzten Lippen Zum frohlichen Versuch, sich munter dran zu nippen, Aus den getraumten Dornen rief, Und ihm gleich dem Montblanc im Morgenperspectiv, Zwei Schneegewolbe zeigt, an denen im Betippen, Kein Finger bricht, gesetzt, er griff' auch noch so schief, Und ihm, auf die Gefahr fur Wollust umzukippen, Mit jenem Hauptjuwel, das nur ihr Schopfungsbrief Errathen lasst entgegen lief.
Ehe ich mich ganz von der holden Nachterscheinung entferne, die mit dem letzten Punktchen meines reichhaltigen Gedankenstrichs, schoner als ich sie, in Wahrheit, getraumt habe, aber noch lange nicht so anschaulich hervortrat, als Du, mein verstandiger Freund und Leser, sie ausmalen wirst, muss ich Dir doch der Vollstandigkeit wegen die stille Betrachtung noch mittheilen, mit der ich heute, ziemlich spat, mein Bette verliess. Der angeborne und treueste Freund menschlicher Natur, besonders der meinigen, zischelte ich mir zu und rieb nur die Augen munter, hat es doch diessmal wieder recht gut mit dir gemeint, aber fast zu gut! Es ist nicht der erste Morgen, wo ich ihm diesen kleinen freundschaftlichen Vorwurf zu machen habe. Ich bin in meinem Leben, das ist gewiss, manchem widrigen Augenblicke, vielen Sorgen und Grillen, durch die Vermittelung des Schlafs, wenn keine andere verfangen wollten, glucklich entwischt; durch ihn wurden nicht selten meine brausenden Leidenschaften dert. Dagegen aber hat mich auch sein einschmeichelnder Besuch eben so gewiss um manche schone Belohnung der Wachsamkeit, um manchen Gewinnst an Kenntnissen gebracht, der nicht zu berechnen ist. Ueber sussen Traumen der Nacht habe ich oft weit sussere des Tags verloren, und bei Freuden, die man nur mit offenen Augen geniessen kann, wie heute bei der aufgehenden Sonne, das Nachsehen gehabt. Sie, die ich kurzlich mit solcher Inbrunst besang, ist schon seit vier Stunden dem blumigen Brautbette dieses Thales entstiegen, und hat nun fur mich, wie jede Schone, die sich der weiten Welt Preis giebt, nichts anlockendes mehr. Auch Saint-Sauveur hat, wie die Sonne, das Erwachen seines Gastes nicht abgewartet. Er ware, sagt mir mein schnurbartiger Landsmann, den er mir zu meinem Fortkommen zuruckliess, mit Tages Anbruche, seinen Geschaften nach, zu Fusse, durch den Tempel des Friedens, und vermuthlich nach Marseille gegangen. O warum hat mich der gute Mann nicht geweckt! Wie gern hatt' ich seine muntere Unterhaltung, in der Kuhle des Morgens, gegen die Schattenbilder meines Traums eingetauscht, da ich jetzt, bei voller Besinnung, ein paar heisse einsame Stunden durchbrechen muss, um in meine verschraubte Wirtschaft zu gelangen, wohin mich ein paar alberne Briefe auf das angstlichste rufen. Sie beleidigten schon mein Auge, als ich sie aufschlug, und ihre Siegel verriethen mir sogleich, als wenn es die bekanntesten Wappen waren, von wem jeder herruhrte. Auf dem einen war eine hirnlose Maske auf dem andern das Petschaft des Michelangelo gedruckt. Ich griff nach dem Wahrzeichen des ersten, der mir eine wortreiche Bitte entwickelte, an deren schleuniger Gewahrung mir zwar eben so viel gelegen war, als den beiden Puppenspielern, die sie vortrugen, aber auch gerade um desswillen mir recht boses Blut machten. Diess verlangt eine Erklarung, lieber Eduard. Du wirst Dich erinnern, unter welchen Scheltworten ich mir letzthin den armen Prologus vom Halse schaffte, als er sich mit rednerischem Anstand meinem Schreibepulte naherte. Hatte ich nur zwei Minuten Geduld behalten ihn anzuhoren, so wurde ich erfahren und mich langst darein gefugt haben, dass die Elektra, mit der er seinen Perioden anhub, nichts weniger als griechischen Ursprungs, sondern in jenen glucklichen Tagen seiner theatralischen Herrschaft die prachtige Frau des ersten Akteurs gewesen, seit kurzem Wittwe geworden Besitzerin eines weitlauftigen Sortiments trefflich organisirter Puppen, und geneigt sei, ihm, aus unveralteter Achtung, ihre Hand zu geben. Schliesse ja nicht aus dem gedrungenen Auszuge des Briefs auf seine Kurze. Ich konnte Dich damit todten, wenn ich Dir ihn in seinem ganzen Umfange vorlegen wollte. Durch mein Zusammendrucken, wie ich es bei so heillosem Geschwatze zu thun pflege, habe ich ihm nur das Gift benommen. In einer Nachschrift bitten beide Bruder um ihre Entlassung noch diesen Vormittag, mit Beibehaltung ihrer Livree, weil der Jahrmarkt zu Montpellier, wo Elektra zuerst ihr neues Theater zu eroffnen gedachte, schon ubermorgen seinen Anfang nahme, und sie dort eines Prologs und Epilogs gewiss benothigter seyn wurde als ich. Hierin haben nun die zwei verbruderten Narren vollkommen recht; auch will ich eilen, und meiner eigenen Freiheit so lange Zwang anthun, bis ich ihnen, wie ein Paar unnutzen Stubenvogeln, die ihrige geschenkt habe. Mogen sie mit ihren bunten Federn, die ohnehin nicht von der Farbe meiner Helmdecken sind, aus einer Wildniss in die andere ihren Talenten nachfliegen. Mir soll ihres Schicksals halber weiter kein graues Haar wachsen. Ungleich mehr Sorge macht mir die peinliche Frage, mit der in der zweiten Epistel der unselige Passerino mir zu Leibe geht. Freilich hatte ich es vergessen aber er nicht, dass der einzige Tag, den uns SaintSauveur zu der artistischen Reise nach Cotignac frei gab, morgen eintrete. Er wolle, sagt er, die ungluckliche Moglichkeit gar nicht voraussetzen, dass ich zum zweitenmale anderes Sinnes geworden sei, und habe desshalb die Postpferde mit dem fruhesten in meinen Gasthof bestellt. Was will ich thun? Wurde er mich wohl aus Frankreich lassen, ehe ich ihm nicht mein Versprechen halte? So sei es denn! Doch soll es gewiss der letzte Liebesdienst seyn, den ich meinem tollen Lehrmeister erzeige, so wie das letzte Marienbild, das ich besuche. Ach! aber wie fallt mir der Abschied so schwer, den ich, o Gott, auf ewig von diesem reizenden, einzigen Thale nehmen soll. Ohne jenes abgeschmackte Berufsgeschaft hatte ich wenigstens noch einen Tag langer (Saint-Sauveur stellte es mir ja anheim) hier bleiben, und diese Hohen und Tiefen diese Landhauser und Wiesen, die sich vor mir hinstrecken, naher beaugeln konnen, als durch das Fenster. Ist es nicht zum Tollwerden, dass ich die letzte Vorstellung eines so prachtigen Schauspiels, als mir die Natur auf Morgen verspricht, ausschlagen muss, damit ein paar Mussigganger einen Tag eher ihre holzernen Puppen den Gaffern ausstellen, und ein Schmierer an einer noch elenderen als jene, seinen Pinsel versuchen kann? Vergebens wiederhole ich mir, wie viel edler solche Hingebungen werden, je mehr sie uns kosten. Meine Grossmuth hebt den Schmerz nicht, und am meisten argert es mich, dass es solche Armseligkeiten sind, die mich von hier abrufen. Ich bin doch in der That ein sehr guter Narr, dass ich gehe! Nur noch einen Schluck aus diesem wurzhaften Luftstrom! Einen Hinblick noch auf das starkende Grun dieser Gefilde! und dann lege ich, mit dem Seufzer eines Liebenden, der aus den Armen seiner Schonen zum Sturmlaufen gerissen wird, die Feder aus der Hand gebe meine Nase dem Staube der Heerstrasse und meinen armen Kopf den Strahlen Preis, die senkrecht auf ihn herabschiessen.
Marseille.
Das Gesicht voller Schweisstropfen alle Poren von der Hitze geoffnet, sprang ich endlich nach zwei melankolischen Stunden den Urhebern meines Missmuths in die Hande. Sie erwarteten meiner am Thore des Gasthofs, wie ihres Heilandes, und spitzten die Ohren auf das erste Wort, das ich vorbringen wurde, und das war: "Ein frisches Hemde!" aber diese in Feuer gesetzten Genies waren schon so fremd in meiner Haushaltung geworden, und so irre, dass sie mich an Bastian verwiesen, der aber nicht zu Hause sei. Sprachlos vor Aerger wankte ich die Treppe hinauf, und fand an meiner Thure eine Dame hocken, die sich nur noch hatte erbieten durfen, mir eins uberzuwerfen, um alle meine innern Fluche zur Sprache zu bringen. Es war die Geliebte des Prologus, die beruchtigte Elektra, die sich mir in einem Aufzuge zu Fussen warf, dass ich trotz des Zugwindes fur das klugste hielt, sie sammt ihren Theaterhelden gleich auf dem Vorplatze abzufertigen. Ich druckte jedem zum freundlichen Lebedie Hande, ihr albernes Handwerk kunftighin kluger zu treiben, und die Trodel-Lumpen, die sie aus meinem Dienst mitnahmen, vollends als ehrliche Kerle zu zerreissen. Heilfroh uber mein erstes abgethanes Geschaft, schlupfte ich nun in mein Zimmer, und bald nachher kam mir auch mein Kammerdiener zu Hulfe. Als er das Seinige besorgt hatte, fertigte ich ihn an den Marquis ab, und suchte nun Ruhe und Friede in meinem Lehnstuhle; hatte aber kaum einige Minuten selbststandig und selig, wie die Gottheit, ohne Prologus und Epilogus da gesessen, als mich der Narr von Maler in das menschliche Elend wieder zuruck brachte. Aber auch ihn uberhob ich, wie die Puppenspieler, des Vortrags "Gehen Sie jetzt wie gewohnlich auf meine Kosten zur Wirthstafel Morgen fruh, Herr Passerino, bin ich zu Ihrem Befehl!" zugleich bewegte ich die Hand gegen die Thur, zu der er nun, ohne den Mund zu offnen (so gut hatten wir einander verstanden), hinausschlupfte. Wundere Dich nicht uber meine lakonische Laune, Eduard! Wie konnte ich mich wohl gegen diese Menschengesichter, die mir einen Tag voller Genuss auf dem schonsten Winkel des Erdbodens geraubt hatten, zu freundlichen Gesprachen herablassen! Doch, es kommt noch bunter hore nur! Hast Du nicht auch, wie ich, erwartet, dass mich S. Sauveur auf den Mittag einladen wurde? Ja, wenn er nicht durchaus an mir die Haltbarbeit seines Systems versuchen wollte Seine heutige Ueberraschung aber, mag er mir nicht ubel nehmen, geht uber die Erlaubniss. Rathe einmal, was mir der artige Marquis an Bastians Stelle, von dem ich, ohne mich umzusehen, glaubte, er nahere sich jetzt mit seiner Bothschaft meinem Lehnstuhle fur einen Abgeordneten zuschickte und mit welchen Auftragen? Einen vornehmen Seeofficier einen Verwandten des Brigadiers, der mir ankundigte: "Er habe ihm die Ehre ubertragen, in seiner heutigen Abwesenheit fur meine Bewirthung und Unterhaltung zu sorgen." "In seiner Abwesenheit?" fragte ich mit Befremden, das dem Herrn auffiel "Nun ja; denn Sie wissen doch," antwortete er, "dass Sie ihn diesen Morgen auf seiner Bastide zuruckliessen?" "Nein, das ist mir in der That etwas Neues," stotterte ich unter einem misstrauischen Blick auf den Unbekannten "Nun so kann ich es Ihnen bescheinigen" Der Brief, den er mir mit diesen Worten uberreichte war zwar nur fluchtig und mit Bleistift geschrieben, unlaugbar aber von der Hand meines Freundes Ein Gluck, dass es so war, nimmermehr ware ich sonst von der Stelle gegangen, so sonderbar kam mir der Inhalt vor "Ich" lautete er ungefahr, "antworte Dir sehr in Eile, wie Du siehst, aus meinem Janustempel, den ich dringender Geschafte wegen vor morgen nicht verlassen kann" "Aus seinem Janustempel? dringender Geschafte wegen? in dem Durchgange eines Steinbruchs?" Ich suchte geschwind uber meine stillen Fragen Erlauterung in der folgenden Zeile Was fand ich? "Die zwei ersten Feiertage Deines Festes verlor ich zu Toulon auf den heutigen dritten und letzten muss ich nun zwar auch Verzicht thun doch stelle ich Dir, um die Lucke zu fullen, meinen Mann an einem alten Bekannten von mir, aus Berlin, der eben in meinem Wagen nach der Stadt fahrt" "So?" murmelte ich, "Er? ein sonst so guter zuvorkommender Wirth konnte sich doch heute vor Dir unter einem Steinhaufen verstecken? Was in aller Welt hatte der Mann fur Ursachen dazu?" Das Ding fing an mich zu verschnupfen, doch las ich weiter, und da erklarte sich denn der ganze Handel: doch so, dass ich beinahe ausser mir kam. "Mein armer Freund," erzahlte er ganz unverblumt seinem Verwandten, "hat nach seiner Genesung von einer schweren Gemuthskrankheit tagliche Veranderung nothig und ich suche hierin nach Moglichkeit seinen Arzt zu ersetzen, der sich entfernt hat: doch sorge ich heute gewiss so sehr fur Deine Unterhaltung, als fur die seinige, wenn ich Dich bitte, Deine gastfreie Einladung von mir auf seinen Kopf uberzutragen. Dieser Sonderling vom festen Lande halt, wie alle reisenden Deutschen, so gut ein Tagebuch und selbst punktlicher noch als ein Admiral." Ich mochte wohl horen, wie er sein erstes Gastmal zwischen Himmel und Wasser beschreiben wird. Dabei muss ich Dir nur sagen, dass ihm der Gotze, dessen W i e g e n f e s t Du begehst, ein so grosser Heiliger ist, dass er es gewiss, in dem Taumel seiner Verehrung, allen Deinen ubrigen Gasten zuvorthun wird. Was willst Du mehr? Morgen nehme ich Dir die Sorge fur ihn wieder ab. Ich muss des armen Schelms wegen zur Stadt, der auf Leben und Tod sitzt und bin recht neugierig darauf "So? so?" wie angenehm ihn das Schrecken seines Pardons u b e r r a s c h e n wird. "Es soll mir und schon desswegen ist mir diess Dienstgeschaft lieb einen neuen herrlichen Beweis fur mein System liefern." Ist es nicht, uberdachte ich das Gelesene, ein recht hamischer Streich, den dir hier der saubere Marquis, und diessmal gewiss nicht bloss aus Vorliebe zu seinem albernen System spielt? Er ubergeht zwar deine Sottise zu Toulon mit Stillschweigen, hatte er aber wohl in seiner Missive das heutige vermaledeite Wiegenfest zweimal unterstrichen, wenn es ihn nicht fur das schwindelnde Gastmal rachen sollte, um das du ihn durch Einschub des Gehenkten gebracht hast? Wenn er glaubt, dass ein drehender Kopf zu deiner Nachkur gehort, so verzeihe es ihm Gott aber wer ist denn der Heilige, dem so viel daran liegt? Den meinigen so berlinisch er ist soll er ungehudelt lassen Doch wie geschwind verschluckte ich meine abschlagige Antwort, als mir der Officier auf die obige Frage Voltairen nannte. "Ich habe das Gluck," fuhr er fort, "die Fregatte zu kommandiren, die seinen Namen fuhrt. Einige seiner Bewunderer haben sie ausgerustet, und so lange sie Wasser halt, verpflichtet mich meine Bestallung unter welcher Zone der Erde ich auch den 20sten Februar2 vor Anker liege, zu dreitagiger Feier seines Geburtstags. Es kann mir kaum so leid thun, dass die beiden ersten ohne Theilnahme unsers Freundes vergingen, als Sie an seiner Stelle, mein Herr, mir bei der Feier des letzten willkommen sind. Es ist weltbekannt, wie viele Anhanger der Schutzpatron meines Schiffs in Berlin hat, von F r i e d r i c h d e m G r o ss e n an bis auf den geringsten Standartenjunker. Meine Gesellschaft wird stolz darauf sehn, einen Reprasentanten seiner dortigen Verehrer in ihrer Mitte zu sehen; und auch ich freue mich herzlich auf die anziehenden Anekdoten, die Sie uns von seinem Aufenthalte in Ihrer Vaterstadt mittheilen werden." Jetzt war ich mir nicht klug genug, weder wie ich die Einladung des Kapitains ablehnen, noch der Verlegenheit trotzen sollte, in die mich allemal ein Kompliment verwikkelt, das man mir in dieser oder jener falschen Voraussetzung aufdringt und gewiss wurde keiner von Euch allen, die mit Voltaires Bekanntschaft gross thun, und mit den Beitragen seines Witzes dem ihrigen aufhelfen, meine Vokation unterschrieben haben, wenn Ihr die alberne Miene gesehen hattet, mit der ich sie annahm. Die Bangigkeit meiner Erwartung war unbeschreiblich. Ich konnte mir an den Fingern abzahlen, dass der Ehrenposten, den ich behaupten sollte, meinen naturlichen Schwindel nur noch vermehren wurde, und es ist die Frage, ob der Delinquent, uber den man m o r g e n Standrecht halt, nicht mit grosserer Besinnung hinter s e i n e m Kapitain hertraben wird, als ich h e u t e d e m m e i n i g e n nachschlich.
O was fur ein Ball des Augenblicks ist der Mensch! Daher sollten wir, nach dem Princip erfahrner Spieler, nicht bei jeder widrigen Karte, die der Zufall aufschlagt, ausser Fassung gerathen; immer auf Abwechselung hoffen, und bedenken, dass der mogliche Uebergang vom Verluste zum Gewinnste nur desto entzuckender ist. Mit welchem ungestum freudigen Herzklopfen wird nicht der heute noch so beklemmte arme Flugelmann morgen dem Kreis enteilen, der ihm den Tod drohte! Ich kann es mir lebhaft aus dem Gange meines Blutes erklaren. So schwer und trube es war, als ich den banglichen Wagen bestieg wie sprudelte es nicht, als ich ihn verliess. Ein Hinblick auf das in stolzer Ruhe prangende Meer versohnte mich geschwind mit mir selber, und meine kleinmuthigen Stubengrillen verkrochen sich vor der Hoheit der Natur Gott mag wissen, wohin? Sobald ich an der Seite meines Anfuhrers in der letzten der drei, mit Herren und Damen besetzten Gondeln, die nur sein Signal zur Abfahrt erwarteten, Platz genommen hatte, wirbelte von der vordersten her, unter deren Leitung wir vom Lande stiessen, ein Zusammenklang blasender Instrumente uber das Meer, der, von dem Jubel der Zuschauer erwiedert, alle Seelen zu beleben schien. Ich kann jetzt die Moglichkeit begreifen, wie eine volltonende kriegerische Musik es dahin bringen kann, dass so viele verzartelte Muttersohnchen den Hass gegen ihre Werber, ihr Heimweh und ihr Zittern vor dem Tode auf einmal verlieren lustig dem feindlichen Feuer entgegen tanzen, und sich einbilden konnen, sie haben Herz; denn siehe, auch ich fuhlte keinen Groll mehr gegen den Marquis und seinen Stellvertreter, lachte mit festem Blick der Fregatte zu, die vor meinen Augen hin und her schwankte, und machte mir keine Sorge weiter uber den Ehrenposten, zu welchem ich mich, ohne mein Zuthun, erhoben sah. O die Harmonie ist eine herrliche Anfuhrerin fur Geschopfe mit menschlichen Ohren! Ich habe die Donnerschlage der Kanonen nicht gezahlt, mit denen uns Voltaire zu unserm Empfang begrusste; ich weiss nur, dass man mir, unbeholfen wie ich war, das Vorrecht der schamhaften Damen zugestand, und auch mich auf einem herabgelassenen Armstuhl durch eine Winde auf das Verdeck zog, wahrend herzhaftere Manner auf der Strickleiter hinaufstiegen. Von da schlangelte sich die Gesellschaft in das Innere des Schiffs, einem Saale zu, dessen Grosse und Schonheit mir kein geringeres Erstaunen verursachte, als jenes Spiegelkabinet den beiden Berliner Nymphen, die sich heute vor sechs Wochen Gott moge sie unbeschadigt an Ort und Stelle gebracht haben unter dem Schalle meiner Horazischen Ode nach St. Domingo einschifften. Ich wusste nicht, wie ich mich bei den Musen entschuldigen wollte, wenn ich Dir diesen auf Wasser erbauten Tempel dichterischen Ruhms nicht beschriebe. Das Erste, auf das der feurige Hinblick der Andern meine Augen hinzog, war die Satyrfigur des Patrons in seiner naturlichen Durre und Blasse. Er grinzte aus einem, zum Blindwerden vergoldeten Rahm so spottisch auf unsere Huldigungen herab, dass mir die Schamrothe anflog, die seinen Wangen abging. Unter diesem Bilde lag auf einem Wandtische das auf Pergament gedruckte Trompeterstuck, mit welchem Er die Fregatte anblies, die den Schall seines glorreichen Namens als ein Landesprodukt ausfuhren, und in alle Winde verbreiten sollte.3 Auf zwolf Feldern von Purpurholz trugen glanzend gefirnisste Genien in erhabenem Schnitzwerk die einzeln Stufen zu der ganzen himmlischen Tonleiter seiner Muse zusammen. Sein schriftlicher Nachlass strahlte hinter den Gittern von vier Eckschranken hervor. Auf der Hohe derselben prangten, als seine Schutzgotter, die Busten unsers F r i e d r i c h 's, K a t h a r i n e n d e r Z w e i t e n des Kaisersohns J o s e p h und des Konigs der Sarmaten, in Pappe. Waren sie hier, sagte der Kapitain, ihrer Wurde gemass, aus Marmor, so sehen Sie wohl, konnten sie bei sturmischem Wetter durch ihre eigene Harte und Schwere leicht einander gefahrlich werden. Wollte Gott, erwiederte ich, die Natur hatte auch Rucksicht darauf genommen, als s i e diese Kopfe aufstellte. In der Mitte der Hauptwande haben zwei Charitinnen Korbe mit frischen Blumen empor. Jeder zu beiden Seiten, hielt ein Affe, mit allem Ausdrucke naturlichen Ingrimms, eine Tischplatte in die Hohe, die ausschliesslich den Lobschriften auf den Unsterblichen eingeraumt war. Um den Hals dieser angefesselten Trager schlang sich ein Band mit den Namen eines der Menschen, die dem Dichter zur Ableitung der Galle so nothig waren, als seine tagliche Nahrung. F r e r o n hielt den Anelitteraire4 B e a u m e l l e das Siecle de Louis XIV. N o n o t t e les Erreurs de Voltaire und F r a n c d e P o m p i g n a n seine Cantiques sacres mit der Umschrift in den Pfoten: Sacres ils sont, car personne n'y touche. Diese zahnefletschenden Gesichter waren, sagte man, ganz den Originalen ahnlich, die er, nach seinen vier Widersachern benennt, in dem Hofraume zu Fernay an Ketten gelegt, taglich mit eigenen Handen futterte und peinigte, um diesen schuldlosen Geschopfen die Freude seines Grolls fuhlen zu lassen, den er ihren NamensVettern bis an sein seliges Ende nachtrug. Alles war hier, wie Du siehst, auf die Ehre des grossen Mannes berechnet; nichts hat aber wohl jemals sie lauter verkundigt, als die ansehnliche Versammlung, in deren Kreise ich ausserst verlegen da stand. Meine Zunge war, gegen die Gelaufigkeit der andern genommen, wie vom Schlage geruhrt, und genau uberlegt, konnte vielleicht nichts besser zu meinen gegenwartigen Verhaltnissen passen, als diese Lahmung; denn wie leicht hatte mir sonst mein deutsches Gefuhl den Streich spielen, und mich verleiten konnen, aus Vergessenheit meiner Reprasentantenstelle, den Signalen unseres K l e i s t , K l o p s t o c k und W i e l a n d zu weit in den Irrgangen der Wahrheit zu folgen, und mir die Strafe zu erholen, die der Prophet J o n a s von seinen Zuhorern erlitt. Keiner der zwolf Junger, die hier zum Gedachtnisse des gottlichen Sterblichen versammelt waren, erwahnte seiner eigenen geringen Person, ausser in Verbindung mit seinem Meister, und alle suchten einander zu uberschreien. Wenn j e n e r im Zahlen war, wie oft er mit dem liebenswurdigen Dichter an einer Tafel gespeist habe, so storte ihn d i e s e r durch seinen langjahrigen Briefwechsel mit dem beruhmten Manne. Mancher hatte mehrere Wochen bei ihm in Fernay verlebt, und glaubwurdig genug die Affen personlich gekannt, die dort im Leben, wie hier in holzernen Nachbildern, seinen Ruhm stutzten. Der eine gab zu verstehen, er habe ihm, der jede Kleinigkeit zu benutzen wusste durch Umgang vielleicht zu mehr glucklichen Einfallen geholfen, als sich die litterarische Welt wohl vorstellte; der andere beschwor bei seiner Ehre, dass er vier Posten hinter Voltaires Wagen hergefahren, und immer so glucklich gewesen sei, beim Aussteigen ein oder zwei Worte von ihm zu horen, die bis zur nachsten Station wie eine Herzstarkung auf ihn gewirkt hatten. Ein dritter, indem er das Kinn vorstreckte, wie Voltaire selbst, liess merken, er truge wohl die Physiognomie des Dichters nicht von ungefahr. Sei es wie es sei, unterbrach er sich selbst, tant mieux!
Da ich mich von allen diesen Glucksfallen keines
einzigen ruhmen konnte, so kam es mir auch nicht von weitem in den Sinn, darein zu sprechen, bis mir eine junge Dame die Zunge loste. "Ach Gott!" rief sie enthusiastisch aus, "welchen Genuss gewahrt nicht sein herrlicher Geist einem denkenden Wesen!" Ich blickte ihr geschwind nach dem Busen, weil Kenner behaupten wollen, hier sasse den Weibern der Verstand, so wie ihr Herz hinter der Stirn. Beides aber kam mir etwas platt vor. "Vier Monate war der grosse Mann," fuhr sie mit aufgehobenen Augen fort, "in meiner Aeltern Hause zur Miethe, und denken Sie! ich bewohne sein Arbeitszimmer. Es ist klein aber wahrlich, ich vertauschte es nicht mit dem schonsten Spiegelgemach schon des Quatrains wegen nicht, das er auf eine der Fensterscheiben gekritzelt hat." "Was?" fiel ich ihr in die Rede, "Sie besitzen eine Fensterscheibe mit einer Quatrain von Voltaire?" "Ja," wiederholte sie mit stolzem Anstand, "vier Verse von seiner eigenen Hand, und die selbst in der neuesten Ausgabe seiner Werke fehlen." "O Madam!" trat ich ihr jetzt naher, "wie glucklich konnten Sie mich durch dieses Stuckchen Glas machen! Bestimmen Sie, ich bitte, einen Preis, ich verstehe mich unbesehen dazu." Lieber, lieber Eduard, dass ich doch nie lernen werde, meine Worte zu wagen! "Es thut mir leid," antwortete sie mit ubrigens sehr freundlichen Augen, "dass ich mich auf so einen Handel nicht unbedingt einlassen kann Jene Scheibe ist mir ein zu liebes Eigenthum und nicht wahr, lieber Vater?" rief sie einem altlichen Militar zu "unzertrennlich von meiner Person." Diese Erklarung stopfte mir auf einmal den Mund. Ich leistete zwar ungern Verzicht auf solch einen Schatz fur mein Kabinet, that sogar ein ubriges, warf zum zweitenmal einen Blick auf das denkende Wesen; aber der Preis war und blieb mir zu hoch.
Der Aufruf zur Tafel unterbrach bald nachher das allgemeine Gesprach. Meine Kunstgenossin setzte sich neben mir Ich hatte nun alle Gelegenheit, tiefer in ihren Verstand zu blicken Sie liess auch ihr Herz sprechen: doch ich erwahnte die Scheibe weiter mit keiner Sylbe. Siehe, Eduard, ich wollte gern zwei Tage hungern, wenn ich mir dadurch das Vergnugen erkaufen konnte, Dir den Kuchenzettel des herrlichen Mahls vorzulegen, das jetzt begann. Er wurde Dir unsern sinnlichen Genuss viel anschaulicher machen, als meine wortreichste Beschreibung. Im Allgemeinen muss ich Dir jedoch angeben, wodurch es sich vor allen andern auszeichnete, ehe ich zum Schlusse des Festes komme, der eine reine neue Feder erfordert. Es ward vielleicht nach Schiffsgebrauch, vielleicht auch aus symbolischer Hinsicht nur eine Schussel auf einmal aufgesetzt und schon das gefiel mir; denn so blieb die Bewunderung, die wir ihr einstimmig zollten, wie bei Voltairen, so lange ungetheilt, bis eine andere erschien, die, wie es ihm auch gehen wird, uns noch bewundernswurdiger vorkam, als die erste. Entstanden aber auch zwanzig Dichter nach ihm, deren immer einer grosser als der andere, den Geschmack an die vorangegangenen verdrangte, sie konnten kein hoheres Erstaunen bei mir erregen, als mir die Reihe eben so vieler immer kostlicherer Gerichte abnothigte. Es war mir eine bittersusse Betrachtung, aber ganz eines Philosophen wurdig, dass mir, selbst in dem Gebiete meiner vorzuglichsten Kenntnisse, so viel Neues entgegen kam. Denn ausser dem gesegneten Brod, dessen ich mich noch von Aix aus erinnerte, trat doch nicht ein einziges Gericht unter meinen Gesichtskreis, das ich als einen alten Bekannten hatte begrussen, und im voraus errathen konnen, was er mir leisten wurde. Noch scheint es mir bemerkenswerth, und ich mochte wohl wissen, ob dieses auch bei andern Opfern der Fall sei, dass die Gesellschaft sich nur so lange mit der Verherrlichung ihres Gotzen beschaftigte, als der Uebergang von der leeren zur vollen Schussel dauerte. Voltaires Bild flog in diesen Zwischenzeiten, wie ein Schatten in der Zauberlaterne, nur fluchtig den Augen voruber; desto herzergreifender fesselte er aber unser aller Aufmerksamkeit, als es lichter auf der Tafel ward, und unter den Spielwerken des Nachtisches ein Teller mit Devisen die Erinnerung an den ganzen Umfang seiner Vorzuge zuruckbrachte; denn aus jeder noch so unbedeutenden Figur, die auf Geradewohl genommen, belachelt und zerknickt wurde, entwickelte sich ein, aus dem Schatze seiner Schriften entlehnter ernster oder schalkhafter Gedanke. Es war die artigste Lotterie der Art, die ich je gesehen, und allen Tafeln empfehlen mochte, so wie es die erste ohne Nieten war, die mir vorkam. Sie erheiterte unsern vergnugten Zirkel noch mehr. Es war beinahe so gut, als ob der gefeierte Dichter selbst zugegen sei, ja in gewisser Rucksicht war es noch besser; denn mancher von den Gasten, der vielleicht unter den Augen des Dichters zu blode gewesen ware, ihm seinen Beifall anders, als durch ein bescheidenes Stillschweigen zu zeigen betaubte jetzt unser Gehor; mancher, dem mit Voltaires Versen, heute vielleicht zum erstenmal ein kluges Wort uber die Zunge kam, spielte hier den Kenner, und schien, als wolle er ihnen nur desto mehr Glanz durch die Einwilligung verschaffen, die er uns gab, sie ohne Bedenken fur schon zu halten. Ich hielt, bis es die andern mude waren, ihren Gewinn auszutrommeln, mein Loos, unter der Maske eines Harlekins, mit so zogernder Bescheidenheit zwischen den Fingern, als ob es ein Impromptu von meiner eigenen Erfindung enthielte; und wenn mir jemand gesagt hatte: du hast Worte in deiner Gewalt, die gleiches Schrecken um dich her verbreiten werden, als jene, die eine ubermenschliche Hand, der Tafel des Konigs Belsazar gegen uber an die Wand schrieb, ich wurde ihn fur einen Fantasten gehalten, meinen Harlekin so gewiss als jetzt, und ohne Furcht vor dem traurigen Erfolge geoffnet haben, der mir aber nur zu bald in die Hande kam; denn ich hatte kaum die ersten Worte des Verses uber die Zunge:
Le grand monde est leger, inapplique, volage,
Sa voix trouble et seduit. Est-on seul, on est sage.
so entstand, wie in der Natur vor dem Ausbruche eines Erdbebens, eine so auffallende Stille an der Tafel, dass ich verwundert um mich herum blickte, ohne die sonderbar andachtige Wirkung dieser Zeilen auf eine so muntere Gesellschaft begreifen zu konnen. Ich sah nur niedergeschlagene Augen, horte nur tiefgeholte Seufzer, und unser Wirth, eine Flasche Champagner in der Hand, schien ausserst verlegen, was er damit anfangen ob dem Harlekin trotzen, oder meine Neugier befriedigen sollte. Er entschloss sich aus Hoflichkeit gegen einen Fremden zu dem letztern schob das Leichtsinn erweckende Getrank bei Seite, und "Wundern Sie Sich nicht, mein Herr," wendete er sich nach mir, "dass der Denkspruch, den das Ungefahr Ihnen zuwarf, uns alle so ernsthaft gemacht hat. Er veranlasste die Erinnerung an eine eben so vortreffliche als hochst ungluckliche Freundin. Sie hatte diese Zeilen uber den Eingang eines EremitenHauschens setzen lassen, in welchem sie eben den sussesten Traumereien nachhing, als ein grausames Verhangniss sie plotzlich und wahrscheinlich auf ewig daraus vertrieb. Wenn es meine ubrigen Gaste nicht zu sehr angreift, so geben sie wohl zu, dass ich unserm lieben Fremden den traurigen Vorgang erzahle" Die die Damen falteten die Hande wie in einer Betstunde, und das denkende Wesen meiner Nachbarin hob sich ein wenig. "Lassen Sie uns, mein Herr," fuhr der Kapitain fort, "einen Augenblick in das schone Thal zuruckgehen, von dem Sie heute herkommen. Dunkte es nicht Ihrem Herzen, als Sie es zum erstenmal so abgezogen von der ubrigen Welt uberblickten, dass es dem menschlichen Elend unmoglich sei, in diesen Wohnsitz der Ruhe zu dringen? und doch hatte SaintSauveur, der es wahrscheinlich aber, aus Schonung Ihrer, unterliess, Ihnen aus seinem Saalfenster den Geburtsort der Person zeigen konnen, die eben dort zu einem Jammer ohne Gleichen heranwuchs. Ich berufe mich dreist auf die selbst hochst liebenswurdigen Damen meiner Gesellschaft, ob sie eine gekannt haben, die ihrem Geschlechte mehr Ehre machte, und an Schonheit, Verstand und Annehmlichkeiten dem Fraulein von Larai gleich war." Nein, so wahr Gott lebt, fielen sie hier alle dem Redner in's Wort, und er selbst brauchte einige Augenblicke, sich von dem ruhrenden Hinblick auf sie zu erholen. Denke, Eduard, um wie viel dieser Einklang bei einer solchen Gewissensfrage, diese unglaubliche Zustimmung weiblicher Unparteilichkeit uber die Vorzuge einer andern, meine Aufmerksamkeit noch erhohen musste! "Der Vater dieses Engels," ging der Seemann in seiner Erzahlung fort, "einer der wackersten Menschen, lebte in jenem reizenden Bezirke auf seinem Landgute, und widmete nach dem Tode einer trefflichen Gattin, seine Erholungsstunden nur Freunden, die ihm glichen, und alle Krafte der Erziehung des einzigen Zweigs seiner glucklichen Ehe." Diese ihm so liebe Tochter stand im dreizehnten Jahre, als er, in der besten Meinung, den Grund zu ihrem nachherigen entsetzlichen Schicksale legte. Er versprach sie einem jungen Grafen Sein Name doch ich verschweige ihn lieber aus Achtung fur edle Verwandte. Sie wechselten die Ringe unter den ubelsten Vorbedeutungen. Er steckte den ihrigen mit einer spottischen Miene an, die den Anwesenden hochst missfiel, und sie verlor den seinigen bei dem ersten Spaziergange. Bald nachher erhielt der junge Mensch einen Gesandtschaftsposten, der ihn funf Jahre von seiner Verlobten entfernte. In dieser Zwischenzeit fiel das, nachst an den Wohnort des Barons granzende Landgut durch Erbschaft an einen Herrn v o n G r a m m o n t , der liebenswurdig, sittlich und von dem edelsten Herzen, weit mehr als der Herzog gleiches Namens, verdient hatte, die Feder eines Hamilton zu beschaftigen. Er besuchte seinen Nachbar sah die Tochter, die in der Bluthe ihres siebenzehnten Jahres stand, und nun erst hielt er den Zufall, der ihn in dieses Thal eingefuhrt hatte, fur einen Wurfel in der leitenden Hand der Vorsehung, die das hochste Gluck seines Lebens bezweckte, und strebte, seit dieser unvergesslichen Stunde, dem grossen Ziele seiner Hoffnungen nach. Er erreichte es gewann bald die Achtung und Freundschaft des Vaters, und nur desto geschwinder auch die Gegenliebe der Tochter, die sich in aller Unbefangenheit der Jugend ihrer ersten Neigung hingab. Kein Ring, kein Brief, kein Gedanke erinnerte sie an ihren entfernten Verlobten, am allerwenigsten der Vater, der sich nur im Stillen die Uebereilung seiner altern Zusage vorwarf, nicht uber das Herz bringen konnte, die wachsende schone Leidenschaft der Tochter zu storen, und, als sein Freund um ihre Hand bat, weder vermogend war, sie ihm abzuschlagen, noch zu gewahren. Wenn die beiden Liebenden mit Thranen der Zartlichkeit bittend vor ihm standen, bat er sie dagegen nur um Geduld und Aufschub vermischte seine Seufzer, mit den ihrigen, verschloss aber nur desto sorgfaltiger das Geheimniss seiner Unruhe. In diesem Kampfe mit sich selbst, war ein Jahr vergangen, als dem alten Manne eine todtliche Krankheit zustiess. So bald er ihren Ausgang ahndete, fuhlte sich seine beangstete Seele erleichtert. Mit erheitertem Blicke rief er die weinende Tochter an sein Sterbebette, umarmte sie mit sichtbarer Freude, und, O! waren seine Worte, wie danke ich Gott, dass er in's Mittel tritt, meinen Fehler gegen Dich wieder gut zu machen. Du liebes treffliches Madchen! Mein Tod entzieht Dich noch zeitig genug der lastigen Verbindlichkeit, die ich Dir in Deiner Kindheit auflegte Dein Herz nahm und konnte keinen Theil daran nehmen aber es wird ihm nun bald frei stehen seiner eigenen Wahl zu folgen. Du staunst? verstehst mich nicht? Ach! hatte ich mein ubereilt gegebenes Wort so leicht vergessen konnen, als Du Deines, das Dir nur blinder Gehorsam abdrang. Mein letzter Wille vernichtet den erstern Befolge ihn, so bald Du mich unter die Erde gebracht hast, und zogere nicht, Dich und den glucklich zu machen, der Deines Besitzes so werth ist weit mehr als jener, dem ich solchen einst zusagte. Ein langeres Leben wurde mir den Trost geraubt haben, der mir jetzt mein Ende versusst: denn nun erst kann ich hoffen, dass Du und Er mein Andenken segnen werden.
Die liebreichen Befehle des Sterbenden der Drang ihres eigenen Herzens, am meisten aber das Gespenst des Grafen, setzten ihrem kindlichen Schmerze wohlthatige Schranken. Sie druckte mit der einen Hand, unter einem Ergusse von Thranen, ihrem Vater die Augen zu, und reichte die andere ihrem Geliebten. Nach einer kurzen Trauer feierten sie den Festtag ihrer Vermahlung, der ihre Herzen Tugenden und Guter in ein schones Ganze verschmolz. Das glucklichste Paar auf dem schonsten Punkte der Erde! lautete die allgemeine Stimme, und nie hatte sie wahrer gesprochen. Nach sieben Monaten vollen Genusses aller irdischen Seligkeiten kam der Zerstorer derselben, der Graf, von seiner Mission zuruck. Ich sah ihn den Tag nachher bei unserm Gouverneur. Da scherzte er noch uber die Untreue des ihm einst aufgedrungenen Kindes. Er habe sie, setzte er lachend hinzu, in Neapel erfahren, wo zum Gluck ein junger Mann sich noch am geschwindesten uber solche Unglucksfalle trosten lerne. Als er aber in der Folge uberall, wo er nur hinkam, von seinem Verlust unterhalten wurde, und dessen Grosse erst ganz begriff, da ihm ein glanzender Zirkel auf die Frage, mit der er ungestum in den Saal trat: Sagen Sie mir um Gotteswillen, wer ist das wunderschone Weib, und der strahlende Herr, die mir eben im Vorzimmer begegneten? aus allen Ecken zurief: Graf! Kennen Sie denn Ihre ehemalige Braut nicht mehr? da fielen diese Worte wie ein Donnerschlag auf sein Herz, erfullten es mit den wuthendsten Gefuhlen des Stolzes, der Eifersucht und der beleidigten Ehre. Seine innere Emporung ward allen Gegenwartigen sichtbar. Er veranderte die Farbe, so oft der Name Grammont ertonte. Den ganzen Abend uber misstrauisch gegen jedes lachelnde Gesicht, in sich gekehrt, abwesend und stumm, verliess er endlich die Gesellschaft mit dem Fluche des Verbrechens belastet, das er den Morgen darauf ausfuhrte. So wie er in seine Wohnung kam, storte er die halbe Nacht hindurch unter seinen vor funf Jahren zuruckgelassenen Kleinigkeiten, nach dem Versprechungsring der Fraulein von Larai, zwangte ihn an den Finger, und hielt sich nun mit diesem Beweise seiner altern Anspruche fur berechtigt, einen Gang zu wagen, um sich an demjenigen zu rachen, der sie in seiner Abwesenheit auf das empfindlichste verletzt habe. Unter diesem Blendwerke sophistischer Schlussfolgen, schickte er, ohne auf die Vorstellungen seines Sekretars, der mir diese Umstande erzahlt hat, zu achten, dem schuldlos glucklichen Manne eine beschimpfende Ausforderung zu. Herr von Grammont fruhstuckte eben mit dem Weibe seiner Jugend in einer Laube von Weinreben, die er, bei dem ersten Erwachen seiner Liebe, aus keiner geringern Ursache auf einer Anhohe seines Gartens gepflanzt hatte, als weil er von da aus das Eremiten-Hauschen uberblicken konnte, wo gewohnlich in den Morgen- und Abendstunden das Fraulein sich ihren wehmuthigsussen Gefuhlen Preis gab. Diese beiden einander zuwinkenden Platze gaben durch die Erinnerung an jene bangliche Zeit den Stunden, die sie jetzt hier weilten, einen unaussprechlichen Reiz. An ihrem Hochzeitabende war die erste Traube dieser geheiligten Pflanzung reif geworden. Sie hatten es gern fur ein Wunder gehalten, als sie auf ihrem traulichen Spaziergange damit uberrascht wurden. In einem dichterischen Schwunge der hochsten Zartlichkeit, unter dem Abglanze der untergehenden Sonne, der sie beide mit klopfenden Herzen und Ahndungen der annahernden Freuden nachblickten, bog Er, gleichsam als Vorspiel, diese noch unberuhrte Frucht den Lippen seiner Geliebten zu, und zerdruckte jede Beere, die sie fassten, mit gluhenden Kussen, eine Scene, die das holde Weib noch jetzt nicht vergessen kann. Heute feierten die Glucklichen den ankommenden Fruhling unter dieser ihnen so theuern Laube. Er wiegte sie auf seinen Knien, und sich an ihrem Busen, und rechnete schalkhaft ihr vor, um wie viele Pfunde seit jenem mystischen Abend sie schwerer geworden sei, als einer seiner Bedienten ihm den Brief brachte. Die kleine Muthwillige ... ach! hatte sie gewusst, mit welcher Natter sie spielte! ergriff ihn, knickte das Siegel, drohte seine Geheimnisse zu lesen, und stellte es zuletzt seiner Grossmuth anheim, ihre Neugier zu stillen. Gleichgultig schob er ihn zwischen die Weste, denn er hatte nur Augen und Gedanken fur Sie. Diese Tandeleien der Liebe, die an dem Tage, der ein so grausames Geschick in seinem Schoosse trug, der Erwahnung wohl werth sind, beschreibe ich nach der Aussage einer Person, die das Fruhstuck besorgte, und dabei ab- und zuging eines vortrefflichen Madchens, das, als Kind, die Gespielin der jungen Dame, jetzt weniger ihre Dienstbotin, als bewahrte Freundin war. Sie, die nach geendigtem Fruhstuck in die Laube trat, versetzte durch den Ausruf: O das ist zum Malen schon! ihre Gebieterin aus einem sussen Traume in einen andern. Du hast Recht, meine gute Anne! Geh' und trage mir geschwind meinen Pastellkasten in die Eremitage, und indem sie sich aus den Armen ihres Gemahls wand Lass mich, sagte sie mit losem Ernst, deine Laube muss nicht immer den Vorzug vor meinem Schilfhauschen haben. In zwei Stunden, eher hilft aber kein Anklopfen, will ich den Herrn Gemahl mit der Kopie seines Originals empfangen, die er mir theuer bezahlen, und die ihn ganz uberzeugen soll, wie hasslich ihm dieser lusterne Mund, diese begehrlichen Augen und diese gluhenden Wangen zu Gesichte stehn.
"Mit diesen Worten den letzten, die er aus dem Munde seines Weibes vernahm, flog sie in ihr Eremiten-Hauschen, setzte sich vor den Zeichentisch, wahlte aus dem zarten Gewebe der vergangenen Stunde den herzlichsten Augenblick, und bot allen Zauber der Kunst auf, um durch den Schmelz der Farben und den Hauch der Wahrheit das liebliche Schattenbild ihrer noch frischen Erinnerung zu beleben. Diese letzte Arbeit ihrer Hande, diese kostbare Ueberlieferung ihres zerrutteten Glucks, wird von unserm Freunde SaintSauveur als ein Heiligthum aufbewahrt. Ach! wie oft habe ich schon davor gestanden, und nur mit Gewalt vermocht, meine thranenden Augen davon abzuziehen! In sprachloser Seelenzufriedenheit die Hande gefaltet, und die Augen gen Himmel gerichtet, sass der ubergluckliche Mann noch eine Weile unter dem Ueberhange seiner Laube, als man ihm meldete, der reitende Bote warte auf Antwort. Jetzt erinnerte er sich des Briefs suchte erbrach vollends das Siegel, uberlas ihn und nach einem kurzen ernsten Nachdenken befahl er zwei Pferde vor die hintere Gartenthur nannte den Reitknecht, der ihn begleiten sollte, und verbot, als er aufstieg, den Umstehenden, der Dame etwas von seinem Spazierritte zu sagen: in einer Stunde werde er wieder zuruck seyn; und so flog er dem Orte zu, wo sein Gegner ihn erwartete. Sie trafen einander auf einem Rasenplatz am Fusse der Vestung. Der Graf reichte dem Angekommenen zwei Pistolen Er wahlte eine mit stolzem, furchtbarem Stillschweigen, und beide nachdem sie zehn Schritte von einander ihre Stellung genommen druckten los, und in derselben Minute sturzte Grammont mit zerschmetterter Stirne zu Boden. Der Morder schwang sich auf sein Pferd fluchtete auf einem gemietheten Postschiffe nach Genua, und hat nun von dort aus die Frechheit, um freie Ruckkehr in sein Vaterland zu bitten. Im Krampfe des Entsetzens, liess der Reitknecht das scheugewordne Pferd seines getodteten Herrn fahren, und mit verhangtem Zugel flog er der einsamen Schilfhutte zu, wo noch in ihrer Gluckseligkeit vertieft, die theure Unbefangene verweilte, und eben daran war, einen Schattenzirkel um das fertige Gemalde zu ziehen. Sie horte das Trappen des Pferds horte sich mit einem Jammerton rufen riss sich in die Hoh sturzte den Zeichentisch um offnete die Thur, und sah den verblassten Menschen, der nur noch die unselige Kraft hatte mit zitternder Hand nach der Gegend der Vestung zu deuten die Namen ihres Gemahls des Grafen Zweikampf und Tod in einzelnen Tonen, aus der beklemmten Brust zu stossen, ehe er ohnmachtig niedersank. Wer es vermag, schildere den Zustand dieses weiblich zarten Herzens, sobald es der Greuel seines Geschicks erfasste schildere den entsetzlichen Fall aus einer solchen Hohe der Seligkeit, in eine so grundlose Tiefe des Elends den Uebergang des frohsten Selbstgefuhls, das noch kurz zuvor ihre Farbenstifte bei dem schonen Nachbilde des Geliebten so glucklich geleitet hatte, zu der Trauerpost seiner Ermordung. In einem Augenblicke lag ihre Hutte die Laube, der Garten ach die ganze Welt lag hinter ihr! Sie flog, ohne nach Begleitung zu rufen ohne zu wissen wohin? nur auf den ungefahren Wink des Schreckensboten, langs dem Steinwege allen, die ihr begegneten, unaufhaltsam vorbei, unserer Stadt zu flog durch das Thor schopfte nach Luft, um zu schreien und forderte mit schmetternder Stimme ihren Gemahl von dem erstaunten Haufen, der sie umringt, indem sie ihre blutig zerrungenen Hande gen Himmel hob. Eine furchterlich schone Gestalt im weissen Morgenkleide die Bandschleifen durch den emporten Busen gesprengt mit braunem fliegendem Haare fortgetrieben durch innere Pein, und hingegeben der Verzweiflung so sahen wir sie alle, wie wir hier sitzen, unsern Hausern voruber, durch die Strasse rennen und eilten ihr nach. Auf dem Marktplatze sank sie endlich ohnmachtig darnieder. Einige aus dem Kreise, der sie auch hier mit staunendem Mitleiden umgab, waren im Begriffe, sie in das nachste Haus zu bringen, als Saint-Sauveur, durch den Larm an's Fenster gezogen, seine Freundin erkannte blitzschnell herbei flog sie jenen ab, auf den Arm nahm, und in das nahe Kloster der barmherzigen Schwestern bis in das Zimmer trug, das man ihr einraumte. Er schickte nach den beruhmtesten Aerzten der Stadt, forderte, ordnete, und verschaffte alles, was er zur Beruhigung und Bequemlichkeit der Kranken fur nothig hielt; konnte aber, so wenig als ein anderer, begreifen, was dem armen Weibe begegnet sei, bis ihre gute Anna, mit Thranen und Schweisstropfen benetzt, unter uns trat, und den schrecklichen Vorgang nach der Angabe des Augenzeugen erzahlte. Indem erholte sie sich Wir, die das Stohnen der Erwachten nicht zu ertragen vermochten, verliessen das Zimmer, nur Saint-Sauveur blieb, ohne seiner zu schonen. Welch eine Morgenstunde! Sie werden den schauderhaften Eindruck leicht begreifen, mein Herr, den sie auf jeden zuruckliess, der ihr beiwohnte, und sich uber die Wehmuth nicht weiter verwundern, in die uns Ihr zufalliger Fund versetzt hat. Der feinste Faden, der mit einem solchen Gewebe des Unglucks in Verbindung steht wurde er auch noch so leise beruhrt, muss seinen ganzen Umfang erschuttern."
Der Kapitain hatte nun, wie er glaubte, mir allen genuglichen Aufschluss gegeben, und regte sich aufs neue mit seinem Champagner: aber jedermann ermunterte den Redner fortzufahren, und verbat das berauschende Getrank "So verlangen denn meine lieben Gaste," fragte er, "noch immer keine Ruhe? Sie kennen ja alle, ausser der fremde Herr da, den Fortgang des Trauerspiels, so gut als ich" "Aber auch er," rief ein altlicher mit Pflastern verstellter Officier, dem der Hieb in einem Ehrengefechte Mund und Nase gespalten hatte, "sollte nicht von uns gehen, ohne die Warnung, die der Verfolg der Geschichte noch ruhrender predigt, als der Anfang, mit in seine Heimath zu nehmen." "So horen Sie denn," fuhr der Kapitain fort, "was mir nicht nur Saint-Sauveur von der folgenden Stunde mitgetheilt hat, sondern so viel ich auch noch bis heute von der Unglucklichen weiss. Sie offnete die Augen unter jenem krampfhaften Gestohne, das uns verscheucht hatte, und sah sich starr um; sobald sie aber ihre Jugendfreundin erblickte, sturzte sie ihr in die ausgebreiteten Arme. Fest an dieses einzige Geschopf geklammert, das sie in der ganzen Natur allein noch zu erkennen schien, liess sie ihr Herz ausbluten, und ihre sprachlosen Gefuhle verathmen. Erschopft sank sie endlich auf ihr Bette, und zugleich in den tiefsten Schlaf, der bis den andern Morgen anhielt. Die Aerzte bauten grosse Hoffnungen, auf diesen Beistand der Natur, und trosteten alle Nachfragenden damit, die das Kloster unaufhorlich belagerten. Schone, aber ach! vergebliche Erwartung! Die Kranke hatte wahrend der Ruhe nur neue Krafte zu der schrecklichen Folter gesammelt, die ihr bevorstand. Denn, als die wiederkehrende Unglucksstunde ertonte, raffte sie sich in einem schauervollen Erwachen von ihrem einsamen Lager auf Gustav, war der erste Jammerlaut, den sie, an den Busen ihrer Freundin gelehnt, ausstiess ach liebe Anna! lass mich doch meinen Gustav suchen, und mein mudes Haupt auf seinem Grabhugel ausruhn! Unter diesem fortdauernden Gewimmer stieg ihr Schmerz immer hoher und hoher, bis auf den Gipfel des Wahnsinns. Diese innere Pein liess nicht eher nach, als bis sich ihre Zunge in einen Strom noch nie erhorter Fluche gegen den Morder ihres Gemahls ergossen hatte; dann erst kam sie, in der aussersten Abmattung, wieder zu sich. Welchen Drang unnennbarer Martern lasst nicht eine solche Linderung in einer so edeln, sanften und Gott ergebenen Seele voraussetzen! Drei Wochen nachher, die nur aus trubsinnigen Stunden zusammengesetzt waren, kam ihr zum erstenmal ein anderer Gedanke. Anna, erwachte sie mit ihrem in gesunden Tagen so freundlichen Aufblick ich mochte mir wohl eine anstandigere Wohnung suchen Bestelle mir doch meinen Wagen. Dieses erste Zeichen von Besonnenheit verbreitete uberall Hoffnung und Freude. An der Hand ihrer Getreuen, und mit ruhrendem Bezeigen ihres Danks gegen die Nonnen, die von ihr Abschied nahmen, verliess sie das Kloster aber wohin liess die gute Dame sich bringen? Den dringendsten Bitten ihrer Begleiterin entgegen, nirgend anderwarts hin, als in das offentliche Irrenhaus! Nachdem sie die innere Einrichtung nachdenkend untersucht hatte, schien es sie zu freuen, in einem kleinen abgesonderten Hof ein paar leere, reinliche, vergitterte Kammern zu finden. Diese hier, wendete sie sich leise gegen den Aufseher, miethe ich fur mich, und die anstossende wehmuthig fragend blickte sie dabei Annen in die Augen fur meine Freundin. Seit jenem Morgen wohnt nun dort die edle Dulderin, immer in sich selbst versunken ausser dann und wann, wo sie die Gefahrtin ihres Elends durch einen sanften Handedruck zu trosten und zu bitten scheint, sie nicht zu verlassen in stiller Verborgenheit. Nahert sich aber die Schreckensstunde, die sie auf ewig von ihrem Gustav trennte, so mag die Uhr solche ankundigen oder nicht, ihr instinktgleiches Gefuhl irret sich um keine Minute dann tritt sie an das eiserne Gitter ihres selbst gewahlten Gefangnisses, und ihre zuruckgehaltenen Klagen tonen nun in sonorischen Worten gen Himmel. Allmahlig umzieht Fieberrothe die blassen Wangen, die matten Augen fangen an zu gluhen, die Stimme hebt, das Haar straubt sich, und eine kurze vorlaufende Erschutterung des schonen Gesichts kundigt nun den Eintritt der Wuth an, die bis zur volligen Entkraftung des armen Weibes furchterlich fortdauert. Dieses ist bis jetzt der abgemessene tagliche Gang ihres verschmachtenden Lebens. Hat schon meine Erzahlung Sie so tief geruhrt, mein Herr, was wird nicht erst das Zeugniss Ihrer eigenen Augen bewirken! Ich kenne den Hang des menschlichen Herzens nach dem Genusse der Wehmuth zu gut aus Erfahrung, um nicht vorauszusetzen, dass auch Sie den merkwurdigen Gegenstand dieser allgemeinen Trauer aufsuchen werden." "Und das," rief ich, "soll morgendes Tags geschehen." "Ich wurde mich zu Ihrem Begleiter anbieten," sagte der wackre Mann, "hatte ich nicht selbst schon oft das Lastige wahrgenommen, das uns fremde Zeugen in solchen Augenblicken der Thranen auflegen. Niemand hat deren wohl mehr um die arme Bedrangte vergossen, als unser guter Saint-Sauveur. Es ist ihm ein Gesetz, sie taglich zu besuchen, und wird er ja davon abgehalten, wie angstlich sieht er nicht alsdann den schriftlichen Berichten entgegen, die ihm ihre Freundin und einzige Warterin, die sie duldet, auf diesen Fall zuschicken muss. Es mussen gebietende Geschafte gewesen seyn, die ihn mehrere Tage aus ihrer Nahe entfernten. Auch ist er es, der das Begrabniss des Entleibten in der Weinlaube besorgt, ihm ein Denkmahl errichtet, und sich der verwaisten Diener und herrenlosen Wirtschaft dieses gesunkenen Hauses mit der treusten Thatigkeit angenommen hat." "Hieran," rief ich voller Entzucken, "erkenne ich meinen Freund. Gott segne seine Bemuhung, und belohne seinen Eifer durch den glucklichsten Erfolg!" "Aber, mein Herr," richtete der Kapitain jetzt die Frage an mich, "wie in aller Welt geht es zu, dass diese tragische Begebenheit, die doch in der Zeit Ihres Aufenthalts allhier vorging, und Stadt und Land erschuttert hat, Ihnen so ganz unbekannt bleiben konnte?" "Ach erinnern Sie Sich denn nicht," seufzte ich, "was der Marquis von mir geschrieben hat? Glucklich fur meine Ruhe, mochte ich wohl sagen, lag ich damals selbst ohne Verstand an der Kette einer schweren Krankheit, unter den Handen der Aerzte, und vermuthlich hat der Marquis und jedermann aus menschenfreundlichen Rucksichten mir auch nachher den Vorgang verschwiegen." Meiner Nachbarin schien schon lange etwas auf der Zunge zu schweben, das ich gar keine Lust hatte ihr abzunehmen, musste aber endlich doch herhalten. "Der Herr Brigadier," zischelte sie mir zu, "mag, im Vertrauen gesagt, wohl noch gewisse zartlichere Antriebe zu seiner in der That sehr lobenswurdigen Sorgfalt haben als die allgemeine Menschenliebe. Von jeher, kann ich Ihnen aus Erfahrung sagen, hat er nur Augen fur diese Frau gehabt, und viele, die ihn genau kennen wollen, behaupten, dass er nur die Genesung der schonen Wittwe erwarte, um ihr seine Hand anzubieten, die sie auch sicher nicht ausschlagt."
"Sie glauben, Fraulein," blinzte ich sie an, "dass diese so tief verwundete ..." "O mein Herr," lachte sie mir ins Wort, "ein liebenswurdiger Mann, der den Verstand einer jungen Dame wieder zurechte bringt, weiss gewiss auch ihrem Herzen beizukommen." Das kann wohl, dachte ich, der Fall bei dir seyn, und war boshaft genug, in meine auf- und niedersteigenden Blicke, deren Wendungen nicht schwer zu errathen sind, meine ganze Antwort zu legen. Indess verursachte doch diess Geschwatz, dass ich nach Tische meinen Kaffee noch mit Nachdenken daruber einschlurfte. Unter einem andern Gesichtspunkte genommen, kommt mir die Sache nicht so ganz unwahrscheinlich vor. Ich glaube es als einen Erfahrungssatz annehmen zu durfen, dass ein sonst gesunder Verstand, der nicht durch eine fehlerhafte Organisirung der Seele, als zum Beispiel durch Hochmuth, sondern durch zugestossne geistige Verwundungen verruckt wurde, sich auch wieder findet, so bald die Zeit diese geheilt hat, und sage es diessmal wahrlich ohne alle Seitenblicke auf unsere oft unbandig trostlosen Wittwen, die sich sechs Monate nachher auf das frohlichste wieder verheirathen. Eine jede dahin spielende Idee wurde Blasphemie gegen die vortreffliche Frau seyn, von der ich spreche. Wer wollte aber nicht wunschen, dass, wenn sich auf den Fall ihrer volligen Herstellung ein solcher Verlustsersatz als S. Sauveur darbote, jenes vorgelaufene Gerucht eintrafe!
Die Stimmung, in die wir alle uns versetzt fuhlten, konnte fur jedes einzelne Herz seinen grossen Werth haben, nur zum gesellschaftlichen Tone taugte sie nicht. Der Kapitain, ein viel zu guter Wirth, um seinen Gasten Zwang anzuthun, gab daher bald das Signal zur Abfahrt. Mir war sonderbar in meiner Barke zu Muthe. Die schreckliche Ungewissheit menschlichen Schicksals schien ihr nachzuschwimmen. Ich hatte so wenig fur die muntere Musik, die uns zuruck begleitete, als fur das Jauchzen am Ufer dasselbe Ohr mehr, und glich ich vor funf Stunden einem Neuangeworbenen, der lustig ins Treffen geht, so war mir das Herz jetzt gewiss so sehr gesunken, als ihm, wenn er schwer verwundet von der Wahlstatt zuruckhinkt. Der vielsagende Handedruck des Kapitains, den ich ihm stillschweigend erwiederte die banglich freundlichen Blicke, die mir meine andern Tafelgenossen beim Abschiede zuwarfen, sohnten mich mit ihrem vorigen Tumulte aus: denn ein so treuer Anhanger gesellschaftlicher Vergnugungen ich auch seyn mag, so kommt es mir doch vor, als wurde es den meisten Menschen ganz zutraglich seyn, wenn jedes Freudenmahl sie mit ahnlichen Empfindungen entliesse, als ich, und wahrscheinlich alle ubrigen Gaste Voltaire's mit nach Hause nahmen.
"Lieber Sperling," rief ich meinem alten Lehrmeister entgegen, da er mir, wie gewohnlich, zuerst in dem Wirthshause aufstiess, "konnen Sie mir wohl den nachsten Weg nach dem Tollhause zeigen?" "Niemand leichter als ich," war seine geschwinde Antwort; "aber was in aller Welt wollen Sie dort?" Mit dieser Frage stieg er mir in mein Zimmer nach. Als ich hier meinen Staat abgeworfen hatte, und noch die kleine Uhr, die Du kennst, in der Hand hielt, um sie auf meinen Schreibtisch zu legen, veranlasste sie folgendes Gesprach unter uns. "Finden Sie nicht das Gehause allerliebst gemalt, und die Juwelen um das Zifferblatt recht artig gefasst?" Er besah sie auf allen Seiten. "Das ist ein ganz superbes Stuck," fing er sein Lob an "Schade nur," fiel ich ihm ein, "dass es nicht richtiger geht." Er zog seine Uhr aus der Tasche, und verglich beide. "Ja wohl, drei Viertelstunden und neun Minuten zu fruh." "Und doch," warf ich die Nase gegen ihn in die Hoh, "ist schwerlich Ihr Werk nur halb so viel werth als das meinige. Ehemals ging es vortrefflich, hat aber offenbar durch die Reise gelitten. Entweder ist die Feder uberspannt, ein Zahn verbogen, oder es liegt an der Unruhe." "Bei einer so zarten Arbeit ist das leicht moglich," erwiederte er, "und in dieser Hinsicht vertausche ich meine tombakkene Uhr mit keiner andern. Mag sie noch so plump und altmodisch seyn, so hat sie dafur auch nicht um eine Sekunde gestockt, seit ich sie von meinem Grossvater geerbt habe; aber Ihr kostbares Kunstwerk muss ja endlich ganz zu Grunde gehn, mein Herr, wenn Sie nicht in Zeiten seinen Fehlern nachspuren. Ich dachte doch wahrlich, dass es der Muhe verlohnte." "Meinen Sie das, lieber Sperling? Nun so haben Sie auch die Antwort auf Ihre vorige Frage." "Wie denn das?" stutzte er. "In einer grossen Stadt," trieb ich nun meinen Spass mit ihm weiter, "stecken oft die verdorbensten Uhren in den glanzendsten Gehausen. Die Eigenthumer wissen meist selbst nicht, wie weit die ihre von der Sonne abweicht, und bekummern sich noch weniger um den Gang der andern. So lange noch nicht zufallige Stosse die Feder gesprengt, die Kette zerrissen haben, sie nur artig in die Augen fallt und nicht rasselt, gilt jede; ob sie ubrigens ihre Bestimmung erfullt, ficht niemand an. Wie soll nun ein Reisender, dem es mehr um den innern Gehalt zu thun ist, als um ausseres Blendwerk, dahinter kommen? Wie soll er beurtheilen konnen, ob in seiner Vaterstadt, auf die er doch gern alles bezieht, die Uhren kluger gehen oder nicht? Giebt es da eine andere Ausmittelung, als dass er nachforscht, wie viele in der Reparatur und an welcher Verschobenheit sie krank liegen?" Der gute Mann sah mich mit grossen Augen an. Ich legte ihm meine Spielerei naher. "Aus dieser Ursache, Freund, verlasse ich nie eine ansehnliche Stadt, ohne vorher ihre Tollhauser zu besichtigen. Dort allein erscheinen die mannichfaltig verschobenen und lahmen Werke, ohne Malerei, Diamanten und Fassung, und erschweren keinem verstandigen Auge die Uebersicht ihrer innern Gebrechen." Passerino wie lange, dachte ich, wird er noch so stumpfsinnig da stehn? blickte mir bald in das Gesicht, bald auf die Schuhe. "Ein Narr," erhob ich nun meine Stimme, "ist schon einzeln ein offenes Buch; eine grossere Anzahl derselben ist die brauchbarste Bibliothek zur Fertigung einer moralischen Mortalitatsliste. Aus ihr entdeckt man, welche Seelenkrankheit an diesem oder jenem Orte am haufigsten die Kopfe verdreht. Sie lehrt, der wie vielste Burger allemal toll ist, und beantwortet die grosse Frage, in welchem Staate der Verstand am besten gedeiht, und am wenigsten Gefahr lauft, so, dass jeder, dem daran liegt, seine Einrichtung darnach machen kann. Welchen Vorzug, zum Beispiel, behauptet nicht hierin die deutsche Natur mit ihrer Kruste vor dem franzosischen Spinnegewebe. Wenn man sich nicht selbst muthwillig durch Reisen in diess gefahrliche Land, oder gar durch vieljahrigen Aufenthalt daselbst Schaden thut, mein lieber Passerino, so gehorten schon harte Prufungen des Schicksals dazu, um einen von uns aus seinem taglichen Schlendrian zu bringen; und ob es mich gleich oft genug in bittere Verlegenheit setzt, wenn ich mit meiner deutschen Strohfiedel den feinen fluchtigen Weltton unserer Nachbarn nicht zu erreichen vermag so" ... "Ha nun merke ich fiel mir mein Zuhorer ins Wort wo Sie hinaus wollen. Ja ja, wir gehen ins Narrenhaus dort konnen wir freilich dem lieben Gott viel herzlicher danken, als in brillanten Gesellschaften, dass er uns aus grobern Stoffen zusammengesetzt, und unsere deutschen Basssaiten bis jetzt vor allen massiven Griffen gnadiglich bewahrt hat." Mein Gesprach hatte mir nun zwar den Dienst eines Verdauungsmittels nach einem grossen Gastmahle geleistet; aber nicht im mindesten meine banglichen Gedanken an die ungluckliche Dame zerstreut. Ich fragte meinen Mann, ob er sie schon gesehen habe "Noch nicht," war seine Antwort, "denn so oft ich auch sonst in jenes Haus kam, so habe ich doch seit Ihrer Ankunft meine Besuche auf Sie, mein lieber Herr, allein eingeschrankt; aber nachstens soll dieser herrliche Gegenstand des allgemeinen Mitleidens meine Reissfeder in Thatigkeit setzen Ich gedenke meine Zeichnung von ihr, die nicht anders als kraftig ausfallen kann, in Kupfer stechen zu lassen. Wenn nur der zehnte Theil ihrer Freunde darauf subskribirt, so soll mir diese Arbeit einen hubschen Thaler eintragen." "Die Spekulation ist gut berechnet," lachelte ich "darum wollen wir auch unsern traurigen Spaziergang keinen Tag langer verschieben." "Doch wohl morgen noch," fiel er ein, mit einer Miene, die meiner Vergessenheit bitter genug zu Hulfe kam. "Versteht sich," trotz meiner innern Galle zwang ich mich, ziemlich gelassen zu antworten, "wenn wir von unserer pittoresken Reise nach Cotignac wieder zuruck sind." "O alsdann, mein Herr," rief er entzuckt, "stehe ich Ihnen ganz zu Diensten, und ich denke, Sie sollen mit Ihrem Anfuhrer zufrieden seyn. Ich habe freien Zutritt im Tollhause habe schon manche Thrane dort verweint und manchen Groschen dort hingetragen." "Wie so?" "Sehen Sie, mein Herr, schon einige Jahre liegt dort ein Mann an Ketten, der Gott bewahre jeden davor! selbst in seinen gesunden Tagen nicht recht bei sich war. Ein Maler, der ... doch Sie mogen selbst urtheilen. Er hatte in einem hiesigen angesehenen Hause ein hubsches Verdienst beinahe ausschliesslich mochte ich sagen. Zu seinem Unglucke aber kommt dem Sammler ein Seestuck von mir zu Gesicht. Er kauft es und raumt ihm in seinem Saale den vorzuglichsten Platz ein. Mehr brauchte es nicht, um seinen Stolz zu beleidigen. Kaum entdeckt er das neue Gemalde, so stellt er sich, die Arme in einander geschlagen, davor; aber anstatt, wie jener grosse Maler, zu rufen: A u c h i c h b i n e i n e r ! so steigt ihm der Kunstlerneid so gewaltig zu Kopfe, dass er einige Tage nachher, wie gesagt, ein volliger Narr ward. Sein Zustand griff mir ans Herz, ich vergass sein Unrecht gegen mich, behandle ihn seitdem wie einen unglucklichen Bruder, und besuche ihn, so oft ich einen Groschen zu Rappee entubrigen kann, der, wie allen verschobenen Gehirnen, auch ihm das willkommenste Geschenk ist." "Thun Sie das, lieber Sperling? Nun so erscheinen Sie mir in diesem Punkte grosser als Voltaire mit seinen vier Affen, und ich begleite Sie nun noch einmal so gern nach Cotignac." "Wenn haben Sie die Pferde bestellt?" "Mit Tagesanbruch" "Gut!" "Aber noch Eins, mein Herr! Bei Monchen haben wir als Ketzer wohl nicht viel Gutes auf den Mittag zu erwarten Sollten Sie nicht aus Fursorge einen gebratenen Fasan und einige Flaschen Wein mitnehmen?" "Sehr gern, reden Sie das mit meinem Wirth ab und fur heute leben Sie wohl! denn ich habe sehr viel in mein Tagebuch einzutragen." Das ware nun auch nach der Regel von Punktlichkeit geschehen, auf die ich vielleicht mehr halte, als Dir lieb ist. Ein anderer, glaube ich gern, wurde manches als unwichtig ubergangen, und sich bei meinen schlafrigen Augen kurzer gefasst haben; doch konnte es leicht moglich seyn, dass dieser andere seine gedrangte Schreibart in der Folge bereuen musste. Ich habe meine eigenen Grillen uber die Geschwatzigkeit. Was uns heute bloss als Staub auf unserm Lebensgange erscheint, kann morgen ein Kitt werden, der das Ganze verbindet. Du darfst nur in meinem obigen Gesprach mit Passerino ein Komma weglassen, und ich stehe weiter nicht fur den Sinn. Eben so erhalten die Vorfalle des Lebens meistens eine ganz andere luckenhafte Ansicht, indem man so genannte Kleinigkeiten nicht beruhrt, wodurch doch jene nur zu oft herbeigefuhrt werden. Heute kann es Dir freilich so gleichgultig seyn, als es mir ist, ob der Wirth fur meinen Mittag morgen einen Kapaun oder Fasan rothen oder weissen Wein in den Wagen packt. Wer kann aber voraus wissen, ob und was fur Folgen von dieser Wahl abhangen? Ja, wenn ich einen Roman schriebe, so konnte ich freilich meine Materialien sortiren; konnte zusetzen und weglassen, was ich wollte; aber Protokolle des laufenden Tags erfordern die schwatzhafteste Treue, und gesetzt, es ware noch so gleichgultig, ob Casar in seinem gewohnlichen Leben auf der rechten Seite ausspuckte oder auf der linken, so konnte doch, als er mit seinem Tagebuche uber den Fluss schwamm, dieser kleine Umstand seine eigene und die Lage der ganzen Welt verandern.
Den 25sten Februar.
Schon seit zwei Stunden sitze ich da, kaue meine Feder, und streite mit ihr, ob sie Dich in das Geheimniss ziehen soll, dessen ich mich zu Cotignac bemachtigt habe? Doch bist Du nicht auf dem Runde der Erde mein engster Vertrauter, und musste ich nicht furchten, wenn ich gegen Dich schwiege, von der Last, die mir auf dem Herzen liegt, diese Nacht erdruckt zu werden? Vor dem Verschwatzen will ich mich jedoch huten. Ohnehin macht uns nichts lakonischer, als eine grosse Entdeckung. Passerino trat schon um funf Uhr vor mein Bette. Wahrend ich mich ankleidete, spitzte er seine Stifte eine halbe Stunde nachher fuhren wir ab. Der Weg war so schlecht und langweilig, als seine Unterhaltung. Der elende Fleck, wo wir um zehn Uhr anlangten, war es nicht weniger, und so taumelte ich denn aus meinem Wagen, durch den Klosterhof und durch die Vorhalle, verstimmt bis uber die Ohren, in die russige Kirche. Ein Monch empfing uns mit der Miene, die allen den guten Leutpern der Vorzeit, oder heilige Spielwerke im Beschlusse haben. Ich that einen Blick auf das alberne Bild des Hochaltars, und hatte auf immer genug daran. Nicht so mein Reisegefahrte. Der setzte sich gegen uber auf die nachste Bank, zog sein Pergament heraus, und zeichnete, als ob es fur die Ewigkeit ware. Fur mich ware es eine gewesen, wenn ich ihm langer hatte zusehen mussen. Aber der Monch kannte den Werth der Zeit, nahm mich stillschweigend bei der Hand, fuhrte mich durch einen dunkeln Gang in das feuerfeste Gewolbe der Sakristei, und stellte mich vor einen grossen alten vergoldeten Schrank, der meine geringe Geduld aufs argste durch sechs kunstliche Schlosser prufte, die weit uber eine Viertelstunde wegnahmen, ehe der Pater eins nach dem andern geoffnet hatte: doch dafur gelangte auch meine Bewunderung zu einem unerwarteten Genusse. Drei weite Schubfacher enthielten die Garderobe der Mutter Gottes Hemden, Unterrocke, Kalecons, Strumpfe, Spitzen, Halstucher und Roben, alles, wo nicht neumodisch, doch fein, prachtig und unbefleckt, wie sie selbst. Das kostbarste ihrer Kleider, und das sie nur einmal des Jahrs ihrem Hofstaate zur Schau giebt, war von himmelblauem Atlas mit goldnen Sternen gestickt, und mit Quasten von den reinsten Perlen besetzt. "Dieses Kleid, so ausserst kostbar es auch ist," sagte der Monch, "wird noch merkwurdiger durch die beiliegende Nachricht, dass es unversohnliche Feinde der Gebenedeiten, drei portugiesische Juden waren, die es besorgten; so wie ehemals bei ihrer Niederkunft drei Konige aus Morgenland, wie das Ihnen bekannt seyn wird" "Ja, ja," sagte ich, und nachdem er das Kleid, wie die geschickteste Kammerjungfer, wieder in seine Falten gelegt hatte, offnete er einen mit schwarzem Sammet ausgeschlagenen Kasten. Gott verzeihe mir die Sunde! aber beim ersten Hinblick flog mir der Verdacht durch den Kopf, die heilige Jungfrau habe durch ihre dienstbaren Geister das grune Gewolbe ausraumen lassen. Mit dieser Juwelensammlung an Ohren- und Fingerringen Halsbandern und Zitternadeln Uhren, Zahnstochern und Tabaksbuchsen, konnte man, dachte ich, die Bekehrung der Juden ubernehmen, an der uns doch allen gelegen ist. "In der That, ehrwurdiger Herr," nothigte mir diese seltne Erscheinung die Worte ab, "habe ich die Hochheilige nirgends noch so reich ausgestattet gesehen, als hier! Welcher fromme Bienenschwarm muss nicht seinen irdischen Honig diesem Kloster zugetragen haben, um sich dadurch Zellen im Himmel zu bauen!" "Nichts weniger als das, mein Herr," antwortete der Monch: "alle Schatze dieses Schrankes ruhren von der Dankbarkeit einer einzigen Seele von der Andacht Ludewigs des Vierzehnten her. Auch legt die Mutter ihm zu Ehren ihre kostbarsten Kleinodien, so wie jenes himmelblaue Kleid mit Perlen, nur zu seinem Geburtstage an. Verlangen Sie noch starkere Beweise von der Achtung dieses grossen Monarchen fur unsere Madonne so sehen Sie hier" indem er ein neues Fach herauszog "das Ordensband des heiligen Geistes, das er ihr beim Antritte seiner glorreichen Regierung, hier seinen Heirathskontrakt, den er der Wunderthaterin durch einen Gesandten zuschickte, als er sich mit der Infantin Maria Theresia von Spanien vermahlte, und hier, in diesem kostbaren Einband, den pyrenaischen Friedensschluss"
"Aber warum hat denn dieser grosse Monarch," fragte ich in meiner Einfalt, "bei der Menge Madonnen in seinem weitlauftigen Reiche eben der Ihrigen eine so ubermassige Auszeichnung erwiesen?" "Warum? mein Herr," wiederholte der Monch meine Frage mit mitleidigem Lacheln, "aus der guten Ursache, weil er allein nur ihr sein Daseyn verdankte." "Das ist etwas anders, aber ich bitte Euer Hochwurden, wie ging denn das zu?" Der Monch verschloss erst mit dem bedachtlichsten Ernste seinen Schrank, fasste mich darauf stillschweigend bei den Schultern, und drehte meine stolze Figur einer demuthig gebeugten zu, die in einem prachtigen Rahmen beinahe die ganze Hauptwand der Sakristei einnahm dem Bilde eines Barfusser Monchs, in Lebensgrosse von Rigaud gemalt dem wichtigsten Manne, wie der Pater sich ausdruckte, in der franzosischen Geschichte, und von dem ich doch so misslich steht es leider mit meinen historischen Kenntnissen kein Wort in meinem Leben gehort hatte. Desto mehr Aufmerksamkeit schenkte ich jetzt dafur den Thaten dieses Auserwahlten, die mein Fuhrer mit vieler Beredtsamkeit zu entfalten verstand. Bei jedem neuen Farbenstriche, den er dem Gemalde zusetzte, machte ich immer grossere Augen. Wie hoch stieg aber nicht erst mein Erstaunen, als ich in dem schonen Ganzen, das sich am Ende aus seiner Erzahlung ergab, den Plan zu einem Heldengedicht entdeckte, so tadellos und vollkommen, als vielleicht noch keinem Dichter der Welt einen zu entwerfen gelungen ist. Du wirst es schon finden, dass ich das Maul nicht zu voll nehme, denn alle Eigenschaften, die Aristoteles von der Epopee verlangt, treffen in ihm zusammen. Der Heros ist weder ein Geschopf der Phantasie, noch ein gleichgultiger Spieler auf dem Schauplatze der Welt Seine Thaten sind kuhn, und greifen in die Zukunft. In der zu besingenden Handlung ist Anfang, Fortgang und Ende von gleich hohem Interesse die Episoden und Maschinen sogar sind ihr angemessen, naturlich und nothwendig: der ganze liebliche Stoff ist reichhaltig und gross. Ach! warum versagte mir doch die Natur alle Anlage zu der Trompete! da doch eben mir ein Stuck fur dieses Instrument der hohern Dichtkunst unter die Hand kommen musste, das gewiss, wenn meine schwache Lunge nicht ware, Larm in der Welt machen sollte; und ach! warum hat das Ungefahr nicht lieber Voltairen statt meiner mit diesem Manne der Geschichte bekannt gemacht, der es wohl eher verdient hatte, von solch einem Meister an das Licht gezogen zu werden, als die beruchtigte Pucelle! Um jedoch nicht dem Hahne in der Fabel zu gleichen, der ein Kleinod aus dem Mist scharrte, und als zu hart fur seinen Schnabel, es in seine schmutzige Verborgenheit zuruckschleuderte, uberlasse ich Dir, oder jedem andern Barden, grossmuthig das ausgescharrte meinige, um es zu waschen, zu wagen und in homerischen Glanz zu setzen, ohne weiter zu untersuchen, wer mir mehr Dank schuldig wird der Sanger, den ich in Zukunft, oder der Held, den ich schon jetzt, so gut ich kann, aus der unverdientesten Vergessenheit ziehe. Denn hullt uns gleich der dickste Nebel, Den kein V a r r e n t r a p p noch K r e b e l Durchzubrechen wagt, seinen Ursprung ein, Frankreichs stolzen Burgern sollt' er doch als Hebel Ihres grossten Konigs aus dem Ehverein Ludewigs des Schwachen unvergesslich seyn. Vor dem neuen Spiele einer Rolle bange, Die, wenn nun beim Uebergange In die Vierzig Amor sich entfernt Jede Frau gezwungen lernt, Trug die Konigin, die um Ehesegen Erd und Himmel zu bewegen, Zwanzig Jahr schon ihr Latein verlor, Und jetzt mehr als je verlegen, Einem Helden aus dem Chor Der Barfusser ihre Wunsche vor. Fiacre hiess der Mann. Stolz fuhrt den Ehrennamen Noch ein Gesindel fort, dem Dienst des Staats geweiht, Das sein Vehikulum Ermudeten und Lahmen Auf Stunden und Minuten leiht. So jung und nackt er war, stand er zu seiner Zeit Mehr noch, als sein Monarch, bei allen Notredamen In glucklicher Vertraulichkeit. Nur eine kannt er nicht, die alt und ausgeleeret An Wunderkraften war. In Tenniers Geschmack Gemalt, verbleichte sie, von Wenigen verehret, Still, auf dem Hochaltar des Stadtchens Cotignac. Der Monch, klug wie er war, und mit dem seltnen Falle Der Konigin vertraut, that, was ihr Ehkompan, Kalt in der Andacht, nie gethan, Dass eine wenigstens nur helfe, ruft er alle Der Christenheit Madonnen an. Und kaum vernahm von fern das M u t t e r b i l d d e r
Gnaden
Den ungewohnten Ruf, als, ohne zu verziehn, Es in dem ganzen Reiz der Nymphen von O s t a d e n Dem eingeschlafnen Monch erschien. "Steh!" treibt es ihn, "steh' auf, dem Konig ohne Schaden Weck' Annen auch! Ihr sei zum Possen dem Kalvin Noch diese Nacht ein Sohn, der einst durch Dragonaden Das Volk, das mich verkennt, nach Kassel und Berlin Zum Teufel jagen wird verliehn!" Und der Monch erwacht und erweckt auch Annen. Unsrer l i e b e n F r a u Wirkungen begannen: Freundlich war die Nacht, und dem Monch gelang Des Kalvinus Untergang. Und der Prinz kam an, den der fromme Pater Kraft des Wundertraums verhiess, Eh sich sein gekronter Vater Etwas von ihm traumen liess.5
Der Erzahler einer merkwurdigen Begebenheit, der aufmerksame Zuhorer findet, ist, wie ein reicher Gutsbesitzer unter seines Frohnern, ein uberaus glucklicher Mann. Von der einen Seite schlagt der Glanz seines Gegenstandes von der andern das Ausstromen der erwarmten Neugier, wohlthuend uber ihn zusammen. Ist aber das Feld einmal geraumt und die Ernte im Trocknen, so macht er als Nachstoppler eine desto armlichere Figur. Ich sah den guten Monch immer noch eine einzelne Aehre nach der andern auflesen, um die Garbe, die er gebunden hatte, wichtiger zu machen. Wir fuhlten aber beide gar bald das Langweilige davon, und ich fing an mich gewaltig nach meiner Heimreise zu sehnen, als es ihm beifiel, dass er mir fur die Ehre seines Klosters noch eine Kleinigkeit zu vertrauen hatte. "Auch hat es" fuhr er in seinem Nachstoppeln fort "vor allen im Reiche den Vorzug, einen Urenkel von der leiblichen Schwester des heiligen Fiacre in seiner Mitte zu sehen, indess zu gleicher Zeit, im theologischen Sinne, einer auf dem koniglichen Throne sitzt. Sie wurden selbst Familienahnlichkeit in den Gesichtszugen jenes Portrats und des Pater Andre finden, wenn es Ihnen beliebte, mir in seine Zelle zu folgen." "Lassen Sie uns," erwiederte ich angstlich, "doch vorher nachsehen, wie weit der Maler gekommen ist." Dieser Pinsler aber, als wir auf ihn zugingen, winkte uns so ernstlich, wie Diogenes in der Tonne, aus dem Sonnenscheine seines Enthusiasmus, dass ich im Drange meiner Langeweile doch fur kluger hielt, den gutlichen Vorschlag des Monchs anzunehmen, als mich noch langer auf den Marmorplatten der dunkeln Kirche herum zu treiben, schimpfte aber in Gedanken desto ausgelassener auf meinen tollen Zeichenmeister. Ich hatte schon damals Ursache genug gehabt, mir diese undankbare Aufwallung meiner Laune zu verweisen; denn die Bekanntschaft mit dem Helden einer Epopee war ja wohl belohnend genug, um mich uber alle und jede Unbehaglichkeit zu trosten. Musste ich denn erst noch eine Stunde alter werden, um zur Besinnung zu kommen? O du Sperling aller Sperlinge! vergieb mir um des hohen Verdienstes willen, das ich spaterhin deiner Narrheit mit reuigem Herzen zugestand. Wie willig und gedemuthigt that ich ihr Ehrenerklarung und Abbitte! Sogar in diesem Augenblicke meines ruhigen Nachdenkens beuge ich mich noch vor deinem Stumpertalente tiefer, als vor der Hoheit der Raphaele und Titiane, die sich zu vornehm dunkten, auf dem Hochaltare zu Cotignac dir ein Vorbild und jenem Barfusser eine Kupplerin aufzustellen. Auch die kalte Kuche, die du mir in prophetischer Ahndung riethest mit mir zu nehmen, werde ich dir ewig verdanken: denn eben durch jenen Fasan, den ich an die Stelle des Eiergerichts schob, das der Pater Andre zu verzehren sich anschickte, und durch die vier Flaschen Burgunder, die den Braten umringten, gewann ich in aller Geschwindigkeit das Zutrauen des freundlichen Mannes; und was trug mir nicht dieses gegen das Ende des Mahles ein! Trocknes Brod, das Gott segnen will, bedarf keiner Bruhe. Mein kleines, auf den Mittag versetztes und so wenig diplomatisches Fruhstuck, dass ich in Regenspurg mir nicht getrauen wurde, einen Hund damit aus dem Ofen zu locken, vermittelte mir dennoch die Entdekkung eines Staatsgeheimnisses, dem mehr als hundertjahrige Riegel vorgeschoben waren. Ein Sekulum war verrauscht, ohne es zu verrathen, ein zweites trug es in seinem morschen Leichentuche weiter, und drohte schon mit ihm zu verschwinden, als der Genius, der uber das Verborgene wacht, den Rauber im Fluge aufhielt, und wie einen Reiher zwang, seine Beute fahren zu lassen. Unbegreiflicher Zusammenhang der Dinge! Gleich dem Vogel Fonton in Arabien,6 der schreiend den Wanderern vorflattert, um sie, ware es auch ein Sumpf, dahin zu leiten, wo etwas Merkwurdiges versteckt ist, musste ein deutscher Narr einen andern Deutschen in diess Monchsnest verlocken, damit er einen Schatz heben konnte, den dort ein Schwarzkunstler fur die Ewigkeit zu vergraben glaubte. Konnte ich der Schadenfreude den geringsten Geschmack abgewinnen, oder spornte mich Nationalstolz, wie wurde ich mich gegen die unzahligen Franzosen brusten, die seit dem 5. December 1638 bis auf den heutigen 24. Februar vergebens darnach geforscht haben; aber bei Zufallen des Glucks steht nichts besser als Bescheidenheit.
