Friederike Helene Unger
Julchen Grunthal
Erster Theil
An den Herrn Hofrath und Doctor Heim
in Berlin.
Mein innigst verehrter Freund.
Dass ich lebe, und Kraft und Muth zur Arbeit habe, dank' ich Ihnen, mein ewig werther Freund. Sie retteten erst mir, und dann meinem Gatten das Leben, und Ihr erheiternder Freundes-Zuspruch; wirkte auf uns wieder Auflebende, wie die Fruhlingssonne auf Siechende. Schon dazumal sann ich auf ein Denkmal meiner Verehrung und tief empfundnen Dankbarkeit, das dauernder ware, als verhallende Worte. Und nun wage ichs, Ihnen dies Buch zu widmen, mit welchem ich deutscher Biederkeit ein Ehrendenkmal zu setzen gedenke. Es ist Ihrer nicht wurdig; aber nehmen Sie's dennoch mit der freundlichen Nachsicht auf, an welche Sie mich gewohnt haben, und erlauben mir, mit dem altdeutschen Reime zu sagen:
Die Gab' ist klein, Dein' Verdienst' sind gross,
Das Meer empfangt auch Bach' in seinem Schooss.
Kurz, und ohne kunstliche Wendung nenn' ich mich, Ihre mit inniger wahrer Verehrung
ergebene Freundin
Die Verfasserin.
Vorbericht
Die gunstige Aufnahme, welche der erste Theil von Julchen Grunthal gefunden hat, musste fur die Verfasserin ein lebhafter Antrieb seyn, nicht nur das angefangene Werkchen fortzusetzen und zu vollenden, sondern auch das, was davon schon herausgegeben war, so sehr als moglich zu verbessern. Der Umstand, dass es einer fremden, ihr ganz unbekannten Hand gefallen hatte, einen zweiten Theil zu schreiben und drucken zu lassen, bestatigte sie noch in ihrem Vorsatz.
Sie hat jetzt ihren Entschluss ausgefuhrt, und uberreicht denen, die sich fur Julchens Schicksal schon interessirt haben, oder noch interessiren wollen, eine vollige Umarbeitung des ersten Theils, und einen ganz neuen zweit e n u n d l e t z t e n T h e i l , worin die Ereignisse der Familie Grunthal so weit erzahlt werden, als sie ihr bekannt geworden sind.
Sie bittet nun fur das Ganze um dieselbe Nachsicht, welche man schon der ersten Halfte desselben in einer unvollkommnern Gestalt geschenkt hat. Sie hofft diese Nachsicht zuversichtlich bei jedem zu finden, der sich den wahren Gesichtspunkt der Beurtheilung nicht verschieben und sich erinnern will, dass sie nicht fur Gelehrte, sondern zunachst fur ihr eignes Geschlecht, fur ihre Mitburgerinnen schrieb, zu deren Veredlung mitwirken zu konnen der angelegentlichste Wunsch ihres Herzens ist. Berlin, im September 1797.
Julchen Grunthal
Nur muthig durchgesetzt, lieber Seelmann; Ihres Kindes Wohlfahrt hangt davon ab, sagte der Amtmann, indem er seine Pfeife an seinem Absatz ausklopfte, und so hastig aufsprang, dass Sultan knurrend gegen die Thure fuhr. Sie sind bose, Frau Predigerin, das sehe ich an den Falten ihres kleinen Mundchens; aber Sie werden mir wieder gut seyn, das weiss ich, wenn Sie uberlegt haben, dass ich aus dem Antriebe wahrer Freundschaft Ihren Plan bestreite, setzte Grunthal ruhiger hinzu, und stopfte ein neues Pfeifchen. Aber du lieber Himmel, sagte die Frau Predigerin mit susssaurer Miene, warum sollte denn Lottchen nicht in einer Pension erzogen werden? Konnen wir doch, Gottlob! etwas an unser einziges Kind wenden. Wie! sollte Lottchen nicht unter Ihrer eignen Aufsicht gut werden, wenn sie Ihrem Beispiele folgt? Ist sie nicht was sie werden muss, wenn sie eine fleissige, fromme Gattinn und Hausmutter ist? Und sollte sie denn das bei einer sorgfaltigern Verstandesausbildung, die sie in Berlin erhalten wurde, nicht auch werden konnen? Da hort man es, dass Sie Berlin und die belobten und ausposaunten Pensionsanstalten, darin und umher, noch nicht kennen. Nicht einmal als Freund, sondern nur als gewohnlich ehrlicher Mann gesprochen, rathe ich Ihnen, Ihr unschuldiges, harmloses Dorflammchen bei sich zu behalten. Hatte ich mein armes, armes Madchen nicht dahin, leider! wohl recht d a h i n , gegeben, (er sagte dies mit schwer zuruckgehaltnen Thranen,) so war' auch ich noch ein glucklicher Gatte und Vater! Das liebe Madchen da, die Lotte zu retten, werde ich mich entschliessen mussen, Ihnen meine ganze traurige Geschichte zu erzahlen.
Der Prediger und dessen Frau ausserten ein grosses Verlangen, sie zu horen. Dunkel haben wir davon gehort, sagte Madame Seelmann; aber Sie werden sich uns verbinden, wenn S i e uns die wahren Umstande derselben mittheilen.
Wenn Sie Muth haben, sich der Geschwatzigkeit eines Alten, der mitunter gern von sich selbst spricht, auszusetzen, so bin ich von Herzen dazu bereit. Wir erinnern uns so gern der Freuden, die wir in unsrer gegenwartigen Lage vermissen. Grunthal setzte sich in dem grossen ledernen Backenstuhl zurecht, und begann also:
Ich habe in Halle Jura studirt, und gedachte raschen Schrittes auf den Geheimenrath, und wenns Gluck gut ware, auf den Prasidenten los zu gehen; aber ein paar blaue klare Augen verruckten mir den ganzen eitlen Plan. In meinem vierundzwanzigsten Jahre ward ich Justiziarius in H. Der dortige Amtmann B u r g nahm mich beinahe vaterlich in seinem Hause auf, auch nannte er mich Sohn. An einem schonen Morgen fiel es mir mit einemmal auf, dass seine einzige Tochter schone blaue Augen, frische rosigte Wangen, und ein gutes liebes Herz hatte, und es schoss mir aufs Herz, dass ich durch dieses wackre Madchen wohl im Ernst sein Sohn werden konne. Je ofter ich ihr in die dunkelblauen Augen kuckte, je wahrscheinlicher wurde es mir. Ich fing an mich mit Lieschen in mancherlei ruhrende Situationen des Hausstandes zu versetzen; bei diesen Traumereien wurde mir das Madchen immer lieber, und endlich so lieb, dass ich nicht mehr ohne sie leben konnte. Eines Abends in der Heuerndte kam ich, in sussen Liebestraumen vertieft, die Wiese her geschlendert, dachte mir dies und das, wenn es so oder so ware; daruber wurde es spat, die Sonne war unter-, der Mond aufgegangen. Die trauliche Dammerung wirkte allmachtig auf mein empfangliches Herz; die Natur war in ihrer lieblichsten Gestalt, um mich her Wiesenduft, der Mond ruhte uber krausen Silberwolkchen, und im Westen dammerte noch das letzte erloschende Purpurroth. Mein Herz ward ungewohnlich weich. Soll ich denn die liebliche Milde von alle dem allein, und immer nur allein geniessen, jeden grossen herzerhebenden Gedanken in mich verschliessen? Soll nie eine verwandte Seele den Schopfer der Natur mit mir feiern? Lieschen, ja gewiss das liebe Lieschen ist diese verwandte Seele. Guter Gott! gieb mir dieses fromme Madchen zu meiner Gefahrtinn durch dies Leben! Und der Entschluss, ernstlich um sie zu werben, stand fest und deutlich vor mir. Ich eilte in den Amtsgarten, und fand sie da in den Erbsenbeeten, mit einem Korbchen am Arm. Lieschen, lassen Sie alles stehen, hub ich an, und kommen Sie mit mir. Sie sah mich verwundernd an, setzte ihr Korbchen mit Schooten nieder, trocknete die Hande an ihrer Schurze und folgte mir. Ich fuhrte sie in eine Laube, aus der man ins freie Feld sehen konnte. Sehn Sie doch, meine Liebe, wie herrlich das alles um uns her ist! Ja wohl, aber das wusste ich schon langst, sagte sie lachelnd, und forschte in meinem Auge. Lachen Sie nicht, Lieschen, ich wollte Ihnen sagen, dass ich das nicht mehr langer a l l e i n geniessen kann. Erst sagen Sie mir aufrichtig, haben Sie mich lieb? Sie wurde hochroth, und sagte dann stockend und angenehm verschamt: Warum sollte ich Sie nicht lieb haben, Sie sind ja ein recht guter Mann? Nun, Lieschen, und wollten Sie wohl dem guten Mann Ihr liebes frommes Herz schenken? Sehen Sie das wars, was ich Ihnen zu sagen hatte. Sie wand blode ihre Hand aus der meinigen.
"Sprechen Sie mit meinem Vater; er will ich soll keinen andern als einen Landwirth nehmen." Wenn ich nun einer wurde, nahmen Sie mich d a n n g e r n ? Ich habe Sie immer herzlich lieb gehabt, sagte sie mit gesenktem Blick, in welchem Thranen glanzten, und werde nie einen Menschen so lieb haben als Sie. Lieschen, wenn das nicht Ihr Ernst ist, und ich fasse Sie beim Wort? O ja, Herr Grunthal, der liebe Gott weiss es, dass ich Ihnen gleich gut ward, als Sie zu uns kamen, und wenn mein Vater einwilligt, so habe ich was ich mir langst im Stillen gewunscht habe, setzte sie jungfraulich blode hinzu. Ich war wie im Himmel als sie diese Worte sprach, und mir erlaubte den ersten ehrfurchtsvollen Kuss von ihren Lippen zu nehmen. Ehrfurchtsvoll war er gewiss, denn ich hatte tiefen Respekt fur die helle Unschuld dieses hubschen Madchens, die sich ubrigens nicht auf Einfalt grundete, ob sie schon nur ein schlichtes Landmadchen war.
Von ihr eilte ich zu dem Vater. Wie ich einlenken sollte, um die Heirath aufs Tapet zu bringen, hatte ich nicht uberlegt; der Alte brachte mich aber zufallig selbst ins rechte Geleis. Ich stockte und stammelte darauf alles hin, was er wissen sollte. Er horte freundlich zu, nickte manchmal bedeutend dazwischen; endlich sagte er gutmuthig lachelnd: und wovon will denn der junge Herr das Madchen ernahren? denn auf Grasung kann er doch Weib und Kind nicht schicken. Da sass ich, spielte verlegen an den Bandern seines vor mir liegenden Tobaksbeutels, und schwieg mauschenstill. Ja, so sind wir jungen Brauskopfe! in den Romanen geht das alles, da regnets Gold und Erbschaften! Aber in der wirklichen Welt, ja da haperts; Weib und Kind wollen essen und gekleidet seyn. Er weidete sich eine Weile an meiner Verlegenheit, endlich aber ruckte er mit seiner Meinung heraus, und es wurde bald alles richtig. Er trat mir einige Vorwerke ab; ich sollte unter seiner Aufsicht die Landwirthschaft grundlich lernen. Ich war mit Allem himmelhoch zufrieden, und so gab ich jeden lusternen Blick auf Geheimenrath und Prasident willig auf fur die frohe Aussicht auf harmloses hausliches Gluck, das in einer wonnigen Zukunft so reizend vor mir lag.
Nach sechs Wochen waren wir Mann und Weib. Die Flitterzeit war ein Himmel. Ich war so ganz nach meiner eignen Art glucklich. Wir bluheten auf, und breiteten uns aus wie ein Baum an den Wasserbachen, beteten und arbeiteten, und der gute Gott gab das Gedeihen. Im ersten Jahr schenkte mir Lieschen einen Sohn, im zweiten noch einen, zwei Jahre nachher eine Tochter, und damit wars Basta! Bald darauf starb mein Schwiegervater; ich ubernahm nun das ganze Amt. Zwar nahm nun die Wirthschaft den grossten Theil meiner Zeit weg; doch strengte ich alle meine Krafte an, auch etwas fur die Bildung meiner Kinder zu thun. Als die Knaben der weiblichen Pflege entwuchsen, nahm ich einen gescheuten Hofmeister an, den ich freilich etwas ansehnlicher als den Grossknecht bezahlte; dafur aber hatte ich an ihm einen Freund, der grade in meine Absichten mit den Kindern eintrat, und mein angefangnes Werk weder verachtlich tadelte, noch ganz andere Wege mit ihnen einschlug. Der alteste ausserte fruh einen entschiednen Hang zur Landokonomie; und Fritz, das liebe Johannesgesicht, war von der Mutter zum geistlichen Stande bestimmt. Die Tochter, Julchen, o lieber Freunde, wenn je ein Vater mit einigem Rechte auf sein Kind sich etwas zu gute thun konnte, war ich es. Ihre schone Natur bedurfte nur einer liebreichen Hulfe, sich zu entwickeln; jede weibliche Tugend lag im zarten Keime vor mir, und brach an dem warmen Vaterherzen zur lieblichsten Bluthe auf. Sie wissen, lieben Freunde, wie glucklich uns Eltern das macht, wenn die Natur uns wohlwollend den Weg vorzeichnet. Bis in ihr zehntes Jahr war ich ihr einziger Lehrer gewesen, denn mir war bange, so vernunftig der Hofmeister auch war, er mochte mir in ihre junge Seele allerlei hineinkunsteln, was nicht hineingehorte, und allerlei Erziehungsmethoden an ihr versuchen, wie das jungen Gelehrten so an der Art ist; auch war es mir schon dazumal sehr einleuchtend, dass es um die Bildung, welche junge Manner den Madchen geben, so eine ganz eigne Sache sey. Wenn sie so ein liebes zartes Knospchen vor sich haben, gerathen sie gewohnlich in gar poetische Stimmung, idealisiren, traumen von Einfachheit der guten alten Vorwelt, und zuletzt kommt aus ihrer bildenden Hand das Madchen entweder als burschikoser Wildfang, oder als ein idealisirendes, excentrisches, nervenschwaches Wesen. Uberdem lasse ich es mir nicht ausreden, dass unter der Leitung eines jungen Mannes, der, ohne es selbst zu ahnen, dem Madchen zu gefallen sucht, denn so will es die Natur, der Instinkt, lassen Sie mich das so nennen, was der Sprachgebrauch mit einem deutlichern Namen bezeichnet, das Madchen zu fruh erwarmt und entwickelt wird. Belege zu meiner Behauptung giebt das Buch da! Grunthal zeigte auf Ewalds Rosenmunde, die im Strickkorbchen der Frau Pastorin lagen. Diese lachte, warf das Kopfchen in die Hohe, unterbrach aber Grunthal nicht, und er fuhr fort:
Vielleicht irre ich in meiner Uberzeugung; allein der systematische Unterricht in Wissenschaften bei dem andern und schwachern Geschlecht hat mir nie zu Sinne gewollt; der anmassende Ton der von ihrer Uberlegenheit traumenden Weiber ekelt jeden, der Gefuhl fur prunklose weibliche Wurde hat, von Herzen an. Es mag denn auch wohl Weiber geben, denen Vielwissen und Gelehrtseyn frommt, nun, meinetwegen! Ich denke mir immer, unter tausend Weiberkopfen giebt's kaum einen, der fest genug organisirt ist, um die Schatze tieferes Wissens aufzufassen. Genug, ich hatte mir meiner Tochter wahrscheinlichste kunftige Bestimmung zum Ziel gestellt. Zu dieser sie zu bilden, war mir ein gar liebes Geschaft; denn ich dachte mir: sie ware was sie seyn musse, wenn sie eine kluge, fromme Hausfrau wurde, der es nicht an Verstand und Bildung fehlte, einem gescheuten Manne das Leben zu versussen, und in ihren Kindern dem Staate nutzliche Burger zu erziehen. Ich liess mich allenthalben, wo es nur thunlich war, von dem lieben Kinde begleiten, erklarte ihr auf eine ungelehrte Weise, was uns Bemerkenswerthes auf unsern kleinen Wanderungen aufstiess; machte ihr junges Gemuth sehr fruh auf die Wunder der Natur aufmerksam, und zogerte nicht, ihre Seele empfanglich fur die erhabnen Begriffe von dem Urheber der sie umgebenden Schonheiten zu machen. Noch ehe sie die Worte deutlich aussprechen konnte, lehrte ich sie so zu ihrem Schopfer sprechen, wie sie zu mir sprach; ich flosste ihrer jungen Seele Liebe und Vertrauen ein, und war bemuht, diese Richtung des Herzens zu dem Geber alles Guten bei ihr zur Fertigkeit zu erheben, damit es ihr einst kein vereinzelter Begriff seyn sollte. Ich liess sie auch, was die neuere Padagogik immer dagegen einwenden mag, sich fruh mit einigen herzlichen Spruchen der Bibel bekannt machen. Freilich gab ich ihr eben nicht die Geschichte von der keuschen Susanne und das hohe Lied zuerst in die Hande; aber die Geschichte der Schopfung gab ich ihr so, wie die alte ehrwurdige Urkunde sie uns giebt; denn was sollte ich ihr sagen, wenn sie nun darauf bestand zu erfahren, wie der schone Wald, die Wiese, wo sie ihre Blumchen pfluckte, und die Vogel, die ihr so viel Freude ins Herz sangen, wie dies alles entstanden sey? Sollte ich ihr nun Buffons oder Lamettrie's System, oder Silberschlags Geogonie vorsagen? Moses Erzahlung passt so sehr fur das Kindesalter des einzelnen Menschen, wie sie fur die Begriffe des Kindesalters der Welt uberhaupt erfunden zu seyn scheint. Ware meine arme ungluckliche Tochter nicht nachher unter Menschen gerathen, die ihre Begriffe verwirrten und sie ihr lacherlich machten, so ware diese meine erste Bildung ihrer Religiositat, ihren kunftigen Fortschritten in vernunftiger Berichtigung ihrer Begriffe wahrlich kein Hinderniss gewesen.
In meinen geschaftslosen Stunden brachte ich ihr gesprachsweise vaterlandische und fremde Geschichte bei, und sie begriff bald den Zusammenhang des Ganzen. Die Karte von Deutschland war ihr so gelaufig, dass sie mir zu meiner innigsten Freude sogleich von der Lage jedes Ortes und Landes Rechenschaft geben konnte. Schreiben und Rechnen lehrte sie der Hofmeister. In den ubrigen Stunden beschaftigte die Mutter sie mit kleinen hauslichen, ihren Kraften angemessnen Geschaften, und ich war sehr froh daruber; denn diesen schonen Ordnungsgeist, diese uns Mannern so gesegnete Gabe der lieben Weiber, in Kleinigkeiten zu leben und zu weben, diese leichte Empfanglichkeit mit dem Kleinen und Geringen froh und zufrieden zu seyn, lernen Tochter nur von guten Muttern. Wenn ich ein schlottriges Madchen oder Weib sehe, die es zu klein dunkt, ihre hohen Geistesgaben im Kleinen zu uben oder anzuwenden, so denk ich mir immer ein Mann oder Bruder hat sie erzogen.
Indess war es meiner lieben guten Frau immer ein
Dorn im Herzen, dass ein so reizendes Madchen, wie unsre Tochter war, n u r l a n d l i c h erzogen wurde, nicht T a n z e n , nicht M u s i k , nicht F r a n z o s i s c h lernen sollte! Von dem letztern hatte sie zwar mit ihren Brudern genug gelernt, um ein leichtes Buch verstehen zu konnen. Das war aber meinem armen Weibe nicht genug, die es sich selbst zu einem grossen Mangel anzurechnen pflegte, dass sie diese Sprache nur verstand, nicht sprach, obschon in ihrem ganzen unschuldigen Leben kein einziger Fall eingetreten ist, wo sie sich durch dieses Nichtkonnen gedruckt gefuhlt hatte. Julchen sollte ihrem Wunsche nach franzosisch plaudern konnen, wie eine galante Stadtjungfer. Auf dem Klavier liess ich sie durch einen geschickten Organisten unterrichten; sie war nicht ohne Talent dazu, und sang mit susser schmeichelnder Stimme meine und der Mutter Lieblingsstuckchen, wenn ich auf meinen alten verstimmten Klavier trommelte. Eine Hauptsangerinn braucht sie eben nicht zu werden, sagte ich: auch liegt in ihrer Haltung und dem regelmassig schonen Korperbau eine naturliche Grazie, die mir kein Tanzmeister zur Unnatur umschaffen soll. Sehr gern hatte meine Frau eine Franzosinn ins Haus genommen; aber bei diesem Anliegen blieb ich taub. Wie? dafur, dass ich irgend ein armes Waisenmadchen von der Zucht ihrer Aufseherinnen, oder aus sonst einer Noth errettet, und sie in das Wohlseyn meines Hausstandes als Mitgenossinn aufgenommen hatte, sollte ich mich einen sot allemand nennen lassen? wie diese Dinger, wenn sie sich anfangen zu fuhlen, wohl zu thun pflegen. Und dann so soll mir mein Julchen, das ehrliche deutsche Blut, durchaus keine schwadronirende Deutschfranzosinn, diese niedrigste aller niedrigen Abarten, werden. So dachte ich damals. Wollte Gott! ich hatte Muth zum Durchsetzen bewiesen.
Mein Madchen war nun dreizehn Jahr geworden, und so gut und lieblich, dass ihr Anblick uns Eltern recht im Herzen wohl that. Ich habe von je her das Erndtefest zu einem allgemeinen Freudentage fur meine Dorfgenossen bestimmt, und ihnen jede frohe Unterhaltung gestattet, wozu ich nach allen Kraften beitrug. Woran liess ich aber stets ein frommes Dankfest gehen, dessen Einrichtung Sie, mein lieber Pastor, selbst gebilligt haben. Julchen, als ein herangewachsenes Madchen, war diesmal die Koniginn des Tages, und brachte den Kranz. Von einem Hugel sahen meine Frau und ich den frohen Zug ankommen. Julchen ging zwischen ihren Brudern, ebenfalls ein paar frische blauaugige rothwangige deutsche Jungen. Julchens schneeweisses Kleid prangte mit hellgrunen Bandern, und Kopf und Brust mit Blumen, wie der einfache Landgarten sie gab. Ihre langen blonden Locken spielten im Winde. Nie, nie sah ich ein holderes Geschopf! Auf ihrer blendenden Stirn und in dem dunkelblauen Auge sass Verstand, und in dem liebreizenden Munde Wohlwollen und Herzensgute. Mein inniges Wohlgefallen an meinen schonen guten Kindern zerfloss in heisses Dankgebet; Thranen stromten uber meine Backen, und nie wurde wohl das kraftige Lied: N u n d a n k e t a l l e G o t t ! mit herzerhebenderm Gefuhle gesungen. Mein Weib stand an meine Schulter gelehnt, auch sie war sanft geruhrt. O mein Weib, sagt' ich, und druckte sie innigst an mein Herz, sieh unsre Kinder! Danke mit mir Gott fur diesen reichen Segen! "Ja, bester Mann, sagte sie, mich kussend, ist es nicht Jammer, ja, nun muss es heraus, ist es nicht Jammer und Schade, dass dieser Engel von Tochter hier auf dem Dorfe vergraben bleiben soll?" Wasser dampft nicht schneller Glut, als jetzt meine Freude durch die unvorsichtige Ausserung meiner Frau gedampft wurde. Warum Jammer und Schade? sagte ich wehmuthig, und liess kalt mein Weib aus meinen Armen gleiten. Dies Gesprach wurde durch die Annaherung von Landleuten unterbrochen, und mit meinem Vergnugen war es aus. Ich sah mein Julchen so traurig an, als ob sie mir gewaltsam entrissen werden konnte. Meiner Frau konnte ich in einigen Wochen, des einfaltigen Jammer und Schade wegen, nicht recht freundlich ins Gesicht sehen.
Und dennoch ware alles gut geblieben, hatte uns nicht ein feindseliger Damon einen neuen Forstmeister ins Dorf gebracht. Er war ein Edelmann und hatte eine gnadige Frau und gnadige Fraulein Tochter. Diese waren in Berlin in einer franzosischen Pensionsschule verbildet worden, schamten sich nun ihrer deutschpommerschen Namen, und nannten sich ma soeur Julie, und ma soeur Adelaide, den derbdeutschen Vater, der kaum ahnete, dass es noch andre Franzosen in der Welt gabe, als die er als Kornet bei Rosbach hatte schlagen helfen, mon cher pere; sie sangen Liederchen aus den Etiennes aux Dames, putzten und zupften sich den ganzen Tag vor dem Spiegel, und behohnlachelten jedesmal in der Kirche den landlichen Aufzug meiner Frau und Tochter, die dann ganz trostlos zu Hause zu kommen pflegte, obschon sie ihre Jahre hindurch geschonten Kleider, alle nach der Reihe vorfuhrte, die dann wohl freilich durch ihre Eingezogenheit nicht an Eleganz gewonnen hatten, und also dem Endzwecke meiner guten Frau, sich ein wenig sehen zu lassen, schlecht entsprachen. Es half alles nichts; jedes Stuck wurde belacht und bekrittelt. Endlich erhielten wir den hochadlichen Besuch in unsrer Wohnung, als die Familie mit allen Adlichen, funf Meilen im Umkreise, fertig war. Die unbehulfliche gnadige Frau fand in der Gegend alles insupportable, brachte allerlei kleine nippes zum Vorschein, die sie von ihrer Mutter hatte, welche Hofdame an einem kleinen Hofe, und respektive intime Freundinn Sr. Durchlaucht des Fursten gewesen war, sprach von grossen Gesellschaften, in welchen sie zu Berlin hatte seyn mussen, die so u n v e r a n t w o r t l i c h g e m i s c h t gewesen waren, dass sie den plattitudes d e r k r a s s e n B u r g e r l i c h e n bestandig ausgesetzt gewesen sey, es war' entsetzlich, wie sich dort der Adel im burgerlichen Umgange herabsetze; daher denn diese rohe Race sich anfange einzubilden, sie konne es endlich durch die Erziehung dem Adel wohl gleich thun! Man konne wohl popular seyn, aber sich doch mit dem Burger nicht gemein machen. Meiner Frau Zupfen und Fusstreten unterm Tisch, und ihr bittendes Gesicht, bandigte einigermassen den Geist, der aus mir reden wollte; doch entfuhren mir einige Kernspruche, die ich der albernen adlichen Frau scharf ans Herz legte. Diese thaten gut; die Dame lenkte ein, und verfiel nun auf das Kapitel der Moden. Zu meinem Schrecken und Arger verleideten sie nun meiner Frau jedes ihrer Kleidungsstucke, so dass meine armen Frauenzimmer ganz beschamt da sassen, als waren sie nur im Kostume der alten Mutter Eva gewesen. "Sie konnen sich ja dergleichen Kleinigkeiten leicht aus Berlin kommen lassen." O freilich, fiel ich etwas derb in den Text, der Verwalter kann, wenn ich ihn mit Wolle oder Korn hinschicke, das Korn gleich gegen Hute und Kopfputz, und die Wolle gegen Kleiderflor umsetzen. Das geht recht gut. Und kommt denn der Pachttermin, je nun Lieschen, so bieten wir der Kammer je was denn? alten Flor? an. Meiner Frau, der das plotzlich einleuchtete, trat eine Thrane ins Auge, der ich leider nie zu wiederstehen vermochte, und ich verliess das Zimmer.
Seit dem Tage ging mein Elend eigentlich an. Meine Frau sah bestandig missmuthig. auf mich. Meine herzlichste Liebkosung erwiederte sie verdrossen, oder durch ein: geh' nur, du boser Mann, du hast mich doch nicht lieb, wurdest du sonst nicht mehr fur deine Kinder thun? Die Natur hat Julchen mit allem, was ein Madchen zur lieblichsten Blume macht, reichlich ausgestattet. Wir haben gethan was uns oblag, wir haben nichts von dem was sie gegeben hat, verkunstelt, sagt ich dann wohl. Freilich ist Julchen von Natur sehr angenehm, aber sie hat doch kein Air, wie die Forstmeisterinn sagte, wendete mir dann mein Lieschen ein. "Du bist wunderlich Liese, hat unsre Tochter nicht Verstand und ein gutes Herz?" Antwortete ich harter, so fiel sie mir weinend um den Hals: nur auf zwei, zwei kurze Jahre sollt' ich Julchen nach Berlin lassen. Noch wollte ich nicht darauf horen; endlich kam es gar heraus, dass die gnadige Frau deshalb schon nach Berlin an eine sogenannte Erzieherinn geschrieben hatte. Ich ergrimmte, schalt, und ward wieder gut; des ewigen Streitens und Ankampfens gegen die Lieblingsideen geliebter Personen wird das Herz bald mude. Ohnedem sind die Weiber (mit ihrer Erlaubniss Frau Pastorinn) schwach wie die neugebornen Kinder, wenn sie gegen irgend eine ihrer Neigungen kampfen sollen: aber gilts eine Lieblingsidee durchzusetzen, o dann ist keine Lowinn beherzter, und keine Amazoninn unternehmender.
Ich nahm Julchen bei Seite, um ihre eignen Wunsche uber diese Angelegenheit auszuforschen. Sie ausserte zwar viel Gehorsam gegen mich; aber ich sah leicht, dass die Mutter ihrem biegsamen Herzen schon die ihr selbst gefallige Richtung gegeben hatte. Ihrem jungen unerfahrnen Sinne war Berlin in die glanzendsten Perspektive gestellt; sie selbst sah sich schon dort im Geist als eine vielgeltende Erscheinung; das hatte der Fraulein frivoles Geschwatz bewirkt. Uberdem fand ich, dass meine Frau der verachtlichen Begegnung dieser gnadigen Ganselein zu viel Gewicht bei ihr gegeben hatte. Dies beugte vollends meinen Muth. "Auch du wieder mich, meine Tochter?" Kurz nach einigen Wochen, die unter hauslichem Zwist verflossen waren, kam die Nachricht, dass Madame la Porte sich gefallen liesse, gegen ein Kostgeld von 200 Rthl., die Maitres ungerechnet, meine Tochter in ihre Pension aufzunehmen, wo sie zugestutzt und zu einem Caquet abgerichtet werden sollte, dass sie hoffentlich in ihrem Leben nicht weiter gebraucht haben wurde. Mein Weib hatte das alles, um sichrer zu gehen, durch ihre adlichen Gonnerinn, in der Stille betrieben. "Also willst du denn doch deine Tochter Preis geben?" sagt' ich zu ihr, als sie mir diese Nachricht, freilich etwas schuchtern, uberbrachte, weil sie einem Sturm' entgegen sah. Wie? Preis geben? sagte sie sehr weise, wobei ihr gutmuthiges Gesicht sich zwang, schlau auszusehen; ich liebe Julchen wie mein Leben, aber ich sehe weiter als du mein Kind. Es wurde dir denn doch wohl recht lieb seyn, wenn ich eine bessere Erziehung gehabt hatte? Nie, nie warst du mein Weib geworden, warest du gewesen, was man aus Julchen machen wird. Du erschreckst mich; was werden sie denn aus ihr machen? Eine Narrinn, die weder fur die Stadt, noch fur das Land, wo sie mit ihrer sanften Einfalt hingehort, mehr taugt; und du wirst es zu verantworten haben. Mein armes Weib weinte bitter; so stark hatte ich noch nicht geredet, und der alte Narr, Grunthal, liess sich durch diese Thranen weich machen, gab wieder nach, ward aufs neue mit Vorstellungen besturmt, uberstimmt, und Gott weiss wie? unwillkuhrlich fortgerissen, so, dass ich endlich wie ein mudegejagter Hirsch kraftloss mich zum Ziel legte.
Den bittern Unmuth meines Herzens zu zerstreuen, eilte ich zu unserm Pfarrer; er war noch ein junger Mann, aber ganz nach meinem Herzen, deutsch und bieder, ohne jene anstossige Roheit, wodurch unsre jungen Schriftsteller und manche Theaterdichter, den ehrlichen Deutschen zu bezeichnen denken. Er war mir gut, und darum klagt' ich ihm mein Leid. Und muss es denn nun eben eine f r a n z o s i s c h e Kostschule seyn? sagte er freundlich; muss es Berlin und ein fremdes Haus seyn, das ihrer liebenswurdigen Tochter Bildung vollenden soll, so giebt es ja deutsche Erziehungsanstalten jeglicher Art, worin alles, und mehr noch als in den franzosischen gelehrt wird. Sehen sie hier die offentlichen Ankundigungen; sie haben die Wahl. Wollen sie, so schreib ich an einen Freund, auf den ich mich verlassen kann.
Ich willigte ein, und betrieb nun ebenfalls meine Sache im stillen, bis die Antworten gekommen und wieder geschrieben, und wieder gekommen waren; dann erst offenbarte ich den neuen weisen Plan meiner Frau, die dies und das daran zu erinnern hatte, unter andern, dass ihre ganze Freude mit dem Franzosischen nun vorbei sey, dass Julchen es kunftig dem albernen schnipschen Fraulein gleich thun konne; nun wurde doch wieder nur etwas ganz gewohnlich Burgerliches herauskommen. Ich unterdruckte die Antwort, die mir schon auf den Lippen schwebte, und wollte mich meines Sieges uber die franzosische Jugendbildnerinn nicht zu sehr uberheben.
Von nun an wurden die Anstalten zu Julchens Abreise eifrig betrieben. Bei jedem Stuck, dass mit auf Reisen ging, ward die G n a d i g e zu Rathe gezogen, nach deren Angabe die Sonntagskleider in Hauskleider verwandelt wurden. Die rechten Siegs- und Triumphrocke sollten in Berlin, von feinem Modezeug nach neuesten Schnitt gemacht werden; dagegen konnte ich vernunftiger Weise nichts einwenden, denn es ist Pedanterie gegen Mode und Geschlechtsgebrauch zu Felde zu ziehen, sobald beides nur nicht die Sittlichkeit, den Vermogenszustand und den Rang, den die Person in der Gesellschaft hat, uberschreitet. Auch weiss ich dass man dem Geiste der Zeit etwas nachsehen muss. Die siechen versessenen Fraulein rumpften die Nasen, dass Julchen zu einer Deutschen ins Haus sollte: doch wurde auch diese eine horrible Arbeit haben, Julchen zu degourdiren; ein Ausdruck, dessen sich wahrscheinlich die Franzosinn bediente, als sie diese im Grunde nicht ublen Madchen entpommerte.
Ich sah dem Unwesen still wehmuthig zu. Der erste Julius, der zur Abreise bestimmte Tag, ruckte immer naher, und unsre kleinen, sonst so frohen Mahlzeiten, wurden immer dustrer und fruher abgebrochen. Sah Julchen meine muhsam zuruckgehaltnen Thranen, so sank sie auf meine Hande, und zerfloss in Traurigkeit. "Mein lieber, lieber Vater, wie soll ich ohne sie leben! Was kann mir einen solchen Vater ersetzen! Ich werde es nicht ertragen!" rief sie dann von Schluchzen unterbrochen aus. "Behalte Gott im Herzen, mein ewig theures Kind, und sein Segen begleitet dich uberall!"
Doch ich eile zu dem letzten traurigen Abend vor ihrer Abreise. Trostend war mir die Bemerkung, dass sie den Tag nicht in kindischer Unbehaglichkeit, sondern vernunftig geruhrt zubrachte. Wie mein Herz unter der Last seines Grames arbeitete, und meiner Frau erkunstelte Standhaftigkeit wie Wachs zusammen schmolz, werden Sie sich leicht vorstellen. Indess die Mutter noch mancherlei im Hause besorgte, ging ich mit Julchen aufs Feld. Eine Zeitlang schlenderten wir schweigend neben einander; sie sah mit auffallender Ruhrung alle sie umgebenden Gegenstande an, um sie gleichsam ihrem Andenken auf ewig einzupragen. Ihre Thranen flossen nun unverhalten, ich aber hutete mich, diesen heilsamen Strom uberfliessenden Gefuhls zu hemmen. So erreichten wir grade die Anhohe, von der wir Julchen als Kranztragerinn am Erndtefest hatten ankommen sehen. Eben sank die Sonne hinter den gegenuberliegenden Wald. Gott! wenn, ach! wenn wird mir die Sonne h i e r wieder untergehen! schluchzte sie, indem sie sich kindlich an mich schmiegte. Liebes Kind, erwiederte ich, indem ich sie zartlich an mein bekummertes Herz druckte, liebes Kind, die Trennung soll nur kurz seyn, du hast sie zwar selbst gewollt, arme Tochter, ich weiss es; ich hoffe du wirst dich bald aus der erstickenden Stadtluft hinwegsehnen. Denke dir indess lebendig Gottes Auge uber dir, und deines Vaters Herz bei dir. Morgen um diese Zeit bist du dorthin, schon weit, weit von uns weg. Dann gedenke, wenn die Sonne untergeht, deines betrubten Vaters, dessen Sonne nun vielleicht auf immer untergegangen seyn wird. O wolle doch das Gott nicht, mein theurer ehrwurdiger Vater! Was kann ich thun, diese Liebe zu vergelten? rief sie tief erschuttert. Ich fuhr wehmuthig fort: Hier auf diesem Hugel werd ich stehen, und fur meine entfernte Tochter beten; und du, meine fromme Tochter, bete fur deinen einsam zuruckgelassnen Vater. Ich habe deinem Herzen, so viel in meinen Kraften stand, fromme Gesinnungen und Redlichkeit gegeben; diese lass dich vor der herzlosen Frivolitat der Stadtfrauen bewahren. Uberlass dich nicht dem Mussiggange der Grossstadterinnen, er gereicht ihnen zum Fall, und gebiert jene unleidliche Rastlosigkeit, der nirgend wohl ist. Als ein vorzuglich gutes Starkungsmittel empfehl ich dir, alle deine Gedanken und Empfindungen, uber die dir auffallenden Gegenstande, in ein Tagbuch aufzufassen. Solltest du gleich dadurch in Angstlichkeit und Peinlichkeit verfallen, so ist dies deiner Moralitat heilbringender, als gedankenleere Sorglosigkeit. Ein solches Tagebuch wird dir die Stelle eines Freundes, wenn ich sagen darf, eines personificirten Gewissens vertreten. Und dann gewahre mir zuweilen den Trost der Mittheilung dieses Tagebuchs. Furchte nicht den Richter in mir zu finden, mein Herz vertritt das deinige zu nachdrucklich, als dass du zu f u r c h t e n hattest.
Im Angesicht des allgegenwartigen Vaters der Menschen, gelobte sie mir Treue und Gehorsam; ich segnete die liebe mit uberstromenden Vaterherzen. Ihr Blick durchlief noch einmal die Gegend, die sich allmahlich im Schatten verlor, und wir kehrten still und ernst zu unsrer Wohnung zuruck.
Meine gute Frau erzwang eine Heiterkeit, die nicht aus ihrem Herzen kam, und sah nach den uberstandenen Schmerzen der Trennung, in eine freudige Zukunft; ihre Augen strahlten wirklich von Vergnugen, wenn sie sich unsre Tochter, mit allen Colifichets der Stadt umgeben, dachte; eine Vorstellung bei der mir die Thranen in die Augen traten, weil sie mir den Gesichtspunkt verruckte, aus welchem ich mit so viel Wohlgefallen auf mein Kind sahe.
Es war ausgemacht, dass meine Frau Julchen nach Berlin begleiten sollte, um sie der Erzieherinn selbst zu treuen Handen zu ubergeben, und zugleich meinen Fritz auf ein dortiges Gymnasium zu bringen. Sich von zwei so lieben Kindern zugleich trennen zu mussen, thut dem Vaterherzen weh. Der Abschiedsmorgen war schwer; meine Kinder hingen weinend an mir, und als der Knecht vorfuhr, schrie Julchen laut auf. Ich kusste sie und meinen guten Jungen schweigend, und dann trug die Mutter sie halb ohnmachtig in den Wagen. "Bleibt fromm, und haltet euch recht, liebste Kinder! Leb wohl, Weib! mags dich nie gereuen, Julchen von mir gerissen zu haben!" sagte ich, warf mich auf mein Pferd, das schon gesattelt da stand, sah noch den Wagen, worin alles sass was mir auf Erden lieb war, den Hugel herabrollen, und liess dann mein Pferd den Weg einschlagen, den es nehmen wollte; denn begleiten mocht' ich sie nicht, das macht den Abschied zwiefach schwer.
Grunthal fand jetzt, als er nach der Uhr sah, dass er schon einen Theil der Nacht verplaudert hatte, wunschte dem geistlichen Ehepaar eine gute Nacht, und versprach die Fortsetzung seiner Erzahlung auf den Freitag. Sie werden, denk ich, den Zweck Ihrer Erzahlung wohl bei mir wenigstens erreichen, lieber Amtmann, sagte Seelmann, denn ich habe mich sehr lebhaft in die Trennungsstunde von einem lieben Kinde versetzt, und mochte diese meinem Herzen schwerlich zumuthen. Nein, Lottchen bleibt bei uns. Gut, gut, sagte die Frau Pastorinn, als hatte sie damit gemeint, kommt Zeit, kommt Rath. Erst aber untersuchen wir die Richtigkeit der Vorurtheile unsers Freundes. Vorurtheile! Wollte Gott es ware weiter nichts gewesen! Nun, Sie werden ja horen, erwiederte der Amtmann, empfahl sich und rollte mit seinem Kaleschchen dahin. Grunthal liess sich an dem dazu festgesetzten Abend nicht lange erwarten. Er kam noch vor Abend zu seinen Freunden, und versprach, dass wenn er heut mit seiner Erzahlung nicht fertig wurde, er kunftig alles, was ihm noch auf den Herzen bliebe, aufschreiben wolle, um es seinen Freunden so mitzutheilen. Der Pastor besorgte das gesellige Pfeifchen, die Pastorinn nahm das Strickzeug zur Hand, und Grunthal setzte sich, als er endlich sein Auditorium in Ruhe sah, in den beliebten Armstuhl, und begann seine Erzahlung von neuem.
Meine Kinder sind nun abgereist; das wissen Sie. Mein Haus war mir seitdem wie ein Grab, alles ode und uberall bei jedem Tritte hohltonender Nachhall. Kein Essen schmeckte mir; ich vermisste meinen ehemaligen glucklichen Hausstand aller Orten. Indess meine Frau in Berlin war, brachte ich meine unbesetzten Stunden mehrentheils bei E i c h e n , unserm Prediger zu. Diesem jungen wurdigen Manne durfte ich zu ganzen Stunden von meinen Kindern vorschwatzen, ohne zu besorgen dass er es lastig finden wurde. Wenn ich trauerte, trostete er mich damit, dass die Anstalt, worin Julchen gethan wurde, einen entschiednen guten Ruf habe, dass Manner von Gewicht sie offentlich empfohlen hatten. Den meisten Nachdruck seiner Beruhigungsgrunde legte er darauf, dass zu meiner Tochter Bildung ein so fester Grund gelegt sey, und die Eindrucke der ersten Kinderjahre nie ganz ausgeloscht werden konnten.
Nach vierzehn ewig langen Tagen kam endlich meine Frau wieder. M i r blutete von neuem das Herz, als ich sie ohne unsre Kinder sah; sie aber war frohlich und guter Dinge, und voll von dem Glanze der Residenz, deren Anblick sie sich schon langst im Stillen gewunscht hatte. Sie horte nicht auf von den prachtigen Equipagen, von dem Hofe, den sie nicht gesehen, von Soupees, denen sie nicht beigewohnt hatte, zu erzahlen: ihr armes Kopfchen, das auf ihrem Dorfe dergleichen Herrlichkeiten auch nicht einmal geahnet hatte, war durch die Uberraschung ganz davon eingenommen. Daruber aber hatte das arme gute Weib, was uns naher anging, nur beilaufig bemerkt. So viel wusste sie wohl, dass uber die Artigkeit der Frau Rathin B r e n n f e l d , (das ist die Frau Erzieherinn) in der Welt nichts ging. Uberhaupt, meinte sie, sey es nicht so ordinair, wie sie es sich vorgestellt hatte, da sie horte, dass es nur eine Deutsche ware. (Das sprach der Geist der Gnadigen im Dorfe aus ihr.) Denn wahr und gewiss, liebes Mannchen, sagte sie lobpreisend, es sind Fraulein, ja sogar eine Comtesse dort in der Pension, die sich gegen unser Julchen gar nicht hochmuthig betrugen. Desto schlimmer, desto schlimmer, sagte ich den Kopf schuttelnd. Du glaubst mir nur nicht, lieber Mann, weil du dagegen eingenommen bist, fuhr meine Frau sehr freundlich fort; da lies Julchens Brief, den sie mir an dich mitgegeben hat. Rasch erbrach ich ihn; er enthielt Zusicherungen der heiligsten Kindesliebe. Zu der Madame aber, hiess es darin, konne sie freilich noch kein Herz fassen, das werde sich aber wohl geben.
Mir schien das alles nun freilich nicht so lieb und gut, wie meinem armen Weibe, dem nur die sauber lakirte und polirte Aussenseite ins Auge stach. Zu allem Ungluck hatte Mad Brennfeld es hoflich gefunden, sich dem Vater, ihrer neuen Zoglingin schriftlich zu empfehlen, und zwar in einem Briefe, den meine Frau gradezu fur entsetzlich schon und gelehrt erklarte, weil sie ihn durchaus nicht verstand. Das lag aber nicht an dem recht guten schlichten Verstande meiner Frau, sondern an dem ungereimtesten Galimathias, der nur je aus der Feder einer Pretiosen geflossen war. Sie wollte sich einst so hiess es unter andern darin, noch mundlich mit mir uber d i e Grundsatze besprechen, nach welchen Mamsell Grunthal erzogen werden sollte. Rousseaus Methode habe zwar einiges Gute; dann aber mussten freilich die Kinder noch nicht v e r b i l d e t seyn. Mein Julchen, das ganz schlichte Kind, verbildet! Allein es sey wohl besser, wir gingen das ganze Revisionswerk durch, das sey wie eine Musterkarte zu betrachten, wo man fur alle Naturen das Aussuchen habe u.s.w.
Nun flog mir so eine Ahnung von einer femme savante durch die Seele, dass mir ordentlich die Haut griselte. Gott im Himmel, wenn die grade Seele meiner Tochter so verschroben werden sollte! Wenn sie gegen die Fruchte meiner sorgsamen Aufsicht, kauderwelsches Geschwatz eintauschte, sinnleere Phrasen auskramen, und mit hoch tonendem Schall um sich werfen lernte Wenn sie mir dort ihren gesunden Verstand und guten Urtheilsvermogen verkruppeln! Nein! nein! kein Jahr soll Julchen dort zubringen; vielleicht rette ich sie dann noch. Weil sie nun doch einmal da ist, soll sie von einem anerkannt wurdigen Geistlichen, der das glaubt und thut, was er lehrt, Religionsunterricht bekommen, obschon ich dazu keinen wurdigern, als unsern Eiche, wusste; und darnach soll mich auf Erden nichts abhalten, sie mir wieder zu holen. Meine Frau liess mich reden, wie das so eine Kriegslist der Weiber ist, wenn sie i h r e Zeit abzusehen im Schilde fuhren. O die Weiber! die Weiber! Sie hat mich gegen meine bessre Uberzeugung von meinem Vorhaben abzulenken gewusst.
Nach acht Tagen kamen Briefe von meinen Kindern. Mein Sohn war, das sah ich, zweckmassig in einer respektablen offentlichen Lehranstalt untergebracht, und wohnte bei einem seiner sehr vernunftigen Lehrer. Sein Brief gereichte zu meiner grossen Beruhigung; denn das ich die Sohne nicht bis ins reife Alter unter meinem schutzenden Fittig haben wurde, hatte ich mir langst gesagt. Aber Julchens Brief hier ist er, ich habe ihn zu mir gesteckt. Der Amtmann faltete einen Brief auseinander, worauf noch Spuren von Thranen sichtbar waren. Er las: "Ach meine geliebten Eltern! Ich werde die Trennung von Ihnen wohl nie ertragen lernen, denn noch sind meine Augen immer nass. Es wird mir, denk' ich, gar nicht moglich seyn, ohne Sie zu leben. So lange die liebe Mutter noch hier war, ging alles gut, nun sie aber fort ist, weiss ich gar nicht an wen ich mich halten soll. Die Leute sind hier gar nicht so treuherzig wie bei uns. Als ich den ersten Morgen hier erwachte, war mir, als hatte mir das alles nur getraumt, und ich wusste nicht gleich wo ich war. Es war erst vier Uhr als ich erwachte, ganz so wie ich in Lindenau gewohnt war; hier im Hause war aber noch alles wie im ersten Schlafe, und ich hatte nicht das Herz, mich zu bewegen. Ganz leise schlich ich ans Fenster; das geht aber auf ein schmutziges Dach, und ich konnte nur die Sonne sehen, wie sie oben die Schornsteine auf dem engen Hofraume beschien; mehr konnte ich von dem schonen Morgen nicht geniessen. Lieber Gott! wie werde ich mich je an diese traurige Einschrankung gewohnen konnen! Alle meine Stubengefahrtinnen schliefen noch sehr fest. Ich kniete hin und wollte beten; aber, mein liebster Vater, es wollten keine Worte kommen, mein Herz war zu voll, ich konnte nichts als heftig weinen, und da wurde es kein rechtes Gebet. Dann schlug es funf; da dacht' ich daran, wie ich noch vor kurzem meinem lieben Vater den Thee und das Wachslicht hinein trug, wie er mich dann segnete und ich ihm die Hand kusste, wenn er mich sein liebstes Kind hiess! Ach! jetzt denkt er gewiss an seine arme abwesende, bald hatt' ich gesagt verstossne Tochter. In trube Gedanken vertiefte ich mich bis sieben Uhr, und noch regte sich keine Seele. Endlich wagte ich es, und wollte mich ankleiden, denn ich schamte mich, vor diesen fremden Leuten unangekleidet zu erscheinen. Bei der Bewegung, die ich machte, stiess ich unglucklicherweise an einen Tisch; uber das Gerausch erwachten sie, und waren sehr bose, dass ich sie gestort hatte. Aber, sagte ich, es ist ja schon uber sieben! Auf ihrem Dorfe mag das freilich schon horribel spat seyn, sagte die eine, und die Comtesse brummte etwas, wovon ich nichts verstand, als das Wort, g e m e i n e s V o l k .
Jetzt kam ein recht freches Stubenmadchen herein, und sagte: Monsieur Magot ist da, er hat nicht lange Zeit. Ich erschrack, und dachte nicht anders, als dass schon so fruh ein Besuch kame; aber aus den Antworten der Fraulein merkte ich wohl, dass es der Haarkrauseler seyn musste. Drauf fuhren die Langschlaferinnen in die Kleider, und dabei musst ich wieder an Sie, meine liebe Mutter, denken; denn ich sah wie unglucklich die Fraulein waren, keine liebe Mutter zu haben; in der Eil, mit der sie die Kleider uberwarfen, rissen sie Bander und Schleifen ab, steckten die Rocke mit Stecknadeln zu, zogen Strumpfe mit grossen Locher an, die dann ein seidner bebanderter Schuh zudecken musste. Als sie kaum, k a u m bedeckt waren, trat Monsieur Magot herein. Ich schamte mich, weil ich noch nicht ganz angekleidet war, und zog mich in den finstersten Winkel des Zimmers zuruck. Aber meine Gefahrtinnen waren durch die Gewohnheit schon dreister als ich, denn sie sassen mit ganz blosser Brust, und liessen sich das nicht anfechten. Magot sah nicht aus wie ein Mensch, der andre bedient; ich habe eine so schone Mannsperson noch gar nicht gesehen. Er wusste den Fraulein viel Hofliches und dabei auch Spasshaftes vorzusagen, und da eben die andren nicht hinsahen, warf er der, die er grade frisirte, einen Brief in den offnen Busen, so dass mir das Gesicht vor Schaam ordentlich brannte. Von meinem Vetter, sagte sie ganz gelassen, als sie bemerkte, dass ich es gesehen hatte. Das sind doch gewiss alles recht sonderbare Gewohnheiten hier zu Lande. Mir gefallen unsre aber doch besser. Nachher wurden wir zum Fruhstuck gerufen. Ma chere Madame stellte sich in den Kreis, den wir um sie schlossen, und die sous-gouvernante die ganz taub ist, und der Schwache wegen sitzen musste, las einige franzosische Gebete, die aber, da sie zahnlos ist, ganz unvernehmlich waren. Sie unterbrach sich oft, um durch Mienen anzuzeigen, welche Eleve sich grade halten sollte. Die Grossern lachten, und gaben sich allerlei schalkhafte Winke. Ich aber musste wieder weinen; denn mir fielen unsre lindenauischen Morgenandachten ein, wie fromm unser treuherziges Gesinde um Sie herumstand, und auf Ihre ruhrenden Worte so merkte, als wollten sie sie auswendig lernen. Dabei war mir immer so, als ob ich dem lieben Gott das alles selbst sagte, und ihm so herzlich fur Alles dankte, wie Ihnen! Wahrend des Gebets hatte Madame mich einigemal sehr scharf angesehen. Mir klopfte das Herz vor Bangigkeit, was es doch nur seyn wurde; denn in Wahrheit, ich furchte mich noch vor all diesen fremden Leuten. Kaum hatte Madame P o u l e t (so heisst die franzosische Lehrerinn) ainsi soit il, Amen! gesagt, (denn so enden alle diese Gebete), so fragte sie mich, ob ich so wie ich da ware, in die Kirche zu gehen gedachte? Ich wurde roth, und sagte: Das ware mein bestes Kleid. Sie meinte, an sich war' es eben so ubel nicht; es ware nur die Frage, ob die Fraulein so mit mir gehen wurden. Und dann die Haare! das ist doch gar zu dorfmassig. Magot mag sie ihr verschneiden und auflocken, sagte Mad. Brennfeld nachlassig, das wird ihren Vater jahrlich etwa 20 Rthl. mehr kosten. Erwahnen sie's, wenn sie an ihn schreiben. Fur heut mags einmal gut seyn. Nun nahmen wir das Fruhstuck ein, wobei Madame still fur sich las. Ist das Thee oder Kaffee? fragte ich die Pensionairinn neben mir. Wie boshaft! sagte diese leise, K a f f e e ists; ich versichre sie, recht g u t e r Kaffee, sie werden ihn noch anders zu trinken bekommen. Ach meine gute nahrhafte Milchsuppe in Lindenau! dacht' ich wieder.
Um neun Uhr wurden wir in die Kirche gefuhrt, und zwar durch die Untergouvernante in eine franzosische zur Ubung der Sprache. O mein Gott, wie fremd blieb das alles meinen Herzen! Wenn ich in unsre kleine reinliche Dorfkirche trat, und die lieben Landleute stimmten so ein herzliches Lied an, uberlief mich's recht, wie ein heiliger Schauder. In diesem franzosischen Gesinge war gar nichts dem Ahnliches. Eine schleppende Melodie, die aus einer Strophe in die andre hinein, durch fatale Nasentone gezogen wurde. Dann der Inhalt, der ein Psalm war, in welchem David uber Dog den Edomiten klagt, und um Sieg bittet, da er von Saul verfolgt wird. Ich wusste mir davon nichts auf meinen Zustand anzuwenden, und sang nicht mit; denn ich weiss ja von keiner Verfolgung, sie musste denn noch etwa kommen. Ich las wahrend dessen in meinem Gesangbuche, das Sie, lieber Vater, mir zu Weyhnachten geschenkt haben. Mad. Poulet liess mir aber durch eine unsrer Kleinen zuflustern, das sey indecent, und ich sah nun meiner Nachbarinn ins Buch; aber gesungen habe ich nicht. Als der Prediger auf die Kanzel trat, ja Vaterchen, das war nun wohl nicht recht, aber da kam mir das Lachen an. Er schien mir nicht viel alter als Bruder Fritz, und sah grade so aus, als wenn der sich der lieben Mutter schwarze Schurze umhing, und uns vorpredigte. Ich habe gar nicht gewusst, dass man auch so junge Prediger hat. Und wenn ich auch recht ordentlich franzosisch verstunde, hatte ich von diesem doch kein Wort verstanden, so unerhort geschwind sprach er, und gebehrdete sich dabei so, als ob er mit jemand zankte. Er hatte ein weisses Schnupftuch, das breitete er uber die Kanzel hinaus, als ob er an seinem Schreibtische allein ware: und wenn er sich verschnaufte, welches ihm bei seinen heftigen Gebehrden wohl Noth thun mochte, nahm er Tabak wie bei Freunden. Das mag aber wohl nur mir, die an den Ernst, man nennt das ja wohl Wurde, lieber Vater? mit der ich immer predigen horte, gewohnt ist, so sonderbar vorkommen; denn es schien sonst Niemanden aufzufallen, es waren sogar einige geruhrt. Ich begreife gar nicht, wie einen das Franzosische ruhren kann; es kommt mir nur immer wie Spass vor. Nun mit einemmal wars Amen und aus. Dann wieder ein Dankpsalm fur e r h a l t n e n Sieg; und nun froh und freudig auf den Kirchhof geeilt, wo der Prediger, der ein Neveu der Gouvernante ist, schon unserer wartete: Eine der grossern Fraulein nekte ihn mit seiner Predigt, aber er war der erste, der sich daruber lustig machte; uberhaupt war er ganz so schakernd und spasshaft, wie der Friseur. Das ging den ganzen Weg so fort, denn er ging mit dem ganzen Zuge junger Madchen zu Hause. Mit den Vornehmsten unter uns, that er sehr schon, kusste ihnen auch mitunter die Hande; mir aber begegnete er wie einem kleinen Kinde, obgleich er doch wohl selbst kaum aus den Kinderjahren ist. Nachher bat ich Madame Brennfeld, mich in eine deutsche Kirche gehen zu lassen, damit ich alles, was vorkame, verstehen konnte; sie schlug es mir aber ab, und sagte, ich wurde es schon verstehen lernen, ich musste mich in der Sprache vervollkommnen, und dazu wurde das Horen franzosischer Predigten viel beitragen.
Den Mittag und Nachmittag fuhren die jungen Damen eine hier, die andre dorthin; sie waren so schon und so geputzt, als ich in meinem Leben noch niemand gesehen habe. Ich und die andern welche zu Hause geblieben waren, wurden von der alten Franzosinn auf die Promenade gefuhrt. Das ist aber ein erbarmliches Vergnugen, liebe Eltern; darum nennen sie's auch wohl eine P r o m e n a d e , damit man sich bei dem Worte Spatziergang, nicht etwa betruge, und Vergnugen erwarte. Wir wurden in einer staubigen Allee auf- und abgetrieben. Keine darf stillstehen, oder sich umsehen, denn das ist wider den Wohlstand. Da ist an kein Vergnugen zu denken, und es vergeht einem auch wohl, wenn man in seinem besten Staate, der recht geschont und vor Flecken bewahrt werden soll, eine halbe Meile auf dem Steinpflaster gegangen ist, ehe man aus der ungeheuren grossen Stadt hinaus kommt. Einige von uns druckten die neuen Schuhe so, dass sie fast ohnmachtig wurden. Dabei liefen die armen Madchen immer, damit ich zuruck bleiben sollte; denn sie schamten sich meiner, weil ich nicht nach der hiesigen Mode angezogen war: sie jammerten mich recht, so trubselig sahen sie aus.
Der Anblick so vieler wohlgekleideten Menschen war mir wohl neu, aber ganz und gar nicht angenehm. Wie gern ware ich dafur auf unsrer schonen Wiese im Birkengrunde gewesen, und hatte in meinem leinenen Rockchen, mit meinen Brudern und Schulzens Louischen getanzt. So aber habe ich meinen armen Fritz noch nicht einmal gesehen. Ach Gott! wie das alles so fatal und gezwungen ist! Mit seinem Bruder an einem Orte zu wohnen, und ihn nicht einmal zu sehen! Nehmen Sie mich ja recht bald aus dem fatalen Orte weg, der mich so missvergnugt macht! Liebe Eltern, Sie konnen mirs glauben, ich habe hier noch nicht ein einzigesmal recht von Herzen gelacht. Ich kusse Ihnen kindlich die Hande, geliebte Eltern, und bin zeitlebens
Ihre
gehorsame zartliche Tochter
J u l i a n e ."
Dieser Brief, fuhr Grunthal fort, indem er denselben mit sichtlicher Ruhrung wieder in seinen Umschlag legte, muss Sie uberzeugen, was fur eine liebe, zarte, unverdorbene Pflanze ich in dies Berlinische Treibhaus gegeben hatte. Freilich hatte ich das arme kleine Ding, nur in der beschrankten Sphare unsers sehr einfachen hauslichen Lebens gesehen. In unserm Herzen schlummern, so lange wir einsam leben, tausend Triebe und Neigungen, und erwachen vielleicht nie, wenn das Gerausch der grossen Welt oder des vornehmen Lebens sie nicht weckt. Der, welcher sich deswegen aus irgend einem abgesonderten Orte ein Weib zur Gefahrtinn seines Lebens holt, weil sie still erzogen ward, verfehlt gemeinhin seinen Zweck. Ein welterfahrner Mann hat mir gesagt, dass es darum in katholischen Landern der guten Ehen sehr wenige gebe, weil da die meisten Frauenzimmer in Klostern erzogen werden. Das still erzogne Madchen musste eingezogen seyn, weil es die Eltern dazu zwangen; man versetze sie aber nur auf einen grossern Schauplatz, und ihre verborgnen Anlagen werden sich so schnell entwikkeln, dass selbst der Kenner sie sehr bald nicht mehr aus der bunten Maskerade wird heraus finden konnen. Sie missverstehen mich doch nicht, lieben Freunde? unterbrach sich Grunthal, ich meine so: dass sichs nicht schickt, wenn der Orangebaum ins Kohlbeet, und die Kohlpflanze ins kunstliche Treibhaus gebracht wird. Jedem ist seine Sphare bestimmt: dem Orangebaum kunstliche Behandlung, und der Kohlpflanze Gottes freie Luft.
Und weiter preise ich die Eltern seelig, die, in mannichfaltigen Verhaltnissen, den geheimsten Keim eines Hanges den Seelen ihrer Kinder entlocken konnen! Im Kreise stiller hauslicher und landlicher Freuden, hatte meine Tochter ihre Bestimmung sicher nicht verfehlt, denn zu diesem ihrem wahrscheinlichsten Berufe hatte ich sie zu bilden gesucht. Mogen grossstadtische Eltern ihre Tochter fur grossstadtische Verhaltnisse bilden! Einigermassen beruhigte mich ihr Brief; allein es blieben noch immer Grunde genug zu traurigen Besorgnissen, und ich fuhlte nun die Lucken, die ich in ihrer Ausbildung gelassen hatte, sehr schmerzlich.
Meine Frau begriff nicht, dass das Madchen nicht uber alles, was sie sahe und horte, entzuckt war. "Sie muss sich das Kritteln uber ihre Vorgesetzten abgewohnen, sagte sie, ich werde an sie schreiben." Sie that es, und ich kam durch den Postschein dahinter, dass sie ihr ausser den Vorwurfen, noch eine nicht ganz kleine Summe in Golde, uberschickt hatte. "Was soll das, mein Kind? fragt' ich verdriesslich." Lieber Mann, sagte die arme Ertappte, werde nur nicht bose! Julchen kann in Berlin doch nicht so einfach wie in Lindenau einhergehen. Sie wird das Geld an hundert Stellen brauchen. Es thut einem doch wehe, wenn man hort, dass sein Kind zuruckgesetzt wird! Haben wirs doch, Gottlob! dazu. Du kannst mir die kleine Tandelei mit dem einzigen Madchen, immer erlauben! Diese kleine Tandelei hatte indess doch die nicht unbedeutende Folge, dass die Tochter im folgenden Brief, schon so fest wie ihre arme unerfahrne Mutter uberzeugt war, man habe ohne Modezuschnitt jeglicher Art keine recht eigentliche Existenz. Sie schamte sich der saubern einfachen Kleider, die wir ihr mitgegeben hatten, weil keine Stickerei drin war, und nannte eine Reihe auslandischer Namen von Zeugen her, worin sie wohl gekleidet seyn mochte. Mir thaten davon die Ohren wehe. Der Mutter aber funkelten die Augen, da sie den Brief las, bei dem ich in Wehmuth hatte zerfliessen mogen. So wie auch das chere mere ihr im Herzen wohl that, dass sie wie ein Kind dabei kicherte. Unserm rechtschaffnen Pfarrer E i c h e wagte ich nicht die schnellen Fortschritte des Madchens mitzutheilen, weil ich mir innerlich vielleicht selbst noch schmeichelte, dass ich ihr wohl zu viel thun mochte, und auch gern meiner Frau schonen wollte. Also blieb mir nur der Trost, an Julchen diesen Brief zu schreiben.
"Ja, mein liebstes Kind! noch vermisse ich dich und unsern Fritz allenthalben. Oft denk' ich, wenn in der Fruhe meine Thur aufgeht, mein Julchen bringt den Thee und bietet mir freundlich einen guten Morgen: denn du gute Tochter warst freilich immer freundlich, das kann ich sagen. Da ich aber selbst in unsre Trennung gewilligt habe, obschon ich jetzt nicht begreife, wie das zugegangen ist, muss ich mich wohl beruhigen. Ich habe noch kein Tagebuch von dir erhalten, wohl aber Briefe, die mich mit recht traurigen Besorgnissen erfullen. Zwar verarge ich es deiner Jugend und Unerfahrenheit nicht, dass du nach der Mode, und deiner gegenwartigen Lage gemass, gekleidet zu seyn wunschest, und deshalb bestatige ich das Geschenk deiner Mutter. Wende es immerhin zur Tandelei an, wenn du glaubst, dass es recht sey, eine Summe zu vergeuden, von der eine arme Familie ein Jahr lang leben konnte. Verschleudre es zu Putz, in welchem du dich vielleicht schon kunftigen Monat, ohne dich lacherlich zu machen, nicht mehr wirst zeigen konnen. Hute dich die Schranken deines Vermogens und deiner wahrscheinlichen Bestimmung zu uberschreiten. Ich muss dir sagen, dass du nicht reich bist, und zur vornehmen Klasse gehort eines Amtmanns Tochter auch nicht, wovon du dich um so mehr uberzeugen wirst, wenn du dich erinnerst, dass sonst allenthalben ein Amtmann nur der Pachter heisst. Das ist aber auch eine von den Inkonvenienzen der Kostschulen, dass die geringere Klasse dort mit der vornehmern uber einen Leisten geschlagen wird, und alle mit einem und demselben Firniss uberzogen werden. Das wird auch dein Fall seyn, mein liebes Kind, wenn du zu unbesonnen der Mode frohnst. Sie ist eine nimmersatte Hyane; die besten Frauenzimmer sind oft, ehe sie es glaubten, von diesem Ungeheuer ergriffen worden. Meine liebe, lies doch das dritte Kapitel der ersten Epistel Petri; beherzige besonders den 3. u. 4. Vers: W e l c h e r G e s c h m u c k s o l l n i c h t auswendig seyn mit Haarflechten und Goldumhangen oder Kleiderumlegen; sondern der verborgne Mensch des Herzens, unverruckt mit stillen sanften Geiste, das ist k o s t l i c h v o r G o t t . Mein Tochterchen! du wirst hoffentlich diese Ermahnung, darum, dass ein Apostel sie giebt, niemals zu altvatrisch finden; sie passt fur jegliches Zeitalter, fur das jetzige aber ganz besonders.
Auch ist es mir nicht lieb, dass du die gute landliche Sitte des Fruhaufstehens, mit dem schadlichen Langschlafen vertauschen musst. Du sollst ein Kammerchen fur dich allein haben, und kostete es auch mehr als vier Friseurs. Denke nur, mein Julchen, wie viel du weniger lebst, wenn von jedem Tage drei Stunden abgehen! Fuhlst du nicht jetzt schon, dass du dich um die Freuden der Erholungsstunden bringst? Denn bei so verkurzten Tagen wirst du schwerlich noch Stunden zu deiner Erholung aussetzen konnen. Die lange uble Gewohnheit hat die Stadtdamen freilich dahin gebracht, dass sie alle ihre Tage zu Festtagen machen konnen, ohne die geringste Unruhe im Herzen dabei zu empfinden. Du bist, Gottlob! s o nicht erzogen, meine Tochter. Du hast fruh gelernt, dich vor dieser trostlosen Vergessenheit deiner Bestimmung zu huten. Es ist dir aus ubelverstandner Schamhaftigkeit nicht verschwiegen worden, dass auch d u zu den Pflichten der Gattin und Mutter bestimmt bist. Sey dessen fleissig eingedenk, und versaume keine Gelegenheit, das zu lernen, was zu diesem Endzwecke fuhrt. Aber die V i e l w i s s e r e i (du wirst mich verstehen) fliehe wie die Unwissenheit. Die kluge Frau von Lambert sagt in dem Rath, den sie ihrer Tochter giebt: mais songes que les filles doivent avoir sur les sciences une pudeur presque aussi tendre, que sur les vices.
In allem, was die Stadt P l a i s i r s nennt, empfehle ich dir eine besondre Nuchternheit. Du wurdest dir durch den Genuss gerauschvoller Vergnugen, den Geschmack an den einfachen Freuden der schonen Natur verderben, zu welchen man doch zu seiner Zeit wieder zuruckkehren muss. Deinem Geschlecht insonderheit stehen Jahre bevor, wo die Manner von euren Personen sagen: sie gefallen uns nicht; und in welchen offentliche Lustbarkeiten, euren schmucklosen Gesichtern nicht mehr anstehen. Dann findet ihr den sichersten Trost in den Armen der treuen Freundinn Natur, die eure Eitelkeit durch keinen empfindlichen Contrast beleidigt. Diese Bemerkung wird dir allerdings im funfzehnten Jahre etwas zu fruh angebracht scheinen. Jetzt ahnest du auch jene Zukunft noch nicht, aber, Kind! du wirst einst dieser Worte gedenken. Die goldne Jugend verfliegt pfeilschnell, und wehe dem, der nicht zeitig genug an ihre Hinfalligkeit dachte.
Ich bin ernster geworden als ich es wollte. Beruhige mich, und schicke mir bald dein versprochenes Tagebuch zu, damit ich mich mit meinen Augen uberzeuge, dass du meiner Liebe werth bist."
Mein gutes braves Weib, (denn das war sie mir doch bei allen ihren kleinen Fehlern und Vorurtheilen) meinte: ich wurde unsere Tochter durch dergleichen Ermahnungen nur immer schuchterner machen. Bei einem jungen Madchen sey die Eitelkeit naturlich, und gabe sich von selbst, sobald die Veranlassungen dazu nicht mehr vorhanden waren. Nach einiger Zeit erhielt ich Julchens Tagebuch. Hier ist es unverandert. Den 12. August.
Mein lieber Vater wunscht, ich soll fruhe aufstehen, wie in Lindenau; ja, wenn er nur wusste, er wurde es selbst sehen, dass es hier gar nicht angeht! Wir gehen vor zwolf Uhr nicht zu Bette. Gestern Abend zum Beispiel haben wir mit dem jungen Prediger, dem Neveu der Gouvernante, allerlei witzige Pfanderspiele gespielt. Erst war ich blode, und wollte mich von keinem Manne kussen lassen. Uberdem weiss ich ja wohl, was mein Vater von dergleichen halt. Die andern aber sagten, das ware Ziererei, ich ware eine kleine Landpute. Das argerte mich; ich zwang mich ein wenig, und da ging es recht gut. Ich war so lustig wie die andern, und wurde ordentlich ubermuthig, wie sie sagten. Das brachte mir nun gleich den Vortheil, dass Fraulein M a r i a n e v o n L i n d e n f e l s mich d u nannte, und recht familiar mit mir that; nun werdens die andern auch wohl thun, denn Mariane ist die alteste und schon Braut.
Beim Schlafengehen war mir, von allem Lachen und Schakern der Kopf so wust und hohl, dass ich schlechterdings nichts Ernsthaftes denken, viel weniger aus dem Herzen beten konnte; ich gestehe, dass ich daher nur fluchtig ein Abendgebet las, wobei mich aber die lustigen Madchen unaufhorlich neckten und dazwischen trallerten. Nachher konnte ich nicht einschlafen; mich dunkte ich hatte Boses gethan, und mir war wie beklommen ums Herz. Noch angstlicher wurde mir, als mir plotzlich einfiel, mein verehrungswurdiger Vater mochte wohl um eben die Zeit, da ich um Pfander spielte, fur mich gebetet haben; denn das thut der liebe gute Vater gewiss immer. Ich seufzte so, dass es Fraulein Mariane horte, und mich fragte, was mir ware? ich schame mich zu sagen, was sie vermuthete, warum ich geseufzt habe; sie ist so leichtfertig; darauf gestand ichs ihr. Ach Narrchen, sagte sie; wenn dir sonst nichts ist! Desto besser, wenn der Vater fur dich betet; du wirst hier bei uns so das Beten bald satt kriegen; solche Pedantereien schicken sich nur fur das langweilige Dorfleben. Mich schauderte recht bei solchen Reden. Lieber Vater, die Stadtleute sehen wohl nur von Aussen so hubsch aus? Heute am 13. erwachte ich so spat, und war so damisch, dass ich wieder keinen Augenblick zu irgend einem ernsthaften Gedanken fand. Die Maitres kamen, und ich habe die erste Tanzstunde bekommen; aber o weh! ich dachte immer ich sey gut genug gewachsen, Monsieur Belair schuttelte mich aber so zusammen und riss mir die Schultern so zuruck, dass ich vor Schreck und Schmerz laut aufschrie. Die Fusse wurden mir dabei in einem sogenannten Fussbrett so auswarts gedreht, dass ich sicher glaubte, sie waren mir verrenkt. Ach und die Reverenze! Denken Sie nur, die Damen machen keine Kniesenkung mehr, sondern grade so einen Buckling, als wenn unsers Meyers Christel in die Stube trat, den ich immer nachzumachen pflegte. Das erstemal als ich so einen vor dem Tanzmeister ubte, machte ich in Gedanken einen Kratzfuss dazu; da entstand ein graulich Gelachter. Ach, mir vergeht fast die Geduld, ehe ich alle die hiesigen Manieren inne haben werde.
Am Abend tanzten wir erst, und dann lass ich Madame Brennfeld etwas aus einem Buche vor, das L e s s i n g s F r a g m e n t e heisst. Ich verstand zwar nicht viel davon; Madame aber ist entsetzlich gelehrt, und wie mir Mariane sagt, eine P h i l o s o p h i n . Zuweilen soll ihr Vetter, ein junger Kandidat, herkommen, dann disputiren sie beide uber allerlei Materien aus der Religion. Das sey aber entsetzlich ennuyant, sagt Mariane. Der Kandidat soll ubrigens ein hubscher Junge seyn, ware er nur nicht so ein Pedant, meint das Fraulein. Den 14.
Ich habe meine Tragheit diesmal glucklich uberwunden, und bin um funf Uhr aufgestanden. Ich wusste aber nichts mit mir anzufangen, denn hier, wo nur alles mit Zwang geschieht, habe ich an nichts eine rechte Freude; darum macht mir auch mein bischen Klavierspielen kein Vergnugen mehr. Da soll ich immer S o n a t e n und B a c h s c h e Sachen spielen, von denen ich nichts verstehe. Zuweilen, wenn es niemand hort, spiele ich meine alten Stuckchen, der lieben Mutter Lieblingslieder, und alles was mein Vater gern zu horen pflegte; dann weine ich dabei, bis mir das Herz leicht wird. Die Arbeit welche wir machen, kommt mir auch gar nicht wie Arbeit vor. Es werden Borsen gestrickt, und allerlei Sachelchen gestickt, die man gar nicht braucht. Ach! wenn die Stunden aus sind, wird uns die Zeit immer entsetzlich lang. Madame ist dann immer in ihrem Kabinet und schreibt oder liest; wir sehen denn alle aus den Fenstern ob nichts Neues auf der Strasse ist, oder schicken das Hausmadchen nach einem Kuchenladen, und schmausen dann wie auf einer Kindtaufe. Das schmeckt uns denn auch, weil wir uns bei Tische von den behenden Gerichtchen selten recht satt essen konnen, und das Butterbrod Abends gar dunne und mager ist, immer vortreflich. Madame Brennfeld sagt zwar, so recht mit Apetit essen sey so animalisch, und Bier oder Wein trinken, errege Sinnlichkeit. Kann seyn; aber wenn wir nur einmal uber so eine Lindenauische Schussel kamen, sie sollte unserm schlaffen Magen recht gut thun. Die Tage kommen mir hier langer vor, als auf dem Lande; da waren sie mir oft zu kurz, und ich erwartete den folgenden Tag mit Ungeduld, um die angefangne Arbeit vollenden zu konnen. Den 15.
Ach Gott! wie bin ich innerlich beschamt! Ich suchte einige Blumen und Bander fur meine Haare, und da fiel mir das neue Testament in die Hande, das die gute Mama hineinlegte, und zwar noch ganz so eingewickelt. Ich ward, so allein ich war, brennend roth im Gesicht, dass ich die theure Sorgfalt der guten Mutter so schlecht belohnt hatte! Denn ich darf nicht laugnen, dass ich an dies liebe Buch hier noch gar nicht gedacht habe. Nun, ich will alles nachholen, wenns die andern nur nicht sehen, die necken einen dann, besonders Mariane, die immer franzosische Bucher in ihr Bette versteckt. Das mogen freilich wohl die rechten seyn, wenn sie so geheim damit thun muss. Sie sagt, ihr Bruder, der ein Kornet ist, gabe sie ihr. Wie gefallt Ihnen das, Pasterchen? unterbrach sich der Amtmann, und wischte sich den Angstschweiss ab. Es ist lange her, aber Gott weiss, das Herz im Leibe wendet sich mir bei solchen Schlechtigkeiten um. Nun weiter. Nachmittags sind wir in Charlottenburger Garten gewesen. Hatten doch meine lieben Eltern das gesehen; so schon, so prachtig! Ach, was war da Amtmanns Julchen fur ein armes kleines Licht. Es thut doch dem Herzen weh, uberall und uberall die Geringste zu sein! Davon habe ich in Lindenau nichts erfahren. Freilich war ich da immer unter meines Gleichen oder Geringern. Mein Bruder ist mir auch mit einem seiner Lehrer begegnet. Ach! wie der arme Fritz so steif gegen die andern aussah. Meine Gefahrtinnen lachten uber ihn, da habe ich recht weinen mussen. Wenn es ihm der liebe Vater doch schriebe, dass er sich ein wenig mehr nach seinen Mitschulern richtete, den Zopf nicht so dicht an dem Kopfe, und die Locken nicht so geklebt truge. Freilich ists mir manchmal ordentlich, als ob er so ehrlicher aussahe als die andern.
Zuletzt als wir uns ganz mude gesehen und gelaufen hatten, fuhren wir auf Bauernwagen zuruck. Mir hupfte recht das Herz vor Freude, als ich den Korbwagen bestieg. Wenn es so nach Lindenau ginge, dacht' ich, und doch wars auch als ware mir bei der Vorstellung ein wenig bange. Vom Thor an gingen wir durch die Lindenallee zu Hause. Da stand ein Mann mit einem Raritatenkasten, der Kaiser und Konige auf seine eigne Art reden liess. Mit einemmal aber hiess es: "da werden sie sehen den Herrn Christum am Kreuz!" und alles lachte und belustigte sich daran. Mein Gott, ich habe das schon so oft bemerkt, dass sich die Leute hier nicht so recht viel aus dem Herrn Christus machen. Das sagen auch meine Mitschulerinnen, sogar unser Hausgesinde; wenn sie unter einander sprechen, und bei diesen Spottersinn erlaubt man auch noch, dass diese heilige Geschichte so offentlich prostituirt wird? Mir traten Thranen in die Augen, und ich liess meinen Unwillen daruber merken; da wurde ich ausgelacht, und selbst Madame Brennfeld sagte, es ware recht gut fur mich, ich sollte nur bei meinen landlichen Ideen bleiben. Wenn meine Vernunft mehr Fortschritte gemacht haben wurde, ware mir das Weiterforschen unverwehrt. Mir wird ganz bange, lieber Vater! Bei solchen Reden scheine ich mir so einsam, als ware ich unter einer fremden Nation, oder unter Juden, die meines Glaubens nur spotteten. Den 16ten.
Ach! ich bin recht entsetzlich erschrokken! Ich und alle Pensionnairen sind zu einem Ball, bei dem Vater der Fraulein Lindenfels, eingeladen; er will ihren Geburtstag feiern. Ein Ball! in meinem Leben habe ich nicht geglaubt, auf einen Ball zu kammen. Es muss etwas erstaunlich Schones seyn, denn sie sind Alle ganz ausser sich. Ich wurde mich auch noch mehr daruber freuen, wenn ich gewiss wusste, dass mein lieber Vater es gern sahe. Wenn er doch recht ausdrucklich befohle, wie ich mich in gewissen Fallen verhalten soll! Ich vermag es nicht, zu laugnen, dass ich den morgenden Tag kaum erwarten kann; und die Ungewissheit, ob ich recht thue mich zu freuen, ist mir ordentlich zur Last, so dass ich die Andern beneide, wie die sich so ungestort ihrem Entzucken uberlassen. Mit den Lehrstunden sieht es heute schlimm aus; keine hat Gedanken dazu. Wir wollen fruh zu Bette gehen, damit es bald wieder Tag wird. Den 19ten.
Drei Tage habe ich Dich nicht angesehen, Du mein ehrliches Tagebuch! Jetzt will ich alles nachholen, und so thun, als ob ich meinen lieben Eltern selbst erzahlte, wie mir auf dem Balle zu Muthe gewesen ist. Von meinen Gedanken und Empfindungen werde ich aber wenig Rechenschaft ablegen konnen, denn in meinem Kopfe ging alles bunt durch einander. So viel erinnre ich mich wohl, dass bei dem Schonen auch viel Nichtschones ist, was man von fern nicht entdeckt. Erst hatte ich mich gefreut, wie ich geputzt seyn, und mir das so hubsch lassen werde; aber als ich neben den andern stand, kam ich mir ganz schlecht vor: besonders als Madame sagte, mir wurde immer ein je ne scais quoi fehlen, das ich doch fur mein Leben gern hatte, wenn ich nur erst recht wusste, was es ware. Wenn ich also das je ne scais quoi nicht ertappe, hilft mir alle die Marter im Fussbrett, alle das Schmerzliche Auseinanderrecken in der Tanzstunde nichts. Ich fuhlte mich so gedemuthigt und niedergeschlagen, dass ich nun schon lieber zu Hause geblieben ware; um so mehr, da die adelichen Mitschulerinnen heute ganz fremd gegen mich thaten, und sich unter einander schon immer im Voraus ma chere frole, und mich M a m s e l l G r u n t h a l nannten.
Meine lieben Eltern haben mich gelehrt, ich solle mich allenthalben mit anstandiger Freimuthigkeit betragen, ein tugendhaftes Gemuth scheue nur Gott. Das sagte ich mir oft vor, mich dreist zu machen; aber als ich in die grosse vornehme Gesellschaft trat, war Muth und alles hin: ich wunschte mich weit weg. Die Kniee wollten unter mir einsinken; und darum war es mir auch schon ganz recht, dass Madame Brennfeld dem alten Baron Lindenfels nur ihre adlichen Kostgangerinnen vorstellte, und ihm die Titel ihrer Eltern hernannte; mich aber gar nicht bemerken liess. "Und wer ist denn dies schone Kind?" fragte der Baron, indem er, mit dickgeschwollenen Beinen, durch ein grosses Augenglas mich bekuckend, an mich heranrutschte. Ich schlug die Augen nieder, als Madame mit einem recht widrigen Tone sagte: "Es ist eines gewissen Amtmanns Tochter aus Lindenau; ihr Vater ist sehr reich, und hat mich instandigst gebeten, sie unter meine Zoglinge aufzunehmen." "Also ein Tochterchen vom Lande?" sagte der alte Herr, recht hasslich grinsend, wobei er mich immer noch durch seine Glaser anschielte; dabei sah er recht graulich aus, und wollte sogar mich in die Backen kneipen. Ich trat zuruck, und dachte: so was leide ich von einem Fursten nicht! "Kleiner schuchterner Narr," fletschte darauf der Alte, und fragte: "Sie ist wohl noch nicht lange hier?" Ach, ich war so verdrusslich, dass Madame mir leise sagte: "Mon dieu, quel visage! Prenez garde a ce que vous faites, Julie."
Des Frauleins Tante, eine bejahrte aber sehr munter gekleidete Dame, machte die Wirthin. Es ist vielleicht nicht ganz recht, dass ich Anmerkungen zu machen mir herausnehme; allein ich kann mich nicht enthalten, einer Sache zu erwahnen, wogegen mein ganzes Herz sich emport, wie Madame immer zu sagen pflegt. Einst sprach mein lieber Vater uber weibliche Kleinheiten, und rugte die Bitterkeit, mit der die Frauenzimmer oft Abwesende behandeln. Da meinte meine sanfte, immer gutige Mutter: so hassliche Gemuther gebe es schwerlich, wie der Verfasser, aus dem der Vater uns vorlas, sie schilderte. Hier ist, was ich selbst mit angehort habe. Die Tante sagte, als alle im Kreise um sie sassten, und sie den Thee machte, auf eine lustigseynsollende Art: (aber sie sah recht garstig dazu aus) wir werden heut etwas von der komischen Art haben; eine Reprasentation in aller Form. Meines Bruders Agent, der Rath M.., wird heut seine junge G e m a h l i n (auf dieses Wort legte sie einen besondern Nachdruck) vorstellen. "So?" sagten verschiedene alte Damen zugleich; "und wer ist sie, wenn man fragen darf?" E i n e s e h r b a r e n H a n d w e r k e r s T o c h t e r ; ich glaube Steinmetz oder Kupferstecher war der Vater. Er hat bei dem Bau im neuen Schlosse viel verdient. Sie nannte ihn, ich habe aber den Namen nicht behalten. Darauf sagte eine angenehme Dame von mittlern Jahren: "O, das ist ja der beruhmte Bildhauer! Da freue ich mich, dessen Tochter zu sehen;" aber die vornehme Erzahlerin bemerkte es kaum, und fragte: ist Bildhauer und Steinmetz nicht einerlei Handwerk? dann fuhr sie fort: "sie soll eben nicht hasslich aussehen; hat sich auch als F r a u R a t h i n schon herausstaffirt. Nun, der Rath musste wohl aufs Geld sehen; er war ein armer Schlucker, und wenn mein Bruder ihm nicht fortgeholfen hatte" "Ich erinnere mich fiel hier eine ganz alte verzerrte Oberstin ein wenn ich nicht irre, ist bei dem Madchen 'mal so etwas passirt; so etwas Kleines, von einem Offizier. Ja, wenn die Burgermadchen ein bischen gut aussehen, so wird so viel Aufsehens gemacht, indess manches Fraulein aus dem besten Hause sizzen bleibt." Mariane winkte mir boshaft zu, und blickte auf ihre Tante; ich fand das alles nicht hubsch, und sah wo anders hin. "Neveu, fuhr die Tante fort, indem sie einem jungen Offizier eine Tasse reichte, ich dachte, Sie gaben uns die Farce, den jungen Ehemann ein wenig eifersuchtig zu machen." Ehe der Neveu antworten konnte, flog die Thur auf, und der Rath trat mit einem wirklich schonen jungen Frauenzimmer herein. S o e b e n s p r a c h e n w i r v o n I h n e n , meine c h a r m a n t e Rathin, schrie das alte Fraulein, und ihre Augen funkelten so, als wenn unser schwarzer Mausekater im Dunkeln sitzt; dabei eilte sie ihr mit offnen Armen entgegen. (Wie konnten diese guten Leute es sich wohl traumen lassen, dass sie einen Augenblick vorher so jammerlich waren zerrissen worden?) "Ich achte es fur ein Gluck, dass es mir vergonnt ist, der Gesellschaft ein so wurdiges Paar vorzustellen." Die alte Dame, die von dem K l e i n e n gesagt hatte, musste sich doch noch schamen konnen; denn sie sah aus wie das bose Gewissen, und als die Reihe an sie kam, die junge Frau zu kussen, blickte sie seitwarts. Gewiss, die junge Frau betrug sich weder lacherlich, noch auf irgend eine Art unschicklich; auch war sie bei weitem die Schonste und am besten Gebildetste in der ganzen Gesellschaft.
Bald nachher fingen sie an zu tanzen. Menuet's tanzten nur einige bejahrte Herren und Damen, und die jungen Tanzer standen schon Paarweise bereit, ihre muntern Tanze anzufangen. Diese begannen denn auch so rasch, dass sie bald, wie die Bindermadchen hinter den Mahern, gluhten. Einige Stundenlang tanzten die Adlichen erst nur unter sich; mir fing an die Zeit lang zu werden, obschon ich im Grunde froh war, dass man mich vergass. Mir fiel ein, was mein Vater einst zur Mutter sagte, als die Forstmeisterin sich so impertinent in unserm eigenen Hause auffuhrte: "B l e i b ' b e i D e i n e n G e n o s s e n , s o w i r s t D u n i c h t v e r s t o ss e n ." Das hat, glaub' ich, Luther einmal gesagt.
Als ich mich des Tanzens schon begeben hatte, die Fraulein aber nicht mehr recht fort konnten, kam Marianens Bruder, und zog mich aus meinem Winkel hervor. Die junge Rathin hatte es abgeschlagen, weil sie heute gar nicht tanzen wurde. Jetzt verging mir vor Blodigkeit beinahe Horen und Sehen. Ich habe noch nie anders, als einige Menuets auf meiner Cousine Hochzeit, getanzt, und dazu munterte mich mein lieber Vater selbst auf. Die starr auf mich gerichteten Blicke meines Mittanzers brachten mich vollends aus der Fassung, und ich wusste nicht wohin? mit meinen Augen. Fraulein Mariane lachte mich entsetzlich aus; sieh' meinem Bruder nur immer ins Auge, sagte sie, er ist ein guter lieber Junge: nicht wahr, Louis? Der Kornet kusste ihr und mir die Hand mit recht ungezwungener Art, und sagte mir auch viel Schones, wie gut ich es gemacht hatte. Da ward ich etwas dreister; und nachdem mir Mariane warmen Punsch zu trinken gegeben hatte, verlor sich meine Schuchternheit ganz, so dass ich es sogar wagte, mich in eine Quadrille einzulassen. Hier glaube ich, etwas von der Ursache bemerkt zu haben, weshalb mein lieber Vater oft sagte, er mochte mich lieber auf dem Krankenbette, als in dem Taumel eines wilden Tanzes sehen. Es ist ganz unmoglich, bei der betaubenden Bewegung, durch welche man schwindlich wird, genau auf sich Acht zu haben, und sich der Dreistigkeit mancher zudringlichen Mannspersonen zu entziehen. Ich schamte mich recht uber die vertrauten Stellungen, die man gegen seinen Mittanzer annehmen muss; unglucklicher Weise fiel mir gerade in dem Augenblicke ein, als ich vor den jungen Offizier hintrat, recht keck balanzirte, und mich ein wenig zu zieren bemuhte: "wie, wenn jetzt Dein guter Vater, und der sittsamste aller Manner, unser Pfarrer E i c h e , hereintraten, wie wurd ich ihnen wohl in der Stellung erscheinen?" Ich sah in dem Augenblicke, als ich so dachte, gewiss recht einfaltig und weinerlich aus, als ich darauf meinem Moitie in die Arme eilte, und dahinschwebte, indem er mich im betaubenden Kreisel wie davon trug. Ich machte mir allerlei angstliche Vorstellungen. Der Zustand kann nicht beschrieben werden; es war mir wohl und wehe, und ich fand mich so erhitzt, dass ich wohl nicht bei vollem deutlichen Bewusstseyn war, als ich mich, ohne es selbst gleich zu merken, an meinen Tanzer schmiegte. Dieser Rausch, denn so war es, wurde vielleicht langer angehalten haben, ware der Kornet nicht so dreist geworden, unter dem Vorwande. an meine Blumen zu riechen, einen Kuss auf meine Brust zu drucken. Ich war hochst beleidigt, und sprach in einem recht aufgebrachten Tone, was alles, weiss ich nicht mehr. Da kam Madame Brennfeld dazu, und fragte was es gabe? Der Kornet erzahlte den Vorgang auf eine lustige Weise, und Madame, statt es ihm zu verweisen, sagte zu mir: "Mon dieu, Julie, que cela sent le village! N'apprendrez vous donc jamais, ce que c'est qu'un badinage?" War' ich doch nur zu Hause bei der tauben Franzosin geblieben! sie ist wenigstens gutmuthig, und beschamt einen nicht vor den Leuten. Der ganze Ball war so einen Verdruss nicht werth. Das soll mir nicht wieder begegnen.
Das hiess doch aber im Ernst, seine Zeit verschleudert! einen Tag um die Anstalten zum Ball, Haarkrauseln und hundert Kleinigkeiten zu machen; dann der Ball selbst, und den dritten Tag das Damischseyn. Aber so ermudet ich war, schwebte mir doch, ich mochte sagen um so lebhafter, die Musik und das ganze bunte Gewirr vor, und, wie mich dunkt, in weit schonerer Gestalt, als es wirklich gewesen war. Selbst wenn ich mich zwang, etwas vorzunehmen, kamen diese Vorstellungen immer, so zu sagen, von selbst wieder, und so warm, dass mir das Herz recht davon wallte. Einigemal fiel mir s ein, ob unsere kleinen Familienfeste, die wir manchmal mit unsern Nachbarn feierten, mir auch wohl solche Bewegungen zuruckgelassen hatten. An meine guten Eltern dacht' ich zwar wohl mit Liebe, aber ich habe es ja dem guten Vater versprochen, immer alles aufrichtig zu sagen; und da darf ich es nicht laugnen, dass wenn ich mir das Landleben gegen diese Stadtvergnugen dachte, sie mir einformig, ja ich mochte beinahe sagen recht armselig, vorkamen. Das jammerte mich dann wieder, und ich bat es den guten Landleuten ab. Ich hoffe, ein Brief von meinen Eltern wird mich beruhigen, und diese gar zu lebhaften Eindrucke wieder verwischen. Den 21sten.
Das geht! Aus einer Lust in die andre! An dieser Freude wird mein Vater gewiss nichts auszusetzen haben; er, der selbst Musik uber alles liebt! Ich bin in einem Konzert gewesen. Madame Brennfeld erwartete eine gelehrte Gesellschaft, die sie gern ungestort geniessen wollte; darum erlaubte sie uns allen, einigen hier, andern dort hinzugehen. Ich fuhr, zu meinem unaussprechlichen Vergnugen, mit Fraulein Mariane und ihrem Vater, dem alten Baron, ins Konzert. Sie gaben E r w i n und E l m i r e , da hatte mein Vater die Arie: "Ihr verbluhtet, susse Rosen, etc." von der Mama einmal beruhigt wurde, als sie ein starkes Fieber hatte, horen sollen! Wenn es wahr ist, dass die Seligen musiziren, so muss es gewiss in solchen Tonen seyn; und ich mochte, fur mein Leben gern, einen Mann sehen, der sich solche himmlische Melodien ausdenken kann. Ich war ganz ausser mir, und wusste gar nicht mehr, wo ich, noch mit wem ich war. Alles andere kam mir so recht schaal vor. Mich dunkt, Musik macht ordentlich fromm und andachtig. Mein Herz war so weich wie Wachs, und es gingen schnell allerlei ruhrende Vorstellungen durch meine Seele, die zwar keinen recht bestimmten Gegenstand hatten, aber ich war doch gewiss zu allem Guten aufgelegt.
Allein auch dieses Vergnugen ging nicht ohne alle Unannehmlichkeit ab. Unterweges, als wir hinfuhren, war das Fraulein sehr freundlich gegen mich; auch der alte Herr fragte mich so gutmuthig nach allerlei Dingen, von Lindenau, von meinen Eltern, etc., und schien mit meinen Kenntnissen recht zufrieden zu seyn. Sobald wir in den Konzertsaal getreten waren, sah sich Vater und Tochter aber gar nicht mehr nach mir um, und ich war in Todesangsten, dass ich sie in dem Gedrange verlieren wurde; denn mich an den alten Herrn zu halten, hatte ich nicht das Herz. Endlich erreichte ich sie doch, als sie sich eben in der vordersten Reihe gesetzt hatten, und setzte mich neben Marianen. Mir war es so recht Bedurfniss, mit jemanden mein Vergnugen zu theilen; aber wenn ich sie anredete, sah sie gerade immer wo anders hin, oder rief einen von den vor uns stehenden Herren heran. Ein altlicher Mann, der wohl sehr vornehm seyn musste, denn er trug ein Ordensband, fragte sie, wer das schone Madchen neben ihr sei? ob es zu ihrer Gesellschaft gehore? Ich weiss nicht wer sie ist, antwortete sie ohne Anstoss. Da dacht' ich, er konne mich auch wohl nicht gemeint haben, und ich schamte mich, dass ich das Wort s c h o n auf mich gezogen hatte. Allein nach dem Konzert, da sie der alte Herr, den sie Excellenz nannte, herausfuhrte, liess sie mich auf gut Gluck zuruck, ohne sich nur ein einzigesmal nach mir umzusehen. Ich drangte mich in der Angst mit Gewalt durch, kam aber doch zu spat, denn eben rollte der Wagen fort. Da stand ich nun weinend, in Angst und Verwirrung, als plotzlich, wie ein Engel, mir Marianens Bruder erschien, und mich dadurch, dass er mich zu Hause fuhrte, aus der grossten Verlegenheit riss, in der ich in meinem Leben gewesen bin. Mariane war schon lange vor mir angekommen, und hatte es der Madame geklagt, dass ich mich gar nicht zu ihr gehalten hatte; sie hatte sich Muhe genug um mich gegeben, aber mit solchen kleinen Landputen sei nichts anzufangen. Madame schalt mich, in Ausdrucken, die ich nie von ihr zu horen vermuthet hatte, ja ich mochte sagen, sie habe mich geschimpft, denn d u m m e s T h i e r kann doch wohl gewiss fur geschimpft gelten. Ich sei der Ehre nicht werth, sagte sie, die mir ein Fraulein von solchem Stande erwiesen habe. Zuletzt kam es noch darauf hinaus, dass ich formlich abbitten musste! O wie wehe that mir diese schreiende Ungerechtigkeit; eine solche Behandlung habe ich noch nie erfahren. Ich litt alles ganz still, hielt es aber, als wir allein waren, Marianen vor. Sie umarmte mich, weinte, und bat, ich solle es ihr nur diesmal verzeihen, sie wurde mir gelegentlich sagen, warum sie so habe handeln mussen. Die Madame konne ich bald versohnen; sie sei entsetzlich geizig, und wenn ich ein Stuck Zeug zum Geschenk fur sie hatte, habe ich alle Freiheit, zu thun, was ich wolle. Ich erschrak, und sagte, dass ich es nimmermehr wagen wurde, ihr etwas anzubieten. Ach, warum nicht? antwortete das Fraulein lachend, an die zierlichen Sentenzen, womit sie um sich wirft, muss man sich nicht kehren; es ist eine ganz gemeine Seele! Gieb den schwarzen Taffet her, den Dir die Mutter geschenkt hat; er ist zum Mantel. Sie riss ihn mir weg, und fort war sie damit. Sie hatte ihn ihr wirklich in meinem Namen gebracht; dafur nannte sie mich ein gutes liebes Kind.
Nun muss ich schliessen. Morgen gehst du, ehrliches Packchen, nach dem lieben Lindenau. Ach, tausend Grusse fur die besten Eltern! Mein Bruder wird mit dieser Gelegenheit auch schreiben; er hat mich besuchen wollen, als ich eben im Konzert war. Ich kusse meinen lieben Eltern die theuren Hande, u.s.w. Lieber Amtmann, begann in der Pause, die jetzt Grunthal machte, die Frau Pastorin, ich gestehe Ihnen gern, dass in dem allen viel Abschreckendes fur Eltern liegt, die ihre Kinder ausser dem Hause wollen erziehen lassen. Aber sagen Sie nur, wie sollen die Kinder Franzosisch, und was sonst noch zur feinen Ausbildung gehort, lernen? denn heutiges Tages gehort doch das Franzosische zu den ganz u n e n t b e h r l i c h e n Dingen. U n e n t b e h r l i c h ? rief der Amtmann; nennen Sie mir unter h u n d e r t Frauenzimmern d r e i , denen es unentbehrlich ware! Sie verstehen es, aber wozu? ich will nicht ehrlich seyn, wo sie seit dem Pensionsleben funf Worte in dieser Sprache von sich gegeben haben. Der Bucher, des Lesens wegen? Haben wir denn etwa der d e u t s c h e n Bucher, und der gewiss guten Ubersetzungen nicht genug? Als ich noch Student war, kam ich einst zu einer Frau Professorin, die im Rufe der Gelehrsamkeit stand. Sie las in einer englischen Ausgabe, von Thomsons Jahrszeiten; ich gab zu erkennen, dass ich es nicht im Original gelesen hatte; so, sagte sie, also hat man das auch deutsch? Wer hier die Pedanterie nicht mit Handen greift, muss Handschuhe von englischen Sohlleder tragen.
Gesetzt nun, die franzosische Sprache ware, wie Sie glauben, unentbehrlich, giebt es denn gar keine Mittel, diesen Talisman an sich zu bringen, als das unseligste, die Tochter deshalb auf Jahre, die gerade die gefahrvollsten sind, der mutterlichen Aufsicht zu entziehen? Und sollen denn die Tochter ihre, vielleicht ganz alltaglichen Gedanken, durchaus in einer andern als der lieben Muttersprache auszudrucken wissen; so setze man gewisse leere Stunden dazu aus, und nehme einen rechtschaffenen Lehrer an, der ihnen dann in einem halben Jahre das beibringt, was sie sonst oft mit Aufopferung ihres ganzen moralischen Karakters in vielen Jahren entweder gar nicht, oder doch sehr unvollkommen lernen. Uberdem, wie lernen sie es in den kostspieligen Instituten? Ich weiss der Beispiele genug, wo nach den eigentlichen Lehrjahren doch durch einen Sprachlehrer nachgeholfen werden musste. Hierzu kommt: dass, wo ein Frauenzimmer die Sprache lehrt, dieses nur immer unvollstandig geschehen kann; denn welche spricht ihre Sprache nach Regeln? Den franzosischen Sprachlehrer lasse ich indess nur fur grosse Stadte zu, wo diese Sprache oft ein Mittel werden kann, ehrlich durch die Welt zu kommen. Schickt aber ein Mann vom Lande oder aus einer kleinen Provinzstadt seine Madchen nach der Residenz, und opfert seinen besten Erwerb auf, um sich ein Zierpuppchen zurechtdrechseln zu lassen, das in seinem Haushalte nachher zu nichts taugt, als die Kopfe zu verwirren, so ist er was ich war, wozu ich mich beschwatzen liess, ein Narr! Und wenn nun auch unter hunderten Drei vernunftig bleiben, und einen zweckmassigen Gebrauch von dem Erlernten zu machen wissen, sollen denn, um der drei willen, sieben und neunzig verdorben werden? Uberdem, was erwachst nicht fur Nachtheil aus der unseligen Vermischung der Stande in den Pensionen? Es liegt in der Natur der Sache, dass der Geringere sich nach dem, den er fur vornehmer halt, bildet. Dies thun Erwachsene, wie sollten es Kinder nicht thun? Gehen sie in die erste die beste franzosische Schule, oder in das franzosirte Institut einer teutschen Erzieherin, da finden sie Grafinnen, Fraulein, Geheimerathstochter, und so hinunter und herauf, durch alle Klassen des burgerlichen Lebens. Die Tochter des Handwerksmannes wird eben so gemodelt, wie das Fraulein. Fur diese Klasse mag das schon gut seyn, allein, was fangt die Handwerkerstochter nun mit dem Zeuge an? Bei ihres Gleichen findet sie keinen Mann von ahnlichem Modeschnitt; sie sieht sich unter den Sohnen des Landes um, ob ihr einer anstehe. Ist sie reich, so findet sie einen, so brustet sie sich mit dem Titel desselben, staffirt sich modisch heraus, und bringt nun in ihren Kotterieen alles an, was sie noch von der franzosischen Schule wie am Schnurchen hat; sie erzieht Kinder, denen sie den verstimmten Ton von Jugend an vorsingt, und so geht's aus Generation in Generation, wenn nicht ein Trubsalswind die bosen Dunste vertreibt; und das kann bei der uppigen Lebensweise kaum fehlen. Muss eine solche verbildete Burgerstochter sich, ihrer Glucksumstande wegen, mit einem Handwerker, wie ihr Vater war, begnugen, so verbittert sie ihm das Leben, oder achtet auf die Schmeicheleien eines Galans, der sich ihres ehelichen Missverhaltnisses bedient, sie zu verfuhren. Grunthal sprach so eifrig, dass er nicht merkte, wie schlafrig seine Zuhorer waren, bis die Pastorin das Signal zum Aufbruch durch ein unverhaltenes Gahnen gab. Grunthal verstand es, und ging; war aber so voll von seinem Gegenstande, dass er sich zu Hause noch hinsetzte, und seine Geschichte schriftlich fortzusetzen anfing. Ich erhielt Julchens Tagebuch, oder wie ich es sonst nennen soll, da meine Frau sich eben nicht zu Hause befand. Wie mir dabei zu Muth war, kann sich nur der vorstellen, dessen liebste Hoffnungen schon getauscht wurden. Kaum ein Vierteljahr aus dem vaterlichen Hause, und schon mehr als die ersten Spuren offenbarer Verirrung! O der armen zerbrechlichen Menschheit! Mein gutes Weib kam, und ich musste wohl sehr wild aussehen, denn sie erblasste, und fragte zitternd: was mir widerfahren sei? Da, lies nur, sagt' ich; hier ist was von Julchen. Doch nichts Schlimmes? Nicht viel besser als schlimm, antwortete ich, indem ich ihr den Brief hinreichte. Sie las, und warf sich, da sie gelesen hatte, mir um den Hals. Bester Mann, sagte sie sanft weinend, mache mir keine Vorwurfe; ich habe es, weiss Gott, herzlich gut gemeint. Sieh' nur, Mannchen, wir mussen der Madame schreiben, dass sie Julchen besser in Acht nehmen soll. Das kann keine Fremde; das kannst Du nur und ich, wir, die ihr junges Herz geformt haben, und es wie unser eigenes kennen, rief ich, so angegriffen, dass meine Frau fur nothig fand, mir zur Beruhigung, wie sie glaubte, zu sagen, ich solle doch auch billig seyn, und bemerken, wie tugendhaft unser Kind sei; wie bose sie geworden, da der Kornet zu dreist wurde. Was kannst Du sagte sie von so einem rechtschaffenen Gemuthe besorgen? Sie soll mir aber mit keinem Kornet tanzen! rief ich, so aufgebracht, dass mein Weib leichenblass ward. Und uberhaupt, da kennst Du Dein Geschlecht sehr wenig, wenn Du nicht voraussetzest, dass d i e s e r Tanz und d i e s e Stellungen, und das ganze susse Geschwatz des jungen Menschen ihr nicht ganz vorzuglich wieder einfallen werden. Das sind eben die Szenen, die sich ihrer Einbildungskraft immer verschonert wieder darstellen; das sind die Vergnugen, gegen welche ihr das Landleben armselig erscheint. Ein grosser Kenner des menschlichen Herzens, Cervantes, setzte ich hinzu, lasst den Sancho sagen: "Wenn ein Jungling einem Madchen nur ein einzigmal sagt: i c h l i e b e D i c h , so flustert der Teufel es ihr wohl hundertmal ins Ohr, bis sie uber und uber in Liebe auflodert."
"Grosser Gott!" seufzte meine Frau erschrocken, und faltete ihre Hande. Hinterher sagte sie ganz sanft: "Nun wohl, Mannchen, wenn das Jahr aus ist, nehmen wir sie wieder in das Haus. Gesetzt nun aber, sie machte in der Stadt ihr Gluck?" Liebe Frau, davon traume nicht; unter den Adlichen, die das arme Madchen verachtlich behandeln? Denkst Du denn uberhaupt, dass die jungen Madchen, die von einer Lustparthie zur andern forttaumeln, je ein vernunftiges Gluck machen konnen, und dass ein gescheuter Mann sich seine Gefahrtin auf dem Ball aus dem leichtfussigen Haufen wahlen wird? Tanzen ist doch aber an sich eine recht unschuldige Sache, sagte meine Frau in einem so friedlichen Tone, dass sie mir ihre ganze unschuldig verbrachte Jugend darlegte. A n s i c h , da hast Du recht, mein liebes gutes L i e s c h e n , und wie D u getanzt hast. Das geschah bei sittlichen Familienfesten; da tanztest Du eine ehrbare Menuet, und wenn's rasch ging, war's ein feierlicher Polonoisengang, bei welchem Deine Lebensgeister in ihren stillen Pulsen blieben. So musst Du Dir aber die Pickeniks in den Stadten nicht vorstellen; da ist ein zusammengeraffter Haufen oft sehr leichtsinniger Manner, von denen der beste oft nicht werth ist, den Handschuh eines rechtlichen Frauenzimmers zu beruhren. Hier aber hat er sich fur s e i n G e l d das Recht erkauft, sich so lustig zu machen, als es die Umstande nur immer zulassen, und die Madchen, welche sich zu dieser Lustbarkeit einfanden, nach Belieben wacker herumzuschwenken. Da werden rasche, wilde, ja tolle Tanze getanzt, welche die Sinnlichkeit unfehlbar aufBald darauf beantwortete ich meiner Tochter Tagen e h m e n F r e u n d s c h a f t e n , uber deren Unzuverlassigkeit sie nun schon einige bedeutende Erfahrungen gemacht hatte; denn es ist immer Hundert gegen Eins zu wetten, dass es fur burgerliche Personen in adlichen Gesellschaften s e l t e n o h n e D e m u t h i g u n g abgeht, ob ich schon, zur Steuer der Wahrheit, hinzusetzen muss, dass sich der B r a n d e n b u r g i s c h e A d e l durch Humanitat auszeichnet, weil er fur achte Geistesbildung Sinn, und das trefliche Beispiel der ersten Personen im Lande vor Augen hat. Allein nach meinen Begriffen ist die Gleichheit, in mehr als einer Rucksicht, Erforderniss zur Freundschaft; der adeliche Freund kann Jahre lang den freundlichsten Umgang mit mir pflegen; plotzlich tritt ein Vornehmerer dazwischen, und der burgerliche Freund wird verlaugnet.
Zugleich schrieb ich an die philosophische Bonne, ersuchte sie in den hoflichsten Ausdrucken, meine Tochter, die nie auf Reichthum zu rechnen habe, n u r b u r g e r l i c h leben zu lassen, und sie, so viel moglich, fur diese ehrenvolle Klasse zu bilden! Ich hatte freilich so meine ganz eigenen Grundsatze in Ansehung offentlicher Lustbarkeiten, und fugte schliesslich, zur Unterstutzung meiner ganz gehorsamen Bitte, ein Fasschen Butter, und was sich sonst noch so an Kuchenprasenten transportiren liess, dem Briefe bei.
Dies that seine gehorige Wirkung; ich erhielt bald darauf die verbindlichste Antwort, dass sie sich meine Absichten ganz gern gefallen liesse. Ubrigens sei es aber grundschade, Julchen ware fur eine hohere Sphare geschaffen; viele ihrer Anlagen hatten sich zum Erstaunen schnell entwickelt, ich wurde sie kaum wieder kennen. Zuletzt denn noch ein kunstlich gedrechselter Dank fur die excellente Butter, und eine verblumte Aufforderung, bei so guten Dispositionen zu verharren, welches sich meine gutmuthige Frau nicht umsonst gesagt seyn liess. Fragte ich nach diesem und jenem, so lautete die Antwort: "Liebes Mannchen, das habe ich J u l c h e n s M a d a m e geschickt." Dafur wurde denn die treuherzige Mutter immer mit einem Lobspruche auf das gute Betragen der Tochter erquickt. Auch hatte das Madchen wirklich so erstaunlich profitirt, dass ich sie hin und wieder schon auf mancher kleinen Unaufrichtigkeit ertappte. Nach und nach bekam sie eine ordentliche Fertigkeit ich will nicht sagen zu lugen aber dem, was ich nicht wissen sollte, auszuweichen. Dies betrubte mich recht herzlich, und ich war entschlossen, sie, trotz alles Widerspruchs, auf Ostern nach Hause zu nehmen. So lange ich lebe ists mir aber so gut noch nicht geworden, die Umstande regieren zu konnen; sie haben mich immer, ohne mein Zuthun, da- und dorthin geschoben. So ging mir's denn auch hier.
Einst an einem schonen Morgen kam unser Pastor E i c h e zu mir. Ich sah es seinem offnen Gesichte bald an, dass er etwas auf dem Herzen hatte; es wollte sich irgend eine wichtige Mittheilung davon losarbeiten. Fur's erste kam es heraus, dass er, ganz ohne sein Mitwirken, einen Ruf nach Berlin bekommen hatte. Zweitens erfuhr ich denn auch noch das, lange so sorgfaltig verschlossene Geheimniss, dass er Julchen liebe, und sie zu heirathen wunsche, wenn sie alt genug seyn wurde, und wenn sie, wie sich das von selbst verstande, ihm nicht abgeneigt ware. Das wird sie nicht, rief ich, freudig ihn an mein Herz druckend; wenn sie nicht ganz zur Thorin wird, kann sie das nicht! Aber wie? holen wir das Madchen gleich her? Ich wurde dann leider! der Freude, sie zu sehn, bald verlustig werden: denn ich trete bald an, es ist kein Wittwenjahr zu bestehen, antwortete er, uber meinen Eifer lachelnd. Nun, Pastor, da ist was zu lachen! Meines Bedunkens ware dies das Naturlichste. Mein lieber Freund, ich erwarte von Ihrer gesunden Uberlegung, dass Sie keinen raschen Schritt, in Ansehung des liebenswurdigen Madchens, thun werden, deren Herzen meine Sache ganz zu eigener Entscheidung uberlassen werden muss. Sie muss von unserm Plane auch nicht die fernste Ahnung haben; es wurde ihrem jugendlichen Sinne einen harten Zwang auflegen, sie wurde sich in den Willen eines so guten Vaters aus Gehorsam fugen, und, halten Sie mir diese kleine Eitelkeit zu gute, ich mochte gern mit Zustimmung ihres eigenen Gefuhls gewahlt werden, ihre Liebe und Achtung mir verdienen, wenn ihre Vernunft Reife genug wird erhalten haben, um auch ein Wort zu meinem Besten mitzureden. Wie so manches gute Madchen warf sich einem Manne, den es nicht liebte, in die Arme, weil es keinen andern kannte, und lernte dann zu spat d e n kennen, dem es mit ganzer Seele angehangen haben wurde! Wenn nun aber das Madchen in der Stadt eitel wird, und ihr Herz verplempert? rief ich ungeduldig; denn, die Wahrheit zu sagen, auf solche Subtilitaten habe ich mich niemals eingelassen, wie meine eigne Heirathsgeschichte das bezeugt. So verliere ich ein Gut, worauf ich mein wahrscheinliches kunftiges Gluck berechnet habe; wenn Julchen aber mit einem Andern so recht nach ihrem Herzen glucklich ware, wurde ich, wie das Pflicht und Nothwendigkeit ist, zu resigniren wissen. Beinahe ware ich bose auf ihn geworden, weil mir das zu vernunftig vorkam; und ich hatte gewiss etwas Ubereiltes gesagt, hatte er nicht mit dem sanftesten Ton, der je aus einem mannlichen Munde kam, hinzugesetzt: "Lassen Sie in Berlin sich ihre Talente ausbilden; sie wird eine desto liebenswurdigere Gesellschafterin fur den Glucklichen, den sie einst wahlt. In drei Monaten reise ich ja selbst hinuber, und ich verspreche mir viel von dem Vergnugen, ihr Zutrauen zu gewinnen, und dadurch in den Stand gesetzt zu werden, uber ihre Bildung mit zu wachen."
Jetzt leuchtete es mir plotzlich ein, weshalb er es gern sah, dass das Madchen in der Stadt bliebe. Die Freude, und der frohe Blick in die Zukunft, die in meinen Augen alles wieder gut machte, hatte die ublen Eindrucke gegen die Pension bei mir verwischt; denn ich muss es nur gestehn, wenn es meine Freunde noch nicht selbst bemerkt haben sollten, dass ich mich, wie alle Schwachlinge, leicht von plotzlichen und augenblicklichen Eindrucken lenken lasse. Dabei kam es mir auch selbst beinahe so vor, als ob zur Bildung einer Stadtpfarrerin, noch dazu in dem superfeinen Berlin, etwas mehr gehore, als ich meiner Tochter auf dem Lande zu verschaffen im Stande ware: worin ich aber ganz Unrecht hatte; denn ich habe nachher wohl eingesehen, dass mein armes Kind mit dem, was es bei mir gelernt hatte, gewiss nicht unvortheilhaft gegen viele andre wurde abgestochen haben.
Indess nahm ich mir vor, ihre Neigungen auszuforschen. Ich schrieb deshalb an Madame Brennfeld, ob sie mir meine Tochter zu Weihnachten wohl zukommen lassen wolle? Wie mich das verdross, dass ich mich in die Nothwendigkeit gesetzt hatte, von einer Fremden V a t e r f r e u d e n zu erbetteln! Ich erhielt bald eine bejahende Antwort, dass nicht allein Julchen, sondern auch die Frau Erzieherin selbst, nebst einem Schwarm kleiner gnadigen Ganselein entschlossen waren, wahrend des Festes meine arme Landhutte mit ihrer hohen Gegenwart zu beehren.
Das war mir nun ausserst fatal; denn ich wollte meinen Fritz auch holen lassen, und einmal wieder ein Weihnachtsfest nach der alten Weise feiern. Ich musste indess suss dazu aussehen, so sauer mir's auch ankam, und war im Grunde doch seelenvergnugt, weil ich gewiss hoffte, E i c h e wurde mein Schwiegersohn werden. "Ei, Mann, so lustig habe ich Dich ja in mancher Zeit nicht gesehen! was giebts denn?" fragte mein Weib. Lieschen, studiere Du nur fleissig in Deinem Kochbuche; aufs Fest bekommen wir vornehme Gaste. Nachdem ich sie eine Weile hatte herumrathen lassen, uberraschte ich sie mit der Nachricht: Julchen kame herunter. Die ehrliche Seele weinte laut vor Vergnugen, und kusste mich wohl hundertmal in der Freude ihres Herzens. Bei der Gelegenheit musste ich mir alle Gewalt anthun, dass ich nicht mit meinem Geheimniss, namlich E i c h e n s Absichten auf Julchen, herausplatzte, so sehr war mein Herz im Zuge, sich zu ergiessen. Noch zur rechten Zeit besann ich mich; denn was die Mutter wusste, wurde der Tochter immer warm mitgetheilt, und dies wurde meinen Lieblingsplan zerstort haben. Die jungen Affchen pflegen zuweilen in ihrem jugendlichen Ubermuthe einen ehrlichen Mann wohl vor den Kopf zu stossen, weil diese und jene von den hundert m e i n e L i e b e n sie damit aufzieht.
Je naher Weihnachten heranruckte, je lustiger wurden wir, und waren am letzten Advent beinahe ausgelassen. Meine Frau war bei ihren Zurustungen so flink und munter, wie ein Madchen, das sich vor seinem Liebhaber sehen lasst. Ich pfiff oder trallerte, wo ich ging und stand. E i c h e nahm stillschweigend Theil an unserer frohen Erwartung, und es musste einem Dritten einen sonderbaren Anblick gewahrt haben, zu sehn, wie wir alten Narren uns gebehrdeten. Endlich erlebten wir die erwunschte Woche; ich liess meine grosse Reisekalesche vom Huhnermist saubern, und meinen G u r g e n sich recht stattlich ausputzen, damit die feinen Stadtdamen an dem landlichen Aufzuge nicht zu viel Argerniss nehmen mochten, gab ein Reitpferd fur meinen Fritz mit, und predigte es dem ehrlichen Dorfkutscher hundertmal ein, er solle ja hubsch behutsam fahren. Meine Frau gab ihm so viel Pelze und Fusskorbe mit, als ob die Reise nach NovaZembla ginge.
Mein Fritz kam einen Tag fruher, als die Frauenzimmer, an. Der Junge war in dem halben Jahre beinahe einen Kopf gewachsen, seine Seele war tadellos, wie ich ihn von mir gelassen hatte; aber er hatte sich bei einer Schrittschuhparthie eine Heiserkeit zugezogen, die von Folgen zu seyn drohete, wie einige einsichtsvolle Arzte geurtheilt hatten, und es war zweifelhaft, ob er je wieder Stimme bekommen wurde. Das war ein herber Schlag fur die Mutter, die ihren sussen Jungen schon im Geist die Lindenauische Kanzel besteigen sah, und das Kanzellied zur Antrittspredigt bereits ausgesucht hatte. Uber alle Beschreibung aber entsetzte sie sich, als der junge Mensch mich ganz pathetisch anredete: "Lieber Vater, die Gute, mit der Sie eingewilligt haben, mich nach meiner Neigung studieren zu lassen, lasst mich der festen Zuversicht seyn, dass Sie es ebenfalls billigen werden, wenn ich bei dem Voraussehn, dass ich nun bei dem Verlust meiner Stimme weder zum Prediger, noch zum Schulmanne tauge, eine andere Laufbahn einschlage, auf der ich ebenfalls ein nutzlicher Mensch werden kann. Ich hatte grosse Lust, irgend ein Handwerk zu erlernen; ich habe viele Gewerbe kennen gelernt, allen aber ziehe ich das Tischlerhandwerk vor, und dies um so mehr, weil ich es schon so ziemlich weit im Zeichnen gebracht habe." Ich kriegte den braven Jungen beim Kopf, und herzte und kusste ihn, denn er hatte mir wie aus der Seele gesprochen. "Von ganzem Herzen meinen Segen dazu! werde ein so wackrer Mann, als Dein Grossvater war, der eben dies Gewerbe mit Ehren trieb." Dass die Mutter so ganz still dazu schwieg, wunderte mich; aber nun war das Entsetzen an mir, als ich sie, todtenblass und alle Gesichtszuge starr, da sitzen sah. "Um Gotteswillen, Mutterchen, was ist Dir?" "Ach Gott!" stammelte sie, "ich .. kann ... mich ... ja nicht ... so geschwind ... fa ... fassen; der Schlag hat mich uberwaltigt! Das war meine liebste Hoffnung!" "Liebes Herzensweib, der redliche, fleissige Handwerker ernahrt sich und noch viele Andre, indess der Pfarrer sich von Andern muss ernahren lassen. Der fleissige Professionist ist ein glucklicher, unabhangiger Mann. Vielleicht, wenn der alte Amtmann langst zu seinen Vatern versammelt ist, pflegt dieser Meister Tischler Deines Alters." Fritz sturzte geruhrt auf ihre Hande: "Mutter, ja, liebste Mutter, Sie sollen gewiss Freude an mir erleben; alles, was ich erwerbe, soll Ihnen gehoren, und ich will gewiss kein Stumper werden!" Ihr qualt mich grausam, sagte das beinahe uberwaltigte Mutterherz, das im Begriff war, sich den Thranen ihres Herzblattes zu ergeben, aber doch noch, zum letzten Versuch, fragte: ob er denn nicht glaubte, predigen zu konnen, wenn die Kirche recht klein, z.B. wie unsere Lindenauische ware, wo ihn die Leute von Kindheit an gekannt hatten? "Nein, liebste Mutter, auch selbst in dem kleinsten Saale wurde mir die Anstrengung Lungengeschwure zuziehen, versicherte mir einer der geschicktesten Arzte." Ware der junge Mensch listig gewesen, er hatte nicht vernunftiger einlenken, und mehr zum Vortheil seiner Sache sagen konnen; denn dem widerstand ihre Zartlichkeit nicht. Nun denn, in Gottes Namen, wenn Du meinst, dass es zu Deinem Glucke ist, hiess es. Recht so, Mutterchen; Konsistorialrath wird nun wohl Dein Fritz nicht, aber gewiss ein so ehrenvoller Burger, als einer in Deutschland. Sie bat, wir mochten ihr nur Zeit lassen, sich von der ersten Besturzung zu erholen, dann wurde sie sich wohl allmahlig ganz mit der Vorstellung aussohnen; und das war denn auch nicht mehr als billig.
Nun hielt ich mich aber nicht langer, ich musste dem Bruder nach seiner Schwester fragen. "O Vater, die ist noch mehr gewachsen als ich, und Sie finden sie nicht mehr aus dem Stadtmadchen heraus. Ich bin einigemal dort gewesen, aber die schnippischen Madchen neckten mich immer; und ein junger Prediger, der unter ihnen herumschakerte, versuchte bestandig seinen Witz an mir, darum bin ich nicht wieder hingegangen." Braver Junge! sagt' ich, Du denkst wie Dein Vater! was er aber von Julchen gesagt hatte, ging mir doch im Kopfe herum. Bei jedem Wagen, den ich in der Ferne entdeckte, schlug mir horbar das Herz. Gegen Abend endlich wehete mir ein Luftstoss ein verworrnes Getose von pfeifenden Stimmen zu. Das waren sie denn, und bald nachher kam auch der Wagen zum Vorschein.
Sobald mich Julchen ansichtig wurde, riss sie hastig den Schlag auf, sprang herab, und schweigend sturzte Nun erst, als wir mit unserer Tochter allein gelasc e l l e n t ; wir hatten g a n z u n d g a r k e i n e I d e e , wie h e r r l i c h oder g o t t l i c h diese oder jene Lapperci war. Ihre Beschreibungen ubertrieben in Allem; wenn ihr der Zwirn riss, so machte sie das g a n z e r s t a u n e n d u n g l u c k l i c h ; fiel eine Masche, s o v e r z w e i f e l t e sie ganz und gar. Mogen doch die lebhaftern Franzosen tout-a-fait desole seyn, wo wir uns hochstens nur ein wenig argern, oder desespere werden, wo wir kaum trube blicken! Uns kaltere Deutsche kleidet der pretiose Ton nicht; er liegt nicht in unserm Karakter, nicht im Genius unsrer energischen Sprache. Ich unterdruckte jedoch jeden Tadel, der mir oft entwischen wollte, theils, um der entzuckten Mutter die Freude nicht zu verderben, die mit einer Art von Ehrfurcht die Tochter betrachtete, theils auch, um Julchen nicht zuruckhaltend zu machen, wodurch ich meine Hauptabsicht verfehlt haben wurde. So oft aber ein solcher, mir in der Seele widerstehender Ausdruck vorkam, blieb mir's gleichsam in der Kehle stecken; ich hustete oder rausperte.
Spat erst fuhrte die Mutter Julchen in ihre ehemalige Schlafkammer. Ich eilte zu Bette, und stellte mich, da meine Frau wiederkam, als schliefe ich schon, um ihrem Sagen und Fragen, was ich von der Tochter hielte? auszuweichen. Sie versuchte mit Husten "Mannchen, schlafst Du schon?" ob ich schliefe; ich hielt mich aber ganz still, und so schloss sich der erste Abend.
Hier sei meinen Freunden ein Ruhepunkt vergonnt; ist ihnen die Fortsetzung nicht zu langweilig, so wird sie nachstens erscheinen. am folgenden Morgen stand ich und meine Frau, wie gewohnlich, sehr fruh auf; aber bei unsern Stadtdamen war noch tiefe Nacht. Ich hustete ein paarmal scharf genug vor Julchens Thur; alles mauschenstill. Endlich wurde mir die Zeit zu lang; ich steckte den Kopf hinein, und fragte: "Mein Kind, willst Du denn noch nicht aufstehen?" "Ist es denn schon so sehr spat?" rief sie, wie aus dem ersten Schlafe aufgeschreckt. "So spat, dass Deine gute Mutter schon seit drei Stunden auf den Beinen ist." "Ach, sie stehen auch hier gewaltig fruh auf!" rief sie gahnend, und streckte trage die Hand nach ihren Kleidern aus. Mein Gott! brummte ich fur mich, indem ich mich entfernte. Sonst hatte ich immer die Freude, besonders an den Festtagen, dass meine Kinder mir, wenn ich aufstand, schon schmuck und festlich angezogen, entgegeneilten; wie ist das alles nun so anders! Das Fruhstuck stand da; Julchen liess sich ein paarmal rufen, ehe sie erschien. Fritz, der diesen Auftrag auszurichten hatte, kam ganz niedergeschlagen zuruck; sie hatte den armen Jungen angefahren, als er zum zweitenmal sie erinnerte, und gemeint, wenn man sich so ohne Friseur qualen musse, ginge das nicht schneller. Endlich erschien das Puppchen in einem zierlichen und gezierten Morgenanzug, ganz die ungekunstelte Kunst, die unsre Damen mit dem so beliebten e i n f a c h zu bezeichnen pflegen. Bald nach ihr erschienen nun auch die andern; alle sehr nachlassig, und einige sogar locker. Ich halte es fur Pedanterie, an allem, was Mode und Zeitgebrauch heischt, tadeln zu wollen, besonders wenn sie, so wie jetzt, sich immer mehr und mehr einem bessern Ideale nahern; aber tadelswerth hat mich jederzeit das leichtsinnige Wechseln derselben gedunkt; dieses allein hat schon manchen ehrlichen Mann um Haus und Hof, und um Ehre obendrein gebracht. Ich verbiss meinen Unwillen, wenn ich auf meine Frage nach diesem oder jenem Kleidungsstucke meiner Tochter zur Antwort erhielt: "D a s w a r j a s c h o n a u s d e r M o d e ." Ich scheute mich nun, nach meiner Tochter Frommigkeit und Sittsamkeit zu fragen, vielleicht hatte die Antwort auch gelautet: "M e i n H e r r , d i e s i n d j a l a n g s t a u s d e r M o d e ." Nach dem Fruhstuck beschaftigten sich meine Damen mit dem, was man in der Kunstsprache T o i l e t t e m a c h e n heisst. Ich dachte in allem Ernst, Julchen hatte sich wieder ins Bett gelegt, weil sie gar nicht wieder zum Vorschein kam. Freilich mochte sie bei der kopfbrechenden Arbeit mein wiederholter starker Stiefelgang vor ihrer Thur vorbei in Angst gesetzt haben. Sie erschien endlich ganz erhitzt, und in so feinen durchsichtigen Kleidern, dass ich eine Wielandsche Grazie vor mir zu sehn glaubte. Ich laugne nicht, dass der griechische Schnitt des Rocks des Madchens Gestalt ungemein verschonerte; nur Schade, Schade, dass unser so ganz ungriechisches Klima diese an sich so schone Tracht wieder zum Unsinn macht, und nichts als Gicht und Rheuma nach sich ziehen kann!
Es war nicht ganz Scherz, als ich Julchen, gar zierlich ihre Hand auf meinen Rockzipfel gelegt, zum Kanapee fuhrte. Ihre Schonheit und Grazie hatten mich dummen Dorfkerl seltsam uberrascht; ich neigte mich beinahe unwillkuhrlich vor meinem eigenen Fleisch und Blut. Das arme Kind aber nahm's fur Satyre, und die Thranen traten ihr bei meiner Galanterie in die Augen. Ich fand nicht fur gut, ihr ihren Irrthum zu benehmen; allein die Mutter, der die Augen vor Entzukken funkelten, war weniger zuruckhaltend, und druckte ihr Wohlgefallen in den starksten Worten aus. Da gab sich mein armes Putchen ein Ansehen, und nannte der Mutter so viel Moden und Modenamen her, sprach so kunstfertig vom J o u r n a l d e s L u x u s u n d d e r M o d e n , dass meine Frau, vor hochster Bewundrung, gar nicht wieder zur Sprache kam. Dagegen nahm ich das Wort, und schuttete aus, was mir so lange schon gegen dieses unvaterlandische Buch, ich meine dieses L u x u s j o u r n a l , auf dem Herzen liegt. Dass es so lange besteht, und langer als so manche wurdige Zeitschriften, ist zwar allerdings ein Zeichen, dass es seinen Saamen in sehr empfanglichen Boden ausstreut; welches besonders an solchen Orten der Fall ist, wo die erforderlichen Nippes und Zeuge gleich bei der Hand sind. Ich kann es auf Ehre betheuern, dass ich, in Leipzig besonders, Vater und Manner bittere Beschwerden uber dieses Buch habe fuhren horen. Sobald es in dem Buchladen angekommen ist, sieht man die Schneider, mit dem magischen Buchelchen unter m Arm, wie wild hin und her laufen. Kleider, die kaum acht Tage seit ihrer letzten monatlichen Umschaffung im Schrank hingen, werden aufs neue geandert; wenn man nun den bestandigen Arbeitslohn fur alle Kleider, neben der Gabe der Schneider, aus Vielem wenig zu machen, in Rechnung bringt, so muss ein Hausvater ja wohl den pommeranzenfarbenen Hausfeind mit Schrecken ankommen sehen.
Nach und nach hatten nun auch die andern Damen ihre Toilettengeschafte beendigt. Die Erzieherin erschien, vollig so jugendlich angethan wie ihre Zoglinge. Hier gab es ekelerregende Nuditaten, wie sie die landliche Sittsamkeit, selbst bei saugenden Muttern, unserm Blicke vorenthalt. Fraulein Mariane bezeichnete durch ihren Anzug die verwegenste Uppigkeit, ganz wie sie sich zu ihrem kuhnen Blicke und ihrer festen unweiblichen Stimme schickte. Ich zitterte, wenn dieses kuhne Geschopf meiner Tochter mit der, in ihrem Verhaltnisse liegenden Vertraulichkeit begegnete, und mit Schrecken bemerkte ich, dass Julchen eben an diesem verfuhrerischen Madchen vorzugsweise hing. Madame Brennfeld nahm bald Gelegenheit, mich zu fragen, ob, und wo ich studiert habe? Als ich Halle nannte, fragte sie mich mit grosser Gelaufigkeit nach allen, durch philosophische Schriften bekannten Professoren; gab Beifall, tadelte, hiess diesen tief, jenen seicht, mit einer Anmassung, wie sie mir noch nie bei einem Weibe vorgekommen war. Wenig gewohnt, mit Weibern d e r Art mich zu unterhalten, hatte ich mich beinahe durch die pomphaften Ausdrucke und scientifischen Worte verbluffen lassen, ware es mir nicht durch einige ihrer Urtheile, die mir noch aus einer gewissen gelehrten Zeitung ganz frisch im Gedachtnisse hafteten, einleuchtend geworden, wo der Weisheitsquell, aus welchem diese Dame schopfte, anzutreffen sei. Bei naherer Untersuchung war es mir auch nicht schwer, zu entdecken, dass sie nie selbst urtheilte, sondern, bei ihrem guten Gedachtnisse, bloss buchstablich nachbetete; und wo die gelehrte Zeitung ihre Urtheilskraft im Stiche liess, hatte sie gewiss ihr Vetter, der Kandidat, inspirirt. So seicht indess dieser Weiberkopf auch war, schien es ihr doch Herabwurdigung fur sie zu seyn, dass sie sich mit einem simpeln Landmanne uber litterarische Gegenstande unterhielt, und auf meine gute Frau sah sie nun vollends wie auf ein tief unter ihr stehendes Wesen herab. Sobald ich dies merkte, brach ich ab, und brachte sie auf die, mir bei weitem wichtigere Materie, von meiner Tochter Ausbildung. Ja, es ist wahr, Herr Amtmann, sagte sie, sich gewaltig hebend, ich habe es Ihnen ja versprochen, wegen des Plans zu Julchens Erziehung mit Ihnen zu Rathe zu gehn. Ach, werthe Madame, fiel ich ihr ins Wort, zu einem Erziehungsplan ist es bei Julchen in der That zu spat; ihre eigentliche Erziehung ist vollbracht. Das Gebaude war aufgefuhrt, ehe ich sie Ihren Handen ubergab; meine Frau wunschte nur noch einigen Putz und Stukkatur daran zu sehen. Gut, gut, Herr Amtmann; darauf verstehen wir uns besser, als sonst irgend jemand. Ich werde fur alles, was ihre Verfeinerung befordert, sorgen. Ich wollte, Sie sagten V e r e d l u n g , Madame. Nur dass die feine Politur nicht ganz das Originalgeprage mit fortnehme. Dieses habe ich immer sorgfaltig bei einem jeden meiner Kinder sichtbar zu erhalten gesucht; ich habe sie, so fruh es nur anging, selbststandige Wesen seyn lassen, habe sie nie gezwungen, j a zu sagen, wo ihr Herz n e i n sagte, habe ihnen Widerspruch gegen die elterlichen Meinungen erlaubt; denn ich habe mir nie eingebildet, dass sich die vaterliche Autoritat uber den Geist meiner Kinder erstreckte, und immer fest an dem Glauben gehangen, dass es in England deshalb so viel Originalitat der Karaktere gebe, weil die Kinder fruh wie Menschen behandelt, und nicht alle auf einer Drehbank zu gleichformigen Marionetten gedrechselt werden. Wir mussen uns indess doch nach den einmal eingefuhrten Gebrauchen richten, wenn wir uns nicht lacherlich machen wollen, entgegnete die Madame. In so fern sie vernunftmassig, und dem Bedurfnisse jedes Individuums angemessen sind. Aber wir entfernen uns zu sehr von unserm Zwecke; ich war willens, mit Ihnen uber den Religionsunterricht meiner Tochter zu sprechen. Wohl, Herr Amtmann! Wenn es denn nun einmal so seyn muss, dass der grosse Haufen eine positive Religion hat, so wunschte ich wohl, dass die Mamsell Tochter "Bei den einfachen Begriffen bliebe, die ich ihr beigebracht habe!" fiel ich ihr hastig ins Wort. Ich habe sie die Religion Jesu fruh an sich selbst und ihrem Nebenmenschen durch Liebe und That ausuben lassen; sie weiss bereits, dass es Dogmen und Unterscheidungslehren ihrer Konfession giebt, sie soll sie erfahren, und wenn ihr Verstand reifer wird, mag sie daruber nachdenken und weiter forschen. Sollte sie aber nie den hierzu erforderlichen Grad der Gesetztheit erreichen, je nun, so wandle sie schlicht und einfach ihren Weg, und thue nach dem Glauben, den sie von ihren Vatern empfangen hat. Was vor ihr Millionen Trost gewahrte, wird auch diese zarte weibliche Natur nicht im Stiche lassen. Diese Religion, die in unsern Tagen so undankbar verlastert wird, hat sich so entschieden in den Schwachen machtig bewiesen, dass ich meiner Tochter keine kraftigere Stutze anrathen kann, als die Ehrfurcht fur sie. Ich vermag nicht, achte Weiblichkeit von Frommigkeit zu trennen, und ich gestehe Ihnen, dass der emporende dreiste Blick der jetzigen jungen Madchen mir immer ein Herz zu bezeichnen scheint, das sich keine Fertigkeit erworben hat, sich dem hochsten Wesen im Gebete zu nahen; kurz, ein vermessenes Geschopf, das sich nie vor seinem Schopfer gedemuthigt hat.
Madame hatte mich nur so lange sprechen lassen, um eine Rede zu komponiren, worin sie mir bewies, dass ich von dem allen nichts verstande; dass ich, als ein Landwirth, dem es mehr oblage, guten Dunger zu machen, als Erziehungsplane zu erdenken, nichts davon verstehn konne; sie durfe, als die Tochter eines Gelehrten, schon ein wenig mitreden; sie habe R o u s s e a u gelesen, und, wie sie sich schmeichle, den K a n t nicht fruchtlos studiert. Nun kamen die grossen Worte "Moral-Prinzip, Kritik der Vernunft," u.s.w., wie am Schnurchen; bei der Gelegenheit nannte sie sich selbst einigemal eine Freidenkerin, und dankte dem Himmel, dass sie sich von allem religiosen System losgerissen habe, und nun wie ein ausgescheuertes Gefass sei. Sie brachte dies alles in einem so hochfahrenden Tone vor, dass ich sehr froh war, als die jungen Madchen sie um Erlaubniss baten, der Frau Amtmannin die letzte Komodie, die sie aufgefuhrt, zu rezitiren. "Gott behute!" entfuhr mir's; "auch Komodie wird gespielt! Spielt denn meine arme Tochter da auch mit?" "Noch ist Mamsell Julchen nicht so weit!" sagte eine Kleine sehr geziert.
"Gebe Gott, dass sie nie so weit komme!" erwieder
te ich mit einem Stossseufzer. Was konnten Sie gegen kleine theatralische Ubungen einzuwenden haben? Herr Amtmann! fragte Madame sehr suffisant. Durch nichts erwerben junge Damen mehr Grazie und Anstand, sich zu prasentiren.
Den jungen Berlinerinnen, die sich u n a u f h o r
l i c h und u b e r a l l p r a s e n t i r e n , mag es Bedurfniss geworden seyn, es mit Anstand und Grazie zu thun, damit diese Alltagsvogel, deren Gesichter durch das stete Prasentiren allen Reiz der Neuheit verlieren, doch etwas zum Ersatz auszubieten haben. Aber fur was tauschen diese Komodienspielerinnen diesen Anstand wohl ein? Zu einer Zeit, wo sie einen Vorrath von Begriffen und Kenntnissen einsammeln sollten, in einem Alter, wo jede Minute kostbar ist, lernen sie Rollen auswendig, und verderben sich den Geschmack an jedem ernsthafteren Geschaft. Sie uben sich, Karaktere darzustellen, die nicht ihre eigenen sind; sie regen ihre Phantasie unnaturlich auf, und erfullen sie mit Bildern einer idealischen Welt, wogegen die wirkliche, in die sie nun bald eintreten sollen, nicht immer zu ihrem Vortheile erscheint. Endlich noch werden sie unausstehlich eitel und pretios. Die Schauspielkunst ist ein Bedurfniss unserer Zeit und Sitten geworden. Auch ich verehre hier in meinem Lindenau die ausubende Kunst und den talentvollen Kunstler von ganzem Herzen, ohne eben zu wunschen, dass meine Tochter ein Talent erwerbe, von dem sie nie Gebrauch machen wird, oder s o l l . Julchen indem ich meine Tochter bei der Hand nahm versprich mir, dass Du nie eine Rolle ubernehmen, dass Du Deine Veredlung auf andern Wegen suchen wirst. Das liebe Kind wurde ganz weich, und sagte: "gewiss, lieber Vater, ich will alles, was Sie gern sehen!" und die andern Madchen sahen mich an, als dachten sie: "das ist ein harter, tyrannischer Vater." Auch hatte Mariane es nicht hehl, wofur sie mich ansah. Ich liess das gut seyn, brach das Gesprach ab, und lief mit meinem Sohne in der Gegend umher, fur die, wie ich leider! bemerkte, mein Julchen keinen Sinn mehr hatte.
Bei meiner Zuruckkunft sah ich sogleich, dass Julchen geweint hatte. Wie? Thranen im vaterlichen Hause? Thranen statt der Freude des Wiedersehens? Ich forschte, was es war, und es kam heraus, die Mutter hatte der Tochter das Leid geklagt, dass Fritz ein ordinarer Spiessburger werden wollte. "Das werden Sie denn doch in Ewigkeit nicht zugeben!" sagte die Tochter gar altklug. Ich schalt nicht, gab mir auch nicht grosse Muhe, das eitle Ding zu belehren, sondern sagte kalt: Dein Grossvater war eben ein solcher Spiessburger, ein Tischler; Dein Eltervater, ein Bakker; und viele Deiner Verwandten sind ehrenvolle und geachtete Burger. Dein Vetter, der Geheimerath in W .., sitzt auf der Festung. Der Grossonkel, Kapitan, ist wegen falschen Spiels kassirt. Der Vetter, Superintendent, wurde eines hasslichen Verbrechens halber abgesetzt. Seine Kinder bettelten und stahlen. Fritz wird ein Tischler, wird recht thun, und niemand scheuen; richte Dich so ein, dass er sich seiner Schwester nicht zu schamen braucht. Julchen erschrak uber meinen Ernst, kusste mir schmeichelnd die Hand, und wollte noch etwas sagen; indem ging die Thur auf, und die Gaste, die zu Mittag geladen waren, erschienen.
Dies waren nun keine andern, als meine adlichen
Dorfgenossen und mein lieber Pastor E i c h e . Sobald die Duenna einen Gelehrten witterte, nahm sie weiter keine Notiz von mir armen Laien, sondern besturmte den guten Mann mit Fragen: ob er dieses oder jenes neue Buch gelesen habe? brach die Gelegenheit vom Zaun, eine Abhandlung uber die Juden zu halten, und ob diese im Staate zu dulden seien? bei welcher Gelegenheit sie mit ihrer Aufklarung und Toleranz zu prunken gedachte. Sie wurde ausserst entrustet, als ich plumperweise ausserte, die Modewelt beweise ihre Toleranz vorzuglich darin, dass sie sich den gutgarnirten Tisch und Keller der reichen judischen Hauser gefallen liesse; und der jungere und galante Theil suche den Umgang romanhafter und excentrischer Israelitinnen theils aus Finanzspekulation, theils, um ohne Kopfanstrengung Beweise seiner hellen Denkart zu geben. Der Forstmeister, der keinen andern Juden kannte, als den, der ihn zur Zeit seiner Fahndrichswurde geprellt hatte, wurde hochst erbittert, und gerieth mit der gelehrten Duenna in einen Streit, der weder von seiner feinen Lebensart noch von ihrer Sanftmuth Beweise gab.
Indess dieses Paar wuthend auf einander losging, und dabei des Weines nicht schonte, suchte Fraulein von Lindenfels den ruhmlichen Entwurf auszufuhren, sich mit den sanften sittsamen E i c h e eine Lust zu machen, die darin bestand, dass sie ihm eine ganze Armade ihrer Reize entgegenstellte, und ihr Netz auswarf, um, wie Julchen es nachher berichtete, die platte Landparthie dadurch einigermassen pikant zu machen. Dieses Fraulein war der Liebling der Erzieherin, weil sie zu den geforderten Geschenken das meiste Vermogen hatte; bei der gewohnlichen Abend-Whistparthie ihr Nadelgeld, ohne scheel zu sehen, an die Madame verlor; nicht bemerkte, wenn Madame ihren Eleven, bei dem starken Kostgelde, elenden Kaffee gab, und, um die Triebrader der Maschine nicht in zu schnellen Umlauf zu setzen, ihnen Bier und ein Glas Wein versagte, womit sie den animalischen Theil ihres Menschseyns aber, in ihrem Boudoir, punktlich zu starken pflegte. Die Heuchlerin! Mariane war ein vorzuglich schones Madchen, lebhaft und witzig; ihre schonen schwarzen Augen wusste sie mit furchterlicher Bedeutung zu gebrauchen. Ihr Witz war boshaft; ihr Verstand auf Kleinigkeiten und Modelekture gescharft; ihr Anzug und ganzer Anstand uppig und dreist. Der arme E i c h e , der ihr gegenubersass, wusste nicht wohin? mit seinem bescheidenen Blicke, wenn sie mit ihm sprach; fasste sie ihn mit ihren brennenden Augen, so sank das seinige beschamt, und fuhr wieder erschrocken von ihrem frech entblossten Busen zuruck, den auch nicht die dunnste Hulle einschrankte.
Was lasst wohl ein Madchen von sich denken, dessen unsittlicher Anzug selbst Mannern eine Schamrothe abnothigt? das Stirn genug hat, die Blicke dreister Junglinge nicht etwa bloss zu ertragen, sondern durch Stellung und Blick zu noch grossern Frechheiten zu reizen? Mariane that alles, was grobe Sinnlichkeit erregen, aber rechtschaffne Mannerherzen gegen sie emporen musste. Eiche wendete sich verachtlich von ihr, indess sie ihn, als einen unempfindlichen Pedanten, fahren liess, und nun auch aus Rache derb auf das insipide Landleben schmahte. Sie wiegte sich nachlassig mit ihrem Stuhl, unsrer gar nicht achtend, und fragte wohl zehnmal die Madame: "machen wir nicht bald unsre Parthie?" Gleich nach Tische rasteten die Damen auch nicht, bis sie die Karten in den Handen hatten. Ich war neugierig, was meine Tochter machen wurde; und da entging es meiner Beobachtung nicht, dass die Mutter den Geldschrank aufschloss, und der Tochter Dukaten aufzahlte. Wozu das, Mutterchen? Julchen kann unmoglich schon all' das Geld, das Du ihr schicktest, ausgegeben haben. Oder hast Du, Kind? Julchen errothete, und es kam heraus, dass sie es im Spiel an Madame und ihre Mitschulerinnen verloren hatte. "Julchen! Geld, wovon mein Meier, und jeder, der hier im Schweiss seines Angesichts sein Brod isst, mit Weib und Kind ein Jahrlang sich reichlich ernahrt haben konnten? O, hat er auch D i c h schon ergriffen, der Herz und Geist todtende Spieldamon! Nun, dann fahre wohl sittliches Gefuhl, und alles, was das Weib zum Weibe stempelt! Diese Gier, dieses Erpichtseyn aufs Spiel macht die Weiber unausstehlich, und richtet die Familien zu Grunde. Die Immoralitat weiblicher Spielsucht springt so stark in die Augen, dass ich kein Wort daruber zu verlieren nothig habe." Julchen wendete ein, sie spiele nur der Madame zu Liebe, und diese habe es uberhaupt fur nothig erachtet, sie mit den gangbaren Spielen bekannt zu machen, weil man ohne diese jetzt eine Null in Gesellschaften sei. Ich liess das hingehen, weil ich nicht gern mit meiner Herzenstochter, von der ich noch viel Freude erwartete, zurnte. Auch die Mutter redete fur das Beste ihres Kindes, und entfernte sich bald darauf mit demselben in ein andres Zimmer.
Indess nahm ich E i c h e n auf die Seite, und fragte ihn um seine offenherzige Meinung von Julchen. Er sah sie schon halb mit Brautigamsaugen, das heisst, er bemerkte nur die rosenfarbene Seite. Uberall Vollkommenheit, sich entfaltende Geistesbluthen, liebenswurdige Offenheit, und noch gar schone Dinge, die ihn zum glucklichsten Manne machen wurden. So verschonernd war zwar meine Brille nicht; allein es that mir doch im Herzen wohl, Julchen loben zu horen, und ich fing an, mich selbst fur zu strenge und partheiisch zu halten. Nun fragte ich ihn, ob es nicht besser sei, dem jungen Dinge etwas von seinen Absichten merken zu lassen? er aber bestand darauf, ihr Herz musse sich noch einige Jahre uberlassen bleiben; indess wolle er sie nach und nach daran gewohnen, ihn als ihren treusten Freund anzusehn. Denn, setzte er hinzu, er wolle die theure Gefahrtin seines Lebens keiner Uberraschung des Herzens, auch keinem fluchtigen Eindrucke der Einbildungskraft zu danken haben. Alles schon und gut, Freund, sagte ich; wenn nun aber die Madchen nicht so vernunftig behandelt seyn wollen? Lasst man ihnen Zeit zu uberlegen, so kurz, sie uberlegen eigentlich nichts, sondern handeln nach momentanen Eindruckken, die sie uns als Fruchte ihrer Vernunft verkaufen; und wenn der Reiz des Neuen und Ungewohnten fur sie dahin ist, so genug, mich ahnet's, das Madchen wird uns Sprunge machen! Sie wird Romane und Gedichte lesen, Komodien sehen, von ewiger gluhender Liebe, von interessanten Verwicklungen und Hindernissen, die den Genuss wurzen, und von dergleichen schwatzen horen; wird bunte, geschniegelte Herrchen kennen lernen; und dann, furcht' ich, wird der schlichte schwarze Rock, der, verzeihen Sie's, ohnedem nicht mehr sonderlich hoch im Cours steht, mit der schlichten vernunftigen Liebe, die sogleich vom heirathen spricht, den gewunschten Eindruck nicht machen. "Lieber Grunthal," sagte er mir freundlich die Hand druckend, "wollen Sie mir denn in nichts meinen Willen lassen? Ich werde in Berlin uber Julchens fernern Unterricht selbst mit wachen konnen; sie wird mir auf vaterliche Empfehlung ihr Zutrauen schenken, ich werde ihr ein treuer Bruder seyn. Sollte ich denn nicht ihre Liebe verdienen konnen?" Er machte mir nun seinen Entwurf so anschaulich, dass ich selbst glaubte, meine Tochter konne fur unsre Absicht nirgends besser als in Berlin, sobald er nur da seyn wurde, aufgehoben seyn; als ob das alles so am Schnurchen ginge, als ob die Madchen immer gutem Rathe folgten, zumal wenn er grade ihre Lieblingsideen bestreitet! Es wurde nun auch noch verabredet, dass ich an meine Nichte, Karoline Falk, schreiben, und sie recht herzlich bitten sollte, die Mitaufsicht uber meine Tochter zu ubernehmen. Diese Nichte war in Berlin an einen Mann, der in einer guten Bedienung stand, verheirathet. Ihn kannte ich wenig, sie aber als eine Person, die ihrem Geschlechte Ehre machte. Sie war es auch, die Julchens Religionsunterricht bei einem wurdigen Geistlichen besorgte, welches mir einen Stein vom vaterlichen Herzen gewalzt hatte.
Diese Unterredung stimmte mich so gut, dass ich den ubrigen Theil des Abends mit leidlichem Anstande der faden Unterhaltung beiwohnte. Freilich war's kein Schatten von dem Vergnugen, das mir dieser Besuch meiner Tochter eigentlich gewahren sollte; doch, genug von diesem Tage! Der folgende verstrich eben so unter seelenlosen Gerausch in des Forstmeisters Hause; nur bemerkte ich mehr noch, als vorher, dass Julchen mit der mir so furchterlichen Mariane innigst vertraut war, woruber ich in neue Besorgnisse gerieth, um so mehr, da Mariane Julchen bedeutend drohete: sie wolle es ihrem Bruder, dem Kornet, sagen, wenn sie so viel nach dem Pedanten (das war, mit Ehren zu melden, mein armer Eiche) hinuberkukte. Ich nahm den Abend Julchen ernsthaft vor; sie entschuldigte sich aber so kunstlos mit Marianens ubergrosser Lustigkeit, dass ich mich nur zu leicht beruhigen liess.
So verstrichen die Tage, auf deren Genuss ich mich so innigst gefreut hatte, in einem ununterbrochenen Wirbel von Faseleien und Kleinigkeiten. Er war so ansteckend, dass keiner von uns an ein herzliches Gesprach denken konnte. Bald wollten die Damen Schlitten fahren, bald da-, bald dorthin; das war eine Rastlosigkeit, ein bestandiges Abwechseln der Zeitvertreibe, und dennoch genossen sie nie des Augenblicks, sondern sehnten sich nach dem, was erst noch kommen sollte. Bei jedem Schritt den wir thaten, bekam sowohl die tiefgelahrte Erzieherin als ihre Untergebnen Anlass, ihre grobe Unwissenheit uber jeden Gegenstand des gemeinen Lebens an den Tag zu legen. Z.B., die grosssprechende L i n d e n f e l s hatte in ihrem Leben noch nicht daran gedacht, woher die Wolle kame; sie war ausser sich vor Verwundrung, dass die einfaltigen Schafe doch so nutzlich waren! Von der Baumwolle habe ihr maitre de geographie ihr gesagt, sie wuchse en Italie an sehr hohen Baumen. Wenn ich dem Affchen dann erklarte, wie es mit diesem oder jenem zuginge, nahm Madame Brennfeld, der es ohnedem zu geringfugig war, sich davon zu unterhalten, mir die Worte aus dem Munde, setzte mit kalten, nachlassigen Tone die Erklarung fort, und sagte gewohnlich das Gegentheil von dem, was ich zu sagen hatte. Aber ihre Selbstgenugsamkeit liess sich nicht irre machen; uber den einfachen Mechanismus des Pfluges sprach sie ein Langes und Breites, und als es zur Sache kam, hielt sie die Egge fur den Pflug.
Sultan, der alte respektable Haushund, sprang Julchen freudig entgegen, als er sie ansichtig wurde. Er war, so zu sagen, ihr Milchbruder; denn bei ihrer Geburt hatte er der Mutter den Uberfluss an erster Kindesnahrung abgesogen. Sie erwiederte seine Liebkosung, wie seine lang bewahrte Treue es verdiente. "Fi, Julie," rief Madame, indem sie selbst mit allen ihren jungen Ganschen, voll Grausen, zurucksprang; "Fi! wer wollte sich mit einem Hunde abgeben! Uberhaupt finde ich nichts fader, als diese abgeschmackte Neigung gegen Thiere. Ich glaube, Julie hat ihren Hanfling lieber als uns alle. Ich sage ihr so oft" sagte sie, sich gegen mich wendend, "dass man seine Zeit wohl besser anwenden konne, als sie mit Thieren zu vertandeln." (Ja, dacht' ich, z.B. man kann in der Zeit einige Robbers W h i s t spielen!) Laut sagt' ich: nun, das freut mich doch, dass Julchens Sinn fur diese kleinen schuldlosen Freuden noch nicht abgestumpft ist! Was das Fade betrifft, so kann man Friedrich den Zweiten, der sich viel mit Hunden abgab, wohl eben nicht beschuldigen, dass er so gar fade gewesen sei. Wenn Julchen nicht so viel Zeit auf Spiel oder zweckloses Umherstreifen verschwendet, wird sie immer Zeit genug behalten, dieser kleinen unschuldigen Neigung nachzuhangen, fur die ich ihr kleines Madchenherz recht geflissentlich gebildet habe, damit keine der zarten Neigungen, die der Schopfer in die Seele des Weibes legte, unentwickelt bliebe. Und wie so manches holde Blumchen mehr streut dies auf ihre Pfade hin! Wohl meiner Tochter, so lange sie noch mit Vogelchen und Hunden tandelt! Leider wird der Aufenthalt in der Stadt wahrscheinlich die Zeit fruher herbeifuhren, wo sie diese Spielzeuge mit weniger unschuldigen und kostspieligern vertauschen wird!
Diese ganze Apostrophe diente zu nichts, als die Madame zu uberzeugen, ich sei ein einfaltiger Landtropf, dem es nicht der Muhe werth sei, die Schatze ihres besseren Erkenntnisses zu eroffnen. Da es des Tages nur zu viel Auftritte der Art gab, war ich beinahe froh, als sich das plappernde hirnlose Volkchen zum Abschied anschickte. Ich ermahnte noch vorher meine Tochter mit vaterlichem Ernst, sich fest an das, was i c h sie gelehrt hatte, zu halten, und sich nie von dem Modeton, der nach einer gemissbrauchten Jugend ein freudenleeres Alter gebiert, hinreissen zu lassen. Lass es, sagt' ich, mich nie bereuen, dass ich mir meine Einwilligung habe abschwatzen lassen. War' es nach mir gegangen, wir verlebten hier noch stille, frohe Tage mit einander. Julchen war nicht ungeruhrt, aber doch fuhlt' es mein, auf die Liebe dieser Tochter eifersuchtiges, Herz, dass sie uns nicht mehr so ungern verliess. Die scharfaugige Erzieherin hatte sich bei meiner Frau besonders beliebt zu machen, und, als wahre, schlaue Kennerin, ihre Schmeicheleien an dem rechten Orte anzubringen gewusst. Auch hat sicherlich jedes Lob, das sie den Talenten der Tochter mit freigebiger Zunge spendete, ihr ein Fasschen Butter, ein Stuckchen Leinen, ein Dunenbett, oder sonst ein Kontingent zur Wirthschaft eingebracht. Sie schied mit ubertriebenen Freundschaftsversicherungen. Sie war so h o c h s t u n g l u c k l i c h , uns schon verlassen zu mussen, und auch wieder s o s e h r g l u c k l i c h , unsre i n t e r e s s a n t e Bekanntschaft gemacht zu haben; dann machte sie wieder das A b s c h i e d n e h m e n so unglucklich, und bald darauf war sie so g l u c k l i c h , sich mit der Hoffnung, uns bald in der Stadt zu sehen, trosten zu konnen. So ging es in einem Athem fort. Julchen wollte noch einmal kindlich an mein Herz eilen; aber ihre Mariane rief: "Komm, Liebe! was machst Du Dir das Herz schwer?" Julchen folgte ihrem Ruf, stieg in den Wagen, warf mir noch einen Kuss, ganz im neuesten Styl, zu, und hin rollte der Wagen. Ich sah ihm wehmuthig nach, raffte mich zusammen, und ging an meine, indess ziemlich gehaufte Arbeit; ein Rath, den ich jedem gebe, dem es Ernst ist, sich zusammenzunehmen.
Bis jetzt war die Bildung und Erziehung meiner Kinder meine grosste Sorge, und mein Hausstand beinahe ununterbrochen glucklich gewesen; unsre stillen genugsamen Herzen hatten auch den bosen Tag fur gut genommen, weil der Herr beide werden lasst. Jetzt sollten wir auch Menschentucke erfahren. Meine Frau war von einer ihrer alten Tanten zur Erbin eingesetzt worden; ein anderer Verwandter protestirte dagegen, und da mir nun die Erwerbung dieses Vermogens ganz rechtmassig schien, hielt ich's, meiner Kinder wegen, fur Pflicht, mein Recht zu behaupten. Auf diese Art wurde ich in einen weitlauftigen und kostspieligen Prozess verwickelt. Meine gute, gar zu empfindliche Frau nahm sich diesen Vorgang, und den Verdruss, der mir daraus erwuchs, so zu Herzen, dass sie in eine Schwermuth fiel, die ich weder durch vernunftige Vorstellungen, noch durch Liebkosungen zerstreuen konnte. Der Prozess erforderte viel Reisen nach der .... schen Regierung; das nahm Zeit weg, und meine Wirthschaft litt sichtbar darunter. Ich sah mich genothigt, eine Wirthschafterin ins Haus zu nehmen, die aber hochst unredlich haushielt. Sie verfuhrte das Gesinde, und das unbestechbare verlaumdete sie. Julchen war noch zu jung und ungeubt, einer so schweren Wirthschaft vorzustehen. Mein Prozess wurde immer verwickelter, und meine Frau immer kranker. Der Arzt, den ich kommen liess, schuttelte den Kopf; es war die Auszehrung. Ihre Gemuthskrafte waren so abgestumpft, dass sie auch nicht einmal nach ihren Kindern verlangte. Ich sah die Redliche vergehen, und verging vor Schmerz beinahe mit ihr. Mein theilnehmender Freund E i c h e war schon, seit Ostern, in seine neue Stadtpfarre eingezogen. Seine Stelle bei uns war mit einem jungen Manne besetzt, der den Bauern fur sein Leben gern Freiheit und Gleichheit gepredigt, und die franzosische Vernunftreligion gelehrt hatte, ware die liebe Obrigkeit und der Landrath nur nicht gewesen, der die Kantons fleissig bereisete. M a r a t war sein Heiliger, und R o b e s p i e r r e mordete noch nicht genug. Oft ging er bei Wind und Wetter dem Zeitungsboten Meilen Weges entgegen. Meinethalben mochte er, wenn er mir nur auch meinen Sinn verstattet hatte; aber dieser Enrage schlug oft in seinem revolutionnairen Eifer mit der Faust auf den Tisch, und weckte meine arme Kranke, wenn sie in heissersehnten Schlummer gesunken war. Das schreckte mich von seinem ungelenkigen Umgange so ab, dass ich mich verlaugnen liess, wenn er mit neuen Zeitungen angesprengt kam. Es fehlte mir also durchaus an einem theilnehmenden Freunde, da mein Leiden zu schwer wurde, als dass ich's allein ertragen konnte. Jetzt fuhlte ich's, wie wohl dem Menschen ist, wenn er sich den Gedanken an Gott nicht zu fremd hat werden lassen; wenn Kreuz und Noth hereinbricht, ist die ununterstutzte Vernunft eine zerbrechliche Stutze! Zwar sang ich keine Danklieder, als mein frommes Weib an meinem Herzen verschied; auch vermocht' ich nicht, so gleich zu sagen: was Gott thut, das ist wohl gethan; aber mein Herz verschloss sich nicht widerspenstig den Trostungen der Religion, die ich, in ihrer ganzen Kraft, auf meine Seele wirken liess.
Meine Freunde werden hier dem schwergebeugten Herzen gern einen Ruhepunkt verstatten. Wer eines solchen Weibes ohne innige Ruhrung gedenken kann, war nicht werth, an ihrer Seite zu leben. Ich habe ihrer kleinen Schwachen und Eitelkeiten erwahnen mussen, in so fern sie dem Schicksale meiner Tochter eine Richtung gaben, die nicht diejenige war, welche ich ihm zu geben wunschte. Aber straflich war's, gedachte ich nicht auch ihrer ungeheuchelten Frommigkeit, ihres reinen, unbefleckten Lebens, ihrer Treue in Erfullung aller hauslichen Tugenden, und der unverbruchlichen, zartlichen Liebe gegen mich. In diesem allen konnte sie ein Vorbild ihres Geschlechts genannt werden. Und was war sie mir dennoch durch ihren hellen Sinn fur jede Art von wirthschaftlicher Ordnung! In allen Fachern des Hauswesens hinterliess sie Denkmaler ihres Fleisses und Ordnungsgeistes. Sie verstand in einem hohen Grade, Wohlthatigkeit mit vernunftiger Sparsamkeit zu verbinden; eine Tugend, ich meine diese letzte, der wir Manner nicht immer mit der gehorigen Achtung begegnen, weil sie mit unsern, im ehelosen Stande angenommenen Gewohnheiten oft im Widerspruche steht. Wir ubersehen im Unmuthe oft, wie viel wir von dem Wohlstande und der Bequemlichkeit, die sie um uns her verbreitet, ihr zu verdanken haben. Diesen Vorwurf habe ich freilich nicht auf mich geladen; denn ich fuhlte in einem hohen Grade, was die Verbindung mit diesem wurdigen weiblichen Wesen seit meinem Justiziariat aus mir gemacht hatte. Die Entwicklung so mancher guten, mir selbst unbewussten Anlage, den Sinn fur hausliche Ordnung und alles das, worin uns das weibliche Geschlecht so weit uberlegen ist, verdanke ich der treflichen harmlosen Seele, uber deren Aschenhugel noch am spaten Abend meines Lebens manche Thrane hinfliessen wird. Der Tod meiner Frau gab meiner damaligen Empfindungsart eine ganz entgegengesetzte Richtung. Meine liebsten Zeitvertreibe wurden mir gleichgultig, und selbst das sonst immer rege Gefuhl fur meiner Kinder Wohl schien darunter zu leiden. In Ansehung meiner Tochter beruhigte ich mich eine Zeitlang ganzlich mit den Nachrichten, die sie mir selber von sich gab, und die E i c h e mehrentheils bestatigte. Es ging aber dem redlichen Manne, wie es vielen jungen und auch wohl alten G e l e h r t e n geht, es fehlte ihm an Weltkenntniss und hinreichenden Erfahrungen, die besonders ein Geistlicher nur selten zu erlangen Gelegenheit hat. E i c h e sah und urtheilte mit dem partheiischen Blikke der Zuneigung; sein wohlwollendes Herz liess ihn nur die gute Seite erblicken, wie ich schon an ihm gewohnt war, und wodurch er mein strengeres Urtheil zur Partheilichkeit hinneigte. Ich nahm mir von Zeit zu Zeit vor, nach Berlin zu reisen, und selbst zu sehen; es kamen mir aber so mancherlei Hindernisse in den Weg, dass gegen anderthalb Jahr verstrichen, ehe ich meinen Vorsatz ausfuhren konnte. In dieser Zwischenzeit verlor ich meinen Prozess, und liess meinem, noch immer wunden Herzen eine zweite Ehe aufschwatzen. Ein reiches Madchen nahm die Stelle meiner geliebten Frau, zwar nicht in meinem Herzen, doch aber in meiner Haushaltung ein. Nur der offenbare Verfall alles dessen, was die geliebte Selige, durch so redliche Anstrengung eingerichtet hatte, bewog mich zu dem mir selbst so fatalen Entschlusse, meine Kinder Stiefkinder werden zu lassen. Meine zweite Frau hatte die alltaglichsten Vorurtheile gegen Stiefkinder und war gegen die ihrigen, die sie noch nicht einmal kannte, schon so eingenommen, dass ich keines von den Dreien zur Hochzeit einladen durfte. Von Julchen erhielt ich bei dieser Gelegenheit einen kalten abgezirkelten Brief, der mein eingeschlummertes Gefuhl aufs lebhafteste erweckte und mit Bitterkeit erfullte. Von meinem Herzenskinde vermochte ich das nicht zu ertragen, nun wollte und musste ich nach Berlin, so bald die Erndte vorbei seyn wurde. Das stete "Gut und Gut seyn lassen" des gar zu gutmuthigen Eiche fing an mir verdachtig zu werden. Julchens Briefe bewiesen mir nur zu sichtlich, dass eine bedeutende Veranderung mit ihr vorgegangen seyn musste. Ihre einfache ungezwungne Schreibart war so merklich von einer aufgeregten Phantasie zu den hochfliegenden Ausdruck gewisser Romane hinaufgeschroben, dass ich das Madchen nothwendig fur eben so verandert, wie ihre Briefe, halten musste. Die Fortschritte ihrer sogenannten feinern Ausbildung, und die Wirkung der Pensionserziehung nicht aus den Augen zu verlieren, werde ich alles, wo sie selbst spricht, wie es der Zeitfolge nach hieher gehort, beilegen.
Zuerst die Fragmente ihres Tagebuches, wie sie es zu verschiednen Zeiten uber ihr Herz gehalten hat. Vom Marz. Ich nahere mich der heiligsten und ehrwurdigsten Handlung meines Lebens. In kurzem werde ich mein Glaubensbekenntniss ablegen. O dass meine immer und immer gleich geliebte Mutter das nicht erlebt hat! Wie wurde ihre fromme Seele zu der meinigen gesprochen haben! Sie wurde mich sanft uber die Leere, die ich mit Schrecken in meiner Seele erblicke, getrostet haben! So war es sonst nicht. Ach ich lohne die treue Sorgfalt meines rechtschafnen Vaters nicht wie ich sollte; das bekenne ich mir wehmuthig! Wie innig erhob sich sonst mein Herz, wenn ich in kindlicher Einfalt betete! Wie dankte ich Gott fur jeden einfachen Genuss meines stillen harmlosen Lebens. Ach nein, nein, so ist es nicht mehr. In dem ewig umtreibenden Kreise abwechselnder Zeitvertreibe bleibt das Herz furchterlich leer. Mein verengtes Herz ist ein Tummelplatz kleinlicher Leidenschaften geworden. Es ist mir augenscheinlich gewiss, dass das Kartenspiel zur Verunedlung meines Herzens am starksten mitgewirkt hat. Auch nicht die kleinste Kraft ist mir geblieben, mich zu meinem Schopfer im Gebet zu erheben. Ich sinke gleich wieder kraftlos und erschlafft zu Boden, wenn ich auch auf einen Augenblick Muth gefasst habe, den Versuch zu wagen. Dann habe ich mir wohl das Herplappern einiger Formulare, aus welchem unsre sogenannte hausliche Andacht besteht, als Gebete angerechnet. Wie kalt blieb das Herz! Aber es muss, es s o l l anders werden, und dazu wird die heilige Handlung mich starken. Am Charfreitags-Abend.
Noch schwimmt meine Seele in den erhabenen seligen Gefuhlen, von welchen ich, in dem wichtigen Augenblicke, da ich das heilige Abendmahl genoss, bis zur Erschopfung uberwaltigt wurde. Der Himmel ging in meiner Seele auf! Gott! Gott! sollte ich je aus diesem seligen Zustande wieder in jene trostlose Lauigkeit zurucksinken konnen? Nein, stark und fest ist mein Entschluss, nur Gott und das Gute will ich lieben! Sahe mein lieber Vater in mein Herz, Freudenthranen wurde er weinen! Wie entsetzlich leichtsinnig ist doch diese Mariane! Wie sie meine Ruhrung verspottete! Wie unheilig war ihre Neckerei uber das, was sie Bigotterie nannte! O mein Gott, du Heiligster! sieh mich vor dir in den Staub geworfen, und nimm das Opfer meines Herzens gnadig an! Nie, nie soll es sich wieder den leichten lockenden Tonen meiner Gespielinnen offnen. Nur zu oft liess es sich hinreissen! Dies Tagebuch, das ich schon manchmal auf meines Vaters dringende Bitte uber mich hielt, soll mir das heilige Band seyn, dass mich an meinen jetzt gefassten Vorsatz und Entschluss knupft. In diesem Tone der grossten Exaltation, fuhr sie acht Tage lang fort. Die feierliche Handlung hatte auf ihre Imagination so lebhaft gewirkt, dass sie sich in ihrer Moralitat, auf welche ihr wurdiger Religionslehrer sie aufmerksam gemacht hatte, hinlanglich gegrundet zu seyn dunkte. Sie hielt sich in allem Ernst uber die sie umgebenden Thorheiten erhaben. Wie es aber den blossen Empfindungschristen mehrentheils geht, das Kopfchen kuhlte sich nach und nach wieder ab, und es erfolgte in dem Tagebuche, w e l c h e s e i n heiliges Band zwischen ihr und i h r e m S c h o p f e r s e y n s o l l t e , eine traurige Lucke. Und das musste so seyn, wenn ich den Einfluss mit in Anschlag bringe, welchen der strafbare Leichtsinn ihrer Aufseher sowohl als ihrer Gespielinnen, auf das junge unerfahrne Madchenherz naturlich haben musste. Ich erfuhr nachher durch besondre Veranlassung, dass die philosophische Madame Brennfeld nebst ihrem philosophirenden Vetter, dem Kandidaten, J u l c h e n z u r G e s e l l s c h a f t mit zum Abendmahl gegangen sei, weil das junge Ding so viel Muthlosigkeit gezeigt hatte. Vor- und nachher hatte der Herr Kandidat seine, vom Doktor B a h r d t geschopfte, Weisheit ausgekramt, und der lieben Jugend insonderheit die Auferstehungslehre nach Bahrdtischen Grundsatzen erklart, bei welcher Gelegenheit Madame Brennfeld ihnen weidlich vom hochsten Moralprinzip und kategorischen Imperativ, wovon sie nicht das geringste verstand, vorperorirt hatte. Diese schonen, gemissbrauchten Ausdrucke erdachte wohl der edle Weise nicht, um sie atheistischen Weibern zur Losung dienen zu lassen. Im August schrieb sie wieder an dem Buche: Mein Vater (bemerken Sie, lieber Seelmann, sonst hatte sie mir immer zartliche Beinamen gegeben; hier hiess es schon schlechtweg "mein Vater") wird mich vielleicht in diesem Herbste besuchen. Was ist das? Was ist denn in der Vorstellung, das mich erbeben macht? Freude ist dies nicht; denn was weiss Freude von Furcht? Mein Vater wird kommen, und nach dem Zustande meines Herzens forschen. Er sieht so scharf, beobachtet so genau, wird die unverhaltene Offenherzigkeit von mir fordern, die er sonst an mir zu loben pflegte; und diese verliert sich doch so leicht, wenn man sich nicht mehr taglich sicht. Zwar thue ich wohl nichts boses, aber der Vater fordert so viel, und in meinen Jahren kann man doch nicht so ernsthaft an Gott denken, und sich mit diesen erhabenen Gedanken beschaftigen, wie ein Mann in den seinigen. In meiner Lage ist es nicht moglich, sich an regelmassige Andachtsubungen zu binden. Der Morgen ist so kurz, dass er kaum zu den Lektionen zureicht, und des Abends ist man zu schlafrig, oder von den mancherlei Gegenstanden, die man um und neben sich hat, zu zerstreut, um sich zum ernsthaften Nachdenken zu sammeln, oder das Herz zum Gebet erheben zu konnen. Als ich Madame Brennfeld neulich meine Bekummernisse daruber mittheilte, beruhigte sie mich dadurch, dass sie mir aus einem Buche vorlas, das Gebet sei uberflussig, es gehe alles seinen einmal von Ewigkeit her bestimmten Gang, Gott verandere, unsrer Bitten wegen, nichts an seinen weisen Planen. Auffallend war's mir schon immer, dass mir ohne Gebet dasselbe Gute widerfahrt, dessen ich genoss, als ich noch regelmassig und andachtig betete. Doch genoss ich damals, ich kann's nicht laugnen, eine Ruhe, eine Zuversicht, ich war so gut, so menschenfreundlich, und ging mir's nicht ganz nach meinem Herzen, dann betete ich, und die Zuversicht, dass Gott mir helfen werde, machte mich immer recht froh in meinem Gemuth. Aber das ist nun freilich leider! vorbei. Ich wollte doch, dass ich in meinem Leben den hasslichen Kandidaten nicht gesehn hatte! So oft ich mich zu trage zum Gebet fuhlte, wiederholte ich mir was Madame las; doch wollte ich noch, zu meiner bessern Beruhigung, mich bei dem Vetter der Madame Raths erholen. Der lachte aber, der leichtsinnige Mensch, und sagte: ein hubsches Madchen musse sich den Kopf nicht mit dergleichen zerbrechen, das verderbe den Teint. Seitdem nannte er mich immer seine kleine Philosophin. Mein Vater empfahl mir die Freundschaft des Predigers E i c h e . Ich gestehe, dass ich die Rechtschaffenheit dieses Mannes verehre; und ich wurde allerdings mehr Zutrauen zu ihm gefasst haben, hatte mich die liebe lose Mariane nicht mit ihm aufgezogen. Auch scheint mir sein Leben so streng, und er ist so angstlich gewissenhaft, dass ich armes, schwaches Madchen in seinen Augen gar zu fehlerhaft erscheinen wurde. Lieber Himmel, die Zeit der Jugend ist ohnedies fluchtig genug! sollte es denn so unrecht seyn, sie zu geniessen? Den 24sten.
Guter Gott! Was ich mir auch sagen mag, und so gern ich mich betauben mochte, so fuhle ich doch im Innersten, ich fuhle es recht bitter, dass etwas in mir liegt, womit ich nicht werde bestehen konnen, wenn mein Vater mich zur Rechenschaft auffordert! Mein Vater! sage ich? Ach! wenn's d e r nur ware! aber eine Stimme, tief in meinem Innersten, ruft mir zu: "Du bist nicht, was Du seyn sollst! wiege Dich nicht in betaubenden Schlummer ein!" Was Madame und ihr Vetter; der Geistliche, auch sagen mogen, es giebt so eine Stimme. Wer sie nur seyn mag? Gestern war ich seit langer Zeit zum erstenmal wieder mit der Cousine F a l k in der deutschen Kirche. In der franzosischen, in die uns Madame Poulet zur Sprachubung hineintreibt, bin ich gar nicht andachtig; die Sprache kommt mir nicht so feierlich vor, die Gesange erbauen mich nicht, und die geschwind gesagte Predigt verstehe ich nicht. Daruber habe ich mich beinahe schon gewohnt, die Kirche als einen offentlichen Ort zu betrachten, wo wir unsern Putz auslegen, um ihn sehen zu lassen. Wie wurde ich nun durch das schone Lied von Gellert plotzlich getroffen: "N a c h e i n e r P r u f u n g k u r z e r T a g e ," u.s.w., und dann E i c h e n s Predigt, uber die Rechenschaft, die wir von dem Gebrauch unsrer Zeit werden ablegen mussen. Jeder Zug traf besonders m i c h , und es war mir, als ware allein unter allen Zuhorern i c h der ungerechte Haushalter. Meine Thranen flossen reichlich; denn ich versetzte mich zuruck in die Tage meiner kindlichen Unbefangenheit, wenn Eiche in unsrer Lindenauischen Kirche so sanft und herzlich wie zu Brudern und Schwestern sprach. Damals war ich eine treue fleissige Haushalterin, unter dem Schutz und Schirm meiner liebenden Eltern! Ich verlor mich ganz in diesen Betrachtungen. Auf einmal wurde ich den Kornet Lindenfels gewahr; er hatte seine Augen starr auf mich geheftet, und flusterte mir im Vorbeigehen zu: "Heilige Juliane, bitte fur uns!" Ich kam aus meiner ernsthaften Fassung, es durchlief mich wie ein Feuer, meine Gedanken lenkten sich auf so fremde und entgegengesetzte Gegenstande, dass ich nur noch dem Korper nach in der Kirche blieb, und das letzte Lied gedankenlos mitsang.