Nach dem zehnten Glase ungefahr, wo es der schweren Zunge des Paters Andre lastig zu werden schien, den Einfluss der Mutter Gottes auf seinen Grossonkel langer in Betracht zu ziehen, erhob er sich, und taumelte der kleinen Niederlage seiner Bucher zu, zog eins aus dem Staube hervor, und "Hier, mein Herr!" reichte er mir's uber die Achsel, "verehre ich Ihnen zum Andenken die neueste Biographie des seligen Mannes La vie du venerable Frere Fiacre. Paris 1722. Konnen Sie alte Papiere besser lesen, als ich, so steht Ihnen auch noch der Plunder zu Diensten, der als sein einziger Nachlass bis auf mich fortgeerbt hat." Ich nahm sein, wie ich wahnte, unbedeutendes Geschenk mit hoflichen Blicken an, und luftete, wahrend die Kuttentrager ihre Glaser aufs neue fullten, das morsche Gewebe ein wenig unter dem pappenen Umschlag, und was Eduard fiel mir zuerst in die Augen? Nichts geringers als ein Handbrief der Konigin Anna. Welch Gluck, dass ich keinen feinern Physiognomisten gegen uber sass, als ein paar halbtrunkenen Monchen! Ihre gebrochenen Augen irrten nur von den leeren Flaschen zu der einzigen, die noch verstopselt vor ihnen stand ohne meine verfarbten Wangen des Anblicks zu wurdigen. Ich bekam Zeit, mich von meiner freudigen Erschutterung zu erholen, band das lockere Paket fester, warf es so gleichgultig neben meinem Hut hin, als ob es eine deutsche Monatsschrift ware, und gab nun die Madonna und ihr Fiacre durfen es mir wahrlich nicht verubeln meinem Gesprache eine Richtung, die uns immer weiter von ihrer Glorie entfernte. Desto verbindlicher betrug ich mich gegen ihre beiden Trabanten. Sie wollten mir weiss machen, es ware ihnen in ewiger Zeit kein Fremder von so einnehmendem Umgang vorgekommen. Ich vergalt es ihnen durch die Luge, dass ich noch Jahr und Tag in Marseille bleiben, und mir ofters das Vergnugen machen wurde, sie zu besuchen, und lache mich nur aus, Eduard aus Bangigkeit, dass es dem dummen Volke doch wohl einfallen konnte, die Handschriften vor der volligen Auslieferung noch einmal durchzusehen, stellte ich ihnen als die sicherste Zerstreuung und mit der Miene eines jovialen Tafelfreunds, eine zu, die fur sie von ungleich grosserm Werth war eine Anweisung an meinen Gastwirth auf zwei Dutzend Bouteillen desselben Weins, der ihrer Zunge so wohl that. Diese Aussicht in die Zukunft warf die sanftesten Strahlen auf die Gegenwart. Das Dankgefuhl der armen Geschopfe war granzenlos. Sie kussten meine ketzerischen Lippen so inbrunstig, als ob es Schuhsohlen eines Apostels waren, und dem ehrlichen Passerino, der nach vollbrachter Arbeit hereintrat und sich hungrig nach dem Fruhstucke, das er selbst bestellt hatte, umsah, setzten sie die leeren Flaschen und den verschrumpften Eierkuchen unter einem so tollausgelassenen Gelachter vor die Nase, dass der Prior nachfragen liess, was denn hier vorginge? Glucklicher Weise denn nun pochte mir das Herz noch starker, stiess der Postillion ins Horn. Ich fuhr geschwind nach meinem Hute und dem Geschenke darneben, umarmte die bartigen Kerle, empfahl mich ihrem Gebete, und ach! wie heilfroh blickte ich an den blauen Himmel hinauf, als ich den Klosterhof zehn Schritte hinter mir hatte! Der Ruckweg, der abwarts ging, und das doppelte Trinkgeld, mit dem ich den Fuhrmann auf Kosten der Pferde bestach, brachten mich um vieles fruher nach Hause. Passerino konnte mir unterwegs kein Wort abgewinnen. Dafur entliess ich ihn an der Thure der Gaststube mit unbeschrankter Vollmacht. Ich warf meine Hulle wie ein Schmetterling ab, jagte Bastian, der aufraumen wollte, aus dem Zimmer verschloss es, und sitze seitdem mitten unter meinen, den Motten und Monchen abgerungenen Urkunden, an meinem lieben heimlichen Schreibtische, ohne dass ich vor Eifer mir hatte Zeit nehmen mogen, ein Billet des Marquis zu lesen, das in diesem Augenblick noch unerbrochen neben mir liegt. Nichts ist doch historischen, auch wohl andern wichtigen Untersuchungen nachtheiliger als die erste Hitze. Ich hatte schon bei einer Stunde meinen Spreuhaufen hin- und hergeworfelt, ehe ich das seltne Weitzenkornchen, das mir dabei schon oft uber die Finger geschlupft war, bemerkte. Ich blatterte und blatterte alle Briefe vorbei, die nicht von der Konigin waren, und von denen ich doch jetzt die meisten wieder in ihren Staub zuruckwerfe, da sie schlechterdings des Durchsiebens nicht werth scheinen voll verliebten Unsinns in altem Styl, der, so eindringend er auch zu seiner Zeit wirken mochte, auf Herzen, wie sie in der jetzigen organisirt sind, keinen als hochstens einen lacherlichen Eindruck hervorbringen. Dafur will ich Dir ein Morgenbillet der liebenswurdigen Anna, das sich bisher immer versteckt hielt, und so unbedeutend es aussah, mir doch zuerst die Augen offnete, seiner ganzen Lange nach abschreiben: Nos neuvaines ont fait merveille. Depuis douze ans bien ecoules, je viens de revoir mon gracieux mari et maitre. L'orage d'hier qui l'a tristement econduit du cage de sa7 Fauvette, me l'a ramene. Peus-tu croire qu'il a meme soupe avec moi? Oui, oui! mon reverend pere, sans qu'il ait8 touche a ton plat favori. En es-tu content? Il est reparti pour Versailles. Que Dieu le conduisse. J'espere chasser de ma chambre la peste de son haleine par l'encens que tu m'offriras. Je t'attens a l'heure acoutumee de ma devotion. La Beauvais te dira le reste. Au Louvre ce 6 Decembr. 1637. A d'A.
Mir fiel in diesen Zeilen anfangs nichts so sehr ins
Ohr als das Spatgewitter, dem uberall das gemeine Volk weit wichtigern Einfluss in den Winter- als in den Sommermonaten zueignet. Nach seinen Begriffen ist es ein Wecker der Vorsehung. Einem so ungewohnlichen Tumult der Natur musse, hofft es, ein politischer nachfolgen. Ein fataler Volksglaube! der besonders in Russland an manchem Unfug schuld ist, so dass ich aus Anhanglichkeit an die grosse Katharina froh bin, dass wahrend ihrer glorreichen Regierung sich kein dergleichen Luftzeichen ihrem Horizonte genahert hat. Es waren nur ein paar fluchtige Augenblikke, die ich an dieses himmlische Phanomen verlor; denn ich stieg sogleich einige Zeilen tiefer, zu dem weit Erklarbarern herunter, das der Name Beauvais meinen Nachforschungen Preis gab. Die vielen Briefe, die mit dieser Unterschrift in meinem Portefeuille den koniglichen Handschreiben beigesellt waren, konnten doch wohl, vermuthete ich, bedeutender seyn, als ich ihnen bis jetzt zugetraut hatte. Ich legte also vorerst meinen Handen die verschuldete Strafe auf, die so sehr gestorte chronologische Ordnung der Briefe wieder herzustellen, ehe ich meinen Augen anmuthete, ihre Hieroglyphen zu entziffern. Sie gingen freilich sehr scheu und und ungern daran, aber o was fur eine wackere Lehrmeisterin ist nicht die Neugier! Kaum hatte ich die ersten Schwierigkeiten uberwunden, und mich uberzeugt, dass es Annens vertrauteste Kammerfrau sei, mit der ich zu thun bekam, so las ich auch schon ihre Handschrift mit derselben Leichtigkeit als die Deinige. Ich mochte das verschmitzte Geschopf gekannt haben! Schon der erste Brief, den ich entrathselte, flosste mir eine hohe Meinung von ihrem praktischen Verstande ein. Sie empfiehlt in halber Frakturschrift dem ehrwurdigen Bruder die sorgfaltigste Behutsamkeit in seinem Benehmen, und warnt ihn besonders vor den scharfsichtigen Augen Orleans. Gestern noch, erzahlt sie, sei der Unverschamte ihrer Gebieterin, als sie eben aus der Kirche zuruck kam, ohne nur Rucksicht auf ihre zahlreiche Begleitung zu nehmen, mit der Spottrede in den Weg getreten: Madame, vous venez de solliciter vos juges contre moi, je consens que vous gagniez votre proces, si le roi a assez de credit pour cela. Anna ware so aufgebracht daruber, dass sie ihren Gewissensrath zu sprechen verlange, und ihn eine Stunde fruher als gewohnlich in ihrem Andachtszimmer erwarte. Unter Leitung einer so vorsichtig geschaftigen Hand lasst sich ja eine zwolfjahrige Ehetrennung wohl noch ertragen. Je langer ich an ihren Briefen meine Geduld ubte, desto mehr verloren bei mir Notre Dame de Graces und ihr Fiacre an Ansehen denn Marie Beauvais, wie mir jetzt jede Zeile verrieth, war eigentlich das grosse Triebrad aller Wunder des Louvre. Sie hatte den jungen Barfusser zuerst der Trost bedurftigen Konigin vorgestellt ihm seine Rolle angewiesen und ihre gemeinschaftlichen Betstunden eingerichtet. Nach Recht und Billigkeit sollte keine andere Vermittlerin als Sie den Ehrenplatz auf dem Hochaltare zu Cotignac einnehmen. Leichtsinnige und verrathene Anna! ich wurde dich entschuldigen und bedauern, und ich wurde Gott bitten dir die Sunde zu vergeben, die den guten Herzog von Orleans um die Thronfolge betrog, hattest du nur nicht als eine grausame Mutter deinem Erstgebornen gleich bei seinem Eintritte in die Welt den Stein an den Hals gehangt, der ihn in den Abgrund lebenswieriger Schwermuth versenkte. Ja, Eduard, spitze nur die Ohren! Ludewig der Vierzehnte hatte noch einen zwei Jahre altern Bruder. Fiacre war Vater von beiden, und der Ungluckliche, von dem ich eben spreche, war die unbekannte, nur zu beruhmte eiserne Maske.9 Die Mutter gebar diesen ihren Erstling in einem entlegenen Gartenhause unter den hulfreichen Handen der Beauvais und belegte schon wahrend der Geburtsschmerzen das Pfand ihrer verbotenen Liebe zu welchem Geschlecht es auch gehoren mochte, mit dem Fluche der Weihe, inzwischen ihr Buhler Messen fur ihre gluckliche Entbindung las. Die Nothhelferin verbarg das Kind bis in sein sechstes Jahr, und so erhielt der heilige Fiacre Zeit genug, sich nach der bequemsten Madonne umzusehen, die den unreinen Thon kneten und zu einem Gefasse der Heiligkeit bilden sollte. Er wahlte die unbesuchteste von allen, die spaterhin durch den geschickten Wurf ihres Deckmantels um Annens Bette, nach jener mysteriosen Gewitternacht, seine kluge Wahl nur zu gut rechtfertigte. Er erhielt den grausamen Auftrag, und fuhrte ihn gewissenhaft aus wie ein Monch. Dasselbe Kloster, wo ich heute seinen Urenkel berauschte, erhielt das Gott geweihte Kind, unter der Bedingung, unbekannt mit seiner Herkunft, der Wunderthaterin so lange als Chorknabe zu dienen, bis er zur Tonsur reif seyn wurde. Nimm einstweilen mit diesem fluchtigen Auszug meiner Kriminalakten vorlieb, bis ich Dir die Belege dazu selbst einhandigen kann. Wenn die Kopfe einer Ehebrecherin, einer Kammerfrau und eines Monchs zusammentreten, um den Schwefeldunsten ihres Gewissens einen Ableiter zu verschaffen, so lasst sich leicht denken, dass eine solche Vereinigung keine gemeinen Sophistereien entwickelt. Es findet sich leider! unter meinen Papieren nur ein einziges Koncept des heiligen Fiacre, das aber desto fleissiger bearbeitet ist, wie die ausgestrichenen bedenklichen und dafur eingeschalteten gewahltern Worte an den Tag legen. Gott im Himmel, welch ein Brief! an eine strafbare Konigin von ihrem Gewissensrathe zur Fastenzeit in dem Sterbejahre ihres Gemahls, kurz nach Antritt ihrer Regentschaft im Jahre 1643 an einem Morgen geschrieben, wo sie durch einen nachtlichen bosen Traum erschuttert, von ihrem erschlichenen Throne herab sich nach geistlicher Beruhigung umsah. Wie wurde Bayle seinen gelehrten Artikel Marie mit diesem Briefe aufgestutzt haben, wenn er ihn gekannt hatte! Der untergeschobene Kronerbe stand damals in seinem funften Jahre, und der ihm den Weg gebahnt hatte, in seinem siebenten. Mit welchen behutsamen Saftfarben weiss nicht der heilige Mann diesen Vorlaufer des Fuhrers seines Volks zu schildern. Alle himmlische Heerschaaren, schmeichelt er sich, mussten die seligste Freude uber die Gewandheit des geweihten Knaben bei den, seinem zarten Alter angemessenen Kuchendiensten uber seine Gelehrigkeit in der Schule und besonders uber die susse Anwendung seiner Feierstunden empfinden. Dann stehe er oft vor dem schonen Gemalde, das Ihro Majestat der Kirche verehrt habe freue sich des Kindes, das dem Mutterbilde zu Fussen liege ohne zu ahnden, wie nahe es ihm verwandt sei. Dieser ruhrende Instinkt von Bruderliebe, fahrt er gleissnerisch fort, sei ein neuer Segen der Gebenedeiten ein deutlicher Beweis ihres Wohlgefallens an ihm, und ein Wiederschein der Strahlenkrone, die seiner in jenem Leben erwarte u.s.w. Es nahm mich Wunder, dass ich den Brief der Regentin von der Beauvais nicht unterstutzt sah, so wie es mir uberhaupt vorkommt, als sei der Traum nur aus Hoflichkeit gegen einen abgedankten Liebhaber erfunden, mit dem man nicht mehr weiss was man reden soll. Schon in einigen vorhergehenden Missiven vermisse ich das Herzliche der vorigen Zeit, so dass ich wohl begreife, warum allein der dritte Sohn Philipp, nachmaliger Herzog von Orleans, seinem regierenden Bruder nicht glich. Die folgenden Briefe werden immer seltener, kurzer und kalter, und behaupten ein gewisses religioses Ceremoniel, das gegen den ehemaligen traulichen Ton sonderbar absticht. Wem etwas daran gelegen seyn konnte zu wissen, wie der heilige Fiacre die Tage seines in der Schnellwage des Hofs gesunkenen Gewichts hingebracht habe, dem konnte ich zur Erlauterung wohl noch einige Beichten mittheilen, die hier, wie verloren, da liegen, und sehr warmen Herzen entflossen scheinen. Im Jahre 1660, wo der Regentin wahrscheinlich die Neugier angekommen seyn mochte, das Kind des Gartenhauses kennen zu lernen, befragt sie ihren Wegweiser auf so manchen Gangen des Lebens, sehr herablassend um die beste Route nach Cotignac, wohin sie eine Wallfahrt zu thun vorhabe der einzige darauf folgende Brief meldet dem ehrwurdigen Vater ihre Zuruckkunft, und befiehlt ihm, sich den Tag nachher bei ihrer Kammerfrau einzufinden, wo sie uber eins und das andere mit ihm sprechen wolle, das jenes Kloster betrafe. Noch ein paar andere weisen ihn an, Gelder zu Almosen in ihrer Schatzkammer zu erheben. Mit den Anweisungen auf ihre Schlafkammer ist es vorbei. Diese Briefe machen meine Verzweiflung. Man lernt doch in der Welt Gottes nichts daraus. Glucklicher Weise giebt noch eine heillose Epistel der Beauvais, die den ganzen Briefwechsel schliesst, zu merkwurdigen Muthmassungen Anlass, die uns kunftig einmal bei einem Glase Punsch munter genug machen werden. Sie scheint eine Antwort auf einen Bericht des heiligen Fiacre zu seyn, der sich auf einen andern vom Prior des Klosters bezieht. Jetzt will ich Dir nur den Anfang und das Ende davon zu Gute geben: Votre Saint-Jean ne vaut pas le diable avec sa maudite ressemblance. Il est incorrigible et fou a lier. Sa mere en est desolee, outree et l'abandonne a son mauvais destin. Elle vient d'en instruire le roi qui saura bien que faire. La reine, schliesst sich diese drei Seiten lange Urkunde, vous loue d'avoir brule nos lettres. Faites de meme avec celle-ci. Que rien ne reste apres nous de tout ce qui a trait a ce damne. Je me recommande a vos prieres. Wenn mich mein Gedachtniss nicht betrugt, dem freilich jetzt keine Bucher zu Hulfe kommen, so trifft dieser Brief mit der Zeit zusammen, wo der Konig sein savoir faire geltend machte, und die eiserne Maske zuerst bekannt ward. Mein Herz blutet, wenn ich an das arme unschuldige, der Entsundigung ehebrecherischer Aeltern und der Staatskunst eines unmenschlichen Bruders geweihte Schlachtopfer denke. Ich spure dem Gefuhle nach, mit welchem der Gemarterte am Fenster seines einsamen Kerkers steht, und jenes Vultus tyranni auf die Scheibe kritzelt, die sich wahrscheinlich sein einziger Nachlass in meine Sammlung gefluchtet hat, als ob sie mich fur meine Theilnahme an seinem Schicksal belohnen sollte. Wie betroffen werden die Geschichtschreiber in Frankreich und Deutschland sie, die bald einen Herzog von Bukingham, bald einen Grafen Rantzau, und endlich gar den Kardinal Mazarin mit der Konigin verkuppeln, einander anstaunen, wenn ich meine Dokumente bekannt mache! Die Beauvais verstand den Handel besser. Sie wusste sehr wohl, dass in solchen Angelegenheiten, wie sie betrieb, ein junger Barfusser mehr, als alle Befehlshaber der weltlichen und geistlichen Miliz und ein Fiaker mehr werth sei, als ein Staatswagen. Ich danke es dem heiligen Manne noch in seinem Grabe, dass er diesen wichtigen Briefwechsel, statt, wie er seinen klugen Gehulfen weiss machte, dem Feuer der schwesterlichen Treue ubergab, und entweder vergass, die Rolle seiner Jugendjahre zuruckzufordern, oder seinen Erben in ihr ein Kapital zu hinterlassen gedachte, das ihnen auch gewiss wenn sie recht verstanden hatten es zu benutzen, hohe Zinsen hatte abwerfen mussen. Siehe doch zu, Eduard, dass Du seine Legende irgendwo auftreibst. Sollte sie sich denn nicht in einem Winkel der koniglichen Bibliothek finden? Ich weiss zwar ungefahr, wie viel den Lobrednern der Heiligen zu trauen ist; aber zu geschweigen, dass die Wahrheit sich doch nicht so ganz verkleistern lasst, um nicht hier und da durchzuschimmern, so kommt es dem seinigen auch gar nicht in den Sinn, die Materialien, die ihm zu Gebote standen, zu verfalschen. Er stort nur in den gemeinsten Fripperien nach den Lumpen des Schaafpelzes, der dem Wolf hienieden ein so frommes Ansehn gab. Uns, die wir nun den ehrlichen Mann in sein wahres Licht gestellt sehen, kann ein solcher Umzug nicht blenden. Er tragt vielmehr bei, seine Physiognomie durch Vergleichung nur desto hervorstechender zu machen. So mude ich auch des Excerpirens bin, soll es mich doch nicht verdriessen, Dir aus dem Buchelchen noch eine und andere Parallelstelle zu dem vorliegenden Texte abzuschreiben.
Pag. 11. Il naquit a Marly le 21. Febr. 1609. il recut l'habit de Religion le 19. May 1631. age de 22 ans. On lui changea son nom de Denis en celui de Frere Fiacre de Sainte Margarite.
Pag. 38. Le Frere Fiacre penetre de reconnoissance pour les aumones de la reine, prioit le ciel de la rendre feconde lorsqu' enfin 1638 des mouvemens interieurs le sollicitoient, comme malgre lui, d'aller dire a la Reine qu'elle auroit un fils etc.
Extrait du proces verbal: Il se sentit une forte inspiration de faire trois neuvaines pour saluer la sainte vierge a Notre Dame de Paris, a Notre Dame de Graces en Provence et a Notre Dame de Victories; et Dieu qui voulut que la France eut obligation de son bonheur a ce pauvre Frere, accorda a ses prieres le Dauphin attendu; car ses neuvaines finirent le 5 Decembre, neuf mois precisement avant que le roi naquit. Le 5 Septembre 1638 des les deux heures du matin la Reine fut en travail a onze heures et 22 minutes avant midi le Roi etant a table fut subitement averti que la Reine accouchoit etc. Gazette et Mercure francois de 1638.
Pag. 60. Ainsi naquit le Dauphin, le fruit du frere Fiacre apres 23. annees de sterilite de la Reine. Les nouvelles publiques de ce temps reconnoissent qu'il y a du merveilleux dans cette naissance. Louis XIII. dans ses lettres aux Ambassadeurs, assure que tout ce qui a precede l'accouchement de la Reine fait voir que ce fils lui est donne de Dieu.
1657. au milieu de tant de graces il etoit tourmente de mille pensee impures: qui le croiroit? il evitoit en general les conversations avec les femmes et surtout des femmes devotes, parce qu'on s'y engage d'autant plus facilement qu'on voit dans leur conduite plus de retenue et que par un artifice imperceptible de l'amour propre on passe de l'estime de leur vertu a l'attachement a leur personne. Cependant il etoit tente, qui le croiroit? il regloit ses paroles, ne permettoit rien a ses yeux: cependant il etoit tente etc. mais rien au fonds n'est si facile a comprendre. Les saints n'ont ete de grands saints que parce qu'ils ont eu de grandes passions etc. Le frere Fiacre afflige par ces pensees sales, s'agitoit, se tourmentoit pour les repousser, il se serroit les tempes, se ridoit le front, secouoit la tete, et faisoit mille autres contorsions.
Circonstances de sa mort: Il faut savoir que de l'an 1646 c'est a dire 38 ans avant sa mort il avoit ecrit, qu'il etoit arrete de toute eternite qu'on prendroit son coeur apres sa mort et que deux religieux de son ordre le porteroient a Notre Dame de Graces pour y etre pose sous les pieds de la glorieuse Vierge Marie; il pria ceux qui tireroint son coeur de son corps, de le tirer par le cote, a cause de la pudicite religieuse. Toutes circonstances ont ete accomplies a la lettre.
Pag. 368. Il mourut le 16 fevr. 1684 dans la 75me annee de son age. Il avoit la taille mediocre, le front grand et large, les yeux bleus, il etoit blanc, avoit les traits assez reguliers; et tout cela formoit une physionomie belle et tres religieuse etc. Les peintres ne le perdirent jamais de vue, il en eut toujours de nouveaux qui se succederent pour le tirer.
Pag. 370. Des qu'il fut enterre, le P. Prieur fut a Versailles porter au roi la lettre que ce serviteur de Dieu lui avoit ecrite avant de mourir. Le P. Prieur lui presenta encore la donation qu'il avoit fait de son coeur a la sainte Vierge et qui etoit signee de son sang. Le roi baisa la signature avec respect. Voila, dit-il, un sang qui est bien vermeil.
Pag. 372. Les superieurs remirent ses manuscripts qu'il avoit laisse cachetes avec priere de ne les ouvrir que dix ans apres sa mort. Cette dixieme annee etant enfin revolue le Roi attentif envoya Msr. de Pompone Ministre et Secretaire d'etat avec une lettre de cachet qui lui ordonna d'ouvrir les manuscripts du frere Fiacre. Il les ouvrit en presence des superieurs; il en tira quelques papiers qu'il fit porter au Roi.
Wer das Gefuhl nicht kennt, Herr eines Staatsgeheimnisses zu seyn, das er, nach Belieben, mit in die Ewigkeit nehmen oder verschwatzen kann, an wen er will, musste einen grossen Spass an meiner Figur gefunden haben, wenn er die selbstgefalligen listigen Mienen, die bisher meiner Feder nachschlichen, hatte belauschen konnen. Denn freilich kann ein Auge, das so viel auf Nuditaten halt, als das meinige, sein Wohlbehagen nicht bergen, wenn es den seltnen Fall erlebt, einem Monch seine Kutte vom Leibe, einer Kammerfrau das Tuch von der Brust zu ziehen, die das Herz eines Tiegers versteckt, und besonders, wie Peter der Grosse im kaiserlichen Ungestum sich an dem Bette der Maintenon herausnahm, eine Konigin zu entblossen, von der man so viel Schones erzahlt. Meine Gesundheitsreise, will ich jetzt, ohne Wortwechsel, jedermann zugeben, der die Sache versteht, hat bis auf den heutigen Tag nur Vorfalle entwickelt, die der Muhe des Erzahlens nicht lohnen, die keinen Menschen, als etwa Dich, interessiren konnen, und dem gemeinsten Reisenden aufstossen. Jetzt aber hoffe ich doch, dass mir die Statistiker, die Biographen und Archivarien, alles Geschwatz der vorigen Blatter der einzigen Perle wegen verzeihen werden, die mir heute der Zufall in die Hande spielte. Musste nicht Cook auch lange auf dem Weltmeere herumirren, ehe er auf jene gluckliche Insel stiess, wohin noch keine Kultur gekommen war, und wo die schonsten Madchen noch nackender gehen als in meinem Tagebuche. Ich kann mich jetzt brusten wie Er Mein Otaheite ist gefunden und mein Name verewigt wie der seinige.10
Aber soll ich denn heute gar nicht zur Ruhe kommen? Eben im Begriff, das dritte oder vierte Licht auszuloschen, das meiner nachtlichen Arbeit vorstand, fallt mir noch Saint-Sauveurs Brief in die schlafrigen Augen. Ach Gott, wie trieb sie nicht jede Zeile aus einander! Hore nur, Eduard, was mir der sonst so vernunftige Mann zumuthet. Er, der mit Wohlgefallen der Exekution erwahnt, die heute unter seinem Kommando einem Verurtheilten das Leben schenkte kann doch verlangen, dass ich ihn morgen zu einer wo keine menschliche Gnade Statt findet zum Opferfeste einer neuern Iphigenie zur Einkleidung des unvergleichlichen Kindes begleiten soll, das mir vor ein paar Tagen zu Toulon so wichtig geworden ist? Ich hatte es ganz vergessen, dass morgen ihr siebenzehnter Geburtstag einfallt, der sie von dem gesellschaftlichen Leben zu trennen und zu einer ewigen Gefangenschaft einzusegnen bestimmt ist! Schliesst der gute Mann etwa aus meiner Fahrt nach Cotignac, dass ich sonst nichts zu thun habe als Kloster zu besuchen? Die langweiligen Stunden, die ich dort zubrachte, sind mir doch vergutet worden, und wie? Was sollte mich aber in Eins verlocken konnen, wo ich unter argerlichen Ceremonien vielleicht Gefahr liefe, mir ein Gallenfieber zu holen? Ueberdies bin ich ja morgen um neun Uhr zu meiner Sonntagsfeier schon in e i n e m Tollhause versagt, das sich unter keiner andern Benennung ankundigt als die ihm gebuhrt. Der Herr Brigadier mag allein reisen. Ich will nicht auch noch mit leiblichen Augen einer Gleissnerei nachgehen, bei der, sonderbar genug, nicht weniger als bei der eisernen Maske, ein Heuchler von Vater, eine strafbare Mutter und ein eigennutziger Bruder ihr hollisches Spiel treiben. Hat mich die Theilnahme an einem Leidenden, dessen Asche von einem, vollen Sekulum bedeckt ist, schon so murbe gemacht, welches Entsetzen wurde mich nicht erst ergreifen, wenn ich die holde Schone zum erstenmale wieder nach jener herrlichen Nacht unserer Bekanntschaft im Nonnenschleier an dem Rande eines offenen Grabes anstaunen musste, das sie lebendig verschlingen soll, und aus dem sie, ach Eduard! nun nichts nichts mehr zu retten vermag. So, streckt denn Unvernunft, Aberglaube und Monchswuth ihren bleiernen, Zepter von einem Jahrhunderte zum andern! Wo ich auch hinblikke, sehe ich nur Thorheiten und Laster neben dem Jammer der Unschuld. Du vermuthest doch schon, Eduard, dass ich nach solchen Kopf und Herz durchdringenden Gedanken den Marquis mit verweigernder Antwort abgefertigt habe und Du hast es errathen. Doch, indem ich meinem Bastian den Brief vor das Bette tragen wollte, um ihn morgen mit dem fruhesten zu bestellen, trat mir das Bild der guten liebenswurdigen St. Aignan in den Weg, und bat mich, die Sache noch einmal zu uberlegen. Ich blieb eine ganze Weile ungewiss stehen, aber die ruhrende Betrachtung einer Tochter, die Jugend, Schonheit und alle Anspruche auf ein Leben voll Gluck dem kindlichen Gehorsam aufopfert, entschied. Ich zerriss meine Antwort, und bin entschlossen meinem Freunde zu folgen, unsere Thranen zu vermischen und Ihr koste es mir auch was es wolle, vor ihrem Hingang noch einmal in die blauen himmlischen Augen zu sehen. Der Besuch bei dem andern gebeugten Weibe entgeht mir ja nicht!
Den 24sten Februar.
Wenn Du aus der Konstellation meines gestrigen Blattes zu bestimmen vermagst, in welcher Gegend mein Stern leuchtet, so sind wir geschiedene Leute; denn trotz Deiner Sehkraft konnte es unmoglich mit rechten Dingen zugehen. Kaum bin ich mir selbst Ereignisse des abgelaufenen Tages fur wahr zu halten, den ich Dir jedoch so treu, als alle vorhergegangenen, zu entwickeln verspreche; habe nur, das bitt' ich Dich, Geduld mit meiner Feder! Du kennst ihre Weise. Sie ruckt gewohnlich nur mit dem Zeiger der Uhr fort, aber vorzuglich heute darf in meinem Tagebuche keine Stunde eher schlagen, als sie erlebt ist, damit nicht der Minuten eine, die sie herbeifuhrten, verloren gehe. Saint-Sauveur holte mich nicht ab, wie ich erwartete, sondern schickte mir seinen Wagen, um ihn abzuholen. Es fiel mir ein wenig auf, und erinnerte mich, dass Er bei aller seiner Hoflichkeit sich doch noch nie herabgelassen habe, mich zu besuchen. Er stand in seiner Hausthur, als ich ankam, stieg ein, indem er zugleich dem Kutscher befahl langsam zu fahren, damit wir nur kurz vor dem Anfang der Ceremonie bei den Urselinerinnen eintrafen. Konnte er aber nicht lieber um so viel spater die Stadt verlassen? Das wollte ich eben fragen, als ich in seinen Augen Thranen bemerkte, die mir alle Sprachlust benahmen, und meine eigene bangliche Stimmung vermehrten. Ich konnte an mir abnehmen, wie viel ihm die Gefalligkeit kosten musste, als erbetener Zeuge einer, fur Herz und Verstand gleich widrigen Handlung beizuwohnen, und fand es bei seinem Missmuth sehr naturlich, dass er sich einen Begleiter zugesellt hatte, aber leider! hatte er zu seiner Zerstreuung keinen unfahigern wahlen konnen als mich. Unsere beiden Seelen schwammen in gleicher Wehmuth, die unter allen sympathetischen Gefuhlen am wenigsten sich mit Worten abgiebt. O wie lang ward mir der Weg nach dem, von der Stadt ohnehin ziemlich entfernten Kloster, und doch wie erschrak ich, als wir endlich nach drei langweiligen Stunden vor dem Eingange der Kapelle still hielten, hinter der das mit Hangeweiden und Cypressen umgebene gothische Gebaude vorragte. Allgutiger Gott! seufzte ich, wie kannst du zugeben, dass man eins deiner freien frohen Geschopfe ach deiner herrlichsten eins! in den Kerker dieser Einode versperre. Muss nicht dem armen Kinde das Herz verbluten, wenn es jetzt aus seiner Herreise zum letztenmale von gaukelnden Vogeln umzwitschert, von balsamischen Luften umweht, dieses schaurige Gemauer erreicht, und hinter ihm die Pforte zurasselt, die es auf ewig von dem so freundlich winkenden Fruhling den schonsten Hoffnungen seines Geschlechts und jenen Fuhllosen trennt, die seiner kindlich und schwesterlich wimmernden Liebe doch immer Noch werth bleiben!
Unter so peinlichen Gedanken wankte ich dem Kirchner nach, der uns eine Loge dem Altar gegen uber anwies, die durch eine Glasthur in der Mitte zweier Fenster von dem Schiffe der Kirche abgesondert war. Durch den flornen Vorhang, der die Zuschauer verbarg, schimmerten zunachst zwei einander uberstehende schwarz beschlagene Banke meinen feuchten Augen entgegen, und an den beiden Seitenwanden zogen sich die vergitterten Schranken der Nonnen herum. So lange ich und der Marquis allein waren, ubersah ich noch so ziemlich gelassen diess geistige Hochgericht; als aber bald nachher der Vater und Bruder des, seinen Schlachtern nun schon ausgelieferten Lammes hereintraten, emporte sich mein Innerstes so heftig bei ihrem Anblicke, dass ich kaum uber mich gewinnen konnte, ihnen ihre hofliche Verneigung kalt zu erwiedern. Die heuchlerische Miene, mit welcher der erstere sogleich auf die Knie fiel, tauschte mich so wenig als das bleiche abgeharmte Gesicht des andern. Mag es meinetwegen wahr seyn, was mir der Wirth zu Toulon von ihm erzahlte; es schandet den eigennutzigen Jungling nur desto mehr, dass er lieber seiner Braut und den Pflichten der Ehre und der Menschlichkeit, als dem schwesterlichen Erbantheil entsagte, der ihm, trotz der tollen Verordnung der Mutter, nicht zukam. Ich konnte diesen Abscheulichkeiten nicht langer nachgrubeln, denn jetzt fingen die Glocken zu lauten an, und der Beforderer und Exekutor des schwarmerischen Testaments, der Dominikaner, erschien, warf sich vor den Altar und betete so lange im Stillen, bis jene schwiegen, und nun ein zweistimmiger, aus den Klausen der Nonnen sanft hervorwallender Choral das Trauerspiel eroffnete. Indem sich der Geistliche seiner Bank zur linken Seite unserer Loge naherte, trat zugleich auf der rechten, o wie stiegen mir die Haare empor die Verurtheilte, weiss gekleidet, hinter einem Kirchstuhle heraus, und bewegte sich an der Hand ihrer Erzieherin, mit niedergeschlagenen Augen feierlich langsam nach ihrem Sitze. Diese bot ihr einen Flacon zum Riechen. Sie dankte der Freundin, ohne ihn anzunehmen, durch ein gutmuthiges Lacheln fur ihre Besorgniss, und verbeugte sich gegen den Monch, der nun, die Schrekkensurkunde in der Hand, seinen Vortrag in schlichtem Predigerton anhob: "Der erste Laut meines Mundes an diesem Zufluchtsort unserer Andacht, sei der Glorie des Allweisen und Unerforschlichen und dem Andenken jener zu seiner Herrlichkeit Uebergegangenen geweiht, der Sie, theures Fraulein, das Daseyn verdanken. Der Glanz ihrer Sterbestunde erhelle die gegenwartige, die uns beide zu dem gemeinschaftlichen Zwecke vereinigt, den letzten Willen der Verewigten zu vollziehen. Die schonste und grosste Verbindlichkeit eines Kindes ist Gehorsam, und Ehrerbietung fur Aeltern das erste Gebot, das Verheissung hat. Sie haben sich bereits, dem mutterlichen Verlangen gemass, zur Annahme des heiligen Schleiers erklart, und diess stille Kloster gewahlt, wo Sie Ihre ubrigen Tage ruhig und Gott gefallig zu verleben gedenken; das Ihnen zur Befolgung gesetzte Ziel ist erreicht. Sie stehen zum letztenmal freigelassen hier, vor meiner segnenden Hand, um Ihren gereiften frommen Entschluss zu bestatigen und zu erfullen, und so wird es Ihnen wohl gehen, und Sie lange leben auf Erden. Wie festlich muss Ihnen, nach siebenzehn verlaufenen Jugendjahren, nicht heute die Erinnerung an den Tag Ihrer Geburt durch die Feier Ihres Gehorsams und Gelubdes werden, das Sie abzulegen bereit sind." Bei diesen Worten entfielen einige Tropfen den Augen des lieben Kindes. Der Monch, der sie nachdenkend anblickte, hielt so lange inne, bis sie wieder gefasst war, und fuhr dann herzlicher fort: "Ihre Traurigkeit, Theuerste, ist vorubergehend, wie der Schmerz einer Gebahrenden. Der Allmachtige wird sie in Freude verwandeln. Diese Thranen, hoffe ich, sind der letzte Tribut, den Ihre Dankbarkeit dem Andenken eines vergangenen glucklichen Lebens zollt; denn wie konnte, da Sie mit heute ein dreimal froheres beginnen, es Ihrem Herzen schwer fallen, jenen verganglichen Freuden der Welt, an denen es Theil nahm, zu entsagen, und sie hohern Befriedigungen aufzuopfern. Habe ich wohl nothig, Ihnen bei dieser Landung aus einem Meere voll Gefahren und Sturme trostend entgegen zu kommen wohl nothig, Sie zu ermahnen, den Allwissenden durch ein freimuthiges Bekenntniss aller werthlosen Anhanglichkeiten an das Irdische, von denen sich Ihr Herz jetzt trennen und reinigen soll, zu ehren, da es langst dem meinen geoffnet, sich nie der Erforschung seines treusten Rathgebers und Beichtigers zu entziehen gesucht hat? Sollte es aber dennoch, mir unbekannt, sich einer weltlichen Sorge bewusst seyn sollte noch ein Wunsch an ihm nagen, den es treulos begriffen ware, gleichsam als einen verheimlichten Raub, in diese, der Seelenruhe geweihte Wohnung mit hinuber zu nehmen, so " Hier uberzog eine flimmernde Rothe die blassen Wangen des erschrockenen Kindes, es brach in unaufhaltsame Thranen aus, zitterte, rang wehmuthig die Hande, und versetzte durch diesen Anblick den erstaunten Priester in einen heiligen hell auflodernden Eifer. "Fraulein," erhob er feierlich seine Stimme, "ich lege, ja, unter der strengsten Verbindlichkeit eines Eides und bei der ewigen Wahrheit, deren berufener Diener ich bin, lege ich Ihrem Gewissen auf, jenes verborgene noch nicht getilgte Geluste Ihrer Seele unverhehlt zu bekennen, das in dieser Stunde der Entsagung noch machtig genug ist, Ihre Standhaftigkeit zu erschuttern, damit ich an Gottes Statt ..." doch hier erlaubte ihm sein Mitleiden nicht weiter zu sprechen, denn seine Beschworung, die schon mir beinah alle Besinnung nahm, in welchen Zustand versetzte sie nicht vollends diess zarte weibliche Wesen! Sie ergriff und druckte in hochster Seelenangst die Hand ihrer jammernden Freundin an das gepresste Herz, und verbarg die Augen unter dem Tuche, das ihre Thranen einsog. Dieser Anblick war so ruhrend, dass er selbst die lieblosen Zeugen erweichte, in deren Mitte ich stand. Ich horte, wie sie sich von den Fenstern zuruckzogen, um sich nicht durch ihr Schluchzen zu verrathen, doch vergonnte ich ihnen keinen meiner Blicke, die fest an den leidenden Engel geheftet blieben. Nach einer minutenlangen furchtbaren Stille, wahrend welcher der Monch fur die Beruhigung der so peinlich Befragten zu beten schien, richtete sie ihr holdes Gesicht in die Hohe, wendete es mit ernster Andacht gegen den Altar, und von da zu ihm. Ihre Blicke waren erheitert. Frohes Bewusstseyn der Unschuld ruhte auf ihrer Stirn, und mit fester Stimme, die Hande in Begeisterung erhoben, begann sie: "So vernimm denn, Gesalbter des Herrn, an dieser der Busse und Wahrheit geheiligten Statte, das Geheimniss meines schwachen, aber unstraflichen Herzens, vernimm jenen sussen Irrthum, in den es sich selbst fur den trefflichen Mann verlockte, der meine Kindheit geleitet, Tugenden und Kenntnisse in mir erweckt, und sich meines dankbaren Gefuhls endlich bis zur Entkraftung jeder andern Pflicht, in solcher Starke bemeistert hat, dass mir immer in seiner Abwesenheit bange, ach! so bange wie einer Verlassenen war. Ich konnte an keinem der Tage, in welchem eine Stunde der Erwartung lag, meinen Wohlthater zu sehen, weder beten noch arbeiten. Mehrmal habe ich in nachtlicher Tauschung getraumt, dass mein Vater seine Hand in die meinige legte und uns segnete, und wenn ich erwachte und mich besann, vergoss ich bittere Thranen uber die Unmoglichkeit ihm anzugehoren. Willst Du das Liebe nennen, nun so habe ich hoffnungslose Liebe fur einen Tugendhaften empfunden. Mein Herz unterwirft sich in Demuth dem wohlthatigen Krummer, mit dem mich, o schon langst! seine Gleichgultigkeit bestrafte; denn ich bekenne, ehrwurdiger Herr, dass sie es, und Gott moge sich meiner erbarmen, allein war, die mich antrieb dem mutterlichen Willen zu gehorchen, und mir, nach langem Kampfe, meine Bestimmung zum Kloster wunschenswerth gemacht hat. So gebrauchte der Allgutige die Wurde dieses Mannes, um mich auf den geheiligten Weg zu leiten, den ich jetzt nur desto williger und zufriedener betrete, da er mich mit der edelsten meiner Jugendfreundinnen wieder vereinigen wird, die ihn aus mitleidiger Liebe zu mir voranging. Gute grossmuthige Montbasson " Gin Erguss zartlicher Thranen unterbrach eine ganze Weile den Wohlklang ihrer Stimme. Herrlicher und reizender habe ich nie ein Weib gesehen, Eduard, als es diese angehende Nonne in den erhabenen Augenblicken war, aus denen ich ihr nachlalle Bescheidenheit, Muth und Ergebung strahlten aus den grossen blauen Augen. Die hochste Reinheit der Seele tonte von den befeuerten Lippen. Jeder warme Ausdruck ihres herzlichen Gestandnisses entfaltete eine Rose mehr auf den jugendlich verschamten Wangen. Ich war so verloren in der korperliche und geistigen Schonheit dieses unvergleichlichen Kindes, dass ich mich selbst nicht nach dem Mitgenossen meiner Trunkenheit umsehen mochte, der, vorgebogen uber das Fensterpolster mit klopfendem Herzen an meine dort ruhende Hand, den Bewegungen des meinigen sympathetisch zustimmte. Sie aber, nun uber alle Wehmuth erhaben, und in dem glucklichen Wahne, sie stehe nur vor den Augen Gottes, und kein menschlicher Zeuge, ausser den vertrauten Beiden, denen sie die Tiefe ihres hingegebenen Herzens offnete, konne das Verathmen seiner letzten Seufzer vernehmen, rief mit schmelzender Stimme: "Meine Seele," rief sie dem Dominikaner in dem schauernden Augenblicke zu, da er seine Hand aufhob, um ihr Gewissen loszusprechen, und sie zu ihrem furchtbaren Beruf einzusegnen, "fuhlt sich jetzt gestarkter, und zu dem Hingang aus der Welt meiner Jugend bereit, nur, dass ich aus ihr so manchen weisen Rath, so vielen Stoff zu hohen Betrachtungen in meine einsame Armuth mitnehmen soll, ohne Ihm, der mich damit ausstattete, dafur danken zu konnen nur diess noch beklemmt mir die Brust. Ach! findest Du nichts tadelnswurdiges in meinem Verlangen, so ubernimm und berichtige, ehrwurdiger Vater, diese Schuld meiner Erkenntlichkeit. Gott, schluchzte sie, faltete die Hande und schlug die Augen gen Himmel, moge ihn segnen und beglucken! Es soll mein tagliches Gebet seyn! Sage ihm diess zu meinem Abschied." "Ja, Fraulein," antwortete der Greis und wischte sich die Augen, "ich will gern und gewissenhaft Ihren Auftrag ausrichten, sobald Sie mich noch belehren wollen an Wen?" Betroffen staunte das reizende Geschopf bald den Geistlichen bald ihre Aufseherin an. "Ach!" erwiederte sie endlich, "bedarf es wohl noch des Namens?" o dass doch der Meine einmal so hoch gewurdigt, solch einem Herzen entquellen, uber solche Lippen fliessen mochte! "des Namens meines Wohlthaters? Ihres edeln Freundes Saint-Sauveur?"
Und in demselben Augenblicke, in welchem diess grosse Losungswort verhallte, sprengte Er, den es zur hochsten Seligkeit eines Sterblichen berief, dessen ahndendes Herz, wie ich nun sah, so ungestum uber meiner Hand geschlagen hatte, die Mittelthur unsrer Halle auf umschlang in sprachloser Herzenserschutterung die aus dem Schrecken der Ueberraschung ohnmachtig dahin Sinkende, riss ihr den Schleier ab, und druckte wild seine Lippen auf die ihrigen. Und in derselben Sekunde flogen diesem Engel zwei andere aus ihren Wolken zu, die der Betaubten die Schlafe bestrichen, und unter Kussen, Wimmern und den zartlichsten Fragen Klara, liebe Klara, kennst du denn deine Montbasson siehst du denn deine Agathe nicht? die Erblasste wieder ins Leben, und Gott im Himmel! in was fur ein wahrhafteres Leben zuruckriefen. Und in derselben Minute drangten und schmiegten sich Vater und Bruder an die unverlorne Tochter an die gerettete Schwester, und der Monch ging und warf sich in abgezogener Andacht vor den Altar. Nur ich, der nicht wusste, wie ihm geschah, der die verdeckten Krafte nicht begriff, die in dem Augenblicke der Entscheidung machtig genug seyn konnten, den Schlag aufzuhalten, der uber der armen Verurtheilten schwebte, ich, dem dieselben beitzenden Tropfen, die ihm das herbste Gefuhl kurz vorher in die Augen getrieben hatte, jetzt als labender Thau uber die Wangen zitterten ich allein blieb in stummem Erstaunen, unbeweglich auf einer Stelle zwischen der offenen Glasthure stehen. Wen sollte ich uber das Wunder dieser Verwandlung befragen? Von wem konnte mein Ruf, in diesem Sturme tobender Leidenschaften, eine horbare Antwort erwarten? Ach diese Seligen genossen, wie ihre Gespielen im Himmel, ihres uberschwenglichen Glucks, ohne des Neugierigen zu achten, der sich mit geblendeten Augen in das Unerforschliche verlor. Umsonst, dass in diesem Schauspiele des Entzuckens mein spahender Blick jeder Richtung der Freundschaft, Liebe und Hoffnung nachschlich, die sich hier aus Mienen, Kussen und abgebrochenen Worten ergaben; denn kaum hatte meine geschaftige Einbildungskraft aus den erlauerten Bruchstucken einen unhaltbaren Roman zusammengesetzt, so riss ihn auch meine kaltere Beurtheilung eben so geschwind wieder ein. So schwebten meine verworrnen Gedanken noch uber der ruhrenden Gruppe, die sie veranlasste, als der Dominikaner, von seinen Knieen erhoben, langsam und doch unbemerkt, sich den, in ihrem Gluck Versunkenen naherte; doch so bald er in ihrem Kreis stand, waren aller Augen auf ihn, aller Ohren auf seine Worte gerichtet. "Ich sehe Sie, wurdige Verwandte der Ewigkeit," enwickelte sich seine ruhrende Anrede, "durch die irdische Freude des Wiedersehens zu Empfindungen hingerissen, die mit diesem der stillen Andacht geweihten Orte unvertraglich seyn wurden, hatte sie nicht der letzte Wille einer frommen Gattin und Mutter herbeigerufen, entsundigt und zu hohern Endzwecken geheiligt. Preis und Dank dem Unendlichen, dass ich diesen Tropfen Zeit noch zu schmecken, und dem Verstummen einer Sterbenden noch meine Stimme zu leihen vermag. Ich erkenne mit Erstaunen und Demuth, dass selbst die verhallten Pulsschlage eines langst verwesten Herzens in der grossen Harmonie der Schopfung noch forttonen, und die ewige Liebe jenes letzte Lallen mutterlicher Zartlichkeit der Erhorung noch werth achtet. Moge der helldunkle Glanz dieser Stunde, die das Stohnen des Todes mit dem Jubel des Lebens verknupft, sich hienieden, o Fraulein! uber alle Ihre Handlungen verbreiten! Moge Ihre irdische Liebe sich immer, wie heute, den Granzen einer unverganglichen anschliessen der Strom Ihrer T a g e unter unverwelklichen Blumen verrauschen, und Sie einst in die Arme der Verherrlichten uberschiffen, die vormals, an dem heutigen, unter den schwersten Qualen einer Gebahrenden, Sie zu dem gegenwartigen Freudengenuss mit Erde und Himmel verband!" Die Begeisterung des Greises, die sich seinen Zuhorern wundersam mittheilte, spannte seine und ihre Krafte bis zur Erschopfung. Unsere hochklopfenden Herzen arbeiteten wie Gewitterwolken; auch kam ihnen die Natur wie jenen zu Hulfe, und ein Erguss von Zahren entlud sie des Feuers, das in ihrem Innern loderte. Sie rieselten uber den schneeweissen Bart des ehrwurdigen Monchs, und senkten sich, wie Morgenthau, der welkende Lilien aufrichtet, sanft auf jede weibliche Brust, die hier in der seligsten Erleichterung an den angstlichen Schleier andrang. O Eduard, welche Sabbatsfeier! Sobald sich der Redner gefasst hatte, ging er in milderem Tone fort: "Sie, wurdige gehorsame Tochter, haben nun das Recht errungen, sich und den Mann zu belohnen, der Ihr Herz und Ihren Verstand bildete, und Sie langst unaussprechlich liebend dennoch Muth genug hatte, sein Geheimniss bis zur Aufklarung des Ihrigen bis zu dem gegenwartigen festlichen Augenblikke, dem er zitternd entgegen sah, zu bewahren. Sie uberwanden Menschenfurcht, weibliche Schuchternheit und trugenden Schein in der grossen Entscheidungsstunde Ihres Schicksals nannten den Namen des Erwahlten, und indem Sie ihm auf ewig zu entsagen glaubten o wie vergilt Ihnen der Gott der Wahrheit den Kampf Ihrer edeln Seele! fesselten Sie den Glucklichen mit Banden an sich, die weder Zeit noch Ewigkeit zerreissen wird." So r u h r e n d auch die Herzlichkeit war, in der dem frommen Alten diese Worte entflossen, so ward es doch seine Rede noch mehr, als er sein freundliches Gesicht von der schonen Verlobten ab, unerwartet fur uns alle, gegen den Bruder wendete, der trauernd und blass seinem Vater zur Seite stand. "O wie hat der Allgutige," rief er, "meinen kurzen Hinweg zum Grabe mit Spatrosen bestreut! Sohn meiner verklarten Freundin! So lange mir mein Eidschwur die Zunge noch band, lag es nicht in meiner Gewalt die Leiden Ihrer Unschuld zu endigen, Ihre hohe Tugend gegen ungerechten Verdacht in Schutz zu nehmen und den nagenden Gram Ihrer Seele zu mildern. Alles peinlichen Zwanges endlich entbunden, vernehme jetzt jedermann aus meinem Munde, dass der grossmuthige Jungling, taub fur jede Lockung des Eigennutzes, selbst der mutterlichen Prufung nicht unterlag. Ernstere Verordnungen, die erst heute Kraft erhalten die vorhergegangenen scheinbaren aufzuheben, wurden ihn fur den Missgriff seiner Selbstsucht bestraft haben, wenn er nicht, in Uebereinstimmung der zartlichen Hoffnung seiner redlichen Mutter, schon vorlangst ihrem blendenden Vermachtnisse entsagt, und es dem Kloster zugeeignet hatte, das seine geliebte Schwester zum Aufenthalte wahlen wurde. Diese fur das Andenken an den Edelmuth und die Bruderliebe des Ausstellers fest stehende Urkunde erwartet jedoch, um als Schenkungsbrief gultig zu werden, annoch die freie Einwilligung derjenigen, die von nun an uber jede fromme Anwendung ihres Erbtheils allein zu verordnen hat." Eine sonderbare Erwartung, dachte, und warum, seufzte ich, muss doch der gute Mann, dessen Kutte ich bis jetzt auf das toleranteste ubersah, sie mir, mitten in seinem ruhrenden Vortrage, so argerlich unter die Augen rucken? Doch nothigte er mich, sie aufs neue zu ubersehen, als er in dem uberzeugendsten Tone fortfuhr: "Verschwunden ist nun der Irrthum, der auch Sie tauschte, tugendhafte Montbasson verschwunden das Blendwerk vieler Jahre, das Sie, alle um mich Versammelte, durch rauhe unbekannte Wege fuhrte, um Ihre Blicke am Ende mit der herrlichsten Aussicht, die sich aus diesem Leben in jenes verliert, zu uberraschen. Der Lohn, meine wurdigen Freunde und Freundinnen indem er zwei versiegelte Packchen hervorzog, das eine der Tochter, das andere dem Sohne uberreichte der Lohn Ihrer Beharrlichkeit in der Tugend die gluckliche Beendigung meines Auftrags die Beweise desselben und die Erfullung so vieler in einander greifender Wunsche, liegen nun in Ihren Handen, und werden Ihnen herzerhebender zusprechen, als ein hinfalliger Greis es vermag." Welch ein freudiges Erschrecken ergriff nicht beide Geschwister, als sie die mutterlichen Handzuge erblickten die Aufschrift an meine gute Klara an meinen geliebten Ferdinand lasen, und jene zartlichen Tone aus ihrer Kindheit wieder zuruckschallen horten. Wie vermischte sich nicht Vergnugen und Wehmuth in ihren Gesichtern, als sie die Siegel des Umschlags erbrachen und jedem das Bild seiner Mutter und ein Brief von ihr in die Hand fiel. Welches Herz hatte beim Anblick der guten Kinder ungeruhrt bleiben konnen, die jetzt in einer langen Umarmung das Andenken der Abgeschiedenen feierten dann zu den Stufen des Altars eilten, um bei der Andacht, mit der sie sich nun in die heilige Urkunde vertieften, keinen andern Zeugen zu haben als die Gebenedeite, die, von Guido Rheni gemalt, freundlich auf die Lesenden herabblickte. Keiner von uns ubrigen wagte durch einen Laut die heilige Stille, die uns umgab, und den Nachklang aus dem mutterlichen Grabe zu storen, der an die beiden schon verschwisterten Seelen anschlug. Dafur erhoben sich aller Herzen auf das froheste mit ihnen, als sie zu unserm Kreis zuruckeilten, und sich nun Sohn und Tochter dem glucklichen Vater zu Fussen warfen. Ihre trunkenen Blicke mussten fur sie sprechen. Sie hatten einen Fund in der mutterlichen Zuschrift gethan, einen goldenen Fingerring, der sich von selbst verstandlich machte und den sie ihm entgegen hielten; aber Er, der eben so vergebens nach Worten rang, blickte gen Himmel, umarmte und mit bethranten Augen verwies er seine Kinder auf den Boten Gottes, der ihre Aufmerksamkeit zu fordern schien. "Klara," rief der Monch, "Sie haben des Vaters, der Mutter und den Segen Gottes aus meinem Munde zu dem Uebergange aus dem jungfraulichen in den ehlichen Stand, und so folgen Sie denn Ihrem grossen Beruf." Freudig gehorchend reichte jetzt das liebe Kind den goldenen Reif ihrem Auserwahlten, der ihn entzuckter als ein Eroberer die Krone eines Welttheils empfing. "Und Sie, trefflicher Jungling," fuhr der Redner gegen den Bruder fort, "der Sie den Gegenstand Ihrer Liebe aus immer fur verloren hielten, als er Ihnen am gesichertsten war lesen Sie in den Blicken Ihrer Freundin Ihr langst verdientes, nur verzogertes Gluck, das von heute an alle Ihre Lebensstunden begleiten wird." Und die Edle ergriff mit ihrer linken die Hand der Schwester reichte die rechte dem Bruder, blickte auf zum Himmel, als ob sie von der Mutter ihres Geliebten einen beifalligen Wink auf den ersten Kuss der Belohnung herabziehen wollte, den sie mit bebenden Lippen den noch bebendern des als Bruder und Sohn gerechtfertigten Mannes aufdruckte, und nun mit heiterer offener Stirne das dem Grabe abgewonnene Kleinod aus seinen Handen nahm. Ware in dieser feierlichen Minute aus der obern Sphare ein Halleluja, vom Harfenklange der Engel begleitet, in diesen Tempel gedrungen ich wurde es ohne Erstaunen gehort, fur kein Wunder gehalten haben.
Welch ein Strom unnennbarer Empfindungen musste nicht jetzt diese beseligten Herzen durchbrausen, da selbst das meine in Gefuhlen strudelte, die es zuvor noch nie erfahren, nie geahndet hatte. Der frohen Theilnahme an diesem herrlichen Schauspiele stiegen verstohlne Wunsche, tief geschopfte Seufzer nach, die sich so hoch noch nie gewagt hatten. Noch nie war mir die Liebe und ihr grosstes Loos eheliches Gluck in diesem Glanze erschienen, und nie hatte ich mich verlassener gefuhlt als in dieser laufenden Stunde. Im Drange mir so neuer Wallungen war mir daher wie einem Durstigen zu Muthe, dem von fern in der Einode ein rieselnder Quell schimmert, als meine bis jetzt zerstreuten Gedanken sich auf Agathen hefteten. Ich uberstaunte die holde Gestalt mit einem Feuer, das alle meine Sinne zu verschmelzen drohte, und wie sehnte ich mich, dass nur einer ihrer liebenden Blicke sich auf mich Armen verirren mochte, die sie einzig ihrer Busenfreundin zuschickte.
"Die sinkende Sonne" riss jetzt der Monch uns alle aus unserer sussen Betaubung "ziehe ihre letzten Strahlen als Krone uber diess grosse gemeinschaftliche Fest. Fraulein von St. Aignan, Herr von St. Sauveur ich rufe als Priester dieses Heiligthums rufe ich Sie beide Verlobte, und in gleicher Eigenschaft auch Sie auf, Herr von St. Aignan, Prinzessin von Montbasson, mir an die Statte unsrer Anbetung des Allsehenden, Unerforschlichen und Gnadigen zum Empfang der heiligen Weihe Ihrer Verbindung zu folgen." Er schwieg Ein wehmuthigzartliches Lacheln durchflog die errothenden Wangen der Aufgerufenen. Ihre feuchten Augen, zitternden Hande und gleichgestimmten Seelen begegneten sich, und in geschlossener Reihe traten sie dem ehrwurdigen Priester nach. Und als er nun vor dem Altare stand, beugte er dreimal sein graues Haupt uber die gefalteten Hande, wendete sich darauf in dem Glanze seines Alters gegen die frommen gehorsamen Kinder, sprach in ruhrendem Ton uber jedes Paar das Gebet der Trauung, legte seine beiden Hande auf ihre Stirne und segnete sie. Und die zur Ehe geweihten fielen auf ihre Knie und erhoben in sprachloser Andacht ihre Blicke zu der Madonna, dem Sinnbilde hoher weiblicher Wurde, das von dem Schimmer der Abendsonne gerothet auf die Gruppe der Betenden herrlich zuruckglanzte. Eine Stufe niedriger war Klarens Vater und ihre Erzieherin, und an der Seite Agathens auch ich niedergefallen. Mein stilles Gebet schwebte in seliger Seelenvereinigung mit dem ihrigen empor. Ich erhob, wie sie, o Eduard, wie wurde ich mich gestern zu Cotignac dessen geschamt haben Augen und Hande zu der unbefleckten Jungfrau, und hoffte unter heissen Thranen nenne es Verirrung, nenne es Schwache meines Verstandes aber hingerissen von unwiderstehlichen Empfindungen, hoffte ich ihre Furbitte bei Gott fur den Besitz des lieben Kindes neben mir zu erflehen, dessen schmachtende Augen, in Betrachtung vertieft, der Seelengrosse nachzufeuern schienen, die Guido seinem gottlichen Ideal angepragt hatte. Freude und Wunsche umrauschten die Vermahlten, als sie von den Stufen des Altars herabstiegen, und ach! ich wahnte die Umarmung zweier Verklarten zu sehen, als Agathe Klaren an ihre Brust druckte. Der Monch, nach einigen leisen Worten mit dem Vater, grusste uns alle und entfernte sich. Der Kirchner offnete eine Seitenthur der Kapelle. Eine Wendeltreppe leitete uns nach einem gewolbten Gange, in welchen wir Paar fur Paar eintraten. Zu einer andern Zeit wurden seine gothischen Fenster von farbigem Glas meine volle Aufmerksamkeit angezogen haben, aber ich fuhrte Agathen, und ware der Boden mit meiner ScheibenSammlung belegt gewesen, ihre Zertrummerung hatte mich doch, glaube ich, nicht aus dem stolzen Takt meiner Tritte gebracht. Als wir an das Portal kamen, hob Klara die Hand ihres Befreiers an die Stirn, und blickte, wie wir, mit Wohlbehagen noch einmal auf das dustere Gemauer zuruck, das wir verliessen, indem die beiden Flugel der Klosterpforte aufflogen und wie ich mir denke dass es seyn wird, wenn am Tage der Auferstehung die Graber sich offnen wir aus ihrer Finsterniss hervor hinuber in die Verklarung treten, und einander zujauchzen: Wo bin ich? Wo bin ich? so, Eduard, war uns in dem Augenblicke des Austritts zu Muthe denn wir standen und unsre Gedanken verloren unsre Begriffe vermengten, und alle unsre Sinne emporten sich wie durch Gottes Finger beruhrt und in das innere Heiligthum seiner Grosse versetzt, standen wir mit hinstrebenden Augen, wankenden Fussen und aufgehobenen betenden Handen vor dem uberwaltigenden Schauspiele, das ich Dir letzthin mit eben so schwachen Worten, als diese, zu versinnlichen suchte, vor dem hinunter wallenden brennenden Balle der Sonne, sahen erstaunend jenes Thal der Unschuld und Freude, unter dem dunkelblauen Ueberhange des Abends, wie ein Kind der Liebe der mutterlichen Natur in dem Schooss liegen. Das Wunder dieser Erscheinung wirkte gleich einem heftigen Fieber auf diejenigen, die es zum erstenmal erblickten. Fest an einander gedrangt, flammten ihre Augen, klopften ihre Herzen im Einklang und jede Brust schmiegte sich an die andere, aber sie alle genossen des Erstaunens wie Kinder, ohne zu fragen. Mich allein belehrte die Erinnerung. Ich erkannte die Sonne, die ich besang das Thal, dem ich schon so viele Freuden verdanke den Landsitz meines Freundes den Felsen meiner Wiedergeburt, und wurde bald uberzeugt, dass der Balkon, von dem wir herabsahen, uber dem Eingange des Steinbruchs schwebe, an dem, wie Du weisst, meine Baukunst so erbarmlich scheiterte aber Gott im Himmel! durch welche Rathsel hangt hiess alles mit dem Kloster den Urselinerinnen und der Feengeschichte Klarens und ihres Bruders zusammen? O du Schopfer unnennbarer Empfindungen, theurer romantischer Saint-Sauveur! welche Krafte standen hier deinem Systeme zu Gebote, und wie unwiderleglich hast du nicht heute seine ganze Schonheit entfaltet! Seine Augen hatten schon lange in stillem Seelengenusse an den sussen begeisterten Blicken des holden Kindes gesaugt, das in sich selbst vertieft mit schwellendem Busen in das magische Spiel des schwindenden Tages hinstaunte, ehe er dem noch grossern Entzucken nachgab, das theuer errungene Geschopf in die Arme schloss, und sein volles Herz sprechen liess: "Hier, Klara hier in diesem Prachttempel der Natur wollen wir, fern von Klostern und ihren Frommlern, ein thatiges und dem, der uns einander geschenkt hat wohlgefalliges Leben geniessen. Alles, was du heute gesehen, gefurchtet und erfahren hast, war Tauschung nur die erhorten Wunsche deiner sterbenden Mutter der Auftrag des redlichen Monchs nur meine Liebe, meine langgenahrte unaussprechliche Liebe waren es nicht. Was du als verloren dahin gabst, ist dein Eigenthum geworden. Nur fur den Einklang, fur den Austausch unsrer Herzen habe ich diesen Felsen gehohlt, und der erste Segen Gottes, der in dieser Halle von seinem Diener gesprochen wurde, fiel auf dein Haupt. Unter allen Altaren zur Ehre Gottes, wo in der weiten Welt wurde ihm, als in dieser Kluft, einer errichtet, der seiner wurdiger ware? wo ist je einer geschmuckter gewesen, als dieser durch die Bluthen deines kindlichgehorsamen, frommen und edlen Herzens? Ewigen Dank, theures Weib, fur das Wort der Liebe und Weihe, das ihm entquoll. Es musse mich einst vor dem Throne Gottes verklagen, wenn ich je des Wohlklangs vergessen konnte, mit dem es an das meinige anschlug. Ich habe dich errungen. Kann ich wohl seliger werden?" Unter welcher zarten weiblichen Erschutterung folgte nicht das holde Madchen dem Strome dieser Worte! Nur Seufzer der innigsten Freude unterbrachen seine Rede, und heilige Thranen belohnten den geliebten Schwarmer. Seine Seele brauchte Erholung. Sie ruhte aus auf der Hohe ihres Entzuckens, dann stieg sie erleichtert, sanft und freundlich zu dem niedern Zirkel herunter, der im Stillen ihrem Auffluge nachblickte. "Vergieb mir," wendete er sich zuerst an Agathen, "die lange Angst, der ich dich am Eingange eines ewigen Kerkers aussetzte. Der heutige Festtag fuhrt dich der freien Luft, der Natur und der treusten Freundschaft zuruck. Vater meiner Klara, und auch Sie, vortreffliche Frau, die sie mir erzog habt Dank, Ihr guten Menschen, fur das grosse Geschenk, das Ihr meiner Liebe aufhobt O dieser einzige Abend! welch einen edeln und glucklichen Zirkel umspannt er nicht!" St. Aignan, fur jede Theilnahme an Anderen nur in den Blicken seiner Montbasson verloren, bemerkte nicht einmal, mit welchem feinen Gefuhl ihn sein freundschaftlicher Schwager uberging und seine Hand mir reichte. "Guter, stolzer Berliner, kam er mir entgegen, wie kitzelt es mich, dass auch du Zeuge des Glucks eines Franzmanns in der schwierigsten Eroberung und" setzte er lachelnd hinzu "auch der Wahrheit seiner Ueberraschungstheorie seyn konntest." "Meinen ganzen Beifall," stammelte ich, und druckte thranend ihn an mein gepresstes Herz. Seine trauliche Ansprache und Umarmung zog mich, als hatte mir unser Monarch das Band des Verdienstes umgehangen, auf einmal aus meiner Dunkelheit hervor. Klara erinnerte sich unsers nachtlichen Spazierganges mit bedeutenden Winken. Ihre Erzieherin bot mir ihre Dose, und Agathe von selbst ihren Arm, als die Gesellschaft ihren hohen Standpunkt verliess. Wahrend schon die Abendrothe zu verblassen anfing, leitete uns der liebe Mann eine versteckte Treppe herab, durch schlangelnde Akaziengange des Parks, seinem Wohnsitze zu. Ich bemerkte, so fur mich, dass wir uns doch ein wenig uber die Zeit mit unsern Entzuckungen auf dem Balkon verweilt hatten, denn ich konnte kaum Agathens Gesichtchen mehr erkennen aber wie schnell verstummte meine Kritik, als mir beim Austritt aus dem dustern Gebusche das Schloss unsers Anfuhrers mit tausend bunten Lampen, wie mit Diamanten behangt, entgegen strahlte. Ein neuer uberraschender Anblick, jedoch nur weniger Minuten. Wir huldigten nur so lange der Pracht und der Kunst, bis sie uns selbst an die schonere Natur und durch eine vortretende Inschrift uber dem Eingange an das dreifache Fest der Geburt der Erlosung und der anbrechenden Vollendung des gefeierten Madchens erinnerten. Unsre geblendeten Augen, alle zugleich, wie durch den Druck einer Feder, auf die Einzige gerichtet, erfassten, umschlangen und entwickelten nun die schlanke, holde, siebenzehnjahrige Gestalt Die Bebungen des durch die kleinsten Faltchen ihres sittsamen Nonnengewandes spielenden Lichts setzten ihre Schonheit in einen so atherischen Schimmer, und uns alle in eine so optische Tauschung, dass in einer Art taumelnder Erwartung: jetzt werde Sie der Erde entschweben, eine Zunge der andern den Ausruf abnahm: Welch ein Madchen welch ein uberirdisches Madchen! Ach, sie ist zum Engel geboren. Spotte nicht etwa, guter Freund, meiner enthusiastischen Schilderung! Niemand fuhlt die Anstrengung der ohnmachtigen Sprache lebhafter als ich; aber ich kampfe hier so vergebens mit Worten, wie Raphael bei dem letzten Gemalde seiner Hand mit den Farben: denn welcher Sterbliche vermag das Ideal einer Verklarung zu erreichen? Wahrend dieses Vollgenusses des Gesichts schienen meine vier ubrigen Sinne wie in dem tiefsten Schlafe versunken, aber nur zu bald wurden auch s i e beruhrt, erweckt und in die Bezauberung des ersten verflochten; denn als wir auf einen Wink des Gebieters Hand in Hand uns seinem Tempel naherten, die Thuren zwischen flammenden Saulen aufflogen, Rosenduft unsern Geruchsnerven Tone der Harmonika unserm Gehor entgegenschwammen zwolf gaukelnde Genien uns zum Hochzeitmahl einluden da wusste wahrlich kein Sinn mehr, welcher, in dieser allgemeinen Befriedigung, der glucklichste sei. Wir wurden uns gern fur Geister gehalten haben, hatte nicht der eintretende Hunger, als wenn er von einer langen Reise zuruckkame, seine vergesslichen Freunde belehrt, dass sie ihm noch unterthan, und auch heute nichts mehr als sehr glucklich versorgte Menschen waren! Wollte ich Dir jetzt erzahlen, dass wir uns setzten, assen und tranken, bis wir satt waren so konnte meine Beredsamkeit den Stuhl, den ich einnahm, noch so elastisch polstern die Tafel, die vor mir stand, noch so reich besetzen meinem Gaumen sogar alle die Gerechtigkeit erweisen, die man ihm unter den Schlemmern zugesteht, und ich wurde Dir doch nur am Ende nichts als eine alberne Wahrheit gesagt haben. Dafur bewahre mich die Harmonie des Ganzen, die diess hochzeitliche Mahl vor allen und jeden, die mir in meinem Leben Langeweile gemacht haben, auszeichnete. Ich weiss Dich besser zu schatzen. Die psychologischen, moralischen, metaphysischen Erfahrungen, die ich wahrend dieses Vorspiels der geheimnissvollen Nacht mir und andern Gasten abnahm, und die ich Dir so unbefangen mitzutheilen verspreche, als ich sie erhielt, sind, hoffe ich, Deiner Aufmerksamkeit schon eher werth. Wenn sie Dich so gut als mich uberzeugen, dass in der Natur nichts in so naher Verwandtschaft steht, als ungewohnliche Gerichte mit neuen Gedanken, wenn Du nebenbei meinen innern Menschen auf Schleichwegen der Sinnlichkeit, die Deiner Metaphysik noch unbekannt waren, ertappst, so habe ich gewonnen, was ich wunsche. Ich konnte ein Buch uber meine stillen Tafelbemerkungen drucken lassen; aber ich wurde es nie thun, da ich weiss, dass in unsern lesesuchtigen Zeiten keines mehr, wenn es nur von aussen nicht schmutzig aussieht, der Neugier unsrer Schonen entgeht, und ich keine Verrathereien an meinem Geschlechte begehen mag, die es in den Augen des ihrigen nur noch mehr herabsetzen wurden, als es ohnehin schon steht. Vor einem so verwunschten Zufalle schutzt mich, zum Gluck, das geheime Fach in Deinem Schreibepulte. Das beruhigt mich.
Die vermuthliche Pracht des Saals, in den wir traten zeigt mir erst jetzt mein Nachdenken ist uber der runden Tafel in seinem Centrum, die mich ungleich mehr anzog, ganz von mir ubersehen worden. In ihrer Mitte wie ware es moglich gewesen anderwarts wohin zu blicken? erhob sich, aus dem reinsten Alabaster geformt, Amor und Psyche, in der lebendigsten, aber zugleich in einer so behutsamen Darstellung, dass sowohl der mannliche Blick an ihre als das weibliche Auge an seine Gottergestalt, unbeleidigt bis zu dem Kusse beider hold verschlungenen hinanstieg. Die einzige Schwierigkeit war nur von dieser kleinen empfindsamen Reise ohne die Sehnsucht zuruckzukommen, das schone Beispiel nachzuahmen. Wir alle unterlagen der ersten Regung. Einstimmig mit dem Gefuhl des Andern, begegnete sich Auge und Auge, druckte sich Mund auf Mund. Ehrenvoller hat wohl nie die Natur der Kunst gehuldigt. O des trefflichen Bildners, der einem Steine diese gebietende Macht zu geben verstand! Dreimal gepriesen seist du mir! denn deinem Amor verdanke ich, dass Agathens Lippen die meinen beruhrten. O dass von meinem, in dieser seligen Minute entflammten Herzen ein Funkchen in das ihre geflogen ware dann hatte mir der kleine Heidengott weiter geholfen, als das Wunderbild der Maria in jenem romantischen Felsen! An diesen sehr erlaubten Wunsch, mit dem ich nun, zwischen ihr und der alten Gouvernante, meinen Platz nahm, reihten sich nach und nach, bei jeder neuen Schussel, die man auftrug, jene zufalligen Gedanken und Betrachtungen an, die ich fur Dich bei Seite legte, und die mir am Ende des Mahls nachdem alles fur meinen Genuss dahin war so systematisch vorkamen, dass ich selbst daruber erstaunte. Und nun weiter keine prosaische Zeile wenn sie sich nicht etwa ungebeten einschleicht uber ein Fest von so hohem poetischen Werthe. Der Eingang meines Selbstgesprachs entwickelte sich von selbst nach einem Blikke, den ich in die unschuldigen Augen der dem Noviciat entronnenen Schone gethan hatte. Die folgenden minder sittsamen, aber desto philosophischern Stellen meines Gedankenspiels hatten freilich keinen so lautern Ursprung aber sollte ich denn in einem fort dem guten Madchen ins Gesicht sehen, um Elegien zu dichten? Da hatte die Tafel ganz anders eingerichtet seyn mussen. Wer hob meine Schwarmerei an, Wer ein holdseliges Weib durch Lieb' und Achtung errun
gen,
Blickt von dem Gipfel herab des schonsten irdischen
Guts,
Und steht dem Heros weit vor, der funfzig Jungfern be
zwungen:
Er hat nicht mannlich geliebt, er hat nur thierisch ver
schlungen,
Erregt nur Schauder und bleibt ein Bild verrachtlichen
Muths.
Mehr Kraft des Geists als des Beins sei unserm Hymen
bedungen;
Der Brautkranz hefte verwelkt, dem heissen Zweikampf
entschwungen,
Zur Burgerkrone erhoht, sich an die Krempe des Huts. Statt jenes albernen Lieds, an Euern Wiegen gesungen: Dem Vater gliche der Sohn wie aus den Augen gesprun
gen,
Klang' es nicht kluger? Ihr sangt (war's auch im Zwei
fel was thut's?)
Es sei ein Strahl des Genies aus dem Gehirne des jungen Belohnten Freundes der Braut in den Entsprossnen ge
drungen:
Die Tugend Alfreds11 vielleicht, vielleicht die Kuhnheit
Canuts,12
Obschon dem Klugsten sogar diess Kunststuck selten ge
lungen,
Drang, vor dem grossen Geschaft, durch das Vehikel der
Zungen
Ihm nicht ein Lowengefuhl in die Behalter des Bluts. Diess ziehn, mit gutem Erfolg, die beiden Helden des Fe
stes
Mehr als das Bildungssystem der neuern Zeit in Betracht. Als Grubenlicht steigt es herauf aus dem verfallenen
Schacht
Der kritisch reinen Vernunft, doch, wie gewohnlich, ver
lasst es
Auch Sie, gleich einem Spion in dem Getummel der
Schlacht;
In dreissig Reizen vertieft, die Nevisanus13 in Acht Zu nehmen freundlich empfiehlt, sorgt Plato noch fur ihr
Bestes,
Indem in ihrem Gehirn sein altes Dreieck erwacht: Die e i n e Seele, die hier die erste Linie macht, (Berechnet heimlich ihr Stolz) sei aus des heiligen Nestes Gewalt, der z w e i t e n , durch Sturm, bereits zur Seite
gebracht,
Und schnell ja schneller, als Sie sich die Ersturmung
des Restes
Zum Aufriss auch der d r i t t e n gedacht Entsteigt diess Delta dem Thal, das nur ein Giton verlacht, Umgaukelt Irrwischen gleich in dem Gefachel des Westes Der Seher Augen, und hangt zuletzt noch heller gefacht Ein wahres Freimaurerlicht sich an die Loge der Nacht. Tief in dem Busen indess der beiden Huldinnen hammert, In frommer Hulle gezwangt, die seine Hohen verdam
mert,
Das blinde Schrecken noch fort, das ihn seit kurzem
durchfuhr.
Ihr blaues Auge, (wenn nicht der Schein das meine betru
get)
Spielt schillernd uber ihn hin, so wie des Himmels Lasur Von fern das Felsengestad der Freundschaftsinseln um
schmieget.
Vergebens grubeln sie nach, welch' eine Folge doch nur Von hoherm Wohlstand fur ihn in dem erlassenen
Schwur
Der Keuschheit und des Gelubd's, ihn zu verheimlichen,
lieget.
Sie uberschwindeln vor Angst die angewiesene Spur Der Liebe, glauben sich bald von einem Prior gewieget, Und bald, wie Psyche, verklemmt an Amors Marmorfi
gur;
Erhohn zum Satanas ihn, der einen Seraph bekrieget, Und beten heimlich zu Gott fur die bedrangte Klausur. Inzwischen nahet die Zeit, die manchen Skrupel besieget, Die Sterne flimmern, es flustert die Flur, Puls, Mond und Abendgelaut, sogar das Picken der Uhr Weckt die Erinnerung auf, wie bald die Jugend verflieget. Doch noch geschwinder, als Wachs in heissen Dampfen
sich bieget,
Erweicht die Kochkunst ihr Herz nach dem Bedarf der
Natur.
Wer mag es laugnen? Sie ist's, der auch die schlafrigsten
Geister
Entgegentraumen Sie ist's, die jedes Dunkel erhellt. Schwebt sie als Schutzgottin nicht um unsers Friedrichs
Gezelt
Im Kreis der Musen? und fuhlt er nicht des Mittags sich
dreister
Als nach dem Morgengebet? Hat diese Feder der Welt Sein deutsches Herz nicht schon oft durch Frankreichs
Bruhen und Kleister
Mit seinen Apollen zum Kampf und seinen Casarn ge
schwellt?
Und o! wie weise hat sie auch unsre Tafel bestellt, Und rund um Amors Altar drei kostverstandige Meister Zu dreien hungrigen Kindern gesellt! Ich prologire hier nicht nach dem System der Hyane Und ihres groben zermalmenden Zahns. Ob diess Banket schon verdient, dass ich es dankend er
wahne,
Preis' ich doch mehr noch den Sinn des hochzeitmassigen
Plans.
Denn kein Gerippe kam hier an einer fas'rigen Sehne, Kein Ueberrest eines verklarten Organs Der seinen Zung' in den Weg, und keine weibliche Thra
ne
Fiel auf die Knochel herab des Abelardischen Hahns. Leicht und entgrathet durchfloss die weissen Klippen der
Zahne
Der Goldbarsch,14 Argus15 und Thun16 mit der antiken
Murane
Auf sussen Mundwein des persischen Chans. Bedient von Sylphen, was fehlt wohl unsrer Sattigungs
scene
Zum Prunkgelag eines Feen-Romans? Die Ihr berufen euch dunkt, das Gluck der Schmecker zu
lastern,
Mariens Sklaven! die Ihr an Klostertische geschraubt, Von Hulsenfruchten geblaht, euch Gott gefalliger glaubt, O! warum hat nicht der Propst der neun barmherzigen
Schwestern,
Der keuschen Musen ehrwurdiges Haupt, Euch Sitz und Stimme, wie mir, bei diesem Nachtmahl
erlaubt?
Ich wett' ein einziges Ei, wie hier aus indischen Nestern Ein ganzes Dutzend mir winkt, braun mit Vanille be
staubt,
Wog' alles Bettelbrot auf, um das ihr Arme beraubt. Ihr Bloden, lernt Ihr denn nie die Macht der Kuchen und
Keller
Auf Menschenherzen verstehn? Hat nicht ein Schiffs
koch oft heller
Auf blinde Heiden gewirkt und mehr Pagoden gesturzt, Als alle Meister der Welt, die Zweifelsknoten geschurzt? Ein Trio lieblich dem Ohr, wie L o f f l e r , S u ss
m i l c h und T e l l e r , 17
Gleich einem landlichen Schmaus, den Fruhlingsblumen
gewurzt,
Zog' leicht mehr Junger herbei, und hatte, glaub' ich,
wohl schneller,
Als Frank's Episteln vordem, trotz ihrer klugen Besteller, Den Weg von Trankebar aus zum dritten Himmel ver
kurzt.
So setzt die Kost der Natur die Prachtgericht' in den
Schatten,
Und unsre Augen auch hier durch gleiche Wunder in
Brand.
Zieht nicht des Vaters Geschenk bis diesen Abend auf
Sand
Des Meers in Felsen gezwangt, zieht jener Hugel von
Datten
Nicht dunkel uber den Tisch wie Nonnen uber ein Land? Beim Daseyn ohne Gefuhl, ohn' allen frohen Verband Mit Mond und Sonne, mit Freunden und Gatten, Bleibt zwar diess arme Gewurm in seines Lebens Ermat
ten
Gleich der verschleierten Schaar mit meinem Mitleid ver
wandt.
Doch diessmal kam es zu gut dem Drang des Hungers zu
Statten,
Als dass es leibliche Ruh' in unsrer Nachbarschaft fand. Geschickt wie Sohne des Mars, wenn ihre frevelnde
Hand
Novizen-Zellen erbricht, erbrachen wir, suchten und hat
ten
Wir bald die Scheuen erreicht, und keine uber den Rand Des Munds geschwenket, die nicht die letzte Probe be
stand.
Was gleicht dem Meer wie die Welt! In jedem lebenden
Tropfen
Der Austern schien so vergnugt, als sie die Gurgel ver
schlang,
Ein Herz,18 ein weibliches Herz, das mit der Schale noch
rang,
Statt sich zu sperren, der Hand sogleich entgegen zu
klopfen,
Der, im Gedrange darnach, die Kunst des Vorgriffs ge
lang.
So schwelgten traumend wir fort bis zu dem folgenden
Gang,
Der, wie ein Rittertournier, um uns die Mauler zu stop
fen,
Die zarte simple Natur von ihrem Platze verdrang. Ein ernster Herold voran, ihm folgten dienende Sylphen, Besorget Ordnung und Rang, weist an, beschrankt und
vereint
Die edle Kaste der Herrn von B e r g e n , R i e d e n und
Schilfen,
Gleich der, die f e s t und g e s t r e n g , doch nicht so
bose gemeint,
Mit Knappen grau wie Saturn, und andern wackern Ge
hulfen
Zuweilen arglos am Hof bei einem Landtag' erscheint. Nur muthe niemand mir zu, trotz meines Vorzugs im
Schmecken,
Aus seinem Harnisch hervor den innern Mann zu er
spahn.