Nach der Predigt war E i c h e bei der Cousine. Seine Gute beugte mich diesmal; ich wagte es kaum, ihn anzusehen. Er kann Dir in der Seele lesen, dacht' ich, und das peinigte mich so, dass ich mich nicht lange aufhielt, sondern unter einem Vorwande zu Hause ging. Da fand ich den leichtfertigen Kornet, der den ganzen Auftritt schon erzahlt hatte. Madame Brennfeld lachelte, und sagte: "Ihrer Jugend kann man wohl den Irrwahn zu gute halten; ihr guter Kopf lasst mich hoffen, dass sie einst selbst denken, und etwas mehr als bloss empfinden wird. Ihr Kopf ist noch ganz unphilosophisch dunkel, und mit verworrnen Prinzipien angefullt." Der Kornet horte nicht drauf, und klimperte auf dem Klavier: "Vive le vin, vive l'amour," etc. Nun ich wieder allein bin, fuhle ich, dass ich nicht verdiente, ausgelacht zu werden. Die Leute haben aber so etwas Uberredendes: Madame mit ihrer Gelehrsamkeit wohl eben nicht; aber Lindenfels mit seinen brennend schwarzen Augen, die einem immer ins Herz blitzen, so dass ich oft meine eignen und gewiss nicht schlechtern Einsichten verlaugnen kann. Spaterhin bekam ich noch einige Briefe von Julchen, uber ganz allgemeine Gegenstande, und in einem kalten, zuruckhaltenden Tone abgefasst. Dagegen emporte sich mein ganzes Vaterherz. Der Erwerb in der Wirthschaft durfte mir nicht wichtiger, als die Wohlfahrt meines Kindes seyn, und ich flog nach Berlin, ehe die brennenden Augen des Kornets mein armes Julchen ganz verzehrten. Ich stieg bei Karolinen ab; sie nahm mich kindlich auf; ihr Mann war eben nicht zugegen. Nach der ersten Bewillkommung bat ich sie, mir jemanden zu geben, der mich zu meiner Tochter fuhrte. Sie bestand darauf, ich solle Julchen nicht so plotzlich uberraschen; sie konnte zu heftig erschrekken. Erschrecken? Vor ihrem Vater? sagt' ich. Hat sie nicht Ursach sich zu freuen, so mag sie immerhin erschrecken! Ich liess nicht ab, bis Karoline mir ihren Bedienten mitgab. Nun ging's an ein Traben aus einer Strasse in die andre; ich dachte, der Kerl hatte mich zum besten, wenn er aus einer meilenlangen Strasse in eine noch langere einlenkte. Was um und neben mir vorbeirauschte, hupfte und stolperte, bemerkte ich nur fluchtig. Mein ganzer Sinn stand auf den Empfang gerichtet, den ich zu erwarten hatte. "Hier ist es," sagte jetzt der Bediente, und zeigte auf eine schone Treppe, die wir hinauf mussten. Mir schlug bangahnend das Herz. So rasch ich gelaufen war, so langsam und bedachtlich stieg ich die Stufen hinan, und befand mich endlich zwischen zwei Stubenthuren, vor denen ich, wie ein furchtsamer Schulknabe stand, unentschlossen, an welche ich klopfen sollte. Endlich wahlte ich die, vor welcher es wie Bisam und Moschus roch. Auf mein leises, bescheidenes Klopfen erschien ein keckes, freches Hausmadchen; sie betrachtete mich von oben bis unten, und fragte trotzig: zu wem ich wolle? Als ich Mamsell Grunthal nannte, bekam ich zur Antwort: "Die ist nicht zu Hause!" und husch flog die Thur wieder ins Schloss. Die kecke Berlinische Jungfer stand mir nicht weiter Rede; und ich hatte noch lange warten, oder unverrichteter Sache abziehen mussen, ware nicht ein kleiner leichtfussiger Hase, in einer bunten Jacke, vor mir vorbeigehuscht; er trallerte sich aus vollem Halse ein Stuckchen, holte aus seiner Tasche einen Drucker, schloss auf, und schlupfte in die Thur hinein, vor der ich, blode wie ein Bettler, stand. Betroffen genug, rief ich ihm nach, mich einzulassen. "He! was sukt her ihr?" rief die Fratze zur Thur hinaus, ohne mich anzusehn. Dies war der Tanzmeister, der die Affchen mit Grade kokettiren lehrte. Er war indess so hoflich, mich anzumelden, und so wurde ich doch wenigstens in das Vorzimmer eingelassen. Die Frau Prinzipalin sei nicht zu Hause; hatte ich aber etwas zu suchen, so konne ich mein Gewerbe bei der Sousgouvernante anbringen, hiess es. Mit unsaglicher Muhe bedeutete ich der alten harthorigen Frau wer ich ware, und was ich wollte? Sie verstand zehnmal unrecht, und schon riss das letzte Fadchen meiner Geduld. Endlich entschlupfte ein kleines schlaues Ding dem Tanzmeister, und schrie der alten Frau aus Leibeskraften ins Ohr: ich sei der Monsieur Amtmann, Juliettes Papa, und wolle diese sprechen (solch' buntschackiges, verstummeltes Franzosisch ist in diesen Treibhausern einheimisch). "Juliette?" sagte die Alte betreten "mais vous savez, qu'elle n'y est pas!" Wo ist sie denn? schrie ich, als stande ich auf dem Wollmarkt. "Sie is gegange sik promenir," antwortete die Alte, auf deren grundehrlichem Gesicht ich die gesagte Unwahrheit sehr deutlich sah. Das ist mir sehr unangenehm: ich werde sie also wohl erwarten mussen; sagt' ich verdrusslich. "O, da wurden Sie lange warten mussen!" versetzte die Kleine, die schon wieder vor dem Tanzmeister zappelte, "sie wird spat wiederkommen." Sie wissen also wo sie ist, Fraulein? "Ich weiss es recht gut," sagte das Ding vertraut; "sie haben mir aber verboten, es wiederzusagen." Meine Besturzung stieg aufs hochste. Endlich drang ich es dem Katzchen ab, dass Julchen von Marianen zu einen Pikkenik abgeholt sei, Mariane sei jetzt bei ihrem Vater, und wurde in der andern Woche den Herrn von K ... heirathen; der heutige Pickenik werde in dem **** schen Garten gehalten. Kann ich da wohl hingehn? fragte ich das Kind. "O freilich, es kann ja ein jeder hin; es ist ein offentliches Haus." Schnell entschloss ich mich, hinzugehen, und meine leichtsinnige Tochter eine Zeitlang unbemerkt zu beobachten. "Da zeigt Sie jedes Kind hin!" sagte die Kleine, die sich ein boshaftes Fest daraus zu machen schien, Julchen in Verlegenheit zu setzen. Ich liess mich nach den **** schen Garten hinbringen, und folgte meinem Fuhrer gewiss mit schwerem Herzen. Unter dem Gewuhl der aus- und eingehenden Bedienten war es leicht, mich unbemerkt in den Garten zu schleichen, und mich, dem Tanzsaale gegenuber, in eine Laube zu setzen. Julchen, mein stilles, sanftes Julchen, hier, in einem offentlichen Hause, verstrickt in wilde Tanze! diese Vorstellung presste mir Thranen ab. Wer ist die Gesellschaft, die da tanzt? fragte ich einen Marqueur. "Das weiss der Himmel," antwortete der Mensch, "wie es mit den Pickenik's ist; alles bunt durch einander, Juden und Christen, wer bezahlen kann, und einen guten Rock auf dem Leibe hat!" Kennt Er aber gar keinen von dieser Gesellschaft? "Ein Paar junge Offiziere kenn' ich nur zu gut; sonst, glaub' ich, sind kaum sechs dabei, die einander kennen mogen." Jedes seiner Worte war mir ein Stich ins Herz. Wenn ich mir dagegen meine Tochter in ihrer ehemaligen liebenswurdigen Unschuld dachte! unter diesem bunten Haufen! Jetzt ging die Thur auf; ich verschlang den Anblick, so widrig er mir auch war. Es kamen Kerlchen zum Vorschein, Kerlchen, lieber Seelmann, die kaum noch das Leben zu haben schienen. Dieser fatale Saal sah viel eher einem geoffneten Krankenhause ahnlich, aus dem die armen Siechlinge herausschlichen, sich an Gottes Sonne zu warmen, als einem Orte der Freude. Es gingen viele aus und ein, alte und junge Knaben, geschminkte und fahle Gesichter; aber meine Tochter kam immer noch nicht zum Vorschein. Schon glaubte ich, die kleine Pensionsschlange habe mir etwas aufgebunden, als plotzlich die Musik aus einem englischen Tanz in einen wilden Walzer fiel. Nun flog Paar fur Paar vor der offnen Thur vorbei; Fraulein Lindenfels mit einem kleinen schwarzbraunen Pigmaen, den ich sogleich fur einen jungen Juden erkannte, dessen sittlicher Ruf eben nicht fein war; hinter ihr tummelte sich ach Gott! es war es war wirklich meine Tochter! Ein junger Kavallerieoffizier hatte sie fest umschlungen, und schwenkte sie in kleinen schnellen Kreisen herum. Eins verschlang des andern Blicke: Auge an Auge, Mund an Mund; der junge Lecker musste die Glut ihrer brennenden Wange fuhlen. Ich sprang bei dem Anblick, wie von einer Schlange beruhrt, auf, wollte sie dem Milchbart aus den Armen reissen, und was weiss ich, was ich in der ersten Besturzung alles wollte. Indess ich noch unschlussig da stand, war der Tanz zu Ende, und nun kam Paar fur Paar herausgeschlendert, und vertheilte sich in die Gange. Meine Tochter kam mit ihrem Tanzer zuletzt. Ich trat in meine Laube zuruck, die schmerzliche Beobachtung fortzusetzen, und meine Hitze sich abkuhlen zu lassen. Nachdem sie die Allee einigemal auf- und abgegangen waren, fuhrte der Offizier Julchen in die Laube dicht neben mir. "Aber sagen Sie mir, englisches Madchen," (so redete er sie an, indem er ihre Hand lange an seine Lippen druckte, welches sie nicht hinderte) "warum antworten Sie auf meine Briefe nicht? Ich hoffe, der schurkische Magot wird sie doch richtig bestellt haben?" Julchen schwieg, machte ein lappisch Gesicht, und sah schweigend auf ihren Facher. "O so sprechen Sie doch ein Wort! Wenn werden Sie doch endlich diese entstellende Blodigkeit ablegen?" Gottlob, Gottlob! mir walzte sich ein Stein vom Herzen, dass sie noch blode war. Gottlob, Gottlob! rief ich beinahe unwillkuhrlich. "Herr von Lindenfels," stammelte sie endlich, "ich schreibe nie an eine Mannsperson. Ihre Briefe habe ich bekommen; ich wurde sie aber nicht angenommen haben, hatte Magot sie mir nicht in Beiseyn von Madame gegeben. Sie wurde sie gesehn haben, wenn irgend ein Wortwechsel dabei vorgefallen ware." "Und was ware das fur ein Ungluck gewesen?" fragte Marianens Bruder, denn der war er "Glauben Sie's mir, meine Beste, ich ware reich, hatte ich so viel hundert Dukaten, als susse Briefchen von Friseurs und Tanzmeistern in Pensionen praktisirt werden! Ich stehe dafur, dass ihre weise Duenna wohl selbst zuweilen ein Auge zudruckt, wenn nur die Zufuhr nicht ausbleibt." "Fi donc, wer wird so arg sprechen!" sagte Mamsell Grunthal, albern geziert, und begleitete diese Worte mit einem Facherschlage. Der Bube verstand die Aufforderung, die das unerfahrne Madchen, ohne es vielleicht zu wollen, in diese Bewegung legte; er wurde dreister und zudringlich. Nun ist es Zeit, dacht' ich, stiess, was mir im Wege stand, um, riss mich durch das Laub, das sie von mir trennte, und stand, ohne noch zu wissen was ich sagen oder beginnen wurde, vor Julchen. Dem jungen Herrn war diese Unterbrechung sehr ungelegen, er sprang auf, und suchte mich zuruckzudrangen; ich aber war angewurzelt, wie eine Eiche. "Es ist mein Vater!" schrie meine Tochter, die starr und betaubt sitzen blieb, dann aber doch in meine unwillkuhrlich geoffneten Arme sturzte. Ich weinte und schluchzte wie ein Kind, nicht achtend, wie das Burschchen sich so breit machte. "Ungluckliches Kind! verdienst Du's, dass ich Dich mit dieser Inbrunst an mein Herz drucke?" Julchen antwortete mit keiner Sylbe, und hielt sich beide Hande vor die Augen. "Gott hat gewollt, dass Dein Vater in diesem Augenblicke zu Deiner Rettung herbeieilte!" Das Madchen war immer noch einer Ohnmacht nahe. Indess hatte der Herr Kornet sich aus dem Staube gemacht, wahrscheinlich um der Gesellschaft von dieser Wundererscheinung Nachricht zu geben. Wahrend der Zeit war ich wieder in so fern zur Besonnenheit gekommen, dass ich uberlegte: jedes Aufsehn wurde dem guten Namen meiner Tochter nachtheilig seyn; ich trostete sie also mit Liebkosungen, bis sie sich erholte. Aber mir in die Augen zu sehen, wagte sie nicht. Nun kam nach und nach die ubrige Gesellschaft herbei. Mariane uberhaufte mich mit Vorwurfen, wobei sie mich ganz vertraulich D u nannte. "Bist Du toll, Alter? Deine Tochter so auf den Tod zu erschrecken! Glaube mir, Deine Galanterie schmeckt nach der Amtsstube! Armes, armes Julchen! Und der Louis ist vor Schreck wohl gar davon geflogen?" So ging's in einem Athem fort, indess Julchens vermeinte Ohnmacht wohl funfzig Riechflaschchen in Bewegung gebracht hatte. Sie stand wie im Platzregen; die jungen Herren wollten durchaus das Verdienst ihrer Herstellung haben. Ich stellte mich dabei ganz munter und lustig, machte so tiefe Bucklinge und Kratzfusse, entschuldigte mein unverhofftes Eindringen wider meine eigene Erwartung so manierlich und kaltblutig, dass die Gesellschaft, nachdem einige junge Herren, die vielleicht die Unternehmer des Pickenik's seyn mochten, die Kopfe zusammengesteckt hatten, endlich ganz herablassend beschloss, (wahrscheinlich meiner schonen Tochter zu Liebe) mich an dem Feste Theil nehmen zu lassen. Ich nahm das Anerbieten an, sowohl aus Schonung fur meine Tochter, als auch, um einen Begriff von dem Tone der Gesellschaft zu bekommen, der mich dann schnell zu der Uberzeugung fuhrte, dass der ein Narr ist, der diesen sogenannten L u s t b a r k e i t e n eine der achten Freuden des Lebens, oder auch nur seine hausliche Bequemlichkeit aufopfert. Es wurde auch kein gescheutes Wort, kein einziger, auch nur einigermassen witziger Einfall vorgebracht; gar nichts, das des Belachens werth gewesen ware. Wer einen sogenannten Scherz, der nur Persiflage war, vorbrachte, musste seinen Einfall auch zuerst belachen; dann erst stimmten wohl einige aus Hoflichkeit, wenn der Witzling eine betitelte Person war, mit ein. Bei den Zweideutigkeiten, deren gar viele mit unter liefen, waren es allemal die Damen, die durch helles Gelachter ihrem Scharfsinne, auf Kosten ihrer Schamhaftigkeit, ein Kompliment machten. Sie erinnern sich der Zeiten, lieber Pastor, da die jungen Manner durch Schon- und Sussseyn, durch verunglucktes Kopiren des Werther, und anderer, minder treflichen Romane dieser Periode, bei vernunftigen Frauenzimmern Ekel erregten. Seit der Zeit ist das Kind mit dem Bade ausgeschuttet, die Ritterromane und Schauspiele haben Ton und Manier so derb, so zufahrend und zuruckschrekkend gemacht, dass ich die Madchen bedauren wurde, wenn auch sie sich nicht der zarten Weiblichkeit entschlagen hatten, und etwas affektirten, das D e u t s c h h e i t seyn soll; wie denn leider! so viel Missgriffe in dieser Hinsicht gemacht werden, und Rohheit oft fur Deutschheit gelten muss. Dass dieser dem Zeitalter gar nicht harmonische Ton noch gehort wird, der schon lange zu unsern Sitten nicht mehr stimmt, veranlassen die Dichter, welche die eisernen Manner der vergangenen Jahrhunderte durch ihre Dichtung so verschonert und oft zwitterartig darstellen, welche die Gediegenheit der vorigen Zeit, mit der Kultur und Urbanitat der jetzigen gepaart, in ein liebenswurdiges Gemalde bringen, das denn freilich Nachbildner reizt. Ein Berlichingen, ein Wittelsbach erhebt die Schwingen ihrer Phantasie; ein Richelieu, ein Orleans schmeichelt ihrer Sinnlichkeit. Und welchem Vorbilde folgen sie? Beiden; jenem in der Derbheit, diesem in der Sinnlichkeit. Wie steht es da aber um die Weiber, die solchen Mannern gefallen wollen? Lieber Seelmann, ich meine den grossen Haufen; denn vielleicht giebt es an keinem Orte in der Welt so viel ehrenvolle Ausnahmen, als in Berlin. Aber fur jemanden, der sein Kind diesem wogenden Meere anvertrauen soll, ist's denn doch uber alles schwer, den Klippen oder Untiefen auszuweichen.
Nach Verlauf einer Stunde hatte ich das alles satt und ubersatt. Mariane, als sie sah dass ich mich mit Julchen entfernen wollte, nahm mich schmeichelnd bei Seite, und strich mir die Backen. "Liebes Vaterchen, Du sagst doch der Frau S i r a c h (sie meinte die Erzieherin) nicht, dass Julchen hier mit mir geweJetzt nahm ich mein Tochterchen unter'm Arm, und m e n verzeihen, wenn Du es vergessen kannst, dass Du mich und Deine Aufseherinnen hintergehst, so will ich's zu vergessen suchen, dass Du der Liebling meines Herzens gewesen bist. Wahrend dieses, meinem Herzen so schmerzlichen Dialogs waren wir vor Karolinens Wohnung angekommen. Julchen weinte laut und trostlos; ich sprach ihr einigen Muth ein, denn sie jammerte mich innigst, und beschloss, den Vorgang niemanden merken zu lassen. Karoline bewillkommte uns, wie ich's an ihr gewohnt war, mit unendlicher Gutmuthigkeit; als sie Julchen aber so gebeugt und niedergeschlagen sah, erwahnte sie, zu des Madchens grosser Pein, dass sie mir's wohl abgerathen habe, Julchen nicht zu uberraschen. Die grosse Freude habe auch ihre Schrecken; denn sie glaubte nicht anders, als meine Tochter sei vor Freude und Uberraschung so bewegt. F a l k , Karolinens Mann, gefiel mir nur halb; er schien mir auch ein schwankendes, karakterloses Wesen zu seyn. Karoline liebte ihn zartlich, und ich hatte es keinem gerathen, gegen ihren Karl etwas einzuwenden. Nun wurde Eiche eingeladen, und so blieb Julchens Niedergeschlagenheit unter dem lauten Jubel des Wiedersehens ziemlich unbemerkt.
Gegen zehn Uhr brachte ich meine Tochter nach Hause. Das schon erwahnte schnippische Hausmadchen kam uns entgegen, und entschuldigte Madame Brennfeld damit, dass sie schon schliefe; flusterte aber Julchen laut genug zu, dass ich's horen konnte: "der Vetter ist drinn, und lieset noch." Ich legte meiner Tochter, zur guten Nacht, noch Verschiednes an's Herz. Thranen waren ihre einzige Antwort, als ob sie jede andere Sprache verlernt hatte. Nun ging ich in mein Nachtquartier, zu Falk's, zuruck. Dass die Eindrucke des vergangenen Tages jede Anwandlung von Schlaf fern von mir hielten, wird man, ohne mein Erwahnen, leicht glauben.
Ein nicht aufzuschiebendes Geschaft fordert meine Gegenwart, ich behalte mir daher die Fortsetzung auf gelegnere Zeit vor. Sie erfolgte diesmal in mundlicher Unterredung in Seelmanns Pfarrhause. "Der Herr Amtmann blieben da, wo Sie Ihre Tochter von dem Pickenik holten," fing die Frau Seelmann das Gesprach an. Ganz recht, antwortete Grunthal, ich blieb bei dem Pikkenik. Hier entfuhr ihm ein unartiger Fluch, den die Frau des Pastors mit einem eben so nachdrucklichen "Gott behute uns!" erwiederte. Ich habe Ihnen gesagt, dass ich die Nacht uber in Falk's Hause kein Auge zuthat. Morgens war ich der Erste im Hause, weckte Karolinen, entdeckte ihr beim Fruhstuck alles, was mir auf dem Herzen lag, und verschwieg ihr auch Eichens Absichten auf Julchen nicht. Die ehrliche Seele weinte mit mir, vertheidigte doch aber Julchen aus allen Kraften. "Der Grund ist noch gut," sagte sie; "was Sie beunruhigt, sind uppige Auswuchse, durch die Unart ihrer Mitschulerinnen hervorgebracht. Dies ist allenthalben der Fall, wo in dergleichen Anstalten viele junge lebhafte Menschen in enger Verbindung leben." Freilich, freilich sitzt da der Knoten; aber was ist zu thun? Wie helfen wir dem Ubel ab? F a l k meinte, das Beste sei: der sorglosen Erzieherin den Kopf tuchtig zu waschen, und Julchen in eine andere Pension zu bringen. Nein, sagte Karoline, Julchens guter Name wurde darunter leiden, wenn sie so plotzlich wegkame. Und was wurde dabei gewonnen werden? Die Mangel, welche der Onkel mit so vielem Rechte zu Herzen nimmt, sind nicht der Brennfeldischen Anstalt allein eigen, sie liegen in der Sache selbst. Mir ist kein Beispiel bekannt, dass ein Frauenzimmer ein solches Institut aus Gefuhl ihres innern Berufs zum Erziehungsgeschaft errichtet hatte; es ist bei ihnen nur Erwerbssache. Zwar giebt es hier Anstalten, wo beide Absichten so glucklich verbunden sind, dass man versucht wird, Liebe zur Sache fur die Haupttriebfeder zu halten; diese sind aber leider! mehr fur das erste Geschlecht, als fur das unsre errichtet. Und Frauenzimmer, welche den ehrwurdigen Namen Erzieherin oder Institutrize ganz unrechtmassig usurpiren, unternehmen es, der Jugend etwas geben zu wollen, was ihnen selbst fehlt: Bildung und Erziehung. Die fehlenden Talente hoffen sie durch einen Schwarm von Lehrmeistern zu ersetzen; unter diesen wahlen sie alsdann die wohlfeilsten, wobei denn naturlich die Wahl, in Absicht des moralischen Werthes dieser Menschen, nicht sehr strenge seyn kann. Meine Schwester wurde nach unsrer Eltern Absterben von dem Vormund in eine Pension gethan, wo die Frau Prinzipalin an dem ganzen Erziehungsgeschaft keinen andern Antheil nahm, als dass sie der Jugend einigen Unterricht im Putzmachen gab, wobei sie den armen jungen Madchen, wenn es ihnen nicht gerieth, manche Ohrfeige zutheilte. Uberhaupt stehen die meisten ihrem Berufe mit dem grossten Widerwillen vor; er ist nur traurige Nothwendigkeit. Wehe der Jugend, wenn die Erzieherin eine Kinderfeindin ist, und mit Ekel ans Werk geht. Bei der immer zunehmenden Menge der Erziehungsanstalten kann es einige geben, die weniger von den allgemeinen Mangeln haben; es konnen, auf den Rath einsichtsvoller Manner, bessere Lehrer gewahlt worden seyn; die Erzieherin selbst kann ein wurdiges Subjekt seyn: aber wie so selten verstehen Gelehrte den wahren Werth eines Weibes zu wurdigen! Wie so oft gilt ihnen Geschwatz fur innern Gehalt; Worte fur That; ein wenig Manier fur Wesen; Lekture fur Selbstdenken! Ach, und diesen Irrthum mussen Tausende bussen, die einer, durch ihre Aussenseite gefallenden, Frau in die Hande fallen! Wenn die Verfassung der burgerlichen Gesellschaft es auch nothwendig macht, dass die Sohne ausser dem elterlichen Hause die Quellen der Kenntnisse aufsuchen und benutzen mussen, so sollten doch die zarteren Blumen nicht so fruh vom mutterlichen Boden hinweg in fremde, kalte Erde verpflanzt werden. Wie viel Liebe und Wohlthaten fordert ihre Pflege? und wer kann Liebe verkaufen, oder mit Gelde bezahlen? Was soll ich aber mit Julchen anfangen? fragt' ich Karolinen, die von dem Eifer, womit sie perorirt hatte, recht roth geworden war; denn vieles und langes Reden lag nicht in ihrer sanften, stillen Natur. "Stimmt mein lieber Mann hierin mit mir uberein," sagte sie, ihrem Karl zartlich die Hand druckend, "so wohnt Julchen bei mir, bis sie heirathet. Indess ubt sie sich in der Stadtwirthschaft, und kann in Ruhe und Stille ihre Lehrstunden abwarten. Wir wollen ein Herz und eine Seele seyn, wenn Sie mir nur das liebe Madchen anvertrauen, lieber Onkel." "Den Augenblick sollen Sie sie haben, Nichte! Ob ich Sie Ihnen anvertraue? Ei, mit Leib und Seele soll sie Ihnen gehoren!" rief ich, so freudig, dass die Stube wiederhallte; denn ich sah's Falk an den Augen an, dass er den Vorschlag genehmigte. "Liebes Onkelchen," fiel mir die altkluge Karoline in's Wort, "nicht so rasch! Julchen muss ihr volles Jahr dort bleiben; ihr guter Name muss sich jetzt, da sie im Begriff ist in die Welt zu treten, zu dem bilden, was er bleiben soll."
In meinem Kopfe ging's jetzt herum, ob ich nicht besser thate, Julchen ohne alle Umstande nach Lindenau zu nehmen? aber, ach Gott! wie hatte es da um den lieben Hausfrieden gestanden! Meine Frau zitterte vor Arger, wenn sie nur das Wort Stieftochter horte. Julchen, glaubte sie, hatte von der Stadt gewiss schon so viel weg, dass sie eine Staatsdame geworden ware, und in unsern Haushalt sich nicht schicken wurde. Uberdem war meine Frau ihrer Niederkunft nahe, und da machte ich mir ein Gewissen, ihr in irgend einer Sache entgegen zu seyn. In d e r Lage musste ich mir allerdings den Vorschlag, als den besten, gefallen lassen.
Als nun alles dahin Gehorige fein ordentlich verabredet war, eilte ich zu Eichen, ihm diesen Plan mitzutheilen. Er nahm ihn mit aller Freude eines vernunftigen Mannes auf, der nun der Erfullung seines Wunsches entgegensieht. Um Julchens Vermogensumstande hatte er mich nie gefragt, obobgleich die seinigen nicht die besten waren, und sein Einkommen grosstentheils von den guten Gesinnungen seiner Gemeine abhing. Wir rechneten auf die Genugsamkeit meiner Tochter und Karolinens guten Rath. Mit Verabredungen der Art hatten wir eine gute Stunde hingebracht, und ich mich in eine Zukunft versetzt, bei der ich mir Pickenik und alles ubrige Herzweh aus dem Sinne schlug. Dann umarmte ich meinen kunftigen Schwiegersohn, und eilte mit erheitertem Gemuth zu Julchen.
Ich ging da ohne alle Umstande in die Lektionsstube. Der Herr Kandidat, der die jungen Damen mit sehr vieler Artigkeit Christenthum, Geschichte, Naturhistorie, Erdbeschreibung, Logik, Deutsch, Anfangsgrunde der Geometrie, Briefstyl, und b e i h e r auch etwas Englisch lehrte, war so eben dabei, den Kindern den eigentlichen Sitz der Denkkraft zu beschreiben. Er hatte, wie's aus den griechischen und lateinischen Benennungen klar war, chirurgische und medizinische Kollegia gehort, und wurde, da meine Gegenwart ihn nun noch aufmunterte, so entsetzlich gelehrt, nannte jede Puls- und jede Schlagader bei ihrem anatomischen Namen, dass die Madchen ein Schauer uberfiel, und sie ihn baten, fur diesmal lieber ihre Briefe durchzusehn. Julchen hatte zum Briefthema bekommen: "D a n k s a g u n g a n e i n e Furstin, die der Briefschreiberin e i n G e s c h e n k g e m a c h t h a t t e ." Die Briefe waren steif und g e z i e r t ; dennoch fand sie der Herr Kandidat, bis auf die Fehler gegen die Rechtschreibung, vortrefflich. Mir wurde siedend heiss, als er J u l c h e n s Brief zur Durchsicht nahm; denn sie schrieb wahrlich! in ihrem zwolften Jahre besser, als er je geschrieben hatte. Er fand ihren netten naturlichen Brief t r i v i a l , aber doch nicht ganz schlecht. Nun gab er den kleinen Madchen auf, wobei achtjahrige waren, einen Aufsatz uber den Stolz auszuarbeiten. Lieber Seelmann, kleinen Kindern, uber den Stolz! Denken Sie doch, welchen Nutzen diese sinnleeren Ubungen fur Kinder haben konnten!
Nach diesem erschien der Klaviermeister, ein kleines luftiges Mannchen, in schongewesenen Kleidern und schmutziger Wasche. Er warf sich nachlassig neben Julchen auf einen Stuhl vor dem Klaviere, liess sie eine Weile ein schweres Bachisches Konzert hakken, wobei dem armen Madchen die Schweisstropfen von der Stirn flossen, tandelte indess mit Julchens herabhangenden Locken, oder spielte mit dem kleinen Hunde, und sang passagenweise aus voller Kehle mit. Durch das schwere Allegretto musste Julchen sich allein, ohne seine Hulfe, durchklappern; denn der Musikmeister hatte sich indess in ein weitlauftiges Gesprach mit einem der jungen Madchen uber das gestrige Konzert eingelassen. Julchens stumperhaftes Spielen tonte ihm wahrscheinlich zu unangenehm in sein musikalisches Gehor; er liess abbrechen, und akkompagnirte dafur eine sehr schwere Bravourarie, bei deren Gesang Julchen eigentlich nur zeigte was sie n i c h t vermochte, und bei der ich zehnmal dachte: schade um ihre schonen naturlichen Anlagen, um die Herzlichkeit die sie, schon als erste Anfangerin, in kleine Lieder von Reichard zu legen wusste. Zu meinem Trost war diese Stunde gewiss keine 60 Minuten lang. Ich hatte sie bewundernswurdig schnell uberstanden; allein das heisst nun Unterricht in der Musik, den wir armen Eltern so theuer bezahlen! Mit der Zeichenstunde hatte es, wie ich nachher erfuhr, eben dieselbe Bewandtniss. Den Madchen, welche der junge Zeichner besonders wohl wollte (das waren denn immer die hubschesten), mahlte er die Zeichnungen aus, und die kleinen Lugnerinnen schickten sie dann den erstaunten Eltern als eigene Arbeit zum Neujahrsgeschenk. So steht es im Grunde mit allem Unterricht in solchen Schulen; und dafur geben und entbehren alte unbemittelte Eltern alles, was sie nur aufbringen konnen, damit ihre Tochter e t w a s r e c h t e s lernen sollen!
Seelmann lachelte, und sagte, indem er seine Frau schalkhaft ansah: "Nehmen Sie sich in Acht, lieber Grunthal, meine Frau ist zwar nicht in Berlin, aber doch in einer Stadtpension erzogen." "Ja, Herr Amtmann, das bin ich!" fiel die Frau Pastorin ihrem Herrn ins Wort, indem sie ihr artiges Kopfchen trotzig in die Hohe warf, "und ich denke, mein Mann hat noch nicht Ursache gehabt, auf die Pensionen zu schmahen. Nicht wahr, Mannchen?" Seelmann war ein hoflicher Mann, er wich der Antwort aus; auch liess ihm Grunthal nicht Zeit, denn er antworte hastig: "Kann seyn, kann seyn, dass nicht alle gleich in die Augen fallende Ursachen haben, so wie ich, die Pensionen zur Holle zu wunschen. Aber die Hand aufs Herz, Frauchen, wie viel haben Sie noch von den Pensionskunsten behalten? und welche finden Sie auf Ihre hausliche Verfassung als Frau und Mutter anwendbar? Macht es Ihren Mann oder Sie glucklicher, dass Sie vordem einmal kleine Strichelchen mit Bleifeder aufs Papier krizzelten? Den achten Kunstsinn nehme ich allemal ehrfurchtsvoll aus; und dieser wird auch wahrlich! durch alle Schwierigkeiten spaterer und hauslicher Verhaltnisse sich Bahn brechen: allein diese kleinen Talente, die nicht von den Fingerspitzen zu Kopf und Herzen dringen, und, bei erster Veranlassung, gegen hundert andre kleine weibliche Eitelkeiten vertauscht werden, achte ich fur wahren Zeitverlust." "Ei, Herr Grunthal," sagte die Pastorin innerlich aufgebracht, "es scheint, als ob Sie Kuche und Kinderstube fur die angebohrne Sphare meines Geschlechts hielten!" Vielleicht hatte ich darin nicht so ganz unrecht, antwortete der Amtmann in eben dem Tone; aber Sie mussen es ja schon aus der Erziehung, die ich meiner Tochter zu geben suchte, gesehen haben, dass ich ihre Tugend und das Gefuhl ihrer Pflichten nicht auf Unwissenheit grunden wollte. Ich erkenne dankbar die Muhe, die Ihr, von mir gewiss innigst verehrtes Geschlecht sich giebt, uns durch sittliche Ausbildung und Veredlung die Tage der irdischen Wohlfahrt mit Rosen zu bekranzen; ich verstehe den Werth der Tugend, deren Basis vernunftige Erkenntniss des Schonen und Guten ist, und fuhle tief den Unterschied zwischen einer g e b i l d e t e n F r a u und einer g e l e h r t e n P e d a n t i n , die ich fur das gelbe Fieber weiblicher und mannlicher Gesellschaft halte. In eben dem Masse ekelt mich vor Roheit und grober Unwissenheit, der Mutter so manches Lasters, und des dummsten Aberglaubens, wo weder gesunde Vernunft die Gefuhle des Herzens veredelt, noch sie auf die edlern Gegenstande des Lebens hinlenkt. Diese Ausbildung wird aber nie die Frucht einer Pensionsschule seyn; und, aufrichtig gesagt, ich halte dafur, dass, je mehr dergleichen Anstalten ausposaunt werden, je mehr Vorwand giebt dies eitlen oder tragen Muttern, sich der Erziehung ihrer Kinder zu entledigen, um sie mit schweren Kosten einer Fremden aufzutragen, die es wenig oder gar nicht interessirt, ob die Kinder einschlagen, oder nicht; wenn nur ubrigens, so lange sie unter ihrer Aufsicht sind, nichts Lautbares vorfallt, das ihrer schonen lebendigen Nahrung schaden konnte. Unglucklicher Weise giebt es Falle, in welchen die Pension das kleinere Ubel ist, und wo eine wohlmeinende Erzieherin weniger Schaden stiftet, als eine schlechte Mutter, die ihren Kindern ein boses Beispiel giebt. Auch fur Waisen ist die Pension oft der geringere Nachtheil. Diese einzelnen Falle wiegen aber den Schaden bei weitem nicht auf, den die Pensionsanstalten im Ganzen stiften. Wenn Sie mir erlauben, meine Erzahlung fortzufuhren, werden Sie Ursache finden, die Bitterkeit zu entschuldigen, die vielleicht wider Willen mit einfliesst.
Ich wohnte, wie ich schon erwahnt habe, einigen Lehrstunden bei. Es fiel mir besonders auf, dass keine von den Gouvernantinnen, deren doch drei waren, wenigstens der Form wegen zugegen war. Es ist wahr, von Zeit zu Zeit ging die alte taube Franzosin, die den Kleinern das Buchstabiren beibrachte, durch das Zimmer; das trug aber mehr zur Storung als zur Ordnung bei. Bei dem Klaviermeister insonderheit schien ein wenig mehr Aufsicht nothig zu seyn; er schielte mehr auf das Gesicht seiner Schulerinnen, als auf ihre Finger. Julchen gestand, dass er zuweilen so freche Historchen vorbringe, dass sie die Stunden abbrechen musse.
Die drei Gouvernantinnen hatten die Geschafte auf folgende Art unter sich vertheilt: Madame Brennfeld, als Prinzipalin, hatte Einnahme und Ausgabe, theilte den Unterricht und die Lehrstunden nach ihrer Bequemlichkeit ein, spurte allenthalben nach den wohlfeilsten Lehrern umher, denen sie monatlich fur alle Schulerinnen nur so viel bezahlte, als etwa zwei oder drei derselben dazu beitragen mussten. Sie besorgte ferner die Berechnung mit den Eltern der Zoglinge, sammelte die Geschenke ein, und theilte, was ihr davon nicht anstand, ihren Mitarbeiterinnen zu. Sie selbst gab den Zoglingen einige Stunden in den kleinen Gesellschaftsunterhaltungen, welche sie Lebensphilosophie zu nennen beliebte. Ob sie die Kunst, Whist und l'Hombre zu spielen, mit dahin rechnete, weiss ich nicht gewiss. Auch liess sie die grossern Madchen zuweilen aus franzosischen Buchern ubersetzen, wozu sie mit einer besonderen ihr eigenen Gabe stets die unzweckmassigsten wahlte. Endlich, wenn sie nicht nothwendig mit dem Vetter Kandidat zu lesen und zu disputiren hatte, ubernahm sie auch wohl die Muhe, Morgens und Abends mit den jungen Damen zu beten. Da sie aber von dieser geistlichen Ubung nicht viel hielt, so ersparte sie sich die Ennuy dabei, und uberliess sie gewohnlich der dritten Aufseherin, die ich bald werde auftreten lassen. Wohnte sie zuweilen, Anstandes wegen, diesen sogenannten Morgen- und Abendandachten bei, so musterte sie indess die Kleidungen und Haltung der Schulerinnen, legte dieser die Locken anders, kammte jener das Haar mehr in die Stirn; hier war der einen der Unterleib hereinzudrucken, dort einer andern die Schultern zuruckzuziehen. Zur Erhaltung guter Andacht und Ordnung wurde unter den kleinern hier und da eine Ohrfeige oder ein Stoss in den Rucken, und eine grosse bete unter die burgerlichen grossern Madchen ausgetheilt; denn die Adlichen hatten auch hier ihr Privilegium, ungeahndet arrogant zu seyn, nicht umsonst.
Die erste U n t e r gouvernante war eine geborne Pariserin, stocktaub, und sprach nur einige Worte gebrochnes Deutsch. Ihr Amt war, die Kleinen franzosisch buchstabiren und lesen zu lehren; sie zog sie aus und an, war, ihrer schadhaften Fusse und ihrer unscheinbaren Kleidung wegen, der bestandige Haushuter wenn alles ausflog, und die arme Lasttragerin, auf welche alles geworfen wurde, wenn es etwas zu verantworten gab.
Die dritte Figur war nur eine Art von Kammerjungfer, spielte aber doch bei der Bildung der Jugend eine wichtige Rolle: sie lehrte sie Putzmachen, oder vielmehr die Kunst, sich zu putzen. Uberdies musste sie, geschickt oder ungeschickt dazu, die Arbeiten ubernehmen, die Madame Brennfeld nicht anruhren mochte. Sie war geschmeidig, wie dergleichen Personen, welche sich durch die Vertraulichkeit Vornehmerer ernahren, immer zu seyn pflegen. Sie liess sich von den jungen Damen zu allerlei Dienstleistungen gebrauchen, sagte ihnen Schmeicheleien vor, und versicherte, dieser oder jener vornehme Herr habe sich fast die Augen nach ihnen ausgesehen, u.s.w.
Noch hundert Kleinigkeiten der Art konnte ich Ihnen zu Rechtfertigung meiner Abneigung erzahlen, besorgte ich nicht, Ihnen durch diese Weitlauftigkeit Langeweile zu machen. Also zu meinem Geschaft bei Madame Brennfeld. Ich sagte ihr, dass ich gesonnen ware, nach einem halben Jahre meine Tochter nach Hause zu nehmen; auch bat ich, sie nicht zuviel ausgehn zu lassen, weil ich darin meine eignen Grillen hatte. Ubrigens wurde ich f u r d i e M u h e , d i e sie sich mit der Bildung meiner Tochter gegeben hatte, ewig dankb a r s e y n . Ihr Gesicht hatte sich zu Anfang meiner Anrede in hundert gramliche Falten gezogen, und ich war auf eine vulkanische Eruption gefasst; aber bei dem Worte d a n k b a r s e y n ging mir plotzlich das helle Sonnenlicht ihrer zwei fahlbraunen kleinen Augen auf. "Meine Tochter," sagte sie, "ware ein bezauberndes Madchen; in kurzem wurde sie die Krone ihrer Eleven geworden seyn; es sei ihr leid, sehr leid; und wieder nicht leid, wenn sie bedachte" und was der Alltagsspruche mehr waren.
Nach diesem ging ich mit Julchen in ein besonderes Zimmer, und kundigte ihr meine Absicht mit ihr an, doch ohne ein Wort von E i c h e n zu sagen. Sie wurde blass und zitterte, dass sie sich nicht aufrecht halten konnte; dann sagte sie mit gedampfter Stimme etwas von Gehorsam und Folgsamkeit her, wobei ihr die heissesten Thranen uber die Wangen liefen. Was ist das? Madchen! (fragt' ich) weisst Du noch, wie Du mich batest, Dich recht bald von diesem hasslichen, zwangvollen Orte wegzunehmen? O, Du bist ein verwahrlosetes Geschopf! Geh', ich liebe Dich nicht mehr! "Mein Vater, erbarmen Sie sich! Um Gotteswillen, nicht diese Harte! (sie streckte weinend ihre Hande nach mir hin) Ich will thun, was Sie mir befehlen; aber ich muss Zeit haben, mich zu fassen! Mein Herz ist ein so wunderliches, weiches Ding; ich gewohne mich so leicht an etwas." Du h a n g s t Dich auch leicht an etwas; nicht wahr? Zeige mir doch, wenn Du noch nicht alle Zucht aufgegeben hast, die Briefe, die der Friseur Dir heimlich zusteckt. Nun wechselte auf ihrem Gesicht Todtenblasse mit dem hochsten Karmin ab; sie war unschlussig, ob sie laugnen oder bekennen sollte. Mein Herz litt bei dieser Strenge kaum weniger als das ihrige. Liebe war in meinen Augen nie Verbrechen; aber hier war doch die Operation nothwendig, so schmerzvoll sie dem guten Kinde auch war. Als sie immer noch anstand, sagte ich ganz erweicht: "Liebes Julchen, gieb sie mir." Diesem Tone widerstand sie nicht; sie holte ein, uber und uber mit Vergissmeinnicht und Silhouetten verziertes, Taschenbuch hervor, und ubergab es mir mit einer Bewegung, die ganz unzweideutig den tiefsten Schmerz ausdruckte. "Hm! in so zierlichem Gewahrsam? Ein so ansehnliches Paquet?" Ich schlug es aus einander, sah fluchtig hinein, und dann wieder auf das tief beschamte Madchen. Und hier sage ich: wehe dem Herzen, das mit Wohlgefallen auf die Demuthigung eines armen, schwachen Madchens blikken, und sich seiner ruhigern Stellung uberheben kann! Wehe dem Vater oder der Mutter, die in solchen Momenten nur i h r e Rechte fuhlen; deren Gefuhl kein Wortchen fur die arme Menschennatur spricht! Das gute Julchen hielt meine gewiss nicht strengen Blicke nicht aus; sie sank auf einen Stuhl, und verbarg das Gesicht mit beiden Handen. Die Briefe waren so dumm und voll der fadesten Schmeicheleien, dass ich nur daruber erstaunte, wie das sonst so kluge Madchen sie der geringsten Aufmerksamkeit gewurdigt hatte; aber die armen schwachen Geschopfe sind so eitel, horen sich so gern schon nennen, dass sie einen achtjahrigen Knaben liebgewinnen wurden, der ihnen das vorsagte. Nachdem ich mich von dem Inhalte der Briefe hinreichend uberzeugt hatte, gab ich sie ihr zuruck, neugierig, was sie damit machen wurde? denn es war mir aus allem deutlich genug geworden, dass der Bube ihr Herz gefangen hatte. Jetzt aber o Gott, es war wohl zum letztenmale! siegte noch der gute Grund, den ihre erste Erziehung in sie gelegt hatte; sie sturzte in meine Arme, und ach! wer vermag's auszusprechen, wenn nach herben Leiden Vaterfreude ihn erquickt! ihre und meine Thranen vermischten sich, ich druckte sie innigst an mein Herz, und verzieh.
Gestimmt zu den sussesten Regungen gingen wir nun beide zur Nichte, wo wir den Tag in stiller Heiterkeit zubrachten. Nachher stellte auch E i c h e sich ein; mein volles Herz trieb mich unzahlich oft an, seine und meiner Tochter Hande in einander zu legen, aber E i c h e selber hielt mich durch die ehrerbietige Entfernung, in der er von dem Madchen blieb, davon zuruck.
Jetzt nahm ich auch gelegentlich eine Musterung mit meiner Tochter Kenntnissen vor, die mir, den Aufwand in Kleidern ungerechnet, 800 Thaler kosteten; aber ich bemerkte bald, dass sie, in mancher Rucksicht, wirklich zuruckgegangen war. In ihrem Kopfe war ein Chaos von gar mancherlei; die Begriffe schwankten und schwammen durch einander; ein Gegenstand des Wissens verdrangte den andern. Die Kaiser und Konige spukten ohne Zweck und Ordnung in ihrem Kopfe herum; mit der Naturgeschichte war es eben so, man hatte sie in den Stunden uberladen, und sie litt offenbar an Indigestion. Dazu kamen noch die harten Brokken, die Madame Brennfeld ihr von ihren philosophischen Lesereien mit dem Vetter zugeworfen hatte, und die bei ihr eine vollige Zerruttung aller gesunden Krafte droheten. Das musste nun alles erst wieder fort, ehe ihre moralische Genesung gewiss werden konnte; und dieses Stuck Arbeit hatte ich schon in meinem Sinne ihrem kunftigen Gatten zugetheilt. Mit ihrem Klavierspielen wollte es auch nicht fort. Die kleinern Sachen, wodurch so oft unsre hausliche Freude war erhohet worden, hatte sie wegwerfen mussen, und nun spielte sie stumperhaft Sonaten und Konzerte, dass einem die Ohren weh thaten. Mit ihrem Gesang hielt sie hinter'm Berge, w e i l ' s n i c h t v i r t u o s e n m a ss i g ware. Gott! wie so oft waren wir uberirdisch froh bei unserm und ihrem einfachen landlichen Gezwitscher gewesen!
Gegen Abend, da wir recht lustig zu werden begannen, kam ein Bote von Hause, mit der Nachricht, dass meine Frau von einem todten Sohn entbunden sei. Sie vermisse mich sehr zur Unzeit im Hause, liess sie mir sagen; ich musste mich also geschwind aufmachen. Meiner Tochter hinterliess ich meinen herzlichsten Segen, ubergab sie im Voraus der Falkschen Familie zur kunftigen Hausgenossenschaft, fuhrte sie auch E i c h e n zu, der ihr mit einem herzlichen Handschlag zusagte, als ihr bester Freund fur ihre Zufriedenheit sorgen zu helfen. "Du lieber, guter Mann!" dacht ich, "Dein Wille ist unverbesserlich; aber Dein Herz, voll partheiischer Liebe, und Deine arglose, kein Ubel ahnende Seele, sind nicht zu Wachtern gemacht!" wie denn auch die Erfahrung bewiesen hat. Darauf warf ich mich mit nicht ganz leichtem Herzen in den Wagen, und rollte meinem Dorfe zu.
Jetzt knallte grade Gurge mit der Peitsche vor dem Pfarrhause, und erinnerte Grunthalen, dass es jetzt auch Zeit sei der Heimat zuzueilen. Der Amtmann brach fur diesmal ab, und wunschte seinen Freunden eine gute Nacht. Nun erhielten Seelmanns von Grunthal, zur Erganzung der Begebenheiten, die Briefe nach ihrer Zeitfolge.
(Ein Billet von Marianen an Julchen.)
"Ganz etwas Neues, mein Liebchen! Ich heirathe; es ist unique! aber nicht den Herrn Brautigam, den Du die Ehre hast zu kennen: dem hab' ich in Gnaden seinen Abschied ertheilt. Denk' Dir den Biedermann von dreihundert Jahren her, der sich einfallen liess, von Einschrankungen neuerfundener Bedurfnisse, von sussem Genuss hauslicher Gluckseligkeit, wie er die Monotonie des Ehestandes zu nennen beliebt, und dergleichen altfrankischen Jargon mehr, mir vorzureden! Auf Ehre, der Mensch kann kein Edelmann seyn! Sein Vater war sicher ein Gewurzkramer, oder irgend ein Federkauer. Nein, mein hauslicher Herr Baron, ich bin des Zwanges herzlich mude, den mir mein ubel disponirter Papa und seine fette Dulzinne in Geldangelegenheiten auflegen. Chaqu'un a son tour.
Doch zum neuangeworbenen Promis. Du wirst Dich zu Tode lachen; denn es ist kein andrer, als der, ich denke sechszigjahrige Herr von K .., uber dessen Gurkengesicht und Spindelbeine wir so oft unser Spasschen hatten. Der Herr hat gutigst bemerkt, dass Fraulein Mariane schon und witzig ist, dass ein junges galantes Weib seinem baufalligen Ansehn ein Relief geben wurde, und darauf war denn Fraulein Mariane so grossmuthig, sich seine wirklich furstlichen Geschenke gefallen zu lassen; aber Juliette, der R i n g war auch dabei. Der R i n g ! Bei allem Muthe seufzt' ich doch. Wie? wenn das verwunschte Rund e w i g hiesse? wenn die baufallige alte Burg auf festerem Grunde stande, als unser eins ihr zutraut? Gut, gut, auch dann giebts Mittel! Hor', Madchen, heut' muss ich Dich sprechen; Du musst wissen, wie ich den ersten Seladon losgeworden bin. Das Ding war komisch; und man wusste es einzukleiden, dass bei dem alten Papa alle Schuld auf ihn fallt. Julie, Du musst kommen, Louis ist hier; der rothaugigen Schulmeisterin sag', Du gingest zur Muhme Sainte Beate: die F a l k meine ich. Mein Spindelfusschen wird Dir sein Kompliment machen. Wenn der Geck nur nicht so verliebt thate! Das verwunschte Deutschschreiben wird mir blutsauer! A dieu, chere amie! Komm' hubsch bei Zeiten zu Deiner
M a r i a n e v. L.."
(Julchens Antwort.)
"Wie glucklich sind Sie, Mariane! Ihre muntere Laune verlasst Sie auch bei den ernsthaftesten Gelegenheiten nicht! S i e ? Sie werden glucklich seyn; aber ich? ach! ich werde es nie werden! Der arme Baron! Seine Leiden gehen mir zu Herzen! Er hat Sie redlich geliebt! Spotten Sie meiner Cousine nicht; wollte Gott ich ware eine Betschwester, wie sie es ist! Sonst war ich auch wohl fromm; aber jetzt! Wenn Sie wussten, wenn ich Ihnen sagen durfte doch ich komme immer wieder auf den Baron. Er dauert mich von Herzen! Kein Leiden geht uber gekrankte Zartlichkeit. Leben Sie wohl, mein Fraulein! Ich bin so ganz verstimmt, dass ich besser thue ich breche ab.
J u l i e G r u n t h a l ."
Mariane beantwortete diesen Brief in dem muthwilligsten Tone; Julie (glaubte sie) hatte wahrscheinlich in einer alten Postille, oder, noch arger, wohl gar in der Bibel gelesen, dass ihr so weinerlich geworden sei. Es sei mehr als Narrheit, die besten Jahre mit Skrupeln zu verderben. Auch sie habe sich sonst wohl mit Grillen geplagt, und am krankelnden Gewissen gelitten; sie habe sich aber nachher eines Bessern bedacht, und den alten Wust und Tand, der ihr noch von den Katechismusjahren angeklebt hatte, ausgefegt. Man musse nichts halb seyn; entweder voller Genuss, oder gar keiner. "Sei ganz gut, oder ganz bose? nein, nur leichtsinnig"; hiess es. Uberhaupt bestehe der Unterschied zwischen gut und bose nur in einem mehr oder weniger lebhaften Temperamente, das man sich am Ende doch nicht selbst gegeben habe. Zum Beschluss schickte sie noch eine nachdruckliche Ermahnung, die altvaterischen, von der elterlichen Erziehung sich herschreibenden, Grillen aufzugeben, der Jugend zu geniessen, und ihr die Angelegenheiten ihres Herzens zu entdecken, die sie aber vielleicht schon recht gut wusste. Julchens Antwort bezeichnet merkwurdige Fortschritte auf der Bahn des Leichtsinns, wie Sie selbst bemerken werden.
"Sie haben wohl recht, meine Beste. Ich quale mich selbst, und andre nichts damit. Mein Herz geht seinen Weg unaufhaltsam fort, wenn gleich die Vorurtheile meiner ersten Erziehung mir zuweilen wie Gespenster erscheinen, und meine Seele mit Schrecken erfullen. Sollte das Sunde seyn, was der Schopfer selbst mit gluhenden Buchstaben in unsre weiblichen Herzen schrieb? War es denn Sunde, dass mein Vater meine Mutter liebte, ehe sie die Seinige wurde? Er ward glucklich; sollte denn ich es nicht auch werden konnen? Warum hat er mir doch so angstliche Grundsatze beigebracht? sie martern mich, und storen mich in den sussesten Gefuhlen meines Jugendlebens. Hatte ich immer die Einsichten gehabt, die ich jetzt erlangt habe, wie viel bittere Stunden zahlt' ich weniger!"
(Zur Erlangung dieser Einsichten war ihr nicht sowohl Fraulein Mariane, als die alte unwissende taube Franzosin behulflich gewesen; denn da Madame Brennfeld es zu sehr unter ihrer philosophischen Wurde hielt, sich mit solchen Kleinigkeiten zu befassen, als die Zeitverkurzungen junger Madchen sind, hatte die alte Frau sich gern ihrer Jugend erinnert, indem sie mit ihren Untergebenen ihre Lieblingslesereien wieder einmal aus dem alten morschen Koffer, der alles war, was sie auf dieser Welt besass, hervorholte. Diese bestanden nun in nichts anderm, als der Prinzessin von Kleve, dem glucklich gewordenen Bauer von Mariveaux, den Denkwurdigkeiten eines Mannes von Stande, Crebillon's Schriften, und mehr dergleichen feuergebenden Romanen, welche die geheimsten Tiefen ihrer Empfindung durchwuhlten, und in gahrender Hitze zum Aufbrausen brachten.) Julchen fahrt fort:
"Und doch, Mariane, ware es vielleicht besser, ich wusste von dem allen nichts. Mich grauet, wenn ich mir die einfachen, herzlosen Auftritte des hauslichen Lebens denke, wenn ich mir die niedrigen, elenden Geschafte einer burgerlichen Wirthschaft vorstelle, zu welchen ich wahrscheinlich bestimmt bin. Ich weiss nicht gewiss, was fur Absichten mein Vater mit mir hat; aber etwas ahne ich davon, und ich wollte lieber sterben als es eingehen. Mariane, ich stehe an, Ihnen mein Herz zu entdecken; aber es geht in sich selbst zu Grunde, wenn es sich nicht einer treuen Freundin mittheilt. Unterstutzen Sie mich mit Ihren Einsichten. Hier haben Sie, was mich qualt."
Nun folgt eine unendlich lange Zergliederung der s u ss e n , namenlosen Gefuhle, welche ihr Herz durchschauert, als sie Marianens Bruder zuerst gesehen. Als sie auf dem ersten Balle den Walzer mit ihm getanzt, habe unnennbare Wonne durch ihr ganzes Wesen gezuckt. Sie schildert mit vieler Lebhaftigkeit und sehr romanhaft alle die Kampfe, die es ihr gekostet; die sie namlich hatte bestehen sollen, aber mit keinem Gedanken bestanden hat. Erst war sie zu schuchtern gewesen, seine, ihr durch den Friseur zugestellten, Briefe anzunehmen; dann, wenn sie wieder bedacht hatte, dass A n d r e , d i e b e s s e r g e a c h t e t w u r d e n , a l s s i e , nicht so viel Umstande machten, hatte sie einen raschen Entschluss gefasst, und einen in der Eile angenommen und zu sich gesteckt. Dann sei es ihr doch vorgekommen, als ware das nicht recht, und sie habe ihn uneroffnet zuruckgeben wollen. Hundertmal habe sie ihn besehen, ach! und jeden Buchstaben, den die theure Hand aufgezeichnet, und jedesmal habe ihr armes Herzchen starker geschlagen. Endlich, in einem fatalen Augenblikke, da sie sich d e n dachte, gegen den ihr Herz sie so unwillkuhrlich fortriss, ihn sich mit aller der Liebe, in all' seinen Reizen dachte, da tausend Vorstellungen dieser Art sich allmachtig vor ihrer Seele drangten, in einem solchen Moment zerknickte das Siegel (ganz von ohngefahr, wie sie betheuerte; vermuthlich haben die Kusse es zerschmolzen), und nun trankte sie ihr Herz tropfenweise mit allen den Sussigkeiten, mit welchen der verfuhrerische Bube ihre mussige, weichliche, und durch fade Romane empfanglich gewordene Seele vergiftete. Sie ward von unwiderstehlicher Wonne berauscht, und wiederholte sich hundertmal die Worte, die ihrem Gefuhle die schmeichelhaftesten waren. Von da an versank sie nun vollig in Unthatigkeit; sie fuhlte sich zu jedem ernsthaften Geschafte, so wenig es auch deren in solchen Schulen giebt, unaufgelegt. Dem ohngeachtet antwortete sie ihm zu der Zeit noch nicht; und sie hatte sogar noch so viel Gewalt uber sich erhalten, dass sie den Herzgeliebten, wie wir bei der Pickeniksszene gehort haben, bat, sie ferner nicht so zu plagen. Meine Dazwischenkunft hatte den Strom ihrer Leidenschaft, der sie unaufhaltsam forttrieb, einigermassen gehemmt; in meiner Gegenwart hatte sie kaum das Herz gehabt, ihrer Lieblingsidee nachzuhangen, so stark war die vaterliche Gewalt; sie furchtete, ich konne in ihrer Seele lesen. Als sie mir die Briefe herausgeben mussen, sei ihr gewesen, als trennte ich ihr Leib und Seele. In der ersten Angst habe sie alles gesagt, was ich von ihr zu wissen verlangt hatte; sobald ich aber Abschied von ihr genommen, und sie sich von den ersten Schmerzen der Trennung erholt gehabt, sei ihr Herz mit verdoppeltem Feuer zu seinen unterdruckten Gefuhlen zuruckgekehrt, und sie habe nicht ohne Schrecken bemerkt, dass des Vaters Entfernung ihrem Herzen Wohlthat gewesen sei. Louis ward wieder ohne Ruckhalt ihr Taggedanke, und ihr Traum bei Nacht; sie spurte in dem Gesichte der Schwester jeden Zug, der dem Bruder gehorte, und konnte dann Stundenlang ihr Auge von Marianen nicht wegwenden, verlor sich in sussen Schwarmereien; und was des verliebten Madchengeschwatzes noch mehr war.
Nun kam es aber zur Hauptsache, bei der sie nicht recht mit der Sprache herauswollte. Sie ging ganz kunstreich, nach Madchenmanier, um den Berg herum, schickte eine feine Schutzschrift aller verliebten Thorheiten voran, und dann hinkte sie mit der Thatsache hinten nach.
"Am Montage war ich bei Falk's gewesen. Bei dem ruhrenden Anblick des Glucks, das Karoline in ihrer Liebe zu ihrem Karl findet, wurde mein Herz ungewohnlich erweicht. Voll dieser Empfindungen kam ich nach Hause, und begab mich in das Kabinet neben der Lektionsstube. Der Mond dammerte durch die Weinreben am Fenster. Ich warf mich auf einen Stuhl. Mein Herz war voll und gepresst. Ich dachte nichts Bestimmtes; ein dunkles Sehnen stimmte mich zur Wehmuth. Thranen brachen unwillkuhrlich heroor; ich erschrak uber meinen Zustand, und die Thranen flossen noch haufiger. Sonst lenkte sich mein Herz in dem Zustande der Erweichung wie von selbst zum Urquell der Liebe; es erhob sich im Anschauen der Natur. Mein kleiner Gram oder meine kindischen Freuden ergossen sich so in Gebet, als ob ich an meiner Mutter Busen geschmiegt mit ihr sprache. O Mariane, gewiss, das war doch auch Gluck! Reiner, unzuverkummernder Genuss! Diesmal fiel mir kein Gedanke von dem allen ein. Ich faltete mechanisch die Hande, dachte, wie gern ich nur einen Blick der vorigen Zeit zuruckrufen mochte; aber das war denn auch alles. Mein Herz strebte hinaus, aber nicht hinauf. Indess wurde ich gerufen. Madame hatte ein neues Buch bekommen; ich sollte laut lesen, sagte sie, der Vetter konnte diesmal nicht kommen. Es war mir argerlich. Aber Mariane. welch' ein Buch war das! Vermuthlich kennen Sie es, wenn gleich ich Neuling es nicht kenne; es heisst d i e n e u e H e l o i s e . Jedes Wort war mir aus der Seele geschrieben, jedes schrieb sich gluhend in mein Herz. Sogar Ubereinkunft der Namen. Julie! Die Stimme versagte mir zuweilen, wenn ich ihn aussprechen sollte! Es war als hort' ich ihn j e m a n d anders rufen. Ich versetzte mich leicht in Juliens Lage; und gewiss, ich gluhte uber und uber. Wir lasen bis zwolf Uhr; und ich hatte, ohne mude zu werden, wieder bis zwolf Uhr gelesen. Jetzt zu Bette zu gehen, war mir unmoglich. Meine Seele war wie aufgeloset; tausend Bilder umschwammen mich. Ich war Julie, und o Mariane, haben Sie Mitleiden mit mir; ich darf Ihnen nie wieder ins Gesicht sehen meine Einbildungskraft war aufs hochste gespannt. Ich setzte mich hin, und ergoss in einem Briefe an Ihren Bruder, meinen angebeteten, ewig geliebten Louis, mein gluhendes, so muhsam verhaltenes Gefuhl. Meine arme Vernunft trat auch nicht e i n mal zu dem schwachsten Kampfe hervor. Fragen Sie nicht, was ich schrieb. Es war alles Herz, alles Feuer und Seele, was ich in vollen Stromen auf das Blatt vor mir goss; und nun ging ich, wie entledigt drukkender Bande, zu Bett. Meine Phantasie war aufs lieblichste angeregt. Ein sanfter Rosenschimmer umfloss mich, Nachtigallen sangen ein himmlisches Chor, und feierten die erste Liebe meines jungfraulichen Herzens. Ich schwarmte mit meiner Phantasie in der Laube, in welcher Julie ihrem St P r e u x feierlich den ersten Kuss gab; ich war o Mariane, hatte mein Vater, hatte Gott vor mir gestanden, das zauberische Gewebe wurde mich nicht weniger verstrickt haben! Ermattet von dem Feuer meiner Vorstellungen senkte sich ein leiser Schlummer auf meine Augenlieder. O diese Traume, Mariane! nie, nie kann die Wirklichkeit bezauberndere Momente herbeifuhren! Unwillkuhrlich streckte ich meine Arme nach der geliebten Erscheinung aus. Nie wird eine solche Nacht mein sterbliches Daseyn wieder beglucken! Beim Erwachen standen die lieblichen Bilder noch ganz frisch vor meiner Seele; doch laugne ich nicht, ich erschrak, als ich den Brief fand, den ich geschrieben hatte; e r sollte ihn lesen. O Gott! Indem trat Magot ins Zimmer. Mein Muth, der schon im Sinken war, verliess mich nun vollends; nie werd' ich mich diesem fremden Menschen anvertrauen konnen! dacht' ich. Magot stand im Begriff zu gehen; noch war der Brief in meiner Hand, die Thur ging auf, jemand aus dem Hause trat ins Zimmer, und rasch entschlossen flog der Brief in Magot's Hut. Er gab ein Zeichen, dass er mich verstehe. Ich schamte mich, und wandte mich schnell um, meine Rothe zu verbergen.
Nun hat Louis den Brief, er und Sie werden mich verachten, und ich werde das elendeste Geschopf auf Gottes Erde seyn.
Diesen Brief wird Ihnen Monsieur Belair zustellen. Lassen Sie mir ein paar Zeilen Antwort zukommen. O, wie beb' ich, sie zu erhalten! Mir wird das Gesicht vergehn, finde ich den Namen Louis; und finde ich ihn wieder nicht, so o, ich Armste! mir ist nicht zu helfen. Heute soll ich an meinen Vater schreiben; Gott weiss, wie ich das machen soll! Es ist, als ob sich mein Herz vor ihm zuruckzoge, seitdem er wieder verheirathet ist, u.s.w."
Sie sehen, lieber Seelmann, wie mein armes Madchen sich selbst tauschte, und ihre traurige Entfernung von dem Vaterherzen nicht in sich, sondern in meiner zweiten Heirath zu finden meinte. Ich erstaune, wo ich den Muth hernehme, Ihnen alle diese Umstande, die mein Herz so ganz zerbrochen haben, zu wiederholen. Marianens Antwort war vollig so, wie sie sich von einem so verzerrten Karakter erwarten lasst. Julchen, schrieb sie, wurde sich durch ihre alberne Bedenklichkeiten noch vollig unglucklich machen; das waren die t r i s t e n (traurigen) Fruchte der pedantischen Erziehung, die ihr Vater ihr, zu ihrem Ungluck, gegeben hatte. Die wurden ihr, wenn die feinste Berlinische Welt noch hundert Jahre an ihr bildete und deniaisirte, immer noch ankleben. Was es denn nun fur ein wundergrosses Ungluck sei, einem hubschen Jungen gut zu seyn? Sie wollte wohl schworen, dies sei Julchens erste Liebe, so vieles Aufsehn mache sie davon, und so arkadisch drucke sie sich aus. So viel sie sich erinnre, sei sie schon in ihrem dreizehnten Jahre eperdument in einen allerliebsten Fahndrich verliebt gewesen, dessen Schwester auch bei Madame Brennfeld in Pension gethan war. Damals waren viel junge Herren aus- und eingegangen; ein boser Damon hatte aber einst den alten Eisenfresser, den Obristen von ..... hingefuhrt, dessen Tochter auch der Erzieherin anvertraut gewesen. Dieser Grobian habe einen so gewaltigen Larmen uber die Besuche der jungen Herren angefangen, dass die Madame, aus Furcht vor mehrern dergleichen Auftritten, sich auf einmal in die Philosophie geworfen habe. Sonst sei sie eben keine Prude gewesen; und der Herr Vetter ware noch so ein Andenken der lieben vorigen Zeit. Julchen mochte mit den patriarchalischen langweiligen Begriffen von ehelicher Zartlichkeit zu Hause bleiben. Karoline sei ihr deshalb entsetzlich zuwider. Heirath und Liebe reime sich grade, wie Eis und Sommerhitze; und was der verderblichen Grundsatze mehr waren. Zuletzt lud sie Julchen dringend ein, zu ihr zu kommen. Sie solle ihren Schafer in der bluhendsten Laube finden, und die Nachtigallen sollten ihre Schuchternheit in Liebe auflosen, wenn sie mit dem ersten heiligen Kuss feierlich ihm den Sold der Minne geben wurde.
Julchen hatte nun den ersten, viel kostenden, Schritt gethan; der zweite, den sie zu ihrem Verderben that, war der Besuch, welchen sie bei Marianen abstattete, und wozu sie von ihrer sogenannten Aufseherin um so leichter Erlaubniss erhielt, da diese es kurz vor der nahen Verheirathung ihrer Lieblingin nicht noch am Ende mit ihr verderben wollte. Uberdem erfuhr ja der grillenhafte alte Spiessburger, der Amtmann, nichts davon, wenn man nur in Worten fein strenge war, und die Worter M o r a l und M o r a l i t a t fleissig im Munde fuhrte. Bei diesem unseligen Besuche wurde das arme verblendete Madchen ganz zu den elenden Grundsatzen des Bruders und der Schwester hingerissen. Sie kamen uber den Ort ihrer Zusammenkunft uberein, verabredeten alle die Ranke, durch welche die Aufseherin und der arme leichtglaubige Vater hintergangen werden sollten; und wenn der Pfaffe (Eiche) sich d'rinn zu mischen gedachte, so sollten junge Offiziere, des Kornets Spiessgesellen, dies durch irgend eine offentliche Beleidigung rachen. So war denn alles Freude und Lachen. Zu Hause nahrte die arme Betrogne ihre Leidenschaft durch die fortgesetzte Lekture des Rousseauschen Romans, vor welchem er junge Madchen selbst warnt. Ich erhielt nur selten Briefe von ihr, und diese waren steif und kalt. Es fehlte nur noch, dass sie mich Herr Vater genannt hatte. Mir wurde aufs neue bange um mein Julchen; denn ich konnte es mir ohngefahr vorstellen, wie lange die Grundsatze eines weichen Madchenherzens gegen das unablassige Untergraben eines verfuhrerischen geliebten Buben Stich halten wurden. Ich theilte meiner Nichte meine Besorgnisse mit. Sie stillte sie wohl einigermassen mit der Nachricht: dass meine Tochter wenig ausginge, und den Sonntag bei ihr zubrachte, wobei denn gemeiniglich auch Herr E i c h e sei; sie wollte aber bemerkt haben, dass Julchen diesem absichtlich mit der aussersten Kalte begegne, wodurch der bescheidene Mann nur noch schuchterner in seinem Umgange mit ihr gemacht ware. Fraulein Lindenfels sei jetzt, schrieb sie, auf einem der Guter ihres Brautigams, wo sie mit ihm getraut werden sollte. Uberdem rucke ja die Zeit immer naher, da Julchen ihre Hausgenossin wurde. Das war nun gut genug; und ich hatte mich auch vielleicht beruhigt, ware nicht am darauf folgenden Posttage ein Brief von Madame Brennfeld eingelaufen, worin sie mir vorschlug, ihr Julchen ganz zu uberlassen. Dieses talentvolle Madchen, hiess es, wolle sich gern dem Erziehungsfache widmen, und sich unter ihrer Anweisung dazu bilden. Ihr Gluck wurde dadurch fur die Zukunft gegrundet. Mamsell Juliette sei ungemein liebenswurdig geworden. Sie habe ihr nicht so viel Empfanglichkeit fur die feinern Sitten zugetraut; auch habe sie sich die Achtung aller ihrer adlichen Zoglinge erworben. Ich warf, hochst aufgebracht, den narrischen Brief auf die Seite, und nahm ihn nur wieder, um noch starker dagegen zu streiten. Julchens Brief war ein blosses Nachbeten des einfaltigen Zeuges; sie war aber doch nicht schlau genug, die Grunde gehorig zu bemanteln, um welcher willen sie den Vorschlag der chere madame so annehmlich fand. Ich setzte mich aber in der ersten Hitze hin, schlug beiden alles ab, und das in Ausdrukken, wie meine Missbilligung sie mir eingab; wobei ich mich gern jeder Gefahr aussetzte, was die beleidigte Philosophin mir dagegen fur Ehrentitel wurde geben wollen. Meiner Tochter antwortete ich mit ungewohnter Strenge, so dass sie mich gewiss einen grausamen Vater genannt haben wird. Ich schrieb ihr, sie sollte keine Stunde uber das bestimmte Vierteljahr in dem verwunschten Hause bleiben, das mir so viel Herzleid gemacht hatte. Hierauf hat sie ihrer Herzensfreundin folgenden Brief geschrieben:
"Was soll aus mir werden, Mariane? Mein Vater begegnet mir grausam; unsern Plan verwirft er ganzlich. Mit ganzer Seele wurde ich mir den unangenehmen Beruf einer Unterhofmeisterin haben gefallen lassen, weil der Lohn so unaussprechlich suss gewesen seyn wurde. Wenn ich nun aber bei Falk's bin: ach, dann ist es beinahe ganz unmoglich, dass ich meinen Geliebten sprechen kann! Karoline ist so strenge, ihr werde ich mein Herz nie entdecken konnen; mir bleibt denn nur die Kirche ubrig, und auch dahin wird die ehrliche Plagerin mit mir gehen. Ich hasse schon in Voraus alles, was mir im Wege steht. Zuweilen werde Ihnen, Mariane, darf ich es wohl gestehn, dass ich Gestern suchte ich etwas unter meinen Papieren, wurde mein Tod seyn, wenn Dein Vater mir mit Recht Vorwurfe machen konnte, dass ich an Deinen A u f e n t h a l t i n B e r l i n S c h u l d b i n .' Ach Gott! wer so, wie ich, den sanften, herzeindringenden Ton ihrer Bitten kannte! O, ich kann, ich kann diese so einfachen, ruhrenden Worte nicht wieder loswerden! Und dann noch die entsetzliche Vorstellung, dass ich ihr die Leiden ihrer letzten Tage vielleicht noch erschwert, dass ich ihre segnende Hand nicht an meinem Herzen gefuhlt habe; o, Mariane! sie starb mit einem kummerbeschwerten Herzen, wozu ich Ungluckliche vielleicht auch beigetragen hatte!
In eben dem Kastchen, worin der theure Brief lag, fand ich auch den Anfang eines Tagebuchs, das ich in verschiedenen Absazzen, auf Anrathen meines Vaters, uber mein Herz hielt. Mariane, es war nichts geringeres als ein feierlicher Bund, den ich, nach Anleitung des frommen D o d d r i d g e , mit Gott errichtet hatte. Ich habe eine feierliche Zusage, immer fromm und rechtschaffen zu seyn, aufgesetzt, und eben gestern war es ein Jahr, dass ich diese Zusage that. Ach, guter Gott, ich habe seitdem mit keiner Sylbe wieder daran gedacht! Meine Andachtsbucher, mein Zollikofer, Hermes Handbuch der Religion, etc., alles liegt bestaubt da; mein Herz ist von allen frommen Empfindungen durchaus gesichtet, selbst kein ausseres Hulfsmittel. verschafft mir auch nur eine Minute andachtiger Ruhrung. Mein Herz ist wie versteinert. Beunruhigt uber den peinlichen Zustand meines Innern, setzt' ich mich an's Klavier, und prufte mein Herz mit dem Liede aus Rollens Liedersammlung: W i e i s t m e i n H e r z s o f e r n v o n D i r , etc.; da kamen Thranen, mein Herz offnete sich, und ich weinte bitterlich. Vorsatze dammerten in meiner Seele auf; aber die Dammrung wurde nicht Licht, eine trube Wolke dustern Unmuths umhullte sie, es folgte bald ein Zustand der Erschopfung, und ich verfiel in Gedankenlosigkeit und Zerstreuung. Im Nebenzimmer wurde gesprochen; ich trocknete meine Thranen, verschloss die Briefe, versteckte das andachtige Notenbuch, und begab mich zur muntern Gesellschaft. Unter dem frohen Gerausch der muthwilligen Scherze trat auch allmahlig wieder das Bild des Geliebten in meiner Seele hervor. Die Gesellschaft ging erst spat aus einander; in meinem Kabinet erwarteten mich die schwermuthigen Vorstellungen, denen ich vorher entgangen war. Sie zu zerstreuen wollte ich an meinen geliebten Louis schreiben; aber es gelang mir durchaus nichts. Da ward ich unmuthig, und die ganze Welt war mir zuwider. Mein Vater hatte mich nicht hierher schicken, oder mich nicht mit strengen Begriffen von Eingezogenheit und dergleichen plagen sollen; das passt zu meiner Lage gar nicht. Ach, Mariane, Sie mogen wohl recht haben, entweder g a n z g u t , o d e r g a n z d e m L e i c h t s i n n e g e l e b t . O, diese Ruckfalle, sie sind todtlich! Noch wenige Jahre, und die Rosenzeit ist dahin! Jahre, ach Gott! eine Krankheit, ein bleichender Kummer, und dahin ist sie! Mariane, schelten Sie nicht, wenn ich Ihre frohen Augenblicke trube; ich werde mich bemuhen, heiterer zu schreiben. Fur diesmal meinen Gruss und Kuss."
Bald nachher schrieb sie wieder:
"Noch immer keine Sylbe von meiner neu vermahlten Freundin! Haben Sie mich vergessen, Mariane? verdrangen interessantere, neuere Bekanntschaften die arme Julie? Ihr Bruder ist auch noch nicht von seinem Urlaub zuruck. Liebte er wie mein Herz ihn liebt, wurde er dann so lange saumen? O, trosten, trosten Sie mich! Sie, seine Schwester, sein schones Ebenbild! Sie, meine Mariane! ich darf Sie doch noch mit diesem vertraulichen Namen nennen? Ach, ich leide viel! Meine Lage in diesem Hause wird immer unleidlicher; seitdem Madame den abschlaglichen, unfreundlichen Brief von meinem Vater erhalten hat, lasst sie es mich entgelten. Ja, Mariane, nur Ihnen sag' ich's, sie hat mich mit den niedrigsten Namen geschimpft; sie hat mich geschlagen, als ich mich sehr sanft wegen eines mir angedichteten Fehlers rechtfertigen wollte. Das Hausmadchen versichert mir, Madame sei eifersuchtig auf mich, weil der Vetter mir einige Artigkeiten gesagt hat. Fast sollte ich glauben, die D o r t e habe recht. Er lobte die blendende Weisse meiner Haut, und nannte mich ein reines Maienblumchen. Bald nachher schimpfte die Madame auf meinen faden weissen Teint, und rieth mir, die ungeheure Menge blonder Mahnen, wie sie mein Haar nannte, mir aus der Stirn zu schneiden; ich sahe einem Lowenpudel gleich, besonders mit meinen seelenlosen blauen Augen. Dann lobte sie ihre Augen, Mariane, ihre pikante Physiognomie, und setzte hinzu: es sei ihr lieb, dass sie braune Augen habe, und kein schaales Blondinengesicht ware.
Auch fordert sie jetzt beinahe niedrige Dienstleistungen von mir, und giebt mir Tagaufgaben, die ich schlechterdings nicht bestehen kann. Mir einige Erleichterung zu verschaffen schenkte ich ihr das Tischgedeck, was mir meine liebe selige Mutter zuletzt schickte; aber wenn ich dergleichen Liebesproben nicht alle Tage geben kann, bin ich wenig gebessert. Unter dem Vorwande, mich in Wirthschaftsgeschaften zu uben, schafft sie eine Arbeiterin nach der andern ab, und lasst mich deren Stelle vertreten. In Gesellschaft demuthigt sie mich damit, dass sie sagt: sie wolle sich nie wieder mit plumpen Landvolke abgeben; wenn man sich die undankbare Muhe gegeben hatte, ihre Kinder abzuhobeln, waren sie hinterdrein noch grob. Was der Amtmann fur ein erzgemeiner Mensch sei, sahe man daraus, dass er seinen jungsten Sohn bei einem Tischler in die Lehre gegeben hatte; sie schame sich recht, wenn der Hobeljunker zu seiner Schwester kame. Freilich sei der Junge wohl simpel, und tauge zu nichts Besserm; aber ihrem Hause solle man nicht zumuthen, solche Leute, die von allem Gefuhl fur feine Schicklichkeit entblosst seien, aufzunehmen. Ach, Mariane, wie mir zu Muth wurde, als diese Person, die mich eine Stunde vorher mit niedrigen Schimpfnamen belegt hatte, von Gefuhl fur Schicklichkeit deklamirte!! Ach! ich sehne mich mit ganzer Seele aus dieser Holle, in der man noch obendrein mit Hunger und Durst geplagt wird! Wohin ich aber mochte? weiss ich wahrlich nicht! Sei's, wohin es wolle; nur wunschte ich, nicht in einer traurigen Entfernung von allem, was mir auf Erden theuer ist, schmachten zu mussen."
Endlich antwortete Mariane:
"Um des Himmels willen, Liebe, quale nicht auch mich noch mit Deinen trubseligen, schwarmerischen Grillen! Findest Du Dein Gluck in dem andachtigen Gewinsel: gut, so winsele Du; aber mich verschone damit. Warum sollte man sich, wenn die Rosenzeit (wie Du sie nennst) da ist, und der Himmel schone, gedeihliche Fruhlingstage giebt, sie mit Vorstellungen und Besorgnissen von Herbst und Wintersturmen verderben? Bist Du unzufrieden mit Deinen Herzensbuben? Lass ihn laufen; e s g i e b t d e r T o f f e l m e h r , d i e b e s s e r s i n d a l s e t Legt die insolente Schulmeisterin Dir ihre uble Laune in den Weg, so lache sie aus und wirf ihr Deine Geschenke vor. Dass sie eifersuchtig uber Dein wunderschones Larvchen ist, habe ich langst bemerkt. Du hast so ein susses Idyllengesichtchen, das besonders den jungen gefuhlvollen Theologen zuzusagen pflegt und bei welchem sie in eine elegischpoetische Stimmung gerathen; aber dergleichen verzeihen diese Sentenzenkramerinnen nicht. Sie wird Dich mit ihren Orakelspruchen bas plagen; doch hor' nicht d'rauf, sondern singe Dir eins, und kucke aus dem Fenster. Besser kann ich Dir nicht rathen. Mir geht es auch nicht nach Wunsch, aber so bald lasse ich die Flugel nicht hangen. Doch eins muss ich Dir umstandlich erzahlen.
Als ich aus dem lustigen Stadtgewuhl plotzlich in diese landliche Einode versetzt ward, wurde mir bei aller meiner Keckheit doch ein wenig bange um's Herz; denn was die Dichter auch uber das Landleben so blumenreich phantasiren, mir ist ein Baum ein Baum, und die Strohhutte das traurigste Asyl auf Erden. Uble Laune ergriff mich wider meinen Willen, und der Herr von L.. wurde mir mit seiner brautigamsmassigen Zudringlichkeit unsaglich zuwider. Ich musste meine ganze Politesse zusammennehmen, um ihn nicht bei jedem Worte, bei jeder Schmeichelei, womit er mich peinigte, anzufahren. In der Stadt, wo man von ganzen Schwarmen lieber Jungen umflattert wird, merkt man nicht so ganz die Lastigkeit eines solchen Amanten; aber, mein Schatz, im einsamen Landschlosse, da! Doch weiter. Der Hochzeittag kam immer naher heran; ich schwarmte ganze Tage mit meinem Kammerkatzchen und dem narrischen Franzmann, dem Friseur, herum. Dieser drollige Mensch vertrieb den Damon ubler Laune durch seine muntern Einfalle so ziemlich. Herr von L.. beklagte sich uber meine Abwesenheit. Warum gehn Sie nicht auf die Jagd? sagt' ich; ich kann mich nicht einsperren lassen, das wussten Sie ja. Er kusste mit reumuthig die Hand, und bat um Erlaubniss, mich auf meinen kleinen Wanderungen begleiten zu durfen. Das schlug ich gleich mit einem: 'wir mussen einander nicht geniren' ab, und der Mann war Narr genug, mit ekelhaft verliebten Gesten seine Beistimmung zu allem, was mir gefiele, zu geben. Nun kamen nach und nach die Hochzeitgaste. Zuerst mein schwerfalliger Herr Papa, der mir mit Moralen und Sittenspruchen entgegenkam, womit ich so frei war, ein wenig munter umzuspringen. Aber er ist doch gut; denn er nahm's von der besten Seite, und nannte mich, so wie er pflegt wenn er mir wohl will, une folle.
Und d'rauf der Hochzeittag, mein Kind. Meine Kleider hast Du gesehn. Ohne Eitelkeit, ich gefiel mir. Rosen und Myrthenfestons im silberglanzenden Flor. Leicht schwebte der Myrthenkranz auf meinem braunen lockigen Haar. Alles schon, nur der Brautigam nicht; sein Haar dunn und beinahe schon ehrwurdig, sein Teint gelb und Oliven; doch Du kennst ihn ja. Wie viel Paar Strumpfe er mochte angezogen haben, um nur eine Art von Verhaltniss zwischen Bein und Korper herauszubringen, kann ich nicht sagen. Ein Hochzeitgast war des Brautigams jungster Bruder, ein schoner blonder Junge; einer von unsern Elegants. Hatte der bei der Trauung nicht mein vis-a-vis gemacht, und mich durch sein possenhaftes Mienenspiel aufgemuntert, ich glaube, mir ware ubel geworden; denn es ist bei dem allen doch ein furchterlicher Auftritt. Die Fete nahm sich fur eine Dorfgala nicht ubel aus. Nun hor', was weiter geschah: Kein Mensch ausser meiner Nanette wusste um mein Vorhaben. Als man uns mit den gewohnlichen steifen Zeremonien in die Brautkammer gefuhrt hatte, liess ich meinen alten Geck seine veraltete Zartlichkeit herperoriren; dann trat ich mit schalkhaftem Lachen vor ihm hin, machte ihm meinen besten Kniks, und sagte: mein Herr von L.., wenn Sie geglaubt haben, sich eine nachtliche Gesellschafterin an mir zu erheirathen, so verstanden Sie mich entweder unrecht, oder ich habe mich sehr undeutlich erklart. Dies Schlafzimmer ist das Ihrige, das meinige ist dort; nur e i n e Mauer trennt uns. Ich wunsche Ihnen angenehme Traume von Ihrer schonen Braut. Ich offnete das Nebenzimmer, und liess ihm mein Bette, meinen Nachttisch, und was sonst noch zum Schlafzimmer gehort, sehen. Ich ging, und warf meine Thur ins Schloss. Er verhielt sich ganz stille. Ich plauderte noch mit meiner Jungfer, und bald nachher, als ich sie entlassen hatte, dunkte es mich als horte ich ihre Stimme in dem Zimmer meines Gemahls; es war mir sogar, als ob ich sie lachen und meinen Namen nennen horte. Zur Gewissheit habe ich indess diesen Argwohn nicht gebracht; ich mochte die Narrin nicht gern erzurnen.
Die Folgen dieses Einfalles hatte ich nicht genau berechnet; ich sah bloss das Ridikule, das auf den jungen sechszigjahrigen Ehemann fallen wurde: aber der Schalk hatte seine Parthie sogleich ergriffen. Des Morgens beim Fruhstuck erzahlte er der Gesellschaft den Vorgang, und so eingekleidet, dass er die Lacher auf seine Seite zog. Verlegner als ich war noch niemand gewesen! Diesen Abend wunschte er mir z u e r s t eine gute Nacht, und ging ganz freundlich in sein Schlafzimmer. Der hamische Kerl! wie gleichgultig er meine Verachtung ertrug! Schon gut, dacht' ich; es wird denn doch etwas zu erfinden seyn, das Dich verdriesst. Ich that schon mit seinen hubschen Bruder; aber auch das verschlug ihm nichts. So verhetzten wir uns acht Tage lang gegen einander, bis die Gesellschaft sich nach und nach verlor, und ich mit meinen zartlichen Gatten allein blieb. Nun wurde mir bange; das Heimweh stellte sich ein. Werden wir nicht auch in die Stadt zuruckkehren, Herr von L..? fragte ich ganz freundlich. Ja, antwortete er eben so, morgen gedenk' ich abzugehen. Ich ruste mich also in moglichster Eile zur Abfahrt. Den Morgen beim Erwachen uberreicht mir Nanette einen Brief vom heimtuckischen Menschen; er war fort, und hatte mich zuruckgelassen. Sein Brief enthielt folgendes: 'Da ich die Einsamkeit zu lieben schiene, so wolle er meinem Hange nicht entgegen seyn. Sein Landhaus stande mir zu Befehl, aber in seiner Stadtwohnung musse er fur jetzt meine Gegenwart verbitten; seine Umstande erlaubten nicht, dass ich ihm im ersten halben Jahre dahin folgen konne.' Ich rasete, als ich dies schandliche Komplot entdeckte. Allein, auf einem einsamen Dorfe, keine andre Gesellschaft als den Pfarrer, einen alten traurigen Mann, und seine alte knurrige Halfte! Meine Nanette ist noch das einzige menschliche Wesen, das mich versteht; sie hat Welt, ist in Wien, Leipzig, und Gott weiss wo? herum gewesen; aber mein Friseur, Monsieur Leopold, ist auch in alle Welt gegangen, und hat den witzigen Einfall gehabt, meine Uhr und goldne Dose mitzunehmen. Mag er, der luftige Franzose! Dergleichen Leute sind schwatzhaft, und sagen vielerlei, wenn ihnen zugesetzt wird.
Was fange ich nun an, mein Schatz? Setzt mir Herr von L.. ein gutes Jahrgeld aus, so ist meine Absicht erreicht. Ich habe an meinen gewesenen Brautigam geschrieben, und ihm a l l e s v e r g e b e n ; (kannst Du mir nicht sagen, Julchen, was er gethan hat)? Ich habe ihn ersucht herzukommen; vielleicht kommt er. Lieber todt, als so ohne Unterhaltung! Ich nehme zehnmal ein Buch in die Hand, ich werfe mich zehnmal an den Flugel hin, aber das sind gar leidige Troster. Die Tage kriechen wie Jahre. Von Louis seh' und hor' ich nichts; sein Urlaub ist zu Ende. Lebe wohl, gutes Kind! Ist Dir wohl, so heirathe in Deinem Leben nicht. Schreib' mir fleissig; ich verschlinge was mir aus der Stadt zukommt. A dieu, cher coeur.
Mariane.
N. S. Schick' mir doch die hochgepriesene Heloise. Bis jetzt habe ich mich nie an ein Buch gewagt, das mehr als fingerdick war. Schick' mir auch von den neuesten Huten. Und Du, Kind, hute Dich vor den andachtigen Ruckfallen; Du ververbitterst Dir Dein Leben. Nenne mich doch Du. Schonheit adelt und macht alles gleich, sagt ein alter Franzose. A dieu, a dieu, die Langeweile macht mich zur Briefstellerin. Je t'embrasse de tout mon coeur."
Julchen fand das Benehmen ihrer Freundin gegen ihren Mann hochst witzig und lose. In allen Gesellschaften, sagte sie, wurde davon, als von einer bonne plaisanterie gesprochen. Madame Brennfeld gedenke nie ohne Lachen des Auftritts in der Brautkammer. Mariane sei schon immer ein loser Schelm gewesen. Von Louis, schrieb sie ihr, sei noch keine Nachricht da. Der Urlaub sei seit drei Wochen verflossen. Es sei schon vom Regimente an den Grossonkel, wo er sich aufhalten solle, geschrieben. Da ware er gar nicht gewesen. Sie habe auch nun, vor Unruhe und Besorgniss, gar keine bleibende Stelle mehr; sie wanke rastlos umher. In vierzehn Tagen ziehe sie zur Cousine. Es ware ihr als ob sie in den Tod sollte; im Grunde sei ihr aber nirgends wohl. Was die andachtigen Ruckfalle betrafe, so habe Mariane nicht unrecht. "Ich martere mich damit ab," schrieb sie, "und kann mich doch, wenn mir's auch das Leben kostete, den Begriffen meiner ersten Erziehung nicht wieder anpassen. Erinnerungen, ja dieser werde ich mich wohl lebenslang nicht ganz entschlagen konnen; Szenen aus dem fruhen Jugendleben bleiben fur's ganze Leben theure Andenken. Vorige Woche fuhr ich mit Falk's auf das Land; E i c h e war in der Gesellschaft. Das Dorf war freundlich und gut, wie mein Geburtsort. Wie frisch lebten da alle meine ersten Jugendgefuhle in mir auf! wie gern hatte ich mich so meines Lebens wie damals erfreut! aber Gott weiss es, was fur ein banges drukkendes Gefuhl sich den helleren Vorstellungen entgegensetzte. Die lieblichste Erinnerung losete sich in Seufzer auf. Ein Hugel, von dem man eine weite Aussicht hat, erinnerte mich besonders an die Stelle, auf der ich den letzten Abend vor meiner Abreise mit meinem Vater stand. Er segnete mich der gute Vater, und ich weinte an seinem Herzen. Wie so gar anders ist es nun! Karolinens sanftes, gefalliges Wesen erinnerte mich an die zartlichste der Mutter. Ich wurde mich in Vorstellungen der Art ganz verloren haben, hatte nicht Falk, welcher der angenehmste Mann von der Welt ist, den muntern Ton unter uns zu erhalten gesucht. Ich glaube, sein guter Humor wird viel zu meiner Zufriedenheit in seinem Hause beitragen. E i c h e ist ein sehr rechtschaffner Mann, und ich glaube er ist auch schon, wenn man k e i n e n a n d e r n kennt. Er ist aber so sehr zuruckhaltend, dass ich nie ein Herz zu ihm fassen kann. Er hat sicher noch keinem Madchen die Hand gekusst. Mit Andern verglichen, kommt er mir entsetzlich steif und trubsinnig vor. Mich wundert, dass er hier nicht ein wenig mehr Welt annimmt. Auch unter seinem Stande giebt es allerliebste lustige Manner. Freilich vergleiche ich alle mit einem mir theuren Ideal, und da verlieren selbst die besten. Das Kolorit der Liebe wohnt sonst nirgends in der Natur, und die Kunst erreicht es vollends nicht. Indess habe ich eine sonderbare Szene mit Eichen gehabt. Der Abend war so schon, die Lufte weheten so lau, dass wir uns entschlossen, den Weg zuruck zu gehen, und die Wagen nachfahren liessen. Der Mond schien auf einer dustern Thauwolke zu ruhen. Der ganze Himmel war mit falben krausen Wolkchen uberstreut; zwischendurch flimmernde Sterne. Unser Weg fuhrte uns langs einer Wiese, laue Abendlufte weheten uns den Duft des frisch gemaheten Grases zu; an der andern Seite war ein lichtgrunes, sanftwallendes Kornfeld. Die Stille war feierlich; nur eine Wachtel schlug von fern, und am Wege hier und da ein Heimchen. Mariane, offnete Ihr Herz sich je dem Einflusse der lieblichen Abenddammerung? Mein Herz erlag unter der Herrlichkeit dieser Erscheinungen. Fromm und unheilig zugleich, betete ich. Ja, ich betete: 'Nur einen solchen Abend, o Gott, gieb mir am Arme des Geliebten!' Ich versank in die Fulle meiner Empfindungen, dachte mir meinen schonen heitern Jungling, wie auch er vielleicht jetzt in den Mond sieht, und sich seine Julie denkt. Kaum bemerkt' ich meine Gesellschaft noch. Auch E i c h e schien besondern Vorstellungen nachzuhangen; das ist indess bei ihm nichts ungewohnliches: aber ich schauerte zusammen, als er meine Hand fasste, und sie leise aber innigst druckte. Der Mond schien ihm ins Gesicht, da sah ich eine Thrane in seinem Auge zittern, und auch mir traten Thranen in die Augen. Er ergriff von neuem meine nicht widerstrebende Hand, und schien sie an sein Herz drukken zu wollen. Lachen Sie nicht uber mich, Mariane; ich vergass die Welt, dachte mir in einem sussen, tauschenden Moment den Geliebten, und erwiederte den Druck der Hand mit Warme und Innigkeit. Nun fiel mein Irrthum mir aufs Herz, da mir der Mann mit unbeschreiblichem Ausdrucke ins Auge blickte. Ich zog meine Hand lebhaft zuruck; und mochte wohl verstort ausgesehn haben, denn der Mann seufzte klaglich aus der Tiefe der Brust. Ich schwieg unmuthig, wendete mich von ihm, und erwartete Karolinen, die etwas zuruckgeblieben war. Die Unterhaltung ward wieder allgemeiner, und der Abend wurde noch ganz leidlich beschlossen.
Zu Hause ward ich sehr unfreundlich empfangen; Madame Brennfeld sagte, das spate Ausbleiben schikke sich nicht (es war noch nicht zehn Uhr, so genau pflegt sie es sonst nicht zu nehmen). Ich antwortete nicht, und dachte: die kurze Zeit will ich still seyn und dulden. Ich habe doch in ihrem Hause manche Freude genossen: ihr habe ich Sie zu verdanken; Ihnen den Geliebten. Sie hat Gefuhle, die verworren in mir lagen, entwickeln helfen; sie hat mir Schatze des herrlichsten Geistesgenusses geoffnet, die ich in dem einformigen Kreise der hauslichen Geschafte und des trocknen Umganges mit meinen Verwandten nie kennen gelernt hatte. Wie hatte ich auf dem Lande von dieser feinen Geistesbildung etwas ahnen konnen? Sie haben ja meinen Vater gesehn. Ich unterstehe mich nicht, ihn zu tadeln; aber was ist er doch, bei all' seiner Rechtschaffenheit, fur ein r u d e r Mann! Nie ist's mir so einleuchtend gewesen, als da ich ihn zuletzt sah. Gott, wie unempfanglich jedem sanftern Eindruck! Ich war halb ohnmachtig, wenn er in so wenig gewahlten Ausdrucken alle Einrichtungen unseres Instituts tadelte, und sie W i n d u n d z w e c k l o s e Z e i t v e r s c h l e u d e r u n g nannte. In seinen Augen geht nun einmal nichts uber eine gute Wirthin und Kindermutter. Lieber Gott! ich denke das ist alles recht gut und schon zu seiner Zeit; aber da ware unserm Geschlechte ein recht elendes Loos zu Theil geworden, wenn es bloss dem Manne Essen und Wasche besorgen sollte, und sich mit den Kindern zu qualen hatte. Gott weiss, wie mir, in der Rucksicht, vor dem Aufenthalte bei Falk's graut! Ich werde das vis-a-vis zweier Eheleute seyn, welche sich die interessanten Ereignisse ihrer hauslichen Einrichtung mittheilen: um wieviel Zeit die Kochin vom Markte gekommen ist? und ob die bunte oder die schwarze Henne legt? Karoline ist ein braves Weib, aber fur eine so junge Frau ungemein ernsthaft; und wenn sie lieset, sind es ernste Bucher, die ein Kirchenrath lesen konnte, und die sie wie ein Magister beurtheilt. Kunftig werde ich dabei sitzen, und wehmuthig in die frohe Zeit zuruckblicken, die ich in dem bunten Kreise junger munterer Leute in stets abwechselnder Unterhaltung verlebte; in die Wonnezeit, da ich taglich einen sussen Beweis der Zartlichkeit von dem Geliebtesten unter allen Menschen an meine Lippen druckte, u.s.w."
Wie gefallt Ihnen nun das Madchen, lieber Seelmann, das sonst keinen bessern Mann kannte, als ihren nur zu schwachen, zartlichen Vater, den sie nun einen ruden Menschen schilt, weil er sich einer sie verderbenden Neigung entgegensetzte? Ist's Ihnen jetzt anschaulich, Frau Nachbarin, dass der Pensionenwind die Kopfe schwindeln macht? Sie haben es gesehn, mein Madchen war brav und gut, als ich sie der verwunschten Residenzbildung ubergab; ich war selbst schwachkopfig genug, dem Grunde zu trauen. der durch ihre erste Erziehung in ihr gelegt war. Julchen war kein kleines Kind mehr, als ich sie in die Windmuhle brachte, die Landmadchen in Stadtdamen methamorphosiren soll; auch hat sie sich etwas langer gehalten als manche andere, und doch zuweilen durch einen fluchtigen Ruckblick vor dem ganzlichen Verflattern bewahrt. Die erste gute Erziehung hielt die Wage noch eine Zeit herunter, bis die unselige Bekanntschaft mit dem Kornet, und verfuhrerische, Sinnlichkeit erregende Bucher ihr einen so machtigen Stoss gaben, dass sie gewaltsam in die Hohe schnellte. Die Bemerkung wird Ihnen, meine Freunde, nicht entgangen seyn, wie geschwind des Madchens Styl sich gebildet hatte. Das that nun wahrscheinlich die L i e b e , die so oft aus Affen Menschen, und Menschen zu Affen macht. Dieses hatte aber eben so gut im Dorfe als in der Stadt eintreten konnen. Setzen Sie indess einmal den Fall, dass ein Madchen, welches die allerersten Eindrucke ausserhalb dem elterlichen Hause erhalten, und beinahe schon mit der Milch die Maximen der sogenannten verfeinerten Lebensart eingesogen hat; das man, ehe seine Begriffe sich noch entwickelten, seine wahren Empfindungen unter einen Schwall ungefuhlter Komplimente verstecken lehrte, und welches dann in eine solche, halb oder ganz franzosische Schulanstalt kam: und zeigen Sie mir unter hundert, so erzogenen Madchen nur eines, ja n u r e i n e s , das eine gute Gattin und Mutter geworden ware, so will ich sagen: geben Sie Ihre Tochter hin, vielleicht thut Gott ein Wunder, und bewahrt ihr Herz vor Eitelkeit. Denken Sie sich nur, dass die armen jungen Geschopfe sich nie unterstehen durfen, nach ihrem eigenen Gefuhl zu sprechen; dass die Aufseherinnen nie einen eigenen Gedanken bei dem Kinde aufkommen lassen; dass die Gouvernante, wenn man ihren Zogling um etwas fragt, sogleich ins Wort fallt, ihren eigenen Witz anbringt, und ein Kompliment herleiert, welches das arme kleine Ding oft mit weinerlicher Stimme nachbetet. Mussen dadurch nicht falsche Menschen gebildet werden? und ging nicht auf diesem Wege die belobte deutsche Treuherzigkeit verloren?
Aber wo gerathe ich hin! Doch Wahrheit steht immer am rechten Orte; und weil ich einmal dabei bin, Seitensprunge zu machen, so erlauben Sie mir, noch einen Missbrauch zu rugen, der mit Erlaubniss, Frau Pastorin, ihrem ganzen Geschlechte als Erbubel eigen ist: ich meine die Schwachheit, einen ausgezeichneten Werth auf korperliche Vorzuge zu legen. In einem gesunden Leibe k a n n eine gesunde Seele wohnen. Sie thut's nicht uberall und jederzeit, aber der Satz ist richtig; und daher ist alle Pflege, die auf Gesundheit des Korpers abzweckt, hochst vernunftig. Die weibliche Aufsicht geht indess gemeinhin n u r auf S c h o n h e i t aus, und das ist nicht recht. Schon in meinem Knabenalter fiel mir's besonders auf, dass die lieben Weiberchen, sobald dies oder jenes Frauenzimmer genannt wurde, gleich mit der Frage d'ruber herfielen: "I s t s i e h u b s c h ? I s t s i e g u t g e w a c h s e n ?" Ich habe nachher in allen Frauengesellschaften die namliche Bemerkung zu machen Gelegenheit gehabt. Nie wird gefragt: ist sie sittsam? ist sie hauslich? hat sie weibliche Geschicklichkeiten? etc. Ihr glaubt's nicht, liebe Weiberchen, welchen Eindruck das auf Eure Tochter von fruher Jugend an macht. Naturlich denken sie: S c h o n h e i t , und alles, was diese geltend macht, sei des hochsten Bestrebens werth; um so mehr, wenn sie bemerken, dass gute liebe Madchen, welche die Natur nicht begunstigte, oft sogar von ihren Eltern zuruckgesetzt werden. Die Schonheit ist ein dankenswerthes Geschenk der Natur, doch aber nicht das erste und vorzuglichste; wozu sie freilich dann erhoben wird, wenn die Menschen zu roh sind, moralischen Werth zu fuhlen. "Der Amtmann ist ein Schwatzer," rief die Pastorin lachend, "die Schonheit wird doch ihren Werth behalten!" Ganz gewiss, liebe Nachbarin, (entgegnete Grunthal) i h r e n W e r t h , aber nicht d e n P r e i s ; und damit sei es fur heute genug. Ich hatte in langer Zeit nur drei oder vier Briefe von Julchen bekommen. Es war mir nicht moglich, ihr keine Vorwurfe deshalb zu machen, wobei mir Anspielungen auf den wahren Zustand ihres Herzens entfallen seyn mochten. Sie beantwortete dies in einem beleidigten Tone, der mich das sanfte, folgsame Madchen gar nicht wieder erkennen liess. Dabei entschuldigte sie sich mit mancherlei Abhaltungen; sie verfertige z.B. allerlei kleine Andenken fur ihre Hausgenossen, u.s.w., kurz, der Vater musste gegen diese zuruckstehen. Indess hatte sie folgenden Brief von ihrer leichtsinnigen Freundin erhalten:
"Dein Brief, liebe Juliette, hat mich ungemein amusirt. Hab' ich's Dir nicht schon lange gesagt: der Pfaffe hat ein Auge auf Dich? Um alles in der Welt, mein Schatz, werd' mir keine Priesterfrau! Horst Du? werd's ja nicht! Das sind die Unausstehlichsten aller Unausstehlichen! Du schickst Dich nicht dazu; denn Du bist in allem Ernst demuthig und bescheiden, verstehst Dich schlecht auf Getratsche, und bist bei weitem nicht eitel und abgeschmackt genug, Dir auf fremdes Verdienst etwas zu gute zu thun. Ich habe einen wahren Grauel an dem niedrigen Stolze dieser Gattung. Das erlaube ich Dir allenfalls, Deinen Spass mit dem frommen schuchternen Amanten zu haben. Wie erbarmlich! nicht einmal einen Handkuss bei seiner taubenartigen Schonen zu riskiren! Es versteht sich, dass Du mir nicht verschweigen musst, wie weit er sich mit seinem gottseligen Herzchen hervor wagt; ich will Dir dann schon sagen, wie Du Dich zu benehmen hast. Gonne Dir immerhin die Lust; denn mit meinem Bruder mag's so nicht so ganz richtig seyn. Deine romanhafte Anhanglichkeit fallt ohnedem nimm mir's nicht ubel, Kind, ein wenig ins Schaferliche; mit einem Worte: ins Ridikule. Bei mehrerer Erfahrung wirst Du finden, dass in der Abwechslung der wahre Lebensgenuss liegt. C'est un mariage, que de n'en aimer qu'un!
Denk' doch! Der insolente Baron, mein verabschiedeter Brautigam, beantwortet meine Einladung ganz kalt, und wunscht mir Gluck zur neuen Verbindung. Der Unverschamte! meiner Rache entgeht er nicht. Ware ich so grillenhaft wie sonst jemand, so hatte ich nun schonen Stoff, in empfindsame Thranen auszubrechen. Im Vertrauen, Julie, ich bin schon mehr als halb getrostet uber den Unfall, der mir den Genuss der Stadt versagt; es giebt hier herum ganz hubsche Leute, man muss sich nur orientiren. Sag' das aber nicht weiter, damit es meiner durren Halfte nicht zu Ohren kommt, die ich posttaglich mit Klageliedern heimsuche. Schon hat er mir den Streich gespielt, mir, unter einem elenden Vorwande, den Postzug wegfuhren zu lassen. Nun fahre ich in meinem Whisky, oder lasse mich bei ublem Wetter in des Pfarrers alter Kalesche mit ledernen Vorhangen herumrutteln.
Deine Heloise ist unleidlich. Tugend und Liebe, und Liebe und Tugend, das einem die Ohren weh thun! Hier ist sie zuruck. Schick' mir Komodien von der sauersussen Gattung, horst Du? Was doch in aller Welt mit dem Louis seyn mag! A dieu, portez vous bien!
M a r i a n e ."
(Julchen an Marianen.)
"Ich bin verloren, Mariane! Unglucklicher ist noch
kein Madchen in der Welt gewesen! Ihr Bruder ist fort. Man hat Nachricht, dass er sich, unter fremden Namen, in Hamburg aufhalt, und dass er da mit den danischen Werbern umgeht. O, es kommen entsetzliche Dinge heraus! Ich wage es kaum, seinen Namen zu nennen, und doch mussen Sie alles erfahren! Seit vorgestern, da ich die ungluckliche Nachricht erhielt, habe ich so viel geweint, dass mein Kopf ganz ausgetrocknet ist. Ich schreibe dies mit trocknen Augen; die Thranen sind versiegt.
Schon seit einiger Zeit fuhr ich immer zusammen, wenn ich Magot kommen sah. Es fehlte mir an Muth, ihn nach o, wie nenn' ich ihn jetzt? zu fragen, und doch wenn der Mensch fort war, und nichts von ihm gesagt hatte, war ich den ganzen Tag wehmuthig. So hofft' ich von einem Morgen zum andern. Vorgestern bemerkte ich, dass Magot mit der Madame angelegentlich sprach. Ich horte einigemal den Kornet nennen, und sah, dass sich Madame entsetzte. Ich zitterte am ganzen Leibe. Beim Herausgehn nahm Magot seine Zeit so gut wahr, dass er mir einen Brief, oder vielmehr ein Paquet, in die Hande spielte. Der Athem verging mir vor Schreck. In einer ganzen Stunde hatte ich keine Gelegenheit es zu erbrechen. Erst wahrend der Klavierstunde schlich ich mich ins Kabinet. O, mein Gott, welch' ein Ungluck! ein Brief von einer fremden Hand, alle meine Briefe an ihn, ein Schattenriss, eine rabenschwarze Locke, die doch von mir blondem Madchen nicht seyn kann! Lesen Sie doch den beleidigenden Brief:
'An Mademoiselle Grunthal.
Liebenswurdigstes Madchen! Der Mensch, den Sie mit Ihrer Liebe begluckten, ist derselben, wie er selbst gesteht, nie werth gewesen. Seine verzweiflungsvolle Lage hat ihn genothiget, sich vom Regimente zu entfernen. Die ungeheure Verschwendung seiner Matresse, der Figurantin Annette, wogegen ihn die Freigebigkeit des reichen Judenmadchens nicht schadlos halten konnte, hat ihn bewogen, einen falschen Wechsel auf seinen Schwager v. L.. zu machen. Er wurde der Festung schwerlich entgangen seyn, hatte er nicht das Weite gesucht. Ich habe die Ehre, Ihnen Ihre so angenehmen Briefe wieder zuzustellen; der Auditeur hat sie mir ungern ausgeliefert. Wenn ein treuerer Liebhaber Sie uber den Verlust eines leichtsinnigen trosten kann, so schlage ich mich Ihnen vor. Schon lange war ich ein aufrichtiger Verehrer Ihrer Schonheit.
Der Lieutenant, Graf von ***.
N. S. Magot wird mich Ihnen naher bekannt machen, englisches Madchen.'
Fuhlen Sie die entehrende Demuthigung, Mariane? Ich bin tief, tief an meiner Ehre gekrankt. Wie verabscheue ich ihn! ihn, mich, und alle, alle die dazu beitrugen, mich elend zu machen! Gott, ware ich nur schon aus diesem Hause! Der Fussboden brennt unter mir! Konnt' ich mich in die Erde verkriechen! O! und habe ich ihn nicht so treu, so einzig geliebt? Mehr als mein Leben hatt' ich fur ihn hingegeben; und er? eine liederliche Tanzerin, ein wollustiges Judenmadchen neben mir! Ein armes, unerfahrnes, liebevolles Madchen so zu hintergehen! Ich werde sterben, Mariane. Wunschen Sie mir's. Ich verachte ihn, und kann ihn doch nicht hassen. Arme Schwester, ich bedaure Sie! Gott beruhige Ihr Herz!"
Mariane an Julchen.
"Das ist bei dem allen ein boser Streich von Louis! Wo es mich nicht geahnet hat! Hatte er nur auf v. L.. keine Schulden gemacht! Dieser Unhold wird's mich nun entgelten lassen. Es ist schlecht von meinem Bruder, das gesteh' ich. Sonst wundre ich mich, liebes Kind, dass Du wegen der kleinen Seitensprunge des losen Vogels so ausser Dir bist. In der That, ich glaubte Du wusstest das alles. Du hast sie auf den Pickenik gesehn, von welchen Dein Vater Dich heimholte. So auch sein Rachelchen, von der vermuthlich die rabenschwarze Locke ist, die, ich muss wahrhaftig lachen, ich kann mir nicht helfen drollig genug, grade in Deine Hande gerathen musste. Ich rathe Dir, nimm es heut' zu Tage mit den Mannern so genau nicht. Wir lassen sie machen, und Du weisst, eine Hoflichkeit ist der andern werth. Einmal, mein Schatz, musste das Ding doch ein Ende nehmen. Bedenke selbst, was sollte, was konnte daraus werden? Du bist zwar ein sehr schones Madchen; aber ich brauche Dir nicht erst zu sagen, was makelloser Adel sagen will. Ich muss zwar selbst gestehn, dass der Louis ein arger Libertin ist; aber er bleibt dabei doch immer ein Edelmann, aus einem der altesten Hauser, die sich nie mit Burgerblut vermengt haben. Rein haben wir's erhalten, rein wollen wir's unsern Nachkommen ubergeben. Sprechen die Leute uber Dich? Lass sie; sie konnen doch nicht sagen Du habest Dich gemein gemacht; es war doch immer ein Mann von Stande. Und dann so lass Dir zum Trost sagen: in Berlin geniessen Madchen und Weiber immer erst eines gewissen Respekts, wenn sie ein paar Aufsehen erregende Abentheuer bestanden haben. Es ist wahrhaftig eine ordentliche Demuthigung, wenn gar nicht von einem gesprochen wird. Du kannst die Wahrheit meiner Behauptung darin bestatigt finden, dass der Graf von *** Dir Antrage macht. Was wusste der von Julchen aus Lindenau, hatte mein Bruder Dich nicht en vogue gebracht? Ubrigens sterben wirst und musst Du nicht. O weh, wie viele Leichen wurde es geben, wenn man von fehlgeschlagenen Liebeleien sturbe! Ubel disponirt hat mich indess das Geschichtchen doch. Schreib mir bald, ob der Graf Dich getrostet hat. Adieu, armes Madchen, leidende Schone! Wie interessant Du seyn wirst! Geh', ich beneide Dich! bin aber doch Deine Freundin
M a r i a n e ."
Nach diesem Vorfalle blieb meine Tochter noch ohngefahr acht Tage in der Pension, und zog dann, unter tausend Thranen und krank an Leib und Seele, zu meiner Verwandtin. Karoline hatte ein Herz, das ganz zum Trost des ihrigen geschaffen zu seyn schien. Sie hatte zu Julchens Aufnahme alles mit der zartlichsten Freundschaft und Aufmerksamkeit veranstaltet. Obgleich Julchen ihre sorgsame Liebe nicht mit der Offenherzigkeit lohnte, welche eine so rechtschaffene Freundin verdiente: so behandelte diese doch das herzkranke Madchen mit aller der Schonung und Feinheit, welche ihr jetziger Gemuthszustand erforderlich machte; denn sie errieth nur zu gut die Ursache der tiefen Schwermuth, welche ihre Cousine mit zu ihr brachte, obgleich Julchen alles auf die lange, zur Anhanglichkeit gewordene, Gewohnung an das Haus der Erzieherin schob. Ihrer Empfindlichkeit zu schonen, verhutete Karoline sogar, dass sie in den ersten vierzehn Tagen E i c h e n zu sehn bekam. Sie war unablassig geschaftig, Zeitvertreibe und Zerstreuungen fur sie zu erfinden, suchte sie nebenher in hausliche Arbeiten zu ziehen, und bei ihr den Geschmack an den Geschaften des hauslichen Lebens wieder zu wecken. Sie gab, wider ihre Gewohnheit, Besuche, veranstaltete kleine Lustbarkeiten und Fahrten aufs Land, und liess sich durch die kalte, beinahe unfreundliche Art, mit der das Madchen ihre Liebe aufnahm, im geringsten nicht abschrecken, in ihrem edlen Eifer fortzufahren. Sie erreichte aber ihre Absicht so wenig, dass das undankbare Madchen vielmehr, verdriesslich daruber, folgendes an Marianen schrieb:
"Wenn ich's den Leuten nur sagen durfte, wie sehr mich ihre Zudringlichkeit wartert! Es liegt ein recht peinigendes Gefuhl darin, dass ich ihre Freundschaft nicht erwiedern kann. Sie stellen meinetwegen allerlei sogenannte Lustbarkeiten an; aber, o wie steif und seelenleer! Mein Herz wird sich nie an den ungeheuren Abstand zwischen d i e s e n Gesellschaften und jenen muntern, ungezwungenen gewohnen konnen, deren Seele eine Mariane war, und ein ach, dass er so liebenswurdig seyn musste! Da kommen denn die formlichen deutschen Degenknopfe, mit ihren Frau Gemahlinnen am Arm, und unterhalten die Damen mit Politik oder den Ereignissen bei der letzten l'Hombreparthie. Noch nie befand ich mich in einer so unangenehmen Lage. Es ist mir alles verdriesslich; es ekelt mich alles an; es kostet mir Uberwindung, den Leuten auch nur hoflich zu begegnen. Und wenn ich zuweilen ein einsames Stundchen erhasche, so kommt die dienstfertige Karoline, und zeigt mir die Herrlichkeiten, welche sie in ihrem Hauswesen vornimmt, oder verlangt gar ich soll ihr helfen. In der That, eine interessante Parthie! Ich mochte vergehen. Ihre Wirthlichkeit ist mir zuwider, ihr Hauswesen geht mich nichts an. Was will denn die Frau? Ware sie doch lieber murrisch; ihre immerwahrende Heiterkeit ist mir ein wahres Hauskreuz. Die trage, stumpfe Seele!
Es sollte mir sehr leid thun, meine Beste, wenn Sie meine Unbehaglichkeit einem Ruckfalle von Liebe zuschrieben. Ich verachte sein Andenken; aber er fullte meine Seele so ganz, er war mir e i n langer zusammenhangender Gedanke, e i n Begriff, auf den ich alles bezog. Und nun plotzlich so schmerzhaft abgerissen! Es ist als hatte ich aufgehort zu leben; ein Stillstand aller meiner Krafte, eine entsetzliche Lucke, eine dustere Todtenstille herrscht in meiner Seele! Sein Bild war in meinem Herzen so lebendig, so feurig; er war mein zweites inneres Leben. Nun bin ich mir a l l e i n nicht mehr zum Leben genug! Wohl Ihnen, Mariane, dass Sie so leichtes Blut haben, und so frohen Herzens sind! Ich irre unstat umher, und suche angstlich etwas, das die Gefuhle der Vergangenheit in meiner Seele erneuen soll. Es ware mir alles willkommen, wenn nur diese Stille, diese Ode nicht ware. Einmal bin ich bei Madame Brennfeld gewesen, aber auch dort befriedigt mich nichts mehr. Ich bin aus dem liebenswurdigen Kranze hinweggepfluckt, und habe aufgehort dort einheimisch zu seyn; ach! in dem Hause, das mir so lieb wie das vaterliche, ja noch lieber geworden war!"
Dies sind die merkwurdigsten Stellen ihres Briefes, die den unlustigen widrigen Zustand der Leere am deutlichsten bezeichnen, welcher auf die Erschutterung aller heftigen Leidenschaften zu folgen pflegt. Das ubrige enthielt einige gelinde Vorwurfe uber die Art, wie Mariane sie lehrte ihren Verlust zu ertragen. Mir meldete sie in ganz allgemeinen Ausdrucken, dass sie zu ihrer Cousine hingezogen und sehr gutig aufgenommen ware, sich aber noch immer nicht an ihren jetzigen Aufenthalt gewohnen konne. Zuletzt empfahl sie sich unbekannter Weise ihrer Frau Stiefmutter, und verblieb meine gehorsame Tochter.
Ich hoffte indess alles von Karolinens Verstande und trefflichem Herzen, auch von Eichens naher Bewerbung um Julchen. Ich dachte: wenn er ihrer Zuneigung gewiss ist, soll in anderthalb Jahren die Hochzeit seyn. Gern hatte ich die Heirath fruher vollzogen gesehn; ich konnte es aber nicht uber mein Herz bringen, einem Manne, den ich ehrte und liebte, ein Madchen, das vielleicht noch unter dem Einflusse einer unwurdigen Leidenschaft stand, zur Gattin und Mutter seiner Kinder zu geben. Uberhaupt trug ich als ein ehrlicher Mann Bedenken, diese Heirath unter solchen Umstanden befordern zu helfen; aber dann mahnte mich der Vater, die Tochter je eher je lieber der Gefahr zu entreissen. Karoline, der ich's zur heiligsten Pflicht gemacht hatte, mir stets ganz offenherzig Nachrichten von meiner Tochter zu geben, schrieb mir: sie musse gestehn, dass es schwer sei, Julchens Herzen, bei ihrer geflissentlichen Zuruckhaltung, beizukommen. Ehedem habe es wohl geschienen, als ob sie E i c h e n mit vorzuglicher Achtung begegne; jetzt aber betrage sie sich sehr sonderbar gegen ihn, nehme ihn auf einen gewissen leichten Fuss, und beantworte seine zartliche Aufmerksamkeit mit einer lustigen, nicht achtenden Art, die den trefflichen Mann, wie sie gewiss wusste, in der Seele krankte. Der gute Eiche selbst bestatigte Karolinens Nachricht, obgleich in den schonendsten, zartlichsten Ausdrucken. Er beklagte sich sehr ruhrend, dass er ihr Vertrauen nicht gewinnen konne, und gedachte des Abends, dessen Julchen gegen Marianen erwahnt, wo sie ihm bei der Ruckkehr vom Dorfe einen anscheinenden Beweis von Zuneigung gegeben hatte. Sein Herz habe aus diesem Augenblicke, dem ersten, in welchem er gewagt seine herzliche Neigung sprechen zu lassen, die susseste Beruhigung geschopft; jetzt meide sie ihn augenscheinlich, und es thue ihm weh, dass sie seine unverkennbare Zartlichkeit mit leichtsinnigem Scherze, und in einem Tone, den er nicht zu verdienen glaube, erwiedre. Ich dachte: das Madchen ist albern. Die jungen Dinger bilden sich zuweilen ein, es kleide ihnen gut, wenn sie einen rechtschaffnen Mann qualen, und dadurch, dass sie ihre Liebhaber bei der Nase herumziehen, ihrer kleinen Person eine besondre Bedeutsamkeit geben. Mochten doch Erzieherinnen, die bei der Bildung ihrer Zoglinge ihre Zuflucht zu Romanen nehmen, ihnen den Karakter des Fraulein B i r o n zu beherzigen geben, damit sie sahen, welcher redlichen Offenheit sich dieser weibliche Engel befliss! Aber der G r a n d i s o n wird jetzt verlacht, weil ihn niemand mehr kennt; einer betet dem andern mechanisch nach, und spottet eines Werkes, das ihm kaum durch Horensagen bekannt ward. Grandison wird verspottet, weil einige Narren ihn missverstanden und missbrauchten. Die hohen Urbilder haben des Kontrastes wegen, den sie so grell bemerkbar machen, alle einerlei Schicksal; das Ehrwurdigste in der Wirklichkeit, wie das Idealische in der Dichtung. Die Kunstrichter mogen Recht haben, wenn sie als solche sich gegen die Darstellung unerreichbarer Ideale der Tugend erklaren; aber dem Menschenfreunde, der die Tugend gern so allgemein und so gross geehrt und geubt sahe als moglich, mussen sie ehrwurdig seyn. Jene wollen Kunstler bilden, dieser Menschen zur Tugend und Gluckseligkeit fuhren; und glauben Sie mir die Menschen bleiben immer unter dem Vorbilde, dem sie nachstreben, und ahmen an dem ehrwurdigen oft nur die Schwachen nach, die doch ausser der Verbindung mit solchen Vorzugen nicht zu dulden waren. Halten Sie mir doch diese gelegentliche Herzensergiessung zu gute, ich bin bereit, wieder einzulenken.
Ich antwortete E i c h e n : er musse sich nicht abschrecken lassen, und was ich mir heute noch nicht verzeihn kann das Madchen sei ihm gut, ich wisse es. Diese Versicherung vom Vater gab ihm Muth, seine Bewerbung um sie ernstlicher zu betreiben. Indess wurde das Madchen durch den Beifall, den ihre Schonheit in allen Gesellschaften erhielt, noch eitler und aufgeblasener, und begegnete ihrem wurdigen Verehrer bald mit jugendlichem Ubermuthe, bald mit kalter Sprodigkeit. Dies schrieb mir von Zeit zu Zeit Karoline, gegen welche sie eine fortwahrende Zuruckhaltung beobachtete; indess freute sich das gute arglose Weib, dass Julchen in ihren Mann viel Vertrauen zu setzen schiene. "Er hatte" schrieb sie "sich alle Muhe gegeben, sie aufzuheitern, und ihr den Aufenthalt in ihrem Hause angenehm zu machen; es ware ihm auch so ziemlich gelungen, und sie ware gegen ihn weniger kalt und zuruckhaltend." Die gute Seele setzte ein unbegranztes Vertrauen in alle die, denen sie gut war, und es hielt schwer, sie von den Fehlern solcher Personen zu uberzeugen. Ihren Karl vergotterte sie beinahe, und ich hatte es keinem rathen wollen, auch nur den Schatten eines Fehlers an ihm zu entdekken. Sie hatte einen weit richtigern Verstand und bessres Urtheilsvermogen als er; aber ihre Bescheidenheit ging so weit, dass sie sich ohne Widerrede seinen Ausspruchen unterwarf. Bei dieser Stimmung hatte sie auch naturlich nichts dagegen, dass F a l k es sich angelegen seyn liess, der jungen Hausgenossin die Zeit zu vertreiben. Er fuhrte sie beinahe taglich ins Schauspiel; denn wo auch nur eine Geige gestrichen wurde, da war er abonnirt. Er veranstaltete Lustbarkeiten, und fuhrte Julchen in Gesellschaften ein, die keinen andern Zweck des Lebens, keine andre Bestimmung kennen, als das Vergnugen, es sei von welcher Gattung es wolle. Durch Falk wurde die Gedankenlose mit allen Gesellschaftsspielen bekannt, und so, nicht aus Geldgeiz sondern aus Eitelkeit, eine leidenschaftliche Spielerin, die keinen Tag ohne Karten hinbringen konnte. Blieben sie einmal zu Hause, so lasen sie mit einander Gedichte, Romane und manches andere, was die Seele zur Uppigkeit hinneigt. Zur Abwechslung musicirten sie, sangen zartliche Duetten, und die Lucken fullte eine Piketparthie. Dadurch gewohnte sich das Madchen, ihre redliche Freundin von all' ihren Planen auszuschliessen, und sie fur entbehrlich zu halten. Der Mann der Freundin war ihr zum angenehmen Lebensgenuss ja ganz allein nothwendig.
Karoline konnte unmoglich mit dieser Einrichtung
zufrieden seyn. Sie ausserte ihre Missbilligung auf die sanfteste Art, stellte ihrem Manne vor, dass er der jungen Person vollends alle ernsthafte und ihrer Bestimmung entsprechende Thatigkeit verleide, und durch die unaufhorlichen Zerstreuungen E i c h e n s A b s i c h t e n a u f J u l c h e n Hindernisse in den Weg legte. Zuweilen wurde sie auch wohl bose, wenn Falk ihr im scheinbar scherzhaften Tone antwortete: was der Pedant mit dem hubschen Madchen solle? die sei fur ihn zu gut. Es fiel der ehrlichen Seele, der Karoline, wohl zu spat auf, dass es fur eine Frau immer eine missliche Lage ist, wenn der Mann stundlich Gelegenheit hat, neben ihr ein schones Madchen zu sehen, ihre bloss hausliche Nettigkeit mit der raffinirten Zierlichkeit zu vergleichen, in der das junge Affchen taglich erscheint, weil es kein wichtigeres Geschaft kennt, als auf neuen Putz zu sinnen. Karoline setzte ein unbeschranktes Vertrauen in ihren Mann, das er keinesweges verdiente, und mir, bei einer ubrigens so einsichtsvollen Frau, unbegreiflich ist. Mir gefiel der Mensch nicht; mein Gefuhl war gegen ihn, ob ich gleich aus Grunden nichts gegen ihn einwenden konnte. Er war nach dem allgemeinen Begriff eine schone Mannsperson von vollem, gesunden Wuchs, und stach gegen seine galanten Mitbruder wenigstens so ab, wie der Vollmond gegen das letzte Viertel. Denn lieber Seelmann, sahen Sie die armen Knochenmannerchen, wie matt und kraftlos die meisten von ihnen umherschleichen, es wurde Ihnen weniger auffallen, wenn uns die Zeitungen verkundigen, dieses oder jenes nutzliche Staatsmitglied sei noch vor dem vierzigsten Jahre an Entkraftung gestorben. Sie wissen, wie viel Gelachter dies in den Provinzen erregt, wo noch deutsche Kraft wohnt.
Ehe ich J u l c h e n s Brief anfuhre, der die Spuren trauriger Selbstvergessenheit immer deutlicher an sich tragt, muss ich ein Wort von E i c h e n sagen, um die thorigte Blindheit des irregefuhrten Madchens in ein noch helleres Licht zu setzen.
Weil jedem Madchen die Aussenseite das wichtigste ist, so will ich bei dieser anfangen. Als der Rechtschaffene um Julchen warb, war er zwei und dreissig Jahr alt. Seine Grosse ubertraf etwas die gewohnliche Mannslange; sein Wuchs war schlank und zierlich; er trug seinen wohlgebildeten Korper wie ein feiner Weltmann, doch ohne in gesuchte Manieren zu fallen. Sein Gesicht war regelmassig, sein Auge schon und seelenvoll. Bei ruhiger affektloser Stimmung war heitrer Ernst darin ausgedruckt; lachelte er, so war's das Lacheln der Vernunft und eines wohlwollenden Herzens; zuweilen mischten sich Strahlen des feinsten Witzes ein, der aber nie in beissende, verwundende Laune ausartete. Nur seine Herzensfreunde kannten diese Seite an ihm. Er besass mehr als einseitige Gelehrsamkeit; allein in Gesellschaften vermied er den wissenschaftlichen, und noch mehr den lehrenden Ton. Gegen Frauenzimmer war er zuruckhaltend und bis zur Angstlichkeit behutsam. Ich gestehe dass dies wenig zur Annehmlichkeit des geselligen Vergnugens beitrug; da es aber aus seiner Gewissenhaftigkeit entsprang, so wage ich nicht, es zu tadeln. Sein Herz war bis zur Weichheit empfindlich; aber nie sprach er von Gefuhl, noch weniger prunkte er mit dem, was ihm ganz von Natur dem bessern Menschen angeeignet dunkte. Sie mit seinem vollen moralischen Werth bekannt zu machen, ware zu weitlauftig. Nur noch dies, lieber Seelmann: er war einer Ihrer wurdigsten Amtsbruder, und seiner ihn liebenden Gemeinde, was mein lieber Seelmann der seinigen ist.
So gut und edel war der Mann, den meine arme unbesonnene Tochter in ihrem jugendlichen Ubermuthe abwies. Auf meine ihm gegebene Versicherung, das Madchen sei ihm gut, war er, wie ich schon gesagt habe, in seiner Bewerbung um sie ernstlicher geworden; der Wunsch, uber eine Sache, die ihm so sehr am Herzen lag, Gewissheit zu haben, war sehr naturlich. Er schrieb also mit dem vollsten Ausdruck der Liebe an meine Tochter, und trug es Karolinen auf, Julchen den Brief zu ubergeben. Sie that es, und das arme verlorne Madchen druckt sich im folgenden Briefe an Marianen hochst lieblos daruber aus.
"Ich wurde glauben Sie waren gestorben, meine beste gnadige Frau, hatte ich nicht den Maskenhabit gesehen, welchen Ihnen Madame Douillet uberschikken soll; Sie leben also noch, und sind fur's erste auch noch nicht Willens, an den Tod zu denken. Auch Ihr Gemahl scheint sich noch lange seines Lebens freuen zu wollen; er hat A n n e t t e n , bei deren Namen mich noch schaudert, eine schone Equipage geschenkt, und wohnt mit ihr in einem Garten. Vielleicht ist Ihnen diese Nachricht nicht ganz angenehm, denn Sie werden nun wahrscheinlich wenig von der Stadt geniessen. Ihr Herr Vater verhalt sich sehr ruhig, weil das Podagra ihn an seinen Lehnstuhl fesselt, u.s.w.
Das sind freilich trubselige Dinge, aber dafur nun auch etwas Lustiges. Was Sie weissagten ist erfullt. Seine Hochehrwurden, Herr E i c h e , haben sich ganz formlich als meinen Liebhaber? o nein, dazu sind wir zu fromm! als meinen F r e y e r erklart. Karoline hat mir einen Brief von ihm gegeben, der ein wahres Original in seiner Art ist. Er that mit zu wissen, dass er, von meinem Herrn Vater aufgemuntert (ich dachte doch, man fragte erst die Tochter, ob auch sie aufmuntern will), es wage, um meine Freundschaft nur Freundschaft, wie genugsam! und um meine Hand zu bitten. Sie sehen, die Heiligen machen nicht viele Umstande. Dann folgt eine weitlauftige Berechnung aller Freuden, die unser Hausstand gewahren wurde, die mir Blodsichtigen aber gar nicht einleuchten. Endlich im Ernst, er ist bei allem dem entsetzlich kuhn erklart er mit durren Worten, wie ich mich, als Frau eines Geistlichen und als seine geliebte Halfte, oho! so weit sind wir, dem Himmel sei Dank! noch nicht; zu betragen hatte. Er liebe namlich die Eingezogenheit, gut, dass er's vorher sagt; ich liebe sie eben nicht und er gestehe offenherzig: seine Umstande erforderten Hauslichkeit, so heirathe der Mann lieber nicht und verlangten eine billige Einschrankung eingebildeter Bedurfnisse. Doch fugt er recht priestermassig galant hinzu dies wurde er, in jeder Rucksicht, meinen Einsichten uberlassen. Aber was plage ich mich? hier ist die lesenswerthe Piece selbst; allein ich erbitte sie mir zuruck, mein Vater mochte sie sehn wollen.
Falk, wie er nun so ein drolliger allerliebster Mann ist, rath mir, ich soll Eichen einige Zeit in Ungewissheit hinhalten; das will ich auch, der komischen Auftritte wegen, die das geben muss. Karoline behandelt die Sache so ernsthaft, als ware von ihr selbst die Rede. Als sie mir den Brief gab, machte sie ein erstaunlich feierliches Gesicht. Zum Vorspiel umarmte sie mich so oft, weinte, und sah mir so fest in die Augen, dass ich wirklich zitterte, und glaubte mein Vater sei etwa todt, und das wurde mir denn doch recht nahe gehen. Als ich mich nur erst uberzeugt hatte was es war, fing ich laut an zu lachen. Liebes Julchen, sagte sie mit klaglichem Gesicht, der Mann liebt Sie so innig und redlich, er verdient, dass Sie seinen ehrenvollen Antrag ernsthafter aufnehmen. Desto schlimmer fur ihn, wenn er mich liebt! antwortete ich, und lachte noch ausgelassener. Ihr Vater, fuhr sie fort, hat sein ganzes Herz auf diese Heirath gesetzt. Das hatte er nicht thun sollen! fiel ich ihr, noch immer schakernd, ins Wort. Julchen, Julchen, sehen Sie doch den redlichsten der Manner, E i c h e n , nicht so an, wie die jungen Gecken, die in Gesellschaften Sie umflattern! Ich glaubte, sie hatte im Sinn mir Vorwurfe zu machen, und das bewog mich, ihr in einem beleidigten Ton zu sagen: es thue mir leid, wenn mein Vater sein Herz auf eine Sache gerichtet hatte, d i e m i c h n o t h w e n d i g u n g l u c k l i c h m a c h e n m u ss t e . Unglucklich? Cousine, Sie bedenken nicht was Sie sagen! Wird es Sie nie gereuen? Da kam mir der lose Einfall, dass man den steifen Freyer wohl fur seine kecke Anmassung ein wenig zuchtigen konne. Ich zwang mich in einen recht treuherzigen Ton hinein, und bat Karolinen, man mochte mir Bedenkzeit verstatten. Karoline dankte mir so ehrlich, dass es mich beinahe gejammert hatte. Sie umarmte mich; und so endigte dieser feierliche Anwerbungsaktus wie er begonnen hatte, mit einer Umarmung.
Im Vertrauen kann ich's Ihnen wohl sagen, meine
Liebe, ich glaube, die Frau ware mich gern los. Ich habe schon bemerkt, dass sie still wird, wenn der Consin viel und freundlich mit mir spricht. Neulich sang ich mit ihm das gottliche Duett: S e l m a r , i c h l i e b e D i c h , etc.; von der Gewalt der Worte und der Musik ergriffen, verhallte unser Gesang, und losete sich in ein leises Lispeln auf; seine Wange ruhete an meiner Wange, wir weinten die wonnigsten Thranen, und ohne dass wir es selbst wussten, hatte sich seine Hand um meinen Leib geschlungen. In diesem Moment der wunderbarsten Trunkenheit war unbemerkt Karoline hereingekommen. Falk sprang betroffen vom Stuhle auf, und ich sah, glaub' ich, entsetzlich einfaltig vor mir auf die Noten hin. Wie Du einen erschreckst! sagte Falk, Du schleichst so leise. Er kusste ihr dabei fluchtig die Hand. Allerdings hatte er etwas klugeres sagen konnen; aber woher Geistesgegenwart nehmen, wenn man wie vom Traum erwacht? Ich bin gar nicht hereingeschlichen, sagte sie mit bebender Stimme, und sah leichenblass aus; dann fiel sie ihm mit einer konvulsivischen Bewegung um den Hals, und entfernte sich schnell. Karl und ich blieben stumm und verwirrt zuruck, und standen, wie Adam und Eva nach dem Sundenfalle mogen da gestanden haben. Endlich erholte sich Karl, und sagte zu mir, ich mochte seiner Frau doch nachgehen; sie sei so grillenhaft, dass sie sich wohl gar einbilden konne, uns liege daran, allein zu seyn. Ich that es. Sie hatte die Thur ihres Kabinets hinter sich verriegelt; aber durch den Vorhang der Glasthur, den der Zugwind verschoben hatte, sah ich dass sie vor einen Stuhl knieete, und betend die Hande rang. Ihr gutmuthiges Auge schwamm in Thranen. Dieser Anblick durchschauerte mein ganzes Wesen. Ich wunschte mich tausend Meilen weit entfernt; mein Herz zerfloss in Mitleid. Weinend eilte ich in mein Zimmer. Schrecklich war mir nachher der Augenblick unsrer Wiederzusammenkunft; ich bebte wie eine arme Sunderin, hatte den ganzen Abend hindurch nicht das Herz, die Augen aufzuschlagen, und so brachten wir alle drei einen hochst peinlichen Abend zu. Karoline bemuhte sich, heiter zu scheinen; es gelang ihr aber schlecht: denn es brachen oft mitten in ihrem Gesprache Thranen aus ihren Augen. Nun scheute ich nichts so sehr, als mich allein mit ihr zu befinden; und doch war es unvermeidlich. Am folgenden Morgen, als Karl ausgegangen war, und wir mit unsrer Naharbeit neben einandersassen, sah ich ihr es an, dass etwas in ihr arbeitete, was sie gern los seyn wollte, wozu sie aber den Anfang nicht finden konnte. Endlich brach es mit einen Thranenstrom los. Sie weinte lange an meinem Busen, ehe sie ein vernehmliches Wort vorzubringen im Stande war. Cousine, schluchzte sie endlich hervor, ich wollte Sie nicht kranken; aber ich bin ein armes schwaches Weib, ich kann es nicht zuruckhalten! Ich wollte in der ersten Verwirrung mich befremdet stellen. Julchen, liebes Julchen, fuhr sie fort, Sie verstehn mich ganz sicher. Ich gestehe, es ist unverzeihliche Schwachheit; und billig hatte ich es Ihnen langst schon sagen sollen, dass ich einen Hang zur Eifersucht habe. Sie sind so schon, mein Kind, wirklich, so ungemein schon, und ich habe nur meine Liebe und Treue dagegen aufzuweisen. Wenn Ihnen meine Ruhe nicht ganz gleichgultig ist, so vermeiden Sie doch meinen Mann, so oft er allein ist. Auftritte wie der gestrige Gott weiss, wie weit ich entfernt bin Ihnen Vorwurfe zu machen, denn die Schuld muss wohl in mir selbst liegen; aber solche Auftritte mussen unsre allerseitige Ruhe untergraben.
Ich verstummte, und wusste nichts dagegen zu sagen, nahm mir aber heilig vor, Karln in Zukunft aus dem Wege zu gehn. Karoline jammerte mich sehr, denn ich fuhlte, dass Karl mich ihr vorziehn muss; als aber der erste lebendige Eindruck dieser Unterredung allmahlig schwacher wurde, konnte ich's wieder nicht uber mich gewinnen, ihm wehe zu thun. Soll er denn gestraft werden, wenn sein Herz unwillkuhrlichen Eindrucken, die zu nichts Bosem fuhren, nachgiebt? Schon einigemal hat er mich recht wehmuthig gefragt: was er mir zu Leide gethan hatte? Wenn er wusste, dass seine Frau an meiner Zuruckhaltung Schuld sei, wurde er es sie schon fuhlen lassen. Diese Lage der Sachen ist ausserst marternd. Sagen Sie mir, Mariane, was ich thun soll."
Es ist beinahe unglaublich, dass mein armes Madchen so schnell jede Stufe moralischer Verwilderung erreicht haben konnte. Bei einer erwachsenen und vollendeten Person wurde es indess mehr Ursache zum Erstaunen geben, als bei einer jungen empfanglichen Seele, deren Erwartungen besonders waren erregt worden, die in einer ihr unbekannten Zone vom Glanze des Neuen und Ungewohnten geblendet wurde. Und ware dies alles nicht, so konnten Weichlichkeit und Mussiggang ohnmoglich ihres Zwecks verfehlen; denn dem, an wahre Thatigkeit gewohnten, Madchen mussten die kleinen Spielereien der Mode gar nicht als Arbeit vorkommen, wie sie das auch zu Anfang selbst geaussert hatte. Daneben der Umgang mit schon verderbten Gespielen; das Lesen so manches wollustathmenden Buchs; und mehr als dies alles, die, alle Moral und religiose Grundsatze zerstorenden, Mittheilungen ihrer freigeisterischen Lehrerin und ihres Vetters. Man denke sich ein zartes Gemuth, in dem der Keim einer biedern Gesinnung lag, welches eine Fertigkeit gewonnen hatte, all' sein Thun und Lassen an religiose Gedanken zu knupfen; ein Herz, das immer in Hinsicht auf seinen Schopfer und allgegenwartigen Wohlthater empfand und handelte, gerath nun mit einemmal unter Menschen, von welchen es ganz das Gegentheil hort; Menschen, die unter dem Schein und mit den Floskeln hoherer Geistesbildung ihre dorfmassige Gewissenhaftigkeit lacherlich machen, ihr eine Seelenstarke vorspiegeln, die das Gute aus reiner Liebe zum Guten, ohne Hinsicht kunftiger Belohnung wolle, ihre Eitelkeit erregen, und ihr von selbststandigem S e y n vorschwatzen. Und das mochte noch hingehn, wenn sich nicht eine uberwiegende Sinnlichkeit, eine Leidenschaft dazwischen gestellt hatte, welcher denn allerdings kein Begriff willkommner war, als der von selbststandiger Unabhangigkeit, der die altvaterische Frommigkeit im Wege stand, und die alles hinwegraumte, was ihren Ausbruchen hinderlich seyn konnte. Wie so einfach und ruhig ware des Madchens Leben im vaterlichen Hause dahin geflossen! Rein und voll Unschuld hatte ich sie der Liebe eines braven Mannes hingegeben, und meine gut erzogenen Enkel hatten meinen Grabhugel mit Rosen umpflanzt! Jetzt Grunthal verbarg sein Gesicht, und vermochte lange nicht, weiter zu sprechen. Seelmann und seine Frau waren geruhrt, und wagten es nicht, seinen Schmerz zu unterbrechen. Nach langem Schweigen gewann endlich der ungluckliche Vater so viel uber sich, dass er seine Erzahlung wieder fortsetzen konnte.
Julchen bildete sich wirklich ein, es sei Herabwurdigung ihrer Reize, wenn ein Mann wie E i c h e , dem blendendes Gluck und volltonende Titel fehlten, der nicht in poetischen Phrasen sprach, sich einfallen liesse, sein Auge zu ihr zu erheben. In Gesellschaften war ihr mancher Unsinn vorgesagt worden, der ihrer Eitelkeit so wohl that; und das Madchen, welches bis ins funfzehnte Jahr die Ehrlichkeit selbst war, hatte eine Fertigkeit erlangt, ihre wahre Herzensmeinung hinter leere Worte zu verstecken, und in ihren Antworten so vielseitig zu seyn, dass sie auf mehr als eine Art verstanden werden konnten. Eine solche erhielt auch E i c h e , und der ehrliche Mann war so wenig mit den Ranken kleiner weiblichen Seelen bekannt, dass er, was sie ihm sagte oder geschrieben hatte, ganz treuherzig fur eine Einwilligung hielt, die sie, sittsam verschleiert, ihm zu verstehn gebe. Diesem zu Folge betrug er sich wie ein Liebhaber, der nun bald in die Rechte des Brautigams treten wird. Sie hatte ihm ihr Stammbuch gegeben, eine Mode, welche eben zu der Zeit Ton unter den jungen Madchen war, er gab es ihr bei dieser Gelegenheit zuruck, und, statt sich durch ein Reimlein ihren albernen Freunden zuzugesellen, hatte er ein schones feurigzartliches Gedicht hineingelegt. Das gefiel dem eitlen Dinge; denn von ihren hirnlosen Verehrern konnte sie dergleichen nicht erwarten. Sie dankte ihm sogar schriftlich, in Ausdrucken, die ihm, im gegenwartigen Verhaltnisse und bei seiner ganzlichen Unerfahrenheit in den krausbunten Madchenlaunen, fur Beweise ihrer Zuneigung galten.
Indess vertraute sie es grossen Kotterieen junger Madchen, dass E i c h e ihr einen Heirathsantrag gemacht hatte, Falk erzahlte es dem Departement bei welchem er angestellt war, und E i c h e n s Gedicht lief in Abschrift umher, ehe noch der redliche arglose Mann eine bestimmte Antwort erhalten hatte. Endlich bat er in den feinsten Ausdrucken um eine solche. Dies bewog Julchen, der Sache fruher, als es ihr Wille war, ein Ende zu machen. Karoline bat sie aufs ruhrendste, nicht ubereilt zu handeln; ich drang mit grosster Zartlichkeit darauf, dass sie uns alle durch einen vernunftigen Entschluss glucklich machen mochte; aber vergebens! Sie gab E i c h e n einen formlichen Korb, versicherte, wie die Madchen denn immer w o r t r e i c h sind, wenn sie einen dummen Streich beschonigen wollen, sie schatze ihn ungemein hoch, sie wurde u n t r o s t l i c h seyn, wenn er aufhorte sie mit seiner Freundschaft zu beglucken; aber in ein naheres Verhaltniss mit ihm zu treten, sei ihr schlechterdings unmoglich. Warum? konne sie nicht sagen. Wahrscheinlich weil sie es selbst nicht wusste. Mit diesem Gansegeschnatter wurde einer der wurdigsten Manner abgefertigt. Was die eitle Thorin und ihr elender Rathgeber gehofft hatten, geschah nicht. Sie glaubten, er solle nun noch lange winseln, flehen, und so des ubermuthigen Geschopfes Triumph recht vollstandig machen; allein acht Tage nachher schrieb er mir mit einer Ruhe, die seiner wurdig war: die liebliche Tauschung sei voruber, J u l c h e n liebe ihn nicht, die so lange freundlich genahrte Hoffnung sei dahin, sein Herz fuhle die Lucke, aber i h r Gluck lage ihm mehr als sein eigenes auf der Seele; doch besorge er, sie sei nicht auf dem rechten Wege, es dauerhaft zu grunden. Jetzt ware es ihm Pflicht, das theure Bild aus seinen Herzen zu verwischen. Heirathen wurde er nun vielleicht nie. Diesen Entschluss musse er um so eher fassen, da er durch einen Todesfall in seiner Familie zu Pflichten der Mittheilung aufgefordert wurde. Er bat mich, ihn mit meiner Freundschaft zu trosten und zu unterstutzen, wenn ich je Ruckfalle einer unglucklichen Neigung bei ihm bemerken sollte, u.s.w.
Jede Zeile dieses Briefes grub sich in mein blutendes Herz wie mit Dolchstichen. Ich argerte mich, dass er die Sache so gleich aufgab, und beschuldigte ihn der Fuhllosigkeit. Dann konnte ich ihn auch wieder meine Hochachtung nicht versagen, dass er sich nicht wegwarf, nicht den verliebten Seufzer machte, und sich einen zweiten Korb holte; aber auf das Madchen fiel mein ganzer Unwillen. Wohl ihr, dass ich sie nicht bei mir hatte! Ich wollte sie mir holen, wollte sie mit Gewalt ihrem verfuhrerischen Umgange entreissen, und sie durch anhaltende Thatigkeit zahm machen, mochte sie auch dabei zu Grunde gehn! In meinem Unwillen wunschte ich sogar, dass ihr, sie zur Narrin machendes, Gesicht durch irgend einen Unfall entstellt werden mochte. Unglucklicher Weise liess ich gegen meine Frau etwas von Zuhausenehmung der Tochter fliegen; das zog mir ein anderes Ungewitter uber den Hals, und ich, dessen Gefuhl man schon so murbe gemacht hatte, war endlich noch froh, dass nur alles beim alten blieb, und meine Frau wieder besanftigt wurde.
Die junge Dame in der Stadt bekam einen derben Verweis; denn den musste sie wenigstens haben, da sie mir einen Plan vereitelte, auf den die Freuden meiner alten Tage berechnet waren. Nun hielt sie's fur nothig, ihr thorichtes Benehmen in dieser Sache, allenthalben wo sie hinkam, zu beschonigen, und in Theegesellschaften rechtfertigen zu lassen. Hin und wieder fanden sich vernunftige Frauen, welche wenigstens die Art ihres Benehmens tadelswerth fanden; aber die Madchen, selbst die jungsten Gelbschnabel, hatten insgesammt Ursachen zur Vertheidigung ihres Mitganschens anzufuhren. "Er soll immer nach Taback aus dem Munde riechen," sagte eine. "Er hat ihr im Leben noch nicht die Hand gekusst!" eine andere. "Ich weiss es aus zuverlassigen Nachrichten, dass sie neulich in einer Gesellschaft ihr Strickknauel fallen liess, wo er dabei sass, und sie sich selbst darnach bucken musste," erzahlte eine dritte. "Sie tanzt gern und gut, das musste sie als Predigerfrau auch aufgeben," lispelte eine vierte hinzu. Madame Brennfeld war der unmassgeblichen Meinung: das Madchen habe ganz recht; E i c h e sei ein trubseliger Theologe, der uber und uber nach alter Orthodoxie rieche. Julchen habe doch nun schon hellere Begriffe bekommen, und konne daher mit ihm auf keine zufriedene Ehe rechnen.
Der armen Karoline widerfuhr die Krankung, dass der Tadel den das Madchen verdiente, zum Theil mit auf sie fiel; denn ihre Gutmuthigkeit duldete keine nachtheilige Urtheile uber Julchen, so sehr sie selbst mit ihrem Betragen unzufrieden war, und so viel Achtung sie fur E i c h e n hatte. Die Welt glaubte in ihr Julchens Rathgeberin und Vertraute zu sehn, und tadelte sie mit Bitterkeit; selbst diejenigen, die den Leichtsinn meiner Tochter witzig fanden. So partheiisch und inkonsequent urtheilt meistens der grosse Haufen, dessen Meinung wir oft die Ruhe unsres Lebens aufopfern!
In der ersten Aufwallung war ich selbst unbillig genug, ihr Vorwurfe zu machen. Sie beantwortete sie sanft, und sagte: sie leide selbst viel dabei, und habe nun den Verdruss, dass E i c h e ihr Haus meide, um Julchen nicht zu sehn. Uber Julchen schrieb sie mir: sie wage es kaum, etwas Entscheidendes uber ihren Karakter zu sagen; sie besorge aber in der That, dass sie nur durch herbe Prufungen von der Bahn des Leichtsinnes und der Zerstreuung zuruckgebracht werden konne. Doch Sie horen vielleicht lieber Karolinens eigene Worte; hier ist ihr Brief:
"Ich bin noch zu jung, und zu weich von Natur, als dass ich mir ein zurechtweisendes Ansehn geben konnte, wenn ich vergebens bitte und rathe. Julchen will ihre naturlichen und erworbenen Talente nicht gern in der Abgezogenheit vergraben. Mein Mann fuhrt sie in Konzerte und andre offentliche Lustbarkeiten, und sie knupft Bekanntschaften mancher Art, bei welchen sie nur auf die Stimme des Vergnugens horcht. Darunter sind einige junge Frauen, die sich schamen wurden, wenn sie im Verdacht ehelicher Treue standen, und, um sich recht fest in ihrem Rufe zu setzen, sich allenthalben mit den Mannern andrer Frauen zeigen. Gegenwartig ist Julchen dabei, eine Rolle zu einem Schauspiel auf einem Privattheater zu lernen. Ich habe es ihr auszureden gesucht, indem ich Ihre Missbilligung, lieber Onkel, ihr zu beherzigen gab. Sie sagte: es sei zu spat, zuruckzutreten; ich mochte Ihnen nichts davon schreiben, kunftig solle es nicht wieder gegeschehn. So ganz darf ich es ihr nicht verargen, wenn sie nicht so eingezogen wie ich zu leben wunscht; denn ich fuhle mich nicht stark genug, mit dem grossen Strome zu schwimmen, und darf und will andern meinen Sinn nicht aufdringen. Indess ware zu wunschen, dass Julchen ihre Gesellschaften wenigstens mit mehr Auswahl aufsuchte. Mein Mann ist, denk' ich, in der That d a r i n ein wenig wunderlich, und will sich nichts einreden lassen. Sonst war er gern zu Hause, und wir verlebten manchen schonen Abend bei einem guten Buche oder bei traulichen Gesprachen; jetzt hat er sich aber dadurch, dass Julchen Unterhaltung finden soll, so in Gesellschaften verwikkelt, dass ich ihn wenig mehr sehe, viel weniger zum Gesprach mit ihm komme. Ware unsre Ehe nur mit einer einzigen sussen Hoffnung gesegnet, so wurde diese das Band zwischen mir und meinem Karl fester knupfen."
Was das gute Weib mir nur wie durch einen Nebel zeigte, verstand ich erst, da die unselige Entwicklung nicht mehr zu hintertreiben war; was ich aber davon fassen konnte, brachte mich so ausser Fassung, dass ich mich auf der Stelle entschloss, meine Tochter aus der Stadt zu holen, und sie bei meinen Schwiegereltern unterzubringen, weil meine Frau sie durchaus nicht um sich haben wollte. Die Anstalten zu meiner Abreise betrieb ich mit grossem Eifer, ob ich mich gleich sehr krank fuhlte, und Fieber und Krampf durch meine Nerven wuhlten. Meine Frau widerrieth mir die Reise, sie sah mit Schrecken, wie bleich und schwankend ich umherging; aber ich dachte es durchzusetzen. Als ich den Wagen bestieg, fiel ich in Ohnmacht, und als ich wieder daraus erwachte, rasete ich, und kannte keinen der Umstehenden. Die Krankheit nahm bald uberhand, und dauerte bei zwei verschiedenen Ruckfallen gegen vier Monate. Meine Sohne warteten und pflegten mich. Fritz, der ehrliche Tischler, wollte seine Schwester holen; wenn man aber das Madchen nur nannte, wurde mein Zustand so heftig, dass es keiner wagte, mich sie sehn zu lassen. Gleich zu Anfange meiner Krankheit hatte sie folgenden Brief an Marianen geschrieben:
"Sie antworten mir nicht, beste Mariane! Was ist das? Haben Sie mich vergessen, so muss ich Sie wohl an Ihre Juliette erinnern, und Ihnen einiges von ihrer gegenwartigen Lage mittheilen.
Den verdriesslichen Freyer habe ich geschwinder abfertigen mussen, als ich wollte. Daruber ist mir mein Vater entsetzlich hart begegnet, so dass ich, wenn ich die Eingebungen der Stiefmutter dazu nehme, glauben muss, er hasst mich. Diese Vorstellung hat fur mein Herz eine wirklich versteinernde Kraft. Indess wurde ich mir doch in einem andern Falle Gewalt angethan haben, mich seinem Willen aufzuopfern; aber hier? Lieber mag er mein Leben fordern, als diesen Beweis meines Gehorsams. Mein Herz ist in Ansehung dieses Mannes statt und kalt; er ist nicht der, der meine ganze Seele fullen kann. Seine Begriffe vom Einklange der Herzen und inniger Seelensympathie schmecken nach Theologie. Anwerben, und hinterdrein gleich heirathen! Das ist ordentlich furchterlich. Obendrein ist er so jammerlich bescheiden, dass er blutroth werden konnte, wenn ihn von ohngefahr auch nur mein Handschuh beruhrte. Unserm Geschlecht kann diese strenge Sittsamkeit zuweilen zur Verschonerung dienen; aber einem Manne steht sie, in meinen Augen, gar nicht an, und setzt ihn herab. Nicht wahr, Liebe?
Ich wusste wohl einen, den mein Herz mit innigster Liebe umfassen konnte, der meine ganze Seele fullen wurde, hielten nicht unselige Bande 'Wie grausam das Geschick Seelen trennt, die es doch fur einander geschaffen hat!' sagte F a l k gestern bei einer gewissen Veranlassung. Der Schopfer sollte nicht hart und ungutig seyn, wenn er anders sich uberhaupt um uns bekummert. Karoline ist eine fromme, andachtige Seele; gleich fahrt ihr Herz angstlich zuruck, wenn sie Religionsspott ahnet: was sie namlich so dafur halt. Falk ist nun einmal ein loser lieber Mann. Er zog sie letzthin mit ihrem frommen Eifer auf, und war so witzig, dass ich wider Willen mitlachte. Da machte die Frau ein jammerliches Gesicht uber das andre, und rief mit einer an ihr ungewohnlichen Starke: 'Auch d i e s e Gattung von Leichtsinn schon aufgenommen! O Julchen, mochte doch Gott Ihr Herz in seine Hand nehmen! Sie sind auf bosem, bosem Wege; Sie Arme!' Ich kann nicht leugnen, dass mir ihr andringender Ton auffiel, und ich ihr, vielleicht etwas trotzig, zur Antwort gab: Das, Cousine, uberlassen Sie nur getrost meinem eignen Gewissen; denn vermuthlich werde ich fur mich selbst Rechenschaft geben mussen. Ich schamte mich ein wenig, als sie mir darauf die Hand freundlich mit den Worten darreichte: 'Nicht bose, liebes Madchen; ich hatte nichts Arges im Sinn.' Das hat die gute Seele freilich niemals; aber dem ungeachtet stehn wir seit der Zeit auf einem feierlichen Fusse mit einander, und, was mir sehr lastig ist, sie sieht mich zuweilen mit Thranen im Auge an. Dann zieht sich mein Herz wider Willen angstlich zusammen, und es jammert mich die arme Frau. Das muss doch Hypochondrie seyn! Denken Sie nur, Mariane, des Morgens betet sie, oder ist doch zu andachtigen Betrachtungen eine halbe Stunde fur sich. Um dies zu konnen, steht sie von allen im Hause am fruhesten auf. Nach Tische lauft sie wieder in ihr Kabinet, und bleibt einige Minuten still fur sich. Anfangs, als ich noch vertrauter mit ihr war, fragte ich sie: was sie nach Tische immer allein thate? Sie gestand, dass sie sich einige Minuten sammle, und Gott um Muth und Kraft zur Erfullung auch der schwersten Pflichten, zu welchen sie etwa aufgefordert werden konnte, bate. Wird Ihnen Ihre Bitte gewahrt? fragt' ich. 'Die Vorstellung, dass der Urheber meines Daseyns um mich weiss, dass ich ihm mein Anliegen vortragen kann, giebt mir ein Bewusstseyn, das mir zum grossen Segen wird. Ich weiss nicht, wie mein schwaches weibliches Herz manchen Kummer tragen wurde, wenn mich der Gedanke an einen allsehenden Wohlthater meiner armen Menschennatur nich starkte.' Sie rieth mir, mein Herz dem Gedanken an Gott ja nicht entfremden zu lassen. 'Die Religion, zu der wir uns bekennen, fuhr sie fort, ist ein fester Pfeiler, da hingegen die Philosophie, wie unsre Modedamen sie treiben, nur ein Spazierstockchen ist. Bei guten, weit umfassenden Kopfen mag sie eine innere Kraft seyn, die ein wohlthatiges Licht auf dem Lebenswege verbreitet; aber bei mittelmassigen und Weiberkopfen ist sie nur Behelf, sich den nahern Pflichten einer positiven Religion zu entziehen.' Sagen Sie selbst, Mariane, kann ein junger munterer Mann, wie Karl, mit einer solchen Andachtlerin, einer so ernsthaften Person, glucklich seyn?
Meine Bruder melden mir, dass mein Vater krank ist. Gern ware ich bei ihm; aber die ewigen Vorwurfe schrecken mich ab. Er mag wohl sagen: es ist alles eitel; er hat von allem gekostet. Und doch wurde ich mich uber seine Strenge wegsezzen, wenn meine Stiefmutter sich artiger gegen mich betruge. Unmoglich kann ich ihr den ersten Besuch geben. Ich bin kein Kind mehr, und es ist wohl an ihr, mich aufzusuchen.
Mir fallt zuweilen ein, Sie konnten wohl krank seyn, und dann schaudre ich vor Schreck zusammen. Ich ware untrostlich; auf den Flugeln der heissesten Liebe wurde ich zu meiner innigstgeliebten Mariane eilen! Reissen Sie mich doch je eher je lieber aus der Angst, u.s.w."
Horen Sie wohl, lieben Freunde, wie Julchen sich uber ihren todtkranken Vater ausdruckt? Wie sie die Abneigung gegen seine Warnungen und gegen ihre Pflicht mit einem kindisch-preciosen Wesen entschuldigt? wie sie ihr Herz geflissentlich gegen ihn verhartet? wie warm hingegen, und mit welcher Herzlichkeit sie uber Marianens muthmassliche Krankheit spricht? Ein eigner karakteristischer Zug unsrer Zeit, die nahe liegenden Pflichten mit Fussen zu treten, und sich entferntere selbst zu schaffen, bei deren Erfullung der Eitelkeit geschmeichelt wird; seine Freunde in Europa zu verstossen, um in Amerika zum Wohl der Menschheit mitzuwirken. Freilich muss man an diese heissen Freundschaften nicht immer glauben; die aufgenommene Kraftsprache druckt sich oft etwas zu genialisch aus. Einige Dichter wollten es so, und die prosaische Welt findet sich im Nachlallen schon und schmuck. Aber es thut doch weh! Auf der einen Seite ein todtkranker, so herzlicher, liebevoller Vater; auf der andern eine neugeknupfte Bekanntschaft. Und welche Bekanntschaft? Guter Gott, ich dachte, ich hatte es vergessen!
Grunthal seufzte tief, und liess seinen Kopf schwermuthig in seine Hand sinken. Nach einer Weile sagte er matt: hier ist Marianens Antwort. "Ja, Juliette, ich bin krank, und zwar sehr ernstlich. Dieser Zustand ist mir ausserst neu. Mich wundert, dass Sie es nicht wissen; ich habe doch einen Arzt aus der Stadt holen lassen. Freilich, fur die Stadt bin ich langst todt; sie ist eine leichtsinnige, undankbare Freundin, im Wohlstande lachelt sie ihrem Anbeter zu, und bei Schmerz und Krankheit zieht sie sich zuruck.
Das Schreiben fallt mir sehr schwer, auch hat der Arzt es mir verboten; aber es ware schon ein herber Vorschmack des Todes, wenn ich mich nicht mehr mit der einzigen Freundin, gegen die ich mein Herz darf reden lassen, unterhalten sollte. Julchen, liebstes Julchen, Krankheit ist ein sehr nachdrucklicher Lehrer! Ich habe diesen so oft wiederholten Gemeinspruch nie recht verstanden; jetzt wird er mir in seiner ganzen furchterlichen Bedeutung erklart. Julchen, wenn ich durfte, wenn es mich grade nicht zu schlecht kleidete, ich wurd' Ihnen sagen: lassen Sie sich durch mein Beispiel warnen. Ach, ich achte der Lehre zu spat!
Dieser ernste Ton, der fur diesmal nicht Persiflage ist, muss Sie erschrecken. Ach Julchen, in dieser Stunde, in der sich mein ganzer trostleerer Zustand furchterlich deutlich mir vor die Seele drangt, kann ich nicht mehr I c h seyn. Wenn in einzelnen Minuten die Phantasie mir ihre bunten Bilder einer hellen Zukunft vorzaubert, dann spott' ich des Grabes, und versetze mich aufs neue in jene frohen Szenen, welchen ich meine Gesundheit aufopferte. Meine Lage ist sonderbar schwankend. Nachmittag um 4 Uhr.
Was ich diesen Vormittag geschrieben habe, ist alles narrisches, melancholisches Zeug! Ich war so engbrustig, und hutte viel Blut ausgeworfen, da wahnt ich mich schon an der schwarzen Pforte des Todes. Noch dazu war ich drei Tage hindurch ganz allein gewesen, und hatte niemanden gesehen, als den alten Pfarrer, der wohl glauben muss, es gehe mit mir zu Ende. Jetzt habe ich lieben Besuch aus der Nachbarschaft gehabt. Ich liess mir einen Spiegel geben. Gott behute, wie seh' ich blass und verfallen aus! Ist das die Schonheit, die uns so viel Werth geben soll? Schick' mir geschwind ein Bonnet, eins, das verdeckt, ohne zu vergrasslichen. Horst Du? Mit den Coeffuren will es nicht recht fort.
Nun wirst Du allerdings auch wissen wollen, was es mit mir gegeben hat, und wie ich in einen so ungewohnten Zustand gerathen bin. Hor' an, und merke Dir's. Das Maskenkleid hast Du gesehn, und wirst also errathen haben, dass es in meiner Nachbarschaft einen Ball geben sollte. Du hast keine Idee, welchen trefflichen Effekt meine Figur in dieser Kleidung machte. Ich gefiel mir, und gewiss auch andern. Es war ungemein viel Gesellschaft da. Ich nahm mir vor, ohne Ruckhalt zu wirken, alle die Landschonen weit hinter mir zu lassen, und es gelang mir auch uber Erwartung. Du kennst mich wenn ich einmal an's Tanzen komme. Sie mussten mir alle weichen, und vergingen vor Neid; denn wie die Sonne zog ich alles an mich. Die ubrigen sassen da wie abgelebte Jungfern, Verzweiflung in Haltung und Miene. Sie hatten mich jammern konnen, die armen Geschopfe, waren sie nicht auch zu ihrer Zeit, wenn sie, ihrer Meinung nach. Geringere vor sich haben, unverschamt und arrogant.
Als eine Pause, ich weiss nicht wodurch? eintrat, sprang ich auf; mit dem Wesen, das Du kennst, riss ich mir einen aus dem Kreise meiner Bewunderer heraus, und kreiselte mit ihm im raschen Walzer, bis die Wande um mich her tanzten, und das Bewusstseyn mir verging. Ich sturzte ohnmachtig hin, und erholte mich erst, als ein gewaltiger Blutsturz mir Luft machte. Es war ein grausenvoller Augenblick, Julchen, grasslich! grasslich! Tod und Verzweiflung schwebte vor mir, kalter Schweiss floss von der Stirn; die Augen dunkel; Gesaus und Gelaut' vor den Ohren; in der Seele Schrecken des Todes. Ach Julchen, das kecke, das muthwillige Herz war ganz gebrochen! Furchterlich, sich an's Grab hingetanzt zu haben! hier alles zuruckzulassen, und nichts zu besitzen, was man dorthin mitnahme! O Julchen, Julchen, ich muss es aus dem Sinne haben, oder ich winsele wieder wie heut' fruh! Doch dringt der Wunsch sich mir wider meinen Willen auf: war' ich doch, was ich bei Dir wegspottelte! Liebes Julchen, Sie waren ein frommes, gutes Madchen, als Sie zuerst zu uns kamen; Sie konnten es noch seyn, wenn Sie bei den Ihrigen geblieben waren. Ich habe leider! nie Eltern gekannt; sie ubergaben mich von der Geburt an fremden gedungenen Handen, durch welche meine beiden ersten Lebensjahre verwahrloset wurden. Damals herrschte unter dem Adel mehr als jetzt die unselige franzosische Sitte, die Kinder ausser dem Hause saugen zu lassen. Ich hatte meine Mutter kaum kennen gelernt, als sie mich wieder von sich stiess, und mich einer franzosischen Pension ubergab. Man bemerkte bald, dass Unreinlichkeit und Hunger meiner physischen Ausbildung hinderlich waren, und nahm eine Franzosin in's Haus. Sie war ein hubsches, leichtsinniges Madchen; meine Mutter glaubte Ursache zur Eifersucht zu haben, und hiess sie wandern. Ich blieb dann eine Zeitlang den Domestiken uberlassen, spielte mit den Knaben, die zu meinem Bruder kamen, und gab fruh genug Gelegenheit zu Bemerkungen, welche den Vorsatz, mich in strengere Zucht zu geben, beschleunigten. Ach Julchen, zum erstenmale in meinem Leben dunkt mich, ich sollte besser seyn; die Leere in Kopf und Herzen ist furchterlich! Wenn man nun so da liegt, und sich auf sich selbst verlassen soll! Ach, mein Julchen, komme ich wieder auf, und ich habe mich mit meinen Gemahl ausgesohnt, denn das habe ich dem Himmel angelobt, so will ich gewiss selbst Mutter seyn, wenn ich Kinder habe! Da kommt der Arzt; ihn darf ich nicht sehn lassen dass ich schreibe." Der Prediger des Orts fugte diesem ununvollendeten Briefe folgendes Blatt bei:
"Frau von L.. ist durch einen abermaligen heftigen Blutsturz ausser Stand gesetzt worden, Ihnen, meine werthe Demoiselle, den Brief, von ihr selbst beendigt, zu uberschicken. Sie hat es mir aufgetragen. Ich soll Sie zugleich ersuchen, ihr in ihrem wahrhaft trostlosen Zustande beizustehen. Ich trete dieser Bitte von ganzem Herzen bei. Ein unvorsichtiger Dienstfertiger hat ihr die Nachricht hinterbracht, dass sich ihr Bruder in H.. erschossen habe, als er der Obrigkeit in die Hande fiel, weil er einen beleidigten Ehemann, dessen Frau er verfuhrt, im Duell getodtet hatte, und sich vor Schulden nicht mehr zu retten wusste. Seit dieser Nachricht, hat der Arzt alle Hoffnung zum Aufkommen der gnadigen Frau aufgegeben. Gott erbarme sich der armen Dame! Sie ringt nach Trost, den ich ihr vergebens darreiche. Wie konnte sie sich auch die frohen Hoffnungen einer Religion zueignen, die sie ihr ganzes Leben hindurch verlacht hat? Ihre Seele ist fur kein frommes Gefuhl empfanglich. Bei der sichtbaren Auflosung ihrer Krafte schaudert sie trostlos in martervoller Ungewissheit zuruck. Sie betet, und angstigt sich dann, dass sie mit den Worten, die ich ihr vorsage, keinen Sinn verbinden kann. Nie, nie habe ich einem traurigeren Krankenlager beigewohnt. Mein Herz blutet in mir. Herr, geh' nicht ins Gericht mit ihr! Wer wird bestehn, wenn Du willst Sunde zurechnen?
Vor einer Stunde rief sie mich an ihr Bette. Sie lag mit gefalteten Handen. Ich musste mich zu ihr hinabneigen, denn ihre Stimme ist schwach und gebrochen. Lieber, guter Mann, sagte sie, ich glaube Ihnen, ich habe es sonst schon gehort, dass die Religion kein leeres Wortgeprange ist. Dass ein Gott sei, glaubte ich immer; aber ich dachte ungern an ihn, und wenn es fluchtig geschah, so war es unter seltsamen verworrnen Begriffen. Ach, ich glaubte, es sei noch Zeit genug an ihn zu denken, wenn ich aufhorte jung zu seyn, wenn die Welt mich verliesse! Jetzt, jetzt, lieber Mann, denke ich an Gott; aber seine Schrecken haben meine Seele ergriffen! Er wird mich verstossen! Sagen Sie, sagen Sie, rief sie fast brullend, wird er? Ich sagte ihr, was ich unter solchen Umstanden fur das Schicklichste hielt. Mein Herz war durch ihren dringenden Ton, in welchem wilde Verzweiflung lag, im Innersten zerrissen. Sie wagen es nicht, mir Gnade zu versprechen? fing sie erschopft an; sagen Sie, sagen Sie's nur, ich bin verworfen! Sie weinte handeringend, und versank dann in stilles Nachdenken. Bald nachher begann sie in einem Selbstgesprach mit erschopfter Stimme: ach, dass ich von dem armsten Bauer geboren ware! jetzt ware ich gesund, und litte nicht diese Hollenqualen! Arme Grunthal, auch Dich zog ich mir nach! Die schreckliche entscheidende Stunde ist da! rief sie nach einer Weile, richtete sich im Bette auf, und sah furchterlich wild um sich; betet, betet, alle, alle, alle! Ich rief den Arzt, dem es gelang, sie zu beruhigen, und bald verlangte sie nach Ihnen und ihrem Gemahl. Von ihrem Vater will sie nicht horen; er hat, ihrer Aussage nach, an ihrem Elende Schuld. Jetzt hat sie Kaffee verlangt, und, ach, dass ich's sagen muss! sie spottet des Todes, und verbietet mir den Zutritt, weil, wie sie sagt, meine traurige Gegenwart sie auf Schreckbilder fuhrt, und ihre Phantasie verwildert. Sie wurden sehr wohl thun, liebe Demoiselle, wenn Sie Ihre sterbende Freundin besuchten. Das Sterbebette derselben wird gewiss einen recht gesegneten Einfluss auf die Festigkeit Ihrer christlichen Gesinnungen haben, u.s.w."
Julchen flog auf den ersten Wink zu ihr. Kaum nahm sie von Karolinen Abschied. Fur mich hinterliess sie einen trockenen Zettel, der mir ubergeben werden sollte, wenn ich anfinge mich zu bessern. Er enthielt nur Worte und Komplimente, die das Vaterherz von einer nur zu geliebten Tochter zu tief verwundeten, als dass ich sie wiederholen konnte. Herr von L.. weigerte sich standhaft, Marianen noch einmal zu sehen. Er wurde sich vielleicht entschlossen haben, ihrer Bitte zu willfahren; denn hassen konnte er so wenig als lieben, dazu sind diese Weltmenschen meist zu karakterlos, aber es ware eine Unterbrechung seiner Freuden gewesen, hatte ihn vielleicht traurig machen, und einen storenden Ruckblick auf sich selbst veranlassen konnen. Auf Erden war ihm nichts verhasster, als Traurigkeit; und so versagte er der Person, die er so sehr geliebt hatte, den Trost, den er ihr schlechterdings schuldig war. Sie starb, ohne ein Wort der Versohnung von ihm zu horen.
Nach einigen Monaten wich die Krankheit von mir, aber meine Nerven waren so geschwacht, dass ich nur wenige Personen um mich leiden konnte. Der leiseste Fusstritt schien mir zu hart, die bedachtlichste Bewegung zu jahe. Alle Vorstellungen der letzten Ereignisse vor meiner Krankheit waren wie weggewischt aus meiner Seele. Mit desto frischeren Farben mahlte dagegen meine Imagination die Bilder meines vormaligen glucklichern Zustandes mir vor, besonders die Jahre meiner ersten Ehe. Mit kindischem Behagen hing ich an Kleinigkeiten, welche mir damals werth gewesen waren; ich konnte ein Glas, eine Tasse stundenlang betrachten, und eben so war auch das Bild meiner ehedem so guten und unschuldigen Tochter in mir aufgelebt. Ich fuhrte mir selbst Veranlassungen herbei, wodurch ich Gelegenheit bekam, ihren Namen recht oft zu nennen. Schlummernd streckte ich meine Hande nach ihr aus, und fuhr auf, wenn ein Wagen kam, weil ich mir vorstellte, sie wurde mich liebevoll uberraschen wollen. In jedem Gesicht suchte ich Nachricht von ihr, und zurnte wie ein Kind, wenn ich mich getauscht fand. Sehnsuchtsvoll war mein Auge unablassig auf die Thur gerichtet, wo ein Brief hereingebracht werden konnte. Endlich sagte meine Frau: es ware gleich zu Anfange meiner Krankheit einer von ihr angekommen. Es war der eiskalte, dessen ich schon erwahnt habe. Wie unbefriedigend fur so heisse Erwartung! wie kalt und unkindlich sie uber meinen Zustand spricht! wie gezirkelt und geziert! Voll Widerwillen warf ich den Brief auf die Seite, nahm ihn hundertmal wieder vor, und suchte endlich im Umschlage, ob ich da nicht noch ein trostlicher Wort fande. Mir entfuhren Klagen daruber in Gegenwart meiner Frau, so behutsam ich sonst auch darin gewesen war. "Es ist noch ein anderer Brief da," sagte sie unbesonnen herausfahrend; "den soll ich Dir aber erst geben, wenn Du vollig genesen seyn wirst." Von Julchen? rief ich, hastig gegen sie hinfahrend. "Ihre Hand ist es nicht," sagte sie; "Du musst Dich aber gedulden, denn es steht ausdrucklich auf dem Umschlage, dass Du den Inhalt nicht eher wissen darfst, bis Du vollig wieder hergestellt bist." Der Brief war auch wirklich in einen Umschlag an Fritz, und enthielt diese Weisung. Nun stellen Sie sich leicht vor, dass ich nicht eher Ruhe hatte, bis ich den traurigen Brief halb erbettelt und halb erscholten hatte. Ich erkannte sogleich Karolinens Hand. Mein Herz klopfte als wollte es aus seiner Hohle, und meine Hande zitterten so, dass ich das Siegel kaum erbrechen konnte. Hier ist er, seiner ganzen Lange nach:
"Bester Onkel! Sie werden hoffentlich weder den Entschluss, von dem ich Ihnen jetzt Nachricht geben will, noch die Empfindungen, die ihn veranlassten, uberspannt finden, wenn ich Ihnen eine treue Darstellung meiner, oder besser, unsrer Lage werde vorgelegt haben. Da Sie selbst mich sonst schon die B e s o n n e n e -zu nennen pflegten, so werden Sie es jetzt meinen reifern Jahren nicht zutrauen, dass ich mich durch einen raschen Entschluss um diesen Namen sollte bringen wollen. Doch Ihre Erwartung muss nun aufs hochste gespannt seyn; ich verschone Sie mit einer umstandlichern Einleitung, und beginne mit der Geschichte der letzten Monate, die ich Ihnen vielleicht aus strafbarer Weichlichkeit verschwieg; welches ich mir aber aus Selbstgefalligkeit als kluge Schonung anrechnete. Ich hoffte durch eine lange Unterdruckung meines leidenden Gefuhls das alte schicklichere Verhaltniss wieder herzustellen, duldete und schwieg; da wurden aber meine Leiden grosser, als meine Krafte. Ich kampfte manchen bittern Kampf, und warf mich endlich in meiner Noth dem allgutigen Troster in die Arme. Die Uberlegung, dass diese Leiden gewiss zu meiner Erziehung fur einen vollkommnern Zustand nothig seien, beruhigte mich nach und nach; und das Ende aller meiner heimlichen Kampfe, und, Gott gebe! auch meiner Leiden, war der Entschluss, der jetzt fest und unbeweglich vor meiner Seele steht: meine nun fur's ganze Leben gekrankten Rechte einer Geliebtern abzutreten."
Sie konnen sich vorstellen, lieben Freunde, unterbrach sich hier Grunthal, dass diese Vorrede, die mich auf etwas Ausserordentliches und Unerwartetes vorbereiten sollte, mich fast vernichtete. Doch schlupft' ich leise daruber weg, um nur das Wesentliche zu erfahren.