Dem Noa selbst biet' ich Trotz, der doch die Stammherrn
dem Schrecken
Des Untersinkens entriss, der Enkel Gruss zu verstehn, Die jetzt mit offenem Helm, beschwert mit Panzern und
Decken,
Wie Butter auf der Zunge vergehn. Doch, dass ich Rang und Verdienst nicht durcheinander
verschiebe,
Zieh' ich die Finger zuruck, lass' ich den Gasten die Wahl. Gnug, diess Heroengeschlecht passt fur ein hochzeitlich
Mahl
Vortrefflich, weckt und erwarmt der Vorzeit gluckliche
Triebe,
Und ausser ehlichem Bund und ebenburtiger Liebe Kennt es so wenig, als ich, von Plato mehr als die Zahl, Die er zum Dreieck verschob und zu berechnen empfahl. Doch bei der Schusseln Gedrang tritt jeder Zufluss mir
banger
Fur meine Rolle ans Herz, und Komus mag mir verzeihn, Ich ubertrage zwar gern, nur nicht aus Kuchenlatein, Das Lachen, das er erregt. Mein Genius weigert sich, lan
ger
In Sieden, Braten und Frikassiren allein, So sehr das Beispiel auch reizt, dem blinden Iliassanger Und seinen Beleuchtern ahnlich zu seyn. Drum fuhre Helios mich, der nur von Blumengeruchen Umschwebt, Pomonen besucht, schnell durch den Nebel
der Kuchen
In die Verzaunung des Nachtisches ein! Hier seh' ich, wie die Natur in ihrem Bildungsgeschafte Mit unbefangener Hand den grossten Endzweck erreicht, Und ohne Hulfe des Kochs und seiner gahrenden Safte Durch Tauschung Leben erweckt, und die versunkensten
Krafte
So lange zupfet und neckt, durch Furcht und Hoffnung
beschleicht,
Bis sie den streitenden Theil mit dem bestrittnen ver
gleicht,
Bis sie das schlaue und dennoch ewig geaffte, Verlockte Mannthier zuletzt durch weiblichen Liebreiz
erweicht.
Hat sie nicht oft durch ein Haar, auf Weiberscheiteln ge
wonnen,
Gekronte Tieger bestrickt und ihr Gebiet ubersponnen, Mit Kinderspielen den Kopf der Wahrheitsforscher ge
fullt,
Und manchem betenden Monch, umglanzt von Sternen
und Sonnen,
Statt den verborgenen Gott, das Unsichtbare der Non
nen
In Zerrgemalden lebloser Wolken enthullt? Auch hier wer hatte denn wohl bei den Erinnerungszei
chen
Der Nektarfruchte, die uns aus fernen Wundergestrau
chen
Ihr guldnes Fullhorn, so reich an Brautgeschenken, ge
sandt,
Den Wink einer guten Mutter verkannt? Wem gnugt die persische Frucht, nach ihrem zarten und
weichen
Geweb' und sussen Gehalt die Brust der Venus19 ge
nannt,
Den Augen sinnlos vorbei, nur seinem Munde zu rei
chen,
Ohn' ihre himmlische Form mit schonern noch zu ver
gleichen,
Die er hienieden auf seiner Wallfahrt umspannt? Gleich Spinnen hat die Natur uns an elektrischen Fad
chen
In jedem Marmorpallast ein liebes Huttchen gebaut. Wer lachelnd neben sich blickt, schwingt immer leichter
sein Radchen,
Als der mit gierigem Ernst in das Unendliche schaut. Nur durch Vergleichung schminke dein Madchen, Je schwarzer dein Mohr, je blonder wird deine Braut. D i e grosse Wahrheit hat mir das nachste Korbchen ver
traut.
Denn wer beim Anblick der zwei Magdalenen20 War blode genug, sich nach der grossern zu sehnen, Wenn er die kleinre darneben erblickt? Die Stolze, schwerlich fur nichts mit einem Namen ge
schmuckt,
Der nur die Bussenden ziert, zerfliesst in reuigen Thranen. Gleich einer Opernprinzess erweckt ihr Umfang nur Gah
nen,
Und ist, besieht man sie recht, von allen Seiten gedruckt. Preis sei der kleinen, die mich, wie vormals Margot, ent
zuckt!
Sie, niedlicher als ein Ei, das, weit davon es zu wahnen, Ein lauschend Vogelchen birgt, das an der Schale schon
pickt
Welch' eine herrliche Frucht! Doch leider! eine von
denen,
Die man, zum Ungluck fur Dich, nicht leicht ins Ausland
verschickt.
Obschon mein traumender Geist nicht ohne Sehnsucht
und Wonne
Bald ein Gewachs von der Spree mit einem von der Ga
ronne,
Bald asiatischen Prunk mit deutschen Flittern verglich, Fuhlt er doch heimlicher nie und nie gefesselter sich, Als da ihm wahrend der Sammt der unberuhrten Mi
gnonne21
Der Schmeichelei meiner Hand mit feinem Nachgeben
wich
Schon wieder Kann ich dafur? das Ideal einer Nonne, Und durch Verbindung mit ihr das Bild Agathens be
schlich.
Welch Wunder eines Fantoms! zart wie aus Staubchen
der Sonne,
Hell wie Diana bei Nacht, doch ewig Schad', es verblich, Als ungefahr es ein Hauch des nahen Urbilds bestrich. Ihr reinen Herzen! Euch steht der Unschuld Engel zur
Seiten,
Verweht der Ahnungen Gift, die schlupfrig uber Euch
gleiten
Und Eure Wurde doch scheun. Nur durch das Edle ge
ruhrt,
Wie konnt' ein Spiel der Natur, ein Nichts, ein Blick in
die weiten
Gefilde optischen Trugs Euch in die Traume verleiten, Die zu entrathseln allein dem wilden Jungling gebuhrt. Nur ihn ermuntre mein Scherz in unsern ehlosen Zeiten Den M a g d a l e n e n vorbei sich eine Frucht zu er
schreiten,
Die der M i g n o n n e verwandt, noch nie von Wespen
erspurt,
Auf Hymens Lager erst reist. Versteht er Zeichen zu deu
ten,
Welch Gluck fur Augen und Herz, wenn er nach frohem
Erstreiten
Sie, frisch gebrochen vom Stamm, dem Garten Amors
entfuhrt.
Nach diesem Probejuwel, dem Granzstein meines Gesan
ges,
Zieh' aus dem Orkus, wer mag, die voll unheiligen Dran
ges
Gespaltne gelbe Granat' an die Bestrahlung des Lichts! Ich eile mit der Moral zur M a n g o s t i n e 22 vom
Ganges.
Ist's moglich, deck' ihr Gebram, statt jenes Feigenverhan
ges
Des ersten nackenden Paars, die Blossen meines Ge
dichts!
Sie, gleich der sinnlichen Lust, zerschmilzt und giebt, wie
ein langes
Vertraumtes Leben, nur Schaum, und der Erinnerung
Nichts,
Loscht wilden Thieren den Durst, und kuhlt die mensch
lichen Wildern,
Wenn jen' ein nagender Wolf, wenn Amor diese ge
hetzt.
War' ich ein Pseudo-Horaz, der weder nutzt noch ergotzt, Hatt' ich statt ihrer wohl gar das Haupt von cynischen
Bildern
In der Maldivischen Nuss23 Dir vor die Augen gesetzt. Allein die freche Natur hat hier ein Sinnbild geatzt, Das keinen Nachstich erlaubt, auch hab' ich uber diess
jetzt
Dir noch ein eignes Produkt aus feinem Kraftmehl zu
schildern:
Dem, nach dem Landesgebrauch, als ein Orakel ge
schatzt,
Ein ernster Augur bereits sein Opfermesser gewetzt. Sein Auge fordert Gehor, der Gaste Jauchzen zu mildern, Und seine Zunge, zuvor in Wein prophetisch genetzt, Ruft laut: Was Unschuld verbarg, erringt die Liebe zu
letzt!
Nun war das Weihungssymbol bekranzt mit Knospen der
Rose
Dem Gastmahl Platos vereint. Ein Bohnchen einzeln ver
weilt
Verschlossen in dem Geback als Bild des grossten der
Loose,
Das, wenn sich's einmal verlor, kein zweiter Festtag ereilt. Sei ein Gewinnst noch so klein, er liegt dem Zufall im
Schoosse.
Oft wenn der Schmidt seines Glucks den Bolzen dreht
und befeilt,
Der doch am Ende nicht trifft, hat Alexander der Grosse Den Gord'schen Knoten so leicht als wir den Kuchen zer
theilt.
Ein fremder Schauer durchlief der Rose Jugendgestalten Dem ersten Angriff geweiht doch der Begeisterte
schritt
Schnell zu dem Theilungsprozess, der keine Zogerung litt, Im Dienst der obersten Macht das strengste Recht zu ver
walten,
Das fur den Ruhm eines Paars von gleichen Anspruchen
stritt.
Ein jeder Edle verdient das grosse Loos zu erhalten. Sie zittern beide, doch seht, des Schicksals Rathsel entfal
ten
Sich wie ein Gottesgericht. Ein Wunder leitet den Schnitt, Es hat ein Wunder die kleine Bohne gespalten, Und jede Halfte, die nun das schone Ganze vertritt, Theilt' auf des Augurs Befehl, den Dank und Jubel um
schallten,
Gehorsam sich den Erwartenden mit. Betroffen blickten die Freundinnen beide Einander in das verfarbte Gesicht; Sie lachelten zwar der mannlichen Freude, Den Sinn nur davon begriffen sie nicht. So sassen einmal ein paar errothende Horen An Leda's Neste vor jenem mystischen Ei, Das sie mit Wahrheit als Gans in Zevs Umarmung ver
loren,
Und spielten damit und brachen's entzwei, Und dachten nicht das geringste dabei. Sie ahndeten nicht, dass sie Helenen geboren, Und dass des Kindes noch ungestilltes Geschrei Mehr als ein banglicher Laut fur zarte Jungfrauenohren, Dass es das Probegeton', der erste Ruf der Schalmei, Zum blutigsten Krieg, den je die Gotter beschworen, Um den Besitz einer Kleinigkeit sei. Zehn lange Jahre verstritten die Thoren; Zuletzt verschutten sie doch, wie deutsche Koche, den
Brei.
Und Kerzen fullten den Saal. Im Nu durchzitterten Flam
men
Der kalten Psyche die Brust, geschmiegt an Paphiens
Sohn,
Und schlugen uber die Kranze von Mohn Der zwei Sirenen und jenen Wellen zusammen, Die kaum vom Lichte verrathen, auch schon Gebrochen in ihre Grotten entflohn. Wer kann die selige Lust an diesem Vorspiel verdam
men?
Doch unsre Helden, voll Kraft der Odysseer, um
schwammen
Die Brandung, senkten den Blick und stimmten leis' in
den Ton
Des ewig trostenden Lieds der Philosophen und Ammen: Geduld! Erwartung ist schwer, doch desto susser der
Lohn!
Jetzt tritt die Ananas vor, sie, die in feuriger Zone Am Vorgebirge der guten Hoffnung entsprang, Sieht auf der Tafel sich um und setzt zum endlichen
Lohne
Des zartlich schmachtenden Paars, das seine Wunsche
bezwang,
Verschamt, doch unter Verzicht auf ihren weiblichen
Rang
Setzt sie, geduldsam zerlegt, die beiden Finder der Bohne In den Besitz ihres Reichs, in alle Rechte der Krone, Auf keinen andern Beding als einen guten Empfang. Wie tont den Helden das Ohr, als ihre Stunde verklang, Als ihrem forschenden Blick, nicht ohne Beben, nicht
ohne
Vertraun, sein erster Versuch auf jenes Eiland gelang, Das bald ihr Eigenthum wird. Des Mondes Schimmer be
schwang
Die nie bestiegenen Hoh'n in jenem schmelzenden Tone Des Morgenmalers Lorain. Dass sie ein Kobold bewoh
ne,
Befurchtet kein Steiger, der jetzt im Schwung zum dam
mernden Gang
Des edeln Erzes, den Arm um seine Begleiterin schlang; Die Holden zitterten nach, und eingesegnet vom Sohne Cytherens, horten sie kaum auf unsern Abschiedsgesang; Ein Lied der Trauer fur mich, das meiner Jugend Ver
gang
Mir zum Entsetzen bewies, indem es naher zum Throne Des Gottes ehlichen Heils, ins stille Brautgemach drang. Dank sei der Liebe jedoch fur die paar seltenen Stunden, Die diesen Abend einmal der armen Menschheit gelacht; Sie hat vom Fangstrick des Papsts zwei freie Herzen ge
bunden,
Und was sich reizendes je dem ungestumen Betracht Der Manneraugen ergab, dem Sterbekittel entwunden, Der keine Schone zur Heiligen macht. Gesetzt, es hatte sogar die uberraschende Nacht Sie ohn' ein harenes Hemd' und fern von geistlichen Run
den
Gott weiss! in welch' eine Lage gebracht; Hoff' ich doch glaubig zu dem, der gleiche Sorgfalt und
Acht
Auf trage Sekula nimmt wie auf den Flug der Sekunden, Die kleinsten Spharen so gut, die er den Liebesgesunden Manchmal zum Spielwerk erlaubt, als jene himmlische
Pracht
Lebloser Welten, die ihnen leuchten, bewacht, Zu dem Bewusstseyn hoff' ich, das den Umarmten ver
schwunden:
Sie haben schwerlich sich jemals besser befunden, Je freudiger ihres Schopfers gedacht. Die guten Kinder sind jetzt im hochsten Spielraum der
Liebe
Der Fliege Kolibri gleich, die nie von Dunsten beschwert, Sanft von dem Zephyr gewiegt, bei leichtem Sattigungs
triebe
Auf Blumen schwebend sich nur von ihrem Aushauche
nahrt.
Wenn sich dann Abends zu ihr, gleich liebeathmend und
trunken
Von aromatischem Geist, der schone Gatte gesellt, Wie freundlich wird nicht der Blick des frommen Sehers
erhellt,
Dann uberschimmern vor ihm im dunkeln Aether zwei
Funken,
Der grossen Fackel des Universums entsunken, Den armlichen Staub der sublunarischen Welt.
Mir aber, als die Glucklichen verschwunden waren, als ich, statt eines Sylphen, von einem gemeinen Diener geleitet in das Zimmer trat, das mir seine Fackel anwies, und ich uber mein einsames Bett hinblickte mir war, als horte ich alle Thore des Lebens und der Freude hinter mir zufallen. Ich erschrak, hob den Vorhang des Fensters, riss die Flugel auf, und meine feuchten Augen, flogen uber die Milchstrasse hinaus, dem entgegen, der in diesem Gewuhl leuchtender Welten jeden Wurm mit Liebe umfasst dachte an Agathen und o, rief ich
Du, der von Ewigkeit her den Busen reizender
Frauen
Zum besten Spielraum der Manner erwog,
Der diese Stunde gelenkt, die durch ein susses Vertrauen
An Lieb' und Wahrheit, zwei fromme Kinder den Klauen
Der Klosterhyder entzog!
Wie wollt' ich deiner Erbarmung
Nicht danken, fuhrtest auch du
Der Andacht meiner Umarmung
Die dritte Heilige zu!
Achtet auch der Allweise die thorichten Gebete nicht, die uns in dem Rausche der Sinne entsteigen; so haben sie doch das Gute, den Verarmtesten die zwei schonsten Blumen des irdischen Lebens, Hoffnung und Geduld, in den Schooss zu legen. Auch ich kam von meinem Aufblicke in die obere Region um ein merkliches beruhigt zuruck. Meine sinnlichen Wunsche verloren ihre Heftigkeit, als ob sie erreicht waren, und ich fuhlte mich abgekuhlt genug, uber Agathens Schleier hinweg, nach manchen andern Rathseln zu greifen, die mir der verlaufene Tag eben so unentwickelt zuruckgelassen hatte.
Denn, wenn ich gleich jetzt ungefahr errathen konnte, in was fur Betrachtungen Saint-Sauveur auf unserm Wege nach Toulon so vertieft war, dass er sich wenig um meine Verzuckung in den Himmel und um meine Hymne an das Gestirn des Tages bekummerte es mir auch eben so begreiflich ward, warum er mich im Gasthofe zum silbernen Anker mit meiner Scheibensammlung allein liess, und es ihm so sehr zur Unzeit kam, dass mein verlornes Einlassbillet einem Spieler, zur Nachfolge fur andere, seinen Weg wies wenn gleich die Seufzer, die damals Klaren entstiegen, als ich ihr meinen Arm bot, und ihre stillen Thranen in den Kelch einer Passionsblume, so wenig als die Erschutterung, die ihr die Gebetglocke des nahen Klosters der Monch auf der Galeere und das Mitleiden mit Agathen verursachte, jetzt noch einer nahern Erklarung bedurften ich auch meine vorgestrige Verwunderung uber das Geschaft meines Freundes in dem Steinbruche herzlich belachen musste, und nicht mehr bose auf ihn seyn konnte, dass er wahrend der Veranstaltung seiner heutigen Ueberraschung mich auf ein Schiff bannte und gewaltsam nothigte, Voltaire's Geburtstag zu feiern: so blieben mir doch genug neugierige Fragen uber den Zusammenhang der heutigen seltsamen Ereignisse ubrig, die ich mir schlechterdings nicht zu beantworten vermochte. Diese schwierige Aufgabe wurde mein Nachdenken noch lange beschaftigt haben, wenn es nicht ein Umstand unterbrochen hatte, der fur mich keine Kleinigkeit war. Ich horte die Seitenthur offnen, die nach dem Park fuhrt Das ist Agathe, sprang ich von meinem Stuhl auf, die vermuthlich, so unruhig als ich, nach Luft schnappt trat ans Fenster horte sie sah ihren Schleier zwischen den Akazien wehen, und nun war vollends meines Bleibens nicht mehr. Ich eilte aus meinem Zimmer durch das Portal, an dessen Saulen noch einige verloschende Lampen zitterten. Zu einer andern Zeit wurde ich sie als ein treues Sinnbild der Verganglichkeit aller menschlichen Freuden, in Vergleichung mit den ewigen Lichtern am Himmel, vielleicht langer betrachtet haben; aber in diesem Augenblicke dachte ich weder an Zeit noch Ewigkeit, sondern solltest du es wohl glauben? an die kleine zarte Mignonne unseres Nachtisches. Grosser Gott, und ich suchte Agathen! Ich hatte die langste Weile die lispelnden Strauche durchirrt, ohne sie zu entdekken, und ich fing schon an zu furchten, dass es mir hier noch einmal mit meiner Stirne ergehen mochte, wie vor einigen Monaten zu Caverac, als glucklicher Weise ein Funkchen, das mir in einiger Entfernung entgegen blinkte, meiner gesunkenen Hoffnung wieder aufhalf. Dort ja dort sitzt das liebe Kind, ihr kleines Laternchen neben sich, auf einer Rasenbank, und so geschwind, als dieser Gedanke, war auch der Zaun, der den Grasplatz von dem Park abschnitt, uberstiegen. Ich wil sie nicht erschrecken, nahm ich mir vor, glaubte auch, ich ginge langsam, kam aber bei allem dem bald genug meinem Gegenstande so nahe, dass ich, bestrahlt vom Lichte, zwar nicht Agathen, aber eine andere menschliche Figur unterscheiden konnte, die sich langsam an einer Urne in die Hohe richtete, und mir kein geringes Grausen erregte, ehe ich bemerkte, dass es der Spender des heutigen Segens der fromme Monch war, der mir entgegen trat. "Ach, heiliger Vater," sprach ich ihn an, "was macht Ihr an diesem einsamen Orte, und welchem Heiligen gilt euer nachtliches Gebet?"
"Einem Unglucklichen, dessen Gebeine hier verscharrt liegen," antwortete er mit ernster Stimme, "der sein schones Daseyn die Liebe und herrlichen Verstand seiner Gattin, dem Vorurtheile der Ehre und einem Morder Preis gab. Auf seinem Grabhugel unter dieser Weinlaube, die noch eine Stunde vor seinem Tode ihn in den Armen seiner Gemahlin umschloss, bitte ich taglich Gott um Vergebung seiner schweren Sunde, und flehe den Allbarmherzigen um die Genesung der schuldlosen Wittwe" "Ach!" rief ich, "so bin ich denn in dem Garten des armen Grammont? O, wie nahe liegt hier Freude und Traurigkeit wie nahe jene stolze Brautkammer und diese Todtengruft an einander! Ach! lasst mich mit euch beten, lieber Monch, Hulfe fur die traurig getrennte dauerhaftes Gluck fur die durch euch so frohlich Vereinten erbeten!" Der Monch ergriff und druckte meine Hand au seine Brust; dann knieten wir beide in andachtiger Eintracht neben dem Monumente des Entleibten nieder, und als wir uns, eine gute Weile nachher, von dieser Todtenfeier erhoben, ich mit thronenden Augen auf- und uber den Garten hinblickte, und es mir schien, als ob der vortretende Mond den Trauerflor von dem Eremitenhauschen wegzoge, das einst in bessern Tagen der armen Wahnsinnigen so lieb und theuer war, und ich gern als ein himmlisches Zeichen angesehen hatte, dass unser Gebet erhort sep' deutete ich mattlachend dahin. Der gute Mann verstand mich. Wir stiegen von der Anhohe der Laube, der kleinen glanzenden Hutte zu, und nun, da ich davor stand und mir uber dem Eingang die Worte Voltaire's, die sie, die Erbauerin, zur Aufschrift gewahlt hatte, in die Augen fielen ich mit der Sprache rang, um sie an diesem stillen Orte der Erinnerung noch einmal zu wiederholen, und bei der letzten halben Zeile est-on seul, on est sage, meinen Begleiter bedeutend anblickte, als wenn ich sagen wollte: Wer kann diese Wahrheit besser fuhlen, als ein Monch! ach, wie geruhrt wurde ich nicht durch feine Antwort! "Wollte Gott," sagte er, "die letzte Halste des Spruchs ware so wahr als die erste! Ach, wer kann denn mehr allein seyn, als die Arme es ist, die ihn hinschrieb? Was hat sie muthlos bis zum Wahnsinne gemacht, als Trennung Entfernung und die Unmoglichkeit, ihr verschwundenes Gluck wieder zu erlangen? und sind nicht, mein Herr," indem er mir die Hand druckte, "sind das nicht auch die Grundpfeiler der Kloster, und bringen sie nicht auch dieselbe Wirkung hervor?" Ich war so verlegen uber diese unerwartete Aeusserung eines Dominikaners, dass Gott wissen mag, wer mir zwei Worte, die ich immer fur widersprechend gehalten habe: das Gluck des abgezogenen Lebens, auf die Zunge geriethen "Das Leben," antwortete der Monch, "sollte nie von Thatigkeit und erlaubtem Genuss abgezogen Werders denn was ware sonst seine Bestimmung? Wenn dein Widerstand gegen wilde Neigungen nur von der Kette herkommt, die man dir anlegt, wem kann die Ehre davon gebuhren, als der Kette? Ach, wie ist das Verdienst der Monche und Nonnen so geringe! Unendlich ehrwurdiger ist mir der Mann, der in den Wellen des Lebens, wo nicht fest wie ein Fels steht, doch ihnen nur so viele freie Kraft entgegen setzt, dass sie ihn nicht ganz in den Sand spielen. O! ich kenne den Werth der Tugend, die von Versuchung entfernt ist verstehe die Lieder der singenden Vogel, die ein Kafich umschliesst Was enthielten die Seufzer meiner Andacht von meinem achtzehnten Jahre an bis in mein funfzigstes? Loset die zartlich frommen Empfindungen der Nonnen, die nachtlichen Gebete eines Klosterbruders auf, und Ihr werdet erschrecken! Wie kann das Zerreiben eines armen menschlichen Herzens, das aus der Werkstatt der Natur sich als einen unnutzen Stein in eine Wuste verworfen fuhlt, wie kann es zufrieden seyn, wie konnte es Gott gefallen! Das Gluck, im Guten thatig und frohen Herzens zu seyn, geniesse ich alter Mann erst seit funfzehn Jahren, mein Herr, und musste mir es durch die Folge meiner sitzenden, und ohne mir einer andern Sunde bewusst zu seyn, als die mir zur Pflicht gemacht war bussethuenden Lebensart durch eine schwere Krankheit erringen, die aus Ungeduld gegen Gott und Menschen zusammengesetzt, zu dem hochsten Grade von Melancholie erwachsen war. Hoffnung der Freiheit, die mein Arzt menschenfreundlich unter seine Arzeneien zu mischen verstand, bewirkte allein meine Genesung, und auf seine Furcht vor einem Ruckfalle, die er dem Pater Schatzmeister ans Herz legte, verlangerten meine Obern die Kette, die mich an ihre Stiftung band. Ich kam unter die Zahl der Wenigen, denen als Priestern einzelner Kapellen, und als Beichtvatern, oder, welches einerlei ist, als gedungenen Erbschleichern, ausser dem Kloster zu leben erlaubt wird. Seit diesem sonderbar glucklichen Verhaltnisse habe ich erst angefangen meiner wahren Bestimmung zu folgen, aber das Gluck der Jugend das Eingreifen der Liebe in die Zukunft, war dahin, war einem falschen Gotzen aufgeopfert, und ach! kinderlos blicke ich nun in das Grab. Doch lernte ich in der Freiheit, was in meiner Zelle unmoglich war Menschen lieb gewinnen, und gewann selbst treue und wurdige Freunde. Das Bette eines Kranken brachte mich mit dem edelsten von allen, mit dem Marquis von St. Sauveur in Verbindung." Aber hier, Eduard, will Ich das Wort nehmen, um Dir die grosse Seele dieses Religiosen anschaulicher zu machen, als aus seiner eigenen, nur allzubescheidenen Erzahlung erhellen wurde. Erst durch die zudringlichsten Fragen und durch Zusammenstellen seiner kurzen Antworten, konnte ich mir nur uber seine Wurde seinen Antheil an den frohen Begebenheiten des heutigen Tages und den geheimen Zusammenhang derselben Licht verschaffen. St. Sauveur, dessen hohe thatige romantische Tugend er mir nicht beredt genug schildern konnte, brachte ihn in die Bekanntschaft von Klarens Mutter, die zwar eine religiose Schwarmerin, aber zum Gluck fur die Tochter eine eben so rechtschaffene, verstandige und lenksame Frau war. Sie hatte bei der schmerzhaften Geburt derselben der Maria das Gelubde gethan, sie der Entsagung des Ehestandes und dem Klosterleben zu weihen, und durch ein feierliches Testament ihr alle Mittel benommen, ein anderes zu fuhren. In einer solchen Lage fand der Dominikaner diese Gewissenssache, als er in dem Hause des Gouverneurs bekannt und von seiner Gemahlin zum Beichtvater gewahlt wurde. Der rechtschaffene Mann nahm sich sogleich auf das heiligste vor, die Mutter von ihrer Verblendung zu heilen und das unschuldige Kind zu retten. Er bemachtigte sich der Freundschaft und des Vertrauens der Marquise, und stieg endlich in demselben so hoch, dass er es wagen konnte, ihr seine bessern Grundsatze vorzulegen; aber welche Gewandtheit, welche sanfte Beredtsamkeit musste er nicht anwenden, um die fromme Frau nur erst bis zum Zweifel an der Rechtmassigkeit ihres Gelubdes und welche List der Tugend, um sie bis zur Bereuung desselben zu bringen! Endlich gelang es seinem standhaften Eifer, den schwachen Grund in so weit zu untergraben, dass die Saule ihres Aberglaubens wo nicht ganz einsturzte, doch um ein merkliches sank. Als er eines Morgens das kleine liebe Madchen auf den Arm nahm, sich an ihren Schmeicheleien ergotzte, ihre grossen blauen Augen, ihre zum Kussen einladenden Lippen, und die herrlichen Zuge betrachtete, die schon damals ihr Gesichtchen zum Verwundern erhoben, rief er bewegt: Und alle diese Kleinodien der Natur, diese Geschenke Gottes sollen dem menschlichen Glucke entzogen und lebendig vergraben werden, bis sie unter dem peinlichsten Gefuhle zu Reliquien verschrumpfen! Diese Worte und die mannliche Thrane, die dabei uber seinen schneeweissen Bart rollte, erschutterten das mutterliche Herz. Nun so zeigt mir, grausamer Mann, schluchzte sie, einen Ausweg aus diesem Labyrinthe, ohne meinen Eid zu brechen, und Ihr mogt es bei Gott und seiner heiligen Mutter verantworten. Ja das will ich, rief er ernst und feierlich, und brachte nun einige Tage nachher das Kodicill zu Stande, das er mit ihr verabredete, selbst aufsetzte und mit einem Eide ubernahm, es unter keiner andern als den festgesetzten Bedingungen geltend zu machen, die aber immer noch schwarmerisch und durch die Moglichkeit, dass Klara auf ihrer Seite sie nicht erfullen wurde, furchtbar genug waren. Denn hatte das gute Kind, in der angeordneten Betaubung, den Wurm, der ihr Herz nagte, aus weiblicher Schwache verhehlt vor ihrer feierlichen Entsagung, nicht unter den Augen des Mutterbilds der Maria den Mann genannt, der ihr den Uebertritt ins klosterliche Leben so schwer mache alle Muhe des redlichen Monchs, das Kodicill Brief Ring und die Erbschaft waren fur sie verloren, und dem Kloster, in das sie aus jener landlichen Kapelle versetzt zu werden in Gefahr stand, verfallen gewesen. Daher kam die angstvolle erschutternde Beschworung des Monchs, daher das Schweben zwischen Furcht und Hoffnung des armen Brigadiers, der hinter dem verhangten Gitter, mit gleicher Bangigkeit wie der Flugelmann, den er vor einigen Tagen uberraschte, Leben oder Tod von den Lippen seiner Geliebten erwartete. Daher argerte ich mich ganz umsonst uber die zweideutige Voraussetzung des Dominikaners in Ansehung des Schenkungsbriefes. Die entlassene Novice wagte nichts, ihn zu bestatigen; denn er lag ja in den Domainen ihres Brautigams und konnte nun nicht mehr in unrechte Hande fallen. Und ach! wie manche andere Dinge, die ich heute Morgen ganz der Quere nahm, setzte mir diese nachtliche Unterhaltung erst ins Klare. Doch ich habe Dir noch lange nicht die Geistesgrosse dieses seltenen Monchs in ihrem ganzen Umfange dargelegt. Nach dem Tode seiner schwarmerischen Freundin widmete er alle seine Sorgfalt der verwaisten Tochter, deren gutes oder boses Schicksal in seinen Handen lag. Er sah die Rettung aus der Gefahr, die ihre Zukunft bedrohte, als den Zweck seines Daseyns an. Aber welch ein Mann! rufe ich mit der hochsten Bewunderung aus, der sich durch den langen Zeitraum, der sein Ziel verbarg, so geschickt zu winden wusste, dass der Preis seiner Anstrengung nicht verloren ging, der so viele Menschenkenntniss besass, um die Krafte der verschiedenen Federn so zu berechnen und zu spannen, dass sie die beabsichtigte Wirkung hervorbrachten der bei den Schwierigkeiten, die ihm entgegen traten, nie in der Wahl der Hulfsmittel fehl griff und Herzen in Flammen sogar, mit solcher Behutsamkeit zu lenken verstand, dass sie, ohne seine Absicht zu ahnden, den glucklichen Ausgang seines geheimen Spiels befordern mussten. Dass er dieses alles in seiner Kutte geleistet hat, wird Dir der Verfolg meiner Erzahlung beurkunden. Den Gouverneur schien das Testament seiner Gemahlin nicht weiter zu beunruhigen, so bald er horte, dass die Vollstreckung seinem wurdigen Hausfreunde ubertragen war; er kannte seine Grundsatze, und merkte bald, dass es nicht ein Kloster seyn konnte, wohin er seine Pflegbefohlne zu leiten suchte. Er verabredete den Plan ihrer Erziehung mit jener trefflichen Frau, die ihre treue Begleiterin bis vor dem Altare blieb, wo auch sie durch den Preis uberrascht wurde, den ihr Liebling erhielt. Er gab ihr an der Prinzess von Montbasson und Agathen zwei liebenswurdige Gespielinnen zu, und verbarg diess reizende Trio der Neugier und der Verfuhrung, unter die Schatten eines frohen landlichen Wohnsitzes, wo ihnen nur die Natur zuflusterte, und ihre Herzen und Augen unbefangen blieben. Hier trankte er ihre Seelen mit grossen erhabenen freundschaftlichen Empfindungen, bereicherte ihren Verstand mit den schonsten Kenntnissen, ubte ihre Hande in den geschatztesten Talenten, und sorgte gleich der zartlichsten Mutter fur das Gedeihen ihrer aufbluhenden Reize. Mit allen diesen, Klosterfrauen unnutzen Vollkommenheiten, brachte er Klaren in ihrem funfzehnten Jahre dem erstaunten Vater zuruck und in St. Sauveurs Bekanntschaft, den er schon langst als ihren Retter ausersehen hatte. "O der Freude, die ich damals empfand," stromte es ihm von der begeisterten Zunge, "da ich den tiefen Eindruck bemerkte, den das schone herrliche Kind auf sein Herz machte! Ich hatte gewonnen Ihre gegenseitige Zuneigung stieg mit jedem Tage hoher endlich so hoch, dass sie nach meinem Wunsche einander unentbehrlich wurden. Jetzt erst, da das holde Madchen der gebenedeiten Jungfrau schon zu weit aus den Augen war, um ihren Ruf zu horen, trat ich mit dem furchtbaren mutterlichen Testamente auf. Da ich, seitdem sie unter meiner Aufsicht stand, dessen nie mit einer Sylbe erwahnt hatte, so erschreckte sie mein unerwarteter Vortrag ungefahr, wie ein aufgefundener Wechselbrief, den man langst fur verloren gehalten und vergessen hat, ob man gleich, wenn die Zahlung gefordert wird, die Schuld nicht ablaugnen kann. Jeden andern aber, der davon horte, erschutterte diese Neuigkeit, und ich musste sogar die gehassigsten Nachreden uber mich ergehen lassen. Nur Sie, die fromme Tochter, benahm sich gross und edel, sobald der erste Schrecken vorbei war. Sie kampfte zwar, aber nur wenig Minuten, mit der Notwendigkeit ihres kindlichen Gehorsams empfahl sich der Barmherzigkeit Gottes, und unter einigen zartlichen Thranen, die sie dem Andenken ihrer wurdigen Mutter darzubringen glaubte, wahlte sie das Kloster der Urselinerinnen, von denen ich einigemal ruhmlich gesprochen hatte Ja einige Stunden nachher konnte sie sich selbst uber den Zuwachs an Vermogen freuen, den ihr guter Bruder durch ihre Annahme des Schleiers erhalten, und mit ihrer geliebten Montbasson in glucklicher Zufriedenheit geniessen wurde. Der Marquis, der diese Nachricht durch einen Brief erfahren hatte, schickte mir einen Wagen mit sechs rauchenden Pferden, die mich abholen und auf seinen Landsitz bringen mussten. Ich fand ihn diesen sonst so muthvollen Mann, niedergeschlagener als ein Kind, und der hohe Grad von Wehmuth, der uber sein ganzes Wesen verbreitet war, hatte wohl jedes andere Herz als das meinige, das so freundschaftlich fur ihn schlagt, zum tiefsten Mitleiden bewegen mussen Mein Freund, wimmerte er mir thranend entgegen: aber es war mir nicht moglich, ihn weiter fortjammern zu lassen Ich unterbrach ihn mit einer so gelassenen Miene mit einem so viel versprechenden beruhigenden Handedruck dass ihn sogleich aus der Dunkelheit meines Auftrags ein Strahl der Hoffnung uberschimmerte Kleinlaut fragte er mich: Darf ich den Engel noch fortlieben? Ich bejahte es. Darf auch Sie? Ich schwieg: aber ich bat ihn um einen Platz zur Errichtung einer Kapelle Er bewilligte es mit einem starren Blick Ich hatte schon langst seinen Steinbruch umgangen und gemessen, und uberreichte ihm jetzt meinen Plan zur Einrichtung Er billigte alles, sobald er auf der Waldseite den Eingang in die Kapelle, auf der andern den Balkon mit der Treppe in seinen Park erblickte. Er umarmte mich einmal uber das andere hielt sich eine ganze Weile die Hande vor die Augen uberrechnete die Zeit bis zum Geburtstage des Frauleins, kritzelte in der Geschwindigkeit einen Brief an den beruhmtesten Baumeister in Marseille riss mir meinen Plan aus den Handen, und befahl dem Haufen seiner Bedienten, alle mogliche Maurer und Zimmerleute, die sie auftreiben konnten, fur doppeltes Tagelohn anzuwerben. Wie schlug mir das Herz bei dieser leidenschaftlichen Heftigkeit, indem ich daran dachte, dass es zwar nicht wahrscheinlich, aber doch moglich sei, dass Klara in dem entscheidenden Augenblicke verstummte; und auch bei ihm trat bald nachher die Furcht der Ungewissheit an die Stelle der kleinen Hoffnung, die ihm mein Handedruck mitgetheilt hatte. Ich konnte und durfte ihn nur mit halben Worten trosten, und verliess ihn endlich mit der ernstlichen Bitte, Klaren in ihrem jetzigen Traume nicht zu storen, nie mit ihr von seiner Liebe zu sprechen, sie weniger zu sehen, und das ubrige der Zeit und der Hand Gottes anheim zu geben. Eine viel grossere Sorge hat mir die edle Montbasson durch ihren schnellen Entschluss gemacht, der Freundschaft das grosse Opfer ihrer Liebe zu bringen. Sie bekam auf einmal eine Abneigung gegen den Bruder, der sich durch das Ungluck seiner Schwester, wofur sie es ansah, bereichern sollte. Durfte ich ihr wohl entdekken, wie grossmuthig er gehandelt hatte, sobald er die Klausel in dem Testamente erfuhr? Musste ich nicht furchten, dass die heroische That einer Jugendfreundin einen nachtheiligen Eindruck fur St. Sauveurs Liebe auf Klarens Herz machen wurde? Ich bat Gott inbrunstig um Weisheit zur Leitung dieses so verwickelten Geschafts theilte meine ganze Aufmerksamkeit zwischen beide Freundinnen, belauschte das in zartlich freundschaftlicher Wehmuth dahin schmelzende Herz der einen, und rief St. Sauveur zu Hulfe, wenn es sich ganz fur ihn verlaufen wollte, und half der gewaltsam unterdruckten Liebe der andern, ohne dass sie es ahnden konnte, wieder in die Hoh', und da sie dennoch auf ihrer religiosen Schwarmerei blieb, setzte ich meine ganze Hoffnung auf den Ausgang des heutigen Festes, dem sie selbst den eifrigsten Wunsch ausserte als Choristin beizuwohnen als sie horte, dass ich eine Kapelle der heiligen Ursula durch Klarens Eintritt in das Noviciat einweihen wurde. Sie erbat sich von der Aebtissin die Erlaubniss dazu, in der gewissen Hoffnung, gleich nach der Ceremonie mit ihrer Busenfreundin zuruckzukehren, und sie bei den Klosterschwestern einzufuhren. O wie unendlich hat mich Gott fur die Sorge belohnt, die ich fur diese herrlichen Geschopfe getragen habe! Die vielen banglichen Jahre, die vorangingen, liegen jetzt so vergessen hinter mir, als ob sie nie da gewesen waren, und meine Seligkeit, scheint es mir, hat mit dem heutigen Tage ihren Anfang genommen." "O lieber, biederer, grossmuthiger Mann," rief ich aus, als er schwieg, "moge Gott doch noch lange Euer ehrwurdiges Leben fristen, und Euch noch oft auf die Spur bringen, arme Verirrte und Verlockte zu ihrem wahren Beruf zuruckzufuhren!" Ich fiel ihm, als wir an das Gartenthor kamen, um den Hals, bat um seinen Segen schlug aber, statt ihn hinaus zu begleiten, aus einem eigenen Gefuhl, den Feldweg ein, den ich gekommen war. Nach dem Kapuziner auf der Galeere war er der zweite Monch, den ich umarmte, und ich kann Wohl sagen, herzlicher noch als jenen. Sie verdienen beide die Bewunderung fuhlbarer Seelen aber welcher verdient sie wohl mehr? Jener, der Ungluckliche bei dem Bewusstseyn ihrer Schuld vor Verzweiflung bewahrt, oder dieser, der Unschuldige von einem moralischen Tode rettet? Gott mag entscheiden, ich kann es nicht. Ach, mit welchen herzerhebenden ganz andern Empfindungen selbst der gluckliche St. Sauveur, dachte ich, musste mich darum beneiden uberstieg ich jetzt zum zweitenmal den Gartenzaun! O der Mensch ist nicht so bosartig, als man ihn gewohnlich ausschreit, oder er sich oft selbst halt! Er sucht zwar nicht gern die Scenen auf, die sein Herz ruhren und bessern konnten, aber fuhrt ihn der Zufall dahin, so hangt er sich leidenschaftlicher daran, als an seine strafbaren Irrthumer. Schon traten, als ich mich dem Park naherte, die verbleichten Bilder der Natur hinter dem grauen Vorhang, der sie verbarg, farbig wieder hervor. Das Sauseln des Erwachens der Gesang des Lebens die Freude des Wiedersehens die Auferstehung eines neuen Tags begann. Wie mochtest du jetzt an dein Bette denken, sagte ich zu mir selbst, und wenn es Agathens Reize umschlosse, ich wurde mein Herz zuvor durch den Anblick der aufgehenden Sonne erwarmen, ehe sich meine Augen in den ihrigen berauschten; und ware es der frohlichste Burger der Erde, der ungeduldig anklopfte, er musste warten, bis ich seinen Schopfer begrusst, und in dem Meere seines Lichts meinen Bildungstrieb gereinigt hatte. Ich lagerte mich an den Stamm einer Balsamfichte, und erwartete das grosse Schauspiel mit dem Entzucken, das ich schon kannte. Die Wolken zerflossen der Mond verblich die Sterne verloschen, und nun schwenkte sich das gebietende Gestirn aus der Unterwelt uber unsern Erdball, ergoss seinen Lichtstrahl und wirkte. Mein Auge spiegelte sich in den Thautropfen, die, wie reine Herzen, wenn sie brechen wollen, noch einmal aufschimmerten und verdunsteten. Unwillkurlich streckten sich meine Arme dem Wunderballe entgegen, der an den Bergsaum heraufrollte, und der Drang hoher Empfindung suchte einen Ausweg uber die lallenden Lippen: Ach wo, rief ich in meinem Entzucken wo gab' es in der Natur einen Gegenstand, der ruhrender an das menschliche Herz sprache? und horte hinter mir rufen: H i e r ! Betroffen sah ich mich um, und Saint-Sauveur und Klara, an seine Brust gelehnt, waren es, die mich behorcht hatten "O Ihr habt Recht," sprang ich von meinem Sitze auf "ihr trefflichen Menschen! Eure Liebe ist ruhrender, ist edler noch, als der Glanz der Sonne." Sanft lachelnd gaben sie sich meiner Betrachtung Preis, und mein Blick weidete sich an dem fur ein unschuldiges Herz erstaunlichen Bewusstseyn, das in den Augen des jungen Weibes lag. Wer hatte in Anschauung ihrer nicht alles vergessen welcher Firniss seliger Gefuhle uberglanzte nicht ihr verschamtes Gesicht wie sanft verlor sich nicht ihr Nachdenken in der Glorie des ersten anbrechenden Tages ihrer grossen Errettung wie freundlich spielte nicht sein Strahl um ihren in frohlockenden Dankgebeten schwellenden Busen, der unter blassrothen Schleifen eines weissen Gewandes, sich allen Blicken noch eben so schuchtern als gestern unter dem Nonnenschleier verbarg. So verschliesst die Nachtviole jedem Lichtstrahle ihren duftenden Kelch hullt sich in den Instinkt ihrer angebornen Wurde, und offnet ihren Wohlgeruch nur den verschwiegenen Schatten. Doch in welches poetische Labyrinth verlockt mich nicht dieses herrliche Weib! Ich konnte alle Blumenbeete durchstobern, und wurde doch die schonste nicht bedeutend genug finden, um Dir ihre so weit von Berlinischem Prunk abstehende Grazie zu versinnlichen. Saint-Sauveur fuhlte sein Gluck und mit Recht unendlich starker als ich senkte schweigend sein geruhrtes Auge auf die holde Gestalt, die zu ihm auf lachelte, und schien sich in dem ruhigen Stolze seines Gelingens fur einen Gott zu halten, dem ein seliger Engel in dem Arme liegt. Als die Sonne hoher trat und blendete, wand sich das reizende junge Weib, wie ein bittendes Kind, aus den zogernden Handen ihres tandelnden Freundes. Er traumte ihr einige Augenblicke nach, dann nahm er mich bei der Hand. "Ich bin nun diesen Morgen ganz dein, Wilhelm!" sagte er. "Lass uns das Thal durchstreichen, und hilf mir nur E i n e n Menschen in der weiten Welt entdecken, der glucklicher ist als ich, damit sich nicht Uebermuth meiner bemeistere." Unvermerkt leitete ihn der Hang seines Herzens zuerst auf unserm Spaziergange nach dem Janustempel, der ihm seit gestern nach seinem Brautbette wohl der liebste Fleck der Erde geworden ist. Wahrend er nun unter der zierlichen Wolbung nur die einzelnen Stellen aufzusuchen schien, uber die Klarens Fusse geschwebt hatten, wo sie sass, zitterte, weinte und ohnmachtig ward, verbreitete sich meine Bewunderung uber das einfache schone Ganze. "Ich sehe wohl," rief ich endlich lachend meinem Freunde zu, "dass du uber die Benutzung dieses Juwels von Felsen nicht nothig hattest, weder mich noch meinen alten Lehrer der Baukunst, den ehrlichen Sperling, zu Rathe zu ziehen" "Wie?" unterbrach er mich ganz betroffen, "heisst denn der alte Gurkenmaler so, der an dem Hafen wohnt?" "Ja wohl," sagte ich, "aber er hat seinen deutschen Namen ins Italienische ubersetzt, seitdem er hier ist" "Das thut mir sehr leid," versetzte SaintSauveur, "denn, wenn mich mein Gedachtniss nicht ganz betrugt, so habe ich schon mehrmalen nach demselben Manne Steckbriefe in den Berliner Zeitungen gelesen, die ich bloss eures Konigs wegen noch halte" "Nach Theodor Sperling?" "Ja gerade nach diesem" "Unmoglich," fuhr ich fort, "dieser, zwar als Kunstler sehr unbedeutend, ist jedoch die ehrlichste Haut, die ich kenne, und wahrlich auch nicht verschmitzt genug, der preussischen Polizei zu entwischen Du irrst dich, lieber Mann!" "Nun das ist leicht zu erortern," antwortete er sehr bestimmt, und befahl dem Bedienten, der uns von weitem nachgetreten war, nur die zwei letzten Monate der deutschen Zeitung bei seinem Kutscher zu holen, der sie aus Vaterlandsliebe sammelt. Mittlerweile geriethen wir in ein Gesprach, das mir mit jeder Minute wichtiger ward. Saint-Sauveur zeigte mir von weitem in seiner magischen Laterne den Plan, den er angelegt hatte, um den ohnehin glucklichsten Sommer seines Lebens durch Hulfe der Kunst, der Natur und seines Ueberraschungssystems noch mehr zu erhohen. "Die nachsten acht Tage," sagte er, "bleiben wir in diesem Freudenthale beisammen dann schwinge ich mich mit Klaren wie Vertumnus und Pomona, auf das erfrischende Hochgebirge meines Stammguts. Mein Ahnherr, der diese romantische Burg erbaut und mit unserm Geschlechtsnamen beehrt hat, muss die Gabe besessen haben in die fernste Zukunft zu blicken, und mich unter seinen Nachkommen seines Schutzes am wurdigsten zu halten, so genau passt das Ideal, das ihn beim Anbau jener Gegend leitete, zu meinen glucklichen Verhaltnissen. Hast du nicht in einem gewissen Mahrchen von einem Schlosse gelesen, das ein Zauberer aus Feldsteinen zusammensetzte, und die hundert Sale und Zimmer darin allen den Rittern Preis gab, die in der Folge der Zeit dort absteigen und einsprechen wurden eine einzige himmelblaue Rotunde ausgenommen, die nur dem glucklichen Sterblichen zu offnen erlaubt und moglich war, der seinem alten Feinde, dem Schwarzkunstler auf den sieben Hugeln, den von ihm so oft missbrauchten Talisman der wahren Seligkeit rauben, und in jene Freistatte fluchten wurde. In derselben Minute, setzt das Mahrchen hinzu, wo er dort den geretteten Ring an den Finger steckt uberziehen sich die grauen Mauern mit Smaragden die himmelblaue Rotunde prangt in atherischem Feuer, er hort die Harmonie der Spharen athmet nur Wohlgeruch, erfasst, wo er hingreift, nur Lilien und Rosen, und seine funf Sinne kommen ihm als so viele Thore vor, durch die Schaaren von Liebesengeln auf sein Herz eindringen. Dieses Luftgebaude der Phantasie nun gehort in der Wirklichkeit mir zu der Eroberer des Kleinodes, dem alle diese Wunder ankleben, bin ich, und unter Klarens Anblick werden sich jene Feldsteine meiner Burg in Bergkrystalle Rubinen und Amethyste verwandeln Komm mit uns, lieber Wilhelm, sieh und bewundere mit eigenen Augen die Wirkungen des Talismans, dessen ich mich, glucklicher als alle meine Vorfahren, bemachtigt habe. Meine Sale Zimmer Kuchen und Keller stehen jedem Rittersmanne offen, bis auf die himmelblaue Rotunde, die mein Ahnherr mir ausschliesslich vererbt hat." Man mag sagen was man will, ein Feenmahrchen hat seine eigenen Verdienste es erwarmt, es befeuchtet bei Kleinen und Grossen das kalte oder vertrocknete Gehirn. Kinder um nur bei ihnen stehen zu bleiben vergessen Essen und Trinken daruber, wenn ihnen nur kein Zuckerbrot in die Nahe kommt; aber auch dann noch leiht die einmal erregte Phantasie der Wirklichkeit einen Reiz mehr, der ihr abgeht. Es dunkt den Kleinen von der wohlthatigen Hand eines Salamanders gebacken, und schmeckt und bekommt ihnen nur desto besser. So ging es gerade auch mir. Ich folgte dem Feenmahrchen meines Freundes mit kindischer Neugierde liess den kleinen Anspielungen auf seine wahre Geschichte alle Gerechtigkeit widerfahren, und sein Bergschloss sammt den Rittersalen sein Talisman und die himmelblaue Rotunde gefielen mir ganz wohl, aber so anlockend konnten sie doch fur einen verstandigen Mann nicht seyn, dass er daruber seine Ruckreise ins Vaterland nur um einen Tag geschweige einen ganzen Sommer verschieben sollte. Da Freund Saint-Sauveur sah, dass seine Bildersprache nicht wirkte, ging er zur schlichten Prose uber. "Meine dortigen Besitzungen," sagte er, "gehoren in allem Ernst zu den angenehmsten in Frankreich. Sie sind mit Waldern durchflochten, wie du sie liebst das Klima ist ganz deutsch die Luft gesund die Natur gross, fruchtbar, heiter und wohlthatig, und mit meinen romantischen Anlagen wirst du zufrieden seyn." Das mag wohl alles seinen Werth haben, dachte ich, aber treffe ich es denn nicht auch in Deutschland wieder an? Es ist eine eigene Sache mit dem Heimweh ich uberhorte nochmals seine freundschaftliche Einladung, und blieb unerschutterlich bei meinem Vorsatze aber jetzt ruckte er mir das Zukkerbrot unter die Augen. "Auch Agathe wird uns begleiten," warf er noch am Schluss seiner Rede so hin ... und nun verrieth sich das Kind mit seiner ganzen Schwache auf einmal. Ich stutzte doch langer nicht, als ich Zeit zu dem pfeilschnellen Gedanken brauchte, welche Lust es seyn musste, in den dortigen herrlichen Waldern, Agathen am Arme, zu wandeln der Vorzeit in den alten Rittersalen mit ihr nachzuspuren und ihre Meinung uber die himmelblaue Rotunde zu horen. Mag doch aus meinem Vaterlande werden was Gott will! dort komme ich immer noch zeitig genug an, und ohne mich langer zu besinnen, gab ich mein Jawort zweimal hinter einander. Indem brachte der Bediente das Pakt Zeitungen, ich schob es in die Tasche, ohne es anzusehen. Mein Freund hatte mich in eine Gegend verzaubert, aus der ich mich nicht wieder wegbringen konnte. Er musste mir alles auf das genaueste vormalen und beschreiben Alle Winkel in seiner Burg waren mir lieb geworden, und ich hatte mich mit Agathen finden wollen wie zu Hause. Ware ich in diesem Momente vom Schlage geruhrt worden, o Gott, wie viele kostliche Aussichten des Lebens welche susse Erwartungen hatte ich verloren! Das geschah nun zwar nicht, dafur traf mich aber eine andere Widerwartigkeit, die jener nichts nachgab. Man handigte mir und die Rede blieb mir im Munde stecken einen Brief ein, den eben eine Stafette gebracht habe. "Gieb acht," erschreckte mich Saint-Sauveur, "die Unwissenheit der Berlinischen Aerzte hat gesiegt Euer grosser Friedrich wird dahin seyn, und dann erbarme sich Gott deines Vaterlandes" Ich riss den Umschlag auf las erblasste, als ob er es errathen hatte und nun reichte ich ihm das elende Geschreibe zu seiner Beruhigung hin Mit der meinigen war es vorbei. Ich setzte mich auf eine Altarstufe und hing den Kopf. "Was zum Henker hast du da fur eine Korrespondentin," fragte SaintSauveur, als er die Unterschrift zuerst ansah "Elektra? dermalen auf dem Jahrmarkt zu Montpellier?" Ich gab ihm Aufschluss so gut ich konnte aber jede Zeile, die er weiter las, nothigte ihn zu einer neuen Frage, die endlich, zusammen genommen, ein Verhor bildeten, wobei ich selbst nur zu sehr fuhlte, wie albern ich aussah "Du hast also deine Livreen auf dem Trodel gekauft? Schmuck von Werth darin gefunden? und ihn seinem Eigenthumer nicht wieder gegeben? und daruber, wie ich sehe, zwei ehrliche Kerle als Morder der entlaufenen Bursche, die vorher die Kleider trugen, in Ketten und Banden gebracht? Die Frau meldet, das Gericht bedrohe beide Bruder mit der Tortur und es ist schrecklich, gabe ihnen nur drei Tage Zeit, ihre Unschuld entweder darzuthun, oder sich auf den Galgen gefasst zu machen. Welchen fatalen Handel hast du dir da zugezogen, lieber Wilhelm, und was gedenkst du nun anzufangen?" Ich hockte vor dem Marquis wie ein armer Sunder gab ihm kleinlaut uber alles Bescheid gestand ihm aufrichtig die Schuld meines unverzeihlichen Leichtsinns und bat um seinen guten Rath. Er that mancherlei Vorschlage, die er aber ihrer Weitlauftigkeit Unsicherheit oder moglicher Zufalle halber, eben so bald wieder zurucknahm. Nach langem Hin- und Herreden blieb mir nichts ubrig, als um seine Pferde und Wagen bis Marseille zu bitten, von da ich Post nach Montpellier nehmen wollte, um die Sache durch meine eigene Gegenwart ins rechte Gleis zu bringen. Der menschenfreundliche Mann war selbst zu betroffen, zwei Unschuldige, meiner Thorheit wegen, in der Todesangst schwitzen zu sehen, und kannte die Geschwindigkeit der franzosischen Justiz viel zu gut, als dass ihm sein Gewissen erlaubte, mich aufzuhalten "Willst du nicht wenigstens vorher in unserer Gesellschaft fruhstucken?" fragte er zuletzt "In Eurer vortrefflichen Gesellschaft?" jammerte ich, "ach erinnere mich nicht daran, was ich alles hier verliere Wo sollte mir die Esslust herkommen? Muss ich nicht eilen, um fortzukommen, da es die Ruhe und das Leben zweier schuldlosen Menschen gilt?" Hierauf liess sich nichts erwiedern Er bestellte sogleich die Pferde, und wunschte nur, dass meine Reise glucklich seyn, und ich bald von Montpellier zuruckkommen mochte. "Freund," fiel ich ihm ernst ins Wort "alle die frohen Tage, um die ich mich bringe, sind mir eine harte aber wohlverdiente Strafe. Sei gerecht und suche sie nicht zu massigen! Von Montpellier habe ich fast eben so weit nach deiner Burg als zu der deutschen Granze. Lass mich also immer den Weg, auf den mich meine einfaltigen Streiche gebracht haben nach der Heimath fortsetzen! Aber hore noch, was dir mein Herz vorzutragen hat die Zeit ist zu edel, um es mit Umschweifen zu thun. Versprich mir, lieber Saint-Sauveur" und ich flog ihm an den Hals "dass du Agathen fur mich aufheben willst und gewiss umarme ich dich eher wieder, als du denkst Frankreich soll mir alsdann von Berlin nur ein Katzensprung seyn dort bleibe ich nur so lange, als Noth ist, um meine Bucher Kupferstiche und andere Kleinigkeiten zu verkaufen dem besten meiner deutschen Freunde schenke ich meinen Gypskopf und meine Scheibensammlung und wenn ich mich so leicht gemacht habe, wie ein Vogel fliege ich fort und bin der eurige auf ewig. O dass ich dir die Lucke deines Grammont ersetzen mochte! Glaubst du nicht, lieber Saint-Sauveur, dass mir Agathe ein wenig gut werden konnte, wenn ich erst mehr um sie bin?" "Daruber," antwortete der behutsame Mann, "behalte ich mir vor dir zu schreiben Traue ubrigens in deiner Herzensangelegenheit meiner Freundschaft und dem Wunsche, einen solchen Sonderling, wie du bist, in meiner Nahe zu haben." Indem kam der Wagen vor das Portal des Janustempels angefahren. Hochbewegt umarmte ich meinen theuern Freund. "In der Hoffnung des baldigsten und glucklichsten Wiedersehens," schluchzte ich ihm vor, "vergiss um Gotteswillen meinen Auftrag nicht! Sage deiner lieben Gesellschaft guten Morgen von mir und lebe lebe wohl!" Ich warf mich unter einem Erguss zartlicher Thranen von einer ganz eigenen Mischung in die Chaise. Als sie ein wenig verlaufen waren, gesellten sich allerlei Betrachtungen zu mir, die eine trat mir vorzuglich an das Herz. Wahrend Bastian uberrechnete ich ein- und aufpackt, hast du wohl noch Zeit, deinen immer verschobenen Besuch in dem Tollhause abzulegen denn wie mochtest du diese Gegend verlassen, ohne die bedauernswurdige Frau kennen zu lernen, fur die du vergangene Nacht auf dem Grabe ihres entleibten Gatten so inbrunstig gebetet hast. Ich ausserte gegen meinen Landsmann den Wunsch, wenn es moglich ware, noch vor neun Uhr in der Stadt zu seyn "Moglich?" drehte er sich zu mir, "ich verspreche es Ihnen um eine ganze Stunde fruher." Er theilte seinen Diensteifer durch ein paar tuchtige Peitschenhiebe seinen vier Rappen mit, und hielt so gut Wort, dass er mich sogar einige Minuten eher, als er versprochen hatte, vor den heiligen Geist brachte. Es traf sich alles nach Wunsch. Bastian war zu Hause und Passerino bei ihm zum Fruhstucke. Kaum waren sie von meiner ernsthaften Angelegenheit unterrichtet, so traten beide zu meinem Dienste zusammen der Maler besorgte die Postpferde Bastian das Einpakken, inzwischen ich die freien Augenblicke benutzt und Dir erzahlt habe, durch welche sonderbare Verkettung der Umstande um nur das geringste zu erwahnen, die vergangene Nacht mit einem Theile des heutigen Morgens so verschmelzt wurde, dass sich sogar daruber zum erstenmal in meinem chronologischen Tagebuche der gewohnliche Abschnitt der Zeit verruckt hat. In den meisten Geschichten scheint es mir zwar sehr gleichgultig wie die Uhr stand, als die Sache vorfiel, wenn sie nur wahr ist. Hier aber ist es nicht so ganz einerlei, und wenn sich nicht das eine aus dem andern naturlich erklaren liesse, musste es doch wohl jedermann auffallen, dass ich eben so schmuck, als ich gestern von der Hochzeit kam, heute bei Narren auftrete. Wo hatte ich die Zeit hernehmen sollen mich umzukleiden? Passerino hat sich Bleistifte von allen Farben Bastian einige Pfunde Schnupftabak zum Austheilen unter die armen Presshaften geholt, und so gehen wir nun kecker vielleicht, als wir sollten dem belehrenden Schauspiele entgegen, das Thorheit und Raserei der ihnen nur zu nah verwandten menschlichen Vernunft zu gute geben.
Den 25sten Februar.
In ein kleines, ruhiges, mit einer dunkeln Lampe erleuchtetes Stubchen verwiesen, sitze ich hier in einem landlichen Posthause, zwei Stationen von der betaubenden Hauptstadt denn weiter konnte ich heute nicht kommen und blicke meinem abgelaufenen Tage in einer Gemuthsstimmung nach, wie ich sie mir nur, bei dem letzten herabrieselnden Sandkornchen Ewigkeit wunschen kann. Ich habe die, selbst in ihrer Verruckung noch, unubertreffliche Frau gesehen, gehort, bejammert und angebetet. Waren ihr alle Verstandesberaubte gleich, so wurde ich die mahomedanische religiose Verehrung derselben ohne Bedenken in meine Glaubensartikel aufnehmen. Doch gemach! Wir mussen erst, lieber Eduard, einen langen sauern Weg zurucklegen, ehe wir in die verschwiegene Halle gelangen, die diese Heilige von der grossen larmenden Gesellschaft gemeiner Unsinniger scheidet. Ich liess mich bei ihrem Vorsteher als einen Freund des Marquis ansagen. Er empfing mich schon darum mit vieler Achtung, die schnell in Zutrauen uberging, da meine Eigenliebe ihm nicht verschweigen konnte, dass ich dem grossen Feste, von dem ich eben zuruckkame, als der einzige Fremde beigewohnt hatte: denn es ist unglaublich, was der kleinste Beweis von Auszeichnung, mit welcher St. Sauveur jemanden beehrt, in den Augen der Rechtschaffnen fur einen Glanz auf ihn zuruckwirft. Unter diese Zahl gehort Herr Filbert unstreitig, ein Name, der zwar von keinem Stammbaume beschattet wird, den ich aber in den meinigen vor vielen andern aufnehmen mochte, die, stiftmassig, ihr Leben in Spiel-, Trunk- und Theegesellschaften vergeuden. Er habe sich, sagte er, um seine nichts weniger als anlockende Stelle beworben, die seiner Mutter Bruder aber, trotz ihrem geringen Schimmer, zu einem wahren Ehrenposten erhoben hatte. Ich zog den Hut ab, als er mir auf mein Befragen nach dem Namen seines Oheims den edeln Howard nannte. "Wenn ich etwas Gutes in meinem beschwerlichen Amte bewirke, so verdanke ich es dem Stolze, einem solchen Blutsfreunde nachzueifern, den ich ganz jung kennen lernte, als er die hiesigen Gefangnisse und Armenhauser besuchte. Ich habe, wie er, nicht die Phantasien der Weltweisen, sondern der Narren studirt nicht die Kunst, Palaste anzulegen und zu verzieren, sondern bequeme Kerker zu bauen, und mit gesunder Luft zu fullen, ihm abgelernt, werde der Nachwelt so wenig, als er, eine verbesserte Taktik wirksamere Mordgewehre, oder neue Plane zu Lotterien und Auflagen aber der Menschlichkeit in einer Wissenschaft, die noch sehr im Finstern liegt, hellere Augenglaser vererben. Diese Anstrengung meiner wenigen Krafte glaube ich dem Ruhme meines Oheims schuldig zu seyn." Es ist gut, Eduard, dass die Natur durch das Hirngespinst korperlicher Verwandtschaft manchmal auch noch eine geistige stiftet, so wie der leere Schall eines Namens, den ein beruhmter Vorfahr auf uns gebracht hat, selbst bei dem Unvermogen, ihn zu erhohen, uns doch gewiss abhalten wird, ihn verachtlich zu machen. Ein Namensvetter von Howard oder Filbert konnte, dachte ich, kein unnutzer Weltburger werden. Meine Begriffe sind gewiss von dem Verdienste eines Monarchen nicht klein, der seine Staaten in Ruhe zu erhalten und das Glas voll gahrender Hefen so geschickt zu tragen versteht, dass es weder zerbricht noch uberlauft; wenn aber die Behauptung wahr ist, dass ein Haufe verschobener Kopfe schwerer zu behandeln sei, als eine Armee, die, da sie aus lauter klugen in eine Masse zusammen gezwangt ist, geduldig dem Winke eines Lappens folgt, den ihr Gebieter ihnen zur Hetze auf eine andere Menschenmasse vortragen lasst, die er ihren Feind nennt: so sollte es beinah scheinen, als ob das Regenten-Verdienst eines Narrenwarters mehr besage, als das eines Fursten. Nach besserer Ueberlegung halte ich jedoch dafur, dass die Regierungskunst des einen wie des andern auf einerlei Grundpfeilern beruhe, und die einfachen Mittel, die Filbert gebraucht, um seine tobende Republik in Gehorsam und Ordnung zu erhalten, dieselben sind, die unser Friedrich, nur nach einem grossern Massstabe, anwendet. "Ich bandige," sagte er, "durch Hunger belohne durch die Freude der Sattigung, und lasse ubrigens in gleichgultigen Dingen jedem tollen Kopfe das Spielwerk seiner Laune. Sie werden mich sogleich deutlicher verstehen, mein Herr."
Er fuhrte mich nun in die erste der vier Abtheilungen, die in einem weitlaufigen Bezirke die verschiedenen Klassen dieser Brudergemeine von einander sondern. Wenn Apollo einmal einem Dichterchor sichtbar erschiene, schwerlich konnte er von feurigern Augen bewillkommt werden, als hier aus einem Dutzend finstrer Behalter meinem Begleiter entgegenfunkelten. "Nach was," fragte ich, "strecken diese Rasenden ihre Hande so weit aus ihren Gittern?" "Nach Federn, Tinte und Papier," war seine Antwort, "sie wurden aber bald die ganze milde Kasse gesprengt haben, wenn ich ihnen hierin immer zu Willen stande. Diesen Hof, mein Herr, habe ich nur den Genies der Gesellschaft eingeraumt, die meiner Aufsicht um desswillen am nachsten sind, weil sie ihrer am meisten bedurfen. Sie taugen durchaus in keine andere Abtheilung, denn sie wurden jeden Narren, der nicht mit ihnen auf derselben Hohe steht, nur noch narrischer machen. Hier halt das Excentrische des Einen den Unsinn des Andern im Gleichgewicht. Die Nachwelt ist zwar das allgemeine Steckenpferd, das sie reiten, und die Minderjahrigkeit des Zeitalters ihre ewige Klage." "Da sie aber," wendete ich ihm ein, "einander meistens in die Fenster sehen konnen, wie ich bemerke, so dachte ich, musste bei gleichen Forderungen ein unaufhorlicher Zwist unter ihnen herrschen, dessen Ausbruch nur die starksten Ketten hindern konnen." "Dafur habe ich gesorgt," erwiederte der Aufseher. "Es giebt der Wege zur Unsterblichkeit so viele! und indem ich hier dem Tragodien-Schreiber einen Systematiker dort dem medicinischen Freigeist einen Sternseher weiter unten dem Goldkoch einen Heldensanger, und am Ende des Hofs dem Weltverbesserer einen Liederdichter gegen uber gesetzt habe, lachen die einen uber die andern, und treffen sich nie in einem Gleise zusammen. Jeder verfuhrt ruhig seine Waare der Ewigkeit zu, ohne sich um die Ladung des Gegenuberstehenden zu bekummern. In ihrer Kost sind sie sehr genugsam; desto gieriger aber nach gelehrten Zeitungen, und ich kann allemal aus der rasselnden Kette des einen, oder der schaumenden Wuth des andern abnehmen, wenn einer ihrer Zunft in dem neusten Blatte gelobt ist. Desshalb lasse ich seit einiger Zeit nur ein gewisses Journal, seiner herabwurdigenden Urtheile wegen, unter diesen Herren cirkuliren, und kann dem Herausgeber nicht genug dafur danken: denn es scheint nur fur Narren geschrieben zu seyn, und beruhigt die meinigen ausserordentlich. Auf lucida intervalla darf ich nicht eher bei ihnen rechnen, als bis ein Licht in der gelehrten Welt verlischt. Es ist, als ob sie nach einer solchen Anzeige mehr Luft bekamen: denn jeder beruhmte Mann scheint ihnen den Raum zu verengen. Konnte sie ein Schlagfluss alle auf einmal todten, ich glaube, den Tag nachher bekamen diese gelbsuchtigen Thoren alle wieder gesunde Farbe." "Durfte ich wohl," fragte ich, und winkte Bastianen, "diesen Herren einen Theil meines mitgebrachten Geschenkes anbieten?" "O," antwortete mein Fuhrer, "Sie konnen es nirgends zweckmassiger anwenden nur erwarten Sie keinen Dank dafur denn so weit reinigt die starkste Niesewurz ihr Gehirn nie." Indem rief mir der Tragikus mit ironischem Ingrimm und mit einem Blick zu nein, Lucan hat der Furie, die ein Nest Schlangen zerdruckt, wahrend der Sohn des Pompejus sie um den Ausgang der Pharsalischen Schlacht befragt, keinen erschrecklichern gegeben "Steht der junge Herr dort" rief er "etwa auch in dem Wahn, ein Dichter der ersten Klasse zu seyn?" "Gott bewahre mich," rief ich ausserst erschrocken, "vor einem so ubermuthigen Einfalle," und beschwor Herrn Filbert, mich aus der Nahe dieses groben Narren zu bringen.
Die anstossende Abtheilung war still wie das Grab. "Sie verwahrt," sagte Filbert, "ehemals gute, nutzliche Burger, die durch aussere ungluckliche Zufalle in hulflosen Blodsinn gerathen, und auf ihrem harten Strohlager einer bessern Zukunft entgegen traumen. Das Mitleid wird zu sehr gespannt, um hier zu verweilen; doch werfen Sie immer im Durchgehn einen Blick in die mittlere Zelle, weil Sie bald die Mutter des jungen Mannes, der hier eingesperrt ist, sehen und horen werden. Er ahndet nicht, dass er der Grausamen so nahe wohnt, die, um es kurz zu sagen, ihn durch ihr Beispiel verdorben, durch ihre Lehren zur Verschwendung seiner Jugendkrafte, zum Missbrauche seines guten Verstandes gereizt und in diess Elend gebracht hat eine Geschichte von gewohnlichem Ursprung und entsetzlichem Ausgange.
Sein Vater ein reicher Banquier sonst hochst behutsam in seinen Unternehmungen, war es nur nicht in der Wahl seiner Gattin. Er blickte aus seinem Komtoir in die junge weibliche Welt, wie in ein Waarenlager, und suchte sich das Madchen aus, das einstimmig unter den Kennern fur die Reizendste erklart wurde. Stolz fuhrte er sie bald als sein Eigenthum durch die Reihe ihrer Anbeter glaubte ein unschatzbares Kleinod erhandelt zu haben, ohne zu bedenken, dass es keins in der Ehe giebt, wenn es sich nicht selbst zu schatzen weiss. Das wusste seine junge Frau so wenig, wie der Diamant des grossen Moguls und Er wenn er nur seine Geldkasten unter dem Schlussel hatte, glaubte alles in seinem Hause verschlossen. Wahrend er gekrummt an seinem Schreibetische sass hatte er kein Arges auf die Balle, Redouten und Opern, wo sein Edelstein glanzte. Eifriger konnte er aber kaum seine Wechselgeschafte treiben, als sie das ihrige. Sie hatte sogar den Vortheil gehabt, es langer fortzusetzen, als er, da ihn ein schneller Tod von der Seite seiner schonen Halfte wegnahm, und nun das Ganze ihren Liebhabern uberlassen blieb, wenn nur nicht nach und nach neben ihrer Wechselbank andere mit mehrerem Kredit entstanden schlankere Gestalten auf den Maskeraden leichtere Tanzerinnen auf den Ballen jungere Gesichter in den Logen erschienen waren, die alle Lorgnetten von der ihrigen abzogen. In dieser Verlassenheit, die mit den Jahren zunahm bekam sie Zeit, an die Erziehung ihres Sohnes zu denken, der schon ziemlich durch ihr Beispiel gebildet, siebenzehn Jahre alt, und reich und schon genug war, das Werkzeug ihrer doppelten Rache an unserm und ihrem eigenen Geschlechte zu werden. Als er an einem Redoutenabend sie um Rath fragte, was er thun solle, um sich auszuzeichnen, stand sie als Zauberin masquirt vor ihm hob ihren Stab und entliess ihn mit folgendem Orakelspruch: Blicke um dich und sieh, wie jene stimmenden Bienen die Knospen der Rose belagern, um, sobald sie sich aufthun, den ersten Honig aus ihrem Kelche zu saugen und du konntest die Flugel hangen und anderm Gewurme ruhig den Vorgenuss einraumen? Ich hasse mein Geschlecht und ergrimme uber das deinige. Schaffe mir Genugthuung von beiden und Seelenruhe durch deine Triumphe!
An diesem Abend, erzahlt man, gelang ihm seine erste Verfuhrung in einer Schafer-Maske bei einer Schneiderstochter, als Diana gekleidet, und beider Unschuld ging verloren. Durch mutterliche Erfahrung wehrhaft gemacht, wie gefahrlich ward nicht dieser verwahrloste Jungling jeder unbewachten weiblichen Tugend? Wie manche herrliche Fruhlingsblume hat nicht dieser gehorsame Sohn, auf Kosten seiner eigenen Jugendblute zerstort? In seinem vier und zwanzigsten Jahre verfiel sein, durch Wollust entkrafteter Korper in ein schleichendes Fieber, dem sich die Verstandesschwache anschloss, die alle seine Anspruche auf ein frohes Leben vereitelt und ihn endlich unter meine Aufsicht gebracht hat. Die Welt bestrafte das mutterliche Ungeheuer mit Ekel und Verachtung, und der oberste Richter, nach einer mehrjahrigen Folter unbefriedigter Leidenschaft, durch Wahnsinn, der sie auch hier nicht einmal dem Mitleiden, sondern dem Spotte der Neugierigen Preis giebt. Sobald sie einen von unserm Geschlechte zu Gesichte bekommt, wird sie gesprachig, und entwickelt den Gang ihres hasslichen Lebens mit einer unbeschreiblichen Naivetat, die jedoch fur einen Psychologen nicht ohne Werth ist. An der Spitze einer Schaar sinnloser Weiber scheint sie ruhiger zu seyn, als sie es in der vorigen verschuldeten Einsamkeit ihrer prachtigen Wohnung war, und vertreibt sich die Zeit durch idealische Buhlerei mit dem Himmel. Als man sie uber diesen Hof in ihren Kafich fuhrte, kehrte auf einen schrecklichen Augenblick die Besinnungskraft des Sohnes zuruck. Er erkannte die mutterliche Furie griff rasend in sein Gitter verfolgte sie mit brullenden Fluchen, und sturzte dann ohnmachtig auf sein Lager. Sie aber, nur mit ihrem schamlosen Aufputze beschaftigt, ging gefuhllos vorbei, ohne, wie es schien, das Schlachtopfer ihrer widernaturlichen Laster bemerkt zu haben." "Die Geschichte ist grasslich, lieber Filbert," sagte ich, "sie zerreisst das Herz und bestatigt die Bemerkung, die ich schon in mehreren Irrhausern zu machen Gelegenheit gehabt habe, dass unter allen schauderhaften Geburten des Wahnsinns keine unserer Seele so widrig und abstossend erscheint, als die aus zugellosen unkeuschen Begierden entsprang."
Mein Auge kam von dem Hinblick, den es in die grausende Richtstatte des todtbleichen, hohlaugigen, zum Selbstmorder herabgesunkenen unseligen Junglings that, mit solchem Entsetzen zuruck, dass mich Filbert geschwind mit den Worten: "Kommen Sie, mein Herr!" bei der Hand nahm.
"Als einen Mann, der die Welt kennt, wird Sie die folgende Gallerie wieder aufmuntern. Sie enthalt, was man halbe Narren nennt, nur um etwas anmasslicher lacherlicher und gesprachiger, als uns deren nur zu oft im gewohnlichen Leben aufstossen! Sie spielen die Angenehmen, dociren gern fragen zur Unzeit sind zudringlich und mit unter von der lustigsten Laune. Einige haben sich aus rasender Prosa in die matteste Poesie geworfen. Diese Krankheit ein sonderbares, aber gegrundetes Phanomen ist gerade an die Stelle des Kerkerfiebers getreten, das ich glucklich genug gewesen bin, nach der Anleitung meines Oheims auszurotten. Ich wurde gern die harmonischen Anfalle dieser armen Presshaften wie den Uebergang eines hitzigen Fiebers in ein kaltes fur ein Zeichen der Besserung halten, wenn der unbegreifliche Stolz, der sie dabei juckt, mich nicht wieder uber ihren Zustand irre machte. Einer der ausgezeichnetsten in dieser Rucksicht sitzt gleich in der nachsten Zelle. Ich habe ihn erst kurzlich aus der ersten Klasse in diese aus der wirklichen in die stille Wuth gebracht, indem ich seinem Hochmuthe ein wenig nachgab. Der Wunsch des Julius Casar, lieber an einem kleinen Orte der erste, als der zweite in Rom zu seyn, war ihm in gesunden Tagen uberall, wo er hinkam, auf Universitaten und auf Dorfern, verungluckt, hatte sich aber in seinem Kopfe so arithmetisch festgesetzt, dass er auch hier im Tollhause nicht davon abgehen wollte. Eine solche Wurdigung seiner selbst verlangte nun freilich einen untergeordneten Zahler, und ich konnte lange fur diese Stelle kein taugliches Individuum auftreiben, bis mir ein Kandidat in die Hande gerieth, dem die Epidemie der Schulverbesserung in das Gehirn getreten war. Diesen gesellte ich jenem bei, so wie die Thierwarter ein Hundchen in den Kafich des Lowen stecken, um ihm durch das Gefuhl der Grossmuth fur ein schwaches Geschopf alle Kampflust gegen starkere aus dem Sinne zu schlagen."
Wir traten ein. Schwerlich wurde ich mich in die narrische Gruppe, die sich mir darstellte, ohne die voraus erhaltene Erlauterung gefunden haben. Aufgeblasen sass der Erste im Rang, sechs Stufen hoch unter einem Thronhimmel mit Goldpapier uberkleistert, hielt in seiner Rechten einen holzernen Zepter und lachelte mit verachtlichem Mitleid auf die Null herab, der er doch das susse Bewusstseyn seiner zehnfachen Vergrosserung zu verdanken hatte. In gehoriger Entfernung unterhalb seines glanzenden Sitzes verfolgte der tolle, und wie ein hessischer Zuchtling aufgestutzte Padagog, in fortwahrendem Zirkelschlag seine uberspannten Ideen und haschte nach Wortern, die er so lange uber einen philosophisch-grammatikalischen Leisten zerrte, bis er einen Schuh fertig brachte, der aber auch freilich darnach war.
Ich liege du liegest wir liegen
Gleich eingehullet und warm,
Der eine geschminktem Vergnugen,
Ein andrer der Schwermuth im Arm.
Ich zahle du zahlest wir zahlen
Die Hohern als Thoren, und sind
Im Forschen, im Wunschen und Wahlen
Gleich unberathen und blind.
Ich harre du harrest wir harren
Des Possenspieles Vergang.
Doch dauert lustigen Narren
Die Hora selten zu lang.
Du wurdest mir gewiss das Lachen vergeben haben, lieber Eduard, das mich beim Anblicke dieses albernen Wortkramers befiel. Von Ihro Magnificenz zog es mir aber einen tuchtigen Verweis zu. O, rief er und winkte mit seinem Zepter darein:
O, Ihr Kritons!24 Lasst den kranken
Fullentreiber unverlacht,
Der zum Kreislauf der Gedanken
Aus der Wildbahn ohne Schranken
Eine Reitbahn macht!
Gonnt dem Thoren sein Entzucken!
Stort nicht seines Stolzes Ruh!
Dreht mit abgewandten Blicken
Er denn nicht sogar den Rucken
Meinem Purpur zu?
Meinst Du nicht auch, Eduard, dass so ein Kreisel, der sich eine Viertelstunde vor unsern Augen herumdreht, wohl uns am Ende selbst wirblich zu machen im Stande sei? Ich mochte es beinahe aus der einfaltigen Empfindlichkeit schliessen, mit der ich die Zurechtweisung eines solchen Hochmuthsnarren, als dieser Zeptertrager war, aufnahm. Ich vergass wirklich, dass ich in einem Tollhause war, schlug ihm ein Schnippchen zu und kam, indem ich hastiger, als nothig war, sein Auditorium verliess, daruber mit dem Daumen zwischen Thur und Angel; doch, sobald ich an die freie Luft kam, verlor sich eine und die andere unangenehme Empfindung.
"Und wer ist denn," wendete ich mich gegen meinen Begleiter, "der altliche Mann, der hier so frei herumgeht und so behutsam einhertritt, als ob er auf Eier trate und ein Geheimniss unter dem Mantel truge?" "Er ist," berichtete mich Filbert, "mein Unteraufseher in diesem Hofe und nur um etwas kluger, als die er bewacht. Es gab eine Zeit, wo dieser Schleicher als der sicherste Fuhrer durch das Labyrinth der Metaphysik angestaunt wurde, und Schuler zog, die ihn vielleicht hier noch einholen. Es mochte wohl damals nicht ganz richtig mit ihm bestellt seyn. Seine letzte Arbeit aber verrieth ihn vollends. Nach vielen Versuchen uber die Anomalien anderer kam er endlich auf seine eigenen, mit denen er, glaube ich, hatte anfangen sollen, und auf den unglucklichen Einfall, Selbstbekenntnisse zu schreiben, wie Rousseau. Von dieser Epoche an zahlt sich seine Verirrung." "Das ist auch," fiel ich ihm ins Wort, "der geradeste Weg, entweder ein Heuchler oder ein Narr zu werden. Konnten Sie mir wohl sagen, ob er sie in Form eines Tagebuchs schrieb?" "Ist mir nicht bekannt," antwortete Herr Filbert. "Die Handschrift wurde auf koniglichen Befehl verbrannt." "Verbrannt?" wiederholte ich, "wie kommt es aber, dass man einen so gefahrlichen Schriftsteller bei dem Zuspruche der vielen Neugierigen in so leidlicher Verwahrung halt, und ihm obschon die Feder nicht doch die Zunge frei lasst?" "Weil er," gab mir der Oberaufseher zur Antwort, "keiner Seele etwas zu leid thut, immer am liebsten von sich spricht, wie sein Original, in der freien Luft am ruhigsten ist eben so gern, als jener, in die Sonne blickt, und ein Metaphysikus in einem Tollhause keine Autoritat mehr bei seinen Zuhorern hat. Sein verlorner Wirkungskreis schien ihn anfangs sehr zu schmerzen diess bewog mich, ihm als eine kleine Entschadigung die Polizei dieses Hofs anzuvertrauen. Er benimmt sich recht gut dabei schleicht wie Sie sehen, von Gitter zu Gitter horcht, beobachtet und verfehlt nie, es mir sogleich zu melden, wenn einer seiner Untergebenen den Kopf durch das Luftloch gezwangt oder sonst einen Unfug gestiftet hat doch Sie werden gleich selbst urtheilen konnen, wie es mit ihm steht." "Ich bekleide hier" war seine Antwort auf meine hingeworfene Frage, "ein Amt, das ich lange durch grosse entfernte Umwege zu gewinnen gesucht habe, ehe ich auf einem ganz einfachen dahin gelangte." "Wie so?" suchte ich ihn in seine Schwarmerei zu verlocken, und ich traf es so gut, dass er die hier grassirende Poesie zu Hulfe nahm, um mir vermuthlich fur sein Selbstbekenntniss desto mehr Achtung einzuflossen, das ungefahr so lautete:
Der Wahrheit dunkeln Pfad zu finden,
Der unterm Monde sich verlor,
Durchgluht' ich mich und hielt den Blinden
Die Leuchte meiner Schriften vor.
Mit Rauch umgeben und versunken
So gut als sie auf Gottes Heerd,
Schatzt' ich mich doch als einen Funken
Des Feuers, das die Geister nahrt,
Als einen Theil, der fur das Ganze
Nothwendig wie die Sonne sei,
Und wahnte, zum gemeinen Glanze
Misch' ich auch meinen Firniss bei.
Da hort' ich eine Stimm' erwachen:
Die Welt braucht dein erhabnes Licht,
Braucht, um ihr Feuer anzufachen,
Den Brennstoff deiner Schriften nicht!
Lass dem Erhalter seine Sorgen;
Genug dem Sterbling, der im Schweiss
Des Angesichts den nachsten Morgen
Mit Heute zu berechnen weiss.
Steig an der Kette der Ideen
Nicht bis zum Engel steig herab;
Der stolze Weg, der dir zu gehen
Vergonnt wird, ist der Weg ins Grab.
Der Wurm soll kriechen, sich verstecken,
Den Staub vermehren, der ihn schuf
Das Unsichtbare zu entdecken
Ist keines Sterblichen Beruf!
Was dein Gehirn in Umlauf bringet,
Befordert keines Sternes Lauf,
Schreib oder nicht, die Sonne schwinget
Sie doch am Horizont herauf.
Kann wohl ein Doktor, ein Verfechter
Der Wahrheit seines innern Sinns
Mehr nutzen als ein Narrenwachter?
Der wollt' ich eben seyn und bin's!
Wohl Schade, dachte ich, dass du dein Stammbuch nicht bei dir hast, denn das ware gerade der Mann, den du ohne Bedenken um ein Memoriae gratia bitten konntest. Ich wurde auch gern seiner Beichte ob ich gleich hier und da den Sinn erst hineinlegen musste, mein Ohr noch eine Weile geliehen haben, ware nicht das seine durch ein Gerausch am Ende des Hofs stutzig geworden denn nun war er nicht aufzuhalten. "Lassen Sie ihn nur gehen," sagte Herr Filbert, "Sie sollen nichts dabei einbussen. Treten Sie nur an das Gitter Nummer funf, wenn Sie einen Narren von Magister horen wollen, den das Nachgrubeln uber die schwierige, aber nicht ganz verwerfliche Physehr treffend Sehen Sie nur wie seine Wande mit Schattenrissen uberklebt sind. In einer Stunde kann ich Ihnen voraus sagen, ist Ihre Silhouette auch darunter, und gewiss so gleich, als wenn Sie ihm gesessen hatten." "Da ist es doch," erwiederte ich, "wirklich ewig Schade, dass sein Talent hier, so ganz unnutz fur die Welt, vergraben ist. Spricht er auch in Versen?" "Das konnen Sie denken," sagte mein Fuhrer und klopfte an die Thur. Der arme Narr! Es that mir wohl leid, dass er meinetwegen von seinem Arbeitstische aufstehen musste. Er schien es mit Verdruss zu thun, und das kann wohl nicht anders als dem zum Nachtheil gereichen, den er unter seine Scheere nimmt. Sobald er mich in das Licht fasste, studierte er meine Gesichtszuge mit so tief forschenden Blicken, dass es mir eiskalt uber die Haut lief. Es wahrte lange und das ist begreiflich ehe er sein Urtheil abgab. Ich reichte ihm inzwischen eine Prise Tabak, um mich bei ihm in Gunst zu setzen. Er nahm sie auch mit sichtlichem Vergnugen nies'te und erklarte sich:
Wohl dem, der so wie Du bedachtig
Nur die gerade Strasse geht,
Stets seiner schwachen Sinne machtig
Sich nie aus seinem Gleise dreht!
Dess uberwichtiges Gehirne
Nie in den Sturmen untersank.
Wohl seiner flachen Stirne,
Tritt auch in Deinem Trauerspiele
Kein Konig Lear aufs Bret wohl Dir!
Dem Rasenden zunachst, am Ziele
Der Narrheit, stand sein Shakespear.
Klug meidet drum der Dichter Haufen
Die, seit ihm, unbetretne Bahn:
Wie bald ist nicht im Laufen
Ein Schritt zu viel gethan!
Ein Schluck zu viel beim Nektar-Schmause
Apollens eine Rose mehr
Der Rosen in dem vollen Strausse
Der Liebe, schleudert Dich hieher;
Die Thorheit lockt mit Amoretten
Die Bernards in ihr Vorgemach,
Und zieht mit Ordensketten
Den Lowen-Ritter25 nach.
Wahrend der gute Magister sich so bescheiden uber meine Physiognomie herausliess, beschaftigte ich mich indess mit der, die er mir darlegte, und fand in seiner gewolbten Stirn, gebogenen Nase, und spitzen Kinnlade eine Aehnlichkeit von einem aber Gott weiss welchem meiner Bekannten. Ich liess mir von Bastian eine ganze Deute Rappee geben, die ich ihm verehrte, und wir schieden als gute Freunde aus einander. Filbert sah nach der Uhr. "Noch haben wir Zeit, einen Blick in den Hof zu thun, der das weibliche Geschlecht einschliesst. Gleich am Eingange wird Sie die sapphische Furie fest halten, von der ich Ihnen erzahlt habe." "So wollen wir lieber," versetzte ich, "davon bleiben! denn es ist mir schon so ubernachtig ums Herz, als wenn ich ein Dutzend Musenalmanachs gelesen hatte." "Nicht doch, mein Herr," redete mir der Aufseher zu. "Schon des Kontrasts wegen mit der vortrefflichen Dame, die Sie bald sehen werden, rathe ich Ihnen zuvor diesem Gegenstucke einen kurzen Besuch zu machen."
Kaum hatte er die Thur des Hofs geoffnet, so baumte sich mir auch schon in dem nachsten Behalter ein so widriges Megaren-Gesicht entgegen, als mich seit langer Zeit keins erschreckt hat fur die Anatomie der Seele aber ein noch ungleich schrecklicheres Kadaver; denn alle die Grundzuge des Neides, der Gefallsucht, der Heuchelei und der Wollust, die das schlimmste Weib so lange es bei sich ist in etwas doch zu verbergen weiss, traten hier durch den Hohlspiegel der Tollheit so vergrossert hervor, dass es keine andere Empfindung, als Schauder erregen konnte. Sie schien eben von ihrer Toilette zu kommen und sich nicht wenig auf ihren Kopfputz und den vortheilhaften Faltenschlag ihres Halstuches einzubilden. Auf der einen Seite lag ein Gebetbuch mit vergoldetem Schnitte von Madam Guyon,26 wie mir Filbert sagte, neben einer Muschel mit Schminke auf der andern eine Wulst von schwarzem Sammet, die ihrem hoch aufgestreiften Arme zur Unterlage diente. In dieser gezwungenen Stellung lachelte sie mich zuerst grinzenhaft an, ehe sie eine andere versuchte, die vor funfzig Jahren nicht ohne Wirkung gewesen seyn mag. "Womit," fragte ich boshaft, "vertreiben Sie Sich hier die Zeit?" "Mit der Vergangenheit," fasste sie sich in drei stolzen Worten, "der Gegenwart und der Zukunft;" spielte bei dem ersten mit dem Schnurband warf sich bei dem zweiten in die Brust und blickte bei dem dritten mit grasslich andachtigen Augen gen Himmel. Nun hore, wie sie diesen Text ausfuhrte. "Mir," fing sie mit dem Ausdrucke susser Erinnerung an, und hatte gern ein wenig verschamt dazu ausgesehen:
"Mir hatte die Natur, als Kind schon, manches
Wunder,
Das Mannerherzen ruhrt, in Umriss angelegt;
Gefullter selbst und runder,
Als sie sonst pflegt.
Still war ich fortgedieh'n zu immer hohern Reizen,
An Wuchs der Hebe gleich Dianen an Gestalt,
Der Sommer kaum erst dreizehn
Bis vierzehn alt.
Da setzte mir die Zeit des Pfandspiels und der Kusse
Ans Ohr ein Rauberheer, das immer lauter rief:
Welch Madchen! Gott, wie susse
Da heftete sich mir das Brillenglas der Greise,
Des Junglings Geier-Blick mit der Betheurung an:
Ich ubertraf' an Weisse
Cytherens Schwan!
Doch diese Schwanenbrust verbarg den Trieb der
Tauben,
Ein Herz voll freundlicher und girrender Natur,
Und nebenbei den Glauben
An Manner Schwur.
So schnell tont Zephyr nicht in eine Aeols-Harfe,
Als jedes falsche Wort mir durch die Adern lief,
Das mich zu dem Bedarfe
Der Liebe rief.
Den Morgen weckten mich die zartlichen Sonnette
Petrarchs. Mein Tagewerk schloss Sappho's Abendlied,
Und Wach' an meinem Bette
Hielt ein Ovid.
'Dem Roschen folgt nur Spott, das zu dem Fest der
Weihe
Berufen,' sang ihr Mund, 'von keinem Wunsch erreicht,
Verachtet, in die Reihe
Der Dornen schleicht.'
Ach! dieser Hebel war's, durch den ein Sohn der
Musen
Aus ihrem Gleichgewicht einst meine Tugend hob,
Und mir den Streif am Busen
Zuerst verschob;
Und ist das Lenkseil jetzt, das meinen Prachtruinen
Mit Uebermuth vorbei die Neuverlockten fuhrt,
Die nun den Lohn verdienen,
Der mir gebuhrt:
Mir, die ich eingeweiht in alle Heimlichkeiten
Der reizenden Natur, langst Oberpriesterin
Fur alle Tageszeiten
Der Liebe, bin.
Wohin verflog der Eid, den manches Ungeheuer
An meinem Busen schwor, wenn in Vestalen-Tracht
Ich sein gesunknes Feuer
Neu aufgefacht!
Wenn ich ihm Leda war, bald Phobe, bald Latone,
Er h i e r als Donnerer mir in die Federn drang,
D o r t aus der Gottin Krone
Ein Blatt errang.
Wortbruchiges Geschlecht! Mit jedem Stufenjahre
Fiel ein Geschworner ab und trat ein Freund zuruck,
Und meinem blonden Haare
Wird jetzt kein Blick!
Wie will ich Dir, der mich in meinen Jugendtrummern
Unkundigen des Wegs zum Merkpfahl aufgestellt,
Die Spotterei verkummern
In jener Welt!
Nach ihrem hohern Reiz die stolze Mannerhand,
Die fuhllos sich hienieden
Von mir gewandt!
Ja, heuchelte sogar, vergafft in meine Strahlen,
Ein Mannerseraph mir dort seine Liebespein
Wie sollten seine Qualen
Mein Labsal seyn!
Gleich Motten sollt' er sich um die verklarten Hugel
In immer naherm Kreis bis an den Brennpunkt drehn;
Dann mit versengtem Flugel
Vor mir vergehn!
Nur Ihn, zu dem ich bald verherrlicht wiederkehre,
Der mich, eh' ich noch war, zum seligsten Beruf
Und zum Gefass der Ehre
Mein Herz erschuf,
Den Schopfer soll allein dass ich nur Einen schaue,
Der ewig Treue halt mein Wolkenbett empfahn,
Milchweiss und himmelblaue
Krepinen dran.
Ich bin des Herren Magd und mir "
"Um aller Heiligen willen, lieber Filbert," fuhr ich jetzt zusammen, "machen Sie, dass ich aus der Atmosphare dieses abscheulich verruckten Weibes komme. Ich habe doch in meinem Leben manche verschmitzte Koquette entlarvt gesehen mancher durch Buhlerei che zu kommen: aber sie schrankten doch immer auch ihre unerklarbarsten Anspruche bloss auf das Zeitliche ein. Diese Narrin hingegen lebt sogar der Hoffnung, dereinst mit Gott dem Vater eine Intrigue anzuspinnen. So etwas ist mir noch nicht vorgekommen!" Ich drangte meinen Fuhrer vor mir her rief Bastianen und den Maler, der, an das Gitter seines versohnten Feindes gelehnt, mit ihm in ein Gesprach, vermuthlich von der ewigen Kunst, verwickelt war, und nun begleitete uns Filbert, schweigend und nachdenkend, bis an den kleinen abgesonderten jene traurige Wohnung umschliessenden Zwinger, die sich die reichste Erbin im Lande zu ihrem Wittwensitze gewahlt hatte. Er empfahl mir den innern Thurriegel vorzuschieben, um Herr uber meinen Ausgang zu seyn, im Fall mir das Herz zu schwer werden sollte. "Desswegen?" lachelte ich, "o Sie halten mich doch auch fur einen gar zu grossen Weichling, lieber Mann!" Wir setzten uns, nach seiner Anweisung, so gerauschlos als moglich, auf einen Vorsprung der Mauer der Gitterthure der unglucklichen Dame gerade uber. Passerino zog in der Zwischenzeit sein Pergament hervor und nahm das Lokal ziemlich richtig auf. Auf meinen beifalligen Wink zischelte er mir ins Ohr heute wolle er mir zeigen, dass er seine Kunst verstehe. Das konnte ich Dir nicht versprechen, Eduard; denn ob ich gleich auch an die Schilderei dachte, die der heutige Morgen auf den Abend meinem Tagebuche abwerfen wurde, so war ich doch dabei von allem artistischen Stolze weit entfernt. Ach Gott! wo hatte ihn mein beklommenes Herz beherbergen sollen, das von dem ersten Glockenschlage der furchtbaren Stunde an, in zunehmender Erschutterung, bis zu dem letzten fortklopfte, der es vollends zusammendruckte, wie einen blutigen Schwamm. Aus einer innern Seitenthure des Kerkers an dem Arme der Freundin, der sie, unter so vielen, den Vorzug gegonnt hatte, ihrem Elende zu folgen schwankte die Tiefgebeugte, wie ein abgeschiedener Geist auf einen Engel gestutzt, dem Gitter zu. Mit jedem langsamen Schritte, durch den sie sich mir naherte, hob sich allmahlich immer mehr der Schimmer ihrer Schonheit aus dem dunkeln Grunde des Gefangnisses heraus, bis mir und ich glaubte unter der Last nie gefuhlter Wehmuth zu versinken die schlanke atherisch-bleiche wunderschone Trauergestalt deutlich vor den Augen stand. In weissen Musselin gekleidet, druckte sie mit der einen kraftlosen Hand ein Krucifix von Elfenbein an ihre bebende Brust noch kraftloser floss die linke uber den schwarzen Leibgurtel herab. Nach einigen furchterlich stillen Sekunden senkten sich ihre gluhenden, an den blauen Himmel gehefteten Augen, und begegneten dem Thranenstrome der meinigen. Sie starrte mich an erhob langsam ihre linke Hand, als ob sie nachsanne, und bald nachher ergriff der Tenor ihrer Klagstimme mein todtbanges Herz. O! dass ich jetzt vermochte. Dir das Seelengewitter in seiner ganzen schrecklichen Wahrheit zu schildern, unter welchem sich die Leidende stufenweise bis zum letzten zermalmenden Ausbruche ihres Wahnsinns erhob. Eitler Wunsch! die geubtesten Wortfuhrer der Natur wurden daran verzweifeln. So hore wenigstens mich ihr nachlallen. Ach! uber welches abgelaufene Zeitalter schwebte ihr Geist auf welcher Staffel der Vergangenheit musste sie mich stehen sehen, als ihre ausgestreckte Hand mir das Bild des sterbenden Heilandes mit der herzzerreissenden Frage vorhielt:
Sahst du des Jordans Ufer,
Bethranter Pilger? Sprich
Und hortest du den Rufer
Am Kreuz Es durstet mich!
Und willst der bittern Zahren,
Die dein Gefuhl vergiesst,
Nur Eine mir gewahren,
O dann sei mir gegrusst!
Doch wahnst du mich zu trosten:
So wende dein Gesicht,
Denn sieh, das Bild der grossten
Geduld vermag es nicht!
Sich viel Bedrangte her:
Doch Aller Zungen stammeln
Ach diese leidet mehr!
Ihr raubte das Entsetzen
Sogar des Sauglings Gluck!
Und keine Thranen netzen
Den Brand in ihrem Blick.
Nur ihre Lippen beben
Dem nach, den sie verlor!
Und ihre Hande heben
Sich nur nach ihm empor!
Nein, Eduard! Beweglicher als ihre Stimme kannst Du Dir keinen Ton in der Natur vorstellen, und doch war mir die Pause noch ruhrender, in welcher die schone Sinnlose, einige peinliche Minuten, verloren dastand, ehe sie, die Augen gen Himmel gewendet, ihre innern Empfindungen, zartlich wie die Liebe selbst, hervorgirrte:
Als Er sich mir, von allen
Ihn Wunschenden, ergab,
Mit welchem Wohlgefallen
Sah Gott auf uns herab!
Als in dem Abendschauer
Der feiernden Natur
Sein grosses Herz die Dauer
Von meinem Gluck beschwur;
Mein Auge nun von sussen
Gefuhlen uberging,
Und ich mit Erstlingskussen
An seinen Wangen hin;
Als von der trauten Laube,
Die seine Liebe zog,
Er nun die erste Traube
Nach meinen Lippen bog;
Und ich in seinen Blicken
Mein Bild gezeichnet fand
Natur! war diess Entzucken
Nur Blendwerk deiner Hand?
Weh dir ging nun ihr gedampfter Flotenton in den feierlichsten Ernst uber
Weh dir, o Tag der Weihe,
Der Blutschuld Mitgenoss,
Die grauenhaft die Reihe
Gluckvoller Stunden schloss!
Und wie ein in der Wildniss irrendes Kind, das um Hulfe jammert fuhr sie fort:
Du meines Kummers Zeuge,
Den meine Seele ruft,
Verlorner! ach entsteige
Dem Dunkel deiner Gruft!
Und wie, wenn jenes hinhorcht und seine vergeblichen Bitten in Bergkluften verschallen hort schlug auch sie hoffnungslos ihre aufgehobenen Hande zusammen suchte Trost in der Qual der Erinnerung sah nur und horte ihren Freund und liess die edeln Handlungen seines Lebens, wie in einem Spiegel, den sie dem ungerechten Schicksale vorhielt, voruber gehen:
Wenn im Gedrang der Sorgen
Er keiner unterlag,
Und, Freundin, rief, nach Morgen
Glanzt uns ein Erntetag!
Wo Werth und Lohn des Fleisses
Dem in der Schale liegt.
Der jeden Tropfen Schweisses
Gleich einer Krone wiegt.
Wenn der bescheidne Troster
Gefallnen Schutz verlieh,
Und sprach: Bin ich erloster
Und wurdiger als sie?
Und Er dem Tag entwunden,
Nach mancher frommen That,
Zum Lohn der Abendstunden
Sich meinen Kuss erbat
Furchtbarer! Wogest du
Schon da der Zukunft Schmerzen
Mir schwer Getauschten zu?
Der Athem stockte mir bei ihrem fragenden Starrblick, der aber bald sanfter gebrochen sich nach der blassen Lichtscheibe richtete, die hinter einem Wolkchen hervortrat. "Mond," rief sie in melancholischer Schwarmerei
"Mond, der du noch so traulich
In seiner letzten Nacht
Die Schonheit mir beschaulich
Des Schlummernden gemacht!
Als mein Gebet im Schweben
Auf deinem Hoffnungsstrahl
Dem Ewigen sein Leben
Und meine Ruh' empfahl.
Vertrauter stiller Schatten!
Wo weilt dein Todtenlicht,
Verbirg das Grab der Gatten
Der Sattgelebten nicht!
Dort wandele des Schlummers
Willkommner Genius,
Die Folter meines Kummers
In Freiheit und Genuss!
War dann dem Ruf der Taube,
Die ihrem Liebling girrt,
Vielleicht auf unserm Staube
Der Morder nachgeirrt
Dann fasse das Gewissen
Und peinige die Hand,
Die Herzen durchgerissen,
Die Gott zusammen band."
Diese Losungsworte flogen der Minute voraus, die den letzten Vorhang des erschutternden Trauerspiels aufzog. Hatte ich vorher diese S c h r e c k e n s s c e n e als den einzigen Ausweg zur Beruhigung der Hochgemarterten, selbst bei der Gewissheit, dass er uber einen tobenden Abgrund fuhre, seufzend herbeigewunscht; so ware ich i h r jetzt noch lieber entflohn, aber sie fasste mein straubendes Haar mit unwiderstehlicher Gewalt und lahmte meine Glieder. Meine Augen hefteten sich nur desto starker an die Erscheinung dieses peinlichen Wunders, je mehr es, als die bis jetzt noch schwankende Flamme des Wahnsinns nun in voller Glut der Verzweiflung uber das furchterlich schone Weib zusammenschlug, mein armes Herz zu zerreiben drohte. Jeder Pulsschlag setzte ihre Wangen in eine immer hohere Rothe die Brust hob sich bis zum Zerspringen ihr langes blondes Haar entschlupfte seinen Schleifen und flatterte strahlend, wie ein Komet, durch die Nacht des Kerthigen Freundin ohne auf das kleine anpochende Herz zu achten, das unter dem ihrigen schlug, tobte sie und streckte ihre entblossten, durch Wuth gestarkten Arme gegen den Himmel. Die Allmacht des Jammers hatte mich unwissend zu Boden geworfen knieend flehte ich zu Gott um Linderung O du, der alles vermag, schaffe Linderung diesem zersplitterten Herzen! Ach wo war sie hingekommen, die edle Dulderin? Ich sah an ihrer Stelle nur einen Engel der Rache, der uber ein Leichenfeld hinschwebt, und auf den Blutspuren der erwurgten Unschuld seine Beute verfolgt. Drohungen der Ewigkeit blitzten aus ihren zurnenden Augen flossen uber ihre schaumenden Lippen. Mit Entsetzen sammelt meine Feder einige der gifthauchenden Worte, die ihrem zerrutteten Gehirn entquollen: aber den erschutternden Wohlklang derselben, welche Harmonie der Sprache, welches tonende Erz vermag ihn zu erreichen!
Kannst du auch Rache segnen?
So nimm, Gott, meinen Schmerz
Und grab ihn dem verwegnen
Mordschuldigen ins Herz.
Das Blut, das er vergossen,
Droh' ihm im Morgenroth!
Und nur mit Blut durchflossen
Wink' ihm sein Abendbrot!
Die Sussigkeit der Ehe,
Die Liebe muss' ihn fliehn,
Selbst seinen Kuss verschmahe
Die feilste Buhlerin!
Es fasse jede Kammer,
Wo seine Schwermuth weint,
Den ganzen Menschenjammer,
Den dieses Haus vereint!
Des Uebelthaters Werke
Lohn' Angstgefuhl und Spott!
In seinem Tode starke
Ihn kein Gedank' an Gott;
Durch Blutgefilde treibe
Hinuber ihn mein Fluch,
Und Satans Finger schreibe
Ihn in sein Hollenbuch!
Dort moge des Verbrechers
Gewinn gegraben stehn,
Und ewig nicht des Rachers
Erbarmung sich erflehn!
Kaum waren diese schrecklichen Verwunschungen uber ihre Zunge, so schien es, als ob sich ihre eigene Seele davor entsetze. Sie zitterte, schwankte und sank ohnmachtig in die Arme ihrer Busenfreundin, die selbst von Thranen erschopft, mit zartlicher Behutsamkeit sie in das Nebenzimmer trug. Jetzt drang weiter kein Laut aus der Kerkerwohnung der edeln Kranken; und mir war, als hatte mich ein Orkan auf einen einsamen Felsen geworfen. Meine zerbeizten Augen starrten vor sich hin und die Stille, die nach einem solchen Aufruhr mein Gehor uberfiel, erleichterte mein blutendes Herz nur, um es desto heftigern Nachwehen Preis zu geben. Diese Betaubung verlor sich nicht eher, als bis meine beiden Begleiter sich in so weit von ihrer eigenen erholt hatten, dass sie mir ihre zitternden Hande bieten konnten und so schwankte ich endlich aus dieser Behausung des Schreckens mit zu Gott erhobener sprachloser Empfindung.
Wie sauer ward mir dieser Gang! Setze den Fall, Eduard, dass Dein bewundernder Blick von Rubens jungstem Gerichte auf einmal zu dem Jahrmarkte eines Teniers herabsanke Du wurdest Dir doch nur einigermassen den widrigen Eindruck vorstellen konnen, den jener Haufe gemeiner Narren auf mich machte, an deren Behaltern vorbei ich jetzt meinen Ruckweg nehmen musste. Ich hatte keine Augen, kein Mitleiden fur sie mehr, so voll war mir das Herz von den Seelenleiden des herrlichen Weibes und der schrecklichen Wahrheit der Worte
Um mich Zerknirschte sammeln
Sich viel Bedrangte her:
Doch Aller Zungen stammeln:
Ich traf, als ich in Filberts Zimmer trat, den Arzt an, dem St. Sauveur die Besorgung seiner unglucklichen Freundin auf die Seele gebunden, und der seit einer Viertelstunde auf meine Zuruckkunft und die Nachrichten gewartet hatte, die ich ihm von dem Zustande der Kranken mitbringen wurde. Meine Bemerkungen konnten nichts neues fur ihn enthalten. Ich brach sie kurz ab und bat dafur i h n mit nassen Augen, mir, der ich auf dem Punkt stande, Marseille zu verlassen, den Balsam mit uber die Granze zu geben, dessen mein verwundetes Herz so sehr bedurfe die Gewissheit der Wiederherstellung dieses weiblichen Engels. "Sie verlangen zu viel von der misslichen Kunst, der ich diene, wenn ich Ihnen," antwortete er, "mehr als die grosse Wahrscheinlichkeit ihrer Genesung zusichern soll, da sie auf Bedingungen beruht, uber die Gott allein Macht hat dass namlich die periodische Heftigkeit ihres Wahnsinns nicht todtlich fur das Unterpfand ihrer ehelichen Zartlichkeit seyn werde, und die Geburtsstunde mit jener Geistes-Erschutterung nicht zusammen treffe. In dieser Voraussetzung durfen wir den glucklichsten Erfolg von dem Erstaunen erwarten, mit welchem ihre erste Entbindung die Erscheinung der Frucht ihrer Liebe und das neue susse Gefuhl ihr mutterliches Herz erfullen wird. Die Vereinigung aller dieser Umstande, durch die sich die Natur im Fortgange erhalt, wirkt in gleichem Masse schmerzstillend auf den aussern Menschen, als sie den innern zu hohen, moralischen, edeln Entschliessungen erweckt. Ja, mein werther Herr, auf die Gott gebe! gluckliche Stunde ihrer Niederkunft, die vielleicht zu Anfange kunftiger Woche eintritt, setze ich mein grosstes Vertrauen und bin beinahe uberzeugt, dass die heilsame Gegenerschutterung in dem Augenblicke, wo die Verlassene Mutter wird, ihren zerrutteten Verstand wieder ins Gleichgewicht bringt. Die kleinen Hande des neugebornen Kindes werden die beiden Enden des zerrissenen Bandes ihrer Liebe wieder zusammenknupfen. Mit himmlischer Neugier wird sie in seinem Gesichtchen die edeln holden Zuge des Vaters aufsuchen entdecken, und die Freude des Wiedersehens in einem hohen Grade geniessen. Sie wird sich nicht mehr fur verlassen in einer oden Welt achten, und ihre lange verhaltenen Thranen werden an der Wiege ihres schlummernden Sauglings einen wohlthatigen Ausfluss gewinnen. Die Sorge fur den kleinen Hulfsbedurftigen wird ihr die Nothwendigkeit ihrer eigenen Erhaltung sanft an das Herz legen, und so, denke und prophezeie ich, wird sie der Allmachtige, unter dem Vorgefuhl besserer Tage, zum Bewusstseyn ihrer selbst zu ihrem, jetzt so getrubten glanzenden Eigenthum und in die Nahe ihres und unsers edeln Freundes zuruckfuhren.
In dieser schonen Erwartung besuche ich taglich die holde Kranke. Wahrend ihres Schlafs, der nach der galligen Entledigung ihres unnaturlich gereizten, sanften, grossmuthigen Herzens zum Glucke fur ihre Erholung bis gegen Mittag anhalt, kann ich ihr allein mit meiner Hulfe beikommen, die sie wachend ausschlagt, und Verabredung mit ihrer freiwillig Mitgefangenen nehmen, deren Beistand der armen Verirrten wichtiger ist, als der meinige, und die sich gewiss schon eine angstliche Weile nach mir umsieht. Sie sind innigst geruhrt, mein Herr! Moge der Eindruck dieses erhabenen Trauerspiels Sie nicht aus unserer grossen sittenlosen Stadt, sondern bis zum Ausgang Ihres Lebens begleiten, und Sie fur die kummervolle Stunde entschadigen, die fur so viele Leichtsinnige, die sie schon sahen, verloren war. Reisen Sie glucklich, und leben Sie wohl! "
Ein Handedruck denn der Sprache war ich nicht fahig dankte dem ehrlichen Manne fur seinen Trost und seine guten Wunsche. Ich umarmte den wackern Filbert, unaussprechlich bewegt, und setzte mich zwar hochst traurig, aber doch mit einem Herzen, das sich fuhlte, und mit sich zufrieden war, in die Sanfte, die Bastian herbeigeholt hatte. Ich brauche Erholung, erklarte ich ihm beim Aussteigen, und kann unter zwei Stunden noch nicht abreisen richte dich darnach! Doch eben da ich im Begriff war, mein Zimmer zu verschliessen, um ungestort meiner Schwermuth nachzuhangen, trat mir der Maler mit seiner Zeichnung in den Weg "Das, meinen Sie " fuhr ich ihn nach dem ersten Ueberblick an, "stelle den leidenden Engel vor, von dem wir herkommen? Konnen Sie es bei Gott verantworten, so eine Sudelei fur Nachbildung seines herrlichsten Geschopfes auszugeben?" Doch um den armseligen Wicht nicht ganz nieder zu drukken, fuhr ich gemassigter fort: "Aber, es ist begreiflich so uberwaltigt von schmerzhaften Empfindungen, als Sie und wir alle waren, wurde es einem Rotari einem Leonard da Vinci eben so wenig gelungen seyn. Gehen Sie, lieber Passerino, einstweilen zur Wirthstafel. Ich habe hochst nothig, die wenigen Stunden vor meiner Abreise allein zu seyn." Wie kann ich mich doch zankte ich nun mit mir selbst uber nichts und wider nichts so ereifern? Ich hatte doch wohl aus dem Bewusstseyn meiner eignen erworbenen Fahigkeiten auf die Krafte meines Lehrers schliessen konnen. Warum liess ich mich von ihm zu einer Arbeit begleiten, der er nicht gewachsen war? Bei solchem Bedarf eines helfenden Genies kommt uns freilich die Mittelmassigkeit als ein Laster vor, aber es ist unbillig. Fur meine Erinnerung kann ich ubrigens jedes Bild von ihr entbehren. Weder Worte, noch Farben konnten es mir so treu schildern, als es die vergangene Stunde mir in die Seele gebrannt hat. Wahrend dieses Selbstgespraches suchte ich ein zweites Schnupftuch, denn das gebrauchte war ganz durchnasst von Thranen, und daruber spielte mir der Zufall aus seinem Gluckshafen statt der schwarzen Kugel, die ich schon gefasst hatte, eine der schekkigsten das Paket Zeitungen namlich, in die Hand, die ich heute fruh in dem Janustempel eingesteckt und ganz vergessen hatte. Ich musste mich erst besinnen, was ich damit anfangen, und dass es ein Steckbrief nach Freund Sperling war, den ich darin aufsuchen sollte. Gott gebe, wunschte ich mit pochendem Herzen, dass sich St. Sauveur geirrt habe! Geirrt? Ja das sahe ihm ahnlich. Der Schaker dem immer sein System zu Gebote steht, sah die Ueberraschung nur zu gut voraus, die er mir und meinem Lehrmeister zubereitete. Was fand ich? Eine sehr willkommene und allemal um das vierte Blatt wiederholte Ediktal-Citation, wie ich sie Dir in einem kurzen Auszuge mittheile. "Nachdem," hiess es, "ein gewisser Namens Theodor Sperling, der sich falschlich fur einen Maler und Architekten ausgabe, seit vielen Jahren verschollen sei so werde er, im Fall er noch am Leben, kraft dieses mit der Bekanntmachung vorgeladen, dass weiland seine leibliche Tante ihn, als ihren nachsten Blutsfreund, zum Universalerben sowohl ihres Freiguts zu Triesdorf, als ubrigen Nachlasses in einem bei dem Stadtrath niedergelegten Testamente, jedoch unter der ausdrucklichen Bedingung eingesetzt habe, sich dieses Vermachtnisses nicht eher erfreuen zu durfen, bis er zuvor jener sich angemassten brotlosen Kunste, die bei ihm weder durch erforderliche Kenntnisse, noch durch Genie unterstutzt waren, fur das kunftige gerichtlich, eidlich und feierlich entsagt haben werde. Widrigenfalls, wenn er in Zeit eines Jahres und sechs Wochen nicht erscheine oder den vorgeschriebenen Eid abzulegen sich weigere solle er fur todt oder der ihm zugedachten Verlassenschaft, die sich nach gerichtlicher Wurdigung circa auf 31700 Reichsthaler belaufe, fur unwurdig angesehen werden, und solche dem dasigen Waisenhause auf das rechtsbestandigste verfallen seyn. Anspach, den 19. December 1785."
Die gute verstandige Tante, war mein erster Gedanke, hat nun wohl freilich hier nicht den Grundsatz Filberts vor Augen gehabt jedem Narren das Spielwerk seiner Laune zu gonnen: indess ist doch die Art, es ihrem Neffen aus der Hand zu winden, nicht so gar ubel, und nur zu wunschen, dass er sichs nehmen lasse. Mein zweiter Wunsch war, dass er noch zur rechten Zeit dem Waisenhause in den Weg treten moge, und ich rechnete geschwind im Kalender die Moglichkeit aus. Ich hielt die Nachricht fur sattigend genug, um den freilich etwas zu lange am Pranger ausgestellten Erben von der Wirthstafel abrufen zu lassen und wahrend der Zeit, die ich hier noch zu vertandeln hatte, die Hetze zwischen der ewigen Kunst und dem zeitlichen Freigute mitzunehmen. Ich setzte mich, als er gelaufen kam, wie ein Senator in Positur, bat ihn, sich einen Stuhl zu nehmen, und leitete meinen Vortrag mit der Frage ein: "ob er sich nicht wieder in seine Heimat sehne?" Er verstand mich die Quere. "Nein," antwortete er bestimmt "so angenehm es mir auch seyn wurde, den lieben Herrn zu begleiten, so kann doch dieses lockende Anerbieten meinen einmal gefassten Entschluss nicht umstossen. Ich bin zu sehr in meinem Vaterlande verkannt bin es aber nicht allein. Verdienste das wissen Sie selbst! haben dort weder Ansehen, noch Brot. Ist es nicht die allgemeine Klage der Maler, Bildhauer und Dichter? und was kann das Vaterland darauf antworten?" "Was es darauf antworten kann?" erfasste ich seine Frage, uber ihren anmasslichen Ton ein wenig aufgebracht. "Je nun die Patrioten kehren die Anklage um, und richten sie wider alle diese verkannten Herren selbst. Wenn wir Euch, sagen sie, als Kunstler vernachlassigen, so wurden wir Euch als Handwerkern alle mogliche Gerechtigkeit angedeihen lassen. Ihr uberlegt nicht, dass der Staat, der Euch nahren soll, der arbeitsamen Hande weit benothigter ist, als der gefalligen Kunste. Unsre steinigen Aecker verfallenen Wege elenden Hutten und zerrissenen Schuhe wollen nicht gemalt besungen, beschrieben und in Kupfer gestochen sondern gepflugt gepflastert gebaut und besohlt seyn. Wir lassen Euch darben, weil Eure gottlichen Talente uns unbrauchbar sind." "Hoffentlich," fiel mir der alte Kauz mit grossen Augen in die Rede, "ist das weder der Fall bei mir, noch bei vielen andern. Correggio ..." "Halt, Freund," trat ich ihm in den Weg "Auch er hat, nach ihrer Meinung, fur die Zeit, in der er lebte, keine kluge Wendung genommen. Hatte er sagen sie von jenen fuhllosen Monchen, die seine unsterbliche Nacht nicht besser als eine gemeine Tapete von Wachstuch bezahlten, ein Tafelgut in Pacht genommen, sein Name wurde freilich so vergessen, als der ihrige aber seine Thranen wurden schon bei seinen Lebzeiten vertrocknet und sein Elend nicht auch auf seine Frau und Kinder ubergegangen seyn. Wenn du merkst dunkt dem Patrioten die beste Lebensweisheit dass die Zeitgenossen deine Gedichte Gemalde und Meisterstucke deines Meissels nicht mogen, so lass deinen Geist ruhen, und kehre zu dem andern Theile deiner Selbst zuruck, an dessen Erhaltung du zuerst hattest denken sollen. Suche mir, sagt das Vaterland, mehr korperlich, als geistig, durch die Axt, die Nadel, den Hobel, als Schreib- und Rechnungsmaschine, oder als Markthelfer nutzlich zu werden. Du wirst deinen Kopf weniger anstrengen und mehr eigenen Genuss davon haben, als jene wahren oder eingebildeten Talente gewahren, die ihres Zwecks und Lohns fehl und betteln gehn." Mein Eifer, lieber Eduard, hatte mich so weit von meinem Texte verschlagen, dass es mir, wie manchem Prediger, Muhe machte, auf die Anwendung zu kommen. "Wenn Ihr Vaterland," nahm ich einen traulichen Ton an, "Sie verkannt hat, lieber Passerino, so haben Sie ihm hingegen alle Ruckkehr zu Ihnen versperrt." "Wie so?" fragte er verwundert. "Mogen Sie wohl noch fragen? Wer kann ein Original in einer Uebersetzung wieder finden? Und wenn sich sieben Stadte um Ihren Besitz stritten, wie um den Homer wurde es Ihnen nicht eben so gehen, wie ihm? Wie kann Passerino das fordern, was Sperlingen gehort? Gesetzt, es fiele Ihnen in Deutschland eine Erbschaft zu; mussten Sie nicht entweder Ihren sonorischen Namen oder die Erbschaft aufgeben? und konnten Sie Sich wohl durch Ihre Marinen legitimiren, dass Sie der rechtmassige Erbe waren? Doch vielleicht ginge das noch am ersten an" "Lieber Herr," unterbrach er mich lachelnd "Sie setzen hier Falle voraus, die ganz und gar nicht auf mich passen. Ich habe in Deutschland nirgends etwas zu hoffen sogar von meiner leiblichen Tante nichts, die zwar wohlhabend, aber die unvertraglichste, geizigste und mir abgeneigteste Frau auf Gottes Erdboden ist. Ihre Bruder waren geschatzte Maler; sie aber lebte bloss von ihren Renten und verstand Nichts. Sie hielt nur die Italiener fur Meister, und immer setzte sie hinzu: ich wurde nie einer werden und eben ihr zum Possen habe ich meinem Namen durch eine Uebersetzung geholfen, und werde ihn forttragen bis an meinen Tod." "Ja, wenn das so zusammenhangt, mein guter Passerino," wobei ich mich hinter den Ohren kratzte, "so weiss ich kaum, wie der Sache zu helfen steht." "Welcher Sache?" fragte er neugierig. "Nun ich kann Ihnen wohl wieder sagen, was ich von einem meiner Korrespondenten als gewiss gehort habe Ihre liebe Tante ist seit Jahr und Tag sehr vertraglich geworden. Sie vermuthet, dass es Ihnen hier eben nicht nach Wunsch geht." "Das hat sie errathen," seufzte er, "denn Ihnen kann ich es wohl gestehen, dass ich manchmal nicht weiss, wovon ich den andern Tag leben soll. Und Sie werden wohl selbst bemerkt haben, dass ich noch immer das Kleid trage, in welchem ich Ihnen Stunden gab, und dass es nun nicht langer mehr halten will ..." "Und diese will Ihnen," fuhr ich fort, (ohne ihn merken zu lassen, wie nahe mir sein Elend ging) "ihr schones Freigut zu Triesdorf sammt den Einkunften einraumen, wenn Sie der ewigen Kunst ..." "Entsagen? Nicht wahr?" fiel er mir ins Wort "Nun und nimmermehr" "und zwar gerichtlich, eidlich und feierlich entsagen." Dadurch erschreckte ich ihn so, dass er zitterte. "O! da muss sie," hub er an, "ganz verruckt geworden seyn!" "Das nun eben nicht," erwiederte ich; "aber diese Grille hat sie sich nun einmal so in den Kopf gesetzt, dass sie es sogar in ihrem letzten Willen zur Bedingung gemacht hat und daruber gestorben ist." Er uberblickte mich bei dieser Anzeige mit zweifelhaftem, unbeschreiblichem Erstaunen, und ward bald karminroth, bald leichenblass, je nachdem ihm das schone Vermachtniss oder die hassliche Bedingung zu Kopfe trat. Ich reichte ihm nun das Blatt. "Da lesen Sie selbst aber uberlegen Sie hauptsachlich dabei dass hier nicht zu zaudern ist, und das Testament nur noch einige wenige Wochen zu Ihrem Vortheile gilt." Er schlich, wie das bose Gewissen, mit seinem Vorbeschied in die Ecke des Fensters, las, und schuttelte bei jeder Zeile den Kopf. Seine unglaubliche Anhanglichkeit an ein stumperhaftes Talent erregte mein innigstes Mitleiden. Aber, grosser Gott, was fur eine Schaar von Brudern hat er nicht in dieser Rucksicht umherlaufen. Wie viele opfern nicht ein gluckliches sorgenloses Leben dem Vorurtheile des Standes, ihre Ruhe einer falschen Ehre, ihre gegenwartige Zufriedenheit dem Hirngespinste der Nachwelt auf; verhoren das Koncert, das sie umgiebt, und horchen nur nach der Trompete hin, die einst, wie sie sich einbilden, uber ihr Grab schmettern wird. Wer kann die Martyrer der Religion zahlen, die oft so irrig abgeschmackt und toll ist, als nimmermehr die fixe Idee des armen Sperling! Wer muss, bei gesundem Verstande, nicht die Unsterblichkeit der Miltone, Buttler und Kepler bemitleiden, die sich bei lebendigem Leibe ihre Lebenskraft abzapften die besten Gelegenheiten versaumten, das Herz eines frohlichen Freundes, den Busen einer schonen Zeitgenossin zu erobern nur an ihren eigenen Fingern und Federn nagten und die magersten Bissen verschluckten, um nach ihrem Tode, wo sie nicht mitessen konnten, unbekannten Buchtrodlern desto fettere aufzutischen. Ich mochte den Weg, auf den mich Sperling gebracht hatte, nicht weiter verfolgen, aus Furcht, auf meinen eigenen Haushalt zu stossen schob einstweilen mein Selbstgesprach auf, und hielt es fur dringender, mich in das seine zu mischen, das nicht aufhoren wollte. So oft ich bei seinem Erker voruberschritt, warf ich eine Bemerkung hinein, die er nutzen sollte. "Die ewige Kunst, konnen Sie mir, als einem alten Freunde, glauben, verliert nichts dabei, wenn Sie Sich fugen. Das Vergnugen, Talente unterstutzen zu konnen" indem ich meinen Oberrock anzog "ist vielleicht mehr werth, als die oft betrugliche Ueberzeugung, ein eignes zu haben." Er liess sich durch alles das nicht storen. "Ich stelle mir eine wahre Freude vor," (redete ich so fur mich) "wenn ich einmal meinen alten Lehrer auf seinem Landsitze besuchen kann, und wir bei einer guten Mahlzeit uber die Grosse des armen Correggio plaudern, und uns der vergangenen Zeiten erinnern werden." Auch das focht ihn nicht an Er starrte noch immer vor sich hin, das Wochenblatt seinem durren Knie uber gebogen, und hing den Kopf, ohne einen Laut zu geben. Bastian meldete, dass die Pferde gleich da seyn wurden, aber sein Seelenkampf dauerte fort, und mir ward dabei ganz schwul um das Herz.
So oft ich, lieber Eduard, den Donquixote gelesen und bis zum Ende des herrlichen Buchs uber seine Thorheiten gelacht habe, so grubelte es mich doch bei dem letzten Kapitel, wo er wieder klug wird, immer in der Nase. Ich dachte, es ware fur uns alle nichts erbaulicheres und ruhrenderes geschrieben. Wie der arme Mann, so stillschweigend in sich gekehrt, nachsinnt, die Schatten des vergangenen Lebens jene Heldenthaten seine heisse platonische Liebe zu Dulcineen, Sancho's gutmuthige Freundschaft und die treuen Dienste des durren Rosinante seiner erstaunten Seele vorubergaukeln wie er alles, was sonst in seiner Einbildung von so hohem Werthe war jetzt in einem ganz verschiedenen Lichte betrachtet nicht begreift, wie ihm doch sein gesunder Menschenverstand abhanden gekommen, und Gott demuthsvoll um Vergebung bittet, dass er so lange ein Narr gewesen. Ein solcher Bussender welche Mitgefuhle muss er nicht bei jedem rege machen, der ihn anblickt! In gleicher banglichen Lage befand, sich dermalen auch mein guter alter Zeichenmeister, und erhielt sich so lange warm darin, bis ihn das Horn meines Postillions von seinem Sitze aufjagte. Er ergriff in grosser Bewegung meine Hand "Theuerster Freund und Gonner " holte er tief Athem: "Ziehen Sie mich aus meiner Angst, und sagen Sie mir aufrichtig: Kann ich wohl den bedungenen Eid mit gutem Gewissen ablegen?" "Ja, Freund" klopfte ich ihn auf die Achsel, "mit dem besten von der Welt Sie wunderlicher Mann! Was machen Sie fur Umstande, und wie mogen Sie Sich nur einen Augenblick besinnen? Bei zwei Talenten und sonst auf Gottes Erdboden nichts konnte man, dacht' ich, ja wohl eins abschworen, wenn der Umstand darauf beruht, ein Freigut zu gewinnen." Das schien ihm einzuleuchten. "Sie werden im Anspachischen und uberall," fuhr ich fort, "menschliche Gebrechen genug finden, deren Sie so viele in Wachs pousiren konnen, als Sie wollen. Das verbietet Ihnen ja die Tante nicht, und giebt Ihrer Thatigkeit allen moglichen Spielraum." "Da haben Sie Recht," erheiterte sich auf einmal sein trubseliges Gesicht. "Spornstreichs laufe ich nun nach Hause, um Anstalten zu meiner Abreise zu machen will meine Madonnen und Seestucke recht behutsam einkasteln, und ...." "Ist das nicht wieder ein Einfall! Was um Gotteswillen, gedenken Sie mit so vielen unbefleckten Jungfrauen in den Preussischen Staaten anzufangen, wo man an keine einzige glaubt?" "Aber, fragte er sehr naiv, die von letzthin darf ich doch Notre Dame de Graces von Cotignac?" "Auch diese Nothhelferin" erboste ich mich uber seine Thorheit "hat dort keinen Ruf. In unserer Religion und bei unsern Gensdarmes was brauchts da solcher ausserordentlichen Vermittlerinnen? Und nun vollends Ihre Marinen! Dort uberlegen Sie selbst auf dem festen ja, wie einige behaupten auf dem festesten Lande nahe bei Nurnberg wie konnen Sie wohl hoffen, dass Sie damit Eindruck und Aufsehen machen werden? Als Vorbilder taugen Ihre Sturme Kriegsschiffe Kaper und Brander nicht einmal so viel, als Ihre Madonnen. Als Anleitung zur Seerauberei erreichen sie nicht die schlechteste Deduktion, und fur das naturliche Strandrecht wurden Ihre Beweise mit dem Finger auf dem gemalten Ocean denen weit nachstehen, die ein dort abgegangener Kammerrath oder Direktor langst schon gegen die Granznachbarn gefuhrt hat. Folgen Sie mir, verkaufen Sie, um den schweren Transport zu ersparen, Ihren ganzen artistischen Nachlass einem hiesigen Trodler, ohne lange zu handeln. Kann er Profit daran machen, so gonnen Sie es ihm ja ... Doch noch Eins, alter Freund, ehe wir uns trennen! Haben Sie auch Reisegeld?" Er schuttelte kleinmuthig den Kopf. "Nun so borge ich Ihnen, was ich gestern nicht gethan hatte, vierzig Louisd'or hier nehmen Sie damit konnen Sie das Post und die Einnahme von Ihren Gemalden dazu gerechnet, auch das Schmiergeld bezahlen! Und nun leben Sie" ich streichelte ihm das Kinn "recht wohl, armer gerupfter Sperling, und zaudern Sie nicht, um bald in die Federn zu kommen." Er begleitete mich bis an den Wagen, weinte kusste mir dankbar die Hand, und so schieden wir beide sehr geruhrt von einander.
Es erweckt doch ganz eigene Empfindungen, wenn man nach so vielen Erfahrungen, als ich in der Fremde gemacht habe, endlich seine Wagendeichsel dem Vaterlande zugekehrt sieht. Aber hatte mich nicht meine Unbesonnenheit mit der Schreibtafel gezwungen, den Weg fortzusetzen, glaube mir, das Gesetz der moralischen Schwere, das dem Schweizer, wie dem Lapplander, ausserhalb seinem Neste keine Ruhe vergonnt, wurde sogar in diesem Augenblicke von seiner Kraft an mir verloren haben..... Edler grossmuthiger St. Sauveur! Die uberraschenden Stunden, in denen du meinem erschlafften Herzen so viele schone Beispiele mannlicher Tugend zuspieltest der Zauber jugendlicher Schonheit und Unschuld, durch den die holde Gefahrtin deines Lebens einige Tage des meinigen verklarte, sind Bande, die mein Wesen an das eure bis zur Auflosung des Grabes fesseln. Und du, der reinen schonen unverdorbenen Natur herrlichster Zogling du meiner Wunsche erhabenes Ziel! Wie viel lange Morgen noch, o Agathe, werden meine Traume bis zu dem Zeitenwurf uber dir schweben, der, wenn Gott mein Gebet erhort, alle folgende Tritte deines Gangs mit Rosen bestreuen soll. Durch meine Vereinigung mit dir wird mein Daseyn erst sein wahres Kolorit und jeder Winkel der Erde, an den du es ankettest, den Reiz meines Vaterlandes gewinnen. Aber Ihr, zu denen diese Empfindungen in der Ferne, die uns scheidet, hinstromen du heilig verbundenes Drei! vergieb mir, wenn ich in dieser hinfliegenden reichhaltigen Minute, uber dich und deinen Himmel voll Seligkeit noch eine Macht erkenne, die selbst, ergreifender als du, mein bebendes Herz anmahnt! Ja, Eduard, in diesem Gedrange so lieblich schwarmerischer Gedanken war sie es, die holde Irrende, die gebietender als alle andere Lockungen vor meine Seele trat. Jenes heilige Gefuhl, unter ihren Augen gewonnen, das sich von dem weltlichen Geschafte, dessen ich mich eben entledigt habe, wie die Andacht von dem Wucher, zuruckzog, heftete sich jetzt nur desto starker an meine empfangliche Seele und verbreitete sich uber sie in vielfach dunkelm Geflechte. Sie schien meinem vorbeirollenden Wagen aus ihrem Kerker nachzurufen: Kehre um, leichtsinniger Mensch! Erwarte das grosse Schauspiel meiner Genesung, um an meinem Altar dein Herz an der heiligen Flamme zu erwarmen, die mein grausendes Schicksal umnebeln, aber nicht verloschen konnte. Kehre um und sieh, wie sich aus der Verklarung meines Freundes ein Funken herabsenket, der meinem Irrgestirn zur Ruckkehr in seine Bahn vorleuchten an meiner Brust lodern das Ebenbild seines Vaters zuruckstrahlen, und mein vertrocknendes Auge mit lindernden Thranen befeuchten wird! So sprechend stand die hohe Dulderin vor meiner Seele; als ich aber aus dem Kreise des magischen Spiegels heraustrat, und mich nach mir selbst wieder umsah ergriff und schleuderte mich mein Bewusstseyn in einen desto dusterern Abgrund.
Freund, ich habe Dir nie verleugnet, was in meiner Tiefe vorging warum sollte ich Dir jetzt die beschamenden Gefuhle verhehlen, die, wie der Zugwind auf offene Wunden, auf die schmerzhaften Stellen meines Herzens eindrangen. O! das ist eine viel zu schonende Vergleichung. Es war der reine Lichtstrom aus Agathens unbefangenem aus Klarens belohntem und aus dem bangenden Herzen der heiligen Martyrin zusammengeflossen, der die Kruste eines stehenden Sumpfs bespulte und die Quellen seines schadlichen Aushauchs sichtbar machte. Der Anblick emporte meinen Stolz. Ich wollte Trost erwartete Schutz forderte Beruhigung von ihm erhob mich und, woher, fragt' ich ubermuthig, kommt dir so unverlangt die Beleuchtung deines Unwerths? von einer Wahnsinnigen...... Wie? welcher Damon gab mir diess verunstaltende Wort ein?
O du schuldloses Opfer des grausamsten Verhangnisses. Wehe dem Lasterer, der das Kleinod deines Wesens darum nicht fur unschatzbar erklaren wollte, weil es getrubt ist! Er lasse den Nebel des Augenblikkes verdunsten, und wie ein angehauchter Diamant, wird es in seinen angebornen Glanz in seine flekkenlose Natur ubertreten. Selbst in der Gluth der Vernichtung wird es, gleich ihm, in Aether zerfliessen und keine Spur irdischen Ursprungs zurucklassen.
Ich habe mir langst abgemerkt, Eduard, dass jede liebevolle Empfindung mir weit warmer in den Kopf tritt, wenn ich fahre oder reite, als auf meinem Lehnstuhle. Ueberfallt mich ein solcher Enthusiasmus in einer Postchaise, so verliere ich mich selbst wie hier, zu Pferde gemeiniglich meinen Hut. Wundere Dich also nicht uber die kostbaren Ausdrucke meines Selbstgesprachs, und lass mich ruhig fortschwarmen, bis ich die Station erreicht habe. O Liebe, Liebe, rief ich gen Himmel blickend, du in der Sprache der Engel erhabenstes Wort in dem Sternenkranze des Ewigen mildester Strahl herrlichstes aller Gefuhle, nur dem Menschengewurme unbegreiflich, das uber den achten Sinn deines Namens weg zu Sprachverwirrern hinkriecht, die ihn mit Schlangenzungen missdeuten. Ach! kein Pulsschlag verklingt in dem Reiche der Natur, der nicht Millionen Verlasterer deiner Gottheit erweckte. Als Sinnbild von dir setzen sie das raubgierigste Ungeheuer auf deinen Altar wahnen bei der Enthullung ihres befleckten Gotzen deinen heiligen Schleier zu heben, und schmucken die Opfer, die sie ihm wurgen, mit dem Afterscheine deines unsterblichen Kranzes! O ihr Betruger euer selbst, ihr lieblosen Verfolger der weiblichen Wurde! Haben sich wohl je eure Irrgange dem stillen Pfade genahert, auf welchem die Liebe einherwandelt? Unschuld tritt ihr voran, reulose Freuden folgen ihr, und ihr Ausgang verlauft sich in die seligste Ewigkeit. Werfet nun einen Blick auf das Blendwerk eures Anfuhrers, und zittert! Selbstsucht ist sein Schild, Trug seine Rustung, und seine Waffengefahrten sind in der Holle geworben. Nur niedertrachtige Kunste sinnliche Verlockung Meineid und Verlaumdung folgen seiner Blutfahne. O ihr, seine strafbaren Anhanger, aus was fur entsetzlichen Haufen musst ihr nicht die Mitgehulfen eurer Unthaten wahlen, um an ein Ziel zu gelangen, wo nur Seelenpeiniger in scheusslichen Larven euer warten. Euer ehrloser Ruckzug geht uber Felsenspitzen und Dornen, und aus euerm schandlichen Sieg werdet ihr nichts von der muhsam errungenen Beute nach Hause tragen, als ein verletztes Gewissen. Und nun dieselbe Hand auf's Herz, die diess ernste Gemalde entwarf! Konnte sie denn nirgends ihren Pinsel reinigen, als in einem Tollhause? Buhlerisches Avignon dort war es, wo ich was will ich's laugnen? die sittlichste Kunst zum Dienste des Unsittlichen erniedrigte dort, wo mein entbranntes Gehirn jene schlupfrigen Bilder entwickelte, zu denen ich, wo nicht selbst sass, doch andern Missgestalten zu sitzen erlaubte. Konnte der Zufall, der sie mir auf dem Krankenbette wegstahl und zum Feuer verdammte, den Maler beruhigen, der sie aufstellte, wie froh wollte ich uber ihren Staubhugel hinwegsehen! ... Das konnte ich wollen? Nein, Eduard; ich wurde vielmehr mit Freude jene Erfahrung meines Lebens wenn ich die Palingenesie verstande, aus ihrer Asche hervorrufen; sie sollten vor meinen und anderer Augen leuchten, so lange der Schmutz, aus dem sie entstanden, noch Farbe hielte. Dem Unerfahrnen, der meine Bilder anstaunte, dem Lusternen, der ihnen zulachelte, und dem Kenner, der die Treue der Kopie aus seinem eigenen Originale abzoge ihnen allen sollte mein Kabinet offen stehen, und wenn die Herren uber dem Eingang die Aufschrift: Plusque ex alieno jecore sapio quam ex meo gelesen und ihre Fernglaser hell gerieben hatten, sollte es mir lieb seyn, sie, von einer Nuditat zur andern verlockt, endlich an der Warnungstafel anprallen zu sehen, die ich mit betrachtlichen Kosten an dem Ausgange meines Saals aufgerichtet habe. Hier moge dann jeder sich besinnen den Spaziergang durch meine Gallerie mit dem vergleichen, den er durch die Welt nahm moge sich nachdem es kommt entweder freuen, dass er, Gott sei Dank, auf allen seinen Reisen zu Wasser und zu Lande nie an solche Klippen gestossen moge, wenn er kann, sich etwas darauf zu gute thun, dass sein Putz- und sein Schlafzimmer von Scipio's Enthaltsamkeit an bis zu der keuschen Lucretia, nur mit Tugendspiegeln getafelt sei oder er fasse auch den kurzen Entschluss, sich nie von seinem Ernste und seiner Studierstube zu entfernen, um sich keinen solchen Gefahren auszusetzen, als mich leider! betroffen haben, und, wenn sie ihm ja aufstiessen, mein abschreckendes Beispiel zu benutzen, und ihnen kluger auszuweichen, als meiner Wenigkeit gelang. Auch das soll mir recht seyn. Musste er sich aber als ein ehrlicher Mann gestehen, dass seine Sittlichkeit, hier und da, wohl noch schimpflichere Niederlagen erlitten habe, als die meine, so weiss ich ihn mit keinem bessern und bruderlichern Rath zu entlassen, als er schlage den Weg ein, auf den mein holzerner Arm hinweist den Weg der Reue, wo er auch mich mit meinem Wanderstabe finden wird.....
"Das sind faule Fische" war das erste Wort, das ich horte, als ich mit meinem Selbstgesprache vor dem Posthause abtrat. Ich stutzte bis ich sahe, dass es nur einer Hockerin galt, die der Hausknecht, trotz der Versicherung, dass die Sardellen frisch waren abwies. Wenn es nun aber ein Philosoph gewesen ware, befragte ich mich, der dir mit diesem entscheidenden Urtheile in den Korb geguckt hatte? was wurdest du ihm haben antworten konnen? Ein Gluck fur ihn, dass ich wieder auf eigenen Fussen stand und alles Hochtrabende in der Chaise zuruckgelassen hatte: denn nun ward mir die Sache erst selbst klarer. "Nicht ganz getroffen!" erwiederte ich ihm. "Faule Fische, sagen Sie? Nein, mein Herr, es sind gar keine sind nichts, als gute ehrliche Frosche, die ich zum Zeitvertreib mit der Angelruthe in dem nachsten Tumpel gewonnen habe, um Versuche, die zu sehr wichtigen Resultaten leiten konnen uber die Reizbarkeit der Nerven anzustellen. Ich mache mir zuweilen den Spass, wahrend Euer Ehrwurden den Ungeheuern des Oceans Wurfspiesse entgegen schleudern, ohne, dass ich wusste, eins noch getroffen oder getodtet zu haben. Meine Frosche konnen wenigstens nicht mehr quaken, wenn ihnen die Haut uber die Ohren gezogen ist. Ihre gute Absicht, mein Herr, ist jedoch gewiss nicht zu verkennen, und verdient den Dank aller Edeln." So kamen wir als gute Freunde aus einander, und gingen, glaube ich, jeder ruhig und mit sich zufrieden ins Bette.
Den 26sten Februar.
Als ich mich gestern Abend der Sektion der Frosche gegen den Philosophen annahm, hatte ich nicht geglaubt, dass ich Dich heute um dieselbe Zeit mit einem Mitbruder meiner Studien bekannt machen wurde, der die Sache ins Grosse treibt, und den ich selbst erst zwischen Nimes und Montpellier kennen lernte. Es traf sich sonderbar genug. Ich brach heute mit dem fruhesten auf und stieg so schlaftrunken in den Wagen, dass Bastian ein paar elastische Kissen unter meinen Kopf legte und mich der Ruhe ubergab, die ich vorletzte Nacht der Unterhaltung des Dominikaners so gern aufgeopfert und in der vergangenen noch nicht hinlanglich ersetzt hatte. Ich legte also eine Station nach der andern so sanft zuruck, als wenn es auf meinem Bette geschahe. Wir waren durch Nimes gefahren und schon eine gute Strecke bei Caverac vorbei als meine Chaise still stand und das Fluchen des Postknechts mich ermunterte. Vier Wagen vor dem meinigen sperrten den Weg, weil an ihrer Spitze ein funfter das Rad gebrochen hatte, und sie mochten schon lange da gehalten haben, ehe ich ankam. Bastian war ausgestiegen, um zu sehen, was vorging. Ich horte ihn liess nun auch meine Polster. Der erste Wagen, dem ich neugierig vorbeischlich, fasste drei Frauenzimmer, immer eins reizender als das andere. Ich machte ihnen meine tiefe Verbeugung, die ich mit Erstaunen uber eine so ungewohnliche Erscheinung an dem zweiten, dritten und vierten Wagen wiederholen musste. Was in aller Welt ist das fur ein Transport? dachte ich. Entweder ist hier herum eine Pensionsanstalt fur junge Fraulein, oder ein Bassa von drei Rossschweifen schickt, Gott weiss warum? sein Serail nach Montpellier. Indem ich so da stand und mich der lachenden Gegenstande freute, die den Steinweg belagerten, klopfte mich Jemand auf die Schulter. Ich drehte mich um erinnerte mich sogleich des ehrlichen Gesichts und ... "Je lieber Onkel!" rief ich ganz verstort "wie kommen wir denn, so weit von Cavaillon hier zusammen? Sind Sie denn nicht mehr Wirth in dem Propheten?" "Nein, mein Herr," antwortete er mit sichtbarem Frohsinn. "Ich habe die lastige Wirtschaft aufgegeben diene seit kurzem als Mundkoch bei Lord Baltimore, der dort sich mit den Leuten zu thun macht, die seinem Wagen aufhalfen und reise jetzt mit ihm nach Spanien." "Und diese vier Wagen?" fragte ich "Gehoren zu seinem Gefolge." "Und diess Dutzend allerliebster Kinder?" "Sind Kammerjungfern seiner Gemalin. Wenn Sie wollen, will ich Sie unserer jungen Gebieterin vorstellen, der auf jener Rasenbank ohnehin Zeit und Weile lang wird so ist Ihnen beiden geholfen." "Wohl," sagte ich, "wenn Sie glauben" und so naherten wir uns der vornehmen Frau. Schon in einiger Entfernung konnte ich schliessen, dass es keine gemeine Schonheit sei. Ihr Reisekleid von grauem Taffet lag ihr von obenher knapp an, und umflatterte ein paar vorgestreckte niedliche Fusschen. Ein schwarzer Sommerhut beschattete ein helles Gesichtchen die eine Hand spielte mit einem Spazierstock, die andere ruhte auf einem englischen Windspiele neben ihr, das uns anmeldete. Das Ganze gab ein freundliches Bild. "Hier, Mylady," rief mein Introducteur, "habe ich die Ehre, Ihnen einen meiner Bekannten vorzustellen, dem die Equipagen Euer Gnaden den Weg verstopfen." Die herrlich schlanke Figur erhob sich ein wenig von ihrem Sitze. Ich verneigte mich auf das ehrerbietigste stotterte einige Entschuldigung uber meine Freiheit richtete mich in die Hohe begegnete ihren Augen und ... "Mylady" und zugleich "um Gotteswillen!" rief ich "Sie sind es Klarchen Sie?"
Wenn Du denkst, dass sie von uns beiden es war, die am meisten erschrak, so kennst Du sie schlecht. Mit der stolzesten Ruhe mass sie mich mit den Augen, und sagte mit Wurde: "Ich heisse jetzt Baltimore, Gemalin des Herrn, der eben auf uns zukommt. Wie ist es Ihnen zeither gegangen?" Ich stand verbluffter vor ihr, als jemals ohne eine Silbe zu antworten. Unheimlicher ist mir in meinem Leben nicht gewesen. Ueberlege selbst, Eduard, was hier alles zusammentraf, um mich ausser Fassung zu bringen. Die hohe fremde Miene der Dame gegen einen Bekannten, wie mich ihr gegenuber die Schreibtafel des Barons mit ihrem Mignaturgemalde und meinem Epigramm in der Tasche scheu, wie ich immer gegen alle und jede bin, die Thorheiten von mir wissen, so dass ich lieber von ihrem Tode hore, als ihnen begegne und in demselben Augenblicke zugleich von der Gefahr umschwebt dem Lord Klarchens Gemal meine Hochachtung zu bezeigen ... Nein, Eduard um mit solchen Verlegenheiten zu kampfen, muss man eine unverschamtere Stirn haben, als ich. Mein Entschluss war kurz Ich fasste den ProphetenWirth bei dem Aermel drehte mich um, und eilte nach meiner Chaise. Als wir so weit waren, dass uns Niemand horen konnte, blieb ich stehen. "Nun, lieber Herr Mundkoch" schopfte ich Athem "jetzt, bitte ich, befriedigen Sie meine Neugier, die unglaublich ist! Wir kennen ja beide ihre liebe Nichte von dem Bette an, wo ihr der Teufel zum ersten Male erschien, bis zu dem Sopha, wo ich ihr das Strumpfband der Maria verhandelte durch welches Wunder ist ihr die Hand eines reichen vornehmen Englanders zu Theil geworden?" "Durch kluge Erfahrung," antwortete er, "die bei den Weibern meistens den Abgang der Unschuld ersetzt und durch die Blindheit, mit der Gott uns Manner gestraft hat. So erklare ich mir wenigstens die Sache, wenn mir das und jenes von der Donna einfallt, und ich uber ihr Gluck erstaune. Aber jetzt, glauben Sie mir, verdient sie es. Sie ist ganz wieder auf dem Wege der Tugend, eine zweite Magdalena liebt ihren Mann und macht ihn glucklich." "Seit wie lange?" fragte ich. "Seit heute vor acht Tagen," erwiederte er; "sie verlangte und der Lord freute sich kindisch daruber in der Franziskanerkirche gerade uber dem Grabe der tugendhaften Laura getraut zu werden. Herr Ducliquet hat sie eingesegnet der getaufte Jude hat bei der Ceremonie aufgewartet und in der Propstei" ... "Ist, fiel ich ihm in's Wort, die Hochzeit gewesen?" "Ja," sagte er, "und auch das Beilager." Ich schlug bei dieser Nachricht die Hande gefalten uber den Kopf. "Barmherziger Gott," rief ich aus, "welch ein Greuel von Menschenverbindung an deinem Altare! Gute Laura, was fur antipetrarchische Gedanken mogen an diesem Tage uber deiner Asche geschwebt haben!" "Ruhig, mein Herr!" erinnerte mich der Propheten-Wirth, "meine Nichte bemerkt Sie Lassen Sie uns alles vergessen und vergeben seyn, was vorbei ist, und gedenken Sie kunftig der Lady Baltimore im Besten. Doch ehe wir uns trennen, mein Herr, denn ich sehe, dass meine Herrschaft einsteigt, muss ich Ihnen geschwind einen Irrthum benehmen, in welchen ich Sie in Ansehung Ihres Landsmanns gesetzt habe. Es war eine boshafte Nachrede seiner fortgejagten liederlichen Bedienten, denen ich keinen Glauben hatte beimessen sollen. Der brave Mann hat sich mit Klarchen nicht einmal so viel vorzuwerfen wenn ich so frei seyn darf, es zu sagen als Sie. Ein Liebhaber der Kunst kann ja wohl in allen Ehren ein schones Madchen als Modell benutzen! Mehr hat er nicht gethan. Ich habe seitdem Herrn le Sauve kennen lernen, den Maler, der fur ihn gearbeitet, und dem Klarchen in mancherlei Stellungen gesessen hat von dem weiss ich alle Umstande. Gnade Gott dem Herrn, der auch die unschuldigste Sache bei verschlossenen Thuren vornimmt! Mehr braucht es bei solchen Schurken nicht, um ihn in den schlimmsten Ruf zu bringen so dass er zuletzt keine Tasse Huhnerbruhe mehr nehmen darf, ohne Verdacht zu erwecken..... Doch ich muss fort leben Sie wohl wir bleiben nur diese Nacht in Montpellier." Die vier vordersten Wagen waren schon in vollem Galopp er hatte seinen Platz in dem funften dem nachsten vor dem meinigen. Mein Postillion, voll Ungeduld uber den Aufenthalt, blieb nicht zuruck, so dass ich die Ehre hatte, im Gefolge von Lady Klarchen an dem Posthause anzulangen, wo die Quartiere fur die englische Herrschaft schon durch einen Kourier bestellt waren.
Den ganzen Weg uber hatte sich meine Neugier um eine Frage herumgedreht, deren Auflosung von meinem geschwinden Aussteigen aus dem Wagen abhing, ehe mir der Mundkoch entwischte. Ich kam ihm glucklich entgegen. "Nur noch ein Wort statt tausend," hielt ich ihn bei dem Kragen. "Warum in aller Welt fuhrt Ihre Frau Nichte Gnaden wenigstens ein Dutzend Kammerjungfern mehr mit sich, als eine Konigin brauchen wurde?" "Das muss freilich Wunder nehmen," antwortete er, "wenn man den wahren Zusammenhang nicht weiss. Mylord so hat mir sein Kammerdiener vertraut, schreibt ein systematisches Werk uber die Eigenheiten der Weiber. Englische Schriftsteller wahlen ja immer ein auffallendes Thema. Diese artigen Kinder sind nicht sowohl im Dienste bei seiner Gemalin als in dem seinigen sind Studien fur seine philosophischen Spekulationen und ahnden es selbst nicht. Sie verrathen ihre kleinen Schwachheiten Fehler und Tugenden unbefangen, und liefern ihm tagtaglich neue Bemerkungen zu seinem Texte. Es ist der vollstandigste Apparat zu dergleichen physiologischen Experimenten, den man sich nur denken kann aus den leichtsinnigstenschwermuthigsten sprodesten unschuldigsten und erfahrensten Geschopfen zusammengesetzt mit deren Seelen, (denn wirklich ist es nur darauf abgesehen) er hunderterlei Versuche anstellt, um endlich ein neues Resultat herauszubringen. Gott gebe, dass es ihm gelingt denn es ware gewiss ein sehr nutzliches Buch!" "Und dieser Sachverstandige," fuhr mir heraus, "hat Ihre Nichte heirathen konnen?" "Stille," fiel mir mein verungluckter Oncle ins Wort "hier ist nicht der Ort, daruber zu schwatzen. Ich muss in meine Kuche leben Sie wohl, mein Herr, leben Sie wohl!" Das Buch mochte ich sehen setzte ich nun meine Verwunderung mit mir allein fort indem ich mich von einem Lohnbedienten in die Stadt fuhren liess, in die man, wie du wohl wissen wirst, nicht anders, als zu Fusse oder in Sanften kommen kann. Armer Autor! Gott gebe dir Gluck zu deinen Studien, denen freilich die meinigen nicht das Wasser reichen! Ueber deine junge Frau konnte ich dir zwar wohl wichtige Beitrage liefern aber, ob sie es gleich nicht um mich verdient hat, wurde ich mich doch schamen, weniger edel zu handeln, als Herr Ducliquet, der Probst und der getaufte Jude.
Montpellier ist bei allen seinen unlaugbaren Vorzugen doch eine sonderbar angstliche Stadt, lieber Eduard. Gassen, die so schmal sind, dass die Inwohner der gegenuber stehenden hohen Hauser einander die Hande reichen konnen, und ein Liebhaber, der so gute Gelegenheit hat, seiner Schonen den Tag uber in die Fenster zu sehen, nichts weiter als ein Bret braucht, um des Abends einzusteigen. Wenn die Hitze zunimmt, spannt man, aus Furcht vor dem Sonnenstich, Tucher uber sie her. Dann sieht jede ohnehin wie ein Himmelbette aus, und kann fuglich dazu benutzt werden. Die Schilder der Wirthshauser sind alle aus der Botanik genommen. Da hort man von keinem Romischen Kaiser oder Kurfursten, wie in Frankfurt und andern deutschen Stadten, sondern nur Namen aus dem Linneus. Ich fragte nach dem besten. Mein Lohnlaquai nannte mir die Rhabarber-Pflanze und die Chinawurzel. Ich wahlte das letztere und hatte es nicht besser treffen konnen; denn an der Hausthure lehnte ein Bedienter, dessen mir nur allzubekannte Livree mich sogleich verstandigte, dass er dem Herrn angehore, den ich suchte. Er bestatigte es, und war so flink in seinem Dienste, dass er dem Baron die Ankunft der Schreibtafel schon gemeldet hatte, als ich noch auf der Treppe war. Kaum hatte ich meinen Staubmantel abgeworfen, so trat dieser auch schon in mein Zimmer eine Figur von dem edelsten Anstande, ein offenes liebreiches verstandiges Gesicht so einnehmend und munter in seiner Unterhaltung, wie es nur ein Deutscher seyn kann, den gute Gesellschaften und Reisen gebildet haben. Ich wusste nicht gleich, nach was ich zuerst greifen sollte, um ihm eine bessere Meinung von mir beizubringen, als ich selbst hatte machte Entschuldigungen uber den Aufzug, in dem er mich trafe hatte zwei Nachte nicht geschlafen und kame das war es eigentlich, wodurch ich mir ein Ansehen bei ihm erbetteln wollte von der Bastide meines vertrautesten Freundes, des Marquis von St. Sauveur, dessen Vermahlung ich als der einzige Gast beigewohnt hatte. In der That traf ich es hier wieder so gut damit, wie bei Herrn Filbert. Er kannte den Brigadier wunschte mir Gluck zu seiner Freundschaft und horte mit innigem Antheil mein enthusiastisches Lob uber seine Gemalin. "Es ist wohl Schade," sagte er, "dass Sie ihm nicht auf sein Stammgut haben folgen konnen. Dort wurden Sie ihn als einen kleinen Fursten bewundert haben, der alles das leistet, was man oft umsonst von dem grossten erwartet." Ich ging nun nicht ohne Herzklopfen zu dem Hauptgeschaft uber, das ich mit ihm abzuthun hatte. Er machte es mir sehr leicht nahm alles, was ich uber meine hitzige Krankheit nachherige Erschlaffung und verordnete Zerstreuung zu meiner Rechtfertigung herausstotterte fur gultig an, und forderte, ehe ich ihm noch seinen Verlust einhandigte Feder und Tinte, um durch ein Billet an den Kriminal-Gerichts-Prasidenten, den armen Puppenspielern noch vor Nacht ihre Freiheit zu verschaffen. "Es ist nicht meine Schuld," sagte er, "dass die guten Leute in Ketten liegen". Sie wurden zwar auf meine Anzeige in den Zeitungen nach der Livree, die sie trugen eingezogen; doch ihre eigene Aussage in dem Verhor, das man mit jedem besonders anstellte, machte sie hauptsachlich verdachtig. Sie mussten ganz den Kopf verloren haben. Dass sich der eine Prologus, der andere Epilogus nannte, liess man Puppenspielern hingehen; als sie aber den Herrn, der sie gekleidet, angeben und beschreiben sollten, standen beide mit einander in geradem Widerspruch. Der eine nannte Sie so, der andere so, und ich konnte nur versichern, dass kein Edelmann in ganz Deutschland einen so kauderwelschen Namen fuhre. Der alteste Bruder sagte aus, Sie waren in Avignon eines Kirchenraubes wegen arretirt worden der jungste, Sie hatten die heilige Dreifaltigkeit in einem Kamin entdeckt. Man fragte nach ihrem Abschiede, sie hatten keinen aufzuweisen. Ihr Herr ware durch ein Wunder aus Avignon entkommen zu Lambesk hatten sie die Schreibtafel in einer verborgenen Tasche gefunden und dem Herrn sogleich in Verwahrung gegeben der es vermuthlich vergessen, sie dem Eigenthumer auszuliefern, und bei ihrem Abgang in Begriff gestanden hatte, in sein Vaterland zu gehen. Diese widersprechenden Aussagen, die alle Stunden einen neuen tollen Zusatz erhielten, erbot sich doch jeder Bruder zu beschworen dabei sahen sie sich vor Gerichte so scheu um, wie das bose Gewissen. Die Frau, wenn es moglich ist, bezeigte sich noch verwirrter. Sie deklamirte in leeren nichts sagenden Phrasen ihre Vertheidigung, und rief unaufhorlich in dem Gefangnisse und vor dem Tribunal: 'Ach mein Theseus! wo bist du hin, mein Theseus?' Doch war sie es, die den Brief an den deutschen Baron in dem heiligen Geist schrieb, ohne Hoffnung zwar ihn anzutreffen, und den ich sogleich durch eine Stafette abschickte. Mir fing selbst an bange fur den Ausgang zu werden. Ich hielt sie zwar sehr richtig fur Narren verschob jedoch mein Urtheil uber den Verdacht, dem sie bloss standen. Das Tribunal hingegen hielt sie hinlanglich fur uberwiesen, und ohne meine Gegenvorstellung hatten sie vielleicht schon die Question ordinaire et extraordinaire erlitten. Es thut mir leid, dass den armen Schelmen ihre Ehrlichkeit so ubel belohnt worden ist. Dass mich ihre Unschuld jetzt mehr freut, als Schreibtafel, Venus und Brief, die ich eins wie das andere fur verloren hielt, konnen Sie mir wohl zutrauen. Ich bin glucklich, dass meiner uber die Zeit verschobenen Abreise nun nichts mehr im Wege steht. Denn vielleicht wissen Sie schon, mein Herr, dass mich in Deutschland eine liebenswurdige Braut mit Sehnsucht erwartet, um so viel mehr, da mein letzter Brief ihr den Tag meiner Ankunft bestimmt, und sie gebeten hat, mir auf ein Gut ihrer Tante sechs Meilen weit entgegen zu kommen. Die Aengstlichkeit, mit der sie mir sonach entgegen sehen muss, beklemmt mich nicht wenig." Brauche ich Dir, lieber Eduard, wohl die Stellen in dieser Erzahlung anzustreichen, die mir einen Stich nach dem andern ins Herz gaben. Ich erduldete sie ohne Murren, als eine gerechte Zuchtigung meines unverantwortlichen Leichtsinns. Kleinmuthig zog ich das anvertraute Gut aus der Tasche, aber wie ich es dem Eigenthumer einhandigte, brachten mich die Vorklagen, die ich beifugen wollte, in eine neue Verlegenheit. Auch diese schlug er sofort als ein Mann von Welt nieder. Er offnete die Schreibtafel, besah mit wahren Kenneraugen Klarchens Bild und uberlas lachelnd mein Epigramm auf der Hinterseite. Die Gelegenheit war zu gut, um ihm nicht die Veranderung bekannt zu machen, die seitdem mit dem Original vorgegangen sei, und durch welches Ungefahr ich heute ihr Gefolg verstarkt hatte. "Nur heute? das ist glucklich!" sagte er ein wenig ironisch, (vermuthlich hat der Pro- und Epilogus eins und das andere zu Protokoll gegeben, was er Anstand nahm, mir gerade in das Gesicht zu sagen). "Also an Lord Baltimore verheirathet? Nun da ist sie in den rechten Handen," schlug er ein lautes Lachen auf "ich kenne den alten Schwarmer und seine abgeschmackten Versuche fur einen Text, uber den unser kluges und erfahrnes Klarchen ihn in einer Stunde mehr lehren wurde als alle die abgesetzten Lady's, die ihren Triumphwagen begleiten. Wer weiss, ob sie ihn nicht wieder zum Glauben an weibliche Tugend bekehrt, und seine Erfahrungs- und Seelenkunde mit einem Phanomen bereichert, dem er bis jetzt umsonst nachgeforscht hat. Wie wird sie die Unbefangene spielen ihn schon von weitem kommen sehen, wahrend er seine Experimente fur die ersten halt, denen sie bloss steht. Die Reise nach Spanien ist gewiss ihr Werk. Dort, wo keine Seele sie kennt, wird sie ihm noch lange, ehe sie in den hintersten Wagen versetzt wird, fur den Stein der Weisen gelten, den er sucht." Ich erwahnte des Mundkochs. "Den allein," sagte er, "wunschte ich von der saubern Gesellschaft zu sprechen. Der Ehrenmann hatte mich vor einiger Zeit, wie mir mein Kammerdiener vertraut hat, in einem schimpflichen Verdacht, und seine liebe Nichte, der er damals alles Bose an den Hals wunschte, in einem noch schimpflichern." "Diese Ungerechtigkeit," fiel ich dem Baron ins Wort, "bereut er jetzt gegen beide von Herzen, seitdem er einen unverwerflichen Zeugen Ihrer bloss artistischen Verhaltnisse mit seiner Nichte den Herrn Le Sauve gesprochen hat, der die Schone so oft unter Ihren Augen und in der Lage gemalt hat, die Sie dem Modell gaben." Der Baron verfiel in ein kleines Nachdenken, das ihn glucklicherweise verhinderte, die brennende Schamrothe zu sehen, die mir in das Gesicht trat denn siehe nur, ehe ich mich dessen versah, fiel mir der verfluchte Stimmhammer, bei dem meine Kunst scheiterte, und die geweihte Farbe ein, die ich verschuttete. "O hatte ich," erwachte der Baron wie aus einem Traum, "das schone Geschopf noch so unmundig an Kenntnissen und Jahren gefunden, als da Herr Ducliquet ihre Bekanntschaft machte, keine Seele wurde jetzt gegen die Wahl des Lords etwas gegrundetes einwenden konnen. So aber war sie schon ganz verloren, als ich sie kennen lernte nur fur die Kunst des Malers nicht. Ihre trugerische Aussenseite konnte schon keinen mehr betrugen, dem es nicht ganz an sittlichem Gefuhl und gesunden Augen fehlte, wenn er nicht wie Baltimore, fur sein freigeistiges System mit Blindheit gestraft war am wenigsten ein Herz wie das meinige, das einem fast eben so reizenden zugleich aber auch dem reinsten und tugendhaftesten weiblichen Wesen angehort. O, meine Karoline, mit welchem Wohlbehagen unverletzter Treue werde ich dir nun bald unter die Augen treten! Wie belohnend, mein Herr, ist dieses Bewusstseyn am Ende einer Reise, sie mag einen Welttheil oder das Leben umfassen!" Lieber Eduard, wenn Du mir die gluhenden Zangen der Beschamung, die mich bei jedem dieser Worte zwickten, nachfuhlen musstest ich wurde Dich herzlich bedauern. Da mochte ich mich doch auf die eine oder die andere Seite des Prangers stellen, den der Baron Klarchens Liebhabern anwies, so hatte ich keine Ehre davon. Ich bekam eine recht kleine Idee von mir, die noch nicht vergehen will. Besonders that es meiner Eigenliebe weh, dass hier zwei Deutsche in so verschiedenem Lichte einander gegenuber sassen. Ich konnte mir nicht verbergen, dass diesem jungen, bluhenden, artigen Manne das Reisen viel besser zugeschlagen sei, als mir. Mich, glaube ich, hat er auf den ersten Blick weg gehabt. Sagte er nicht oben, ich wisse vielleicht schon, dass er eine Braut habe und wurde er wohl mit der Huldigung seiner Karoline so laut gewesen seyn, wenn er mir nicht schon angesehen hatte, dass mir der Inhalt des Briefs in der Schreibtafel so bekannt ware, als ihm selbst? Was konnt' ich in dieser Ueberzeugung klugeres thun, als den Vorwurfen, denen ich nicht auszuweichen vermochte, offen entgegen zu gehen? "Ich merke, Herr Baron," stoppelte ich meine verschamten Worte zusammen, "dass Sie voraussetzen, ich habe mich von dem Geheimnisse Ihres Herzens auf eine Art unterrichtet, die grosse Entschuldigung bedarf. Was mir eigentlich nothig war um den Eigenthumer des Gefundenen aufzusuchen, konnte mir schon die Adresse sagen das seh' ich jetzt recht gut ein und dennoch ..." "Wenn der Brief meines Freundes" unterbrach er mich "Ihnen die Zeit verkurzt hat, so hat er seine Absicht doppelt erfullt, und es ist mir lieb, dass Sie ihn lasen" "Und auch abgeschrieben?" fragte ich. "Ja, auch das!" antwortete er lachelnd. "Hatte er ihn im Ernst geschrieben, so viel er ubrigens auch Wahres enthalt, so durfte ich wohl hoffen, ihn bald genug zu uberfuhren, wie Unrecht er mir und dem guten Geschmack gethan und wie voreilig er die Aufschrift uber dem Portale meines Landhauses kritisirt hat." Ich konnte nun mit gutem Gewissen und an keinem schicklichern Orte als hier den Brief uber oder gegen den guten Geschmack, wovon ich Dir bereits in meinem verbrannten Tagebuche den Anfang mitgetheilt hatte, ganz einschieben. Er wurde Dir zum bessern Verstandniss der Sache, auf die sich die Widerlegung des Barons bezieht mir aber als eine Anleitung dienen, die Verdienste meines Landsmanns in ein noch schoneres Licht zu setzen aber ich wurde nur dadurch den Faden meiner Erzahlung, die doch auch bedacht seyn will, verlieren. Genug, Du sollst nicht darum kommen, und sollte ich Dir ihn in einem besonderen Futteral mitbringen. "Ich schmeichele mir," fuhr der Baron mit sichtbarer innerer Zufriedenheit fort, "dass ich die Zeit meiner Abwesenheit in fremden Landern nicht so gar ubel fur meinen kunftigen Aufenthalt im Vaterlande und fur das Gluck meiner Erwahlten angelegt habe. Die Kenntniss der grossen Welt muss vorausgehen, um durch Vergleichung sein hausliches Gluck desto schmackhafter zu machen so wie man nach einigem Genuss sehr feiner Gerichte gern wieder zu einer kraftigen Hausmannskost zuruckkehrt. Auch mein Kunstgefuhl soll mir hoffentlich so viele Freude gewahren, als meinen Nachbarn ihre ruhige Ignoranz. Die Leuchter die Vasen von griechischer Form, denke ich, sollen mir so wenig im Wege stehen als ehemals den Griechen eine Venus von Titian wird meinem Auge immer einen so angenehmen Ruhepunkt verschaffen, als das freundlichste Gesicht einer Dorfnymphe, und Lady Baltimore in ihrer schonen Nacktheit, wo mich jeder Pinselstrich an das Original erinnert, besser als noch jene Gottin, der man ausser ihrem Reiz auch nicht viel Gutes nachsagen kann. Da Sie Klarchen, wie ich gehort habe, personlich kennen, mussen Sie nicht eingestehen, mein Herr, dass ihr Anblick minder noch wollustige Begierden erweckt, als edle und erhabne Gedanken, die nur durch die Ungestalt der Seele zuruckgestossen werden, die den herrlichen Bau, wie die Krote einen Tempel, bewohnt. Haben Sie wohl je Nevisans Gedichte und die dreissig Bedingungen gelesen, die er zu einer vollkommenen Schonheit fordert?" "Ja," antwortete ich, "ich habe diese Stelle erst kurzlich fur einen meiner Freunde abgeschrieben." "Und ich," erwiederte der Baron, "habe noch mehr gethan habe sie, das Buch in der Hand, durch Klarchens Vermittelung mit der Natur selbst jedes rohe Wort des Dichters mit dem feinen Reiz verglichen, den es anzeigt sie alle an dem schonen Madchen beisammen, aber durch das lebendige Kolorit durch die Abstufung des Schattens und Lichts durch die Schlangenlinien, die sie vereinigen, ungleich anziehender, und hier den Ausdruck der Natur unendlich poetischer gefunden, als den Dichter. Hauchen Sie nun einer so sinnlich vollkommnen Gestalt Selbstschatzung und Tugend ein, und Sie haben das anbetungswurdigste Ideal weiblicher Schonheit und Wurde. Ich will Ihnen aus meinem Portefeuille ein Blatt holen, worauf ich die Physiognomie dieses Madchens nach verschiedenen Ansichten, als Nonne Heilige Betende Entzuckte und als einen Engel geatzt habe. Ware die Zeichnung wie sie es freilich nicht ist von einer Meisterhand von der Hand eines Raphael oder Battoni, Sie wurden nicht laugnen konnen, dass dieses zur Venus so geschickte Modell unter allen Gestalten denselben Eindruck machen wurde. Was kann uns aber einen hohern Begriff von der Allgewalt der Unschuld und Tugend auf das menschliche Herz geben, als dass es selbst in seiner Verdorbenheit durch nichts so stark als durch eine Bildung angezogen wird, in welcher die Anlagen dazu gezeichnet sind, und selbst die grosste Verfuhrerin, wenn sie am unwiderstehlichsten zu verlocken trachtet, wider Willen zu dieser Maske ihre Zuflucht nehmen muss."