"Ich gestehe," (fahrt Karoline fort), "dass mir, als ich meiner Cousine mein Haus anbot, kein Schatten von einigem Misstrauen gegen ihr Betragen und meines Mannes Grundsatze in die Seele kam. Ich glaubte an seine Liebe, weil ich die meinige zu ihm kannte. Vielleicht ware ich auch nie aus dem sussen Traume geweckt worden, hatte nicht mein Karl Gelegenheit gehabt, das, was er fur mich fuhlte, was er wohl selbst fur Liebe hielt, mit der Leidenschaft zu vergleichen, die ihm der stundliche Anblick und Umgang mit einer jungen, vollkommen schonen Person einflosste. Und diese junge Person, mein Onkel, w o l l t e g e f a l l e n ."
Hier schildert nun meine Nichte die Fortschritte der gegenseitigen Leidenschaft bei Beiden, wie sie solche hat bemerken konnen. Der Brief ist lang; ich ubergehe, was dir zum Theil schon selbst haben bemerken konnen, und einige lebhafte Auftritte, welche das Verhaltniss anschaulich machen, die Sie in Julchens Briefe an Marianen gelesen haben.
"Gott weiss es," schreibt nun die Nichte weiter, "dass mir nicht ein Wortchen, nicht eine Klage, die Unmuth oder Bitterkeit verrieth, entfuhr. Ich duldete und schwieg. Wenn etwas einem Vorwurfe ahnliches geschah, so war es lediglich meine sich immer gleichbleibende Liebe und Gefalligkeit im Umgange. Ich suchte keinen Vertrauten meines Kummers. Sie wissen, lieber Onkel, dass man dann sein Herz mit um so vollerm Vertrauen dem hingiebt, der allein aus der Angst erretten kann. Ihm ubertrug ich meine Angelegenheit, ich wage nicht, zu sagen, mit Ergebung; denn wenn mein Mund dies Wort aussprach, widersprach mein emportes Herz, und schauerte erschrocken bei der Vorstellung zuruck, dass vielleicht mein ewiges Loos an der Trennung von dem Manne hangen konnte, den ich noch immer uber alles liebte. Ich gestehe dass Julchen wirklich zuruckhaltender gegen meinen Mann schien, als ich sie einst mit tausend Thranen gebeten hatte, dem unsaglich Schwachen auszuweichen. Meine Lage wurde nur noch peinlicher; denn nun liess er mich Julchens scheinbare Zuruckhaltung entgelten, und war herrisch und auffahrend. Sie vermochte nicht, seinen Trubblick aufzuheitern, sie naherten sich einander noch mehr, und von nun an wurde ihr Umgang von Tage zu Tage inniger. Mir begegneten sie mit kalter erkunstelter Hoflichkeit, die mir in die Seele schnitt. Doch blieb ich unerschuttert fest dem Vorsatze treu: meines Mannes Herz durch keinen Vorwurf von mir zu entfernen, oder ihm durch murrisches Wesen einen Vorwand wider mich zu geben. Ich weiss, dass meine arme Mutter durch sanfte Nachgiebigkeit und Geduld meines Vaters Herz sich wieder gewonnen hatte. Bei dem allen war ich mir und uns allen vor den Augen unsrer Bedienten, die fur die Geheimnisse und Fehler ihrer Herrschaft nur zu scharfe Augen haben, eine Schonung und Behutsamkeit schuldig, die meine Lage mir unendlich erschwerte. Dieser Zustand dauerte, bald truber bald erheiterter, bis zu Julchens Abreise zur sterbenden Mariane. Den Abend vorher verschaffte mir ein unvergesslicher Auftritt jene traurige Aufklarung uber die Gesinnungen, auf die ich von Seiten meines Mannes jetzt nur noch zu rechnen hatte.
Ich war mit Anstalten zu Julchens Reise beschaftigt; denn ich nahm ihr immer gern ab, was sie ungern selbst that. Als ich damit fertig war, suchte ich sie, wegen noch einiger Verabredungen, in ihrem Zimmer auf. Ich fand sie nicht. Mein Hausmadchen sagte mit schlauem bedeutendem Blicke: 'Mamsell Grunthal ist bei dem Herrn; s i e l e s e n w i e d e r m i t e i n a n d e r .' Ich unterdruckte den Unwillen, der in mir aufstieg, und ging, so gefasst als es mir nur moglich war, dahin. In meines Mannes Arbeitszimmer waren sie nicht; aber in dem anstossenden Kabinette horte ich ihre Stimmen, und, ja, ich muss nur gestehn, dass ich es that, ich blieb vor der Thur stehen. Sie lasen wirklich. Karl deklamirte ihr mit dem feurigsten Ausdrucke, in einer der Sache anpassenden Stellung, eine Szene aus Gothe's Stella vor. Sie kennen den verfuhrerischen Reiz des Ausdrucks in diesem Stucke. Wechselsweise las Karl und Julchen. Ich hatte vorher noch nie ihren Ton sich so bis zur hochsten Leidenschaft erheben horen. Sie sassen auf einem, der Thur gegenuberstehenden, Sopha, sich fest umschlingend. O, mein Gott, wie wankte ich zuruck! wie weh that dieser Anblick meinem armen Herzen, das den Leichtsinnigen nicht fassen konnte! Sollte ich nun hineindringen, die Falschen beschamen, oder den Ausgang dieses gefahrlichen Auftritts abwarten? Ich entschloss mich zum letztern. 'Wenn Karoline,' sagte der Liebhaber, 'eines solchen Opfers fahig ware!' 'Ach,' seufzte das liebetrunkene Madchen lispelnd, 'das kann sie nicht! wo schlagt ein Herz, das sich zu einer solchen Selbstverlaugnung gross genug fuhlte?' Sie schmiegte sich enger an ihn, ich sah's in einem verratherischen Spiegel; und nun eine Stille, in der fur mich Todesqual lag. 'Wenn ich nun Karolinen meine ganze Kalte, meine Abneigung mit ihr zu leben, meine gluhende Liebe fur mein gottliches Madchen, etc. blicken liesse, auch dann sollte sie mich nicht loslassen konnen? glauben Sie es nicht, L i e b s t e ?' 'Nein, nein, sie wird, sie kann es nicht!' 'O, glauben Sie mir, Theuerste, das gute Weib liebt mich zu innig, als dass sie sich meinem wahren Glukke in den Weg stellen sollte. Ihre Begriffe von Edelmuth und Heldentugend sind zu romantisch gespannt, als dass sie sich nicht zu dieser Hohe sollte erheben konnen.' 'Ja, besonders wenn sie erst ein paarmal Betstunde gehalten hat!' sagte Julchen hochst bitter. O, wahrlich, dies, dies verdiente ich nicht um sie! mein Onkel, dies verwundete mein Herz in seinem edelsten Theile! Ich erlag fast, und wie in weiter Ferne tonten mir die Versicherungen ihrer strafbaren Liebe ins Ohr. Ich vergoss die bittersten Thranen, die ich in meinem Leben geweint habe.
Es wird Sie in Erstaunen setzen, lieber Onkel, dass
ich Muth genug hatte, einen solchen Auftritt auszuhalten. Ungewohnliche Vorfalle geben der Seele ungewohnliche Krafte, so wie auch die physischen Krafte bei gewaltsamen Zumuthungen des Schicksals sich auf einen wirkenden Punkt konzentriren, und oft wundervolle Starke aussern. Ich wurde aber schwerlich im Stande seyn, Ihnen die wild durch einanderlaufenden Vorstellungen und Entschlusse dieses Momentes auseinanderzusetzen. Leidenschaften, stark, wie ich sie zuvor nie in mir bemerkt hatte, erhoben sich in meinem Innersten, und wurden von ganz entgegengesetzten verdrangt. Jetzt, da ich die ganze schmerzliche Szene noch einmal durchempfunden habe, fuhl' ich hell und bestimmt, was zu der Zeit dunkel in mir aufstieg: dass ich mir weiter kein Gluck in der Verbindung mit einem Manne versprechen durfe, dessen Herz mich entschieden aufgegeben habe, und fur eine Andere schluge. Uberraschung der Sinnlichkeit hatte ich der schwachen Menschlichkeit verziehen; aber einen durchdachten Plan! Ich sah eine Zukunft voll der bittersten Leiden und anhaltender Kampfe voraus, wenn ich mich seinen Absichten widersetzte; also e i n Kampf, fur t a u s e n d , die ich vielleicht in der Folge nicht immer bestehn wurde. Oder sollt' ich ruhig seiner Wiederkehr warten? zufrieden seyn mit dem Theile seines Herzens, welcher der Hausfrau bliebe, wenn irgend Krankheit oder Unfall ihn der Geliebten gleichgultig gemacht hatte? Sein Gluck ist mir theurer als mein eignes; ich will ihm das Opfer ruhig und freiwillig bringen. Er gehore der Geliebteren. Ich wagte aber nicht, den im Tumulte so mannichfacher Leidenschaften gefassten Entschluss auszufuhren, bis er durch ofteres Beschauen und kaltes Betrachten zu besserer Reife gediehen war. Doch, er siegte in allen Prufungen, und jetzt erwartete ich nur eine schickliche Gelegenheit, um ihn den Hauptpersonen mitzutheilen. Sie ereignete sich einige Wochen nach Julchens Abreise.
Mein Mann war nicht zu Hause, als ein Brief von Julchen an ihn ankam. Ich unterlag der Versuchung, ihn zu lesen, nicht; denn nun stand es deutlich vor mir, dass ich ihn zur Ausfuhrung des Plans nutzen konne, der bis zum Erkranken meiner physischen Krafte in mir arbeitete. Nach Tische pflegte mein Mann in seinem Zimmer zu arbeiten; ich ging zu ihm, gab ihm den Brief, und beobachtete ihn dabei so ruhig als moglich. Er ward uber und uber roth; es versetzte ihm den Athem, er zitterte, besah das Siegel, und legte ihn hin. 'Nun? es ist schon gut, Frauchen;' sagte er, und that als wolle er fortarbeiten. Ich ging zur Thur, und blieb stehn. Er sah sich, gebuckt wie er sass, nach mir um, und sagte etwas ungeduldig: 'Nun?' Ich sagte in einem vielleicht wankenden Tone, denn seine Betroffenheit richtete meinen sinkenden Muth auf: ich dachte, der Brief sei von Julchen, und da wusst' ich doch gern, wie's ihr geht. 'Von Julchen sollt' er seyn?' sagt' er, den Kopf schuttelnd, als hatt' er's nicht gleich gesehn; 'hm!' Erbrich ihn doch, lieber Karl, er ist gewiss von ihr. Nun musst' er wohl, aber nur mit fluchtigen Blicken durchlief er ihn; ich bin gewiss, er fasste kein Wort von dem Inhalte. Die Hande zitterten ihm; er erblasste. Weiter wollt' ich die Rache nicht treiben; ich trat vor ihn hin, und da ich meiner Stimme Festigkeit genug zutraute, nahm ich seine Hand mit der wahrsten Gutmuthigkeit, und sah ihm mitleidig ins Auge, denn sein Zustand, in welchen ich mich ganz versetzte, ging mir tief zu Herzen. Dann sagt' ich: lieber, lieber Mann, glaubst Du, dass ich Dich mehr wie mein Leben, mehr wie mein irdisches Gluck liebe? Ich schlang meinen Arm um ihn. Er sah mich verwundert an; die Frage: 'was das werden sollte?' schwebte auf seinen Lippen, doch fragte nur sein Auge. Jetzt legte ich ihm unser verstimmtes Verhaltniss rein und deutlich vor; er unterbrach mich nur selten, bewunderte zwischendurch, was er meine Grossmuth nannte, vertheidigte sich nur schwach wenn ich seiner Leidenschaft erwahnte, und widersprach meinem Entschlusse, ihn der geliebtern J u l i a n e abzutreten, grade nur so viel, dass er dann um so schicklicher zu einer Lobeserhebung meiner Seelengrosse, und zu einem Dank, worin sich die gluhendste Leidenschaft fur meine Nebenbuhlerin ergoss, ubergehen konnte. Ich laugne nicht, dass ich betroffen und hochst bewegt wurde, da er anfing die Trennung von der juristischen Seite zu betrachten, und unter einigen Punkten, welche sie erleichtern wurden, auch den meiner schwachlichen Gesundheit anfuhrte, die mich zur Bestimmung des Weibes, im weitern Umfange, unfahig machte; aber diese Bemerkung diente zugleich, mich in meinem Entschlusse zu bestarken, da ich wohl einsah, dass ich jetzt noch freiwillig geben konnte, was man mir in der Folge herrisch abgefordert haben wurde. Ich sah nur zu klar, dass ihm die Vorstellung der Trennung nicht mehr neu war; ich war ihm bloss zuvorgekommen. Ich uberliess ihm, der Geliebtern das Resultat dieser peinlichen Unterredung zu melden; und ubernahm es, sie zu ihrer Einwilligung zu bewegen. Da Ihre Liebe zu mir, mein Onkel, derselben im Wege stehen konnte, so betheure ich Ihnen heiligst, dass ich auf keinen moglichen Fall bei ihm bleiben werde. Auf Gluck und hausliche Freuden musste ich, bei meiner Art zu empfinden, fur immer Verzicht thun. Meine Vermogensumstande lassen es ebenfalls zu. Ich will nicht unnutz in der Welt seyn; eine kleine Stadt in Ihrem Kreise soll mich aufnehmen, und ich will junge Madchen lehren, gute Frauen und Mutter zu werden. Ich will erziehen und bilden.
Unschicklich war's auf jeden Fall, wenn Julchen jetzt in unserm Hause lebte; darum ist beschlossen, dass sie sich bis zur Entscheidung bei ihrer Madame Brennfeld aufhalten soll. Wenn Sie bedenken, dass sie nun mit einemmal den Gefahren entrissen wird, so muss das einen Stein von Ihrem Herzen walzen. Der arme Eiche! wie wird sein ehrliches Herz von neuem bluten! Man wird freilich in Gesellschaften diesen seltenen Fall betratschen; aber irgend ein Wochenbett oder neues Schauspiel wird auch diese neue Mahr verdrangen. Ich fuge noch hinzu denn, erfahren mussen Sie's doch: mein Mann hat geeilt, die Sache unwiderruflich zu machen. Die Scheidepunkte sind schon eingegeben. Gott starke uns alle! etc."
Es fallt mir schwer, ja fast unmoglich, Ihnen den Eindruck zu schildern, den diese hochst unerwarteten Nachrichten und Ausserungen meiner Nichte auf mich machten. Ganzliche Betaubung, Stillstand, Hemmung aller meiner Seelenkrafte konnte ich meinen damaligen Zustand am fuglichsten nennen. Diesem, und der vom hitzigen Fieber zuruckgelassenen Abspannung meiner Nerven muss ich es wohl zuschreiben, dass ich an Falken, an Karolinen und meine Tochter in unbestimmten, der Starke meiner Missbilligung wenig entsprechenden, Ausdrucken schrieb, und mich leidend verhielt, weil ich nichts mehr abwenden zu konnen glaubte. Mein, in gesunden Tagen nicht unwirksamer, Geist war ohne Spannkraft, und ich gab es auf, dem immer zunehmenden Leichtsinne meiner Tochter entgegenzustreben. Sie hat Ehr' und Tugend aufgegeben, was wird ihr ferner Kindespflicht seyn? Ich gab stillschweigend zu, was ich nicht hindern konnte, und was sie, ohne mich zu fragen, gethan haben wurden. Mein Unvermogen, uber die verhasste Sache mich deutlich auszulassen, war so gross, dass ich mich in meiner Antwort an Karolinen sogar ganz kurz fasste, und mich in nichts Bestimmtes einliess. Meine sonstige Empfindlichkeit war bis zum Stumpfsinn verhartet. Das liebende Paar hatte sich auf gewaltigen Sturm meiner Seits gefasst gehalten; nun geriethen beide in unnennbares Entzucken, da sie mich wider Erwarten so bereitwillig fanden, ihre feurigsten Wunsche zu befriedigen. So druckten sie sich in ihren Briefen an mich aus. Julchen hatte im Herzen immer nicht gezweifelt, dass ich aufrichtig ihr Gluck wolle. Sie zierte sich unausstehlich, sprach vom u n w i d e r s t e h l i chen Drange gleichgestimmter Seel e n , von erstaunlichem Kummer, vielleicht betruben z u m u s s e n , und von der h o c h s t t r a u r i g e n N o t h w e n d i g k e i t , der besten, edelsten Frau einen geliebten Mann zu rauben. Meine Freunde, erlassen Sie mir eine zergliederte Erzahlung meines Jammers. Ich eile uber diesen Zeitpunkt leise hinweg; es ist der schmerzlichste Theil meiner Wunde. Diese, meinen Abscheu erregenden, Briefe beantwortete ich gar nicht. Die Scheidung ging bei Zustimmung der Partheien leicht vor sich. Indess war Julchen von Marianen zuruckgekommen. Das arme, von Grund aus verwahrlosete Geschopf war den jammervollen Tod gestorben, der die unausbleibliche Folge schwankender Begriffe uber die Zukunft, und eines tief verletzten Gewissens ist. In den Augenblicken, wo sie sich mit der Ruckkehr ins Leben geschmeichelt hatte, waren ihre guten Entschlusse und ihre Reue uber die Thorheiten ihres Lebens wieder in phantastische Traume eines bunten Welttaumels ubergegangen, worauf sie noch rechnete. Der redliche Prediger, ihr Beistand, wurde hart angelassen, weil seine Gegenwart sie an den Tod erinnerte. Als sie aber fuhlte dass ihr Herz brechen wurde, rief sie ihn mit aller Kraft, deren sie noch fahig war, und umklammerte seine Hande, als ob er sie retten und fur sie sprechen sollte. So starb die Ungluckliche, mit Verzweiflung ringend; und Julchen hatte von diesem warnenden Sterbeauftritte weiter keinen Nutzen, als dass sie ihre Briefe an die Verstorbene zuruckerhielt, eine Woche weinte, und dann wieder abreisete, um sich bei Madame Brennfeld so lange aufzuhalten, bis der Wohlstand verstatten wurde, die unselige Verbindung zu vollziehen.
Madame Brennfeld nahm ihre ehemalige Untergebene triumphirend und mit offnen Armen auf. Falk hatte sie schon von der anstossigen Geschichte unterrichtet, und sie hatte sich selbst erboten, die Demoiselle aufzunehmen, damit die D e h o r s gerettet wurden; denn im Grunde (glaubte sie) kame doch alles nur auf die Meinung der Welt an, und standen wir bei dieser gut, so sei unsre Wohlfahrt fest genug gegrundet. Ubrigens konne man es einem so liebenswurdigen Manne nicht verdenken, wenn er sich von der Himmelssturmerin (Karolinen) lossagte. Diese Heiligen, die bei jedem Schritte zusahen, ob sie auch nicht fallen wurden, waren ihr in der Seele zuwider. Julchen habe ausserordentliche Fortschritte in dem Gebrauch ihrer Vernunft gemacht, und sie sei doch nun endlich ein selbststandiges Wesen geworden, das die traurige Anhanglichkeit an verjahrte Vorurtheile glucklich abgeschuttelt habe. So ungefahr urtheilten auch die feinen Gesellschaften und Kliken. In andern tadelte man Karolinens Nachgiebigkeit, als strafwurdige Schwache, die ein boses Beispiel gabe. Nur der wurdige E i c h e und einige ganz vertraute Freunde bewunderten die Grosse ihres Entschlusses, und ihre edle Beharrlichkeit, die um so ruhmlicher war, da sie, ihres Mannes und ihrer Nebenbuhlerin zu schonen, alle diese schiefen Urtheile hinnahm, ohne ein Wort zu ihrer Rechtfertigung zu verlieren. In dieser unglucklichen Zeit erhielt ich viele Briefe von E i c h e n , in welchen er, bei dem redlichen Bestreben, mich zu trosten, mit grosser Delikatesse uber die traurige Angelegenheit sprach, die er freilich ohne Affektation nicht ganz mit Stillschweigen ubergehn konnte; aber aus der Heiterkeit, die er vorgab und mir mitzutheilen suchte, blickte ein tief angegriffenes Herz hervor. Ich fuhlte es immer schmerzlicher, dass dieser Vortreffliche nicht mein Schwiegersohn geworden war.
Die Heirath, die ich mehr als den Tod verabscheute, ward durch einen Vorfall beschleunigt. Madame Brennfeld hatte in einem schwachen Augenblicke vergessen, dass ihr an der Meinung der Welt alles liegen musse. Jetzt wurde sie von einem Vorfalle uberrascht, der, so klein er war, doch gewaltig viel Larmen machte. Unverblumt: sie genas eines kleinen Weltburgers, den sie, zufolge ihres hellen vorurtheilfreien Geistes, der sich uber die Fesseln hergebrachter Konvenienzen zu erheben wusste, mit herzlicher Freude aufnahm. Nur der Umstand storte ihre Mutterfreude, dass der Ritter sich durchaus nicht zur Vaterschaft verstand, sondern sie einem jungen Israeliten zuschob, welcher der Dame Logik und Anfangsgrunde der Mathematik beigebracht hatte. Doch, auch uber diese Verlegenheit schwang ihr fesselfreier Geist sich hinweg; war die Vaterschaft streitig, so war doch ihre Mutterschaft keinem Zweifel unterworfen. Sie freute sich der Frucht ihrer gelehrten Vorlesungen, erzog sie selbst ganz offentlich, und liess das Problem unaufgeloset.
Indess war die Welt weniger tolerant, als die Dame vermuthet hatte. Sie, die fur jedes Laster, jede Abweichung von dem Wege des Guten einen toleranten Spruch hatte, wurde jetzt mit unerbittlicher Harte verdammt, und die Eltern nahmen in moglichster Eile ihre Kinder zuruck. Auch Falk, diesem tugendhaften Manne, gab dies einen erwunschten Vorwand; er eilte, sein Julchen zu holen, und, um den Wohlstand zu retten, liess er sich, in Gegenwart einiger Zeugen, sogleich mit ihr trauen, welches ihm gegen Erlegung einer namhaften Summe nicht verweigert wurde. Nun sollte ich hinterher meinen vaterlichen Segen schikken. Ach Gott! durft' ich ihnen denn fluchen? Karoline hatte mit einer ehrwurdigen Seelengrosse ihren Vorsatz ausgefuhrt; sie kam aber nicht zu mir, aus Besorgniss, dies wurde nur unsern gemeinschaftlichen Gram nahren. Ich selbst wurde, ungeachtet des innern Kummers, den ich in keiner Stunde meines Lebens ganz vergass, nach und nach wieder hergestellt. Meine Sohne, die trefflichen Jungen, thaten alles, um mir Ersatz fur die verwahrlosete Tochter zu seyn; auch nahm ich mir ganz im Ernste vor, nun weiter nicht eigensinnig auf Freuden von der Seite her zu bestehen, sondern meine Sohne desto inniger an mich zu schliessen. In meiner hauslichen Verfassung fanden sich auch mancherlei Zerstreuungen. Eine von der Regierung niedergesetzte Kommission, die Amter und Pachtungen zu untersuchen, nahm mir viel Zeit weg. Es vergingen anderthalb Jahre, in welchen ich bloss durch einen seltnen Briefwechsel Nachricht von den Turteltaubchen aus der Stadt bekam. Ein bei der Kommisson befindlicher Rath hatte mir zwar zu verstehn gegeben, dass Falk's Umstande die besten nicht waren; aber d e r Schlag war mir nichts desto weniger hochst unerwartet und betaubend, da ich das Ehepaar in den offentlichen Blattern als Verschwender bekannt gemacht fand. Dieser Umstand entflammte meinen ganzen vaterlichen Zorn aufs neue. Nun, (dacht' ich) wenn ich denn zuchtigen soll, so sei es; ich will den Elenden sehn, und meine Vorwurfe sollen ihn bis aufs Blut martern. Ich warf mich aufs Pferd, ohne meiner Frau Bescheid uber mein Vorhaben zu geben. Ich trieb mein Thier bis zum Sturzen, eilte zur Stadt, und lief dann mit schwankenden Knieen und bebenden Lippen nach Falk's Wohnung. Auf dem Wege dahin ordnete ich die Vorwurfe, die ich dem schandlichen Menschen der Reihe nach machen wollte: Julchens zerstortes Gluck, meinen Frieden, alles, alles! Ich fand alles verschlossen und versiegelt; es war niemand da, der mir Bescheid gegeben hatte. Schon wollt' ich wieder fort, als aus einer Hinterthur eine Matrone hervorkroch, und mich bat, in ihre Stube einzutreten. Ich hutete mich zu sagen, dass ich der Vater ware; und so horte ich denn Nachrichten, die den Kaltesten und Gefuhllosesten bis aufs Mark erschuttert haben mussten. Von der Hochzeit an war es ein Jubiliren; heute Ball, morgen Konzert, den dritten Tag Konversation, und die Zwischenzeiten wurden in den Ressourcen vertrodelt. Die junge Madame war immer tiefer in diese Lebensart verwikkelt worden. Herr Falk ausserte Missbilligung und Eifersucht; der Hausfriede war gebrochen und das Ubel arger geworden. Darauf habe Herr Falk ein schones junges Madchen ins Haus genommen, unter dem Vorwande: seine Frau brauche bei ihrer vornehmen Lebensart eine Kammerjungfer. Diese habe er gar prachtig gehalten. Dagegen habe Madame, um sich zu rachen, Besuche von einen vornehmen Russen angenommen, von diesem grosse Geschenke erhalten, wie denn uberhaupt dessen Freigebigkeit die Wirthschaft noch eine Zeitlang zusammengehalten habe. Mit einemmale sei es aber stiller geworden; Falk verbrannte Schriften, die Madame hielt sich inne und weinte; es habe verlauten wollen, der Herr werde arretirt werden; indess sei er in der Nacht mit der hubschen Kammerjungfer verschwunden. Die Madame habe nicht viel Wesens daraus gemacht. Den Abend darnach, als schon alles versiegelt gewesen, und man stark vermuthete, die Dame werde mit ihrer Person fur den Mann haften mussen, sei sie in einer Reisekutsche mit sechs Extrapostpferden weggefahren. Wohin? wisse niemand; doch wollten einige Nachbarn den Kammerdiener des Russen im Wagen gesehn haben.
Nur die Furcht, mich zu verrathen, hielt mich bei Anhorung dieser zermalmenden Erzahlung aufrecht. Gott! Gott! meine arme tief gesunkene Tochter! O, der heillosen Leichtglaubigkeit, die sich durch schwache und kurzsichtige Freunde hinhalten liess, bis das Ubel zu dieser furchterlichen Grosse anwuchs! Unerfahrner Eiche! Leichtglaubige Karoline! Doch Ihr meintet es gut; i c h , i c h allein war der Narr, der von seinem Schoosskinde gern das Beste glaubte! Aber diese furchterliche, diese alle meine Krafte ubersteigende Strafe verdiente der arme, schwache und liebevolle Vater doch nicht! O, mein Herz! mein Herz!
Aus der Alten, die mir diese Nachrichten mittheilte, brachte ich noch Tag und Stunde ihrer Abfahrt heraus. Ich lief, ich flog auf die Post, und erfuhr, dass um die bezeichnete Stunde der russische Furst *** abgereiset war. Ich ging nicht lange mit mir zu Rathe, schrieb meiner Frau kurz weg: meine Angelegenheiten erforderten eine weite Reise; dann aber nahm ich Extrapost, und verfolgte ihre Spur bis in Liefland. Der Furst hatte sich einige Tage bei einem Verwandten aufgehalten, und in Riga war ich ihnen schon nahe auf der Ferse. Durch einen zuruckgelassnen Jager hatten sie erfahren, dass ihnen jemand nachsetze, und aus der Beschreibung, die der Mensch von mir machte, musste meine Tochter mich erkannt haben. In Riga ward mir im Posthause folgender Brief eingehandigt: doch, lesen Sie ihn selbst, lieber Seelmann; er bricht mir immer noch das Herz.
Seelmann und seine Frau lasen den Brief stillschweigend. Grunthal verbarg indess sein Gesicht, und schluchzte laut.
"Ich weiss, dass mein Vater mich einzuholen sucht. Was soll ihm eine Tochter, die seine Tochter nicht mehr seyn kann, da sie so entstellt ist? Dem mit Recht erzurnten Vater auszuweichen, wurde ich bis an's Ende der Welt fluchten. Tief im entferntesten Russland werde ich meine Schande vergraben. Des Vaters Strafe und seine Gute wurden mich in gleichem Grade elend machen. Ich bin ja nicht mehr werth, von Vateraugen gesehn zu werden. Schande, Elend und Gewissenspein werden die Beleidigung aussohnen; fur mich ist auf ewig alles, alles verloren! Ich wollte lieber sterben, als je wieder in dem ehemaligen Zirkel meines bessern und schuldlosern Lebens der Demuthigung und Verachtung preisgegeben seyn. O Lindenau! O du Grab meiner Mutter! Fur mich ist alles dahin! Dies ist das letzte Lebewohl, das die zerdruckte, vernichtete Tochter dem ach! dem unaussprechlich unglucklichen Vater zuruft!
J u l i a n e ."
Nach langer, angstlicher Pause brach Grunthal, als er sprechen wollte, wieder in einen Strom von Thranen aus. Ich fand ihre Spur nicht wieder; ich habe nie erfahren sprach er aus tief beklommener Brust. Leben Sie wohl, meine Freunde. Er sprang ungestum auf, und sturzte durch die Thur. Seelmann wollte ihm nach; aber er war schon zum Hofe hinaus, und sein Fusstritt schallte ihnen nur noch aus der Ferne zu. Er eilte in einer finstern regnigten Nacht allein und zu Fuss nach Hause.
Zweiter Theil
Minna und ihre Freundin genossen nach einem schwulen Tage die Kuhle des Abends, unter der Linde vor dem angenehmen Landhause, welches die Freundin bewohnte, und in dessen Nahe Minna ein massiges Gutchen besass. Schweigend sahen beide in den Mond, der freundlich durch die schone Akazie blickte, die ihnen gegenuber rauschte. Es wetterleuchtete in fernen grauen Streifwolken. Sie lauschten, ob ein Donner ihnen ein gefurchtetes Gewitter drohe; als plotzlich Minna's Lowenhundchen von ihrem Schoosse sturzte und bellend in die Nachtviolenhecke fuhr. Eine mannliche Gestalt naherte sich, und sagte den beiden Erschreckten mit bescheidner Stimme: "meine gutigen Damen, konnte wohl ein wandernder Handwerker hier ein Obdach gegen das heraufziehende Gewitter finden? Die Hitze des Tages hat mich ungewohnlich ermattet; ich erreiche vor Mitternacht nicht mehr das nachste Stadtchen, und das Wetter wurde mich in dem Walde uberfallen." Die Stimme des Bittenden nahm fur ihn ein, und beide Frauen waren geneigt den Muden zu erquicken. Minna antwortete zuerst: meine Freundin ist hier selbst ein Gast; aber meine eigne Wohnung ist nicht fern, diese hat Obdach und bequeme Ruhestatte fur jeden Rechtschaffnen. Gehe er dort links, mein Freund; sage er: ich schicke ihn; mein Mann wird ihn gewiss gastfreundlich aufnehmen. Der Wanderer war indess ihnen naher getreten, und der Mond schien ihm eben silberhell ins Gesicht. Ida, Minna's Freundin, sah ihn an, und fuhr, wie vor Entsetzen, von ihrem Sitz auf. Minna erschrak, fasste ihre Hand und fand sie kalt und zitternd. "Ida! um Gottes Willen! Ida, was ist Ihnen?" Nichts, gar nichts, sie fasste nach dem vor ihr stehenden Glase voll Wasser. Mir ist schon wieder wohl; eine entfernte Ahnlichkeit dieses Mannes hat mich erschreckt, weil weil sie mich erinnerte "Woran, Liebe, woran?" rief die lebhafte Minna O fragen Sie nicht, Theure! es ist voruber; es war nichts; ein Schattenbild das mich erschreckte. Der Reisende stand betroffen und in flehender Stellung da; es that ihm wehe die Frauen erschreckt zu haben. Er sagte nichts, bis Ida ihn fast blode fragte: ich bitte, lieber Fremdling, wer ist er? Hat er noch Eltern? Ich bin, wie ich schon gesagt habe, ein reisender Professionist. Mein Leben und meine Schicksale haben nichts besonders. Von meinen Eltern lebt nur noch mein alter Vater, den der Gram um eine pflichtvergessne Tochter vor der Zeit zum stumpfen Greise machte. Jezt will ich heim gehen, sein Alter zu trosten. Ida war in stumme Wehmuth versunken; Minna lobte sein Vorhaben, und gab ihm Anweisung, wie er sich in ihre Wohnung einfuhren sollte, wohin sie bald folgen werde. Er ging; und jezt erst bemerkte sie, wie ihre Freundin bleich und in Thranen gebadet neben ihr sass. Auf ihre zartliche Frage erhielt sie blos zur Antwort: Erinnerungen, Liebe, Erinnerungen, sie fielen schwer auf mein Herz, als ich die Bildung dieses Menschen sah, der Ton seiner Stimme durchdrang mich. Aber nun fragen Sie nicht weiter; ich will verschmerzen und vergessen. Schlafen Sie wohl, Theure, fuhr sie fort, indem sie aufstand; morgen sehen wir uns wieder. Nein, nicht so, meine Ida; so lasse ich Sie nicht. Ihr Herz druckt ein ungewohnlicher Kummer; es ist mir nicht entgangen, wie oft eine Thrane unwillkuhrlich diese schonen Wangen hinabschleicht; verschliessen Sie Ihr Herz nicht; gonnen Sie sich den Trost der Theilnahme, nirgends finden Sie sie warmer, als in dem Busen Ihrer Minna. Leiden Sie nicht so allein, schone Seele! Schone Seele! wiederholte Ida schmerzlich; ach! ich hatte es seyn konnen; ich ich wurde sprechen, wenn mir Muth gemacht wurde. Wurde es Ihnen Muth geben, wenn ich zuerst sprache? antwortete Minna schmeichelnd. War Ihre fruhere Jugend vielleicht nicht ganz tadelfrei? drucken Erinnerungen an die Vergangenheit dies arme Herz: so will ich mit Offenheit vorangehen. Sie sollen mich kennen lernen, damit auch Ihr Herz sich ofne; wir werden ein froheres Dasein neben einander haben, wenn wir jede Falte unsrer Karaktere kennen. Morgen Abend beginnt meine einfache, aber in ihren Folgen fur mich sehr bedeutende, Geschichte. Fur heute leben Sie wohl, Ihr angegrifnes Herz bedarf der Ruhe. Sie schieden voneinander, und gingen eine jede ihrer Wohnung zu. Als am folgenden Tage die Sonne hinter den Wald gesunken war, und die Dammerung eintrat, fanden sich unsre Freundinnen wieder unter der freundlichen wirthbaren Linde ein. Ida fragte sogleich mit sichtlicher Bewegung, was aus den Wanderer geworden ware? Gern hatte sie ihn noch einmal gesehen. Er zog heut fruh mit der Sonne seine Strasse, nachdem wir ihm gutlich gethan. Ihre Ursachen mogen seyn, welche sie wollen, meine Ida, der junge Mann war interessant. Ja ich mogte sagen, ich hatte Zuge an ihm entdeckt, in Auge und Mund Doch still, still, ihr Gesicht zeigt Besorgniss; kein Wort mehr davon. Lassen Sie uns davon abbrechen, Minna. Sie bemerken richtig: dies Gesprach qualt mich. Halten Sie lieber Ihr Versprechen; denn noch frag' ich mich oft: wer ist sie? warum ruht auf dem lieben Gesicht so oft ein Zug stiller Trauer? warum ist, wenn stiller Gram bei mir sich in unwillkuhrliche Thranen auflost, die sympathetische Thrane sogleich bereit, aus ihrem klaren Auge hervorzuquellen? Minna, langer dulde ich Ihr Schweigen nicht; denn auch ich suche ein Herz, in welchem ich meinen Kummer niederlegen kann. Minna wurde unruhig; schweigend druckte sie der Freundin Hand. Jezt nicht, jezt nicht, Liebe; was ich zu sagen habe, vertragt nicht dieses Licht. Wenn die grauere Dammerung mich schutzt, dann Ida lenkte klug das Gesprach auf die grosse Heerstrasse des Alltagslebens hin, und erst als der Mond an den Gipfeln der Baume dammerte, begann Minna mit einem aus beklommener Brust hervorbrechenden Seufzer:
"Der liebenswurdige Sonderling von Genf schrieb seine Confessions, vermochte aber nicht ihre Bekanntwerdung bei seinem Leben zu ertragen. Ich stehe im Begrif weit beschamendere Bekenntnisse abzulegen: zwar nicht vor dem Publikum, aber die Beichte ist demohnerachtet immer ein Punkt, der grosse Ueberwindung kostet. Wo werd' ich Stimme, wo Kraft hernehmen, sie, selbst gegen eine liebende Freundin, auszusprechen? wo die Ehrlichkeit, da ohne Schminke zu erscheinen, wo die scheue Weiblichkeit sich gern in sich selbst zuruckschmiegt. Aber in einer heiligen einsamen Stunde habe ich es mir zur Pflicht gemacht, Ihnen mein Herz mit allen seinen Verirrungen darzulegen. Wie stark muss Ihre Liebe seyn, wenn sie mich dann noch ferner ertragt.
Sie wird, ja sie ist entschlossen zur entschiedensten Nachsicht! Ach, wem sollt' i c h nicht nachsehen mussen! seufzte Ida geruhrt, und legte ihre Hand auf Minna's gefaltete Hande. Diese trocknete einige Thranen, und begann:
Ich bin die Tochter des Burgermeister Rosenau, in der angenehmen Provinzstadt A. Mein Vater war ein Mann von Kopf und Herz, und seine Berufsgeschafte liessen ihn Musse genug, sich oft Tage hindurch seinem Lieblingsstudium, der Geschichte und den alten Klassikern, vorzuglich aber der neuen schonen Litteratur zu widmen. Diese stand damals in ihrer schonsten Bluthe, und, wenn ich so sagen darf, im reinsten schaferlichen Schmucke; die Lesewelt war noch nicht so ekel aus Uebersattigung, und das Rezensionswesen machte noch nicht ein eignes, so uberflussig angebauetes Feld deutscher Schriftstellerei aus. Mein Vater sah mich gern meine Feierstunden mit Gesners Hirten vertandeln, und freute sich, wenn er mich mit Zacharia's Tageszeiten in die Gartenlaube eilen sah. Auch meine Mutter, die von ihrem Vater, dem Rektor B. in S., eine Art von gelehrter Erziehung, nach damaliger Weise, erhalten hatte, theilte meines Vaters Hang zu den Wissenschaften, und war innig froh, wenn er ihr nach vollendetem Tagwerke vorlas, wobei ich arbeitend zugegen war. Dadurch gewann ich unvermerkt an Geistesbildung, und zeichnete mich vor den andern jungen Madchen des Orts aus. Diese geistigen Unterhaltungen entzogen mich aber auf keine Weise unsrer stillen Hauslichkeit; ich arbeitete, so jung ich war; spann, nahere und strickte fur meine Altern und jungere Geschwister, mit so innigem Behagen, als obs kein Buch in der Welt gegeben hatte; sah, wenn der Winter voruber war, mit Verlangen nach den ersten Schwalben aus; weil dann die Gartenarbeiten anfingen, denen ich vorstehen sollte, wenn ich wurde grosser seyn. Und uber den Spass in der Erndte ging mir nichts, wenn der mit blanken Bandern und Blumen geputzte Schnitter ins Haus trat, und nach Ortssitte von den Magden mit Wasser uberschuttet wurde.
Hieraus konnen Sie schliessen, dass die Lebensweise im alterlichen Hause hochst einfach und patriarchalisch war; und noch blicke ich, mit herzlichem Wohlgefallen, in diesen meinen ungetrubten Lebensfruhling zuruck. Diese Einformigkeit ist wohlthatig fur junge unverwohnte Herzen; sie bildet zum ausharrenden Wohlgefallen an den stillen Freuden des kunftigen Hausstandes. Bei uns herrschte sie unverruckt; und nur an den Vorabenden solcher Tage, an welchen etwa der General des dort in Garnison stehenden Regimentes den Geburtstag des Koniges, oder seiner Gemahlin feierte, fand eine Ausnahme statt. Er pflegte die Notablen des Orts einzuladen. Das Vorlesen, Strikken und Spinnen fiel dann aus; und statt dessen krauselte Mutterchen sich und ihrem altesten Madchen die Haare; schwefelte Flor, farbte alte Bander, wusch seidne Strumpfe, luftete die seidnen Kleider, oder stickte der Tochter ihres an, wenn sie herausgewachsen war. So gings in allen Hausern wo junge Madchen waren; denn an einem solchen Tage, von dem das ganze Jahr hindurch gesprochen wurde, da galts! Wir wahnten uns in unserm zusammengestoppelten Staate sehr geputzt, besonders wenns uns gelungen war, irgend einen Modeschnitt zu erhaschen. Das Fest selbst regte, trotz der grossen Zurustungen, nur die kleinlichsten Leidenschaften, der Eifersucht und des Kleiderneides auf. Man erboste, man hasste und verfolgte sich Jahre lang, wenn der General beim Auffordern zur ersten Menuet, nicht die strengste Rangordnung beobachtet hatte; die Vorgezogne brustete sich so kindisch, als die Zuruckgesetzte sich gedemuthigt fuhlte.
Eine solche Stimmung der Gemuther machte sie, schon ihrer Natur nach, fur die Eindrucke zartlicher Gefuhle unempfanglich. Ob schon eine Menge junger Personen beiderlei Geschlechts zusammen kamen, hatte doch nie die Liebe sich ins Spiel gemischt. Wort und Sache standen unter dem strengsten Bannfluch; denn die jungen Manner waren Edelleute, und die Mutter fuhrten ihre Tochter mit der strengsten Warnung dahin: um die Welt, mit Keinem sich auch nur ins Gesprach einzulassen. Wie stumm, wie steif und kalt diese Lustbarkeiten ausfielen, wie scharf die Abstandslinie zwischen Adlichen und Burgerlichen gezogen war, konnen sich nur die vorstellen, welche die Anmassungen des Provinzadels, und die elende Kriecherei der Kleinstadter mit Augen gesehen haben. Die adlichen Herren Lieutenants und Fahndriche hielten sich in grosser Ferne, und liessen sich nur dann erst herab, uns burgerliche Tochter zum Tanz zu fordern, wenn auch das adliche Madchen im Schnurkleidchen nicht mehr tanzen mochte.
Mich verdross und storte das weiter nicht in meiner uberirdischen Freude an diesen Festen; ich nahm, ohne sie zu bemerken, jede Demuthigung des aroganten Dorf- und Regimentsadels unbekummert hin. Wenn ich nur Gelegenheit hatte, meine Anzahl Menuets und Polonoisen abzutanzen, so war ich ubrigens ganz unbekummert, wie? und mit wem? dies geschah.
Den Genuss meiner jugendlichen Freuden unterbrach aber der Tod meines vortreflichen Vaters. Ich fuhlte diesen Verlust so tief, als man so etwas im eilften Jahre zu fuhlen im Stande ist, das heisst: ich weinte ungestum, und wurde im Herzen halb getrostet, wenn ich mir die prunkenden Trauerkleider, die mich zur erwachsenen Person in meinen Augen erhoben, recht lebhaft dachte. Dann weinte ich wieder, wenn die gute Mutter weinte, und ruhrend uber ihren Wittwen- und unsern Waisenstand sprach. Wenn ich aber horte, dass wir nun unser Haus und unsre Garten, Felder und Wiesen verlieren wurden, heulte ich, und war nur durch hartes Zureden zu beruhigen.
Aber es kam gar anders; diese schonen Dinge, an denen mein Herz hing, wurden nicht verkauft. Es ereignete sich etwas, das, wie ich es damals verstand, besser, in der That aber schlimmer war, als Gartenund Feldverlust, ich bekam einen Stiefvater, der an Witz und ubler Laune seines gleichen suchte. Doch das muss ich in der Ordnung erzahlen.
Herr Moorheim, ein Rechtsgelehrter, folgte meinem Vater in der Justizburgermeisterstelle. Er war ein treflicher Kopf; aber sein Herz? nicht ein Schatten von dem Herzen meines Vaters. So bald er von Berlin im Stadtchen angekommen war, erschien er bei uns. Meine Mutter war immer noch eine Frau, die gefallen konnte; in ihrem lieblichen Gesichte wohnte ein Geist, der nicht veraltern lasst, und Friede und Wohlwollen auf der weissen ebnen Stirn. Sie gefiel ihm; er war galant, und hatte in der feinern Welt gelebt; er machte ihr formlich den Hof; sie gab seiner Anwerbung Gehor, und, anderthalb Jahr nach meines armen Vaters Tode, wurde Moorheim mein Stiefvater.
Es fehlte wenig, dass mein Herz sich nicht von meiner Mutter abgewandt hatte. Ich war in meines Vaters Seele eifersuchtig; aber ich that ihr Unrecht. Sie hatte ihren Gatten nicht vergessen; es fehlte ihrem ruhigen Sinne nur an dem Grad von Warme und lebhafter Vorstellungsgabe, die uns auch fur nicht mehr anwesende Gegenstande befeuern. Sie war an einen gewissen Wirthschaftsschlendrian gewohnt, in welchen sie, weil sie nun Leere fuhlte, wieder einzutreten wunschte. Doch wer fragt denn nach Grunden zu der alltaglichsten Sache von der Welt? Warum sollten die Wittwen sich ewigem Harm weihen, wenn die Wittwer schon in der tiefen Trauer den zweiten Brautigams Ring tragen?
Da ich mir aber vorstellte, dass es meiner Mutter im Herzen bald gereuen wurde, so sohnte ich mich wieder mit ihr aus, und mein Mitleid sowohl, als gemeinschaftliche Leiden, gaben meiner Liebe zu ihr neue Schwingen. Ach, Ida! was erfuhren wir von diesem herrischen Manne, diesem Hausdespoten! Es hiess bald an allen Orten: Herr Moorheim sei sehr h y p o c h o n d r i s c h ! Dies pflegt eine Rubrik zu seyn, die jede Ungezogenheit, jede Verwahrlosung des Herzens, jede Grobheit aufnehmen muss. Hat einer sich gewohnt, den Eindrucken ubler Laune nachzugeben, plagt er seine Hausgenossen bis aufs Blut, so heist er hypochondrisch. Ist er ubel gelaunt, und schamt sich die unbedeutende Ursach dazu anzugeben, so sagt er: 'ach! ich bin heut so hypochondrisch!' So mein Stiefvater, der im Hause nie mit einem Zutrauen erweckenden Nahmen genannt wurde, sondern immer der H e r r hiess. Nie ist der susse Vaternahmen gegen ihn uber meine Lippen gekommen; wie denn auch er mich gegen meine Mutter nie anders als D e i n e T o c h t e r zu nennen pflegte.
Ein ubellauniger Hausgenosse gehort wahrlich zu den grossern Trubsalen des Hausstandes. Wenn ihm aber noch der beissendste Witz zu Gebote steht, so ist kein Hauskreuz diesem zu vergleichen. Mein Stiefvater hatte Verstand wie ein Engel, und dieser gab ihm die Gewalt alle Herzen zu gewinnen. Aber er handelte unwandelbar nach dem Despoten Grundsatz: die Untergebnen mussen nie wissen, wie sie mit ihrem O b e r h e r r n daran sind. Diesem zu Folge, war kein Wetterhahn veranderlicher als er in seinem Betragen gegen uns. Abends scherzte er, und man widerstand der Annehmlichkeit seines Umganges mit Muhe. Am folgenden Morgen erschien er steif, feierlich, auffahrend bei Kleinigkeiten; alles an ihm verkundigte einen nahen Orkan. Zu Mittage schlich jedes still und angstlich zu Tische, und stand ehrerbietig, bis der H e r r uns mit kalter Hoflichkeit gegrusst hatte. Herr Moorheim schnitt Brodt; das Messer glitt von der harten Rinde ab: Wo hat der Schurke Johann das Brodt geholt? Immer lasst sich der Tolpel altgebacknes in die Hand stecken. Keiner wagte zu aussern, dass das Brodt nicht alt sei. Warum thut denn Niemand den Mund auf? zu sagen, dass es nicht alt ist. Ich glaube, das grosse Madchen da verstehts nicht einmal. Es ist zu hart gebacken, und es zu zerarbeiten, gehort ein Hundsgebiss dazu Indess war die Suppe herumgegeben. Immer und ewig Rindssuppe! weisst du denn gar nichts anders anzugeben, Louischen? Ich meinte, Sie assen sie am liebsten, entgegnete meine sanftmuthige Mutter. Nun schlang er die Suppe kochend herunter. Die Suppe ist versalzen; oder nein! indem er sie aus dem Munde auf den Teller zurucksprudelte sie ist nicht genug gesalzen. Der Teufel! wo so eine grosse Tochter im Hause ist, sollte dergleichen nicht vorkommen. Erlauben Sie, meine liebe Mutter hat selbst Husch! schuttete er das Wasser aus seinem Glase uber den Tisch weg, mir ins Gesicht. Da sass ich, wie eine Flussgottin, mit herabstromender der Fluth von Kopf und Brust. Meine arme Mutter sass daneben, blass und zitternd, und wagte es nicht ein Wort fur mich einzulegen; und doch entging sie nicht dem Vorwurfe: 'Das arme Tochterchen jammert Dich wohl?'
Ausbruche so pobelhafter Laune entwischten dem sonst klugen Manne sehr oft, und wurden, oft noch acht Tage nachher, durchgeknetet, bis ich nich mit verbissnem Ingrimm herabliess, wie er es verlangte, mich zu d e m u t h i g e n , und k n i e n d Abbitte zu thun. Dies gab dann meiner armen Mutter den Frieden wieder; wenn es dem Haustyrannen nicht gefiel, mich zu verstossen und kniend liegen zu lassen. Aber ich wende mich von den emporenden Scenen hinweg, deren ich auch im Greisen Alter nie ruhig werde gedenken konnen.
Was in dem durchaus versaumten Karakter dieses Mannes Andacht und Religion war, kann man sich leicht vorstellen. Als mein Vater sie uns durch sein Beispiel, nicht in Worten, sondern im W e s e n lehrte, war die Gottesverehrung in unserm Hause eine erweckende, freudenvolle Sache, woran jeder gern Theil nahm, weil er sich durch sie froher und glucklicher fuhlte, und einer noch froheren Zukunft entgegen zu leben glaubte. Auch meiner Mutter Gottesfurcht war heiter, und unsern kindischen Begriffen mit grosser Klugheit angepasst. So aber nicht mein Stiefvater. Sein Frommsein mussten alle Hausgenossen entgelten, denn sie sollten's nach seiner uberspannten Weise seyn. Am liebsten schreckte er uns mit dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der die Missethat der Vater an den Kindern bis ins vierte Glied heimsucht. Diese altjudischen Begriffe waren wie fur das Schrekkenssystem, womit er uber uns herrschte, ausdrukklich ausgesprochen. Eben so die schwermuthige Vorstellungsart der alten Theologie, von der Busse. Bei jeder Kommunionsfeier sollte Reue, Wehklagen und Zerknirschung uber unsre Sunden auf jedem Gesicht bemerkbar seyn. Bei meiner ersten Kommunion sollte ich mich aller, im alten Kommunionbuche hergerechneten, Sunden anklagen, von welchen ich dazumal kaum den Sinn errieth. Sonntags las er viele Predigten, wenn wir vorher, hochst misstonig und verstimmt, Lieder gesungen hatten, wobei jeder Vers neu intonirt werden musste, weil wir wenigstens um eine Quinte tiefer fielen, und uns zuletzt in den tiefsten Bass verloren. Die Predigten wurden zwar aus den neueren beruhmten Rednern ausgesucht; allein unser hausliche Gottesdienst begann erst, wenn langst der offentliche vorbei war, und jedermann schon zu seiner Sonntagserholung eilte. Wir jungern Zuhorer hatten dann wenig Ohr und Herz dafur, wenn alles im Ort frohlich umherschwirrte, wir noch immer leise umhertrippelten, und verdrossen den Augenblick erwarteten, wo es dem H e r r n gefallen wurde, seine profane Lekture abzubrechen.
Durch diese Behandlung war es ihm gelungen, die Religion, welche bis dahin die freundliche Fuhrerin meiner Kindheit und ersten Jugend gewesen war, in das traurigste und peinigendste Ding, das dem Menschen zu seiner Qual gegeben ist, zu verwandeln. Der Gott, den ich, wenn gleich unter hochst verworrenen Begriffen, als meinen eigentlichen Vater geehrt und geliebt hatte, war mir jezt ein immer strenger und zurnender Herrscher, der ganz menschlicher Weise, immer im Zorn aufzulodern pflegte, und nur dann vom Schelten abliess, wenn das arme ohnmachtige Geschopf tief zerknirscht und gedemuthigt vor ihm im Staube kroch. Diesen Jehovah, wie mein Stiefvater ihn am liebsten nannte, furchtete ich so sehr, dass ich gewiss nichts versaumte, was die Menschen sehr menschlicher Weise seinen Dienst nennen. Sonntags wagte ich nicht eher ein profanes Buch in die Hand zu nehmen, bis ich das murrische zankische Wesen, welches ich G o t t nannte, durch das Lesen einer Predigt, oder mit sonst etwas Geistlichem, abgefunden hatte.
Wer darf sich wundern, wenn eine solche Religion dem Menschen etwas ganz von ihm isolirtes ist? Denn wo ist eine Freude, ein Genuss, der sich mit dem Begrif eines immer finstern und scheltenden Wesens vereinigen liess, eines Wesens, das im seinem Grimm endlich nur durch Blut zu besanftigen war. Es ist schrecklich, dem Menschen zu verbittern, was ihn beglucken soll! O, ich wurde so fromm, wahrlich! aus Angst so fromm, dass ich beinahe den Teufel mit angebetet hatte. Ich qualte mich ganz matt, wenn an Kommuniontagen mein jugendliches Herz nichts von jener geforderten Zerknirschung empfand, von jener Scheu, und dem Zittern, womit man sich dem Heiligthume nahen soll! Wie ich in Thranen zerfloss, und nur mit an mir selbst verzweifelnder Demuth die Hand nach den aussern Zeichen ausstreckte, weil ich mich mit allen hererzahlten Lastern behaftet glaubte, und mir die Verdammniss zuzuziehen furchtete, wenn ich unwurdig genosse.
Glucklicher Weise waren diese Begriffe von der Art, dass man sie gar nicht aufs gewohnliche Menschenleben ubertragen konnte. Wenn dergleichen feierliche Handlungen uberstanden waren, legte ich das Ganze, wie eine druckende Last, bei Seite, und dachte nicht daran, bis etwa eine nahe Veranlassung sie mir wieder zu meinem Schrecken ins Gedachtniss brachte. Den Herrn Christum hatte ich lieb, weil ich in ihm einen Unglucksgefahrten sah, der, so wie ich, unter dem Zorn des Vaters stand. Den heiligen Geist begriff ich nicht; doch kam er mir untergeordnet vor, und er war mir unter dem Bilde der Taube sehr lieb.
Die Lebensweise in unserm Hause war seit meines Vaters Tode gar nicht mehr dieselbe. Unsere Lesereien hatten eine andere Wendung bekommen. Herr M o o r h e i m zwang uns s e i n e n Geschmack auf, daher denn ein jeder gern fur sich las. Mir waren bei der Gelegenheit, dass meines Vaters Bibliothek geordnet wurde, einige Bucher in die Hande gerathen, die der sorgsame Vater weislich versteckt gehalten hatte. Freilich sollte niemand Gift in seine Vorrathskammer legen; es war aber nun einmal da, und ich sog es mit langsamen Zugen ein. Ich erinnere mich nicht der Titel; es waren aber uppige franzosische Romane, die auf eine unglaubliche Art auf mich wirkten. Mein Herz, meine Sinnlichkeit entwikkelte sich mit Schnellkraft. Noch lange, ich behaupte es, hatte bei meiner nuchternen, arbeitsamen Lebensart jeder Trieb, mich unter den Sohnen des Landes umzusehn, ohne die Dazwischenkunft jener Bucher in mir geschlummert. Ich sah mich um; aber da war keiner dem ich es zutrauen konnte, die Hauptrolle eines Romans zu ubernehmen. Die Burgersohne waren schlichte, biedere Menschen, still ihrem Berufe nachgehend. Die Offiziere der Garnison standen unter dem mutterlichen Bannstrahl. Es war Todsunde, von einem gegrusst zu werden; und nur hinter den rohrnen Fensterkorben wagten es die Tochter, sie mit verstohlnen Blicken zu mustern.
Als ein bluhendes, schnell herangereiftes Madchen stand ich nun auf dem schlupfrigen Scheidewege, und man fing an, mich zu bemerken. Der uns gegenuber wohnende Lieutenant von S o n n e n s t e r n fing an, sein Auge auf mich zu richten, und liess sich herab, um die Langeweile der Garnison zu verkurzen, einen Entwurf zu einem Roman mit des Burgermeisters Minna zu machen, der mit bestandigem Herubersehen und Komplimentiren hinter'm Rucken der Mutter begann. Bei dem ersten bedeutenden Blicke flog ich scheu zuruck, gluhte vor Scham, vielleicht auch vor Freude, die ich mir selbst noch nicht gestand, wie eine Purpurrose, und wagte es nicht, der Mutter ins Auge zu blicken, wenn ich, zitternd vor Schrecken und mit verhaltenem Athem, vor sie hintrat. Der erfahrne Paladin hatte des Madchens Zuruckziehen sehr richtig zu deuten verstanden; denn auch er spielte nun den scheuen Betroffnen, liess sich seltener sehn, und bliess zartliche Lieder auf der Flote, wenn ich des Abends mit meinen jungern Geschwistern vor der Thur sass. Welch' ein susses Spiel war dies fur meine nun schon aufs hochste gereizte Phantasie! Auch das liebste Buch fesselte mich nicht mehr; mit dem letzten Bissen, bei dem unfreundlichsten Wetter, stand ich zur bestimmten Stunde auf meinem Posten, oft nur, um bei Licht in seinem Zimmer seinen Schatten hin- und herwanken zu sehn. Ich erstaune, dass diese Rastlosigkeit meinen Eltern entging. Mir ist sie bei jedem jungen Madchen oder Weibe ein untrugliches Merkmal erregter Leidenschaft, oder doch irgend einer leidenschaftlichen Erwartung.
Der junge Nachbar verstand sich auch sehr gut auf diese Kennzeichen. Noch gluht meine Wange bei der Erinnerung an diese jugendliche Unbesonnenheit. Als ich eines Abends mit einem unsrer Dienstmadchen eine hausliche Besorgung hatte, steckte sie mir einen Brief in die Hand. 'Vom hubschen Nachbar!' sagte sie. Noch wachte der Keuschheitswachter, j u n g f r a u l i c h e r S t o l z , uber mein Herz. Ich fuhr das Madchen an, und wies den Brief zuruck. Indem liess sich die Mutter horen, und die erfahrne Magd liess den Brief schnell in mein Busentuch schlupfen.
Im Herzen war ich froh, denn ich glaubte dass der Brief nun ohne mein Zuthun mein geworden war. Ihn zu lesen, fand ich den ganzen Abend keinen Augenblick. Aber wie nenn' ich das Gemisch von Empfindungen, die mich bald froh, bald bang durchschauerten? mein Gesicht bald brennend roth, bald todtenblass, meinen Gang schwankend, und meine Glieder wie von Fieberfrost durchschuttert, machten? Meine Mutter fragte: ob ich krank ware? Ach nein, Krankheit war es nicht; es war der laute Puls der Liebe, der durch alle meine Nerven zuckte.
Die ersehnte Schlafstunde half mir nichts, denn ich schlief mit meinen Geschwistern zusammen. Ich legte den Brief als ich schlafen ging an mein lautklopfendes Herz. Die innere Unruhe verstattete mir keine Minute Schlaf. Mit der fruhesten Morgendammerung schlug ich leise, leise den Brief auseinander, den ich bei ruhigerer, uneingenommener Stimmung ganz unausstehlich schlecht gefunden haben wurde; so aber uberlas ich unzahlichemal den unorthographischen, gekleksten und schwulstigen Unsinn, ohne mich an die unschickliche Form des Ausseren, das grobe unbeschnittene Papier, die blasse ausgelaufne Tinte, so wenig, als an die Uberschrift 's c h o n s t e r E n g e l !' zu stossen. Nichts, nichts von diesem allen vermochte meine Freude an dem einzigen, nie wiederkehrenden Moment meiner Rosenzeit zu schwachen. Verargen Sie mir's nicht, meine Ida, dass ich, bei aller Missbilligung der Sache an sich, jetzt noch mit frohklopfendem Herzen auf diesen Punkt meiner Existenz sehe, wo eine susse ahnungsvolle Dammerung die Seele umfliesst, wo rosige Gemalde lachelnd im Hintergrunde stehn, und zu hochgestimmten Phantasieen bezaubern. Gott! welche Seligkeit, wenn das junge weibliche Herz sein Daseyn zu ahnen beginnt, und sich, jungfraulich verschamt, vor sich selbst verbirgt!
Dieser extasirte Zustand dauerte nicht langer, als bis ich eine Zusammenkunft mit meinem Amoroso gehabt hatte. Diese war Abends vor der Thur. Ich wusste sie nicht einzuleiten, und benahm mich so linkisch dabei, dass es ein Wunder war, wenn mein Roman nicht das Mahrchen der Stadt wurde.
Die Zusammenkunft war dem poetischen Schwunge meiner Imagination sehr ungunstig; denn es gab wahrlich! in der ganzen Provinz keinen prosaischern Junker, als den Lieutenant von Sonnenstern. Der einzige Brief, den ich ihm geschrieben hatte, wimmelte von Amor'n und Zephyretten, die damals nach der Lekture von Gleim's und Jakobi's Briefen in meinem Gehirn noch obenauf schwammen. Sein herber baurischer Styl stach seltsam dagegen ab. Die erste Anrede geschah mit 'm e i n E n g e l !'; sie wurde von einem schallenden Kusse, den er sich unterstand meinen Lippen aufzudrucken, und von einem quetschenden Handedrucke begleitet. Mein zartes Gefuhl emporte sich; dies war keins von den Idealen Gessners, die sich meinem Herzen eingepragt hatten. Ich brachte die Nacht schlaflos und mit Thranen zu. Durch ernsthafte Uberlegungen starkte ich mich in dem Entschlusse, diesen herabwurdigenden Handel abzubrechen, und mich meiner Mutter zu entdecken.
Zu eben der Zeit wurde ich in der Religion unterrichtet. Zufallig nein, wohl nicht bloss zufallig, sprach der Geistliche in einer bald darauf folgenden Stunde uber Reinheit des Herzens und Sinnes, und der bestimmte Ausdruck: 's e l i g s i n d , d i e r e i n e s H e r z e n s s i n d !' ergriff mich. Ich las damals gerade die Schriften der Frau le Prince de Beaumont, die, bei allen ihren papistischen Grundsatzen, dennoch unendlich schatzbar sind. Sie bestarkten mich in dem Vorsatze, rechtschaffen zu seyn. Tiefer als alles Vorhergegangene beugte mich ein unverdienter Lobspruch, welchen meine nichts argwohnende Mutter meiner jungfraulichen Sittsamkeit gab, Bei mehr Verhartung im Unrecht hatte er mir wohl gethan; so aber fiel er mir, die ich nur Neulingin war, mit zermalmender Gewalt aufs Herz. Meine redliche Mutter sah mich leidend, hielt es fur korperliche Unbehaglichkeit, redete mir freundlich zu, und schenkte mir zur Erheiterung eine ihrer Stickereien. Diese Gute brach mir das Herz, und ich klagte mich als die undankbarste aller Tochter an. Dieser Gemuthszustand lastete so entsetzlich auf mir, dass ich, trotz der Furcht vor dem Stiefvater, dennoch beschloss, mein Elend von mir zu werfen, und meiner Mutter alles zu entdekken.
Sie erschrak zum Hinsinken, als ich, verstort und laut schluchzend, zu ihr kam, und erblasste, als ich die Thur abschloss. Zu ihren Fussen legte ich das demuthigende Bekenntniss ab. Noch seh' ich die Treffliche, Himmlischsanfte ihre Hande, die ich kussen wollte, zuruckziehn, dann sie mir wieder entgegenreichen und auf meine Schultern stuzzen. Ihre Thranen flossen uber meine Stirn. Sie vergab mir, die Unvergessliche! Vielleicht hatte sie ein noch entehrenderes Bekenntniss gefurchtet. 'Wie konnte meine gute Tochter, (sagte sie) meine Minna sich so vergessen? wie wird Herr Moorfeld erschrecken! wie soll ich's ihm nur vorbringen?' Ach, freilich war das schrecklich; deutlich hatte ich mir die Folgen meines Gestandnisses nicht gedacht, und an den Stiefvater eigentlich gar nicht. Jetzt schauderte ich, und fast reuete mich der Schritt. Aber die gute Mutter wollte ja alles auf sich nehmen, alles ebnen und wieder gut machen. Sie befahl mir, mich ruhig zu verhalten, und den andern Morgen nicht eher zu erscheinen, bis sie ihren Gatten vorbereitet haben wurde. Voll dieser bangsten aller Erwartungen schickte sie mich zu Bette. Im Herzen war ich leichter; durch das offene, freiwillige Gestandniss hatte ich mich wieder bei mir selbst in einige Achtung gesetzt. Nun war ich muthig entschlossen, alles still hinzunehmen, wie auch immer der Ausgang seyn mochte. Diese Art, meinen Fehler zu bussen, schien mir Grosse zu seyn. Meine Eitelkeit mischte sich ins Spiel.
Doch war's ein saurer Gang, als mich am folgenden Morgen meine Mutter nach stundenlangem Harren abrief. Gutig und Trost einsprechend unterstutzte mich die fromme, vor innerer Angst und Beklemmung schwankende Mutter. Als die Thur zu meines Stiefvaters Studierzimmer aufging, war ich ohne Athem. Ich sah sein strenges, strafendes Gesicht. Von Scham unwillkuhrlich getrieben floh ich hinter einen Vorhang, und verdeckte das Gesicht. 'Minna!' sagte er mit leidlich gemilderter Stimme, 'Sie haben sich schwer vergangen; aber ich verzeihe Ihnen. Sie haben mit der Ehre Ihrer Familie ein schandliches Spiel getrieben; aber Ihrem Unverstande verzeihe ich es. Wenn Sie schon jetzt so beschamt vor uns sich zeigen, wie werden Sie einst vor dem Richterstuhle des Weltrichters in Ihrer Armuth und Schande da stehn! Wie werden Sie zittern, wenn es heissen wird: Gehet hin zu meiner Linken! Statt dass Sie sollten schaffen, selig zu werden mit Furcht und Zittern, bereiten Sie sich ihre eigene Holle. Thun Sie Busse, und legen Sie Ihr boses Wesen von sich.' Ich knieete in der Angst mechanisch vor ihm hin, wahrend er in demselben Tone fortfuhr. Endlich sagte er: 'Steh' auf, meine Tochter, Deine Sunden sind Dir vergeben!' So pflegte er in alles, was er sprach und that, Schriftstellen einzumischen, und unschicklicher Weise seine widrige Person an die Stelle des hochsten Lehrers der Menschen zu setzen.
Als er dies gesagt hatte, glaubt' ich mich absolvirt, aber nein, er hatte nur diese, ihm passend scheinende Stelle anbringen wollen; denn nun wendete er sich zur Mutter, und sagte: 'Was meinst Du, Louischen, das wir thun?' Sie stand verlegen da, und liess es auf ihn ankommen. 'Andere Eltern,' fuhr er in einem rauhen Tone fort, 'wurden so ein ungerathnes Kind verstossen; aber ich bin entschlossen, sie nach Berlin zu meiner Schwester, der Rathin B r e n n f e l d , zu geben.'" "B r e n n f e l d ?" unterbrach Ida ihre Freundin. "B r e n n f e l d ? doch nicht die Erzieherin?" "Eben die; das ist sie aber erst geworden, als ihr Mann sich von ihr schied." Minna bemerkte nicht, wie sehr Ida bei diesem Namen erblasste, und fuhr in ihrer Erzahlung fort.
"Wie, mein Lieber?" sagte meine kluge Mutter, "Sie werden doch meine arme Minna nicht aus dem Hause stossen, und Gelegenheit zu allerlei Geruchten geben?" "Nennst Du das verstossen, Louischen, wenn sie die Ehre hat, Gesellschafterin meiner Schwester zu seyn, die ein treffliches und geehrtes Weib ist?" "Das bestreite ich nicht, lieber Moorheim," erwiederte meine Mutter mit ihrer sussen, reinen Stimme; "aber ich dachte, Minna verdiente jetzt auf ihr freiwilliges, edles Gestandniss den Lohn des unbedingten Zutrauens. Von jetzt an stehe ich fur meine Tochter; und nun kein Wort mehr von angstlicher Beschrankung. Das vaterliche Haus sei ihr kein Jungfernzwinger. Zwang gebiert List. Ihr Herz mag wahlen. Wir halten nach alter Art die Tochter, als wurden sie zum strengsten Co@bat erzogen. Weiss ich doch aus eigner Erfahrung, was Liebe zu einem edlen Manne der Moralitat des Madchens ist. Die Stunde, in der Minna's Herz sich einem wurdigen Gatten ergiebt soll mir gesegnet seyn." "Du siehst sehr weit, Louischen; indess bin ich in so fern Deiner Meinung, dass es zur Erleichterung ihrer Wahl gut seyn wird, wenn sie in meiner Schwester Hause mehrere Manner sieht. Wen soll sie hier im Stadtchen wahlen? Den Meister Bottcher, oder den Meister Fleischer? Es geht nicht; das siehst Du selbst, Uberdem mochte ich einen zweiten Anfall verliebter Laune, den das Madchen etwa haben konnte, nicht so geduldig hinnehmen. Minna, Sie bereiten sich zur Reise, in acht Tagen bring' ich Sie hin."
Was er in diesem Tone sprach, war unwiderruflich. Das wusste meine Mutter so gut als ich; Thranen drangten sich aus den Augen der Schweigenden, und sie winkte mir zu, nicht weiter mit fruchtlosen Bitten in ihn zu dringen. Es ware auch vergeblich gewesen; denn er entliess uns, um auf der Stelle an seine Schwester zu schreiben.
Von diesem Augenblicke an war der Frohsinn meines Jugendlebens dahin; selbst in Gegenwart meiner so geliebten Mutter fuhlte ich mich gedruckt. Zufalliger Ernst schien mir Strenge, und die sanfteste Zurechtweisung ein Vorwurf. Ich versagte mir jeden Genuss, um ihr Misstrauen nicht zu erregen. O, Bewusstseyn, wie unlaugbar bist Du der Tod aller Lebensfreude! "Minna!" rief hier Ida, "Minna, wozu diese Bemerkung? Sie machen mich elend, ohne es zu ahnen." Fallt meine Erzahlung Ihnen schmerzlich, meine Ida? so breche ich ab; ich werde sie nicht unaufgefordert fortsetzen. Wohl, wohl, fur heute denn: gute Nacht! Die Freundinnen trennten sich, und gonnten einander die Ruhe, die auch dem Leser hier vielleicht nicht unwillkommen seyn wird. Ida war am folgenden Abend heiter genug, ihre Freundin mit dem Scherz zur Fortsetzung ihrer Erzahlung aufzufordern, dass sie dieselbe ihre S c h e h e r a z a d e nannte. Minna wusste genau, wo sie abgebrochen hatte, und fing folgendermassen an: Die auserlesenste Gute meiner Mutter vermochte nichts uber meinen Trubsinn; denn nach meines Stiefvaters schwermuthiger Vorstellungsart war die Unschuld und Reinheit meines Herzens unwiederbringlich verloren. Ich war jeder Wohlthat des Christenthums unwerth; nur durch eine Zerknirschung, die ich immer nicht hinreichend fur die Grosse meines Fehlers hielt, sollte ich konnen gereinigt werden. Mein Sinnen, wie ich diese hervorbringen wollte, granzte nahe an Verstandeszerruttung. Auch meine arme Mutter litt viel. Ihre stille, harmlose Seele erlag unter der Qual meines innern Gemuthszustandes, der ihr nicht entging. Der heftige, excentrische Moorfeld haranguirte bei allen Gelegenheiten mit einer an Verzuckung granzenden Spannung. Sie war von Herzen fromm; aber ihre feine, liebende Seele schatzte und verehrte Tugend und Rechtschaffenheit, ohne das Laster mit Leidenschaft hassen zu konnen. Ihr Herz fasste keinen Hass, und ihre Religion war das Einfachste und Zweckmassigste, was je eine menschliche Seele zur strengen Erfullung aller Pflichten antrieb. Sie litt sichtlich, wenn ihr Gatte mit erschutternder Stimme und Gebehrde uber religiose Gegenstande sprach; und als er uns einst in dieser Manier eine Passionspredigt vom seligen Kramer vorgelesen hatte, klagte sie uber Schwindel und Nervenschwache.
Jetzt traf diese Heftigkeit ein geliebtes Kind, den lebendigen Abdruck eines, in ihrem stillen Herzen noch lebenden, geliebten Gatten. Unser Verhaltniss wurde mit jedem Tage gespannter, so, dass es uns allen Wohlthat war, als ein Brief von der Rathin Brennfeld ankam, der mir Aufnahme in ihrem Hause zusicherte.
Meine kleine Reiseequipage war bald zusammengebracht. Die gute Mutter besorgte alles; ich war ganz unthatig und wie betaubt. Noch einmal wagte die Arme mir das Wort zu reden, indem sie ihrem Gatten vorstellte, dass durch mein Verschwinden der Verlaumdung freies Spiel gegeben wurde. Dadurch erhielt sie so viel, dass er dem jungen Nachbar Lieutenant, der an dem ganzen Unwesen Schuld war, einen Besuch abstattete, ihm meine edle Offenheit ruhmte, des Herrn Lieutenants Edelmuth ebenfalls in Anspruch nahm, und sich die Briefe ausbat, die er von mir erhalten hatte. Es war nur ein einziger, mit Lalage unterschrieben. Mein Stiefvater war redlich genug, ihn ungelesen in's Feuer zu werfen; im Herzen wunschte meine Eitelkeit aber, er mochte ihn lesen, denn ich war uberzeugt, er wurde uber das Talent der Briefstellerin in Bewunderung ausbrechen.
Ich war ohne Fassung, als die Stunde der Abreise schlug. Wer es kennt, was es heisst sich von geliebten Personen, von lieben Gewohnheiten loszureissen! "Ach, wohl kenne ich das! O, es ist das Schmerzlichste! unbeschreiblich schmerzlich! Ja, Minna, ich kenne es, und denke mit zerrissnem Herzen zuruck!" sagte Ida, mit nassen Augen. Es war ein schoner Maitag, fuhr Minna fort. Als ich zogerte und zitterte, und immer nicht vermochte, gab mir ein Blick meines Stiefvaters, der zu fragen schien, was daraus werden sollte? Kraft, mich loszureissen. Er setzte sich zu mir in den Wagen, und entriss mich einem Stadtchen, das der Reisende kalt betritt und verlasst, mir aber eine Welt voll Seligkeit gewesen war.
Der Fruhling hatte sich eben in seiner ganzen verherrlichten Gestalt entfaltet. Uber die Fluren wallte ein mildes Grun; an allen Wegen war Bluthenduft und Vogelgesang. Meinem armen, fast gebrochnen Herzen ware eine freudenleere Einode lieber gewesen, denn die mich umgebenden Schonheiten liessen mich eiskalt. Mein herrschendes Gefuhl war Trennung von der Mutter, und Abscheu gegen den Ort meines kunftigen Anfenthaltes. Mein Stiefvater fuhlte menschlich genug, um mich einige Stunden mir selbst zu uberlassen; sobald er aber bemerkte, dass die aussern Gegenstande wieder bei mir Eingang fanden, fing er ein Gesprach an, worin er mir hunderterlei Erinnerungen gab, wie ich mich nun in Zukunft zu betragen hatte; wie sehr meine kleinstadtischen Sitten abstechen wurden; wie erbarmlich wenig ich gelernt hatte; mein bischen Musik ware dort kaum Geklimper; meinem Franzosisch fehle es an der rechten Aussprache; welche ungemeine Ehre es fur mich sei, in den Kreis seiner Familie versetzt zu werden; wie tiefe Ehrfurcht ich seiner Schwester, die eine v o r n e h m e und g e e h r t e Person sei, erweisen musse, wobei der Handkuss nicht vergessen wurde. Durch alle diese Vorspiegelungen suchte er in mir das demuthige Gefuhl meiner Unbedeutsamkeit zu erwecken, und es gelang ihm nur zu gut. Mein kleiner Ehrgeiz war emport; ich hasste im Voraus die Menschen, die mich so zu nichts machen wurden, und verwunschte von ganzer Seele meinen kunftigen Wohnort, als er sich mir unerwartet von einer Anhohe darstellte. So nahe waren wir ihm schon.
Da lag nun vor mir, von der Abendsonne ubergoldet, die schone Konigsstadt mit ihren hohen Thurmen und vielen tausend pralenden Dachern. Ich brach in einen Strom von Thranen aus, und machte meinem Herzen durch Ausserungen des heftigsten Widerwillens Luft, die mein Reisegefahrte mit leidlicher Geduld anhorte, und mit nur die Weisung gab, meine unverschamte Meinung fur mich zu behalten, und ihm nicht den Genuss des ersten Wiedersehens der herrlichen Stadt zu verkummern. Ich wurde stille, und daruber verwandelte sich selbst mein Unmuth in bange Erwartung, aber das ungewohnte Gewuhl missfiel mir, ich hatte damals noch keinen Sinn, Freude an dem Erwerbgeiste, dem Bestreben und der Industrie der Einwohner zu finden. An allen Ecken versperrten prachtige Equipagen unserm kleinstadtischen Fuhrwerk den Weg; denn unsre drei, mit weissleinenen Decken behangenen, Landtraber gingen gar breit auseinander. Hier geriethen sie zwischen Mehlfuhren, dort zwischen Holzhauer; dann fuhren sie nahe an Hokerbuden, so dass unser arme Christoph beinahe den Kopf verlor, und nun ganz toll und blind hineinsprengte, so schnell die muden Klepper nur vermochten. So kamen wir endlich, nach manchem Zwiste mit Kutschern und Tragern, in der Abenddammrung vor dem Hause des Rath Brennfeld an.
Mit lautem Herzklopfen betrat ich dieses Haus, im bangen Vorgefuhl alles Ungemachs, das mich hier erwartete. Ein junges geschniegeltes Hausmadchen empfing uns, und berichtete mit affektirtem Schnarren: die Frau Rathin seien nicht zu Hause, wurden aber unfehlbar zum Abendessen erwartet. "Meine Schwester vermuthete unsere Ankunft doch?" fragte mein Stiefvater. "Ja; aber die Frau Rathin sind schon seit vierzehn Tagen bestandig engagirt gewesen. Heute ist Thee dansant bei ich weiss nicht mehr wem? Sie konnten es nicht abschlagen."
Das schnippische Madchen musterte mich von oben bis unten indem sie sprach, und als wir die Treppe hinaufgingen, hort' ich sie laut lachen, und der Kochin zurufen: "Die sieht verzweifelt kleinstadtisch aus!" Dieser Pobelwitz, den ich zu jeder andern Zeit nicht bemerkt haben wurde, schlug mein gepresstes Herz vollends nieder, und, kindisch genug, druckte ich mein kleines Hundchen an mich, indem ich ausrief: "Ach, arme Kolombine, wie wird's uns hier gehen!"
Das Wohnzimmer der Dame, in welches man uns eintreten liess, war kalt und unfreundlich, und noch nass vom Scheuern, weshalb uns auch das Madchen die Weisung gab, uns ja auf den von Leinwand gelegten Fusssteigen zu halten. In diesem unwirthbaren Zimmer sah man keine Spur einer weiblichen Niederlassung, ausser einem mit Buchern bepackten Sopha, und einem mit Visitenkarten eingefassten Spiegel.
Mein Stiefvater schien uber den seltsamen Empfang betroffen zu seyn. In der That machten wir, jeder auf seinem Leinwandstreifen dem andern gegenuberstehend, eine possierliche Gruppe; er, auf den Fusstritt seiner Schwester lauschend, ich, in mich gekehrt, meine Kolombine im Arm, den Blick vom gegenuberhangenden Spiegel abwendend, aus Furcht, die Figur zu erblicken, die im Hause schon Lachen erregt hatte.
Nach einer halben Stunde erschien zuerst Herr Brennfeld, ein Mann von mittlern Alter, dem Frieden und Vollgenuss im angenehmen Gesicht sass. Er hiess uns liebreich willkommen, und entschuldigte die Abwesenheit seiner Frau, so gut es anging. Der Ton seiner Unterhaltung war ungekunstelt, treuherzig und Zutrauen einflossend; ich glaubte meinen seligen Vater zu horen. Der gutige Mann gab mir Gelegenheit zu sprechen, und hob dadurch ein Gewicht von meinem Herzen, welches in seiner stummen Verschlossenheit zum Zersprengen voll war.
Um Sie durch Weitlauftigkeiten nicht zu ermuden, eile ich zur Zuhausekunft der Frau Nathin, die erst nach einer guten Stunde erfolgte. Mir schlug das Herz, als ich auf der Treppe eine hohltonende weibliche Stimme fragen, oder vielmehr schreien horte: "Wo ist mein Bruder? wo ist er?" Die Thur flog auf, und eine hagre Gestalt sturzte mit theatralischem Anstande dem Bruder in die Arme. Statt der Ruhrung empfand ich Widerwillen gegen diese Art, Freude auszudrucken; denn der Ton ihrer Stimme war nicht der Ton der Freude und schwesterlichen Liebe, er war rauh und unbiegsam, und es schien mir eine Lieblingsmelodie, der ein fremdartiger (h e t e r o g e n e r , wurde Madame Brennfeld sagen) Text untergelegt wird. Nach dieser gerauschvollen Bewillkommung eilte sie mit offnen Armen auf mich zu: "Tochter meines Bruders, schrie sie, mein Herz heisst Dich willkommen!" Sie sagte noch mehr, was herzlich seyn sollte, an meinem Herzen aber eiskalt hinstreifte; denn ich hatte diese Wendungen erst ganz kurzlich irgendwo gelesen. Meine Antwort bestand in einigen unvernehmlichen Worten, und wohl einem Dutzend bloder Knikse, die ich in ehrerbietiger Ferne rasch hinter einander machte, und die zu nichts dienten, als meine Verlegenheit anzudeuten, welche durch den entsetzlichsten Verstoss meiner Kolombine gegen alle Lebensart, aufs hochste getrieben wurde. Sie hatte sich den Bewillkommungstumult zu Nutzen gemacht, und, trotz des frischgescheuerten Fussbodens, gethan als ob sie zu Hause ware. Ich war erstarrt vor Schrekken, und kam aus aller Fassung, als die Dame mit furchterlichem Kreischen schrie: "O pfui! was ist das fur ein Hund?" Sie erklarte kurz und rund heraus: Hunde dulde sie in ihrem Hause nicht, offnete die Thur, und scheuchte die widerbellende Kolombine mit dem Schnupftuche hinaus. Ich stammelte etwas zur Entschuldigung, aber kein Mensch verstand es. Der gutige Hausherr bemitleidete meine Verlegenheit, offnete leise die Thur, das kleine Thier schlupfte ungesehn herein, und schmiegte sich reumuthig an meine Fusse.
Mein Stiefvater hatte versichert, dass seine Schwester das unnutze Geschopf loswerden solle, weil er mir befehlen wurde, es sogleich abzuschaffen. Ich seufzte tief. So unbedeutend an sich dieser Vorfall ist, so war er mir ein klarer Beweis, wie wenig Nachsicht und Schonung die kleinen unschuldigen Neigungen meines Herzens in dieser Familie zu erwarten hatten.
Madame Brennfeld war hagerer Gestalt, mit schlangenartiger Biegsamkeit begabt; in der Sprache der feinen Welt nannte man sie degagirt. In ihrem damals noch jugendlichen Gesichte lag eine Harte, die mir gleich gar nicht zusagte. Sie galt im Ganzen fur hubsch; bei genauerer Untersuchung fand man aber, dass es der feine, uberlegt gewahlte Putz war, der jeden Theil des Gesichts und der Gestalt in sein vortheilhaftestes Licht setzte. Ich habe dagegen nichts einzuwenden, auch nicht gegen das wenige Roth, welches sie auflegte, die bleichste Gesichtsfarbe zu heben; denn in meinen Augen hat Rothauflegen und Puder in die Haare streuen eine Absicht, und beides ist als Verschonerungsmittel gleichgultig, in so fern die Gesundheit nicht darunter leidet. In ihrer Unterhaltung zeigte sie bald die Gelehrte, durch hochtonende Worte sowohl, als durch Citate von Autoren aus allen ihr bekannten Sprachen, der franzosischen, englischen und italienischen. Bei dem allen machte sie ihrem Bruder doch viel Herzleid, der gegen grammatikalische Unrichtigkeiten ein so empfindliches Ohr hatte, wie der Tonkunstler gegen falsche Tone. Er unterbrach sie bei jeder Phrase mit Bemerkungen, dass hier der Dativ und dort der Genitiv stehen musse. So pries er auch ein Frauenzimmer als ganz trefflich, weil er sie noch nie auf einem Sprachfehler ertappt hatte.
Die Frau Rathin hatte sich gewiss weder ihres Bruders, noch viel weniger meinetwegen in Kosten der Unterhaltung gesetzt; denn ihr Bruder schien ihr in der kleinen Stadt verspiessburgert, und mir traute sie nicht einmal zu, dass ich Notiz von mehr als meiner Muttersprache haben konne. Ihr Aufwand von Redekunst und gelehrtem Prunk wurde eines jungen Herrn wegen gemacht, den sie aus der Theegesellschaft mitgebracht hatte. Sie stellte ihn ihrem Mann als den Baron von Lowenberg, den Neffen der Frau Ministerin, vor. Der Rath schien an dergleichen Vorstellungen gewohnt zu seyn, und fand es nicht unbequem, wenn seine wortreiche Gattin die ganze Unterhaltung allein bestritt.
Der junge Mann war nicht uneben, jagte nach Witz, den er oft glucklich genug erhaschte, und da die Frau Rathin sich trefflich auf Eitelkeit verstand, so schmeichelte sie der seinigen sehr angenehm damit, dass sie ihn bat, von seinen Gedichten vorzulesen. Er hatte ein ganzes Volumen davon bei sich, und deklamirte sehr niedliche Sachelchen, die selbst mein Stiefvater, kein ubler Kenner, bis auf grammatikalische Richtigkeit recht hubsch fand; Madame aber rief einmal uber das andere: "Gott, Gott, wie schon! o, excellent, exrellent! o, das mussen Sie mir geben, Baron; ich will es an J.. fur sein Journal schicken." Oder sind Sie Mitarbeiter einer Zeitschrift? "Nein," sagte der ganz Bescheidene, "mein Talent ist noch zu roh; und ich kann nicht leugnen, dass eine Rezension in dem jetzt ublichen Tone mir weher thun wurde, als der Beifall mir wohl thun konnte." "O nicht doch, Baron," fuhr die Rathin fort; "Ihre Bescheidenheit geht zu weit! Geben Sie mir's, geben Sie mir's! Morgen schreib' ich an J..; kein Rezensent soll Sie pakken, ich steh' Ihnen dafur! Es kommt ja alles auf Konnexion und Anhang an, und diese kann ich Ihnen verschaffen." Sie bemachtigte sich seiner Papiere, und legte sie in die Rucklehne ihres Sophas.
Bald trat noch ein junger Geistlicher ein, der sich ebenfalls als ein demuthiger Verehrer der Dame zeigte. Seine uberschwengliche Redseligkeit schien ihr indess wenig zu gefallen. Er sprach in zehn Minuten gewiss uber dreissig verschiedene Materien; knisterte auch mit einem Manuscript, welches aber nicht Eingang fand, sondern auf die nachste gelehrte Zusammenkunft ausgesetzt wurde. Der junge Geistliche war auch ein Dichter; da ihn jedoch die Rezensenten erst kurzlich jammerlich zerfleischt hatten, so mochte er vielleicht die wunden Stellen neuer Beruhrung nicht blossstellen wollen. In diesem Fache uberliess er dem Baron das Feld.
Zu meinem Troste erschien der Bediente, der uns zu Tische rief. Noch gedenke ich mit Widerwillen jener Abendmahlzeit, als der druckendsten, der ich je beiwohnte. Ich fuhlte, dass ich in dieser Familie nie einheimisch werden konne; der Ton derselben war mir durchaus fremd und missfallig. An altdeutsche Fulle und Uberfluss gewohnt, bemerkt' ich allenthalben den kargen Zuschnitt, nebst dem lacherlichen Bestreben, es grossern Hausern gleich zu thun. Der, immer auf meine Bedurfnisse aufmerksame, Rath Brennfeld bemerkte, dass ich meinem armen kleinen Thiere ein wenig Brod hinreichte; er schnitt sogleich Braten fur dasselbe ab, welches aber Madame mit einem "Fi donc, mon cher, Sie werden doch nicht" missfallig bemerkte.
Gegen Mitternacht hatte ein jeder die Freiheit, sich in sein Zimmer zu begeben. Auch der Raum, wohin man mich wies, hiess hier ein Zimmer. Wie ich uberhaupt schon bemerkt hatte, dass es hier zum Tone gehorte, die gemeinsten Dinge mit schonen Namen zu putzen, so nannte man bei Tische zahes Schmoorfleisch "a la daube," gemein gekochte Krebse "a la dauphine," einen, an der Treppe stehenden, baufalligen Kleiderschrank "eine Garderobe," u.s.w. Dieses Zimmer denn also, welches mir zur Wohnung angewiesen wurde, war ein Gegenstuck zu den Zimmern in der Bastille, und an der Beschaffenheit des darin befindlichen Mobiliars merkte ich bald, was ich in dieser Familie seyn wurde.
Statt mich niederzulegen, setzte ich mich auf den einzigen alten Stuhl, der vorhanden war, und weinte bitterlich. In einem Nebenzimmer horte ich meinen Stiefvater, auf und abgehend, mit lauter Stimme ein Abendlied singen. Diese bekannten Tone, die ich so oft, in Gegenwart meiner guten Mutter, gehort hatte, durchdrangen mein Innerstes aufs scharfste. So sass ich traurend, bald mich selbst, bald mein Hundchen beklagend, bis das kurze Stumpfchen Licht, welches mir gegeben ward, ausgebrannt war, und ich im Finstern nach dem Bette tappte.