Wahrend der Baron in seinem Zimmer die edeln Gesichtszuge der jetzigen Lady Baltimore aufsuchte, kam sein Bursche mit der Nachricht zuruck, dass meine ehemaligen Bedienten ... Nein fuhr es mir so wuthend durch den Kopf, dass ich vom Stuhle aufsprang, ohne weiter auf ihn zu horen der Prologus, der ihr als Teufel erschien der Epilogus, in dessen Bette sie fluchtete die beiden Grenadiere, die sie mir boshafter Weise in Avignon vor die Thur stellte die armen Unglucklichen, die in Ketten lagen, wahrend der Propst sie in integrum restituirte Ducliquet sie einsegnete diese Unschuldigen sind es, die in d e r s e l b e n Nacht erfroren aus einem feuchten Kerker kriechen, in d e r , wenig Schritte von ihnen, jener Sunderin alle Freuden der Natur zu Befehl stehen, und ein Lord in schwarmender Andacht den unheiligen Busen kusst, an den von Ewigkeit her das bose Schicksal zweier gutmuthiger Puppenspieler gebunden war! Diese Betrachtungen jagten mich die Stube auf und ab, und ich konnte mich nicht eher wieder fassen, bis der Baron hereintrat und nun der Bediente seinem Herrn viele Grusse von dem Kriminal-Gerichts-Prasidenten ausrichtete und die frohe Nachricht wiederholte, dass die beiden Bruder und ihre Gesellschafterin des Gefangnisses entlassen waren. Wir wunschten gegenseitig zum Ausgange dieses verworrenen Handels einander Gluck, setzten uns zusammen an einen Tisch, und fingen nun an nach allen Regeln Lavaters gemeinschaftlich die schonen, offenen, unschuldigen und ruhrenden Liniamente zu entwickeln, hinter welche die Mutter Natur ein so hassliches heuchlerisches freches und verbuhltes Herz verborgen hatte, als Herr Ducliquet zu seiner Bearbeitung nur eins verlangen konnte. Ich lege Dir zwei von den radirten Exemplaren bei, die mir der Verfertiger zum Vertheilen unter meine Freunde verehrt hat. Ewig Schade, dass meine geheimen Nachrichten von ihr in der Asche liegen! Wie wurden sie nicht den Kupferstich unterstutzt haben! Indess ist es doch gut, dass ich allen denen, die etwa von meinen Thorheiten horen sollten (denn was verschwatzt sich nicht!) diese betrugende Physiognomie vorhalten kann, mit der Bitte, sich zum vollstandigeren Beweis meiner Rechtfertigung vel quasi, noch die jugendlichste Farbe die ruhrendste Karnation die sonorischste Stimme und jenen lebhaften Frohsinn hinzuzudenken, der dem Original eigen ist. Wer alsdann noch anstehen kann, mich loszusprechen, muss entweder die Enthaltsamkeit eines Patriarchen eine Braut zu Hause oder ein versteintes Herz haben.
Eine Bekanntschaft, wie die meine mit dem Baron war und von so kurzer Zeit her, dass inzwischen die Sonne weder einmal auf- noch untergegangen ist sollte man denken, musse sich eben so kurz abbrechen lassen; aber wir beide machten eine seltene Ausnahme von diesem gewohnlichen Falle. Er sah es mir an, wie sein Handedruck zum Abschiede mir an das Herz trat, und Er "Wartete unterweges," sagte er, "nicht eine Geliebte auf mich, so wollte ich auf Sie warten, um Ihnen zu beweisen, dass jedes Land gleichen Werth fur mich hat, das mir die Aussicht giebt, einen Freund mehr zu gewinnen. Ich reise als ein Liebhaber, Tag und Nacht, dem Gegenstande meiner Wunsche entgegen." Sie als ein Neugieriger, der in seinem Vaterlande nichts zu versaumen hat, dem kein Umweg etwas kostet, Ihnen darf ich bei solchen Verhaltnissen ja wohl, uber der franzosischen Granze, noch einen vorschlagen, der vielleicht so viel werth ist, als jeder andere, den Sie gemacht haben. Sie sind Zeuge von der gegenseitigen Ueberraschung zweier Liebender gewesen, denen fur einander bange war, und die wir nun in diesem Reiche unstreitig fur die glucklichsten halten konnen. Ware es aber nicht, schon der Vergleichung wegen, Ihrer Muhe werth, nun auch ein paar gute deutsche Herzen aufzusuchen und zu beobachten, die langst mit einander einig, sich doch trennten, nur um durch eine von Posttag zu Posttag immer hoher steigende Erwartung, der Magie der Liebe einen Reiz mehr zu geben. Ich will das System unsers gemeinschaftlichen Freundes nicht tadeln; aber ich halte mich an das meinige. Die Seligkeit ist gleich obschon die verschiedenen Wege dahin ihre eigenen Vorzuge haben. Ich nahm seine Einladung mit Vergnugen an. Er nannte mir den zu seiner Verbindung mit Karolinen bestimmten Tag. Wahrend ich ihn in meinem Musenalmanach anstrich, und seufzend uberlegte, wenn doch einmal mein Glucksstern ein solches Kalenderzeichen erhalten wurde, hatte sich der Baron fortgeschlichen.
Um ihn heute nicht weiter zu storen da es schon uber Mitternacht ist ubertrug ich Bastianen, ihn morgen fruh bei seiner Abreise nochmals meiner Hochachtung Dankbarkeit und besten Wunsche zu versichern. Gott sei Dank fur die Gewissheit, mit der ich nun zu Bette gehe, dass keine menschliche Kreatur meinetwegen leidet. So darf ich auch wieder einmal auf eine vollkommen ruhige Nacht rechnen und ach, auf noch mehrere; denn seit einigen Tagen hat sich doch vieles, was mich insgeheim druckte, gehoben! Mein armer Lehrmeister, fur den ich noch immer die alte Anhanglichkeit hatte, ist, wider alles Erwarten, klug und reich geworden. Klarchen fast noch unbegreiflicher ist unter die Haube gebracht. Die Puppenspieler sind ihrer tollen Wirthschaft wiedergegeben, und die fatale Sucht, eine Heilige zu entdecken, hat seit Agathens Bekanntschaft sich glucklich bei mir verloren ist mir sogar zum Ekel geworden, da ich aus Baltimores Beispiel gewahr geworden bin, was solche Studien am Ende abwerfen. Welch ein behagliches Gefuhl gewahrt doch ein erleichtertes Herz! Bei der Ruckkehr ins Vaterland kann man gewiss keinen angenehmern Begleiter haben.
Montpellier den 27sten Februar.
Ich erwachte wie eine Unke, der ein Sonnenstral in den Rucken fallt. Die beiden Puppenspieler und Elektra knieten vor meinem Bette, und benetzten meine herunterhangende Hand mit heissen Thranen. Warum war mir doch ihre Dankbarkeit so uberlastig? weil ich mochte ich mir kaum gestehen sie so wenig verdient hatte. "Geht, geht, Ihr guten Kinder!" suchte ich sie von mir abzuwehren "Euer geruhrtes Herz wirft mir aufs bitterste meinen Leichtsinn vor, der Euch in Ketten und Banden gebracht hat. Ueber Schmerzengeld und Entschadigung fur Euren Jahrmarktsverlust will ich mich sogleich mit Euch berechnen und dass mir die Prozesskosten zufallen, versteht sich ohnehin." "Diese, mein lieber Herr," erwiederte der Epilogus, "hat der Herr Baron bereits an einen Banquier gewiesen, der dafur haftet. Wollen Sie dennoch ein Uebriges thun, so gewahren Sie uns die Bitte, dass wir heute das Theater mit der Vorstellung unsers tragischen Zufalls eroffnen und dass tung in einer glanzenden Apotheose Sie, theuerster Herr, als den deus ex machina vorstellen in Ihrem gewohnlichen Kostume wie wir's kennen" "Seid Ihr toll, lieben Kinder?" fuhr ich in die Hohe "Doch" nachdem ich mich einige Augenblicke besonnen hatte "meinetwegen Wenn Ihr glaubt, dass es zu Eurem Vortheil seyn kann, so stellt mich aus, auf welche Art es Euch beliebt. Die Leute, mit denen ich hier etwa Bekanntschaft mache, kommen doch schwerlich in Eure Boutique." Sie sahen, dass mir angst und bange im Bette ward, und trollten sich fort. Gleich darauf kam Bastian herein, dem die Gesellschaft auf der Treppe begegnet war, und freundschaftlich ein Freibillet verehrte Er bat um Erlaubniss, dieser Comedie larmoyante beizuwohnen, die ich ihm herzlich gern ertheilte. Die Nachricht, die er mir von der Abreise des Barons brachte, war mir ungleich interessanter. Sein Bedienter, der mit dem Koffer voraus war, hatte das Portefeuille vergessen, das seit gestern Abends auf meinem Stuhle liegen geblieben war. Bastian fand und trug es ihm nach, wahrend ich noch schlummerte. Als er erzahlte er mir in dem Posthof ankam, war eben der Lord im Begriff, mit seinen funf Equipagen aufzubrechen. Er erkannte den Baron als einen alten guten Bekannten, und glaubte ihm etwas recht neues in seiner jungen Frau vorzustellen. Die Lady stutzte, als sie den Baron, und hinter ihm einen Bedienten mit dem wohlbekannten Portefeuille und der Schreibtafel, so nahe bei ihrem Gemal sah doch der artige Deutsche freute sich so ungezwungen uber die Ehre ihrer Bekanntschaft, und liess vor ihren Augen Portefeuille und Schreibtafel in die Wagentasche stecken, dass ihr Muth bald wieder zuruckkam; indess beging er doch die kleine Bosheit, in ihrer Gegenwart den Lord zu fragen, ob er endlich das Resultat seiner vieljahrigen Studien gefunden hatte? Ja, antwortete der Philosoph mit grosser Selbstzufriedenheit und so strahlenden Augen, dass seine junge Gemalin die ihrigen ausserst verschamt niederschlug, und roth ward bis uber die Ohren. Der Lord war viel zu scharfsichtig, als dass ihm das Himmelszeichen hatte entgehen sollen, das jungen, erst kurzlich verheiratheten Weibern so gut steht. He bien, klopfte er dem Baron auf die Achsel, qu'en dites-vous? Aber die Dame trippelte nach dem Wagen. Triumphirend hob er sie hinein, und schwang sich ihr nach. Lieber Gott, vergieb mir die Frage! aber was soll man zu deinen Anstalten sagen, wenn man sieht, dass sogar die Angst des bosen Gewissens eine Frau in den Augen ihres betrogenen Ehemanns noch verschonert? Der Baron nahm jetzt den Propheten-Wirth so lange auf die Seite, bis der letzte Wagen vorfuhr, und sprach sehr ernstlich mit ihm. Ehe er in den seinigen stieg, legte er Bastianen in den Mund, was er mir von diesem komischen Auftritt erzahlen sollte. Seine geheimen Gedanken dabei wollte er mir aufheben, bis ich zu ihm kame. Alles recht schon, wenn nur der gute Mann es seit einer Stunde nicht ein wenig bei mir verschuttet hatte! Seine Grossmuth gegen die Puppenspieler ist nicht viel besser als eine Beleidigung fur mich. Prozesskosten soll ihm doch seine Schreibtafel nicht zuziehen, und wenn ich sein Hochzeitgast seyn soll, haben wir uns erst daruber zu verstandigen. Musst Du mir nicht hierin Recht geben, Eduard?
Ob ich gleich keiner Braut nachzurennen habe, werde ich es doch nicht lange hier aushalten. Die Merkwurdigkeiten in den Ringmauern der Stadt haben nicht sehr viel anziehendes fur mich, ob ich ihnen gleich ihr grosses Verdienst nicht ablaugnen will. Sie sind gerade so, wie sie sich fur den beruhmtesten Stapelort der Medicin schicken. Du findest verschiedene Theater hier aber nur anatomische und chirurgische und die herumliegenden Garten sind weder franzosische noch englische sondern botanische. Die engen Gassen verschlingen sich in einander wie die Gedarme in einem menschlichen Korper. Aus allen Thuren und Fenstern tritt Dir ein Apotheker-Geruch entgegen und auf dem Markte liegen Skelete, die man bleicht. Diese auf das hochste irdische Gut auf Gesundheit und Leben berechneten Anstalten machten ich will nicht sagen meine Hypochondrie aber doch eine gewisse Besorgniss fur meinen korperlichen Wohlstand rege, der ich mit allem Ernst nachging, den die Sache verdient. Ich habe die Regel, die mich in jungern Jahren auf mehrere Universitaten geleitet hat von jeder etwas mitzunehmen, wodurch sie sich vor andern auszeichnet, eben so probat auf meinen Reisen gefunden In Strassburg kaufte ich eine kalte Pastete und Strohwein in Nancy eingemachte Johannisbeeren ohne Korner zu Auxerre ein Taschenmesser in Nimes seidne Strumpfe und ich konnte Montpellier verlassen, ohne mich mit dem Rathe eines der grossen Aerzte zu versorgen, die hier von ihrem Thron aus ihren Zepter uber den halben Erdkreis erstrecken? Wurde ich nicht diese Versaumniss zu spat bereuen, wenn mich einmal eine von den ein und dreissig tausend Krankheiten, die, wie ich gelesen habe, dem menschlichen Leben, wie die furchtbarste Armee, gegenuber stehen, zu Boden schluge? da sie vielleicht heute noch durch die geschickte Hand eines Aeskulap im Keim zu ersticken ware. Wenigstens will ich mir doch endlich Gewissheit uber den Stein in der Leber verschaffen, mit dem mich vor zwei Jahren D. Kampf so gewaltig erschreckt hat.
Gesunden mag es freilich auffallen, dass hier keine Waare verfertigt wird, die nicht Bezug auf die Verfeinerung der Waffen hat, uber die Moliere, selbst in dem Augenblicke, als ihn, bei der Vorstellung des Malade imaginaire, ein warnendes Beispiel! der Tod beim Worte nahm seinen freigeistigen Spott ausgegossen dass hier kein Haus zu finden ist wo nicht Droguisten Bader Professoren und Schuler der Heilkunde wohnen dass man selbst in Gasthofen nur Krautersuppen zu essen bekommt, und sogar das hiesige Meer, nach meiner Bemerkung von heute Mittag, keine Austern darbringt, die nicht mit kleinen Seespinnen wie mit Schropfkopfen besetzt und mit Sedativ-Salz geschwangert waren. Aber einem Kranken erscheinen diese Umstande unter einer ganz andern Gestalt. Er fasst Zutrauen zu einem solchen so reich ausgestatteten Orte, und hofft auf den balsamischen Dunsten, die er ausstromt, noch einige Jahre weiter zu schwimmen.
Nach diesem Selbstgesprache drehte ich mich gegen den Lohnlaquai und fragte nach dem beruhmtesten hiesigen Arzte. "Das ist," anwortete der Mensch, "unstreitig Doktor Mellin, der auf dem Markte wohnt, um seine Bleiche in Augen zu haben. Kein Kranker kommt hier an, der sich nicht seines Raths bedient, und kein neugieriger Fremder reist durch Montpellier, der nicht den Tempel besucht, den er in seinem Hause der F r e u n d s c h a f t errichtet hat." Ein sentimentalischer Zug putzt doch jedes Menschengesicht schon von weitem. Ich fasste schon das beste Vorurtheil fur den Mann, ehe ich ihn sah, und liess mich von dem Schweiss, der mir uber das Gesicht lief, nicht abhalten, ihm zu Gefallen, zwei schon einmal durchkeuchte Strassen wieder zuruck nach seinem Hause zu keuchen. Es ging mir aber nicht nach Wunsch, denn auf mein Anklopfen rief mir jemand aus dem Fenster zu: "der Herr Doktor sei mit ein paar Damen auf den Peyrou gegangen." "Was ist das fur eine Gelegenheit?" fragte ich ganz schachmatt meinen Begleiter. "Ein Lustplatz," war seine hochtrabende Antwort, "auf dem man vier Konigreiche ubersehen kann das sagt alles." "Gut! so fuhrt mich den nachsten Weg dahin." Es war, als ich anlangte, das erstemal in meinem Leben, wo ich meiner Mudigkeit gut ward, und meine Erwartung ubertroffen fand. In der Ungewissheit, wo sich mein Auge zuerst hinwenden sollte, machte ich den Anfang mit dem Mittelpunkte des schonen Platzes, auf welchem das Ritterbild Ludewigs des Vierzehnten hervorragte. Die Stande von Languedoc las ich im Schweisse meines Angesichts an dem Fussgestelle gelobten diess Denkmal Ludewig dem Grossen bei seinem Leben und errichteten es nach seinem Tode. Und ich, ergriff mich der bittere Gedanke an die arme eiserne Maske, gelobe seinem verkannten Bruder, dem dieser Ehrenplatz mit mehrerm Rechte gebuhrt Eins hundert Jahre nach seinem Tode und wendete mich, um meine aussere und innere Hitze zu verschnaufen, von diesem nach einem andern, meines Beifalls ungleich wurdigern Monumente nach dem Wassertempel, der dem Haupteingange gegenuber, mit sechzehn marmornen Saulen, die seine Kuppel tragen, umgeben, einen grossen Behalter bedeckt, in dem sich die Masse Wassers sammelt, das ihm auf thurmhohen Arkaden durch einen drei Stunden langen Kanal zugebracht wird. Malerisch rauscht es auf den drei freien Seiten des Doms, gleich der Quelle, die ein Monarch von dem ihm zugeflossenen Reichthum wohlthatig unter sein Volk verlaufen lasst in ein noch grosseres Becken herab, von da es durch verborgene Rohren in die Stadt geleitet wird. Ich sass so stolz in dieser Rotunde wie ein Flussgott unter seinen Nymphen, horte ihr Platschern nahm freundlich die Kuhle auf, die sie mir zufachelten, und wurde meine Augen an dem erstaunlich prachtigen Anblick der Wasserleitung, die vor mir lag, auf das entzuckendste geweidet haben, wenn diess herrliche Werk, nach einem geraden Lauf von einer Viertelstunde, nicht den Fortgang des uberhingleitenden Blicks durch eine schiefe Wendung unterbrache. Wie emporte sich aber erst mein Herz, als mir mein Fuhrer erzahlte, dass diese Krumme durch die schiefe Denkungsart eines der landschaftlichen Deputirten entstanden sei, denen dieser kostbare Bau war ubertragen worden. Er besass auf dem Wege, den der Bogengang durchschneiden sollte, einen Oel- und Weingarten, an dem seine niedrige Seele so fest hing, dass er die Rechte des Eigenthums auf das unverantwortlichste missbrauchte, und es durch seinen Einfluss in den Berathschlagungen dahin zu leiten wusste, diess Denkmal einer grossen Nation, deren unwurdiges Mitglied er ist, auf immer zu verunstalten. Als ich mich genug ausgeluftet hatte, liess ich mich durch die brennende Sonne nicht abschrecken, uber die hohen Arkaden zwischen den reizendsten Aussichten auf beiden Seiten bis an den Garten dieses Elenden hinzuschweben. An der Ecke, wo der Bogengang sich zu wenden gezwungen wurde, war ein Pilaster eine wahre Schandsaule fur den Oel- und Weinkramer, errichtet. Ich machte sie wenigstens dazu, und schrieb mit Bleistift meinen Fluch daran:
Stimmst du, sein niedrig Herz zu kranken,
Natur! mit meinen Wunschen ein;
So wirst du nie mit jahrlichen Geschenken
Sein tugendloses Aug' erfreun.
Was seiner undankbaren Seele
Ermangelt, Reinigkeit und Kraft,
Geist und Geschmack das fehl' auch seinem Oele,
Das fehl' auch seinem Rebensaft!
Der Zufall begunstigte mich so sehr, dass ich bei der Zuruckkunft von meinem hangenden Spaziergange auf den beruhmten Arzt stossen musste, den ich suchte. Der Lohnlaquai zeigte mir ihn schon von weitem. Er sass in dem Nymphentempel zwischen zwei artigen Frauenzimmern, denen er, Gott weiss welchen Trost, zusprach. Ich liess mir eine Audienz von ihm erbitten, die er mir ungefahr wie ein grosser Herr bewilligte, der durch wichtigere Geschafte zerstreut ist. Denn wahrend ich ihm meine Angelegenheit vortrug, schielte er mehrmal nach dem Sitze, von dem ich ihn aufgerufen hatte. Er horte mir kaum einige Minuten zu sah mir in die Augen befuhlte meinen Puls, und als ich ihm mein Bedenken uber den Stein in der Leber vorgelegt hatte lachte er mir gerade ins Gesicht. "Aber, lieber Herr Doktor," bettelte ich ihm vor, "wo glauben Sie denn, dass es mir fehlt? Versagen Sie mir nicht Ihren guten Rath." "Nein," antwortete er, "den sollen Sie haben." Weisst Du, Eduard, worin er bestand? In einigen Versen aus einem franzosischen Liedchen, die er mir vortrallerte, und die ubersetzt vielleicht so lauten wurden:
Statt angstlich deine Uhr zu richten und zu putzen,
Zu spahn, ob jedes Rad leicht in das andre greift,
Und frei um seine Spindel lauft,
Ermuntre deinen Geist, den Augenblick zu nutzen,
Der Zeit, die dir voruber schweift,
Die schnellen Fittige zu stutzen.
Ich erinnere mich irgendwo gelesen zu haben, dass
Protogenes, auftrug, die Treue seines Hundes auf einer Votivtafel zu verewigen. Das arme Thier war der Spur seines Herrn nachgelaufen wie der Mensch seinen Leidenschaften bis zur volligen Entkraftung, von der er nur mit Muhe geheilt werden konnte. Der Kunstler stellte alles der Natur gemass dar die starren Augen die blutenden Tatzen die herabhangende Zunge. Nur der Schaum des heissen Rachens wollte ihm nicht gelingen, so dass er zuletzt aus Ungeduld den Schwamm, mit dem er seinen Pinsel reinigte, gegen das Bild warf. Was geschah? Der Wurf gluckte so gut, dass der Maler auf einmal den Schaum naturlich an der Schnauze des Hunds hangen und die Schwierigkeit uberwunden sah.
Diess Geschichtchen, lieber Eduard, hat viel ahnliches mit der meinigen. Ich darf mich auch wohl ruhmen, die physischen und moralischen Uebel, von denen mich Sabathier und andre gute Menschen heilten, eben so treu nach der Natur auf meinem Dir gelobten Votiv-Gemalde geschildert zu haben, als nimmermehr Protogenes die klaglichen Umstande des Hundes auf dem seinigen, bis auf den Stein, den ich, wo nicht in der Leber, doch in der Einbildung mit mir herumtrug. Mit dem, sagte ich immer zu mir, wird es wohl nicht bis zum Malen kommen und wenn der unter deinen abgeschuttelten Gebrechen fehlt, ist dein ganzes Ex voto nichts werth. Es war die letzte und Hauptschwierigkeit, aber auch sie ist nun, Gott sei Dank, durch den Schwamm ganzlich gehoben, den mir der ungeduldige Doktor an den Kopf warf denn was konnte jetzt meinem Bilde noch zum endlichen Aufhangen in Deinem Tempel abgehen? So sonderbar auch das Betragen des Mannes gegen den Ernst abstach, den ich an unsern Aerzten gewohnt bin, gestehe ich doch, dass mir die scharfsinnigste Entwickelung meiner verworrenen Organe nicht halb so viel Freude gemacht hatte, als es sein Spott that. Ich konnte nun mit entzuckender Beruhigung auf D. Kampf als einen Ignoranten herabsehen. Von welchem festen Stoff muss nicht meine Lebenskraft seyn, da so ein Mann nicht einmal einen Versuch mit ihr machen will! Meine Brust schien mehr Raum bekommen zu haben. Ich wusste nicht mehr, wo die Leber lag, und griff in der freigebigsten Stimmung nach meiner Borse. "Lassen Sie es damit gut seyn!" wehrte sich der Franzos gegen meine deutsche Sitte. "Damit Sie aber sehen, mein Herr, wohin Sie mein guter Rath leiten soll so lade ich Sie diesen Abend auf ein Souper ein, an dem auch ein Englander in Ihren Umstanden fur funf Louisd'or Theil nehmen wird. Wollen Sie mir die Ehre erzeigen, so durfen Sie nur eine gleiche Summe an meinen Koch abgeben, und ich kann Ihnen zugleich versprechen, dass Sie die witzigste und liebenswurdigste Gesellschaft der Stadt da ziemlich beisammen finden werden." Du kannst wohl denken, dass ich mich nicht lange besann; nur bat ich ihn noch um Erlaubniss, seinen F r e u n d s c h a f t s -Tempel zu besehen, der mir sehr angeruhmt worden sei. "Sehr gern," erwiederte der hofliche Mann, "hier haben Sie den Schlussel dazu. Lafleur dort, der schon mehrere Fremde dahin gefuhrt hat, wird Sie anweisen." Und so flatterte er zuruck zu den Damen, deren Krankheit ihm mehr am Herzen zu liegen schien, als meine Gesundheit. Jetzt konnte ich die schone Anlage des prachtigen Spazierorts schon mit ruhigerm Gemuthe betrachten. Er ubertrifft wirklich an freundschaftlicher Verbindung des Nutzens mit dem Vergnugen Alles, was ich bis heute in Frankreich bewundert habe. Wenn nun vollends, statt der Bildsaule Ludewigs des Grossen, eine von den tausend Eichen, die uber die christliche Zeitrechnung hinausgehen, und nur noch in deutschen Waldungen gefunden werden, die Mitte beschattete, und sich an der brennenden triumphalischen Mauer eine Birkenallee herumzoge Himmel, was fur eine genussreiche Nachmittagsstunde wurde ich diesem Wunderwerke des neuen Galliens nicht verdankt haben! Freilich in der Verbindung mit der Stadt gedacht, fur die es da steht, erscheint es mir als ein Solitar, den ein altes Krauterweib an seinem schmutzigen Finger tragt. Wenn man hingegen die Summe der befriedigten Bedurfnisse und des sinnlichen Vergnugens von dreissigtausend Seelen, die taglich auf diesem Sammelplatze ihre eingeschluckte Kerkerluft verathmen, auf Jahrhunderte hinaus berechnet, so ergiebt sich ein Schatz von frohen Empfindungen, gegen den die Unkosten der ersten Anlage immer eine Kleinigkeit sind. So rechneten die Romer bei ihren Amphitheatern, offentlichen Badern und Aquaducten, mit denen sie, oft den armseligsten Landstadten, ein grossmuthiges Geschenk machten. "Aber, damit wir nicht Eins uber dem Andern vergessen, wo sind denn," fragte ich den Lohnbedienten, "die vier Konigreiche, die Er mir versprochen hat ?" "O, die sollen geschwind gefunden seyn," war seine Antwort. "Sehen Sie! Jener graue Fleck, der sich am Horizonte verliert, ist das Pyrenaen-Gebirge und also Spanien jener noch kleinere ist Piemont, der Krone Sardinien zustandig und wenn Sie Ihre Augen etwas anstrengen, entdecken Sie dort im Meere einen Punkt, der aber nichts geringeres ist als das Konigreich Korsika." "Und wo ist denn," fragte ich lachend, "das vierte?" "Hier wo Sie stehen." Ich folgte unwillkurlich der Weisung seines Fingers, und blickte gerade auf seine neumodischen Schuhschnallen, die auch gross genug waren, um mich zu verstandigen. Gegen sieben Uhr verliess ich den prachtvollen Peyrou und schlich hinter meinem Anweiser her, durch das Geschlinge der Gassen dem Tempel der F r e u n d s c h a f t zu, der unter meinem Verschlusse stand. Ich gelangte sehr entkraftet, wie das bei dergleichen Tempeln der gewohnliche Fall ist, in sein inneres Heiligthum. Im Vorubergehen bei der Kuche gab ich meine Pranumerationsgelder auf ein Kouvert fur diesen Abend ab und behielt nun langer als eine Stunde frei, um jene empfindsamen Denkmaler, die, wie das Standbild Ludewigs des Grossen, den Gefeierten bei Lebzeiten angelobt nach ihrem Tode aber erst gesetzt waren, mit gehoriger Musse zu betrachten, ehe die Abendgesellschaft sich in dem anstossenden Zimmer versammelte. Der Saal der Freundschaft nun doch schon des Rangs wegen, den die Lebenden vor den Verstorbenen behaupten, halte ich fur besser, Dich mit seiner Einrichtung erst nach Tische bekannt zu machen.
Nach der eigenen Ankundigung des Wirths war es die Quintessenz der hiesigen feinen Welt, die seine Abendmalzeit vereinigte. Als einem Reisenden kam mir dieser auserwahlte Zirkel ungemein zu statten, um so mehr, da es witzigen Leuten wie den Nachtigallen geht, die nur desto hitziger werden, und sich dem edelsten Wettkampf hingeben, je mehrere in einem Dickicht zusammentreffen. Doch als Statistiker musste mir das Verhaltniss der ausgehobenen klugen Kopfe gegen die Zahl der Einwohner nothwendig auffallen; denn da ausser dem Doktor nur noch acht Personen zugegen waren, die mir und dem Lord fur unser Geld aufspielten, so muss der geistige Gehalt der hiesigen Seelen wohl so unbedeutend seyn, wie bei den Rosen, deren man eine unzahlige Menge zermalmen muss, ehe ein Tropfen Oel uber die wasserigen Theile aufschwimmt. Dafur wird es aber auch desto kostbarer. Wie alltaglich muss es nicht diesen Abend in den ubrigen Hausern der Stadt ausgesehen haben! Ach ich hatte das kleine liebenswurdige Haufchen entfuhren mogen, so viel Geschmack fand mein Verstand an dem fliegenden Witz der Herren, und meine Augen an den Annehmlichkeiten der funf Damen, die zwischen uns eingereiht waren. Diese sind so unmoglich zu beschreiben, als der erstere zu ubersetzen. Wie konnte der schwerfallige Botengang unserer Sprache jene franzosischen Feinheiten erreichen, die gleich den Schwalben vorbei schiessen sich durchkreuzen, und mit demselben unregelmassigen Flug zuruckkommen. Genug, ich gab mich ihnen ganz hin, und dankte Gott, dass die Milzsucht nicht so tiefe Wurzeln bei mir geschlagen hatte, als bei dem Englander. Seine funf Louisd'or fur die Aufheiterungskur dieses Abends waren geradezu verloren. Er ass und trank nicht stocherte in den Zahnen, und uberhorte die witzigsten Aufforderungen, die an ihn ergingen. Wenn er sich ja einmal zu einer Antwort herabliess, so schickte er immer ein Wort voraus, das einem franzosischen Ohre hochst widerlich klingt ein fatales au contraire, das nirgends hinpasste. Als wir gegen Mitternacht vom Tische aufstanden, war er der erste, der nach seinem Hut lief, und sich mit einer trockenen Verbeugung entfernte. Es argerte mich die ganze Treppe herunter, dass auch ich mich durch sein Beispiel ubertolpeln liess, dieser lieblichen Gesellschaft, die jetzt am allerwenigsten Lust zu haben schien, sich zu trennen, so zeitig den Rucken zu kehren. Kaum befanden wir uns auf der Gasse, so schuttelte er mich, um seiner bosen Laune Luft zu machen, beim Arme. "Wie gefallt Ihnen, mein Herr Fremder, der Zeitvertreib in Montpellier?" "Nicht besonders," erwiederte ich etwas verlegen, "wenn ich den heutigen Abend ausnehme." "Den wollen Sie ausnehmen? Nun Gott verdamm mich, da besitzen Sie mehr Toleranz als ich. Wissen Sie, mit welchen Menschen wir eben diesen Abend vergeudet haben? Mit den wurdigen Nachkommen eines Gesindels, das unser Herr Leibarzt auf Unkosten der Fremden zu Tode gefuttert hat, weil es sich wie jetzt seine Sohne und Tochter bei lebendigem Leibe, fur dergleichen Soupers, zur Anatomie verkaufte, und jetzt, kraft dieses schonen Kontrakts als Gerippe in seinem Tempel der Freundschaft aufgestellt ist." "Um Gottes Willen, Mylord!" fiel ich ihm in die Rede, "sollte auch so eine Handelsspekulation moglich seyn, so ist es doch nicht glaublich, dass Kinder neben einem Saal, wo die irdischen Reste ihrer Aeltern aufbewahrt sind, schmausen wurden." "Glaublich oder nicht," tobte er fort, "genug es ist wahr. Hatten Sie nur, wie ich, jenes Pantheon gesehen." "Ja, das hab' ich." "Nun so konnen wir deutlicher davon sprechen. Der feine Herr, mir gegen uber, der bald die Freuden des Lebens, bald das Gluck eines empfindsamen Herzens auf der Zunge trug, ist der Sohn eines verdorbenen Kaufmanns, dessen ausgespritztes Gehirn nur durch die Saalthure von dem seinigen getrennt war. Das Madchen, das zwischen uns sass, ist die Tochter der ausgestopften Advokaten-Frau, die dort neben einem Skelet kauert, dem Ihre Nachbarin zur Rechten das Leben verdankt, und die Brust, die das naseweise Ding im gelben Schleppkleide gesaugt hat, hangt nicht weit davon in Spiritus vini." Mir schauderte vor dieser widrigen Sippschaft, wahrend der Englander mit hohler Stimme fortfuhr: "Ja, mein Herr, das nennt der Kerl seine verewigten Freunde, deren Erben sich jetzt, nach demselben Kontrakt, bei ihm gutlich thun. Doch schwore ich bei Gott, dass es heute die letzten funf Louisd'or waren, die ich dazu beitrage." "Bei der genealogischen Kenntniss unserer Tischgenossen," nahm ich das Wort, "konnen Sie mir auch wohl nahere Auskunft uber das liebe unschuldige Gesichtchen geben, das an der Seite des Doktors alle andere ausstach. Ihre braunen Locken ihre Perlen im Munde, gestehe ich, haben nicht bloss meinen Augen zu schaffen gemacht." "Nun so will ich nur wunschen" schlug er ein Hohngelachter auf "dass Sie nicht zu sehr erschrecken mogen. Dieses liebe Gesichtchen gehort von mutterlicher Seite von dieser kann ich nur sprechen, denn die vaterliche ist der andern Halfte selbst ungewiss geblieben der einzigen Tochter einer wohlseligen Jungfer an, die wahrend ihres schonen Lebens des Morgens Strausse auf den Stuben herum trug, und deren aussere und innere Theile, mit Quecksilber ausgespritzt, ein ganzes Fach jener freundschaftlichen Sammlung einnehmen, und diese braunen Locken und diese Perlen im Munde, so sehr sie Ihnen auch das Herz ruhrten sind nichts desto weniger das Haar und die Zahne einer Kindermorderin." "Nein, Mylord," rief ich mit emportem Gefuhl, "das ist zu arg." "O ho, mein schwerglaubiger Herr," fiel er mir ein, "fragen Sie nur weiter nach. Die Geschichte ist so stadtkundig, als alles ubrige, was ich erzahlt habe." Unter diesem Gesprach, das mir den Nachgeschmack meines genossenen Abends gar sehr verdarb, waren wir bis vor das Haus gekommen, wo der Lord wohnte. "Verlangen Sie," nahm er mich krampfhaft bei der Faust, "ein treues Mignaturbild von dem Neste, wohin wir verschlagen sind, so bemuhen Sie Sich auf mein Zimmer. Ich will Ihnen die Stelle eines Briefs von Jean Jaques an meinen Vater vorlesen, die in wenig Worten alles erschopft. Dass der Mann den Gegenstand zu schildern verstand, den er einmal ins Auge fasste, ist bekannt. Licht her!" donnerte seine Stimme in der Hausthure, und es ward Licht von unten nach oben bis in das sechste Zimmer, wo er endlich verschnaufte. Er holte seine Brieftasche. Wir setzten uns, und er las: Montpellier est une grande ville fort peuplee, coupee par un immense labyrinthe de rues sales tortueuses et larges de six pieds. Ces rues son bordees alternativement de superbes hotels et de miserables chaumieres pleines de boue et de fumier. Les habitans y sont moitie tres riches, et l'autre moitie miserables a l'exces; mais ils sont tous egalement gueux par leur maniere de vivre, la plus vile et la plus crasseuse qu'on puisse imaginer. Les femmes sont divisees en deux classes: les Dames qui passent la matinee a s'enluminer, l'apres-midi au Pharaon, et la nuit a la debauche, a la difference des bourgeoises, qui n'ont d'occupation que la derniere. Vous savez, sans doute, quels egards on a en Italie pour les Huguenots, et pour les Juifs en Espagne; c'est comme on traite les Etrangers ici; on les regarde precisement comme une espece d'animaux faits expres pour etre pilles, voles, assommes au bout, s'ils avoient l'impertinence de le trouver mauvais. Ich bat um Erlaubniss, die Stelle abzuschreiben. Mit bitterem Vergnugen las er sie mir zur Uebertragung in meine Schreibtafel noch einmal vor warf den Brief, unter einem Schlag seiner flachen Hand, auf den Tisch, und "Ich Thor," rief er, "konnte diesem abschrekkenden Gemalde zum Trotz mich doch verfuhren lassen, das verrufene Original jenseits des Meers aufzusuchen. Vier verdammte Wochen verschlucke ich nun schon diese mephitische Luft, gegen die unser Kohlendampf Wohlgeruch ist habe schon sechs solcher Todtenmahle, als das heutige die der menschenfreundliche Prosektor mir als Arzneien verordnete, beigewohnt. Langer aber will ich sein Narr nicht seyn. Au contraire: bin ich nun einmal verdammt, mich dem Drucke des Lebens Preis zu geben, so sei es wenigstens in meinem Vaterlande. Doch es ist Zeit, dass jeder sein Bette suche. Holla leuchtet dem Herrn! Schlafen Sie wohl!"
Der Kopf schwindelte mir bis in die Chinawurzel. Ein dunkles, schmerzhaftes Gefuhl beklemmte mir die Brust. Nach genauer Untersuchung fand sich, dass es nichts als zartlicher Kummer war, den ich fur das unschuldig verlaumdete schone Madchen empfand denn an die Wahrheit einer so hasslichen Nachricht war mir nicht moglich zu glauben. Der morgende Tag soll mir die Sache klar machen. Ich habe uberhaupt nicht leicht einem mit grosserem Verlangen entgegen gesehen denn ich gehe mit der frohen Aussicht zu Bette, ihn in der Gesellschaft eines Mannes hinzubringen, dessen liebenswurdiger Charakter mich von Jugend auf an sich gezogen hat. Und hatte ich nichts als seine Visitenkarte neben einem Haufen anderer, in dem Zimmer des Doktors, unter dem Spiegel entdeckt, so wurde ich mein Souper nicht fur zu theuer halten. Solltest Du von dem muntern, launigen Kammerherrn * * * nichts gehort haben? der die schlafrigste Gesellschaft, in die er tritt, schon durch seine Gegenwart aufheitert? Dieser ist's, von dem ich spreche; er war der Freund meiner Aeltern und mein Pathe. So lange ich Kind war, vergass er nie, mir Konfekt von der furstlichen Tafel mitzubringen, und in meinem dreizehnten Jahre wollte er mich dem Herzoge zum Pagen empfehlen, aber mein Vater, der damals noch nicht an meiner Erziehung verzweifelte, verbat es. Was er dagegen vorbrachte, liess sich zwar horen; aber der Kammerherr behielt nach meinen Gedanken dennoch Recht. Er wusste die Vorzuge eines Hofmanns gar zu hubsch aus einander zu setzen. Kurz nachher brachte mich ein Erbgut, das meiner Mutter zufiel, ins Preussische. Der Kammerherr schrieb mir noch ein paarmal: aber nach und nach wie das so geht verloren wir einander aus dem Gesichte. Fur ein paar fuhlende Seelen geht doch nichts uber die Freude des Wiedersehens. Meine Apotheose muss Bastianen sehr angegriffen haben. Ich fand ihn so tief eingeschlafen, dass er nicht zu ermuntern ist. Zum Gluck kann ich noch ohne Hulfe ins Bette steigen!
Montpellier den 28sten Februar.
"Lass es mit deiner Dramaturgie gut seyn, Bastian! Ich habe in meinem Leben keine ausstehen konnen, am wenigsten heute, wo mir wichtigere Dinge durch den Kopf gehen, als der Effekt, den meine Puppe auf dem Theater gemacht hat." Nach dieser ernsten Erklarung, die ihm auf einmal das Maul stopfte, musste er mir den Wirth rufen, wahrend ich aufstand. Denn ich ware den ganzen Tag nicht ruhig geworden, wenn ich nicht Auskunft uber die Mordgeschichte von gestern erhalten hatte. Jetzt habe ich sie auf das ausfuhrlichste, und weiss nun nicht, wie ich die Hitze verblasen soll, in die sie mich gesetzt hat. Ja, Eduard, ich schwore Dir zu besass' ich die Gabe der Beredtsamkeit, ich wollte sie nur zu einem einzigen Texte anwenden. Durfte ich als geistlicher Redner von der Kanzel donnern, und berechtigt seyn, Aufmerksamkeit von meinen Zuhorern zu fordern ich wollte nicht uber die Gnade Gottes nicht langer uber die Wiedergeburt, nicht uber die Dreieinigkeit, sondern Jahr aus Jahr ein uber die menschliche Grausamkeit der Verlaumdung predigen, und vergnugt in das Grab steigen, wenn ich nur diess einzige Laster aus meiner Gemeine verbannt hatte. Ich wurde es bei meinem Predigen machen, wie der Stifter unserer Religion, der in keinem alten Konkordienbuche erst nach Beweisstellen forschte, um ein in Schwange gehendes Verbrechen zu richten. Er griff in das gemeine Leben, und erdruckte die Natter, wo er sie fand. Was bekummert sich eine Neuigkeitskramerin, die oft im Angesichte ihres Beichtvaters ihrer Nachbarin bald diese bald jene nachtheilige Geschichte, die man ihr von dieser und jener erzahlt hat, ins Ohr raunt, was bekummert sie sich um sein altes Evangelium und die verlaumdete Unschuld der Batseba? Sage Er ihr lieber selbst den Sonntag darauf in offentlicher Versammlung, was ihre Zunge Boses gestiftet und fur unheilbare Wunden geschlagen hat. Die gewohnliche Sentenz des Verlaumders die schon manche reine Tugend getrubt, manches Gluck zu Grunde gerichtet hat die einzigen fein vergifteten Worte: "Etwas mag wohl daran seyn!" konnten ein reichhaltiger Text zu einer allgemeinen Erbauung werden. O ihr, die ihr oft mehr aus Leichtsinn oder ubler Laune, als bedachtiger Bosheit, durch gehassige Nachreden meinem empfindlichen Herzen blutige Thranen abgepresst habt o konnte mein Tagebuch, wenn es je unter eure kritischen Augen gerathen sollte, euch doch auf allen Blattern belehren, dass ihr wider Rechte verstosst, die auch euch zu Gute kommen, wenn ihr das schillernde Licht, das oft Zufall und Umstande uber den besten Menschen verbreiten, zur Grundfarbe seines Charakters macht. Armes, gutes Kind! das mir ein missmuthiger Mann ohne zuvor der Entstehung des Geruchts, das ihn irre leitete, nachzuforschen, als Kindermorderin bezeichnete. Etwas Wahres muss doch daran seyn! Ja, das ist es auch! aber dieses Etwas ist die unschuldigste Sache von der Welt. Das Madchen war zwolf Jahr alt, als der freundschaftliche Arzt von dem Tage an, da ihm die Haut der Mutter kontraktmassig zufiel, sich vaterlich der Verwaisten annahm. Es fehlte ihr nichts zu einer vollkommenen Schonheit, als dunkles Haar, weisse und gesunde Zahne, und er nahm das eine und das andere von einer enthaupteten Kindermorderin, schmuckte seine Pflegetochter mit jenen braunen Lokken, die so malerisch an ihrem weissen Nacken herabrollen, und pflanzte statt schwarzer Stifte reine Perlen in ihren Mund. That er unrecht daran? Ist es etwa menschlicher, wenn andere in demselben Fall ihr Gebiss von mehrern Savoyarden zusammenkaufen, und mit dem Elfenbein der armen Jungen auf Eroberungen ausgehen? Wurden wohl die Geschichten aller der Haartouren auf unsern vornehmen Dummkopfen erbaulicher ausfallen, wenn sie eben so bekannt waren, als die eben erzahlte? Der Arzt, behaupte ich, hat das liebe Kind nicht nur schoner, als es vorher war, sondern auch fester fur ihre Tugend hergestellt. Denn ward jene Ungluckliche, die vielleicht aus Verzweiflung ihr Kind mordete, des Beispiels wegen hingerichtet, welche Reliquien konnten ruhrender an das Herz sprechen? Welche Warnung konnte ein unbefangenes Madchen vor dem ersten Fehltritte kraftiger sichern, als der Nachlass einer so tief Gefallenen, den es als seinen taglichen Schmuck tragt, mit dem es jeden Morgen vor seinen Spiegel tritt? Der ausgelernteste Verfuhrer wurde schwerlich Lippen erreichen, die Kleinodien von so magischen Kraften bedecken. Ich wurde den Spotter aufs Maul schlagen, der aus diesen, dem lieben Kinde zugefallenen hohern Reizen die Bemerkung ziehen wollte, dass man, mit der seltensten Muhe sogar, nicht einmal aus zwei weiblichen Geschopfen ein ganz unberuhrtes achtunschuldiges zusammen zu setzen vermochte. Es ware nichts, als ein boshafter Einfall. Nach ernster Erwagung eines richtigen Verstandes sind die Spiele des Verfuhrers mit den Locken der ersten Eigenthumerin sind die Perlen, denen seine Falschheit huldigte, rein durch den Tod, dem er die Betrogene uberlieferte, abgewaschen. Die Reize dieses Naturschmuckes sind, zu Erweckung edler Triebe, auf die neue Besitzerin ubergegangen. Die Schuld und das Ungluck, die sie ehmals befordern halfen, bleibt allein an der Seele des Verfuhrers ein unausloschlicher Makel. Ist unser Herz einmal einer unwahren Beschuldigung auf die Spur und in den Fall gekommen, der Verlaumdung ein unschuldiges Opfer abzukampfen, so dunkt man sich gross, bekommt Muth, und macht es sich zum Gesetz, keine uble Nachrede zweifelhaft auf sich beruhen zu lassen keinem Gegenstande, der eines Beschutzers bedarf, Bequemlichkeit halber aus dem Wege zu gehen. Darum, und damit Niemand meinem Tagebuch den Vorwurf mache, als habe es das milzsuchtige Geschwatz des Lords nur noch weiter verbreitet, soll mich die Muhe nicht verdriessen, die bessern Gedanken naher zu entwickeln, die mir gleich Anfangs unser freundschaftlicher Wirth und seine Tischgenossen einflossten und den einen wie die andern mit der Warme eines jungen Advokaten, der seinen ersten Prozess gewonnen hat, in Schutz zu nehmen. Warum wenn es nicht aus Nationalhass, dem unbilligsten von allen, geschah ergoss der Englander so viele Galle uber die anatomischen Leibrenten des franzosischen Arztes? Verdienen sie nicht eher Lob, als Tadel? Ist es denn nicht menschlicher berechnet, einem Armen statt ihn verhungern zu lassen das Kapital seiner Erhaltung auf die sicherste Hypothek, die ein Mensch verlangen und geben kann, vorzustrecken, und die Schuld bis zu dem grossen Zahlungstermin zu fristen, wo die Natur die ihrige einfordert? Kann wohl leichter Gesellschaftston, ungezwungener Umgang, die sonst zwischen Schuldnern und Glaubigern nicht eben gewohnlich sind, sicherer in Schwung gebracht werden, als durch einen solchen Kontrakt, der beide Theile so genau mit einander verbindet? Handelten diese Verkaufer ihrer selbst, die gewiss zu ihrer Zeit frohlicher, als mancher Furst neben seinem Erbprinzen, bei Tafel sassen, etwa desshalb unmoralisch, dass sie ihre todten Reste lieber ihrem Wohlthater der Wissenschaft und dem gemeinen Besten Preis gaben, als den Wurmern? Wie froh verlebten sie ihre zugemessene Zeit auf dem Schauplatze der Welt, wie sorgenlos konnten sie in den Freundschaftstempel bei der Gewissheit eintreten, dass ihre Zuruckgelassenen fur gleichen Lohn ihre Gastrollen neben an fortspielen wurden! Je weiter ich den menschenfreundlichen Anstalten unseres Arztes nachgehe, je philosophischer erscheinen sie mir. Indem der Anatom in gutmuthiger Erinnerung auf die Knochen derer hinblickt, die noch vor kurzem auf fremde Kosten sich an seiner Tafel des Lebens erfreuten, bietet der Menschenfreund seine hulfreiche Hand auch ihren Sohnen und Tochtern, sorgt, so lange sie in dieser Zeitlichkeit wallen, nicht nur fur jede ihrer Befriedigungen, sondern benutzt auch ihr Daseyn fur andere, indem er an der Granze, wo die korperliche Heilkunde in die des Geistes ubergeht, sie bald als Schildwache gegen einen Feind ausstellt, der die Tiefdenker am liebsten beschleicht, bald sie als Blutigel den Grillenfangern ans Herz setzt, denen, wie mir und dem Lord, durch kein Mittel beizukommen ist, als durch muntere Unterhaltung. Wie unheilbar muss nicht der Kranke seyn, den in einem Asyl, wo die Essenzen des gesellschaftlichen Lebens nicht so gang und gebe sind, als die Waaren der Apotheken, die paar Goldstucke gereuen, die er an eine so glucklich ersonnene, viel versprechende Kur wendet und der es der witzigen, schonen und liebenswurdigen Abendgesellschaft zum Vorwurf macht, dass sie sich wenige Schritte von dem Museum ihn zu erheitern bestrebt, wo ihre Blutsfreunde zergliedert in Wachs Quecksilber oder Spiritus vini der Auferstehung warten. Gewiss, lieber Eduard, ist von allen albernen Sophisten derjenige, den Hypochondrie dazu gestempelt hat, der albernste. Mein Gott! sind denn die Erbbegrabnisse hoher Familien nicht gewohnlich mit ihren Ess-, Tanz- und Redoutensalen unter einem Dache? Was wurden kluge Hofleute von ihrem Fursten halten, der sich vor der Asche desjenigen scheuen wollte, der ihm zu seinen gebietenden Einfallen Platz gemacht hat? Musste nicht eine allgemeine Hemmung der Freude entstehn, wenn Grabhugel unsere uber sie hinrauschenden Ergotzlichkeiten aufhalten konnten? Hatte der Hall, bald aus diesem, bald aus jenem Todtengewolbe, Wirkung auf unser Ohr horten wir immer das schreckliche: Stehe still, leichtsinniger Mensch! rufen. Du hast mich nicht nach Wurden geschatzt nicht genug geliebt, als ich noch bei dir war hast mir Unrecht gethan, und kannst es Wehe dir! nicht wieder gut machen beim jetzt modert das Herz, das du gekrankt hast, da es noch fuhlen konnte die Hand hat keine Kraft mehr, die ich dir zur Versohnung reichte, und du stolz von dir stiessest. Du gabst jetzt wohl die Halfte deines Lebens fur einen Tag, wo du mir die Reue gestehen konntest, die du mir verschwiegst aber die Zeit dazu ist verlaufen wenn solche Klagstimmen aus den Gitterthuren der Kirchhofe unsern Jagden, Spaziergangen und Festen entgegen traten, was, o du barmherziger Gott! sollte aus uns werden?
Der Uebergang von dem gerechten Lobe meines gestrigen Abends zu meinem heutigen Mittagsmahl machte mir die Oelkuchen der Chinawurzel nur noch widriger. Ware ich verdammt, meine Tage in Montpellier abzuspinnen, so bliebe mir wahrlich nichts ubrig, als mich dem Doktor in die Kost zu geben. Brachte mich mein Kouvert vollends neben meine Klientin, so mochte er mich meinetwegen nach meiner irdischen Vollendung so freundschaftlich behandeln, als er wollte.
Dass die Liebe sattigt, wohl zu verstehn, ehe ihre neugierigen Wunsche erhort sind, wusste ich schon lange, dass es sich aber mit der Freundschaft eben so verhalt, erfuhr ich erst diesen Mittag. Und waren die Gerichte noch so lukullisch gewesen, ich glaube nicht, dass ich zu ihrem bedachtigen Genusse meine Gedanken hatte sammeln konnen, so sehr war ich mit der Action und Reaction des Vergnugens beschaftigt, das ich in einer guten halben Stunde bei dem Kammerherrn zwar nicht ganz ohne Furcht erwartete; denn ich kenne mich. Solche freundschaftliche Erschutterungen sind meiner Festigkeit so gefahrlich, als die Ergiessungen des Meers einem hollandischen Damme, und ich stehe nicht dafur, ob ich nicht des lieben Mannes wegen noch ein paar Tage langer hier bleibe, als ich willens war, und Dich sonach, lieber Eduard, um so viel spater umarme.
Nein, Du hast nichts zu furchten. Meine Vorklage war vergebens. Der Kammerherr halt gewiss keinen halbwege gescheidten Menschen eine Stunde langer in Montpellier auf, als er dazubleiben gedachte. Das soll das letzte Mal seyn, dass ich auf einen alten Freund baue. Ich musste dreimal an das einsame Haus pochen, in das er sich eingebettet hat, ehe mir ein eisgrauer Bedienter die Thur offnete. Ich hatte alle Muhe, den tauben Kerl zu verstandigen, was mein Begehr war, und es vergingen zehn Minuten, ehe er von der Botschaft an seinen Herrn zuruckkam, und mich einliess. Mein erster Blick, der gerade auf den Armstuhl fiel, auf welchem, statt des liebenswurdigen Mannes, den ich suchte, ein Greis in Kissen versunken lag, belehrte mich schon ziemlich von dem grossen Rechnungsfehler, in den ich gefallen war. Konnte ich mir denn nicht an den Fingern abzahlen, dass jene, seit unsrer Trennung verlaufenen Jahre, die schon mich zu drucken anfangen, ihn ganz niedergebeugt haben wurden, dass ein Mann, der schon von weitem herkam, als wir auf unserem Wege zusammentrafen, ungleich kraftloser und ermudeter seyn musse, als ich? Ach, dieses schone Exemplar eines wohl stilisirten Hofmanns lag jetzt wie ein alter Taschenkalender da, an welchem die Vergoldung verwischt und der Einband verschrumpft ist. Ich naherte mich ihm; aber weder seine Augen, noch sein Gedachtniss, unterstutzten meine Anrede. Er nahm mich immer fur einen andern.
Ein nobles Invaliden-Chor
Hochwurd'ger Blinden, stiftsgerechter Lahmen
Belagerte sein steiles Ohr.
Der innre Schall so werther Namen
Liess nie den Silberklang des meinigen hervor.
Zuletzt gefiel's ihm gar ein Bildniss auszukramen,
Das schon zu Plattner's27 Zeit Farb und Gestalt verlor,
Er passt' es schlau in meinen Rahmen,
Und krahte mir mit heisrer Stimme vor:
Ja, beim Merkur, du bists! Sind etwa deine Damen
Auch von der Reise mit, Signor?
Dieser heidnische Schwur, der nirgends gefahrlicher klingt, als in Montpellier, erschutterte mich beinahe so sehr, als mich die Verwechselung demuthigte, die er mit meiner Person vornahm. Ich gab es schon ganz auf, mich ihm kenntlich zu machen, und sah mich nach der Thur um, als sein Kammerdiener uns mit einem sympathetischen Mittel zu Hulfe kam, das ich mir merken will. Auf seinen Ruf in das Nebenzimmer trat ein junges freundliches Madchen herein, legte ihr Strickzeug auf den Tisch liess sich den Vorfall erzahlen bat um meine Karte hielt sie ihm mit der einen Hand vor die Augen, und legte die andere in die seinigen. Seit Strassburg ist mir nun zwar aller thierische Magnetismus verdachtig geworden, aber hier musste ich, zu meinem Erstaunen, eine Ausnahme machen; denn kaum hatte er seine abgestorbenen Finger an der Hand des jungen Madchens erwarmt, so kam auch seine Sehkraft zuruck er las meinen Namen ganz fertig, und "Ja" rief er frohlockend aus:
"Ja, nun erkenn' ich Sie und Ihre Wangen sind
Den Rosen gleich, die sich entfalten:
Doch, mein Exempel lehrt, wie jammerlich geschwind
Auch Rosen vor der Zeit veralten.
Ihr Vater? lebt er noch? Das war ein Mann! Er hat
Mit mir studiert. Begluckte Zeit! Wir wussten
Sie auch zu brauchen, Herr! Kein Madchen in der
Stadt,
Das wir nicht kannten Trauseat
Cum caeteris! Jetzt kommt mein Husten."
Er kam geschwind, dauerte aber desto langer. Unterdessen unterhielt mich das elektrische Madchen. "Ich bin," sagte sie, "die Tochter vom Hause. Wir leben von den kranken Fremden, die bei uns einziehen. Der Medikus des alten Herrn" mit Vergnugen horte ich, dass es mein Doktor war, "empfahl, da nichts helfen wollte, ihm die Beruhrung eines siebzehn- bis achtzehnjahrigen Madchens liess mich rufen, und der Versuch gelang zum Verwundern ..." "Und bloss mit der Hand?" fragte ich. "Ja, mein Herr, wie Sie gesehen haben. Seitdem sitze ich immer in der Nebenstube, um gleich da zu seyn, wenn etwas vorfallt, wozu er sein Gesicht und sein Gehor braucht. Der Herr hat mich auf ein halbes Jahr gemiethet aber der Arzt zweifelt, dass er die Miethzeit aushalten werde. Es sollte mir leid thun; denn mein Dienst ist leicht und eintraglich." "O, bei einer so eigenen Kraft," trostete ich sie, "darf Ihnen nicht bange seyn! Geschwachte Reisende gehen hier nicht aus, und der Herr Doktor wird schon weiter fur Sie sorgen." Mein alter Freund, da sein Husten voruber war, suchte nun sein abgelebtes Talent hervor, mich a mon aise zu setzen. Das schone Madchen musste ihm zum zweitenmal ihre Hande Preis geben, ehe er die Zunge bewegen konnte. Er mochte wohl den mitleidigen Blick, der i h r galt, auf sich ziehen. "Ja, da sehen Sie, junger Herr, wie weit es mit mir gekommen ist. Der Doktor hat mir hier ein erwarmendes Mittel verordnet, das zwar einigermassen wirksam fur mich aber bitterer ist, als kein anderes. In Gegenwart dieses unschuldigen Kindes will ich mich nicht weiter daruber erklaren. Was fur eine Krankheit hat Sie denn hieher gebracht? Hypochondrie, sagen Sie? O da sind Sie gegen mich noch zu beneiden die kommt von den Studien, hebt sich wohl noch, und lasst keine Reue zuruck; wenn man aber, wie ich, funfzig Jahre alle Schulen des Hofes durchgelaufen, und in jeder die Gifte verschluckt hat, die ihnen eigen sind, da will ich den Arzt loben, der dem Patienten zu helfen versteht. Wem es keine Zufriedenheit gewahrt, hinter sich zu blicken, der kann auch nicht mit Hoffnung vorwarts sehen." Doch, um kurzer von dem alten Hektikus zu kommen, will ich zum dritten Male seinen prosaischen Husten in einen poetischen bringen, der doch noch immer leidlicher klingen wird, als jener
"Der Hof," rausperte er sich
"Der Hof verdirbt uns das Gewissen,
So wie er uns das Blut verdirbt.
Willst Du Dein Leben Dir versussen,
Die Seele reinigen, so flieh' ihn! Man erwirbt
Auf diesen Buhnen nichts, das nicht mit Gallenflussen
Errungen wird. An Handen lahm und Fussen
Hascht man nach dem Genuss und stirbt.
Ich uberschlug zu spat, was mir der Hof gegeben,
Und was sein Dienst mir stahl und mit erschrocknem
Blick
Gab ich seit kurzem ihm mein ungeniessbar Glucke
Zur Wiederkehr in ein verlornes Leben,
Zur Rettung meiner selbst zuruck
Umsonst! Nun sitz' ich hier und kaufe
Die Apotheken aus, und wenn's Gott nicht gefallt,
Dass ich dem Grabe noch entlaufe,
Bis ich zuvor mein Haus bestellt,
So furcht' ich sehr, ich komm' in jener Welt
Gar aus dem Regen in die Traufe."
Das Sprechen hatte ihn so erschopft, dass er sich auf einmal zurucklehnte, die Hande des Madchens fahren liess, und, ohne meinen Abschied zu vernehmen einschlummerte. Um kein Gerausch zu machen, warf ich dem guten Kinde nichts als einen freundlich herzlichen Blick zu, indem ich mich mit Katzentritten zu der Stube hinauszog, und noch leise auftrat, als ich schon auf der Gasse war. Ich kam uber meine fehlgeschlagene Erwartung ganz verdriesslich in dem Gasthofe an, und sah von weitem einige Betrachtungen uber die Hinfalligkeit des menschlichen Lebens anrucken, die mir auch keine sonderliche Zerstreuung versprachen. "Lass uns ausfahren, Bastian," rief ich; "und die umliegende Gegend besehen!" "Ach!" seufzte er, "lieber Herr, da hatte ich wohl einen bessern Vorschlag." "Nun, so lass horen!" "Als wir gestern so schnell den Wagen der Mylady Klarchen nach, durch Lunell fuhren, dachte ich in meinem Sinn: Jetzt eilst du mit deinem Herrn so gerade fort nach Deutschland, und nur drei Viertelstunden von dem Dorfchen vorbei, wo deine Mutter und Schwester wohnt, die du vielleicht in deinem Leben nicht wieder zu Gesicht bekommst. Wenn Ew. Gnaden nun, anstatt ..." "Ja, du hast Recht, Bastian," fiel ich ihm in's Wort "Wir wollen nach Lunell. Dort kannst du deine Verwandten besuchen; ich gebe dir Urlaub bis Morgen gegen Mittag. Deine Schwester aber und meinen alten Johann mochte ich selbst auch wieder sehen. Den kurzen Weg sind sie mir wohl schuldig, da ich ihnen noch einmal so weit entgegen fahre. Lauf auf die Post voraus bestelle eine leichte Chaise, damit ich schon angespannt finde, wenn ich nachkomme." Bastian war wie ein Pfeil die Treppe hinunter, und ich wollte eben nach, als.. denke einmal, der Kammerherr, aus altgewohnter Hofsitte, mir einen Gegenbesuch machte zwar nicht in eigener Person, sondern, viel gefahrlicher, durch eine schon verzierte Karte mit seinem Wappen und Namen, die mir seine junge Aufwarterin uberbrachte. Doch die schonsten elektrischen Versuche hatten mich in diesem Augenblicke nicht aufhalten konnen. Ich hatte Margot in Gedanken schenkte der Ueberbringerin um nichts und wieder nichts einen grossen Thaler, und entliess sie mit vielen Empfehlungen an ihren alten Patron.
Der Hausknecht musste mich den nachsten Weg nach dem Posthofe fuhren. Ich fand eine Chaise mit vier Pferden, setzte mich mit Margots Bruder ein, und ehe zwei Stunden vergingen, befanden wir uns vor einem recht artigen Wirthshause zu Lunell. Bastian so wie ich abstieg machte sich auf die Beine. Ich bestellte sogleich ein ausgesuchtes Abendessen fur mich und meine Gaste und tauschte unterdess meine Ungeduld mit Besichtigung des Orts und seiner Weinberge kam aber immer noch zu fruh zuruck, und wusste jetzt eben so wenig, als vorher, was ich mit mir anfangen sollte. Der nachste Weg vom Weinberge, dachte ich, geht zum Fasse, um das Gewachs zu versuchen. Mit diesem Vorsatz trat ich, vorbeigehend, in die Stube des Wirths. Es war ein verstandiger Mann, der mir sehr gern ein paar Flaschen von den beiden vorzuglichsten Sorten auftrug. An demselben Tische sass ausser mir noch ein Narr von Reisenden aus Arles, der mich sogleich in Untersuchung nahm, und sich als einen Antiquarius ankundigte. Ich muss Dir doch etwas von seiner Unterhaltung mittheilen. "Der Herr kommen gewiss uber die via Aureliana?"
"Ich komme gerade von Montpellier."
"Mons puellarum, wie einige alte Autoren es nennen und gedenken also wohl von hier die Antiquitaten von Arles zu besuchen?"
"Nichts weniger!" Hier schenkte ich mir und ihm ein Glas ein. "Der Ort," fuhr er mit belehrender Miene fort, "verdiente es doch vor vielen andern. Die alten Romer haben ihn, in dem unfruchtbarsten Landstrich zwar, den man sich denken kann, erbaut; denn die Wege von allen Seiten dahin, muss man zugeben, sind die schlechtesten in der Monarchie. Der altere Plinius nennt schon die dortige Flache sehr artig Campi lapidei." "Da hat," fiel ich ihm in die Rede, "der altere Plinius nach meiner Einsicht, nichts artigeres gesagt, als was, wenn ich dahin ginge, mein Postknecht auch sagen wurde. Dergleichen Wege aber, sie mogen modern oder antik seyn, suche ich nicht gern ohne Noth auf." "Ohne Noth? Das glaube ich wohl," antwortete er spitzig "aber hoffentlich spreche ich mit einem Verehrer der Alten, und fur einen solchen sind keine Beschwerlichkeiten zu gross, um die Spuren ihrer Grosse aufzusuchen. Dergleichen Schatze des grauen Alterthums, als unser Thelina, oder, wenn Sie es lieber horen, unsere Mammilliaria aufzuweisen hat, treffen Sie nirgends in so einer Menge beisammen an. Der Obelisk, das Amphitheater, die verfallene Wasserleitung konnen allein schon einem vernunftigen Manne das langste Leben erheitern, und nun vollends die Elysaischen Felder die sind, ich gestehe es Ihnen, mein einziger liebster Spaziergang. Wenn ich dort manchmal in Gedanken vertieft, vor einem Aschenkruge stehe die Denkschriften die Beweise jener ruhmvollen Zeiten lese so ergreift mich eine Empfindung, die sich nicht beschreiben lasst. Was fur ein Volk muss das gewesen seyn, das solche Manner hervorbringen konnte, als jene Inscriptionen besagen. Strabo und Pomponius Mela haben ..." Mir lief hier ein kalter Schauer uber die Haut. Ich wartete seinen angefangenen Perioden nicht ab schob ihm fur seinen Unterricht die Flasche zu, die mir in Vergleichung der andern nicht schmekken wollte, setzte den Ueberrest der bessern, die ich schon halb im Kopfe hatte, in d e n meines Huts nahm ihn unter den Arm und taumelte in mein Zimmer; denn von allen Schwatzern, lieber Eduard, ist mir keiner so zuwider, als der mir Gelehrsamkeit auskramt, wahrend ich eine Truffel schale an dem Bein eines Haselhuhns klaube, oder wie hier der Fall war, vortrefflichen Wein schlurfe. Das ware eher ein Mann fur unsern Freund G**, als fur mich. Wie wurde ihn so ein Gesellschafter aufmuntern ihm so eine Mammilliaria, behagen. Er
Der seine schone Frau und ihre Jugendwachter
Und seine Kinder kaum mit der Gewissheit kennt,
Als die verloschenen pratorischen Geschlechter
Vom ersten Consul an, bis zu dem letzten Fechter
Des abgelebten Roms, und um ein Monument
Vor Christi Kreuzigung sich aus dem Athem rennt;
Wie konnt' er wohl dem bettelnden Lateine,
Wenn ihm das Spruchelchen: S t e h , W a n d r e r ,
still und weine,
Ins Auge leuchtet widerstehn,
Und einem Sarkophag und einem Leichensteine
Aus Nero's Zeit vorubergehn?
Fur mich mag, was sie will, die graue V o r w e l t
lugen!
Im heuchlerischen Hang, die N a c h w e l t zu betru
gen,
War sie nicht ehrlicher, als ihre Kinder n u n .
Ich weiche b e i d e n aus auf meinen Ritterzugen,
In Hoffnung, von dem Kampf mit menschlichem Ver
gnugen
Auch ohn' ein Marmorgrab gemachlich auszuruhn,
Und hab' itzt gnug mit mir, und unter allen Krugen
Mit einem Aschenkrug am wenigsten zu thun.
Stieg ich schon die Treppe unter solchen belebenden Gedanken hinauf, so rieb ich mir erst vor ausgelassenem Muthwillen die Hande, als ich mich mit meiner halben Bouteille ungestort allein sah leerte sie vollends aus, und klingelte nach einer frischen. Je leichter auch diese ward, desto begeisterter fuhlte ich mich, diesen herrlichen Wein zu besingen. Ein Lacheln innerer Zufriedenheit ein sanfter Trieb allgemeinen Wohlwollens, besonders gegen das gute freundliche Geschlecht, das mir immer im Sinne liegt, durchwarmte mein Blut, und in der sussesten Schwarmerei stimmte ich das erste Trinklied an, das mir je uber die Zunge gekommen ist. O, rief ich, indem ich mein volles Glas gegen das Licht hielt:
O dass mir Bacchus nie den Quell
Von diesem Wein verstopfe,
Und immerdar so rein und hell
Dein Gold, o geistiger Lunell,
In meinen Becher tropfe!
Perlt nicht in deinem Wundersaft,
Gleich einem Salbungsole,
Ein Opium der Leidenschaft,
Ein Elixir der Lebenskraft,
Ein Labetrank der Seele?
Wer deine Susse schmeckt, wird nie
An Tyrannei erkranken.
Beim Traume der Philosophie
Schwor' ich, dass Dohm28 und Beccarie29
Von diesem Weine tranken.
O, hatt' einst unsern Frederic
Ein solcher Geist erheitert.
War' unter seinem Adlerblick
Wohl nicht mein ankerloses Gluck
Im Sturm des Kriegs gescheitert.30
Denn Mitleid schleicht bei dem sich ein,
Den deine Trauben tranken;
Es schaumt der Wunsch in deinem Wein,
Freund seiner und der Welt zu seyn,
Und kein Geschopf zu kranken.
Euch, die mit mir Ein Punkt der Zeit
Nach Einem Zwecke neiget,
Ihr Grazien der Weiblichkeit,
Euch sei der susse Duft geweiht,
Der meinem Glas entsteiget.
Mein liebes kunftiges Geschlecht,
Dem nur in diesem Wein bezecht
Ich froh entgegen gehe,
Stoss an Gott fulle mir so acht
Einst den Pokal der Ehe.
Indem flog die Thur auf, und Margot mir in die Arme. Ich hatte wohl gewunscht, dass sie eine Strophe eher gekommen ware. Sprachlos hielt sie mich fest umschlungen, und ich, eben so sprachlos sie umschlingend, bedeckte das ruhrende Gesicht mit Kussen von dem zartlichsten Gehalt. Wir vergassen uns in dieser Scene des Wiedersehens so sehr, dass keins den guten Johann, der weniger geschwind zugeflogen kam, als seine leichtfussige Frau, eher bemerkte, bis er mich thranend bat, dass ich auch ihm eine Hand reichen mochte. Nun kam sie zur Sprache nun erzahlte sie mir, welche unverhoffte Freude ihr Bastians Besuch noch mehr aber die Nachricht von meinem Hierseyn in ihrer nachsten Marktstadt gemacht, und wie sie mit eigenen Handen geholfen hatte, die Esel zu satteln, damit wir nur recht bald zu unserm so gar guten Herrn kamen. Ach Gott! unterbrach nun eins das andere, wie unaussprechlich glucklich haben Sie uns gemacht! Eben noch so unbefangen in ihren Tanwieder ganz warm ums Herz. Mit welchem hellen Gelachter erinnerte sie sich nicht unserer Wirthschaft zu Caverac, und gern hatte sie mich noch einmal ware ich ihr nicht auf dem Dache gewesen uber den Strauchdieb auf dem Fichtenberge abgehort. Doch konnte ich ihren beiden lieben Handchen nicht schnell genug wehren, dass sie mir nicht ein paar Runzeln von der Stirn glattete, um nachzusehen, ob mir nicht eine Narbe geblieben ware. "Johann," rief sie, "sieh nur her, was mein Krauterumschlag fur Wunder gethan hat! Da ist auch nicht die geringste Spur mehr von dem Kopfstosse zu finden."
Ein frohliches Abendessen, das sich durch drei Flaschen des belobten Weins bis weit uber die Mitternacht ausdehnte, vermehrte unsere Zufriedenheit. Keine Redoute kann eine Stadtdame so munter erhalten, als es die kleine Margot wahrend unsers lieblichen Bankets war. Erst bei der dritten Bouteille, die ich und Johann allein ubernahmen, wurden ihre naiven Einfalle einzelner ihre Worte abgebrochener, und die zwanglose Natur wiegte sie endlich neben uns ein. Ich winkte ihrem Mann, und half ihm sein mudes Weibchen in das Himmelbett tragen, das dem Schlafstuhle, der mir nun ubrig blieb, ungefahr so nahe stand, wie zu Caverac ihr Strohlager dem meinen. Mein alter Kammerdiener konnte nun, ohne ihre Bescheidenheit zu beleidigen, so viel zum Lobe seiner Lebensgefahrtin vorbringen, als ihm sein Herz eingab. Ich mochte wohl noch eine halbe Stunde Theil an seinen Empfindungen genommen haben, als auch mir die Augen zufielen, und Johann so leise als moglich, um mich nicht zu storen, die angebrochene Bouteille unter den Arm nahm, und zum Zimmer hinaus seiner Lagerstatte nachschlich. Das Opium des oligen Weins wirkte so stark, dass der helle Morgen schon lange uber unsern Hauptern schweben mochte, ehe nur eins von uns dreien erwachte, und das war ich. Nun bitte ich Dich fur einen Augenblick, lieber Eduard, um ein freundliches Gehor! Sage mir, was wurdest Du von einem Maler halten, der aus Furcht, mehr zu sehen, als sein Pinsel wieder zu geben vermag, sein Gesicht von einer paradiesischen Gegend in dem Augenblicke wegwenden wollte, wo die Nebel fallen die Sonne hervortritt Berg und Thal uberschimmert, und sich ihm die schonste Perspektive der Natur eroffnet? Deine Antwort mag ausfallen, wie sie will, genug, ich genoss lange auf Gefahr, geblendet zu werden diese eben so gluckliche als kritische Lage auf meinem Lehnstuhl. Endlich wunschte ich mir die Schonheiten der Ferne um einige Schritte naher erhob mich leise von meinem Sitz, und wollte eben meine sussen Betrachtungen fortsetzen als ein Blick auf die Wanduhr, die anschlug, mich, wie vom Donner geruhrt, neben Margots Bette niedersturzte. Jetzt, dachte ich und Thranen loschten schnell die Flammen meiner Augen jetzt tritt jene tugendhafte Dulderin vor ihr Gitter blickt wehmuthig gen Himmel und flehet zu Gott um die Wohlthat einer Zahre. Segen uber den Mann, der zuerst der Zeit eine Stimme gab! Mit Betrubniss uberblickte ich mein zagendes Herz mit Errothung die in aller Unschuld Schlummernde erhob mich von meinen Knieen deckte mit dem Ernste eines vaterlichen Freundes, was zu decken war, und nun erst weckte ich sie. Sie flog mir mit liebkosendem Frohsinn entgegen, und auch ich freute mich, dass ich nicht ganz unwerth war, ihren Morgenkuss zu erwiedern. "Willst du nicht deinen Mann aufsuchen, Margot, und unser Fruhstuck bestellen?" Voll jugendlicher Heiterkeit hupfte sie mir sogleich aus dem Gesichte, und ehe ich noch ganz die meinige wieder erlangt hatte, kam sie mit dem glucklichen Sterblichen zuruck, der ihre Liebe besass. Er trug eine Schaale mit Milch herbei sie ein Korbchen mit Obst. Es waren auch Pfirschen von den besten Sorten jedoch meiner jetzigen gesundern Einbildungskraft ohne Gefahr, darunter. Bald nachher traf auch Bastian ein. Ich zog ihn aus Achtung fur die Schwester mit an unsere runde Tafel. Margot blieb freilich die Perle von der Gesellschaft. Doch gehorten die beiden andern Gaste auch nicht unter die schlechten Feldsteine. Jeder hat seinen Werth, ob die Natur gleich keinen so begunstigt hat, wie jene, die der Politur nicht bedarf, um in den Schmuck einer Konigin aufgenommen zu werden. Ich wollte indess doch nicht, dass Du es in Berlin herumbrachtest, wie gemein ich mich wieder einmal gemacht habe. Ich trug noch der Kleinen viele Freundschaftsversicherungen an meine guten Wirthsleute zu Caverac auf. Gott lasse es ihnen wohl gehen! Johann erbot sich, mir von Zeit zu Zeit Lieferungen von dem hiesigen vortrefflichen Muskatenwein nach Berlin zu besorgen "Und ehe der Sommer verlauft," fiel ihm seine Frau in die Rede, "erfullen wir das Versprechen, Sie selbst in Ihrer grossen Stadt zu besuchen." "Eins wie das andere" erklarte ich ihnen dagegen, "bitte ich euch, anstehen zu lassen, bis ihr Nachricht von mir erhaltet denn wahrscheinlich komme ich in kurzem wieder in diese Gegend, und lasse mich vielleicht gar, wie es Johann gemacht hat hauslich hier herum nieder." Sie machten grosse fragende Augen ich hutete mich aber, so schwatzhafte Leutchen tiefer in jenes Geheimniss sehen zu lassen, das ich vor dem Altar des Janustempels in den Schooss meines St. Sauveur nieder gelegt habe. Sie zerflossen beide in Thranen, als ich Abschied nahm, und ich und Bastian stiegen auch nicht mit trockenen Augen in den Wagen. Ich kam glucklich in den Posthof vor Montpellier, und, was mir eben so lieb war, zeitig genug an, um diese medicinische Mordergrube heute noch verlassen zu konnen, und wenigstens ein paar Stationen auf meinem Wege weiter fortzurucken. Was sollte ich noch einmal zu Fuss in die Chinawurzel wandern? Ich bedurfte keines Gasthofs mein Fruhstuck hatte mich hinlanglich gestarkt. Ich schickte also meinen Bastian ab, um mit dem Wirthe Richtigkeit zu machen und setzte mich so lange unter den schattigen Ueberhang meiner Chaise, bis er von seinem Geschafte zuruckkam. Ein heimisch angenehmer Schauer des Eigenthums flog mir uber die Haut. Die Stadt lag mir im Gesichte ich hatte den Rucken frei, und dachte an mein Vaterland. Wenn ich es nur erst wieder erreicht habe, so verschwore ich.... Doch nein, unterbrach ich mich erschrocken den Meineid gegen Agathen ohnehin bei Seite gesetzt, ware es noch immer ein hochst verwegenes Gelubde. Denn ob mir gleich jetzt der Stein des Doktor Kampf nicht mehr auf dem Herzen liegt, wer kann fur die Zukunft wer kann dafur stehen, dass du nicht auch einst als ein veralteter Kammerherr den elektrischen Funken nachtappen musst, die hier dem schonen Geschlecht, wie bei uns den Katzen, entspruhen. Und wenn dich nun Agathe, wovor Gott sei, nicht mochte, und dich nun nach und nach bei zunehmenden Jahren die gute Gesellschaft zu Berlin von ihren muntern Soupers als ein unbrauchbares Mitglied ausschlosse was bliebe Dir wohl zu deiner Erheiterung ubrig, als dich an eine zu halten, die mit ihrer Haut dafur steht, und die man, so viel ich weiss, an keinem Orte in der Welt antrifft, als hier. Ich machte also, indem ich von dem Monte puellarum Abschied nahm, wegen meines Wiederkommens einige kluge Bedingungen, und bei der letzten Zeile des Akkords, den ich zu meiner Erinnerung in die Schreibtafel eintrug, war Bastian wieder da, und der Wagen bespannt.
Wenn mich einst Husten, Stein und Gicht
Aus jugendlichen Reihen jagen,
An meinem hageren Gesicht,
Melancholie und Schwindsucht nagen,
In jenen unwillkommnen Tagen,
Wo man das Ordensband, das unsre Brust umrauscht,
Den Sack voll Gold, auf den der Erbe lauscht,
Gern um ein Pflaster fur den Magen
Und einen Krauterthee vertauscht,
Nur Aerzte noch nach unserm Pulse fragen,
Kein Kuss sich mehr an unsre gelbe Haut,
Kein kluges Madchen mehr an unser Bette traut,
Und uns nur Schmerz und Missbehagen
Von einem Stuhl zum andern tragen
Wenn mich des Landes Fett nun lange g'nug genahrt,
Mein Furst, den ich erzog, so sehr mein Alter ehrt,
Und ihm Erholung gonnt, dass er mit sussen Mienen,
Doch mit dem Vorbehalt, wenn es die Noth begehrt,
Sich meines treuen Raths noch ferner zu bedienen,
Mich in dem Spiegelsaal zum Veteran erklart;
Wenn sein Heiduck nun jener Furche lachelt,
Die meine weise Stirne zieht,
Und die Prinzess sich starker fachelt,
Je naher sie mich kommen sieht,
Belebter nun der Hof mit neuen Mussiggangern
Sich ohne mich um seine Axe dreht,
Um mich herum die Schatten sich verlangern,
Und mein Gestirn, das jetzt im Mittag steht,
Den Kreis verlasst und untergeht
Wenn Wielands ausgespielte Flote
Nun auch nicht mehr die schlaffe Seele ruhrt,
Und mich nicht mehr die Abendrothe
Nach Amathunt in unsers Gothe
Geheime Myrthenwaldchen fuhrt
Und wenn auch Dir, der mir um eine Stufe
Des Lebens dem vertrauten Rufe
Des Todesengels naher steht,
Manch Luftchen schon aus Platons Haine
Die Wettgesange der Gemeine,
Die Deiner harrt, entgegen weht;
Wenn auch n u n Du, mein Leukon,31 in den Frieden
Der Seligen hinuber eilst,
Die Nebel, die den Lebensmuden
Vom Aether der Verklarten schieden,
Mit Deiner Rechten schon zertheilst,
Nur mit der Linken noch hienieden
An Deines Freundes Brust verweilst;
Wenn Dir schon lachelnd auf der Schwelle
Der Ewigkeit das neue Licht,
Wie Deine Tugend, rein und helle
Mit Jubelglanz entgegen bricht,
Dein Mund mich kusst und sterbend spricht:
Er war mein Freund, mein trautester Geselle,
In Scherz und Ernst, trotz seiner Schelle,
Ihr Seligen, ach trennt uns nicht!
Dann schliesse deine engste Gasse,
Der dickste Duft von deinen Spezerei'n,
Bis ich einst ganz die Mumie dir lasse,
O Montpellier, mich Abgelebten ein.
Dein Hundsstern sauge noch die letzten Lebenssafte
Mir aus und leuchte mich in mein willkommnes
Grab.
Nur jetzt, da noch viel frohliche Geschafte
Mich weiter ziehn und alle meine Krafte
Mir nothig sind, lass von mir ab!
Fussnoten
1 Das Schiff Vengeance. 2 Es giebt zwei Medaillen, die auf Voltairen geschlagen sind, davon die eine den 20ten Febr. die andere den 20ten Nov. 1694. als seinen Geburtstag angiebt. Palissot in seiner Eloge halt den erstern Datum fur den richtigen; so auch die Kaufleute zu Nantes, die obiges Schiff ausgerustet haben. 3 Discours a mon vaisseau. 4 Diess Wortspiel brauchte Voltaire, wenn er von Frerons Annee litter sprach. 5 Der Autor dieses Tagebuchs kann wohl die Wahrheit seiner Erzahlung nicht besser belegen, als durch das unverwerfliche Zeugniss des Geschichtsschreibers Papon, eines von den Vatern des Oratorii zu Marseille. Wenn er die Schlussfolge derselben, die er dem Leser uberlasst, mit Stillschweigen ubergeht, so ist diese Zuruckhaltung nur seinen Verhaltnissen zuzuschreiben. In seiner Histoire litteraire de Provence, die 1780 zu Paris erschien, heisst es: Ludewig der Dreizehnte hatte schon drei und zwanzig Jahre in einer kinderlosen Ehe gelebt, als eines Tages der Bruder Fiacre, ein Barfusser, Gott um Fruchtbarkeit fur die Konigin anflehte. Die heilige Jungfrau, sagt man, erschien ihm am 3. November 1637, und versicherte ihn, dass sein Gebet erhort ware, doch mit dem Zusatze, dass die Konigin ihr dreimal neun feierliche Messen und zwar neun davon in der Kirche U.L.F. der Gnaden, in der Provence sollte halten lassen. Zum Beweise, dass sein Gesicht keine Tauschung ware, zeigte sie sich dem Bruder Fiacre so, wie sie auf dem obgedachten Gemalde vorgestellt ist. Der Konig und die Konigin schickten diesen Monch, nachdem sie die Nachricht von jener Erscheinung aus seinem eigenen Munde vernommen hatten, in die Provence, um zu sehen, ob die heilige Jungfrau wirklich daselbst so abgemalt ware, wie sie ihm, seinem Vorgeben nach, erschienen war. Zugleich erhielt er den Auftrag, wenn es sich so verhielte, neun Messen in der obgedachten Kirche lesen zu lassen. Es traf alles mit der Beschreibung, die der Bruder Fiacre von seinem Gesichte gemacht hatte, uberein, er leistete, was ihm aufgetragen war und die Konigin kam am 5. September 1638 mit Ludewig dem Vierzehnten nieder. Sie liess es ihre erste Sorge seyn, der heiligen Jungfrau ihre Dankbarkeit zu bezeigen, und schickte den Bruder Fiacre mit einem Gemalde nach der Kirche U.L.F. zur Gnade, auf welchem der junge Prinz vor der Mutter Gottes knieend vorgestellt ist. In der Folge machte sie eine Stiftung zu sechs Messen, welche auf ewige Zeiten in
p e r . p . 258.
7 Vermuthlich ein Wortspiel mit dem Namen La Fayette. Anm. d. Herausg. 8 Hier zeigt sich, dass die Gedankenstriche keine neuere Erfindung sind. Anm. des Herausg. 9 Die Entdeckung, die hier der Reisende schon vor funf und zwanzig Jahren in seinem Tagebuche entwikkelte, scheint so wenig mehr in Frankreich bezweifelt zu werden, dass man jetzt sogar das Gemalde jenes verlarvten Bruders Ludewig des Vierzehnten in Lebensgrosse als Schild eines Kaufladens, in der rue Coquillere zu Paris mit folgender Unterschrift ausgestellt sieht: Du repos des etats deplorable victime, Le sort courba son front sous trente ans de revers; Ce jouet du malheur etoit l'enfant du crime, Il naquit sur le trone et mourut dans les fers. 10 Obgleich Ludewig der Dreizehnte bei der Geburt des ihm von Gott geschenkten Sohns unglaubig den Kopf schuttelte, so hat er doch schwerlich den wahren Vater hinter der Kutte des heiligen Fiacre und so wenig vermuthet als die vielen Schriftsteller,A1 die auf einen andern riethen. Der Autor dieses Tagebuchs schmeichelt sich der erste gewesen zu seyn, der ihm seinen verdienten Platz in der franzosischen Geschichte anwies. 11 Konig von England, starb 901, einer der besten Menschen und Monarchen, die je gelebt haben. 12 Canut der Grosse, Konig von Danemark, der 114 Jahre nach jenem England eroberte. 13 S.J. de Nevisan Sylva nuptialis. Meinem verschwiegenen Leser zu gefallen, will ich ihm doch diess Richtscheid zur Beurtheilung einer schonen Frau in den eigenen Worten des Verfertigers bekannt machen: Triginta haec habeat, quae vult formosa vocari Foemina: sic Helenam fama fuisse refert. Alba tria, et totidem nigra, et tria rubra puella: Tres habeat longas, tres totidemque breves: Tres crassas, totidem graciles; tria stricta, tot
ampla,
Sint ibidem latae, sint quoque parva tria: Alba cutis; nivei dentes; flavique capilli; Labia, genae, ungues rubri, sit corpore longa, Et longi crines; sit quoque longa manus; Sintque breves dentes, auris, pes; pectora lata Et clunes; distent ipsa supercilia, Cunnus et os strictum, stringunt ubi singula stricta; Sint ora, et culus, vulvaque turgidula; Subtiles digiti, crines et labra puellis; Parvus sit nasus, parva mamilla caput Cum nulli, aut rari sunt, haec formosa vocari Nulla puella potest, nulla puella prodest. 14 Lat. Orata war bei den Griechen, als Symbol der belebenden Schonheit, der Venus gewidmet. 15 Wegen seiner vielen, Augen ahnlichen Flecken so genannt. 16 Scomber Thynnus der Diana geweiht, wurde bei hochzeitlichen Gastereien als Sinnbild ehelicher Treue aufgesetzt. 17 Drei unserer vorzuglichsten Gottesgelehrten und Kanzelredner. 18 In der herrlichen Sammlung anatomischer Praparate des Hrn. Cruikshank zu London befindet sich eine wohlgerathene injicirte Auster, in welcher das Herz Bandchen S. 243. 19 Teton de Venus. 20 La grosse la petite Madelaine. 21 Auch eine Art Pfirschen. 22 Eine in Asien einheimische, kuhlende, vortreffliche Frucht. 23 Was kann die Natur bei der Ausbildung dieser unverschamten Nuss fur eine Absicht gehabt haben? Ehemals wurde sie von grossen Herrn oft mit mehrern tausend Thalern bezahlt. In neuern Zeiten ist sie im Preis gefallen. Eine ziemlich treue Abzeichnung von ihr findet sich in Sonnerats Reisen nach Neuguinea. 24 Kriton erwarb sich den bittersten Undank von seinem Bruder Thrasyllus, da er ihn von dem sussen Wahnsinn, dass alle Schiffe im Hafen sein waren, heilte und zu der traurigen Gewissheit zuruckbrachte, dass es nicht wahr sei. Mir fallt das Beispiel manchmal ein, wenn ich auf Recensionen gewisse Antikritiken lese. 25 Don-Quixote. 26 Dass so ein Gebetbuch meinen Gedanken einen grossen Spielraum einraumt, mag folgende Stelle daraus beweisen: Transportee sur une montagne et dans une chambre ou je fus recue par Jesus Christ. Je demande pour qui etoient les deux lits que j'y voyois. En voila un pour ma mere et l'autre pour vous, mon epouse. Je vous ai choisie pour etre ici avec vous. 27 Ein im Jahre 1745 verstorbener vortrefflicher Arzt, Vater des noch lebenden Philosophen gleichen Namens in Leipzig. 28 D o h m , der sich der Juden in einer kraftigen Schrift angenommen. 29 B e c c a r i a , der durch sein bekanntes Werk: Ueber Verbrechen und Strafen, der Menschlichkeit unendliche Dienste geleistet hat. 30 Als 1745 die Preussische Armee in Kursachsen eindrang, ward das Familiengut des Autors, Schonfeld bei Leipzig, geplundert, die Hofgebaude niedergeschossen, das Vieh erstochen u.s.w. 31 Herr Kr. St. E. Weisse, dessen Hochzeitfest H. Prof. Rammler in der schonen Ode: A n H y m e n , unter diesem griechischen Namen feierte. A1 Siehe Siecle de Louis XIV. p.m. 258. in den Oeuvres de Voltaire, und an mehrern Stellen. Auch kann man die Nachrichten des Abbe Soulavie in dem 6ten Bande der Memoires de Richelieu und Mihiel Le veritable homme etc. mit einander vergleichen. In letzterem finden sich auch gute Nachrichten uber die Kammerfrau der Konigin Beauvais p. 136-146, so wie uber die Gewitternacht, die es unnothig machte, den zweiten Prinzen zu verheimlichen.
Agde.
Den 1ten Marz.
"Wie hoch kommt Ihnen die Berline zu stehen?" fragte mich der Postmeister in Montpellier zu seinem Fenster heraus, als ich eben abfahren wollte. "Ach das " antwortete ich "kann ich erst dann berechnen, wenn sie mich an unsern gemeinschaftlichen Geburtsort gebracht haben wird." "Wie?" fing er meine Worte auf, "so ware der Herr, wenn ich recht verstehe, wohl gar ein Landsmann Friedrichs des Grossen?" "Ja, ja," unterbrach ich ihn "ich kann es nicht laugnen, mich aber noch weniger desshalb hier aufhalten lassen. Hatte der Herr Postmeister nach dem merkwurdigen Passagier sich umsehen mogen, der nun seit einer langweiligen Stunde seine Berline geschaukelt hat, wahrscheinlich wurde er ihm von dem Sieger bei Rossbach viel erwunschteres erzahlt haben, als der Pariser Publicist, der in jedem Blatte sein nahes Ende ankundiget, um, denke ich, in den folgenden sich noch oft aufs Maul zu schlagen, so Gott will. Lebe der Herr wohl!"
Der Name meines Wagens fiel mir, aus dem Munde des Franzosen, zum erstenmal sonderbar ins Gehor erinnerte mich an den geschickten Sattler, der segerathe gewiss das einzige Stuck ist, das dem Auslande keinen Sous fur Reparatur abgeworfen hat und so ganz deutsch wieder zuruckkommt, als ich kaum von mir selbst zu ruhmen wage.
Es ist wohl nichts der Aufmerksamkeit auf Reisen so sehr entgegen, als ein heimischer Gedanke, so unbedeutend er auch seyn mag; die Station, wo er sich anhangt, ist gewiss fur unsere Bemerkungen verloren. Diess war der Fall wenigstens bei mir. Ich gab uber meinen braven Sattler, weder auf den Weg, der vor mir lag, noch auf die Eigenheiten der Landschaft, oder sonst etwas Acht, und griff meinem korperlichen Einzuge in Berlin mit einer so geistigen Abwesenheit vor, dass ich, wie ein elektrisches Fluidum, die mehr als hundert Meilen dahin in einem Augenblick zurucklegte und mich auf einmal an dem Brandenburger Thore befand. Der wachhabende Officier stand kerzengerade vor mir, forderte mir mein Signalement ab und ich schickte ihm dagegen die Frage zu, wie sich unser geliebter Konig befande? Er gab mir die besten Nachrichten, freute sich ubrigens meiner Bekanntschaft und entliess mich.
Mit lachendem Herzen fuhr ich nun die Gasse hinauf, warf einen freundlichen Blick bald aus dem rechten, bald aus dem linken Schlage, nach diesem oder jenem Fenster meiner Freundinnen und Freunde und Halt! rief ich, halt! sobald ich den Giebel meiner Wohnung ansichtig ward. Wie flog ich zu der Hausthur hinein die Treppe hinauf, und wie herzlich begrusste ich nun die wiedereroberte kleine Welt meines Zimmers.
Ich hatte kein geringes Vergnugen, als mir mein Wandspiegel jetzt eine ganz andere Figur, als jene gekrummte und hohlaugige zuruckwarf, die vor funf Monaten, seufzend seiner verratherischen Oberflache vorbeizitterte. Der neue Kunstschnitt meines Haars das air aise das je ne sais quoi die ich uber den Rhein her mitbrachte, hielten mich so lange fest auf meinem reizenden Standpunkt, bis Bastian mit meinen Kisten anruckte. Das Ausschalen, Abstecken, Aufschnuren und Entwickeln nimm es in einem Sinn, in welchem Du willst hat mir von jeher unendlichen Spass gemacht. Es hangt eine gewisse innige Erwartung daran, die das Gemuth oft angenehmer bewegt, als es die Herrlichkeiten selbst thun, wenn sie ausgepackt da liegen.
Wie zitterten meine Hande, als sie das Kastchen mit den so merkwurdigen Fensterscheiben offneten und ich sie nun unbeschadiget in meine Sammlung einschichten und den Handelskontrakt mit dem Glaser der Bastille dazu legen konnte! Weit langer und angstlicher sah ich mich nach einem sichern Ort in meinem Weichbilde fur die Kriminalakten des heiligen Fiacre um, ehe ich mich an das geheime Fach meines Schreibtisches erinnerte, in welchem ach! meine eigenen ehemaligen Liebes-Dokumente verwahrlich niedergelegt sind, und eben wollte ich, damit nicht etwa ein Unberufener dazwischen kame, und meine Schleifwege entdeckte, die Thur verriegeln als mir Agde der Golf von Lion und nicht weit von seinem Ufer ein Bollwerk ins Gesicht schimmerte, das uber einem schaumenden Strudel hervorragte. "Wie heisst jene Burg?" war das erste Wort, das ich an den Postillion verlor, und es verzinste sich gut. "Brescau," antwortete er, "Sie haben doch wohl von den beruhmten Leckerbissen der dortigen Muscheln gehort?" Ich schuttelte den Kopf "Nun so werden Sie diesen Abend mit grossem Behagen ihre Bekanntschaft machen. Der Felsen, um welchen diese Schalthiere einheimisch sind, versorgt die Wirthshauser in Agde uberflussig damit; denn ihrer Zartheit wegen konnen sie nur an Ort und Stelle genossen und keine Meile weit verschickt werden." "So?" sagte ich verwundert "diess Produkt macht also von vielen andern der franzosischen Natur eine ganz eigene Ausnahme. Die Gebaude da oben sind sonach wohl Fischerhutten?" "Wollte Gott, sie waren es!" erwiederte mein Fuhrer "Nein, mein Herr, es sind Wachthauser einiger Invaliden, die den bequemsten Ehrenposten von der Welt, die Aufsicht namlich uber das Staatsgefangniss haben, das in jene Felsenmasse gehohlt ist. Ein Wink des Monarchen mehr braucht es nicht sondert hier vornehme Schuldige, wohl auch, wofur Gott sei, unschuldig Verdachtige, von der Gemeinschaft mit der ubrigen Welt ab, und gewiss kann die Natur in ihrem Umkreis keine bessere Gelegenheit darbieten, um jedes Leben in Vergessenheit zu bringen. Gott erbarme sich der armen Verkerkerten, die hier in der Tiefe des Meeres athmen." "In der Tiefe des Meeres, sagst du? Ich will doch nimmermehr hoffen, dass die dort anprallenden Wellen an ein menschliches Ohr schlagen?" "Nicht anders, mein Herr! Der Gefangene, sobald er jenen Gipfel erreicht hat, wird gleich darauf so tief herab, als er hoch gestiegen ist, an Seilen, wie in einen Schacht, heruntergelassen und seine Laufbahn ist geendet. Niemand kann Zahl und Namen dieser Versunkenen angeben, die weiss nur der Konig, vielleicht auch der nicht, aber nach den Nahrungsmitteln, die taglich einer von der Besatzung aus dem Burgerspital abholt, konnen ihrer nicht so gar wenig seyn."
"Im Fruhling vorigen Jahres traf sichs, dass ich eben hier vorbeikam, als ein solcher Unglucklicher aus der Welt gestossen wurde. Der Polizei-Wagen hielt nicht weit vom Ufer; zwei von der Wache offneten ihn und ubernahmen den Gefangenen."
"Verkappt und gefesselt brachten sie ihn in ein Fahrzeug. Der Herr Englander, dem ich vorgespannt hatte, befahl mir zu halten, stieg aus und naherte sich der Scene mit seinem Fernglas. Ich brauchte das nicht, um den Vorgang eben so deutlich zu bemerken als Er. In ungefahr zehn Minuten landete der Kahn zwischen den zwei Klippen, die dort sehen Sie? den Platz zum Einlaufen bilden, und nun kam uns der Verhullte noch funfmal auf der Freitreppe, die rund um den Felsen in einer Spindellinie bis zu seiner Spitze aufsteigt, ins Gesicht. Es lief mir eiskalt uber die Haut, als ich ihn den letzten Schritt thun und bald nachher von der Oberflache der bewohnten Erde verschwinden sah. Mein englischer Passagier ballte voll Ingrimm die Faust gegen den Polizei-Wagen, als er, vor uns her, nach der Chaussee lenkte, setzte sich fluchend in den seinen und liess mich nicht zu Athem kommen, bis ich jenen eingeholt und ihm aus den Augen gebracht hatte; ich aber betete indess ein Ave Maria fur den armen Verstossenen, und die heilige Jungfrau hat mir's vergolten."
"Wie so? lieber Freund!" fragte ich neugierig. "Weil ich," antwortete der brave Kerl, "von der Stunde an ein ganz anderer, viel besserer Mensch geworden bin, als ich sonst war. Denn wahrend ich bei dem Fort vorbei meine muden Pferde wieder nach Hause ritt, ein gutes Trinkgeld in der Tasche hatte, und meinen Kittel von der lieben Abendsonne vergoldet sah, ach! wie hoch schlug mir das Herz, wie viel gute Entschliessungen fasste und wie verdammte es nicht die gottlose Unzufriedenheit, die sich sonst immer mit mir auf den Gaul setzte! Ich habe seitdem mein Tagewerk lieb gewonnen, so muhsam es auch seyn mag, und will mir ja einmal mein trockenes Brot nicht zu Halse, so brauche ich nur, um es mir schmackhaft zu machen, an den armen Herrn zu denken, der kein besseres im Grunde des Meeres verschlucken muss. Wie mag er die vielen freundlichen Stunden, die indess uber seiner Finsterniss verlaufen sind, in welcher Seelenangst mag er sie nicht verseufzt haben! Wie wurde er Gott loben und danken, wenn er an meiner Stelle ach an der Stelle meines Sattelpferds ware!" Hier zog er sein Schnupftuch heraus, wischte sich die Augen und schwieg. "Bitte" zischelte ich Bastianen zu "den guten Menschen diesen Abend bei dir zu Tische, und lass ihm nichts abgehen;" ihn aber bat ich, einige Augenblicke zu halten, weil ich aussteigen und doch das Fort aufnehmen wolle, wo die seltenen Muscheln gefunden wurden. "Thun Sie, was Ihnen gefallig ist," war seine Antwort, "ich mag nichts davon wissen, doch nehmen Sie Sich in Acht, dass die Abzeichnung Ihnen an der Grenze keinen Verdruss zuzieht." Ich ging, setzte mich, der Feste gegen uber, auf den Rasen, und trug den Abriss von ihr auf ein Pergamentblatt meiner Schreibtafel uber. Als ich damit fertig war, und zu meiner Berline zuruckkam, zeigte ich den beiden Zuruckgebliebenen meine artistische Arbeit, ich weiss eigentlich selbst nicht warum? denn Kunstverstand konnte ich doch wohl bei keinem voraussetzen. Der Postknecht drehte das Pergament nach allen Seiten. "Nein," gab er es zuruck, "die Zeichnung brauchen Sie nicht versteckt zu halten, die wird die Festung nicht verrathen." Mein Kammerdiener benahm sich schon feiner. "O ja," sagte er, nach vieler Ueberlegung, "Ihre Abbildung," indem er einigemal nach dem Original hinblickte, "dacht' ich, ware sehr richtig. Das hier, nicht wahr? stellt den Strudel jenes das Wachthaus, diese Linie den Weg, und diese Striche den Gefangenen und seine Begleiter vor? Als ein Avant la lettre bringen Sie das Blatt ganz sicher uber die Grenze denn ein solches wer versteht es? aber nachher ja, da wurde ich selbst fur den Schlag Menschen als unser Postillion," raunte er mir listig in's Ohr "zu einer schriftlichen Erklarung rathen." "Lass es gut seyn, Bastian!" lachte ich ihm ins Gesicht; doch benutzte ich seinen Wink, sobald ich in's Wirthshaus kam, und setzte die paar Zeilen unter meinen Entwurf:
Stolz steigt der Fels in die Luft, trotzt, in dem Orkus
gegrundet,
Dem um ihn tobenden Meer, dem ihn umkreisenden
Blitz;
Sein kahler Gipfel, bekranzt von Nebelwolken, verkun
det
Verlassen von der Natur, der Rache scheusslichsten
Sitz.
Ein ehern Schneckengewind des steilen Stufengangs
schraubet
Zu seinem ernsten Gericht den Ausgestossnen hinan,
Den unter wuthender Angst, der letzten Hoffnung be
raubet,
An ihrem furchtbaren Thron die Eumeniden empfahn.
Einst unser Bruder und jetzt, von seinem bosen Ge
schicke
Belastet, schwankt er einher, zum Missethater entstellt,
Weint und verzweifelt und wirft noch drei entsetzliche
Blicke
Gen Himmel uber das Meer und in die Lauben der
Welt;
Dann sturzt des Herrschers Gebot mit der Vergessen
heit Fluche
Ihn in die Bergkluft hinab und mitternachtlicher Graus
Umschlingt als Leichentuch ihn, und loscht im freund
lichen Buche
Des Lebens seinen Vertrag mit Zeit und Menschen
gluck aus.
Jetzt, da ich meine poetische Beschreibung uberlese, die fast einem Bau-Anschlag gleich sieht, sollte mir wohl banger um sie werden, als um meinen Grundriss, denn jene konnte eher als dieser einen von unsern ruhmbegierigen Architekten auf den Einfall bringen, sich durch Erfindung eines ahnlichen Gefangnisses Spandau etwa gegen uber, ein bleibendes Verdienst um den Staat zu erwerben. Nur wusste ich nicht, was er dort den Vorbeireisenden, zur Besanftigung ihres emporten Gefuhls, an die Stelle der gepriesenen Muscheln vorsetzen konnte, die mich diesen Abend ziemlich der Natur wieder naherten, mit der, als Vermittlerin der ausgesuchtesten Tyrannei, ich schon drauf und dran war zu zanken.
Erklarte es der Hunger nicht einigermassen, der, seit dem Fruhstuck mit der kleinen Margot, mir immer heftiger zusetzte, so ware es unbegreiflich, wie eine Leckerei aus der Nahe einer solchen Marterkammer den schreckhaften Eindruck derselben in dem Grade schwachen konnte, dass mir auf die letzt die armen Menschen, die dort schmachten, nur noch als entfernte Freunde vorschwebten, auf deren Gesundheit man sich leicht einen Rausch trinkt, da unser machtloses Bedauern, wenn sie auch noch so unglucklich waren, ihre Thranen nicht abtrocknen, und unsre strengste Kasteiung ihre Leiden nicht heben kann.
Beziers.
Den 2ten Marz.
Wie freute ich mich, als ich diesen Morgen Agde verliess, auf den Ort, den ich nun erreicht habe.
Jeder unsrer Geographen, die ich uber meine Reise zu Rathe zog, zeichnet ihn durch eine Sentenz aus, die, ware sie erwiesen, Jerusalem und alle Hauptstadte der Welt demuthigen musste. Wenn Gott, sagen sie, auf Erden wohnen wollte, wurde er Beziers zu seinem Aufenthalt wahlen. Die Herren, welche in ihre auf gut Gluck zusammengestoppelten Nachrichten diese franzosische Hyperbel mit deutscher Arglosigkeit aufnahmen, konnen sie, in den neuen Ausgaben ihrer Handbucher, auf mein Wort weglassen.
Ich erklare sie geradezu fur eine Gotteslasterung, indem ich nicht nur dem hochsten Wesen alle die Eigenschaften, die ihm unser Katechismus beilegt, sondern auch guten Geschmack in einer Vollkommenheit zutraue, die so sehr, als jeder andere Gedanke von seiner Grosse, weit uber unsere Vernunft geht.
Langmuthiger! vergieb dem kleinstadtischen Gesindel ihren Burgerstolz, so einfaltig sie ihn auch an den Tag geben.
Der Weg, den ich von meinem Nachtlager bis zu dem ich alleweile auf einer breternen Bank sitze, verdient jedoch eine ehrenvolle Erwahnung.
Die treffliche Chaussee, die sich durch eine durre undankbare Landschaft schlangelt, kommt dem Reisenden Fussganger nehm' ich aus aufs beste zu Statten. Er hat nicht Zeit, Langeweile zu haben. Sein fortrollender Wagen hat schon alle unangenehme Gegenstande uberflogen, ehe das Auge sie fassen kann. So gelangt er zwar mit drehendem Kopfe, doch ehe er sich umsieht, an das Stadtthor, das nicht nur gerade nach dem zweiten, zu dem man wieder hinausfahrt, sondern auch nach dem einzigen Wirthshause hinweist, das Fremde aufnimmt. Diese kluge Anlage befordert die Uebersicht des schonen Ganzen in einem Augenblick. Meine Neugier war auch schon vollkommen befriediget, als ich den Gasthof zum Ortolan am Ende des Stadtchens erreicht hatte.
Hier lag nun die Aussicht auf den fortlaufenden Steinweg der nachsten Station zu offen da, um mir nicht Lust zu machen, meine Morgenreise sogleich fortzusetzen.
Da ruckte mich aber der Wirth aus meiner bequemen Lage und lud mich zum Fruhstuck auf einen Spiess der seltenen Vogel ein, von denen einer auf seinem Schilde gemalt stand. So etwas lasst sich nun freilich nicht ausschlagen. Der Mund lief mir voll Wasser. Ich stieg aus und bestellte die Postpferde nach Verlauf einer Stunde. Diese Eile, kann ich mir nicht anders vorstellen, muss den spitzbubischen Kerl beleidiget haben, denn ohne zu entscheiden, ob er mir Sperlinge oder Finken vorgesetzt hat, wollte ich doch, wenn es Noth hatte, vor Gerichte beschworen, dass es keine Ortolane waren. Ich hatte an dem Versuche eines einzigen Flugels genug, schob die Schussel mit Ekel von mir und, "Glaubt der Herr Wirth," fuhr ich ihn an, als er mit schrumpfigen Mandeln zum Nachtisch hereintrat, "dass man einem Deutschen alles weiss machen kann? Hol' Euch dieser und jener mit Euren Ortolanen und Eurem gotteslasterlichen Stadtchen!" Ich hatte gern meine Worte wieder zuruckgehabt, denn kein elender Skribler, der heisshungrigen Lesern unter dem Titel eines komischen Romans ein Buch in die Hande spielt, bei dem ihnen das Lachen vergeht, kann sich ungeberdiger gegen die gelehrten Verrather seines Betrugs benehmen, als sich der Mann gegen meine unpartheiische Recension seines Geflugels auflehnte.
Nun setzt wohl nichts mehr die Galle in Bewegung, als wenn solch ein Unverschamter, dessen elende Kost wir eben erprobt haben, den Stein, der ihn treffen sollte, nach uns zuruckschleudert und zu seiner Rechtfertigung unsern Geschmack verdachtig zu machen sucht, wie es sich dieser Sudelkoch gegen meine feine Zunge herausnahm. Bitter und bose uber seine so beleidigende Gegenrede, wollte ich eben Bastianen rufen und noch einmal auf die Post jagen, als ich in der Thure einem Quidam entgegen rennte, der im Begriff war, anzuklopfen. "Um Vergebung ich habe mich geirrt," stotterte er, "ich sah vor dem Hause eine Berline stehen und dachte, sie gehore einem Herrn zu, den ich taglich und stundlich erwarte, dem Sekretar des Herzogs von Bedfort, fur dessen Gallerie ich ihm Lassen Sie Sich nicht storen, mein Herr! einen Titian verkauft habe."
"Ich weiss nicht, was ich von seinem Ausbleiben denken soll. Er hat mir nichts auf den Handel gegeben und die Zahlungsfrist ist nun schon vor drei Wochen verlaufen." Meine runzlige Stirn klarte sich auf. "Treten Sie doch naher, mein Herr!" nothigte ich ihn in das Zimmer, "mit wem habe ich denn die Ehre zu sprechen? Handeln Sie mit Gemalden?" "Nein," sagte der freundliche Mann, "ich bin hier geschworner Notarius." "Einen Titian sagen Sie?" "Ja," erwiederte er, "eine Venus von ihm und sicher aus seiner besten Zeit. Sie ist als Fideikommiss auf mich gekommen; ob sie aber, nach einer alten Tradition, dieselbe ist, vor der Karl der Funfte den Pinsel aufhob, will ich nicht mit Gewissheit behaupten, ungeachtet schon mehrere Kenner die warme Stelle haben angeben wollen, wo er dem Maler von allzustarkem Enthusiasmus entschlupft sei." "Der erste Umstand," sagte ich lachelnd, "wurde fur den Werth des Bildes auch wenig beweisen. Grosse Herren heben oft Pinsel aus dem Staube, die es nicht verdienen, und lassen bessere liegen, die sie aufheben sollten. Das sind zufallige Dinge, auf die sich ein wahres Genie nichts zu Gute thut, und die selbst als Anekdote in der Geschichte der Kunst von keinem Belang sind. Die Gemuthsbewegung des Kunstlers hingegen, von der Sie sprachen, ware schon bedeutender. Aber durfen Sie denn, mein Herr! ein Fideikommiss veraussern?"
"Die Verbindlichkeit seiner Erhaltung," erklarte er mir etwas weitschweifig, "hort, den Gesetzen gemass, bei dem letzten Nachkommen des Erblassers auf. Nun kann ich zwar die Familie noch nicht fur erloschen ausgeben, da mir eine Tochter geblieben ist, die den besten Willen hatte, sie fortzusetzen, ware ihrem Freier nur mit einer bloss gemalten Ausstattung gedient. Indem ich aber von dem wenigen Meinen, ausser diesem Kunstwerke, durchaus nichts entubrigen kann, so tritt die Rechtsfrage ein, ob ein Vater in meinem Falle seine einzige Tochter der Gefahr, ihren Brautigam zu verlieren, aussetzen, oder ihrem nicht unbilligen Verlangen nachgeben soll, das Bild der Liebe der Wirklichkeit aufzuopfern? Ich habe den Zweifelsknoten als Rechtsgelehrter erst auf allen Seiten betrachtet und ihn endlich als ein zartlicher Vater gelost."
"Denn kann auch, sage ich, das herrliche Gemalde nach seinem Verkauf nicht auf die kunftigen Leibeserben meiner Tochter ubergehen, so mussten sie doch, sage ich, vor den Kopf geschlagen seyn, wenn sie mich desshalb in Anspruch nehmen wollten, da ich doch ehrlicher Weise ihnen zu ihrem Daseyn nicht anders verhelfen kann."
Ich machte dem schwatzhaften Mann so viele schmeichelhafte Komplimente uber die Bundigkeit seiner Deduktion, und wusste zugleich meine in Geheim aufsteigenden Wunsche so geschickt durch die sehr wahrscheinlichen der bedrangten Schonen zu unterstutzen, dass ich ihm bald genug die Erklarung, an der mir am meisten lag, abgelockt hatte: "er wolle nun auch keinen Tag langer auf den saumseligen Bezahler lauern, wenn sich ein Liebhaber fande, der in seinen Kauf trate." "Und auf wie hoch, wenn ich fragen darf, haben sie ihn abgeschlossen?" "Auf tausend kleine Thaler," erwiederte er, "eine massige Summe fur einen Titian, der so gut erhalten ist, als es ein Fideikommiss nur seyn kann; aber, wie gesagt, die bangliche Lage meines armen Kindes" ... "O, diese" fiel ich ihm ins Wort, "konnte wohl selbst einen so zartlichen Vater vermogen, noch etwas von jenem Preise nachzulassen, wenn er baares Geld sieht. Nicht wahr?" Er zuckte mit den Achseln. "Nun daruber," fuhr ich fort, "lasst sich noch sprechen, wenn Sie mir erlauben, Ihnen und der Venus meine Aufwartung zu machen." "Viel Ehre fur beide!" verneigte er sich. "So darf ich Ihnen wohl folgen?" fragte ich, "denn langer, als eine gute halbe Stunde kann ich mich hier nicht aufhalten." "Das thut mir leid," entgegnete er, "und ich kann sonach Ihnen nur noch eine gluckliche Reise wunschen, weil ich vor drei Uhr nicht wieder zu Hause seyn kann nothiger Geschafte wegen." "Das," besann ich mich, "lasst sich wohl noch vergleichen. Die meinigen sind nicht so dringend, um daruber einen schonen Anblick aufzugeben. Ich darf ja nur die Postpferde spater bestellen. Nach drei Uhr also, lieber Herr Notar, will ich mich einstellen."
Er nickte mir bloss mit dem Kopfe zu, ergriff verdriesslich seinen Hut und ging. Unter der Thur drehte er sich noch einmal nach mir um. "Wenn Sie lange Weile haben, und wollen unterdess, bis ich zuruckkomme, meiner Tochter zusprechen, so steht es bei Ihnen. Die Venus aber kann Ihnen freilich ein Madchen nicht aufdecken. Der Kellner weiss, wo wir wohnen." Er war schon auf der Treppe, ehe ich antworten konnte. Das ist ein wunderlicher Heiliger, dachte ich; erst so gesprachig und nun so kurz abgebrochen! Sollte er denn aus den paar Worten, die ich uber den Preis seines Gemaldes fallen liess, einen Knauser in mir vermuthen, der erst den Vater treuherzig gemacht hatte, um durch judischen Handel die Verlegenheit der Tochter zu benutzen, und ihren ohnehin geringen Brautschatz noch zu schmalern? Das mochte, wohl bei andern Kaufern der Fall seyn. Nein, ich will nicht zur Ungebuhr so presshafte Personen noch mehr pressen. Das schwor' ich bei dem Andenken des unsterblichen Titian.
Es ware doch drollig, Eduard, wenn das abgeschmackte Beziers mir zu einem Kleinod verhulfe, nach welchem ich, seit ich denken und fuhlen kann, vergebens geangelt habe. Zum Gluck auch in dem Falle sogar, wenn die misslichen Umstande eines einzigen Sprosslings den Vater auch nicht zu einem Sous Nachlass bewegen konnten, bleibt meiner Kasse noch hinlanglich Kraft, den gebannten Geist des grossen Malers aus dem verfallenen Bau des Notars zu erlosen, ohne dass mir, wie gewohnlich den Schatzgrabern, weitern Fortkommens wegen bange seyn darf. Reiche ich mit meiner Baarschaft nur bis Leyden! Bei einem Freunde, wie mir Jerome ist, habe ich keine Verlegenheit zu furchten, wenn ich ihm nichts leereres verrathe, als meine Geldborse!
Wie hat mich doch in diesem Augenblick eine Postchaise erschreckt, ehe ich sahe, dass sie durchfuhr!
Es musste aber auch wunderlich zugehen, wenn der Zufall eben jetzt den erwarteten Sekretar in die Quere brachte. Sein Termin ist verlaufen. Es hat drei geschlagen; ich fliege nun meiner Schutzgottin entgegen.
Den 3ten Marz.
Du siehst mich immer noch hier, Eduard, und kannst leicht denken, dass sich, ausser meinem wichtigen Handel von gestern, noch andere Dinge eingemischt haben mussen, die meine Abreise von diesem fatalen Ort verzogerten. Die Sache hangt so zusammen. Ich fand den Notar und seine einzige Tochter vor einem grossen Topf Chokolate a double Vanille, zu meiner Bewillkommnung. Die Liebesgottin lauschte hinter einem grunlichen Vorhang, gerade uber dem abgenutzten Sopha, auf welchem die Braut sass, deren Jugend und Farbe mir einen sehr billigen Kauf versprach, wenn ich ja in Versuchung kame, bei einem Meisterstucke der Kunst an gute Wirthschaft zu denken. Das gute Kind, bemerkte ich mit heimlichem Vergnugen, hatte ihre Bluthenzeit schon so weit hinter sich, dass es toll und thoricht vom Vater ware, wenn er noch einen Tag anstande, vermittelst des alteren Fideikommisses dem jungern Luft zu machen.
Die gar zu hoflichen Leutchen verschwendeten einen Schwall ihres Getrankes an mich, das ich, wahrend meine Gedanken hinter dem Vorhange schwebten, aus Zerstreuung hinunter und dagegen in allem meinem Geader eine gewaltige Hitze aufjagte. beiten, der mich, seiner Natur nach, mit jeder Tasse viel weiter nach Paphos zu treiben drohte, als es fur den Vortheil meines vorhabenden Geschafts gut war, benutzte ich jede Gelegenheit, dem vergilbten Madchen das Gluck der Ehe und die Seligkeit verbundener Seelen aufs reizendste vorzumalen. Meine Poesie blieb nicht ohne Wirkung. Ihre Wangen flammten starker noch, als die meinigen, und sicher liess sie in ihrem pochenden Herzen jedesmal hundert Livres von dem geforderten Preise nach, so oft ich mich geneigt fuhlte, mein Gegengebot um funfzig zu erhohen. Dieser stillschweigende Handel um ein verdecktes Gemalde ward mir jedoch je langer, je lastiger. Ich musste alle meine Artigkeit zusammennehmen, um im Beiseyn der verschamten Braut den Vorhang nicht ein wenig zu luften. Endlich auf einen bittenden Wink des Vaters, setzte sie die Tasse aus der Hand, ruckte den Tisch und entschloss sich, die beiden Herren mit der Venus allein zu lassen. Ich hatte sie, und das will viel sagen, umarmen mogen, als sie mit der dritten und letzten Verbeugung an der Thur, meiner Ungeduld ein Ende machte. Welch eine Erwartung, welch ein kostlicher Augenblick! Der Notar ergreift die Schnur ich zittere am ganzen Leibe der grune Vorhang fliegt seitwarts meine feurigen Augen, wie Lichter, die schnell in das Dunkle treten, sturzen nach und umfassen nun mit Erstaunen das Gebild, das mich so lange durch seine schamhafte Verhullung gequalt hat. Es liegt vor mir in seiner ganzen weitlauftigen Nacktheit. Und ich wie vor den Kopf geschlagen stehe ich da, habe nicht das Herz, noch einmal hinzublicken, lache bitter und befrage mich: Diess ware S i e , die jedes Herz erweichet, Den Wachenden entzuckt, den Schlafenden erweckt, Die Gottin, die mir noch den besten Kelch gereichet, Nachdem ich alle durchgeschmeckt? Bei allen Heiligen, die jemals mich geneckt, Bei Lady Baltimor, die der Madonna gleichet, Bei Margots Reiz, der sich nicht minder unbefleckt, Gleich einer Lilie, die Zephyr aufgedeckt, Stolz aus dem Nebel hebt, der nach den Thalern streichet, Schwor' ich Es ist die Braut! vielleicht nur zu korrekt Nach der Natur gemalt, denn was hier strotzt und
bleichet,
Halt Venus zu Florenz mit scheuer Hand versteckt; Die Braut ist's, die im Drang, der aus der Brust ihr
keuchet,
Matt wie der Tauben Paar, das ihr zu Fussen schleichet, Die Arme nach Erlosung streckt. Getroffner hat noch nie mich ein Portrait verscheuchet Und ein Original erschreckt. Doch, dass verstandlicher noch die Verlockung werde, Winkt, so wie ehedem dem Wandrer zur Gefahrde, Zu ihrem Rathselspiel, die frevelhafte Sphinx, Hier zu fast gleichem Zweck mit listiger Geberde Ein blinder Junge dir, dem links Die Rustung Amors liegt und nun mit gelber Erde
Gleich drunter: Titianus pinx.
Hatte mich nicht Zeit und Erfahrung gelehrt, Meister meiner ersten Hitze und meines spanischen Rohrs zu werden, ich weiss nicht, wie es dem geschwornen Notar ergangen ware. So aber liess ich es bei einem verachtlichen Blicke bewenden, den ich von der Betrachtung dieser untergeschobenen Venus ausdrukklich fur ihren leiblichen Vater aufgehoben hatte. Der Betrug ist zwar grob, berechnete ich in der Geschwindigkeit, den der Unverschamte dir zu spielen gedachte, dafur ist er aber auch, genugsam zwar noch lange nicht, durch den Aufwand von der theuern Chokolate bestraft, um die er sich nun aufs klaglichste in seiner Bettelwirthschaft geprellt sieht. Wohl gar, ging mir ein schreckliches Licht auf, stellte er dir nur d a r u m frei, einige Stunden allein mit dem verschossenen Original zuzubringen, um gegen ein tuchtiges Schaugeld die Aehnlichkeit der Kopie desto besser vergleichen zu konnen; denn der Kerl ist gewiss jeder Bosheit fahig. In zornigem Stillschweigen nahm ich meinen Hut von der Wand, staubte ihn ab, wahrend er, ohne dass ich darauf achtete, den Kaufpreis seines Ungeheuers von einem Tausend Livres zum andern heruntersetzte, und eilte, weniger uber seinen doppelt misslungenen scheusslichen Versuch, als uber meine Leichtglaubigkeit aufgebracht, die Treppe hinab, denn ich Stubengelehrten ein solches Fideikommiss, wenn eins hier vorhanden gewesen ware, wenigstens eben so gern einer Anzeige wurden gewurdiget haben, als jene ruchlose Sentenz. Am langsten schlug sich meine bittere Laune mit dem Tuncher herum, der sich erfrecht hatte, den Namen jenes glorreichen Malers auf seinen Schmierlappen zu pragen.
"Du," rief ich mit geballter Faust in die Luft:
"Du, der des Lowen Haut gleich jenem Esel stahl,
Der dennoch blieb, was er gewesen,
Du Schopfer meiner Augenqual,
Wird je dein Name laut, so sei's im Hospital,
Wo du fur dein Gebild die Farben aufgelesen.
Es leihe als Symbol von ihrem Hochzeittag
So lange Trost der mannertollen Dirne,
Bis ein verschobenes Gehirne
Den ekeln Brautschatz heben mag.
Erwarte nicht, o Thor! dass deine kranken Tauben,
Die man zu gut an ihren Federn kennt,
Ein Kornchen je des sussen Weihrauchs rauben,
Der auf dem Herd der Liebe brennt!
Wird wohl ein Wurm wie du, der nach Cytherens Insel
Verweht, ein welkes Blatt aus ihrem Kranz erschleicht,
Ein Genius, dem gern und aus Gefuhl vielleicht
Sein Kaiser tief gebuckt, den leicht entschlupften
Pinsel
Zum letzten Schattenstrich des Kleinods wieder reicht,
Das alle andre hebt, wenn's gleicht?"
That ich wohl klug, dass ich noch Galle zu dem
Hollengetranke mischte, mit dem der Fidei-Kommissar und seine, zu einigem Trost der Durchreisenden, e i n z i g e Tochter meine Augen zu bestechen hofften?
Mein armes, diessmal wider Verschulden, gepeitschtes Blut war daruber in eine Wallung gerathen, die mir keine Ruhe verstattete.
Schon seit einer Stunde ausser dem Thore meiner unglucklichen Einfahrt hatte ich bereits einen halben Cirkel um das dumme Stadtchen geschlagen, als ich gegen alle Erwartung auf einen Punkt stiess, der mich fest hielt.
Ein grosser menschlicher Gedanke mit genialischer Kraft ausgefuhrt eins der vielen Wunder des Kanals von Languedoc, lag gerade vor mir. Ich sah ein Postschiff unter meinen Fussen anschwimmen, das, um seinen Lauf in der hohern Landschaft fortzusetzen, zwei und siebenzig Ellen bis zu meinem Standpunkte heraufsteigen musste, welches durch sieben Schleussen, die das Wasser zu so viel Stufen anschwellten, in wenig Minuten bewerkstelliget wurde. Wahrend ich nun zusah, wie viele verdriessliche Gesichter die Barke aussetzte und wie vergnugt die schienen, die sie dagegen einnahm, und bei einem Hinblick auf die Stadt, das eine wie das andere Phanomen sehr begreiflich fand, fuhr mir die Frage durch den Kopf, ob ich nicht auch kluger thate, die Verdauung der doppelten Vanille auf einem schaukelnden Schiffchen, als in einer Kneipe abzuwarten, wo man Sperlinge fur Ortolane giebt? Ich hatte nichts triftiges dawider einzuwenden, als etwa die Besorgniss Bastians, wenn ich uber Nacht ausbliebe.
Indem streckte mir ein armer in Ruhe gesetzter Soldat seine durre Hand nach einem Allmosen entgegen. Sein altes, offenes, ehrliches Gesicht brachte mich auf den Gedanken, ihn zu meinem Botschafter zu brauchen. Nun war er freilich auch lahm dabei, aber nicht so sehr, um einen Weg nach dem Wirthshause zu scheuen; denn er ubernahm meinen Auftrag sehr gern und um so williger, da ich auf einer Visiten-Karte, von der ich ohnehin weit entfernt war in Beziers Gebrauch zu machen, fur den Ueberbringer einen gleich zahlbaren Wechsel von vier und zwanzig Sous auf meinen Kammer-Kassirer trassirte.
Ich habe schon grossere fur kleinere Bemuhungen an weit lahmere Geschaftstrager ausgestellt, ohne nur halb so viel Provision dabei zu gewinnen, als dieser mir abwarf. Das freundliche dankbare Auge des armen Invaliden fur den geringen Verdienst, den ich ihm zuwendete, leitete auch das meine gen Himmel zu jenem grossen Banquier, bei dem ich ja, mit Allem, was ich habe mit dem reichlichen guten Brote, das ich verzehre, so wie mit dem wenigen schwarzen, das ich dem Hungerigen breche, in Schuld stehe.
Diese voruberfliegende Empfindung, die eigentlich jeden Heller und Groschen begleiten sollte, den wir ausgeben, machte mich in diesem Augenblick reicher und froher, als wenn mir jemand die achte Venus geschenkt hatte, vor der ein Beherrscher der Welt den Rucken bog. Das Fahrgeld fur die erste Station nach Somailles betrug, selbst den Wechsel dazu gerechnet, so wenig, dass ich schwerlich eine andere siebenstundige Zerstreuung wohlfeiler hatte erkaufen konnen. Meine Unterhaltung in der ersten Stunde mochte ich gern, wenn es nicht zu eitel klange, auch fur die beste halten, denn sie entspann sich in mir selbst. Die mitschiffende Gesellschaft aus Lappen von verschiedener Gute und Farbe zusammen gesetzt, und die Du mir wohl nicht zumuthen wirst in eine Musterkarte zu bringen, warf dem Auslander, ehe sie ihn angriff, erst Leuchtkugeln in das Nest, um ihn aufzujagen. Jedes reichte aus seinem Vorrath dem andern ein Stuckchen gefarbtes Glas oder Rauschgold zu, um den Ehrenkranz des gemeinschaftlichen Vaterlands noch hoher zu schmucken.
Ich gab fur die Lust, die sie dadurch mir machten, ihnen dagegen auch gern mein Erstaunen zu i h r e m Spielwerke preis, und so war mit wenig gesellschaftlicher Falschheit beiden Theilen geholfen.
Ein jubilirter Fahndrich eines langst verschollenen Freikorps war der erste, der mir auf der Bank mit dem Uebelgeruch seiner hornernen Dose und einem Missklang deutscher Worte naher ruckte; die einzigen Ueberreste seiner Beute aus dem siebenjahrigen Kriege. Trotz ihrer Verstummelung gaben sie mir doch, so gut als Gresset's Vert-vert, und bestimmter als es der Redner wohl selbst glaubte, den gesellschaftlichen Ton seiner g r o ss e n Verbindungen in Deutschland so treu wieder zuruck, dass mir die Ohren weh thaten.
Er gedachte noch mit Entzucken, schwor er mir zu, seiner Rasttage zu Meissen, Dresden, in dem Plauischen Grunde und auf dem weissen Stein. Desto unerwarteter, obgleich sehr lieb, war es mir, von jemanden, der die Vergleichung machen konnte, zu erfahren, dass ich mich ganz in der Nahe einer Augenweide befande, die nicht nur jene, wie er sich ausdruckte, nicht ubeln Gegenden meines Vaterlands, sondern die prachtigsten sogar seines eigenen, weit hinter sich liesse, die malerische nemlich unglaublich schone Aussicht, die ein Bischof von Beziers auf der Terrasse seiner herrlichen Residenz genosse. "Das ist viel gesagt," entwischte mir, indem ich im Geiste jene Prunkgefilde der Natur und mein unvergessliches Sonnenthal uberblickte. "Nun so gebe ich mich," erklarte er mit militarischem Anstand, "nicht eher zufrieden, bis Sie mir Ehre und Augen verpfanden, dass Sie Sich selbst uberzeugen wollen, wie viel zu wenig ich noch gesagt habe." Um so ein Versprechen lasse ich mich nicht lange bedrohn. Ich wiederholte es ihm in der Folge noch einmal, weil mir sein fortwahrender Bombast uber denselben Gegenstand in der Lange verdriesslich ward. "Morgen, wenn ich von meiner Spazierfahrt zuruckkomme," sagte ich, "soll gewiss mein erster Gang nach der bischoflichen Burg seyn." "Setzen Sie ihn nur noch einen Tag weiter hinaus," suchte er mich zu bereden, "so bin auch ich wieder zu haben, begleite Sie, und besuche zugleich den dortigen Kastellan, meinen leiblichen Vetter, der sein Trinkgeld sauer verdienen soll, dafur stehe ich." Es that mir wohl leid, dass mir meine ohnehin zu lange verschobene Abreise von Beziers nicht erlaubte, sein hofliches und so vortheilhaftes Erbieten anzunehmen; beinahe aber thut es mir noch weher, der schonen Natur eine neue Gunstbezeugung abzulocken, die den Eindruck aller jener verwischen soll, an denen mein Herz noch jetzt mit der treuesten Leidenschaft hangt; indess troste ich mich mit meinen unersattlichen Augen, die noch uberdiess zu Pfand stehen. Williger stimmte ich in die Lobrede ein, die der Schwatzer dem Kanal hielt, gab gern zu, dass Deutschland dergleichen nicht aufzuweisen habe, und fand wirklich die Stellen, die er mir im voraus mit Wortgeprange ankundigte, trotz der dadurch gestorten Ueberraschung, jedesmal merkwurdiger noch, als ich erwartete. Das erste Wunder, das ich anstaunte, war ein ausgebrochener Felsen, Malpas genannt, uber dessen Rucken Lastwagen rasselten, wahrend die Barke unter seinem kuhlen, dammernden, hohen Gewolbe hundert und zwanzig Toisen auf das lieblichste fortschlupfte. Einige Stunden nachher warf sich ein reizendes Thal, wie eine grosse Smaragdschaale, meinen frohen Blicken entgegen. Aus seiner Tiefe stiegen drei ungeheure Bogenmauern in die Hohe, die das Schiff und den Kanal gleichsam in der Luft forttrugen, indess senkrecht unter uns ein Fluss rauschte, eine Heerde Schafe an seinem Ufer weidete, und eine Gruppe lustiger Madchen sich, ohne Furcht vor unsern Fernglasern, zum Baden anschickte.
Das susse Lebensgefuhl, das in dem Herzen eines
auch noch so Unempfindlichen aufwallen muss, der diess fortlaufende reiche Natur- und Kunstgemalde zum erstenmal erblickt, und das jetzt glanzend aus meinen Augen hervorleuchtete, machte mir die ganze Gesellschaft geneigt, so wenig meine Bewunderung auch Bezug auf sie hatte. Alle setzten bei mir voraus, dass ich von Barke zu Barke bis nach Toulouse fahren, und auf der Route bei St. Feriol aussteigen wurde, um den grossten bekannten Trichter der Welt zu betrachten. Er schwebe, erklarten sie mir, zwischen drei Bergen, wie aus Felsen gegossen, und enthalte anderthalbmal die ganze Masse Wassers des, vierzig deutsche Meilen durchfliessenden Kanals, um ihn nach den sechs Ablass und Feier-Wochen, die man jahrlich seiner Reinigung und Ausbesserung widme, wieder zu fullen. Diese Mittheilung werde mit Hulfe dreier metallnen Hahne bewerkstelliget, die, wie an einer Theeurne, sich aufdrehen liessen, und jenem Wassermagazin der erlittene Abgang durch mehrere ihm zugeleitete Bache in einigen Tagen wieder ersetzt. "Und wer," fragte ich, "war der Erfinder und Schopfer dieses erstaunlichen Menschenwerks?" "Ein Landsmann und Zeitgenosse des beruhmten Pelisson, und nicht nur zur Ehre, sondern auch zum glucklichen Gewinnst fur uns," riefen sie alle mit innigem Wohlbehagen, "ein gemeiner Gartner von Beziers, denn der brave Mann liess absichtlich den Kanal einen Umweg nehmen, um seiner Vaterstadt ein grossmuthiges Andenken zu hinterlassen. Ware er gleich nicht in Narbonne geboren worden, werfen ihm die dortigen neidischen Einwohner vor, so konnte er doch als Burger des Staats, dem er zuerst angehorte, ihm mehrere Millionen ersparen, wenn er dem Wasser, das er in Beziers gezwungen war durch Kunst in die Hohe zu treiben, ein neben uns, schon von den alten Romern hierzu eingerichtetes Flussbette angewiesen hatte. Das ist wohl wahr, stimmten sie alle ein, aber was geht einen Bezierser der Staat an?" "Ach!" seufzte ich heimlich, "so hat denn auch jenes grosse Genie, das nur zufallige Geburt in diesen Winkel verschlug, der kleinstadtischen Denkungsart untergelegen, die hier lokal ist! Auch Fauquets Freund ist es moglich," verwunderte ich mich etwas zu laut, "der rechtschaffene Pelisson ware hier geboren?" "Ja wohl," ubernahm der Fahndrich die Antwort, "das hiesige Klima scheint ganz besonders geeignet, vorzugliche Menschen zu entwikkeln." Ich sah ihn bedenklich an, dachte an den Notar, an den Wirth zum Ortolan, und schwieg.
Desto tiefer buckte sich mein zagender Genius vor jenem Muthigen, der diesen kunstlichen Strom ausgoss. Der Gedanke an den Umfang, an die Schwierigkeiten seines herrlich ausgefuhrten Plans, spannte meine Neugier nur noch hoher auf diesen seltenen Sterblichen. Der Freibeuter empfahl sich dadurch sehr bei mir, dass seine gelaufige Zunge mir so viel von dessen Geschichte, als er nur selbst wusste, mittheilte. Wie ruhrte es mich, alle die Krafte in dem Kopfe eines Mannes ohne gelehrte Erziehung vereinigt zu sehen, die erforderlich waren, um das Zutrauen des klugen behutsamen Colbert zu diesem ungeheuern Unternehmen die Zustimmung des Konigs zu zwanzig Millionen Aufwand, und einen so vollkommenen Sieg uber ein Heer von Gegnern und Neidern zu gewinnen. Der Edelsinn Ludewigs erhob mir das Herz, der den Erfinder nicht wurdiger zu belohnen wusste, als mit dem vollendeten Werke selbst, das seinen Nachkommen, den jetzigen Grafen von Caraman, jahrlich eine halbe Million Einkunfte abwirft.
Diess thatenvolle Leben beschaftigte meinen Enthusiasmus selbst noch in Somailles, wo wir zur gesetzten Zeit anlangten.
Es segne, es segne sein dankbares Land
Den Namen Riquet und Welt und Nachwelt ver
ehre
Den Helden, dessen wohlthatige Hand
Zwei ferne, fremde, tobende Meere
Friedlich mit einander verband!
Die aufgeschreckte Natur warf mit gigantischem Zorne
Felsen, Walder und Seen in seine romantische Bahn;
Das scheue Chor der Oreaden entrann,
Als er das grosse verworrene
Rathsel zu losen begann.
Auf dreissig Stufen vom Manne zum Greise
Erschritt er den letzten entscheidenden Tag,
Er rief dem Wasser es kam, es floss im sichersten
Gleise,
Und Gondeln flogen zum Ziel der neu erfundenen
Reise,
Berg auf und Berg unter, dem Boot ihres Anfuhrers
nach.
Da blickte sein Auge zu Gott, und sieh! dem menschli
chen Fleisse
Ward gottlicher Lohn; es blickte noch einmal, und
brach.
Ja, Freund, es brach, kurz nachher, als er von seiner ersten Probefahrt zuruckgekommen war, und die meinigen feuchteten sich an, als ich's horte.
Sollte wohl fur Reisende irgendwo in der Welt besser gesorgt seyn, als auf diesem prachtigen Kanal? Ich glaube kaum. Denn ungerechnet, dass man hier keinen Staub zu verschlucken, fur grundlose Wege kein Pflastergeld zu bezahlen, die Grobheiten der Postknechte, den Umsturz des Fuhrwerks und Langeweile so wenig zu befurchten hat, als Zeitverlust, so irrt noch uberdiess Dein Auge, wie in einer Gallerie von Claude Lorrain, von einer schonen Landschaft zur andern. Dein Korper schwimmt in dem behaglichsten Gefuhl. Fur Deinen Gaumen wird schon von weitem das beste Geflugel murbe gekocht, und geistiger Balsam fur Deine arme Seele. Jeder Schuh Wasser, uber welchen die vor Wind und Wetter geschutzte Barke sanft hingleitet, scheint zu dem Wege, den sie zurucklegen soll, so genau berechnet zu seyn, als die Kette einer Minuten-Uhr.
Wenn Du fruh abfahrst, siehest Du Dich in eine, zu einem Zweck vereinte, oft sehr gemischte, aber immer muntere Gesellschaft eingereiht, bist der Sorge fur den Mittag uberhoben, des Empfangs eines freundlichen Wirths an einer schon gedeckten Tafel fur festgesetzten massigen Preiss, und bei der Landung am Abend, ausserdem noch, eines reinlichen Bettes gewiss. Vom Anfang bis ans Ende der Fahrt harren in den Wirthshausern, bei denen Du anhaltst, nicht nur korperlich frische Pferde zum Ziehen des Schiffs sondern auch untergelegte, geistige, ehrwurdige Kapuziner, die beordert sind, Gott fur Deine gluckliche Ueberkunft zu danken, und fur Dein weiteres Fortkommen bis zur nachsten Kapuzinade Messe zu lesen.
Hoher, als bei dieser, ist wohl in keiner offentlichen Post-Anstalt die Vorsorge getrieben worden. Auch bewies mir der Monch, der unserm heutigen Abendmal vorstand, die Wirksamkeit des angeordneten Gebets durch einen langeren als hundertjahrigen glucklichen Erfolg; denn, sagte er, obschon der Kanal taglich und stundlich hin- und herwarts befahren wird, so hat man doch kein Beispiel, dass auch nur ein Boot seitdem verloren gegangen sei, da hingegen unzahlige Schiffe verungluckt sind, als sie noch genothiget waren, ihren Lauf durch die Strasse von Gibraltar, aus dem Aquitanischen in das Mittelmeer zu nehmen. Ich erregte nicht den geringsten Zweifel dagegen. Die Bewirthung hier gefallt mir so wohl, dass ich den Ortolan keinen Augenblick vermisse.
Somailles.
Den 4ten Marz.
Meine Aergerniss uber den Notar, seine orangenfarbene Tochter und ihr Hochzeitgemalde ist verschlafen, und Bastian, wenn ich auch nicht mit der Fruhbarke abgehe, klug genug, die wahre Ursache meines langern Aussenbleibens nothdurftig zu errathen. Ich liebe ganz besonders dergleichen unruhige und doch wohl eingerichtete Wirthschaften, wie ich hier finde. Die Zeit wird mir keinen Augenblick lang. Ich sehe dem Aus- und Einsteigen der A n k o m m e n d e n und A b g e h e n d e n , wie einer Theaterveranderung mit Vergnugen zu verplaudere mit j e n e n einige Stunden, ohne es sehr zu achten, wenn mir d i e s e aus den Augen verschwinden. Geschichte des menschlichen Lebens in einem gedrangten Auszuge! Ich darf mir nur noch den Fortgang der Welt mit immer neu aufgepackten Zeitgestalten unter dem Sinnbilde eines Kanals vorstellen, so habe ich eine moralische Betrachtung, so gut, als eine mit Kupfern. Zufrieden indess mit der kleinen Probe, die ich gemacht habe, ist mir, nach ruhigem Nachdenken, die Lust vergangen, des edeln Riquet Erfindung, ausser eben jetzt zu meiner Ruckreise, fur das weitere zu benutzen. Reisenden, unter andern Umstanden, als den meinigen, gewahrt; fur mich aber, der keine Fracht zu verfahren hat, als die unbedeutende seines eignen Selbsts der sich ungern an den Glockenschlag bindet, und immer mit Helvetius furchtet, dass uns schon dadurch ein Mensch verhasst werden konne, wenn man ihm lange gegen uber sitzt, taugen alle Fahrzeuge um so weniger, je richtiger sie ihre Stunden halten, und je bunter sie besetzt sind. Da ich vollends gelegentlich erfahren habe, dass die Postschiffe zehn Tage auf denselben Weg verwenden, den ich zu Lande in dreien zuruckzulegen hoffe, so thue ich ohne weiteres Bedenken Verzicht auf die Ehre, mit dem Wasserbekken zu Feriol und dem grossten Trichter auf Gottes Erdboden Bekanntschaft zu machen. Man kame schon von einem Fruhlings-Spaziergange in seinem Leben nicht nach Hause, wenn man nicht manches Merkwurdige vorbeizugehen gelernt hatte.
Mit der Terrasse des bischoflichen Sitzes ist es etwas anders; diese liegt mir, so zu sagen, unter den Handen. Ich brauche ja nur ausgeruhte Fusse und helle Augen, um diesen Solitar nach allen seinen Facetten zu betrachten. Kein Kenner des Wahren, Schonen und Grossen, sagte der Fahndrich im Romanenstil, kann ihn unbesehn lassen, ohne ein Majestatsverbrechen gegen die wundervolle Natur zu begehen. Ach, seitdem mich die Puppenspieler von Agathens Seite aus St. Sauveurs Landsitze versprengten, habe ich das Seelenbedurfniss des Anschauens in seinem ganzen Umfange entbehrt. Desto wohlthatiger werden mir morgen meine Fruhstunden verstreichen. Ein halber Tag langer in Beziers ist freilich ein hoher Kaufpreis; wer wollte aber ein Juwel desswegen, weil es schlecht gefasst ist, vernachlassigen? Indem sah ich, dass mich das Gebet des Monchs glucklich an den Ort meiner Abfahrt gebracht hatte. Mochte es mir doch eben so glucklich von ihm wieder forthelfen! Kaum war ich aus der Barke gestiegen, so sturzte mir Bastian mit einem "Gott sei gelobt," an den Hals, "dass Ihnen der Schrecken, nichts geschadet hat!" "Was fur ein Schrecken?" fragte ich. "Nun? mit dem tollen Hunde," erwiederte er, "hier herum muss ja wohl die Stelle seyn, wo er, so glucklich fur Sie, mein guter Herr, noch zur rechten Zeit den Schlag vor den Kopf erhielt." "Hast du deinen verloren?" spottelte ich und ging meinen Weg nach dem Gasthofe zu, ohne weiter auf sein Gewinsel zu horen. Hier aber begann es von neuem: "Der ehrliche Invalide! Welche Dienste muss er nicht ehemals dem Vaterlande geleistet was fur einen Sabel gefuhrt haben, da er jetzt noch mit seiner Krucke so gut trifft!" Ich blickte den Schwatzer mit grossen Augen an. "Sie hatten aber auch nur," fuhr er fort, "die innige dankbare Freude des armen Graukopfs sehen sollen, als ich ihm nach Ihrer Anweisung das Goldstuck einhandigte." "Nach meiner Anweisung?" fragte ich, "weise sie doch her!" Ich drehte mich mit meiner Visitenkarte nach dem Fenster, sah mit Verwunderung meine eigenhandige Schrift vor mir, und trallerte, um Bastianen keine Verlegenheit merken zu lassen Gott weiss was fur ein Liedchen das aber sicherlich keins zum Lobe Beziers und der Physiognomik war, denn kannst Du denken! der lahme bettelnde Soldat, dessen offenes Gesicht mich gestern so weich machte, hatte meine ihm zum Botenlohn verschriebene Schuld von vier und zwanzig Sous mit derselben durren Hand, die er mir zitternd entgegenstreckte, und einer Geschicklichkeit ohne Gleichen, in so viel Livres verfalscht, die der arglose Bastian und mit tausend Freuden, wie er mir versicherte, auszahlte, ja nebenher noch eine Flasche Wein auf die Gesundheit des geretteten Menschenverstandes seines armen Herrn mit dem Helden ausleerte. "Daran hast du sehr wohl gethan!" sagte ich, "warum batst du ihn nicht auch noch heute zum Abendessen; denn kame er mir jetzt unter die Augen, ich wollte ihm wohl meine Erkenntlichkeit noch thatiger beweisen. Hier hast du deinen Rechnungsbeleg wieder. Ich hoffe, es soll keiner dergleichen mehr vorkommen." "Dazu gebe ja der Himmel seinen Segen!" seufzte Bastian, indem er mir das Schreibzeug zurecht setzte.
Will ich auch des lieben Gottes nicht weiter erwahnen, der Beziers, das wiederhole ich dem Herrn Hubner und Krebel zum letztenmal, so wenig, wie ich, zu seinem irdischen Aufenthalt wahlen wird so wohnt doch immer ein Statthalter von ihm, ein Bischof da, der, dachte ich, wohl vor allen Dingen seiner diebischen Gemeine das siebente Gebot naher, als es das Ansehen hat, an's Herz legen sollte; aber eben erfahre ich vom Wirth, mit Nebenumstanden, die mich so giftig machen, als ob mich wirklich ein toller Hund inoculirt hatte, dass der Hirte dieser raudigen Heerde seine schone Terrasse sogar, nie als einige Tage zur Fruhlingszeit in Amtsverrichtungen besucht, die seine Gegenwart erfordern.
"Der Zutritt zu jenem Weltwunder," erzahlte er weiter, "ware zwar gegen ein Gratial jedem Durchreisenden vergonnt, aber nur nicht vor zehn Uhr des Morgens; so lange schlafe der gnadige Herr in Paris und sein Kastellan hier." "Nun, Herr Wirth," schrie ich ihm dagegen in die Ohren, "so bestelle Er mir die schon einigemal recht schandlich abgesagten Postpferde auf Morgen desto punktlicher mit Anbruch des Tages, denn ich mag in diesem mir hochst fatalen Ort keinen weiter verlieren." Nach dieser, wie ich glaube, deutlichen Erklarung fluchtete ich, ohne mich weiter so wenig um ihn, als um die bischofliche Burg und meine verpfandeten Augen zu bekummern, voll Bosheit ins Bette.
Beziers.
Den 5ten Marz.
Und stehe jetzt in einer zehnmal argeren in einer wahren ruchlosen Stimmung wieder auf; denn ich mochte mich gern dem Teufel ubergeben, um mich von hier wegzubringen, wenn ich so gut Freund mit ihm ware, als Doktor Faust.
"Warum hatte ich denn Sie und Ihren Kammerdiener," uberschrie der Kerl meine Fluche, als er nach neun Uhr vor mein Bette trat, "um nichts und wieder nichts aus dem sussen Schlafe rutteln sollen, da, so horen Sie doch mir! vor Nachmittags keine Postpferde zu haben sind. Was verlieren Sie denn dabei? Sie sind ja hier gut aufgehoben, und konnen nun die Residenz, die Bilderkammer, den Hausschmuck und die Terrasse von Monseigneur nach aller Bequemlichkeit besichtigen; denn ehe Sie mit Ihrem Fruhstucke und Anzuge fertig werden, ist der Kastellan munter."
Der Mensch blieb mir unausstehlich, er mochte vorbringen, was er wollte. Ich wies ihm die Thur, ging dreimal die Stube auf und ab, und wiederholte, wie jener Kaiser, das A.B.C. um uber meinen Ingrimm Herr zu werden. Ich ward es, und machte mich um zehn Uhr auf den Weg. Alleweile, da ich zuruckwarmtes Essen habe ich dahin gewiesen, wo es herkam; denn ich mag nicht eher wieder essen, trinken und mich sonst nach einer Freude umsehen, als in Castelnaudari. Dort in dem trefflichsten Gasthause der ganzen franzosischen Monarchie, wie die Kenner behaupten, hoffe ich wieder Freundschaft mit mir selbst zu stiften und wahrend eines herrlichen Fruhstucks Dir den Pallast, die Terrasse, die Zimmer und Gemalde des Bischofs und seine personlichen Amtsverrichtungen so poetisch zu beschreiben, als sie es verdienen. Habe ich doch uber den heutigen halben Tag und die folgende ganze Nacht zu gebieten, um in meiner lieben heimlichen Berline, die ich eben nach langem Stillstand wieder begrussen und nicht eher, als vor dem Thore jenes beruhmten Hotels verlassen werde, meine schonen Ruckerinnerungen in Musik zu setzen.
Castelnaudari.
Den 6ten Marz.
Keiner von allen mir bekannt gewordenen Wegen der Welt ist mir weniger langweilig, reizender und ebener vorgekommen, als der mich aus dem Fegfeuer zu Beziers in das Paradies, das ich nun glucklich erreicht habe, gebracht hat.
Ich ward in den funfzehen Stunden, die mich, ungeachtet meiner elastischen Chaise, umsonst in den Schlaf zu wiegen suchten, immer munterer, je mehr sich der eine Ort entfernte, der andere naherte. Ach wie wunsche ich mir die drei letzten Tage zuruck, um sie meinem dermaligen freundlichen Aufenthalte zulegen zu konnen! Mein sinnlicher, so lange unbefriedigter, nun desto begehrlicherer Mensch, wie festlich wird er nicht sein Heute verleben!
Das moralische Ich soll hoffentlich zusehen, und ihm, wie der altere Bruder dem jungern, seine kindische Freude nicht missgonnen.
Hatte mir auch nicht Phobus seine abgeschnallten Flugel zum Ruckflug nach jenem Pralatensitz nur fur die vergangene Nacht geliehen, diesen Morgen gabe ich sie ihm ohnehin wieder; denn so umringt von den kostlichsten Leckereien, mein Tagebuch vor mir auf mit einer Zeile mir befassen, die das geringste Nachdenken einen Gran Menschenverstand mehr erforderte, als den eines Abschreibers.
Ich nasche bald von diesem, bald von jenem Gerichtchen meines auserlesenen Fruhmals, wahrend es meine Feder allein ist, die Dir erzahlt und den Wohlklang unverandert zurucktont, den ich unter dem Mondschein der schnell verflogenen Nacht meinem Silberstifte einblies.
Ich zog einen grossen Thaler aus dem Beutel, um mir freien Zugang in das geistliche Storchsnest zu erkaufen. Unterweges kam mir zwar einigemal die Lust an, ihn wieder einzustecken, und lieber meinen Besuch dem Posthalter zu machen, mit dem ich immerfort in Gedanken uber seine schlechten Anstalten zankte. "Bist du nicht hier," redete ich mir ins Gewissen, "schon auf das erbarmlichste in deinen Erwartungen getauscht worden, und kannst dennoch deine Wetterfahne aufs neue dem Winde eines Grosssprechers preis geben, der wohl nicht ohne Ursache abgedankt, vielleicht hoffte, mit deinem Trinkgelde naher noch verwandt zu werden, als er es mit dem Kastellan ist. Ungluckliche Neugier, die, sogar bei dem Betruge, den sie ahndet, sich nicht abhalten lasst, ihn aufzusuchen!" Unter diesem fortwahrenden Tadel eines jeden Schritts, den ich that, erstieg ich nichts desto weniger die Anhohe, stand noch eine Weile unentschlossen vor dem verriegelten Thore, ehe ich anklopfte. Endlich verzeih' es Freund, wenn mir jetzt ein gemeiner, kahler Soldatenfluch entfuhr, "der T e u f e l !" hob ich an, Gleich einem Korporal, der nach der Kegelbahn Den Rest der Lohnung tragt, "der Teufel hol den
Thaler!"
Und schlug mit ihm an's Thor. Kaum war es aufgethan, So streckt' auch schon ein Kerl, der einem trunknen
Prahler
Mehr glich, als einem Kastellan, Die hohle Hand darnach. So schnell als er voran, Trabt' ich nun hintennach. Merkuren selbst, im Wandern Geubter doch als ich, zog nicht sein Schlangenstab Zum Ida schneller hin, als nun Trepp' auf Trepp' ab
Von einer Gallerte zur andern, Bald zu des Bischofs Thron, bald zu des Bischofs Grab Mich dieser Unhold zog. An allem blieb er kleben, Was je die Pracht mit ihrem Vogelleim Bestrich, was je Geschmack und feine Art zu leben Der Armuth nimmt, um es dem Stolz zu geben; Und kein G e m a c h war so g e h e i m , Er liess nicht ab, trotz meinem Widerstreben, Den letzten Umhang aufzuheben. Vorzuglich aber schien der schmucke Bildersaal, Sobald er ihn betrat, sein Kunstgefuhl zu warmen. Die grossen Worte: Ideal, Helldunkel, Schmelz und Kraft, die leider uberall, Von Leipzig bis Paris, uns um die Ohren schwarmen, Durchwirbelten die Luft, vom nachsten Wiederhall Zum fernsten, wie ein Feuerlarmen. M e i n Auge galt ihm nichts, es musste nach dem Staar Des s e i n e n duldsam sich bequemen, H i e r Venus und Adon fur unser Aeltern-Paar, D o r t das verbuhlte Weib des Konigs Potiphar
Fur ein Marienbild zu nehmen. Zog Herrmanns Schlacht und Sieg, von Rubens deutsch
und frei,
(Gleich unsrer Nation, in halb verschossnem Lichte) Den Kenner an, und zog gleich einem Schandgedichte Die Nacht des Bluts und der Verratherei Des niedrigsten gekronter Bosewichte, Als Gegenstuck kaum meinen Blick herbei, So fragt' er mich, ob eine Weltgeschichte Von uberschwenglicherm Gewichte
Als Galliens Annalen sei? Zog d o r t auf Heinrichs Stirn das himmlische
Entzucken,
Ein Volk, das ihn verwarf, vergebend zu beglucken Zog Ludwigs1 edle Bildung h i e r , Der sein ererbtes Reich, (ihm lohne Gott dafur!) Statt mit Trophaen es zu schmucken, Mit festen Strassen, schonen Brucken Verherrlichte, des Auges Neubegier, Auf ihre Glorie zu blicken: So jauchzte mein Kompan, und sein Gehirn kam schier In die Gefahr sich zu verrucken, So sagte mir sein Handedruck, wie gut Ihm der Gedanke that, die Schelsucht eines Deutschen Durch den, einst nur dem Ruhm und nur dem
Heldenmuth
Geweihten Lorbeerhain der Gallier zu peitschen, In dessen Schauer jetzt, abschreckend wie die Brut, Die nur von Moder lebt, der Ahnen-Dunkel ruht. Kraft seiner Eigenschaft, das Schone zu bemerken, Sah er mich hohnend an, wenn ich der Schwermuth
Hang
Mich uberliess, die sanft aus Poussin's Meisterwerken Dem Mitgefuhl entgegen drang, Und bot mir seine Hand, um mich zum Uebergang Nach Watteau's Maskenball zu starken, Und kroch drauf mit Lebrun dem Dragonaden-Zug Des Feldherrn nach, der, glaubig-aberklug Vom Sonnenstich, im Namen Gottes Den Nussstrauch um die Spur der Ketzerei befrug, Und die sein Schwert nicht traf, mit Wunschelruthen
schlug;2
Indess von ihm gewandt, im Zauberkreis des Spottes Mein Blick den Raum durchstrich, wo Coypels
Dichterflug
Die traurige Gestalt des bessern Donquixotes
Ins Pantheon der Narren trug. Schon sah ich uber mir den halben Tag verschwunden Und fiel, dem Ueberdruss der Kunst kaum losgewunden, Mit jedem weitern Schritt in neuen Ueberdruss; Denn dieser Peiniger, den mir des Schicksals Schluss An meine Fersen festgewunden, Ach dieser Brutus meiner schonen Stunden Berauschte sich, wie's schien, in meinem Ungenuss. Gott, welch ein Trauerspiel! Bald fiel es in das Grasse. Denn, war vor Ihm in meinem Hasse Gleich noch so hoch kein Sterblicher gediehn, Hatt' ich doch, wie Linnee, den Tiger in die Klasse Der Katzen nur gesetzt, ihm Krallen nur verliehn. Jetzt stieg Er schwarzer auf in meinen Phantasien. Denn, als nach manchem Saal, im prachtigen Gelasse Der Ritterzeit nach manchem Baldachin, Die Ihn so blendeten, dass er den Hut zu ziehn Nicht widerstand, nun endlich die Terrasse, Nach der ich langst geseufzt, erschien, Denk mein Entsetzen Dir, dann erst erkannt ich Ihn Fur Jenen, den mein Mund beim Eintritt von der Gasse So frevelhaft citirt. Gluht nicht dem Satanasse Mein Aufgelb in der Hand? Was sollt' ich thun?
Entfliehn?
Z u spat, Er hielt mich fest, warf schreckliche Vergleiche Mir in den Weg, wies mir den Unterscheid Von mir zu seinem Herrn geweiht und nicht geweiht Furst oder nichts zu seyn und zeigte mir die Reiche Der Welt und ihre Herrlichkeit. Leis rief ich: "Hebe dich von hinnen! Ich gelobe Dir nichts als meinen Fluch." Da wirbelte die grobe Verworfne Faust zwei Stiegen mich hinab Zu der, dem Pallium, dem Kreuz, dem Hirtenstab Und Bischofshut geweihten Garderobe. Und als ich seinem Wink mich dennoch nicht ergab, Zog er mein schwachstes Theil, mein Herz noch auf die
Probe.
Zwei Flugel sprangen auf. Ein Duft von Rosen brach Aus einem Himmelbett, grun, wie ein Laubedach, Zu raumig nur fur einen einzeln Christen. "Ist hier der Hain," rief ich, "wo Amors Tauben nisten? Wohin bin ich versetzt?" Und der Versucher sprach: "In des Pralaten Schlafgemach!" Hier, wo die Grazien nicht nur in Marmor-Busten, Nein, Tochter auch des Lands in jungfraulichem Licht Zur Zeit der Firmelung sich ihm entgegen brusten, Sturzt Er nicht wie ein Spatz auf Kirschen nur erpicht, Die keinem andern Spatz den Schnabel schon
versussten
Er sturzt wie Jupiter mit gottlichen Gelusten Zur Ruh auf Ledens Schooss durchs Empyreum bricht Aus seinem Wolkenbett. Nach schlauer Uebersicht Der holden Kinderchen, die aus dem Schlaf ihn kussten (Diess ist ihr Eingangs-Zoll ins Pralaturgericht) Wahlt Er ein Ganschen aus, mit Schwingen, die noch
nicht
Sich so heroisch blahn, als ob sie langst schon wussten Nie sie mit wogendem, dankbarem Gleichgewicht Den Segen seiner Hand geruhrt erwiedern mussten. Je mehr ihr Jugendglanz ihm in die Augen sticht, Je schuchterner sie seinen Blick begrussten, Je sanfter lispelt Er: "Mich drangen Amt und Pflicht, Euch lieben Schwachlinge zum ersten Unterricht Fur eures Daseyns Zweck mit Kenntniss auszurusten; Das hohe Lied dien' uns zum Fuhrer! Es verspricht Den Lernbegierigen nach kurzen Stundenfristen Den Spiegel ihrer selbst doch, Alberne, was ficht Dich fur ein Schauer an? Kennst du diess Lehrgedicht?" Sie nickt. "Verstehst es auch?" Er hort mit Wohlbehagen Ihr kindisch Nein er hort, dass vor den Ostertagen Sie schon der Ruth' entwuchs, und drum der Schul'
entfloh.
Weil der Praceptor ihr Sie schame sich's zu sagen, Wenn sie im Lesebuch ein A mit einem O Vertauscht "Still!" fallt er ein, "lass lieber, statt zu
klagen,
Mich deine Augen sehn Scheust du sie aufzuschlagen, Weil sie zu feurig sind? Ich bin ja nicht von Stroh." "Nun dabei," lachelt sie, "habt Ihr wohl nichts zu
wagen."
Sie lasst drei Blicke los nur drei und lichterloh Brennt schon sein Hirtenstab, sein Hermelin am Kragen, Und jede Trottel brennt an seinem Domino. "Jetzt," lallt sein Mund, "jetzt hilf die Grillen mir
verjagen.
Horch! Gott schuf Mann und Frau mit Herzen, Kopf und
Magen,
Doch i h r hing er auch noch ein kleines quid pro quo Zum Freudenwecker an. Das Bild an jenem Schragen Stellt dir ein Beispiel dar. Sieh, wie geweckt und froh Ein reizend Madchen dort, ohn' eine Spur von Zagen Mit einem Schwane spielt, der wie ein Thier sich roh Und keck dabei benimmt. Sieh, wie er seine zwo Verliebte Schwingen hebt, aus diesem Nest voll Plagen Die kleine Nackende ins Paradies zu tragen, Das, ehe der Advent mit Fasten uns bedroh, Ich dir itzt zeigen will." Betroffen fragt sie: "Wo? Liegt denn wo sucht Ihr denn das Par.." und sinkt im
Fragen
Mit einem Laut als sang sie ein Adagio, Tief in sein Lotterbett, wo schon oft Klugre lagen, Die jetzt, als Heilige, weit uber andre ragen. "Ach, Hoch ehr wurdger Herr," stohnt sie, "beim
Salomo
Bitt ich beschwor ich Euch wollt Ihr mich denn
zernagen?
Ist's moglich! Firmelt Ihr denn alle Madchen so?" Doch fuhlt das Ganschen kaum durch das nur allzu susse Triumphlied seines Schwans sich dreimal uberstimmt, Als es den Fittig hebt, dem jede Feder glimmt. Fur seines Daseyns Zweck von Kopf bis an die Fusse Gefirmelt wie ein Stern, der in den Thierkreis
schwimmt,
Gelenker als es kaum der bischofliche Riese Dem Schwachling zugetraut, der Flug zum Paradiese, Nicht scheuer als ein Seraph nimmt. "Gott strafe den Tartuf!" rief ich. Durch diese Wort Erschreckt, hob der Verfuhrer sich Schwarz, wie der Dampf aus einer Gift-Retorte, Von mir hinweg, zugleich umglanzte mich Ein Strahl von obenher. Mit Beben zwar, durchschlich Mein Fuss die grause Burg, doch bald an offner Pforte, Schlug ich ein Kreuz vor und entwich.
Wie ich athemlos in meine Stube trat, schlug Bastian die Hande uber den Kopf zusammen. "Ach mein Herr!" schrie er laut auf, "was ist Ihnen begegnet? Blass wie eine Leiche, und die Stirne voll kalter Schweisstropfen!" "Lass das" schopfte ich nach Luft "gut seyn Nur geschwind frische Wasche und einen andern Rock! Durchrauchere die ausgezogenen, und mache um des Himmels Willen, dass wir fortkommen! Ich habe Gott, wie zittere ich! Ihn, dem ich mich heute zu deiner grossen Aergerniss mehr als einmal ubergab ja, Bastian, ich habe den leibhaften Teufel gesehn." "Ach lieber Herr!" trat mir Bastian naher, "wie konnten Sie? Sie waren ja in der Wohnung eines Pralaten!" "Thut nichts," antwortete ich mit heisrer Stimme, "den ganzen Morgen, kannst du mir glauben, bin ich in seiner Gewalt gewesen!" "Nun so erbarme sich Gott!" jammerte der arme Schelm, und schmiegte sich mit klappernden Zahnen so fest an mich, als ob der bose Geist hinter ihm, und Eduard, ich so wenig, als mein aberglaubischer Kammerdiener, wurden unsere Ruckenschauer eher los, als da wir, von unserer fortrollenden Berline aus, die Thurmspitzen von Narbonne erblickten.
Hier erfuhr ich beim Umspannen, dass seit vier und zwanzig Stunden keine Post weder hin- noch herwarts, und auch eben so lange, gab mein Fuhrer sein Wort dazu, kein Pferd in Beziers aus dem Stalle gekommen ware. Ein neuer, aber uberflussiger Beweis von der Wahrheitsliebe und Redlichkeit des OrtolanWirths; denn seine, fur nicht genossene Gerichte, fur nicht getrunkene Weine mir zugeschnellte Rechnung, die ich noch warm in meiner Tasche, so wie er mein Geld dafur in der seinigen hatte, sprach ohnehin laut genug. Aus wahrem Vaterlandsgefuhl warne ich meine Mitburger, die etwa nach mir diese Gegend bereisen, sich ja, weder durch unsere deutschen Wegweiser durch das anlockende Schild der Herberge durch Fideikommisse und ehrliche Gesichter, noch durch die bischofliche Terrasse zu einem langern Aufenthalt in diesem gotteslasterlichen Stadtchen verfuhren zu lassen, als etwa der Postwechsel nothig macht; und besonders die Bespannung ihres Fuhrwerks selber zu bestellen, damit sie geschwinder, als ich armer Betrogener, in das Kastell des Wohllebens gelangen, dessen Vorzuge vor allen andern Kosthausern des Reichs ich, mit Deiner Erlaubniss, stillschweigend und in meinem Tagebuche zum erstenmal, gleich einer zarten Empfindung, die sich nur fuhlen, aber nicht beschreiben lasst, ubergehe. Der Ehrenmann, in der weitesten Bedeutung des Worts, der in der Kurze eines halben Tages der herrlichsten und wohlfeilsten Bewirthung das Dankgefuhl meines Daseyns hoher hinaufgetrieben hat, als alle die Summen, die ich von Jugend an darauf pranumerirt habe, wie freundschaftlich greift er mir nicht, selbst bei unserer Trennung, unter die Arme, wie verschieden von jenem Sudelkoch, dem die unverschamteste Luge glatt uber die Zunge ging, um mich noch einen Tag langer rupfen zu konnen. Hier trat der Fall wirklich ein, den jener nur vorgab; Bastian hatte sich diessmal mit eignen Augen uberzeugt, dass der Poststall leer stande. Da trat aber mein heutiger Wirth auf das edelste dazwischen, um die Schwierigkeit zu beseitigen, und seine Vermittelung half mir nebenbei zu der unverhofften Bekanntschaft eines fur mich sehr merkwurdigen Orts.
"Wenn Sie," sagte er, "einen geringen Umweg, und das Nachtlager auf einem Dorfe nicht zu sehr scheuen, so biete ich Ihnen meine eigenen vier tuchtigen Wallachen an denn es sind Normanner, die Sie auf einem viel bequemern Wege, als die Poststrasse uber Carcassone ist, morgen bei guter Zeit nach Toulouse bringen sollen."
"In Ihrem Hause, lieber Mann," antwortete ich, wie es mir um's Herz war, "wollte ich ganz geduldig selbst noch einige Tage auf die Zuruckkunft der Postpferde warten; aber auf der andern Seite mochte ich doch nicht gern daruber auf bessern Weg und vier Normanner Verzicht thun. Wo meinten Sie, dass ich ubernachten soll?" "In einem zwar unansehnlichen kleinen Dorfchen, das aber," erklarte er mir, "das Stammgut eines zu seiner Zeit beruhmten Schriftstellers war, und auch seinen Namen fuhrt, Montesquieu." Das war doch einmal ein Wort, Eduard, das sich horen liess. Kaum war es ihm uber die Lippen, so dachte ich weiter nicht an mein korperliches Wohlbehagen, und nahm seinen Vorschlag mit herzlicher Freude an. Er verliess mich, um sogleich Anstalt zu machen, indess ich meine Landkarte aus einander schlug, und meine Augen in der Gegend nach dem anziehenden Orte herumschickte. Ich fand einige, als Zollstatte, mit einer Fahne, andere, als bischofliche Residenzen, mit einem Sternchen, und einen mit zwei sich kreuzenden Schwerten zum Merkmal bezeichnet, dass in seiner Nahe eine Schlacht vorgefallen sei; dem Ort aber, wo der grosse Mann geboren war, lebte und schrieb, hatte mein geographischer Handlanger nicht einmal seinen Platz auf dem Erdboden gelassen, geschweige ihn eines Ehrenzeichens gewurdiget. Der jovialische Hausherr liess mir nicht Zeit, mich daruber lange zu argern. "Hier bringe ich Ihnen," trat er ein, "zum Abschied noch eine Flasche des guten Weins, der auf den Bergen zu Montesquieu reift; sonst kauften ihn die Englander auf's theuerste uns vor dem Munde weg, aber seit dem Tode des gelehrten Prasidenten fragen sie nicht mehr darnach; jetzt steht er um die Halfte im Preis, ob er schon noch immer von derselben Gute ist." "Das thut mir leid um die Englander," sagte ich, und nahm ihm das volle Glas ab. "Sie sollen," trank ich ihm die Gesundheit zu, "zum Vergnugen aller Reisenden, noch lange leben, Herr Wirth von Castelnaudari! Sie wissen nicht, wie elend es mir drei Tage nach einander gegangen ist, ehe ich hier ankam. Sie haben mich mit einem einzigen Fruhstuck vollkommen wieder hergestellt, und waren Sie nicht kluger, als meine Landkarte, so hatte ich, wie andere, auf der ordinairen Poststrasse fortrumpeln mussen, ohne nur zu ahnden, dass der Geburtsort des Mannes, den ich vor allen andern schatze und liebe, mir auf dem Seitenwege in der Nahe lag. Wenn man von gottesvergessenen Menschen so murbe gemacht wird, als ich in Beziers, wie empfanglich ist dann nicht unser Herz fur alles Gute, das uns bessere zufliessen lassen!"
Ich schuttete gegen meinen heutigen Wohlthater alle mogliche Floskeln des Danks um so verschwenderischer aus, als er mir es in wenig Stunden von mehr als einer Seite her geworden war, und bestieg dann meine Berline mit einer gewissen stolzen Selbstzufriedenheit, da ich sie zum erstenmal mit vier prachtigen Normannern, die keinem koniglichen Einzuge Schande machen wurden, bespannt sah. Dergleichen erborgte Empfindungen halten indess bei einem verstandigen Junglinge nicht lange an, der die vergangene Nacht uber guten oder schlechten Versen verwachte, einen Feldweg, wie von grunem Sammt bezogen, vor sich, kuhlende Zephyrs im Gesicht, ein weiches Kissen unter seinem Kopf liegen hat, und auf Stahlfedern sitzt. Auch war meine heutige Reise ganz dem sussen Taumel ahnlich, mit dem vormals das Wiegenlied einer lieben Amme meine Kindheit beseligte, und der nicht eher verging, als da der Kutscher Abends sieben Uhr mit dem Zuruf: Herr, wir sind in Montesquieu! vor einem Schindelhauschen still hielt.
Wie lieblich schlagt solch ein Klang an jedes gute menschliche Ohr! Er erweckt, wie eine Kirchenglokke, Gedanken der Andacht erinnert an die Veredlung unsers Geschlechts an den wohlthatigen Geist der Gesetze an offentliches und hausliches Gluck.