Und das wollen wir jetzt auch thun. Sie husten, meine Ida. Die Nacht ist kalt. Bis auf frohes Wiedersehn! Der folgende Abend brachte die Freundinnen wieder zusammen, und Minna setzte ihre Erzahlung also fort:
Die Frau Rathin, die ich am folgenden Tage sah, als sie um zehn Uhr aufgestanden war, schien mir eine ganz andre zu seyn, als die, der ich Abends zuvor eine gute Nacht gewunscht hatte. Sie zankte mit ihren Magden; und als eine arme Frau ihr Handbesen verkaufte, druckte diese elegante Dame das arme Weib, um zwei Pfennige weniger zu geben, bis aufs Mark. In Putz und Spiel schien sie nicht so karg zu seyn, wie ich haufig genug bemerkt habe.
Ich ubergehe die unlustigen anderthalb Jahre, die ich in diesem Hause der Zwietracht und der Widerwartigkeit verlebt habe, und erwahne nur noch einer Szene, wodurch Madame bis zu Thranen gedemuthigt wurde, und die mir unvergesslich geblieben ist. Zu den Abendessen, welche sie ihre gelehrten Donnerstage hiess, fanden sich immer viele junge Herren, die Schongeisterei trieben, ein. Ihr Liebling und erklarter Verehrer war ein junger Edelmann aus der Provinz, den sie so verstrickt hatte, dass er seinem Berufe nicht mehr oblag, und seine mehrste Zeit in behaglichem Mussiggange zubrachte. An einem schonen Donnerstage Madame war so besonders guter Laune, dass sie sogar mich, der armen Lasttragerin, eine Stelle in der gelehrten Zusammenkunft anwies, und mich das Fortepiano spielen liess, blieb der erwahnte junge Herr aus; schickte aber an Madame einen Brief von seiner Mutter an sie, der ihm als Einlage zugeschickt war. Das war ein Fund fur die Ubermuthige! "Ha!" rief sie, "ein Brief von einer Landedelfrau! Das wird sehr amusant seyn, ich versichere Sie! Lesen Sie, Baron, meine Augen sind mir zu lieb;" (indem sie einem jungen Herrn den Brief zureichte). Der Baron erbrach und las:
"Wohlgebohrne Frau! (wahrhaftig, eine vielversprechende Uberschrift!) Meine Verwandte, die mit Ihnen an einem Orte sich befinden, haben mir einen hohen Begriff von Ihrem Verstande, (o! sehr gutig!) aber zugleich auch von Ihrem Talente, junge Manner (des Barons Stimme stockte; die Rathin rief: so lesen Sie doch!) junge Manner von ihrer eigentlichen Bestimmung abzuziehen, beigebracht." (Was will die Frau damit sagen?) "Sie haben meinem Sohne einen Ekel vor jeder ernsthaften Amtsbeschaftigung durch Tandelei und jede Modelekture eingeflosst." (Wie? ist sie toll? ist sie toll? Der Baron las unbarmherzig mit schallender Stimme weiter; denn er beeifersuchtelte den Abwesenden um ihre Gunst.) "Bedienen Sie sich doch der Gewalt, die Ihnen seine Weichlichkeit uber ihn eingeraumt hat, und geben Sie ihn mir, geben Sie ihn seinen Pflichten zuruck, dann konnen Sie auf den Dank einer Mutter rechnen, der es nichts gilt, dass ihr Sohn ein alter Edelmann ist; die aber untrostlich seyn wurde, wenn er, uneingedenk seiner Bestimmung als nutzlicher Staatsburger, seine kostbare Zeit vertandelte. Fahrt er fort Ihre Ketten zu schleppen, so werden seine Vormunder dafur sorgen, dass er, weit von Ihnen entfernt, in eine andre Laufbahn versetzt werde. Ich bitte dies zu beherzigen, und habe die Ehre etc."
Das ging der Dame bitter ein; sie war einer Ohnmacht nahe, und hatte besonders mich gern mit den Augen getodtet, weil ich mich unterstand zugegen zu seyn. Ich sass da wie auf Kohlen, und wunschte mich weit weg. Mir traten Thranen in die Augen; denn es war wirklich schrecklich, diese stolze Frau so aufs Blut gedemuthigt zu sehen. Dieser Vorfall, sollten Sie's glauben? Ida! verschaffte mir die Verehrung eines Mannes, der nachher mein Gatte wurde. Er, dem es bekannt war, wie die Rathin mich zu misshandeln pflegte, hatte mich beobachtet, ob ich triumphirend auf sie hinblicken wurde; als er aber das Gegentheil sah, dachte er gut genug von meinem Herzen, um mir das seinige nebst seiner Hand anzubieten.
Seit diesem unseligen Auftritte liess es sich die Rathin immer deutlicher merken, wie sehr ich ihr zuwider sei, und wie gern sie mich los zu seyn wunsche. In dieser Rucksicht beforderte sie die Bewerbung des Rath Thalheim aufs eifrigste. Ich hatte nichts entgegenzusetzen, als dass mein Herz ihn gar nicht auszeichnete; er war mir, wie alle ubrigen Manner in der Welt, gleichgultig. Von dieser Seite war ich vollig frei und unbefangen. Der Wunsch meiner redlichen Mutter, mich versorgt zu sehn, wurde durch meine Zustimmung aufs vollstandigste erfullt; denn Herr Thalheim hatte nicht nur ein eintragliches Amt, sondern auch eigenes Vermogen, und machte einen anstandigen Aufwand. Seine Person war nicht ubel; sie streifte an die damalige Art von Eleganz, fur die ich einen ungemeinen Respekt hegte. Sein Verstand gefiel mir. Er war von der heitern Art, liebte Scherze und witzige Einfalle, brachte selbst welche vor, die immer zu gefallen pflegten, und, was das Beste und Liebste war, er hatte Geschmack genug gehabt, mich zu bemerken, und mich aus dem Druck' und Hungerelende meiner hochst untergeordneten Lage im Hause der Madame Brennfeld hervorzuziehen.
Sobald ich die Einwilligung meiner Mutter wusste, zogerte ich nicht mein Jawort zu geben; die Anstalten wurden eifrig betrieben, und meine gutige Mutter kam bald mit der schon fertigliegenden Ausstattung an. Sie war sehr zufrieden mit ihrem zukunftigen Schwiegersohne, und gab uns ihren Segen, als die priesterliche Hand uns zusammengefugt hatte.
Bis jetzt, meine Ida, haben Sie mich als ein leidlich gutes Madchen kennen gelernt; aber der zweite Akt meines Lebens! ach, Ida, was fur eine Erzahlung steht Ihnen bevor! Die jugendliche Liebelei abgerechnet, die mir nicht ins Herz drang, war ich wohl ein gutes Madchen: denn mir gefiel zwar die Liebe, die meinem Wesen Bedurfniss des Herzens schien; d e r Geliebte war es jedoch nicht, den ich eigentlich meinte. Ein Besserer wurde mir besser gefallen haben; aber der, an dem ich meine Schwungkraft ubte, war mir der Nachste, und lief mir in den Weg. Ach, ich fuhlte mich so ganz geschaffen, durch Liebe zu beglucken, und begluckt zu seyn; aber ich sollte auf anderem Wege die Gluckssonne finden, welche die zweite Halfte meines Sommers erwarmt!
"Der zweite Akt, liebe Minna, der zweite Akt! Ich bin begierig, die Rathin Thalheim kennen zu lernen!" rief Ida.
Ich zog triumphirend in meines Gatten wohleingerichtetes Haus ein, und brustete mich ein wenig, da verschiedene Domestiken mir als Frau Rathin huldigten. In meiner bisherigen Unterdruckung war ich, ausser dem gelehrten Hauflein bei Madame Brennfeld, wenig in fremde Familienzirkel gekommen; die Welt, in die mein Mann mich einfuhrte, war mir also eine neue Erscheinung, so wie ich es ihr war. Ich meinerseits betrat sie mit grossen Erwartungen; ob sie sich die Muhe gegeben, etwas von mir zu erwarten, das weiss ich nicht.
Ich hatte meine neue Haushaltung mit dem festen Vorsatze betreten: im ganzen Umfange des Worts Hausfrau zu seyn. Diese Pflicht, dacht' ich, wird ja wohl mit Weltgenuss nicht unvereinbar seyn? Ich will haushalterisch mit meiner Zeit umgehn, und mir nur dann erst Erholung verstatten, wenn ich sie mir durch Fleiss und Hauslichkeit verdient habe. Ich ging alles Ernstes daran, jedes Fach des Hauswesens zu ordnen, jedem Dienstboten seine Bestimmung und Arbeit anzuweisen; aber ach! ich war bei weitem noch nicht mit meinen hauslichen Einrichtungen zu Stande gekommen, als ich dem Gebrauche frohnen, und mich den Forderungen der Konvenienz hingeben musste. Da rollte ich nun Tage lang durch die Strassen, und schickte an Familien, die mir sogar dem Namen nach fremd waren, Katten, mit meinem, ihnen wahrscheinlich sehr gleichgultigen, Namen. In meinem Zimmer fand ich ebenfalls den Spiegel mit mehr als hundert unbekannten Namen verbramt. Ich hatte niemand kennen gelernt, und doch hiess das B e k a n n t s c h a f t m a c h e n . Dies fand ich sehr langweilig. Durch die Gastgebote, die dem jungen Paare zu Ehren veranstaltet wurden, hoffte ich nun meine Erwartungen von den Freuden des geselligen Lebens erfullt zu sehen. In dieser Hinsicht unterwarf ich mich geduldig dem entsetzlichen Zwange einer dreistundigen Toilette, bei welcher ich nicht ohne Ruhrung an die Simplizitat meiner Vaterstadt dachte. Mein schon gewahlter Putz und mein ins Gehor fallender Titel schienen mich zu einigem Selbstvertrauen aufzumuntern, und ich trat mit einer Zuversicht, die mir sonst gefehlt haben wurde, in den grossen Zirkel ein. Allein du stolzer Muth, wie tief sankest Du in Dich selbst zuruck! Ich fuhlte mich in jeder Rucksicht verdunkelt; hier war mehr Eleganz in Kleidern und Putz, dort mehr Anstand und Grazie. Mehr als alles aber waren mir die, sich so zu sagen uberbietenden, Titel verdriesslich. Ich fuhlte, dass man, um wirklich etwas zu seyn, nichts seyn musse. In diesem Augenblicke hatte ich den Titel, auf den ich noch eine Stunde vorher so geprunkt hatte, der sich nun unter hoherstrotzenden demuthig hinwegschlich, um eine Stecknadel hingegeben. Doch der langre Weltgebrauch hat mich nachher gegen diese Thorheit, durch leeren Schall schimmern zu wollen, so abgestumpft, dass ich mich hatte Excellenz betiteln horen konnen, ohne mir etwas dabei zu denken.
Die ganze Unterhaltung bei Tische lief auf Gemeinplatze hinaus; aber der artige Styl des Vortrags bestach mein Urtheil, und ich hielt es fur ganz hubsch. Indess fuhlte ich recht gut, dass ich hatte mitsprechen konnen, aber ich wagte mich nicht hervor. Meiner Sprache fehlte die Gelaufigkeit des Ausdrucks und der Wendungen; auch entging ihr das Geprange gewisser Modeworter, ohne welche sie nur falsche oder abgesetzte Munze ist. Nach Tische, dacht' ich, wird's besser gehen; ich werde mich an ein weibliches Wesen anschliessen, und vielleicht, vielleicht fugt's das gutige Verhangniss, dass ich eine Freundin finde, nach deren Genuss mein entgegenstrebendes Herz sich langst sehnt; denn immer war Freundschaft der goldene Traum meiner Jugend gewesen. Aber im Kaffeezimmer war ich um nichts gebessert; und ware ich aus Indien gekommen, ich hatte ihnen nicht fremder seyn konnen. Sie sammelten sich in Gruppen, unterredeten sich von Lottchen und Katchen, und hatten ihre Lokalspasse, ihre Lokalerinnerungen, als war' ich gar nicht da gewesen. Dies Gesprach war mir wie eine Vorlesung aus der chaldaischen Bibel. Keine nahm Notiz von der Fremden; ich strickte dass mir der Schweiss von der Stirn rann. Eine altliche Frau schien meine unbehagliche Lage zu bemerken; sie naherte sich mir, und that eine Frage nach meinem Geburtsort und Eltern, wie man sie einem Kinde thut. Plotzlich schoss nun das ganze Geschwader mit Fragen uber mich her, deren Beantwortung gar kein Interesse fur sie haben konnte; und dies dauerte ununterbrochen fort, bis die Damen ihre Parthieen machen sahen, mich plotzlich plantirten, wie der Franzos es sehr ausdruckvoll nennt, und nun mit wahres Gier uber die Karten herfielen.
Die altliche Frau, welche den Fragern die Bahn gebrochen hatte, blieb zu meiner Gesellschaft allein ubrig. Sie war noch immer unersattlich in ihrer Wissbegierde, aber leider! war jetzt mein Mund wie versiegelt. Als dieser Abend nun auch uberstanden war, bat ich meinen Mann, mich fernerhin nicht mehr so traurigem Vergnugen auszusetzen. Er fragte mich lachend: ob mir in meinem Stadtchen Gansespiel, Tipp- und Sandhaufchenspiel besser gefallen habe? Wir lachten wenigstens dabei aus frohem Herzen, niemand fuhlte sich zuruckgesetzt, und Jung und Alt waren froh ohne grossen Aufwand, antwortete ich. "Wenn Du nur erst den Ton gefasst haben wirst, wird es schon besser gehen," meinte mein Mann.
Von dieser Zeit fing ich an auf den Ton auszugehn, und alles dafur zu halten, was von dem Gewohnten abstach. Das Gerausch der Kokette, womit sie Aller Augen auf sich zu ziehen suchte, die Pedanterie der Anspruchvollen, die mit studiertem Ausdruck ihre Belesenheit auskramte, jede Besonderheit hielt ich fur das rechte. So wurde ich immer ungewisser in dem, was ich eigentlich seyn musste; und erst lange nachher, als ich zu vergleichen Gelegenheit und Reife genug hatte, fand ich, dass ich einem Phantom nachgejagt war; dass es in der karakterlosen Menge keinen bestimmten Ton giebt noch geben kann; das alles Beginnen und Treiben nur Konvenienz und Laune des Augenblicks ist, und dass auf schwankendem Grunde nie etwas Festes und Dauerndes aufgefuhrt werden kann.
Nach langem Umherschwirren und lastigem Selbstbewirthen wurden wir endlich zu einer Gesellschaft solcher Manner eingeladen, die ich aus ihren Schriften, gleich unsichtbaren wohlthatigen Gottheiten, verehrt hatte. Bei der Vorstellung, dass ich diese erhabnen Wesen jetzt in der Nahe von Angesicht zu Angesicht sehn wurde, ergriff mich ein heiliger Schauer, mein Geist neigte sich ehrfurchtsvoll, und ich besorgte, mit meinen funf Sinnen die Weisheit nicht auffassen zu konnen, die mir zu horen bevorstand. Ich ging, und horte an dem Ausdruck: "w i r R e z e n s e n t e n " sehr bald, wer die meisten dieser Herren waren. Da gedachte ich eines franzosischen Reimleins, was mein Vater einst bei einer sehr hamischen Rezension sagte:
"Haine de philosophe est un feu qui devore,
Haine de gazettier est mille fois pis encore."
"Ich habe die Vorrede gelesen," sagte einer, "das Buch soll nicht sonderlich seyn; ich werde es schon kappen!" Dann ein anderer: "Haben Sie meine Rezension von dem in dem gelesen? Ich habe mir einen Spass mit dem Verfasser gemacht. Das Ding ist eigentlich ganz gut; aber so einer muss nicht aufkommen. Hat der Mensch sich's nicht beikommen lassen, unser Journal zu bekritteln?" Von einem liebenswurdigen Dichter hiess es: "Er hat Verdienste, der Mensch; aber wer kennt ihn? Er ist ja zu keiner Seele gekommen, als er hier war."
Die Frauen nahmen auch hier, so wie in den andern Gesellschaften, keine Kunde von der Unterhaltung der Manner, und flusterten einander ihre kleinen Unbedeutsamkeiten zu. Ich verliess auch diesen Zirkel unbefriedigt, weil ich zu hohe Anforderungen gemacht hatte; aber diese Namen, dieser Ruf, berechtigten doch zu etwas mehr als dem Gewohnlichem! Mein Mann nahm mir's ubel, als ich meinen Widerwillen gegen den Rezensentenklub zu erkennen gab. "Sollte sich denn nirgends Genuss fur meine achtzehnjahrige Philosophin finden?" sagt' er verdriesslich. "Heut' fuhr' ich Dich in's Schauspiel; und gewahrt Dir dieses nichts, so muss ich's wohl aufgeben, Dir Freuden ausser Deinem Hause zu verschaffen." Der liebe Mann! Er fuhlte nicht, dass eben darin der Missgriff geschehen war. Wer Gluck und Freuden ausser seinem Hause zu suchen sich aufmacht, der umreise wie Anson und Cooke die Welt, er durchschaue Hofe und Pallaste: er findet es nicht; denn er liess es oft in seinen vier Wanden, auf einem armen Platzchen am Kamin, in seinem schlechten Lehnstuhle zuruck. Sie kennen gewiss die uber alles liebenswurdige Allegorie: Bathmendi von Florian; sie ist ein schoner Kommentar uber das, was ich jetzt sagte.
Ich rechne mir es nicht zum Verdienst an, dass ich im Schauspiele ein Vergnugen fand, das mich ganz an sich zog. Ifflands Jager fesselten mich durch ihre Wahrheit und reine Natur, die ich kannte. Iffland ist der Stolz und die Ehre der Nation; seinen vielfachen Werth nicht fuhlen wollen, hiesse sich selbst herabsetzen. Ich sah alles, was von ihm war, und von der Zeit an uberliess ich mich diesem Vergnugen mit Leidenschaft. Mein Herz offnete sich wieder sanfteren Eindrucken; die gesellschaftlichen Zerstreuungen, die nichtssagenden Unterhaltungen hatten es, wie mit einer Kruste von Eis, umgeben. Bei manchen Vorstellungen wurde ich weich; ich gedachte des Morgenroths der Liebe, die einst einem so unwurdigen Gegenstande in meinem Herzen aufging. Ach, mein Herz bedurfte der Liebe, wie die Blume des Thaues! Wenn mir der Himmel, so wie ich es gegenwartig einsehe, Tochter zu erziehen gegeben hatte, ich wurde dafur sorgen, sie mit hunderterlei kleinen Spielereien, zu der Zeit, wenn ihr Herz zu erwachen anfangt, zu umgeben; mit Hundchen, Huhnerchen, Taubchen, Blumchen, etc. Ich wurde ihnen einen Garten einraumen, den sie im eigentlichen Verstande bearbeiten mussten; ich wurde sie durch kleine Tandeleien, die das Herz beschaftigen, hinzuhalten suchen, um dem Drange, zu lieben, den Rang abzulaufen. Denn, wenn dieser hervortritt, liegt gewiss die Sinnlichkeit im Hinterhalte, und springt, gleich einer gereizten Schlange, in dem ersten unverhoften Augenblicke hervor, den bei rascher Jugend ein Tanz, ein Glas Wein, ein von ungefahr ins Ohr gefallenes schlupfriges Wort herbeifuhren kann. Ida, ich uberhebe mich nicht, weil ich in dem ersten Versuche nicht fiel; e i n e Zusammenkunft unter Gottes freiem Himmel, ein Liebhaber, dessen Plumpheit meinem Gefuhle widerstand! wer weiss, was schon damals aus dem unbesonnenen Madchen geworden ware, wenn die Missverhaltnisse nicht so gar grell ins Auge gefallen waren. Ich war uberdem zur Schamhaftigkeit erzogen, und hatte aus Gessners Idyllen mein erstes Ideal von Liebe geschopft.
Ich kehre zu meinen Bekenntnissen zuruck. Das Schauspiel fesselte mich so, dass ich gleichsam in eine idealische Welt versetzt war. Meine Phantasie hatte einen so lebhaften Schwung bekommen, dass mir die kaltern Verhaltnisse meines Hausstandes zum Ekel wurden. Der ruhige, bloss freundschaftliche Umgang mit meinem Manne schien mir trage Abspannung zu seyn; mich grauete vor aller hauslichen Beschaftigung; ich verrichtete sie obenhin und mit Widerwillen. Das Leben im Hause war mir ein blosser Mittelstand, welchen ich ertrug, in so fern et Zubereitung zu der bessern Existenz im Schauspielhause war.
Anfanglich lachelte mein Mann, wenn er meine Extase uber alles, was auf Schauspiel Bezug hatte, bemerkte. Ach, mochten ihm doch diese Anzeigen, wie leidenschaftlich ich jede Zerstreuung ergriff, fur die mein lebhafter Sinn so empfanglich war, nicht entgangen seyn! Und dennoch drangten sich mir mitten im Rausch der Freude an meinen Lieblingszeitvertreib unwillkuhrliche Erinnerungen an solche Abende stillen hauslichen Gluckes auf, wo, wenn ich fleissig und flink gearbeitet hatte, die Mutter zum Vater sprach: "Sieh', Vaterchen, wie unsere Minna wacker und schmuck ist! Sie wird einst eine brave Hausfrau seyn. Sie macht uns Freude, und soll auch Freude durch uns haben." Diese Erinnerungen peinigten mich, besserten aber nichts. Zerstreuung und Zeitvertreib gehorten nun schon zu meinen Daseyn; ich wollte nur amusirt seyn. Dies war die Losung aller Weiber meiner Bekanntschaft! Ich liess nicht ab, bis die Geburt meines Sohnes mich zwang, meine Residenz im Hause zu nehmen, wobei ich zugleich zu einer Thatigkeit gezwungen war, die Bezug auf meinen Zustand hatte.
Ein Gewitter, das sich durch schreckliche Blitze verkundigte, unterbrach die Freundinnen; sie kamen erst nach vielen Abenden wieder auf ihrem schonen heimlichen Platzchen zusammen. "Wir verliessen Sie neulich im Kindbett. Wie vermochten Sie damals diese Einsamkeit zu ertragen?" fragte Ida.
Die Leiden meines neuen Standes fuhr Minna fort, wirkten allerdings einige Ruckkehr zu mir selbst. Nach meinen, in dem Stadtchen, oder vielmehr vom Stiefvater mir eingeblaueten, Begriffen nahm ich mir vor: den s t r e n g e n H e r r n wieder gut zu machen, und geistliche Bucher zu lesen. Deshalb nahm ich meine Zuflucht zu meines Mannes Bibliothek. Was mir geistliche Bucher zu seyn schienen, waren grade solche, worin eben alles, was ich glaubte, bestritten wurde. Nie hatte ich auch nur die Moglichkeit geahnet, dass gewisse Satze, und was mir Wahrheit war, einigem Zweifel unterworfen sei. Und hier waren es nicht bescheidene Zweifel, die der wahrheitsuchende Forscher aufwarf, sondern frecher Spott und beissender Witz. Bei dem ersten Blick darauf dachte ich, die Erde musse mich verschlingen, oder Feuerregen auf mich fallen; aber die Neugier brannte lichterloh, ich las, und nahrte mich unglucklicher Weise mit einem Gifte, das nachher meine besten Lebenssafte aufzehrte. Dann bemachtigte ich mich des Systeme de la nature; mein armer, schwacher Kopf hatte keine Widerlegung zur Hand, ich nahm blindlings an, was ich mit so wahrscheinlichen Grunden behauptet fand, und was man mir als Religion mitgegeben hatte, hielt auch nicht einen Augenblick dagegen Stand. Mein Mann schalt, als er meine Lesereien untersuchte; aber er that nichts, dem Gifte entgegenzuwirken. Und hiermit war's denn ausgemacht, was kunftig aus mir werden konnte, wie ich immer tiefer sinken sollte, da der Grund untergraben war. Zum Ungluck war der Arzt, der mich besuchte, ein ausserst freidenkender Mann; er sah was ich las, widerlegte zwar in einzelnen Stellen das verruchte Natursystem: was er aber billigte und noch hinzusetzte, wirkte starker auf mich, als was ich gelesen hatte. Den Arzt verehrte ich granzenlos; seine Ausserungen wurden mir gefahrlich. Er, der mir nachher wohl that, ahnete nicht, wie viel seine freigeisterischen Meinungen zu meinem Falle beigetragen hatten.
Als die Wochenstube von uberflussigen Warterinnen und Besuchen gereiniget war, und ich dem ruhigern Nachdenken uberlassen blieb, dachte ich ernstlich uber den Beruf nach, den mir jetzt die Natur angewiesen hatte. Ich sollte ein Wesen zum Menschen, zum nutzlichen Mitgliede der Gesellschaft bilden! Wie sollt' ich das anfangen? den Weg einschlagen, den meine braven Eltern gegangen waren? Ganz gut: meine Bruder waren liebe, gute und viel versprechende Knaben; aber diese Erziehungsmethode war zu altmodisch, ich setzte mich dadurch der Nachrede und dem Verdachte der Unwissenheit aus: also etwas Neues und Auffallendes. Ich durchblatterte alles, was ich von padagogischen Schriften auftreiben konnte, und das System, welches ich zuletzt gelesen hatte, schien mir immer das anwendbarste zu seyn. Mit meinem graden Menschensinn sah ich wohl ein, dass die meisten neuern Padagogen die Unarten der Kinder in Schutz nehmen; dass an die Stelle der alten Pedanterie Ungezogenheit und Grobheit getreten ist; dass, bei dem unmerklichsten Missgriffe, die bezweckte Freimuthigkeit in Ungebundenheit und Insolenz ausartet, bei der die Mutter unaufhorlich in Verlegenheit gerathen; dass, um die Kinder fruh zu Menschen zu machen, sie zu zeitig aufhoren, das, wozu sie ihr physischer und moralischer Zustand bestimmt, Kinder zu bleiben; dass die unverstandige Wichtigkeit, die jetzt den Kindern gegeben wird, eine Generation von unausstehlichen Egoisten bildet, die, weil ihre Eltern alles auf sie Beziehung nehmen liessen, sich dann einbilden, das Sonnensystem sei ihretwegen da, und die Welt musse sich nach ihnen bequemen, wie Mama und die Kindermuhme thaten; dass es unrecht sei, den Kindern immer merken zu lassen, wie in der Eltern Hause alles ihretwegen so und nicht anders sei. I h r e t w e g e n , ja, nur ihretwegen wird mancher Aufwand gemacht, ihretwegen werden die Wohnungen so oder anders geordnet, ihre kindischen Reden werden ganzen Gesellschaften wie Orakelspruche wiederholt; und das alles, weil der alte Burger von Genf einst gesagt hat: die Mutter sollen Mutter seyn. Ja, hatte er den Muttern seine Hande auflegen und seinen Geist mittheilen konnen! Was fruchtet es, dass die Mutter ihre kleinen Affchen unaufhorlich verhatscheln? Lieben etwa jetzt Kinder die Eltern mehr als ehedem? Ach! die offentlichen Blatter beweisen es nicht, worin oft trostlose Eltern die ungezahmten, entlaufnen Sohne flehentlich einladen, nur wiederzukehren, und in ruhrenden Ausdrucken dem Fluchtlinge die erwartete Nachsicht und Verzeihung betheuren!
Die Padagogik machte mich unsinnig; denn ich wollte durchaus nicht dem schlichten, graden Menschensinne, sondern einem erdachten System folgen. Bevor ich mich aber zu irgend einem bestimmt hatte, war auch der Grund zum Verziehen des Kindes schon unabanderlich gelegt; denn, statt auszuuben was ich wusste, las ich, um zu lernen was ich nicht wusste. Fragte ich meinen Mann um Rath, so hiess es: "Thu', was Du willst!" Er gestand seine Unkunde in dem Fache, und war mit meinem guten Willen so befriedigt, dass er zu fragen vergass, ob sich meine Erziehungskunst uber die Granzen des guten Willens erstrecke?
Die ungewohnte Regelmassigkeit, die sich wahrend dieser Ereignisse gleichsam von selbst im Hauswesen eingefunden hatte, machte meinem Manne Langeweile, und scheuchte ihn fort. Er besuchte taglich eine Gesellschaft, in welcher ihn der l' Hombretisch bis um Mitternacht festhielt. So fand ich mich, da seine Gesellschaft mir am unentbehrlichsten war, allein gelassen, und vernachlassigt, wie ich es nannte. "Habe ich das um Dich verdient?" sagte ich einst im Unmuthe, als ich ihn bis gegen den Morgen erwartet hatte. "Ich kann mich nicht so einschranken!" antwortete er unwillig; "warum gehst Du nicht mit? Meinst Du, es sei etwas Verdienstliches, ewig im Hause zu hocken? oder erwartest Du, ich werde Dir diese Tragheit, die hier gern im Gewande der weisen Zuruckgezogenheit erschiene, als Tugend anrechnen? Du bist eine Grillenfangerin; kein Mensch steht Dir an. Wer so delikat seyn wollte, musste in eine Einode fliehen. Man ertragt die Schlechten der Guten wegen; und wo lebt der Mensch, der nicht eine Seite hatte, von der er missfallen wurde, wenn man diese zuerst an ihm erblickte? Minna, lass uns ertragen, damit wir wieder ertragen werden!" Diese weisen Spruche uberzeugten mich in so weit, dass ich nur noch einwendete das Kind konne nicht ohne mich seyn. "O, das dreivierteljahrige Kind," antwortete er, "bedarf Deiner noch nicht. Es ist ein kleines Thier, das Deiner nicht achtet, wenn ein Andrer seine physischen Bedurfnisse befriedigt." Er hat recht! dacht' ich wider bessres Wissen und Gewissen, entwohnte mein Kind, uberliess es einem jungen wollustigen Kindermadchen, und begleitete meinen Mann Tag fur Tag in seine Gesellschaft. Anfangs sagte sie mir wenig zu; denn da Alle spielten, so war ich ihnen sehr unbedeutend. Die Langeweile, welche mir das machte, brachte mich dahin, dass ich einige der gangbarsten Spiele lernte; ich begriff sie leicht, und der lebhafte Geschmack, den ich dieser neuerworbenen Geschicklichkeit abgewann, wurde bald zur unbesiegbaren Leidenschaft.
In meinem Hause ging es wahrend dieser taglichen Auswanderungen kraus und bunt durch einander. Die Domestiken, welche es sehr gut wussten, dass ihre Frau zu gewissen Stunden abwesend war, machten ebenfalls ihre Parthieen in und ausser dem Hause, spannen Liebeshandel an, und belogen und betrogen mich an allen Ecken. Meinem Kinde wurde ich fremd, der Knabe war mir abgeneigt; denn wenn das arme verwahrlosete Geschopf weinte, wurde es mit der Mama bedroht. "Sie kommt, sie soll Dich schon strafen!" hiess es; und dadurch war ihm Mama so sehr zum Popanz geworden, dass es sich angstlich verbarg, sobald es nur meine Stimme horte.
Das ruhrte mich aber nicht, wie es wohl gesollt hatte. Die neue interessante Leidenschaft besass mich ganz, und es schmeichelte meiner Eitelkeit, dass ich nun mit so leichter Muhe die scharmante Frau aller derer war, die so gefallig waren, mir mein Geld abzugewinnen; denn vermuthlich spielte ich schlecht, weil ich uberall, wo ich spielte, baares Geld war. Eine Zeitlang nahm mein Mann dies ganz gut auf; hatte er aber selbst namhafte Summen verloren, so hiess es: Du solltest Dich doch etwas mehr in Acht nehmen. Ich that es nicht, weil ich dachte, er, der grossre Summen aufs Spiel setzt, sollte sich noch mehr in Acht nehmen. Durch diesen Widerstand wurde meine Spiellust bald Spielwuth. Mein Nadelgeld, wofur ich mir Putz und Kleider anschaffen sollte, reichte nicht mehr aus, und ich borgte von dem zur Haushaltung bestimmten Gelde. Anfangs ersetzte ich's gewissenhaft; dann nahm ich's weniger genau, ob ich gleich noch vor mir selbst errothete, wenn ich fur manchen Einkauf grossere Summen in das Wirthschaftsbuch eintrug, als sie gekostet hatten. Da aber alle diese geringen Behelfe nicht mehr hinreichten, sprach ich unsern Hausarzt um eine Summe an, und gab einen edlen Gebrauch derselben vor. Der Blick, mit welchem der edle Mann mir das Geld hinreichte, drang mir tief in die Seele. "Er hat in Deinem Herzen gelesen," sagt' ich mir; "er kennt Dich, sieht Dich so schlecht, als Du Dir selbst erscheinst." So, meine Ida, lag das bessere Ich mit dem hingerissenen, vom Strudel ergriffenen in stetem, erschopfenden Kampfe. Aber das Bessere siegte so selten, dass ich vielmehr, immer muthloser zum vergeblich unternommenen Kampf, von einer Stufe der Verderbtheit zur andern herabsank. Zu den Zugen, die mir noch heiss auf der Seele brennen, gehort einer, bei dessen Erinnerung ich noch erschrocken zuruckfahre, weil er das Verderben eines Menschen nach sich zog.
Das schone baare blanke Geld, welches mir mein Mann gab, um den Domestiken ihren Lohn auszuzahlen, jammerte mich, und ich hatte von ganz gut renommirten Frauen gehort, dass sie ihren Madchen, statt der versprochnen Munze, alte abgelegte Kleider gaben. Das schien mir nachahmungswurdig; ich sichtete meinen Kleidervorrath, fand viel Veraltetes, legte es in bester Gestalt auf Stuhlen aus, machte unmassige Preise, und rief meine Madchen herein. Die jungste, ein eitles, thorichtes Ding, haschte gierig nach dem modischen Plunder, liess sich jeden Preis gefallen, und die Frau Rathin strich richtig die blanken Thaler ein. Bald nachher strotzte sie in dem zusammengestoppelten Flitterstaate, und ich beging nun noch die zweite unverzeihliche Schwachheit, es ihr nachzugeben, dass sie unter dem Vorwande, den Schneiderlohn zu ersparen, die Kleider in dem Schnitte trug, wie ich sie getragen hatte. Das nicht ubel aussehende Madchen fing an, von den Mannern bemerkt zu werden, und ein rosaseidenes Jackchen trug ihr manches reichliche Trinkgeld, und manchen verstohlnen Kuss beim Hinausleuchten ein. So durch Liebkosungen gereizt, ergab sie sich bald den grobern sinnlichen Ausschweifungen. Ich schaffte sie ab, ein Bekannter meines Mannes unterhielt sie; aber bald uberschritt ihre Luderlichkeit alle Granzen, und nach nicht gar langer Zeit beschloss sie ihr Leben im offentlichen Krankenhause.
Ein zweites Wochenbett, worin ich meine Tochter gebahr, war mir eine unangenehme Unterbrechung meiner Lebensweise. Ich nahm eine Amme, um geschwinder loszukommen. Diese war von einem heimlichen Ubel angegriffen; sie theilte es meinem armen Wurme so sehr mit, dass das unschuldige Kind unheilbar schlimme Augen und einen Fehler am Nasenbeine bekam, wodurch es die schnuffelnde widrige Sprache erhalten hat, deren Laute mich oft aus meiner sussesten Ruhe aufschrecken, und mir meine Verbrechen vorrucken.
Noch war es nicht zu spat umzukehren, hatte mein Mann nur ein Funkchen Glauben an stille hausliche Zufriedenheit gehabt. Kam die gewohnte Stunde zur Abendgesellschaft, so war's als wurden wir mit einem Schlage beide elektrisirt. War zu dieser Zeit jemand bei uns, so wurde es auffallend und lacherlich, unsre Zerstreuung zu bemerken, zu sehn, wie wir einander winkten, und die Sprache nur dann erst wiederfanden, wenn der Gast Miene machte, gehn zu wollen.
Wenn Sie, meine Ida, mich zu fragen scheinen: "Wie konnte ein liebendes, herzliches Madchen so schnell ein kopf- und herzloses Weib werden?" so kann ich Ihnen nur antworten: "ich weiss es selbst nicht!" Wie wahr ist es doch, was ein bekannter Schriftsteller von uns sagt: "Das Madchen hat keinen Karakter; das W e i b entwickelt ihn mit schneller Fertigkeit!" Sollte es aber nicht ein Fehler der gewohnlichen Madchenerziehung seyn, dass man den Begriff von Tugend uns zu sehr vereinzelt, und beinahe die Keuschheit ausschliessend darunter versteht? Diese an sich so schone, so gottliche Tugend muss dann oft bei wahren Hausdamonen fur den Mangel aller ubrigen schadlos halten. Mich dunkt, es war Anna von Bretagne, die bose und geizig, aber sehr keusch war, von welcher ihr Gemahl sagte: "ich wollte, sie ware etwas weniger keusch!"
Und, was soll ich's bergen? mein Ideal von einer glucklichen Ehe war unerfullt geblieben. Die Basis aller meiner guten Anlagen war immer L i e b e gewesen; zwar kindliche, aber dennoch immer Liebe! Auch meinem Gatten hatte ich gern aus vollem Herzen Liebe gegeben, ware sie nur seinem Herzen werth gewesen. Ach! Liebe will Gegenliebe; sie will empfunden, gewurdigt, erwiedert seyn! Ihm war aber die Liebe, an welcher sein Herz nicht Theil nahm, zur Gewohnheit, zu einem Zeremoniel geworden, wobei er kalt blieb, und womit er mein heisses Gefuhl zur kalten Gefuhllosigkeit herabstimmte. In meinem Herzen blieb eine Leere, welche auszufullen ich mich dunkel sehnte. Noch erlaubte ich mir auch nicht das fernste Hindrangen zum andern Geschlecht; allein Erfahrung hat mich beinahe uberzeugt, dass die unzahlichen Gelegenheiten des Beieinanderseyns beider Geschlechter, und der vertrauliche Ton, der daraus entsteht, das Band der Ehen locker machen. Auf alle Temperamente wirkt es freilich nicht gleich stark; aber mich dunkt, Mann und Weib gewohnen sich gegenseitig leicht einander als entbehrlich betrachten. Die susse Gewohnheit, sich alles zu seyn, wird geschwacht; der Reiz des hauslichen Lebens verliert unmerklich gegen die gesellschaftliche Mannichfaltigkeit. Warum ware sonst in den vornehmern Klassen eine gluckliche Ehe eine so seltene Erscheinung? Bei dem ganz gemeinen Manne ist thierische Roheit ein Hinderniss.
Allein man sehe nur, mit welchen Pratensionen die Modefrauen in Gesellschaften erscheinen! Jede zeigt sich so liebenswurdig, so sonntagsmassig! Die schonsten Seiten werden im schonsten Lichte producirt! Dagegen erscheint die Hausfrau murrisch; sie muss sich mit den Leuten argern; sie lasst waschen, oder die Kochin hat das Essen verdorben; oder noch schlimmer die Frau fordert Geld; die Kinder brauchen Kleider; welches Gesicht wird nun dem Manne besser behagen, das Sonntags- oder Alltagsgesicht? Eben so die Frau. Die fremden Manner bemerken ihre Schwachen nicht, weil sie nicht interessirt sind, sie aufzusuchen. Alle Weiber sind ihnen scharmant, und keiner wird es je an Eicisbeen fehlen, sobald sie bestimmt merken lasst, sie sei nicht abgeneigt, Aufwartung anzunehmen.
Aber Ida, der Vollmond steht hoch uber uns; es muss uber Mitternacht seyn! Ich sehe, es ist Ihnen jetzt Bedurfniss zu ruhen, und nicht zu horen. Ida hatte sich diesen Abend zuerst unter dem lieben traulichen Baume eingefunden; sie sang zur Mandoline in sanften zartlichen Accenten das ruhrende Mathisonsche Lied: "W e n n b e i d e s V o l l m o n d ' s D a m m e r l i c h t e ," etc. Ihr Blick hing bethrant an dem Monde. Es war sichtbar, dass schwerer Kummer, Erinnerung oder ahnendes Vorgefuhl an ihrem Herzen nagten. Minna hatte der schonen Stimme gelauscht; kusste dann freundlich die Thranen von ihrer Wange, nahm die Mandoline, und sang ihrer Lieben die Abendempfindungen von Schlegel: "H i n a u s , m e i n B l i c k , h i n a u s i n ' s T h a l !" etc. Ida horchte auf die beruhigenden Tone; ihre Stimmung ging in sanfte Heiterkeit uber, und die Unterredung wurde bald auf den eigentlichen Gegenstand ihrer Zusammenkunft gefuhrt.
"Sie haben mir," fing Ida an, "etwas zu denken gegeben, als Sie sagten: die Folge der haufigen geselligen Zerstreuungen sei Lockerwerden, oder vielleicht gar Auflosung ehelicher Bande. Wenn dem so ist, so mochte man den Erfinder des Kartenspiels segnen; denn meines Bedunkens trennt es wenigstens die Herzen, und macht sie den zartlichen Gefuhlen unzuganglich. Habe ich recht, Minna?"
Was soll ich sagen? Vielleicht gedeiht achte, hingebende Liebe nie im Gerausch der grossen Welt, und eine Liebe, wie der Mann und das Weib der Zerstreuung sie fuhlen, ist blosses Bedurfniss der Langenweile. Eine solche findet auch am Spieltische statt. Ein von ganzer Seele liebender Mann wurde der jetzigen Mode zu leben ein seltnes Schauspiel gewahren, und sich in den Augen der persiflirenden Menge zum Narrenhause qualificiren; kaum duldet man ihn ja noch in Romanen oder auf der Buhne. Gessners Hirtenwelt ist uns vorubergegangen, und die Manier des Empfindens mit der Zeit verschwunden, da jeder Jungling sich durch einen blauen Frak und gelbe Weste zum Werther zu stempeln glaubte. Das Kind ist mit dem Bade ausgeschuttet; Wir Deutschen lieben die grellen Abstiche.
Es wird alles gut gehn, sagte Ida; sehn Sie nur unverwandt auf die grossere Masse des Guten und Besseren hin. Wir sind fortgeruckt. Ungern liesse ich mir die herzerhebende Vorstellung von Menschengluck durch fortschreitende Vervollkommnung rauben. Diese Betrachtungen haben uns aber himmelweit von Ihrer Erzahlung abgebracht; ich bitte um die Fortsetzung.
Ich gehe willig Ihren Bemerkungen nach, entgegnete Minna, weil ich Sie gern so lange als moglich von dem Zeitpunkte meines Lebens zuruckhalte, der mich so unaussprechlich erniedrigt darstellt. Der Schluss unserer gestrigen Unterredung hat Sie vermuthlich auf das vorbereitet, was ich zu sagen habe.
Unsre fortwahrende zerstreute Lebensart erforderte einen Aufwand, der vermuthlich meines Mannes Einkunfte ubersteigen mochte. Er fuhr gleichwohl fort, taglich zu spielen, und verlor Summen, deren Grosse ich selten erfuhr. Das veranlasste Einschrankungen im Hauswesen, die mir lastig fielen, weil sie mich zu mehrerer Thatigkeit aufforderten. Wenn mir mein Mann, nach zehnmal vergeblichem Fordern, das Geld, seine elend versorgten Kinder zu kleiden, murrisch hinwarf, so mussten mir wohl die schonen Dukaten einfallen, die das l'Hombrehinwegraffte. Wurde ich unmuthig genug, eine solche Bemerkung laut werden zu lassen, so bekam ich den Vorwurf zehnfach zuruck. Durch solche Auftritte entstand Kalte, dann Abneigung, und zuletzt etwas, das dem Hasse ganz nahe kam. Wehe, wehe dem Weibe, das Abneigung gegen den Gefahrten seines Lebens einzugestehen wagt! Sie hat den ersten Schritt auf dem Irrwege gethan.
Jungen Weibern fehlt es nie an spahenden Beobachtern, deren Scharfblicke das eheliche Verhaltniss nicht entgeht. Sobald Kalte eintritt, fangen die galanten Kaper an zu kreuzen, und mehrentheils ist ihnen ein solches Weib eine gute Prise.
Schon langst war mir's heimlich aufgefallen, dass
meine sehr artige Figur und jugendliche Frischheit so wenig Sensation erregte, indess Weiber von ganz gemeinem Ansehn es durch die Kunstgriffe der Toilette dahin brachten, fur schon zu gelten, und Liebhaber an sich zu ziehn. Bei der jetzigen Lage meines Herzens verdross es mich, und ohne dass ich mir's gestand, erlaubte ich mir nach und nach einen freiern, ins Auge fallendern Anzug. Es wirkte; man fand mich anziehend, und wunderte sich, es so spat bemerkt zu haben. Der gute Erfolg gab mir Muth und Erfindungskraft, meine Aussenseite durch alle Modebehelfe zu heben. Ich glaubte indess bloss mein unschuldiges Spiel mit den Mannern zu haben; aber sie hatten ihr Spiel mit mir, und ich lief ins Netz, als ich es noch kaum ahnete.
Ein junger Mann, von schonem Aussern und
schwarzer Seele, war mir auf allen meinen Irrwegen unbemerkt nachgeschlichen. Ihm, dem Weiberkenner, war die Revolution in meinem Putze nicht entgangen, und er hatte ihre Bedeutung richtig zu entzieffern verstanden. Nicht auf einmal, sondern wie der Tyger sich seinem Raube nahert, naherte er sich mir. Der Listige! Zuerst schien er nur aus Freundschaft fur meinen Mann sich fur mich mehr als fur Andere zu interessiren. Beim Spiel war er immer mit von meiner Parthie. Er schmeichelte meinem Hunde, und fand die Unarten meiner Kinder allerliebst witzig. Durch hundert kleine Aufmerksamkeiten kam er mir naher, und immer naher. Im Scherz, aber nur ganz im Scherz, gab er mir zu verstehn: mein Mann mache einer gewissen Dame die Cour; doch gab er sich das Ansehn, es zurucknehmen zu wollen, sobald er sah, dass ein Funken Eifersucht in meinem Herzen gefangen hatte. Dadurch ware ihm aber um ein Haar sein ganzer Plan vereitelt worden; denn es schien sich in meinem Herzen die eingeschlaferte Liebe zum Manne wieder zu regen, der Wunsch, mir aufs neue seine Zuneigung zu gewinnen, glomm noch einmal auf, und hatte dieser pflichtvolle Gedanke gerade einen freundlichen Punkt seines Betragens gegen mich getroffen, so war alles gut, und ich gerettet. Aber er war unfreundlich, liess mich hart an, und der unselige Gedanke fiel mir aufs Herz: "Er entlasst Dich Deiner Pflicht; Du darfst, Du musst Dich rachen!" Ich machte es mir von nun an zum Geschaft, ihn genau zu beobachten, und es schien mir wirklich, als ob er einer hubschen Frau, die eben nicht im Rufe der Frommigkeit stand, nicht abgeneigt sei. Wenn er sie anredete, hatte sein Ton etwas weiches durchdrungenes, welches mir die wahren Accente der Liebe zu seyn schienen; in seinen Reden gegen mich war er hart, trocken und herrisch. Diese Entdeckung wirkte sehr unglucklich auf mich. Ich gab ihn auf, und erniedrigte mich zu der verachtlichen Klasse solcher Weiber, die sich Liebhaber erlauben. Die Rathin Brennfeld hatte einst in einem Anfalle munterer Laune den Spruch hingeworfen: eine Frau konne einen Liebhaber haben, das mussten die Madchen sich aber nicht herausnehmen wollen. So wenig mir ihre Sentenzen sonst des Aufbehaltens werth geschienen, hatte doch diese, wie mit schwarzer Schrift, unvertilgbar in mir gehaftet. Es gab noch Augenblicke, wo ich zusammenschreckte, wenn ich mir's lebhaft dachte, in welchen Orden ich eingetreten war. Mein demuthigendes Selbstgefuhl wies mir nun einen sehr niedrigen Platz in der Gesellschaft an; und meine stolzen Anmassungen wurden in Selbstverachtung zusammengesunken seyn, hatte mich nicht unverdiente Achtung, die man mir jetzt, e b e n j e t z t bewies, ja selbst die tausend kleinen Aufmerksamkeiten, mit denen man mir entgegenkam, und die zu sagen schienen: "jetzt ist sie worden wie unser eine!" aus meinem Versinken wieder heraufgezogen. Nachher habe ich diese Menschen selbst bitter verachtet, und es fur einen Raub an der besseren Menschheit gehalten, wenn verachtliche Personen gleich den achtbaren aufgenommen werden. Es ist hochst unrecht, zweierlei Genuss an sich reissen zu wollen; die geheime verbotne Frucht, und die offentliche gute Meinung.
Aber der Zustand der innern Selbstverachtung peinigte mich doch oft aufs schmerzlichste. Ein liebkosendes Wort, selbst die Benennung M u t t e r von meinen Kindern, ein Brief von meiner nun sehr kranklichen Mutter, erschutterten mich gewaltsam. Dann hatte ich mich in meines Herzens Beklommenheit gern an ein hoheres Wesen gewendet, die brennende Unruhe durch Gebet und Hingebung gelindert; aber der Bosewicht, der meine Ehre zu Schanden machte, hatte mich nach und nach durch atheistische Meinungen vollends um allen Glauben und Hoffnung gebracht. Auch der Glaube an mich selbst war dahingegeben; die Ruckkehr war mir beinahe moralisch unmoglich gemacht.
Ein schwacher Uberrest von Ehrgefuhl oder Stolz hatte mich abgehalten, meine Domestiken zu Vertrauten meines Liebeshandels zu machen. Der hereinbrechende Winter erschwerte unsre Zusammenkunfte. Mein Verderber gab daruber viel Traurens vor. Als ich in ihn drang, mir seine Meinung uber unsre Zusammenkunft zu sagen, gab er zu verstehn: uns sei geholfen, wenn ich ihn hinreichend liebe, mich uber einige k l e i n e Vorurtheile hinwegzusetzen. Ich machte mich anheischig, ihn jeden Beweis meiner Zuneigung zu geben, den er nur fordern wurde; und so geschah es, dass ich mich zu Zusammenkunften in einer abgelegenen Strasse bei einem, solchem Unwesen gewidmeten, Weibe bereden liess.
Die Elende, die sich fur Geld zu einem so niedrigen Gewerbe hergab, bediente ihre Gaste mit theuren Lekkerbissen, die nicht abgelehnt werden durften, wenn das Siegel ihrer Verschwiegenheit halten sollte. Diesen Aufwand zu bestreiten, reichte der Finanzbestand meines ach, dass ich ihn V e r f u h r e r nennen durfte! nicht zu. Er liess es, mit gewissen Winken begleitet, merken, die ich nur zu geschwind verstand. Ach Ida! auch h i e r muss ich es wiederholen: der Mensch sinkt von einer Stufe des Verderbens zur andern, sobald er seine Moralitat nicht an ein religioses Interesse knupft, oder die Ahnung der burgerlichen Gesetze zu furchten hat! Die Tugend, die sich durch sich selbst belohnt, mag starken, denkenden Kopfen, oder kalten, leidenschaftlosen Temperamenten gelingen; aber den Menschen, die so zu Tausenden auf der breiten Heerstrasse des Daseyns dahertreten, die dem Eindrucke des Augenblicks nachgeben, ist sie nicht gewahrt. Ich hatte eine lohnende sowohl als eine strafende Zukunft bespotteln und bezweifeln horen; jetzt war mir's bequem, sie wenigstens fur ungewiss zu halten. Niemand sah mich, niemand konnte es erfahren; ich wurde, ach, Gott erbarme sich! da ich auf der imfamirenden Bahn nun schon nicht mehr, ohne mich der Schande auszusetzen, umkehren konnte, eine D i e b i n ! ich bestahl meines Mannes Kasse! Sie werden blass, Ida! die Dammrung hindert mich nicht, es zu bemerken. Ida antwortete mit Thranen: "Ich bedaure Sie von ganzer Seele! Es hat einst jemand gesagt: 'man erkennt die Geliebte in dem Liebhaber.' Ein tugendhafter Mann hatte Sie zum Engel erhoben. Wir sind so wachsartig, dass wir unvermerkt die Gestalt des Geliebten annehmen."
Sie setzen das Unmogliche, Ida; erwiederte Minna. Ein besserer Mann wurde nicht sein strafbares Auge auf seines Freundes Weib geworfen haben. Aber lassen Sie mich leise uber diese noch immer schmerzhafte Narbe meines Gewissens wegeilen. Wir lebten von diesem Blutgelde es war aus einer Depositenkasse von Kindergeldern, herrlich, aber wahrlich! n i c h t i n F r e u d e n ; denn so oft ich die unselige Schwelle betrat, bemachtigte sich ein entschiedner Trubsinn meiner Seele, der beinahe Verzweiflung wurde, als ich einst bemerkte, dass ich nicht die einzige Frauensperson sei, welche dieses Haus in verbotener Absicht besuchte. Eine Figur, verhullt in einen Florschleier, schlupfte bei einer Glasthur voruber. Das Kleid, die Leibbinde und den farbigen Handschuh hatte ich gestern noch in einer Gesellschaft gesehn; es war die einzige Tochter eines angesehenen Mannes, die hier mit einem Figuranten aus der Oper zusammenkam. Tief, ungemessen tief beugte mich die Vorstellung, dass ich mich in einem offentlichen, dem Laster geweiheten Hause befand! Aber die schreckliche Entwicklung lag mir nicht mehr fern.
Einst ging ich, um kein Aufsehn zu machen, in einem schlichten Anzuge fruher in das unselige Haus. Die Domina fuhrte mich in ein unteres, mir unbekanntes Zimmer, weil, wie es hiess, das gewohnliche vom Reinigen nass sei. Mit klopfendem Herzen ging ich, im Vorgefuhl der mir bevorstehenden Katastrophe, auf und nieder. Ich blieb lange allein, bis sich horbar ein mannlicher Tritt der Thur nahete. "Hier in diesem Zimmer find' ich sie?" hort' ich die, mir nur zu gut bekannte, Stimme meines Mannes fragen. Schrecken, Angst und Schaam trieben mich wie ein Blitz in den entlegensten Winkel der Stube. Die Thur flog wie es mir vorkam wurde sie wuthend aufgerissen hastig auf, und ich horte meinen Mann das ihn hereinlassende Madchen zehnmal in einem Athem fragen: "aber wo, wo ist sie denn?" Da ich nicht einen Augenblick zweifelte dass ich gemeint sei, so sturzte ich aus dem mich ubel verbergenden Winkel hervor, stiess ein klaglich-wimmerndes Geschrei aus, und fiel uber einen mitten im Zimmer stehenden Stuhl mit ihm zugleich zur Erde. Durch das Poltern meines Falles herbeigezogen, kam die Wirthin mit Licht herein. Wer vermag wohl den jetzigen Auftritt zu schildern? Bei mehr Besonnenheit, oder weniger scheuem Gewissen, hatten wir uns gegenseitig tauschen und vorgeben konnen: einer suche den andern; aber so entdeckte sich's bald, dass auch mein Mann in der unruhmlichen Absicht hier war, seine Dame zu sehen, dieselbe, auf die mein Liebhaber mir Argwohn beigebracht hatte. Die Verwechslung der Zimmer war Zufall, und war durch des kleinen Dienstmadchens Unwissenheit geschehen, wodurch ganz naturlich diese Entwicklung herbeigefuhrt wurde.
Mein Mann stand vor mir, in ungewisser Haltung und mit Verlegenheit im Gesicht. "So ganz ohne Muth? Sie sind eine erbarmliche Sunderin, Madame!" sagte er bitter; "was werden Sie jetzt beschliessen?" So ubel ihm, dem nicht minder Strafbaren, dieser Ton auch anstand, drang er doch tief in mein zermalmtes Herz. Weit von allem Trotze entfernt, rief ich, weinend und vor ihm hinknieend: "Ich beschliesse, hier nicht eher aufzustehen, bis ich Deine Vergebung erflehet habe, bis Du mein reuiges Herz wieder aufnimmst." Darauf war er nicht gefasst gewesen. Ich kusste seine mir dargereichten Hande, benetzte sie mit Thranen, und rief, glaub' ich: "Verstossest Du mich jetzt nicht, so soll mein, ganzes kunftiges Leben Dir ein fortwahrender Beweis meiner Liebe und Treue seyn." Er war erschuttert aber nicht erweicht, doch sagte er ziemlich milde: "Komm, Minna, keine Szenen an diesem Orte; vor solchen Zeugen mussen wir nicht handeln." Er sagte der Wirthin einige Worte, und schleppte mich mit sich fort, denn gehen konnte ich im buchstablichen Sinne des Worts nicht.
Dieses Bekenntniss ist mir uber alle Beschreibung schwer geworden. Ich fuhle mich nicht im Stande, heute mehr zu sagen; meine Krafte sind alle von dieser entsetzlichen Erzahlung erschopft. Ach Ida, mocht' ich jetzt einen Blick in Ihr Herz wagen durfen! Musste denn ich, ich selbst die schone Tauschung, die Sie an mich band, zerstoren?
"Die Minna, welche ich liebe, ist nicht mehr die Gefallene; nein, das schone Antlitz der edelsten Menschheit ist ganz wieder in ihr hergestellt! Diesen Glauben an Ihre wieder in die alten Rechte eingetretene Wurde sollen Sie selbst mir nicht rauben konnen!" sagte Ida schwarmerisch. "Doch, kein Wort weiter; Sie bedurfen Schonung und Ruhe." Das tete-a tete, fing Minna am folgenden Abend ihre Erzahlung an, welches mir mit meinem an seiner Ehre gekrankten Manne bevorstand, erforderte einen Muth, zu dem meine gebeugten Krafte sich nicht erheben konnten, obgleich seine eigene unruhmliche Absicht mich hatte aufrecht halten konnen. Als ich in sein Zimmer trat, war ich einer Ohnmacht nahe: er aber schien seine Fassung in meiner Ohnmacht zu finden, behandelte mich vor den Domestiken wie eine Kranke, liess mich auskleiden, mir Thee geben, und schien so sanft und verzeihend, dass mir endlich wieder ein Funkchen Muth aufging, und ich seine Hand an meine Lippen zu drucken wagte. Er entzog sie mir nicht; als ich aber uber den bewussten Vorfall sprechen wollte, rief er: "Still! keine Sylbe vom Vergangenen! wir bedurfen beide besonderer Nachsicht, und haben viel, sehr viel gut zu machen. Verhalt' Dich ruhig, die Zeit verwischt viel."
Das, wodurch die brennende Wunde meines Gewissens Linderung erhalten sollte, ware mir zur andern Zeit ein entsetzliches Ubel gewesen. Ich verfiel namlich in ein hitziges Fieber, welches lange anhielt, und wogegen meine ganze Jugendkraft kaum das Gegengewicht halten konnte. Ich besserte mich sehr langsam, und erst nach einigen gefahrlichen Ruckfallen. Da wurde ich mit Vergnugen gewahr, dass mein Mann nur dann von meinem Lager wich, wenn dringende Geschafte ihn abriefen. Daher vergass ich leicht, dass auch er gefehlt hatte, und nun sah ich nur noch die Grosse meines Vergehens. Doch, Dank sei es der zerruttenden Gewalt des Fiebers, es erschien mir jetzt schon mehr in einer matten Dammrung; mein Entschluss war aber fest und unwandelbar, dass, sobald meine Krafte mich hielten, ich meinem Manne die abscheuliche Grosse meines Verbrechens ganz gestehn wollte. Durch Worte, die mir wahrend der Fieberhitze entfuhren, hatte er es schon zum Theil argwohnen konnen. An einem heitern Morgen, wo ich zuerst ausser dem Bette war, nahm er meine Hand, und fragte mich in einem, gar keine Erwartung erregenden Tone: ob ich wohl je aus Versehn Geld aus seiner Kasse genommen habe? er ware vielleicht nicht sorgfaltig genug gewesen, diese Gelder von seiner Privatkasse abzusondern; da sei es moglich, dass, wenn ich von dem meinigen zu nehmen geglaubt habe, aus Versehn Ich hullte voll Entsetzen mein Gesicht in ein Tuch; gluhende Scham uberzog das kranke, bleiche Gesicht. "Du weisst es also? Auch diese Schmach!" Ja, ich Elende! ja "Wie viel? wie oft?" fragte er. Ich nannte die nicht kleine Summe. Er entfarbte sich. "Grosser Gott!" seufzte er, "Minna, bist Du stark genug, es zu horen? doch, erfahren musst Du es ohnehin bald. Wir haben auch hier beide gesundigt; wir haben aus einem unrechtmassigen Fond den Aufwand unsrer unerlaubten Freuden bestritten. Das trugliche Lotto sollte mich retten, hofft' ich, und es beforderte meinen Sturz. I c h gebe mich, ich bin verloren! Rette Deine Mitgift." Keinen Heller! nicht einen, so weit es nur immer zum Ersatz zureichen mag: rief ich standhaft zusammengenommen. In diesem kritischen Moment zeigte sich mir in der Ferne ein grosses Mittel, mich wieder zu einiger Wurde und einigem Verdienste um meinen Mann zu erheben; ich fuhlte Muth und Entschlossenheit, mit zu tragen und mit zu leiden. Was steht uns bevor? was mussen wir thun? rief ich stark und entschieden. "Dieses Haus raumen, Minna, und es mit allem was es enthalt, den Defekt zu decken, hingeben. Mich wird man, bis zur ausgemachten Sache, festsetzen und kassiren. Dann werden wir uns klein, sehr in's Kleine zusammenziehen mussen, und ich werde, wenn mir besondere Gnade widerfahrt, vielleicht einen kleinen Dienst bekommen, vielleicht auch nicht." Und ich, fiel ich ein, werde arbeiten, und werde Dich, den ich zu Grunde richten half, und unsre Kinder nicht im Unglucke vergehen lassen. War ich doch, ehe ich Dein Weib wurde, der Arbeit gewohnt. Es giebt eine Vorsehung. Sie wollte mich mit Milde fuhren; ich achtete ihrer nicht, und nun kommen mir die Heerlinge, von denen die Bibel spricht, welche mir die Zahne stumpfen werden. Mein Mann erstaunte uber die Kraft, die er mir gar nicht zugetraut hatte; aber ich fuhlte, dass der Beifall meines eignen Herzens mir noch mehr werth war, denn nur i c h wusste genau, dass ich nicht thatenleere Worte hinprunkte.
Es traf alles genau so ein, wie mein Mann gesagt hatte. Uns widerfuhr das strengste Recht. Auf Mitleiden durften wir nicht rechnen; denn er hatte die Schwachheit gehabt, seine Revisoren und viele Adelige oft zu bewirthen. Eben diese waren es, die das Schwert mit Scharfe uber uns schwangen. "Es konnte nicht anders kommen," hiess es; "auf des Mannes Tisch kam Rheinwein, wie der Konig ihn kaum hat. Das Kleine wurde vergrossert, und das Mittelmassige zum Ubermassigen erhoben. Die Frau war ebenfalls eine Narrin; sie trug Federputz und Brillanten, wie eine Adliche. Solche k r a s s e B u r g e r l i c h e wollen es dadurch der vornehmern Klasse gleichthun, und es hat doch weder Art noch Geschick. Es geschieht ihnen ganz recht." So sprachen die, welche wahrlich nicht scheel sahen, als der edle Rheinwein ihnen in unsern Glasern zublinkte. Wie liebkosend hatten jene Herren oft die Hand gekusst, an welcher der beneidete Brillant einst schimmerte! und nun waren. sie emsig, die Sinkenden noch tiefer in den Staub zu drucken. Doch, glucklicher Weise war unser noch ubriggebliebenes Vermogen zur Erstattung hinreichend; mein Mann kam mit Kassation, ohne Verhaftung, durch. Wir lebten nun in einer Beschrankung, die nahe an Durftigkeit granzte. Er schrieb Noten, und las Korrekturen fur einen Buchdrucker. Ich nahete, wusch Flor, Putz und seidene Strumpfe, wobei mir manches Kleid unter die Hande kam, das ich ehedem zu verdunkeln mich bestrebt hatte.
Jetzt wurde ich auch mit Entsetzen gewahr, wie sehr meine armen Kinder durch meinen Leichtsinn verwahrloset waren, und dies war's eigentlich, was mich bei unsrer Armuth tief in den Staub beugte. Die Folgen dieser Verwahrlosung konnte ich gar nicht berechnen. Meinen Sohn hatte ich, ehe er noch ein Jahr alt war, einem jungen, und, wie es sich zeigte, liederlichem Madchen uberlassen. Dieses Geschopf hatte den Hang zum Naschen in ihm erregt, um diese Untugend zu ihren Absichten zu benuzzen; sie war auch bald ganz sicher, dass Fritz nichts verrieth, wenn sie ihn mit einem Tortchen oder Apfelchen den Mund versiegelt hatte. Als er grosser und fahiger wurde, gebrauchten ihn die Magde, mich auszuspahen, und zu erfahren, wenn ich ausgehen und wie lange ich wegbleiben wurde. Mein Fritz hatte das Gewerbe des Spionirens so gut inne, dass er mir immer gegen seine Gonnerinnen, welches die Madchen zu seyn schienen, mit dem treuherzigsten Gesicht allerlei vorbrachte, um ihnen meine Beschlusse uber sie hinterbringen zu konnen. Schrecklicher aber noch als diese Falschheit war der Hang zur grobsten Sinnlichkeit, womit die wollustigen Dirnen ihn angesteckt hatten. Die weibliche Bescheidenheit verbietet mir, umstandlicher davon zu sprechen. Er wurde blaulich, bleich, schwankend, Hals und Rucken krummten sich unangenehm vorwarts hin, die Stimme ward heiser und unrein. Ein guter Arzt hielt diesen Zustand fur nicht naturlich; er forschte, und entdeckte zu spat, dass dies Symptome heimlicher Ausschweifungen waren. Der Knabe wurde schwachsichtig, die Gedachtnisskraft war ganz erloschen; er zehrte sich allmahlig ab, und sein Tod befreite mich zwar von einem redenden Beweise meiner Strafwurdigkeit, allein hier im Innern ist der Wurm, der nicht stirbt, und das Feuer, das nicht erlischt.
Nach dem Tode meines unglucklichen Kindes fiel ich in einen Zustand von Gemuthsschwache, die mich fur jeden Eindruck ausserst empfanglich machte. Unter so grossen Leiden hatte meine Seele eine gewisse Schwungkraft erhalten, durch welche sie uber sich selbst erhoben wurde; aber sie wollte unter den taglich sich wiederholenden Neckereien des Schicksals erliegen. Was mir sonst Religion gewesen war, das schwankende, unzureichende Gefuhl, das Christenthum des weichen weiblichen Herzens war im Winde des Modelebens zerflattert; was ich mir an dessen Stelle anvernunfteln wollte, hatte keine Lebenskraft. Ich haschte nach allem, was mir eine Art von Trost gewahren sollte, und verfiel oft auf unwurdige, aberglaubische Kindereien.
So liess ich mich einst von dem kleinen Dienstmadchen (denn nun hielt ich keine stattliche Jungfern mehr) bereden, eine Wahrsagerin kommen zu lassen, die aus Karten und Kaffee die Zukunft in bunten lustigen Bildern zu sehen vorgiebt. Das Weib, welches ich in meines Mannes Abwesenheit zu mir kommen liess, war eine der listigsten und gewandtesten ihrer Gattung; und ich schamte mich schon weniger dieser Schwache, als ich horte, dass ich sie mit vielen vornehmen Frauen gemein hatte, welche sie heimlich bei sich einfuhren liessen. Wie sehr irren doch diejenigen, welche uber zu viele Aufklarung schreien, und immer besorgen, sie werde im grossen Haufen zu weit um sich greifen! So lange dieser noch so wenig von den ihn umgebenden Naturkraften kennt, kann die aberglaubische Tragheit und Dummheit nur ganz unbekummert auf ihrem weichen Polster schlummern. Mitten in einer, wegen ihrer Aufklarung beinahe beruchtigten, Stadt treibt diese Betrugerin ihr Gewerbe so offentlich und mit solchem Erfolg, dass sie bei Veranderung ihrer Wohnung ihre Adressen umherschickt. In ihrer Wohnung wird sie so von der leichtglaubigen Dummheit belagert, dass sie nur immer sechs Personen auf einmal vorlassen kann. Mir weissagte sie viel Gutes in einer hellen Zukunft; ich glaubte es freilich nicht, horte aber doch gern von einer frohen Aussicht sprechen, und fing an auf diese Phantasieen Luftschlosser zu grunden, wodurch ich mir einige trube Stunden erhellte.
Eines Abends kam mein Mann ungewohnlich heiter von dem Buchdrucker, dem er Korrekturen gebracht hatte, zuruck. Ich sah ihn forschend an. "Liebes Weib," rief er mir so munter, wie er lange nicht gewesen war, zu, "es hat sich ein helles Wolkchen an unserm Horizonte gezeigt. In der Buchdruckerei traf ich den Sekretar des *** von ****; er sagte mir: es sei eine Stelle bei dem ** schen Departemente offen, die sein Herr vielleicht nicht abgeneigt seyn wurde mir zu geben, nur musste ich schriftlich deswegen einkommen." Dass bei diesen Worten ein Sonnenblick sich in meine verdusterte Seele stahl, ist begreiflich. Dieser Abend wurde uns ein Fest, desgleichen wir lange nicht gehabt hatten, und wogegen die uppigen Freuden unsrer vorigen Lebensweise nur Trauertage waren. Ich bereitete ein Lieblingsessen meines Mannes, und er war eben reich genug, dem kleinen Mahle eine Flasche Wein beifugen zu konnen. Der nun schon ungewohnt gewordene Trank erhohte unsre Lebensgeister so, dass wir ordentlich wetteiferten, wer von uns die beste Zukunft ausmahlen wurde. Auch gelobten wir uns heilig, dass, wenn uns wirklich einst noch das Gluck wieder lacheln sollte, wir es massig und in nuchterner Hauslichkeit, in einem kleinen Kreise geprufter Freunde geniessen wollten. Ach, unser getraumtes Gluck bestand nur in diesem einzigen frohen Abend!
In der ersten langentbehrten freudigen Aufwallung unsrer Herzen hatten wir es freilich nicht bedacht, dass dem alles vermogenden grossen Manne nur durch seine rechte Hand, den Rath ***, beizukommen war, und dass dessen Vermittlung und Vorwort nur durch Aufopferungen zu erhalten war, zu welchen unsre Armuth nichts herzugeben hatte. Sehr niedergeschlagen kam mein Mann von dem Versuche, den er auf des Mannes kieselhartes Herz gemacht hatte, zuruck. "Minna," sagte er, "wir werden nicht durchkommen; dem Menschen ist nur durch Bestechung beizukommen; so unruhmlich wollen wir den Bissen, den wir uns mit unsern Handen noch erarbeiten konnen, nicht erlangen." Ich war seiner Meinung, so ungern ich die geliebte Hoffnung aufgab. Uber die Niedertrachtigkeit der Menschen wagte ich nicht zu klagen, weil wir uns unsern Fall wahrlich! nicht durch unsre Rechtlichkeit zugezogen hatten.
Still und bekummert verstrich uns dieser Tag. "Eine muhselige Korrektur!" seufzte mein Mann einigemale 'bei seiner Arbeit. "Der Nahnadelverdienst ist's nicht minder!" antwortete ich, mit ebenfalls beklemmtem Herzen. "Denke daran, dass wir unser Gutes genossen haben, Minna." "Ach freilich, freilich, mein Lieber! wiewohl nur eine kurze Zeit." "Wir haben unsren guten Tagen selbst ein Ende gemacht, Minna." "O, das ist die tief einschneidende Seite meines Grams; und dann: dass ich ihn nicht mit dem kindlichen, hingebenden Zutrauen auf Vorsicht und Menschheit tragen kann! Den Glauben raubte mir frecher Witz. Die spottende, leichtsinnige Welt spielte mir tandelnd einen festen, haltbaren Stab aus der Hand, und gab mir dagegen ein dunnes, zerbrechliches Rohrchen, das nun, da die Sturme des Lebens uber mich gehen, zerknickt. Ich schamte mich meiner Katechismusreligion wie eines kleinstadtischen Kleidungsstuckes, wusste aber nichts an ihre Stelle zu setzen; denn die kuhnen Ausserungen, welchen man in den mehrsten Gesellschaften ausgesetzt ist, hatten zwar bei mir eingerissen, aber Bonmots sind kein Ersatz. Ich blieb einer dustern, unbestimmten Zweifelsucht preisgegeben, die mich in einzelnen Augenblikken, gleich einem plotzlichen Schreck, angriff. Dies war aber zu vorubergehend, als dass es hatte bis zur Unruhe steigen konnen. Und, wie denn bei dem gewohnlichen Menschenschlage die Religion ein isolirtes, mit dem Thun und Wesen derselben in keiner Verbindung stehendes, Ding ist, so kamen auch mir diese ernstern Stunden, so lange wir im Wohlstande waren, ziemlich selten; aber da der Sonnenschein der guten Tage vorubergegangen war, empfand ich mit Schrecken, wie viel ich an dem eingebusst hatte, was mir in fruhern Tagen die Religion galt."
Still fur mich stellte ich diese Betrachtungen an, und brach dann noch einmal in die Worte aus: "O, dass ich diese Stadt und diese Menschen nie mit Augen gesehen hatte!" "Minna," sagte mein Gatte, "lass uns nicht ungerecht seyn! Lass uns nicht diese gute Stadt anklagen, weil wir sie missbrauchten! Vielleicht giebt es wenig grosse Stadte, die so viele offentliche und Privattugenden aufzuweisen haben; aber sie zu finden, muss man freilich nicht den Weg einschlagen, den w i r wahlten. Die Trefflichen und Guten lauern nicht am breiten Wege der uppigen Freuden, dass der Vorubertaumelnde sie wild an sich reisse. Im stillen Kreise gerauschloser Freuden wirken sie im Verborgenen, und nehmen den Suchenden mit entgegenkommender Gute auf. Wir rangen nach Betaubung, nicht nach Gluck. Jene wurde uns eine Zeitlang gewahrt, und dieses, mein Herz sagt mir's, werden wir noch finden, sobald wir ernstlich wollen. Mein Rausch ist auf immer voruber. Die Jahre und die Veranlassung zum ernsten Nachdenken sind da; uberlege auch Du, meine arme Minna, mit Nuchternheit. Es wird noch wieder gut; das ahne ich sehr deutlich." Er legte die Feder hin, kleidete sich an, und verliess mich, ohne weiter zu sprechen.
Dieser Tag war einer der bittersten meines Lebens. Ob schon unsre Lage sich im Wesentlichen um nichts verschlimmert hatte, so war ich doch um eine Hoffnung armer geworden, und damit war jede, schon mehr als halb verharschte, Wunde aufs schmerzlichste wieder bei mir aufgerissen. Ich legte unmuthig meine Arbeit zur Seite, die mich ungewohnlich anekelte, und uberliess mich einem unmassigen Schmerze, der in Thranenstrome uberfloss, so dass ich, ganz in mich versenkt, es kaum bemerkte, als mein Dienstmadchen sehr angelegentlich einen Herrn anmeldete, der mich sogleich zu sprechen wunsche. Wer er war? wusste sie nicht; aber ein recht hubscher und freigebiger Herr ware es: denn er hatte dem jungen Madchen einen harten Thaler geschenkt, dass sie ihn nur recht schnell melden sollte. Unerwarteter als dieser Vorfall konnte mir nichts begegnen; denn mit unserm Wohlstande waren Herren und Damen verschwunden, welche ehedem die frohliche Lockpfeife der Tischfreuden herbeigeflotet hatte. Noch ehe ich Zeit gewann, mein armliches Zimmer ein wenig in Ordnung zu bringen, trat ein altlicher, wohlbeleibter Mann, in einen Uberrock gehullt, zu mir herein. Sein hellfarbiges, breites Gesicht verkundigte den Vollgenuss der Tischfreuden; die starren, unbiegsamen Gesichtsmuskeln, und der offene Mund, der nicht mehr in sein Charnier schliessen wollte, den haufigen Genuss starker Weine. Dieser lebendige Kommentar zum Begriff von Fleischeslust und hoffartigem Leben stellte sich mir als den Rath *** vor, als den, von welchem meines Mannes Anstellung abhing. Er trat so dicht, mit etwas mehr als Freundlichkeit, an mich heran, dass ich einige Schritte zurucktreten musste; und als ich zu einiger Fassung gekommen war, nahm er vertraulich meine Hand, und fuhrte mich zu einem Sitz, nahm aber den seinigen so dicht neben mir, dass wir unbequem sassen. "Ihr Herr Gemahl ist bei mir gewesen," hob er in einem, von Fett schnarchenden, Tone an; "er bewirbt sich um einen Posten, zu dessen Ertheilung ich in der That mitwirken kann. Jetzt will ich mich durch diesen Besuch, den ich mir die Ehre gebe Ihnen zu machen, uberzeugen, ob seine Lage in der That so dringend ist, und ob seine schone Frau ihn und sich genug liebt, um zu seiner Beforderung mit beitragen zu wollen." Und wie kann ich das? mein Herr Rath! (fragt' ich). Ich bin bereit, so schwer es auch seyn mochte. "O, gar nichts Schweres, schonstes Weibchen! Es kommt nur darauf an, dass Sie einem Manne, auf den Ihre Reize einen unausloschlichen Eindruck gemacht haben, etwas gutig begegnen." Mit diesen Worten legte er beinahe die ganze Last seines Korpers auf meinen Schooss, um meine Hand, so wie sie da lag, zu kussen. Ich sprang unwillig auf. Er wollte mich mit Gewalt auf meinem Sitze festhalten. "Nicht so zornig, meine Allerliebste! (fuhr er fort) Sind Sie nur ein wenig gutig, ein wenig ertragend, so erhalt Ihr Mann weit mehr, als er zu bitten sich je unterfangen wird."
Bei einem solchen Vorfalle mich gehorig zu betragen, fehlte es mir an Gegenwart des Geistes. Ich druckte mich in aller Starke meines Verdrusses aus. Zuerst kroch er wie ein gemisshandelter Pudel; zuletzt aber wurde auch er aufgebracht, und spielte auf meine ungluckliche Begebenheit an, die, wie er sagte, ihm Muth gemacht hatte, auf ahnliche Gefalligkeit gegen ihn zu rechnen.
Diese Ausserung erregte mir den bittersten Schmerz. Ich hatte gehofft ich sei vergessen, und jetzt sah ich deutlich, dass meine Vergehen noch in regem Andenken standen. O, nie, nie wird des Guten so lange und lebhaft. gedacht! Indess gelang es mir doch, den frechen Menschen durch mein festes Benehmen zu uberzeugen, er habe sich in meinem Karakter geirrt. Nach langem verdriesslichen Wortwechsel liess er sich herab, mich um Stillschweigen auch gegen meinen Mann zu ersuchen; er fuhlte nicht, der Undelikate, wie viel mir selbst daran lag, dass mein Mann durch nichts an diese krankenden Umstande erinnert werden mochte! Zuletzt, als er mich einigermassen gefasst sah, liess er noch verlauten: entgegen wolle er meinem Manne nicht wirken; aber der Sekretar bei dem grossen Manne, auf den es doch am eigentlichsten ankomme, befordere keine Bittschrift, die mit leerer Hand uberreicht wurde. Ich nahm diese Weisung ziemlich murrisch an. Nachdem er noch viel Unwesentliches zur Sache gesagt hatte, empfahl sich der Herr Rath, der mir von seiner Niedrigkeit so redende Beweise gegeben, obschon er in der Welt unter der allgemeinen Benennung eines rechtschaffenen Mannes bekannt war.
Bald nachher kam mein Mann in sehr dusterer Stimmung nach Hause. Ich sagte ihm, wer bei mir gewesen war, und erwahnte, als Zweck dieses Besuches, der Nachricht, die den Sekretar betraf. "Also auch ein Schurke!" sagte mein Mann bitter. "Und wir sollen darum, dass sie's uberall sind, kummervoll darben? Mein Freund, der Buchhandler, sagte mir eben: nehmen Sie doch, als ein erfahrner Mann, die Welt, wie sie ist; wir werden sie nicht reformiren, wohl aber untergehen, wenn wir nicht mit dem Strome schwimmen. So sei es, Minna! Lass uns, was wir aus dem verschuldeten Schiffbruche retteten, was wir fur den Nothfall hinlegten, lass es uns einpacken. Dies sei der Nothfall, fur den wir's aufbewahrten! Der Elende, der fur Geld hilft, mag's auf seine Lumpenseele nehmen."
Ein Ring, eine Dose, nebst einigem Silbergeschirr, die Pathengeschenke meiner Tochter, wurden in eine modische Tabatiere, mit 30 Dukaten gefullt, umgeschaffen. Meine Hande zitterten beim Einpacken, nicht darum, weil es das Allerletzte war, was wir aufzubringen vermochten, und einem Raube an meiner Tochter glich, sondern, weil ich mir dachte: d a s i s t B e s t e c h u n g ! O pfui, des schandlichen Weges! Wie? wenn der Mann nicht ganz so schlecht ist, und schleudert's uns verachtlich zuruck! Ist der nicht auch schlecht, der die Frechheit hat, Bestechung anzubieten? Diese meine Besorgniss war vergebens. Die Antwort auf die Bittschrift erfolgte sehr schnell, ohne jedoch des beigefugten Opfers zu erwahnen. "Die Sache," hiess es, "solle nachstens zum Vortrage kommen. Ihro Excellenz waren ganz geneigt, einer w u r d i g e n Familie wieder aufzuhelfen," u.s.w.
Nun wiegten wir uns aufs neue in Traumen susser Hoffnung; die hellere Zukunft schien uns naher geruckt; wir waren wie neu belebt. Die Arbeit ging rasch und flink von statten, und wir sprachen viel und oft von dem sehnlichst erwarteten Ausgange der Bittschrift, welcher bald genug erfolgte. Mein Mann wurde durch einige Zeilen zum Sekretar gefordert. Lesen, ankleiden und wegeilen war das Werk einiger Minuten. Ich blieb, bebend vor Furcht und Hoffnung, zuruck, und lief unthatig umher; denn um die Welt hatte ich keine Arbeit anruhren konnen. Ich wankte bald zum Fenster, bald zur Treppe, dem Manne die Nachricht, noch ehe er sprache, aus dem Gesichte zu lesen. Er kam, und ich las sie wirklich von Weitem schon auf seinem blassen, Ungluck weissagenden Gesichte. Mit Worten wagte ich es nicht, ihn zu fragen; auch hatte meine Brust nicht Athem genug zu reden. Endlich, nach bangem, minutenlangen Schweigen, in welchen er noch immer nach Fassung strebte, fing er mit mattem, erschopften Tone an: "Minna, nun ist wohl alles vorbei! Der Minister wollte helfen; nachdem aber der Rath ***, eben der, welcher uns diesen Weg angerathen hat, bei ihm gewesen war, liess er den Sekretar hereinrufen, und uberhaufte ihn mit Vorwurfen, dass er ein solches Subjekt zu empfehlen gewagt habe; einen Menschen, der Kindergelder angegriffen, und sich durch seine und seines liederlichen Weibes Tollheiten zu Grunde gerichtet habe. 'Dergleichen unterstehn Sie sich in Zukunft nicht mehr!' hat er hochst entrustet hinzugesetzt. Mit diesem Bescheid ist unser Schicksal auf immer entschieden, arme Minna!"
Auch dieses war einer von den entscheidenden Momenten des Lebens, wo zuweilen die Seele durch einen raschen Entschuss sich aus dem Abgrunde emporschwingt. Ich umarmte meinen Mann leidenschaftlich, indem ich zu ihm sagte: "Ich folge Dir bis in den Tod; Dein Loos sei das meinige! nur lass uns diese Welt, die uns ausstosst, nachdem sie unsern Lebenssaft mit aufzehrte, lass uns diese elenden Menschen meiden! Ihre Nahe ist Schmach!" "Aber wohin? wohin wenden wir uns, armes Weib, das ich mit in mein Schicksal verwickelte?" "Aufs Land, zu einfachen Menschen, zur einfachsten Lebensart; in ihr liegt ganz gewiss das Gluck, welches wir unsinniger Weise im Strudel der Uppigkeit suchten." Ich gedachte in diesem Augenblicke eines Gartens, den ich mit meiner Tochter und einem Dienstmadchen bearbeiten wollte. Es waren wahrscheinlich Ideen meiner ersten Jugend, die in mir auflebten. Der Einfall war im Grunde unreif, aber die Stimmung des Augenblicks rechtfertigte ihn. Auch das moge ihn entschuldigen, dass mein Mann ohne Bedenken zustimmte, und sogleich alle Anstalten machte, ihn ins Werk zu richten.
Allein ein Herzleid sollte uns doch noch widerfahren, ehe wir von dannen schieden. Ich war gegen Abend ausgegangen, um einige Kleinigkeiten anzuschaffen, und war nicht lange ausgeblieben. Bei meiner Zuruckkunft fand ich meinen Mann in ausnehmender Bewegung; er fuhr ungestum auf mich los, einen Brief in der Hand haltend. "Weisst Du davon? Minna!" (fragte er); "weisst Du um diese Schandthat?" "Wie? was hast Du? Ich begreife Dich nicht!" "Nicht? so lies!" Er reichte mir ein Billet hin; es war vom Rath ***, der mir erklarte, dass er, zu meinem Besten, die Sache wegen meines Mannes Versorgung habe hintertreiben mussen; er konne das nicht der Feder anvertrauen, bate mich aber, beikommende Kleinigkeit als einen geringen Ersatz vor der Hand anzunehmen, bis ich ihm erlaube, in wesentlichern Dingen seine achtungsvolle Werthschatzung an den Tag zu legen. Diese Kleinigkeit waren 50 Dukaten. Ich vertheidigte mich gar nicht bei meinem Manne; er musste sehn und fuhlen, dass ich unschuldig war. Jetzt gestand ich ihm auch die Antrage des Raths, die ich ihm, aus Schonung fur uns beide, verschwiegen hatte. Allerdings war es unrecht, hier zu schweigen; denn ich wurde durch die Entdekkung der ehrlosen Absichten jenes Herrn den Versuch verhutet haben, welcher meinem Gatten eine so schimpfliche Zuruckweisung zuzog. Jetzt war's offenbar: der Rath wollte dass wir das letzte aufopfern sollten, um nachher durch Durftigkeit gezwungen zu seyn, seinen beleidigenden Antragen Gehor zu geben. Das Packchen und den Brief hatte er meinem Dienstmadchen selbst gegeben, und diese hatte es aus Bosheit oder Dummheit, ich hielt's fur das erste, meinem Manne eingehandigt.
Da der Mann sich in seinem Billet genannt hatte, so schickten wir Brief und Packchen mit einem, der Sache angemessenen, Schreiben an ihn zuruck. Wir haben nachher nie wieder seinen Namen gehort, als da sein, im sechs und vierzigsten Lebensjahre an Entkraftung erfolgter, Tod in den offentlichen Blattern bekannt gemacht wurde.
Nun waren wir endlich frei, und leicht genug, unsern Weg nach der neuerwahlten Heimat anzutreten. Unser Gepack war klein, unser Geldvorrath gering; aber freudiger konnten wir uns nicht auf den Weg machen, ware fur uns auch das grosste Gut zu erwarten gewesen. So wohl thut dem Herzen das Selbsterwahlte! Unsre gute Stimmung wankte selbst nicht bei dem niederschlagenden Anblicke des verfallenen Wohnhauschens und der schmutzigen Armlichkeit des Ganzen; denn die Uberzeugung, dass hier Zufriedenheit bei uns wohnen wurde, war aus uns selbst geschopft.
Wir legten frisch die Hande ans Werk. Ich miethete ein Madchen aus dem Dorfe. Mein Mann pfluckte und schuttelte das Obst, ich und meine kleine Tochter lasen es auf, und suchten es aus; mein Dienstmadchen trug es zu Markte. Dies wechselte mit Arbeiten, die unsrer Weichlichkeit freilich etwas harter fielen; aber der gute Wille half, und es ging. Jetzt kamen mir meine, in der fruhen Jugend erworbenen, wirthschaftlichen Geschicklichkeiten zu statten; ich war unermudet, sie auszuuben, und das Gedeihen unsres Fleisses war so sichtlich, dass unser Muth dadurch immer mehr wuchs. Das harmlose, gute Landvolk um uns her, das, wie es sich ausdruckt, seinem Gotte in der Einfalt seines Herzens dient, belebte die Erinnerung jener Zeit, wo auch ich kindlich an meinen Schopfer gedacht hatte, aufs neue; aber aus eignen Kraften vermocht' ich nicht, mich in die Gefuhle meiner zarten Jugend zuruckzusetzen. Die Vorsehung wollte indess, dass ich es sollte; sie veranstaltete die Dazwischenkunft eines Mannes, dessen Andenken mir ewig gesegnet bleiben wird.
An unsre kleine Besitzung, die wir in Pacht genommen hatten, granzte die eines Mannes, eines Weisen, fur den meine Dankbarkeit noch keine bezeichnende Benennung gefunden hat. Auch er hatte sich von den Sturmen des Lebens, aber mit unverwundetem Gewissen und unvergeudetem Vermogen hieher zuruckgezogen. Der Tod seiner eben so trefflichen Gattin hatte ihm die Einsamkeit zum Bedurfniss gemacht. Er durfte sich auf seine eigne Gesellschaft verlassen; denn er brachte einen reichen Schatz in seinem Innern mit. Sein gesunder Kopf war mit Kenntnissen aller Art bereichert. Mit seinem schonen Herzen stand er sich eben so gut. Sein Umgang wurde fur jeden, den er damit beehrte, eine Wohlthat. Die Landleute, die nicht recht wussten wer er war, nannten ihn d e n k l u g e n H e r r n ; die Frauen aber sagten immer von ihm: d e r g u t e H e r r . Die Kinder standen, wenn er sich zeigte, ehrfurchtsvoll, und nahmen ihre Mutzen ab; er beschenkte sie, und erlaubte dass sein alter Bedienter, Gottfried, ihnen etwas erzahlen, und sie belehren durfte, wobei sie stricken oder spinnen mussten. Der Unthatige war von dieser Unterhaltung ausgeschlossen, und das achteten sie fur eine entsetzliche Schande. Doch ich will ja nur gedenken, was der kluge und gute Herr u n s wurde. Er hatte von uns gehort; unser Entschluss, uns auf uns selbst zu verlassen, hatte ihn fur uns eingenommen; er sah uns; wir waren so glucklich, ihm zu gefallen; auch unsre Einrichtungen hatten seinen Beifall. Er kam nun ofterer zu uns, arbeitete mit uns, und nie ging er, ohne uns irgend einen guten anwendbaren Rath oder eine ausfuhrbare Angabe hinterlassen zu haben; immer fuhlten wir unsern Muth gestarkt, und der Wunsch, ihn recht bald wieder zu sehen, blieb bestandig bei uns rege.