Das wohl! aber wenn man, wie hier der Fall war, nur ein verodetes, elendes Dorfchen mit solch einem Namen bepragt sieht, mochte man ihm dann nicht lieber einen aus Westphalen genommenen beilegen, der weniger stolz klange und sich besser zu seinem Schmutz passte? so wie man nur zu oft in vornehmen Gesellschaften den verdorbenen Sprossen eines edeln Stammes, wo nicht vernichten, doch umtaufen mochte. Nie hatte mir ahnden konnen, in dem Stammgute des Philosophen dieses Namens einen solchen Mangel an Ordnung, Reinlichkeit und Policei, unter dem Bettlerhaufen, der ihn bewohnt, anzutreffen, als ich leider mit Augen sah. Zur Entschuldigung sagte mir zwar der alte Bauer, der hier den Wirth macht, dass dieser einst wohlhabende Ort im letzten Religionskriege so herunter gekommen ware. Er sei vorher und so lange mit fleissigen, redlichen, aber freilich kalvinistischen Einwohnern sehr reich besetzt gewesen, bis die Verbreiter der reinen Lehre alles ketzerische Unkraut ausgerottet, Kirchen und Schulen verbrannt und keine Hutte verschont hatten, ausser der seinigen, der Einkehr und des Weinschanks wegen. Der nachherige gelehrte Herr des Dorfs habe sich zwar durch Rath und That bemuht, seiner verfallenen Besitzung wieder aufzuhelfen, aber zu solch einem Unternehmen reiche e i n Menschenalter nicht hin, und man konne doch auch nicht verlangen, dass der Nachfolger wie der Vorfahr denken und seinen Unterthanen Frohnen und Zehnden erlassen solle, ob es gleich das einzige Mittel ware, dem Uebel ihrer drukkenden Armuth zu steuern. "So will ich Gott danken," fiel ich ihm in die Rede, "dass ich in seinem, wie ich sehe, dreieckigen Gastzimmer, lieber Mann, wenigstens vor Religionsverbreitern sicher ubernachten kann, wenn es auch vor Ratten nicht seyn sollte. Schlafe er wohl, und lasse er es ja meinen schonen Miethpferden an nichts abgehen, ich bedarf nur Ruhe." "Ueberhaupt," setzte ich nun die Unterredung mit mir allein fort, "darf ich, ohne mich eben mit der erstiegenen Hohe unserer Kultur breit zu machen, doch mit frohem Herzen zu den weit niedern Stufen derselben herunterblicken, auf welchen noch vor hundert Jahren die Vorlebenden standen. Wie viele gute Kopfe haben nicht erst, entweder wegen ihres zu schwachen, oder zu starken Glaubens uber das Henkerschwert springen mussen, ehe ich in dem meinigen mit Sicherheit eine freie Denkungsart herumtragen konnte. Selbst dir, guter Montesquieu, sammt deiner persischen Maske, wurde es nicht besser ergangen seyn, als deinem Erbe, wenn du nicht durch den Tempel von Gnidos einen leichtern Weg zu der steilen Sorbonne und in deinen aufgefangenen Briefen aus dem Serail ein so bewahrtes Erweichungsmittel jener religiosen Felsenherzen entdeckt hattest, dass jeder, dessen Hand nur geschickt genug ist, es aufzulegen, der weitlauftigen dogmatischen Prozesse mit dem Scheiterhaufen uberhoben und gewiss seyn kann, fur rechtglaubig erkannt zu werden: denn ein Maler, der die Entzuckungen der Liebe mit so feinen, und nur desto kraftigern Farben zu schildern versteht, als du, hat alle Bischofe auf seiner Seite."
Es war, als ich kaum einige Stunden der Ruhe gepflogen hatte, zwar nur mein Kamin-Schlot, der diese Nacht durch ein Bundel durrer Weinreben, die so wenig wissen konnten, als ich, dass er seit vielen Jahren nicht gefegt war, in Brand gerieth. Diess hinderte aber nicht, dass ich den grossten Theil meines schonen Schlafs daruber verlor der Larm im Hause mir die Hand lahmte, da ich eben den Vorhang eines persischen Serails zu luften versuchte, und mich zugleich im selben Augenblick eine Najade, die, leichter bedeckt, als es selbst das erste Schrecken erlaubt, mit ihrem Loschgerathe in mein Zimmerchen gesturzt kam, weiter von Gnidos entfernte, als es einem traumenden Junglinge lieb ist. Gutiger Himmel! in was fur eine wilde Wirthschaft kann man nicht gerathen, wenn man der Spur eines beruhmten Mannes nachgeht! Sollte denn der gelehrte Prasident, der so grosse Sorge fur Monarchien trug, sein Dorf nicht einmal mit einer Feuerordnung beschenkt haben? Welche erbarmliche Anstalten! Statt einer Schlangenspritze fuhrte man in Prozession einen jungen Monch auf, der die Flamme, wie sie es nannten, besprach, die auch nur noch einige Minuten knisterte, sich dann senkte und verlosch.
Wahrend dieser geistlichen Gaukelei trieb das Sturmglockchen misstonend wie eine blecherne Klingel, des gaffenden nackten Gesindels eine grossere Menge mir unter die Augen, als sie zu ertragen vermochten; aber schon machtig genug, jagte der stinkende beissende Rauch, der die Hutte durchzog, mich und meine normannischen Wallachen aus unseren Buchten. Sie stellten sich von selbst vor den Reisewagen, so instinktmassig, als sich mein matter Korper hineinwarf, und schnauften, wie ich, nach reinerem Aether. Blitzschnell drangte sich nun der verstorte Schenkwirth herbei, forderte nicht, sondern bettelte erst um sechs Livres fur unsere Beherbergung dann um drei zur Vergutung der Unruh, die mein allzufrostiges Temperament veranlasst hatte, und noch um eben so viel fur den geistlichen Beschworer.
Mittlerweile ich diesem Bettler die Geldstucke zum Schlage heraus seiner vorgehaltenen russigen Nachtmutze zuschleuderte, stand jener in einem so dichten weiblichen Kreis, als waren hundert alte und junge Busen an einander geschnurt, und dankte mit funkelnden Augen Gott fur die sichtlich frommen Bewegungen, in die das eben geschehene Wunder sie alle, besonders die jungern, versetzt hatte. Ernster, naher und andachtiger, als er diese besprach, sah' ich es ihn selbst vor der brennenden Esse nicht thun, und es freute mich gar sehr, zufallig wieder einmal auf einen Klosterbruder zu stossen, der es mit der heranwachsenden Jugend gut meint. Der falsche Schein der Morgenrothe, die hinter einem dunkeln Gewolke hervordammerte und, nach Versicherung des Kutschers, den baldigen Durchbruch eines dahinter versteckten desto rosigern Tages versprach, breitete uber jene nachtliche Gruppe einen so magischen Schimmer, wie ihn Schalken seinem herrlichen Gemalde der klugen und thorichten Jungfrauen zu geben gewusst hat, und lenkte meinen Seherblick auf einen Gegenstand, der mir zu einer ganz neuen Vergleichung verhalf. Die Spiele der Natur, am Himmel und auf der Erde, sind bei ihrer Mannigfaltigkeit so verschieden von einander, dass jeder Dichter bemuht seyn sollte, auch den entferntesten Beruhrungspunkt unter ihnen aufzufassen. Eins der blassen Madchengesichter, die den Wunderthater umgaben, hatte sich aus zu dringender Andacht seinem langen braunen Barte so sehr genahert, dass ich diese Zierde seines Standes eine ganze Weile fur den Schleier des Gesichtchens nahm, das durchschien, bis ich den optischen Betrug entdeckte.
"Siehe, Bastian," rief ich dann wie inspirirt, "dort ist auch ein rosiger Tag hinter dunkeln Wolken im Durchbrechen!" Aber sein prosaisches Gehirn verstand das Treffende meines Ausrufes nicht. Ich traue meinen Lesern hohere Gaben zu, denn wer keine Aehnlichkeit zwischen den Objekten, die ich hier einander gegen uber stellte, finden konnte, musste sich schlecht auf Gleichnisse verstehen, keinen Wahrsagergeist und so wenig poetischen Sinn haben, als mein Kammerdiener. Beim Abfahren warf ich noch einen launigen Seitenblick auf den Geburtsort des gepriesenen Geists der Gesetze, an dessen Stelle nur zu sichtbar einer der schmutzigsten Poltergeister getreten ist.
Ehrlicher Montesquieu! redete ich seinen Schatten an, wie wenig ach wie so gar nicht haben die Balsamstauden deines eingezogenen Lebens, die, wunderbar genug, auf diesem Mistbeete zur Reife kamen, ihren eigenen Grund und Boden veredelt und besamt! Wahr! aber hat denn ihr Blumenkelch sich befruchtender uber die Wirthschaften ergossen, die von unser Einem Respekt fordern? Wo? ich sehe mich so weit um, als mich die Augen tragen sind denn Absenker dieser Edelgewachse besser gediehen? Schlingen sich nicht statt dieser bescheidenen noch immer Giftund Schmarozerpflanzen in frechem Wachsthum an die Schlosser der Konige, an die Pallaste der Grossen, an die Saulen und Stutzen der Armen hinauf, und todten durch schadlichen Aushauch alle lebendige Kraft der Staaten, den Muth, die Arbeitsamkeit die naturlichen Rechte der Unterthanen und ihren freien Gehorsam fur gesetzliche Ordnung?
Stehen nicht deine lehrreichen Schriften in allen furstlichen Bibliotheken, die ich kenne, wie vertrocknete Saamenkapseln, nur noch zur Schau da? Und wo gab' es ein Land oder Landchen, dessen Minister nicht weit kluger waren als du, und um hundert Procente bessere Regierungsplane entwerfen konnten, als die deinigen sind?
Gott weiss, wie lange ich noch unter meiner Reisemutze so uber die Schnur gehauen hatte, ware mir nicht, sobald ich auf meinem gestrigen Platzchen wieder fest sass, der Beschwichtiger aller heillosen Grillen der Besanftiger jedes emporten Bluts mein, von einer bosen Stunde verscheuchter Freund, treu, wie gewohnlich, zu Hulfe gekommen.
Ich vertraute meinen erschlafften Korper ihm und meinen getiegerten Miethlingen sorgenlos an, die in dem Tumulte des Feuers und Russes nichts von ihrem angestammten Muthe und gefalligen Aeussern verloren hatten.
Der Weg, der ihnen heute mit mir zu thun ubrig blieb, mochte wohl eben so gut und sammetartig seyn, als der gestern zuruckgelegte.
Mit Gewissheit kann ich es jedoch so wenig behaupten, als der Schlafer zu meiner Linken, neben dem ich in einem so komisch-tragischen Traum verfallen lag, als mir je einer vorkam. Er, ein wilder Abkommling meiner politischen Nachtgedanken, trat mit Wurde einem andern voraus, der von weitem ihm nachschlich, und aus allen Elementen zusammengeknetet keinen vornehmern Ursprung hatte, als den Bart eines Monchs.
Ich weiss wohl, dass Du dergleichen mark- und saftlosen Erzahlungen nie hold gewesen bist, da es aber so selten gluckt, dass man diesen Zerrbildern der Seele, bis zu den Nebeln ihres ersten Vordammerns, auf die Spur kommt, und ich ohnehin vor Sonnenaufgang keinen klarern Stoff zu verarbeiten habe, so musst Du mir schon vergeben, wenn ich Dir den einen und den andern mit gleicher Gesprachigkeit entwickele, als Deine Tante die ihrigen. Es wahrte vielleicht nach dem sanften Stillstand meiner aussern Sinne keine drei Minuten, als ich, altdeutsch gekleidet, mich in Gesellschaft der sieben Churfursten auf die Kaiserwahl nach Frankfurt am Main verirrte. Im Schlafe weiss man weder von Ceremoniel noch Kalender. Ich hielt mich, wie Du siehst, bloss an den Kodex der guldenen Bulle, die an dieser Zahl eben genug hatte, um sie als Erbfeinde der sieben Todsunden aufschworen zu lassen. Ob sich diese in der Folge der Zeit in gleichem Verhaltniss mit den erstern vermehrt haben, oder ob fur die mehr entstandenen Erbamter keine weiter zu erdenken sei, ist eine Frage, deren Beantwortung den Lehrern der neuern Statistik zusteht. Mir konnte sie nicht in den Sinn kommen. Ich fuhlte nur meine gluckliche Lage, und fragte mich einmal uber das andere: Kann man wohl vornehmer und sicherer reisen, als Du?
Meine Begleiter waren recht artige, hofliche und lustige Herren. Auch gelangte ich durch ihren machtigen Einfluss in das Wahlgeschaft zu einem Ehrenposten, dessen ich mich am wenigsten versah. Ich stand, ganz ausser mir rathe einmal wo?
Ich stand, geschmuckt als Herold, nachst den Stufen
Des Kaiserstuhls an seinem Kronungstag,
Die Volksvertreter aufzurufen
Zum neuen Ritterschlag.
Kaum ward ich laut, als mich, in einer fremden
Antiquen Pracht, ein grosser Junker-Tross
Mit Fahnen, Spiessen, Panzerhemden
In seine Mitte schloss.
Die Herren, vest, gestreng und freigeboren,
Ergriffen mich, wie ein gemeines Lamm,
Und schleppten mich bei beiden Ohren
An ihren Heldenstamm.
Was soll ich hier? schrie ich. "Hier sollst du sehen
Kraft deines Amts, dass wir von Kind zu Kind
Aecht, und aus ebenburt'gen Ehen
Geborne Ritter sind."
Mich uberfiel ein burgerliches Grauen,
Weh dir, seufzt' ich, wenn dich dein Ehrenamt
Zum Tugendrichter todter Frauen
An diesen Pfahl verdammt!
Und perlt denn wohl im Amazonen-Flusse
Ein Tropfchen noch des Quells, der ihn ergoss?
Folgt Treue dem Verlobungskusse
Nur in ein Ritterschloss?
Druckt Amor nicht den Stempel edler Wappen
Manchmal in Blei? Beschien der Abendstern
Nicht oft schon in dem Arm des Knappen
Die Braut des Pannerherrn?
Sie prahlten fort: "Wir sind an Kronungstagen
Bestimmt, der Majestat uns anzureihn,
Und den Churfurstlichen Gelagen
Getreu und hold zu seyn.
Aus Mannermuth mit Weibertreu verschmolzen,
Im reinsten Gold, das keinen Fleck vertragt,
Hat uns die Zeit zu diesen stolzen
Schaumunzen ausgepragt."
Mein Ohr erlag dem Schrei so vieler Kraher,
Verdruss und Scham durchstromten mein Gesicht,
Ich fuhlte angstvoll, zum Verdreher
Der Wahrheit taug' ich nicht;
Zum Thoren nicht, der auf ein Feld von Aehren
Jedweden Korn- und Strohhalm Zoll fur Zoll
Vergleichen, messen und gewahren,
Nur nicht enthulsen soll.
Staub nur entsteigt den treusten Ahnenproben,
Dem alt'sten Stammbaum modriger Geruch;
Bis nach des Kaisers Spruch.
Mein Wunsch gelang. Denn eh' ich, gleich der Motte,
Nur einen morschen Adelsbrief durchschlich,
Sah ich die Matador der Rotte
Selbst uneins unter sich.
Blutdurstig fiel, gleich Wilden, ihr Geschwader
Von Haut zu Haut, auf seine Vettern her,
Und einer schlug dem andern Ader
Mit seinem Probespeer
Der E r s t e schrie: Wer geht mir vor an Adel?
Mein Ahnherr war bei Fursten angenehm,
Mann ohne Furcht und ohne Tadel,
Wie Bayard ehedem.
Des Z w e i t e n Schild zum hohern Standsbeweise
Fuhrt ihm das Jagdross Karls des Grossen an,
Das, wie bekannt, die erste Reise
Ins Aachner Bad gethan. 3
Doch gleich hatt' ihn aus eines D r i t t e n Munde
Ein noch weit altrer Ahnherr uberschrien;
Der sass einst an der Tafelrunde
Des Zauberers Merlin.
Den Andern blieb, so machtig uberboten,
Kein Nachsatz mehr fur ihre Forderung,
Und keiner that ins Reich der Todten
Noch einen Rittersprung.
Veredeln kann, vermeidet den Versuch
Und wunschet eher sich statt Helme
Ein ehrlich Leichentuch.
Doch kam noch mancher einzeln angekrochen
Und ubergab als Einlasskarte mir
Bald einen grauen Ritterknochen
Bald ein gemalt Visier.
Ein Preusse schwor, von vaterlicher Seite
Hab' er auch einen Helden ausgespurt,
Der einst im Faustkrieg das Geleite
Von Nurenberg gefuhrt.
Ein Schwabe rief: Ob mich schon mancher schlaffe
Heraldikus nicht fur ganz acht erkennt,
Trag' ich doch die antikste Waffe
Bei unserm Kontingent.
Ein Hesse, der nach Monchs- und Nonnenkutten
Sein lahm Geschoss mit lahmer Faust gespannt,
Vertraute mir, er sei mit Hutten
Und Berliching verwandt.
Ein Baier wies mir seinen Helm; den habe,
Prahlt' er, mit Blut gefullt, aus einer Schlacht
Beim Kreuzzug nach dem heil'gen Grabe
Sein Ahnherr mitgebracht.
Ein Reichsbaron fragt' ihn mit Hohn und ballte
Die Faust: Bist du darum von besserm Schrot
Und Korn? Zu beider Gluck erschallte
"Legt eure Panzer ab, stellt ohne Fahnen
Vor meinen Thron euch dar und hort mich an!
Was hat diess Heergerath der Ahnen
In eurer Hand gethan?
Wer hat die Saulen unsres Reichs gestutzet
Und treu dem Schwur, der ihm zum Erbtheil fiel,
Das werthe Vaterland beschutzet
Im ernsten Waffenspiel?
Wer unternahm den Brennstoff unsrer Zeiten,
Den Blitz des Kriegs, den Funken des Verraths
Mit treuer Einsicht abzuleiten
Als Genius des Staats?
Vermehrtet Ihr durch eure Heldennamen
Des Burgers Wohlfahrt oder seine Last?
Messt euch, ob wohl in euern Rahmen
Ihr grosses Vorbild passt!
Und wisst, wer sich des deutschen Erbvertrages
Der Ehr' entzog, sein ihm vertrautes Schwert
Verrieth, ist auch des Ehrenschlages
Des meinigen nicht werth.
Der Tapfre nur, der aufgeklarte Seher
Im Furstenrath, tret', als ein achter Sohn
Des Ahnherrn, unserm Throne naher
Und ernte gleichen Lohn."
Der Kaiser schwieg. Ich aber trug im Kreise
Der Horchenden sein Aufgebot herum.
Schnell ward ihr Stahlgeklirr ganz leise
Und aller Zungen stumm.
Und blieben stumm. Doch bald getrostet zogen
Die Junker ab, stolz, frech und aufgeschwellt
Von Dunsten, wie der Regenbogen,
Der mehr verspricht, als halt.
Denn, wie diess Zeichen von des Himmels Gnade
Erst, wenn der Sturm des Landmanns Fleiss zerstort,
In optisch tauschender Parade
Sich vornehm zu uns kehrt;
So zeigen sie nie lieber sich gerustet
Und brustender mit ihrer Ahnen Muth,
Als bis das Land, vom Feind verwustet,
Statt ihrer Busse thut.
Nicht Einer war so sehr um sich verlegen,
Dass er sich nicht hinaus zum Rittersaal
Trotz lachend, wie die Kinder pflegen,
Zu seinen Bauern stahl.
Bald jauchzt er dort, dass ohne Ihn der Schrecken
Des Dorfs verflog, das den Gestrengen nahrt,
Und, wo nicht Ihn, doch Helm und Decken
Des edeln Ahnherrn ehrt.
Ich sah mich um, und da ich keinen weiser
Und tapferer als meinen Schatten sah,
Rief ich erstaunt wie unser Kaiser:
Kaum flog diess Wort des Jammers von der Lippe,
So schien es mir, es trat' in Trauerflor
Der Vorzeit drohendes Gerippe
Aus seiner Gruft hervor.
An Helden leer, an Redlichen noch leerer,
Schien mir der Staat nur einer Wuste gleich;
Sein Glanz ging unter, und der Mehrer
Des Reichs fiel wie das Reich.
Den Boden, der sonst einen Kranz von Eichen
Und Lorbern trug, bedeckte durrer Sand,
Auf dem nur noch als Todeszeichen
Die Thranenweide stand.
Blass blickt' ich, wie ein Monument beim Flimmern
Des Nordlichts, in ein weit gedehntes Grab,
Und warf zuletzt zu jenen Trummern
Auch meinen Heroldsstab.
Sobald mein Ohr denn darauf kam alles an sein verschobenes Kissen wieder gefunden hatte, vernahm es von diesem graulichen Larm der Verwustung keinen Laut mehr. Meine gedruckte Seele luftete sich, hupfte leicht, wie eine Grille, uber den kostbaren Schutt und uber das ungebuhrliche Schattenbild hinweg, das so sehr die edle Kaste beleidigt hatte, der anzugehoren von Kindesbeinen an mein Stolz war. Flucht war hier das Beste; denn, ungerechnet dass in der Scheide zuruck hielt, ware es auch uberdiess ein Donquixoten-Streich gewesen, mich mit meinem eigenen Traume zu schlagen. Das Vorgefuhl der erwachten Natur pickelte mir an die geschlossenen Augenlieder, offnete aber, wie es schien, nur die kleinste Fallthure ihres weitlauftigen Tempels, aus welchem mir die heiterste Morgenerscheinung in jener schlanken weiblichen Gestalt entgegen schwebte, die meinen Geist so gerne besucht, wenn er traumt. "O du kommst wie gerufen, liebe Julie!" fasste ich sie bei der Hand, "denn eben will ich eins der Phanomene belauschen, deren du schon manche im Stillen mit mir bewundert hast. Sieh nur, liebe Kleine, wie kindisch die himmlische Aurora sich wendet und straubt, ehe sie dem ungeduldigen Tage ihre weissen Lilien Preis giebt. Ich mochte wohl wissen, ob jenes jugendlich blasse Landmadchen in diesem Augenblicke nicht auch" Es war wohl kein Wunder, dass Sie die ich schon wachend mit der Morgenrothe verglichen hatte, mir zwei Stunden nachher im Traume und gerade s o wieder vor die Augen trat, wie ich sie auf einem der vorigen Blatter stehen liess. Dass ich aber auch nicht einmal nothig hatte, es meiner Zuhorerin vorzulesen, um mich ihr verstandlich zu machen, lasst sich wohl sehr gut, glaube ich, durch das, was schon so vieles ins Klare gesetzt hat durch den, allen Fantomen eigenen elektrischen Zusammenhang mit unserer Maschine erklaren.
Ihm sei, wie ihm wolle; genug das meinige war so vollstandig als ich, Du und meine ubrigen Leser mit der nachtlichen Situation der Dorfschone bekannt, und ware es nun nicht sehr albern von mir gewesen, in Gegenwart einer Dame, die doch auch nur mit Aether bekleidet war, daruber zu spotteln? Es ward mir viel weniger schwer, der Unschuld das Wort zu reden, und den Monch zu entschuldigen. "Wenn solch einem, aus dem ersten Schlaf aufgeschreckten Kinde, dem Anschein nach von funfzehn hiesigen Jahren, auf einmal ein nie gesehenes bartiges Meteor aus einem heiligen Hause in den Gesichtskreis tritt, meinst du nicht auch, gute Julie, dass es uber seinem eigenen Erstlings-Erstaunen leicht ubersehen kann, wie hingegeben es einem andern, eben so neugierigen, bloss stehet, und wurde nicht selbst ein warnender Wink, den ein erfahrner Moralist der Unbefangenen zuwurfe, weit mehr Unheil anrichten, als Gutes?" Meine luftige Freundin lachelte mir Beifall zu. "Dir aber besonders," fuhr ich in mannlicher Begeisterung fort, "dir armen nur bis zu Sonnenaufgang deinem Kerker entlassenen Jungling, dir gonne ich vollends die voruberfliegende Freude des Anschauens von ganzem Herzen. Ich wurde eher den Kopf dazu schutteln, wenn du, wie Tartuff wahrend seines Sermons, deiner Zuhorerin ein dichteres Halstuch umhangen wolltest, als dein Bart ist."
"Wirf immer deine entfesselten Neulings-Blicke, so weit ihnen der Horizont offen steht, auf jene Hohen und Tiefen des paradiesischen Freistaats, in die reizende Gegend, die sich dir, ohne eine Feuersbrunst bei Nacht, ohne deine beneidenswerthe Gabe des Loschens, ach, die sich dir nie wurde entdeckt haben, hatte nicht mein Glaube an einen grossen Namen mich bis an den Krater eines ungekehrten Kamins verirrt."
"Die beste Entschuldigung des armen Monchs, liebe Julie, liegt in meinem Herzen und in deinem Busen. Jener, der auch ihm so jugendlich unter Staub und Asche entgegen wallte, erschien ihm als die reinste Perle, die in der grossen Schnur, die ihn umgab, alle andere verdunkelte. Sie war der einzige Brennpunkt, der, was ganz besonders fur ihn spricht, nur seine zerstreuten Blicke und das braune seidene Gewebe anzog, das uber seine Brust herabfloss, und dem er unmoglich wehren konnte, um eine andere zu spielen, die weicher, lockender, erhabener und ihm tausendmal lieber war, als sein Kinn. Es steht zu hoffen, dass der arme Klosterbruder sich seines Funds mit desto beseelterm Gefuhl werde gefreut haben, je langer die Trauer um ihn seyn wird, in die ich ihn jetzt im Geist zurucktreten sehe. Ich begleite ihn mit wahrem Mitleiden. Das Bild, das mich selbst im Traume so angenehm beunruhigt, wird ihn in alle Betstuhle und Kapellen verfolgen. Er wird glauben, er habe, wie gewisse Insekten, nur eine Stunde gelebt. Welch ein leidiger Trost fur ein menschliches Herz!"
"Ach, theurer Schatten!" druckte ich ihr mit diesen Worten einen zwar nur getraumten, aber warmen Kuss auf die Hand, "wie wenig, ich fuhle es nur zu sehr, ersetzt die geistige Beschauung eines ehemals genossenen Glucks seinen Verlust!" Das schone Fantom zitterte, seufzte, errothete und verschwand.
Meine Blicke folgten ihm nach bis unter die Sterne und Wandelsterne. Da ich aber dort weder sie, noch ein anderes Madchen fand, das mir zuhoren konnte, klammerte ich mich, wie ein ausgemachter Schwatzer, an den ersten, besten Gegenstand, der mir aufstiess. Konnte, redete ich in die Luft, einer von Euch Kometen denken und fuhlen, und weiss ich denn, ob er es nicht kann? und ich setze den moglichen Fall, es begegnete ihm auf seiner regellosen Bahn zum erstenmal die volle Scheibe des Monds welcher von unsern moralischen Zeichendeutern durfte ihm einen scharfern Text lesen, als der meinige ist, wenn er uberwaltigt von sussem Gefuhl und bis in seinen brennenden Schweif erschuttert, den kleinen lieblichen Wunderball so lange anstaunte, als er wolkenlos unter ihm schwebt? Wer mochte ihn tadeln, wenn er die Sekula, die seiner leiblichen Beschauung die Wiederkehr verbieten, so tief in den Abgrund des ewigen Nichts verwunschte, als wahrscheinlich der junge Monch die Schaarwachter seiner Klausur, und als ich, fuhr ich fort und blinzelte nach dem Lichte, den Morder verwunschen wurde, der mich jetzt meiner Sehkraft beraubte. Denn bei dem wachen Bewusstseyn, mit dem ich endlich an meinen Schreibtisch gelangt bin, und spottisch auf die erbarmliche Kleinigkeit herabsehe, die meinen unsterblichen Geist uber eine Stunde beschaftigen konnte, schwore ich Dir zu, lieber Eduard, dass, in so viele poetische Gleichnisse sich auch mein Traum uber die Zufriedenheit der beiden Augen-Paare verbreitet hat, die vergangene Nacht an einander geriethen, ich mir doch zu behaupten getraue, dass keines von ihnen herrlicher uberrascht und in gleich hohem Grade glucklich seyn konnte, als es die meinigen waren, als sie nun der erste Stral der Sonne aufzog. Eine ganze Weile glaubte ich noch fortzutraumen. Mir war, als sei ich in einen vornehmen englischen Park versetzt, in welchem bluhende Baume mit frisch begossenem Rasen, das Bloken der Lammer mit frohlichen Singstimmen abwechselten, die aus unzahlichen Vogelhausern wirbelten. Meine geborgten normannischen Fusse, die, wie Rader einer Wassermuhle, mir keine Sekunde Zeit liessen, nur einen der vorbeistromenden Gegenstande fest zu halten, verwickelten meine Sinne noch mehr in ihren Irrthum In der sussesten Betaubung fing ich zu lallen an:
Welch holdes Traumgesicht, welch unabsehlich freies
Mit Segen uberstromtes Land!
Lob sei dem Herrn, der mir diess Bild des Maies
Auf meinen Schlaf herabgesandt!
Doch nein, ich bin erwacht, ich seh' erstaunt im Glanze
Des Morgens, den mein Auge grusst,
Wie die Natur mit e i n e m Kranze
Zu einem wahren Hochzeittanze
Zahllose Wachende umschliesst.
Hier laden tausendfache Sprossen,
In susser Hoffnung zum Gedeihn,
Des Lebens traute Mitgenossen
Von einem Fest zum andern ein.
Um mich herum, auf jungen Aesten
Beblumter Stauden schaukelt sich
Ein muntres Heer von bunten Gasten,
Die ein geheimer Hang nach Westen
Aus Norden gangelte, wie mich.
In diesem heiligen Gewuhle
Unschuld'ger Freuden, o wie rein
Und selig mussen die Gefuhle
Der Hirten dieser Fluren seyn!
Doch die Thurme von Toulouse
Schimmern meinen Augen schon,
Und das Harfenspiel der Muse
Fallt in einen Trauer-Ton.
Rucksicht ins Vergangne storet
Ihre frohe Phantasei,
Zitternd horcht sie auf und horet,
Calas, Deines Bluts Geschrei.
Hilft in schwarzem Traum dem biedern
Matten Greis um Mitleid flehn,
Sieht ihn mit zermalmten Gliedern
Seines Todes Kampf bestehn.
Siehet Blut die Gattin weinen,
Blut bei jedem Keulenschlag,
Dem, als Bein von ihren Beinen,
Ihr Vertrauter unterlag.
Zahlet der Verwaisten Thranen
Und des kindlichen Gefuhls
Volle Pulse bei den Scenen
Dieses grassen Trauerspiels.
Thron des Aberglaubens! Wehe
Deinem rauchenden Altar,
Bis der Greis verjungt erstehe,
Der Dein Todtenopfer war;
Bis Gott zu den Flammenstufen
Seines ernsten Richterstuhls
Auch den letzten vorgerufen
Deiner frechen Capitouls.
Und Du, Dulder, ihrer Strafen,
Wenn Du langst der Erde Last,
Alle Menschenangst verschlafen
Und den Traum gesegnet hast
Wenn zu jenem grossen Tage
Die Erforschungsstunde schlagt,
Die auf unberuhrter Wage
Deiner Unschuld Leiden wagt;
Und dann fern von Dir Voltaire
Muthlos bangt, indess Dein Licht
Stralen wirft, ach, dann verklare
Auch ein Stral sein Angesicht!
Anwalt in der grossen Sache
Der beleidigten Natur,
Schwor er Deinen Mordern Rache,
Und er hielt den edlen Schwur.
Rief die Weisen auf, zu streiten
Gegen Priester, Wuth und Wahn,
Und schlug machtig an die Saiten
Aller bessern Herzen an.
Er verwandelte in Ehre
Deine Schmach, und schaffte Ruh
Deiner Asche. Dafur kehre
Gott auch ihm sein Antlitz zu!
Dafur werde seiner Ranke
Nicht gedacht! der Cherubim
Himmlischer Vergebung schwenke
Seine Fahne uber ihm.
Fussnoten
1 Ludwig der Funfzehnte, den man als le roi des ponts et des chaussees pries. 2 Le Marechal de Montrevel avoit fait venir de Lyon un homme, qui devoit decouvrir les Camisards par le moyen de la baguette divinatoire. Cette baguette tourna sur dixhuit personnes, qui furent amenees a Alais. Dans quel etat est le peuple, lorsque le Gouvernement emploie les manoeuvres d'un fourbe, et que le soupcon devient la preuve du crime? Histoire abregee de la Ville de Nimes. p. 127. 3 Siehe Memoires de la Curne de Ste Palaye, nach der Uebersetzung des Herrn Kluber im 3ten Bande pag. 146.
Toulouse.
Den 6ten Marz.
Diese truben Gedanken begleiteten mich in den Gasthof, wo ich einkehrte, der von unten bis unter das Dach mit allen Lockungen der Sinnlichkeit versehen, nicht umsonst dem stolzen Kapitolium gerade gegen uber lag; denn eine der vielen, Trepp auf, Trepp ab, wie Liebesgotter in einem Venustempel, herumschwebenden Aufwarterinnen, die mich anwies, erzahlte mir, die Herren Kapitouls fruhstuckten gewohnlich hier, ehe sie zu Gericht gingen. "Das ist keine uble Gewohnheit," antwortete ich, "denn nichts stimmt menschliche Herzen mehr zum Mitleid fur andere, als eigener Lebensgenuss, und fur den scheint mir in diesem Hause vortrefflich gesorgt. So eingerichtet war es wohl noch nicht, als Calas geradert wurde?" "O nein," sagte sie, "damals war der Platz noch unbebaut und gehorte, glaub' ich, der schwarzen Bruderschaft zu."
"Wohl Schade!" erwiederte ich, "denn hatte eine so weise Schwesterschaft, als ich jetzt hier vereinigt finde, den Fruhstucken seiner Richter vorgestanden, die Mehrheit der Stimmen ware gewiss zu seiner Lossprechung ausgefallen." Sie lachelte bedeutend und zuckte mit den Achseln. "Nicht wohl," sagte ich, "denn ich gedenke mit der Wasserdiligence nach Bordeaux abzugehen. Wie lange habe ich da noch Zeit?"
"Ungefahr zwei Stunden," berechnete sie und entschlupfte.
Vor allen schickte ich nun Bastian dahin ab, um Platze fur uns und meinen Wagen zu bestellen, verriegelte darauf mein Zimmer, um ohne weitere Storung meine heutigen Morgengedanken so warm niederzuschreiben, als sie mir auf dem Herzen lagen. Ich setzte mich neben ein offenes Erkerfenster, aus welchem mir der majestatische Pallast jener Mordgehulfen gerade vor den Augen lag. Dieser zweckmassige Standpunkt meines Schreibtisches, konnte ich doch wohl glauben, wurde mich uber meine gewohnliche Darstellungsgabe erheben; als ich aber das beschriebene Blatt uberlas wie kraftlos kamen mir die Abdrucke meiner innern Empfindungen vor. Ich blickte verdriesslich weg, fing mich an vor meinen Lesern zu schamen, und wollte eben, um mich mehr zu befeuern, wie sich gewisse Schauspieler heimlich in den Arm kneipen, wenn ihre Rolle Ausdruck des Schmerzes verlangt, nach der grassen eisernen Kerkerthur hinsehen, aus der man den matten, schuldlosen, siebenzigjahrigen Greis zum Richtplatz geschleppt hat; als mich ein ungestumes herrisches Klopfen nach der meinigen hinzog. Das ist doch ein hochst unbescheidenes Benehmen, fuhr ich laut auf, denn wie konnte ich mir einbilden, dass es Pocher gabe, die das Recht dazu hatten, ohne fur grob gehalten zu werden, bis es mir ein Mann zeigte, der, schwarz gekleidet, mit fliegenden Haaren hereintrat und mir durch das Schreckenswort de par le roi, das alles gleich macht, meine Glieder lahmte. Die Feder, die ich noch nass in der Hand hielt, entfiel mir, und ich habe erst einige zwanzig oder dreissig Meilen darnach reisen und das Gebiet einer fremden Macht gewinnen mussen, ehe ich ihr heute wieder ihren freien Lauf lassen konnte.
Auf meine ehrerbietige Frage: was zu seinem und des Konigs Befehl sei? antwortete er befehlend: "Gedulden Sie Sich!" Noch war ich weit entfernt, zu muthmassen, dass es meine Bagage ware, auf die er mich warten liesse, bis ich sie von vier Lasttragern ihm vor die Fusse setzen sah. Nachst ihnen traten zwei andere, eben so schwarze ominose Figuren, mit Federn hinter den Ohren herein, als ob sie mir an der Fortsetzung meines Tagebuchs helfen wollten. Ach sie haben es nur zu gewiss durch den traurigen Bericht gethan, den ich Dir, lieber theilnehmender Freund, uber die bosen Stunden abzulegen habe, die mir ihre werthe Bekanntschaft verursacht hat. Derjenige, dem ich den ersten Schrecken verdanke, und der auch, den andern gegen uber, den obersten Platz an meinem Schreibtische einnahm, belehrte mich nun mit gerichtlichem Anstand, dass sie und ich glaubte in die Erde zu versinken Kapitouls, und beauftragt waren, mich uber gewisse Artikel zu vernehmen. Was mogen das fur welche seyn? dachte ich zitternd nach. Unmoglich konnen doch die Herren von ihrem Richthaus heruber durch das Fenster erspaht haben, was ich schrieb; Gott gebe nur, dass sie es jetzt nicht entdecken, und ich hatte fur keinen Preis einen Blick auf den heutigen Heft meiner Handschrift geworfen, der auf das unverschamteste neben dem Vorsitzenden lag, um ihn nicht auf die Spur meines Anathems zu bringen. Der Mann am Protokoll lauerte und jener begann seinen Vortrag: "Sie werden, mein Herr, im Namen des Konigs zum wahren Gestandniss aufgefordert wer Sie sind und was die Absicht Ihrer Bereisung seines Reichs ist?" Diese konigliche Neugier konnte mich nun wohl in keine Verlegenheit setzen. Ich antwortete frisch weg: "Ich bin einer der getreuesten Unterthanen Friedrichs, wenn Sie erlauben des Grossen, ein Berliner, sowohl meiner Geburt, als Krankheit nach, die mich viele schwermuthige Jahre hindurch am Verdauen und Lachen verhindert hat. Die dortigen Aerzte haben mich in die mittagliche gluckliche Provinz Ihres Konigs, den Feldhuhnern, Ortolanen und was sie sonst noch etwa meiner Diat fur zutraglich hielten, besonders aber der guten Laune nachgeschickt, die in deutschen Apotheken nicht officinell ist. Die Kur ist mir vortrefflich bekommen. Ich kann jetzt die leckersten Bissen vertragen und die Stimmung meines Gemuths hat sich uber alle Erwartung verbessert, so dass ich alles wiederum meiner Jugend gemass, ja sogar sage ich, jedoch mit schuldiger Ehrerbietung mein heutiges Verhor nur auf der lachenden Seite betrachte. Protokolliren Sie, mein Herr, dass ich meine frohe Herstellung nur ganz allein der grossmuthigsten, liebenswurdigsten, scherzhaftesten und tolerantesten Nation der Welt verdanke."
"Haben Sie bei Ihrer Gesundheits-Reise sonst keine Nebenabsicht gehabt?" fuhr der Prasident mit einer kleinen Verbeugung fur mein Kompliment und ich um vieles beherzter gegen ihn fort: "Nur noch eine, die ich aber nicht erreicht habe." "Welche war diese?" "Die Verbesserung meines Verstandes und Herzens." "Das ist wohl nur Scherz, mein Herr, vor Gericht jedoch sehr zur Unzeit angebracht." Ich buckte mich fur seinen schmeichelhaften Verweis eben so bescheiden, als er vorhin bei meinem Lobe auf die franzosische Nation. "Sind Sie nicht auch vor kurzem in dem Kloster zu Cotignac gewesen?" Hier schoss mir das Blatt, doch war ich nicht einfaltig genug, es zu laugnen. "Was hat Sie zur Reise dahin veranlasst?" "Indigestion." Der Examinator blickte mir ernst ins Gesicht. "Und," setzte ich noch hinzu, "die ungestumen Bitten meines ehemaligen Zeichenmeisters, der die unerreichbare Notre Dame de graces zu kopiren versuchen wollte." "Wie lange verweilten Sie im Kloster?" "Von einigen Fruhstunden an bis kurz nach dem Mittag, als der Stumper mit seiner Abzeichnung fertig war." So wechselten unschuldige und verfangliche Fragen, anderthalb Bogen durch, mit einander ab, bis mein Tauschhandel mit dem Pater Andre klar am Tage lag. Die Deputirten waren von meiner kalten Kuche, der Berauschung meiner Gaste, unserer unklosterlichen Lustigkeit, kurz von allem bis auf die Zahl der Flaschen unterrichtet, die wir geleert, und der vollen, die ich ausserdem noch dem ehrlichen Pater auf den Gastwirth zu Marseille angewiesen hatte. Die folgende Frage: "Ob ich nicht wichtige Urkunden dagegen bekommen?" zog mir beinahe die Kehle zu, doch erholte ich mich nach einem kleinen Husteln. "Das ich nicht wusste. Der Monch zwar, der mit einem Heiligen verwandt seyn will, machte mir, seiner Einbildung nach, ein bedeutendes Geschenk mit dessen gedruckter Legende, und gab mir noch eine Rolle ganz unleserlicher Belege darein. Es ist die Frage, ob sie mein Bedienter nur mit eingepackt hat." "Und zwar die entscheidendste von allen," entgegnete der Vorsitzende mit einem ernsten, recht hasslichen Blick, "denn ausserdem musste sein Herr sich gefallen lassen, so lange hier unter strenger Aufsicht zu bleiben, bis sie beigeschafft waren."
Jetzt wurde Bastian gerufen; dem befahlen sie, Koffer und Kasten zu offnen, und das, was sie enthielten, ihnen stuckweis vor Augen zu legen. Der Kerl benahm sich so ausser Fassung dabei, als wenn der Teufel von Beziers hinter ihm stande. Ich sah mich genothigt, den Handlanger zwischen ihm und den Deputirten zu machen, damit sie nur nicht sein verstortes Gesicht, dem ich selbst in diesem Augenblick die schwersten Verbrechen hatte zutrauen konnen, bemerken mochten.
Sobald die Rolle mit den heiligen Dokumenten zum Vorschein kam, rekognoscirte und uberreichte ich sie den Bevollmachtigten. Ungefordert legte ich ihnen auch meine Rechnungen und andern Papiere vor, um mich recht weiss zu brennen. Dank meiner gelehrten Hand! Bei dem fluchtigen Blick, den einer der Beisitzer darauf warf, ubersah er sogar meinen Kontrakt mit dem Glaser der Bastille, der mir doch ein sichtbares Herzklopfen verursachte, als ich seiner ansichtig ward. Sie hielten sich ganz allein an die Rolle des Pater Andre, gaben ihr, ohne sie zu entwickeln, einen neuen Umschlag, den sie mit ihren drei Petschaften versiegelten und mich anwiesen, als Zeichen, dass ich den koniglichen Willen nach Ehre und Gewissen befolgt habe, meinen offenen Ritterhelm darneben zu drucken.
Ich sah die Sache nun fur geendigt an. Schon hatten die Kommissaire Bastian erlaubt, meine Habseligkeiten wieder an ihren Ort zu bringen, und ich wollte ihm mit den glucklich abgefertigten Papieren mehrerer Sicherheit wegen eben mein Tagebuch noch zureichen, als der jungste Deputirte denke Dir, wie mir zu Muthe ward es unterweges mit der Erklarung anhielt: Er habe sich lange in Wien aufgehalten und wolle doch sehen, ob er Deutsch noch so fertig lesen konne, als ehemals. Gluck uber Gluck, dass er nicht lange suchte, und etwa die niedlichen Bruchstucke aus dem Briefwechsel der Konigin Anna mit ihrem Liebhaber aufstorte. Was wurden die Herren von meinem Ritterhelm gedacht haben, wenn sie jene Abschriften gefunden hatten! Gott sei gelobt, dass er sich nur mit dem letzten Heft beschaftigte, nicht etwa weil es fur mich weniger gefahrlich ach im Gegentheil! sondern weil der poetische Fluch auf ihn und seines Gleichen, den er vor den Augen hatte, kein Wiener Deutsch war.
Er starrte das Blatt einige Minuten an und legte es mit einem "Nicht wahr ein Waschzettel?" zu den ubrigen. Wer war froher als ich! Hinter mir horte ich ein Kofferschloss nach dem andern zuschnappen, und der Vorsitzende entliess meinen Kammerdiener mit einem gebieterischen Wink nach der Thure, den er sich nicht zweimal geben liess. Mir aber ging es noch nicht so gut. Ich musste noch zur Schlussformel meines Verhors die Tortur seiner Beredtsamkeit aushalten. "Mein Herr," wendete er sich mit Wurde zu mir, "Ihro allerchristlichste Majestat erlauben zwar grossmuthigst jedem Fremden, Ihre Staaten zu bereisen, gonnen ihm gerne die Luft den gesellschaftlichen Umgang und die frohlichste Theilnahme an den physischen und moralischen Vorzugen Ihres Reichs. Sie werden aber hoffentlich selbst begreifen, mein Herr, dass diese Vergunstigung sich nicht bis auf die Ausfuhr und Entwendung alter Urkunden und Briefschaften erstrecket und erstrecken kann. Das Unvorsatzliche das Ungefahr, wie ich glauben will, wodurch sie Ihnen in die Hande geriethen indem Ihre, ad protocollum gegebene Erlauterung dieser verwickelten Sache mit der uns mitgetheilten Aussage des Pater Andre zur Genuge ubereinstimmt kommt Ihnen in so weit zu Statten, mein Herr, dass Ihr sonderbarer Tauschhandel mit ihm, den Wir von Gerichts wegen, unter Vorbehalt Ihres Regresses an jenen Trunkenbold, fur null und nichtig erklaren, weniger auffallt. Die Willfahrigkeit und gute Art, die Sie bei der Zuruckgabe der zum Leben des heiligen Fiacre gehorigen Belege bewiesen haben, wird Zweifels ohne den hohen Senat vermogen, Sie, als eine keinem weiteren Verdachte unterworfene Person, frei zu lassen." Hier ward der Redner durch den Eintritt dreier weiblicher Engel unterbrochen, die jedem der Herren, wahrscheinlich zur Starkung in ihrem Berufsgeschaft, eine Tasse Chocolate uberreichten. Wahrend sie solche einschlurften, durfte ich ja wohl diesen unerwarteten Zwischenakt zu dem Vergnugen benutzen, einer Hebe um die andere auf das tiefste in die Augen zu sehen.
Als sie abtraten, blitzten ihnen die meinigen noch so funkelnd nach, dass der Herr Vorsitzende seine Stimme erheben musste, um meine Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken. "Z w a r ," diese Sylbe schob er vorerst ein, als er den abgerissenen Faden seines Vortrags auffasste, "z w a r frei zu lassen; jedoch wird zugleich einstimmig von Uns verlangt, dass Sie, mein Herr, je eher, je lieber, und sobald ich Ihnen den Pass zuschicken werde, Ihre Abreise von hier beschleunigen." Warum denn eben das? dachte ich. O Herr Prasident, seyn Sie ruhig! Ihre schonen Madchen hatten mich ohnehin nicht aufgehalten "zu der wir ubrigens insgesammt," endigte er seine Rede, "Ihnen von Herzen alles erforderliche Gluck wunschen." Ich wurde gern zu der Feierlichkeit gelacht haben, mit der er die Sitzung aufhob, hatte sie mich nicht um alles gebracht, was mir noch einigermassen meinen Ausflug uber die Granze zu einer nutzlichen merkwurdigen Reise stempeln konnte. Jetzt bringe ich meinen Landsleuten doch in der Gotteswelt nichts mit, das der Muhe lohnte. Welcher Leser wird an meine historische wichtige Entdeckung glauben, da ich sie mit keinem Original-Dokument zu belegen vermag. Mein Wort? Das Vidimus meiner eigenen Abschriften? Ja! damit darf man einem deutschen Gelehrten wohl kommen! Indess war' ich doch heilfroh gewesen, als ich den Blutrichtern des armen Calas nun uber die Gasse nachsah hatte ihre Bekanntschaft meiner Einbildungskraft nicht Schattenbilder zuruckgelassen, die beinahe noch furchterlicher waren, als sie selbst. Was kann noch aus dir werden, fing ich schauerlich zu berechnen an, wenn die Mehrheit der Stimmen dir dein Absolutorium verweigerte wenn die altern Kapitouls, kluger als die abgegangenen jungern, auf den naturlichen Einfall geriethen, deine Aussage mit deinem Tagebuche zu vergleichen, wenn sie es einem Translator, der Oden nicht fur Waschzettel nimmt, ubergaben, du in deinem Jammer, so lange bis es in franzosischer Sprache eben so geradebrecht ware, als ihr Homer, warten, und nachher, Gott erbarme sich! alle die Stellen verantworten musstest, deren sie nur zu viele, als kriminell, oder als unverstandlich, mit rother Tinte anstreichen wurden. Verwunscht sei der Prior zu Cotignac mit seinen Konventualen! denn nur sie, die nicht mittranken, nur ihr Neid uber ein Geschenk, an dem sie keinen Theil hatten, konnen allein diese Verratherei an dir und dem lustigen Pater Andre begangen haben. O die heillosen Monche! Mitten in diesem Selbstgesprach vermehrte ein Gerichtsbote, der dazwischen trat, mein Herzklopfen, ehe ich sah, dass es der liebe erwartete Erlaubnissschein zu meiner Abreise war, den er mir einhandigte.
Der grosse Thaler, den ich ihm fur seinen Gang in die Hand druckte, ging ungleich leichter von mir, als jener, den ich dem teuflischen Kastellan zu Beziers opferte. Meine Freude war aber nur augenblicklich. Unter allen Bewegungen der Seele ist keine, die der Phantasie mehr zu schaffen macht einem mannlichen Geiste uberlastiger, mit einem Worte keine, die demuthigender, alberner und peinigender ist, als die Furcht. Mir kamen die schauderhaftesten Beispiele aus einer Menge Kriminalakten wie zugeflogen, an die ich sonst in meiner Unschuld gar nicht zu denken gewohnt bin, und die ich meinem Zustande doch jetzt so anpassend fand, als ein eingebildeter Kranker jede grasse Sektionsgeschichte dem seinigen.
Ich uberlas meinen Freipass wohl zehnmal mit ausserstem Misstrauen. Jeder Punkt und Strich, den ein Unbefangener gar nicht bemerkt, kann ja, dachte ich, ein abgeredtes Zeichen mit Polizeidienern seyn, an die man in voraus weiss, dass du gerathen musst. Spielen nicht oft boshafte Jungen mit einem armen Vogel, um ihn sicher zu machen? Kann er weiter fliegen, als der Faden lang ist, den sie ihm heimtuckisch um den Fuss schlangen, und kann ein so guter Kerl, wie du, nicht schon tagelang auf der Diligence in engem Verhaft sitzen, und immer in dem sussen Wahn stehen, er reise nach seinem Vaterlande, bis seine Auflaurer fur gut finden, ihm solchen zu benehmen? Kaum hatte ich von allen diesen schreckhaften Moglichkeiten eine abgefertiget, als gleich eine andere an ihre Stelle trat. Einmal versuchte ich trotzig zu thun. Possen, sagte ich, die Originalschriften sind ja den koniglichen Bevollmachtigten uberliefert. Wer kann mir beweisen, dass ich sie gelesen habe, ausser stockte ich ganz auf einmal niedergeschlagen dein unseliges Tagebuch. Nun fuhr ich schnell besonnen fort, was hindert dich denn, es zu vernichten, ehe es wider dich zeugt? Die eine Halfte liegt schon in der Asche lege die andere dazu! Ja, wenn nicht die vaterliche Liebe zu dem Nestling gewesen ware, die sich geradezu gegen den grausen Gedanken straubte. Endlich kam ich was gewinnt man nicht durch Nachdenken! auf einen Einfall, der mir in meiner angstlichen Lage als der beste Nothhelfer so genialisch erschien, dass ich ihn sogleich auf das herzhafteste ausfuhrte. Ich unterwarf namlich mein Buch der Operation des Origenes. Die ausgeschnittenen gefahrlichen Blatter theilte ich wieder in zahllose Dreiecke, die ich an einem gewissen staubigen Orte verbarg, dem sich nicht so leicht ein schwarz gekleideter Kommissair nahern wird. Ich will den Inquisitor loben, der ihn als verdachtig anspricht, oder auch die Papier-Schnitzel ohne meine Hulfe in ein lesbares Ganze zusammensetzt.
Nach solchen genommenen klugen Massregeln, sollte wohl jeder Vernunftige glauben, musse mir das verzagte Herz gewachsen seyn. Nichts weniger. Der Schrecken war mir einmal ins Blut getreten und stieg mir immer hoher zu Kopfe.
Wird es denn der Konig, warf ich die Frage auf, wohl fur wahrscheinlich halten, dass jemand seine Ahnen-Probe vierzehn Tage in der Tasche haben kann, ohne sie zu untersuchen? und ist nicht der konigliche Glaube an die Moglichkeit allein schon hinlanglich, ihn par raison d'Etat in das erste beste Gefangniss so gut mit einem Maulkorbe zu stossen, als mit einer eisernen Maske? Heiliger Fiacre! schutze mich, dass ich nicht um deinetwillen auf die Brescauische Austerbank, der du glucklicher entgangen bist, als du verdientest, zu liegen komme! Hier unterbrach mich Bastian mit der Nachricht, die Wasserkutsche sei sammt dem Daraufgelde fur den guten Platz wahrend meines Verhors ab und davon gefahren. "O desto besser," rief ich, "die Gesellschaft, die man auf einem Toulouser Postschiff erwarten darf, wurde sich ohnediess sehr schlecht mit meiner gegenwartigen Stimmung, und die langweilige Fahrt noch schlechter mit einem geschwinden Fortkommen vertragen, an dem mir mehr noch gelegen seyn muss, als den Herren Kapitouls, die hier fruhstucken. Auf der Landseite entkommen wir ja diesem Drachenneste um vieles geschwinder. Habe ich doch meinen Freipass, was warten wir? Mache dich auf die Beine, Bastian, und schaffe mir ohne Verzug vier tuchtige Pferde vor den Wagen, oder lieber sechse. Horst du?" Das war ihm eben recht.
Es verging keine Viertelstunde, so stand alles zu meiner Flucht in Bereitschaft. Die glucklichsten Umstande trafen zusammen, sie zu befordern.
Ich sah meine Berline mit sechs Pferden bespannt, die vor Ungeduld stampften, wie ich. Eins zog wie das andere, denn ihre Fuhrer waren, wie sie mir bald vertrauten, Zwillingsbruder, kalvinischen Glaubens, und meinten es uberhaupt ehrlich.
Sie druckten mir nicht nur auf das herzlichste die Hand fur mein freigebiges Trinkgeld am Ende der Station, nein sie zeigten es allen ihren Kammeraden, um sie aufzumuntern, ein gleiches zu verdienen. Die Wege waren vortrefflich, der Abend ruhig, wie ein gutes Gewissen, und die Nacht hell, wie bei uns ein Fruhlingstag. Nie hat mir der Klang der Posthorner mehr Freude gemacht. Nach der Eile, mit der ich an den beruhmten Garkuchen des Perigords vorbei rollte, hatte kein Mensch errathen, welchen Werth ich auf ihre kalten Pasteten setze. Ich liess mich durch keine aufhalten, denn ich kam mir selbst wie eine Waldschnepfe vor, die alle ihre Federn anstrengt, um dem Ungluck, in einer nach Holland oder Deutschland verschickt zu werden, zu entfliehen.
So erreichte ich zwar durch Gottes Hulfe und ohne den mindesten Anstoss schon den siebenten Marz, einige Stunden nach Mittag, das schone weinreiche Bordeaux aber die lange Strecke Wegs, die ich noch bis in mein Vaterland vor mir sah, erlaubte mir nicht, durch irgend einen Genuss Zeit zu verlieren.
Wie hatte ich Lust haben konnen, meinem Korper gutlich zu thun, den ich bei weitem noch nicht ausser Gefahr glaubte, und der sich, wie Du noch horen wirst, bei allem, was ihm aufstiess, recht linkisch benahm.
Jetzt, nach einer ruhigen frohliche Stunde, und nachdem ich glucklich uber die Strickleiter weg bin, die sie mir ersteigen half, steht es freilich ganz anders um Deinen Freund, lieber Eduard.
Ich werde nicht zum letztenmal uber die wilden Blicke lachen, die ich umher warf, als ich nicht weit von La Trompete, der hiesigen Festung, aus dem Wagen stieg. Alle Augen, alle Kanonen, glaubte ich, waren auf mich gerichtet. Ich sah in jedem Vorbeigehenden arger als Rousseau auf seinen Spaziergangen nur einen Spion, der meine Ankunft der Polizei anzeigen werde. Ich ging nicht, nein, ich zitterte von weitem meiner Chaise nach, die ich Bastian allein uberliess auf die Post zu bringen und bespannen zu lassen aber die Gasse dahin wollte kein Ende nehmen. Indem sturzte ein Trupp Matrosen, denen man es deutlich ansah, dass sie sich so wenig um mich, als um die ganze Welt bekummerten, mir aus einer Taberne in den Weg. Sie schwenkten ihre runden Hute und jauchzeten einmal uber das andere mit stammelnder Zunge: Es lebe Katharina die Zweite! Der Name dieser grossen Frau fiel mir kaum in die Ohren, so vergass ich Kammerdiener und Wagen, und uberliess mich blindlings dem Zuge meines dunkeln aber machtigen Zutrauens. Ich schloss mich dicht an die lustige Bande an, und so oft ich mich bemerkt glaubte, schwenkte auch ich meinen Hut und mischte herzhaft mein Vivat in das ihrige. So taumelte ich in ihrer Gesellschaft zwei Strassen durch bis vor die Stadt an den Hafen, wo sie auf einmal Halt machten. Eine schone gebietende Gestalt stand vor ihnen, dampfte mit einem Wink ihr tobendes Geschrei und wies sie auf das Schiff, von welchem der Name ihrer Monarchin in goldenen Buchstaben mir uber die Wellen entgegenglanzte, und dem sie sogleich auf einem Boote zuruderten.
Wie sich das Gedrange der grunen Jacken um mich her verloren hatte, stand ich nun einzeln, aber ziemlich ausser Fassung, vor dem Kapitain, der, wahrscheinlich ein wenig verwundert, einen reinlichen Ueberrock unter seiner Mannschaft zu sehen, mich von Kopf bis zu Fuss mit ernsten Augen betrachtete. Da ich nicht von der Stelle wich und bei dem geringsten Gerausch scheu hinter mich blickte, fragte er mich endlich: ob etwas fur mich hier zu thun sei? Ich trat naher, nannte mit leiser Stimme meinen Namen, der zum Gluck fur mich ihm nicht ganz fremd war, und bat aus gewissen Ursachen, die ich ihm schon noch entdecken wolle, vor der Hand nur um Schutz "Aber gegen wen denn?" fragte er ungeduldig "Gegen die wollustigen und grausamen Kapitouls zu Toulouse," zischelte ich ihm zu, "und ihre hiesigen Spione." Nach einem kurzen Besinnen gab mir der brave Mann einen Wink, ihm auf das kleine Fahrzeug zu folgen, das bereit war, ihn uberzusetzen.
O wie gern gehorchte ich! Hatte Bastian nicht besser Acht auf mich gehabt, als ich auf ihn, so waren wir vielleicht so bald nicht wieder zusammen gekommen. Er schrie vom Ufer uns nach, bat und erhielt die Erlaubniss, mit einzusteigen. Wie geschwind verzog sich meine bisherige Brustbeklemmung. In welche Freude ging sie nicht uber, als ich bald nachher mich in der Kajute meines Beschutzers, zwar nur auf Bretern, die aber mit dem Gebiet einer machtigen Monarchin zusammen hingen, allen und jeden Nachstellungen des festen Landes entrissen sah. Dieses schone Gefuhl entwickelte zuerst die heroische Frage in mir, ob es nicht moglich und mir am besten gerathen ware, unter Russisch-Kaiserlicher Flagge allen gesetzlichen Ungeheuern des franzosischen Labyrinths zu entwischen. Ich legte diesen Wunsch am Ende meiner Geschichtserzahlung dem lieben Kapitain aus Herz. Er horte meinen Vortrag mit gutiger Aufmerksamkeit an schwieg ein Weilchen, schien aber den Zusammenhang der Sache sehr wohl begriffen zu haben. "Wohin wollen Sie denn eigentlich?" fragte er. "Ja, mein Gott, nach Leyden," antwortete ich, "wenn anders Ihr Weg Sie da vorbei fuhrt. Ich bin auf dem Meere nicht ganz orientirt." Es war dem lieben Manne Ernst, nur zu helfen. Das sah ich ihm an. Er ging einigemal nachdenkend mit langsamen Schritten auf und ab in der Kajute, ehe er mir Antwort gab, die aber auch nun desto bestimmter und erfreulicher ausfiel. "Ich sehe zwar, mein Herr," wendete er sich freundlich zu mir, "Ihre Lage nicht fur so gefahrlich an, als Sie; damit Sie jedoch nicht sagen konnen, Sie hatten Ihr Zutrauen vergebens auf einen Russen gesetzt, so will ich es, so gut ich kann, zu verdienen suchen. Wenn Sie mit Kost und Quartier auf meinem Schiffe zufrieden seyn wollen, so lassen Sie nur heute noch Ihre Bagage an Bord bringen. Es hat seine vollige Ladung, und wurde bereits auf der hohen See seyn, wenn ihm der Wind so gunstig gewesen ware, als er fur Sie zu werden scheint; denn sollte er diese Nacht sich nur noch um einige Grade verstarken, so kann ich vielleicht schon morgen aus dem Hafen laufen, und will gern Ihrem Wunsche gemass meine Segel nach der Hollandischen Kuste richten, um Sie dort aus Land zu setzen. Auf dem offenen Meere giebt es fur uns andere keinen Umweg. Das ist kurz und gut meine Erklarung." Seine menschenfreundliche Grossmuth ruhrte mich bis zu Thranen. Es ist so selten, unter den sogenannten Weltleuten auf einen zu stossen, der an unserm Schicksale thatigen Antheil nimmt. Ich ergoss mich in so wortreiche Danksagungen, dass er mich vor Ungeduld mit der Frage unterbrach: "Ob mir sonst noch etwas zu wunschen ubrig sei?" "Nicht das mindeste," antwortete ich, "als dass es mir lieb ware, da mir der Wind noch Zeit dazu lasst, wenn ich mittlerweile die Stadt besehen, die Bordeauxer Weine durchkosten und noch eine und andere Einrichtung zu meiner Seereise machen konnte. Darf ich mich aber wohl mit Sicherheit an das franzosische Ufer wagen?" "Ueber mein Schiff hinaus," erwiederte er, "reicht zwar meine Gewalt nicht, doch will ich gleich eine Mittelsperson zu Hulfe rufen." Auf seinen Wink trat nun sein Kommissschneider mit einem Pack gruner Uniformen herein. Er brauchte nicht lange zu messen, denn die kleinste darunter, die er meinem Korper anpasste, sass nach seinem Kunstausdrucke wie angegossen. Es machte mir eine kindische Freude, mich im Angesichte des freien Weltmeers zu einem Russischen Seeofficier eingekleidet zu sehen.
Ich stellte mich mit stolzem Anstand vor den Spiegel, und warf mich nicht schlecht gegen das intolerante Frankreich in die Brust. "Jetzt fehlt Ihnen," sagte der scherzhafte Kapitain, "um dem ganzen Toulouser Kapitol die Spitze zu bieten, nichts als ein Blatt Papier zu Ihrer Legitimation in der Tasche ein Patent, das ich Ihnen als Schiffs-Lieutenant ausfertigen will." "Doch nur titular?" fiel ich ihm erschrocken in die Rede. "Nicht anders!" versetzte er lachend. "Denken Sie denn, dass ich den Dienst so schlecht verstehe, dem ersten, besten Passagier das Kommando am Steuerruder anzuvertrauen? Man kann mit einer gewissen Portion Eigendunkel eher wohl die Segel eines kleinen Furstenthums dirigiren, wenn es auch hier und da leck ist, als das geringste Schiff, das dem Russischen Staat dient." Er warf bei diesen Worten einen Blick, den ich mir merken will, in die Ferne, der viel zu sprechend war, um ohne Bedeutung zu seyn. "Wen traf dieser Blick, Herr Kapitain," fragte ich, "wenn ich es wissen darf?" "Warum nicht? Er galt wohl gar einem Ihrer Bekannten " erwiederte er. "Doch gewiss," schob ich geschwind ein, "keinem meiner Freunde, das will ich im voraus beschworen." "Einem," fuhr er fort
Aber o Ihr, die Ihr mich bis zu dieser Zeile geduldig auf meinen Spazier- und Irrgangen begleitet habt, Euch, meine vortrefflichen Leser, muss ich jetzt einige Augenblicke still zu stehen bitten, denn ich selbst stehe zum erstenmal in meinen Wanderungen vor einem Oha, uber das ich nicht wegzukommen weiss. Ein heimtuckischer Zufall hat mir die meisterhafte Zeichnung meines Russischen Freundes entrissen, und den lustigsten Text von der Welt durch eine Lucke unterbrochen, die ich leider! jetzt nur mit einer klaglichen Note auszufullen im Stande bin.
Diese Verlegenheit thut mir doppelt wehe, weil sie mich zugleich nothigt, ein Geheimniss auszuplaudern, das ich mit mir ins Grab zu nehmen gedachte. Das Schicksal, scheint es, will mir nicht vergonnen, das Geringste vor Euch auf dem Herzen zu behalten. Es liegt, ich weiss es, manches Rathselhafte noch in meinem Tagebuche, das Eurer Aufmerksamkeit wohl schon oft anstossig gewesen seyn mag; doch davor darf mir nicht Angst seyn, denn in einigen Tagen, hoffe ich, wird Euch auch das Widersprechendste unzweideutig und klar, wie die Wahrheit, vor Augen stehen.
Ob aber die kraftige Schilderung des Unbekannten je wieder an das Licht kommen werde, das sie so sehr verdient, muss ich, ohne es ganz zu bezweifeln, allein der kunftigen Zeit uberlassen, denn die meinige ist, und das eben war, wie ihr alleweil horen sollt, mein Autorgeheimniss, verlaufen.
War es ein Anfall von Eitelkeit, falsche Scham eines jungen fluchtigen Gesellen, oder Nachahmungssucht ich lasse es unentschieden, die mich, nach meiner Zuruckkunft in Berlin, auf den tollen Einfall brachte, meine Selbstbekenntnisse, wie Jean Jaques die seinigen, unter Schloss und Siegel zu legen, und, gleich ihm, zu verordnen, dass mein Erbe ihnen erst zwanzig Jahre nach meinem Ableben Luft mache.
Ein Augenblick Ueberlegung brachte mich, wie ich denke, auf einen klugern Entschluss. Warest du, sagte ich mir, auch nothdurftig zu entschuldigen, Possenspiele mit deinen Zeitgenossen zu treiben, die es nicht mir langst an dich gebracht, sondern auch das Wiedervergeltungsrecht noch immer in Handen haben, so sahe es doch einer Poltronnerie sehr ahnlich, wenn du dich erst aus dem Staube machen und der Nachwelt gleichsam hinterrucks deine Schneeballe aus einer Entfernung in das Gesicht werfen wolltest, in der sie dich nicht mehr erreichen kann. Und ist es denn nicht, fuhr ich ernsthafter fort, mehr als zu bekannt, wie pflichtvergessen der Freund, dem der grosse Mann die Herausgabe seiner Konfessionen ubertrug, die strenge Frist verkurzt hat, die Rousseau der Neugier seiner Hinterbliebenen auflegte? Aber gesetzt auch, eine solche Untreue ware mit den deinigen nicht zu befurchten, bleibt es denn nicht noch immer die Frage, ob die klugen Leute, denen du die Vollstreckung deines letzten Willens in einer Zeitperiode zuwalztest, die sich wahrscheinlich von der gegenwartigen durch den gelautertsten Geschmack auszeichnen wird, ob sie, sage ich, dein Testament nicht als inept erklaren und deinen armen entsiegelten Papieren, statt ihnen den kostbaren Weg in das Gebiet der Makulatur zu eroffnen, den weit kurzern hinter den Herd anweisen wurden? Solche vornehme Wagstucke, gestand ich mir offenherzig, sind nicht fur einen Schriftsteller, wie du bist.
Diese vielseitigen Ansichten der Sache brachten mich endlich auf einen Ausweg, bei dem ich stehen blieb. Ware es denn nicht sicherer, zischelte ich mir ins Ohr, gemachlicher fur dich und ehrlicher gegen deine Mitburger gehandelt, wenn du ihnen, wahrend du noch auf ebenem Boden mit ihnen wandelst, die offenherzigen Berichte von der ubeln Wirthschaft ablegtest, die du, jedoch zum Gluck nur wenige Monate, in einem sittenlosen Lande mit deiner Zeit getrieben hast? und um sie nicht auf einmal zu erschrecken, die zwanzig Hungerjahre, zu denen Rousseau im Laufe seiner Unsterblichkeit das lesende Publikum verdammte, auf das jugendliche Spielwerk ausdehnest, das du ihm preis zu geben gesonnen bist? Dadurch bekommen deine Begleiter nicht nur Zeit zu verschnaufen, sondern der Stern deiner Autorschaft zugleich einen hubschen Spielraum, den Kometen, die inzwischen an dem litterarischen Himmel aufbrausen, und ihn leicht in ihren Schweif verwickeln konnten, ehrfurchtsvoll und so lange aus dem Wege zu treten, bis sie ihre blendende Laufbahn durchschnitten haben. Wirklich habe ich durch diese kluge Wendung seinen volligen Untergang aufgehalten. Wie viele prachtige Meteore sind nicht in diesem langen Zeitraum durch den Aether gezogen, verschwunden und vergessen, und das meinige blinkt noch in der zwanzigsten Leipziger Messe, tritt noch einmal aus dem Nebel hervor, in welchen es sich oft hullte, und lachelt noch hier und da einem alten Bekannten so freundlich ins Auge, als ehemals meinem nun langst verewigten Freunde Eduard, dem seine ersten Stralen gewidmet waren.
Mit welchem wehmuthigen Vergnugen sehe ich auf jene Morgenstunden zuruck, wo ich ihm das Votivgemalde vorhalten konnte, das ich in der Ferne aus tausend heterogenen Farben fur Ihn zusammengesetzt hatte. Es war eine freundschaftliche Beschaftigung, eine augenblickliche Zerstreuung in der banglichsten Zeit, die je uber Berlin geschwebt hat in der Krankheits-Epoche unsers grossen Monarchen. So sass ich denn auch, gerade vier Wochen vor seinem volligen Verloschen, nach einem massigen Fruhstuck meinem Freunde gegen uber, und langte von den letzten Heften meiner Reise, die hinter meinem Sitze auf einem Ecktischchen lagen, einen nach dem andern mir zu, wie ihn die Reihe traf. Meine Vorlesung war bis auf gegenwartigen, und bis zu der Zeichnung vorgeruckt, die ich kurz vorher meinem Zuhorer, der sich auf dergleichen Malereien besonders verstand, als ein Meisterstuck angekundigt hatte; aber kaum waren ihm die ersten Grundlinien davon sichtbar geworden, so erhob sich ein Wirbelwind in dem grossten Ungestum von der Gasse, der Thuren und Fenster aufriss, und indem ich eben nach diesem, noch ubrigen Abschnitt meines, unserer heutigen Unterhaltung gewidmeten Vortrags greifen wollte, mir ihn unter den Handen wegnahm. Hatte ich nicht zum Gluck den Ueberrest meiner Handschrift zu Hause gelassen, es ware ihm nicht besser ergangen, und mir nichts ubrig geblieben, als meine Boutique zu schliessen.
Kein spielendes Kind, dem sein papierner Drache entwischt, kann besturzter ihm nachblicken, als ich meinen fliegenden Blattern. Ich sah sie uber die Dacher hin, bald an diesen, bald an jenen Schornstein anprallen, sinken und steigen, und endlich ganz aus meinem Gesichtskreis verschwinden. Wahrend meines vergeblichen Hinstaunens in den leeren Raum, hatte Eduard, thatiger und gefasster als ich, alle dienstbaren Geister seines Hauses aufgeboten, den politischen Steckbriefen nachzueilen. Ihr erzeigt allen ehrlichen Leuten den wichtigsten Dienst von der Welt, wenn ihr sie auffangt, schrie er ihnen nach. Umsonst! nach einer Stunde kamen die Abgeordneten athemlos, beschmutzt und mit leeren Handen zuruck.
Der Wind, entschuldigten alle ihre misslungene Hetze ware zu arg. Dem hatte er die Kappe, jenem den Athem genommen, und allen so viel Staub in die Augen gestreut, dass ihnen Horen und Sehen vergangen sei. Wir schickten sie demungeachtet, sobald das tobende Wetter vorbei und die Luft rein war, zum zweitenmal aus, liessen uberall in den Hausern der Gesandten, in den Trodelbuden, in den Kramladen, und in dem koniglichen Schlosse den verlornen Papieren nachstellen, aber mit gleich wenigem Erfolg, und eben so vergebens habe ich in den zwanzig Jahren, die zwischen jenem Tage und dem heutigen liegen, auf den glucklichen Zufall gelauert, der sie mir zeitig genug wieder bringen sollte, um sie meinen guten Lesern noch mittheilen zu konnen. Welchem staubigen Winkel mogen sie zugeflogen seyn? Ach vielleicht doch verwahrt sie das Pult eines ehrlichen Finders, der sie wohl langst ihrem rechtmassigen Eigentumer zugestellt hatte, ware er ihm nur bekannt gewesen. Freilich kame jetzt jedes Einschiebsel zur Vollstandigkeit meines armen Tagebuchs zu spat, das, wie ich meinen Lesern schon vertraut habe, mit der diessjahrigen Ostermesse sein Ende erreicht.
Da indess diese merkwurdige Zeichnung auch an jedem andern Orte der Ausstellung immer noch werth bleibt, so kann ich um so viel mehr diess Original, das sich selbst mit Hulfe des Windes vogelfrei gemacht hat, allen Journalisten und Sammlern fliegender Blatter, wenn es ihnen vorkommen sollte, zu einem nicht gemeinen Luckenbusser empfehlen. Die Zeit hat ja schon manches Dokument ans Licht gebracht, was man Jahrhunderte hindurch fur verloren erklarte.
Irre ich nicht, so ist ja ein Brief des Cicero ad familiares durch den Pergament-Band eines alten Kalenders und eine mangelhafte Stelle in dem Petron durch den Umschlag einer pabstlichen Bulle erganzt worden, und kann ich mich denn nicht auf meine eigene Erfahrung berufen? Hatte sich der franzosische Hof wohl traumen lassen, dass die Briefe der Konigin Anna an ihren Beichtvater irgendwo noch versteckt lagen und nach Verlauf eines Sakulums einem Reisenden in die Hande gerathen wurden, der an sie am allerwenigsten dachte.
Wenn er nur wusste, fahrt meine Handschrift fort; aber indem fing die Schiffsuhr zu schlagen an. Der Kapitain verliess mich, um seine Befehle fur die laufende Stunde auszugeben. Um keiner beschaftigten Hand im Wege zu stehen, setzte ich mich auf das Verdeck, machte mir einen Sitz von Tauen und Segeln zurechte und zog, um mir in Ermangelung besserer Gesellschaft die Zeit mit meiner eigenen zu vertreiben, den gangbaren Heft meines Tagebuchs aus der Tasche. In diesem Portefeuille deiner Erfahrungen, lachelte ich es an und schlug die Hand darauf, hast du nun schon eine ziemliche und mehr als hinlangliche Sammlung medicinischer und philosophischer, theologischer und artistischer Windbeutel niedergelegt. Zu ihrer Vollstandigkeit fehlte dir nur noch ein politischer Den hat dir nun unerwartet ein unpartheiischer Mann in die Hande geliefert. So fluchtig auch seine Zeichnung seyn mag, (ach ware sie nur nicht gar verflogen!) so sticht doch der Dunkel des Portraitirten mit zu vieler Wahrheit vor, um nicht ahnlich zu seyn. Warum wolltest du sie nicht in deinem Bilderbuche aufnehmen, das, nach deinen eigenen Menschlichkeiten, nichts so deutlich zur Schau stellt, als die, allen Gauklern gemeine Physiognomie des Hochmuths, die, wie es scheint, meinem vornehmen Kapitain so widerlich ist, als meiner Wenigkeit. Die Nilratze kann unmoglich eine starkere Antipathie gegen Krokodille haben, als ein naturliches, mit edlem Stolze begabtes Herz gegen aufgeblasne Menschen. Man kann doch gewiss nichts geringeres seyn, als ich jetzt bin, aber auch in mir schlagt ein solches Herz und ich vertauschte es nicht, selbst gegen den Zepter nicht eines koniglichen Prahlers. Meinem Kapitain sah man es an der Stirne an, dass er seinem wichtigen Posten eben so gewachsen war, als er ihm mit Bescheidenheit vorstand. Er wusste nicht nur zu befehlen, sondern auch zu lenken. Dafur aber genoss er auch Achtung und Zutrauen vom Hochsten bis zum Geringsten.
Sein Schutz gab mir Zuversicht, seine Herablassung erhielt mich in Demuth, seine Freundschaft erhob mich. Er, ein Sprosse des edeln Geschlechts von Kosodawlew,1 das dem Staate schon manchen klugen Kopf und brauchbaren Diener gezogen, flosste mir eine so grosse Liebe zu seiner Nation, so tiefe Ehrfurcht fur seine Monarchin ein, dass, hatte ich nicht gehorige Rucksicht auf mich genommen, mir wohl auch der Schwindel uber meinen neuen unverdienten Titel hatte zu Kopf steigen konnen.
Als ich jenes Bild in meine Gallerie aufgehangt hatte, blieb mir fur heute nichts zu besorgen ubrig, als Abschied von der grossen Nation zu nehmen. Ich steckte mein Patent ein, setzte mich auf einen Fischerkahn, und stieg mit festem Muth ans Land. Eine der schonsten Stadte Frankreichs breitete sich nun vor meinen Blicken aus, ich gab aber weniger auf ihre Hauser und Platze, als mit heimlichem Lacheln auf die Huldigung Acht, die alle Vorubergehenden meiner Uniform erzeigten. In meinem Leben ist der Hut nicht so oft vor mir gezogen worden. Die allgemeine Verbeugung vor der grossen Frau, der ich zu dienen den Anschein hatte, machte mir es begreiflich, wie manche ihrer wirklichen Diener, wenn sie andere Hofe und Lander besuchen, auf Stelzen einhertreten, und ich mochte sie beinah entschuldigen, wenn es mir moglich ware, der Schwachheit des Stolzes das Wort zu reden, oder sein Vordrangen auf meinen geraden einfachen Lebensgang mit Gleichmuth zu ertragen.
Ich gehore, wie sich das so ziemlich aus meinem lachenden Hinstaunen in die Welt ergiebt, gewiss nicht zu der Klasse der Friedensstorer; wer mich aber aus Ursache seines Eigendunkels beleidigt jede andere kann ich eher vergeben mir, um mich zu hanseln, Wasser in meinen Wein mischt, darf sich nicht wundern, wenn ich, ohne lange daran zu schlucken, den unreinen Trank ihm in das Fratzengesicht sprudele. Nicht etwa erst als russischer Titular-Schiffs-Lieutenant, sondern schon langst habe ich in meinen hauslichen, politischen und litterarischen Verhaltnissen das System angenommen, das meine anscheinende Gebieterin zur Sicherung der ihrigen erfunden hat das System der bewaffneten Neutralitat. Es ist von allen, die ich kenne, gewiss das beste. Wir sind beide, wenn ich meine Kleinheit neben ihre Grosse setzen darf, zu gutmuthig, um nicht jedem seine Sturmhaube, oder seine Schellenkappe zu gonnen, so lange er seinen eigenen Spass damit treibt; aber niemand in der grossen Welt darf seine Lanze gegen sie, und in der kleinen seine Peitsche gegen mich aufheben, wenn ihm seine Haut lieb ist.
Du siehst, Eduard, dass ich in dieser Rucksicht meinem Officiershute so viel Ehre mache als Sie ihrer Krone.
Wahrend ich mich aus einer Gasse in die andere drehte, als wenn ich sie der Lange und Breite nach ausschreiten wollte, die Weinhandler, die hier jeden Fremden schon von weitem als einen Einkaufer anlacheln, durch mein Gesicht voll Wurde in ihre Kellerstuben zuruckschreckte, und den Policeidienern, ohne dass sie es ahndeten, in Gedanken Trotz bot, besorgte Bastian meine letzten Geschafte mit vieler Einsicht.
Er kaufte fur mein Bedurfniss, wie er glaubte, Lord Ansons Reise um die Welt, und ein paar englische Halbstiefeln, und verhandelte meine gepriesene Berline, als unnothig zur See, an den Miethkutscher des Preussischen Konsuls, unter der Bedingung, meine Habseligkeiten noch umsonst bis an das Ufer zu fahren. Er selbst ging mit meinem Puderbeutel in der Hand voran, den ich seiner besondern Sorgfalt um desswillen empfohlen hatte, weil er, wie ich Dir wohl jetzt vertrauen kann, einen Schatz fur mich, die Schnittlinge namlich meines in der Uebereilung der Furcht kastrirten Tagebuchs enthalt. Sonach verlasse ich nicht nur um vieles leichter, als ich gekommen bin, sondern auch ungleich einiger mit mir selbst, ein Land, von dem, genau besehen, ich nichts mitnehmen mochte, als das Sonnenthal und Agathen. Die Dammerung erinnerte mich zur rechten Zeit an den Vergang meines militairischen Urlaubs. Ich schuttelte, wie ein Apostel, mir den Staub von den Schuhen, wendete beim Eingang des Hafens noch einmal mein zufriedenes freies Gesicht nach der grossten der unzahligen Trompeten dieses, in allen Dingen, hoch trabenden Reichs, nach der Festung der Stadt, als nach dem letzten Granz- und Markstein, den ich nicht sowohl zwischen mir und dem prahlerischen Gallien, als vielmehr in stiller Hinsicht auf mein kunftiges Leben, zwischen dem franzosischen Leichtsinn und dem deutschen Ernst setzte. Ach welche reuige Empfindungen, gutmuthige Gefuhle und meines Vaterlands wurdige Vorsatze bewegten mein Herz, indem ich uber die auf dem krauselnden Strom gebrochenen Stralen des Abendsterns, den ich reiner und freundlicher nirgends erblickt habe, zuruck nach meiner Garnison fuhr.
Es war mir, wie einem, der seiner Besinnung lange beraubt, ihrer nun seit kurzem machtig geworden, und mit freudigem Zittern, in der Hoffnung, nie wieder zu kommen, dem Tollhause entschleicht.
Das erste Wort meines Befehlshabers, als ich in seine Kajute trat, wo er so tiefsinnig uber einer Seekarte schwebte, als ein Denker uber einem moralischen Werke, war ein Lob auf den herrlichen Wind. Als Schiffs-Lieutenant, glaubte ich, musste ich Ehren halber mit einstimmen; es schien aber, der gute Mann errieth mich. Er zeigte mir auf der Karte den Weg nach Petersburg und sprach so gleichgultig davon wie von einer Spazierfahrt, trostete mich freilich dadurch uber meinen Katzensprung nach Holland, aber nur halb, denn es lief mir schon beim Anblick des leer gelassenen Papiers der Meeresflache, das doch gewiss mehr Unfalle bedeckt, als alle angranzende Lander, die mir grun und gelb vor den Augen flimmerten, ein kalter Schauer uber den Leib. Ich berechnete die entsetzliche Tiefe und dass ich nur waten, aber nicht schwimmen konne. Das grosse kaiserliche Schiff verkleinerte sich in meinem Gehirne zu einer zerbrechlichen Schachtel die mich als wenn es in meinem taglichen Bette viel anders ware, nur im Schweben zwischen Zeit und Ewigkeit hielt. Denke nur: mitten in diesen ernsten Gedanken fallt mir noch, zu meinem Ungluck, der grassliche Sturm ein, den der Anspachische Theodor in seinem wirbligen Kopf erregt hat. Ein schlechtes, lacherliches Vorbild, ich weiss es, das sich aber dennoch meine Phantasie nicht wehren lasst so tauschend auszumalen, als es nur ein Stuck von Vernet seyn kann. Wenn das Schiff stranden sollte ach, ich fande kein Bret, worauf ich mich, oder meinen Namen retten konnte; denn auf Votiv-Tafeln, den Schutz der Heiligen und auf die Gebete der Monche darf ich, wie es wohl andere thun, am wenigsten rechnen. Ich habe es nicht um sie verdient. Hat mich nicht schon das blosse Bild des einen zu Cotignac in die Toulouser Handel und in das Wagstuck verwickelt, dem ich mich jetzt preis gebe? Mein Gott! wie ich zittere und schwatze; aber setze Dich nur, lieber Freund, einen Augenblick an meine Stelle. Ich weiss ja nicht, wie ich mich anders uber den ungewohnten Larm betauben soll, der auf dem Schiff herrscht. Welcher Unterschied zwischen meinem heutigen Abend und jenem Mittag auf der Fregatte des Voltaire.
Dort horte ich nur Witz sprudeln und lachte uber das denkende Wesen an meiner Seite. Hier hingegen gellen mir die Ohren von nie gehorten KommandoWortern von Matrosen-Fluchen, Hammern, Klirren und Poltern, bald uber, bald unter mir. Was das alles fur Anstalten sind, um bis zu einer Hollandischen Treckschute zu gelangen! So muss der arme Mensch uberall dulden, harren und mit Unruhen kampfen, ehe er ein hausliches langweiliges Gluck erreicht.
Sahe ich nur schon die grossen Augen meines Jerom, wenn ich ihn in meinem Seekostum uberfalle. Was wird er denken, ehe er erfahrt, dass nichts solides dahinter steckt! Es sind noch nicht funf Monate, seit er auf dem Munster zu Strassburg meinen Glauben an den thierischen Magnetismus so spottisch behandelte. Ach wie viel unglaublichere Charletanerien habe ich nicht in der kurzen Zwischenzeit erfahren! Ich hore im Geiste sein Gelachter, wenn ich sie ihm erzahlen werde. Erzahlen? Ich ihm? O ich armer, geplunderter, halb verbrannter, halb verschnittener Autor! Woher sollte mir der Stoff und was meiner Vergesslichkeit zu Hulfe kommen? Der kleine Rest meines Tagebuchs? die Haarwickel in meinem Puderbeutel Ist es wohl der Muhe werth, dass sie sich uber dem Wasser halten? Ach, mag sie doch meinetwegen der Rachen eines Wallfisches verschlingen, wie den ehrlichen Jonas. Ich verlange nicht einmal, dass er sie wieder ausspeie, sobald sie mich nur nicht nachziehen. Doch eben hore ich den Kapitain befehlen, dass die Mannschaft sich schlafen lege, die nicht angestellt ist.