Sein scharfer Blick hatte leicht meine schwankenden Begriffe von dem, was mir das Wichtigste seyn musste, erspaht. Ich jammerte ihn; er gab sich die Muhe, meine Kenntnisse und das zu prufen, was mich hinderte, mich einer freudigen Gottesverehrung hinzugeben. Sein Tadel war ohne Bitterkeit, und sein Mitleiden beleidigte nicht. Er raumte mit ausharrender Geduld in meinem Kopfe auf; fegte alles hinaus, was schlechte Fruchte tragen konnte; lehrte mich einen Gott kennen, der eben der war, den meine frommen Eltern so treu und freudig verehrten. Mit meinem Manne liess er sich in gelehrte Untersuchungen ein, welchen ich indess auch die Freiheit hatte beizuwohnen. Der einfachere Unterricht war fur mich, und auch bei meiner Tochter grundete er eine Kenntniss von Gott, die tausendmal mehr als Katechismusunterricht werth war. Ich will Sie, meine Ida, nicht mit dem Detail seiner Unterredungen ermuden; aber das Resultat war: dass er uns zu glucklichen Menschen umbildete, die mit heitrem Auge in die Zukunft blicken durften. Auch im Anfange unsrer Haushaltung unterstutzte er unsre Durftigkeit doch jederzeit so schonend, dass wir nur den Wohlthater erriethen, und ihm nie mit Worten danken konnten.
Die strenge Arbeitsamkeit, zu der unsre Armuth uns verpflichtete, befestigte meine Gesundheit. Ich bluhete, so zu sagen, von Neuem wieder auf; denn das ewigbewahrte Rezept gegen die Uppigkeit, A r m u t h , hatte auch bei uns seine Dienste gethan. Auch mein Mann und meine Tochter genossen einer Starke der Gesundheit, von der sie bis dahin durch sich selbst keinen Begriff gehabt hatten. In unsern Mussestunden, deren wir aber nur wenige hatten, lasen wir aus dem Buchervorrathe unseres Freundes; da ich mich aber in allem Ernst vor dem Bucherlesen furchtete, so schrankte ich mich grosstentheils auf Spaldings schatzbare Schriften ein. Der sanfte Geist, der darin athmet, that meinem Herzen unendlich wohl. Doch las ich auch wirthschaftliche Schriften, Naturhistorie, Physik, etc. und unser Freund brachte mir einige praktische botanische Kenntnisse bei.
Unser kleines Hauswesen gedieh so gut, dass wir uns in kurzer Zeit schon nach Erweiterung des Raumes, den wir inne hatten, umsahen. Uns war so wohl, wir dachten so wenig an die Welt, die wir, oder vielmehr die uns verlassen hatte, zuruck, dass es uns beinahe eine schmerzliche Nachricht war, als meines Mannes Tante starb, und uns eine gute Erbschaft hinterliess. Die Eingeschranktheit hatte uns in steter Spannung und Thatigkeit erhalten; ich furchtete jetzt den Wohlstand wie eine Hyane. Allein wohl mir! meines Mannes Gefuhl war gereinigt, wie das meinige. Er hob die Erbschaft, brachte nur so viel Zeit, als eben zu diesem Geschafte erforderlich war, ausser dem kleinen Bezirke unsrer Zufriedenheit zu, baute uns nachher unsre Hutte bequemer und anstandiger auf, kaufte das Land, das wir nur in Pacht gehabt hatten, und das ist nun eben das Hauschen, in welchem Sie, meine Ida, Ihrer Freundin so einfach und so uberaus glucklich ihre Tage verrinnen sehen! D e r k l u g e , g u t e H e r r , dem wir unsre bessere Existenz verdanken, ruht dort unter den beiden Linden, uber welchen die vergoldete Kirchthurmfahne hervorragt. Ich gehe den Hugel, der seine theure Asche deckt, nie voruber, ohne meine Tochter dabei verweilen zu lassen, das Andenken dieses unsres Heiligen zu segnen, und mir den Spruch zu wiederholen, den ich oft von seinen werthen Lippen gehort habe: "W o T u g e n d und Arbeitsamkeit herrschen, da w o h n t a u c h d a s G l u c k ." Minna schwieg als sie ihre Erzahlung geendigt hatte, und Ida sass tief in sich versenkt, mit zuruckgelehntem Kopfe. Also Armuth und strenge Arbeitsamkeit wurde Ihnen der Weg zum Glucke! Gut, das braucht man ja nur zu wollen! Arbeiten, o ja, arbeiten ist sehr gut! Nuchternheit reinigt die Seele, sagt man. So redete sie in abgebrochnen Satzen, als wenn sie allein ware. Minna erschrak, und schlug ihren Arm liebend um der Freundin Nacken. Was bewegt Sie so sonderbar, meine Liebe? meine Erzahlung hat Sie emport. Nicht wahr? Sie sinnen, wie Sie nur ein Herz von sich entfernen wollen, das Ihrer Liebe nicht immer w e r t h war. O nein, nein! rief Ida, und brach in Thranen aus; ich sann, ich gestehe es Ihnen, ich sann, wie ich dem Versprechen, Sie mit mir bekannt zu machen, wenigstens noch auf einige Zeit ausweichen konnte, und da erschrak ich, dass das Ende Ihrer Begebenheiten mich ereilt hatte, ohne dass ich vorbereitet war. Und nun, Minna, hat mich der Schluss derselben, Ihr Edelmuth, die Grosse Ihrer Beharrlichkeit, Ihre Entschlusse, das alles hat mich vernichtet; ich habe Ihnen grossere Fehler, und weniger Muth, sie gut zu machen, mitzutheilen. O, erlassen Sie mir die bittere Aufgabe! nur noch auf einige Zeit erlassen Sie sie mir! Sie sollen alles horen; aber mich sogleich neben Sie, die Gute und Edlere, zu stellen, das vermag meine Eigenliebe nicht. Ich bin klein, sehr klein, wie Sie sehen; aber ich war nicht immer so arm, so muthlos. Einst, ach, es war eine schone Zeit! durft' ich mit freiem Blick um mich schauen; doch das ist lange her, und seitdem Hier trat der Verwalter des Edelhofes, den Ida seit einiger Zeit bewohnte, zu ihnen. Er redete Ida an: "Madame, es thut mir recht leid, dass ich Ihnen etwas sagen muss, das Ihnen unangenehm seyn wird; Sie sind ohnehin immer so traurig. Ich gehe schon seit gestern mit dem Gedanken um, wie ich's Ihnen vorbringen soll. Nun, da eben die Madame bei Ihnen ist, kann die Sie trosten; die ist ja immer so lustig wie ein Finkenmannchen." Diese Einleitung machte einen sichtbar unangenehmen Eindruck auf die Frauen. Ida hatte nicht den Muth, zu fragen, was das fur eine Nachricht sei. Minna drangte den Mann, dass er damit herausrucken musste. "Ja," fing er langsam stammelnd an, "als der gnadige Herr nach Mecklenburg ging, liess er mich kommen, und sagte: 'Hor' Er mal, Schulz, ich reise zu meinem Bruder, der ist krank, und werde bis zum Oktober wegbleiben. Da steht nun das Haus und alle die Wirthschaft allein. Es ist Schade, dass kein Mensch in der Blumenzeit hier seyn soll. Findet sich jemand, namlich ordentliche, rechtliche Menschen, so kann Er die Zimmer da unten zum Sommerplaisir vermiethen thun, und das Geld soll Seine seyn. Weil Er mir immer ordentlich gedient hat, so ist's billig, dass ich mich bei allen Gelegenheiten dankbar gegen Ihn beweisen thue. Ich hab's Ihm nicht vergessen, Alter, wie Er mich bei Torgau aus dem Getummel trug.' Denn sehen Sie nur, unser Herr war damals Kornet, und das Pferd wurde ihm unter'm Leibe todtgeschossen, und er bekam eine Wunde, sehen Sie nur, justement hier ging sie ihm vorbei, die Kugel." Gut, gut! fiel ihm Minna ungeduldig ins Wort; die Nachricht, lieber Herr Schulz, die Nachricht! "Ja, dass ich Sie nicht zu lange aufhalte. Der Abend ist ein wenig frisch; um diese Zeit ist es immer so, ich weiss, als ich noch ein kleiner Junge war" War Er ein lieber, munterer Knabe, nicht wahr? und wurde leicht ungeduldig, nicht wahr? rief Minna noch ungeduldiger. "Herr Jemine, unser einer kann ja nicht so fix mit der Sprache heraus!" fuhr der Alte langsam fort. "Nu, was ich sagen wollte, da sagte ich denn: wenn der gnadige Herr es erlauben thut, so wusst' ich wohl jemand, dem mit dem Sommerplaisirchen gedient ware. Da hat mir mein Schwager geschrieben, wenn sich hier herum so etwas fande, bei ihm in Orte hielte sich that er mir schreiben eine Dame auf, von der kein Mensch wusste, wo sie her gestoben und geflogen ware. Es musste wohl so eine Matresse seyn. Er fur sein Theil fruge nicht darnach; sie ware hubsch und fein, und bezahlte auch gut: bei ihm lebte sie still und ordentlich; nur dass sie manchmal so rappelkopfisch ware, dass sie stundenlang weinen thate, und uber Papieren sasse. Weiter, mein Freund: ich hore, er meint mich, sagte Ida; ja, geweint habe ich viel, mich druckt ein schwerer Kummer, das ist wahr. Na, darum jammerte es mich auch; und ich dachte, ich wollt's Ihnen zuwenden, weil der Schwager doch schrieb, Sie bezahlten auch ordentlich. Meine Alte brummte auch wohl, und sagte, ich wurde wohl allerlei in's Haus schleppen, ich konne die alten Soldatenstuckchen noch immer nicht vergessen. Aber, mein Seel'! noch hat's mich nicht gereut, Sie sind eine gute liebe Madame. Nur schade, dass die Freude so bald ein Ende nehmen soll; da schreibt nun der gnadige Herr: er las den Brief: 'Mein lieber Schulz, wenn das Heu herein ist, so sorge er doch nun das dient Ihnen nicht zu wissen. Und ja wo ist es denn nun? Von wegen der Wohnung, sorge er, dass sie geraumt wird. Es sei denn, dass die fremde Dame sich mit dem kleinen Gartenhause, auf dem Berge behelfen wolle. Denn ich bringe einen alten Freund mit, den ich in der untern grunen Stube gern einquartieren mochte.' Da war's heraus, Madamchen. Nun thun Sie, was Sie wollen. Morgen oder Ubermorgen kommt die Herrschaft. Das Gartenhauschen ist wohl hubsch. Eine, zwei ja warten Sie mal; ein, zwei Stuben und zwei Kammern. Der Kamin ist geraumig genug zum kochen. Und ne Aussicht, potz tausend! man sieht bis in andrer Herren Land."
Ida, welche etwas schreckliches besorgt hatte, sagte mit erleichtertem Herzen: ich nehme es an, lieber Schulz; mir liegt daran, noch eine Weile in dieser Gegend zu bleiben, wo ich eine so liebe Freundinn gefunden habe, und wo ich den Ausgang meiner Angelegenheiten abwarten will. Sein Herr ist also wohl ein recht braver Herr? ist er verheirathet? O er ist ein scharmanter lieber recht gemeiner Herr; ob schon ein grosser Generals Sohn, und so alt von Adel, dass es bald gar nicht mehr wahr ist; so ist er doch gar nicht grossmuthig, wie die andern Herren vom Adel, die da immer denken, unser einer ware von andern Koth zusammengesezt. Denn sieht er wohl, lieber Schulz, sagt' er oft, ich bin aus der Mutter Schooss gekommen, wie mein Knecht, und muss meine alten Knochen dahinlegen, wie er; was sollt' ich mich denn uberheben, wenn meine Vorfahren brave Kerls waren? Und seine Dame, ob schon sie nicht von Adel ist, so thut sie auch nicht so dicke thun, wie wohl andre, die in der Welt zu was kommen. Sie ist eine fromme demuthige Dame, die nicht hoch 'raus will, und man immer sich mit der Armuth abgeben thut: da thut sie die Kinder dies und das lehren; o unsre Madchen sind auch weit und breit beruhmt, dass sie sich so gut konnen mit Kindern behelfen; das lehrt sie alles die gnadige Frau. Die Madame Nachbarn wird wohl schon davon wissen.
Sie hat einen ungemeinen Ruf, sagte Minna; ich kenne sie selbst noch nicht, aber meine Auguste hat ihre Bekanntschaft schon gemacht, und erhebt sie bis in den Himmel, wegen ihrer Gute. Allein, damit wir doch endlich etwas beschliessen, liebe Ida, Sie mussen also das grune Zimmer, des alten Hausfreundes wegen, der mit kommt, raumen. Schade! das Zimmer ist so traulich, und die Rosen und Weinreben, die in's Fenster kucken. Wollen Sie das Berghauschen nicht beziehen, so habe ich noch zwei Gaststuben. Einen liebern Gast durften Sie schwerlich je aufzunehmen haben. Nun, Ida? schlagen Sie ein? Nein, Minna, das Berghauschen soll's seyn. Ich bin Ihnen dann naher, ohne Ihnen lastig zu seyn. Herr Schulz, morgen fruh beziehe ich es. Dann mag Ihr Herr kommen, ich werde mich freuen, den braven Mann kennen zu lernen. Gut, sagte Minna; mein Mann verreiset vor Tages Anbruch: ich werde bei Ihnen seyn, und Ihnen beim Umziehen helfen. Die erste Mahlzeit auf dem Berge bereite ich, und verzehre sie in ihrer lieben Gesellschaft. Fur heute ist's Zeit aufzubrechen. Herr Schulz, Sie bringen mich durch den Kuchen Garten, so komme ich um zehn Minuten fruher an. Auf diese Weise befreiete sie Ida von dem redseligen Alten. Und so schieden sie fur diesesmal. Ida bezog die kleine freundliche Wohnung auf dem Berge, und genoss in Gesellschaft der treuen Freundin, der schonen weiten Aussicht, als sie eine Reise Equipage in dem Edelhofe ankommen sahen. Ida schauerte zusammen, ohne sich Rechenschaft geben zu konnen, was die ankommende Familie des Herrn von Auerfelde auf ihr Gefuhl zu wirken habe. Die Entfernung war zu gross, als dass sie etwas anders, als zwei Herren und zwei Frauenzimmer, welche ausstiegen, hatte bemerken konnen. Bald erschien einer der Herren im Hofe, besah die Wirthschafts Gebaude, und kam den Garten hinab, bis auf eine kleine Strecke von dem Orte, wo die Frauen sassen, die den Fremden nun ganz deutlich erkannten. Allmachtiger Gott! was ist das? rief Ida erblassend, und mit den Augen auf die Stelle hinstarrend, wo der Fremde stund, der sie aber nicht zu bemerken schien. Minna, so lebhaft sie auch der Freundin zu Hulfe eilte, kam doch zu spat, um sie aufzufassen; sie war schon ohnmachtig von dem Stuhl herabgesunken. Indess hatte der Fremde sich von der andern Seite entfernt, und wir eilen die Veranlassung dieses Vorfalles in einem Briefe mitzutheilen, welchen Madame Thalheim an ihren abwesenden Mann schrieb.
Liebster Mann!
"Du wunschtest, ich mochte Dir schreiben. Ich wurde Dir gar nichts zu sagen haben, als dass die grosse englische Henne ihre Kuchelchen glucklich ausgebracht, und der Wind Deine Nelken abgeschlagen, und noch sonst manches, das wir mit eigner Hand zogen, verwustet hat, hatten sich hier in Kleedorf auf dem Edelhofe, nicht wunderliche Dinge zugetragen; recht so wie in den Romanen, oder Komodien, wo die Vater und Onkel, eben so zur rechten Zeit aufzutreten pflegen. Die Ida hat doch ich muss Dir das in der Ordnung erzahlen. Als Du abgereiset warst, mein Lieber, ubergab ich Augusten die Aussicht des Hauses, und ging zu Ida, die nun nicht Ida mehr ist. Ich fand sie schon in ihrer neuen Wohnung eingerichtet; und wir uberliessen uns dem Vergnugen, das jede neue Situation uns Weibern zu gewahren pflegt. Wir schauten in die weite Aussicht umher, und stritten um die Lage der Orter. Nein: das ist Ruheim, nein: das ist nicht Ruheim, das ist Vogelfelde u.s.w., als eine schnell anfahrende Reisekutsche unsre Aufmerksamkeit auf sich zog. Das ist der Edelmann, sagt' ich so zufallig hastig, dass Ida zusammenfuhr, und die uble Gewohnheit, sie durch meinen vorlauten Ton zu erschrecken, schalt. Er war wirklich der Gutsherr, sie stiegen im Edelhofe ab; der Herr, der alte Freund, die Dame, und ein untergeordnetes Frauenzimmer, wie ich an den schmieg- und biegsamen Wesen bemerkte. Das war gut, und wir sprachen von etwas anderm. Nach einer Weile erschien im Hofe der Herr, der nicht der Gutsherr war; er sah, und ging, und kam endlich den Gang herunter, bis nahe zu uns hin. Ich erkannte einen hubsch aussehenden, nicht jungen Mann, der m i r weiter nicht bemerkenswerth schien. Aber Ida sah mehr, sie that einen klaglichen Schrei, faltete die Hande vorwarts hingegestreckt, und sank zu Boden. Der Vorfall entsetzte mich um so mehr, da Niemand zur Hulfe in der Nahe war, und der Fremde, der uns gar nicht bemerkt hatte, schon in einen Seitenweg eingelenkt hatte. Diesmal that mir die Gewohnheit, mein Wasserglas uberall neben mir zu haben, gut; ich besprengte die Ohnmachtige, und nach einigen heftigen Zuckungen der Brust, erholte sie sich. Ida, meine Ida, wie war Ihnen? Ach ach! die Erscheinung dort unten. O! der Fremde! ach Minna, Minna, verbergen sie mich; Lassen Sie uns von hier eilen: er muss mich jezt noch nicht sehen. Wer? wer soll Sie nicht sehen? Sie buckte sich an mich heran, und sagte mit verstortem Blick: der Fremde war mein Vater, der Amtmann Grunthal: er wars gewiss. Kommen sie nur geschwind, kommen Sie, dass er mich nicht sieht. Sie ergriff mich, und schwankte nach dem Hause hin. Meine Besturzung machte, dass ich ihr stillschweigend folgte. Sie sank erschopft in einen Stuhl, und rang nach Luft; ich half so gut ich konnte, ohne sie mit Fragen zu qualen, so sehr mich selbst die Neugier qualte.
Nachdem wir uber eine Stunde so zugebracht hatten, erlangte sie etwas mehr Fassung. Ich ausserte, sie konne auch wohl irren; es gebe tauschende Ahnlichkeiten. O nein! nein! er ist's, erwiederte sie: ich habe es nicht aus dem Herzen gelassen, das liebe redliche Gesicht, das so freundlich war, und ach! jezt mir so schrecklich ist! Ich suche ihn, aber so plozlich, so uberraschend, wollt' ich ihn nicht finden. Erst wollt' ich sein Herz erforschen. Ach! er wird es mir auf immer verschlossen haben. Und doch, war er nicht selbst da noch Vater, als die Ungluckliche, pflichtvergessene vor ihm floh? Sie erzahlte mir in wenig Worten ihre Geschichte, dass sie vom Lande, in die Kostschule der Rathin Brennfeld gekommen, dort von einer adlichen Kostgangerin zum Leichtsinn verfuhrt worden, dann vom aufgebrachten Vater zu einer Verwandtin gethan, deren Mann sie von derselben abwendig machte, so dass er sich von ihr schied, und sie heirathete. Drauf sei die romanhafte Liebe bald erkaltet; der Mann habe bankrott gemacht, sei mit einem Madchen durchgegangen, und sie die Ungluckliche, habe der Schmeichelei eines russischen Fursten Gehor gegeben, und sei diesem nach Russland gefolgt. Nach mancherlei Schicksalen sei sie wieder nach Deutschland verschlagen, und hier in die Gegend gekommen, um sich dem Vater nach und nach zu nahern. Aber so schnell, so unversohnt, ohne alle Vermittlung, wage sie es nicht, vor ihm zu erscheinen.
Was nun erfolgte, wirst Du Dir, mein Lieber, leicht denken. Eine Bitte, um meine Vermittlung. Nach einigem Bedenken ubernahm ich's; denn sie jammerte mich von Herzen; und wir mischen uns ja fur unser Leben gern in fremde Handel. Je intrikater, je lieber!
Das erste was ich in der Sache that, war dass ich mich bei dem Verwalter erkundigte, wer der mitgekommene Fremde sei? Es war richtig der Amtmann Grunthal. Nun ging ich einigemal in dem Garten umher, mich zu dem nicht leichten Geschafte zu sammeln. Als ich mich hinlanglich vorbereitet glaubte, schickte ich den alten Freund Schulz ab, mich bei Herrn Grunthal zu melden. Ich wurde angenommen, und in das untere Zimmer gefuhrt, das Ida, nun Julchen, bis dahin bewohnt hatte. Mir schlug das Herz wie damals, als ich vor meinem Stiefvater, nach einer gewissen Begebenheit, die ich in meinem Ehrendenkmal nicht angesuhrt zu haben wunschte, erscheinen musste. Herr Grunthal kam mir entgegen, freundlich, doch so wie man jemanden aufnimmt, von dem man nicht weiss, wie er uns stimmen wird. Er ist ein Mann, in den ersten der funfzig, von gradem deutschen Anstande, mehr hager als fett; auf sein regelmassiges Gesicht hat der Gram, wie es scheint, tiefe Falten eingefurcht; eine ahnliche Bildung habe ich, denk' ich, schon auf mancher Gemme gesehen. Sein Ernst hatte nichts abschreckendes, und ich athmete wieder freier, als er mich mit einer reinen Tenor Stimme um mein Gewerbe fragte. Sie sind eine von den Damen des Hugels? fragte er freundlich. Ich bin keine Bewohnerin desselben, sondern gehore auf dem nahe Vorwerk zu Hause, wo ich schlechtweg eine Baurin bin. Aber die Bewohnerin des Hugels, welche Sie aus diesem Zimmer vertrieben haben, schickt mich an Sie ab; o, unterbrach er mich galant, dann ist's ja an mir, an sie abzuschicken, oder wenn sie's erlaubt, ihr aufzuwarten, dass ich ihr meine Entschuldigung mache. Ach Herr Grunthal, was die Entschuldigungen betrift, so furcht' ich, Sie haben viel bei ihr zu entschuldigen. Es ist die Absicht meiner Sendung. Er stuzte. Wie kame ich dazu? ich habe nicht die Ehre sie zu kennen. Sie hat Sie ehedem sehr wohl gekannt. Sie haben in zartlichem Verhaltnisse mit ihr gestanden, sie hat sich schwer an Ihnen versundigt, und sehnt sich jezt, Ihnen ein reuiges Herz zu Fussen zu legen. Wie, wie, stammelte er ausser Fassung. Versundigt hat sich an mir Niemand, als, o nein! nein! das ist nicht, das kann nicht sein! Madame Sie halten mich auf der Folter: wenn Sie nicht meine ungluckliche Tochter meinen, er brach in eine Fluth von Thranen aus; wenn Sie die nicht meinen, so kann Ihr Gewerbe nicht an mich gerichtet sein. Und wenn sie es nun ware? was durfte sie hoffen? O huten Sie sich, Madame, in einer so schrecklich angreifenden Sache, meiner zu spotten, reden Sie, ohne Umstande. Es ist Ihre Tochter. O Gott, o Gott! schrie er, und sturzte zur Thure: wo, wo haben Sie sie? Sie ist nicht hier; aber ganz nahe Sie mussen Sie mir nicht vorenthalten, rief er, indem er mich ungestum nach sich zog, und an sein Herz druckte, dass ich es merklich fuhlte. Dann liess er mich plozlich loss, und sagte: nein, nein! ich darf sie nicht sehen. Sie wurde meiner Schwache nur spotten. Konnte sie doch so manches Jahr hindurch, den Vater trostlos sich harmen lassen; was kummert's sie, ob er verzeiht, oder nicht? Sie hat ja vornehme Beschutzer, die ihr den Vater ersetzen. O Herr Grunthal, werden Sie nicht bitter; Ihre Tochter ist allein, ist hulf- und schutzlos. Der Gram, die Sehnsucht reibt ihre Lebenskrafte auf. Sie mussen, Sie w e r d e n verzeihen. Kennen auch Sie mich schon so gut? Hat sie Ihnen denn schon gesagt? Sie hat mir nichts gesagt, als dass sie Ursach hat zu verzweifeln; und doch ohne Sie versohnt zu haben, nicht leben kann. Er stand still in sich gekehrt, unentschlossen und wiederholte fur sich: nein, nein, verzweifeln soll sie nicht. Dann war er wieder still. Herr Grunthal, fing ich wieder an, was soll ich meiner Freundin fur eine Antwort bringen? Er schreckte auf, fasste hastig meine Hand, und sagte: nun so kommen Sie, kommen Sie denn, ich bin von Herzen bereit. Doch! sollte die Verzeihung suchende nicht zum Vater kommen? O pfui pfui, Herz an Herz, und wenn's Liebe seyn soll, dann ohne Ruckhalt! Kommen Sie. Er riss mich fort. Ich hatte Muhe, seinen von der feurigsten Bewegung angetriebenen Schritten zu folgen.
Er flog voran, indem ich mir fast die Lunge zersprengte ihm zuzurufen, mit dieser Hast, und diesem Uberraschen konne er seiner Tochter den Tod bringen. Die Eil war ohnedem vergeblich; denn es hatte sich indess etwas ereignet, das uns beide gleich unvermuthet und schreckhaft uberraschte. Ida, nicht doch, Julchen, hatte, von banger Erwartung gefoltert, meine Zuruckkunft nicht ruhig in ihrem Zimmer erwarten konnen. Sie war mir gefolgt, und hatte mich wahrscheinlich in einer Laube des Gartens erwarten wollen. Dort fanden wir sie zu den Fussen der Frau von Auerfeld ohnmachtig, und diese Frau zitternd und in Thranen gebadet. Ich verzage, lieber Wilhelm, Dir ein anschauliches Bild von dieser, in ihrer Art, einzigen Szene entwerfen zu konnen. Grunthal schoss an mir vorbei, indem er unartikulirte Tone ausstiess, die mir durch Mark und Bein drangen. Mir war um des Mannes Verstand bange. Er riss die ohnmachtige Tochter auf, nahm sie wie ein Kind in den Arm, kusste und uberstromte sie mit seinen Thranen ohne zu sprechen, oder Notiz von uns Umstehenden zu nehmen. Julchen offnete die Augen, schrie auf, als sie sich in ihres Vaters Armen fand, und umklammerte ihn konvulsivisch. Lieber Onkel, sagte die Frau von Auerfelde mit lieblicher Stimme, Sie werden beide der Gewalt dieser Eindrucke unterliegen. Still, Karoline! weisst Du, wie dem Vater war, als er den verlohrnen, den reuigen Sohn wieder umarmte? Als nach einer Weile die Tochter zu sich kam, rief sie noch immer, den Vater fest umklammernd: Vater, Vater, auch Karoline nimmt mich wieder an; sie vergiebt mir, Liebstes Muhmchen, antwortete die herzige Frau, lass das Vergangne uns vergangen seyn. Mein heissester Wunsch war, dich wieder zu finden; nur der alten Liebe wollen wir uns erinnern. Julchen riss sich vom Vater los, und sturzte zu den Fussen der liebreichen Frau hin, und legte angetrieben, man sah's deutlich, angetrieben von tiefer zerknirschender Demuth, ihr Gesicht in den Staub hin. Frau von Auerfeld vermochte den Anblick kaum zu ertragen, sie winkte dem Vater, dass er die Tochter aufheben mochte; der es dann mit einer Bewegung that, die ich nie vergessen werde. Julchen, mein Kind, mein armes Kind, hast Du so vor deinem Schopfer in den Staub dich gebuckt, so ist die Schuld bei dem Barmherzigen getilgt, und wir mussen Dir die Hande zur herzlichen Versohnung reichen. Sieh nur, Julchen, wie Du der armen Karoline das Herz brichst. Liebe Nichte, Ihnen ist ohne dies schon nicht wohl. Schonen Sie sich. Lassen Sie mich, ja lassen Sie mich die Freude allein tragen. In diesem Augenblick beneide ich jeden, mit dem ich Julchen theilen muss. Karoline, gehen Sie jezt zu Ihrem Gemahl, und bereiten ihn vor, wen er zu erwarten hat. Die arme Karoline war fur diese angreifende Szene zu schwach geworden; ihr war so ubel, dass ich ihr meine Unterstutzung anbot, sie nach ihrer Wohnung zu fuhren Als wir uns entfernten, horte ich, dass Julchen wieder Worte gewann, und in liebkosenden Tonen mit dem Vater sprach. Da mein Brief zu einer solchen Lange herangewachsen ist, breche ich hier ab; kunftig lernst Du den Gutsherrn kennen. Auguste kusst Dir kindlich die Hande; ich umarme Dich zartlichst und bin ewig die Deine.
W i l h e l m i n e ."
Minna zur Fortsetzung.
"Deine Abwesenheit, mein Lieber, macht mich zur gewaltigen Schreiberin. Verzogert sich Deine Zuruckkunft, so furcht' ich gar ein Buch zur Welt zu bringen. Ich stelle mir vor, dass Dich die Geschichten, die hier zu Lande vorgehen, sehr interessiren, und da Du Ida immer gern leiden mochtest, wirst Du gern horen, was weiter aus ihr wird. Ich gehe also frisch an's Werk. Ich bin, wenn Du Dich erinnerst, noch mit der Dame auf dem Wege nach ihrer Wohnung. Sie fragte beim Eintritt in das Haus, wo ihr Mann ware? Der Herr Oberst sind in ihrem Zimmer und schreiben, sagte der Jager. Sie war so matt, dass sie ein Glas Wasser foderte. Sie sehen mich in einiger Verlegenheit, fing sie an, als sie sich etwas erholt hatte: mein Mann ist gross und gut, aber er hat seine eigne Arten. Von dem armen verirrten Julchen wollt' er nie horen, weil er meinem Onkel so sehr gut ist; er wird ihr den Kummer schwerlich verzeihen konnen, den sie seinem Freunde gemacht hat. Ich gestehe, dass mir selber bange wurde, wie das gehen wurde. Jezt erschien der Oberst; ein Baumgrosser Mann, von Kraft und Wesen ein achter alter Deutscher. Du willst mich sprechen, liebe Frau? Er ward mich gewahr, und machte mir, als er meinen Namen horte, ein verbindliches Kompliment. Aber es giebt hier etwas, Liebchen? Dir ist nicht wohl? ich bitte Madame, ich bitte um eine Erklarung. Karoline fasste seine Hande, und druckte sie innig an ihre Brust. Lieber, lieber Mann! jezt muss ich Deine ganze Liebe und Nachsicht in Anspruch nehmen. Er umfasste die kleine zart geformte Frau so kraftvoll, dass mir bange wurde. Allerliebste Karoline, wie kannst Du N a c h s i c h t brauchen? ich will ja was Du willst. Bist Du doch die Beste von der Welt. Aber was ist geschehen? Lieber Mann, wir haben einen Gast bekommen. Ist er Dein Gast, Liebe, so soll er mir von Herzen lieb seyn. Mein Gast, eigentlich aber meines Onkels Besuch. Je nun, was des Oheims ist, ist unser, und unseres ist des Oheims, das ist Eins. Ach lieber Mann! was sollen die Umschweife bei einem Herzen, wie das Deinige? Des Onkels Tochter, die arme Verlohrne ist wieder da. Was! rief er mehr erstaunt als erfreut; D i e ist es? hat der Dame beliebt, einmal wieder aufzutauchen? Hm hm? O sprich nicht so lieber Auerfelde. Dein Herz sagt anders. Nein, beim Teufel, in meinem Herzen steht sie auf dem schwarzen Register. So einem Vater, wie der Grunthal ist, zu entlaufen. Ich vergeb's der Landstreicherin in meinem Leben nicht: hol mich der Teufel, wo ich's ihr vergebe. Liebster Mann, sagte nun Karoline ihm sanft schmeichelnd, der Onkel hat ihr aber schon verziehen. Hat er, die alte Nachtmutze? so soll ich auch wohl? nicht wahr? Du wurdest mich unaussprechlich glucklich machen. Sieh nur, Lieber, die Vorsehung hat ja alles so zum Besten gelenkt. Ja, da hat die Vorsehung freilich ein sauber Stuck Arbeit gehabt, die dummen Streiche wieder gut zu machen. Lieber Auerfelde, ich ware nicht Deine gluckliche Gattin. Ah Frau! Weib! willst Du mich so bestechen? Darum brauchte sie aber nicht in alle Welt zu gehen. Nein! nein! mit der Vorsehung, die mit zum schlechten gewirkt haben soll, kommt ihr mir nicht durch. So sieh die Arme doch nur erst. Ah! Du denkst das nette Gesichtchen, und die Thranen in den blanken Augen, werden bei dem Alten das Beste thun. Kann seyn. Dagegen hat's hier (er beruhrte sein Herz) immer nicht so recht Stich gehalten. Nun so mag sie kommen. Aber lieber Mann, versprich mir, sie gutig aufzunehmen. Ich werde thun, was ich kann; heucheln kann ich nicht. Schlecht bleibt schlecht; und wenn's auch in der Familie geschieht. So sieh Sie doch nur erst! Ach! und wenn sie so schon ware, wie unsere Kronprinzessin, und ware nicht so edel, rechtschaffen und liebenswurdig wie diese, so sollt ihr mir nichts einreden.
Wahrend dieser Debatten hatte Grunthal sich dem Hause mit der Tochter genahert, er stekte den Kopf zur Thur hinein, und fragte mit freundlichem Gesicht, welchem etwas eingemischt war, was ich Blodigkeit nennen mochte: nun wie stehts? darf ich sie Ihnen bringen, Neffe? Des Obersten Antwort fing mit einem bedenklichen, je nun! an, welches seine Frau mit einem Kuss, und einem, ich bitte, mein Lieber! unterbrach. Indem trat Grunthal mit Julchen in's Zimmer, Ihre Haltung musste durchaus Mitleiden erregen, sie stuzte, als sie den Obersten sahe, dessen kolossalische Gestalt mit beitragen mochte, sie, in ihrem Zustande von Schwache zu erschuttern. Als sie einige Schritte im Zimmer gemacht hatte, blieb sie ungewiss stehen; in flehender etwas vorwarts geneigter Stellung, den Kopf nach der linken Schulter mit abwarts gewendetem Gesicht, gelehnt. Das gewaltsam unterdruckte Weinen brach in lautes Schluchsen aus. Die Oberstin eilte ihr entgegen, fasste schmeichelnd ihre Hand, und fuhrte sie vor dem Obersten hin, der nun nicht ferner widerstrebend sie umfasste, und mit der edelsten Gutmuthigkeit sagte: Da widerstehe ein Andrer! Von Herzen willkommen in der Freundschaft. Von nun an Vetter und Muhmchen! Da Sie von selbst wiederkommen, mussen Sie doch auch gut seyn wollen: nicht wahr? Sie ergrif seine Hand und wollte sie kussen; er aber umarmte sie noch einmal. Grunthal sah schweigend dem Auftritte zu, und wischte sich die Augen.
Als die erste larmende Bewillkommung uberstanden war, gelangten alle wieder zu ruhiger Fassung. Wir sezten uns im Kreise, Grunthal hatte die Hand seiner Tochter in der Seinigen liegen, als ob sie ihn noch einmal wieder genommen werden konnte. Nicht wahr? sagte er einmal heut darf ich nach nichts fragen? Wir sind noch alle zu voll, zu froh! Sie sollen alles erfahren, liebster Vater, antwortete Julchen: so weh es thut, sich selbst anzuklagen, fugte sie leise hinzu, so haben Sie doch ein zu entschiedenes Recht, alles zu wissen. Einmal entwischte es mir, sie I d a zu nennen: Wie? was war das? nicht Julchen? nicht mehr Julchen? ach, sagte sie errothend, als ich unglucklich, und weit von Ihnen war, konnte ich die Laute eines Namens nicht ertragen, den mein Vater oft so zartlich ausgesprochen hatte. Ich war eifersuchtig auf den Namen, der mich an glucklichere, unschuldsvolle Tage erinnerte. Ich legte ihn zuruck, bis ein Tag wie dieser ihn mir wiedergeben konnte. Grunthal lauschte mit Wohlgefallen auf Ihre Stimme, als ob er den Tonen einer entfernten Musik horchte. Der ehrliche Mann that so schmuk und festlich, als wenn sein Hochzeitstag ware.
Die Frau von Auerfelde war so erschopft und angegriffen, dass der Oberste auf fruhen Abschied und Trennung drang. Uns, mit den starken Nerven, sagte er, wird's freilich nichts anhaben; aber da die Armen, mit den zarten seidenen Faserchen; entlass sie, Grunthal. Oheim, Ihr ubertreibts. Die Frauen werden uns erkranken. Sieh nur meine arme Lina; sie schwebt nur noch. Diese Rede des biedern Obersten wirkte. Eine Stunde nach dem Abendessen begab sich ein jeder zur Ruh. Julchen fur diesmal noch nach dem Hugel, und ich verlangte nach unsrer kleinen Heimath entlassen zu werden, wo ich jezt nach Mitternacht noch sitze, Dir diese Ereignisse mitzutheilen. Morgen fruh bin ich wieder hinbeschieden. Da Auguste sich so thatig der Wirthschaft annimmt, so kann ich einige kurze Abwesenheiten wagen. Leb' wohl, Du Lieber, und gedenke Deiner
W i l h e l m i n e T ."
Fortsetzung.
"Wir versammelten uns zum Fruhstuck in der Jasmin Laube, in der ich so manche gluckliche Stunde mit Ida zubrachte Ach wie so lieb und werth die ersten Eindrucke sind, nie, nie werd' ich den theuren Namen Ida, unter welchem sie mir zuerst bekannt wurde, ohne freudige Schauer aussprechen! Die Gesellschaft fand sich bald zusammen. Julchen war durch die Ruhe der Nacht zu einer bessern Fassung gelangt. Grunthal sah ihr recht scharf in die Augen, und sagte dann, mit dem Finger auf die Augen zeigend: Da sizt Gott Lob! noch recht viel vom ehemaligen Julchen aus Lindenau. Die Augen schwollen ihr bei dieser Anrede; sie druckte seine Hand an ihr Herz und antwortete: auch hier, lieber Vater! Ihr Julchen wird aus dem gereinigten Sinn und Willen wieder hervorgehen. Bei dieser Gelegenheit machte sie eine Bewegung mit der Hand, wodurch ihm ein prachtiger Brilliant in die Augen fiel, den sie zu tragen pflegte. Sein Blick wurde wie mit einer dustern Wolke bezogen, und mit Unwillen in Ton und Gebarde fragte er: hattest Du das schon, als Du noch als Du noch er wusste sich nicht auszudrucken. Sie verstand ihn vollkommen, und indem sie tief beschamt den Ring abzog, stammelte sie ein: Nein! Er fasste sich, und erwiederte schnell, gut; das gehort den armen abgebrannten Nachbarn. Und auch dieses, sezte sie hinzu, indem sie noch ein Kleinod, welches sie am Halse trug, hinzufugte. Julchen, thu mir den Gefallen, wenn Du wieder unter uns leben willst, dies sagte er ihr halb leise, bringe nichts f r e m d e s mit, Du verstehst mich. Du sollst mit allem, was Dir fehlt, reichlich versorgt werden. Sie buckte sich auf seine Hand und kusste sie dankbar.
Muhmchen, fing der Oberst an, dass wir nicht wieder in den gestrigen Ton fallen, hatte ich grosse Lust, Ihnen zu erzahlen, wie meine wurdige Lina zu dem alten Degenknopf gekommen ist, den sie mit ihrer Hand beehrt hat. Lina soll ich? Karoline sagte, sie wollten sich in die Erzahlung theilen, wenn's ihm beliebe. Gut, sagte er, so mache ich den Anfang.
Ich war Kommandeur des Regimentes, welches in in Garnison liegt. Meine Lebensart war die eines Garcon, der gutes Leben und wenig zu thun hat, ich schlief, ging auf die Parade, nahm einen Schnaps in der Apotheke, wenn die Wachparade abgefuhrt war, ging in mein Quartier, blatterte in Buchern und Landkarten, ass mit den Offizieren meiner Eskadron, schlief dann wieder, liess den Braunen satteln, ging mit meinem Tiras auf die Jagd, ass wieder und ging zu Bette. Diese Lebensweise war bis auf die Exercierzeit, die etwas mehr Strapaze, und weniger Schlaf gewahrte, so unabanderlich einformig, wie der Kuchenzettel im Kloster. Man wird derselben so gewohnt, dass eine Abanderung zur Anstrengung ungeubter Krafte wird; denn endlich wird einem der buntgefiederte Hahn des Nachbars, und die weisse Kuh der Frau Gevatterin, das, was in der grossen Welt ein Stutzer, und eine neue Maitresse ist.
Einst erscholl im Ortchen plozlich die Nachricht, es sei eine fremde Dame angekommen. Sie beziehe ein Haus und Garten in der Vorstadt, und so reich sie auch sei, wurde sie doch aus wohlthatigem Hange, eine Erziehungsanstalt errichten. Da war nun mit einem Male eine neue Erscheinung, auf die nicht nur alle Augen des Ortchens, sondern der umliegenden Gegend gerichtet waren. Wer ist sie? von wo ist sie? wie sieht sie aus? ist sie alt oder jung? und die Antworten lauteten immer nur, sie s o l l so oder so seyn; denn noch hatte Niemand die liebe Lina gesehen. Als dies so eine Zeitlang gewahrt hatte, erkaltete die thatige Neugier, und es war nur noch die Rede von ihr, wie etwa von der weissen Frau: sie soll umgehen, aber keiner hat sie gesehen. Indess wirkte die Gute doch schon wohlthatig im Stillen. Sie hatte Madchen, das heisst, junge Burgertochter zu sich genommen, welche sie unentgeldlich in Arbeiten unterrichtete; und zu Kindermadchen bildete. Man fand die Sache lacherlich, nimm mir's nicht ubel, Lina, sie lachten Dich aus, als ob einen das gelehrt zu werden brauchte. Zum Spasse versuchte die Grafin von P. nach einem Jahr, ein Madchen aus dieser Anstalt zu nehmen, und schrie nun uber Wunder. Das Madchen hatte die Qualitaten einer Gouvernante. Jezt wurde ubertrieben, und alles wollte von diesen Madchen haben. Indes hatte sich meine gute Lina die Wittwe des Rektors, und die verwittwete Stadtschreiberin beigesellt, welche sie so reichlich unterstutzte, dass auch diese unentgeltlich mitarbeiteten, das heisst: dass die Burgerschaft nichts bezahlte; und nun nahm alt und jung Theil an diesem Unterricht, der die wohlthatige Absicht hatte, Erzieherinnen fur die erste Kindheit zu bilden. Die Sache fing an so viel Aufsehen zu machen, dass ein jeder die wundersame Frau kennen zu lernen wunschte. Da sie sehr eingezogen lebte, und ausser ihren Zoglingen niemanden sah, war es nicht leicht, diesen Vorzug zu erlangen; der mir aber einst unverhoft zu Theil wurde. Ich kam von der Jagd, und eben vor dem Gartenhause, das ich so oft vergebens umgangen und umritten war, wurde mein Pferd vor einem Karren mit Kraut scheu, und drangte mich so heftig gegen die Mauer des Hauses, dass ich durch eine starke Quetschung genothigt wurde, abzusitzen, und durch meinen Jager um Erlaubniss bat, mich in ein unteres Zimmer fuhren lassen zu durfen, bis er mir einen Wagen bringen wurde. Dies war nicht abzuschlagen. Ich wurde in ein niedlich aufgeputztes Zimmer gefuhrt, wo ich eine junge Frau in das reinste Weiss gekleidet fand, die mich mit allem Anstande einer feinen Weltfrau bewillkommte. Die Schmerzen meiner Quetschung hinderten mich, den reinen und unbefangenen Blick, aus dem heitersten blauen Auge, und den edlen, wohlwollenden Zug des Mundes zu bemerken. Das kann die Frau des Hauses nicht sein, dacht' ich, denn dem Begriffe von Erzieherin hatte sich bei mir immer eine dunkle Vorstellung von Strenge beigemischt, welche ich nicht davon trennen konnte. Ihre Unterhaltung gewahrte mir eine Erquikkung, bei der ich vollig vergass, weswegen ich eigentlich herein gekommen war, und ich hatte den Jager prugeln konnen, der mit dem Wagen so bald ankam. Beim Weggehen warf ich einen Blick in den Garten, stellte mich, als ob er mir besonders gefiele, und nahm daher Gelegenheit um Erlaubniss zu bitten, zuweilen darin ansprechen zu durfen. Meine gute Lina erlaubte es sehr verbindlich, doch mit dem nicht ganz in mein Kramchen passenden Nachsatz, wenn sie gleich nicht immer die Ehre haben wurde mich willkommen zu heissen, so stehe doch der Garten zu meinem Befehl.
Mein Kopf, und wie mirs beinahe vorkam, mein Herz war voll von dem, was ich gesehen und gehort hatte. Die fremde Dame schwebte mir unaufhorlich auf der Zunge; aber wenn sie herunter wollte, schickte ich sie immer wieder in mein Herz zuruck; denn kein Unheiliger, kein Adjutant oder Subaltern, sollte ihren Namen horen. Am andern Morgen sobald es der Wohlstand erlaubte, schickte ich meinen Jager, mit einem Danksagungs-Komplimente an sie ab; denn so viel Galanterie hatte ich noch von meinem Pagenstande ronservirt, obschon sie diesesmal grade aus dem Herzen kam. Der Jager brachte mir mit dem artigsten Gegengruss, einen schonen, bluhenden Rosenstock mit, welchen sie dem Kranken schenkte. Seit meinem Lieutenantsstande war ich nicht eigentlich wieder verliebt gewesen: und jetzt wunderte ich mich nicht wenig, dass dem alten Knaben mit einem Mal das Herz wieder aufging. Ich fragte dem Jager ruck- und vorwarts ab, was er gesehn und gehort hatte, und immer blieb noch ein Umstand, den ich nicht recht begreifen konnte. Es kostete mir Zwang, abzubrechen, aber wie gut ich nun dem Kerl war, kann ich nicht beschreiben; auch hatte ich den ganzen Tag seine Dienste nothig, und behielt ihn um mich. Ob ich nicht mit dem Rosenstocke geheime Unterredungen gehalten habe, kann ich nicht gewiss sagen. Das liebe Geschenk zog ein Gegengeschenk, einen kleinen Rehbock fur die Kuche, nach sich. Auf diesen folgten die ersten grunen Erbsen, die eine liebe Hand selbst gelegt hatte, und die dem noch immer Leidenden wohl thun wurden. Gegen den Balsam, der fur mich in diesen Erbsen lag, ist Hirschels Wundersalz mit allen Goldtinkturen der Alchymisten nur Kindertand. Die Tischganger hatte ich erwurgt, wenn sie's gewagt hatten, nur eine davon anzuruhren. Das ging volle sechs Wochen so seinen Gang. Unser Regimentschirurgus hatte die gluckliche Gabe, aus kleinen unbedeutenden Ubeln grosse zu machen; auch bei mir war's ihm gelungen. Mein erster Ausgang verzogerte sich bis zum Herbst. Wohin er gerichtet war? versteht sich von selbst. Ich liess mich melden, wurde angenommen, und fand nun die allerliebste hausliche Frau in einem leichten weissen Rockchen mit ihren Zoglingen beim Obsteinsammeln. Ich hatte noch von meiner Mutter her eine Freude an hauslichen, besonders an landlichen Frauen. Diese Tugend an der Dame meines Herzens zu entdecken, war eine ungemeine Erhohung der Achtung, die mir ihr gebildeter und grader Verstand eingeflosst hatte. Ihre Kenntnisse, ihre solide Belesenheit, waren mir nicht entgangen; ich hatte Respekt ohne jene besondre Furcht und Abneigung, die ich immer vor den Dratensionen belesener Weiber empfunden hatte. Dies alles, was ich so lange gesucht, und noch nie in dem Grade bei einer Person vereinigt gefunden hatte, bei einem allerliebsten guten Gesicht, das gerade nach meinem Geschmack schon war, wirkte gar wunderlich auf das alte Soldatenherz. Ich kam und ging, kam wieder, und dachte doch dabei. Du kommst zu oft, oder Du gehst zu bald. Das Ding brachte mich aus meiner T r a m o n t a n e , und ich merkte bald. dass es so nicht bleiben konnte. Heirathen? hm! da werden Dich die jungen Lassen, die geschniegelten Offizierchen, auslachen. Aber wie denn? Abschied nehmen? da ist aber wieder das Vaterland! Und kann dem Vaterlande denn nur mit dem Degen in der Faust gedient werden? Ist der Nahrstand nicht so wohl, und mehr noch Stutze des Staats, als der Wehrstand? Habe ich als Gutsbesitzer nicht Pflichten auf mir? Ich werde im Militar vielleicht einem Fahigern Platz machen. So lange es einen so zahlreichen unbeguterten Adel giebt, wird's dem Staate nie an Offizieren fehlen. Der Landadel kann vielen und bleibenden Nutzen stiften; er kann auf Generationen wirken. Eine Landedelfrau, wie meine Herzensdame! Ei, das geht, das m u ss gehn! Georg, meine neue Uniform! die neue Feder auf den Hut! Der alte Oberste machte sich blank und schmuck; die braune Blesse mit der Revueschabracke wurde vorgefuhrt, bestiegen, und so im anstandigen Schritt in die Vorstadt. Angemeldet. Madame sei nicht recht wohl; sie bate sich die Ehre auf ein andermal aus. O weh! eine so wohl geordnete Anrede steht einem nicht alle Tage zu Gebote; die soll so fur nichts und wieder nichts ausgedacht seyn? Noch einmal hinein, Georg! nur um funf Minuten Gehor! Es wurde gewahrt, und nun klopfte dem alten Narren das Herz. Was nun folgt, solltest Du, liebe Line, erzahlen; wie ich mich benahm, wie ich sprach; nur wurdest. Du zu bescheiden seyn, und den alten Reuter zu gut durchkommen lassen.
Kurz, die Audienz nahm ihren Anfang mit Komplimenten, und endigte mit einer formlichen Erklarung. Linchen sass da, ganz uberrascht, aber doch nicht, wie ich gefurchtet hatte, unwillig. Und nun die Antwort auf meine Anfrage! Das zarte Stimmchen rausperte und stockte, fing an, und brach ab. Ich sass wie am Bratenfeuer. Endlich kam es heraus: gegen meine Person und Karakter konne sie vernunftiger Weise nichts einwenden, (ich muss hier bemerken, dass Karoline sich unbemerkt entfernt hatte, als der Oberste an diese Stelle seiner Erzahlung kam); allein mir sei es vielleicht unbekannt, dass sie eine geschiedne Frau sei, (hier wurde Julchen blass, und zitterte). Zwar konne diese Scheidung ihren Karakter nicht beflecken; die Welt sei aber immer geneigt, geschiedne Frauen ungunstig zu beurtheilen, (man sah, dass Julchen gern entschlupft ware), und diese Urtheile konnten dem Herrn Obersten nachtheilig fur die Ehre seines Hauses, und die Ruhe seines Lebens werden. Uberdem sei die Familie von Auerfelde von altem stiftsmassigen Adel, und sie fuhle sich nicht stark genug, die Geringschatzung dieser Familie auszuhalten, der sie zuverlassig von irgend einem Theil derselben ausgesetzt seyn wurde. Sie gestande freimuthig: sie liebe den Adel nicht, und nach jetzigen Verhaltnissen der burgerlichen Gesellschaft halte sie ihn fur eine Herabwurdigung der Menschheit, und fur einen Eingriff in ihre bessern Rechte. Diese Ausserung meiner Lieben hatte mich schier verdrossen, wenn ihre Erklarung nicht gleich hinterher gefolgt ware: es thate ihr jederzeit in der Seele des vernunftigen und bessern Edelmannes wehe, wenn ihm alle seine naturlichen und erworbenen Fahigkeitten die Achtung nicht verschaffen konnten, in der ihn der grosse Haufen wegen der Zufalligkeit der Geburt halte. Dem wakkern und klugen Manne musse dann sein Adel und die Konvenienzen zur Last fallen. Nun fand ich wieder, dass sie recht, und ich im Herzen schon lange eben so gedacht hatte, nur dass ich's nicht in so netter Ordnung entwickeln konnte. Uberlegen Sie, Herr Oberst, was ich Ihnen in Absicht meiner Meinung uber den Adel gesagt habe, und ich werde es Ihnen gar nicht ubel nehmen, wenn ich Sie, wenigstens in diesem Gewerbe, nicht wiedersehe. Ich habe, setzte sie noch hinzu, Verwandte, deren Urtheil mir nicht gleichgultig ist, und die hierin vollig meiner Meinung sind; noch mehr: ich lasse mein ganzes Schicksal von der Meinung meines Oheims abhangen. Damit meinte sie hier den alten Freund Grunthal. Ja, Du Alter! (indem er ihn beim Kopf nahm, und auf altdeutsche Art kusste, dass es wiederhallte); Du hast mir schone Sprunge gemacht! Ich muss es nur sagen, er hatte eine ganz andre Mariage fur seine Nichte im Kopfe. He? war's nicht so? Sie sollte die Frau eines Pfarrers werden; aber der geistliche Herr laborirte glucklicher Weise noch an einer fehlgeschlagenen Liebe, und hatte noch einen machtigen Korb zu verdauen. War's nicht so? Alter! so rede doch! Grunthal sah seine Tochter bekummert an, und sagte dann: ja, ja, es war so was daran; aber erzahlen Sie nur fort, Neffe. Ich hab's wahrhaftig nicht bose gemeint! Nun, das weiss ich, das weiss ich! Auf die Einwurfe gegen meinen Adel war ich nicht gefasst gewesen; denn ich hatte es schier vergessen, dass mir so etwas anhing. Wenn man in der Welt eine Weile mitgelaufen ist, und in allen Standen so viel Gutes und Edles gewaht wird, und dann auch wieder Edelleute findet, die wie das liebe Vieh sind: so muss man's ja wohl endlich vergessen, dass es leider! solche Unterscheidungsprivilegien giebt, die an einer blossen Zufalligkeit kleben. Indess that mir das, was die liebe Line gesagt hatte, im Herzen weh. Ich empfahl mich auf ihr eignes Begehren fur diesesmal, und nahm mir vor, die Sache ordentlicher durchzuarbeiten, mehr ihret- als meinetwegen. Ich laugne nicht, dass mir manches aufs Herz fiel; unter andern mein Vetter, der verstorbene Minister in Gotha, der sich's noch auf seinem Krankenlager beruhmte, dass in seinem langen Leben kein Burgerlicher uber seine Schwelle gekommen sei; ferner: dass es ein Kind aus meiner Familie war, welches einem grossen Arzt die Hand zu geben sich weigerte, und als der Arzt nach der Ursache dieses Eigensinns forschte, zur Antwort gab: Mama hat mir's verboten, ich soll keinem Burgerlichen die Hand geben; vom Arzt aber zur Antwort erhielt: sag Deiner Mutter, sie ware nicht recht klug. So ruhrt leider! auch aus meiner Familie die Anekdote eines Fraulein von B .. her, die auf einem Ball mit einem Hrn Schmidt, dem Hofmeister des jungen Grafen von L.., tanzte. Mitten im Tanz fallt's ihr ein, ihren Mittanzer um Namen und Stand zu fragen. Als er sich nennt, lasst sie ihn stehen, mit dem Bedeuten, sie habe ihrer Mutter versprochen, mit keinem Burgerlichen zu tanzen. Aber, mein Cousinchen wurde ubel bezahlt. Herr Schmidt, der Hofmeister, klagt es seinem jungen Grafen, der es uber sich nimmt, seinen Freund zu rachen. Er fordert das Fraulein auf, das sich denn neben der graflichen Moitie gar gutlich that. Mitten im Tanz fragt der Graf: wen er die Ehre habe zum Tanz aufzufuhren. Das Putchen nennt sich, und wirft sich in die Brust. Ja, da muss ich tausendmal um Verzeihung bitten, erwiedert Graf L.., ich habe meinem Vater versprochen, mit keiner andern als mit einer Grafin zu tanzen, und das Fraulein sah sich plantirt, wie sie dem Burgerlichen gethan hatte. Endlich, so war's ja meine liebe Grosstante, die Grafin S .., gewesen, welche, als einst einer ihrer Enkel einer Baurin, die ihn bediente, mit der Gabel nach den Augen stach, und diese sich zuruckzog, meinte: es sei wenig daran gelegen, ob solch' eine Kanaille Augen hatte, oder nicht; solch' Pack musse es sich fur Ehre halten, wenn vornehme Kinder mit ihm scherzten. Diese und noch mehr ahnliche Zuge meiner ahnenstolzen Familie fielen mir schwer aufs Herz, da ich in noch langsamern Schritte, als ich gekommen war, heimritt. Ich kam gar unfreundlich bei mir an, kramte in meinen Papieren, fand mein Wappen, meinen Stammbaum, besah mir die Quartiere: bei Dir hat's ein Ende! dacht' ich. Mag's! es muss doch einmal ein Ende nehmen! Und was hilft's allen denen, die da ruhen, dass ihre Quartiere voll waren? und wenn Du so weit bist wie diese, was wird's dann seyn, ob neben Dir unter'm Leichensteine eine Hochgebohrne, Hochwohl- oder Hochedelgebohrne ruht? Ein andres mag's gewesen seyn, zur Zeit des Faustrechts, da es noch keinen gebildeten und wohlhabenden Mittelstand gab; ja, da war es vielleicht der Verfassung des Adels angemessen, keine Leibeigne oder auch nur Freigelassne zu heirathen; aber wo liegt jetzt etwas Wesentliches in der Sache, seitdem Erziehung die bemittelten Stande gleich gemacht hat? Die Unterscheidungslinie der beiden Stande liegt jetzt in den Vorurtheilen, welche die Abneigung nur unterhalten und fortpflanzen. Und bin ich nicht Mannes genug, diesen Vorurtheilen Trotz zu bieten? Habe ich kein Verdienst um mein Vaterland, als meine Geburt? Soll ich diesem Wahne das Gluck und die Freude meiner alten Tage opfern? Nein, daraus wird nichts! Frau Line muss aber auch nicht eigensinnig das Gluck eines nicht unwurdigen Mannes einer Abneigung aufopfern, die in einzelnen Fallen auch zum Vorurtheile herabsinkt. Ich schreibe gradezu an den Onkel; wenn er ein Mann ist, wird er auch Vorurtheile zu besiegen wissen. Onkel, sprich! wie gefiel Dir mein Brief? Er enthielt Ausserungen eines Mannes, von dem mir mein Herz sagte, dass ich ihn sehr lieb gewinnen wurde; und dass die Liebe in dem Herzen eines Obersten, die in unserem Dienste keine junge Lecker zu seyn pflegen, kein vorubergehendes Flammchen seyn werde, konnte ich mir auch vernunftiger Weise sagen. Und, Kinder, war's denn nicht fur den Karakter des Mannes ein entschiedner guter Zug, dass er so stilles Verdienst aufzufinden und zu wurdigen Sinn und Gefuhl genug hatte? Freilich, der Adel wollte mir nicht recht zu Sinn; aber wenn der Mann sonst so gut ist, wie er zu seyn scheint, wer wollte ihm das zurechnen, woran er nicht Schuld hat! Das schrieb ich Ihnen, Neffe, und schrieb's auch der Nichte; denn mein Projekt, sie mit einem gewissen E i c h e zu verplempern, war mir schon an des Mannes festem Sinne gescheitert. Nun denn, fuhr der Oberste fort, sobald ich des Onkels Brief mit der Einlage an Linen in Handen hatte, zog ich damit triumphirend in die Vorstadt. Die gute, liebe Frau wurde gar verlegen und roth, als ich ihr mein Kreditiv uberreichte; sie hatte nicht bedacht, dass ein alter preussischer Soldat eine Belagerung nicht so leicht aufhebt. Sie las, und schien ihren Augen kaum zu trauen, als sie des Oheims formliche Einwilligung, oder vielmehr Billigung, sah. Das Kopfchen sank in die kleine Patschhand. Lieber Herr Oberst, Sie sind nicht edel, wenn Sie mich so in die Enge treiben! Ich muss von Herzen mit Ihnen sprechen: ich war verheirathet, ich liebte den Mann wie meine Seele; und sollte es nicht in mir gelegen haben, dass ich mir seine Liebe nicht erhalten konnte? Wie? wenn die Fehler, die Schwachen, welche damals meinem Glucke im Wege standen, die Sie noch nicht an mir kennen, wenn die auch jetzt Ihrem Glucke, Ihrem Karakter und Temperamente entgegenstanden? Und dann so musse sie es mir gestehen, dass ihr das Schicksal eines Mannes, mit dem sie so lange im freundlichen Wahn gegenseitiger Liebe gelebt habe, nie gleichgultig werden konne; sie wurde nie einen Schritt thun, ihrem Schicksale eine bestimmte Wendung zu geben, bis sie von seiner gegenwartigen Lage unterrichtet sei. Ich musste dieses ihr Zartgefuhl billigen, und die Burgschaft meines eignen Glucks in diesen liebenden Eigenschaften ihrer Seele finden. Aber dann, wenn ich diesen Forderungen Ihres schonen Herzens werde Genuge geleistet haben, was darf ich dann hoffen? Werden die Jahre, die ich vor Ihnen voraus habe, kein Hinderniss seyn? Lieber Oberst, altern denn die Seelen auch? Ihr Gleichmuth, Ihr fleckenloses Gewissen gestatten Sie mir den altvaterischen Ausdruck Ihre feste Gesundheit, der Sie nicht durch eine Lebensart Trotz bieten, die in Ihrem Stande keine Seltenheit ist; alles dieses lasst mich mit Zuversicht voraussetzen, dass Ihnen kein murrisches, abschrekkendes Alter bevorsteht. Ich bin zwar jung, aber durch Schicksale und Beschaftigung vor der Zeit zum Ernst der mittlern Jahre gediehen. Von d e r Seite hatten sich unsre Karaktere genahert. Sie lieben muntern Scherz, ich hasse ihn nicht; und wenn mir vielleicht das Talent fehlt, selbst anziehend zu scherzen, so bin ich doch gern bei Personen, die es besitzen. Es bleibt mir weiter keine Einwendung, als Ihre Geburt und Ihre Familie. Wahrend dieser Unterhaltung hatte sich die Liebe, bei aller ihrer Bedachtlichkeit, doch in so fern verschnappt, dass sie sich so ein ganz klein wenig nach meinen Sitten und Karakter erkundigt hatte. Das gab mir einen Muth, den alles, was sie sagte, mir nicht hatte geben konnen, und ich beantwortete ihre Einwurfe mit einer Force und Grundlichkeit, die mir wohl der liebe Gott eingeben musste; denn das liebste Weib gab nach, und nun blieb nur noch die Auskunft wegen ihres Ungetreuen. (Grunthal sah Julchen sehr unruhig werden; er fasste ihre Hand mit Ruhrung, und sagte zum Obersten: lieber Neffe, diesen Theil Ihrer Erzahlung erlassen wir Ihnen fur jetzt; sagen Sie uns nur, wie es kam, als Sie mit Allem in's Reine waren). Der Oberste schlug sich drollig an die Stirn, und rief: alter Dummkopf, dass Du auch auf nichts merkst! Seyn Sie ausser Sorgen, Muhmchen! Julchen errothete, dass ihr die Augen ubergingen; sie neigte sich auf ihres Vaters Hande, und blieb einige Minuten in dieser Stellung. Indess war auch Karoline wieder hereingekommen. Als sie vernahm, wie weit ihr Mann in seiner Erzahlung gekommen war, sagte sie: 'nun ist's an mir, Heinrich; was jetzt folgt, gehort in mein Departement, denn beim Brautwesen und Hochzeitfeiern gehoren wir zu Hause.'
Als der liebe Mann hier mich aus allen meinen Verschanzungen herausgetrieben hatte, und seine personliche Trefflichkeit (hier wurde der alte Herr ordentlich ein wenig roth, und verneigte sich recht galant gegen seine Line) mich uber den Ubelstand ungleicher Heirathen weggehoben hatte, willigte ich mit dankbarem Herzen ein. Mein grossmuthiger Brautigam uberschuttete mich nicht nur mit Geschenken, sondern erlaubte auch, dass ich einen betrachtlichen Theil meines Vermogens der, nun ohne mich bestehenden, Einrichtung einer Bildungsschule fur Erzieherinnen kleiner Kinder und junger Dienstmadchen geben durfte. Uberhaupt gab er mir Anlass, seinen Karakter taglich inniger zu schatzen, und ich ergreife gern diese Gelegenheit, im Angesicht mehrerer Personen, deren Urtheil mir etwas gilt, zu erklaren, dass mein zweiter Brautstand reicher an achten Freuden war, als der erste. Anfanglich dachte ich es nicht ohne Schmerz, dass ein wackerer Krieger meinetwegen eine Laufbahn verliess, die er mit Auszeichnung und Ehre gegangen war; aber seine Grunde fur das Landleben leuchteten mir ein, denn durch den Tod seines altern Bruders, dessen Guter an ihn gefallen waren, hatten die Pflichten gegen seine neuen Unterthanen einen grossern Wirkungskreis erhalten. Er forderte und erhielt einen ehrenvollen Abschied. Es hat meinem Glucke keinen geringen Zusatz gegeben, dass sein edler Bruder und seine verdienstvolle Schwester seine Wahl gebilligt haben. Nun mag die Schwester Else in ihrem Stifte die Nase rumpfen, liebe Line, uns thut's nichts! nicht wahr?" fiel der Oberste seiner Gemahlin ins Wort. "Es wurde mir angenehm gewesen seyn, antwortete sie, wenn von keinem Mitgliede Missbilligung statt gefunden hatte. Unsre Heirath feierten wir so still, als es unsrer beiderseitigen Abneigung gegen offentliches Geprange angemessen war. Unsaglich froh machte es uns, dass hier mein lieber, guter Oheim Vaterstelle bei mir vertrat, und nicht nur Hochzeitkleider, sondern auch Hochzeitlaune mit zu uns brachte. Und ich darf sagen, dass es immer einer der schonsten Tage meines Lebens war, als ich diese zwei edelsten und theuersten Herzen einen schonen dauernden Bund schliessen sah, der sich auf Anerkennung ahnlicher Redlichkeit und deutscher Treue grundete. Seitdem ist mein Leben eine Kette von ungestortem, freudigen Lebensgenuss gewesen, der nun durch die Ankunft einer so lieben Verwandtin um ein Betrachtliches erhohet ist; denn ich setze voraus, dass uns von nun an nichts mehr trennen wird, dass der Onkel, Julchen und alles was mir werth ist, hier die Dame (sie meinte meine Wenigkeit) mit eingeschlossen, nur eine Familie ausmachen wird, und dass die junge Muhme das Hauschen auf dem Hugel von ihren Verwandten wird annehmen wollen," "die sich eine Freude daraus machen, es ihr zum Eigenthum auf ewige Zeiten zu uberlassen," fiel der Oberste treuherzig ein. Julchen verneigte sich schweigend, und sagte nach einer Weile: "uber meinem Verhangnisse ruht noch eine dustre Wolke; ich fuhle, dass ich Ihnen jetzt die Erzahlung meiner Verirrungen schuldig bin. Ich habe von Zeit zu Zeit daran gearbeitet, sie schriftlich aufzusetzen, um mir, auf den heissersehnten Fall der Wiedervereinigung, die Angst des mundlichen Selbstbekenntnisses zu ersparen. Sie sollen es erhalten, und es alsdann dieser edlen Freundin, meiner Minna, der ich es schuldig bin, mittheilen, oder, wenn Sie wollen, m i t i h r durchgehen; nur vermag ich nicht zu ertragen, dass es in meiner Gegenwart geschehe. Sie wurde von Allen herzlich umarmt, und mit Nachsicht getrostet. Lieber Wilhelm, wenn alle Reuigen s o aufgenommen wurden, ware es ein ordentliches Verdienst um die Menschen, zu fehlen, damit ihr Edelmuth ans Licht kame. Doch, ich habe meine Probe uberstanden, und ich hoffe auch b e s t a n d e n . Unsre Liebe ist befestigt, meine Auguste wird gut, was bleibt mir noch fur ein Gluck zu wunschen? Ich erwarte jetzt mit Sehnsucht Deine gesunde Ruckkehr, um Dich in die ehrenwerthe Gesellschaft einzufuhren. Lebe wohl! Ewig Deine
W i l h e l m i n e ."
Der Amtmann Grunthal an den Prediger Eiche.
"Ja, liebster Freund, Sie haben wohl recht, wenn Sie voraussetzen, dass die Freude meinem alten, von Gram geschwachten Kopfe zu stark seyn durfte! Die erste Freude war gross, ubergross, und ich glaube, dass ich mich dabei nicht ganz so benommen habe, wie es ein gescheuter Mann und ein tief gekrankter Vater gesollt hatte; aber es ist mir mein ganzes Leben hindurch nicht gegeben gewesen, in solchen Momenten abzuwagen, und meine Empfindungen unter Zucht und Scheere zu halten. Ich habe es freilich der Wiederkehrenden leicht, wohl gar zu leicht gemacht; aber die andern haben's ja auch um nichts gescheuter angefangen. Hat nicht Karoline, die am schwersten beleidigt ist, ihr gleich beim ersten Anblick verziehen, und sie geherzt und gekusst, als ware gar nichts von der Art vorgefallen? Der alte Oberste, der so streng auf Pflicht und Ehre halt, hat er sie nicht auch wie eine Tochter vom Hause aufgenommen? Aber Sie hatten sie auch sehen sollen! Schon wie ein Engel, und gebeugt von Reue und Schaam. Wie sie ihr Engelsgesichtchen vor Karolinen in den Staub legte, und kein Auge zu ihr aufzuheben vermochte! Konnten Sie es doch uber sich erhalten, sie zu sehen! Was sie zu werden versprach, ist nichts, gegen das, was sie geworden ist. Es ist fur mich ein ordentliches Gluck, dass sie gefallen ist, ich wurde sonst am Ende wahrhaftig! zu viel Respekt vor ihr haben; aber, wenn mir denn wieder einfallt, dass ich ihr keinen Namen zu geben weiss, o dann, dann seh' ich sie wehmuthig an, und fuhle mich geneigt, mir, allein m i r alle Schuld beizumessen! Meine schwache Nachgiebigkeit bereitete ihr den Fall; und wenn es mir denn einfallt, was jetzt aus ihr werden soll? wie in diesem irdischen Zustande nun weiter an kein wahres inneres Gluck mehr fur sie zu denken ist; wie das zerstorende Bewusstseyn sie noch am liebevollen Herzen der Ihrigen verfolgt; wie sie, im Schoosse der Liebe und Freundschaft selbst, am meisten verzagen muss; wie jede Liebkosung sie martert; wie jeder noch so unbefangene Ruckblick ihrer Lieben ihr Thranen ablockt; lieber E i c h e , die Freude des Wiedersehens, glauben Sie mir, hat alle Bitterkeit des Kummers, wenn nicht etwa Zeit und Gewohnheit ihren wohlthatigen Einfluss auf uns beweisen. Wir konnten hier ein paradiesisches Leben fuhren, in einer solchen Gegend, unter diesen Menschen, in so gunstiger Gluckslage! Karoline ist alles, was eine Frau seyn muss; und es scheint mir oft, als habe es so seyn mussen, wie alles gewesen ist, damit jede ihrer schonen Anlagen sich entwickeln konnte. Der Oberste betet sie, ihrer Tugenden wegen, an; kein Furstenstamm, sagt er mir oft, hatte ihm eine solche Gattin zu geben vermocht. Die Gutsbewohner nennen sie Mutter, und sie verdient es. Sie hat sich die Geschichte des Dorfchens T r a u b e n h e i m zum Muster genommen, und fuhrt aus, was hier zu Lande ausfuhrbar und anwendbar ist. Wahrlich, wen Gott lieb hat, dem giebt er solch' ein Weib! Sie schafft mit Kopf und Handen; ihr Mann geht ihr treu zur Seite, und spart keinen Aufwand, ihre edle Thatigkeit zu unterstutzen. Wie der elende Mensch, den Falk mein' ich, wie der dieses Kleinod verkannt hat! Seinen Namen nur zu nennen, ist mir fatal; und doch muss ich zu der traurigen Nothwendigkeit schreiten, ihn in offentlichen Blattern zitiren zu lassen, damit die Ungluckliche an dieser unseligen Fessel nicht durch's ganze Leben zu schleppen habe. Den letztern Nachrichten zufolge, ist er von Hamburg, wo er eine Zeitlang, auf Kosten eines angesehenen Handelshauses, figurirt hat, nach Amerika, dem letzten Freihaven aller Taugnichtse, gegangen, und ist nun Schulmeister in German Town. Er hat Karolinen in einem zuruckgelassnen Briefe gebeten, ihn wie einen Gestorbenen anzusehen. Wegen der armen Verirrten sagt er: alle Schuld lage auf ihm; er habe sich in sie, beim ersten Anblick, verliebt, und gleich den Vorsatz gefasst, sie zu verstricken; sie habe seinen Lockungen nicht widerstehen konnen; man musse in der Familie es ihrer Unerfahrenheit nicht zu hoch anrechnen. Was nachher erfolgt sei, kame ebenfalls auf Rechnung seines Leichtsinnes, und des bosen Beispieles, welches sie an ihm gehabt. Er selbst habe dem Russen Anleitung gegeben, sich ihrer Eitelkeit zu ihrem Fall zu bedienen; das habe ihm die Reisekosten und den ersten Aufwand in Hamburg bestreiten helfen. O, der Verruchte! er hat sein eignes Weib verkuppelt! meine Tochter! und doch bittet er: ich solle ihm meinen Fluch nicht uber's Meer nachschikken! Ach freilich, freilich war's unrecht! und dann so heisst es ja: 'Vergieb uns unsre Schuld, so wie wir vergeben unsern Schuldnern.' O, du allergesegnetste Religion, wie veredelst Du unsre arme gebrechliche Menschennatur! Denn, sagen Sie, Eiche, liegt es nicht klar in unsrer Menschennatur, diesen Menschen zu hassen, und bis an's Ende der Welt zu verfolgen?
Bereiten Sie sich, mein Freund, nachstens meiner armen Tochter Begebenheiten und Bekenntnisse zu erhalten. Sie hat in verschiedenen Absatzen daran geschrieben. Nahe wird es Ihnen gehen, mein Lieber, diese Glorie der Unschuld ihrem Bilde entnommen zu sehn. Fur diese Welt ist sie dahin; aber das Ungluck, die Angst der bittersten Reue, hat ihren Sinn und Willen gereinigt. Sie s o l l fortschreiten auf dem Wege der Rechtschaffenheit, und so weiss werden, wie sie gewesen ist. Ach, Lieber, sie ist sehr weich und demuthig! wo man sie nur anruhrt schmerzt es ihr; jede Erwahnung einer bessern Tugend, als die ihrige gewesen ist, betrubt sie aufs empfindlichste. Da werden Sie sich vorstellen, dass an Vorwurfe nicht zu denken ist. Ich gedenke mir den Apostel Paulus, wie er vor dem Festus und der Drusilla von der Gerechtigkeit und Keuschheit redete, und da durch schwerer ihre Herzen traf, als wenn er gesagt hatte: D u bist der Ungerechte! D u bist die Unkeusche! Indem er ihr Selbstgefuhl beleidigte, hatte er sie aufgebracht, aber der kluge Mann sprach von den entgegengesetzten Tugenden. Das soll mir ein Vorbild seyn. Aber meine arme Juliane ist doch bei weitem keine Drusilla!
Ich gehe jetzt zu ihr, sie wird mir ihre wehmuthigen Aufsatze geben, und ich werde in Schmerz versenkt werden. Leben Sie wohl, und gedenken Ihres jammernden Freundes
G r u n t h a l ."
Julchen an ihren Vater.
"Mein Herz wird schwach, und mein Muth verlasst mich, wenn ich an diese traurige Arbeit gehe. Wer vermag sein Innerstes mit festem Blick zu beschauen, wenn er so fehlte wie ich? Ich schaudre bei jedem neuen Beginnen, und verzage an meinen Kraften. Ja, wahrlich! wenn ich's beschaue, so ist meine beste Tugend wie ein beflecktes Gewand, wie die Schrift sich ausdruckt. Ich weiss keine Worte fur meine Thorheit; Thorheit? o, war' es die nur! es war gottloser Hochverrath an meiner bessern Uberzeugung. Das weiss, das fuhl' ich im Innersten. Wenn gleich selbstgefallige Eigenliebe mir heimlich zuflusterte: Dein Vater legte den Grund durch seine Nachgiebigkeit, Karoline riss Dich durch ihre romanhafte Aufopferung in den Abgrund; so kann ich es mir doch nicht laugnen, dass bei jedem Schritte, denn ich im Labyrinthe meiner Verirrungen forttaumelte, eine innere Stimme, mag sie das Gewissen oder anders heissen, dass diese Stimme mir unablassig zurief: steh' still! geh' nicht weiter! auf Deinem Wege lauern Sunde und Verderben; aber die ubertaubende Eitelkeit fand den Sieg der Schonheit grosser und lockender, als das stille Bewusstseyn der Selbstuberwindung. Ach Bewusstseyn, wie hast Du Dich geracht! wie in jeder Minute mir Trost und Beruhigung geraubt! wie jede erheiternde Aussicht in Dunkel gehullt! wie jede neuaufkeimende Bluthe meines Herzens zerknickt! O, Du starker Racher, wie hast Du die Quellen auch meiner besseren Freuden getrubt, wenn Du mir den Spiegel vorhieltest, und mir zuriefst: Du verdienst das nicht! Du bist eine Ehe O nein, mein Vater, wenn Sie je dies Blatt in die theuren Hande nehmen, wenn die Fluchtige Sie nicht mordete, so sprechen Sie das harte, entehrende Wort nicht aus! Karoline, die Sanfte, die Fromme, die C h r i s t i n , hat mir verziehen; ihr holdseliger Mund wird die Ungluckliche nicht mit dieser entsetzlichen Benennung brandmarken! Ach, und doch
Ich wollte die Begebenheiten der Unglucklichen, nicht ihre Gefuhle, die Martern ihrer Seele, erzahlen. Diese folgten jenen mit entfetzlicher Eile auf dem Fusse nach. Jene habe ich, wie mir's vorkommt, nicht erlebt, sondern ich bin von einer fremden unwiderstehlichen Gewalt durch ein Labyrinth durchgerissen; meine Besinnung ist ubertaubt; ich kann nicht sagen, wie mir in jedem einzelnen Falle zu Muthe gewesen ist. Von dem Augenblicke an, da der unselige Knoten unwiderruflich zusammengezogen war, da ich von dem Herzen des gutigsten Vaters mich losgerissen hatte, ergriff mich ein Taumel, dessen Betaubung mir wohl that; denn die Ruckkehr auf mich selbst machte mich halb unsinnig. Die romanhafte idealische Liebe zerflatterte, wie sie entstanden war; wir sahen uns gegenseitig in unsrer wahren Gestalt, und heimliche Verachtung trat an die Stelle dessen, was wir Liebe genannt hatten. Mein innerer Friede war zerstort; in meinem Hause war die Holle, ich floh es, und suchte das Gluck da, wo kein Vernunftiger es gefunden hat. Meine haufigen Abwesenheiten veranlassten, dass ich nur spat erst die Bemerkung machte, wie der, dessen Namen ich nun fuhrte, seine Liebe einer Nebenbuhlerin zuwandte, und dass mein Kammermadchen diese Nebenbuhlerin war. Ich fuhlte mich gedemuthigt, ohne die Beleidigung so zu empfinden, wie ich in jedem andern Verhaltnisse gethan haben wurde. So hatte i c h ihn geraubt, so wurde er mir wieder geraubt. Nur die Arroganz des Madchens, welches mir vorgezogen wurde, that mir weh; doch wagt' ich nicht, mich zu beklagen, weil ich eine vorwurfsvolle Antwort besorgte. Diesem hauslichen Verdrusse gesellte sich noch der Geldmangel bei, der mich zu Einschrankungen nothigte, auf die ich nicht gerechnet hatte, indess Babet (so hiess das Madchen) im Uberflusse strotzte. Ich machte bald, auf Anrathen einer meiner Bekanntinnen, Versuche, meine Finanzumstande durch das Lotto zu verbessern, und gerieth dadurch in ein Labyrinth von Geldverlegenheiten, aus welchem mich nur neue Vergehungen erretten konnten.
In eben diesem, fur mich so kritischen Zeitpunkte wurde in der Gesellschaft, die ich am haufigsten besuchte, weil sie, die Wahrheit zu sagen, aus jungen Weibern meines Gelichters bestand, ein junger russischer Kavalier, der Furst Demetrius , eingefuhrt. Er zeichnete mich bald vor den andern aus, und es entstand ein Wettstreit unter den Weibern um seine Eroberung. Ich that damals in Wahrheit keinen Schritt, ihn fur mich zu gewinnen; doch wage ich nicht, diese Unthatigkeit Pflichtgefuhl zu nennen, weil der, welchem ich Pflichten schuldig war, sie mir, wie ich glaubte, durch seine Untreue erlassen hatte. Der Furst war von dem Tage seiner ersten Erscheinung an meine Parthie beim Spieltische; er spielte galant, und machte den Zerstreuten. Der tagliche Gewinnst im Spiel machte meine hausliche Lage bequemer; ich bezahlte Schulden, und war nun um so leidenschaftlicher eine Spielerin. Dem Fursten entging dies nicht. Er verlor bestandig; anfangs kleidete er diese Freigebigkeit mit ausserster Delikatesse ein, allein vielleicht glaubte er in der Folge, sich dieser Schonung uberheben zu konnen, als er fand, dass ich um zu gewinnen spielte. In meinem Hause veranlassten die Summen, durch welche ich einen betrachtlichen Aufwand bestritt, auch nie die entfernteste Neugier, und o, des elenden Behelfs' damit entschuldigte ich meinen entehrenden Eigennutz gegen mich selbst.
Aufgemuntert durch diese entferntern Versuche, bemuhte sich der Furst, nach und nach seinen Absichten naher zu kommen. Auf einer Redoute war er mein Fuhrer; dies erregte Neid, und ich fand mich geschmeichelt. Unter dem Schutz der Maske wurde er kuhner, und ich nachgiebiger. Er sprach von Liebe, und ich setzte ihm n u r Zweifel daran entgegen. Er betheuerte, und ich horte ihn an. Er schlug eine Entfernung von der Gesellschaft vor, nach seinem oder einem andern Hause, das weiss ich nicht. Diesesmal noch stand mir mein guter Genius zur Seite; ich verwarf den Vorschlag mit Abscheu, und der Furst zog sich in die Granzen der Ehrerbietung zuruck, weil er die Zeit mit Zuverlassigkeit berechnen konnte, wo ich mich ihm selbst uberliefern wurde.
Meine hausliche Verfassung wurde von da an sichtlich immer misslicher; man spielte in Gesellschaften darauf an, und gab mir Winke, die ich damals mir nicht erklaren konnte. Meinen Hausgenossen sah ich zu selten, um Unruhe an ihm zu bemerken; doch fand ich eines Tages, dass er sehr thatig seine Schreibereien durchsuchte, und grosse Pakete im Kamin verbrannte. Ich fragte um die Ursache, und erhielt zur Antwort: es sind alte Scharteken, fur die man, wenn sie sich anhauften, endlich einen zu grossen Raum haben musste. Das war mir genug; ich forschte nicht weiter, kleidete mich an, und ging zum Thee. Meine Erscheinung erregte Verwunderung; man fragte mit bedeutenden Winken und Flustern: wie mein Mann sich befinde? ob er zu Hause, ob er allein sei? Meine Bejahung schien zu befremden; Einiger Blicke ruhten schadenfroh, andrer mitleidig auf mir, dessen erinnerte ich mich nachher. Ich setzte mich zum Spiel; der Furst war, wie gewohnlich, von meiner Parthie. Er begleitete mich in seiner Equipage zu Hause, und es fiel mir auf, das er meinem Bedienten etwas Heimliches sagte, welches mir dieser aber ablaugnete, als ich mich darnach erkundigte. In dem Arbeitszimmer des Hausherrn war noch Licht; ich ging zu Bette, wie ich das immer that, und schlief auch wie gewohnlich ein, ohne die Anwesenheit meines Stubengefahrten abzuwarten. Ich stellte an diesem Abend, wider meine Gewohnheit, einige Betrachtungen uber meine seltsame Lage an, und weil sie mich auf sehr traurige fuhren musste, brach ich ab, und bemuhte mich, einzuschlafen. Es gelang mir sehr schnell; aber durch die ungewohnte Anstrengung des ernsthaften Denkens war mein Blut erhitzt, und meine Phantasie sonderbar rege geworden. Im Traum sah ich ein bedeutendes Bild der Schicksale, welchen ich mich entgegensturzte. In einem dunklen Kerker erschien mir eine hassliche aber glanzende Gestalt, mit abentheuerlichen Verzierungen behangen; sie reichte mir die Hand, ich ergriff sie begierig, und plotzlich erhob sie sich mit mir zu einer steilen Anhohe, welche mit einer spiegelglatten Flache umgeben war. Uber derselben schwebten Gestalten, worunter ich meinen theuren Vater und meine Bruder am deutlichsten erkannte. Wie mein Blick sich auf sie heftete, verloren sie sich in einen matten Schimmer weit und immer weiter hin; die glanzende Gestalt neben mir hatte sich indess in einen hasslichen braunen gestaltlosen Klumpen verwandelt, auf welchem von dem, was er zuvor gewesen, nur noch die bunten Verzierungen sichtbar geblieben waren. Im aussersten Schrecken griff ich darnach; da fuhlt' ich mich von einer entsetzlichen Faust ergriffen, und von der Hohe herab auf die schlupfrige Flache hingeworfen. Aus der hellen Dammrung ging meines Vaters Gestalt wieder hervor; aber ich vermochte es nicht, ihr naher zu kommen, weil meine Fusse auf der ungewohnten Glatte ausgleiteten. Ich warf mich trostlos auf den Boden, die vaterliche Gestalt war mir ganz nahe, ergriff mich, und plotzlich sass ich neben ihr in einer duftenden Laube. Nun umflatterten mich bunte Traumgestalten, der feste Schlaf ging in leisen Morgenschlummer uber, und dieser wurde durch das Rufen meines Namens abgebrochen. Ich erschrak, eine alte Frau, die im Hinterhause wohnte, in meinem Zimmer zu sehen. Nehmen Sie mir's nicht ubel, dass ich mich so dreist zudrange, fing sie an; die Zimmer stehen alle offen, es mochte ein Fremder hereinkommen. Wo sind denn meine Leute? Seit 4 Uhr, da der Herr abreisete, habe ich keine Seele wieder gesehn. Voll Entsetzen sprang ich auf; eine Ahnung flog durch meine Seele; ich warf in moglichster Eile Kleider uber, indem trat Furst Demetrius G ins Zimmer. Er sah bekummert aus; und da er mich eben in der grossten Besturzung fand, so fragte er: Sie wissen also schon? Ich weiss nichts, gar nichts. Der Kassendefekt ist heraus; heute sollte er arretirt werden. Er hat sich mir entdeckt. Durch einen angemessenen Vorschuss habe ich ihn in den Stand gesetzt, fur seine Sicherheit zu sorgen, und habe ihm mein Ehrenwort gegeben, es auch fur die Ihrige zu thun. Es ist ausgemacht, dass, wenn Sie nicht schnelle Massregeln ergreifen, man sich Ihrer statt seiner bemachtigen wird. In der entsetzlichsten Betaubung sturzte ich ihm zu Fussen; ich glaube, dass ich seine Hande gekusst habe, denn er wurde machtig ergriffen, sank bei mir nieder, umfasste mich mit den heiligsten Betheurungen, und schwur, mein Schicksal sei an seine Seele gebunden; er ubernehme es, mein Loos zum allerglucklichsten zu machen; seine uberschwengliche Liebe setze ihn uber jede andre Betrachtung hinweg; ich verdiene nicht nur eine Furstin zu seyn, sondern auf einen Thron erhoben zu werden. Soll ich es sagen, dass ich mit Wohlgefallen auf seine Reden achtete? dass mir der Gedanke auch nicht einfiel, mich in der Noth zum naturlichsten Asyl, zu meinem Vater zu fluchten? Ach, die lockenden Tone der Verfuhrung schlichen sich so suss in mein Herz, und es war gewonnen, ehe die Vernunft aus ihrem langen Schlummer erwachte! Aber wohin? mein Furst! Wohin? meine Gottliche! Wo Ihr Demetrius ist, da ist Ihr Asyl; kann es fur die Geliebteste ein andres geben? Aber lassen Sie uns die Zeit benutzen! Ich bestelle Pferde. Nehmen Sie nur die ersten Nothwendigkeiten mit, bei meiner Mutter sollen Sie mit allem versorgt werden.