Das gilt auch mir. Ich gehorche.
Am Bord des Schiffs Katharina die Zweite,
den 8ten Marz.
Mein erster Versuch mit der Hangematte ist glucklicher abgelaufen, als ich glaubte. Geist und Korper fuhlen sich gesund, und mit meinem Wohlbehagen ist auch mein Muth gestiegen. Der Wind Ich wurde ihm zwar nicht trauen, aber mein Kapitain sagt und das ist mir genug er ware werden die Segel gespannt, die Anker gehoben und das Steuer-Ruder von der erfahrnen Hand eines Seehelden gefasst, dessen edle bescheidene Miene schon Ehrfurcht und Vertrauen einflosst, der das Leben und Gluck der Menschen zu schatzen weiss, die seiner Leitung uberlassen sind, seinem wichtigen Beruf ohne Grosssprecherei als ein ehrlicher Mann vorsteht, manchen Sturm mit Festigkeit und Klugheit bekampft hat, ohne ihn in Journalen zu beschreiben, oder mit so grellen Farben zu schildern, wie der Anspachische Schmierer hinter seinem Dachfenster das beruhmte Revolutions-Gemalde, das zwei Ellen und einen Daumen gross, aber schlecht erfunden und keinen Heller werth war. O welch ganz anderes Kolorit hat die Wahrheit, und wie glucklich ist ein Passagier, der, wie ich, einen scharfsichtigen Kapitain am Kompass einen erfahrnen Steuermann am Ruder weiss! Sei es ein Kriegs- oder Kauffartheischiff, sie bringen es gewiss glucklich in den Hafen. In solchen hoffnungsvollen Gedanken ruhte mein Blick auf dem ehrlichen Gesichte des alten Schiffers, der sie mir eingab, als Kosodawlew bei uns vorbei in seine Kajute eilte, um das Signal zur Abfahrt zu geben. Er nahm mich bei der Hand mit sich. "Munter, munter, Herr Lieutenant!" sagte er scherzend. "Mein dirigirender Minister dort nimmt es mit allen Winden der Erde, und meine grosse Kaiserin mit allen Schutzheiligen in der Legende auf." Und ich, wahrend er veranstaltet, dass man Ihre Flagge aufstecke, sitze andachtig an meinem schwankenden Schreibpultchen, und bete es ihm nach:
Vom Borysthen bis zur Garonne,
Vom Wolgastrom bis an den Belt
Durchschwebt Ihr Name wie die Sonne
Wohlthuend jeden Theil der Welt,
Und angelacht von Ihrem guten
Gestirn, ruft mir mein Vaterland:
Verlass ein Reich, das Rauch und Tand,
Um Gott zu blenden Wunschelruthen
Zum Richtscheid der Gesetz' erfand,
Das einen Greis dem Grab entwand,
Um auf dem Rade zu verbluten.
Schon hebt Aurorens Rosenband
Mein freies Schiff, schon fliegt der Strand,
Wie Casar sturz' ich in die Fluthen
Mein liebes Tagbuch in der Hand.2
Fussnoten
1 Diesen edeln Namen borgte der Reisende fur seinen idealisirten Schiffs-Kapitain, dem verehrten Manne ab, der jetzt als Minister des Innern am Ruder des Russischen Staats sitzt, in dankbarer Erinnerung an die vortreffliche Uebersetzung des Gedichts Wilhelmine, die Er, auf das fur den deutschen Autor so schmeichelhafte Verlangen Katharina der Zweiten, unternommen, und 1785 seinen Landsleuten durch den Druck bekannt gemacht hatte. 2 Der Autor bewahrt noch jetzt, am Ende seiner Laufbahn, in seinem Herzen das Andenken an diese grosse verewigte Monarchin, und die ihm von Ihrer Hand mancherlei zugeflossenen Gnadenbezeigungen. Folgende schmucklose Worte, die er mehrere Jahre vorher, ehe Sie von dem Schauplatz ihrer ruhmvollen Thaten abtrat, an seine erhabene Wohlthaterin gelangen liess, so wenig Anspruch sie auch sonst auf das Interesse des lesenden Publikums machen konnen, werden doch wenigstens das rechtfertige sie seine dankbaren Empfindungen, durch den Stempel der Wahrheit beurkunden, den er ihnen aufgedruckt hat: Ew. Majestat haben mich in meinem stillen Museo mehrmalen mit den grossmuthigsten Beweisen Allersie mir keinesweges als Belohnungen zueignen durfte, so habe ich sie mit dem demuthigsten Dank als Folgen des grossen Charakters betrachtet, der Ew. Majestat auszeichnet, und habe im Stillen den umfassenden Geist bewundert, der eben so liebreich den Wissenschaften begegnet, als er machtig und allgemein auf sein Zeitalter wirkt. Ich gehe oft der thatigen Hand mit Erstaunen nach, die mit gleicher Fertigkeit, den Plan eines Gesetzes, und den eines Schauspiels entwirft, und der kein Gebiet zu entfernt, kein Zirkel zu klein ist, wo sie eine Nation beglucken oder ein hausliches Vergnugen befordern kann. Ew. Majestat haben das Geheimniss wieder gefunden, das seit Augusts Zeiten verloren war, aber wie sehr haben Sie es nicht, grosse Frau, unter Ihren Handen verschonert! Mit dem Stolze, den mir der Gedanke einflosst, ein litterarischer Zeitgenosse Ew. Majestat zu seyn, habe ich die Ehre in der tiefsten unbeschranktesten Ehrfurcht zu ersterben
Ew. Kaiserlichen Majestat
allerunterthanigster aller gehorsamster
Th.
Gotha den 6. Marz 1793.
Leyden.
Den 25sten Marz.
O wie hat die grosse Frau meinen Glauben an ihr gluckliches Gestirn und Kosodawlew mein Vertrauen zu ihm und seiner Kenntniss gerechtfertigt, die noch weit uber Kompass und Seekarte hinausreicht! War es doch, als ob Wind und Wetter ihm so gehorsam als die Matrosen und die Wellen des Meeres nur Stahlfedern waren, die auf weichen Polstern uns huben und forttrugen. In welcher Glorie ist mir die Natur erschienen, und wie freuten sich meine Augen an jedem wiederkommenden Morgen, dass sie noch nicht, verloren fur die Anbetung Gottes, in des Grabes Moder versunken waren! Ich glaubte in jenem Blumenthal, das Agathen umschliesst, den Sonnenkorper in seiner grossten atherischen Pracht besungen zu haben, ach ungleich poetischer sah ich ihn in der feierlichen Geburtsstunde des Tages uber den Horizont hervor wallen und mein Erstaunen verstummte. Wer den Mond und die Sterne nur uber dem Dunstkreise des Erdballs funkeln sah, denke ja nicht, dass er ihren wahren Glanz kenne, und niemand behaupte, sein eigenes Herz zu verstehn, der seinen Freund oder seine Geliebte noch nicht zwischen Wasser und Himmel umgeschmeidig unter uns, der andere uber unsere Haupter eben so wolkenlos aus, als auf dieser meiner ersten Seereise, ich wusste wohl, welchem Elemente ich mein irdisches Gluck anvertrauen wurde, denn nirgends fuhlt man das kostbare Geschenk des Lebens dankbarer und inniger, als auf diesen schwimmenden Bretern und nirgends reicht uns der Tod naher, schmerzloser und gaukelnder die Hand, als bei der Punschschale, die unsere Abende begeistert und von der wir nicht eher, als mit dem letzten Tropfen, in susser Betaubung nach unserer Hangmatte taumeln, ohne darauf zu achten, wie sehr sie einem Leichentuche ahnlich sieht. Wer mochte nicht lieber in dem freien Weltmeere begraben seyn, als in einem verschlossenen Sarge unter einer druckenden Erde, dem Spielplatz aller bosen Neigungen, kunstlicher Bedurfnisse und Laster. Wie verachtlich erscheint einem Beschiffer des Oceans die ubrige Welt mit ihren Eitelkeiten und Freuden.
Der glucklichste Monarch kann nicht zufriedener von seinem glanzenden Throne gen Himmel blicken, als ein Seemann von dem Verdecke seines Schiffs. Die starkende Seeluft, die physische Abgezogenheit von dem Beginnen der Menschen entwickelt die schonste moralische in seiner Seele. Grossherzig und neidlos belachelt er in seiner philosophischen Kajute das Wettrennen des Hochmuths nach Rang, Ehrentiteln und nach den Gangelbandern widersinniger Orden, und argert sich uber gelehrte Flugschriften, lugenhafte Zeitungen und das summende Geschmeiss, das seine faulen Eier hineinlegt, nicht eher, als bis er gelandet hat.
Dann erst, in der Nahe geistiger und leiblicher Apotheken von einem Sprach- oder Spiel-Zimmer, von einem Tanz- oder Spiegelsaal in den andern getrieben und verfolgt von dem Zungengerausch der guten Gesellschaft, verlasst ihn sein glucklicher Gleichmuth. Er sehnt sich ermattet zuruck in seine schwebende Klause, und will lieber um verdiente heitere Tage und vorwurfsfreie sternhelle Nachte mit Sturm und wilden Fluthen kampfen, als mit den schmeichelnden Zephyren und den glatten Herzensergiessungen der grossen Welt um die Zerrbilder ihrer erdichteten Empfindungen, mit denen sie gegen die verwahrlosten Naturkinder, die ohne Anspruch auf Glanz edel nur denken und handeln, so gern gross thut. Ich schwore Dir bei allen Winden, die uns von dem Hafen zu Bordeaux aus bis an die Hollandische Kuste trieben, dass wahrend meines Heruberschwebens mir nicht eine unmuthige Stunde, kein truber Augenblick in den Flug kam, ausser da ich mit Anbruch des letzten Morgens meines Volontair-Dienstes, von dem Hurra des Schiffsvolks geweckt, ein Land aus dem Nebel hervorleuchten sah, das ich beim Schlafengehen noch hundert Meilen entfernt glaubte, und da bald nachher ich, indess mein Koffer, Tagebuch und Puderbeutel in ein kleineres Fahrzeug geladen wurden, das wie ein Sarg auf mein Hineinsteigen wartete, thranend an der Brust meines guten Kapitains, vor Schmerz kaum ein abgebrochnes Lebewohl stammeln konnte. Ich athmete noch schwer, als ich schon am Ufer stand, wusste vor Betaubung nicht, wie viel oder wie wenig ich den beiden Matrosen, die mich heruber gerudert hatten, als Beitrag zur allgemeinen Trink-Kasse aus meiner Geldborse in den Hut warf, und winkte mit dem meinen so lange noch dem lieben Schiffs-Patron zu, bis mich ein anderer Fuhrer sehr verschiedenen Ansehens in einen raderlosen Wagen nothigte und wie einen armen Sunder zum Richtplatz von Schevelingen nach Haag und von da mit einem untergelegten Pferde nach der Leydener Treckschute hinschleifte.
In diesem langweiligen Fahrzeuge fand ich Musse genug, dem Trubsinn, den ich mitbrachte, mit aller Bequemlichkeit nachzuhangen. Ich stutzte den Kopf auf den Arm. O! seufzte ich, warum konnen doch jene Menschenseelen, die der meinigen so theuer geworden sind, mich nicht auf der Wallfahrt durchs Leben immer als treue Schutzgeister umflattern und bis an das einsame Grab begleiten. Wenn Eduard, setzte ich hypochondrisch den Fall, den ich selbst bei unsrer ersten Entfernung durch meine ihm taglich abgelegte Rechenschaft meines Thuns und Treibens fest hielt, zum Ueberschwung in jene unbekannte Spharen fruher reifte, als ich, o wie verlassen wurde ich dann in meiner Heimath herumirren. Wie wenig heitert mich die Hoffnung auf, meinen Jerom bald, bald an das pochende Herz zu drucken; denn das Vorgefuhl naher Trennung wird sich nur zu schmerzhaft unter meine feurigsten Umarmungen mischen. Werden mich wohl je wieder die freundlichen Augen Saint Sauveurs begrussen, wenn, was doch Gott nicht wolle, Agathe mit den ihrigen die Pforten meiner schonsten Erwartung verschliessen sollte? Und nun schickte ich noch einen Thranenblick dem edlen Russen uber die See nach. Mit welcher Freude verband ich ihn Eurem Kleeblatt, denn er ist dieses Vorzugs werth. Mit demselben Goldstempel, den die Natur Euch vertraute, hat auch Er die Stiftungstage unserer auf dem Meere geschlossenen Freundschaft mir so tief in das Herz gepragt, dass der Rost der Zeit sein liebes Bild so wenig daraus zu verloschen vermag, als das Eure. Glaubt nicht, dass ich hier ubertreibe, denn in dem engen Bezirk eines Schiffs, wo kein Schwankender dem andern hoflich aus dem Wege treten kann, beweisen vierzehn frohe Tage einer gemeinschaftlichen Seereise mehr fur die Einigkeit der Herzen, als eine gleiche Anzahl ProbeJahre auf dem festen Lande, wo alles fest steht, ausgenommen seine Bewohner.
Den 28sten Marz.
Zwei Tage habe ich nun schon in der sussesten Traumerei an der Seite meines geliebten Jerom verlauscht. Ein Gluck fur Dich, dass sie zu reichhaltig an unbeschreibbar schonen Empfindungen des Wiedersehens waren, als dass ich mich nur einen Augenblick nach meinem schwatzhaften Tagebuche hatte umsehen mogen. Heute verschafft mir bloss die Bleikolik eines Maklers einige Musse, mit dem entfernten Freunde so lange zu plaudern, bis der nahere mich vom Schreibtisch abruft.
Wenn ich mich kurz fasse, kann ich Dir viel erzahlen. Der gute friedsame Hollander! Er konnte mich durchaus nicht langer in meiner militarischen Maske ausstehen, sobald der erste Schrecken vorbei war. Ich nahm so geschwind als ein Chamaleon die Lieblingsfarbe des Landes durch einen schwarzen Rock an, den ich nach Ablegung meines unschuldigen Ehrenkleides anzog.
Jetzt erst stand ich mit dem philosophischen Arzte wieder auf dem sonstigen vertraulichen Fuss. Er nahm mich nun schon etwas herkommlicher und beinahe neugieriger als ein Pater seine Beichttochter, in Untersuchung. So willig ich auch zu dem aufrichtigsten Bekenntnisse war, so wollte es doch nicht recht damit fort. vorderst Man ist nun einmal mundlich nicht nur weniger bestimmt, als schriftlich, sondern auch viel scheuer in seinem Vortrage; und da der Theil meiner Reise bis Marseille dort verbrannt und mein Gedachtniss viel zu ohnmachtig war, den Staub jener Ereignisse aufs neue zu beleben, so mussten besonders die zu Avignon nothwendig an Klarheit verlieren; dennoch schuttelte mein Zuhorer mehr als einmal den Kopf zu meiner Erzahlung. Als ich mir endlich, so gut es gehen wollte, bis zu meiner gefahrlichen Krankheit fortgeholfen hatte, und nun aufstand, um die nachher niedergeschriebenen und ziemlich gut erhaltenen Protokolle meines weiteren Verhaltens beizuholen, glaubte er, dass nun die Reihe an ihm sei zu sprechen. "Bleiben wir fur heute, lieber Wil'm, bei deinem Krankenlager stehen, das du, wie ich nun selbst von dir gehort habe, durch muthwillige Besturmung der Natur, um den Ausdruck zu massigen, nur zu wohl verdient hast." "Wie Jerom?" fiel ich ihm in die Rede, "du nennst meine Lebens-Versuche Besturmung der Natur, um nicht etwas argeres zu sagen? Warst du es denn nicht, der mir zuerst eine leichtsinnigere Behandlung des moralischen Menschen gegen den Hypochonder empfahl, als er mich von meiner Berliner Studierstube aus schon eine ganze Strecke uber den Rhein gejagt hatte? Waren es nicht Scherz und Liebe, die du mir in dem Gasthofe zu Strassburg als die besten Hulfsmittel gegen meinen druckenden Ernst vorschriebst?" "Grosser Gott!" schlug er seine Augen in die Hohe, "wir armen, so oft missverstandenen Aerzte! Verordnen wir einem Schlaflosen zwei Tropfen Opium, so nimmt er den folgenden Abend das Doppelte, freut sich des angenehmen Traums, in den er verfallt, leert zuletzt das ganze Glas und taumelt in die ewige Nacht."
"Hatte nicht schon Sabathier, von dem ich den traurigen Ausgang deiner Lebensweise nur zu umstandlich erfahren habe, dir das Verstandniss uber die unglaublichen Missdeutungen eroffnet, mit denen du meinen gutgemeinten Rath verunstaltet hast, du wurdest jetzt eine viel derbere Lektion von mir bekommen. Der liebe Mann, der dir in der hochsten Noth zu Hulfe kam, uberbrachte mir, auf seiner Hinreise nach Edinburg, deinen kurzen Empfehlungsbrief, der fur ihn ganz unnothig war, und verweilte einige Tage bei mir. Da wurde denn deiner und deiner Vergehungen gegen korperliche und geistige Diat mit aller der Missbilligung gedacht, die sie verdienen. Ich will wunschen, dass die gemachten Erfahrungen dich vor kunftigen Ruckfallen besser schutzen mogen, als das Packt Recepte, das er mir fur dich zuruckliess. Ich dachte, ein grosseres konnte ich nicht in Jahr und Tag in unserm Hospital zusammenschnuren. Ich habe es deinem Kammerdiener zugestellt, um es zu deinen ubrigen Kostbarkeiten zu packen, denn hier bin ich dir Arztes genug. Dass Sabathier dir, nach seiner Entfernung, nicht mehr zur Seite seyn konnte, machte mich Anfangs sehr um dich besorgt; denn hatte ich nicht alle Ursache zu furchten, dass deine Wiederkehr in die gesunden Tage so keck und ungestum seyn wurde, als es bei schlaffen Seelen nur zu gewohnlich und von den schrecklichsten Folgen ist? Zu meiner Beruhigung aber horte ich, er habe deine Unbedachtsamkeit in die strenge Aufsicht eines andern rechtschaffenen Freundes gegeben, der" "Ach damit," unterbrach ich ihn, "hat er den edlen St. Sauveur gemeint. Ja, theurer Jerom, diesen Mann kann ich zum Gluck dich in seiner ganzen Vortrefflichkeit aus dem U e b e r r e st e m e i n e s T a g e b u ch s kennen lehren, ohne dass ich die S ch n i t t l i n g e in meinem Puderbeutel dazu ziehe, denn diese betreffen bloss die Genealogie Ludewigs des Vierzehnten." "Was in aller Welt willst du damit sagen?" fragte er. "Hast du denn bei deiner Unordnung ein Tagebuch gehalten? und welche Gemeinschaft hat es mit deinem Puderbeutel?" Aber kaum ertheilte ich ihm, nothdurftig, Erlauterung uber die beiden unterstrichenen Worte, so drang er in mich, die abgerissenen Glieder zur Erganzung meines Skelets aus ihrer jetzt unnothig gewordenen Verborgenheit zu ziehen, schlug alle meine Einwendungen nieder und lief in die Nebenstube. "So hore doch nur, ungeduldiger Mensch!" rief ich ihm nach; er aber eben so geschwind nach Bastian, der auf seine Anweisung bald darauf mit meinem Portefeuille zu mir hereintrat und den diplomatischen Puderbeutel neben mir auf den Schreibtisch setzte. Was blieb mir ubrig, als meinem Wirth zu gehorchen, ob es schon keine leichte Aufgabe ist, eine so zerruttete Biographie wieder in einen klugen Zusammenhang zu bringen. Das erste Blatt ward mir blutsauer, ehe es, in Ordnung geschoben, zum Abschreiben vor mir lag. Ich musste den Athem an mich halten, um die oft winzigen Zerstuckelungen der Toulouser Scheere nicht auch noch auf dem Stubenboden auflesen zu mussen, oder eine aus ihrer Lage zu verrucken; dafur bin ich aber nun sicher, dass ich der Konigin Anna nicht um einen Buchstaben Unrecht gethan habe.
Je mehr sich die Anzahl der kleinen Bruchstuckchen in dem Puder verminderte, je geschwinder ging es mir von der Hand. Ich kam nach Massgabe der Schwierigkeit mit meiner musiven Arbeit immer noch bald genug zu Stande, wenn Du uberlegen willst, dass ich oft ein Blatt, das Du jetzt in einer Viertelsekunde umwendest, stuckweise vielleicht zweihundertmal umwenden musste, um auf die andere Seite zu kommen. O, wie wurde unsern Autoren das Schreiben verleidet werden, wenn sie sich, oder andere, so abschreiben mussten. Meine grosse Geduld muss mir bei jedermann zur Ehre gereichen, der das Handwerk versteht.
Der holprige Weg lag nun glatt und eben wieder vor mir, und freudig pochte ich an Jeroms Thure. Zu hastig im Hereintreten, flogen ihm alle die aufgehauften Originalschnittchen meiner Handschrift wie Mukken und Sommervogel um den Kopf und schuttelten ihren weissen Staub ab.
Er blies sich einen Weg durch die Wolke, trat aus ihr heraus, wie ein Apoll, setzte sich mir gegenuber und horte nun der Vorlesung meiner mannichfaltigen Abenteuer mit gutmuthiger Aufmerksamkeit zu. In meiner Krankheitsgeschichte, die ich, wie Du weisst, nach Bastians Anzeige niederschrieb, kam ihm nichts so merkwurdig vor und beschaftigte sein Nachdenken mehr, als der starkende ruhige Schlaf nach dem Delirio, in welchem ich die Halfte meines Tagebuches zerriss und zum Kaminfeuer beforderte. "Du nahmst," sagte er, "ohne dir es deutlich bewusst zu seyn, Gerechtigkeit an dir selbst, und die nachfolgende wohlthatige Krise lasst sich ganz wohl erklaren." Ueber den Wahrsagergeist des heiligen Fiacre neun Monate vor der Entbindung der Konigin Anna spottete er wie ein medicinischer Freigeist, lachte aus vollem Herzen uber mein Verhor zu Toulouse, so wie uber die Furcht, die mich auf die See trieb, und fing nun selbst an zu bedauern, dass die erste Abtheilung meiner Reise in der Asche lag.
O! es wird allen Lesern der zweiten so gehen, dachte ich.
Den 26sten Marz.
Sei aufmerksam, Eduard, ich bitte Dich. Als ich gestern Abends mit dem heisern Hals eines Fastnachtspredigers in mein Zimmer trat, fiel mir das machtig grosse Packet in die Augen, das Sabathier fur mich bei Jerom niedergelegt hatte. Nun Gott erbarme sich deiner! stemmte ich beide Arme in die Seite, wenn der gute Mann dir so viele Krankheiten zutheilt, als dieser Haufen Recepte voraussetzt. Mein Korper, das gebe ich zu, bedarf freilich mancherlei Nothhulfe, aber Jerom hat Recht mit dem Hospital.
Nein, das sind sicher, besann ich mich, die zwei Quartanten mit Kupfertafeln, die der gelehrte Arzt vor kurzem uber die Anatomie herausgegeben, und sollen wahrscheinlich ein Geschenk fur deine Bibliothek seyn. Sehr artig von ihm! Nur ist das keine Lekture im Bette. Die Ansicht eines Menschengewebes befordert unter keinerlei Umstanden den Schlaf, und vollends zergliedert verursacht es mir allemal Krampf. Bleibt mir vom Leibe, sagte ich, indem mich ein Schauer uberlief, stieg schnell zu Bette und weiss nun meiner Vorsicht nicht genug zu danken. Denn, als ich tisch, den Bundel nicht langer so vor mir sehen konnte, ohne zu wissen, was er unter seinem Siegel verbarg, hatte mir wohl kein anatomischeres Werk in die Hande fallen und keins mich mehr erschuttern konnen, als das ich eben auspackte.
Die fabelhafte Wiedergeburt des Vogels Phonix versinnlichte sich hier vor meinen Augen. Freudiger konnte er wohl nicht aus seiner Asche aufflattern, als das klopfende Herz in meiner Brust Erstaunter konnte er schwerlich sein neu entwickeltes Gefieder luften, als ich einen Heft nach dem andern meines, bis jetzt zerrissen und verbrannt geglaubten Tagebuchs an das Licht hob. Ich zahlte diese bunten Federn meiner Flugel durch es fehlte nicht eine und mein Aufschwung zur Unsterblichkeit war nun nicht mehr zweifelhaft. Lange blieb ich, stumm wie eine Bildsaule, vor ihnen stehen, ehe ich zur Besinnung kam, mich nach dem machtigen Schutzgeist umzuschauen, dem ich ihre wunderbare Erhaltung zu verdanken hatte.
Welcher konnte es wohl anders seyn, als der Retter meines Lebens der verstandige Sabathier Er verstekkte dem Wickelkinde das spitzige Spielwerk, um es ihm, wenn es grosser und kluger seyn wurde, vaterlich lachelnd zuruckzugeben. Unter diesen Gedanken offnete ich seinen Brief, aber wie heftig war auch nun der Gegenstoss, den meine Erwartung erhielt, als ich folgendes las: "Lernen Sie endlich, an der Granze Ihrer Gesundheitsreise, den barmherzigen Bruder kennen, der mich mit sechs Pferden von Montpellier abholen liess, als Sie zu Marseille mit dem Tode rangen, mich mit ruhrender Beredtsamkeit beschwor, Ihnen beizustehen, und mir das zufallige Gluck Ihrer Herstellung furstlich belohnte. Er war es, der Ihre Handschrift der Vernichtung entriss, indem er statt derselben Ihnen aus einer alten Postille, die nach einem gewohnlichen Schicksal, das Sie vielleicht nie treffen wird, zu Makulatur geworden, in der Nahe lag, die Anzahl Bogen zureichte, die Sie in der Fieberhitze verlangten. Sie zerschlitzten mit sichtbarem Wohlgefallen einen nach dem andern, und bezeigten, da sie im Kamin aufloderten, so viel Freude, als bei einer guten Handlung. Diese gluckliche Tauschung hat nicht nur Ihr Tagebuch, sondern auch eben so gewiss den Erkrankten gerettet, der es schrieb. Sie kuhlte sein Blut, beruhigte seine aufgeschreckte Phantasie und verschaffte ihm jenen erquickenden Schlaf, den alle meine Opiate nicht bewirken konnten, und der die Heftigkeit seines Fiebers brach. In der Anlage wird er sich Ihnen selbst, und zwar nicht bloss als den seltensten Menschenfreund, sondern als den strengsten Beurtheiler Ihrer Selbst-Bekenntnisse zu erkennen geben. Er las sie, mit Thranen, hinter dem Vorhang Ihres Bettes, indem er bei jeder vergeben Sie mir den Ausdruck leichtsinnigen Aeusserung mitleidige Blicke auf Ihr Krankenlager warf, und Ihre verlaufenen und verschleuderten Tage mit den gegenwartigen trostlosen Stunden verglich, die, wie wir uns beide nicht verhehlen konnten, von jenen nur zu gewiss abstammten." Dieser Vorbericht benahm mir beinahe die Lust, mit dem barmherzigen Bruder, auf dessen geweihtes Haupt ich ubrigens allen Segen vom Himmel erbitte, in nahere Bekanntschaft zu treten. Wie es scheint, hat er meinen voriegenden Text nur desswegen aus dem Feuer gerettet, um eine Strafpredigt daruber zu spannen, die vermuthlich an Erbaulichkeit die alte Postille ubertreffen sollte, die er mir zum Zerreissen preis gab; denn welcher geistliche Redner traut sich nicht mehr Beredtsamkeit und Salbung zu, als seinem Konfrater. Ich kratzte mich lange hinter den Ohren, ehe ich mich entschliessen konnte, sie meinem frommelnden Tadler zu offnen; aber kaum, dass ich seinen dickleibigen Brief entsiegelt und den ersten Blick auf die Unterschrift geworfen hatte, so fiel er mir auch vor Herzklopfen aus der Hand. O diese letzte, schrie ich laut auf, ist auch deine schonste Ueberraschung, mein, mehr als alle barmherzige Bruder, mein theuerster St. Sauveur. Nur mit zitternden Handen konnte ich den Brief wieder aufheben, kusste und legte ihn mehrmal in seine alten Bruche, ehe ich ihn aus einander schlug und mich andachtig genug gestimmt fuhlte, ihn zu lesen.
Welche Bewunderung hat er mir nicht seitdem schon abgenothiget, in welches Entzucken mich versetzt und wie viel susse Thranen der Dankbarkeit meinen Augen entlockt. Ich schreibe Dir ihn nicht ab, lieber Eduard, nicht bloss desshalb, weil er fur die Kurze der mir zugemessenen Zeit zu lang, sondern auch, weil diess Meisterstuck an Schonheit des Vortrags, wahrer und doch schonender Freundschaft mein armes Tagebuch gar zu sehr in Schatten stellen wurde.
Wenn wir nach unserer frohen Zusammenkunft uns erst einige Abende hindurch an diesem matt gelesen der leidenschaftlichen Sophistereien der bosen Beispiele und der schlupfrigen Bilder, die es hier und da enthalt, genug haben und unsere Herzen welk fuhlen; dann wollen wir uns der Ergiessungen dieser reinen Quelle dieser edeln, grossen und fuhlenden Seele, als eines starkenden Labetrunks nach vielen erschlaffenden schwulen Tagen, mit desto innigerer Wollust freuen und ohne den Schreiber, der jene nur allzutreuen Gemalde einer unsittlichen Welt abstahl, in die Holle zu verdammen, dem frohen, festen Sinn seines gutmuthigen Tadlers fur Tugend und Menschenwurde, vorzuglich aber den geheimen verschlungenen Wegen nachspuren, die ihn zu dem Gipfel, von dem er nun auf uns herabsieht, erhoben und die wir, trotz unsrer Scharfsichtigkeit, lieber Eduard, beide noch nicht entdeckt haben. O warum kann ich ihm nicht in diesem Augenblick fur den hohen Genuss seiner sanften Belehrung dankend zu Fussen fallen! Wie, um Gottes willen, ging es zu, dass ich nicht schon aus der zarten Behandlung meiner bis zum Zerbrechen gesunkenen Maschine, den Freund errieth, der allein Menschenkenntniss genug besass, sie wieder in ihre physischen und moralischen Fugen zu zwingen. Musste ich erst aus seinem Briefe den Retter meines Tagebuchs kennen lernen?
Wen ausser Ihm, hatte ein so feiner Takt leiten konnen, die Nachwehen eines sich selbst vernichtenden Autors zu fassen das Ungluck, das er seinen Geisteskindern drohte, abzuwenden und seine lebenslangliche Trauer uber aufgeopferten Nachruhm in ein wahres Auferstehungsfest zu verwandeln? Wie konnte ich zu Marseille, und auch hier noch, fuhr ich immer staunender zu fragen fort, einem unbekannten Monche jene Ehrfurcht fur einen Weltmann, die bruderliche Sorgfalt an meinem Krankenbette, die uneigennutzige Verzichtleistung auf Kostenersatz Belohnung und Dank wie konnte ich ihm einen Augenblick zutrauen, dass er an einen sterbenden Ketzer wichtigere Geschenke wagen wurde, als einen geruchlosen Rosenkranz und die letzte Oelung?
Wie ging es zu, schlug ich mich zuletzt noch vor die Stirne, dass keiner meiner Wachter und Warter mir das Geheimniss verrieth? Bastian half mir aus dem Traum. "Wir," sagte er, "so viel unser waren, sahen diesen Abgesandten des Himmels nur schwarz gekleidet vor Ihrem Bette und nach seiner Verschwindung kein einzigmal wieder." Jetzt begriff ich, warum der Schlaue, aller franzosischen Hoflichkeit entgegen, mich nie mit einem Gegenbesuche beehrte, nie zu einer gemeinschaftlichen Spazierfahrt abholte, und so fremd mit meiner Haushaltung that, als habe er in seinem Leben kein Wort von dem alten Maler Sperling und den beiden Puppenspielern gehort, ob ihm schon ersterer eine fast verlorne Erbschaft und die andern ihre Befreiung von Tortur und Galgen zu verdanken hatten.
Hochgepriesen sei mir sein System. Noch hat kein anderes meine Seelenkrafte so auf einmal, wie durch einen elektrischen Schlag zu erschuttern vermocht, als seine heutige Ueberraschung. Gleich dem sokratischen Genius leitete mich seine unsichtbare Hand bis zu dieser seligen Stunde der Erkenntniss. O dass sie, rief ich kleinmuthig aus, fur die hochste meiner Lebensfreuden mit demselben Gelingen fortwirke! stellte mich an das Fenster, blickte, Thranen der Zartlichkeit in den Augen, gen Himmel und dachte eine ganze Weile noch an Ihn und Agathen, ehe ich meinen grossen Fund unter den Arm nahm und nach Jeroms Studierzimmer eilte. "Hier bringe ich dir," trat ich vor seinen runden philosophischen Drehstuhl und Arbeitstisch, "meine weitlauftige Krankheits-Geschichte nebst allen dazu gehorigen Belegen an Heilungs- und Praservations-Mitteln. Untersuche doch, ob sie des Aufhebens werth sind. Dein Ausspruch soll entscheiden." "Gut, lieber Wil'm," wendete er sein ernsthaftes Gesicht von seiner Schreiberei ab gegen mich, "das hat aber Zeit bis auf den Abend. Jetzt habe ich mein Nachdenken fur presshaftere Personen nothig, als du bist. Allen Respekt," staunte er mein Pakket an, "fur den gelehrten Sabathier, aber was will er mit diesem Schwall von medizinischen Verordnungen? Der Arzt, glaube mir, kann so gut, als der Moralist, seine Lebensregeln auf eine Quart-Seite bringen Doch lege nur einstweilen deine Gegenbeweise," streckte er ungeduldig seine Feder einem Lesepult zu, "dorthin neben Zimmermanns Erfahrungen, und wenn du nichts besseres vorhast, so besuche indess so lange unsere Horsale, Professoren, Kirchen, Armen-Anstalten, oder was du sonst willst, bis ich dir wieder zu Diensten seyn kann." "Du bist heute kurz angebunden, lieber Jerom," erwiederte ich. Statt zu antworten, reichte er mir, mit einem Blick, der mir ans Herz ging, die Namen-Liste aller der Leidenden hin, die auf Strohsacken und seidenen Betten nach baldigem Trost aus seinem Munde achzten, tunkte seine Feder frisch ein und schrieb weiter. Ich erschrak uber diess ubernachtige schwarze Register so sehr, dass ich, wie von Gespenstern verfolgt, aus seinem Museo nach dem unertraglich leeren meinigen flog. Hier, nach einem kurzen Besinnen, versuchte ich das moglichste, um mich aufzuheitern, aber es ging nicht. Umsonst durchbilderte ich eben s o z a g h a f t meine leicht zerbrechliche historische Scheiben-Sammlung, als mit poetischer Dreistigkeit jene noch im Archiv der Liebe verschlossene, von Agathens Reizen; aber auch diese so oft erprobte Linderung wollte nicht anschlagen. Fort dann, rief ich, in die freie Luft! und machte mich mit meinem verstimmten Instrumente auf den Weg, spannte die Saiten aufs hochste, brachte aber doch nichts, als Misstone hervor. Nach einem irrenden Spaziergang langs dem Kanal, schlenderte ich verdrossen auf den Marktplatz, und, nachdem ich hier und dort lange genug andern im Wege gestanden und von dem V o r g e s e h n der Lasttrager, die den geraden ihrigen gingen, erschreckt worden war, fluchtete ich, einfaltig genug, dem d e u t s ch e n Kaffee-Hause vorbei in das h o l l a n d i s ch e . Da hatte ich es vollends getroffen! An der Vaterlandsche Courant, die man mir hinschob, war mir so wenig gelegen, als an einem Glas Genever, das man mir vorsetzte, und bei der schwatzenden Gesellschaft, die sich in langsamer Bewegung durchkreuzte, verungluckte mir jede hofliche Annaherung. Meine Wetter-Beobachtungen und andere dergleichen unschuldige Einleitungen zum Gesprach, mit denen ich in Berlin recht gut durchkomme, machten hier nicht den geringsten Eindruck. Ein kurzes ja well myn heer war der ganze Weihrauch, den mir hier und da einer aus seiner Pfeife unter die Nase blies. In Avignon, Marseille und andern artigen franzosischen Stadten sah ich mich oft noch Stundenlang von einer hubschen Aufwarterin, oder einem gesprachigen Marqueur aufgehalten, wenn ich schon meinen Hut von der Wand gelangt hatte. Hier bekummerte sich keine Seele darum. Man liess mich ruhig uber die Schwelle, sobald ich mein Doppelchen fur die Ansicht des mir zugemutheten Aquavits auf den Teller gelegt hatte.
Schmollend, ohne recht zu wissen, ob uber die hiesige oder meine gewohnte Lebensweise, schlug ich einen langern Umweg durch schnurgerade Gassen, nach wie soll ich es nennen? nach einem leidlichern Gefuhl ein, und gerieth, als wenn heute ein boser Geist sein Spiel hatte unvermuthet an das Eckhaus, wo ich ehemals gewiss bequemer wohnte, als Peter der Grosse wahrend seiner Studien des Schiffsbaues zu Sardam. Ein struppiger Tituskopf streckte sich jetzt aus demselben Schubfenster vor, aus welchem ich sonst mit gekrauseltem Haar uber die vier Fakultaten hinweg in die offene Welt lachte. Noch immer, wie zu meiner Zeit, verzierten japanische Blumentopfe das Ruheplatzchen des Erkers, wo ich so oft Jerom die Schweisstropfen von der Stirne trocknete, wenn er ermudet aus dem botanischen Garten zuruckkam. Die drei Universitats-Jahre, die ich als Miethmann neben seiner Studierstube ach, ich mag es einkleiden, wie ich will, gedankenlos, aber das muss auch wahr seyn, sehr jovialisch vertandelte, gaukelten mir in der lebhaftesten Erinnerung voruber. Dennoch ward es mir auf einmal so unheimlich in der Nachbarschaft dieser meiner Jugend-Herberge, dass ich mir den Sporn gab und mit dem immer beibehaltenen Eifer fur die Naturgeschichte, den Meerwundern auf dem Fischmarkt einen fliegenden Besuch machen wollte; aber kaum war ich um den Laternen-Pfahl herum, so stiess ich da ich es in dieser Prufungs-Stunde gerade am wenigsten wunschte, auf meinen lieben Schulfreund, den in allen Gassen beschaftigten Jerom. "Wo kommst du her?" warf er mir im Fortgehen die Frage vor. "Von der Betrachtung" rieb ich mir die Stirn "unserer ehemaligen Wohnung, und du?" "Aus der Marterkammer," erwiederte er, "einer zum erstenmal gebahrenden, aber nun mit dem frohsten Erstaunen belohnten Mutter, der ich eben die Ausbeute eines schonen Jungen zu Tage gefordert und an die bebende Brust gelegt habe. Jetzt gehe ich, wenn du mit willst, in das Arbeitshaus, um ein wenig auszuruhn und dann in der Nahe dort, zu dem ungeduldigsten Domine von der Welt, um ein ihm sehr dienliches Quartanfieber zu bewillkommen, das er sah nach der Uhr in Zeit einer halben Stunde eintreffen wird." "Wohl bekomme dir, lieber Jerom," hing ich mich gahnend an seinen Arm, "deine Visite beim Domine und deine Ruhestunde im Arbeitshause. Dazu ware mir eine Bilder-Gallerie lieber, wenn eine da ware." "Das ist dir zu glauben," lachelte er, "leider nur sind dergleichen Asyle des Mussiggangs das musst du ja von Alters her wissen bei uns nicht hergebracht. Wir benutzen unsere Sale zu nothwendigern Dingen nicht aus Geringschatzung der Kunst und des Geschmacks," antwortete er meiner spottelnden Miene "denn wie viele unserer wohlhabenden Einwohner besitzen nicht Sammlungen von den schonsten Gemalden, aus denen man eine grossere, als die Dusseldorfer ist, zusammensetzen konnte." "Ja, ja," nickte ich mit dem Kopfe, "wohl Schade um die Meisterstucke der niederlandischen Schule, um Eure Rembrands. van Dyks Gerhard Dauws Wouvermanns und de Wit's, deren so viele noch in den A ch t e r - und B i n n e n k a m m e r n und C o m p t o r ch e n gemeiner Burger, unverantwortlich zerstreut und dem ehrsamen Publikum versteckt sind. Herkommlicher Weise? sagst du. Nun ja! aber ich mochte auch wohl wissen, was es in Holland nicht ware? von seinen Gesetzen und Sitten an, bis auf die Physiognomie seiner Garten, Dorfer und Stadte. Der Genius der Zeit vermag nichts uber das ewige Einerlei Eures mit Recht bewunderten Landes, wenn man es namlich zum erstenmal sieht; kame aber auch ein Reisender wieder nach hundert Jahren zu Euch, ich wette, er findet weder eine modische noch asthetische neue Anlage, oder eine merkwurdige Erscheinung unter Euerm Horizont, die vorher noch nicht da war." "Das will ich dir," endigte Jerom unser Gassen-Gesprach, "nachsten Tages durch den Augenschein widerlegen," und so trennten wir uns am Thore des Werkhauses, bis uns der Mittag wieder zusammen brachte. In einer hollandischen Stadt tritt er punktlich fast so spat, als in Regensburg, aber, als Nothhulfe der, aufs genaueste berechneten, physisch errungenen Erschopfung, so reich ausgestattet, als dort, ein, schreitet abgemessenen Gangs von einer nahrhaften Schussel zur andern fort, bis unter den zusammenfliessenden Nebeln des Thees, Tabaks und der Kanale die Stunde der Verdauung und gesellschaftlichen Unterhaltung uber die Ernte-Tabellen der Borse, protestirten und acceptirten Wechsel, gegluckten oder misslungenen Spekulationen, anbricht. Da ist es denn kein Wunder, wenn wahrend dessen unser Eins sich nach den ganz andern Zeitverkurzungen in Berlin zuruck sehnt.
Den 27sten Marz.
"Und wenn du nun," sagte Jerom, als ich beim Fruhstuck des Heimwehs, das mich gestern befiel, und der Bewegungsgrunde erwahnte, die es auch heute noch, laut genug, unterstutzten, "jene Zeitkurzungen erreicht hast, die ich dir wohl so fein zergliedern wollte, als den unnaturlichen Auswuchs eines schwammigen Korpers wirst du dich darum in deiner spekulativen Schlafkammer, wie ich sie einstweilen so nennen will glucklicher und grossherziger zu Bette legen, als ein betriebsamer Spediteur allgemeiner Bedurfnisse ein Banquier von Kredit ein thatiger Negociant in der seinigen? wirst du von deinem Ausflattern in den leeren Raum der vornehmen Welt weniger ermudet und zufriedener zuruckkommen, als jene von den Schiffswerften, den Packhausern und der Borse? Kannst du aus deiner erhabenen Sphare konnen alle, die dir gleichen, wohl das Herz haben, mit Stolz auf unsere Demuth mit Neid auf unsern Erwerb mit Spott auf unsere einfachen Erholungen herunter zu sehen? Gesetzt sogar, lieber Wil'm, lass uns immer einmal ernstlich daruber sprechen, du konntest deine viel bedurfende Weichlichkeit in Allem befriedigen und stiegest nur an Blumen-Gelandern, erst nach einem Sekulo, wie Fontenelle, ins Grab, wurde dein langgedauertes Daseyn, bei allen genossenen Freuden, verdienstlicher, als das unsere, und die Erde dir darum leichter werden, als uns und allen und jeden dienstbaren Bienen an dem grossen Honigstocke der Welt? "
Dergleichen Hohlspiegel lasse ich mir nun nicht gerne lange vor's Gesicht halten, drum druckte ich dem Redner, als wenn es aus dankbarem Gefuhl geschahe, stillschweigend die Hand und liess ihn, um nicht als Raub-Biene seinen Stachel zu reizen, so viel Wachs, Saft oder Wasser, als er fortschleppen konnte, den Zellen seiner summenden Mitgehulfen zutragen. "Ich gonne," murmelte ich hinwarts nach meinem Schreibtisch, "dem fleissigen Gewurm seine Freude von ganzem Herzen. Mehr kann ich, mehr kann ein Kammerherr nicht thun. Unsere zwar schon vergoldeten Schlussel ubrigens aber, das wissen wir alle, von dem schlechtesten Metall, konnen freilich weder Vorraths- noch Werkhauser offnen, denn sie offnen gar nichts und schliessen nirgends, mussen jedoch, wie alles in der Welt, zu etwas nutze seyn, weil sie da sind." Bei dieser tiefsinnigen Ausrede liess ich es einstweilen bewenden.
Den 30sten Marz.
Es war mir die paar Tage her ganz unlustig zu Muthe, und dabei recht Angst, dass Jerom mit Untersuchung meiner handschriftlichen Beichte nicht so geschwind denn er erwahnte derselben bis heute Morgen mit keiner Sylbe. Er habe, fuhrt' er zur Ursache an, in meinem Prozess mit der Moral ein sonderbarer Ausdruck manche Seiten mehrmal uberlesen mussen, um meine Sophistereien ins klare zu setzen, und sein Endurtheil doch auch nicht eher abgeben mogen, bis er nicht erst selber daruber mit sich einig geworden ware, musse aber zu seiner Schande gestehen, dass es ihm damit nicht besser gegluckt sei, als den meisten Fakultisten mit Kriminalakten. "Meines Dafurhaltens," fuhr er fort, "thust du am klugsten, du stellst deine Sache der offentlichen Meinung und der Mehrheit der Stimmen anheim. Hatte dem Vagabonden, werden nun Wohl die meisten Leser mit mir ubereindenken, immer ein Arzt, wie Sabathier, ein Mentor, wie Saint-Sauveur, zur Seite gestanden, seine Reisebeschreibung ware Zweifels ohne nicht minder erbaulich und nutzlich fur unsere Kinderstuben ausgefallen, als weiland die Fenelons vom Telemach; denn sich selbst uberlassen, belehrt uns sein Tagebuch nur zu deutlich, kommt er in allem Guten eher zuruck als vorwarts." Ich schickte mich an, meine Einwendung dagegen vorzutragen, aber, "Auf den Abend" unterbrach er mich, "wenn mein Tagewerk vollbracht seyn wird, das Weitere davon!" entfernte sich und lasst mich sonach noch immer uber seine endliche Entscheidung in Ungewissheit.
Seit der Theestunde ist meine Angst vorbei. Mein Tagebuch kann ich Dir nicht eilig genug zu wissen thun, hat die letzte Probe, die ich noch erwartete, hat nun mit der seinigen die Kritiken zweier gleich grossen Welt- und Menschenkenner, als es nicht leicht nach ihnen einer wieder vor die Brille nehmen wird, uberstanden. Wie viele deutsche Bucher mogen wohl dieselbe Aufmunterung vor sich, und einen so schonen Beruf haben, ihre Wurzeln auf dem vaterlandischen Boden weiter zu schlagen. Nur nicht so verwundert gethan, mein lieber Eduard! Du wirst doch wohl nicht immer meinen Autor-Kitzel fur Scherz gehalten haben, wenn ich mit lachendem Munde davon sprach, denn kann man denn wohl von diesem Jucken sprechen, ohne selbst daruber zu lachen? Ich unterliege ihm jetzt vollends, so schwach als ein Kind. Weder Dein Ernst, noch Dein Spott daruber sollen mich anfechten, denn wenn uns, sage ich mir, ein langst todt geglaubter Freund nach unendlichen uberstandenen Gefahren zu Wasser und zu Lande, auf einmal, frisch erhalten und lustig in die Stube gepoltert kommt lass ihn selbst schmutziger erscheinen, als den verlornen Sohn in der Bilderbibel, wie verschrankt musste das Herz seyn, das nicht in der unaussprechlichen Freude des Wiedersehens, wenigstens seine Hausnachbarn, Blutsfreunde und andere liebe Bekannte, zusammen trommelte? Und ist das nicht ganz der Fall mit mir, meinem Tagebuche und seinen Lesern? Freilich kann ich nicht laugnen hatten seine beiden ersten Besichtiger gern verschiedene der Malereien, die es mitbringt, retouchirt, einige verschliffen, andere wohl gar, in der andachtigen Stimmung des verstorbenen Herzogs von vernichtet, um den Hofdamen kein Aergerniss zu geben. Was sagen aber auch die Freunde der Kunst zu seiner Bildersturmerei? Er verschonte so wenig die Unschuld der Bathseba, als den trunkenen Lot mit seinen Tochtern, von van der Werft weder Rubens fleischige Grazien, noch die schlankesten badenden Nymphen von Albano liess von seinem Kabinetsmaler alle akademische Nuditaten in der vaterlichen Verlassenschaft, je reizender sie waren, desto eher, aufs neue grundiren und erbaulichere Figuren darauf setzen. Nun sah es freilich kein Mensch dem Konig David mit der Harfe, den Prinzessinnen des Hauses, oder andern Familien-Portraits an, was hinter ihnen steckte, und der Teufel konnte sein Spiel so wenig damit treiben, als der Herzog selbst, denn er starb ohne Kinder.
Meinen armen Zeichnungen ware es, wie gesagt, nicht besser ergangen, hatte es nur ohne Nachtheil des Zusammenhangs so leicht geschehen konnen, als in jener furstlichen Bilderkammer.
Aber St. Sauveur, der sie aus dem Feuer riss, liess seine, zum Versuch des Ausbesserns erhobene Hand so gut sinken, als Jerom, der mir mein Portefeuille nach dreitagiger Durchsicht mit einer Erklarung so eben wieder zuruck gebracht hat, die i ch lieber verschwiege, wenn ich etwas zu verschweigen gewohnt ware. "Hier, Wil'm," trat er mit einem Lacheln, das mir nicht gefiel, in mein Zimmer, "hast du deine wie du sie zu nennen beliebst, Recepte wieder. Als Arzt weiss ich gar nichts damit anzufangen." "Gar nichts?" fiel ich ihm in die Rede. "Das ist arg!" "Und als Philosoph," fuhr er acht hollandisch fort, "eben so wenig."
"Gieb dein Werk aus, fur was du willst, nur nicht fur ein moralisches Vehikulum dazu ist und bleibt es verdorben. Das wenige Gute, was hier und da darin, gleich Waizenkornern unter Spreu, verstreut liegt, wurde keine Hand voll dienlicher Aussaat betragen, wenn man sich auch die undankbare Muhe geben wollte, sie von ihrem Unrath zu sichten. Und wem konnte am Ende auch wohl auf einem Erdstrich, der von Kultur so strotzt, wie dein Vaterland, mit solch einer Kleinigkeit gedient seyn?" Ich runzelte die Stirn und schlug die Augen zu Boden. "Deine Offenherzigkeit," fuhr er nach einer zwar kleinen, aber doch immer sehr demuthigenden Pause fort, "und die Wahrheit deiner Ohrenbeichte, ob sie schon der neugierigste Sundenerforscher weniger treu wunschen wurde, verdient indess " ich schopfte wieder Athem "einige Schonung. Es steht vielleicht zu hoffen, dass sie manchen Verstockten, der sich vor Priestern und Leviten weiss brennt, zum erstenmal schamroth mache Gott gebe, dass es nur nicht auch in weiblichen Engeln das Blut hebt! und diess ist beinahe das einzige, was mich abhalt, auf ganzliche Unterdrukkung deiner buntscheckigen Selbstbekenntnisse zu stimmen. Moglich auch, dass sie andere, der Sittlichkeit noch schadlichere Schriften sophistische Romane kasuistische Betrugereien aus den Lesezirkeln verdrangen, und so kann man freilich nicht wissen, ob du nicht zufallig der Welt wohl gar noch einen Ritterdienst leistest."
"Die scharfe Lauge, welche Kunstrichter," setzte er ironisch hinzu, "uber den Verfasser ausgiessen werden, soll es ubrigens wohl verhindern, dass dieser nutzlichen Tagebucher nicht zu viele entstehen, denn ihre Vervielfaltigung konnte leicht ein anderes Ungluck anrichten, das den, ohnehin zweideutigen Werth des deinigen weit uberwoge, namlich" ich horchte hoch auf "dass leichtsinnige, kurzsichtige Junglinge die Fehltritte, deren du auf deiner paarmonatlichen Reise so viele begingst, und unbefangener, als nothig war, eingestehst, fur den, allen vernunftigen Menschen gewohnlichen Fortgang zur Erkenntniss hielten, und aus Furcht, eine Ausnahme zu machen, immer weiter von der rechten Strasse abkamen." Ich war heilfroh, dass der liebe Strafprediger abgerufen wurde, aber er kam nur zu bald, und zugleich auf seinen verlassenen Text wieder zuruck. "Da haben wir," warf er ingrimmig seinen Hut in die Ecke, "die Folgen eines unbewachten Lebens in terminis. Eben komme ich von dem Bette des Elends eines jungen Mannes, der mit der langwierigsten aller Todesarten mit der Schwindsucht kampft, und Vergehungen an der wohlthatigen Natur mit der Ruckendarre bussen muss. Wehmuthig hangen seine hohlen an den grossen blauen, thranenden Augen einer ihm seit kurzem unverdient zu Theil gewordenen liebenswurdigen Gemalin, deren Umarmung ich ihm als einen Meuchelmord untersagt habe, durch den er die Schuld seiner Selbstentleibung es ist schrecklich zu denken noch in der Verwesung bis zum Greuel seines Andenkens vergrossern, und uber seinen Grabhugel eine Saat von Nesseln verbreiten wurde."
"Die einst so frischen Bilder seiner, der Wollust geopferten Tage umgaukeln jetzt als verzerrte Masken sein Lager, und jene grausamen Spielwerke seiner tandelnden Hand jene der Unschuld abgelockten Schleier, fallen jetzt, als so viele druckende Leichentucher, uber sein brennendes Haupt. Bange, schlaflose Stunden treten an die Stelle verlaufener fluchtiger Freuden, und verkummern ihm, gleich unbarmherzigen Glaubigern, die Schlussrechnung seines vergeudeten Lebens. Aerzte, Philosophen und Priester stehen niedergeschlagenen Gesichts vor dem nach Beruhigung Aechzenden; denn welche Kunst und Wissenschaft vermochte solch ein Verschmachten diese Seelenangst diess Grausen vor der Zukunft zu heben?" "Halt ein, lieber Jerom," unterbrach ich ihn, "solche schauderhafte Gemalde kann nur ein Arzt, wie du, kann nur ein Zergliederer entwerfen, der eines schneidenden Messers gewohnt ist." "Nein," erwiederte er, "ich stelle dir nur eine von den taglichen Erfahrungen fur jeden Beobachter entgegen, der seine Augen gebrauchen will. Dir selbst sind ahnliche Trauergestalten auf deinen Schleifwegen begegnet, du hast sie oft treu genug abgezeichnet, aber ihren Eindruck immer wieder durch schnellen Uebergang zu andern leichtfertigen Bildern geschwacht. Das ist der grosste Vorwurf, den ich deiner Art zu malen mache, ob ich dich gleich zu gut kenne, um dir eine gottlose Absicht dabei Schuld zu geben."
"Kannst du, zum Beispiel, bei der offentlichen Ausstellung, die du vorhast, und zu der sich, wie gewohnlich, gewiss mehr neugierige, unerfahrne Mussigganger drangen werden, als unbestechbare Kenner, jenen Avignonischen Zeichnungen ihre verfuhrerische Wirkung benehmen?" "Ja, das kann ich," hielt ich ihn beim Aermel, da ihn eben ein Billet von einer kritzelnden weiblichen Hand, bei dessen Durchlesen er die seine einigemal an die Stirne, und die Augen mit sichtbarem Entsetzen in die Hohe schlug, schnell auszugehen nothigte, "wenn du mir erlaubst, nur diesen einzigen Fall deiner Praxis in mein Tagebuch einzutragen, ich will dich auch gern nicht uber den Brief noch abhoren, der dich eben so gewaltig erschreckt hat. Fur meine Kunden wird schon dieser Erguss deines emporten menschlichen Herzens hinlanglich und der beste Temperirtrank seyn, den ich ihnen neben jenen franzosischen Philtres vorsetzen kann, die ich an der Granze gegen deutsche Quacksalbereien eintauschte. Es musste doch wunderlich zugehen, wenn sie nicht ihre eigene Vernunft uber den Gebrauch des einen und den Missbrauch der andern verstandigte." "Meinst Du?" brach er die Unterredung kurz ab, nahm seinen Hut und uberliess mich meinem Protokolle.
Und so moge denn meine Hoffnung zu Euch, Ihr
meine jungen, leicht zu befangenden, oft allzugefalligen Leser nicht fehlschlagen!
Vorstehendes Gesprach mit einem der ehrlichsten
Laboranten guter Tisanen fur Korper und Geist, das ich Euch so frisch hinreiche, als jene Fruhlings- und Herbstblumen, die ich, ein blosser Dilettant in der Botanik, mit Kletten und Disteln, bunt durch einander, wie sie mir auf meinen Wanderungen in die Augen fielen, zu einem Strauss band, ist mir, ich gestehe es, schwer uber die Feder gegangen.
Dafur aber auch, dachte ich, muss diese heroische Verlaugnung der Eigenliebe am Schluss eines Tagebuchs in allen guten Seelen eine ganz andere Ruhrung bewirken, als der Eingang der Selbst-Bekenntnisse meines grossen Vorgangers. G u t m u t h i g e r fuhle ich mit innerer Zufriedenheit, hat sich wohl nie ein deutscher Autor gegen seine Leser und weniger s ch l a u gegen die Recensenten benommen. Ja, selbst wenn j e n e ich erstaune uber die mannliche Entschlossenheit meines Herzens auch noch St. Sauveurs Brief einzusehen, und d i e s e , die sich auch damit nicht abfertigen lassen, eine Geisselung von meinen eigenen Handen verlangen, die bis auf's Blut geht. Auch das! Man lasse mich nur erst Berlin und meine Studierstube wieder erreicht haben.
Den 1sten April.
Heute also, Nachmittags, will Jerom mich mit der Seltenheit seines Landes, auf die er mich vorgestern vertrostete, bekannt machen, die wir selbst, setzte er jetzt noch hinzu, wahrend unserer akademischen Lehrjahre, wo uns doch kaum etwas unglaublich vorkam, nicht fur moglich wurden gehalten haben, und Italien, zur Reise gediehen ware. "Im Freien?" fragte ich. Er bejahete es. "Nun so wird es Zuckerrohr, Ananas oder wohl gar die beste Frucht der Welt, die Mangostine seyn, die ich auf St. Sauveurs Hochzeit, eingemacht nur, schon uber allen Ausdruck vortrefflich fand." Er ging von mir, ohne zu antworten, bestellte die Mahlzeit eine Stunde fruher und zugleich den Roef1 fur uns beide allein auf der Amsterdamer Treckschute.
Mag es doch seyn, was es will! Nil admirari war Rousseaus Devise und soll auch von heute an die meinige sehn.
Wenn Du etwa dachtest, ich sei zur Feier des heutigen Tages in April geschickt worden, so hast Du zu fruh gelacht, guter Freund. Nein, ich habe heute an dem letzten Abend meines Hierseyns und sonach recht zur gelegenen Zeit einen in der That hochst merkwurdigen Schlussstein fur das Gewolbe meines Tagebuchs nach Hause gebracht und lasse nunmehr der patriotischen Behauptung Jeroms volle Gerechtigkeit widerfahren. Fur die unserer Maschine so nothige Erholung nach einer guten Mahlzeit kenne ich doch nichts zweckmassigeres, als eine hollandische Treckschute. Unsere Fahrt wie auf Oel, von Leyden bis zu einem der nachsten Dorfchen, dauerte etwa Dreiviertel-Stunden.
Nachdem wir zwischen den freundlichen Gestaden des Kanals, wie an den Saumen eines aufgerollten Atlasbandes, vielen kaufmannischen Ruhepunkten zum Natur-Genuss eines Tages in der Woche, mehrern holzernen Landungs-Platzen am Rande unzahligen Warnungstafeln vor Fussangeln den Schlangenstaben manches Merkurs, der als Hausgotze von seinem Hochaltar uber die Hecken blickte und allen den thonernen Fama's, die zu blasen drohten glucklich vorbei, kraft eines Enterhakens an einen Fusssteig ausgesetzt wurden, der hundert Schritte davon einem kleinen Flecken zufuhrte, stand Jerom auf einmal bei einer freiliegenden Bude, gleich einer Laterne, still, aus der uns, unter einem Aufbau lieblicher Blumen und Fruchte, ein noch anlockenderes MadchenGesicht entgegenfunkelte.
Die Schone, als hatte sie unsern Besuch erwartet, offnete und ich blickte verwundert auf meinen Anfuhrer ihre Glasthure.
Er trat mit mir ein, schob den Nachtriegel vor, liess die flohrnen Vorhange an den Fenstern herunter und versetzte uns in eine kunstliche Dammerung, vor der ich beinahe erschrak. "Wie gefallt dir," raunte er mir nun halb laut in's Ohr, "diess liebe Kind?" und reichte ihr vertraulich die Hand. Ach mehr als zu wohl, dachte ich, aber zu einem Naturwunder gehort doch noch mehr, als ein paar blaue schmachtende Augen, ein lachelnder rosiger Mund und Grubchen zum Versinken des Kusses in den verschamten Wangen. Er schien der Entwickelung meiner Gedanken, Schritt vor Schritt, wie ein in der Gegend einheimischer abgefeimter Spion zu folgen und brach sein listiges Stillschweigen endlich mit der verfanglichsten Gewissensfrage: "Du hast, lieber Wil'm, ich weiss es, vieles Schone und Ausgezeichnete in der weiblichen Welt, aber hast du wohl je mehr anspruchlose Grazie, eine unverstecktere reine Seele in einer frohlichern jungfraulichen Bildung gesehen, als die, mit der ich heute einen so lusternen Reisenden, als du bist in April schicke?" Ob ich je etwas reizenderes gesehen habe? fing ich heimlich seine Frage auf O ja! Margots Jugend bluhte einem noch reichlichern Erntefeste entgegen Klarchen konnte die Augen noch sittsamer niederschlagen, ohne dass sie mich in April schickte und o mein Gott! vollends Agathe aber wie kann der ehrliche Mann ein unschuldiges Madchen gleich einem Sklavenhandler zu Tunis, so in's Gesicht loben! Die Kleine konnte vor Verlegenheit kaum athmen, ob sie schon an solche Ausstellungen einigermassen gewohnt schien. Ich fuhlte immer mehr Mitleiden mit ihrer beleidigten Bescheidenheit, je langer ich das bangliche Steigen und Sinken ihres mousselinenen Halstuchs verfolgte. "Nun, lieber Wil'm," weckte mich endlich Jerom aus meiner tiefen Betrachtung, "du willst ja ein Physiognomist seyn; errathst du noch immer nicht?" "Was soll ich denn errathen?" staunte ich schweigend bald ihn, bald die rathselhafte Blumenhandlerin an. "So wisse denn," zog er mich nach einer peinlichen Weile, durch die er meine Zweifelsucht von vorgestern nur zu sehr bestrafte, aus meiner lacherlichen Ungewissheit, "dass unter dieser jugendlich kostbaren Hulle errothen Sie nur nicht zu sehr, gutes Kind ein noch grosserer Vorzug verborgen liegt, der nicht fur so national, als jene, sondern fur eine, unter unserm Horizont ganz unerhorte Seltenheit gelten muss eine warum wirst du so unruhig, Wil'm? eine landliche Muse, eine hollandische Improvisatorin." "Du willst scherzen," zischelte ich ihm mit ganz sonderbar beklemmter Brust in's Ohr. "Nichts weniger," antwortete er laut. "Du hast doch Pergament und Bleistift bei dir? Nicht wahr, liebe Emilie, Sie erlauben diesem unglaubigen Herrn, die Probe mit Ihnen zu machen?" Diesen Ausgang hatte das schone Landmadchen vermuthlich besser vorausgesehen, als ich. Daher ihre vorige schamhafte Verlegenheit und ihr jetziges freundliches Nachgeben. "Ich wurde es nicht wagen," stotterte sie in angenehmer Verwirrung "meinen Waldgesang einem Ohre vorzutonen, das durch grosse Virtuosen so verwohnt ist, als ein deutsches aber mein Arzt, mein Beschutzer, verlangt es, und ich bitte Sie, mein Herr, mir ein beliebiges Thema anzugeben, aber ja nur eins, das mir nicht fremd ist, und keinen Tiefsinn verlangt." "Nun bei Gott!" erwiederte ich und schlich in der Tasche meiner Schreibtafel nach, "wenn es Ernst ist, so wusste ich kein schicklicheres vorzuschlagen, als Ihr eigenes schones Gewerbe, das fur die phantasirende Dichtkunst wie gemacht ist, mit einem freundlichen Hinblick," setzte ich scherzend hinzu, "auf Ihren auslandischen Zuhorer, denn er handelt auch mit Blumen und Fruchten wie Sie." "Ja," fiel mir der ironische Jerom in's Wort, "nur mit dem Unterschied, dass die seinigen Sprosslinge einer verdorbenen Einbildungskraft und in den osterreichischen und andern ehrbaren Staaten Konterband und verboten sind." Das unschuldige Landmadchen stutzte und ich war hochst ungehalten auf den Schwatzer, der jedoch auf das artigste wieder einlenkte. "So sprechen wenigstens," lachelte er, "geschworne Fiskale verungluckte Spediteurs verlegener und im Preis gefallener Spezereien Kramer, Hoker und Aufkaufer, die gern den Alleinhandel auf dem Markte mit geschmacklosem Konfekt und durrem Obste forttrieben und schelsuchtig ihren alten Kunden nachblicken, wenn sie ihren prahlenden Magazinen vorbei, der naturlichen Gottesgabe zustromen, die der junge Herr sich nicht einmal die Muhe giebt, etwa durch bezahlte Zetteltrager auszurufen und anzupreisen, um ihnen Abgang zu verschaffen."
Ich wusste nicht recht, wie ich mit dem Redner dran war. Er traf zwar meine Gedanken so ziemlich, aber ich stehe doch nicht dafur, ob seiner fein gedrehten Erlauterung nicht eine neue Spotterei unterlag. Die kleine allerliebste Aktrice nahm jetzt eine ganz andere recht malerische Stellung an. Nach der Bewegung ihrer niedlichen Hande gegen die Strohkorbchen voll Erdbeeren, Schoten und fruhzeitigen Pfirsichen nach der Wendung ihrer bescheidenen Augen gegen die chinesischen Vasen mit Rosen und Hyacinthen und nach andern kleinen erlaubten Kunstgriffen zu urtheilen, schien sie sich einen Schwarm Marktleute vorzustellen, von denen die meisten aus Leckerei, einige aus Neugier, die wenigsten aus eigentlichem Bedurfniss die Bude umringten. Aus ihrem Mienenspiel liess sich ohne Schwierigkeit errathen, dass sie die einen beizulocken, die andern zu entfernen, und wenn neidische Aufpasser darunter waren, ihnen im Vorbeigehen einen Kirschkern auf die Nase zu schnellen, im Sinn hatte.
Hollandische Volkslieder sind nicht leicht ins Deutsche zu ubertragen, doch bin ich nach Moglichkeit der jungen Blumen-Verkauferin auf ihrem poetischen Ausflug so treu nachgeschwebt, als ich es auf ihrem prosaischen Lebensgang thun wurde, wenn es nur meine Zeit und Agathe erlaubten. Ich theile Dir, lieber Eduard, von dem Erguss ihres freispielenden Geistes so viel mit, als meine schwere deutsche Bleifeder nur auffassen konnte. Hatte sie aber auch keinen Tropfen unterweges verschuttet, so wurden dem schonen Ganzen doch immer noch die Apostrophen ihrer Augen, ihre sonorische Stimme und die rednerischen Uebergange ihres belebten Busens fehlen, um auf andere Ohren denselben Eindruck zu machen, als auf die meinigen. O dass doch in meinem Vaterlande eine gewisse gleich liebenswurdige Emilie, die, obgleich des erhabenen Ossians Freundin, doch auch in Etwas die meine ist, es in einer warmen Sommerstunde versuchen mochte, meine Orangen und Amathusapfel auszurufen. Ich wette auf Leib und Leben, sie fanden in allen Hausern Eingang und Kaufer unter dieser Bedingung.
Unbefangen, wie ein gutes Kind, lachelte die kleine Hollanderin, hustelte ein wenig und stimmte an:
Behagten Euch nur solche Waaren,
Wie sie, gestempelt und verzollt,
Minervens Polterkarrn von Jahren
Zu Jahren auf die Markte rollt;
So, Freunde schlupftet Ihr vergebens
In meine Bude. Ein Gericht
Zur Starkung auf dem Gang des Lebens
Ist hochstens, was sie Euch verspricht.
Ich hab' auf meinen Rasentischen
Nur Naschereien ausgelegt,
Die mir, den Wandrer zu erfrischen,
Mein Gartchen leicht zusammen tragt.
Ist gleich mein Blumenkranz kein Zeichen
Fur eine Modehandlerin,
So lockt er doch, denn bei ihm streichen
Der Fahrweg und der Fusssteig hin.
Auch graut der Morgen kaum, so halten,
Wie Wetter, Wind und Zufall will,
Ost unerwartete Gestalten
An meiner Tonnen-Nische still.
Wie viele nahern meinem Zaune
Sich nicht um eine Hand voll Schleen,
Wenn Bucher-Ueberdruss und Laune
Mit ihrem Geist ins Grune gehn.
Den Richter, der mit krauser Stirne
Zu einer Ehescheidung trabt,
Hat manchmal eine Jungferbirne
Aus meinem Weidenkorb gelabt.
Aus meinem thonernen Pokale
Berauschte jungst ein Priester sich,
Als er nach seinem Filiale,
Mit Schweiss betropft, voruber schlich.
Dem Madchen, das, vom Stadtgewurze
Erhitzt, aufs Land nach Kuhlung lauft,
Hab' ich, zu Pfunden, oft die Schurze
Bald sind' ich eine Federspule,
Bald eine Musterschrift im Gras,
Die ein Entlaufener der Schule
Im Morgenschmaus bei mir vergass.
So oft sich meine Korbchen leeren,
Ruck' ich mit neu gefullten vor,
Mein Kontobuch? kann ich beschworen
So gut, als Rousseau seins beschwor.
Um vieles zwar sass' ich bequemer,
Wohl gar am Rathhaus unter Dach,
Ahmt' ich dem Proteus unsrer Kramer
In seinen Handelskunsten nach;
Der bald mit Perlen ferner Flusse,
Mit Gold aus Ophir Wucher treibt,
Sein Salz und seine tauben Nusse
Nur aus Elysium verschreibt;
Bald Engelsreinigkeit den Narben
Gefallner Unschuld unterschiebt,
Glanz dem Betrug und Rosenfarben
Verbluhten Wangen wiedergiebt;
Bald auf dem Wollen-Raub der Herde,
Die ihn umbloket, eingewiegt,
Im Traum die mutterliche Erde
Bis an den Himmel uberfliegt,
Und wohl noch wahnt, vom nachsten Sterne
Herabgeschneuzt und fortgeschnellt,
Er sei die grosste Blendlaterne,
Die je das Weltall aufgehellt.
Doch, was ein Irrwisch aufgeklaret,
Bleicht bald am Lichte der Natur;
Was s i e erzeugt, ist nur bewahret,
Was s i e bewahrt, erhalt sich nur.
Ich will Dir nicht zumuthen, Eduard, diese Verse fur so geist- und gedankenreich zu halten, als die Schillerschen und Vossischen sind, muss aber auch billig eingestehen, dass es weniger die Schuld des Originals, als der Uebersetzung ist. Trotz seines verwischten Kolorits denke ich doch, soll es als Impromtu eines jungen hollandischen Landmadchens immer noch die Ehre des Drucks so gut verdienen, als so manches in unsern poetischen Waldern. Ich bin mit Jerom vollig einverstanden, dass, wenn auch unter der Torfasche dieses Moorlandes hier und da ein Funken dichterischen Feuers glimmen sollte, zu selten doch einer davon in Flammen schlagt, als dass nicht die ihrige fur ein Meteor gelten musse; und ich kann es keinem ihrer Mitburger verdenken, der im Vorbeigehen sich einige Minuten von seinen Geschaften abmussigt, bei ihr einspricht, um nur wundershalber zu sehen, wie sich ein roher gemeiner Gedanke poliren lasst. Wer wollte der kleinen Poetin nicht gern einer prosaischen Hokerin, zumal da jeder ohne grosse Spekulation berechnen kann, dass sie durch diesen Handel, dem, so gering er scheint, doch auch kein druckenderes Kapital unterliegt, als das ihr Flora und Pomona vorstrecken, und Klio verzinst, schnurgerade der wahren hollandischen Ehre entgegen steigt, reich eine, wie man es nennt, gute Partie, und zuletzt wohl gar eine bedeutende Person in der Republik zu werden. Lasst sich's denn nicht erwarten, dass ein junger spekulativer Kopf auf dem romantischen, immer offenen Gange nach ihrem Komtor, gelegentlich auf den klugen Gedanken gerathen konne, die schone Sangerin sammt ihrem jungfraulichen Erwerb in das seine zu verlocken? Er widme, ware in diesem Falle mein unmassgeblicher Rath, nur sechs sieben Abendstunden der Woche zur Erholung nach gethaner Arbeit ihrem Besuche, lege zur Einleitung seines Kaufgeschafts ihrer Musse erst eine unbedeutende laue, dann eine warmere, darauf eine heissere und zuletzt taglich eine immer brennendere Empfindung nach der andern, ohne die entfernteste Hindeutung auf Sie, bloss zum Spielwerk ihrer dichterischen Ausbildung vor, und finde keine hinwelkende Blume, die seine Vorganger am Tage ubrig liessen, am Abend zu theuer, um sie nicht zu ihrem Andenken nach Hause zu tragen. Das gute Kind, das nichts gefahrlicheres dahinter versteckt glaubt, als woran es, seitdem sie zwei Worte zusammen reimen kann, gewohnt ist, wird es, wie eine gereizte Nachtigall, immer schoner zu machen suchen und macht es immer schoner, bis sich ihre Federn strauben und ihr das Herzchen daruber selbst zu pochen anfangt.
Ach ich musste mich sehr irren, wenn die sanfte, unmerkliche Verschmelzung stundlich wachsender mannlicher Bassnoten mit melodischem weiblichen Diskant, nicht zuletzt auf der Tonleiter des Lebens einen Einklang hervorbrachte, der nur einer mondhellen Nacht bedarf, um in das beredte Flustern des Verlobungskusses uberzugehen. Alsdann? Nun mein Gott, ware es alsdann wohl so etwas unerhortes, wenn in der Folge der merkantilische Umtrieb der einzelnen Groschen und Thaler, die sie ohne grosse Muhe und Kosten ersang, ihre Stroh-Korbchen, irdenen Aesche und Vasen in Tonnen Goldes verwandelte, die freilich einen ganz andern Respekt einflossen, als alles, was sie uns dermalen noch aus dem Gebiete der Natur Schones und Gutes auftischt. Welche frohe Zukunft kann sich diese hollandische K a r s ch i n nicht versprechen! wenn sie einst nicht mehr nothig hat, an der Landstrasse auf neugierige Kaufer zu lauern ihnen Rede zu stehen und jeden schalen Gedanken, den sie auskramen, in Verse umzusetzen, die, ihre heutigen ausgenommen, noch nie eine Druckerpresse erreicht haben. Dann erst wird sie sich fuhlen und gebieten lernen ihren eigenen guten Einfallen folgen und, indem sie mit heiterer Laune den glucklichen Erdstrich segnet, der den Keim ihres Talents als eine Wunderpflanze in Nahrung setzte, mit mitleidigem Lacheln auf unsere deutschen Witzkramer und ihre Ladenhuter herabsehen. Sogar auf der Borse, wo Apoll und seine Anhanger sonst wenig Kredit haben, werden die vielen Nieten, die zum grossen Loose ihres Heirathsguts beitrugen, den jungen Anfanger beneiden, dem es zufiel. Und doch, Eduard, wurde mir das liebe Kind in der vornehmen Lage, in der ich zur Zeit noch keine der Musen sah, trotz der vollen Beutel, die Merkur ihr in den Schooss schuttet, schwerlich besser gefallen, als jetzt mit fliegendem Haar, landlichem Mieder unter ihren Blumen und Fruchten. Ich wahlte mir aus j e n e n ein freundliches Rosenknospchen, der Aehnlichkeit ihrer Lippen, und ein Noli me tangere, der Unschuld wegen, die darauf ruhte, aus d i e s e n aber ein paar tetons de Venus, die Linnee unter allen Pfirsichen fur die schmackhaftesten halt. Hoher sind mir aber auch in meinem lusternen Leben keine zu stehen gekommen. Die liebe unbefangene Verkauferin errothete selbst uber meine unmassige Freigebigkeit und Jerom schuttelte den Kopf dazu. O hatten nur beide gewusst, woher sie entsprang. Sie hatte solche, im Vertrauen gesagt, weder dem Voruberflug ihrer funkelnden Augen, noch den gleich verganglichen Tonen ihres Mundes, sondern den Lorberblattern zu verdanken, die ich in meiner Schreibtafel aus ihrem Glashause mitnahm, um das Monument meiner Jugendreise damit zu kronen. Ja, Eduard, der anspruchlose Waldgesang der liebenswurdigen Emilie beschliesse mein Tagebuch. Hort man nicht alle moglichen Epiloge am liebsten aus dem Munde eines schonen unschuldigen Kindes, und kann man ein Koncert wohl artiger endigen, als mit einer unverdorbenen weiblichen Singstimme?
Wohl wahr! und doch ist es dem menschlichen Herzen eigen, dass keins, je behaglicher es auf dem Musikstrom fortschwimmt, ohne Unruhe an den letzten Bogenstrich, der ihn dammt ohne Verdruss an die sterbende Note denken kann, unter der sich ein sanftes Andante aufloset. Der wahre Virtuose furchtet, wie seine lauschenden Zuhorer, im voraus die Todenstille des Saals, die nachfolgt, und so sah auch ich im Vorgefuhl meines baldigen Verstummens dem lieben epilogirenden Kinde mit traurigem Nachdenken in das niedliche Gesicht; Jerom musste mich mehr als einmal an das Fortgehen erinnern, und doch zogerte ich, bis das Glockchen-Gelaute der letzten abgehenden Treckschute mir durch alle Glieder fuhr, und als ich nun in uberstromender Zartlichkeit dem guten Madchen noch einmal meine Hand bot, ward mir so weinerlich zu Muthe, als ob ich von ihrem ganzen lieblichen Geschlecht, sammt den neun Musen ewigen Abschied nahme. So lange ich auf der Ruckfahrt das schmucke Tempelchen noch in der Abendsonne blinken sah, war es mir nicht moglich, meine Augen nach einer andern Seite, meine Fantasie auf einen geringern Gegenstand, als auf die Nymphe zu richten, die es bewohnte. Ich schrieb ihrer Jugend, Schonheit, Unschuld und ihrem poetischen Talente so viele Festtage zu Gute, dass ich bis ans Leydener Thor nichts zu thun hatte, als sie, wie ein Monch das Bild seiner Heiligen, aus- und anzukleiden, und mich vor ihrer Nische auf die Knie zu werfen. Ich erbat ihr allen Segen des Himmels zu ihrem jungfraulichen Gewerbe, das doch gewiss, man sage auch, was man will, ohne Vergleich edler, erlaubter und schmeichelhafter fur ihre Kunden ist, als jenes, das ehemals die Harlemer Wirthin zum schwarzen Bock, und was sie etwa sonst noch, um Gaste beizulocken, im Schilde fuhrte, auf eine Art trieb, die der lieben kleinen und, auf allen Seiten betrachtet, gewiss zehnmal reizendern Emilie nicht im Schlaf einfallen wurde. Das soll aber auch das letzte Wort fur Dich und meine zukunftigen Leser seyn. Morgen mit dem fruhesten verlasse ich meinen Jugend- und Schulfreund, den wurdigen Jerom. Er begleitete mich gern eine Strecke Weges, aber seine Kranken halten ihn bei dem Aermel. In einigen Tagen hoffe ich ach welcher freudenvolle Gedanke, Eduard! Dich an mein Herz zu drucken. Denn da mich die himmlischen Gestirne wahrend meiner Seereise um den Tag, auf dem ich zur Hochzeit des Markischen Barons geladen war, eben so richtig gebracht haben, als sich durch ihren Einfluss der Weltumsegler Anson bei seiner Landung an der vaterlandischen Kuste, zu seiner grossen Verwunderung, um einen in der laufenden Woche verkurzt sah; so kann mich nichts mehr, weder das Kalenderfest jenes schatzbaren Mannes, noch sonst ein Abweg auf meinem geraden Fluge in Deine Arme aufhalten.
Mein Gluckwunsch zu der schlau verzogertern Besitznahme seiner Karoline soll das erste Geschaft an meinem Schreibtisch zu Berlin seyn; ubrigens mogen immer noch Jahr und Tage hingehen, ehe ich meinen versprochenen Besuch bei ihm nachhole, da sich indess auch wohl sein System vom ehelichen Gluck mehr aufgeklart haben wird, um es ruhiger und richtiger beurtheilen zu konnen, als in den ersten Probetagen Es soll mir lieb seyn, wenn sein schones Weib, ein saugendes Kind an der Brust, das durch den Aufschub seines Daseyns wahrend des Herumstreifens des Vaters nichts verloren hat wenn sein mit den kostbarsten Bruchstucken des Alterthums und der neuern Erfindungen der Bequemlichkeit zusammengesetzter landlicher Pallast, glanzende Sale, die den Geist aller Nationen vereinigen Wande mit den Meisterwerken der Titiane und Raphaele verziert wenn taglich erneuerte Wunder der Kochkunst, frohliche Garten und im Ganzen genommen die Benutzung der freigebigen Natur zur Veredlung menschlicher Bedurfnisse wenn, sage ich, diese Bedingungen schwesterlich vereint in einander greifen, um die sonderbare Propheten-Epistel des wirthschaftlichen Landjunkers auf das kraftigste zu widerlegen. Warf dieser Eiferer gegen die Wohlthaten des guten Geschmacks seinem reisenden Feldnachbar wohl aus einer wichtigern Ursache jene Spitzfindigkeiten in den Weg, als weil solcher nach einer andern Rechnung ein Drittheil seines Lebens verwendete, um dessen Ueberrest mit den moglichsten Annehmlichkeiten zu verschonern, die unser Planet darbietet? Darf aber auch die fleissigste Ameise den Adler, der uber ihr in die Wolken steigt, tadeln, dass nicht auch er auf dem Erdhaufen, der ihrer Zufriedenheit genugt, die seinige sucht? Du findest irgendwo in meinem Tagebuche den Eingang seines Pamphlets und die Fortsetzung bringe ich Dir auch mit. O ich werde mich gern, ohne mich an sein Geschwatz zu kehren, dem Versuche hingeben, ob man nicht auf dem geschmackvollen Landsitze eines unter so verstandigen Rucksichten gereisten Freundes den Lauf der Stunden besser als im Auslande erheitern, das Gluck des Schlafs geschwinder als mit Postpferden erreichen, und sein kaltes Blut, so viel als zutraglich ist, in dem Strale der dunstfreien Sonne oder vor einem Kamine erwarmen kann, dem nichts belebteres gegen uber lauscht, als das Ideal einer Hebe oder Klarchens Bildniss mit seinen ach! so mannigfaltigen Erinnerungen.
Jetzt lacht mir nun von weitem die konigliche Hauptstadt und Dein Assembleesaal unter den anlokkendsten Versprechungen in die Augen. Sie werden eine Weile Wort halten, aber auf die Lange traue ich ihnen doch nicht. Was soll ich nun, in dem gesetzten Fall, mit mir anfangen, wenn Ueberdruss an dem ewigen Zirkelschlag Eurer Gesellschaften und Schmause, Langeweile an den Spieltischen und Missmuth uber den unnutzen Vergang meiner bessern Krafte sich aufs neue meiner Seele bemeistern? Zur Wiederholung der Thorheit, die mir vier Bande boser Erfahrungen eintrug, ist mir auf immer die Lust vergangen, und auf meine Studierstube darf ich vollends nicht rechnen, denn das unbelohnte Bebruten fremder Gukgukseier ist mir zum Ekel geworden, viele andere Irrthumer ungerechnet, die mich gar sehr gewitzigt haben.
Der Freuden der Welt, sagt man zwar, gabe es viele, aber wo ist denn eine, die nicht durch den taglichen Gebrauch uns unter den Handen verwelkte? und wo findet man immer einen Freund, wie SaintSauveur, der uns damit auf eine so systematische Art zu uberraschen versteht, dass sie uns neuen Genuss gewahren? Was bleibt nun, da zu selten zwei gleichgestimmte Menschen auf ihrem Gange zusammentreffen, die hierin einander die Hande zu bieten Willen und Kraft haben, noch ubrig, als dass jeder selbst die Muhe ubernehme, auf A b w e ch s e l u n g seiner Kinderspiele zu denken, so gewiss auch dabei die Halfte jenes bemachtigenden Reizes verloren geht. Wohlan! So zeichne denn s i e mir den Plan meiner kunftigen Lebens-Ordnung vor, zu dem ich mir nur noch Agathens Unterschrift wunsche.
Weder an einen Ort, an ein Amt, noch an Pflichten gebunden, die ich mir nicht selbst als Weltburger auflege, soll mir der Spielraum des Vaterlandes, wo nicht zum Schauplatz meiner merkwurdigen Thaten doch zu einem Spaziergang dienen, auf dem ich bald hier bald da eine Handvoll Saamenkorner edler wohlthatiger Gefuhlpflanzen ausstreue, sollten sie auch dann erst keimen und gedeihen, wenn ich schon langst in seiner heiligen Erde, unter dunkeln Ahndungen und unaufhorlichem Rufen nach Licht, die letzte Leitersprosse zum Austritt in jene Warte seliger Zukunft gewonnen an ihrer hellen Pforte meinen Staubmantel abgeworfen und nicht, wie hier, zu befurchten habe, ein Brandopfer der Langenweile zu werden. Denn dort
Wenn aufgeschwungen aus dem Schlamme
Des Irdischen, mein freier Geist,
Ein Lichttheil in der Schopfungsflamme,
Das Unermessliche b e r e i s t ,
Mit Schwanenlust im Aetherstrome
Reingeistigen Bewusstseyns schwimmt,
Von einem zu dem andern Dome
Der Sterngebaude weiter glimmt,
Im Drang, die Feder zu entdecken,
Die diess geheime Uhrwerk dreht,
Mit immer freudigerm Erschrecken
Zu neuen Wundern ubergeht
Dort sei mein Tagebuch der Lehre
Abwechselnder Zufriedenheit,
Mein Wandelgang zu jeder Sphare
Der U e b e r r a s ch u n g nur geweiht;
Denn ohne s i e wie schmucklos ware,
Bei stetem Kreislauf, mir die Ehre
Einformiger Unsterblichkeit!
Fussnoten
1 Roef ein von den ubrigen Passagiers abgesonderter Raum auf einer hollandischen Treckschute.