Ich wurde unrecht thun, wenn ich sagte ich hatte uberlegt. Nein, ich uberlegte, ich dachte mir nichts deutlich; auch kann ich nicht sagen, dass mich die Liebe verfuhrte. Der Furst ist jung und liebenswurdig; aber nie sah ich in ihm den Mann, dem mein Herz sich hatte ergeben mogen, nur meine Eitelkeit flusterte mir zu: er zieht Dich den andern vor, er ist ein Furst, und kann Dich zu sich hinaufziehen. Die Noth des Augenblicks, Gefangniss, Armuth und Verachtung standen in grasslichen Gestalten vor mir. An der Hand des Fursten winkten mir Reichthum und Wohlleben, und der Mussiggang, dem ich mich besonders im letzten Abschnitte meines Lebens geweihet hatte, stand in der Perspektive. Auch keinen einzigen Augenblick stand ich an, das Anerbieten des Fursten anzunehmen. Auf die Einwendung, die der Wohlstand, doch nur ganz leise, machte, antwortete ich: er bringt Dich ja zu seiner Mutter! unter welcher Gestalt? untersuchte ich nicht.
Mir blieb auch wenig Zeit zur Unentschlussigkeit und Untersuchung ubrig. Ein junger Mensch, dem ich einiges Gute erwiesen hatte, schickte mir einen Zettel, worin es hiess: Retten Sie sich sobald Sie konnen. Diesen Abend werden Sie an der Stelle Ihres Mannes, fur den Sie mit Ihrer Habe haften sollen, arretirt. Ich nutzte den Wink, und spornte meine Thatigkeit zur Eile. Nun erst vermisste ich Jungfer Babette, meine besten Kleider, und einige Juweelen; ich war aber bei diesem Verlust ganz gleichgultig, bei der Mutter des Fursten sollte ich ja mit allem versorgt werden. Um 4 Uhr Nachmittags erwartete ich, zur Reise gerustet, meinen Begleiter. Um 5 Uhr erschien sein Kammerdiener in einer Miethkutsche, und brachte mich an den Ort, wo sein Herr mit den Postpferden auf mich wartete. Fuhllos verliess ich das Haus, worin ich durch ein schweres Vergehen Frau geworden, und mein innerer Zustand eine aneinanderhangende Marter gewesen war. Mit einem andern Herzen wandte ich der Stadt den Rucken, worin sich eine zweite Periode meines Lebens angesponnen, und nun so uber alle Erwartung schrecklich entwickelt hatte. Als ich, an der Seite des Fursten, mich im Freien fuhlte, ergriff mich der Gedanke: was hast Du vor? wie ein gieriges Raubthier. Ich verbarg mein Gesicht, und konnte dem Manne nicht ins Auge blicken, dessen Willkuhr ich nun so unbedingt mich ubergeben hatte. Wir fuhren durch das namliche Thor, in welches meine brave Mutter mich hereingebracht hatte. Mein Elend zu verstarken, erkannte ich jeden Baum, jeden Feldweg wieder, wie ich ihn mir beim ersten lebhaften Anschauen gemerkt hatte. Stumm, und in den tiefsten Schmerz versenkt, sass ich da; mein Reisegefahrte bot seinen ganzen Witz auf, mich aus mir selbst herauszuziehen, aber er erhielt nichts, als endlich die dringende Bitte, mich zuruckzubringen. Wie? wohin wollen Sie? fragte er besorgt; soll ich Sie ihren Verfolgern ausliefern? trauen Sie meinem Ehrenworte nicht? sollt' ich die, die meine ganze Seele liebt, nicht ehrenwerth halten? Die Frage: was werd' ich Ihnen, was Ihrer Mutter seyn? schwebte mir auf den Lippen, aber die Furcht, jetzt schon aus meinem Wahne gerissen zu werden, hielt sie zuruck. Und dann: er sah so gut, so ehrlich aus; seine Bedienten bezeigten mir Ehrfurcht bis zur Demuth; ich hoffte, die Ausserung, dass ich seine Gemahlin werden wurde, sollte ihm entwischen; aber noch immer hatte er sich nicht bestimmt erklart. Ich war nicht schlau genug, die Veranlassung herbeizufuhren; doch als er in mich drang, ihm die Ursache meiner Betrubniss zu entdecken, sagt' ich listig genug: aber, Furst, ich bin die Frau eines andern, wie kann ich bei Ihnen mit Anstand seyn? Wenn dieser Andre mir seine Rechte gegen ein Equivalent abtritt, sind Sie dann nicht die meinige? Die Gesetze meiner Kirche achten die Verpflichtungen, welche Ihnen die Ihrige auflegt, fur ungultig. Unsrer Liebe steht nichts im Wege, meine Ida! (denn von nun an war ich Ida. Juliane, Julchen! o, der theure Mund, der dies sprach! der Name soll unentweiht bis auf bessere Tage ruhen). Da ich diese unbestimmte Ausserung des Fursten fur eine Art von Erklarung gelten liess, so beruhigte ich mich; ich wurde ertraglich, bis es Nacht wurde, und die Dunkelheit mir Gelegenheit gab, von den aussern Gegenstanden ab-, und in mich selbst hereinzugehen. Der Traum der vorigen Nacht ruhete, gleich einer schweren Last, auf mir, und ein Theil desselben ging schon in buchstabliche Erfullung. Die glanzende Gestalt, mit Ehrenzeichen behangen, reichte mir die Hand, mich aus dem Kerker zu befreien. Auch sie wird's seyn, die mich mit eiserner Kraft in den Abgrund schleudert. Im Hintergrunde stand der Vater, aber ein schwer beleidigter zurnender Vater, und Bruder, die mich verachten mussten. Wie ubermuthig hatte ich oft auf den Bruder, der jetzt ein Handwerksgenosse war, herabgesehn! Wie konnte nun er, der Fleissige, der Rechtliche, auf seine Schwester herabblicken? Wie musste es ihm bei seinen Genossen zum Vorwurf gereichen, wenn es hiess: sie ist mit einen Russen durchgegangen! Als dessen Frau? Nein, als seine O, mein Gott, wie erniedrigend war einem jeden von uns das Wort Matresse! Des redlichen, aller Orten geachteten Amtmanns Tochter ist nun zur Matresse eines Fremden herabgesunken! Diese und ahnliche nagende Betrachtungen zerrutteten meine Gesundheit, und ich sah mit thranenschwerem Auge, blass und erschopft, den Morgen anbrechen. Der Furst war mir nun zuwider; ich sah ihn im Nachtkleide, von allen Orden und Ehrenzeichen entblosst, im schlichten Reiserock, mit ungeordnetem Haarputz; er erschien mir wie ein gemeiner Mensch, der sich mit seinen Bedienten verwechseln liess. Es ist ein Jammer, dass wir oft unsre Ehre und das Gluck der Unsrigen von einem Stuckchen Bande, einem Sterne oder Kreuze abhangen lassen! Ware mir der Furst fruher in so unscheinbarer Gestalt genaht, ich ware schwerlich in seine Hande gerathen; dass es wirklich so war, wird nachher deutlicher werden.
Wir fuhren drei Tage Tag und Nacht, und rasteten endlich in einem Dorfe in Hinterpommern. Es war an einem Sonntage. Die Gemeinde stand in ihrem festlichen Anzuge, und erwartete den Prediger. Der Gottesdienst begann, und, angetrieben von einem unwiderstehlichen Gefuhl, mischt' ich mich unter den Haufen, der zum Gotteshause wallte, und ging mit hinein. Der Gesang erschutterte mich; lange schon hatte ich keiner offentlichen Versammlung beigewohnt, und nun unter diesen Umstanden! Ich zerfloss in Wehmuth. Der bejahrte, ehrwurdige Prediger sprach mit Kraft und Nachdruck uber den Text: 'Es wird mehr Freude im Himmel seyn uber e i n e n Sunder, der Busse thut, als uber neun und neunzig Gerechte.' Mancher gute Entschluss stieg in meiner Seele auf, und einmal flusterte mein guter Engel mir zu: 'Kehre um, noch bist Du unentweiht!' Aber wer wird's glauben? und zu wem soll ich gehn? Jetzt trat der Furst, der mich gesucht hatte, in die Kirche, von seinen Bedienten umgeben, in Anstand und Miene den vornehmen Mann, wenigstens mit dem angethan, was diesen Leuten das Bewusstseyn ihrer Uberlegenheit giebt, und meine eitle Seele wurde wieder ganz leer von guten Gedanken. Seine Zartlichkeit wirkte allmahlig auf mein Herz, und o, der Schande! ich wurde von da an ruhig, und immer ruhiger, bis wir hinter Riga kamen, wo ich erfuhr, dass mein unglucklicher Vater mir auf der Spur sei. Hier warf ich mich dem Fursten zu Fussen, und flehte, mich in die Arme meines Vaters zuruckzugeben. Ich sprach mit dem Ungestum einer Wahnsinnigen. Der Furst schloss mich in seine Arme; meine Ida, sagte er, meine Einzige, womit verdiene ich ein so unzerstorbares Misstrauen? Noch lange sind wir nicht am Ziel unsrer Reise; nur wenige Zeit werde ich meinen Freunden in Petersburg schenken, dann aber erwartet uns in einer entfernteren Gegend meine Mutter, bei der meine Ida schon durch die empfehlende Eigenschaft, eine Deutsche zu seyn, eine freundliche Aufnahme finden wird. Als was? Furst! fragt' ich unruhig. Er stand einen Augenblick an. Ida findet gewiss eine mutterliche Aufnahme, fuhr er fort; sie wird geliebt werwerden, wo sie nur aufgenommen seyn will. Prinz, schicken Sie mich zu meinem Vater, noch ist nicht alles verloren; da er mich sucht, will er mich nicht verstossen! Der Furst sagte galante Gemeinplatze, und befahl heimlich seinen Leuten, mich streng zu beobachten. Sie thaten es so sehr, dass ich keinen Schritt nach einem Glase Wasser thun durfte, ohne von einigen um mein Geschaft befragt zu werden.
Der Jager, ein Stockrusse, sah mich weinen. Was weinst Du? sagte er in gebrochenem Deutsch; Du wirst hoch, sehr hoch kommen! Wenn Du Furstin bist, da weinst Du nicht mehr. Diese einfachen, herzlich gesprochnen Worte beruhigten mich in so weit, dass ich einen Brief an meinen unglucklichen Vater schrieb, der in Riga im Posthause abgegeben wurde. Mein Schmerz beim letzten Abschied, den ich ihm bot, granzte nahe an Stumpfheit; er hatte die Hohe, welche das Herz zu fassen und zu tragen vermag, uberstiegen, und nun war alles ode und abgestorben in meiner Seele. Ich gab mich, ich gab alles verloren, und achtete es nun nicht mehr der Muhe werth, durch Selbstthatigkeit eine Anderung meines Schicksals zu bewirken. Sobald ich das ewige Lebewohl an den wurdigsten der Vater versiegelt hatte, sah ich mich als eine Gestorbene an, die nun der Vergeltung entgegeneilt. Das Andenken an meinen Vater hatte die Bilder meiner ersten unbefangnen Jugendjahre aufs lebhafteste in mir erneuert. Wenn ich die Grade der Verschlechterung betrachtete, die ich einst Julchen aus Lindenau, nun die erlogne Ida eines russischen Fursten durchlaufen war, schien ich mir nicht mehr dasselbe Wesen; am wenigsten schien mir Ruckkehr moglich, seitdem ich mich unter einen fremden Himmel, und unter ein so sehr fremdes Volk versetzt sah. Ich uberliess mich nun dem waltenden Verhangnisse, wie ich es nannte, und folgte dem Fursten still und ergeben, als wir die Reise fortsetzten.
Von Riga bis Petersburg unterliess er nichts, was die feurigste Liebe zur Beruhigung der Geliebten zu ersinnen vermag; nur auf positive Erklarung liess er sich nie ein, so vielen Muth ich auch nachher bekam, sie herbeizufuhren. Endlich erklarte er sich, dass er in Petersburg meinem Schicksale eine gunstige Wendung zu geben gedenke; ich solle mich auf seine Ehre, mehr aber noch auf seine Liebe verlassen.
Die unendliche Mannichfaltigkeit der Gegenstande zerstreute mich wider Willen. Mehr als alles zog mich der unaussprechliche Reiz der russischen Sommernachte an. Der sanfte Schimmer der kaum untergetauchten Sonne rothet den Horizont, und verschonert die Gegenstande. Die Erwartung der kommenden Nacht tauscht sich selbst, und man sieht sich durch eine angenehme Uberraschung um den Schlaf gebracht, wenn die ersten Strahlen der Sonne schon wieder die Gipfel der Baume vergolden. Alle Erscheinungen um mich her erregten meine Neugier und Erwartung. Gestalten, wie ich sie noch nie sah, wandelten um mich her, eine fremde Sprache, ein fremder Boden; fast uberlief mich ein Grausen, wenn ich die fremdartigen Gesichter sah, aber allenthalben stiessen wir auf frohe, singende Menschen, die in Stellung und Gebehrde Demuth ausserten, ohne von harten Sklavensinn niedergedruckt zu scheinen. Mein Reisegefahrte machte mich auf alles aufmerksam und erklarte es mir, aber wie viel er mich auch von Petersburg's Pracht hatte erwarten lassen, wurde ich doch zum hochsten Erstaunen hingerissen, als ich die Grosse und Pracht dieser bewundernswurdigen Stadt sah. Der Pallast des Fursten lag im Admiralitatstheile, und sein Inneres entsprach der ungemeinen Pracht seiner Aussenseite. Allein ein unbekanntes Grausen befiel mich, als ich, die ich immer jemand von meinem Geschlechte um nich gehabt hatte, mich unter ein ganzes volles Haus von Mannern versetzt sah. Unter dem zahlreichen Hausgesinde hatte ich nur zwei Madchen bemerkt, eine dicke geschminkte Russin, und eine Kalmuckin zur grobsten Hausarbeit. Mir wies der Haushofmeister prachtige Zimmer an, und ich begriff aus seiner Pantomime, dass die Furstin sie bewohne, wenn sie sich in Petersburg aufhalte.
Es war mir unmoglich, mich in dieser Pracht einheimisch zu fuhlen; ich starrte darauf hin, ohne sie mir anzueignen. Der Gedanke: was bin ich in diesem Pallaste? fiel mir abermals zentnerschwer aufs Herz. Der Furst besuchte mich in meinem Zimmer; er bemerkte meinen Missmuth, und weil er mich errieth, liess er mich nicht zu Worte kommen. Ich verstehe die Thranen in diesen lieblichen Augen, sie sollen mir nicht lange mehr Vorwurfe machen. Aber Ida, darf ich auf keinen, nicht einen Beweis Ihrer Zuneigung rechnen? halt dieses schone Herz auch nicht e i n mal mich einer Tauschung werth? Mein Prinz, wenn Sie zu der Wohlthat, mich aus den Handen der Glaubiger meines Mannes gerettet zu haben, auch die noch hinzufugen: mir eine, meinem Stande angemessne, Bestimmung festzusetzen, so rechnen Sie auf das dankbarste aller Herzen. Ida, wenn Sie mich lieben, so ist Ihr Loos auf immer festgesetzt. Ich war schwach genug, eine hoffnungerregende Antwort zu geben, und nun o der Angst! konnte nur mein noch wacher Schutzgeist mich von seiner Zudringlichkeit und meiner erregten Sinnlichkeit erretten. Ich wage es nicht, irgend etwas zu meiner Enschuldigung anzufuhren. Ich rang gegen die Wuth seiner Umarmungen; aber sein Arm umschlang mich mit einer Kraft, der ich nicht widerstehen konnte. Ich sank vom Widerstreben matt zu Boden, und fiel gegen die Ecke des Sopha's so hart, dass im Augenblicke mein Kleid und der Fussteppich mit Blut uberstromt waren. Der Prinz hob mich auf, jammerte, und rief nach Hulfe; mein Kopf war gefahrlich verwundet; ich fiel in Ohnmacht, und als ich wieder zu mich kam, sah ich mich mit fremden Gesichtern umgeben. Ganz besonders fiel mir ein altes ehrwurdiges, mit weissem Barte, auf. Der Mann sah mich freundlich an, sprach aber kein Wort. Als ich ihn um etwas fragen wollte, legte er mir den Finger auf den Mund, und sagte gebrochen Deutsch: 'Fieber haben, nicht reden.' Diese alte Gestalt war mir zum besondern Trost, weil ich keine Person meines Geschlechts zu meiner Bedienung um mich sah. Der Furst trat herein, und sagte zu dem Alten freundlich: bist Du da, Michael Popoff? Ich vernahm nun, dass es ein russischer Priester sei, der bei den Hausoffizianten einen Kapellan abgab. Michael verliess mein Bette nicht; und als er mir erlaubte zu sprechen, fragte er freundlich: wer bist Du? Madchen oder Frau? Frau! sagt' ich beherzt; fuhlte aber meine Wange sich rothen. Warst Du gut, ehe Du in dieses Haus kamst? (er sprach alles gebrochen Deutsch), Was willst Du hier werden? Frau! Ich antwortete nicht; mein Blick sank beschamt von dem ehrwurdigen Gesicht auf meine Decke, Wird die Furstin Dich sehen? Die Furstin? die Mutter des Fursten? Nicht Mutter! Frau, Gemahlin! Er stand auf, und zeigte auf ein schones weibliches Bild, welches ich fur ein Ideal gehalten hatte. Verstort, aufgeschreckt rief ich aus: wie? ist der Furst vermahlt? Ja, mit Eudoxia, aus dem Hause 'P ... Gott, Gott! darum die Ungewissheit, das Zogern, sich zu erklaren! Was bin ich nun? o, grasslich! grasslich! Weib, hast Du einen Vater? fragte Michael. O schweig', alter ehrwurdiger Mann, mein Fall in diesen Abgrund wird ihn umgebracht haben! Ich fiel in eine Raserei, die Wunde fing aufs neue an zu bluten, und Michael bat mich um sein Leben willen, ihn nicht zu verrathen. Ich wurde etwas ruhiger, als er mir versprach, mein Vermittler zu werden, und mich in eine anstandigere Lage zu bringen.
Bald nachher erschien der Prinz. Ich zwang mich, wenigstens still zu seyn. Nachdem ich eine Zeitlang geschwiegen hatte, zeigte ich auf das Portrait, und fragte: wer ist dies himmlische Gesicht? Ein Ideal, Ida; was geht das Sie an? Sie sind tausendmal schoner. Geht das Bild auch S i e nicht an? Prinz! Er wurde roth. Ida, stammelte er nach einigem Schweigen, ich sehe, ich bin verrathen; meine Verwandten haben mir eine Gemahlin aufgedrungen, die mich unglucklicher Weise bis zur hochsten Leidenschaft liebt. Dieser zu entgehn, verliess ich mein Vaterland, und gab alle Anspruche auf Ehrenstellen auf, zu welchen mein Rang und Vermogen mich berechtigten; ich durchreisete die sudlichen Lander, kein Weib zog mich an sich, bis ich in Ihrem Berlin fand, wonach sich mein Herz so lange gesehnt hatte. Ida, nun opfern Sie mein Gluck nicht einem Hirngespinnste auf! Was ist das nun, dass Eudoxia fur diese Welt mein Weib ist? Mag sie immer die Theilhaberin meines Ranges und Vermogens seyn, mein Herz habe ich nur fur die reizende Ida! Ich uberschuttete ihn mit Vorwurfen, die er endlich, hofmannisch freundlich, damit beantwortete, dass er mich daran erinnerte, wie er kein Zwangsmittel und sehr wenig Uberredung angewandt habe, mich zur Reise zu bewegen. Tief beschamt und erschuttert, wie ich es seyn musste, verliess er mich, und der alte Priester trat an seine Stelle. Mein Zustand, meine bittern Thranen gingen ihm zu Herzen; er fragte zutraulich: ist es Dein Ernst, dass Du nicht werden willst eine O ja, ja, ehrwurdiger Mann, wie Du mich auch retten willst, ich gehe alles ein. Gut, so warte noch drei Tage; Deine Krankheit wird Deine Rettung eyn. Aber vor allen Dingen danke Gott, danke ihm, wie Du gelernt hast mit ihm zu sprechen; er und der heilige Nikolas werden Dich beschirmen.
Der Wink des Alten fiel brennend in meine Seele. Ach, wenn ich beten konnte! aber wie kalt, wie durchaus entfremdet ist mein Herz diesen frommen Empfindungen! Als ich allein war, falteten sich meine Hande von selbst, die beklemmte Brust arbeitete heisse Seufzer hervor, mein bethrantes Auge richtete sich zum Himmel, und ich wunschte mit unbeschreiblicher Angst, dass Gott mich horen, und mich erretten mochte. War dies Gebet, so ist nie ein brunstigeres emporgestiegen.
Mein Herz war erleichtert, als der Prinz ins Zimmer trat. Er bemerkte meine ruhigere Stimmung mit Zufriedenheit, und wartete nicht, bis ich die vorhin abgebrochne Materie wieder aufnahm, sondern fing selbst an davon zu sprechen. Ida, ein rasches Wort hat Sie vorhin beleidigt. Ich wollte das nicht; da wir aber in der Entwicklung so weit gekommen sind, muss ich als ein Mann von Ehre sprechen. Ich liebe Sie unaussprechlich, Ihre Schonheit, Ihre Anmuth muss Ihnen das sagen; aber ich will Sie nicht verderben. Ob es immer in meiner Gewalt stehn wurde, dem raschen jugendlichen Feuer zu gebieten, wenn so viele anziehende Reize mich umgaukeln, darf ich nicht versprechen. Ida, ich darf Ihnen nicht verschweigen, dass Michael Popoff nachdrucklich fur Sie gesprochen hat; er hat meinem schlummernden Sinne fur Gute und Rechtschaffenheit eine neue scharfe Richtung gegeben. Ich schlage Ihnen das Haus der Furstin Eudoxia zum Asyl vor. Sie ist eine gutes, ein tugendhaftes Weib; Sie sollen vor ihr, als die verlassne Frau eines unglucklichen Mannes, erscheinen, der Sie mir empfohlen hat. Sie durfen nicht errothen, Ida; Sie kommen rein und unentweiht aus meinen Handen. Ich werde Sie immer noch anbeten, aber nur selten sehen; in diesen Augen ist zu viel Gefahr fur mich.
Mit ganzem Herzen stimmte ich in den Vorschlag des Prinzen. Sein Edelmuth uberwaltigte mich; nie war er in meinen Augen so liebenswurdig erschienen, und dass ich alles sage, in der tiefsten Falte meines Herzens regte sich etwas, das einem Unmuthe uber diese freiwillige Entsagung glich. Mein Dank war so feurig, dass er dem Prinzen beinahe den edlen Sieg uber sich selbst aus den Handen gerissen hatte. Popoff erschien, und die Unterredung nahm eine ruhigere Wendung.
Nach drei Tagen, in welchen ich den Prinzen nur auf kurze Augenblicke, Popoff aber bestandig um mich hatte, verkundigte mir ein Getose und Pferdetritte im Hofe des Pallastes die Ankunft der Furstin. Ich kleidete mich anstandig, und erwartete jeden Augenblick, dass sich etwas ereignen werden; allein es blieb diesen Tag und Abend still, selbst der alte Priester liess sich nicht sehen. Erst spat nach Mitternacht wurde es ruhig im Pallaste. Ich blieb auf, und brachte den ubrigen kurzen Theil der Nacht am Fenster zu. In diesen wollustig-angenehmen Nachten verliert sich zwar in den Petersburger Strassen die gerauschvolle Thatigkeit, wird aber nicht, wie in Berlin, zur todten, bangen Stille. Uberall hort man den Fusstritt von Spaziergangern, die sich haufig von Musik begleiten lassen. Auf der Newa und auf allen Kanalen schwimmen Schaluppen, von welchen der einfache melodische Gesang der Matrosen ertont. Ich uberliess mich, zum erstenmal seit langer Zeit, einer freundlich-winkenden Hoffnung besserer, unschuldvoller Tage. Die Furstin dachte ich mir unter mannichfaltigen, lieblichen Gestalten; aber ach! wohin ich den Blick wendete, war Anstrengung und Arbeitsamkeit die unerlassliche Bedingung besserer Zeiten! Was konnte i c h fur Talente aufweisen? was fur Geschicklichkeiten hatte i c h mir erworben? Keine einzige, die mich uber den Tross gemeiner Bedienten erheben konnte! O, weh mir, wie habe ich die goldnen Tage der Musse mit Armseligkeiten verschleudert! Ich fuhlte es tief in der Seele, dass ich nur in die niedrigere Region einer kleinen Haushaltung gehorte; dass es etwas Leichtes gewesen war, unter den lustigen Weibern, mit welchen ich meine Zeit vertandelt hatte, einen Platz zu behaupten, die sich ausser dem Whisttische und Putzladen in armer Unbedeutsamkeit verlieren. Diese Betrachtungen waren eben nicht geschickt, mich zu einer Zusammenkunft mit meiner kunftigen Beschutzerin gehorig vorzubereiten. Indess war es Tag geworden; der Kammerdiener brachte mir Fruhstuck; ich wagte keine Frage an ihn. Bald nach ihm erschien Popoff. Sein freundliches Auge verkundigte mir lauter Gutes. Du wirst es gut haben, wenn Du willst, sprach er; Eudoxia will Dich haben, wenn Du ihr gefallst. Ach Gott! wie muss ich seyn, wenn ich ihr gefallen soll? Sie ist den Deutschen gut. Aber, meine Tochter, etwas muss ich Dir sagen: bei ihr lebt ein Weib, das ihre Erzieherin war; sie ist eine jahzornige Franzosin; bitte den heiligen Christ, dass er Dir's eingiebt, wie Du das Herz dieses Weibes gewinnen mogest. Mir sank der Muth, die Tage der Unbefangenheit waren dahin, und die Last des entkraftenden Bewusstseyns lag schwer auf mir. Was Dir auch begegnen moge, jede Erniedrigung wirst Du verdient haben! Ich wies mir den niedrigsten Platz an, und wagte keine Klage, kein Murren. Der redliche Popoff verwies mir meine Niedergeschlagenheit. Du bist nicht gut und dankbar, meine Tochter, sagte er; hat Gott nicht Wunder zu Deiner Errettung gethan? Willst Du darum verzagen, weil er so gutig ist? Sammle Dich! in kurzem wirst Du vorgelassen; ich bleibe Dir zur Seite. Es war gut, dass er das sagte, sonst ware ich umgesunken, als der Kammerdiener der Prinzessin erschien, um mich abzuholen.
Popoff begleitete mich. Ich wurde durch eine lange Reihe Gemacher gefuhrt, deren Pracht mir imponirte. In einem der letztern fand ich die Prinzessin auf einem Sopha; eine altliche, in Braun gehullte, Gestalt vor ihr, bediente sie mit Chokolade. Die Furstin sah ihrem idealischen Bilde vollkommen ahnlich. Eine schone Spitzenhaube beschattete zum Theil das reizende Gesicht; ein grosses, flatterndes, hinten aufgestecktes, buntseidenes Tuch gab ihr ein fremdes, hochst reizendes Ansehn, wozu ein, im orientalischen Geschmack gesticktes und geschnittenes, weites Gewand noch mehr beitrug. Am Eingang verneigte ich mich ehrerbietig, wie ich es auf dem Theater gesehn hatte. Popoff hielt mich, und fuhrte mich ihr naher. Sie streckte eine wunderschone Hand nach mir aus, und hiess mich in angenehmen Franzosisch naher kommen. Meine Haltung mochte unter diesen Umstanden noch weniger Festigkeit als gewohnlich haben; denn die braune Franzosin am Tisch merkte an, dass sie wetten wolle, ich sei n u r eine Deutsche. Cet air, ce maintien, cette timidite, sagte sie leise zur Furstin, zeigten sehr deutlich, zu welcher Nation ich gehore. Was die Gebieterin antwortete, verstand ich nicht ganz; aber ich unterschied, zu meinem Trost, die beruhigenden Worte: tres-aimable, und diese gaben mir Muth, mich gegen ihr Gewand hinzuneigen; sie reichte mir aber gutig die Hand zum Kuss. Ich ergriff sie, und kusste sie mit einer Innigkeit, die, so wie sie aus meinem Herzen kam, in das ihrige drang. Sie sah mich mit Wohlgefallen an, und sagte etwas auf russisch zu Popoff, der es mit dem Lacheln der Zuneigung anhorte.
Allein jetzt wurde der Auftritt banglicher fur mein Herz. Die schone Frau erkundigte sich nach meinem Vaterlande, meinen Eltern, meinen Verbindungen, und endlich was ich mit grosser Herzensbeklemmung erwartet hatte um mein Verhaltniss zum Fursten. Ich entfernte mich in meinen Antworten, so wenig es sich thun liess ohne anstossig zu werden, von der reinen Wahrheit. Als ich auf die Frage: ob ich noch Eltern habe? wehmuthig meinen Vater nannte, hiess sie mich mitleidig: arme Kleine; als ich aber auf die Erkundigung, ob ich mit dem Fursten zusammen in einer Kutsche gereiset sei, Ja antwortete, umwolkte sich das schone Auge, und sie sagte mit kleinmuthigem Tone zur Lebrun etwas, wovon ich nur das trop belle verstand. Das rothete meine Wangen, und eine bittre Thrane des Bewusstseyns stieg in mein Auge. Ich sah traurig auf meinen ehrlichen alten Begleiter, und gab schon alles verloren. Er sprach russisch, und die Prinzessin sah mich wieder an. Was kann ich, was muss ich fur Sie thun, mein Kind, (sagte sie) wenn Ihnen geholfen seyn soll? Ich begreife, dass Ihre Schonheit und Jugend nicht schutzlos bleiben kann. Mein guter Genius, oder vielmehr das dringende Bedurfniss meines Herzens, gab mir ein, vor ihr hinzuknieen, und mit Inbrunst um Aufnahme unter ihre Frauen, und Schutz von ihr, zu flehen. Popoff nickte mir freundlich seine Billigung zu, und ich hatte zur glucklichen Stunde gesprochen; die edle Frau kusste mich liebreich auf die Stirn, und gewahrte warum ich bat. Jetzt entrunzelte auch die saueraugige Gouvernante ihre gelbe Stirn, und fragte mich mit offenbar neidischem Tone, was ich denn arbeiten konne? meine Landsmanninnen hatten gewohnlich gar wenig aufzuweisen; ein wenig Stricken? ein wenig caquet? n' est ce pas? setzte sie in einer mehr boshaften als scherzenden Manier hinzu. Sie hatte leider! recht. Das gutevolle Herz der Furstin sah meine Verlegenheit, und sagte schnell einfallend: Sie werden doch lesen konnen, mein Kind? Sie werden mir bei meinen kleinen Arbeiten vorlesen; meine arme Lebrun leidet ohnehin an den Augen. Freilich, erwiederte diese, werde ich nachgrade eine unnutze Dienerin meiner gnadigen Furstin. O, das nicht, liebe Lebrun, Du wirst meinem dankbaren Herzen nie entbehrlich seyn! Diese junge Person wird in ihren Funktionen von Dir abhangen; Deine Zurechtweisungen werden ihr nutzlich seyn. Madame Lebrun liess sich nach diesem Beruhigungsmittel herab, mich zu umarmen, und meiner Wange von dem uberflussigen Taback, der an ihrer Hakennase hing, mitzutheilen, und nun war ich angenommen. Von diesem Augenblicke an nannte mich die Furstin Du; mir wurde ein Gemach neben der Lebrun angewiesen, welches ich sogleich in Besitz nahm.
Popoff, der ehrwurdige Priester, weinte Freudenthranen, als ihm sein schones Werk gelungen war. Er segnete und kusste mich beim Abschiede, und ermahnte mich, dem heiligen Christ und meinem Schopfer fur mein Gluck zu danken. Als er von mir ging, schenkte er mir ein schones Kreuz, und befestigte es an meinem Halse, indem er sagte: gedenke Deines Erlosers, meine Tochter; aber bedenke auch, dass nicht immer Wunder zu Deiner Errettung geschehen werden. Damit verliess er mich.
Die Prinzessin hatte eine schatzbare Sammlung deutscher Klassiker aus allen Fachern. Es war mein Amt, ihr daraus vorzulesen. Sie liebte unsre Sprache, und druckte sich gut darin aus. Ihre Mutter war eine Lieflanderin gewesen. Sobald das erste deutsche Wort gelesen wurde, pflegte die Lebrun mit solchen Zeichen des Widerwillens und Ekels das Zimmer zu verlassen, als ob eine, Grausen und Abscheu erregende, Operation vorgenommen wurde. Die gute Furstin bemerkte es zu ihrer Belustigung, und fand es drollig, wenn die ubelgelaunte Franzosin ce fichu allemand! sagte.
Ich hatte nun schon eine ganze Woche mein Amt versehen, und taglich mehrere Stunden vorgelesen, aber noch immer hatte ich nicht bemerkt, dass der Furst auch nur ein einzigesmal seine Gemahlin gesehn hatte. Sie fing an, merklich zerstreut zu werden; ich musste oft eine Stelle mehrere male lesen. Wenn ich kam, fand ich sie weinend; ihr schones Herz erlag unter irgend einem geheimen Kummer. Einst fand ich sie schreibend; indem sie siegelte, fielen Thranen auf den Brief herab; sie wollte sie trocknen, besann sich aber, und sagte: e r soll sie sehn! Der traurige Brief war an den kaltsinnigen Gemahl gerichtet. Der Kammerdiener, der ihn uberbracht hatte, brachte zur Antwort: Se Erlaucht wurden noch diesen Vormittag aufwarten. Die arme Dame gerieth in eine seltsame Bewegung, die sich erst in Thranenstromen Luft machte, und dann in eine wehmuthige, ruhrende Freude uberging. Arme Eudoxia! rief sie einigemal wie aus der Tiefe ihres Grams. Sie wollte Toilette machen, unterliess es aber wieder, und brachte bloss etwas mehr Nachlassigkeit in ihren Morgenanzug. Als ich ihre Befehle erwartete, ob ich gehen oder bleiben sollte, sagte sie: Du gehst; nein, Du sollst bleiben; doch, es ist besser Du gehst. Dann lehnte sie ihren Kopf auf meine Schulter, und sagte dass es mir ins Herz schnitt: nicht wahr, Ida, ich jammere Dich? Als sie mich weinen sah, sagte sie gutig: Du bist eine sehr gute Seele, ich habe Dich recht lieb; aber setzte sie zartlich und halb scherzhaft hinzu hier bleiben darfst Du doch nicht, wenn mein Gemahl da ist. Diese letzten Worte horte die Lebrun, und sagte franzosisch: es sei besser, ich bliebe, so wurde man doch sehn Die Furstin billigte den Rath, und ich blieb. Aber mit welchem Aufruhr in meinem Innern, das musste mein verstortes Gesicht sagen; denn die Lebrun sah mich unverwandt durch ihre Brille an, und schuttelte bedenklich den Kopf.
Ich hatte nicht Zeit, mich recht zu sassen, denn in dem Augenblicke sprangen die Flugelthuren auf, und der Prinz erschien in grosster Gala. Er eilte auf seine Gemahlin zu, kusste der halb Ohnmachtigen die Stirn, und dann die Hande, wobei er einige russische Worte sagte. Sie sprach keinen Laut, ihre zitternden Fusse versagten die Dienste, und Demetrius fuhrte sie mehr galant als zartlich zum Sopha, wo er dann seinen Platz ihr gegenuber nahm. Jetzt watschelte die Franzosin an ihn heran, und buckte sich auf seine Hand. Sie haben uns lange verlassen, Monseigneur, sagte sie; aber das schone Geschenk, was Sie uns von Ihren Reisen zuruckgebracht haben, Monseigneur! (sie deutete hamisch auf mich hin; ich versank, und wagte nicht aufzublicken). Indess hatte sich die Furstin wieder erholt, ihr edles Herz fuhlte meine Angst, und sie unterbrach den boshaften Ausfall ihrer Gouvernantin dadurch, dass sie dem Fursten fur die schone Gabe dankte, die er ihr in mir gegeben hatte. Ich schopfte wieder Athem. Die Worte des Fursten machten zwar seinem Verstande und Weltklugheit Ehre; aber seine Blicke, seine Bewegungen, der Ton seiner Rede, waren so unzweideutig, so ganz der Ausdruck eines unwillkuhrlich hervorbrechenden Gefuhls, dass der Furstin kein Zweifel uber unser Verhaltniss auf der Reise bleiben konnte. Und ach, so muss ich denn mein Herz in seiner ganzen Schwache darstellen! ich harme mich, ich schame mich dieses Momentes: aber es ist so; ich darf es nicht laugnen, da mein Vorsatz, gut zu werden, so unverruckt vor meiner Seele steht. Der ganze Zauber der Liebe umwand in diesem Augenblicke mein Herz. Schon beim Eintritt des Fursten waren mir die Bewegungen desselben verdachtig gewesen; jetzt fiel die ganze Gewalt meiner sonderbaren Lage auf mich. Der Zwang, unter welchem ich ihn sah, seine unverkennbare Leidenschaft, sein edler Kampf; nie, nie hatte ich ihn s o gesehen. Jetzt erschien er mir, mit allem Glanze seines Standes umgeben, leidend, und meinetwegen! Gesegnet sei die Vorsehung, die mich vor mir selbst rettete! denn nie war ein gefahrlicherer Feind in meinem Innern gegen mich aufgetreten.
Ich wagte aufzublicken, und der Furstin ins Auge zu sehen. Sie zwang sich sichtlich, Thranen zuruckzuhalten; das Zucken ihrer niedlichen Lippe, die aufgespannte Stirn, alles zeugte davon. Sie hatte eben ihr Auge aufmerksam auf mich geheftet; aus ihrem Blicke sprach tiefe Bekummerniss, von mir wendete sie es langsam auf den Gemahl, und da vermochte sie die erleichternde Thrane nicht langer zuruckzuhalten. Sie reichte im losbrechenden Gefuhl eine ihrer schonen Hande ihm hin, und rief mit unbeschreiblichem Ausdruck: Prinz! Demetrius! Ihre Stimme verhallte suss: der Prinz widerstand nicht; er fiel auf ein Knie vor ihr nieder, kusste ihre Hande, und schnell, ohne ein Wort zu sprechen, verliess er das Zimmer. Unglucklicher Weise war der Furstin der Blick nicht entgangen, mit dem er schied, und der nur fur mich gewesen war. Sie wendete sich plotzlich zu mir, und auch meine unsagliche Verwirrung entging ihr nicht; denn jetzt rief sie erschopft: es ist zu viel! nein, nein, langer trage ich das nicht! Die Franzosin trat herein; als sie ihre Gebieterin so bewegt fand, errieth sie die Ursache, ergriff ziemlich unsanft meine Hand, und fuhrte mich ins Nebenzimmer, wo sie mich meinen sorgenvollen Betrachtungen uberliess; sie selbst aber eilte zur Furstin zuruck, und rief noch zur Thur hinaus: dass niemand uns store!
Ohne mich unbescheiden der Thur zu nahern, horte ich die Gebieterin in einem wehmuthig-klagenden, und die Franzosin in einem heftigen, fast mocht' ich sagen gebietenden Tone sprechen. Es ahnete mich; das Resultat dieser Unterredung musste mich betreffen; krampfhafte Angst umnebelte beinahe meine Sinnen. Wie heiss wunschte ich, diesen Pallast der Sorgen nie betreten zu haben! Nach einer halben Stunde offnete sich die Thur wieder; die Prinzessin befiehlt, Sie sollen zu ihr kommen! sagte Madame Lebrun gebieterisch; sie selbst ging zu einer andern Thur hinaus. Ich nahete mich langsam dem Zimmer, wo mir jetzt, wie ich mir vorstellte, mein Urtheil gesprochen werden sollte. Ich fand die schone Frau auf dem Sopha liegend, den Kopf sorgenschwer in die Hand gestutzt, mit der andern reichte sie mir einen Theil von Gothe's Schriften hin. Da lies, mein Kind, sagte sie; ich brauche Fassung. Ich gehorchte mit ungewisser Stimme, sah aber wohl, dass sie nach Ruhe rang; denn uber eine Weile sagte sie: auch das thut's nicht! Ich hielt inne. Einigemal fing sie an: sag' mir doch, liebe Ida, dann schwieg sie wieder, als schame sie sich gleichwohl eine Schwache zu bekennen. Sag mir doch, fing sie wieder an; ich hielt mit Lesen inne. Warst Du denn ganz allein mit dem Fursten, als Du mit ihm reisetest? Der menschliche Furst erlaubte seinem Kammerdiener Francon, uns im Wagen gegenuber zu sitzen. Immer? immer? den ganzen langen Weg uber? Ja, gnadigste Furstin. Ich war rother, als ich sonst in meinem Leben gewesen bin; sie sah bedenklich aus. Und Du warst so hubsch! fuhr sie fort, wie fur sich. Ich schlug die Augen nieder. Der Furst kannte Deinen Gatten? Ja, gnadigste Frau. Und Dein Gatte verliess Dich? Er wurde unglucklich durch Leichtsinn. Und als ob sie Krafte zu dem, was sie sagen wollte, zusammennahme, und der Furst liebte Dich nicht? Sie wollte mir scharf ins Auge blicken, aber ihre Stimme bebte, und ihr schones Auge sank auf ihren Busen hin. Des Fursten Edelmuth war seiner wurdig; er rettete meinen Mann, und hatte ihm meine Befreiung versprochen. Er hat sie grossmuthig ausgefuhrt, da er mich der Trefflichsten aller Furstinnen ubergab. Schmeichlerin! Aber Was, aber? dacht' ich erschuttert. Aber hat der Furst Dir nie von Liebe vorgesagt? Es ware Anmassung, diesem Worte mehr Bedeutung zu geben, als es im Weltgebrauche hat, wenn Manner von Ton und Rang es gegen Geringere aussprechen. Du weichst mir aus, Ida! die Blicke des Fursten redeten bestimmter. Du verkennst mich, Ida! (sie zeigte auf ihr Herz). Hier liegt etwas, das die Schwachen Anderer rechtfertiget; aber sag' mir nur, Kind, ist der Furst nicht hochst liebenswurdig? Er ist edel und liebenswurdig, gross und gut. Du sprichst aus meiner Seele; zum Andenken dieses Augenblicks trage dies. Sie zog einen schonen Ring vom Finger, und steckte ihn selbst an den meinigen. Ich buckte mich, ihre Hand zu kussen; da fiel das Kreuz von Popoff aus meinem Busen in meine Hand, und mit ihm fielen mir seine Worte aufs Herz. Ich fuhlte meine Errettung, und gelobte mir heilig, selbst thatig zu seyn, ohne Wunder zu erwarten.
Jetzt kamen die Frauen der Furstin, und kleidrten sie an; ich begab mich in mein Zimmer, und diesen und den folgenden Tag fiel weiter nichts vor.
Es schien mir am dritten Tage von ubler Vorbedeutung zu seyn, dass Madame Lebrun mir schon fruh sagen liess, sie werde in meinem Zimmer fruhstucken. Sie erschien mit einer Freundlichkeit, die ihr nicht naturlich war, und die mich auf etwas besonderes vorzubereiten schien. Nach dem Fruhstucke fragte sie mich um Verschiednes aus meinem vorigen Leben, hielt sich besonders bei dem Umstande auf, dass ich eine verlassne Frau sei, holte noch weiter aus, und dann lenkte sie plotzlich wieder mit der Ausserung ein: dass die Furstin mich gern versorgt sehn wurde, wenn sich eine Parthie fande. Gott! will denn jetzt schon die Furstin mich los seyn? Unter ihrem Schutze habe ich mich fur versorgt gehalten! Sie wurden es seyn, wenn nicht gewisse Besorgnisse gewisse Blikke Sie verstehn mich wohl. Sollte der Geschmack von der schonsten Rose auf eine gemeine Feldblume fallen konnen? Man hat Beispiele. Denken Sie indess auf den Vorschlag, den Ihnen die Furstin wegen einer Heirath macht. Ich gab zu verstehen: ich glaube, der Vorschlag komme von ihr selbst. So? das ist also mein Dank! O, mein Kind, man furchtet sich nicht so geschwind vor jedem Dinge, das ins Haus geschneit kommt! Alte Dienste und geprufte Treue vergisst man nicht um jeden Fremdling, der, wer weiss woher? kommt. Sagen Sie mir doch, warum ich Sie gern los seyn sollte? Hm! mich verdrangt keiner; am wenigsten certaines gens, (gewisse Leute), die Monseigneur empfiehlt. Als die Alte mich tief genug gekrankt und gedehmuthigt sah, schien ihr Stolz befriedigt zu seyn, und sie sprach gelinder. Es hatte sich wirklich eine Parthie gefunden, welche die Furstin fur mich zu machen wunsche: ein junger hubscher reicher Mann, der mein Landsmann sei. Sie musse nur sagen, dass er mir heute Abend vorgestellt werden sollte. Ich konne ihn doch wenigstens sehen, denn sonst musse die Furstin meine Weigerung auf eine gewisse Rechnung setzen. Mir ist nicht bange ihn zu sehn, Madame; wenn er hort, dass ich verheirathet bin, wird er nicht mein zweiter Mann seyn wollen. Verheirathet? Hoho! ein entlaufner Mann ist kein Mann! Das ist plaisant! Und dafur sind die offentlichen Blatter; zitirt und geschieden, das ist bald gemacht! Damit ich's kurz mache: auf dem jetzigen Fusse bleiben Sie nicht langer bei der Furstin. Soll die Gute sich zu Tode harmen?
Die Franzosin betrieb ihr Werk so emsig, dass sie gegen Abend wirklich einen Mann bei mir einfuhrte; (ich darf nicht ubergehn, zu sagen, dass sie mich den Tag uber offenbar absichtlich von dem Zimmer der Furstin abgehalten hatte, unter dem Vorwande: diese Dame sei an den Hof gegangen). Der Mann ging strotzend, in schonen Kleidern, welche wie die abgelegte Garderobe eines Vornehmen aussahen; seine Haltung stand im auffallendsten Kontraste mit seinem Anzuge, welcher durchaus seinem Stande nicht zu entsprechen schien. Er fragte seine Fuhrerin sogleich etwas ungeschickt: ist das die Madame? Sie bejahete es, nothigte ihn, ohne mein Zuthun, zum Sitzen, und fing an, von seiner neuen Equipage mit ihm zu sprechen; offenbar, um mir eine hohe Meinung von ihrem Schutzlinge beizubringen. Wahrend dieser Unterhaltung strickte ich; denn jene hatten sich's ebenfalls so ganz bequem gemacht. Wie geht's im Klub? fragte die Lebrun. Ach, antwortete er, es ist fur mich jetziger Weile eine bose Zeit! Ich verlor gestern drei Robber nach einander, und da waren dreissig Rubel heidi, als wenn man sie weggepustet hatte. Nach ahnlichem, hin und wieder geredeten, Geschwatz wendete er sich an mich: Die Madame sind aus Berlin? Wenigstens aus der Gegend. Also wohl vom Lande? der Herr Papa war vielleicht ein Prediger? Nein, mein Herr, ein Amtmann. Ja, das Berlin ist auch ein schoner Ort. Meine Eltern wohnten in der Fischerstrasse, und hatten hernach ihr Hauschen im Vogtlande. Sie hatten ihr gutes Auskommen; aber wir Kinder richteten unsern Sinn immer aufs Ausland, und nun bin ich ein Russe geworden. Wo unser einer sein Stuckchen Brod hat, da ist man zu Hause. Sie haben wohl Recht, mein Herr, in dem schonen Petersburg und unter seinen guten Einwohnern kann man Berlin wohl vergessen. Na, ich hore schon, die Madame verlangt auch nicht wieder zu Hause. Ja, wenn's einem vollends nicht sonderlich an 'nem Orte gegangen ist! Ich wurde roth, und fuhlte meine Stirnader anschwellen. Der Herr Liebste war ein koniglicher Bedienter? Er diente dem Staate bei einer Kasse. Und ist? Auf Reisen gegangen, sagt' ich hastig, das Folgende abzuschneiden. Ja, ja! sagte er dumm lachend, als wollte er zu verstehn geben, er wisse es besser. Ich stand, oder sprang vielmehr auf; und als er mich beleidigt sah, bat er auf eine tolpische Art um Verzeihung, und platzte nun mit der eigentlichen Absicht seines Besuches heraus, weil ihm bange wurde, ich mochte ihm entwischen. Er stelle sich vor, dass eine Person in meinen Umstanden nicht viel Wesens machen werde; er habe sein reichliches Brod, und beschaftige in der Zeit der Hoffeten uber zwanzig Gesellen; er wolle eben nicht prahlen, aber er tausche mit keinem Berlinischen Kriegsrathe; ich solle mich bedenken; es sei doch hart, andrer Leute Brod zu essen; eigner Heerd sei Geldes werth, u.s.w. Ich stand stumm, versteinert, voll Schmerz und Reue; war es so weit mit mir gekommen? O, ehrwurdiger Eiche, wie schwer wurdest Du jetzt geracht! Madame Lebrun sah mich gleichgultig an, und sagte dann storrisch: Herr Grosse, wir wollen der Madame Zeit zum Uberlegen lassen; in zwei Tagen geht die Furstin nach den Gutern zuruck, und i c h verspreche Ihnen, wahrend dieser Intervalle soll die Sache abgethan werden. Herr Grosse, der Schneider, machte einen linkischen Buckling, und ich blieb allein; a l l e i n , in einem Augenblicke der entsetzlichsten Zerruttung aller meiner Gemuthskrafte! Ich sah kein Mittel, mich der Furstin zu nahern, wenn die boshafte Franzosin mich von ihr entfernt wissen wollte. In zwei Tagen schon verreisete sie. Dem Fursten mich zu entdecken, war gefahrlich; Michael Popoff hatte ich lange nicht gesehen. Gott, welche Verwirrung! in einem fremden Lande! In der furchterlichsten Angst meiner Seele knieete ich vor meinen Stuhl hin, und das Kreuz erinnerte mich abermals an die Worte meines ehrwurdigen Alten; ich blickte sehnsuchtsvoll zum Himmel auf, und ergriff die Feder, um einige Zeilen an Popoff zu schreiben. Ich bat hn dringend, zu meiner ner Rettung herbeizueilen. W i e ich ihm dies Billet zustellen wurde? wusste ich nicht. Jetzt horte ich den Ofenheizer auf dem Gange; er war ein Kosake, mit der ehrlichsten Bildung; konnte aber kein Deutsch. ich nannte ihm den Namen Michael Popoff, er verstand mich, ich reichte ihm meinen Zettel, und zeigte ihm das Kreuz: er sollte um diesen willen mir helfen. Der ehrliche Mensch fiel demuthig auf seine Kniee, kusste die Erde, verrichtete eilig seine Arbeit, und eilte dann mit dem Zettel fort. Ich war voll Angst, wie das ablaufen wurde. Nach einer Stunde kam der brave Priester selbst.
Er redete mich bekummert an, und fragte: was ist Dir, meine Tochter? Ich erzahlte ihm weitlauftig den Vorgang der letzten Tage; mein Gesprach mit der Furstin, bis auf den Abschied des Meister Grosse. Der Furst darf es nicht erfahren, sagte er; aber die Furstin musst Du sehen. Sie wird von Czarskojeselo zuruckerwartet. Ich werde sie erst sprechen, und Dich dann zu ihr fuhren. Mit diesen Worten verliess mich mein guter Engel. Beruhigter erwartete ich nun den Ausgang.
Spat, als ich nichts mehr hoffte, kam der ehrwurdige Mann zuruck, und rief mir die frohe Nachricht entgegen, dass ich sogleich zur Furstin kommen sollte. Ich folgte seiner Anweisung mit klopfendem Herzen. Die Furstin sass halb entkleidet, und winkte mich liebreich an sich heran. Du bist bekummert? Tochter! O, Du musst nicht weinen! (mir waren Thranen in's Auge gestiegen); nein, nein, ich war heute so glucklich! so unbeschreiblich glucklich! meine arme Kleine, Du sollst nicht weinen. Aber so erzahle mir doch. Ich sah schuchtern um mich her. Nein, nein, sagte sie lachend; sie hort Dich nicht. Sprich, sprich wie es aus Deiner Seele kommt. Ich knieete neben dem Sopha, und sprach ganz nach dem Eindrucke der Krankung, die mir widerfahren war. Die Prinzessin horte mich geduldig an, und sagte einigemal: armes Kind! Ach freilich! brach sie endlich mit Ruhrung aus, es ist schrecklich! Demetrius und der Schneider! Ich fiel zusammen, als ich sie so sprechen horte. Es ist kein Vorwurf, Liebe, (fuhr sie fort); ich kann das jetzt ruhiger sagen, da mir ein schoneres Gluck aufgeht. Ida, bald hab' ich gesiegt! meine Liebe, meine Beharrlichkeit wird das schonste der Herzen uberwinden. O, es ist ein Himmel, wenn die Liebe mir aus diesem strahlenden Auge lachelt! Ida, vollende, mach' mich ganz glucklich. Ich? meine Furstin! mein Leben Nichts vom Leben, Du sollst nicht sinken, um mich auf den Thron seines Herzens zu heben; aber sehen, sehen muss er diese himmelsussen Reize nicht mehr! Jetzt nichts mehr. Sie schellte, ihre Frauen erschienen, sie liess sich ein zierliches Nachtkleid anlegen, und war nun unwiderstehlich schon.
Nach der Abendtafel befahl sie mir, ihr zu folgen. Die Lebrun war krank; ein Schalchen zu viel hatte ihr einen Krampf zugezogen. Wir bestiegen eine kleine Schaluppe auf dem Nevakanal; es begann ein Genuss fur mich, dessen ich mich nie ohne Ruhrung erinnern werde. In dieser unbeschreiblich lieblichen Dammrung einer solchen Sommernacht horte man das taktmassige Platschern der herumrudernden Schaluppen, von welchen froher Volksgesang, zuweilen auch der majestatische Ton der russischen Jagdmusik erklang. Eudoxia sass in sussem Schlummer versenkt; ich wagte es nicht, diese heitre Stille ihrer Seele zu unterbrechen. Sie winkte ihren Jagern, mit der Waldmusik zu schweigen, liess sich die Mandoline reichen, und sang eine russische, sehr schmelzende Arie. Liebe und Bewundrung durchschauerte mein Herz gegen diese unvergleichliche Frau. Wie schon musste diese Natur seyn, dass eine Lebrun nichts darin verderben konnte! Nach dieser gefuhlvollen Szene folgte eine Stille, wahrend welcher ich mich ehrerbietig zuruckzog; denn ich sah ihre Seele tief bewegt, und in sich beschaftigt. Wie aus einem Schlummer erwacht, rief sie mich; ich musste dicht neben ihr sitzen, und sie lispelte mir zu, indem sie ihre sanfte Hand auf meine Schulter stutzte: Ida, ich sehe, Du liebst mich; Dein Herz steht in Deinen Augen. Es ist mir hohes Bedurfniss, ein fuhlendes weibliches Herz an meiner Seite zu haben; aber um Dein, um mein und um noch eines Dritten willen, es k a n n nicht seyn! ich m u ss Dich aufgeben! Erschrick nicht, meine Arme; ich baue mein Gluck nicht auf Deinen Untergang. Ich habe eine Jugendfreundin in Deutschland, die Herzogin von ; ihr Gemahl vernachlassigt sie; Du sollst ihr Trost seyn. Ich schicke Dich zu ihr; Popoff begleitet Dich. Ich statte Dich aus, und Du bleibst, wenn gleich fern von mir, meinem Herzen stets theuer.
Ich willigte ein; mir blieb keine Wahl. Das susse Wort Deutschland war wie der schonste Wohllaut mir in's Ohr gefallen. Ich fuhlte mich erleichtert, und doch beklommen, wenn ich mir die Trennung von diesem Engel dachte. Noch verstrichen vierzehn Tage unter ausharrender Liebe und Freundlichkeit von Seiten der Prinzessin, und herzlicher, dankbarer Ergebenheit von der meinigen. Selbst die Lebrun kam mir mit Freundschaft entgegen, sobald es ihr gewiss war, dass ich reisen wurde. Nur einmal noch sah ich den Fursten. Er trat unerwartet ins Zimmer seiner Gemahlin; sie war froh besturzt, und sah mit einiger Unruhe auf mich hin. Ich war im Begriff, mich zu entfernen: der Furst konnte das nicht geschehen lassen, ohne etwas zu sagen; es ware Affektation gewesen zu schweigen. Es thut mir leid, sagte er, wenn ich jemand von einer so schonen Stelle vertreibe; er zeigte galant auf den Platz, den er, seiner Gemahlin gegenuber, eingenommen hatte. Die Furstin nahm diese Gelegenheit wahr, ihm zu sagen, dass ich sie in Kurzem verlassen wurde. Die Probe war stark; aber er bestand sie, und erkundigte sich mit fester Stimme, wohin ich zu gehn gedachte? und warum ich ein andres Haus dem Schutze der Furstin vorzoge? Er hoffe allerdings, dass meine Angelegenheiten in Berlin unterdess eine gunstigere Wendung genommen haben wurden. Darauf hab' ich nicht zu rechnen, sagte ich; das ubrige beantwortete die Furstin mit der ihr eigenthumlichen Klugheit. Der Prinz sagte, sich verneigend, einige russische Worte, woruber sie sehr vergnugt schien; und als er sie bald darauf verliess, fiel sie mir entzuckt um den Hals. Ich danke Dir, rief sie freudig, ich danke Dir, dass Du ihn mir wiedergiebst! O Ida, wie kannst Du meinen heldenmuthigen Demetrius aufgeben! Meine theuerste, gnadigste Frau, seyn Sie nicht ungerecht gegen sich selbst; dies Gesicht neben diesem! Dies sprach ich mit inniger Uberzeugung. Ich verlor mich gegen die strahlenden Reize dieser Frau, wie ein gemeines Blumchen am Wege gegen die prachtvolle Lilie, oder die schonste Rose. Die Wolken des Kummers waren nun von der schonen Stirn verschwunden, und ihre Reize gingen mit neuer, anziehender Kraft hervor.
Dies war die letzte Zusammenkunft, welche ich mit dem Fursten gehabt habe. Ich habe ihn nicht wieder gesehen. Die Furstin besorgte mutterlich meine Ausstattung, wie sie es nannte, beschenkte mich mit Kostbarkeiten von hohem Werthe, worunter ihr Bild mir unschatzbar ist; und damit meine kunftige Existenz gesichert sei, setzte mir die Gutige zweihundert Rubel jahrliche Pension aus, die ich, so lange ich lebe, unter allen Lagen, worin ich noch kommen kann, von einem Berliner Banquier hebe.
Den Abschied aus diesem Hause uberhebe ich mich zu beschreiben. Ich schied wie von meinem eignen Herzen, als ich ihre Hand zum letztenmal an meinen Lippen fuhlte. Da ich schon ihr Zimmer, aufgeloset in Thranen, verlassen wollte, hielt sie mich noch zuruck; sie offnete ein Kastchen, und uberreichte mir ein Miniaturgemalde des Fursten. Sie mussen ihn nicht vergessen, den Edlen, sagte sie. Alexander war nicht tugendhafter, als er die Gemahlin des Darius zuruckschickte! Sein Bild und das meinige mussen ungetrennt in Ihrem Herzen leben! Dieser Zug ihrer grossen Seele uberwaltigte mich. Ich sank auf meine Kniee, was ich sagte, weiss ich nicht mehr; aber sie fuhlte sich machtig ergriffen, warf mir einen Kuss zu, und verschwand, innigst erschuttert, in ihr Kabinet.
Popoff, welcher diesem Auftritte beiwohnte, flossen die alten Augen uber; er schob mich sanft zur Thur hinaus, und einige Stunden nachher traten wir unsere Reise an. Sie ging uber Warschau, durch einen Theil von Preussen, die Neumark, u.s.w. Sobald ich mich den Granzen meines Vaterlandes naherte, erwachte mein Herz zum Dankgefuhl fur so manche Rettung. O, mein Vater! ich vernahm, dass Sie lebten; dass Sie Ihre ungehorsame Tochter aufgegeben hatten; dass meine besseren Bruder die Fluchtige Ihrem Herzen tausendfach ersetzten! O, was hort' ich nicht alles, wobei ich weinte und schwieg! Seitdem ich den theuren Vater verlassen hatte, war Weinen mein Loos gewesen, und der Quell meiner Thranen war jetzt beinahe versiegt.
Wir setzten unsre Reise ununterbrochen fort, hielten uns nur auf, den Pferden die nothige Erholung zu geben, und so kamen wir ohne merkwurdige Ereignisse in , an dem kleinen Hofe der Furstin von an. Sie war durch Briefe der Prinzessin Eudoxia benachrichtigt, und gunstig fur mich eingenommen worden. Ganz das Gegentheil hatten aber diese Empfehlungen fur mich bei ihrem Hofstaate bewirkt, insonderheit bei den Kammerfrauen, unter welchen mir eine Stelle angewiesen wurde. Sie hassten mich schon vorher, hatten sich vorgenommen, der Neueingetretnen das Leben sauer zu machen, und sie haben redlich Wort gehalten. Ich wurde in die Garderobe gefuhrt, und bald kamen, unter mancherlei Vorwand, hohe und niedre Hofdiener und Dienerinnen, mich zu mustern. Was Hagedorn irgendwo sagt, dass nichts verwegner, stolzer und kuhner, als grosser Herren kleine Diener sind, fand ich hier sehr genau bestatigt. Noch hatte ich den ehrlichen Vater Popoff an meiner Seite. Sein befurchtes Gesicht und schneeweisser Bart machten hier einen seltsamen Kontrast gegen die flachen, nichtssagenden Physiognomieen. Nachdem ich einige Stunden zur Schau gesessen, und manche unbescheidene Frage beantwortet hatte, wurde ich zur Furstin abgerufen. Ich ging mit unbekummerten Herzen, denn hier flosste mir nichts Scheu oder Ehrerbietung ein; auch fuhlte ich, dass mir die Aufnahme der Gebieterin dieser leichten Menschen gleichgultig seyn wurde. Ich fand sie nach vollendeter Toilette im uppigsten Morgenkleide. Sie war sehr schon; aber eine auffallende Ahnlichkeit mit Marianen von Lindenfels, deren verderbender Umgang meinem Betragen eine so entschieden ungluckliche Richtung gab, erschreckte mich; eben der Blick, eben das Spiel muthwilliger schwarzer Augen, nur die Stimme war weicher und weiblicher. Ihre Freundlichkeit hatte verfuhrerisch seyn konnen, ware mein Herz nicht verwohnt gewesen, und hatte es nicht verglichen. Da verlor sich aber die Anwesende in den tiefsten Schatten, neben der strahlenden Glorie der himmlischen Eudoxia. Ich gefiel, ohne gefallen zu wollen; denn die Furstin gefiel sich bei einer genauen Zergliederung meiner Gestalt und Bildung, wobei ich mehr als einmal roth wurde. Mit meinen kleinen Talenten war sie ebenfalls zufrieden. Von ihrer Freundin, der Furstin Eudoxia, war ihr nichts wichtig, als ob sie noch so schon sei? ob das Feuer ihrer Augen noch unvermindert, und der weisse Busen fest und rund ware?
Diese Audienz endigte damit, dass ich zur Vorleserin bestatigt, und auf den Hofetat unter den Kammerfrauen aufgefuhrt wurde. Sobald diese es erfuhren, erstickten sie mich mit Liebkosungen und Umarmungen. Die Furstin fand den Namen Ida suss und romantisch, und alle fanden es so, und nannten mich die schone Ida. Was mir vor Augen geschah, hatte mich vergnugen sollen, aber ich war von Herzen betrubt; denn mein vaterlicher Freund, Michael Poposf, hatte mich verlassen, und es war vorauszusetzen, dass ihn meine Augen nie wiedersehen wurden. Da erst ekelte mich die Freundlichkeit der mir so fremden Race recht sehr an; es war nichts von dem naturlichen, liberalen und frohen Wesen der Pallastbewohner in Petersburg; selbst die herbe Natur der Lebrun war mir lieber, als das Lachen dieser, zum Lachen immer offnen, Mauler. Die Furstin war gutig, z u gutig gegen mich; aber dieser Gute fehlte das Herzliche und Ruhrende von Eudoxia's holdem Wesen. Oft las ich noch spat nach der Abendtafel, wenn die Furstin sich schon zur Ruhe gelegt hatte; sie selbst suchte die Stucke aus, welche ich lesen musste, und ich gestehe, dass es immer solche waren, welche die geheimsten Tiefen der Sinnlichkeit aufregten. Dann musste ich mich ganz nahe zu ihr setzen, sie schlang ihren Arm fest um mich, und liess ihre Finger sich so verirren, dass ich Fassung und Stimme verlor. Sie schmiegte ihr Gesicht an meinen Busen, und liess sich zu Kussen herab, welche sie erwiedert haben wollte; aber, ich weiss nicht welch' eine unuberwindliche Abneigung sich dann meiner bemachtigte, so dass ich mich zuletzt mit Angst und Schaudern dem Lesekabinette naherte.
Unter ahnlichen Beschaftigungen und dem einformigen Wogen des Hofgerausches vergingen sechs Monate. Die Gunst der Furstin und der Neid der andern nahmen zu. Ich fand meine Lage so widrig, dass ich schon mehr als einmal meinen Abschied fordern wollte, als ein unerwarteter Vorfall ihn mir plotzlich verschaffte. Die Furstin war einige Tage kranklich, oder vielmehr in einem schmachtenden Zustande gewesen, wobei sie uber Krampfe klagte. Ich durfte ihr Zimmer und ihren Sopha keinen Augenblick, auch bei Nacht nicht, verlassen. Sie ruhete in meinem Arm, und ihr Benehmen wurde mir immer rathselhafter. Sie hing oft lange mit wollustigen Kussen an meinen Lippen, welche sie Rosenlippen nannte; mein Halstuch losete sie unter dem Vorwande auf, dass es sie drucke, wenn sie an mir ruhe, und bald war ihr dieses, bald jenes meiner Kleidungsstucke zu ihrer Bequemlichkeit im Wege. Ich wunsche einen dichten Vorhang uber die Begebenheit, und uber die Schrecken des letzten Augenblicks, der mich auf ewig von ihr trennte, ziehen zu konnen; ein Augenblick, wo die letzte und schwachste der Schranken durchbrach, die ihre strafbare Sinnlichkeit gehalten hatte. Sie sturmte wie ein gewaltiger Strom auf mich los; emporte Sinnlichkeit des ungestumsten Mannes kann nicht gewaltsamer seyn! Ich rang, stiess die Wahnwitzige zuruck, und sank betaubt, oder vielmehr ohnmachtig, zu Boden hin. Da horte ich sie ihre Glocke anziehen, die aufwartende Kammerfrau erschien, und die aufgebrachte Dame befahl, man solle mich wegschaffen, ich habe sie im konvulsivischen Anfalle erdrosseln wollen. Die letzten Worte vernahm ich, ungeachtet meiner Betaubung, sehr deutlich; o nein! nein! rief ich unvorsichtiger Weise, indem ich mich aufrichtete. Kaum horte die Furstin meine Stimme, welches sie vermuthlich besorgen liess, ich wurde mich deutlicher erklaren, so schrie sie, gleich einer Wuthenden, man mochte eilen, mich fortzuschaffen, sie furchte den Anblick des Wahnwitzes. Die dienstfertige, innerlich hochst erfreute, Kammerfrau machte mit kummervoller Miene Anstalt, mich fortbringen zu lassen; aber ich ersparte dem armen Dinge die Muhe, und ging ganz fest nach dem Entresol, wo meine Kammern waren. Bald nachher erschien der Leibarzt, legte mir besondre Fragen vor, und schien verwundert, dass ich nicht irre redete. Er war so fest von der Wahrheit der furstlichen Aussage uberzeugt, dass er, als ich sagte, ich habe langst schon gewunscht, diesen Hof zu verlassen, sehr weise meinte: ach, nun merke er; ich habe mich also irre gestellt! Was fur verschrobene Menschen sind diese Hofschranzen grosstentheils! Ich hatte Muhe, mich ihm verstandlich zu machen, ohne die Furstin zu kompromittiren. Er verordnete mir zum Schein ein kuhlendes Trankchen, und dieser Tag, der so fatal fur mich angefangen, endete mit der frohen Aussicht, nun bald im vollen Genusse der Freiheit zu seyn, mich meinem Vaterlande wieder zu nahern, und mich um die Verzeihung meines geliebten Vaters zu bewerben. Der Hofmarschall hatte schnell meinen Abschied ausgefertigt, und in der kleinen winzigen Stadt und am Hofe selbst ging die Rede: ich habe im Zimmer der Furstin ein Kind bekommen. Einige wollten sogar den derben Knaben schreien gehort haben. Die diensthabende Kammerfrau affektirte ein geheimnissvolles Wesen daruber, und bestatigte dadurch die Sage.
Ich brachte seit langer Zeit die erste, recht ruhige und vergnugte Nacht zu. Am fruhen Morgen kam der Leibarzt, und bot mir zur Abreise die Gesellschaft seiner Frau an, die ins Bad reisete. Ich bedachte mich nicht lange, packte mit frohem Sinne meine Effekten zusammen, und fuhr ab, ohne die Furstin noch einmal zu sehn. Ihretwegen hatte ich darum angehalten, aber ihre Weigerung war mit sehr angenehm; denn ich wurde mich ihr nicht ohne Schaudern und Abscheu genahert haben. Wie so ganz anders verliess ich den Engel Eudoxia! nie, nie wird das Bild dieser Tugend aus meinem dankbaren Herzen weichen!
Von dem Ortchen, welches ich vorzugsweise vor der Hand zu meinem Aufenthalt wahlte, erinnerte ich mich, in meiner Kindheit viel Gutes gehort zu haben. Die Vorsehung selbst hat mich in diese Gegend gefuhrt, wo ich meine edle Verwandtin, und den uber alles, alles theuren Vater so unverhofft angetroffen habe! Will er, der allerbeste und treuste, mich neben sich leben lassen, so soll jeder Augenblick meines Lebens seiner Pflege und Erheiterung geweihet seyn! Vielleicht duldet er mich! Die Grossmuth der tugendhaften Russin setzt mich in die gluckliche Lage, niemanden mit meiner Versorgung beschwerlich fallen zu durfen. Wenn meine redliche Verwandte es vergessen konnen, dass mein Leichtsinn jede Freude des Lebens ihnen raubte, dass ich strasbar wurde, um mir ein Gluck auf seichtem Grunde zu bauen, dass jeder Schein wider mich war, dass ich einer strafbaren Neigung nachhing, und der bessren Frau den Mann raubte; dass ich einem fremden Manne in ferne Gegenden auf seinen leisesten Wink folgte; dass ich, am Rande des Abgrunds, dem eitlen Gedanken, er konne mich zu seiner Gemahlin erheben, nachgab; wenn dies alles vergessen werden kann; ich meine, wenn A n d r e dies vergessen konnten, so giebt es noch ein Gluck fur mich, in so fern das marternde Bewusstseyn der Fehlenden sie es geniessen lasst.
Wahrend ich dieses Heft ubergeben habe, wahrend es gelesen wird, wird mein Herz in Ungewissheit verzagen. Aber meine edle Minna wird mich vertreten; sie wird die Urtheile mildern, wo sie hart uber mich ergehen. Aber o mein Herz, sey still! Hast Du nicht am Herzen der verzeihenden Karoline, am Herzen des versohnten Vaters geschlagen? Sey still, demuthig, und hoffe! "
Grunthal an Eiche.
"Und nun, mein lieber Freund, wenn ich je in Ihrem Herzen zu lesen wunschte, so ware es jetzt! Unwille, oder Mitleid? freilich, freilich; die Szene in Petersburg, mit dem Demetrius sie ist ganz stark; aber doch, mir hat die Haut geschauert, ehe sie fiel, und sich den Kopf zerschlug. Ich dachte wahrhaftig, sie wurde ganz anders fallen. Es war ein glucklicher Fall, der sie wieder zu sich brachte. Eiche! Ich rede in der Freude meines Herzens! Wenn Sie konnten: wenn Sie nichts verschworen hatten! Aber nein, nein! es geht nicht, es geht freilich nicht, Sie haben Recht; waren Sie nicht in einem Amte, wo Sie so hell und rein strahlen mussen, so ging's noch eher. Lesen Sie dies lieber nicht; ich will Sie nicht beleidigt haben. Antworten Sie mir auch darauf nicht. Ich konnt' es nicht ertragen. Die Freude hat mich toll und laut gemacht; aber wir sind alle nicht um ein Haar anders; der Oberst wie wir Verwandte, die fremde Frau da, die Minna, wie der Oberst. Horen Sie, ich bin so jung geworden, als war' ich mein Sohn. Aber Sie sollten sie auch sehen, und horen. Das muss man der Welt lassen, sie versteht ihre Leute zu dressiren was wir gemein gegen sie aussehen! Und wie das Gesichtchen so ein edles Geprage bekommen hat. Doch Sie werden sie schon einmal sehen; ob ich gleich nicht glaube, dass sie Ihnen ins Gesicht wird blicken konnen; denn ehe man sichs versieht, weint sie, und klagt sich an. Ich glaube, wenn der Hagel meine Kornfelder zerschlagen hatte, wurde sie sich dessen anklagen.
Bei dem Allen sind wir noch unentschlossen, wie wir leben wollen. Der Neffe und die Nichte wollen uns nicht lassen, und auch mir ists, als musst ich hier bleiben, wo sie mir wiedergegeben ist. Da hat ihr der Neffe ein Haus und Garten geschenkt. Er sagt, sie sey im Grunde doch die unmittelbare Ursach, dass er seine Lina habe. Nicht weit von uns wohnt die Frau Minna, die einen ganz gescheuten Mann haben soll. Mein Sohn, der Amtmann, ist auch nur ein vier Meilen von hier; nur dem armen Fritz, dem Tischler, kann ich nicht zumuthen, dass er Sarge fur Bauern mache. Wer hatte gedacht, dass der Himmel mir einst so noch wieder lachen wurde! Aber Sie haben mir wohl mit Recht immer gesagt: 'Wer Gott vertraut, hat wohl gebaut.'
Die jungen Leute rufen nach dem Alten; ich verlasse Sie, weil mir so wohl ist, dass ich mich ausjauchzen muss! Gott grusse und bewahre Sie.
Ihr
G r u n t h a l ."
Eiche an Grunthal.
"Gott Lob, dass Ihnen wohl ist, mein Freund! Ihre Freude verbreitet einen heitern Schein uber meine Tage; wie Ihr Kummer auch die meinigen trubte! Ich werde Sie so bald noch nicht sehen, weil mein Kollege verreiset ist; aber sobald er zuruckkehrt, komme ich zu Ihnen, um mich ein Paar Tage mit Ihnen zu freuen. Doch muss ich zuvor wissen, ob meine Gegenwart auch niemanden unangenehm seyn konnte. In diesem Fall wurde ich mir auch dieses schonste aller Vergnugen versagen, noch einmal mit meinem alten Freunde einige frohe Tage auf dem Lande zu verbringen; denn in Zukunft, mein Freund, werden neue Verpflichtungen mich an meinem Wohnort festhalten. Die Tochter meines Kollegen willigt ein, mein kleines Loos mit mir zu theilen. Ein gutes mildes Herz, und ein sehr gebildeter Verstand, der ihr einen zuverlassigen Karakter gab, lassen mich auf eine heitre Zukunft rechnen. Sie gonnen es mir von Herzen, mein Lieber, das weiss ich.
Gestern hatte ich einen Vorfall, der mich sehr sonderbar bewegt hat. Mein Aufwarter meldete eine Frau mit einem Kinde bei mir an, welche sich wegen Armengelder meldete. Ich liess sie vor: mit einer Art von alter Vertraulichkeit drangte sie sich zu mir; ihr schlechter Anzug hatte sie mir unkenntlich gemacht, wenn nicht der alte Schwall von Worten mit die Madam Brennfeld verrathen hatte. Sie schalt sehr bitter die Intoleranz der Menschen, welche sie ausgestossen hatten, nach dem Beweiss, den sie von ihrer eigenen toleranten Denkart gegeben hatte. Sie habe den Vater ihres Kindes heirathen wollen, aber da sie standhaft darauf bestanden, er musse ein Jude bleiben, habe kein Geistlicher sie trauen wollen. Nun sey ihre Kostschule auseinander gegangen. Ihr Liebhaber habe sich mit einer jungen reichen Person seiner Nation verheirathet, und ihr Vetter, der Kandidat, sey in einer entfernten Provinz versorgt, habe die Philosophie aufgegeben, und sey nun von ganzem Herzen bigotter Priester. Ihre Lage sey traurig: aber sie rechne auf Unterstutzung, weil ihre Verdienste um den Staat, in Bildung einer kunftigen Generation, auffallend genug waren. Man k o n n e sie nicht abweisen, wenn sie Pension fordre; indess wolle sie sich mit dem durftigen Antheil, den ich ihr reichen konne, begnugen Ich hatte nichts zu vertheilen, und gab ihr aus meinen Mitteln; sie nahm es mit ihrem bekannten Ubermuthe an; und that, als ob sie Wohlthat erwiese, indem sie Wohlthat empfing. Ich hoffe nicht, dass ich diese unangenehme Erinnerung ofter sehen werde: sie ist mir ein Vorwurf meiner unbesonnenen Leichtglaubigkeit.
Etwas Angenehmeres hoffe ich Ihnen in diesem dicken Pack von Ihrem guten Sohne Fritz zu uberschicken; fallt Ihre Antwort gunstig, das ist bejahend, aus; so ist er nachstens bei Ihnen, und holt Sie alle zur Hochzeit ab. Wie auch alles gehe, so rechnen Sie immer auf einen Freund, der in frohen und truben Tagen ganz Ihr eigner war und bleiben wird.
E i c h e ."
Fritz Grunthal an seinen Vater.
Liebster Vater! "Mein letzter Brief aus Neuwied benachrichtigte Sie, dass ich nachstens meine Ruckreise aus Neuwied nach Berlin antreten wurde. Der Abschied von einem Orte, und von Personen, bei welchen mir so mannichfaches Gute wiederfahren ist, war nicht leicht Auf meiner Heimreise wiederfuhr mir etwas Seltsames, lieber Vater. Nach einem heissen Tage zog ein Gewitter auf, und ich ubernachtete auf einem Edelhofe, wo ich eine Dame traf, die meiner verlornen Schwester so ahnlich sah, so ahnlich! dass ich wetten wollte, sie sey es selbst gewesen; nur, dass sie mir grosser, schoner und starker vorkam, und ihre Stimme voller und wohllautender war. Die Dame erschrak, als sie mich sah und sprechen horte, und schaffte mich fort; so dass eine Freundin mich fur die Nacht aufnahm. Ich hatte nicht das Herz, mich naher zu erkundigen; denn, war es Julchen, so schien es, als ob sie sich meiner schamte; und dann wurde ich mich ihrer ebenfalls schamen. Aber, lieber Vater, das thun Sie denn doch, und erkundigen sich in der Gegend, wer die Person ist, welche diese auffallende Ahnlichkeit an sich tragt? Es ist der Muhe werth, sie zu sehen.
Hier in Berlin bin ich wieder in meine alte Werkstatt gegangen. Der gute Meister ist vor einem Jahre gestorben, und ich bin bei seiner Wittwe in Arbeit. Das ist eine herzensgute liebe Frau, wie Sie gleich horen werden. Der Erziehung und des Beispiels eingedenk, welches Beides ich von meinem ehrenwerthen Vater im Herzen trage, bin ich immer still und ordentlich gewesen, habe mich guter Arbeit beflissen, und bin Sonntags, wenn ich Zeit hatte, indes die Andern schwarmten, zu unsern Herrn Eiche gegangen; der mir dann dieses oder jenes gute Buch mitgab, woraus ich Abends, beim Feierabend, dem Meister und seiner Frau vorlas. Sie sahens gern, weil ich nichts damit versaumte, und die Andern oft damit vom Saus und Trunk abhielt. Da zeichneten mich die guten Menschen aus, und hielten mich wie ihr Kind; und ich habe oft Gott gedankt, dass mein Entschluss, mich diesem Gewerbe zu widmen, unter so biedre Menschen mich versetzt hat, wenn gleich ihr Geprage ein wenig scharf und eckig ist: so weiss man dagegen auch, was man an ihnen hat.
Wie ich nun zuruckkam, fand ich die Meisterin als Wittwe wieder. Sie nahm mich freundlich bei sich auf, und ubergab mir, gegen erhohten Lohn, die Besorgung ihrer Geschafte. Ich habe sie mit Fleiss und Treue betrieben; und es schien ein Seegen auf allem, was ich unternahm, zu ruhen. Vor einigen Tagen es war eben ein Sonntag liess die Frau Hermannin mich zu sich rufen, und hiess mich neben sich setzen. Ich habs sonst nie gethan, denn ich respektire sie wie eine Mutter; sie redete mich so an. Mein lieber Monsieur Grunthal, Sie werden sich nicht wenig uber das wundern, was ich Ihnen zu veroffenbaren habe. Ich vermerke, dass ich verfalle. Ich bin nun ein und sechszig Jahr alt; und der liebe Gott kann bald ein Ende mit mir machen; obschon ich mich, dem Himmel sey Dank, noch ganz gut befinde. Mein Mann seeliger, hat mir ein grosses Vermogen hinterlassen, welches er durch seinen Fleiss erworben hat. Nun sah' ich gern, und wenn ers wissen konnte, wurde er es auch gern sehen, wenn das schwere Geld wieder an einen fleissigen Mann kame. Ich habe zwar Verwandte, das ist aber alles reiches und uppiges Volk; Leute vom Handwerksstande, die alle Tage dazu schaffen. Und wieder die andern der Herr Vetter Hofrath da, ja, lieber Gott! fur den waren wir immer viel zu schlecht; uber seine Schwelle durfte mein Mann seeliger nicht kommen. So wollt ich Ihnen vorschlagen, Monsieur Grunthal, ob Sie mich ehelichen wollen? damit Ihnen ohne Einrede mein Vermogen zu Theil werden konnte. Verstehen Sie mich nicht unrecht, und halten mich nicht fur eine alte verliebte Schwester; uber solche Schwachheit ist man, in meinen Jahren, hinweg. Sie sollen mein Sohn, und ich Ihre Mutter seyn; nur bloss dass der Priester den Seegen uber uns spricht. Sie konnen hier im Hause wohnen, wo Sie wollen, und ich bleibe in meiner Verfassung. Nur das mussen Sie mir versprechen, dass Sie meine alten Tage nicht zum Besten haben wollen, und sich vor der Welt so stellen, als ob wir wie Mann und Frau lebten. Ich werde Ihnen auch nicht im Wege stehen, wenn Sie in Zucht und Ehren nach einem jungen Madchen sehen, auch nicht drum zanken, wie die alten Frauen wohl zu thun pflegen. Nein; Sie sollen sehen, wie es bei mir gemeint ist. Sobald wir getraut sind, mach' ich mein Testament; und Sie konnen mit dem lieben Gut schalten und walten, wie's Ihnen gefallt. Denn da Sie so uberaus feine und kunstliche Werke schaffen konnen, wird's was grosses mit Ihnen werden, wenn Sie Auslage machen, und Ihr Werk im Grossen treiben konnen. Nun, lieber Monsieur Grunthal, habe ich Ihnen weiter nichts zu sagen; antworten Sie mir nicht gleich; sondern nehmen Sie die Sache in Uberlegung, und fragen Sie die Ihrigen, und Ihren wurdigen Beichtvater um Rath. Hiermit Gott befohlen auf heute!
Meine Besturzung war gross, lieber Vater, aber auch meine Dankbarkeit. Ich kann mein Leben darauf lassen, dass die respektable Frau es so meint, wie sie es sagt. So lange ich sie kenne, ist ihr Wandel still und ehrbar, fromm und wohlthatig: ich habe ihren rechtschaffnen Gang oft im Stillen bemerkt, und mich gefreut, dass noch so viel Tugend in dieser ubel berufnen Stadt ist. Uberhaupt mocht' ich sagen, dass, so weit ich Gelegenheit gehabt habe, Bemerkungen zu machen, in dieser Klasse des Burgerstandes, noch viel achte Rechtschaffenheit, und viel, oft recht erhabne Tugend, ist; freilich ist ihr Geprage altmodisch und schwerfallig, aber sie hat eine Zuverlassigkeit, von der die feinre Welt schon gar keine Ahnung mehr hat.
Ich bitte mir also Ihren Willen aus, mein lieber Vater, nach welchem ich unbedingt handeln werde. Herr E i c h e hat mir im Voraus seinen Seegen gegeben, hat sich aber, wie er mir sagt, enthalten, Ihnen umstandlich daruber zu schreiben, weil er Ihre gute Meinung nicht bestechen wollte. Eine schone Aussicht gewahrt es mir, wenn ich durch ein so gutes Vermogen, welches ich durch Arbeitsamkeit noch vermehren wurde, im Stande ware, meinem uber alles geliebten Vater ein ruhiges sorgenloses Alter zu verschaffen, und wenn es der Himmel gabe, dass meine arme Schwester sich wieder fande, auch dieser ein anstandiges bequemes Leben zu bereiten!
Missbilligt aber mein bester Vater den ganzen Entwurf, so bin ich gewiss, dass er die verneinende Antwort so einkleiden wird, dass ich sie der gradsinnigen Frau mittheilen kann. Es wurde ihr wackres Herz tief verwunden, wenn sie glaubte, ihr Vorschlag habe irgend eine lacherliche Seite. Nehmen Sie mirs nicht ungutig, lieber Vater, dass ich so zutraulich und ganz schlicht weg schreibe; unser einer geht grade durch; und derbe Arbeit gibt derben Sinn. Ich verehre und liebe Sie von ganzem Herzen, und bin Ihr gehorsamer Sohn.
F r i e d r i c h G r u n t h a l ."
Grunthal an seinen Fritz.
"Da! da! H i e r ! nimm meinen Seegen, und herzliche Einwilligung; was denkst Du, Junge? Ich sollte eine lacherliche Seite an dem Benehmen der wurdigen Frau auffinden? die meinem lieben Fritz so wohl will? Nein, mein gutes Kind! ich habe noch Glauben an Menschentugend, und ehre, wie Du weisst, die erwerbende und producirende Klasse von ganzem Herzen. Bringe Deiner neuen guten Mutter mein herzliches Ja! und Liebe und Dank daneben. So giebt's denn aller Orten fur mich Fried' und Freude, nach so mancher kummervollen Stunde. Komm zu uns; da sollst Du die Dame sehen, die Julchen so ahnlich ist; als ob sie's selbst ware, Komm und sieh! Dann ziehen wir mit Dir, und jubiliren, feiern die Hochzeit, und ich tanze mit Deiner Braut den Ehrentanz. Hiemit gehab Dich wohl. Dein guter Vater.
Grunthal.
Fritz liess sich die Einladung nicht zweimal sagen, er schnurte seinen Reisebundel, und kam auf des Obersten Gute an. Der uberraschende Anblick der Schwester machte einen seltsamen Eindruck auf den gutmuthigen Menschen. Erst wagte er sich nicht an sie heran. weil sie ihm zu vornehm vorkam; aber Julchen sturzte ihm um den Hals, Schwester und Bruder blieben sich nicht langer fremd, und wurden, wie in den ersten goldnen Tagen der Kindheit, wieder ein Herz und eine Seele. Grunthal blieb in einem ununterbrochenem lauten Jubel; und wunschte immer ums dritte Wort, dass sein Lieschen das noch erlebt haben mochte. Die Familie war nun, bis auf den jungen Amtmann Grunthal, beieinander, und Minna und ihr Mann, der von seiner Geschaftsreise zuruckkam, wurden als werthe Mitglieder derselben angesehen.
Noch vor der Erndte reisten sie alle nach Berlin, Fritzens Hochzeit beizuwohnen. E i c h e war mit seiner wurdigen jungen Frau dabei, und verrichtete die Trauung. Dass er verheirathet war, milderte Julchens Verlegenheit in seiner Gegenwart. Der Oberst liess sich's nicht nehmen, mit seinen alten steifen Reiterbeinen die Braut-Menuet zu tanzen: der alte Grunthal aber hielt's mit dem Kehraus, und sang dabei nach alter Sitte, wie er's sich vorgesetzt hatte:
Als der Grossvater die Grossmutter nahm,
Da ward der Grossvater ein Brautigam!
Als die Freudentage der Hochzeit voruber waren, reiste die ganze Familie, das neuverheirathete Paar nicht ausgeschlossen, nach dem Gute des Obersten zuruck, wo der alte Herr sich so nach seiner eignen Weise eine Freude ersonnen hatte. Er hatte eine der geseegnetsten Erndten gehabt, und davon wollte er das Fest recht feierlich begehen. Seine Lina und sein alter Georg standen ihm bei der Veranstaltung treulich bei. Grunthal war wie im Himmel, dass er wieder im Kreis der Seinigen ein solches Fest begehen sollte!
Der schone Tag brach an; ein heitrer wolkenfreier Himmel, und allenthalben heitre wolkenfreie Stirnen! Das Alter war zur Freude gestimmt, wie die Jugend. Grunthal sang von fruh an, was er von Sommer- und Erndteliedern wusste: und ihm war's recht im Herzen wohl. Als die Feierlichkeit beginnen sollte, fuhrten der Oberst und Lina den alten Grunthal und seines Sohnes Frau auf eine Anhohe, nicht weit vom Edelhofe. Von ferne tonte eine gute landliche Musik. Grunthal schopfte kaum Athem, um keinen der ihm so theuren Laute zu verlieren; sein Blick war erwartend nach der Gegend hin gerichtet, von wo sie kommen sollten. Der schone landliche Aufzug erschien; und o der Wonne! Julchen als Erndtekonigin, wie ehemals, in weissem Kleide mit hellgrunen Bandern, geschmuckt mit Blumen, wie der landliche Garten sie gab; sie ging zwischen ihren Brudern wie ehemals, und trug den Kranz. Der Zug nahete sich dem Hugel; er umschloss die Alten, indem der herzerhebende Kirchengesang: N u n d a n k e t a l l e G o t t ! angestimmt wurde. Grunthals Herz erlag der Allgewalt dieser Gefuhle und Erinnerungen! Er brach in lautes Weinen aus; streckte die Arme, wie zu einer Umarmung, empor, und rief schluchzend: o, mein gutes Lieschen! Sieh herab, hier sind sie alle. Gott! Gott! Heiligster, Gutigster, ich danke Dir! Seine drei Kinder flogen an sein Herz; alle Umstehenden nahmen Theil, und kein Auge blieb trocken!